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DORT UNTEN IM 

MÜHLENGRUND

 

Roman von Leni Behrendt 

 

 

 

 

Julius Erdmann hat die Mühlenwerke von seinem Vater 

übernommen, hat den Betrieb weiter ausgebaut und ihn zu 

einem großen, blühenden, ertragreichen Unternehmen gemacht. 

Da ihm eigene Kinder versagt blieben, nahm er Benno und 

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Renate Nieritz, die verwaisten Kinder seines Freundes, an Kindes 

Statt an. Renate ist ihm eine gute, liebevolle Tochter geworden, 

doch mit Benno, den er als seinen Erben und Nachfolger ansieht, 

erlebt Erdmann schwere Enttäuschungen. 

Die Windmühle, die schon auf dem Mühlenberg klapperte, bevor 

unten im Tal die Erdmannschen Mühlenwerke entstanden, ist 

noch immer in Betrieb, doch das alte Müllerehepaar Frank lebt 

recht kümmerlich und bescheiden. Jürgen, der einzige, begabte 

Sohn, ist der Stolz und die Hoffnung der beiden alten Leute. Als 

Jürgen nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrt, trifft 

er dort seinen Kindheitsfreund Norbert Haller und dessen 

Schwester Rosemarie wieder. Die Harmlosigkeit der Kinderzeit ist 

dahin, zu verschieden haben sich die äußeren 

Lebensbedingungen und auch die einzelnen Charaktere 

entwickelt. 

Eines Tages scheint die Sonne wieder über dem Mühlengrund, 

und Vater Erdmann hat die Gewißheit, daß er sein Lebenswerk 

einmal in treue, zuverlässige Hände legen wird. 

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Wir verwenden Papier, das bis zu 70% aus Altpapier besteht. Das 

ist unser Beitrag zum Umweltschutz. 

Diese Ausgabe erscheint alle 4 Wochen im Martin Kelter Verlag 

(GmbH & Co.), 

Mühlenstieg 16-22,2000 Hamburg 70, Postfach 70 10 09, 

Telefon: Sa.-Nr. (040) 68 28 95-0, Telefax (040) 68 28 95 50, 

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Gesamtherstellung: Eisnerdruck, Berlin 

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der 

Verlag keine Gewähr. 

Abgebildete Personen auf dem Umschlag stehen in keinem 

Zusammenhang mit dem Roman. 

Diese Ausgabe darf weder in Leihbüchereien verliehen noch in 

Lesezirkeln geführt oder zum gewerbsmäßigen 

Umtausch bzw. Wiederverkauf verwendet werden. 

Printed in Germany. 

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»Hallo, Wilhelm Frank, haben Sie denn noch nicht genug an 

Ihrer anstrengenden Tagesarbeit, müssen Sie denn auch noch die 

Abendstunden mit Arbeit ausfüllen?« rief Julius Erdmann, der 

Besitzer der großen Mühlenwerke im Mühlengrunde, seinem 

Obermüller zu. 

Der alte Mann, der vor der Windmühle stand, deren mächtige 

Flügel sich lustig im Winde drehten, brachte mit einem Handgriff 

das laute Geklapper zum Schweigen, nahm die Pfeife aus dem 

Munde und ging seinem Brotherrn, der in Begleitung seiner 

Pflegetochter war, entgegen. 

»Die Armen brauchen ihr Brotmehl, Herr Erdmann«, entgegnete 

der Müller in seiner bedächtigen Art. »Was Sie Arbeit nennen, das 

ist für mich Erholung. Wenn meine Mühle nicht mehr klappern 

soll, dann mag ich auch nicht mehr länger leben. Ich bin unter 

dem Geklapper geboren und will auch unter ihm sterben, wie es 

Vater und Großvater vergönnt gewesen ist.« 

»Sie verstehen mich falsch, lieber Frank«, erwiderte Herr 

Erdmann hastig, »ich will Ihnen bestimmt keine Vorschriften 

machen. Ich fürchte nur, daß Sie sich zu sehr ausnutzen lassen 

und daß alle die, für die Sie Ihre Feierstunden opfern, nicht so 

bedürftig sind.« 

Sein Blick ging an der Mühle hoch, die so trutzig und frei 

dastand, so schmuck und ansehnlich wirkte wie kaum eine 

zweite ihrer Art. Er konnte es nur zu wohl verstehen, daß der alte 

Müller so an seiner Mühle hing. Wohl ebenso wie er an seinem 

großen Werk, dessen Stattlichkeit von keinem Punkt so gut zu 

übersehen war wie vom Mühlenberg aus. 

Vor nahezu fünfzig Jahren hatte Michael Erdmann, sein 

verstorbener Vater, im Mühlengrunde eine Mühle errichtet. Doch 

die Wasserkraft, mit der die Mühle anfangs betrieben wurde, 

hatte nicht lange ausgereicht. Dampfmaschinen von ungeheurer 

Kraft waren hinzugekommen, und nach und nach waren aus der 

Wassermühle die weltbekannten Erdmannschen Mühlenwerke 

geworden. 

Roggen-, Weizen- und Ölmühle, standen friedlich 

nebeneinander, jede ein stattliches Werk für sich. Hohe 

Schornsteine ragten in die Luft, mächtige Getreidespeicher 

behaupteten breit und behäbig ihren Platz. 

Ein Frohgefühl ohnegleichen schwellte des Mannes Brust, der da 

hinunterschaute auf alles, was sein war. 

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Dort unten wurde mit frohem Eifer gearbeitet und geschafft. 

Viele Menschen fanden in dem Betrieb ihr Brot. Und daß es noch 

mehr werden sollten, von Jahr zu Jahr immer mehr, dafür wollte 

er schon sorgen. 

Sein strahlender Blick suchte den Mann an seiner Seite, der so 

ruhig dastand und versonnen an seiner Pfeife sog. 

Ja, der alte Müller Frank, das war noch ein ganz Getreuer vom 

alten Schlag. Tat mit seinen sechsundsiebzig Jahren seine Pflicht 

wie ein Junger. 

Der Besitzer vom Mühlengrund glich ihm in vielen Stücken. 

Allerdings nur innerlich; äußerlich gab es wohl kaum zwei 

verschiedenere Menschen als Julius Erdmann und Wilhelm 

Frank. Erdmann mit seiner kräftigen, untersetzten Gestalt wirkte 

fast klein neben dem großen, hageren Müller, dessen Nacken 

noch vollkommen ungebeugt war und dessen Augen aus dem 

verwitterten, von schneeweißen Haaren umrahmten Gesicht 

noch genauso hell und durchdringend herausschauten wie in der 

Jugend. 

Auch Julius Haupthaar war schon gebleicht. Wie eine Bürste 

umgab es seine Stirn und ließ sich nur schwer zum Scheitel 

zwingen. Das volle Gesicht mit der gesunden Hautfarbe zierte ein 

gestutztes Bärtchen, das ebenso dicht und weiß war wie das 

Haupthaar. Eine starke, immer ein wenig rote Nase verriet, daß 

ihr Besitzer einem guten Tropfen nicht abhold war, und zwei 

strahlende Augen lachten vergnügt in die Welt. 

Aber der gemütliche Papa Erdmann konnte auch anders sein, 

davon wußten seine Leute ein Liedchen zu singen. 

Allein es dauerte lange, bis Herr Erdmann so durchdringend 

blickte und scharf dazu sprach, so daß jedes Wort wie ein 

Peitschenhieb saß. Es mußte schon ein arger Sünder sein, der 

seinen Zorn herausforderte. 

Jedenfalls war der »Mühlen-Erdmann«, wie man ihn allgemein 

nannte, eine beliebte und sehr geachtete Persönlichkeit, deren 

Güte und Menschenfreundlichkeit überall bekannt waren. 

Jetzt dehnte Erdmann seine Glieder, und seine Hand zeigte 

hinunter in den Mühlengrund. »Wenn ich hier oben stehe und 

auf mein Werk hinabschaue, dann komme ich mir so 

beneidenswert glücklich vor, daß ich mit keinem Menschen auf 

der Welt tauschen möchte«, sagte er mit frohem Lachen. »Aber 

das soll mich nicht etwa bestimmen, nun die Hände in den 

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Schoß zu legen und mich mit dem zufriedenzugeben, was ich 

bereits besitze. 

Und außerdem bekomme ich eine tatkräftige Hilfe, denn mein 

Junge kommt heute endgültig nach Hause. Er hat sich drei Jahre 

lang in fremden Betrieben umgesehen, ist ein Jahr lang ausgiebig 

in der Welt herumgebummelt, und es wird nun langsam Zeit, 

daß er sein Erbe mit verwalten hilft. Und wie steht es mit Ihrem 

Jürgen, Vater Frank?« 

»Der schwimmt wieder einmal auf dem großen Wasser, Herr 

Erdmann. Ist wohl augenblicklich Maschinist oder so was 

ähnliches. Hat sich vorher tüchtig in Amerika umgesehen und 

zugelernt, was sich eben zulernen ließ. Auch Geld gespart hat er 

sich, so daß er nun endlich an das letzte Semester denken kann. 

Als wenn das nicht alles einfacher gegangen wäre«, knurrte er 

ärgerlich. »Dieser dickschädelige Bengel!« 

»Ist er auch«, bekräftigte Herr Erdmann. »Es geschieht ihm ganz 

recht, daß er sich so quälen und plagen muß, um sein Studium 

vollenden zu können. Daß er von Ihnen kein Geld mehr nahm, 

als er erst dahintergekommen war, wie sehr seine Eltern sich 

seinetwegen einschränken mußten, das spricht nur für ihn. Doch 

daß er auf meinen Vorschlag, ihm das Geld für sein Studium 

vorzustrecken, nicht einging, damit hat er sich das Leben viel 

schwerer gemacht, als es nötig gewesen wäre.« 

»Und doch hat der Junge recht gehandelt«, verteidigte der Vater 

den abwesenden Sohn. »Ein Mensch, der ins Leben tritt, soll 

nicht gleich mit Schulden anfangen, soll frei sein und sich 

nirgends gebunden fühlen.« 

»Hauptsächlich nicht an mich, weiß schon Bescheid«, lachte Herr 

Erdmann. »Der Jürgen ist genauso ein Querkopf, wie der Vater es 

ist und der Großvater es war.« 

Nun zog ein frohes Lachen über des Müllers faltiges Gesicht. »Ein 

wahres Glück, daß der Junge einen solchen Eisenschädel besitzt, 

Herr Erdmann, sonst hätte er nie und nimmer durchführen 

können, was er sich vorgenommen hat.« 

»Er ist dabei ein ganzer Kerl geworden«, schmunzelte Erdmann. 

»Wann kommt er wieder einmal her? Ich sehne mich schon 

ordentlich nach dem Draufgänger.« 

»Zum ersten Oktober kommt er.« 

»Aha – also doch!« nickte Julius Erdmann zufrieden. »Müßte ja 

auch nicht der Jürgen sein, wenn er sich am goldenen 

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Hochzeitstag seiner Eltern womöglich unter den Hottentotten 

umhertreiben wollte. Und wissen Sie auch, welche Feier am 

ersten Oktober noch stattfindet, Wilhelm Frank?« 

»Was werde ich nicht!« lachte der Alte behaglich. »Den doppelten 

Freudentag kann ich unmöglich vergessen. Muß doch immer 

daran denken, daß vor fünfzig Jahren die neue Erdmannsche 

Mühle am ersten Oktober eingeweiht wurde und ich mit meiner 

Alten Hochzeit hielt…« 

»Und ich ein zweijähriger Knirps war und das erste Höschen 

trug«, vollendete der Chef lachend. »Ja, ja, Wilhelm Frank, die 

Jahre vergehen, und wir beide sind alt geworden.« 

»Wir und alt!?« entrüstete sich der alte Müller. »Mit Verlaub zu 

sagen, Herr Erdmann, bei uns in Ostpreußen heißt es: De Düwel 

is olt!« 

»Und das kann auch stimmen«, schmunzelte Herr Erdmann. 

»Was zählen schließlich die Jahre, wenn das Herz nur jung 

geblieben ist? Und solange wir arbeiten können, sind wir immer 

noch jung«, setzte er ernst hinzu. »Aber ich schwatze hier und 

denke nicht an meine Reni, die vor Aufregung ja förmlich 

zappeln muß«, meinte er ein wenig verlegen und umfaßte die 

Schulter seiner neben ihm stehenden Pflegetochter. »Sie freut 

sich auf die Ankunft ihres Bruders wie auf die eines Liebsten.« 

»Du erwartest ihn wohl mit weniger Ungeduld, Väterchen?« 

neckte sie. »Du zählst nämlich die Minuten, bis Benno kommt, 

genauso emsig wie ich.« 

»Hast recht, Kleine, so ist es und nicht anders. Wie froh können 

wir sein, daß wir einen Erben für unsere Mühlen haben, wie, 

Wilhelm Frank?« 

»Gewiß, Herr Erdmann«, nickte der bedächtig. »Und wir wollen 

hoffen, daß die Söhne sich ihres Erbes auch würdig zeigen.« 

»Na, warum sollten sie nicht?« fragte Julius Erdmann befremdet. 

»Wenn alle Söhne so wären wie Ihrer und meiner, dann könnten 

die Väter wohl zufrieden sein. – Doch nun komm, Reni, wir 

müssen eilen, sonst versäumen wir tatsächlich noch die 

heißersehnte Ankunft unseres Weltenbummlers.« 

Er schüttelte dem alten Müller die Hand und eilte mit seiner 

Tochter den Fußsteg hinab, der vom Mühlenberge zum 

Mühlengrunde führte. 

Wilhelm Frank sah ihnen nach, und es lag ein Ausdruck in seinen 

Augen, als sei von der Ansicht seines Brotherrn, daß die Väter 

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zufrieden sein könnten, die über Söhne wie Benno Nieritz 

verfügten, nicht ganz überzeugt. Sein Jürgen allerdings, das war 

einer – doch Benno… 

Nun, hoffentlich sah er zu schwarz, und sein gütiger Chef erlebte 

an seinem Pflegesohn die Freude, die er wahrlich verdiente. 

Dann wandte er sich ab und schritt seiner Wohnung zu, die unter 

der Mühle lag. Schritt durch den kleinen Flur und betrat die 

niedere Stube, in der seine Frau geschäftig herumwirtschaftete. 

»Mutter, fertig? Ich habe einen Mordshunger«, sagte er und setzte 

sich auf die Holzbank. 

»Kann ich mir denken«, nickte das Weiblein. »Es ist ja heute auch 

schon später als sonst, hast dich mit dem Herrn Erdmann 

gehörig verplappert.« 

Dabei eilte sie an den mächtigen Kachelofen, öffnete dort eine 

Tür, hinter der die Herdstelle wie in einem Schrank lag, und 

förderte eine dickbauchige Steingutkanne zutage, in der ein 

gutgebrannter Malzkaffee brodelte. Dann kam noch eine 

Schüssel mit Bratkartoffeln auf den Tisch, ein Teller mit zwei 

Scheiben Rauchschinken, und die beiden Leutchen konnten mit 

dem Abendessen beginnen. 

Draußen dunkelte es bereits, doch die alte Frau dachte noch gar 

nicht daran, Licht zu machen. An allen Ecken und Enden sparten 

sie, obgleich der Sohn kein Geld mehr von ihnen annahm. 

Es war in der Tat die allerhöchste Zeit, daß er sein Studium 

beendete; denn er war mittlerweile achtundzwanzig Jahre. Seine 

Schuld war es allerdings nicht, daß er so langsam vorwärtskam, 

denn er hatte stets mit großem Eifer gelernt. Es lag vielmehr 

daran, daß er später als andere Jungen auf das Gymnasium 

gekommen war, weil man erst in den oberen Klassen der 

Volksschule auf seine überragende Begabung aufmerksam 

geworden war und dafür gesorgt hatte, ihm eine Freistelle auf 

dem Gymnasium zu verschaffen. Trotz allen Fleißes hatte er 

dennoch die Zwanzig überschritten, ehe er die Reifeprüfung 

machte. 

Bis dahin war noch alles verhältnismäßig glatt- und gutgegangen. 

Schlimm war es erst geworden, als die Inflation kam und das 

kleine Vermögen des Alten verschlang. Als der Sohn danach die 

Hochschule bezog, da wollte das Geld, das Wilhelm Frank 

seinem Einzigen zur Verfügung stellen konnte, niemals reichen. 

Jürgen hatte immer noch dazuverdienen müssen und war 

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außerdem gezwungen gewesen, Zuschüsse aus mildtätigen 

Stiftungen entgegenzunehmen. 

Dabei hatte er nie geahnt, wie die Eltern sich seinetwegen 

einschränken mußten, und die wiederum hüteten sich ängstlich, 

ihn etwas davon merken zulassen. 

Aber der Bengel mit seiner Spürnase kam durch Zufall doch 

einmal dahinter. Ausgerechnet im vorigen Semester mußte es 

ihm zur Gewißheit werden, wie seine Eltern seinetwegen darbten; 

und  schon  setzte  er  seinen  Dickkopf  auf.  Nahm  keinen  Pfennig 

mehr von ihnen und vagabundierte fortan in der Welt umher, 

um möglichst viel Geld zu verdienen, damit er sein Studium 

beenden konnte. 

Drei Jahre hatten die Eltern ihren Einzigen nicht mehr gesehen, 

und die Sehnsucht nach ihm wurde mächtiger mit jedem Tag. 

Nach dem Abendessen zündete Wilhelm Frank sein Pfeifchen an, 

um es in Ruhe und Beschaulichkeit zu rauchen. 

Als Julius Erdmann und seine Tochter Renate den Mühlenberg 

hinabgestiegen waren, wandte Renate sich noch einmal zurück, 

und ihre Augen umfaßten die Windmühle mit fast liebevollem 

Blick. 

»Es ist dem Vater Frank nicht zu verdenken, daß er so stolz auf 

seine Mühle ist«, sagte sie nachdenklich. »Sie ist die schönste, die 

ich jemals sah.« 

»Da hast du recht«, nickte der Vater. »Die Mühle gehört hierher, 

ich könnte mir unser Fleckchen Heimaterde ohne sie einfach 

nicht denken. Und ich kann es sehr wohl verstehen, daß Gottlieb 

Frank sich weigerte, sie meinem Vater zu verkaufen.« 

»Und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Mühlenwerke 

einmal nicht vorhanden gewesen sein sollten«, meinte Renate 

lebhaft und zeigte hinunter in den Mühlengrund. »Außerdem 

kann ich nicht begreifen, warum der Vorfahr des alten Frank sich 

eine Windmühle baute und nicht den Erdmannschen Erben die 

Wassermühle abkaufte.« 

»Ja, Kind, das ging nicht so einfach, wie du dir das denkst«, 

belehrte der Vater sie. »Es konnte sich früher eben nicht jeder, der 

wollte, eine Mühle erbauen oder gar kaufen, dazu gehörte 

allemal eine Gerechtsame, die in diesem Falle den 

Erdmannschen Erben gehörte, wenn sie auch keinen Gebrauch 

davon machten. 

Als nämlich unser Vorfahr, der als Sonderling in der 

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Wassermühle gehaust, gestorben war, gab es unter den Erben 

keinen, der die Neigung gehabt hätte, das Müllerhandwerk zu 

erlernen. Sie verpachteten daher das ererbte Land, und die 

Wassermühle, die bisher so eifrig geklappert hatte, blieb fortan 

stumm und still. Den Bauern jedoch, die ringsum wohnten und 

die alle ihr Korn in die Mühle zum Mahlen gebracht hatten, kam 

deren Verstummen sehr ungelegen. Bis zur nächsten Mühle war 

es immerhin eine halbe Tagesreise. 

Sie kamen daher zusammen und hielten lange Rat, wobei sie 

schließlich einig wurden, an die Erdmannschen Erben 

heranzutreten und ihnen nahezulegen, die stillgelegte 

Wassermühle wieder flottzumachen. Doch die lehnten ab. Sie 

hielten einen Mühlenbetrieb nicht für hinreichend einträglich, da 

sie ja selbst keine Müller waren und die Mühle verwalten lassen 

müßten. 

Also kamen die Bauern noch einmal zusammen, und da wurde 

beschlossen, eine eigene Mühle zu bauen. Der Berg, der hart an 

der Erdmannschen Grenzscheide lag, eignete sich vorzüglich als 

Standort für eine Windmühle, die dann auch kurz entschlossen 

gebaut wurde. 

Es fand sich auch sehr bald ein Pächter für sie; denn damals 

waren die Mühlen alle noch recht einfach, und diese galt daher 

als eine Sehenswürdigkeit. Sie wurde zur wahren Goldgrube, und 

da Müller Frank, der Pächter, außerdem noch ein 

geschäftstüchtiger, tatkräftiger Mann war, so konnte er seinem 

Sohn die Mühle nicht nur als Pachtgut, sondern als Eigentum 

hinterlassen. Sie vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht, und 

die Müller wurden wohlhabende Männer, die wie kleine Könige 

auf ihrem Besitz lebten. 

Bis dann wieder einmal ein Erdmann geboren wurde, dem das 

Müllerblut seines Urahnen kräftig in den Adern pulste. Er 

erlernte das Müllerhandwerk, und es war daher nur verständlich, 

daß er sich sein Erbe zunutze machte und im Mühlengrund eine 

neue Wassermühle erstehen ließ, weil die alte doch gar zu 

verwittert war. Ein junger Bursch noch, doch kraftvoll und 

arbeitsfroh, von rastlosem, unermüdlichem Eifer; seine Arbeit 

wurde ihm zum Segen, und die Wassermühle wurde größer von 

Jahr zu Jahr. 

Doch – >Wat dem eenen sin Uhl, is dem andrem sine Nachtigall, 

heißt es bei uns treffend. Und so war es auch hier. Denn was dem 

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Wassermüller Erfolg und Reichtum brachte, das brachte dem 

Windmüller Armut und Verdruß. 

Meines Vaters Angebot, ihm die Windmühle zu verkaufen, die 

wie ein störender Fleck inmitten seines Besitztums lag, da er noch 

Land jenseits des Mühlenberges zugekauft hatte, wies Gottlieb 

Frank hohnlachend zurück. War gerade entrüstet, als der 

Wassermüller ihm vorschlug, als Obermüller in seine Dienste zu 

treten. 

Mein Vater ließ den Mann gewähren, denn er konnte seine 

Verbitterung nur zu gut verstehen. Fünf weitere Jahre beharrte 

Gottlieb Frank auf seinem Starrsinn, dann wurde er mürbe. Nur 

ganz wenige Kunden hatte er noch behalten, und zwar solche, 

die schlechte Zahler waren und in der Wassermühle nicht gern 

gesehen wurden. Zwar hätten er und seine Frau von dem Land, 

das zur Mühle gehörte, leben können, zumal der einzige Sohn 

sich sein Brot schon selbst verdiente. 

Die Not war es also nicht, die ihn zermürbt hatte. Vielmehr war 

es der Kummer, daß seine geliebte Mühle nicht mehr klappern 

durfte, und das untätige Umhersitzen des früher so Rastlosen, 

Unermüdlichen. Und als mein Vater dann wieder mit dem 

Angebot, das er ihm schon vor fünf Jahren gemacht, an ihn 

herantrat, da stieß er auf keinen Widerstand mehr. 

Mein Vater ist jedoch ein gütiger, allzeit einsichtsvoller Mann 

gewesen, und es war ihm daher nicht wohl dabei, daß er 

gezwungen war, einen Druck auf einen Menschen auszuüben. Er 

erklärte daher dem verbitterten Mann, daß er ihm seine geliebte 

Mühle ja gar nicht nehmen wolle. Er könne sie in Gottes Namen 

behalten und auch so viel Land, wie dazu gehöre, um Futter für 

eine Kuh zu haben und Kartoffeln und Gemüse für den eigenen 

Bedarf darauf zu bauen. Nur das übrige Land möchte er ihm 

verkaufen, da er es nötig für neue Unternehmungen gebrauche. 

Aber da er genau wisse, daß Gottlieb Frank hinfort gezwungen 

sein würde, sehr genau zu rechnen, biete er ihm nochmals die 

Stellung eines Obermüllers in seinen Werken an. 

So griff Gottlieb Frank denn zu, trat in die Dienste meines Vaters, 

tat still und unverdrossen seine Pflicht – kannte aber gleichwohl 

keine größere Freude, als wenn er seine Windmühle bedienen 

durfte. Mahlte für die Armen und Ärmsten unentgeltlich das 

Getreide. 

Fünf Jahre später starb er, und sein Sohn Wilhelm, der 

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selbstverständlich ebenfalls das Müllerhandwerk erlernt hatte, 

erhielt den Posten seines Vaters. Sehr jung noch für dieses Amt, 

füllte er trotzdem den Platz voll aus, auf den man ihn gestellt. 

Und die alte Windmühle klapperte immer weiter, alles blieb wie 

in alten Zeiten und ist es geblieben bis auf den heutigen Tag.« 

»Dann verstehe ich aber den Jürgen nicht«, meinte Renate 

zögernd. »Warum ist er denn nicht Müller geworden wie Vater, 

Ahn und Urahn? Liebt er seine Mühle weniger als die?« 

»Nein, mein Kind«, erklärte der Vater entschieden. »Die Mühle ist 

dem Jürgen genauso heilig wie allen Franks. Er hat auch genau 

wie diese das Müllerhandwerk erlernt. Doch das allein genügte 

dem außergewöhnlich begabten Jungen nicht. Und zudem hatte 

Wilhelm Frank es sich in den Kopf gesetzt, sein einziger Sohn 

solle es im Leben einmal weiter bringen als er. Ingenieur sollte 

sein Jürgen werden. Der Beruf erschien dem alten Müller als der 

schönste und aussichtsreichste. 

Solange die guten Leutchen noch das kleine Vermögen besaßen, 

das der Verkauf ihres Ackers an meinen Vater ihnen gebracht, 

und das, was sie sich außerdem erarbeitet hatten, war der Plan 

Wilhelm Franks auch keineswegs unvernünftig. Allein er ließ 

auch nicht von ihm, als die Inflation kam und das Geld 

verschlang. Führte mit seiner Frau zusammen ein 

entbehrungsreiches Leben, um dem Sohn das Studium zu 

ermöglichen. Jürgen ahnte nichts davon. Als er jedoch 

dahinterkam, wie sehr die beiden Alten seinetwegen, darbten, da 

nahm er von Stund an kein Geld mehr und verdiente es sich zum 

Studium selbst.« 

Vater und Tochter hatten nun den Mühlengrund erreicht und 

schritten die breite Straße entlang, zu deren Seiten schmucke, 

saubere Häuschen standen. Es waren die Heime der Arbeiter und 

Angestellten der Mühlenwerke; sie machten, inmitten von 

Gärten, einen recht freundlichen Eindruck. Dazwischen lagen 

noch einige zweistöckige Gebäude, die je vier Wohnungen 

enthielten. 

Und weiter seitwärts, wo die Romantik des eigentlichen 

Mühlengrundes begann, erhob sich das Herrenhaus. Ein Schloß 

fast konnte man es nennen, so stolz stand der langgestreckte Bau 

mit seinem Turm, seinen Altanen und Terrassen da. Schneeweiß 

schimmerte er durch die Bäume des Parkes. 

Von der anderen Seite des Parkes führte eine breite Steintreppe 

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stufenförmig abfallend zu dem alten Mühlengrund hin, dem die 

Besitzer absichtlich die ursprüngliche Wildheit gelassen hatten 

und den manche Sage um wob. 

Schwärmerische Seelen wollten zu bestimmten Nachtstunden die 

Klagen des unglücklichen Knaben vernommen haben, der um 

das zerbrochene Ringlein weint, während ängstliche Gemüter die 

Seele des verstorbenen Sonderlings, die nach ihrer Ansicht keine 

Ruhe finden konnte, seufzen und stöhnen zu hören meinten. 

Das alte Mühlrad stand noch genauso da, wie zu des alten 

Sonderlings Zeiten, war längst morsch und mit Moos bewachsen 

und wurde auf Geheiß Herrn Erdmanns immer wieder sorgfältig 

ausgebessert. 

Auch das Häuschen, in dem der menschenscheue Sonderling vor 

Zeiten gewohnt hatte, wurde in Ehren gehalten und gelegentlich 

gestützt. Das blonde Müllertöchterlein hatte sich ein allerliebstes 

Nestchen darin geschaffen, in dem es sich wundervoll träumen 

ließ. 

Erst einige hundert Meter weiter hatte der verstorbene Michael 

Erdmann das neue Wehr errichten lassen. Hier brauste das 

Wasser des Mühlbaches über die Schleusen und wälzte sich 

schäumend über die Turbinen. 

Herr Erdmann und Renate bogen von der Straße ab und kamen 

in den Bereich der Mühlenwerke. Vor dem Verwaltungsgebäude 

blieb der Herr des Ganzen stehen und zeigte nach zwei Fenstern, 

den einzigen, die in dem großen Gebäude erhellt waren. 

»Ich will mich nicht wundern, wenn der Norbert wieder 

Überstunden macht«, sagte er unwillig. »Wie oft schon habe ich 

dem Bengel das untersagt, doch er scheint meine Befehle ganz 

einfach nicht ernst zu nehmen.« 

Er betrat, von Renate gefolgt, das Gebäude, durchquerte einige 

Gänge und stand bald darauf in einem großen Zimmer, in dem 

ein junger Mann an einem Schreibtisch saß und eifrig schrieb. Als 

Herr Erdmann ihn anrief, schrak er auf und erhob sich. 

»Bleib sitzen, du Sünder«, sagte der Chef, als er nun das 

abgespannte Gesicht seines Angestellten sah, viel milder, als er 

gewollt hatte. »Habe ich dir nicht schon oft genug gesagt, 

Norbert, daß ich eine Arbeit nach Feierabend nicht dulde?« 

»Sehr wohl, Herr Erdmann«, gab der junge Mann ruhig zurück. 

»Wenn ich die mir übertragene Arbeit jedoch nicht schaffe…« 

»Dann kannst du sehr wohl den Schnabel aufmachen und es mir 

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sagen, jawohl, mein Lieber«, unterbrach der Chef ihn nun wieder 

unwilliger. »Aber dich kenne ich schon; du beißt dir eher die 

Zunge ab, als daß du mir ein vertrauendes Wort schenkst « 

Tief erblaßt, doch sehr ruhig verharrte der junge Mann und hielt 

den mißbilligenden Blicken seines Chefs tapfer stand. Bis der 

sich unwirsch abwandte, etwas wie »dummer störrischer Bengel« 

murmelte und mit Renate das Zimmer verließ. 

»Nicht mehr wiederzuerkennen ist der Junge, seitdem er aus 

Königsberg zurückgekehrt ist«, brummte er im Weiterschreiten. 

»Wird nie den Schnabel aufmachen und mehr reden, als 

geschäftlich unbedingt nötig ist. Obgleich ich doch schon 

deutlich genug durchblicken lasse, daß ich mehr in ihm zu sehen 

wünsche als einen Angestellten. Da hat man nun den Bengel 

aufwachsen sehen, freut sich darüber, daß er ein so begabter, 

brauchbarer Mensch geworden ist, möchte ihm die Wege ebnen, 

damit noch einmal etwas aus ihm werden kann, und stößt 

immer wieder auf schroffste Unzugänglichkeit. Da ist der Jürgen 

Frank doch ein anderer Kerl.« 

Renate hörte sich die unwilligen Worte des Vaters schweigend an. 

Sie wußte selbst am besten, wie sehr sich der Kindheitsgespiele 

verändert hatte. Heute jedoch blieb ihr keine Zeit, lange über das 

nachzudenken, was auch ihr unerklärlich erschien. Denn als sie 

einige Minuten später an des Vaters Seite das Herrenhaus betrat, 

war es allerhöchste Zeit, in Küche und Haus nach dem Rechten 

zu sehen. 

Herr Erdmann warf einen Blick auf die große Standuhr in der 

Halle des Hauses. 

»Höchste Zeit, daß wir uns in Wichs werfen, Maus«, meinte er 

schmunzelnd, »denn bald werden wir den verlorenen Sohn ans 

Herz drücken können. Ich werde also nach meinem 

Ankleidezimmer flüchten und mich schönmachen. Daß es mit 

dem Empfangsschmaus klappen wird, deswegen mache ich mir 

keine Sorge, weil sich ja mein Hausmütterchen Reni darum 

kümmern wird.« 

Er fuhr noch einmal liebkosend über die Wange seines Lieblings 

und eilte davon. 

Eine halbe Stunde später hielt er den ersehnten Pflegesohn in 

seinen Armen. Sah ihm voll Liebe in das hübsche, ein wenig 

müde Gesicht. »Grüß Gott, Junge, endlich habe ich dich hier. 

Und nun lasse ich dich so bald nicht wieder fort.« 

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»Tag, Vater, ich bleibe gern; denn nirgendwo kann es so schön 

sein wie zu Hause. – Ah, das ist ja auch das Schwesterlein. Bist in 

den paar Jahren, seitdem ich dich nicht gesehen, ordentlich 

hübsch geworden, Kleine!« 

»Willkommen zu Haus – lieber Benno!« 

Mit beiden Armen umfing sie den Bruder und schmiegte das 

Köpfchen an seine Brust. Freute sich – ach – so sehr, daß er 

wieder daheim war. 

Und Benno, der verwöhnte Erbe seines nachsichtigen, reichen 

Pflegevaters, der während mehrerer Jahre ein mehr als 

behagliches Nichtstuerleben geführt und die Frauen gründlich 

kennengelernt hatte, sah mit einem Gemisch von Verlegenheit 

und Hohn auf das flimmernde Köpfchen an seiner Brust nieder. 

Himmel, sie war ja ein recht empfindsames Gänschen, die kleine 

Schwester! So hätte ihn nur eine der Schönen, denen er draußen 

gehuldigt und denen er immer den Herrn gezeigt hatte, sehen 

sollen – bei dieser rührenden Familiensimpelei! 

»Nun, Schwesterlein, du umfängst mich ja so liebevoll wie einen 

Geliebten«, meinte er gönnerhaft. »Wenn ihr Mädchen nicht 

euern Gefühlsduseleien nachgeben könnt, dann ist euch nicht 

recht wohl.« 

Jetzt ruckte der Mädchenkopf hoch, und zwei Blauaugen sahen 

den Bruder vorwurfsvoll an. »Kannst du denn meine Freude nicht 

verstehen, Benno? Du bist doch mein einziger Bruder! Doch 

komm, laß dich anschauen. – Gut siehst du aus!« 

»Will ich meinen«, lächelte er geschmeichelt. »Ja, ja, Kleine – 

unsereins gibt den kleinen Mädchen schwere Rätsel auf.« 

»Warum auch nicht, du Schwerenöter«, schmunzelte der Vater. 

»Hast es dich ja auch einen guten Batzen kosten lassen, um die 

kleinen Mädchen gründlich kennenzulernen. Nein, nein, Junge – 

das soll durchaus kein Vorwurf sein«, winkte er ab, als sein 

Pflegesohn einen Schritt zurückwich und ihn befremdet ansah. 

»Ich habe das Geld gern gegeben. Wozu habe ich es denn, wenn 

es meinen Kindern nicht zugute kommen soll!« 

Sehr richtig, bekräftigte der Sohn im Innern. Hoffentlich handelst 

du auch so großzügig, wie du jetzt tust. 

»Nun, hopp, Benno, nach oben in deine Klause«, ermunterte der 

Vater. »Den hübschen Kerl aufgefrischt, und dann angetreten 

zum Empfangsschmaus, den dein Schwesterlein sicherlich zu 

einem Mahl für Götter gemacht hat.« 

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Er sah dem Sohn schmunzelnd nach, der jetzt die Treppe 

hinaufsprang, während der alte, im Hause ergraute Diener ihm 

das kleine Gepäck nachtrug. 

Renate entschuldigte sich bei dem Vater, da sie noch einmal 

rasch in die Küche wollte, um nachzusehen, ob auch alles mit 

dem Essen klappen würde, und der Hausherr schlenderte 

langsam dem Speisezimmer zu. 

Wie das ganze Haus, war auch dieses Zimmer gediegen, aber 

nicht prunkvoll eingerichtet. Die Möbel waren durchaus nicht 

der Neuzeit entsprechend, denn die verstorbene Hausfrau hatte 

sie vor siebenundzwanzig Jahren mit in die Ehe gebracht. Im 

ganzen Herrenhaus vom Mühlengrund sah man nichts von 

moderner Sachlichkeit. Trotzdem – oder gerade deshalb – 

strömten die hohen, lichten Räume eine gewisse Vornehmheit 

und Behaglichkeit aus. 

Vor das große Bild der Verstorbenen trat der Hausherr hin und 

sah mit wehen Blicken zu ihm auf. Genauso hatte sie ausgesehen, 

seine Elise, ganz genauso – so lieb, so gütig, so fein und zart. Wie 

der Schmerz ihn noch immer schüttelte, den er um seine 

verstorbene Gattin litt! 

Ein frischer, würziger Duft umschmeichelte ihn, und er sah 

lächelnd auf die Blumen nieder, die auf dem kleinen Tischchen 

unter dem fast lebensgroßen Bild stand. Renate, die kleine 

zärtliche Reni, sorgte immer dafür, daß das Tischchen nie leer 

war, daß immer Blumen darauf dufteten. 

Wie er das kleine Mädchen deswegen liebte, das gleich ihm tiefen 

Schmerz um die Heimgegangene trug! --- 

Viel zu früh hatte seine Elise ihn allein gelassen. Wenige Tage 

nach der silbernen Hochzeit. Wie gut, daß er jetzt die Kinder 

hatte, diese Kinder, die er einst aus erbarmendem Mitleid ins ein 

Haus genommen. 

Als nämlich sein einziger Freund vor achtzehn Jahren mit seiner 

Frau zusammen auf tragische Weise ums Leben kam, sahen er 

und seine Elise, die beide schwer unter ihrer Kinderlosigkeit 

litten, es als einen Fingerzeig des Geschickes an, holten die 

Geschwister in ihr Haus und gaben ihnen alle Liebe, die sonst 

ihren eigenen Kindern zugute gekommen wäre. 

Mit einem schmerzlichen Seufzer trat er von dem Bild seiner 

Gattin zurück, denn er hörte die Geschwister kommen, und 

schon zog es wie Sonnenschein über sein eben noch so trauriges 

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Gesicht. 

Da traten sie schon Arm in Arm ein. 

Wie jedesmal beim Betreten des Zimmers ging Renates Blick 

zuerst zu dem Bild der Toten hin, es mit den Augen förmlich 

liebkosend, und ihre Lippen bewegten sich, als flüsterten sie 

einen leisen Gruß. 

Benno hatte keinen Blick für das Bild, sah es anscheinend gar 

nicht, was dem trauernden Mann sehr weh tat; denn solche 

Gleichgültigkeit hatte die Tote wirklich nicht verdient. 

Die harmlose, weltunkundige Renate fand ihren Bruder sehr 

interessant, vielleicht darum, weil sie noch nie die Gelegenheit 

gehabt hatte, eine wirklich bedeutende Persönlichkeit 

kennenzulernen. 

»Übrigens wird mich in den nächsten Wochen mein Freund, ein 

Herr Waldemar Kyd, dessen Vater ein großes Unternehmen im 

Rheinland sein eigen nennt, besuchen«, erzählte Benno wichtig. 

»Da nimm dein Herzchen nur fest in beide Hände, Reni, damit 

du es nicht verlierst. Denn der schöne Waldemar ist eine 

fabelhafte Persönlichkeit, dazu reich und unabhängig. Kannst dir 

was einbilden, Kleine, denn er hat sich auf den ersten Blick in 

dein Bild, das du mir vor nicht langer Zeit schicktest, verliebt.« 

»Junge, spiele um Himmels willen nicht Vorsehung«, wehrte der 

Vater lachend. »Ich bin von Herzen froh, daß mein Röslein hier 

im verborgenen blüht. Wir sind auf Freier gar nicht besonders 

erpicht, wie, mein Vögelchen?« 

»Ganz gewiß nicht, Väterchen«, stimmte Renate zu. »Dann müßte 

ich ja von hier fort, und wo kann es auf der Welt schöner sein als 

bei uns im Mühlengrund.« Sie hob die Tafel auf und schritt den 

Herren voraus in den kleinen lauschigen Salon. 

Der Hausherr ließ sich in einen tiefen Sessel, der schon immer 

sein Stammplatz gewesen, nieder und zündete sich eine Zigarre 

an. 

»Ach ja, Kinder, so ist es schön«, sagte er so recht aus tiefem 

Herzensgrund. »Und wenn mein Singvögelchen nun noch Musik 

macht, dann bin ich restlos zufrieden. Auf meine Abendmusik 

verzichte ich auch heute nicht, Renilein.« 

»Brauchst du auch nicht, Papichen«, entgegnete Renate zärtlich 

und schritt zum Flügel. 

Zuerst kam sein Lieblingswalzer. 

Dann folgten schlichte Liedchen und zuerst immer sein schönstes 

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und ihm liebstes: 

Dort unten in dem Mühlengrund sah ich zuerst mein Liebchen, es hat 
gar langes blondes Haar und in den Wangen Grübchen…
 

Dabei dachte er an seine Elise, die er im Mühlengrund 

kennengelernt hatte. Er sang auch manchmal dazu, was Renate 

jedesmal zum Lachen reizte, weil der Vater so hingebend und 

doch so falsch sang. 

Auch heute ließ er seine kräftige Stimme zu dem Lied erschallen 

und sang falscher denn je. Renate lachte herzlich, und Benno 

lächelte geringschätzig, denn er fand das alles so spießig wie nur 

möglich. 

Wie sie da am Flügel saß, die feine weißgekleidete Gestalt, und 

traumverloren die Hände über die Tasten gleiten ließ! 

Donnerwetter, sie ist ja bildhübsch, die Kleine! dachte der Bruder 

immer wieder, das habe ich ja gar nicht gewußt. 

Mit einem Gefühl tiefster Befriedigung legte Benno sich in seinen 

Sessel zurück, denn ihm war soeben der sprichwörtlich 

gewordene schwere Stein vom Herzen gefallen. So recht hatte er 

nämlich nicht daran glauben wollen, daß der schöne, 

vielumschwärmte Waldemar Kyd sich in seine Schwester 

verlieben könnte, da Renate ihm, dem Bruder stets reichlich 

hausbacken vorgekommen war.  

Am nächsten Morgen ging der Vater mit dem Sohn durch die 

Mühlenwerke und zeigte ihm voller Stolz die Neuerungen, die 

während seiner Abwesenheit eingeführt worden waren. 

Überall, wohin man sah, wurde emsig gearbeitet und geschafft; 

Benno war dieser Fleiß von Herzen unbehaglich. 

Der gute Alte, dachte Benno mit bedauernder Geringschätzung. 

Da plagt er sich nun ab, tagaus, tagein, und ist sie stolz darauf, 

daß er selbst in dem entlegensten Winkel des großen Betriebes 

sozusagen zu Hause ist. Und dabei könnte er es doch viel 

bequemer haben. 

Wie dumm von ihm, sich die paar Jahre seines Lebens noch so zu 

schinden! Sollte er es lieber genießen, weite Reisen machen und 

erkennen lernen, wieviel Schönes und Erfreuliches die weite Welt 

einem Menschen zu bieten hat. 

Gewiß, der Betrieb war glänzend geleitet, das mußte man 

anerkennen. Überall tadellose Ordnung, strahlende Sauberkeit. 

Anders war es allerdings in den Versandräumen, da gab es genug 

weißbestaubte Gestalten, die so aussahen, wie man sich eben 

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einen Müller vorstellt. 

Nirgends jedoch gab es eine Stockung, das war Benno sofort 

aufgefallen, alles ging wie am Schnürchen. 

Obwohl Benno von seiner Klugheit und Gewandtheit in tiefster 

Seele überzeugt war und sich einbildete, es könnte einfach 

keinen Menschen geben, der sich seinem Einfluß zu entziehen 

vermochte, so war er dennoch nicht dumm genug, um 

anzunehmen, daß er den Vater nun gleich um den Finger wickeln 

könnte. 

So gut und nachsichtig dieser auch war, so gab es immerhin 

gewisse Grenzen, über die niemand, der mit ihm zu tun hatte, 

sich hinauswagen durfte. 

Mithin hielt Benno zunächst größte Vorsicht für geboten. Man 

durfte vorderhand nur tastend die Fühler ausstrecken. Schließlich 

mußte doch alles klappen. Der Alte war vertrauensselig. Somit 

konnte es einem Kerl wie ihm unmöglich schwerfallen, den 

Herrn der großen Mühlenwerke an der Nase herumzuführen. 

Ob die Besichtigung denn gar kein Ende nahm? 

Eben betraten die Herren den Saal, in dem der alte Frank 

arbeitete. Er grüßte höflich, ließ sich jedoch nicht in seiner Arbeit 

stören. Das empörte Benno, denn er verlangte als Juniorchef, wie 

der Vater ihn überall vorgestellt hatte, unterwürfige Höflichkeit. 

Der selbstherrliche Benno bildete sich ein, man müsse ihm wie 

einem Halbgott huldigen, und war sehr enttäuscht, daß die Leute 

ihn kaum zu sehen schienen. 

Nun trat er zu dem alten Müller und schlug ihm auf die Schulter. 

»Na, Frank, immer noch so fleißig bei der Arbeit?« fragte er von 

oben herab. »Sind Sie nicht schon zu alt für diesen Posten, mein 

Lieber?« 

»Solange der Mensch seine Pflicht zu tun vermag, ist er zum 

Arbeiten nie zu alt, Herr Nieritz«, entgegnete der alte Frank 

gelassen und drehte seinem Juniorchef in aller Gemütsruhe den 

Rücken zu. 

Die Herren gingen weiter. Wilhelm Frank sah ihnen mit einem 

seltsamen Blick nach. 

