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Um das Erbe der Väter 

Roman von Leni Behrendt

 

 

 

 
 

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Das Theater des Provinzstädtchens war bis auf den letzten 
Platz gefüllt. Über den erwartungsfrohen Menschen lag 

eine fühlbare Spannung, die sich von Minute zu Minute 
steigerte. Das kleine Theater hatte nämlich einen Gast, 
einen prominenten Schauspieler, den die meisten Besucher 
nur vom Film her kannten. 
Heute waren sogar die Logen besetzt, die sonst gewöhnlich 
leer blieben. Die meisten Bewohner des Städtchens hatten 
nicht so viel Geld, um sich die teuren Plätze leisten zu 
können. Und warum auch, man saß im Parkett ja ebenso 
gut. 
Der Landadel und die Industrie, die zahlreich vertreten 
waren, hatten heute diese Plätze inne – obgleich der größte 
Teil von ihnen nicht besser gestellt war als die anderen 

Bürger der Stadt. 
Eben öffnete sich wieder eine Logentür, und 
Kommerzienrat Hartmann, eine der maßgebendsten 
hiesigen Persönlichkeiten, nahm mit seiner Familie in den 
roten Sesseln Platz. 
Die eben Angekommenen wurden von den Theatergästen 
mit großem Interesse gemustert. Man hatte reichlich Muße 
und konnte sich über die Familie Hartmann unterhalten, 
sehr diskret und unauffällig – versteht sich! 
Der Kommerzienrat war erst seit ungefähr einem halben 
Jahr in der Stadt ansässig. Er besaß große 
Unternehmungen, deren Zweigniederlassungen über die 

ganze Welt verstreut waren, und hatte bisher mit seiner 
Familie bald hier, bald dort gelebt. Sein Dasein war 
eigentlich eine einzige Hetze gewesen, bis sein Sohn 
herangewachsen war. Nun hatte er an ihm eine 
vortreffliche Stütze und konnte sich endlich mehr Ruhe 
gönnen als bisher. 
Der junge Doktor Hartmann zeigte für die 
Unternehmungen im Auslande nicht viel Interesse, und so 
war denn der Vater dabei, die kleineren Niederlassungen 
aufzulösen und nur die größten bestehen zu lassen, die von 
vorzüglichen Kräften geleitet wurden. 

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Damit konnte er auch seinem sehnlichsten Wunsch 
nachgeben und endlich, endlich irgendwo festen Fuß 

fassen. Es wurde auch Zeit dafür, denn er war mittlerweile 
siebzig Jahre alt geworden. 
Es zog ihn in die Heimatstadt zurück, in der schon sein 
Großvater und sein Vater segensreich gewirkt hatten. Ihnen 
hatten hier die große Schneidemühle und die Zuckerfabrik 
gehört, die auch der Kommerzienrat noch sein eigen 
nannte. Außerdem war er Besitzer eines kleinen 
Bankgeschäftes, das jedoch in der Hauptsache seinen 
eigenen Unternehmungen zugute kam. 
Der Kommerzienrat war nicht nur ein tüchtiger 
Geschäftsmann, sondern er besaß auch noch eine 
glückliche Hand; und so konnte man sagen, sein großes 

Vermögen sei nicht bloß erworben, sondern wirklich 
erarbeitet worden. Das gaben auch alle, die ihn kannten, 
ohne weiteres zu. Er war ein so grundreeller Kaufmann, wie 
es auch seine Väter gewesen waren. 
Als Hartmann von einem in Amerika verstorbenen 
Verwandten gar noch ein dort befindliches großes 
Unternehmen erbte, stand er so sicher da wie nur wenige 
andere Handelsherren. 
Seinen einzigen Sohn hatte er ganz im Sinne der Vorfahren 
erzogen und größte Sorgfalt auf dessen Ausbildung 
verwandt. 
Er durfte mit ihm auch in jeder Hinsicht zufrieden sein, 

denn er war ihm eine sehr zuverlässige Stütze geworden. 
Alle Hoffnungen, die man auf ihn setzte, hatte der Sohn 
erfüllt; und so war das Verhältnis zwischen ihm und dem 
Vater geradezu ideal zu nennen. 
Mit Wohlgefallen ruhten die Blicke der Theaterbesucher auf 
seiner hohen, schlanken Gestalt, der man ganz gewiß nicht 
ihre siebzig Jahre anmerkte. Trotz seines schneeweißen 
Haars wirkte er so elastisch, so jugendlich, daß mancher 
Vierziger sich vor ihm hätte verstecken können. Dazu 
trugen wohl die leuchtenden blauen Augen bei, die vor 
Lebens- und Schaffensfreude strahlten. 

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Seine Gattin war klein und fein, sanft und gütig, wurde 
vom Gatten und von ihren beiden Kindern gehätschelt und 

geliebt und war vor jedem rauhen Lüftchen so ängstlich 
behütet worden, als sei sie eine kostbare Treibhauspflanze. 
Der Sohn, Doktor Gisbert Hartmann, bot mit seiner 
hohen, sportgestählten Gestalt, dem scharfgeschnittenen, 
kühnen Gesicht und den leuchtenden Blauaugen, einem 
Erbteil seines Vaters, einen äußerst angenehmen Anblick. 
Er war überhaupt ganz und gar das verjüngte Ebenbild 
seines alten Herrn und galt nicht nur als bestaussehender 
Mann, sondern auch als beste Partie in weitem Umkreise. 
Und nun das Nesthäkchen der Familie, die sinnverwirrend 
schöne, grazile, vergötterte und verzogene Roswitha. Die 
Herrenwelt riß sich um die Gunst dieses eigenwilligen 

Persönchens, und nicht nur deshalb, weil sie eine reiche 
Erbin war. Sie verdrehte den Herren der Schöpfung nur zu 
leicht die Köpfe und lachte sie hinterher aus. Sie war ein 
Sonnenkind, das in einer ganz entzückenden Weise durch 
das Leben tändelte und keine Ahnung hatte, wie furchtbar 
grausam es oft sein kann. 
Das Töchterchen war geradezu der Abgott der Familie und 
war es gar nicht anders gewohnt, als daß alles nach seinem 
Willen ging. Denn nicht nur Eltern und Bruder vergötterten 
das entzückende Persönchen, sondern man tat es überall, 
wohin es auch kam. 
Wie ein zaubersüßes Elfchen war sie anzuschauen, als sie in 

ihrer taufrischen Unberührtheit und Holdseligkeit neben 
dem Vater saß und ihre leuchtenden, schimmernden Augen 
umherschweifen ließ. Das zarte Blau des duftigen Kleides 
ließ das Antlitz lilienhaft zart erscheinen, und das lichthelle 
Lockenhaar flimmerte in metallischem Glanz. 
Plötzlich blieben ihre Blicke an einer Loge haften, und 
unwillkürlich hob sie das Opernglas, um deutlicher sehen 
zu können. Doch schon legte sich des Vaters Hand 
unauffällig auf ihren Arm und drückte ihn herunter. 
»Roswitha, Mädel, vergiß nicht, daß wir im Mittelpunkt des 
Interesses stehen.« 

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Bis zur Stirn hinauf stieg ihr ein tiefes Rot der Beschämung, 
und der Vater betrachtete sein Töchterlein mit heimlichem 

Entzücken. 
»Du, Papi, die vier Herrschaften in der gegenüberliegenden 
Loge kenne ich ja noch gar nicht?« fragte sie den Vater, der 
leise und belustigt lachte. 
»Papi, wer sind die Fremden?« 
»Bist doch ein närrisches Mädel«, entgegnete er mit 
leichtem Spott, »so sehr kann dich der Anblick dieser 
Menschen erregen, du seltsames Kind? – Ein ganz 
schlimmer Frauenfresser ist der Held da drüben, meine 
Kleine. Das Gruseln würde dich packen, könntest du 
hören, was man von diesem ›Mann ohne Herz‹ erzählt. Die 
Frauen sollen ihm so wenig gelten, daß er sie nicht einmal 

sieht. Wenn die da drüben eine Ahnung davon hätten, wie 
sehr sie dich beeindrucken – ihre Geringschätzung würde 
dich kopfscheu machen, kleine Ita; denn sie pflegen über 
jedes Interesse, das man ihnen entgegenbringt, mit stolzer 
Gelassenheit hinwegzusehen – der Graf Starkenborn nebst 
Anhang.« 
»Papi, das sind doch nicht…?« 
»Ssst, Kleine, sei um Himmels willen vorsichtig, du bist 
hier nicht allein!« mahnte der Vater. 
Soeben ertönte wieder ein Klingelzeichen, und der 
Kommerzienrat wandte sich seiner Gattin zu, die mit dem 
Sohne in die Loge zurückkehrte. 

Dann ging das Spiel auf der Bühne weiter; doch Roswitha 
war lange nicht mehr so gefesselt wie von den beiden 
vorhergehenden Akten. Immer und immer wieder ging ihr 
Blick zu der gegenüberliegenden Loge hin, und sie saß so 
unruhig in ihrem Sessel, daß der Vater sie ernstlich 
ermahnen mußte, sich zusammenzunehmen und die 
anderen nicht zu stören. 
Noch nie in ihrem Leben hatte Roswitha das Ende eines 
Theaterstückes mit solcher Ungeduld herbeigesehnt wie 
heute. Als erste verließ sie die Loge und trat im Foyer hastig 
hinter einen Pfeiler, vor dem ein alter Diener in 

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unauffälliger Livree stand und Mäntel auf dem Arme trug. 
Er mußte wohl der Diener des Grafen Starkenborn sein. 

Und sie hatte sich nicht getäuscht, denn schon kamen die 
vier hohen Gestalten auf den Diener zu, der sich tief vor 
ihnen verneigte. 
Unwillkürlich fuhren Roswithas Hände zum Herzen, und 
sie schaute, schaute… 
O dieser große blonde Mann! Er verkörperte ganz und gar 
den Helden ihrer Träume, entsprach ganz und gar dem 
Ideal, das in dem romantischen Köpfchen des kleinen 
Persönchens spukte. 
Diese edle, ritterliche Gestalt, dieses herrische Antlitz, das 
wie aus bräunlichem Marmor gemeißelt zu sein schien, das 
volle, strahlend-blonde Haar und die blauen, blitzenden 

Augen, die wie zwei Saphire unter der markanten Stirn 
lagen! 
Ganz plötzlich und unerwartet tauchten diese blitzenden 
Augen in die ihren, und ein mitleidiges, spöttisches 
Lächeln erschien auf dem Gesicht des Grafen. 
Wie hatte der Vater gesagt? – Ein Mann ohne Herz! 
Roswitha wandte den Blick zur Seite, und ein wehes Gefühl 
stieg in ihr auf. 
Mechanisch schlüpfte sie in den kostbaren Abendmantel 
und schritt dann wie eine Träumende an der Seite ihres 
Vaters, der sie aufmerksam beobachtete, dahin. Nicht ein 
Wort sprach sie während der Heimfahrt und eilte, als sie in 

der Villa angelangt war, mit einem kurzen Gutenachtgruß 
in ihre Zimmer. 
Dort wartete das gute alte Fräulein Krön auf sie, das 
Roswitha schon seit deren frühester Kindheit betreut hatte 
und das jetzt, da es sich von seinem Abgott nicht hatte 
trennen mögen, sozusagen als Kammerfrau der 
eigenwilligen kleinen Prinzessin fungierte. 
Krönchen merkte sofort, daß ihr Goldkind anders war als 
sonst, daß es etwas erlebt haben mußte, was seine sonnige 
Gleichmut aus dem Konzept gebracht hatte. Wenn das 
Kind sonst von einer Veranstaltung zurückgekehrt war, 

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dann hatte der rote Mund nicht stillgestanden, hatte 
geplaudert und gelacht, bis Krönchen alles wußte, was ihr 

kleiner Abgott erlebt hatte. 
Doch heute war Roswitha still und in sich gekehrt, sprach 
nicht und gab auch keine Antwort, wenn Krönchen sie 
nach etwas fragte. Das verdroß das alte treue Mädchen 
jedoch nicht weiter. Es wußte ja, daß sein kleiner Liebling 
von selber zu sprechen und sich seinen Kummer vom 
Herzen zu reden begann, wenn ›das Seelchen‹ sonst nicht 
mehr aus noch ein wußte. 
Krönchen kleidete die kleine Herrin mit einer 
Behutsamkeit aus, als wäre sie die größte Kostbarkeit der 
Welt und obendrein leicht zerbrechlich. 
Eben streifte sie Roswitha das hauchdünne, spitzenbesetzte 

Nachtgewand über, als diese aus ihrer tiefen Versunkenheit 
auffuhr. Die Augen, diese wundersamen tiefblauen Sterne 
mit dem ihnen eigenen feuchten Schimmer, hatten einen 
Ausdruck, als wenn sie in das Märchenland geschaut hätten 
und nun zur Wirklichkeit zurückgekehrt wären. 
Sie schüttelte sich leicht und lächelte. 
»Sag mal, Krönchen, gibt es wirklich eine Liebe auf den 
ersten Blick?« 
Krönchen mußte sich sehr zusammennehmen, um ihre 
Überraschung nicht zu verraten. 
»Ita, Liebling, deine Frage ist sehr sonderbar«, forschte sie 
vorsichtig. Doch Roswitha hörte sie gar nicht, sondern war 

wieder weltentrückt. Willenlos ließ sie sich ins Bett 
bringen, sich von zärtlichen, behutsamen Händen 
zudecken und erwiderte wie abwesend den Gutenachtgruß 
des treuen Krönchens, als dieses zögernd das Zimmer 
verließ. 
Sonst hatte die gute Alte allabendlich am Bett ihres kleinen 
Lieblings gesessen, bis tiefe Atemzüge verrieten, daß dieser 
eingeschlafen war. Doch heute schien Roswitha kein 
Verlangen nach ihrer Gesellschaft zu haben. Ihre Augen 
schweiften über die bekümmerte Dienerin hinweg, als wäre 
sie gar nicht vorhanden. 

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So hatte das taktvolle Krönchen das Empfinden, überflüssig 
zu sein, und schlich leise aus dem Zimmer; sie nahm an, 

daß der Schlaf ihr Goldkind bald in die Arme nehmen 
würde, um es hinüberzuführen in das Traumland. 
Doch der Schlaf, der dieses sorglose, unbekümmerte 
Glückskind noch nie geflohen hatte, wollte heute nicht 
kommen. Als Roswitha mit all den Gedanken, die sich 
hinter ihrer Stirn drängten, nicht fertig werden konnte, 
erhob sie sich, warf ein leichtes Morgenkleid über und 
begab sich zu ihrem Vater in dessen Arbeitszimmer. 
Der Kommerzienrat war nicht wenig erstaunt, daß seine 
Tochter zu so später Stunde noch zu ihm kam. Er sah es ihr 
sofort an, daß sie etwas bewegte, womit sie nicht allein 
zurechtkam. Liebevoll zog er sie auf seinen Schoß, und wie 

ein Kätzchen schmiegte sie sich an ihn. 
Dabei schoß es ihm durch den Sinn, warum sie wohl nicht 
zu ihrer Mutter gehen mochte, wie es eigentlich natürlich 
gewesen wäre. Die Mutter liebte dieses Sonnenkind doch 
genauso innig wie er. 
Aber so war es immer schon gewesen: sein Junge und sein 
Mädel, beide waren sie immer zu ihm gekommen, wenn 
sie etwas bedrückte. Sie gingen nur dann zu der zarten, 
sanften Mutter, wenn sie Freude im Herzen trugen. Als 
wäre ihre süße Mutti zu schwach, um den rauhen Stürmen 
des Lebens standzuhalten. 
»Nun, meine kleine Ita, wo fehlt’s?« fragte er zärtlich und 

drückte ihr Köpfchen fest an seine Brust. Er spürte den 
unruhigen Schlag ihres Herzens sehr wohl, bedrängte 
Roswitha jedoch nicht mit Fragen, sondern wartete, bis das 
Köpfchen sich hob und die Traumaugen seines Kindes mit 
grenzenlosem Vertrauen in die seinen schauten. 
»Papi, ich kann den Grafen Starkenborn nicht vergessen«, 
sagte sie so leise, daß der Vater sie kaum verstand, sondern 
ihr die Worte von den zuckenden Lippen ablesen mußte. 
»Aber Ita, liebes Kind!« entgegnete er tief erschrocken, denn 
er erkannte auf einmal, daß Roswithas Interesse für den 
Grafen Starkenborn mehr war als eine plötzliche 

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aufflammende aber ebenso schnell erlöschende 
Anteilnahme. 

Allerdings, der Graf war ein Mann, dessen Anblick ein 
Mädchenherz schon um seine Ruhe bringen konnte. 
»Sollte das etwa die Liebe sein, mein Kind«, fragte er 
besorgt, »die dich bisher glücklicherweise noch verschont 
hat?« 
»Ich weiß es nicht, Papi. Aber mir ist so, als ob ich weinen, 
immer nur weinen müßte«, kam es sehr leise von ihren 
immer stärker zuckenden Lippen. 
»Ita, da – das geht doch nicht«, erklärte der Vater hilflos, 
»dieses Gefühl mußt du unbedingt zu beherrschen suchen, 
wenn du nicht unglücklich werden willst. Denn gerade die 
Starkenborn sind ein Geschlecht, das die Tradition 

hochhält und ehrt als sein kostbarstes Eigentum. Nie würde 
ein Starkenborn ein bürgerliches Mädchen heiraten, und 
wenn sein Herz verbluten müßte. Da habe ich nun immer 
geglaubt, ein noch ganz kindliches, unbekümmertes Mädel 
zu haben, und muß zu meinem Schrecken sehen, daß es 
sich schon ganz ernsthaft mit Herzensqualen plagt? Na, 
wollen hoffen, daß dies alles nur Hirngespinste deines 
romantischen Köpfchens sind«, zwang er sich zu einem 
frischen Ton, obgleich ihm sehr ernst zumute war. 
»Papi, gehört Königsgnade dem Grafen Starkenborn?« 
»Ja.« 
»Ach, Königsgnade! Mich packt immer eine ganz tolle 

Sehnsucht, wenn ich es von weitem sehe«, sagte sie 
verträumt. »Was gäbe ich darum, könnte ich es aus der 
Nähe sehen, könnte ich nur eine einzige Stunde darin 
weilen.« 
»Kind, die Sehnsucht ist ja nur deshalb so groß, weil es sich 
deinem Anblick entzieht, dieses märchenumwobene 
Königsgnade«, lachte der Vater. Doch das Lachen war nicht 
ganz echt. »Das Gut ist nämlich nur von der einen Seite 
erreichbar, nur die breite Allee, die von der Chaussee 
abbiegt, führt dorthin. Wer keinen triftigen Grund hat, 
kann diese Allee selbstverständlich nicht betreten. Ich stehe 

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mit dem Grafen in geschäftlicher Verbindung; ein Besuch 
ist keine direkte Notwendigkeit, kann aber auch nicht 

schaden. Ich bin daher bereit, in den nächsten Tagen mit 
dir nach Königsgnade hinauszufahren. Doch mein 
Töchterlein muß mir gestatten, es bei der Heimfahrt 
gehörig auslachen zu dürfen, denn Schadenfreude ist und 
bleibt ja nun einmal die reinste Freude. Wenn du 
Königsgnade und seinen Besitzer bei nüchternem 
Tageslicht gesehen hast, dann kannst du feststellen, daß 
sich dein Märchenprinz nur durch sein faszinierendes 
Äußeres, sonst jedoch durch nichts von einem 
gewöhnlichen Sterblichen unterscheidet, und daß sein 
Schloß ein langweiliger alter Kasten ist.« 
»Oh, Papi, du bist doch der herrlichste Mann auf der 

ganzen Welt«, schwärmte die Tochter, und ihre 
leuchtenden Augen hingen an seinem lachenden Gesicht. 
»Nun ist mir viel, viel leichter zumute. Du brauchst nur 
einige Worte zu sagen, und schon fühlt man sich frisch und 
frei.« 
Ein prachtvolles Schloß, trutzig und fest wie für die 
Ewigkeit erbaut, abseits vom Lärm der Welt, berückend 
schön in seinem Frieden und seiner erhabenen Einsamkeit, 
dicht am Walde gelegen: das ist Königsgnade! 
Wenn man den stolzen Bau sieht, fühlt man sich mit 
einem Schlage in eine andere Welt versetzt, eine Welt, in 
der unerschütterliche Treue, Ritterlichkeit und Romantik 

noch nicht ausgestorben sind, wo es noch stolze, aufrechte 
Menschen gibt; wo man glauben muß, daß Märchen wahr 
werden können, und wo einem das Herz ganz groß und 
weit wird angesichts aller der zauberischen Schönheit 
ringsumher. 
Diese Gnade des Königs, die dem damaligen Starkenborn 
zu einem derartigen Prachtbesitz verhalf, war an keinen 
Undankbaren verschwendet. Er nannte die Herrschaft 
»Königsgnade«, hütete das Geschenk seines Königs als 
kostbares Heiligtum und machte es seinen Nachkommen 
zur Pflicht, es ebenso zu halten wie er. 

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Und das geschah von Geschlecht zu Geschlecht. Jedes 
Mitglied des Hauses setzte seine Ehre darein, sich der 

Gnade des Königs würdig zu erweisen und so zu leben, daß 
es vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchte. 
Fortan führten alle Erbsöhne von Königsgnade den Namen 
»Odalrich«, was soviel bedeutet wie »Herr reichen 
Erbgutes«, führten ihn durch sechs Generationen bis auf 
den heutigen Tag. 
Reich waren die Starkenborn niemals gewesen. Sie hatten 
jedoch stets so viel gehabt, um ohne Sorgen leben zu 
können. Jedoch der augenblickliche Besitzer von 
Königsgnade hatte mit schweren Sorgen zu kämpfen. Denn 
er war alles andere als ein Geschäftsmann, und so war es 
nicht zu verwundern, daß er sich nur schwer zu behaupten 

vermochte, und daß der fast zwei Jahrhunderte hindurch 
sorglich gehegte und gepflegte Familienbesitz immer mehr 
verschuldete. 
Eben betrat Graf Starkenborn das Frühstückszimmer, wo 
Großmutter, Mutter und Schwester ihn bereits erwarteten. 
Es folgte eine höfliche, jedoch wortkarge Begrüßung, 
ebenso wortkarg nahm man das Frühstück ein. 
»Aufrecht und stolz!« – das war der Wahlspruch dieses 
Geschlechts. Und aufrecht und stolz waren die Starkenborn 
allzeit gewesen, die Männer wie die Frauen. Bei der Wahl 
einer Lebensgenossin für den Erbherrn hatte man stets 
sorgfältig geprüft und überlegt, und man sah dabei nicht so 

sehr auf Geld und Gut wie auf die Eigenschaften, die einer 
späteren Gräfin Starkenborn würdig waren. Die Frau mußte 
stolz und tugendhaft sein, dazu hellhaarig und blauäugig. 
Immer waren es die Eltern gewesen, die die Gattin für den 
Sohn auswählten, und immer hatten sich die Erbsöhne 
dieser Wahl ohne Murren gefügt. Daher war auch noch nie 
eine Mesalliance in diesem Hause vorgekommen – aber 
auch keine Liebesheirat. 
Erdmuthe, des Schloßherrn Schwester, war eine echte 
Tochter ihres Geschlechts. Selbst als kleines Mädchen war 
sie stolz und gelassen gewesen und blieb es auch, als sie 

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nach zweijähriger Pensionszeit auf das Schloß der Väter 
zurückkehrte. Sie war dem Bruder so ähnlich, wie 

Geschwister es nur sein können, doch was bei ihm stolz 
und männlich wirkte, erweckte bei ihr den Eindruck von 
Hochmut und Strenge. 
Erdmuthe zählte bereits siebenundzwanzig Jahre, allein es 
hatte  sich  bisher  noch  kein  Freier für sie gefunden. Einer, 
der es hätte wagen dürfen, um dieses ernste, stolze 
Mädchen zu werben, war leider bettelarm, und der Besitz, 
auf dem sein Geschlecht seit Jahrhunderten saß, wurde 
heute versteigert. 
Daran dachte wohl auch die Großmutter des Schloßherrn, 
denn ihre hellen durchdringenden Augen suchten immer 
wieder die Enkelin, die heute zurückhaltender und 

hochmütiger wirkte denn je. 
Diese Großmutter war die bedeutendste aller Frauen, die je 
ein Starkenborn gefreit, und war somit der Stolz der 
Familie. Sie war eine geistreiche Frau und stammte aus 
fürstlichem Geschlecht; trotzdem hatte sie sich nicht 
besonnen, einem Starkenborn die Hand fürs Leben zu 
reichen, und war dann so sehr mit der Familie ihres Gatten 
verwachsen wie keine zweite. Man hatte sich ihrem 
Scharfsinn und ihrer Klugheit von jeher untergeordnet und 
tat das auch heute noch. Die Führung des Hauses lag in 
ihren Händen. Ihre Schwiegertochter Wilhelma sowie die 
Enkelin Erdmuthe fügten sich ihr ohne Murren und wagten 

in ihrer Gegenwart nie, eine eigene Meinung kundzutun. 
Sogar der Schloßherr schien dieser Frau gegenüber keinen 
eigenen Willen zu haben; es waren jedenfalls noch niemals 
Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen 
aufgekommen. 
Die vier Menschen waren heute noch verschlossener, noch 
wortkarger als sonst, bis endlich die alte Gräfin das 
aussprach, was augenblicklich alle am meisten beschäftigte. 
»Wann findet die Versteigerung statt, Odalrich?« 
»Um acht Uhr, Großmutter, sie hat also bereits begonnen.« 
»Die wievielte in diesem Jahre?« 

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»Die dritte.« 
»Was ist aus Hellin geworden?« 

»Erschossen.« 
»Und Bornstorff?« 
»Auch erschossen.« 
Dann tiefe, bedrückende Stille; kein anderer Laut war mehr 
im Zimmer vernehmbar als das Knistern der Holzscheite 
im Kamin. Das mit ährenblonder Haarkrone geschmückte 
Haupt Erdmuthes, kurzes Haar trug in Königsgnade 
selbstverständlich keine Frau, neigte sich wie unter der Last 
einer schweren Schuld. Die Blicke des Grafen ruhten 
minutenlang auf der Schwester, und es war, als träte ein 
wärmerer Glanz in seine sonst so kalten blauen Augen. 
»Und wie lange werden wir noch von diesem Schicksal 

verschont bleiben?« 
Unbarmherzig nüchtern klang die Stimme der alten Dame. 
Die stolze Erdmuthe hob den Kopf, und auch der 
Schloßherr zuckte zusammen. Gräfin Wilhelma schien auf 
einmal allen Appetit verloren zu haben, denn sie legte 
Messer und Gabel aus der Hand und lehnte sich mit einer 
müden Gebärde in den hochlehnigen Sessel zurück. 
Alle blickten auf die Greisin, die anscheinend vollkommen 
gelassen eine Frage stellte, die über ihr aller Sein oder 
Nichtsein entschied. 
»Wir wollen uns doch nichts vormachen«, klang nun 
wieder die unbarmherzige Stimme auf. »Man schafft 

Hindernisse nicht aus der Welt, indem man sich über sie 
ausschweigt und ängstlich um sie herumgeht. Viel 
schlimmer ist es, wenn uns die Tatsache, daß Königsgnade 
für uns verloren ist, überraschend trifft, als wenn wir damit 
rechnen.« 
Sie mußten ihr recht geben, die drei Menschen. Sie wußten 
nur zu gut, wie sehr gerade diese zweiundachtzigjährige 
Greisin an Königsgnade hing, und bewunderten es, daß sie 
so hart gegen sich selbst war und sich nichts vorzutäuschen 
versuchte. 
»Und da gibt es keine Hilfe«, fuhr sie fort. »Mit einer 

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reichen Heirat, die uns alle zu retten vermöchte, ist leider 
nicht zu rechnen, denn die Mädchen, die für den letzten 

Starkenborn als Gattin in Frage kommen könnten, sind alle 
nicht reich. Viola Brechten, die vielleicht Hilfe hätte 
bringen können, hat es ja vorgezogen, eine Frau Richter zu 
werden. Nun ist sie Witwe, hat den reichen Gatten beerbt 
und sein Geld noch zu ihrem gehäuft. Und das ist gut so; 
nun bleibt es uns erspart, sie in unsere Familie 
aufzunehmen. Außerdem ist es auch eines Mannes 
unwürdig,  sich  an  eine  Frau  zu  verkaufen.  So  werden  wir 
uns denn an den Gedanken gewöhnen müssen, eines 
Tages…« 
Auf einmal schien es für sie doch zu viel zu sein, über 
dieses Furchtbare, dieses Unfaßliche sachlich 

weiterzureden. Sie winkte leicht mit der Hand und erhob 
sich. Stolz und aufrecht stand sie da – trotz ihrer 
zweiundachtzig Jahre. 
Kommerzienrat Hartmann machte sein Versprechen wahr 
und fuhr einige Tage nach der Unterredung mit seiner 
Tochter nach Königsgnade. Das Mädchen war so erregt wie 
ein Kind vor Weihnachten und mußte sich 
zusammennehmen, um den Vater diese Unruhe nicht 
merken zu lassen. 
Mit dem Augenblick, als das Auto in die Schloßallee 
einbog, fühlte sie sich in eine andere Welt versetzt. Selbst 
der Kommerzienrat, der bis dahin vergnügt mit seiner 

Tochter geplaudert hatte, wurde schweigsam. 
Als sie vor dem Schlosse hielten, warf die Märzsonne ihre 
letzten Strahlen darüber und tauchte die hohen Fenster in 
ein Meer von Gold. Königsgnade erschien in seiner fast 
unwirklichen Schönheit wie ein Märchenschloß. Dieser 
tiefe Friede ringsumher, dieses Raunen und Rauschen in 
den alten Bäumen vor dem Schlosse! 
Der Kommerzienrat dachte resigniert darüber nach, wie 
verkehrt er handelte, daß er der Tochter Gelegenheit gab, 
dieses Wunder zu schauen, dessen Anblick selbst ihn, den 
nüchternen Geschäftsmann, in seinen Bann zwang. Wie 

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mußte es erst auf seine Kleine mit dem romantischen 
Köpfchen wirken? 

Ein verstohlener Blick streifte sein Kind, und ein Seufzer 
kam über seine Lippen. 
Roswithas strahlende Augen, die unverwandt an der 
Prunkfassade des Schlosses hingen, verrieten nur allzu 
deutlich, was sie empfand, was ihre schönheitsdurstige 
Seele bewegte. 
Gottlob, soeben erschien ein Diener! Wenigstens ein 
erdgeborenes Wesen, vor dessen Gegenwart aller 
Märchenspuk in nichts zerrann. 
Dem Kommerzienrat war ganz eigen zumute, als er ihm 
auf seine Frage zur Antwort gab, daß er den Grafen zu 
sprechen wünsche. 

»Erlaucht sind nicht anwesend, mein Herr«, meldete der 
Alte mit unnachahmlicher Würde, »vielleicht aber kann der 
Herr Oberinspektor Auskunft geben.« 
Der kam auch gerade über den Hof und wandte seine 
Schritte dem Schlosse zu: eine kernige, aufrechte Gestalt 
mit wetterhartem Gesicht und treuherzigen Augen. Er hatte 
eine tiefe Stimme, die wie das gutmütige Brummen eines 
Bären klang. 
»Wünschen die Herrschaften Erlaucht zu sprechen?« 
»Ja, Herr Oberinspektor. Doch wir hören soeben, daß 
Erlaucht abwesend ist. Hartmann ist mein Name.« 
Nun fuhr der Oberinspektor heftig zusammen, und der 

Kommerzienrat wußte, warum. 
»Nein, nein«, begütigte Hartmann, »ich komme in einer 
ganz neutralen Angelegenheit; ich wollte den Grafen nur 
aufmerksam machen…« 
»Darf ich den Herrn Kommerzienrat bitten, mir in mein 
Büro zu folgen?« warf der Oberinspektor hastig ein. 
»Danke, Herr Oberinspektor. Was ich zu sagen habe, ist 
nicht viel; nur eine kleine Warnung. Teilen Sie dem Grafen 
mit, daß er sich endlich entscheiden müsse.« 
Er reichte dem Manne, der wie erstarrt dastand, freundlich 
die Hand und gab Roswitha einen leisen Wink, den Wagen 

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in Gang zu bringen. 
Solange sie die Allee entlangfuhren, herrschte Schweigen 

zwischen Vater und Tochter. Aber als sie auf die Chaussee 
abbogen und ihnen das alltägliche Leben wieder 
entgegentrat, war auch der Bann gebrochen, der sie in 
Königsgnade umfangen gehalten hatte. 
Als kehrten sie aus dem Märchenlande in die Wirklichkeit 
zurück, so war ihnen zumute, und bald fand der 
Kommerzienrat auch seinen Humor wieder. 
»Nun, mein Kind, ist es gestattet, dich auszulachen?« 
»Nein, Papi, denn Königsgnade ist ja noch tausendmal 
schöner, als ich gedacht habe«, entgegnete sie, und ihre 
Augen leuchteten und strahlten wie zwei Sonnen. »Weißt 
du, Papi, schon als ich noch ein kleines Mädchen war, 

wünschte ich mir immer, einmal eine Schloßfrau zu 
werden. Nicht an die Prachtpaläste Italiens und anderer 
Länder habe ich dabei gedacht – nein, mein Traumschloß 
sah so ähnlich aus wie das von Königsgnade. Ein deutsches 
Ritterschloß war es mit all seiner Schönheit und 
Romantik.« 
Der Vater teilte den Geschmack seiner Tochter ganz und 
gar, doch das durfte er ihr keinesfalls zeigen. Er mußte 
vielmehr versuchen, ihre Schwärmerei zu unterdrücken, 
statt sie darin zu bestärken. 
Es war ihm nicht sogleich möglich, die rechten Worte zu 
finden. Er empfand, daß er sehr vorsichtig sein müsse. 

