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Wohin soll das wohl 

führen?

 

Roman von Lern Behrendt

 

 

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Silvester war’s. Nur noch drei Stunden waren dem alten 
Jahr beschieden, dann mußte es abtreten und dem neuen 
Platz machen. Nun, dann sollten ihm seine ungebärdigsten 

Trabanten wenigstens noch den Abschiedsmarsch blasen, 
was sie denn auch mit dem größten Vergnügen taten. 
Huuuiii! orgelte der Nordost mit Hohngelächter. Sein 
starker Atem blies die Flocken durcheinander, die vom 
grauverhangenen Himmel kamen und ausgeschickt waren, 
um die Erde warm und weich zuzudecken mit ihrem 
schneeigen Weiß. Doch bevor sie noch die Erde erreichten, 
ließ der blanke Frost, ein Spießgeselle des Nordosts, sie zu 
Eisnadeln erstarren. 
Wehe dem Menschen, der bei dem eisigen Wetter 
unterwegs war. Der irrte bei dem Schneegestöber bestimmt 
vom Weg ab und konnte Gott danken, wenn er irgendwo 

ein schützendes Dach erreichte, bevor er selbst zu Eis 
erstarrte. 
Und die sich unter solch einem schützenden Dach 
befanden, wußten es bei dem Unwetter gar wohl zu 
schätzen. Wie zum Beispiel die Bewohner des 
Herrenhauses vom Hörgishof. Das Dach war stabil, die 
Stube warm, und die Polster waren weich, in denen man 
saß. Auf dem Tisch standen Gläser mit dampfendem 
Silvesterpunsch, ein bunter Knabberteller, und in der Röhre 
des vor Hitze fauchenden Kachelofens brutzelten Bratäpfel, 
gar lieblich ihren würzigen Duft verströmend. 
Vier Menschen waren es, die auf dem bequemen Ecksofa 

saßen. Die Herrin des Hauses, Freiin Erdmuthe von 
Hörgisholm, eine stattliche Dame von zweiundfünfzig 
Jahren. Das dunkelblonde Haar, im Nacken zu einem 
weichen Knoten geformt, zeigte noch keinen grauen Faden. 
Aus dem rundlichen Gesicht mit den frischen Farben 
schauten zwei blaue Augen freundlich in die Welt. Eine 
gebietende Persönlichkeit, die Achtung erheischte, wohin 
sie auch kam. 

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Die zweite Dame, Ermenia von Hörgisholm, war klein und 
zierlich, flink und munter wie ein Wiesel. Unter dem 

mittelblonden, schlicht gescheitelten Haar lachten 
dunkelblaue Augen verschmitzt, das Gesicht der 
Endvierzigerin war rotwangig wie ein Äpfelchen. 
Der ältere der beiden Herren, Rupert von Bärlitz, war groß 
und hager, das Gesicht wie gegerbtes Leder, das Augenpaar 
von intensiver Bläue. In dem rechten Auge klemmte das 
Monokel wie festgewachsen, beileibe nicht lächerlich 
wirkend, sondern die Persönlichkeit dieses Feudalherrn 
noch unterstreichend. Auf dem schmalen Kopf stand das 
leichtergraute Haar dicht wie eine Bürste. 
Jedenfalls sah man auch heute noch dem vitalen Fünfziger 
den früheren Offizier sofort an, der er ja auch gewesen war 

in einem vornehmen Ulanenregiment. Genauso wie sein 
Schwager, Baron von Hörgisholm, der Gatte der Frau 
Erdmuthe. Als dann die Herrlichkeit nach dem Krieg zu 
Ende war, wurden sie beide Landwirte in fremden 
Diensten. Ein Schicksal, das sie mit tausenden andern 
teilten. 
Leider starb Hilbrecht von Hörgisholm vor zwei Jahren und 
erlebte es somit nicht mehr, daß sein Sohn, gleichfalls ein 
Landwirt, von seinem Onkel zweiten Grades den Hörgishof 
erbte. 
Dieser junge Erbe, Arvid von Hörgisholm, war der vierte in 
der gemütlichen Runde und unbestritten eine blendende 

Erscheinung. Wie Jung-Siegfried anzuschauen in seiner 
Blondheit, dem prächtigen Wuchs, dem rassigen, 
kühngeschnittenen Gesicht und den blitzblauen Augen mit 
dem scharfen Blick eines Falken. So die richtige 
Traumgestalt der schwärmerischen Frauenwelt. 
Vor sieben Monaten hatte er das Erbe des Onkels 
angetreten – und zwar mit einem lachenden und einem 
weinenden Auge. Mit einem lachenden, weil er nach 
jahrelanger Abhängigkeit in fremden Diensten sozusagen 
über Nacht zur eigenen Scholle kam, mit dem weinenden, 
weil das große Rittergut schon ziemlich 

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heruntergewirtschaftet war. Denn Jasper Hörgisholm hatte 
damit Raubbau getrieben. Hatte immer nur Geld aus dem 

Besitz gepreßt, um seine kostspieligen Liebhabereien damit 
bezahlen zu können. Na was, leibliche Erben besaß er 
keine, und der andere bekam immer noch genug. 
Doch der sollte nicht etwa denken, daß er das Gut so ohne 
weiteres verkaufen und sich das Geld dafür einstecken 
konnte. O nein, der sollte nur arbeiten, daß ihm die 
Schwarte knackte, wenn er Wert auf den Besitz legte. Wenn 
nicht, fiel er an eine Stiftung, so lautete das Testament. 
Nun, der junge Freiherr hatte natürlich nicht verzichtet, er 
übernahm das verschuldete Gut. Daß seine Mutter mit ihm 
ging, war selbstverständlich. Auch seine Tante Ermenia, die 
Schwester seines Vaters, die von jeher in dessen Haus gelebt 

hafte. Aber daß auch der vorzügliche Landwirt Rupert von 
Bärlitz sich anschloß, gleichfalls der tüchtige Kämmerer des 
Gutes, auf dem Arvid als Inspektor gearbeitet hatte, war für 
diesen ein außerordentlich großer Gewinn. Mit solchen 
Kräften zur Seite sollte ¦ es dem jungen Besitzer wohl 
gelingen, allmählich Ordnung in die Verwahrlosung zu 
bringen. 
Übrigens gehörte noch jemand zu den Verschworenen. 
Und zwar der Diener des Verstorbenen, der laut Testament 
von dem Erben auf Lebenszeit zu übernehmen war. Jasper 
hatte ihn nämlich als verwaisten Knaben bei sich 
aufgenommen und sich in ihm einen vorbildlichen Diener 

herangezogen. Und so wie dieser dem einen Herrn gedient, 
so diente er auch dem andern. Und nicht nur als 
ausgesprochener Diener, sondern als Faktotum. Wenn 
irgendwo Not am Mann war, so war Franz zur Stelle – 
denn er hörte, sah, wußte und konnte alles. 
Soeben trat er mit einem Tablett ein, auf dem Tassen und 
eine Kanne standen, aus der es aromatisch duftete. Ein 
Mann Anfang Dreißig, von mittelgroßer, geschmeidiger 
Gestalt. Tadellos rasiert und frisiert, mit der herablassenden 
Miene des herrschaftlichen Dieners. Peinlich saubere Hose 
und gestreifte Weste, ein Anzug, den Franz bei jeder Arbeit 

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trug. Zu einer gröberen band er allerdings eine grüne 
Gärtnerschürze um. 

Was da hinter ihm sichtbar wurde, war ein Wesen, das 
seinen Namen, Josepha Freundlich, zu Unrecht trug. Denn 
sie war eher mürrisch, die große, starkknochige Person, 
aber seit zwei Jahrzehnten ihrer Herrschaft treu ergeben, 
zuerst als Hausmädchen und jetzt als Mamsell. Überall 
fand sie sich zurecht und konnte arbeiten für zwei – 
genauso wie Franz. 
»Sephchen, das stand doch gar nicht auf dem 
Tagesprogramm«, bemerkte die Hausherrin lachend, als 
ihre Getreue einen Teller mit knusprigbraunen Krapfen auf 
den Tisch stellte, und resolut erfolgte die Antwort: 
»Ob Programm oder nicht, zu Silvester gehören diese 

Dinger nun mal. Guten Appetit.« 
Weg war sie, gefolgt von Franz, und die anderen machten 
sich mit Vergnügen über die goldbraunen Bälle her. 
Schön knusprig waren sie, der Zucker darauf glitzerte wie 
Christbaumschnee. 
»Kinder, was geht es uns doch bloß gut«, stöhnte Ermenia 
vor Wohlbehagen beim Genuß des dritten Krapfens. »Wir 
haben bei diesem grausigen Wetter ein Dach überm Kopf, 
eine warme Stube und allerlei lukullische Genüsse. Ich 
muß schon sagen, daß für uns das alte Jahr einen guten 
Abschied nimmt.« 
»Wenn auch mit Donnerwetter«, spann Rupert den Faden 

weiter. »Draußen muß ja Himmel und Erde 
Zusammensein. Wehe den Ärmsten, die jetzt unterwegs 
sind.« 
Kaum hatte er ausgesprochen, als die beiden Hunde 
anschlugen, die am warmen Ofen lagen. Jetzt schnellten sie 
auf, sprangen an der Tür hoch und vollführten einen 
Spektakel, der das Klopfen am Fenster übertönte. Erst als es 
sehr laut wurde, vernahmen es auch die vier Menschen. 
»Gebt Ruhe, ihr Trabanten!« gebot Arvid, während er die 
Tür öffnete, durch die dann Spaniel und Langhaardackel 
klaffend sprangen und auf die Haustür zustürmten, gegen 

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die von draußen jemand trommelte, und dann Sekunden 
später dem jungen Baron buchstäblich in die Arme sank. 

»Hallo, Hallo!« sagte er erschrocken, während er die Gestalt 
in die Halle zog, wo sich indes alle versammelt hatten, die 
zum Hause gehörten. Stumm sahen sie auf den späten 
Gast, von dem man zuerst nicht sagen konnte, ob er, 
Männlein oder Weiblein war, weil er Skidreß trug. Erst als 
man die Haare bemerkte, die naß und strähnig unter der 
Kapuze hervorhingen, tippte man auf Femininum. 
Und dieses bemühte sich nun, die klappernden Zähne 
auseinanderzukriegen. 
»Draußen – auf dem Feld – liegt – meine – Verwandte. Sie 
konnte – nicht mit, sie ist – verletzt.« 
Damit war das erschöpfte Menschenkind am Ende seiner 

Kraft und sackte zusammen. Doch schon packte Arvid es 
bei den Schultern und schüttelte es derb. 
»Machen Sie gefälligst nicht schlapp, meine Gnädigste! Wir 
müssen wissen, wo die Verunglückte liegt, sonst geht sie 
bei dem Eissturm elendiglich zugrunde. Zum Kuckuck, so 
reißen Sie sich doch zusammen!« 
»Ich – kann – doch – nicht mehr…« 
»Sie müssen! Es geht hier um ein Menschenleben! Wo 
ließen Sie Ihre Verwandte zurück?« 
»Weiß ich – doch nicht«, mühte sie sich verzweifelt ab. »Ich 
sah – schemenhaft – so ein langes – Gebäude, 
wahrscheinlich eine – Scheune. Darauf ging ich zu, dann 

sah ich -Licht.« 
Das konnte sie gerade noch hervorstammeln, bevor 
Ohnmacht sie umfing. Da hob Arvid sie auf seine sehnigen 
Arme, trug sie ins Wohnzimmer, legte sie auf den Diwan 
und sagte kurz: 
»Nehmt euch ihrer an, während wir drei Männer uns auf 
die Suche begeben. Bei diesem Höllenwetter 
wahrscheinlich kein Vergnügen.« 
Damit eilte er dem Onkel und Franz nach, um sich zu dem 
schweren Weg zu rüsten. Zehn Minuten später trafen sie 
wieder in der Halle zusammen, im pelzgefütterten Skidreß, 

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den Kragen hochgeschlagen, die Mütze tief ins Gesicht 
gezogen, die Augen durch eine große Schneebrille 

geschützt. Im Rucksack, den Franz trug, steckte außer 
anderen wichtigen Dingen auch eine Gurtentrage. 
Draußen schlüpften sie in die Bretter und schlugen den 
Weg zur Scheune ein, die beiden Hunde zur Seite. Heulend 
umbrauste sie der Sturm, jagte ihnen den Eisschnee ins 
Gesicht, die Nadeln stachen wie spitze Messer. Im Nu 
waren Pelzkragen und Pelzmütze bereift. 
Des ungeachtet strebten die drei Männer vorwärts, mit dem 
starken Schein ihrer Taschenlampen, die sie am Riemen 
um den Hals trugen, die weiße Fläche absuchend. 
So mühsam der Weg auch war, sie mußten ihn gehen. Ein 
Mensch befand sich in Gefahr. 

Und dann waren es die beiden Hunde, welche die 
Gesuchte aufspürten. Wie ein Häuflein Unglück kauerte sie 
am Boden, schon halb von Schnee bedeckt, über den sich 
bereits eine Eiskruste gebildet hatte. Als Arvid sie vorsichtig 
aufrichtete, stöhnte sie und griff mit der im dicken 
Fäustling steckenden Hand nach dem rechten Knie, worauf 
der Mann es behutsam abtastete. 
»Etwa ausgeschlagen?« fragte Rupert kurz. 
»Nein. Wahrscheinlich nur verrenkt oder durch Fall 
verletzt.« 
Fünf Minuten später lag die Halberstarrte, fest in eine 
Decke gewickelt auf der Bahre, die aus stabilen Gurten und 

zusammenlegbaren Stäben bestand. Arvid hatte dieses 
praktische Utensil im Nachlaß des Onkels gefunden, das 
nun gute Dienste leistete. Ohne es hätte man den Findling 
tragen müssen, was bei der Entfernung von gut zwei 
Kilometern und vor allen Dingen bei dem eisigen 
Schneesturm wohl kaum möglich gewesen wäre. So jedoch 
spürten der Baron und sein Diener die Last kaum, als sie 
auf den Skiern dahinglitten, zwischen sich die Trage. 
Günstig war noch, daß man jetzt den Wind im Rücken 
hatte und somit nicht gegen ihn anzukämpfen brauchte. 
Außerdem ließ das Schneegestöber nach, und man hatte 

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bessere Sicht. 
Wie dunkle Schemen wirkten die Gebäude des Gehöfts, auf 

das man Kurs nahm. Voran die beiden Hunde, hinterher 
die drei Samariter, so strebte man durch die weiße eisige 
Winternacht der warmen Stube zu. 
Indes war man auch im Herrenhause nicht müßig gewesen. 
Hatte  sich  um  die  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes 
Hereingeschneite emsig bemüht, ohne sie nach Nam1 und 
Art zu fragen. Hatte der völlig Erschöpften die nassen 
Kleider vom Körper gezogen, sie in ein warmes 
Flanellhemd aus Sephchens Bestand gehüllt, sie mit 
vereinten Kräften nach dem Fremdenzimmer getragen, wo 
das Hausmädchen indes den Kachelofen »eingeknallt« und 
das Bett mit warmen Krücken versehen hatte. 

Kurz und gut, man hatte alles getan, was sich nur tun ließ, 
und wartete nun unten im Wohnzimmer bangklopfenden 
Herzens auf die zweite Fremde, während Grete oben bei 
der ersten Wache hielt. Und gerade, als die drei ersehnten 
Samariter mit der Trage über die Schwelle der Portaltür 
schritten, holte in der Halle die alte, behäbige Standuhr zu 
zwölf Schlägen aus. 
»Prosit Neujahr«, sagte Rupert trocken. Und so mußte man 
lachen, obwohl das jetzt gar nicht angebracht war. 
Oder doch? Denn sie lebten ja, die beiden 
hereingeschneiten Gäste, und das war wohl die 
Hauptsache. 

»Wohin mit ihr?« fragte Arvid. 
»Ins Fremdenzimmer«, gab die Mutter ebenso kurz 
Antwort, worauf man denn schweigend die breite, 
kunstvoll geschnitzte Treppe mit den recht abgewetzten 
Läufern erstieg, mit vollzähligem Gefolge. 
Es war ein geräumiges Zimmer, in dem die beiden Träger 
die Bahre abstellten. Nicht gerade elegant wirkend mit 
seinem zusammengewürfelten Hausrat, aber urgemütlich. 
Noch war es kalt in dem Raum, weil ja der Kachelofen erst 
vor einer halben Stunde geheizt worden war, aber die 
prasselnden Holzscheite würden bald für Wärme sorgen. 

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»So, nun waltet ihr Weibsen weiter eures Amtes«, brummte 
Rupert, dabei einen scheuen Blick nach dem Bett werfend, 

wo nichts weiter als ein dunkler Schopf sichtbar ward, so 
tief war der erste Fremdling unter das wärmende Deckbett 
gekrochen. Schleunigst entfernten sich die beiden Herren 
nebst ihrem Diener, und als erstere eine Weile später das 
Wohnzimmer betraten, wo sich indes auch die beiden 
Damen eingefunden hatten, waren sie frisch gekleidet von 
Kopf bis Fuß. 
»Nun, wie geht’s unserm Findling?« erkundigte sich Rupert. 
»Ist er schon aufgetaut?« 
»Das schon«, gab die Schwester zögernd Antwort. »Nur hat 
sich die junge Dame das Knie verletzt. Zwar zeigt es keine 
Wunde, ist jedoch erheblich geschwollen. Sephchen meint 

wohl, daß ihre Wundersalbe helfen wird, aber wenn es 
nicht der Fall sein sollte, werden wir den Arzt zu Rate 
ziehen müssen.« 
»Wie ist ihr Zustand sonst?« 
»Sie ist völlig erschöpft, wie ihre Begleiterin auch. Kaum 
daß diese imstande war, Nam

und Art zu nennen, da 

übermannte sie auch schon wieder der Schlaf.« 
»Und wer sind die Damen?« 
»Die jüngere ist die Tochter des Industriellen Wiederbach 
aus der Kreisstadt, die ältere, deren Verwandte, ein Fräulein 
Arnhöft.« 
»Nanu, wie kommen solche Damen der ersten Gesellschaft 

um Mitternacht in unsere einsame Gegend, dazu noch bei 
dem Donnerwetter?« 
»Das konnte sie nicht mehr erklären, weil sie zu erschöpft 
war. Als ich sie fragte, ob man Herrn Wiederbach 
benachrichtigen müßte, meinte sie, daß es nicht 
erforderlich wäre.« 
»Nun, sie muß ja wissen, was sie tut«, meinte Rupert 
abschließend. »Wir für unsern Teil wollen zusehen, daß wir 
nun endlich zu unserm Silvestersekt kommen.« 
Damit griff er nach der Flasche, deren Hals so verlockend 
aus dem Kühler ragte, ließ den Pfropfen knallen, füllte die 

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Gläser und hielt das seine hoch. 
»So begrüßen wir denn das neue Jahr, wenn auch eine 

halbe Stunde verspätet. Hoffentlich ist das kein böses 
Omen.« 
»Um Himmels willen, unk bloß nicht!« klopfte Ermenia 
abergläubisch dreimal an das Tischbein. »Man darf nichts 
verrufen.« 
»Gott behüte«, tat Arvid todernst, während seine Augen 
lachten. »Die ›Zwölfen‹ sind ja noch nicht vorüber, wo die 
bösen Geister uns umkreisen.« 
»Ist doch bloß gut, daß es eine alte Tante gibt, über die 
man sich lustig machen kann.« 
»Na, Ermelchen, alt?« 
»Du, das Ermelchen verbitte ich mir im neuen Jahr, 

sonst…« 
Was sonst geschehen würde, blieb unausgesprochen, weil 
Sephchen eintrat und einen Teller mit belegten Broten auf 
den Tisch stellte. 
»Das wird jetzt gegessen und nicht bloß getrunken, sonst 
sind die Herrschaften morgen zu nuscht wert. Und mit den 
Fräuleins da oben geht auch alles in Ordnung, die schlafen 
wie die Ratzen.« 
»Auch das Fräulein mit dem verletzten Knie?« fragte die 
Baronin. 
»Von dem spürt sie doch nuscht, seitdem meine Salbe 
draufgeschmiert ist. Zuerst hatte ich vor, mein Lager bei 

den Fräuleins aufzuschlagen, damit ich zur Hand bin, 
wenn sie was brauchen. Aber die brauchen nuscht, die 
schlafen. Und die Herrschaft sollte das auch tun, denn 
morgen früh ist die Nacht vorbei.« 
Damit entschwand sie, und die andern ließen sich die 
Schnitten munden, tranken die zweite Flasche Sekt und 
begaben sich dann zur wohlverdienten Ruhe. 
Am Neujahrsmorgen hatte wohl der Sturm nachgelassen, 
aber es schneite unentwegt weiter. 
Auf dem riesengroßen Gutshof herrschte heute 
Feiertagsruhe. Selbst das Geflügel befand sich bei der Kälte 

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von minus 16 Grad in dem warmen, hellen Stall. 
Erst kaum vernehmbar, dann immer lauter drang in diese 

feierliche Stille ein Geratter. Es rührte von der Kleinbahn 
her, die sich eilfertig die Schienen entlangschlängelte und 
dann zischend vor der Wellblechbude hielt, die auf 
Hörgishofer Gelände stand und dessen Bewohnern, zu 
denen ja auch die Leute aus den Insthäusern zählten, eine 
bequeme Verbindung zur Stadt bot. Gleichfalls den 
Kleinbauern, die ihre Höfe in der Nähe hatten und über 
kein Auto verfügten. 
Heute jedoch stieg kein Fahrgast weder aus noch ein. Denn 
erstens war Feiertag, wo es für die Landbewohner in der 
Stadt nichts zu besorgen gab, und dann war es, wie schon 
gesagt, bitter kalt. Da blieb man, wenn man nicht 

unbedingt hinaus mußte, in der warmen Stube, wohin 
auch die beiden Männer strebten, nachdem sie die 
Milchkannen eingeladen hatten. Eine tägliche 
Beschäftigung, die selbst an Sonn- und Feiertagen 
ausgeführt werden mußte. 
Bevor die Lokomotive sich wieder schnaufend und 
zischend in Bewegung setzte, stieß sie einen grellen, 
langgezogenen Pfiff aus, der im Herrenhaus ein junges 
Mädchen aus tiefem Schlaf riß. Erschrocken fuhr es aus 
dem Kissen hoch, um gleich wieder mit einem Wehlaut 
zurückzusinken. Die Hand tastete zum rechten Knie, das 
mit einer Binde umwickelt war. Die Augen hasteten durchs 

Zimmer und blieben dann an dem gegenüberstehenden 
Bett hängen, unter dessen Zudecke es sich nun auch zu 
regen begann. Ein dunkelhaariger Kopf hob sich, zwei 
grüngraue Augen trafen sich mit zwei blauen. 
»Guten Morgen, Gun«, sprach dann eine lachende Stimme. 
»Du machst ja ein Gesicht, als ob die Katz donnern hört.« 
»Mach jetzt keine Witze«, kam es ungnädig zurück. »Sag 
mir lieber, wo wir uns befinden.« 
»Im Hause unserer Retter.« 
»Und wer sind die…?« 
»Keine Ahnung. Als du stürztest und nicht wieder 

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hochkommen konntest, bin ich losgetaumelt, immer dem 
Lichtschein zu, der von irgendwo blinkte und Rettung 

verhieß – die uns dann auch wurde, sonst lägen wir 
bestimmt nicht in so molligen Betten. Aber was das für 
Menschen sind, die sich unserer Not erbarmten, weiß ich 
nicht, ich war zu futsch und weg. Kein Wunder, nach dem 
entsetzlichen Weg durch den Eissturm, durch den ich mich 
mühsam Schritt für Schritt ringen mußte. Und alles nur 
wegen deiner verflixten Flirterei und der Feigheit, die 
Konsequenzen zu tragen.« 
»Schilt jetzt nicht«, warf die andere kläglich ein. »Mein Knie 
tut mir so weh.« 
»Geschieht dir ganz recht«, kam es brummend zurück. 
»Was man mit dir für Scherereien hat, steht wohl einzig 

da.« 
»Willst du nicht mal nach meinem Bein sehen, liebes 
Karlchen?« 
»Wollen bestimmt nicht, höchstens müssen, da ich Ärmste 
ja so eine Art Sklavin von dir bin.« 
Also stand sie auf und stolperte mal erst über das 
Nachthemd, das für ihre zierliche Figur viel zu lang und zu 
breit war. 
»Du meine Güte, wem mag der Talar wohl gehören?« 
beäugte sie neugierig das Kleidungsstück aus 
buntgemustertem Flanell, das lange Ärmel hatte und bis 
zum Hals geschlossen war. Dann hob sie das Gewand an 

beiden Seiten hoch und bekam so die Füße frei. Drei 
Schritte, dann stand sie vor dem an dem Bett und sagte 
lachend: 
»Deine Umhüllung scheint das Pendant zu meiner zu sein, 
so richtig solide siehst du aus. Schade, daß deine Anbeter 
dich nicht so sehen können.« 
»Ich wüßte nicht, daß ich mich jemals meinen Anbetern im 
Nachthemd gezeigt hätte.« 
Es klopfte, und gleich drauf steckte sich ein Kopf durch den 
Türspalt. 
»Ist’s erlaubt einzutreten?« 

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»Man immer zu«, ermunterte Karola, worauf denn Josepha 
sichtbar wurde. Sie bot einen guten Morgen und trat zu den 

beiden Mädchen, die ihr mit begreiflicher Neugier 
entgegensahen. 
»Nun, wie geht’s denn den Damen?« 
»Danke, Frau…?« 
»Ich bin keine Frau, ich bin die Mamsell«, wurde Karola 
kurz belehrt. »Was macht denn Ihr Bein?« 
»Es tut weh. Allerdings nur, wenn ich es bewege.« 
»Dann halten Sie es still. Lassen Sie mal sehen.« 
Nachdem Josepha das Knie kritisch betrachtet hatte, nickte 
sie zufrieden. 
»Die Geschwulst ist erheblich zurückgegangen. Kein 
Wunder bei meiner Salbe.« 

»Und doch sieht das Knie immer noch böse genug aus«, 
wagte Karola einzuwenden. »Könnten Sie vielleicht einen 
Arzt herkommen lassen?« 
»Können schon. Aber warum den Mann bei so einem 
bißchen aus der warmen Stube jagen, dazu noch am 
Feiertag. Das da krieg ich mit meiner Salbe sehr gut hin.« 
Sie zog aus der Schürzentasche ein Büchschen mit der 
Wundersalbe, die sie auf das verletzte Knie des Mädchens 
schmierte. So grob die Hände auch aussahen, so behutsam 
gingen sie um. Dann wurde wieder die Binde umgetan, ein 
kleines Kissen unter die Kniekehle geschoben und Karola 
eingehend betrachtet. 

»Na, Sie sehen ja ganz munter aus. Gehen Sie wieder ins 
Bett zurück, damit Sie sich nicht erkälten.« 
»Die ist vielleicht kurz angebunden«, sagte Gun 
unbehaglich, nachdem sich die Tür hinter Josepha 
geschlossen hatte. »Die macht ja gar kein Hehl daraus, wie 
unerwünscht wir hier sind.« 
»Wundert dich das etwa?« fragte Karola achselzuckend, 
während sie sich unter das wärmende Deckbett streckte. 
»Ich weiß nicht, ob wir sehr liebenswürdig wären, wenn 
zwei Wildfremde störend in unsere Silversterfeier 
hineinplatzten und eine davon bei einem mörderischen 

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Schneesturm auf der Bahre ins Haus geholt werden müßte, 
wie es ja bei dir der Fall war. Ich habe zwar so gut wie gar 

nichts von dem allen mitgekriegt, weil ich total fertig war, 
aber soviel immerhin, daß wir das Haus hier 
gewissermaßen auf Stützen stellten. Und das alles in der 
Silvesternacht – peinlich genug.« 
Sie wurde durch den Eintritt Josephas unterbrochen, die 
ein besetztes Tablett trug, während das Hausmädchen 
Grete mit einem zweiten folgte, lachend über das ganze 
rotbackige Gesicht. 
»Stell das Tablett auf das Tischchen, und dann hilf mir das 
Fräulein da aufsetzen«, gebot Josepha brummig. »Aber sei 
dabei bloß vorsichtig, das rate ich dir.« 
»Ich werd

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 schon«, versprach die dralle Maid und packte 

dann doch so herzhaft zu, daß es bestimmt blaue Flecke 
auf den zarten Mädchenarmen hinterließ. Aber Gun saß, 
und das war ja schließlich die Hauptsache. – Sie bekam ein 
Tablett vorgesetzt, Karola das zweite, und Sephchen 
knurrte: 
»Jetzt essen Sie, alles Weitere wird sich finden.« 
Gewichtigen Schrittes ging sie, von Grete gefolgt, hinaus, 
und die beiden Mädchen machten sich über das Frühstück 
her, obwohl es ihnen nicht gerade freundlich gereicht 
worden war. Sie hätten es gewiß abgelehnt, wenn sie nicht 
so hungrig gewesen wären; denn sie hatten seit gestern 
mittag nichts mehr gegessen. Also ging der Hunger über 

ihren Stolz, und sie ließen sich das ländliche Frühstück gut 
munden. 
»Laben wir uns«, meinte Karola vergnügt. »Den guten 
Dingen nach zu urteilen, ist Schmalhans hier nicht 
Küchenmeister. Die Speckeier schauen mich mit ihren 
Dotteraugen direkt verschmitzt an, und die beiden 
Schnitten dick belegt mit Schinken und Landwurst, sehen 
recht behäbig aus. Bei dem Kaffee scheint man auch nicht 
mit Bohnen geknausert zu haben, somit scheint es eine 
fette Pfründe hier zu sein.« 
Danach wurde kein Wort mehr gesprochen, es wurde 

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gegessen, jede Schlankheitsdiät außer acht lassend, worauf 
man sonst doch so erpicht war. Restlos wurden die 

nahrhaften Dinge hüben wie drüben verputzt, dann legte 
man sich so richtig satt in die Kissen zurück. 
»Jetzt eine Zigarette, und ich wäre restlos zufrieden«, sagte 
Karola. »Ich weiß genau, daß ich ein Päckchen in der 
Tasche der Skihose hatte, doch es ist weg, wie unsere 
Kleider überhaupt. Wahrscheinlich hat man es zum 
Trocknen mitgenommen, Gun, was können wir bloß von 
Glück sagen, daß sich Menschen fanden, die uns dieser 
weißen Hölle entrissen, sonst lägen wir jetzt erfroren auf 
dem Feld. Aha, da klopft’s, wahrscheinlich wieder die 
unfreundliche Mamsell.« 
Jawohl, sie war es. Über dem Arm trug sie die Kleider der 

Gäste wider Willen, in der Hand die Skischuhe. Alles 
trocken und, soweit es die Kleider betraf, aufgebügelt. 
»Da haben Sie Ihre Kleider wieder, sie waren zum 
Auswinden naß. Das weiße Pelzwerk haben wir gesäubert, 
so gut es ging.« 
»Ich danke Ihnen herzlich«, sagte Karola verlegen. »Sie 
haben sich große Mühe mit uns Fremden gemacht.« 
»Ach was«, kam es brummend zurück. »Ob fremd oder 
nicht, das ist doch wohl egal. Wenn jemand Hilfe braucht, 
muß man eben helfen. Wie ist das nun mit Ihnen? Wollen 
Sie aufstehen oder fühlen Sie sich zu schwach?« 
»O nein, ich bin durchaus wieder fit. Aber kann ich mich 

auch im Skidreß unten sehen lassen?« fragte sie in der 
Hoffnung, Näheres zu erfahren über ihre Gastgeber und so. 
Doch in der Beziehung bekam Josepha Freundlich immer 
schwer die Zähne auseinander und bemerkte kurz: 
»Warum denn nicht? Sie sind in dem Dings ja angezogen. 
Anders würden wir uns das auch verbitten. Wir halten 
nichts von Fleischbeschau, wie unser junger Herr es nennt. 
Ich geh

1

 jetzt. Wenn Sie etwas brauchen sollten, drücken 

Sie da auf den Klingelknopf.« 
Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, sagte Gun 
ungeduldig: 

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»Leg dich nicht wieder so pomadig in die Kissen zurück, 
sondern sieh zu, daß du möglichst rasch nach unten 

kommst, damit wir endlich erfahren, wer die Leute 
eigentlich sind. Vielleicht können wir ihnen ihre Hilfe und 
Gastfreundschaft…« 
»Bezahlen«, warf Karola trocken ein, indem sie sich aus 
dem weichen Pfühl erhob und nach einer 
Waschgelegenheit Ausschau hielt. »Mein liebes Kind, wer 
sich eine Mamsell halten kann, wird wohl kaum auf ein 
Trinkgeld angewiesen sein. So, und nun werde ich mal 
zuerst meine Morgenwaschung vornehmen.« 
»Etwa in der winzigen Schüssel da?« 
»Die ist immerhin größer als diejenigen in den Skihütten, 
wo du doch so gern kampierst. Aber dort nennt man das 

sportlich, hier primitiv.« 
»Karola, du bist doch manchmal von einer schonungslosen 
Offenheit.« 
»Ein Glück, mein Herzchen. Wie sollte ich sonst wohl mit 
dir auskommen, da ich doch nun mal als Kindermädchen 
für dein Wohl und Wehe verantwortlich bin. Also darf ich 
den Kult nicht mitmachen, den alle andern mit dir treiben, 
sondern muß dir die schonungslose Wahrheit sagen«, 
erklärte sie seelenruhig, dabei Wasser in die Schüssel 
gießend. Handtuch nebst Seife fand sie auch vor, sogar eine 
Zahnbürste, die natürlich unbenutzt war – also Herz, was 
verlangst du mehr. 

