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Nichts weiter als ein 

Herz

 

Roman von Leni Behrendt 

 

 

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Der Reiter, der auf seinem Trakehner gemächlich in den 
Gutshof ritt, horchte betroffen auf die zornige Stimme 
seines Onkels. 
Markig schallte sie durch die geöffneten Fenster der 
Rentmeisterei über den abendstillen Hof, und die 
Wortfetzen, die das Ohr des Lauschenden auffing, ließen 
vermuten, daß der Gutsherr mit einem seiner 
Untergebenen unbarmherzige Abrechnung hielt. 
Dann wandte der Blick des Reiters sich dem Burschen zu, 
der vom Stall her eilig auf ihn zukam. »Was ist denn los, 

Erwin? Wer wird da so erbärmlich heruntergepudelt?« 
»Ich glaube, es ist der Rentmeister, Herr Baron. Was mag 
der ausgefressen haben, daß unser Herr ihn so andonnert!« 
Damit nahm der Bursche das Pferd am Zügel und rannte 
mit ihm dem Stall zu. Der junge Mann sah ihm lachend 
nach und pirschte sich dann vorsichtig zum Fenster der 
Rentmeisterei. 
Drinnen stand der Gutsherr vor dem todblassen 
Rentmeister, auf dessen gebeugtes Haupt gerade die 
Schlußworte der Standpauke niederprasselten: 
»Machen Sie, daß Sie mir aus den Augen kommen, Sie 
Betrüger! Ich habe keine Lust, mich von einem ungetreuen 

Beamten an den Bettelstab bringen zu lassen. Und wenn 
nicht innerhalb drei Tagen das unterschlagene Geld auf 
meinem Tisch liegt, übergebe ich Sie rücksichtslos der 
Polizei -!« 
Damit wandte er sich zum Gehen. Gefolgt von seinem 
Neffen, der ein wenig abseits gestanden und den 
Zornesguß des Onkels mit Genugtuung angehört hatte. 
Jetzt sprang der Lauscher vom Fenster fort und verbarg sich 
hinter der Hausecke. Als die beiden Herren im Gutshaus 
verschwunden waren, betrat er die Rentmeisterei, wo der 
Rentmeister regungslos stand – ein Bild des Jammers! Er 
regte sich auch nicht, als der Eingetretene auf ihn zuging, 

ihn bei den Schultern packte und schüttelte. 

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»Menschenskind, Karbach, so kommen Sie doch zu sich!« 
Dann drückte er ihn in den nächsten Stuhl und betrachtete 

ihn kopfschüttelnd. 
»Das scheint ja was Schönes zu sein, das Sie sich da 
eingebrockt haben, Sie Unglücksmensch.« 
Er schritt zu einem der großen Schränke, ergriff eine 
Kognakflasche nebst Glas und ging damit zu dem auf 
seinem Stuhl kauernden Mann zurück. 
»So, nun trinken Sie erst einmal.« Er hielt das gefüllte 
Gläschen hin, das in die zitternde Hand des Verstörten 
wanderte. Nachdem noch zwei weitere Schnäpse in die 
geengte Kehle gegossen waren, bekam das blasse Antlitz 
langsam Farbe. 
»Na also – «, nickte der junge Baron befriedigt, brachte die 

Flasche an ihren Platz zurück und setzte sich dem 
Rentmeister gegenüber. 
Karbach legte wie erschöpft den Kopf gegen die hohe 
Stuhllehne, und sein Gegenüber sah, wie sich dicke Tränen 
unter den Lidern hervorstahlen. 
»Herr Karbach, nun reißen Sie sich zusammen, ja!« sagte er 
energisch. »Sie sind doch sonst ein ganzer Kerl! Was also 
hat Sie so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht? Sprechen 
Sie – und ich will Ihnen zu helfen versuchen.« 
Ohne seine Stellung zu ändern, gab der Rentmeister 
Antwort – müde und gequält: 
»Mir ist nicht zu helfen, Herr Baron. Ihr Herr Onkel ist im 

Recht, wenn er mich mit Schimpf und Schande vom Hof 
jagt…« 
»Donnerwetter, Karbach, zum Rätselraten habe ich die 
Ruhe nicht! Nun mal raus mit der Sprache! Was hat es 
gegeben?« 
»Ich habe – hundert Mark – unterschlagen…« 
»Das ist allerdings fatal. In solchen Dingen versteht mein 
Onkel wenig Spaß. Sie sind doch sonst so ein korrekter 
Mensch. Was hat Sie zu diesem Fehlgriff bewogen?« 
Der Rentmeister richtete sich auf und fuhr sich hastig über 
die Augen. 

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»Was mich dazu zwang, war bittere Not. Wollen Sie mir 
das glauben, Herr Baron?« 

»Unbedingt.« 
»Ich danke Ihnen. Vor einer Woche starb nämlich der 
Bruder meiner Braut. Wie Sie wissen, muß sie sich ihr Brot 
durch armselige Schneiderei mühsam verdienen und damit 
nicht nur die kranke Mutter, sondern auch den kleinen 
Bruder unterhalten. Vor einigen Monaten wurde der Junge 
von einer tückischen Krankheit befallen. Da meine Braut 
sehr an dem kleinen Kerl hing, tat sie alles, um das geliebte 
Leben zu erhalten. Sie suchte mit dem Jungen berühmte 
Arzte auf, kaufte die teuersten Stärkungsmittel. Dabei 
gingen nicht nur ihre, sondern auch meine Spargroschen 
drauf. Und als das Kind trotz aller Mühe und Opfer starb, 

hatten wir nicht einmal mehr das Geld, es unter die Erde 
bringen zu können. 
Der Sarghändler wollte uns den Sarg nicht stunden, da der 
des Vaters meiner Braut, der auch vor kurzem heimging, 
noch immer nicht bezahlt war. Kurz und gut: Unsere Not 
war groß. Und da mir hier so viel Geld durch die Hände 
geht, griff ich in meiner Verzweiflung zu, zumal es zehn 
Tage vor dem Ersten geschah. Nach der Gehaltszahlung 
wollte ich den Schein wieder an Ort und Stelle tun – und 
niemand hätte von meiner vorübergehenden Veruntreuung 
gewußt. 
Allein – ausgerechnet heute, zwei Tage vor dem Ersten, 

revidierte Herr Busso die Bücher, vermißte das Geld – und 
da er kein Erbarmen kennt, berichtete er brühwarm dem 
Onkel von der Unstimmigkeit – na ja – und so ist denn 
alles gekommen.« 
Mit Teilnahme war der Zuhörer dieser Beichte gefolgt. Nun 
sah er den Mann mitleidig an. 
»Haben Sie meinem Onkel Ihre traurige Lage so geschildert 
wie mir?« 
»Dazu kam ich gar nicht; er ließ mich überhaupt nicht 
sprechen. Kanzelte mich ab, wie den gemeinsten 
Verbrecher. Und wenn ich das Geld nicht innerhalb drei 

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Tagen zurückzahlen kann, dann übergibt er mich der 
Polizei – und das wäre dann wohl das Ende für mich.« 

»Das glaube ich auch. Ein so nachsichtiger Gebieter mein 
Onkel sonst ist, in bezug auf Veruntreuung kennt er keine 
Gnade. Aber geschehen ist nun mal geschehen. Einen 
Vorwurf kann ich Ihnen jedoch nicht ersparen, Herr 
Karbach. Warum wandten Sie sich nicht an mich in Ihrer 
Not?« 
Ein schattenhaftes Lächeln huschte über das blasse Antlitz 
des Rentmeisters. 
»Was hätte das genützt, Herr Baron? Hier ging es doch um 
Geld – und das haben Sie ja auch nicht.« 
»Ich hätte aber versucht, von irgendwo Geld aufzutreiben. 
Schließlich handelt es sich ja nicht um eine riesige Summe. 

Soviel Kredit habe ich noch. Sie hätten mir nach Ihrer 
Gehaltszahlung die verauslagte Summe wiedergegeben, ich 
hätte sie meinem Gläubiger zurückgezahlt, somit wäre der 
gräßliche Klamauk vermieden worden, und Sie säßen nach 
wie vor auf Ihrem behaglichen Posten. Was werden Sie nun 
beginnen?« 
Der Rentmeister lachte hart auf. 
»Das Kopfzerbrechen kann ich getrost dem Gericht 
überlassen, da ich ja nicht in der Lage bin, innerhalb drei 
Tagen das Geld auf den Tisch zu legen. Werde also ins 
Kittchen wandern, womit ich denn für einige Zeit 
untergebracht wäre.« 

»Na – davor kann ich Sie wenigstens bewahren.« Damit zog 
der Baron seine Brieftasche und steckte dem Verblüfften 
einen Hunderter in die zitternde Hand. »Schicken Sie ihn 
sofort meinem Onkel, dann kann er Ihnen nicht mehr an 
den Kragen. Ferner schnüren Sie ihr Bündel, gehen Sie zu 
Ihrer Braut – und damit diese Sie fürs erste durchfüttern 
kann…« 
Noch so eine blaue Kostbarkeit wanderte zu der ersten – 
und dann lachte der großzügige Geber amüsiert auf. 
»Machen Sie den Mund zu, Karbach. Sonst sehen Sie gar zu 
dämlich aus.« 

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»Aber Herr Baron – ich beschwöre Sie – woher haben Sie 
zwei Tage vor dem Ersten das viele Geld!?« 

»Durch einen Glückszufall erworben. Danken wir dem 
lieben Gott, daß er mir den unverhofften Segen zur rechten 
Zeit beschert hat. Und nun Kopf hoch, Herr Karbach. 
Sehen Sie nicht zu schwarz. Ich will mich bemühen, einen 
neuen Posten für Sie zu finden. Aber ich bitte Sie: Gefälligst 
keine Dummheiten gemacht, mein Lieber! Hier haben Sie 
meine Hand, in die Sie mir versprechen müssen, voller 
Zuversicht abzuwarten.« 
»Herr Baron, meine Hand ist die eines – eines…« 
»Nanu man hoppla -!« unterbrach ihn dieser unwillig. 
»Wenn ich davon überzeugt wäre, daß Sie so einer sind, 
dann reichte ich Ihnen meine Hand wahrhaftig nicht.« 

Da ergriff der erschütterte Mann die dargebotene Rechte. 
Doch ehe er etwas erwidern konnte, hatte sein Wohltäter 
das Zimmer wieder verlassen. Edzard von Rittersreuth 
schlüpfte in den Schlafanzug und streckte sich mit einem 
wohligen Seufzer auf das Bett. 
Das war heute ein heißer Tag gewesen! Morgens die 
Standpauke des Onkels, der wieder einmal unzufrieden mit 
ihm war, nachmittags die aufregenden Stunden auf dem 
Rennplatz und abends die tragische Geschichte mit dem 
Rentmeister. 
Daß er beim Onkel doch immer Wieder anecken mußte! 
Zum Teufel, er tat doch genauso seine Pflicht wie sein 

Bruder Busso. 
Als acht- und zehnjährige Knaben waren die Brüder in das 
Haus des Onkels gekommen, nachdem ihr Vater, ein 
bekannter Herrenreiter, tödlich verunglückte. Die Mutter 
hatten sie schon einige Jahre früher verloren. 
Der Bruder des Verunglückten, der als Ältester auf dem 
Familiengut Reuth saß, nahm sie als Ersatz für seine beiden 
im Krieg gebliebenen Söhne und räumte ihnen das Recht 
leiblicher Kinder ein. Er ließ sie die besten Schulen 
besuchen, später Landwirtschaft studieren, sorgte für sie 
wie ein gewissenhafter Vater es nicht besser gekonnt – aber 

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er verlangte dafür auch den gebührenden Dank. 
Der wurde ihm von dem ältesten Neffen in reichem Maße 

zuteil. Der war folgsam und verständig, ein Musterschüler, 
ein strebsamer Student, während sein um zwei Jahre 
jüngerer Bruder, ein ungebärdiger Bengel und 
liebenswürdiger Tunichtgut, in der Schule mit knapper Not 
mitkam und als Student ein flottes, unbekümmertes Leben 
führte. Zwar bestand auch er Abitur und Hochschulexamen 
zur festgesetzten Zeit, aber nicht so glänzend wie Busso. 
Dann kamen die Brüder nach Reuth zurück, wo der Onkel 
ihnen in der Landwirtschaft einen festen Pflichtenkreis 
zuteilte. Und da war es wieder Busso, der sich glänzend 
bewährte, so daß er dem Gutsherrn unentbehrlich wurde, 
während Edzard nach wie vor sein Sorgenkind blieb. 

Wohl tat er auch seine Pflicht, aber an den Bruder reichte er 
nicht heran, der in den Augen des Onkels ein 
unübertrefflicher Landwirt war. 
Allerdings das Urteil aller andern, die auf Reuth lebten, war 
weniger schmeichelhaft. Da galt Busso als einer, der nach 
oben Speichel leckte und nach unten trat. Ein widerlicher 
Angeber und Denunziant, der über Leichen ging, wenn er 
sich dadurch Vorteile verschaffen konnte! 
Dagegen Edzard – das war nun mal ein ganzer Kerl! Der 
war ein Vorgesetzter, wie man ihn sich wünschen konnte. 
Wenn der in seinem Bereich auf eine Unstimmigkeit stieß, 
dann meldete er es nicht gleich dem Onkel, sondern 

pudelte den Schuldigen an Ort und Stelle ab und damit 
holla. Nahm so manches auf seine Kappe, um einen 
Untergebenen zu schützen. 
Aber wehe, wenn Busso hinter eine Unstimmigkeit kam! 
Die wurde dem Gutsherrn dann brühwarm berichtet und 
ganz gewiß noch aufgebauscht. 
Warum das alles so war, darüber war man sich allgemein 
klar. Ging es doch um Reuth, das der alte Baron nur dem 
Neffen vermachen würde, den er als Nachfolger für würdig 
erachtete. Und daß seine Wahl auf Busso fallen würde, 
darüber gab es wohl kaum einen Zweifel. 

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Aber wenn man jetzt auch schweigen mußte, weil man 
seine gutbezahlte und auch sonst angenehme Stellung 

nicht verlieren wollte, so würde man vereint hervortreten, 
wenn die Würfel endgültig gefallen waren. Dann wollte 
man dem Baron über den erbärmlichen Erbschleicher 
schon die Augen öffnen. 
Busso sollte sich nur nicht einbilden, daß seine so raffiniert 
getarnten Seitensprünge unentdeckt geblieben waren. Oh, 
man wußte genau Bescheid! Der Gutsherr sollte seinen 
Liebling noch erkennen, er sollte seinem unterschätzten 
und ständig zurückgesetzten Neffen Edzard noch so 
manche Ungerechtigkeit abbitten und ihn dahin setzen, 
wohin er gehörte – als Herr über Reuth. 
Von diesem aufsässigen Vorhaben der Gutsleute hatte 

Edzard keine Ahnung. Er machte sich um seine Zukunft 
viel weniger Sorgen, als sie es taten. 
Edzard wollte gerade die Nachttischlampe ausknipsen, als 
sich die Tür des Nebenzimmers öffnete und Busso eintrat. 
»Wünschest du etwas von mir?« fragte Edzard den Bruder. 
»Ja – eine Zigarette – « 
»Auf dem Tisch liegen welche, bediene dich. Und dann 
mach, daß du raus kommst, damit ich die paar Stunden 
schlafen kann.« 
Busso dachte nicht daran, dieser Aufforderung Folge zu 
leisten. Er steckte eine Zigarette in Brand und machte es 
sich auf dem Stuhl neben dem Bett des Bruders bequem. 

Die Brüder ähnelten einander. Beide hatten sie sehnige 
Reitergestalten. Nur daß die Edzards höher und breiter war, 
sein blondes Haar leuchtender, der Blick der blauen Augen 
freier, das Antlitz härter und kantiger. Außerdem gab die 
große schwarzumrandete Brille, die Busso wegen 
Kurzsichtigkeit trug, seinem Gesicht eine ganz andere Note. 
In Charakter und Gebaren aber waren die Brüder 
grundverschieden. Edzard von einer ungestümen 
kraftstrotzenden Männlichkeit, Busso gemessen und 
salbadrig. 
Edzard wußte sehr wohl, weshalb der Bruder ihn zu so 

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später Stunde noch aufsuchte. Denn daß er ihm mit einer 
Zigarette aushelfen sollte, war nur ein Vorwand. Und schon 

kam das, worauf er wartete. 
»Sag mal, was hältst du eigentlich von diesem Karbach?« 
begann Busso harmlos. »Dieser Diebstahl ist einfach ein 
Skandal. Der Mensch bezieht doch ein Gehalt, von dem er 
glänzend leben kann. Ob er Weibergeschichten hat?« 
»Was weiß ich – «, murmelte Edzard. 
»Die ganze Begebenheit ist doch unten bis zum Überdruß 
durchgehechelt worden. Laß mich jetzt damit in Frieden. 
Der Mann hat seine Strafe weg und damit holla.« 
»So wenig interessiert es dich, was auf unserm Eigentum 
geschieht?« 
»Unserm Eigentum? Werde bloß nicht größenwahnsinnig! 

Onkel ist erst Mitte fünfzig und verfügt über eine 
Bärengesundheit. Daß er seinen Besitz vor seinem Tod 
nicht aus den Händen gibt, darüber sind wir uns doch 
längst klar. Zerbrich dir also nicht den Kopf über ungelegte 
Eier, sondern sei froh, daß du so ein Herrendasein führen 
kannst.« 
»Herrendasein?« lachte Busso perfid. »Na, ich danke! Wir 
müssen uns doch wahrlich schinden und plagen, um den 
anspruchsvollen Gutsherrn zufriedenzustellen – mehr als 
die Inspektoren.« 
»Wer schindet sich denn? Ich wahrhaftig nicht! Ich tue das, 
was der Onkel von mir verlangt. Mir fällt es gar nicht ein, 

am Sonntagnachmittag die Bücher der Rentmeisterei zu 
revidieren. Wenn du das tust, ist es dein eigener Wille. 
Verlangt hat es der Onkel bestimmt nicht.« 
»Es schien mir nötig zu sein«, grinste Busso – und da stieg 
dem Bruder die Zornesröte ins Gesicht. 
»Du Schuft -!« stieß er hervor. »Mach bloß, daß du 
verschwindest! Wenn ich mir schon die Nacht um die 
Ohren schlagen will, dann tue ich es auf amüsantere Weise, 
als daß ich mir dein niederträchtiges Gewäsch anhöre.« 
Busso schien die Grobheit des Bruders absolut nicht zu 
stören. Gähnend streckte er sich. 

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»Hast recht, schlafen wir die paar Stunden. Um halb sechs 
ist ja sowieso die Nacht für uns vorbei. Ein Sklavenleben! 

Wann wird das einmal aufhören?« 
»Wahrscheinlich, wenn du Opa bist«, lachte Edzard 
schadenfroh. 
»Um das zu werden, dazu gehören Frau und Kind«, seufzte 
Busso. »Eigentlich ein Skandal, daß wir mit 
achtundzwanzig und dreißig Jahren noch unbeweibt sind.« 
»Es steht dir frei, dich zu beweiben.« 
»Du vergißt wohl, daß wir auch in der Beziehung von dem 
Alten abhängig sind. Dem dürfen wir als Schwiegernichte 
doch nur bringen, die nach seiner Nase ist.« 
»Mit deinem derzeitigen Nuckchen darfst du ihm allerdings 
nicht kommen – « 

»Und du vielleicht mit deiner Vera?« höhnte Busso 
dazwischen – und da fuhr Edzard aus seiner Gelassenheit 
auf. 
»Mensch, nimm diesen Namen nicht in den Mund – 
sonst…« 
»Na, was denn – sonst?« wurde mit niederträchtigem 
Lächeln dagegengefragt, worauf es in Edzards Augen 
gefährlich aufblitzte. 
»Sonst beklopfe ich dir dein Maul, daß es dir eine Woche 
lang zuschwillt. Und nun zum letzten Mal – rrauss…!« 
Zwei Tage später saß die Herrin von Reuth mit ihren 
beiden Neffen beim Frühstück. Mittelgroß und mollig, 

elegant und gepflegt bot die Dame einen erfreulichen 
Anblick. Das mittelblonde, tadellos frisierte Haar zeigte bei 
der Zweiundfünfzigjährigen noch keinen weißen Faden. 
Dabei hatte Frau Nataly es nicht leicht mit ihrem leicht 
aufbrausenden Gatten. Doch ihre kluge Besonnenheit, ihre 
unerschütterliche Ruhe boten stets einen guten Ausgleich. 
Somit war sie die denkbar beste Frau für den schwierigen 
Herrn. Er liebte sie auch von ganzem Herzen, stand mehr 
unter ihrem Einfluß, als er sich bewußt war. 
Nur was die Neffen betraf, da konnte sie mit ihrem Einfluß 
nichts ausrichten, so oft sie es auch versucht hatte. In 

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punkto Busso war er ihrer Ansicht nach total vernagelt und 
verbohrt, ließ sich von diesem Blender umschmeicheln 

und umgarnen. Wo da seine sonstige Scharfsichtigkeit 
blieb, konnte nur der liebe Herrgott wissen. 
Natürlich gab Busso sich alle Mühe, sich auch bei der Tante 
Liebkind zu machen. Aber da biß er auf Granit, weil sie 
diesen Heuchler durchschaut hatte von Anfang an. Sie war 
indes klug genug, ihre Abneigung gegen ihn geschickt zu 
verbergen. Tat es um des lieben Friedens willen und um 
Edzard nicht zu schaden. 
Ihr Mann war nämlich der Ansicht, daß seine Frau zu 
lieben hatte, was er liebte, daß sie zu hassen hatte, was er 
haßte. Und da Busso für ihn der Gott war, neben dem 
keine anderen Götter aufkommen durften, so hatte sie sich 

danach zu richten und ihm gleich zu tun – basta! Wehe 
also, wenn sie sich offen auf Edzards Seite gestellt, das 
hätte der arme Junge schwer büßen müssen. 
Oftmals war es allerdings sehr bitter für sie gewesen, 
mitanzusehen, wie empfindlich Edzard für seine 
harmlosen Knabenstreiche von dem Pflegevater gestraft 
wurde. Aber dagegen war sie nun einmal machtlos. Dafür 
hätschelte sie heimlich ihren geliebten Jungen, gab ihm 
Liebe in reichem Maße und besaß dafür auch sein ganzes, 
stürmisches Herz. Sie war für ihn das liebste Muttichen und 
später das Natchen, wie er sie als Erwachsener nannte. 
Auch jetzt sah er lachend zu ihr hin. 

»Natchen, dir schmeckt’s wieder einmal gut, wie?« neckte 
er. »Denke bloß an deine Taille, die schon beängstigend 
mollig ist.« 
»Eine komische Art hast du, mit unserm geliebten 
Pflegemütterchen zu sprechen«, salbaderte Busso, doch sie 
meinte trocken: »Mich stört es nicht zumal der Junge recht 
hat. Aber wer kann dafür, wenn es so gut schmeckt?« 
»Guten Morgen, Philipp«, begrüßte sie dann fröhlich den 
eintretenden Gatten. 
»Guten Morgen«, entgegnete er kurz. Nahm am Tisch Platz 
und aß schweigend. 

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Nachdem er die guten Bissen achtlos vertilgt hatte, zündete 
er die gewohnte Morgenzigarre an, legte sich in den Stuhl 

zurück und polterte los: 
»Was man sich von seinen Untergebenen so alles bieten 
lassen muß. Schickt mir heute der Karbach die 
unterschlagenen hundert Mark mit einem Begleitschreiben, 
das  an  Hohn  nichts  zu  wünschen  übrig  läßt.  Hört  und 
staunt.« Dann las er laut: »Sehr geehrter Herr Baron, da sich 
ein Wohltäter gefunden hat, bin ich in der Lage, Ihnen das 
vorübergehend entwendete Geld zurückzuzahlen. Es gibt 
eben doch noch barmherzige Menschen, die nicht gleich 
jede Geldentwendung mit Unterschlagung und Diebstahl 
bezeichnen. Denn ich bin kein gemeiner Dieb, sondern ein 
Mensch, der in seiner Not nicht aus noch ein wußte. Das 

mußte ich Ihnen sagen, Herr Baron. Hochachtungsvoll 
Karbach.« 
»Was regt dich dabei eigentlich so auf?« fragte Nataly. »Der 
Mann will doch nur…« 
»… mich verhohnepiepeln«, unterbrach er hitzig. »Mir 
sagen, daß ich unbarmherzig bin, wie?« 
Busso legte seine Hand auf die trommelnden Finger. »Aber 
wie kannst du dich nur so aufregen, Onkel? Undank ist der 
Welt Lohn. Du behandelst deine Untergebenen viel zu gut, 
da müssen sie ja unbotmäßig werden. Statt daß der Mann 
dich um Entschuldigung bittet, setzt er sich aufs hohe 
Pferd. Er hat einen Denkzettel verdient. Du müßtest ihn, 

obgleich er die gestohlene Summe zurückerstattet hat, 
trotzdem belangen – « 
»Ach was -!« fuhr der Onkel ihm unwirsch in die Rede. 
»Das kann ich nicht. Habe ihm nur mit Anzeige gedroht, 
falls ich innerhalb drei Tagen nicht im Besitz meines 
Geldes bin. Möchte bloß wissen, woher er das Geld hat. 
Wer der barmherzige Mensch ist, der für Veruntreuung so 
viel Verständnis aufbringen kann. Falls er sich gar in 
meinem Betrieb findet, müßte man ihn ein wenig unter die 
Lupe nehmen. Aber ich glaube nicht, daß er so viel Mut 
hat, sich zu seiner Barmherzigkeit zu bekennen.« 

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»Doch, den hat er«, sagte Edzard nun gelassen. »Ich bin der 
Barmherzige, der Herrn Karbach das Geld gab.« 

Augenblicklang war es sehr still. Doch dann schlug die 
Faust des gereizten Mannes auf den Tisch, daß das Geschirr 
darauf beängstigend klirrte. 
»Also doch – also hat der Busso doch wieder recht gehabt«, 
verplapperte sich der Baron, und dann brüllte er los: 
»Das hast du gewagt -? Das hast du wirklich gewagt -? Mit 
meinem Geld hast du die Veruntreuung meines Beamten 
gedeckt?!« 
»Entschuldige, Onkel, nicht mit deinem Geld – « 
»Na, mit wessen denn sonst? Wer gibt dir denn das Geld, 
he-?!« 
»Du natürlich. Aber dafür arbeite ich auch – « 

»Nur mäßig, mein Sohn, nur mäßig. Zum Arbeiten bleibt 
dir nämlich wenig Zeit, da du dich ständig auf den 
Rennplätzen herumtreibst. Na was, das Geld fliegt dir ja so 
leicht zu. Wenn es nicht ausreicht, dann muß der Alte eben 
was draufgeben oder gar noch Schulden bezahlen. Und 
später erbt man sowieso den ganzen Krempel hier. 
Aber wenn du dich da nur nicht irrst! Ich will meine 
Hinterlassenschaft in guten Händen wissen, wenn ich 
einmal die Augen schließe. Du  wirst  dich  also  verdammt 
zusammenreißen müssen, wenn du Miterbe werden willst. 
Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder. An dem habe ich 
nur Freude gehabt, während du leichtsinniger Patron mich 

stets geärgert hast, von Anfang an. Ich verfluche die Stunde, 
da ich dich in mein Haus nahm…« 
»Philipp – «, mahnte die Gattin, blaß bis in die Lippen, 
und zeigte mit den Augen auf Edzard, dem jeder 
Blutstropfen aus dem Antlitz gewichen war. Darauf wollte 
der zornige Mann seine Verwünschung abschwächen, doch 
der Neffe erhob sich stumm, was den Onkel neu 
ergrimmte. 
»Du bleibst hier!« herrschte er ihn an. »Das könnte dir so 
passen, feige zu kneifen. Sei froh, daß ich dich nicht 
hinausjage und dich deinem Schicksal überlasse, damit du 

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vor die Hunde gehst… 
Hiergeblieben -!« brüllte er dem Neffen nach, der soeben 

durch die Tür ging. 
Und dann war Stille. Mit tiefem Unbehagen ging Philipps 
Blick zur Gattin hin, die blaß war wie eine Tote. 
»Verflixter Bengel – «, brummte er. »Man kann sich über 
ihn die Galle ins Blut ärgern. Und doch ist man immer 
wieder geneigt, ihn für besser zu halten, als er ist. Wollte es 
Busso zuerst gar nicht glauben, daß Edzard dem Karbach 
das Geld gegeben hat. Aber da er es in aller Seelenruhe 
bestätigte, muß ich es ja glauben.« 
»So, so – also von Busso stammt deine Weisheit – «, sagte 
Nataly jetzt ruhig. »Dem Jungen entgeht doch wirklich 
nichts. Nicht wahr, mein Sohn?« 

»Man tut, was man kann, geliebtes Tantchen«, wehrte er 
bescheiden. »Schließlich bin ich ja dazu da, meinen Posten 
voll auszufüllen und die Interessen meines Wohltäters 
wahrzunehmen. Anders wäre es ja eine himmelschreiende 
Undankbarkeit. Ich heiße doch nicht Edzard, sondern 
Busso.« 
»Und dieser Name verpflichtet natürlich«, nickte die Tante 
freundlich. »Aber laß es dich nicht verdrießen, ein 
schwarzes Schaf muß nun einmal in einer so vorbildlichen 
Familie sein, das ist direkt Tradition. Daß du es nicht bist, 
darüber sei unserm Herrgott dankbar.« 
Edzard sah der Tante entgegen, die sein Zimmer betrat. 

»Das sieht ja hier schön aus, mein Jungchen. Wie ich sehe, 
hast du bereits gepackt.« 
»Ja, aber nur einen Koffer mit dem Nötigsten. Alles andere 
kannst du mir nachschicken, wenn ich erst weiß, wohin ich 
mein Haupt betten werde.« 
»Ängstlich bist du gar nicht«, entgegnete sie trocken. »Wo 
willst du eigentlich hin?« 
»Das mögen die Götter wissen.« 
»Na, auf deren Weisheit würde ich mich nicht verlassen. 
Hast du Geld?« 
»Ein wenig schon.« 

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»Richtig, heute ist ja der Erste.« 
»Natchen, du nimmst doch nicht im Ernst an, daß ich nach 

dem, was heute war, mich noch weiter für meine so 
nachdrücklich betont mäßige Arbeit besolden lasse?« 
»Nein, das nehme ich nicht an. Ich habe Angst um dich, 
mein Junge.« 
»Wie töricht, Natchen. Ich werde bestimmt nicht vor die 
Hunde gehen, wie der Onkel es mir so liebevoll 
prophezeite. Schließlich kann ich ja arbeiten, wenn mir das 
von der gleichen Seite auch abgestritten wird.« 
»Du denkst dir das so einfach, Edzard! Aber Stellen, die für 
dich in Frage kommen, sind sehr knapp. Außerdem bist du 
hier rundum so bekannt, daß jeder sich scheuen würde, 
dich einzustellen, um es mit dem Onkel nicht zu 

verderben.« 
»Aber Natchen, der liebe Gott läßt doch nicht nur in dieser 
Ecke Korn wachsen. Da muß ich eben in die Ferne ziehen.« 
»Ach du großer Junge! Bist du wirklich so dumm oder tust 
du nur so, um mich nicht zu beunruhigen? Zu deiner Ehre 
will ich annehmen, daß letzteres der Fall ist. Also wirst du 
dir wohl denken können, daß jeder Brotgeber genau wissen 
will, wen er in seinen Betrieb bekommt. Wird sich daher 
um Auskunft an den Onkel wenden, und wie die ausfallen 
würde, das kannst du dir wohl an den Fingern abzählen.« 
»Dann geht es mir genau wie Karbach. Und da habe ich 
noch großartig geprahlt, daß ich ihm zu einer Stelle 

verhelfen will.« 
»Was war das nun richtig mit Karbach? Ich kann mir nicht 
denken, daß sich alles so verhält, wie Onkel und Busso es 
schilderten. Gerade auf Karbach habe ich immer große 
Stücke gehalten. Weißt du etwas Bestimmtes über seine 
Entgleisung?« 
Edzard schilderte kurz dessen Notlage, und die Tante 
atmete befreit auf. 
»Armer Kerl. Und wie kam es, daß du Leichtfuß zwei Tage 
vor dem Ersten noch soviel Geld hattest, um aushelfen zu 
können?« 

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»Ich hatte am Sonntag auf dem Rennplatz beim Wetten 
Glück.« 

»Weshalb hast du dem Onkel das nicht gesagt?« 
»Er ließ mich ja nicht zu Wort kommen, nichts zu meiner 
Verteidigung sagen und dann – nachdem er die Stunde 
verfluchte, da er mich in sein Haus nahm… verlangst du 
da, daß ich um Gnade winseln sollte wie ein getretener 
Hund?« 
»Bei Gott nicht, mein Junge«, wehrte sie entschieden ab. 
»Dann wärest du kein Mann mit Ehrbegriff. Sobald der 
Ärger des Onkels verraucht ist, wird es ihm schon zum 
Bewußtsein kommen, wie weit er sich hat hinreißen 
lassen.« 
»Das könnte mir nichts mehr nützen. Die Würfel sind 

gefallen. Jetzt hat mein lieber Bruder endlich erreicht, 
worauf er zwanzig Jahre lang hinarbeitete: Darf sich nun 
stolz als Alleinerbe betrachten – « 
»Na, na – man immer vorsichtig, Jungchen«, unterbrach die 
Tante. »Sooo weit ist es noch lange nicht. Schließlich bin 
ich auch noch da und mit mir viele auf Reuth, die da 
gehörig quertreiben würden.« 
Jetzt huschte ein Lächeln über des Mannes Antlitz. 
»Natchen, renommiere nicht. So viele Intrigen traue ich dir 
bestimmt nicht zu.« 
»Wenn du dich nur nicht irrst, mein Sohn. Warum schwieg 
ich bei des Onkels Ungerechtigkeiten dir gegenüber, 

obgleich mir mehr als einmal die Galle zu platzen drohte? 
Um dir nicht zu schaden. Das hätte ich gewiß getan, wenn 
ich meiner Empörung Luft gemacht hätte. Doch da du nun 
vom Schuß kommst, werde ich langsam aber sicher dem 
Onkel die Augen öffnen.« 
Sie zog unter dem Gürtel ihres Kleides ein Päckchen 
Geldscheine hervor. Lachend sah sie in sein finsteres 
Gesicht: 
»Nun nimm schon, dummer Bengel!« rief sie. 
»Natchen, nach alledem, was vorgefallen ist, soll ich Geld 
nehmen?« 

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»Für wie geschmacklos hältst du mich eigentlich, hm? Das 
Geld stammt von dem Erbteil, das mein Bruder mir 

kürzlich auszahlte. Nimmst du es nun oder nicht, du 
verflixter Bengel?« 
Nun lachte der Mann befreit auf, indem er nach den 
Scheinen griff. 
»Wenn es so ist, mit tausend Freuden, mein 
Natemuttileinchen.« 
Er nahm sein Taschentuch und trocknete die Tränen, die 
über das traurige Frauenantlitz liefen. Fest schlossen sich 
seine Arme um die rundliche Gestalt. 
»Ich werde dir keine Schande machen, Natchen – du liebes, 
bestes! Für so gewissenlos darfst du deinen Jungen nicht 
halten.« 

»Das möchte ich mir auch ausgebeten haben«, löste sie sich 
aus seinen Armen, schneuzte sich dann und lachte ihn an. 
»Wir werden dem verbohrten Onkel noch zeigen, wer wir 
sind. Und nun mach, daß du wegkommst. Wenn es schon 
einmal sein muß, was ich übrigens billige, dann möglichst 
kurz und schmerzlos.« 
Sie drehte sich um. 
»Ah, da ist ja auch der liebe Busso – «, begrüßte sie den 
Eintretenden. So sehr der sich auch sonst bemühte, in 
Gegenwart der Tante den Vortrefflichen zu spielen, so ließ 
ihn doch die Freude, die er angesichts des gepackten 
Koffers empfand, höchst unvorsichtig werden. 

»Also willst du doch feige kneifen, mein Lieber? Sieht dir 
ähnlich. Bist du dir auch dessen bewußt, daß du mit dieser 
undankbaren Handlung das Tischtuch zwischen Onkel und 
dir zerschneidest? Daß es dann kein Zurück mehr gibt? 
Daß du vor die Hunde gehen mußt?« 
Edzard gab sich Mühe, diese boshaften Worte zu 
ignorieren. Als er jedoch in die hohnlachende Visage sah, 
stieg der Grimm allgewaltig in ihm auf. Alles das, was 
dieser erbärmliche Denunziant ihm in zwanzig Jahren 
angetan, ließ einen gesunden Zorn in ihm hochsteigen. Die 
Zähne bissen aufeinander, in den Augen glitzerte es auf wie 

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Eiskörner. 
Zwei langsame Schritte – dann stand er vor ihm, der feige 

zurückwich. Doch schon hatte er ihn bei den Rockklappen 
gepackt, nahm ihm ruhig die Brille ab und dann schlug 
seine Faust zu. 
»Pfui Teufel – «, er wischte danach die Hand an seinem 
Taschentuch ab, und sah kaltlächelnd auf die Nase seines 
Gegenübers, aus der Blut floß. 
»So – nun ist mir leichter – «, atmete er befreit auf, packte 
die Gelenke der Hände, die auf ihn losfuhren, und drückte 
sie so hart, daß sein Angreifer stöhnend von ihm abließ. 
»Na, was denn, was denn, mein Bürschchen. Etwas muß 
der Mensch doch als Genugtuung haben für die 
Niedertrachten, mit denen du mich seit zwanzig Jahren 

beehrst. Wie nett deine Nase aussehen wird, wenn der 
Bruch wieder geheilt ist.« 
Noch einmal wollte Busso, dessen Gesicht zur Fratze 
verzerrt war, auf den Bruder los – und wieder spürten seine 
Gelenke den eisenharten Griff. 
»Laß meine Hände los – du – du Verbrecher!« schrie er in 
ohnmächtiger Wut. Und als Edzard sie freigab, trat er, die 
Fäuste schüttelnd, zurück. 
»Das sollst du mir büßen -!« brüllte er, daß seine Stimme 
überschnappte. »Diese Stunde vergesse ich dir nie! Werde 
schon dafür sorgen, daß der Onkel dich von der Tür jagt 
wie einen räudigen Hund, wenn du bettelnd davorstehst!« 

»Ich weiß, daß das Hebe Jungchen sich hinter dem Rock 
des Onkels verkriechen wird. Und das will nun mein 
Bruder sein. Die Eltern müssen sich ja noch im Grabe 
grämen, daß sie so was Erbärmliches in die Welt gesetzt 
haben. Mach, daß du mir aus den Augen kommst, bevor 
ich dich mit der Reitpeitsche aus dem Zimmer prügele.« 
Die drohende Haltung und die Augen, die wie bläuliches 
Eis glitzerten, kannte Busso nur zu gut. Und da er an dem 
einen Faustschlag genug hatte, hielt er es für ratsam, 
abzuziehen, obgleich er über die Niederlage, die er erlitten 
– und gar noch unter den Augen der Tante –, vor Wut 

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kochte und alles in ihm nach Rache schrie. 
Die Tür knallte hinter ihm zu – und dann war Ruhe, in die 

Nataly gemütlich hineinlachte. 
»Junge, wo du hinhaust, da wächst kein Gras mehr«, 
meinte sie anerkennend. »Diese Abrechnung war direkt ein 
Labsal für mein Herz. Aber nun verschwinde schleunigst, 
damit der Onkel dich nicht erwischt. Komm, gib mir einen 
Kuß, du Schlingel, halte die Ohren steif, bleib anständig 
und brav, damit ich stolz auf dich sein kann, und melde 
dich bald, hörst du…?« 
Edzard küßte die Tante stürmisch ab, biß dann die Zähne 
zusammen und verließ das Zimmer. 
Nataly wischte sich energisch die Tränen ab und begann 
die Kleidungsstücke fortzuräumen, die kunterbunt überall 

herumlagen. Und kaum waren zehn Minuten vergangen, 
da erschien auch schon Herr Philipp, gestachelt wie kaum 
jemals zuvor. 
Nataly tat, als merke sie sein Eintreten nicht. Erst als seine 
gedrungene Gestalt vor ihr stand, sah sie mit gespieltem 
Erstaunen auf. 
»Du, Philipp…?« 
»Jawohl – ich – «, polterte er los. »Wo ist der vertrackte 
Bengel?« 
»Wenn du Edzard damit meinst: wo der ist, weiß ich 
nicht.« 
»Das weißt du nicht? Nataly, mach mir keine Mätzchen 

vor! Busso hat doch gesehen, wie du Edzard Geld gabst.« 
»Oh, er hat gelauscht?« 
»Busso lauscht nicht, verstanden?« 
»I wo, er wird doch -!« nickte sie, seelenruhig einen Anzug 
über den Bügel hängend. »Bei dem vortrefflichen Herrn 
heiligt der Zweck alle Mittel.« 
»Laß das jetzt -!« verlangte er herrisch. »Wie kommst du 
überhaupt dazu, die Unordnung zu beseitigen, die der 
unverschämte Patron hinterlassen hat?« 
»Schön – «, meinte sie friedfertig, indem sie sich setzte und 
zusah, wie er mit langen Schritten das Zimmer durchmaß. 