So herrschte eine gute Weile Schweigen, bis Roswitha ganz 
unvermittelt fragte: 
»Schuldet Graf Starkenborn dir Geld, Papi?« 
»Seit wann spreche ich mit meinem kleinen Mädchen über 
geschäftliche Dinge?« scherzte der Vater. Doch Roswitha 
hörte den Unterton der Abweisung heraus und wußte, daß 
der Vater über diese Angelegenheit nicht zu sprechen 
wünschte. 
Roswitha befand sich von dieser Stunde an in einer höchst 
seltsamen Stimmung. Sie, die mit ihrem goldenen Frohsinn 
wie ein schillernder Schmetterling durch das Dasein 

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gegaukelt war, Licht und Wärme um sich verbreitend, brach 
jetzt oftmals ohne jeden ersichtlichen Grund in ein 

leidenschaftliches Schluchzen aus. Dann wiederum konnte 
sie ganz still dasitzen und vor sich hinträumen. 
Die Eltern betrachteten ihr verändertes Kind mit Sorge und 
geheimer Angst. Der Vater ahnte wohl, was Roswitha 
bewegte; er schwieg jedoch darüber, um seine zarte, 
ängstliche Gattin nicht zu beunruhigen. 
Selbst Gisbert, der von seiner Arbeit stark in Anspruch 
genommen war, fiel das veränderte Wesen der zärtlich 
geliebten Schwester auf. Aber am meisten von allen sorgte 
sich das treue Krönchen um ihren Herzensliebling. 
Es war ja auch namenlos schwer für dieses behütete, 
verhätschelte Kind, das bisher nur nach eigenem Wunsch 

und Willen gelebt hatte und es nicht gewohnt war, auf 
irgendwelchen Widerstand zu stoßen, mit all dem Neuen 
fertig zu werden, das plötzlich in sein Leben getreten war. 
Mit dem feinen, ihr eigenen Instinkt empfand Roswitha, 
daß sie eine Grenze überschritten hatte, über die hinaus 
ihre Eltern ihr nicht folgen konnten. 
Wochenlang rang sie mit der geheimen, ihr Herz 
erfüllenden Sehnsucht. Ein anderes, gleich ihr verwöhntes 
Mädchen hätte an ihrer Stelle ohne weiteres Himmel und 
Hölle in Bewegung gesetzt, ihres Lebens größten Wunsch 
in Erfüllung gehen zu sehen. 
In dem Privatbüro saßen Vater und Sohn zusammen und 

waren so eifrig in ein Gespräch vertieft, daß sie Roswithas 
Eintreten vollkommen überhörten. 
»Nun kommt zu aller geschäftlichen Überbürdung auch 
noch die Sorge, die die Verwaltung einer solchen 
Herrschaft mit sich bringt«, sagte der Kommerzienrat 
unwillig. »Wir haben doch beide keine Ahnung von dem 
Kram, mein Junge. Übernehmen müssen wir das Gut; wir 
sind direkt dazu gezwungen, wenn wir nicht unser Geld 
verlieren wollen. Und dazu noch das niederträchtige 
Gefühl, den Henker dieser Leute spielen zu müssen, die ein 
heiliges Recht an ihrer Scholle haben und bettelarm von 

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ihr gehen müssen. Ekelhaft!« 
»Papi, von welchem Gute sprichst du?« 

Die beiden Männer fuhren herum. 
Da war Roswitha schon an des Vaters Seite, umklammerte 
seinen Arm mit beiden Händen und sah ihn mit einem so 
flehenden, beschwörenden Blick an, daß er verständnislos 
den Kopf schüttelte. 
»Roswitha, Mädel, wo kommst du her?« 
»Ihr habt weder mein Klopfen gehört noch meinen Eintritt 
bemerkt, Papi. So vernahm ich denn deine letzten Worte. 
Sag, Papi, du sprachst von Königsgnade?« 
»Allerdings, aber ich weiß gar nicht, Kind…« 
Sie ließ ihn nicht aussprechen, umklammerte seinen Arm 
immer fester und sah ihn an, als erhoffte sie von ihm Hilfe 

in höchster Not. 
»Papi, du mußt Königsgnade erwerben«, sagte sie mit einer 
Hast und mit einer Dringlichkeit, die den alten Herrn aufs 
tiefste beunruhigte. »Schau mal, Papi, dann kann doch der 
Graf auf seinem Schloß und Gut als Verwalter bleiben und 
braucht nicht das Erbe seiner Väter zu verlassen. Aber du 
mußt schnell handeln. Denn wenn ein anderer dir 
zuvorkommt und Königsgnade erwirbt – wer weiß, ob 
dieser dann nicht schon einen Verwalter hat, den er 
einsetzt.« 
»Sag mal, du Blitzmädel, das ist eine Idee, die keinesfalls zu 
verwerfen ist«, schmunzelte der Vater, der bei dem 

Vorschlag seiner Tochter die Ruhe wiedergefunden hatte. 
»Es fragt sich nur, wie der Graf darüber denkt, wenn man 
ihm anbietet, als Verwalter auf dem Erbe seiner Väter zu 
bleiben.« 
»Du kannst ihm jedenfalls den Vorschlag machen, Papi.« 
»Werde ich auch, mein Kind. Denn auch uns wäre damit 
geholfen, wenn er ihn annähme. Wer könnte Königsgnade 
besser bewirtschaften als er? Wer hat mehr Interesse daran 
als er, daß das Gut bleibt, was es ist – ein wertvoller 
Besitz?« 
Nun kamen für Roswitha erst recht aufregende Tage – Tage 

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des Hangens und Bangens. 
Das ging zwei Wochen hindurch. 

Doch als die Tochter sich eines Abends wieder erkundigte, 
schüttelte der alte Herr traurig den Kopf. 
»Die Antwort ist wohl da, mein Kind; aber er – lehnt ab.« 
»Papi, das ist doch nicht möglich«, stammelte sie 
fassungslos. 
Das hatte sie nicht erwartet, das nicht! 
»Papi, du mußt trotzdem Königsgnade erwerben, du 
mußt«, bettelte sie inständig. 
»Und du willst ruhig mit ansehen, wie der Graf mit den 
Seinen die Heimat verlassen muß und hinausgeht in Armut 
und Not, Roswitha?« mahnte der Vater. »Denn ihnen bleibt 
nichts, wovon sie leben können. Im Gegenteil, sie hätten 

überdies noch eine große Schuld zu zahlen.« 
Da senkte sie erneut den Kopf, stand noch länger als vorhin 
da, regungslos und stumm. Doch als sie dann den Blick 
endlich wieder erhob, lag in ihm nicht mehr stille 
Verzweiflung, sondern ein Ausdruck tiefen Ernstes. 
»Ich mache dir noch einen Vorschlag, Papi. Ich will… ich… 
möchte seine Frau werden.« 
»Roswitha!« Eltern und Bruder riefen es wie aus einem 
Mund. Entsetzt fuhren sie auf, als habe sie ein schwerer 
Schlag getroffen. 
Still war es im Zimmer, totenstill. 
Dann sagte der Vater mit verhaltener Stimme: »Ita, mein 

Herzkind, weißt du überhaupt, was du sprichst, was du 
verlangst?« 
»Ja.« 
Klar und fest klang es, und ebenso klar und fest sah sie den 
Vater an und hielt seinem Blick stand. 
»Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten, Papi. Wie 
sehr, könnt ihr euch unmöglich vorstellen. Ich liebe 
Starkenborn und möchte ihm die Heimat erhalten. Muß 
ich mich meines starken Gefühls schämen, Papi?« 
»Kind, mein Mädel!« Der Vater war so erschüttert, daß er 
nicht weitersprechen konnte. Er zog sein Kind fest ans 

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Herz. So verharrten sie minutenlang, während Mutter und 
Bruder sich bemühten, ihre Rührung zu verbergen. Dann 

hob der Kommerzienrat das Köpfchen seines Töchterchens 
empor und sah ihm in die unschuldigen klaren Augen. 
»Du bist noch sehr jung und unerfahren, meine kleine Ita«, 
sagte er mit bebender Stimme. »Du hast ja keine Ahnung 
davon und kannst es unmöglich wissen, wie es ist, wenn 
man für seine Liebe Geringschätzung, ja vielleicht sogar 
Verachtung erntet. Wenn der sehr hochmütige Graf sich 
entschließt, über das Hausgesetz hinweg eine Bürgerliche 
zu heiraten und gar noch eine, die man ihm aufdrängt, 
dann kann es sich für ihn nur um ein Opfer handeln, das 
er der Heimat und den Seinen bringt. Wie willst du, ein 
durch Liebe und gar zu viel Nachsicht verwöhntes Kind, es 

im Kreise dieser hochmütigen, adelsstolzen Menschen 
aushalten? Du mußt ja zugrunde gehen. Und dazu ist der 
Graf noch als ein Mann bekannt, dem die Frauen nichts 
bedeuten, der kein Herz für sie hat. Wie kannst du dich 
neben so viel Kälte und Unnahbarkeit behaupten?« 
»Aber Papi, dann gehört er doch zu mir und wird sich 
schon an mich gewöhnen. Wenn er sieht, wie sehr ich ihn 
liebe, dann wird sein hartes Herz schon einmal weich 
werden. Und wenn er sich auch im allgemeinen nichts aus 
Frauen macht, wird er mir doch immer die Treue halten.« 
Der Kommerzienrat lächelte. Es war ein eigenes Lächeln, 
das seine Lippen umspielte. 

»Wir wollen einen Kompromiß schließen, Liebling«, sagte 
er und zwang sich zu einem frischen Ton. »Du machst erst 
einmal mit der Mutter die Sommerreise – sagen wir auf 
sechs Wochen – und kommst du dann wieder und bist 
noch genau derselben Ansicht wie heute, dann verhandeln 
wir weiter über diesen Punkt. Einverstanden?« 
Sie nickte lächelnd. Und der Vater war von Herzen froh, 
wenigstens eine längere Frist zu haben, die es ihm 
ermöglichte, über alles noch einmal gründlich 
nachzudenken. Vielleicht würde alles viel besser, als es sich 
jetzt ermessen ließ, und vielleicht waren es unnötige 

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Sorgen, die er sich machte. In der großen Welt traten 
vielerlei Eindrücke an ein junges Menschenkind heran, die 

imstande waren, dessen Fühlen und Denken zu wandeln. 
Vielleicht lachte man später über die schwärmerische Liebe 
der kleinen Ita, die all denen, die ihr nahestanden, jetzt so 
viele Sorgen bereitete. 
Doch seine Hoffnung war vergeblich. Als die Mutter von 
der Reise zurückkehrte und mit Mann und Sohn gemütlich 
beisammensaß, mußten diese erfahren, daß Roswitha mit 
ihrer Liebe keineswegs fertiggeworden war. Im Gegenteil – 
die Neigung hatte sich noch vertieft, und die Sehnsucht war 
größer denn je. Sie hatte die Tage gezählt, bis sie aus der 
»Verbannung«, wie sie das Leben in der großen Welt 
nannte, zurückkehren konnte. 

»Ach, Papi, was ist alles da draußen gegen unser Zuhause«, 
erzählte sie. »Die Menschen kamen mir alle so unwahr, so 
verlogen vor. Und die Männer mit ihrem albernen 
Geschwätz können mich beinahe zu Tode langweilen. 
Nein, wenn einer für mich in Frage kommt, dann kann es 
nur der Graf Starkenborn sein.« 
War es schon niemals besonders lebhaft in Königsgnade 
gewesen, so herrschte jetzt geradezu Grabesstille in dem 
Schloß. Nicht nur die Herrschaft, sondern auch die 
Angestellten und Arbeiter des Gutes, die zum Teil alte 
bewährte Leute waren, wußten, daß die Tage gezählt waren, 
die die Starkenborn auf ihrer Scholle verbringen durften. 

Als ein Vetter des Schloßherrn in dieser Zeit auf einer 
Durchreise bei den Verwandten einkehrte, fiel ihm die 
gedrückte Stimmung gewaltig auf die Nerven. 
Er war von ganz anderer Art als sein Vetter Odalrich. Er 
nahm alles, was auch kam, mit vollkommenem Gleichmut 
hin und versuchte, dem Leben immer nur die beste Seite 
abzugewinnen. Das hatte er schon damit bewiesen, daß er 
das Hausgesetz übertrat und eine Bürgerliche zur Frau 
wählte. Denn diese besaß das, was ihm fehlte, um ein 
behagliches Leben zu führen – nämlich Geld, viel Geld! 
Und das Experiment war geglückt. Liebte Graf Bernhard 

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seine Frau auch nicht gerade schwärmerisch, so war er ihr 
dennoch herzlich zugetan. 

Jetzt saß er seelenvergnügt, zufrieden mit sich und der 
ganzen Welt, beim Nachmittagskaffee und ließ sich durch 
die Zurückhaltung der anderen nicht einschüchtern. 
Warum auch? Er war doch sein eigener Herr, war von 
diesen verschlossenen Menschen gottlob nicht mehr 
abhängig. 
Bernhard erfuhr bei diesem Besuch, daß dem Vetter kein 
Stein von Königsgnade gehöre, und daß es nur eine Frage 
der Zeit sei, wann er das Schloß seiner Väter verlassen 
müsse. 
Er bewunderte die Verwandten geradezu, daß sie so ruhig 
und sachlich besprechen konnten, worüber anderen 

Menschen aus Gram und Leid vielleicht das Herz 
gebrochen wäre. 
»Steht der Termin schon fest, an dem wir Königsgnade 
räumen müssen, Odalrich?« 
Diese rücksichtslose Nüchternheit der Großmutter fand 
Bernhard unerhört. 
»Noch ist mir der Termin unbekannt, Großmutter.« 
»Wer ist denn bei euch der mächtige Mann, der über Sein 
und Nichtsein gebietet?« erkundigte sich Bernhard nun 
ganz offen. 
»Kommerzienrat Hartmann.« 
»Na, das war ja auch nicht gut anders möglich«, lachte 

Bernhard belustigt auf. »Es soll mich nicht wundern, wenn 
auch alles andere haargenau da ist, was nun mal zu einem 
mächtigen Mann gehört. Verfügt dieser beneidenswerte 
Herr nicht über ein leutseliges, vor Wohlwollen triefendes 
Wesen? Pocht er nicht auf seinen Geldsack, daß es kling? 
Ist er nicht klein und dick, und hat er nicht ein passables, 
hübsches, launenhaftes Töchterlein, das nur allzusehr 
gewillt wäre, mit den ringüberladenen Patschen Gold und 
immer wieder Gold aus dem Schatz ihres Vater zu spenden, 
nur damit sie Gräfin Starkenborn werden kann?« 
Nun mußten sie alle lachen, was gewiß selten vorkam und 

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Bernhard immer kühner werden ließ. 
»Bernhard, man könnte fast glauben, daß du hellseherisch 

veranlagt bist«, sagte Odalrich am nächsten Morgen, als sie 
alle gemeinsam am Frühstückstisch saßen. »Schau her, 
dieser Brief bestätigt, daß Hartmann wirklich eine Tochter 
hat, die mich zum Gatten begehrt.« 
Bernhard sah ihn zuerst verblüfft an. Doch dann lachte er 
so übermütig und ansteckend, daß der Vetter mitlachen 
mußte, so wenig ihm im Grunde danach zumute war. 
»Odalrich, das ist ja einfach gottvoll«, schluchzte Bernhard 
und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. Er 
beruhigte sich nur langsam und meinte dann: »Damit sich 
nun alles weiterhin programmäßig entwickelt, möchte ich 
dir den guten Rat geben, mein lieber Vetter: greife ohne viel 

Bedenken mit beiden Händen zu.« 
»Wenn Odalrich so geschmacklos wäre wie du, dann täte er 
es, mein guter Junge«, sagte die alte Gräfin mit beißendem 
Spott. 
Doch Bernhard ließ sich nicht beirren. Er war in diesem 
Augenblick dickfelliger als je und lachte die alte Dame mit 
der ganzen Liebenswürdigkeit an, die seiner 
Schwerenöternatur eigen war. 
Als Bernhard sich nun mit formeller Verbeugung entfernen 
wollte, erhob sich der Schloßherr, schob den Arm unter 
den des Vetters und verließ mit ihm das Zimmer. 
»Großmutter ist verbittert«, sagte er seufzend, während sie 

zu Odalrichs Zimmern gingen. »Hinter ihren Worten 
verbirgt sich ihre Verzweiflung. Ich weiß es wohl am 
besten, wie sehr sie an Königsgnade hängt, und wie 
furchtbar ihr der Gedanke ist, es verlassen zu müssen. 
Darum mußt du es nicht auf die Goldwaage legen, was sie 
sagt. Du siehst, ich tue es auch nicht. Ich kann jedoch 
verstehen, daß du nach diesem Vorfall nicht länger bei uns 
bleiben willst. Und es tut mir aufrichtig leid, daß dein 
Besuch, der mich ehrlich erfreute, mit einem Mißklang 
enden muß. Doch wenn es dir eine Genugtuung ist, so 
sollst du wissen, daß deine Worte doch nicht ohne 

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Eindruck auf sie geblieben sind. Das weiß ich genau.« 
»Na, dann will ich diesen Anpfiff getrost hinnehmen«, 

brummte Bernhard, beinahe schon wieder versöhnt. Er 
packte den Vetter an den Schultern und sah ihn mit seinen 
ehrlichen Augen fest an. 
Die Vettern drückten sich herzlich die Hände. Noch 
niemals hatten sie sich so gut verstanden wie in dieser 
Stunde. 
Es hatte den Kommerzienrat einen schweren Entschluß 
gekostet, jenen inhaltsschweren Brief an den Grafen 
Starkenborn zu richten, der in Königsgnade helle 
Empörung hervorgerufen hatte. 
Nun warteten er und die Seinen auf eine Antwort – 
tagelang, wochenlang. 

Roswitha wurde in dieser Zeit blaß und schmal, und die 
Ihren konnten das kaum noch mit ansehen. Die Kleine 
wurde immer gereizter und begegnete der Dienerschaft oft 
ohne jeden Grund so rücksichtslos, wie es die 
launenhafteste Weltdame nicht besser gekonnt hätte. 
Selbst Angela Richter, Roswithas intimste Freundin, wurde 
so heftig angefahren, daß sie ganz betreten war. 
Angela war ein entzückendes Geschöpf. In ihrer Sanftheit 
war sie das ganze Gegenteil des kleinen Sprühteufelchens 
Roswitha. Sie hing mit inniger Liebe an dem kleinen 
Dollarprinzeßchen, und das um so mehr, da ihr dessen 
Bruder nicht gleichgültig war. 

Auch Angela war sehr reich. Daß sie schon lange verwaist 
war, hatte sie bis vor kurzem nicht als besonders 
schmerzlich empfunden, da ihr Bruder stets zärtlich besorgt 
um sie war, auch dann noch, als er sich mit der schönen 
Gräfin Viola Brechten verheiratet hatte. 
Aber dann ereignete sich ein schwerer Unglücksfall in 
seiner Fabrik. Richter geriet in eine Maschine, die ihm 
beide Beine abriß. So hätte er sein Leben als Krüppel fristen 
müssen, hätte der Himmel nicht ein Einsehen gehabt und 
den Ärmsten zu sich genommen. 
Die beiden Mädchen saßen eines Tages auf der Couch in 

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Angelas kleinem Wohnzimmer. Beide waren sehr bedrückt, 
und die Unterhaltung stockte. Das Hereinbrechen der 

Dämmerung trug ebenfalls nicht dazu bei, die Stimmung 
zu heben. 
Lange Zeit saßen die beiden Freundinnen schweigend 
nebeneinander, bis Roswitha auf einmal in heftiges Weinen 
ausbrach. 
Angela erschrak bis ans Herz heran. Sie versuchte alles nur 
mögliche, die Freundin zu beruhigen, und dabei erfuhr sie 
von deren Herzeleid. 
Beide waren so vertieft, daß sie nicht bemerkte, wie Frau 
Viola Richter das Zimmer betrat und Zeugin von Roswithas 
Beichte wurde. 
Trotz des Jammers, der aus Roswithas Worten sprach, war 

Frau Viola herzlos genug, hell aufzulachen und im gleichen 
Augenblick das grelle Deckenlicht einzuschalten. 
Beide Mädchen fuhren empor und schlossen unwillkürlich 
die Augen. 
»Bist du rücksichtslos, Viola«, murmelte Angela. 
»Dieses helle Licht tut euch beiden Schwärmerinnen gut«, 
lachte Viola, und die kleine Schwägerin fand dieses Lachen 
häßlicher denn je. 
»Nun wird unsere romantische Roswitha wohl zur Vernunft 
kommen und einsehen lernen, daß es leichter ist, nach den 
Sternen zu greifen, als einen Starkenborn zu bewegen, ein 
Mädchen zu freien, das nicht seines Standes ist.« 

»Warum sollte ich nicht die Gattin des Grafen Starkenborn 
werden können?« fragte sie sehr von oben herab. Und es 
war etwas in ihrer Stimme, das die weltgewandte Frau 
nervös machte. 
»Liebes Kind, eher steht die Welt köpf, als daß ein solches 
Wunder geschähe.« 
Roswithas Augen funkelten wie die einer Katze. »So sollen 
Sie das Vergnügen haben, die Welt kopfstehen zu sehen. 
Wollen wir wetten?« 
»Roswitha!« schrie Angela entsetzt auf, doch das wurde von 
dem unbändigen Lachen übertönt, mit dem Frau Viola sich 

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in ihren Sessel zurückwarf. 
»Köstlich! Einfach köstlich ist das!« rief sie überlaut. »Graf 

Starkenborn, dieser Mann ohne Herz, als Wettobjekt! 
Kinder, ich sterbe vor Lachen!« 
Das wäre gut, dachte Angela, die ihre Schwägerin in diesem 
Augenblick geradezu haßte. Sie umschlang die Freundin 
mit beiden Armen. 
»Ita, komm«, bat sie ängstlich. Doch diese hörte sie gar 
nicht; sie schaute noch immer auf die Frau, die sich vor 
Lachen förmlich hin und her wand. 
»Nun, halten Sie die Wette, gnädige Frau?« 
Und ehe Angela es verhindern konnte, hatte Roswitha 
schon die Hand der anderen erfaßt, die ihr plötzlich mit 
fieberhafter Hast entgegengestreckt wurde. 

»Angela, schlag durch!« 
Die weigerte sich. 
»Nun, kleine Ita, die Wette gilt auch so«, sagte Frau Viola 
und erhob sich. Ehe die Mädchen so recht zur Besinnung 
kamen, hatte sie das Zimmer verlassen. 
»Roswitha, weißt du überhaupt, was du getan hast?« fragte 
Angela entsetzt. »Wenn Viola nun von dieser Wette etwas 
verlauten läßt?« 
»Das ist mir gleich«, brauste Roswitha auf und warf das 
Köpfchen in den Nacken. »Dieser Frau muß man zeigen, 
daß man ihrer Bosheit gewachsen ist. Ihre Augen sind mir 
unheimlich, wie Teufelslichter erscheinen sie mir 

manchmal.« 
»Siehst du, Ita, und mit dieser Frau muß ich tagaus, tagein 
zusammenleben«, sagte Angela bitter. 
Da vergaß Roswitha ihr eigenes Leid, umfaßte die Freundin 
mit beiden Armen und zog sie auf die Couch nieder. 
Genau wie vorhin saßen sie nebeneinander und hingen 
ihren quälenden Gedanken nach. 
»Nicht traurig sein, Geli«, tröstete Roswitha, die um das 
Herzeleid der Freundin gar wohl wußte. »Gisbert wird 
schon eines Tages merken, welch großer Dummkopf er ist, 
daß er deine Liebe nicht sieht. Und liebt er dich erst, dann 

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hast du bei ihm den Himmel auf Erden, das darfst du mir 
schon glauben.« 

»Und wenn er eine andere liebt?« fragte Angela bedrückt. 
»Dazu hat er ja gar keine Zeit, Geli. Nur Arbeit, Arbeit und 
immer wieder Arbeit füllt seine Tage aus.« 
»Wie gut du einen aufzurichten verstehst.« Angela fuhr der 
Freundin zärtlich über die Wange. »Und dabei ist dir selber 
doch das Herz so schwer. Wenn ich dir doch irgendwie 
helfen könnte.« 
Roswitha schüttelte den Kopf. »Das kann wohl niemand, 
da es noch nicht einmal Papi vermag, der doch stets bereits 
ist, alles für mich zu tun, wenn es sich um mein Glück 
handelt.« 
»Ita, mir ist so bange um dich. Wenn du nun die Wette 

verlierst, und Viola…« 
»Das werde ich nicht!« fuhr die kleine Dollarprinzessin auf. 
»Wie ich es anfangen werde, weiß ich selbst noch nicht. 
Doch ich will und muß des Grafen Frau werden, schon um 
deiner vortrefflichen Schwägerin zu zeigen, daß sie nicht 
jeden Menschen ungestraft verhöhnen kann.« 
Starkenborn nahm in der Halle dem Gärtner die Rosen ab, 
schritt zu dem Wagen, der vor dem Portal des Schlosses auf 
ihn wartete, und ließ sich aufseufzend in die Polster fallen. 
Das Gefährt hielt eine Stunde später vor dem Bankhause, 
in dem Odalrich den Kommerzienrat am ehesten zu treffen 
hoffte. 

Ruhig und gelassen schritt er dem Bankhause zu. 
In dem Hause erhielt er von dem Prokuristen den Bescheid, 
daß der Kommerzienrat in seiner Villa sei. 
Der Graf dankte freundlich und befahl dem Kutscher, nach 
der Villa Hartmann zu fahren. 
Als er an dem Portal die Glocke zog, öffnete sich die 
schwere Tür geräuschlos, wie von unsichtbarer Hand 
bewegt. In der Diele trat ihm ein Diener entgegen, und 
Starkenborn gab seine Karte ab. 
Sehr schnell kam der Bediente wieder und führte Odalrich 
zu dem Arbeitszimmer des Kommerzienrates, in dessen Tür 

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dieser den Besucher bereits erwartete. 
Als Odalrich des Hausherrn ansichtig wurde, blitzte es in 

seinen Augen auf. 
Lächelnd bat der Kommerzienrat seinen Gast, näher zu 
treten. 
Und als dieser die geschmackvolle Einrichtung des 
Zimmers sah, war es ihm, als ließe die Spannung in seinem 
Innern nach. 
»Guten Tag, Erlaucht«, begrüßte Hartmann den Grafen und 
streckte ihm liebenswürdig die Hand entgegen. 
»Meine Zeit ist zwar knapp bemessen – man erwartet mich 
bei einer wichtigen Sitzung – doch für ein halbes 
Stündchen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. – Sorgen 
Sie dafür, daß wir nicht gestört werden, Karl!« wandte er 

sich an den Diener, der sich daraufhin mit einer 
Verbeugung zurückzog. 
Nun standen sich die beiden Männer gegenüber. Die 
Augen des Kommerzienrats glitten unauffällig über den 
feierlichen Anzug seines Besuchers, fielen auf die Blumen 
in dessen Hand, und ein humorvolles Lächeln zuckte um 
seinen Mund. 
»Wollen Sie nicht bitte Platz nehmen?« 
Mit einladender Handbewegung wies Hartmann auf einen 
der Ledersessel und zog, nachdem Starkenborn seiner 
Aufforderung Folge geleistet, sich selber einen Lehnstuhl in 
dessen unmittelbare Nähe. 

Sekundenlang herrschte Schweigen zwischen den beiden 
Herren. 
Hochmütig, eisig beinahe war der Blick des Grafen, 
freundlich und aufmunternd der des Kommerzienrates. 
»Ich glaube zu erraten, was Sie zu mir hergeführt hat«, sagte 
der alte Herr mit gewinnender Liebenswürdigkeit. 
»Und ich glaube annehmen zu dürfen, daß Sie den Anlaß 
meines Hierseins richtig einschätzen.« 
Wie kühl der Ton dieser Stimme klang, wie ganz anders als 
die des alten Herrn. 
»Ich bitte um die Hand Ihres Fräulein Tochter, Herr 

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Kommerzienrat.« 
Jetzt wurde Starkenborn des humorvollen Lächelns gewahr, 

das abermals um des Hausherrn Lippen huschte und seine 
Haltung wurde daraufhin noch kühler, noch ablehnender. 
Doch es schien, als ob sein Gegenüber das absolut nicht 
bemerkte. 
»Meine Tochter sowie ich nehmen Ihre Werbung gern an«, 
entgegnete Hartmann ohne Zögern. 
Und dann lachte er auf: »Na, da wird meine Ita selig sein! 
Sie sind nämlich ihre stille Liebe.« 
Nun mußte auch der Graf lächeln. Es sah aus, als ob 
jemand einem anderen von einer harmlosen Äußerung 
seines Kindes erzählt; aber es war immerhin ein Lächeln, 
das den hoheitsvollen Gast zugänglicher erscheinen ließ. 

»Lassen Sie uns in dieser Stunde ganz aufrichtig sein«, sagte 
der Kommerzienrat sehr herzlich, »lassen Sie uns von 
Mann zu Mann sprechen. Warum Sie um meine Tochter 
werben, Erlaucht, das weiß ich, auch meiner Familie ist es 
bekannt, meine Tochter selbstverständlich nicht 
ausgeschlossen. Wir wollen deshalb jede Verschleierung der 
Tatsachen vermeiden und uns bemühen, ehrlich zu bleiben 
und die Dinge beim richtigen Namen nennen. 
Ich bot Ihnen die Hand meines Kindes an, und Sie nehmen 
diesen Vorschlag nach langem Ringen, wie ja Ihr 
wochenlanges Schweigen beweist, an. Sie tun es aus Liebe 
zur Heimat, aus Pflichtgefühl den Ihren gegenüber. Mit 

dem Augenblick, da Sie sich durch Ihr Wort binden, meine 
Tochter zu Ihrer Gattin zu machen, steht Ihnen das Geld 
zur Verfügung, das Sie benötigen, um Königsgnade von 
allen Schulden zu befreien. Denn dann gehören Sie auch 
zu unserer Familie, und wir halten es stets so, daß einer 
dem anderen treu zur Seite steht. 
Als Gegenleistung hierfür verlange ich nichts weiter von 
Ihnen, als daß Sie gut zu meinem Kinde sind. Meine 
eigenwillige Ita gestand mir, längst gehöre Ihnen ihr Herz, 
und sie beschwört es mit tausend Eiden, Sie seien die große 
Liebe ihres Lebens. Sie erklärte mir ferner, schon als Kind 

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habe sie sich danach gesehnt, in Königsgnade leben zu 
dürfen. Wie das alles gekommen ist, entzieht sich meiner 

Kenntnis. Ich weiß nur, daß Sie auf der Stelle gesiegt 
hatten, als meine Tochter Sie zum ersten Male sah. Sofort 
besaßen Sie Gewalt über ihr Herz. Bisher war es noch 
keinem Mann gelungen, ihre Liebe zu gewinnen, obgleich 
sie weit in der Welt herumgekommen ist und dabei genug 
Männer kennengelernt hat, die sie keineswegs allein des 
Geldes wegen verehrten. 
Wir versuchten, diese Neigung zu unterdrücken, suchten sie 
abzulenken – umsonst. Meine Tochter hat sich in wenigen 
Wochen so sehr verändert, daß man es nicht für möglich 
halten sollte. Sie war es auch, die mir den Vorschlag 
machte, Sie als Verwalter zu gewinnen, falls ich 

Königsgnade übernehmen müßte. Und als Sie auf diesen 
Vorschlag nicht eingingen, erklärte, sie kurz und bündig, 
sie wolle Ihre Gattin werden. Daß ich davon nicht gerade 
entzückt war, und es auch heute noch nicht bin, das 
können Sie mir nicht verdenken, Erlaucht. Ich muß Ihnen 
dies sagen, denn ich liebe meine Tochter sehr, sie ist der 
Sonnenschein meines Lebens, und ich möchte sie daher 
recht von Herzen glücklich sehen.« 
Der Kommerzienrat machte eine kleine Pause und fuhr 
dann fort: 
»Solange ich lebe, kann ich über meinen Liebling wachen 
und halte die Augen schon offen. Aber ich zähle immerhin 

siebzig Jahre; und so gesund ich bin und so frisch ich mich 
auch fühle, so muß ich doch damit rechnen, daß ich nicht 
allzulange mehr zu leben habe. Dann aber stände mein 
Mädel mit seinem romantischen Köpfchen und mit seinem 
unberechenbaren Eigenwillen allein in der Welt. Denn so 
sehr mein Sohn seine Schwester auch liebt, ist er dennoch 
nicht imstande, sie in der Weise zu schützen, wie ich es zu 
tun vermag. Auch er wird einmal eine Familie gründen 
wollen, und dann steht das Wohl der Seinen 
selbstverständlich allem anderen voran.« 
»Zu Ihnen habe ich felsenfestes Vertrauen, Erlaucht. Ich 

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weiß, die Starkenborn haben ihre Frauen wohl nicht immer 
geliebt, sie jedoch allzeit geachtet und geehrt und sind 

ihnen ein starker Schutz gewesen. Und daher kommt es, 
daß ich trotz allem mit ruhigem Gewissen das Geschick 
meiner Tochter in Ihre Hände lege.« 
Mit keinem Wort hatte der Graf die Rede des alten Herrn 
unterbrochen, und seine Mienen verrieten nicht, wie er sie 
auffaßte. 
Jetzt erhob er sich langsam und ergriff die Hand des 
Kommerzienrates, die sich ihm mit viel Herzlichkeit 
entgegenstreckte. 
»Ich danke Ihnen, Herr Kommerzienrat, daß Sie so offen 
mit mir sprachen, denn ich verstehe Offenheit sehr wohl zu 
schätzen. Daher will auch ich ganz ehrlich sein – weil ich 

es sein darf. Lieben kann ich Ihr Fräulein Tochter nicht, da 
ich sie ja überhaupt nicht kenne. Doch ich gebe Ihnen 
mein Wort, daß ich meine Gattin schützen, achten und 
hochhalten werde, soweit es in meiner Macht steht. Denn 
sie ist es ja, die uns, meinen Angehörigen und mir, ein 
sorgenfreies Leben nach Königsgnade bringt, und das 
werde ich nie vergessen. Und daß die Meinen es auch nicht 
tun werden, lassen Sie meine Sorge sein.« 
»Das genügt mir fürs erste«, entgegnete der Kommerzienrat, 
»und daß Sie mit der Zeit meine kleine Ita auch ein wenig 
liebgewinnen, dafür wollen wir dieses Sonnenkind selber 
sorgen lassen«, setzte er mit feinem Lächeln hinzu. »Meine 

Zeit ist nun um – leider. Meine Frau und mein Junge sind 
verreist und kommen erst morgen wieder. Doch so viel Zeit 
muß mir noch bleiben, Sie zu meiner Tochter zuführen.« 
Er schritt mit seinem Gast die breite, teppichbelegte Treppe 
hinauf. Auf dem Gang des oberen Stockwerks hörten sie 
eine junge, süße Stimme, und Starkenborn sah, wie es in 
den Augen des Kommerzienrats aufleuchtete. 
Gleich darauf betraten sie ein ungemein hübsches Zimmer, 
dessen Fußboden ein dicker lichtblauer Teppich bedeckte. 
Auf diesem lag Roswitha und trieb Gymnastik. Die in einer 
weiten Hose aus zartblauem Samt steckenden Beine 

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pendelten hin und her. »Knie beugt, Knie streckt!« so ging 
es in einem fort. Die blonden Locken hingen wirr in das 

vor Eifer gerötete Gesichtchen. 
Dicht über dem Fußboden schaukelte sich in einem Ringe 
ein großer Papagei, ein wahres Prachtexemplar seiner 
Rasse. Er trat von einem Bein auf das andere, wiegte sich 
mit Behagen und sah geringschätzig auf seine Herrin herab. 
Es war ein unbeschreiblich reizendes Bild, das jeden 
Beschauer sofort gefangennehmen mußte. Das war 
Schönheit und Anmut und herzerquickende Natürlichkeit. 
Bei einem so bezaubernden Geschöpf konnte man es wohl 
verstehen, daß die Eltern ihren Abgott in ihm sahen, es 
verhätschelten, weil sie nicht anders konnten, und sich 
dadurch einen kleinen Tyrannen erzogen, der sein 

eigenwilliges Köpfchen immer und überall durchsetzte. 
Eben drohte Roswitha mit dem Finger zu dem Papagei hin. 
»Sag Affe, Coco!« 
»Ita!« schnarrte der widerspenstige Vogel und blinzelte 
seine Spielgefährtin lauernd an. Doch die war ganz und gar 
nicht mit ihm zufrieden und schüttelte unwillig den Kopf, 
daß die Locken nur so flogen. 
»Nicht Ita – Affe sollst du sagen!« 
Doch Coco dachte gar nicht daran, sondern setzte den Ring 
in heftige Bewegung und legte das Köpfchen schief. Es sah 
aus, als ob er lachte. Da hielt Roswitha den Ring fest und 
tippte dem Papagei auf die bunte Brust. 

»Coco, du mußt unbedingt Affe sagen«, wiederholte sie mit 
einer Dringlichkeit, als hinge wer weiß was davon ab. 
»Schau mal, du bist doch ein verständiges Cocolein, und 
du wirst es deshalb begreifen, daß du Affe sagen mußt, 
wenn der unausstehliche Modefatzke uns wieder einmal 
mit seinen blöden Schmeicheleien langweilt. Also, sag 
schon endlich Affe!« 
»Ita!« rief der Vater lachend, doch sie sah gar nicht auf. 
»Gut, daß du da bist, Papi«, sagte sie eifrig, »vielleicht 
kannst du erreichen, daß Coco Affe sagt, weil doch – « 
Sie war aufgesprungen – alle weiteren Worte blieben ihr 

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geradezu in der Kehle stecken, als sie den 
hochgewachsenen Besucher erblickte. 