Nach zehn Minuten stand sie in Skihose und flauschigem 
Pullover da, mittelgroß, zierlich, brünett, mit Augen wie 
grüngrauer Samt. Und obwohl sie mit Ende Zwanzig die 
erste Jugendblütezeit hinter sich hatte, sah sie gewiß nicht 
danach aus. Selbst in dem Skianzug wirkte sie apart und 
elegant, was ja nicht bei allen Damen der Fall ist. 
»Na, denn man zu«, seufzte sie. »Mach ich da unten 
meinen Antrittsbesuch in dieser gewiß nicht angebrachten 
Aufmachung. Ich bin bloß neugierig…« 
Bevor Karola nach unten ging, sah sie sich hier oben erst 
einmal um und bemerkte einen langen, breiten Korridor, 

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der rechts eine Anzahl Flügeltüren und links Nischen mit 
Fenstern aufwies. Obwohl das alles dringender Reparatur 

bedurfte, machte es dennoch irgendwie einen feudalen 
Eindruck, wie man diesen nur in alten Herrenhäusern 
findet. Ein Duft umwehte sie wie von Rosen und Lavendel. 
Langsam stieg Karola die breite, kunstvoll geschnitzte 
Treppe hinab, deren Läufer immer noch dick und weich 
war, obwohl er abgetretene Stellen aufwies. 
Und dann die Halle mit ihrem Mosaikboden, den 
altertümlichen Truhen und Schränken, den wuchtigen 
Sesseln vor dem Marmorkamin, den nachgedunkelten 
Bildern in schweren Goldrahmen, den Fellen, 
altertümlichen Waffen – das alles machte Karola Arnhöft, 
die als Pflegekind der reichen Wiederbachs an allerlei 

Pracht gewöhnt war, nun doch beklommen. Wo war sie 
hier nur hingeraten! 
Zögernd stand sie da, nicht wissend, welche der vielen 
hohen und reichgeschnitzten Türen sie öffnen sollte, bis sie 
hinter einer Stimmen hörte, da gab sie sich einen Ruck, 
klopfte. 
Und stand gleich darauf in dem Wohngemach, wo Familie 
Hörgisholm vollzählig versammelt war. Mollig warm war 
es darin und ungemein traulich. An dem Sekretär, ein 
Prunkstück alter solider Wertarbeit, saß die Hausherrin und 
machte Eintragungen ins Wirtschaftsbuch. Ermenia strickte, 
und die beiden Herren lasen landwirtschaftliche Berichte. 

In einer Ecke tickte die Standuhr, auch ein altes Prachtstück 
mit gemütlichem Brummton, in der Ofenröhre summte 
das Wasser. Die einzigen Geräusche in dieser friedlichen 
Stille, die dann der Eintritt des Fremdlings unterbrach. Die 
beiden Herren sprangen auf, Rupert von Bärlitz trat auf sie 
zu – und als Karola in das hagere Aristokratengesicht mit 
dem Monokel sah, da festigte sich die Vermutung, die sie 
auf dem Weg hierher hatte. 
»Oha, da haben wir ja schon eines unserer Schneevöglein, 
die uns die eisige Silvesternacht ins Haus wehte«, klang 
seine tiefe Stimme auf. »Darf ich nachholen, was wir 

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angesichts Ihrer gestrigen Erschöpfung unterlassen mußten, 
und Sie willkommen heißen? Gestatten: Rupert Bärlitz, 

und die andern, meine Schwester mit ihrem Sohn und 
ihrer Schwägerin, nennen sich Hörgisholm.« 
Nachdem die allgemeine Begrüßung erfolgt war, nahm 
man Platz, und Erdmuthe sagte nach einem prüfenden 
Blick in das Gesicht des Gastes: 
»Angegriffen sehen Sie schon noch aus, Fräulein Arnhöft. 
Schließlich auch kein Wunder nach der entsetzlichen 
Strapaze.« 
»Die ich jedoch ganz gut überstanden habe«, entgegnete 
Karola verlegen. »Es ist mir nur so schrecklich peinlich, daß 
ich Ihnen hier die Silvesterfeier störte.« 
»Nun, nun«, wehrte die Hausherrin liebenswürdig ab. »Es 

braucht Ihnen gewiß nicht peinlich zu sein, was wir als 
Selbstverständlichkeit erachten. Wie geht es Fräulein 
Wiederbach?« 
»Auch sie hat alles ganz gut überstanden – bis auf das Knie. 
Wohl ist die Geschwulst erheblich zurückgegangen, aber 
vielleicht ist es doch besser, wenn meine Verwandte in 
ärztliche Behandlung kommt. Daher werde ich zu Hause 
anrufen und den Wagen bestellen, ich müßte nur wissen, 
welchen Weg der Chauffeur einschlagen muß. Wollen Sie 
mir bitte den Weg erklären?« 
»Gern«, gab Rupert Antwort. »Aber ich fürchte, daß der 
Wagen nicht durch die Schneemassen kommt, die vom 

scharfen Nordost stellenweise zu Schanzen aufgeweht sind. 
Wohl könnten wir Ihnen einen Schlitten zur Verfügung 
stellen, aber ob er es schafft, ist gleichfalls fraglich. Die 
einzige Möglichkeit, von hier wegzukommen, wäre die 
Kleinbahn – wenn nicht auch sie wegen 
Schneeverwehungen die Fahrt einstellen muß.« 
»Aber es gibt doch Schneepflüge, um die Straßen frei zu 
machen.« 
»Was einer Danaidenarbeit gleichkäme«, warf Bärlitz 
trocken ein. »Schauen Sie doch mal nach draußen, wie es 
da lustig weiterschneit. Diese weißen Massen decken im Nu 

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wieder zu, was die Pflüge wegschafften. Die müssen 
sowieso schon Tag und Nacht auf Tour sein, um wenigstens 

die Hauptstraßen einigermaßen befahrbar zu halten, wir 
jedoch liegen drei Kilometer von der Chaussee entfernt. 
Und nun machen Sie nicht so ein unglückliches Gesicht, 
gnädiges Fräulein. Wenn Sie einige Tage hier ausharren 
müßten, wäre das denn so schlimm?« 
»Ganz gewiß nicht, aber wir können Ihnen doch nicht 
noch länger zur Last fallen.« 
»Na, so unleidlich werden Sie sich doch wohl nicht 
benehmen«, lachte Erdmuthe. »Am wichtigsten ist 
momentan, daß Sie sich zu Hause melden, wo man sich 
um Ihr und Fräulein Wiederbachs Ausbleiben Sorge 
machen wird, oder etwa nicht?« 

»Nein, gnädige Frau. Man nimmt dort an, daß wir uns in 
der Schneeberger Skihütte befinden, wo wir mit anderen 
Mitgliedern des Skiklubs Silvester feiern wollten. Bei uns 
kann nämlich jeder nach seiner Fasson selig werden.« 
»Auch die Tochter des Hauses?« 
»Die ganz besonders, gnädige Frau. Guntrun bekam schon 
als Kind jeden Willen, weil die Eltern in sie vernarrt waren. 
Also kein Wunder, daß sie sich zu einer kleinen Tyrannin 
auswuchs, die nur einen Willen kennt: den eigenen.« 
»Ach du liebes bißchen«, kratzte Rupert sich den Kopf. 
»Jetzt sagen Sie bloß noch, gnädiges Fräulein, daß die junge 
Dame schön und reich ist.« 

»Stimmt«, lachte Karola. »Dazu verfügt sie noch über einen 
Charme, dem niemand sich entziehen kann – ich leider 
auch nicht immer. Damit macht sie mir meine 
Beschützerrolle bestimmt nicht leicht. 
Ich habe nämlich ihrer Mutter, die vor vier Jahren an einer 
unheilbaren Krankheit langsam zugrunde ging, versprechen 
müssen, Guntrun nie zu verlassen, was ich ohnehin nicht 
getan hätte. So kann ich wenigstens den Dank an die 
Tochter abstatten, zu dem ich der Mutter stets verpflichtet 
war. Denn sie nahm mich, als die meine starb und ich 
somit verwaiste – mein Vater war schon zwei Jahre früher 

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gestorben – in ihr Haus, behandelte mich genauso 
liebevoll wie ihr eigenes Kind und hat mich im Testament 

auch noch mit einem guten Batzen bedacht. Und wenn ich 
nun noch sage, daß der Witwer nach Ablauf des 
Trauerjahres die Witwe seines Konkurrenten heiratete, 
dadurch die beiden Werke miteinander verschmelzend – 
und daß die Witwe einen Sohn mit in die Ehe brachte, so 
habe ich alles das gesagt, was Sie wissen müssen von Ihren 
Gästen – auch wenn es nur hereingeschneite sind.« 
»Und wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen, Fräulein 
Arnhöft«, sagte Erdmuthe herzlich. »Darf ich nun noch 
fragen, wie das Verhältnis zwischen Stieftochter und 
Stiefmutter ist?« 
»Die vertragen sich gut, weil sich einer um den andern 

nicht kümmert.« 
»Und was sagt Herr Wiederbach dazu?« 
»Der ist zufrieden, daß es keinen Streit gibt. Er gehört 
nämlich zu den Menschen, denen persönliche Ruhe heilig 
ist. 
Im übrigen lebt es sich gut in dem großzügigen Hause, wo 
Geld gewiß keine Rolle spielt. Und daß es immer noch 
mehr wird, dafür sorgt Wiederbach als vorzüglicher und 
sehr vorsichtiger Kaufmann. Zwar ist er wagemutig, 
Spekulationen jedoch verabscheut er. 
Dem Hausstand ist seine Schwägerin eine vorzügliche 
Repräsentantin. Sie knausert keineswegs, hält aber 

Verschwendung für ein Laster.« 
»Und wie verhält sich die Hausherrin zu alledem?« fragte 
Rupert interessiert. 
»Die ist froh, daß sie mit dem ganzen Wirtschaftskram 
nicht behelligt wird, ist Gast im eigenen Hause.« 
»Also eine Mondäne?« 
»Kann man so nennen. Ihr Sohn, ein netter Bengel von 
zehn Jahren, hängt an seinem Stiefvater und an uns 
bedeutend mehr als an seiner Mutter.« 
»Darf er vielleicht auch machen, was er will?« fragte der 
junge Baron trocken, und Karola lachte. 

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»Jawohl, da ja bei uns jeder nach seiner Fasson selig 
werden kann, wie ich vorhin schon bemerkte. Darf ich mal 

den Apparat benutzen?« 
»Bitte sehr.« 
Da die Verbindung auf sich warten ließ, wollte Karola 
schon den Hörer ablegen, als sich endlich am andern Ende 
der Diener meldete. Und was er da sagte, ließ sie überrascht 
aufhorchen. 
»Wann sind denn die Herrschaften aufgebrochen? Gegen 
Abend? Nun, da war das Wetter ja noch manierlich. Hören 
Sie mal gut zu, Jan. Wenn Herr Wiederbach anruft, dann 
sagen Sie ihm, daß auch wir eingeschneit sind. Es ist 
absolut keine Veranlassung zur Beunruhigung> es geht uns 
gut. Sobald wie möglich kommen wir nach Hause. Haben 

Sie alles verstanden? Na schön. Ende.« 
»So was nennt man Duplizität der Ereignisse«, legte sie 
lachend den Hörer auf. »Denn meine Verwandten sind 
genauso eingeschneit wie Guntrun und ich. Wie mir der 
Diener sagte, ist gestern gegen Abend ein Bekannter 
erschienen und hat die Gesellschaft, die sich bereits zur 
Silvesterfeier eingefunden hatte, in Bausch und Bogen nach 
seinem Jagdhaus entführt. Und da sich dieses mitten im 
Wald befindet, so liegt denn auch die ganze Gesellschaft 
mit ihren Wagen fest. Man soll aber recht fidel dabei sein, 
wie Wiederbach dem Diener sagte. Also sehe ich nicht ein, 
warum ich Trübsal blasen soll.« 

»Recht so«, lachte die Hausherrin gleich den andern. »Was 
die dort können, das können wir hier auch. Und damit 
Fräulein Wiederbach da oben so allein nicht wirklich 
Trübsal blasen muß, holen wir sie nach unten. Wozu 
haben wir denn zwei Männer mit starken Armen.« 
»Die hoffentlich nicht gebraucht werden!« fiel Karola hastig 
ein. »Zu leicht wollen wir es dem unnützen Ding denn 
doch nicht machen) es womöglich noch auf Händen 
tragen. Mag sie nur auslöffeln, was sie sich mit ihrer 
verflixten Flirterei wieder einmal einbrockte. Dadurch sind 
wir ja nur in so eine entsetzliche Notlage geraten, die für 

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uns zum Verhängnis geworden wäre, hätten sich nicht 
Menschen gefunden, die uns in ihrer Hilfsbereitschaft 

davor bewahrten… 
Das war nämlich so«, fuhr sie verlegen fort. »Zwei 
Klubmitglieder, mit denen das unverbesserliche Gör zu 
gleicher Zeit lustig drauflos flirtete, gerieten ihretwegen in 
Streit, worauf sie denn feige von der Bildfläche verschwand, 
um nach Hause zurückzukehren. Ich mußte natürlich mit, 
da ich doch nun mal ihr geplagtes Kindermädchen bin. 
Zuerst ging auch alles ganz gut, bis der Schneesturm 
losbrach und wir dadurch Sicht und Richtung verloren. 
Zum Unglück stürzte Guntrun noch, schlug mit dem Knie 
auf die Kante des einen Ski, blieb hilflos liegen, und ich 
konnte zusehen, wo ich Hilfe aufstöberte. Man hat schon 

seine Not mit dem charmanten Flirt, wie ihr Vater sie 
schmunzelnd nennt«, schloß sie seufzend, und Erdmuthe 
sagte lachend: 
»Es scheint aber eine liebe Not zu sein, nicht wahr, Fräulein 
Arnhöft?« 
»Na ja, was soll man schon machen«, kam es gottergeben 
zurück. »Sie ist mir doch nun mal ans Herz gewachsen, 
trotz ihrer Unnützigkeit. Und wenn sich nicht ein Mann 
findet, der mich von meinem Beschützeramt erlöst, so 
kann ich das schwere Amt schleppen bis an mein seliges 
Ende.« 
Es klang so kläglich, daß die andern amüsiert auflachten. 

Und mit ihnen die dralle Maid, die sich ins Zimmer schob. 
»Nun, Grete, was gibt’s?« fragte die Hausherrin freundlich. 
»Du siehst mir so aus, als ob du etwas auf dem Herzen 
hättest.« 
»Hab

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 ich nicht, Frau Baronin«, wurde treuherzig 

behauptet. »Ich soll bloß das Fräulein da zu dem andern 
nach oben schicken, weil es ungeduldig ist und Launen hat. 
Das Knie tut nicht mehr weh, sie will man bloß 
Gesellschaft haben.« 
»Für ihre Launen?« fragte Rupert dazwischen. 
»Aber nein doch, Herr von Bärlitz, für sich. Und nun geh’ 

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ich, weil ich alles bestellt habe.« 
Damit trollte sie zufrieden ab, und Karola folgte ihr auf 

dem Fuß. 
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, brummte Guntrun, 
nachdem ihr Karola die Klemme, in der sie steckten, erklärt 
hatte. »Was sind das da unten eigentlich für Leute?« 
»Du wirst lachen! Die ›Leute‹ sind die Frau Baronin von 
Hörgisholm mit Schwägerin, Sohn und Bruder, einem 
Herrn von Bärlitz, denen man ihre vornehme Abstammung 
sieben Meilen gegen den Wind ansieht.« 
»Ach du lieber Gott«, sagte Guntrun erschrocken, fing sich 
dann aber rasch wieder und fragte neugierig: 
»Wie alt sind die Herren denn ungefähr?« 
»So um die Achtzig-« 

Zuerst war Guntrun verblüfft, doch dann lachte sie hellauf. 
»Na, dann muß die Mutter des Barons so um die Hundert 
sein. Wenn du schon schwindelst, Karlchen, dann tu es 
nächstens geschickter.« 
»Und du tu mir den Gefallen und fang nicht womöglich 
mit den Herren an zu flirten nach beliebter Art. Damit 
würdest du uns höchstens blamieren.« 
»Aber Karlchen, wer tut denn so was«, tat Gun entrüstet, 
während der Schelm ihr aus den Augen lachte. 
»Wenn die Herren damit nicht anfangen, ich tu

1

 es 

bestimmt nicht.« 
»Gott gäb’s«, seufzte Karola. »Was macht dein Knie? Wirst 

du aufstehen und nach unten kommen können?« 
»Ich will es versuchen. Du mußt mir allerdings beim 
Ankleiden helfen.« 
Zehn Minuten später humpelte sie denn am Arm Karolas 
davon, tapfer den Schmerz verbeißend, den ihr das 
geprellte Knie bei jedem Schritt verursachte. Trotzdem 
strahlte sie, als sie im Wohnzimmer stand, und strömte das 
Fluidum aus, das sie so unwiderstehlich machte. 
So ein richtiges holdes Mädchenwunder, dachte Rupert, der 
dann auch die Vorstellung übernahm, worauf Guntrun auf 
die Hausherrin zuhumpelte und sich artig über ihre Hand 

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neigte. 
»Verzeihen Sie, Frau Baronin, daß ich Ihnen so viel Unruhe 

ins Haus brachte«, bettelte sie mit Augen und Lippen. »Und 
wie mir meine Verwandte eröffnete, sind wir durch den 
starken Schneefall gezwungen, Ihnen weiter zur Last zu 
fallen.« 
»Darauf möchte ich Ihnen dieselbe Antwort geben wie 
vorhin Fräulein Arnhöft«, entgegnete die Dame trocken. 
»Nämlich: So unleidlich werden Sie sich doch wohl nicht 
betragen, um uns zur Last zu fallen. Und nun nehmen Sie 
rasch Platz; denn das Stehen tut Ihrem verletzten Knie 
bestimmt nicht gut. Haben Sie noch arge Schmerzen?« 
»Nur wenn ich das Bein strecke und aufsetze, aber auch 
dann ist der Schmerz erträglich. Die Salbe der Mamsell hat 

tatsächlich Wunder gewirkt.« 
»Für uns schon längst mehr kein Wunder, dieses Wunder. 
Hier kuriert alle und alles unser Sephchen mit der Salbe, 
vom Schnupfen angefangen bis zum…« 
»Liebeskummer«, warf Rupert schmunzelnd ein. 
»Sephchens Elixier aufs Herzchen geschmiert, hokuspokus, 
hinweg ist der Liebe Zaubermacht. Wenn die Damen also 
Verwendung haben sollten, Josepha Freundlich steht gern 
zu Diensten.« 
»Josepha Freundlich?« dehnte Guntrun. »Heißt etwa die 
Mamsell so?« 
»So ist es.« 

»Ach du lieber Gott«, sagte Karola nur, doch es sprach 
Bände und löste bei den andern herzliches Lachen aus. 
Nachdem Gun auch die andern begrüßt hatte, wobei sie 
nicht unterlassen konnte, die beiden Herren mit ihrem 
»nichtsnutzigen« Blick zu bedenken nahm sie in dem Sessel 
Platz, den Arvid ihr zurechtschob. Ermenia schob ihr ein 
Sofakissen unter die Kniekehle und so saß sie denn da, alle 
der Reihe nach anlachend. 
Ein Menschenkind, einfach bezaubernd in seiner 
Jugendmaienblüte. Rank und schlank gewachsen, mit 
feinem Gesicht, hellbraun glänzendem Gelock und Augen 

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so leuchtend wie kostbare Saphire. Dazu aus gutem Hause, 
tadellos erzogen, dazu noch reich, was Wunder, wenn die 

Männer ihr da eifrig den Hof machten. 
Doch bisher war noch keiner darunter gewesen, für den sie 
sich ernstlich interessierte, von Liebe schon ganz zu 
schweigen. Wie sie sich den Gatten wünschte, wußte sie 
selbst nicht, da ihr jede Träumerei fernlag. Wenn jemand 
kam, der ihr gefiel, so heiratete sie ihn – und damit holla! 
Warum sich also über fernliegende Dinge den Kopf 
zerbrechen. Es kam ja letzten Endes doch alles anders, als 
man gedacht. 
Eine vernünftige Einstellung, nur zu vernünftig für ein 
zwanzigjähriges Mädchen. Daher galt sie auch allgemein 
für kaltschnäuzig, was aber nicht so ganz stimmte. Sie war 

sogar warmherzig und anhänglich, wie sie es bei Karola 
immer wieder bewies. Sie schien ohne diese überhaupt 
nicht leben zu können, hing ihr ständig am Rockschoß und 
unternahm nichts ohne sie. Dem Vater hing sie in 
Kindesliebe an, die Tante, die dem Hause vorstand, mochte 
sie sogar sehr gern, gleichfalls den Bruder ihrer 
verstorbenen Mutter, dem Stiefbruder war sie gleichgültig 
gegenüber. 
Im übrigen war Guntrun Wiederbach das, was man eine 
Lebenskünstlerin nennt. Nahm alles, was sich ihr bot, mit 
Freuden auf, und ging mal was daneben, nahm sie es nicht 
tragisch. Suchte sich ein anderes Amüsement, aus dem ihr 

Leben ja eigentlich bestand. Unbekümmert lebte sie in den 
Tag hinein, ohne Sorgen, ohne Pflichten. Brauchte sich 
keinen Wunsch zu versagen, konnte sich alles leisten, was 
sie begehrte. 
Ihre Tage waren ausgefüllt mit Vergnügungen und Sport. 
Tennis, Reiten, Fechten und im Winter dazu Ski- und 
Eislauf. Und da sie in den Klubs nur mit ihresgleichen 
zusammenkam, kannte sie ja nichts weiter als dieses 
Luxusleben der Töchter aus reichem Hause, aus denen 
dann später oft die unverstandenen, extravaganten Frauen 
hervorgingen. Und da der Baronin sowie ihren Lieben 

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derartige »Typen« aus der Zeit, da man noch ein großes 
Haus führte, bekannt waren; konnte man es ihnen nicht 

verdenken, daß sie dieses reiche, verwöhnte Mädchen mit 
seinesgleichen sozusagen über einen Kamm scherte. 
Guntrun, die natürlich über ein selbstsicheres Auftreten 
verfügte, fühlte sich hier irgendwie beklommen, obwohl 
die Umgebung nicht die Prachtentfaltung aufwies, wie sie 
sie allein schon von ihrem Zuhause gewohnt war und die 
daher gar keinen Eindruck mehr auf sie machte. Doch 
dieser große Raum strömte ein Fluidum aus, für das sie 
keine Bezeichnung finden konnte. 
Das machte wahrscheinlich die ganze Einrichtung, die 
gewiß nicht »dem letzten Schrei« entsprang, sondern aus 
einer Zeit stammte, wo noch Wert auf vornehme 

Gediegenheit gelegt wurde, wo noch jedes Stück ein 
Kunstwerk darstellte. Die Flächen der Mahagonimöbel 
glänzten wie Spiegelglas, die Beschläge gleißten wie pures 
Gold. Der Flügel, der inmitten des Raumes unnahbar 
seinen Platz behauptete, zeigte wundervolle Intarsien. 
Echte Teppiche, bequeme Postermöbel, duftige Gardinen 
gaben dem Gemach die Wärme, die Topfblumen auf den 
breiten Fensterbrettern etwas Fröhliches und die alte, 
herrliche Standuhr, so hoch und breit, daß man ohne 
weiteres in sie hineinkriechen konnte, mit ihrem 
brummenden Ticktack die Traulichkeit. 
Und dann war da ein großes Gemälde, das im schweren 

Goldrahmen an der einen Wand hing. Es zeigte eine Dame, 
die an die Königstöchter alter deutscher Sagen erinnerte - 
einen großen, schlanken Offizier in der Galauniform der 
Ulanen und einen vielleicht dreijährigen Knaben im 
grünen Samtanzug mit Spitzenkragen und Manschetten. 
Blonde Locken hingen diesem bildschönen Kind bis auf 
die Schultern, große Blauaugen strahlten aus dem weichen 
Gesichtchen. 
Und dieses Bild gab dem Raum eine ganz besonders 
vornehme Note. Es raunte von Glanz und Pracht längst 
vergangener Zeiten. Wo es noch feudale Reiterregimenter 

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gab und deren Offiziere stolz darauf waren, sich dazu 
zählen zu dürfen. 

Wie gebannt schaute Guntrun Wiederbach auf das 
Gemälde, und als sie den Blick dann endlich von ihm 
losriß, ging er verstohlen zu der Hausherrin, die sich 
lebhaft mit Karola unterhielt, während die andern 
interessiert zuhörten. 
Ja, das war unverkennbar die gleiche Dame wie auf dem 
Bild, nur um vielleicht ein Vierteljahrhundert älter 
geworden. Aber schön war sie auch heute noch – und 
vornehm. 
Der kleine Knabe konnte wohl kein anderer als ihr Sohn 
sein, der mittlerweile ein Mann geworden war und daher 
keine Ähnlichkeit mit dem bildschönen Kind haben 

konnte. 
Jetzt ging Guntruns Blick verstohlen zu ihm hin, der im 
Sessel saß und über etwas sprach, das sie nicht erfaßte. Sie 
lauschte nur der sonoren Stimme, der etwas Herrisches 
anhaftete, und stellte nachdenklich fest, daß ihr noch nie 
ein Mann begegnet war, der über ein so blendendes 
Aussehen verfügte. Keine Filmschönheit, bewahre, sondern 
durchaus männlich und rassig bis in die Fingerspitzen. 
Jetzt lachte er, wobei die prachtvollen Zähne durch die 
hartgeschnittenen Lippen nur so blitzten. Die kräftige 
Linke, an der ein schwergoldener Ring blitzte, fuhr sich 
über das leichtgewellte Haar, das die Farbe reifen Korns 

hatte, die blauen Augen unter den dunklen Brauen blitzten. 
»Kommt immer ganz auf das Wie an, mein gnädiges 
Fräulein«, bemerkte er neckend, und da Guntrun dem 
Gespräch nicht gefolgt war, wußte sie auch nicht, worum es 
ging. Aber da auch die andern lachten, mußte es schon 
etwas Amüsantes sein. Mal hinhören. 
Doch bevor sie dazu kam, hallte der Gong, worauf die 
Hausherrin sich erhob und sich in ihrer liebenswürdigen 
Art, der jedoch eine gewisse Zurückhaltung anhaftete, an 
die beiden Mädchen wandte. 
»Ich darf wohl die Damen bitten, an unserem Mittagsmahl 

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teilzunehmen. Wird es mit dem Pfötchen gehen, Fräulein 
Wiederbach, oder soll mein Sohn Sie auf seine starken 

Arme nehmen? Er tut’s gern, nicht wahr, mein langer 
Schlingel?« 
»Ehrensache, Muttchen«, entgegnete er schmunzelnd. »So 
lassen Sie sich denn von mir auf Händen tragen, mein 
gnädiges Fräulein.« 
»Ach nein«, warf sie ihm einen ihrer nichtsnutzigen Blicke 
zu. »Ich spüre lieber Boden unter den Füßen. Aber Ihren 
Arm nehme ich gern.« 
»Und meinen von der andern Seite«, trat Rupert rasch 
hinzu. Ohne Ziererei hakte Guntrun sich bei den Herren 
ein und hopste so frischfröhlich in das Speisezimmer, wo 
sie an der Tafel landete. 