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Doch als das kein Ende nehmen wollte, sagte sie kläglich: 
»Philipp, wenn ich nicht seekrank werden soll, dann höre 

mit dem Gerenne auf. Möchte wissen, was dich so in 
Harnisch gebracht hat.« 
»Das fragst du noch -?« lachte er grimmig, indem er sich in 
einen Sessel fallen ließ. »Da soll man nicht in Harnisch 
geraten, wenn die eigene Frau das Geld, das der Mann 
sauer verdienen muß, an einen Tunichtgut verschleudert, 
der wiederum sein Geld, das der Onkel ihm gegeben, an 
einen ungetreuen Beamten dieses Onkels verschleudert… 
Ich weiß nicht, was plötzlich hier los ist. Seid ihr alle 
verrückt geworden, oder bin ich es?« 
»Warum sollen wir wohl verrückt sein?« fragte sie trocken. 
»Verrückt ist höchstens dein Vergötterter Neffe Busso – und 

zwar vor Ehrgeiz, weil er am Sonntagnachmittag die Bücher 
in der Rentmeisterei prüft und wegen lumpiger hundert 
Mark  so  viel  Trara  macht.  Hätte  er  nur  ein  wenig 
Verständnis für die Notlage des Rentmeisters gehabt, dann 
hätte es Edzard nicht nötig gehabt, die Stätte, die ihm 
bisher Heimat war, zu verlassen.« 
»Also nimmst du den Bösewicht noch in Schutz -!« schrie 
der Gutsherr. »Verschleudert mein Geld an einen 
Verschwender…« 
»Nicht dein Geld – sondern meines«, unterbrach sie ihn 
gelassen. »Das stammt nämlich von meinem Erbteil, damit 
du es weißt. Und das Geld, das Edzard dem Rentmeister 

gab, hatte er auf dem Rennplatz gewonnen.« 
»Warum hat er mir das nicht gesagt?« 
»Weil du ja in deiner Rage nie einen Menschen zu Wort 
kommen läßt. Anscheinend weißt du gar nicht, was du 
dem Jungen blindwütig an den Kopf geworfen hast. Darf 
ich dir die Beleidigungen wiederholen? Ich verfluche die 
Stunde, da ich dich in mein Haus nahm! Sei froh, daß ich 
dich nicht hinausjage und deinem Schicksal überlasse, 
damit du vor die Hunde gehst… 
Ja, sieh mich nur so erstaunt an, mein lieber Philipp. Leider 
ist es deine Art, die Worte nicht zu wägen, die du im Zorn 

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hinausschreist. Aber denjenigen, für den sie bestimmt sind, 
müssen sie treffen bis ins Mark. Also wundere dich nicht, 

daß Edzard nun fort ist – und, soweit ich ihn kenne, eher 
vor die Hunde gehen wird als daß er wiederkommt.« 
Diese ruhigen Worte hatten ihre Wirkung auf den Mann 
nicht verfehlt, was er natürlich nicht zugeben wollte. 
Er gehörte nämlich zu den Menschen, die es nicht 
vertragen konnten, wenn man ihnen ihre Handlungsweise 
gleich einem Spiegel vorhält, weil sie sich, sofern ihr Zorn 
verflogen ist, schämen und ihre Unbeherrschtheit bereuen. 
An seinem unsicheren Blick, den hastigen Bewegungen, mit 
denen er sich über Kopf und Bärtchen strich, merkte sie, 
daß er sich fast schon in dem Stadium befand, in dem man 
vernünftig mit ihm reden konnte. Als er nun sprach, grollte 

seine Stimme wohl immer noch, aber das klang schon 
mehr nach Gekränktsein: 
»Der kommt wieder, verlaß dich drauf. Der ist zu sehr an 
unser Brot gewöhnt. Schließlich darf ich, kraft meiner 
Vaterrechte, ihm doch mal meine Meinung sagen, oder 
etwa nicht?« 
»Gewiß, aber nicht seine Ehre angreifen, Philipp. Das darf 
selbst ein Vater bei seinem leiblichen Sohn nicht.« 
»Laß doch diese Redensarten. Wenn man so voll Grimm 
sitzt, wägt man seine Worte nicht. Edzard muß für seine 
Nichtsnutzereien ab und zu eine Standpauke kriegen, sonst 
nehmen sie überhand. Schon allein wie er Busso 

zugerichtet hat, ein Skandal. So ein roher Patron! Der soll 
mir nur kommen! 
Und du siehst dir in Seelenruhe mit an, wie er den armen 
Jungen zusammenschlägt? Schäme dich, Nataly!« 
»Ich soll mich schämen?« lachte sie amüsiert. »Na, das 
wäre! Warum hat Busso sich nicht gewehrt?« 
»Weil er zu vornehm dazu ist.« 
»Ach, sieh mal an. Ich habe zwar eine andere Bezeichnung 
dafür, doch die möchte ich lieber für mich behalten. Wo ist 
Busso jetzt?« 
»Zum Arzt gefahren. Ganz erbärmlich sah der Junge aus. 

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Was der schon alles unter seinem nichtsnutzigen Bruder 
hat leiden müssen, geht auf keine Kuhhaut.« 

Jetzt lachte Nataly hell auf, was ihr einen grimmigen Blick 
eintrug. »Du bist manchmal albern wie ein Backfisch. Sage 
mir lieber, wo Edzard ist.« 
»Ich weiß es wirklich nicht, Philipp.« 
»Hat er wenigstens genügend Geld?« 
»Fürs erste ja.« 
»Na, dann wird er schon sorgen, daß es recht bald unter die 
Leute kommt. Womöglich kann ich noch seine Schulden 
bezahlen. Wie verhält sich nun die Sache mit Karbach? 
Edzard wird dir den Sachverhalt ja wohl genau erzählt 
haben?« 
Nataly sagte, was sie wußte und lachte in sich hinein, als 

der Gatte verlegen brummte: 
»So verhält sich die Geschichte – hm, hm. Statt daß der 
Mensch zu mir kommt und um Vorschuß bittet, macht er 
solche Dummheiten. Busso hat mir das alles ganz anders 
geschildert – hm, hm – « 
»Vielleicht ist es besser, wenn du dich auf Bussos Urteil 
doch nicht so fest verläßt?« 
»Wie meinst du das?« 
»Och – jeder Mensch kann doch einmal irren.« 
»Das tut er sonst eigentlich nie. Aber man muß ja auch…« 
Die letzten Worte kamen schon von der Tür her, durch die 
er brummend verschwand. 

Nataly sah ihm aufatmend nach. Ach ja, ihr Philipp war 
schon ein guter Kerl. Nur wenn es um Busso ging, schien er 
ein Brett vor dem Kopf zu haben. 
Der Sturm war vorüber, und es hätte alles gut sein können, 
wenn Edzard noch hier wäre. Der arme Junge! Nun konnte 
sich Busso immer tiefer ins weiche Nest kuscheln. Aber daß 
dieses Nest härter und härter wurde, dafür wollte sie schon 
sorgen. Ganz allmählich sollten die weichen Daunen 
daraus verschwinden. 
Edzard ritt auf seinem Trakehner dahin. 
Ihm war weh ums Herz. 

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Wie glücklich hatte er sich auf Reuth gefühlt, trotz des 
Onkels Ungerechtigkeiten! Aber was der ihm heute ins 

Gesicht geschrien hatte, das war ehrverletzend und nicht 
mehr tragbar. Daher gab es für ihn keinen Weg mehr nach 
Reuth zurück. 
Seine ganze Hoffnung setzte er jetzt auf seinen Freund 
Hubert Syder, der auf Gut Harlerode saß und großes 
Ansehen genoß. Der mußte seinen Einfluß geltend machen 
und ihm eine Inspektorstelle verschaffen. 
Doch als er das Gut erreicht hatte, sagte ihm der Inspektor, 
daß der Herr mit seiner Gattin zur Stadt gefahren wäre. Sie 
würden um die Kaffeezeit in der bekannten Konditorei B. 
anzutreffen sein. Er müßte auch zur Stadt, ob der Herr 
Baron mitkommen wolle? 

»Mit dem größten Vergnügen, Herr Warrert. Wollen Sie 
dafür sorgen, daß mein Gaul in den Stall kommt? Den 
Koffer muß ich allerdings mitnehmen.« 
Zehn Minuten später fuhren die Herren davon. Edzard 
belegte in einem Hotel ein Zimmer und begann sich dort 
sorgfältig umzukleiden, weil er seine zukünftige Braut, Vera 
von Kardas, aufsuchen wollte. 
Wie würde sie seine Lebensänderung aufnehmen? Würde 
das verwöhnte Mädchen geneigt sein, die Frau eines 
Inspektors zu werden, und mit dem haushalten können, 
was er verdiente? 
Leicht war ihm nicht ums Herz, als er sein Ziel erreicht 

hatte. Er war gerade im Begriff, an der Korridortür der 
kleinen eleganten Wohnung, die Vera mit ihrer Mutter 
bewohnte, zu läuten, als das Hausmädchen zum Ausgehen 
heraustrat. 
»Guten Tag, Herr Baron«, grüßte es freundlich. »Treten Sie 
bitte ein. Herr Busso ist gerade bei dem gnädigen Fräulein.« 
Diese Eröffnung befremdete Edzard ungemein. Busso bei 
Vera? Wie kam er zu ihr, die er kaum kannte? 
»Ist gut, Gerda«, sagte er zerstreut. »Halten Sie sich bitte 
nicht auf. Ich finde den Weg schon allein.« 
Beunruhigt betrat er die kleine Diele und wollte an die Tür 

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klopfen, da bemerkte er, daß diese nur angelehnt war. 
Durch die obere Scheibe, die von innen mit einer duftigen 

Gardine verhängt war, konnte er bequem das Zimmer 
übersehen. Und was er da sah, ließ ihn regungslos 
verharren. 
Auf dem Sofa saßen Vera und Busso eng 
aneinandergeschmiegt. 
Edzard hatte das Gefühl, als wanke der Boden unter seinen 
Füßen. Haltsuchend umkrampften seine Hände den 
Türpfosten. 
Was nun? Er konnte doch unmöglich hier stehen bleiben 
und das mitansehen! Hin zu diesem heimtückischen 
Burschen, ihn niederschlagen! Abrechnung halten mit dem 
treulosen Mädchen! 

Doch damit schaffte er das Entsetzliche nicht aus der Welt. 
Also fort von hier, weit fort. 
Aber nein, noch nicht. Erst mußte er hören, was die beiden 
sich zu sagen hatten. Ganz deutlich konnte er jedes Wort 
verstehen: 
»Du glaubst also wirklich, daß dein Onkel ihn enterben 
wird?« fragte Vera und strich dabei liebkosend über die 
geschwollene Nase, die kreuz und quer mit Pflaster beklebt 
war. 
»Das ist nun so gewiß, wie das Amen in der Kirche, mein 
süßes Mädchen«, erfolgte die siegessichere Antwort. »Es ist 
dir ja bekannt, daß mein Onkel nie was von ihm gehalten 

hat. Aber nun ist er aus der Familie ausgestoßen. Reuth darf 
er nicht mehr betreten. Meine Tante hat ihn bereits als 
schwarzes Schaf erklärt. 
Soviel ich hörte, will er sich eine Inspektorstelle suchen. 
Aber erstens wird er nie eine solche bekommen, und 
zweitens wird er in fremden Diensten vollkommen 
versagen. Sei froh, daß du noch nicht seine Frau bist. Dann 
müßtest du jetzt sein Vagabundenleben teilen.« 
»Sollte mir einfallen -!« lachte sie auf. »So gut habe ich 
meine Komödie gespielt, daß er in dem Wahn lebt, von 
mir geliebt zu werden!« 

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»Na höre, Veraherz, manchmal sah es verdammt echt aus. 
Vor Eifersucht hätte ich bald die Karten aufgedeckt und 

dem Narren verraten, welch lächerliche Figur er in der 
Komödie spielte, die wir in Szene setzen mußten, damit 
mein Onkel auf dich aufmerksam wurde. Sollst mal sehen, 
mit welcher Freude er dich als Schwiegertochter begrüßen 
wird.« 
Lachend küßten sie sich. Edzard hatte genug gesehen und 
gehört. Ein Ekel würgte ihn vor sich selber, daß er in 
diesem Intrigenspiel so tölpelhaft mitgemacht hatte. 
Jetzt nur fort, bevor er sich doch noch vergaß und vor diese 
nichtswürdigen Kreaturen hintrat, um Abrechnung zu 
halten. 
Leise schlich er aus dem Korridor, zog die Tür hinter sich 

zu und stürzte dann die Treppe hinunter. 
Lange irrte er planlos durch die Straßen der Stadt, ohne 
einen klaren Gedanken fassen zu können. Erst als der 
Verstand sich langsam einzuschalten begann, ließ der 
bohrende Schmerz nach. 
Und der Verstand gab ihm dann auch allmählich ein klares 
Bild. Vera hatte sich beide Brüder Untertan gemacht, dabei 
abwartend, wer ihr am meisten zu bieten haben würde. Da 
sich nun entschieden hatte, daß Busso der Alleinerbe 
Reuths war, ergab sie sich ihm. 
Und er hatte dieses kaltberechnende Geschöpf für lieb und 
gut gehalten, für eine Frau mit Herz? 

Konnte er nun nicht froh sein, daß ein Zufall ihn über 
Veras wahren Charakter unterrichtet hatte? Daß er sie 
sehen durfte, wie sie in Wirklichkeit war: Arm an Herz, 
kaltberechnend und hinterhältig? 
O ja, natürlich war es gut – aber dennoch – so schnell läßt 
sich eine Liebe nicht aus dem Herzen reißen. 
Es waren schmerzliche Gedanken, die den langsam 
dahinschreitenden Mann gefangen nahmen. Doch dann 
regte sich der verletzte Mannesstolz. 
Wie mochten Vera und Busso noch immer über den armen 
Narren spotten, der auf ihre Hinterhältigkeit so tölpelhaft 

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hereingefallen war! Sicher würde das skrupellose Paar jetzt 
schleunigst dafür sorgen, daß diese amüsante Geschichte 

unter die Leute kam, die dann nach Herzenslust ihre 
Glossen reißen konnten. 
Der Gedanke ließ glühheiße Scham in ihm aufsteigen und 
gleichzeitig verbissene Rachegelüste. Der Kokotte beweisen, 
daß sie nicht mit ihm gespielt – sondern er mit ihr! Mit 
seiner Verlobung der ihren zuvorkommen und somit auch 
dem hinterlistigen Bruder beweisen, daß sein Schlag, mit 
dem er ihn ins Herz treffen wollte, absolut fehlgegangen 
war! 
Edzard warf energisch alle quälenden Gedanken von sich 
und schritt rasch aus. 
Wenige Minuten später betrat er die Konditorei. 

In einer Nische entdeckte er seinen Freund mit Gattin, die 
es sich bei Kaffee und Kuchen gut sein ließen. Sie sahen 
erfreut auf, als er so unerwartet vor ihnen stand. 
Hubert Syder war das, was man einen herzensguten Kerl 
nennt. Groß und breit von Gestalt, mit einem frischen 
Gesicht, strohblondem Haar und lachenden Blauaugen. 
Seine Frau, rassig und elegant, wirkte sehr interessant mit 
ihrem brünetten Typ. 
»Ei, sieh da, der Edzard«, lachte sie vergnügt, indem sie ihm 
die Hand entgegenstreckte. »Was willst du während der 
Arbeitszeit an dieser Schlemmerstätte?« 
»Dasselbe, was du willst«, gab er zurück. 

Nachdem Edzard auch den Freund begrüßt hatte, nahm er 
Platz und bestellte ein Kännchen starken Kaffee. 
»Was ist los mit dir, mein Junge?« fragte Hubert. »Du siehst 
blaß und verärgert aus, um nicht zu sagen – verbittert. Hat 
es wieder einmal Krach mit deinem Onkel gegeben?« 
Edzard wartete mit der Antwort, bis der Ober den Kaffee 
auf den Tisch gestellt und sich wieder entfernt hatte. Dann 
trank er die erste Tasse in einem Zuge leer, steckte eine 
Zigarette in Brand und erzählte, was sich zwischen ihm 
und dem Onkel zugetragen, verschwieg auch die 
Begebenheit in Veras Wohnung nicht. 

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Das Ehepaar hörte gespannt zu, ohne ihn zu unterbrechen. 
Als er geendet, meinte Hubert ruhig: 

»Das alles habe ich schon längst kommen sehen, Edzard. 
Wenn man so einen gefährlichen Schleicher auf der Nase 
sitzen hat wie deinen Bruder Busso und sich in eine Liebe 
zu einer Vera verrennt, das kann kein gutes Ende nehmen. 
Sieh mich nicht an, als ob du mich fressen wolltest, 
sondern gib mir recht. Was wirst du nun beginnen?« 
»Mir eine Stelle als Inspektor suchen.« 
»Schwierige Angelegenheit, mein Lieber. Wenigstens in 
unserer Ecke hier, wo dein Onkel Respektsperson ist.« 
»Das weiß ich«, gab Edzard finster zurück. »Daher bin ich 
auch gekommen, um deine Hilfe zu erbitten.« 
»Ehrensache, mein Freund. Was ich für dich tun kann, soll 

geschehen. Am besten ist jetzt, wenn du an einen netten 
Ort weit vom Schuß fährst und dich erst wiederfindest. 
Denn die ganze Geschichte, eingeschlossen Veras Untreue, 
wird dir verdammt an die Nieren gegangen sein. In der Zeit 
werde ich hier segensreich für dich wirken. Hast du 
genügend Geld?« 
»Ja. Damit hat Natchen mich versorgt, mit ihrem eignen.« 
»Was sagt sie zu alledem?« 
»Sie macht sich Sorge um mich.« 
»Begreiflich! Eigentlich sonderbar, daß diese kluge Frau ihn 
nicht aus seiner Verblendung reißen kann. Wie ist deine 
Ansicht darüber, Susann?« 

»- daß gegen männliche Hirnverbranntheit nichts 
auszurichten ist«, gab sie lachend zurück. »Jedenfalls wird 
sie schon wissen, was sie tut, wird diesen Busso schon 
entlarven, wenn sie es an der Zeit hält. So ein Halunke! Der 
hat sich doch nur an diese Vera herangemacht, um sich an 
Edzard zu rächen. Solche Burschen pflegen sehr 
nachtragend zu sein. Diese Gemeinheit darfst du dir 
einfach nicht gefallen lassen, Edzard. Du mußt dieses 
einander so würdige Paar einfach düpieren!« 
»Mir ganz aus der Seele gesprochen, Susann. Ich weiß auch 
bereits, wie das geschehen kann.« 

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»Wie denn?« fragten die Gatten wie aus einem Munde. 
»Indem ich mit meiner Verlobung der Veras zuvorkomme. 

Dann hat es den Anschein, als hätte ich mit ihr gespielt, 
nicht sie mit mir.« 
»Herrlich -!« lachte die junge Frau. »Hast du die Braut 
schon gefunden?« 
»Noch nicht. Aber es gibt ja so viele heiratslustige 
Mädchen.« 
»Du Tollkopf kriegst es wahrhaftig fertig, dir aus purer 
Rache irgendein weibliches Wesen auf den Hals zu laden«, 
lachte Hubert amüsiert. »Na, vielleicht lachst du dir eine 
an, die dir ein Gut in die Ehe bringt.« 
»Gott soll mich bewahren! O nein, die Frau, die ich suche, 
braucht nicht reich zu sein, nicht schön, auch nicht klug. 

Sie muß nur ein Herz haben – nichts weiter als ein Herz.« 
»Das nennst du womöglich noch anspruchslos, du 
sonderbarer Heiliger? Nichts weiter als ein Herz – ganz 
einfach nur das. Mein lieber Freund, laß dir gesagt sein, 
daß reiche, schöne und kluge Frauen viel leichter zu finden 
sind als solche, die ein Herz haben.« 
»Warum? Du hast ja auch eine gefunden und Onkel 
Philipp gleichfalls. Warum sollte es nicht auch mir 
glücken?« 
»Oh, diese Optimisten -!« Hubert schüttelte bekümmert 
sein Haupt. 
»Wie ich verstanden habe, willst du mit deiner Verlobung 

der Bussos zuvorkommen. Da wirst du also rasch zugreifen 
müssen. Und dann – und überhaupt ist es denn schon 
ganz sicher, daß dein Onkel zu Bussos Verlobung die 
Einwilligung geben wird? Soviel ich beobachten konnte, 
scheint Vera ihm nicht besonders zu gefallen.« 
»Hast du eine Ahnung -!« lachte Edzard bitter auf. »Den 
bekommt Busso schon dahin, wohin er ihn haben will. 
Höchstens, daß Natchen da ein wenig quertreiben würde.« 
»Trotzdem wolltest du sie heiraten«, bemerkte der Freund 
trocken. »Das hätte in der Ehe ein böses Erwachen für dich 
gegeben, mein lieber Edzard. Denn das Herz, das du 

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verlangst, hat diese Vera bestimmt nicht.« 
»Komisch, daß du mir das jetzt erst sagst?« 

»Na, weißt du, mit Verliebten läßt sich ebensowenig reden 
wie mit Verrückten. Aber nun mach ein anderes Gesicht, 
Edzard. Daß du Reuth aufgeben mußt, ist gewiß 
schmerzlich für dich. Aber daß dir über Vera noch 
rechtzeitig die Augen aufgegangen sind, darüber kannst du 
nur froh sein. Natürlich kannst du mit der Enttäuschung 
nicht von heute auf morgen fertig werden. Wirst eine 
gewisse Zeit brauchen, bis du es geschafft hast. Darum rate 
ich ernstlich, dir Abwechslung zu suchen. Und die findest 
du am sichersten an einem amüsanten Ort. Am besten 
wäre das feudale Höhenlust für dich, falls das dein 
Geldbeutel verträgt.« 

»Ganz wie für mich geschaffen«, nickte Edzard ironisch. 
»Mein Lieber, es scheint dir noch nicht ganz klar zu sein, 
daß ich nun nicht mehr Erbe des Barons von Rittersreuth 
bin, sondern ein armer Schlucker, der sich glücklich 
schätzen wird, wenn er irgendwo als Inspektor 
unterkriechen kann. Viel mehr als das Sattessen werde ich 
meiner Frau nicht bieten können. Daher werde ich nicht 
nach Höhenlust gehen sondern nach Ridden.« 
»Nach dem langweiligen Nest? Da wirst du nur unter 
Fischermädchen wählen können.« 
»Warum nicht? Wenn ich unter ihnen ein liebes, braves 
Geschöpf finde, sollte es mir wohl recht sein. Du weißt ja, 

was ich verlange – nichts weiter als ein Herz.« 
»Hm. Und wie willst du das finden? Willst du etwa an jedes 
weibliche Wesen herantreten und höflich fragen: Mein 
Fräulein, haben Sie ein Herz? Oder soll es das in der Hand 
halten?« 
»Hör bloß auf, du Spötter -!« unterbrach Susann lachend. 
»Laß ihn nur machen, er wird schon seine herzliche Dame 
finden. Dann bringst du sie mir, Edzard, hörst du? Ich 
werde meine ganze Evaslist aufbieten, um herauszufinden, 
ob du die Richtige gefunden hast. Einverstanden?« 
»Einverstanden!« 

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»Und wenn jene Eva noch listiger ist und diese Eva hier zu 
überlisten versteht?« fragte Hubert schmunzelnd. »Wenn 

sie mit einem goldenen Herzen spiegelt und erst in der Ehe 
erkennen läßt, daß es nur Talmi ist, was dann?« 
»Dann lasse ich mich scheiden«, entgegnete Edzard 
gelassen. »Ganz kurz und schmerzlos. Die Hauptsache, daß 
ich noch vor Bussos Verlobung mit einer Braut aufwarten 
kann. Natürlich werde ich sie auch heiraten, um meine 
Rache ganz und voll zu haben. Gefällt mir meine Frau, 
dann lebe ich friedlich mit ihr zusammen und bleibe ihr 
treu. Ist sie nicht das, was ich von ihr erwarte, dann trenne 
ich mich in aller Güte von ihr.« 
»Und wenn sie sich nicht scheiden läßt?« 
»Das werde ich bei meiner Werbung zur Bedingung 

stellen.« 
Diese Eröffnung ließ Hubert verblüfft den Kopf schütteln. 
»Ja, Menschenskind – willst du denn dem Mädchen – oder 
der Frau – etwa sagen…« 
»Gewiß will ich das«, fiel Edzard ihm in die Rede. »Anders 
wäre es ein Betrug. Der käme über kurz oder lang doch 
heraus.« 
»Das ist allerhand, was du da verlangst«, sagte der Freund 
ernst. »Wenn sich tatsächlich ein weibliches Wesen finden 
sollte, das auf das alles eingeht, muß es allerdings ein 
großes, gütiges Herz haben. Gott gebe, daß du es findest. 
Ich sehe schwarz. Und du, Susann?« 

»Nicht unbedingt, Hubert«, gab sie versonnen zurück. »Es 
gibt bestimmt liebe, warmherzige Mädchen, die sich aus 
dem Beruf in eine eigene Häuslichkeit sehnen. Und wenn 
sie dann noch einen so schneidigen und anständigen Kerl 
wie Edzard als Mann bekommt, das wäre für sie der 
Himmel auf Erden. Also Edzard, ich wünsche dir alles 
Glück.« 
»Danke, Susann. Doch nun ist es höchste Zeit, daß ich 
mich verabschiede. Morgen früh also geht es nach Ridden. 
Und nun noch eine Bitte, Hubert: Gewähre meinem Pferd 
Unterkunft, bis ich zurückkomme. Ich habe es bereits nach 

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Harlerode gebracht.« 
»Eine Selbstverständlichkeit bedarf keiner Bitte, mein 

Lieber. Wenn du dort bist, gib deine Anschrift bekannt, 
damit ich dich jederzeit erreichen kann. Komm gesund und 
froh wieder, möglichst mit deiner herzlichen Angelegenheit 
am Arm.« 
Eine Woche später betrat Busso nach dem Mittagessen das 
Arbeitszimmer seines Onkels, der in einem Sessel saß. 
»Entschuldige, lieber Onkel, ich wollte dich um eine 
Unterredung bitten – « 
»Was ist los, du siehst ja ordentlich feierlich aus?« 
»Mir ist auch danach zumute«, gestand Busso. »Ich möchte 
nämlich heiraten.« 
»I der Dausend – «, schüttelte Philipp verblüfft den Kopf. 

»Davon habe ich ja noch gar nichts gemerkt. Ist dir der 
Einfall so plötzlich gekommen?« 
»O nein, schon lange, lieber Onkel. Aber offen gesagt, 
fürchtete ich mich, dir mit meinem Ansinnen zu 
kommen.« 
»Bin ich denn so ein Unmensch, he?« 
»Um Gott, Onkel, du bist der gütigste Mensch von der 
Welt! Ich habe jedoch immer das Gefühl gehabt, als 
würdest du meine Heirat nicht gern sehen. Aber schau mal, 
Onkelchen, ich bin immerhin schon dreißig Jahre, sehne 
mich daher nach Frau und Kind. Kannst du das begreifen?« 
»Warum nicht? Ich habe ja auch geheiratet. Daher werde 

ich es dir bestimmt nicht verbieten. Vorausgesetzt, daß die 
Frau, die du dir ausgesucht hast, hierher paßt. Wer ist die 
Auserwählte?« 
»Fräulein Vera von Kardas.« 
»Wer ist das? Kenne ich nicht.« 
»Aber Onkel, du bist mit der jungen Dame doch schon 
öfter auf Gesellschaften und öffentlichen Festen 
zusammengetroffen. Sie ist in ihrer Schönheit und mit 
ihrem Charme doch nicht zu übersehen.« 
»Schönheit und Charme – schon faul. Mir ist die 
Hauptsache, daß deine Zukünftige ihren wirtschaftlichen 

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Kram versteht, dir eine gute Frau und den späteren Kindern 
eine gute Mutter ist. Alles andere ist Schnickschnack.« 

»Die Voraussetzungen sind bestimmt vorhanden, lieber 
Onkel. Aber Schönheit ist dabei noch eine beglückende 
Zugabe, will ich meinen.« 
»Na, wenn es Zugabe ist, habe ich nichts dagegen. Wie 
steht es mit dem Geld? Das ist eine weitere gute Zugabe, 
will ich nun wiederum meinen.« 
»Davon ist allerdings so gut wie nichts vorhanden«, mußte 
Busso bekennen. »Sie lebt mit ihrer Mutter von der 
Pension, die diese alte Witwe eines höheren Beamten 
erhält.« 
»Einen Beruf hat sie demnach nicht, liegt also ihrer Mutter 
auf der Tasche. Wie alt?« 

»Neunundzwanzig.« 
»Wenn sie nun so schön, charmant, wirtschaftlich und gut 
ist, müßte sie schon längst einen Mann gefunden haben. 
An solchen Weiblichkeiten pflegen die Männer nicht 
achtlos vorüberzugehen. Wie kommt es also, daß sie noch 
immer unbemannt ist?« 
»Aber Onkel – wahrscheinlich ist sie dem Richtigen noch 
nicht begegnet.« 
»Somit bist du endlich der Richtige?« 
»Ja – wir lieben uns von Herzen.« 
Danach war es eine Weile still. Herr Philipp sah 
gedankenvoll vor sich hin, dann sagte er kurz: 

»Ist gut, Busso. Bringe mir das Fräulein. Ansehen kostet ja 
nichts. Ich will die Dame auf Charakter und Herz prüfen… 
Was ist übrigens mit deiner Nase – heilt sie gut?« 
»Vorzüglich. Ich kann das Pflaster bald abnehmen.« 
»Ein Glück, daß die Sache so harmlos verlaufen ist. Sonst 
hätte dein Bruder sich auf etwas gefaßt machen können. 
Hast du von ihm gehört?« 
»Nein, Onkel. Du auch nicht?« 
»Bewahre. Das Bürschchen wird sicherlich warten, bis Gras 
über die Geschichte gewachsen ist. Aber da mag er sich nur 
nicht täuschen – das Gras wächst nie!« 

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»Onkelchen, so nachtragend darf man nicht sein«, 
bemerkte Busso. »Ich habe Edzard schon längst verziehen. 

Er ist doch mein Bruder.« 
»Bist ein guter Junge«, lobte Philipp. »Ich wünschte, daß 
dein Bruder nur annähernd deinen Charakter hätte. Aber 
leider! Wer weiß, wo er herum vagabundiert und Schulden 
macht. Mit dem Geld, das Tante ihm gab, wird er schon 
längst fertig sein. Man kommt aus der Sorge um diesen 
Bengel nicht mehr heraus!« 
»Er wird schon wiederkommen, Onkel. Und dann sei bitte 
nicht so hart zu ihm.« 
»Muß ich, mein Junge, muß ich. Sonst verlumpt er uns 
noch ganz. Der braucht eine harte Faust, das sehe ich 
immer mehr ein. Deshalb darfst auch du nicht so 

nachsichtig mit ihm sein. Und nun geh, mein Junge. Bringe 
uns das Fräulein, dann werden wir weiter sehen.« 
»Ich danke dir, Onkel Philipp«, sprach Busso mit 
schwankender Stimme. »Ich schulde dir so unendlichen 
Dank, daß ich den nie im Leben abtragen kann. Wie ist es 
mir doch schmerzlich, daß mein Bruder dir so viel 
Kummer bereitet. Wirklich, Onkel, ich schäme mich für 
ihn…« 
»Na, na, na – «, winkte der ab. »Dafür kannst du ja nichts. 
Vielleicht besinnt er sich doch noch einmal auf das, was er 
mir schuldig ist.« 
Damit ging er, und Philipp hielt nach der Gattin Umschau, 

die er lesend in ihrem Wohnzimmer fand. 
»Störe ich, Nataly?« 
»Seit wann störst du mich jemals?« fragte sie verwundert. 
»Nimm Platz und beichte. Denn daß du etwas auf dem 
Herzen hast, das sehe ich dir an.« 
»Kluge Frau. Also höre: Busso will heiraten.« 
»Ach du meine Güte! Wen denn?« 
»Ein Fräulein Kardas.« 
»Aber die hatte Edzard doch aufs Korn genommen«, 
forschte sie mißtrauisch. »Wie kommt der Busso denn zu 
ihr?« 

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»Keine Ahnung. Ich kenne die Dame nicht. Und Edzard, 
sagst du? Kein Wunder, der läuft ja jeder hübschen Schürze 

nach. Sowie ein frisches Gesicht auftaucht, ist er Feuer und 
Flamme…« 
»… oder die Mädchen für ihn«, warf Nataly trocken ein. 
»Kunststück, bei dem schneidigen Kerl!« 
»Mir gefällt Busso besser.« 
»Na, also, deshalb hat das Fräulein sich ja auch für ihn 
entschieden«, meinte sie friedfertig. 
»Kennst du die Dame, Nataly?« 
»Natürlich – und du kennst sie auch. Entsinnst du dich der 
hochblonden Mondänen mit dem seelenvollen 
Augenaufschlag, die bei jeder Fete erwünscht oder 
unerwünscht sang, um mit ihrer netten Stimme zu 

brillieren?« 
»Jetzt dämmert es bei mir. Also die ist es. Gefällt sie dir?« 
»Nein!« 
»Na, erlaube mal, Nataly…« 
»Was heißt hier erlauben? Du hast gefragt, und ich habe 
geantwortet.« 
»Das Urteil klang aber verdammt abschließend.« 
»Ist es auch. Ich hatte schon Angst, daß Edzard sie uns 
eines Tages offerieren würde. Und nun kommt Busso mit 
ihr an. Meinetwegen mag er mit ihr selig werden. Ich hab ja 
gottlob nichts mit ihr zu tun.« 
»Aber du mußt doch mit ihr unter einem Dach leben, 

Nataly…« 
»Das kommt nicht in Frage. Ich will mir nicht einen mir 
unsympathischen Menschen auf die Nase setzen lassen.« 
»Wie soll ich das verstehen?« 
»Genau so, wie es gemeint ist. Gib dem jungen Paar als 
Wohnsitz ein Nebengut, auf dem es herrlich und in 
Freuden leben kann. In Reuth will ich meine Ruhe haben.« 
Langsam stieg Philipp die Zornesröte ins Gesicht. »Nataly, 
was ist das für eine Sprache. Die kenne ich an dir noch gar 
nicht!« 
»Nein, Gott sei’s geklagt. Ich habe dir bisher noch nie in 

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die Angelegenheit deiner Neffen dreingeredet. Nun, da es 
jedoch um meine Behaglichkeit geht, werde ich mich wohl 

wehren müssen.« 
»So, so! Und wenn ich dir nun sage, daß Busso mit seiner 
Frau auf Reuth wohnen wird, was dann?« 
»Dann gehe ich.« 
»Das werden wir abwarten müssen-!« 
»Gut, warten wir ab. Daß du doch immer gleich den wilden 
Mann markieren mußt, Philipp. Ist es denn überhaupt 
schon spruchreif, daß die Dame Bussos Frau wird?« 
»Bis jetzt noch nicht. Ich will sie erst einmal 
kennenlernen.« 
»Na also – «, lachte sie gemütlich. »Hat Busso von dir die 
Erlaubnis, die Dame ins Haus zu bringen?« 

»Ja, ich kann dem Jungen doch nicht das Heiraten 
verbieten.« 
»Meinetwegen mag er des Teufels Großmutter heiraten, das 
schert mich nicht. Ich will mit dem Paar nur nicht in einer 
Hausgemeinschaft leben.« 
»Nataly, was ist bloß in dich gefahren. Von den wenigen 
Malen, die du mit der Dame zusammengekommen bist, 
kannst du dir doch unmöglich ein abschließendes Urteil 
bilden«, versuchte er ihr zuzureden. 
Doch das machte keinen Eindruck auf sie. 
»Wenn mir ein Mensch unsympathisch ist, dann ist er es 
eben«, blieb sie hartnäckig. »Das ist reinste Gefühlssache. 

Die Dame mag ja ein vortrefflicher Mensch sein – aber mir 
gefällt sie nun einmal nicht.« 
»Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen«, erwiderte er 
schroff. »Wenn sie mir gefällt und in ihren Verhältnissen 
alles stimmt, dann wird sie Bussos Frau, basta! Und wenn 
er sie herbringt, dann bitte ich mir aus, daß du sie als Gast 
höflich behandelst.« 
»Natürlich. Es ist nicht meine Art, unhöflich zu sein, zumal 
es sich um die zukünftige Frau deines Busso handelt, aber 
du siehst mir aus, als ob du noch etwas auf dem Herzen 
hättest. Also runter damit!« 

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»Nataly, es will mir fast scheinen, als machtest du dich über 
mich lustig – «, forschte er mißtrauisch, und sie machte ein 

ganz unschuldiges Gesicht. 
»Aber Philipp, wie könnte ich das wagen?« 
»Na, – trau, schau, wem«, brummte er. 
»Ich wollte dich nur fragen, ob du – na ja – ob du etwas 
von Edzard weißt…« 
»Nein, Philipp.« 
»Wo der widerspenstige Bengel sich nur herumtreiben 
mag! Paß auf, der macht Schulden über Schulden – « 
»Wäre das so schlimm?« 
»Na, erlaube mal! Ich habe mein Geld doch nicht, um es 
von einem leichtsinnigen Burschen vergeuden zu lassen. Er 
hat mich wahrlich schon genug gekostet.« 

»Mehr als Busso?« 
»Das natürlich nicht«, mußte der Mann widerwillig 
zugeben. 
»Na, siehst du. Wenn du Busso nun Heiratszulage 
bewilligen wirst und bei seiner Heirat sonst noch Unkosten 
hast, dann verbuche diese Summen auch fein säuberlich 
und schreibe dieselben auf Edzards Konto. Damit kannst 
du dann Schulden bezahlen, noch und noch. Denn du 
wirst doch einen Neffen vor dem andern nicht bevorzugen 
wollen? Das sähe dir so gar nicht ähnlich.« 
»Wozu das?« fragte er unbehaglich. 
»Weil es beide deines Bruders Söhne sind, die beide 

dasselbe von dir bekommen müssen.« 
»Als wenn das nicht immer der Fall gewesen wäre. Aber 
dafür ernte ich bei Busso Dank, bei Edzard Undank.« 
»Das bildest du dir ein, Philipp. Edzard hängt sehr an dir, 
wirklich, er kann es nur nicht so zeigen.« 
»Hat er bewiesen. Geht einfach davon und meldet sich 
nicht. Was habe ich ihm schon groß gesagt? Bestimmt 
nicht so viel, daß er davonlaufen mußte. Aber laß ihn mir 
nur kommen, dann kriegt er sogar noch eine Ohrfeige, 
jawohl…« 
Nun ging er hinaus, und Nataly sah ihm lächelnd nach. Er 

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schien an dem Jungen doch mehr zu hängen, als sie 
angenommen hatte. 

Am Sonntag brachte Busso seine Auserwählte nach Reuth, 
die auf den Herrn des Hauses einen günstigen Eindruck zu 
machen schien. Sie tat aber auch rührend bescheiden und 
sprach viel über Hauswirtschaft. Dazu der seelenvolle 
Augenaufschlag, das liebe Lächeln… 
Aber Nataly ließ sich nicht täuschen. Sie behandelte den 
Gast liebenswürdig und dachte sich ihr Teil. 
Als Busso mit dem Mädchen im Auto abgefahren war, um 
es zur Stadt zu bringen, fragte Philipp aufgeräumt: 
»Nun, Natchen, besteht deine Antipathie noch?« 
»Ja-«, kam die unerwartete Antwort. 
»Das glaubst du doch selbst nicht, Nataly. Du willst nur 

nicht zugeben, daß du dich geirrt hast.« 
»Meinetwegen. Die Hauptsache, daß sie dir gefällt.« 
»Gewiß gefällt sie mir. Es ist ein bescheidenes, vernünftig 
denkendes Mädchen, das zu Busso gut paßt. Es wäre ja 
auch sonderbar gewesen, wenn der sein Herz an einen 
Firlefanz gehängt haben sollte.« 
»Es freut mich, daß du mit Bussos Wahl zufrieden bist. 
Wann soll die Verlobung steigen?« 
»So weit ist es noch nicht«, wehrte er ab. »Da muß ich das 
Fräulein doch noch näher kennenlernen. Vor allen Dingen 
ihre Mutter. Auf keinen Fall wollen wir etwas überstürzen. 
Wollen mal erst die Ernte sicher haben, ehe wir ans Feiern 

denken. Oder bist du anderer Ansicht, Nataly?« . 
»O nein, ich bin sogar sehr einverstanden!« 
»Das freut mich, dann wären wir uns ja wieder einmal 
einig, liebste Frau.« 
Edzard war gut in Ridden angekommen. So sehr dem 
Naturfreund das romantisch gelegene Seebad gefiel, so 
konnte er sich dem Zauber doch nicht uneingeschränkt 
hingeben, weil die Sorge um seine Existenz ihm keine Ruhe 
ließ. Auch quälte ihn die Unrast, mit der er Ausschau nach 
einer passenden Frau hielt. Bisher war ihm noch kein 
weibliches Wesen, das sich seiner Ansicht nach dazu 

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geeignet hätte, begegnet. Dazu meinte es der Wettergott gar 
nicht gnädig. Es gab regnerische, kühle Tage. Er streifte 

trotzdem viel am Strand und im Wald herum, aber die 
Damen zogen es vor, sich lieber im wohlig durchwärmten 
Kurhotel zu vergnügen. 
So begrüßte es Edzard, als am zehnten Tage ihn ein 
Telegramm des Freundes nach Harlerode rief. Noch am 
selben Tage reiste er ab und erreichte am Abend sein Ziel. 
»Nanu, Edzard, so ganz solo?« begrüßte ihn der Freund. 
»Wo hast du denn deine Braut?« 
»Fehlanzeige.« Er zuckte resigniert die Achsel. »Es war 
verflixt wenig Auswahl.« 
»Habe ich dir das nicht gesagt?« triumphierte Hubert. »Um 
auf die Freite zu gehen, begibt man sich nicht nach Ridden. 

