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WAS WIRD STÄRKER 

SEIN?

 

Roman von Leni Behrendt

 

 

 

 
 

Als lieben Gast bringt Baronin Linda die junge Donata 
Hoog, die Tochter ihrer verstorbenen Freundin, von einer 
Reise mit nach Gut Brandegg. Das frische, reizende 

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Mädchen ist der Liebling aller, nur der Gutsherr, Baron 
Rüdiger, begegnet ihr mit kaum verhehlter Abneigung. Für 

ihn ist ein modernes Mädchen aus der Stadt nur eine 
Zierpuppe, zu nichts nütze. Obwohl Donata fast täglich das 
Gegenteil beweist und Proben ihrer erstaunlichen 
Tüchtigkeit liefert, sogar auf dem Gebiet der 
Gutsverwaltung, läßt er sich offenbar nicht überzeugen und 
schenkt ihr keine Beachtung. Dazu kommt, daß Donata als 
arme Waise gilt, und Rüdiger ist entschlossen, eine 
Vernunftehe einzugehen, um den Familienbesitz halten zu 
können. Lieber will er sich selbst opfern als Brandegg 
aufgeben. Als dann nacheinander zwei reiche Erbinnen 
auftauchen, die als künftige Baronin in Frage kommen, ist 
Donata zu stolz, sich dieses Treiben mit anzusehen oder 

gar als Störenfried zu gelten. Also verläßt sie Brandegg. Daß 
sie eines Tages zurückkehren wird, ersehnt und 
willkommen sogar, das ahnt zu dieser Zeit noch niemand. 

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Diese Ausgabe erscheint alle 4 Wochen im Martin Kelter Verlag (GmbH & Co ),

 

Mühlenstieg 16-22, 22.041 Hamburg, Postfach 70 10 09, 22.010 Hamburg,

 

Telefon: Sa -Nr (040) 68 28 95-0, Telefax: 040 / 68 28 95 50,

 

Verantwortlich: Verleger Gerhard Melchert Im Verkaufspreis ist die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten

 

Gesamtherstellung: Eisnerdruck, Berlin

 

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Gewähr

 

Abgebildete Personen auf dem Umschlag stehen in keinem Zusammenhang mit dem Roman

 

Diese Ausgabe dar) weder in Leihbüchereien noch in Lesezirkeln geführt oder zum gewerbsmäßigen

 

Umtausch bzw Wiederverkauf verwendet werden

 

Printed in Germany 

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Die Dame, die in einem Badeort an der Riviera gemächlich die 

schattige Promenade entlang spazierte, schrak zusammen, als 

sich von rückwärts ein Arm unter den ihren schob. 

Herumfahrend sah sie in ein strahlendes Mädchengesicht, und 

eine lachende Stimme sprach: 

»Tante Linda, du hast schon mal schlauer ausgesehen.« 

»Kann ich mir denken«, kam es gleichfalls lachend zurück. 

»Moment mal – so langsam beginnt es in meinem vor Schreck 

gelähmten Hirn zu tagen. Solltest du etwa Donata Hoog sein?« 

»Bin ich.« 

»Na, so was – «, besah sie sich kopfschüttelnd ihr reizendes 

Gegenüber. »Ausgerechnet hier müssen wir uns begegnen, 

nachdem wir seit dem Tod deiner Mutter nichts mehr 

voneinander hörten. Warum hast du dich auf meinen Brief nicht 

gemeldet, du böses Kind?« 

»Weil wir damals im Umzug begriffen waren und der Brief in 

dem Wirrwarr verlorenging, bevor ich ihn gelesen hatte.« 

»Was war das denn für ein Umzug?« 

»Werde ich dir gleich erklären. Doch da es mit wenigen Worten 

nicht gesagt ist, setzen wir uns auf diese Bank – das heißt, wenn 

du willst.« 

»Natürlich will ich. Komm schon.« 

Als man Platz genommen hatte, musterte die Ältere ihre 

Nachbarin eingehend und sagte dann gedehnt: 

»Hübsch warst du ja schon immer, Dodo – aber jetzt bist du – « 

»Genier dich nicht«, lachte das Mädchen, als die andere 

vielsagend innehielt. »Womit du zurückhältst, habe ich schon zur 

Genüge zu hören gekriegt.« 

»Natürlich von Herren«, kam es trocken zurück. »Ich will mich 

nicht wundern, wenn du bereits verheiratet bist.« 

»Das zwar nicht, aber ich werde mich wahrscheinlich nächstens 

verloben.« 

»Also. Und nun erzähle, wie es dir in den zwei Jahren, da wir 

nichts voneinander hörten, ergangen ist. Wie ich mich erinnere, 

wolltest du studieren.« 

»Dazu kam es nicht, Tante Linda. Ich hatte gerade das Abitur 

gemacht, als meine Mutter starb. Auf Wunsch meines Vormunds 

und Onkels, des Rechtsanwalts und Notars Dr. Erwin Hoog, den 

du ja auch kennst, löste ich die Wohnung auf und siedelte in sein 

Haus über. Kurz darauf erbte er von einem uralten Onkel ohne 

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Anhang in Kanada eine riesige Farm, mit der er als Jurist zuerst 

nichts anzufangen wußte. Doch da er der Erbschaft, wozu noch 

eine Menge Geld gehörte, nicht verlustig gehen wollte, sah er sich 

den landwirtschaftlichen Betrieb zuerst einmal an Ort und Stelle 

an. Aber nicht allein. Dafür hängt er zu sehr an seiner Familie, 

die aus seiner Frau, seinem Sohn, Schwiegertochter, Enkel und 

einer nachgeborenen Tochter besteht, die jetzt zwölf Jahre alt ist. 

Sie alle mußten mit – und ich auch. Denn er hatte meinem Vater, 

der, wie du ja weißt, sein Vetter und Sozius war, kurz vor dessen 

Tod in die Hand versprochen, väterlich über sein Kind zu wachen 

und es nie aus den Augen zu lassen. So nahm er mich denn mit, 

und ich muß schon sagen, daß ich als vollwertiges Mitglied der 

Familie ein herrliches Leben führte.« 

»Wahrscheinlich als Luxusgeschöpf«, warf ihre aufmerksame 

Zuhörerin ein. »Denn so siehst du nämlich aus. Und was wurde 

aus der gutgehenden Anwaltspraxis?« 

»Die übergab er einem langerprobten Mitarbeiter zu treuen 

Händen und sah außerdem jedes Vierteljahr selbst nach dem 

Rechten. Sein neuer Beruf, von dem er ja keine Ahnung hatte, 

machte ihm zuerst Schwierigkeiten. Sein Sohn jedoch, auch ein 

Jurist, fand sich mit erstaunlicher Sicherheit in die neuen 

Verhältnisse hinein. 

Natürlich ging diese Umstellung nicht von heute auf morgen. Es 

gehörte schon längere Zeit dazu, um so richtig fit zu werden. Jetzt 

ist er es längst, und seine Frau ist ihm die beste Mitarbeiterin. 

Das Ehepaar fühlt sich in den glänzenden Verhältnissen so wohl, 

daß es keine Lust verspürt, in die alten zurückzukehren. 

Auch Onkel Erwin fühlt sich dort ganz wohl, zumal er ja, wie ich 

bereits erwähnte, jedes Vierteljahr in die alte Heimat zurückkehrt 

und dort ungefähr zwei Wochen bleibt. Seiner Frau hingegen 

machte das Heimweh so arg zu schaffen, daß sie nach und nach 

fast tiefsinnig wurde. 

So kehrte denn der besorgte Gatte mit ihr, seiner Tochter und 

auch mit mir in die alte Heimat zurück, wo wir nun seit einem 

halben Jahr wieder unsern festen Wohnsitz haben. Wenn wir 

Sehnsucht nach drüben verspüren, können wir ja jederzeit 

hinfahren; denn Kanada ist ja schließlich nicht aus der Welt. 

Na ja – und dann lernte ich einen Mann kennen, der mir so gut 

gefiel, daß ich mich am Tag meiner Volljährigkeit mit ihm 

verloben wollte. 

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Allein dazu sollte es nicht kommen, weil ich vorher erkrankte. 

Eine verschleppte Grippe, die mir so zusetzte, daß man mich auf 

Rat des Arztes zur völligen Genesung nach Italien schickte, und 

zwar in Begleitung einer Dame unseres Bekanntenkreises, der es 

so ähnlich erging wie mir. 

Also taten wir uns zusammen und hatten uns nach vier Wochen 

so prächtig erholt, daß wir, ohne Schaden zu nehmen, nach 

Hause zurückkehren konnten. Aber meine Begleiterin wollte 

noch ein bißchen durch die Gegend bummeln, wozu sich auch 

der Herr Gemahl einstellte. Da ich jedoch keine Lust hatte, mich 

ihnen anzuschließen, trat ich allein die Rückreise an, machte in 

diesem idyllischen Ort Station und fand auf dem Spaziergang 

dich, Tante Linda. Bist du schon lange hier?« 

»Fünf Wochen. Ich war nach einer schweren Operation so 

herunter, daß der Arzt einen Aufenthalt im Süden für unbedingt 

erforderlich hielt, solange das rauhe Wetter zu Hause anhält. Die 

Kur hier hat mir auch wirklich gutgetan. Ich fühle mich so frisch 

und gesund, daß ich nächste Woche nach Hause fahren werde. 

Wann gedachtest du deine unterbrochene Reise fortzusetzen?« 

»Eigentlich morgen. Aber nun möchte ich solange bleiben, bis 

auch du abfährst, Tante Linda. Das heißt, wenn es dir recht ist.« 

»Aber sehr, mein Kind.« 

»Danke. Wo wohnst du?« 

»In einer Pension, einfach, aber behaglich.« 

»Ob auch ich da ein Zimmer bekommen könnte?« 

»Ich glaube schon. Wenn nicht, könnten wir zusammenziehen.« 

»O wie schön! Ich freue mich ja so sehr, daß ich dir begegnete. 

Habe oft genug an dich gedacht.« 

»So?« warf die andere skeptisch ein. »Ei, wenn du dieses 

Gedenken mal schriftlich kundgetan hättest.« 

Da lief das Gesichtchen rot an und senkte sich verlegen. 

»Ach, weißt du, Tante Linda, ich bin so entsetzlich schreibfaul.« 

»Aha! Na, lassen wir das. Aber wird dein Vormund auch damit 

einverstanden sein, daß du die Heimreise, die du doch sicher 

schon angekündigt hast, hinausschiebst?« 

»Er ist mein Vormund nicht mehr; denn seit drei Monaten bin 

ich mündig. Trotzdem respektiere ich immer noch sein Gebot 

und werde daher telefonisch seine Einwilligung zu dem 

Aufenthalt hier einholen. Allerdings müßtest auch du mit ihm 

sprechen, damit er weiß, daß ich ihm kein X für ein U machen 

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will«, schloß Donata lachend, und amüsiert fiel die andere ein: 

»Vorsicht ist immer besser als Nachsicht. Aber sag mal, mein 

Herzchen, hast du denn gar keine Sehnsucht danach, deinem 

Verlobten auf Flügeln der Liebe in die weitgeöffneten Arme zu 

fliegen?« 

»Soweit sind wir noch lange nicht, meine spöttische Tante 

Linda.« 

»Nein? Nun, was nicht ist, kann bestimmt noch werden. Und 

nun wollen wir uns in die Pension begeben, um dort die Lage zu 

peilen.« 

So machten sie sich denn auf den Weg und hatten wenig später 

die nette Pension erreicht, wo gerade das Zimmer neben dem der 

Baronin Brandegg freigeworden war. Mit Freuden wollte Donata 

Hoog es beziehen, aber zuerst mußte ihr Exvormund damit 

einverstanden sein. 

So meldete sie denn ein Gespräch an und bekam den Begehrten 

an den Apparat. Sie erklärte ihm ihr Vorhaben, das er mit 

Mißtrauen aufnahm. 

Doch nachdem die Baronin, die dem Anwalt bekannt war, die 

Richtigkeit von Donatas Anliegen bestätigt hatte, gab der 

vorsichtige Herr seine Einwilligung. 

Es war eine Woche später, als die beiden Damen auf dem Balkon 

beim Frühstück saßen, vor sich das südliche blaue Meer, über 

sich den unwahrscheinlich blauen Himmel. Und das zu Anfang 

März, wo in der Heimat der Winter dem herannahenden 

Frühling nicht weichen wollte. 

Dennoch sehnte die Baronin sich nach Hause zurück, also hatte 

sie ihre Ankunft für nächste Woche avisiert bei ihrem Sohn, mit 

dem sie auf dem Stammgut Brandegg lebte. Ein großer Besitz, der 

von dem jetzigen Herrn trotz knappster Mittel in vorbildlicher 

Weise bewirtschaftet wurde. Daher mußte jede unnötige Ausgabe 

vermieden werden. 

Und den Aufenthalt hier hielt die Baronin für unnötig. In den 

ersten Wochen allerdings nicht; da war sie nach der schwierigen 

Operation so elend, daß eine Kur im südlichen Klima unbedingt 

sein mußte. Aber jetzt fühlte sie sich so herrlich frisch und 

gesund, daß sie den teuren Aufenthalt hier für einen Luxus ansah 

und den konnte man sich in Brandegg nicht leisten. 

Die zierliche Frau, die mit ihren dreiundfünfzig Jahren noch so 

überraschend jugendlich wirkte und der man ihre vornehme 

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Abstammung sozusagen sieben Meilen gegen den Wind ansah, 

hatte mit ihrem vor zwei Jahren verstorbenen, um fünfzehn Jahre 

älteren Gatten eine glückliche Ehe geführt. Ein feiner Mensch war 

er gewesen, herzensgut, verläßlich und treu. Nur ein Landwirt 

war er nicht. Hätte er nicht so tüchtige Mitarbeiter gehabt, so 

hätte er wohl mit der Zeit vollständig abgewirtschaftet, wie es in 

der Bauernsprache heißt. 

Zum Glück war sein Sohn ein Landwirt durch und durch. Als 

Rüdiger nach dem landwirtschaftlichen Studium seinem Vater 

tatkräftig zur Hand ging, wehte in dem Betrieb gleich ein frischer 

Wind. Leider konnte der Baron sich nur wenige Jahre an der 

Tüchtigkeit seines prächtigen Jungen erfreuen, dann raffte eine 

tückische Krankheit ihn in wenigen Tagen dahin. Es war ein 

harter Schlag für den jungen Baron, den Mann, der ihm ein so 

guter Vater und Freund gewesen war, so schnell und ungeahnt 

hergeben zu müssen. Außerdem begann seine Mutter, die dem 

treuen Lebenskameraden schmerzlich nachtrauerte, zu kränkeln. 

Ihr Zustand verschlimmerte sich immer mehr, so daß eine 

Operation notwendig wurde, von der sie sich nicht erholen 

konnte. Und als der Arzt dem besorgten Sohn riet, seine Mutter 

während der rauhen Witterung zu einer Kur nach dem Süden zu 

bringen, geschah es, ohne auf ihr Sträuben zu achten. Und wie 

gut er daran tat. bewies nun die völlige Genesung der Mutter. 

Diese sah soeben gespannt dem Mädchen entgegen, das die Post 

brachte. Erfreut griff sie nach dem Brief des Sohnes, während 

Donata zwei Briefe in Empfang nahm. Einer war von dem 

früheren Vormund, der andere von dem Verlobten in spe. 

Dieses Schreiben las sie zuerst. Es war der Erguß eines Verliebten, 

der sich beklagte, daß er jetzt noch länger auf der Angebeteten 

Rückkehr warten mußte und auf den ersten Kuß, den er doch mit 

so großer Ungeduld ersehnte. Dann folgten noch verliebte 

Redensarten, die Donata zu langweilen begannen. Es war ja auch 

immer dasselbe, was er schrieb. Von dem zweiten Brief jedoch 

wurde sie stark gefesselt. Was Onkel Erwin ihr da mitteilte, 

konnte schon zur Beunruhigung Anlaß geben. Unsicher sah sie 

zu der Baronin hinüber, die sich nach dem Lesen ihres Briefes 

noch eine Tasse Kaffee eingeschenkt hatte, welchen sie mit 

Behagen trank. Als Donata auch den zweiten Brief in den 

Umschlag steckte, fragte sie mit einem forschenden Blick: »Keine 

guten Nachrichten?« 

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»Woraus schließt du das, Tante Linda?« 

»Aus deiner mißmutigen Miene. Von wem ist denn der Brief?« 

»Von Onkel Erwin. Er schreibt – aber am besten ist, du liest 

selbst.« Nachdem die Dame es getan hatte, sagte sie betroffen: 

»Wenn es wirklich stimmen sollte, was dein Onkel da schreibt, 

wirst du die Konsequenzen ziehen müssen. Würde dir das sehr 

nahegehen, mein Kind?« 

»Es würde mir nicht gerade das Herz brechen, aber eine 

Enttäuschung wäre es schon. Jedenfalls werde ich nichts 

unternehmen, sondern abwarten, bis Onkel Erwin klare Beweise 

für das hat, was ihm zugetragen wurde. Dann allerdings kriegt 

der Charmeur den Laufpaß. Denn mit so einem Ehemann würde 

ich mir mein Leben verpfuschen.« 

»Da hast du recht. Doch wie der Onkel schreibt, gedenkt der Herr 

dich hier mit seiner Ankunft zu überraschen. Da steht dir ja noch 

allerlei bevor.« 

»Wozu ich es erst gar nicht kommen lassen will. Ich werde ihm 

ausweichen, indem ich heute noch abreise und du kommst mit. 

Nicht wahr, Tante Linda, du tust mir den Gefallen?« 

»Mit der Abreise schon und auch noch mit einem Bummel für 

einige Tage. Aber dann muß ich nach Hause.« 

»Aber Tante Linda, das geht doch nicht.« 

»Warum denn nicht?« 

»Weil ich nicht allein in der Weltgeschichte herumbummeln 

mag. Und nach Hause fahren kann ich erst, wenn sich die heikle 

Angelegenheit mit meinem Beinahe-Bräutigam geklärt hat. 

Kannst du nicht wenigstens so eine bis zwei Wochen mit mir 

zusammenbleiben? Bitte, liebe Tante Linda!« 

»Ja, Kind, ich täte es schon ganz gern. Aber ich möchte meinem 

Jungen die Unkosten, die mein Aufenthalt in den sündhaft 

teuren Orten hier verursacht, nicht länger zumuten. Er muß sich 

gerade genug abrackern, um allen Anforderungen gerecht zu 

werden. Denn unser Besitz ist durch Hypotheken schwer belastet, 

und die hohen Zinsen wollen aufgebracht sein. Wir müssen 

sparen, Dodo, sparen an allen Ecken und Enden. Meine Kur ist 

mit Opfern verbunden, die ich meinem geplagten Jungen nicht 

länger zumuten darf.« 

»Wenn es daran liegt, Tante Linda, dann lade ich dich ein.« 

»Das nehme ich nicht an.« 

»Entschuldige bitte, ich wollte dich bestimmt nicht beleidigen. 

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Aber was mache ich da bloß? Ohne Anschluß kann ich nicht 

reisen, das wäre Onkel Erwin bestimmt nicht recht. Willst du 

mich da nicht wenigstens nach Brandegg mitnehmen?« kam es so 

kläglich heraus, daß Linda lachen mußte. 

»Mußt du dich aber in der Klemme befinden, um nach diesem 

Strohhalm zu greifen. Mitnehmen würde ich dich schon gern. 

Aber ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß wir sehr 

zurückgezogen leben und dir daher die Geselligkeit, an die du 

gewöhnt bist, nicht bieten können. Also würdest du dich in der 

ländlichen Abgeschiedenheit bestimmt nicht wohl fühlen.« 

»Aber Tante Linda, du tust ja so, als ob Brandegg von aller Welt 

abgeschnitten wäre. Ich war doch schon mehrmals dort und habe 

mich so wohl gefühlt, daß ich gar nicht mehr weg wollte.« 

»Damals warst du ein Kind, Donata. Aber jetzt bist du eine 

verwöhnte junge Dame mit ebenso verwöhnten Ansprüchen. 

Führst doch sicher im Hause deiner reichen Verwandten ein 

luxuriöses Leben.« 

»Nun hör aber auf!« warf das Mädchen hochfahrend ein. »Keine 

Angst, ich werde dich nicht belästigen mit meinen luxuriösen 

Allüren.« 

»Na, du kleiner Hitzkopf! Von >belästigen* kann gar nicht die 

Rede sein. Du weißt genau, wie lieb du mir schon immer warst 

als Kind meiner einzigen Freundin. Ich fühlte mich jedoch 

verpflichtet, dich auf unsere Lebensführung aufmerksam zu 

machen, die so ganz von der deinen abweicht. Also gut, wollen 

wir einen Versuch wagen. Wenn es dir bei uns zu eintönig wird, 

kannst du ja jederzeit aus der Einsamkeit in die Geselligkeit 

zurückkehren. Einverstanden?« 

»Ja. Ich danke dir, Tante Linda. Also wäre ich dir soweit genehm. 

Aber wie steht es mit deinem Sohn, der ja nun Herr von 

Brandegg ist? Der ist doch so ein Rauhbein, der mir mal eine 

Ohrfeige verpaßte, daß mir der Kopf wackelte.« 

»Da mußt du wohl was ganz Tolles angestellt haben«, lachte die 

Mutter dieses rabiaten Sohnes amüsiert. »Ein Rauhbein ist er 

schon, der Rüdiger, aber kleine Mädchen pflegt er dennoch nicht 

zu schlagen. Wie alt warst du damals?« 

»Zehn – und er achtzehn«, lachte nun auch Donata. »Ein 

langaufgeschossener, schlaksiger Bengel, dazu grob wie 

Bohnenstroh. Mit der Weiblichkeit hatte er absolut nichts im 

Sinn, bis auf seine vergötterte Mutter und die getreuen 

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Angestellten des Hauses. Sind die immer noch da?« 

»Ja. Du wirst auf Brandegg überhaupt nichts verändert finden.« 

»Wie schön. Ach, Tante Linda, Brandegg war für mich von jeher 

so etwas wie ein Kinderparadies. Zu gern wäre ich zu allen 

Schulferien dort erschienen; aber dann mußte ich die Mama nach 

den Badeorten begleiten, weil sie in den letzten Jahren vor ihrem 

Tod ständig kränkelte. Aber damit erzähle ich dir ja nichts Neues, 

da du mit ihr im Briefwechsel standest. Ich wollte dir nur sagen, 

wie gut es mir immer bei euch gefallen hat.« 

»Und weshalb bekamst du die Ohrfeige?« 

»Bist du aber hartnäckig!« lachte Donata. »Ich war nämlich im 

Begriff, die Kühe, die in ihren abgesperrten Weidegarten so 

sehnsüchtig nach dem Kleefeld schielten, hinauszulassen. Doch 

schon nahte das Verderben in Gestalt des zornentbrannten 

Sohnes des Hauses. Er pudelte mich ab, ich wurde frech und da 

saß mir auch schon im Gesicht eine bestimmt nicht kleine Hand, 

an der ich meine Zähne erprobte. Dann lief ich weg und wurde 

von meinem Widersacher fortan mit Nichtachtung gestraft.« 

»Und das mit Recht«, schmunzelte die Baronin. »Man ist nicht 

noch frech, wenn man an einer Dummheit gehindert wird, die 

bei Ausübung großen Schaden hätte anrichten können. Denn 

frischer Klee hat schon so mancher Kuh das Leben gekostet. Aber 

das konntest du als Stadtkind ja nicht wissen.« 

»Doch – weil Rüdiger mich mehrmals darauf hingewiesen hatte. 

Aber die Kühe wollten sich doch so gern an dem grünen Klee 

laben.« 

Lachend sahen sie sich an, dann sagte die Baronin: 

»Von Ohrfeigen wirst du jetzt wohl verschont bleiben. Aber ob 

mein immer noch rauhbeiniger Junge zart mit dir umgehen wird, 

dafür kann ich nicht garantieren. Denn du bist der Typ eines 

Mädchens, den er so ganz und gar nicht mag.« 

»Warum denn nicht?« 

»Weil du schön bist, mein Herzchen, elegant, charmant, 

verwöhnt. So was pflegt er mit Zierpuppe zu bezeichnen und 

geht ihm im großen Bogen aus dem Wege.« 

»Ach, du lieber Gott! Dann wird er mir sicher die 

Gastfreundschaft verweigern.« 

»O nein, so ungalant ist er wiederum auch nicht. Doch nun bin 

ich dafür, schleunigst unsere Zelte hier abzubrechen, damit dein 

in Aussicht stehender Besucher dich nicht doch noch erwischt. 

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Vergiß  aber  bitte  nicht,  deinen  um  dich  so  besorgten  Onkel 

Erwin davon in Kenntnis zu setzen, daß du mit mir nach 

Brandegg zu fahren gedenkst.« 

Dieses Vorhaben wurde von dem Onkel, den Donata telefonisch 

sprach, gutgeheißen, und somit stand ihrer Abreise nichts im 

Wege. 

Einige Stunden später fuhren die Damen ab. Das große Gepäck 

gaben sie auf, nachdem es durch die Zollkontrolle gegangen war. 

Sie nahmen nur in einem Köfferchen die Sachen mit, die sie für 

einige Tage unbedingt brauchten. 

Mit dem Flugzeug wären sie zwar schneller am Ziel gewesen, aber 

sie zogen beide die Fahrt mit der Bahn vor. Drei Tage brauchten 

sie, um den Bahnhof der Stadt zu erreichen, die ungefähr 

zwanzig Kilometer von Brandegg entfernt lag. 

Und dann war endlich der Augenblick gekommen, wo die 

Baronin von ihrem Sohn, den sie telegrafisch von ihrem und 

Donatas Kommen in Kenntnis gesetzt hatte, in Empfang 

genommen wurde. 

Es war ein scheußliches Wetter. Der Regen nieselte vom 

grauverhangenen Himmel, und ein scharfer Wind wehte. Der 

Sohn half seiner Mutter aus dem Wagen, drückte sie einmal fest 

an sich und sah sich dann nach Donata um, die mit dem 

Köfferchen und Handtaschen beladen in der Wagentür sichtbar 

wurde. Ehe sie sich recht versah, hatte er sie mit festen Händen 

um die Taille gefaßt und sie samt Gepäck auf den Bahnsteig 

gehoben. Er nahm ihr die beiden kleinen Koffer ab und wandte 

sich dann seiner Mutter zu, die fröstelnd zusammenschauerte. 

»So ein Leichtsinn!« brummte er. »Faß das bibbernde Hühnchen 

unter, Do, und folgt mir, so rasch ihr könnt.« 

Er stiefelte langbeinig davon, so daß sie unmöglich mit ihm 

Schritt halten konnten. 

Als sie das Auto erreichten, war das Gepäck bereits im 

Kofferraum des Veteranen verstaut. Aber der tat immer noch treu 

und redlich seine Pflicht, und das genügte seinem Besitzer, der 

auf ein Luxusgefährt keinen Wert legte. Für das Geld, das dieses 

an Kauf und Unterhalt kostete, schaffte er lieber eine 

landwirtschaftliche Maschine an. 

Ohne viel Worte zu machen, half er den Damen aus den 

triefenden Regenmänteln, unter denen sie Kostüme trugen, und 

verfrachtete sie im Wagen. Die Mutter im Fond, Donata auf dem 

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Sitz neben dem Steuer. Dann nahm auch er Platz, schloß die Tür, 

wandte sich der Mutter zu und sagte grollend: 

»Ich habe dir doch geschrieben, daß du noch so lange im 

südlichen Klima bleiben sollst, bis es hier endgültig Frühling ist. 

Und nun kommst du vorwitzig in dieses rauhe Wetter hinein. 

Der krasse Wechsel wird deine ganze Kur zunichte machen.« 

»Brumme nicht!« fuhr sie ihm lachend in den blonden Schopf. 

»Freu dich lieber, daß du mich bei dir hast, neu erstanden wie 

Phönix aus der Asche.« 

Es war ein liebevoller Blick, mit dem der große Junge seine 

zierliche Mutter betrachtete, der Donata mehr verriet, als viele 

Worte es vermocht hätten. 

Ein weicher Kern in einer rauhen Schale – dachte sie belustigt. Es 

wird nicht leicht sein, mit ihm auszukommen. 

Aber blendend sieht er aus. Wie ein Held der alten Sagen, mit der 

prachtvollen Gestalt, dem hartgeschnittenen Gesicht, dem 

herrischen Mund, den blitzblauen Augen und dem dichten 

blonden Schopf. 

Donata, die das alles in sich aufgenommen hatte, löste rasch den 

Blick, als der seine sie traf. 

Er betrachtete sie mit einer Gründlichkeit, wie er es wohl bei 

einem Pferd tat. Dann meinte er anerkennend: 

»Hast dich ganz nett herausgemacht, Do – oder muß ich jetzt 

gnädiges Fräulein sagen?« 

»Was wohl zu anstrengend für dich sein dürfte«, lachte sie ihn 

lieblich an. »Also drangsaliere dich nicht, sondern bleibe bei dem 

kurz und bündigen Do.« 

»Scheinst ganz vernünftig geworden zu sein.« 

»Hast du etwa etwas anderes erwartet?« 

»Ich möchte nicht unhöflich werden.« 

»Kannst du das überhaupt?« 

»Nein, dafür hat mich meine Mutter zu gut erzogen«, zwinkerte 

er ihr zu und brachte dann den Wagen in Gang. 

Als sie durch die mittelgroße Stadt fuhren, stellte Donata fest, 

daß sich manches darin verändert hatte. Die große Fabrik zum 

Beispiel hatte damals noch nicht existiert. 

»Ein riesiger Komplex«, sagte sie zu ihrem Nachbarn. »Wann 

wurde er erbaut?« 

»Vor etwa drei Jahren.« 

»Was wird da hergestellt?« 

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»Chemikalien. Die Fabrik gibt vielen Stadtbewohnern Lohn und 

Brot, die sie sich früher außerhalb suchen mußten.« 

»Und was ist das große Gebäude dort?« 

»Das ist das neue Kreiskrankenhaus. Ja, ja, unsere Stadt macht 

sich.« 

Sie hatten die Chaussee erreicht, von der sie dann später in eine 

Kiesstraße einbogen, die gut erhalten war. Ein großes Schild 

machte darauf aufmerksam, daß sie nur von Anliegern benutzt 

werden durfte. Von dieser Straße führte eine Allee zum Rittergut 

Brandegg. 

Nachdem man ein großes Tor durchfahrn hatte, hielt der Wagen 

vor dem Herrenhaus, das im schloßartigen Stil erbaut war und 

auch allgemein als Schloß bezeichnet wurde. Anlagen trennten es 

von dem riesigen Gutshof. Wohin Donata auch schaute, überall 

herrschte eine mustergültige Ordnung, alles war sauber und 

gepflegt. 

Und dann fanden sich alle Getreuen ein, die dieses feudale Haus 

beherbergte. Voran die Hunde, Spaniel, Dackel und kleiner 

Schudel, dessen Stammbaum nicht nachzuweisen war. Sie 

begrüßten freudejaulend das heimgekehrte Frauchen. 

An der Portaltür wurden vier Menschen sichtbar. Idchen, die 

Mamsell, von rosiger Rundlichkeit, wie es sich für die 

Beherrscherin über Topf und Tiegel gehörte; Bertchen, die 

Beherrscherin von Besen und Staubtuch, mittelgroß und schlank; 

Gretchen, die für Ordnung im Küchenbereich sorgte, derb und 

prall; und was da so lang und dürr alle überragte, war Hannes, 

das Hausfaktotum, das alles konnte, wußte, hörte und sah. Diese 

vier Menschen gehörten zu ihrer Herrschaft in treuester 

Verbundenheit. 

Als sie der heimgekehrten Herrin freudestrahlend entgegeneilen 

wollten, rief der Herr ihnen zu: »Bleibt ja da, wo ihr seid! Sonst 

werden wir alle in dem Regen wie gebadete Katzen.« 

Rasch zog er die beiden Damen mit sich fort und schob sie durch 

die Portaltür in die Halle. 

»So, da habt ihr eure Herrin und dazu noch einen Gast, der euch 

nicht unbekannt sein dürfte.« 

Schmunzelnd sah er dann der Begrüßung zu. Es war rührend, wie 

sie ihrer Herrin unbeholfen die Hand küßten. Das Hohelied der 

Treue – hier hatte das Wort noch Geltung. 

Und dann nahm man Donata gewissermaßen aufs Korn, die 

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lächelnd die prüfenden Blicke über sich ergehen ließ. 

Mamsellchen war die erste, die in der jungen Dame das kleine 

Mädchen von einst erkannte. 

»Das ist ja unser Donatchen!« rief sie entzückt. »Ist das hübsche 

Kind aber schön geworden!« 

»Danke für das Kompliment!« Donata strich ihr lachend über die 

pralle Wange. »Das kam wenigstens von Herzen. Ich freue mich, 

nach all den Jahren euch alle in alter Frische wiederzusehen wie 

eh und je.« 

Nachdem auch diese Begrüßung vorüber war, sagte der Baron 

energisch: 

»Nun aber mal hopp nach oben mit euch beiden, damit ihr aus 

den feuchten Kleidern kommt. Euer vorgeschicktes Gepäck findet 

ihr schon, es kam heute vormittag an. Wir sehen uns in einer 

Stunde beim Abendessen wieder.« 

Donata fand das Zimmer, welches sie bei ihren früheren 

Besuchen stets bewohnt hatte, unverändert vor. Es lag neben dem 

Schlafzimmer der Hausherrin und war ein echtes 

Jungmädchenstübchen, hell, licht und freundlich. 

»Zufrieden?« fragte die Baronin lachend. 

»Und wie! Laß dir danken, liebe Tante Linda, daß du mich 

mitgenommen hast. Denn Brandegg war mir immer wie ein 

zweites Zuhause.« 

»Das freut mich, Dodo. Nun werde ich zuerst ein ziemlich heißes 

Bad nehmen. Denn der krasse Wechsel aus der südlichen Sonne 

in das kalte Regenwetter macht sich doch bemerkbar.« 

»Fühlst du dich denn nicht wohl?« fragte Donata besorgt. 

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Mich schauert bloß.« 

Als der Gong zum Abendessen rief, erschienen die beiden frisch 

und munter im Speisezimmer, wo der Herr des Hauses seine“ 

Mutter prüfend betrachtete. 

»Du scheinst wirklich neu erstanden zu sein wie Phönix aus der 

Asche«, stellte er schmunzelnd fest. »Gut siehst du aus, meine 

kleine Mama, bloß ein bißchen molliger könntest du sein. So 

was verrät immer einen gewissen Wohlstand und ist außerdem 

ein Zeichen sorgfältiger Betreuung.« 

»Da spricht aus dir wieder einmal der Landwirt«, lachte sie ihn 

aus. »Es gibt aber auch zierliche Pferdchen, mein Sohn, die 

dennoch zäh wie Leder sind.« 

Man nahm an dem runden Tisch im Erker Platz, und Bertchen 

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servierte ein Mahl, das man mit opulent bezeichnen konnte, 

denn Mamsellchen hatte es sich nicht nehmen lassen, zur 

Heimkehr der Herrin ein Festessen zu richten. 

Satt und zufrieden zog man sich danach ins Wohngemach 

zurück. 

In dem hohen weiten Raum mit seiner kostbaren Einrichtung 

war alles noch so, wie Donata es in Erinnerung hatte. Überhaupt 

war in dem großen Haus kaum ein Stuhl verrückt worden. Hier 

hielt man noch fest an alter Tradition. Man erneuerte nur das, 

was unbedingt nötig war, und dann immer so, daß es in den 

Rahmen hineinpaßte. 

Im Kamin prasselten die Scheite, auf dem Sims tickte klingend 

die Rokokouhr, wie sie es schon seit vielen Jahrzehnten tat. Die 

Sessel waren tief und weich. Auf dem niedrigen Tisch mit den 

wertvollen Intarsien standen Gläser von herrlichem Schliff, die 

der Hausherr mit einem Wein füllte, den er nur zu ganz 

besonderen Gelegenheiten herausrückte. Rubinrot funkelte er 

durch das feine Glas und verbreitete ein würziges Aroma. 

»Ein herzliches Willkomm!« Er hob den beiden sein Glas 

entgegen und sah dabei seine Mutter zärtlich an. »Daß du wieder 

da bist, meine kleine Mama. Na ja, du weißt, ich kann nicht viel 

Worte machen. Aber vielleicht kann ich sie in Reime fassen.« 

»Junge, um Himmels willen!« hob sie abwehrend die Hände. 

»Hopse lieber über die Stoppeln als über Verse. Das Dichten hebe 

dir für deine spätere Angebetete auf. Und da diese deinem 

landwirtschaftlichen Geschmack entsprechend mindestens zwei 

Zentner wiegen muß, läßt sich nett auf fett ganz vorzüglich 

reimen.« 

»Muttchen, wie mir scheint, hast du bei dem Umgang mit dem 

Speilzahn da schon ganz gut abgefärbt.« Er zog schmunzelnd 

Pfeife nebst Tabaksbeutel aus der Tasche. »Oder hat man dir den 

Speilzahn gezogen, Donata?« 

»Huh, wie offiziell! Zerbrich dir dabei nur nicht deine 

schwerfällige Zunge. Ich tu es mit der meinen auch nicht und 

nenne dich einfach Rü.« 

»Noch besser, du setzt für da R ein H«, riet die Baronin lachend. 

»Dann heißt es Hü – und erfreut sein Pferdeherz.« 

»Geliebte Mutz, du kommst mir reichlich übermütig vor.« Er 

steckte die gestopfte Pfeife in Brand und legte sich bequem im 

Sessel zurück. »Laß ab von deinen Spitzfindigkeiten und erzähle, 

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wie es dir in Bella Italia ergangen ist.« 

»Das habe ich bereits in meinen ellenlangen wöchentlichen 

Berichten erzählt.« 

»Aber ich möchte es gern noch einmal mündlich von dir hören.« 

So schilderte sie denn ihren Aufenthalt mit so anschaulicher 

Lebendigkeit, daß es ein Genuß war, ihr zuzuhören. Auch ihre 

überraschende Begegnung mit Donata gab sie wieder, nur warum 

diese sie hierher begleitet hatte, darüber sprach sie nicht. 

Wohl hatte sie dem Sohn geschrieben, daß Donata sich am Tag 

ihrer Volljährigkeit verloben wollte, vorher jedoch erkrankt und 

dann in Begleitung einer bekannten Dame zur Erholung nach 

dem Süden gereist war. Doch von dem Brief verriet sie nichts. 

Wenn Donata darüber sprechen wollte, würde sie es schon tun. 

Aber auch diese schwieg sich darüber aus. Denn was der Onkel 

ihr mitgeteilt hatte, mußte erst gründlich überprüft werden. 

Nachdem die Mutter ihren Bericht beendet hatte, wollte sie von 

dem Sohn wissen, was sich während ihrer sechswöchigen 

Abwesenheit hier begeben hatte. Wie sie zu ihrer Erleichterung 

hörte, war nichts Besonderes geschehen. Das Geld, um am ersten 

April die Hypothekenzinsen zu zahlen, lag schon bereit. 

Außerdem noch so viel, um eine landwirtschaftliche Maschine 

anschaffen zu können, die unbedingt nötig war. 

»Junge, wie hast du das bloß wieder geschafft?« sagte die Mutter 

bewundernd. »Zumal du noch meine teure Kur bezahlen 

mußtest. Ich mache mir Vorwürfe.« 

»Was du hübsch bleiben lassen wirst«, unterbrach er sie gelassen. 

»Es hat gereicht, das ist doch wohl die Hauptsache.« 

»Wobei du wieder einmal hast zurückstehen müssen, mein armer 

Junge, der immer nur an andere denkt, nie an sich selbst.« 

»Du brauchst mich gar nicht zu bedauern, Muttchen. Ich habe 

doch alles, was zum Leben gehört. Vor allen Dingen hab ich dich 

gesund und munter wieder.« 

»Du müßtest aber auch mal eine Erholungsreise machen.« 

»Wozu denn, ich bin Gott sei Dank gesund. Nur, um mich in der 

Weltgeschichte herumzutreiben, dafür ist mir das Geld denn 

doch zu schade. Außerdem habe ich während meiner Studier- 

und Wanderjahre ein ganz hübsches Stückchen von der Welt 

gesehen und mir dabei so manches geleistet. Das langt, bis ich als 

Opapa, aller Pflichten ledig, mit meiner Alten in die Ferne 

schweifen kann. 

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Und nun müßt ihr mich entschuldigen, da ich noch schriftlichen 

Kram zu erledigen habe. Es ist ohnehin schon, nachdem die 

Frühjahrsbestellung begonnen hat, manches liegengeblieben. 

Gute Nacht, die Damen, angenehme Ruhe.« 

Er zog die Hand der Mutter an die Lippen, drückte seine Augen 

darauf und fuhr dann Donata in das gleißende Gelock, was ihm 

einen Klaps auf die vorwitzige Hand einbrachte »Dehne ja deinen 

Schönheitsschlaf aus, meine verwöhnte Dame, und laß dir dein 

spätes Frühstück am Bett servieren. Hättest ruhig deine Zofe 

mitbringen können.« 

»Die. kommt nach.« 

»Mit wieviel Koffern?« 

»Zehn. Ich bin daran gewöhnt, mich mindestens fünfmal am 

Tage umzukleiden.« 

»Da wirst du hier aber Bewunderer finden. Hauptsächlich unter 

den – « 

»Mach bloß, daß du verschwindest!« warf die Mutter lachend ein, 

und da zog er denn ab. 

Auch die Damen zogen sich zurück, da sie rechtschaffen müde 

waren. 

Bevor der Gutsherr sein Tagewerk begann, aß er nur eine halbe 

Schnitte Butterbrot und trank eine Tasse Kaffee dazu. Erst zur 

allgemeinen Frühstückspause, die um acht Uhr eingeläutet 

wurde, nahm er ein ausgiebiges Frühstück ein. 

Als er sich heute dazu einfand, lachte ihm die Mutter entgegen. 

»Aber kleine Mama, was machst du bloß für Sachen! Du mußt 

dich doch schonen, und dazu gehört ein langer Schlaf.« 

»Für den zehn Stunden, die ich wie ein Murmeltier schlief, wohl 

ausreichend sein dürften.« 

»Fühlst du dich auch wirklich wohl?« 

»Wie ein Fisch im Wasser.« 

Nachdem Bertchen den Kaffee gebracht hatte, langten Mutter 

und Sohn tüchtig zu. Dabei wurde nicht viel gesprochen. 

Erst als Rüdiger die Pfeife in Brand gesteckt und sich behaglich 

zurückgelehnt hatte, war er zu einem Plausch bereit. 

»Sag mal, Mutter, warum ist eigentlich Donata mit dir hierher 

gekommen?« begann er die Unterhaltung. »Die paßt doch nun 

wirklich nicht in diese ländliche Umgebung. Außerdem ist sie, 

wie du mir schriebst, so gut wie verlobt. Hat sie denn gar keine 

Sehnsucht, nach der wochenlangen Trennung dem 

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Herzallerliebsten in die Arme zu eilen? Oder sollten sie sich etwa 

verkracht haben?« 

»Das glaube ich nicht«, wich die Mutter aus. »Ich nehme 

vielmehr an, daß sie sich doch nicht so ganz wohl fühlt und in 

dieser ländlichen Abgeschiedenheit völlige Genesung sucht.« 

»Nun, sie muß ja wissen, was sie tut. Sie scheint mir recht 

eigenwillig zu sein und wird, da sie nicht mehr der 

Vormundschaft ihres fürsorglichen Onkels untersteht, manche 

Dummheit machen. Doch das soll nicht unsere Sorge sein. Lange 

wird die Gesellschaftspuppe es hier sowieso nicht aushalten – 

und wenn sie entschwindet, nichts mehr von sich hören lassen, 

wie sie es zehn Jahre lang tat.« 

»Ich glaube, Rüdiger, du tust Donata mit der krassen Beurteilung 

unrecht. Wohl ist sie von Hause aus sehr verwöhnt; denn ihre 

Eltern lebten auf großem Fuß. Dabei ging alles, was der Anwalt 

Hoog verdiente, völlig drauf, wie seine Frau mir gegenüberklagte. 