Flammend rot wurde sie, und aus großen Augen schaute sie 
entsetzt auf den Grafen, der ein Lächeln nicht unterdrücken 
konnte. 
»Hier ist meine Tochter, Roswitha, Erlaucht«, stellte der 
Kommerzienrat vor. »Sie haben sich Ihre zukünftige Gattin 
wahrscheinlich anders vorgestellt, doch im Leben ist selten 
etwas vollkommen.« 
Ein humorvolles Lächeln spielte um seinen Mund. 
Roswitha stand vor den beiden Männern da wie ein 
erschrockener, hilfloser Backfisch. Sie sah in der hellblauen 
Samthose mit dem dazu passenden ärmellosen Pullover so 
rührend kindlich aus, wie es nur bei ganz jungen, 

unschuldigen Mädchen möglich ist. 
»Nun, mein Kind, reiche dem Herrn Grafen die Hand«, 
ermunterte der Vater. »Er hat soeben um dich bei mir 
angehalten.« 
»Papi!« 
Sie flog in des Vaters Arme und sah von diesem sicheren 
Platze aus dem Grafen in das Antlitz, das wie aus Erz 
gegossen zu sein schien. Ach, in der Nähe sah er noch viel 
hoheitsvoller, viel faszinierender aus als aus der 
Entfernung. 
Doch wie er sie ansah, so kalt, so durchbohrend, da hatte 
sie das Gefühl, als ginge sein Blick ihr durch und durch. 

Bald jedoch überwand sie die Scheu vor dem unnahbaren 
Besucher. Was konnte ihr passieren, solange der Papi bei 
ihr war! 
Sie warf das Köpfchen zurück, lachte ihr köstlich frisches, 
unbekümmertes Lachen, löste sich aus den Armen des 
Vaters und streckte dem Grafen die Hand hin. 
»Guten Tag, Erlaucht, ich heiße Sie herzlich willkommen. 
Ist es – ist es wirklich wahr, was Vater sagt?« 
Sie errötete tief bei dieser Frage. Der Graf lächelte und 
drückte seine Lippen auf ihr Händchen, das in seiner 
Rechten zitterte und bebte. 

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»Ja, gnädiges Fräulein, es ist wahr. Wenn Sie mir das Recht 
geben wollen, diese Hand für das Leben halten zu 

dürfen…« 
»Oh!« machte Roswitha und seufzte tief auf. Sie nahm die 
Blumen, die er ihr reichte, und steckte das erglühende 
Gesichtchen hinein. Dann schaute sie über die Rosen 
hinweg tief in seine Augen, in die beim Anblick dieser 
leuchtenden, tiefblauen Sterne ein warmer Ausdruck trat. 
Sie hielt seinem Blick stand, preßte mit den 
flammendroten Rosen zusammen ihre Hände auf das Herz 
und sah ihn lange an, als müsse sie sich sein Bild einprägen 
für Zeit und Ewigkeit. 
»Nun ist es wahr, endlich wahr«, sagte sie verträumt vor 
sich hin. 

»Ja, nun ist es endlich wahr, Liebling«, sagte der Vater mit 
bebender Stimme und zog sein Kind fest an sich, hob 
dessen Köpfchen zu sich empor und sah ihm in die 
unschuldsvollen Augen. 
»Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Und nun ist es an 
dir, zu zeigen, ob du nicht nur Wünsche haben kannst, 
sondern ob du auch Pflichten hoch und heilig hältst. 
Vergiß nie, welche Opfer dieser Mann dir bringt, wenn er 
dich heiratet. Es ist nun in deine Hand gegeben, ihm dieses 
Opfer so leicht wie möglich zu machen. Schäme dich nicht, 
ihm deine Liebe zu zeigen, Ita, denn Liebe erzeugt 
Gegenliebe. Wenn du ihn immer mit deiner Liebe umgibst, 

wird er dir sein Herz nicht auf die Dauer verschließen 
können.« 
Jetzt liefen helle Tränen über das Antlitz des erschütterten 
Mannes, und er zog sein Kind fest an seine Brust. 
»Papilein!« sagte da ein weiches, süßes Stimmchen, »ich 
werde dir ganz gewiß keine Schande machen.« 
Das klang so naiv, daß der Vater unwillkürlich lachen 
mußte. 
»Na ja, bist ja ein tapferes Kerlchen und hast das Herz auf 
dem rechten Flecke; das hast du ja schon oft bewiesen. 
Doch nun heißt es für mich leider, euch zu verlassen; ich 

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muß den auf mich wartenden Herren wenigstens 
persönlich Bescheid sagen, daß ich für sie heute nur wenige 

Minuten zu sprechen bin.« 
»Einen Augenblick noch, Papi«, bat Roswitha. »Ich will 
mich nur ganz schnell umkleiden, und da Mutti und 
Gisbert nicht zu Hause sind, ist niemand da, der Herr von 
Starkenborn so lange Gesellschaft leisten kann.« 
Schon war sie im Nebenzimmer verschwunden. Nach 
erstaunlich kurzer Zeit erschien sie wieder. Sie trug ein 
duftiges Kleid aus mattgelben Spitzen und war 
anzuschauen wie ein Märchenbild. Die wirren Locken 
waren geordnet, und die Augen strahlten und leuchteten 
wie zwei Sonnen. Sie trug eine mit Wasser gefüllte Vase in 
der Hand, steckte die Rosen hinein und stellte sie auf den 

Tisch. 
»So, Papi, jetzt kannst du meinetwegen gehen.« 
»Ist auch allerhöchste Zeit«, erwiderte der und sah nach der 
Uhr. »Verflixt spät ist es geworden. Ich werde mich 
bemühen, so schnell wie irgend möglich zurück zu sein. In 
der Zwischenzeit könnt ihr beide frühstücken.« 
Er nickte ihnen noch einmal freundlich zu und verließ 
dann eilig das Zimmer. 
Nun wurde es Roswitha doch recht beklommen zumute. 
Der Vater war nun fort, und ihr lag die Pflicht ob, diesen 
schweigsamen, unnahbaren Besucher zu unterhalten. Ihre 
Augen streiften mit leiser Scheu seine Gestalt. 

»Bitte – lassen Sie uns doch Platz nehmen«, sagte sie mit 
einer Unsicherheit, die dem weltgewandten jungen Mädel 
sonst fremd war. 
»Oder wäre Ihnen ein anderes Zimmer lieber, Herr von 
Starkenborn?« 
»Wenn es dir recht ist, dann bleiben wir hier, Roswitha«, 
entgegnete er und lächelte leicht, als sie zusammenzuckte 
und ihn erschrocken ansah. 
»Ach ja, selbstverständlich«, murmelte sie dann und senkte, 
bis zur Stirn errötend, den Kopf. Sie rückte ihm einen der 
zierlichen Sessel zurecht und nahm ihm gegenüber Platz. 

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Und als sie sah, mit welcher Unsicherheit der 
hochgewachsene Mann auf dem seidenüberspannten 

Stühlchen balancierte, das nur für ihre winzige Figur 
berechnet war, siegte ihr angeborener Frohsinn über 
Verlegenheit und Scheu, und sie lachte hell und lustig auf. 
»Ich sehe schon, das ist für so lange Glieder wie die Ihren 
keine Sitzgelegenheit. Da nehmen Sie wohl lieber den 
Sessel am Kamin, in dem immer mein Vater und mein 
Bruder sitzen, wenn sie mich einmal in meinem Reich 
aufsuchen.« 
Sie wechselten die Plätze, und nun wurde Roswitha wieder 
unsicher unter des Grafen Blick, der unverwandt auf ihr 
ruhte. Sekundenlang saß sie dann, den Kopf tief gesenkt, 
und wagte es nicht, die Augen zu erheben; sie ärgerte sich 

unbeschreiblich über ihre Unsicherheit und suchte 
krampfhaft nach einem Gesprächsstoff. 
»Sie rauchen doch gewiß?« atmete sie dann befreit auf, von 
Herzen froh, daß ihr diese Frage eingefallen war. 
Auf ihr Klingeln erschien ein Diener, den sie beauftragte, 
Zigarren und Zigaretten zu bringen. Als er damit erschien, 
gab sie ihm noch leise den Auftrag, für ein Frühstück Sorge 
zu tragen, worauf der Diener sich sofort zurückzog. 
»Zigarren oder Zigaretten?« fragte sie dann ihren 
ungesprächigen Gast. 
»Zigaretten, wenn ich bitten darf.« 
Sie schob ihm ein Zigarettenkästchen, Streichhölzer und 

Aschenbecher hin, und er sah sie prüfend an. 
»Nach dir, Roswitha.« 
»Danke, ich bin eine sogenannte Sonntagsraucherin und 
rauche nur ganz leichte Damenzigaretten.« 
Da verbeugte er sich leicht, entnahm dem Kästchen eine 
Zigarette, und sie sah zu, wie er sie in Brand steckte. 
Coco, den seine kleine Herrin ganz und gar vergessen hatte 
und der noch immer in seinem Ringe schaukelte, war den 
ungewohnten Vorgängen mit Neugier gefolgt. Doch mit 
der Zeit wurde es ihm langweilig, und er machte sich 
energisch bemerkbar, indem er zornige Rufe ausstieß. 

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»Affe!« kreischte er zornig. »Affe! Affe!« 
»Coco!« rief Roswitha entsetzt und drohte dem Papagei. Sie 

trat zu ihm und hakte den Ring von der Schnur, die von 
der Decke des Zimmers herabhing. 
»So, du Bösewicht, für deine Unart kommst du nun in dein 
Bauer.« 
»Affe! Affe!« schrie Coco noch einmal aufgebracht, ehe 
Roswitha mit ihm im Nebenzimmer verschwand. 
Sie kehrte schnell wieder zurück und lachte den Grafen an, 
halb verlegen, halb schelmisch. 
»Das ist ein ganz toller Bursche. Zuerst wollte er durchaus 
nicht ›Affe‹ sagen, und nun, da er es nicht soll – 
unglaublich!« 
»Wem war denn diese liebevolle Bezeichnung zugedacht?« 

erkundigte sich der Graf lächelnd. 
»Ach, so einem Affen.« 
»Einem richtigen aus dem Urwalde?« 
»O nein«, lachte sie lustig auf. »Den ich meine, der ist ganz 
und gar nicht urwaldmäßig, im Gegenteil, er tut sehr 
kultiviert, sieht immer aus, als wäre er einem Modesalon 
entsprungen, und langweilt seine Mitmenschen mit den 
blödesten Schmeicheleien.« 
»Darf man einige davon erfahren, Roswitha?« 
»Ach, die sind wirklich zu affig«, entgegnete sie 
geringschätzig, »er will mich durchaus heiraten, das ist 
doch schon reichlich dumm von ihm, und er verspricht mir 

die unglaublichsten Dinge, wobei er Süßholz raspelt, daß 
mir dabei immer ganz übel wird.« 
»Also magst du es nicht gern, wenn man dir süße Dinge 
sagt?« 
»Nein, die sind doch alle erlogen, denn ich weiß recht gut, 
daß das alles nur dem Vermögen meines Vaters gilt. Meine 
Person würden diese Herren doch nur als notwendiges 
Übel mit in Kauf nehmen und mich weit von sich 
schieben, wenn sie erst im Besitz des ersehnten Geldes 
wären«, erklärte sie mit einem Ernst, der bei dem sonst so 
unbekümmerten Mädchen überraschte. 

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»Roswitha – und ich? Ich sehe dich heute zum erstenmal 
und habe trotzdem bei deinem Vater um dich geworben«, 

sagte er und sah sie dabei durchdringend an. 
Obgleich flammende Röte in ihr zartes Antlitz stieg, hielt 
sie seinem Blicke stand, offen und frei. 
»Warum Sie um mich warben, das weiß ich ja«, entgegnete 
sie tapfer. »Ich habe es gewollt und werde mich darum 
niemals beklagen.« 
Nun senkte sie den Kopf, und es herrschte eine tiefe Stille 
in dem Zimmer, daß einer des anderen Herzschlag zu 
hören glaubte. 
»Und warum hast du das gewollt, Roswitha?« 
Ganz weit beugte er sich vor, so daß sein Kopf fast den 
ihren berührte, und wenn sie den Blick erhoben hätte, 

dann wäre es ihr nicht entgangen, mit welcher Spannung er 
ihre Antwort erwartete. 
Doch sie hob das Gesicht nicht; sie verkrampfte die Hände 
im Schoß und sagte leise: 
»Weil ich mich krank sehnte… nach Ihnen… nach 
Königsgnade, zu dem es mich hinzieht mit 
unwiderstehlicher Gewalt. Ich bin ganz elend geworden in 
all den Wochen.« 
Sie konnte nicht weitersprechen. Tränen erstickten ihre 
Stimme. 
Der Mann vor ihr saß noch immer weit vorgebeugt da, 
verharrte minutenlang regungslos. Seine Brust hob und 

senkte sich hastig, sein Atem ging schnell. 
»Roswitha«, sagte er endlich, und ein leises Beben war in 
seiner Stimme, »ich danke dir für deine Aufrichtigkeit, 
danke dir für die Tapferkeit, mit der du mir deine Gefühle 
offenbarst. Ich will dir in dieser Stunde nichts versprechen, 
ich kenne dich ja noch gar nicht. Soweit es in meiner 
Macht steht, will ich dafür Sorge tragen, daß du deinen 
Schritt nie bereust, das kann ich dir heute schon mit 
bestem Gewissen zusagen.« 
Er ergriff ihre Hände, die nun eiskalt in seinen warmen, 
kräftigen lagen, und drückte seine Lippen darauf. 

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Sie fuhren beide zusammen, es klopfte an der Tür. Ein 
Diener erschien und meldete, daß das Frühstück serviert 

sei. 
»Gut, wir kommen«, sagte Roswitha hastig und erhob sich. 
Sie sah den Grafen nicht an, sie bat ihn nur leise, ihr zu 
folgen. Dann ging sie so eilig vor ihm her, als fürchte sie 
seine Nähe. 
Erst am nächsten Morgen bei der Frühstückstafel sah der 
Graf die Seinen wieder. Zwar suchten sie ihre alte 
Gelassenheit zu wahren, doch die Unruhe, in der sie sich 
erklärlicherweise befanden, ließ sich nicht ganz verbergen. 
Aber diese Frauen, die von jeher Selbstbeherrschung geübt 
hatten, fragten nicht, erwähnten den vergangenen Tag mit 
keiner Silbe, ehe nicht das von Tag zu Tag einfacher 

werdende Frühstück beendet war. Überall gerechnet und 
gespart, um sich möglichst lange über Wasser halten zu 
können. 
Erst als Starkenborn sein Butterbrot verzehrt und den 
Kaffee getrunken, als er sich in seinen Stuhl gelehnt und 
eine Zigarette in Brand gesetzt hatte, glaubten die drei 
Frauen, es vor Ungeduld kaum noch aushalten zu können. 
Gespannt hingen ihre Augen an seinen Lippen. 
»Ich habe mich gestern mit Fräulein Hartmann verlobt«, 
sagte er endlich und tat es mit einer Ruhe und 
Gelassenheit, als gehöre eine Verlobung für ihn zur 
Tagesordnung. »Ich kann euch zudem die erfreuliche 

Mitteilung machen, daß ich überrascht, und zwar 
angenehm überrascht bin. Der Kommerzienrat ist so wenig 
Emporkömmling, wie wir alle es sind; denn schon sein 
Großvater und Vater waren Leute, die den besten 
Gesellschaftskreisen angehörten. Ebenso die Verwandten 
seiner Gattin, die durchaus Weltdame ist. Der 
Kommerzienrat macht in jeder Hinsicht den Eindruck eines 
vornehmen Herrn der alten Schule, und der Sohn, Doktor 
Gisbert Hartmann, ist ebenfalls ein vornehmer, gewandter 
Weltmann, wie es bei solchen Eltern gar nicht anders 
möglich ist. Die Villa, in der die Familie wohnt, entspricht 

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vollkommen dem kultivierten Geschmack dieser Leute. 
Und endlich Roswitha – meine Braut.« 

Jetzt ging ein feines Lächeln über seine herrischen Züge, 
was den Damen keineswegs entging. 
»Was die kleine Roswitha anbetrifft«, fuhr er fort, »so ist sie 
ungewöhnlich schön, zugleich kindlich naiv, eigenwillig 
und spielerisch – ein verwöhntes, verhätscheltes Kind, dem 
zärtliche Eltern- und Bruderliebe das Leben zum Paradiese 
gemacht haben. Somit verstoße ich mit dem Eingehen 
dieser Heirat zwar insofern gegen das Hausgesetz, als 
meine zukünftige Frau bürgerlichen Standes ist – im 
übrigen aber entspricht sie allen Anforderungen. Sie hat 
eine tadellose Vergangenheit, ist hellhaarig und blauäugig. 
Und der nötige Stolz dürfte sich mit der Zeit ebenfalls 

finden.« 
»Also gefällt dir deine Braut, Odalrich?« fragte die 
Schwester leise. 
»Gefallen? – Ja. – Es dürfte nicht so leicht einen Menschen 
geben, der dem Zauber dieses kleinen Persönchens 
widerstehen kann. Allerdings ist sie noch so sehr Kind, daß 
sie – spielt, je nach Lust und Laune. Heute verlangt sie 
mich mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens zum Manne, 
um meiner vielleicht schon nach Wochen überdrüssig zu 
sein. Vielleicht bin ich ihr kaum mehr als ein Spielzeug. 
Und wenn sie eines Tages erkennt, daß ich gar nicht der 
Märchenprinz bin, von dem sie geträumt hat, dann wirft 

sie mich weg. Der Vater kennt seine Tochter und legt 
vertrauensvoll ihr Geschick in meine Hände. Er verlangt für 
die Hilfe, die er uns angedeihen läßt, nichts weiter, als daß 
ich gut zu seinem Kinde bin.« 
»So hat die Kleine nichts von dem an sich, was diese 
reichen, übersättigten Mädchen zumeist kennzeichnet?« 
fragte die Großmutter. 
»Nein, nichts. Nur daß sie durch Liebe maßlos verwöhnt 
ist.« 
»So können wir also noch ganz froh sein«, sagte die 
Greisin. 

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»Ja, Großmutter, das können wir«, antwortete er sehr ernst. 
»Und darum wollen wir nie vergessen, daß sie es ist, die 

uns aus aller Not rettet.« 
Die Damen erwiderten hierauf nichts, und der Graf nahm 
wiederum nach längerem Schweigen das Wort. 
»In sechs Tagen begeht Roswitha ihren neunzehnten 
Geburtstag. An diesem Tage soll die Verlobung gefeiert 
werden, wozu ihr von meinen künftigen Schwiegereltern 
herzlichst eingeladen seid. Ich werde Roswitha übrigens 
noch heute hierherbringen, um sie euch vorzustellen.« 
Als der Graf eine Stunde später vor seiner Braut stand und 
sie bat, ihn zu den Seinen zu begleiten, war Roswitha von 
diesem Vorschlag keineswegs entzückt, obwohl sie gestern 
noch förmlich danach gefiebert hatte, das Königsgnader 

Schloß von innen kennenzulernen. Doch jetzt, da sich ihr 
die Gelegenheit dazu bot, überfiel sie eine ihr selbst 
unerklärliche Angst. 
»Mutti ist nicht zu Hause. Sie ist in der Stadt, um 
Besorgungen zu machen«, versuchte sie einzuwenden. 
»Und bei ihrer Rückkehr weiß sie dann nicht, wo ich 
geblieben bin. Mutti ist sehr ängstlich.« 
»Wir lassen Bescheid zurück, daß wir nach Königsgnade 
gefahren sind«, entgegnete der Graf zwar freundlich, doch 
in einem Ton, der keine Widerrede duldete. 
So kleidete sie sich rasch an und stand nach zehn Minuten 
vor ihm, zaghaft und sehr niedergeschlagen. 

Vor der Villa wartete noch der Wagen des Grafen, eine 
elegante Equipage, die mit zwei herrlichen Pferden 
bespannt war. 
Der Graf hob seine Braut in die Polster, und fort ging es in 
scharfem Trab. 
Am Schloßportal wollte Odalrich ihr beim Aussteigen 
behilflich sein; allein sie wehrte sich dagegen. 
»Nein, laß mich.« Schon war sie aus dem Wagen 
gesprungen. 
Wie gebannt hingen ihre Blicke an dem imposanten Bau. 
»Ich höre meine Angehörigen kommen«, raunte Odalrich 

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ihr zu. »Reiße dich endlich von dem Anblick des Schlosses 
los. Du kannst es späterhin noch oft genug von innen und 

außen betrachten.« 
Er nahm ihren Arm und führte sie die Freitreppe hinauf. 
Sie zitterte an allen Gliedern. 
»Immer noch ängstlich, du törichtes Kind?« flüsterte er ihr 
zu. »Wenn ich bei dir bin, hast du dich vor nichts und 
niemand zu fürchten. Merke dir das ein für allemal, kleine 
Ita.« 
Aus dem Portal waren soeben die drei Gräfinnen 
herausgetreten. 
»Hier bringe ich euch Fräulein Roswitha Hartmann, meine 
Braut – meine Großmutter«, sagte er vorstellend. 
Roswitha beugte sich schweigend über die feine 

Altfrauenhand, die sich ihr langsam entgegenstreckte. 
»Ich heiße Sie willkommen, liebes Kind, als die Braut des 
letzten Grafen Starkenborn und die zukünftige Herrin von 
Königsgnade.« 
Wie kalt, wie unpersönlich es klang! Roswitha war es, als 
griffe eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen. 
»Danke«, stammelte sie mit entfärbten Lippen, und der 
Blick, der zu der unnahbaren Frau hinging, war wie der 
eines scheuen Rehes. 
Da lächelte die alte Gräfin, und ihre Hand fuhr über das 
seidenweiche Gelock des verängstigten Kindes. 
»Nur keine Furcht, Dollarprinzeßchen; wir beißen so kleine 

Mädchen wirklich nicht.« Die Greisin ergriff eine Locke 
und ließ sie prüfend durch die Finger gleiten. »Scheint 
nicht nachgeholfen zu sein. Prachtvoll, wirklich 
prachtvoll«, murmelte sie. 
»Ich habe es bestimmt nicht blondieren lassen, Frau 
Gräfin.« 
Die Greisin lächelte und strich wie liebkosend über die 
zarte Wange des Mädchens. 
Der Graf lächelte auch, umfaßte die Schultern seiner Braut 
und führte Roswitha der Mutter zu. 
»Auch ich heiße Sie als Verlobte meines Sohnes herzlich 

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willkommen.« 
Das klang schon etwas freundlicher, und Roswitha atmete 

erleichtert auf. 
»Und hier meine Schwester Erdmuthe, Roswitha.« 
»Willkommen in Königsgnade, Fräulein Hartmann«, sagte 
das stolze Mädchen ernst. »Ihnen haben wir es zu danken, 
daß wir die Heimat nicht verlassen müssen.« 
»Oh, warum danken Sie mir?« fragte Roswitha verwirrt, 
und ihre tiefblauen Augen schauten fast entsetzt auf die 
junge Gräfin. »Ich habe doch gar kein Geld, das hat doch 
mein Vater.« 
»Das ist dasselbe, kleine Dollarprinzessin«, sagte nun die 
alte Gräfin. »Erdmuthe hat recht – wir müssen Ihnen 
danken.« 

Sie erfaßte Roswithas Hand und betrat mit ihr das Schloß. 
Das junge Mädchen durchschritt schweigend, beinahe 
verstört, einen Saal, ein Zimmer nach dem anderen. Zu 
anderer Zeit hätte dieser Anblick sie in helles Entzücken 
versetzt. Heute aber kam sie sich vor wie ein Kind, das die 
Mutter verloren hat und in die Hände böser Menschen 
gefallen ist. 
Die Gräfinnen hatten sich zur Verlobungsfeier gerüstet und 
waren im Begriff, zur Stadt zu fahren. Da erschien, auch 
festtäglich gekleidet, der Graf. 
»Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich Roswitha als 
Verlobungsgeschenk überreichen könnte«, sagte er mit 

einer Hast, die man sonst nicht an ihm gewohnt war. »Es 
muß schon etwas Eigenartiges sein, wenn es die Beachtung 
des verwöhnten Kindes finden soll. Nun bin ich auf den 
indischen Ring aus unserem Familienbesitz verfallen. Was 
meint ihr dazu, Großmutter, Mama und Erdmuthe?« 
Mutter und Tochter nickten, und auch die alte Dame war 
einverstanden. 
»Das ist ein guter Gedanke von dir, Odalrich. Keine 
Starkenborn konnte ihn bisher tragen, da er für eine ganz 
kleine Hand bestimmt ist, aber deiner Verlobten dürfte er 
passen. Ihn fortzugeben kann und darf uns nicht 

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schwerfallen. Es wird ihn ja immerhin eine Gräfin 
Starkenborn tragen. Außerdem, wäre Königsgnade in die 

Hände der Gläubiger gefallen, so hätten die kaum vor dem 
Familienschatz haltgemacht. Wer weiß, in wessen Besitz 
der Ring dann gekommen wäre.« 
Graf Oldalrich nickte, zog das Etui mit dem Ring aus der 
Brusttasche, öffnete es und reichte es der Großmutter hin. 
Noch einmal ging das Familienkleinod von Hand zu Hand. 
Dann war es Zeit aufzubrechen. 
Ohne ein Wort zu verlieren, stiegen die vier Starkenborn in 
den bereits vorgefahrenen Wagen und fuhren ebenso 
schweigend der Stadt zu. 
Beim Eintritt in die Villa des Kommerzienrates atmeten die 
Damen auf, als wäre eine schwere Last von ihnen 

genommen. Sie waren zugänglicher als sonst, als das 
Ehepaar Hartmann sie begrüßte. 
Dann erschien auch Roswitha – glückstrahlend, vor Freude 
zitternd. 
Hier im Elternhause, in Gegenwart der Ihren, fürchtete sie 
die Angehörigen des Grafen nicht. So lernten diese nun erst 
das Sonnenkind so richtig kennen. 
»Das ist meine Freundin Angela«, stellte Roswitha diese mit 
herzlichem Lächeln vor. »Ich verdiene ihre Freundschaft 
eigentlich gar nicht, denn sie ist viel besser als ich.« 
»Ita, mache dich doch nicht immer schlechter, als du bist«, 
wehrte das sanfte Mädchen erschrocken ab. »Würde ich 

dich sonst so lieb haben, wenn du böse wärst?« 
»Ach, du bist eben, wie dein Name schon sagt, ein Engel«, 
meinte Roswitha lachend. 
Bei der Tafel, an der es an nichts fehlte, unterhielt die 
Kleine alle Anwesenden mit ihrem entzückenden 
Geplauder. Ihr Charme war einfach unwiderstehlich. 
Nach der Suppe erhob sich der Kommerzienrat und gab die 
Verlobung seiner Tochter bekannt. Er tat es mit wenigen 
aber herzbewegenden Worten. 
Dann sprach der Graf. Kurz, knapp und klar dankte er für 
alle  Güte  und das ihm entgegengebrachte Vertrauen. Er 

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versicherte, es würde sein Bestreben sein, sich beider 
würdig zu erweisen. 

Darauf nahm er wieder Platz und steckte der Braut außer 
dem schlichten glatten Verlobungsring auch noch den Reif 
an den Finger, den er wenige Stunden vorher dem 
Familienschatz entnommen hatte. 
»Paßt er?« fragte gespannt die alte Gräfin, die dem Enkel an 
der Tafel gegenübersaß. 
»Wie angegossen«, gab dieser zurück und hob dabei 
Roswithas Hand hoch. »Ich muß hierzu eine Erklärung 
abgeben«, sagte er dann. »Diesen Ring erhielt einer meiner 
Vorväter von einem Inder als Dank für irgendeine 
Gefälligkeit. Es soll ein Zauberring sein. Das sagt man ja 
vielen indischen Ringen nach«, ergänzte er spöttisch. »Er 

soll nämlich die Gabe besitzen, jenes Herz zur Liebe zu 
zwingen, das seine Besitzerin dazu ausersieht. Bisher hat 
keine Gräfin Starkenborn diesen Ring tragen können, da er 
so klein ist, daß er bisher keiner unseres Geschlechtes 
paßte. Roswitha ist also die erste, die diesen Zauberring an 
unbewehrten Männerherzen ausprobieren kann.« 
»Na, hören Sie mal, das ist aber dann ein ganz unerhörter 
Leichtsinn von Ihnen, Graf«, schmunzelte Fürst Hallnitz, 
»diesem kleinen Racker Roswitha ein so verflixtes 
Zauberding in die Patschen zu geben. Sie verdreht ja 
ohnehin den Männern schon genügend die Köpfe.« 
»Mit dem Ring hat es aber noch etwas Besonderes auf sich«, 

fuhr der Graf lächelnd fort. »Nur jenes Herz, dem sich das 
der Besitzerin zu eigen gibt, wird von dem Zauber berührt 
und erliegt ihm.« 
»Heiliger Bimbam! Dann können Sie sich ja auf etwas 
gefaßt machen, Graf!« Jetzt lachte der Fürst prustend auf. 
»Sei du lieber still, Onkel«, drohte Roswitha ihm, während 
eine flammende Röte ihr süßes Gesicht übergoß, »sonst 
sollst du der erste sein, an dem die Kraft dieses Ringes 
erprobt wird.« 
»Wenn meine liebe Ehehälfte nichts dagegen hat – dann 
bitte.« Er schmunzelte immer schalkhafter und behaglicher. 

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»Darf ich den Ring einmal sehen, Graf Starkenborn? Ich 
beginne nämlich, mich für ihn zu interessieren. Oder gibt 

es eine Bedingung, daß der Ring nicht mehr abgenommen 
werden darf, wenn er erst mal an einem Finger sitzt?« 
»So weit reicht mein Wissen leider nicht«, entgegnete der 
Graf. Es lag etwas so Ironisches in seinen Worten, daß der 
Fürst ihn aufmerksam ansah. 
»Mein lieber Freund, wie ich sehe, scheinen Sie nicht 
allzusehr an die Zauberkraft des Ringes zu glauben?« 
forschte er, und das Lächeln, das daraufhin auf dem Antlitz 
des Grafen erschien, machte seine Vermutung zur 
Gewißheit. 
»Ich möchte dir den Ring gern geben, Onkel, doch er geht 
nicht ab. Hilf mir doch bitte, Odalrich«, bat Roswitha. 

Aber wie sehr sich der Graf auch bemühte – der Ring ließ 
sich am Finger wohl hin und her drehen, aber nicht wieder 
von ihm abziehen. 
Es war plötzlich sehr still im Zimmer geworden. Alle 
gewahrten mit heimlichem Unbehagen, wie nach und nach 
jeder Blutstropfen aus des Grafen Gesicht wich. 
»Das habe ich nicht geahnt«, murmelte er, als müsse er sich 
entschuldigen. »Wir werden morgen einen Juwelier 
aufsuchen und den Ring aufsägen lassen.« 
»Nein… Nein!« wehrte die kleine Braut. Sie umklammerte 
den Ringfinger, als fürchte sie, man könne ihr das 
Schmuckstück entreißen. 

Mit Entzücken blickte sie auf den großen grünlichen Stein, 
der so stark funkelte, daß er fast das Auge blendete. Wie 
Feuer lohte es in seinem Innern, und während Roswitha 
auf ihn blickte, war es ihr, als blicke sie in eine 
unermeßliche Tiefe. 
»Zeig mal, Ita, sitzt der Ring denn wirklich so fest?« fragte 
Gisbert die Schwester, die ihm daraufhin die Hand 
entgegenstreckte. 
»Tatsächlich«, stellte er fest, nachdem er den Ring nach 
allen Seiten hin und her gedreht hatte. »Da kann einem 
wirklich bald gruseln.« 

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»Wenn man ein solches Hasenherz besitzt wie du… dann 
ja«, neckte ihn die Schwester. »Doch nun habe ich über 

diesen Ring wirklich mein Geschenk für Odalrich 
vergessen. Einen Augenblick!« 
Schon war sie aus dem Zimmer geeilt, kehrte aber nach 
zehn Minuten wieder zurück, mit roten Wangen und mit 
Augen, die vor freudiger Erregung strahlten. 
»Darf ich die Herrschaften bitten, uns zu folgen«, erklärte 
sie mit gehobener Stimme. Sie nahm den Arm des 
Verlobten und führte diesen, die übrigen folgten ihnen, die 
Treppe hinab, bis zu dem Portal der Villa. 
Draußen stand ein Wagen, eine große Luxuslimousine, an 
deren Steuer ein Chauffeur saß. 
»Hier ist mein Verlobungsgeschenk, Odalrich«, jubelte 

Roswitha. »Den Fahrer bekommst du gratis und franko 
dazu, nicht wahr, Lorenz?« Sie lachte zu dem Mann hin, 
der nun ausstieg und sich tief verneigte. 
»Du freust dich ja gar nicht, Odalrich«, sagte Roswitha 
enttäuscht, als der Graf regungslos verharrte. 
»Doch, Roswitha. Wie kannst du nur auf eine derartige 
Vermutung kommen?« fuhr er aus tiefen Gedanken auf. 
»Ich bin nur überrascht, sehr sogar. Hab vielen Dank, 
kleine Ita.« Er zog ihre Hände an die Lippen, und sie 
strahlte ihn an. 
»Von meinem eigenen Gelde habe ich ihn gekauft«, erklärte 
sie mit allerliebster Wichtigkeit. »Papi hat auch nicht eine 

Mark dazulegen brauchen.« 
Jetzt wurde auch der Wagen von den anderen bewundert. 
Dann begab man sich wieder ins Haus zurück. 
Endlich war der Hochzeitstag da. Ein sonniger Oktobertag, 
wie er nicht schöner gedacht werden konnte. 
Schon am Tage vorher hatten sich viele Gäste in 
Königsgnade eingefunden, die voller Erwarten die Stunde 
herbeisehnten, in der sie die Braut des stolzen Odalrich zu 
Gesicht bekommen würden. 
Man hatte in der Hauptsache ältere Herrschaften zu dem 
Fest geladen. Zu der Jugend zählten außer dem Grafen 

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Bernhard und seiner Frau Annelore nur noch zwei Vettern 
und eine Base. Und diese waren eigentlich die einzigen, die 

mit der »Mißheirat« des Familienoberhauptes 
einverstanden waren. Denn den älteren Herrschaften 
verursachte sie schwere Pein. Und sie alle meinten, es wäre 
wohl auch noch auf andere Art Rat zu schaffen gewesen. 
Nichtsdestoweniger waren sie sehr begierig, das neue 
Familienmitglied endlich kennenzulernen. 
Annelores Anwesenheit erregte bei mehr als einem 
Mißfallen. Bisher hatte Bernhard nicht die 
»Geschmacklosigkeit« besessen, seine Frau bei einer 
Familienfestlichkeit zu präsentieren. Doch diesmal hatte er 
nicht lange gefragt, sondern die Gattin einfach mitgebracht. 
Nun ja, wenn sogar Odalrich solche Geschichten machte 

und unter seinem Stande freite, was sollte man da von 
anderen verlangen? Er ging ihnen ja direkt mit schlechtem 
Beispiel voran! 
Roswitha war begreiflicherweise sehr aufgeregt und 
erwartete den Verlobten mit fieberhafter Ungeduld. Sie sah 
ganz elend aus von all dem Trubel der letzten Wochen. 
»Warum so aufgeregt?« fragte der Graf Roswitha, die an 
einem Tisch lehnte und vor Erschöpfung kaum stehen 
konnte. 
»Hast du den zweiten Ring mitgebracht, Odalrich?« fragte 
sie ängstlich, statt eine Antwort zu geben. 
Er lächelte. »Gewiß, Kind. Komm, wir stecken ihn auf den 

Zeigefinger der linken Hand. Bei der Trauung werden die 
Ringe ja sowieso gewechselt.« 
Dann ging es zum Standesamt. 
Als Graf Bernhard Roswitha zum erstenmal sah, war er 
verblüfft. 
Wie hatte Odalrich auch nur eine Minute zögern können, 
dieses schöne Geschöpf zu seiner Gattin zu machen? 
Nach der standesamtlichen Trauung nahmen das junge 
Paar, Eltern, Bruder und die Trauzeugen im Hause des 
Kommerzienrats ein kleines Frühstück ein. Dann begaben 
sich alle nach Königsgnade, das in vollstem Festschmuck 

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prangte. Die auswärtigen Gäste begannen sich bereits 
einzufinden. Der Bruder der Kommerzienrätin war noch 

nicht erschienen, wurde aber jeden Augenblick erwartet. 
Als Roswitha fertig angekleidet war, weinte die 
Kommerzienrätin plötzlich so laut auf, daß die junge Braut 
erschrocken auffuhr: Ohne ihres Kleides zu achten, kniete 
sie vor der Mutter nieder, die wie gebrochen in einem 
Sessel lehnte, und schmiegte sich fest an sie an. 
Die Tränen der Mutter fielen in den Brautkranz der Tochter. 
»Wer ist denn hier eigentlich die Unvernünftigste, unsere 
Mutti oder unsere Kleine?« fragte der Kommerzienrat, der 
soeben in das Zimmer trat und die seltsame Gruppe sah. 
Unmittelbar hinter ihm erschienen die drei Gräfinnen, der 
Fürst und Gisbert. Sie alle wünschten die Braut zu sehen, 

bevor sie an den Altar trat. 
Zugleich mit ihnen hatte Odalrich das Zimmer betreten, 
und ein Schatten flog über seine Züge, als er seiner jungen 
Gattin ansichtig wurde. 
Rasch versuchte sie sich aus den Armen der Mutter zu 
lösen; doch es war ihr nicht so schnell möglich, wollte sie 
nicht den hauchdünnen Schleier zerreißen, der sie 
umwallte. 
Da kam der Vater zu Hilfe. 
»Aber Mutti, wer wird denn so unvernünftig sein«, sagte er 
gütig zu der fassungslos schluchzenden Frau. »Ita ist uns ja 
nicht verloren, sie bleibt sogar in unserer nächsten Nähe, 

und wir können sie sehen, so oft wir wollen.« 
Roswitha erhob sich langsam. Sofort war die Zofe an ihrer 
Seite, ordnete etwas an Kleid und Schleier und atmete 
erleichtert auf, daß beides nicht so mitgenommen war, wie 
man hatte befürchten müssen. 
Der Graf trat jetzt zu seiner Braut. Er bat sie, Platz zu 
nehmen, damit er ihr den Schmuck anlegen könnte, ohne 
den die Braut eines Starkenborn nicht vor den Altar treten 
durfte. 
Wie das in der goldenen Kassette, die den Schmuck barg, 
glänzte und gleißte! 