Ganz zuletzt betraten Vater und Sohn die Buchhaltung, in der 

ungefähr zwölf Menschen beschäftigt waren. Er stellte auch hier 

Benno als Juniorchef vor und sagte dann, sich an ihn selbst 

wendend: 

»Hier kannst du dich besonders betätigen mein Junge, denn die 

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Arbeit wächst den braven Leutchen hier über den Kopf, zumal 

der Geschäftsführer erkrankt ist. Doch zuerst will ich dich 

bekannt machen.« 

Als sie das Verwaltungsgebäude verließen und langsam dem 

Herrenhaus zugingen, erinnerte der Vater den Sohn an dessen 

alte Kinderfreundschaft mit Norbert Haller, doch Benno zuckte 

die Achseln. 

»Kinderfreundschaften verpflichten doch zu nichts, Vater. Ich bin 

mit Norbert Haller eben ganz auseinandergekommen und habe 

längst jeden Zusammenhang mit ihm verloren.« 

Norbert Haller eilte dem kleinen Heim zu, das er in einem der 

zweistöckigen Häuser im Mühlengrunde mit seiner Mutter 

bewohnte. 

Er schloß die Korridortür auf und ging nach der Küche, wo er um 

diese Zeit die Mutter zu finden pflegte. Sie stand am Herd, 

hochrot und verärgert, wie sie es fast immer war, wenn sie Arbeit 

hatte. Und heute hatte sie Wäsche. 

»Guten Tag, Mama!« * 

»Guten Tag, Norbert. Geh nur schon ins Zimmer, ich komme 

sofort nach, habe mich mit dem Essen verspätet. Wie soll ich das 

alles nur allein schaffen, ich habe doch auch nur zwei Hände.« 

»Kann ich dir irgendwie behilflich sein, Mama?« 

»Danke, laß nur, du hältst mich mehr auf, als daß du mir 

nützest«, murrte sie und hantierte am Herd, den Sohn nicht mehr 

beachtend. 

Da wandte Norbert sich ab und suchte das Wohnzimmer auf; die 

beiden anderen Zimmer dienten ihm und seiner Mutter als 

Schlafräume. Dann war noch ein Kämmerlein vorhanden, das 

unbenutzt war, eine Küche und ein kleiner Korridor; das war die 

Wohnung. 

Norbert ließ sich müde in den abgenutzten Lehnstuhl fallen, der 

am Fenster stand. 

Wenn ich nur irgendwie Abhilfe schaffen könnte, damit die 

Mutter es leichter hat, dachte er gequält; denn was andere Frauen 

mit Leichtigkeit erledigen, das ist für die Mama schon schwere 

Arbeit und Plage. 

Wie friedlich und zufrieden könnte man hier in dem kleinen 

Heim leben, wenn sie anders wäre, wenn sie nicht ewig über das 

schelten und jammern würde, was nun einmal nicht zu ändern 

ist! 

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Aber die Mama war niemals zufrieden gewesen, auch damals 

nicht, als der Vater noch als gut bezahlter Geschäftsführer in den 

Mühlenwerken arbeitete. 

Der plötzliche Tod Hallers – ein Gehirnschlag hatte sein in letzter 

Zeit nur mit Widerwillen ertragenes Leben geendet – war für die 

eigensüchtige, verblendete Frau ein herber Schlag gewesen. Und 

was sie in ihrem bisherigen Leben gefehlt, das mußte sie nun 

doppelt büßen. 

Die Dienstwohnung mußte geräumt werden, denn der 

Nachfolger Herrn Hallers wollte einziehen. 

Ihr blieb nur so viel von ihrem schönen Heim, daß sie sich mit 

den einfachsten Sachen, die früher unbeachtet auf dem Boden 

herumgestanden hatten, gerade noch eine kleine Wohnung 

einrichten konnte. 

Völlig mittellos stand sie nun da, und es wäre ihr schlimm 

ergangen, wenn der gutherzige Herr Erdmann nicht geholfen 

hätte. Besonders viel hatte er für die Frau nicht gerade übrig. 

So überließ er ihr eine bescheidene Wohnung in einem der 

zweistöckigen Häuser und zahlte ihr eine kleine Rente. Viel war 

es nicht, es reichte eben nur dazu hin, sich über Wasser zu 

halten. 

Ihre junge, noch nicht erwachsene Tochter hatte eine Schwester 

des Verstorbenen, damals mit sich nach Berlin genommen. 

Norbert hatte ein Jahr vor dem Tod des Vaters sein Abitur 

gemacht und war danach als Lehrling in ein Bankgeschäft 

eingetreten. 

Nun stand auch er ratlos da, denn das Geld für seine 

banktechnische Ausbildung konnte nach dem Zusammenbruch 

der häuslichen Verhältnisse nicht weitergezahlt werden. 

Auch hier war es Herr Erdmann, der sich erbot, die Kosten zu 

tragen. Norbert wollte das durchaus nicht annehmen, und erst 

als der gütige Mann ihm erklärte, daß er später, wenn er selbst 

verdiene, alles vorgestreckte Geld auf Heller und Pfennig 

zurückzahlen könne, nahm er schweren Herzens das großmütige 

Anerbieten an. 

Nach dreijähriger Lehrzeit wurde Norbert als Buchhalter bei der 

Bank angestellt. Sofort bat er Herrn Erdmann, weitere Zuschüsse 

einzustellen. 

Norbert schrak aus seinen Gedanken auf, denn soeben betrat die 

Mutter das Zimmer. Sie deckte den Tisch und trug das 

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Mittagessen auf. Schweigend löffelte sie ihre Kartoffelsuppe, und 

immer wieder streifte Norberts Blick über ihr müdes, verhärmtes 

Gesicht. 

Norbert ergriff über den Tisch ihre Hand und streichelte sie. 

»Mußt nicht immer so mutlos sein, Mama«, bat er leise, »das 

Schlimmste hast du nun bald überstanden. In einigen Wochen ist 

Rosmarie hier, dann wirst du es leichter haben. Sie wird dir dann 

im Haushalt helfen und sicherlich auch von ihrem Verdienst 

etwas beisteuern.« 

»Hat Nieritz sich schon in den Werken sehen lassen?« fragte die 

Mutter, indem sie das Geschirr zusammensetzte, um in die Küche 

zu tragen. 

»Ja.« 

»Hat er sich sehr verändert?« 

»Eigentlich nicht. Er ist so geworden, wie er als Knabe zu werden 

versprach.« 

»Also sehr selbstherrlich und eingebildet.« 

In dem Herrenhaus vom Mühlengrund herrschte große 

Aufregung, denn der Freund Bennos wurde erwartet. Und da 

Benno schon sehr viel von dem schönen Waldemar erzählt hatte, 

war man außerordentlich neugierig auf diesen Gast. 

Renate stand in ihrem entzückenden kleinen Ankleidezimmer 

vor dem Spiegel und streifte ein Kleid über, von dem sie genau 

wußte, wie gut es ihr stand. 

»Mädelchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher«, schmunzelte der 

Vater, als sie die Diele betrat, in der er mit Benno saß und auf 

den Gast wartete. 

Auch Benno nickte sehr zufrieden vor sich hin. Wenn Waldemar 

sich für diese Art von Schönheit begeistern konnte, dann mußte 

er sich Hals über Kopf in die ganz entzückende Kleine verlieben. 

Und der Freund tat ihm sofort den Gefallen und verliebte sich 

sozusagen auf den ersten Hieb in das reizende 

Müllerstöchterlein. Tat es in dem Augenblick, als Renate ihn mit 

ihren großen Unschuldsaugen anstrahlte und ihn mit ihrer 

süßen, jungen Stimme herzlich willkommen hieß. 

»Gnädiges Fräulein, ich habe durch Benno schon sehr viel von 

Ihnen gehört…« 

»Ich von Ihnen auch«, lachte sie ihn an, und in ihren groß 

aufgeschlagenen Augen konnte er lesen, wie gut er ihr gefiel. 

Nun war er hier. Der erste Schritt war mithin getan. 

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Die Kleine gefiel ihm sehr gut, außerordentlich gut sogar. Wenn 

alles so verlief, wie er es wünschte, dann konnte er schon nach 

kurzer Zeit seinem Vater das ersehnte Töchterlein in die weit 

geöffneten Arme legen. 

Außerdem gefiel es ihm hier sehr. Dieses Haus war einfach 

fabelhaft, war sogar noch schöner als Waldemars Elternhaus, auf 

das er sehr stolz war. 

Immer mehr nahm die Traulichkeit dieses Heims Waldemar 

gefangen; stets aufs neue stellte er fest, daß es hier urgemütlich 

war. 

Wie gut die Speisen waren und wie auserlesen die Weine! Und 

alles – und überhaupt – einfach zum Sichwohlfühlen schön! 

»Gnädiges Fräulein, ich irre wohl kaum, wenn ich annehme, daß 

Sie die kleine Zauberin sind, die dieses Göttermahl zubereitet 

hat?« wandte sich Waldemar an Renate, und sie lachte. 

»Selbst zubereitet ist zuviel gesagt, denn an den Herd brauche ich 

mich nicht gerade zu stellen, was ich übrigens sehr gern täte, 

wenn es sein müßte. Aber hier bei uns herrscht in der Küche 

unser gutes Malchen, das sich beileibe nicht in seinen Kram 

hineinreden läßt.« 

Er hob ihr sein Glas entgegen und sah ihr mit einem Blick in die 

Augen, unter dem sie ihren Kopf errötend zur Seite wandte. 

»Und darf ich wissen, woher gnädiges Fräulein die beglückenden 

wirtschaftlichen Kenntnisse haben?« fragte er schmeichelnd. 

»Ich war zwei Jahre in einem Töchterheim.« 

»Na, prost, Kinder«, fiel die Stimme des Hausherrn in die Stille 

hinein. Etwas bebend zwar, doch sonst so munter wie 

gewöhnlich. 

Alle atmeten auf, alle hoben ihre Gläser dem gütigen Mann 

entgegen, der seinen eigenen Schmerz hinunterwürgte und die 

anderen aufzuheitern versuchte. 

Renate hob alsbald die Tafel auf, und auch heute war alles so wie 

sonst. Man begab sich in den kleinen Salon, der Hausherr 

schmiegte sich behaglich in seinen Sessel, hatte die übliche 

Flasche Wein vor sich und bat sein Singvögelchen, wie er Renate 

nannte, um Lied und Spiel. 

Die beiden jungen Herren suchten gleichfalls irgendeinen Sitz, 

tranken ihren Mokka und rauchten dazu, während Renate zum 

Flügel schritt. Dort wandte sie sich höflich an den Gast mit der 

Frage, ob er wegen der Musik besondere Wünsche habe. Als er 

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verneinte, spielte sie wie immer zuerst den Lieblingswalzer des 

Vaters und sang dann die gewohnten Liedchen. 

Als er beim Gutenachtwünschen Renates Hand an die Lippen 

zog, stand es bei ihm bombenfest, daß sie und keine andere 

seine Frau werden müsse. 

Und Renate? 

Sie stand in dem Ankleidezimmer vor dem Spiegel und nahm die 

Kette vom Hals, die von dem Mütterlein herstammte und die sie 

deshalb ganz besonders in Ehren hielt. 

Das also ist Waldemar Kyd, dachte sie verträumt. 

Sie beendete dann schnell ihre Nachttoilette, legte sich in das 

mollige Bett. 

Mit was für Gedanken ich mich unnötigerweise quäle, dachte sie 

unwillig, indem sie die seidene Decke um den sich wohlig 

dehnenden Körper zog. 

Einige Türen weiter hatte der Bruder sein Zimmer. Auch er lag 

schon im Bett, doch er schlief noch nicht, rauchte eine Zigarette 

und sah nachdenklich vor sich hin. 

An der Tür klopfte es. 

»Herein!« 

Er richtete sich im Bett auf und sah seinem Freund entgegen, der 

das Zimmer betrat. 

»Ich kann noch nicht schlafen, Benno. Darf ich noch zu einem 

kleinen Plausch hier bleiben?« 

»Bitte sehr, mein Verehrtester. Suche dir einen behaglichen Sitz 

und schieß los, ich bin ganz Ohr. Nehme an, dein Herz wird 

übervoll sein. Na und wes des Herz voll ist, des läuft der Mund 

eben über.« 

Der D-Zug Berlin-Eydtkuhnen stand in der Halle des 

Königsberger Bahnhofes. 

An dem offenen Fenster eines Abteils dritter Klasse stand ein 

junges Mädchen und sah mit frohen Blicken auf das bunte 

Treiben. Ein weißes Mützchen saß keck auf einem rosigen 

Öhrchen, ihr Mantel war nicht aus dem ersten Modesalon, aber 

trotzdem nett und fesch – kurz und gut: es war eine kleine 

Schönheit, die dort stand. 

Jetzt blickte sie nach einem Herrn, der mit Riesenschritten 

heranstürmte, denn es fehlten nur noch wenige Minuten bis zum 

Abgang des Zuges. 

Mit dessen langen Beinen könnte ich nicht Schritt halten, dachte 

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das Mädchen. Und wie groß er ist – bestimmt einen Kopf größer 

als alles Volk, er überragt tatsächlich alle, an denen er 

vorüberhastet. 

Nun war er am Zug, spähte die Wagenreihen entlang – und da 

zuckte das Mädchen zusammen. 

»Jürgen!« rief es dem Vorübereilenden nach. »Jürgen Frank!« 

Er hemmte den Schritt, wandte sich herum – stutzte. Und eilte 

dann mit schnellen Schritten wieder zurück. 

»Einsteigen!« erklang der laute Ruf des Bahnhofvorstehers. 

»Schnell, Herr Frank, ich öffne Ihnen die Tür!« rief das junge 

Mädchen dem wie erstarrt Dastehenden zu, streckte ihm beide 

Hände entgegen und zog ihn zu sich herein, während der Zug 

sich schon in Bewegung setzte. 

»Das war Rettung im letzten Augenblick«, lachte sie ihn an. 

»Kennen Sie mich überhaupt, Herr Frank?« 

»Ja, wie ist das denn möglich?« schüttelte er immer noch 

verwundert den Kopf. »Sie sind Fräulein Haller – die kleine 

Rosmarie! Ja, warum sind Sie denn so groß geworden?« 

»Na, hören Sie mal!« lachte sie hellauf. »Ich konnte schließlich 

doch nicht immer das kleine Gör bleiben, als das Sie mich in 

Erinnerung haben, mußte mich doch einmal zu einem fertigen 

Menschen aus wachsen. Sie sind in den sechs Jahren, in denen 

wir uns nicht gesehen haben, auch nicht eben weniger geworden! 

Sie verfügen ja über geradezu unheimliche Ausmaße.« 

»Also trösten wir uns, mein Fräulein – aus Kindern werden eben 

Leute.« 

»Dann sind wir uns ja einig«, meinte sie vergnügt. »Kommen Sie 

in mein Abteil, ich fahre nämlich ganz vornehm, habe ein Abteil 

für mich allein! Ich muß mich erst mal eine Weile setzen, um 

mich von der Überraschung dieses Wiedersehens zu erholen.« 

Sie zog ihn mit sich, und dann saßen sie sich in einem Abteil, in 

dem sie tatsächlich die einzigen Fahrgäste waren, gegenüber. Er 

sah sie unentwegt an, und der Blick seiner kristallklaren Augen 

verwirrte sie. 

»Erzählen Sie, Herr Frank, woher kommen Sie so plötzlich?« 

fragte sie hastig, um ihre Verlegenheit zu verbergen. 

Er fuhr wie aus tiefem Sinnen auf, und ein Schatten huschte über 

sein eben noch so strahlendes Gesicht. Rosmarie konnte sich 

nicht erklären, warum – er um so mehr. 

Herr Frank… 

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Die formelle Anrede aus diesem Mund tat weh. 

Na, Schwamm drüber, sie waren beide keine Kinder mehr, und er 

durfte nicht empfindlich sein. 

Er raffte sich auf und lachte sie an. »Dieselbe Frage möchte ich an 

Sie richten, Fräulein Haller – oder muß ich gnädiges Fräulein 

sagen?« 

Sie errötete heftig, denn seine Frage hatte sehr eigen geklungen. 

Sie tat jedoch, als habe sie sie überhört. 

»Ich komme aus Berlin.« 

»Und ich aus Hamburg.« 

»Ich fahre nach Hause.« 

»Und ich auch.« 

Nun mußten sie beide lachen, doch Rosmarie wurde gleich 

wieder verlegen, denn der strahlende Blick des jungen Mannes 

verwirrte sie immer mehr. 

»Wissen Sie auch, daß Sie schön sind, Fräulein Haller, 

wunderschön?« fragte er unvermittelt, und nun war das feine 

Mädchengesicht wie in Glut getaucht. 

»Sind Sie immer so aufrichtig, Herr Frank – oder soll das gar eine 

Schmeichelei sein?« 

»Um Himmels willen!« wehrte er entsetzt ab. »Liebe Kleine, wo 

denken Sie hin! Ich und Schmeicheleien sagen! Sehen Sie mich 

bitte an, und dann wiederholen Sie das Wort.« 

Sie kam seiner Aufforderung nach und sah ihn lange aufmerksam 

an – bis sie dann doch den Kopf zur Seite wenden mußte unter 

seinen bewundernden Blicken. 

Sie zwang sich zu einem harmlosen Lachen. »Sie haben recht, 

Schmeicheleien würden ganz und gar nicht zu Ihnen passen.« 

»Na also«, bemerkte er befriedigt. »Und nun seien Sie mal nett 

und erzählen Sie mir, warum Sie gerade heute nach Hause 

fahren.« 

»Warum gerade heute? Weil morgen das fünfzigjährige Bestehen 

der Erdmannschen Mühlenwerke gefeiert wird und ich diese Feier 

gern mitmachen möchte.« 

»Fahren Sie wieder nach Berlin zurück?« 

»Nein, ich bleib zu Hause – für immer, Gott sei Dank! Meine 

Tante, die mich erzog, ist tot. Die drei Lehrjahre in einer 

Lichtbildanstalt sind auch herum, und ich habe mich in unserem 

Heimatstädtchen bei dem Fotografen Bott als Gehilfin 

verpflichtet. Wie ich mich darüber freue, das weiß nur ich allein. 

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Sechs Jahre von der Heimat fort – von Mutter und Bruder, 

überhaupt von allem, was dreizehn Kinderjahre hindurch mein 

Glück ausmachte, das tut weh, Jürgen Frank – sehr, sehr weh.« 

Die letzten Worte waren nur geflüstert. Sie senkte das Köpfchen 

mit dem schimmernden Gelock, von dem das Mützchen 

herabgefallen war, tief, ganz tief – um die Tränen nicht sehen zu 

lassen, die ihr in die Augen schossen. 

Daher merkte sie nicht, wie mitleidig der Mann sie ansah, wie 

zärtlich, wie liebevoll seine Augen auf ihr ruhten. Er streckte 

seine Hand aus. »Rosmarie!« 

Ohne den Blick zu heben, legte sie ihre Hand in die seine: Eine 

kleine, sehr feine Hand, die in seiner harten Arbeitsfaust 

vollkommen verschwand. 

Er lächelte und sah auf das feine Händchen nieder, das noch 

immer in seiner harten Arbeitsfaust lag. 

Sie sah den Blick, errötete jäh und zog die Hand hastig zurück. 

Sie machte sich an ihrer Handtasche zu schaffen. Er aber ließ 

keinen Blick von dem schimmernden Köpfchen. 

Jetzt hielt der Zug. Rosmarie legte ihre Tasche zur Seite, erhob 

sich und schritt zum Gang. 

»Ob ich hier etwas Trinkbares bekommen kann?« fragte sie 

zögernd und wandte sich zu Jürgen um, der dicht hinter ihr stand 

– so dicht, daß sein Atem über ihren Kopf hinwegstreifte. 

Himmel, sie reichte diesem Riesen nur knapp bis zur Schulter! 

Und sie bildete sich doch immer ein, größer zu sein als die 

meisten Mädchen. Sie sagte ihm das, und er lachte. 

»Püppchen«, flüsterte er zärtlich, eilte den Gang entlang und war 

gleich darauf ihren Augen entschwunden. 

Rosmarie trat an das Fenster, und da sah sie ihn wieder. Er stand 

vor einer Erfrischungsbude und reichte dem bedienenden 

Mädchen eine Feldflasche zum Füllen hin. 

Jetzt reichte das Fräulein ihm die Flasche, und er eilte mit langen 

Sätzen zum Zug zurück. Unterwegs stieß er mit einem Herrn 

zusammen. 

»Hoppla, hoppla, junger Mann – man immer sachte mit den 

jungen Pferdchen! Meine Hühneraugen sind gar zu empfindliche 

Dingerchen.« 

Jürgen sah nicht auf und wollte mit einer höflichen 

Entschuldigung weiter, als er seinen Arm umfaßt fühlte. 

»Potztausend, wenn das nicht der Jürgen Frank ist?!« 

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Jetzt hob Jürgen den Blick – stutzte und lachte dann über das 

ganze Gesicht. »Herr Erdmann!« rief er erfreut. 

»Ja, Kerlchen, selbstverständlich! Da lasse ich schon ganz gern 

meine Hühneraugen mißhandeln, wenn ich dich so vor mir 

sehen darf, so frisch, so froh, daß einem das Herz im Leibe lacht. 

Doch zuerst mal guten Tag, Jürgen – muß ich etwa Sie sagen?« 

»Einen Augenblick.« 

Bevor Jürgen die Hand, die sich ihm so herzlich bot, ergreifen 

konnte, mußte er die seinen erst frei bekommen. Er stopfte alles 

in die Tasche, wobei er energisch den Kopf schüttelte. 

»Ich bleibe für Sie der Jürgen, Herr Erdmann.« 

Dann ergriff er endlich die ihm dargebotene Hand und schüttelte 

sie, daß Erdmann schmerzlich das Gesicht verzog. 

»Donnerwetter, Junge, hast du eine Faust – unter die möchte ich 

nicht einmal geraten! Und deine spätere Frau? Na, ich danke!« 

»Wird nur an hohen Fest- und Feiertagen angefaßt«, lachte 

Jürgen. 

»Wer dir das glaubt, du Draufgänger«, schmunzelte Erdmann. 

»Kannst du nicht einen Zug überspringen? Ich habe hier eine 

Kleinigkeit zu erledigen und fahre dann nach dem Mühlengrund 

zurück.« 

»Leider kann ich das nicht, Herr Erdmann, meine Eltern erwarten 

mich schon seit gestern. So muß ich denn eilen, denn der Mann 

mit der roten Mütze hebt erbarmungslos seinen Stab.« 

Sie schüttelten sich die Hände, Jürgen sauste davon, und 

Erdmann sah ihm schmunzelnd nach. 

Jürgen kam zum zweitenmal heute nur noch gerade zurecht, 

denn der Zug hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt, als er 

auf das Trittbrett sprang und Rosmarie ihm hilfreich die Hand 

entgegenstreckte. 

»Habe ausgerechnet auf diesem winzigen Bahnhof Herrn 

Erdmann getroffen«, lachte er sie an. »Doch nun kommen Sie, 

Kleinchen, damit Sie endlich Ihren Durst stillen können.« 

Rosmarie schaute sinnend zum Fenster hinaus, und die 

Erinnerung an ihre Jugend wurde wach. 

Sie sah sich als Kind – verzogen und verhätschelt von allen, die 

um sie waren. Ihr Beschützer war Jürgen, während Norbert die 

kleine Renate vergötterte. Er tat ihr jeden Willen und konnte es ja 

auch, denn die süße Reni hatte niemals unvernünftige Wünsche, 

was man von Rosmarie gerade nicht behaupten konnte. Sie war 

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ein kleines Trotzteufelchen und wollte hauptsächlich Jürgen 

unterjochen. Aber wenn der sich das nicht gefallen ließ, dann 

war sie höchst empört, zürnte ihm und wollte tagelang nichts 

von ihm wissen. 

Rosmarie lächelte, als sie an alles das dachte, und sah nun wieder 

zu Jürgen hin, dessen Augen listig funkelten. 

»Sie waren ja so versunken, Fräulein Haller – dachten Sie etwa an 

unsere Kinderkriege?« 

»Ja.« 

»Ich ebenfalls. Sind Sie immer noch ein so entzückendes 

Böckchen, in dessen Nähe es manchmal geradezu 

lebensgefährlich war?« 

»In dem Maße wohl nicht mehr«, lachte sie, während ihr dunkle 

Röte bis in die Stirn kroch. »Man hat mir in Berlin den Bock 

gehörig ausgetrieben, Herr Frank. Nicht mit Schlägen, nicht mit 

Schelten – mit Nichtachtung. Und die zu ertragen, ist 

vieltausendmal schlimmer als die kräftigsten Hiebe. – Doch wie 

ich sehe, nähern wir uns schon dem Bahnhof unseres 

Heimatstädtchens.« 

Das gleiche stellte auch Jürgen fest, sprang auf, suchte sein 

Gepäck zusammen und legte das ihre daneben. Dann hielt auch 

schon der Zug. 

»Ich habe nicht geschrieben, daß ich heute schon ankäme; ich 

wollte die Mama und Norbert überraschen.« 

»Das ist famos. Meine Eltern wissen nämlich auch nicht, wann 

ich eintreffe. Erwarten werden sie mich wohl zu jeder Stunde, 

doch den genauen Zeitpunkt kennen sie nicht.« 

Sie verließen den Zug und schritten über den Bahnsteig durch die 

Sperre. 

Jürgen und Rosmarie gingen durch die Straßen der Stadt. Vor 

jedem größeren Schaufenster blieben sie stehen, staunten alles an 

– sie, die doch aus Großstädten kamen. 

Aber dieses kleine Städtchen war eben etwas Besonderes, es war 

ihr Heimatstädtchen, nach dem beide sich längst gesehnt hatten. 

Zehn Minuten gingen Jürgen und Rosmarie schweigend 

nebeneinander her. Sie mochten nicht mehr sprechen, denn je 

mehr sie sich ihrem Zuhause näherten, um so erregter wurden 

sie. 

Hemmten dann schließlich den Schritt – denn vor ihnen auf der 

Anhöhe reckte sich die Windmühle empor. 

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Jürgen Frank verharrte unbeweglich. Die Augen wurden ihm 

feucht. 

Rosmarie stand neben ihm und wagte nicht, sich zu rühren und 

ihn in seiner Andacht zu stören. 

Jürgen wandte sich ihr langsam zu. Seine Augen leuchteten und 

strahlten. »Rosmarie – ist es nicht schön, wunderschön, ein 

solches Nachhausekommen?!« jauchzte er. 

Und mit einem Jauchzen, das ihm aus tiefstem Herzen kam, 

stürmte er den Mühlberg hinan und umfing einige Minuten 

später mit beiden Armen sein Mütterlein. 

Rosmarie folgte ihm nicht. Ganz still ging sie weiter, dem Tal zu. 

Sie wollte nicht bei diesem Wiedersehen stören. 

Und auch sie wollte nach Hause. 

Plötzlich war es ihr, als drücke eine harte Faust ihr das Herz 

zusammen. 

Ihre Mama – sie war doch so ganz anders als Mutter Frank. 

Wird sie mich auch so willkommen heißen wie Mutter Frank 

ihren »Jung«? dachte sie beklommen. 

Rosmarie ging hastig weiter. 

Der Mühlengrund war auch nicht mehr so, wie sie ihn in 

Erinnerung gehabt hatte. Vieles war hier neu und fremd. 

Und wer war der Mann, der ihr auf dem Fußsteig entgegenkam? 

»Norbert!«jubelte Rosmarie auf und hatte im Nu alles vergessen, 

was sie eben so seltsam bewegt. 

Schon hing sie am Hals des Überraschten, der sie fest in die Arme 

schloß. 

»Rosmarie – mein Schwesterchen.« 

Nun hob sie den Kopf, und die Geschwister sahen sich in die 

Augen – lange, forschend. 

Dann leuchtete es in Norberts Augen auf, er zog die Schwester 

wieder an sich. »Rosmarie – also du bist doch 

wiedergekommen.« 

»Mit solchen Gedanken hast du dich geplagt, du lieber, dummer 

Bruder?« sagte sie zärtlich. »Doch komm, gehen wir nun zur 

Mama.« 

Jetzt glitt ein Schatten über Norberts eben noch so strählendes 

Gesicht. Es wollte ihm schwer über die Lippen, was doch gesagt 

werden mußte. 

»Rosmarie«, begann er stockend, »die Mama ist sehr verbittert. 

Sie hat dich lieb, sehr lieb sogar, mein Kleines, das darfst du 

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nicht vergessen, wenn es manchmal auch anders aussehen sollte. 

Du hast mich doch verstanden, Rosmarie?« 

O ja, sie hatte verstanden – nur zu gut verstanden, und ein paar 

Tränen rollten über ihre Wangen. 

Nun wußte sie, daß es für sie kein so glückseliges 

Nachhausekommen geben konnte wie für Jürgen Frank. 

Doch sie hatte ja Norbert, ihren großen Bruder. 

Sie schritten Arm in Arm weiter. Dorthin, wo in einer breiten 

Straße unter anderen Häuschen ein schmuckes, zweistöckiges 

Gebäude stand. 

Die Geschwister schritten durch ein Vorgärtchen und stiegen die 

Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. 

Schon im Treppenhaus hörte Rosmarie der Mutter scheltende 

Stimme. 

Rosmarie stand niedergeschlagen und still da. 

»Komm, Rosmarie, alles hört sich von fern schlimmer an, als es 

in Wirklichkeit ist«, tröstete er sie. »Die Mama meint es gar nicht 

so böse, nach Minuten bereut sie ihre Heftigkeit bereits wieder.« 

Norbert drückte auf die Türklingel. 

Sofort wurde es drinnen still. Dann wurde die Tür geöffnet, und 

es klang ein ärgerliches: »Andermal kannst du auch den Schlüssel 

mitnehmen, Norbert!« Dann hatte Frau Haller Rosmarie 

entdeckt, stutzte – und öffnete die Arme weit. »Rosmarie – mein 

Kind!« 

»Laß dich mal erst richtig ansehen, Liebchen.« 

Sie schob das Mädchen mit den Armen von sich und betrachtete 

es sehr eingehend. 

»Du bist die Schönheit geworden, die ich bei meiner Tochter zu 

sehen erwartet habe«, stellte sie befriedigt fest. 

Schon war sie hinaus. Norbert nahm Rosmarie Mantel und 

Mütze ab, legte beides auf den nächsten Stuhl und zog die 

Schwester in die Arme. 

»Willkommen, Schwesterchen, zu Hause«, sagte er zärtlich. 

»Mußt du die Mama eben nehmen, wie sie ist. Mußt nie 

vergessen, daß sie seit Vaters Heimgang nicht eben auf Rosen 

gebettet war. Wir leben sehr karg, es reicht oft kaum zum 

Notwendigsten.« 

Weiter konnten die Geschwister nicht miteinander sprechen, 

denn die Mutter kam zurück. 

»Ich habe das Kaffeewasser bereits aufgesetzt«, berichtete sie 

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aufgeräumt. »Else holt Kuchen, und dann werden wir die 

Ankunft unseres Töchterleins ein wenig festlich begehen. Warum 

hast du dich nicht angemeldet, mein Mädelchen? Ich erwartete 

dich erst morgen.« 

»Ursprünglich wollte ich auch erst morgen kommen. Dann 

besann ich mich jedoch darauf, daß am ersten Oktober das 

fünfzigjährige Bestehen der Mühlenwerke gefeiert wird. Darum 

habe ich mich schon einen Tag früher freigemacht, um mitfeiern 

zu können.« 

»Daran hast du recht getan, mein Kind.« 

Wieder ging sie hinaus; die Geschwister waren still. Bis Rosmarie 

endlich sagte: »Die Mama ist alt geworden, Norbert.« 

»Das ist sie, Kleines, und ihre Nerven sind verbraucht. Sie tut mir 

leid, und ich habe mir von deiner Heimkehr viel für sie 

versprochen, Schwesterchen.« 

»Ich werde selbstverständlich alles tun, was ich kann, Norbert.« 

»So vergingen die Jahre. Nun, ich beklage mich deshalb nicht, es 

ist mir recht gut bekommen. Was ich bisher an Vergnügungen 

versäumt habe, das läßt sich nachholen, ich bin ja noch so jung.« 

In dem Versandhaus der Erdmannschen Mühlenwerke herrschte 

reges Leben und Treiben. Fleißige Hände hatten hier einige 

Räume blitzblank gescheuert und alsdann ausgeschmückt; denn 

heute sollte ein Fest stattfinden, auf das sich jung und alt in .den 

Mühlenwerken freute. 

Man hatte diese Räume zum Feiern ausersehen, weil sie groß 

waren. In dem Mühlengrunder Herrenhaus hätten die erwarteten 

Gäste nicht Platz gehabt, denn zu dem Freudenfest kamen die 

Mühlengrunder Einwohner sozusagen mit Kind und Kegel. 

Fünfzig Jahre waren es nun her, seitdem der Vater Herrn 

Erdmanns mit seiner Wassermühle den Grundstock zu den 

heutigen Mühlenwerken gelegt hatte. 

Der größte Raum war zum Tanzsaal bestimmt, und der 

blitzblank gebohnerte Fußboden sah verlockend genug aus. 

Einige kleinere Zimmer waren mit Tischen bestellt und dazu 

ausersehen, weniger tanzlustigen Leutchen als gemütlicher 

Aufenthalt zu dienen. 

In einem dieser Räume saßen Benno und Waldemar. Man hatte 

sie dahin verwiesen, weil, wie Renate lachend behauptete, sie 

überall störten. 

Beide waren bereits im Smoking, denn der Frack war heute nicht 

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angebracht. 

Während Benno sich mißmutig auf seinem Stuhl rekelte, ließ 

Waldemar keinen Blick von dem Nebenzimmer, in dem Renate 

mit Hilfe des alten Dieners Girlanden um zwei Lehnstühle wand, 

die für das Jubelpaar bestimmt waren. 

Herr Erdmann stand neben Renate, auch schon in Wichs, wie er 

lachend sagte, und strahlte über das ganze Gesicht. 

Waldemar winkte unwillig. »Schau, da kommen schon die ersten 

Gäste – pünktlich wie die Maurer. Sehen übrigens ganz 

annehmbar aus.« 

»Warum sollten sie nicht«, maulte Benno verdrießlich. »Sie 

beziehen ja auch Gehälter danach. Der Alte ist in der Beziehung 

sehr großzügig; ich wünschte nur, er wäre es auch zu mir.« 

»Na, hör einmal, Benno, du kannst dich doch wirklich nicht 

beklagen!« entrüstete sich Waldemar. »Ich finde deinen Vater 

sehr freigiebig; meiner ist es lange nicht in dem Maße.« 

»Na ja, halte du nur auch noch Volksreden und nimm mir den 

letzten Rest der Stimmung«, brummte der Sohn des Hauses. 

»Sieh dir lieber deinen heimlich angebeteten Schwarm an, wie er 

vor Liebenswürdigkeit förmlich zerfließt.« 

Er wies mit einer Kopfbewegung nach Renate hin, die die Gäste 

herzlich begrüßte. 

»Beneidenswerte Leute«, seufzte Waldemar, »zu mir ist sie nie so 

herzlich.« 

Es blieb ihm jedoch keine Zeit, seinem Kummer weiter 

nachzuhängen; denn es kamen immer mehr Gäste, und es gab 

nun viel zu sehen und zu beobachten. 

»Wer ist denn das?« fragte er den Freund interessiert und zeigte 

nach dem Frankschen Ehepaar hin, das soeben den Saal betreten 

hatte – sehr feierlich, sehr würdig. Er im gutsitzenden Gehrock, 

sie im rauschenden schwarzen Seidenkleid. Der goldene Kranz, 

den Renate der alten Frau am Morgen gebracht, funkelte in dem 

weißen Haar. 

»Das ist das Jubelpaar«, entgegnete Benno gelangweilt. 

»Die Müllerleute?« 

»Na, wer denn sonst?« 

»Die habe ich mir ganz anders vorgestellt, lange nicht so würdig. 

Und die beiden Herren hinter ihnen, sind das Privatgäste?« 

»Keine Spur, die gibt es hier heute nicht – leider! Daher wird es ja 

auch zum Auswachsen langweilig werden. Der Jüngling ist 

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Norbert Haller, ein Buchhalter von uns. – Und der andere Bengel 

– der andere? Ach, richtig, das wird Jürgen Frank sein, der Sohn 

des Jubelpaares.« 

»Na, so was!« staunte Waldemar immer mehr. »Das ist ja eine 

Erscheinung, die Aufsehen erregen muß.« 

»Dann gib nur recht auf deine Renate acht«, grinste Benno, doch 

Waldemar bemerkte es nicht. 

»Sieh nur, wie er angezogen ist«, wunderte er sich weiter. »Der 

Smoking, die Lackschuhe – und überhaupt so. Und schau mal 

die Leutchen – alle Achtung!« 

Soeben betrat Frau Haller mit ihrer Tochter den Saal. Die alte 

Dame, in silbergrauer Seide, sah sehr stattlich aus. Sie hätte noch 

besser gewirkt, wenn ihre Aufmachung nicht zu jugendlich 

gewesen wäre. 

Und neben ihr schritt – nein, schwebte – ein elfenzartes, 

wunderfeines Wesen, schneeweiß gekleidet; das flimmernde 

Köpfchen hocherhoben tragend wie eine kleine Königin. 

»Donnerwetter!« entfuhr es dem verblüfften Benno. »Wie kommt 

dieser Glanz in unsere Hütte?! Die silbergraue Dame ist Frau 

Haller, das steht fest – also muß dieses Märchenwesen ihre 

Tochter Rosmarie sein.« 

Benno war plötzlich wie umgewandelt. 

»Die muß ich mir aus der Nähe ansehen. Kommst du mit, 

Waldemar?« 

»Selbstverständlich, ich muß doch dabeisein, wenn es dir so 

gehörig wie eben jetzt an Kopf und Kragen geht«, lachte der 

Freund. 

Benno verzog das Gesicht und steuerte rasch auf Rosmarie zu, 

um sie zu begrüßen. Doch Renate kam ihm zuvor; denn sie eilte 

der Freundin bereits mit ausgebreiteten Armen entgegen. 

»Rosmarie, Liebste, endlich sehen wir uns wieder!« Dann 

begrüßte sie Frau Haller und Norbert – und lachte dann zu 

Jürgen Frank auf. »Wenn ich mich nicht irre, dann ist dies…« 

»Jawohl, gnädiges Fräulein, er ist es«, entgegnete Jürgen mit 

seiner sonoren Stimme. 

»Jürgen, du bist wohl närrisch!« lachte Renate hellauf. 

Er beugte sich zu ihr hinab, und seine Augen blitzten. »Renate – 

kleine Reni.« 

»Na also«, lachte sie vergnügt. 

Ach, es war seit gestern ein Wirrwarr in ihrem Herzen, in dem sie 

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sich nicht mehr zurechtfand. 

Dann stand Benno Nieritz vor ihr, so plötzlich und so 

unerwartet, daß sie zusammenzuckte. Eben nickte er Jürgen und 

Norbert gönnerhaft zu. 

»Tag, Frank, Tag, Haller – nun, wie schaut’s?« 

Und nun hatte er auch schon Rosmaries Hände gepackt, und sie 

fühlte seinen heißen Atem ihre Haut streifen. Wenn sie nur ihre 

Hände aus den weichen, glühenden Bennos lösen könnte. Zu 

auffallend durfte sie es aber nicht tun; denn sie sah viele 

Augenpaare auf sich gerichtet und mußte Haltung bewahren. 

»Rosmarie, welche Überraschung!« Schmeichelnd war seine 

Stimme. Bewundernd seine Blicke. 

Empörung stieg in ihr auf. Was fiel dem Burschen ein, sie in so 

zutraulicher Weise zu begrüßen! 

Wenn er sich bei Norbert und Jürgen nicht auf die alte 

Kinderfreundschaft besonnen hatte – warum bei ihr? 

Hilflos ging ihr Blick umher und blieb auf Jürgen haften, der ihr 

zunickte, als wollte er sagen, daß sie nicht unbeschützt sei. 

Da wurde Rosmarie ruhig, lachte sogar und befreite ihre Hände 

aus den festumklammernden Fingern Bennos. »Herr Nieritz«, 

staunte sie, »ich habe Sie im ersten Augenblick tatsächlich nicht 

erkannt.« 

»Rosmarie, weißt du denn nicht mehr, wie ich heiße?« fragte er 

vorwurfsvoll. 

»Doch – aber ich habe kein Recht mehr, Sie so vertraulich 

anzureden, Herr Nieritz – wir sind keine Kinder mehr«, 

entgegnete sie liebenswürdig, aber ablehnend zugleich. 

Benno biß sich ärgerlich auf die Lippen… 

In dem zum Tanzsaal eingerichteten Raum standen schon die 

Gäste und hielten vor Spannung den Atem an, als Herr Erdmann 

ihn betrat. Männer, Frauen und Kinder, Jungmädel und Burschen 

standen hier dichtgedrängt nebeneinander. 

Herr Erdmann begab sich zu dem erhöhten Platz, der eigens für 

ihn errichtet worden war, und gedachte des Jubelpaares. Dankte 

Wilhelm Frank mit bewegten Worten. 

Er überreichte dem alten Mann als Ehrengabe eine Brieftasche, 

die zehn funkelnagelneue Hundertmarkscheine enthielt. 

Dann dankte Wilhelm Frank seinem gütigen Chef mit kurzen, 

schlichten Worten. Mutter Frank war so gerührt, daß ihr die 

hellen Tränen über die Wangen liefen. Und Jürgen strahlte der 

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Stolz auf seine alten Eltern nur so aus den Augen. 

Rosmarie mußte ihn unausgesetzt ansehen und freute’ sich mit 

ihm. Obgleich diese strahlenden Blicke gar nicht ihr galten, 

trafen sie doch mitten in ihr Herz hinein. 

Nun nahm der Chef wieder das Wort. Er wies auf das 

fünfzigjährige Bestehen der Werke hin. 

Zuletzt bat Herr Erdmann seine Gäste, sich heute recht nach 

Herzenslust zu tummeln. . 

An dem »Ehrentisch« ging es lebhaft zu. Herr Erdmann hatte Frau 

Haller gebeten, an seiner Seite Platz zu nehmen. 

Benno hatte sich rasch an Rosmaries Seite niedergelassen. 

Waldemar saß neben Renate. 

»Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen ein Glas Sekt holen?« 

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Jetzt schon, Herr Kyd? Nun, da 

würde ich bald arg aussehen! Aber ein Glas Bier möchte ich gern 

trinken.« 

Schon war er davon und kam nach kurzer Zeit wieder. Trug zwei 

gefüllte Seidel in der Hand, von denen er eines Renate reichte. Sie 

lachte übermütig. 

Renate fühlte sich heute so froh und frei wie noch nie in ihrem 

Leben. 

Rosmarie ging es nicht anders, aber bei ihr war dieses Gefühl 

durchaus berechtigt; denn ihr gegenüber saß Jürgen. 

Rosmarie mußte die Augen schließen unter seinem strahlenden 

Blick, der ihr tief ins Herz hineinleuchtete und alles darin in 

Aufruhr brachte. 

Jürgen – ihr Jürgen – der liebste Gefährte ihrer Kindheit. 

»Rosmarie, du hörst ja gar nicht auf das, was ich sage«, klang es 

leise an ihr Ohr. 

Sie wandte den Kopf und schaute in Bennos Augen hinein – in 

diese flimmernden, begehrlichen Augen. Sein Gebaren widerte 

sie an; sie schob ihren Stuhl ein wenig zur Seite und sah plötzlich 

sehr hochmütig aus. 

»Herr Nieritz – ich möchte dringend bitten!« sagte sie laut. Sie 

sah nicht ein, warum sie flüstern sollte wie er. 

»Selbstverständlich – ich vergesse immer…«, tat er zerknirscht. 

»Haben Sie doch Nachsicht mit mir, Rosmarie!« 

Rosmarie ließ ihn nicht aussprechen, sie lachte auf. »Reden Sie 

doch keinen Unsinn, Herr Nieritz – Sie glauben ja selbst nicht 

daran. Renate, hat dein Bruder heute etwa schon die Festweine 

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gekostet?« 

»Mag schon sein«, gab das Müllerstöchterlein, einen Seitenblick 

auf Waldemar werfend, zu. »Herr Kyd scheint ihm übrigens dabei 

Gesellschaft geleistet zu haben, er ist heute nämlich auch so – 

merkwürdig.« 

»Fräulein Haller, Sie haben doch nicht etwa vergessen, daß der 

erste Tanz mir gehört?« fragte Jürgen in aller Seelenruhe über den 

Tisch hinweg. 

Benno wußte im Augenblick nicht, wie er sich hier verhalten 

sollte und sagte mit näselnder Stimme: »Mein Lieber, Sie 

scheinen nicht zu wissen, daß der erste Tanz dem Tischherrn 

gehört, wie?« 

Doch Jürgen ließ sich nicht verblüffen. Er lachte Benno 

liebenswürdig an und meinte: »Wenn bei Festlichkeiten eine 

Tischordnung besteht, dann ist es allerdings üblich, daß der 

Tischherr seine Dame zum ersten Tanz führt. Doch hier kann von 

einer Tischordnung wohl kaum die Rede sein. Jedenfalls hat 

Fräulein Haller mir bereits gestern im Zug den ersten Tanz 

versprochen«, schwindelte er auf gut Glück los, Rosmarie dabei 

keck anlachend. 

Sie war einen Augenblick lang verdutzt. Dann aber hatte sie 

begriffen. Die Achseln zuckend, wandte sie sich an Benno. »Ja, da 

ist halt nichts zu machen«, bedauerte sie scheinheilig und sandte 

einen Blick des Einverständnisses zu Jürgen hin, den dieser mit 

einem strahlenden Gegenblick vergalt. 

»Ihr seid mir schon eine Bande«, schmunzelte Herr Erdmann, der 

sich recht von Herzen wohl fühlte, wenn er viel Jugend um sich 

hatte. Er konnte sich mit dem »jungen Gemüse«, wie er die junge 

Welt nannte, so von Herzen mitfreuen. 

Auch Frau Haller war heute ganz in ihrem Fahrwasser. 

Benno und Rosmarie – wenn die sich finden würden, dann 

könnte auch ihr Leben noch einmal schön und rosig werden. 