Nach der Suppe gab es einen delikaten Entenbraten nebst 
Schmorkohl, dazu trank man einen leichten Wein. Franz 
servierte mit der Feierlichkeit, die man sonst eigentlich nur 
bei den alten Herrschaftsdienern findet. Alles an ihm 
blitzte nur so vor Sauberkeit. 
Der Tisch war so gedeckt, wie es der verfeinerten Lebensart 
entspricht und wie man es anders hier auch gar nicht 
erwarten durfte. Auch hier war die Einrichtung alt und 
wunderbar gepflegt. 
Mit dem Dessert endete dann das Mahl, dem man 
allgemein gut zugesprochen hatte. Es kam nun die 
Mittagspause, zu der die beiden Gäste sich in ihr Zimmer 

zurückzogen. Guntrun wohl noch humpelnd, aber 
dennoch so sicher auf den Beinen, daß ihr Karolas Arm 
genügte. Die andern gingen ins Wohnzimmer hinüber, 
griffen zur Zigarette und genossen das Ruhestündchen mit 
Behagen. 
»Reizende Marjellchen«, sagte Rupert schmunzelnd. 
»Hauptsächlich das jüngere ist eine ausgesprochene 
Schönheit. Das hat mal ein paar Augen im Kopf – olala!« 
»Die sie auch dementsprechend zu gebrauchen«, versetzte 
Arvid trocken, und die Mutter lachte. 
»Na was, so eine Gottesgabe darf doch nicht brachliegen.« 

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»Nanu, Muttchen, du bist doch sonst gegen flirtende 
Mädchen. Und dieses flirtet doch, daß Gott erbarm.« 

»Das schon«, gab sie zu. »Und doch ist es irgendwie 
liebenswert. Ich habe die Empfindung, daß die Kleine halb 
so schlimm ist, wie sie scheint.« 
»Derselben Ansicht bin ich auch«, nickte Ermenia. »Wenn 
der Ausspruch auch nicht paßt, so will ich ihn dennoch 
anwenden: Hunde, die viel bellen, beißen nicht.« 
»Nein, dieses ›Hundchen‹ zwickt bloß so ein bißchen«, 
zwinkerte Rupert vergnügt. »Und zwar die Männer ins Herz 
und…« 
»Und dabei lacht sie diese lieblich an«, warf Arvid ironisch 
ein. »So was müßte auf dem Scheiterhaufen verbrannt 
werden.« 

»Junge, wie abscheulich!« entrüstete sich die Mutter. »Und 
dich hab’ ich für ritterlich gehalten.« 
»Das war eben ein Fehler von dir«, blitzte er sie an, dabei 
nach ihrer Hand haschend und schmeichelnd seine W

r

ange 

daran legend. »Du hältst überhaupt viel mehr von deinem 
Jungen, als tatsächlich vorhanden ist. Aber dafür bist du ja 
auch eine Mutter.« 
Als der Gong schallte, betraten die beiden Mädchen gerade 
das Wohngemach, wo sie mit Hallo begrüßt wurden. 
»Kleine Gnädige, das geht ja schon forsch«, zwinkerte 
Rupert der strahlenden Guntrun zu. »Da können wir ja 
wieder leichtsinnig werden, wie?« 

»Danke, mein Bedarf ist gedeckt. Immer sind nicht so 
kühne Retter zur Stelle, solche findet man nämlich selten.« 
»Da hörst du es, Arvid«, stieß sein Onkel die Nase in die 
Luft. »Wenn wir einen Schnurrbart hätten, könnten wir ihn 
jetzt in Selbstgefälligkeit zwirbeln.« 
Man ging hinüber nach dem Frühstücksstübchen, dessen 
Boden von einem dicken Teppich bedeckt war. An den 
Wänden hingen wunderbare Gobelins, und Gobelinpolster 
zeigten auch die reichgeschnitzten Stühle, die den Tisch 
umstanden, über dem in einem schmiedeeisernen Gestell 
eine entzückende Laterne hing, durch deren buntes Glas 

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das Licht in allen Farben schillerte. Durch das klare Glas 
des kunstvoll gearbeiteten Eckschrankes erblickte man 

wertvolles Porzellan, auf den Borden standen altertümliche 
Humpen. 
Einzig schön war die Buntmalerei des Spitzbogenfensters 
und die Stickerei aus feinen Metallfäden, welche bis zur 
Hälfte den grünen Fries Vorhang zierte, der an der 
gewölbten Öffnung zwischen Speise- und 
Frühstückszimmer hing. Wenn man den Vorhang bewegte, 
gab es einen klingenden Ton. 
»Na, das ist hier vielleicht schön«, sagte Guntrun entzückt. 
»So ein trauliches Frühstücksstübchen sah ich noch nie.« 
»Es ist auch unser ganzer Stolz«, verriet die Baronin, sich 
mit frohen Augen umschauend. »Was jedoch da mitten auf 

dem Tisch steht, ist wiederum der Stolz unseres Sephchens. 
Keine versteht die Waffeln so delikat zu backen wie sie.« 
»Ist das ein Berg!« staunte Karola. »Den kann man doch 
unmöglich wegputzen.« 
»Haben Sie eine Ahnung«, rieb Ermenia sich den Magen. 
»Sie sollen mal sehen, wie rasch der goldene Berg 
verschwindet. Wir sind nämlich Landleute, die essen, nicht 
nur naschen wie die Städter, die ja ständige Angst um ihre 
schlanke Linie haben. Die allerdings würden eine ganze 
Woche daran knabbern und dann die Hälfte noch 
weggeben.« 
»Na, Ermelchen, wenn übertreiben – denn«, zwinkerte der 

Neffe ihr zu. »Tu nur nicht so großartig, die du auf dem 
Lande nicht für voll genommen wirst, weil du ein so 
schlechter Futterverwerter bist.« 
»Na warte, du Schlingel!« drohte sie ihm entrüstet, lachte 
dann jedoch mit den anderen. Vergnügt nahm man am 
Tisch Platz, dann bewahrheitete sich das, was Ermenia 
voraussagte – die goldbraunen Herzen verschwanden 
gewissermaßen im Handumdrehen; worüber die beiden 
Gäste nicht wenig staunten. 
Allerdings konnten sie nicht wissen, daß diese Waffeln 
feinster Art hier nicht oft gebacken wurden, weil die 

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Zutaten hierfür recht kostspielig waren. 
Wie sollten sie das auch wissen, die aus einem Hause 

’kamen, wo Geld keine Rolle spielte, wo man die teuersten 
Delikatessen als Selbstverständlichkeit hinnahm. Sie hätten 
wohl große Augen gemacht, wenn man ihnen erklärte, daß 
hier selbst eine Mark von Bedeutung war. Daß man sie 
tatsächlich erst umdrehte, ehe man sich entschloß, sie für 
etwas auszugeben, was nicht unbedingt notwendig war. 
Daß man rechnen mußte, immer nur rechnen. 
Nun, das erzählte man Gästen natürlich nicht, schon gar 
nicht solchen aus reichem Hause. Erstens wäre man auf 
Verständnislosigkeit gestoßen – und dann trugen die vier 
Menschen, die einst in Pracht und Glanz gelebt, nicht ihr 
Herz auf der Zunge. 

In diesem kleinen Gemach gab es keinen Ofen. Da brannte 
im Kamin ein helles Feuer, das genügend Wärme spendete. 
Doch in den anderen Räumen, die durchweg hoch und 
weit waren, hätten die Kamine nicht genügt. 
Und die Zentralheizung in Betrieb zu setzen, verschlang 
zuviel Geld. Mit dem, was der Koks kostete, konnte man 
schon ein anderes Loch zustopfen, deren es ja so viele gab. 
Daher war man froh über die Kachelöfen, von denen es 
allerdings nur vier gab, im Wohn- und Speisezimmer und 
in den Arbeitszimmern der beiden Herren. Die konnte man 
mit Holz heizen, das der große Waldbestand reichlich 
abwarf. 

Jedenfalls wurde das Wort Sparsamkeit in dem Hause recht 
groß geschrieben. Das Sattessen gönnte man sich natürlich, 
wenn es auch nicht gerade aus Delikatessen bestand. Auch 
alles andere wurde ohne weiteres angeschafft, was zu 
einem kultivierten Leben gehörte. Man ging nicht in 
geflickten Kleidern und auf Holzpantinen, aß auch nicht 
auf einer Glanztuchdecke mit Blechlöffeln von 
Steingutgeschirr, sondern kleidete sich gut, benutzte 
Damast, kostbares Porzellan nebst Silber, zumal das alles 
von früher her stammte, bediente sich überhaupt der 
verfeinerten Lebensart, an die man von Kindheit an 

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gewöhnt war. 
Wie hätten die beiden Gäste also wohl darauf kommen 

sollen, daß man hier nicht so unbekümmert drauflos lebte 
wie bei ihnen zu Hause? Ein anderes Leben, wo man sich 
nicht alles kaufen konnte, was das Herz begehrte, hatten sie 
ja nie mitgemacht. 
Als sich im Laufe des Gesprächs herausstellte, daß es hier 
kein Auto gab, fragte Guntrun verständnislos. »Aber wie 
kommen Sie denn zur Stadt?« 
»Mit der Kleinbahn, die wir ja hier sozusagen vor der Tür 
haben«, gab Arvid Antwort. »Das wäre mir zu zeitraubend.« 
»Na eben, Sie haben ja auch jeden Tag von sieben Gänsen 
Wurst zu machen, wie man es bei uns nennt. Reichen die 
vierundzwanzig Stunden da wenigstens aus?« 

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Herr Baron?« 
»Täte ich gern. Fürchte nur, daß Sie es sich nicht gefallen 
lassen.« 
»Käme auf einen Versuch an«, warf sie ihm einen 
»nichtsnutzigen« Blick zu. Entzückend war sie anzusehen, 
wie sie so dasaß in all ihrer strahlenden Schönheit. Denn 
alles strahlte an ihr, die Augen, das Lachen, selbst der 
flauschige Pullover aus leuchtendblauer Wolle. Kein 
Wunder, daß so ein bezauberndes Menschenkind in der 
Herrenwelt Furore machte. Daß es nicht nur Verehrer, 
sondern auch Begehrer fand, zumal es noch ein 
Goldfischchen war. Aber da es auch die Gewohnheiten 

eines solchen hatte, würde es wohl nie eine bequeme 
Ehefrau abgeben. Ergo: Vorsicht! 
Da am nächsten Morgen schon in aller Frühe der 
Schneepflug die Kleinbahnschienen freigemacht hatte, 
stand der Abfahrt der beiden Gäste nichts im Wege. Eben 
verabschiedeten sie sich von der Hausherrin, die ihnen 
nebst Ermenia bis zum Portal das Geleit gab, während die 
beiden Herren es bis zur Kleinbahn zu tun gedachten. Als 
die vier Menschen sich bereits in Bewegung gesetzt hatten, 
rief Erdmuthe ihnen nach: 
»Lassen Sie sich doch wieder mal hier sehen!« 

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»Danke, Frau Baronin!« rief Karola zurück und warf dann 
Guntrun einen Blick zu, den diese gut zu deuten wußte. 

Lassen Sie sich doch wieder mal hier sehen. - Nein, das 
durfte man nun wirklich nicht für bare Münze nehmen. 
Eine Redensart, nichts weiter. 
Es war ein herrliches Winterwetter. Hell strahlte die Sonne 
von einem unwahrscheinlich blauen Himmel. Guntrun, 
deren Knie wieder ganz in Ordnung war, sagte bedauernd: 
»Schade, daß unsere Skier futsch sind, sonst wäre ich 
bestimmt…« 
»Aber ich nicht«, schnitt Karola ihr kurz das Wort ab. »Mein 
Bedarf an Skitouren ist fürs erste gedeckt. Wenn ich mich 
dennoch dazu entschließen sollte, dann gewiß nicht mit 
dir allein, sondern immer nur in größerer Gesellschaft.« 

»Nanu, Karlchen, seit wann bist du denn feige?« 
»Meine liebe Guntrun, gebranntes Kind scheut das Feuer.« 
»Sehr richtig«, bekräftigte Rupert. »Ich würde an Ihrer Stelle 
genauso handeln.« 
»Das sieht dir gerade ähnlich«, lachte der Neffe ihn aus, 
dem das Draufgängertum des Onkels ja nicht unbekannt 
war, und dieser schmunzelte. 
»Man muß doch weise Lehren erteilen, das steht dem Alter 
zu. Und nun mal hurtig, damit der Expreß uns nicht an der 
Nase vorbeifährt. Dort rast er nämlich schon heran.« 
Also beschleunigte man die Schritte und kam gerade 
zurecht, als das Bähnlein hielt. Ein rascher Abschied, die 

Mädchen stiegen ein und wurden dann am offenen Fenster 
sichtbar. 
»Wie eingerahmt«, spöttelte Arvid. »Ein wirklich schönes 
Bild.« 
Zu einer Antwort kam es nicht, da die Lokomotive sich 
schnaubend in Bewegung setzte. Ferner wurden die 
Gesichter, die aus dem weißen Pelzwerk der Kapuze 
herauslachten, bis sie hinter einer Biegung ganz 
verschwanden. 
»Man müßte noch mal zwanzig sein«, seufzte Rupert 
elegisch, und der Neffe lachte. 

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»Was würde dir das nützen, Onkelchen? Du wärst selbst für 
die Jüngere zu jung.« 

»Und daher noch dumm genug, um mich von so einem 
charmanten Flirt, wie der Vater es treffend nennt, betören 
zu lassen. Junge, Junge, wer die mal kriegt, der wird sich 
über eine langweilige Ehe wahrlich nicht zu beklagen 
haben. Die wird ihn schon mit ihren Extravaganzen in 
Atem halten.« 
»Oder auch nicht«, entgegnete Arvid achselzuckend. »Denn 
Fräulein Wiederbach wird sich wahrscheinlich einen Mann 
aussuchen, der genauso oberflächlich ist wie sie. Somit 
käme eine der modernen Ehen zustande, wo die 
Ehepartner ihre eigenen Wege gehen und sich daher gut 
vertragen.« 

»Bis ihnen mal etwas doch nicht nach der Nase ist und sie 
sich scheiden lassen wegen seelischer Grausamkeit«, 
bemerkte Rupert trocken. »Na, unsere Sorge soll es nicht 
sein – Gott sei Dank!« 
»Gott sei Dank«, sagte auch Karola, sich aufatmend in das 
Polster sinken lassend. Guntrun sah sie erstaunt an. 
»Warum denn dieser Stoßseufzer, Karlchen?« 
»Weil du nun endlich begriffen zu haben scheinst, wie 
leichten Herzens man uns ziehen ließ – und daß ein 
Wiederkommen unerwünscht ist. Oder hältst du diese 
Redensart: Lassen Sie sich doch wieder mal hier sehen, 
etwa für eine ernsthafte Einladung?« 

»Natürlich nicht«, brummte Guntrun, die Beine ungeniert 
von sich streckend, da sie beide allein in dem Abteil 
Zweiter waren. »So ganz in Ordnung ist mein Knie doch 
noch nicht. So kurz der Weg zur Kleinbahn auch war, es 
war nicht leicht für mich, ihn zu gehen.« 
»Da hättest du ja nur den Mund aufzumachen brauchen, 
was du sonst ja so gut verstehst.« 
»Und was hätte mir das genützt? Sollte etwa der arrogante 
Herr Baron sich herablassen und mich zur Bahn tragen?« 
»Warum denn gleich so kraß«, zuckte Karola die Achsel. 
»Ein Rodelschlitten hätte es auch getan. Nun stell deine 

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schlechte Laune weg, du hast keinen Grund dazu. Schau 
lieber zum Fenster hinaus und freu dich über die 

wunderbare Winterlandschaft, durch die das Bähnlein so 
eifrig zuckelt. Herrlich finde ich diese Fahrt, doch mal was 
anderes.« 
Guntrun, die nie lange mißmutig sein konnte, wurde bald 
wieder so vergnügt, wie es ihrem sonnigen Wesen 
entsprach. Da die Kleinbahn fast jede fünf Minuten hielt, 
dauerte die Fahrt zweimal so lange als mit dem Auto. 
Allein sie wurde den beiden Mädchen nicht langweilig, 
weil es auf den Haltestellen manches für sie zu sehen gab, 
was ihnen neu war – und alles Neue hat nun mal seinen 
Reiz. Als man in den Bahnhof der Stadt einfuhr, sagte 
Guntrun bedauernd: 

»Schade, daß wir schon angelangt sind. Hast recht, 
Karlchen, das war doch mal was anderes.« 
Erwartet wurden sie natürlich nicht, da man ja zu Hause 
nicht wußte, wann und woher man sie erwarten sollte. So 
nahmen sie denn ein Mietauto, das Karola am Ziel sogar 
bezahlen konnte, da sie immer ein kleines Portemonnaie 
in der Tasche ihrer Skihose trug, so für alle Fälle. Und einer 
dieser Fälle war nun da. 
Es war ein pompöses Haus, das hinter dem 
schmiedeeisernen Tor prunkte. Nachdem Karola den Knopf 
gedrückt hatte, öffnete es sich wie von Geisterhand bedient. 
Ein Fliesenweg führte zum Portal, wo ein Diener stand, der 

groß die Augen aufriß. 
»Die – die Damen – sind schon – da?« 
»Warum denn nicht?« fragte Guntrun verwundert. »Wir 
waren ja nicht auf dem Mond. Ist mein Vater schon 
zurück?« 
»Nein, gnädiges Fräulein«, hatte der Mann sich wieder 
gefangen. Sein Gesicht trug den gewohnt blasierten 
Ausdruck, obwohl ihm nicht so ganz wohl in seiner Haut 
war. Hoffentlich hörte seine kleine Freundin, mit der er in 
der Halle scharmuziert hatte, seine Worte und verdrückte 
sich schleunigst, was dann auch der Fall war. Jedenfalls 

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fand man keinen vor, und dem Diener fiel der berühmte 
Stein vom Herzen. 

»Wünschen die Damen einen Imbiß?« erkundigte er sich 
beflissen, doch Karola winkte ab. 
»Danke, wir haben gut gefrühstückt.« 
Hinter Guntrun stieg sie nun die Treppe hinauf, die 
pompös war wie alles hier im Haus. Traulichkeit fand man 
allerdings nicht darin, dafür war alles zu unpersönlich, zu 
steif, zu hypermodern. Wenn man von der Seele eines 
Hauses sprechen darf, dann hatte dieses Haus bestimmt 
keine. 
Die Räume der beiden jungen Damen waren natürlich 
auch höchst elegant eingerichtet. Die Schlafzimmer lagen 
nebeneinander, denen sich Ankleideraum und Bad 

anschlossen, was beide miteinander teilten, ebenso wie die 
Zofe, während die Hausherrin ihre eigene besaß. 
Das erstere Kätzchen erschien nun, sehr niedlich, sehr 
adrett, und wurde von Guntrun beordert, ein Bad zu 
richten. 
»Ich lechze geradezu danach«, erklärte sie, nachdem die 
Kleine abgewippt war. »Stell dir mal vor, zwei Tage ohne 
Bad.« 
Mit Vehemenz warf sie sich in einen Sessel, worauf Karola 
fragte: 
»Willst du etwa gestiefelt und gespornt ins Bad kriechen?« 
»Ach, ich bin zu faul, um mich auszuziehen. Resi kann das 

machen.« 
»Hab

1

 ich Aussicht, auch ins Bad zu kommen?« 

»Natürlich, Karlchen, ich werde mich sehr beeilen.« 
Eine Stunde später standen dann die beiden Mädchen da 
wie frisch gewaschen und frisch geplättet. Sehr elegant 
sahen sie aus, sehr gepflegt. Sie überlegten gerade, ob sie 
vor dem Mittagessen noch etwas unternehmen sollten, als 
der zehnjährige Enno ins Zimmer stürmte. 
»Bloß gut, daß ihr da seid«, umhalste der hübsche 
Krauskopf beide Mädchen zugleich. »Wir dachten schon, 
ihr seid verschüttgegangen. Wo ward ihr denn überhaupt, 

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erzählt mal.« 
»Man nicht so stürmisch, junger Mann«, lockerte Karola die 

feste Umschlingung des temperamentvollen Bürschchens. 
»Gehen wir nach unten, da sollst du gleich den anderen 
alles erfahren. Denn zweimal über ein Abenteuer zu 
sprechen, ist zu anstrengend.« 
»Abenteuer – wirklich?« wurden die hübschen Braunaugen 
kugelrund. »Dann ist bestimmt die Gun daran schuld.« 
»Danke, sehr liebenswürdig«, fuhr diese ihm lachend in 
den Schopf, der sich nun bei den Mädchen einhakte und 
sie ungeduldig nach unten zog wo man im Wohnzimmer 
das Ehepaar und den guten Geist des Hauses, Christine 
Wiederbach, vorfand. Eine Dame Mitte Dreißig, nicht 
ausgesprochen schön, doch gepflegt und elegant. 

Die Hausherrin hingegen war mondän. Sie tat weiter nichts 
als sich zu pflegen, Modesalons in Aufregung zu versetzen 
und in der Gesellschaft tonangebend zu sein. Ihr Gatte, ein 
eleganter Endvierziger, paßte ganz gut zu ihr, nur er 
arbeitete. Schaffte reichlich das Geld herbei, das seine 
Familie mit vollen Händen ausgab, und er natürlich mit. 
Dazu der sündhaft teure Haushalt, also gehörte schon ein 
ordentlicher Batzen dazu, um all die Ausgaben zu 
bestreiten, sein großes Unternehmen auf der Höhe zu 
halten und ein dickes Guthaben sein eigen zu nennen. 
Eben versuchte dieser erfolgreiche Mann aus dem klug zu 
werden, was sein Stiefsohn hervorsprudelte. 

»Langsam, langsam!« stoppte er ab. »Was du da sprichst, 
daraus kann ja kein Mensch klug werden, Kerlchen. Was ist 
das denn für ein Abenteuer?« 
»Das Sola und Gun erlebten.« 
»Moment mal!« wurde nun der Vater stutzig. Forschend 
sah er zu den beiden Mädchen hin, die indes Platz 
genommen hatten. 
»Abenteuer, Karola? Vielleicht erklärst du mir das.« 
Sie tat’s – knapp und klar. Und je länger sie sprach, um so 
nervöser wurde Wiederbach. Als sie dann mit ihrem Bericht 
zu Ende war, sprang er auf, durchquerte einige Male den 

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großen Raum, blieb dann vor Karola stehen und sagte 
gereizt: 

»So, das bekomme ich so ganz nebenbei zu hören, in 
welcher Gefahr ihr euch befunden habt, ihr schrecklichen 
Mädchen. Ihr wußtet doch, wo ich war, hättet ihr mich da 
nicht anrufen können?« 
»Wir unterließen es absichtlich, um dich nicht zu 
beunruhigen«, entgegnete sie ruhig. »Wenn ich da immer 
wieder beteuerte, daß Gun wohlbehalten ist, hättest du mir 
das geglaubt, Onkel Egon?« 
»Hundertprozentig kaum.« 
»Also! Da ist es doch viel besser, daß du ahnungslos warst. 
Dadurch blieb dir die Sorge erspart.« 
»Hast auch wieder recht, Karolchen. Da hast du dir ja 

wieder einmal was Nettes geleistet«, wandte er sich jetzt der 
Tochter zu, die ihn freundlich anlachte. »Erst flirtest du mit 
den beiden Herren, spielst sie gegeneinander aus und wenn 
sie sich dann eifersüchtig in den Haaren liegen, bist du 
feige und kneifst aus. Diese verflixte Flirterei hört endlich 
auf, verstanden?« 
»Jawohl«, stand sie gewissermaßen stramm, während ihr 
der Schalk aus den Augen blitzte. »Es soll wirklich das 
letzte Mal gewesen sein, geliebtes Papsileinchen.« 
»Na du, über die Brücke geh

ich nicht. Übrigens wäre es 

gut, wenn du dich endlich für Rolf oder Peter, die ja wohl 
deine hartnäckigsten Bewerber sind, entscheiden würdest. 

Sie sehen beide gut aus, sind aus bestem Hause und die 
Nachfolger ihrer mehr als gutsituierten Väter…« 
»Nanu, Papichen, ist dein Portemonnaie denn schon so 
schlapp, daß du deine Tochter um des schnöden 
Mammons willen verkaufen willst?« unterbrach sie ihn 
lachend, doch er winkte unwirsch ab. 
»Natürlich nicht, du keckes Ding. Aber ein reicher 
Schwiegersohn ist mir verständlicherweise lieber als einer, 
den ich womöglich noch unterhalten muß. Man kann ja 
bei deiner Nichtsnutzigkeit nicht wissen, was du mir ins 
Haus bringst. Schon deshalb wäre es mir lieb, wenn du 

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einen von den beiden nehmen würdest, die ich von klein 
auf kenne.« 

»Ich heirate nur einen Mann«, erklärte die Gun pathetisch. 
»Und was sind denn die beiden?« 
»Hampelmänner.« 
»Na, nun schlägt’s dreizehn«, war der Vater verblüfft, 
während die anderen amüsiert lachten. »Du vergißt wohl, 
mein liebes Kind, daß Rolf überall als Löwe der 
Gesellschaft gilt.« 
»Eben, eben. Ich weiß, Papichen, du meinst es gut. Aber ich 
bin mit meinen zwanzig Lenzen doch noch zu jung, um 
mich in Eheketten schmieden zu lassen. Ich flirte doch nun 
mal zu gerne, am liebsten mit einem Dutzend zugleich. 
Das macht doch so viel Spaß.« 

»So lange, bis du mal an einen gerätst, der dir dein 
nichtsnutziges Fellchen vergerbt«, warf er trocken ein. »Ein 
Wunder, daß es Baron Hörgisholm nicht tat, als er um 
deinetwillen in das Höllenwetter dieser eisigen 
Silvesternacht hinaus mußte. Der soll nämlich nicht lange 
fackeln.« 
»Kennst du ihn denn?« fragte sie neugierig. 
»Persönlich nicht, nur vom Sehen und Hörensagen. Man 
stellt ihm allgemein das beste Zeugnis aus, ebenso seinem 
Onkel, dem früheren Ulanenrittmeister, Herrn von Bärlitz. 
Die waren weiß Gott an ein glanzvolles Leben gewöhnt 
und mußten nach dem Zusammenbruch Landwirt werden 

und in fremde Dienste treten. 
Wohl erbte der junge Baron als letzter Hörgisholm den 
Familienbesitz, aber in keinem guten Zustand. Er wird sich 
arg plagen müssen, um ihn halten zu können, und sein 
treuer Onkel Bärlitz, der wohl der Bruder seiner Mutter ist, 
mit ihm. Aber wie schon gesagt, persönlich kenne ich die 
Herren nicht. Was machten sie auf dich für einen Eindruck, 
Karola?« 
»Einen vornehmen, Onkel Egon. Dazu müssen es noch 
echte Kerle sein. Denn es gehörte schon Mut dazu, sich in 
der Silvesternacht nach draußen zu wagen, wo tatsächlich 

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Himmel und Erde zusammen waren. Für diese 
Aufopferung schulden wir ihnen wirklich Dank. 

Auch den beiden Damen, die sich so selbstlos um uns 
bemühten. Das ganze Haus haben wir mobil gemacht. 
Dann hinterher diese selbstverständliche Gastfreundschaft, 
wir fühlten uns dort tatsächlich wie zu Haus.« 
»Hm, hm«, brummte Wiederbach. »Nobel, wirklich nobel. 
Jedenfalls fahre ich, sobald das Auto durch den Schnee 
kann, nach dem Hörgishof, um meinen Dank abzustatten.« 
»Ich komme mit, Papi«, erbot Enno sich eifrig, der dem 
Gespräch mit Spannung gefolgt war. »Ich möchte dem 
Herrn Baron und seinem Onkel auch Dank sagen, daß sie 
die Rola und die Gun aus dem Schneesturm geholt haben, 
sonst wären sie bestimmt erfroren…« 

»Junge, hör bloß auf!« unterbrach der Vater ihn nervös. 
»Man darf gar nicht daran denken, geschweige denn in 
Worte fassen. Was sagst du bloß dazu, Stella?« 
Die sagte gar nichts, zuckte nur die Achseln. Was gingen sie 
die beiden Mädchen an? Da war ihr eins so gleichgültig wie 
das andere. Wenn ihnen etwas passiert, wäre es ihr deshalb 
nur unangenehm gewesen, weil das Unruhe ins Haus 
gebracht und man außerdem hätte weder Gesellschaften 
geben noch welche besuchen dürfen. Das wäre allerdings 
fatal gewesen. 
Wenn Wiederbach die Gedanken der Gattin gekannt, 
hätten sie ihn wohl entsetzt. Aber um ihre Gedanken bis 

ins kleinste zu erforschen, dafür fehlte zwischen ihnen die 
gewisse Seelengemeinschaft, wo eins ins andere aufgeht. 
Trotzdem führten sie eine gute Ehe. Wahrscheinlich 
deshalb, weil sie voneinander nicht zuviel verlangten. Wo 
eben jeder nach seiner Fasson selig werden durfte, wie 
Karola es richtig bezeichnete. 
Die Ehe war zustande gekommen, weil die Frau dem Mann 
gefiel und sie ihm außerdem das Konkurrenzunternehmen 
als Mitgift einbrachte. Sie hatte den Mann geheiratet, weil 
er ihr gleichfalls gefiel und sie das Erbe des Gatten in die 
Hände eines Ehrenmannes legen konnte, der dazu ihrem 

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Sohn noch ein guter Vater war. Daß sie den Schritt nicht zu 
bereuen brauchten, dafür war die jetzt drei Jahre währende 

Ehe ein Beweis. Man hatte sich gern, man vertrug sich – 
und wurde im übrigen nach seiner Fasson selig. 
Daß in dem großgeführten Hause alles so reibungslos 
verlief, war allein das Verdienst der Schwägerin des 
Hausherrn, Frau Christine Wiederbach. Der Schwager hatte 
sie vor drei Jahren zu sich genommen, als sein jüngerer 
Bruder, ein Leichtfuß und Hasardeur, bei Nacht und Nebel 
verschwand und somit seine Frau mittellos zurückließ. 
Wohin er sich gewandt hatte, wüßte auch heute noch 
niemand. 
Christine, die ihren Mann aus Liebe gefreit und die ihm 
eine gute Gattin gewesen war, litt zuerst sehr unter dem 

allen. Doch allmählich fand sie sich mit ihrem Schicksal ab 
und war nun ganz zufrieden. 
Warum auch nicht? Es ging ihr ja gut bei den noblen 
Verwandten, die sie wie ein vollwertiges Familienmitglied 
behandelten und ihr für die Arbeit ein Entgelt zahlten, von 
dem sie sich viel leisten konnte und es trotzdem nicht 
verbrauchte. 
Christine nahm das Erlebnis der Mädchen, die ihr beide 
ans Herz gewachsen waren, nicht so gleichgültig auf wie 
Stella. Der Schreck steckte ihr noch in den Gliedern, als 
man an der Mittagstafel saß. Das Essen war wie immer 
delikat, dafür sorgte Christine schon. Wenn sie sich auch 

nicht direkt an den Herd stellte, sondern das der Köchin 
überließ, so sah sie auch da, wie ja überall, stets nach dem 
Rechten. Den servierenden Diener hatte sie soweit gedrillt, 
daß sie ihn mit den Augen dirigieren konnte. 
Daß alles so vorzüglich klappte, dafür wäre eigentlich die 
Hausherrin zuständig gewesen. Allein, die machte sich das 
Leben leicht, war Gast im eigenen Haus. 
Einige Tage später betrat Wiederbach das Wohnzimmer, wo 
man sich vollzählig eingefunden hatte, weil es kurz vor 
dem Abendessen war. In dem weiten Raum roch es wohl 
nach Geld, aber man saß in ihm wie auf einem 

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Präsentierteller, was gewiß nicht zur Gemütlichkeit beitrug. 
Wohnzimmer war überhaupt nicht die richtige 

Bezeichnung, weil man gar nicht in ihm wohnte, sondern 
sich kurz vor den Mahlzeiten in ihm zusammenfand. Sonst 
waren die Familienmitglieder ständig unterwegs, selbst am 
Abend. Und wenn mal eines von ihnen zu Hause blieb, 
hielt es sich in den eigenen vier Wänden auf. 
Daß die Mahlzeiten pünktlich eingenommen wurden, 
dafür sorgte Christine. War einer unpünktlich, wurde auf 
ihn nicht gewartet. Dann aß er eben außerhalb – Punktum! 
Nachdem der Hausherr die Häupter seiner Lieben gezählt 
hatte, ließ er sich in einem wohl kostbaren, aber 
unbequemen Sessel nieder, schlug ein Bein über das 
andere, tippte die Fingerspitzen gegeneinander, räusperte 

sich und begann: 
»Ich traf heute im Ratskeller, wo ich mit meinem 
Geschäftspartner verabredet war, Herrn von Bärlitz mit 
seinem Neffen, die bei einem Imbiß saßen. Da packte ich 
die Gelegenheit beim Schopf, trat an den Tisch der beiden 
Herren, machte mich mit ihnen bekannt und sprach 
meinen Dank für die Rettung unserer Mädchen aus. Wohl 
war man höflich, aber zum Kuckuck, ich konnte mit ihnen 
nicht warm werden. Pen Dank lehnte man für eine 
Selbstverständlichkeit ab, erkundigte sich nach dem 
Ergehen der beiden jungen Damen und ging im übrigen 
aus seiner Zurückhaltung nicht heraus, so daß ich es 

tatsächlich nicht wagte, meinen Vorschlag zu unterbreiten. 
Ich wollte ihnen nämlich als Dank ein Darlehen mit 
niedrigem Zinssatz anbieten, um ihnen so ein wenig unter 
die Arme zu greifen, aber wie schon gesagt, habe ich es 
angesichts so kühler Reserviertheit nicht gewagt. Nun, wer 
nicht will, der hat. Ich werde ihnen mein gutes Geld gewiß 
nicht aufdrängen.« 
»Wäre ja auch noch schöner«, meinte Stella, dabei weiter in 
dem Modejournal blätternd. Denn was der Gatte da 
erzählte, interessierte sie absolut nicht. 
Viel interessanter waren die aufregend schicken Kleider. 