Da ist während der Saison nichts los und um diese 
Jahreszeit schon gar nichts. Nun haben wir umsonst den 
Sekt kaltgestellt.« 
»Der wird uns auch ohne Verlobung schmecken«, stellte 
sich Edzards frohe Laune ein. »Weise mir gütigst ein 
Zimmer an, Susann, damit ich meinen Reisestaub 
loswerde. Und dann möchte ich essen.« 
»Wird gemacht«, lachte sie vergnügt. »Ein Zimmer ist bereit 
und ein gutes Mahl ebenfalls.« 
Als Edzard eine Weile später tadellos gekleidet erschien, 
setzte man sich an den einladend gedeckten Tisch. Er 
mußte erzählen, was er auf der Reise erlebt hatte. 

Nach dem Essen zog man sich in ein lauschiges 
Zimmerchen zurück. Der Kamin verbreitete angenehme 
Wärme, die man an dem kühlen Tag gut vertragen konnte. 
Man gruppierte sich um ihn, griff nach den Zigaretten, und 
da fragte Edzard den Freund, warum er ihn telegrafisch 
zurückgerufen hatte. 
»Weil ich eine Stelle für dich habe…« 
Edzard ließ vor Überraschung die Zigarette sinken. 
»Hubert, das ist doch wohl nicht möglich – in der kurzen 
Zeit. Oder willst du mich zum Narren halten?« 
»I, wo werde ich«, wehrte der Freund. »Ich staune ja selbst 

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über deinen Dusel. Hör zu: Am Tage nach unserer 
Aussprache in der Konditorei steckte ich sofort meine 

Fühler aus. Es sah traurig damit aus, aber ich ließ den Mut 
nicht sinken. Bis ein Zufall mir zu Hilfe kam. 
Als ich nämlich vorgestern abend die landwirtschaftliche 
Zeitung studierte, fiel mein Auge auf ein Inserat. Fett 
gedruckt stand da, daß auf Ritters ein Inspektor gesucht 
wird. Kurz und gut: Gestern suchte ich den Oberinspektor 
in Ritters auf, schenkte ihm reinen Wein ein, den er ganz 
gemütlich schluckte. Kennst du Oberinspektor Bitterling?« 
»Nur flüchtig…« 
»Ich sage dir, das ist ein urgemütliches Haus, das seinen 
bitteren Namen wahrlich zu Unrecht trägt. Na, dann 
schicken Sie mir man diesen Ausreißer, schmunzelte er, 

nachdem ich die Beichte beendet hatte. Ich werde ihm 
schon die Hammelbeine langziehen, wenn er hier 
Kapriolen machen will. Daß er von dem 
landwirtschaftlichen Kram was versteht, ist für mich die 
Hauptsache. Seine Familienverhältnisse gehen mich nichts 
an. Was sagst du nun, Edzard?« 
»Ich kann es kaum fassen«, entgegnete er ganz benommen. 
»Ich so^ wirklich zur Vorstellung?« 
»Ganz und gar wahrhaftig!« lachte Hubert. 
»Und wenn er mich doch nicht einstellt?« 
»Dann würde er dich gar nicht erst hinbestellen, du 
Zweifler. Inspektor auf Ritters zu werden, ist bestimmt 

Dusel. Der moderne Betrieb dort, die großartige 
Wirtschaftsführung, dazu einen so prächtigen Vorgesetzten, 
besser konntest du es nicht treffen, Edzard. Und was dein 
Onkel erst für Augen machen wird, wenn er erfährt, daß 
sein verpönter Neffe auf Ritters schaltet und waltet. 
So – und nun wollen wir Sekt trinken, damit er nicht 
unnötig kalt gestellt wurde.« 
Also stieß man fröhlich an. Die Gatten gerieten dann auch 
bald in Stimmung, die der nachdenkliche Freund nicht 
unbedingt teilen konnte. 
Es schien ihm doch sehr als ein Wunder, daß er so schnell 

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eine Existenz haben sollte. Jedenfalls war er sehr skeptisch, 
was er sich jedoch nicht merken ließ, um den beiden nicht 

die Stimmung zu verderben. Dann fiel ihm etwas ein. 
»Sag mal, Hubert, ist der Besitzer von Ritters nicht vor 
einiger Zeit gestorben?« 
»Ja. Der alte Professor hat vor ungefähr einem Jahr das 
Zeitliche gesegnet.« 
»Und wer ist der Erbe?« 
»Ein Neffe; denn der alte Herr starb ja als Junggeselle.« 
»Und wenn der jetzige Besitzer ein Landwirt ist?« 
»Dann wird er sich freuen, ein so feudales Gut wie Ritters 
geerbt zu haben.« 
»Ja aber – wenn er dann – ich meine, falls der Besitzer 
Ritters nun selber bewirtschaften will, dann kann der 

Verwalter mich ohne seine Einwilligung doch nicht 
einstellen.« 
»Darüber laß dir keine grauen Haare wachsen. Der Mann 
wäre ja ein Narr, wenn er den Bitterling, der so segensreich 
auf Ritters wirkt, an die Seite schieben wollte. Außerdem 
wird der Professor in seinem Testament schon die 
Bedingung gestellt haben, daß Bitterling Verwalter auf 
Ritters bis zu seinem Tode bleibt. Auch glaube ich nicht, 
daß der Besitzer Landwirt ist. Dann hätte er sein Gut schon 
längst in Augenschein genommen. Das ist da so eine 
gelehrte Familie von lauter Professoren und Doktoren, die 
ganz andere Interessen haben. Na, wirst ja morgen mehr 

hören. Und nun Prosit! Übrigens hörte ich, daß dein 
Bruder Busso seine Vera nach Reuth gebracht haben soll, 
die von deinem Onkel sehr freundlich empfangen worden 
ist.« 
»Kunststück, wenn Busso sie offeriert«, sagte Edzard 
trocken. 
»Ach«, unterbrach er sich, »da fällt mir ein: Morgen steigt 
ein Maifest in der Stadthalle, wo wir unbedingt dabei sein 
müssen. Du hältst doch mit, Edzard?« 
»Ich weiß nicht recht…« 
»Sei kein Frosch! Morgen ist erst der Zwölfte. Am 

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Dreizehnten schläfst du dich aus, am Vierzehnten siedelst 
du nach Ritters über und am Fünfzehnten stürzt du dich 

löwenmutig in die Arbeit.« 
»Bitte, bitte, Edzard, komm doch mit«, bettelte Susann, 
und da war er besiegt. 
Am nächsten Vormittag machte sich Edzard auf den Weg 
nach Ritters. Sehr wohl war ihm dabei nicht zumute, als er 
auf seinem Gaul dahinritt. 
Was der Onkel denken würde, wenn er hörte, daß sein 
Neffe ausgerechnet Stellung auf Ritters gefunden hatte! 
Ritters und Reuth hatten seit erdenklichen Zeiten der 
Familie gleichen Namens gehört. Bis der Großvater 
Philipps in Schwierigkeiten geriet und den Familienbesitz 
auseinanderreißen mußte. Seitdem befand sich Ritters, das 

noch feudaler war als Reuth, in anderen Händen. Den 
Familienbesitz wieder zu verschmelzen, war nun Philipps 
größter Wunsch. Wohl war Reuth ein einbringlicher Besitz, 
der den Besitzer zum wohlhabenden Mann gemacht hatte. 
Aber so viel Geld hatte er noch lange nicht, um Ritters 
zurückkaufen zu können. Das wurmte Herrn Philipp 
gewaltig. Wie oft hatte er sich den Groll vom Herzen 
gepoltert, daß Menschen, die keine Landwirte waren, dieses 
herrliche Stückchen Erde ihr eigen nannten. 
An all das dachte Edzard, als er sich Ritters näherte. Und als 
er es erreicht hatte, sah er entzückt auf das stattliche Gut, 
auf dem eine vorbildliche Ordnung herrschte. 

Er übergab sein Pferd einem Stallburschen, ließ sich das 
Inspektorhaus zeigen und stand gleich darauf vor dem 
Verwalter, der ihn gutgelaunt empfing. 
»Da sind Sie ja, mein lieber Rittersreuth. Nehmen Sie Piatz, 
greifen Sie sich einen Glimmstengel und lassen Sie uns wie 
vernünftige Menschen reden.« 
Edzard kam der gemütlichen Aufforderung nach. 
Verstohlen betrachtete er den Mann, der ihm vom ersten 
Augenblick an sympathisch war. Aus dem hageren Gesicht 
sahen zwei tiefblaue Augen klug und abschätzend den 
Stellungsuchenden an. Dann blitzte es humorvoll darin 

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auf. 
»Mein lieber Baron, daß Ihnen nicht sehr wohl in Ihrer 

Haut ist, das kann ich mir denken. Denn so einfach kann 
es ja nicht sein, von des Onkels Fleischtöpfchen hinweg 
sich andere suchen zu müssen. Aber lassen Sie nur, auch 
aus denen hier wird es Ihnen ganz gut schmecken.« 
Da mußte Edzard lachen. 
»Mir ist nicht bange darum, Herr Verwalter.« 
»Na, diese Betitelung wollen wir von vornherein lassen. 
Benutzen Sie ruhig meinen bitteren Namen. Seinetwegen 
habe ich nämlich keine Frau bekommen. Aber nun zur 
Sache…« 
Kurz und sachlich machte er Edzard mit seinen Pflichten 
bekannt, nannte ihm ein annehmbares Gehalt und fragte 

dann: 
»Nun, wollen Sie zugreifen?« 
»Mit tausend Freuden, Herr Bitterling! Wenn Sie nur mit 
mir zufrieden sein werden. Ich habe in einem fremden 
Betrieb noch nie gearbeitet.« 
»Aber bei Ihrem Onkel, wo Sie tüchtig heranmüssen, wie 
mir bekannt ist. Mehr brauchen Sie hier auch nicht zu tun. 
Also, wann kann ich Sie erwarten? Geht es am 
Fünfzehnten?« 
»Selbstverständlich, Herr Bitterling.« 
»Das ist mir lieb. Denn gerade jetzt, wo für den Landwirt 
die Arbeit richtig anfängt, läßt mich der Inspektor im Stich, 

um eine Bauerntochter zu heiraten. Und nun wollen wir 
zum gemütlichen Teil übergehen.« 
Er holte eine Flasche Wein, füllte die Gläser und stieß mit 
Edzard an: 
»Auf gute Zusammenarbeit, lieber Baron. Es müßte mit 
dem Deubel zugehen, wenn wir beide uns nicht vertragen 
wollten. Aber Sie sehen mir so aus, als ob Sie noch etwas 
auf dem Herzen hätten.« 
»Ganz recht, Herr Bitterling. Ich möchte nämlich 
heiraten…« 
»So, heiraten wollen Sie«, schmunzelte Matthias Bitterling. 

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»Dann man zu. Ihr Deputat bekommen Sie, Gehalt auch, 
und der Kasten hier ist groß genug, um ein Frauchen mit zu 

beherbergen und ein halbes Dutzend Gören noch dazu.« 
Ach, wie wurde Edzard da froh ums Herz, wie konnte er 
herzlich lachen! 
Mit einem vorschriftsmäßigen Vertrag in der Tasche 
verabschiedete er sich von dem patenten Mann mit 
warmen Worten. Schwang sich auf sein Pferd und ritt in 
schlankem Trabe Harlerode zu, wo er bereits ungeduldig 
erwartet wurde. 
»Na, hat’s geklappt?« erkundigte sich Hubert. 
»Jawohl. Ihr seht den Inspektor von dem herrlichen 
Rittergut Ritters vor euch«, antwortete er übermütig. 
»Kinder, habt ihr eine Ahnung, welch ein Granitblock mir 

vom Herzen gepoltert ist!« 
Daß in der Stadthalle der naheliegenden Stadt das Maifest 
am zwölften Mai gefeiert wurde, war Tradition, ob nun ein 
Mailüfterl wehte oder ob es in Strömen regnete. 
Das tat es denn heute auch. Es regnete Bindfäden. Aber das 
tat der Freude der Vergnügungslustigen keinen Abbruch. 
Die Räume der Stadthalle waren maimäßig geschmückt. 
Maibowle gab es auch, zu tanzen gleichfalls, also würde 
man trotz des Regens schon auf seine Kosten kommen. 
Als die Syderschen Gatten mit Edzard den 
Gesellschaftsraum der Stadthalle betraten, war er schon 
voll besetzt. Wie gut, daß sie sich einen lisch hatten 

reservieren lassen, den der Ober ihnen in einer Nische 
anwies, in der noch ein anderer unbesetzter Tisch stand. 
Man nahm Platz und bestellte Maibowle, die es in sich 
hatte und bald zu einem niedlichen Schwips verhalf. 
Susann, entzückend anzuschaun in ihrem feuerroten 
Seidenkleid, sprudelte vor Übermut, der die Herren 
langsam mitriß. 
Auch an den andern Tischen war man recht vergnügt. 
Immer wieder klang Lachen auf. Aus dem 
danebenliegenden Saal tönte einschmeichelnde 
Tanzmusik. 

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»Edzard, wollen wir tanzen?« lachte Susann ihn an. 
»Hubert kann sich eine anlachen und uns folgen.« 

»Das sollte mir fehlen«, brummte er gemütlich. 
Lachend zog das Paar von dannen, von manchem 
bewundernden Blick gefolgt. Die entzückende Frau in 
ihrem aparten Kleid, der rassige, distinguierte Herr im 
Abendanzug, das war schon etwas, das man nicht alle Tage 
sah. Erhitzt vom Tanz und strahlend froh kehrte Susann 
am Arm ihres Tänzers zurück. Ließ sich in den Sessel fallen 
und fächelte sich Luft zu. 
»Puh, wie ist mir heiß – aber schön war’s doch. Edzard ist 
ein fabelhafter Tänzer-« 
Sie hielt inne und sah interessiert dem Paar entgegen, das 
auf die Nische zukam. Der Herr, gesetzten Alters, mit 

einem Bäuchlein und Glatze, die Dame… 
Wie gebannt schaute Susann auf die Erscheinung im 
raffiniert einfachen weißen Seidenkleide. Ein stolzes 
Antlitz, herb und süß zugleich, mit Augen gleich 
leuchtenden Saphiren. Wie eine Krone aus Gold 
umschmiegte die kunstvolle Abendfrisur den feinen Kopf. 
Und was gleißte und blitzte da auf der schimmernden 
Seide des Kleides wie Blut so rot-? 
Ein Herz – ein Herz aus funkelnden Rubinen, eingefaßt 
von herrlichen Brillanten! Dicht neben dem Herzen lag es, 
das in der Brust dieses schönen Menschenkindes schlug. 
Wie erstarrt saßen Susann und die beiden Herren da, 

keinen Blick von dieser Frau lassend, die stolz und formell 
das Haupt gegen die Fremden neigte, bevor sie mit ihrem 
Begleiter am Nebentisch Platz nahm. 
Der Herr bestellte Maibowle, der er fleißig zusprach, 
während die Dame nur daran nippte. Sie sprachen halblaut 
miteinander, so daß die am Nebentisch Sitzenden zu ihrem 
Leidwesen nichts verstehen konnten. 
Nun horchten alle auf; denn inmitten des Raumes wurde 
eine Stimme laut. Da stand ein Herr, der die Anwesenden 
mit humorvollen Worten bat, sich heute als eine große 
Familie zu betrachten und ganz zwanglos miteinander zu 

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tanzen. 
Ein freudiges Hallo entstand. Die Herren beeilten sich, die 

schon längst aufs Korn genommenen Damen zu 
engagieren. 
Auch der Herr am Nebentisch verbeugte sich vor seiner 
Dame und ging mit ihr zum Tanzsaal. Kaum, daß sie außer 
Hörweite waren, lachte Hubert laut auf. 
»Edzard, hast du gesehen, der hängt ja das Herz direkt zum 
Halse heraus! Na, offensichtlicher präsentieren kann sie es 
dir doch wirklich nicht.« 
»Und der Ring an ihrer Linken ist ebenfalls mit einem 
Rubinherz geschmückt-«, jubelte Susann. »O Edzard, ich 
glaube, dein Schicksal naht -!« 
»Na – «, zweifelte Hubert. »Die Schöne sieht mir verflixt 

distinguiert aus. Vielleicht ist der Herr sogar ihr Gemahl – « 
»Das glaube ich nicht-«, widersprach Susann. »Das wäre ja 
so, als hätte ein Kohlkopf eine Rose geehelicht. Sie trägt ja 
auch keinen Ehering.« 
»Das sagt nichts – «, meinte Hubert. »Wer wird den Ehering 
tragen, wenn er zum Fest geht? Wärest du nicht hier, dann 
steckte meiner bestimmt in der Westentasche.« 
»Untersteh dich -!« Sie machte eine allerliebste Faust, so 
daß der Herr, der auf sie zukam, unwillkürlich den Schritt 
verhielt. 
»Treten Sie ruhig näher, mein Herr«, ermunterte Hubert ihn 
gemütlich. »So böse, wie die Dame hier tut, ist sie nicht.« 

Da verbeugte der Herr sich lachend und führte sie zum 
Tanz. 
»Unser Susannchen wären wir somit glücklich los«, 
schmunzelte Hubert. »Wenn die Herren erst heraushaben, 
wie gut sie tanzt, wird sie bestimmt nicht als 
Mauerblümchen das Fest verbringen. Ergo: Suchen wir uns 
ein schönes Kind, das wir beglücken können. Schau her, da 
naht die Dame mit dem feurigen Herzen wieder. Nun 
verpasse den Anschluß nicht, Langer! Stürze dich, sobald 
der nächste Tanz beginnt, mutig auf sie und suche zu 
ergründen, ob ihr Herz, das sie in der Brust trägt, von 

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warmem Blut durchpulst ist oder kaltglitzernd darin liegt, 
wie das auf der schmiegsamen Seide ihres Kleides. Oder 

wagst du dich an so viel stolze Schönheit nicht heran?« 
»Das wäre – «, lachte Edzard und verfolgte mit Interesse, 
wie die Unbekannte am Nebentisch Platz nahm. Horchte 
bei der warmen, melodischen Stimme auf. 
»Nun stärken Sie sich zuerst einmal, Herr Wanger; so ein 
Tanz ist für manchen so eine anstrengende Angelegenheit.« 
»Du, ein Ehepaar ist das nicht«, flüsterte Hubert dem 
Freund zu. »Sie spricht ihn mit Sie an.« 
Der Tanz war beendet, und die Paare kamen an ihre Plätze 
zurück. 
Die Kapelle spielte fleißig; denn bald klang ein neuer Tanz 
auf. Und schon stand Edzard am Nebentisch und verbeugte 

sich vor der Unbekannten, die ihm lächelnd in den Saal 
folgte. Dort legte er seinen Arm um ihre Mitte und führte 
sie mit der Sicherheit eines eleganten Tänzers. 
Schweigend sah er eine Weile nieder auf das schimmernde 
Haupt, bis sie es hob und ihn fragend ansah. Da begann er 
mit der gewiß nicht alltäglichen Unterhaltung: 
»Wissen Sie auch, gnädiges Fräulein, daß ich Sie seit zwölf 
Tagen sehnsüchtig gesucht habe?« 
»Zwölf Tage nur?« lächelte sie, während es in ihren Augen 
humorvoll aufblitzte. »Das ist eine kurze Zeit. Manche 
brauchen Jahre, um das zu finden, was sie suchen. Aber 
darf ich fragen, warum Sie ausgerechnet mich suchten – 

und was Sie bei mir zu finden hoffen?« 
»Ihr Herz.« 
Nun lachte sie amüsiert auf. 
»Mein Herz also. Bescheiden scheinen Sie gerade nicht zu 
sein, Herr…?« 
»Rittersreuth. Edzard Rittersreuth.« 
»Danke. Und ich heiße Andrea Müller. Warum sehen Sie 
mich so seltsam an? Gefällt Ihnen mein Name nicht? Er ist 
zwar nicht so klangvoll wie der Ihre, aber bestimmt so 
alt…« 
»Und so häufig, daß er ein wunderbares Inkognito gibt.« 

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»Sollte mir einfallen.« Sie schnitt eine allerliebste Grimasse. 
»Ich bin weder eine hochstehende Persönlichkeit, noch 

habe ich etwas zu verbergen, daß ich mich eines Inkognitos 
bedienen müßte.« 
»Also – Andrea Müller – «, sprach er weich, fast zärtlich vor 
sich hin. »Wie schön!« 
»Sehen Sie, das finde ich auch. Aber da Sie mich nun 
neugierig gemacht haben, müssen Sie mir auch sagen, 
warum Sie bei Ihrer sonderbaren Herzsuche ausgerechnet 
auf mich verfallen sind. Was also bewirkte den Anlaß?« 
»Das da – «, zeigte er mit den Augen auf das Rubinherz auf 
ihrer Brust und an das an ihrer Hand. 
»Nanu, sind Sie etwa Schmucksammler? Dann will ich 
Ihnen sagen, daß beide Herzen unverkäuflich sind.« 

Er kam zu keiner Antwort, da die Musik schwieg, mußte sie 
auch schuldig bleiben, während er Andrea zu ihrem Tisch 
führte. Denn die Paare hinter ihnen sprachen so lebhaft, 
daß er hätte schreien müssen, um sich verständlich zu 
machen. Und das, was er ihr zu sagen hatte, war wahrlich 
nicht für die andern bestimmt. 
So lieferte er sie mit höflicher Verbeugung bei ihrem 
Begleiter ab, der von der vorzüglichen Bowle schon blanke 
Augen hatte, nahm dann an seinem Tisch Platz, auf den 
Susann und Hubert Arm in Arm lossteuerten. 
»Hast du etwa mit deiner Frau getanzt?« fragte Edzard 
lachend. 

»Nur den Pflichttanz«, kam es vergnügt zurück. »Fortan 
sind wir gewillt, uns auf eigne Faust zu amüsieren.« 
»Sehr richtig – «, lärmte Herr Wanger, sein Glas dabei 
hebend. »Prosit, meine Herrschaften!« 
»Prosit!« klang es dreistimmig auf, wobei dem fidelen 
Herrn eifrig Bescheid getan wurde. Dann meinte Hubert 
harmlos: 
»Ist es nötig, daß wir uns per Distanz zuprosten müssen? 
Wenn die Dame und der Herr sich einfachhalber zu uns 
setzen würden, wäre es dann nicht gemütlicher?« 
»Mir schon – «, erwiderte Herr Wanger zögernd. »Ich weiß 

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nur nicht recht, ob das gnädige Fräulein damit 
einverstanden ist.« 

»Warum nicht – «, lächelte sie. »Wir sind doch aufgefordert 
worden, uns heute als Familie zu betrachten.« 
Also ging die Übersiedlung vor sich. Die Vorstellung war 
bald erledigt. Und da die fünf Menschen sich 
untereinander recht sympathisch waren, fanden sie gleich 
die passenden Worte, um das Fremdsein zu überbrücken. 
Kaum daß die Musik erneut aufklang, verbeugte sich 
Edzard wieder vor Fräulein Müller, während Herr Wanger 
das vor Susann tat. 
Edzard tanzte mit seiner Partnerin an ihnen vorüber. 
Vergnügt nickte Wanger ihnen zu. 
Susann dachte darüber nach, wie sie es wohl anstellen 

könnte, ihren Tänzer über Andrea Müller auszuhorchen. 
Denn in seiner Weinseligkeit würde er sicherlich das Herz 
auf der Zunge tragen. Und schon kam er ihr zur Hilfe. 
»Dieses Fräulein Andrea ist doch ganz was Blitzsauberes«, 
begeisterte er sich. »Ich bin ordentlich verliebt in sie.« 
»Vielleicht erwidert sie das Gefühl?« neckte Susann. 
»Um Himmels willen, gnädige Frau, ich bin ein alter 
Eheknüppel mit vier heranwachsenden Kindern.« 
»Kennen Sie Fräulein Müller schon lange?« forschte sie 
vorsichtig. 
»Erst seit zwei Tagen. Da ist kennen wohl zuviel gesagt. Wir 
speisen im Hotel an einem Tisch, an dem auch der Chef 

des Fräuleins seinen Platz hat.« 
»Dann ist Fräulein Müller berufstätig?« 
»Ja. Sie ist Sekretärin. Sie muß bei ihrem Gebieter gut 
angeschrieben sein, denn er kommt ihr stets mit Achtung 
entgegen. Er wollte sie auch heute auf das Fest begleiten, 
mußte jedoch eine unvorhergesehene Reise antreten. An 
der Mittagstafel sprach er Fräulein Müller sein Bedauern 
darüber aus. Aber ohne Begleitung könne sie unmöglich 
auf das Fest. Da bot ich mich als solche an. Na ja – und 
nun bin ich hier und amüsiere mich. Und wie ich 
feststellen kann, tut Andrea das auch. Ich bin ordentlich 

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stolz auf meinen Schützling.« 
»Können Sie auch, Herr Wanger. Einen so entzückenden 

Schützling hat nicht jeder aufzuweisen. Was die Dame für 
einen wundervollen Schmuck trägt. So etwas Apartes sah 
ich noch nie.« 
»Der ist bestimmt nicht echt«, meinte er treuherzig. »Wenn 
ihr Gehalt auch ganz anständig sein wird, aber für solch 
echten Schmuck reicht es denn doch nicht. Schon die 
Imitation kann nicht billig sein.« 
Sehr befriedigt war Susann und hielt Ausschau nach 
Andrea, die im Arm ihres eleganten Tänzers 
dahinschwebte. Zu gern hätte sie gewußt, was die beiden 
miteinander sprachen. 
Die beiden führten das Gespräch fort, das sie nach dem 

ersten Tanz abbrechen mußten. Kaum hatte Edzard den 
Arm um seine Partnerin gelegt, da sagte er: 
»Nein, ein Schmuckhändler bin ich nicht, gnädiges 
Fräulein. Trotzdem suche ich ein Herz – nichts weiter als 
ein Herz.« 
»Dunkel ist Ihrer Rede Sinn, mein Herr«, lächelte sie zu 
ihm auf. »Damit machen Sie meine Neugierde immer 
größer. Wollen Sie diesen dunklen Sinn nicht entwirren?« 
»Nein, gnädiges Fräulein – nicht hier. Denn die Entwirrung 
ist nicht so einfach. Braucht längere Zeit und einen anderen 
Ort als den Tanzsaal. Würden Sie mir daher ein 
Wiedersehen schenken? Sagen Sie bitte nicht nein.« 

Augenblick lang zögerte sie. 
»Bitte, gnädiges Fräulein.« 
»Nun gut. Es ist zwar nicht meine Art, mich mit 
Tanzbekanntschaften zu verabreden, aber diesmal werde 
ich eine Ausnahme machen. Morgen ist Sonntag, da geht es 
auch sehr gut. Sagen wir am Nachmittag, Treffpunkt vor 
diesem Lokal.« 
»Könnte es nicht schon am Vormittag sein?« 
»So lange brauchen Sie, um Ihre dunkle Rede zu 
entwirren?« fragte sie amüsiert. 
»Schön, sollen Sie Ihren Willen haben. Dann um elf Uhr, 

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zufrieden?« 
»Herzlichen Dank, gnädiges Fräulein.« Er lachte froh. »Und 

nun, da alles so wundervoll geklärt ist, wollen wir uns 
unbeschwert dem Tanz hingeben. Hören Sie, was die Geige 
singt? Ganz wie für uns geschaffen – « 
»Ich brauche dein Herz, um glücklich zu sein«, sang er ihr 
leise ins Ohr und sah mit Entzücken, wie ihr langsam die 
Röte ins Antlitz stieg. 
Noch einige Drehungen, dann war der Tanz zu Ende, und 
Edzard führte seine Partnerin an den Tisch zurück, wo 
Susann und Hubert auch soeben angelangt waren. 
»Fräulein Müller, Herr Wanger läßt sich vielmals 
entschuldigen«, bestellte erstere. »Er hat einen alten 
Bekannten getroffen, mit dem er das Wiedersehen begießen 

will. Er meinte, Sie wären bei uns so gut aufgehoben, daß 
sie ihn bestimmt nicht vermissen werden. Stimmt das?« 
»Auffallend – «, nickte Andrea lachend. »Ich gönne dem 
Herrn von Herzen die feuchtfröhliche Wiedersehensfeier.« 
Die Stunden eilten dahin wie im Fluge. Man war froh, 
amüsierte sich und gab sich eifrig dem Tanz hin, an dem 
Hubert nun auch Gefallen gefunden hatte. Susann, die 
natürlich keinen Tanz ausließ, hatte für jeden einen andern 
Partner – nur Edzard blieb Andrea treu. 
Die Gatten bemerkten das mit Vergnügen. Susann freute 
sich schon auf den Augenblick, da sie Edzard berichten 
konnte, was sie von Herrn Wanger gehört hatte. 

Hoffentlich wußte er es nicht bereits von Fräulein Müller 
selbst, das hätte ihr den ganzen Spaß verdorben. 
Aber Edzard dachte gar nicht daran, seine Partnerin nach 
persönlichen Dingen zu fragen. Man gab sich dem Tanz 
hin, ohne viel dabei zu sprechen. 
Leider gehen die schönen Stunden immer viel zu schnell 
vorbei. So kam denn auch die Zeit, wo man an den 
Aufbruch denken mußte. Als Wanger sich einfand, bat 
Andrea ihn, Schluß zu machen. 
»Aber natürlich, Andreachen«, lärmte er fidel. 
Als sie zu den Garderoben schritten, fragte Edzard das 

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Mädchen: 
»Werden Sie auch gut nach Hause kommen, gnädiges 

Fräulein? Ihr Begleiter ist alles andere als taktfest.« 
»Keine Angst«, gab sie lachend zurück. »Ich werde ihn gut 
und sicher heimgeleiten. Wir wohnen gegenüber im 
Hotel.« 
Auch die Syders und Edzard von Rittersreuth begaben sich 
nach Hause. Die kurze Strecke bis Harlerode war im Auto 
bald zurückgelegt. Als Edzard sogleich nach seinem 
Zimmer wollte, hielt Susann ihn zurück. 
»Bleib noch ein Viertelstündchen. Ich plaudere nach einem 
Fest immer noch so gern.« 
»Na schön, aber wirklich nur ein Viertelstündchen«, 
erklärte der Mann. Kaum daß sie Platz genommen hatten, 

platzte Susann heraus: 
»Ich weiß, wer die Dame mit dem leuchtendroten Herzen 
ist, Edzard. Du nicht?« 
»Eigentlich nein…« 
»Schau nur, Hubert, was er für hungrige Augen hat«, lachte 
sie hellauf. »Wollen wir ihn bis morgen zappeln lassen?« 
»I bewahre«, protestierte er. »Ich bin selbst neugierig.« 
Fast wörtlich gab Susann die Unterredung mit Herrn 
Wanger wieder und amüsierte sich dann über die 
verblüfften Gesichter der Herren. 
»Sekretärin ist sie also«, grübelte Hubert. »Na schön, das 
will ich glauben. Aber daß der Schmuck nicht echt sein soll 

– nein Kinder, das will mir nicht in den Kopf. Was meinst 
du dazu, Edzard? Du hast sie ja nebst Schmuck an dein 
Herz gedrückt, ihn daher dicht vor Augen gehabt.« 
»Der Schmuck ist echt.« 
»Du, es gibt vorzügliche Imitationen, die einem Laien nicht 
auffallen und gewiß nicht ganz billig sind«, tat Susann ihre 
Weisheit kund, doch er winkte nachlässig ab. 
»Wenn schon. Was hat der Schmuck überhaupt mit dem 
Mädchen zu tun? Mir nur recht, wenn er unecht wäre. Daß 
Fräulein Müller ein Mädchen ist, das ihren Lebensunterhalt 
verdienen muß, macht mich direkt froh. 

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Da brauche ich keine Hemmungen zu haben, mit meinem 
Anliegen herauszurücken. Denn ein Leben, wie sie es jetzt 

führt, kann ich ihr auch bieten. Dabei hätte sie es 
bequemer. Brauchte nichts weiter zu tun, als ihren kleinen 
Haushalt in Ordnung zu halten, wozu ich ihr sogar eine 
junge Kraft zur Verfügung stellen werde.« 
»Du bist tatsächlich entschlossen, um sie zu werben?« 
fragte Hubert unbehaglich. 
»Ja! Hoffentlich mag sie mich.« 
Sekundenlang war es sehr still, bis Susann leise fragte: 
»Sag mal, Edzard, ist dir dies Mädchen nicht zu schade für 
das – Spiel?« 
»Was heißt hier Spiel? Ich denke nicht daran, ein Spiel mit 
ihr zu treiben. Sie wird die volle Wahrheit erfahren.« 

»Na, Edzard, da sehe ich schwarz.« 
Hubert kratzte sich den Kopf. »Die sieht mir nicht danach 
aus, daß sie gewillt sein könnte, einem fremden Mann als 
Rachewerkzeug zu dienen. Muß diese Rache überhaupt 
sein – immer noch?« 
Des Freundes Antlitz wurde hart, in die Augen trat ein 
kaltes Glitzern. 
»Ja – sie muß sein -!« klirrte seine Stimme auf. »Glaubst du 
etwa, ich ließe ein so frevles Spiel mit mir treiben, ohne 
mich zu wehren? Busso würde mich mit seinem Hohn 
verfolgen mein Leben lang, außerdem mit meiner 
Niederlage überall herumhausieren – womit er bestimmt 

schon begonnen hat – und mich zum Gespött meiner 
Mitmenschen machen. Könnt ihr denn nicht verstehen, 
daß ich mich dagegen wehren muß?« 
»Hast recht«, nickte der Freund ernst. »Es war unüberlegt, 
was ich sagte.« 
»Aber sehr«, bekräftigte Susann. »Mit seiner Liebe spielen 
lassen, muß entsetzlich herabwürdigend sein.« 
»Bist ein kluges Kind«, lobte Hubert. »Was du da sagtest, ist 
auch meine Ansicht. Na, da wird Vera schön springen, 
wenn du plötzlich mit einer Braut anrückst, Edzard. Sie 
weiß ja nicht, daß du ihr Geschnäbel mit Busso 

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mitangesehen hast.« 
»Also«, nickte Edzard grimmig, »ich bin gezwungen, diese 

Braut nicht im Unklaren zu lassen.« 
»Na schön«, meinte Hubert friedfertig. 
»Und wann soll nun die Probe aufs Exempel beginnen?« 
»Heute vormittag. Ich bin verabredet.« 
»Erstaunlich! Jedenfalls wünsche ich dir den besten Erfolg. 
Wenn du sie fest hast, rufe an, damit wir hier zur 
Verlobung alles vorbereiten können.« 
Als Edzard bei der Stadthalle anlangte, lachte die Sonne 
vom blauen Himmel hernieder. Also hatte das Wetter sich 
ausgetobt und schickte sich an, dem Wonnemonat gerecht 
zu werden. 
Es war genau eine Minute vor elf, als er die Erwartete aus 

dem Portal des gegenüberliegenden Hotels treten sah. 
Dann stand sie vor ihm, mit ausgesuchter Eleganz 
gekleidet. Unter dem geöffneten hellen Mantel ein 
zartfarbenes Kleid, in dessen Spitzenfichu das Rubinherz 
funkelte und gleißte. Die schlichte Frisur, heute in 
ungekünstelten Locken zum Nacken niederfallend, gab 
dem Gesicht ein ganz anderes Gepräge als gestern das 
kleine Kunstwerk des Friseurs. Und da war auch das 
bezaubernde Lächeln wieder, mit dem sie ihm die Hand 
entgegenstreckte. 
»Guten Tag, gnädiges Fräulein. So pünktlich?« 
»Bin ich immer.« 

»Seltene Eigenschaft bei einer Dame. Was wollen wir nun 
beginnen? Uns ein Auto nehmen und in die Gegend 
fahren? Das Wetter ist ja verlockend genug.« 
»Ich möchte lieber eine gute Strecke langsam 
dahinschlendern.« 
»Das geschieht denn auch. Ich weiß ungefähr vier 
Kilometer von hier ein romantisch gelegenes Waldhaus, 
dicht an einem verträumten See. Was für Auge und Herz. 
Für den Magen ein vorzügliches Essen. Haben Sie Lust, 
dahin zu wandern?« 

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»Große sogar. Ich bin nämlich Naturschwärmerin, und 
gegen ein gutes Mahl habe ich nie etwas einzuwenden.« 

»Paßt ja großartig. Also dann – frischauf!« 
Während sie durch die belebten Straßen gingen, sprachen 
sie wenig und nur Nebensächliches. Erst als sie die lange 
Allee betraten, die rechts und links von Villen und ihren 
Vorgärten umsäumt war, erkundigte sich Edzard, ob sie mit 
ihrem nicht mehr taktfesten Begleiter das Hotel 
wohlbehalten erreicht hätte. Fröhlich lachte sie auf. 
»O ja, ich habe Herrn Wanger wohlbehalten an seiner 
Zimmertür abgeliefert. Ganz ohne weiteres ging das 
allerdings nicht vonstatten. Er machte mir eine glühende 
Liebeserklärung, wobei er mich in treuherzigster Weise 
ansang. Doch als ich heute den Frühstücksraum betrat, 

fand ich auf meinem Platz einige Rosen und ein Schreiben, 
in dem er mir mitteilte, daß er von seiner Firma 
telegraphisch abgerufen sei. Er bat um Entschuldigung für 
etwaige dumme Reden, deren er sich dunkel entsinnen 
könne.« 
Wieder lachte sie ihr herzhaftes Lachen, in das Edzard 
ergötzt einstimmte. Nach einer Weile lag vor ihnen ein Tal 
mit saftigen Wiesen, auf denen das Vieh friedlich graste. 
Mittendurch schlängelte sich ein Bach. Die roten 
Ziegeldächer der verstreuten Höfe leuchteten, die Fenster 
blinkten im Sonnenlicht. Weiter hinten zog sich herrlicher 
Mischwald hin. 

»Wollen wir den Wiesenpfad entlanggehen?« bat Andrea. 
»Ich weiß nicht, wo wir da hinkommen.« 
»Das ist doch ganz gleich. Bitte, Herr Rittersreuth.« 
Sie schlenderten vergnügt dahin, mitten durch die grüne 
Wiese. Es gab Drahtzäune zu durchkriegen. Gräben zu 
überspringen, was Andrea so erheiternd fand, daß sie 
immer wieder fröhlich lachte. 
Aber dann standen sie plötzlich vor dem See, der ihnen 
den Weg zum Walde abschnitt. Er war nicht sehr breit, aber 
dafür sehr langgestreckt. 

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»Ja, da müssen wir denn schon umkehren«, sagte Edzard 
bedauernd. »Wären wir den geraden Weg gewandert, wäre 

es uns besser ergangen.«

 

»Wie schade – « Andrea zog ein Mäulchen, das ihr 
allerliebst stand. »Müssen wir wirklich umkehren, Herr 
Rittersreuth? Es ist doch hier so schön.« 
»Wenn wir den See nicht durchschwimmen wollen… Halt, 
ich sehe einen Kahn.« Er zeigte nach dem Schilf, in dem ein 
Boot schaukelte. »Sicherlich gehört er zu dem Gehöft dort, 
von dem ein Mann auf uns zukommt. Den werde ich 
fragen, ob er uns nicht über den See rudern möchte.« 
Das tat er denn auch, als der Mann herangekommen war. 
»Der Kahn gehört mir schon«, meinte er bedächtig. »Aber 
mitkommen kann ich nicht. Vielleicht rudern die 

Herrschaften allein rüber…« 
»Natürlich – « Edzard war sofort einverstanden. »Nur, wie 
kommt das Boot wieder hierher zurück?« 
»Drüben am Waldrand wohnt mein Bruder, der sorgt 
schon dafür, daß alles in Ordnung geht.« 
»Das ist ja großartig. Ich mache den Kahn drüben fest und 
sage Ihrem Bruder Bescheid.« 
»Ist recht – «, nickte der Bauer, löste das Fahrzeug und 
bedankte sich erfreut für den Schein, den Edzard ihm in die 
Hand drückte. Der sprang ins Boot, half Andrea hinein, 
ergriff die Ruder, und fort ging es vergnügt und guter 
Dinge. 

Andrea saß Edzard gegenüber, den Rücken lässig gegen den 
Bug gelehnt. Ihre Augen strahlten. 
»O wie schön! So unbeschwert, frei und froh wie jetzt habe 
ich mich schon lange nicht gefühlt. Am liebsten möchte ich 
jauchzen wie ein übermütiges Kind.« 
»Tun Sie es«, lächelte Edzard. »Jedenfalls freue ich mich, 
daß ich mit dem Bummel in die Natur das Richtige 
getroffen habe. Wenn der Wettergott nicht so gnädig wäre, 
müßten wir uns jetzt in einem Lokal herumtreiben. 
Gräßlicher Gedanke!« 
»Der alte Herr meint es eben gut mit uns«, lachte sie. 