Und warum nicht, dachte Frau Haller. Ist Rosmarie nicht ein 

wunderschönes Mädchen, das wohl einen Mann fesseln kann? 

Eine gute Erziehung hat sie genossen, aus gutem Haus ist sie 

auch. 

Fehlt also nur noch Geld. Na – und davon haben Erdmanns 

doch, weiß Gott, genug, da braucht der einzige Sohn keine reiche 

Heirat zu schließen. 

Einmal hatte sich allerdings schon eine Hoffnung, die sie tief im 

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Herzen gehegt, zerschlagen. Das war, als Norbert aus Königsberg 

nach Hause kam, – da hatte sie sich in den kühnen Träumen 

gewiegt, daß aus ihm und Renate ein Paar werden könnte. Sie 

hatten doch als Kinder so sehr aneinander gehangen und wären 

doch wirklich ein Paar nach dem Herzen Gottes gewesen. 

Aber Norbert war zu wenig berechnend, war zuwenig lebensklug. 

Hatte zu viele Ideale und zu wenig Wirklichkeitssinn – leider! 

Den Traum, ihren Jungen als Schwiegersohn Erdmanns zu sehen, 

hatte sie also blutenden Herzens begraben müssen. 

Und auch jetzt benahm sich Norbert wie ein rechter Dummkopf. 

Träumte weiter in den Tag hinein und ließ sich das 

Goldfischchen kampflos von diesem Kyd wegschnappen, er, der 

doch kraft der Kinderfreundschaft viel ältere Rechte an Renate 

hatte als dieser plötzlich aufgetauchte Freier. 

Nein, aus diesem vertrottelten Jungen wurde nichts mehr, da 

konnte sie jede Hoffnung aufgeben. Also war Rosmarie ihre 

ganze Hoffnung. 

Ihre Gedanken gingen noch weiter, beschäftigten sich sogar mit 

ihrer eigenen Person. War sie nicht noch ansehnlich und hübsch? 

Sie mußte nur die richtigen Kleider haben – oho, dann nahm sie 

es noch mit der Jüngsten auf! 

Und Herr Erdmann zählte erst zweiundfünfzig Jahre. Er fühlte 

sich gewiß vereinsamt, seit dem frühen Tod seiner Frau. Wenn 

man immer mit ihm zusammen sein könnte – jeden Tag… 

Ach ja, Frau Haller träumte gar stolze, kühne Träume. 

Sie schrak plötzlich auf, als Herr Erdmann, mit dem sie sich doch 

gerade so eingehend beschäftigte, sie ansprach. 

»Sehen Sie nur meinen Bengel an, Frau Haller!« schmunzelte er. 

»Aber einen guten Geschmack hat er, die kleine Rosmarie könnte 

mir auch gefallen.« 

»Damenwahl!« verkündete der Geiger. Und da waren die 

Weiblein Feuer und Flamme. 

Damenwahl‹ ist nun einmal ein aufreizendes Wort. Da 

bekommt auch das dauerhafteste Mauerblümchen, das 

beharrlich die Wand des Tanzsaales ziert, einen Tänzer. Denn – o 

Wonne! – es darf sich sogar den Herrn, mit dem es zu tanzen 

wünscht, aussuchen. 

So gab es denn ein eifriges Suchen und Drängen, und der sehr 

große Tanzsaal schien noch zu klein, um alle Paare aufnehmen 

zu können. Alles mußte tanzen, keiner blieb verschont. 

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Alte und Junge, Mädchen und Burschen, Frauen und Kinder, alles 

drehte sich vergnügt im Kreis, ließ sich schieben und drängen. 

Es war gar zu schön! 

Das fand auch Jürgen Frank. 

»Also komm, kleines Mädchen, schunkeln wir los«, meinte er 

vergnügt und wollte Rosmarie umfassen, doch sie sträubte sich. 

»Wer sagt dir, daß ich mir nicht einen anderen Tänzer holen 

will?« fragte sie kampflustig. 

Doch er blitzte sie nur mit seinen gefährlichen Augen siegessicher 

an. »Das bekommst du ja doch nicht fertig, Fräulein Rosmarie 

Haller, zukünftige Frau Rosmarie Frank.« 

»Jürgen, du bist mir zu selbstbewußt.« 

»Nein Süße – nur sehr, sehr glücklich.« 

Sogar Herr Erdmann tanzte, und zwar mit Frau Haller. 

Auch Renate wollte sich unter den vielen Jünglingen, die mit ihr 

getanzt hatten, einen Partner aussuchen. Da sah sie an einem 

Fenster des Saales Norbert Haller stehen. Sie stutzte und trat 

dann kurz entschlossen auf ihn zu. 

»Aber Norbert, ganz allein? Und so traurig, wo alles kreuzfidel 

ist? Tanzt du denn nicht?« 

»Doch – sehr gern sogar.« 

»Und dann stehst du einsam und verlassen da?« 

»Es ist doch Damenwahl, Renate – mich mag eben keine«, 

entgegnete er halb lachend, halb trübselig. 

»Ach, du Armer«, lachte sie und versank vor ihm in einem tiefen 

Knicks. »Darf ich bitten, du Mann, den niemand mag?« 

Da leuchteten seine schwermütigen Augen auf, und er führte sie 

in die Mitte des Saales. 

Norbert legte seinen Arm um Renate – leicht, behutsam, als 

berühre er eine Kostbarkeit. 

Renate wurde hin und her gestoßen. Doch sie war nicht 

empfindlich, lachte glückselig zu Norbert auf, der sie geschickt 

um alle Klippen herumführte, so gut es in dieser Brandung gehen 

wollte. 

Er tanzte ohne Fehl und Tadel, war selbst in diesem Gedränge 

ängstlich bemüht, die erforderliche Haltung zu wahren, und 

Renate ärgerte sich über ihn. 

Er war doch früher nicht so stocksteif gewesen – was hatte er nur? 

Als er vor einigen Monaten ihr nach jahrelanger Trennung wieder 

begegnet war, hatte er sich höchst eigentümlich benommen. 

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Niemals konnte sie ihn allein sprechen, da er ihr geflissentlich 

aus dem Weg ging. War keiner Einladung, die aus dem 

Herrenhaus des öfteren an ihn ergangen war, gefolgt, sondern 

hatte immer eine Ausrede gefunden. 

Forschend ging ihr Blick zu ihm hoch; und sie erschauerte. 

Denn in seinen Augen lag ein solcher Schmerz. 

Aller Groll, den sie in letzter Zeit gegen ihn gehegt, war mit 

einem Male dahin. Nun war es ihr klar, daß er um irgend etwas 

litt. 

Sie wollte Norbert bitten, den Tanz zu beenden, und sagte doch 

kein Wort, die Kehle war ihr wie zugeschnürt. 

Nun verstummte die Musik, augenblickslang nur, um gleich mit 

einer Kreuzpolka wieder zu beginnen. 

Und dann ging es los. Wie schwenkte der alte Müller die Beine, 

wie flog der schwere Seidenrock der Mutter Frank! 

Sie tanzten ganz allein, denn niemand der Anwesenden wollte es 

sich entgehen lassen, dieses greise Paar sich im Kreis drehen zu 

sehen. 

Jürgen bahnte sich, als der Tanz beendet war, energisch einen 

Weg durch die Menschenmauer, stand dann vor seinen Eltern, 

und seine Augen blitzten. Umfaßte beide zugleich. 

»Potztausend, Alterchen, da kann sich ja euer Sohn verstecken! 

Da muß er sich bemühen, um mit euch Schritt zu halten.« 

Dann eilte man allgemein dem Ausgang zu, denn der eine 

Musiker hatte eine längere Tanzpause angesagt. Die wollte man 

benutzen, um sich tüchtig zu laben an Speise und Trank. 

So vernachlässigt die langen Tische mit den Delikatessen 

während der letzten Stunden gewesen waren, so sehr bestürmte 

man sie jetzt. Man hatte Hunger und Durst bekommen, und so 

war jeder darauf bedacht, sich gut und reichlich zu stärken und 

zu laben. 

Am »Ehrentisch« hatten sich alle, die an ihn herangehörten, 

wieder zusammengefunden. 

Rosmarie ließ sich ihr Glas füllen und holte sich auch noch 

einige Leckereien. 

Benno wich nicht von ihrer Seite. 

Es dauerte lange, bis Rosmarie wieder zum Tisch zurückkehren 

konnte; denn sie stieß überall auf Menschen, die ihr noch von 

früher bekannt und vertraut waren und die sie nun anhielten, 

sich nach ihrem Ergehen erkundigten und sie nach diesem und 

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jenem fragten. 

Als sie endlich wieder an ihren Tisch zurückkam, lagen auf ihrem 

Platz drei blutrote Rosen, die zu ihr emporflammten wie ein 

heimlicher, zärtlicher Liebesgruß. 

Diese Rosen konnten nur von dem Einen stammen, der jedoch 

harmlos und unwissend tat, keinen Blick für sie hatte und in 

seiner liebenswürdigen, unwiderstehlichen Art die ganze 

Tischrunde unterhielt. 

Rote Rosen – Rosen der Liebe – es waren die ersten, die sie in 

ihrem jungen Dasein empfing! 

Und noch dazu von dem Mann, den sie liebte – schon immer 

geliebt hatte. 

Zart und unendlich behutsam, als berührte sie eine Kostbarkeit 

von unermeßlichem Wert, nahm sie die Rosen auf – neigte das 

Antlitz über sie, streifte sie mit den Lippen – und ließ den 

aufstrahlenden Blick hinschweifen zu dem Mann, der 

vollkommen gelassen dasaß und ganz unwissend tat. 

So still, so heimlich war das alles geschehen, daß es sogar den 

argwöhnischen Blicken Bennos entgangen war. Er bemerkte die 

Rosen erst, als sie an des Mädchens schneeweißem Kleid steckten. 

»Rosmarie, woher haben Sie denn die Rosen?« fragte er 

verwundert. 

Sie lachte. »Da Sie mir keine geschenkt haben, so muß ich sie mir 

eben selbst besorgen«, neckte sie ihn übermütig, und er biß sich 

auf die Lippen. 

Selbstverständlich stammten sie von keinem anderen als von 

Jürgen Frank! Nun, dem wollte er schon noch zu verstehen 

geben, daß er Rosmarie keine roten Rosen zu schenken hätte. 

Aber noch jemand wußte um das Geheimnis der Rosen – Frau 

Haller. Denn sie hatte gleich bemerkt, daß Jürgen sie gebracht – 

unauffällig, heimlich – und doch für ihre argwöhnischen Blicke 

deutlich bemerkbar. 

Frau Haller ergrimmte immer mehr und saß mit einem so 

wütenden Gesicht da, daß niemand sie anzusprechen wagte. 

Schließlich beachtete man sie nicht mehr. 

Jetzt gab es auch keine Pflichttänze mehr, jetzt hatte sich jeder 

seine Ballkönigin erwählt und tanzte nur noch mit ihr. 

Und wer war froher darüber als Jürgen? 

Als er mit Rosmarie dicht an den Musikern vorüberkam, 

bemerkte einer dieser die Rosen an des Mädchens Kleid. Er 

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blinzelte seinen Kollegen zu – und mitten aus einer 

Walzermelodie stieg eine andere, noch nie gehörte auf: 

 
»Drei Rosen hast du einmal 

mir aus Liebe geschenkt, 
Rosen – blutrote Rosen…« 

 

sangen die Musiker den Text dazu, und alle Tanzenden horchten 

auf. Die Stimmen schmeichelten, die Geigen sangen zärtlich und 

süß. 

»Rosmarie, ich liebe dich – liebe dich bis zum Wahnsinn«, 

flüsterte Jürgen, und sie sah zu ihm auf – zärtlich, befangen, 

traumverloren. 

Als die Musik schwieg, erwachten alle wie aus einem 

wunderherrlichen Traum. 

»Ich möchte nach Hause«, sagte Rosmarie leise. »Nach alldem 

traumhaft Schönen soeben peinigt mich alles hier.« 

»Das glaube ich dir, mein Lieb; mir geht es nicht anders. Wollen 

wir nach Hause gehen, ja? « 

Sie nickte und schritt ihm voran zum gemeinsamen Tisch. Da 

hatte die Fröhlichkeit auch schon abgenommen, und Rosmarie 

sowie Jürgen stießen auf keinen Widerstand, als sie vom 

Nachhausegehen sprachen. 

So schlich man sich leise von dannen. 

Die Bewohner des Herrenhauses verabschiedeten sich gleich vor 

der Tür, denn sie hatten den entgegengesetzten Weg; doch die 

Familien Frank und Haller gingen noch ein Stückchen 

zusammen. Dann verabschiedeten sich auch Franks und stiegen 

den Mühlberg hinan, während Hallers ihrem Haus zugingen. 

Sie schritten schweigend dahin, jeder mit sich selbst beschäftigt. 

Sprachen auch noch nicht, als sie das Wohnzimmer betraten. 

Doch als Rosmarie mit einem leise Gutenacht in ihr Kämmerlein 

gehen wollte, da hielt die Mutter sie zurück. 

Stand vor der Tochter in all ihrer Stattlichkeit, sie um halbe 

Haupteslänge überragend. Ihr volles Gesicht war krebsrot, und 

die Stimme klang heiser und kehlig. 

»Rosmarie, du hast dich heute unglaublich benommen«, stieß 

sie, sich vorläufig zur Ruhe zwingend, hervor. »Nicht wie eine 

Tochter mit guter Erziehung, sondern wie ein x-beliebiges 

hergelaufenes Mädchen!« 

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»Mama!« bat Rosmarie erschrocken, und ihre Augen füllten sich 

langsam mit Tränen. »Was habe ich denn Böses getan?« 

»Was du getan hast?!« fragte die Mutter, und ihre Stimme wurde 

schon erheblich lauter. »Du hast diesen Müllerbengel 

angeschmachtet bis zur Lächerlichkeit, während du dich Herrn 

Nieritz gegenüber wahrhaft unerhört benahmst.« 

Rosmarie stand wie erstarrt. Sie hatte keinen Blutstropfen im 

Gesicht, und ihre Lippen zitterten. Norbert hatte sich abgewandt, 

hielt die Augen mit der Hand beschattet und verharrte 

regungslos. Und die Frau, der es langsam gelungen war, ruhig zu 

werden, ergrimmte dieser Anblick aufs neue. 

Ihr Blick fiel auf die Rosen, die Rosmarie am Herzen hielt – so 

behutsam, so zart, sie schützend wie ein Heiligtum. Diese Rosen, 

über die die erbitterte Frau sich schon den ganzen Abend über 

geärgert hatte, so ängstlich und zärtlich behütet zu sehen, nahm 

ihr auch den letzten Rest von Beherrschung. 

Mit einem Satz war sie bei der Tochter, riß ihr die Rosen aus der 

Hand und schleuderte sie zu Boden, daß die Blätter nur so 

umherflatterten. 

»So, da gehören sie hin – diese Boten der Liebe«, höhnte sie, die 

in diesem Augenblick einer Megäre glich. »Ich wünsche nicht, 

daß du von diesem Prahlhans noch irgend etwas annimmst, hast 

du mich verstanden? Sonst läufst du Gefahr, daß ich ihn ganz 

gehörig in seine Schranken zurückweise!« 

Rosmarie schien gar nicht zu hören, was die Mutter schrie. Sie 

stand da, als wäre kein Leben in ihr. 

Eine Rose war an der Tischdecke hängengeblieben – nun fielen 

die Blätter zu Boden, ganz langsam, Stück für Stück, und das 

Mädchen hatte das Gefühl, als wäre es ihr Herzblut, das da 

vertropfte. 

Jetzt hob sie den Blick, sah die Mutter an. Es war ein so weher, 

herzzerreißender Blick, daß er selbst dieser Mutter unbequem 

wurde. 

»Ja, nun tu nur so, als hätte man dir ein großes Unrecht 

zugefügt«, schalt sie aufs neue, um ihr Gewissen, das sich nun 

doch regte, zu ersticken. 

Rosmarie antwortete auch darauf nichts, taumelte vorwärts wie 

eine Schwerkranke, kniete auf den Fußboden nieder und las mit 

bebenden Händen die Rosenblätter auf. 

Nun war auch das letzte Blatt gesammelt und Norbert hob sein 

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Schwesterchen vom Boden auf, umfaßte die noch immer 

bebende Gestalt. 

»Komm, Rosiliebchen, ich bringe dich nach deinem Zimmer.« 

»Das reinste Affentheater«, knirschte die Mutter und sah ihren 

Kindern nach, wie sie im Nebenzimmer verschwanden. 

Nach einigen Minuten kam Norbert zurück, und nun richtete 

sich der Mutter Wut gegen ihn. 

»Wenn ich dir eine Last bin, Mama, dann kann ich mir ja eine 

andere Bleibe suchen«, sagte er tonlos. 

Aber das war ihr auch wieder nicht recht. Sie brach in Tränen aus. 

»Gewiß, tue auch das noch! Du kannst mich ja eigentlich nicht 

mehr enttäuschen, als du es schon getan hast.« 

Sie hielt inne, denn der Sohn hatte das Zimmer verlassen. 

Klipp-klapp – klipp-klapp – machte die alte Windmühle und 

drehte ihre mächtigen Flügel geschäftig im Kreise – unermüdlich 

immerzu. 

Es war noch früh am Morgen, und unten im Mühlengrund lag 

noch alles im tiefen Schlaf. An den kleinen Häuschen sah man 

überall geschlossene Fensterläden, und auch im Herrenhaus 

lagen die Läden noch dicht vor den Fenstern. 

Jedermann hatte sich auf dem gestrigen Freudenfest müde 

getanzt und benutzte nun den arbeitsfreien Tag, um erst mal 

gründlich auszuschlafen. 

Nur der alte Windmüller tat das nicht. Zwar hatte er heute eine 

Stunde länger im Bett zugebracht als sonst, aber damit war 

seinem Ruhebedürfnis vollkommen Genüge getan. 

Ihm kam der arbeitsreiche Tag sehr gelegen, denn in der Mühle 

gab es noch viel fremdes Korn, das er heute zu Mehl mahlen 

konnte. Der günstige Wind machte ihm seinen Vorsatz leicht, 

und befriedigt ging Wilhelm Frank seiner Lieblingsbeschäftigung 

nach. 

Seine Frau war auch schon auf und hantierte in der großen Stube 

herum, ganz leise, ganz behutsam, um den schlafenden Sohn 

nicht zu wecken. 

Diese Rücksichtnahme wäre jedoch nicht nötig gewesen, Jürgen 

war schon erwacht, durch das Geklapper der Mühle. 

Und wie schön war dieses Erwachen für ihn! Mit einem Satz war 

er aus dem Bett, zog sich notdürftig an und schloß dann erst mal 

sein Mütterlein in die Arme, das ihn zärtlich schalt ob seines 

Ungestüms. 

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»Schlaf doch noch, Jung’«, riet sie ihm. »Die Ruhe tut dir wirklich 

not. Ganz schmal bist du geworden.« 

»Das ist nur gut, Mutterchen«, lachte er vergnügt. »Überflüssiges 

Fett kann ich nicht gebrauchen, das macht denkfaul und träge.« 

»Recht so, Jung’«, bekräftigte der alte Müller, der soeben die 

Stube betrat. »Müßtest ja auch nicht unser Sohn sein, wenn du 

die Trägheit über dich Herr werden lassen wolltest. Und nun 

dalli, angezogen – mein Magen verlangt sehr entschieden nach 

Frühstück.« 

Jürgen ließ sich von der Mutter Handtuch und Seife geben, 

versprach, sich zu beeilen, und ging nach draußen zum Brunnen. 

Der Herbstmorgen war unvergleichlich schön. Eben stieg die 

Sonne am Horizont empor. Der Rauhreif, der in der Nacht 

gefallen war, lag noch unberührt auf Wiesen und Bäumen. 

Jürgen Frank sah das alles mit leuchtendem Blick. Hatte schon zu 

unzähligen Malen dieses Naturschauspiel erlebt, und sich nach 

seinem Anblick krankgesehnt, da draußen in der Fremde. 

Sein Blick suchte das Haus, in dem er sein Mädchen wußte. 

Ruhig und still lag es im Licht der Morgensonne da. Sie schlief 

wohl noch, seine süße Kleine, und träumte sicherlich von – ihm. 

Ein solches Glücksgefühl durchflutete sein Herz, daß er 

aufjauchzen mußte, so recht froh und unbeschwert in den 

herbstfrischen Morgen hinein. 

Dann eilte er seiner Mutter entgegen, die soeben in die Haustür 

trat, um den Sohn zum Frühstück zu holen. 

Immer höher stieg die Sonne empor, und unten im 

Mühlengrunde öffneten sich nach und nach die Fensterläden. 

In dem Herrenhaus lag Renate schon seit Stunden wach. Sie hatte 

in dieser Nacht überhaupt keinen so festen Schlaf finden können 

wie sonst. Die Hände hinter den Kopf geschoben, den Blick auf 

das Fenster gerichtet, durch dessen heruntergelassene Rolläden 

sich Sonnenstrahlen in das Zimmer stahlen, lag sie regungslos 

da. 

Und noch nie in ihrem Leben hatte sie sich in einem solchen 

Widerstreit befunden, wie es seit gestern der Fall war. 

Waldemar Kyd hatte ihr bisher eigentlich ganz gut gefallen. Und 

wenn sie sich ihm gegenüber auch immer sehr zurückhaltend 

benommen hatte, so daß er bisher noch zu keinem Antrag 

gekommen  war, so war ihr der Gedanke, seine Frau zu werden, 

doch noch nie so unerträglich gewesen wie jetzt. 

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Und warum? 

Bis gestern hatte sie eben noch nicht gewußt, was Liebe war, wie 

sehr sie das Herz eines Menschen auszufüllen vermag. Daher war 

Waldemar ihr ganz annehmbar erschienen. 

Doch seit gestern war alles anders geworden. Es schien ihr, als 

läge eine Spanne von Jahren zwischen diesem Gestern und dem 

Heute, als hätte sie bisher geschlafen und wäre jetzt erst erwacht. 

Als hätte der gequälte Blick zweier Männeraugen sich 

eingebrannt in ihr Herz und es aufgerüttelt zu neuem Leben. 

Auch schien es ihr, als könne sie nie mehr froh werden, solange 

Norberts Augen so todtraurig blickten. 

Und wie konnte es möglich sein, daß ein einziger Blick einen 

Menschen so sehr wandeln konnte, daß er sich selbst ein Rätsel 

war? 

Schon als Kind war ihr Norbert Haller nächst ihren Pflegeeltern 

der liebste von allen Menschen gewesen – lieber als ihr Bruder. Es 

hatte ihr auch sehr weh getan, daß er, als er nach langjähriger 

Abwesenheit wieder nach dem Mühlengrunde kam, ihr so 

förmlich begegnet war. 

Vielleicht liebte er gar eine andere, und diese Liebe war es, um 

die er litt. 

Und dann – was dann?! 

Sie drückte das Gesicht in die Kissen, um ein Schluchzen zu 

unterdrücken, sie zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe. 

Nicht weinen, nur nicht weinen, ermutigte sie sich selbst. Sonst 

bin ich verloren und weiß nicht mehr aus noch ein. 

Sie schluckte die Tränen hinunter und sprang aus dem Bett. 

Ihr Blick fiel auf Waldemar Kyds Bild, das er ihr geschenkt und 

das sie eigentlich nur aus gedankenloser Laune in ihr Zimmer 

gestellt hatte. Jetzt nahm sie es zur Hand und sah es an – lange. 

Und dann schüttelte sie den Kopf, konnte nicht begreifen, wie sie 

dieses Bürschchen hatte interessant finden können. Was ihr aus 

dem Bild entgegensah, war ein weichliches, hübsches Gesicht – 

nichts weiter. – Wenn sie dagegen an ein anderes dachte – an ein 

herbes, männliches… 

Mit einem Seufzer stellte sie das Bild an seinen Platz zurück und 

ließ sich müde in den nächsten Sessel sinken. Mit dem klaren 

Denken wollte es doch nicht so leicht gehen. 

Was mache ich nur, wenn Waldemar Kyd um mich wirbt, dachte 

sie mutlos. Denn daß er nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, 

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um seinen Antrag anbringen zu können, das weiß ich längst 

schon. Ich gefalle ihm wohl ganz gut, arm bin ich auch nicht – 

eine solche Schwiegertochter könnte er seinen Eltern also guten 

Gewissens ins Haus bringen. 

Aber ich kann seine Werbung doch unmöglich annehmen, dann 

doch nicht mit der Liebe zu einem anderen im Herzen Waldemar 

Kyds Frau werden! Und außerdem weiß ich viel zuwenig von 

ihm. 

Immer ratloser fühlte Renate sich werden, und immer schwerer 

wurde ihr das Herz. Wenn sie doch jemand wüßte, der ihr über 

Waldemar Kyd genaue Auskunft geben könnte! 

Doch halt mal – war da nicht Else Steidinger – wohnte die nicht 

mit Kyd in einer Stadt? 

Aber gewiß – daß ihr das nicht früher eingefallen war! Der zuerst 

lebhafte Briefwechsel zwischen Else und ihr war allmählich 

eingeschlafen, und die Vermählungsanzeige, die Renate vor 

ungefähr einem Jahr erhalten, war die letzte Nachricht gewesen. 

Allerdings hatte Else der Anzeige noch einige recht herzliche 

Zeilen beigefügt, und es war gut so, sonst würde Renate die neue 

Anschrift ihrer Pensionsfreundin gar nicht wissen. 

Wenn ihr jemand zu raten vermochte, so war es die kluge Else, 

auf deren Urteil man schon etwas geben konnte. 

Mit einem Male war die trostlose Stimmung von ihr gewichen. 

Sie eilte in das Badezimmer und verscheuchte durch ein kühles 

Bad noch den letzten Rest von Müdigkeit. War, als sie wieder in 

das Ankleidezimmer zurückkehrte, die alte zielbewußte Renate. 

Was konnte aus dem Herrenhaus im Mühlengrund Gutes 

kommen – für ihn, für seine Schwester? Am besten wäre es für sie 

beide, sie gingen fort von hier. Rosmarie wäre dann vor dem 

gewissenlosen Burschen in Sicherheit. 

Doch diese einfache Lösung war leider nicht möglich. Er konnte 

froh sein, daß er den Mühlenwerken einen einigermaßen 

gutbezahlten Posten hatte, und auch für Rosmarie würde es 

schwerfallen, in einer anderen Stadt eine passende Stellung zu 

finden. Außerdem war das Mädchen so glücklich, daß es wieder 

in der Heimat war, die sie – ach, wie lange – schmerzlich 

entbehrt hatte. 

Norbert war so in Gedanken versunken, daß er nicht gewahr 

wurde, wie ein einspänniger Gabelwagen vor ihm auf dem 

Fahrdamm hielt. Erst als er angerufen wurde, schrak er auf und 

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sah in Renates lachendes Gesicht. 

»Norbert, was ist denn mit dir los, bist du unter die Träumer 

gegangen? Du warst vollkommen weltentrückt. Wo willst du 

denn hin?« 

»Nach Hause.« 

Sehr kühl, sehr abweisend kam es heraus; Renate schob die 

feinen Brauen zusammen. Trotzdem klang es noch freundlich, als 

sie sagte: »Dann kannst du ja mit mir fahren. Ich habe noch 

einige Besorgungen zu machen, indessen kannst du das Pferd 

halten, dann brauche ich nicht erst ausspannen zu lassen.« 

»Es tut mir leid, Renate – aber ich muß auf dem schnellsten Weg 

nach dem Mühlengrund zurück. Ich habe viel Geld bei mir und 

möchte das möglichst rasch loswerden.« 

Renate verlor die Geduld noch immer nicht. »Wenn du mit mir 

fährst, bist du doch viel schneller dort, als wenn du zu Fuß gehst, 

du dummer Bub. Also, komm schon, deine Ausrede ist einfach 

lächerlich.« 

»Es ist keine Ausrede, Renate.« 

»Das kannst du mir doch nicht erzählen!« rief sie nun ärgerlich. 

»Schließlich habe ich ja nicht nötig, mich dauernd von dir 

abblitzen zu lassen, du unhöflicher Bengel! Wenn alle, die dir 

freundlich entgegenkommen, vor den Kopf stößt wie mich, dann 

wundere dich nicht, wenn du auf dich allein angewiesen 

bleibst!« 

Ehe Norbert noch etwas darauf erwidern konnte, fuhr der Wagen 

schon davon. 

Nun war das gnädige Fräulein also schwer gekränkt – na gut, 

mochte sie es sein – ihn sollte und durfte das nicht weiter stören! 

Je weniger Renate ihm in den Weg lief, um so besser für ihn und 

sein Herz. 

Wenn sie sich doch erst mit Waldemar Kyd verloben und mit 

ihm in das Rheinland ziehen würde – dann könnte er leichter 

überwinden. 

Norbert schritt immer schneller aus, als könne er seinen 

trostlosen Gedanken entfliehen. Hielt den Kopf tief gesenkt und 

hob ihn erst, als vom Mühlenberg herab frischer Gesank an sein 

Ohr drang. Er erblickte Jürgen Frank, der vor der Mühle saß, ein 

einfaches Butterfaß zwischen den Knien hielt und zum Takt einer 

frohen Melodie frisch drauflos butterte. 

Da mußte Norbert lachen, so wenig ihm eigentlich danach 

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zumute war. Ist doch ein ganzer Kerl, der Jürgen! Immer vergnügt 

und guter Dinge, obgleich das Leben ihn doch auch hart genug 

anpackt, dachte er. 

Ob er ihm sagte, daß Benno Nieritz hinter Rosmarie, der 

vergötterten Kindheitsgespielin, her sei? Ihn darauf aufmerksam 

machte, daß ein Gegner wie der Erbe der Erdmannschen 

Mühlenwerke nicht zu unterschätzen sei? 

Doch nein – lieber nicht! Der Tollkopf bekam es fertig, Nieritz 

zur Rede zu stellen und… an das Weitere durfte man gar nicht 

denken. 

Und für Rosmarie war es am besten, wenn alles ruhig blieb, 

wenn sie ihre Unbefangenheit behielt. 

Norbert hatte inzwischen das Verwaltungsgebäude erreicht, 

schritt zum Privatbüro des Seniorchefs, brachte ihm das 

gewünschte Geld und ging dann wieder nach Hause. 

Rosmarie lag noch im Bett, war müde und matt von dem vielen 

Weinen. Aus umflorten Augen blickte sie Norbert entgegen. 

»Mädelchen, du solltest doch endlich ruhig werden«, sagte der 

Bruder vorwurfsvoll. »Wie sollen deine Kopfschmerzen vergehen, 

wenn du dich immer wieder erregst? So traurig der Vorfall gestern 

auch war – so viele Tränen ist er bestimmt nicht wert.« 

Rosmarie sah ihn mit einem Blick an, der ihm ins Herz schnitt. 

»Du hast recht, Norbert«, entgegnete sie leise. »Doch laß mich 

nur, ich finde mich schon wieder zurecht – nur heute und 

morgen ist es mir nicht möglich. Hast du Jürgen gesprochen?« 

»Nein, Kleines. Hat er sich nach dir erkundigt?« 

»Nein. Ich nehme jedoch an, daß er nicht zu .Hause ist und von 

meiner Unpäßlichkeit nichts weiß.« 

»Er ist zu Hause, Rosmarie, ich sah ihn eben vor der Mühle. Er 

butterte und sang aus voller Kehle dazu. Soll ich ihm sagen…« 

»Nein – nicht«, wehrte sie hastig ab. »Es ist mir lieber so – denn 

ich könnte ihm jetzt nicht in die Augen sehen.« 

Sie drückte das Gesicht in die Kissen und weinte wieder. 

»Rosmarie, nun nimm dich endlich zusammen«, sagte Norbert 

energisch. Er mußte sich zu einem schärferen Ton zwingen, wie 

schwer es ihm auch fiel. »Hat die Mama sich gestern zu einer 

Unbedachtsamkeit hinreißen lassen, darfst du das nicht allzu 

tragisch nehmen. Du wirst dich langsam daran gewöhnen 

müssen, daß die Mama oft Dinge tut, die sie selbst nicht 

verantworten kann. Am besten, man beachtet ihre Launen gar 

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nicht. Und was die Liebe anbetrifft…« 

Nun fuhr Rosmarie herum und sah den Bruder an – ihre Augen 

waren fast schwarz vor schmerzlicher Erregung. 

»Meine Liebe?« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz tief. 

»Meine Liebe? Schau hin – das ist alles, was von ihr übrigblieb.« 

Sie zeigte nach einem Tischchen, auf dem die Rosenblätter lagen 

– und so viel mutlose Verzweiflung lag in der einen Bewegung, 

daß Norbert nichts weiter zu sagen wagte. 

Zu hart war das arme Kind aus seiner Glückseligkeit gerissen 

worden, hatte zu böse Worte gehört und einen zu tiefen Blick in 

das Herz der Mutter getan. 

Norbert wußte ja längst, daß die Mama nicht einem Mutterideal 

entsprach – doch die Rosmarie mußte sich erst damit abfinden 

lernen. 

Rosmarie wartete vergebens auf ein Lebenszeichen von Jürgen. 

Sie konnte ja nicht wissen, daß die Mutter die Blumen und 

Briefe, die er brachte, nicht an sie weitergab. Frau Haller meinte, 

es sehr gut vor ihrem Gewissen verantworten zu können, wenn 

sie diese Dinge unterschlug. 

Rosmarie war in ihrer Liebe augenblicklich unzurechnungsfähig, 

da mußte eben sie, die erfahrene Frau, für dieses junge, törichte 

Ding handeln. Später würde die Tochter ihr diese Maßnahme 

noch einmal danken, davon war sie fest überzeugt. 

So wanderten denn die Briefe Jürgens – nachdem sie von Frau 

Haller gelesen und mit einem hämischen Lächeln bedacht 

worden waren – ins Feuer und die Blumen in den Müllkasten. 

Eine Entdeckung brauchte sie nicht zu fürchten, denn ihre 

Niedertracht wurde gar noch vom Schicksal begünstigt. 

Norbert war nämlich nicht zu Hause, er war von Herrn Erdmann 

nach Berlin geschickt worden, wo er für ihn eine 

Bankangelegenheit regeln sollte. 

Also war Norberts Späherblick nicht zu fürchten, und Rosmarie 

lag immer im Bett. Konnte mithin nicht wissen, was im Haus 

vorging. 

Die Mutter lachte sich ins Fäustchen. Ganz recht tat das vertrotzte 

Ding! Mochte es nur liegen, wenigstens so lange, bis dieser 

anmaßende Müllerbengel abgereist war. Dann wollte sie schon 

dafür sorgen, daß Rosmarie nicht faul herumlag, sondern ihren 

Dienst versah. 

Jürgen, der einige Male am Tag zu Frau Haller kam und sich nach 

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Rosmaries Befinden erkundigte, wurde auf so gerissene Art 

beruhigt, daß er keinen Argwohn schöpfen konnte. 

Doch als schon drei Tage vergangen waren und er keine Antwort 

auf seine besorgten Zeilen erhielt, da wurde er stutzig. 

Liebte Rosmarie ihn nicht – war dieses zärtliche Anschmiegen an 

jenem Abend etwa nur eine Laune von ihr gewesen? 

Als der Zweifel ihn gar zu arg zu quälen begann, sprach er mit 

Frau Haller darüber; denn sie als Mutter mußte ihre Tochter doch 

am besten kennen. 

Frau Haller frohlockte und bekam es fertig, durch geschickte 

Anspielungen Zweifel über Zweifel in Jürgen zu erregen, so daß 

der sonst so kluge Mann sich ernstlich von Rosmarie 

hintergangen fühlte. 

Und das war etwas, was Jürgen Frank, der die Aufrichtigkeit in 

Person war, durchaus nicht vertragen konnte! 

Und überhaupt – einem Mädel nachlaufen? 

Das war schon gar nicht des stolzen, eigenwilligen Jürgen Art! 

War Rosmarie so, dann war er eben um eine Enttäuschung 

reicher. Und wenn es noch so weh tat – unterkriegen konnte sie 

ihn noch lange nicht. 

Er wußte wohl, daß Rosmarie die große Liebe seines Lebens war, 

und daß er nie mehr so recht von Herzen glücklich werden 

konnte ohne sie. 

Aber deswegen jammern und klagen, sich in Verzweiflung 

verrennen und sich das Leben verbittern? 

Das hätte zu Jürgen Frank gewiß nicht gepaßt! 

Jürgen Frank fuhr nach Danzig und sah sich dort nach einer 

passenden Unterkunft um. Einige Tage lief er umher und konnte 

sich nicht schlüssig werden. Es war auch bestimmt nicht so 

einfach, das, was er suchte, zu finden. Es durfte nicht teuer sein, 

mußte in der Nähe der Hochschule liegen, ein wohnliches 

Zimmer sein und noch verschiedene andere Vorteile haben – und 

das alles beieinander gibt es eben selten. 

Heute war Jürgen schon in drei verschiedenen Fremdenheimen 

gewesen und hatte sich über deren Unzulänglichkeiten geärgert. 

Darüber war es Abend geworden. 

Am  liebsten  wäre  er  in  dem  netten  Heim,  in  dem  er 

augenblicklich wohnte, geblieben, aber er hatte sich zu spät um 

einen Platz darin bemüht. Er hauste in einem Zimmer, dessen 

eigentlicher Besitzer morgen von den Ferien zurückkam, und so 

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mußte er denn die nette kleine Bude räumen. 

Mißmutig schlenderte er eine Hauptstraße entlang, als ein Herr 

so heftig gegen ihn anprallte, daß Jürgen fast das Gleichgewicht 

verloren hätte. 

»Mein Herr, haben Sie denn keine Augen?!« 

Der Herr zog den Hut, sagte einige entschuldigende Worte – 

stutzte dann. »Ja, Menschenskind – ist so etwas überhaupt 

möglich? Bist du nun Jürgen Frank, oder bist du es nicht?« 

»Selbstverständlich bin ich es, du tolpatschiger Kerl, der einem 

fast die Eingeweide einrennt«, lachte Jürgen vergnügt. »Was 

machst du denn hier in Danzig, du Sohn eines reichen Vaters?« 

»Bin geschäftlich hier, Jungchen. Wo hast du dich denn überall 

rumgetrieben, du Draufgänger?« 

»Nicht ganz überall, Dieterchen.« 

»Und was machst du denn hier in dem schönen Danzig?« 

»Ich gedenke, mich durch das letzte Semester zu büffeln, und bin 

auf der Suche nach einer Bleibe.« 

»Bist du denn noch nicht mit der Büffelei fertig?« fragte Dieter 

Bronk erstaunt. »Ich habe doch bereits vor zwei Jahren mein 

Examen gemacht.« 

»Mir ging es eben nicht so gut wie dir verhätscheltem Jungchen. 

Ich mußte mir erst das Geld zum vorletzten und letzten Semester 

verdienen, bevor ich es belegen konnte.« 

»Armer Kerl!« sagte Dietrich mitleidig, doch Jürgen wehrte ab. 

»Bedaure mich nicht, mein Sohn, mir ist es immer noch 

beneidenswert gutgegangen. Freue mich riesig, daß ich dich 

wieder einmal treffe, alter Junge.« 

»Ich nicht minder, Jürgen. Habe manches Mal an dich gedacht 

und mir den Kopf zerbrochen, wo du eigentlich geblieben sein 

könntest.« 

»Zuviel Ehre!« verneigte sich Jürgen, und Dieter lachte. 

»Spotte nur nicht, alter Kronensohn, komm lieber mit in 

irgendeine nette Kneipe, wo wir unser Wiedersehen gebührend 

feiern können. Ich wollte eigentlich schon heute nach Hause, 

weil ich sehr Wichtiges vorhabe. – Du, Jürgen – das ist ja einfach 

großartig!« schrie er plötzlich so laut, daß die Vorübergehenden 

sich nach ihm umsahen. »Daß ich nicht gleich darauf gekommen 

bin!« 

Und ohne auf Jürgens verdutztes Gesicht zu achten, faßte er ihn 

beim Ärmel und zerrte ihn in ein kleines Lokal, das zufällig ganz 

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in der Nähe war. 

Und nun fand Jürgen auch die Sprache wieder. »Sag mal, 

Dieterchen, wenn du nicht übergeschnappt bist…?« 

»Nein, nein – mache dir deswegen keine Sorge«, lachte der junge 

Mann, der einen gediegenen, vornehmen Eindruck machte. »Mir 

fiel nur ganz plötzlich ein, daß du der Mann bist, nach dem ich 

wochenlang fieberhaft suche.« 

»Du suchst einen Mann?« fragte Jürgen immer verblüffter. »Du 

verwechselst wohl die Begriffe, mein Liebling – du meinst 

vermutlich eine Frau?« 

»Und doch suche ich einen Mann«, lachte Dietrich Bronk. »Ich 

will dich auch nicht lange im unklaren lassen, du Armer, sonst 

glaubst du am Ende noch felsenfest daran, daß ich so ein wenig 

tülütütü bin. Also, paß mal auf: Daß mein Vater eine Flugzeug- 

und Autofabrik besitzt, das brauche ich dir ja nicht erst zu 

erzählen?« 

»Nein, du Beneidenswerter, das ist mir bekannt. Auch, daß du ein 

guter Flugzeugführer bist.« 

»Bitte, keine Schmeicheleien, Jürgen«, unterbrach der Freund ihn, 

»sondern sei fein still und höre zu: Mein Vater hat nämlich ein 

Flugzeug herausgebracht, ein ganz famoses Ding, mußt du 

wissen, mit vielerlei Neuheiten. 

Auf kurze Strecken habe ich den Vogel schon ausgeprobt; dabei 

hat er sich vortrefflich bewährt. Doch ob das auch bei einem 

Langstreckenflug der Fall sein wird, das eben muß noch 

ergründet werden. Daß ich das tue, ist bei uns selbstverständlich. 

Doch möchte ich nicht allein starten und weiß niemand, der 

mich auf dem immerhin nicht ganz einfachen Flug begleiten 

könnte. 

Es ist nämlich sehr schwer, einen passenden Mann zu finden. Er 

muß mir zusagen, ich muß mich auf ihn voll und ganz verlassen 

können, und zudem muß er etwas vom Flugwesen verstehen, 

darf sich vor Tod und Teufel nicht fürchten, kurzum: Er muß ein 

ganzer Kerl sein. 

Nun finde mal dieses vollkommene Wesen – ich jedenfalls suche 

schon lange danach. Aber als ich dich vor mir sah, da kam mir 

blitzschnell der Gedanke, du seiest der, nach dem ich wie wild 

suche. Willst du also mit mir starten, Jürgen?« 

»Man immer sachte, sachte – dein Tempo ist ja wahrhaftig 

schwindelerregend!« meinte Frank gemütlich und tat einen 

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langen Zug aus dem Bierseidel. »Ich kann mich doch nicht mir 

nichts dir nichts von dir entführen lassen. Dazu gehören doch 

erst mal lange Besprechungen mit dem nötigen Für und Wider, 

mit Zweifeln und Nichtzweifeln. Ich bin bei meiner angeborenen 

Gründlichkeit immer dafür, daß sich alles hübsch der Reihe nach 

abwickelt. Was du willst, das habe ich bereits begriffen – doch 

wie du dir das alles denkst, das möchte ich erst einmal lang und 

breit erklärt haben.« 

»Was heißt hier erklären«, wehrte Dietrich ab. »Beim vielen 

Überlegen kommt selten etwas Gescheites heraus. Kurz 

entschlossen rein ins Vergnügen, das ist das einzig Wahre!« 

»Dieterchen, du bist mir zu stürmisch; ich bin ja der reinste 

Großvater gegen dich. Dein Standpunkt, nicht zu überlegen, ist 

ganz gewiß großartig, aber gleichwohl so gut die undurchführbar. 

Also, da wäre erst mal das Semester, das mir wieder flöten ginge, 

wenn ich mit dir flöge. Es wird allerhöchste Zeit, daß ich endlich 

mit meinem Studium fertig werde, denn ich bin eigentlich schon 

ein ziemlich alter Knabe. Habe erst ein paar Jahre studiert, habe 

mich dann überall in der Welt herumgetrieben, um so ziemlich 

alles zu sein, was ein Mensch nur sein kann. 

Dann habe ich alte Eltern, die vor einigen Tagen ihre goldene 

Hochzeit gefeiert haben, und ich bin ihr einziges Kind. Sie haben 

in den Jahren meiner Studier- und Wanderzeit wenig von mir 

gehabt, es ist Zeit, daß ich mich ihnen widme. Man kann nicht 

wissen, wie lange ich die lieben Altchen noch habe. – So, das 

wären meine Bedenken.« 

Dietrich Bronk, der aufmerksam zugehört hatte, lachte befreit 

auf. »Wenn du keine weiteren hast, alter Freund – die will ich 

schon gern zerstreuen. Du tust ja so, als ob du jahrelang in den 

Lüften schaukeln solltest. 

Rechne dir doch aus, wie lange schlimmstenfalls so ein Flug 

dauern kann, dann wirst du wissen, daß wir bald wieder zurück 

sein werden. Und diese kurze Zeit, die du im Semester versäumst, 

holst du bestimmt rasch ein. 