Sehr hoch kann der Verdienst ohnehin nicht gewesen sein, da er 

ihn mit seinem Vetter, dessen Sozius er war, teilen mußte. Somit 

kann Hoog seiner Familie nicht viel hinterlassen haben, und 

Donata wurde von ihrem Vormund abhängig, in dessen Haus sie 

nach dem Tod der Mutter, die ihren Mann nur vier Monate 

überlebte, übersiedelte. Wie mir Dodo erzählte, hat der Onkel 

zwischen ihr und seinen Kindern keinen Unterschied gemacht. 

Da er schon immer wohlhabend war und nach der Erbschaft gar 

zum reichen Mann wurde, kann er den Seinen ein Luxusleben 

schon bieten.« 

»Danach sieht Donata auch aus. Wie du mir schriebst, ist ihr 

angehender Verlobter auch Jurist?« 

»Der aber erst seine Assessorzeit hinter sich bringen muß.« 

»Wo tut er das?« 

»Am Gericht von Donatas Heimatstadt – « 

Ausführlicher konnte sie nicht werden, da Donata eben eintrat. 

»Einen bildschönen guten Morgen!« grüßte sie fröhlich. »Wie gut, 

daß ich noch zum Frühstück zurechtkomme, um meinen 

Mordshunger zu stillen, den ich mir bei dem ausgedehnten 

Morgenspaziergang anlief. Warum siehst du mich denn so 

verblüfft an, Tante Linda?« 

»Weil ich, als ich mich erhob, dich noch in seliger Ruh glaubte 

und daher leise die Tür zu deinem Zimmer schloß, um dich nicht 

zu stören. Wann bist du denn aufgestanden?« 

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»Kurz nach sechs Uhr. Ich wurde durch das Bimmeln der 

Hofglocke geweckt, die zur Arbeit rief. Da es nicht mehr regnete, 

konnte ich nicht umhin, einen Bummel durch den Park und 

seine nähere Umgebung zu unternehmen.« 

»Mußt du beim Ankleiden aber leise gewesen sein. Und nun stille 

deinen Hunger. Hoffentlich langt das, was auf dem Tisch steht, 

zu deiner Sättigung.« 

»Na hör mal, Tantchen! Wohl habe ich einen gesegneten Appetit, 

aber ein Vielfraß bin ich dennoch nicht.« 

Vergnügt nahm sie vor dem noch unbenutzten Gedeck Platz und 

ließ sich das ländliche Frühstück munden. 

»Auf meine Taille brauche ich hier ja keine Rücksicht zu 

nehmen«, erklärte sie lachend, dabei mit ihren festen Zähnen in 

ein Schinkenbrot beißend. »Bis zwei Zentner kann ich mich 

auffuttern, das entspricht hier ja wohl dem Schönheitsideal. Aber 

wie kommt es, daß deine Pferdchen so rassig sind, Rüdiger? Ich 

habe sie mir angesehen und muß schon sagen, daß ich entzückt 

bin.« 

»Was verstehst du schon von Pferden.« 

»Jedenfalls so viel, um sie von einer Kuh zu unterscheiden.« 

»Immerhin etwas.« Er erhob sich lachend. »Entschuldigen die 

Damen, ich habe es eilig. Warte nicht mit den Mahlzeiten, kleine 

Mama. Wenn ich zur Zeit nicht da bin, eßt ohne mich. Ich muß 

mir eine Maschine ansehen, und das geht nicht so schnell. Heute 

jedenfalls sehen wir uns noch wieder.« 

Eine Zierpuppe war Donata Hoog nun wirklich nicht, wie man 

so nach und nach erfahren sollte. Es trafen weder Zofe noch zehn 

Koffer ein. Sie ließ sich auch nicht das Frühstück ans Bett 

bringen, sondern erschien dazu pünktlich im Frühstückszimmer. 

Und als sie dem Gutsherrn gar anbot, ihm bei seinen 

Schreibarbeiten, die er oft erst nach Feierabend erledigen konnte, 

zu helfen, sah er sie verblüfft an. 

»Ja, kannst du denn das?« 

»Ich hoffe es. Allerdings wirst du zuerst mit mir Nachsicht haben 

müssen, da ich mich einarbeiten muß.« 

»Und weshalb willst du das tun?« forschte er mißtrauisch. 

»Um mir das gute Brötchen zu verdienen, das ich hier esse. Und 

weil ich ein unbehagliches Gefühl habe, mich nach süßem 

Nichtstun abends ins Bett zu legen, während der Gutsherr nach 

des Tages Müh und Plage noch stundenlang am Schreibtisch 

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sitzen muß. Willst du es mal mit mir versuchen?« 

»Aber nur dann, wenn ich nicht das, was du verpatzt, in Ordnung 

bringen muß.« 

»So eine Zierpuppe bin ich nun auch wieder nicht«, blinzelte sie 

ihm zu, und seine Mutter lachte. 

»Siehst du, mein Sohn, da hast du’s! Es ist nicht alles ein 

Zierpüppchen, was so aussieht.« 

»Es ist aber auch nicht alles Gold, was glänzt«, parierte er 

schmunzelnd. »Na schön, wagen wir den Versuch.« 

Der begann bereits am nächsten Tag. Es paßte gut, daß es ein 

Sonnabendnachmittag war, wo die Arbeit draußen ruhte. Da 

hatte der Gutsherr Zeit, seiner neuen Assistentin so ein bißchen 

auf den Zahn zu fühlen, wie er es bei sich nannte. 

Es war ein großes Zimmer, das sie gleich nach dem Mittagessen 

betraten. Wundervolle alte Möbel mit wertvollen Schnitzereien, 

dicke Teppiche, wuchtige Sessel und ein riesiger Schreibtisch, 

dem man ansah, daß wirkliche Arbeit an ihm geleistet wurde. Ein 

herber Duft hing in dem weiten Gemach, ein Gemisch von 

Tabak, Juchten, Harz und Klee. 

Donata war von allem entzückt – bis auf die Schreibmaschine, 

die auf einem Tischchen wohl schon seit Jahrzehnten stand und 

sehnsüchtig ihrer Pensionierung harrte »Was ist denn das für ein 

Museumsstück?« fragte sie lachend. »Tippst du etwa darauf?« 

»Gut sogar. Denn mein braves Minchen tut immer noch treu und 

redlich ihre Pflicht.« 

Worauf Donata einige Tasten anschlug und dann eine Grimasse 

zog. 

»Recht asthmatisch, die ehrwürdige Dame. Hat bestimmt eine 

Nachfolgerin verdient.« 

»Die kann ich mir nicht leisten«, kam es kurz zurück. »Machen 

wir uns an die Arbeit.« 

Er rückte ihr einen Stuhl zurecht, nahm dann am Schreibtisch 

Platz und griff zur Mappe, aus der er die eingegangene Post zog. 

»Zuerst werde ich dir erklären, wie das hier gehandhabt wird«, 

sprach die sonore Stimme sachlich. »Am Vormittag bringt der 

Briefträger in einer Mappe die Postsachen, die ich hier sortiere 

und dann an die Rentmeisterei weitergebe. Was ich selbst 

bearbeiten will, kreuze ich mit Rotstift an.« 

»Und wie werden die Briefe von hier befördert?« 

»Die werden in eine Mappe getan, die der Briefträger auf der 

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Rentmeisterei in Empfang nimmt und beim Postamt abliefert. 

Klar?« 

»Ja. Sprich nur weiter.« 

Aufmerksam hörte sie zu, was alles zu beachten war. Es war im 

Grunde genommen nichts anderes, als sie es bereits aus den 

Betrieben des Onkels kannte. Mochte Rüdiger nur in dem 

Glauben bleiben, daß er es mit einer Anfängerin zu tun hatte. 

»So – «, sagte er nach der Sortierung. »Diese Briefe bleiben hier, 

die andern gehen zur Rentmeisterei. Schade, daß du nicht 

stenographieren kannst.« 

»Wer sagt dir denn, daß ich es nicht kann? Ich bin ja schließlich 

zur Schule gegangen und habe dort alles mitgenommen, was 

gelehrt wurde. Darunter auch Stenographie und 

Schreibmaschine.« 

»Soll ich dich beim Wort nehmen?« 

»Bitte sehr.« 

Er suchte einen Block hervor, reichte ihn ihr nebst Stift und 

vertiefte sich in ein Schreiben. 

Nachdem er es gründlich gelesen hatte, begann er mit dem 

Diktat. Er sprach dabei so langsam und betont, daß Donata 

Mühe hatte, nicht herauszulachen. 

Als das schwere Werk vollbracht war, fragte er: 

»Traust du dir zu, das da abzutippen?« 

»Bei der bejahrten Maschine immerhin ein Wagnis. Aber ich will 

es versuchen.« 

Doch dann ging es besser, als sie angenommen hatte. Natürlich 

konnte sie auf dem Klapperkasten nicht flott schreiben. So blieb 

der interessiert Zuschauende denn in dem Glauben, daß es mit 

ihrer Tipperei nicht weit her sein könnte. 

Doch als sie ihm die saubere Abschrift vorlegte, sagte er 

anerkennend: 

»Gut gemacht. Hätte dir das gar nicht zugetraut.« 

»Überrascht mich gar nicht. Denn du traust mir alles Mögliche 

zu, nur nichts Gutes. Arbeiten wir weiter?« 

»So lange, bis der Reiz der Neuheit vorüber ist.« 

»Auch das noch. Na schön, so werde denn durch Erfahrung 

klug.« 

Das sollte geschehen. Das verwöhnte, elegante Mädchen, dem 

der skeptische Mann nun einmal keine Arbeit zutraute, belehrte 

ihn bald eines andern. Er brauchte nur noch Anweisungen zu 

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geben, nach denen Donata später die Briefe schrieb. Und zwar so 

exakt, daß er nur noch seine Unterschrift darunter zu setzen 

brauchte. 

Somit hatte der Mann, der sich bisher nach Feierabend noch mit 

Schreibarbeiten abplagen mußte, eine Hilfe gefunden, wie er sie 

nie erwartet hätte. 

Als er an einem Vormittag sein Arbeitszimmer betrat, um auf 

einen Brief sofort Antwort zu geben, saß Donata an der 

Schreibmaschine, wie sie es täglich um diese Zeit zu tun pflegte 

und was dem Mann daher nicht überraschend kam. Nur daß die 

Mädchenhände nicht über Minchens Tasten holperten, sondern 

über die einer blitzblanken Reiseschreibmaschine flitzen. 

Die Schreiberin war so vertieft, daß sie den Eingetretenen erst 

bemerkte, als er hinter ihr stand und sie ansprach. Da fuhr sie 

wie bei einem Unrecht ertappt zusammen und senkte verlegen 

den Kopf, was nach Schuldbewußtsein aussah. 

»Woher hast du denn die Schreibmaschine?« fragte er schroff – 

und dieser Ton gab ihr sofort die Sicherheit wieder. »Gestohlen 

bestimmt nicht«, lachte sie ihn an. »Also dann von deinem Geld 

gekauft.« 

»Allerdings. Aber nicht jetzt, sondern als ich noch zur Schule 

ging, wo man es gern sah, wenn die Schülerinnen zur Übung ihre 

eigene Maschine benutzten. Ich habe sie mir von zu Hause 

schicken lassen, weil Minchen mir so gar nicht recht gehorchen 

will. 

Schau nur, wie zufrieden das alte Mädchen aussieht!« zeigte sie 

lachend auf die Veteranin, die immer noch ihren alten Platz 

behauptete. »Ich habe ihr nichts getan. Habe sie nur zur Seite 

geschoben und den Neuling danebengestellt. Ist das denn so 

schlimm?« 

»Wenn es sich so verhält, dann natürlich nicht«, lachte nun auch 

er. »Aber bei dir Firlefanz muß man sich ja ständig auf 

Überraschungen gefaßt machen. Da du nun schon einmal hier 

bist, kannst du gleich ein Stenogramm aufnehmen; denn die 

Antwort auf dieses Schreiben muß so schnell wie möglich fort. 

Leider ist der Briefträger schon dagewesen, und nun muß ich 

extra zur Post.« 

»Das erledige ich für dich, Rüdiger. Der Spaziergang zum Dorf 

wird mir bei dem schönen Wetter ein Vergnügen sein. Aber nicht 

die Landstraße entlang, sondern durch Feld und Flur, durch 

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Busch und Au.« 

»Wirst du dich da auch zurechtfinden?« 

»O ja. Bin ich doch als Kind den Weg schon entlangspaziert.« 

»Dann nimm zur Begleitung den Spaniel mit.« 

»Wird gemacht. Und nun ans Werk!« 

Zehn Minuten später war der Brief geschrieben, und der Gutsherr 

konnte sich seiner unterbrochenen Arbeit wieder zuwenden, 

während Donata sich zu dem Gang ankleidete. Sie zog einen 

leichten Mantel an, da nun endlich der Frühling eingekehrt war. 

Feste Schuhe waren bei dem Weg durch Feld und Flur vonnöten, 

also wurden sie angezogen. Um die Lockenpracht kam ein 

Seidenband, die Tasche, in welcher der wichtige Brief 

wohlverwahrt ruhte, wurde am langen Riemen über die Schulter 

gehängt, und so gerüstet begab Donata sich auf die Suche nach 

der Hausherrin, die sie im Wohngemach beim Ausbessern einer 

wertvollen Decke fand. Es gehörte viel Geschick dazu, aber die 

zierlichen Hände hatten schon manch ein Kunstwerk vollbracht. 

»Nanu, wo willst du denn hin?« fragte sie das eintretende 

Mädchen. »Und gleich mit Gefolge?« 

»Wir haben eben schlaue Hundchen«, war die lachende 

Erwiderung. »Wenn sie einen Spaziergang wittern, sind sie stets 

zur Stelle. Ich gehe nämlich ins Dorf zur Post, um einen Eilbrief 

aufzugeben. Es handelt sich um das Angebot einer 

landwirtschaftlichen Maschine, das der Gutsherr sich nicht 

entgehen lassen will. Da der Briefträger schon hiergewesen ist – 

na, und so weiter.« 

»Und da bringst ausgerechnet du den Brief zur Post?« 

»Tu ich. Muß mich doch irgendwie nützlich machen. Wenn ich 

auch eine Zierpuppe bin, so kann ich mich nicht ganz dem 

Müßiggang hingeben, wo alles um mich her so emsig arbeitet.« 

»Mädchen, Mädchen!« Die Dame sah prüfend in das lachende 

Gesicht. »Wie mir scheint, bereitet es dir Spaß, uns allen hier 

blauen Dunst vorzumachen. Ich glaube, bei dir kann man das 

Wort anwenden: Mehr sein als scheinen.« 

»Tantchen, wer wird denn so gründlich sein!« blitzte es in den 

Mädchenaugen auf. »Dein Sohn ist es ja auch nicht.« 

»Der kommt schon allmählich hinter deine Schliche. Wenn du 

sowieso ins Dorf gehst, willst du mir dann einiges besorgen?« 

»Von Herzen gern.« 

»Dann versuche in dem einschlägigen Geschäft, ob du so 

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ähnliche Stickseide wie diese bekommst. Und dann hätte ich 

noch einige Kleinigkeiten, die ich dir aufschreiben werde.« 

Nachdem Donata den Zettel nebst einem Geldschein in die 

Tasche gesteckt hatte, wandte sie sich den Hunden zu, die alle 

drei dastanden und sie erwartungsvoll ansahen. 

»Schudel, willst du etwa auch mit?« fragte sie lachend, worauf der 

kleine muntere Kerl an ihr hochsprang. »Na, denn man los, alle 

drei. Und du gehab dich wohl, Tante Linda, zum Mittagessen bin 

ich zurück.« 

Vergnügt zog sie ab und schlug den Weg zum Dorf ein, den sie 

von ihren früheren Besuchen her genau kannte. Sie ging über 

Feldraine und Wiesen, setzte mit elastischem Sprung über ein 

Bächlein, das von Erlen umsäumt war, und hatte gleich darauf 

den Laubwald erreicht, in den sie jedoch nicht hineinging, 

sondern am Rand entlangschritt. 

Die Hunde, die vorausliefen, sahen sich immer wieder um, ob 

das liebe Frauchen auch folgte. Harras, der prachtvolle Spaniel, 

immer ein wenig überheblich, der freche Dackel Schniefke und 

Schudel, der kleine Gernegroß. Zu putzig sah er aus mit der 

stachelhaarigen Schnauze, den Schlappohren und den 

gedrungenen Beinchen. Ein Seitensprung der Dackelhündin Susi, 

die vor drei Jahren ihr betagtes Leben aushauchte. Als sie einige 

Monate vorher ein Junges warf, ließ man es ihr als letzte 

Mutterfreude. Man gewöhnte sich an das drollige Kerlchen so 

sehr, daß man es nicht hergeben mochte, zumal es aufs Wort 

gehorchte wie der Spaniel auch. Nur der Dackel war manchmal 

schwerhörig, doch im allgemeinen parierte auch er. 

In Begleitung dieser munteren Gesellen schritt Donata dahin. Es 

war eine Lust, durch die erwachende Natur zu wandern. Entzückt 

schaute sie auf die Frühlingsboten, die am Waldesrand üppig 

blühten. Auf dem Rückweg wollte sie einen Strauß davon 

pflücken, doch jetzt mußte sie eilen, damit der Brief zur Post 

kam. 

Nun hatte sie den Weg erreicht, der zum Dorf führte. Schmuck 

lag es da im Frühlingssonnenschein. Hoch ragte der spitze 

Kirchturm, aus den Schornsteinen der Häuser stieg heller Rauch 

kerzengerade empor. Er mutete so friedlich an, der abgelegene, 

ländliche Ort, in dessen Geruhsamkeit die Menschen bestimmt 

zufriedener lebten als die im Hetzen und Jagen der Städte. Eine 

Bahn, fuhr hier nicht, es gab nur Omnibusverkehr. 

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In dem kleinen Postamt gab Donata den Brief auf. Und kaum, 

daß er abgestempelt und im Sack verschwunden war, fuhr das 

Postauto vor, das einmal am Tag durchs Dorf kam und die 

eingegangene Post weiterbeförderte. – 

Nachdem Donata die kleinen Einkäufe für ihre Tante Linda 

gemacht hatte, begab sie sich auf den Heimweg. 

Noch auf der Dorfstraße holte ein Gig sie ein, das dann neben ihr 

hielt. Und der darin saß, war der Oberinspektor von Brandegg, 

Karl Erdmann, der gute Onkel des kleinen Mädchens Donata. 

Ein Mann wie eine knorrige Eiche, mit einem wetterharten 

Gesicht und zwei blauen Augen, die zwar vergnügt in die Welt 

schauten, aber auch mit ihrem durchdringenden Blick manchem 

Menschen unbequem werden konnten. Auf dem kantigen 

Schädel stand das graumelierte Stutzhaar dicht wie eine Bürste. 

Dieser Mann von echtem Schrot und Korn, wie man so sagt, 

gehörte zu Brandegg wie ein Inventarstück. Er war schon dort 

geboren und der Nachfolger seines Vaters geworden, wie es 

wiederum sein Sohn wahrscheinlich auch einmal werden würde, 

der jetzt noch die Schulbank drückte. Die Tochter hatte kürzlich 

den Inspektor von Brandegg geheiratet, und er war in der Familie 

herzlich aufgenommen worden, was der anständige Mensch und 

gute Landwirt auch verdiente. Muttchen Erdmann, die Seele des 

Hauses, schaltete darin mit Unterstützung ihrer unverheiratet 

gebliebenen Schwester, und so war denn in dieser Familie alles in 

bester Ordnung. 

Jetzt besah sich dessen Oberhaupt schmunzelnd das Marjellchen, 

das nach zehn Jahren hier wieder aufgetaucht und zur holden 

Mädchenblume erblüht war. Die hatte aber auch ein Paar Augen 

im Kopf, daß es einem ganz warm ums Herz werden konnte! 

Zwinkernd zeigte er auf den Platz neben sich. 

»Ich lade Sie ein, Fräulein – « 

»Zu einem Glas Wein, Fräulein«, fiel sie lachend ein, doch er 

winkte ab. 

»Wein am hellichten Tag? Wo gibt’s so was bei einem 

Stoppelhopser? Ja, sag mal, Schniefke, du bist wohl von der 

kranken Kuh gebissen?« besah er sich kopfschüttelnd den Dackel, 

der mit der Unverfrorenheit seiner Rasse einfach in den Wagen 

geklettert war. »Willst du machen, daß du ‘rauskommst!« 

Dabei packte er den hochstrebenden Schudel beim Nackenfall, 

setzte ihn ab, zwinkerte Harras zu, ein Satz, und auch er war im 

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Wagen. Als letzte stieg Donata ein, der Trakehner zog an, und 

fort ging die fröhliche Fuhre. 

»Darf ich fragen, wo das gnädige Fräulein – « 

»Aber Onkelchen, Sie werden doch nicht!« blinzelte sie ihn an. 

»Dann muß ich ja auch Herr Oberinspektor sagen. Donata heiße 

ich.« 

»Aber dann wenigstens mit dem Fräulein davor, weil wir doch 

nun eine junge Dame sind – und was für eine! So was läuft nun 

noch frei herum. Haben denn die Männer keine Augen im 

Kopf?« 

»Haben sie, Onkelchen. Doch auch ich habe welche, und die 

sind noch nicht vor lauter Liebe blind geworden.« 

»Recht so!« schmunzelte er. »Drum prüfe, wer sich ewig bindet, 

ob sich nicht noch was Besseres findet.« 

»Hat Schiller das letztere wirklich gesagt?« 

»Nee – der war ja aber auch ein Dichter.« 

Lachend sahen sie sich an, und dann erzählte Donata von ihrem 

Spaziergang ins Dorf. 

»Ich muß mich doch irgendwie nützlich machen«, setzte sie 

hinzu. 

»Sonst komme ich mir vor wie eine Drohne unter lauter 

Arbeitsbienen.« 

»Hm. Ich meine, daß Sie sich schon nützlich genug machen als 

Privatsekretärin des Gutsherrn«, hielt er ihr verschmitzt vor. »Und 

in der Rentmeisterei spukt neuerdings so ein Heinzelmännchen.« 

»Das wissen Sie auch schon? Der Rendant hat mir doch fest 

versprochen – « 

»Und auch Wort gehalten. Aber bei uns fällt nun mal unbemerkt 

kein Spatz vom Dach. Wozu die Heimlichtuerei?« 

»Weil der mißtrauische Herr Baron mir nichts, aber auch gar 

nichts zutraut und daher in Angst schwebt, daß ich in seinem 

Musterbetrieb was durcheinanderbringen könnte.« 

»Tja, wissen Sie, kleine Do, wenn man so aussieht wie Sie, dazu 

noch mit so vornehmen Allüren – « Er kratzte sich den Kopf, und 

sie lachte. 

»Dann ist man eben eine Zierpuppe. Und Sie stoßen natürlich in 

dasselbe Horn. Na ja, wie der Herr, so das Gescherr. Aber darf ich 

Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihre Frau und Ihre Tochter 

auch nicht gerade wie die hier so hochgewerteten 

Landpomeränzchen aussehen? Trotzdem sind sie arbeitsame und 

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tüchtige Hausfrauen – und was sagen Sie nun?« 

»Daß Sie ein gescheites Frauenzimmerchen sind, kleine Dodo.« 

»Das ist nun wieder übertrieben. Nehmen Sie die goldene 

Mittelstraße, dann stimmt es so ungefähr. Wenn ich dem 

Rendanten so ein bißchen zur Hand gehe, braucht es nicht gleich 

an die große Glocke gehängt zu werden. Es ist dem ehrgeizigen 

und pflichtbewußten Mann unangenehm genug, daß er die Fülle 

von Arbeit kaum schaffen kann. Der müßte eine Hilfe haben, die 

ihm die kleinen, zeitraubenden Arbeiten abnimmt.« 

»Von denen hat er bereits mehrere gehabt. Aber da sie mehr nach 

unsern schneidigen Eleven als nach der Arbeit schielten, setzte 

der Rendant sie an die frische Luft und lehnte dann resigniert 

weitere Hilfskräfte ab. Aber im Herbst ist seine Tochter, die jetzt 

noch die Handelsschule besucht, soweit, daß er sie in die Lehre 

nehmen kann.« 

»Und wenn auch sie nach den Eleven schielt?« 

»Ei weh, in der Beziehung hat der Herr Papa eine lose Hand, und 

auch die Frau Mama fackelt nicht. Aber schauen Sie mal, wer da 

naht – unser Gebieter hoch zu Roß. Er winkt, da werden wir 

wohl halten müssen.« 

Gleich darauf war der Reiter heran. Die Hunde schossen aus dem 

Wagen, um Herrchen freudeblaffend zu begrüßen. 

»Gebt Ruhe, ihr Trabanten!« gebot er lachend. »Wo haben Sie 

denn diese Spektakelgesellschaft aufgeladen, Herr Erdmann?« 

»Im Dorf, Herr Baron. Es war mir ein Vergnügen, die junge Dame 

nebst Anhang mitzunehmen.« 

»Kann ich mir denken. Hast du den Brief aufgegeben, Do?« 

»Ja. Er kam gerade noch zurecht, um vom Postauto 

mitgenommen zu werden.« 

»Ausgezeichnet. Was haben Sie bei dem Schmied ausgerichtet, 

Herr Erdmann?« 

»Er will gern zu uns kommen, Herr Baron. Es gefällt ihm auf 

seiner jetzigen Stelle nicht. Kein Wunder bei so einem Gebieter, 

der seine Leute nur als Arbeitstiere ansieht. Der Mann hält es 

direkt für ein Glück für sich, daß unser Schmied gestorben ist 

und der Posten dadurch frei wurde. 

Und dann habe ich unterwegs noch von verschiedenen Seiten 

gehört, daß das Gestüt Widde zwei Jungpferde abgeben will. Das 

Inserat wird morgen in der Zeitung erscheinen. Also wäre es gut, 

wenn wir sofort hinfahren, bevor uns ein anderer zuvorkommt.« 

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»Das müssen wir unbedingt. Aber was mache ich mit dem Pferd? 

Traust du dir zu, Dodo, es zum Stall zu führen? Es sind ja nur 

einige hundert Meter.« 

»Wird gemacht.« Sie sprang vom Wagen, trat zu dem rassigen 

Trakehner, griff in die Manteltasche und hielt ihm auf flacher 

Hand ein Stückchen Zucker hin, das er vorsichtig aufklaubte. 

Dann wandte sie sich dem Reiter zu. 

»Kannst ruhig von deinem hohen Roß steigen. Wir beide werden 

uns glänzend vertragen.« 

So saß er denn ab und sagte anerkennend: 

»Du scheinst tatsächlich mit Pferden vertraut zu sein.« 

»Na, und ob! Du brauchst um dein Prachtstück keine Angst zu 

haben, dem geschieht schon nichts.« 

Und bevor er es noch verhindern konnte, saß sie auch schon im 

Sattel, wendete, machte Winke-winke und ritt lachend davon. 

Zuerst stand der Mann wie erstarrt, doch dann rief ei“ ihr nach: 

»Donata, bist du denn ganz von Gott verlassen? Du wirst dir Hals 

und Beine brechen!« 

»Sie wird schon nicht, Herr Baron«, schmunzelte Erdmann. 

»Sehen Sie doch, wie sie zu Pferd sitzt, wie eine Amazone. Wir 

vergessen immer, daß sie längere Zeit auf einer Farm lebte, und 

da ist das Reiten so notwendig wie Luft und Licht.« 

»Allerdings. Aber ich muß schon sagen, daß dieses Mädchen es 

erstklassig ‘raus hat, seine Mitmenschen immer wieder vor 

vollendete Tatsachen zu stellen. Wozu überhaupt die ganze 

Heimlichtuerei?« 

»Weil Sie der jungen Dame gegenüber so mißtrauisch sind, Herr 

Baron, daß sie dieses Mißtrauen durch Worte nicht beseitigen 

könnte. Also läßt sie Tatsachen sprechen, sofern sich eine 

Gelegenheit dazu bietet.« 

»Der Kuckuck mag aus der klug werden!« brummte Brandegg, 

sich neben Erdmann setzend, der in sich hinein lachte. 

Als Donata das Wohnzimmer betrat, sagte die Baronin 

überrascht: 

»Du bist schon zurück, Dodo? Wie ist denn das möglich?« 

»Ganz einfach, Tante Linda. Auf dem Rückweg wurde ich im Dorf 

von einem Gig überholt, in dem Herr Erdmann saß, der mich 

samt den Hunden mitnahm. Die letzte Strecke hierher habe ich 

sogar reitend zurückgelegt.« 

»Reitend? Willst du mir das vielleicht näher erklären?« 

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Donata tat’s, und da wurde die andere ärgerlich. 

»Wie konntest du nur so leichtsinnig sein! Wenn dir auf dem Ritt 

etwas zugestoßen wäre, hätte Rüdiger sich sein Leben lang 

Vorwürfe machen müssen, dir das Pferd anvertraut zu haben.« 

»Ach nee, Tante Linda, so zartbesaitet ist dein Sohn nicht«, blieb 

Donata ungerührt. »Der hatte nur Angst um sein Prachtstück von 

Pferd.« 

»Du bist ein schreckliches Mädchen.« 

»Warum denn? Was ich sagte, stimmt.« 

»Es stimmt eben nicht. Du schätzt Rüdiger ganz falsch ein. Gewiß 

hatte er Angst um sein Pferd, aber in erster Linie hatte er sie um 

dich, die du so leichtsinnig mit deinem Leben spielst.« 

»Nun, so leichtsinnig bin ich wiederum auch nicht, um aus lauter 

Übermut mein Leben zu riskieren. Dafür ist es mir denn doch zu 

lieb. Ich habe auf der Farm meines Onkels schon ganz andere 

Pferde unter dem Sattel gehabt, als den zwar nicht frommen, 

aber immerhin kultivierten Hussa.« 

»Und weshalb hast du das Rüdiger nicht gesagt?« 

»Weil er es mir ja doch nicht geglaubt hätte. Bei dem 

mißtrauischen Herrn geht immer sehen vor sagen, mir gegenüber 

noch ganz besonders. Also muß ich ihm mit Beweisen kommen 

– « 

In dem Moment schlug der Fernsprecher an. Donata, die ihm am 

nächsten saß, hob ab, meldete sich und sagte dann: 

»Jawohl, ich bin’s, immer noch in alter Frische wie dein 

hochnobles Prachtstück. Ach, sieh mal an, kriegst du Rauhbein 

fertig. Würde dir aber schlecht bekommen, denn ich verstehe 

mich ganz gut zu wehren. Womit? Mit des Weibes Waffen«, 

erklärte sie pathetisch. »Fürchtest du nicht – na schön. Geht in 

Ordnung, werde ich bestellen. Auf Wiedersehen.« 

Sie legte auf und sagte lachend zu der Baronin: »Hat viel vor, 

dein Sohn, gedenkt mich übers Knie zu legen.« 

»Was du auch verdient hättest, mein Herzchen. Was sagte er 

noch?« 

»Ich soll dir ausrichten, daß er bis Mittag nicht zurück sein kann, 

wir sollen ohne ihn essen. Ich gehe nach oben, um mich 

umzuziehen. Habe mir bei dem improvisierten Ritt an dem 

Sattelzeug die Strümpfe zerrissen, übersieh das Päckchen nicht, 

das ich auf den Tisch legte. Ach so, Geld habe ich ja auch noch 

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herausgekriegt, fast hätte ich es unterschlagen. Und somit wären 

alle meine Schandtaten komplett gewesen.« 

»Die Lüge fehlt noch.« 

»Richtig, Tante Linda. Lügen kann ich so gut wie der Lügenbaron 

Münchhausen. Hier ist die Abrechnung, hier das Geld – und hier 

ein Kuß, geliebtes Tantchen.« 

Sie drückte ihre Lippen auf die Wange der Älteren und zog 

vergnügt von dannen. 

Zum Kaffe war der Herr des Hauses dann wieder da. Nachdem 

man sich am Tisch niedergelassen hatte, fragte die Mutter, ob er 

die Pferde gekauft hätte. 

»Leider nicht, kleine Mama. Man verlangte sofortige Bezahlung, 

und dafür fehlt mir das Geld. Was ich habe, muß ich 

zurückhalten für den eventuellen Kauf der Maschine, auf deren 

günstiges Angebot ich mich meldete. Die ist viel wichtiger als die 

Pferde.« 

»Hör mal zu, mein Junge«, sagte die Mutter, ihm die gefüllte 

Tasse reichend, die er dankend nahm. »Ich habe das Geld, das du 

mir nach dem Süden schicktest, nicht verbraucht und habe auch 

sonst noch Erspartes. Vielleicht reicht es – « 

»Ausgeschlossen!« wehrte er brüsk ab. »So weit kommt es noch, 

daß ich dir die letzte Mark aus der Tasche ziehe von dem 

ohnehin nur kargen Taschengeld, das ich dir geben kann.« 

»So karg kann es wohl nicht sein, wenn ich davon noch sparte.« 

»Und dir absolut nichts gönntest, dort unten im Süden. 

Wahrscheinlich hast du – « 

»Gar nichts habe ich«, wurde sie nun ärgerlich. »Es war eben 

zuviel, was du mir zukommen ließest. Wenn du die Pferde nicht 

kaufst, tue ich es.« 

»Und was willst du damit anfangen, mein energisches 

Muttchen?« 

»Reiten. Ich ein, Dodo das andere.« 

»Bei dir würde die Höhe des Tierchens ja wohl ausreichend sein, 

aber Dodos lange Beine würden nachschleppen. Es handelt sich 

nämlich um Jungpferde, die noch im Wachstum stehen. Zwei 

Stuten, die ich gern gehabt hätte, da sie aus erstklassiger Zucht 

stammen. Aber notwendig für den Betrieb sind sie nicht, sondern 

mehr Liebhaberei. Und nun wollen wir das Thema lassen.« 

Er klang so  abschließend, daß die Mutter nicht weiter in ihn 

drang. Die Angelegenheit war erledigt, und sie hatte sich damit 

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abzufinden. 

»So ein starrköpfiger Bengel!« sagte sie seufzend zu Donata, 

nachdem er gegangen war. »Ich weiß ganz genau, wie gern er die 

Pferde gekauft hätte. Aber er verzichtet lieber darauf, als mein 

Geld zu nehmen.« 

»Womit er recht tut, Tante Linda. Ich hätte von meiner Mutter 

auch nicht das Geld genommen, das sie sich unter manchem 

Verzicht ersparte, nur um damit etwas anzuschaffen, das nicht 

unbedingt notwendig ist. Sei doch froh, daß er so denkt. Es gibt 

ganz andere Söhne.« 

»Das mußt du Küken ja wissen«, warf Linda lachend ein. »Wie 

kommst du überhaupt dazu, deiner Glucke Belehrungen zu 

erteilen?« 

»Glucke ist gut«, lachte das Mädchen fröhlich mit. »Unter den 

zierlichen Flügelchen würde ich ausgewachsenes Küken kaum 

Platz finden.« 

»Hast du eine Ahnung, wie dehnbar Gluckenflügel sein können. 

Die decken auch ausgewachsene Küken zu, die unter ihnen 

Schutz suchen.« 

Das sollte Donata bereits am nächsten Tag erfahren. Denn sie 

erhielt von ihrem Onkel Erwin einen Brief, in dem er ihr genaue 

Auskunft über den Mann gab, mit dem sie sich beinahe verlobt 

hätte. Er nannte ihn einen leichtsinnigen Heideldeidel, der 

ständig in Liebschaften verwickelt war, die er aber rücksichtslos 

aufgab, sofern er ihrer überdrüssig war. Außerdem steckte er bis 

über beide Ohren in Schulden. 

Das alles hatte der Rechtsanwalt Hoog ihm auf den Kopf 

zugesagt und ihm erklärt, daß er nie zugeben würde, daß seine 

Nichte, die ihm lieb sei wie ein eigenes Kind, einen Charmeur 

und Schuldenmacher heirate. 

Worauf dieser ihm in aller Unverfrorenheit erklärte, daß er sich 

nicht in die Angelegenheit der jungen Dame zu mischen habe. 

Sie sei sein Mündel nicht mehr und somit seiner Tyrannei 

entwachsen – worauf der empörte Anwalt ihm die Tür wies. 

Dieser gab Donata nun den Rat, noch in Brandegg zu bleiben, 

wo sie jetzt am besten aufgehoben sei. Denn falls sie hier 

auftauchte, würde das minderwertige Subjekt sich bestimmt 

erdreisten, sie mit seinen Liebesbeteuerungen zu belästigen. Erst 

wenn dieses unschädlich gemacht wäre, wofür er sorgen wollte, 

könnte sie ohne Bedenken nach Hause zurückkehren. 

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Die Baronin, der Donata den Brief zu lesen gab, sagte nach 

Beendigung entsetzt: 

»Großer Gott, Kind, da bist du ja wirklich einer Gefahr 

entronnen. Wie dankbar kannst du deinem Onkel sein, der so 

treu über dich wacht. Wie beruhigend für ihn, daß er dich hier 

bei uns in guter Hut weiß. Natürlich bleibst du so lange hier, bis 

zu Hause die Luft für dich rein ist.« 

»Aber was wird Rüdiger dazu sagen?« 

»Der braucht von dem Brief nichts zu wissen.« 

»Wie gräßlich das alles doch ist, Tante Linda!« sagte das Mädchen 

kläglich. »Am liebsten möchte ich nun doch unter deine 

Gluckenflügel kriechen.« 

»Tu es!« war die lachende Erwiderung. »Da bist du sicher. Denn 

eine Glucke kann gehörig hacken, wenn einer ihrem Küken zu 

nahe treten will. Was wirst du deinem Onkel antworten?« 

»Daß ich ihm für seine Fürsorge dankbar bin und immer das tun 

werde, was er für richtig hält.« 

»Recht so, mein Kind. Diesen Dank hat der Mann, der wie ein 

guter Vater über dich wacht, auch verdient. Daß du das 

anerkennst, wird ihn freuen, und er wird dich dafür noch fester 

in sein Herz schließen. Und nun wollen wir froh sein, daß du 

den Mann los bist, der dir hätte zum Verhängnis werden 

können.« 

Die Annahme der Baronin sollte sich als Trugschluß erweisen. So 

ohne weiteres ließ der hartnäckige Freier sich denn doch nicht 

abschütteln. 

Schon am nächsten Tag erhielt Donata von ihm einen 

eingeschriebenen Brief, dessen Annahme sie verweigerte. 

Zwei Tage danach rief der Hartnäckige in Brandegg an, nannte 

seinen Namen und wünschte Fräulein Hoog zu sprechen. 

»Einen Augenblick, mein Herr«, sagte Frau Linda, die am Apparat 

war. »Ich werde nachsehen, ob Fräulein Hoog im Hause ist.« 

Sie legte den Hörer hin und gab Donata einen Wink, ihr ins 

Nebenzimmer zu folgen. Dort sagte sie leise: 

»Herr Grudde wünscht dich zu sprechen.« 

»Ich bin nicht für ihn zu sprechen!« begehrte Donata auf, ohne 

ihre Stimme zu dämpfen. 

»Sprich leiser, Dodo!« 

»Fällt mir gar nicht ein!« 

»Kind, so nimm doch Vernunft an! Dieser unverfrorene Mensch 

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kriegt es fertig, hier zu erscheinen. Sprich mit ihm, ich bitte dich 

darum.« 

Da ging sie an den Apparat, meldete sich und hörte zu, ohne den 

Sprecher am andern Ende zu unterbrechen. 

Als sie dann sprach, war ihre Stimme durchtränkt von Spott. 

»So, so, verleumdet hat man Sie. Aber da selbst einem Verbrecher 

eine Rechtfertigung zusteht, wie Sie so leidenschaftlich betonen, 

will ich mir die Ihre anhören. Natürlich nicht hier, wo ich selbst 

Gast bin. Rufen Sie nach einer halben Stunde noch einmal an, 

dann sage ich Ihnen Bescheid, wo wir uns treffen können.« 

Damit legte sie auf und sprach nun mit der Baronin, die ihren 

Worten mit Spannung gefolgt war. 

»Du hast recht mit deiner Vermutung, Tante Linda. Dieser 

unverschämte Mensch hatte tatsächlich die Absicht, mich mit 

seinem Erscheinen hier zu überraschen. Aber so etwas wie 

Anstandsgefühl hat ihn denn doch bewogen, seinen werten 

Besuch telefonisch anzumelden. Wenn ich nun brüsk abgelehnt 

hätte, wäre er trotzdem gekommen, wie ich seinen Worten 

entnehmen konnte. Um das zu verhindern, muß ich irgendwo 

mit ihm sprechen, so widerwärtig mir das auch ist.« 

»Es ist das kleinere Übel, Dodo. Denn käme er gegen deinen 

Willen her, würde Rüdiger ihn kurzerhand hinauswerfen – und 

darauf dürfen wir es nicht ankommen lassen. Das würde dich nur 

kompromittieren.« 

»Da hast du recht, Tante Linda.  Aber  wo  treffe  ich  mich  mit 

ihm?« 

»Am besten in der Stadt, wo du unbekannt bist.« 

»Aber wie komme ich dorthin? Rüdiger ist doch mit dem Auto 

unterwegs.« 

»Und das ist gut. Er muß aus allem herausgehalten werden, 

damit er sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen läßt. Du 

stehst nämlich jetzt unter dem Schutz seines Hauses. Und wenn 

er erführe, daß du bedroht bist, griffe er unbarmherzig ein. 

Und nun werde ich dir einen Vorschlag machen. Du kennst doch 

die Tankstelle, die an der Straße liegt, nicht weit von unserer 

Allee entfernt?« 

»Ich kenne sie zwar nicht, aber ich werde sie schon finden. Ist die 

denn wichtig?« 

»In diesem Fall schon, weil der Tankstelle eine Autovermietung 

angeschlossen ist. Dahin gehst du und läßt dich zur Stadt fahren. 

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Denn den Wagen hier vorfahren zu lassen, würde nur Aufsehen 

erregen. Du weißt ja auch, daß wir von unsern Leuten scharf 

beobachtet werden. Man wurde sich wundem, daß du in einem 

Mietwagen fährst, da wir doch selbst ein Auto haben. Irgendwie 

würde das Rüdiger zu Ohren kommen – na, und so weiter. Wir 

verstehen uns doch?« 

»Und wie wir uns verstehen, Tante Linda. Ich danke dir, daß du 

dich so lieb meiner annimmst.« 

»Das ist doch selbstverständlich, Dodo. Weißt du, worüber ich 

mich gewundert habe?« 

»Nun?« 

»Daß du am Telefon den Herrn mit Sie ansprachst. Habt ihr euch 

nicht geduzt?« 

»Nein, soweit war es noch nicht. Er hat sich mir gegenüber 

immer korrekt verhalten, hat sich auch nicht die kleinste 

Vertraulichkeit herausgenommen.« 

»Weil er genau wußte, daß er bei deinem Onkel unter scharfer 

Kontrolle stand«, bemerkte die Baronin trocken. »Der hat 

nämlich diesem Blender von vornherein nicht getraut. Wo 

lerntest du ihn kennen?« 

»In der Gesellschaft, wo er sich beliebt zu machen verstand. Er ist 

nämlich ein Mensch, der anspricht. Elegant, charmant, geistreich 

und von einer wohltuenden Höflichkeit. Na ja – und so fiel ich 

denn auf ihn herein«, schloß sie resigniert, und die Tante meinte 

achselzuckend: 

»Kein Wunder bei so einem Blender, der dir gegenüber noch ganz 

besonders den ritterlichen Mann herauskehrte. Wahrscheinlich 

hat er damit gerechnet, durch dich in die Praxis deines Onkels 

hineinzukommen. Das hat dieser gute Menschenkenner 

durchschaut und als dein Vormund bestimmt, daß die Verlobung 

erst am Tag deiner Volljährigkeit bekanntgegeben werden sollte. 