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Roswitha mußte die Augen schließen, als sie einen Blick 
hineintat. 

Die Hände des Grafen zitterten ein wenig, während er das 
Geschmeide befestigte. Alle blickten wie gebannt auf die 
wunderschöne Braut, die wie ein Märchenbild vor ihnen 
stand. Geheimnisvoll und dunkel schauten die Augen aus 
dem weißen Antlitz. 
Sie erschien allen seltsam fremd, und der Kommerzienrat 
mußte sich abwenden, weil ihm die Tränen in die Augen 
traten. 
Nun war Roswitha mit dem Schmuck aus dem 
Starkenborner Familienschatze geschmückt. Sie trug ihn 
mit der ganzen Unbekümmertheit, die ihr eigen war, und 
konnte sich nicht erklären, warum alle anderen so tiefernst, 

ja geradezu erschüttert waren. 
Dann wanderte sie von Arm zu Arm. Alle wagten sie kaum 
zu berühren, küßten nur die weiße Stirn unter der 
Myrtenkrone und traten dann stumm zurück. 
Roswithas Blicke suchten den Gatten, der schweigend etwas 
abseits stand. Sie schritt auf ihn zu und legte ihre Hand auf 
seinen Arm. 
Dann schritt das junge Paar davon. 
Was nun folgte, war für Roswitha wie ein Märchen, das an 
ihr vorüberglitt wie ein Traum. Sie wußte kaum, was mit 
ihr geschah, und ebensowenig sah sie die prüfenden und 
entzückten Blicke, die auf ihr ruhten. 

Erst als sie an der festlich geschmückten Tafel saß, beim 
Anblick der lachenden und schmausenden Gäste, fand sie 
sich in die Wirklichkeit zurück. Zum Essen hatte sie weder 
Lust noch Zeit. Es gab ja allzuviel des Neuen und 
Interessanten zu beobachten. Alle die vielen unbekannten 
Menschen, deren Blicke mit mehr oder minder 
freundlichem Ausdruck auf sie gerichtet waren, lenkten sie 
ab. 
Und dort… dort saß ja auch Frau Viola. Scharf sah sie zu 
ihr herüber, und unwillkürlich überlief es Roswitha kalt bei 
dem wahrhaft teuflischen Ausdruck ihres Gesichts. 

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Eben trank sie dem Grafen zu, sie erhob ihr Glas mit einer 
betont vertraulichen Gebärde. 

Oder gab sie ihm etwa ein Zeichen, dessen Bedeutung nur 
sie beide kannten? 
In Roswitha erwachte Mißtrauen. Verstohlen ging ihr Blick 
zu dem Gatten hin. Der hatte den heimlichen Gruß der 
schönen Frau bemerkt, denn er tat ihr Bescheid, ebenso 
heimlich und vertraut, und er lächelte dabei; eigenartig und 
seltsam war dieses Lächeln. 
Roswitha war es, als öffnete sich vor ihr ein Abgrund, der 
viele Schrecknisse in seiner Tiefe barg, die sie bisher weder 
kannte noch ahnte. Das Herz tat ihr plötzlich so weh, daß 
sie beide Hände darauf preßte. Sie stöhnte auf, ganz leise. 
Doch der Gatte vernahm es und neigte sich zu ihr hin. 

»Roswitha, was hast du, Kind, du bist ja plötzlich so blaß?« 
»Ich habe nichts«, wehrte sie hastig ab, »ich bin wohl nur 
müde.« 
»Bald ist ja alles überstanden, kleines Mädchen«, tröstete er, 
»und dann fahren wir beide in die weite Welt hinaus. 
Freust du dich darauf, Roswitha?« 
»Ja… nein, ich weiß nicht«, stammelte sie verwirrt. Sie sah 
wie gebannt zu der Frau hinüber, die sich an ihrer 
Verwirrung geradezu zu weiden schien und deren Gesicht 
ein so höhnisches Lächeln verzerrte, daß es Roswitha wie 
eine Teufelsfratze erschien. 
Nun schrak sie heftig zusammen, denn Frau Viola beugte 

sich vor und trank auch ihr zu. 
»Nicht wahr, kleine Gräfin, nichts geht über ein reines 
Gewissen«, sagte sie lächelnd, und es war an der Tafel 
außer Roswitha nur noch Angela, die den Sinn dieser 
Worte verstand. 
»Roswitha, was soll das bedeuten, was will diese Frau von 
dir?« wandte sich der Gatte an sie. 
»Ich… ich weiß nicht«, wich sie seiner Frage aus. 
»Nun, das kommt mir aber höchst sonderbar vor«, meinte 
er ungläubig. 
»Mir auch«, entgegnete Roswitha und warf den Kopf in den 

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Nacken, »ein Mann, der an der Hochzeitstafel mit einer 
anderen Frau heimlich Zeichen tauscht.« 

»Roswitha, es ist mir hier nicht möglich, auf diese 
unerhörte Beschuldigung näher einzugehen«, sagte er leise, 
»du wirst mir jedoch später erklären müssen…« 
»Jawohl«, gab sie kurz zurück, »denn was ich behaupte, 
kann ich auch verantworten.« 
Sie schauerte zusammen wie im Fieber. Nahm denn dieses 
Essen gar kein Ende? 
Sie war kaum noch imstande, die Blicke Frau Violas zu 
ertragen. 
Was wollte sie überhaupt von ihr? Was hatte sie nur? 
Sahen die Umsitzenden denn gar nicht, was hier vor sich 
ging, sah keiner von ihnen die Teufelsfratze dieser Frau? 

Endlich, endlich wurde die Tafel aufgehoben, und ohne 
rechts oder links zu schauen, eilte Roswitha aus dem Saale 
in ihr Ankleidezimmer. 
In dem Vorzimmer, das die Gemächer der jungen Gattin 
abschloß, hatten sich die nächsten Angehörigen 
versammelt, um das junge Paar vor der Abreise noch 
einmal zu sehen und ihm Lebewohl zu sagen. Außerdem 
hatten sie noch eine Überraschung für Roswitha. Gisberts 
und Angelas Herzen hatten sich nämlich endlich gefunden, 
heute, in all dem Trubel. Die Verlobung sollte sogar noch 
bekanntgegeben werden, ehe das junge Paar abgereist war. 
Starkenborn war schon anwesend; es fehlte also nur noch 

Roswitha. 
Endlich trat auch sie ein. Sogleich fiel ihr Angela um den 
Hals und lachte und weinte vor Freude. 
»Ita, ich bin ja so glücklich, so unbeschreiblich glücklich!« 
Und obgleich sie der Freundin nicht verriet, worüber sie 
eigentlich glücklich war, hatte diese es dennoch sofort 
erfaßt. 
»Na, also, lange genug hat es ja gedauert, daß ihr…« 
Sie verstummte und starrte mit entsetzten Augen nach der 
Tür, durch die soeben Frau Viola eintrat. Roswitha hatte 
das Gefühl, als risse ihr eine unsichtbare Hand das Herz 

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aus der Brust. 
Auch alle übrigen sahen der Eintretenden mit Befremden 

entgegen. Aber ohne sich um die eisige Ablehnung zu 
kümmern, mit der jedermann ihr augenscheinlich 
begegnete, schritt sie zielbewußt auf Roswitha zu, die 
entsetzt vor ihr zurückwich und sich an ihren Vater 
klammerte. 
»Gut, daß ich Sie noch treffe, kleine Gräfin«, sagte Frau 
Viola in einem Ton, der jeden empörte. »Ich komme, um 
Ihnen zu der gewonnenen Wette zu gratulieren.« 
»Viola!« rief Angela entsetzt aus, flog auf ihre Schwägerin 
zu, faßte deren Arm mit beiden Händen und sah ihr in die 
funkelnden Augen, flehend, beschwörend. 
»Viola, liebe Viola, sei doch gut«, bettelte sie mit 

zuckenden Lippen. 
Doch diese Worte hörte Viola nicht. Ihre Augen ruhten 
funkelnd auf dem jungen Weibe, das sich noch immer fest 
an den Vater geklammert hatte und aussah, als müsse es 
jeden Augenblick zusammenbrechen. Wilder Triumph 
stand in den Augen der gefährlichen Frau. Sie stieß die 
kleine Schwägerin zur Seite, daß sie taumelte. 
»Was die Kleine nur hat«, sagte sie in einem Ton, dessen 
gespielte Freundlichkeit in keinem Verhältnis zu ihren 
flackernden Blicken und ihren verzerrten Zügen stand. »Die 
kleine Gräfin hat mit mir doch gewettet!« 
»Viola!« schrie Angela auf. 

»Ruhig!« fuhr diese sie an und wandte sich dann an den 
Grafen, der gleich allen anderen wie erstarrt dastand. 
»Ihre kleine Gattin scheint sich nicht gerade der 
gewonnenen Wette zu erfreuen«, dabei zeigte sie hämisch 
lächelnd auf Roswitha. »Ach, Sie wissen wohl noch gar 
nicht, worum es sich handelt? Die kleine Frau ist nämlich 
eine Wette eingegangen, daß es ihr gelingen würde, dem 
Grafen Starkenborn, dem ›Mann ohne Herz‹, Ehefesseln 
anzulegen, was bisher alle anderen Frauen vergeblich 
erstrebten. Angela kann es bezeugen, sie war dabei, als die 
Wette abgeschlossen wurde.« 

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Sie blickte triumphierend im Kreise umher. Dann fuhr sie 
mit ganz besonderer Betonung fort: »Graf Starkenborn als 

Wettobjekt! Wenn das keine Sensation ist! Jedenfalls würde 
ich es als Unterlassungssünde betrachten, sie der Welt 
vorzuenthalten.« 
Alle saßen da wie versteinert, zumal die Gräfinnen 
Starkenborn glichen leblosen Standbildern. 
Kaum anderes erschien der Graf. Hochaufgerichtet stand er 
da; seine Augen hafteten mit eigentümlichem Ausdruck an 
der sehr erregten Frau, und in seinen Mundwinkeln lag 
tiefste Ironie. 
Und Roswitha? 
Daß ein Mensch so blaß sein konnte wie sie! Ihre Lippen 
waren wie verkrampft von ungeheurem Schmerz. 

»Sie wollen diese Wette doch nicht etwa ableugnen, kleine 
Gräfin?« fragte Viola lauernd. Sie trat auf Roswitha zu, und 
es schien, als wollte sie das junge Weib umfassen. 
Da kam auf einmal Leben in Roswithas Gestalt. 
»Rühren Sie mich nicht an!«, gebot sie mit einer Stimme, 
die gar nicht ihrer kleinen Person zu gehören schien. »Ich 
leugne diese Wette nicht ab. Ich habe noch immer den Mut 
besessen, für meine Worte und Taten einzustehen. Ja, ich 
habe mit Ihnen gewettet, daß Graf Starkenborn mein Mann 
werden würde!« 
»Ita, so wüte doch nicht gegen dich selbst!« rief Angela 
schluchzend. 

Doch Ita winkte unwillig ab und wandte sich wieder Frau 
Viola zu, die eine derartige Haltung von diesem kindlichen 
jungen Geschöpf nicht erwartet hatte. 
»Es ist nur schade, gnädige Frau, daß Sie nicht schon früher 
von dieser Wette sprachen und mich an sie erinnerten, 
solange die Ehe noch nicht geschlossen war. Vielleicht 
hätte ich Ihnen den Grafen Starkenborn dann abgetreten. 
Denn die Art, wie Sie ihm heute zutranken, läßt den Schluß 
zu, daß Sie irgendwelche Ansprüche an ihn geltend zu 
machen haben.« 
»Roswitha – genug!«, unterbrach Odalrich sie. 

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Jetzt legte sich der Kommerzienrat ins Mittel, den diese 
ganze Szene auf das peinlichste berührt hatte. Er führte 

Roswitha zu einem Sessel und streichelte ihre Wangen, 
straffte seine schlanke Gestalt und trat nun so dicht vor 
Frau Viola hin, daß diese unwillkürlich einen Schritt 
zurückwich. 
Doch dann fiel sein Blick auf Angela, die ganz verstört 
dreinschaute. 
»Geh, mein liebes Kind«, sagte er zu ihr in gütigem Tone, 
»was ich deiner Schwägerin zu sagen habe, ist nichts für 
dich. Gisbert wird dich zurückholen, wenn meine 
Abrechnung mit dieser Frau beendet ist.« 
Angela entfernte sich gehorsam, und der Kommerzienrat 
sah sich noch einmal im Kreise um. Niemand hätte 

geglaubt, daß diese gütigen Augen so hart, so unerbittlich 
blicken konnten wie eben jetzt. 
»Wir sind nun ganz unter uns«, begann er, »und alle 
Anwesenden können hören, was ich Ihnen zu sagen habe, 
schöne Frau. Jedoch Angela, die ihren Bruder zärtlich 
geliebt hat, durfte nicht dabeisein. Denn sonst hätte sie 
erfahren müssen, daß er keines natürlichen Todes 
gestorben ist. Nicht wahr, gnädige Frau, Sie wissen schon, 
was ich meine?« sagte er in einem Ton, daß sie entsetzt 
zurückwich. »Ich habe nämlich davon munkeln hören, daß 
eine verführerisch schöne Frau, deren Gatte verunglückte, 
ein wenig Vorsehung gespielt hat, um die Leidenszeit des 

armen Krüppels zu verkürzen. Bitte, hübsch ruhig bleiben«, 
mahnte er ironisch, als sie die Hand auf den Mund preßte, 
um einen Schrei zu unterdrücken. 
»Die schöne Frau konnte ja nicht wissen, daß die Pulver, 
die sie sich von einem gefälligen Arzt hatte besorgen lassen, 
nicht ungefährlich waren. Schade um den Arzt, der ein 
anständiger Kerl war, bis eben diese Frau in seinem Leben 
auftauchte. Jung und unerfahren wie er war, ließ er sich 
allzuleicht von einem Paar schillernder Augen betören und 
wurde ihnen gegenüber willenlos. Der arme Mensch hat 
sein Verschulden gesühnt, hat Hand an sich selber gelegt, 

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als es ihm zum Bewußtsein kam, was er getan hatte. Hätte 
er jedoch den Mut besessen, mit einer Last auf dem 

Gewissen weiterzuleben, glauben Sie mir, Frau Viola, auch 
er wäre ein Frauenhasser geworden. Wohlgemerkt 
geworden. Denn das ist kein Mann von Hause aus, sondern 
er wird es erst durch die Erfahrungen, die er mit Frauen 
macht. 
Und nun lassen Sie mich Ihnen noch etwas sagen«, – hier 
hob sich seine Stimme, wurde schneidend und scharf – 
»würde eine solche Frau es wagen, meiner Tochter zu dem 
Gewinnen einer Wette zu gratulieren, die dieses 
unerfahrene, eigenwillige Kind nur in einem Anfall von 
unberechenbarem Trotz abgeschlossen haben kann, und 
zugleich betonen, die Sensation dieser Wette dürfte der 

Mitwelt nicht vorenthalten werden, dann würde ich dieser 
Welt eine ganz andere Sensation zu bieten wissen. Bei 
Gott! – Und diese Frau würde endlich dahinkommen, 
wohin sie von Rechts wegen gehört – hinter eiserne Gitter. 
Sollte ich irgendwo ein einziges Wort von dieser übrigens 
sehr geschmacklosen Wette hören, dann kenne ich ja die 
Quelle und daß ich dann nicht schweigen werde, das 
schwöre ich Ihnen! Des weiteren verlange ich, daß Sie sich 
mit keinem Wort dagegen auflehnen, wenn Angela nicht in 
das Haus zurückkehrt, in dem Sie Ihren Wohnsitz haben, 
und das zur Hälfte Angela gehört. Ich will das Kind Ihrem 
schädlichen Einfluß nicht länger ausgesetzt wissen. Die 

Kleine gehört durch die Verlobung mit meinem Sohne nun 
zu unserer Familie, und ich bin dazu da, diese zu schirmen 
und zu schützen. So, das wäre alles, was ich Ihnen zu sagen 
hätte.« 
Er wandte sich von ihr ab, und nun kam Leben in ihre wie 
zu Stein erstarrte Gestalt. Sehr schnell hastete sie aus dem 
Zimmer. 
Arme Frau Viola, wie so anders verläßt du den Ort, wo du 
deine Trümpfe auszuspielen gedachtest, wie ganz anders, 
als du es dir vorgestellt, als du es erhofft hattest! 
»Donnerwetter, ist das eine Kanaille«, sagte der Fürst und 

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wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Gut, daß du diese 
Waffe gegen sie in Händen hattest, Adolf. Dieser Teufel 

hätte es wirklich fertigbekommen…«, seine Worte verloren 
sich in undeutlichem Gemurmel. 
Der Kommerzienrat wandte sich nun seiner Tochter zu, die 
unbeweglich in ihrem Sessel lehnte. 
»Das war nicht recht von dir, mein Kind«, sagte er gütig. 
»Ein Mensch ist kein Wettobjekt, Roswitha, und schon ganz 
und gar nicht der Mann, den du mit ganzer Seele zu lieben 
vorgibst. Aber ich will dir weiter keine Vorwürfe machen. 
Ich sehe ja, wie du unter deiner Unvernunft, die dir im 
Leben noch manchen bitteren Streich spielen wird, leidest. 
Geh, bitte Odalrich um Verzeihung, mein Liebling. Ein 
Mann wie er wird diese ganze Wettgeschichte als das 

ansehen, was sie wirklich ist: als Dummheit eines 
verzogenen kleinen Mädchens, das einer bösen Frau, die es 
in unverantwortlicher Weise reizte, durchaus zeigen wollte, 
daß es alles bekommen kann, was es sich in das 
eigenwillige Köpfchen gesetzt hat. Schau nur, Odalrich 
sieht gar nicht so böse aus, wie er eigentlich müßte. Geh 
und bitte ab, was du ihm mit dieser Wette angetan hast, 
mein Mädel.« 
Doch Roswitha wollte nicht, auf keinen Fall! Sie warf den 
Kopf in den Nacken. 
»Nein, ich gehe nicht, denn ich habe nichts abzubitten!« 
rief sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit. »Die Wette war 

genauso abgeschlossen, wie Frau Viola es schilderte. 
Warum soll ich nicht den Frauen zeigen, daß ich jeden 
Mann bekommen kann, den ich haben will? Ich kann mir 
meinen Mann eben – kaufen. Geld ist Macht, und die habe 
ich.« 
»Roswitha!« unterbrach der Vater sie erzürnt, packte sie bei 
den Schultern und schüttelte sie leicht. »Weißt du 
überhaupt, was du sprichst? Vergiß nicht, daß ich das Geld 
habe, nicht du, und daß du durchaus kein Recht hast, 
darauf zu pochen. Ich habe nicht geglaubt, daß ich mich 
eines Tages deiner so zu schämen hätte, wie ich es jetzt tun 

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muß. Und ich bereue es bitter, dir gegenüber so viel 
Nachsicht geübt zu haben.« 

Allein seine Worte fanden nicht den Weg zum Herzen 
seiner Tochter. Und weil sie nicht zeigen wollte, wie es in 
ihr aussah, verschanzte sie sich immer mehr hinter 
Auflehnung und Trotz. 
»Roswitha, bitte deinen Gatten um Verzeihung!« 
»Nein!« 
»Ja, was macht man denn nur mit einem so 
widerspenstigen Kinde?« fragte der Kommerzienrat 
verzweifelt, während seine Frau auf die Tochter zuging und 
ihren Arm um sie legte. 
Doch Roswitha machte sich von ihr frei. 
»Laß nur, Mutti… ihr… ihr…« 

Tränen erstickten ihre Stimme, sie warf den Kopf in den 
Nacken und floh aus dem Zimmer, als würde sie verfolgt. 
Betretenes Schweigen herrschte im Kreise der 
Zurückbleibenden. 
»Ein verflixter kleiner Racker«, sagte der Fürst mit 
erzwungener Heiterkeit, »wird Ihnen noch allerlei zu 
schaffen machen, lieber Graf.« 
Dieser lehnte mit gewohnter Ruhe am Fenster, und es 
schien, als schrecke ihn diese Prophezeiung ganz und gar 
nicht. 
Er lächelte nur halb belustigt, halb spöttisch. 
»Ich werde zu Roswitha gehen«, erklärte er ruhig und 

wandte sich dann an seine Großmutter. 
»Geht bitte zu den Gästen zurück. Eure lange Abwesenheit 
dürfte schon längst aufgefallen sein.« 
Er winkte leicht mit der Hand und schritt der Türe zu. 
»Nicht zu hart werden, bitte, bitte!« bettelte die Mutter. Da 
wandte er sich noch einmal um und lächelte ihr 
beruhigend zu. 
»Es wird schon nicht«, tröstete ihr Gatte, sah dem Grafen 
jedoch mit sorgenvollem Blick nach. 
Als Odalrich das Ankleidezimmer seiner jungen Gattin 
betrat, saß diese vor dem Toilettentisch, hatte den Kopf 

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darauf gelegt und schluchzte herzzerbrechend. Die Zofe 
stand neben ihr, und da sie sich keinen Rat wußte, weinte 

sie mit ihrer jungen Herrin um die Wette. Bei des Grafen 
Eintritt schrak sie heftig zusammen und starrte ihn aus 
großen, erschrockenen Augen an wie ein Kind den 
schwarzen Mann. 
»Bereiten Sie alles zur Reise vor, Anni!«, gebot er, und gar 
zu gern leistete das Mädchen dieser Aufforderung Folge. 
Dann trat er zu der in Tränen aufgelösten Gattin, legte 
seinen Arm um ihre zuckenden Schultern und sagte: 
»Roswitha, du mußt dich fertig machen!« 
Sie hatte kaum seine Stimme vernommen, als sie auch 
schon auffuhr und bebend vor Zorn vor ihm stand. 
»Ich komme nicht mit dir, du, du…« 

Sie schien nach einem passenden Ausdruck zu suchen, 
doch er ließ es gar nicht erst dazu kommen. 
»Mache dich fertig!« gebot er ernst und fest. 
»Nein!« 
O nein, das war nicht mehr der Trotz eines verzogenen 
Kindes, das war feste Entschlossenheit, die ihm aus ihren 
Blicken entgegenfunkelte. 
»Und warum willst du die Reise nicht antreten?« 
»Ich will eben nicht.« 
»Weshalb hast du mich dann geheiratet, wenn du gleich in 
den ersten Stunden von mir gehen willst?« 
»Weil… weil… ich glaubte, weil ich annahm, ein 

Weiberfeind wie du, so ein Mann ohne Herz, hätte noch 
nie eine Frau geliebt und…« 
Sie hielt verblüfft inne, als ein spöttisches Lächeln um 
seinen Mund irrte. 
»Ah so! Und du wolltest diesen Weiberfeind die Liebe 
lehren?« 
»Ja – und tausendmal ja!« schrie sie ihm entgegen. Sie 
bebte an allen Gliedern, so daß sie sich kaum aufrecht zu 
halten vermochte. 
»Das habe ich geglaubt«, sagte sie nun ruhigeren Tones. 
»Doch wie sehr ich mich irrte, erkannte ich vorhin. Oder 

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willst du etwa ableugnen, daß du Beziehungen zu Frau 
Viola hast?« 

»Gehabt hast, mußt du sagen, Roswitha. Nein, das kann ich 
nicht leugnen, ich kann es nicht und will es auch nicht. 
Doch was ich einmal vor Jahren, als dummer Junge, getan 
habe, darüber bin ich dir keine Rechenschaft schuldig.« 
»So, und ich soll dir glauben, daß diese Beziehungen heute 
nicht mehr bestehen? Solche Lügen finden…« 
»Mäßige dich, Roswitha«, unterbrach er sie scharf, »ich 
halte es meiner für unwürdig, auch nur ein Wort weiter 
über diese Angelegenheit zu verlieren. Mache dich 
reisefertig.« 
»Nein, ich komme nicht mit, ich kehre mit meinen Eltern 
in die Stadt zurück. Mein Vater wird dir schon das Geld 

geben, das du zur Finanzierung deines Gutes brauchst! 
Aber unsere Wege gehen auseinander. Ich habe zwar 
gewußt, daß du mich nicht liebst, doch es war mir 
unbekannt, daß ich mit einer anderen würde teilen 
müssen.« 
Sie wich vor ihm zurück, so weit sie konnte. Am liebsten 
hätte sie sich versteckt, um seinen eisigen Blick nicht 
aushalten zu müssen. 
Mit einem Gefühl des Schreckens gewahrte sie, wie die 
Adern an seiner Stirn und an seinen Schläfen zu dicken, 
blauen Strängen anschwollen und wie seine Hände sich zu 
Fäusten ballten. 

»So nicht, nein, so nicht!« stammelte sie mit entfärbten 
Lippen und schlug die Hände vor das Gesicht, um seinen 
Blick nicht länger zu sehen, der ihr das Herz erzittern ließ 
in sinnloser Angst. 
Noch nie in ihrem Leben hatte jemand sie so angesehen, 
noch nie in ihrem Leben war ihr ein Mensch begegnet, von 
dem eine derartige Eiseskälte ausging wie von diesem 
Manne, der hochaufgerichtet vor ihr stand und sich mit fast 
übermenschlicher Kraft zu beherrschen suchte. 
»Papi!« stammelte sie. Dann raffte sie sich auf, um zu 
fliehen, doch er faßte ihre Hände, umspannte sie wie mit 

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Eisenklammern und hielt sie fest. 
Minutenlang versuchte sie, sich seinem Griff zu entwinden. 

Doch dann hielt sie ganz erschöpft inne, denn sie mußte 
einsehen, daß es unmöglich war, gegen diesen Mann 
anzukommen. 
Dennoch gab sie sich nicht besiegt und versuchte eine 
letzte Gelegenheit. Sie stieß mit den Füßen nach ihm und 
grub ihre Zähne in seine Hände, daß das Blut unter ihren 
Bissen hervorquoll. 
Doch alles war umsonst. Ruhig und unbeweglich stand er 
da, als sei er aus Stahl und Eisen. Und unerträglich dünkte 
sie der Blick, mit dem er ihrem zwecklosen Beginnen 
zusah, verächtlich, voll Ironie. 
Erschöpft ließ sie sich endlich in einen Sessel fallen. 

»Ein Barbar bist du, ein brutaler Mensch!« keuchte sie, und 
ihre Augen funkelten. »In alle Welt werde ich es 
hinausschreien, wie du deine Frau behandelst!« 
»Bitte!« entgegnete er mit einer Ruhe, die sie von neuem 
erschauern ließ. »Dann werde ich etwas anderes 
bekanntgeben, das nämlich, daß eine Gräfin Starkenborn 
wie eine Wildkatze tobt und faucht und wie eine 
ungezogene Range mit den Füßen stößt und beißt. Ich bin 
nicht so leicht kleinzukriegen, das wirst du mit der Zeit 
schon einsehen lernen. Es tut mir allerdings leid, wenn du 
erkennen mußt, daß ich nichts von dem Märchenprinzen 
an mir habe, der in deinem Köpfchen spukt. Es tut mir 

auch leid, erkennen zu müssen, daß du des Spielzeuges, als 
das du mich angesehen hast, bereits überdrüssig geworden 
bist. Doch ich lasse mich nicht in die Ecke werfen und 
mich auch nicht wieder aus ihr hervorholen, wenn dir 
gerade die Laune danach steht. Daß du nicht einmal 
Respekt hast vor der Heiligkeit der Ehe, kennzeichnet 
deinen Charakter. Solange alles nach deinem Willen ging, 
war bei dir eitel Sonnenschein. Doch nun, bei dem 
Auftauchen der ersten Schwierigkeiten, willst du nichts 
mehr von alledem wissen, was dir früher viel und beinahe 
alles galt. Das ist die Art eines verhätschelten Kindes, das 

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jeden Wunsch unbedingt erfüllt haben, aber nichts von 
dadurch bedingten Konsequenzen wissen will. Du gehörst 

zu den Frauen, die wohl jemand lieben…« 
»Ich liebe dich nicht!« warf sie erbittert ein. 
»… Oder bloß vorgeben, es zu tun«, fuhr er unbeirrt fort. 
»Deine Liebe mag süß, mag betörend sein, allein sie ist 
ohne Bestand. Ich möchte dir jedoch eines zu bedenken 
geben, Roswitha: ein Mann ist wohl dazu imstande, Opfer 
zu bringen, allein er verträgt es nicht, eine lächerliche Rolle 
zu spielen. Und ich warne dich davor, mir eine solche 
zuzumuten. Hüte dich daher, das Hampelmännchen in mir 
zu sehen, das nur nach deiner Lust und Laune zu tanzen 
hat, sonst stehe ich für nichts ein.« 
Ganz dicht war er an sie herangetreten, so daß sein Körper 

fast den ihren berührte; ganz nahe war ihr sein herrisches 
Gesicht, in dem jeder Muskel gespannt war. 
»Willst du nun mit mir reisen, Roswitha?« 
»Ich, ich fürchte mich, fürchte mich unsagbar vor dir«, 
stammelte sie, und in ihren weitaufgerissenen Augen stand 
ein Ausdruck des Grauens. 
»Willst du mit mir reisen, Roswitha?« Noch einmal diese 
Frage, hart, kalt, unerbittlich. Sie meinte, das Herz sollte ihr 
stillstehen. »Ja… ich… nicht so ansehen, bitte!« 
Unwillkürlich streckte sie die Arme aus, als ob sie nach 
einem Halt suche. 
Aber als Odalrich sich erhob, um sie zu stützen, da straffte 

sich sofort ihre Gestalt, und fast gebieterisch wies sie ihn 
zurück. 
»Ich werde mit dir gehen, weil… weil es mir nicht möglich 
ist, mich deinem brutalen Willen zu widersetzen«, sagte sie 
ruhiger als zuvor, »doch wenn du erwartest, auch nur eine 
Stunde Freude an dieser Reise zu haben, dann irrst du.« 
»Damit habe ich auch niemals gerechnet«, gab er gelassen 
zurück, »ich bin mit keinerlei Illusionen in diese Ehe 
gegangen und kann daher auch nicht enttäuscht werden. 
Wenn man ein so unbeherrschtes, unberechenbares Kind 
heiratet wie dich, dann fühlt man sich als Erzieher, nicht 

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als Gatte.« 
Ohne sie weiter zu fragen, rief er die Zofe herbei. 

»Alles bereit, Anni?«, fragte er, und das Mädchen bejahte 
ängstlich. 
»Dann helfen Sie der Frau Gräfin beim Ankleiden.« 
Er ließ sich in einen Sessel fallen und sah zu, wie die 
flinken Hände der Zofe sich an Roswitha zu schaffen 
machten. 
Prangend in seinem farbigen Blätterschmuck zog ein 
junger, lachender Herbstmorgen herauf. Überall öffnete 
man weit die Fenster, um ihn hereinzulassen, den 
launischen Gesellen, der leuchten und strahlen und 
wiederum wild daherbrausen konnte mit Regen und Sturm. 
Wie sehr aber war er erstaunt, daß zwei Fenster in dem 

vornehmen Hotel dicht verschlossen blieben. 
Vielleicht hätte er in seiner herben Frische, hätte er mit 
seinem blinkenden Sonnenschein dem jungen 
Menschenkinde, das sich in seiner Verlassenheit schließlich 
in den Schlaf geweint hatte, ein Trost sein können; 
vielleicht hätte er mit seinen Sonnenstrahlen einen 
Widerschein in den Augen geweckt, die sich erst schlossen, 
als das erste Frührot am Himmel erschien. 
Es war bereits nach elf Uhr. 
Odalrich, der die Nacht im Nebenzimmer auf dem Diwan 
verbracht hatte, war schon lange aufgestanden. Nach dem 
Frühstück hatte er einen ausgiebigen Bummel durch die 

belebte Stadt gemacht und wartete jetzt auf das Erscheinen 
seiner Gattin. 
Nun sah er wieder nach der Uhr, wie schon unzählige Male 
an diesem Morgen, und seine Brauen schoben sich 
unmutig zusammen. Kurz entschlossen erhob er sich, stieg 
zu dem Wohnzimmer hinauf und lauschte an der 
Schlafzimmertür. 
Nichts rührte sich dahinter. 
»Roswitha!« 
Erst rief er leise, dann lauter. 
Klopfte. 

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»Roswitha!« 
»Ja, Papi, gleich«, rief sie erwachend. 

Sie richtete sich empor. Schlaftrunken, wie sie war, 
vermochte sie Traum und Wirklichkeit nicht sogleich zu 
unterscheiden. 
War sie nicht daheim gewesen, eben noch? Und nun? 
Verstört blickte sie umher. Wo befand sie sich? Dieses 
Zimmer war ihr vollkommen fremd. 
Dann aber war sie auf einmal ganz wach, war sich voll 
bewußt, wo sie sich befand. 
»Ja, Odalrich, was wünschst du?« 
Wie müde ihre Stimme klang. Es gab ihm einen Stich ins 
Herz. 
»Du mußt aufstehen, Roswitha; es ist schon fast zwölf Uhr, 

wir müssen heute noch weiter; ich werde dir Anni 
schicken.« 
Dann ging er wieder hinunter und wartete. Seine Geduld 
wurde auf eine harte Probe gestellt. Es dauerte sehr lange, 
bis Roswitha endlich erschien. 
Er stand auf, ging ihr entgegen, ergriff ihre Hand und 
drückte seine Lippen darauf. 
»Hast du gut geschlafen, Roswitha?« 
»Danke«, entgegnete sie aufatmend, als sie sah, daß er so 
war wie sonst, daß er ihr nichts nachzutragen schien. 
Christian brachte das Frühstück. Heute ließ Roswitha es zu 
keinem Zwischenfall kommen; sie aß und trank gehorsam, 

wenn auch ohne rechten Appetit. 
Als das Geschirr abgeräumt war, reichte Odalrich ihr einen 
Brief, der die Schriftzüge ihres Vaters aufwies. 
Mit hastiger Bewegung griff sie danach und drückte ihn erst 
fest gegen das Herz, bevor sie ihn öffnete und las. Es waren 
warme, freundliche Worte, die der Vater an sie richtete. 
Liebevoll ermahnte er sie, gut und verständig zu sein, 
damit er sich seines Kindes nicht zu schämen brauchte. 
Und weiter las sie, er hoffe, ihr mit diesem Zeilen am 
ersten Morgen ihrer jungen Ehe eine Freude zu machen, 
und gleichzeitig solle ein Blumenstrauß ihr die innigen 

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Wünsche übermitteln, die er für seinen Liebling hege. 
Aufblickend entdeckte Roswitha einen von einer 

Seidenpapierhülle umgebenen Blumenstrauß, der neben 
ihr auf der Couch lag. 
Mit leicht zitternder Hand entfernte sie das Papier. Lilien, 
ihre Lieblingsblumen, in köstlicher Reinheit und Frische, 
boten sich ihrem entzückten Auge dar. 
Oh, sie verstand wohl, was der Vater damit meinte, daß er 
ihr gerade diese Blumen spendete. 
»Papi, lieber, lieber Papi«, sagte sie leise und merkte gar 
nicht, wie ihre Tränen unaufhaltsam auf die Blumen 
niedertropften. 
Sie hatte den Mann an ihrer Seite vergessen, ebenso alle 
anderen, die sich hier in dem Frühstückszimmer befanden. 