Allerdings, deine Eltern sind größere Bedenken wert. Es ist aber 

nicht nötig, Jürgen, daß du sie vorher etwas von dem Flug wissen 

läßt. Dann beunruhigen sie sich nicht, und du kannst ihnen 

später, wenn du sie besuchst, viel Interessantes erzählen. Und 

nun, Jürgen, schlag ein! Du tust mir, wenn du mit mir startest, 

einen sehr großen Gefallen, den ich dir nie vergessen werde.« 

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»Also gut, du komische Kruke, wenn gerade und ausgerechnet ich 

es sein muß, der dich begleiten soll, dann – bitte sehr.« 

»Ich danke dir, Jürgen«, lachte Dietrich vergnügt. »Nun habe ich 

endlich den Mann, den ich brauche. Bei dir weiß ich jederzeit, 

woran ich bin, kann dir vertrauen wie mir selbst. Außerdem weiß 

ich, daß du sehr viel vom Flugwesen verstehst und mich tatkräftig 

unterstützen kannst. Du bist wirklich der einzige, der für mich als 

Begleiter in Frage kommt.« 

»Dieterchen, mach mich nicht eitel«, neckte Jürgen. »Rede doch 

nicht so geschwollen von Selbstverständlichkeiten. Wann 

gedenkst du denn in die Luft zu gehen, alter Freund?« 

»So bald wie möglich, Jürgen. Und ganz ohne Klimbim soll es 

vor sich gehen, nicht mehr Leutchen sollen darum wissen als 

unbedingt notwendig. Warum soll die liebe Konkurrenz unnötig 

hellhörig werden? Wenn das Vögelchen nicht so ist, wie wir 

annehmen, gibt es Schadenfreude genug. Sollte es sich aber 

bewähren und wir als Sieger heimkehren, können wir uns 

seelenruhig feiern lassen, und die Zeitungsleute können uns in 

allen möglichen Stellungen knipsen.« 

»Das ist ganz nach meinem Geschmack«, entgegnete Jürgen 

trocken. »Also brauche ich mir nicht erst eine Bleibe zu suchen?« 

»Nein, mein Junge, du kommst mit mir. Mein alter Herr wird 

riesig erfreut sein, daß ich endlich einen Begleiter gefunden habe, 

der nach meinem Herzen ist. Du bist ihm übrigens nicht fremd, 

ich habe ihm schon viel von dir erzählt, um so zufriedener wird 

er daher sein, daß ich ausgerechnet dich finden mußte.« 

Die Freunde lachten sich an, schlenderten Arm in Arm davon 

und suchten ein Lokal auf, in dem sie zuerst gut und reichlich 

speisten. 

Dann setzte Dietrich dem Freund seines Pläne auseinander, die 

dieser nur gutheißen konnte, so sorgfältig waren sie 

ausgearbeitet. 

»Was wirst du nun mit deinen Eltern machen, Jürgen?« 

erkundigte er sich später. »Willst du sie vor unserem Flug noch 

einmal besuchen und ihnen sagen, was du vorhast?« 

Jürgen blickte ernst und nachdenklich vor sich hin. »Nein – das 

brauchen sie nicht zu wissen, so ausführlich wenigstens nicht. Ich 

werde sie nicht noch einmal besuchen – es ist für beide Teile 

besser so.« 

»Sehr richtig, Jürgen. Ich hätte einen Vorschlag: Wir schreiben 

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hier einige Karten, übergeben sie einer gewissenhaften Person, 

die sie in bestimmten Abständen deinen Eltern schickt, und so 

kommen sie gar nicht dahinter, daß du nicht in Danzig bist. Was 

meinst du dazu?« 

»Daß du ein großer Schwindler bist, Dieterchen. Dein Vorschlag 

ist gut, soweit es sich um überängstliche Eltern handelt. Doch 

meine Altchen sind vernünftige Leute und wissen ganz genau, 

daß sie mich von einem einmal gefaßten Plan nicht mehr 

abbringen können. Sie versuchen es daher erst gar nicht. Also 

werden sie es mit Würde ertragen, wenn ich ihnen mitteile, daß 

ich meinen Plan geändert habe und wieder auf und davon gehe. 

Ganz aufrichtig werde ich allerdings nicht sein können – leider! 

Werde ihnen zwar mitteilen, daß ich wieder einen kleinen 

Bummel in die Welt wage, doch das Wie und Wozu werde ich 

ihnen wohlweislich vorenthalten. Das erfahren sie immer noch 

früh genug.« 

Renate Nieritz saß in ihrem Wohnzimmer und las den schon mit 

Ungeduld erwarteten Brief ihrer Freundin. Zuerst überflog sie die 

zierlichen Schriftzeichen hastig und flüchtig mit angehaltenem 

Atem. Die Hand, die das Briefblatt hielt, bebte, und auf ihrem 

beweglichen Antlitz kam und ging die Farbe. 

Dann ließ sie das Schreiben sinken und atmete auf – ganz tief, als 

hätte man sie soeben von einer drückenden Last befreit. Nahm 

dann wieder den Brief zur Hand und las ihn diesmal ganz 

langsam, Wort für Wort. 
Waldemar Kyd ist ein netter, leichtfertiger  Junge, schrieb die junge 

Frau. Und damit wäre eigentlich alles über ihn gesagt. Von der Mutter 
verzogen, vom Vater nicht ernst genommen, führt er ein beschauliches 

Drohnendasein. Ist ein großer Selbstling, der nur seinen Neigungen 
lebt und sehr ungnädig werden kann, wenn man ihn dabei zu stören 

wagt. Macht noch recht oft dumme Streiche, die die gute Mama dann 

vertuscht, damit nichts davon zu den Ohren des Vaters gelangt. 
Daß Waldemar so geworden ist, daran trägt wohl sein Vater die meiste 

Schuld. Er duldet keinen Willen neben dem seinen und verlangt von 

allen, über die er zu bestimmen hat, unbedingten Gehorsam. 
Behandelt den Sohn immer noch als Bübchen, das keine eigene 

Meinung haben darf. 

So müßte also die Frau, die Waldemar ins Haus bringt, in erster Linie 
danach trachten, die Gunst ihres Schwiegervaters zu erringen. Weiter 

müßte sie, sollte die Ehe einigermaßen glücklich sein, sich damit 

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abfinden daß Waldemarchen auch als Ehemann seinen Liebhabereien 

unbehelligt nachgehen kann. Dürfte nicht mucken, wenn er kleine 

Seitensprünge macht. Und müßte endlich, wollte sie mit ihrer 
Schwiegermutter in Frieden leben, Waldemarchen abgöttisch lieben 

und verwöhnen. Müßte also ein Wesen mit einer Engelsgeduld sein, 

eines ganz ohne Gift und Galle, wenn sie sich in diesem Haus 
behaupten wollte.
 

Die Hauptliebhabereien Waldemars will ich Dir kurz nennen. Sie 

heißen: Nichtstun, Frauen und kostspielige Reisen. 
Mein Urteil über den guten Jungen mag Dir vielleicht hart erscheinen, 

hieß es in dem Brief weiter, aber ich habe nicht zuviel gesagt. 
Vorschnell zu urteilen, ist nicht meine Art. Außerdem bin ich mit der 

Familie Kyd verwandt und habe in ihrem Haus meinen Mann 
kennengelernt. Kann daher über Waldemar besser urteilen als einer, 

der ihn nur flüchtig kennt. 

Renate nickte befriedigt und war sehr froh, daß sie den Einfall 

gehabt hatte, an die Freundin zu schreiben und sie um Auskunft 

über Waldemar Kyd zu bitten. Sie hatte eine derartige Auskunft 

eigentlich erwartet und konnte nur nicht begreifen, wie sie 

einmal auf den Gedanken hatte kommen können, Waldemars 

Frau zu werden. 

Renate war zumute, als wäre sie einer schweren Gefahr 

entronnen, und sie pries den Einfall, der sie den Brief an die 

Freundin schreiben ließ, immer mehr. 

Wie unangenehm waren doch die letzten Tage für sie gewesen! 

Waldemar hatte nichts unversucht gelassen, um sie ungestört 

sprechen zu können, und sie hatte alle Vorsicht nötig gehabt, um 

ein Alleinsein mit ihm immer wieder zu vereiteln. 

Am besten wäre ja, es käme überhaupt zu keinem Antrag. Dann 

blieb dem selbstherrlichen Waldemar eine fatale Niederlage und 

ihr eine peinliche Stunde erspart. 

Allein Waldemar konnte es sich einfach nicht denken, daß es ein 

weibliches Wesen geben könnte, dem er nicht gefiele und das ihn 

nicht zum Gatten begehrte. 

Auch Benno faßte die heutige Freundlichkeit der Schwester falsch 

auf. Glaubte nichts anderes, als daß Waldemar sie jetzt endlich 

»kirre gekriegt« hätte, und war darum sehr zufrieden mit sich und 

der ganzen Welt, und gefiel sich darin, allerlei anzügliche 

Bemerkungen zu machen. Renate hatte diese – zumal in den 

letzten Tagen – ziemlich ärgerlich abgetan, heute aber hatte sie 

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nur ein nachsichtiges Lächeln. 

Selbst Papa Erdmann glaubte, daß es in der Mühle bald eine 

Verlobung geben würde. Ein Urteil über seinen künftigen 

Schwiegersohn versagte er sich. Renate hatte ihn gewählt – und 

daher gefiel Waldemar ihm so, wie er war. Nur daß sein 

Singvögelchen so weit von ihm gehen wollte, das tat weh, bitter 

weh. 

Immer mehr sah Renate ein, daß der Vater nicht so bald hinter 

Bennos Wesensart kommen durfte. Wenigstens nicht ganz 

unvorbereitet. 

Armer Vater, dachte sie traurig, hoffentlich tut es dir nicht gar zu 

weh, wenn dir die Erkenntnis wird, daß du auf den Sohn nicht 

stolz sein kannst, sondern ihn verachten mußt. Mag Benno es 

noch so schlau anfangen, mag es ihm bisher gelungen sein, dich 

zu täuschen – einmal werden dir doch die Augen aufgehen. 

»Nun wieder Kopf hoch, mein Kleines«, ermahnte der Vater in 

frischem Ton. »Du bist zwar um eine böse Erfahrung reicher, aber 

lasse dich das nicht weiter anfechten. Überall auf Gottes weiter 

Welt gibt es gute und schlechte Menschen. Und nun wird mein 

Kleines einfach zu Bett gehen, wird diesen bösen Tag verschlafen 

und morgen wieder mein munteres Singvögelchen sein.« 

»Ach ja, Vater, du hast recht«, atmete Renate tief auf. »Ich bin 

ganz schrecklich müde.« 

»Na also!«lachte er. Er war ja so froh, daß seine geliebte Kleine 

nun nicht mehr so unglücklich war wie vorhin. Er küßte ihre 

Augen, die unverwandt an seinem Gesicht hingen. »Schlaf wohl, 

mein Liebling!« 

»Gute Nacht, du lieber Vater, hab’ Dank für alle deine Güte«, 

sagte sie leise und drückte ihre Lippen auf seine Hand. 

»Aber, Renichen, das tut man doch nicht«, schalt er halb 

verlegen, halb gerührt. »Kind, wenn du wüßtest, wie teuer du 

meinem Herzen bist, dann würdest du nicht so bescheiden sein. 

Du warst mir neben der Mutter immer der liebste Mensch auf 

Erden – lieber als Benno, meine süße Kleine.« 

Ach, nun war ja alles nicht so schlimm! Wenn der Vater sie lieber 

hatte, als den Sohn, dann konnte es ihm auch nicht allzu schwer 

treffen, wenn ihm offenbar wurde, wie und was dieser in 

Wahrheit war. 

Sie nickte ihm, der das Zimmer verließ, unter Tränen lächelnd zu 

und ging dann zu Bett, sie war wirklich zum Umfallen müde. 

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Der Gram um Benno ließ sie aber noch lange Zeit keine Ruhe 

finden. 

Doch allmählich siegte die Müdigkeit über ihren Kummer, und 

sie schlief ein. 

Die Herbstarbeit in der Mühle hatte in diesem Jahr ganz 

besonders stark eingesetzt. Der Mehl- und Getreideversand war 

viel größer als in den Vorjahren, und Herr Erdmann hatte noch 

zehn kräftige Burschen einstellen müssen, damit die Mehrarbeit 

geschafft werden konnte. 

Die jungen Leute waren in einer Baracke untergebracht, wurden 

auf Herrn Erdmanns Kosten beköstigt und lebten recht behaglich 

und zufrieden. 

Nur mit einem waren sie nicht zufrieden, genausowenig wie die 

ansässigen Leute: mit dem Juniorchef. 

Auch Herr Erdmann verlangte strenge Pflichterfüllung und 

konnte Unzuverlässigkeit nicht vertragen, doch er behandelte 

seine Arbeiter wie Menschen und hatte Verständnis für sie. 

Wie ganz anders war da der Juniorchef! Dünkelhaft und 

hochfahrend, launenhaft und unberechenbar – so machte er sich 

unbeliebt bei jedermann. 

Und immer gerade dann spielte er sich auf, wenn er den Vater 

nicht in den Werken wußte. Schon längst hatten die Leute ihn 

durchschaut, wußten, daß dieser gerissene Junge sich in 

Gegenwart des Vaters als Tugendbengelchen aufspielte, aber in 

Wirklichkeit ein Ekel erster Güte war. 

Aber Herrn Erdmann über seinen Sohn aufzuklären, dazu fehlte 

allen der Mut. 

In der letzten Zeit hatten die Leute einigermaßen Ruhe. Denn 

augenblicklich war für Benno etwas ganz anderes viel wichtiger, 

als in den Werken herumzulungern und die Leute zu ärgern: er 

stieg Rosmarie Haller nach. 

Daß er sie sich nur zum Zeitvertreib erwählt hatte, das war klar; 

denn ein Mensch wie er heiratete kein armes Mädchen. Gehässige 

Gemüter wünschten der kleinen Rosmarie einen Hereinfall nur 

zu gern; denn sie hielten sie für eingebildet und hochmütig. 

Vernünftigen Leuten jedoch tat das Mädchen von Herzen leid. 

Und wie das so geht – alle im Mühlengrund waren über die 

Neuigkeit, die augenblicklich Tagesgespräch war, im Bilde – nur 

die, die es am nächsten anging, waren ahnungslos. Und zwar: 

Herr Erdmann, Renate und Norbert Haller. Selbst Benno und 

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Rosmarie ahnten nicht, wie sehr man sich im Mühlengrund mit 

ihnen beschäftigte. 

Frau Haller allerdings wußte Bescheid und – frohlockte. Mochten 

die Klatschmäuler nur geifern! Eines Tages bekamen sie 

bestimmt eins darauf – und zwar dann, wenn ihre Rosmarie als 

junge Frau Nieritz in das Herrenhaus im Mühlengrund Einzug 

halten würde. 

Wie ihre Tochter über eine Ehe mit Benno dachte, darüber 

zerbrach diese »liebevolle« Mutter sich nicht den Kopf; das war 

auch vollkommen unwichtig für sie. Rosmarie ging zwar umher 

wie das Leiden selbst, dachte immer noch an den Hallodri, 

diesen Jürgen Frank; aber das würde sich mit der Zeit schon noch 

geben. 

Frau Haller freute sich heute noch spitzbübisch, wenn sie daran 

dachte, wie gut es ihr gelungen war, Jürgen und Rosmarie 

auseinanderzubringen. 

Zuerst hatte sie gefürchtet, daß Jürgen sich noch einmal melden 

könnte und somit ihre netten kleinen Ränke an den Tag kommen 

würden. Aber der anmaßende Müllerbengel war dümmer, als sie 

angenommen hatte. Bockte jetzt, fühlte sich hintergangen und 

verraten und hatte keine Ahnung, wie sehr das Gänschen ihm 

nachtrauerte. 

Höchst zufrieden mit sich, arbeitete Frau Haller in der Küche 

herum. Sie summte sogar ein Liedchen. Nickte Norbert 

freundlich zu, der nach Hause kam und zur Tür hereinschaute. 

»Guten Abend, Mama.« 

»Guten Abend, mein Sohn. Gehe nur schon ins Zimmer, das 

Essen ist gleich fertig.« 

Norbert ging in sein Zimmer, wusch sich die Hände, zog den 

Scheitel frisch und setzte sich dann an das Fenster. 

Wie frohgelaunt die Mama jetzt immer war! Das hatte sicherlich 

Rosmarie zuwege gebracht, obgleich sie immer still und 

zurückhaltend war. Sie saß meist in ihrem Kämmerlein, war 

traurig und bedrückt; geradezu unnatürlich für ein so junges 

Mädel! 

Er wußte ganz genau, was der Kleinen fehlte: Sie konnte Jürgen 

Frank nicht vergessen, dem sie doch nur einen lustigen Abend 

lang ein Zeitvertreib gewesen war. 

Arme Kleine! Er konnte sich denken, wie ihr zumute war, er 

wußte ja selbst genau, wie es tat, wenn man sich in Liebe und 

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Sehnsucht nach einem Wesen verzehrte, wenn man hoffnungslos 

liebte. 

Wenn sie beide, Rosmarie und er, wenigstens noch ein trautes, 

sonnenwarmes Zuhause gehabt hätten, dann wäre alles leichter 

zu ertragen gewesen; aber bei dieser Mutter wurde das Leben zur 

Qual. 

Die Mama hatte ihm niemals sehr nahe gestanden, selbst nicht, 

als er noch ein Junge gewesen, doch er hatte sie stets als seine 

Mutter geachtet und geehrt. 

Allein seit jener Nacht nach dem Fest in der Mühle, als sie so 

hart, so erbarmungslos mit Rosmarie verfahren war, als sie ihre 

Gesinnung rückhaltlos gezeigt – seitdem war die Mutter ihm 

vollends fremd geworden. 

Norbert hörte die Mama in das Wohnzimmer gehen, hörte sie 

mit den Tellern klappern und laut singen – mit einer schrillen, 

hochgeschraubten Stimme, die dem Ohr weh tat. 

»Norbert, komm zum Essen!« rief sie jetzt, und er ging in das 

Wohnzimmer hinüber. 

»Wollen wir nicht auf Rosmarie warten?« fragte er, doch sie 

schüttelte den Kopf. 

»Die kommt ja viel zu spät nach Hause, das arme Ding weiß vor 

Arbeit kaum noch aus und ein. Der gute Bott nutzt sie für die 

paar Mark Gehalt, die er ihr zahlt, gehörig aus, genauso wie 

Erdmann dich.« 

»Mama, laß doch endlich einmal diese ewigen Nörgeleien«, 

wehrte er unwillig ab. »Sie verbittern dich nur und helfen dir 

doch nicht. Herr Erdmann gibt mir genausoviel, wie ich verdiene, 

und Herr Bott der Rosmarie ebenfalls. Ein Mensch kann immer 

nur so viel arbeiten, wie er wirklich schaffen kann. Was mich 

beunruhigt, ist, daß sie abends allein den Bach weg entlanggehen 

muß.« 

»Sie geht ja nicht allein, das weißt du doch«, entgegnete sie so 

harmlos sie konnte. »Fritz Böhlke und Herta Reisewitz haben 

denselben Weg und warten immer auf sie.« 

»Das ist mir eine große Beruhigung«, nickte er. 

Unterdessen schritten Rosmarie und Benno die Chaussee, die 

von der Stadt zum Mühlengrund führte, entlang. Den Bachpfad 

ging sie niemals in seiner Begleitung; denn so harmlos und 

unerfahren sie auch war, etwas in ihrem Innern warnte sie davor. 

Schon oft hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie seine 

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Begleitung nicht wünsche; aber er war dickfellig, er ließ sich nicht 

abschütteln. 

Jetzt fuhr sie zusammen und zog ihren Arm zurück. 

»Rosmarie, seien Sie doch nicht gleich immer so grantig«, sagte er 

vorwurfsvoll. »Was ist schon dabei, wenn ich Ihren Arm nehme?« 

»Wenn es Ihnen nicht paßt, dann brauchen Sie sich mir nicht 

mehr zu nähern, ich würde sogar recht froh darüber sein.« 

Benno zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen. 

Daß er Rosmarie heiraten und so am schnellsten und sichersten 

zum Ziel gelangen könnte, das kam für ihn selbstverständlich 

nicht in Frage. Du lieber Himmel, wenn man jedes Mädchen, für 

das man entflammt war, heiraten sollte, dann hätte man bald 

einen wohlbesetzten Harem! Als Flirt war ein Mädchen wie 

Rosmarie Haller einfach unvergleichlich, doch als Frau… 

Na, er als Sohn des reichen, hochangesehenen Mühlen-Erdmann 

durfte doch wirklich etwas anderes beanspruchen! 

Rosmarie hatte keine Ahnung, wie schwer sie ihrem Anbeter das 

Leben machte. Ihr lag an seiner Zuneigung ganz und gar nichts. 

Doch Benno schien das nicht zu merken; wie sollte er auch – er 

war doch schon als Kind immer sehr begriffsstutzig gewesen. So 

sehr, daß Jürgen und Norbert ihm oft und auf ziemlich derbe Art 

hatten beibringen müssen, was er durchaus nicht begreifen 

wollte. 

Ach ja – Jürgen! 

Da waren ihre Gedanken glücklich wieder bei dem angelangt, der 

ihr so bitter weh getan und den sie nicht vergessen konnte. 

Daß ein Mensch so lügen konnte, mit so treuen Augen. 

Oh, Jürgen Frank, warum hast du mir das angetan! – dachte sie 

voll bitteren Wehs. Warum hast du mein Herz, das noch schlief, 

geweckt, wenn es dir nur auf etwas ankam, was nicht länger als 

einen Tanzabend dauern sollte! 

Oh, Jürgen Frank, das war nicht recht von dir! 

»Rosmarie, Sie sind ja wieder einmal wie weltentrückt«, hörte sie 

Benno sagen. 

Gottlob, daß sie wieder einmal den Mühlengrund erreicht 

hatten! Rosmarie atmete dann jedesmal befreit auf. 

Man ließ an der armen Rosmarie kein gutes Haar, stempelte sie 

zu einem ehrlosen, berechnenden Geschöpf. 

Allein nicht alle taten das – Gott sei Dank nicht! Es gab im 

Mühlengrund recht viele, denen das Mädchen von Herzen leid 

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tat. Und zu denen gehörten auch die jungen Burschen in der 

Baracke. 

Hauptsächlich einem unter ihnen, einem jungen Werkstudenten, 

der sich in den Mühlenwerken das Geld für das nächste Semester 

erarbeitete, ging das Geschick der wunderschönen und feinen 

Rosmarie zu Herzen. 

Armes Ding, dachte er bedauernd, und das Herz wurde ihm 

schwer. Er ging in die Baracke zurück, in deren großem 

Tagesraum die Kameraden vollzählig beieinander saßen. Sie 

sangen Lieder, die ein Kamerad auf dem Schifferklavier 

begleitete. 

Selbstverständlich wurden zuerst allerlei Müllerlieder, die man 

kannte, gesungen. Das war einfach Ehrensache, da man sich ja in 

einer Mühle befand. 

 
»Die Mühle, sie dreht ihre Flügel, 

Es brauset der Sturmwind dahin. 
Und unter der Linde am Hügel, 

Da weinet die Müllerin…«  

 

sangen sie gerade, als Hubert Reiner, der Werkstudent, die 

Baracke betrat. 

»Unsere süße Müllerin weint jetzt vermutlich auch«, lachte er 

und meinte dabei Renate. 

 
»Laß sausen den Sturm, laß brausen,  

Ich habe gebaut auf den Wind, 
Ich habe gebauet auf Schwüre,  
Da war ich ein törichtes Kind…«  

 

sangen die frischen, frohen Stimmen weiter. 

»Na schön«, meinte Hubert. »Wenn die kleine Rosmarie doch 

endlich auch einsehen wollte, ein wie törichtes Kind sie ist! Ich 

sah sie nämlich wieder mit Benno zusammen.« 

Sofort verstummten Spiel und Gesang. 

»Ob Nieritz annimmt, daß alle, die im Mühlengrund leben, mit 

Blindheit geschlagen sind?« meinte Hubert nachdenklich. 

»Der schlaue Herr hält uns alle hier für dämlich«, behauptete 

Hans Hein, der kleinste und keckste Bursche von allen. »Er zeigt 

sich mit der Rosmarie ja nur im Dunkeln.« 

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»Ob Norbert Haller immer noch nicht weiß, daß seine Schwester 

sich ausgerechnet Benno Nieritz zum Ritter erkoren hat?« fragte 

ein anderer. 

»Bestimmt weiß er das nicht«, entgegnete Hubert. »Sonst würde 

er das nicht so ruhig mit ansehen.« 

»Man müßte ihm einen Wink geben«, meinte ein dritter, doch 

Hubert winkte ab. 

»Daß man als Petzmaul dasteht und gehörig eins auf den Rüssel 

bekommt«, bemerkte Hans Hein, und die anderen lachten. 

»Hast recht, Hans«, nickte Hubert. 

»Doch nun spiele weiter, Hans«, forderte er den 

Harmonikaspieler auf. »Helfen können wir dem Mädel doch 

nicht.« 

Auch in einem anderen Haus sprach man um diese Zeit von 

Rosmarie – und zwar in der Windmühle. Da saßen die beiden 

alten Leutchen beieinander. 

»Heute sah ich die Rosmarie wieder mit Benno«, sagte soeben 

Vater Frank. »Ich bin nur froh, daß der Jung’ das nicht mit 

ansehen muß; ich glaube, der würde dreinschlagen vor lauter 

Verzweiflung. Es ist schon ein Jammer mit der Liebe, Mutter – 

wie?« 

»Ach ja, Vater«, nickte sie kummervoll. »Wenn der Jung’ es nur 

nicht so schwer nehmen wollte! Mir ist richtig bange davor. Man 

muß froh sein, daß er jetzt nicht kommt. Ich habe diese Nacht 

wieder so schlecht geträumt – wenn das nur nichts zu bedeuten 

hat.« 

»Na, Mutter, deine Träume sind doch immer nur Blindgänger«, 

spottete der alte Mann gutmütig. 

»Gott geb’s«, seufzte sie. »Wo der Jung’ wieder stecken mag!« 

»Irgendwo bestimmt, Mutter. Möchte nur wissen, von wem er das 

unruhige Blut, das ihn nie auf einer Stelle sitzen läßt, geerbt hat.« 

»Von mir bestimmt nicht.« 

Doch gleich trat wieder der bekümmerte Ausdruck in ihr gutes 

altes Gesicht. 

Und wieder sagte er: »Wenn der Jung’  sich  doch  bloß  melden 

möchte!« 

Sie waren in großer Sorge, die beiden Alten. Vor fünf Wochen 

war ein Brief von Jürgen gekommen, in dem er schrieb, daß er 

mit einem Freund eine Reise machen müsse, die sich vielleicht 

über längere Zeit ausdehnen könnte. Die Eltern möchten sich 

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nicht sorgen. 

Drei bis vier Wochen waren sie ruhig gewesen, doch dann 

begannen sie sich Gedanken zu machen. 

Schon am nächsten Tag sollte ihre Sorge beendet sein. Sie 

erhielten ein Telegramm: 

 
herzliche grüße aus afrika – stop - 

bin auf dem wege zu euch – stop - 

mopsfidel Jürgen 

 

Die gute Mutter Frank erregte das Telegramm so sehr, daß ihr 

Mann ernstlich für sie fürchtete. 

»Bist doch eine närrische Alte«, brummte er und sah ihr zärtlich 

in das liebe Gesicht. »Wenn der Jung’ nicht schreibt, plinst du, 

und wenn er schreibt, plinst du auch – wie soll der Bengel es dir 

da recht machen?« 

»Ich weine doch vor Freude, Alter«, entgegnete sie zwischen 

Lachen und Weinen. 

Vier Wochen später war der Junge da. Er stürmte um die 

Abendstunde in die Stube. 

»Mutterchen, nun wein doch nicht, nun ist dein Ausreißer ja 

wieder hier und heil und ganz.« 

»Schmal bist geworden, Jung’, und hast etwas Fremdes im 

Gesicht.« 

»Na, Mutter, nun Herz wieder auf Deck?« schmunzelte der alte 

Müller. »Jung’, das sag’ ich dir, es ist das letztemal gewesen, daß 

du uns so unverschämt auf den Propfen gesetzt hast. Hier 

schwingt er große Töne von Motorrad anschaffen, jeden Sonntag 

rüberkommen – und kaum hat er den Rücken gekehrt, da ist er 

auch schon wieder über alle Berge. Die Mutter hat sich geängstigt, 

das hält sie nicht aus.« 

»Braucht sie auch nicht mehr«, entgegnete Jürgen weich und 

streichelte der Mutter die welke Wange. »Jetzt bleibe ich wirklich 

und wahrhaftig im Lande, es war das letzte Mal, daß ich meiner 

Abenteuerlust nachgab. 

Aber schau, Muttchen, da traf ich ganz zufällig meinen guten 

Freund Dietrich Bronk, dessen Vater eine Flugzeugfabrik hat. Der 

hatte nun ein neues Flugzeug herausgebracht, das Dieter prüfen 

sollte. 

Nun wollte Dietrich nicht allein starten. 

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Zuerst wollte ich nicht recht, doch schließlich sagte ich zu. 

Also fuhren wir von Danzig zu Dietrichs Eltern, und dann 

schaukelten wir los gen Afrika. Zuerst ging alles tadellos, aber 

dann merkten wir, daß das Vögelchen doch nicht mehr so recht 

wollte, und suchten uns noch rechtzeitig eine passende Stelle 

zum Landen. 

Es war auch höchste Zeit, denn die letzten Meter versagte das 

Dings bereits, aber wir waren gottlob heil und ganz geblieben. 

Dem Flugzeug war auch nicht viel geschehen, nur daß 

ausgerechnet der kleine Kurzwellensender zerstört war und wir 

ihn trotz größter Anstrengung nicht wieder in Ordnung 

bekamen. 

Also saßen wir da mit unseren Kenntnissen. Sahen uns dumm 

an. 

Wir saßen beide allein auf weiter Flur. 

Mit einer Notlandung hatten wir freilich immer rechnen müssen 

und hatten uns daher mit Nahrungsmitteln eingedeckt. Wir 

bauten also unser Zelt auf. 

So lebten wir recht und schlecht zwei Wochen, dann sahen wir 

plötzlich Geschöpfe auftauchen. 

Es verging wieder eine Woche, in der wir uns mit dem Flugzeug 

beschäftigten. 

Die Buschmänner tauchten immer öfter auf, und jedesmal waren 

es mehr. Sie wurden allmählich zutraulicher, ganz nahe wagten 

sie sich aber doch nicht heran. 

Es kreiste zu unserem Erstaunen eines Tages über uns ein 

Flugzeug, das schließlich dicht neben uns niederging. Und, o 

Wonne, wir hörten deutsche Laute! 

Es hatte sich nämlich unter den Wilden herumgesprochen, daß 

wir uns im Busch ganz gehörig breit gemacht hätten, und diese 

Neuigkeit war bis zur Missionsstation vorgedrungen. Unser 

persönliches Glück war, daß diese Station bereits über ein 

Flugzeug verfügte. Und so machten sich denn sogleich zwei brave 

Patres zu uns auf den Weg. 

Was nun kam, wickelte sich schnell und schmerzlos ab. Wir 

mußten das Flugzeug abmontieren, sonst hätten wir es nicht 

fortschaffen können. Die Buschmänner waren bereit, die 

einzelnen Teile des Flugzeuges zu tragen, und so machten wir 

uns langsam, aber sicher auf den Weg zur Missionsstation. Es 

klappte alles gut, und wir kamen heil und wohlbehalten dort an. 

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Dort wurden die Teile des Flugzeugs für den Seetransport 

verpackt und zum nächsten Hafen befördert. Wieder hatten wir 

Glück, daß bereits nach einigen Tagen ein Europadampfer 

auslief, mit dem wir der Heimat zufuhren. 

Also, Mutterchen, meine schaurige Abenteuergeschichte ist aus. 

Die beiden Helden sind glorreich daraus hervorgegangen, und 

wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«, 

schloß er lachend und küßte die Mutter, die ihn strahlend ansah. 

So einfach, wie Jürgen alles wiedergegeben hatte, war es nicht 

gewesen. 

Aber wozu die alte Frau erregen, sie war es schon gerade genug. 

Sie glaubte Wort für Wort, was ihr Jung’ erzählte. 

Der Müller jedoch ahnte, daß Jürgen nur das erzählt hatte, was er 

für richtig hielt. Allein auch er schwieg um seiner Frau willen und 

meinte nur so nebenbei mit einem Augenzwinkern zu dem Sohn 

hin: »Einzelheiten über alles wirst du mir noch erzählen müssen, 

Jung’. Jetzt wollen wir von etwas anderem reden, und vor allen 

Dingen wird Mutterchen uns etwas zu essen geben.« 

Nach dem Essen rauchten Vater und Sohn noch ein Pfeifchen. Da 

meinte der alte Müller so ganz nebenbei: »Weißt du schon von 

der Kleinen, Jung’?« 

Mit einem Schlag verdüsterte sich Jürgens eben noch so frohes 

Gesicht. Er legte die Pfeife auf den Tisch, denn sie schmeckte ihm 

auf einmal nicht mehr. 

»Ja«, entgegnete er kurz, und dieses Ja klang, als wenn Eisen auf 

Stein klirrte. 

Mutter Frank, die mit dem Abwaschen des Geschirrs beschäftigt 

war, kam an den Tisch. Die Hände an der Schürze abtrocknend, 

setzte sie sich an des Sohnes Seite auf die Bank und sah ihm mit 

banger Sorge in das finstere Gesicht. 

»Na – dann bleibt es Mutter und mir ja erspart, dich darüber 

aufzuklären«, meinte der Vater bedächtig. »Das wäre auch kein 

schönes Amt für uns gewesen. Wo hast du es denn erfahren?« 

»In der Stadt«, erwiderte Jürgen ebenso kurz wie vorher, und 

seine Stimme klang noch eisiger. 

Die Mutter betrachtete ihn besorgt, und ein Seufzer entrang sich 

ihren Lippen. 

Da fuhr Jürgen herum, sah in die treuen, jetzt so bangen 

Mutteraugen, und da stahl sich ein Lächeln um seinen harten 

Mund. Er ergriff die welke Altfrauenhand und drückte seine 

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Lippen darauf. 

»Hast schon deine liebe Not mit deinem Jung’, wie, Mutterchen?« 

versuchte er zu scherzen, was aber vorbeigelang. Es stand 

allzuviel in seinen Augen, in seinem Gesicht, was davon sprach, 

wie sehr er unter der Untreue des Mädchens litt. 

»Jung’,  so  sprich  dich  doch  aus«,  mahnte  die  Mutter  leise  und 

fuhr liebevoll über sein düsteres Gesicht. »Das erleichtert doch 

dein Herz. Wir sind ja keine Fremden, denen du deinen Kummer 

und dein Herzeleid anvertrauen sollst.« 

Da atmete Jürgen auf – ganz tief, so, als müsse der Atem ihm die 

Brust zersprengen. 

»Hast recht, Mutter«, bekräftigte er. »Also: Als ich heute in der 

Stadt ankam, fühlte ich mich verschönerungsbedürftig und 

suchte einen Friseur auf, der mir zu der ersehnten Schönheit 

verhelfen sollte. Nun hat der Friseurladen noch ein sogenanntes 

Damenzimmer, das nur durch eine dünne Bretterwand von dem 

für die Herren bestimmten getrennt ist. Na ja – und da waren so 

einige Dämchen darin…« 

»Ach so – na ja«, unterbrach der Vater ihn schmunzelnd, und da 

mußte Jürgen lachen. 

»Waren einige Dämchen darin«, fuhr er dann in seiner Erzählung 

fort, »die sich sehr angeregt unterhielten. Und als ich 

aufmerksam hinhörte, vernahm ich, daß da der Fall Benno 

Nieritz – Rosmarie Haller ziemlich eindeutig erörtert wurde. 

Jedenfalls brachten mir die Weiberchen – wohlgemerkt, ohne es 

zu wollen – so langsam bei, was ich wissen mußte, um genau im 

Bild zu sein. 

Nun, meinen Segen hat sie, mag sie mit Benno Nieritz glücklich 

werden.« 

Die letzten Worte kamen sehr bitter heraus, auch konnte er es 

nicht verhindern, daß seine Stimme bebte, so sehr er sich auch 

darüber ärgerte. Die Wunde, die in seinem Herzen blutete, war 

eben noch zu frisch, zu groß. 

Und die alten Eltern litten mit ihm. 

Im Mühlengrund ging alles seinen alten Gang. Ein Tag verfloß 

wie der andere, und es geschah nichts, was die Gemüter 

besonders erregt hätte. Daß Benno Nieritz der Rosmarie Haller 

nachstieg, war schon alt, darüber hielt sich kein Mensch mehr 

auf. Man wunderte sich höchstens über die Ausdauer, mit der der 

junge Mann seine Ziele verfolgte. 

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Was vielleicht sonst noch Unterhaltungsstoff darbot, betraf 

Jürgen Frank. Man hatte ihn zuletzt am ersten Oktober beim 

Jubiläumsfest gesehen. Besuchte er denn seine Eltern gar nicht 

mehr? Oder war er etwa wieder auf einer Abenteuerreise? 

In diesem Jahr war der Winter besonders streng. Der Schnee lag 

hart und fest im Mühlengrund, und wer nicht hinauszugehen 

brauchte, blieb lieber in der warmen Stube und bedauerte die 

anderen, die sich in Schnee und Kälte hinauswagen mußten, um 

ihrer Beschäftigung nachzugehen. 

Rosmarie ging es gerade in dieser Zeit recht gut. Sie brauchte 

nicht durch den tiefen Schnee zu stapfen, um zu ihrer 

Arbeitsstätte zu kommen, sondern wurde von Benno jeden 

Morgen im Schlitten zur Stadt gefahren und am Abend wieder 

abgeholt. Darum wußten selbst Herr Erdmann, Renate und 

Norbert und fanden es sehr nett von Benno, daß er die 

Kindheitsgespielin in dieser Weise betreute. 

Oft fuhr auch Renate den Schlitten, weil ihr das großen Spaß 

machte; Rosmarie fühlte sich in ihrer Begleitung stets bedeutend 

wohler; denn Bennos Aufmerksamkeiten wurden ihr lästiger mit 

jedem Tag. 

Doch auch der Winter verging, und der März kam und wartete 

manchmal mit einem Sonnenschein auf, der an den des Mai 

erinnerte. 

An einem dieser Tage war es, als der alte Müller Frank sich mit 

schweren, schmerzenden Gliedern von seinem Lager erhob. Er 

nahm sich zusammen, um seine Frau nicht zu beunruhigen, 

schleppte sich zu seiner Arbeitsstätte hin und versuchte, seinen 

Dienst zu tun. 

Allein immer wieder mußte er innehalten, weil ihn große 

Schwäche überfiel und der Schweiß ihm aus allen Poren brach. 

Der Kopf war ihm wie ausgehöhlt, und vor den Augen flimmerte 

es ihm so sehr, daß er kaum etwas sehen konnte. 

Doch schlappmachen? Nein, das gab es für den alten Frank 

nicht! 

»Meister Frank, Ihnen fehlt anscheinend etwas?« fragte Hubert 

Reiner besorgt, der mit seinen Kameraden in demselben Raum, 

wie der Alte arbeitete. »Kommen Sie, ruhen Sie sich ein wenig 

aus, dann wird Ihnen besser werden.« 

»Sie sind ein guter Junge«, nickte Frank ihm freundlich zu. 

»Sorgen Sie sich nur nicht, mir fehlt nichts. Eine kleine 

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Unpäßlichkeit befällt jeden wohl einmal, man darf sie nur nicht 

ernst nehmen.« 

Auch Herr Erdmann, der ungefähr eine Stunde später den 

Arbeitssaal betrat, fand den Müller heute sehr verändert. 

»Nanu, Wilhelm Frank, Sie sind doch nicht etwa krank?« fragte er 

und erschrak heftig, als der alte Mann den Kopf hob und ihn aus 

erloschenen Augen ansah. »Ja, Alterchen, da ist nun nichts zu 

machen, Sie gehören schleunigst ins Bett. Geht, Jungens, ruft mal 

den Arzt an«, wandte er sich an die Burschen. 

Jedoch der Müller wehrte ab. »Der alte Frank und einen Arzt? Da 

lachte ja ein Schimmel!« versuchte er zu scherzen. »Ich habe in 

meinem ganzen Leben noch keinen Arzt gebraucht. Nur nicht der 

Krankheit den Willen lassen, das wäre ja noch schöner! – 

Jungens, ihr bleibt hier!« rief er die beiden Burschen, die sich 

entfernen wollten, energisch zurück. »Es ist ja nett von euch, daß 

ihr alle so besorgt um mich seid, aber es ist bestimmt unnötig.« 

Und um seine Worte zu bekräftigen, machte er sich eifrig an 

seine gewohnte Arbeit. 

Die Burschen entfernten sich, und auch Herr Erdmann setzte 

seine allmorgendliche Wanderung durch die Mühlenwerke fort. 

Eine Weile danach kam Benno Nieritz in den Saal. Er wußte den 

Vater, der in seinem Privatbüro mit einem Kunden verhandelte, 

gut untergebracht, und es gelüstete ihn, seine schlechte Laune an 

den Arbeitern und Angestellten der Mühlenwerke auszulassen. 

Denn schlechte Laune hatte Benno jetzt immer. Die 

Unzugänglichkeit Rosmaries begann ihm endlich auf die Nerven 

zu fallen. 

Also hieß es, sich ab und zu recht von Herzen auszutoben – und 

wo konnte er das besser als in den Mühlenwerken? Da mußten 

alle hübsch stillhalten, wenn er sie mit seinen 

Niederträchtigkeiten beehrte, was er auch jetzt wieder zu tun 

gedachte. 

Nun war es aber sein persönliches Pech, daß die Unterredung 

Herrn Erdmanns mit dem Kunden nicht lange dauerte, und daß 

es den Seniorchef zu Müller Frank zurücktrieb, um den er sich 

ernstlich sorgte. 

So kam er denn gerade dazu, seinen Sohn einmal so 

mitzuerleben, wie er in Wirklichkeit war. 

Das war für den alten Herrn ein harter Schlag! – Im ersten 

Augenblick wollte er den Sohn zurechtweisen, trat dann aber 

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hastig hinter einen Stapel Getreidesäcke, denn eben brüllte 

Benno: 

»Wenn ich euch noch einmal so rumlungern sehe, dann fliegt 

ihr, verstanden?! Bildet euch nur nicht ein, daß ihr euer Geld für 

Nichtstun bekommt. Und Sie, Frank, was ist mit Ihnen los? Ich 

glaube, Sie können auch lieber einpacken…« 

»Um Gottes willen, Herr Nieritz – still!« unterbrach Hubert 

Reiner ihn erregt; doch da hörte für Benno alles auf! 

»Sie wagen es, mir hier den Mund zu verbieten – Sie – Sie – 

Lümmel!« brüllte er. »Das wird ja immer schöner hier!« 

»Herr Nieritz – Meister Frank – er darf nicht erregt werden!« 

flehte Hubert, die Beleidigung überhörend. »Er ist krank!« 

»Wenn er krank ist, dann soll er nicht zur Arbeit kommen, dann 

soll er zu Hause bleiben!« tobte Benno weiter. »Aber das ist es ja, 

viel zuviel alte Leute in den Werken, hier ist ja schon das reinste 

Altersheim. Wenn man achtzig Jahre ist, dann soll man…« 

Er hielt erschrocken inne, denn der alte Müller stand auf einmal 

vor ihm. Hatte sich zu voller Größe aufgerafft, stand so aufrecht 

da, wie man ihn stets gekannt. Nur sein Gesicht war leichenblaß, 

und die Augen sahen aus tiefen Höhlen zu Benno hin. 

»Junger Mann, ich habe mein Leben lang gearbeitet, arbeite auch 

jetzt noch und werde arbeiten bis an mein Lebensende«, sagte er 

ganz rauh, ganz tief. »Sie aber haben bisher nichts anderes getan, 

als dem lieben Gott die Tage weggestohlen, daher haben Sie auch 

kein Recht, sich hier als Herr aufzuspielen. Der liebe Gott sieht 

jedem Menschen ins Herz, er kennt auch das Ihre, junger Mann. 

Daher nehmen Sie sich in acht! Unserem Herrgott kannst du 

nichts vormachen – du – du – Menschenschinder!« schrie er 

plötzlich, daß ihm die Stimme überschlug. »Er bringt jeden 

Frevler zu Fall!« 

Der alte Mann war schrecklich anzuschauen. Die Augen 

flackerten wild in dem leichenblassen Gesicht. 

Jäh lief es blaurot an, die Augen wurden seltsam glasig, der Atem 

ging pfeifend und mühsam, und die geballte Faust, die Benno in 

das frech lächelnde Gesicht hatte schlagen wollen, fuhr nach dem 

Herzen. 

Wie ein gefällter Baumstamm fiel der schwere Körper des Hünen 

an der Stelle nieder, an der er jahrzehntelang in treuester 

Pflichterfüllung gearbeitet hatte. * 

Alles war so plötzlich gekommen, daß die Leute nicht einmal 

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zuspringen konnten, um den alten Mann vor dem Fall zu 

bewahren. 

Nun eilten alle hinzu, und auch Herr Erdmann trat vor. Sein 

sonst so blühendes Gesicht war aschfahl. Keinen Blick hatte er 

für seinen Sohn, dessen freches Lächeln sich bei dem Erblicken 

des Vaters in ein feiges, hilfloses verwandelte, und der nicht 

wußte, ob er gehen oder bleiben sollte. 

Herr Erdmann beugte sich zu dem alten Mann nieder, wandte 

dessen Kopf zur Seite. 

»Noch lebt er!« sagte er erregt. »Schnell, Jungens, einen Arzt! 

Dann eine Trage! Sie, Hubert, laufen zu Frau Frank und bereiten 

sie darauf vor, daß man ihren Mann krank ins Haus bringen 

wird. Machen Sie es geschickt.« 

Hubert und noch einige Burschen stürmten davon, um die 

Aufträge ihres Herrn auszuführen, die anderen blieben im Saal 

zurück. 

Jetzt sah der Vater zu dem Sohn hin, der unbeweglich dastand. 

Ein Blick traf ihn – ganz kurz nur. 

»Geh hinaus, Benno«, sagte er ruhig, und der entfernte sich mit 

einem Achselzucken. 

Die Trage war schnell zur Stelle, der todkranke Mann wurde 

daraufgebettet und in die Windmühle getragen. 

Auf dem halben Weg kam ihnen schon Frau Frank entgegen – 

aufgelöst vor Angst und Entsetzen. 

»Wilhelm – was ist mit meinem Wilhelm?« schrie sie auf, als sie 

die Trage sah, umklammerte Herrn Erdmanns Arm in Angst und 

Not. 