So bleiben ihm für die Recherchen Zeit, die noch durch deine 

Krankheit und anschließende Reise nach dem Süden erheblich 

verlängert wurde. 

Muß ein schwerer Schlag für den Herrn gewesen sein, als dein 

Onkel ihm seine Schandtaten auf den Kopf zusagte und, als er 

unverschämt wurde, ihm die Tür wies. Daß dieser Mensch sich 

dennoch mit dir in Verbindung setzt, spricht für seinen 

schäbigen Charakter. Laß dich ja nicht von seinem scheinheiligen 

Getue aufs neue einwickeln, hörst du?« 

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»Da kannst du ganz beruhigt sein, Tante Linda. Ich werde doch 

nicht mit offenen Augen in mein Unglück rennen. Und nun sage 

mir noch, wo ich mich mit dem Gewürm in der Stadt treffen 

kann.« 

»In der Konditorei Krone. Besitzt er ein Auto?« 

»Ja.« 

»Dann laß dich nicht überreden, mit ihm in so ein nettes kleines 

Waldlokal zu fahren, was er dir, soweit ich ihn beurteile, in aller 

Harmlosigkeit vorschlagen wird.« 

»Das glaube ich auch. Nun werde ich nach oben gehen und mich 

zur Fahrt rüsten. Wenn er indes anrufen sollte, gib ihm bitte den 

Treffpunkt bekannt.« 

»Es ist vollbracht«, sagte Frau Linda lachend, als Donata wieder 

sichtbar wurde. »Ich muß schon sagen, daß der Mann eine 

einschmeichelnde Stimme hat, so behutsam und weich wie Samt. 

So eine wird wahrscheinlich auch der Rattenfänger von Hameln 

gehabt haben. Ich werde in Sehnsucht deiner harren.« 

»Und ich werde dem Charmeur alle Sehnsüchte austreiben«, kam 

es lachend zurück. 

Fünf Minuten später fuhr sie ab. Da der Chauffeur ein gutes 

Tempo vorlegte, war die Stadt bald erreicht. 

Die Konditorei befand sich in der Hauptstraße und hatte ihren 

eigenen Parkplatz. Bevor Donata ausstieg, drückte sie dem Fahrer 

einen Geldschein in die Hand. 

»Danke, gnädiges Fräulein«, sagte er erfreut. »Dafür werde ich 

meiner Frau und meinen Kindern feinen Kuchen kaufen.« 

»Das tun Sie nur«, nickte sie ihm freundlich zu und ging dann 

zur Konditorei, wo ihr auf halbem Weg ein Herr entgegenkam, 

den man mit Schönling bezeichnen konnte. Mittelgroß und 

schlank, glattes Gesicht, dunkle Augen, dunkles, gewelltes Haar- 

und im übrigen wie aus dem Ei gepellt. Beim Anblick der jungen 

Dame lächelte er siegessicher und streckte ihr beide Hände 

entgegen, die sie übersah. 

»Ich bin glücklich, Donata, daß du – « 

»Wie bitte?« fragte sie so verwundert, daß er sich auf die Lippen 

biß. »Nun, ich meine, durch Ihr Kommen haben Sie mir doch 

bewiesen – « 

»Gar nichts habe ich bewiesen«, unterbrach sie ihn kurz. »Gehen 

wir weiter.« 

»Wollen wir bei dem herrlichen Wetter nicht lieber ins Grüne 

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hinaus, als uns in den muffigen Raum zu sperren? Es gibt hier in 

der Nähe ein idyllisches Waldlokal. Wollen wir dahin fahren?« 

»Nein, das wollen wir nicht. Mir genügt der muffige Raum 

vollkommen.« 

Sie merkte wohl, wie verstimmt er war; doch sie ließ sich nicht 

beirren, ging auf einen Tisch zu, setzte sich ans Fenster, und nur 

widerwillig nahm er ihr gegenüber Platz. 

»Man sitzt ja hier wie auf einem Präsentierteller«, brummte er, 

und sie lachte. 

»Gerade richtig für mich. Ich will nun mal gesehen werden.« 

Und das wurde sie. Zuerst einmal von den Menschen im Lokal, 

die allerdings in dem großen Raum so verstreut saßen, daß sie 

gegenseitig die Gespräche nicht belauschen konnten. Und dann 

stand der Tisch, den Donata wählte, am Fenster und somit im 

Blickfeld der Passanten. Also kein Platz für ein Schäferstündchen, 

wie es sich der Mann so schön ausgemalt hatte. Doch er ließ sich 

seine Enttäuschung nicht anmerken und sagte mit einem 

Lächeln, das er selbst unwiderstehlich fand: 

»Nicht wahr, wir trinken ein Glas Sekt?« 

»Wenn Sie Appetit daraufhaben, bitte sehr. Ich ziehe eine 

Limonade vor.« 

»Wie trist!« 

»Nicht wahr?« lachte sie ihn freundlich an. »Jedes Tierchen hat 

sein Pläsierchen.« 

»Donata – «, ging er jetzt zum direkten Angriff über. »Wir wollen 

uns doch nichts vormachen – « 

»Das ist bestimmt nicht meine Absicht.« 

»Na also, nun kommen wir uns langsam näher. Decken wir doch 

unsere Karten auf – « 

»Und spielen va banque«, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, 

das ihm die Röte des Unwillens ins Gesicht trieb. »Dazu müssen 

Sie sich schon eine andere Mitspielerin aussuchen. Noch etwas?« 

»Sehr viel sogar. Zuerst möchte ich wissen, ob Ihr Onkel Ihnen 

geschrieben hat, daß ich ein Schurke sei.« 

»Nein, das hat er nicht.« 

»Sondern?« 

»Mir nur verschiedenes mitgeteilt.« 

»Also doch. Merken Sie denn gar nicht, was er mit seinen 

Verleumdungen bezweckt? Er will Sie doch nur unter seiner 

Fuchtel behalten, will Ihnen einen Mann aussuchen, der nach 

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seiner Nase ist. Machen Sie sich doch endlich frei von dem 

Despoten, der Sie während der Vormundschaft genug geknechtet 

hat! Der sind Sie ja jetzt gottlob entwachsen und können sich Ihr 

eigenes Leben schaffen. Ein Leben voll Liebe und Glück mit dem 

Mann, den Sie sich selbst aussuchten. Donata, ich liebe Sie, ich 

kann ohne Sie nicht leben!« 

»Nanu, Sie haben das bisher doch sehr gut gekonnt und werden 

es auch weiter können.« 

Da die Bedienung an den Tisch trat, bestellte sie eine Limonade, 

während er einen Apfelmost mit einem Schuß Kognak vorzog. 

»Und wie ist es mit einer Leckerei?« fragte er sein Gegenüber. 

»Danke – «, wehrte sie ab und setzte, nachdem die Bedienung 

gegangen war, hinzu: »Ich muß nämlich auf meine Taille 

achten.« 

»Das haben Sie gerade nötig bei Ihrer grazilen Schlankheit«, 

schmeichelte seine Stimme mit den Augen zugleich. »Sie sind 

überhaupt das schönste Mädchen.« 

»Das weiß ich«, warf sie trocken ein. »Sie sind ja nicht der einzige 

Mann, der mir das sagt.« 

»Aber ich möchte der einzige sein – « 

»Wie anspruchsvoll!« 

»Ja – so kommen wir nicht weiter«, begann er, mußte dann 

jedoch innehalten, da die Bedienung die Getränke brachte. 

»Leider können wir mit dem Zeug nicht anstoßen«, meinte er 

bedauernd und hielt Donata sein Zigarettenetui hin. 

»Danke, ich rauche nicht.« 

»Seit wann denn nicht?« 

»Seitdem ich krank war.« 

»Aber das ist doch längst vorbei!« Dabei traf sie ein 

bewundernder Blick. »Sie sehen aus wie das blühende Leben.« 

»Das macht die Landluft, die mir so gut bekommt.« 

»So kommen wir nicht weiter«, begann er aufs neue. »Sie sind 

doch nur aufgehetzt.« 

»Von wem denn?« 

»Von Ihrem Onkel. Aber ich habe Ihr Wort, das Sie mir gaben.« 

»Das war kein Wort, sondern nur ein >Vielleicht< – und darin 

liegt ein großer Unterschied. Es hat auch nicht die kleinste 

Vertraulichkeit zwischen uns gegeben.« 

»Und meine Briefe?« 

»Habe ich nie beantwortet.« 

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»Leider – «,entfuhr es ihm unbedacht, und sie maß ihn mit 

verächtlichem Blick. 

»Ich glaube, daß Ihnen das leid tut. Und nun entschuldigen Sie 

mich wohl.« 

»Donata, seien Sie doch nicht so grausam!« stöhnte er auf. Und 

bevor sie es verhindern konnte, griff er hinüber nach ihrer Hand, 

die auf dem Tisch lag, und drückte seine Augen darauf. 

Augenblickslang saß sie wie erstarrt. Doch dann entzog sie ihm 

brüsk die Hand und sagte unwillig: 

»Nun lassen Sie endlich das Theater! Was sollen die Menschen in 

diesem Raum von uns denken?« 

»Das ist mir doch egal.« 

»Aber mir nicht. Ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben.« 

»So sehr hat man mich also verleumdet – « 

»Es sind keine Verleumdungen, was ich über Sie erfuhr, sondern 

Tatsachen, festgestellt durch die sorgfältigen Auskünfte, die mein 

Onkel an maßgebender Stelle über Sie einholte. Ich werde ihm 

heute noch brieflich mitteilen, daß Sie trotz der Abfuhr, die er 

Ihnen erteilte, dennoch versuchten, hinter seinem Rücken bei 

mir im trüben zu fischen. Daß Sie aber den allzeit korrekten und 

ehrenhaften Mann dabei verleumdeten, war das Dümmste, was 

Sie machen konnten. Denn ich hänge an meinem Onkel und 

seiner Familie, von der ich bisher nur Gutes erfuhr und bei der 

ich zu Hause bin. Und die Menschen, die man liebhat, läßt man 

nicht grundlos verunglimpfen. Merken Sie sich das für die 

Zukunft, Herr Grudde. Und versuchen Sie es nicht noch einmal, 

mich zu einer Unterredung zu zwingen. Dann werden die 

Menschen umbarmherzig gegen Sie vorgehen, unter deren Schutz 

ich stehe.« 

Ohne den wie erstarrt Dasitzenden weiter zu beachten, griff sie 

nach ihrer Handtasche und ging davon. Sie bezahlte bei der 

Bedienung die Limonade und gab noch ein gutes Trinkgeld 

drauf. 

Dann verließ sie das Lokal, setzte sich im Mietauto neben den 

Chauffeur und fuhr nach Brandegg zurück. 

Baron von Brandegg hatte auf den Brief, den Donata Hoog zur 

Post brachte, die Antwort erhalten, daß die landwirtschaftliche 

Maschine noch zu haben sei. Also setzte er sich in seinen 

Methusalem, wie er das bejahrte Auto nannte, zuckelte los und 

hatte nach einer Stunde sein Ziel erreicht. 

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Es war ein großer Bauernhof, tadellos gehalten, und so würde es 

wohl auch die Maschine sein. 

Und sie war es, wie er bald darauf feststellen konnte. Als er den 

Bauern fragte, warum er das gute Stück abgeben wolle, sagte der 

schmunzelnd: 

»Mein Sohn hat die Nachbartochter geheiratet, und nun werden 

die Höfe zusammengelegt. So haben sie denn manches doppelt, 

darunter auch diese Maschine. Da zwei für unser Land zuviel 

sind, wollen wir eine verkaufen. Sehen Sie sie sich nur in Ruhe 

an, Herr Baron.« 

Das tat er, und zwar mit Kennerblick. Denn er hatte während 

seines landwirtschaftlichen Studiums auch das Spezialfach für 

Maschinenbau mitgenommen, also kannte er sich in Maschinen 

aus. 

Und diese war in Ordnung, dazu der Preis angemessen. So kaufte 

er sie denn und erhielt sogar Prozente, da er in bar zahlte. 

Nachdem man noch verabredet hatte, daß morgen der 

Maschinenmeister mit einigen Männern die Maschine nach 

Brandegg holen würde, verabschiedete man sich, beiderseits 

zufrieden mit dem Geschäft. 

Auf dem Rückweg, der den Baron durch die Kreisstadt führte, 

unterbrach er die Fahrt, um noch einige Einkäufe zu machen. Er 

brachte den Wagen auf einem Parkplatz unter und ging zu Fuß 

zu dem Geschäft. Dabei mußte er die Konditorei Krone passieren 

– und was er da an dem großen Fenster sitzen sah, ließ ihn 

stutzig werden. 

Das war doch Donata, die da mit einem ihm unbekannten Herrn 

im Gespräch vertieft war! Das war ja sehr interessant. Ein 

bißchen spionieren lohnte da schon. 

Also suchte er sich einen Platz, von dem aus er das Fenster 

übersehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Sein scharfes 

Jägerauge nahm nun alles genau wahr. Donata brauchte er nicht 

zu beäugen, die war ihm ja bekannt, aber den Herrn nahm er 

genau aufs Korn. 

Sah gut aus, wenn für seinen Geschmack auch zu geschniegelt. 

Aber so was liebten die Mädchen ja, und Donata schien da keine 

Ausnahme zu machen. Zweifellos war dies ihr zukünftiger 

Verlobter. 

Aber warum traf sie sich hier mit ihm? Das konnte sie in 

Brandegg doch bequemer haben. 

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Olala, jetzt griff der Mann nach ihrer Hand und legte seine Augen 

darauf. Mein Herr, so was tut man nicht, wenn man so zur Schau 

sitzt! Das schien auch Donata zu empfinden, denn sie zog 

ärgerlich ihre Hand zurück und sagte ihm etwas, das ihm gar 

nicht zu gefallen schien. Ais er seine Standpauke weg hatte, stand 

sie auf und ging hocherhobenen Hauptes ab durch die Mitte. Mal 

sehen, wie es weitergeht! 

Aha, da erschien sie bereits und schritt mit ihrem federnden 

Gang auf ein Mietauto zu – das gehörte der Tankstelle, die in der 

Nähe Brandeggs lag. 

Kaum daß sie abgefahren war, wurde auch der Herr sichtbar. Der 

machte ja ein Gesicht, als ob er alles um sich her fressen wollte. 

Dem Wagen nach zu schließen, an dessen Steuer er Platz nahm, 

gehörte er nicht zur notleidenden Bevölkerung. Nun fuhr er in 

entgegengesetzter Richtung ab, und so konnte der Baron seinen 

Späherposten verlassen. Zu sehen gab es jetzt ja doch nichts 

mehr. 

Während er die Einkäufe machte, kam er nicht zum Nachdenken. 

Erst als er die Stadt mit ihrem regen Verkehr hinter sich hatte, 

dachte er darüber nach, wie das, was er beobachtet hatte, wohl 

zusammenhängen mochte. Eine Heimlichkeit war jedenfalls 

dabei, aber warum und weshalb? Ob seine Mutter von Donatas 

Fahrt zur Stadt wußte, oder hatte diese sich heimlich 

weggeschlichen? Auffallen würde es nicht, da sie bei ihren 

Spaziergängen und dem Herumschweifen durch den Gutsbetrieb 

manchmal stundenlang fortblieb. Nun, vielleicht ging alles mit 

rechten Dingen zu, wohinter er ein Geheimnis witterte. 

Als er zu Hause ankam, fand er die beiden Damen beim 

Nachmittagskaffee, den sie bei dem schönen Wetter auf der 

Terrasse einnahmen. 

»Da bist du ja«, sagte sie Mutter erfreut. »Nimm Platz und stärke 

dich. Denn so wie ich dich kenne, warst du zu geizig, um dir 

unterwegs ein Mittagessen zu können.« 

»Konnte ich nicht, Muttchen. Denn der Kauf der Maschine hat 

mein Portemonnaie ausgepreßt wie eine Zitrone. Man kann in 

den nächsten Wochen alles von mir haben, nur kein Geld.« 

»Das ist ja nun schon ein chronischer Zustand bei dir«, lachte die 

Mutter, ihm die Tasse reichend. »Stille mal erst deinen ärgsten 

Hunger. Indes kann Mamsellchen für einen Imbiß sorgen.« 

»Danke, kleine Mama. Was auf dem Tisch steht, genügt mir 

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vollkommen.« 

»Wie du willst. Du hast also die Maschine gekauft?« 

»Habe ich, zu einem recht günstigen Preis.« 

»Warum gab der Mann sie ab?« 

Als sie es wußte, sagte sie froh: 

»Da hast du wieder einmal Dusel gehabt, mein Sohn.« 

»Den kann ich auch brauchen. Und wie ist es dir indes 

ergangen?« 

»Wie immer«, entgegnete die Mutter, und so nahm er an, daß sie 

um Donatas Fahrt nicht wußte. 

Sollte er ihr nun, wenn sie unter vier Augen waren, von dem 

erzählen, was er in der Stadt beobachtet hatte? Aber es würde sie 

sicher kränken, daß das Mädchen, dem sie Tochterrechte 

einräumte, hinter ihrem Rücken Heimlichkeiten trieb. Also 

würde er schweigen, denn: Was ich nicht weiß, macht mich nicht 

heiß. 

Verstohlen ging sein Blick zu Donata hin, an der alles so wahr 

wirkte, so licht und klar. Aber hier trog eben der Schein. Sie war 

nicht anders als andere Mädchen auch. Tat so, als wäre kein 

Falsch an ihr, und ging dabei heimliche Wege. 

Nun brauchte er sich auch nicht mehr darüber zu wundern, daß 

dieses an Geselligkeit gewöhnte Mädchen es in dieser 

Abgeschiedenheit so lange aushielt. Wahrscheinlich war der 

Onkel mit ihrer Wahl nicht einverstanden und verleidete ihr 

damit das Leben in seinem Hause. Zwar war sie mündig und 

konnte daher gegen seinen Willen heiraten, aber dann würde er 

seine Hand von ihr abziehen. Und da sie selbst kein Vermögen 

besaß, wie Rüdiger von seiner Mutter wußte, und der Mann als 

Assessor nicht soviel verdiente, um sich eine so verwöhnte Frau 

leisten zu können, wollten die beiden wohl mit der Heirat 

warten, bis sein Examen bestanden war und er einen 

gutbezahlten Posten bekam. 

Aber dem ganzen Aufwand nach zu schließen, den der Mann 

trieb, mußte er eigentlich vermögend sein. Denn von seinem 

jetzigen Gehalt konnte er sich bestimmt nicht so gut kleiden und 

sich keinen so teuren Wagen leisten. Oder war es etwas ganz 

anderes, was die Verlobten zu Heimlichkeiten zwang? 

Vielleicht würde er einmal dahinterkommen, vielleicht auch 

nicht – und im übrigen ging ihn das alles nichts an. Seine Mutter 

allerdings würde sich sorgen um das ihr so liebe Mädchen. Daher 

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mußte sie ahnungslos bleiben. 

Aber das war sie nun wirklich nicht. Sie machte sich auch keine 

Sorgen um Donata, nachdem diese ihr nach der Rückkehr aus der 

Stadt von ihrer Begegnung mit dem lästigen Bewerber ausführlich 

erzählte. Selbst was zwischen ihnen gesprochen wurde, gab sie 

wörtlich wieder. 

»Hast deine Sache gut gemacht!« Die Tante strich zärtlich über 

die weiche Mädchenwange. »Aber weh getan hat es schon, nicht 

wahr?« 

»Nein, Tante Linda«, kam es so fest zurück, daß diese daran nicht 

zweifelte. »Der Heuchler hat mich direkt angewidert. Ich verstehe 

nicht, wie ich einmal Gefallen an ihm finden konnte – das 

allerdings merklich abflaute, als ich mich im Süden befand. Seine 

Briefe, die ich zuerst ganz gern las, begannen mich bald zu 

langweilen. Es war ja auch immer dasselbe, was er schrieb – « 

»Und alles das per Sie«, warf die Tante lachend ein. »Muß 

komisch angemutet haben, dieses: Sie sind mein Glück, mein 

Leben – Sie sind der Traum meiner sehnsuchtsvollen Nächte – 

denn einen Traum pflegt man ja nicht zu siezen.« 

»Bestimmt nicht«, lachte Donata vergnügt mit. »Mit einem Traum 

pflegt man recht intim zu sein, was ich mit meinem hartnäckigen 

Bewerber nun wirklich nicht war.« 

»Wohl dir, mein Kind, daß es so ist«, sagte die Tante ernst, »und 

daß du aus dieser Verirrung so blitzblank herausgekommen bist. 

Nicht allen Mädchen geht es so gut, manche haben ein Leben 

lang daran zu tragen.« 

Eine Woche später traf die Antwort auf den Brief ein, den Donata 

an ihren Onkel geschrieben und in dem sie ihre Begegnung mit 

Grudde bis ins kleinste geschildert hatte. 

Kein Wunder, daß der Anwalt diesen Lumpen, wie er ihn jetzt 

bezeichnete, voller Empörung aufsuchte, um ihn zur 

Rechenschaft zu ziehen. Doch er fand die kleine, aber luxuriöse 

Wohnung verschlossen. 

Eine Dame, die gerade die Treppe herauf kam und den 

bekannten Juristen einlaßbegehrend vor der Tür stehen sah, 

fragte verwundert: 

»Sie wollen zu dem Assessor, Herr Doktor Hoog?« 

»Allerdings, gnädige Frau.« 

»Aber der hat doch einen Nervenzusammenbruch gehabt und ist 

gestern in ein Sanatorium gefahren, um sich dort zu erholen.« 

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»Richtig, das hatte ich ja ganz vergessen.« 

»Was bei einem so vielbeschäftigten Mann schon vorkommen 

kann.« 

»Leider, gnädige Frau. Besten Dank für die Auskunft.« 

Er fuhr zu seinem Büro zurück, wo er den Landgerichtsrat anrief, 

der die Aussage der Dame bestätigte. 

»Weiß der Kuckuck, was mit dem Grudde los war. Er sackte im 

Dienst einfach zusammen, und der Arzt, den man kommen ließ, 

stellte Überarbeitung fest und riet zu einem 

Sanatoriumsaufenthalt.« 

Ob der Rat an die Überarbeitung glaubte, ließ er nicht 

durchblicken. War ja auch egal, Hoog glaubte es jedenfalls nicht. 

Dem Lumpen wurde einfach der Boden zu heiß unter den Füßen. 

Und da er aus dem Effeff zu schauspielern verstand, mimte er 

den Zusammenbruch mit Fertigkeit. In sein Amt kehrte der 

bestimmt nicht mehr zurück. 

Nun könne Donata beruhigt nach Hause kommen, schrieb der 

Onkel, aber er fliege noch heute mit Frau und Tochter nach 

Kanada ab, wo auf der Farm ein Enkelchen eingetroffen sei. 

Wenn Donata nachkäme, werde man sich allgemein darüber 

freuen, aber das brauche er ja nicht extra zu betonen. 

Das alles stand in dem Brief, den Donata der Baronin auch 

diesmal wieder zu lesen gab, die danach zufrieden sagte: 

»Den Freier bist du ein für allemal los, mein Herzchen. Der wird 

sich hüten, deinen Weg zu kreuzen. Wie ist es nun – hast du Lust, 

deinen Verwandten zu folgen?« 

»Nein, Tante Linda. Wenn ich hierbleiben darf, bis sie zurück 

sind?« 

»Das ist doch selbstverständlich, mein Kind. Ich freue mich, dich 

vorläufig noch nicht hergeben zu müssen. Auch Rüdiger wird 

froh sein, seine Sekretärin noch behalten zu dürfen.« 

»Und die Frau meines Onkels wird wiederum froh sein, daß ich 

die weite Reise nicht allein machen will. Sie ist nämlich ein 

ängstliches Gemüt, die gute Liesel, sie wittert für ein junges 

Mädchen überall Gefahren.« 

»Womit deine Tante recht hat. Wenn ein Mädchen nämlich so 

aussieht wie du, sollte es sich ohne Schutz nicht auf Reisen 

begeben.« 

»Wie wär’s denn, wenn wir beide einen Flug in die weite Welt 

wagen würden, Tante Linda?« 

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»Was meinst du wohl, wie Rüdiger dann Zeter und Mordio 

schreien würde!« war die lachende Erwiderung. 

»Er kann ja mitkommen.« 

»Auch das noch. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß 

sich dieser verbissene Landwirt während der Hauptarbeitszeit 

von seiner so geliebten Scholle trennt. Wir können ihn ja fragen.« 

Das tat sie, als der Sohn zum Mittagessen erschien. 

Braungebrannt, mit sehnigem Körper, vital und kerngesund. Ein 

Bild kraftvoller Männlichkeit. 

»Was soll ich?« fragte er verdutzt, als die Mutter ihm während des 

Essens die Frage stellte, ob er mit ihr und Donata nach Kanada 

fliegen wollte. »Du bist wohl zu lange in der Sonne gewesen, 

kleine Mama?« 

»Beruhige dich, mein Kopf ist klar.« 

»Und dann diese Frage!« brummte er. »Ich habe anderes zu tun, 

als dorthin zu fliegen, wo ich absolut nichts zu suchen habe. Und 

du tust das auch nicht, Mutter, hörst du?« 

»Aber ich kann unsere Do doch nicht allein reisen lasen. Stell dir 

mal vor, was alles ihr dabei geschehen könnte.« 

»Wer sich in Gefahr begibt, soll ruhig in ihr umkommen.« 

»Na, du Rauhbein! Zieh ihm die Ohren lang, Dodo.« 

»Und wenn er dasselbe bei mir tut? Kriegt er nämlich fertig.« 

»Worauf du dich verlassen kannst. Nun hör mir mal zu, Mutter: 

So gern ich dir die Reise auch gönnte, aber – « 

»Ach, laß doch, Junge«, wehrte sie ab. »Es war ja nur ein Scherz.« 

»Na, Gott sei Dank!« lachte er befreit auf. »Ist es nun nett von dir, 

mir so einen Schreck einzujagen? Und jetzt möchte ich endlich 

wissen, was das alles bedeuten soll.« 

Als er es wußte, sagte er schmunzelnd: 

»So verhält sich die Sache. Auf die Probe wolltest du mich stellen, 

mein hinterlistiges Muttchen. Nun, das ist dir ja auch gelungen. 

Wirst du nun allein die Reise antreten, Do?« 

»Nein, ich halte es mit Abraham a Santa Clara, der da sagt: Wer 

mit Gefahren will scherzen, sucht Lob und findet Schmerzen.« 

»Gut, daß du das beherzigst. Und nun laßt mich mal in Ruhe 

essen, ihr beiden Nichtsnutze.« 

Der nächste Tag war ein Sonntag, und zwar ein verregneter, was 

die Städter mißmutig werden ließ, die Landleute jedoch freute. 

Denn dieser warme, sachte Regen war für das Wachstum ja so 

wichtig. 

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Mutter und Sohn saßen im Wohngemach beisammen. Sie 

blätterte in einem Buch, das sie nicht zu fesseln schien, er hatte 

sich bequem zurückgelehnt und rauchte geruhsam die Pfeife. 

Durch die geöffnete Terrassentür wehte der Duft von Blumen, 

Gras und feuchter Erde, von den Insthäusern klang 

Harmonikamusik und Gesang. 

»Ach, Junge, wie schön wir es doch haben!« sagte die Mutter und 

legte das Buch fort. »Das kann aber nur der begreifen, der mit 

dem Landleben so verwachsen ist wie wir.« 

»Hm – «, schnurrte er vor Wohlbehagen wie ein zufriedener 

Kater. »Wer sich auf dem Lande so richtig wohl fühlen will, muß 

da geboren und in die Natur hineingewachsen sein. Es gibt 

allerdings auch Ausnahmen, aber die sind selten.« 

»Und dazu gehört Donata.« 

»Das bildest du dir ein, Mutter. Die möchte eher heute als 

morgen in die Stadt und zu ihrer Geselligkeit zurück, wenn sie 

nicht gezwungen wäre, hier Unterschlupf zu suchen.« 

»Wie kommst du denn darauf?« fragte sie erstaunt. 

»Weil sie – na, ist ja egal.« 

»Rüdiger, du verbirgst mir etwas!« erklärte sie, ihn eingehend 

dabei betrachtend. »Ich kenne dich nämlich so gut, um dir das 

anzusehen.« 

»Scheint mir auch so«, brummte er. »Aber da wiederum ich dich 

gut kenne, weiß ich, daß du nicht eher Ruhe gibst, bis du mich 

ausgequetscht hast. So hör denn zu – « 

Als er mit seinem Bericht zu Ende war, sagte sie kopfschüttelnd. 

»Du behauptest mich zu kennen und traust mir dann zu, daß ich 

ein so verwöhntes und an Geselligkeit gewöhntes Mädchen mit 

in diese Abgeschiedenheit nehme, ohne genau zu wissen, warum 

es mir dahin folgen will? So vertrauensselig bin ich denn doch 

nicht, mein Junge. Ich bin über alles unterrichtet. Donata hat nie 

eine Heimlichkeit vor mir gehabt, sondern mir sogar die Briefe 

ihres Onkels zu lesen gegeben. Und nun hör du mir mal zu – « 

Gespannt lauschte er ihrer ausführlichen Erklärung, ohne sie zu 

unterbrechen. 

Erst als sie schwieg, fuhr er empört auf. 

»Na, so ein Lump! Hätte ich nur eine Ahnung von dem allen 

gehabt, ich hätte nicht zugelassen, daß Do dem üblen Subjekt 

eine Unterredung gewährte.« 

»Dann wäre er hierher gekommen.« 

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»Und ich hätte ihn achtkant ‘rausgeschmissen.« 

»Siehst du, das gerade wollten wir verhüten. Ohne Krach wäre 

der Hinauswurf natürlich nicht abgegangen. Und was meinst du 

wohl, was das bei unsern Leuten für ein Aufsehen erregt hätte. Sie 

hätten sich alles mögliche zusammengereimt, da sie den wahren 

Sachverhalt ja nicht kennen. So manches von der Rederei wäre an 

Donata hängengeblieben, und das darf nicht sein. Daher war es 

entschieden besser für sie, diese heikle Angelegenheit so 

unauffällig wie möglich zu erledigen. Gibst du mir recht, mein 

Junge?« 

»Wenn du es so auslegst, dann ja, kleine Mama. Und ich glaubte 

dich schonen zu müssen, indem ich dir meine Beobachtung 

verschwieg. Denn es hätte dich doch sicher gekränkt, wenn 

Donata heimliche Wege gegangen wäre.« 

»Hätte es auch. Denn ist erst einmal ein Körnchen Mißtrauen 

gesät, kann es zur giftigen Phantasieblüte werden. 

Übrigens wollen wir Dodo nichts von deiner Beobachtung sagen, 

das wäre ihr peinlich. Sie versteht sich überhaupt nicht mehr, 

daß sie jemals Gefallen an diesem Charmeur finden konnte, 

nennt es eine Eselei. Wie sieht der Mann eigentlich aus?« 

»Hat sie dir denn nicht sein Bild gezeigt?« 

»Konnte sie nicht, da sie keins besaß.« 

»Wie ist denn so was möglich?« wunderte er sich. »Es ist bei 

Verliebten doch das erste, ihre Konterfeis gegenseitig 

auszutauschen und Kult damit zu treiben. Und nun gar noch 

Verlobte – « 

»Donata war nicht mit ihm verlobt.« 

»Nicht offiziell, aber heimlich – « 

»Auch das nicht«, wurde er wieder unterbrochen. »Sie stand mit 

ihm noch nicht einmal auf du und du.« 

»Also küßten sie sich per Sie«, lächelte er ironisch. »Ich glaube, 

Muttchen, daß du da nicht im Bilde bist.« 

»Und wie ich das bin!« trumpfte sie auf. »Ich war nämlich 

anwesend, als sie telefonisch mit ihm sprach und ihn dabei 

siezte. Auf meine Frage erklärte sie, daß sie so intim mit ihm 

noch nicht gewesen sei, um ihn zu duzen. Sie hielt es für richtig, 

bis zur Verlobung damit zu warten. Also kann von Küssen und 

Kosen keine Rede sein.« 

»Dann möchte ich gern wissen, warum sie ihm gestattete, sich bei 

ihrem Onkel um sie zu bewerben.« 

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»Er hat ihr zuerst gefallen, das gibt sie zu. Also muß er ein 

Blender sein, den ihr Onkel aber durchschaute. Daher gab er 

nicht gleich die Einwilligung zur Verlobung. Er wollte sich erst 

eingehend nach dem Mann erkundigen. Und die Auskünfte, die 

er an maßgebenden Stellen einholte, gaben seinem Mißtrauen 

recht. Was für einen Eindruck hat der Mann auf dich gemacht?« 

»Ich kann ja nur über sein Äußeres urteilen. Gut sieht er aus, 

wenn auch zu geschniegelt für meinen Geschmack. Ich kann mir 

schon denken, daß er imstande ist, Mädchenherzen zu betören. 

Vielleicht liebt er Donata. Du sagst doch immer, daß sie kein 

Vermögen besitzt. Also kann er hinter ihrem Geld nicht 

hergewesen sein.« 

»Das wohl nicht. Er hat aber wahrscheinlich damit gerechnet, 

durch sie in die Praxis ihres Onkels als Sozius 

hineinzukommen.« 

»Die Aussicht bestand aber nicht mehr, nachdem der Anwalt 

ihm, als er unverschämt wurde, die Tür wies. Trotzdem hat er 

hinter seinem Rücken eine Unterredung mit Donata erzwungen. 

Wie reimt sich das zusammen?« 

»Das weiß ich nicht – « 

Sie mußten das Gespräch beenden, da Donata eintrat, mit 

glühenden Wangen und lachenden Augen. 

»Wo hast denn du gesteckt?« fragte die Tante. 

»In der Küche, wo ich Mamsellchen beim Waffelbacken half. Sie 

hat einen bösen Finger, die Arme. Habe ich auch einmal gehabt 

und weiß daher, wie weh das tut. Doch nachdem ich ihr eine 

schmerzstillende Tablette gab und den Finger mit der 

Wundersalbe einrieb, die ich von einem indischen Arzt bekam, 

ließ der Schmerz bald nach. Zu Bett gehen wollte sie nicht, was ja 

auch nicht unbedingt notwendig ist. So saß sie denn in der 

Küche, gab mir Anweisungen, und so brachte ich Waffeln 

zustande wie nie zuvor.« 

»Hast du dabei auch nicht die Zutaten verwechselt?« fragte 

Rüdiger neckend, und sie lachte ihn freundlich an. 

»Hab ich. Und zwar bei den Waffeln, die ich speziell für dich 

backte. Da nahm ich nämlich Strychnin statt Zucker.« 

»Siehst du, mein Sohn, da hast du’s!« lachte die Mutter. »Greift 

man dich an, so wehre dich – sagt ein Sprichwort.« 

Man konnte sich in Brandegg ein Leben ohne Donata Hoog 

kaum noch denken. Immer frohgemut und guter Dinge, immer 

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hilfsbereit, war sie da, wo man sie brauchte. Sie schien alles zu 

wissen und alles zu können. Nur in der Landwirtschaft natürlich 

nicht. Da gab es für sie viel zu beobachten und viel zu lernen. 

Bei den schriftlichen Arbeiten war sie dem Gutsherrn eine 

perfekte Hilfe, und auch dem Rendanten nahm sie manche 

zeitraubende Arbeit ab. 

Daß sie eine gute Reiterin war, mußte selbst der skeptische 

Gutsherr zugeben, der ihr nur widerwillig eines seiner so sehr 

behüteten Pferde anvertraut hatte. Als er jedoch sah, wie 

behutsam sie mit dem Tier umging, mit welcher Sicherheit sie im 

Sattel saß, hatte er nichts mehr dagegen, daß sie ihn auf seinen 

Ritten begleitete. 

So ritt sie denn mit ihm über die Felder, durch den Wald, zu den 

Förstereien, den Vorwerken des Gutes, und überall war das frisch 

fröhliche Menschenkind gerngesehen, das für alle ein 

freundliches Wort und einen lachenden Blick hatte. Es ging ein 

Charme von ihr aus, dem sich keiner entziehen konnte. 

Nur der Gutsherr schien davon unberührt zu bleiben. Für ihn 

blieb sie ein Mädchen, das man wohl gern sah, aber nicht ernst 

nahm. 

Außerdem schien ihn etwas zu bedrücken, was jedoch nur das 

scharfe Mutterauge wahrnahm, allen andern blieb es verborgen. 

Kurzangebunden war er ja schon immer gewesen, und daß dieses 

manchmal in Gereiztheit ausartete, schrieb man dem Übermaß 

von Arbeit zu, die er zu leisten hatte. 

Seine Mutter jedoch, die ihn ja besser als alle andern kannte, 

merkte ihm an, daß ihn etwas quälte. Was mochte es sein? 

Das sollte sie erfahren, als sie mit ihm an einem 

Sonntagnachmittag im Wohngemach saß. Sie hatten sich von der 

Terrasse dahin zurückgezogen, weil ein Gewitter in der Luft lag, 

das sich dann aber verzog. 

Mittlerweile war es Mai geworden. Im Park blühte es an allen 

Ecken und Enden, auf den Feldern stand alles in prachtvoller 

Üppigkeit. Da konnte man wirklich sagen: Die Welt wird schöner 

mit jedem Tag. 

Nur der Mann schien das nicht zu empfinden, der so in 

Gedanken vertieft war, daß er sogar die Pfeife erkalten ließ. So 

recht vergrämt sah er aus, sorgenvoll und verbittert. Und als aus 

der Tiefe des Parks ein goldenes Lachen zu ihnen flatterte, sagte 

er mit einem Seufzer, der fast wie ein Stöhnen klang: 

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»Wenn ich doch auch so sein könnte, so sorglos und 

unbeschwert!« 

»Rüdiger, dich quält doch etwas«, sagte die Mutter leise. »Willst 

du es mir nicht sagen?« 

»Ich will nicht, aber ich muß«, lachte er erbittert auf. »Und zwar 

dir etwas mitteilen, was du nicht erfahren solltest.« 

»Was ist es denn? Junge, nun sprich doch endlich! Ist etwas in 

der Wirtschaft nicht in Ordnung?« 

»Doch, da steht es recht und schlecht wie immer.« Er legte nun 

die Pfeife fort und sagte beschwörend: 

»Mutter, du mußt mir versprechen, dich nicht aufzuregen, hörst 

du?« 

»Rüdiger, hast du eine Ahnung, was ein Mutterherz alles ertragen 

kann, wenn es um ihr Kind geht!« Sie strich tröstend über seine 

jetzt so traurigen Augen. Er hielt diese schmeichelnde Hand fest, 

drückte seine Lippen darauf, fuhr sich einmal ruckartig über die 

Augen und Stirn und begann dann von dem zu sprechen, was 

ihm doch so schwer über die Lippen ging. 

»Zuerst muß ich dir eröffnen, daß unser Besitz mit einer 

Hypothek belastet ist, von der du nichts weißt. Und zwar mit 

einer, die auf unserm Vorwerk Quitten ruht. Vater nahm sie auf, 

als ich mich im Studium befand und somit nichts davon wußte. 

Ich erfuhr es erst, als ich hier zu wirtschaften begann und 

Einblick in die Bücher bekam. Vater bat mich, dir nichts davon 

zu sagen, weil du dir ohnehin schon Sorgen genug machtest – 

aber nun muß ich mein Wort brechen, weil die Umstände mich 

dazu zwingen. 

Diese Hypothek, die für fünf Jahre eingetragen wurde, wird nun 

am ersten September fällig, und ich weiß nicht, woher ich die 

achtzigtausend Mark hernehmen soll, um sie abzudecken.« 

»Wer ist denn der Hypothekengläubiger?« fragte die Mutter mit 

einer Ruhe, über die sie sich selbst wunderte. 

»Herr Graup auf Sutten.« 

»Wie kam der Vater denn zu dem Gernegroß?« 

»Er war wohl der oft zitierte letzte Strohhalm.« 

»Und du meinst, daß Herr Graup die Hypothek nicht verlängern 

wird?« 

»Doch – aber er verlangt dafür eine Gegenleistung.« 

»Und die wäre?« 

»Daß wir seine Tochter ins Haus nehmen. Geht dir nun ein Licht 

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auf?« 

»Allerdings – «, sagte sie gedehnt. »Und was will sie hier 

machen?« 

»Als Praktikantin eintreten. Sie hat die Landwirtschaftsschule 

besucht und muß nun, bevor sie das Abschlußzeugnis 

bekommen kann, ein praktisches Lehrjahr nachweisen, das sie in 

einem fremden Betrieb absolvieren muß. Der väterliche gilt 

nicht. 

Na ja – und so trat Graup denn mit dem Anliegen an mich heran, 

seine Tochter in meinem Betrieb einzustellen. Und wenn sie erst 

einmal hier ist – und so weiter und so weiter. Wenn ich da nun 

nicht mitmache, kündigt er die Hypothek.« 

»Aber Junge, so unbarmherzig wird er doch nicht sein.« 

»Hast du eine Ahnung!« lachte er rauh. »Er gab Vater doch nur 

das Geld, weil er einen Zweck damit verfolgte, wie er raffinierter 

nicht sein konnte. Er hat genau gewußt, daß bei unsern 

wirtschaftlichen Verhältnissen die Hypothek nicht abgedeckt 

werden könnte, wenigstens in fünf Jahren nicht, daher die kurze 

Frist. Der will nämlich Quitten haben, auf das er scharf ist, weil 

es an seinen Besitz grenzt. Da nun der alte Fuchs weiß, wie zäh 

und verbissen ich an jedem Stückchen Land hänge, das zu 

Brandegg gehört, präsentiert er mir seine Tochter, nach der ich 

nur zu greifen brauche.« 

»Vielleicht gefällt sie dir sogar, Rüdiger. Ich kenne sie zwar nur 

wenig, aber sie scheint doch ein ansehnliches Mädchen zu sein. 

Nun, vorläufig ist es ja noch nicht soweit. Bis September sind 

immerhin mehr als drei Monate. Da kannst du dich in Ruhe 

nach einem Darlehen umsehen – « 

»Das ich wohl kaum bekommen werde«, warf er müde ein. 

»Dafür ist Brandegg zu stark belastet. Achtzigtausend Mark sind 

ja schließlich kein Pappenstiel.« 

»Es sind sechzigtausend.« 

»Wie bitte?« 

»Sechzigtausend«, wiederholte sie. »Denn zwanzigtausend kann 

ich auf den Tisch des Hauses legen.« 

»Das ist doch unmöglich, Mutter!« entgegnete er konsterniert. 

»Du kannst dir doch kein Geld aus dem Ärmel schütteln.« 

»Das allerdings nicht. Aber ich habe Tante Julchen beerbt, die, 

wie du ja weißt, vor einigen Monaten starb. Da wir die einzigen 

Verwandten waren, die sich um das verhutzelte Stiftsfräulein 

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kümmerten, setzte sie mich zur Erbin ein.« 

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« 

»Weil ich dich mit dem Geld überraschen wollte, das mir erst 

vorgestern von amtlicher Seite zugesprochen wurde, weil es da 

einige Komplikationen gab. Dieses Geld mit dem von mir 

ersparten macht die runde Summe von zwanzigtausend Mark 

aus, die dir nun zur Verfügung stehen. Und was sagst du nun?« 

»Ich muß mich erst von meinem freudigen Schreck erholen.« 

»Tu es. Indes will ich dir sagen, daß ich es von deinem Vater 

unverantwortlich finde, sich so einem gerissenen Fuchs in die 

Hände zu geben – und dich mit. Denn du bist ja derjenige, der 

jetzt auslöffeln muß, was er einbrockte.« 

»Mutter, es blieb ihm damals ja nichts anderes übrig, als da 

zuzugreifen, wo ihm das Geld so bereitwillig dargeboten wurde.« 

»Wie er dir jetzt seine Tochter darbietet«, bemerkte sie trocken. 