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»Wahrscheinlich sind wir beide recht artig gewesen, und 
das wonnevolle Wetter soll unsere Belohnung sein.« 

Langsam näherte sich das Boot dem Ufer. Schilfinseln 
tauchten auf. 
»Schauen Sie nur diese wundervollen Seerosen -!« rief 
Andrea plötzlich entzückt und zeigte nach der Stelle, wo es 
schneeweiß aufleuchtete. 
Er fuhr an die Schilfinsel heran, pflückte drei Rosen mit 
geübtem Griff und warf sie Andrea zu. 
»Danke – «, lachte sie ihn an, legte eine Blüte auf den 
Handteller und vertiefte sich in ihren Anblick. 
Edzard konnte seinen Blick nicht wenden von dem zarten 
Mädchengesicht, das nun einen ungemein verträumten, 
zärtlichen Ausdruck hatte. 

Er bewegte die Ruder langsam, um die Träumerin nicht zu 
stören. Erst als sie aufsah, tat er einige kräftige 
Ruderschläge, und schon stieß das Boot auf Land. 
»Oh, wir sind schon da?« fragte sie, sich erstaunt 
umwendend. »Das ist aber schnell gegangen. Eigentlich tut 
es mir leid – die Fahrt war wunderschön.« 
Edzard sprang an Land, hob Andrea aus dem Boot und 
wandte sich dann an den Jungen, der wie hergezaubert vor 
ihnen stand. 
»Na, mein Sohn. Wo kommst du denn so plötzlich her?« 
»Ich sah Sie kommen und will den Kahn festmachen. Er 
gehört meinem Onkel. Ich muß aufpassen, daß er nicht 

geklaut wird.« 
»Sehr liebenswürdig«, lachte Edzard. 
»Also, walte deines Amtes.« 
Er warf dem Jungen ein Geldstück zu, das dieser geschickt 
auffing. Dann schob er seine Hand unter Andreas Arm, was 
sie sich ruhig gefallen ließ. 
Sie trug die Rosen behutsam in den Händen, die sie zu 
einer Schale geformt hatte, und sah immer noch verträumt 
darauf nieder. Ganz unerwartet verhielt der Mann den 
Schritt, hob ein Stück frische, biegsame Birkenrinde auf, 
schnitt sie mit dem Taschenmesser zurecht, formte 

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geschickt daraus ein Körbchen, dessen Ecken er mit 
dünnen Reisern zusammen band. Dann rupfte er Moos 

vom Waldboden, tat es in das Körbchen und überreichte es 
Andrea, die dem allem mit großen Augen zugeschaut hatte. 
»Das ist ja goldig – «, freute sie sich wie ein beschenktes 
Kind. »Darin soll ich nun meine Rosen betten?« 
»Ja, dann tragen sie sich bequemer.« 
Die zarten Blüten wurden in ihr weiches Bettchen gelegt, 
dann konnte der Weg fortgesetzt werden. 
Doch schon in wenigen Minuten war das kleine Waldhaus 
erreicht, wo ihnen ein Hund knurrend entgegenkam. Dann 
ein Stutzen – und schon schoß er vor Freude jaulend auf 
Edzard zu, der ihn tätschelte. 
»Na siehst du, Max, bald hättest du mich nicht erkannt. Wo 

ist denn dein Frauchen?« 
»Hier – «, kam es lachend vom Gartentor, in dem eine 
wohlgenährte Frau stand. »Guten Tag, Herr Baron, das ist 
aber eine Freude. Und das ist wohl das Fräulein Braut?« 
»Noch nicht – «, schmunzelte Edzard, während Andrea 
heiß errötete. »Erst mal guten Tag, Muttchen Wallenbusch.« 
Er reichte ihr die Hand hin. Auch Andrea begrüßte die 
freundliche Frau mit Handschlag. 
»O die schönen Rosen«, rief sie und zeigte auf das 
Körbchen. »Und das Dingchen hat doch sicher der Herr 
Baron gemacht. Mir brachte er auch einmal so eines mit 
Walderdbeeren gefüllt…« 

»Als Dank dafür, daß Sie mir meine Hosen flickten, die ich 
im Wald zerrissen hatte«, ergänzte Edzard lachend. »Das 
waren noch Zeiten, Muttchen Wallebusch, was?« 
»O ja, Herr Baron. Da waren wir noch jung und knusprig. 
Sind die Herrschaften übern See gekommen?« 
»Ja – « 
»Dann werden Sie schön hungrig sein. Da muß ich sehen, 
daß ich etwas Extrafeines zusammenbringe.« 
»Die Arbeit dürfen Sie sich am Sonntag nicht machen«, 
wehrte Edzard. »Ist nicht noch etwas vom Mittag 
übriggeblieben?« 

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»Das schon, aber ich kann doch den Herrschaften keine 
Reste anbieten…« 

»Warum nicht? Wenn sie gut sind. Was hat’s gegeben?« 
»Kalbsbraten mit jungem Salat und Pudding. Am Sonntag 
leben wir immer üppig.« 
»Dann her damit, Muttchen Wallebusch! Wir suchen indes 
meinen Stammplatz auf.« 
Schon war sie fort, und Edzard sah ihr lächelnd nach. 
»Immer noch die alte, immer noch so flink und beweglich, 
wie ich sie vor zwanzig Jahren kennenlernte. Damals war 
sie noch eine ganz junge Frau, aber schon urgemütlich und 
fidel.« 
»So lange kennen Sie die gute Frau schon?« fragte Andrea 
interessiert. 

»Ja. Sie war die mutige Verteidigerin all meiner 
Knabenstreiche. Hat mich so manches liebe Mal 
abgeschrubbt, um mir die Hiebe von Onkelhand zu 
ersparen. Und auch manches liebe Mal habe ich mir an 
den Leckerbissen, die sie für mich bereithielt, den Magen 
verdorben.« 
Während er das erzählte, hatte er Andrea in den kleinen 
Garten geführt. An den Bäumen und Sträuchern prangten 
die Fliederdolden, vom hellsten bis zum dunkelsten Lila. 
Und in einer besonders schönen Fliederhecke standen ein 
Tisch und zwei Korbsessel. 
»Ist dieses Ihr Stammplatz?« fragte Andrea. 

»Ja. Hier habe ich oft meine Schularbeiten gemacht, 
verbotene Lektüre verschlungen, gespielt, geweint und 
gelacht. Immer treu behütet von Muttchen Wallebusch.« 
Gleich nachdem sie Platz genommen, kam ein junges 
Mädchen herbei, das übers ganze Gesicht strahlte. 
»Guten Tag, Tülle -!« rief Edzard ihr lachend entgegen. 
»Wie geht’s? Immer noch das Leben frisch?« 
»Guten Tag, Herr Baron. Natürlich ist das Leben frisch, 
hauptsächlich bei dem schönen Mai wetter.« 
»Was macht der Schatz?« 
»Aber, Herr Baron, ich hab doch gar keinen.« 

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»Dann wird’s aber Zeit, Tullchen. Hübsch genug bist du, 
um dir einen anzulachen.« 

Währenddem hatte das Mädchen eine blütenzarte Decke 
über den Tisch gebreitet und eine Vase mit Flieder darauf 
gestellt. Dann eilte es leichtfüßig davon. 
»Ein hübsches Mädchen ist die kleine Else geworden«, sagte 
Edzard vergnügt. »Wie das alles so heranwächst, kaum zu 
glauben. Als ich sie das erste Mal sah, lag sie noch in der 
Wiege. Unsere Freundschaft begann damit, daß sie mir, als 
ich mich zu ihr neigte, mit ihren flinken Fingerlein das 
Gesicht zerkratzte.« 
Andrea mußte hellauf lachen, und Muttchen Wallebusch, 
das mit einem vollgepackten Tablett anrückte, lachte 
herzlich mit. 

»So – da habe ich hier schnell was geschmort, hoffentlich 
wird es schmecken.« 
Damit stellte sie wohlgefüllte Schüsseln mit Fleisch, Salat, 
Kartoffeln, Soße, Pudding und zwei Flaschen Bier auf den 
Tisch. 
»Erbarmen Sie sich, Muttchen Wallebusch, das alles sollen 
wir essen -?« 
»Warum nicht? Ein junger Magen kann viel vertragen. 
Hauptsächlich nach einer Kahnfahrt auf dem See. Wie geht 
es auf Reuth, was macht die liebe Tante Natchen?« 
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Muttchen Wallebusch«, 
entgegnete Edzard, indem er Andrea den Teller vollpackte 

und sich dann selbst versorgte. »Ich bin nämlich seit zwei 
Wochen von Reuth fort.« – »Ach, du liebe Güte, warum 
denn?« 
»Krach mit dem Onkel, der diesmal zum Bruch führte. 
Übermorgen trete ich meine Inspektorstelle in Ritters an.« 
Frau Wallebusch mußte sich auf einen Gartenstuhl setzen, 
so sehr zitterten ihr die Beine. Nun legte sich ihr gutes 
Vollmondgesicht in grimmige Falten. 
»Ich lasse mich hängen, wenn da nicht wieder dieser 
Schleicher Busso dahintersteckt!« erboste sie sich. 
»Sie brauchen nicht nach dem Strick zu greifen«, lachte 

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Edzard. »Ihre Annahme stimmt.« 
»Na, so ein Scheusal! Aber lassen Sie man, Herr Baron, 

unser Herrgott sieht sich das nicht mehr lange mit an. 
Wenn Sie noch lachen können, dann hat sie das alles ja 
nicht so arg mitgenommen. Und nach Ritters gehen Sie? 
Gut so, das wird den Onkel wurmen! 
Aber nun werde ich gehen, damit die Herrschaften in Ruhe 
essen können. Gleich bringe ich die beiden Schaukelstühle 
her, dann wird ein Mittagsschläfchen gehalten unter dem 
blühenden Flieder. Nachher gibt’s Kaffee.« 
»Max, willst du wohl -!« wollte sie den Hund verscheuchen, 
der sich in den Garten geschlichen hatte und nun den Kopf 
zutraulich auf Andreas Schoß legte. 
»Lassen Sie ihn nur«, legte diese ein gutes Wort für ihn ein. 

»Er spürt, daß ich Hunde gern mag. Überhaupt alle Tiere.« 
»Dann sind Sie auch ein guter Mensch, Fräuleinchen«, 
nickte Frau Wallebusch zufrieden, ließ den Hund, wo er 
war, und eilte davon. 
»Das ist ja ein ganz goldiges Muttchen«, sagte Andrea 
entzückt. »Das könnte ich direkt liebhaben.« 
Unwillkürlich mußte Edzard daran denken, wie er einmal 
mit Vera hergekommen war und wie sie über das ganze 
Milieu hier die Nase gekraust, die freundlichen Menschen 
herablassend behandelt und den Hund aus Angst um ihre 
elegante Toilette verscheucht hatte. 
Sein Antlitz verfinsterte sich. Er aß schnell seinen Teller 

leer, bot Andrea, die sich gesättigt in den Sessel 
zurücklehnte, eine Zigarette an, reichte ihr Feuer und 
versorgte sich dann selbst. 
»Nanu, Baron, was hat Ihnen denn so plötzlich den Appetit 
verdorben?« fragte sie verwundert, und da lachte er bitter 
auf. 
»Unerquickliche Gedanken, gnädiges Fräulein. Ich könnte 
mich ohrfeigen, daß ich mit dem, was mir Herz und Seele 
vergiftet, nicht fertig werden kann.« 
»Dafür muß es doch ein Gegenmittel geben.« 
»Das gibt es«, nickte er ihr da herzlich zu. »Und das sollen 

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Sie mir verabfolgen.« 
»Ich -? Was habe ich denn damit zu tun – « 

»Mehr als Sie ahnen…« 
Weiter konnte er nicht sprechen, weil Mutter und Tochter 
mit den Schaukelstühlen anrückten. Andrea belegte den 
ihren sofort mit Beschlag, sagte dann so recht aus 
Herzensgrund: 
»O Muttchen Wallebusch, wie schön ist es doch bei 
Ihnen!« 
Edzard lachte fröhlich auf. Das liebe Muttchen war so stolz, 
als hätte es einen Orden bekommen, und ging tief 
befriedigt davon. 
Edzard nahm nun auch seinen Schaukelstuhl ein. Sie 
wiegten sich hin und her, ließen ihre Blicke über die bunte 

Blütenpracht schweifen und genossen dieses 
Ruhestündchen aus vollem Herzen. 
Nach langen Minuten fragte der Mann leise: 
»Finden Sie die Menschen hier auch vulgär, gnädiges 
Fräulein?« 
Langsam wandte Andrea ihm den Kopf zu und sah ihn 
befremdet an. 
»Welch ein häßliches Wort, Baron, mitten in dieser 
herrlichen Umgebung. Wie kann man Menschen wie 
Muttchen Wallebusch als vulgär bezeichnen?« 
Da ergriff Edzard die zarte Hand und führte sie stumm an 
die Lippen. Dann schwiegen sie wieder. Horchten auf, als 

eine warme Männerstimme durch das geöffnete Fenster des 
Hauses zu ihnen drang. Sie sang ein altes, schlichtes Lied, 
nicht sentimental, sondern einfach und herzgewinnend. 
»Ich steh so gern vor deiner Hütte, im gold’nen 
Abendsonnenschein. 
Erblick in dunkler Waldesmitte dein rebumranktes 
Fensterlein. 
Sieh diese Pracht von Fliederbäumen, ich bring’ sie dir, du 
schönste der Frau’n, an deinem Herzen laß mich träumen, 
o gönne mir den Frühlingstraum…« 
Dann war es still. Andrea lag regungslos, den offenen. Blick 

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zum Himmel gerichtet. Dann fielen die Lider darüber, der 
Kopf neigte sich zur Seite, tiefe Atemzüge verrieten, daß sie 

eingeschlafen war. Greifbar nahe war dem Mann das zarte 
Antlitz. 
Wie schön sie ist, dachte er bewegt. Von einer klaren, 
ungekünstelten Schönheit. Herb und süß zugleich. 
Hatte er das Recht, ein so bezauberndes Menschenkind aus 
Rachedurst an sich zu binden, ein frevles Spiel mit ihm zu 
treiben? 
Was wußte er überhaupt von dem Mädchen? Nichts weiter, 
als daß es Andrea Müller hieß, Sekretärin und bezaubernd 
schön war, außerdem stolz abweisend und herzfroh sein 
konnte. Das war alles. 
So grübelte er, den Blick auf Andrea gerichtet. Bei einer 

Bewegung glitt das Rubinherz von der Brust und zeigte nun 
die Rückseite aus schwerem Gold mit winziger Gravierung 
darin. Wie gebannt schaute er auf die blanke Fläche. 
Er schrak zusammen, als der Hund Max, der 
zusammengerollt zu seinen Füßen lag, plötzlich anschlug 
und so auch Andrea aus ihrem Schlummer riß. Noch 
traumumfangen setzte sie sich auf, lachte verlegen. 
»Da habe ich doch tatsächlich fest geschlafen. Daß ich so 
müde werden konnte, macht die halbdurchtanzte Nacht 
und der Aufenthalt in der herben Waldluft. Entschuldigen 
Sie, Baron.« 
»Da gibt es doch nichts zu entschuldigen, gnädiges 

Fräulein. Schauen Sie, da kommt Muttchen Wallebusch 
bereits mit dem Kaffeegeschirr.« 
»Kann ich mich hier irgendwo ein wenig frisch machen?« 
fragte Andrea. »Ich habe ein unbezwingliches Verlangen 
danach.« 
»Kommen Sie nach dem Fremdenstübchen, da können Sie 
planschen nach Herzenslust. Und der Herr Baron sollte ein 
Gleiches tun.« 
»Wird gemacht, Muttchen Wallebusch.« Edzard sprang auf. 
»Ich werde die Waschstube aufsuchen, in der Sie mich oft 
abgeschrubbt haben.« 

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Geschäftig führte sie Andrea in die kleine Oberstube, sorgte 
für Wasser nebst Handtuch und Seife und lachte das 

Mädchen freundlich an. 
»So, Fräuleinchen, jetzt können Sie sich frisch machen. 
Wissen Sie, mir lachte das Herz im Leibe, als ich Sie mit 
unserm Edzardchen ankommen sah. Sie gefielen mir gleich 
auf den ersten Blick«, gestand sie treuherzig. »Er scheint viel 
von Ihnen zu halten, weil er Sie hierher brachte. Mit seinen 
Liebschaften, die ein Mann vor der Ehe ja immer hat, 
hauptsächlich wenn er so aussieht wie der Edzard, dem die 
Mädchen förmlich nachlaufen – na ja, mit denen hat er 
sich nicht hergetraut. 
Bloß eine brachte er einmal mit, das soll ja aber auch so 
ein Stück Braut von ihm gewesen sein. Du meine Zeit, war 

das eine Prise! Tat sehr vornehm, rümpfte über alles hier 
die Nase. Und den Hund hat sie behandelt; daß Gott 
erbarm! Wer schon für Tierzeug nichts übrig hat, an dem 
ist nicht viel dran. Ich habe mir richtige Sorgen gemacht, 
daß unser Edzard die heiraten könnte. 
Aber jetzt hat sie ja den Busso, soviel ich hörte. Dem gönne 
ich sie. Das ist vielleicht ein Schubbejack, Fräuleinchen! 
Der kann sich beim Onkel so richtig Liebkind machen. 
Ewig gehetzt und gepetzt hat er über seinen Bruder. Der 
alte Baron glaubte ihm alles aufs Wort, hat den armen 
Edzard getriezt sein Leben lang. Und zwar, damit der 
Schubbejack alles erbt und der arme Jung’ hier leer ausgeht. 

Was der Busso für einer ist, will ich Ihnen erzählen. Dem 
steckte schon als Jung’ der Teufel im Leib, aber getan hat er 
wie ein Engel. Der Edzard sollte gar nicht hierher kommen, 
das wollte der alte Baron nicht haben, weil wir bloß eine 
Waldhüterfamilie aus seinem Wald sind. Aber der Jung’ 
kam doch, weil er hier Herzen fand. So oft der Busso ihn 
hier ertappte, ging die Petzerei beim Onkel los. Seitdem 
habe ich aufgepaßt wie ein Luchs. 
Aber einmal erwischte er ihn denn doch wieder und 
pöbelte ihn an. Das hörte meine Else, die damals drei Jahre 
alt war. Die wollte dem Edzardchen beistehen, dem sie so 

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gut ist. Und was tat der Busso? Der schlug ihr ins Gesicht, 
daß Blut aus der Nase kam. Aber da hätten Sie unsern 

Edzard sehen sollen. Der wurde weiß wie die gekalkte 
Wand, holte aus und gab dem Busso eins vor die Stirn, daß 
er gleich überkippte. So hat er meine Else verteidigt, 
obgleich er dafür von dem Onkel furchtbare Prügel bekam. 
Aber du liebe Zeit, nun verplappere ich mich hier, und 
unten wird der Kaffee kalt. Machen Sie sich man schön, 
Fräuleinchen, ich muß jetzt gehen.« 
Als Andrea in den Garten kam, wartete Edzard schon dort. 
Hinterher erschien dann auch die Hausfrau, die außer 
einem extraguten Kaffee einen hochgetürmten Teller mit 
goldgelben Waffeln brachte. 
Nachher plauderte sie noch mit den Gästen, bis es Zeit für 

diese würde, aufzubrechen. 
Edzard hatte dann noch einen Kampf mit der Betreuerin zu 
bestehen, die den Schein, den er ihr in die Schürzentasche 
steckte, durchaus nicht nehmen wollte. Erst als er ernstlich 
böse wurde, gab sie kleinlaut nach. Und als Andrea ihr mit 
ihrem bezaubernden Lächeln die Hand reichte, dabei 
beteuernd, wie köstlich alles geschmeckt und wie sie sich 
wohl gefühlt hätte, da strahlte das gute Vollmondgesicht. 
Sie wurde jedoch ernst, als Edzard sich nach Else 
erkundigte, von der er sich verabschieden wollte. 
»Die ist wieder bei ihrem Jäger«, seufzte sie bedrückt. »An 
dem hat sie nun mal ihren Narren gefressen, ebenso wie er 

an ihr. Er ist ja auch ein anständiger Mensch. Aber bis er 
ans Heiraten denken kann, sind die beiden alt und grau. 
Der Förster, bei dem er arbeitet, nutzt ihn so richtig aus. 
Der ist überhaupt nicht ehrlich, doch man kann ja nichts 
sagen, weil einem die Stelle hier lieb ist. Elses Schatz, der 
Barleit, versteht viel mehr als der Förster. Ihm fehlt bloß 
noch eine Prüfung, damit er selber Förster werden kann, 
und bestimmt ein guter. Dazu fehlt dem Jungen leider das 
Geld. Sein Vater ist Waldhüter mit sieben Kindern.« 
»Zu welchem Gut gehört die Försterei?« fragte Edzard. 
»Zu Ritters.« 

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»Da wundere ich mich, daß der Verwalter mit dem Förster 
zufrieden ist.« 

»Ist er bestimmt nicht, Herr Baron. Dem kann keiner so 
leicht was vormachen, der sieht dem Menschen durch die 
Kleider ins Herz. Der wartet bloß ab, bis er dem aalglatten 
Kerl was Bestimmtes nachweisen kann, dann macht er 
kurzen Prozeß. Aber davon hätte der Jung’ ja auch nichts«, 
schloß sie betrübt. 
Edzard streichelte ihr die Wange. 
»Lassen Sie man, Muttchen Wallebusch. Kommt Zeit, 
kommt Rat. Grüßen Sie die Tülle schön, sie soll ihr 
Köpfchen nicht hängen lassen.« 
Damit brachen die Gäste auf. 
Andrea hatte das Körbchen mit den Seerosen nicht 

vergessen und trug es vorsichtig in den Händen. Es war 
eine Wonne, durch den Wald zu schreiten, in dem die 
Laubbäume sich mit zarten Blättern und die Tannen mit 
zartgrünen Trieben frühlingsgemäß geschmückt hatten. 
Die beiden sprachen nur wenig, um die schöne Stimmung 
so recht genießen zu können. 
Edzard war jetzt niedergedrückt, was Andrea nicht entging. 
Immer wieder musterte sie sein Gesicht verstohlen, bis sie 
dann leise fragte: 
»Ist Ihnen nicht wohl, Baron? Wollen wir uns ein Weilchen 
auf diese Bank setzen?« 
»Ja – «, atmete er auf. Nachdem sie Platz genommen, 

schloß Edzard die Augen, lehnte sich gegen die Banklehne 
und verschränkte die Arme über der Brust. 
Still saß Andrea neben ihm und sah bang in das vornehme, 
rassige Männerantlitz, über das ab und zu ein nervöses 
Zucken lief. 
Die Sonne stand schon tief am Horizont, überflutete wie 
als letzten Gruß die Wipfel der hohen Bäume mit ihrem 
goldenen Schein. Die Vögel jubilierten nicht mehr so hell, 
ihre Stimmen klangen schon verträumt. Hin und wieder 
schrie bereits ein Käuzchen dazwischen. Von der Stadt her 
drang das Getöse deutlich bis zu dem stillen Plätzchen 

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hier. 
Und plötzlich fing der Mann an zu sprechen, monoton – 

als führe er ein Selbstgespräch. Mit dem Tage begann er, da 
er in das Haus des Onkels gekommen. 
Andrea bekam alles zu hören, restlos alles, 
wahrheitsgemäß, klar und sachlich. Reglos saß sie da, die 
Arme seitlich über die Banklehne gestreckt. Sie rührte sich 
auch nicht, als Edzard den Kopf nach ihr wandte. 
»Gnädiges Fräulein, haben Sie mir eigentlich zugehört?« 
fragte er leise. 
»Ganz genau, Baron – Wort für Wort.« 
»Und auch alles begriffen?« 
»Nur zu gut.« 
»Dann will ich noch einmal wiederholen, was ich zu 

meinem Freund sagte: Meine Frau braucht nicht schön zu 
sein, nicht reich und nicht klug. Nur ein Herz muß sie 
haben – nichts weiter als ein Herz.« 
»Das ist sehr viel, Baron – eigentlich alles.« 
»Dann verstehen Sie mich nicht – und nicht meinen 
Wunsch nach Vergeltung?« 
»Doch, Baron, weil ich mich in derselben Lage befinde wie 
Sie.« 
Nun fuhr er auf. 
»Aber dann müssen wir uns doch zusammentun. Wollen 
Sie das?« 
»Nicht jetzt – «, erhob sie sich hastig. 

»Ich muß erst mit mir ins reine kommen. Denn es ist ja 
keine Kleinigkeit, die Sie von mir verlangen.« 
»Wann werden Sie mir Ihren Entschluß mitteilen können, 
gnädiges Fräulein?« 
»Morgen früh, Baron. Mittags muß ich abreisen.« 
Während sie nun rasch der Stadt zuschritten, wurde kein 
Wort mehr gesprochen. Erst als Edzard sich im Vestibül des 
Hotels über ihre Hand neigte, fragte er leise: »Wann darf 
ich Sie morgen hier erwarten?« 
»Morgen um neun Uhr.« 
Damit ging sie die Treppe hinauf. Edzard bestellte beim 

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Portier ein Zimmer und rief dann Harlerode an, wo das 
Stubenmädchen das Gespräch in Empfang nahm. Sie sollte 

der Herrschaft bestellen, daß er im Hotel übernachten 
würde. 
Pünktlich um neun Uhr fand Andrea sich in der Hotelhalle 
ein, wo Edzard bereits auf sie wartete. 
Verstohlen ging sein Blick über sie hin. Nichts mehr 
erinnerte an das fröhliche, unbeschwerte Menschenkind, 
das sie gestern gewesen. Das zarte Antlitz hatte einen direkt 
hochmütigen Ausdruck. Ebenso hochmütig klang es, als sie 
sagte: 
»Hier kann man wohl kaum ungestört sprechen. Daher 
mache ich den Vorschlag, uns einen Platz woanders zu 
suchen.« 

»Das Wetter ist heute nicht so schön wie gestern, gnädiges 
Fräulein.« 
»Das macht nichts, ich habe mich danach angezogen.« 
Sie trug ein tadellos gearbeitetes Kostüm, welches das 
Vornehme ihrer Erscheinung so recht zur Geltung brachte. 
Und Edzard schoß es durch den Sinn, daß an der 
ausgesucht eleganten Kleidung gemessen, ihr Gehalt doch 
recht hoch sein müsse. 
Sie traten auf die Straße und schlugen den Weg ein, den sie 
gestern gegangen. So waren sie bald im Wald angelangt, der 
düster und geheimnisvoll vor ihnen lag. An der ersten Bank 
machten sie halt. 

»So, hier sind wir ungestört«, sagte Andrea und nahm Platz. 
Edzard setzte sich neben sie und wartete mit 
hartklopfendem Herzen der Dinge, die da kommen sollten. 
Und schon begann sie sachlich und kühl: 
»Wie ich Ihnen versprach, Baron, habe ich mir Ihr 
Anerbieten reiflich überlegt. Übrigens hätte ich es gestern 
schon kurzweg abgeschlagen, wenn Sie geheuchelt und mir 
Liebe auf den ersten Blick vorgetäuscht hätten. Ihr Mut zur 
Wahrheit hat mir jedoch Hochachtung abgenötigt. Wenn 
ich nun Ihr Anerbieten annehme, Baron… 
Halt -!« unterbrach sie sich, als er nach ihren Händen 

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greifen wollte. »Ich bin noch nicht zu Ende. Also, wenn ich 
Ihr Anerbieten annehme, dann trägt viel dazu bei, was ich 

gestern von Frau Wallebusch hörte. Es gibt mir die Gewähr, 
daß ich es mit einem Ehrenmann zu tun habe. Die Frau 
sprach in so warmen, rührenden Worten von Ihnen, die 
mich überzeugten, daß Sie ein guter Mensch sind. Dann 
sah ich Ihre herzliche Freundschaft mit Frau und Herrn 
Syder, die mir so gut gefallen. Daß diese Menschen Ihnen 
innig zugetan sind, spricht ebenfalls für Sie. 
Doch nun zuerst einmal die Frage: Wie denken Sie sich 
unsere – Ehe? Soll sie wirklich eine werden?« 
Edzard stieg das Blut in die Schläfen; abwehrend hob er die 
Hände. 
»Um Gott, gnädiges Fräulein – so gewissenlos bin ich 

nicht…« 
»Danke, das genügt mir. So offen wie Sie gestern zu mir 
waren, so offen will ich heute zu Ihnen sein. Es ist nicht 
einfach für mich, unter den vorliegenden Verhältnissen 
Ihre Frau zu werden – und sei es auch nur dem Namen 
nach. Dazu gehört wirklich ein großmütiges, verstehendes 
Herz. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, Ihren Herrn Onkel 
und Ihren Bruder Busso gleichfalls nicht. Aber ich kann mir 
nicht denken, daß ersterer so sehr mit Blindheit geschlagen 
sein soll, daß er nicht doch eines Tages hinter den wahren 
Charakter seines Neffen Busso kommen sollte. Dann wird 
er Ihren Wert um so mehr erkennen, wird Ihnen unlösliche 

Rechte auf Reuth geben. Und dann – was wird dann aus 
mir? Dann wird der Groll, den Sie jetzt gegen Fräulein von 
Kardas haben, sich bestimmt legen. Sie werden zum 
Verzeihen bereit sein. Sie werden alles vergessen. Und ich? 
Ich kann die Worte zitieren: >Der Mohr hat seine 
Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen<. Das würde mir 
nichts weiter ausmachen, wenn ich als guter Kamerad 
neben Ihnen gelebt hätte… Aber als Ihre wirkliche Frau -? 
Ist es Ihnen vielleicht möglich, sich in meine Lage zu 
versetzen, Baron?« 
Blaß bis in die Lippen war Edzard ihren Worten gefolgt. 

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»Gnädiges Fräulein – «, sprach er langsam und hart betont. 
»In dem Punkt scheinen Sie meine Worte falsch aufgefaßt 

zu haben. Ich habe gesagt, daß ich die Frau, die ich unter 
so ungewöhnlichen Umständen an mich binde, in der Ehe 
erst charakterlich kennenlernen will. Wenn ich das bei 
Ihnen finde, was ich ersehne nichts weiter als ein Herz –, 
dann werde ich Ihnen das meine bestimmt nicht 
verschließen – und in einer glücklichen Ehe glücklich sein.« 
»Das ist gut«, atmete sie befreit auf. »So mache ich den 
Vorschlag, eine Probezeit zu vereinbaren, sagen wir auf ein 
halbes Jahr. Finden wir bis dahin nicht das, was wir beide 
untereinander suchen, dann trennen wir uns in aller Güte. 
Noch ist es Zeit, noch können Sie Ihr Anerbieten 
rückgängig machen, Baron – «, warnte sie. Doch da wurde 

sein Antlitz hart. 
»Nein, das tue ich auf keinen Fall – jetzt nicht mehr.« 
»Baron, Sie wissen von mir nichts mehr als meinen 
Namen…« 
»Das ist mir gleichgültig«, beharrte er. »Ich habe ja ein 
halbes Jahr Zeit, um alles Weitere zu ergründen. Mit 
welchem Tag soll die Probezeit beginnen?« 
»Mit dem Hochzeitstag«, lächelte sie. »Aber ich will 
großmütig sein und bereits heute einen festen Termin 
bestimmen und zwar Silvester. Dann sprechen wir uns aus 
– und wenn wir uns gegenseitig enttäuscht haben, trennen 
wir uns am ersten Tag des neuen Jahres in aller Güte.« 

»Hm – heute haben wir den vierzehnten Mai – das wären 
also noch siebeneinhalb Monate. Na schön, sollen Sie 
Ihren Willen haben«, meinte er leise. Froh klang das 
allerdings nicht. Und als er dann fragte: 
»Haben Sie nun meinen Antrag angenommen oder nicht?« 
da lachte sie wieder ihr herzfrohes Lachen. »Ich glaube ja. 
Doch am Ende tut es Ihnen leid?« 
»Das wäre -!« lachte er nun auch, griff in die Rocktasche 
und förderte ein kleines Etui daraus hervor, das er 
aufspringen ließ. Ein schwergoldener Wappenring funkelte 
auf. 

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»Ihr Verlobungsring, Andrea. Und das ist das Gegenstück 
dazu.« Er zeigte auf seinen Finger der Linken, auf dem der 

gleiche Reif glänzte. 
»Es sind die Ringe meiner Eltern, die laut Testament mir 
zufielen, weil ich ihr Lieblingssohn war. Bitte Ihren Finger.« 
Ohne Ziererei reichte sie diesen ihm hin. Und nachdem er 
den Ring daraufgeschoben, drückte er seine Lippen fest auf 
ihre Hand. 
»So, Andrea, jetzt bist du meine Braut. Versprechen will ich 
dir nichts – « 
»Ist auch nicht nötig«, wehrte sie errötend ab. »Ich verstehe 
mich schon zu wehren – darauf können Sie sich verlassen.« 
»Sie - Andrea?« 
»Meinetwegen auch – du.« 

»Wie gnädig«, spottete er. »Ein bißchen mehr 
Freundlichkeit hätte ich wohl verdient – da heute nämlich 
mein Geburtstag ist.« 
»Wie schön das paßt-!« lachte sie hellauf. »Da muß ich 
wohl allerherzlichst gratulieren und dir Glück wünschen. 
Wie alt wird denn mein Herr Bräutigam?« 
»Andrea, ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß 
ich in gewissen Dingen keinen Spott vertrage – « 
»Ich spotte nicht, Edzard, ich freue mich, daß deine 
Verlobung auf deinen Geburtstag fällt. Und da nun alles so 
schön geklärt ist, müssen wir an den Rückweg denken. 
Zwischen eins und zwei fährt nämlich mein Zug.« 

»So bald schon?« entgegnete er erschrocken. 
»Da haben wir ja nur noch knappe zwei Stunden Zeit. Muß 
es sein, daß du ausgerechnet heute fährst?« 
»Ja – «, erwiderte sie fest. »Mein Chef erwartet mich.« 
»Wann wirst du dein Dienstverhältnis lösen?« 
»Morgen, am Fünfzehnten.« 
Sie gingen nun rasch zur Stadt zurück. Es war später 
geworden, als sie angenommen hatte. Nun mußte sie sich 
beeilen, um zum Zug zurechtzukommen. 
Edzard brachte sie zur Bahn und besorgte noch schnell 
Süßigkeiten nebst Zeitschriften, die er ihr durch das 

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Wagenfenster reichte. Rasch gab er ihr noch seine Adresse. 
»Damit du an mich schreiben kannst.« Er erhaschte noch 

ein süßes Lächeln dann war sie seinen Augen 
entschwunden. 
Während er dem Bahnausgang zuschritt, fiel ihm ein, daß 
er in der Eile ganz vergessen hatte, wohin sie eigentlich 
fuhr. 
Als Edzard von Rittersreuth in Harlerode ankam, waren die 
Freunde verwirrt. 
»Was, Edzard, du kommst allein?« fragte Susann 
enttäuscht. »Hat es mit der Verlobung nicht geklappt?« 
»Doch, aber Andrea mußte abreisen, weil ihr Chef sie 
erwartete.« 
»Wie schade. Wohin ist sie gefahren?« 

»Das weiß ich nicht, Susann.« 
»Das weißt du nicht -?« fragte sie entsetzt, während Hubert 
schallend lachte. »Großer Gott, was bist du für ein 
seltsamer Bräutigam!« 
»Das kann man wohl sagen – «, bekräftigte der Gatte. »Hat 
sie es dir denn nicht gesagt?« 
»Nein. Und ich habe in der Eile vergessen, sie danach zu 
fragen.« 
»Mir schwant, daß sie dich ein bißchen an der Nase 
herumgeführt hat«, murmelte Hubert. 
»Laß ihn in Ruhe!« gebot Susann energisch. »Siehst du 
denn nicht, wie blaß er ist? Komm, Edzard, trinke zuerst 

einmal eine Tasse Kaffee, dann wird dir gleich wohler 
werden.« 
Das tat er. Und nachdem er noch einen Schnaps intus 
hatte, begann sich seine Verstimmung langsam zu legen. 
Kurz schilderte er, wie Andrea seine Werbung 
aufgenommen, verschwieg jedoch, welche Bedingung sie 
gestellt hatte. 
»Na also, dann ist ja alles in Butter«, der Freund nickte 
zufrieden. »Wo hast du dich eigentlich gestern so lange 
herumgetrieben, daß du nicht mehr herkommen 
konntest?« 

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Er erzählte, wie sie nach ihrem Spaziergang bei Muttchen 
Wallebusch gelandet waren. Wie er erst auf dem Rückweg 

dazu kommen konnte, Andrea sein Anliegen zu 
unterbreiten, und wie sie sich Bedenkzeit ausgebeten hatte. 
»Hm – «, schmunzelte Hubert. »Wie alt ist sie eigentlich?« 
»Zweiundzwanzig.« 
»Gutes Heiratsalter. Bei wem ist sie angestellt?« 
»Weiß ich nicht.« 
»So, so. Dann weißt du von deiner Braut nur, daß sie 
Andrea Müller heißt und bei irgendeinem Herrn als 
Sekretärin angestellt ist?« 
»Genügt mir für meinen Zweck vollkommen.« 
»Na schön. Wollen abwarten, wie die interessante und 
gewiß nicht alltägliche Verlobung sich entwickeln wird. 

Hattest du überhaupt einen Ring bei dir?« 
»Sie trägt den Ring meiner Mutter.« 
»Edzard -!« rief Susann erschrocken. »Dieses Kleinod hast 
du dem fremden Mädchen gegeben, von dem du nicht 
einmal weißt, wohin es gefahren ist-?« 
»Nimmst du etwa an, daß sie mit ihm über alle Berge ist?« 
»O Himmel, nein, Edzard! Das nehme ich natürlich nicht 
an. Aber ich will lieber den Mund halten – « 
»Recht tust du damit«, schmunzelte Hubert. »Doch nun 
mal Scherz beiseite. Mag an der Verlobung auch so 
manches sonderbar anmuten, was hauptsächlich auf dein 
Konto geht, mein Langer, so kannst du zufrieden sein, daß 

dein guter Stern dir die Andrea in den Weg schickte, die 
einen außerordentlich guten Eindruck auf mich gemacht 
hat. Du hättest mit deinem Schwur ganz gehörig 
hereinfallen können, mein Lieber. Was siehst du so 
krampfhaft auf deine Uhr, Edzard?« 
»Ich muß nach Ritters. Morgen beginnt mein Dienst.« 
»Richtig -!« rief Hubert lebhaft. »Morgen ist ja der 
Fünfzehnte. Und heute… Menschenskind, Edzard, du hast 
ja heute Geburtstag! Den habe ich bei der Aufregung 
tatsächlich vergessen. So ein Skandal! Komm her, alter 
Junge, laß dir alles Gute wünschen.« Er schüttelte dem 

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Freund herzlich die Hand, wonach Susann dasselbe tat. 
Der Fernsprecher schlug an, Hubert nahm das Gespräch 

entgegen. 
»Syder – Harlerode – «, sprach er in den Apparat. »Ja, 
höchst persönlich. Mit wem spreche ich? Oh, gnädiges 
Fräulein, das ist mal eine Überraschung! Der Edzard? Ja, 
der ist hier. Steht neben mir…« 
Edzard nahm ihm den Hörer aus der Hand. 
»Andrea – du -? Woher sprichst du? Das dürfte mich nicht 
interessieren? Na, erlaube mal! – Nein, meinen Geburtstag 
werde ich nicht feiern, weil ich gleich nach Ritters muß – 
Was sagst du da, Andrea?! Das ist ja unerhört! Warum hast 
du mir das nicht gesagt! Unwichtig ist das, meinst du…?« 
Das Pausenzeichen wurde im Apparat hörbar, ein Zeichen, 

daß am anderen Ende abgehängt worden war. 
»Sie ist fort-«, stellte Edzard ärgerlich fest. »Na, so eine 
kleine Kanaille!« 
»Was hat sie denn gesagt?« drängte Susann. 
»Was sie gesagt hat? Daß heute auch ihr Geburtstag ist. 
Wenn wir auf den meinen Anstoßen, möchten wir auch 
einen Schluck auf ihr Wohl trinken. Was gibt es darüber zu 
lachen, Hubert?« 
»Na, soll ich weinen? Es ist einfach köstlich, wie die Kleine 
mit dir umspringt! Mein lieber Freund, ich glaube, mit der 
Frau wirst du es nicht leicht haben. So und nun werde ich 
in den Keller steigen und einen guten Tropfen holen, damit 

wir die beiden Geburtstagskinder hochleben lassen 
können.« 
»Laß das, Hubert, ich muß nach Ritters…« 
»Man immer gemütlich, alter Freund. Dahin kommst du 
noch früh genug.« 
Also trank man den Wein, der aus seiner Privatschatulle 
stammte, wie Hubert versicherte. Das erste Glas wurde auf 
Andreas Wohl geleert. 
»Prosit, deine herzliche Braut soll leben«, schmunzelte 
Hubert. »Noch recht lange, damit sie dir noch viel zu 
schaffen macht. Aber das schadet dir gar nichts, mein 

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Lieber. Strafe muß sein für so viel Leichtsinn, mit dem du 
auf die Freite gingst.« 

»Na schön – «, meinte Edzard friedfertig. »Jedenfalls bin ich 
froh, daß sie mir keinen Korb gegeben hat. Aber worum ich 
dich noch bitten wollte, Hubert: Möchtest du nicht meine 
Sachen von Reuth nach Ritters schaffen lassen?« 
»Selbstverständlich, Edzard, das machen wir schon. Wird 
ein Kastenwagen genügen, oder muß es gleich ein 
Leiterwagen sein?« 
»Unverbesserlicher Spötter! Doch nun muß ich aufbrechen, 
wenn ich noch vor Arbeitsschluß in Ritters sein will. Werde 
mich in den Reitanzug stürzen und auf den Gaul 
klemmen.« 
»Ersteres kannst du. Aber den Gaul laß in Ruhe, den 

schicke ich dir morgen nach. Wir haben ja schließlich ein 
Auto.« 
So kam Edzard denn rasch nach Ritters, wo er sich sofort 
bei Bitterling meldete, der ihn freundlich empfing. 
»Da sind Sie ja, Rittersreuth. Kommen Sie, ich will Ihnen 
gleich Ihre Bude zeigen, damit Sie sich heute noch 
einrichten können.« 
Es war ein einfach möbliertes Zimmer, in das der Verwalter 
ihn führte. Dem schlossen sich zwei weitere an, sowie 
Küche und ein kleines Bad. 
»Hier können Sie Ihr Nest bauen«, schmunzelte sein 
Gebieter. »Platz genug werden Sie haben. Zwei kleine 

Rittersreuthchen können Sie hier noch gut hinstoppen, und 
für das weitere halbe Dutzend bauen wir eben an.« 
»Gott soll mich bewahren -!« hob Edzard entsetzt die 
Hände. 
»Na, lassen Sie man. Satt werden alle werden. Ritters liefert 
genug Brot. Und nun machen Sie sich frisch, damit wir ins 
Herrenhaus an die Futterkrippe können.« 
Als Edzard an des Verwalters Seite das Haus betrat, das mit 
der Behaglichkeit aller feudaler Gutshäuser eingerichtet 
war, wunderte er sich über den wohnlichen Eindruck. 
Matthias Bitterling bemerkte es und lachte. 