Sie sah nur das gütige Antlitz ihres Vaters vor sich und 
spürte im Herzen eine heiße Sehnsucht nach ihm. 
»Roswitha, du mußt dich zusammennehmen, die Leute 
werden aufmerksam«, hörte sie die leise, mahnende 
Stimme des Gatten sagen. 
Er, selbstverständlich mußte er es wieder sein, der sie aus 
dieser köstlichen Versunkenheit riß. Mit feindseligem Blick 
sah sie ihn an. 
»Nun ja, mein Erzieher«, sagte sie bitter. 
»Roswitha, wenn wir in einem solchen Tone miteinander 
verkehren, dann wird unsere gemeinschaftliche Reise nicht 
angenehm verlaufen.« 

Nun sah sie ihn an, groß und verwundert. 
»Ich habe dich im voraus darauf aufmerksam gemacht, daß 
diese Reise alles andere als ein Vergnügen für beide Teile 
werden würde. Du hast jedoch trotzdem auf ihr bestanden, 
hast mich sogar dazu gezwungen, weil du das Gespött der 
Menschen fürchtest.« 
»Also gut, wenn du diesen Ton unter uns wünschst, mir 
soll es recht sein«, entgegnete er so gelassen, daß sie ihn 
verblüfft ansah. »Halte dich bereit, damit wir nach einer 
Stunde weiterfahren können.« 
Auf dieser Fahrt waren sie nicht ganz so schweigsam wie 

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am Abend vorher. Sie unterhielten sich wie zwei 
wohlerzogene Menschen und vermieden alles, was den 

anderen hätte verletzen können. Aber herzliche Worte 
fanden beide nicht füreinander. 
Und so blieb es während der ganzen Reise. Befand 
Roswitha sich mit dem Gatten allein, so war sie 
schweigsam und scheu und ging nur gelegentlich ein wenig 
aus sich heraus, wenn sie ihn auf irgendwelche 
Naturschönheiten aufmerksam machte. Dabei zeigte sie 
manchmal sogar einen gewissen Eifer und wurde beinahe 
zutraulich. Doch sofort, wenn sie sich dessen bewußt 
wurde, verschwand ihr sonniges Lächeln wieder und 
machte einer kühlen, konventionellen Liebenswürdigkeit 
Platz; sie wurde schweigsam und in sich gekehrt, und alles 

um sie her schien ihr plötzlich verleidet zu sein. 
Nur in Gesellschaft anderer war sie ganz die alte Roswitha, 
die alle Welt mit ihrem Reiz, ihrem natürlichen, sonnigen 
Wesen bezauberte. Sie stand ganz von selbst überall im 
Vordergrunde und nahm es als etwas Selbstverständliches 
hin, daß man ihr huldigte. 
Roswitha ließ das Interesse, das man ihr von allen Seiten 
entgegenbrachte, ziemlich kalt. Wie ein Schmetterling von 
Blume zu Blume gaukelt, genoß sie von allem, was sich ihr 
darbot, das Beste, ohne sich darum zu kümmern, was sie 
zurückließ. 
So verlief diese Reise, vor der sie sich außerordentlich 

gefürchtet hatte, schneller und besser, als sie es für möglich 
gehalten, und ehe man sich dessen versah, kam der Tag 
heran, den man für die Heimkehr ins Auge gefaßt hatte. 
Endlich ging es wieder nach Hause! 
Dieser Gedanke erfüllte sie so sehr, machte sie so glücklich 
und stimmte sie so heiter, daß sie mit ihrem Übermut, 
ihrer Freude jeden mit fortriß. 
Hätte sie diese Liebe und das Vaterhaus nicht gehabt, in 
dem sich ihr allzeit weit geöffnete Arme entgegenstreckten 
– ach, sie hätte an ihrer seelischen Verarmung zugrunde 
gehen müssen. 

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Wie wohl fühlte sie sich auch heute wieder daheim. Was 
hatten Vater und Mutter nicht auch dieses Mal aufgeboten, 

um dem Töchterlein Freude zu bereiten! 
Und wie dankte sie ihnen diese Liebe, wie jubelte sie auf, 
als sie alle ihre geheimen Wünsche erfüllt sah! 
Was brauchte sie jene anderen vier, die da stumm und steif 
in ihren Sesseln lehnten und keinen Blick von ihr ließen! 
Fremd waren sie ihr; ganz und gar fremd. Nichts anderes 
hatte sie mit ihnen gemein, als daß sie in Königsgnade 
einige Zimmer bewohnte und gelegentlich mit ihnen am 
Tische saß. 
Die Märzsonne schien schon so warm, daß man sich in 
Königsgnade entschloß, den Nachmittagskaffee auf der 
Terrasse zu trinken. 

Heute war der Kaffeetisch sogar festlich gedeckt, und eine 
Torte stand darauf, die in Zuckerguß die Zahl 34 aufwies. 
Jedes Familienmitglied erhielt zu seinem Geburtstag eine 
solche Torte, das ließ sich die Mamsell, die wie die gesamte 
Dienerschaft schon lange auf dem Schlosse war, nicht 
nehmen. 
An diesem Tage war der Schloßherr der Jubilar, und wären 
die Torte und die Blumen auf dem Tische nicht gewesen, so 
hätte nichts daran erinnert, daß jemand Geburtstag hatte. 
Einen solchen Tag festlich zu begehen, sich gar zu 
beschenken, das kannte man in Königsgnade nicht. Es war 
doch kein Grund zu besonderer Freude, wenn man ein Jahr 

älter geworden war. 
Daß aber Roswitha selbst an diesem Tage abwesend war, 
schien sogar die nüchterne alte Gräfin zu stören. 
»Sage einmal, Odalrich, hast du eigentlich eine Gattin, oder 
hast du keine?«, fragte sie den Enkel, der sich soeben ein 
Stück Torte auf den Teller legte. 
»Was für Fragen du manchmal stellst, Großmutter«, 
entgegnete er achselzuckend. 
Er horchte auf, denn in Roswithas Zimmern, die ihre 
Fenster zum Teil nach der Terrasse hatten, wurden 
Stimmen laut. Einer der Fensterflügel ihres Wohnraumes 

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war weit geöffnet, und so war auf der Terrasse jedes Wort 
zu verstehen, das oben gesprochen wurde. 

»Angela, Liebste, du bleibst bis Sonntag bei mir, ja?« hörten 
sie die schmeichelnde, bettelnde Stimme Roswithas sagen. 
»Ich kann doch nicht, Ita! Was würde Gisbert dazu sagen?« 
»Na, der wird nicht gerade sterben, wenn du mal ein paar 
Tage nicht bei ihm bist. Ihr macht euch ja lächerlich mit 
eurer übertriebenen Liebe zueinander.« 
»Und das sagt eine Frau, die kaum länger verheiratet ist als 
ich?« lachte Angela hell auf. »Hast du denn ganz und gar 
vergessen, wie heiß du deinen Mann zu lieben vorgabst?« 
»Höre doch mit dem Unsinn auf!« unterbrach Roswitha die 
Freundin heftig. 
»Das nennst du Unsinn, was anderen Menschen die 

Seligkeit des Lebens bedeutet?« entrüstete sich nun Angela. 
»Wenn ich dich nicht kenne, Roswitha, ich müßte dich, 
deinem Reden nach, für das oberflächlichste Geschöpf 
unter der Sonne halten.« 
»Tue es bitte!« war die gelassene Erwiderung. 
Eine Weile war es still zwischen den beiden, bis Angela 
fragte: 
»Spielst du viel auf diesem wunderbaren Flügel, Ita? Ich 
beneide dich geradezu um dieses Geschenk der gütigen 
Fürstin.« 
»Ich habe das Instrument noch nie berührt«, entgegnete 
Roswitha gleichmütig, »man liebt in Königsgnade keine 

Musik.« 
»Oh, das ist allerdings sehr bedauerlich. Ita, da du doch so 
musikalisch bist. Du hast doch früher immer behauptet, 
ohne Musik nicht leben zu können, wie hältst du es nun 
ohne sie aus?« 
»Man gewöhnt sich an alles, liebe Geli«, lachte Roswitha 
kurz auf, »ich lebe ja auch nicht ohne Musik, sondern 
spiele, wie du weißt, zu Hause sehr fleißig.« 
Angela öffnete das Instrument und schlug ein paar Akkorde 
an. 
»Aber das ist ja ein ganz wundervoller Klang«, begeisterte 

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sie sich, »viel schöner noch, als ich dachte. Mir kribbelt es 
förmlich in den Fingern.« 

»Bitte«, meinte Roswitha, »sei du die erste, die auf dem 
Flügel spielt.« 
»Um mich unsterblich vor dir zu blamieren«, wehrte sich 
Angela lachend, »nein, Ita, diesen Triumph gönne ich dir 
doch nicht. Du bist mir eine verflixt ernst zu nehmende 
Kritikerin. Aber spiele du etwas, bitte, bitte, etwas recht 
Schönes.« 
»Na, was das schon sein wird«, lachte Roswitha, »für dich 
kommt doch nur die Melodie in Frage, mit der dein 
verliebter Gemahl dich morgens aufweckt und abends in 
den Schlaf singt.« 
Nun klang das Vorspiel eines Tangos auf, erst zaghaft, dann 

immer voller und sicherer. Schon bei den ersten Takten war 
zu merken, daß es eine wirkliche Künstlerin war, die dem 
herrlichen Instrument diese schmeichelnden Töne 
entlockte. 
Und nun sang Roswitha noch dazu mit ihrer süßen, 
zärtlichen Stimme: 
 
»So ein Mädel vergißt man nicht, 
so ein Mädel vergißt man nicht, 
man kränkt sie nie, 
man lebt für sie, 
und andre küßt man nicht. 

So ein Mädel belügt man nicht, 
so ein Mädel betrügt man nicht, 
weil schon ihr Blick das ganze Glück 
der Welt verspricht. 
Was kann denn schöner sein, 
als einer treu zu sein, 
die einem alles gibt, 
wenn man sie liebt? – 
So ein Mädel vergißt man nicht, 
so ein Mädel vergißt man nicht, 
ihr leises Wort: »Ich hab’ dich lieb« 

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ist ein Gedicht. 
 

Zufrieden?« lachte Roswitha. 
»Ach, Ita, du singst das ja wunderbar, viel, viel schöner 
noch als Gisbert«, schwärmte Angela. »Und dein Gehör! 
Irgendwer singt ein Lied, und du spielst es ganz einfach 
ohne Note nach! Und wie du es spielst!« 
»Na, na, nicht loben, Geli, das verdirbt den Charakter«, 
entgegnete Roswitha mit leichtem Spott. »Mein liebes Kind, 
wenn du den musikalischen Unterricht gehabt hättest, den 
ich jahrelang genossen habe, dann spieltest du ebenso, 
wenn nicht besser. Und dann ist es auch weiter keine 
Zauberei, auf diesem unvergleichlichen Instrument eine so 
einschmeichelnde Melodie zu spielen. Hätten meine 

Anverwandten das soeben gehört, sie wären vor Entsetzen 
in Ohnmacht gefallen. Eine Gräfin Starkenborn spielt 
einen Tango! Nicht auszudenken! Kantaten und 
Opernmelodien, die ließe man vielleicht noch gelten, aber 
einen Tango! Das hat heute bestimmt diese geheiligten 
Räume entweiht.« 
»Ita, wie kannst du nur so bitter werden«, sagte Angela 
leise. »Na, um so süßer bist du«, gab diese spöttisch zurück. 
»Aber nun komm, es wird Zeit, daß wir uns unten sehen 
lassen.« 
Einige Minuten später erschienen sie auf der Terrasse. Es 
war ein reizendes Bild, wie sie Arm in Arm daherkamen. 

Angela verschwand geradezu neben Roswitha, obgleich 
auch ihre Schönheit über dem Durchschnitt stand. 
Nach kurzer Begrüßung nahmen sie auf die Aufforderung 
der alten Gräfin hin am Kaffeetisch Platz. 
»Sieht man dich endlich wieder einmal, kleine 
Dollarprinzessin?« fragte die Gräfin mit beißendem Spott. 
»Ich habe Odalrich vorhin schon gefragt, ob er eine Frau 
habe oder nicht.« 
Alle Weichheit, die Roswitha immer so jung und kindlich 
erscheinen ließ, war plötzlich aus ihrem Antlitz 
verschwunden. Stolz blickte sie auf, und niemand hätte in 

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diesem Augenblick daran zweifeln können, daß Roswitha 
eine echte Starkenborn werden würde. 

»Ich habe noch keinen Augenblick vergessen, daß ich mit 
Odalrich verheiratet bin«, entgegnete sie herb und stolz. 
»Und er hoffentlich auch nicht, wenn allerdings auch 
begründete Zweifel vorliegen. Da… da… da!« 
Sie warf drei Briefe auf den Tisch, die sie ihrem 
Handtäschchen entnahm. »Das fand ich auf Angelas 
Schreibtisch.« 
»Roswitha, wie kommst du dazu, Korrespondenz, die an 
mich gerichtet ist, an dich zu nehmen?« rief Angela empört. 
»Viola sandte mir die Briefe mit der Bitte…« 
»… sie Odalrich zuzustecken, jawohl!« unterbrach 
Roswitha sie kalt. »Ich habe auch das Kärtchen gelesen, das 

daneben lag; schließlich habe ich das Recht, in meinem 
Elternhause Briefe, die frei herumliegen, zu lesen.« 
War das wirklich die kindliche, spielerische Roswitha, die 
diese Worte sprach und die in geradezu eisiger Ablehnung 
im Sessel saß? 
Angela sah die Freundin fassungslos an, und ihre Augen 
füllten sich langsam mit Tränen. 
»Ita, wie kannst du mich nur so verkennen«, sagte sie leise, 
»Viola hat mir die Briefe zur Weiterbeförderung übersandt, 
gewiß; doch dazu hätte ich mich niemals hergegeben, ich 
wollte sie ihr zurückschicken.« 
»Dann habe ich eben dieses Amt für dich übernommen, 

Angela«, sagte Roswitha ein wenig freundlicher. »Bitte, 
nimm die Schreiben an dich«, wandte sie sich an ihren 
Mann, der gelassen dieser erregten Auseinandersetzung 
gefolgt war. 
»Wer mir schreiben will, soll die Post unmittelbar an mich 
schicken, eine Vermittlung lehne ich ab. Da jedoch Frau 
Viola weiß, daß ich die Annahme ihrer Briefe verweigere, 
versucht sie es auf diesem Wege.« 
»Und warum verweigerst du die Annahme?« wollte 
Roswitha wissen. 
»Darüber bin ich dir keine Rechenschaft schuldig, mein 

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Kind. Es wäre besser, du hättest mehr Vertrauen zu mir; 
dann wäre uns beiden erheblich geholfen. Bitte, Angela, 

willst du so gut sein und das da an die Adresse Frau Violas 
zurückgehen lassen?« Er wandte sich mit leichter 
Verbeugung an die junge Frau. 
»Ja, gerne, ich danke dir«, Angela atmete erleichtert auf und 
griff hastig nach den Briefen, die sie in ihre Handtasche 
steckte. Dabei traf ein so trauriger, vorwurfsvoller Blick die 
Freundin, daß diese den Kopf zur Seite wandte. 
Der Diener brachte soeben den Kaffee, und der duftende 
braune Trank schien die erregten Gemüter friedlich zu 
stimmen. Angela bemerkte die Zahl auf der Torte und 
fragte, was sie zu bedeuten habe. Als sie von Odalrichs 
Geburtstag erfuhr, war sie ehrlich erschrocken. 

»Hörst du es, Ita?« sagte sie erregt. »Odalrich feiert heute 
seinen Geburtstag, und wir haben keine Ahnung davon 
gehabt.« 
Roswitha schien das in keiner Weise zu berühren. 
»Deswegen brauchst du doch nicht so zu schreien«, 
entgegnete sie spöttisch. »Ist es denn etwas besonders 
Wichtiges, wenn man Geburtstag hat?« 
»Aber Ita!« 
»Verschone mich endlich mit deinen Sentimentalitäten«, 
fuhr Roswitha auf. »Wenn Gisbert Geburtstag hat, kannst 
du ihn ja feiern, soviel du magst, doch mich laß bitte mit 
dergleichen in Ruhe!« 

Angela schüttelte den Kopf. 
Was war nur mit Roswitha geschehen? Sie war gar nicht 
mehr wiederzuerkennen und wurde ja mit jedem Tag 
unzugänglicher. 
Vier Wochen später suchte der Kommerzienrat seinen 
Schwiegersohn in Königsgnade auf. Es war gerade um die 
Abendstunde, und Starkenborn saß mit den Seinen auf der 
Terrasse. Der Kommerzienrat sah sehr niedergedrückt aus. 
»Du läßt dich gar nicht sehen, Odalrich! Ist denn die 
Verstimmung zwischen dir und Roswitha so groß? Du 
mußt die Kleine nicht ernst nehmen, mein Junge; sie ist 

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manchmal noch ein rechtes Kind, dem die Tragweite seines 
Handelns nicht bewußt ist. Ich befinde mich in einer 

beinahe verzweifelten Lage. Denn ich muß übermorgen auf 
alle Fälle meine Amerikareise antreten. Die Auflösung einer 
Zweigniederlassung macht meine Anwesenheit drüben 
unbedingt erforderlich. Roswithas Erkrankung wegen ist 
mein Aufbruch schon mehrfach verschoben worden, doch 
länger geht das beim besten Willen nicht mehr an. Meine 
Frau begleitet mich selbstverständlich. Auch Roswitha 
möchte fürs Leben gern mit uns kommen, allein ihre 
Gesundheit ist noch nicht wieder so gefestigt, daß sie die 
Reise wagen könnte. Ihre Lunge braucht noch dringend 
Schonung, und da wir ein Flugzeug benutzen wollen, wäre 
sie ununterbrochen erheblichen Temperaturschwankungen 

ausgesetzt, die für sie gefährlich werden könnten. Doch wo 
soll sie bleiben, solange wir fort sind?« 
»Selbstverständlich hier, wohin sie sowieso gehört«, 
entgegnete der Graf ruhig, und der Kommerzienrat atmete 
erleichtert auf. 
»Na ja, gewiß. Ich nahm nur an, du trügest ihr mancherlei 
nach. Nun, dann ist ja alles in schönster Ordnung, und mir 
ist es leichter ums Herz. Vielleicht ist es ganz gut, daß alles 
so kam. Nun ist sie gezwungen, in Königsgnade zu bleiben, 
und wird sich vielleicht eingewöhnen. Wäre sie gesund, 
dann hätte ich ihren flehenden Bitten wohl kaum 
widerstehen können und sie sicherlich mitgenommen.« 

So brachte der Vater Roswitha am nächsten Tage nach 
Königsgnade zurück. Sie war zwar noch ein wenig blaß, 
sonst aber ging es ihr wieder besser. Als der Kommerzienrat 
sich von ihr verabschiedete, wollte sie ihn durchaus nicht 
von sich lassen und weinte die bittersten Tränen. 
»Aber Ita, mein Kind, in vier Wochen bin ich ja wieder bei 
dir«, tröstete der Vater, dem es augenscheinlich nicht leicht 
wurde, sich von seinem schier verzweifelnden Kinde zu 
trennen. »Paß mal auf, was ich dir alles mitbringen werde. 
Anschließend machen wir gleich noch eine Reise und 
bitten Odalrich, uns zu begleiten. Und dann wird mein 

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kleines Mädel über sein heutiges Benehmen lachen.« 
Er lächelte, obwohl ihm selbst schwer um das Herz war. Ita 

sah dem Auto, das ihr den Vater entführte, so lange nach, 
bis es ihren Blicken entschwunden war, und kehrte dann 
mit müden Schritten in das Schloß zurück. 
Der Mai war in diesem Jahr strahlender denn je. Es grünte 
und blühte, wohin das Auge schaute, und die Temperatur 
war beinahe schon sommerlich. 
In Königsgnade saß man allabendlich auf der Terrasse, und 
es war ein Genuß, von dort die Blicke über den Park 
schweifen zu lassen, der unvergleichlich schön war in 
seinem jungen Grün. Die Luft war von Blütenduft erfüllt, 
und das Quaken der Frösche klang aus dem nahen Teich 
herüber. 

Ein Lautsprecher spendete schon seit einer Weile weiche, 
einschmeichelnde Musik, die so recht zu dem herrlichen 
Abend paßte. 
Soeben wurden durch den Lautsprecher die täglichen 
Nachrichten bekanntgegeben. Sachlich, geschäftsmäßig. 
»Wir geben noch folgende Meldung: Der bekannte 
Großindustrielle Kommerzienrat Hartmann, der sich mit 
seiner Gattin auf dem Rückflug von Amerika befand, ist mit 
seiner Maschine abgestürzt. Das Ehepaar und der Pilot 
waren sofort tot. Die Leichen konnten geborgen werden.« 
Roswitha war aufgesprungen. Wie irr starrte sie vor sich 
hin, dann brach sie mit einem furchtbaren Aufschrei 

zusammen. 
Auch die vier Starkenborn hatten sich erhoben und knieten 
nun neben der regungslosen Gestalt nieder, die auf dem 
Marmorboden der Terrasse lag. 
Jeder Blutstropfen war aus des Schloßherrn Gesicht 
gewichen; er nahm sein junges Weib auf die Arme und 
schritt langsam, als trüge er eine schwere Last, in das Haus. 
Wie Schatten folgten ihm die drei Frauen. 
Hinter ihnen drein klang ein lustiges Marschlied aus dem 
Lautsprecher. 
Allein, was er heute immer noch bringen mochte an 

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Unterhaltung, Nachrichten, Musik, wer achtete seiner 
noch? Alles war vollkommen verstört, dachte an nichts 

anderes als an das Leid der jungen Gräfin, die vom 
Schicksal ins tiefste Herz getroffen, schluchzend und an 
sich und dem Leben verzweifelnd, auf ihrem Bett lag. 
Soeben öffnete sie die Augen. Verständnislos irrten ihre 
Blicke umher, um endlich an Odalrich und den Seinen 
hängen zu bleiben. 
Ein Schauer ging durch die zarte Gestalt der jungen Frau. 
»Papi! Mutti! Papi! Mutti!« 
Sinnlos vor Schmerz rief sie die Namen, die sie so oft in 
heißer Liebe genannt, die Namen derer, nach denen sie in 
jeder Not und Bedrängnis gerufen hatte. 
Dann blickte sie starr den Gatten an, der bei ihr auf dem 

Bett saß und ihre zuckenden Hände in den seinen hielt. 
»Odalrich, sage mir doch, daß es nicht wahr ist! Lieber 
Odalrich, bitte, bitte!« 
Sie befreite ihre Hände, packte ihn bei den Armen, 
schüttelte ihn hin und her. Wortlos wandte er das Antlitz 
von ihr ab. 
Auch Gräfin Wilhelma und Erdmuthe konnten sich der 
Tränen nicht erwehren. 
Ja, war denn die Welt aus den Angeln gehoben worden, 
daß diese Menschen weinen konnten!? 
Und woher kamen Gisbert und Angela so plötzlich? 
Warum starrten alle sie so an? 

»Italein, mein Schwesterchen!« 
Auch Gisbert weinte; sie fühlte es, als er sein Gesicht auf 
ihre Hand preßte. Angela kniete vor ihrem Bette und barg 
schluchzend das Antlitz in den Kissen. 
»Ita, wir sind sofort zu dir geeilt«, begann der Bruder 
behutsam. 
Ach ja, nun war kein Zweifel mehr, Papi und Mutti waren 
tot. 
Plötzlich fuhr Roswitha auf. 
»Nein, nicht, das kann ja nicht sein!« schrie sie gellend. 
Dann sank sie bewußtlos zusammen. 

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»Daß sie es auf so unbarmherzige Weise hat erfahren 
müssen, ebenso wie wir«, sagte Gisbert mit tränenerstickter 

Stimme. 
Auch er war tief erschüttert. Auch ihn hatte diese furchtbare 
Nachricht wie mit Keulenschlägen getroffen. 
Trotzdem hatte sein erster Gedanke der Schwester gegolten. 
Wie er ging und stand hatte er sich in das Auto geworfen, 
und Angela hatte sich stumm an seine Seite gesetzt. 
Und nun mußten sie in Königsgnade hören, daß Roswitha 
die entsetzliche Kunde bereits erfahren hatte. 
»Odalrich, ich habe Angst vor der Zukunft«, würgte Gisbert 
gequält heraus, »wie wird Roswitha das überstehen?« 
Ja, das wußte der Graf selbst nicht, der immer wieder die 
zuckenden, eiskalten Hände seines jungen Weibes 

streichelte, als könnte er ihr dadurch die Ruhe des Herzens 
wiedergeben. War er doch selbst in tiefster Seele ergriffen 
durch den Tod des Mannes, der so viel Güte, so viel 
menschliches Verstehen für ihn gezeigt hatte. 
Roswitha war wieder zu sich gekommen, sie hatte die 
Augen geöffnet. 
»Ita, kleines, tapferes Kerlchen«, sagte Gisbert und neigte 
sich über sie. »Wir beide müssen jetzt fester 
zusammenhalten denn je. Nicht wahr, Schwesterchen?« 
Sie sah ihm sekundenlang ins Gesicht, als fiele es ihr 
schwer, seine Worte zu begreifen; doch dann schüttelte sie 
den Kopf, mutlos, verzweifelt. 

»Du hast Angela, Gisbert, die du am meisten liebst von 
allen Menschen auf der Welt und die immer bei dir an 
erster Stelle steht. Aber ich, ich habe niemand, dem ich 
mehr bin als jeder andere.« 
Ganz leise flüsterte sie diese Worte, den leeren Blick ins 
Weite gerichtet, als sähe sie die geliebten Toten in 
unermeßlicher Ferne. 
Die ganze Stadt und Umgegend nahm an dem Unglück, 
das das Haus Hartmann betroffen hatte, herzlichen Anteil. 
Keiner wollte fehlen, um dem hochgeschätzten und 
verehrten Kommerzienrat und seiner Gattin das letzte 

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Geleit zu geben. Und es war ein schier endloser Trauerzug, 
der sich durch den Königsgnader Park bewegte. 

Dieser war durch ein schmächtiges Flüßchen von dem 
angrenzenden Wald getrennt, an dessen Rande sich eine 
kleine Anhöhe mit einer Gruppe uralter Bäume befand, die 
ihre breiten Kronen weit in den Himmel hineinreckten. 
Von hier aus konnte man einen Teil des Schlosses und des 
Parkes übersehen, und an dieser Stelle wurde der 
Kommerzienrat mit seiner Gattin bestattet. 
Der alte Herr hatte bei einem Besuch in Königsgnade dieses 
einzigschöne Fleckchen Erde gesehen und war von ihm so 
entzückt gewesen, daß er zu Odalrich geäußert hatte: 
»Hier möchte ich einmal begraben sein. Dann wäre ich 
meiner kleinen Ita immer nahe, und das Schloß, in dem sie 

lebt, grüßte mit seinen Türmen zu mir herüber.« 
Der Graf hatte sich diese Worte wohl gemerkt. Sie galten 
ihm als ein heiliges Vermächtnis. Diesem Manne, der so 
viel für ihn und die Seinen getan und ihnen die Heimat 
erhalten hatte, stand wohl das Recht zu, auf Königsgnader 
Boden für immer auszuruhen. 
Es war der erste dankbare Blick, der Odalrich aus Roswithas 
Augen traf, als er ihr erzählte, wo die Eltern begraben 
werden sollten. 
Nun standen sie an der offenen Gruft, die den großen 
Doppelsarg bergen sollte. Man hatte die beiden, die ein 
Leben lang in treuer Liebe miteinander verbunden gewesen 

und in der gleichen Stunde gestorben waren, auch im Tode 
nicht trennen wollen. 
Hand in Hand schliefen sie nun den ewigen Schlaf. 
Die Trauerfeier war noch nicht zu Ende, als Roswitha ganz 
plötzlich lautlos zu Boden sank. 
Sofort nahm ihr Gatte sie in seine Arme und trug sie 
hinweg, trug sie hinauf in ihr Zimmer, legte sie auf das Bett 
und saß wie vor Tagen wiederum bei ihr. 
Lange, lange. 
Roswitha weinte nicht, sie hatte wohl keine Tränen mehr. 
»Papi, Mami!« wimmerte sie nur von Zeit zu Zeit, und 

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dieses trostlose Wimmern schnitt dem, der es hörte, mehr 
ins Herz, als laute Klagen es vermocht hätten. 

Das fanden alle, die nach und nach in das Zimmer 
gekommen waren und nun bedrückt dastanden: Bruder 
und Schwägerin, die Starkenborner Damen, Fürst Hallnitz 
mit seiner Gattin und der Schwager des Verstorbenen, 
Professor Lütgens. 
Dieser schüttelte immer wieder den Kopf. 
»Ja, ja, da sagt man von mir, ich sei ein erfahrener 
Seelenarzt. Und ich muß hier untätig dabeistehen und mit 
ansehen, wie ein junges Menschenkind so entsetzlich 
leidet. Arme kleine Ita, dich hat ein unbarmherziges 
Schicksal schwer getroffen. Ita, Herzchen, sei doch nicht so 
verzweifelt! Bedenke doch, daß dein Jammer denen, die 

dich lieben, das Herz zerreißt.« 
Mit einem Ruck fuhr Roswitha empor, saß aufrecht im Bett. 
Ihre Augen gingen langsam von einem zum andern. 
Unheimlich starr war ihr Blick. 
Dann lachte sie auf, kurz und hart. 
»Sieh sie dir an, Onkel Arnold«, dabei wies sie auf die drei 
Gräfinnen und auf den Schloßherrn, »stolz sind sie und 
aufrecht, doch auch kalt und herzlos. Ich mag sie nicht, sie 
sollen mich in Ruhe lassen. Ich hasse sie! Ich will fort von 
ihnen, von Königsgnade, wo man an Leib und Seele friert. 
So geht doch endlich!« schrie sie gequält auf. »Geht alle – 
alle! Ich brauche euch nicht!« 

Sie warf sich zurück, preßte das Gesicht in die Kissen und 
verharrte regungslos. 
»Gehen wir also!« sagte der Fürst mit gepreßter Stimme. 
Schweigend entfernten sich alle, nur der Graf blieb. 
Ohne sich zu rühren, lag Roswitha da, so daß Odalrich 
glaubte, sie sei eingeschlafen. Doch ganz plötzlich wandte 
sie den Kopf: 
»Du bist noch hier?« fragte sie schroff. 
»Ja, Roswitha, ich bin noch hier und gedenke auch hier zu 
bleiben.« 
»Hast du nicht gehört, daß ich euch alle hasse?« 

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»Nein, Roswitha, das habe ich nicht gehört, oder will es 
nicht gehört haben.« 

»Dann werde ich es so lange sagen, bis du es hören mußt.« 
»Daran kann ich dich nicht hindern, Roswitha.« 
»Und wenn ich dich immer wieder beleidige?« 
»Dann werde ich daran denken, daß es nicht Roswitha 
Starkenborn ist, die mir dergleichen sagt, sondern ein 
verzweifeltes Menschenkind, das nicht weiß, was es 
spricht.« 
Ganz groß und weit wurden ihre Augen; sie starrte den 
Gatten an, als sähe sie ihn heute zum erstenmal. 
Und dann bemerkte sie auch, wie blaß er war. Wie müde, 
wie angegriffen er aussah. 
»Du!« sagte sie nur. »Du!« Doch es lag tiefe Bitterkeit in 

den beiden Worten. 
Dann wandte sie sich wieder von ihm weg und nahm keine 
weitere Notiz von ihm. 
Vollständig ablehnend verhielt sie sich auch in den 
nächsten Wochen. 
Die Geschwister waren nicht, wie man angenommen hatte, 
die alleinigen Erben. Der Graf war in gleicher Weise wie sie 
bedacht worden, allerdings mit der Einschränkung, daß er 
je zehntausend Mark an seine Großmutter, Mutter und 
Schwester abzutreten habe, damit diese nicht bis ins 
kleinste von ihm abhingen. Die Summe, die Odalrich von 
dem Schwiegervater zur Rangierung der Königsgnader 

Verhältnisse erhalten hatte, war in sein Erbteil 
eingerechnet. Angela erhielt außer einigen Schmucksachen 
nichts, da sie selbst ein bedeutendes Vermögen hatte. 
Die Villa ging an Gisbert über. Doch sollte auch Roswitha 
eine Zufluchtsstätte in ihr behalten. 
Dann folgten verschiedene Legate für Fräulein Krön und 
einige Angestellte, die schon längere Zeit im Hause 
gewesen waren. 
Zum Schluß hatte der Kommerzienrat noch bemerkt, er 
hoffe, ganz im Sinne seiner Frau gehandelt zu haben. 
Gisbert und Roswitha erklärten sich einverstanden, und die 

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letzten Formalitäten wurden erledigt. Dann übergab der 
Notar dem jungen Hartmann vier Briefe, die der 

Kommerzienrat für seine Lieben hinterlassen hatte. 
»Odalrich, das ist einmal wieder unser gütiger Vater«, 
Gisbert schritt auf den Schwager zu und streckte ihm beide 
Hände entgegen. »Wie ich mich mit dir freue, Odalrich.« 
»Wirklich, Gisbert?« 
Der Graf sah ihn forschend an, und Gisbert hatte das 
Gefühl, als wolle er ihn mit seinen Blick durchbohren. 
Doch er hielt diesem Blick stand – offen, frei. 
Da ergriff der Graf des Schwagers Rechte. »Ich danke dir, 
Gisbert«, sagte er und atmete tief auf. Dann hob er die 
Augen zu dem Bilde des Kommerzienrates empor. 
Lange, lange verharrte er im Anschauen. Es war, als hielte er 

Zwiegespräche mit dem Toten, der ihm noch über das Grab 
hinaus seine väterliche Liebe und Güte bewiesen hatte. 
Gisbert störte ihn in dieser Andacht nicht. Und als er den 
tiefen Schmerz in den Augen des Schwagers sah, erkannte 
er, wie nahe auch ihm der Tod des Vaters ging. 
Nun hatte er die Gewißheit, daß das Geschick seiner 
kleinen, geliebten Schwester, um die er immer gebangt 
hatte, in den treuesten, zuverlässigsten Händen lag, und 
daß Odalrich in Roswitha stets das Vermächtnis des 
Mannes sehen würde, dem er so viel Dank schuldete. 
Angela schluchzte leise vor sich hin, und Roswitha lehnte 
anscheinend teilnahmslos in ihrem Sessel. Erst als der 

Bruder ihr den Brief des Vaters in den Schoß legte, kam 
Leben in ihre Gestalt. 
Es waren nur wenige Worte, die dieser Brief enthielt, aber 
sie kamen aus treuem, zärtlichem Vaterherzen. 
Sie ermahnten Roswitha, unverbrüchlich zu dem Manne zu 
halten, dem sie sich am Altar angelabt hatte. Odalrich habe 
nicht nur Anspruch auf ihre Treue, sondern auch auf ihre 
Liebe; und sie solle zudem bedenken, daß Königsgnade 
nun ihre Heimat sei. 
In dem Schreiben, das an den Grafen gerichtet war, sprach 
der Kommerzienrat die Bitte aus, Odalrich möge das ihm 

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Zugedachte ohne Bedenken annehmen, denn er betrachte 
ihn ganz als seinen Sohn. Fühle er sich aber ihm gegenüber 

zu Dank verpflichtet, so solle er diesen Dank an Roswitha 
abtragen, deren Geschick er noch einmal vertrauensvoll in 
seine Hände legte mit der Bitte, ihr ein einsichtsvoller Gatte 
zu sein. Gisbert möge er ein guter Bruder werden und ihm 
in Treue verbunden fühlen. 
Ähnlichen Inhalts waren auch die an Gisbert und Angela 
gerichteten Briefe. Und es war wie ein Gelübde, als diese 
drei Menschen sich unter dem Bild des edlen Mannes, der 
so treu für sie gesorgt hatte, die Hände reichten. 
Nur Roswitha blieb nach wie vor still. Sie hörte zwar all die 
lieben Worte, die ihr von Bruder und Schwägerin in dieser 
Stunde gesagt wurden, erwiderte jedoch nichts darauf. 