»Wann geschah das?« 

»Vor zwei Wochen. Ich traf Familie Graup in der Stadt, sie 

schleiften mich in die Konditorei – und da wurde mir denn der 

Vorschlag unterbreitet, auf den ich natürlich nicht gleich einging. 

Ich mußte ja erst dich fragen, ob du bereit bist, das Fräulein 

aufzunehmen.« 

»Gewiß bin ich das. Laß sie nur kommen, ansehen kostet ja 

nichts. Wie sieht sie denn aus?« 

»Wie ein Weizenfeld.« 

»Das ist ja denn gerade das Richtige für einen Landwirt«, lachte 

sie herzlich, und er sah sie vorwurfsvoll an. 

»Mutter, daß du jetzt lachen kannst – « 

»Warum denn nicht? Wenn es später etwas zu weinen geben 

sollte, kann ich es immer noch tun. Nun mal Kopf hoch, mein 

langer Schlingel, den ich noch nie so mutlos sah. Unser altes 

Gottchen lebt noch, würde Mamsellchen sagen – und das wird 

auch uns nicht verlassen.« 

Sutten war ein kleines, aber tadellos bewirtschaftetes Gut, das 

eingekeilt zwischen zwei Höfen lag. Daher konnte David Graup 

seinen Besitz nicht vergrößern, was ihn schon längst wurmte. Mit 

seinem Nachbarn zur Linken war nichts zu machen, der saß 

hübsch warm in der Wolle, wie man so sagt. Aber der zur 

Rechten wirtschaftete langsam ab. Und als er Graup mal seine 

Geldnot beichtete, schob dieser ihm mit der Miene des 

Biedermannes den Strohhalm zu, nach dem der in die Enge 

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getriebene Mann griff – und der andere rieb sich die Hände. 

So – für fünf Jahre hatte er erst einmal das schöne Quitten fest. 

Wenn Brandegg zur Versteigerung kam, wollte er auch das zweite 

Vorwerk erwerben. Und soweit er im Bilde war, konnte es mit der 

Versteigerung nicht mehr lange dauern. 

Ein Trugschluß, wie die Zukunft lehren sollte. Denn ein so 

miserabler Landwirt der Vater war, ein um so tüchtigerer wurde 

der Sohn, der die Bewirtschaftung Brandeggs schon ein Jahr 

später in seine nervigen, fest zupackenden Hände nahm. Und je 

länger er wirtschaftete, desto länger wurde das Gesicht des David 

Graup. 

Zum Kuckuck, wie machte der Kerl das bloß, eine schon halb 

abgesoffene Karre allmählich aus dem Dreck zu ziehen? Er 

bezahlte nicht nur pünktlich die Hypothekenzinsen, die auf der 

Herrschaft Brandegg lasteten, sondern schaffte auch noch 

Maschinen an. Wenn es ihm nun gar gelang, die auf Quitten 

ruhende Hypothek abzudecken – . 

Unsinn! wies der besorgte Graup unwirsch diesen Gedanken ab. 

Die Frist rückte ja immer näher. 

Aber als dann die Tochter nach beendeter Lehrzeit im Elternhaus 

zurückkehrte, beschloß die werte Familie Graup, sie dem jungen 

Baron als Köder hinzuhalten. 

Wonach er auch bereitwillig schnappte, wie sie frohlockend 

annahmen. So brachte denn das Ehepaar Graup seine Tochter 

Wanda am ersten Juni nach Schloß Brandegg, wo sie mit 

konventioneller Höflichkeit begrüßt wurden. Man kannte sich ja 

kaum, war sich nur einige Male auf Gesellschaften begegnet. 

Nachdem die Hausherrin das Ehepaar begrüßt hatte, wandte sie 

sich der Tochter zu. 

»Guten Tag, Fräulein Graup. Nett, daß Sie bei uns bleiben 

wollen.« 

Dann stellte sie ihnen Donata vor, von der man natürlich schon 

gehört hatte. Sah ja ganz nett aus, aber mit ihrer Wanda gar nicht 

zu vergleichen. Außerdem war sie arm, wie man ganz genau 

wußte, dazu noch eine Städterin, kam also für den Rüdiger gar 

nicht in Frage. Der brauchte eine Frau, die Geld mitbrachte und 

die Qualitäten einer tüchtigen Landfrau. Aber fort mußte diese 

Donata trotzdem, dafür würde man sorgen. 

Das waren die Gedanken der Graups. 

Und die Donatas? Wohl hatte man ihr gesagt, daß eine 

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Nachbarstochter als Landwirtschaftslehrling ins Haus kommen 

würde. Als sie diese nun jedoch sah, wurde sie stutzig. Die war ja 

genau so, wie Rüdiger sich seine zukünftige Frau vorstellte! Groß 

und kräftig, volles, rosiges Gesicht, weizenhelles Haar und Augen 

wie Vergißmeinnicht, dazu ein Landkind durch und durch. Ihre 

Eltern besaßen ein Gut, wie Mamsellchen erzählte, Geld hatten 

sie auch noch, also die richtige Frau für den Landwirt Rüdiger 

von Brandegg. 

Nach dem Kaffee ging man in den Park, wobei es nicht auffiel, 

daß Donata zurückblieb. Als die Stimmen außer Hörweite waren, 

ging sie in die Rentmeisterei und meldete ein Ferngespräch an. 

Das konnte sie beruhigt tun, da der Rendant auf einem Vorwerk 

die Bücher prüfte und so bald nicht zurückkommen würde. 

Die Verbindung kam schnell, und was Donata dann sprach, 

wurde von dem Teilnehmer am andern Ende gebilligt. 

Aufatmend legte sie den Hörer hin und folgte den andern in den 

Park. Sie standen am Weiher, auf dem ein Schwanenpaar 

schwamm, über das die kluge Wanda jetzt einen Vortrag hielt. 

Ihre Ausdrucksweise paßte sich ihrer Pomadigkeit an. Donata 

stand gegen einen Baum gelehnt, bis sie von der Baronin 

entdeckt wurde, die lachend sagte: 

»Dodo, du stehst ja da, wie bestellt und nicht abgeholt. Tritt 

näher und sage uns, was du von den Schwänen zu berichten 

weißt.« 

»Ich weiß nur, daß es große weiße Vögel sind – « 

»Es gibt aber auch schwarze Schwäne, mein Fräulein«, wurde sie 

mißbilligend von der klugen Wanda belehrt, worauf sie 

achselzuckend meinte: 

»Kann sein, ich habe noch keine gesehen. Sie etwa, Fräulein 

Graup?« 

»Allerdings.« 

»Wo denn?« 

»Im Zoo.« 

»Dann müssen Sie ja Bescheid wissen.« 

»Das weiß meine Tochter immer«, schaltete sich die Frau Mama 

ein. »Sie hat Schulen besucht, wo nur kluge Mädchen 

aufgenommen wurden. Daher weiß sie auch alles, nicht wahr, 

mein Kind?« 

»Ja, Mama. Wollen wir nicht weitergehen? Hier sind so viele 

Mücken, und ich habe eine so empfindliche Haut.« 

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»Dann gehen wir am besten ins Haus zurück«, schlug die Baronin 

vor, was allgemein Anklang fand. 

Kaum, daß man sich im Wohngemach niedergelassen hatte, 

schlug der Fernsprecher an. Der Baron nahm den Hörer ab, gab 

ihn aber gleich an Donata weiter. 

»Für dich, Do, dein Onkel wünscht dich zu sprechen.« 

»Guten Tag, Onkel Erwin«, hörte man nun das Mädchen sagen, 

das dann der Stimme am andern Ende lauschte und nun wieder 

sprach: »Das ist doch selbstverständlich. Ja, heute noch, so 

schnell es irgend geht. Auf Wiedersehen – auf das ich mich 

freue!« 

Sie legte auf, preßte die Handflächen gegen die heißen Wangen, 

holte einmal tief Luft und sagte dann: 

»Ich muß nach Hause, wo ich dringend gebraucht werde.« 

»Aber Kind, doch nicht so Hals über Kopf!« 

»Doch, Tante Linda, es muß sein. Ich soll mir auf Wunsch meines 

Onkels ein Mietauto nehmen. Bitte, Rüdiger, verständige die 

Autovermietung, ich packe indes meine Sachen.« 

»Ich helfe dir dabei, Dodo – « 

»Aber Tante Linda, du kannst doch deine Gäste nicht im Stich 

lassen. Ich werde schon Hilfe finden.« 

Sie eilte davon, und Frau Graup sagte mißbilligend: »Das ist ja 

der reinste Wirbelwind. Na ja, diese Stadtmädchen, von denen 

kann man ja auch nichts anderes erwarten.« Sie erging sich noch 

weiter lang und breit, wobei sie an den armen Wesen kein gutes 

Haar ließ. 

Die Baronin hörte gar nicht hin. Sie sah gespannt auf den Sohn, 

der mit der Autovermietung verhandelte und dann auflegte. 

»In ungefähr zwanzig Minuten ist der Wagen hier«, erklärte er 

seiner Mutter, und Wanda mußte natürlich wieder salbadern: 

»Bis dahin kann das Fräulein doch nicht mit dem Packen fertig 

sein, und bei einem Mietauto muß man doch auch die Wartezeit 

bezahlen. Daß dieses Mädchen sich überhaupt eins leisten kann! 

Es soll doch arm sein, wie man allgemein hört.« 

»Aber Schnuckelchen, das kann doch nicht unsere Sorge sein«, 

lachte der Vater behaglich. »Wir brauchen es ja nicht bezahlen. 

Aber vielleicht tut es der Herr Baron.« 

Dieser maß ihn mit einem Blick, der selbst dem dickfelligen 

Herrn unbehaglich wurde. Der hielt es nun für angebracht, das 

Thema zu wechseln. Er sprach über die Landwirtschaft, die 

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Seinen taten eifrig mit, und so ließen die Gastgeber sie denn 

reden, ohne hinzuhören. 

Und dann stand Donata im Zimmer, anzuschauen wie das 

lachende Leben. Auf dem wie aus Goldgespinst gewobenen 

Gelock saß ein fesches Mützchen, das helle Kostüm saß wie 

angegossen, und die langen, schlanken Beine – nun, die waren 

ein Kapitel für sich. Wanda Graup war gewiß ein hübsches 

Mädchen, aber gegen so viel rassige Schönheit wirkte sie reizlos 

und fad. 

»Melde mich zur Stelle«, stand Donata stramm. »Gepackt haben 

die Heinzelmännchen und auch in der Mietkutsche verstaut. Nun 

möchte ich mich verabschieden.« 

»Wir begleiten dich hinaus.« Die Baronin erhob sich hastig mit 

ihrem Sohn zugleich. Doch auch die andern drei hielt es nicht 

auf ihren Plätzen, dafür waren sie zu neugierig. 

So ging denn Donata mit ihrem Gefolge zum Wagen, wo die vier 

Getreuen aufgereiht standen. Die drei weiblichen wurden mit 

einem Kuß auf die Wange bedacht, der lange Hannes mit einem 

Klaps. 

Dann wandte Donata sich der Baronin zu, die mit den Tränen 

kämpfte. 

»Tante Linda – liebe Tante Linda – «, nun schwankte die 

Mädchenstimme bedenklich. »Hab Dank für deine Güte.« 

Eine innige Umarmung, ein herzlicher Kuß, dann kam der Baron 

an die Reihe, der stumm die ihm gebotene Hand an die Lippen 

zog. 

»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte Donata leise. »Von Herzen 

alles Gute.« 

Rasch wandte sie sich ab, stieg in den Wagen, winkte aus dem 

geöffneten Fenster – und war dann wie ein Sonnenstrahl 

verschwunden, der sich hinter Wolken verkroch. 

»Unser Donatchen – «, schluchzte Mamsellchen auf. 

Doch schon zog Hannes sie mit sich fort, die beiden andern 

Getreuen folgten mit hängenden Köpfen. 

»Sind die komisch!« sagte Wanda mißbilligend. »Die tun ja so, 

als hätte man ihnen ihr Liebstes genommen – « 

»Gehen wir«, unterbrach die Baronin sie kurz. »Ich führe Sie in 

Ihr Zimmer, Fräulein Graup, damit Sie sich vor dem Abendessen 

schon ein wenig einrichten können.« 

»Heute nehmen wir unser Schnuckelchen noch mal mit«, lärmte 

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der Vater gutgelaunt. »Führen sie noch so ein bißchen ins 

Vergnügen, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Heute war es nur 

ein Antrittsbesuch. Man weiß ja schließlich, was sich gehört. 

Morgen bezieht dann das Ritterfräulein ihre Kemenate.« 

»Papachen, du wirst ja direkt poetisch!« Das Töchterlein sah ihn 

bewundernd an. »Fahren wir bald ab?« 

»Sofort, damit wir noch zur Zeit ins Kino kommen.« 

So brachen sie denn auf. 

Der Hausherr, der ihnen bis zum Auto das Geleit gab, kehrte 

rasch ins Wohnzimmer zurück, wo seine Mutter im Sessel saß. 

Tränen liefen über ihr Gesicht. 

»Mein armes Muttchen!« sagte er mitleidig, ihr behutsam die 

Tränen abwischend. »Das war heute wirklich zuviel für dich. Aber 

laß man, wir werden der aufgeblasenen Gesellschaft schon 

zeigen, was ‘ne Harke .ist.« 

»Ihretwegen weine ich bestimmt nicht«, winkte sie verächtlich ab. 

»Über so viel Borniertheit kann man sich höchstens amüsieren. 

Aber der überstürzte Abschied von Donata – « 

»War besser als ein in die Länge gezogener«, warf er ein. »Denn 

fort von hier hätte sie ja doch einmal müssen, weil es ihr nicht 

zugemutet werden kann, sich von den Graups anpöbeln zu 

lassen. 

Am liebsten hätte ich ja das aufdringliche Pack hinausgeworfen. 

Aber das geht nicht, weil die Graup unter Vertrag als 

Wirtschaftslehrling hier angestellt ist. Und die Kündigungsfrist 

muß eingehalten werden, falls sie sich nichts zuschulden 

kommen läßt. Somit können wir ihr nur zum ersten Juli den 

Dienst kündigen und sie am ersten August entlassen, was wir 

auch tun werden.« 

»Aber Rüdiger, denkst du denn nicht an Quitten?« 

»Gewiß denke ich daran, doch damit hat es bis September Zeit. 

Indes werde ich alle Hebel in Bewegung setzen, um mir das Geld 

für die Hypothek zu beschaffen. Gelingt es mir nicht, gebe ich 

lieber Quitten auf, als mir so eine Bagage auf den Hals zu laden. 

Hätte ich sie nur früher so kennengelernt wie heute, dann wären 

sie erst gar nicht in unser Haus gekommen. Aber ich kannte sie ja 

nur von offiziellen Anlässen her, und da waren sie ganz 

erträglich. Doch nun habe ich mal die Eselei begangen und muß 

dafür die Konsequenzen tragen. Doch daß auch du dabei in 

Mitleidenschaft gezogen bist, das peinigt mich. Am liebsten 

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möchte ich – « 

»Gar nichts wirst du«, unterbrach sie ihn entschieden. 

»Höchstens dich um Geld bemühen. Das Weizenfeld überlaß nur 

mir«, setzte sie lachend hinzu. »Das mähe ich schon langsam ab.« 

»Muttchen, du bist ja der reine Jungquell.« 

»Dann labe dich daran«, versetzte sie trocken. »Aber laß dabei 

den Kopf nicht hängen. Wirf ihn lieber trotzig in den Nacken 

und stelle dich mutig dem Kampf.« 

Am nächsten Vormittag rückte der Wirtschaftslehrling an, und 

diesmal ohne Eltern. Die mußten zu einer schwererkrankten 

Verwandten fahren, bei der sie eine Erbschaft witterten. 

Wanda Graup erschien im eigenen Wagen, den der Vater ihr 

kürzlich schenkte, damit sie immer mal nach Hause flitzen 

konnte. 

Doch es ließ sich nicht so leicht flitzen bei so viel Pomadigkeit. 

Der Wagen watschelte gleich einer lahmen Gans, wie Hannes, der 

mit den andern drei Verschworenen vom Küchenfenster aus dem 

Einzug zuschaute, grinsend bemerkte. Dann trabte er ab, um sich 

mit den Koffern zu beladen und guckte verdutzt, als ihm 

herablassend bedeutet wurde: 

»Schaffen Sie das Gepäck in meine Kemenate.« 

»Was soll ich?« 

»Das Gepäck in meine Kemenate schaffen.« 

»Was ist das?« 

»Mann, Sie sind aber eingebildet! Das ist ein Gemach. Verstehen 

Sie das etwa auch nicht?« 

»Nee. Aber ich meine, das wird wohl eine Stube sein, nicht? Na, 

denn wollen wir mal.« 

Mutter und Sohn, die sich in dessen Arbeitszimmer befanden, 

konnten durch das geöffnete Fenster jedes Wort der Unterhaltung 

vernehmen Dann sahen sie zu, wie Wanda den Wagen abschloß 

und ihre Blicke über das feudale Gebäude schweifen ließ. 

Da sie sich unbeobachtet glaubte, legte sie ihrem Minenspiel 

keinen Zwang an. Um ihren Mund lag ein triumphierendes 

Lächeln, die Augen schauten umher mit Siegerblick, die Hand 

hob sich, als wollte sie sich besitzergreifend auf die Pracht legen. 

Und als sie dann die Stufen zum Portal hinaufstieg, tat sie das in 

der Haltung eines Triumphators. 

»Denkste!« schmunzelte der Besitzer all der Herrlichkeit. »Irren 

ist menschlich, sagte der Narr, als er statt des Aals einen Wurm 

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schluckte. Und nun wollen wir damit beginnen, das 

hocherhobene Naschen zu ducken, bis es lang und immer länger 

wird.« 

Sie begaben sich in die Halle, wo Wanda sich bereits eingefunden 

hatte. Eigentlich hätte sie ja wissen müssen, daß ein junges 

Mädchen einer älteren Dame nicht zuerst die Hand reicht. 

Wahrscheinlich wußte sie das auch, wollte jedoch ihre 

Herablassung betonen und war nun erstaunt, daß ihre Hand 

übersehen wurde. 

»Guten Tag, Fräulein Graup«, sagte die Baronin mit 

undefinierbarem Lächeln. »Sie kommen allein?« 

»Ja. Meine Eltern sind zu einer schwererkrankten Erbtante 

gefahren.« 

»Immer gut, eine solche zu haben. Und nun werde ich Sie zu 

Ihrem Zimmer fuhren.« 

Sie ging ihr voran, die mit schwellenden Läufern belegte Treppe 

hinauf, der sich ein breiter Gang anschloß, der links hohe 

Flügeltüren aufwies, rechts ausgebaute Fenster mit Blumenkästen 

auf den äußeren Simsen. Der Gang endete an einer Glastür, die 

zu einem Flur führte. Hier war der Boden mit einem Boucleläufer 

belegt, die Decke niedriger und ohne Stuck, die Fenster waren aus 

buntem Glas und die weißlackierten Türen einflügelig. 

»Da wären wir.« Die Baronin öffnete eine der Türen und betrat 

ein Zimmer, das einen freundlichen Eindruck machte. 

Doch Wanda krauste die Nase. 

»Hier soll ich wohnen – unter der Dienerschaft?« 

»Die hat ihre Zimmer im Wirtschaftsanbau. Dieses hier wurde 

nur von Wirtschaftslehrlingen bewohnt, wie Sie ja auch einer 

sind, nicht wahr?« 

»Ich bin aber ein studierter – « 

»Das waren die andern jungen Mädchen auch. Bis zum 

Mittagessen haben Sie noch genügend Zeit, Ihre Koffer 

auszupacken.« 

»Dazu brauche ich eine Hilfe.« 

»Die ich Ihnen leider nicht stellen kann.« 

»Ich werde es meinem Vater erzählen.« 

»Bitte sehr. Im übrigen möchte ich Sie darauf aufmerksam 

machen, daß unsere früheren Lehrlinge durchweg wohlerzogene 

Mädchen waren.« 

Damit ließ sie die empörte Wanda allein und ging ins 

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Wohnzimmer, wo der Sohn wartend ihrer harrte. 

»Nun, kleine Mama, wie war’s?« 

Als sie Bericht erstattet hatte, sagte er schmunzelnd: 

»Muttchen, Muttchen, da bist du ganz gehörig ins Fettnäpfchen 

getreten. Die verpetzt dich bei ihren Eltern nach Strich und 

Faden. Was meinst du wohl, was das für ein Lamento geben 

wird, wenn die hier erscheinen!« 

»Das willst du dir bieten lassen?« 

»Nein, ich werde sie mitsamt ihrer anmaßenden Tochter 

‘rausschmeißen.« 

Doch dazu sollte er vorerst keine Gelegenheit haben. Denn als 

Wanda zum Mittagessen erschien, benahm sie sich manierlich. 

So dickfellig sie auch war, merkte sie dennoch, daß sie mit diesen 

beiden Menschen nicht so umspringen konnte, wie sie es sich 

gedacht hatte. Aber denen wollte sie es schon noch zeigen, wenn 

sie erst wieder ihre Eltern als Beistand hatte! Wie lange gedachten 

die eigentlich fortzubleiben? War denn die Alte immer noch 

nicht tot? – 

Vier Tage rief sie vergebens zu Hause an, am fünften meldete sich 

der Vater. 

»Na, endlich!« maulte das Töchterlein. »Was war denn dort los?« 

»Komm her, dann wirst du es erfahren.« 

Ohne der Baronin Bescheid zu sagen, setzte Wanda sich ins Auto 

und fuhr nach Hause. Erst großartig um Erlaubnis zu fragen, das 

hatte sie nicht nötig – sie doch nicht! 

Zu Hause fand sie die Eltern in keiner guten Stimmung vor. 

Anstatt eine große Erbschaft zu machen, hatten sie gar noch zum 

Begräbnis der Tante zusteuern müssen, deren Hinterlassenschaft 

aus Plunder bestand, wie Graup sich erbost ausdrückte. Und als 

er nun hörte, wie seine Tochter von dem hochnäsigen Volk< 

behandelt wurde, schlug er mit der Faust auf den Tisch. 

»Da hört sich doch alles auf! Na, laß die mal erst soweit sein, daß 

sie um Gnade winseln, dann werden wir ihnen schon alles 

heimzahlen.« 

»So lange kann ich nicht warten, Papa. Du mußt gleich 

mitkommen.« 

»Fällt mir gar nicht ein!« unterbrach er sie unwirsch. »Jetzt würde 

ich doch nichts ausrichten, weil sie noch auf ihrem hohen Roß 

sitzen. Erst muß der arrogante Kerl hier anrücken und um 

Verlängerung der Hypothek bitten, dann werde ich meine 

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Bedingungen stellen. Einstweilen jedoch werde ich den 

Menschen zu verstehen geben, was mit dem großprahlerischen 

Baron in Wirklichkeit los ist.« 

Also begann er mit seinen Einflüsterungen, bei denen er 

allerdings nicht bei der Wahrheit blieb. Aber es wurde geglaubt, 

und bald erzählte man sich natürlich ganz im Vertrauen, daß 

Baron Brandegg, der vornehmste und einflußreichste Mann mit 

dem größten Besitz im Umkreis, bis über beide Ohren in 

Schulden stecke, aus denen er sich nur herausrappeln könne, 

wenn er die reiche Wanda Graup heirate. 

Dieses Gerücht drang auch bis nach Brandegg, und nun wußten 

die Menschen dort Bescheid über das, woran sie herumrätselten. 

Jetzt konnten sie sich auch erklären, warum ein 

Wirtschaftslehrling sich soviel herausnehmen durfte, wie dieser 

es tat. Denn Wanda steckte überall ihre Nase hinein, wußte alles 

besser und kam sich ganz mächtig vor. Wenn so eine die Herrin 

von Brandegg wurde, dann gnade ihnen allen Gott! 

Als der Gutsherr an einem Tag zu Ende Juni die Rentmeisterei 

betrat, saßen da der Rendant und der Oberinspektor im eifrigen 

Gespräch vertieft. Als sie ihres Herrn ansichtig wurden, schwiegen 

sie mit roten Köpfen, wie bei einem Unrecht ertappt. 

»Was für ein großer Rat hier gehalten wird, kann ich mir 

denken«, bemerkte Rüdiger trocken, sich dabei zu ihnen setzend. 

»Mir ist es nämlich auch zu Ohren gekommen, mit welch 

unwahren Gerüchten Graup herumhausiert. Daß die erlogen 

sind, geht doch schon aus den Gutsbüchern hervor, in die Sie 

beide Einsicht haben und daher wissen, wie es um Brandegg 

steht.« 

»Das ist es nicht, was uns Kummer macht, Herr Baron«, bekannte 

Erdmann verlegen. »Es ist vielmehr wegen der Heirat mit dem – 

mit dem – « 

»Personifizierten Weizenfeld«, half sein Herr lachend aus. 

»Beruhigen Sie sich, das werde ich nicht mähen.« 

»Gott sei Dank!« atmete der Oberinspektor gleich dem 

Rendanten auf. »Aber da ist doch die Hypothek auf Quitten, die 

im September fällig wird. Und wenn Sie das Geld dafür nicht 

zusammenbekommen, Herr Baron, dann schnappt uns dieser 

Gauner Graup unser schönes Quitten weg.« 

»Und wird sich beim Schnappen auf die Lästerzunge beißen«, 

kam es gelassen zurück. »Wenn ich Quitten durchaus nicht 

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halten kann, dann verkaufe ich es an Herrn Hessel aus Birten, der 

gestern bei mir war. Er möchte Quitten gern erwerben als 

Hochzeitsgabe für seine Tochter, die mit einem Landwirt ohne 

Besitz verlobt ist. Eine feste Zusage gab ich ihm natürlich nicht, 

weil ich noch immer hoffe, das Geld zu bekommen. 

Zwanzigtausend Mark gibt mir meine Mutter, die eine 

unvorhergesehene Erbschaft machte.« 

»Und wir haben auch Erspartes, der Erdmann und ich«, fiel der 

Rendant eifrig ein, der sich bisher schweigend verhalten hatte. 

»Dann habe ich noch einen wohlhabenden Freund – und – und 

wir sind doch einig, Herr Baron, nicht wahr?« 

»Gott sei Dank, das sind wir, mit allen andern, die auf Brandegg 

zum Stab der alten Getreuen gehören.« 

»Dann schmeißen Sie die Graup ‘raus, Herr Baron!« brummte 

Erdmann. »Das Stück Malheur verärgert uns die Leute immer 

mehr. Überall steckt sie ihren Rüssel ‘rein, überall will sie alles 

besser wissen. Wenn die mal von unseren empörten Leuten eine 

Tracht Prügel bezieht, will ich mich nicht wundern. Ich weiß gar 

nicht mehr, wie ich sie beschwichtigen soll.« 

»Indem Sie ihnen sagen, daß ich der Graup am ersten Juli 

kündigen werde. Ferner können Sie ihnen noch sagen, was Graup 

alles erlogen hat. Das wird sie voll Zuversicht in die Zukunft 

schauen lassen.« 

»Ach, du lieber Gott! Darf ich Ihnen einen Kuß geben, Herr 

Baron?« 

»Wollen Sie damit nicht lieber das >Weizenfeld< beglücken?« 

»Der Himmel möge mich bewahren!« hob er entsetzt die Hände. 

So trennte man sich denn lachend, einer des andern 

unwandelbarer Treue gewiß. 

Zwei Tage später passierte etwas, das alle Menschen, die zu 

Brandegg gehörten, in Angst und Schrecken versetzte. 

Ihr Herr, ihr guter Herr war verunglückt, als er bei aufziehendem 

Gewitter Schutz in einem alten Feldschuppen suchte. 

Ausgerechnet da mußte der Blitz einschlagen, und schon brannte 

das morsche Holz wie Zunder. 

Zwar gelang es Rüdiger, das Pferd, das sich vor Angst wie 

irrsinnig gebärdete, hinauszuzerren, das dann auch unversehrt 

blieb, während er am Ausgang von einem stürzenden Balken 

getroffen zusammensank. Zum Glück fiel er vorwärts auf 

moosigen Grund, sonst wäre er in seiner Bewußtlosigkeit von 

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den Flammen erfaßt worden. 

Mit dem einen zündenden Blitz hatte sich das Gewitter 

ausgetobt, verzog sich, und auch die Flammen wurden kleiner. 

Doch das zuerst so hellodernde Feuer war in Brandegg bemerkt 

worden. Und als gar der Spaniel angerast kam und den 

Oberinspektor winselnd umsprang, da ahnte dieser nichts Gutes. 

Er rannte, von seinem Schwiegersohn gefolgt, zum Stall, und im 

Nu waren die Pferde gesattelt. 

Sie ritten hinter dem voranlaufenden Hund her und hatten fünf 

Minuten später die Brandstelle erreicht. 

Um den alten Schuppen war es wahrlich nicht schade – doch was 

daneben lag, das ließ den beiden Männern das Blut in den Adern 

stocken. Sie eilten zu dem Verletzten hin, knieten nieder und 

sahen angstvoll in das maskenstarre Gesicht, über das Blut lief. 

Während Erdmann behutsam den Kopf abtastete, griff sein 

Schwiegersohn nach dem Puls. 

»Er lebt«, würgte er hervor. »Und damit ist schon viel gewonnen. 

Was hast du da an der Hand?« 

»Blut – «

(

war die lakonische Antwort. »Er hat am Hinterkopf eine 

Wunde, und der linke Arm liegt da, als ob er ihm nicht gehört. 

Hol mal die Schere aus der Satteltasche.« 

Damit schnitten sie die Ärmel von Jacke und Hemd auf, bis die 

Schulter freilag, aus der der Arm gesprungen war, wie sie auf den 

ersten Blick feststellten. 

Ohne viele Worte zu machen, packten sie mit geübten Griffen zu, 

und schon saß der Arm wieder an seiner Stelle. 

»Verflixt – «, stöhnte der Verletzte auf und fiel dann wieder in 

Bewußtlosigkeit zurück. Doch dieses eine Wort trieb den beiden 

bestimmt nicht rührseligen Männern die Tränen in die Augen. 

Ihr Herr lebte – und wo Leben ist, ist Hoffnung. 

»Wir müssen den Arm festbinden«, sprach Erdmann mit rauher 

Stimme. »Nimm den Riemen von seiner Hose, die braucht er 

jetzt ja nicht. Aber der Arm sitzt fest, das ist die Hauptsache. 

Ob noch weitere Verletzungen vorliegen, muß der Arzt 

feststellen. Reite eiligst zum Hof zurück und verständige unsern 

Doktor. Wenn er früher eintreffen sollte als wir, dann laß ihn 

nicht womöglich gleich ins Schloß. Die Frau Baronin ist ja 

ahnungslos und muß erst vorbereitet werden, damit die Ärmste 

nicht einen Herzschlag kriegt vor Schreck. 

Wenn du hierher zurückkommst, bring außer Bahre und 

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Verbandszeug auch zwei Männer zum Tragen mit; wir müssen 

uns ja um die Pferde kümmern. Sieh nur, wie treu der Hussa 

neben seinem Herrn steht, als müßte er ihn bewachen. Und der 

Hund – man könnte heulen. Nun ab mit dir!« 

Als der Reiter weg war, setzte Erdmann sich neben seinen Herrn 

und sah ihm bekümmert in das bleiche Gesicht. Die Hand, die 

gewohnheitsgemäß nach der Pfeife greifen wollte, ließ davon ab. 

Denn um gemütlich zu schmauchen, dafür saß ihm zu sehr die 

Angst im Herzen. Zärtlich streichelte er den Hund, der sich neben 

ihn gestreckt und den Kopf auf sein Knie gelegt hatte. Nun 

drückte Hussa die Nüstern gegen seine Wange, um zu bekunden, 

daß auch er noch da war. 

»Was seid ihr für treue Gesellen!« sagte der Mann gerührt. »Habt 

auch Angst um Herrchen, nicht wahr? Aber laßt nur, er wird 

schon wieder gesund. So grausam kann doch der Herrgott nicht 

sein.« 

Dann saß er da und wartete. Die Minuten schienen sich zu 

Stunden zu dehnen. 

Jedenfalls hatte er das Gefühl, als wäre sein Schwiegersohn 

stundenlang weggeblieben, als er nach zwanzig Minuten wieder 

auftauchte, gefolgt von zwei Männern, die verstört auf ihren 

Herrn schauten. 

»Herr Oberinspektor – unser Herr Baron – «, würgte der eine 

hervor. »Der darf uns doch nicht genommen werden.« 

»Wird er auch nicht«, tröstete Erdmann. »Er lebt und wird weiter 

leben. Macht die Bahre gebrauchsfertig, indes wir beide den 

Kopfverband anlegen.« 

Nachdem der Verband saß, hob man den Verletzten behutsam 

auf die Bahre. Er stöhnte dabei, was ihnen allen einen Stich ins 

Herz gab. 

Und dann setzte der traurige Zug sich in Bewegung. Voran die 

Männer mit der Bahre, hinterher die beiden Reiter, denen Hussa 

und Harras mit hängendem Kopf folgten. 

Der Weg war nur kurz, so daß man ihn bald zurückgelegt hatte. 

Auf dem Hof standen die Menschen in Gruppen beisammen. 

Aber wer da durch die Anlagen hetzte, war die Baronin, von 

Wanda pomadig gefolgt. 

»Mein Junge – was ist mit meinem Jungen?« schrie die Mutter 

angstvoll auf. Sie war blaß bis in die Lippen und zitterte am 

ganzen Körper. 

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»Ruhe, Frau Baronin, sich nicht so furchtbar aufregen!« 

beschwichtigte Erdmann. »Der Herr Baron lebt.« 

Jetzt eilte auch der Arzt herbei, warf einen prüfenden Blick auf 

den Verletzten, schob seinen Arm unter den der gepeinigten 

Mutter und sagte herzlich: 

»Wird so schlimm nicht sein, Frau Baronin. Wie haben Sie 

überhaupt die Schreckensnachricht erfahren, die Ihnen doch 

ganz behutsam beigebracht werden sollte?« 

»Fräulein Graup überbrachte sie mir.« 

»Auf welche Art und Weise, kann ich mir lebhaft vorstellen«, 

knurrte Erdmann wie ein böser Hund. Doch Wanda, die neben 

der Baronin ging, lächelte überheblich. 

In seinem Schlafzimmer wurde der Verletzte auf das Bett gelegt. 

Der Oberinspektor wich nicht von seiner Seite, während die 

beiden Träger bedrückt mit der Bahre abzogen. 

Der Arzt wandte sich Frau Linda zu und sagte gütig: 

»Am besten ist, Sie gehen hinaus, Frau Baronin.« 

»Nein – «, schüttelte sie abwehrend den Kopf. »Ich bleibe hier.« 

»Und wenn Sie zusammenbrechen?« 

»Das werde ich bestimmt nicht tun.« 

»Nun, wie Sie wollen.« 

Dann fiel sein Blick auf Wanda, und sein Gesicht lief rot an vor 

unterdrücktem Zorn. 

»Machen Sie bloß, daß Sie verschwinden!« stieß er zwischen den 

Zähnen hervor. »Ach, Sie wollen nicht? Dann werde ich ja wohl 

nachhelfen müssen.« 

Damit schob er nachdrücklich die sich Sträubende aus der Tür, 

schloß diese ab und untersuchte den Verletzten mit aller 

Gründlichkeit. 

Nachdem er die Binde abgenommen und die Wunde eingehend 

betrachtet hatte, atmete er auf. 

»Hm, ganz nette Schramme, aber dem harten Schädel macht das 

nicht viel aus. Wer hat den Arm mit dem Riemen an den Körper 

gebunden?« 

»Mein Schwiegersohn und ich, Herr Doktor«, gab Erdmann 

Antwort, der dem Arzt assistierte. »Der Arm war nämlich aus dem 

Schultergelenk geschlagen, und nachdem wir ihn eingerenkt 

hatten, banden wir ihn zur Sicherheit fest.« 

»Brav gemacht. Nun wollen wir mal sehen, was es weiter für 

Wehwehchen gibt. Aha, oberhalb des Knies eine ziemlich große 

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Platzwunde. Braucht aber nicht genäht zu werden, heilt bei dem 

gesunden Blut auch so. Das Kreuz geschrammt – ja um alles in 

der Welt, vier Verletzungen auf einem Haufen, wie ist denn so 

was möglich?« 

»Wahrscheinlich ist der Herr Baron von einem Balken getroffen 

worden, als er aus der zusammenbrechenden Bude, die gleich 

nach dem Blitzschlag lichterloh brannte, ins Freie flüchtete«, 

mutmaßte Erdmann. 

»Das kann schon sein«, nickte der Arzt. »Nun, wenn er seiner 

Sinne wieder mächtig ist, wird er es uns ja wohl erzählen.« 

»Mit dem Kreuz – ist das schlimm, Herr Doktor?« fragte die 

Mutter angstvoll. 

»Nein, Frau Baronin, es ist ja nur leicht geschrammt. Schmerzen 

wird er zuerst darin noch haben, aber zur Besorgnis ist keinerlei 

Anlaß.« 

»Danke, Herr Doktor. Wenn Sie mir das sagen, bin ich beruhigt.« 

»Hm, wie ist es nun – soll ich den Verletzten in ein Krankenhaus 

bringen lassen?« 

»Nein, er bleibt hier. Ich gebe ihn nicht aus dem Hause. Ich 

möchte Sie jedoch bitten, eine Pflegerin zu besorgen. Geht das?« 

»Gewiß, Frau Baronin. Sie würden die Pflege allein auch nicht 

schaffen. Denn soweit ich diesen Mordskerl kenne, wird er kein 

geduldiger Patient sein. Und nun wollen wir ihn mal verarzten, 

bevor er sich noch wehren kann.« 

Rüdiger lag auch während der Prozedur still. Erst als sich die 

Spritze in sein Fleisch bohrte, schlug er die Augen auf. 

»Wie rücksichtsvoll von Ihnen, erst nach der Toilette mobil zu 

werden«, schmunzelte der Arzt. »Wie geht es uns denn so, hm?« 

»Miserabel. Was ist eigentlich los mit mir? Ich bin ja verschnürt 

wie ein Rollschinken. Das kann ich nicht leiden. Ich muß 

Bewegungsfreiheit haben.« 

»Dann versuchen Sie mal, die linke Schulter zu heben.« 

»Au, das tut weh!« 

»Soll bei einem eingerenkten Arm zuerst immer der Fall sein. 

Bewegen Sie mal den Kopf.« 

»Tut auch weh.« 

»Und das linke Bein?« 

»Auch.« 

»Und das Kreuz?« 

»Auch. Ja, zum Kuckuck, was habe ich denn alles? Ich bin doch 

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bloß von einem Balken getroffen worden, nachdem ich den 

Hussa – mit Müh und Not – aus der lodernden Fackel gezerrt 

hatte. Ihm ist nichts passiert – Gott sei Dank.« Nun vertropften 

die Worte ganz. Er schlief, und die Mutter sagte leise: 

»Nun wissen wir, wodurch er zu den Verletzungen kam. Er hat 

natürlich zuerst an sein Pferd gedacht und dann an sich selbst. 

Wie lange wird er schlafen, Herr Doktor?« 

»Nach der Spritze bestimmt bis morgen früh, Frau Baronin. 

Haben Sie gesehen, wie er mit dem gesunden Arm und dem Bein 

herumfuchtelte?« 

»Ja. Was hat das zu bedeuten?« 

»Daß das Rückgrat nicht verletzt ist. Das Zappeln war dafür der 

beste Beweis. Ich schicke heute noch die Pflegerin her. Und nun 

möchte ich mich empfehlen, damit ich zu meinen andern 

Patienten komme.« 

»Haben Sie herzlichen Dank, Herr Doktor. Sie haben uns wieder 

einmal sehr geholfen.« 

»Dazu bin ich ja da, Frau Baronin. Morgen bin ich zur Zeit hier, 

um den Patienten zu versorgen.« 

Er ging, von Erdmann begleitet, und als dieser zurückkehrte, 

stand Wanda vor der Baronin, die unwillig sagte: 

»Wie kann ein Mensch nur so aufdringlich sein!« 

»Verstehe ich auch nicht«, meinte Erdmann wohl gemütlich, aber 

in seiner Stimme schwang ein drohender Ton. »Warum heften Sie 

sich der Frau Baronin so hartnäckig an die Fersen?« 

»Weil ich den Herrn Baron pflegen will.« 

»Auch das noch. Wissen Sie, der Herr Baron kann Sie ohnehin 

nicht ausstehen. Nun, da er gar krank ist, wird er wild werden, 

wenn er Sie sieht. Und nun mal raus!« 

»Fällt mir gar nicht ein. Was schlagen Sie hier überhaupt für 

einen Ton an, Sie – Sie – « 

»Keine Beleidigung!« unterbrach er sie ruhig. »Dann müßte ich 

Ihnen nämlich eine kleben, und das möchte ich vermeiden.« 

Damit nahm er sie beim Arm, zog sie ins Nebenzimmer, bat die 

Baronin, ihnen zu folgen, und schloß die Tür. 

»So, jetzt können wir deutlicher miteinander reden, denn ein 

Krankenzimmer ist nun wirklich nicht der Ort für 

Auseinandersetzungen.« 

»Auf die ich mich auch ausgerechnet mit Ihnen einlassen werde«, 

lächelte Wanda maliziös. »Die Unverschämtheiten, die Sie sich 

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mir gegenüber geleistet haben, werden Sie noch bereuen.« 

»Ich kann’s abwarten.« 

»Frau Baronin, wollen Sie nicht endlich diesen unverschämten 

Menschen zur Ordnung rufen?« 

»Fräulein Graup, ich bin am Ende meiner Kraft und bitte Sie, 

mich von Ihrem Anblick zu befreien.« 

»Ich gehe, aber Sie werden von meinem Vater hören.« 

Hocherhobenen Hauptes entschwand sie, und die Baronin 

drückte weinend das Gesicht in die Hände. 

Doch nicht lange ließ sie den Tränen freien Lauf. Sie raffte sich 

auf, und als ihr Blick auf den Mann fiel, der wie ein treuer Hund 

neben dem Sessel stand, umzuckte ein Lächeln ihren Mund. 

»Es ist schon vorüber. Entschuldigen Sie, Herr Erdmann, daß ich 

mich so gehenließ.« 

»Aber Frau Baronin, da gibt es doch nichts zu entschuldigen«, 

entgegnete er verlegen. »Sie tun mir ja so schrecklich leid. Aber 

wie soll ich Sie trösten – ich bin so schwerfällig darin – « 

»Ein guter Mensch sind Sie«, unterbrach sie ihn warm. »Lassen 

Sie mich Ihnen danken, Sie Getreuer, auf den man sich auch in 

der Not verlassen kann. Und nun gehen Sie zu den Ihren, die 

gewiß schon ungeduldig Ihrer harren.« 

»Ich kann Sie jetzt doch unmöglich allein lassen, Frau Baronin. 