»Nicht sich unnötig aufregen, Mutter Frank«,“beschwichtigte der 

sie gütig und umfaßte die zitternde alte Frau. »Er lebt ja – und wo 

Leben ist, da ist noch Hoffnung.« 

In der Mühle wurde der Müller in das große Himmelbett gelegt. 

Einige Minuten später kam der Arzt. 

»Schlaganfall«, sagte er kurz, als er den Kranken untersucht hatte. 

Da weinte die verstörte alte Frau laut auf. Hockte sich verzweifelt 

auf dem Bettrand nieder und umklammerte die Hände ihres 

kranken Mannes. 

»Wilhelm, Wilhelm, du darfst doch nicht sterben – du darfst 

doch nicht sterben!« wimmerte sie. »Jetzt nicht – jetzt doch noch 

nicht!« 

Länger als eine Stunde blieb Renate mit dem Kranken und der 

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alten Frau allein, und es wurde ihr immer banger zumute. Hier 

untätig sitzen zu müssen und nicht helfen zu können – wie 

schrecklich war das! 

Mutter Frank, die immer so lieb und so frohgemut gewesen, war 

heute wie geistesgestört. Sie schien Renate nicht zu erkennen, sah 

sie feindselig an und murmelte unverständliche Worte vor sich 

hin, die Renate ängstigten. 

Daher war sie froh, als die Gemeindeschwester endlich kam. 

Nach vielem gütigen Zureden gelang es der Schwester, Frau Frank 

so weit zu beruhigen, daß sie sich in einen Lehnstuhl, der dicht 

an das Bett gerückt wurde, setzte. 

Am Nachmittag traf Jürgen ein, und Frau Frank, die sich schon 

einigermaßen beruhigt hatte, brach wieder in hilfloses Weinen 

aus. 

»Mutterchen, mein Mutterchen – wer wird denn gleich so verzagt 

sein!« 

Über ihren Kopf hinweg ging sein Blick zu dem Vater hin – und 

der mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut 

aufzustöhnen. 

Also so stand es – so. 

Jürgen drückte die Mutter fest an sein Herz – ihm war 

sterbensweh zumute. Behutsam setzte er sie in den Sessel zurück 

und begrüßte dann die Schwester und Renate. 

»Renilein, wie lieb von dir, daß du hier bist«, sagte er leise und 

küßte dankbar die Hände des Mädchens. »Doch ich glaube, du 

gehst jetzt nach Hause«, meinte er. »Das hier ist zu traurig für 

dich, mein Mädel.« 

In der Mühle schlich der Tag bleiern hin und brachte bange, 

trostlose Stunden. 

Noch immer lag der Kranke besinnungslos da, und für Jürgen 

war es eine Seelenqual, seinen Vater, dessen urwüchsige Kraft er 

immer aufrichtig bewundert hatte, jetzt vollkommen hilflos vor 

sich zu sehen. 

Als sich die Abendsonne in die düstere Stube stahl, alles ringsum 

mit ihrem Strahl vergoldend, trat noch einmal ein Leuchten in 

des Sterbenden müdes Gesicht. »Sonne – sehen«, lallte er. 

Da nahm Jürgen den Kopf des Vaters, drehte ihn dem Fenster zu, 

und nun war auch das bleiche Antlitz golden überstrahlt. 

Eine ganze Weile lag der Kranke so da. Dann wieder ein 

Stammeln, kaum noch verständlich: »Jung – unsere – Mühle…« 

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»Ich werde sie immer in Ehren halten, Vater, ich verspreche es 

dir«, sagte Jürgen, und es klang wie ein Schwur. Er bemerkte 

jedoch, daß der Kranke noch etwas auf dem Herzen hatte, sah es 

an dem angstvoll bittenden Blick. 

Endlich begriff er. Winkte die Schwester herbei, die ihn ablösen 

und des Kranken Kopf halten sollte. Er selbst kletterte die 

schmalen Stiegen hinauf, um die Mühle in Gang zu bringen. Und 

als er zurückkehrte, traf ihn ein dankbarer Blick aus den immer 

matter werdenden Augen des Sterbenden. 

Nun hielt wieder der Sohn des Vaters Kopf der Sonne entgegen, 

während die Mutter ihres Wilhelm Hände fest umklammerte. 

In der Stube die Sonne, die immer goldener strahlte, dazu das 

eilfertige, muntere Geklapper der Mühle… 

So hatte Wilhelm Frank immer zu sterben gewünscht. Und ehe 

noch die Sonne aus der niederen Stube huschte, tat er seinen 

letzten Atemzug. Ein unendlich liebevoller Blick zu Weib und 

Sohn hin – ein seltsam klares: 

»Jung’ – verlaß die – Mutter – nicht…« 

Ein wohliges Sichstrecken, ein tiefer Seufzer… 

Wilhelm Frank war tot. 

Die Tage, die nun folgten, waren für Jürgen Frank eine wahre 

Seelenfolter. 

In der großen Stube der Mühle lag der Tote aufgebahrt – denn es 

war selbstverständlich, daß der alte Frank von seiner Mühle aus 

zum Grab getragen wurde – und in der Kammer nebenan lag die 

völlig niedergebrochene Mutter. 

Jürgen und Renate sowie Schwester Hanna hatten sie gebeten, sie 

beschworen, bis nach dem Begräbnis in das Mühlengrunder 

Herrenhaus überzusiedeln – doch kein Bitten, kein Zureden half. 

Herr Erdmann hatte darauf bestanden, für das Begräbnis seines 

lieben Wilhelm Frank Sorge tragen zu dürfen. 

So wurde dem alten Müller ein Begräbnis zuteil, von dem man in 

der ganzen Umgegend noch lange sprach. Keiner, der den Alten 

gekannt, ließ es sich nehmen, ihm die letzte Ehre zu erweisen 

und mit zum Friedhof zu gehen. 

Ein langer Zug bewegte sich unter den Klängen der Musik zu dem 

Friedhof hin. Der Sarg war mit Kränzen bedeckt, und außerdem 

folgten noch zwei Wagen mit den übrigen Kränzen nach. 

Dicht hinter dem Sarg, zwischen dem Pfarrer und Jürgen, ging 

die alte Frau Frank. So haltlos sie auch die letzten Tage über 

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gewesen war, so tapfer zeigte sie sich jetzt. Sie blieb es auch 

während der Trauerrede des Geistlichen und wies den Sohn fast 

entrüstet zurück, wenn er sie stützend umfassen wollte. 

Der nächste Tag brachte für Jürgen Frank neue Sorge und neues 

Leid; denn seine Mutter war sehr schwer erkrankt. Er war in 

bebender Angst, auch noch dieses teure Leben hergeben zu 

müssen und tat alles, was sich nur tun ließ, um es zu erhalten. 

Nach zwei Wochen war das Ärgste überstanden und die alte Frau 

endlich außer Gefahr. Aber richtig gesund wurde sie nicht mehr. 

Sie konnte zwar aufstehen und sich langsam fortbewegen, blieb 

aber kraftlos und anfällig. 

Jürgen wagte es nicht, sie allein zu lassen, und mußte doch daran 

denken, sich nach Arbeit umzusehen, um endlich wieder Geld zu 

verdienen. Vorläufig hatte er ja noch seine Ersparnisse und das, 

was sein Vater zurückgelegt hatte. Außerdem war noch die 

Summe da, die die Versicherung auszahlte, doch die mußte als 

Notgroschen bleiben. 

Viel war es nicht, was Jürgen besaß, denn die Krankheit der 

Mutter hatte viel Geld verschlungen. Also mußte er arbeiten, 

durfte jedoch auch nicht lange von der Mutter wegbleiben – und 

das ließ sich schwer miteinander vereinen. 

Er machte sich große Sorgen um die Zukunft und sprach einmal 

mit Renate darüber, die jeden Tag in die Mühle kam. 

Renate hätte ihn gern beraten, wenn sie nur selbst Rat gewußt 

hätte. Sie tat aber das Beste, was sie tun konnte – sie sprach mit 

ihrem Vater und schilderte ihm die Not ihres Kindheitsgespielen. 

Die Folge davon war, daß Herr Erdmann Jürgen Frank zu sich in 

sein Privatbüro bestellte. 

Als der blonde Hüne vor ihm stand – gänzlich verändert, 

überhaupt nicht wiederzuerkennen – so ernst, so fremd, so viel 

männlicher als früher, aber ebensoviel verschlossener und 

unzugänglicher – da wurde es dem gütigen Mann ganz eigen ums 

Herz. 

»Komm, Jürgen, nimm Platz. Rauchst du, nein? Du hast es doch 

aber früher getan.« 

»Meine Mutter kann den Geruch des Tabaks nicht vertragen, Herr 

Erdmann, daher habe ich das Rauchen eingestellt. Ich habe seit 

vier Wochen stündlich bei ihr gesessen.« 

»So, na ja – das ist dann ja zu verstehen. Deiner Mutter wegen 

wollte ich übrigens mit dir sprechen, Jürgen. Renate sagte mir, du 

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könntest sie nicht allein lassen?« 

»Das stimmt, Herr Erdmann. Meine Mutter würde, wollte ich sie 

aus der Mühle entfernen, daran zugrunde gehen.« 

»Ja, aber lieber Jürgen, wie denkst du dir das? Eine Arbeit, wie du 

sie mit deinem Wissen und deiner Vorbildung zu beanspruchen 

hast, wirst du in unserem Städtchen kaum finden.« 

»Ich will mir keine Stellung suchen, die meinen Fähigkeiten 

entspricht, Herr Erdmann. Ich will mir eine Arbeit suchen, bei 

der ich Geld verdiene.« 

»Soso – hm ja«, räusperte sich Herr Erdmann. »Wenn das so ist, 

dann kannst du jederzeit bei mir eintreten. Ich habe zwar keinen 

Ingenieurposten zu vergeben, aber als Werkmeister könnte ich 

dich schon einstellen. Was meinst du dazu, Jürgen?« 

»Wenn Sie mich haben wollen, Herr Erdmann, ich greif 

selbstverständlich mit beiden Händen zu.« 

»Dann sind wir uns bereits einig, mein Junge«, schmunzelte Herr 

Erdmann. 

Nun gab es für Jürgen noch eine besondere Sorge: Er. mußte der 

Mutter eine zuverlässige Pflegerin besorgen, die zugleich den 

Haushalt versah. Doch da wußte Schwester Hanna, die die alte 

Frau während ihrer Krankheit betreut hatte und auch jetzt noch 

jeden Tag nach ihr sehen kam, guten Rat. Sie empfahl ein 

ältliches Fräulein, das noch am gleichen Tag zur Vorstellung 

erschien. Sie sagte Jürgen zu und wurde sofort eingestellt. 

So erschien Jürgen am nächsten Tag in den Mühlenwerken, um 

seinen Werkmeisterposten anzutreten. Zufrieden damit waren 

Herr Erdmann und Renate; nicht so sehr jedoch die Arbeiter. 

Am wenigsten einverstanden mit Jürgens Einstellung in den 

Mühlenwerken war wohl der Juniorchef. Ihm war die 

Anwesenheit des klugen und gelassenen Mannes geradezu ein 

Dorn im Auge. Nicht nur, weil er diesen anmaßenden Burschen 

in den Tod nicht leiden konnte, sondern weil er für ihn eine 

Gefahr bedeutete. 

Denn seine Eifersucht hatte schon längst aufgespürt, daß Jürgen 

das Hindernis war, das ihn noch immer von Rosmarie Haller 

trennte. Was er zuerst dunkel geahnt, das war ihm am 

Begräbnistag des alten Frank zur Gewißheit geworden – Rosmarie 

hatte sich in den anmaßenden Müllerbengel vergafft. 

Allein Benno hatte sich damit getröstet, daß Jürgen wieder aus 

dem Mühlengrund verschwinden würde und Rosmarie somit 

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nicht weiter gefährlich werden könnte. 

Und nun blieb er, und Rosmarie hatte Gelegenheit, jeden Tag mit 

ihm zusammenzukommen – das hatte ihm gerade noch gefehlt! 

März und April waren vergangen, und der Mai kam und 

entfaltete alle Reize, die ihm eigen sind. 

Die Windmühle klapperte wieder lustig und eifrig. Jürgen nutzte 

die günstigen Frühlingswinde aus und mahlte das Getreide, das 

vom Winter her liegengeblieben war. Tat es unentgeltlich für die 

Armen, wie es Vater und Großvater schon getan hatten. 

An einem dieser Abende holte Benno Nieritz Rosmarie wieder 

einmal aus der Stadt ab. 

Es war heute besonders spät geworden, denn Rosmarie hatte viel 

zu tun gehabt. Mit Beginn des Frühlings zückten die 

Liebhaberfotografen wieder fleißig ihre Apparate und brachten 

Platten und Filme in das Fotogeschäft zum Entwickeln. 

Damit begann Rosmaries hauptsächlichste Arbeit, und die war so 

reichlich, daß sie oft bis in den späten Abend hinein zu tun hatte. 

Eben trat sie aus der Dunkelkammer in den kleinen Arbeitsraum, 

als Benno Nieritz ihr schon entgegenkam. 

»Herr Nieritz, ich habe Ihnen doch bereits oft genug verboten, 

diesen Raum zu betreten«, sagte sie unwillig. »Er ist Fremden 

durchaus nicht zugänglich.« 

»Aber Rosmarie, warum schelten Sie mich immer so aus?« 

entgegnete er vorwurfsvoll. »Herr Bott hat mir das Betreten des 

Raumes gestattet, also kann ein so böses kleines Mädchen es mir 

noch lange nicht verbieten.« 

Rosmarie schwieg. Er hatte recht – leider. Wie oft hatte sie Herrn 

Bott schon gebeten, Herrn Nieritz fortzuschicken, wenn er nach 

ihr fragte! Doch der gute Mann glaubte ein wenig Vorsehung 

spielen zu müssen und ahnte nicht, wie sehr er damit ihren 

Wünschen zuwider handelte. 

»Nun, Rosiliebchen, fertig für heute?« fragte Benno zärtlich. 

Rosmarie, die am Waschbecken stand und sich die Hände 

säuberte, fuhr herum. »Ich bin Ihr Liebchen noch lange nicht, 

Herr Nieritz!« entgegnete sie ärgerlich. »Wenn Sie doch endlich 

begreifen wollten, daß ich von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden 

wünsche. Warum laufen Sie mir immer nach?« 

»Rosmarie, wollen wir heute nicht in das Cafe gehen?« 

schmeichelte er. »Der Abend ist einfach wundervoll. Es ist eine 

vorzügliche Kapelle in dem Lokal, und das Eis ist köstlich.« 

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»Danke«, entgegnete Rosmarie kurz. »Ich bin müde und möchte 

nach Hause.« 

Wenn sie so bestimmt sprach, dann beharrte sie auf ihrem 

Willen, das wußte Benno aus Erfahrung. So fügte er sich und ging 

an ihrer Seite brav dem Mühlengrund zu. 

Als sie dort ankamen, war es schon ziemlich dunkel geworden. 

Die Luft war warm und still. 

Von der Baracke her klang Harmonikamusik, und die Burschen 

sangen dazu mit frischen Stimmen. 

 

» Was weißt du von mir? 
Ich liebe dich und weiß nicht warum 

und schließe dich ein in meinem Herzen…«  

 

klang es wehmütig durch den stillen Abend. 

Rosmarie verhielt den Schritt und lauschte. Sie standen auf einer 

kleinen Anhöhe, von der sich ein schmaler Fußweg zur Baracke 

hinabschlängelte. Rosmaries schlanke Gestalt hob sich vom 

Himmel, der den Hintergrund bildete, scharf ab. 

 
»Was weißt du von mir? 

Die Liebe ist verschwiegen und stumm 

in seligem Glück und bitteren Schmerzen«  
 

hieß es weiter, und Rosmarie lauschte wie gebannt. 

So spielte und sang nur einer – unter Tausenden hätte sie Spiel 

und Gesang herausgehört. 

 

»Ich hob’ so viele Nächte geweint, 
verzweifelt, in bitterer Pein, 

du weißt nicht, daß nur dich ich gemeint 

dich nur immer, von allen allein« 

 

drang es an Rosmaries Ohr. Da senkte sie den Kopf, und ihr Herz 

preßte sich zusammen in Leid und Qual. 

Da saß er nun und sang gedankenlos hin, was sie hätte 

hinausschreien mögen in tiefster Verzweiflung! 
 

»Ich hob’ so viele Nächte geweint, 
verzweifelt, in bitterer Pein!« 

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Was wußte er davon? Er, dem sie ein Spielzeug gewesen, einen 

vergnügten Tanzabend lang! Er sang es hier mit lachendem 

Mund – sie jedoch hatte das alles erlebt und erlitten – 

wochenlang, monatelang und erlitt es immer noch weiter. 

Sie sehnte sich krank nach ihm, und was tat er? Er ging ihr aus 

dem Weg, wo er nur konnte, und wenn er trotzdem einmal mit 

ihr zusammentraf, war er schroff und abweisend bis zur 

Ungezogenheit. 

Und warum? 

Nur, weil er ein böses Gewissen hatte, weil ihr Anblick ihm 

unbequem war. 

Er machte sich sicherlich Vorwürfe, daß er sich an jenem Abend 

hatte zu einer Dummheit hinreißen lassen. Das brauchte er doch 

gar nicht. Er hatte diese Dummheit im Sektrausch begangen – 

damit war eben alles entschuldigt. 

Rosmarie biß die Zähne fest zusammen, um nicht die Qual ihres 

Herzens laut hinausschreien zu müssen. Großer Gott, so sollte 

das immer weitergehen, ein Leben lang? 

Das konnte doch niemand ertragen! Nein, gewiß nicht, das ging 

über eines Menschen Kraft! 

Rosmarie hatte alles um sich her vergessen, hörte nur auf die 

Stimme ihres Herzens. 

Ganz und gar hatte Rosmarie den anderen vergessen, der an ihrer 

Seite stand; der sie in einem fort anstarrte und dem sie noch 

niemals so schön erschienen war wie in diesem Augenblick. 

Und als sie jetzt ganz unerwartet aufweinte – schmerzgequält, 

bitterlich und hemmungslos – wer konnte es da schließlich dem 

arg verliebten Mann verdenken, daß er endlich seine auf so harte 

Probe gestellte Beherrschung verlor, daß er überhaupt den Kopf 

verlor, daß ihm jede Vorsicht und Vernunft, die er bisher noch 

nie außer acht gelassen hatte?! 

Daß er das weinende Mädchen an sich riß und es küßte – küßte 

mit all der Siegestrunkenheit, die jetzt in ihm war! 

Und daß er das Mädchen nicht losließ, obwohl es sich 

verzweifelt gegen ihn wehrte? 

Erst als ihn ein Schlag der kleinen Faust traf  mitten in das 

Gesicht hinein –, kam er zur Besinnung und ließ von seinem 

Opfer ab, das nun zornbebend vor ihm stand – zum Sprechen 

ansetzte und doch kein Wort hervorbrachte. Das sich endlich von 

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ihm abwandte – zornig, verächtlich, und den schmalen Pfad 

hinunterlief wie gehetzt. 

Sein kühner Angriff wäre ungesühnt geblieben, wenn er nicht 

Zeugen gehabt hätte. Zwei Burschen saßen nämlich am Fenster 

der Baracke. Unweit von ihnen Jürgen Frank, der die Harmonika 

spielte, und neben diesem lehnte Norbert Haller. Er war vor 

ungefähr einer Stunde mit einem Auftrag des Chefs in die 

Baracke gekommen, hatte es da urgemütlich gefunden und war 

auf die höfliche Aufforderung der Burschen hin noch dort 

geblieben. 

Die beiden Burschen am Fenster hatten das Pärchen auf der 

Anhöhe, das sich scharf von dem Abendhimmel abhob, schon 

eine Weile beobachtet -* wußten dann auch schließlich, wer die 

beiden waren. 

Als sie jedoch sahen, wie der Mann das Mädchen küßte, da 

erschraken sie und schielten zu Norbert und Jürgen hin, die 

gleich ihnen die Anhöhe übersehen konnten, das Pärchen aber 

anscheinend noch nicht bemerkt hatten. Sie wollten sich gerade 

vor das Fenster stellen, um so den Anblick zur Anhöhe zu 

verdecken, als Norbert just in diesem Augenblick auf die 

verliebten Leutchen aufmerksam wurde und interessiert an das 

Fenster trat. 

»Dieses Pärchen hat die Wunderkraft des Frühlings erfaßt«, 

meinte er mit leichter Anzüglichkeit. »Und warum auch nicht? Es 

heißt doch nicht umsonst: Alles fühlt der Liebe Freuden, 

schnäbelt, tändelt, herzet, küßt. Und jetzt sträubt sie sich sogar«, 

stellte er lachend fest, als Rosmarie sich bemühte, sich aus der 

unerwünschten Umarmung zu befreien. »Die Kleine hat recht, 

man muß dem Mann den Sieg nicht zu leicht machen, sonst wird 

er übermütig und…« 

Er hielt inne, denn soeben lief Rosmarie die Anhöhe hinab. 

Und nun… 

Nun hatte Norbert seine Schwester erkannt – und Benno 

Nieritz… 

Todblaß wurde er, umkrallte das Fensterkreuz mit beiden 

Händen. 

Die Burschen, die auf seine Bemerkungen hin sämtlich an das 

Fenster getreten waren, wagten nicht, sich zu rühren. 

Nun hatte das Mädchen die Baracke erreicht, wollte links 

abbiegen. 

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Da riß Norbert das Fenster auf. »Rosmarie!« rief er befehlend. 

Sie erschrak und blieb stehen – zitternd, zagend, schuldbewußt. 

Wagte den Bruder, der sich aus dem Fenster geschwungen hatte 

und nun vor ihr stand, nicht anzusehen. 

»Komm!« herrschte er sie an, umklammerte ihr Handgelenk und 

wollte sie mit sich ziehen, doch Benno Nieritz vertrat ihm den 

Weg. »Sofort lassen Sie Rosmarie los!« schrie er wütend. 

Da wandte Norbert sich herum, stand vor ihm, war so 

furchterregend anzusehen, daß Benno scheu zurückwich. »Wer ist 

hier für Sie eine Rosmarie, Herr Nieritz?« fragte er ganz ruhig, 

ganz eisig. »Haben Sie das Recht, meine Schwester so zu 

nennen?« 

»Nun, ich meine – das ist überhaupt eine bodenlose Frechheit – 

benehmen Sie sich gefälligst anständig!« verbuchte Benno zu 

retten, was irgend noch zu retten war. »Selbst als Bruder haben 

Sie nicht das Recht, die Schwester so roh zu behandeln!« 

»Kein Recht?« lachte Norbert rauh auf. »Ich habe als Bruder nicht 

nur das Recht, sondern ich habe sogar die – Pflicht, meine 

Schwester vor einem gewissenlosen – Mädchenjäger zu 

schützen.« 

»Herr, was erlauben Sie sich?!« brüllte Benno. »Sie werden mir 

Genugtuung geben!« 

»Ihnen?« fragte Norbert verächtlich. »Nein, Herr Nieritz, Ihnen 

bin ich keine Genugtuung schuldig.« 

Damit zog er Rosmarie mit sich fort und ließ den andern in 

rasender Wut zurück. 

Jürgen und die Burschen, die an dem offenen Fenster der Baracke 

Zeugen des ganzen Vorfalles gewesen waren, standen da wie 

erstarrt. 

In der Baracke brach ein großes Hallo los. Alle schrien 

durcheinander. 

»Ruhig, Jungens!« donnerte Hubert dazwischen. »Ihr brüllt ja den 

ganzen Mühlengrund zusammen, und es ist nicht gerade nötig, 

daß die Leutchen hellhörig werden. Wir wollen hoffen, daß wir 

die einzigen sind, die das Pärchen belauscht haben, sonst ist die 

Kleine morgen in aller Leute Mund. Daß ihr dicht haltet, 

Jungens, verstanden?!« 

»Ehrensache!« kam es prompt aus neun Kehlen, und Hubert 

nickte zufrieden. 

»Nun ist das Pärchen also doch einmal erwischt worden«, sprach 

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er weiter. »Lange genug hat es ja gedauert, aber der Krug geht so 

lange zu Wasser, bis er bricht. Mir tut nur das Mädel leid und der 

Bruder nicht minder.« 

»Mir tut sie gar nicht leid«, widersprach Hans Hein gelassen. 

»Ausgerechnet auf die Anhöhe müssen die Dummköpfe sich 

stellen, damit sie ja recht deutlich gesehen werden können! Als 

wenn es nicht genug verschwiegene Plätzchen gäbe, wo sie sich 

nach Herzenslust schnäbeln können und wo sie dabei nicht 

ertappt werden. Zum Beispiel der romantische Grund.« 

»Halt den Mund, Hans!« fuhr Hubert dazwischen. »Das Mädel ist 

nicht mal zu verurteilen. Vielleicht gedenkt die Kleine sich einen 

reichen Freier zu kapern und hat sich nur insofern verrechnet, 

daß sie gerade an Benno geraten mußte. Der heiratet sie 

bestimmt nicht.« 

Frau Haller hob den Kopf von dem Buch, in dem sie gelesen, und 

sah ihren Kindern entgegen, die soeben das Zimmer betraten. Sie 

schob den Kopf vor – schaute. 

Ja, was hatten die beiden denn? Sie sahen ja aus, als wären sie 

soeben dem Grabe entstiegen, so weiß und starr waren ihre 

Gesichter. Und warum hielt Norbert Rosmaries Handgelenk so 

fest umklammert? 

»Was habt ihr denn?« fragte sie. 

Da schleuderte Norbert seiner Schwester Arm so heftig von sich, 

daß das Mädchen gegen den Tisch taumelte. 

»Frage nur dein Fräulein Tochter, das wird dir darauf Antwort 

geben können!« lachte er auf, doch das Lachen klang seltsam 

rauh. »Ein Liebchen ist sie – ein Liebchen des sauberen Herrn 

Benno Nieritz!« 

Rosmarie, die dem Bruder widerstandslos gefolgt war, die auch 

hier noch geduldig blieb, obgleich Norberts Behandlung sie hatte 

empören müssen, fuhr bei seinen letzten harten Worten doch 

auf. 

»Das ist nicht wahr!« rief sie drohend, und ihre Augen flammten 

vor Entrüstung. »Herr Nieritz hat mich heute gegen meinen 

Willen geküßt – das erstemal, Norbert – ich schwöre es dir!« 

»Und das soll ich dir glauben?« fragte er bitter. »Wenn mir heute 

noch, bevor ich dieses Niegeahnte gesehen, jemand gesagt hätte, 

meine Schwester lasse sich von einem Benno Nieritz küssen – ich 

hätte ihn niedergeschlagen vor ehrlichster Empörung! Denn ich 

hielt meine Schwester für das reinste, feinste Geschöpf…« 

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Er konnte nicht weitersprechen, wandte sich ab und bedeckte die 

Augen mit der Hand. 

»Und was gibt dir das Recht, jetzt an mir zu zweifeln?« fragte 

Rosmarie müde und gequält. 

»Was ich heute sah!« schrie er so laut hinaus, daß nicht nur 

Rosmarie, sondern auch die Mutter zusammenzuckte. 

»Norbert, du benimmst dich wie ein Irrsinniger!« mischte sich 

nun die Mutter ein. »Was ist schon dabei, wenn ein junges 

Mädchen sich von einem jungen Mann, den sie seit ihrer 

Kindheit kennt, küssen läßt? Deswegen brauchst du nicht gleich 

ein großes Geschrei zu erheben, als wäre die Welt aus den Fugen 

gegangen.« 

Norbert sah die Mutter an, als sähe er sie heute zum erstenmal. 

»Dabei findest du nichts?« rang er sich endlich von seinen 

Lippen. »Du – als Mutter?! Dann allerdings!« 

Er wandte sich ab mit müder, hoffnungsloser Gebärde, öffnete 

die zu seinem Zimmer führende Tür. 

»Weißt du denn, ob Benno Nieritz Rosmarie nicht zu heiraten 

gedenkt?« meinte die Mutter lauernd. 

Da verhielt Norbert noch einmal den Schritt. »Das glaubst du 

wohl  selbst  nicht,  Mama«,  winkte  er  müde  ab.  »Ein  Mann  wie 

Benno Nieritz heiratet kein Mädchen, das nichts ist und nichts 

hat.« 

»Komm her, Rosiliebchen«, flötete Frau Haller honigsüß. 

Da fuhr das Mädchen auf. Dieses Kosewort – von diesen Lippen 

– in dieser Stunde! 

Das war zuviel für sie! 

Sie schrie auf – ganz laut, ganz hell – mußte aufschreien, wenn 

sie nicht an dem ersticken wollte, was ihr Herz und Seele zerriß! 

Dann stürmte auch sie aus dem Zimmer. 

Nun war endlich eingetroffen, worauf sie schon sehnsüchtig 

gewartet hatte. Lange genug hatte es ja gedauert. Nun galt es für 

sie, alles so geschickt wie nur möglich anzufangen, galt für ihre 

dösigen, unbeholfenen Kinder zu handeln und wenigstens dem 

Mädel zu seinem Glück zu verhelfen. 

»Herr Erdmann, Frau Haller möchte Sie sprechen«, meldete der 

Bürodiener am nächsten Vormittag seinem Chef. 

Der hob den Kopf von dem Buch, das er gerade prüfte. »Wer will 

mich sprechen?« 

»Frau Haller. Und zwar in einer dringenden Angelegenheit.« 

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»Ich lasse bitten.« 

Nun setzte Herr Erdmann sich in seinem Schreibtischstuhl 

zurecht und sah der Frau entgegen, die gar herrlich geschmückt 

zu ihm hereinrauschte. Doch das Gesicht paßte nicht zu dem 

festlichen Gewand; es war verweint und sehr kläglich. 

»Nun, meine liebe Frau Haller, was verschafft mir die Ehre Ihres 

Besuches?« erkundigte sich Herr Erdmann und wußte nicht, ob er 

lachen oder sich ärgern sollte. 

Jedenfalls war ihm sehr unbehaglich zumute, und als Frau Haller 

nun gar aufweinte, da zuckte er betroffen zusammen. 

»O  Gott  –  o  Gott  –  ich  bin  so  unglücklich,  so  über  alle  Maßen 

unglücklich!« schluchzte sie, und Herrn Erdmann wurde es 

immer schwüler zu Sinn. 

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« fragte er, doch sie schüttelte 

den Kopf und weinte noch heftiger, noch haltloser. 

»Es ist wegen meiner Rosmarie«, kam es endlich unter dem 

Taschentuch hervor, das sie gegen das Gesicht gedrückt hielt. 

»Nun beruhigen Sie sich erst einmal, und dann erzählen Sie mir, 

was Sie auf dem Herzen haben.« 

»Meine Rosmarie – und Ihr Sohn«, schluchzte sie nun doch 

wieder, und Herr Erdmann hatte begriffen. 

Also, das war es! Na, eine schöne Bescherung! So ein verflixter 

Bengel! 

Und dann die Kleine – der hätte er derartiges bestimmt nicht 

zugetraut! 

»Wann ist es denn soweit?« erkundigte er sich verlegen; aber da 

fuhr Frau Haller auf. 

»Herr Erdmann!« rief sie schwer gekränkt. »Was trauen Sie 

meiner Tochter zu? Rosmarie ist ein anständiges Mädchen.« 

»Und was wollen Sie dann von meinem Sohn?« fragte er 

verblüfft. 

»Er hat sie bloßgestellt«, sagte sie großartig. »Hat sie in aller Leute 

Mund gebracht«, bekräftigte sie, falls er das erstere nicht 

verstehen sollte. »Schon seit Oktober holt er sie jeden Abend 

vom Geschäft ab – na, Sie kennen die Menschen ja, Herr 

Erdmann. Jedenfalls zeigt man mit Fingern auf mein 

unschuldiges Kind«, weinte sie nun wieder herzbrechend. »Und 

gestern abend – da hat er sie sogar – geküßt. Mein Norbert hat es 

gesehen und will seine Schwester nun umbringen.« 

»Er wird sich noch besinnen«, meinte Erdmann trocken, der das 

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Theater, das die Frau ihm vormachte, langsam zu begreifen 

begann. »Und ich weiß immer noch nicht, was Sie eigentlich von 

mir wollen, Frau Haller. Ich kann meinem Sohn doch nicht 

verbieten, daß er mit seiner Jugendgespielin verkehrt – in allen 

Ehren, versteht sich.« 

»Herr Erdmann, meine Rosmarie ist nicht irgendwer«, erklärte sie 

würdevoll. »Sie ist eine Tochter aus guter Familie – ist meine 

Tochter.« 

»Ich werde meinem Sohn selbstverständlich ins Gewissen reden«, 

versprach er Frau Haller, die ein langes Gesicht machte. »Sie sind 

eben leichtsinnig gewesen, die beiden Leutchen, haben nicht an 

die geifernden Klatschmäuler gedacht. Ich werde meinem Sohn 

nahelegen, Ihre Tochter in Zukunft ihrer Wege gehen zu lassen; 

Sie wiederum sagen Rosmarie das gleiche, und somit hätten wir 

beide dann getan, was wir für unsere Pflicht halten.« 

Ein Glück, daß die Kinder von dieser Mutter nicht viel 

mitbekommen hatten; sie schienen mehr .dem Vater 

nachgeschlagen zu sein. Norbert glich ihm nicht nur im 

Aussehen, sondern auch in seiner ganzen Art. 

Und die kleine Rosmarie? Ein bildhübscher Racker war das! 

Hatte ein Paar Augen im Kopf, die einem das Herz warm werden 

ließen. 

Also, der Benno hatte sich in die Kleine verguckt – hatte keinen 

schlechten Geschmack, der Bengel! 

Wenn die Rosmarie auch innerlich* so blitzsauber war wie 

äußerlich, dann wäre gegen sie als Schwiegertochter nichts 

einzuwenden. Im Gegenteil, bei dem Mädel wußte man 

wenigstens, woran man war, kannte es von Kindheit an. 

Allerdings mußte man zuerst ergründen, was mit Rosmarie los 

war, ob sie dem Vater oder der Mutter nachartete. In letzterem 

Fall ließ man wohl lieber die Finger davon; denn diese Frau 

Haller war einfach unmöglich! 

Er ließ Benno rufen. Dem wurde schwül zumute; denn er konnte 

sich nichts anderes denken, als daß dem Vater etwas über die 

Geschichte von Gestern zu Ohren gekommen war. 

Na, wenn schon! Mochte der Alte sich nur nicht mausig machen, 

– man war schließlich doch kein kleines Kind mehr, das man 

ganz nach Gefallen gängeln konnte! Wenn der Alte ihn auch in 

den Werken in geradezu lächerlicher Weise bevormundete, so 

hatte er noch lange kein Recht, sich in seine 

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Privatangelegenheiten zu mischen. 

Jedenfalls konnte es so nicht weitergehen, er mußte dem Alten 

langsam beibringen, daß er nicht ganz das gutmütige Lamm war, 

das er sein sollte. 

Ganz Benno Nieritz – die Nase in die Luft, anmaßend und 

dummdreist – erschien er bei dem Vater, der ihn erstaunt ansah. 

»Du hast mich rufen lassen, Vater?« meinte Benno leichthin. 

»Nimm Platz«, sagte er und deutete auf einen Sessel, der seinem 

Schreibtisch gegenüberstand. »Sag mal, Benno«, begann er in 

seiner ruhigen, freundlichen Art, »*da ist mir zu Ohren 

gekommen, daß du mit der Rosmarie Haller angebändelt hast. 

Stimmt das?« 

»Was heißt hier angebändelt?« entgegnete Benno nachlässig. »Die 

Kleine gefällt mir, und ich habe einen netten Flirt mit ihr 

begonnen.« 

»Schon lange?« fragte der Vater weiter. 

Benno begann sich bereits über den Ton zu ärgern, den der Alte 

anzuschlagen beliebte. »Seit Oktober«, gab er kurz zurück. 

»So, also seit Oktober«, wiederholte Erdmann nachdenklich. 

»Und ist dir noch gar nicht in den Sinn gekommen, daß du das 

Mädel bloßstellst?« 

Jetzt trat jenes niederträchtige Lächeln in Bennos Gesicht, das der 

Vater heute zum erstenmal sah. »Gott, Vater, du tust ja so, als ob 

es sich hier um ein Mädchen von Familie handelte.« 

Herr Erdmann sah plötzlich sehr erhitzt aus. Er griff nach einem 

Bleistift, spielte mit ihm und meinte so nebenbei: »Die Kleine ist 

für dich also nichts weiter als ein bloßer Zeitvertreib?« 

»Na, was denn sonst?« sagte Benno wegwerfend. 

»Hm – na ja – und hat sie dich auch nicht enttäuscht? Ich meine 

– na, du verstehst mich ja wohl.« 

»Wie mann’s nimmt«, entgegnete Benno nachlässig. »Sie wirkt 

jedenfalls nicht langweilig. Der Mann, der sie erringen will, muß 

schon mit so spröden kleinen Rackern umzugehen wissen. Selbst 

mir gibt sie manchmal noch Rätsel auf, und ich weiß nicht, was 

sie mit ihrer schroffen Zurückhaltung bezweckt. Entweder ist sie 

sehr gerissen, oder – unbequem anständig.« 

Benno hatte den Eindruck, dem Vater mache das Ganze großen 

Spaß. 

»Na, sage einmal, Benno, wenn das Mädel so – unbequem 

anständig ist, wie du dich ausdrückst – ist dir da nicht der 

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Gedanke gekommen, daß du es – heiraten könntest?« erkundigte 

sich Erdmann. 

Da lachte Benno auf. Ein sehr häßliches Lachen war es. »Mach 

noch so ’nen Witz, Vater! Möchtest wohl eine verdammt 

schlechte Meinung von deinem Sohn bekommen, wenn er sich 

mit einer kleinen – Fotogehilfin als Gattin begnügen wollte.« 

»So hältst du eine kleine Fotogehilfin wohl für so *ne Art 

Freiwild, wie?« fragte Erdmann. 

Benno zuckte die Achseln. »Gott – wie man’s nimmt. Sie würde 

zweifellos einen Mann bekommen, wenn sie sich mit einem 

Aschenputteldasein begnügen wollte. Aber dazu ist sie viel zu 

schlau und weiß ganz genau, daß sich aus ihrer Schönheit 

mancherlei herausschlagen läßt.« 

Er zuckte auf einmal erschrocken zusammen und sah den Vater 

verblüfft an. 

»Und du wirst sie heiraten!« schrie er den völlig verdatterten 

Sohn an. »Für deine schmutzigen Abenteuer suche dir gefälligst 

Mädchen aus, die dazu geeignet sind, aber nicht ein so – 

unbequem anständiges Mädchen wie die Rosmarie! Sie ist für 

deine Raubzüge denn doch zu schade!« 

»Aber ja, ich verstehe dich ja schon – schreie doch nicht so!« 

brummte der aus allen Wolken gefallene Benno. »Es ist doch 

nicht nötig, daß die Leute hier alles hören.« 

Da ging Benno Nieritz hinaus. 

»Fräulein Haller! Herr Nieritz möchte Sie sprechen.« 

Herr Bott steckte sein gerade nicht gepflegtes Haupt durch die 

Tür, die zu Rosmaries kleinem Arbeitszimmer führte. 

»Herr Bott, wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß ich für Herrn 

Nieritz nicht zu sprechen bin«, entgegnete Rosmarie 

vorwurfsvoll. »Ich habe zu arbeiten und möchte nicht gestört 

werden.« 

Der gute Bott schloß die Tür und sah Benno, der neben ihm 

stand, bekümmert an. 

»Nun haben Sie es ja selbst gehört, Herr Nieritz, ich soll Sie 

jedesmal abweisen«, meinte er bedauernd und verlegen zugleich. 

»Da muß ich schon gehorchen, sonst geht mir das Fräulein 

womöglich auf und davon. Und ich kann sie nicht entbehren, sie 

ist eine tüchtige Kraft.« 

»So werde ich mir den Eintritt selbst verschaffen«, entgegnete 

Benno kurz entschlossen, schob den verdutzten Bott zur Seite 

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und war schon in dem Zimmer, bevor dieser dagegen Einspruch 

erheben konnte. 

»Bei Ihnen dürfte mich eigentlich gar nichts mehr wundern«, 

wandte Rosmarie sich achselzuckend an den Eindringling. »Ich 

habe mir monatelang Ihre Aufdringlichkeit gefallen lassen. Ich 

möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich um Hilfe rufen 

werde, falls Sie mich belästigen sollten.« 

»Ach nein, Kind, was du nicht sagst«, erwiderte er in seiner 

gewohnt nichtswürdigen Art, die Rosmarie allerdings noch nicht 

kannte, 

da 

er 

sich 

in 

ihrer 

Gegenwart 

immer 

zusammengenommen hatte. 

Er stand vor ihr, hatte die Hände in den Taschen seines 

Beinkleides vergraben und musterte sie mit dreisten Blicken. 

Rosmarie war unter seinen Blicken abwechselnd errötet und 

erblaßt und wandte unwillig das Antlitz zur Seite. 

»Ich habe zu arbeiten, Herr Nieritz«, sagte sie kurz und schroff, 

doch er lachte nur. 

Riß sie mit einem Ruck an sich und küßte den Hals, der zart und 

fein aus dem Ausschnitt des Kleides herausblühte. 

»Herr Nieritz, ich verbitte mir Ihre Unverschämtheiten!« rief sie 

empört. »Sofort lassen Sie mich los!« 

»Aber nein, mein Liebchen«, lächelte er behaglich. »Mach dich 

doch nicht immer so niedlich, das wird auf die Dauer langweilig. 

Weißt du was? Du sollst meine kleine Frau werden – was sagst du 

nun?« 

Zuerst sagte sie gar nichts, starrte ihn nur wie entgeistert an. 

»Nicht wahr, Liebchen, da bist du sprachlos?« nickte er zufrieden. 

»Aber es ist schon so, wie ich sage. Sogar mein Vater billigt meine 

Wahl. Es ist also mein gutes Recht, dich jetzt zu küssen nach 

Herzenslust. Also, komm schon her.« 

Er wollte sie wieder an sich ziehen, doch Rosmarie entwand sich 

ihm und stand nun da – hoch und schmal, sehr ruhig, sehr blaß. 

»Und wenn ich auf die Ehre, Ihre Frau zu werden, verzichte?« 

Da war es an Benno, sie entgeistert anzustarren. – »Du willst 

damit doch nicht etwa sagen, daß du mich – mich – abweist?« 

fragte er drohend. 

Sie nickte nur. 

»Mach keine geschmacklosen Witze, du dummes Gör!« schrie er 

unbeherrscht. »Was bist du denn eigentlich?« 

»Was ich bin?« entgegnete Rosmarie kalt und ruhig wie bisher. 

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»Ich bin ein Mensch, der darauf Anspruch hat, von seinem 

Mitmenschen höfliches Benehmen zu fordern.« 

»Na ja – gewiß«, lenkte er ein, denn ihm kam selbst eine leise 

Ahnung, daß er sich nicht gerade taktvoll benommen hatte. 

»Du machst ja ein Gesicht, als solltest du auf das Schafott«, 

brummte er. »Lache doch, sei doch vergnügt und nicht immer so 

transusig und ehrpusselig. Sollst doch Frau Nieritz werden, du 

Dummchen! Sollst es nicht mehr nötig haben, deine Tage in 

diesem Affenkasten zu verbringen. Sollst als meine Frau Reisen 

machen, schöne Kleider tragen, sollst haben, was du dir 

wünschest. Nur gib endlich deinen Widerstand auf – ich werde 

sonst noch verrückt!« 

Rosmarie fühlte, daß er die Wahrheit sprach, daß er wirklich in 

sie verliebt war. Er tat ihr in gewisser Hinsicht leid. 

Und dennoch – und dennoch… 

»Lassen Sie mir einige Tage Bedenkzeit«, bat sie gequält. »Ihr 

Antrag kommt mir zu unerwartet.« 

»Das kannst du nicht von mir verlangen«, begehrte er auf. »Was 

denkst du dir eigentlich, Rosmarie, wie? Du behandelst mich 

ganz einfach wie deinen Schuhputzer.« 

»Ich bitte Sie, Herr Nieritz, seien Sie doch nicht gleich ärgerlich«, 

unterbrach sie ihn fast weinend. »Können Sie denn nicht 

verstehen, daß ich in Minuten unmöglich einen Entschluß fassen 

kann, der entscheidend für mein ganzes Leben ist?« 

»Nein, das kann ich nicht«, grollte er gereizt. Warf sich in einen 

altersschwachen Korbsessel, daß er in allen Fugen krachte, und 

brannte sich eine Zigarette an. 

Rosmarie war an das Fenster getreten und starrte hinaus. Ihr war 

weh, grenzenlos weh zumute! Benno verhielt sich jetzt ganz still, 

mußte wohl erst seinen Groll niederkämpfen. 

Von nebenan, aus dem Laden, klangen gedämpfte Stimmen. 

Also, ich soll Bennos Frau werden, dachte Rosmarie gequält. Aber 

das kann ich doch nicht – mit der Liebe zu einem andern im 

Herzen. Wie anders, wie ganz anders hatte er um sie geworben! 

Ja – um dich gleich darauf zu^ verraten, höhnte eine Stimme in 

ihr. Selbstverständlich, trauere ihm immer weiter nach und 

verpfusche dir damit dein ganzes Leben! Die Hand eines Benno 

Nieritz schlägt man nicht aus, denn er kann einer Frau viel 

bieten. Was ist denn besser: Frau Nieritz werden, in dem schönen 

Haus im Mühlengrund wohnen, eine Rolle in der Gesellschaft 

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spielen, weite Reisen machen, elegante Kleider tragen… Oder: In 

diesem engen Raum arbeiten, tagaus, tagein. Die Nörgeleien des 

alten Bott über sich ergehen lassen und ewig um das jammern, 

was nicht wiederkommt? Nach Jahren alt und verbittert sein, 

dann endlich zur Einsicht kommen und um das weinen, was 

man sich in seiner Dummheit verscherzt hat? 