Als sie nach Königsgnade zurückgekehrt war, legte sie sich 
sofort wieder zu Bett und war in den nächsten Tagen nicht 
zu bewegen, es zu verlassen. 
Die Welt prangte im schönsten Sommerschmuck, und die 
Sonne strahlte lockender denn je vom Himmel herab. 
Roswitha aber wollte nichts von der Sonne wissen. Sie tue 
ihr weh, behauptete sie. Und wenn sie gar zu hell ins 
Zimmer schien, befahl sie, die Vorhänge an den Fenstern 
zu schließen. 
Den Gatten, der täglich stundenlang bei ihr weilte, sah sie 
überhaupt nicht. Und daß er immer verschlossener, immer 
ernster wurde, daß er kaum noch richtig schlief, sondern 

die halben Nächte an ihrem Bett verbrachte und ihren 
unruhigen Schlummer bewachte, bemerkte der 
selbstsüchtige Trotzkopf nicht einmal. 
Was gingen sie die Sorgen und Kümmernisse Dritter an? 
Sie selbst litt. Alles andere war für sie Nebensache. Warum 
sollte nicht alles so bleiben, wie es jetzt war? 
Es lag sich doch sehr gut hier, und sie wollte von der Welt 
nichts mehr sehen oder hören. Was galt ihr das Leben 
noch? Sollte morgen alles aus sein – immerzu! Sie wäre 
damit ganz einverstanden! 
Eines Abends saß man in der großen Schloßhalle 

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beieinander, denn in dem großen Räume war es 
erfrischend kühl. Der Tag war unerträglich heiß gewesen, 

und sogar noch am Abend war es drückend warm. 
Gisbert und Angela waren vor einer Stunde in Königsgnade 
eingetroffen und hatten sich nach Roswitha umgesehen. 
Doch da sie weder durch Bitten noch durch gutes Zureden 
irgend etwas bei ihr ausrichten konnten, waren sie ziemlich 
bedrückt zu den anderen zurückgekehrt. 
In Königsgnade hatte sich inzwischen nichts verändert. 
Roswitha fand alles genauso vor, wie sie es verlassen hatte. 
Die Gemächer waren bereit, ihre Herrin aufzunehmen, und 
ein Gefühl des Geborgenseins überkam die junge Frau, als 
sie sie wieder betrat. 
Die Begrüßung mit den Angehörigen ihres Gatten hatte 

Roswitha, gottlob, hinter sich. Sehr kalt, sehr förmlich war 
sie ausgefallen. 
Einträchtig begaben sich die Gatten eine halbe Stunde 
später nach dem Speisesaale, wo die anderen sie schon 
erwarteten. 
So steif und ungemütlich wie früher fand Roswitha die 
Tafel nicht mehr. Entweder hatte sich hier etwas geändert, 
oder sie sah alles mit anderen Augen an. Es hatte fast den 
Anschein, als ruhten die Blicke der alten Gräfin mit 
Wohlgefallen auf ihr. 
»Sonne und Seeluft haben deinem Teint wenig anhaben 
können, mein Kind«, stellte sie fest, »fühlst du dich nun 

wieder ganz frisch und gesund?« 
»Danke, ja.« 
»Hast dort wohl alle gehörig am Bändel gehabt, wie? 
Mußten sich wohl alle nach deinen Wünschen richten?« 
Sehr hochmütig klang das, so daß Frau von Wilde 
Roswitha ganz erschrocken ansah. 
»Das stimmt nicht, Frau Gräfin«, wandte sie sich an die alte 
Gräfin. »Wenn wir meiner kleinen Herrin alles zuliebe 
taten, dann geschah es nur deshalb, weil wir es nicht 
anders konnten. Frau Gräfin gibt ja selbst so viel Liebe, daß 
man unwillkürlich Gleiches mit Gleichem vergelten muß. 

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Und daß man sie dabei ein wenig vergöttert, ist nur zu gut 
zu begreifen.« 

»Na ja, das erzählen Sie ihr nur noch«, lächelte die alte 
Dame. »Schauen Sie einmal, was für ein Gesicht sie macht! 
Das sieht ganz und gar nicht liebevoll aus.« 
Nun, das stimmte. Roswitha blickte so hochmütig, so 
unnahbar drein, wie es nur jemals eine Herrin von 
Königsgnade getan hatte. 
»Ärgere mir mein kleines Mädchen nicht, Großmutter!« 
lächelte der Graf. »Ita ist nämlich furchtbar in ihrem Zorn, 
und ich möchte dir nicht geraten haben, den 
herauszufordern.« 
Am nächsten Morgen stand Roswitha früh auf. Ihr erster 
Weg war zu der letzten Ruhestätte der Eltern. Der Platz war 

sehr gepflegt, und ein imposantes Grabmal stand zu 
Häupten des Hügels, der über und über mit Blumen 
geschmückt war. 
Von heißem Schmerz überwältigt, kniete Roswitha an dem 
Grabe nieder und drückte das zuckende Gesicht in die 
Blumen. 
Oh, dieser Friede hier! Sie meinte, er teilte sich auch ihrem 
Herzen mit. Ihr war beinahe, als vernähme sie des Vaters 
Stimme. 
Und leiser und leiser wurde ihr Weinen. 
Auch Odalrichs erster Gang an diesem Morgen hatte der 
Ruhestätte seiner Schwiegereltern gegolten. Aber als er sein 

junges Weib in Tränen aufgelöst hier an dem Hügel knien 
sah, ging er still wieder davon. 
Ach, daß es ihm nicht gegeben war, den Weg zu der Gattin 
Herzen zu finden. In trotziger Abwehr stand sie ihm 
allezeit gegenüber. 
So würde kein noch so gut gemeintes Wort aus seinem 
Munde imstande sein, sie trösten zu können. 
Als Roswitha ihre Tränen getrocknet hatte und sich erhob, 
saß ein Vöglein auf dem Grabstein und sang aus voller 
Kehle. Sie wagte nicht, sich zu rühren, denn sie fürchtete, es 
zu verscheuchen. 

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Nun sah sie auch die Schönheit ringsumher, sah das 
Schloß, das im Strahl der Morgensonne herübergrüßte, und 

fühlte den köstlichen Frieden, der hier herrschte. 
Ach ja, nun wußte sie, wo ihre Heimat war: hier, wo ihre 
Lieben ruhten, deren Grab sie vom Fenster ihres 
Schlafzimmers aus erblicken konnte; hier, wo sie ihnen so 
nahe war wie nirgends sonst. 
Getröstet ging sie zu dem Schlosse zurück und besuchte 
erst einmal ihr Pferd, das der Vater ihr noch kurz vor 
seinem Tode geschenkt hatte. Es war ein rührendes 
Wiedersehen. 
Sie rief den Stallknecht herbei und gab den Auftrag, es zu 
satteln. 
Oh, wie herrlich das war, auf dem Rücken eines Pferdes 

dahinzufliegen durch den frischen Herbstmorgen! Nun erst 
wurde sie sich dessen bewußt, wie sehr sie ihre täglichen 
Ausritte entbehrt hatte. 
Wie schön war der Wald in seinem bunten Blätterschmuck, 
wie wundervoll! Wie weit wurde einem in seinem Bereich 
das Herz. 
Ja, das war Heimatluft; nun fühlte sie es. 
Ganz vergnügt war sie, als sie nach Königsgnade 
zurückkam. Sie kleidete sich rasch um, um bei dem 
gemeinsamen Frühstück nicht zu spät zu erscheinen. 
»Wo ist Roswitha?« fragte Graf Starkenborn und ließ sich 
vor dem Kamin, dem eine wohlige Wärme entströmte, in 

einen Sessel sinken. Der Novembersturm heulte um das 
Schloß, und da war es hier in der Halle am gemütlichsten. 
Wie gewöhnlich saßen die Gräfinnen zusammen, und wie 
gewöhnlich fehlte die jüngste von ihnen in ihrem Kreise. 
»Roswitha ist gleich nach dem Kaffee fortgeritten und bis 
jetzt nicht zurückgekommen«, gab Erdmuthe auf des 
Bruders Frage Auskunft. 
»Sag mal, Odalrich, ist es dir auch schon aufgefallen, daß 
die Kleine tut, was sie will?« fragte die alte Gräfin ihren 
Enkel, und es klang wie Befriedigung aus ihren Worten. 
»Ich kann mir nicht helfen: deine kleine Dollarprinzessin 

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gefällt mir.« 
»Mir nicht«, entgegnete der Graf gelassen und sah nach der 

Uhr. »Schon achtzehn Uhr.« 
In diesem Augenblick betrat Roswitha die Halle. 
Sie schien alle Furcht vor dem Gatten und den Gräfinnen 
verloren zu haben und trat ihnen lebhaft und vollkommen 
unbeschwert entgegen. 
Sie lachte, als die alte Gräfin sie an ihre Seite winkte und 
ihr mit der Hand in die Locken fuhr. 
»Na, Hexlein, wir sind ja so fidel!« 
»Einer von der Familie muß es doch wenigstens sein«, 
lachte sie spitzbübisch zu dem Gatten hinüber. »Ist es nicht 
genug, wenn mein hoher Herr und Gebieter eine wahre 
Menschenfressermiene aufsetzt? – Brrr! – Odalrich, da 

kann es einem ja wahrhaft grausen.« 
So hatten die Starkenborn sie noch nie gesehen, und ihr 
sprudelnder Übermut riß sie alle mit fort, so daß sie lustig 
auflachten. Sie waren zuerst wohl selbst darüber 
erschrocken, doch die Kleine war einfach unwiderstehlich. 
Wie ein lichter Sonnenstrahl huschte sie durch das düstere 
Schloß und war auch bei den Gutsleuten ein gern 
gesehener Gast. Für alle hatte sie ein herzliches Wort und 
half, wo sie nur konnte. Wenn sie die Dorfstraße 
entlangritt, hängten die Kinder sich wie Kletten an sie. 
Dann lachte sie herzlich und fröhlich auf. Ohne daß man 
dessen eigentlich gewahr wurde, stellte sie in Königsgnade 

manches geradezu auf den Kopf und war dank ihrer 
herzbetörenden Art bald der Liebling von jung und alt. 
Schon wenn Roswitha morgens an der Frühstückstafel 
erschien, lauschte man ihrem frohen Geplauder mit tiefer 
Befriedigung und merkte es nicht einmal, wie sehr sie 
bereits ihre ganze Umgebung beherrschte. 
Man war daher gar nicht damit zufrieden, als sie eines 
Morgens durch Frau von Wilde bestellen ließ, sie gedenke 
künftighin nicht mehr an dem gemeinsamen Frühstück 
teilzunehmen. Sie sei morgens stets sehr müde und möchte 
darum länger im Bett bleiben. 

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Dagegen war nichts zu machen. Zwingen ließ sich dieses 
eigenwillige Persönchen nicht; es tat ja doch, was es wollte. 

Zur Mittagstafel erschien sie aber stets sehr pünktlich und 
gab auf die besorgten Fragen, ob sie sich nicht wohl fühle, 
ausweichende Antworten. Es war jedoch seltsam, daß sie 
Frau von Wilde dabei nicht ansehen konnte. 
So ging es zwei Wochen, bis Frau von Wilde, die jetzt 
immer das Frühstück mit Roswitha eingenommen hatte, 
wieder einmal an der Frühstückstafel erschien. 
Sie war sehr unsicher und verlegen, und man merkte ihr 
an, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, das ihr nur schwer 
über die Lippen wollte. 
»Haben Sie mir etwas mitzuteilen, Frau von Wilde?« 
ermunterte der Graf sie. 

»Ach ja«, sie atmete befreit auf, »ich muß Erlaucht etwas 
sagen, selbst auf die Gefahr hin, daß meine kleine Herrin 
mir sehr zürnen wird. Frau Gräfin treibt nämlich seit zwei 
Wochen Gymnastik, wenn man ihre Gewaltkuren 
überhaupt mit diesem Wort bezeichnen kann. Sie hat sich 
von dem Chauffeur heimlich ein Turnzimmer einrichten 
lassen und treibt nun allmorgendlich Sport, und zwar in 
einer Weise, daß ihr das schließlich schaden muß.« 
Der Graf schien allen Appetit verloren zu haben; er lehnte 
sich in seinem Stuhle zurück, und seine Miene verfinsterte 
sich. 
»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, Frau von Wilde«, 

sagte er freundlich, erhob sich, machte eine 
entschuldigende Verbeugung zu den Damen hin und 
verließ das Zimmer. Dann ging er zu den Gemächern 
seiner Gattin. 
»Roswitha!« 
Sie fuhr zusammen und hielt erschrocken im Rudern inne. 
»Odalrich – du? Sonst kamst du doch nie!« 
»Nein, leider nicht!« Kurz und bestimmt klang es, und eine 
Falte erschien zwischen seinen Brauen, die nichts Gutes 
verhieß. 
»Den Sport in Ehren, Roswitha«, sagte er mit einer gewissen 

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Schärfe, »doch wenn er in Tollheit ausartet, dann ist sein 
Zweck verfehlt! Wer hat dich überhaupt auf diese 

hirnverbrannte Idee gebracht?« 
»Du hast mich hier in meinen Zimmern nicht so 
anzuschreien, verstehst du? Und was du liebst oder nicht, 
ist mir höchst gleichgültig.« 
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ruderte sie 
weiter. Doch als er nun zu ihr trat, wich sie erschrocken 
zurück. Wie ein Püppchen hob er sie aus dem Sitz. Es half 
ihr nichts, daß sie sich mit aller Gewalt dagegen sträubte 
und mit den Fäusten nach ihm stieß. 
Nur als sie ihm auf die Schulter schlug, zuckte er so heftig 
zusammen, daß er sie auf die Erde gleiten ließ. 
»Ah, also an dieser Stelle ist der gehörnte Siegfried 

verwundbar«, spottete sie. 
Doch schon saß sie wieder auf seinen Armen. 
»Laß mich herunter… du… oder…« 
Sie schlug wie wild auf ihn ein, doch er ließ sie nicht 
wieder los, sondern trug sie nach dem Ankleidezimmer, wo 
er sie in einen Sessel sinken ließ. 
»So bändigt man widerspenstige kleine Mädchen«, sagte er 
gelassen und hatte für die Empörung, die ihr aus den 
Augen sprühte, nur ein ironisches Lächeln. Er drückte auf 
den Klingelknopf und befahl der unverzüglich 
erscheinenden Anni: 
»Helfen Sie der Frau Gräfin, Anni, sie möchte sich 

ankleiden.« Dann verließ er das Zimmer, ohne Roswitha 
nur noch eines Blickes zu würdigen. 
Diese sah ihm wie erstarrt nach. Dann schnellte sie auf, lief 
in ihr Schlafzimmer, warf sich auf den Diwan und weinte, 
weinte, als müsse sie die Welt erschüttern mit ihrem 
leidenschaftlichen Schluchzen. 
Doch auch das wurde mit der Zeit langweilig. 
Endlich wurde es Abend. 
Sie warf sich auf ihr Bett, konnte aber keine Ruhe finden. 
Elend und verlassen fühlte sie sich und war unzufrieden 
mit sich und mit der ganzen Welt. 

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Zornig warf sie sich herum und wühlte den Kopf in die 
Kissen. Sie wollte nicht immer nach dem Nebenzimmer 

hinhorchen. Der Mann dort drüben war ihr doch 
vollkommen gleichgültig! Sie haßte ihn sogar! 
Ja wirklich, sie haßte ihn! 
Und doch ertappte sie sich immer wieder dabei, daß sie 
angestrengt nach dem Nebenzimmer lauschte. 
Plötzlich wurden ihre Augen ganz groß und weit, und mit 
einem Ruck saß sie aufrecht im Bett. 
Was bedeutete das? 
Ein Stöhnen nebenan? 
Da, jetzt wieder! 
Mit einem Satz war sie aus dem Bett und schlich leise zu 
der Tür, die zum Schlafgemach des Gatten führte. 

Sie legte ihr Ohr an das Schlüsselloch und lauschte mit 
angehaltenem Atem. 
Da, wieder dieses unterdrückte Ächzen! 
Nun war alles vergessen, was sie sich in den einsamen 
Stunden dieses Abends vorgenommen hatte; sie dachte nur 
noch an den, der im Nebenzimmer lag, und – 
Sekundenlang zögerte sie noch, dann trat sie ein. 
Es war so dunkel hier, daß sie das Bett nicht sehen konnte. 
»Odalrich!« rief sie leise. 
»Wer ist da?« kam es zurück. An dem Klang seiner Stimme 
konnte sie erkennen, daß er Schmerzen haben mußte. 
»Ich bin es, Roswitha«, entgegnete sie zaghaft. 

»Du, Kind? Ich glaubte, du schliefest.« 
Er schaltete die Nachttischlampe ein, Licht fiel auf sein 
Gesicht. 
Mit wenigen Schritten war sie bei ihm. 
»Hast du Schmerzen, Odalrich?« 
Er lächelte, als er ihre erschrockenen, angstvollen Augen 
sah. 
»Meine Schulter, wenn du Christian herbeirufen wolltest.« 
Aber sie hörte seine Worte gar nicht, beugte sich über ihn 
und erblaßte bis in die Lippen, als sie die Jacke seines 
Schlafanzuges sah, die an der Schulter blutdurchtränkt war. 

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Halb sinnlos vor Angst rief sie Christian herbei und befahl 
ihm, sofort den Arzt zu benachrichtigen. Darauf eilte sie in 

ihr Ankleidezimmer, warf ein Kleid über, holte eine 
Schüssel mit Wasser und ein leinenes Tuch herbei und 
kehrte zurück. 
»Laß doch, Ita«, sagte er verlegen, als sie zu ihm trat und 
mit Hilfe eines Schwammes versuchte, den festgeklebten 
Stoff der Jacke von der Wunde zu lösen. Sie biß die Zähne 
zusammen, als sie sah, wie weh sie ihm dabei tat. 
Und dann schrie sie leise auf, denn dicht unter seiner 
Schulter klaffte ein tiefer, ungefähr zehn Zentimeter langer 
Riß. 
»Odalrich, um Gottes willen!« 
»Ich weiß doch, daß das nichts für dein weiches Herzchen 

ist, kleine Ita«, sagte er leise, »überlasse das weitere 
Christian!« 
Doch sie hatte schon das feuchte Tuch ergriffen und preßte 
es behutsam auf die Wunde. 
Plötzlich weinte sie auf, so heftig, so hemmungslos, daß er 
erschrocken zusammenfuhr. 
»Roswitha, ja, was ist dir denn?« 
»Ich, ich habe heute früh auf diese Schulter geschlagen«, 
schluchzte sie bitterlich. »Odalrich, was mußt du von mir 
denken! Ach, könnte ich dir doch sagen, wie leid mir das 
tut!« 
Da ging ein weiches Lächeln über seine Züge. 

»Du hast es ja nicht gewußt, kleines Mädchen, brauchst dir 
keine Vorwürfe zu machen. Heute morgen schmerzte die 
Schulter überdies so wenig, daß ich der Wunde weiter 
keine Bedeutung beilegte. Der störrische Stier, den man 
nicht mehr bändigen konnte, und der deshalb für den 
Schlächter verladen werden mußte, gebärdete sich zum 
Abschied noch wie toll. Er wollte mich auf die Hörner 
nehmen, doch traf zum Glück nur die Schulter.« 
»Und davon sagst du gar nichts? Vernachlässigst die böse 
Wunde in dieser Weise?« 
»Aber, Kind, ich werde doch nicht wegen dieser 

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Geringfügigkeit das Haus auf den Kopf stellen. Ich verachte 
mich selber, daß ich so zimperlich bin. Aber es schmerzt 

ganz niederträchtig, und ich bin schlapp wie ein 
Milchkind.« 
»Selbstverständlich, bei dem Blutverlust«, entgegnete 
Rowitha mit zuckenden Lippen. Sie kühlte behutsam die 
Wunde, und er sah sie dankbar an. 
»Ah, das tut gut, kleine Samariterin!« Und nach einer 
Weile: »Zürnst du mir noch sehr, wegen heute morgen?« 
»Odalrich, bitte sei still, wenn ich mich nicht zu Tode 
schämen soll.« 
Dann erschien der Arzt, den Christian herbeigerufen hatte. 
»Das ist ja eine schöne Bescherung«, sagte er, als er die 
Wunde untersucht hatte. »Wie ist das nur gekommen, 

Erlaucht?« 
Roswitha erklärte es ihm hastig, und er nickte. 
»Mit Verlaub, es war sehr leichtsinnig, Erlaucht, mich nicht 
eher rufen zu lassen. Erlaucht haben doch keinen Körper 
aus Stahl und Eisen. Die Wunde muß unbedingt genäht 
werden, sonst bleibt eine fingerbreite und ebenso tiefe 
Narbe zurück, und sonst hört auch die Blutung nicht auf.« 
Er traf schleunigst seine Vorbereitungen, und Roswitha 
folgte seinem Tun mit vor Entsetzen weit aufgerissenen 
Augen. Sie hatte beide Hände fest auf das Herz gepreßt, das 
so heftig klopfte, als wollte es ihr aus der Brust springen. 
Der Arzt sah ihre verstörten Mienen und lächelte. 

»Nicht ängstlich sein, wir geben unserem Patienten ein 
wenig Chloroform, dann merkt er nichts von der Bastelei.« 
Er erteilte noch einige Verhaltensmaßregeln, versprach am 
nächsten Vormittage wiederzukommen und verabschiedete 
sich. 
Nun sah Roswitha auch den Diener, der am Fußende des 
Bettes stand. 
»Vorläufig brauche ich dich nicht mehr, Christian«, sagte 
sie freundlich, »du kannst zu Bett gehen, mußt aber 
jederzeit zur Stelle sein, falls ich deiner bedürfen sollte.« 
»Aber Erlaucht können doch nicht…« 

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»Doch, Christian, ich kann es, und ich will es«, entgegnete 
sie fest. »Das ist eine schlechte Frau, die ihren kranken 

Mann fremden Händen überläßt, wenn es in ihrer Macht 
steht, ihn pflegen zu können.« 
Da ging ein Leuchten über das faltige Gesicht des Alten, 
und er ging leise hinaus. 
Roswitha blieb mit dem noch immer bewußtlosen Gatten 
allein. Der Arzt hatte wohl gemeint, daß der Graf bald 
erwachen würde; sie hatte jedoch große Angst, als er lange 
Zeit regungslos dalag. 
Immer wieder streichelte sie sein Gesicht. 
»Odalrich, hörst du mich? Odalrich, wache bitte auf«, sagte 
sie unausgesetzt. 
Endlich schlug er die Augen auf und sah sie verständnislos 

an. 
»Du, Roswitha?« 
Er wollte sich herumwerfen, doch sie hielt ihn fest. 
»Nicht, Odalrich, du sollst ruhig liegen.« 
»Ach ja, richtig«, murmelte er, »was hat denn unser guter 
alter Pflasteronkel mit mir gemacht?« 
»Er hat die Wunde genäht und angeordnet, daß du im Bett 
bleiben sollst. Du bist mir also auf Gnade und Ungnade 
ausgeliefert.« 
»Na, das lasse ich mir schon gefallen«, lachte er, verzog 
dann aber doch das Gesicht, weil jede Erschütterung ihm 
Schmerzen verursachte. »Willst du nicht Schlafengehen, 

Ita?« 
»Ich soll schlafen«, entgegnete sie empört, »und soll dich 
hier deinem Schicksal überlassen? Du scheinst ja eine gute 
Meinung von den Frauen zu haben.« 
Er sah sie lange an, und so eigen war sein Blick, daß sie die 
Augen niederschlug. 
»Eine gute Meinung von der Frau habe ich soeben 
bekommen«, sagte er leise. »Tapfere kleine Ita, ich danke 
dir.« 
Sie blendete nun die Nachttischlampe ab, so daß nur noch 
eine gedämpfte Helle im Raum herrschte, und legte sich 

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dann. 
Sein Schlaf war sehr unruhig. Von Zeit zu Zeit öffnete er die 

Augen. Jedesmal, wenn sein Blick auf Roswitha fiel, bat er 
sie zu schlafen, hielt aber gleichwohl ihre Hand fest. 
In den langen bangen Nachtstunden, als sie ihn schwach 
und hilflos vor sich Hegen sah, flammte in ihr erneut die 
Liebe zu diesem Mann auf, dem sie vom ersten Augenblick 
an verfallen war. Sie brannte in ihrem Herzen vielleicht 
stärker denn je. 
Aber was mit dieser Liebe beginnen, die er nicht für sich 
begehrte, die er zwar duldete, jedoch niemals erwidern 
würde? 
Konnte sie sich so weit überwinden, das große Gefühl, von 
dem sie vollkommen beherrscht wurde, hinzugeben, um 

dafür nichts einzutauschen als bloße Sympathie und 
vielleicht noch nicht einmal die? 
Auf einmal fiel ihr Blick auf den Ring, den Zauberring, und 
ihr Herz begann wie rasend zu pochen. 
Wie der Stein an ihm gleißte und funkelte! Wieviel 
Unerforschtes, Unergründliches mochte in seiner 
geheimnisvollen Tiefe schlummern! 
Vielleicht war es unrichtig, als Aberglauben zu verlachen, 
was der Stein verhieß, vielleicht wohnte ihm wirklich eine 
Kraft inne, die man nicht einmal ahnte. Ach, könnte er mit 
seinem blinkenden Schein hinunterleuchten in ihres 
Herzens Kammern. 

Als ahne Odalrich, was in der Seele seines Weibes vorging, 
öffnete er die Augen und sah sie an. 
Blick ruhte in Blick. 
Lange, unlöslich fast. 
Wie unter einem Zwange erhob Roswitha die Hand, als 
wolle sie das, woran sie gedacht, wahrmachen und den 
Stein hinunterleuchten lassen in ihres Herzens tiefsten 
Grund. 
Vor dem flammenden Licht des Juwels schloß er die Augen, 
lächelte wie traumverloren und schlief weiter. 
Roswitha war so erregt wie noch niemals in ihrem Leben. 

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Als wären Jahre vergangen und nicht bloß Stunden, so sehr 
hatte sich ihr ganzes Inneres gewandelt. 

Getreulich wachte sie an des Gatten Lager. 
In solcher Weise verwöhnt zu werden, war für Odalrich 
etwas ganz Neues. Und die drei Gräfinnen, die soeben 
eintraten, kannten derartiges auch wohl kaum, denn sie 
standen zunächst sprachlos da. 
»Das sind ja nette Geschichten, die du da machst, 
Odalrich«, sagte die Mutter endlich und trat als erste an des 
Sohnes Bett. Daß sie zuerst das Wort ergriff, war wohl noch 
nie vorgekommen. Das war bisher stets der alten Gräfin 
vorbehalten geblieben. 
Doch Roswitha, die da so lachend auf dem Bett des Gatten 
saß, hatte manches umgestoßen, was schon zwei 

Jahrhunderte hindurch bestanden und hatte es mit einer 
Grazie und einer Unbekümmertheit getan, als müsse es so 
sein. 
Wäre ein erkrankter Schloßherr in früherer Zeit jemals mit 
der gleichen Liebe und Hingabe gepflegt worden? Wohl 
kaum! 
Was man hier sah, widersprach eigentlich aller Tradition; 
aber seltsam, ein Befremden darüber wollte sich dennoch 
nicht einstellen. 
Die Damen lächelten, und die alte Gräfin bemerkte 
neckend: 
»Schau, schau, unser kleines Dollarprinzeßchen scheint ja 

die geborene Samariterin zu sein. Bloß um so verwöhnt zu 
werden, ließe ich es mir ganz gern gefallen, einmal krank 
zu sein, übrigens, wie geht es dir, Odalrich?« 
»Danke, ausgezeichnet«, lächelte er, »bei solcher 
Behandlung und in solcher Gesellschaft bin ich gar nicht 
darauf erpicht, schnell gesund zu werden.« 
»Odalrich!« rief Roswitha entrüstet, und er lachte. 
»Nun, so schlimm wie man es nach Christians Bericht 
vermuten mußte, scheint die Krankheit nicht zu sein«, 
stellte die alte Gräfin mit Befriedigung fest. »Ich bekam 
keinen geringen Schreck, als ich erfuhr, der Arzt sei gestern 

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noch spät am Abend hiergewesen. Aber uns zu rufen, das 
fiel der kleinen Dollarprinzessin nicht ein, wie? Wir haben 

eben unser Köpfchen für uns!« 
»Warum sollte ich Frau Gräfin stören?« 
»Nenne mich ›Großmutter‹, Kind! Wie oft soll ich dir das 
noch sagen? Jedenfalls freue ich mich, daß du so auf dem 
Posten bist. Ist schon eine Pflegerin bestellt?« 
»Nein, denn ich habe mich entschlossen, Odalrich allein 
zu pflegen; Christian wird mich dabei unterstützen. Der 
Arzt hat es mir gestattet, und ich werde bleiben, wo ich 
bin.« 
Sehr sanft, fast zaghaft strich Gräfin Wilhelma ihr über das 
Haar, und die alte Gräfin sagte leise: 
»Gott segne dich dafür, mein Kind!« 

Wenn es der Wille des Schicksals war, daß die Gatten sich 
doch noch in Liebe finden sollten, so konnte es kein 
besseres Mittel dafür geben als Odalrichs Erkrankung. 
Dadurch, daß die jungen Eheleute fast ununterbrochen 
allein waren, kamen sie sich von Tag zu Tag näher. 
Sie tauschten gegenseitig ihre Gedanken aus und sprachen 
von Dingen, die früher niemals über ihre Lippen 
gekommen wären. 
Odalrich hatte gehofft, sobald er genesen wäre, würde alles 
so bleiben wie bisher; er mußte in dieser Hinsicht jedoch 
eine große Enttäuschung erleben. 
Von dem Augenblick an, als der Arzt ihn als 

wiederhergestellt bezeichnete, war Roswitha wie 
umgewandelt. 
War sie vorher kaum von seiner Seite gewichen, so ging sie 
dem Gatten jetzt aus dem Wege, wo und wann sie es nur 
vermochte. 
Er stand geradezu vor einem Rätsel. Vergeblich fragte er 
sich, wodurch die Veränderung ihres Wesens bedingt sein 
könnte. 
Er konnte ja nicht ahnen, wie sehr sie sich quälte, wie sie 
litt, wie sie in heißem Kampf mit sich selber lag, und wie 
heftig ihr Stolz sich dagegen wehrte, ihn erkennen zu 

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lassen, daß all ihr Sinnen und Denken ihm gehörte. 
Er war jetzt stets ungemein zuvorkommend, ja geradezu 

ritterlich im Verkehr mit ihr. Aber das bedeutete noch lange 
keine Liebe. 
Dadurch wollte er ihr nur seinen Dank für ihre aufopfernde 
Pflege bekunden. 
Und Liebe mit Dankbarkeit vergelten? 
Nein, tausendmal nein! 
Sie, die früher über jeden Aberglauben gelacht und 
gespottet hatte, setzte jetzt alle ihre Hoffnungen auf die 
angebliche Zauberkraft des indischen Ringes. Sie erwartete 
von ihr, daß sie ihr das Herz des Gatten zuwenden solle. 
Eben wieder drückte sie den Ring an die Lippen. Wie oft – 
ach, wie oft schon in den letzten Wochen. Sie wurde nicht 

gewahr, daß der Gatte leise das Zimmer betrat, das er in 
letzter Zeit ebenso eifrig aufsuchte, wie er es früher 
gemieden hatte. Nun konnte sie ihm nicht entschlüpfen. 
»Halt, Roswitha, laufe mir nicht wieder davon, ich möchte 
endlich wissen, was ich dir getan habe.« 
»Nichts«, entgegnete sie und senkte den Kopf, denn sie 
wollte ihm nicht in die Augen sehen. 
»Roswitha, mein Mädchen, wo ist all die köstliche 
Zutraulichkeit geblieben, die du während meiner Krankheit 
für mich hattest und die mich unendlich glücklich machte? 
Du bist jetzt viel unzugänglicher, als du es in früherer Zeit 
warst. Werden wir uns denn immer fremd bleiben? Sollen 

wir uns niemals näherkommen, die wir uns doch am 
nächsten stehen sollten?« 
Da hob sie ganz plötzlich den Kopf und sah ihn lange und 
forschend an. Doch dann wandte sie den Blick von ihm. 
In seinen Augen hatte wohl ehrliche Trauer, aber noch 
lange keine Liebe gestanden. 
Sie wandte sich schroff von ihm ab, und ehe er es 
verhindern konnte, war sie aus dem Zimmer geeilt. 
Er sah ihr nach, Hoffnungslosigkeit im Blick. 
In der nächsten Zeit fand er keine Gelegenheit, Roswitha in 
Ruhe sprechen zu können; denn das Weihnachtsfest rückte 

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immer näher, und die junge Gräfin war stark beschäftigt. 
Sie hatte von dem Gatten die Erlaubnis erhalten, den 

Gutsleuten und deren Kindern im Schlosse zu bescheren, 
was in Königsgnade bisher nicht Brauch gewesen war. 
Was hätte Roswitha wohl nicht durchgesetzt! 
In ihrem Eifer, mit dem sie die Vorbereitungen traf, kam sie 
auch dem Gatten wieder näher. Er hütete sich, etwas zu 
sagen oder zu tun, was ihre Zutraulichkeit verscheuchen 
konnte, die wieder langsam zurückzukehren schien. 
Jedem hatte Roswitha einen Wunsch nicht nur abgelauscht, 
sondern ihn auch erfüllt, soweit sie dazu imstande war. 
Und diese durch Liebesbeweise und Aufmerksamkeiten 
nicht verwöhnten Menschen, die es niemals verstanden 
hatten, Freude um sich her zu verbreiten, fühlten sich 

Roswithas Liebesreichtum gegenüber arm. 
Und wie sie selbst sich freuen konnte über das, was man 
ihr bescherte! Es war ja nichts Besonderes, und Roswitha 
hätte sich alles selbst kaufen können, aber es waren 
Weihnachtsgeschenke und deshalb freute sie sich. 
Zuletzt führte sie den Gatten an den Gabentisch. Sie 
schaute ihn an, ob sie seine geheimen Wünsche erraten 
hätte, doch er blickte seltsam traurig. 
»Freust du dich denn gar nicht, Odalrich?« fragte sie ihn 
leise, als sie sich von den anderen unbeobachtet wußte. 
»Doch, Roswitha, ich danke dir, sehr sogar. Allein das 
größte, das köstlichste Geschenk wird mir auch heute noch 

nicht beschert werden, Roswitha?« 
»Und das wäre?« fragte sie hastig und fühlte das Herz bis 
zum Halse schlagen. 
»Alles das, Roswitha, was mir während meiner Krankheit in 
so reichem Maße zuteil wurde, mich hoch beglückte und 
mir dann wieder verlorenging.« 
»Ja… selbstverständlich«, stammelte sie verwirrt und wagte 
nicht, ihn anzusehen. 
»Roswitha!« bat er leise und verhalten. 
Da hob sie schnell den Blick, und als sie seine traurigen 
Augen sah, lächelte sie und schaute zu den anderen 

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hinüber. Dann führte sie den Gatten hinter den 
Tannenbaum und küßte ihn, leise und scheu. 