Dann wäre bestimmt diese widerliche Graup wieder da, um Sie 

weiter zu belästigen. Ich gehe erst, wenn die Pflegerin hier ist, 

damit Sie an ihr einen Beistand haben. Legen Sie sich bitte auf 

den Diwan, sonst kippen Sie mir noch um.« 

Er war ihr behilflich, als sie seiner Bitte nachkam, schob ihr ein 

Kissen unter den Kopf, deckte sie zu und sagte: 

»So, Frau Baronin, jetzt nicht mehr sprechen, das strengt zu sehr 

an. Hübsch ruhig liegen und daran denken, daß der Herr Baron 

noch ganz gut davongekommen ist.« 

»Und sein Kreuz, Herr Erdmann? Ob mir der Arzt da wirklich die 

Wahrheit sagt?« 

»Aber Frau Baronin, wir kennen doch unsern Doktor. Der ist viel 

zu vorsichtig und gewissenhaft, um eine bedenkliche Sache zu 

verschweigen. Ich habe auch mal so was ähnliches gehabt, als 

mir ein Stück Holz ins Kreuz flog. Das hat unser Doktor bald 

auskuriert mit seinen Mixturen. Nun wird aber geschlafen, ich 

gebe keine Antwort mehr.« 

Damit setzte er sich an den Tisch, zog ein Notizbuch aus der 

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Tasche, um darin den Ablauf des Tages zu vermerken, was er 

sonst nach Feierabend zu tun pflegte. 

Es war ein lauschiges Jägerstübchen, in dem er saß, das ureigenste 

Reich des Gutsherrn und Jägers. 

Durch das geöffnete Fenster drangen gedämpfte Geräusche vom 

Gutshof her. Denn die Arbeit mußte getan werden, wenn es den 

Menschen, die sie vollbrachten, auch noch so schwer ums Herz 

war. Eine verflogene Biene summte herum, in den Anlagen bellte 

Schudel empört über irgendein Ärgernis. Alles wie sonst – das 

Leben ging eben weiter. 

Seufzend griff der Mann zum Stift, doch er konnte nicht 

schreiben, die Gedanken schweiften immer wieder ab. Das 

Pendel der Kuckucksuhr schwang geschäftig hin und her. 

Zweimal hatte der große Zeiger das Zifferblatt umrundet, als der 

Mann am Tisch aus einem kleinen Nickerchen aufschreckte, und 

zwar durch eine Stimme, die er bis in den Tod nicht leiden 

konnte. Leise trat er an das geöffnete Fenster und sah nun vor 

dem Portal Wanda Graup neben ihrem Wagen stehen. 

Jetzt wurde auch Hannes sichtbar, beladen mit Gepäck, das er im 

Kofferraum verstaute. Dann fuhr sie ab, ohne den Mann nur 

eines Blickes zu würdigen, der grinsend drei Kreuze hinter ihr her 

machte und zufrieden von dannen zog. 

Als Erdmann vom Fenster zurücktrat, fragte Linda: »Fuhr da nicht 

eben ein Auto ab?« 

»Ganz recht, Frau Baronin. Die Graup rückte ab mit Sack und 

Pack. Somit wären wir die endlich los, aber dafür wird der 

wutentbrannte Vater bald in Erscheinung treten. Lassen Sie den ja 

nicht über die Schwelle, Frau Baronin!« 

»Das werde ich. Und wenn er trotzdem einzudringen gedenkt, 

wird Hannes es auf seine Art verhindern.« 

»Das glaube ich auch«, schmunzelte der Oberinspektor und trat 

dann an die Tür, an die geklopft wurde. 

Bertchen stand draußen und neben ihr die Krankenpflegerin. 

»Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein«, wurde sie von 

Erdmann empfangen. »Schauen Sie mal, Frau Baronin, wen wir 

da haben.« 

»Unser Luischen!« sagte sie erfreut beim Anblick der Schwester, 

die so etwas wie das As unter den Pflegerinnen im Umkreis war. 

Schön war sie nicht mit der kräftigen Gestalt, dem großflächigen 

Gesicht und der breiten Nase. Aber sie hatte gute Augen, eine 

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warme Stimme und Hände, die trotz ihrer Derbheit zart und 

behutsam mit den Kranken umgingen. Dazu kam noch ihr 

herzliches Lachen und ihr trockener Humor. Also kein Wunder, 

daß sie überall beliebt und als Pflegerin begehrt war. 

Nachdem sie den Kranken eingehend betrachtet hatte, sagte sie 

in ihrer offenen Art: 

»Den hat es ja ganz nett erwischt. Aber es wird schon wieder 

werden. Mit Geduld und Weile hüpft der Frosch ‘ne Meile. Aber 

Sie gefallen mir gar nicht, Frau Baronin, Sie werde ich mal gleich 

ins Bett stecken.« 

»Nicht da, Schwester Luischen. Ich schlafe nebenan auf dem 

Diwan.« 

»Auch gut, gehen wir – « 

Am nächsten Tag um die Mittagszeit ging der Oberinspektor ins 

Schloß, um sich nach dem Befinden seines Herrn zu erkundigen. 

Er fand dessen Mutter im Jägerstübchen, die Tür zum 

Krankenzimmer stand offen. 

»Darf ich mir den Herrn Baron ansehen?« fragte Erdmann, und 

sie nickte. 

Leise traten sie an das Bett, in dem der Kranke schlief. Sein 

Gesicht war wohl noch blaß, hatte aber nicht mehr die 

maskenhafte Starre. Er atmete auch nicht mehr so kurz und flach, 

sondern ruhiger und tiefer. 

Sie gingen ins Nebenzimmer zurück, Linda schloß die Tür und 

sagte: 

»Damit wir nicht zu flüstern brauchen.« Sie nahm Platz und 

bedeutete dem Oberinspektor, dasselbe zu tun. »Wie finden Sie 

meinen Sohn?« 

»Besser als gestern, Frau Baronin. War der Arzt schon da?« 

»Ja. Er war mit dem Krankheitsbefund zufrieden, Luischen ist es 

gleichfalls. Ich habe sie zu Bett geschickt. Sie hat gewacht, 

während ich nach dem Trank, den sie mir gab, bis in den späten 

Morgen hinein tief und fest schlief. Und nun die Frage: Was wird 

aus Quitten? Mein Sohn kann sich jetzt nicht weiter um ein 

Darlehen bemühen, und der Fälligkeitstermin der Hypothek 

rückt bedenklich näher.« 

»Es sind immerhin noch zwei Monate. Bis dahin ist der Herr 

Baron längst wieder gesund und kann alles ins reine bringen – ob 

so oder so.« 

»Das ist auch meine Zuversicht. Übrigens habe ich an Fräulein 

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Hoog ein ausführliches Telegramm geschickt, in dem ich 

durchblicken ließ, wie nötig ich sie jetzt hier habe. Hoffentlich 

schreibt sie umgehend.« 

»Die schreibt nicht, die kommt her.« 

Das denn auch der Fall war. Gegen Abend erschien sie in einem 

schmucken Auto und wurde zuerst von den Hunden begrüßt, die 

vor Wiedersehensfreude jaulten. Davon angelockt trat die 

Baronin, die sich gerade in der Halle befand, vor das Portal und 

rief wie in höchster Not: 

»Dodo – mein Gott – Dodo -!« 

Gleich darauf fühlte sie sich von zwei Armen umfaßt, und eine 

Stimme sprach tröstlich: 

»Nicht weinen, Tante Linda. Dein Junge lebt, alles andere ist halb 

so schlimm. Komm ins Wohnzimmer, wo du mir ausführlich 

erzählen kannst, was ich ja nur im Telegrammstil erfuhr. Aber 

zuerst muß ich ja wohl dem Begrüßungssturm standhalten.« 

Von allen Seiten eilten sie herbei: Mamsellchen, Bertchen, 

Gretchen, Hannes – und vom Hof her nahte der Oberinspektor. 

Es gab eine freudige Begrüßung, die sich jedoch nicht lärmend 

kundtat. Denn oben lag ja ihr kranker Herr, und das Fenster 

stand offen. 

»Unser Donatchen ist wieder da – jetzt wird alles gut«, sagte 

Mamsellchen voll Zuversicht, und die andern nickten dazu. 

Dann verzogen sie sich, und die beiden Damen konnten das 

Wohnzimmer aufsuchen, wo Donata die Tante in einen Sessel 

drückte und ihr gegenüber Platz nahm. 

»So, Tante Linda, nun erzähle.« 

Da brach es wie eine Sturzwelle aus dem gepeinigten Herzen 

heraus. Bis ins kleinste bekam Donata alles zu hören, die dann 

aufatmend sagte: 

»So verhielt sich also die Sache. Das hätte ich wissen müssen. 

Und nun mal Kopf hoch, Tante Linda! Wie sagt Geibel: Nur wer 

verzagend das Steuer losläßt, ist im Sturm verloren.« 

»Ach, Kind, seit du da bist, erscheint mir alles nicht mehr düster. 

Wirst du auch nicht bald wieder nach Hause müssen, wo man 

dich braucht?« 

»Nicht so nötig wie du, Tante Linda, also bleibe ich hier. Blaß 

und verhärmt siehst du Ärmste aus. Es war ja auch wirklich 

zuviel, was da alles auf dich einstürmte. Hat dir wenigstens 

jemand beigestanden in deiner Not?« 

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»O ja, der Oberinspektor hat mir sehr geholfen. Unsere Getreuen 

im Hause konnten es nicht, da sie selbst verstört waren. Und da 

ist noch Schwester Luise, eine erstklassige Pflegerin und ein guter 

Mensch. Bei ihr ist Rüdiger in den besten Händen; und zu dem 

Arzt, den du ja auch kennst, kann man unbedingt Vertrauen 

haben. Willst du Rüdiger sehen?« 

»Natürlich, Tante Linda. Aber wird  sein  Zerberus  mich  auch  zu 

ihm lassen?« 

»Ich glaube schon. Komm nur, ich habe mich in dem 

Jägerstübchen eingerichtet, das neben Rüdigers Schlafzimmer 

liegt. Da bin ich in seiner Nähe und komme mir nicht so 

verlassen vor wie in den andern verödeten Räumen.« 

So gingen sie zum Krankenzimmer, wo die Baronin den Kopf 

durch die Tür steckte und die Pflegerin herauswinkte. 

»Das ist also die berühmte Donata.« Die Schwester besah sich 

schmunzelnd das Mädchen, das sie freundlich anlachte. »Habe 

schon viel von ihr gehört, natürlich nur Gutes. Kann ja auch gar 

nicht anders sein, bei dem personifizierten Sonnenstrahl. Dann 

kommen Sie nur mit und sehen sich unsern Kranken an. Sieht 

zwar recht angeschlagen aus, wird aber dennoch wieder der alte 

Prachtkerl werden.« 

Als Donata vor dem Bett stand, konnte sie die Tränen kaum 

zurückhalten. Bang sah sie die Pflegerin an, die ihr tröstlich 

zunickte und dann den beiden Damen einen Wink gab, ihr ins 

Nebenzimmer zu folgen. Dort sagte sie in ihrer trockenen Art: 

»Jetzt liegt er noch da wie ein gefesseltes Pferd. Doch sobald er 

von den Fesseln befreit ist, wird er wieder munter ausschlagen. 

Klingt zwar komisch, der Vergleich, aber da er ein Pferdenarr ist, 

würde er sich bestimmt darüber freuen. 

So – dieser kurze Krankenbesuch genügt erst mal für die junge 

Dame, die ja noch nicht Hornhaut auf dem Herzchen hat. Wenn 

unser Kranker erst soweit ist, daß zu seiner angeborenen 

Dickköpfigkeit noch die des Rekonvaleszenten dazukommt, 

dann will ich Ihnen gern den Patienten auf einige Stunden 

überlassen«, setzte sie lachend hinzu. »Während Sie ihm die 

Zähnchen zeigen, schlafe ich mich aus, was ja auch sein muß. 

Heute habe ich es getan und halte die Nachtwache durch. Die 

Damen jedoch werden unten ausgiebig zu Abend essen – und 

dann husch, husch, ins Körbchen.« 

Bevor Donata das tat, gab sie erst zu Hause telefonisch Bescheid, 

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daß sie heil in Brandegg gelandet sei; ausführlicher Brief folge. 

Dann machte sie sich auf den Weg ins Krankenzimmer, wo sie 

erst mal den Kopf durch die Tür steckte, um die Lage zu peilen. 

Der Kranke schlief, und in dem Ohrensessel, der neben dem Bett 

stand, machte die Pflegerin ein Nickerchen, wie die Spähende 

annahm. 

Doch als sie sich zurückziehen wollte, wurde sie herangewinkt 

und trat zögernd näher. 

»Entschuldigen Sie, Schwester Luischen, ich wollte Sie gewiß 

nicht aufwecken.« 

»Das haben Sie auch nicht getan. Aber auf dem Herzchen haben 

Sie etwas, stimmt’s?« 

»Ja – « 

»Dann mal herunter damit. Aber nicht hier – « 

Im Nebenzimmer schloß sie die Tür und sagte: »Vorsicht ist die 

Mutter der Porzellankiste! Der Kranke beginnt nämlich langsam, 

sich auf sich selbst zu besinnen. Und ich weiß ja nicht, was Sie 

mir sagen wollen, Fräulein Hoog.« 

»Ich möchte Sie bitten, Tante Linda den Schlaftrunk zu mixen, 

nach dem sie in voriger Nacht so gut schlief. Wohl habe ich es 

geschafft, sie zu Bett zu bringen, aber da liegt sie nun, redet ohne 

Unterlaß und regt sich dabei auf.« 

»Dann muß sie den Trunk bekommen, obwohl ich sparsam 

damit umgehe; denn so harmlos ist er nun auch wieder nicht.« 

Sie verschwand im Nebenzimmer, und als sie zurückkehrte, 

überreichte sie Donata ein Glas mit einer dunkelroten Flüssigkeit, 

der ein aromatischer Duft entströmte. Es roch nach Wein, 

Baldrian, Melisse und ein wenig nach Mandeln. 

Donata schnupperte wie ein Kaninchen. 

»Hm, riecht gut. Der Duft allein verspricht schon süße Träume. 

Besten Dank, Schwester Luischen. Ich wünsche Ihnen für diese 

Nacht, daß Ihr Patient sich so manierlich benimmt, um Sie 

ungestört nickern zu lassen.« 

Lachend trennte man sich. Die Pflegerin bezog ihren Posten, und 

Donata ging zu der Tante, die in ihrem Bett saß und aufgeregt 

sagte: 

»Hör mal, Dodo, das muß ich dir noch erzählen.« 

»Kannst du, Tante Linda, doch zuerst wirst du das hier trinken.« 

Vorsichtig flößte sie ihr die Flüssigkeit ein, setzte sich ans Bett 

und ließ sie reden. 

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Allmählich ebbten die Worte ab, bis sie dann ganz vertropften. 

Die aufgeregte Frau hatte den Schlaf gefunden, der ihr so nötig 

war. 

So konnte nun auch Donata sich zur Ruhe begeben. Sie war auch 

rechtschaffen müde nach der Fahrt, die sie ohne Unterbrechung 

zurückgelegt hatte. Denn der Inhalt des Telegramms war wie ein 

SOS-Ruf gewesen, und Eile tat daher not. Die Verwandten ließen 

sie ziehen, obwohl sie wußten, daß es eine schwere Zeit für das 

ihnen so liebe Menschenkind werden würde. 

Als Donata am nächsten Morgen erwachte, fiel ihr erster Blick auf 

die geschlossene Verbindungstür, ihr zweiter auf die 

Nachttischuhr – das konnte doch unmöglich stimmen! 

Und doch stimmte es, wie ein Blick auf die Armbanduhr sie 

belehrte. Denn beide konnten doch nicht falsch gehen, und 

beide zeigten an, daß es zehn Uhr war. 

Mit einem Satz war sie aus dem Bett, lugte durch die Tür und 

erblickte Bertchen, die im Schlafzimmer der Herrin Ordnung 

machte und ihr lachend zurief: 

»Guten Morgen, Fräulein Donatchen! Das nennt man aber mal 

schlafen.« 

»Kann man wohl sagen. Ist meine Tante schon lange auf?« 

»So lange auch noch nicht.« 

»Wo ist sie jetzt?« 

»Die Frau Baronin befindet sich im Krankenzimmer.« 

»Warum habt ihr mich nicht geweckt?« 

»Wo werden wir denn so was tun, wo unser Donatchen so 

hübsch schlief wie ein Engelchen.« 

»Engel pflegen aber keine Murmeltiere zu sein«, lachte Donata 

und verschwand im Badezimmer. Nach der kühlen Dusche rasch 

angezogen, und kaum, daß sie damit fertig war, trat die Baronin 

ein. 

»Guten Morgen, mein Liebchen, gut geschlafen?« 

»Was bei einem Schlaf mehr als einmal um die Uhr wohl der Fall 

sein dürfte. Und wie hast du geschlafen?« 

»Ausgezeichnet, wie in der Nacht vorher. So zwei Nächte langer, 

tiefer Schlaf machen viel aus. Ich fühle mich herrlich ausgeruht.« 

»Wie geht es Rüdiger?« 

»Den Umständen entsprechend gut. Er hatte eine 

verhältnismäßig ruhige Nacht, nahm knurrig und brummig sein 

labbriges Frühstück ein, wie er es bezeichnete, und ist miserabler 

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Laune.« 

»Ein gutes Zeichen«, lachte Donata. »Ich werde rasch frühstücken 

und dann Schwester Luischen ablösen, damit sie sich aufs Ohr 

legen kann.« 

»Das tut sie erst, wenn der Arzt dagewesen ist.« 

Dieser trat gerade aus dem Krankenzimmer, als die beiden 

Damen dort anlangten. 

»Schau an, das Donatchen ist wieder da!« bemerkte er 

schmunzelnd. »Jetzt kann überhaupt nichts mehr schiefgehen.« 

»Trauen Sie mir Wunderkräfte zu?« fragte sie lachend, und er sah 

sie verschmitzt an. 

»Haben Sie, Kindchen, haben Sie. Müssen diese nur richtig 

anwenden. Nun gehen Sie mal da hinein und lassen sich 

gottergeben anknurren.« 

Damit entschwand er trotz seiner Rundlichkeit flink wie ein 

Wiesel. Er war als Arzt genauso beliebt wie Luischen als Pflegerin, 

die den Damen den Weg freigab und dabei trocken bemerkte: 

»Vorsicht, er ist bissig!« 

So sah er jedenfalls aus, als er den Eintretenden entgegensah. Ein 

Stutzen, dann knurrte er: 

»Sag mal, was willst du denn hier?« 

»Dich pflegen.« 

»Das hat mir gerade noch gefehlt. Verschwindet bloß und laßt 

mich schlafen!« 

Ein herzhaftes Gähnen, noch einige knurrende Laute, dann 

schlief er ein und sah dabei so unschuldig aus, daß Donata mit 

unterdrücktem Lachen sagte: 

»Dies Kind, kein Engel ist so rein – « 

»Laßt’s Eurer Huld empfohlen sein«, vollendete die Pflegerin. 

»Das werde ich nämlich tun und in die Halalala gehen. In 

einigen Stunden bin ich wieder da.« 

»Und wenn mein Sohn indes erwachen sollte?« 

»Dann flößen Sie ihm drei Löffel von der Flüssigkeit ein, die im 

Glas auf dem Nachttisch steht, Frau Baronin. Die ist erfrischend 

und durststillend. Kapriolen machen kann er nicht, dafür tut ihm 

alles noch zu weh. Am Bett zu bleiben brauchen Sie nicht. Wenn 

Sie sich ins Nebenzimmer setzen und die Tür offenlassen, hören 

Sie schon, wenn er knurrt.« 

Lachend ging sie, und die beiden Damen machten es sich im 

Jägerstübchen in den Sesseln bequem. 

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Um sich die Zeit zu vertreiben, hatten sie Bücher mitgenommen, 

die vorerst jedoch zugeklappt blieben. Sie unterhielten sich mit 

gedämpfter Stimme und horchten auf, als vor dem Portal ein 

Auto hielt. 

Sie traten an das geöffnete Fenster, hielten sich aber so zurück, 

daß sie von unten nicht gesehen werden konnten, und wurden 

dann Zeugen einer ergötzlichen Szene. Denn dem Auto entstieg 

Herr Graup, mit Grimm geladen bis zur Halskrause. 

Doch da stelzte auch schon Hannes herbei und fragte mit 

harmloser Miene, was der Herr wünsche. 

»Den Baron will ich sprechen.« 

»Aber der Herr Baron ist doch krank.« 

»So schlimm wird es schon nicht sein.« 

»Doch, der Herr Baron ist sogar sehr krank! Schwester Luischen 

betreut ihn. Kennen Sie die?« 

»Und ob!« 

»Dann werden Sie ja wissen, daß nicht gut Kirschen essen mit ihr 

ist.« 

O ja, das wußte er und hielt es daher nicht für ratsam, der 

resoluten Pflegerin in die Quere zu kommen. 

»Dann will ich die Baronin sprechen.« 

»Die Frau Baronin liegt auch im Bett.« 

»Davon muß ich mich erst überzeugen.« 

»Aber Sie können doch nicht ins Schlafzimmer einer Dame 

gehen wollen.« 

»Mensch, werden Sie nicht frech, sonst knallt’s!« 

»Dann können Sie ja die Flinte vom Herrn Oberinspektor 

nehmen.« 

Hannes zeigte grinsend auf den Mann, der da nahte, die Flinte 

am Riemen über die Schulter gehängt. 

»Ah, der Herr Graup. Was steht zu Diensten?« 

»Ich will den Baron oder die Baronin sprechen.« 

»Leider nicht möglich, da beide krank sind. Aber Sie können ja 

mit mir verhandeln.« 

»Mit Ihnen verhandle ich sowieso noch – Sie – Sie – « 

»Wie bitte?« 

»Wegen meiner Tochter. Unerhört, skandalös – das werdet ihr 

mir alle büßen!« 

»Tun Sie, was Sie nicht lassen könne, aber schreien Sie nicht so.« 

»Ich schreie soviel wie ich will!« 

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»Aber nicht auf unserm Grund und Boden!« wurde Erdmanns 

Stimme nun scharf, und in den Augen blitzte es gefährlich auf. 

»Das ist nämlich Ruhestörung und daher strafbar, zumal sich im 

Hause ein Schwerkranker befindet.« 

»Ach, hol euch doch alle der Teufel!« 

»Nach Ihnen.« 

Es hatte den Anschein, als wolle der wütende Mann sich auf 

seinen Widersacher stürzen. Als er ihn jedoch dastehen sah und 

den langen Hannes daneben, da hielt der großmäulige Feigling es 

für angebracht, mit ihnen lieber nicht anzubändeln. So wandte er 

sich denn mit einer Geste ab, die Verachtung ausdrücken sollte, 

vielmehr jedoch feiger Angst glich, setzte sich ins Auto und fuhr 

ab. 

Ein gedämpfter Zuruf ließ die beiden Zerberusse hochsehen, und 

da erspähten sie am Fenster die beiden Damen. 

»Brav gemacht!« lobte die Baronin, und zufrieden trollten sie 

davon. 

»So ein rücksichtsloser Kerl!« empörte Donata sich. »Hoffentlich 

hat er Rüdiger mit seinem Geschrei nicht aufgeweckt – « 

Sie eilte ins Nebenzimmer, und als sie zurückkam, sagte sie 

aufatmend: 

»Gottlob, er schläft. Aber du hast dich doch sicher aufgeregt, 

nicht wahr, Tante Linda?« 

»Ich habe mich nicht aufgeregt, aber Graup wird es tun, wenn er 

Quitten nicht bekommt.« 

»Und seine Tochter nicht den Mann ihrer Träume«, setzte Donata 

lachend hinzu. »Bei ihnen hat sich das Sprichwort bewahrheitet: 

Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.« 

Zehn Tage später war der Baron soweit, daß er sich im Bett nicht 

mehr halten lassen wollte, und Luischen gab dann auch mit 

hintergründigem Lächeln nach. Warum auch nicht? Es war ja 

wieder alles heil. Die Kopfwunde sowie die Wunde am Knie 

begannen bereits zu vernarben. Der Arm saß fest im Gelenk, und 

die schillernden Farben am Kreuz verblaßten. 

»Na, denn man ‘raus aus dem Bett!« ermunterte Luischen, der 

Baronin, die neben ihr stand, einen verschmitzten Blick 

zuwerfend. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.« 

»Was es da schon zu wagen gibt«, brummte er. Er stemmte sich 

auf den gesunden Arm, setzte sich hoch und wollte die Beine aus 

dem Bett schwingen. 

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Doch da griff die Pflegerin ein. 

»Mal immer langsam voran, Herr Baron! Erst ein Bein, dann das 

andere – so – und nun versuchen Sie mal, sich auf diese beiden 

Beine zu stellen.« 

Er tat’s, stand auch sekundenlang aufrecht, ließ sich dann jedoch 

ins Bett zurückfallen. 

Die Schwester legte ihn zurecht, deckte ihn zu und schon kam, 

was sie erwartet hatte. 

»Pfui Teufel, wie kann man nur so schlapp sein!« 

»Das soll nach einer schweren Krankheit beim ersten Aufstehen 

immer so sein«, schmunzelte Luischen. »Aber Sie dachten sich 

das ungefähr so: ‘raus aus dem Bett, abmarschiert wie ein 

strammer Grenadier, ‘rauf aufs Roß, und heidi über Stock und 

Stein.« 

»Ach, gehen Sie doch zum Kuckuck!« 

»Besser als zum Teufel«, lachte sie. »Bei dem wird man gebraten, 

aber beim Kuckuck ist es so hübsch luftig in den grünen 

Bäumen.« 

Da mußte er denn doch lachen. 

»Sie sind ein Scheusal, Luischen. Wie lange soll ich denn hier 

noch liegen und mich päppeln lassen, während draußen die 

Arbeit drängt?« 

»Junge, sei doch nicht so ungeduldig!« beschwichtigte die Mutter. 

»Es wird schon wieder werden. Du bist noch nie ernstlich krank 

gewesen und weißt daher nicht – « 

»Muttchen, nun halte mir hier bloß keinen Vortrag.« 

»Dann werde durch Erfahrung klug.« 

Und es sollte eine bittere Erfahrung für ihn werden. Wohl 

nahmen seine Kräfte täglich zu. Er war auch soweit gesund, daß 

er keine Pflegerin mehr brauchte, und Luischen konnte beruhigt 

von dannen ziehen. Aber der Arm hinderte ihn daran, seine 

gewohnte Arbeit wiederaufzunehmen. Auch das Gehen machte 

ihm noch Schwierigkeiten, und so war er zum Müßiggang 

verurteilt. Ausgerechnet während der Roggenernte, wo jede 

Arbeitskraft gebraucht wurde! 

Wohl erschien der Oberinspektor täglich zum ausführlichen 

Bericht, so daß er genau über alles unterrichtet war und seine 

Anordnungen geben konnte, aber das füllte seine Zeit nicht aus, 

er fieberte förmlich der Arbeit entgegen. 

Und dann quälte ihn noch etwas, das er dem Oberinspektor 

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gegenüber in Worte faßte. 

»Sagen Sie mal, Herr Erdmann, ist die Hypothekenkündigung 

denn immer noch nicht eingetroffen? Wir haben doch heute 

bereits den achten August – « 

»Die Kündigung traf pünktlich am Ultimo ein.« 

»Und weshalb sagten Sie mir das nicht?« 

»Striktes Verbot von Arzt und Pflegerin. Bis zum Fälligkeitstermin 

sind ja noch drei Wochen Zeit, also ist noch nichts versäumt.« 

»Nur daß ich Quitten hergeben muß«, lachte der andere erbittert 

auf. »Setzen Sie sich sofort mit Herrn Hessel in Verbindung. Er 

möchte herkommen, damit wir den Kaufvertrag aufsetzen 

können.« 

»Darf ich Ihnen eine andern Vorschlag machen, Herr Baron?« 

»Da bin ich aber neugierig.« 

»Hm – ja, das ist nämlich so. Ich habe das Geld, womit die 

Hypothek abgedeckt werden kann.« 

Sein Herr starrte ihn an, als hätte er irr gesprochen. Dann fragte 

er behutsam: 

»Sie fühlen sich doch wohl, Herr Erdmann?« 

»Und wie!« war die schmunzelnde Antwort. »Ich habe mich 

selten so wohl gefühlt wie jetzt, da ich meinem verehrten Herrn 

die Last vom Herzen nehmen kann, die es arg genug bedrückte – 

und meins mit. Ich hänge nämlich genauso an jedem Fleckchen 

Erde, das zu Brandegg gehört, wie Sie, Herr Baron. Fragen Sie 

bitte nicht weiter. Das Geld ist jedenfalls da und steht zu Ihrer 

Verfügung. Es wird Ihnen doch nicht geschenkt, Sie zahlen dafür 

Zinsen. Also weiter nichts als ein faires Geschäft.« 

»Mann, was soll ich dazu nun sagen.« 

»Nur ja, Herr Baron – das genügt. Steht doch in der Bibel: Eure 

Rede sei ja, ja – nein, nein – alles andere ist vom Übel.« 

Da mußte der andere denn doch lachen. 

»Wenn Sie schon mit der Bibel kommen, dann muß ich ja und 

amen sagen.« 

Dann sahen sie sich an. Einer las in des anderen Augen das 

Geständnis unwandelbarer Treue. Zwei nervige Männerhände 

fanden sich zu festem Druck, dann stand Erdmann auf und ging 

schweigend hinaus. 

Brandegg jedoch ging zu seiner Mutter, die er in Donatas 

Gesellschaft im Wohngemach fand. 

»Junge, was ist dir denn geschehen?« fragte sie erschrocken. »Du 

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hast ja Tränen in den Augen.« 

»Hör zu, Mutter.« Er ließ sich in einen Sessel sinken und 

berichtete dann, was auch sie erschütterte. 

»Das Hohelied der Treue«, sagte sie leise. »Rüdiger, wer solche 

Menschen um sich hat, der darf sich glücklich preisen.« 

»Ja, das gibt Zuversicht und neue Schaffenskraft, die ich 

brachliegen lassen muß wegen dieses verflixten Arms.« 

»Mit dem du ganz nett herumfuchteln kannst«, warf Donata 

lachend ein. »Darf ich dir einen Vorschlag machen?« 

»Und der wäre?« 

»Dich im Gig über die Felder zu kutschieren. Darin kannst du 

genausogut dein Reich inspizieren, als wenn du auf hohem Roß 

sitzt.« 

»Vorschlag angenommen!« lachte er so froh wie schon lange 

nicht mehr. »Doch bevor wir fahren, möchte ich Herrn Hessel 

brieflich benachrichtigen, daß ich Quitten nicht verkaufe, weder 

an ihn, noch an einen andern. Los, mein Fräulein 

Privatsekretärin, machen wir uns an die Arbeit!« 

Eine halbe Stunde später war der große Augenblick gekommen. 

Von allen begleitet, die zum Haus gehörten, ging Rüdiger zum 

Wagen, neben dem Donata stand und ihm gespannt 

entgegensah. 

Obwohl das Kreuz immer noch ein wenig schwach war, hielt der 

Mann sich aufrecht und zog auch das Bein kaum noch merklich 

nach. Den Arm allerdings mußte er noch in der Binde tragen, 

doch er konnte ihn schon ganz gut bewegen. 

»Das geht ja forsch«, lachte Donata, als er neben ihr stand, 

umringt von dem Gefolge. Die Hände, die sich 

entgegenstreckten, um ihm in den Wagen zu helfen, wehrte er 

unwirsch ab. 

»Bleibt mir ja drei Schritt vom Leibe!« 

So sah man denn untätig zu, wie er im Wagen Platz nahm. Wohl 

sah man, wie er dabei die Zähne zusammenbiß, aber man 

erwähnte es natürlich nicht. 

Als der Wagen sich in Bewegung setzte, machte man winke-

winke, was er ungnädig zur Kenntnis nahm. 

»Wie bei einem Baby, das in Obhut seiner Wärterin die erste 

Ausfahrt macht«, brummte er, und Donata sagte trocken: 

»Wenn du dir wie ein Baby vorkommst, kannst du von deiner 

Wärterin gleich eine Tracht Prügel haben. Und zwar für deine 

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Undankbarkeit, mit der du soviel rührende Fürsorge vergiltst. 

Wohin soll ich fahren?« 

»Über den Hof und dann zum rechten Tor hinaus.« 

Auf dem Hof herrschte Ruhe wie am Feiertag. Denn alles, was im 

Betrieb nur entbehrlich war, befand sich auf dem Feld, wo heute 

der letzte Roggenschlag in Angriff genommen wurde. Die 

anderen Schläge waren bereits abgemäht und das Korn schon 

zum Teil gedroschen. Dazu hatte man die wenigen Regentage 

ausgenutzt, die es während der Ernte gab. Aber für das, was noch 

auf den Feldern stand, war dieser Regen von großem Nutzen 

gewesen. 

So stand denn alles in prächtiger Üppigkeit, und mit frohen 

Augen schaute der Gutsherr darüber hin. Das gab in diesem Jahr 

eine Rekordernte. 

»Da lacht wohl dein Landwirtsherz, wie?« fragte Donata, und 

brummend kam es zurück: 

»Was weißt du armselige Städterin schon davon!« 

»Immerhin soviel, um zu wissen, wie wichtig für einen Landwirt 

die Ernte ist. Aber schau mal, wer uns da entgegenreitet mit einer 

Miene, als könnte er seinen Augen nicht trauen.« Gleich darauf 

hielt der Oberinspektor neben dem Wagen und lachte über das 

ganze Gesicht. 

»Tatsächlich der Herr Baron, das ist aber forsch. Wie mir schwant, 

war unser Donatchen die Anstifterin zu dieser Fahrt über die 

Felder, damit das Auge des Herrn sich laben kann an soviel 

üppiger Pracht.« 

»Da schwant Ihnen schon richtig«, lachte Rüdiger. »Auf den 

Gedanken, mich von ihr herumkutschieren zu lassen, bin ich 

nämlich nicht gekommen. So saß ich denn während der Ernte da 

und konnte mich selbst nicht leiden, während andere für mich 

schufteten.« 

»Nun, nun, Herr Baron, schuften ist da wirklich zuviel gesagt. 

Natürlich haben wir gearbeitet, aber das ist ja unsere Pflicht, die 

unsere Leute im übrigen so gern tun, daß sie den Roggenschlag 

erst verlassen werden, wenn kein Halm mehr auf ihm steht – 

trotz des freien Sonnabendnachmittags. 

Und nun möchte ich dem Herrn Baron den Rat geben, sich auf 

Quitten blicken zu lassen. Unser braver Inspektor Wangert rauft 

sich schon die Haare, weil der unverschämte Graup mit seiner 

nicht minder unverschämten Tochter dort herumschnüffelt. Die 

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vom Hof zu jagen, wie er liebend gern möchte, wagt er nämlich 

nicht, weil er nicht weiß, ob es dem Herrn Baron recht ist.« 

»Und wie mir das recht ist! Am liebsten möchte ich sofort 

hinfahren, aber das schaffe ich bis zum Mittagessen nicht, zumal 

ich mich bei unseren Leuten sehen lassen will – « 

»Die dich bereits erspäht haben«, warf Donata ein. »Schau mal, 

wie sie winken. Soll ich hinfahren?« 

»Tu das.« 

Schon trabte der rassige Trakehner an, der zwischen den 

Deichseln steckte und sich doch gern einige Kapriolen geleistet 

hätte. Doch die Faust, die ihn zügelte, war zwar klein, aber oho. 

Als man auf dem Feld hielt, liefen von allen Seiten die Arbeiter 

herbei, um ihren Herrn freudestrahlend zu begrüßen. Und als 

dieser gar dem ältesten Kämmerer einige Scheine gab und ihn 

beauftragte, Getränke für die Belegschaft zu besorgen, damit man 

auf seine Genesung anstoßen konnte, brach ein Jubel los. 

Doppelt eifrig machte man sich an die Arbeit, um sie möglichst 

schnell zu schaffen und hinterher zu feiern. 

Die beiden Mähmaschinen ratterten, schnitten die Halme vom 

Boden und warfen sie zu Garben gebündelt aufs Feld, wo sie in 

Hocken aufgestellt wurden. Voll waren die Ähren, lang die 

Halme. Eins für Brot, das andere fürs Stroh, beides so sehr 

wichtig für Mensch und Tier. 

»Nun weiter, mein Fräulein Kutscher!« sagte Rüdiger. »Fahr zu, 

aber sei meiner Seele gnädig!« 

»Nicht nötig, da sie mit Hornhaut versehen ist«, kam es trocken 

heraus, daß die Herren herzlich lachten. 

So trennte man sich vergnügt, und fort ging’s mit dem Gig über 

Stock und Stein. Denn der Gutsherr wollte sich ja die Felder 

ansehen, somit konnte man nur Feldwege fahren. Mit einem 

anderen Gefährt wäre das kaum möglich gewesen, aber mit dem 

wendigen Gig konnte man auch schwierige Stellen passieren, die 

hohen Räder rollten über alles hinweg. 

Als sie zu Hause anlangten, kam ihnen die Baronin beunruhigt 

entgegen, doch da sie dem Sohn keine Ermüdung anmerkte, 

atmete sie auf. 

»Dir scheint die lange Fahrt ja gut bekommen zu sein, mein 

Junge.« 

»Warum auch nicht, Mutter? Ich habe doch weiter nichts getan, 

als im weichen Polster gesessen und mir die Felder angesehen. 

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Ich geh jetzt nach oben, um mich frischzumachen. Schick mir 

bitte den Hannes, damit er mir behilflich ist.« 

Zehn Minuten später erschien er im Speisezimmer, straff und 

aufrecht. Man hatte das Gefühl, als wäre er mit Tatendrang 

förmlich geladen. 

Während man aß, wurde nicht viel gesprochen. Erst als man in 

dem traulichen Stübchen beim Mokka saß, erzählte er der 

Mutter, was sich auf Quitten tat. 

»Es wird mir ein Vergnügen sein, da Ordnung zu schaffen!« Er 

dehnte unternehmungslustig die Glieder, wobei der kranke Arm 

ganz gut mittat. »Doch zuerst lege ich mich für ein Stündchen 

aufs Ohr.« 

Er ging und die Mutter sah ihm frohbewegt nach. 

Als Rüdiger frisch und ausgeruht unten erschien, stand das Gig 

bereits vor dem Portal, so daß er gleich einsteigen konnte. 

Diesmal steckte ein anderes Pferd zwischen den Deichseln. Ein 

braunglänzender Prachtkerl, der zuerst nicht so recht mitmachen 

wollte. Doch sobald er merkte, daß es für ihn kein Pardon gab, 

benahm er sich manierlich. 

»Na also«, lachte seine Meisterin. »Der Klügere gibt nach. Gefällt 

das etwa dem hohen Herrn nicht, weil er mich so mißbilligend 

betrachtet?« 

»Deswegen nicht; denn du bist ein ganz guter Kutscher. Aber seit 

wann malst du dich denn so an und dazu noch blau?« 

Zuerst sah sie ihn verdutzt an, doch dann hatte sie begriffen und 

lachte hellauf. 

»Blau ist die Farbe der Treue. Daher ist ein Kuß von blauen 

Lippen immer treu und – echt.« 

»Von wegen echt, so ein Geschmiere! Laß das ja bleiben, sonst 

schmeiß ich deinen Tuschkasten zum Fenster hinaus.« 

»Dazu müßtest du ihn zuerst aus der Erde reißen«, zwinkerte sie 

ihm verschmitzt zu. »Kleinigkeit für dich, wenn du wieder so viel 

Kraft in dir spürst, um Bäume aus der Erde reißen zu können.« 

»Jetzt wird mir die Sache aber zu bunt.« 

»Ich dachte, sie ist blau.« 

»Ach, hol dich doch der rote Kuckuck!« 

»Blau und Rot gibt Lila«, wollte der Schelm sich halb totlachen. 

Und ob er wollte oder nicht, er mußte in dieses hellklingende 

Lachen einstimmen. 

»Du bist mir schon ein Balg. Jetzt möchte ich aber wissen, was 

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ein Tuschkasten mit einem Baum zu tun hat.« 

»Die Kirschen in deinem Garten, die waren so süß und so rot«, 

trällerte sie übermütig – und da hatte er endlich begriffen. 

»Ach, so ist das. Dann sei dir verziehen.« 

»Wie huldvoll!« lächelte sie ihn lieblich an, doch dafür hatte er 

jetzt keinen Blick. Der war auf die Kühe gerichtet, an deren 

Weidegarten man vorüberfuhr. Sie befanden sich im besten 

Futterzustand, voll und prall hingen die Euter. Bis zum Herbst 

waren die Tiere mit Futter versorgt, das gab ihnen das saftige Gras 

der Weiden. Wenn sie eingestallt wurden, kam das Heu daran, 

das in den Scheuern lag, und auch die Rübenfelder würden 

reichliche Ernte bringen. 

Das und alles andere, was mit der Landwirtschaft 

zusammenhing, war für den Mann ja so ungeheuer wichtig, der 

schon jahrelang verbissen um seinen Besitz kämpfte. Außer ihm 

hatte er kaum etwas im Sinn, die Mädchen schon gar nicht. 

Er hatte überhaupt für die Weiblichkeit nicht viel übrig. Seine 

Mutter, ja, die war eine wunderbare Frau, und auch die drei 

Getreuen im Hause waren liebe Menschen. Donata konnte man 

auch noch gelten lassen. Aber die war ein kleiner Paradiesvogel, 

der nicht aufs Land gehörte, sondern mit seinem glitzernden 

Gefieder in die Salons der Städte. Im Frühling und Sommer, nun 

ja, da hatte das Landleben für es noch seinen Reiz. Aber kam erst 

der langweilige Winter, dann würde es die Flügelchen ausbreiten 

und dahin fliegen, wohin so ein Luxusvögelchen gehörte. Das 

war nun mal seine Ansicht, in die er sich förmlich verbiß. 

Als der Wald erreicht war, fragte Donata: 

»Da hinein?« 

»Nein, rechts ab, damit ich mir auch dort die Felder ansehen 

kann.« 

So fuhr man denn den schmalen Weg zwischen Wald und einem 

Feld entlang, auf dem Hackfrüchte standen, bis ein kleiner 

Laubwald sich vorschob, den man durchquerte. Die bebauten 

Felder, die sich nun erstreckten, gehörten zu Quitten, und 

mittendrin lag das schmucke Gehöft. 

Donata, die den Gutsherrn auf seinen Ritten schon einige Male 

dahin begleitet hatte, sagte leise: 

»Wie gut, Rüdiger, daß du dieses schöne Fleckchen Erde nicht 

herzugeben brauchst!« 

»Was mir auch nahe genug gegangen wäre. Vernünftiger wäre es 

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ja gewesen, es an Herrn Hessel zu verkaufen, der mir einen guten 

Preis dafür bot. Da hätte ich nach Abdeckung der Hypothek noch 

eine ganz nette Summe behalten, mit der ich hätte Löcher 

zustopfen können, deren es so viele gibt. Aber so viel Vernunft 

konnte ich nicht aufbringen.« 

Gleich darauf hielt man vor dem Haus, das mit seinem weißen 

Anstrich, den grünen Fensterläden und den blühenden Blumen 

in den Kästen einen anheimelnden Eindruck machte. Alles auf 

dem Gehöft war gepflegt und sauber. 

Nun wurde in der Haustür das Ehepaar Wangert sichtbar. Er ein 

schneidiger junger Mann, sie eine reizende junge Frau, mit 

lachenden Braunaugen und Grübchen in den Wangen. 

»Der Herr Baron!« sagte sie freudestrahlend. »Jetzt wird alles 

gut!« 

»Und wenn ich Sie enttäusche, Frau Wangert?« 

» Das hat der Herr Baron noch nie getan«, kam es prompt zurück, 

und ihr Mann nickte bekräftigend. Galant begrüßte er nun auch 

Donata und sagte dann: 

»Ich darf doch ausspannen lassen, Herr Baron? Ich habe soviel 

auf dem Herzen.« 

»Na, denn man zu.« 

So übergab er das Pferd einem Mann und ging mit den anderen 

ins Haus. 