Dem Jürgen Frank tust du keinen Gefallen damit, wenn du ihm 

ewig nachtrauerst. Und dann überhaupt – willst du etwa einen 

Werkmeister heiraten – wenn du dessen Chef haben kannst?! 

Die Stimme raunte immer dringlicher, immer beschwörender. 

Rosmarie wollte schon schwankend werden – als vom Laden her 

eine Melodie aufklang, die sie so heftig zusammenzucken ließ, 

als habe sie ein Stich getroffen durch und durch! 

Herr Bott verkaufte nämlich neben seinen Fotoartikeln auch 

Schallplatten; spielte nun wohl einem Kunden eine Platte vor. 

 
»Drei Rosen hast du einmal mir aus 

Liebe geschenkt, 
Rosen – blutrote Rosen…«  

 

sang eine schmiegsame Männerstimme wehmütig. 

Und diese schlichte Melodie zauberte Rosmarie noch einmal das 

vor, was sie beseligt hatte, einen kurzen Tanzabend lang. Um das 

sie nun so sehr litt und das ihr junges Leben verbitterte. 

Da wußte Rosmarie plötzlich Antwort auf die raunende Stimme, 

die sie augenblicklang hatte schwankend werden lassen. 

»Gräßlich, dieses süßliche, rührselige Zeug«, hörte sie Bennos 

Stimme hinter sich. 

Rosmarie schrak auf, wandte sich langsam herum und sah Benno 

so aufmerksam an, als sähe sie ihn heute zum ersten Male – 

schauerte zusammen. Ihr war zumute, als wäre sie einer großen 

Gefahr entronnen. 

»Rosmarie, wie lange soll ich noch auf eine Antwort warten?« 

fragte er ungeduldig. 

Das Mädchen trat einen Schritt vor und stand nun vor dem 

ärgerlichen Mann, der sich in seinem Sessel rekelte. 

»Nun, was für nette Überraschungen hast du noch auf Lager?« 

höhnte Benno. »Also bitte, wie lange geruhen Gnädigste die 

Bedenkzeit auszudehnen?« 

»Gar nicht, Herr Nieritz«, gab Rosmarie kalt zurück. »Ich kann 

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Ihnen nämlich jetzt schon sagen, daß ich Ihre Frau nicht werden 

kann.« 

Das kam so bestimmt, so fest heraus, daß Benno nun doch 

aufsprang. »Zum Donnerwetter, jetzt habe ich aber genug!« 

brüllte er sie an. »Bist du überhaupt noch bei Sinnen?« 

»Warum denn nicht?« fragte sie spöttisch. »Etwa, weil ich die 

Werbung eines Benno Nieritz auszuschlagen wage?« Benno 

starrte sie zuerst an, zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen. 

Schon war Rosmarie mit einem Satz an der Tür und verschwand 

im Laden, in dem außer dem Inhaber noch einige Kunden 

standen. 

Benno blieb sekundenlang auf dem Feld seiner Niederlage 

zurück, fluchte und ging dann Rosmarie nach. Diese bediente 

gerade einen Kunden. Hatte keinen Blick für Benno, der zu ihr 

trat. Zu seinem Pech kam auch Herr Bott dazu, sehr höflich nach 

den Wünschen des guten Kunden fragend. 

»Danke«, lehnte Benno kurz ab; denn er sah ein, daß es ihm 

unmöglich sein würde, vor den neugierigen Augen und Ohren 

Herrn Botts und seiner Kunden Rosmarie ungestört sprechen zu 

können. 

So verließ er denn den Laden, und Rosmarie atmete auf. 

Am nächsten Morgen herrschte im Haus Haller wahre 

Gewitterschwüle, Frau Haller konnte die Niederlage, die sie am 

gestrigen Tag erlitten, immer noch nicht verschmerzen. Sie tat 

ihre gewohnte Morgenarbeit verbissen und nachlässig. Es fiel ihr 

gar nicht ein, den Frühstückstisch heute im Zimmer zu decken. 

Weshalb sich so viel Mühe machen mit den Kindern, an denen 

sie doch nur Enttäuschungen über Enttäuschungen erlebte? 

Ein grimmiger Blick traf die Tochter, die aus ihrem Kämmerchen 

soeben in die Küche trat. 

»Aussehen tust du heute wieder, daß einen das Grauen packt«, 

begrüßte die Mutter ihre Tochter hämisch. 

Rosmarie schwieg und setzte sich an den Küchentisch, um ihr 

Frühstück einzunehmen. 

»Wenn du so weiter machst, dann wird dich bald kein Mann 

mehr reizend und anziehend finden«, erregte Frau Haller sich. 

»Das ist doch wirklich nicht so wichtig, Mama«, gab Rosmarie 

achselzuckend zurück, und das ergrimmte die Mutter noch mehr. 

»So – und an deine Zukunft denkst du wohl nicht, wie?« rief sie 

und stemmte die Arme in die Seiten. »Glaubst du, ich werde dich 

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immer hier im Haus behalten? Sieh nur zu, daß du bald unter die 

Haube kommst! Später nimmt dich keiner mehr.« 

Rosmarie lächelte seltsam müde und schwieg. Nahm einen 

Schluck aus der Tasse, die eine bittere Zichorienbrühe enthielt, 

und erhob sich. 

»Ach so, der Kaffee schmeckt der Prinzessin wieder mal nicht«, 

höhnte die Mama und sah Norbert wütend an, der soeben in die 

Küche trat. 

»Na, der Herr Sohn sieht ja auch aus, als wollte er alles 

ringsumher fressen. Wenn ich euch schon am frühen Morgen 

solche Gesichter machen sehe, dann habe ich genug für den 

ganzen Tag.« 

Norbert hörte kaum auf das, was die Mutter sagte. Sein Blick hing 

an der Schwester, die blaß und müde aussah. Doch dieser 

Anblick verminderte seinen Groll nicht, im Gegenteil, er 

verstärkte ihn noch. 

»Ich werde dich jeden Abend nach Dienstschluß aus der Stadt 

abholen, Rosmarie, richte dich also danach ein«, bemerkte er 

kurz und befehlend. 

Er machte gar nicht erst Miene, sich an den wenig einladenden 

Küchentisch zu setzen, sondern wandte sich kurz herum und 

verließ die Küche. Gleich darauf hörte man die Korridortür 

klappen. 

»Das  läßt du dir so ohne weiteres bieten, Rosmarie?« empörte 

sich die Mutter. »Selbstverständlich, laß dich doch nur immer 

tiefer von dem Grobian ducken, damit ihm der Kamm immer 

mehr schwillt! Bist du denn schon so vertrottelt, daß du diesem 

anmaßenden Bengel nicht Bescheid sagen kannst?« 

»Das mußt du schon für mich tun, Mama«, entgegnete die 

Tochter gleichmütig, indem sie sich im Korridor den Mantel 

anzog. 

»Guten Morgen, Rosmarie«, hörte sie eine lachende Stimme, und 

Renate Nieritz streckte ihr vom Pferd aus die Hand hin. »Du 

gehst so gedankenverloren dahin, daß du nicht einmal einem 

Gaul ausweichst. Siehst blaß und elend aus, Kleine, du arbeitest 

sicherlich zuviel.« 

»Ich kann mir keine Morgenritte leisten«, gab Rosmarie gereizt 

zurück. »Ich habe keinen reichen Vater, ich muß mir meinen 

Lebensunterhalt selbst verdienen und muß daher arbeiten.« 

»Rosmarie!« rief Renate betroffen. 

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Mit einem Satz war sie vom Pferd, umfaßte der Freundin Schulter 

und suchte deren Blick, der sich trotzig senkte. 

»Rosmarie, du bist doch nicht etwa neidisch?« fragte Renate 

vorwurfsvoll. »Ich kann doch nichts dafür, daß du dich so 

auffallend von mir zurückziehst, ich habe dir doch wirklich 

nichts getan. Wenn du oft zu mir kämest, dann könnte ich 

vielleicht dazu beitragen, dir das Leben zu verschönen. Dann 

wärest du nicht so allein – und ich auch nicht«, setzte sie traurig 

hinzu. 

Und da schämte sich Rosmarie. »Verzeih, Renate«, bat sie leise. 

»Ich – ach, es hat ja doch keinen Zweck«, winkte sie müde ab 

und ging schnell davon, bevor jene sie noch zurückhalten 

konnte. 

Renate sah ihr bekümmert nach und saß wieder auf, um langsam 

nach Hause zu reiten. 

Als Renate im Mühlengrund ankam, stieß sie vor der Ölmühle 

auf Benno. Mißmutig, verschlafen und schlecht gelaunt, 

schlenderte er daher. Als er die Schwester so sicher und elegant 

im Sattel sitzen sah – etwas, wofür er viel gegeben hätte, was ihm 

aber leider nicht glücken wollte – nahm seine schlechte Laune 

noch erheblich zu. Und als Renate nun gar noch so dicht an ihm 

vorbei ritt, daß er zur Seite springen mußte, da war es um seine 

Selbstbeherrschung geschehen. 

»Wenn du nicht reiten kannst, dann laß es gefälligst bleiben!« 

schalt er wütend. »Außerdem könntest du lieber aufpassen, daß 

im Haushalt alles richtig klappt, als mit deinem Gaul die Gegend 

unsicher zu machen. Der Morgenkaffee war heute wieder einmal 

scheußlich.« 

»Ach nein, wirklich?« wunderte Renate sich. »Wie wäre es denn, 

wenn du früher aufständest? Wenn Vater und ich frühstücken, 

was allerdings reichlich zwei Stunden früher geschieht als bei dir, 

dann ist der Kaffee immer tadellos.« 

»Ich könnte wohl verlangen, daß ich frisch aufgebrühten Kaffee 

bekomme!« 

»O nein, das kannst du nicht«, erwiderte Renate gelassen. 

»Deinetwegen wird die Hausordnung noch lange nicht 

umgeworfen.« 

»Freche Kröte!« zischte Benno wütend, doch Renate lachte nur. 

Gab ihrem Gaul einen leichten Schlag mit der Gerte, so daß der 

nur so davonschoß. 

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Benno war in einer Stimmung, daß er alles ringsumher hätte in 

Stücke schlagen mögen. 

Nun, die Rosmarie sollte sich nur nicht einbilden, daß er sich 

ohne weiteres abblitzen ließ! 

Zuerst mußte mal dieser Müllerbengel unschädlich gemacht 

werden, damit Rosmarie ihn nicht immer vor Augen hatte. 

Benno hob auf einmal den Kopf – sein Blick fiel auf ein junges 

Mädchen, das sich eben der Mühle näherte. 

Ei, sieh mal an, die Kleine ist ja reizend, dachte er und kniff das 

Mädchen, das nun in seiner Reichweite war, in die Backen. 

Zwei große erschrockene Kinderaugen sahen ihn an, doch das 

störte Benno Nieritz nicht im geringsten. Diese blutjunge 

reizende Kleine – das war gerade etwas für ihn! Die mußte ihn 

über vieles trösten, mußte ihm die Zeit einstweilen verkürzen 

helfen. 

Benno Nieritz trat an die Seite des schüchternen Mädchens. 

Er zog die Kleine kurz entschlossen in einen Lagerraum, in dem 

sich um diese Zeit kein Mensch aufzuhalten pflegte, schob sie 

hinter einen Berg aufgestapelter Kisten, und schon nach einer 

halben Stunde war die kleine Ella betört. 

Benno merkte in seiner Versunkenheit nicht, daß Norbert Haller 

den Raum durchschritt, stutzte, stehenblieb – und sich die 

Beteuerungen und Versprechungen mit anhörte, die Ella unter 

Küssen gegeben wurden. 

Zuerst war es, als wollte Norbert sich auf diesen gewissenlosen 

Frauenjäger stürzen – doch dann wandte er sich ab. Öffnete die 

Tür zum Schaltraum, wollte auch den durchqueren, als er Jürgen 

Frank an der Schalttafel stehen sah. Er war so vertieft in seine 

Arbeit, daß er Norbert nicht bemerkte. 

Der blieb stehen, sah zu dem Freund hin. 

Sah die kraftvolle Gestalt, die selbst in der blauen 

Arbeitskleidung so eindrucksvoll war, daß sie wohl nie und 

nirgends übersehen werden konnte, sah den schmalen Kopf mit 

dem vollen blonden Haar, das hartgeformte Kinn, das so viel 

eiserne Energie verriet, und sah endlich die blauen Augen, die 

jetzt mit gespanntester Aufmerksamkeit an der Schalttafel hingen, 

die so kristallklar blitzten und in denen kein Falsch und kein 

Fehl war. 

Und diesem Mann hatte er zugetraut, daß er sich die Schwester 

seines Freundes als Spielzeug erwählen könnte?! 

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»Jürgen«, würgte er hervor. 

Dieser fuhr herum. »Norbert – du?« fragte er verwundert. 

Der trat auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen mit 

bittendem Blick. »Jürgen, verzeih – ich habe dir viel abzubitten.« 

Jürgen sah ihn zuerst verblüfft an – doch dann begriff er. Es 

zuckte in seinem Gesicht, und er erfaßte die sich ihm bittend 

entgegenstreckende Hand mit warmem Druck. »Laß es gut sein, 

Norbert«, sagte er fest und bestimmt. »Nun weiß ich auch, 

warum deine Freundschaft mir verlorenging. Beruhige dich – ich 

hätte in dem Fall nicht anders gehandelt als du.« 

Sie drückten sich die Hände, sahen sich fest in die Augen, und 

das Freundschaftsbündnis war wieder erneuert, sollte fester und 

unzerreißbarer werden denn je zuvor. 

In diesem Augenblick ging Herr Erdmann durch den Raum. 

»Jungens, habt ihr den Benno nicht gesehen?« fragte er in seiner 

gewinnenden Art, doch die Freunde verneinten. Jürgen harmlos, 

Norbert jedoch mit leichter Verlegenheit. 

»Hoffentlich erwischt er ihn nicht mit der kleinen Ella 

zusammen«, sagte er, als Herr Erdmann den Raum verlassen 

hatte. »Ich fand ihn nämlich nebenan mit ihr, küssend und 

kosend hinter einem Kistenstapel.« 

»Dann hat er sich ja schnell getröstet«, entgegnete Jürgen bitter, 

und Norbert, der an seine Schwester dachte, stieg das Blut ins 

Gesicht. 

»Er ist ein Lump!« stieß er hervor, und Jürgen nickte dazu. »Möge 

es dem guten Papa noch recht lange verborgen bleiben, was für 

ein Früchtchen sein lieber Sohn ist!« 

Sie horchten beide auf, denn aus dem danebenliegenden 

Lagerraum klang die Stimme des Seniorchefs laut und scharf bis 

zu ihnen hin. 

»Also hat er das Söhnchen doch erwischt«, sagte Norbert. »Armer, 

lieber Papa Erdmann!« 

»Und die kleine Ella ist bei der ganzen ekligen Geschichte die 

Leidtragende«, bemerkte Jürgen grimmig; denn es war zu 

vernehmen, daß Herr Erdmann das Mädchen ziemlich hart 

anfuhr und ihm seine Ungehörigkeit vor Augen hielt. 

»Und du kommst mit mir«, wandte er sich dann an Benno. 

»Also, so einer bist du«, stellte der Vater ohne Schärfe im Ton 

fest. 

»Wirbst gestern um ein Mädchen, das du wie verrückt zu lieben 

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angibst, und küßt dich heute mit einer kleinen Arbeiterin an 

deren Arbeitsstätte.« 

»Vater, das dürfte wohl meine eigene Angelegenheit sein.« Es kam 

ziemlich scharf heraus – gleichwohl klopfte Benno das Herz 

heftig. 

Erdmann schwieg eine Weile; dann meinte er nachdenklich: »Du 

meinst also, das wäre allein deine Angelegenheit? Trotzdem 

interessiert es mich, zu erfahren, was du dir dabei denkst, wenn 

du der kleinen, dummen Ella himmelhohe Versprechungen 

machst, die du doch nie im Leben erfüllen kannst.« 

»Vater, nun ist es aber wirklich genug!« fuhr Benno 

wutschnaubend auf. »Ich bin kein Hosenmatz mehr, daß ich mir 

deine unwürdige Behandlung immer weiter gefallen lassen 

kann.« 

»So, willst du das nicht?« erkundigte sich der Vater ruhig. »Dann 

kannst du auch nicht länger hierbleiben. Denn solange du von 

mir abhängst, hast du dich meinen Wünschen zu fügen. Vor 

allen Dingen hast du dich mir gegenüber anständig zu benehmen 

und hast die Mätzchen zu unterlassen, mit denen du auf 

harmlose Gemüter Eindruck zu machen suchst. 

Es gibt da verschiedenes, auf das ich dich aufmerksam machen 

muß. Zum Beispiel auf folgendes: daß es ganz und gar nicht 

angängig ist, wenn der Juniorchef sich mit einer kleinen 

Arbeiterin im Arbeitsraum küßt. Chef sein hat nämlich nicht nur 

Sonnenseiten, mein lieber Benno. 

Wenn du dich den Leuten gegenüber als Weltmann aufspielst, 

dann mußt du dich so benehmen, daß sie dir den Weltmann 

auch glauben. Sonst könnte es leicht dazu kommen, daß du 

ihnen als – dunkler Ehrenmann erscheinst. Damit wäre 

allerdings dein Ansehen erledigt, weil die Leute einen Chef 

beanspruchen dürfen, der ihnen ein Vorbild sein kann. 

So, mein lieber Benno, nun weißt du, wie ich über diesen Punkt 

denke. Und daß ich dich nicht wieder bei etwas zu treffen 

wünsche, worüber ich, als dein Vater, mir am liebsten die Augen 

aus dem Kopf schämen möchte, das brauche ich dir wohl nicht 

erst besonders zu sagen. – Nun etwas anderes: Wie stehst du zu 

Rosmarie?« 

Benno versuchte bei dieser heiklen Frage wieder einmal den 

Überlegenen zu spielen. 

»Nun laß mich allein, Benno, und denke einmal über das nach, 

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was ich dir gesagt habe.« 

»Norbert, gehst du zur Stadt?« 

Norbert Haller, der den Bachweg vom Müheingrund zur Stadt 

entlangschritt, wandte sich herum. »Ja, Jürgen.« 

»Dann gehen wir zusammen. Mutter ist in letzter Zeit wieder sehr 

unruhig und verzagt. Ich weiß nicht, was werden soll, wenn ich 

auch noch mein Mutterchen verliere.« 

»Ja, wer eine solche Mutter sein eigen nennt wie du«, meinte 

Norbert bitter. 

In der Stadt verabschiedeten die Freunde sich vor dem Haus des 

Arztes. 

»Gehen wir wieder zusammen nach Hause?« erkundigte sich 

Jürgen, doch Norbert schüttelte den Kopf. 

»Nein – das geht nicht«, wehrte er ab. »Ich hole nämlich 

Rosmarie ab – jeden Abend – damit der Schuft nicht…« 

»Ach so, dann sehen wir uns heute nicht mehr. Gute Nacht, 

Norbert.« 

»Gute Nacht, Jürgen.« 

Sie schüttelten sich die Hände; Jürgen ging zu dem Arzt hinauf, 

und Norbert schlug den Weg zu dem Fotoatelier ein. 

Rosmarie war noch nicht fertig, und so wartete der Bruder in dem 

kleinen Zimmer auf sie. 

»Bist du nun fertig, Rosmarie?« fragte er schroff. 

Sie sah ihn verwundert an. »Nein«, entgegnete sie kurz. »Es wird 

auch noch eine gute Weile dauern, bis ich es bin.« 

»Du sollst doch um achtzehn Uhr dienstfrei sein, und jetzt ist es 

mehr als eine Stunde später.« 

»Ich soll wohl dienstfrei sein, gewiß – aber wie du siehst, bin ich 

es nicht«, gab sie gelassen zurück. 

»Ich werde mit Herrn Bott reden, daß er dich nicht so ausnutzt 

und du deine Arbeitszeit besser einhalten kannst.« 

»Versuche es nur«, meinte sie achselzuckend. »Mir persönlich tust 

du jedoch keinen Gefallen damit, wenn du mir einen früheren 

Feierabend erwirkst. Ich arbeite gern, weil ich dann von zu Hause 

fortbleiben kann«, fügte sie bitter hinzu. 

In die Stille hinein erklang vom Laden her eine Stimme, die den 

Geschwistern sehr bekannt war. Dann klopfte es auch schon 

kurz, und in der Tür stand Benno Nieritz. 

»Rosmarie, du wirst…« Jetzt bemerkte er Norbert und war von 

dessen Anblick ganz offensichtlich sehr, sehr unangenehm 

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berührt. »Was machen Sie denn hier, Haller?« fragte er ärgerlich. 

»Ich will meine Schwester vom Dienst abholen, Herr Nieritz«, 

gab dieser gelassen zurück. 

»Als wenn Rosmarie nicht allein gehen könnte!« 

»Das kann sie eben nicht, Herr Nieritz.« 

»Na, mich geht das auch nichts weiter an«, tat Benno gleichgültig. 

»Sind die Abzüge meiner Bilder fertig, Fräulein Haller?« 

»Welche Abzüge?« fragte Rosmarie verwundert. 

»Na, die – sie wissen doch!« 

»Nein, ich weiß nicht, Herr Nieritz«, entgegnete sie kalt. »Die 

Bilder bestehen sicherlich nur in ihrer Einbildung.« 

»Hören Sie mal, mein Fräulein, Sie wissen wohl nicht, daß Sie 

sich den Kunden gegenüber anständig zu benehmen haben, 

wie?« erboste er sich. »Ich werde mich bei Herrn Bott über Sie 

beschweren.« 

»Bitte«, meinte Rosmarie, ohne sich irgendwie stören zu lassen, 

und Benno Nieritz mußte wieder einmal den Rückzug antreten, 

ohne das erreicht zu haben, was ihm doch sehr am Herzen lag. 

Der Mai ging vorüber, der Juni kam und mit ihm ein schöner 

Sommer, wie man ihn schon seit Jahren nicht mehr gehabt hatte. 

Im Mühlengrund war es jetzt zauberhaft schön. Renate hielt sich 

mehr denn je in dem kleinen Häuschen am Wehr auf. 

Die Burschen in der Baracke waren noch immer da. Hubert 

Reiner wollte im Herbst fortgehen und sein Studium beenden. 

Jürgen Frank lebte nach wie vor in seiner Mühle und ging ganz 

auf in der Sorge um seine greise Mutter. 

Im Hause Haller herrschte noch immer eine gespannte 

Stimmung, unter der die Geschwister sehr litten. 

Norbert glaubte Rosmarie verachten zu müssen, weil er sie 

vollkommen verkannte, und sie konnte es dem Bruder wiederum 

nicht verzeihen, daß dieser sie auf den bloßen Schein hin 

verurteilte. 

Benno Nieritz hoffte noch immer zuversichtlich auf den Tag, an 

dem Rosmarie sein werden würde. Nebenbei tröstete er sich mit 

den Zärtlichkeiten der kleinen Ella. 

Seit einigen Tagen war Benno arg im Druck, Er hatte nämlich von 

Waldemar Kyd einen Brief erhalten, in dem dieser ihm seine 

Verlobung mit einem entzückenden Mädchen seiner 

Bekanntschaft mitteilte. 

Diese Nachricht wäre für Benno nicht weiter erschütternd 

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gewesen, denn Waldemar war ihm mit der Zeit vollkommen 

gleichgültig geworden. Doch was am Schluß des Briefes stand, 

das bereitete ihm Kummer und schlaflose Nächte. 

Waldemar verlangte nämlich nachdrücklich die zehntausend 

Mark zurück, die er Benno seinerzeit geliehen hatte. 
» Wenn Du mir das Geld nicht endlich wiedergibst, dann muß ich 
mich an Deinen Vater wenden«, 
hieß es in dem Schreiben. 

Bums – nun saß Benno ganz gehörig in der Patsche. 

Gewiß hatte er damals die zehntausend Mark von Renate 

erhalten, allein sie waren zu dem Geldverleiher gewandert, der 

damals gerade in sehr unangenehmer Weise mit dem Gericht 

gedroht hatte. 

Nun mahnte Waldemar ebenso unerwartet wie dringend. Was 

nun? Daß er seine Drohung wahrmachen und an den Vater 

schreiben würde, daran zweifelte Benno nicht. 

Das fehlte gerade noch, daß der Alte hinter seine Schulden kam! 

Und Renate noch einmal um Geld bitten? 

Nein, das ging auch nicht; die Schwester war jetzt immer so 

borstig. 

Also war Benno eifrig damit beschäftigt, einen Ausweg zu suchen. 

Zunächst sah es allerdings sehr traurig aus. 

Doch endlich nahte Benno das Glück. 

Ausgerechnet jetzt mußte Herr Erdmann zu einer Sitzung nach 

Berlin fahren und mußte Norbert Haller die Kasse, in die um 

diese Zeit reichlich Geld floß, übergeben. 

Die Nachricht, daß der Vater verreiste und Norbert Haller die 

Kasse verwaltete, klang Bennos gespitzten Ohren wie Musik. 

Und um seine Ziele zu erreichen, scheute er vor keiner 

Gemeinheit zurück. 

Benno arbeitete gut, arbeitete sehr sorgfältig und genau. Nur 

schade, daß er die Fähigkeit, fremde Schriftzeichen täuschend 

ähnlich nachzuahmen, in so schmutziger Weise verwendete. 

Benno Nieritz wußte darum, daß Norbert Haller während der 

Abwesenheit des Seniorchefs in dem kleinen Zimmer arbeitete, 

das neben dem Privatbüro lag und in dem sich der neuzeitliche 

Geldschrank befand. 

In diesem Zimmerchen trat Benno Nieritz zwei Tage nach seines 

Vaters Abreise. »Guten Tag, Haller. Na, was macht die Kunst?« 

fragte der Juniorchef leutselig. 

Norbert sah nur flüchtig von seiner Arbeit auf. »Guten Tag, Herr 

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Nieritz.« 

»Sehen Sie mal, Haller, hier schickt mein Vater einen Zettel, in 

dem er anordnet, daß zehntausend Mark an mich gezahlt werden 

sollen. Des guten Geschäfts wegen, das wir soeben gemacht 

haben, läßt er sich herbei und bewilligt mir ein Auto, das ich mir 

zu meinem morgigen Geburtstag kaufen soll.« 

Norbert nahm arglos den Zettel, prüfte ihn sorgfältig, erkannte 

die Schriftzüge des Seniorchefs und befand alles für richtig. Da er 

gerade so viel Geld in der Kasse hatte, zahlte er Benno den Betrag 

aus. 

»Danke«, sagte dieser und steckte die Scheine in die Tasche seines 

Rockes. 

»Wollen Sie eine Zigarette rauchen, Haller?« fragte er, und ließ 

sich in den tiefen Ledersessel sinken, der dicht neben dem 

Schreibtisch stand. Tat, als ob er in Gedanken versunken sei, 

während er in Wirklichkeit mit luchsartiger Aufmerksamkeit 

verfolgte, wo Norbert den Zettel, den er unterschrieben hatte und 

der als Quittung gelten sollte, verwahrte. 

Der wurde hübsch säuberlich bei den anderen Quittungen 

eingeheftet und in den Aktenschrank getan, der ein ganz 

einfaches Schloß hatte. 

Benno nickte sehr befriedigt und wurde ganz gesprächig und 

aufgeräumt. Fragte Norbert, was für ein Auto er sich aussuchen 

würde, wenn er sich eines beschaffen könnte. Der entgegnete 

zurückhaltend, daß er das nicht zu sagen vermöge, weil er von 

Autos zu wenig Ahnung habe. 

Der nächste Morgen brachte trübseliges Regenwetter. Renate 

hatte sich gerade in dem gemütlichen Frühstückszimmer an den 

Tisch gesetzt, als Benno eintrat. 

»Sieh einer an, Benno, was ist denn mit dir los, daß du dich so 

früh aus den Federn gefunden hast?« 

»Laß doch deine geschmacklosen Witze!« fuhr Benno die 

Schwester an. »Gib mir lieber Kaffee.« 

»Was sofort geschehen wird, mein Lieber«, bekräftigte Renate und 

ließ den braunen Trank aus der Kaffeemaschine in die 

hauchdünne Tasse rinnen. 

»Weißt du, wann der Vater zurückkommt?« fragte Benno lauernd, 

und als Renate verneinte, tat er schwer gekränkt. »Wenigstens an 

meinem Geburtstag könnte er doch zu Hause sein.« 

»O Himmel, Benno, verzeih!« rief Renate erschrocken. »Ich habe 

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deinen Geburtstag vollkommen vergessen.« 

»Ist ja weiter kein Wunder – was gelte ich denn schon in diesem 

Haus!« 

»Benno, sei nicht böse«, bat Renate ehrlich beschämt. »Ich will 

alles nachholen, damit du an deinem Geburtstag nichts vermißt: 

Vielleicht kommt auch der Vater noch.« 

»Mir wäre es lieber, er bliebe, wo der Pfeffer wächst«, murmelte 

Benno verbissen, und als Renate ihn darob fragend ansah, weil 

sie ihn nicht verstanden hatte, winkte er ungnädig ab. »Laß nur, 

nichts von Bedeutung.« 

Benno erhob sich und wollte das Zimmer verlassen, als der 

Diener erschien und Norbert Haller meldete. 

Renate glaubte, nicht richtig verstanden zu haben und sprang 

erschrocken auf. 

»Mein Gott – es wird doch nichts vorgefallen sein?!« fragte sie 

bang. 

»Norbert kommt doch sonst nie in das Herrenhaus. Norbert – ist 

etwas mit meinem Vater?« fragte sie mit versagender Stimme. 

Als er die Angst und Not des Mädchens sah, vergaß er sich und 

sah Renate mit einem Blick an, der ihr viel, unendlich viel verriet. 

»Nein, Reni, mit deinem Vater ist nichts. – Gottlob!« gab er leise 

zurück. 

Sie preßte ihr Gesicht gegen seinen Arm – einen Augenblick nur 

– dann wurde der Arm ihr sanft entzogen. Aufschauend bemerkte 

sie erst, wie blaß und hart sein Gesicht war, wie seine Augen mit 

einem höchst eigentümlichen Blick auf Benno ruhten, der den 

Gleichgültigen zu spielen versuchte. 

»Herr Nieritz, ich möchte Sie fragen, wo der Zettel, den Sie mir 

gestern vorlegten, damit ich Ihnen zehntausend Mark auszahlte, 

hingekommen ist?« fragte Norbert. 

Da stand Benno auf, trat vor ihn hin und spielte den 

Verwunderten; tat es mit wahrer Meisterschaft. »Sie haben mir 

zehntausend Mark gegeben?« fragte er scheinbar erstaunt. »Lieber 

Haller, Sie haben bestimmt geträumt. Besinnen Sie sich nur, wo 

Sie das Geld gelassen haben könnten, dann wird sich dieser 

Irrtum schon aufklären.« 

»Sie wollen abstreiten, Herr Nieritz, daß Sie gestern nachmittag 

bei mir im Büro waren und mir einen Zettel gaben, den Herr 

Erdmann geschrieben haben soll – er trug jedenfalls die 

Handschrift des Chefs – und auf dem stand, daß ich zehntausend 

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Mark an Sie zu zahlen hätte!« 

»Ja, mein lieber Haller, das bestreite ich sehr entschieden!« 

Renate sah, wie Norberts Hände sich zu Fäusten ballten, wie er so 

stark schluckte, als müsse er etwas hinunterwürgen. 

Sie atmete auf, als nichts geschah, was sie befürchtet hatte, als 

Norbert sich wieder in Gewalt hatte und nun kurz und scharf 

fragte: »Und wollen Sie auch bestreiten, daß Sie mir dabei 

mitteilten, Sie wollten sich für das Geld ein Auto kaufen – Herr 

Erdmann habe Ihnen zu Ihrem Geburtstag eines bewilligt?!« 

»Aber, lieber Haller, Sie haben ja eine geradezu fabelhafte 

Einbildungskraft. Geburtstag habe ich wohl, aber von einem 

Auto keine Ahnung. Gott gebe, es wäre so!« 

»Nehmen Sie den Namen Gottes nicht in Ihren schmutzigen 

Mund – Sie Lump!« sagte Norbert so ruhig, so eisig, daß Benno 

nun doch betroffen zusammenzuckte. 

Doch gleich darauf lief er blaurot an vor Wut. »Herr – was 

erlauben Sie sich!« brüllte er. »Sofort verlassen Sie das Haus, oder 

ich lasse Sie hinauspeitschen!« 

»Das traue ich Ihnen schon zu – Sie armselige Kreatur«, 

entgegnete Norbert mit unheimlicher Ruhe. »Glauben Sie nur 

nicht, daß Ihre Niederträchtigkeiten immer weiter unentdeckt 

bleiben werden wie bisher.« 

»Anmaßender Lümmel!« brüllte Benno so laut, daß ihm die 

Stimme überschnappte, und stürzte sich auf Norbert, der nur 

kurz und rauh auflachte und das verweichlichte Jungchen von 

sich fortstieß. 

»Ich sehe schon, hier ist jedes weitere Wort umsonst«, sagte 

Norbert müde. »Man hat meine Vertrauensseligkeit ausgenutzt, 

und ich muß dafür büßen – geschieht mir ganz recht so! Aber 

wie hätte ich ahnen können, daß es solche Halunken – die mit 

dem Namen ihres gütigen Vaters – pfui Teufel!« 

Er warf noch einen Blick auf Benno, der wieder blaurot anlief – 

und dieser Blick war fast mitleidig. 

Dann verließ er das Zimmer und Renate mit ihm. 

»Norbert, nein – so lasse ich dich nicht gehen!« weinte sie und 

klammerte sich an ihn. 

Er verhielt jetzt den Schritt, sah sie an. »Renate weißt du auch, 

wessen ich beschuldigt bin?« fragte er. 

»Ach, laß doch, Norbert, was geht mich das an?« 

Da schritt er weiter; Renate blieb an seiner Seite. Folgte ihm in 

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das Büro, wo er nun endlich zeigen durfte, daß er nicht so ruhig 

war, wie er scheinen wollte. Mit einem dumpfen Stöhnen ließ er 

sich in einen Stuhl sinken. 

»Norbert, du darfst nicht so furchtbar verzweifelt sein«, bat 

Renate. »Es muß sich ja alles aufklären. Komm, ich werde dir 

behilflich sein, bis ich das Geld gefunden habe.« 

»Da kannst du lange suchen«, entgegnete Norbert bitter. »Ich 

habe es deinem Bruder gegeben, und der streitet ab, es erhalten 

zu haben. Das Gegenteil beweisen kann ich nicht, weil der Zettel, 

der als Quittung diente, auf rätselhafte Weise verschwunden ist. 

Was nun kommen muß. Norbert Haller wird als gemeiner Dieb 

entlarvt und mit Schimpf und Schande aus den Mühlen werken 

gejagt.« 

»Norbert, so darfst du nicht sprechen«, schluchzte Renate nun 

ebenso verzweifelt wie er. »Vielleicht irrst du dich doch, und du 

hast das Geld.« 

Sie sprach nicht weiter, denn er sah sie an – traurig, todtraurig 

war der Blick. »Ach ja – ich irre mich«, sagte er müde. »Geh nur, 

Renate, laß mich allein.« 

»Norbert, so höre mich doch weiter an!« bettelte sie, doch er 

winkte müde ab. 

»Damit ich noch mehr so nette Sachen zu hören bekomme«, 

lachte er hart auf. »Ich danke, mein Bedarf ist für heute gedeckt – 

ich möchte jetzt allein sein.« 

Sie schlich hinaus, stand draußen vor der Tür mit laut 

pochendem Herzen. 

Da fiel ihr Jürgen ein, und so schnell sie konnte, eilte sie zu ihm, 

fiel ihm ganz einfach um den Hals. Stammelte und weinte in 

ihrer Herzensangst so heftig, daß Jürgen nicht aus ihr klug 

werden konnte, und nur so viel verstand, daß etwas mit Norbert 

und zehntausend Mark nicht stimmte. 

»Aber Puttelchen, deswegen regt man sich doch nicht so unerhört 

auf«,  tröstete  er  sie  zärtlich.  »Das  Geld  wird  sich  schon 

wiederfinden, da Norbert es in den Händen hat.« 

»Oh, Jürgen, so einfach ist das nicht«, schluchzte sie. »Komm, hilf 

doch, lieber Jürgen, Norbert ist vollkommen verzweifelt.« 

»Und das kann ein gewisses kleines Herzchen nicht ertragen, 

nicht wahr?« scherzte er. »Aber gut, laß uns zu Norbert gehen, 

um diese dunkle Angelegenheit aufzuklären. Wem will er denn 

das Geld gegeben haben?« 

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»Benno. Doch der behauptet entschieden, daß er keines erhalten 

hat.« 

»Benno?« wiederholte Jürgen langsam, und Renate sah mit 

Grausen, wie jeder Blutstropfen aus seinem Antlitz wich. »Dann 

allerdings«, murmelte er, erfaßte Renates Arm und zog sie mit 

sich zu dem kleinen Büro hin. 

Dort saß Norbert noch immer am Schreibtisch; die Arme darauf 

gelegt, das Gesicht darin vergraben. 

»Norbert!« rief Jürgen ihn an. 

Da ruckte dessen Kopf hoch, und Jürgen sah in ein 

gramverzerrtes Gesicht, in sterbensmüde, erloschene Augen. 

»Norbert«, mahnte der Freund. »Reiß dich gefälligst zusammen, 

ja! Wie kann man nur gleich so verzweifelt sein! Komm, erzähle 

mir, vielleicht kann ich dir helfen.« 

Norbert erzählte nun, wie alles gewesen war – und wie es nun 

doch nicht sein sollte, weil Benno es bestritt. 

»Und du bist wirklich sicher, daß du den Zettel zu den anderen 

Belegen getan hast?« fragte Jürgen sachlich. 

Da fuhr Norbert auf. »Glaubst du auch, daß ich das Geld 

gestohlen habe?« 

»Mach keine Sperenzchen, du dummer Bengel!« fuhr Jürgen ihn 

an. »Wer wird auf den Gedanken kommen, dich auch nur eine 

Sekunde lang zu verdächtigen?! – Also, der noble Herr wollte 

sich ein Auto von dem Geld kaufen«, murmelte er vor sich hin. 

»Dann allerdings. Da wird schlecht etwas zu machen sein, da 

mußt du daran glauben, du armer Kerl!« 

Renate, die abseits im Zimmer stand und sich ganz still verhielt, 

stöhnte auf. 

Da fuhr Jürgen erschrocken herum. 

»Renate, verzeih«, murmelte er. »Ich hatte vollkommen 

vergessen, daß du noch da bist.« 

»Ach, laß doch, Jürgen«, winkte sie müde ab. »Ich kenne Benno 

nämlich auch schon ganz gut. Der arme Vater! Ihn wird das alles 

ganz furchtbar treffen!« 

»Was wird den Vater treffen?« fragte eine Stimme von der Tür her, 

in der Benno stand – scharf, herausfordernd und schadenfroh. 

Er hatte nämlich überlegt, daß es besser sei, den gelassenen 

Weltmann zu spielen als gleich wütend aufzufahren. 

Wer konnte ihm schließlich etwas beweisen? Das Zettelchen war 

hübsch zu Asche verbrannt und in alle Winde gestreut – und der 

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Vater würde seinem Sohn hoffentlich mehr glauben als einem 

Angestellten. Aber daß Renate hier war und sich auf die 

feindliche Seite stellte, das ärgerte ihn denn doch. 

»Was tust du hier?!« fuhr er sie an. »Sofort machst du, daß du 

nach Hause kommst!« 

»Fällt mir gar nicht ein!« wehrte sich das Mädchen energisch, und 

da Benno einsah, daß er doch nichts bei ihr ausrichten würde, 

wandte er sich achselzuckend ab. 

»Herr Nieritz, ich fragte Sie im Namen meines Freundes, wo der 

Zettel geblieben ist«, sagte Jürgen sehr ruhig. 

Es lag jedoch eine so deutliche Drohung in dieser Frage, daß es 

Benno reichlich unbehaglich zumute wurde. Mit dem 

vertrauensseligen Norbert fertig zu werden, das war vielleicht 

nicht schwer. Aber wenn Jürgen sich einmischte, dann konnte die 

Sache verdammt kritisch werden. 

»Was haben Sie sich in fremde Angelegenheiten zu mischen?« 

fragte Benno mit seinem niederträchtigen Lächeln. »Und vor 

allen Dingen, denken Sie daran, daß Sie vor Ihrem Chef stehen, 

Sie – Sie – Lümmel!« 

Jürgen zuckte mit keiner Wimper; er trat nur so nahe an Benno 

heran, daß dieser unwillkürlich zurückwich. 

»Ich will wissen, wo der Zettel geblieben ist?« fragte Jürgen noch 

einmal. 

»Das fragen Sie nur Ihren lieben Freund«, höhnte Benno. »Er 

wird Ihnen sicherlich sagen können, wie es gewesen ist, wenn 

man so – na, ein Griff und fünf Minuten Angst – Sie verstehen 

mich doch!« 

Dabei warf er einen Blick auf den Geldschrank und machte 

zugleich mit der Hand eine Bewegung in die Rocktasche hinein. 

Nach diesen Worten war es sekundenlang sehr still. 

Norbert hatte sich von seinem Stuhl erhoben, und Renate war 

unwillkürlich an seine Seite getreten. 

Jürgen stand stumm und starr da. Sah vor sich diesen Mann, um 

dessentwillen sein Vater einen Schlaganfall erlitten – der ihm das 

geliebte Mädchen genommen – der nun auch noch den Freund 

beschuldigte. Und alles mit diesem Zynismus, mit dieser 

gemeinen Unverfrorenheit. 

Langsam machte er einen Schritt auf Benno zu, der schnell 

zurückwich. 

Als Jürgen den feigen Burschen sah, der an allen Gliedern bebte, 

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aus dessen Augen die Angst förmlich heraussprang – als er an alle 

die Niederträchtigkeiten dachte, mit denen Benno ihm 

Unterstellte quälte – ihnen die Ehre absprach – da wußte Jürgen 

Frank nicht mehr, was er tat. 

Das Blut stieg ihm zu Kopf, Nebel wallten vor seinen Augen auf. 

Und schon saß Benno Nieritz die eisenharte Arbeitsfaust in dem 

angstverzerrten Gesicht. 

Der Getroffene brüllte laut auf. 

Und sackte blutüberströmt zusammen. 

Ein entrüsteter Ausruf von der Tür her: »Jungens, seid ihr denn 

verrückt geworden?!!!« 

Herr Erdmann stand auf einmal im Rahmen der Tür. Den Atem 

anhaltend, starrten alle auf ihn hin. 

Der alte Herr wollte sich zu dem laut stöhnenden Benno 

niederbeugen, als dieser gerade emportaumelte. 

»Benno, dein Nasenbein ist ja zerschlagen!« rief der Vater 

erschrocken und fuhr dann herum. 

»Na, weißt du, Jürgen, das ist aber doch unerhört!« schalt er 

entrüstet. »Wie kommst du eigentlich dazu, dich an deinem Chef 

zu vergreifen?« 

»Das wird Ihnen der Herr Juniorchef selbst erklären können«, 

entgegnete Jürgen in so verächtlichem Ton, daß Erdmann 

betroffen zusammenzuckte. »Ich selbst halte es für meiner 

unwürdig, auch nur noch ein Wort über diese – schmutzige 

Angelegenheit zu verlieren. Übrigens – wenn Herr Nieritz mich 

wegen Körperverletzung verklagen will, ich stehe jederzeit zur 

Verfügung.« 

Er warf einen Blick auf Benno, der kaum noch verachtungsvoll zu 

nennen war – dann ergriff er Norbert am Arm und zog ihn mit 

sich fort. 

Da weinte Renate auf – so leidenschaftlich, so hemmungslos –, 

daß Herr Erdmann zwischen seinem blutüberströmten Sohn und 

seiner schluchzenden Tochter stand und sich keinen Rat wußte. 

»Wenn man nur erst wüßte, was das alles zu bedeuten hat!« 

polterte er los. »Sei jetzt endlich still, Renate. Und du, Benno, du 

siehst ja niedlich aus. Komm nach Hause, damit du in ärztliche 

Behandlung kommst.« 

Sie gingen in das Herrenhaus hinüber, und dort wurde zuerst der 

Arzt gerufen. 

Es war eine schmerzhafte Behandlung, der Benno sich 

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unterwerfen mußte. Er ächzte und stöhnte kläglich dabei. 

Endlich war er erlöst und durfte sich ins Bett legen, bekam ein 

Schlafmittel und war bald sanft entschlummert. Er konnte es sich 

ja leisten, hatte doch alles viel besser geklappt, als er zu hoffen 

gewagt. Nun war er gar noch krank, und das würde den Alten 

sanft und milde stimmen. 

Herr Erdmann jedoch war erregter, als er zugeben wollte. Als 

Benno fest schlief, ging er mit Renate nach seinem Arbeitszimmer 

und ließ sich von ihr über die merkwürdige Angelegenheit 

ausführlich berichten. Renate tat es, so gut sie dazu imstande 

war, und der Vater erregte sich immer mehr. 

»Das habe ich dem Norbert doch nicht zugetraut«, schalt er 

entrüstet. »Wenn er in Geldschwierigkeiten ist, dann hätte er 

doch so viel Vertrauen aufbringen und zu mir kommen können, 

ich hätte ihm bestimmt geholfen. Ich weiß ja, daß er mit seinem 

Gehalt schlecht auskommen kann, zumal er mir noch monatlich 

hundert Mark von der Summe, die ich ihm zu seiner Ausbildung 

vorgestreckt habe, abzahlt. – Aber das kommt davon, wenn die 

Jugend kein Vertrauen zu uns Alten hat. Anstatt die Beurteilung 

der Angelegenheit einem ruhigen, erfahrenen Menschen zu 

überlassen, da wichsen die Hitzköpfe darein, was Zeug und Leder 

hält, daß die Nasenbeine nur so krachen. – Laß mir die beiden 

Bengel nur kommen, ich werde ihnen schon die Flötentöne 

beibringen!« 

»Vater – so glaubst du an Norberts Schuld?« fragte Renate 

entsetzt, und er sah sie erstaunt an. 