»Da – meine Antwort«, sagte sie sehr verlegen und senkte 
dann schnell den Kopf, denn ein so heißer, strahlender 
Blick traf sie aus Odalrichs Augen, daß sie heimlich 
erschauerte. 
»Roswitha, ich danke dir«, hörte sie ihn leise sagen, und 
dann eilte sie schnell von ihm fort. 
Doch es war ihr plötzlich so leicht, so glückselig zumute. 
All die Freude, die sie im Herzen hatte, hätte sie 
hinausjauchzen mögen in die Welt. 
Mit strahlenden Augen saß sie an der Abendtafel und 
konnte vor Freude kaum etwas genießen. 
Kein Wunder also, wenn sie sich bei der vorzüglichen 

Weihnachtsbowle, die nach dem Essen kredenzt wurde, 
einen allerliebsten Schwips anprostete. 
Man war ja ganz unter sich. Gisbert und Angela, die man 
nach Königsgnade gebeten hatte, konnten der Einladung 
nicht Folge leisten, da Angela Mutterfreuden entgegensah 
und sich nicht mehr aus dem Hause wagte. 
Und als gar am späten Abend die Nachricht kam, daß im 
Hause Hartmann soeben ein strammer Junge angekommen 
sei, kannte Roswithas Glückseligkeit keine Grenzen. Sie 
steckte mit ihrem unwiderstehlichen Übermut alle an, 
behauptete immer wieder, daß die Ankunft des kleinen 
Erdenbürgers gebührend gefeiert werden müsse, und 

erreichte es wirklich, daß selbst die Gräfinnen nicht mehr 
ganz taktfest waren. 
Der Schloßherr war ebenfalls berauscht, wenn auch nicht 
von der Bowle. 
Wohl aber vor Glück. 
Doch auch die schönsten Stunden haben einmal ein Ende, 
und so zog man sich endlich zurück, als die Müdigkeit sich 
nicht mehr bekämpfen ließ. Man nahm jedoch die 
glückliche Gewißheit mit, daß man sich an diesem Abend 
sehr nahegekommen war. 
Roswitha wäre fast gefallen, als sie an des Gatten Seite die 

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Treppe hinaufstieg. Da nahm er sie einfach auf die Arme, 
lief wie ein übermütiger Junge mit ihr davon und setzte sie 

in ihrem Wohnzimmer mitten auf den Flügel. 
»Oh!« sagte sie hilflos, denn allein von dem glatten Deckel 
herunterzukommen, war nicht ganz leicht. 
Da nahm er sie bei den Füßen und drehte sie wie einen 
Kreisel herum, so daß sie hellauf jauchzte. 
Ganz erschöpft saß sie dann da und lehnte das Köpfchen 
gegen des Gatten Brust. 
»Müde – ins Bettchen gehen«, sagte sie wie ein müde 
gespieltes, müde getolltes kleines Kind. 
»Aber, kleines Mädchen, es ist ja noch viel zu früh«, 
entgegnete er lachend, ließ sich vor dem Flügel nieder, 
ergriff ihre Füßchen und trommelte mit den Absätzen auf 

die Tasten. 
Es klang schauderhaft, aber sie lachten trotzdem wie 
ausgelassene Kinder. 
»Odalrich, so heiter habe ich dich ja noch nie gesehen«, 
sagte Roswitha, und er strahlte sie an, wahrhaft jungenhaft 
froh und glücklich. 
»So wohl wie heute habe ich mich auch noch nie in 
meinem ganzen Leben gefühlt! Und alles das bringt ein so 
süßes, liebes, eigenwilliges, herzbetörendes kleines 
Mädchen zuwege.« 
»Zu viel!« winkte sie ab und wippte auf dem erhöhten und 
keinesfalls alltäglichen Sitz wie ein kleiner Kobold hin und 

her. »Heute sagst du mir das, weil du eben nicht mehr 
genau weißt, was du sprichst, doch morgen, wenn du 
nüchtern bist…« 
»Oho!« widersprach er, »beschwipst ist ein gewisses kleines 
Mädchen, und sogar sehr entzückend beschwipst.« 
Er schob die baumelnden Beinchen zur Seite, griff in die 
Tasten und spielte eine Melodie, die sie nüchtern werden 
ließ. 
Er neigte sich dicht zu ihr hin, daß seine Stirn die ihre 
berührte, sein Mund dem ihren ganz nahe war und spielte. 
Er sprach die Worte zu der Melodie, eindringlich, 

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verhalten, mit werbender Zärtlichkeit: 
 

»So ein Mädel vergißt man nicht, 
so ein Mädel vergißt man nicht, 
man kränkt sie nie, man lebt für sie, 
und andre küßt man nicht. 
So ein Mädel belügt man nicht, 
so ein Mädel betrügt man nicht, 
weil schon ihr Blick 
das ganze Glück der Welt verspricht. 
Was kann denn schöner sein, 
als einer treu zu sein. 
die einem alles gibt, 
wenn man sie liebt? 

So ein Mädel vergißt man nicht, 
so ein Mädel vergißt man nicht, 
ihr leises Wort: ›Ich hab’ dich lieb‹ 
ist ein Gedicht.« 
 
Ganz still saß Roswitha da und wagte sich auch dann noch 
nicht zu rühren, als er längst geendet hatte. Erst als er 
seinen Mund dem ihren ganz, ganz nahe brachte, schrak 
sie auf. 
»Odalrich, du singst Schlager?« fragte sie fast entsetzt. »Ja, 
wie kannst du, woher weißt du?« 
Wieder griff er in die Tasten: 

»Winterstürme wichen dem Wonnemond«, sang er 
übermütig. »Wie du siehst, ich bin vielseitig, singe Schlager, 
singe Opernarien, kann auch noch mit Kantaten aufwarten, 
ganz wie Erlaucht befehlen. Ich hörte nämlich einmal 
zufällig, daß eine gewisse Roswitha von Starkenborn 
spöttisch zu ihrer Schwägerin sagte, in Königsgnade würde 
man in Ohnmacht fallen, wenn in diesen geheiligten 
Räumen Schlagermelodien erklängen; Opernmelodien und 
Kantaten ließe man vielleicht noch gelten, doch Schlager? 
Unmöglich! Also, welche Kantate ist gefällig?« 
»Nein, nein!« wehrte sie hastig ab. »Ich habe ja nicht 

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gewußt, daß du so spielen kannst.« 
»Und wie – paß mal auf!« 

Wieder ergriff er ihre Füße und schlug mit den Hacken der 
feinen Brokatschuhe auf die Tasten. 
»So ein Mädel vergißt man nicht«, ließ sich ganz deutlich 
die Melodie unterscheiden. 
Dann hob er plötzlich mit einem Ruck die ganze kleine 
Person auf seinen Schoß: 
»Ita, kleine Ita, weißt du auch, daß man am Christabend 
ganz ehrlich zueinander sein muß?« 
»Aber…«, warf Ita ein. 
»Kein ›Aber‹ jetzt! Sag, mein Mädchen, wo ist all deine 
Liebe geblieben, die du für mich hattest, bevor ich dich 
überhaupt noch kannte? War es Liebe, Roswitha, oder war 

es Spielerei?« 
»Laß mich, Odalrich«, entgegnete sie statt einer Antwort 
und strebte von seinem Schöße fort. Doch er hielt sie 
unerbittlich fest. 
»Erst sage die Wahrheit, Ita!« 
»Du… du verlangst Liebe von mir, Odalrich, und bist selbst 
so kalt, so unnahbar!« 
Da schob er sie mit beiden Armen von sich, so weit er 
konnte. Und was sie nun in seinen Augen sah, benahm ihr 
fast den Atem. 
»Der Zauberring«, stammelte sie. Ihre Augen wurden ganz 
groß und weit. Sie erhob die Hand, und noch nie hatte der 

Stein ein solches Feuer ausgestrahlt wie in diesem 
Augenblick. Beide schlossen die Augen vor dem 
funkelnden Strahl. 
»Hast du mich lieb?« fragte sie wie unter einem Zwange. 
Da war es mit seiner Beherrschung vorbei, stürmisch riß er 
sie in seine Arme. 
»Du – du – du – was weißt du von mir, du dummes kleines 
Mädel! Kannst du auch nur ahnen, wie es in meinem 
Herzen aussieht, wie es nach dir verlangt, wie es nur in 
dem einen Rhythmus schlägt: ›Ita, Ita, Ita!‹ Ich danke 
meinem Herrgott, daß ich dir gegenüber so kalt, so 

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unpersönlich bleiben, daß ich meine Beherrschung wahren 
konnte, die mich immer wieder zu verlassen drohte. Wie 

sehr würde dich die entfesselte Leidenschaft dieses 
vermeintlich kalten Mannes erschreckt haben. Geflohen 
wärst du, weit, weit fort, und ich hätte meinem Glück 
nachtrauern können – für immer!« 
Seine heißen Küsse erstickten jedes weitere Wort, und vor 
lauter Glück und Seligkeit schwanden ihr fast die Sinne. 
Was sich am nächsten Morgen in Königsgnade zutrug, war 
durch das Hausgesetz der Starkenborn weder verboten 
noch erlaubt! 
Der letzte Sproß des stolzen Geschlechts, der herrische, 
unnahbare Schloßherr jagte hinter seinem lachenden 
Weibe her wie ein übermütiger Junge. 

Nun hatte er sie gefangen, hob sie wie ein Püppchen in die 
Höhe und bedeckte ihr rosiges Gesicht mit Küssen. 
»Achtzehn, neunzehn, zwanzig«, zählte er zwischendurch 
lachend, »so, die drei Küsse hatte ich noch zu bekommen!« 
Dann drehte er sich mit ihr im Tangoschritt. 
»Man kränkt sie nie, man lebt für sie, und andre küßt man 
nicht«, sang er übermütig und setzte Roswitha der Gräfin 
Wilhelmina auf den Schoß. 
»Da, Mutter, da hast du meinen kleinen Abgott.« 
Und die Gräfin, gar nicht weiter erstaunt, drückte das 
junge, lachende Geschöpf an sich und küßte dessen 
strahlende Augen. 

»Mädel, Liebes, wie glücklich hast du mir meinem großen 
Jungen gemacht!« sagte sie leise. 
Und die alte Gräfin, über deren Hand der Graf sich soeben 
zur Begrüßung beugte, faßte in seinen blonden Schopf und 
zog seinen Kopf zu sich heran. 
»Also auch dich hat die Liebe vollständig 
unzurechnungsfähig gemacht«, sagte sie; doch es klang 
nicht tadelnd. »Nimm dich nur in acht, mein Sohn, daß du 
nicht allzusehr in den Bann dieser verflixt hübschen Augen 
gerätst, sonst weißt du zuletzt nicht mehr, was du tust.« 
»Als wenn dir das nicht schon längst widerfahren wäre, 

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Großmutter«, lachte er, worauf sie im Tone höchster 
Befriedigung meinte: 

»Na ja, die kleine Hexe hat ja sowieso ganz Königsgnade 
auf den Kopf gestellt, da kommt es auf ein bißchen mehr 
oder weniger nicht an.« 
Was war das fortan für ein Leben in Königsgnade! Ganz 
jung wurden sie alle angesichts des seligen Paares! Wie 
wurde Roswitha von nun an geliebt und vergöttert, und wie 
dankbar war sie für all diese Liebe! 
Die Gatten trennten sich kaum noch voneinander. Selbst 
als der Frühling ins Land kam und der Graf sich viel um die 
Wirtschaft kümmern mußte, wich Roswitha nicht von 
seiner Seite. Dann begleitete sie ihn auf den oft recht 
anstrengenden Ritten, war munter und guter Dinge, kannte 

keine Ermüdung und freute sich, wenn der Gatte sie einen 
lieben kleinen Kameraden nannte. 
Es war an einem sonnigen Spätnachmittag, als sie wieder 
einmal von einem solchen Ritt zurückkam. Ihr Gatte war 
verreist, da er an einer Versammlung der Landwirte 
teilnehmen mußte. Er wollte jedoch im Laufe des Tages 
zurückkommen. Vielleicht war er sogar schon daheim, und 
dann würde sie ihn vermutlich an seinem Lieblingsplatz im 
Park treffen. 
Sie saß ab und eilte zu dem Plätzchen, das idyllisch und 
versteckt an einem Weiher lag. 
Den Gatten traf sie zwar dort nicht an, wohl aber ihre 

Schwägerin Erdmuthe, die mit einem Herrn auf der Bank 
saß. Er hatte ihre Hände erfaßt, während sie den Kopf tief 
gesenkt hielt. 
Ja, was war denn das? 
War das wirklich die allzeit gelassene, ausgeglichene 
Erdmuthe, die da so bitterlich schluchzte? 
Und wer mochte der Herr sein, der einen ungemein 
angenehmen Eindruck machte und den Roswitha noch nie 
gesehen hatte? 
»Ich habe gehört, daß das Leben in Königsgnade jetzt ganz 
anders sein soll«, hörte sie den Herrn sagen, und seine 

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dunkle, warme Stimme flößte ihr sofort Sympathie ein. 
»Da leidest du doch wenigstens nicht mehr so unter der 

Herzenskälte deiner Angehörigen, mein armes Kind, 
sondern hast nun jemand, der dich hoffentlich ein wenig 
liebhat, nicht wahr?« 
Nun hob Erdmuthe den Kopf, und ein Lächeln huschte 
über ihr Gesicht. 
»O ja, Roswitha hat uns die Sonne ins Haus gebracht«, 
sagte sie mit warmer Stimme, die gar nicht der stolzen 
Erdmuthe zu gehören schien. »Aber was ändert das daran, 
daß wir…« 
Sie senkte wieder den Kopf. 
»Erdmuthe, du warst doch bisher immer so tapfer«, sagte 
der Mann mit leisem Vorwurf. »Soll ich zu all meinen 

Sorgen auch noch den Schmerz mit mir herumschleppen, 
den mir deine Verzweiflung verursacht, mein Herz?« 
»Nein, Herwig, nein!« rief sie erschrocken und fuhr sich 
über die verweinten Augen. »Ich bin ja auch nicht immer 
so mutlos.« 
Sie horchte auf. 
»Das war doch die Stimme der Großmutter«, sagte sie 
hastig, »ich muß eilen, Liebster. Wenn sie mich hier sähe, 
dann… es wäre überhaupt nicht auszudenken, was dann 
geschehen würde. Eine Gräfin Starkenborn gibt sich ein 
Stelldichein wie ein kleines Bürgermädchen!« 
Sehr, sehr bitter klangen die letzten Worte, und über das 

Antlitz des Mannes huschte ein Ausdruck tiefsten Mitleids. 
Er zog sie fest in seine Arme, küßte sie lange und zärtlich. 
»Leb wohl, mein Mädchen, irgendwann werden wir uns 
wiedersehen. Und wenn du kannst, dann vergiß mich, das 
wäre das beste für dich.« 
Die letzten Worte hörte sie wohl nicht mehr, denn sie 
hastete davon. 
Roswitha hatte gerade noch soviel Zeit, hinter einen Busch 
zu springen. Sie sah Erdmuthe so lange nach, bis diese um 
die Ecke verschwunden war. Dann ging ihr Blick zu dem 
Manne zurück, der regungslos dastand und die Hände 

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ausgestreckt hielt, als müsse er die halten, die so plötzlich 
von ihm gegangen war. 

Traurig und bedrückt sah er aus; Roswitha kamen vor 
Mitgefühl Tränen in die Augen. 
Ohne sich recht bewußt zu werden, was sie jetzt tat, trat sie 
hervor und stand plötzlich vor dem Manne, der sie wie 
eine Erscheinung anstarrte. 
Sie hob ihr von schimmerndem Gelock umrahmtes Antlitz 
zu ihm empor, die Traumaugen voll auf ihn gerichtet. 
»Ja, gibt es denn wirklich Feen? Gibt es noch Märchen 
wunder?« fragte der Fremde ganz verstört. 
»O nein, mein Herr«, Roswitha lachte hellauf, und zugleich 
klatschte sie auf das Beinkleid ihres Reitdreß’. 
»Ich bin wirklich und wahrhaftig ein Mensch aus Fleisch 

und Blut, und obendrein noch dazu ein neugieriger und 
fehlerhafter. Ich habe Ihr Gespräch mit meiner Schwägerin 
belauscht.« 
»Dann sind Sie…?« 
»Roswitha Starkenborn, ja.« 
Da leuchtete es in den Augen des Mannes auf. 
»Gräfin, man hat mir wohl schon manches von Ihnen 
erzählt, aber so, nein, so habe ich sie mir doch nicht 
vorgestellt. Glücklicher Odalrich!« 
»Und wer sind Sie?« 
»O Verzeihung! Herwig Ellern.« 
»Der frühere Besitzer von Ellerbach?« fragte sie hastig und 

konnte ihre plötzliche Erregung nicht begreifen. 
»Kommen Sie, Graf Ellern, nehmen wir Platz.« Sie zeigte 
auf die Bank, auf der er soeben mit Erdmuthe gesessen 
hatte, und zog ihn zutraulich am Ärmel zu sich hin, was 
ihm ein Lächeln entlockte. 
»So, da säßen wir«, sagte sie nun doch ein wenig verlegen, 
als sie zu Ellern aufschaute, der sie mit unverhohlener 
Bewunderung ansah. 
Doch dann nahm sie sich zusammen und wurde ganz 
sachlich. 
»Passen Sie auf, Graf Ellern, ich werde fragen, und Sie 

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werden antworten, ja?« 
Ihre frische, ungekünstelte Art entzückte ihn, und hätte er 

nicht schon Erdmuthe Treue geschworen, so wäre dieses 
liebreizende Geschöpf an seiner Seite sein Schicksal 
geworden. 
»Soll ich zur Plaudertasche werden, Gräfin?« fragte er, und 
wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. 
»Graf Ellern, kein Mensch wird zur Plaudertasche, wenn er 
sich einem teilnehmenden Herzen mitteilt. Wenn Sie nicht 
sprechen wollen, dann werde ich es für Sie tun. Also: Sie 
lieben meine Schwägerin Erdmuthe und können sie nicht 
zu Ihrer Gattin machen, da Sie heimatlos sind. Stimmt’s?« 
»Ja, woher wissen Sie das? Hat Erdmuthe etwa geplaudert?« 
»Das glauben Sie von Erdmuthe doch selber nicht«, lachte 

sie ihn aus. »Sie bisse sich eher selber die Zunge ab, als daß 
sie nur mit einem Wort ihr Herzensgeheimnis preisgäbe. 
Nein, Graf Ellern, aber ich habe gelauscht, wie ich Ihnen 
schon vorhin sagte. Und da ich nicht gerade auf den Kopf 
gefallen bin, so war es wirklich nicht allzu schwer, mir alles 
zusammenzureimen. Machen Sie kein so abweisendes 
Gesicht, Graf Ellern, ich bin jetzt genauso gut eine 
Starkenborn wie Erdmuthe, und es kann daher keine 
Neugierde sein, wenn ich mich um das Geschick meiner 
Schwägerin kümmere, die ich, nebenbei bemerkt, herzlich 
liebhabe. So, nun sagen Sie mir, ob ich Ihnen helfen 
kann.« 

Er drückte die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. 
»Graf Ellern, Ihnen fehlt doch nur Geld«, sagte sie leise und 
herzlich. 
»Nur Geld!« lachte er bitter auf. »Als ob damit nicht viel, 
nein, alles gesagt wäre! Das ist es ja gerade, daß ich arm, 
bettelarm bin! Darum mußte ich meine Heimat verlassen! 
Darum darf ich meine Hand nicht nach Gräfin Erdmuthe 
ausstrecken, sondern muß es mitansehen, wie sie unter 
ihrer Liebe leidet! Und das soll einen nicht um den 
Verstand bringen?!« 
Die letzten Worte stieß er beinahe zornig hervor und 

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wandte den Kopf zur Seite. 
Er hatte ein scharf geschnittenes, edelgeformtes Antlitz, in 

dem Sorge und Kummer sichtbare Spuren hinterlassen 
hatten. 
Das Haar des Mannes war schneeweiß. 
»Graf Ellern, sehen Sie mich einmal an!« 
Er kam ihrem Wunsche nach, und sie konnte ihm nun 
ungehindert in die blauen, schwermütigen Augen schauen. 
»Fällt Ihnen nichts an mir auf?« 
»Doch«, entgegnete er mit müdem Lächeln. »Sie sind das 
bezauberndste Geschöpf, das ich je gesehen habe.« 
»Aber nein, das meine ich nicht«, winkte sie ungeduldig ab, 
und die Röte der Verlegenheit stieg ihr in die Wangen. 
Doch dann schüttelte sie sich wie ein kleiner Pudel und 

lachte hellauf. 
»Ich bin doch manchmal grenzenlos dumm!« stellte sie 
freimütig fest und winkte energisch ab, als er 
widersprechen wollte. »Doch, doch, Graf Ellern, wie hätte 
ich sonst denken können, Sie wüßten durch bloßes 
Ansehen, daß Großmutter mich immer ›kleine 
Dollarprinzessin‹ nennt. Und wissen Sie auch, warum sie 
das tut?« 
»Nun?« 
»Weil ich Geld habe. Und weshalb sollte ich da nicht 
meiner lieben Schwägerin Erdmuthe helfen?« 
»Aber gnädigste Gräfin…. ich kann doch nicht…!« 

»Gewiß können Sie! Hören Sie mich bitte ganz ruhig an. 
Übrigens werde ich Sie gar nicht viel fragen, ich werde 
handeln! Wie, weiß ich augenblicklich allerdings noch 
nicht; allein es wird sich schon ein Weg finden. Zweierlei 
müssen Sie mir jedoch versprechen. Sich hier in der Nähe 
aufzuhalten, so daß ich Sie zu jeder Zeit erreichen kann, 
und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswörtchen von 
dem zu sagen, was augenblicklich nur uns beide angeht. 
Wollen Sie mir das versprechen, Graf Ellern?« 
»Aber Gräfin, wissen Sie denn überhaupt, was Sie von mir 
verlangen?« 

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»Gewiß weiß ich das; ich werde auch nichts tun, was Ihrer 
Ehre oder Manneswürde zu nahe treten könnte, darauf 

gebe ich Ihnen mein Wort. Wenn Sie jedoch einen 
dickköpfigen Stolz herauskehren wollen, dann allerdings 
ist von vornherein alles verdorben.« 
Nun mußte er lachen. Sie war gar zu reizend, wie sie da vor 
ihm saß und mit der Miene einer Königin Gehorsam von 
ihm verlangte, dem gereiften Manne, den das Schicksal 
unbarmherzig gerüttelt und gezaust, den es hartnäckig 
verfolgt hatte, immer und überall. 
Sollte es diesen kindhaft kleinen Händen wirklich möglich 
sein, sein Geschick in andere Bahnen zu lenken? 
»Nun, geben Sie mir doch schon endlich Ihr Wort!« 
verlangte Roswitha ungeduldig. Da ergriff er die ihm 

entgegengestreckte Hand mit warmen Druck. 
»Schweigen werde ich, Gräfin. Doch ob ich alles annehmen 
werde, was Sie aus gütigem Herzen heraus für mich zu tun 
gedenken, das allerdings kann ich Ihnen nicht 
versprechen.« 
»Darum ist mir nicht bange, das wird sich mit der Zeit 
finden«, meinte sie zuversichtlich. »Ich muß jedoch freie 
Hand haben, und daher soll niemand meiner Angehörigen 
um meinen Plan wissen. Ich will sie vor die vollendete 
Tatsache stellen; denn wo viele Köpfe sind, da sind auch 
viele Sinne. Auch Sie haben nichts weiter zu tun, als 
abzuwarten.« 

»Und da soll nun noch einer sagen, daß Märchen nicht 
Wirklichkeit werden können«, murmelte er. 
»Nicht sentimental werden, Graf Ellern, das beeinträchtigt 
die Sachlichkeit, die wir beide in nächster Zeit recht nötig 
haben. Also, ich habe Ihr Wort?« 
»Ja, Gräfin.« 
»Na, das wurde auch höchste Eisenbahn«, entgegnete sie 
trocken, denn soeben kam Graf Starkenborn den 
Hauptgang des Parkes entlang. 
Daß man in Königsgnade von der Anwesenheit des Grafen 
Ellern in der Heimat wußte, erfuhr Roswitha, als sein 

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Name eines Tages bei Tisch genannt wurde. Unwillkürlich 
ging ihr Blick zu Erdmuthe hin. Doch sie saß so gelassen 

und ruhig da, als ginge sie das Gespräch nichts an. 
Auch davon, daß Eilerbach wieder einmal seinen Besitzer 
wechseln sollte, wurde gesprochen. Aber wer den Mut 
aufbringen würde, diesen vollkommen 
heruntergewirtschafteten Besitz zu erwerben, das wußte 
man nicht. Es müsse schon ein edler Idealist sein, meinte 
man; denn ein Mensch, der auf seinen Vorteil bedacht 
wäre, könne niemals die Dummheit begehen, ein Gut zu 
erwerben, auf dem rein nichts mehr zu holen sei. 
Roswitha lachte spitzbübisch in sich hinein und freute sich 
auf die Stunde, in der es bekannt würde, wer der neue 
Besitzer von Ellerbach sei. 

Daß ein Gutserwerb mit so vielen Laufereien und 
Scherereien verknüpft seih könnte, hätte sie niemals 
gedacht. Sie wußte schon manchmal nicht mehr, wie sie es 
einrichten sollte, von Königsgnade fortzukommen, ohne 
den Gatten stutzig zu machen. Sie schob stets Angela vor, 
die sie besuchen müßte, weil sie sich nicht wohl fühlte. 
»Das dauert ja nur kurze Zeit, Odalrich«, beschwichtigte sie 
den Gatten, wenn er darüber brummte, daß er wieder 
einmal allein bleiben sollte. 
Je näher der Verkaufstermin des Gutes heranrückte, desto 
unruhiger und zerstreuter wurde die junge Frau. 
Eines Nachmittags fuhr sie wieder in die Stadt, wo der alte 

Quendlin sie schon erwartete. 
»Heute habe ich den Besitzer von Eilerbach endlich 
soweit«, frohlockte er, »nun müssen wir sehen, daß wir 
möglichst rasch zum Abschluß kommen. Ich habe das 
verwahrloste Nest abschätzen lassen, und wir haben Dusel, 
es ist wirklich nicht viel mehr als ein Butterbrot wert. Über 
die Taxe gehen wir keinen Pfennig hinaus. Verstanden, 
kleine Gräfin?« 
Sie stimmte ihm zu. Dann suchten sie den Besitzer von 
Ellerbach auf, der sich als unangenehmer Patron 
entpuppte. 

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Roswitha eilte danach schnell zu der Pension, in der Graf 
Ellern wohnte, denn ihr stand nicht mehr viel Zeit zur 

Verfügung. Sie hatte ihn noch nie besucht, und er war 
daher sehr erstaunt, sie bei sich zu sehen. Er wurde ganz 
verlegen, als er Roswitha in sein mehr als einfaches Zimmer 
führen mußte. 
»Ein Stuhl für Sie, Gräfin, ein Stuhl für mich, das ist alles.« 
»Na, die Hauptsache ist doch, daß wir uns nicht auf den 
Fußboden zu setzen brauchen«, lachte sie. »Wir wollen uns 
jedoch nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, ich habe 
nämlich nicht viel Zeit. Also, ich habe versprochen, Ihnen 
zu helfen, Graf Ellern, und Sie versprachen, sich von mir 
helfen zu lassen. Nun beweisen Sie, daß Sie ebenso Wort 
halten wie ich. Kurz heraus – wollen Sie eine 

Verwalterstelle annehmen, Graf Ellern?« 
Er sprang auf, doch sie drückte ihn auf seinen Stuhl nieder. 
»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, meinte sie scherzend. 
»Beantworten Sie zunächst meine Frage, und zwar ebenso 
kurz und knapp, wie ich sie gestellt habe.« 
»Ja, ich weiß doch gar nicht, ob ich imstande sein werde, 
die Stelle auszufüllen.« 
»Na, das allemal! Sie werden nämlich sehr selbständig 
wirtschaften müssen, Graf Ellern. Der Besitzer des Gutes 
hat von der Landwirtschaft keine Ahnung; außerdem 
können Sie dann heiraten – müssen es sogar, wenn Sie 
nicht einsam sein wollen.« 

Da trat ein frohes Leuchten in seine Augen, das jedoch 
wieder schnell erlosch. 
»Sie wissen ganz genau, Gräfin, daß ich nur das Mädchen 
heirate, das ich liebe. Überdies ist es Ihnen genauso 
bekannt wie mir, daß die alte Gräfin Starkenborn ihre 
Enkelin niemals einem Verwalter zur Gattin geben würde.« 
»Doch, sie wird es ganz bestimmt tun«, meinte sie so 
zuversichtlich, daß er stutzig wurde. 
»So kennen Sie den Besitzer des Gutes, Gräfin?« 
»Selbstverständlich, sonst würde ich Ihnen doch nicht 
empfehlen, auf seinem Gut Verwalter zu werden. Nun 

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geben Sie endlich Ihre Zurückhaltung auf, und werden Sie 
zugänglicher.« 

»Zuerst muß ich wissen, wer der Besitzer ist, und wie das 
Gut heißt.« 
»Sollen Sie auch«, lachte sie spitzbübisch. »Also: der 
Besitzer oder vielmehr die Besitzerin heißt Roswitha 
Starkenborn, und das Gut ist Ellerbach.« 
Da sprang er auf und packte ihre Hände, daß sie aufschrie. 
»Mein Gott, mein Gott«, murmelte er ein über das andere 
Mal. »Ich werde noch verrückt, bis ich das alles begriffen 
habe.« 
»Nur ja nicht!« rief sie entsetzt. »Lassen Sie lieber erst mal 
meine Hände los, und nehmen Sie Platz, damit ich Ihnen 
alles der Reihe nach erklären kann.« 

Sie erstattete ganz genau Bericht, und als sie geendet hatte, 
bemerkte sie Tränen in seinen Augen. 
»Daß es so etwas gibt in dieser Zeit«, sagte er leise, und 
dann wollte er wieder ihre Hände fassen. 
»Lieber nicht!« lachte sie. »Sie packen gar zu fest zu. Wir 
müssen übrigens heute abend noch mancherlei 
besprechen.« 
»Und zu welcher Stunde soll ich mich bereithalten?« 
»Um zehn Uhr.« 
»So spät?« meinte er bedenklich. 
»Ja, früher geht es leider nicht. Ich muß mich noch von 
Königsgnade fortstehlen. Und das kann ich nur, wenn alle 

schlafen. Migräne vortäuschen, das hat auch keinen Zweck. 
Denn dann stellt Odalrich vor lauter Besorgnis das Haus 
auf den Kopf, und ich komme überhaupt nicht mehr los.« 
»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen, 
Gräfin? Heute noch nach Königsgnade fahren und dort 
alles sagen?« 
» – und mir die ganze Überraschung verderben, auf die ich 
mich wie ein Spitzbube freue? Nein, auf keinen Fall! Wenn 
alle Formalitäten erledigt sind, dann rücken Sie mit 
Zylinder und Rosenstrauß im Schloß an: ›Gnädigste Gräfin, 
ich bitte gehorsamst um die Hand der verehrten Enkelin‹ 

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und so weiter. Und diesen Spaß soll ich mir verderben 
lassen? – Ausgeschlossen!« 

Er mußte über ihre drollige Art von Herzen lachen – 
konnte, durfte es jetzt endlich wieder. 
Und alles verdankte er diesem kindhaft jungen, 
bezaubernd schönen Weibe. 
Ein Gefühl der Ehrfurcht ergriff ihn, und er mußte an sich 
halten, um Roswitha nicht so zu danken, wie sein Herz es 
gern getan hätte. 
»Jetzt muß ich aber zusehen, daß ich nach Königsgnade 
komme«, sagte sie. »Nur gut, daß die Heimlichtuerei nun 
ein Ende hat. Ich habe nämlich in den letzten Wochen so 
viel schwindeln müssen, wie mancher sein Leben lang es 
nicht tut. Begleiten Sie mich zum Wagen, Graf?« 

»Aber mit dem größten Vergnügen, Gräfin.« 
Sie lachten beide wie die Kinder und begaben sich zu dem 
Hotel, wo Roswitha ihren Wagen untergestellt hatte. Es gab 
noch vielerlei zu besprechen, und in ihrem Eifer hatte 
Roswitha zutraulich ihren Arm in den ihres Begleiters 
gehängt. 
Als Roswitha im Wagen saß, zog sie ihn zu sich heran, um 
ihm etwas zuzuflüstern. 
»Odalrich, findest du nicht auch, daß unsere Kleine seit 
drei Wochen recht viel unterwegs ist?« fragte die 
Großmutter den Enkel. 
»Was heißt ›viel unterwegs‹? Ihre Schwägerin bedarf ihrer«, 

entgegnete er kurz, »sie ist doch keine Sklavin, die über 
jeden Schritt, den sie tut, Rechenschaft abzulegen hat.« 
Das klang gereizt, und die Mutter streichelte seine Hand. 
»Du leidest am meisten darunter, mein Junge«, sagte sie 
leise. 
Das konnte er nicht ertragen. Er sprang auf und lief mit 
großen Schritten im Zimmer auf und ab. 
»Ja, wer vollkommen auf Flitterwochen eingestellt ist, der 
empfindet es bitter, wenn sie zu Ende sind«, meinte die alte 
Gräfin so spitz wie nur je. »Du wünscht, daß die kleine 
Frau dir überhaupt nicht mehr von der Seite weicht, und 

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am liebsten möchtest du sie, wie eine Negermutter ihr 
Kind, immer auf dem Rücken herumschleppen. Doch 

unsere kleine Dollarprinzessin ist eben anderer Ansicht. Sie 
meint, daß vier Monate himmelstürmender 
Flitterwochenzeit hinreichend genug sind.« 
Ohne ein Wort zu erwidern, eilte der Graf hinaus, und 
Gräfin Wilhelma sah ihre Schwiegermutter vorwurfsvoll an. 
»Ein dummer Junge ist er!« brauste sie auf. »Die Kleine ist 
wirklich viel vernünftiger als er. Diese ewige Schnäbelei war 
ja wirklich nicht mehr schön. Odalrich benimmt sich nicht 
wie ein reifer Mann, sondern wie ein verliebter Primaner.« 
»Tue doch nicht so empört, Mutter«, lächelte Gräfin 
Wilhelma. »Dir selbst geht es ja auch nahe, daß das 
jauchzende Glück der Kinder so kurze Zeit währte.« 

»Du mußt es ja wissen«, murrte die Greisin, erhob sich mit 
schroffer Gebärde und verließ das Zimmer. 
Am Spätnachmittag trat Odalrich wieder zu den Damen, 
die wie früher stumm und steif beieinandersaßen. 
»Erdmuthe, willst du mich in die Stadt begleiten?« fragte er 
die Schwester, »ich habe verschiedene Dinge zu erledigen; 
zum Abendessen sind wir wieder zurück.« 
Nur zu gern war Erdmuthe dazu bereit. Und so saßen die 
Geschwister bald darauf im Fuhrwerk. Das Auto benützte 
man nur zu größeren Fahrten und bei schlechtem Wetter. 
Die Besorgungen des Grafen waren bald erledigt. Als es Zeit 
war, an den Heimweg zu denken, meinte Odalrich so ganz 

nebenbei: »Wir könnten ja rasch einmal in der Villa 
Hartmann vorsprechen. Vielleicht fährt Roswitha mit uns 
zurück. Gleichzeitig können wir uns nach Angelas Ergehen 
erkundigen. Ich hätte es eigentlich schon längst tun 
müssen.« 
Erdmuthe war es recht. Und so suchten sie Frau Angela auf, 
die sie freudig empfing. Sie sah aber gar nicht kränklich aus 
– im Gegenteil, sogar sehr gut. 
»Endlich läßt sich mal wieder einer aus Königsgnade 
sehen«, lachte sie und führte die Gäste in ihr Wohnzimmer. 
»Gisbert ist leider nicht zu Hause, er muß aber jeden 

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Augenblick eintreffen. Du siehst aber gar nicht gut aus, 
Odalrich. Bist du krank gewesen?« meinte sie mit einem 

forschenden Blick. 
»Danke – nein. Ist Roswitha schon lange fort?« 
»Roswitha?« fragte Angela erstaunt. »Sie ist schon seit 
mindestens vier Wochen nicht mehr hier gewesen. Mein 
Gott, Odalrich, was hast du denn?!« rief sie aus, als sie sah, 
wie sein Antlitz sich verfärbte. 
Und Erdmuthe? 
Auch sie war erschreckend bleich geworden. 
Da kam Angela blitzartig eine Ahnung. 
»Mein Gott«, sagte sie verstört. 
Der Graf erhob sich, seine Gestalt straffte sich. 
»Ich muß mich leider verabschieden«, sagte er. Seine 

Stimme klang hart und rauh. Wie aus Erz gegossen erschien 
sein Gesicht, und die Augen flackerten unstet wie bei 
einem Schwerkranken. 
Angela hielt die beiden nicht zurück. Sie war froh, daß sie 
gingen, weil sie so seltsam verstört waren. Sie begleitete 
den Besuch hinaus und eilte dann in ihr Wohnzimmer 
zurück, wo sie in leises Weinen ausbrach. 
Schweigend gingen die Geschwister zu dem Hotel, wo sie 
ihr Fuhrwerk eingestellt hatten. 
Plötzlich blieb der Graf stehen und packte Erdmuthes Arm 
so heftig, daß sie erschrocken zusammenfuhr. 
»Nicht weitergehen«, raunte er und deutete mit einer 

Kopfbewegung zu Roswitha hin, die eben dem Grafen 
Ellern die Hand aus dem Auto entgegenstreckte und ihn 
nahe an sich heranzog. 
Odalrich sah, wie beide miteinander lachten, mit welcher 
Vertraulichkeit Ellern Roswitha die Hand küßte, sah ihre 
glückstrahlenden Mienen und hörte, daß seine Frau den 
Grafen nach Königsgnade bestellte. 
Wie zwei Nachtwandler schritten die Geschwister zu ihrem 
Wagen. Und hätte man sie später gefragt, wie sie überhaupt 
nach Hause gekommen seien – sie hätten es nicht zu sagen 
vermocht. 