Die Diele war nett eingerichtet, gleichfalls das Zimmer, das sie 

anschließend betraten. Auf dem für zwei Personen gedeckten 

Tisch stand ein Napfkuchen, aus der Kaffeekanne duftete es 

aromatisch. 

»Da sind die Herrschaften gerade zur rechten Zeit gekommen«, 

sagte Frau Wangert munter. »Nehmen Sie bitte Platz, ich lege 

rasch noch zwei Gedecke auf.« 

Nachdem das geschehen war, füllte sie die Tassen und bat die 

Gäste zuzulangen. 

»Wie ich gesehen habe, sind auch hier die Roggenfelder 

abgemäht«, begann der Gutsherr die Unterhaltung, und der 

Inspektor nickte. 

»Ganz recht, Herr Baron. Heute mittag sind wir damit fertig 

geworden. Aber alles andere – « 

»Und das wäre?« 

»Daß wir so gar nicht wissen, woran wir sind. Hat der Graup 

denn das Recht, hier mit seiner Tochter herumzuschnüffeln?« 

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»Natürlich nicht. Das Recht stände ihm höchstens zu, wenn am 

Fälligkeitstermin die Hypothek nicht gelöscht wäre. Wie lange 

schnüffelt er denn schon hier herum?« 

»Seit Ihrem Unfall, Herr Baron. Fast täglich war er mit seiner 

Tochter hier, die sogar bis in die Küche vordrang, um meiner 

Frau Kochunterricht zu erteilen, während ihr Vater mich 

schikanierte – « 

»Was er nicht gewagt hätte, wenn ich nicht krank gewesen wäre. 

So war ja niemand da, der ihm energisch entgegentrat.« 

»Was ich liebend gern getan hätte, Herr Baron. Aber, wie schon 

gesagt, ich wußte ja nicht, woran ich war. Das wußte noch nicht 

einmal der Herr Oberinspektor, bei dem ich Klage führte. Er 

vertröstete mich damit, daß sich alles ändern würde, sobald der 

Herr Baron gesund wäre. 

Aber noch ärger als die Schikanen waren die Andeutungen, daß 

sie bald hier die Herren sein würden, daß überhaupt ganz 

Brandegg vermorscht wäre, und so weiter. Dann mußte ich mich 

jedesmal zusammenreißen, damit ich ihnen nicht in die 

widerliche Visage schlug. 

Moment mal – ich höre da etwas – tatsächlich, sie sind da!« 

frohlockte er. »Die kommen uns gerade wie gerufen, nicht wahr, 

Herr Baron?« 

»Will ich meinen«, schmunzelte Rüdiger und beobachtete dann 

gleich den anderen durch das Fenster, wie Vater und Tochter 

Graup aus dem Auto stiegen und nach dem Gig schauten, das 

ausgespannt auf dem Hof stand. Dann kamen sie auf das Haus 

zu, wo in der Diele ihnen der Inspektor entgegentrat. 

»He, mein Lieber, was ist denn eigentlich hier los? Felder und 

Hof liegen da wie ausgestorben. Sie feiern auch, und das am 

Arbeitstag! Na, wenn ich erst hier der Herr bin, dann wird bald 

ein anderes Lüftchen wehen. Wo ist Ihre Frau? Meine Tochter will 

mit ihr sprechen.« 

»Meine Frau trinkt Kaffee.« 

»So, so. Dann wollen wir ihr gleich mal in das geruhsame 

Kaffestündchen platzen.« 

Doch kaum, daß er und seine Tochter das Zimmer betreten 

hatten, blieben sie wie angewurzelt stehen. Denn den Mann, der 

da am Tisch saß, hatten sie nicht zu sehen erwartet. 

Doch da Graup über eine gute Portion Unverschämtheit verfügte, 

behielt diese vorläufig noch die Oberhand. 

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»Sieh da, der Herr Baron. Wie ist denn das werte Befinden?« 

»Herr Graup, was haben Sie hier zu suchen?« 

»Och – ich gucke ab und zu mal ein bißchen hier herein.« 

»Wissen Sie denn nicht, daß Sie sich damit des 

Hausfriedensbruchs schuldig machen?« 

»Daß ich nicht lache, wo ich sowieso bald hier – na, Sie wissen ja 

Bescheid. Der erste September ist nicht mehr fern.« 

Jetzt erhob Brandegg sich von seinem Platz und ging auf Graup 

zu, der Schritt um Schritt zurückwich, als fürchtete er, daß ihm in 

den Rücken gefallen werde von dem Mann, der ihn bis zur Tür 

gedrängt hatte und ruhig vor ihm stand. Doch die drohende 

Haltung, das Gesicht, das wie aus Bronze geformt zu sein schien, 

der kaltglitzernde Blick, das alles konnte auch beherzteren 

Menschen auf die Nerven fallen als diesem Feigling mit dem 

großprahlerischen Getue. Und die Stimme, die nun sprach, hatte 

einen Ton, als wenn Stahl auf Eisen schlägt. 

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie auf meinem Besitz 

nichts zu suchen haben. Sollten Sie noch einmal hier eindringen, 

werde ich mich an die Polizei wenden. Und nun befreien Sie uns 

wohl von Ihrem Anblick.« 

Worauf denn der sonst so großmäulige Herr Graup nebst seiner 

Tochter gewissermaßen Reißaus nahm. 

»Na also«, lachte der Baron, sich wieder zu den anderen setzend. 

»Das ging doch ganz gemütlich zu. Der Mann ist nur da 

großmäulig, wo er es sich ungestraft leisten kann. Ist wie ein 

kleiner Kläffer, der nur ängstliche Menschen angreift. Doch 

sobald ihm einer die Faust zeigt, kriecht er angstschlotternd 

untern Tisch.« 

Es war für Herrn David Graup ein schwarzer Tag, als er am 

einunddreißigsten August die löschungsfähige Quittung erhielt 

mit dem Vermerk, daß das Geld auf der Bank bereitläge. 

Er schimpfte, tobte und ließ seine miserable Laune sogar an der 

vielgeliebten Tochter aus, erst recht natürlich an seinen 

Untergebenen. Das ließen sich diese allerdings nicht gefallen, 

und so gab es denn Kündigungen am laufenden Band. Sie kamen 

auch anderweitig unter; aber ob er Ersatz für sie bekam, war 

fraglich. Denn er war jetzt in der Umgegend das, was man unten 

durch nennt, nachdem es sich herausstellte, daß alles 

Verleumdung war, was er über Brandegg und seinen Besitzer 

verbreitet hatte. – 

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Rüdiger erhielt jm September von einem Anwalt ein Schreiben, 

in dem er aufgefordert wurde, sich im Notariat zu melden. 

»Was soll ich denn da?« sagte er verwundert zu seiner Mutter und 

Donata, in deren Gesellschaft er sich befand. »Mit Quitten geht 

die Sache doch in Ordnung, der Graup hat schon längst das Geld 

von der Bank abgehoben. Und sonst wüßte ich nicht – nun, ich 

werde nicht weiter herumraten, sondern mir Gewißheit holen.« 

So fuhr er denn zum Anwalt. 

Als er nach Hause zurückkehrte, begab er sich sofort ins 

Wohnzimmer, wo seine Mutter und Donata wie gewöhnlich um 

diese Zeit saßen. Und kaum, daß er Platz genommen hatte, 

begann er ohne jede Einleitung: 

»Kurz die Rede, lang der Sinn: ich soll heiraten und dann erben.« 

»Rüdiger, du bist doch nicht etwa -?« fragte die Mutter 

konsterniert. 

»Betrunken meinst du wohl? Nein, das bin ich nicht. Ich bin 

meiner Sinne Meister.« 

»Ja, um alles in der Welt! Sollst du etwa eine Todeskandidatin 

heiraten?« 

»O nein, so einfach wird mir die Sache denn doch nicht gemacht. 

Das Mädchen, um das es sich handelt, ist gesund.« 

»Und wer ist das Mädchen?« 

»Manja von Braß.« 

»Ach, du lieber Gott! Hat die denn immer noch nicht begriffen, 

daß du dir nichts aus ihr machst?« 

»Anscheinend nicht. Sonst wäre ihr Großvater, der vor kurzem 

starb, wohl kaum auf den Gedanken gekommen, mir in seinem 

Testament einen verlockenden Köder hinzuwerfen.« 

»Und er wäre?« 

»Wenn ich seine Enkelin heirate, erbe ich die Hälfte seines 

Vermögens. Die Bestimmung tritt aber erst am Hochzeitstag in 

Kraft.« 

»Raffiniert ausgeklügelt«, bemerkte die Mutter seufzend. »Ist der 

Köder wenigstens des Zuschnappens wert?« 

»Er bedeutet immerhin soviel, um damit meinen Besitz 

schuldenfrei zu machen und noch ganz nett was übrig zu 

behalten. Was das für mich bedeutet, weißt du ja.« 

»O ja, das weiß ich, daß dir dein Besitz über alles geht. Du denkst 

nur an ihn und nicht an deine spätere Ehe. Da hättest du ja auch 

Fräulein Graup heiraten können. Sie ist ein Mensch, der aufs 

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Land paßt und nicht so ein Luxusgeschöpf wie Manja von Braß. 

Ich habe sie zwar jahrelang nicht mehr gesehen, aber ich glaube 

nicht, daß sie sich verändert hat.« 

»Nun, Mutter, ein Unterschied besteht in den beiden Fällen 

doch. Wenn ich Fräulein Graup geheiratet hätte, wäre ich durch 

das Geld, das sie in die Ehe brachte, von ihr und ihren Eltern 

abhängig gewesen. Bei Manja jedoch wäre ich es nicht, da mir 

das Geld laut Testamentsbestimmung als Erbe zufällt und daher 

mein Eigentum ist. Außerdem hat Manja keine näheren 

Angehörigen als lästige Zugabe, wie es bei den Graups der Fall ist. 

Das sind zwei Vorteile, die es zu beachten gilt.« 

»Na schön. Was wirst du tun?« 

»In das Bad fahren, wo Manja sich augenblicklich mit ihrer 

früheren Amme aufhält, und die beiden herholen. Das gehört 

nämlich auch zu der Testamentsbestimmung. Mit der 

Begründung des Testors, daß seine Enkelin, die nach seinem Tod 

alleinsteht, Familienanschluß haben soll. Aber wenn du nicht 

willst, daß sie herkommt – « 

»Natürlich will ich das. Ich kann dir doch nicht eine so gebotene 

Chance verderben. Wann gedenkst du zu fahren?« 

»Morgen.« 

»Etwa in deinem Methusalem?« 

»Nein, mit der Bahn. Manja wird ja wohl ihren eigenen Wagen 

haben. Ja, was gibt’s, Bertchen?« 

»Ich soll dem Herrn Baron Bescheid sagen, daß ein Fohlchen 

eingetroffen ist, und zwar von der Ira.« 

»Woher weißt du das?« 

»Von Hannes. Der Oberinspektor sagte ihm, er soll bestellen, daß 

der Herr Baron sich in den Stall bemühen möchte.« 

»Verflixt, hoffentlich ist da nichts schiefgegangen. Entschuldigen 

die Damen – « 

Weg war er, und die Mutter sagte lachend: 

»Das Pferd ist ihm natürlich wichtiger als alles andere. Wenn 

etwas mit der Stute nicht in Ordnung sein sollte, dann wird die 

ihm zugelistete Manja sich gedulden müssen, bis er Zeit hat, sie 

abzuholen.« 

»Darf ich fragen, Tante Linda, wer dieses Fräulein von Braß 

überhaupt ist?« 

»Gewiß darfst du das, mein Kind. Sie ist die Enkelin von einem 

Vetter meines Mannes. Ein alter Militär, dessen Sohn, ein 

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Diplomat, im Orient durch eine bösartige Krankheit ums Leben 

kam und eine zehnjährige Tochter verwaist zurückließ; denn die 

Mutter war im Wochenbett gestorben. Da der Diplomat ständig 

im Ausland sein mußte, gab er das Kind zu seinen Eltern, die es 

in ihrer abgöttischen Liebe nicht erzogen, sondern verzogen. 

Wir kamen mit diesen Verwandten, wie auch mit den andern 

allen, nur bei den Familientreffen zusammen, die einmal im Jahr 

stattfanden. Bei dem letzten, es war einige Monate vor dem Tod 

meines Mannes, verliebte die Manja sich Hals über Kopf in 

Rüdiger, der sie ziemlich abfallen ließ, was der vernarrte 

Großvater – seine Frau war indes gestorben – ihm schwer 

verdachte. Der arme Junge stand ja schon damals im heißen 

Ringen um unseren Besitz, da hatte er wahrlich keinen Sinn 

dafür, mit der verliebten Manja schönzutun. Er ließ sogar ihre 

Briefe unbeantwortet. 

Na ja, dann starb mein Mann, und ich wurde krank; so nahmen 

wir an den Familientreffen nicht mehr teil und haben somit 

Manja nicht wiedergesehen. Wir nahmen natürlich an, daß sie 

ihren Schwarm längst vergessen hätte. Daß es jedoch nicht der 

Fall ist, beweist das Testament, das raffiniert genug abgefaßt ist. 

Denn der Testator wußte ganz genau, daß Rüdiger so ziemlich 

alles für seinen Besitz tun würde. Daher der Köder mit der 

Erbschaft und außerdem die Bestimmung, daß Manja zu uns ins 

Haus kommt.« 

»Wie ist Fräulein von Braß sonst, Tante Linda?« 

»Wie sie bei der total falschen Erziehung nicht anders sein kann. 

Über die Maßen verwöhnt, eigensinnig, unberechenbar und 

nichts anderes kennend, als daß sich alles um ihre Person dreht. 

Dazu wird sie noch von ihrer früheren Amme, die dieses 

vergötterte Kind nie verließ, förmlich angebetet. Hübsch ist sie, 

Geld hat sie auch – «, schloß sie achselzuckend, und Donata 

sagte mitleidig: 

»Arme Tante Linda, das wird eine schwere Zeit für dich werden. 

Denn soweit ich Rüdiger kenne, schnappt er nach dem Köder um 

seines Besitzes willen.« 

»Das nehme ich auch an. Obwohl ich mich dagegen sozusagen 

mit Händen und Füßen sträuben möchte, muß ich ihn dennoch 

gewähren lassen. Täte ich es nicht, und es kämen für Brandegg 

Fehlschläge, womit man ja immer rechnen muß, so könnte er 

mir mit Recht den Vorwurf machen, ihm die glänzende Chance, 

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die sich ihm bot, vereitelt zu haben. So kann ich denn weiter 

nichts tun, als ergeben mein Schicksal hinzunehmen.« 

Da mit der Stute alles in Ordnung war, fuhr der Baron am 

nächsten Morgen ab, um zwei Tage später in einem luxuriösen 

Auto zurückzukehren. 

Am Steuer saß Manja, neben ihr Rüdiger und im Fond Amanda, 

die Kammerfrau, Vertraute und Sklavin zugleich. Und schon 

wurde alles im Schloß mobil, um das zahlreiche Gepäck nach 

oben zu schaffen. 

Außer der Baronin natürlich. Diese begrüßte den Gast in der 

Halle, während Donata unsichtbar blieb. Sie befand sich in 

ihrem Zimmer, weil sie bei der familiären Begrüßung nicht 

störend wirken wollte. 

Am liebsten hätte sie ja ihren Onkel Erwin angerufen und ihn 

gebeten, sie wieder nach Hause zu beordern wie damals, als 

Wanda Graup hier ihren Einzug hielt. Doch dieser zweite Abruf 

wäre zu auffallend gewesen. Also mußte sie eine passende 

Gelegenheit abwarten, um abreisen zu können. 

Daß sie der verliebten Manja im Weg stand, war klar. Die witterte 

doch in jedem Mädchen eine Rivalin, die abgeschoben werden 

mußte, wenn nicht anders, dann durch Intrigen. Denn diese 

traute ihr Donata nach allem, was sie von ihr gehört hatte, ohne 

weiteres zu. 

Dem Abendessen konnte sie nicht fernbleiben, das hätte Tante 

Linda stutzig gemacht. So folgte sie denn dem Gongruf und stieß, 

als sie aus ihrem Zimmer trat, auf ein weibliches Wesen, in dem 

sie Manjas Kammerfrau vermutete. 

Wie eine wohlgenährte Maus – dachte Donata amüsiert. Und so 

sah sie auch tatsächlich aus mit dem spitzen Gesicht und den 

blanken wachsamen Äuglein, die nun das schöne Mädchen 

überrascht und mißtrauisch musterten – was dann auch Manja 

tat, als sie, eingehakt bei Mutter und Sohn, das Speisezimmer 

betrat. 

»Wer ist denn das?« fragte sie ungeniert, worauf der Hausherr die 

Vorstellung übernahm. 

»Also eine Angestellte«, meinte Manja herablassend. 

»Nein, die Tochter einer Freundin von mir«, wurde sie von der 

Baronin sofort eines anderen belehrt. »Wo hast du denn so lange 

gesteckt, Dodo?« 

»In meinem Zimmer, Tante Linda. Ich wollte die familiäre 

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Begrüßung nicht stören.« 

»Das ist ja Unsinn!« sagte Rüdiger ärgerlich. »Du gehörst doch 

nun wirklich zur Familie.« 

Das hätte er nicht sagen sollen. Es goß Öl in die Eifersucht des 

verliebten Mädchens, die nun lichterloh brannte. 

Donata bemerkte wohl das böse Aufblitzen in den Augen, die 

übrigens schön waren in ihrer hellen Bräune mit der grünlichen 

Iris. Die Gestalt war klein und zierlich, das Gesicht zart, das 

kupferrote Haar wunderbar gepflegt, die Kleidung elegant. 

Also konnte man sie mit bildhübsch bezeichnen, doch ihr fehlte 

der Charme, der Donata Hoog so unwiderstehlich machte, dazu 

das Taufrische und Strahlendfrohe. Sie glich einem 

überzüchteten, verzärtelten Treibhauspflänzchen, während man 

Donata mit einer köstlichen Blume vergleichen konnte, die auf 

einem Gartenbeet prangte. 

Donata, die stille Beobachterin blieb, amüsierte sich über die 

Raffinesse, mit der das Rauhbein Rüdiger eingefangen werden 

sollte – und für die er doch so gar kein Verständnis hatte. Dafür 

war er ja auch kein Salonheld, sondern ein Landmann, mit allen 

Insignien seiner vornehmen, ritterlichen Abstammung. 

Deshalb hatte die kapriziöse Manja von Braß ihn sich 

wahrscheinlich auch in den Kopf gesetzt, weil er so ganz anders 

war als die Herren ihrer Bekanntschaft. Und da sie bisher alles 

bekommen hatte, was sie wollte, würde sie auch den begehrten 

Mann bekommen. 

Und als Manja nun zusehen mußte, wie dieser Mann, der ihr 

immer begehrenswerter wurde, mit dieser simplen Gans, wie sie 

Donata bezeichnete, während sie sich natürlich für einen 

Paradiesvogel hielt, schriftliche Arbeiten erledigte, mit ihr durch 

die Wirtschaft ritt, sie überhaupt ständig am Bändel haben 

mußte, da loderte Eifersucht in hellen Flammen. 

Wenn sie doch diese langbeinige Pute – ein neugeprägter Name 

für Donata – mal allein erwischen könnte! Aber die wich ihr 

immer geschickt aus und schloß sich abends in ihrem Zimmer 

ein, wie Amanda spitzgekriegt hatte. 

Aber nach einer Woche, die Manja bereits in Brandegg weilte, 

schien es endlich zu klappen. Rüdiger mußte zur Stadt fahren, 

und seine Mutter wollte sich ihm anschließen. Zwar hätte Manja 

das auch gern getan, aber wenn die beiden fort waren, hatte sie 

die beste Gelegenheit, Abrechnung zu halten. 

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Nur hatte sie die Rechnung ohne die Baronin gemacht, denn 

diese blieb zu Hause, weil es zu regnen begann und ein scharfer 

Wind wehte. Da machte eine Fahrt zur Stadt keinen Spaß. 

So ließ sie denn den Sohn allein fahren und suchte ihr 

Wohnzimmer auf, um dort einen Brief zu schreiben. Manja 

wiederum lag in ihrem Zimmer auf der Lauer und hörte wohl, 

wie der Wagen abfuhr, wußte aber nicht, daß Rüdiger allein darin 

saß. 

Jedenfalls hielt Manja die Luft für rein und ging, von Amanda 

gefolgt, zum Angriff über. Sie riß Donatas Zimmertür auf und 

legte ohne jede Einleitung wutentbrannt los: 

»Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sie unverschämte Person! 

Etwa, daß der Herr Baron Sie heiraten wird? Der braucht Geld, 

das Sie nicht haben, Sie armselige Bettelmamsell.« 

Donata, die nun endlich ihre Erstarrung abschütteln konnte, 

machte angewidert die Tür zu und schloß sie ab, was Manja 

derart in Rage versetzte, daß sie mit den Fäusten gegen das Holz 

trommeln wollte. 

Doch Amanda hielt sie zurück. 

»Laß nur, mein Goldkind, damit die Dienerschaft nicht 

aufmerksam wird. Was du der Person gesagt hast, genügt 

vollkommen. Man darf nichts auf die Spitze treiben.« 

So ließ Manja sich denn mitziehen, und es gab die berühmte 

Stille nach dem Sturm. Wenigstens im Gang; denn in ihrem 

Zimmer tobte Manja weiter. 

Donata jedoch sah, als könnte sie ihren Augen nicht trauen, wie 

die Baronin von ihrem Wohnzimmer her eintrat. 

»Tante Linda, wo kommst du denn her?« 

»Aus meinem Zimmer nebenan, wo ich hinter der halbgeöffneten 

Tür stand und so Zeuge der vulgären Szene wurde.« Sie ließ sich 

mit einem Seufzer in einen der zierlichen Sessel sinken. »Ich. fuhr 

nicht mit zur Stadt, weil es zu regnen begann, und ging in mein 

Wohnzimmer, um dort einen Brief zu schreiben. Was du armes 

Kind dir bei uns so alles bieten lassen mußt, geht schon über das 

Maß des Erträglichen hinaus. Hat die Megäre dich etwa vorher 

schon angegriffen?« 

»Nein, da ich ihr keine Gelegenheit dazu gab. Tagsüber ging ich 

ihr aus dem Wege, und abends schloß ich mich ein. Sie wäre 

auch jetzt nicht zum direkten Angriff übergegangen, wenn sie 

gewußt hätte, daß du nicht mit Rüdiger fuhrst, wie du es ja 

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wolltest. So glaubte sie dich abwesend und konnte sich daher 

erlauben, wie eine Furie in mein Zimmer zu platzen. Mir 

gegenüber braucht sie ja nicht das liebe Kind zu mimen, wie sie 

es bei dir und Rüdiger tut.« 

»Bei mir aber ohne Erfolg, ich habe sie genauso durchschaut wie 

du, was bei Rüdiger leider nicht der Fall zu sein scheint. Aber 

lange wird Manja die Maske nicht beibehalten können, dafür ist 

sie ein zu unbeherrschter Mensch. Also wird auch er hinter ihren 

wahren Charakter kommen, ich jedenfalls mische mich da nicht 

ein. Ich werde ihm auch nichts von der widerlichen Szene 

erzählen. Mag er durch Erfahrung klug werden.« 

»Was meinst du, Tante Linda, ob sie Rüdiger wirklich liebt?« 

»Nein, mein Kind, ein Mensch wie Manja liebt nur sich selbst.« 

»Und warum ist sie denn so auf ihn versessen?« 

»Weil sie von ihren vernarrten Großeltern daran gewöhnt ist, 

ihren Willen durchzusetzen. Daß es bei Rüdiger nicht auf Anhieb 

klappt, stachelt ihren Starrsinn auf und hat außerdem noch 

seinen Reiz.« 

»Aber sie paßt doch weder zu Rüdiger noch aufs Land.« 

»Danach fragt sie nicht. Sie ist wie ein verwöhntes Kind, das 

durchaus ein begehrtes Spielzeug haben muß, und wenn sie es 

hat, es bald seiner überdrüssig in die Ecke wirft.« 

»Und da willst du es darauf ankommen lassen, daß dein Sohn so 

ein Mädchen heiratet?« 

»Noch ist es ja nicht soweit. Sollte es dahin kommen, dann 

werde ich natürlich versuchen, ihn davon abzubringen. Gelingt 

es mir nicht, dann habe ich wenigstens meine Pflicht getan. Es ist 

ja auch nicht Manja, die ihn lockt, sondern die Erbschaft. Für 

sich selbst nicht, aber für seinen Besitz. Und was wird nun aus 

dir, du armes Kind?« 

»Ich fahre natürlich nach Hause.« 

»Somit wäre es das zweite Mal, daß du vor einem eifersüchtigen 

Mädchen ausrückst«, bemerkte die Baronin trocken, und Donata 

lachte. 

»Nur daß ich mich das erste Mal von Onkel Erwin abrufen ließ, 

während ich jetzt dir gegenüber mit offenen Karten spiele.« 

»Ach, so war das. Und ich habe den Abruf für Zufall gehalten. 

Ach, Kind, daß ich dich wieder hergeben muß! Wenn doch der 

Junge nicht so blind – « 

»Und so versessen auf Geld wäre«, fiel Donata spöttisch ein. 

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»Nicht weinen, Tante Linda. Wenn es dir hier zu bunt ist, rückst 

du aus und kommst zu uns.« 

»Was deinen Verwandten wohl nicht recht sein würde.« 

»Doch, Tante Linda, du wirst ihnen stets willkommen sein. Es 

sind so liebe Menschen – « 

Es klopfte, und Bertchen erschien, die wichtig meldete: 

»Der Herr Baron hat angerufen. Ich soll der Frau Baronin 

bestellen, daß er wichtiger Geschäfte wegen erst morgen 

vormittag zurückkommen kann.« 

Damit trollte sie ab, und Donata sagte: 

»Paßt gut für mich. Da kann ich ja morgen abfahren, ohne 

Rüdiger eine Erklärung geben zu müssen.« 

»Und was soll ich ihm für eine geben?« 

»Sag ihm, daß es mich, da das Herbstwetter einsetzt, zurückzieht 

in die Stadt. Das glaubt er dir aufs Wort. Und wenn der Gong 

zum Abendessen ruft, geh hinunter und speise mit deinem 

Schwiegertöchterlein in spe; ich werde diese traute Zweisamkeit 

nicht stören.« 

»Na, warte nur, du Speilzahn! Wer zuletzt lacht, lacht immer 

noch am besten.« 

»Tantchen, du bist schon zurück?« fragte Manja überrascht, als sie 

das Speisezimmer betrat. »Wo ist denn Rüdiger?« 

»In der Stadt«, entgegnete die Dame, während sie am Tisch Platz 

nahm. »Er kommt erst morgen vormittag zurück.« 

»Und wie bist du zurückgekehrt?« 

»Ich bin gar nicht mitgefahren.« 

»Ja – aber – wo warst du denn während der ganzen Zeit?« 

»In meinem Zimmer.« 

»Oh – wie peinlich! Dann hast du doch sicher auch gehört, wie – 

unerhört frech – Fräulein Hoog zu mir wurde – « 

»Nein, das habe ich nicht gehört. Warum wurde sie denn frech zu 

dir?« 

»Das weiß ich nicht, liebstes Tantchen. Ich habe ihr nichts getan.« 

Na, du scheinheiliges Ding, dachte die Dame entrüstet. Aber nur 

immer weiter so! Scheinheiligkeit entlarvt sich kurz über lang 

selbst. 

Doch da sie sich vorgenommen hatte, auch Theater zu spielen, 

tat sie es, so widerlich es ihr auch war. Lächelnd lauschte sie auf 

das Geplauder, das doch so lieb und reizend war. Nach dem 

Essen wollte sie sich sofort zurückziehen mit der Begründung, 

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daß sie sich nicht wohl fühle. 

»O Tantchen – «, war das liebe Kind doch so sehr besorgt. »Da 

müssen wir ja den Arzt kommen lassen.« 

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich nehme eine 

Tablette, gehe zu Bett und bin morgen wieder munter. Gute 

Nacht, Manja, angenehme Ruhe.« 

»Die kann ich doch gar nicht haben – «

 

»Warum denn nicht?«

 

»Weil ich mich um dich sorge. Du weißt ja gar nicht, was du mir 

bist, geliebtes Tantchen – wie eine liebe Mutter.« 

Gott soll mich vor so einer Tochter bewahren! dachte die Dame 

schaudernd, während sie freundlich sagte: 

»Nett von dir, so zu denken. Aber du brauchst dich bestimmt 

nicht um mich zu sorgen. Der Mensch kann doch einmal 

unpäßlich sein, nicht wahr?« 

»Das schon. Darf ich dann wenigstens später nach dir sehen?« 

»Damit würdest du mich nur aufwecken. Gute Nacht.« 

Sie ging, und als sie ihr Wohnzimmer betrat, saß da Donata und 

schwenkte ihr ein Sektglas entgegen. 

»Prosit, Tante Linda! Nimm Platz und halt mit.« 

Was sie auch tat. Doch als sie das Glas fast in einem Zug leerte, 

gebot Donata lachend Einhalt. 

»Immer langsam voran! Was für einen Ärger willst du denn 

hinunterspülen mit dem köstlichen Naß?« 

Als sie es wußte, meinte sie ungerührt: 

»So ungefähr habe ich mir das gedacht. Nun, die freche 

Bettelmamsell räumt geschlagen das Feld. Die Koffer sind bereits 

gepackt und im Wagen verstaut.« 

»Wie konnte denn das so schnell geschehen?« 

»Indem ich mir Hilfe aus der Küche holte.« 

»Womit hast du dort deine Abreise motiviert?« 

»Brauchte ich nicht, da sie im Küchenbereich bereits im Bilde 

waren. Denn nicht nur du warst Zeuge, als die Furie mich 

beschimpfte, sondern auch Bertchen, die gerade von der Halle 

nach oben kam.« 

»Auch das noch. Wie hat man es aufgefaßt?« 

»Man ist mit Grimm geladen bis zur Halskrause. Nichtswürdige 

Kreatur war noch das wenigste, wie sie die junge Herrin in spe 

betitelten. Alle vier stehen da, Gewehr bei Fuß. Und nun, da die 

Flasche, die mir übrigens Mamsellchen in den Arm drückte, 

geleert ist, werde ich mich empfehlen.« 

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»Und mich herzlos allein lassen.« 

»Ist aber auch wirklich wahr. So komm denn, meine Süße, ich 

bringe dich ins Bettchen. Den Schlummertrunk hast du ja weg.« 

Als die Baronin am nächsten Morgen erwachte, war Donata 

bereits über alle Berge. 

Doch auf dem Nachttisch lag ein Zettel, auf dem stand: 

»Mamsellchen sagt: Unser altes Gottchen lebt noch.« 

Gegen elf Uhr meldete sich der Herr des Hauses bei seiner Mutter 

zurück, ließ sich in einen Sessel sinken und sagte verdrossen: 

»Zu einer landwirtschaftlichen Versammlung hat man mich 

geschleift, wo ich einen Vortrag halten mußte. Anschließend 

ernannte man mich zum besten Landwirt des Kreises und hat mir 

so ein komisches Dingsda angesteckt. Unsinn und kein Ende. Wo 

ist denn die Do, schläft sie etwa noch?« 

»Nein, sie fuhr heute früh nach Hause.« 

»Wozu denn das, um alles in der Welt?« 

»Weil das unwirtliche Herbstwetter sie trübsinnig machte. Sie ist 

eben ein Stadtkind, das sich im Frühling und Sommer auf dem 

Lande ganz wohl fühlt, sich aber im Herbst nach dem geselligen 

Stadtleben zurücksehnt. Ich gedenke sie übrigens bald zu 

besuchen.« 

»Das wirst du nicht tun!« unterbrach er sie schroff. »Du weißt 

ganz genau, daß ich dich jetzt hier nicht entbehren kann.« 

»Aber Rüdiger, deswegen brauchst du doch nicht gleich 

hochzugehen – « 

»Ach, laß mich doch in Ruhe!« sprang er auf und ging davon. Sie 

sah ihm lächelnd nach. 

Warte nur ab, mein Jungchen, du wirst die Donata schon noch 

vermissen an allen Ecken und Enden. Wirst schon noch 

dahinterkommen, daß es besser ist, ein mittelloses, aber 

liebenswertes Mädchen zu heiraten als eins, das dir zwar zu einer 

Erbschaft verhilft, aber selbst nichts wert ist. Dann stände wohl 

dein Besitz auf der Höhe, wonach du so verbissen strebst, aber in 

deinem Herzen wäre eine trostlose Leere. 

Wenn ich dir das jetzt sagen wollte, würdest du es ja doch nicht 

glauben. Du wirst es erst tun, wenn das nichtsnutzige Geschöpf 

die Maske der Scheinheiligkeit fallen läßt, was sicher bald 

geschieht – dann wirst du dich schaudernd abwenden. 

Das war die Zuversicht einer Mutter, die ihrem Sohn keine 

Vorhaltungen machte, sondern Tatsachen sprechen lassen wollte. 

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Und Tatsache war, daß dieses Luxusgeschöpf im Bett ein spätes 

Frühstuck einnahm, das aus teuren Delikatessen bestand, womit 

Mamsellchen dann Schluß machte. Und zwar an dem Tag, als 

Donata abgefahren war. Schon zum zweiten Mal mußte das 

herzliebe Kind ausrücken, zuerst vor einem salbadrigen Kochtopf 

und jetzt vor einem Tuschkasten. Weiß der Himmel, was der Herr 

Baron sich da noch alles zulegen würde – und bloß, weil so was 

Geld hatte! 

Wie hatte ihre selige Mutter doch immer gesagt, wenn man auf 

reiche Damen zu sprechen kam, die wohl ein Kleid mit einer 

Schleppe trugen, wie es damals Mode war, aber sonst kalt und 

hochfahrend waren: Eine Schleppe ist noch längst kein Herz, und 

Dukaten sind keine Seele. 

Na ja, zwar trug das Gesindel heute keine Schleppe mehr, aber 

dafür war es angemalt wie der August im Zirkus. Und so was 

sollte man mit sündhaft teuren Delikatessen füttern und sich 

dafür anderswo einrichten müssen an allen Ecken und Enden? 

Das wäre ja gelacht! 

So fand dann Amanda, die wie gewöhnlich um diese Zeit das 

Frühstück für ihre Herrin holen wollte, auf dem Tablett eine 

schlichte, nahrhafte Kost. 

»Was soll das heißen?« fragte sie hochfahrend. »Soll das etwa das 

Frühstück für meine Herrin sein?« 

»Ja – «, gab Mamsellchen seelenruhig Antwort, und nicht nur die 

beiden Mädchen nebst Hannes, die sich auch in der Küche 

befanden, hielten vor Spannung den Atem an, sondern auch der 

Gutsherr, der gerade am geöffneten Küchenfenster vorübergehen 

wollte und nun vor ihm stehenblieb. Da sie ihm alle den Rücken 

zudrehten, blieb er unbemerkt. 

»Sie sind wohl ganz von Gott verlassen!« wurde Amanda nun 

ausfallend. »Das ordinäre Zeug kann doch meine feine Herrn 

unmöglich essen!« 

»Dann laß sie sich die Kinkerlitzchen selbst kaufen«, beharrte 

Idchen in sturem Gleichmut. 

»Das werden Sie büßen, Sie unverschämte – « 

»Nun aber ‘raus, Sie aufgetakelte Gewitterziege!« Der Kochlöffel 

wurde drohend erhoben, worauf die impertinente Amanda 

schleunigst entschwand, von dem schallenden Gelächter der 

Zurückbleibenden verfolgt. 

Ihr Herr jedoch trat rasch vom Fenster fort und ging zu seiner 

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Mutter, um ihr brühwarm die Begebenheit zu berichten. 

»Wie muß denn das Frühstück beschaffen sein, das Manja 

beansprucht?« fragte er anschließend, und die Mutter entgegnete 

gelassen: 

»Bestehend aus teuren Delikatessen, die sie bisher auch bekam. 

Doch auf die Dauer belastet das unsere ohnehin nur karge 

Wirtschaftskasse so sehr, daß  sie nicht ausreicht. Daher macht 

Idchen Schluß – und ich kann’s nicht ändern.« 

»Das sollst du auch nicht, Mutter. Mit Manja soll keine 

Ausnahme gemacht werden, in keiner Beziehung. Wir haben es 

bei Donata ja auch nicht getan.« 

Darauf schwieg die Mutter, und prüfend sah der Sohn sie an. 

»Sag mal, kleine Mama, was verschweigst du mir da eigentlich, 

hm?« 

»Wie kommst du denn darauf?« 

»Weil du mir nichts von dem Frühstück sagtest und auch nicht, 

wie anmaßend sich Amanda unserer Dienerschaft gegenüber 

benimmt.« 

»Die wehren sich schon, verlaß dich darauf.« 

»Wo ist Manja jetzt?« 

»Vielleicht noch im Bett, vielleicht auch schon bei der 

Morgentoilette. Jedenfalls steht sie nie vor elf Uhr auf. Da ist der 

Tag nicht so lang, mit dem sie ohnehin nichts anzufangen weiß.« 

In dem Moment trat Manja ein, geputzt, getuscht, gelackt. Wenn 

es in diskreter Form geschieht, kann es gepflegt wirken, aber hier 

war entschieden des Guten zuviel getan. 

Als sie den Mann erblickte, ging sie erfreut auf ihn zu. 

»Du bist schon zurück, Rüdiger? Wie schön! Da kann ich dir 

gleich meine Bitte vortragen.« 

»Und die wäre?« 

»Daß du mir Reitunterricht erteilst, damit ich dich auf deinen 

Ritten begleiten kann.« 

»Hast du überhaupt schon auf einem Pferd gesessen?« 

»Nein.« 

»Dann stell dir das nicht so einfach vor.« 

»Aber andere Mädchen reiten doch auch.« 

»Dann sind sie nicht so verzärtelt wie du. Doch wir können es ja 

mal versuchen.« 

»Herrlich!« klatschte sie in die Hände wie ein beglücktes Kind. 

»Dafür muß ich dir einen Kuß geben.« 

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Bevor er sie noch abwehren konnte, hatte sie ihren Mund auf den 

seinen gedrückt und klatschte wieder in die Hände. 

»Das nennt man überrumpeln, mein Lieber! Wie hat mein Kuß 

denn geschmeckt, hm?« 

»Nach Stiefelwichse, mit der du wahrscheinlich deinen Mund 

beschmierst«, rieb er sich ärgerlich die Lippen. »Laß den Unsinn 

gefälligst bleiben!« 

»Du verstehst aber auch keinen Spaß!« Sie zog nun ein Mäulchen 

wie ein Baby, das weinen will. 

Da der Gong zum Mittagessen rief, mußte sie das Spiel beenden, 

das sie für neckisch hielt, die anderen jedoch peinlich berührte. 

Bei einem ganz jungen Mädchen mochte es noch angehen. Aber 

Manja war immerhin vierundzwanzig Jahre alt. 

Wie mochte es kommen, daß sie noch nicht verheiratet war? An 

Bewerbern hatte es ihr doch wohl nicht gefehlt. Also war sie 

wahrscheinlich zu wählerisch, oder sie flirtete zuviel. Und wie 

sagt ein hübscher Spruch. Den Mädchen, die nur flirten möchten, 

wird keiner gerne Myrten flechten. 

Während des Essens machte sie Rüdiger den Vorschlag, mit ihr in 

die Stadt zu fahren, wo sie sich einen Reitdreß kaufen und 

hinterher noch ein bißchen bummeln wollte. Doch er winkte 

kurz ab. 

»Dazu habe ich keine Zeit.« 

»Aber es gibt jetzt in der Landwirtschaft doch nichts zu tun.« 

»Das mußt du ja wissen. Hebe bitte die Tafel auf, kleine Mama. 

Ich habe einen Händler bestellt und möchte ihn nicht warten 

lassen.« 

Als er ging, sah ihm Manja mit einem Blick unverhüllter Wut 

nach. So blitzartig er auch gewesen war, die Baronin hatte ihn 

dennoch bemerkt. Schweigend wandte sie sich ab, um nach oben 

zu gehen, doch das Mädchen umfaßte sie schmeichelnd. 

»Nicht wahr, geliebtes Tantchen, du begleitest mich zur Stadt? 

Wenn wir gleich abfahren – « 

»Aber Manja, du weißt doch, daß ich mich nach dem Mittagessen 

immer für eine Weile hinlege.« 

»Kannst du heute nicht eine Ausnahme machen?« 

»Leider nicht, ich bin an den Mittagsschlaf gewöhnt. Es ist ja 

auch gar nicht nötig, daß ich mitfahre, da du Amanda zu deiner 

Gesellschaft hast. Setz dich also in den Wagen und fahr in die 

Stadt, wo es mancherlei Abwechslung gibt. Das solltest du 

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übrigens öfter tun, da du ein geselliges Leben gewohnt bist, das 

wir dir leider hier nicht bieten können. Aber auf dem Lande ist es 

nun mal nicht anders. Da wird die Arbeit ganz groß und das 

Vergnügen ganz klein geschrieben.« 

»Auch wenn der Landwirt Geld hat?« 

»Auch dann. Denn ein echter Landwirt, der seine Scholle liebt, 

wird sie bewirtschaften, auch wenn ein prallgefüllter Geldsack 

hinter ihm steht.« 

»Und seine Frau?« 

»Die muß ihm Kamerad sein durch dick und dünn.« 

»Darf ich noch eine Frage stellen, geliebtes Tantchen?« 

»Bitte.« 

»Warum läßt sich Fräulein Hoog hier unten nicht sehen?« 

»Weil sie nach Hause gefahren ist.« 

»Aber warum denn?« spielte sie jetzt so schlecht Theater, daß es 

selbst dem Harmlosesten aufgefallen wäre. Denn sie wußte 

natürlich längst, daß Donata fort war, dafür hatte schon die 

Wühlmaus Amanda gesorgt. »Ich trage dem Fräulein doch nichts 

nach.« 

»Nett von dir.« 

»Hm – ja – was ich noch fragen wollte – wo ist Fräulein Hoog 

denn zu Hause? Was ist ihr Vater?« 

»Rechtsanwalt, der mit einem Sozius eine gutgehende Praxis 

unterhielt.« 

»Und warum ist Fräulein Hoog dann so arm?« 

»Weiß ich nicht.« 

»Was sind ihre Eltern sonst für Menschen?« 

»War – mußt du sagen; denn sie sind beide tot.« 

»Ach, so ist das. Und nun muß sich die Tochter als Angestellte ihr 

Brot verdienen.« 

»Nicht ganz so. Denn nach dem Tode ihrer Mutter nahm der 

Vetter und Sozius ihres Vaters, der auch ihr Vormund war, sie in 

sein Haus, wo sie wie eine Tochter gehalten wird.« 

»Ist der Mann reich?« 

»Kann man wohl sagen. Er besitzt außer der gutgehenden Praxis 

noch eine Farm in Kanada, die eine wahre Goldgrube ist.« 

»Dann wird diese Donata den reichen Onkel gar beerben?« 

»Wohl kaum, da er Familie hat. Trotzdem wird seine Nichte nicht 

leer ausgehen. Jetzt muß ich aber machen, daß ich nach oben 

komme, wenn ich dir nicht schlaftrunken vor die Füße fallen 

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will.« 

Damit ließ sie Manja stehen, die ihr mit offenem Mund 

nachstarrte, wie sie rasch noch feststellen konnte. 