»Na, was denn sonst, Reni. Es geht hier doch um Geld, das 

Norbert dem Benno gegeben haben will – das Benno aber nicht 

erhalten hat – ich meine, das läßt doch nur eine Erklärung zu. – 

Oder glaubst du etwa, daß Benno…?« fragte er scharf. 

Da schlug sie die Augen nieder. »Nein – gewiß nicht«, stammelte 

sie. »Ich meinte nur, weil Norbert ein so ehrenhafter Mensch ist.« 

»Na ja, warum auch nicht«, unterbrach der Vater sie unwillig. »Es 

soll ihm ja auch nicht der Kopf abgerissen, sondern nur gehörig 

zurechtgerückt werden. Er muß für diesen Fehltritt einen 

Denkzettel erhalten, an den er ewig denken wird. Man braucht 

ihm ja nicht gleich sein ganzes Leben zu verpfuschen. Die 

zehntausend Mark verschmerze ich schon, auf die soll es mir 

nicht ankommen. 

Aber nun will ich zuerst noch einmal nach Benno sehen und 

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mich dann ein wenig niederlegen. Ich bin rechtschaffen müde, 

bin die ganze Nacht durchgefahren, um zu Bennos Geburtstag 

zurechtzukommen, und muß hier diese nette Bescherung 

finden.« 

Renate ging mit dem Vater nach oben und suchte dort ihr 

Zimmer auf. Es war auch die höchste Zeit, daß sie allein war, sie 

hätte sich nicht mehr lange beherrschen können. »So, mein 

Junge, jetzt den Nacken steif gehalten und keine Dummheiten 

gemacht«, sagte Jürgen zu Norbert, als sie sich verabschiedeten, 

um jeder seine Wohnung aufzusuchen. 

Norbert lächelte matt. »Das sagt der, der soeben gleichfalls eine 

grenzenlose Dummheit begangen hat.« 

»Warum?« fragte der Freund erstaunt. »Ach so – du meinst, weil 

ich dem sauberen Patron eins auf die Nase gegeben habe? 

Beruhige dich, das würde ich im gegebenen Fall immer wieder 

tun.« 

Er reichte Norbert die Hand, die dieser mit festem Druck ergriff. 

»Ich danke dir, Jürgen«, sagte er einfach, aber dieser winkte 

unwirsch ab. 

»Für eine Selbstverständlichkeit bedankt man sich nicht, 

Jungchen, merke dir das. Entweder man hält Freundschaft und 

steht füreinander ein – oder man hält keine und hat es dann 

nicht nötig.« 

Damit schieden beide voneinander. Norbert suchte seine 

Wohnung auf, und Jürgen schritt den Berg zur Windmühle 

hinan. 

Als er die Stube betrat, kam ihm Fräulein Milchen mit verweinten 

Augen entgegen. 

»Gut, daß Sie kommen, Herr Frank«, schluchzte sie. »Ich wollte 

Sie schon holen lassen und habe auch schon den Arzt bestellt – 

denn es wird mit der Frau Mutter – wohl – zu Ende – gehen.« 

Jürgen trat leise an das Bett der Mutter, die ihm zwar sehr müde, 

doch mit klarem Bewußtsein zulächelte. Ihre welken Hände 

griffen nach dem Sohn. 

»Mutter, mein Mutterchen«, sagte er leise und zärtlich. »Dein 

großer Jung’ ist schon wieder bei dir. Hast du einen Wunsch?« 

Sie schüttelte den Kopf und sah ihn an. – So unendlich liebevoll 

war der Blick, daß es Jürgen heiß in die Augen stieg. 

»Bist immer – mein braver – Jung’ gewesen«, stammelte sie 

mühsam. »Bleib so, wie – du bist – habe vor nichts – so Angst 

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wie vor – Unehre – ich gehe jetzt – zum Vater.« 

Ein Lächeln, das schon nichts Irdisches mehr an sich hatte, ein 

tiefer Seufzer… 

»Mutter!« stammelte Jürgen verzweifelt. »Mutter, laß mich doch 

nicht allein!« 

Doch die Mutter hörte ihn nicht mehr. 

Und als Jürgen sah, daß er nun auch noch seine Mutter verloren 

hatte – jetzt, nachdem er so Erschütterndes erlebt –, da war das 

selbst für dieses Mannes Nerven zuviel. Er brach vor dem Bett in 

die Knie und weinte so wild und hemmungslos, wie er nicht 

einmal als Knabe geweint. 

Als er seine Schulter berührt fühlte, schrak er auf und sah in des 

Arztes Gesicht. 

»Na, na, nicht gar so verzweifelt, Sie junger Riese«, tröstete er. 

»Sie haben viel verloren, denn eine Mutter wie die Ihre gibt es 

sobald nicht noch einmal. Doch gönnen Sie ihr die Ruhe, sie hat 

sie sich gewünscht.« 

Jürgen hörte kaum, was der Arzt sagte. Er starrte nur immer auf 

die tote Mutter. 

Er wurde auch nicht gewahr, daß der Arzt den Totenschein 

ausstellte und dann wieder ging. Erst als Fräulein Milchen 

mahnte, daß man die Mutter umbetten müsse, da erhob er sich 

von den Knien. 

»Mutter«, flüsterte er, »Mutter – nun habe ich kein Zuhause mehr. 

Denn was soll ich nun noch hier, wo ich das bitterste Leid 

meines Lebens erfahren mußte?« 

»Herr Frank«, mahnte Milchen nun dringlicher, und da trat 

Jürgen zurück. 

Und unten im Mühlengrund verlor noch jemand die Mutter – 

Norbert. War sie ihm auch niemals die Mutter gewesen, wie er sie 

ersehnt, so hatte doch immer noch ein Band bestanden. 

Denn als Norbert zu ihr kam – verzweifelt, zerquält – als er ihr 

erzählte, wessen man ihn beschuldigte, da glaubte sie nicht an 

seine Unschuld. 

Und das tat weh – sehr, sehr weh. So sehr, daß Norbert kein Wort 

zu seiner Verteidigung finden konnte, daß er der Mutter böse 

Worte schweigend über sich ergehen ließ. 

Eben stand sie vor ihm und schleuderte ihm Schmähungen über 

Schmähungen ins Gesicht. 

»Ein Feigling bist du, und ich bereue die Stunde, in der ich dich 

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gebar!« schrie sie ihm entgegen. 

»Was gibt es denn hier?« fragte Rosmarie, die in der Tür stand 

und mit entsetzten Augen auf die tobende Mutter und auf den 

müden blassen Bruder schaute. »Mama, was ist denn?« fragte sie 

dringender. 

Da wandte die Mutter sich zu ihr herum. »Frage nur deinen 

Herrn Bruder«, höhnte sie. »Zehntausend Mark hat er 

unterschlagen und behauptet dabei, unschuldig zu sein!« 

»Norbert!« stammelte Rosmarie mit entfärbten Lippen. »Wie 

konntest du nur…« 

Norbert, der trotz aller Entfremdung in dieser bitteren Stunde 

von der Schwester ein teilnehmendes Wort erwartet hatte, konnte 

das alles kaum noch ertragen. 

»Ist gut, Rosmarie«, sagte er ruhig – so ruhig, daß es unheimlich 

wirkte. »Sprich nicht weiter, denn ich weiß, was du sagen willst. 

Ich habe keine Mutter mehr – warum soll ich dann noch eine 

Schwester haben?« 

»Habe keine Mutter mehr!« äffte Frau Haller ihm nach. »Seht 

doch mal an, er setzt sich noch großartig auf das hohe Pferd. Du 

bleibst hier!« herrschte sie Rosmarie an. 

»Norbert«, schluchzte Rosmarie. »So ist es nicht – so doch nicht!« 

Doch er hörte nicht mehr, war schon da vongestürmt in Groll 

und Grimm. Eilte hin zu dem einen, der an ihn glaubte. 

Jürgen hatte mit dem alten Fräulein zusammen die Mutter 

gewaschen und sie in die Kammer gelegt. Er war eben dabei, die 

Stube gründlich zu säubern, als Norbert über die Schwelle 

hastete. 

»Still, Norbert«, bat Jürgen, »meine Mutter ist tot.« 

Da blieb Norbert wie erstarrt stehen, wagte keinen Schritt mehr 

zu tun. »Also doch«, sagte er leise. »Trotzdem bist du zu 

beneiden, Jürgen, denn du kannst an deine Mutter denken wie an 

eine Heilige. Aber ich – ich – der ich auch die Mutter soeben 

verlor…« Er schluckte krampfhaft. 

Da trat Jürgen zu ihm, umfaßte seine Schulter. »Armer Kerl«, 

sagte er mitleidig. »Ich habe fast so etwas geahnt. Und was nun?« 

»Am liebsten möchte ich fort von hier«, entgegnete Norbert 

finster. »Aber ich darf es nicht. Ich kann Rosmarie dem Lumpen 

doch nicht kampflos überlassen, damit er sie unglücklich macht 

für das ganze Leben.« 

»Und wo wirst du Arbeit finden?« fragte Jürgen. 

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»Es muß sich irgend etwas finden lassen für einen, der arbeiten 

will«, sagte er mit stiller Verzweiflung. »Und wenn es nicht hier in 

der Nähe sein kann, dann gehe ich fort und nehme Rosmarie mit 

mir. Auf meine Mutter kann ich keine Rücksicht mehr nehmen.« 

»Schade«, meinte Jürgen. »Sonst würde ich dir sagen: Komm mit 

mir, denn ich bleibe auch nicht mehr hier. Meine Mutter, um 

derentwillen ich es hier aushielt, ist ja nun tot. Aber wenn 

Rosmarie mit dir geht – ich das Mädchen immer vor Augen 

haben soll – das halte ich nicht aus, Norbert, wirklich nicht – 

und wenn du mich deswegen auch schlapp und energielos 

nennst.« 

»Das werde ich auch gewiß nicht tun, Jürgen. Ich weiß selbst, wie 

es ist, wenn man das Mädchen – na, einerlei! Wann findet die 

Beerdigung deiner Mutter statt?« 

»In drei Tagen. Ich werde ihren Tod so geheimhalten, wie es 

irgend geht. Werde die lieben Mühlengrunder wohl um eine 

Sensation bringen, aber ich kann ihnen beim besten Willen nicht 

helfen.« 

»Ich werde zu einem Freund fahren, mit dem ich zusammen das 

Bankfach erlernt habe. Zum Begräbnis deiner lieben Mutter bin 

ich jedoch wieder zurück.« 

»Also gut, Norbert, halt den Nacken steif!« Sie drückten sich die 

Hände. 

Drei Tage darauf wurde Frau Frank zu Grabe getragen. Der Tod 

der Frau Frank war selbst den Mühlengrundern bis zum letzten 

Tag unbekannt geblieben.  

Im Herrenhaus vom Mühlengrund hörte man von dem Tod der 

alten Frau Frank erst, als sie schon in der Erde ruhte. 

Herr Erdmann brachte die Nachricht, am Abend mit nach Hause. 

»Die Bengel sind wie vom Erdboden verschwunden«, schalt er 

ärgerlich. »Lassen einfach die Arbeit Arbeit sein und damit holla! 

Nun sitze ich ohne Werkmeister da, und auch der Norbert fehlt 

mir an allen Ecken und Enden. Nun, da die Jungens fort sind, 

merkt man erst, wieviel sie geleistet haben. Morgen ist Sonntag, 

da ist ja sowieso nichts los. Doch wenn sie Montag* nicht 

eintrudeln, dann werde ich sie holen lassen – aber ein wenig mit 

Trara!« 

»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, Vater«, meldete sich 

Benno, der mit einem riesigen Pflaster auf der Nase schon wieder 

obenauf war. Und wie obenauf! Denn seine Krankheit hatte es 

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bewirkt, daß der Vater wieder so gütig zu ihm war wie früher. 

Am nächsten Vormittag war es, als Rosmarie, die eben 

aufgestanden war, zu ihrer Mutter in die Küche trat. Sie sah so 

blaß aus, daß Prau Haller sie besorgt ansah. 

»Nimmst dir die Sache mehr zu Herzen als der aufsässige 

Bengel«, schalt sie. »Leg dich nur wieder hin, du siehst zum 

Erbarmen aus.« 

»Laß nur, Mama«, winkte sie müde ab. »Ist Norbert gestern nach 

Hause gekommen?« 

»Ich glaube doch«, brummte die Mutter. »Mantel und Hut 

hängen jedenfalls im Vorsaal. Wo er sich rumgetrieben hat, das 

wissen die Götter. Drei Tage lang war er überhaupt wie vom 

Erdboden verschwunden, dann tauchte er gestern plötzlich 

wieder auf, wahrscheinlich, um dem Begräbnis der alten Frau 

Frank beizuwohnen, und war dann wieder futsch und weg. 

Selbstverständlich, das sieht ihm ähnlich!« 

»Ist kein Schreiben für ihn angekommen?« fragte Rosmarie. 

»Du wartest wohl auf eine Vorladung für ihn?« 

»Man muß damit rechnen, Mama.« 

»Damit sie ihn von hier aus zur Polizei holen – das hat mir 

gerade noch gefehlt.« 

»Soweit will ich es eben nicht kommen lassen, Mama. Ich will 

heute zu Herrn Erdmann gehen und ihn bitten, von einer 

Anzeige abzusehen. Ich werde ihn auch davon zu überzeugen 

suchen, daß Norbert unschuldig ist.« 

»Also du glaubst an Norberts Unschuld?« fragte Frau Haller, und 

als Rosmarie nickte, brach sie in ein nervöses Lachen aus. 

»Mama, lassen wir das«, wehrte Rosmarie ab. »Ob ich mal 

versuche, mit Norbert zu sprechen?« 

»Das kannst du ja versuchen, aber ich glaube nicht, daß du dazu 

kommen wirst.« Es hatte an der Korridortür geklingelt. »Nanu, 

wer kommt denn da – um elf Uhr?« 

Sie eilte zur Tür, öffnete sie. 

»Oh, Herr Nieritz, das ist wirklich zu liebenswürdig!« rief sie 

erfreut. »Kommen Sie doch bitte näher! Rosmarie, Herr Nieritz 

ist da!« meldete sie der Tochter. 

Sie sah Benno feierlich angetan – einen Blumenstrauß in der 

Hand – und es beschlich sie tiefes Grauen. 

»Guten Morgen, Rosmarie«, sagte er. 

»Du siehst mich so sonderbar an, Mädel – na ja, ich sehe nicht 

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gerade schön aus«, lachte er gezwungen auf. »Aber sobald das 

Pflaster entfernt ist, wird alles wieder gut sein.« 

»Selbstverständlich«, bekräftigte Frau Haller überzeugt und bat 

den Gast in das Zimmer, wo sie ihm einen Sessel zuschob. 

»Nehmen Sie Platz, Herr Nieritz, Sie sehen doch sehr angegriffen 

aus. Einen Menschen in solcher Weise zuzurichten, das ist mehr 

als empörend!« 

Benno war wieder einmal in seinem Fahrwasser, blähte sich 

wohlgefällig und kam sich vor wie ein Held und Märtyrer. 

»Man ist vor den Rohheiten solcher Burschen nie und nirgends 

sicher. Ich werde schon dafür sorgen, daß er ins Kittchen 

kommt.« 

Sein Blick ging lauernd zu Rosmarie hin, die tief erblaßt war und 

sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. 

Also habe ich richtig hintergehakt, frohlockte er. Na, dann immer 

weiter so! 

»Was können Sie von einem solchen Menschen auch mehr 

verlangen, Herr Nieritz«, ereiferte sich Frau Haller. 

Nun weinte sie, und der rechte Augenblick war für Benno 

gekommen. Er setzte sich in seinem Sessel zurecht. 

»Tja, meine liebe Frau Haller, das ist nun mal der Lauf der Welt«, 

meinte er leutselig. »Wir wollen den guten Norbert nicht zu sehr 

verdammen. Wenn der Mensch mit Geld umgehen muß, dann 

kann ein derartiger kleiner Fehltritt leicht vorkommen. Ich gäbe 

etwas darum, ließe sich die dumme Geschichte totschweigen. 

Aber es wird nicht gehen. Allzu viele wissen darum. Jürgen Frank 

hat so gebrüllt, daß die Leute im Werk zusammenliefen und alles 

mit angehört haben. Nun möchte ich aber nicht, daß Norbert in 

aller Leute Mund kommt – weil er doch – na ja – das später! 

Jedenfalls gedenke ich alles zu tun, was sich in dieser Sache 

irgendwie tun läßt, denn Norbert und ich sind schließlich 

Kindheitsgespielen. Allerdings muß Rosmarie dabei mithelfen – 

was meinst du dazu, Rosiliebchen?« 

Sie zuckte zusammen bei diesem Kosewort. »Wenn ich kann«, 

stammelte sie verwirrt. 

»Aber selbstverständlich kannst du das, indem du – ehern – 

indem du ganz einfach – meine Frau wirst.« 

»Rosmarie, du Glücksmädel!« rief die Mutter entzückt. 

Aber die Tochter konnte ihr Entzücken nicht teilen, hatte 

vielmehr das Gefühl, als ob sie sterben müsse. 

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Jetzt trat Benno zu ihr hin, umfaßte ihre Schultern. »Sieh mal, 

Rosiliebchen, wenn du erst meine Frau bist, dann werden die 

Leute sich mit ihrem Klatsch nicht an Norbert heranwagen, er ist 

ja dann mein Schwager.« 

Frau Haller weinte vor Rührung und Glück, doch Rosmarie 

konnte sich kaum noch aufrecht halten, so elend fühlte sie sich. 

Was sollte sie tun?! Ach, wenn sie jetzt doch einen Menschen 

hätte, der ihr raten könnte! – So hilflos und verlassen kam sie 

sich vor. 

Aber mußte sie nicht tun, was Benno verlangte? Sie konnte doch 

damit dem Bruder und dem Geliebten helfen. 

»Rosmarie, so stehe doch nicht so stocksteif da«, mahnte die 

Mutter. »Gib Herrn Nieritz doch eine vernünftige Antwort. – Es 

ist schrecklich mit dem Mädel«, klagte sie ihrem zukünftigen 

Schwiegersohn. »Gar kein Leben oder Geist steckt in der Kleinen. 

Falle doch deinem Bräutigam um den Hals und gib ihm einen 

Kuß – so gehört es sich!« 

»Wird auch noch alles kommen«, beschwichtigte Benno die 

aufgeregte Frau. 

Er war ja noch nicht sicher, ob Rosmarie mit seiner Werbung 

einverstanden war. 

»Rosmarie, du allein kannst deinen Bruder retten«, flüsterte er ihr 

ins Ohr. »Mein Vater ist fest entschlossen, die dunkle 

Angelegenheit mit dem verschwundenen Geld aufzuklären.« 

Furchtbar mußte die arme Rosmarie mit sich und ihrem 

störrischen Herzen kämpfen. Das wollte durchaus nichts von 

dem Mann an ihrer Seite wissen, sondern schrie immer nach dem 

andern. In dieser Stunde lauter denn je. 

Aber es mußte doch sein – mußte! Sie durfte Norbert doch nicht 

vor Gericht schleifen lassen. 

Und dann Jürgen, der wegen Körperverletzung bestimmt bestraft 

werden würde. Läßt man einen geliebten Menschen im Stich, 

wenn man in der Lage ist, ihm helfen zu können? 

Nein – und tausendmal nein! 

Also mußte sie helfen. Ihr Leben war ja sowieso verpfuscht; 

glücklich werden konnte sie sowieso niemals mehr. 

Sie sah zu Benno auf, der ungeduldig auf eine Antwort wartete. 

Noch ein kurzer Kampf – dann streckte sie ihm die Hand 

entgegen. »Wenn Sie mich so haben wollen, wie ich bin – ohne 

jede Liebe zu Ihnen – dann will ich Ihre Frau werden«, sagte sie 

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leise. 

»Na endlich!« lachte er befreit auf. 

Er wußte ganz genau, warum sie ihm das Jawort gegeben hatte. 

Er reichte ihr die Blumen hin. »Hier, Rosiliebchen, das Geschenk 

kommt nach. Ich muß jetzt leider fort. – Um eines müßte ich 

allerdings bitten: Bringen Sie nicht Jürgen Frank mit, ich kann 

den ungeschlachten Burschen nicht mehr sehen.« 

»Aber wie werden wir denn eine derartige Geschmacklosigkeit 

begehen«, wehrte Frau Haller beleidigt ab. »Der gehört doch 

nicht in unsern Kreis und wird hoffentlich so viel Taktgefühl 

haben, sich fortan von uns fernzuhalten.« 

»Wenn Sie bei dem Kerl Taktgefühl voraussetzen, dann haben Sie 

sich schwer geirrt«, höhnte Benno. 

Rosmarie konnte das alles kaum noch ertragen. 

Wenn Benno nur erst gehen wollte! 

Endlich schloß sich die Tür hinter ihm. 

Nun eilte die Mutter auf Rosmarie zu. »Komm an mein Herz, 

mein liebes Kind!« rief sie in dem hochgeschraubten Ton, in den 

sie leicht verfiel. »Laß dir alles Glück der Erde wünschen!« 

Rosmarie lächelte gequält. »Aber selbstverständlich, Mama«, 

entgegnete sie schroff. 

»Herrgott nein – entschuldige nur schon! Dir scheint wohl nicht 

einmal Benno Nieritz als Mann zu passen, wie? Ein Werkmeister 

wäre dir wohl lieber?« 

»Laß mich bitte endlich in Ruhe!« fuhr Rosmarie heftig auf. 

»Ruhe dich ein wenig aus, dann wirst du dich wieder 

zurechtfinden.« 

Damit verschwand sie in ihrem Schlafzimmer, während 

Rosmarie sich erschöpft in den nächsten Stuhl sinken ließ. 

Gott sei Dank – nun war sie allein! 

Und Braut war sie – Braut des Benno Nieritz. 

Sie sollte nun tagaus, tagein – ein ganzes Leben lang immer mit 

Benno Nieritz zusammen sein – der ihren Bruder des Diebstahls 

verdächtigt hatte?! 

Hatte sie nicht doch übereilt gehandelt. 

Aber wenn sie die kaum eingegangene Verlobung wieder löste, 

was dann? 

Nein, es war der einzige Ausweg, um Norbert und Jürgen vor 

Schande zu retten. 

Rosmarie sah mit traurigen Augen auf den Strauß in ihrem 

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Schoß. Rosen – blutrote Rosen! Zum zweiten Male, daß man ihr 

in ihrem jungen Leben solche Blumen geschenkt. 

Sie legte ihn zur Seite. 

In diesem Augenblick trat die Mutter ein. 

»Ja, gib den Strauß nur her, mein Kind, damit ich ihn in Wasser 

stellen kann«, sagte sie eifrig. »Es wäre jammerschade, würden die 

wunderschönen Rosen verwelken.« 

Verwelkt lagen jene Blätter in einem Kästchen, in dem sie alle 

ihre kleinen Kostbarkeiten verwahrte. 

Ein tiefer Seufzer entrang sich Rosmaries Lippen. 

 
Die Rosen, die du mir gebracht, 

Sind jetzt ein welker Blumenstrauß 

Das Lied ist aus  
nn 

zog es ihr durch den Sinn. 

Ja, das Lied war jetzt wirklich aus – das Lied der Liebe, das sie nur 

einen kurzen Tanzabend lang vernommen hatte. 

»Was für ein Kleid wirst du heute anziehen?« klang der Mutter 

Stimme in ihre quälenden Gedanken hinein. »Es muß doch eines 

sein, zu dem die Rosen passen. – Rosen – blutrote Rosen…«, 

trällerte sie gut gelaunt. 

Auch das noch! 

Rosmarie sprang auf und hielt sich die Ohren zu. »Mama – laß 

doch das!« rief sie weinend. 

»Eine Närrin bist du, weiter nichts«, brummte die Mutter. 

»Ah, der gnädige Herr«, begrüßte sie Norbert. »Aussehen tust du 

allerdings, als hättest du schon im Grabe gelegen. Suche nur 

deinen Smoking hervor, mein Sohn, damit du heute würdig die 

Verlobung deiner Schwester mitfeiern kannst.« 

Norbert starrte die Mutter groß an – da lachte sie wieder. 

»Ja, ja – wünsche Rosmarie nur Glück«, ermunterte sie ihn. »Sie 

hat sich mit Benno Nieritz verlobt.« 

Sein Blick hing an Rosmarie, die ebenso bleich war wie er. 

»Rosmarie – ist – das – wahr?!« 

Als sie schweigend nickte, warf er den Oberkörper zurück und 

lachte, lachte – als habe er den Verstand verloren. 

Ehe Mutter und Tochter sich von ihrem Entsetzen erholen 

konnten, war er schon vorangestürmt. 

»Na, wenn der Bengel nicht verrückt geworden ist, dann weiß ich 

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es nicht«, murmelte Frau Haller. 

»Kind!« schrie sie auf und sprang herzu, um die in die Knie 

sinkende Tochter aufzufangen. 

»Norbert!« wimmerte das Mädchen. »Norbert!« 

Da wurde die Mutter böse. »Laß ihn doch laufen, den Narren!« 

schalt Frau Haller. »Er wird schon noch zu Kreuze kriechen, 

verlaß dich darauf. – Komm, mein Kind«, redete sie Rosmarie 

freundlich zu, »leg dich ein wenig nieder, das wird am besten für 

dich sein.« 

Rosmarie war viel zu erschöpft, um sich gegen der Mutter Gebot 

aufzulehnen. Sie ließ alles willenlos über sich ergehen. Ließ sich 

zu Bett bringen und konnte doch nicht schlafen. 

Unterdessen war Norbert zur Windmühle hingestürmt, wo er 

Jürgen beim Packen seiner Sachen fand. 

»Was ist dir denn widerfahren, Norbert?« fragte er erschrocken. 

»Du siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.« 

Norbert ließ sich auf die Holzbank fallen, stützte die Arme auf 

die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen. 

»Norbert – um alles in der Welt, was hast du denn?!« 

Da hob dieser den Blick und sah den Freund an – weh, 

verzweifelt. »Daß sie uns das antun konnte, Jürgen – uns beiden, 

die wir sie so zärtlich lieben«, sagte er tonlos. Und als Jürgen 

verständnislos den Kopf schüttelte, setzte er hinzu: »Rosmarie hat 

sich mit Benno Nieritz verlobt.« 

Diese Nachricht traf Jürgen mehr als hart. Auch er lachte auf, wie 

Norbert noch kurz vorher gelacht – nur daß in seinem Lachen 

ein Schluchzen mitschwang. 

Da wurde Norbert ruhiger, legte den Arm um des Freundes 

Schulter. »Mußt es nicht zu schwer nehmen, Jürgen«, versuchte er 

ihn zu trösten. »Rosmarie ist nun einmal nicht die, wofür wir 

beide sie gehalten haben.« 

»Na ja«, sagte Jürgen bitter. »Was haben wir also noch hier zu 

suchen?« 

Als Benno Nieritz aus der Hallerschen Wohnung fortging und 

dem Herrenhaus des Mühlengrundes zuschritt, war er sehr 

zufrieden mit sich. 

Zu Hause suchte er den Vater auf, der in seinem Zimmer saß und 

in aller Ruhe und Beschaulichkeit seine Sonntags 

Vormittagszigarre rauchte. 

»Nun, Benno, was gibt es?« fragte er gemütlich, als der Sohn bei 

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ihm eintrat. »Du machst ja ein Gesicht, als hättest du das Große 

Los gewonnen.« 

»Noch mehr als das, Vater«, frohlockte Benno. »Ich habe mich 

mit Rosmarie verlobt. Ja, da bist du platt, wie?« 

»Wie eine Flunder«, gab der Vater zu und lachte über das ganze 

Gesicht. »Das hast du fein gemacht, Benno. Wann kommt denn 

unsere kleine Braut?« 

»Heute nachmittag zum Kaffee.« 

»Kommt Norbert mit?« 

»Selbstverständlich.« 

»Und Jürgen?« 

»Nein, Vater – das heißt…« 

»Na, Junge, sei nicht nachtragend. Weiß Renate schon von deiner 

Verlobung?« 

»Nein.« 

»Dann muß sie es schleunigst erfahren.« 

Er sagte dem Diener Bescheid, und einige Minuten später trat 

Renate ein. 

»Liebchen, nun tue mir einen Gefallen und lache mal wieder«, 

sagte der Vater. »Schau dir mal deinen Bruder an, der ist 

Bräutigam, jawohl! Und wer die Braut ist – rätst du es?« 

»Rosmarie etwa?« fragte sie tonlos. 

»Jawohl«, bestätigte der Vater schmunzelnd. »Freust du dich denn 

nicht?« 

»Doch«, entgegnete sie hastig. »Die Nachricht kommt mir nur ein 

wenig zu überraschend.« 

»Kann ich mir denken, Vögelchen. Und nun wirst du ein nettes 

Fest in Szene setzen. Es kommen unsere Anverwandten.« 

»Auch Norbert?« 

»Auch der!« 

Der Vater zwinkerte ihr verschmitzt mit den Augen zu, und des 

Mädchens Wangen überzogen sich mit heißer Glut. 

Norbert kommt! Norbert kommt! sang und klang es in ihrem 

Innern. 

Selten war sie so wählerisch gewesen wie an diesem Nachmittag, 

als sie in ihrem Ankleidezimmer vor dem Schrank stand und sich 

nicht schlüssig werden konnte, in welchem Kleid sie vor Norbert 

erscheinen sollte. 

Schön will ich sein – sehr schön! dachte sie beglückt. Ich will 

ihm heute sagen, daß ich auch nicht einen Herzschlag lang an 

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seine Schuld geglaubt habe – werde ihm auch zeigen, daß ich ihn 

liebe. 

Jawohl, das werde ich! trumpfte sie auf, als der Stolz sich wieder 

melden wollte. Ich will glücklich werden! 

Endlich entschloß Renate sich für ein schneeweißes Kleid, das ihr 

besonders gut stand. 

Norbert, ihr Schwager – und vielleicht bald ihr Liebster! 

Und es legte sich wie Rauhreif auf ihr Glücksgefühl, als wohl 

Frau Haller und Rosmarie erschienen – doch Norbert nicht. 

Sie begrüßte die aufgeputzte Frau, schloß ihre Schwägerin in die 

Arme – aber hatte nur den einen Gedanken: Wo ist Norbert? 

»Renate, ich bin dir nicht willkommen als Schwägerin?« fragte 

Rosmarie. 

Da schrak sie zusammen. »Rosmarie, du weißt ganz genau, wie 

lieb du mir bist. Doch sage mir eines: Wo ist Norbert?« 

»Ich weiß es nicht«, gab Rosmarie bedrückt zurück. »Er ist heute 

vormittag davongelaufen und bis jetzt nicht wieder 

zurückgekehrt. Reni – ich sorge mich unbeschreiblich um ihn!« 

Der Tag verging recht harmonisch und schön. Die beiden 

Mädchen, in deren Herzen es tobte und stürmte, beherrschten 

sich so vollkommen, daß ihnen nichts anzumerken war. 

Herr Erdmann war zuerst wohl aufgebracht gewesen, daß 

Norbert und Jürgen nicht mitgekommen waren, hatte sich dann 

aber bald beruhigt. 

»Die Jungen hole ich mir morgen«, hatte er gedroht und über das 

ganze Gesicht dabei gestrahlt. 

Allein, als er sie am nächsten Morgen wirklich holen ließ, waren 

die Freunde nirgends aufzufinden. 

Nun begann Herr Erdmann sich ernstliche Sorge zu machen. 

Und diese Sorge wuchs noch, als ihm zwei Anweisungen 

gebracht wurden, die beide auf zehntausend Mark ausgestellt 

waren und die beide Norberts Schulden decken sollten. 

»Das verstehe, wer kann«, murmelte er und schrak zusammen, als 

Renate ins Büro stürmte – zitternd, weinend, aufgelöst vor 

Erregung und Ratlosigkeit. 

»Vater, Norbert und Jürgen sind fort!« schluchzte sie so 

jämmerlich, daß es ihm ins Herz schnitt. 

»Aber Renilein, wer wird denn gleich so kopflos werden«, 

beschwichtigte er sie. »Woher weißt du, daß sie fort sind?« 

»Rosmarie war bei mir. Sie hat in ihrem Zimmer einen Zettel 

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gefunden mit der Mitteilung, daß Norbert mit Jürgen aus dem 

Mühlengrund gegangen ist. Während Rosmarie und ihre Mutter 

bei uns waren, hat Norbert seine Sachen gepackt und ist auf und 

davon gegangen.« 

»Hm, das ist ja eine ganz verzwickte Geschichte«, murmelte der 

Vater bedrückt. »Es ist überhaupt vieles sehr merkwürdig! Habe 

ich da heute zwei Geldanweisungen über je zehntausend Mark 

erhalten, die beide dazu bestimmt sind, den mir durch 

Entwendung des Geldes zugefügten Schaden 

wiedergutzumachen. Die eine Begleichung können vielleicht die 

Bengels geschickt haben – aber die andere…« 

Da hob Renate den Kopf, sah den Vater an – und da wußte er 

plötzlich Bescheid. 

»Mädelchen – steht es so?« fragte er leise. 

»Ja, Vater, ich habe ihn doch so lieb – so sehr, sehr lieb! Und nun 

ist er fort!« 

Seinen Herzensliebling so erschütternd weinen zu sehen, das war 

allerdings mehr, als der zärtliche Vater vertragen konnte. 

»Verflixte Bengels!« ergrimmte er sich. »Immer mit dem Kopf 

durch die Wand, und wenn sie sich dabei den Schädel 

einrennen! Gleich davonzulaufen, diese dickköpfige Bande! Man 

hätte ihnen ihre Dummheit von Herzen gern verziehen. Aber da 

wird nicht gefragt, da wird einfach da vongestürmt.« 

»Sei nicht so böse, Väterchen«, bat Renate, die den Vater selten so 

ungehalten gesehen hatte, tief erschrocken. »Dir tut es ja selbst 

leid, daß sie fort sind.« 

»Was heißt hier leid tun!« polterte er unwirsch. »Ich habe die 

Jungen liebgehabt wie meine Kinder. Das müssen sie doch 

gemerkt haben – und tun mir trotzdem das an! – Die 

zehntausend Mark stammen doch sicherlich von Jürgen. Da hat 

der Bengel wahrscheinlich seine Notgroschen zusammengekratzt, 

um den Freund wieder ehrlich zu machen.« 

»Vater, glaube mir – Norbert ist unschuldig«, sagte Renate leise. 

»Das will mir nun fast auch so scheinen, Reni. Um so 

unangenehmer ist die Geschichte! Ich werde jetzt mal gehörig die 

Augen offen halten, vielleicht findet sich der Schweinehund 

noch, der dem Norbert die Suppe eingebrockt hat. Aber dann 

wehe…!« 

Renate hätte dem Vater den Frevler wohl verraten können – doch 

sie schwieg – mußte ja schweigen. 

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So tat sie denn das Klügste, was sie tun konnte – sie forschte in 

Bennos Zimmer nach Beweismaterial. 

Lange brauchte sie nicht zu suchen, denn sie fand etwas, was die 

Schuld des Bruders klar bewies. Fand zwar den verhängnisvollen 

Zettel nicht, jedoch Waldemar Kyds Brief fiel ihr in die Hände. 

Der genügte vollkommen, um Benno zu überführen. 

Sie legte sich auf die Lauer, um Benno abzufangen. Sie brauchte 

nicht lange zu warten, da hörte sie ihn schon kommen. Kyds 

Brief in der Hand, traf sie auf ihn zu und schob den über ihr 

unerwartetes Erscheinen vollkommen Verdutzten in ihr Zimmer 

hinein. 

Ohne Übergang, ohne Einleitung ging sie auf ihr Ziel los. »Wo 

sind die zehntausend Mark geblieben?« fragte sie drohend. 

»Wovon sprichst du eigentlich, mein Kind?« fragte er. 

»Spiele nicht den Ahnungslosen«, entgegnete sie kalt und 

entschlossen. »Es hilft dir alles nichts, dieser Brief hier klagt dich 

an.« 

»Ach, sieh mal an, die Kleine hat nachgeschnüffelt«, lächelte er 

niederträchtig. »Und wenn es so wäre, mein Fräulein, was dann?« 

»Dann wärest du ein Lump!« rief Renate erregt. 

»Gott, wie du den Mund vollnimmst! Kindchen, errege dich 

nicht so, darunter leidet deine Schönheit. Trauerst wohl um den 

lieben Norbert, nicht wahr? Oder ist es gar der Müllerbengel?« 

»Schmähe du die beiden Jungen nicht, denn sie sind ganze Kerie, 

während du ein ganz gemeiner Schuft bist, der nicht einmal 

mehr einen Fußtritt wert ist!« 

»Na, hör mal, Renate, nun wird es mir aber doch zu bunt«, 

brauste Benno auf. »Ich bin wohl ein großer Kinderfreund, aber 

trotzdem ist meine Geduld nicht unerschöpflich.« 

»Und meine erst recht nicht. Daher wirst du mir jetzt sagen, wo 

du das Geld, das du von Norbert auf so gemeine Art erpreßt, 

gelassen hast.« 

»Kind, stellst du Fragen! Wenn du es durchaus wissen willst, 

dann erkundige dich bei Waldemar  Kyd.  Siehst  du,  Kleine, 

hättest du ihn damals genommen, wäre das alles nicht nötig 

gewesen. Aber es ist besser so, der liebe Norbert war mir schon 

lange ein Dorn im Auge. Er bewachte die süße Rosmarie nämlich 

wie ein Zerberus – und daher mußte er unschädlich gemacht 

werden. 

Und der andere Bursche war mir gleichfalls im Weg, daher war es 

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ein Fingerzeig des Geschickes, daß er sich so gründlich – 

vorbeibenehmen mußte. Dadurch bin ich ihn losgeworden und 

brauche nicht zu befürchten, daß meine zukünftige Frau sich ihre 

schönen Augen nach dem klobigen Kerl ausguckt – und ihren 

eigenen Mann darüber vergißt. Wenn du mich nicht verstehst 

und meine Handlungsweise nicht billigen kannst, dann tust du 

mir leid.« 

Je länger der Bruder sprach, um so mehr rückte Renate von ihm 

fort. Und zuletzt packte sie ein solcher Ekel, daß sie sich nur so 

schüttelte. 

»Nun ist mir alles klar«, sagte sie tonlos. »Aber deine Gedanken 

sollen dir doch nicht glücken. Ich werde…« 

»Ich werde zum Vater gehen und ihm sagen, daß sein Sohn so 

ein wenig…«, höhnte er. »Tue es nur, wenn du den Mut dazu 

hast.« 

»Den Mut habe ich allerdings nicht, weil mir der Vater dazu zu 

lieb ist. Aber ich werde zu Rosmarie gehen und sie darüber 

aufklären.« 

»Nicht mehr nötig, Renate«, kam eine helle Stimme von der Tür 

her, unter der Rosmarie stand – todblaß, doch aufrecht und in 

entschlossener Haltung. 

Jetzt näherte sie sich Benno, der wie erstarrt dastand – zog den 

Ring vom Finger und ließ ihn zu seinen Füßen gleiten. 

»Du bist ein Lump, Benno Nieritz«, sagte sie hart und fest. 

Wandte sich herum und war schon wieder verschwunden, ehe er 

wußte, wie ihm geschehen war. 

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Benno aus seiner Erstarrung 

aufwachte. 

»Das hast du fein gemacht, du Hexe!« brüllte er. Wollte sich 

wutbebend auf die Schwester stürzen – wich jedoch zurück. 

Denn dicht vor seinen Augen sah er einen Revolver blitzen – 

klein und allerliebst wie ein Spielzeug. 

»Ja, mein lieber Benno, bei dir kann man nur noch solche Mittel 

anwenden, wenn man nicht in Grund und Boden gerannt 

werden will«, sagte Renate äußerst ruhig. »Ich fordere dich auf, 

mein Zimmer zu verlassen. Und hüte dich, mich noch einmal 

anzugreifen – ich trage dieses kleine Ding bei mir, solange du 

noch im Hause bist, weil ich gezwungen bin, mich vor deinen 

Wutanfällen zu schützen.« 

Was blieb Benno anders übrig, als zu gehen? 

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Rosmarie hatte nicht zu sagen gewußt, wie sie überhaupt nach 

Hause gekommen war. In der Absicht, Renate einen Besuch zu 

machen, war sie nach deren Zimmer gegangen und somit 

unfreiwillig Zeugin des Gespräches der Geschwister geworden. 

»Barmherzigkeit, was gibt es schon wieder?!« schrie Frau Haller 

auf, als die Tochter in das Zimmer taumelte. 

»Mama – er ist ein ganz gemeiner Halunke, ein Betrüger, ein 

Verbrecher!« schluchzte Rosmarie verzweifelt. »Er hat das alles 

nur getan, um seine Schulden zu bezahlen und Norbert und 

Jürgen aus dem Mühlengrund zu entfernen!« 

»Himmel, Kind – von wem sprichst du?!« fragte die Mutter 

entgeistert. »Doch nicht etwa von Benno?« 

»Von wem denn sonst?« 

Unter Weinen und Schluchzen erzählte Rosmarie der Mutter 

alles, was diese wissen mußte. Da brach Frau Haller gleichfalls in 

bitterliches Weinen aus. Und die Tränen, die sie diesmal weinte, 

kamen wirklich aus betrübtem, leiderfülltem Herzen. Sie dachte 

an den Sohn, den sie verdammt hatte und den sie vielleicht nie 

mehr wiedersehen würde. 

»Herr Bronk, Herr Jürgen Frank wünscht empfangen zu werden«, 

meldete der Bürodiener seinem Juniorchef, der in seinem Büro 

saß und an einer Zeichnung herumstrichelte. 

»Jürgen Frank will mich sprechen? Herein mit ihm!« rief er 

erfreut und eilte dem eintretenden Freund mit offenen Armen 

entgegen. »Jürgen, alter Junge, das ist aber lieb von dir!« 

Nun sah er auch Norbert stehen und verbeugte sich höflich. 

»Mein Freund«, stellte Jürgen vor, und da streckte Dietrich Bronk 

Norbert Haller sofort die Hand entgegen. 

»Wer Jürgen Franks Freund ist, der ist auch der meine«, sagte er 

einfach. »Kommt, nehmt Platz.« 

Er schob den Besuchern zwei Sessel hin, holte Wein aus einem 

kleinen Wandschrank und freute sich. 

»Wie ich sehe, geht es dir recht gut«, stellte Jürgen lächelnd fest, 

und Dietrich strahlte ihn an. 

»Und ob es mir gutgeht! Bin seit drei Tagen verheiratet.« 

»Daher auch die Flitterwochenaugen, Dieterchen«, nickte Jürgen 

verständnisinnig. »Doch sage, alter Junge, hast du Beschäftigung 

für mich?« 

»Beschäftigung?« fragte Bronk verwundert. »Aber massig, kann 

ich dir sagen! Du kannst dich sofort in die Arbeit stürzen.« 

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»Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt«, entgegnete Jürgen müde. 

»Paß auf, was ich dir zu sagen habe.« 

Und er erzählte dem aufhorchenden Freund alles, was ihn 

bedrückte. Verschwieg auch die peinliche Geldgeschichte nicht. 

»Das muß ja ein netter Bruder sein, dieser Herr Benno Nieritz. 

Doch halt mal, eigentlich müßte ich den doch kennen? Ist das 

nicht ein Bürschchen mit einem Monokel, das zu ihm paßt wie 

der Igel zu einer Zahnbürste?« 

»Ja, ja – trifft alles zu!« 

»Du, dann kenne ich ihn bestimmt. Ein ganz gefährlicher Kunde, 

ein Mädchenjäger ersten Ranges. Dem traue ich es glatt zu, daß er 

vor solchen Gemeinheiten nicht zurückschreckt. Und was nun, 

Jürgen?« 

»Nun möchte ich dich fragen, ob ich in den Werken deines Vaters 

Beschäftigung finden kann, ganz gleich welcher Art.« 

»Aber Ehrensache, Jürgen. Mein Vater hält sehr große Stücke auf 

dich.« 

»Und mein Freund ist auch arbeitslos.« 

»Welches Fach?« 

»Bankfach, jedoch auch in jeder anderen Büroarbeit bewandert.« 

»Wird sich auch unterbringen lassen. Wart mal, ich werde bei 

meinem Vater anfragen, ob er augenblicklich ein wenig Zeit hat.« 

Herr Bronk war zufällig zu sprechen, und so ging Dietrich mit 

Jürgen und Norbert hinüber nach seines Vaters Privatbüro, wo 

der Fabrikherr Jürgen Frank sehr herzlich begrüßte. 

Nun wurde auch dem alten Herrn erzählt, was sich im 

Mühlengrund zugetragen hatte; er war sofort bereit, die beiden 

jungen Leute einzustellen. 

»Es ist zwar augenblicklich jeder Posten besetzt, doch es wird sich 

schon noch ein freies Arbeitsplätzchen finden lassen. Leitende 

Posten werden es nicht sein, meine Herren.« 

»Ist auch nicht erforderlich«, entgegnete Jürgen hastig. »Mein 

Freund und ich sind an Arbeit gewöhnt.« 

»Wie ist es nun mit Ihrem letzten Semester, lieber Jürgen?« 

erkundigte sich der alte Herr. 

»Das mußte ich wieder unterbrechen, weil mein Vater starb und 

ich meine alte Mutter nicht allein lassen konnte. Ich trat daher 

als Werkmeister in die Erdmannschen Mühlenwerke ein.« 

»Aber es ist doch jammerschade, daß Sie Ihr Studium nicht 

beenden können«, bedauerte der Fabrikherr. 

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»Dazu fehlt mir jetzt das Geld.« 

»Ich könnte es Ihnen vorstrecken.« 

»Vielen Dank, Herr Bronk; aber mit Schulden zu arbeiten, ist mir 

ein Greuel. Ich werde mir das Nötige wieder zusammensparen.« 

»Soviel ich weiß, hattest du doch einige tausend Mark 

zurückgelegt, Jürgen?« fragte Dieter, worauf Jürgen sehr verlegen 

wurde. 