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»Schau mal, Christine, wie findest du das da?« fragte sie die 
Schwägerin, die einen Blick darauf warf und nur ein Wort 

sprach: 
»Verrückt.« 
»Mein Gott, wie kann man nur so geradeheraus sein«, 
preßte die Mondäne nervös die Fingerspitzen gegen die 
Schläfen, und Tinchen lachte. 
»Soll ich etwa über etwas in Entzücken ausbrechen, was ich 
scheußlich finde?« 
»Du hast eben keinen Geschmack.« 
»Möglich.« 
»Haltet bitte Ruhe«, zog der Hausherr unbehaglich die 
Schultern hoch, weil er seine Bequemlichkeit bedroht 
fühlte. »Über Geschmack soll man nicht streiten. Jedem das 

Seine.« 
»Hör mal, Papi, fährst, du nun nicht nach dem Hörgishof?« 
fragte Enno enttäuscht. 
»Nein, Kerlchen. Ich habe ja meinen Dank abgestattet und 
daher keine Veranlassung mehr, den Hörgishof 
aufzusuchen.« 
»Das tut mir aber leid«, schob das Bürschchen die 
Unterlippe vor. »Ich bin nämlich noch nie auf einem Gut 
gewesen.« 
»Da ist im Winter bestimmt nichts los, mein Junge. Alles 
tiefverschneit, die Tiere eingestallt, in den Zimmern lausig 
kalt.« 

»Das stimmt ja nun nicht«, schaltete sich Karola ein. »Es 
war in den Räumen mollig warm, die Kachelöfen fauchten 
nur so.« 
»Was, Kachelöfen?« rümpfte Stella geringschätzig die Nase. 
»Wie altmodisch. Und dementsprechend wird ja auch alles 
andere sein bei den armen Menschen. Es steht wirklich 
schlimm um den verarmten Adel.« 
»Nun, nun, von verarmtem Adel kann man bei den 
Hörgisholms doch wirklich nicht sprechen«, unterbrach der 
Gatte sie, peinlich berührt. »Denn der Hörgishof ist ein 
ausgedehnter Herrensitz. Wenn auch jetzt noch 

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verwahrlost, so kann er bei guter Bewirtschaftung gewiß 
wieder auf die Höhe kommen, was natürlich nicht von 

heut auf morgen geht, weil das Kapital fehlt.« 
»Das soll unsere Sorge nicht sein«, meinte sie gelangweilt. 
Was ging sie das Geschick anderer Menschen an? Die 
Moden in dem Heft waren weit wichtiger. 
Guntrun hatte alles schweigend mit angehört. Jetzt biß sie 
sich auf die Lippen, um nicht Worte durchrutschen zu 
lassen, die der Stiefmutter nicht genehm gewesen wären, 
die weiter nichts war als eine hohle Gesellschaftspuppe. 
Noch nie war dem Mädchen das so kraß aufgefallen wie 
heute. 
Es war ein stattlicher Besitz, den Dr. rer. pol. Detlef 
Honneck seit einigen Monaten sein eigen nannte. Die 

Fabrik, ein großer stabiler Bau, beanspruchte schon allein 
einen beachtlichen Platz. Dazu kamen noch die 
Verwaltungsgebäude, Labor, Maschinenhaus, Speicher, 
Ställe, Garagen, die Häuschen der Arbeiter, das 
Herrenhaus, das ein wenig abseits in einem mäßig großen 
Park stand, um die zehn Morgen Land, alles in allem gab 
das schon einen Riesenkomplex. 
Ganz aus der Branche war der Besitzer all der Herrlichkeit 
wohl nicht, aber immerhin annähernd. Denn vorher war er 
Teilhaber eines Mühlenwerkes gewesen – und 
Mehlprodukte und Zucker vertragen sich ja gut. Also fiel es 
ihm gar nicht schwer, sich in dem neuen Betrieb 

einzuarbeiten. 
Hanna, seine Schwester, die schon immer viel für das 
Landleben übrig hatte, war nun so richtig in ihrem 
Element. Sie schwang in der komfortablen Villa das Zepter 
mit Energie, während der Bruder es im Betrieb tat. 
Eben betrat er das Speisezimmer, wo bereits der Tisch zum 
Abendessen gedeckt war. Durch eine andere Tür kam die 
Schwester hinzu, und Detlef begrüßte sie schmunzelnd. 
»Guten Abend, Hansinchen. Siehst ja prächtig aus. Mir 
scheint, du wirst jeden Tag jünger und hübscher!« 
»Hast du etwa ein böses Gewissen, weil du mir so beflissen 

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Komplimente machst?« fragte sie lachend, doch er winkte 
großartig ab. 

»Mein Gewissen ist so rein wie eine Frühlingsblume. Aber 
einen Mordshunger hab

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 ich.« 

»Sollst ihn herrlich stillen, Bruderherz. Jost wird sofort 
servieren.« 
Jost war der Diener, den Hannas Gatte mit in die Ehe 
brachte und dann der Gattin testamentarisch vermacht 
hatte. Also ein Inventarstück, mit den Allüren des 
herrschaftlichen Dieners. Würdig servierte er das Mahl, das 
aus einem ländlichen Gericht bestand. Schmackhaft 
zubereitet; denn die Köchin war vorzüglich. 
Nach dem Essen ging man ins Wohnzimmer hinüber, 
nahm am Kamin Platz, griff zur Zigarette und plauderte. 

Das villenartige Haus war sehr geräumig. Unten befanden 
sich außer der Diele sechs Räume, darunter ein sehr großer 
für gesellschaftliche Zwecke. Im ersten Stock lagen die 
Schlafzimmer der Geschwister nebst einer Anzahl 
Fremdenzimmer, im zweiten Stock die Räume der 
Dienerschaft mit mancherlei Nebengelaß, die 
Wirtschaftsräume barg der Anbau, und das alles bot einen 
schmucken, gepflegten Eindruck, nach dem der neue 
Besitzer es hatte renovieren lassen. 
Auch innen war alles komfortabel eingerichtet. Man hatte 
dazu die Sachen Hannas verwendet und die fehlenden 
hinzugekauft. Jedenfalls befand sich kein Stück ihres 

Elternhauses darunter, man hatte es in Bausch und Bogen 
verkauft. 
»Sag mal, Detlef, wo bist du eigentlich mit deinen 
Gedanken«, fragte die Schwester ungeduldig. »Schon 
dreimal habe ich dich dasselbe gefragt.« 
»Entschuldige, Hansichen, frage ein viertes Mal.« 
»Hast du den Herren deinen Vorschlag unterbreitet?« 
»Jawohl.« 
»Was machten sie für Augen?« 
»Graugrüne.« 
»Wie bitte?« 

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»Ach ja, so«, lachte er verlegen. »Ich bin tatsächlich etwas 
zerstreut.« 

»Nur gut, daß du es zugibst«, lachte sie amüsiert. »Nun mal 
gebeichtet. Wer hat denn grüngraue Augen?« 
»Eine entzückende junge Dame.« 
»Aha, nun kommen wir der Sache schon näher. Wie sieht 
sie sonst aus?« 
»Zierlich, brünett…« 
»Dazu helle Augen, gar nicht übel. Wo bist du ihr 
begegnet?« 
»Im Cafe Krone. Ich begrüßte dort Herrn von Bärlitz, der 
dort die beiden Damen traf, die in der Silvesternacht in den 
Schneesturm gerieten. Die ältere von ihnen hat wunderbare 
Augen, grüngrau, umrahmt von einem dichten, dunklen 

Wimpernkranz. Es sind die schönsten Augen, die ich jemals 
sah«, schloß er wie ein trotziger Junge, und Hanna besah 
ihn sich kopfschüttelnd. 
»Ja, sag mal, mein Sohn, sollte wirklich das Wunder 
geschehen und du dich so gründlich in ein Mädchen 
verlieben, daß du es am liebsten vom Fleck weg heiraten 
möchtest? Darüber würde sich kein anderer so mit dir 
freuen wie ich. Denn deine Gleichgültigkeit den Frauen 
gegenüber hat mir gar nicht gefallen.« 
»Nanu, Hansinchen, du hast mir doch mehr als einmal den 
Schwerenöter vorgeworfen, der mit jeder Frau flirtet, und 
nun…« 

»Eben – flirten und den Mädchen dabei den Kopf 
verdrehen, das hast du erstklassig ’raus. Aber mal so richtig 
ernst machen, dafür bist du zu feige.« 
»Ist es bei dem Fiasko, das ich in meiner Ehe erlebte, 
vielleicht ein Wunder?« 
»Herrgott, Junge, wenn mal einige Apfel faul sind, braucht 
es doch nicht gleich der ganze Äppelkahn zu sein«, stellte 
sie in ihrem Eifer den komischen Vergleich, der den Bruder 
laut herauslachen ließ. Und da dieses Lachen so ansteckend 
wirkte, mußte sie wohl oder übel mithalten. 
»Ist doch wahr«, griff sie dann den Faden wieder auf. »So 

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ein Prachtkerl wie du, der muß doch zusehen, daß er 
Nachwuchs bekommt. Schließlich bist du Mitte Dreißig, 

also höchste Zeit, wenn du den Anschluß nicht ganz 
verpassen willst. Ob das Mädchen mit den schönen Augen 
dich vielleicht…« 
»Halt, halt!« stoppte er ihren zunehmenden Eifer. »Ich bin 
mit der jungen Dame noch keine halbe Stunde zusammen 
gewesen, wobei sie, weil sie eben eine Dame ist, sich sehr 
zurückhaltend verhielt. Vielleicht treffe ich überhaupt nicht 
mehr mit ihr zusammen. Höchstens in der Stadt auf der 
Straße, aber da kann ich sie doch unmöglich ansprechen.« 
Nein, das konnte er als wohlerzogener Mann nicht. Dafür 
tat es jedoch jemand anders, der mal so ein bißchen 
Vorsehung spielen wollte. Zwar soll man das nicht tun – 

aber vielleicht, vielleicht. 
Es war einige Tage später. Hanna, die eifrig bemüht war, 
sich eine erstklassige Geflügelzucht zuzulegen, hatte beim 
Werkmeister einen Hahn erstanden, ein wahres 
Prachtexemplar seiner Rasse, den ein Lehrling im Korb zum 
Stall tragen sollte. 
An seiner Seite ging Hanna, so richtig stolzgeschwellt über 
den bildschönen Zuwachs des Hühnerhofes. Wer sie sah, 
wie sie so dahinschritt, hochbeinig, vollschlank, mit dem 
runden Gesicht und den blühenden Farben, dem blonden, 
leichtgewellten Haar, hätte sie nie für die Schwester des 
dunklen Detlef gehalten. Das kam daher, weil sie ihrem 

Vater und er seiner Mutter glich. 
Ausgesprochen hübsch war Hanna wohl nicht, aber alles 
an ihr wirkte ungemein klar und sauber. Außerdem 
gewann sie durch ihre natürlich aufrechte Art und ihren 
fröhlichen Sinn. 
Also ging sie auch jetzt frohgemut dahin, frisch und äußerst 
gepflegt. Auf den Hahn gab sie nicht weiter acht, weil sie 
ihn in dem Korb sicher glaubte. Und da der Lehrling 
dasselbe tat, so konnte es kommen, daß der Herr Hahn aus 
seinem Gewahrsam entfloh und mit Geschrei Reißaus 
nahm. 

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Zuerst waren die beiden Menschen wie erstarrt, doch dann 
kam Leben in sie. Wie die wilde Jagd stürmten sie dem 

listigen Ausreißer nach, der über den Hof wetzte und dann 
über die Chaussee, die an der Parkmauer entlangführte. Mit 
Entsetzen sah Hanna, wie das verängstigte Tier in ein Auto 
hineinlief, das im flotten Tempo daherkam. Da sie es 
bereits verloren glaubte, bedeckte sie die Augen mit der 
Hand, um den Tod des prächtigen Zuchthahns wenigstens 
nicht mit ansehen zu müssen. 
Was dann kam, geschah in Sekundenschnelle. Die Reifen 
radierten, die Bremse kreischte – und als Hanna zögernd 
die Hand von den Augen nahm, bemerkte sie in dem 
offenen Wagen zwei lachende Mädchen und zwischen 
ihnen den Ausreißer, der in seiner kopflosen Angst in den 

Wagen geflattert war. 
Und wer konnten diese beiden Mädchen wohl anders sein? 
Keine anderen als Karola Arnhöft und Guntrun 
Wiederbach. 
Während erstere ausstieg, hielt letztere den Herrn Hahn, 
der natürlich mächtig revoltierte, so lange fest, bis die nun 
Draußenstehende ihn in Empfang nehmen konnte. 
Lachend reichte sie den buntgefiederten Prachtkerl seiner 
Eigentümerin hin – und als diese die graugrünen Augen 
bemerkte, hielt sie diese gewiß nicht alltägliche Begegnung 
für einen Wink des Schicksals. Blitzschnell schoß es ihr 
durch den Sinn, daß sie es daraufhin wohl wagen dürfte, 

Vorsehung zu spielen. 
Doch; zuerst reichte sie den Hahn dem verdatterten 
Lehrjungen und schärfte ihm ein, das Tier nicht in den 
Korb zurückzutun, sondern es fest in den Arm zu nehmen 
und es im Geflügelhof an maßgebender Stelle abzuliefern, 
was der Junge eifrig versprach. 
Und kaum, daß er abgetrollt war, tat Hansinchen etwas, 
das ihrer aufrichtigen Natur eigentlich so gar nicht lag. Sie 
stützte sich nämlich auf die Kühlerhaube, verzog das 
Gesicht und erklärte, den rechten Fuß nicht aufsetzen zu 
können. Wahrscheinlich hatte sie ihn bei der hitzigen 

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Lauferei vertreten. 
Schäm dich, Hanna, so unverfroren zu lügen! schalt sie 

sich wohl selber aus, allein von den andern beiden wurde 
dieses listige Manöver ohne weiteres geglaubt. Es geschah 
auch, was die Schwindlerin erhoffte. Man bot ihr besorgt 
an, im Wagen Platz zu nehmen und sie nach Hause zu 
fahren. 
»Herzlichen Dank«, murmelte Hanna, die sich nun 
wirklich schämte. Aber da man, wenn man A gesagt hat, 
auch B sagen muß, blieb ihr nichts anderes übrig. Mit 
Karolas Unterstützung nahm sie neben dem Führersitz 
Platz und erklärte Guntrun, wie sie fahren sollte. 
»Ich bin nämlich die Schwester des Besitzers der 
Zuckerfabrik und heiße Hanna Diersk«, stellte sie sich vor, 

worauf sie auch die Namen der beiden Mädchen erfuhr. 
Einige Minuten hielt der Wagen vor dem Portal, und da 
Hansinchen ja nicht ohne Unterstützung gehen konnte, 
wurde sie von den Mädchen ins Haus geführt und in der 
elegant eingerichteten Diele in einen Sessel gesetzt. 
»Man müßte einen Arzt herrufen«, meinte Karola zögernd, 
doch Hanna, die dieses ihrer so unwürdige Spiel nicht auf 
die Spitze treiben wollte, winkte hastig ab. 
»Danke, Fräulein Arnhöft. Ich möchte damit doch lieber 
warten, bis mein Bruder kommt.« 
Und siehe da, wie auf ein Stichwort trat dieser ein, stand 
zuerst mal beim Anblick der beiden jungen Damen wie 

erstarrt zwischen Tür und Angel. Wohl hatte er vor dem 
Portal den kostbaren Wagen bemerkt, aber nicht gewußt, 
zu wem er gehörte. 
Nun machte sein Herz einen Freudensprungs was sich auf 
seinem Gesicht widerspiegelte. Es strahlte nur so, als er die 
beiden jungen Damen in seinem Hause willkommen hieß, 
sah dann jedoch recht betreten aus, als er von der 
»Verletzung« der Schwester hörte. Besorgt beugte er sich 
nieder, tastete behutsam den Knöchel ab, wobei er Hanna 
so nahe war, daß sie ihm zuflüstern konnte: 
»Trick, um deinen Schwarm ins Haus zu bekommen.« 

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Er vernahm es wohl, zuckte aber dabei mit keiner Wimper. 
Langsam richtete er sich auf und meinte achselzuckend: 

»Nicht weiter tragisch, Hanna, der Fuß ist nur ein wenig 
verknackst. Schmerzhaft ist so was schon, und du kannst 
von Glück sagen, daß du den beiden Damen begegnetest, 
die sich so lieb deiner annahmen.« 
Wieder strahlte er die beiden Mädchen an, wobei es Karola 
ganz eigen ums Herz wurde. 
»Ich darf doch die Damen weiterbitten, nicht wahr?« 
schmeichelte seine Stimme weich wie Samt. »Oder wird 
meine Bitte als aufdringlich empfunden?« 
»Keineswegs«, entgegnete Guntrun rasch. Denn sie hätte ja 
kein weibliches Wesen sein müssen, wenn sie nicht die 
Bewunderung gespürt, die der Mann für Karola empfand. 

Deren ärgerlichen Blick ignorierend, lachte sie ihn 
freundlich an, der nun auch von dieser hellsonnigen 
Schönheit entzückt war, und doch gefiel ihm die dunkle 
Schönheit besser. 
»So darf ich denn die Damen bitten«, zeigte er mit einer 
einladenden Handbewegung nach der geöffneten Flügeltür, 
hinter der ein sehr hübscher Salon sichtbar wurde. 
»Gehen Sie bitte schon voraus, ich komme mit meiner 
Schwester nach.« 
Damit zog er sie aus dem Sessel hoch, umfaßte ihre 
Schultern, und Hansinchen humpelte davon, was ihr einen 
spöttischen Blick des Bruders eintrug. 

»Schäm dich!« raunte er ihr zu, was sie dann auch 
tatsächlich tat. 
Im Salon ließ er sie in einen Sessel gleiten und wandte sich 
dann den beiden Mädchen zu, mit der ganzen 
Liebenswürdigkeit, die ihm eigen. 
»Nehmen Sie bitte Platz, meine Damen.« 
»Danke, Herr Doktor«, zögerte Karola. »Es ist wohl besser, 
wenn wir uns verabschieden.« 
»Auf keinen Fall!« protestierte er dringlicher, als die 
Vorsicht gebot. »Warum wollen Sie denn gehen?« 
»Weil Ihre Frau Schwester den Arzt hinzuziehen muß. Da 

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kann unsere Gegenwart nur störend wirken.« 
»Ich brauche keinen Arzt«, erklärte Hanna hastig. »Schauen 

Sie mal, ich kann den Fuß ganz gut bewegen.« 
»Na also«, schmunzelte der Bruder und schob zwei Sessel 
zurecht, in welche die Mädchen sich dann auch setzten. 
Eine Erfrischung oder gar ein Schnäpschen lehnten sie 
jedoch entschieden ab, nahmen nur eine Zigarette. 
Da sie alle vier weltgewandte Menschen waren, kam bald 
ein Gespräch zustande, wobei sich Karola allerdings 
reserviert verhielt. Dafür schwatzte Guntrun munter 
drauflos. Und als die Mädchen sich nach einer halben 
Stunde verabschiedeten, hätte Detlef sich am liebsten an 
ihre Fersen geheftet. 
»Nun, wie hab’ ich das gemacht?« fragte Hanna stolz, als 

sie mit dem Bruder allein war, und schmunzelnd kam es 
zurück: 
»Ich hab’ bisher gar nicht gewußt, daß du so heucheln 
kannst, Hansinchen. Man muß sich ja vor dir in acht 
nehmen.« 
»Aber gefallen hat dir meine Heuchelei trotzdem, nicht 
wahr?« zwinkerte sie ihm vergnügt zu. »Es wäre sehr dumm 
von mir gewesen, diesen Wink des Schicksals zu ignorieren. 
Denn daß es gerade das Auto sein mußte, in dem der 
entfleuchte Hahn Zuflucht suchte, gibt doch wohl zu 
denken. Ich hab’ dir nun den Weg geebnet, jetzt sieh zu, 
daß du ihn fest und unbeirrt weitergehst.« 

»Worauf du dich verlassen kannst, Schwesterherz. 
Jedenfalls hab’ herzlich Dank, daß du mir so lieb geholfen 
hast, wenn auch mit List«, setzte er lachend hinzu, doch sie 
tat großartig ab. 
»Auf den Schleichpfaden der Liebe ist jede List gestattet. Ich 
bin neugierig, was du unternehmen wirst, um deinem 
Schwarm wieder zu begegnen.« 
»Indem ich zum Hörgishof fahre, was ich geschäftlich 
sowieso vorhatte. So kann ich nun das Geschäftliche mit 
dem sehr Angenehmen verbinden und die wiedersehen, die 
es tatsächlich fertiggekriegt hat, mein jahrelang so 

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eisgekühltes Herz heiß zu machen. Denn von der 
entzückenden Gun wissen wir ja, daß die beiden Mädchen 

sich von dem Hörgishof kaum trennen können. 
Doch nun mal die Frage, die so sehr wichtig ist: Wie gefällt 
dir Fräulein Arnhöft überhaupt?« 
»Gut, sehr gut sogar. Aber warum ist das so wichtig? Du 
willst sie doch heiraten, nicht ich.« 
»Allerdings. Doch da du ja schließlich auch unter einem 
Dach mit ihr leben mußt, wäre es eine Zumutung, dir 
einen unsympathischen Menschen sozusagen auf die Nase 
zu setzen.« 
»Ach, wenn es danach geht, könnte ich mir mein eigenes 
Heim einrichten…« 
»Stopp ab, Hanna!« unterbrach er sie erregt. »Ehe ich das 

zuließe, würde ich eher verzichten. Ich weiß doch, wie 
wohl du dich hier fühlst, wie du so ganz in deinem 
Element bist. Und da sollte ich den traurigen Mut haben – 
nein, Hansinchen, über den verfüge ich nicht.« 
»Hm, aber über Fräulein Arnhöft scheinst du bereits zu 
verfügen«, sagte sie warnend. »Mäßige da nur dein 
Ungestüm, Junge. Warte erst einmal ab, ob sie dich 
überhaupt heiraten will. Den Eindruck macht die junge 
Dame nämlich nicht, daß sie dir gleich beim ersten Wink 
beseligt in die Arme sinken wird. Mir schwant so, als ob du 
nicht der einzige bist, der sie zur Frau begehrt. Dafür ist sie 
denn doch zu anziehend, und die Männer haben ja 

schließlich Augen im Kopf. Na, werden wir leben, werden 
wir sehen.« 
Allein, es sollte dem Mann, den die Liebe so spontan 
gepackt hatte, vorerst nicht beschieden sein, seines Herzens 
Traute wiederzusehen. Denn es gab in den nächsten Tagen 
im Betrieb so Dringendes für ihn zu tun, daß er einfach 
nicht dazu kam, den Hörgishof aufzusuchen. Doch sobald 
es irgend anging, erschien er dort, wo er, weil es Sonntag 
war, die Familie vereint antraf. 
»Man immer hereinspaziert in die gute Stube!« empfing 
Rupert aufgeräumt den Gast. »Reihen Sie sich ein in unsere 

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traute Runde. Was trinken Sie?« 
»Nichts, Herr von Bärlitz, ich bin mit dem Wagen da. 

Danke, eine Zigarette nehme ich gern. 
Und nun will ich gleich mit der Tür ins Haus fallen, wie Sie 
mir so nett rieten. Wollen Sie mir die Ecke Land, die an 
meinen Besitz grenzt, verkaufen, Herr Baron? Ich möchte 
da nämlich Zuckerrüben anbauen. Seien Sie also nett und 
geben Sie es mir ab. Ihnen bleibt noch immer übergenug.« 
»Schön wär’s«, seufzte Arvid. »Aber leider ist es nicht 
möglich. Laut Testament darf ich kein Land veräußern, 
wenn ich nicht des Erbes verlustig gehen will, und das steht 
nicht in meiner Absicht.« 
»Das ist allerdings fatal«, sagte Honneck betroffen. »Hm, 
hm, macht mir einen ordentlichen Strich durch meine 

Rechnung. Wenn ich nun nicht den Acker kriegen kann, 
darf ich dann wenigstens hoffen, daß Sie ihn mit 
Zuckerrüben bestellen?« 
»Gar nicht so übel. Was meinst du dazu, Onkel Rupert?« 
»Daß man es mal versuchen könnte, mein Junge. Rentiert 
es sich nicht, lassen wir die Finger davon. Also kein Risiko.« 
»Das ist doch ein Wort!« freute Honneck sich. »Rentieren 
wird sich der Anbau bestimmt, er tut es bei den andern 
Landwirten ja auch.« 
Man unterhielt sich nun noch weiter über das 
Zuckerrübengeschäft, wobei Detlef jedoch nicht ganz bei 
der Sache war. Immer wieder ging sein Blick verstohlen zu 

den Türen hin, lauschte sein Ohr auf jedes Geräusch, allein 
diejenige, welche er so sehnsüchtig erwartete, erschien 
nicht. Ob sie wohl gar nicht hier war? 
Sie war es tatsächlich nicht, wie er auf eine geschickt 
gestellte Frage erfahren sollte. Guntrun lag nämlich mit 
einer Erkältung zu Bett, und da war es selbstverständlich, 
daß Karola bei ihr blieb. 
Ganz nebenbei wurde das erwähnt. Man konnte ja nicht 
wissen, wie brennend sich der Besucher dafür interessierte. 
So richtig enttäuscht verabschiedete er sich. 
Und während er darüber nachgrübelte, wie er wohl zu 

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einer Begegnung mit Feinsliebchen kommen könnte, 
grübelte der Besitzer vom Hörgishof darüber nach, wie er 

wohl zu dem Geld kommen sollte, das zu der Summe 
fehlte, die er morgen, am ersten April, als Zinsenzahlung 
einer Hypothek abliefern mußte. 
»Es will einfach nicht reichen«, legte er soeben müde den 
Stift auf das Papier, das kreuz und quer mit Zahlen bedeckt 
war. »Wie einfach wäre alles, hätte ich das Stück Land an 
Herrn Honneck verkaufen können. 
Ja, was machst du denn da?« fragte er verblüfft die Mutter, 
die neben ihn getreten war und eine Anzahl Scheine auf 
den Schreibtisch zählte. »Was ist denn das?« 
»Geld«, war die lakonische Antwort. »Wenn du es zu dem 
andern legst, reicht es dann zur Zinsenzahlung?« 

»Reichlich sogar«, entgegnete er, dabei auf die Scheine 
starrend, als wären sie nicht geheuer. »Es reicht sogar, um 
den Dachdecker zu bezahlen. Darf ich fragen, woher du das 
Geld hast, Mutter?« 
»Zum Teil aus dem Erlös der Schneeglöckchen, die 
reißenden Absatz fanden. Wir konnten gar nicht soviel 
pflücken, wie verlangt wurden. Hätten die beiden Mädchen 
nicht so eifrig dabei geholfen, lägen weit weniger Scheine 
hier. Ja, und dann habe ich einige Sachen an das große 
Antiquariat verkauft. Laß die drohende Falte zwischen den 
Brauen, man kann ja Angst kriegen. Was ist denn schon 
dabei? Hier liegen die Sachen ja doch nur herum.« 

»Durch wessen Vermittlung ist der Kauf zustande 
gekommen?« fragte er kurz dazwischen. »Etwa durch die 
der beiden jungen Damen?« 
»Ah, daher weht der Wind«, bemerkte sie trocken. 
»Beruhige dich, die Damen haben nichts damit zu tun. Ich 
las in der Zeitung ein Inserat, daß die Handlung ständigen 
Bedarf an Antiquitäten hat.« 
»Da bist du hingegangen und hast sie – angeboten.« 
»Ich bin nicht und ich habe nicht, sondern Franz tat es. Ist 
es vielleicht eine Schande, wenn man etwas verkauft? Du 
tust es mit deinen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ja 

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auch.« 
»Ist ja schon gut Muttichen«, drückte er seine Lippen 

schmeichelnd auf ihre Hand. »Nun ich weiß, daß du nicht 
selbst in den Laden gegangen bist, sondern den Verkauf 
Franz überlassen hast.« 
»Ist mir auch keine Perle aus der Krone gefallen«, warf sie 
lachend ein. »Daß du doch davor immer Angst hast, du 
dummer Junge. Übrigens sagte Franz, daß er im Antiquariat 
alte Schriften entdeckt hat. Ob wir dem Inhaber des 
Geschäfts mal die hinterlassene Sammlung Jaspers 
anbieten, die für uns doch ganz wertlos ist? Was meinst du 
dazu, Rupert?« 
»Ich meine, daß diese Schriften, für die Jasper seinen Besitz 
ruinierte, nicht so leicht an den Mann zu bringen sein 

werden, wenigstens für einen angemessenen Preis nicht.« 
»Und da wir keine Ahnung haben, wieviel sie überhaupt 
wert sind«, sprach Arvid weiter, »müssen wir sie von einem 
Experten abschätzen lassen – und der kostet Geld, das wir 
nicht haben. Ich bitte daher dringend, Mutter, veräußere 
nichts mehr ohne mein Einverständnis, warten wir damit 
noch ab.« 
Abwarten! Ein Wort, das wohl in jedes Menschen Leben 
mehr oder weniger eine Rolle spielt. Und das dann oft ein 
Ende findet, wenn man nicht damit rechnet. 
So erging es auch Detlef Honneck. Tagelang wartete er 
ungeduldig auf ein Wiedersehen mit Karola Arnhöft, und 

als sich dann sein Wunsch erfüllte, geschah es dennoch 
unerwartet. 
Ganz plötzlich stand er ihr gegenüber, als er in der Stadt 
ein Geschäft betreten wollte, das sie gerade verließ, und 
sein Ausruf: 
»Gnädiges Fräulein, das ist aber mal eine freudige 
Überraschung«, war gewiß keine Redensart, denn seine 
Augen strahlten sie an. 
Und sie? Sie freute sich auch, was nun wiederum ihm nicht 
entging. Das gab ihm den Mut, ihr seine Begleitung 
anzubieten, was sie ihm gewährte, wobei sie jedoch nicht 

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verhindern konnte, daß ihr das Blut heiß ins Gesicht 
schoß. 