So, meine Liebe, dachte sie zufrieden, als sie die Treppe 

emporstieg. Die erste bildlich genommene Ohrfeige hast du weg, 

die du nur reiche Menschen gelten läßt und auf die ärmeren 

hämisch herabschaust, auch wenn sie gebildet und aus gutem 

Hause sind. Wenn du weißt, daß die >Bettelmamsell< einen 

reichen Onkel hat, der sie wie eine Tochter hält, wirst du sie mit 

einem anderen Maß messen. Aber vermiß dich dabei nur nicht 

zu deinen Gunsten. Das Maß nimmt dir kein Mensch ab, der 

dich kennt und der Donata kennt. Sie ist wie ein strahlendes 

Licht, während du wie eine Glimmlampe bist. 

In ihrem Wohnzimmer streifte sie die Schuhe ab, griff nach 

einem Buch und streckte sich auf den Diwan. 

In dem Gemach war alles wertvoll und auserlesen, wie die 

gesamte Einrichtung im Schloß. Die das alles schufen, waren ja 

auch noch reich gewesen, während der letzte Brandegg mit der 

Mark rechnen mußte. Seufzend schlug sie das Buch auf, doch sie 

konnte sich nicht sammeln. Die Gedanken schweiften ab, bis sie 

immer träger wurden und der Schlaf sie dann ganz verscheuchte. 

Den Schlaf wiederum verscheuchte dann ein Klopfen an der Tür. 

»Ja – was gibt’s?« fragte sie noch traumumfangen, worauf der 

Sohn ins Zimmer trat und besorgt fragte: 

»Bist du krank, Mutter?« 

»Warum sollte ich das sein?« 

»Es ist Kaffeezeit, Mutter, und du warst nicht da.« 

»Da brauche ich doch nicht gleich krank zu sein, du dummer 

Junge. Ich habe die Zeit verschlafen. Geh schon vor. Ich mache 

mich rasch frisch und komme dann nach.« 

Schon fünf Minuten später betrat sie das trauliche 

Frühstücksstübchen, wo der Kaffeetisch gedeckt war. 

Da es regnete, war es im Zimmer so dunkel, daß trotz der frühen 

Nachmittagsstunde über dem Tisch die entzückende Laterne 

brannte, die ihr buntes, geschliffenes Glas in allen Farben 

schimmern ließ. Auf dem Tisch summte die Kaffeemaschine, 

stand ein Teller mit Kuchen. Das Geschirr war aus kostbarem 

Porzellan. 

Als man Platz genommen hatte, sagte die Baronin: 

»Warten wir nicht auf Manja, fangen wir an.« 

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»Die ist ja gar nicht hier, sondern mit Amanda zur Stadt gefahren. 

Bertchen bestellte einen Gruß von ihr. Zum Abendessen käme sie 

zurück.« 

»Vernünftig von ihr, daß sie bei dem trübseligen Wetter nicht 

hier herumsitzt.« – 

Sie erschien aber nicht zum Abendessen, sondern eine Stunde 

später. 

»Du scheinst dich ja gut amüsiert zu haben«, sagte die Baronin, 

als sie ins Wohnzimmer wirbelte und sich in einen Sessel fallen 

Heß. 

»Habe ich auch. Es ist ziemlich viel los in dem kleinen Nest. 

Einen Reitdreß bekam ich da – olala! Und dann habe ich im 

Cafe einen Schlager gehört, einfach phänomenal. Ich werde ihn 

euch gleich mal vorspielen.« 

Sie tänzelte zum Flügel, der mitten im Zimmer stand, hämmerte 

auf die Tasten und sang dazu eine ganz andere Melodie. Das 

heißt, Melodie hatte beides nicht, bestand nur aus Getöse. 

»Nun, wie hat es euch gefallen?« fragte sie stolz, nachdem sie 

Tasten und Stimme genug malträtiert hatte. »Da liegt Schmiß 

drin, nicht wahr, Rüdiger?« 

»Hm – «, brummte er. »So viel Schmiß, daß du dabei 

wahrscheinlich die Tasten zerschmissen hast.« 

»Du bist ein Grobian. Wann beginnen wir mit dem 

Reitunterricht?« 

»Sprunghaft, aber immerhin verständlich. Wenn es morgen nicht 

regnet, können wir anfangen.« 

»Wunderbar! Das wird ein Spaß werden.« – 

Das wurde es. Allerdings nicht für die Reiterin, sondern für die 

Zuschauer. Diese traten freilich nicht in Erscheinung, sondern 

lugten aus den Ställen und standen in den Gutsbeamtenhäusern 

hinter der Gardine. 

Ein Pferd wurde vorgeführt, das schon sein Gnadenbrot bekam 

und nur noch zu leichten Arbeiten herangezogen wurde. Aber 

das brauchte Manja nicht zu wissen, die natürlich ein Rassepferd 

verlangte, das sie schon abgeworfen hätte, bevor sie noch richtig 

saß. 

Darauf wollte der Gutsherr es natürlich nicht ankommen lassen. 

Er wollte nur dem selbstherrlichen Mädchen, das sich einbildete, 

auf ein Roß zu steigen und gleich wie eine Amazone loszureiten, 

eine Lehre erteilen. Und sie, die damit prahlte, eine vorzügliche 

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Pferdekennerin zu sein, hielt das brave alte Tier für edles 

Vollblut. Wie sollte man es auch wagen, ihr etwas anderes 

anzubieten? 

»Na, nun mal hoppla!« ermunterte der Reitlehrer die angehende 

Reiterin, die einen Dreß trug, den man mit elegant bezeichnen 

konnte – nur daß sie da nicht hineinpaßte. 

Als sie zögerte, hob er sie in den Sattel und reichte ihr die Zügel, 

die sie nicht nahm, sondern sich in die Pferdemähne krallte. Ein 

Glück, daß die Liese so geduldig war, sonst wäre die Reiterin im 

hohen Bogen aus dem Sattel geflogen, obwohl sie das Pferd mit 

Armen und Beinen umklammerte. 

Sie bot ein so groteskes Bild, daß die Zuschauer in den Ställen 

verhalten kicherten und die hinter den Fenstern schallend 

lachten. 

»Wie ein Aff auf dem Leierkasten«, sagte der Oberinspektor zu 

den Seinen, die neben ihm standen. »Was mag sich die brave 

Liese wohl denken, daß man sie zum Reitpferd der zukünftigen 

jungen Herrin von Brandegg auserkor?« 

»Na, hör mal, Paps, wenn unser Rüdiger die heiratet, dann 

schluck ich Tennisbälle«, entgegnete seine Tochter lachend. »Und 

wenn die von oben bis unten mit Tausendmarkscheinen bestückt 

wäre,  die  nimmt  er  nicht,  so  versessen  er  auch  auf  Geld  ist.  Da 

kehrt er lieber zu Wanda Graup zurück. Dann hat er wenigstens 

ein geldbringendes Weizenfeld und keinen kostspieligen 

Tuschkasten.« 

»Nun hör bloß, Mutter, was unsere Tochter alles weiß!« 

zwinkerte er seiner Ehehälfte zu, die gleich den andern herzlich 

lachte. »Aber der Vergleich paßt wie die Faust aufs Auge. Aha, 

jetzt kriegt er sie beim Genick und setzt sie hoch. Sanft geht er 

gerade nicht mit ihr um. Die wird schon ihre verzärtelten 

Knochen spüren. Er hält sie doch tatsächlich am Hosenboden 

fest! So, jetzt trottet die Liese ab, und Rüderchen trottet getreulich 

nebenbei. Wie seine Augen blitzen, seine Mundwinkel zucken – 

der hat vielleicht einen Heidenspaß! Und die Amazone macht 

ein Gesicht, als ob die Katz donnern hört.« 

So ähnliche Bemerkungen machten auch die anderen Zuschauer. 

Man amüsierte sich köstlich und bedauerte es, als nach einer 

Runde um den Hof der groteske Ritt beendet wurde, womit die 

Reiterin einverstanden war. 

Kaum daß die malträtierte Liese stand, rutschte Manja seitwärts 

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aus dem Sattel, Rüdiger fing sie auf – und nun hatte er sie am 

Hals im wahrsten Sinne des Wortes. Sie schien sich an dem 

warmen Plätzchen so richtig wohl zu fühlen, doch er war 

grausam genug, sie von seinem Herzen zu reißen und mit 

Nachdruck auf die Beine zu stellen. 

»Au, Rüdiger, warum tun mir denn Beine und Kreuz so weh?« 

jammerte sie, was die Zuschauer leider nicht hören konnten. Nur 

der Pferdepfleger vernahm es und grinste von einem Ohr bis zum 

andern, während sein Herr Antwort gab: 

»Das ist nach den ersten Ritten immer so.« 

»Aber das Reiten soll doch ein Vergnügen sein.« 

»Für den, der es kann.« 

»Aber ich kann es doch schon gut.« 

»Natürlich, da du doch so ein Phänomen in jeder Beziehung bist, 

fällst du gleich als Meister vom Himmel. Gehen wir – « 

»Ich kann nicht, du mußt mich tragen.« 

»Auch das noch. Ich bin ja schließlich kein Herkules. Häng dich 

an meinen Arm.« 

»Ich kann doch nicht – « 

Da zog er sie mit sich fort zum Portal hin, wo Amanda ihren 

Abgott in Empfang nahm. 

»Was hat denn mein Goldkind? Es geht ja ganz krumm – « 

»Bringen Sie sie zu Bett und reiben ihr den Körper mit 

Franzbranntwein ein.« 

»Aber da muß doch ein Arzt her!« 

»Theater und kein Ende«, brummte er, ließ sie einfach stehen 

und ging ins Wohnzimmer, wo seine Mutter lachend sagte: 

»Wer will stramm riede, mot ok wat liede.« 

»Hast du dir den Amazonenritt etwa auch angesehen?« fragte er 

schmunzelnd. 

»Hab ich, sogar mit Fernglas. Nun weiß ich auch, warum du so 

bereitwillig darauf eingingst, ihr Reitunterricht zu erteilen.« 

»Die steiget auf ein Roß nicht mehr«, entgegnete er lachend. »Sie 

hätte ja doch keine Ruhe gegeben, da sie sich die Reiterei in den 

Kopf gesetzt hatte. So ließ ich sie denn durch Schaden klug 

werden und habe meine Ruhe.« 

So war es auch. Der Muskelkater hatte genügt, um der 

verzärtelten Manja das Reiten zu verleiden. Sie kam nicht mehr 

darauf zurück und beendete damit die für die anderen so 

vergnügliche Episode. 

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Es regnete nun schon seit Tagen, und wer nicht durchaus nach 

draußen mußte, blieb in der warmen Stube, wie es auch der 

Gutsherr von Brandegg tat. Er saß jetzt viel mit der Mutter im 

Wohnzimmer, geruhsam plaudernd und dabei sein Pfeifchen 

schmauchend. An Gesprächsstoff mangelte es ihnen nicht. Es gab 

immer etwas, worüber sie sich unterhalten konnten. 

Doch sobald Manja erschien, war es mit der Traulichkeit vorbei. 

Sie lachte und schwatzte, trällerte und hieb auf die Tasten des 

Flügels ein. Zum Glück dauerte das nie lange, wie alles, was sie 

unternahm. Sie hatte von allem gleich genug und sah sich nach 

anderer Abwechslung um, die es aber in Brandegg für sie nicht 

gab. 

Sich eine Beschäftigung zu suchen, war für sie ein fremder 

Begriff. Sie las auch nicht außer in Illustrierten, die sie aber auch 

nur durchblätterte. Wenn sie bei den Gesellschaftsspielen, mit 

denen man sich an den langen Abenden beschäftigt, nicht 

gewann, warf sie wütend das Spiel durcheinander. 

Und so allmählich begann die Tünche von ihr abzublättern, die 

ja ohnehin nur lose saß. Immer mehr lockerte sich die Maske der 

Scheinheiligkeit, immer mehr zeigte sie ihre Wut darüber, daß sie 

ihren Willen nicht durchsetzen konnte. 

Nun war sie schon vier Wochen hier, was bei ihrem flatterhaften 

Wesen immerhin eine Leistung war, und war dem Mann, den sie 

durchaus haben wollte, noch um keinen Schritt 

nähergekommen. So raffiniert sie es auch anfangen mochte, es 

gelang ihr dennoch nicht, ihn aus seiner Reserve herauszulocken. 

Wohl hatte er sie einmal zur Stadt mitgenommen. Daß er jedoch 

seinen Wagen fuhr, dieses vorsintflutliche Vehikel, erboste sie. 

Immer wieder bot sie ihm den ihren an wie sauer Bier, und 

immer wieder lehnte er strikt ab. Als sie während der Fahrt 

liebevoll seinen Arm umklammerte und ihr Haupt 

hingebungsvoll an seine Schulter schmiegte, fuhr er sie unwillig 

an: 

»Laß das gefälligst bleiben. Ich muß die Arme zum Steuern frei 

haben.« 

Als sie bei dem barschen Ton empört auffuhr, verbot er ihr gar 

den Mund, dieser Flegel. Und dennoch gefiel er ihr doch so gut. 

Auch eine Fahrt über Land brachte ihr nicht die Erfüllung ihrer 

Wünsche. Alles, was sie sich bei dem regnerischen Wetter im Gig 

holte, war ein Schnupfen, den dieses Treibhauspflänzchen so 

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tragisch nahm, als läge es in den letzten Zügen. 

»Goldkind, so geht es nicht weiter«, redete Amanda ihr liebevoll 

zu. »Dieses abscheuliche Wetter hältst du bei deiner Zartheit 

nicht aus. Laß uns in den Süden fahren.« 

»Nein, ich bleibe hier, verstanden!« 

»Aber ja, mein Goldkind, reg dich bloß nicht auf. Das Wetter 

wird ja auch besser werden.« 

Aber es wurde nicht besser. Und als Manja es vor Langeweile 

nicht mehr aushalten konnte, suchte sie Zerstreuung in der Stadt, 

in die es sie nun täglich zog. Die Ausfahrten währten immer 

länger, dehnten sich zuletzt schon bis in den späten Abend aus. 

Die Baronin, die das beunruhigte, sprach nun darüber mit ihrem 

Sohn. 

»Hör mal, Rüdiger«, begann sie, und sofort legte er das Buch fort, 

in dem er las. 

»Ja, kleine Mama?« 

»Fällt es dir denn gar nicht auf, daß Manja jetzt täglich in der 

Stadt ist und immer erst spät zurückkehrt?« 

»Gewiß fällt mir das auf«, entgegnete er gelassen. »Es ist ihr hier 

zu langweilig, da fährt sie eben zur Stadt.« 

»Es muß dort aber etwas geben, was sie besonders anzieht. Ob es 

ein Mann ist?« 

»Na, was denn sonst?« 

»Und das kannst du so ruhig sagen? Wir sind doch schließlich für 

Manja verantwortlich, da ihr Großvater sie uns anvertraute.« 

»Da irrst du, Mutter. Der Mann hat nur verlangt, daß wir Manja 

bei uns aufnehmen, aber nicht, daß wir sie bevormunden, was 

sie sich auch hochfahrend verbitten würde. Sie ist alt genug, um 

zu wissen, was sie tut. Außerdem fährt sie nie allein, sondern 

nimmt immer Amanda mit.« 

»Die bestimmt beide Augen zudrückt, wenn ihr Goldkind es 

verlangt.« 

»Das soll nicht unsere Sorge sein. Aber wenn es dich beruhigt, 

will ich mich unter der Hand erkundigen, was sie in der Stadt 

treibt.« 

Das sollte er schon am nächsten Tag durch Zufall erfahren. Denn 

als er in der Stadt die Hauptstraße entlangging, kam ihm Manja 

entgegen, eingehängt im Arm eines Mannes, der einen ähnlichen 

Typ verkörperte wie Donatas abgeblitzter Bewerber. Sie waren so 

im Gespräch vertieft, daß sie auf die Vorübergehenden nicht 

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achteten. Auch Amanda nicht, die gottergeben hinterhertrottete. 

So blieb der Baron unbemerkt, was ihm nur recht sein konnte. 

Da brauchte er sich nicht in eine Angelegenheit zu mischen, die 

ihn nichts anging. 

Allein seine Mutter, der er von der Begegnung erzählte, war 

anderer Ansicht. 

»Rüdiger, du mußt dich darum kümmern«, sagte sie eindringlich. 

»Wenn es nun ein Abenteurer ist, der es auf ihr Geld abgesehen 

hat? Herrgott, Junge, sei doch nicht so pomadig!« 

»Und du sei nicht so aufgeregt, Muttchen!« 

»Ich werde mich immer mehr aufregen, wenn du nichts 

unternimmst.« 

So gab er denn nach und fragte Manja, als sie zur Mittagstafel 

erschien, wer denn der Mann sei, mit dem er sie gestern in der 

Stadt gesehen habe. 

Zuerst sah sie ihn erschrocken an, doch dann zwang sie sich zu 

einem Lachen, das nervös und unecht klang. 

»Ach, du meinst den Eddy Kraune. Fescher Junge, nicht wahr? Ein 

alter Verehrer von mir, den ich zufällig in der Stadt traf.« 

»Hm. So kennst du ihn also näher?« 

»Aber ja. Schon von der Tanzstunde her und später von den 

Gesellschaften. Sein Vater besitzt eine große Werkzeugfabrik in 

meiner Heimatstadt, und Eddy ist sein einziges Kind. Er möchte 

mich schrecklich gern heiraten.« 

»Dann ist ja alles in Ordnung.« 

Es klang so gleichgültig, daß Manja zuerst einmal den Mund zu 

schließen vergaß – und dann fiel auch noch das letzte Bröckchen 

Tünche von ihr ab. Sie legte los, in ihrer Wut die Worte nicht 

wägend. 

»Das nennst du in Ordnung!« schrie sie, daß ihr fast die Stimme 

überschlug. »Ja, weißt du denn gar nicht, was es für dich 

bedeutet, wenn ich meine Hand von dir abziehe? Denn die 

Erbschaft bekommst du nur mit meiner Hand – am 

Hochzeitstag, mein Lieber – am Hochzeitstag.« 

»Genug!« peitschte seine Stimme auf. »Dieser Tag wird nie 

kommen.« 

»Dann kriegst du auch die Erbschaft nicht, nach der du wie wild 

hinterher bist – « 

»Auf die verzichte ich. Noch etwas?« 

»Ja. Ich werde dich wegen Heiratsschwindel verklagen!« 

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»Na, nun schlägt’s dreizehn!« lachte er amüsiert, was sie immer 

mehr in Rage brachte. 

Sie schüttelte die Fäuste nach ihm, schrie, tobte und rannte dann 

davon »Das ist ja furchtbar«, sagte die Mutter, die vor Schreck 

erblaßt war. 

»Ob sie nicht ganz normal ist?« 

»Das sind blindwütige Menschen nie, Muttchen.« 

»Was wirst du nun tun?« 

»Ich? Gar nichts.« 

»Und wenn sie abfährt?« 

»Meinen Segen hat sie.« 

»Junge – die Erbschaft – « 

»Jetzt fängst auch du noch damit an. Laß lieber die Erbschaft zum 

Teufel gehen, als daß ich mir mit der Erbschaft den Teufel ins 

Haus hole. Gehen wir zum Essen, der Gong ruft.« 

Sie hatten sich nach der Mahlzeit gerade wieder ins 

Wohnzimmer zurückgezogen, als Mamsellchen erschien, hochrot 

vor Aufregung. 

»Sie ist weg!« platzte sie heraus. »Mit Sack und Pack. Sie läßt den 

Herrschaften sagen, daß sie sich mit Herrn Kraune verloben wird. 

Der sei ein Kavalier, und der Herr Baron sei ein Flegel. Und so 

was will eine Dame sein. Gut, daß wir sie los sind!« 

Zufrieden trollte sie ab, und ihr Herr wandte sich seiner Mutter 

zu. 

»Na, siehst du, Muttchen. Das Ende dieser Episode war kurz und 

schmerzlos.« 

»Kann man wohl sagen«, atmete sie auf. »Ihren Abgang habe ich 

mir denn doch komplizierter vorgestellt.« 

»So hast du damit gerechnet?« 

»Nicht gerechnet, aber gehofft. Dieses unselige Testament hat mir 

Sorge genug gemacht.« 

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« 

»Weil ich mich nicht einmischen wollte. Ganz unbeeinflußt 

solltest du dich entscheiden. 

Schau mal, Rüdiger, wenn ich dir nun damit in den Ohren 

gelegen hätte, ein wie minderwertiger Mensch Manja ist, dann 

hättest du dir nicht ohne Voreingenommenheit dein Urteil über 

sie bilden können. Ich habe mich sogar bemüht, dir nicht zu 

zeigen, wie unsympathisch sie mir war. Ich durchschaute das 

Theater, das sie uns vormimte, nämlich sofort. Hatte auch mehr 

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Gelegenheit, sie kennenzulernen, als du, da ich mehr mit ihr 

zusammen war. Außerdem wurde mir von unseren Getreuen so 

manches hinterbracht, weil Manja sich ihnen gegenüber ja nicht 

den Zwang auferlegte wie bei dir und mir. Sie trägt übrigens – 

jetzt kann ich es dir ja sagen – auch die Schuld daran, daß 

Donata nach Hause fuhr.« 

Sie erzählte, was sich an jenem Nachmittag zugetragen hatte, und 

da fuhr er auf. 

»Das hätte ich wissen müssen! Dann hätte ich schon damals 

reinen Tisch gemacht.« 

»Siehst du, gerade das wollten Donata und ich verhindern. Sie 

wollte nicht die Veranlassung dazu sein, daß du voreilig 

handeltest.« 

»Na schön. Ich werde jetzt zum Notar fahren und die Sache dort 

in Ordnung bringen.« 

Der Notar, ein seriöser Herr, war gar nicht erstaunt, als Brandegg 

kategorisch erklärte, daß er auf die Erbschaft verzichte. 

»So habe ich mir das gedacht«, nickte er wohlgefällig, »daß der 

alte Braß die Rechnung ohne Sie machen würde, Herr Baron. Ich 

kenne die liebe Manja und weiß daher, daß sie zu den Erbinnen 

gehört, die auf ihren Geldsack pochen, daß er klingt.« 

»Dann kann sie ihn bei dem Mann klingen lassen, in dessen 

Arme sie flüchtete«, bemerkte Rüdiger trocken, und der andere 

schmunzelte. 

»Sie meinen den Eddy Kraune, Herr Baron?« 

»So heißt er wohl.« 

»Dann ist sie ja an den Richtigen geraten. Der läßt sich nämlich 

nicht an den Wimpern klimpern, wie man so sagt. Also wird es 

eine Ehe geben mit Ach und Krach. Jedenfalls freue ich mich, daß 

Sie auf den Trick des alten Fuchses Braß nicht hereingefallen 

sind, Herr Baron. Wäre schade gewesen um so einen feinen Kerl.« 

»Danke für die Schmeichelei.« 

»Es ist keine Schmeichelei, es ist Tatsache.« 

Nachdem die Formalität erledigt war, verabschiedete man sich, 

einer des anderen Wertschätzung gewiß. 

Einige Tage später erhielt Rüdiger die Verlobungsanzeige der 

Manja von Braß mit Eddy Kraune. 

»Siehst du, Muttchen, jetzt bist du auch deine zweite 

Schwiegertochter in spe los«, bemerkte er schmunzelnd. »Die 

erste war ein Weizenfeld, die zweite ein Tuschkasten, und die 

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dritte wird wahrscheinlich eine Henne mit goldenen Eiern sein. 

Stell dir mal vor, so jeden Tag ein Ei-« 

»Hör bloß auf, du Schlingel, der schon nach einer andern 

Geldquelle schielt, kaum daß die letzte entschwand.« 

»Schade, daß Manja nicht Martha heißt.« 

»Warum das?« 

»Dann könnte ich doch frei nach Flotow singen: Martha, Martha, 

du entschwandest und mit dir dein Portemonnaie.« 

Lachend sahen sie sich an, und so nahm denn auch die Episode 

Manja einen fröhlichen Ausklang. 

Es war an einem Tag Ende November, als die Herrin von 

Brandegg im Wohngemach saß und einen Brief las. Sie war dabei 

so vertieft, daß sie den nahenden Sohn nicht hörte, dessen 

Schritte allerdings der dicke Teppich verschlang. 

Erst als sie zu Ende gelesen hatte, sah sie auf und sagte erstaunt: 

»Nanu, bist du denn unter die Leisetreter gegangen? Wie lange 

stehst du denn schon da?« 

»Einige Minuten schon.« Er ließ sich nieder. »Ich wollte dich bei 

der interessanten Lektüre nicht stören. Was schreibt Donata?« 

»Wieso weißt du, daß der Brief von ihr ist?« 

»Von dem Umschlag, der auf dem Tisch liegt. Und da ich ihre 

Schrift kenne – also, was schreibt sie?« 

»Vergnügliches und Interessantes durcheinander. Sie befindet 

sich seit vier Wochen auf der Farm ihrer Verwandten.« 

»Was macht sie da?« 

»Sie macht sich nützlich. Arbeitet im Büro, hilft im Hause, reitet 

an der Seite ihres Vetters über die Felder und manches andere 

mehr. Übrigens gedenkt sie sich zu verloben.« 

»Schon wieder mal?« 

»Allerdings. Aber diesmal handelt es sich nicht um eine 

zweifelhafte Existenz, sondern um einen Mann, der dort begütert 

ist und im Hause ihrer Verwandten ein und aus geht. Er wird von 

allen sehr geschätzt – « 

»Und von Donata natürlich heiß geliebt«, warf er ironisch ein, 

und sie sah ihn erstaunt an. 

»Warum denn nicht? Er ist ein Mann, der seiner Frau allerlei zu 

bieten hat. Sieht gut aus, hat einen guten Charakter, hat Geld – « 

»Das dann hübsch in der Verwandtschaft bleibt.« 

»Rüdiger, sei doch nicht so bissig!«, wurde sie jetzt ärgerlich. 

»Ihre Verwandten haben selbst Geld genug, da brauchen sie nicht 

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nach anderem zu schielen. Daß sie Donata, die sie ganz zu den 

Ihren zählen, gut versorgen wollen, ist ihnen nicht zu verdenken. 

Und sie wäre töricht, eine solche Partie auszuschlagen. 

Übrigens hat sie uns im Namen ihrer Verwandten herzlich 

eingeladen. Fahren wir doch hin, dann kommst du mal aus 

dieser Tretmühle heraus und kannst dich so richtig ausruhen. Es 

ist hier ja jetzt stille Zeit. Bis die stramme Arbeit einsetzt, sind wir 

zurück. Was meinst du dazu?« 

»Daß ich die Gastfreundschaft von Menschen nicht in Anspruch 

nehmen kann, die ich nur dem Namen nach kenne. Ich wundere 

mich, daß du nicht auch so denkst, wo du doch sonst so 

zurückhaltend bist.« 

»Ganz fremd sind mir die Menschen nicht«, stellte sie richtig. 

»Ich kenne sie von den Besuchen bei Donatas Mutter und habe 

mehr als einmal meine Beine unter ihren Tisch gesteckt.« 

»Das stimmt schon«, gab er zu. »Aber es genügt nicht, um sich 

auf Wochen bei ihnen einzuquartieren. Ich tue es jedenfalls nicht 

– und allein lasse ich dich die weite Reise nicht machen. Sieh das 

nicht als Bevormundung, sondern als Besorgnis an. Wenn es dir 

hier zu einsam und das Wetter zu schlecht ist, fahren wir gen 

Süden zu – « 

»Worauf ich gern verzichte«, unterbrach sie ihn gelassen. »Ich 

habe über dreißig Jahre meine Heimat hier, wo ich mich nie 

einsam fühlte, wo ich Herbst und Winter immer gut überstand. 

Bis auf den letzten, aber da war ich auch krank. Doch jetzt bin 

ich gesund, habe dich, unsere Getreuen, ein trautes Zuhause und 

ein behagliches Leben, habe somit allen Grund, zufrieden zu 

sein. Wenn ich dir den Vorschlag mit der Reise machte, geschah 

es um deinetwillen, damit du mal ‘rauskommst aus dem ewigen 

Einerlei.« 

»Aus dem ich aber gar nicht herauskommen möchte.« 

»Dann sind wir uns ja einig.« 

»Als ob wir das nicht immer wären. Was bist du doch für ein 

wunderbarer Mensch, meine kleine Mama!« 

»Und was bist du für ein Dummkopf, mein großer Sohn!« 

»Warum denn das?« 

»Gedanken sind frei.« 

»Dann will ich da nicht eindringen« lachte er. »Und nun gehab 

dich wohl, geliebte Mutz. Ich muß zur Försterei, bin aber zum 

Mittagessen zurück.« 

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Lächelnd sah sie ihm nach, als er straff und aufrecht das Zimmer 

verließ. Von seinen Verletzungen war nichts zurückgeblieben, er 

war vital wie eh und je. 

Sie ging in ihr Wohnzimmer, um dort Donatas Schreiben zu 

beantworten. Es wurde ein langer Brief, in dem sie auch Manjas 

Abgang schilderte. Dann fügte sie noch manches hinzu, das sie 

nur andeutete. Aber Donatas kluges Köpfchen würde es bestimmt 

zu deuten wissen. Nun war sie auf die Antwort gespannt, die 

allerdings nicht so bald eintreffen würde, auch wenn der Brief 

durch Luftpost befördert wurde. Aber zu Weihnachten würde sie 

schon Nachricht bekommen; denn soweit sie Donata kannte, 

ließ diese sie nicht ohne Weihnachtsgruß. 

Allerdings waren es bis dahin noch vier Wochen, aber die Zeit 

verging ja so schnell. Hauptsächlich jetzt, da die 

Weihnachtsvorbereitungen begannen. Galt es doch, alle die zu 

bescheren, die zu Brandegg gehörten, und das waren gewiß nicht 

wenige. 

Fast täglich fuhr die Baronin mit ihrem Sohn zur Stadt, um 

Einkäufe zu machen. Zum Glück waren die Wege noch nicht so 

verschneit, so daß man mit dem Auto gut durchkam. 

Einige Tage vor Weihnachten war dann alles geschafft. In dem 

riesigen Saal lagen auf langen Tischen die Geschenke. Pappteller 

standen daneben, gefüllt mit Pfefferkuchen, anderem 

Kleingebäck, Süßigkeiten, Äpfeln und Nüssen. 

Das war für die Frauen und Kinder. Die Männer bekamen außer 

einem Monatsgehalt eine Flasche Schnaps und eine Kiste 

Zigarren. 

Das alles zu kaufen, kostete bei den vielen Menschen eine gute 

Stange Geld. Aber so sparsam der Gutsherr sonst auch war, wenn 

es um seine Leute ging, wurde nicht geknausert. Die mußten 

haben, was ihnen zukam, und noch manches darüber hinaus. 

Den Dank dafür statteten sie durch fleißige Arbeit, Treue und 

Anhänglichkeit ab, und dieser Dank war Goldes wert. 

Nun war die allgemeine Bescherung vorüber. Der Saal, in dem 

noch vor einer halben Stunde jubelndes Leben herrschte, lag jetzt 

einsam da, die Kerzen an der riesigen Tanne waren verlöscht. 

Doch an dem Baum im Wohngemach brannten noch Kerzen. Er 

stand auf einem Tischchen, auf dem die Gaben für Mutter und 

Sohn lagen. Es waren nicht viele, dafür aber mit Liebe gewählt. 

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»Mutter, wie hast du das bloß wieder zuwege gebracht?« besah 

der Sohn kopfschüttelnd die teure Armbanduhr. »Bei dem kargen 

Taschengeld, und das andere hast du doch für das Darlehen 

gegeben.« 

»Rede nicht so viel!« unterbrach sie ihn lachend. »Freu dich lieber 

über das gute Stück, das du so nötig brauchst. Denn deine alte 

Uhr ist nicht nur schäbig, sondern auch unzuverlässig. Was sagst 

du nun dazu, ist das so richtig?« 

»Ein Lexikon für die Landwirtschaft! Mutter, du beschämst mich 

immer mehr. Dagegen sind meine Gaben für dich – « 

»Genau das, was ich mir wünschte. Komm, genießen wir die 

Feierstunde in aller Geruhsamkeit.« 

So saß man denn am Kamin, schaute versonnen in den 

Kerzenschein, lauschte der Radiomusik, die Weihnachtslieder 

spielte, trank von der vorzüglichen Bowle und knabberte 

weihnachtliches Naschwerk, wobei die Pfeife nicht fehlen durfte, 

die gehörte nun mal zu des Mannes Behaglichkeit, die durch das 

Geplärre, das jetzt aus dem Rundfunk kam, beeinträchtigt wurde. 

Ein Druck auf die Taste, und nun war nur noch das zarte Klingen 

des Glockenspiels hörbar, das auf der Spitze der Tanne steckte. 

Die drei Hunde, die wie stets zu Weihnachten eine Wurst 

bekamen, hatten sich daran gelabt und lagen nun langgestreckt 

vor dem Kamin. Jetzt hob der Spaniel den Kopf, lauschte, äugte – 

und sprang dann blaffend der Gestalt entgegen, die plötzlich im 

Zimmer stand und die Hunde abwehrte, die freudejaulend an ihr 

hochsprangen. 

»Aber ja, ist doch schon gut, ihr feinen Hundchen. Wartet mal, 

Frauchen hat da etwas für euch.« 

Wie hergezaubert hielt Donata drei Würste in der Hand, die sie, 

der Größe der Hunde nach abgestuft, in die zuschnappenden 

Schnauzen steckte, worauf Ruhe eintrat. In diese rief nun die 

Baronin, die sich gleich dem Sohn von ihrer Überraschung erholt 

hatte, freudig hinein: 

»Kind, geliebtes, wie kommst du denn so plötzlich her?!« 

»Mit dem Auto, mit dem ich gerade so knapp durch den Schnee 

kam«, entgegnete sie vergnügt, indem sie ihre Lippen auf die 

Wange der Tante drückte und dann Rüdiger die Hand reichte. 

Wie selbstverständlich nahm sie Platz, griff nach dem 

nächststehenden Glas, trank es aus und schmiegte sich wie ein 

schnurrendes Kätzchen in den Sessel. 

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»So ist es schön!« lachte sie die beiden an. »Die Fahrt war 

nämlich nicht so einfach durch den weißen Segen, den der 

Himmel auf die weihnachtliche Erde schüttet. Wäre nicht der 

riesige Laster gewesen, der die gleiche Strecke fuhr, wäre mein 

Wagen an manchen Stellen wohl steckengeblieben. So jedoch 

walzten die mächtigen Räder die Schneeschanzen nieder, und ich 

hatte freie Fahrt.« 

»So ein Leichtsinn, bei dem Wetter im Auto zu fahren!« begann 

Rüdiger, doch Donata winkte ab. 

»Du mußt natürlich wieder schimpfen, du Rauhbein. Tust du das 

etwa auch, Tante Linda?« 

»Über ein Weihnachtsgeschenk pflegt man nicht zu schimpfen. 

Und du bist das schönste Weihnachtsgeschenk für mich, meine 

herzliebe Dodo. Doch du wirst hungrig sein. Da werde ich gleich 

– « 

»Nicht nötig, Tante Linda. Man weiß in der Küche Bescheid.« 

»Warst du denn dort?« 

»Ja. Ich hielt am Kücheneingang, weil ich doch eine 

Überraschung für dich sein wollte. Wie ich empfangen wurde, 

kannst du dir ja denken. Daß ich heile Rippen habe, ist wie ein 

Wunder, so herzhaft packte man in der Freude zu. Aber da ist ja 

schon unser Mamsellchen höchstpersönlich.« 

»Das gehört sich auch so bei einem Ehrengast.« Die Mamsell 

versorgte ihren Liebling mit Leckerbissen. Wenn Donata das alles 

gegessen hätte, was sie vor ihr aufbaute, wäre ihr wohl der letzte 

Bissen aus dem Mund gequollen, wie bei Max und Moritz das 

Hühnerbein. 

»Nun essen Sie sich nur schön satt!« ermunterte Idchen. »Sie 

müssen nach dieser langen und beschwerlichen Fahrt doch 

erbärmlichen Hunger haben. Liebes Gottchen im Himmel 

droben, was hast du uns bloß für Freude gemacht mit diesem 

Weihnachtsengelchen! Jawohl, das hast du!« 

Sich energisch schneuzend, zog sie ab, und Donata sagte 

lachend: 

»Liebes Gottchen im Himmel droben, wenn du solche Engel hast 

wie mich, dann hast du keine himmlischen Heerscharen, 

sondern Zierpuppen.« 

»Mein Sohn, das war ein Seitenhieb für dich«, lachte die Mutter 

herzlich, und schmunzelnd erfolgte die Antwort: 

»Viel wert, wenn einer sich selbst erkennt. Doch nun bin ich 

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neugierig zu erfahren, woher du eigentlich kommst. Du weiltest 

doch auf der Farm deiner Verwandten.« 

»Stimmt. Doch je näher das Weihnachtsfest rückte, um so 

sehnsüchtiger wünschte sich unsere liebe Tante Liesel, es zu 

Hause zu verleben. Und da Onkel Erwin seiner Frau jeden nur 

möglichen Wunsch zu erfüllen pflegt, so tat er es auch diesmal. 

Sohn und Schwiegertochter, die nun auch Sehnsucht bekamen 

nach einem echten, rechten Weihnachtsfest mit allem Drum und 

Dran, gaben dieser Sehnsucht nach. Sie nahmen sogar ihre 

beiden Kinder samt Pflegerin mit – und so zogen wir denn 

gewissermaßen ab mit Kind und Kegel. Die Reise per Auto und 

Flugzeug verlief so bequem, daß wir eine Woche vor 

Weihnachten quietschvergnügt zu Hause anlangten. Da nun dort 

Menschen genug sind, platzte ich in eure Zweisamkeit.« 

»Und wie nahmen das deine Verwandten auf?« 

»Die ließen mich zwar ungern, aber immerhin ziehen. Alle lassen 

herzlich grüßen und würden sich über euren baldigen Besuch 

riesig freuen. 

Schön ist das hier, so richtig weihnachtlich. Bei uns wird es nicht 

so friedlich zugehen, dafür sind alle, bis auf Onkel und Tante, zu 

turbulent. Kaum zu glauben, was sie alles an Geschenken 

zusammenschleppten. Bevor ich mich auf den Weg machte, 

mußte ich unbedingt noch beschert werden, was so viel Zeit in 

Anspruch nahm, daß ich erst drei Stunden später abfahren 

konnte, als ich mir vorgenommen hatte. Und nun will ich doch 

mal sehen, was mir der Weihnachtsmann für euch mitgab. Die in 

der Küche haben schon ihr Teil weg.« 

Sie griff nach dem kleinen Koffer, den sie neben sich abgestellt 

hatte, und entnahm ihm eine Truhe, die sie der Baronin 

überreichte. 

»Hoffentlich gefällt sie dir, Tante Linda. Ich finde sie 

wunderschön.« 

»Das ist sie auch.« Die Dame besah entzückt das wertvolle Stück, 

das aus Ebenholz war und herrliche Intarsien aufwies. Es ruhte 

auf gedrechselten Füßchen und auf dem gewölbten Deckel 

prangte das Wappen derer von Brandegg: eine Faust, die eine 

brennende Fackel hielt, eine zweite umklammerte fest ein Bündel 

Ähren. Darunter die Worte: Und dennoch! 

Donata kannte die Bedeutung des Wappens. Das alte Geschlecht 

hatte schwer unter den Kriegen zu leiden gehabt. Immer wieder 

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war das, was sie in mühevoller Arbeit schufen, niedergebrannt 

und verwüstet worden – daher der Name Brandegg, weil ihr 

Besitz eine richtige Brandecke war. Doch immer wieder hatten sie 

mit ungebrochenem Mut neu begonnen, mit dem trutzigen Ruf: 

Und dennoch! 

»Sag mal, mein Kind, wie kamst du dazu?« zeigte die Baronin auf 

das Wappen. 

»Ganz einfach, Tante Linda. Ich kenne einen Heraldiker, der in 

seiner Sammlung auch euer Wappen hat. So war es leicht, es da 

aufpinseln zu lassen. Willst du nicht nachsehen, was sich in dem 

Kasten befindet?« 

Die Dame tat’s und schaute verblüfft auf den Inhalt, der aus 

Stickseide in allen Farben und Nuancen bestand. 

»Wie prosaisch!« lachte sie herzlich. »Was bist du doch für ein 

arger Schelm! Wenn du mich damit foppen willst, gelingt es dir 

nicht. Ich freue mich darüber.« 

»Das freut mich nun wieder. Gern hätte ich die Truhen mit 

kostbarem Geschmeide gefüllt, aber dazu hätte ich ein Nabob 

sein müssen. 

Und was sagt der Herr dazu?« hielt sie ihm eine Gerte hin. Der 

Pferdekopf war aus Gold, die Augen aus Smaragd. Auf dem 

langen Hals war das Wappen eingestanzt, wohl klein, aber 

erkennbar. Darunter die Initialen: R. v. B. 

Fassungslos sah der Mann auf das kostbare Stück, doch dann 

leuchteten seine Augen vor Freude. 

»Ich danke dir, Da«, sagte er einfach. »Ein schöneres Geschenk 

hättest du mir gar nicht machen können.« 

»Das freut einen denn ja auch«, lachte sie vergnügt. 

Wohl machten sich Mutter und Sohn ihre Gedanken darüber, 

wie dieses Mädchen, das von seinen Verwandten abhing, so 

kostbare Geschenke machen konnte. Aber schließlich waren 

diese reich und hielten sie wie ein eigenes Kind. Außerdem 

machte sie sich in ihren Betrieben nützlich und würde daher, 

wenn auch kein Gehalt, so doch ein nobles Taschengeld 

beziehen und wurde dazu noch reich beschenkt, wie es auch 

wieder der Fall gewesen war. Jedenfalls schlecht gestellt war sie 

nicht, wie ihr ganzes Auftreten bewies. 

Eben trat Bertchen ein und präsentierte eine Flasche Sekt. 

»Idchen sagt, das gehört sich heute so«, erklärte sie stolz. »Wo 

doch unser Donatchen wieder hier ist.« 

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Nachdem sie den Tisch abgedeckt und Sektgläser hingestellt 

hatte, zog sie zufrieden ab. 

Der Herr des Hauses füllte die Gläser, und man trank auf 

Donatas Wiederkehr. Diese war so voll drolliger Einfälle, daß 

man immer wieder über sie lachen mußte. Bezaubernd sah sie 

aus mit den strahlenden Augen und dem feinen Gesicht. Wie 

Goldgespinst gleißte das einzigschöne Haar, die grazile Gestalt 

umschloß ein grünes Samtkleid mit echtem Spitzenkragen. Alles 

an ihr wirkte zwar einfach, aber apart und elegant. 

Nachdem sie noch die alten und immer wieder neuen 

Weihnachtslieder auf dem Flügel gespielt hatte, trennte man sich 

zur guten Nacht mit dem Gefühl, wohl kaum jemals zuvor einen 

so schönen und harmonischen Weihnachtsabend verlebt zu 

haben. 

Frau Linda, die bereits im Bett lag, sah lächelnd auf Donata, die 

in der Verbindungstür sichtbar wurde. Sie trug ein entzückendes 

Nachtkleid, das Haar war mit einem Seidenband über dem 

Scheitel gebunden, die Füße steckten in Pantöffelchen. 

»Ich darf doch eintreten, Tante Linda?« 

»Immerzu, mein Kind. Komm, setz dich hierher. Aber wird es dir 

nicht zu kalt werden in dem leichten Kleidchen?« 

»Ach wo.« Sie ließ sich auf dem Bettrand nieder. »Ich bin vom 

Sekt eingeheizt, außerdem ist es im Zimmer mollig warm. Sag 

mal, Tante Linda, ist es Rüdiger etwa nicht recht, daß ich 

gekommen bin?« 

»Wie kommst du denn darauf?« 

»Weil er, wie soll ich sagen, so in sich gekehrt war. Vielleicht 

trauert er Fräulein von Braß doch nach.« 

»Das ganz bestimmt nicht«, kam es mit Entschiedenheit zurück. 