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»Da staunen Sie, was? Hier sorgt ein Ehepaar nebst 
Hausmädchen für mustergültige Ordnung, obgleich der 

frühere Herr nur seine Ferien hier verlebte.« 
»Wie ich hörte, war er unverheiratet?« 
»Ja. Außerdem Universitätsprofessor, der von 
Landwirtschaft keine Ahnung hatte. Verkaufen wollte er 
jedoch das Gut nicht, das ihm als Erbe zufiel. So stand der 
Kasten denn seit zehn Jahren größtenteils leer. Hoffentlich 
wird der Nachfolger mit einer großen Familie fröhliches 
Leben hier hereinbringen.« 
Sie betraten das Speisezimmer, wo im Erker ein Tisch für 
zwei Personen gedeckt war. Gleich darauf brachten die 
Wirtschafterin und das Hausmädchen ein ländliches 
Abendessen. 

»Hier haben Sie Ihren neuen Pflegling, Frau Brötte«, stellte 
der Verwalter den Inspektor vor, der der Frau freundlich die 
Hand reichte. »Füttern Sie ihn gut, damit er uns nicht 
davonläuft.« 
»An mir soll’s nicht liegen«, war die lachende Antwort. 
»Meinetwegen kann der Herr Inspektor hier alt und grau 
werden.« 
»Das wollen wir hoffen«, schmunzelte Bitterling. »Nun 
bringen Sie uns noch eine gute Flasche Wein, damit wir es 
uns eine Weile gemütlich machen können.« 
Die Herren ließen sich’s schmecken und plauderten da; bei 
von diesem und jenem, was sich hauptsächlich auf die 

Landwirtschaft bezog. 
Als man sich dann erhob, um in das Inspektorhaus 
hinüberzugehen, sagte Bitterling freundlich: 
»Wenn Ihnen irgend etwas unklar ist, mein lieber Baron, 
dann kommen Sie ruhig zu mir. Falsche Scham wäre da 
unangebracht. Schließlich können Sie, der Sie erst einige 
Jahre praktisch in der Landwirtschaft tätig sind, nicht so 
viel Erfahrung haben wie ich alter Stoppelhopser.« 
Edzard bedankte sich erfreut. Und dann stand er in seinem 
Zimmer, das noch kahl und ungemütlich wirkte. Obgleich 
er sehr müde war, suchte er aus seinem Koffer Briefpapier 

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hervor, um an Natchen zu schreiben. 
Dann räumte er seine Kleider in den großen Schrank, zog 

sich aus und ging ins Badezimmer hinüber, wo er sein 
Duschbad nehmen wollte. Dazu mußte er durch die beiden 
Zimmer und die Küche, die in ihrer Leere trostlos 
anmuteten. 
Sorge stieg in ihm auf, woher er wohl das Geld nehmen 
sollte, um die Wohnung zu möblieren. Er selbst besaß so 
gut wie nichts; denn die Summe, die ihm Natchen 
zugesteckt hatte, war fast aufgebraucht. Und Andrea hatte 
wahrscheinlich auch nicht so viel Geld, um das, was zu 
einem Hausstand gehörte, anzuschaffen. Also mußte er 
zusehen, daß er alles Notwendige auf Abzahlung bekam. 
Das waren Sorgen, die Edzard bisher nicht kennengelernt 

hatte. Einige Herzschläge lang wollte er sich einen Narren 
schelten, der sich durch seine fixe Idee diese Sorgen auflud. 
Dann wurde sein Gesicht hart. 
Nein, jetzt gab es kein Zurück mehr! Irgendwie mußte er es 
schaffen. 
Als Frau Nataly des Neffen Brief erhielt, saß man in Reuth 
gerade beim Nachmittagskaffee. Vera war auch zugegen. 
»Nanu, woher kommt denn der Brief?« erkundigte sich der 
Gatte mißtrauisch, »Die Post pflegt doch am Vormittag zu 
kommen.« 
»Wahrscheinlich hat ihn ein Bote gebracht«, gab Nataly 
sich Mühe, gleichmütig zu bleiben. Hastig überflogen ihre 

Augen die Zeilen – und dann hatte sie wieder Mühe, ihre 
Freude zu unterdrücken. 
»Nun?« forschte Philipp gespannt. 
»Der Brief ist von Edzard. Er hat gestern eine Stelle als 
Inspektor in Ritters angetreten und bittet mich, ihm seine 
Sachen zu packen, die ein Wagen abholen wird.« 
»So ein vermaledeiter Schlingel! Ausgerechnet in Ritters ist 
er. Na, da wird er mich ja schön blamieren!« 
»Warum?« 
»Weil er da total versagen wird. Der Verwalter dort ist ein 
ausgezeichneter Landwirt, der viel von seinen 

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Untergebenen verlangt. Ja, wenn Busso es wäre, könnte ich 
ganz ruhig sein, der würde überall seinen Mann stehen. 

Aber doch nicht Edzard mit seinen mäßigen Kenntnissen. 
Den behält der Bitterling keinen Monat. Was sagst du dazu, 
Busso?« 
Nun, seine wahre Meinung konnte der natürlich nicht 
kundtun, weil er genau wußte, daß sein Bruder nicht so 
untüchtig war, wie der Onkel annahm, und wie er es dem 
immer wieder eingeflüstert hatte. 
Nie hätte er damit gerechnet, daß Edzard in der Umgebung 
eine Stellung finden könnte. Und nun gar auf Ritters, das 
an Reuth grenzte. Das machte ihm einen dicken Strich 
durch seine schlau ausgeklügelten Pläne. Durch seine Wut 
wurde er unvorsichtig. 

»Das darfst du auf keinen Fall dulden Onkel«, sagte er 
verbissen. »Du mußt den Verwalter aufsuchen und ihm 
erklären, daß der mit dem Tunichtgut nur Ärger haben 
wird…« 
Langsam kam er dann zur Besinnung und nicht allein 
durch das Befremden des Onkels, das sich deutlich auf 
seinem Gesicht wiederspiegelte, sondern auch durch das 
Veras. Sekundenlang herrschte peinliches Schweigen, bis 
Philipp sagte: 
»Das ist doch zu viel verlangt, mein Sohn. Ich werde doch 
nicht sozusagen in mein eigenes Nest spucken. Schließlich 
würde ich mir selbst ein schlechtes Zeugnis über mein 

Erziehungsresultat ausstellen. Ist dir das klar?« 
»Gewiß, lieber Onkel, verzeih mir – «, tat Busso 
zerknirscht. »Ich meine nur, wir hätten die Schande nicht, 
wenn Edzard weit von hier untergekommen wäre.« 
»Na, na – Schande dürfte doch wohl übertrieben sein«, 
wehrte Herr Philipp. »So betragen wird der Bengel sich 
doch wohl nicht. Er ist ja auch nicht gerade schlecht, nur 
leichtsinnig und untüchtig. Wenn Bitterling ihn ein wenig 
an die Kandare nimmt, vielleicht kann sogar noch etwas 
aus ihm werden. 
Wozu das überhaupt?« ergrimmte er sich wieder aufs neue. 

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»Hatte der Junge es nötig, von hier zu gehen? Das ist ja der 
reinste Hohn! Ich muß jetzt hier einen Inspektor an seine 

Stelle setzen, und mein Herr Neffe begibt sich in fremde 
Dienste. Rütteln und schütteln könnte ich diesen 
Dickkopf!« 
Damit ging er grollend hinaus. Kaum, daß sich die Tür 
hinter ihm geschlossen hatte, bat Busso mit seinem 
liebenswürdigsten Lächeln: 
»Darf ich den Brief von Edzard einmal lesen, Tantchen?« 
»Nein, mein geliebter Neffe. Wie kann dich ein Brief, der 
nicht für dich bestimmt ist, wohl interessieren?« 
»Aber Tantchen«, entgegnete er vorwurfsvoll. »Edzard ist 
doch mein Bruder, um den ich mir Sorgen mache.« 
»Das ehrt dich, mein Sohn. Sicherlich wird er auch an dich 

schreiben – und gewiß ausführlicher – da du ja eben sein 
Bruder bist. Dann kannst du ihm deine Sorge zur Kenntnis 
bringen.« 
Ihm freundlich zulächelnd, ging auch sie hinaus. Da sagte 
Vera zögernd: 
»Ich weiß nicht, Busso, die Dame kommt mir manchmal so 
merkwürdig vor.« 
»Das gute Altchen?« tat er wegwerfend ab. »Das ist doch 
weiß Gott harmlos.« 
»Hm. Aber dein Onkel scheint auf Edzard gar nicht so 
geladen zu sein, wie du es mir geschildert hast.« 
»Na ja, er will sich vor dir keine Blöße geben. Wenn du erst 

zur Familie gehören wirst, wird er schon freiweg reden. 
Und dann wirst du hören, wie total fertig er mit dem 
Burschen ist.« 
»Wann wird das sein?« sah sie ihn mit seelenvollem Blick 
an. Und Busso, der das Mädchen wirklich liebte, riß es in 
seine Arme und küßte sich an den kunstvoll gefärbten 
Lippen satt. 
Hätte er nur geahnt, wie widerwillig die Geliebte seine 
Küsse ertrug, so wäre er aus seinem Siegestaumel gerissen 
worden, der ihn gepackt hatte, nachdem der gefährliche 
Gegner aus dem Feld geschlagen war. Daß er dabei unfair 

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vorgegangen war, hielt er für sein gutes Recht. 
Er hatte seinem Bruder nie etwas gegönnt, aber am 

wenigsten Vera. Sofort begannen seine Intrigen, die zuerst 
ohne Erfolg waren. Doch er ließ nicht locker, bis Vera 
begann, den Mantel auf beiden Schultern zu tragen. Zwar 
liebte sie Edzard, mußte sich jedoch auch den Bruder 
warmhalten. Wenn der alte Baron Edzard wirklich enterben 
sollte, dann mußte sie ihn blutenden Herzens aufgeben. 
Denn ein Leben in Armut konnte und wollte sie nicht 
führen. 
Und dann war Busso eines Tages gekommen. Hatte ihr von 
der Enterbung des Bruders erzählt und durchblicken lassen, 
daß sein Onkel ihm in allernächster Zeit Reuth übergeben 
würde, wahrscheinlich schon an seinem Hochzeitstag… 

Kurz und gut: Er hatte nicht nur das Blaue vom Himmel 
versprochen, sondern auch das Blaue vom Himmel 
gelogen. Vera war darauf hereingefallen, hatte sich mit ihm 
verlobt – was sie nun langsam zu bereuen begann. Aber 
nichts übereilen, abwarten, beobachten – und schöntun. 
Das waren Veras Gedanken, während sie in Bussos Armen 
lag, sich küssen ließ und sich seine läppischen 
Liebesbeteuerungen geduldig anhörte. 
Schon drei Wochen weilte Edzard auf Ritters. 
Er hatte sich überraschend schnell in seinen Wirkungskreis 
hineingefunden. Der stramme Dienst machte ihm nichts 
aus, daran war er von Reuth aus gewöhnt, und 

Organisationstalent besaß er genügend, also klappte alles 
wie am Schnürchen. Der Verwalter behandelte ihn wie 
einen jungen Freund, und so hätte er vollauf zufrieden sein 
können, wenn die Ungewißheit mit Andrea nicht gewesen 
wäre. 
Diese hatte sich seit dem Telefongespräch nicht mehr 
gemeldet, so daß er nun wirklich annehmen mußte, sie 
habe ihn an der Nase geführt. Wenn er sie wenigstens zur 
Rechenschaft ziehen könnte, aber er wußte ja gar nicht, wo 
sie sich aufhielt. 
Wie gut, daß er seine Arbeit hatte, die ihn so müde machte, 

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daß er abends ins Bett sackte und bis zum Morgen schlief. 
Sonst hätte er sich auch noch während der Nachtstunden 

mit seinen Sorgen herumschlagen müssen. 
Sein Antlitz wurde hart und schmal, die Augen verloren 
den lachenden Blick, so daß der Verwalter ihn oft 
forschend betrachtete und ihn einmal fragte, ob ihm etwa 
die Arbeit zu viel würde. Hastig hatte er versichert, daß ihm 
diese ein Kinderspiel wäre. Ob Bitterling ihm das glaubte, 
wußte er zwar nicht, hatte jedoch das Gefühl, daß dieser 
mit seiner Arbeit zufrieden war. 
Und das stimmte. Der Verwalter war sogar sehr zufrieden 
mit seinem neuen Inspektor. 
Das zu verkünden, sollte er bald Gelegenheit haben. Als er 
an einem Abend in einem Hotel saß, in dem die Landwirte 

einzukehren pflegten, um nach stundenlangen 
Besorgungen einen Imbiß zu nehmen, betrat der alte Baron 
Rittersreuth das Lokal. Als er des Verwalters ansichtig 
wurde, stutzte er und trat an dessen Tisch. 
»Guten Abend, Herr Bitterling. Haben Sie ein Plätzchen für 
mich frei?« 
»Guten Abend, Baron. Bitte sehr, Gesellschaft ist mir stets 
willkommen.« 
Nachdem Philipp sich gesetzt hatte, bestellte er beim Ober 
eine Flasche Wein, zu der er den Verwalter liebenswürdig 
einlud. Langsam kam man ins Gespräch, das sich 
schließlich um die Landwirtschaft drehte. Daher fiel es 

nicht auf, als der Reuther Gutsherr fragte: 
»Wie sind Sie mit Ihren Arbeitskräften zufrieden, Herr 
Bitterling?« 
»Ich kann nicht klagen, Baron. Habe kaum Ärger mit 
ihnen.« 
»Hm – das hört man gern. Ja – und was ich noch fragen 
wollte: Wie kommen Sie mit meinem Neffen aus?« 
»Gut, sehr gut sogar. Einen besseren Inspektor kann ich mir 
nicht wünschen.« 
»So, so – mir hat der Junge manchmal Sorgen gemacht.« 
»Es kommt oft vor, daß die Väter oder deren Stellvertreter 

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mit ihren Jungen nicht zufrieden sind«, lachte Bitterling 
behaglich. »Wahrscheinlich verlangen sie ganz besondere 

Leistungen von ihnen.« 
»Ich habe gewiß nicht mehr von ihm verlangt als von 
meinem Neffen Busso. Während in dessen Bezirk stets alles 
in Ordnung war, haperte es in Edzards so manches liebe 
Mal.« 
»Mag sein«, tat der andere gemütlich ab. »Darüber kann ich 
mir kein Urteil erlauben. In Ritters jedenfalls ist der Junge 
schwer auf dem Posten. Ist ein guter Organisator und hat es 
prächtig raus, die Leute zu nehmen.« 
»So, so – hm, hm – das freut mich. Wissen Sie auch, daß 
mir der verflixte Bengel einfach davongelaufen ist?« 
»Nein – «, log Matthias freundlich. 

»Um die Privatangelegenheiten meiner Beamten kümmere 
ich mich nicht. Mir ist die Hauptsache, daß sie auf dem 
Platz, auf den ich sie stelle, ihren Mann stehen.« 
Herr Philipp hatte Durst, daher trank er den Wein wie 
Wasser. Die Wirkung blieb denn auch nicht aus. Er wurde 
redselig und erzählte, wie es zu dem Krach mit dem Neffen 
gekommen war, worauf dieser dann stillschweigend 
verschwand. 
Nachdem er mit seiner geharnischten Rede fertig war, 
meinte sein Zuhörer: »Darüber können Sie sich so 
aufregen, Baron? Ich finde es höchst anständig von dem 
Jungen, daß er dem armen Teufel von Rentmeister so 

großzügig aus der Patsche half. Zumal er noch das 
gewonnene Geld hergab, das er sehr gut hätte selbst 
gebrauchen können.« 
»Na ja – gewiß. Daß er die Unterschlagung mit dem 
gewonnenen Geld deckte, erfuhr ich erst später. So jedoch 
mußte ich annehmen, daß es mit meinem Geld geschah.« 
»Wieso, nahmen Sie an, daß Ihr Neffe das Geld von Ihnen 
gestohlen hätte?« fragte Matthias lachend, und Philipp sah 
ihn ärgerlich an. 
»Das natürlich nicht. Sie Speilzahn. Ich zahle ihm aber 
Gehalt…« 

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»… mit dem er machen kann, was er will«, warf der andere 
seelenruhig ein. 

»… das er von mir bekommt…«, beharrte der Baron 
eigensinnig. 
»… für seine Arbeit«, ging es hartnäckig weiter. »Sie können 
doch nicht Rechenschaft fordern über das Gehalt, das Ihr 
Inspektor erhält! Das würde ich mir energisch verbitten. 
Ich weiß zwar nicht, was Sie Ihrem Neffen alles gesagt 
haben, glaube aber, daß Sie seine Ehre angegriffen haben, 
und das kann ein Mann nicht vertragen. Ich habe jedenfalls 
meine helle Freude an dem Jungen.« 
»Das freut mich, aber nun muß ich gehen, meine Frau 
wartet mit dem Abendessen. Auf Wiedersehen, Herr 
Bitterling.« 

»Auf Wiedersehen, Baron, sicher werden Sie noch einmal 
stolz auf Ihren Neffen sein.« 
Lächelnd sah Bitterling dem Baron nach. Ein sonderbarer 
Kauz! Statt daß er sich über die gute Auskunft freute, 
ergrimmte sie ihn. Na, die Menschen müssen eben 
verbraucht werden, wie sie sind. 
Denselben Gedanken hatte auch Frau Nataly, die bei dem 
Eintritt des Gatten ins Speisezimmer feststellte, daß ihm 
wieder einmal eine Laus über die Leber gekrochen war. 
»Wo ist Busso?« fragte er unwirsch. 
»Keine Ahnung. Aber da kommt er ja.« 
»Wo warst du?« pfiff er seinen Liebling in ungewohnter 

Weise an. »Es ist schon längst über die Abendbrotzeit.« 
»Ich war bei Vera«, gab Busso bescheiden zurück. 
»Vera – ich höre immer Vera«, lachte der gereizte Baron auf. 
»Du scheinst nichts anderes mehr im Kopf zu haben.« 
»Aber Onkel, ich liebe das Mädchen doch«, blieb Busso 
sanftmütig. »Da möchte ich mit ihm auch ab und zu 
zusammen sein. Ja, wenn du mir die Einwilligung zur 
raschen Verlobung und Heirat geben wolltest – « 
»Hör’ auf!« schrie der Onkel dazwischen. »Jetzt habe ich 
aber von der Sache bald genug. Ich habe dir gesagt, daß du 
dich nach der Ernte verloben kannst, damit basta!« 

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Er nahm am Tisch Platz, aß hastig und zündete sich dann 
die Abendzigarre an. 

Dabei legte sich sein Ärger. Es klang schon wieder ruhig, als 
er sagte: 
»Entschuldige, Nataly, daß ich mich verspätete. Ich traf im 
Hotel den Bitterling und habe mit ihm eine Flasche Wein 
getrunken.« 
»Und dann bist du so ungemütlich?« fragte die Gattin 
lachend. 
»Na, ja. Ich horchte den Verwalter vorsichtig über Edzard 
aus – und siehe da, er ist mit ihm sehr zufrieden. Ich weiß 
nicht, ob ich mich darüber ärgern oder freuen soll. Ja, 
wenn er mir nicht davongelaufen wäre – darüber komme 
ich einfach nicht hinweg. Warum war er denn hier nicht so 

tüchtig?« 
»Natürlich mußt du dich darüber freuen, lieber Onkel«, tat 
Busso scheinheilig. »Ich habe ja immer gesagt, daß Edzard 
in seinem Fach was versteht.« 
»So -?« Der Onkel sah ihn durchdringend an. »Bis jetzt hast 
du immer das Gegenteil behauptet.« 
»Na ja – gewiß. Er hat seine Kenntnisse hier leider nicht 
voll verwertet – und das hat mir immer weh getan.« 
Du erbärmlicher Heimtücker, dachte Nataly ergrimmt. Na 
warte nur, du wirst dir von deiner Niedertracht noch selber 
einen Strick drehen! 
Als Edzard an einem Vormittag das Amtszimmer des 

Verwalters betrat, lachte der ihm vergnügt entgegen. 
»Na, Rittersreuth, nun ist endlich unsere zahlreiche 
Herrschaft eingetroffen. Sie müssen gleich ins Herrenhaus 
hinüber und dort Ihren Diener machen.« 
»Ach du lieber Himmel -!« lachte der Inspektor. »Muß ich 
mich da in Wichs schmeißen?« 
»Das wäre! Wischen Sie sich den Staub von den Stiebein, 
waschen Sie sich die Pfoten – und dann hinein ins 
Vergnügen! Haben Sie etwa Herzklopfen?« 
Als Edzard im tadellos gesäuberten Reitanzug an der 
Portaltür des Herrenhauses den Ring im Löwenmaul in 

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Bewegung setzte, erschien das Hausmädchen. 
»Bitte, Herr Inspektor, Sie werden schon erwartet«, sagte es 

freundlich und führte ihn durch die Halle zu einer der 
großen Flügeltüren, die es nach vorschriftsmäßigem 
Klopfen öffnete, den Inspektor an sich vorüber ins Zimmer 
treten ließ und dann die Tür leise schloß. 
Er stand nun in einem weiten Gemach mit wuchtigen 
Möbeln. Alles sehr vornehm und gediegen – aber gewiß 
nicht so, daß er Grund hatte, wie erstarrt an der Tür zu 
verharren. 
»Nun, Edzard, tritt nur näher«, forderte ihn eine Stimme 
auf, die ihn zusammenzucken ließ. 
»Andrea – du -?« rang es sich endlich von den Lippen des 
fassungslosen Mannes. »Wo kommst du denn her?« 

»Geradewegs von der Reise in mein Heim.« 
Er faßte sich an die Stirn, als wäre in seinem Gehirn etwas 
in Unordnung geraten. Dabei starrte er immer noch auf das 
stolze junge Geschöpf, als wäre es ein Gespenst. 
»Ja – Andrea – willst du mir nicht erklären?« 
»Mit wenigen Worten ist das gesagt. Ich bin die Besitzerin 
von Ritters.« Nun hatte er endlich begriffen – und da ging 
eine Veränderung mit ihm vor. Die hohe Gestalt straffte 
sich, das Antlitz wurde hart, die Augen kalt und glitzernd. 
»Also haben Sie doch ein frevles Spiel mit mir getrieben, 
gnädiges Fräulein oder gnädige Frau?« 
»Immer noch Fräulein Andrea Müller«, entgegnete sie 

lächelnd. »Und warum frevles Spiel?« 
»Das fragen Sie noch, mein Fräulein?« 
»Ja – und mit Recht. Doch nun werde gemütlich und nimm 
Platz.« 
»Nein -!« peitschte seine Stimme auf. 
»Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Ich werde den 
Verwalter um meine sofortige Entlassung bitten – « Nach 
einer frostigen Verbeugung wollte er gehen, doch schon 
war Andrea an der Tür, gegen die sie den Rücken lehnte. 
»Geben sie die Tür frei, gnädiges Fräulein -!« 
»Fällt mir gar nicht ein.« Jetzt fiel sein Blick auf den 

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Siegelring an ihrer Hand. 
»Ich bitte um den Ring – «, verlangte er schroff. 

»Es ist mein Verlobungsring, Edzard.« 
»Taktlos genug, mich jetzt darauf hinzuweisen«, bebte seine 
Stimme. »Wenn Sie sich von ihm nicht trennen mögen, 
dann behalten Sie ihn zum Andenken an den größten 
Trottel unter der Sonne.« 
»Wie hart du mit mir umgehst«, lachte sie hellauf, indem 
sie wie spielend das Rubinherz in ihren Fingern drehte. 
»Komm, setze dich erst einmal und rauche eine Zigarette, 
dann wirst du ruhiger werden. Du kannst doch nicht 
gehen, bevor du meine Rechtfertigung angehört hast.« 
»Schön, sollen Sie Ihren Willen haben«, entschied er in 
eisiger Haltung. Sah schweigend zu, wie sie in einem Sessel 

Platz nahm, ließ sich dann in den gegenüberstehenden 
fallen. Auf ihr Rufzeichen erschien das Mädchen mit einer 
Flasche Wein nebst zwei Gläsern. 
»Sieh dich doch einmal um, Edzard«, klang ihre warme 
Stimme auf. »Ist es nicht schön bei uns?« 
»Gnädiges Fräulein, bitte keine Ironie – « 
»O über diesen unzulänglichen Menschen«, seufzte sie. 
»Du wirfst mir vor, daß ich ein frevles Spiel getrieben habe. 
Inwiefern, Edzard?« 
»Weil Sie mich belogen haben.« 
»Belogen? Nicht daß ich wüßte.« 
»Gnädiges Fräulein, wir wollen diese Unterredung 

möglichst schnell beenden. Ich muß zugeben, daß mein 
Antrag sonderbar war – nichtsdestoweniger war er ehrlich. 
Nie wäre er erfolgt, wenn ich gewußt hätte, daß Sie die 
Besitzerin von Ritters sind. Aber Sie gaben sich als 
Sekretärin aus…« 
»Halt – «, unterbrach sie ihn. »Du hast mich überhaupt 
nicht nach meinen Beruf gefragt…« 
»Allerdings«, mußte er zugeben. »Sie hätten jedoch Herrn 
Wangers Aussage dementieren müssen – « 
»Ich habe keine Ahnung, was der Herr über mich gesagt 
hat…« 

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»Daß Sie Sekretärin sind…« 
»Stimmt ja auch«, lächelte sie ihn lieblich an – und da 

glitzerte es in seinen Augen auf. 
»Gnädiges Fräulein, jetzt ist es aber genug – «, sagte er 
warnend. »Wenn ich mich auch trottelig genug benommen 
habe, aber verhöhnen lasse ich mich dennoch nicht.« 
»Das liegt mir fern, Edzard. Ich bin wirklich Sekretärin 
gewesen – bis gestern. Und zwar ein halbes Jahr bei einem 
Landwirtschaftsrat. Sieh mich nicht so ironisch an, Edzard, 
das ist wahr. Um dir das klarzumachen, muß ich ein wenig 
zurückgreifen. 
Meine Mutter, die einen Arzt heiratete, starb bei meiner 
Geburt. Mein Vater folgte ihr fünf Jahre später. Der Bruder 
meiner Mutter, der Onkel hier, nahm sich meiner an. In 

seinem Hause bin ich aufgewachsen. 
Als ich zwölf Jahre alt war, erbte er Ritters, mit dem er 
nichts anzufangen wußte, da er kein Landwirt war. Zuerst 
trug er sich mit dem Gedanken, es zu verkaufen. Als er 
jedoch merkte, wie gern ich hier weilte, wie mich alles 
interessierte, was mit Landwirtschaft zusammenhing, kam 
er davon ab. Ritters sollte nach seinem Tode mein 
Eigentum werden. 
Nachdem ich das Abitur hinter mir hatte, besuchte ich eine 
Handelshochschule. Ein halbes Jahr, bevor ich sie 
absolvierte, starb der Onkel, und Ritters wurde mein. Nach 
dem Examen nahm ich die Stelle als Sekretärin bei einem 

dem Onkel befreundeten Landwirtschaftsrat an, um so eine 
Ahnung von der Landwirtschaft zu bekommen. Fünf 
Monate arbeitete ich bei ihm, als ich dich kennenlernte. 
Alles weitere ist dir bekannt.« 
Edzard, der ihr interessiert zugehört hatte, sagte nun 
langsam: 
»Nicht alles, gnädiges Fräulein. Warum reisten Sie an 
unserm Verlobungstag ab, ohne mir das Ziel zu nennen – 
und warum ließen Sie mich vier Wochen lang ohne 
Nachricht?« 
»Du hast mich ja gar nicht nach dem Wohin gefragt, 

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Edzard. Ich mußte an dem Tage unbedingt zu meinem 
Chef, der mich in Königsberg erwartete. Meine Kündigung 

kam ihm ungelegen, da es gerade viel Arbeit gab. Da erbot 
ich mich, meine Nachfolgerin einzuarbeiten, was eben 
diese vier Wochen in Anspruch nahm. 
Und warum ich mich nicht gemeldet habe? Lieber Edzard, 
ich kenne dich zwar erst wenig, aber doch schon gut genug, 
um zu wissen, daß du deine Stelle in Ritters nie angetreten 
hättest, wenn du gewußt hättest, daß ich die Besitzerin des 
Gutes bin. Stimmt das?« 
»Unbedingt.« 
»Na, siehst du. Hätte ich dir geschrieben, so wäre ich 
gezwungen gewesen, mein teilweises Inkognito zu lüften. 
Darum schwieg ich ganz. Nahm an, daß, wenn ich dir Auge 

in Auge meine Gründe klarlegte, du sie auch anerkennen 
würdest.« 
Prüfend sah er in das klare Mädchengesicht, das nun 
wieder den stolzen Ausdruck hatte. Wie ein riesiger Tropfen 
Blut lag das Rubinherz auf der hellen Seide des Kleides. 
Wohl eine Minute lang war es still, bis er spöttisch* fragte: 
»Warum nahmen Sie meinen Antrag überhaupt an, 
gnädiges Fräulein? Ihnen dürfte es doch wahrlich nicht an 
Bewerbern fehlen.« 
»O nein – «, entgegnete sie. »Es werden sich schon genug 
Glücksritter finden, denen mein Gut wertvoll erscheint. 
Und warum ich Ihren Antrag annahm? Weil ich mich 

rächen will, genau so wie Sie, Baron. Sie können jedoch 
den Kontrakt, den wir schlossen, noch rückgängig machen, 
denn meinen Stolz verletzen lasse ich nicht.« 
Als er sah, wie sie den Siegelring abstreifen wollte, kam er 
zur Besinnung. Beugte sich vor und hielt die nestelnden 
Finger fest. 
»Nicht, Andrea – bitte. Verzeih meine Schroffheit. Aber die 
Überraschung, dich hier als Herrin zu sehen, hat mir einen 
harten Schlag versetzt. Mußte ich doch annehmen, daß du 
einen Scherz mit mir treiben wolltest. Doch nachdem du 
dein Verhalten motiviertest, erhält alles ein anderes Bild. 

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Deinen Stolz verletzen will ich natürlich nicht. Verzeih 
mir.« 

Bittend sah er sie an, drückte seine Lippen auf ihre Hand 
und schob den Ring fest. Hob ihr sein Glas entgegen. 
»Nun, Andrea, willst du mir Absolution erteilen?« 
»Was soll ich schon anderes mit dir machen, du schwieriger 
Herr?« 
Sie trank ihr Glas in einem Zuge leer, worauf er ihrem 
Beispiel folgte. Während er die Gläser frisch füllte, meinte 
er wie beiläufig: »Wie denkst du dir nun alles weiter, 
Andrea?« 
»Ich hätte schon einen Plan. Fragt sich nur, ob du damit 
einverstanden bist. Hast du erfahren können, wie es um die 
Verlobung deines Bruders steht?« 

»Ja. Meine Tante, die ich schriftlich bat, meine Sachen in 
Reuth zusammenzupacken und sie dem Harleroder Boten 
zu übergeben, gab auch einen Brief für mich mit. Wie ich 
daraus ersehen konnte, soll die Verlobung auf Wunsch 
meines Onkels erst nach der Roggenernte stattfinden. Das 
wäre, wenn alles gutgeht, Ende August.« 
»Dann können wir uns ja Zeit lassen. Ich habe es mir so 
gedacht: Übermorgen, also am Sonntag, werde ich mit den 
Besuchen in der Nachbarschaft beginnen. Ich lade die 
Besuchten dann gleich zu einem Sommerfest ein, das wir 
wohl am besten auf den Sonnabend legen, damit die 
Leutchen sich am Sonntag ausschlafen können. Am 

Festabend geben wir dann unsere Verlobung bekannt. Was 
meinst du dazu?« 
»Daß dein Plan vortrefflich ausgeklügelt ist. Wir sprechen 
noch ausführlicher darüber. Jetzt muß ich an die Arbeit 
gehen. Mutet es nicht wie ein Wunder an, daß ich 
ausgerechnet in Ritters meine Stelle bekam?« 
»O ja – «, nickte Andrea. »Es geschehen manchmal Zeichen 
und Wunder. Da läutet eben die Hofglocke die 
Mittagsstunde ein. Gleich wird der gute Onkel Bitterling 
zur Atzung erscheinen.« 
»Essen wir dann nach wie vor hier?« 

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»Natürlich«, lachte sie verschmitzt. »Ihr gehört doch beide 
zur Familie. Gehen wir also ins Speisezimmer.« 

»Eine Frage, Andrea: Weiß Herr Bitterling um unsere 
Verlobung?« 
»Nein, er soll gleich den andern damit überrascht werde.« 
Mit dem Gongschlag zugleich, der durch das Haus hallte, 
trat der Verwalter in Erscheinung. 
»Tag, Reakind«, schmunzelte er. »Was sagst du zu unserm 
schneidigen Inspektor? Ist er beim Anblick seiner 
Herrschaft nicht gleich vor Überraschung aus den Schlorren 
gekippt?« 
»Sie haben mich mit der zahlreichen Herrschaft schön aufs 
Glatteis geführt«, lachte Edzard. »Ich erwartete zum 
mindesten eine achtköpfige Familie – nur eine einzelne 

junge Dame nicht.« 
»Schön habe ich das gemacht«, rieb sich Matthias die 
Hände. Lachend nahm man am Tisch Platz, der heute 
festlich gedeckt war. 
Nach dem Mahl nahm man den Mokka in dem 
nebenanliegenden lauschigen Gemach und kam dann ins 
Plaudern. 
»Sehen Sie, Rittersreuth, diese junge Dame kannte ich 
schon, als sie noch ein kleines Dinglein war. Und das soll 
nun meine Chefin sein. Kurioser Gedanke!« 
»Ich bin mir meiner Würde voll bewußt«, blitzte sie ihn 
übermütig an. »Bitte mir daher Respekt aus, Herr 

Verwalter.« 
»Auch das noch – na schön. Ehre, wem Ehre gebührt, 
Fräulein Chefin. Was habe ich bloß für eine Mordsfreude, 
daß du endlich da bist, Reakind! Da wird doch wieder 
Leben in die Bude kommen! Oder gedenkst du dich 
einzuspinnen wie eine Seidenraupe?« 
»Sollte mir einfallen! Gleich am Sonntag beginne ich mit 
den Besuchen in der Nachbarschaft und gebe einige 
Wochen später hier ein Gartenfest.« 
»Alle Wetter, Mädchen, du legst dich ja gut ins Zeug! Wirst 
du dir da womöglich einen Chef für uns anlachen? Tu es 

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nicht, ich rate dir gut. Die wollen ja doch alle bloß dein 
Ritters. Nimm lieber mich, ich bin gut und treu.« 

»Onkel Bitterchen, du bist verwildert«, lachte sie. »Höchste 
Zeit, daß ich dich unter meine Fuchtel bekomme.« 
Edzard hörte sich das Geplänkel schweigend mit an. Alles, 
was er heute erlebte, machte ihm immer noch schwer zu 
schaffen. 
Was hatte er von seiner Braut, die er dem Schicksal 
abgetrotzt, verlangt? Weder Schönheit, Klugheit noch 
Reichtum, sondern nur ein Herz. Und was hatte ihm das 
herausgeforderte Schicksal beschert? Alles, was er nicht 
verlangt… 
»Nanu, Rittersreuth, wo sind Sie denn mit Ihren 
Gedanken?« riß der Verwalter ihn aus seinen Grübeleien. 

»Sie machen ja ein Gesicht, als hätten Sie versehentlich in 
eine Zitrone gebissen. Ist sie so sauer, an die Sie denken?« 
Edzard mußte lachen. 
»Manchmal ja; denn ich dachte an meine Arbeit.« 
»Hört, hört – «, schmunzelte Matthias. »Dabei tut er so, als 
ob er ohne sie nicht leben könnte.« 
Am Sonntagvormittag begab sich Andrea auf ihre 
Besuchstour. Zuerst sprach sie in Reuth vor, weil es am 
nächsten lag. Sie gab dem Diener ihre Karte ab, der sie 
dann in ein Zimmer führte, wo ihr vier Augenpaare 
gespannt entgegensahen. Die Herren sprangen auf. 
»Guten Tag«, lächelte sie mit aller Liebenswürdigkeit, die 

ihr zu Gebote stand. »Ich möchte nicht verfehlen, als 
Besitzerin von Ritters meinen nachbarlichen Besuch zu 
machen.« 
Ja, da waren sie alle platt. Frau Nataly erholte sich zuerst 
von ihrer Überraschung. 
»Seien Sie uns willkommen, Fräulein…?« 
»Müller-«, half „ Andrea freundlich aus, indem sie sich über 
die feine Frauenhand beugte. Nachdem sie dann die 
anderen formell begrüßt hatte, nahm sie den Sessel, den 
Busso ihr zurechtrückte. Nun setzten sich auch die Herren 
– und dann war peinliche Stille. 

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Man wußte anscheinend nicht, was man mit der Fremden 
sprechen sollte, die da so selbstbewußt vor ihnen saß. Herr 

Philipp erboste sich, daß dieses >grüne Ding< Ritters 
besaß, das nun einmal der wunde Punkt in seinem Leben 
war. Da er seinem Grimm über die Ungerechtigkeit des 
Schicksals nicht gut Luft machen konnte, schwieg er. 
Bussos Gefühle für die Besucherin waren recht gemischt, 
und Vera, die auch wieder in Reuth weilte, musterte das 
Fräulein Müller ziemlich ungeniert. Daß sie die Besitzerin 
von Ritters war, berührte sie nicht. Aber ihre Sicherheit, 
ihre Eleganz und der eigenartige Schmuck, das alles erregte 
ihren Neid. 
Frau Nataly hingegen betrachtete die Besucherin mit 
Wohlgefallen. Sie war es auch, die das Gespräch eröffnete. 