Sie fühlte sich überhaupt ihm gegenüber so gehemmt, wie 
noch bei keinem Mann zuvor. Ihre ganze Selbstsicherheit 
geriet ins Wanken unter seinem strahlenden Blick, der 
warmen Stimme, die sie berührte wie zärtliches Streicheln 
und ihr Herz in Verwirrung brachte. 
Obwohl sie das gar nicht wollte, schritt sie an seiner Seite 
dahin. Verfehlte sogar die Querstraße, in die sie hätte 
einbiegen müssen, um nach Hause zu kommen. Als sie es 
bemerkte, verhielt sie, unwillig über sich selbst, den Schritt 
und sagte kühl: 
»Ich muß mich verabschieden, Herr Doktor Honneck, weil 
ich in diesem Haus zu tun habe.« 

»Das ist aber schade«, bedauerte er und stutzte dann, als 
sein Blick auf den einstöckigen Bau fiel, wo neben der 
Haustür ein großes Schild angebracht war, auf dem zu 
lesen stand: Heiratsvermittlungen. 
Nun, Detlef Honneck war taktvoll genug, eine lachende 
Bemerkung zu unterdrücken, zumal er den erschrockenen 
Blick bemerkte, mit dem Karola das Schild überflog. Doch 
dann lachte sie und fand mit diesem frohen Lachen die 
Sicherheit wieder, die sie sich im gesellschaftlichen Verkehr 
längst angeeignet hatte. 
»Da will ich natürlich nicht hin«, gestand sie freimütig, und 
er schmunzelte. 

»Das dürften Sie auch wirklich nicht nötig haben, mein 
gnädiges Fräulein. Darf ich Ihnen auch sagen…« 
»Lieber nicht«, wehrte sie hastig ab. »Übrigens wird es 
gleich regnen. So muß ich mich denn beeilen, wenn ich 
trocken nach Hause kommen will.« 
»Sind Sie denn zu Fuß unterwegs?« 
»Ja. Als ich nämlich aufbrach, war das schönste 
Sonnenwetter, das zu einem Spaziergang verlockte. Leider 
vergaß ich, daß wir April haben.« 
»Ich fahre Sie natürlich nach Hause, gnädiges Fräulein. 
Hoffentlich erreichen wir noch den Parkplatz.« 

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Nein, sie erreichten ihn nicht, sondern gerade noch eine 
kleine Konditorei mit knapper Not. Und da auch noch 

andere Straßenpassanten vor dem plötzlich losbrechenden 
Platzregen in das Lokal flüchteten, war es bald so voll, daß 
die beiden mit einem kleinen Ecktisch vorliebnehmen 
mußten, der neben einer Tür stand, durch welche die 
Bedienung flitzte. 
»Dieser April ist doch ein zu launenhafter Bursche«, sagte 
Karola, und Detlef lächelte spitzbübisch. 
»Mir gefällt er.« 
Warum, das konnte sie sich wohl denken, die natürlich 
schon herausgefühlt hatte, wie gut sie dem Mann gefiel. 
Und er ihr? 
Diese Frage zu beantworten, gestattete sie sich nicht -< 

noch nicht. Da mußte sie erst die Gewißheit haben, daß es 
nicht nur flüchtiges Gefallen war, das er für sie empfand. 
Und wenn es mehr sein sollte? 
Dann – vielleicht. 
Mit diesem Schlußsatz war für sie die Angelegenheit vorerst 
erledigt. Denn zu den Mädchen gehörte sie nun wirklich 
nicht, um in jedem Mann, der sich für sie zu interessieren 
schien, gleich einen Bewerber zu wittern. Dafür war sie 
nicht eingebildet und auch nicht mehr ganz jung genug. 
Aber nett fand sie es schon, mit dem Mann zu plaudern, 
seine leuchtenden Augen zu sehen, sein warmes Lachen zu 
hören. Auch seine zurückhaltende Art gefiel ihr, wie sie ja 

leider nicht alle Männer an sich haben und das die spröde 
Karola immer so abstieß. Sonst wäre sie mit ihren 
neunundzwanzig Jahren gewiß nicht mehr unverheiratet; 
denn an Bewerbern hatte es ihr nicht gefehlt. 
»Ich glaube, gnädiges Fräulein, der Stuhl, den Sie da 
erwischt haben, ist nicht besonders«, eröffnete Detlef das 
Gespräch. »Meiner ist entschieden bequemer. Wollen wir 
tauschen?« 
»Danke, nein, ich fühle mich hier ganz wohl. Um so mehr, 
wenn ich einen Blick nach draußen werfe, wo es wie mit 
Kannen gießt. Hoppla, Fräulein, das war stürmisch!« 

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Das galt der jungen Bedienung, die sich an dem lisch 
vorbeizwängte und leicht stolperte, wobei das vollbesetzte 

Tablett ins Wanken geriet. Eine Tasse rollte ab, den 
Kaffeerest über den Ärmel von Karolas heller Seidenbluse 
ergießend. Wie mit Blut übergossen war das Gesichtchen 
der erschrockenen Kleinen, die Augen füllten sich mit 
Tränen. 
»Gnädiges Fräulein, ich – ich…« schluckte sie erbärmlich, 
doch schon winkte Karola lachend ab. 
»Seien Sie doch nicht so unglücklich, Mädchen, das ist 
doch noch lange kein Beinbruch. Aber wenn Sie meinen, 
gutmachen zu müssen, dann bedienen Sie uns außer der 
Reihe mit je einem Kännchen Kaffee.« 
»Sofort, gnädiges Fräulein, sofort! Auch Kuchen?« 

»Einen Windbeutel.« 
»Sofort, und dem Herrn gewiß dasselbe.« 
Weg war sie, und Detlef, dem dieser kleine Zwischenfall die 
Sprache verschlagen hatte, fand sie jetzt wieder. 
»Das ist doch wirklich…« 
»Nichts weiter als ein kleines Malheur«, warf Karola 
gelassen ein. »Und gewiß keiner Aufregung wert.« 
»Aber der Ärmel ist doch naß, überhaupt die hübsche Bluse 
verdorben.« 
»Den Ärmel kremple ich hoch, und die Bluse kommt in die 
Reinigungsanstalt. Noch etwas?« 
»O ja, noch viel mehr, nämlich: Daß mir eine so 

menschenfreundliche Dame noch nicht vorgekommen ist – 
außer meiner Schwester natürlich. Jedenfalls hätten sich die 
meisten anders verhalten.« 
»Wie zum Beispiel?« 
»Nun, eine – Dame, der ungefähr dasselbe passierte, hat 
die Bedienung geohrfeigt.« 
»Ist doch bloß gut, daß sie die Bezeichnung Dame 
gewissermaßen in Anführungsstriche setzen«, lachte Karola. 
»Ich bin ganz zufrieden mit meinem nassen Ärmel: 
Bekommen wir doch bald den Kaffee, auf den wir sonst bei 
der Überfüllung noch lange hätten warten oder gar auf ihn 

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verzichten müssen. Da erscheint die niedliche Kleine ja 
schon, lachend über das ganze Gesicht.« 

»Der Kaffee ist schön heiß«, sagte das Mädchen eifrig, 
indem es Kännchen nebst Windbeutel abstellte. Bevor es 
abtrollte, setzte es noch mit verlegenem Lächeln hinzu: 
»Ich danke auch schön, gnädiges Fräulein.« 
»Na, also«, meinte Karola vergnügt. »Das war mal eine 
kleine Ursache ohne große Wirkung.« 
Was nicht ganz stimmte. Die große Wirkung war schon da, 
wenn auch in anderem Sinne. Wirkte doch das vornehme 
Verhalten des Mädchens: so stark auf den Mann, daß er 
ihm mit jeder Faser seines Herzens verfiel. . 
Und jetzt erst begann das Hangen und Bangen, ob seine 
Liebe von dem warmherzigen Menschenkind auch erwidert 

würde. Am liebsten hätte er es sofort darum befragt, besaß 
jedoch immerhin noch so viel Vernunft, um sich zu sagen, 
daß man ein Mädchen wie Karola nicht einfach 
überrumpeln ’ durfte. Um das mußte man werben – und 
dabei sein Herz fest in beide Hände nehmen, damit es 
nicht durchging vor der Zeit. 
Wenn das nur nicht so schwer wäre. Ein tiefer Seufzer ließ 
Karola von ihrem Windbeutel aufsehen. 
»Was haben Sie, Herr Doktor? Ist der Kaffee denn so 
schlecht?« 
»Nein, mir tut das Herz weh.« 
»Nanu, sind Sie denn herzkrank?« 

»Ja.« 
»Dann dürfen Sie den starken Kaffee nicht trinken«, griff sie 
energisch nach seiner Tasse, doch er hielt sie lachend fest. 
»Lassen Sie nur, gnädiges Fräulein, der tut mir nichts. Aber 
es ist lieb von Ihnen, daß Sie um meine Gesundheit so 
besorgt sind.« 
Er horchte auf; denn Musik setzte ein, die wohl von 
Schallplatten herrührte, und was sie spielte, gehörte nun 
wirklich hierher. So richtig stillvergnügt summte Detlef die 
Weise mit. Keinen Blick dabei von Karola lassend, die sich 
bemühte, harmlos zu tun, was für sie nicht ganz einfach 

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war, weil sie den Text kannte. 
 
In einer kleinen Konditorei,
 
da saßen wir zwei 
bei Kuchen und Tee. 
Und das elektrische Klavier, 
das klimpert leise eine Weise 
von Liebeslust und Weh. 

 
Wie oft hatte Karola das reizende Liedchen gehört, aber 
noch nie hatte es sie so eigen berührt wie jetzt. Es klang 
etwas in ihrem Herzen wie eine Äolsharfe so zart und süß. 
Sie wollte lachen, irgendeine Bemerkung machen, allein es 
gelang ihr nicht. Wie benommen saß sie da, wagte nicht 
den Mann anzusehen, dessen Blick sie fühlte. Erst als die 
Musik schwieg und gleich darauf ein höllenspektakelndes 
Gekreisch einsetzte, das riß sie aus ihrem süßduseligen 
Bann. 
»Daß die Menschen doch immer von einem Extrem ins 
andere fallen müssen«, sagte der Mann ungehalten. »Nach 

dieser wirklich ansprechenden Musik nun dieses Gezeter 
und Gejohle, als wären alle Teufel losgelassen. Das ist ja 
nicht zu ertragen.« 
»Gehen wir also«, schlug Karola vor. »Eben bricht die 
Sonne durch das aufgerissene Gewölk. Da dürfte es 
draußen angenehmer sein als in dem von Menschen 
vollgepfropften Raum und dem mißtönenden Spektakel.« 
»Da sprechen Sie mir direkt aus der Seele, gnädiges 
Fräulein. Wollen wir also zusehen, daß wir die nette Kleine 
erwischen, damit ich zahlen kann.« 
Nach dem freudestrahlenden Gesicht des Mädchens zu 
urteilen, mußte das Trinkgeld nobel ausgefallen sein. 

Mühsam schlängelte man sich durch die Tische, immer 
gewärtig, über ungeniert ausgestreckte Beine zu stolpern 
oder über Kinder, die überall herumschwirrten. 
Doch dann standen sie endlich auf der Straße, die von der 
Sonne überflutet war. In den Rinnsteinen strömte das 

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Wasser den Gullys zu, wo es dann glucksend verschwand. 
Von den Pflastersteinen stieg Dampf auf, dessen erdigen 

Geruch man tief in die Lungen zog. 
»Ein wahres Labsal nach der stickigen Luft in dem Lokal«, 
sagte Karola, leuchtenden Auges um sich schauend. »Jetzt 
werde ich nach Hause spazieren, und zwar auf einem 
Umweg durch die Anlagen.« 
»Darf ich Sie begleiten, gnädiges Fräulein?« fragte er 
bittend, wogegen sie nichts einzuwenden hatte. Durch die 
Straßen gingen sie ziemlich rasch. Doch als sie die Anlagen 
erreicht hatten, verlangsamten sie den Schritt. Die Wege 
waren von dem Platzregen noch naß, von den Bäumen 
tropfte das Wasser. 
Doch das machte den beiden Menschen nichts aus. In 

lebhafter Unterhaltung schlenderten sie dahin. Und wenn 
sich das Gespräch auch um Nichtigkeiten drehte, so war es 
dennoch irgendwie für sie von Bedeutung. 
Viel zu schnell verging für Detlef der Spaziergang, aber 
auch Karola war ganz erstaunt, als die Villa in Sicht kam. 
»So kurzweilig ist mir noch nie ein Weg erschienen«, gab 
sie unumwunden zu. »Schönen Dank für Ihre Begleitung, 
Herr Doktor Honneck.« 
»Darf ich auf Wiedersehen sagen, gnädiges Fräulein?« 
»Das ist nicht ausgeschlossen«, kam die Antwort viel zu 
ablehnend für seine Ungeduld. »Wir müssen ja immer an 
Ihrem Besitz vorbei, wenn wir zum Hörgishof fahren.« 

»Wann wird das sein?« 
»Das hängt von dem Gesundheitszustand meiner 
Verwandten ab.« 
»War die junge Dame denn schwer krank?« 
»Schwer gerade nicht, aber Immerhin stark erkältet. Seit 
gestern ist sie außer Bett, somit dürfte alles wieder in 
Ordnung sein. Schauen Sie mal, dort steht sie am Fenster 
und winkt. So muß ich denn eilen, damit sie mir nicht 
entgegenkommt. Fertig kriegt sie es schon.« 
Nach raschem Abschied schritt Karola davon, leichtfüßig 
wie ein Gemslein, wie der ihr Nachschauende entzückt 

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wahrnahm. Der geöffnete leichte Seidenmantel blähte im 
Wind, über dem gelockten, dunklen Haar schienen 

Goldfünkchen zu huschen. Ein tiefer Atemzug hob des 
Mannes Brust, in die Augen trat ein frohes Leuchten. Um 
dieses Mädchen lohnte ein ritterliches Werben – aber er 
mußte sein Ziel erreichen. 

Des reichen Wiederbachs Tochter gab sich einer 
Beschäftigung hin, die gar nicht zu ihr paßte, ihr aber 
Freude machte. Eifrig streute sie Samen in ein großes 
Rundbeet, das Franz umgegraben, geformt und mit Rillen 
versehen hatte. Blumen sollten darauf wachsen, fröhlich, 
lustig, kunterbunt. Also aus diversen Tütchen, die sie dem 
Gärtner zu Hause stibitzt hatte, den Samen in eine Schüssel 

getan, alles gut vermengt – und dann hinein in die lockere 
Erde. 
So was machte Spaß, wenn auch das Kreuz von der 
ungewohnten Arbeit schmerzte. Das gab sich wieder, wie 
Sephchen tröstend meinte, zumal dann, wenn die 
berühmte Salbe Wunder wirkte. 
Guntrun war mit ihrer Arbeit, die sie sehr wichtig nahm, 
beinahe fertig, als Baronin Erdmuthe in Begleitung ihres 
Sohnes zu ihr trat und lachend sagte: 
»Zünftig wie eine Gärtnerin. Tut’s Kreuzchen noch nicht 
weh?« 
»Etwas schon«, ließ die emsige Gärtnerin sich nicht stören. 

»Aber macht nichts. Ich bin ja bald fertig, dann hat das 
Kreuz Feierabend.« 
»Oder auch nicht. Ich hab’ nämlich für Sie einen Auftrag.« 
»Da bin ich aber neugierig«, richtete Gun sich auf, was 
allerdings nicht ganz ohne einen kleinen Schmerzensschrei 
abging. Beide Hände gegen den Rücken pressend, sah sie 
gespannt die Baronin an, die sie lächelnd betrachtete. Kein 
Wunder bei dem herzerfrischenden Anblick, der sich ihr 
bot. 
Rank und schlank stand es da, das junge bezaubernde 
Menschenkind. Aus dem gebräunten, leicht geröteten 

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Gesicht schauten zwei Augen so blau wie der Himmel am 
Maientag. Unter dem malerisch um den Kopf 

geschlungenen Seidentuch stahlen sich goldene Löcklein 
hervor, das einfache Gartenkleid umschmiegte den 
jugendschönen Körper. Etwas Strahlendes ging von dem 
Mädchen aus, etwas Klares, Unberührtes. 
Das war also Gun, wie man sie einfach beim Vornamen 
nannte, wie Karola auch. Anders klang es zu steif, zu fremd, 
und man war jetzt doch hier schon zu Hause. Nur Arvid 
machte da nicht mit, ihm war das zu vertraut. Wohl hatte 
er das »gnädige« gestrichen, aber das »Fräulein« war 
geblieben. 
»Gun, passen Sie mal auf«, sprach jetzt die Baronin. »Tun 
Sie mir den Gefallen und gehen Sie in Begleitung Karolas 

zur Zuckerfabrik, bringen Sie Frau Diersk eine Glucke mit 
ihren Küken. Sie wissen ja, daß die Dame eifrig darum 
bemüht ist, sich eine erstklassige Geflügelzucht zuzulegen. 
Warum sehen Sie mich so verschmitzt an?« 
»Och, tu’ ich das?« fragte der Schelm harmlos, während die 
Augen blitzten. »Natürlich bin ich Ihnen gern gefällig. Frau 
Baronin, aber ist es überhaupt erforderlich, daß Karola 
mitgeht?« 
»Doch, sie muß es«, kam es lachend zurück. »Und daß sie 
es tut, dafür werden Sie sorgen, Sie Schalk. Wenn Sie 
wollen, können Sie Ihre Arbeit erst vollenden, so sehr eilt 
das andere ja nicht.« 

»Das möchte ich allerdings gern. Ich werde mich sehr 
beeilen.« 
»Na schön. Wenn Sie soweit sind, dann melden Sie sich bei 
mir.« 
Sie ging mit dem Sohn davon, und als man außer Hörweite 
war, fragte dieser verwundert: 
»Seit wann stehst du mit Frau Diersk in so 
freundschaftlichem Verhältnis, daß du ihr Küken schickst?« 
»Seitdem sie heute früh auf einen Sprung hier war und 
mich bat, mich mit ihr zu verbünden und zu helfen, Karola 
Herrn Honneck näherzubringen.« 

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»Nanu, hat er sich denn in die junge Dame verliebt?« 
»Über Kopf und Kragen, wie seine Schwester behauptet.« 

»Und weshalb macht er ihr da nicht einfach einen 
Heiratsantrag?« 
»Weil er nicht weiß, woran er bei ihr ist, und daher einen 
Korb fürchtet. Sie soll nämlich äußerst zurückhaltend sein.« 
»Und da nimmst du an, daß sie ohne weiteres in ein Haus 
gehen wird, wo sie noch keinen Antrittsbesuch gemacht 
hat?« 
»Den hat sie bereits hinter sich«, entgegnete die Mutter und 
erzählte die lustige Begebenheit mit dem Hahn und von 
dem Trick Hannas, worauf Arvid kopfschütteld meinte: 
»So viel List hätte ich Frau Diersk nicht zugetraut. Sie 
machte auf mich einen offenen Eindruck.« 

»Dem sie auch standhalten kann. Mit dieser kleinen List 
wollte sie doch nur ihrem Bruder helfen, zumal die 
Gelegenheit, Karola ins Haus zu bekommen, so günstig 
war.« 
»Da sieht man doch wieder, daß man euch Frauen nicht 
trauen kann. Es ist…« 
»Wasser auf deine Mühle«, warf die Mutter trocken ein. 
»Wenn du den Frauen gegenüber immer so skeptisch 
bleibst, wirst du bestimmt dereinst als alter, verbitterter 
Junggeselle in die Grube fahren. Denn so ein 
vollkommenes weibliches Wesen, wie es dir wahrscheinlich 
vorschwebt, gibt es nicht. Das laß dir nur gesagt sein, mein 

lieber Sohn.« 
»Doch, Muttichen – dich«, schob er schmunzelnd seinen 
Arm unter den ihren. »Und nebenbei noch Ermelchen.« 
»Na, Gott sei Dank, daß wenigstens zwei Frauensleut 
Gnade vor deinen Augen finden.« 
Indes hatten sie die Terrasse erreicht, wo Ermenia mit 
Karola saß. Auf dem Tisch häuften sich Blumen, die vier 
flinke Hände bündelten, mit Garn umwanden und die 
Sträuße auf den Nebentisch legten. Narzissen, Tulpen, 
Osterglocken, Stiefmütterchen, Tausendschön, alles 
Blumen, die in dem weiten Park so üppig blühten, daß, 

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nachdem man schon eine Menge davon gepflückt hatte, 
kaum Lücken entstanden waren in dieser herrlichen 

Blütenpracht. 
Also hätte man noch viel mehr pflücken können, doch die 
große Gärtnerei, an die der Hörgishof laufend Blumen 
lieferte, nahm nur eine bestimmte Anzahl davon ab. Aber 
die sie abnahm, war schon so beträchtlich, daß bei der 
monatlichen Abrechnung ein ganz nettes Sümmchen in die 
schmale Kasse der Hörgisholmer floß. 
Wozu die beiden Mädchen auch ihren Teil beitrugen, die 
zu Hause keinen Finger regten, außerdem noch wie die 
Prinzessinnen bedient wurden. Hier jedoch halfen sie, wo 
es etwas zu helfen gab. Natürlich handelte es sich dabei nur 
um leichte Beschäftigung, die jedoch Zeit sparen half. Und 

Zeit war auf dem Hörgishof knapp und daher kostbar. 
Warum sich die beiden verwöhnten Mädchen so emsig 
betätigten, war den Bewohnern des Herrenhauses schon 
längst klar. Sie wollten sich erstens von den älteren Damen 
nicht beschämen lassen und dann sich den Aufenthalt 
verdienen, den sie den vornehmen Menschen ja nicht 
bezahlen konnten. Das war allen klar. Doch warum die 
beiden fast mehr auf dem Hörgishof als zu Hause weilten, 
darüber war man verschiedener Meinung. 
Das heißt, drei teilten dieselbe, und zwar daß die Mädchen 
im Herrenhause vom Hörgishof die traute Harmonie 
fanden, die sie in der pompösen Villa Wiederbach 

vermißten. 
Der junge Baron jedoch hielt es, wenigstens bei Guntrun, 
für die Marotte einer übersättigten Tochter aus reichem 
Hause. Sobald sie dieses Spleens überdrüssig wäre, würde 
der Hörgishof ein überwundener Standpunkt für sie sein. 
Ob er recht hatte? 
Das mußte die Zukunft lehren. 
Momentan jedenfalls war dieses Mädchen, das sich dank 
des Reichtums seines Vaters keinen Wunsch zu versagen 
brauchte, sich den Aufenthalt in den teuersten Bädern 
leisten konnte, auf den Hörgishof wie versessen. Eben kam 

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es angestürmt, nahm die Stufen der Terrasse mit Vehemenz 
– und stand dann da wie das personifizierte lachende 

Leben. 
»Ich bin bereit, Frau Baronin, die Puttehühnchen zu 
befördern. Hoffentlich entfleuchen sie mir nicht wie 
damals der Herr Hahn. Daher ist es schon besser, wenn du 
mitgehst, Karlchen.« 
»Wohin denn?« 
»Zu Frau Diersk. Wir sollen ihr eine Glucke mit Küken 
hinbringen.« 
»Wir?« dehnte Karola. »Mich schalte aus.« 
»Das wäre ungezogen!« trumpfte Guntrun auf. »Es wird 
nämlich gewünscht, daß du mitgehst. Nicht wahr, Frau 
Baronin?« 

»Ich hätte es jedenfalls gern«, schwächte sie ab. »Obwohl 
ich die Tierchen sorgsam im Korb verpacken werde, 
könnten sie dennoch auskneifen. 
Und was fängt dieser Irrwisch dann ohne Hilfe an?« 
»Wenn Sie es wünschen, Frau Baronin, dann gehe ich 
natürlich mit«, erklärte Karola steif, was die andere jedoch 
nicht zu bemerken schien. 
»Das freut mich, Karlchen. Bin ich nun doch sicher, daß 
unser Firlefänzchen keine Dummheiten macht.« 
»Was sehen denn meine bildschönen Augen«, empfing 
Hanna Diersk die beiden Mädchen. »Die jungen 
Stadtdamen höchstpersönlich mit einem Korb am Arm, in 

dem es so ländlich kribbelt und krabbelt.« 
»Es war gar nicht so einfach, den Korb zu transportieren«, 
lachte Guntrun vergnügt. »Die Kükenmama pickte ständig 
nach meinem Arm, und das Kleinzeug hopste 
durcheinander, daß ich den Korb kaum halten konnte.« 
»Du, fang nicht wieder an«, drohte sie der Henne, die 
erneut nach ihrem Arm hackte und empört spektakelte, 
weil sie ihre Kleinen bedroht glaubte, die im Korb lustig 
krabbelten, der mit einem porösen Tuch fest umspannt 
war. Von dem Huhn steckte nur der Kopf heraus, den sie 
hin und her reckte, ihre Umgebung dabei mißtrauisch 

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beäugend. 
»Was für ein reizendes Bild«, kam es von der Tür her, durch 

die der Hausherr rasch trat und die Gäste freudig begrüßte. 
»Bringen die Damen uns die stattliche Frau Henne etwa 
zum Geschenk?« 
»Sie und noch mehr«, tat Guntrun großartig. »Ihre ganze 
Kinderschar nämlich. Ein nachbarliches Geschenk der Frau 
Baronin, jawohl!« 
»Und damit müssen Sie sich selbst bemühen, meine 
Damen?« fragte er befremdet. »War denn niemand von der 
Dienerschaft da?« 
»Nein, die sind alle zu beschäftigt. Wir beförderten das 
lebende Geschenk gern, nicht wahr, Karlchen?« 
»O ja«, kam es einsilbig zurück. »Viel habe ich dazu ja 

nicht; beigetragen. Ich ging ja nur nebenher.« 
»Was aber vollkommen genügte«, tat Gun harmlos, und da 
war der Mann im Bilde. Sein lachender Blick ging zu dem 
schönen Mädchen hin, das Hanna gerade den Korb 
überreichte. 
»Gnädige Frau, hiermit überreiche ich Ihnen die Krabbelei 
heil und unversehrt. Bitte, eine Quittung darüber 
auszustellen, daß alles wunderbar geklappt hat.« 
»Nu geben Sie schon her, Sie Schalk«, lachte Hanna, die bei 
dem Wort alles mehr heraushörte als die beiden andern. 
»Detlef, unterhalte indes die Damen, bis ich das Kleinzeug 
mit ihrer argwöhnischen Frau Mama dahin gebracht habe, 

wohin sie gehören.« 
»Mit dem größten Vergnügen«, gab der Bruder beflissen 
zurück. »Meine Damen, nehmen wir gemütlich Platz. Das 
heißt, ich werde es erst tun, wenn ich Sie mit einer kleinen 
Leckerei versorgt habe.« 
Worauf er dann an Süßigkeiten herbeitrug, was er nur 
erwischen konnte, bis Guntrun abwehrte. 
»Halten Sie ein, Herr Doktor! Wie süß wollen Sie uns wohl 
machen?« 
»Bis zum Anknabbern«, blinzelte er ihr verschmitzt zu. 
Nachdem er noch einen Trank verabfolgt hatte, nahm auch 

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er Platz, und ein lebhaftes Gespräch begann, an dem sich 
Karola nur wenig beteiligte. Es war ihr einfach nicht 

möglich, dem Mann mit der Harmlosig* keit zu begegnen, 
wie Guntrun es tat. 
Als dann Hanna hinzukam, wurde es besser. Da fühlte 
Karola sich nicht mehr so gehemmt, ging mehr aus sich 
heraus. Jedenfalls verbrachte man eine gemütliche Stunde 
und war sich dabei ein gutes Stück nähergekommen, was 
hauptsächlich den verliebten Detlef beglückte. 
Aufs herzlichste von Hanna eingeladen, doch recht bald 
wiederzukommen, nahmen die Mädchen Abschied und 
langten kurz vor dem Abendessen auf dem Hörgishof an, 
wo sie etwas erfahren sollten, was sie so gar nicht freute. Sie 
bekamen es aber erst zu hören, als sie über den erledigten 

Auftrag Bericht erstattet hatten, worüber sich die andern 
köstlich amüsierten, hauptsächlich über Guntruns drollige 
Schilderung. 
Da erst entledigte sich die Baronin ihres Auftrags: 
»Die Frau Tante rief an und läßt Ihnen durch mich sagen, 
daß Sie unverzüglich nach Hause kommen möchten. Der 
Herr Papa ist nämlich von seiner Reise zurückgekehrt und 
soll sehr ungehalten über Ihre Abwesenheit gewesen sein.« 
»Nanu, das ist ja ganz was Neues«, wunderte Guntrun sich. 
»Er hat uns doch sonst nie vermißt.« 
»Gun«, sprach Karola mahnend dazwischen, und da lief 
das feine Gesichtchen rot an. 