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Als Odalrich das Speisezimmer betrat, in dem er Roswitha 
lachend bei den Seinen vorfand, hatte er das Gefühl, als 

würde ihm das Herz aus der Brust gerissen. 
Seine Hände fuhren zum Kopf, er schrie auf wie ein 
gequältes Tier und stürzte aus dem Zimmer. 
»Erdmuthe, was bedeutet das?« fragte die Großmutter mit 
bleichen, zuckenden Lippen. 
Die Enkelin schwieg, sah Roswitha schmerzlich und 
vorwurfsvoll an und verließ dann ebenfalls das Zimmer. 
»Roswitha, wie soll ich das verstehen?« fragte die Greisin. 
Ihre Stimme schnitt scharf wie ein Messer. 
»Das weiß ich selbst nicht«, entgegnete sie und hob die 
Schultern an. 
»Dann können wir uns wohl alle zurückziehen und 

brauchen nicht auf das Abendessen zu warten, da uns allen 
vermutlich der Appetit vergangen sein dürfte.« 
Nach einem forschenden Blick auf Roswitha entfernte sich 
die alte Gräfin, und ihre Schwiegertochter folgte ihr. 
Roswitha fühlte sich mit einem Mal sterbensbang. Wie 
aufgeregte Vögel jagten ihre Gedanken hin und her. 
Sie eilte zu dem Zimmer des Gatten. Hier fand sie die Tür 
verschlossen. Da zog auch sie sich in ihre Gemächer 
zurück. Und das Herz wurde ihr noch schwerer. Was war in 
Königsgnade während ihrer Abwesenheit geschehen? 
Doch wie sie auch sann und grübelte – Odalrichs Verhalten 
blieb ihr unbegreiflich. 

Die zehnte Abendstunde rückte immer näher heran. 
Roswitha verspürte nun gar keine Lust mehr, Graf Ellern 
aufzusuchen. 
Aber einmal Begonnenes mußte auch zu Ende geführt 
werden, schon deshalb, um vor sich selbst bestehen zu 
können. 
So raffte sie sich auf und hastete aus dem Schloß, obwohl 
noch einige Minuten bis zu der verabredeten Zeit fehlten. 
Wie ein Dieb schlich sie sich hinweg und stieg in das Auto, 
das bereits wartete. 
Als die Schloßuhr mit dumpfen Schlägen die zehnte 

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Stunde verkündete, huschten zwei Gestalten den Parkweg 
entlang, der kleinen Pforte zu. 

Der Schloßherr und, einige Meter hinter ihm, Erdmuthe. 
Als er jedoch am Zaune anlangte, fuhr das Auto gerade 
davon. Erst machte er Miene, ihm nachzueilen, besann sich 
jedoch und blieb zurück. 
»Odalrich!« Er fuhr herum und sah in die 
schreckgeweiteten Augen der Schwester. »Ist sie wirklich 
mit ihm fort?« Das klang wie ein Wimmern. 
Er antwortete nicht, nickte nur müde, ergriff die Hand der 
Schwester und zog sie mit sich fort. Auf einer Bank ließen 
sie sich nieder. 
»Willst du warten, bis sie zurückkommt, Odalrich?« 
»Ja.« 

Da setzte sie sich neben ihn und sah ebenso starr vor sich 
hin wie er. Nur einmal sprach er – und es klang unendlich 
bitter: 
»Wie sollte es auch möglich sein, daß ein Starkenborn 
glücklich werden kann durch die Liebe?« 
Erdmuthe schluchzte leise auf. 
Zwei volle Stunden saßen sie nebeneinander. Kein Laut 
unterbrach die Stille. Nur ab und zu kam ein Stöhnen aus 
des Grafen Brust. 
Plötzlich fuhren sie auf und saßen kerzengerade. Ein Auto 
hatte an der Gartenpforte gehalten. Diese wurde geöffnet, 
und nun hörte man ganz deutlich Ellerns und Roswithas 

Stimmen. 
»Selbstverständlich werde ich gut schlafen«, klangen der 
jungen Gräfin Worte durch die Nacht. 
Dann fuhr das Auto davon. 
Als Roswitha die Allee entlangeilte, wich sie auf einmal 
erschrocken zurück. 
»Odalrich – du?« 
»Ja – ich.« 
Diese beiden Worten drangen ihr bis ins Mark. Ohne sich 
auch nur einmal umzuwenden, hastete sie davon und 
hörte mit Schrecken, daß der Gatte ihr folgte. 

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Ganz atemlos vom Lauf langte sie in ihrem Wohnzimmer 
an. 

Gleich darauf stand auch Odalrich auf der Schwelle. 
Die blauen Augen auf ihn gerichtet, blickte sie ihn 
angstvoll an. 
Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Aber als er daran 
denken mußte, daß sie so ganz, ganz anders sei, als sie 
schien, daß nun all sein Glück in Trümmern liege, da 
packte ihn der Schmerz mit rasender Gewalt. 
»Lüge! Lüge ist alles!« schrie er fast sinnlos vor Qual. 
Entsetzt wich sie zurück. 
»Du, du – jetzt kenne ich dich!« sagte er mit dumpfer, 
schwerer Stimme. »Jetzt weiß ich, daß deine unschuldsvolle 
Miene nichts weiter ist als Verstellung. Alles an dir ist Lug 

und Trug! Solange der Mann, den du jetzt zu lieben glaubst 
und den du nach Monaten genauso betrügen wirst wie 
mich, in der Ferne weilte, brauchtest du ein Spielzeug. Und 
dafür war ich dir gut genug. Und ich? Was gab ich dir 
dafür? Meine Seele! Mein Herzblut, mein ganzes Sein!« 
Die letzten Worte schrie er förmlich heraus. Packte dann 
Roswitha, die an allen Gliedern zitterte, bei den Schultern, 
krallte seine Nägel fest in ihr zartes Fleisch und schüttelte 
ihren Körper mit brutaler Gewalt hin und her. 
»Du – du – du!« stieß er außer sich vor Zorn und Schmerz 
immer wieder hervor. 
Die Frühlingssonne stahl sich in das Zimmer, in dem die 

blasse Roswitha in den spitzenbesetzten Kissen lag. 
Jetzt klopfte es leise an die Tür. Ebenso leise erhob Frau 
von Wilde sich, öffnete und sah die Zofe fragend an, die 
mit ängstlichem Gesicht vor ihr stand. 
»Erlaucht wünschen Frau von Wilde zu sprechen«, bestellte 
das Mädchen und begann zu weinen. »Gnädige Frau, oh, 
wie sieht Erlaucht aus, wie ein Schwerkranker! Er hat nicht 
eine Minute geschlafen, sondern ist die ganze Nacht mit 
dem Pferd unterwegs gewesen.« 
»Wo befindet sich Erlaucht jetzt?« fragte Frau von Wilde. 
»In seinem Arbeitszimmer.« 

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»Es ist gut. Ich komme.« 
Sie fand ihn in einem Sessel, ganz in sich 

zusammengesunken. 
Bei ihrem Eintritt erhob er den Kopf. Und sie erschrak über 
den Ausdruck tiefster Qual, der auf seinem Gesicht lag. 
Er sprang auf, holte einige Male tief Atem, reckte sich in 
den Schultern und wandte sich dann Frau von Wilde zu. 
»Frau von Wilde, ich appelliere in dieser Stunde an Ihre 
Treue, die Sie für unser Haus haben. Ich bitte Sie, sich 
durch nichts von meiner Gattin bestechen zu lassen und 
etwas zu tun, was gegen Ihre Ehre und Gewissen geht. Sie 
darf ihre Zimmer nicht früher verlassen, bis ich nicht selbst 
– wohlverstanden, Frau von Wilde – bis ich nicht selbst die 
Erlaubnis dazu gebe. Sie darf weder Briefe wegschicken 

noch empfangen. Und will sie sich nicht fügen, dann bitte 
ich Sie, mir Nachricht zukommen zu lassen. Wollen Sie 
mir Ihre Hand darauf geben, Frau von Wilde?« 
Doch sie schüttelte den Kopf und sah ihn traurig an. 
»Nein, Erlaucht, ich gebe kein derartiges Versprechen«, 
entgegnete sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich weiß, daß 
meine Herrin niemals etwas tat, was eine solche 
Behandlung rechtfertigt. Was vorgefallen ist, weiß ich nicht. 
Doch ich erlaube mir zu sagen, daß manchmal der Schein 
trügt.« 
Zuerst sah er sie verständnislos an, doch dann lachte er hart 
auf. 

»Selbstverständlich! Hätte mir eigentlich denken können, 
daß Sie sich auf die Seite Ihres Abgottes stellen würden! 
Lassen Sie sich jedoch gesagt sein, daß…! Ach, wozu 
noch?« 
Mit müder Gebärde winkte er ab. Die Verzweiflung, die in 
dieser Bewegung lag, sagte mehr, als Worte es vermocht 
hätten, wie es in seinem Innern aussah, wie sehr er litt. 
»Es ist gut, Frau von Wilde.« 
Damit war sie entlassen. Schwereren Herzens, als sie 
gekommen war, kehrte sie zu Roswitha zurück. 
Die junge Frau war inzwischen erwacht. Ganz still lag sie 

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da. Sie mochte nicht aufstehen, nichts genießen. Sie war 
seelisch genau wieder so niedergebrochen wie nach dem 

Tod der Eltern. Und der Graf brauchte nicht zu befürchten, 
daß sie ihre Zimmer verlassen würde. Sie hatte weder Lust 
noch Kraft dazu. 
Schon in den ersten Morgenstunden übergab sie Frau von 
Wilde einen Brief mit der Weisung, ihn sofort bestellen zu 
lassen. Als diese einen Augenblick zögerte, sah Roswitha sie 
mit einem so stolzen, offenen Blick an, daß die alte Dame 
unwillkürlich die Augen senkte. Sie nahm den Brief an sich 
und ließ ihn in aller Heimlichkeit durch den Chauffeur 
bestellen. 
In dem Brief, der nur wenige Worte enthielt, bat Roswitha 
den Grafen Ellern, die letzten Formalitäten mit Vater 

Quendlin allein zu erledigen, da sie leicht erkrankt sei und 
in den nächsten Tagen nicht zur Stadt kommen könne. Er 
möchte jedoch sofort, wenn alles in Ordnung sei, seine 
Werbung in Königsgnade vorbringen. 
Von all dem Schrecklichen, das sich auf dem Schloß 
zugetragen hatte, schrieb sie kein Wort. Warum sollte sie 
den Mann, der schon so viel in seinem Leben gelitten hatte, 
beunruhigen? Helfen konnte er ihr ja doch nicht! 
Der Brief gelangte an seine Adresse. Doch der, den Graf 
Ellern darauf als Antwort schrieb, erreichte Roswitha nicht. 
Er wurde von ihrem Gatten abgefangen und lag wie eine 
stumme Anklage ungeöffnet auf dessen Schreibtisch. 

Aus diesem Grunde erfuhr Roswitha nicht, daß Graf Ellern 
einige Tage verreist war, und aus diesem Grunde traf auch 
der Graf ihn nicht an, als er ihn aufsuchte, um sich mit ihm 
auseinanderzusetzen. 
Eine Woche war vergangen. Die Stimmung in Königsgnade 
wurde immer bedrückender und verzweifelter. Der Graf 
ließ sich nur noch höchst selten im Schloß sehen, kam 
kaum noch vom Pferd herunter und verbrachte die Nächte 
in der Stadt, aus der er immer erst, schwer berauscht, gegen 
Morgen zurückkehrte, um dann bis zum Mittag zu 
schlafen. 

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Er, der den übermäßigen Genuß von Alkohol bisher als 
eines Mannes unwürdig verachtet hatte, trank nun selbst, 

um die Qualen seines Innern zu betäuben. 
Gräfin Wilhelma und Erdmuthe hatten jeden Morgen 
verweinte Augen, und die alte Gräfin kommandierte in 
einer Weise im Haus herum, daß es kaum noch zum 
Aushalten war. 
In der Einsamkeit ihrer Gemächer sah und hörte Roswitha 
nichts von alledem. Vielleicht hätte sie sonst ihren Trotz 
fallenlassen und die nötigen Aufklärungen gegeben. 
Auf Krönchens und Frau von Wildes bittende Worte hatte 
sie nur eisige Ablehnung, und Gisbert und Angela, die sie 
aufsuchen wollten, ließ sie nicht einmal vor. 
Traurig und bedrückt mußten diese nach Hause 

zurückkehren und waren um nichts klüger als auf der 
Hinfahrt. Denn auch von dem Grafen hatten sie nichts 
erfahren können, was ihnen über die veränderten 
Verhältnisse im Schloß hätte Aufschluß geben können. 
»Der arme Odalrich dauert mich von Herzen«, sagte 
Gisbert tiefbekümmert. »Er leidet furchtbar und geht 
zugrunde, wenn das nicht bald anders wird. Wenn unsere 
kleine Ita nur nichts angestellt hat, dessen Tragweite sie 
sich in ihrer Naivität gar nicht bewußt war. Sie dauert mich 
lange nicht so wie Odalrich. Daß ein so charakterfester 
Mann wie er sich von einer Frau derartig aus der Bahn 
werfen läßt, ist mir ein Rätsel. Es wird schon stimmen, daß 

die Liebe Männer seiner Art dann am stärksten packt, wenn 
sie um ihretwillen leiden müssen.« 
Das alles hätte sich Roswitha eigentlich selbst sagen 
müssen. Aber dazu war sie nicht, in der Lage. Es war alles 
in ihr so wund und wehe, so aufgewühlt bis zum tiefsten 
Herzensgrund, daß sie gewiß nicht weniger litt als der 
Gatte. 
Das also war ihres Mannes Liebe, die heiße, große, 
unsterbliche Liebe, die lediglich nach dem Schein urteilte 
und verdammte! 
Was war für sie Liebe ohne Vertrauen! Was konnte es ihr 

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später noch nützen, wenn er, nachdem alles geklärt war, 
reuig und zerknirscht zu ihr käme! 

Ach, ihr Glück, ihr jauchzendes, großes Glück war tot. Von 
allem, was einst war, blieb ihr bestenfalls nichts weiter als 
ein Durchschnittsglück, wie es die meisten ihrer Schwestern 
hatten. 
Nach einer Woche bitterster Qual hatte der Himmel 
endlich ein Einsehen und schickte sich an, die Bewohner 
von Königsgnade aus den Banden, in die sie sich verstrickt 
hatten, zu lösen. 
Eines Tages erschien Graf Ellern im Schloß, in feierlichem 
Anzug, mit Zylinder und Blumenstrauß. 
Was wollte Ellern hier? Woher nahm er den Mut, diese 
Schwelle zu überschreiten? Was bedeutete der strahlende 

Blick, mit dem er umherschaute und der jeden einzelnen 
der Starkenborn zu suchen schien? 
Er verneigte sich, kam näher und blieb vor der alten Gräfin 
stehen. 
»Gnädigste Gräfin, ich habe die Ehre.« 
»Schon gut, Graf Ellern«, winkte die Greisin müde ab, denn 
sie war schon ganz zermürbt von all dem Leid der letzten 
Tage. 
»Dann wissen gnädigste Gräfin -?« 
»Allerdings«, entgegnete sie, und auf einmal lag wieder all 
ihr Stolz in Haltung und Ton. »Und, offen gestanden, ich 
bewundere Ihren Mut, Graf Ellern.« 

»Ja, ich weiß nicht«, sagte er nun ratlos, »hat Gräfin 
Roswitha nicht…?« 
Er hielt verdutzt inne, denn der Schloßherr, der bisher 
regungslos in seinem Sessel gelehnt hatte, fuhr so heftig 
auf, als wollte er sich auf den Besucher stürzen. 
Und Erdmuthe, warum sah sie ihn mit so starren, beinahe 
erloschenen Augen an? 
»Gnädigste Gräfin«, nahm Ellern wiederum das Wort, 
»meine Verhältnisse erlauben es mir endlich, um die Hand 
der Gräfin Erdmuthe anzuhalten. Aber, wo ist Gräfin 
Roswitha?« 

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»Hier«, ertönte es von der Tür her. 
Soeben war die jüngste Gräfin Starkenborn eingetreten. 

Stolz, hochaufgerichtet stand sie da. Ihre flammenden 
Blicke gingen von einem zu anderen. 
Sie trat auf Ellern zu und ergriff seine Hände. 
Als Odalrich das gewahrte, schien er sich auf ihn stürzen zu 
wollen. Und wer weiß, was geschehen wäre, hätten Mutter 
und Großmutter ihn nicht mit Aufbietung aller Kraft 
zurückgehalten. 
»Roswitha, verlaß auf der Stelle das Zimmer«, rief die alte 
Gräfin gebieterisch. »Hast du kein Herz in der Brust, daß 
du dies alles ruhig mit ansehen kannst, daß du…« 
»Bitte, kein Wort weiter«, unterbrach Roswitha sie kalt. 
»Hier, Erdmuthe«, sie wandte sich an die Schwägerin, die 

sie mit starren Augen ansah, »hier bringe ich dir den Mann, 
den du liebst und der dich zur Gattin begehrt; er ist in der 
glücklichen Lage, dich auf das Erbe seiner Väter führen zu 
können.« 
Sie fuhr unwillkürlich herum, denn Odalrichs Brust 
entrang sich ein qualvolles Stöhnen, das sie bis ins Mark 
erschütterte, und zugleich erblaßte sie unter seinem Blick. 
»Roswitha!« 
Es war der Schrei eines fast schon zu Tode gehetzten 
Menschen, der endlich Aussicht auf Rettung sieht. 
»Laß nur, später!« winkte sie ab, denn sie wollte nicht 
weich werden, um keinen Preis. »Graf Ellern wird euch 

alles auseinandersetzen. Ich, ich bin wirklich nicht in der 
Lage dazu.« 
Ein hochmütiges Kopfneigen. Dann ging sie davon, in 
einer so stolzen Haltung, daß niemand mehr daran 
zweifeln konnte, wie sehr sie eine echte Starkenborn war. 
»Ja, was hat das zu bedeuten«, fragte Graf Ellern ratlos. Und 
als Erdmuthe, die als erste aus ihrer Erstarrung erwachte, 
ihm hastig alles erklärte, da mußte er sich in einen Sessel 
sinken lassen, denn er konnte sich kaum noch 
aufrechthalten. 
»Odalrich, wie konntest du das nur glauben?« fragte er 

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vorwurfsvoll den Schloßherrn, der den Kopf in die Hände 
gestützt hatte und regungslos dasaß. 

»Wenn so viel Süße und Reinheit, wie deine Gattin sie ihr 
eigen nennt, täuschen sollten, dann wäre diese Erde nicht 
wert, daß man nur noch eine Minute auf ihr verweilte. Sie 
half aus gütigem Herzen heraus und erhält solchen Dank 
dafür!« 
In kurzen Worten schilderte er nun, wie er Roswitha 
kennengelernt, wie sie ihm ihre Hilfe angeboten und wie 
sehr sie sich gefreut habe, ihre Lieben mit dem, was sie 
getan hatte, überraschen zu können. 
Er war zu Ende. 
Die despotische alte Gräfin weinte fassungslos. 
Odalrich, der die ganze Zeit, ohne sich zu bewegen, 

dagesessen hatte, sprang plötzlich auf und eilte mit solcher 
Hast davon, als gelte es, seine Seligkeit zu retten. 
Er stürmte die Treppen hinauf in das Wohnzimmer seiner 
Gattin. Dort sank er ihr stumm zu Füßen und barg seinen 
Kopf in ihrem Schoß. 
Ein heftiges, stoßweises Schluchzen brach aus seiner Brust, 
daß sein ganzer Körper bebte. 
Roswitha saß stumm und steif da, kämpfte mit dem 
bitteren Schmerz, der sie vollständig beherrschte, und hatte 
für den Mann zu ihren Füßen kein gutes Wort. 
Plötzlich hob er den Kopf, und sie sah in sein 
qualverzerrtes Gesicht. 

»Roswitha, ich werde wahnsinnig, wenn du nicht 
verzeihst!« 
Da lächelte sie traurig und weh. 
»Doch, Odalrich, ich verzeihe dir. Nur, wie es früher war, 
kann es nun nicht mehr sein. Zu tief hast du mein Herz 
verwundet. Was nützt mir deine Liebe ohne dein 
Vertrauen?« 
Wieder das qualvolle Stöhnen, das ihr die Seele zerriß. 
»Roswitha, ich will ja warten, still und geduldig, bis du mir 
ganz verzeihst«, stieß er hervor. »Ich weiß ja, wie schuldig 
ich bin, und will alles tun, um gutzumachen. Nur darfst du 

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mir nicht die Hoffnung nehmen, daß alles noch einmal so 
zwischen uns werden wird wir früher! Anders ertrage ich es 

nicht, ich gehe sonst zugrunde.« 
Roswitha wußte wohl, wie inhaltsschwer seine Worte 
waren. 
»Odalrich, wir werden uns eine Zeitlang trennen«, sagte sie 
leise und begütigend. 
Doch da fuhr er auf, als habe ihn ein Schlag getroffen. Er 
umfaßte sie mit beiden Armen, als müßte er sie festhalten. 
»Nein, Roswitha, nein, das darfst du mir nicht antun!«, 
flehte er. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich dich 
niemals belästigen, daß ich nie etwas tun werde, was dich 
quälen oder verstimmen könnte. Doch ich muß dich 
sehen, täglich, stündlich. Ich liebe dich so, daß ich ohne 

dich nicht mehr leben kann. Geh nicht von mir, Roswitha, 
bitte, geh nicht von mir!« 
Endlich gab sie nach. »Nun gut, ich bleibe.« 
Da legte er seinen Kopf in ihren Schoß und wurde 
innerlich ganz ruhig. 
Wie der Graf seiner jungen Gattin in den nächsten Wochen 
begegnete, mit solcher Zartheit, solcher Geduld, so war 
wohl selten eine Frau von einem Manne umworben 
worden. 
Roswitha nahm alles das mit leisem, wehem Lächeln hin, 
das, neu wie es an ihr war, sie vollends unwiderstehlich 
machte. Sie war immer gleichmäßig freundlich, doch 

weiter auch nichts. Man wetteiferte förmlich miteinander, 
sie zu verwöhnen, ihr Liebes zu erweisen. Sie ließ es sich 
lächelnd gefallen und hatte auf die herzlichen Bitten aller, 
sie möge Odalrich doch verzeihen, stets nur die eine 
Antwort, daß sie ihm schon längst verziehen habe. 
Aber niemand wollte ihr das glauben. 
»Ita, sei doch wieder lieb zu Odalrich«, bat Erdmuthe auch 
heute, als der Bruder traurig aus dem Zimmer gegangen 
war. »Was er verschuldet hat, ist doch wirklich nicht 
unverzeihlich. Er war ja sinnlos in seinem Schmerz und 
wurde daher ungerecht. Schau nur, Ita, selbst ich habe an 

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deine Schuld geglaubt, so sehr war der Schein gegen dich. 
Ich kann wirklich nicht so glücklich sein, wie ich es 

möchte, solange zwischen dir und Odalrich nicht wieder 
alles so ist wie einst. Denn ich muß mir immer wieder 
sagen, daß letzten Endes ich die Veranlassung zu eurer 
Entfremdung gewesen bin.« 
»Das ist ja Unsinn«, fuhr Ita auf. 
Aber Erdmuthe ließ sich nicht abweisen. »Italein«, 
schmeichelte sie, »wenn du Odalrich jetzt nachgingest, 
deine Arme um seinen Hals legtest und ihn freiwillig 
küßtest, ich glaube, er wäre ganz närrisch vor Freude.« 
»Wird auch einmal wiederkommen, Erdmuthe. Doch jetzt, 
nein, jetzt kann ich es noch nicht«, entgegnete Roswitha. 
»Laß aber nicht mehr allzuviel Zeit darüber verstreichen, 

Ita, denn Odalrich leidet schwer.« 
Und so ging es weiter. Hatte sie einen vertröstet und lief 
dann einem anderen in den Weg, so konnte sie gewiß sein, 
daß das Betteln von neuem anfing. Krönchen sah sie jeden 
Tag vorwurfsvoller an, und Frau von Wilde war sehr 
niedergedrückt. 
»Ita, Herzkind, so nachtragend darf man wirklich nicht 
sein«, warnte das treue Krönchen. »Auch du hast Schuld, 
mein Liebling. Wenn du es auch gut gemeint hast, eine 
Täuschung war es doch. Du willst nicht nachgeben, 
verschanzt dich immer mehr hinter deinem Stolz, wie du es 
nennst, aber der ist nichts weiter als Trotz. Höre auf mich, 

es könnte sonst eine Zeit kommen, da du für dein Leben 
gern deinen Fehler gutmachen möchtest. Vielleicht ist es 
dann aber zu spät, und du wirst bitterlich weinen!« 
»Womit deine schreckliche Moralpauke hoffentlich 
beendet ist«, lächelte Roswitha und streichelte der treuen 
Alten zärtlich die Wange. »Ich weiß nicht, was ihr alle von 
mir wollt? Führen wir nicht eine friedliche Ehe?« 
»Ja, nur daß der eine Teil langsam aber sicher dabei 
zugrundegeht«, entgegnete Krönchen. »Das hätte dein Papi 
erleben müssen! Er würde sich darüber zuschanden 
gegrämt haben.« 

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»Ach ja, mein lieber Papi«, seufzte Roswitha, und ihre 
Augen füllten sich mit Tränen, »morgen ist sein Sterbetag.« 

Als sie am anderen Morgen zum Grabe der Eltern ging, um 
den Hügel mit Blumen zu schmücken, traf sie dort schon 
Odalrich an. Das Grab verschwand fast unter Blumen, und 
Roswitha hatte Mühe, die ihren noch unterzubringen. 
Wie weh ihr zumute war! Wie vieles hatte sie, seitdem die 
Eltern von ihr gegangen waren, erlebt und erlitten! 
Ihr Blick streifte den Gatten, der in Gedanken versunken 
dastand. Sein Schmerz, mit dem er der Toten gedachte, war 
aufrichtig. Diese Gewißheit machte Roswitha zugänglicher. 
Sie wehrte seinen Arm nicht ab, den er um ihre Schultern 
legte, ließ sich gutwillig nach der Bank führen und saß still 
neben ihm. Tiefer Friede herrschte ringsum; wie schön war 

alles hier! 
Da legte Roswitha ganz sacht den Kopf an des Gatten Brust, 
und er drückte sie fest an sein Herz. 
»Ita, meinst du nicht auch, daß wir so treu 
zusammenhalten müßten wie die lieben Toten da unten?« 
begann er behutsam. »Meinst du nicht auch, daß es im 
Leben der beiden ebenfalls Differenzen gegeben hat, die 
ihre große Liebe zueinander immer wieder siegreich zu 
überwinden vermochte?« 
»Odalrich, du hast mir doch versprochen…« 
Er schrak zusammen. 
»Wohl, wohl, Roswitha«, sagte er schnell, »wie du bist, so 

bin ich mit dir zufrieden. Ich habe ja die Gewißheit, daß 
du mir gehörst, und daß keine Macht auf Erden uns 
auseinanderreißen kann. Wären wir nicht so fest 
miteinander verwachsen, wie wir es sind, dann könnten wir 
beide nicht so um unsere Liebe leiden, wie wir es tun. Aber 
sieh nur, wer jetzt alles kommt, um deinen Eltern einen 
Gruß zubringen.« 
Lächelnd deutete er auf die beiden Gräfinnen, Erdmuthe 
und deren Verlobten. Sie alle wollten den beiden Toten, 
denen sie alle viel, sehr viel verdankten, Blumen bringen. 
Später stellten sich auch noch Gisbert und Angela ein, und 

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als gar noch Vater Quendlin daherkam, mußten alle 
unwillkürlich lachen, so wenig ihnen danach zumute war. 

»Ja, da glaubte wohl jeder, allein zu sein«, schmunzelte der 
alte Herr. »Haben ein verflixt hübsches Plätzchen erwischt 
für ihren langen Schlaf, unser lieber und verehrter Herr 
Kommerzienrat und seine gütige Frau.« 
Er legte seine Blumen zu Füßen des Hügels nieder, weil auf 
diesem selbst kein Platz mehr war. Dann ging sein Blick zu 
Roswitha, die an des Gatten Seite stand. 
»Nun, kleine Gräfin, haben wir den Herrn Verwalter schon 
tüchtig bei den Ohren genommen?« scherzte er, und da 
mußte sie lachen. 
»Der läßt sich auch schon bei den Ohren nehmen, Vater 
Quendlin! Sehen Sie nur, wie er mich auslacht!« 

»Anlacht«, widersprach Graf Ellern und blickte sie herzlich 
an. 
Die gedrückte Stimmung begann sich langsam zu heben, 
und man war schon wieder ganz vergnügt, als man 
einträchtig dem Schlosse zuschritt. 
Wieder war die Zeit herbeigekommen, die den Jägern die 
liebste des ganzen Jahres ist. 
Graf Starkenborn hatte zwar die Jagdleidenschaft niemals 
so über sich Herr werden lassen, um vollkommen von ihr 
unterjocht zu werden, allein er ging gleichwohl gern auf die 
Jagd. 
Seit einigen Tagen war er einem Bock auf der Spur. So war 

er denn viel auf der Pirsch. Aber das war Roswitha ganz 
und gar nicht recht. Die Jagd schien ihm wirklich näher am 
Herzen zu liegen als sie! Doch sie ließ es ihn nicht merken, 
wie sehr sie ihn vermißte. Eines Tages war Odalrich bereits 
am Nachmittage fortgegangen. Als er um Mitternacht noch 
nicht zurückgekehrt war, packte Roswitha heftige, fiebernde 
Angst. Es war doch schon oft genug vorgekommen, daß ein 
Mann auf der Jagd verunglückt war. 
Wenn Odalrich nun etwas zugestoßen wäre? 
Sie hielt es im Bett nicht mehr länger aus. Sie erhob sich, 
öffnete das Fenster und lauschte in die Nacht hinaus. 

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Und je länger sie dort stand, desto größer wurde ihre Angst. 
Krönchens Worte kamen ihr in den Sinn. Wenn sie nun 

gutmachen wollte und wäre nicht mehr imstande dazu? 
Was die junge Gräfin in diesen wenigen Stunden zwischen 
Mitternacht und Morgengrauen durchlitt, dagegen 
verblaßte alles bisher Erduldete. Sie merkte trotz ihres 
leichten Gewandes nicht, wie kühl die Nacht war. Sie 
zitterte am ganzen Körper, und es hätte sich schwer sagen 
lassen, ob vor Seelenangst oder vor Kälte. 
Als sie endlich ein Geräusch hörte, war alles Leid vergessen. 
So schnell die Füße trugen, eilte sie in das Nebenzimmer, 
wo der Gatte gerade die Büchse von der Schulter nahm. 
»Roswitha«, rief er erschrocken und zog sie an sich. 
Zitternd schmiegte sie sich an ihn und fuhr ihm mit beiden 

Händen über das Gesicht. 
»Odalrich, oh, ich habe große, unbeschreibliche Angst 
gehabt, dir könnte etwas zugestoßen sein.« 
Er führte sie behutsam zu einem Sessel, ließ sich in ihn 
nieder und zog sie auf seinen Schoß. 
Er wagte es nicht, sich zu rühren. Er hatte das Gefühl, als 
solle es ihm die Brust zersprengen, so rasend klopfte sein 
Herz. 
Würde es nun doch wiederkommen, das Glück, das 
jubelnde, jauchzende Glück? 
Kaum, daß er sich zu atmen getraute, um nicht zu 
verscheuchen, was wie ein köstlicher Traum war. 

Ach, daß es mehr wäre als nur ein Traum! 
Immer heftiger köpfte sein Herz. 
Auf einmal hob Roswitha den Kopf und sah in seine 
Augen. 
»Odalrich, nicht wieder fortgehen«, bettelte sie, »ich will 
nicht noch einmal so große Qualen um dich erdulden wie 
heute nacht.« 
»Roswitha?« fragte er atemlos, und sie nickte. 
»Ich hab’ dich sehr, sehr lieb, Odalrich.« 
Da stieß er einen so jauchzenden Schrei aus, daß sie 
erschrocken zusammenfuhr. 

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Sehr lange währte es, bis er sich einigermaßen beruhigt 
hatte. 

»Oh, wie glücklich ich bin! Gehst du nun auch nicht 
wieder so lange von mir fort?« fragte sie, und er lachte 
glücklich. 
»Ich werde mich hüten, mein Liebling. Wenn ich nur 
geahnt hätte, wie sehr du mich erwartetest, wäre ich zu dir 
gelaufen, was nur die Beine hergegeben hätten; doch ich 
saß ahnungslos beim Förster, wo wir den erlegten Bock 
begossen.« 
»Hätte ich nur gewußt, wo du bist, ich wäre durch die 
Nacht zu dir gelaufen.« 
»So lieb hast du mich, kleine Ita?« fragte er leise, und ihm 
wurden die Augen feucht. »Oh, dann ist mir nicht mehr 

bange um mein Glück. Denn immer und für alle Zeit wirst 
du die Sonne meines Lebens sein. Wie sehr werden alle 
hier im Hause sich freuen, und wie sehr dich verwöhnen. 
Ganz Königsgnade hast du auf den Kopf gestellt mit deiner 
zauberischen Süße! Sie und das Holdselige, das Strahlende 
deines Wesens habe ich einmal für Lug und Trug gehalten! 
Ach, Liebling, wenn du wüßtest, was ich in den letzten 
Wochen gelitten habe, weil ich glaubte, im Recht zu sein. 
Kannst du dich nicht ein wenig in meine Seele 
hineinversetzen?« 
»Odalrich, bitte, sei nicht mehr traurig«, bettelte ein süßes 
Stimmchen. »Auch ich habe Schuld, weil ich dir etwas 

verbarg. Doch nie, nie mehr will ich ein Geheimnis vor dir 
haben, Liebster; zu schwer habe ich darunter leiden 
müssen.« 
Da lächelte er schon wieder. 
»Daß dein Herzchen so voll Liebe und Güte ist, das haben 
alle hier erfahren dürfen. Du hast nicht nur mich glücklich 
gemacht, sondern auch Erdmuthe. Hast den alten Herren 
und Damen in der Ahnengalerie bewiesen, daß du eine 
echte Starkenborn bist, so aufrecht und stolz, wie kaum 
jemals eine unseres Geschlechts war.« 
 

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-ENDE-