»Gedenken Sie in Ritters seßhaft zu werden, Fräulein 
Müller?« fragte sie freundlich. 
»Ja, Baronin! Ich liebe das Landleben und interessiere mich 
für die Landwirtschaft. Daher hat mein Onkel Ritters auch 
nicht verkauft, wie er anfänglich wollte, sondern es für 
mich verwalten lassen.« 
»Dann ist Ihnen Bitterling bekannt?« 
»Er war der beste Freund meines Onkels, Baronin. Ich habe 
seit meinem zwölften Lebensjahr stets die Ferien in Ritters 
verlebt.« 
»Wie kommt es, daß Sie in der Umgegend so unbekannt 
bleiben konnten?« 

»Oh, ein Fräulein Müller übersieht man«, entgegnete 
Andrea mit ihrem bezaubernden Lächeln. 
Humorvoll meinte Frau Nataly: »Eine Persönlichkeit wie 
Sie dürfte sich schwer übersehen lassen. Sie müssen sehr 
zurückgezogen gelebt haben.« 
»Allerdings. Mein Onkel, der außer seinen 
Universitätsferien oft auch einmal das Wochenende auf 
Ritters verbrachte, wollte sich ausruhen und hat daher 
keine Geselligkeit gesucht. Und wenn ich in den 
Schulferien allein dort war, hielt ich es genau so. Doch nun 
gedenke ich den nachbarlichen Verkehr zu pflegen und 

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bitte die Damen und Herren, am 7. Juli bei einem 
zwanglosen Gartenfest meine Gäste zu sein.« 

»Wir kommen gern«, nahm Nataly die Einladung an, 
obgleich sie wußte, daß es nicht im Sinne ihres Gatten war. 
Sie lachte in sich hinein, als sein Gesicht sich vor Unwillen 
rötete. 
Nachdem sie noch einige belanglose Redensarten mit 
Andrea gewechselt hatte, verabschiedete diese sich. Und 
kaum, daß sie in Bussos Begleitung das Zimmer verließ, 
machte Philipp seinem Unwillen schon Luft: 
»Nataly, wie kommst du dazu, so eigenmächtig für uns alle 
die Einladung anzunehmen -?« 
»Ihr hättet sie ja ausschlagen können.« 
»Damit dieses Fräulein Müller uns für Menschen ohne 

Benehmen hält, wie? Ausgerechnet nach Ritters soll ich 
nun gehen. Sicherlich läuft einem da noch der Herr 
Inspektor über den Weg.« 
»Ich glaube nicht, daß Edzard das Fest mitmachen wird«, 
vermutete Busso, der wieder eintrat. »Er wird es nicht 
wagen, dir unter die Augen zu treten.« 
Doch Herr Philipp überhörte die Worte. Brummend 
verschwand er, um sich auf sein Roß zu schwingen und 
seinen Ärger auszutummeln. 
Andrea machte noch zwei Besuche und traf daher zu Hause 
verspätet zum Mittagessen ein. 
»Na endlich – «, empfing Matthias sie, der mit Edzard im 

Speisezimmer auf sie wartete. 
Bei Tisch konnte man des servierenden Dieners wegen nur 
über belanglose Dinge sprechen. Doch als man beim 
Mokka saß, fragte Bitterling, wie es ihr auf der Besuchstour 
gefallen hätte. 
»Nett war es«, erzählte sie vergnügt. »Um mit dir zu 
sprechen, >kippte man vor Überraschung fast aus den 
Schlorren<, als ich mich als Besitzerin von Ritters vorstellte. 
Doch dann wurde man sehr liebenswürdig und nahm 
meine Einladung zum Gartenfest erfreut an.« 
»Warst du auch in Reuth?« 

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»O ja. Die Herrschaften werden gleichfalls am 7. Juli hier 
erscheinen.« 

Taktvoll unterdrückte Matthias Bitterling eine ironische 
Bemerkung und erhob sich. 
»Jetzt werde ich mich ein Stündchen aufs Ohr legen. Mit 
Kaffee und Abendessen warte nicht auf mich, Realein. Ich 
gehe nach dem Schläfchen in den Skatclub.« 
Damit entfernte er sich. Andrea sah Edzard, der sich 
schweigsam verhalten hatte, spitzbübisch an. 
»Sehr liebenswürdig empfing man mich in Reuth gerade 
nicht, Herr Inspektor«, neckte sie. 
»Wenn deine Tante nicht einige Worte mit mir gesprochen, 
so hätte ich annehmen müssen, unter Taubstumme geraten 
zu sein. Der Herr Baron sah aus, als ob er jeden Augenblick 

los wettern wollte, Herr Busso tat sehr reserviert und 
Fräulein Vera taxierte mich unverhohlenen Blickes.« 
»Die war also auch wieder da«, brummte Edzard. 
»Das war gut. Da konnte ich sie gleich mit einladen. Hat 
alles auf Anhieb geklappt. Deine Tante gefällt mir übrigens 
sehr gut.« 
»Und der Onkel?« 
»Eigentlich auch – «, meinte sie versonnen. 
»Und Busso? Und Vera?« 
»Gar ‘nicht. Nicht etwa, daß mein Urteil befangen ist. Das 
pflege ich mir ohne jede Voreingenommenheit zu bilden. 
Jedenfalls sind mir die beiden so unsympathisch, daß ich 

nie mit ihnen warm werden könnte. Enttäuscht dich das 
sehr, Edzard?« 
»Durchaus nicht – «, entgegnete er kühl. »Ein Zeichen mehr 
für meine Blindheit. Doch wie ist es, Andrea, kommst du 
mit nach Harlerode?« 
»Wenn es angebracht ist…« 
»Warum nicht? Deinen Besuch wirst du dort doch auch 
machen wollen.« 
»Selbstverständlich.« 
»Na siehst du. Dann erledigst du ihn gleich heute. Ich 
werde dort zum Kaffee erwartet. Susann, die ich 

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fernmündlich sprach, wurde ordentlich böse, als ich mit 
einer Absage kommen wollte. Sie war empört, daß ich 

mich seit vier Wochen nicht in Harlerode habe sehen 
lassen.« 
»Wie konntest du deine Freunde auch so vernachlässigen«, 
meinte sie vorwurfsvoll. »Wissen Sie, daß ich hier bin?« 
»Nein. Dein Erscheinen soll eine Überraschung für sie 
werden – und mir eine Genugtuung.« 
Der schnittige Wagen, den Andrea angeschafft hatte, weil 
der alte schon gar zu schäbig war, brachte sie in zehn 
Minuten nach Harlerode. Edzard saß am Steuer. Sie sah 
ihm an, wieviel Freude es ihm machte, das wundervolle 
Gefährt zu lenken. 
Er bog in eine Allee ein und hielt gleich darauf vor einem 

schmucken Gebäude. 
Edzard betrat mit Andrea die Halle des Herrenhauses. Ein 
Diener nahm sie in Empfang und führte sie nach der 
Terrasse, wo Susann und Hubert in Korbsesseln saßen und 
lasen. Sie waren in ihre Lektüre so vertieft, daß die Umwelt 
für sie versunken schien. 
Edzard schob Andrea hinter sich, so daß sie von seiner 
Gestalt verdeckt war. Dann rief er den Versunkenen zu: 
»So läßt man seinen Gast an der Tür stehen-« 
»Endlich!« sprang Hubert erfreut auf. »Ich dachte schon, du 
würdest auch heute nicht kommen.« 
»Dann hätte er aber was erleben können!« drohte Susann. 

Man begrüßte sich herzlich, dann trat Edzard aus der Tür 
und weidete sich an der Verblüffung der beiden, von der 
die junge Frau sich zuerst erholte. Mit ausgestreckten 
Händen eilte sie Andrea entgegen. 
»Das ist mal eine freudige Überraschung, Fräulein Müller! 
Seien Sie uns herzlich willkommen.« 
»Jawohl, herzlich willkommen«, echochte Hubert, den 
unerwarteten Gast froh begrüßend. »Ist bloß gut, daß Sie 
endlich da sind, gnädiges Fräulein. Der lange Kerl da war 
schon nicht mehr zu genießen.« 
»Wie weißt du denn das?« fragte er lachend. »Du hast mich 

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doch seit vier Wochen nicht mehr gesehen.« »Aber 
fernmündlich gesprochen. Da warst du immer verdammt 

kurz angebunden, alter Freund.« 
Fröhlich gruppierte man sich um den Kaffeetisch, der 
bereits gedeckt war. Der Diener brachte ein viertes Gedeck 
nebst Kaffee und Kuchen. Vergnügt plaudernd tat man sich 
daran gütlich. 
Das duftige Sommerkleid kleidete Andrea so vortrefflich, 
daß die Gastgeber sie immer wieder verstohlen mustern 
mußten. Sie gefiel ihnen heute noch besser als an dem 
Festabend. 
Man kam auch auf Ritters zu sprechen, und da sagte 
Hubert lebhaft: »Ich habe gehört, daß dein Herr und 
Gebieter erwartet wird, Edzard. Stimmt das?« 

»Nicht ganz. Sie wird nicht erwartet, sie ist bereits da, 
meine Herrin und Gebieterin.« 
»Wie bitte? Ist’s denn eine Dame?« 
»Erraten.« 
»Verheiratet?« 
»Ledig.« 
»Auch das noch. Das wird ja eine schöne Weiberwirtschaft 
bei euch werden. Womöglich ist es gar eine vorsintflutliche 
Schraube mit asthmatischem Mops und Pompadour?« 
»Vielleicht…« 
»Was heißt hier vielleicht. Nun mal raus mit der Sprache!« 
»Wirklich, Edzard, das hast du glänzend heraus, einen auf 

die Folter zu spannen«, ‘beklagte sich die junge Frau. »Wie 
heißt sie?« 
»Müller.« 
»Was – auch -?« fragte sie so verblüfft, daß Edzard herzlich 
lachen mußte, zumal Hubert auch nicht gerade ein 
schlaues Gesicht machte. 
»Na so was – « Er schüttelte den Kopf. »Aber dann führt es 
sicherlich den Vornamen Euphrosine oder Agrippina, das 
bemooste Haupt.« 
»Du wirst staunen – sie heißt Andrea – «, verriet der Freund 
mit blitzenden Augen. Diese konnte das Lachen nun nicht 

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länger zurückhalten. 
»Ist das nun nett, gnädiges Fräulein?« 

»Noch viel zu nett, Herr Syder, der Sie mich eine 
vorsintflutliche Schraube mit Mops, Pompadour und 
einem bemoosten Haupt betiteln…« 
Jetzt mußte Hubert rasch die Tasse hinstellen, die er gerade 
zum Munde führen wollte. 
»Na, nu schloag de Bur den Düwel dot -!« machte er 
seinem bedrängten Herzen Luft. »Sind Sie das, gnädiges 
Fräulein – wirklich Sie?« 
»Ich bin so frei-« 
Da lachte er schallend auf, begleitet von seiner Frau, die 
nun auch begriffen hatte. Fragen wurden gestellt, kreuz und 
quer, bis sie bis ins kleinste unterrichtet waren. Hubert 

hatte seinen Mordsspaß an alledem. 
»Na, Edzard-«, neckte er. »Da hast du dir ja was Schönes an 
den Hals orakelt! Das ist ja eine listige Eva, wie sie im Buch 
steht. Einen Dusel hast du, der einzig dasteht. Was meinst 
du, wie deine Verlobung Furore machen wird. Ich kann sie 
kaum noch erwarten.« 
»Ich auch nicht.« Susann war ordentlich aufgeregt. »Das 
gibt eine Sensation ersten Ranges. Wann dürfen wir 
Neugierigen die erleben?« 
»Am 7. Juli«, gab Andrea Auskunft. »Dann steigt in Ritters 
ein Gartenfest.« 
»Raffiniert!« Hubert nickte anerkennend. »Bin nur 

gespannt, wie sie in Reuth die Einladung aufnehmen 
werden.« 
»Entspannen Sie sich«, lachte das Mädchen. »Es ist heute 
bereits geschehen. 
Habe am Vormittag dort meine Einladung angebracht.« 
»Wie reagierten sie?« 
»Sauer – «, kam die Antwort prompt. 
»Wenigstens die beiden Herren und Fräulein von Kardas.« 
»Die war auch da?« 
»Ja – und ist mit eingeladen.« 
»Herrlich -!« jubelte Susann, und der Gatte lachte wieder 

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schallend auf: 
»Kinder, das klappt ja großartig! Na, Edzard, da wirst du 

deine Rache haben, voll und ganz. Darauf müssen wir 
schon jetzt einen trinken!« 
Der Wein hob noch die Stimmung. Nur Edzard allein blieb 
still. Der Freund, der ihn so gut kannte, machte sich Sorge 
um ihn: denn da schien etwas nicht zu stimmen… 
Als man einige Tage später in Ritters beim Abendessen saß, 
fragte der Verwalter den Inspektor: 
»Sagen Sie mal, Baron, was ist eigentlich aus dem 
Rentmeister geworden, der vor Wochen seinen Dienst in 
Reuth verlassen mußte?« 
»Der hat kürzlich geheiratet und wohnt mit seiner jungen 
Frau und deren Mutter im Dorf.« 

»Hat er noch keine Stellung gefunden?« 
»Nein. Vorläufig zieht er mit einem anderen durch die 
Dörfer und fidelt zum Tanz auf. Ich habe ihm damals 
meine Hilfe versprochen und bemühe mich auch mein 
Wort zu halten. Jedem Bewerbungsschreiben legt er eine 
Empfehlung von mir bei. Aber da ich selbst so ein 
einflußloser Mensch bin, wird man auf meine Referenz 
keinen Wert legen. Jedenfalls hat Karbach auf seine 
Bewerbungen stets negativen Bescheid erhalten.« 
»Das klingt verdammt resigniert, mein lieber Baron. Mir 
würde eine Empfehlung, die von einem Menschen kommt, 
der brav und treu seine Pflicht tut und auch sonst ein 

anständiger Kerl ist, vollauf genügen. Ob er da 
Großgrundbesitzer oder Inspektor ist. Um das zu beweisen, 
werde ich den Karbach hier als Rentmeister einstellen.« 
Edzards finstere Miene hellte sich auf. 
»Tatsächlich, Herr Bitterling? Wollen Sie einen Mann in 
Ihre Dienste nehmen, dem der Makel der Unterschlagung 
anhaftet?« 
»Tatsächlich, Sie Zweifler! Es kommt nämlich immer 
darauf an, welches Motiv einer Unterschlagung zugrunde 
liegt. Unser bisheriger Rentmeister hat auch solche 
gemacht, aber nicht aus Not, sondern um Geld für seine 

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Liebesabenteuer zu haben. Und das gefällt mir nicht. Also 
hab ich ihn gestern laufen lassen. Die paar hundert Mark 

können wir verschmerzen. Nicht wahr, Andrea?« 
»Ohne weiteres«, nickte diese, die dem Gespräch mit 
Interesse gefolgt war. 
»Aber nun brauche ich einen neuen Rentmeister, und ich 
glaube, in Karbach den richtigen gefunden zu haben. 
Vorausgesetzt, daß unsere Gebieterin hier damit 
einverstanden ist. Kennst du überhaupt den ganzen 
Vorgang, Andrea?« 
»Ja.« 
»Auch, daß unser Inspektor dem armen Teufel aus der 
Klemme half?« 
»Auch das weiß ich«, lächelte sie. »Deshalb wollen wir uns 

von seiner Großherzigkeit nicht beschämen lassen und 
Herrn Karbach Vertrauen entgegenbringen.« 
»Das war wieder einmal ganz Andrea«, schmunzelte 
Matthias. »Also zitieren Sie Ihr Sorgenkind her, 
Rittersreuth.« 
Bitterling wurde mit dem neuen Rentmeister schnell einig. 
Lachend rief Edzard: 
»Na, sehen Sie, Karbach, jetzt scheint die Sonne wieder. 
Bedanken Sie sich beim Herrn Verwalter.« 
»Der Herr Verwalter sagte mir, daß ich meine Stellung 
Ihnen zu verdanken habe, Herr Baron – « 
»Stimmt«, meldete sich Bitterling. »Streiten, wir uns nicht. 

Machen wir es wie vernünftige Leute und trinken wir einen 
Schnaps.« 
Nachdem das geschehen war, fragte er: 
»Wie steht es mit Ihrem Hausrat, Herr Karbach?« 
»Der kommt schon noch«, sagte dieser verlegen. 
»Das Notwendigste besitzen wir, und das Fehlende 
schaffen wir uns nach und nach an. Die Hauptsache ist, 
daß ich nun wieder eine Stellung habe.« 
Lachend verabschiedete man sich. 
Beim Mittagessen erkundigte sich Andrea, ob die Herren 
Karbachs Dank standgehalten hätten. Matthias 

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schmunzelte: 
»Einer Schob die Schuld auf den andern, somit ging es 

prächtig. Jetzt kannst du dir noch gebührenden Dank 
verdienen, Reakind.« 
»Da bin ich aber neugierig…« 
»Paß mal auf: In diesem Kasten hier gibt es doch sicherlich 
Möbelstücke, die übrig sind. Kannst du die nicht dem 
Rentmeisterpaar zur Verfügung stellen, damit es sich 
wohnlicher einrichten kann? Was die Leutchen besitzen, 
wird meiner Ansicht nach gleich Null sein.« 
»Von Herzen gern. Ich werde geeignete Sachen aussuchen 
und sie in die Rentmeisterwohnung schaffen lassen.« 
Andrea ging mit Eifer daran, die Wohnung wohnlich 
einzurichten. Als sie damit fertig war, betrachtete sie ihr 

Werk mit Wohlgefallen. 
»Wie soll ich Ihnen nur danken, gnädiges Fräulein?« 
»Gar nicht, Frau Karbach«, reichte sie der Frau mit 
herzlichem Lächeln die Hand. »Fühlen Sie sich in Ihrem 
Heim wohl, das ist mir Dank genug. Und Ihnen, Herr 
Rentmeister, wünsche ich dasselbe«, wandte sie sich an den 
Mann, der sich stumm über ihre Hand neigte. »Ich freue 
mich, daß wir einen so tüchtigen Menschen wie Sie in 
unsern Betrieb bekommen.« 
Dann klappte die Tür hinter dem Ehepaar zu. Lachend sah 
Andrea die beiden Herren an, die Zeuge der kurzen 
Unterredung gewesen waren. 

»Die versteht’s«, schmunzelte Matthias. »Da können wir 
noch viel lernen, Rittersreuth. Was ich noch fragen wollte, 
Andrea: Begibst du dich am morgigen Sonntag wieder auf 
Besuchstour?« 
»Ja.« 
»Müssen wir dann wieder mit dem Essen auf dich warten?« 
»Nein, du Armer. Wenn ich um die gewohnte Zeit nicht 
zurück bin, eßt ruhig ohne mich.« 
»Das ist langweilig. Sei lieber pünktlich, wie wir es ja auch 
sein müssen. Jeder Herr soll seinen Untergebenen mit 
gutem Beispiel vorangehen.« 

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»Da hast du recht, Onkelchen. Aber Ausnahmefälle muß 
man gelten lassen.« 

»Wann ist eine Frau einmal um eine Ausrede verlegen? Oh, 
diese Evas! Halten Sie sich die bloß fern, Baron, wie auch 
ich es getan habe.« 
Edzard, der dem Geplänkel amüsiert gefolgt war, erhob 
sich lachend. 
»Wenn die Evas nur nicht so reizend wären! Wie heißt es so 
richtig: Man sagt, die Ehe ist ein Übel, ein unerträglich 
schweres Joch. Ich glaub, sie ist wie eine Zwiebel, man 
weint dabei – und ißt sie doch.« 
»Dem ist nicht mehr zu helfen«, lachte Matthias herzlich. 
»Der läuft bestimmt sehenden Auges in sein Verderben.« 
Der siebente Juli brachte einen strahlend schönen 

Sonnentag. 
Ganz vorzüglich hatte die Gastgeberin alles arrangiert, um 
es den Gästen so behaglich wie möglich zu machen. Die 
erschienen dann auch um die Kaffeezeit. Sie brachten alle 
frohe Laune mit, und so herrschte denn gleich von Anfang 
an eine zwanglose Fröhlichkeit. 
Nur einer war darunter, der höchst ungern zu dem Fest 
gekommen war – Herr Philipp. Als müßte er mit seinen 
Blicken Löcher in die Mauer des feudalen Hauses bohren, 
so kampfbereit stand er davor. Und wer weiß, ob er nicht 
noch Reißaus genommen hätte, wenn nicht im rechten 
Augenblick der Diener erschienen wäre. 

Dann stand man vor der Gastgeberin, die einfach ein 
Gedicht von Kleid trug. Darauf funkelte wieder das 
Rubinherz, das in seiner leuchtenden Röte aller Blicke auf 
sich zog. Und erst das Lächeln, mit dem Andrea die Gäste 
begrüßte, das mußte selbst den ärgsten Griesgram betören! 
Da hatte Vera bestimmt damit gerechnet, die Schönste auf 
diesem Feste zu sein, wozu unter der hausbackenen 
Weiblichkeit nicht viel gehörte. Sie sah auch wirklich 
reizvoll aus – doch gegen Andrea kam sie nicht auf. Nein, 
mit so viel natürlicher Schönheit und Jugend konnte die 
fast dreißigjährige Vera nicht in Konkurrenz treten. Und 

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wie dieses Fräulein Müller sprach, wie es sich gab, das war 
einfach angeborene Vornehmheit! 

Und wer erschien da in all seiner sieghaften Männlichkeit? 
Der Herr Inspektor! Bewegte sich so zwanglos, als ob er 
hier ein bevorzugter Gast und nicht ein Angestellter wäre. 
Begrüßte seine Verwandten nebst Vera so unbefangen, als 
ob er mit ihnen in schönster Harmonie lebte. 
Schon längst hatte Vera bereut, daß sie sich Busso so 
voreilig anverlobt und damit Edzard verlor. Denn so viel 
wie sie erwartete, würde bei einer Ehe mit ersterem nicht 
herauskommen. Der stand zu sehr unter der Fuchtel seines 
Onkels. Da war Edzard hier bestimmt viel mehr sein 
eigener Herr, zumal er sich der Gunst seiner Vorgesetzten 
zu erfreuen schien. 

Jedenfalls konnte es nichts schaden, wenn sie sich bei ihm 
wieder in Erinnerung brachte und ihm zu verstehen gab, 
daß ihr Herz ihm nach wie vor gehörte. Also mußte sie 
versuchen, ihn allein zu sprechen. 
Diese Gelegenheit bot sich erst beim Tanz und da noch viel 
zu  spät  für  ihre  Ungeduld.  Man  tanzte  gleich  nach  der 
Kaffeetafel; denn unter den alten Parkbäumen war es 
schattig und kühl. Doch bis die Herren die Pflichttänze mit 
den älteren Damen erledigt hatten, dauerte es eine gute 
Weile. 
Und endlich, endlich verneigte er sich dann vor ihr. Nun 
sie ihm nach langer Zeit wieder so nahe war, erfüllte sie ein 

Glücksgefühl ohnegleichen. 
»Edzard, endlich sehe ich dich wieder«, flüsterte sie. »Weißt 
du auch, du Böser, wie sehr ich mich nach dir gesehnt 
habe?« 
»Wirklich, Vera? Das tut mir aber leid«, lachte er mitten in 
ihre Augen hinein. »Ich dachte, die Braut meines 
Bruders…« 
»Ich bin es noch nicht«, unterbrach sie ihn erregt. »Wenn 
ich dir alles erklärt haben werde, wirst du erkennen 
müssen, daß der Schein trügt. Warum hast du mich damals 
so schnöde im Stich gelassen?« 

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»Weil ich dachte, daß dir an einem Inspektor nichts liegen 
könnte.« 

»Wie häßlich, Edzard! Ich hätte  mich  sehr  gut  in  deine 
veränderten Verhältnisse hineingefunden.« 
»Das hätte ich wissen müssen. Aber jetzt ist es ja zu spät.« 
»Zu spät ist es noch lange nicht. Du hast mir zwar weh 
getan, als du dich so plötzlich von mir wandtest, doch ich 
will dir gern verzeihen; denn – ich liebe dich. Willst du mir 
das glauben?« 
»Warum nicht? So was glaubt ein Mensch immer gern«, 
lachte er unbekümmert. »Bist ein liebes Kind, Verachen.« 
Fest schmiegte sie sich in seinem Arm und flüsterte zu ihm 
empor: 
»O Edzard, jetzt bin ich wieder glücklich. Wir müssen uns 

unbedingt einmal aussprechen.« 
Er kam zu keiner Antwort, da die Musik schwieg. Mit 
einem Blick, den sie sich nicht erklären konnte, löste er 
seinen Arm von ihrer Mitte, brachte sie an ihren Platz 
zurück und ging davon, bevor sie ihn zurückhalten konnte. 
Am liebsten hätte sie die Herren, die sie zu den weiteren 
Tänzen holten, schroff abgewiesen. Da das jedoch nicht gut 
ging, mußte sie ihnen zum Tanz folgen und hatte so nicht 
mehr die Gelegenheit, Edzard scharf zu beobachten. 
Eben klang ganz in der Nähe sein sonores Lachen auf. Vera 
wandte den Kopf und sah ihn mit Susann Syder vergnügt 
schunkeln. Wie vertraut sie taten, wie sie zusammen 

tuschelten und dann lachten, das alles konnte die 
enttäuschte Vera kaum noch mit ansehen. 
Es war gut, daß Busso sie zum nächsten Tanz holte. Da 
konnte sie ihrer gereizten Stimmung freien Lauf lassen. 
Doch zu ihrem Pech befand auch er sich in keiner rosigen 
Laune – und daran war auch Edzard schuld. Auch er wollte 
ihn in seiner stillen Klause aufsuchen, aber nicht um ihn zu 
trösten, sondern mit höhnischen Bemerkungen zu 
bedenken. Und nun bewegte der Herr Inspektor sich hier, 
als wäre er der Gastgeber. Wenn einen das nicht erbosen 
sollte! 

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Also fiel Veras ungnädige Bemerkung, daß er sie nicht so 
auffallend an sich pressen sollte, auf vulkanischen Boden. 

»Hab dich doch nicht so dumm!« fuhr er sie wütend an. 
»Was sollen die Menschen denken«, zischte sie zurück. 
»Daß sie ein angehendes Brautpaar vor sich haben. Je 
früher sie das bemerken, um so eher wird der Alte sich 
bequemen müssen, die Einwilligung zur Verlobung zu 
geben.« 
Am liebsten hätte sie geantwortet, daß ihr daran nichts 
mehr läge. Aber soviel Besinnung hatte sie denn doch 
noch, um diese Bemerkung zu unterdrücken. 
Das waren nun schon zwei, die sich über den unschuldigen 
Edzard ärgerten. Als dritter schloß sich ihnen Herr Philipp 
an. Aber den ärgerte heute ja schließlich auch die Fliege an 

der Wand. Und da es hier nicht gut anging, den wilden 
Mann zu markieren, so war er gezwungen, den Ärger in 
Alkohol zu ertränken. 
»Nun, Onkelchen, dir scheint’s ja zu schmecken, wie?« 
»I du verflixter Schlingel«, knurrte der Geneckte. »Eigentlich 
dürftest du mir ja nicht unter die Augen treten, ohne dabei 
zu Kreuze zu kriechen, willst du das?« 
»Bewahre, Onkel. Wozu auch? Habe ich denn so viel 
Ehrenrühriges verbrochen?« 
»Ausgerissen bist du. Das vergesse ich dir nie, mein 
Jungchen. Ausgerechnet nach Ritters mußtest du gehen, das 
für mich das ist, was dem Stier das rote Tuch. Darüber soll 

ich mich wohl nicht ärgern, was?« 
»Darüber könntest du dich höchstens freuen – « 
»Ach was – freuen – «, unterbrach er ihn unwirsch. »Dazu 
habe ich auch allen Grund. Mußte mir einen Inspektor 
suchen, während mein Neffe einen Hasensprung weiter in 
Stellung steht. Das auch noch auf Ritters, das man von 
Reuth abgehackt hat wie die Krone von einem Baum. 
Beides ist nun nichts Ganzes, auch nichts Halbes. Ritters 
gehört nun einmal zu Reuth, wie es schon unser Name 
besagt. Von Rechts wegen dürften wir uns nur Reuth 
nennen«, stellte er tiefsinnig fest. »Aber wir haben ja nicht 

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einmal einen Namen, den wir davorsetzen können. Da hat 
Fräulein Müller es besser. Die kann sich Müller-Ritters 

nennen…« 
In diese Rede lachte Edzard so herzlich hinein, daß Frau 
Nataly, Andrea und das Ehepaar Syder, die in der Nähe 
standen, zu den beiden Herren traten. 
»Was amüsierst du dich denn so, mein Sohn?« fragte die 
Tante. »Dürfen wir mitlachen?« 
»Jawohl, auf meine Kosten«, brummte Philipp gemütlich. 
»Der Bengel lacht mich ganz respektlos aus, weil ich Ihnen 
einen so schönen Namen gegeben habe, gnädiges 
Fräulein.« 
»Da bin ich aber neugierig, Baron«, lächelte Andrea. 
»Tja, mein kleines Fräulein«, nickte er wehmütig. »Sie 

haben wenigstens einen Namen, den Sie vor Ritters setzen 
können. Aber wir, die wir nur noch Reuth unser eigenen 
nennen, sind übel dran. Denn Reuth-Reuth geht doch 
schlecht, nicht wahr? Doch Müller-Ritters, das geht gut.« 
»Oh, wie schön -!« lachte Andrea hellauf. »Wird gemacht, 
Herr Baron. Und da jede Taufe begossen werden muß, soll 
es gleich an Ort und Stelle geschehen.« 
Sie bestellte bei einem Diener Sekt, der gleich darauf in den 
Gläsern perlte. 
Bald herrschte eine Fröhlichkeit am Tisch, die immer mehr 
Gäste herbeilockte, darunter auch Vera und Busso. Die 
machten große Augen, als sie sahen, wie Herr Philipp 

Andrea becourte, und ärgerten sich über die entzückende 
Art, mit der sie die altväterlichen Komplimente 
entgegennahm. 
Als man gesättigt war und ungeduldig die Aufhebung der 
Tafel erwartete, damit man wieder das Tanzbein schwingen 
konnte, schlug Edzard an sein Glas. 
»Keine Angst, meine Herrschaften«, rief er lachend, als er 
die enttäuschten Gesichter rundum bemerkte. »Ich will Ihre 
Ungeduld auf keine Probe stellen. Will das, was ich zu 
sagen habe, in einen Satz fassen: 
Meine Damen und Herren, ich erlaube mir, meine 

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Verlobung mit Fräulein Andrea Müller bekanntzugeben.« 
Nach diesen Worten war es sekundenlang still, so sehr 

waren die Menschen überrascht. Doch dann brach ein 
kaum endenwollender Jubel los. Alle drängten sich dem 
Brautpaar zu, um mit ihm anzustoßen. 
Nur Susann hielt sich abseits und betrachtete Vera und 
Busso, die dicht nebeneinander standen, mit unbändigem 
Vergnügen. 
»Nun komm schon«, wollte Hubert sie mit sich ziehen, 
doch sie sperrte sich dagegen. 
»Nein, laß – und bleibe du auch hier. Ich habe etwas vor. 
Dazu muß ich jedoch abwarten, bis die erregten Gemüter 
sich beruhigt haben«, verriet sie mit blitzenden Augen. 
»Sieh dir die beiden Leutchen dort an«, flüsterte sie ihm 

mit unterdrücktem Lachen zu. »Sehen sie nicht aus, als 
müßten sie jeden Augenblick Gift und Galle spucken? Grün 
genug sieht Bussos Gesicht aus – und Veras nicht minder, 
was man unter der Puderschicht allerdings nur ahnen 
kann. Aber beherrschen tun sie sich, das muß ihnen der 
Neid lassen.« 
»Fein hat Edzard das gemacht«, freute sich Hubert. »Man 
muß allgemein annehmen, daß die Herrin sich in ihren 
Inspektor Hals über Kopf verliebt hat. Sie spielen die 
Komödie fabelhaft.« 
»Hach, da sollst du erst einmal sehen, wie ich die meine 
spielen werde«, machte Susann ein Gesicht, daß der Gatte 

lachend fragte, ob sie womöglich auch Gift und Galle 
spucken möchte. 
»Nein, aber die Perfidie rächen«, funkelten ihre Augen 
kampflustig. »Edzard soll seine Genugtuung haben – ich 
warte nur auf ein passendes Stichwort.« 
Als wäre ein jovialer Herr mit ihr im Komplott, ließ er das 
Stichwort fallen: 
»Na, wenn das nicht Liebe auf den ersten Blick war – « 
»O nein – «, trat Susann nun lachend vor. »Die besteht 
schon recht lange, meine Herrschaften – « 
Sie fiel Andrea um den Hals, herzte und küßte sie -. »Laß 

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dir Glück wünschen, mein Liebes. Ein ganz, ganz großes 
Glück, du prächtiges Menschenkind…« 

Und sich dann an Edzard wendend: 
»Hast du sie nun endlich? Laß auch dir Glück wünschen, 
obgleich das gar nicht nötig ist, da es dir aus den Augen 
strahlt. 
Ja, meine Herrschaften, da staunen Sie, nicht wahr?« rief sie 
den Menschen zu, die wie erstarrt standen. »Drei Jahre hat 
dieser hartnäckige Mann um seine stolze Dame 
getoggenburgert. Obgleich sie auf dem Standpunkt steht: Er 
soll dein Herr sein… wollte sie sich so viel wirtschaftliche 
Kenntnisse aneignen, um ihm in der Arbeit Kamerad sein 
zu können. Daher hat sie ihn so lange zappeln lassen.« 
»Na so was – «, sagte Herr Philipp so verblüfft, daß alle 

rundum in erlösendes Lachen ausbrachen. Hubert rief ihm 
neckend zu: 
»Wir drei sind die einzigen gewesen, die den Duft des 
Veilchens, das mehrere Wochen im Jahr hier im 
Verborgenen blühte, verspürt haben. Komm, Andrea, mein 
Mädchen, laß dir auch von mir Glück wünschen.« 
Als wäre es ganz selbstverständlich, zog er sie an sich und 
küßte ihren lachenden Mund. 
Der Bräutigam wurde von allen Seiten mit neckenden 
Bemerkungen bedacht! Susann hatte ihre Sache so 
fabelhaft gemacht, daß niemand ihre Worte auch nur im 
entferntesten anzweifelte. Selbst Bitterling hatte bei ihrer 

kühnen Behauptung mit keiner Wimper gezückt. 
Jedenfalls war Edzard vollste Genugtuung geworden. Das 
merkten die Eingeweihten an Veras und Bussos 
Fassungslosigkeit. Die andern, deren Interesse dem 
Brautpaar gehörte, bemerkten nicht die unterdrückte Wut, 
die den Gefoppten aus den Augen flackerte. 
Busso befand sich in einer Verfassung, die man mit 
verheerend bezeichnen konnte. Er hatte den Bruder treffen 
wollen bis ins tiefste Herz, indem er ihm das geliebte 
Mädchen fortnahm. Und nun stellte sich heraus, daß 
dessen Liebe seit drei Jahren Fräulein Müller gehörte, von 

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deren Existenz man bis vor drei Wochen noch keine 
Ahnung gehabt hatte. 

Also war Vera ihm nichts weiter als ein Zeitvertreib 
gewesen. 
Schon immer war er auf Edzard neidisch gewesen, weil 
dem alles so leicht in den Schoß fiel, was er sich schwer 
erkämpfen mußte: Die Herzen der Menschen, das Wissen 
auf den Schulen und anderes mehr. Er lebte dabei sein 
unbekümmertes Leben, während er den Musterknaben 
mimen mußte, um wenigstens den Onkel auf seiner Seite 
zu haben. 
Und jetzt – jetzt wurde er Herr auf dem feudalen Ritters. Er 
brachte es somit der Familie zurück, wofür der Onkel ihn 
in den Himmel heben würde – statt ihn zu enterben, wie 

er, Busso, zuversichtlich gehofft. Dazu hatte er Jahrzehnte 
hindurch gegen den Bruder intrigiert. 
Das alles dachte Busso, während er zusah, wie sein Bruder 
von den Menschen umringt und geehrt wurde. Wie ein 
giftiger Wurm fraß der Neid an Bussos Herzen. 
Und Vera? Die beneidete wiederum das Mädchen, das nun 
die Braut des Mannes war, den sie so heiß für sich begehrte. 
Jetzt, nachdem er ihr endgültig verloren, wußte sie erst, wie 
sehr sie ihn liebte. So sicher war sie seiner Liebe gewesen – 
und nun stellte sich heraus, daß er nur ein müßiges Spiel 
mit ihr getrieben hatte. 
Wenn das hochmütige Geschöpf nur wüßte, daß der 

Liebste, der es seit drei Jahren umgarnt, sich in der 
Zwischenzeit amüsanten Zeitvertreib gesucht – o wie würde 
das Lärvchen sich in bitterböse Falten ziehen. Na, warte 
nur, mein stolzes Kind, du sollst schon noch von mir 
erfahren, welch ein Heuchler dein Bräutigam ist! Dann 
wirst du ihm schon den Laufpaß geben – und mich damit 
rächen. 
Am liebsten hätte Vera ihre Wut und auch ihren Schmerz 
laut hinausgeschrien. Statt dessen mußte sie hier verharren 
und so tun, als ob sie sich über die Verlobung freute. 
Mußte lächelnd nicken, als Busso ihr zuflüsterte, daß man 

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die frohe Stimmung bei dem Alten ausnutzen und ihm die 
Einwilligung zur baldigen Veröffentlichung ihrer 

Verlobung erpressen müßte. 
Sie zuckte zusammen, als Philipp ihnen zurief: 
»Na, ihr beiden, was steht ihr denn da so verlassen. Kommt 
doch näher – so ist’s recht. Das ist aber mal ein Glück, 
Busso, was? Ritters kommt wieder zu Reuth. Daß ich diesen 
Tag erleben durfte, dafür will ich unserm Herrgott danken.« 
Seine Freude war so rührend, daß sie allgemein Widerhall 
fand. So waren Vera und Busso gezwungen, ebenfalls 
Freude zu heucheln. 
Das Ausschlafen hatte man in Reuth gut besorgt, 
wenigstens der Herr des Hauses. Er begrüßte die Gattin 
gutgelaunt, und als er nach dem Essen seine Zigarre 

angesteckt hatte, kam er mit dem heraus, was ihm 
anscheinend sehr am Herzen lag. 
»Was ich sagen wollte, Nataly – hm, schau mal, das ist so: 
Da nun Edzard sein Glück gemacht hat, das auch unser 
Glück ist, da Ritters wieder zu Reuth gehört, da dachte ich – 
hm – man müßte Busso da auch eine Freude machen. 
Meinst du nicht auch?« 
»Natürlich.« 
»Na siehst du. Als wir vom Fest nach Hause kamen, hat der 
Junge mich flehentlich gebeten, auch bald Verlobung feiern 
zu dürfen – was ich denn auch halb und halb zusagte. Na 
ja – warum auch nicht? Die Leutchen lieben sich und 

wollen daher auch heiraten. Das ist doch zu verstehen.« 
»Allerdings.« 
»Na also, Frauchen, ich habe ja gewußt, daß du vernünftig 
sein wirst. Nun dachte ich es so: Wir geben die Verlobung 
bekannt, feiern sie am Sonntag im engsten Familienkreise 
und richten dafür im Herbst die Hochzeit groß aus. Als 
Wohnung überlassen wir ihnen die drei 
zusammenhängenden Zimmer oben, die du ihnen nett 
einrichten kannst. Essen können wir der Einfachheit halber 
alle aus einem Topf. Wie gefällt dir mein Plan?« 
»Gar nicht.« 

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»Aber Nataly!« Jetzt wurde er ungemütlich. 
»Was hast du daran auszusetzen?« 

»Bis auf Verlobung und Hochzeit alles.« 
»Also, daß das junge Paar hier wohnen soll? Warum?« 
»Weil ich mit Vera nicht zusammen wohnen möchte.« 
»Nataly, wie kann man bloß so verbohrt sein! So übel ist 
Vera doch nun wirklich nicht, daß du ihr so abgeneigt sein 
mußt. Was hat sie dir bloß getan, daß du sie so verurteilst. 
Gerade dir gegenüber ist sie stets bemüht, recht lieb und 
gut zu sein.« 
»Eben – sie ist bemüht«, nickte sie seelenruhig. »Das 
verlange ich ja gar nicht, weil es meine Sympathie oder 
Antipathie durchaus nicht beeinflußt. Andrea war bei 
ihrem Antrittsbesuch gar nicht bemüht, lieb und gut zu 

sein – und doch flog ihr mein Herz sofort zu.« 
»Nun?« dehnte Philipp. »Sprach da nicht dein Herz, weil 
sie die Besitzerin von Ritters ist?« 
»Darauf bleibe ich dir die Antwort schuldig, mein lieber 
Philipp. Streiten wir nicht herum, sondern kommen wir 
zum Ende der Unterredung. Du hast meine Meinung hören 
wollen, hier ist sie: Ich habe absolut nichts dagegen, daß 
Busso Vera heiratet, meinetwegen morgen schon. Weise 
ihnen Praddeln als Wohnsitz an. Das Haus ist recht 
passabel und dazu gemütlich eingerichtet. 
Ich habe auch nichts dagegen, daß du Busso Reuth 
vermachst, nur nicht, solange ich die Herrin darin bin.« 

»Wer spricht denn davon? Ich denke gar nicht daran! 
Wenigstens nicht, so lange ich lebe. Was hier zur Debatte 
steht ist, daß das junge Paar in Reuth wohnen soll.« 
»Dann können wir die Debatte beenden. Denn ich sage 
nein – und nochmals nein.« 
»Was soll das heißen?« 
»Daß ich von Reuth gehe, sofern du Busso mit seiner Frau 
Wohnrecht darauf zubilligst. Genügt dir das?« 
»In drei Kuckucks Namen – nein!« Jetzt stand sein Zorn in 
hellen Flammen. »Du kannst Busso nur nicht leiden und 
mißgönnst ihm sein Glück!« 

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»Großer Gott, wie niedrig schätzt du mich ein. Ich kann 
Busso weder nicht leiden, noch ist er mir ans Herz 

gewachsen – ich verabscheue nur seinen minderwertigen 
Charakter. Ich habe mir nämlich nicht von dem 
scheinheiligen Burschen Sand in die Augen streuen lassen 
wie du. Bin daher sehend geblieben – und du wurdest 
blind. Merktest nichts von seinen infamen Intrigen, die er 
gegen seinen Bruder spann. 
Ruhig, jetzt spreche ich erst einmal zu Ende -!« herrschte 
sie ihn an, als er ihr in die Rede fahren wollte, so daß er vor 
Erstaunen den Mund offen behielt. 
»Mach den Mund getrost zu. Sperre lieber dafür die Augen 
auf und schaue um dich. Dann wirst du bald merken, für 
welch einen Narren man dich überall hält, der sich von 

einem intriganten Burschen so völlig verblenden ließ. Dem 
seine Einflüsterungen wie ein Evangelium waren, so 
unantastbar, und wenn dir meine Worte unglaublich 
erscheinen, dann geh zu deinen Leuten und fordere sie auf, 
ihre Meinung über deinen Abgott laut werden zu lassen. 
Dann wirst du Dinge zu hören bekommen, daß dir die 
Haare zu Berge stehen. Seiner Niedertrachten sind so viele, 
daß ich sie dir nicht alle aufzählen kann. Nur eines sei dir 
gesagt: Zwanzig Jahre hat der Bursche darauf hingearbeitet, 
daß du Edzard enterben solltest, damit er Alleinherrscher 
auf Reuth wird. Schritt für Schritt ist er in gewissenlosester 
Weise vorgegangen, um seinen Bruder aus dem Wege zu 

räumen. So – das ist Busso. Und bezüglich Vera scheinst du 
genau so verblendet zu sein. Sonst hättest du sehen 
müssen, daß ihr ganzes Getue nichts weiter als 
Scheinheiligkeit ist. Wenn sie erst fest auf Reuth sitzt, wird 
sie ihren wahren Charakter zeigen. Das ist der Grund, 
warum ich nicht mit ihr zusammenwohnen will. 
Gott sei Dank – jetzt ist mir wohler. Auf diesen Augenblick 
habe ich gewartet, zwanzig Jahre lang. Habe geschwiegen 
und immer wieder geschwiegen, obgleich mir über die 
Ungerechtigkeit, mit der du Edzard behandelt hast, 
manchmal fast das Herz brechen wollte. Doch ich mußte 

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schweigen, um dem armen Jungen nicht zu schaden. 
Und nun mache, was du willst. Es ist dein Reuth, es ist dein 

Neffe. Mit dem Moment, wo du dich entschieden hast, 
gehe ich. Gottlob habe ich soviel eigenes Geld, um 
bescheiden davon leben zu können. Und zwar in Frieden. 
Wenn Vera hier festen Fuß gefaßt hat, wird der Teufel los 
sein. Das mitzumachen, dafür danke ich.« 
Philipp war dem allen, was da ruhig, aber fest und klar 
gesagt wurde, wie erstarrt gefolgt. Erst als die Stimme 
schwieg, die ihm so unbarmherzig die Wahrheit enthüllt 
hatte, kam er zu sich. 
Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit polterte er nicht 
los, sondern sprach voll Verachtung: 
»Pfui Teufel noch einmal! Wie kann ein Mensch nur einen 

andern in so gehässiger Weise verleumden. Busso wird mit 
seiner Frau hier wohnen – « 
»Schön.« Damit erhob sie sich. »Dann ist die Entscheidung 
gefallen. Ich wünsche dir nur, daß du diese Stunde nie 
bereuen mögest.« 
Damit klappte die Tür hinter ihr zu. 
Auch in Ritters traf man erst zum Mittagessen zusammen, 
ausgeschlafen, frisch und munter. Hauptsächlich Matthias 
Bitterling befand sich in allerbester Laune. 
»Nun, hier hängt wohl der Himmel voller Geigen«, 
begrüßte er das Brautpaar, das sich bereits im 
Speisezimmer befand. »Kinder, Kinder, ihr habt es fein 

raus, eure Mitmenschen zu überraschen. Dämlicher kann 
ich noch nie ausgesehen haben, als nach der 
Bekanntmachung eurer Verlobung. Und was Frau Syder 
anschließend erzählte, das konnte mein Hirn überhaupt 
nicht fassen. So – «, schloß er verschmitzt, »und jetzt 
möchte ich essen.« 
»Da mußt du dich noch gedulden, Onkelchen, Syders 
kommen zur Nachfeier, um sich so richtig mit uns 
auszuplauschen. Auf dem Fest konnte man ja kein 
vertrautes Wort miteinander reden. Da sind sie bereits. 
Kommt bloß schnell, sonst verhungert uns unser Bitterchen 

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noch.« 
Als man während des Essens lebhaft von dem Fest 

plauderte, kam man natürlich auch auf die kleine Komödie 
zu sprechen, die Susann so wirkungsvoll in Szene gesetzt 
hatte. Diese sah Andrea unsicher an, die den Blick sofort 
verstand. Lachend winkte sie ab. 
»Vor Bitterchen brauchst du kein Blatt vor den Mund zu 
nehmen. Daß du geschwindelt hast, weiß er ganz genau. 
Aber weshalb das geschah, darüber darf er sich ruhig den 
Kopf zerbrechen.« 
»Mein armer Kopf. Na ja, so geht es unsereins, wenn man 
zwischen Frauensleut gerät. Ich habe Sie ja gewarnt, 
Rittersreuth, doch Sie wollten nicht hören.« 
»Wo haben Sie als Junggeselle nur die Erfahrung 

gesammelt?« erkundigte Edzard sich amüsiert. Worauf die 
tiefsinnige Antwort erfolgte: 
»Auch ich war einmal jung und schön…« 
»Das will ich sogar glauben«, kam es von der Tür her. Die 
Köpfe fuhren herum und da stand Natchen – fidel, 
charmant, gepflegt wie gewöhnlich. 
»Natchen, das ist mal eine freudige Überraschung -!« lachte 
Edzard über das ganze Gesicht. 
»Ob sie so freudig ist, muß mal erst festgestellt werden. 
Zuerst gebt mir was zu essen.« 
Obgleich sie mit gutem Appetit aß und auch keine 
Erregung zeigte, fühlten die andern doch, daß etwas nicht 

stimmte. Man gab sich Mühe, die Unterhaltung 
fortzusetzen, bis Nataly nach einer Zigarette griff und sich 
zurücklehnte. 
»Da wir ja so nett unter uns sind, kann ich freiweg reden. 
Also kurz die Rede, lang der Sinn: Ich bin ausgerückt. 
Genau so wie Edzard damals. Und da er in Ritters so gute 
Aufnahme gefunden hat, hoffe ich sie gleichfalls zu 
finden.« 
»Natchen, was ist denn passiert -?« fragte Edzard 
erschrocken. 
»Nichts Besonderes, mein Sohn. Nur daß Busso den Onkel 

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wieder einmal so weit gekriegt hat, wie er wollte. Seine 
Verlobung soll schon am Sonntag veröffentlicht werden. 