»Ist doch auch wahr«, brummte sie. »Da muß doch etwas 
dahinterstecken. Was meinst du, Karlchen?« 
»Rätseln wir nicht lange herum, sondern fahren wir nach 
Hause. Dann werden wir schon hören, ob dort etwas 
Besonderes los ist.« 
»Und wenn ich nicht fahre?« 
»Das kannst du dir nicht leisten, Gun«, blieb Karola bei 
dem trotzigen Ton gelassen. »Bedenke, daß du noch nicht 
mündig bist und somit unter dem Gebot des Vaters stehst. 
Da kannst du ihm doch nicht einfach den Gehorsam 
verweigern, wohin soll das wohl führen.« 

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Da senkte sich der flimmernde Mädchenkopf, der Mund, 
schon heftige Worte auf den Lippen, blieb stumm. Und 

Karola, der gute Geist dieses eigenwilligen Mädchens, hatte 
wieder einmal gesiegt. 
»Na endlich geruht ihr zu erscheinen«, empfing 
Wiederbach die Eintretenden gereizt. »Wie mir Christine 
erzählte, seid ihr während meiner Abwesenheit kaum einen 
Tag zu Hause gewesen. Wo habt ihr denn um alles in der 
Welt gesteckt! Etwa auf dem Hörgishof?« 
»Ja.« 
»Das gibst du so gelassen zu, Karola?« 
»Was sollte ich denn sonst wohl tun, ableugnen?« 
»Natürlich nicht, das würde ich mir auch ernstlich 
verbitten. Aber schämen solltet ihr euch, sich von den 

Menschen, die schwer um ihre Existenz ringen müssen, 
durchfüttern zu lassen.« 
»Was wir da essen, das erarbeiten wir uns auch«, erklärte 
Guntrun lakonisch, und der Vater sah seine Tochter so 
entgeistert an, als zweifle er an ihrem Verstand. 
»Was – tut – ihr?« fragte er dann langsam. 
»Wir arbeiten. Das heißt, arbeiten ist zuviel gesagt, wir 
machen uns dort nützlich.« 
»Na, das ist ja reizend!« lachte der Mann verärgert auf. 
»Meine Tochter arbeitet für fremde Menschen. Meine 
Tochter, die sich zu Hause von oben bis unten bedienen 
läßt. Darf ich fragen, ob du auch Kühe melkst und 

Schweine fütterst?« 
»Darauf bleibe ich dir die Antwort schuldig. Papa.« 
»So, so«, besah sich dieser sein einziges Kind so eingehend, 
als sähe er es heute zum ersten Mal. Doch Guntrun hielt 
dem inquisitorischen Blick so offen stand, daß der Vater es 
war, der den seinen zuerst abwandte. Einige Male holte er 
tief Atem, dann sagte er kurz: 
»Komm mit, ich habe mit dir unter vier Augen zu 
sprechen.« 
Achselzuckend erhob Guntrun sich, warf Christine und 
Karola, die dem Gespräch mit Bangen gefolgt waren, einen 

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gottergebenen Blick zu und folgte dann dem Vater in sein 
Arbeitszimmer. Während sie sich auf die Lehne eines der 

wuchtigen Klubsessel setzte, ging er unruhig im Zimmer 
auf und ab, bis die Tochter ermunternd sagte: »Nun sprich 
schon, Paps. Oder ist das so schwer?« 
»So was ist immer schwer«, ließ er sich ihr gegenüber 
nieder. »Ich – möchte nämlich, daß du – heiratest.« 
»Das habe ich mir so ungefähr gedacht«, blieb sie ganz 
gelassen. »Wer soll’s denn sein?« 
»Bruno Woirach.« 
»Diesen Modejournaljüngling«, lachte sie amüsiert auf, was 
den Vater nervös zusammenzucken ließ. »Das ist doch 
wohl nicht dein Ernst, Papa?« 
»Lach nicht so albern!« wies er sie scharf zurecht, was 

jedoch nicht aus Ärger allein, sondern mehr aus 
Verlegenheit geschah. »Selbstverständlich ist mir die Sache 
ernst, sonst würde ich nicht mit dir darüber sprechen.« 
»Und weshalb soll ich ihn heiraten?« forschte Guntrun 
gespannt. »Befindest du dich etwa in Geldnot?« 
»Natürlich nicht. Ich stehe besser da, als je zuvor.« 
»Kannst du mir darauf dein Ehrenwort geben?« 
»Na hör mal, Guntrun, das geht denn doch zu weit.« 
»Kannst du mir dein Ehrenwort geben?« 
»Was man sich so alles von seinen Kindern bieten lassen 
muß, das sollte man kaum für möglich halten. Also hier 
hast du mein Ehrenwort, daß meine Finanzen gut, wenn 

nicht gar sehr gut stehen. Hattest wohl vor dem 
Armwerden Angst, du verwöhnte Prinzeß, wie?« 
»Das kann ich ja nicht gut werden, da Mamas Erbe hinter 
mir steht«, gab sie ungerührt zu bedenken. »Wenn es dir 
finanziell schlechtginge, dann könnte ich deinen Wunsch, 
das reiche Brunchen mit mir zu verheiraten, sogar 
verstehen. Aber wenn du selbst reich bist, warum willst du 
denn deine Tochter verschachern?« 
»Kind, drück dich doch nicht so vulgär aus«, zog er 
unbehaglich die Schultern hoch. »Ich bin doch kein 
Rabenvater.« 

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»Na, siehst du, Papa, nun kommen wir uns schon näher«, 
lachte sie ihn lieblich an. »Eben weil du kein Rabenvater, 

sondern ein guter Vater bist, wirst du deine Tochter den 
Mann heiraten lassen, den sie sich zum Gatten erwählt.« 
»Und der wäre?« 
»Weiß ich noch nicht.« 
»So?« dehnte er, sie aus verengten Augen musternd. »Na 
schön. Aber fragen darf ich doch wenigstens, warum du 
den jungen Woirach nicht heiraten willst?« 
»Weil er mir nicht gefällt. Außerdem weiß ich ja gar nicht, 
ob er mich überhaupt haben will.« 
»Den Mann gibt’s ja gar nicht, der eine Guntrun 
Wiederbach nicht haben will«, sprach nun der ganze 
Vaterstolz aus ihm. »Du brauchst doch wahrlich nur die 

Hand auszustrecken.« 
»Halt ein, Paps!« rief sie lachend dazwischen. »Ich hab’ ja 
gar nicht gewußt, was für ein eitler Vater du bist.« 
»Ich hab’ auch allen Grund dazu, stolz auf dich zu sein, 
mein Kind.« 
»Und dann willst du mich Brunchen ausliefern? Stell dir 
mal vor, was für ein Paar wir abgeben würden. Er ist 
bestimmt fünf Zentimeter kleiner als ich, wiegt mindestens 
fünf Pfund weniger. Dazu ist sein Haar so schütter, daß er 
mit dreißig Jahren wahrscheinlich eine Glatze hat. 
Außerdem ist er ständig erkältet und muß sich vor jedem 
frischen Windzug schützen, und so was soll ich heiraten? 

Aber Paps!« 
»Mein liebes Kind, du hast wohl alle Nachteile des jungen 
Mannes aufgezählt, aber die Vorteile nicht. Denn er ist 
nicht nur der Sohn eines reichen Vaters, sondern auch der 
Neffe eines amerikanischen Multimillionärs. Wenn er den 
erst beerbt hat, fürchte ich, daß die Woirachs dann so 
ungeheuer viel Geld haben, daß sie die anderen 
Industriellen glatt an die Wand drücken können.« 
»Aber Bruno ist doch jetzt als Erbe seines Onkels 
ausgeschaltet«, sagte Guntrun verwundert, und da hob der 
Vater interessiert den Kopf. 

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»Inwiefern?« 
»Sein Onkel hat doch eine Witwe mit drei Kindern 

geheiratet.« 
»Woher weißt du das?« 
»Von Bruno persönlich. Karola und ich trafen ihn. 
Moment, wann war das – also ja, wir trafen ihn vor drei 
Tagen auf dem Parkplatz, wo er in seiner Mordskutsche saß 
und ein so verdrießliches Gesicht machte, als wären ihm 
alle Felle weggeschwommen. Nun, Felle waren es gerade 
nicht, aber die Millionen seines Onkels, wie Brunchen uns 
voller Empörung verriet. So ein alter Narr, mit sechzig 
Jahren noch zu heiraten, und dann gleich eine Witwe mit 
drei Kindern. Wenn er nur wüßte, wie er sich auf die 
Kabelbotschaft verhalten sollte. Sein Vater wäre verreist, 

und ohne ihn möchte er nichts unternehmen. 
So rieten wir ihm dann, sich mit seinem Vater telegrafisch 
oder telefonisch in Verbindung zu setzen und ihm die 
Entscheidung zu überlassen. Über diesen Vorschlag war 
Brunchen direkt begeistert, bat uns, über diese ›üble 
Geschichte‹ zu schweigen, und brauste dann wie ein 
wildgewordener Kohlenkasten ab.« 
»Das ist ja sehr interessant«, dehnte Wiederbach. »Na, so 
ein alter Gauner.« 
»Warum denn Paps? Willst du es mir nicht sagen?« 
»Nein, das will ich nicht. Seien wir froh, daß sich der Zufall 
uns als Freund erwies. Denn ohne die interessante 

Neuigkeit, die du von Bruno erfuhrst… Na, Schwamm 
drüber.« 
»Jawohl, Schwamm drüber!« bekräftigte Guntrun. »Ist nun 
alles wieder klar zwischen uns, Papilein?« 
»Bis auf deine Vorliebe für den Hörgishof. Willst du mir 
nicht offen sagen, was dich dahin zieht? Denn über dein 
Zuhause kannst du dich doch wahrlich nicht beklagen.« 
»Das wäre auch undankbar«, gestand sie ehrlich, während 
sie zum Vater trat, sich auf die Sessellehne setzte und ihren 
Kopf an den des Mannes schmiegte. »Aber schau mal, 
Papichen, wir haben doch so gar kein Familienleben. 

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Ständig sind wir unterwegs, betrachten unser Zuhause 
eigentlich nur als feudales Speiselokal und Nachtquartier. 

Solange ich nichts anderes kannte, habe ich gewiß nichts 
entbehrt. Hetzte von einem Vergnügen zum andern und 
fühlte mich glücklich dabei. Doch seitdem ich die traute 
Harmonie, die herzliche Familiengemeinschaft im 
Herrenhause vom Hörgishof kennengelernt habe, läßt sie 
mich nicht mehr los. Gönne mir doch ein Plätzchen dort.« 
»Meine liebe Gun, hast du eine Ahnung, was alles dir dein 
Vater gönnt. Und was du von unserem Familienleben sagst, 
das stimmt schon. Aber sieh mal, mein Kind, ich kann nun 
mal zu einer trauten Harmonie nichts beitragen. Ich muß 
ja ständig unterwegs sein, wenn mein Unternehmen 
florieren soll, denn ins Haus geflogen kommt einem 

Geschäftsmann wahrlich nichts. 
Und Stella? Die ist nun mal eine mondäne Dame, die kein 
Verständnis für Familienleben, hat. Die müssen wir eben so 
nehmen, wie sie ist. 
Aber da gibt es doch noch Christine, außerdem hast du 
Karola als Treugespann. Ist das einem verwöhnten 
Prinzeßchen immer noch nicht genug, was da um ihre 
werte Person herumscharwenzelt. Und so was geht nun bei 
fremden Menschen arbeiten.« 
»Papa, bitte!« 
»Na ja, ist schon gut«, winkte er beschwichtigend ab. 
»Meines Erachtens ist es nur die Marotte einer übersättigten 

Tochter aus reichem Hause. Oder ist es mehr?« 
Prüfend sah er sein Kind an, das den Blick offen zurückgab. 
»Nur das frischfröhliche Leben auf dem Hörgishof.« 
»So, so, na schön.« 
Einige Herzschläge lang war es zwischen ihnen still, dann 
sprach Guntrun zögernd: 
»Du, Paps, ich möchte dir etwas sagen, selbst wenn ich eine 
Indiskretion damit begehen sollte. Aber dem Vater 
gegenüber ist das nicht so schlimm, stimmt’s?« 
»Stimmt. Also erleichtere dein Herz.« 
»Ja, das ist nämlich so: kennst du Herrn Doktor Honneck, 

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den Besitzer der Zuckerfabrik näher?« 
»Näher nicht«, entgegnete er langsam, die Tochter dabei 

erstaunt musternd. »Wenigstens als Mensch nicht. Was soll 
überhaupt diese Frage, Gun?« 
»Der Mann interessiert sich für Karola.« 
»Ja, aber Kind, kennen die sich denn?« 
»Natürlich.« 
»Na du, so natürlich ist das nicht. In der Gesellschaft haben 
sie sich jedenfalls nicht kennengelernt, wo denn sonst?« 
»Das erste Mal sahen sie sich im Cafe Krone«, erstattete 
Guntrun Bericht über alles bis ins kleinste. Sie tat es so 
drollig, daß der Vater herzlich lachen mußte. 
»Und du hast dir so ohne weiteres den Korb mit dem 
Hühnerzeug auf den Arm hängen lassen, Gun?« 

»Na, was denn sonst? Du kennst eben die Baronin nicht 
und kannst daher nicht wissen, wie charmant sie alles sagt 
und tut. Dann die Baronesse und die Schwester Honnecks, 
ach, Paps, solche Damen haben wir in unserer Gesellschaft 
bestimmt nicht aufzuweisen. Die glauben immer, ihrer 
Vornehmheit etwas zu vergeben, wenn sie natürlich sind. 
Und dabei ist es mit der Vornehmheit zumeist gar nicht 
soweit her, wie bei Familie Hörgisholm. Die Menschen 
brauchen sich ja gar nicht vornehm zu geben, sie sind es 
einfach, und so ist auch der Zuschnitt des Hauses.« 
Ganz in Eifer hatte sie sich geredet, und der Vater meinte 
versonnen: 

»Weiß Gott, Gun, du verstehst es mit deiner lebendigen 
Schilderung, den Wunsch in mir zu erwecken, das Leben 
auf dem Hörgishof kennenzulernen. Leider ist das vorerst 
nicht möglich, weil ich morgen wieder auf längere Zeit 
verreisen muß. Doch wenn ich zurückkomme, dann lege 
ich eine längere Pause ein, in der ich dem Hörgishof 
meinen Besuch abstatten werde. 
Nun wieder zu Karola zurück. Du meinst, daß sich Herr 
Doktor Honneck ernstlich für sie interessiert?« 
»Ganz bestimmt, Paps. Du solltest mal sehen, wie seine 
Augen strahlen, sofern Karlchen auftaucht.« 

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»Und dir gilt das nicht?« 
»Ach, woher denn! Er hört und sieht bloß Karola.« 

»Wie ist seine Schwester?« 
»Mal erst Dame. Und dann noch eine vorzügliche 
Hausfrau, die sich nicht scheut, mal selbst Hand 
anzulegen.« 
»Sie steht jetzt dem Hause ihres Bruders vor?« 
»Ganz recht. Die Geschwister scheinen sehr aneinander zu 
hängen.« 
»Hm. Ein gutes Haus soll es ja sein, wie man so hört, und 
daß der Honneck glänzend dasteht, weiß ich. Ein 
schneidiger Kerl ist er auch, also wäre er schon etwas für 
unser Karlchen. Na, zerbrechen wir uns nicht den Kopf. 
Warten wir der Dinge, die da kommen sollen. 

Nun ab mit dir! Ich habe nämlich noch mancherlei zu 
erledigen und möchte wenigstens einige Stunden schlafen, 
bevor die Reise wieder losgeht.« 
»Dann sehen wir uns morgen nicht mehr?« 
»Nein. Wenn ich abfahre, liegst du noch im süßen 
Schlummer.« 
»Sag mal, Paps, Stella dehnt ihre Reise diesmal aber recht 
lange aus.« 
»Ja, Kind, dagegen können wir nichts machen. Jeder muß 
nach seiner Fasson selig werden. Ich weiß mein Haus auch 
ohne sie gut bestellt, und das ist ja schließlich die 
Hauptsache. Laß Christine nicht so viel allein hier, das hat 

sie nicht verdient. Gehab dich wohl, mein Kind, und mach 
keine Dummheiten.« 
»Keine Angst, Karlchen paßt schon auf mich auf. Bist doch 
der beste Vater der Welt.« 
Einen Kuß auf seine Wange drückend, huschte sie ab. 
Lächelnd sah er ihr nach. 
»Was hat es denn gegeben?« fragte Christine gespannt, als 
Guntrun in das Zimmer stürmte, wo auch Karola weilte. 
»Deiner vergnügten Miene nach zu urteilen, scheint es 
nicht schlimm gewesen zu sein-« 
»War es auch nicht«, ließ Gun sich in einen Sessel sinken 

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und griff zur Zigarette. »Papa wollte mich nur verheiraten.« 
»Das nennst du, nur?« fragte Karola kopfschüttelnd. 

»Natürlich. Man braucht ja nicht zu tun, was von einem 
verlangt wird.« 
»Deine Pomadigkeit möchte ich haben! Wer ist denn der 
Heiratskandidat, Rolf oder Peter?« 
»Keiner von beiden. Bruno Woirach sollte dran glauben.« 
»Woirach? Der steht doch gar nicht auf der Liste. Wie 
kommt dein Vater auf diesen Außenseiter?« 
»Möchte ich auch gern wissen«, blieb Guntrun seelenruhig, 
was die anderen beiden nicht begreifen konnten. »Leider 
hat Papa seine Karten nicht ganz aufgedeckt. 
Wahrscheinlich hatte er den Heiratsplan mit dem alten 
Woirach ausgeheckt. Mir sagte er nur, daß er die 

Verbindung deshalb wünsche, weil die Woirachs, wenn 
Bruno seinen Millionenonkel beerbte, so enorm viel Geld 
hätten, daß sie die anderen Industriellen glatt an die Wand 
drücken könnten.« 
»Sagtest du deinem Vater denn nicht, daß dieser Onkel eine 
Witwe mit drei Kindern geheiratet hat und das Erbe 
dadurch für den Neffen futsch ist?« 
»Habe ich gesagt, und das war ausschlaggebend. Ich 
brauche den miesepetrigen, ewig erkälteten 
Modejournaljüngling nicht zu heiraten.« 
»Na, Gott sei Dank!« atmete Karola auf. »Somit bist du mit 
deinem Vater gut auseinandergekommen?« 

»Bestens sogar. Papa ist übrigens gar nicht so. Als ich ihm 
nämlich erklärte, mich nicht verschachern zu lassen, wies 
er mich darauf hin, daß er kein Rabenvater wäre.« 
»Na, also«, lachte Christine. »Dann bist du gerade nur so 
mit dem berühmten blauen Auge davongekommen. Und 
wir haben hier schon Angst um deine Freiheit geschwitzt. 
Was ist übrigens mit Stella los? Warum bleibt sie in diesem 
Jahr so lange fort? Sonst war sie doch immer mit 
Frühlingsanfang zu Hause.« 
»Darüber kann ich dir auch nichts sagen, Tinchen. Als ich 
Papa darum befragte, meinte er, daß jeder nach seiner 

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Fasson selig werden müßte. Dann fügte er noch hinzu: Laßt 
Christine nicht so viel allein, das hat sie nicht verdient. 

Also, schließen wir einen Kompromiß.  Drei  Tage  in  der 
Woche verbringen wir hier, vier auf dem Hörgishof.« 
»Ist doch nur gut, daß du für den einen Tag länger 
bestimmst«, lachte Christine. »Übrigens hat mich die Frau 
Baronin, als ich heute fernmündlich mit ihr sprach, 
eingeladen und ich habe das Gefühl, daß sie es sogar 
ehrlich meinte. Einige Tage früher hätte ich die Einladung 
wahrscheinlich angenommen, aber jetzt geht das nicht. 
Ich bekam nämlich vorgestern Nachricht von meinem 
Mann«, erklärte sie leise. »Er schrieb mir, daß er sich in den 
vergangenen drei Jahren ganz gut durchgeschlagen hätte. 
Aber dann wurde er schwer krank. Und als er nach einem 

Vierteljahr das Spital verließ, das seine ganzen Ersparnisse 
verschlungen hatte, war er viel zu schwach, um wieder 
arbeiten zu können. Dadurch ist er in bittere Not geraten 
und bat mich um Hilfe.« 
Die letzten Worte wehten nur wie ein Hauch zu den beiden 
Mädchen hin, die diese Nachricht erschreckte. Hatte man 
doch allgemein angenommen, daß dieser Leichtfuß 
irgendwo verdorben und gestorben wäre. 
»Was wirst du nun tun, Christine?« fragte Karola bang. 
»Ihm Hilfe zukommen lassen, soweit es mir möglich ist. 
Ich habe die Bank beauftragt, ihm von meinem Konto 
monatlich eine bestimmte Summe zu überweisen. Nicht 

zuviel natürlich, nur daß er sich gewissermaßen über 
Wasser halten kann. 
Er ist ja schließlich immer noch mein Mann«, setzte sie 
entschuldigend hinzu. »Da ist es meine Pflicht, ihm zu 
helfen – ob er diese Hilfe verdient oder nicht. Oder seid ihr 
anderer Ansicht.« 
»Ich weiß es nicht«, entgegnete Karola vorsichtig, und 
Guntrun nickte bekräftigend dazu. »Darüber kann man 
wohl erst urteilen, wenn man selbst Ehefrau ist. Anders 
hieße es, wie ein Blinder von der Farbe sprechen.« 
Mehr zu sagen, wagte sie nicht, nämlich: Daß der Mann 

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vielleicht gar nicht krank war, daß er nur versuchte, sich 
eine sichere Einnahmequelle zu verschaffen. Aber Christine 

war ja klug genug, um das selbst in Erwägung zu ziehen. 
»Was ich nun befürchte, ist, daß Felix eines Tages hier 
erscheint«, sprach die Frau erbittert weiter. »Und daß er 
sich nicht in bester Verfassung befindet, dürfte wohl 
anzunehmen sein. Also muß ich verhüten, daß er Egon in 
den Weg läuft, und kann mich daher um den Ersten herum 
nicht aus dem Hause wagen. Die weiteren Tage im Monat 
besteht diese Gefahr wohl nicht, da der leichtsinnige 
Mensch dann kein Geld mehr zu der Reise hierher hat.« 
»Wo befindet sich Onkel Felix?« fragte Guntrun 
beklommen, die tiefes Mitleid mit ihrem Tinchen hatte, das 
so richtig vergrämt aussah. 

»Der Brief ist in Chile abgestempelt.« 
»Nun, von dort bis zu uns ist das eine ganz nette Ecke«, 
meinte Karola tröstend. »So viel Geld wirst du deinem 
Mann sicherlich nicht zukommen lassen, daß er die weite 
Reise damit finanzieren kann.« 
»Da hast du recht. Aber – na, warten wir ab. Wenn Felix 
hier auftauchen sollte, muß ich eine Lösung finden. Vor 
allen Dingen muß ich vermeiden, daß die Brüder 
zusammentreffen. Denn soweit ich Egon kenne, wirft er 
das schwarze Schaf der Familie zum Hause hinaus, was 
man ihm nun wirklich nicht verargen könnte. Jedenfalls 
muß ich hier auf Posten sein, um Ärger zu verhüten.« 

»Du Arme«, sagte Karola mitleidig, die blasse Wange 
Christines streichelnd, während Guntrun deren Schultern 
umfaßte. 
»Sorge dich nicht zu sehr, Tinchen«, sagte sie herzlich. 
»Irgendwie wird es schon werden. Wir sind ja auch noch 
da, um dir zu helfen. Wenn dein Geld knapp werden sollte, 
legen wir von unserem zu, nicht wahr, Karlchen?« 
»Das ist doch selbstverständlich. Wir werden auch fortan zu 
Hause bleiben.« 
»Kommt gar nicht in Frage«, unterbrach sie Christine, die 
ihre Energie langsam wiederfand. »Ihr werdet euer 

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gewohntes Leben weiterführen, sonst müßte ich bedauern, 
mit euch darüber gesprochen zu haben, was vielleicht nur 

ein Hirngespinst von mir ist. Ich bitte euch inständig, Egon 
nichts davon zu verraten. Versprecht ihr mir das?« 
»Ohne weiteres, Tinchen!« gelobte Karola, und Guntrun 
nickte bekräftigend dazu. 
»Dann bin ich beruhigt. Und nun laßt mich bitte allein. 
Das Gespräch hat mich mehr mitgenommen, als die ganze 
Sache wohl wert ist. Habt Dank für euer so liebes 
Verständnis.« 
Nachdem die beiden Mädchen das bedauernswerte 
Menschenkind herzlich umarmt und geküßt hatten, zogen 
sie wie die begossenen Pudel ab und suchten Karolas 
Zimmer auf, wo sie nach einer Beruhigungszigarette griffen. 

Denn was sie da gehört hatten, war ihnen nicht zu knapp 
in die Glieder gefahren. 
»Das hat unserem Tinchen gerade noch gefehlt«, sprach 
Guntrun in das bedrückende Schweigen hinein. »Wenn der 
Bruder Leichtsinn wirklich auftauchen sollte, was fängt sie 
dann mit ihm an?« 
»Das mag der liebe Himmel wissen«, seufzte Karola 
bekümmert. »Daß der Mensch sich nicht schämt, seine 
Frau, die er so gewissenlos verließ, um Hilfe anzubetteln. 
Glaubst du überhaupt an seine Krankheit?« 
»Nein. Die gibt er gewiß nur an, um sich eine sichere 
Geldquelle zu verschaffen.« 

»Genau das denke ich auch. Armes Tinchen, mit dem 
sorglosen Leben, das sie drei Jahre hier führte, dürfte es 
nun vorbei sein. Hoffentlich läßt sie sich nicht bis zum 
letzten Pfennig erpressen.« 
»Sicher tut sie das, so gutherzig und pflichtbewußt, wie sie 
ist. Man könnte weinen.« 
Dabei liefen ihr bereits die hellen Tränen über die Wangen, 
und schon weinte Karlchen auch. 
»Da sind ja unsere treuen Mitarbeiter wieder«, wurden die 
beiden Mädchen am nächsten Tag von der Baronin 
herzlich begrüßt, die mit den Ihren beisammensaß. »Und 

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mit so bedripsten Gesichtern?« 
»Ja«, entgegnete Guntrun zuerst einmal kläglich. Doch 

nachdem sie und Karola alle begrüßt und Platz genommen 
hatten, sprach sie zögernd weiter: 
»Wir sind schon etwas bedripst, aber ich weiß nicht, ob ich 
hier darüber sprechen soll.« 
»Wenn Sie uns des Vertrauens wert halten, dann immerzu«, 
ermunterte Rupert. »Hat es denn 
Meinungsverschiedenheiten gegeben mit dem Herrn 
Papa?« 
»Ach, der wollte mich doch bloß verheiraten«, tat sie 
geringschätzig ab. »Es hat noch nicht einmal Mühe 
gekostet, ihn von der Idee abzubringen, weil er es selbst tat. 
Was uns bekümmert, ist unser Tinchen.« 

Erst verlegen, dann immer freier erzählte sie von Christines 
Mißgeschick und führte dann weiter aus: 
»Nun wollten wir sie in ihrer mißlichen Lage nicht allein 
lassen, was sie sich jedoch schon gestern verbat. Als wir 
heute wieder davon anfingen, warf sie uns förmlich hinaus. 
Nun wissen wir wirklich nicht, wie wir uns verhalten 
sollten und erbitten Ihren Rat.« 
»Der meine ist, die Dame gewähren zu lassen«, entgegnete 
Rupert. »Denn wie mir scheint, weiß sie genau, was sie will, 
und wird sich daher auch ohne Beistand durchsetzen. Sie 
müssen natürlich täglich nach ihr sehen, aber dann die 
leidige Angelegenheit gar nicht berühren. Immer abwarten, 

bis sie selbst davon anfängt. Oder bist du anderer Ansicht, 
Arvid, weil du eine bedenkliche Miene aufsetzt?« 
»Die gilt nicht deiner Ausführung, Onkel Rupert, mit ihr 
gehe ich durchaus konform. Was mir zu denken gibt, ist, 
daß Frau Wiederbach dieses ständige Hangen und Bangen 
nicht durchhalten wird und daß sie sich für einen vielleicht 
Unwürdigen pekuniär ruiniert. 
Sie müßte sich daher an eine Auskunftei wenden und von 
der auskundschaften lassen, ob ihr Mann überhaupt krank 
gewesen ist, was er jetzt treibt und so weiter. Aber wenn sie 
nicht von selbst darauf kommt, für andere ist es schwer, ihr 

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diesen Tip zu geben. Hat sie den Gatten eigentlich aus 
Liebe geheiratet?« 

»Ja«, gab Karola ohne Besinnen Antwort. »Ich habe vor 
vierzehn Jahren die Hochzeit mitgemacht und muß schon 
sagen, daß ich selten so ein glückstrahlendes Brautpaar sah. 
Allerdings war ich damals noch ein Backfisch, aber auch 
später hatte ich den Eindruck, daß die Ehegatten 
miteinander gut harmonierten. Der Ansicht waren übrigens 
auch die anderen, und daher fielen wir sozusagen aus allen 
Wolken, als der Mann bei Nacht und Nebel verschwand.« 
»Hm, und den Grund kennen Sie nicht?« fragte Rupert. 
»Er hatte nicht nur sein großes Vermögen, sondern auch 
das seiner Frau durchgebracht.« 
»Mit Frauen?« 

»Nein, bei Wetten und Spiel. Zuerst hat Christine unter 
seinem Verschwinden sehr gelitten. Doch so nach und 
nach beruhigte sie sich, war zuletzt mit ihrem Leben ganz 
zufrieden. Ob sie an ihren Mann noch dachte, weiß man 
nicht, da sie ihn nie erwähnte. Wahrscheinlich hielt sie ihn 
für verdorben und gestorben, wie wir anderen auch. 
Jedenfalls sieht man in ihrem Zimmer kein Bild von ihm, 
nur die Bilder von Ihrem Töchterchen.« 
»So, hat die Dame auch ein Kind?« fragte die Baronin 
überrascht. »Hält sich das auch in Ihrem Haus auf?« 
»Es ist mit sieben Jahren gestorben.« 
»Die arme Frau«, sagte Ermenia mitfühlend. »Die hat in 

ihrem Leben schon Schweres genug mitgemacht. Darf man 
wissen, wie alt sie ist?« 
» Fünfunddreißig.« 
»Und der Gatte?« 
»Moment mal, da muß ich mich erst besinnen. Er ist acht 
Jahre jünger als sein Bruder, also vierzig.« 
»Ich wünschte, er wäre fünfzig Jahre älter«, brummte 
Guntrun. »Dann könnte er wenigstens mit Anstand sterben, 
und unser Tinchen hätte Ruhe vor ihm.« 
Obwohl es erbost klang, mußten die andern dennoch 
darüber lachen, und Arvid sagte: 

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»Dann haben Sie ihm immerhin ein nettes Alter 
zugebilligt, mein rabiates Fräulein.« 

Da der Gong zum Mittagessen rief, mußte man das 
Gespräch abbrechen. Nach dem Mahl kam das geruhsame 
halbe Stündchen, dann rief die Hofglocke zur Arbeit. 
»Wie ich hörte, willst du zur Försterei fahren, Arvid?« 
»Allerdings, Muttchen. Hast du einen Auftrag für deinen 
Sohn?« 
»Hab

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 ich. Fahr doch bitte an dem Waldhüterhaus vorbei, 

wo kürzlich das dreizehnte Kind eingetroffen ist. Bring der 
Frau Stärkungsmittel und dem Kleinen Windelzeug!« 
»Was soll ich?« fragte er so verdutzt dazwischen, daß die 
andern hell herauslachten. »Na, Muttichen, das ist aber mal 
ein Verlangen.« 

»Die Sachen sind doch verpackt, du dummer Junge. 
Brauchst das Paket nur abzugeben. Es sind auch noch 
Sachen für die älteren Kinder darin, die Menia und ich aus 
alten Stücken zusammenstichelten. Man muß da schon so 
ein bißchen nachhelfen.« 
»Dreizehn Kinder«, sagte Guntrun fast andächtig. »Du 
meine Güte, in dem Haus muß es ja so kribbeln und 
krabbeln wie in dem Korb die Küken, die wir gestern zu 
Frau Diersk trugen. Das möchte ich mir mal gern ansehen.« 
»Dann fahren Sie doch mit meinem Sohn«, schlug die 
Baronin vor, »es ist ganz gut, wenn Sie in Ihrem 
verwöhnten Leben auch mal ein armseliges kennenlernen. 