»Er ist froh, sie losgeworden zu sein. Aber das schrieb ich dir ja 

schon. Hast du meinen Brief nicht erhalten?« 

»Doch, und mit großem Interesse gelesen – auch das, was 

zwischen den Zeilen stand. Arme Tante Linda, was hast du da 

wieder ausstehen müssen!« 

»Ja, es war schlimm – aber es ist ja jetzt vorüber.« 

»Und wenn er dir ein drittes Mädchen bringt, das Geld hat?« 

»Nein, du, der ist kuriert, das kannst du mir schon glauben. Er 

hat sich die beiden Mädchen ja gar nicht ausgesucht, sie sind ihm 

aufgedrängt worden. Das eine wegen einer Hypothek, das andere 

wegen einer Erbschaft. Er hat aber beiden Lockungen 

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widerstanden, das sagt doch schon genug. Da plagt er sich lieber 

weiter, als sich eine minderwertige Frau auf den Hals zu laden, 

zumal er das jetzt gar nicht mehr so nötig hat, denn der Erlös der 

Rekordernte hat ihn ein gutes Stück vorangebracht. Quitten ist 

ihm auch geblieben, da kann er wohl zufrieden sein und ist es 

auch. Und wie ist es dir indes ergangen, meine Kleine?« 

»Gut, Tante Linda. Ich habe auf der Farm ein herrliches Leben 

geführt. Aber für immer in der Fremde bleiben möchte ich 

dennoch nicht.« 

»Aber dein Bewerber ist doch dort ansässig – « 

»Zwei sind es, Tante Linda« unterbrach Donata sie lachend. »Und 

beide gefallen mir so gleich gut, daß ich mich für einen nicht 

entscheiden kann. So müßte ich denn beide nehmen, und das 

geht selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht an.« 

»Allerdings«, lachte die Tante amüsiert. »Ach, Kind, sobald du 

nur auftauchst, ist alles nur noch halb so schlimm. Wirst du auch 

nicht bald wieder nach Hause müssen?« 

»Solange jedenfalls nicht, bis ich vor der dritten eifersüchtigen 

Maid ausrücken muß«, blitzte der Schalk in ihren Augen auf. 

Da nahm die ältere, überwältigt von so viel Charme, das 

Madchengesicht in die Hände und küßte es zärtlich. 

»Ach, du Schalk! Nun aber ab mit dir!« 

In der Nacht hörte es endlich zu schneien auf, und der erste 

Feiertag brachte herrliches Winterwetter. Wie ein glitzerndes Tuch 

lag der hohe Schnee über dem weiten Land. 

So strahlend blau wie der Himmel waren auch die Augen, deren 

Lider sich langsam hoben. Ein herzhaftes Gähnen, ein Blick 

durchs Fenster, und dann der jubelnde Ruf: 

»Tante Linda, die Sonne scheint!« 

»Das läßt sich nicht verheimlichen«, kam es aus dem 

Nebenzimmer, wo Donata gleich darauf erschien. Entzückend 

war sie anzuschauen mit dem schlafheißen Gesicht, den 

leuchtenden Augen und dem verstrubbelten Haar. Übermütig 

tanzte sie und sang dazu: 

 

»Guten Morgen, Tante Linde, 

es wird Zeit, daß ich verschwinde 

unter die Brause, 

dann aus dem Hause, 

geschlüpft in die Ski 

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und ab wie noch nie « 

 

»Und das anschließend an die Brause«, lachte die Baronin. 

»Dürfte ein bißchen kalt werden mit so nichts an. Hast du 

überhaupt deinen Skidreß mit?« 

»Packte ihn ein in weiser Voraussicht. Auf Wiedersehen beim 

Frühstück!« 

Eine Kußhand, dann tanzte sie ab. 

Und als sie später im Frühstückszimmer erschien, war sie im 

Skidreß, der ihr vorzüglich stand. Elegant, charmant, bot sie eine 

wahre Augenweide. 

»Ich darf doch so frühstücken, Tante Linda?« 

»Natürlich, mein Herzchen. Rüdiger wird auch gleich in 

derselben Aufmachung erscheinen, um dich später zu begleiten.« 

»Nett von ihm. Ah, da ist er ja schon. Anzuschauen wie ein – « 

»Nun sag bloß noch: junger Gott!« brummte er dazwischen und 

sie lachte. 

»Du hast mir das Wort aus dem Mund genommen. Und wie sehe 

ich aus?« 

»Wie ein frecher Bengel. Hast du etwa etwas anderes von mir zu 

hören erwartet?« 

»Bewahre – «, lächelte sie ihn lieblich an. »Bei deiner sonstigen 

Grobheit war diese Bezeichnung noch gelinde.« 

Neckend fuhr er ihr in den Schopf, was ihm einen Klaps auf die 

vorwitzige Hand eintrug. 

»Bitte nicht zu intim, mein Herr!« tat sie wie eine gelangweilte 

Mondäne, was so komisch wirkte, daß er so herzlich lachte, wie 

seine Mutter es schon lange nicht mehr von ihm gehört hatte. 

Kleine bezaubernde Do – dachte sie zärtlich. Was du nicht alles 

zuwege bringst! Hoffentlich auch das, worauf ich so sehnlich 

warte. – 

Nach dem Frühstück brachen die Skiläufer auf. 

»Vorläufig können wir noch nebeneinander bleiben«, sagte der 

Mann, als sie über die weiße Fläche glitten, »aber dann werde ich 

die Führung übernehmen. Du bist Neuling hier und weißt daher 

nicht, daß das Gelände, das so harmlos aussieht, an manchen 

Stellen seine Tücken hat. Also halte dich strikt hinter mir, damit 

du nicht plötzlich abgleitest und in die Tiefe rutscht, wo ich dich 

dann mit Müh und Not herausklauben müßte. Du hast mich 

doch verstanden?« 

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»Jawohl, Herr Feldwebel«, stand sie stramm. »Der Rekrut Hoog 

hat den Befehl vernommen.« 

»Na hoffentlich.« 

Einige hundert Meter blieb das Gelände eben, doch dann stieg es 

allmählich an. Der Weg wurde ziemlich schmal, die Abhänge 

rechts und links immer steiler. 

Zuerst blieb Donata auch gehorsam hinter ihrem Führer, doch 

dann wurde ihr das Hinterhertrotten zu langweilig. So wollte sie 

ihn überholen, nahm jedoch den Bogen zu schwungvoll, verlor 

den Boden unter den Füßen und rollte wie ein Bündel den 

Abhang hinunter, wo sie unten erst einmal vor Schreck wie 

gelähmt und mit geschlossenen Augen liegenblieb. 

»Donata – um Gottes willen – Do!!« 

Dieser beschwörende Ruf ließ sie die Lider heben, und sie sah in 

ein Gesicht, dessen Blässe durch die dunklen Gläser der Brille 

noch stärker wirkte. Die Zähne bissen sich zusammen, daß die 

Wangenmuskeln spielten. 

»Nicht doch, Rüdiger«, sagte sie leise. »Schau mal, ich kann doch 

alle Glieder bewegen, und der Kopf ist auch noch dran.« 

Da wandte er sich ab und holte einige Male tief Luft. 

Indes rappelte sie sich hoch und versuchte auf die Beine zu 

kommen, was mit den langen Brettern an den Füßen ja 

bekanntlich nicht so einfach ist. 

Doch schon hatte er unter ihre Achseln gegriffen, hob sie auf und 

stellte sie mit Nachdruck auf die Erde. 

Unsicher sah sie in sein Gesicht, in das langsam die gesunde 

Farbe stieg, was sie aufatmen ließ. 

»Kannst du dich ungehemmt bewegen?« fragte er kurz. 

»Ja. Mir ist wirklich nichts passiert. Aber wie kommen wir den 

steilen Abhang hinauf?« 

»Überhaupt nicht. Schlagen wir diesen Weg ein. Er ist zwar 

beschwerlicher, aber sicherer.« 

Es ging jetzt durch eine Schlucht, wo an manchen Stellen das 

Geröll so hoch lag, daß es aus dem Schnee ragte. Immer wieder 

stießen die Spitzen der Skier dagegen, so daß Donata sich 

schließlich weigerte, den Weg fortzusetzen. 

»Ich komme nicht mehr weiter«, trotzte sie, worauf er sie an die 

Hand nahm und unbarmherzig mit sich fortzog. Zum Glück war 

die Schlucht nicht lang, so daß sie bald freies Gelände erreichten. 

»So, jetzt kannst du deine Kapriolen weitermachen«, ließ er ihre 

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Hand los. »Hoffentlich fällst du dabei auf die Nase und 

zerrubbelst sie dir gehörig.« 

Daß sie ihn gar noch auslachte, ließ seine ohnehin schon gereizte 

Stimmung nicht besser werden. Donata hatte das Gefühl, als ob 

er sie am liebsten verprügelt hätte. 

Anstatt ihm nun aus dem Weg zu gehen, folgte sie ihm, nachdem 

sie zu Hause angelangt waren und die Bretter abgelegt hatten, in 

sein Arbeitszimmer. 

»Was willst du hier?« herrschte er sie an, doch sie ließ sich nicht 

einschüchtern. 

»Dir sagen, daß du deiner Mutter die Lappalie nicht womöglich 

in den schwärzesten Farben malen sollst und sie damit 

erschrecken – « 

»So, so – eine Lappalie nennst du das!« 

»Na, was denn sonst? Mach dich doch nicht lächerlich, Rüdiger. 

Ich habe ganz andere Stürze mitmachen müssen, bevor ich im 

Skilauf so richtig fit war.« 

»Hast du dann auch immer so wie tot dagelegen?« 

»Das kam vom Schreck.« 

»Den du mir ja auch wirst zubilligen müssen. Reden wir nicht 

weiter davon, laß mich allein.« 

»Nicht früher, als bis du vernünftig geworden bist.« 

»Vernünftig!« lachte er kurz auf. »Warum soll ausgerechnet ich 

nur immer vernünftig sein?« 

»Mein Gott, Rüdiger, was ist denn plötzlich in dich gefahren?« 

Sie trat nahe an ihn heran und sah ihm angstvoll in das zuckende 

Gesicht. In den Augen dunkelte es vor Groll, Bitterkeit und 

Schmerz. 

»Geh, Donata – «. sagte er müde. »Ich bin ja schließlich auch nur 

ein Mensch.« 

»Rüdiger, willst du mir nicht sagen, was dich quält?« Sie strich 

ihm zart über die Augen – und da war es mit seiner Beherrschung 

vorbei. Er zog sie in die Arme und küßte sie immer wieder, als 

müßte er alles nachholen, was er bisher versäumte. 

Dann ließ er sie los – und stand nur vor ihr mit hängendem Kopf 

und hängenden Armen wie ein Sünder. 

»Verzeih – «, murmelte er. »Ich konnte nicht anders, wirklich 

nicht. Das Herz ging mit mir durch – und nun kann ich 

überhaupt nicht mehr von dir lassen.« 

»Ist das denn so schlimm?« 

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»Ja. Denn du bist ein bezaubernd schönes und dazu noch 

liebenswertes Menschenkind, das einen ganz anderen Mann 

haben kann als einen Gutsbesitzer, der dir nichts von dem bieten 

könnte, woran du kleiner Paradiesvogel gewöhnt bist im Haus 

deiner reichen Verwandten. In meinem Haus jedoch würdest du 

auf vieles verzichten müssen, was dir jetzt Selbstverständlichkeit 

ist. Und das kann und will ich dir nicht zumuten. Außerdem 

weiß ich ja gar nicht, ob du überhaupt etwas für mich übrig 

hast.« 

»Ist das, was du mir auseinandersetztest, der einzige Grund, 

warum du dein Herz verschlössest?« 

»Ja – einen andern Grund habe ich nicht.« 

»Auch nicht, daß ich kein Geld in die Ehe bringen könnte, das du 

für deinen Besitz brauchst?« 

»Nein, in drei Kuckucks Namen!« brauste er jetzt auf. »Ich pfeife 

auf das ganze Geld, wenn es um mein Herz geht, verstanden?« 

»Und wie!« entgegnete sie mit einem Lachen, in dem Tränen 

mitschwangen. »Das mußte ich erst von dir hören. Ich mußte es, 

Rüdiger, hörst du? Ich wollte nicht von dir um des Geldes wegen 

geheiratet sein – weil ich dich liebe – « 

»Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.« 

»Ach, du Armer! Setz dich mal in den Sessel da – so – und ich 

setze mich auf die Seitenlehne, damit ich dich festhalten kann, 

wenn du mir ausrücken willst.« 

»Willst du dich etwa über mich lustig machen?« Mißtrauisch sah 

er in ihre Augen hinein, in denen der Schalk blitzte. »Das vertrage 

ich nicht – wenigstens jetzt nicht.« 

»Dummer du! Hab’ ich dir nicht eben gesagt, daß ich dich liebe?« 

»So ist es wirklich wahr?« 

»So wahr mir Gott helfe.« 

»Dann ist ja alles gut«, lachte er nun so befreit auf wie ein 

Mensch, dem eine schwere Last vom Herzen fällt. »Dann wirst du 

auch mit dem zufrieden sein, was ich dir bieten kann, nicht 

wahr?« 

»Zufrieden? Glücklich bin ich. Schau mal, Rüdiger, was nützt mir 

mein Geld – « 

»Hast du denn soviel davon?« fragte er neckend. 

»Es langt hin.« 

»Muß dein Onkel aber großzügig sein.« 

»Das ist er sowieso. Aber ich bin von ihm nicht abhängig, da ich 

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eigenes Geld habe – « 

Jetzt horchte er auf und sah sie forschend an. 

»Donata, was soll das?« 

»Daß mein Vater mir Geld hinterließ – und gewiß nicht wenig.« 

»Aha, nun tagt es so langsam in meinem Hirn. Daher deine 

Bemerkung, daß du nicht von mir des Geldes wegen geheiratet 

sein willst. Muß ich aber im Verruf eines Mitgiftjägers stehen!« 

»Bitte, nicht so, Rüdiger – « 

»Na, wie denn sonst?« 

»Weil du zwei sogenannte gute Partien ausgeschlagen hast – « 

»Und wenn ich es auch mit der dritten mache?« 

»Dann ist mein Experiment eben mißglückt«, entgegnete sie 

trotzig. »Nun suche ich mir einen andern Mann, den mein Geld 

freut – « 

»Und legst dein Opfer, das du total verhextest, einfach ad acta 

und rückst aus, wie du es schon zweimal tatest, du grausame 

kleine Person. Aber diesmal gelingt dir das nicht. Du hast dich 

mit deinem Geständnis der Liebe mir in die Hände gegeben. Und 

die halten fest, was sie einmal gepackt haben, verlaß dich darauf. 

Und nun werde ich diesen trotzigen Mund küssen.« 

Was er denn auch ausgiebig tat. 

Als er sie aus den Armen ließ, stand die Mutter vor ihnen und 

sagte lachend: 

»Hat sie dir nun endlich das Brett vom Kopf genommen, du 

begriffsstutziger Junge?« 

»Hat sie, Muttchen«, gab er schmunzelnd zu. »Sogar mit einem 

goldenen Hämmerchen hat sie es gelöst. Sieh nur, wie rot sie 

wird. Typisches Zeichen für eine noch nicht ganz ausgekochte 

Lügnerin.« 

»Das läßt du dir gefallen, Dodo?« 

»Muß ich doch.« In ihren Augen blitzte der Schalk auf. »Ich habe 

dir doch schon einmal gesagt, daß ich ebenso lügen kann wie der 

Lügenbaron von Münchhausen. Diesmal log ich um Geld.« 

»Wie bitte?« 

»Um Geld.« 

»Willst du denn welches von Rüdiger haben?« 

»Nein, ihm welches geben.« Der Schelm wollte sich halb 

totlachen. »Ich bin nämlich die dritte gute Partie, die sich ihm 

präsentiert.« 

»Die ich gleich hohnlachend von mir weisen werde, du 

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übermütiges Balg!« drohte er. »Beichte lieber unserer jetzt 

gemeinsamen Mutti deine Schandtat.« 

»Kind, was werde ich da zu hören bekommen?« sagte diese 

beunruhigt. »Nun sprich schon – « 

Wozu Donata sich denn endlich bequemte. Als sie schwieg, sagte 

die Ältere kopfschüttelnd: 

»Ein gefährliches Experiment, mein Kind. Wenn er nun an 

Wanda oder Manja hängengeblieben wäre, was denn?« 

»Damit hätte er den klaren Beweis geliefert, daß er mich nicht 

liebt.« 

»Und wie kamst du dahinter, daß er es tut?« 

»Weil ihm sein so sorgsam gehütetes Herz vor Angst heute 

durchging«, entgegnete sie spitzbübisch und erzählte dann von 

dem kleinen Malheur beim Skilauf, worüber die Mutter sich 

noch nachträglich aufregte. 

»Du leichtsinniges Kind! Was hätte dir bei dem Sturz alles 

passieren können! Und nun möchte ich endlich wissen, warum 

deine Mutter mir erzählte, daß dein Vater wohl ganz gut 

verdiente, aber keine Rücklagen besaß.« 

»Weil mein Vater sie in dem Glauben lassen mußte, denn meine 

verwöhnte, weltfremde Mutter kannte den Wert des Geldes nicht 

und gab es mit vollen Händen aus. Kaufte alles zusammen, ob 

sie es brauchen konnte oder nicht. So bekam sie denn ein zwar 

ausreichendes Nadelgeld, aber keine Mark darüber hinaus. Mein 

Vater machte ihr klar, daß er nicht mehr geben könnte. Er käme 

mit dem, was er verdiente, gerade nur so aus. Und da sie sich um 

seine finanzielle Lage nicht kümmerte, glaubte sie seiner 

Erklärung und gab sich zufrieden.« 

»Wozu sie auch allen Grund hatte«, meinte die Baronin, »denn 

ihrer ganzen Lebensführung nach kann ihr Nadelgeld nicht 

knapp gewesen sein, wie ihr ja überhaupt auf ziemlich großem 

Fuß lebtet. Daher nahm auch ich an, daß dabei alles, was dein 

Vater verdiente, sozusagen draufging und er nach seinem Tod 

sein einziges Kind mittellos zurückließ, so, daß es nun von den 

Verwandten abhängig war, die es allerdings glänzend versorgten. 

Da  hast  du  uns  ja  ganz  nett  an  der  Nase  herumgeführt,  meine 

liebe Dodo! 

Jetzt kann ich mir auch erklären, warum der Grudde hinter dir 

her war. Der wußte doch sicher, daß du vermögend bist.« 

»Natürlich wußte er das. Und da Onkel Erwin den Mitgiftjäger 

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sofort durchschaute, sorgte er dafür, daß ich diesem Mann nicht 

in die Hände fiel.« 

»Und was bin ich in deines Onkels Augen?« fragte Rüdiger, und 

Donata lachte. 

»Bestimmt kein Mitgiftjäger. So wie er dich nach meinen 

Schilderungen beurteilt, bist du Rauhbein viel zu geradeaus, um 

nach Mitgift zu jagen. Die läßt du dir höchstens zu Füßen legen.« 

»Na, warte nur, den Speilzahn zieh ich dir schon noch. Aber 

zuerst möchte ich dir mal ein bißchen darauf fühlen. Hast du die 

Zinsen für dein großzügiges Darlehen pünktlich erhalten? 

Peinlich, wenn man sich durchschaut sieht, nicht wahr? Es ist 

nichts so fein gesponnen -. War es schwer, unsern guten 

Erdmann als Strohmann zu bekommen?« 

»So hat er dir verraten -?« 

»Gott bewahre, er schwieg wie ein Trappistenmönch. Ich hab dir 

nur auf den Zahn gefühlt und gut den Nerv dabei getroffen. Ganz 

rot ist das Köpfchen dabei geworden.« 

»Schäm dich mal!« griff nun die Mutter ein. »Anstatt daß du dich 

bedankst – « 

»Tu ich schon noch, Muttchen, ein ganzes Leben lang. Doch wie 

wär’s, wenn Do ihre Verwandten zu einer kleinen 

Verlobungsfeier einladen würde? Da nun das Schneetreiben 

aufgehört hat, kommen sie mit dem Auto durch, da die 

Schneepflüge die Hauptverkehrsstraßen befahrbar machen. Das 

heißt, wenn sie Lust haben, herzukommen.« 

»Und wie sie Lust haben werden!« lachte Donata. »Sie warten ja 

nur darauf, den Mann endlich kennenzulernen, der mich so fest 

am Bändel hält. Soll ich anrufen?« 

»Tu das.« – 

Bald darauf war die Verbindung hergestellt, und Donata sagte 

erfreut: 

»Du bist’s, Tante Liesel? Ich freue mich, daß gerade du die erste 

bist, der ich meine Verlobung mitteilen kann. Ja, ich bin 

glücklich. Ihr seid allesamt herzlich eingeladen. Enttäuscht mich 

nicht und kommt her. Natürlich seid ihr willkommen, sollst es 

gleich bestätigt haben.« 

Sie reichte Linda den Hörer, welche die Einladung herzlich 

wiederholte und dann lachend auflegte. 

»Wie viele in den Hörer riefen, weiß ich nicht, aber ich glaube, es 

war die gesamte Familie. Jedenfalls kommen sie mit tausend 

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Freuden, wie beteuert wurde. Und nun werde ich in der Küche 

Bescheid sagen. Da wird aber mal unser Mamsellchen den 

Kochlöffel schwingen, bestimmt auch mit tausend Freuden.« 

Als sie gegangen war, zog der Mann seines Herzens Liebste an 

sich und sagte leise: 

»Do, du weißt, ich kann nicht viele Worte machen, aber wie sehr 

ich dich liebe, wirst du schon noch erfahren. Und nun 

entschuldige mich, ich bin gleich wieder da.« 

Als er zurückkam, schob er ihr einen Wappenring auf den Finger, 

küßte ihr zart die Hand und dann die Augen, die ihn antrahlten 

wie zwei Sonnen. 

»Mädchen, was bist du doch bloß für ein wonniges Etwas! Das 

Herz könnte einem bersten vor Glück!« – 

Um die Kaffeezeit war dann die Gesellschaft da und erfüllte das 

Haus mit Fröhlichkeit. Onkel Erwin, ein seriöser Herr mit 

angegrauten Schläfen, Tante Liesel vollschlank, rosig, lieb und 

gut der Sohn groß, kräftig, mit kantigem Gesicht, seine Frau 

schlank, elegant und charmant, das Nesthäkchen der Familie 

hochaufgeschossen und ein wenig schlaksig. Sie alle gratulierten 

ihrer Dodo mit Herzlichkeit und bezogen gleich deren Verlobten 

mit ein, so daß ein Fremdsein erst gar nicht aufkommen konnte. 

»Das muß man schon sagen, mein lieber Baron«, besah sich der 

Senior ihn schmunzelnd. »Sie sind ein ziemlich harter Brocken, 

an dem unsere Dodo da schlucken mußte.« 

»So arg kann es ja wohl nicht sein«, kam es lachend zurück. »Sie 

hat sich noch nicht einmal ihren Speilzahn daran ausgebrochen. 

Und die anderen Zähnchen sind auch noch intakt, die sie mir oft 

genug zeigte.« 

»War bei dir auch nötig«, lachte die Mutter. »Und nun wollen wir 

uns mal zu einem gemütlichen Kaffeeplausch zusammensetzen.« 

Es wurde dann auch wirklich gemütlich. Man war miteinander 

bald so vertraut, daß man sich bei einem Schnäpschen 

verbrüderte. 

»So, Kinder, nun erzählt uns mal, wie es kommen konnte, daß 

ihr endlich zusammenfandet!« sagte der Onkel, mit Behagen eine 

Importe in Brand steckend. 

Als Donata es auf humorvolle Art erklärt hatte, meinte er 

schmunzelnd: 

»So kann man denn wieder einmal von der kleinen Ursache und 

der großen Wirkung sprechen. Und wie hast du es ihm nun 

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beigebracht, daß du ganz nett was an deinen Patschen hast?« 

»Ganz wohl war mir dabei gerade nicht in meiner Haut«, gab sie 

offen zu. »Zuerst verstand er mich gar nicht – und als er dann 

endlich begriff – « 

»Wickeltest du ihn ein in echt weiblicher List«, warf Rüdiger so 

trocken dazwischen, daß die anderen herzlich lachen mußten. 

»Und so mußte ich denn kapitulieren.« 

»Nachdem er bei zwei Angriffen die Festung so wacker verteidigt 

hatte«, führte seine Mutter weiter aus. »Wißt ihr darüber 

Bescheid?« 

»Bis ins kleinste«, gab der Senior Antwort, »denn Dodo hat ja 

kein Geheimnis vor uns gehabt.« 

»Dann müßt ihr ja einen guten Begriff von mir bekommen 

haben.« 

»Das haben wir auch, und zwar einen wirklich guten. Wir wußten 

ja, wie hart du um deinen Besitz kämpfen mußtest. Daß du 

dennoch zwei Erbinnen verschmähtest, die sich dir präsentierten 

– « 

»Und ich hätte es auch bei der dritten getan, weil ich mein Herz 

schon zu sehr an das Mädchen da gehängt hatte.« 

»Weshalb hast du ihr denn so lange dein Herz verschlossen? Daß 

sie arm war, wie du annahmst, das konnte doch wohl der Grund 

nicht sein.« 

»Danach fragte ich bei ihr wahrhaftig nicht. Aber ich konnte ihr 

das Leben nicht bieten, das sie bei euch führt. Außerdem wußte 

ich ja gar nicht, ob sie mich überhaupt haben wollte, weil sie mir 

ihr Herz genauso verschloß wie ich ihr das meine.« 

»So ungefähr haben wir uns das gedacht. Ihr habt eben beide ein 

bißchen Verstecken gespielt, aber euch dennoch gefunden. Und 

du, arme Linda, hast das alles mitmachen müssen. Wir haben 

dich deswegen oft genug bedauert.« 

»Leicht war es nicht für mich, das gebe ich zu. Aber ich mußte 

meinem Jungen doch beistehen, zumal er sich die Mädchen nicht 

erwählt hatte, sie wurden ihm ja förmlich aufgedrängt. Eins 

wegen der Hypothek, das andere wegen der Erbschaft. 

Daß er an Wanda Graup nicht hängenbleiben würde, wußte ich 

sofort. Da hätte er eher Quitten hergegeben, als sich so eine 

impertinente Frau auf den Hals zu laden und ihre nicht weniger 

impertinenten Eltern mit. Wanda kam sich nämlich schon ganz 

als junge Herrin vor, steckte ihre Nase überall hinein und 

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verärgerte unsere altbewährten Leute.« 

»Warum habt ihr sie denn nicht einfach ‘rausgeschmissen?« fragte 

Hoog junior. 

»Weil sie als Wirtschaftslehrling unter Vertrag stand und wir die 

Kündigungsfrist einhalten mußten. Und als Rüdiger 

verunglückte, war alles andere gar nicht mehr wichtig – « 

»Du Arme!« sagte Tante Liesel mitleidig.  »Was  mußt  du  da  für 

Angst ausgestanden haben!« 

»Ja, es war schlimm. Aber unser guter Oberinspektor Erdmann 

hat mir sehr geholfen.« 

»Und wie benahm sich das Fräulein Graup?« fragte die junge Frau 

Ilse Hoog. 

»Die heftete sich förmlich an meine Fersen und wollte Rüdiger 

pflegen. Aber da kam sie bei meinem treuen Wachhund 

Erdmann gut an. Er sagte ihr, daß Rüdiger sie ohnehin nicht 

ausstehen könne und nun, da er krank wäre, würde er wild 

werden, wenn er sie sähe. Er sagte ihr auch noch manches 

andere, so daß sie abrückte mit Sack und Pack. Zwei Tage später 

erschien denn auch ihr Vater wutentbrannt.« 

»Davon erzählte Dodo, die ja dabei war«, warf der Senior ein. 

»Wir waren alle zutiefst empört über diese bodenlose Frechheit, 

mußten aber wiederum schmunzeln über die Zerberusse 

Erdmann und Hannes, die kennenzulernen mir ein Vergnügen 

sein wird. Aber erzähle nur weiter.« 

»In meiner Not gab ich das Telegramm an Dodo auf, und als sie 

dann kam, war alles nur noch halb so schlimm. Sie strömte so 

viel Zuversicht aus, daß ich mich daran aufrichtete, dazu die 

prachtvolle Schwester Luischen und der vorzügliche Arzt, 

Erdmann und unsere vier Getreuen im Haus, sie alle waren mir 

Schutz und Hilfe. Mit vereinten Kräften gelang es uns, unseren 

Kranken, mit dem es böse genug aussah, wieder hochzubringen. 

Körperlich war er nach drei Wochen dann auch ganz gut geheilt, 

aber immer noch zum Müßiggang verurteilt. Was ihn aber noch 

mehr peinigte, war der Gedanke, sein Quitten hergeben zu 

müssen; denn der Tag, an dem die Hypothek fällig wurde, kam 

mit Riesenschritten näher. Er hängt doch so sehr an jedem 

Fleckchen Erde, das zu seinem Besitz gehört – « 

»Was ich gut verstehen kann«, schaltete sich Jochen Hoog ein, 

»denn Brandegg scheint wirklich ein prachtvoller Besitz zu sein, 

und da er es gar noch hochgebracht hat durch eisernen Fleiß, ist 

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es verständlich, daß er dafür Opfer zu bringen bereit war. Und 

wie ging es weiter?« 

»Dann kam Erdmann mit dem Darlehen, und daraus schöpfte 

Rüdiger wieder Lebensmut und Lebenskraft. Er wurde so vital wie 

eh und je.« 

» Habt ihr euch denn nicht darüber den Kopf zerbrochen, woher 

euer Getreuer die immerhin nicht kleine Summe hatte?« wollte 

der Onkel wissen. 

»Gewiß haben wir das; denn von Erdmann allein konnte sie 

nicht stammen. Zwar ist er so gut gestellt, daß er Rücklagen 

machen kann, aber er hatte seine Tochter, die vor einigen 

Monaten heiratete, aufs beste ausgestattet und hat auch noch 

einen Sohn, der nach Ostern mit dem landwirtschaftlichen 

Studium beginnt. Also konnte das Geld von ihm nicht sein, 

woraus er auch kein Hehl machte. Er bat Rüdiger, keine Fragen 

zu stellen, was dieser denn auch nicht tat.« 

»Wenn er mir auch gleich mit der Bibel kommt!« brummte 

dieser. »Von wegen: Eure Rede sei ja, ja – nein, nein – « 

Es klang so gottergeben, daß alle herzlich lachen mußten. 

Dann sprach Linda auf allgemeinen Wunsch weiter: 

»Mit dem Darlehen deckte er die Hypothek ab und konnte 

Quitten behalten. Und dann hielt man ihm den Köder mit der 

Erbschaft hin, nach dem er natürlich nicht gleich schnappte, 

sondern sich erst mal das Anhängsel ansehen wollte, das zu 

dieser Erbschaft gehörte. Wie diese Manja war, werdet ihr sicher 

von Dodo wissen, die sie zuerst selbst miterlebte und dann durch 

meine Briefe alles Weitere erfuhr, so daß ihr auch über Manjas 

stürmischen Abgang im Bilde seid.« 

»Sind wir«, bestätigte der Onkel schmunzelnd. »Muß ein 

veritables Teufelchen sein, das den Mann, den es jetzt am Bändel 

hat, die Hölle schon heißmachen wird. Doch wenden wir uns 

nun erfreulicheren Dingen zu. Wann wird geheiratet?« 

»In drei Wochen«, gab Rüdiger Antwort. »Denn um eine 

Hochzeitsreise werde ich ja nicht herumkommen.« 

»Du Rauhbein!« fuhr die Mutter ihm in den vollen Schopf, 

während die andern herzlich lachten. »Benimmt sich so ein 

Bräutigam?« 

»Na, wie denn sonst, Muttchen?« 

»Der hat galant zu sein, liebevoll und zärtlich, das darf die Braut 

von ihm verlangen.« 

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»Dann soll sie sich kein Rauhbein aussuchen«, kam es pomadig 

zurück. 

Da gab die Mutter es auf, zumal sie keinen Beistand bei den 

anderen fand. Die wußten nämlich ganz genau, was sie von dem 

prachtvollen Kerl zu halten hatten. Der würde ein Ehemann sein, 

bei dem die Frau gut und treu geborgen war für alle Zeit. Es war 

eine Liebe zwischen den beiden, wie sie in dem Lied ausgedrückt 

wurde: Still wie die Nacht, tief wie das Meer soll deine Liebe sein 

– 

Die Verlobung brachte den Menschen in der Umgebung schon 

Überraschung genug; aber daß die Braut noch reich war, schlug 

sozusagen wie eine Bombe ein. Das gab nun einen 

Gesprächsstoff, den man überall lang und breit erörterte. Sofern 

man einen von den Brandegger Leuten erwischte, wurde er 

ausgefragt. Hauptsächlich auf Hannes hatte man es abgesehen, 

der auch bereitwillig Auskunft gab und dabei immer von den 

reichen Hoogs sprach, wobei er nicht einmal übertrieb, denn sie 

waren wirklich reich, die Nichte mit eingeschlossen. 

Als Rüdiger von Onkel Erwin den Vermögensstand Donatas 

erfuhr, war er denn doch betroffen. 

»Aber, mein Gott – das ist ja fürchterlich.« 

»Ich hätte dafür eine andere Bezeichnung«, lachte der Onkel. 

»Nimm’s nur hin, es ist bei dir gut aufgehoben. Was meinst du 

wohl, wie froh ich darüber bin, daß Donatas Wahl auf dich fiel 

und somit der reiche Segen in die Hände eines Ehrenmannes.« 

»Es ist aber ein Segen, der mich bedrückt.« 

»Nun hör aber auf! Du hast dem doch ganz nett was in die 

Waagschale zu werfen, will ich meinen; denn die Herrschaft 

Brandegg mit allem Drum und Dran ist ja schließlich kein 

Pappenstiel. Da kannst du schon in bezug auf die Mitgift deiner 

Frau große Ansprüche stellen.« 

»Auch das noch!« warf der andere trocken ein und sah dann dem 

Oberinspektor entgegen, der soeben das Arbeitszimmer betrat, 

wo die Unterredung der beiden Herren stattfand. 

Nachdem der Baron die Bekanntschaft vermittelt hatte, nahm 

Erdmann Platz und saß so gottergeben da, als wäre er auf alles 

gefaßt. Doch als sein Herr ihm eine Importe anbot, bediente er 

sich und sagte dann schmunzelnd: 

»Wenn es bei dieser Zigarre bleibt, will ich ganz zufrieden sein.« 

Er kreiste einige Male das gute Kraut um die Nase, zog 

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genießerisch den Duft ein und erzählte: 

»Zuerst wollte ich als Strohmann nicht so recht heran, aber unser 

Donatchen fand schon die rechten Worte, um meinen 

Widerstand zu brechen. Und dabei hatten der Rendant und ich 

doch fast schon das Geld für das Darlehen zusammen. Denn nie 

und nimmer hätten wir zugegeben, daß Quitten verkauft wurde. 

Na ja – und dann kam Donatchen, zückte ihr großes 

Portemonnaie, und im Handumdrehen war das erledigt, was uns 

doch so große Sorgen und Kopfschmerzen verursacht hatte. - 

Übrigens steht Sutten zum Verkauf«, wich er geschickt von dem 

heiklen Thema ab. »Herr Graup kann da nicht mehr wirtschaften, 

nachdem die Arbeiter einer nach dem andern abzogen. Und neue 

kriegt er nicht, dafür ist er zu sehr als Menschenschinder 

verrufen. Wollen wir uns Sutten nicht sichern, Herr Baron? Es 

grenzt doch so hübsch an Quitten. Soll ich mal meine Fühler so 

ein bißchen ausstrecken?« 

»Tun Sie das, falls Ihnen Zeit dazu bleibt. Denn Sie müssen ja für 

unsere Leute ein Fest arrangieren.« 

»Wird alles bestens besorgt, Herr Baron. Das soll ein Festchen 

werden – olala!« 

Und es wurde eins für alle, die zu Brandegg gehörten. Dazu 

zählte nun auch Sutten, das Herr Graup nur zu gern an den 

Baron verkauft hatte, bevor er abgezogen war. Man weinte ihm 

keine Träne nach, dafür hatte er sich überall zu unbeliebt 

gemacht. 

Das Schloß öffnete seit langer Zeit wieder seine gastliche Pforte, 

und die Gäste folgten der Einladung nur zu gern. 

Es wurde aber auch ein so schönes, harmonisches Fest, wie man 

selten eins erlebte. Alles war so heiter, so leichtbeschwingt, 

überflutet von einer Welle der Freude. Man konnte sich nicht satt 

sehen an der strahlendschönen Braut und dem distinguierten 

Bräutigam. Da war ein Paar zusammengekommen, wie es idealer 

gar nicht sein konnte. 

Jetzt fuhr das junge Paar in die Flitterwochen, in einem Wagen, 

den Onkel Erwin dem Bräutigam zur Hochzeit schenkte. Auch 

für einen Chauffeur hatte er gesorgt, der nun das elegante Gefährt 

lenkte und in dem zwei Menschen saßen, so recht von Herzen 

glücklich. 

Vergnügt und unbeschwert verbrachten sie die Tage, die sie 

hinnahmen wie ein Geschenk des Glücks. Sie nahmen alles mit, 

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was sich ihnen an Schönem bot. Wo es ihnen gefiel, blieben sie 

länger, wo nicht, zogen sie weiter. 

In Nizza hatten sie eine Begegnung, der sie gern ausgewichen 

wären. Aber schon hatte Manja, die in Begleitung eines Herrn 

den Speisesaal betrat, das junge Paar erspäht und eilte 

schnurstracks auf ihren Tisch zu, während der Mann zögernd 

folgte. 

»Das ist mal eine Überraschung!« klatschte sie nach altbewährter 

Art in die Hände. »Wo kommst du denn her, Rüdiger – und 

gleich in Gesellschaft Fräulein Hoogs – « 

»Die jetzt meine Frau ist«, unterbrach er sie gelassen. »Aber willst 

du uns nicht mit dem Herrn bekannt machen?« 

»Ach ja – richtig. Das ist mein Mann, Eddy Kraune* das Baron 

von Brandegg – und das seine Frau. Ich muß schon sagen, daß 

ich platt bin!« Sie ließ sich ungeniert am Tisch nieder, während 

ihr Mann wartete, bis er dazu aufgefordert wurde. »Seit wann seid 

ihr denn verheiratet?« 

»Seit zwei Wochen«, gab Rüdiger Antwort. »Eine 

Vermählungsanzeige konnten wir dir nicht schicken, da wir nicht 

wußten, wo du dich aufhältst.« 

»Na ja – ist auch egal. Wie geht es Tante Linda?« 

»Gut. Die Verwandten meiner Frau haben sie mit sich 

genommen, damit sie sich nicht so vereinsamt fühlte. Wir treffen 

uns auf der Farm unseres Onkels in Kanada. Von dort aus geht es 

nach Hause und mit frischem Mut an die Arbeit.« 

»Was ihr Männer doch immer mit der Arbeit habt!« maulte 

Manja. »Eddy kann es ohne die auch noch kaum aushalten und 

will schon morgen nach Hause zurück.« 

»Schon ist gut«, lächelte der Mann, der wohl elegant, aber 

durchaus kein Dandy war. »Wir sind nämlich schon seit sechs 

Wochen unterwegs. Aber eine so vergnügungssüchtige kleine 

Frau kann ja von dem Rummel nicht genug kriegen.« 

In dem Moment trat der Ober an den Tisch und meldete Kraune, 

daß er am Telefon verlangt wurde, worauf dieser sich 

entschuldigte und davoneilte, was Manja gar nicht gefiel. 

»Das ist sicher wieder sein Vater, der ihn sprechen will«, sagte sie 

verdrießlich. »Selbst hier hält er ihn am Bändel, dieser Despot. 

Ich will schließlich meinen Mann für mich allein haben.« 

»Dann hättest du einen Nichtstuer heiraten sollen«, entgegnete 

Rüdiger gelassen. »Mit dem könntest du herrlich und in Freuden 

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leben, bis dein Geld futsch ist – denn auch der tiefste Brunnen 

schöpft sich aus. Und was dann?« 

»So weit denke ich gar nicht.« 

»Eben – also muß es ein anderer für dich tun. Sei froh, daß du 

diesen Mann gefunden hast und nicht einem Glücksritter in die 

Hände gefallen bist.« 

»Eddy ist aber gar nicht so richtig lieb zu mir«, klagte sie. »Ich 

kann meinen Willen bei ihm nicht durchsetzen.« 

»Vernünftiger Mann!« lachte Rüdiger. »Zu dem kann ich dir nur 

gratulieren – « 

Ausführlicher konnte er nicht werden, da Kraune an den Tisch 

trat. 

»Es tut mir leid, Manja, aber wir müssen sofort aufbrechen.« 

»Ich will aber nicht, Eddy.« 

»Nein? Dann bleibe. Ich jedenfalls fahre ab. Entschuldigen die 

Herrschaften, aber ich habe es eilig.« 

Eine Verbeugung zu dem jungen Paar, dann ging er, und Manja 

sah ihm entgeistert nach. 

»Er geht wirklich. Und was mache ich?« 

»Ihm nachgehen.« 

»Fällt mir gar nicht ein. Ich schließe mich euch an.« 

»Mein liebes Kind, wir befinden uns in den Flitterwochen, wo ein 

dritter überflüssig ist. Da mußt du dir schon anderen Anschluß 

suchen. Aber ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß 

dein Mann daraus die Konsequenzen ziehen wird. Tut mir leid, 

aber wir müssen jetzt gehen. Komm, Donata.« 

Ein kurzer Abschied, dann ging er mit ihr davon und sagte, als sie 

außer Hörweite waren, lachend: 

»Wetten, daß sie ihm folgt?« 

»Das glaube ich auch«, entgegnete Donata, gleichfalls lachend. 

»Die ist bei Kraune gerade an den Richtigen geraten. Der wird das 

Wildkätzchen schon noch zähmen. Das heißt, wenn sie sich 

nicht vorher von ihm scheiden läßt.« 

»Nun, das soll unsere Sorge nicht sein. Wir haben eine andere.« 

»Und die wäre?« 

»Uns liebhaben.« 

Lachend sahen sie sich in die Augen und gingen davon, Arm in 

Arm. Das Band, das ihre Herzen umschloß, wurde immer fester 

und unzerreißbarer. 

So schön die Reisezeit auch war, allmählich zog es sie nach 

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Hause. Aber zuerst mußten sie noch nach Kanada, um ihre 

Mutter abzuholen, die auf der Farm ihrer harrte. 

So schön es dort auch war, länger als eine Woche verweilten sie 

nicht, dann ging’s der Heimat zu, wo sie mit Freuden erwartet 

wurden. 

»So – jetzt kann mir die große weite Welt für eine Weile 

gestohlen bleiben«, sagte Rüdiger, als die alte Traulichkeit sie 

wieder umschloß. »Jetzt wird gearbeitet und geschafft, mit neuem 

Mut und frischer Kraft. Um so mehr, da ich einen Kameraden zur 

Seite habe durch dick und dünn.« 

Was Donata denn auch war. Immer frohgemut und guter Dinge, 

war sie ihrem Mann die beste Mitarbeiterin. 

Und als nach einem guten Jahr der kleine Erbe geboren wurde, 

stand Brandegg auf der Höhe. Wohl hatte Donatas Geld viel dazu 

beigetragen, aber auch ohne das hätte der Gutsherr es allmählich 

geschafft. Denn um des Geldes willen hatte er Donata nicht 

erwählt, das hatte er ja bewiesen. Und damit die an ihn gestellte 

Frage: Was wird stärker sein – das Geld oder das Herz? – mit 

seinem ganzen Herzen beantwortet. 

 

-ENDE-