Das hätte mich nicht weiter berührt. Nur daß das junge 
Paar in Reuth wohnen soll, dagegen erhob ich Einspruch. 
Machte dem Onkel den Vorschlag, den Neuvermählten 
Praddeln als Wohnsitz anzuweisen, was ihn entrüstete. 
Ein Wort gab das andere, wobei jeder auf seinem Willen 
beharrte. Er, daß sie unbedingt auf Reuth wohnen werden, 
ich, daß ich Reuth verlasse, sobald die Sache spruchreif 
wäre. Da warf er mir vor, daß ich Busso nicht leiden könne 
und ihm sein Glück mißgönne – und da war endlich der 
Augenblick da, auf den ich zwanzig Jahre warten mußte. Er 
bekam alles zu hören, was ich auf dem Herzen hatte. Ganz 
unbarmherzig habe ich ihm die Wahrheit gesagt. Ach, war 

das eine Wohltat -!« 
»Dann hast du ihn über Bussos Charakter aufgeklärt?« 
fragte Edzard unsicher. 
»Und ob, mein Jungchen!« 
»Das glaubt der Onkel dir im ganzen Leben nicht-« 
»Tat er auch nicht. Nachdem ich alles vom Herzen herunter 
hatte, war er so erschlagen, daß er verachtungsvoll sagte: 
Pfui, Teufel, wie kann ein Mensch nur einen andern in so 
gehässiger Weise verleumden. Busso wird mit seiner Frau 
hier wohnen. Na ja – und so bin ich hier.« 
»Aber Natchen, wie konntest du dich meinetwegen mit 
Onkel entzweien…« 

»Nicht deinetwegen, mein Junge, meinetwegen geschah 
das. Glaubst du etwa, ich habe Lust, mit so einem 
verlogenen Geschöpf wie Vera – von Busso ganz zu 
schweigen – tagtäglich zusammenzusein. Ich will im 
eignen Hause meinen Frieden haben. Ist das zu viel 
verlangt?« 
»Nein, Frau Baronin«, meldete sich Bitterling. »Dieser Herr 
Busso muß doch eine unglaubliche Macht über seinen 
Onkel haben.« 
»Hat er – «, bekräftigte Nataly. »Das bekam der arme 
Edzard so manches Mal zu spüren.« 

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»Laß gut sein, Natchen«, lächelte der. »Du hast wieder alles 
wettgemacht, indem du mich über Gebühr verwöhntest.« 

»War auch nötig, mein Jungchen. Sonst hättest du dich 
nicht zu solch einem prächtigen Kerl entwickeln können. 
Wärest verbittert und oft gar am Leben verzweifelt über so 
viel Ungerechtigkeit.« 
»Die habe ich in ihrer ganzen Schwere gar nicht mal 
empfunden, weil du immer gleich zur Stelle warst, wenn 
der Onkel mir weh getan hatte. Da ist es mir besser 
gegangen als Busso, der den Musterknaben spielen und 
stets neue Intrigen ersinnen mußte, um in der Gunst des 
Onkels zu bleiben«, schloß er lachend. 
Liebevoll strich sie ihm über den Kopf und sah ihn dann 
vergnügt an. 

»Eigentlich hast du recht, du Schlingel. Wohl mir, daß ich 
dazu imstande war, die Stiche und Püffe zu heilen, damit 
sie keine Wunden hinterließen, mein lieber Junge. Mehr für 
dich zu tun, war mir leider nicht möglich. Was meinst du 
wohl, wieviel Schlauheit dazu gehörte, den Onkel immer 
wieder zu beschwichtigen.« 
»Du armes Natchen«, streichelte er lachend ihre Hand, 
»was hast du schon für eine Not mit mir gehabt.« 
»Darum bist du mir ja so ans Herz gewachsen, du Bengel«, 
gab sie ebenfalls lachend zurück. »Aber jetzt haben wir 
beide es geschafft. Du hast Karriere gemacht, und ich habe 
mir endlich mein Herz erleichtern können, ohne dir damit 

zu schaden.« 
»Mir nicht, aber dir.« 
»Ach was, bei meinem Mann wird nichts so heiß gegessen, 
wie es gekocht wird. Er ist nämlich ein herzensguter Kerl, 
bis auf seinen Spleen mit Busso. Aber ich glaube, der 
beginnt langsam die Macht über ihn zu verlieren, wozu 
meine schonungslose Aufklärung viel beitragen wird.« 
»Woraus schließt du das?« 
»Weil der Onkel nicht gleich Bussos Verlobung 
veröffentlichte. Ferner, weil er über deinen Fortgang aus 
Reuth mehr gekränkt als erbost ist. Im Grunde hängt er 

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nämlich mehr an dir, als wir alle geglaubt. Und nun du dir 
gar noch die Besitzerin von Ritters angelacht hast, muß er 

annehmen, daß doch recht viel an dir dran sein müßte.« 
»Wenn er nun aber Busso mit seiner Frau Wohnrecht auf 
Reuth zubilligt, was dann, Natchen?« 
»Dann bleibe ich hier. Vorausgesetzt, daß Andrea mich 
haben will.« 
»Daran darfst du nicht zweifeln, Natchen«, erwiderte diese 
herzlich. »So gern ich dich hier haben möchte, so hoffe ich 
doch stark, daß der Onkel zur Einsicht kommen und dich 
zurückrufen wird.« 
»Das geschieht, mein Kind, verlaß dich drauf. Denn ohne 
mich kann er ja doch nicht leben«, gestand sie 
spitzbübisch. 

Da schlug der Fernsprecher an. Edzard nahm das Gespräch 
entgegen. 
»Guten Tag, Onkel«, hörte man ihn sagen. »Ja, Natchen ist 
hier. Gut, ich werde sie rufen.« 
Mit lachendem Gesicht winkte er der Tante zu, die dann zu 
sprechen anhub: 
»Guten Tag, Philipp. Zurückkommen soll ich? Gern, wenn 
du meinem Wunsch nachgibst. Fällt dir nicht ein? Dann 
bleibe ich eben hier. Dann läßt du dich scheiden? Bitte 
sehr…« 
»Abgehängt«, zwinkerte sie dann den andern zu. 
»Ja, ja, mein lieber Mann macht Ernst. Ist zu verstehen. War 

der angefüllt mit Grimm und Groll – herrlich! In Bussos 
Haut möchte ich jetzt nicht stecken. Der muß bestimmt für 
alles herhalten. Wie ich ihm das gönne, dem Leisetreter. 
Ach, Kinder, Rache ist ja so süß!« 
Wenn Natchen die Sache so auffaßte, dann konnte man 
getrost lachen, was man denn auch von Herzen tat. Aber 
neugierig war man doch, wie diese Angelegenheit sich 
entwickeln würde. 
Nun, daß seine Frau ihn kaltlächelnd verlassen hatte, traf 
Phillip schwer. Er befand sich in einer ganz miserablen 
Stimmung, die, wie Nataly recht vermutete, Busso über sich 

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ergehen lassen mußte. 
Als er mit Vera von seiner Autotour zurückkehrte und den 

vor sich hin brütenden Onkel fragte, wo die Tante sei, 
wurde er angefahren, wie nie in seinem Leben zuvor. 
»Was weiß ich, wo sie steckt. Jedenfalls ist sie auf und 
davon – und zwar deinetwegen!« 
»Meinetwegen?« verfärbte Busso sich. »Ich habe ihr doch 
nichts getan.« 
»Meinst du. Sie ist jedoch anderer Ansicht. Jedenfalls will 
sie nicht, daß du nach deiner Heirat hier wohnen bleibst. 
Als ich darauf bestand, ist sie gegangen. Punktum!« 
»Aber Onkel, wie konntest du nur«, tat der Neffe 
scheinheilig. »Wenn Tante es nicht haben will, dann…« 
»Hör bloß auf -!« unterbrach der tiefgereizte Mann ihn 

unwirsch. »Ich weiß ganz genau, was ich zu tun und zu 
lassen habe…!« 
Damit knallte die Tür hinter ihm zu und das Paar sah sich 
an, blaß vor Schreck. 
»Ich habe dir ja immer gesagt, daß deine Tante mich nicht 
leiden kann«, lachte Vera ärgerlich auf. 
»Ach was, die alte ¦ Schraube hat hier gar nichts zu sagen. 
Die muß tanzen, wie der Alte pfeift. Die Hauptsache, daß 
wir ihn auf unserer Seite haben.« 
Das hätte er nicht sagen sollen. Denn Philipp, durch die 
Aufklärung seiner Frau mißtrauisch geworden, tat das, was 
seiner Art sonst zuwider war – er horchte an der Tür. Und 

hörte noch mehr. 
»Sei du deiner Sache nur nicht so sicher«, sprach Vera laut 
und vernehmlich. »Das alte Ekel ist doch wetterwendisch 
wie ein Barometer. Mir liegt übrigens gar nicht so viel 
daran, hier zu wohnen und immer weiter das brave 
Haushuhn zu spielen. Das wird auf die Dauer lästig und 
beschwerlich. Laß ihn uns doch ein Nebengut als Wohnsitz 
anweisen, da können wir tun und lassen, was uns gefällt. 
Wenn Reuth uns erst gehören wird, können wir dem 
Despoten immer noch die Zähne zeigen – « 
Damit hatte Philipp genug gehört. Wie ein Kranker 

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taumelte er von der Tür fort in sein Arbeitszimmer, ließ 
sich in den nächsten Sessel sinken und barg aufstöhnend 

das Haupt in den Händen.  
Zum Abendessen traf man dann wieder zusammen. Der 
Hausherr, befand sich in ungewohnt sanftmütiger 
Stimmung, so daß das Pärchen sich immer wieder 
verstohlen zuzwinkerte. Busso war um den Onkel bemüht, 
wie um einen schonungsbedürftigen Menschen, wobei Vera 
ihn eifrig unterstützte. 
»Sei nicht traurig, Onkelchen«, tröstete er liebevoll. »Unser 
gutes Tantchen wird bestimmt bald wiederkommen. Und 
wenn sie wieder hier ist, dann feiern wir Verlobung, nicht 
wahr?« 
Philipp sah sehr wohl den lauernden Blick des Neffen 

sowie den Veras. Wohl war seiner geraden Art jede 
Verstellung zuwider, aber hier hielt er es für notwendig, 
auch einmal den Fuchskopf aufzusetzen. 
»Daraus wird wohl nichts werden, mein Sohn«, meinte er 
bedauernd. »Nächsten Sonntag findet die Hundertjahrfeier 
unseres Jagdvereins statt, den darauffolgenden bin ich wohl 
noch auf der Reise, die ich für den Verein unternehmen 
muß, und am übernächsten Sonnabend heiratet Edzard…« 
»So rasch?« fragte Busso dazwischen. 
»Ja. Das will mir ja auch nicht gefallen, aber schließlich ist 
der Junge nicht mehr von mir abhängig und braucht daher 
auf meine Wünsche keine Rücksicht zu nehmen.« 

Diese Bemerkung traf Busso an seiner empfindlichsten 
Stelle. Denn unabhängig von seinem Onkel zu werden und 
dann auch tun und lassen können, wie es ihm beliebte, 
darin gipfelte sein ganzes Sinnen und Trachten. Glühender 
Neid auf den Bruder erfaßte ihn, so daß er Mühe hatte, 
nicht aus seiner gutgespielten Rolle zu fallen. Was er nun 
sagte, sollte wie gutmütiger Spott klingen, hatte jedoch 
einen gehässigen Unterton, der dem Onkel nicht entging. 
»Na, von unabhängig kann man da wohl nicht sprechen, 
Onkelchen. Er ist ja doch nur der Mann seiner Frau.« 
»Ganz recht«, nickte Philipp. »Doch das ist immer noch 

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besser für ihn, als daß er von mir abhängig wäre. Meinst du 
nicht auch?« 

»Ja – «, würgte er hervor. 
Was hatte der Alte heute nur. Sollte das etwa eine 
Anspielung auf ihn sein? 
Es war wohl besser, wenn er jetzt ging, bevor er sich zu 
Antworten hinreißen ließ, die unterbleiben mußten. Aus 
der Verlobung wurde in den nächsten Wochen doch wieder 
nichts, warum sich da das Geschwafel des Alten 
mitanhören? 
Innerlich über seine Niederlage fluchend, doch äußerlich 
mit fast demütiger Bescheidenheit, bat er: 
»Gestattest du, daß ich aufstehe, Onkelchen? Ich muß Vera 
jetzt nach Hause bringen, sonst wird es allzu spät.« 

Damit wünschte er mit überschwenglicher Freundlichkeit 
gute Nacht, ging mit Vera davon – und der Onkel sah ihm 
grimmig nach. Dazu sollte er noch öfter Gelegenheit 
haben. Denn nun war sein Mißtrauen hell wach. Das ließ 
ihn in aller Heimlichkeit forschen und spüren, ließ ihn 
zum Schnüffler und Lauscher werden, wobei er noch so 
manches Gespräch zwischen Vera und Busso zu hören 
bekam. 
Dann ließ ihn ein Zufall Zeuge einer widerwärtigen Szene 
werden. 
Er kehrte früher aus der Stadt zurück, als zu erwarten war. 
Und zwar zu Fuß, da das Auto wieder einmal in Reparatur 

gegeben werden mußte. Daher bemerkte ihn niemand, als 
er den Gutshof betrat, wo ihn eine kleine 
Menschenansammlung vor der Scheune aufmerksam 
werden ließ. 
Da er Busso darin erspähte, trat er hinter einen 
Bretterstapel, durch dessen Spalten er alles übersehen 
konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. 
Und nun sah er seinen Liebling so, wie er ihn noch nie 
zuvor gesehen. Mit wutverzerrtem Gesicht stand Busso vor 
einem jungen Arbeiter, der ihn hohnlachend ansah. 
»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, Sie aufsässiger Patron 

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-!« schrie er in heller Wut. »Sonst sorge ich dafür, daß Sie 
heute noch fliegen, verstanden?« 

»Nee – «, meinte der junge Mann gemütlich, indem er seine 
Hände in die Hosentaschen bohrte. 
»Nehmen Sie gefälligst die Hände aus den Taschen, wenn 
der Herr mit Ihnen spricht -!« 
»Ach nee – mein Herr ist immer noch der Herr Baron.« 
»Kerl, werden Sie nicht immer frecher! Sonst schlage ich 
Ihnen die Reitpeitsche um die Ohren!« 
»Wenn Sie nicht zu feige dazu sind, denn man zu.« 
Schon hob sich die Peitsche, doch sie erreichte nicht ihr 
Ziel. Der stämmige Bursche hatte Bussos Handgelenk 
gepackt, so daß dieser vor Schmerz aufstöhnte. Da ließ der 
Bedrohte lachend ab. 

»Na wat denn, wat denn? Mein Griff war doch man ganz 
sacht. Da sollen Sie mal sehen, wenn ich herzhaft 
zupacke.« 
»Kerl, das werden Sie mir büßen! Noch heute fliegen Sie!« 
»Dann geh ich zu Baron Edzard, der nimmt mich 
bestimmt«, lachte der junge Mann höhnisch. »Genauso wie 
er den Rentmeister genommen hat, den Sie hier 
rausgegrault haben. Baron Edzard ist nämlich nicht so ein 
Menschenschinder wie Sie…« 
»Halten Sie Ihr Maul…« 
»Ich hab immer noch einen Mund, weil ich ein Mensch 
bin. 

Und zwar einen sauberen, der noch nie gegen den eignen 
Bruder gehetzt hat. Schade, daß uns Edzard die Schweinerei 
hier nicht mitansehen kann. Der würde diesmal bestimmt 
das Nasenbein ganz durchschlagen oder soll ich es für ihn 
tun?« 
Die Männer, die ringsum standen und mit Interesse die 
Auseinandersetzung verfolgt hatten, hielten vor Spannung 
den Atem an. 
Doch siehe da, es geschah nichts. Mit einem Achselzucken 
wandte Busso sich ab, schwang sich auf das Pferd, das 
neben ihm gestanden hatte, und jagte davon, von dem 

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Gelächter der Arbeiter begleitet – das dann jäh verstummte, 
als ihr Herr plötzlich vor ihnen stand. 

Die Mützen flogen von den Köpfen. Still wollte man sich 
verdrücken, doch eine herrische Handbewegung hielt sie 
zurück. 
»Was war denn hier los?« 
Betretenes Schweigen. Mit gesenkten Köpfen erwarteten sie 
alle ein Donnerwetter und sahen dann unsicher auf, als der 
Gefürchtete ruhig fragte: 
»Tiebuck, haben Sie meinem Neffen den Gehorsam 
verweigert?« 
Dieser stand mit trotzig vorgeschobenem Kinn da und 
schwieg. Da wandte der Baron sich dem ältesten Kämmerer 
zu. 

»Kurbat, dann sprechen Sie. Was auch vorgefallen sein 
mag, dem Tiebuck geschieht nichts. Darauf gebe ich mein 
Wort.« 
Verlegen drehte der Mann seine Mütze, sah seinen Herrn 
dabei jedoch ehrlich an. 
»Es war nämlich so, Herr Baron«, begann er in seiner 
bedächtigen Art. »Die vom Gespann sind doch alles sehr 
für ihre Pferde. Und nun lahmt die Lise aus dem Tiebuck 
seinem und da wollte er sie nicht einspannen. Ausfallen 
sollte sein Gespann ja deshalb nicht. Er wollte mit drei 
Pferden fahren und das Fuder dafür kleiner laden lassen. 
Da wurde der Herr Busso wild – na ja – ein Wort gab das 

andere. Es war nicht recht, daß der Tiebuck so obstinatsch 
wurde, aber Herr Busso hat ihn so beschimpft, daß es seine 
Ehre angriff. Und das braucht er sich doch nicht gefallen 
lassen, nicht, Herr Baron?« 
»Nein, Kubat, das braucht er nicht«, lächelte Philipp. 
»Zumal er in seinem Recht ist. Besonders geschont können 
die Pferde in der drängenden Arbeitszeit nicht werden, aber 
schinden darf man sie natürlich auch nicht, das ist 
Tierquälerei. Hat mein Neffe schon oft so unsinnige 
Anforderungen gestellt? Sprechen Sie ruhig, Kurbat:« 
»Das schon. Er wollte immer beim Herrn Baron für doll 

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tüchtig angesehn werden, und da sollte manchmal was 
möglich gemacht werden, was nu nich möglich war. Und 

denn gab es Krach.« 
»Hm – und wie war mein Neffe Edzard?« 
Da leuchtete es in den Augen des Mannes auf. Ordentlich 
warm klag es, als er sagte: 
»Oh, ons Edzard! Dat war schon e ganzer Körl! Wenn man 
dem sagte: Herr Baron, das geht nich – denn fragte er: 
Warum nicht? Und wenn er das wußte, denn war es gut. 
Denn machte er es anders. Und wenn ihm der Herr Busso 
dazwischenredete, denn sagte er ihm, was er dachte. 
Manchmal sagte er auch: Du scheinheiliger Hund – « 
Jetzt fingen die Männer, die rundum standen, an zu lachen, 
und auch Herr Philipp strich schmunzelnd sein Bärtchen. 

»Hatte er denn recht damit?« 
»Immer – «, nickte Kurbat eifrig. »Der hatte ein Herz für 
uns Arbeiter und behandelte uns menschlich. Immer in 
Schutz genommen hat er uns vor’n Herrn Busso. Und 
wenn der ihn deshalb allzu doll beschimpfte und 
beleidigte, dann vergerbte er ihn.« 
»Wie ich sehe, Kurbat, wissen Sie Bescheid. Von jetzt ab 
wird hier ein anderes Lüftchen wehen. Sagt meinem Neffen 
nichts von dem, was wir gesprochen haben. Es wird Zeit, 
daß ich ihm auf die Finger sehe. Und wenn jemand 
ernstliche Klage über ihn zu führen hat, dann kommt ruhig 
zu mir. Ich räume dann schon auf.« 

»Gott sei Dank, Herr Baron. Jetzt haben wir doch wieder 
einen Herrn, dem wir klagen können, was nottut. Solange 
gingen wir damit zu ons Edzard, der brachte alles in 
Ordnung. Doch seitdem der fort ist, geht es uns schlimm. 
Nichts für ungut, Herr Baron.« 
»Gewiß  nicht,  Kurbat.  Geht  jetzt  an  eure  Arbeit.  Und 
pflegen Sie die Lise gut, Tiebuck. Wenn es nötig sein sollte, 
muß der Tierarzt geholt werden.« 
Damit ging er davon. Ein Grimm war in ihm, der ihn fast 
erstickte – und zwar über sich selbst, über die Blindheit, 
mit der er geschlagen gewesen war… 

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Edzard ging nach dem Inspektorhaus, um in seinem 
Zimmer das Frühstück einzunehmen. Wohl hatte die 

Hofglocke die Frühstücksstunde noch nicht eingeläutet, 
aber da er seit dem Ankleiden nichts gegessen hatte, 
machte sich jetzt ein starkes Hungergefühl bemerkbar. 
Er wollte gerade den Flur betreten, als er angerufen wurde. 
Überrascht sah er Andrea entgegen, die hoch zu Roß auf 
ihn zuritt. 
»Guten Morgen, Herr Inspektor!« rief sie vergnügt. Ehe 
Edzard ihr noch behilflich sein konnte, war sie schon aus 
dem Sattel geglitten und sah nun lachend dem Gaul nach, 
der wiehernd nach dem Stall trabte. 
»Guten Morgen, Andrea!« Der Verlobte zog ihre Hand an 
die Lippen. »Kehrst du etwa schon von einem Ritt zurück?« 

»Ja. Das Wetter war zu verlockend. Hast du schon 
gefrühstückt?« 
»Nein.« 
»Ich auch nicht. Tun wir uns also zusammen.« 
»Ich müßte mich dann erst ein wenig auffrischen – « 
»Wozu? Du hast noch nicht einmal Staub an den Stiefeln. 
Überlege nicht lange. Sonst wird die Frühstücksstunde 
eingeläutet und dann erscheint Natchen.« 
»Nanu, ist sie dir etwa im Wege?« 
»Jetzt ja«, gab sie lachend Antwort. 
»Verstehe ich nicht. Also gut, ich komme. Will mir nur 
noch die Hände waschen. Geh schon voran.« 

Fünf Minuten nach ihr betrat er die Terrasse, wo Andrea im 
Schaukelstuhl wippte. Jetzt nahm sie einen Briefbogen aus 
der Hosentasche. 
»Lies und ergötze dich daran, wie ich es bereits getan 
habe.« 
»Die hat es aber eilig«, meinte er ironisch, nachdem er 
Veras Schrift erkannte. »Drei Tage nach unserer Verlobung 
ist der Wisch schon da.« 
Während er las, beobachtete sie ihn gespannt. Sein Antlitz 
blieb unbeweglich, nichts darin verriet, was er dachte. 
Dann zerriß er den Bogen in kleine Fetzen, tat sie in die 

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Aschenschale und zündete sie an. 
»Ein Häuflein Asche!« lachte Andrea amüsiert. »Streue sie 

nun noch in alle Winde, dann soll verweht und vergessen 
sein, was so ein armes Hirn da ausgebrütet hatte.« 
»Ja, es ist perfid«, sagte er, nachdem er ihrem Wunsch 
nachgekommen war. »Es tut mir leid, Andrea, daß du dir 
deine Hände mit dem Wisch beschmutzen mußtest. Ein 
Wunder, daß sie den Mut hatte, ihren Namen darunter zu 
setzen.« 
»Nun, sie sagte doch die Wahrheit.« 
»Zehn Prozent allerdings, die andern sind erlogen. Darüber 
mußt du dir klar sein, Andrea. Habe ich doch recht 
gehandelt, daß ich dir die Verhältnisse klarlegte, bevor ich 
um dich warb. Sonst würdest du mir jetzt bestimmt den 

Laufpaß geben.« 
»Wenn du mir, wie die Schreiberin annimmt, drei Jahre 
lang heiße Liebe vorgetäuscht – und ihr zwischendurch 
auch – dann allerdings. Aber so weiß ich ja, daß du sie 
geliebt…« 
»Bitte, Andrea, laß das«, wehrte er nervös. »Ich kann das 
Wort nicht mehr hören. Solche frivolen Kreaturen sorgen 
schon dafür, daß es zur Banalität wird. Nur eines ist noch 
zu klären, Andrea: Wer ist der Mann, dem dein Herz 
gehört? Willst du ihn mir nicht nennen?« 
»Nein«, wehrte sie so entschieden ab, daß er verletzt 
schwieg. Die Hofglocke ertönte, und gleich darauf betrat 

Frau Nataly die Terrasse. 
»Oh, der Herr Inspektor«, lachte sie vergnügt. »Wie kommt 
es, daß man dich um diese Zeit hier sieht?« 
»Ich bin hungrig…« 
»Recht so, ich auch. Frühstücken wir also ergiebig.« 
»Na – «, meinte er. »Kein bißchen unruhig, Natchen?« 
»O nein. Meine Ruhe ist unerschütterlich, und meine 
Geduld ist lang.« 
Das schien tatsächlich der Fall zu sein. Denn als Philipp 
sich auch nach zwei Wochen noch nicht gemeldet hatte, 
blieb Nataly immer noch seelenruhig. 

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Man saß in Ritters auf der Terrasse und gab sich der 
Sonntagsruhe hin. Bis Edzard dann ein heikles Thema 

anschnitt. 
»Natchen, glaubst du immer noch, daß dein Philipp dich 
holen kommt?« 
»Natürlich. Zu mindesten wird er am Sonnabend zur 
Hochzeit hier in Erscheinung treten. Dann werden wir 
feststellen können, wie das Barometer steht: Auf Regen, 
Sturm oder Sonnenschein.« 
In dem Augenblick trat der Diener hinzu und meldete, daß 
der Herr Baron von Rittersreuth die Frau Baronin zu 
sprechen wünsche. Er warte im Blauen Salon. 
»Schön, ich komme.« Natchen war gar nicht überrascht wie 
ihre Hausgenossen. Sie warf ihnen einen verschmitzten 

Blick zu und ging dann nach dem bezeichneten Zimmer, 
wo der Gatte ihr verlegen entgegensah. 
»Dir scheint es ja hier recht gutzugehen – «, stellte er mit 
einem Blick auf ihr lachendes Gesicht fest. 
»Natürlich, Philipp. Du glaubst gar nicht, welch ein 
herrliches Leben das hier ist! So voller Frieden und 
Harmonie.« 
»Das soll wohl auf mich gehen«, knurrte er. »Ich bin 
gekommen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen.« 
»Dazu wollen wir uns setzen, Philipp.« 
Nachdem sie Platz genommen hatten, sah er seine Frau 
forschend an. Anscheinend suchte er nach passenden 

Worten, bis er sie dann nach mehrmals gebrummten: »Hm, 
hm – na ja – «, endlich gefunden hatte: 
»Was hast du dir eigentlich gedacht, als du mir davonliefst, 
Nataly? Tut das eine Frau, die am Altar gelobt, dem Mann 
Untertan zu sein?« 
»Bis zu einer bestimmten Grenze nicht. Aber was du von 
mir verlangtest, ging darüber hinaus. Das war schon 
Sklaverei.« 
»So, so – Sklaverei. Ich bin nicht hergekommen, um mir 
deine spitzfindigen Bemerkungen anzuhören, sondern um 
dich aufzufordern, nach Hause zurückzukehren.« 

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»Gern, Philipp, sobald du das Streitobjekt aus dem Wege 
geräumt hast.« 

»Streitobjekt – wenn ich das schon höre! Ich gebe mir die 
redlichste Mühe, ein solches nicht aufkommen zu lassen, 
aber du läßt ja nicht eher Ruhe,  bis es da ist. Na ja, einer 
muß nun wohl nachgeben – und so will ich es diesmal 
wieder sein. Vera wird also nicht in Reuth wohnen…« 
»Oh, Philipp, dafür danke ich dir«, sagte sie herzlich. 
»Ist das wirklich der Fall – oder tust du nur so?« brummte 
er. 
»Bestimmt nicht. Glaube mir, du wirst noch einmal froh 
sein, meinem Wunsch nachgegeben zu haben. Wozu hast 
du dich entschlossen?« 
»Vorläufig zu nichts. Es ist noch sehr fraglich, ob ich Busso 

die Einwilligung zur Heirat mit diesem Mädchen geben 
werde.« 
»Die kannst du ihm nicht verweigern«, meinte sie ernst. 
»Laß nur, Nataly. Wenn du wüßtest, was ich weiß – « 
Zuerst stockend und sehr befangen, dann jedoch immer 
sicherer werdend, sprach er über alles, was er erlebt hatte. 
Das Triumphgefühl, das sie jetzt hatte empfinden müssen, 
blieb jedoch aus. Im Gegenteil, der Mann erbarmte sie, der 
da so verbittert sprach. Als er geendet, legte sie ihre Hand 
auf die seine und sagte herzlich: »Es tut mir aufrichtig leid, 
lieber Philipp, daß dich die Erkenntnis so getroffen hat. 
Wenn man von einem Menschen so viel gehalten hat wie 

du von Busso und dann enttäuscht wird, das tut bitter weh. 
Was wird nun geschehen?« 
»Weiß ich?« Er zuckte resigniert die Achsel. »Am liebsten 
möchte ich diesen erbärmlichen Schleicher und Intriganten 
zum Hause hinauswerfen. Ekel* Despot – «, lachte er bitter 
auf. »Bin ich das wirklich, Nataly?« 
»Nein, du lieber Mann«, beschwichtigte sie gütig. »Daß du 
leicht aufbraust, liegt in deiner Natur. Unterdrückt und 
tyrannisiert hast du jedoch noch keinen Menschen.« 
»Du warst es aber, die behauptete, daß ich das bei Edzard 
getan habe.« 

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»Ganz so arg war es nicht, Philipp. Nur sehr ungerecht bist 
du gegen ihn gewesen.« 

»Warum hast du mir das nie gesagt, Nataly? Warum mich 
nicht über Busso aufgeklärt?« 
»Hand aufs Herz, Philipp – hättest du mir geglaubt?« 
Da senkte er das Haupt und schwieg. 
»Nun laß gut sein, liebster Mann«, klang ihre warme 
Stimme auf. »Fehler machen wir alle. Die Hauptsache ist, 
daß wir sie einsehen, solange noch Zeit ist.« 
»Hm…. was meinst du, ob Edzard mir meine – meine – 
Ungerechtigkeit nachträgt?« 
»Der Edzard?« lachte sie herzlich. »Da kennst du den 
Jungen schlecht! Sollst einmal sehen, wie froh er ist, wenn 
du ihm zu verstehen gibst, daß wieder alles gut zwischen 

euch ist. Er hat dich nämlich sehr gern, Philipp.« 
Da seufzte der Mann schwer. Es klang recht kläglich, als er 
sagte: 
»Wenn du mich genau anschaust, Nataly, dann siehst du 
einen alten Esel vor dir.« 
»Erlaube mal!« protestierte sie. »Mit dieser Feststellung setzt 
du mich herab, die ich mich in einen alten Esel verlieben 
konnte. Aber nachdem nun alles so schön geklärt ist, 
wollen wir zu den Kindern gehen, die uns schon 
sehnsüchtig erwarten werden.« 
»Mich auch? Werden Sie mich nicht verspotten – weil ich – 
hm – « 

»Wo denkst du hin. Dazu haben sie dich viel zu gern. Du 
glaubst gar nicht, welch ein liebes Geschöpf die Andrea ist. 
Auf die können wir stolz sein.« 
»Kommst du nachher mit mir nach Hause?« 
»Natürlich. Ich habe ja jetzt keinen Grund mehr, es nicht 
zu tun. War’s schlimm ohne mich, Alterchen?« 
»Mir hat’s gelangt. Weiß der Kuckuck, daß man in solche 
Hörigkeit zu einer Frau geraten kann. Ihre Gegenwart 
findet man als selbstverständlich. Erst wenn sie fort ist, 
wird einem bewußt, daß man ohne sie einfach nicht leben 
kann.« 

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»Dafür muß ich dir einen Kuß geben. So – und nun zeigen 
wir uns dem staunenden Publikum.« 

Arm in Arm erschienen sie dann auf der Terrasse, wo der 
Onkel mit so viel ehrlicher Freude empfangen wurde, daß 
kein Peinlichkeitsgefühl in ihm aufkommen konnte. 
Und als er unter den Menschen saß und ihre warme 
Herzlichkeit spürte, legte es sich wie Balsam auf seine 
verbitterte Seele. 
Der Hochzeitstag von Andrea und Edzard war gekommen. 
Zuerst hatte keine große Feier stattfinden sollen, aber dann 
entschloß man sich doch dazu, alle, die das Verlobungsfest 
mitgemacht hatten, auch zur Hochzeit einzuladen. 
Voll Freude war man vollzählig erschienen – bis auf Vera. 
Zwei Tage vorher war ihre Absage gekommen. Als Grund 

hatte sie eine unaufschiebbare Reise angegeben. 
Es war nämlich zwischen ihr und Busso zu 
Auseinandersetzungen gekommen. Sie konnte sich das 
plötzlich leisten, weil sie zehn Tage vor der Hochzeit auf 
Ritters einen älteren Kaufmann kennenlernte, der sich Hals 
über Kopf in sie verliebte und ihr bereits eine Woche später 
einen Heiratsantrag machte. Da er im Wohlstand lebte, 
versprach sie sich in seinem Hause ein weit besseres Leben 
als auf Reuth. Also nahm sie seinen Antrag an – und führte 
dann den Bruch gewaltsam herbei. 
Wie ein Trunkener taumelte Busso auf die Straße, irrte in 
der Stadt umher, von dem Gedanken gepeinigt, daß Vera 

ihm verloren sei. Er sprach am nächsten Tage wieder in 
ihrem Hause vor – und mußte von dem Portier erfahren, 
daß Mutter und Tochter am Morgen abgereist wären. Das 
war das Ende seiner »Liebe«. Die gerechte Strafe für all das 
Unrecht, das er in seinem Leben begangen – und diese 
Strafe war bitter hart. 
Als nun an der Hochzeitstafel in Ritters die Telegramme 
verlesen wurden, war auch eins von Vera darunter, die dem 
jungen Paar Glück wünschte und gleichzeitig ihre 
Verlobung bekanntgab. 
Die Hochzeitsgäste sowie das junge Paar sahen sehr wohl, 

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wie jeder Blutstropfen aus Bussos Antlitz wich, waren 
jedoch taktvoll genug, sich nichts anmerken zu lassen. 