Wollen Sie das?« 
»O ja, wenn der Herr Baron mich mitnimmt?« 
»Nanu, seit wann so ängstlich?« 
»Spotten Sie nicht immer«, blitzte sie ihn an. »Jetzt komm

ich gerade mit. Karlchen, wieviel Geld hast du in deinem 
Portemonnaie?« 
»Nicht besonders viel. Warum fragst du?« 
»Wir beide müssen den Inhalt unserer Börsen 
zusammenschütten und das Geld den armen Leuten 
geben.« 
»Halt, halt!« sagte Rupert pomadig. »So viel blinder Eifer 

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schadet nur. Wer viel hat, gibt viel aus. Drücken Sie der 
Frau zehn Mark in die Hand, das ist für 

Nebensächlichkeiten Geld genug. Denn die Leute brauchen 
ja nicht zu hungern, weil sie ausreichendes Deputat 
haben.« 
»Deputat – was ist denn das?« 
»Das erklärt Ihnen Arvid während der Fahrt.« 
»Nun gut, ich mach

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 rasch meinen Wagen flott.« 

»Lassen Sie ihn stehen«, hielt der junge Mann sie am Ärmel 
zurück. »Mit Ihrer Prachtkutsche blieben wir auf den 
Wegen, die wir fahren müssen, doch nur stecken. Es geht 
nämlich sozusagen über Stock und Stein.« 
»Jetzt sag

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 ich überhaupt nichts mehr«, erklärte das 

Mädchen gottergeben. »Jetzt will ich nur noch sehen und 

staunen.« 
Nein, mit dem breiten, schweren Wagen der Guntrun 
Wiederbach wäre man auf den Wegen bestimmt nicht 
vorwärtsgekommen, die das leichte zweirädrige Gig 
mühelos nahm. Nachdem der große Gutshof überquert 
war, ging es zu einem Seitentor hinaus und den Feldrain 
entlang, wo der Wagen nur gerade so Platz hatte. Rechts 
und links stand das Getreide dicht wie eine grüne Bürste. 
Saftig war das Gras der Wiesen, auf dem das Vieh friedlich 
graste. Es ließ sich dabei auch nicht stören, als der Wagen 
am Stacheldrahtzaun entlangfuhr. 
Anders reagierten die Pferde auf der Weide, zumal das 

Pferd, das zwischen den Deichseln steckte, seinen 
Artgenossen einen fröhlichen Gruß zuwieherte. Da ging es 
wie die wilde Jagd durch die Koppel zu dem Zaun, wo die 
edlen Zuchtstuten die nickenden Köpfe darübersteckten. 
Viel waren es nicht, vier an der Zahl, aber alle tragend und 
den Stamm einer edlen Zucht bildend, die auf dem 
Hörgishof erstehen sollte. 
»Das sind ja prächtige Tiere«, sagte Guntrun entzückt. 
»Halten Sie doch bitte, Herr Baron.« 
Als er ihrem Wunsch nachkam, war sie mit einem Satz vom 
Wagen und eilte zu den Tieren hin, die sie erwartungsvoll 

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ansahen. Und tatsächlich fand sie gerade noch vier 
Stückchen Zucker in den Taschen ihres leichten 

Seidenmantels, den sie zu tragen pflegte, wenn sie zum 
Tattersall ging. 
»Diese Stute mit dem weißen sternförmigen Zeichen ist 
einzig schön«, sagte sie begeistert zu dem Mann, der 
soeben neben sie trat. »Die als Reitpferd! Aber leider kann 
ich kein eigenes halten, weil der Stall dafür fehlt. Und dann 
ist dieses Tier wohl auch unverkäuflich?« 
»Es ist meine wertvollste Zuchtstute und außerdem noch 
tragend.« 
»Oh! Na ja, der Mensch kann ja auch nicht alles haben, 
was er begehrenswert findet.« 
»Ein Glück«, bemerkte er trocken. »Wohin sollte das wohl 

führen. Übrigens beleuchtet das Heinrich Zschocke 
treffend: 
 
Jeder wünscht sich langes Leben, 
seine Kisten voller Geld. 
Wiesen, Wälder, Äcker, Reben, 
Klugheit, Schönheit, Ruhm der Welt. 
Doch wenn edles würde wahr, 
was man wünscht im neuen Jahr, 
dann erst wär’s um diese Welt, 
glaubt mir – jämmerlich bestellt.« 
 
»Ich weiß auch, wie

s weitergeht«, lachte sie ihn 

spitzbübisch an, während sie an seiner Seite zum Wagen 
schritt. 
 
»Lebten alle tausend Jahr, 
was gewönnen sie dabei? 
Kahle Köpfe, graue Haare 
und das ew’ge Einerlei. 
Im erschrecklichen Gedränge 
würden Stadt und Dorf zu enge 
und die ganze Welt zu klein. 

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Niemand könnte etwas erben, 
denn es würde keiner sterben - 
und wer wollte Doktor sein?« 
 
»Na, da verstehen wir uns ja ausgezeichnet«, lachte der 
Mann amüsiert. »Übrigens hätte ich es diesem gleißenden 
Köpfchen gar nicht zugetraut, daß sich darin dichterische 
Weisheiten festsetzen könnten.« 
»Ich weiß, ich weiß«, nickte sie gottergeben. »Sie trauen mir 
überhaupt nichts zu als Oberflächlichkeit. Und nur weil 
mein Vater Geld hat und mir damit ein Leben bietet, wie es 

das Gros junger Mädchen nicht führen kann. 
Es ist auch nur eine Marotte, daß ich an dem Hörgishof 
hänge, ein Spleen, daß ich mich darauf betätige, während 
zu Hause mich sogar eine Zofe bedient. Extravagant bin ich 
auch noch und werde später zu den unverstandenen 
Frauen gehören – jawohl!« 
»Gun, ich bin zerknirscht.« 
»Dafür sind Sie ja viel zu selbstherrlich. Aber macht nichts, 
ich finde Sie trotzdem nett.« 
Diese Offenheit verblüffte ihn denn doch. Doch bevor er 
etwas erwidern konnte, war sie in den Wagen geklettert 
und erklärte großartig: 

»Ergreifen Sie die Zügel und kutschieren Sie mich durch 
Feld und Flur, durch Busch und Au. Wissen Sie auch, daß 
dieses meine erste Fahrt im Fuhrwerk ist? Und daß ich sie 
herrlicher finde als im Auto? Aber das ist natürlich nur der 
Reiz der Neuheit.« 
Verlegen brummte er vor sich hin, indem er an ihrer Seite 
Platz nahm und das Pferd zum Trab ermunterte. 
Ein weiter Wiesengrund tat sich auf, durchschnitten von 
einem Flüßchen, das Erlen umsäumten. Und von Erlen 
umstanden war auch das kleine Haus, dessen Dach rot und 
einladend leuchtete. Einige Meter weiter begann der Wald, 
der sich hinzog, so weit das Auge reichte. 

»Ist das etwa derselbe Wald, an dem der Hörgishofer See 
grenzt?« fragte das Mädchen interessiert, und der Mann 

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nickte. 
»Ganz recht.« 

»Aber der ist dann ja riesengroß.« 
»Nun ja, ein schönes Stück ist es schon. Leider hat man ihn 
verwildern lassen, und bis er wieder in Ordnung kommt, 
vergehen Jahre. Seid ihr Burschen denn ganz von Gott 
verlassen?« 
Das galt den beiden Hunden, die heranpreschten, mit 
keuchendem Atem und hängender Zunge. Der Spaniel, der 
ja längere Beine hatte, war dem Dackel ein Stück voraus. 
Doch der kleine Kerl ließ nicht nach, raste dahin, daß der 
gelockte Behang nur so flog. 
»Bitte, halten Sie doch«, bettelte Guntrun. »Die armen Tiere 
laufen sich ja die Zunge aus dem Hals.« 

»Die armen Tiere sind ganz ungehorsame Gesellen. Sie 
wissen ganz genau, daß sie keinem Wagen nachlaufen 
sollen. Aber weil Sie so schön bitten können…« 
Der Wagen stand. Schon eine Minute später war der 
Spaniel heran, kroch auf dem Bauch zum Gig hin, dabei 
winselnd zu Herrchen aufsehend. Doch dessen Miene 
schien nichts Drohendes zu haben. Denn der prächtige Kerl 
richtete sich hoch und blaffte freudig auf, unterstützt von 
dem Dackel, der noch kürzeren Prozeß machte. Mit der 
Unverfrorenheit seiner Rasse kletterte er in den Wagen, ein 
Satz – dann machte er es sich auf Guntruns Schoß bequem. 
Allerdings schielte er dabei zu Herrchen hin. Als dieser 

jedoch in das mitreißende Lachen des Mädchens einfiel, 
hatte Frech gewonnenes Spiel und wieder einmal seinem 
Namen Ehre gemacht. 
»Was dem einen recht ist, ist dem andern billig«, legte das 
liebe Frauchen für den unten stehenden Harras ein gutes 
Wort ein. »Er darf doch in den Wagen?« 
»Ausnahmsweise. Komm her, du Strolch!« 
Das ließ der Hund sich natürlich nicht zweimal sagen. Ein 
Sprung, und er streckte sich im Wagen neben das Paket, das 
so nützliche Sachen für die Kinder des Waldhüters trug. 
»Nun kann das Rößlein wieder traben«, sagte Guntrun 

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fröhlich. Ihre Augen strahlten aus dem leichtgebräunten 
Gesicht, der Mund lachte. Sonnenschein flirrte über das 

unbedeckte Gelock, ließ es aufsprühen in metallischem 
Glanz. Schön war dieses Mädchen, gefährlich schön. 
»Jetzt kann ich erst die Menschen verstehen, die von der 
Natur schwärmen«, sagte sie versonnen, den weichen 
Behang des Dackels durch die Finger ziehend, was dieser 
sich nur zu gern gefallen ließ. »Aber so unberührte Natur 
habe ich bisher auch nicht kennengelernt. In den 
mondänen Orten, wohin ich kam, war alles kulissenartig 
zu rechtgestutzt, was ich damals allerdings nicht empfand. 
Aber jetzt – ja, jetzt ist eben alles anders geworden. 
Das Häuschen dort am Waldesrand mutet direkt heimelig 
an«, schwärmte sie weiter, ohne den forschenden Blick des 

Mannes zu bemerken. »So eins muß den Dichter zu dem 
Lied angeregt haben: Im schönsten Wiesengrunde ist 
meiner Heimat Haus. Ob das den Menschen, die dort 
wohnen, bewußt ist?« 
»Wahrscheinlich nicht«, riß Arvid sie trockenen Tones aus 
ihrer Träumerei. »Dort wohnt nämlich der Waldhüter mit 
Frau und dreizehn Kindern. Die dürften wohl eine warme 
Stube und ein Schinkenbrot der Poesie vorziehen.« 
»Pfui, Herr Baron, das war häßlich«, sah sie ihn 
vorwurfsvoll an, der vergnügt in sich hinein schmunzelte. 
»Gerade Sie müßten als Landwirt mit der Natur so 
verwachsen sein, daß Sie zum Dichter werden könnten.« 

»Gott soll mich bewahren!« wehrte er ab. »Zwar soll der 
Sänger mit dem König gehen, wie Schiller es in der 
›Jungfrau von Orleans‹ verlangt, aber nicht mit einem 
gewöhnlichen Stoppelhopser, falls Sie als Städterin wissen 
sollten, was das ist.« 
»Doch, ich weiß es. Und zu denen rechnen Sie sich? Sie 
hopsen doch nicht über die Stoppeln, Sie reiten darüber 
mit Ihrem edlen Trakehner«, schloß sie lachend, und 
amüsiert stimmte er ein. 
»Das ist Wortklauberei, meine Gnädigste. Aber schauen Sie 
mal, was dort aus der Tür des von Ihnen so 

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angeschwärmten Häuschens purzelt, wie Schneewittchens 
Zwerge. Wetten, daß sie nicht melodisch singen vom 

schönsten Wiesengrunde, sondern sich ganz unmelodisch 
auf das Paket stürzen, das zu Ihren Füßen liegt?« 
»Sie sind doch manchmal direkt unleidlich!« blitzte sie ihn 
empört an. Wurde dann jedoch kleinlaut, als der Wagen 
vor dem Haus hielt und die Kinder lauthals schrien: 
»Herr Baron, hast du uns was mitgebracht -?« 
»Wollt ihr wohl!« scheuchte er diejenigen weg, die sich auf 
das Trittbrett des Wagens drängten. »Wenn ihr so 
aufdringlich seid, bekommt ihr gar nichts.« 
Diese Drohung half. Wie Orgelpfeifen aufgereiht, standen 
sie da, die blanken Augen begehrlich auf das Paket 
gerichtet. Acht an der Zahl, stellte Guntrun fest, von denen 

das älteste Kind vielleicht dreizehn Jahre zählte. Sie waren 
wohl ärmlich gekleidet, hatten jedoch durchweg pralle, 
rote Backen und gerundete Glieder. Ein Zeichen, daß sie 
nicht zu hungern brauchten. 
Nun wurde in der Tür ein Mann sichtbar, groß, kräftig 
gebaut, mit einem sonnenbraunen Gesicht und pfiffigen 
Augen. Die Frau dagegen, die neben ihm auftauchte, sah so 
richtig verarbeitet aus. Der Rücken der bestimmt noch 
nicht Vierzigjährigen war bereits leicht gebeugt. Auf dem 
Arm trug sie ein kaum dem Säuglingsalter entwachsenes 
Kind, ein etwas größeres klammerte sich ängstlich an ihren 
Rock. 

»Nanu, Frau Walkereit, schon wieder auf den Beinen?« 
fragte der Gutsherr, und resigniert kam es zurück: 
»Was soll man tun, Herr Baron. Man muß aus dem Bett, ob 
man es verträgt oder nicht. Man kann doch nicht Mann 
und Kinder verkommen lassen.« 
»Sie müssen an Ihren ältesten Kindern doch schon ganz 
nette Hilfe haben. Wo sind übrigens die Zwillinge?« 
»Aus der Schule raus und rein in den Dienst, Herr Baron. 
Jetzt sind wir bloß noch elf.« 
»Das klingt ja fast bedauernd. Seien Sie doch froh, daß Sie 
zwei Esser los sind. Was macht das Kleine?« 

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»Ist ein strammer Bursch«, blähte der Vater sich förmlich 
auf vor Stolz. »Trinkt wie ein Alter.« 

»Dann ähnelt er seinem Vater«, tat Arvid lachend ab, 
während er eine Tüte aus der Rocktasche zog. »Nehmen Sie 
das Paket vom Wagen, Walkereit. Da ist so allerlei drin, was 
die Kinder gebrauchen können. Und, ihr Strolche, kommt 
mal her, streckt die Hände aus. 
Na hört mal, sauberer könnten die auch sein«, verteilte er 
gerecht die Bonbons, ließ jedoch einige in der Tüte für die 
Kinder, die bei der Mutter waren. »Wie oft wascht ihr euch 
eigentlich, jede Woche einmal?« 
»Aber nein doch, Onkel Baron«, protestierte es von allen 
Seiten. »Wir schrubben uns schon gerade genug.« 
»Na, wenn man«, reichte er der Frau die Tüte hin. »Die 

stecken Sie den Kleinen da ins Mäulchen.« 
Guntrun folgte dem allen mit großen Augen. War es doch 
eine neue Welt, die sich vor ihr auftat. Zögernd trat sie auf 
die Frau zu und gab ihr den Schein, den diese mit 
Blitzesschnelle in der Schürzentasche verschwinden ließ. 
»Vergelt

s Gott, gnädiges Fräulein.« 

»O bitte, keine Ursache.« 
Erschrocken hielt sie inne, als einer der kleineren Jungen in 
ein so mörderisches Gebrüll ausbrach, als wollte man ihn 
massakrieren. Und dabei hatte der Dackel Frech, der im 
Gig saß, doch nur nach der Hand geschnappt, die gewiß 
nicht behutsam mit ihm umgegangen war. Mißtrauisch sah 

der Vater seinen Sprößling an. 
»Warum brüllst du denn so, he?« 
»Der Hund hat mich gebissen.« 
»Und was hast du ihm getan?« 
»Nuscht, Vaterchen.« 
»Was hast du ihm getan?« klang es nun schon drohender. 
»Väterchen, so gut wie nuscht.« 
»Was hast du ihm getan?« schwoll nun die Stimme an, was 
für die Kinder höchster Alarm bedeutete. 
»Ich hab

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 ihn doch man so ein bißchen bloß – auf die 

Schnauze – gehauen.« 

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»Aha! Damit du weißt, wie weh das tut…«, saß ihm die 
gewiß nicht kleine Hand im Gesicht. »Quäle nie ein Tier 

zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz. Ich bin 
Tierheger, verstanden? Ehe ich zulasse, daß so eine arme 
Kreatur von euch gequält wird, zieh

ich euch das Fell über 

die Ohren!« 
Als wäre das seine wirklich in Gefahr, so rasch gab der 
Junge Fersengeld, und sein Vater fragte: 
»Hab

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 ich da nicht recht, Herr Baron? Würde der Herr 

Baron es mit seinem Sohn, wenn er einen hätte, nicht 
genauso machen?« 
»Und wie ich das täte! Denn wie sagt ein 
menschenkundiger Weiser: Der kleine Tierquäler erwächst 
zu einem harten, grausamen Mann.« 

»Sie sind ja so still«, sagte Arvid, als man wieder auf dem 
Wagen saß. »Hat Ihnen die muntere Familie etwa die 
Sprache verschlagen?« 
»Ein Wunder wär’s nicht. Das geht da vielleicht turbulent 
zu! Wie die Frau das aushält, ist mir einfach unbegreiflich.« 
»Sie ist ja nichts anderes gewohnt«, entgegnete er 
achselzuckend. 
»Fühlt sich auf ihre Art sogar noch glücklich dabei. Zumal 
sie von dem Mann gut behandelt wird, keine Prügel von 
ihm kriegt.« 
»Na, wo gibt’s denn so was!« entrüstete Guntrun sich, und 
er lachte. 

»Das kommt in den besten Familien vor. Haben Sie in 
Ihren Kreisen noch nichts davon gehört?« 
»Daß sich die Gatten streiten, ist wohl in den meisten Ehen 
üblich, aber prügeln? Würden Sie das etwa bei Ihrer 
Frau…?« 
»Wenn sie es verdient, ohne weiteres. Dann hätte sie 
wenigstens Grund, sich scheiden zu lassen. Und nicht 
wegen seelischer Grausamkeit, wie es heute ja zum guten 
Ton gehört, sondern wegen körperlicher.« 
»Na, Sie Barbar!« 
»Ja, sagen Sie mal, warum empören Sie sich eigentlich?« 

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fragte er schmunzelnd, und sie sah ihn verdutzt an, mußte 
dann aber über sein verschmitztes Gesicht lachen, und der 

Friede war hergestellt. 
Sie fuhren nun eine kurze Strecke am Waldrand entlang, 
dann bogen sie ein in den grünen Dom. Herrlich prangten 
die jungen Blätter der Laubbäume, der Boden war von 
Frühlingsblumen überwuchert. 
Plötzlich hielt der Wagen mit einem Ruck, so daß Guntrun 
erschrocken zusammenfuhr. Doch dann wurden ihre 
Augen ganz groß und weit. Denn keine zehn Meter vom 
Wagen entfernt, bemerkte sie einen Hirsch, der über die 
Straße wechselte, ein Rudel Hindinnen hinter sich. Kein 
bißchen ängstlich war der König des Waldes. Stolz trug er 
den Kopf mit dem herrlichen Geweih, verschwand dann 

langsam im Gehölz, und das Pferd durfte weitertraben, daß 
bisher so ruhig verharrt hatte, als wüßte es, daß man kein 
Wild vergrämen durfte. Auch die Hunde hatten nicht Laut 
gegeben, obwohl sie vor Aufregung an allen Gliedern 
zitterten. 
»War das schön«, sagte Guntrun so recht aus Herzensgrund. 
»Und so gar keine Angst hatten die Tiere.« 
»Vorläufig haben sie auch keinen Grund dazu«, erklärte 
¦Arvid. »Denn der schlaue Bursche hat gewissermaßen den 
Kalender im Kopf. Weiß daher, daß es noch Schonzeit ist, 
und die Hindinnen vertrauen ihm blindlings.« 
»Und wann dürfen die Tiere… Wie nennt man ihre Art 

überhaupt?« 
»Rotwild.« 
»Wann darf es geschossen werden?« 
»Von Ende Mai bis Oktober.« 
»Darf der Jäger dann alles abschießen, was ihm vor die 
Flinte kommt?« fragte sie naiv. 
»Nein, mein Fräulein, solche Amokläufer sind wir Jäger 
nun wirklich nicht.« 
Weiter konnte er nichts erklären, da das Forsthaus erreicht 
war und der Oberförster in der Tür sichtbar wurde. 
»Weidmannsheil!« grüßte er aufgeräumt. »Warum lacht der 

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Herr Baron denn so herzlich?« 
»Über meine dumme Frage«, gab Guntrun Antwort. Mit 

einem Satz war sie vom Wagen und begrüßte den 
Forstmann, der ihr von Hörgishof her bekannt war, wo es 
öfter dienstlich für ihn zu tun gab. 
»Potzkeilerzahn, wir werden ja immerzu hübscher, meine 
kleine Gnädige«, strich er sich schmunzelnd den 
angegrauten Jägerbart. »Wie hält man das bloß aus.« 
»Wer, ich?« 
»Nein, die Mannsleut.« 
»Die laufen vor mir davon«, legte sie den Kopf schief und 
blinzelte den Grünrock an. »Keiner begehrt mich zum 
Weib.« 
»Na, das wäre! Sind die denn alle blind?« 

»Eben nicht. Sie beherzigen den weisen Spruch: 
 
Begehre nie ein Glück zu groß
 
und nie ein Weib zu schön, 
sonst könnte dir’s in seinem Zorn 
der Himmel zugestehn.« 
 
»Potz Schwarzkittel und Hasenscharte!« lachte der Mann 
schallend auf. »So ein verflixtes Schmaltierchen!« 
»Aber Mann, wo ist denn eins?« eilte die Jägerin, angelockt 
durch das Gelächter, herbei, stutzte beim Anblick des 
Mädchens und streckte ihm zur Begrüßung beide Hände 
entgegen. 
»Fräulein Wiederbach, nicht wahr? Wie freue ich mich, Sie 
persönlich kennenzulernen; denn gehört habe ich von 
Ihnen schon viel.« 
»Hoffentlich etwas Gutes?« 

»Na und ob! Mein Alter ist ja geradezu verliebt in Sie.« 
»Jetzt nicht mehr«, erklärte er kläglich. »Das Rehlein hat 
mir zuviel Haare auf den Beißerchen.« 
»Bei den Mannsleut nur angebracht«, blieb die rundliche 
Ehehälfte ungerührt. »Gott zum Gruß, Herr Baron. Die 
Waffeln sind gerade fertig.« 

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»Dann steht uns ja ein herrlicher Genuß bevor, gnädige 
Frau.« 

Das stimmte; denn die Waffeln gaben an Güte den 
Sephchens nichts nach. Man aß sie auf der Veranda, die 
von der Sonne eingewärmt war, trank den guten Kaffee 
dazu und unterhielt sich in dem Ton, den gegenseitige 
Sympathie aufklingen läßt. 
Guntrun amüsierte sich köstlich über den Nimrod, der sich 
in der Jägersprache ausdrückte. Seine Frau nannte er 
Häschen, seine wie des Herrn Hunde, die sich im Garten 
vergnügt balgten, Meute, er aß nicht, sondern äste, keiner 
hatte Ohren, sondern Lauscher und so fort. Als er jedoch, 
nachdem er erfuhr, daß sein Herr bei dem Waldhüter 
eingekehrt war, ganz sachlich fragte: »Wie geht’s denn der 

Geiß mit ihren Geißlein?« Da lachte das Mädchen so 
fröhlich, daß es die anderen mit diesem hellklingenden 
Lachen mitriß. 
Nachdem man gesättigt war, zogen sich die beiden Herren 
zur dienstlichen Besprechung ins Amtszimmer zurück, und 
die beiden Damen setzten sich auf die grüne Bank, die 
neben der Haustür stand. 
»Hier sitze ich am liebsten«, erklärte die Herrin des Hauses, 
die etwas Liebes, Mütterliches an sich hatte. »Da hat man 
so einen herrlichen Blick in den Wald, dem nun mal meine 
große Liebe gehört. Kein Wunder, da ich als Försterkind 
sozusagen in den Wald hineingeboren bin. Mit der Stadt 

habe ich nicht viel im Sinn, ich würde eingehen, sollte ich 
da wohnen. Aber das können Sie als Städterin 
wahrscheinlich nicht verstehen, nicht wahr?« 
»Wenn Sie mich das ein halbes Jahr früher gefragt, hätte ich 
mit einem glatten Nein geantwortet, gnädige Frau«, gab 
Guntrun offen zu. »Doch seitdem ich den Hörgishof kenne, 
zieht es mich zu ihm hin wie mit tausend Banden.« 
Forschend sah die Frau in das Mädchengesicht, dessen 
Reinheit sie entzückte. Wie zwei leuchtende blaue 
Flammen muteten die Augen an, das Lachen wie 
hellklingender Glockenton. Als sie später, nachdem die 

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Gäste abgefahren waren, von dem schönen Mädchen direkt 
schwärmte, kraulte der Gatte nachdenklich seinen Bart. 

»Häschen, was du denkst, das weiß ich. Unbestritten ist das 
Schmaltierchen…« 
»Nun laß mal deine Jägersprache und drücke dich gefälligst 
menschlich aus!« 
»Na schön. Unbestritten ist das Marjellchen etwas ganz 
Exquisites und würde zu unserem Herrn passen wie keine 
andere. Aber sie ist eine Städterin und hat zuviel Geld.« 
»Das ist es doch gerade, was unser Herr braucht. Damit 
könnte er den Hörgishof…« 
»Könnte wohl, aber er wird es nicht tun. Der will mit 
seinem Geld wirtschaften, nicht mit dem seiner Frau. 
Außerdem wird er das Mädchen heiraten, das er liebt.« 

»Na hör mal, wenn er sich nicht in das wunderschöne 
Menschenkind verlieben sollte, dann hat er keine Augen im 
Kopf und kein Herz im Leibe.« 
»Hm, aber Verstand hat er, und der wird ihm sagen, daß 
ein Paradiesvogel nicht in seine Gefilde paßt. Daß er…« 
»Alter, jetzt hör aber auf! Deine Vergleiche sind ja 
fürchterlich! Was soll er denn heiraten, eine – eine…« 
»Gans«, half er schmunzelnd aus, in dem er sein »Häschen« 
bei den »Löffeln« bekam und es herzlich küßte. »Die paßt 
bestimmt nicht zu ihm. Im übrigen ist unser Herr ja kein 
Dummer, der weiß schon, was er tut.« 
Es war einige Tage später. Vor sich hin summend, sprang 

Guntrun die Treppe hinauf und wäre oben fast mit 
Ermenia zusammengeprallt. 
»Hoppla, das war gerade man knapp! Woher des Wegs, 
vieledle Dame?« 
»Die Bezeichnung paßt sogar in die Altertümer hinein, in 
denen ich oben kramte«, lachte Ermelchen vergnügt. 
»Warum sehen Sie mich so verdutzt an?« 
»Na, soll ich das vielleicht nicht sein, wenn Sie von 
Altertümern sprechen. Gibt’s denn hier welche?« 
»O ja, zum Beispiel mich.« 
»Daß ich nicht lache! Keine zehn Mark ist Ihre 

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Altertümlichkeit wert. Wenn Sie nicht mit anderen 
aufwarten können.« 

»Kann ich, weiß nur nicht… Ach was, kommen Sie mit!« 
Sprach’s, drehte sich auf dem Absatz hemm und wieselte 
dem erstaunten Mädchen voran. Schloß an einer Tür, 
sperrte sie auf und sagte trocken: 
»Sind das nun Altertümer oder nicht?« 
»Kann man wohl sagen«, dehnte Guntrun überrascht. Dann 
jedoch trat sie rasch ein und vertiefte sich in den Anblick 
der Sachen, die in dem großen Raum aufgestapelt waren. 
Dann wandte sie sich langsam Ermenia zu, die abwartend 
an der geschlossenen Tür verharrte. 
»Warum hält man die Sachen hier so versteckt?« 
»Weil sie in eine Rumpelkammer gehören.« 

»Na, erlauben Sie mal, Baronesse, das ist ja direkt eine 
Beleidigung für all die wertvollen Stücke. Zufällig verstehe 
ich was davon, weil meine Mutter aus einer 
Antiquitätenhandlung stammt, die jetzt ihr Bruder besitzt. 
Da meine Mama diesen Bruder fast täglich besuchte und 
mich jedesmal mitnahm, bin ich in dem Laden sozusagen 
groß geworden. Es gab nichts Schöneres für mich, als in 
den Altertümern zu kramen, mir Art und W

7

ert vom Onkel 

erklären zu lassen. So habe ich mir ein ganz nettes Wissen 
angeeignet und kann daher beurteilen, ob hier Werte 
brachliegen oder nicht. 
Da ist so ziemlich alles vertreten, was ein Sammlerherz in 

Wonne versetzen würde. Barock, Rokoko, Biedermeier – 
und alles so in köstlich reiner Form. Du meine Güte, das 
müßte Onkel Theo sehen! Sein ›altertümliches‹ Herz würde 
vor Freude hüpfen. 
Und was ist denn das da?« Sie trat interessiert näher und 
beäugte aufmerksam eine Truhe, im Ausmaß einer hohen 
Zigarrenkiste. Sie stand auf geschweiften Füßen, der Deckel 
war gewölbt, die Farbe fast schwarz. 
»Himmel, ist das Ding schwer! Soll das etwa Gold sein?« 
sah sie sich nach Ermenia um, die langsam näher trat und 
trocken bemerkte: 

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»Mein liebes Kind, dann stände sie nicht hier. Dann hätte 
sie der gute Jasper längst zu Geld gemacht. Außerdem ist 