»Ja, weißt du, Dieterchen, das Geld gibt sich so leicht aus«, wollte 

er sich herausreden. 

»Na ja, Jungchen, schwindle nicht! Ich denke wohl nicht fehl, 

wenn ich annehme, daß du wieder einmal einem Bedrängten aus 

der Patsche geholfen hast.« 

»Was er dir gerade auf die Nase binden wird«, schmunzelte Bronk 

Vater. »Also, mein lieber Jürgen, dann ist es wohl am besten, 

wenn ich Ihnen zuerst mal irgendwelche kleinen Aushilfsposten 

gebe. Hauptsächlich Dieter können Sie zur Hand gehen, der wird 

ja in absehbarer Zeit nicht gerade viel leisten – weil er in seine 

kleine Frau so verliebt ist, daß er nichts anderes hört und sieht als 

nur sie.« 

»Du bist doch ein ganz böser Verleumder, Vater«, wehrte Dietrich 

verlegen ab. »Aber wenn ich Jürgen als Hilfe bekommen kann – 

nichts Besseres könnte ich mir wünschen. Hauptsächlich 

Probeflüge und kleine Autoprüfungen kann er mir abnehmen, 

damit bin ich zur Zeit gar zu sehr überlastet.« 

»Na also, dann wäre unser Jürgen ja glänzend untergebracht«, 

schmunzelte der alte Herr* »Und für unseren jungen Freund 

habe ich auch schon ein Pöstchen. Mein Privatsekretär ist stark 

mit Arbeit überlastet und wird nicht böse sein, wenn ich ihm 

eine Hilfe stelle. Was meinen Sie dazu, Herr Haller?« 

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Bronk, und werde mich 

bemühen, Sie nicht zu enttäuschen.« 

So wurden denn die Freunde in den Bronkschen Werken 

angestellt und blieben für die Menschen, die im Mühlengrund 

um sie bangten, verschollen. 

Zwei Mädchen weinten sich nach ihnen fast die Augen aus, eine 

Mutter vergoß bittere Reuetränen um den verlorenen Sohn, und 

Herr Erdmann hätte nie geahnt, daß die beiden Jungen ihm 

einmal so sehr fehlen könnten. 

Nur Benno Nieritz vermißte die Verschollenen nicht. 

Als Rosmarie ihm damals den Ring zurückgegeben hatte, war er 

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zuerst verreist. War jedoch nach einigen Wochen 

wiedergekommen – unausstehlicher denn je. 

Der Vater beachtete ihn so wenig es anging; denn das Vertrauen 

war ganz und gar erschüttert. 

Es war mehr als ein Vierteljahr vergangen seit dem Scheiden 

Jürgens und Norberts aus dem Mühlengrund. 

Der Herbst kam langsam ins Land und mit ihm vermehrte Arbeit 

für die Mühlenwerke. Da hätte es für Benno Gelegenheit genug 

gegeben, sich dem Vater wieder zu nähern. 

Aber Benno dachte gar nicht daran. Er hatte alles schon 

dermaßen satt, daß er es nicht einmal mehr für nötig hielt, dem 

Vater Dienstbeflissenheit vorzutäuschen. 

Was hatte alles überhaupt noch für einen Zweck? Wenn er 

Rosmarie nicht bekommen konnte. 

So suchte Benno bei anderen Mädchen Trost. Die kleine Ella 

hatte er schon längst abgeschoben, weil sie ihm lästig geworden 

war. 

An einem Tag, als Herr Erdmann in den großen Versandraum 

kam, standen viele Arbeiter zusammen. Als sie den Chef sahen, 

gingen sie verlegen an ihre Arbeit. 

»Was habt ihr denn?« fragte Erdmann verwundert; doch sie 

beugten die Köpfe tiefer über die Arbeit und schwiegen. 

»Na, nun mal raus mit der Sprache! Ihr kommt mir gar zu 

sonderbar vor. – Koller, Sie sind der älteste hier«, rief Erdmann 

einen alten Mann an, »Sie werden mir erzählen, was hier los ist.« 

Der Mann trat vor – zögernd – sehr verlegen. »Es ist nur wegen 

dem, Herr Erdmann«, leitete er seine Rede ein. »Und es geht uns 

ja nichts an – und zu was sollen wir da reden?« 

»Koller, sie sind wohl ein ausgezeichneter Müller, aber ein guter 

Redner sind Sie nicht«, lachte der Chef herzlich. »Stammeln Sie 

nur ruhig weiter, ich werde schon klug daraus werden.« 

Widersprechendes Gemurmel erhob sich, und Erdmann nickte 

zufrieden. »Na, dann los, Koller. Ist etwas in den Werken nicht in 

Ordnung?« 

»Das ist es nicht«, druckste Koller und kratzte sich den Kopf. »Es 

ist – es ist nischt Besonderes – es ist bloß wegen dem Kerkeleit 

seiner Ella.« 

»So – was ist denn mit der Kleinen?« 

»Nu is sie dot«, platzte Koller heraus. 

Herr Erdmann horchte auf. »Tot – das junge, frische Mädel! Habe 

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ja gar nicht gewußt, daß die Kleine krank gewesen ist.« 

»War se auch nich – se hat sich man bloß ertränkt.« 

»Ja, warum das?« fragte der Chef immer befremdeter, und Koller 

krümmte sich förmlich vor Verlegenheit. 

»Es hat sie einer verführt – na ja, und da – sie konnte die Schande 

nicht überleben – und eben darum.« 

»Schade um das nette Mädel«, sagte Erdmann bedauernd. 

»Ach, das ist noch nicht alles«, fuhr Koller, sich seiner Wichtigkeit 

auf einmal bewußt werdend, bedächtig fort: »Als sie nämlich 

heute die Ella aus dem Mühlbach gefischt haben und dem alten 

Kerkeleit brachten, dem doch die Ella sein ein und alles war, da 

hat er sich so gegrämt, daß er einen Herzschlag bekam und auf 

der Stelle starb.« 

»Na, ihr seid mir ja gute Geister!« polterte der Chef ärgerlich los. 

»Es geschehen im Mühlengrund die unerhörtesten Dinge, und 

die sollen mir wohl verschwiegen werden, wie? Wer hat das 

Mädel denn unglücklich gemacht, weiß das einer von euch?« 

Sie wagten ihren Herrn nicht anzusehen und senkten die Köpfe 

tiefer und tiefer. Erdmann sah von einem zum anderen. 

»Redet nun endlich!« rief er befehlend, und da ruckten die Köpfe 

hoch. »Koller, wird es bald!« 

Den verehrten Herrn so böse zu sehen, war allen entsetzlich – 

doch ihm weh tun zu müssen, war noch viel entsetzlicher. 

Einer stieß den anderen an, und keiner wollte sprechen. 

»Na, denn muß ich ja man«, meinte Koller in die drückende 

Stille hinein, und es klang sehr, sehr kläglich. »Es ist – vielleicht 

ist es auch nicht – die Leute sagen nämlich – der Herr Benno…« 

Er sah erschrocken auf seinen Herrn hin, dem die Röte aus dem 

Gesicht wich. Er taumelte gegen die aufgestapelten Säcke, und die 

Männer sprangen herzu. 

Doch nur augenblicklang, dann hatte er sich wieder in der 

Gewalt. 

»Herr Erdmann, wir alle gehen für Sie durchs Feuer«, beteuerte 

der alte Koller treuherzig. »Wenn wir Ihnen helfen könnten…« 

»Da kann keiner mehr helfen – wer tot ist, bleibt tot«, entgegnete 

der Chef. »Aber ich danke euch für den guten Willen, Leute. Jetzt 

geht wieder an eure Arbeit, und vergeßt nie, daß ihr Vertrauen zu 

mir haben sollt.« 

Da schlichen die Leute still davon, und Erdmann ging in sein 

Haus hinüber. Er gedachte mit Benno, der wohl noch nicht 

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aufgestanden war, Abrechnung zu halten. 

Als er die Treppe emporstieg, hörte er aus Bennos Schlafzimmer 

erregte Stimmen. Er ging hinein. 

Da stand Renate vor Benno, der sich wirklich noch im Bett 

befand. 

»Hüte dich, du, daß dein Maß nicht einmal voll wird«, sagte 

Renate mit seltsam klingender Stimme. »Dein Schuldkonto ist 

schon so überlastet, daß nichts mehr drauf geht. Und laß es nicht 

darauf ankommen, daß ich zu sprechen anfange – dann erfährt 

Vater alles – alles! Erfährt, daß du in gemeinster Weise Geld 

erschwindelt und den armen Norbert um Ehre und Heimat 

gebracht hast. Vielleicht gar um sein Leben. – Daß du ein 

Mädchen, das bisher unverdorben und gut war, gewissenlos an 

dich gerissen und in den Tod gejagt – und nun noch mein 

Sparkassenbuch wie ein gemeiner Dieb gestohlen hast. Wie gut 

du Schriftzeichen fälschen kannst, das ist mir ja bekannt. Also 

dürfte es dir nicht schwerfallen, auch meinen Namenszug zu 

fälschen, Geld von meinem Konto abzuheben und es zu 

vergeuden. Wo hast du übrigens die zehntausend Mark gelassen, 

die ich dir seinerzeit gab, um deine Schulden bei Waldemar Kyd 

damit zu bezahlen?« 

»Ach, Kleine, du fällst mir auf die Nerven«, meinte Benno 

gelangweilt und streckte sich behaglich im Bett – um jedoch 

gleich wieder hochzuschnellen, denn jetzt wurde er des Vaters 

ansichtig, der plötzlich wie hergezaubert vor ihm stand. 

»Also so einer bist du, Herr Benno Nieritz«, sagte Erdmann sehr 

ruhig, sehr eisig. »So will ich dich nur darauf aufmerksam 

machen, daß in meinem ehrlichen Haus kein Bleiben für 

Halunken ist. Schreibe deine Schulden auf; ich werde sie noch 

ein letztes Mal bezahlen. Ferner sollst du monatlich dreihundert 

Mark von mir erhalten, damit du etwas zu leben hast. Solltest du 

dich einmal ändern und doch noch ein nützliches Glied der 

Menschheit werden, dann steht dir mein Haus wieder offen. Aber 

daran glaube ich nicht, denn ein Mensch, der solcher 

Gemeinheiten fähig ist wie du, der ist von Grund auf schlecht. – 

Und nun gib Renates Sparkassenbuch heraus. Lege es zusammen 

mit dem Zettel, auf dem du deine Schulden vermerkt hast, auf 

den Tisch. Dich selbst möchte ich heute mittag, wenn ich aus den 

Werken komme, nicht mehr hier sehen.« 

Damit ging er hinaus, und Renate schlich hinter ihm her. »Vater, 

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ich bin ja noch bei dir«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. 

Da schloß er sie fest in seine Arme. »Ein Glück, daß ich dich 

habe, mein Mädel«, atmete er tief auf. »Sonst wäre es jetzt 

schlecht um mich bestellt. Doch ich muß nun gehen, Kind, ich 

habe eine dringende Unterredung mit einem Kunden, die sich 

nicht aufschieben läßt. Mittags sehen wir uns wieder.« 

Als Erdmann zu Tisch kam, erkundigte er sich bei dem Diener, 

ob der junge Herr schon aufgestanden sei. 

»Herr Nieritz ist bereits am Vormittag fortgegangen«, entgegnete 

der Alte erstaunt. »Es war so ungefähr um zehn Uhr. Ich sollte 

diesen Brief für Herrn Erdmann abgeben.« 

»Danke«, sagte der Hausherr und legte den Brief neben den 

Teller. Öffnete ihn erst, als er mit Renate in dem kleinen Salon 

beim Kaffee saß. 

Es waren nur wenige Zeilen, die Benno hinterlassen hatte, aber 

sie genügten dem Vater vollständig. 
Wenn Du nach Renates Sparkassenbuch suchst, hieß es in dem Brief, 
dann suche bitte nicht zu lange – das habe ich nämlich mitgehen 

lassen. Außerdem habe ich den Scheck über einige zwanzigtausend 

Mark, den Du leichtsinnigerweise in der Brieftasche, die in Deinem 
Zimmer herumlag, hast stecken lassen, an mich genommen. Ich muß 

doch wenigstens etwas von dem haben, was Du im Überfluß besitzt. 

Mit den lumpigen dreihundert Mark, die Du mir gnädig zubilligtest, 
kann ein Mann wie ich nichts anfangen. 
Gehab Dich wohl – mich 

siehst Du nicht wieder. 

»Hoffentlich«, sagte Erdmann hart und riß den Brief in kleine 

Fetzen. 

Und Renate, die den Vater mit banger Sorge betrachtete, da sie 

annahm, daß dieser furchtbarste und herbste Schlag ihn 

niederwerfen würde – atmete tief auf. 

»Vater, gräme dich nicht«, bat sie herzlich. »Er ist es nicht wert, 

glaube es mir.« 

»Hast recht, Kleine«, entgegnete er. »Nun bist du meine Einzige; 

daß du mich niemals enttäuschen wirst, und daß ich ein 

Vertrauen in dich setzen kann wie in mich selbst, dessen bin ich 

gewiß.« 

Zwei Jahre waren vergangen. Für die Freunde Jürgen und Norbert 

waren es harte Arbeitsjahre gewesen, doch nun hatten sie es 

beide geschafft, nahmen angesehene Stellungen ein und lebten in 

jeder Beziehung gut und behaglich. 

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Hauptsächlich das erste Jahr war schwer gewesen. Jürgen hatte 

keine Arbeit verschmäht, die man ihm anbot. War Schlosser und 

Schmied gewesen, hatte Flugzeuge und Rennwagen erprobt. 

Hatte nach seiner Tagesarbeit am Abend mit Norbert zusammen 

an seiner Erfindung herumgetüftelt und es erreicht, daß sie eines 

Tages glückte. 

Nun besaß Jürgen Zeit und Geld genug, um endlich sein Studium 

beenden zu können. 

Er machte nebst seinem Schlußexamen noch den Dr. ing. und 

trat als Ingenieur in die Bronkschen Werke ein. 

Auch Norbert hatte jede Arbeit verrichtet, bis er Leiter der 

Bankabteilung geworden war. 

Im Bronkschen Haus gingen die Freunde längst schon ein und 

aus und waren dort gern gesehene Gäste. Bronk Vater erinnerte in 

seiner ganzen Art an Herrn Erdmann und war ein ebenso guter 

Chef wie ein vortrefflicher Mensch. Sein Sohn glich ihm ganz 

und gar, und oft schon hatten Jürgen und Norbert ihren jetzigen 

Juniorchef mit dem früheren aus dem Mühlengrund verglichen. 

Eben kam Norbert vom Dienst nach Hause. Er war eine 

blendende Erscheinung – eine ganz andere als Benno Nieritz – 

schlank, elegant, interessant. Ein Liebling der Frauen. Wenn Frau 

Haller ihren »vertrottelten« Sohn jetzt hätte sehen können, sie 

hätte vor Verwunderung die Hände zusammengeschlagen. 

»Du bist noch nicht in Wichs, Jürgen«, wunderte Norbert sich. 

»Hast du vergessen, was heute bei Bronks los ist?« 

»Ach ja, richtig, es heißt mal wieder sich in den Frack werfen, 

weil das schöne Kind, die Gunda, heute Geburtstag feiern will. 

Und ich habe ihr keine Blumen geschickt; unangenehm, so 

etwas!« 

»Habe ich für dich mitbesorgt«, lachte Norbert. 

»Weißt du, was Schön-Gunda mir gestern verraten hat, Jürgen?« 

»Nun?« 

»Daß sie für ihr Leben gern mal in einem so strahlendblonden 

Schopf wie dem deinen wühlen möchte, so recht herzhaft mit 

beiden Händen.« 

»Das soll sie nur bei ihrem Rennfahrer tun«, gab Jürgen gelassen 

zurück. »Was für Blumen hast du ihr denn geschickt?« 

»Einen ganzen Prunkgarten von Orchideen – der schönen Gunda 

würdig. Ich wollte schon rote Rosen…« 

»Untersteh dich!« fuhr der sonst so gelassene Jürgen auf. »Rote 

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Rosen kann ich in den Tod nicht leiden.« 

Sein Gesicht verfinsterte sich auffallend, und Norbert wußte ganz 

genau, woran der Freund dachte. 

»Hopp, Jungchen, mach fix«, ermunterte er ihn, »Klemme dich 

also in den Frack, schön Gundalein wird deiner schon 

sehnsüchtig harren.« 

»Und Ingelorchen deiner«, neckte Jürgen ihn. »Sie liebt dich sehr, 

die reizende Kleine.« 

»Und die noch reizendere Gunda dich«, gab Norbert lachend 

zurück. 

»Na, diese Liebe ist aber erst entstanden, nachdem ich den 

Arbeitskittel ausgezogen habe und mich allabendlich in Frack 

und Lack in den verschiedensten Salons herumtreibe und 

seitdem ich ihren kleinen Rennfahrer mit einigen Kilometern 

mehr geschlagen habe«, entgegnete Jürgen spottend. »Aber deine 

Kleine liebte dich bereits brav und heiß, als du noch ein kleiner 

Angestellter in der Fabrik ihres Vaters warst. Wir sind eigentlich 

schön dumm, Norbert. Könnten uns hier nett warm und weich in 

die Wolle setzen. Heute abend bietet sich eine noch nie 

dagewesene Gelegenheit dazu.« 

»Jürgen, mach keine Dummheiten!« warnte Norbert. »Du bist 

nicht der Mann, der in einer Ehe ohne Liebe glücklich werden 

kann.« 

»Daß du von der Liebe noch immer nicht genug hast«, gab Jürgen 

achselzuckend zurück. »Gerade wir beide haben doch wirklich 

keinen Grund, ein himmelhohes Loblied auf sie anzustimmen – 

uns hat sie noch nichts weiter als Qual und Pein gebracht.« 

»Wer dich nicht kennt, Jürgen, und dich so sprechen hört, der 

könnte dir den Unsinn, den du manchmal zu schwatzen beliebst, 

vielleicht noch glauben. Aber mir kannst du nichts vormachen, 

Jungchen.« 

»Bitte sehr – ich verlobe mich heute abend mit Gunda Bronk. 

Und wenn du schlau bist, dann tust du dasselbe mit Ingelore. 

Aber wenn du willst, magst du ewig um deine verlorene Liebe 

jaulen – ich jedenfalls mache da nicht mehr mit!« 

Das war so hart, so fest gesagt, daß Norbert um den Freund zu 

bangen begann. Er wußte, wie sehr Gunda diesen Mann liebte. 

Sie brauchte nur eine solche Stunde wie die jetzige abzupassen, 

dann hatte sie ihn fest in ihren Banden. Und was eine Gunda 

Bronk in ihren Händen hielt, das ließ sie nimmermehr los. 

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Anders war Ingelore, ganz anders als ihre Schwester. Warum 

konnte er dieses reizende Mädchen nicht lieben? 

»Nun, an wen denkst du schon wieder?« spottete Jürgen. »Du 

warst ja förmlich weltentrückt. Laß doch die blonde Müllerin, die 

weint bestimmt nicht unter der Lind am Hügel um dich. Die ist 

schon längst junge Frau und wiegt einen Buben auf ihren 

Armen.« 

»Jürgen, du bist manchmal einfach gräßlich!« fuhr Norbert 

gereizt auf. »Die Mädchen haben schon recht, wenn sie dich 

einen herzlosen Spötter nennen.« 

Eine Stunde später erschienen die »beiden Siegfriede«, wie sie 

allgemein in der Gesellschaft genannt wurden, in der Villa Bronk. 

»Meinen herzlichen Glückwunsch, mein gnädigstes Fräulein.« 

»Danke«, entgegnete sie kurz. »Warum kommen Sie so spät?« 

»Weil ich nicht früher kommen konnte«, gab er gelassen zurück, 

und Gunda biß sich auf die Lippen. 

Einfach verheerend wirkte dieser Mann auf Mädchenherzen! 

Norbert wiederum stand neben Ingelore Bronk. Die war wirklich 

ganz anders als Gunda, war weich, süß und lieb und konnte 

niemals so launenhaft sein wie die Schwester. Hatte sanfte blaue 

Träumeraugen, weichfallendes blondes Haar und eine zierliche 

Gestalt, während Gunda von der Natur mit grünschillernden 

Augen, kupferrotem, widerspenstigem Haar und der Gestalt einer 

Walküre bedacht worden war. 

»Meine Schwester Ingelore ist ein süßes, reizendes Dummchen 

und meine Schwester Gunda ein gefährlicher Racker«, pflegte 

Dieter zu sagen und traf damit das Rechte. 

»Sie sind ja heute so still, Herr Haller?« fragte Ingelore leise. 

»Haben Sie Kummer?« 

»Nein, gnädiges Fräulein«, wehrte er ab. »Ich bin eben ein 

langweiliger Geselle, das müßten Sie doch bereits wissen.« 

»So schlimm ist es nun gerade nicht«, lächelte sie und sah ihn 

mit einem Blick an, der ihm viel verriet. Sie mußte es selbst 

merken, denn sie errötete und fragte hastig: »Kennen Sie einen 

Hubert Reiner?« 

»Ja«, entgegnete Norbert verwundert. »Er hat in dem 

Erdmannschen Betrieb als Werkstudent gearbeitet. Wo steckt er 

denn jetzt?« 

»Er hat sein Studium beendet und tritt als Ingenieur in unsere 

Fabrik ein. Er ist mein Kindheitsfreund; sein Vater war 

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Abteilungsleiter bei uns, und wir Kinder waren unzertrennlich. 

Leider starb sein Vater, als Hubert noch nicht fertig war, und so 

mußte er sich das Geld zum weiteren Studium verdienen. Seine 

Schwester war schon immer meine beste Freundin und ist jetzt 

meine Schwägerin, die Frau meines Bruders. 

Hubert und ich hatten uns als Kinder geschworen, einander zu 

heiraten. Darauf machte Hubert mich gestern, als wir uns nach 

langer Zeit wiedersahen, aufmerksam.« 

»Und damit hat er recht«, bestätigte Norbert. »Ein Versprechen 

muß man halten.« 

»Wie meinen Sie das, Herr Haller?« 

»Daß Sie den Jugendfreund nehmen sollen, wenn er Ihnen 

gefällt.« 

Da wußte Ingelore, daß sie bei diesem Mann nichts zu hoffen 

hatte, und das Herz tat ihr weh. 

Warum mußte er ihr in den Weg kommen? Sie hatte Hubert 

Jahre hindurch die Treue gehalten, bis dieser Mann ihren Weg 

gekreuzt hatte. 

»Wie gefällt Ihnen Hubert Reiner?« fragte sie hastig, um der 

traurigen Gedanken leichter Herr werden zu können. 

»Soviel ich weiß, galt er als ein anständiger Kerl – na, und damit 

wäre wohl alles gesagt. Jürgen Frank kennt ihn übrigens besser als 

ich. – Jürgen, komm doch einmal her!« rief er dem Freund zu, 

der noch immer neben Gunda stand. »Jürgen, erinnerst du dich 

noch an Hubert Reiner?« 

»Gewiß, ein anständiger Junge durch und durch. Was ist mit 

ihm?« 

»Sehen Sie, gnädiges Fräulein, da haben Sie das Urteil«, lachte 

Norbert. »Ein anständiger Junge durch und durch. Wenn das 

schon mein anspruchsvoller Jürgen sagt, dann muß es stimmen.« 

»Ach ja, richtig, der liebe Hubert ist ja wieder im Lande«, lachte 

Gunda ihr girrendes Lachen. »Das Getue zwischen ihm und 

Ingelore hätten Sie nur mit ansehen sollen, meine Herren! Ich 

habe als Kind manches liebe Mal von Hubert meine Wichse 

bezogen, wenn ich dem vergötterten Herzensliebling Ingelore 

irgendwie zu nahe getreten war.« 

»Das war recht von dem Jungen«, meinte Jürgen trocken zu 

Gunda, die ihn kokett ansah. »Das tat ich auch, wenn man einer 

Lieblingsgespielin etwas anzutun wagte.« 

»Sie haben auch eine Lieblingsgespielin gehabt?« fragte Gunda 

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lauernd. »Davon haben Sie mit noch nie etwas erzählt, Herr Dr. 

Frank. Wie heißt sie denn?« 

»So fragt man Kinder aus«, spottete Jürgen. 

»Wetten, daß ich es erfahre?« 

»Wetten, daß Sie es nicht erfahren?« 

»Wenn ihr beide euch nicht streiten könnt, dann ist euch nun 

einmal nicht wohl«, lachte Dietrich, der mit seiner Frau zu der 

Gruppe trat. »Um was geht denn die Wette?« 

»Um die Jugendfreundin Dr. Franks«, entgegnete Gunda. »Ich 

möchte wissen, wie sie heißt, und er will es mir nicht sagen.« 

»Oh, da kann ich dir helfen, Gunda«, rief Frau Bronk, eine 

entzückende kleine Frau, die irgendwie an Rosmarie erinnerte, 

lebhaft. »Dr. Frank erzählte nämlich mal bei uns von einem 

süßen kleinen Mädchen, das ihn immer arg tyrannisiert hat. Die 

Kleine hieß Rosmarie.« 

»Ah – Rosmarie, Rosmarie, sieben Jahre mein Herz nach dir 

schrie«, trällerte Gunda und blitzte Jürgen mit gefährlichen 

Augen an. 

»Nein, meine Gnädigste. So lange schreit es nun gerade noch 

nicht«, meinte Jürgen gelassen. »Es sind noch nicht einmal drei 

Jahre.« 

»Jürgen!« mahnte Norbert und wandte sich dann an Gunda, die 

leicht erblaßt war. »Gnädiges Fräulein, er ist und bleibt ein 

ungezogener Junge. Das kommt davon, weil die Frauen ihn zu 

sehr verwöhnen. Darum kann er sich eben alles ungestraft 

erlauben. Er glaubt das jedenfalls…« 

»Na, höre einmal, Norbert, du kannst dich wirklich auch nicht 

beklagen«, lachte Dieter. »Dich verwöhnen die Frauen gewiß 

nicht weniger.« 

»Er ist nur von Natur artiger als der lange Schlingel Jürgen«, 

lachte Frau Bronk spitzbübisch. »Stimmt’s, Herr Haller?« 

Norbert zog ein unschuldiges Gesicht. »Da müssen Sie Jürgen 

fragen, gnädige, Frau.« 

»Der von deiner Musterhaftigkeit noch wenig gemerkt hat, mein 

Junge.« 

Er verbeugte sich vor Gunda und reichte ihr den Arm, denn es 

wurde zu Tisch gebeten. 

Gunda ließ heute all ihren Charme spielen. Es mußte ihr doch 

einmal gelingen, diesen spöttischen, gelassenen Mann aus der 

Ruhe zu bringen. 

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Und fast wäre es ihr auch gelungen. 

Denn als der Tanz begann und sie mit ihm in den gemessenen 

Schritten eines Tangos dahinglitt, da fühlte sie, daß ihr Partner 

heute nicht so gelassen war wie sonst. 

Und er war es auch wirklich nicht. 

Er preßte seine Tänzerin immer fester an sich, sein Gesicht war 

dem ihren so nahe, daß sein Mund fast ihre Lippen berührte. 

Ihr Mund lockte und lachte. Die grünschillernden Augen blitzten 

ihn an – den Haaren entströmte ein Duft, der Jürgen die Sinne 

verwirrte. 

Schon beugte Jürgen sich nieder, um dem Mädchen werbende 

Liebesworte ins Ohr zu flüstern… als er plötzlich so heftig 

zusammenfuhr, daß Gunda aus allen Himmeln gerissen wurde 

und ihn erschrocken anstarrte. 

Eben spielte die Musik eine Melodie – eine längst vergessene 

Weise, die auf einmal in dem Herzen des Mannes etwas aufriß, 

das schon halb vernarbt war. Die seine Liebe, die er beinahe 

überwunden geglaubt, heißer und mächtiger aufflammen ließ als 

je zuvor. 

 
»Drei Rosen hast du einmal mir aus 
Liebe geschenkt, 

Rosen – blutrote Rosen - 

Drei Rosen hast du einmal mir zum 
Pfande geschenkt, 

Damals, beim zärtlichen Kosen, 

Die Rosen sind verblüht, und ihr Duft 
ist verweht, 

Die Liebe vergeht, die Sehnsucht 

besteht…«  
 

sang der erste Geiger den Text des Tanzliedes mit. 

»Mein Gott, Jürgen – was ist Ihnen?« fragte Gunda entsetzt, als er 

sie plötzlich losließ, daß sie taumelte. 

Da besann er sich. »Mir ist sehr heiß«, murmelte er. »Ich glaube, 

ich habe zuviel getrunken.« 

»Das nehme ich auch an«, lachte sie ärgerlich auf. 

Das war doch das reinste Verhängnis! Eben war sie kurz vor dem 

Ziel gewesen – dem Ziel ganz, ganz nahe – und dann plötzlich 

dieses mehr als seltsame Benehmen, nur weil die Musik eine 

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rührselige Weise spielte und der Geiger das süßliche Zeug sang! 

Sie sah Jürgen in das starre Gesicht, in seine wie erloschenen 

Augen. »Ich möchte den Tanz beenden, Herr Dr. Frank«, befahl 

sie sehr hochmütig, und er nickte dazu. Führte sie an den Platz, 

den sie wünschte. 

Dann schritt er rasch davon, durch einige Zimmer auf die 

mondhelle Terrasse hinaus. Er wischte sich die Schweißtropfen 

von der Stirn, preßte die zitternde Hand auf das Herz, das wie 

rasend pochte. 

»Rosmarie!« stöhnte er auf. 

»Also doch Rosmarie…« 

Er fuhr herum und stand vor Gunda Bronk. Ihr weißes Gesicht 

wirkte unheimlich in dem Licht des Mondes, und die Augen 

schillerten wie die einer bösen Katze. 

»Also gibt es doch eine Stelle, wo man den gehörnten Siegfried 

treffen kann!« spottete sie. »Rosmarie – und blutrote Rosen. – Ich 

hasse diese Romarie!« stieß sie leidenschaftlich hervor. 

»Gnädiges Fräulein, kommen Sie, ich führe Sie in den Saal 

zurück«, bat Jürgen. 

Doch sie wollte nicht, stampfte mit den Füßen auf wie ein 

ungezogenes Kind. »Ich will nicht – ich will hierbleiben!« schrie 

sie unbeherrscht. 

»Dann bitte, aber ohne mich«, sagte er, sich verbeugend. 

»Jürgen!« rief sie verzweifelt. 

Doch er hörte nicht, eilte in den Saal zurück und verhielt erst den 

Schritt, als Norbert, der hinter ihm herkam, ihn anrief. 

»Jürgen, was um alles in der Welt ist denn los?!« fragte er 

bestürzt. »Ich kam auf der Terrasse gerade hinzu, als Gunda mit 

den Füßen aufstampfte und wie irrsinnig schrie: ›Ich will nicht‹.« 

»Na, warum soll sie nicht«, gab Jürgen gelassen zurück. »Es sah 

sogar sehr niedlich aus, wie sie wie ein wildgewordenes 

Pferdchen trapste. Und wäre ich nicht der Narr, der ich leider 

Gottes einmal bin, so hätte ich die kleine Furie ganz einfach auf 

die Arme genommen und sie so lange geküßt, bis die trapsenden 

Beinchen Ruhe gegeben hätten.« 

»Und warum tatest du es nicht, Jürgen? Du wolltest dich doch 

sowieso heute mit Gunda verloben.« 

»Blutrote Rosen«, entgegnete Jürgen kurz; da wußte Norbert 

Bescheid. 

Sie verließen unbemerkt die Villa und gingen zu ihrem Auto, das 

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mit anderen zusammen auf einem Seitenweg parkte. 

Jürgen sagte dem Chauffeur, daß er den Wagen selbst zu steuern 

wünsche und fuhr in einem Tempo davon, daß Norbert, der an 

seiner Seite saß, bereits nach Minuten Einspruch erhob. 

»Siehst du, hier sind wir bereits zu Hause.« 

Als die Freunde in ihr gemeinschaftliches Arbeitszimmer traten 

und die auf dem Schreibtisch liegende Post durchsahen, sah 

Jürgen kopfschüttelnd auf ein Bild, das aus einer Zeitschrift fein 

säuberlich ausgeschnitten und auf Karton geklebt war. 

»Dietrich Bronk, der Sohn des berühmten ›Fliegerbronk‹ und Dr. 

Jürgen Frank, die kühnen Rekordflieger«, stand unter dem Bild, 

das Dietrich und Jürgen zeigte, wie sie an dem neuesten Flugzeug 

lehnten. 

»Wirst du daraus klug, Norbert?« fragte Jürgen und reichte dem 

Freund das Bild hin. 

Norbert besah das Bild eingehend und drehte es dann herum. Da 

stand in großer, markiger Schrift: »Jürgen Frank, vergiß deine 

Mühle nicht!« Die Freunde sahen sich an – starrten dann wieder 

auf das Bild. »Papa Erdmann!« sagten sie wie aus einem Mund, 

Jürgen ließ sich wie erschlagen in einen Sessel sinken. 

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, stöhnte er und fuhr sich 

hastig durch das dichte Haar. »Zuerst Rosmarie – dann blutrote 

Rosen – und jetzt noch die Mühle. Und dazu wieder einmal die 

tolle, heiße Sehnsucht im Herzen.« 

»Und du hättest um ein Haar heute ein Mädel gefreit – du mit 

deinem sehnsuchtsvollen Herzen nach Heimat und Liebesglück«, 

sagte Norbert ernst. »Ich selbst halte es ja kaum noch aus. Nach 

Hause – einmal nur – wer das könnte!« 

»So fahre doch hin«, riet Jürgen kurz, doch Norbert schüttelte 

traurig den Kopf. 

»Wenn ich nicht so entsetzlich feige wäre«, würgte er hervor. 

Da lachte Jürgen hart auf. »Feige sind wir – weil wir vor unseren 

eigenen Herzen fürchten.« 

»Ob wir es nicht doch versuchen, Jürgen?« begann Norbert. 

»Wenn es uns gar zu weh tut, was wir da vorfinden, dann gehen 

wir wieder auf und davon.« 

»Und reißen alles auf, was jetzt einigermaßen vernarbt ist«, setzte 

Jürgen bitter hinzu. »Wenn du den Mut dazu hat, Norbert – ich 

habe ihn nicht.« 

Im Mühlengrund war alles so geblieben wie einst. 

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Die Arbeiter und Angestellten in den Mühlenwerken waren noch 

zum Teil die gleichen. 

Rosmarie Haller ging jeden Morgen zur Arbeitsstätte, ihre Mutter 

wirtschaftete noch in der kleinen Wohnung, und auch im 

Herrenhaus war alles unverändert. 

In den kleinen Häuschen lebte man wie seit langen Jahren in 

behaglicher Ruhe dahin. Man ging seiner Arbeit nach, klatschte 

gern und viel und war doch wie eine große Familie. 

Daß Jürgen Frank, Norbert Haller und Benno Nieritz einst im 

Mühlengrund gelebt, hatte man schon halb vergessen. 

Die Franksche Mühle klapperte nicht mehr, sie hielt ihre 

mächtigen Flügel in den Himmel gestreckt, und in ihrem 

Fachwerk nisteten Eulen. 

Nur vier Menschen im Mühlengrund hatten Jürgen und Norbert 

nicht vergessen, dachten Tag für Tag an sie und hofften 

zuversichtlich auf ihre Wiederkehr. 

Renate und Rosmarie mit sehnsuchtsbangem Herzen. Frau Haller 

und Herr Erdmann voll Sorge und Angst. 

Frau Haller hatte sich sehr verändert. Wenn manchmal auch ihre 

alte Art noch hervorbrach, dann überwand sie sich immer wieder 

so schnell und schämte sich hinterher ihrer Heftigkeit. Denn was 

der Tod ihres Mannes, ihr späteres armseliges Leben nicht zu 

bewirken vermocht, das hatte die nagende Reue zuwege gebracht, 

mit der sie des verschollenen Sohnes gedacht. 

Es war an einem wunderschönen Herbstabend, als Rosmarie vom 

Dienst nach Hause kam und durch den Mühlengrund schritt. Als 

sie in die Nähe des Mühlenberges kam, stutzte sie – und schritt 

dann den Berg die Hälfte hinan, wie einem Zwang gehorchend. 

Sie hatte sich nicht getäuscht – durch die Fenster der niederen 

Stube drang ein Lichtschein. 

Wie gehetzt rannte sie den Berg hinauf, und als sie gerade die 

Mühle erreicht hatte, öffnete sich die Tür, und Jürgen Frank trat 

heraus. 

»Jürgen!« schrie sie auf. »Jürgen!« 

»Gnädige Frau?« fragte er sehr kalt. 

»Jürgen, ich bitte dich – nicht so!« flehte Rosmarie. »Ich bin nicht 

verheiratet – Jürgen – ich muß dich sprechen – bitte!« bettelte 

sie, und da zeigte er mit einladender Bewegung auf die Tür hin. 

Sie schritt zögernd an ihm vorbei – blieb noch einmal stehen. 

»Ich müßte allerdings wissen, ob ich – ich meine – ob ich das 

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Recht habe – ob ich einer anderen nichts damit antue«, 

stammelte sie, und Jürgen verstand sie nur zu gut. 

»Nein, Sie dürfen ruhig eintreten«, entgegnete er mit grausamem 

Hohn. »Ich bin unverlobt und unverheiratet.« 

Da ging sie rasch weiter, stand in der Stube und sah mit bangen 

Augen zu ihm auf. 

»Jürgen, warum gingst du ohne Abschied von mir?« fragte sie. 

»Ich habe gelitten – die ganzen Jahre hindurch.« 

»Sie haben um mich gelitten – an der Seite eines anderen 

Mannes?« fragte er scharf. »Was hat denn der andere dazu 

gesagt?« 

»Höre doch endlich mit dem anderen auf!« rief Rosmarie, heftig 

werdend. »Ich habe keinen anderen, bin immer noch die 

Rosmarie Haller wie einst. Benno Nieritz ist schon seit zwei 

Jahren vom Mühlengrund fort und ist vor ungefähr einem Jahr 

bei einer Messerstecherei in Spanien ums Leben gekommen.« 

»Also hat er Sie im Stich gelassen?« Wie spöttisch das klang – 

höhnisch beinahe. 

Da schnellte Rosmarie empor. »Nein!« sagte sie voll 

leidenschaftlichen Zürnens. »Nein! Wenn ich mich schon so weit 

demütige, daß ich dir, der du mir so viel angetan, die Hand zur 

Versöhnung biete – beleidigen lasse ich mich dennoch nicht von 

dir! Ich war nur einige Tage mit Benno Nieritz verlobt und gab 

ihm dann den Ring zurück, weil ich erfahren mußte, was für ein 

Lump er war.« 

»Und weshalb gaben sie ihm dann erst Ihr Jawort?« 

»Weil das die einzige Möglichkeit war, um Norbert zu retten – 

und - dich«, sagte sie leise und schob den Mann, der nun dicht 

vor sie hin trat, mit müder Gebärde zurück. »Höre mir doch 

weiter zu, und dann urteile, ob ich deine Verachtung verdient 

habe. 

Ich nahm Bennos Antrag an, nachdem ich ihn einige Wochen 

vorher abgelehnt hatte. Es war gleich nach dem Abend, als du 

und Norbert mich mit Benno auf der kleinen Anhöhe sähet. Es 

war nicht meine Schuld, daß er mich – küßte, es geschah 

bestimmt nicht mit meinem Einverständnis, das schwöre ich dir 

in dieser Stunde. Er belästigte mich zwar schon sehr lange mit 

seiner ständigen Begleitung, er hatte sich jedoch immer leidlich 

gut gehalten. Nun, kurz und gut – er hatte es sich einmal in den 

Kopf gesetzt, daß ich seine Frau werden müßte, und nutzte 

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damals, als Norbert in so häßlichem Verdacht stand, meine 

Notlage aus. Gott sei Dank ließ sich das Schlimmste vermeiden; 

ich kam noch zur rechten Zeit hinter seine Gemeinheiten und 

konnte die Verlobung rückgängig machen. 

Später gingen auch Herrn Erdmann die Augen über seinen Sohn 

auf, und er wies ihn aus dem Haus. Benno verschwand – und mit 

ihm das Sparkassenbuch Renates und ein Scheck aus Herrn 

Erdmanns Brieftasche über einen hohen Betrag. Später kam dann 

die Nachricht von seinem Tod. Die spanische Behörde schickte 

dem Vater einige Wertsachen – es war jedenfalls kein Zweifel, 

daß der Tote Benno war. Wahrscheinlich hat er sich an ein 

Mädchen gemacht, und in der Beziehung verstehen die 

heißblütigen Spanier bekanntlich keinen Spaß. 

So, Jürgen, nun weißt du, was ich dir unbedingt sagen mußte. 

Und wenn ich dich mit meiner Beichte belästigt habe – dann 

verzeihe gütigst die Störung.« 

Sie wollte das Zimmer verlassen, doch Jürgen vertrat ihr den Weg. 

Sein Gesicht war immer noch hart und verschlossen, und 

Rosmarie scheute sich, länger zu bleiben, weil sie sich vor ihm 

fürchtete. 

»Warum hast du mich nach jenem Fest, als du zu Hause krank 

lagst, ohne jede Nachricht gelassen?« 

»Wie sollte ich dir Nachricht zukommen lassen, da du mir selbst 

keine sandtest«, entgegnete sie bitter. 

»Himmeldonnerwetter – ich soll dich ohne Nachricht gelassen 

haben? Fast stündlich bin ich bei deiner Mutter gewesen und 

habe mich nach deinem Ergehen erkundigt, weil ich in 

namenloser Sorge um dich war. Habe dir Briefe und Blumen 

geschickt – und nie eine Antwort von dir erhalten.« 

Da brach sie in erschütterndes Weinen aus. »Jürgen – ich glaube, 

wir sind die Opfer eines schändlichen Ränkespiels geworden«, 

sagte sie tonlos, »denn ich habe nie – hörst du, Jürgen – niemals 

eine Nachricht oder Blumen von dir erhalten. Ich nahm an, du 

wolltest nichts mehr von mir wissen.« 

Mit einem Schritt war er bei ihr, beugte sich zu ihr nieder. 

»Rosmarie?« fragte er ungläubig. »Rosmarie?!« 

Da schlang sie die Arme um seinen Hals, und er drückte das 

weinende Mädchen gegen seine Brust. 

»Wie hast du meine Liebe jemals bezweifeln können, Jürgen! Ich 

habe dich immer geliebt – liebe dich heute noch.« 

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Weiter kam sie nicht, denn sie fühlte zwei Lippen auf den ihren, 

und da war alles Leid, war alle Herzensnot zu Ende. 

Unterdessen saß Norbert bei seiner Mutter, die sich über des 

Sohnes Heimkehr noch immer nicht beruhigen konnte. Immer 

wieder streichelte sie sein Gesicht, sein Haar und wußte nicht, 

wie sie ihm zeigen sollte, wie glücklich sie war. 

Norbert, der sich das Heimkommen ganz anders gedacht hatte, 

war so erschüttert, daß er nicht viel sagen konnte. 

In diese stille Stunde platzte die glückstrahlende Rosmarie mit 

ihrem nicht minder strahlenden Jürgen hinein. 

»Mama, er liebt mich doch!« jauchzte das Mädchen und fiel der 

Mutter um den Hals. 

»Schwiegermutter, heute darf hier nicht geweint werden«, 

scherzte Jürgen. 

Sie nickte und drückte die glückstrahlende Tochter an sich. 

»Kind, wie sehr freue ich mich mit dir«, sagte sie leise. »Und 

Norbert wird bald ebenso strahlen wie du.« 

Die Tür wurde aufgerissen, und herein stürmte Renate – hinter 

ihr schritt gemächlich der schmunzelnde Papa Erdmann. 

»Norbert!« jauchzte Renate. »Norbert!« Und schon hing sie dem 

fassungslosen Mann am Hals. »Du Böser!« schalt sie zärtlich. 

»Mich so lange allein zulassen!« 

Da ging ein Glücksleuchten über Norberts Gesicht, und er 

drückte das heißgeliebte Mädchen an sich. 

»Na also«, schmunzelte Papa Erdmann. 

Das Herrenhaus im Mühlengrund erstrahlte in hellem 

Lichterglanz. Wie lange war es her, daß man ein Fest darin 

gefeiert hatte; nicht mehr, seitdem die gütige Hausfrau tot war. 

Papa Erdmann strahlte, und man gönnte ihm sein Glück von 

ganzem Herzen; denn er hatte mit diesem Schludrian, diesem 

Benno Nieritz, genug auszustehen gehabt. 

Jürgen und Norbert – ja, das war freilich ein anderer Schlag! 

Und die beiden Bräutchen – einfach bezaubernd! 

Ja, über solche Kinder konnte Papa Erdmann sich schon freuen. 

»Sagt mal, Mädels, haben die beiden Bengels euch denn keinen 

Verlobungsstrauß geschenkt?« fragte er soeben Renate und 

Rosmarie, die lachend auf ihre weißen Kleider zeigten, deren 

einziger Schmuck drei blutrote Rosen waren. 

»Mehr nicht?« fragte er verblüfft. »Drei schäbige Rosen – schämt 

euch, Jungens!« 

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»Warum es gerade drei Rosen sein müssen, erzähle ich dir in 

einer stillen Stunde, Väterchen«, tröstete Rosmarie, die aus freiem 

Antrieb dem gütigen Mann den Vaternamen gegeben und ihn 

damit tief beglückt hatte. 

Später, als der Tanz begann und die beiden Brautpaare über das 

Parkett glitten, klang eine schlichte Weise auf, die hauptsächlich 

Rosmarie und Jürgen viel bedeutete, jedoch auch die Herzen von 

Renate und Norbert höher schlagen ließ. 

»Rosiliebchen – unser Lied«, flüsterte Jürgen. 

Ganz in ihrer Nähe tanzte das andere Brautpaar, und Norbert 

konnte sich nicht satt sehen an Renates glückstrahlenden Augen. 

-ENDE-