Als Tischdame hatte man Busso die Witwe Hetchen, 
Schwester einer Gutsnachbarin gegeben, deren Mann vor 
drei Jahren gestorben war. Nun war sie auf der Suche nach 
einem anderen Gatten, machte kein Hehl daraus, wie gut 
ihr der Tischherr gefiel, was dieser gar nicht, merkte. Der 
Trubel ringsum tat ihm weh. Sehnsüchtig wünschte er das 
Ende des Festes herbei. 
Dasselbe tat auch der junge Ehemann, den alles an diesem 
Tage unsagbar peinigte. 
Andrea, die in ihrem Brautstaat bezaubernd aussah, die 
Trauung, die nichts weiter war als eine Farce, das 
anschließende Fest, die frohen Gäste – alles war ihm 

zuwider. Mit einem bitteren Gefühl im Herzen schweiften 
seine Blicke über die Menschen am Tisch. 
Diese Ehe war jetzt so sinnlos geworden. Vera hatte nun 
Busso genauso betrogen wie ihn. Hatte einen Dritten 
genommen. Somit konnte seine Rache sie nicht mehr 
treffen – und Busso war durch ihren Treubruch 
empfindlich genug bestraft. 
Nun saß er hier als Staffage. 
Von einer Hochzeitsreise hatte man abgesehen, da Edzard 
während der Roggenernte schlecht abkömmlich war. Also 
begab er sich nach Schluß des Festes in sein jetziges 
Schlafzimmer, das vorschriftsmäßig neben dem seiner 

jungen Frau lag. 
Verdrießlich kleidete er sich aus, nahm sein gewohntes 
Duschbad und streckte sich dann auf das elegante Bett. 
Gott sei Dank, er konnte gründlich ausschlafen, da heute ja 
Sonntag war. 
Und er schlief fest und lange - bis ein klingendes Lachen 
ihn aus dem Schlummer riß. Er fuhr hoch und starrte auf 
Andrea, die in der breiten Glastür stand, frisch, rosig, 
berückend schön in ihrem duftigen Kleid. 
»Das nennt man schlafen«, lachte sie übermütig. »Nun mal 
raus aus den Federn, mein Herr und Gebieter! Ich habe die 

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Reuther und die Harleroder fernmündlich zu Mittag 
eingeladen, damit sie uns die Reste verzehren helfen. In 

einer halben Stunde werden sie eintreffen.« 
Sie eilte davon, und Edzard sah nach der Uhr. Eine halbe 
Stunde über zwölf, da hatte er sich ja gut verschlafen! Also 
raus aus dem Bett, unter die kalte Dusche. Dann rasiert, 
angekleidet und hinunter auf die Terrasse, wo unter der 
schattenspendenden Markise der Mittagstisch bereits 
gedeckt war. 
Andrea lag im Schaukelstuhl, lachte ihm entgegen. 
»Mach ein anderes Gesicht, Edzard! Sonst müssen unsere 
Gäste annehmen, daß du unglücklich verheiratet bist.« 
»Laß das, Andrea!« entgegnete er schroff. »Solche Scherze 
kann ich nicht vertragen.« 

»Du Armer! Komm, ich kredenze dir eine Tasse Kaffee.« 
Er genoß das aromatische Getränk, das in der Maschine 
heiß geblieben war, mit Behagen. Nachdem er noch die 
zweite Tasse geleert hatte, wurde ihm wohler. Er zündete 
eine Zigarette an und sah zu Andrea hin, die ihren Platz im 
Schaukelstuhl wieder eingenommen hatte. 
Gleich darauf standen Nataly und Philipp vor ihnen in 
allerbester Stimmung. Bei der Begrüßung erkundigte 
Edzard sich, warum sein Bruder nicht mitgekommen sei. 
Der Onkel zuckte gleichgültig die Achsel. 
»Er hatte keine Lust. Na, immer wie jedem schön ist. Ah, da 
ist ja auch Susannchen. Gut geschlafen, kleine Frau?« 

»Wo denkst du hin, Onkel Philipp«, blitzte sie ihn an, mit 
dem sie wie mit Nataly und Matthias seit gestern das 
trauliche Du tauschte. »Unser Fräulein Tochter nimmt 
keine Rücksicht auf ihre Umgebung. Kräht zur gewohnten 
Zeit alles munter.« 
»Das kann man wohl sagen«, bekräftigte Hubert 
schmunzelnd. »Hauptsächlich auf mich hat sie es 
abgesehen, die energische kleine Dame. Ein Wunder, daß 
sie mir noch nicht sämtliche Haare ausgerissen hat. Müßte 
mir gut stehen, eine Glatze.« 
»Ich höre immer Glatze«, trat Matthias hinzu. »Ich habe 

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keine.« 
»Du hast ja auch keine Tochter, Bitterchen.« 

Man setzte sich zum Mahl zusammen, plauderte angeregt 
und kam auch auf die Witwe Hetchen zu sprechen. 
»Das scheint mir eine energische Person zu sein«, zwinkerte 
Matthias. »Aber blitzsauber. Wäre eigentlich eine Frau für 
mich.« 
»Versuch doch dein Heil«, zwinkerte Hubert zurück. »Wie 
ich von ihrer Schwester hörte, will Hetchen sich in unserer 
Ecke einkaufen, um in der Nähe der Verwandten zu 
bleiben. Also man los, Bitterchen, packe dein Glück beim 
Schopf.« 
»Ach nein – «, tat er todernst. »Die ist mir zu alt, für mich 
kommt nur eine Achtzehnjährige in Frage. Weißt du was, 

Susannchen, ich warte auf deine Tochter.« 
So gingen die Neckereien hin und her. Zu einem ernsten 
Gespräch schien keiner Lust zu haben. Warum auch. Es gab 
für die Landwirte jetzt so saure Arbeitswochen. Wenn man 
zwischendurch ein wenig feiern durfte, wollte man lachen 
und fröhlich sein. 

Für Edzard war es ein Segen, daß es die Arbeitswochen gab. 
Denn die strenge Arbeit lenkte ihn wohltuend von seinen 
quälenden Gedanken ab. 
Mit Andrea kam er nur zu den Mahlzeiten zusammen. 
Abends war er so müde, daß er sich gleich nach dem Essen 

in sein Schlafzimmer zurückzog. Morgens ging er mit 
frischem Mut an die Arbeit. 
So ließ sich das Leben ganz gut ertragen. Aber wie würde es 
werden, wenn Herbst und Winter mit den langen Abenden 
kamen? 
Ach, darüber wollte er sich heute noch nicht den Kopf 
zerbrechen. Vielleicht verreiste er und blieb so lange fort, 
bis sich sein Schicksal entschieden hatte. 
An einem Sonntag bei der Mittagstafel brachte Bitterling 
das Gespräch auf den Jäger Barleit. 
»Sag mal, Andrea, ließe es sich ermöglichen, daß wir den 

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jungen Mann auf eine Schule schicken, damit er dort seine 
Försterprüfung machen kann? Mit dem Förster in Jagen 

drei geht es nicht mehr lange, der muß fort. Dann hätten 
wir in dem Barleit guten Ersatz. Das ist ein fixer Junge, dem 
unbedingt geholfen werden muß.« 
»Aber natürlich«, willigte die junge Frau sofort ein. »Das tu 
ich schon Muttchen Wallebusch zuliebe, dieser prächtigen 
Frau, die sich um das Fortkommen ihres zukünftigen 
Schwiegersohnes Sorge macht.« 
»Er könnte dir später das Geld in kleinen Raten 
zurückzahlen«, schlug Matthias Bitterling vor. 
»Das würde ihn nur unnötig belasten. Wir können froh 
sein, daß wir später in ihm einen zuverlässigen Förster 
bekommen.« 

»So habe ich es mir auch gedacht«, schmunzelte Bitterling 
behaglich. »Wenn du meinen Vorschlag abgetan hättest, 
dann hätte der Junge das Geld von mir bekommen. Aber 
ich wollte zuerst deine Meinung hören, die ja nun so 
ausgefallen ist, wie ich erwartet habe. Wärest auch sonst 
nicht der Mensch mit dem großmütigen, guten Herzen, als 
den ich dich allzeit einschätzen durfte.« 
Andrea stieg heiße Röte bis zur Stirn hinauf. Unwillkürlich 
ging ihr Blick zu Edzard hin, der sie forschend ansah. Da 
senkte sie verwirrt den Kopf. 
Bitterling, der ja keine Ahnung hatte, welch einen 
schwerwiegenden Ausspruch er getan, lachte gemütlich. 

»Nanu, kleine Frau, hat dich mein Lob denn so beschämt?« 
Nun zwang sie sich auch zu einem Lachen. 
»Weißt du, Bitterchen, ein Lob kann manchmal ebenso 
peinlich sein wie eine Rüge. Jedenfalls werde ich mich jetzt 
auf mein Roß schwingen und zu Muttchen Wallebusch 
reiten, das ich schon längst besuchen wollte. Hast du Lust 
mitzumachen, Edzard?« 
Schon wollte sein Mund sich zu einer Absage öffnen, als 
Matthias augenzwinkernd sagte: 
»Das wäre ja noch schöner! Keine Lust zu haben, wenn die 
Liebste um Begleitung bittet? Das ist Minnedienst, mein 

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Sohn, der genau so ernst ist wie jeder andere. Ich finde, daß 
du deine junge Frau schon ohnehin sträflich 

vernachlässigst.« 
»Hast recht – «,’gab der gelassen zu. »Also verfüge über 
mich, Andrea.« 
Eine Viertelstunde später ritten sie davon. Die Luft war 
noch sommerlich warm, doch der leise Wind, der über die 
Stoppelfelder wehte, ließ ahnen, daß der Herbst nahe war. 
Zwischen den Reitern wurde kaum ein Wort gesprochen. 
Immer wieder ging Andreas Blick zu Edzard hin, der tief in 
Gedanken versunken zu sein schien. Als sie ihn ansprach, 
zuckte er zusammen. 
»Wünschest du etwas, Andrea?« 
»Ja. Schau mal, Edzard, du bist doch nun der Herr von 

Ritters…« 
»Für wie lange?« warf er ironisch ein. 
»Zum mindesten bis Silvester. Was wir beide zwischen uns 
abgemacht haben, geht keinen andern etwas an. Darum 
müssen wir bemüht sein, den äußeren Schein zu wahren. 
Dazu gehört, daß du dem Barleit das Anerbieten machst.« 
»Nein – «, entgegnete er hart. »Da ich dem jungen Mann 
das Geld nicht gebe, habe ich nichts damit zu schaffen.« 
»Es kommt aber von Ritters«, beharrte sie fest. »Stelle dir 
vor, was es für einen Eindruck machen müßte, wenn ich 
mit dem jungen Mann verhandeln wollte, während du 
dabeisitzt. Es könnte leicht den Eindruck erwecken, daß du 

der Mann… deiner Frau bist.« 
Edzards Pferd bäumte hoch, so hart spürte es die Faust am 
Zügel. Stand da wie angegossen, worauf auch Andrea Halt 
gebot. 
Kopf an Kopf standen die Pferde. Kaum eine Armlänge 
voneinander entfernt, saßen die Reiter. Edzard biß die 
Zähne zusammen, daß die Wangenmuskeln spielten. 
»Das war gemein – «, stieß er hervor. »Oder zum mindesten 
unglaublich taktlos, mich an meine – Machtlosigkeit zu 
erinnern.« 
Unbändiger Stolz flammte in ihren Augen auf. 

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»Ich sehe nicht ein, warum ich nicht auch einmal taktlos 
sein soll. Denn in unserm Eheverhältnis steht mir das 

gleiche Recht zu wie dir.« 
»Andrea – hüte dich -!« wurde er eisig. So wenig ratsam es 
schien, ihn noch mehr zu reizen, sprach die junge Frau 
unerschrocken weiter: 
»Die Taktlosigkeiten, die ich mir von dir habe bisher bieten 
lassen müssen, sind so zahlreich, daß ich sie dir nicht alle 
aufzählen kann. Nur zwei will ich dir nennen: Du läßt dir 
von dem Rentmeister dein Gehalt auszahlen, als wärest du 
ein Angestellter. Kommt dir nie der Gedanke, wie 
eigenartig das den Mann berühren muß? Daß du in den 
seltenen Stunden, wo wir allein sind, kein freundliches 
Wort für mich findest – na schön, damit finde ich mich ab. 

Daß du mich jedoch in Gegenwart anderer wie eine 
Fremde behandelst, das setzt mich herab. Susann und 
Hubert wissen ja Bescheid. Aber Natchen, der Onkel und 
Bitterchen, was sollen die wohl davon denken? 
Jetzt kannst du deine Vernachlässigung mir gegenüber mit 
Arbeit motivieren, obgleich du diese übertreibst. Aber 
wenn dies im Spätherbst und Winter nachläßt, wenn die 
langen Abende kommen, willst du dann etwa auch gleich 
nach dem Abendessen zu Bett gehen? Da wird die 
Dienerschaft ja schön was zu tuscheln haben. 
Deine Absicht war, in der Probezeit mein Herz und meinen 
Charakter zu ergründen. Wie willst du das, wenn du mich 

fliehst, als hätte ich eine todbringende Krankheit?« 
Edzard hatte ihre schonungslosen Worte mit angehört, 
ohne ihnen Einhalt zu gebieten. Nachdem sie geendet, 
sagte er kalt: 
»Das sind Vorwürfe, die ich zurückweisen muß. Was bin 
ich denn auf Ritters anders als dein Angestellter? Danach 
richte ich mich in jeder Beziehung. Soll ich etwa in 
Gegenwart anderer den verliebten Ehemann spielen? Das 
ist mir zuwider. 
Was willst du überhaupt von mir? Ich habe meine 
herzliche Kameradschaft dem einfachen Fräulein Müller 

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versprochen und nicht der Herrin von Ritters.« 
»Stempelt diese von dir so hervorgehobene Würde mich 

etwa zu einer anderen Person?« fragte sie ironisch. »Ich 
sehe schon – du willst mich nicht verstehen. Darum werde 
ich jetzt umkehren. Denn Muttchen Wallebusch auch noch 
hellsichtig zu machen, dazu habe ich keine Lust.« 
»Dann packe ich heute noch meine Koffer.« 
»So, so – feige kneifen willst du…« 
Sie sprach nicht weiter, da sie sah, daß er zusammenzuckte 
wie unter einem Hieb. 
Ohne sie weiter zu beachten, setzte er sein Pferd in 
Bewegung. Fünf Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht, 
wo Muttchen Wallebusch sie glückstrahlend empfing. 
»Na, so eine Freude! Die Frau Baronin und der Herr Baron. 

Hab mir doch damals gleich gedacht, daß sich da was 
anspinnen wird.« 
»Auch gewußt, daß meiner Frau Ritters gehört?« neckte 
Edzard. 
»Na, nein, so hellsichtig bin ich nun auch wieder nicht. Die 
Herrschaften können schon in die Laube gehen, und ich 
werde Kaffee kochen.« 
»Aber keine Waffeln backen!« rief er ihr nach. 
Dann saßen sie wieder in dem Garten wie damals. Nur daß 
jetzt statt Frühlingsblumen die des Herbstes in leuchtender 
Fülle auf den Beeten blühten. Wieviel dazwischen lag, 
daran dachten beide. 

Dann horchten sie auf. Aus einem Fenster tönte eine 
Männerstimme und sang: 
»Nur einmal möchte ich dir sagen, wie so unendlich lieb 
du mir bist…« 
Reglos saßen die beiden da, horchten gequält auf das 
kleine, schlichte Liedchen, das in seiner Innigkeit ans Herz 
griff. 
»Wie Morgenrot will ich umsäumen die Lieb in meines 
Herzens Raum. An deinem Herzen laß mich träumen – «, 
sang die einschmeichelnde Männerstimme gerade, als 
Muttchen Wallebusch mit dem Kaffeegeschirr erschien. 

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»Kaffeemusik gibt es auch noch. Na, mehr können die 
Herrschaften nun wirklich nicht verlangen. Ich kann das 

Lied schon nicht mehr hören. Seit einem halben Jahr, wo 
der Schatz

ihr die Platte schenkte, dudelt die Else es den 

ganzen Tag. Da sitzen sie nun Hand in Hand, hören sich 
das Lied an und machen sich damit das Herz immer 
schwerer. Es ist schon ein Jammer, wenn so junges Volk 
nicht zusammenkommen kann – « 
Husch war sie davon, erschien jedoch gleich darauf in 
Begleitung ihrer Tochter wieder. 
»Na, Tülle, da hast du mich damals ja schön beschwindelt, 
als du behauptetest, keinen Schatz zu haben«, neckte 
Edzard. »Hole ihn mal her, ich möchte mit ihm sprechen.« 
»Hat er denn was verbrochen?« fragte das Mädchen 

erschrocken. 
»Im Gegenteil. Hol ihn ruhig her.« 
»Zuerst wird Kaffee getrunken«, entschied Muttchen, was 
denn auch geschah. Heute gab es keine Waffeln, dafür aber 
Küchen, der köstlich mundete. 
Dann war der Augenblick da, wo Else mit ihrem Schatz 
erschien, der angesichts seiner Herrschaft sehr verlegen 
wurde. Ein schmucker Bursche, das mußte ihm der Neid 
lassen. So ein echter Jägersmann nach dem Herzen Gottes. 
Nachdem Andrea und Edzard ihn begrüßt, wurde er 
gebeten, Platz zu nehmen. Mutter und Tochter, die sich 
entfernen wollten, wurde bedeutet, dasselbe zu tun. 

Und dann begann Edzard dem jungen Mann seinen 
Vorschlag zu unterbreiten. Je länger er sprach, um so heller 
strahlten die Augen des Beglückten. Er konnte kaum 
sprechen, so erregt war er. 
»Und da fragen der Herr Baron noch, ob ich einverstanden 
bin?!« schluckte er vor Aufregung. »Wie gern – o wie gern!« 
Daß er sich freute, war ja zu verstehen. Aber daß Else und 
ihre Mutter weinten, als wäre ihnen ein Leid geschehen, 
war eigentlich unverständlich. Edzard klopfte der gerührten 
Frau beruhigend den molligen Rücken. 
»Aber Muttchen Wallebusch, warum weinen Sie so 

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fürchterlich?« 
»Vor Freude, Herr Baron, doch bloß vor lauter Freude. Ach 

du lieber Gott, was hast du doch für gute Menschen 
erschaffen!« 
Nachdem der Freudensturm sich gelegt hatte, wurde alles 
näher besprochen. Schon am ersten Oktober sollte Barleit 
auf die Schule und nach der Prüfung seine Forsterstelle 
antreten. 
Man sah erstaunt auf, als Matthias Bitterling plötzlich 
sichtbar wurde, der sich bei Muttchen Wallebusch beklagte, 
daß er in Ritters keinen Kaffee bekommen hätte. Nun, er 
wurde satt. Und nachdem man noch ein Stündchen 
verplaudert hatte, rüstete man sich zum Heimritt. Edzard 
war froh, daß Bitterchen dabei neben ihm auf seinem Gaul 

dahintrabte. 
Denn nach der vorherigen Aussprache mit Andrea allein zu 
sein, wäre ihm eine Qual gewesen. Ob sie mit ihm nun 
zufrieden war? Das konnte er erst feststellen, als er sich zur 
Gutenacht über ihre Hand beugte. Bezaubernd lächelte sie 
ihn an. »Ich danke dir, Edzard.« 
Busso sollte bald erfahren, was die Glocke für ihn 
geschlagen hatte. Immer deutlicher wurde ihm bewußt, 
daß seine Macht über den Onkel zu Ende war. Das konnte 
nur Edzard bewerkstelligt haben! 
Wie der Neid an seinem Herzen bohrte und fraß. Was hatte 
ihn nun sein jahrelanges Intrigenspiel genützt? Nichts! Das 

Schicksal war stärker gewesen. Der Bruder hatte mühelos 
das erreicht, wonach er ehrgeizig gestrebt. Der war 
selbständig, während er unter seinem Joch stöhnen mußte. 
So war es für ihn direkt ein Fingerzeig des Geschickes, als er 
die Bemühungen Frau Hetes bemerkte. Sie gefiel ihm nicht, 
aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Auch nicht, 
daß sie acht Jahre mehr zählte als er. Sie hatte das Geld, das 
er brauchte, um seinen ehrgeizigen Plan durchzuführen. 
Ihr Geld wollte er in Reuth stecken, um dessen Teilhaber zu 
werden. Damit wurde er gleichberechtigt und sicherte sich 
sein Erbe. 

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Also warb er um sie und trat dann vor den Onkel, um ihm 
seinen Plan zu unterbreiten. Der sah dem Neffen so 

ablehnend entgegen, daß es diesem nicht leicht wurde, 
seine Scheinheiligkeit festzuhalten. So sagte er denn 
demütig: 
»Lieber Onkel, ich wollte dich fragen, ob ich heiraten darf.« 
»Warum denn nicht? Du bist doch alt genug.« 
»Das schon, lieber Onkel. Ich bin dir jedoch zu so großem 
Dank verpflichtet…« 
»Laß das -!« wurde er unwirsch unterbrochen. »Komm zur 
Sache. Wer ist die Auserwählte?« 
»Frau Hete.« 
»Hm. Bist du schon einig mit ihr?« 
»Ja. Sie hat eine gute Stange Geld, lieber Onkel. Da wollte 

ich dir nun den Vorschlag machen, es auf Reuth eintragen 
zu lassen. Dann wirtschaften wir halb auf halb.« 
Durchdringend ruhte des Onkels Blick auf ihm. 
»Hm, hm – na ja. Aber weißt du, mein lieber Busso, ich 
möchte das Bestimmungsrecht über Reuth lieber allein 
behalten. Ich kann es ja verstehen, daß du selbständig 
werden möchtest. Dazu will ich dir verhelfen. Du 
bekommst als Erbteil Praddeln von mir, mit dem du dann 
ein für allemal abgefunden bist.« 
Todblaß, mit aufgerissenen Augen starrte Busso den Onkel 
an. Seine Lippen zitterten so heftig, daß er zuerst nicht 
sprechen konnte. 

Philipp wußte sehr wohl, welche stolzen Hoffnungen er 
soeben zerschlagen hatte, und empfand darüber eine 
grimmige Freude -. So, mein Sohn, dachte er, das war die 
Quittung für deine Niedertracht in den verflossenen 
zwanzig Jahren -! 
Endlich hatte Busso sich soweit gefaßt, daß er wenigstens 
sprechen konnte. 
»Aber Onkel, wie kannst du mir einen solchen Bettel 
anbieten?! Praddeln ist ein Vorwerk von achthundert 
Morgen.« 
»Wenn du es nicht haben willst, kannst du es ja bleiben 

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lassen.« 
»Und wer soll Reuth bekommen?« 

»Reuth? Das gehört mir. Hoffentlich noch recht viele Jahre. 
Ich will mich doch schließlich noch meines Lebens 
freuen.« 
»Wenn ich nun den Bettel ausschlage?« 
»Dann bekommst du nichts.« 
Da sprang Busso auf, stürmte zur Tür, die dann hinter ihm 
zuknallte. Daher hörte er nicht, wie der Onkel lachte – so 
frei und froh, wie ein Mensch nur lachen kann, der 
wohlverdiente Rache genommen hat. 
Am nächsten Tage war Busso wieder da und verlangte eine 
schriftliche Erklärung, die ihm Praddeln sicherte. 
»Sollst du haben«, nickte Herr Philipp gemütlich. »Die 

Auflassung kann dann in aller Ruhe erfolgen. So, da ist das 
Gewünschte. Alles Gute für die Zukunft.« 
»Danke – «, wurde frostig erwidert. »Von einer 
Verlobungsfeier wollen Hete und ich absehen, weil nach 
drei Wochen die Hochzeit sein soll, die im Hause ihrer 
Verwandten gefeiert wird. Wie ist es, kann ich meinen 
Dienst sofort verlassen? Oder wird es dir schwerfallen, 
gleich einen Ersatz für mich zu finden?« 
»Zu ersetzen ist jeder Mensch. Bis ich den Ersatz habe, 
springt Edzard gern ein. Der Junge ist ja so tüchtig, daß er 
diese Mehrarbeit spielend bewältigen wird.« 
Der Hieb saß, wie Philipp mit Vergnügen feststellte. Grün 

wurde Bussos Gesicht. In den Augen glomm eine mühsam 
gedämmte Wut. »Na ja – dann wäre somit alles geregelt«, 
kam die Antwort mit kehliger Stimme. »Laß es dir 
gutgehen, Onkel!« 
»Dir auch, Busso.« 
Eine frostige Verbeugung, ein schwacher Händedruck – 
und fort war er. 
Herr Philipp rieb sich die Hände vor Vergnügen, suchte 
dann seine Frau auf, um brühwarm zu berichten. Wie zwei 
Spitzbuben lachten sie sich zu, denen ein Streich geglückt 
ist… 

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Drei Jahre später fand man auch zu Bussos Hochzeit 
zusammen. Man sah es der Braut an, daß sie von Herzen 

zufrieden war. Der Bräutigam nicht, wie alle, die ihn genau 
kannten, feststellen konnten. Nach dem üblichen 
Zeremoniell und der ebenso üblichen Hochzeitstafel 
begann der gemütliche Teil. Die Jugend tanzte, während 
die älteren Herrschaften zum Teil mithielten, zum Teil 
behaglich Lauschten. 
Dazu gehörten auch die Reuther nebst Bitterling, die 
natürlich zusammensaßen. Es war in ihrer Ecke so traut, 
daß sich bald die Edzards und die Huberts, wie sie der 
Einfachheit halber genannt wurden, dazufanden. 
Später gesellte sich auch noch die Braut zu ihnen, deren 
Wortschwall alle standhalten mußten. 

»Gott in deine Hände, die Frau kann einen ja in Narkose 
reden«, klagte der Verwalter, als sie endlich wieder 
davongehuscht war. 
»Laßt man gut sein, die ist ganz in Ordnung«, amüsierte 
sich Edzard. »Bei der wird Busso bestimmt zum Schweiger.« 
Nun war es Herbst geworden. Der Wind wehte über die 
abgeernteten Felder und brachte viel Regen mit. In den 
Gutshäusern sorgten Kachelöfen und Zentralheizungen für 
mollige Wärme. Die Abende waren schon so lang, daß man 
nach dem Abendessen noch einige Stunden im trauten 
Familienkreise Zusammensein konnte. 
Darauf schien Edzard keinen Wert zu legen. Auf seine 

Veranlassung war man vier Abende in der Woche 
mindestens außerhalb. Besuchte Theater, Kino, Konzerte, 
fuhr nach Reuth oder zu den Gutsnachbarn, wobei 
Bitterchen treu und brav mithielt. 
Andrea und Edzard waren sich noch immer nicht 
nähergekommen. Wohl war er in Gegenwart anderer 
aufmerksam und herzlich zu ihr, um so unnahbarer zu 
sein, wenn sie einmal allein waren. Er bezog auch kein 
Gehalt mehr, verbrauchte jedoch für sich so lächerlich 
wenig, daß Andrea nur den Kopf schütteln konnte. 
So gingen die Tage dahin. Der November kam mit seinem 

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unfreundlichen Wetter, so daß selbst Edzard es vorzog, die 
Abende öfter zu Hause zu verbringen. Dann spielte er mit 

Matthias Schach oder lauschte den musikalischen 
Darbietungen seiner Frau. 
Auch Bitterchen ließ sich von der herzwarmen Stimme so 
einspinnen, daß er immer erst spät zu seiner stillen Klause 
fand. Kaum daß er gegangen war, verneigte sich Edzard vor 
der Gattin, zog ihre Hand an die Lippen, wünschte ihr gute 
Nacht und ging in sein Schlafzimmer… 
An einem Nachmittag Ende November kam er von Reuth 
zurück, wohin der Onkel ihn bestellt, um ihn in einer 
landwirtschaftlichen Angelegenheit um Rat zu fragen. 
Hinterher hatte man gemütlich Kaffee getrunken, und dann 
mußte Edzard sich verabschieden, um noch vor Dunkelheit 

zu Flause zu sein. 
Durch die Sonnenstrahlen über Mittag verleitet, war er zu 
Pferd hergekommen. Jetzt jedoch sah der Himmel so aus, 
als ob er jeden Augenblick seinen nassen Segen spenden 
wollte. Daraufhin bot ihm die Tante besorgt das Auto an, 
wogegen er sich lachend wehrte. 
»Euer Familienvehikel? Nein. Natchen, da bin ich auf 
meinem Gaul doch sicherer.« 
»Hör dir bloß diesen frechen Bengel an, Philipp!« 
entrüstete sie sich, worauf er schmunzelnd sagte: 
»Laß ihn man, Natchen, der soll uns die längste Zeit mit 
unserm ehrwürdigen guten Stück aufgezogen haben. Ihm 

zum Trotz soll ein Auto her, das ihn vor Neid erblassen 
läßt. Auch einen Chauffeur bekommst du in schmucker 
Livree. Was die in Ritters können, das können wir auf 
Reuth schon lange.« 
»Herrlich -!« jubelte Nataly. »Ist mein Philipp nun ein guter 
Kerl oder nicht?« 
»Woran ich nie gezweifelt habe, mein 
Natenmuttileinchen.« 
Nach herzlichem Abschied ritt Edzard davon. 
Zuerst hielt sich das Wetter noch. Doch kurz bevor er 
Ritters erreicht hatte, öffnete der Himmel seine Schleusen, 

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so daß der Reiter pudelnaß zu Hause anlangte. So nahm er 
denn ein Bad, kleidete sich frisch von Kopf bis Fuß und 

betrat dann sein Schlafzimmer, um sich dort auf den 
Diwan zu strecken. 
Da fiel sein Blick auf die Glastür, die offenstand, was sonst 
nie der Fall war. Auch die gegenüberliegende Tür, die nach 
Andreas Wohngemach führte, stand weit geöffnet. 
Klavierspiel drang an sein Ohr und die Stimme seiner Frau, 
die das Lied von der Seerose sang – und zwar unendlich 
traurig und tränenerstickt. 
Und das Lied, das nun folgte, durchdrang wehes 
Schluchzen. Tief beunruhigt eilte Edzard hinüber. 
Da saß Andrea am Flügel, spielte und sang das alte, 
schlichte Lied. Dicke Tränen rollten unter den 

geschlossenen Lidern hervor über die heute so blassen 
Wangen. 
Und was stand da auf dem Flügel dicht am Rande? Das 
Körbchen, das er ihr für die Seerosen im Walde 
zusammengebastelt hatte. 
Wie ihre unsagbar traurige, tränenverdunkelte Stimme an 
seinem Herzen zerrte und riß! 
»Nur einmal möchte ich dir sagen, wie so unendlich lieb 
du mir bist…« 
Die Hände glitten von den Tasten, die Stirn neigte sich auf 
den Flügelrand und dann war nur noch bitterliches Weinen 
hörbar. 

»Andrea -!« rief er sie an, aufgewühlt bis zum tiefsten 
Herzensgrund. 
Sie sprang auf – und starrte den ihr Gegenüberstehenden 
entsetzt an. 
»Wo kommst du her? Ich glaubte dich in Reuth.« 
»Da bin ich auch gewesen. Und nun möchte ich wissen, 
Andrea, was das hier bedeutete.« Er griff nach dem 
primitiven Körbchen, in dem die sauber gepreßten Rosen 
im verblaßten Moos lagen. Mitten darauf ruhte das 
Rubinherz leuchtend rot. 
Hastig wollte sie an ihm vorbei aus dem Zimmer eilen, 

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doch er hielt sie. am Arm zurück. 
»Andrea, so kommst du mir nicht davon. Warum hast du 

geweint? Komm mir nicht mit Ausflüchten, ich will nun 
endlich die Wahrheit wissen.« 
Ihr Kopf flog in den Nacken. »Das da – sind die Rosen – 
und das da ist mein Herz.« 
»Warum das alles, Andrea? Habe jetzt endlich den Mut zur 
Wahrheit.« 
Da senkte sich der Kopf mit dem schimmernden Gelock 
wie schuldbeladen. Die Lippen preßten sich zusammen wie 
im Schmerz. Sekundenlang war es so still, daß einer des 
andern Herzschläge zu hören glaubte. 
»Andrea, ich möchte dir so gern etwas sagen. Aber ich darf 
doch nicht mein Wort brechen. Wir haben heute noch 

nicht Silvester. Entbindest du mich von meinem 
Versprechen, Andrea – ja?« 
Ein heftiges Nicken – und dann drei Worte nur, ganz 
schlicht und einfach gesagt: 
»Ich liebe dich.« 
Kaum waren die schwerwiegenden Worte gefallen, da 
blitzte ein Lachen durch die Tränen wie Sonnenschein 
durch Tautropfen. Ein befreiender Seufzer hob ihre Brust. 
»Das mußte ich erst von dir hören, Edzard. Und nun will 
ich sprechen. Nimm bitte Platz.« 
Sie setzten sich in zwei gegenüberstehende Sessel, dann 
begann sie mit leiser Stimme: 

»Es war einmal ein kleines, schlichtes Mädchen, das hieß 
Andrea Müller. Dessen ganze Freude gipfelte darin die 
Ferien auf dem Gut des Onkels zu verleben. Und da sie 
gleich den meisten Mädchen voller Ideale steckte und ein 
großes Glück erträumte, das ein Prinz ihr bringen sollte, so 
begegnete sie diesem auch mit sechzehn Jahren. 
Hoch zu Roß kam er daher, genau so, wie sie ihn sich 
erträumt. Aber ach, er sah die kleine Andrea nicht, der 
stolze Baron von Rittersreuth. Ganz demütig wurde sie in 
ihrer ersten, schwärmerischen Liebe. 
Er sah sie nie – sie ihn um so mehr. Sie kauerte oft in 

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einem Versteck unweit von Reuth – stundenlang, hoffend 
und geduldig. Sie sah ihn dann auf seinem Pferd, 

betrachtete ihn mit glückseligen Augen. 
Die Jahre vergingen. Aus der kleinen schwärmerisch-
demütigen Andrea wurde ein fertiger Mensch -- wurde ich. 
Die Liebe war mit gewachsen, die ich nun stolz im Herzen 
verschloß. Das blutete aus tausend „Wunden, als ich hörte, 
daß du dir deine Liebste erwählt. 
Dann erbte ich Ritters, das ich nicht zum Wohnsitz wählte, 
weil es mir zu schmerzlich war, dich mit der andern zu 
sehen. Nur ab und zu kam ich her, um mich wenigstens bei 
Bitterchen sehen zu lassen. Und als ich eines Tages in der 
Konditorei saß, in einer Nische so ganz allein, drohte mein 
Herz fast stillzustehen vor freudigem Schreck, als ich dich 

auf die Nebennische lossteuern sah. 
Ja – und dann hörte ich das ganze Gespräch, gut verdeckt 
durch die hohe Sofalehne. Da weinte mein Herz vor 
Jammer um dich. Ein heißes Gebet stieg empor zu Gott, 
der mir Kraft geben möge, dir zu helfen. Etwas Herzliches 
mußte die Frau haben, die du suchtest – und ich besaß das 
Rubinherz, das Einsegnungsgeschenk meines Onkels. 
Wie habe ich gezittert und gebangt, daß du auf der Reise 
die passende Frau finden könntest. Aber du kamst gottlob 
ohne Braut zurück, erhieltest gar die Stelle auf Ritters – 
dafür könnte ich das ahnungslose Bitterchen noch heute in 
Gold fassen lassen. 

Dann kam das Fest, deine Werbung, bei der du ein Herz 
zur Bedingung stelltest, nichts weiter als ein Herz. Das 
konnte ich dir geben, ganz und ungeteilt verlangte jedoch 
dafür auch das deine. Da stellte ich meine Bedingung, 
erfand den Mann, der mich verschmäht und an dem ich 
mich rächen wollte. Denn irgendwie mußte ich mein 
rasches Zugreifen bei deinem Antrag doch motivieren. 
In der Zeit bis Silvester wollte ich ergründen, ob dein Herz 
sich von der andern gelöst hatte oder nicht. 
Und darauf habe ich dann gewartet, mit angstzitterndem 
Herzen. Du warst so eiskalt, so hart und unzugänglich. 

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Ach, Edzard, wie hat das alles weh getan! Tagsüber konnte 
ich tapfer sein – aber nachts – ja, da habe ich oft weinen 

müssen. Heute war ich so verzweifelt, daß auch am Tag die 
Tränen kamen. Ich unterdrückte sie nicht, da ich dich in 
Reuth glaubte. Doch du überraschtest mich. 
Und hast mir dann endlich gesagt, worauf ich mit 
quälenden Schmerzen gewartet habe. Da erst erlaubte es 
mir mein Stolz zu sprechen.« 
Die leise Stimme schwieg, der Edzard atemlos gelauscht. 
Jetzt erhob er sich, trat vor sie hin, zog sie an den Händen 
zu sich empor. 
Er war so bewegt, daß er nicht sprechen konnte. In seinen 
Augen glänzten Tränen, als er sie fest an das hartklopfende 
Herz drückte und mit heißem Kuß die Lippen schloß, die 

ihm so viel Beseligendes gesagt. 
Wieder war es Herbst geworden und wieder Winter. Und 
an einem kalten Februar schrie sich ein kleiner Rittersreuth 
auf Ritters ins Leben. 
Daß sein Erscheinen große Freude hervorrief, war zu 
verstehen. Doch am närrischsten gebärdete sich der 
Großonkel Philipp, der den Großneffen stolz aus der Taufe 
hob. 
Zu dem anschließenden Fest waren die üblichen Gäste 
geladen, also auch Busso nebst Gattin. Er war unter der 
redseligen Frau wirklich zum Schweiger geworden und 
führte dabei ein faules Leben. 

Als er jedoch heute das strahlende Glück des jungen 
Elternpaares sah, zuckte der Neid auf den vom Glück 
begünstigten Bruder heiß in seinem Herzen auf. Wie dem 
die Liebe aus den Augen lachte, wenn er seine 
wunderschöne Frau ansah. 
Ja, auf so eine Frau konnte man wohl stolz sein. Aber er auf 
seine? Nun, er wollte nicht ungerecht sein, die Schlechteste 
war Hetchen nicht. 
Wo sie jetzt steckte, wußte Busso zwar nicht, aber er hörte 
ihre Stimme. Ihr Mundwerk war wieder einmal klar zum 
Gefecht. Mochte sie reden, er trank hier dafür den süffigen 

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Wein und sah gleichmütig auf, als Bitterling zu ihm trat. 
»Na, Herr Baron, ganz solo? Hören Sie das Vöglein 

zwitschern? Wo die liebe Gattin auftaucht, ist gleich Leben 
in der Bude. Da naht sie bereits – « 
»Ach, bei meinem Busso sind Sie, Bitterchen? Das ist recht, 
da wird er gleich lachen. Habt ihr euch auch den kleinen 
Edzard gut angesehen? Na, so was Süßes gibt es nicht noch 
einmal. Kunststück bei den Eltern. 
Die Andrea ist bestimmt noch hübscher geworden, und der 
Edzard ist sowieso ein Bild von einem Mann. 
Aber was stellt sich der Onkel Philipp so in Positur? Sieht 
beinahe aus, als ob er eine Rede halten will. Da muß ich 
schnell mal hin – « 
Auch die beiden Herren traten zu der Gruppe, in der Herr 

Philipp stand, ein Sektglas in der Hand haltend. 
»Meine Herrschaften -!« erhob sich seine Stimme. 
»Bewaffnen Sie sich alle mit einem Glas Schampus. Denn 
was ich Ihnen verkünden werde, darauf müssen wir 
anstoßen.« Nachdem sie alle ihr Glas hatten, trat 
erwartungsvolle Stille ein, in die Herr Philipp schmunzelnd 
rief: 
»Stoßen wir an auf meinen Erben, auf Klein-Edzard von 
Rittersreuth-!« 
Ein Tumult entstand, den eine helle Stimme überschrie: 
»Philippchen, das hast du gut gemacht -!« 
 

-ENDE-

 

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LENI BEHRENDT

 

 

wurde am 5. März 1894 als Tochter der Eheleute Blasinsky in 

Insterburg/Ostpreußen geboren. Ihr Vater war selbständiger 

Schneidermeister. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern lebte sie bei 

Verwandten, die ihr auch die Ausbildung als Lehrerin 

ermöglichten. Als Privatlehrerin auf verschiedenen großen 

Gütern gewann Leni Behrendt einen tiefen Einblick in die adelige 

Gesellschaft. Sie hat oft davon erzählt, und in ihren Romanen 

spiegeln sich die Bilder jener Zeit wider. Aus diesen Erlebnissen 

stammen ganz sicher auch der Reichtum ihrer Anschauungen 

und die Glaubwürdigkeit ihrer moralischen Welt. Wie sie Land 

und Leute charakterisiert, beweist ihr großes 

Einfühlungsvermögen, und wie sie den Zauber der Liebe 

enthüllt, macht deutlich, mit welcher sittlichen Einstellung sie 

ihre Helden schuf. Stolze, aufrichtige, pflichtbewußte Menschen 

begegnen uns in ihren Romanen. Schon als junges Mädchen 

fabulierte Leni Behrendt. In kleinen Geschichten und Gedichten 

übte sie sich, bis ihr der erste große Roman »Warum quälst du 

mich?« gelang, der gedruckt wurde. Dieses große Erlebnis war der 

Anfang ihrer schrifstellerischen Laufbahn, aber ihre Berufung 

empfand sie als Mutter. Nach ihrer Verheiratung mit dem 

Bankdirektor Paul Gero Behrendt erlebte sie mit ihren beiden 

Kindern (Sohn und Tochter) das wahre Glück einer Mutter. Das 

Schicksal hat sie am Ende des Krieges Furchtbares erleben lassen. 

Beide Kinder verlor sie, und auf der Flucht von Ostpreußen in 

eine unbekannte Zukunft fand sie die Kraft, nicht gegen das 

Schicksal, sondern mit ihm zu leben. 

Auf sich allein gestellt, wünschte sie sich einen Stall, eine Kiste, 

auf der sie sitzen konnte, Bleistift und Papier, um schreiben zu 

können. Ihre erste Unterkunft nach der Flucht war dann auch nur 

eine kalte Kammer. Sie schrieb darin den köstlichen Roman 

»Sieben Töchter und kein Geld«. Als sie wieder Verbindung mit 

ihrem Mann bekam, der als Offizier im Krieg war, begann ein 

neues Leben in einer kleinen, einfachen Wohnung im Lippischen 

Land. Wer sie dort erlebte, kann bescheinigen, wie diese beiden 

wertvollen Menschen an ihrer Zukunft zimmerten und in der 

Bescheidenheit das höchste Glück erkannten. Trotz der großen 

Erfolge ihrer Romane blieb Leni Behrendt die einfache, schlichte 

und anspruchslose Frau, die ihren geraden Weg nie verließ. Sie 

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hätte lieber trockenes Brot gegessen, als Schulden zu machen. 

Um so glücklicher war sie, als sie sich dann durch die Erfolge 

ihrer Romane ein kleines Waldhaus in der Nähe von Köln kaufen 

konnte, in dem sie noch viele frohe Jahre bis zu ihrem Tod am 2. 

November 1968 verleben konnte. 

Ihr Wunsch, mit ihren Romanen ein bißchen Freude in einsame 

Stunden zu bringen, kann von Millionen Lesern bestätigt werden, 

die ihre Romane mit heller Begeisterung lesen.