Gold gelb und nicht schwarz.« 
Darauf erwiderte Guntrun nichts. Sah immer nur wie 
fasziniert auf die Truhe. Hob sie hoch, schüttelte sie stellte 
sie wieder weg und sagte: 
»Vertrauen Sie mir die Truhe an, Baronesse. Ich bringe sie 
zu meinem Onkel, und der wird schon wissen, ob sie 
wertvoll ist oder nicht. Oder mißtrauen Sie mir?« 
»Reden Sie doch nicht solchen Unsinn, Gun. Wenn es 
meine Truhe wäre, würde ich keinen Augenblick zögern, sie 
Ihnen zu übergeben. Aber sie gehört Arvid.« 
»Dann sprechen Sie doch mit ihm.« 
»Das wage ich nicht. Es darf überhaupt niemand wissen, 

daß ich Ihnen das hier zeigte, weil Sie doch reich sind und 
wir arm. Muß ich noch weitersprechen?« 
»Nein, Baronesse, ich habe Sie verstanden. Aber’ gerade 
weil es… Na ja, darf das Wertvolle hier nicht so 
brachliegen.« 
»Wird es auch nur bis zum Herbst, wenn die Arbeit 
draußen nicht mehr so drängt. Dann hat mein Neffe Zeit, 
sich mit dem allen hier intensiv zu beschäftigen – auch mit 
den alten Schriften in der Bibliothek, für die Jasper als 
fanatischer Sammler den Hörgishof ruinierte. Dann ist 
vielleicht auch das Geld da um den Experten zu bezahlen, 
den Arvid unbedingt als Sachverständigen hinzuziehen 

will. 
Übrigens wurden schon vor einigen Wochen Sachen aus 
diesem Raum an den Antiquitätenhändler Alkwin verkauft, 
die ein nettes Sümmchen einbrachten…« 
Sie wurde nun ausführlicher, und Guntrun hörte 
aufmerksam zu. Als der Bericht zu Ende war, sagte sie mit 
spitzbübischem Lächeln: 
»Also ist der Anfang bereits gemacht. Und daß es eine 
Fortsetzung gibt, dafür werde ich sorgen. Alkwin ist 
nämlich mein Onkel. Was sagen Sie nun?« 
»Ach du lieber Gott! Gibt es denn überhaupt solche 

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Zufälle, oder ist es mehr?« 
»Nehmen wir letzteres an, Baronesse. Daher lassen Sie alle 

Wenn und Aber, geben Sie mir die Truhe mit. Ich schwöre 
Ihnen, mit niemand darüber zu sprechen, selbst mit Karola 
nicht, einverstanden?« 
»Ja, aber – wie wollen Sie das Ding denn transportieren?« 
»Ich packe es in mein Köfferchen, worin niemand ein 
Geheimnis vermuten wird. Bringe es zur Begutachtung 
meinem Onkel, der übrigens auch ein anerkannter Experte 
alter Schriften ist.« 
»Jetzt sage ich überhaupt nichts mehr«, gab Ermenia sich 
geschlagen. »So nimm denn liebes Schicksal deinen Lauf.« 
Eine Viertelstunde später betrat Guntrun die Küche, wo die 
Hausherrin damit beschäftigt war, gebündelte Blumen in 

den dafür bestimmten Korb zu packen. 
Es war gewiß nicht das erste Mal, daß Guntrun sich in 
Sephchens Bereich blicken ließ und noch nicht einmal von 
ihr verscheucht wurde. Denn das alte Mädchen hatte das 
junge schon längst in ihr Herz geschlossen und betrachtete 
es als vollwertiges Mitglied der so sehr geliebten Herrschaft. 
»Kochtopfsheil!« grüßte der Schelm und stand dann vor 
der Dame des Hauses stramm. 
»Frau Baronin, ich melde mich ab. Habe eine dringende 
Angelegenheit in der Stadt zu erledigen. Die Blumen 
nehme ich mit und liefere sie in der Gärtnerei ab.« 
»Wollen Sie nicht warten, bis Karola zurück ist?« 

»Das dauert mir zu lange. Wer weiß, wohin Frau Diersk sie 
diesmal entführt hat.« 
»Nach Zuckerchen natürlich, wo man einen Tennisplatz im 
Park anzulegen gedenkt. Da soll Karlchen raten, wo es am 
günstigsten geschieht, weil sie doch in so was kompetent 
ist.« 
»Na tru de Düwel dem Ap’theker!« 
Sprach’s, ergriff den Blumenkorb, drückte einen Kuß auf 
die Wange Erdmuthes, streichelte die Sephchens und war 
wie ein Wirbelwind hinaus. 
Als sie gerade die Garage betreten wollte, kam der Baron 

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hinzu, lachend auf Korb und Köfferchen zeigend. 
»Nanu, Fräulein Gun, wollen Sie etwa ausziehen wegen 

schlechter Behandlung?« 
»Jawohl, da ich die Ihre nicht mehr länger ertrage«, kam es 
schlagfertig zurück. »Und da Sie mir nie Blumen schenken, 
mußte ich mir welche stibitzen.« 
Schon saß sie im Auto, sauste an dem Mann vorbei, der ihr 
stirnrunzelnd nachsah. 
Daß die Menschen doch die Autoraserei nicht lassen 
konnten. Passierte etwas dabei, waren sie noch großartig 
erstaunt. Das heißt, wenn sie überhaupt dazu kamen und 
sich nicht gleich den Hals brachen. 
Nun, sein Hals war’s ja nicht. 
Und. Guntruns wahrscheinlich auch nicht. Sie war nämlich 

gar nicht eine so wilde Fahrerin, wie Arvid Hörgisholm 
annahm. Jetzt fuhr sie sogar ein sehr gemäßigtes Tempo, 
weil allerlei Gedanken in ihrem Hirn kreisten und sie sich 
somit nicht richtig konzentrieren konnte. 
Da war erst einmal die Truhe im Koffer, die auf alle Fälle 
Geld einbringen mußte, ob sie etwas wert war oder nicht. 
Wie versorgt hatte Ermelchen ausgesehen, als sie von den 
lastenden Hypotheken sprach und von den Zinsen, die 
jeden Verdienst wegfraßen wie ein gieriger Moloch. 
Das mußte anders werden und wenn sie, Guntrun, da 
gleich einen Betrug auf sich nahm. Aber den Menschen, an 
denen sie mit ganzer Seele hing, mußte geholfen werden, 

und dazu mußte ihr wiederum Onkel Theobald verhelfen. 
Nachdem sie diesen Schlußstrich gezogen hatte, wanderten 
ihre Gedanken zu Karola hin. Ihr Karlchen! Nun hatte das 
spröde Herz doch kapitulieren müssen. Und wenn es 
Guntrun auch noch so weh tat, ihren guten Geist hergeben 
zu müssen, so war sie dennoch nicht egoistisch genug, 
Karola ihr Glück zu mißgönnen, das sie an der Seite des 
prachtvollen Mannes bestimmt finden würde. Zumal seine 
Schwester, an der er sehr hing, mit seiner Wahl nicht nur 
einverstanden war, sondern diese auch noch nach Kräften 
unterstützte. Mit welchen Schlichen und Listen hatte sie 

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Karola ins Haus gelockt, immer wieder einen Anlaß dazu 
ausdenkend. 

Heute war es der Tennisplatz gewesen. Als ob diese kluge, 
im praktischen Leben feststehende Frau nicht selbst wüßte, 
wo man den Platz am besten anlegte. 
Aber Karlchen war wieder lieb und brav mitgegangen und 
würde es immer weiter tun, bis – ja bis… 
Bis Karlchen heute dem losen Detlef, der ja wachsam auf 
der Lauer lag, wenn sie im Hause war, einfach in die Arme 
lief. Nicht absichtlich, bewahre, das konnte man von der 
spröden Karola nicht verlangen. Sie prallte mit ihm an der 
Haustür zusammen, und nun er sie so nahe hatte, ließ er 
sie auch nicht mehr los. Legte fest den Arm um die 
zierliche Gestalt und fragte bittend: 

»Nicht wahr, Karlchen, das darf ich doch?« 
»Ja«, sagte sie einfach, und schon war ihr Mund von einem 
anderen versiegelt. 
Und Hansinchen? Das lugte verstohlen um die Ecke und 
eilte dann davon, um ein Festmahl zu richten. 
Bei dem Guntrun natürlich nicht fehlen durfte. Doch als 
Karola anrief, erklärte ihr Ermenia, daß Gun zur Stadt 
gefahren wäre und heute wahrscheinlich nicht mehr zum 
Hörgishof zurückkehren würde. 
»Kommt sie etwa nicht?« fragte Detlef, als die Braut 
enttäuscht den Hörer auflegte. 
»Nein. Sie ist gar nicht auf dem Hörgishof, sie ist zur Stadt 

gefahren. Und ich habe mich doch schon so auf ihr 
überraschtes Gesichtchen gefreut.« 
»Na du, so groß wäre die Überraschung bestimmt nicht 
gewesen«, lachte Hanna. »Sie ist ja schließlich nicht auf den 
Kopf gefallen. Ruf doch zu Hause an und lade gleich Frau 
Wiederbach und den kleinen Enno ein. Bei Familie 
Hörgisholm werde ich nachholen, was du in deinem 
Glücksdusel versäumt hast.« 
Allein, auch zu Hause war Guntrun nicht, wie Christine 
erklärte. 
»Ja, wo steckt das schreckliche Mädchen eigentlich!« sprach 

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Karola aufgeregt in die Muschel. »Kaum, daß ich es einmal 
allein lasse, macht es sich selbständig und heckt bestimmt 

eine Dummheit aus. Sag Gun, wenn du ihrer ansichtig 
wirst, sie soll sofort kommen, ich habe mich verlobt.« 
»Daher bist du so konfus, mein Herzchen«, lachte Christine 
am anderen Ende so hell heraus, daß es sogar außerhalb 
des Hörers vernehmbar ward. »Wohin soll Gun kommen, 
mit wem hast du dich verlobt?« 
»Mit Detlef natürlich, mit wem sonst? Komm auch du her 
und bring Enno mit. Ende.« 
»Das nennt man kurz angebunden«, lachte Detlef herzlich. 
»Nun komm her und laß dich küssen!« 
Womit denn das Brautpaar gut untergebracht war. Es nahm 
sich genauso wichtig wie die anderen Brautpaare auch und 

kehrte erst wieder aus dem siebenten Himmel auf die Erde 
zurück, als Hanna zur Mittagstafel bat. 
»Karola hat eingewilligt, in drei Wochen meine Frau zu 
werden«, berichtete der Bräutigam strahlend, was die 
Schwester gar nicht erstaunte. 
»Warum auch nicht«, meinte sie pomadig. »Bei euch 
stimmt alles so glänzend, daß ihr keine Veranlassung zum 
längeren Warten habt. Die Aussteuerbesorgungen fallen 
fort, weil Karola hier alles im reichen Maße vorfindet, und 
ihre persönlichen Sachen kann sie in drei Wochen bequem 
erledigen. Wie steht es nun mit dem Hochzeitsfest? Gebt 
mir bitte eure Wünsche bekannt, damit ich mich darauf 

einrichten kann.« 
»Dazu wirst du keine Gelegenheit haben, Hansinchen, weil 
die Feier in Villa Wiederbach stattfinden wird. Denn die 
läßt Stella sich bestimmt nicht entgehen, um in der 
Gesellschaft mit dem Prunk ihres Hauses zu glänzen.« 
»Ach du lieber Gott«, seufzte Hanna. »Na, meinetwegen.« 
Um die Kaffeezeit trafen dann die Gäste ein, bis auf 
Guntrun. 
»Sie hat sich zu Hause noch gar nicht sehen lassen«, 
berichtete Christine. »Weiß der Himmel, wo sie 
herumschwirrt.« 

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»Das kannst du so ruhig sagen?« 
»Ja, warum denn nicht?« war die erstaunte Gegenfrage. 

»Die Gun ist doch nun wirklich alt genug, um ohne 
Kindermädchen auszukommen.« 
»Ich mache mir Vorwürfe, sie allein gelassen zu haben.« 
»Na und?« blieb Christine ungerührt. »Das wird ja fortan 
sowieso der Fall sein. Oder gedenkst du sie auch jetzt noch 
auf Schritt und Tritt mit dir herumzuschleppen?« 
»Das würde ich mir wohl ernstlich verbitten«, protestierte 
der Bräutigam, und die anderen stimmten ihm zu. Es 
gelang ihnen auch, Karola so abzulenken, daß sie Guntrun 
vergaß. 
Allein Ermenia gelang es nicht. Denn sie wußte ja, wo die 
Gun steckte, hütete sich jedoch, es laut werden zu lassen. 

Denn sie hatte keine Ahnung, welche Ausrede Guntrun 
erfinden würde. 
Und dann stand sie endlich da – lachend, strahlend. 
Ebenso fiel auch der Glückwunsch aus, den sie für die 
Braut hatte. 
»Karlchen, daß ich dir alles Glück der Erde wünsche, 
brauche ich wohl nicht extra zu betonen. Und Ihnen, Herr 
Doktor, wünsche ich überhaupt kein Glück, da sie es mit 
Karola bereits beim Schopf gefaßt haben.« 
»Daß dieser Strolch doch immer etwas Besonderes haben 
muß«, lachte Christine gleich den anderen herzlich. »Wo 
hast du überhaupt so lange gesteckt?« 

»Eine Besorgung gemacht, da diese Verlobung bereits fällig 
war. Hätte ich allerdings gewußt, daß sie heute schon 
stattfinden würde, wäre ich selbstverständlich als erster 
Gratulant erschienen. So jedoch kramte ich ahnungslos, in 
Onkel Theos Schatzkästlein so lange herum, bis ich fand, 
was ich suchte.« 
Ehe Karola es sich recht versah, hing ihr eine Goldkette am 
Hals, an der ein altertümlicher Anhänger glänzte. Ein 
Smaragd von köstlicher Schönheit. 
»Mein Gott, Gun, das hier ist ja ein Vermögen.« 
»Gar nicht so schlimm«, ließ der Schelm sie nicht ausreden. 

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»Den Anhänger erstand ich ja bei Onkelchen, und der 
überläßt mir alles zum Einkaufspreis.« 

So hatte sie denn die Lacher auf ihrer Seite und tat vergnügt 
mit. 
Ist das ein kleiner Schlauberger, dachte Ermenia amüsiert. 
Sie hat noch nicht einmal gelogen. Sie war ja tatsächlich im 
Antiquariat, wo sie nebenbei den Anhänger erstand. 
Kurz vor dem Abendessen traf noch ein Gast ein, Egon 
Wiederbach. Von seiner Reise zurückgekehrt, erfuhr er 
durch den Diener von Karolas Verlobung, zog sich rasch 
um und war nun da, herzlich von den Gastgebern begrüßt. 
Es wurden gemütliche Stunden, die man miteinander 
verlebte. 
Enno war glücklich, als Hanna ihm anbot, fortan das 

Wochenende hier zu verleben. Als man sich am späten 
Abend trennte, stand man in Bausch und Bogen auf du und 
du – und eine Freundschaft fürs Leben war geschlossen. 
»Nur immer hereinspaziert!« rief Ermenia munter, als es 
klopfte, weil sie genau wußte, wer da noch so zwischen 
Mitternacht und Morgengrauen Eintritt begehrte. Gun 
erschien, setzte sich auf den Bettrand und begann ohne 
Umschweife: 
»Ganz aus Gold ist die Truhe gerade nicht, aber die reichen 
Ornamente sind es ohne Zweifel. Onkelchen war ganz 
begeistert, machte sich sofort an die Säuberung, und nun 
erstrahlte die Truhe im herrlichen Glanz. Er hat sie auch 

geöffnet, was ungeheuer schwierig war. Aber da er ja allerlei 
Spezialwerkzeuge besitzt, klappte es endlich doch. Und was 
meinst du wohl, was darin steckt? Schmuck, Ermelchen.« 
»Ach du lieber Gott!« schnellte diese wie ein Gummiball 
im Bett hoch. »Womöglich der berühmte Schatz wie im 
Märchen!« 
»So gerade nicht«, lachte Guntrun amüsiert. »Aber 
immerhin sind die Ketten, Spangen, Broschen und so 
weiter sehr wertvoll, da sie außer dem edlen Metall und 
herrlichen Steinen auch noch Altertumswert besitzen. Und 
was sagst du nun?« 

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»Was soll ich da schon sagen«, ließ Ermenia sich wie 
erschöpft in die Kissen zurücksinken. »So einem Schreck 

zur nächtlichen Stunde bin ich nicht gewachsen.« 
»Wird sich sofort legen, da es ja ein freudiger Schreck ist«, 
blieb das Mädchen ungerührt. »Ich habe mit meinem 
Onkel auch über die alten Schriften gesprochen. Hättest 
mal sehen sollen, wie seine Augen hinter den dicken 
Brillengläsern begehrlich funkelten. Ein Wort von Arvid, 
und er hat den Experten in der Bibliothek, auch ohne 
Bezahlung.« 
»Kind, Kind«, murmelte die Baronesse. »Würde dein Onkel 
das ankaufen, was er für wertvoll hält?« 
»Sofort, Ermenia. Erstens gehört es zu seinem Geschäft, 
und dann hat er so viel Geld, um auch Stücke anzukaufen, 

die er nicht gleich reißend los wird.« 
»Und wir können Geld so nötig brauchen«, sagte Ermenia 
leise. »Ich spreche, sofern ich sie allein erwischen kann, mit 
Erdmuthe und Rupert. Dann wollen wir beraten, was 
geschehen soll. Vorerst hab recht herzlichen Dank, du gutes 
Kind.« 
»Wofür denn, Tante Ermenia. Ich tue mir gewiß den 
größten Gefallen, wenn ich euch helfen kann. Schlaf gut, 
Ermelchen, und träume davon, daß ihr bald reiche Leute 
sein werdet.« 
Lachend entschwand sie und schlief den Rest dieser Nacht 
wie ein Mensch, der eine gute Tat vollbracht hat. 

Ermenia hingegen konnte keinen Schlaf finden, dafür war 
sie zu aufgewühlt. Früher als gewöhnlich stand sie auf, 
ungeduldig auf den Augenblick wartend, wo sie Erdmuthe 
und Rupert allein sprechen konnte. Endlich glückte es nach 
dem Frühstück, das Guntrun heute verschlief. Arvid, der es 
sehr eilig hatte, entfernte sich, noch am letzen Bissen 
kauend, und so hatte denn Ermenia die beiden allein für 
sich, die bei dem, was sie da zu hören bekamen, kaum zu 
atmen wagten. Doch bevor sie sich noch dazu äußern 
konnten, trat Guntrun ein. Prüfend schweiften die 
Blauaugen von einem zum anderen, dann sagte das 

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Mädchen zögernd: »Erst mal einen guten Morgen allerseits 
– und dann: Hat Tante Ermenia gesprochen?« 

»Eben jetzt«, gab diese Antwort. 
»Na und? Soll ich mit meinem Onkel…« 
»Bitte nicht«, wehrte Erdmuthe hastig ab. »Wir müssen erst 
mit Arvid sprechen, denn er ist ja schließlich der Erbe von 
Hörgishof und somit von allem, was zu ihm gehört. Hast 
du Gun erzählt, Menia, wie ungehalten er war, daß wir 
über seinen Kopf hinweg schon einige Stücke verkauften?« 
»Ja. Auch daß er sich verbeten hat, ohne seine Zustimmung 
noch mehr zu veräußern.« 
»Dann weißt du ja Bescheid, mein Kind.« 
»Ganz recht, Tante Erdmuthe«, blitzte es in den 
Mädchenaugen böse auf. »Ich weiß auch noch mehr, 

nämlich daß Arvid ein großer Egoist ist, der euch lieber 
Entbehrungen auferlegt, als die wertvollen Sachen, die hier 
so ›brachliegen‹, zu Geld zu machen. 
Warum nur, um alles in der Welt? Etwa aus Hochmut, sich 
unter die Verkäufer zu mischen? Er verkauft doch auch 
seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse, wobei ihm bisher 
noch keine Perle aus seiner siebenzackigen Krone fiel. 
Mein Vater hätte ihm so gerne als Dank für Karolas und 
meine Rettung in der Silvesternacht ein fast zinsloses 
Darlehen angeboten, als er ihn Anfang Januar zufällig im 
Ratskeller traf, doch bei so viel eisiger Unnahbarkeit wagte 
er es einfach nicht. 

Und ich«, klangen nun in ihrer Stimme die unterdrückten 
Tränen mit, »mir hat es immer so bitter weh getan, mit 
ansehen zu müssen, wie ihr sparen und immer nur sparen 
müßt. Ich hätte weinen mögen, wenn ich eure versorgten 
Gesichter sah, denn ich habe euch doch lieb.« 
Erschüttert sahen sie auf das junge Menschenkind, dem 
jetzt die hellen Tränen übers Gesicht liefen. Und als dann 
die Baronin sprach, klang ihre Stimme nicht ganz klar: 
»Das war ein beglückendes Wort, mein Liebling. Und das 
andere – damit tust du Arvid unrecht. Es ist ihm schwer 
genug, daß er uns nicht ein sorgloses Leben bieten kann. Es 

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ist gewiß kein Hochmut, was ihn immer noch zögern ließ, 
die wertvollen Sachen zu verkaufen, sondern das 

Mißtrauen, dabei übervorteilt zu werden. Er will sie daher 
erst von einem Experten abschätzen lassen, doch dazu 
fehlte immer noch das Geld. Er hofft jedoch, daß nach der 
Ernte so viel übrigbleibt, um den Mann bezahlen zu 
können. Daher müssen wir ihn gewähren lassen. Kannst du 
das verstehen?« 
»Nein, aber das ist ja auch unwichtig. Was geschieht nun 
mit der Truhe?« 
»Die bringst du wieder her, überläßt deinem Onkel jedoch 
das Vorkaufsrecht.« 
»Und wenn es Arvid auffällt, daß sie jetzt ein ganz anderes 
Aussehen hat, nachdem mein Onkel sie mit vieler Mühe 

reinigte?« 
»Ich glaube kaum, daß er während der dringenden Arbeit 
draußen so viel Zeit haben wird, um sich um das Zimmer 
zu kümmern. Sie könnte ja bei deinem Onkel bleiben, aber 
wir sind neugierig auf den Inhalt.« 
»Stimmt, das wäre ich auch. Ich esse nur rasch und hole die 
Truhe her, muß dann aber wieder nach Hause zurück, 
damit unser Karlchen nicht barfuß und im Unterrock in die 
Ehe geht. In ihrer Liebesduselei bekäme sie es glatt fertig.« 
Jetzt lachte Gun schon wieder. Daß jedoch hinter diesem 
unbekümmerten Lachen auch ein schwerer Ernst steckte, 
hatte sie eben den drei andern bewiesen. 

Als Stella Wiederbach durch einen Brief des Gatten von der 
Verlobung Karolas und von der bald darauf folgenden 
Hochzeit hörte, gab sie da unten im Süden sogar den Kreis 
gleichgestimmter Seelen auf, der sie so lange festgehalten 
hatte. Also erschien sie zu Hause und brachte dort alles 
durcheinander. 
Nichtsdestotrotz fand Mitte Mai sich in dem Hause des 
Industriellen Wiederbach alles ein, das in der Stadt einen 
Namen hatte, und so kamen denn im ganzen vierzig Paare 
zusammen. 
Schöne Menschen sah man nur wenig, häßliche schon 

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mehr, doch am meisten war der Durchschnitt vertreten. 
Denn Name und Reichtum formt wohl den Menschen, 

kann ihn jedoch nicht zur Schönheit stempeln. Die muß 
ihm schon die Natur mitgeben. 
Allerdings machen Kleider immer noch Leute, und da jeder 
größte Sorgfalt darauf verwendet hatte, gewann man den 
Eindruck, in dem illustren Kreis lauter schönen Menschen 
zu begegnen. 
Die Hauptsache war natürlich das Brautpaar, das sich nun 
wirklich sehen lassen konnte. Mit so einem durfte Stella 
schon prahlen, was sie dann auch nicht wenig tat. Ihre 
Stimmung war glänzend, ihr Gala sehr teuer und 
hyperelegant. 
Jedoch am schönsten unter der Weiblichkeit war die 

Tochter des Hauses. Die schmückte allein schon ihre 
taufrische Jugend, und es hätte des ›Traums‹ eines Kleides 
gar nicht bedurft, um ihre köstliche Schönheit zu 
untermalen. 
Wie ein schillernder Schmetterling mutete sie an, wie 
glitzernde Tautropfen die Steinchen, von denen das 
lichtgrüne Gewand übersät war. Bei der Trauung fungierte 
sie als erste Brautdame, und Baron Hörgisholm tat es als 
Brautherr. Und wie die Augen der Herren entzückt an dem 
Mädchen hingen, so hingen die der Damen an dem Mann, 
der seinen eleganten Frack mit Noblesse trug. All die 
»Schönen«, die noch zu haben waren, und mit ihnen die 

»unverstandenen Frauen« beneideten Guntrun Wiederbach 
glühend um den »Heros«, den sie auch als Tischherrn hatte. 
Und wie vertraut sie mit ihm tat, wie sie ihn anlachte. Aber 
er schien gar nicht so besonders darauf zu reagieren. 
Vielleicht stimmte es doch nicht, daß er sich von dieser 
Circe hatte einfangen lassen. 
Dann gab es noch einen, der den Damen außerordentlich 
gut gefiel: Rupert von Bärlitz. Das war so richtig der 
Feudalherr der alten Schule, zu dem das Monokel direkt 
gehörte. 
Ferner die Baronin und die Baronesse. Für sie fand man 

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nur die eine Bezeichnung: Vornehm. Diese Familie war 
nun wirklich eine Zierde der Gesellschaft. Schade, daß man 

selbst es nicht war, diese einführen zu können. Aber die 
Wiederbachs mußten ja immer etwas Besonderes haben. 
Wie Stella sich tat, die natürlich den Feudalherrn als 
Tischherrn hatte und sich als »Brautmutter« mächtig 
vorkam. Der Hausherr führte die Baronin, die Baronesse 
ein Großkaufmann, Christine der steinreiche 
Antiquitätenhändler Alkwin und die Schwester des 
Bräutigams hatte den Oberbürgermeister der Stadt an ihrer 
Seite, der »um sieben Ecken« mit den Wiederbachs 
verwandt war, und so hatte man denn die Sippe gut 
untergebracht. 
Der Bräutigam wurde in der Gesellschaft für vollwertig 

anerkannt. Denn er nannte ein stattliches Unternehmen 
sein eigen, hatte Geld, stammte aus bester Familie, sah 
außerdem auch noch schneidig aus, also konnte man ihn, 
gleichfalls seine Schwester, in Gnaden aufnehmen und 
ihnen ihre Gunst erweisen. 
Obwohl Stella sich alle Mühe gegeben hatte, das Fest 
pompös aufzuziehen, wich es von den anderen Festen, die 
man sich in der Gesellschaft leisten konnte, nicht ab, es 
war immer und überall dasselbe. Gutangezogene 
Menschen, exquisites Festmahl, galonierte Diener, 
Künstlerkapelle und so weiter. Allerdings gab es nicht auf 
jedem Fest eine Hochzeit und nicht ein so glückstrahlendes 

Brautpaar. 
Und nicht ein Mädchen, das so bitterlich weinte, als das 
junge Paar sich auf die Hochzeitsreise begeben hatte. Ganz 
versunken war Guntrun in dem Schmerz, war es doch die 
erste Trennung von ihrem Karlchen. 
»Ja, Mädchen, warum verkriechst du dich denn in diesem 
Winkel?« riß eine sonore Stimme sie aus ihrem Jammer. 
»Ich suchte dich wie eine Stecknadel denn der Tischwalzer 
hat bereits begonnen. Nun sitzt du hier und weinst – wie 
töricht, Gun.« 
»Sei doch still!« blitzte sie ihn an. »Was weißt du, wie es ist, 

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wenn man den Menschen an einen andern hergeben muß, 
den man bisher als sein Eigentum betrachtete, aber du hast 

ja anstatt eines Herzens einen Eisklumpen in der Brust. Laß 
mich in Ruhe!« 
»Nach dem Walzer.« 
»Ich habe keine Lust zu tanzen.« 
»Schön. Dann setz

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 ich mich zu dir und weine mit.« 

»Arvid, du bist doch ein ganz gräßlicher Mensch!« mußte 
sie nun doch lachen, während ihre Augen noch in Tränen 
schwammen. Sie stand auf, legte ihre Fingerspitzen auf 
seinen Frackärmel und folgte ihm in den Saal, wo sich die 
Paare nach den Klängen des Walzers »Gold und Silber« 
munter drehten. 
Es war ein prächtiges Bild. Heil erstrahlten die Lüster, 

spiegelblank glänzte das Parkett. Blütenweiß schimmerte 
die Hemdbrust der Herren, tief-schwarz das Tuch des 
Fracks. In allen Farben leuchteten die Festgewänder der 
Damen, der Schmuck gleißte – ein Bild der Kultur und des 
Reichtums. 
Die schmeichelnde Weise des Walzers vor sich hin 
summend, zog Baron Hörgisholm die bezaubernde Tochter 
des Hauses in den Kreis der Tanzenden, legte seine Hand 
zart um die grazile Mitte. Sie boten unbestritten das 
schönste Paar im Saal und tanzten beide vorzüglich. Zuerst 
sah das Mädchen noch unbekümmert zu dem Mann auf, 
doch dann – ja, dann ging das plötzlich nicht mehr. 

Mein Gott, ich liebe ihn ja – dachte sie mehr entsetzt als 
beglückt. Das darf doch aber nicht sein. Wohin soll das 
wohl führen? Zum Glück doch bestimmt nicht. Sei also 
hübsch vernünftig, du törichtes Herz. 
Ein gar unbilliges Verlangen. Seit wann ist ein Herz denn 
vernünftig. So was gab’s noch nie und wird es 
wahrscheinlich auch nie geben. 
»Ja, sag mal, warum trittst du mir plötzlich so hartnäckig 
auf die Füße?« fragte Arvid lachend, und das gab ihr das 
Gleichgewicht zurück, das wohl eine Minute lang in 
Verwirrung geraten war. »Geschieht es aus konstanter 

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Bosheit?« 
»Nur«, konnte sie ihn nun schon wieder freien Blickes 

anlachen. »Ich möchte, daß du den Tanz beendest.« 
»Nanu, tanz’ ich denn so schlecht?« 
»Ja.« 
Jetzt lachte sie über sein verdutztes Gesicht so frischfröhlich 
heraus, daß es wie ein lustiger Kobold über die steife 
Gesellschaft hüpfte. Und dieses Lachen verscheuchte auch 
den letzten Rest von Gefühlsduselei, wie Guntrun ihre 
vorherige Verwirrung bezeichnete. 
Und doch war sie froh, daß die zärtliche Weise verklang. 
Als die Baronin am Arm des Hausherrn vorüberging, hakte 
Guntrun sich in ihren Arm, als müßte sie bei ihr Schutz 
suchen. 

»Na, du Irrwisch«, strich die Dame eine fürwitzige Locke 
aus dem heißen Gesichtchen. »Du glühst ja wie ein 
Röschen. War der Tanz mit meinem langen Schlingel denn 
so anstrengend?« 
»Ja. Deshalb mußte ich ihm andauernd auf die Füße 
treten.« 
»Geschieht ihm recht, wenn er nicht besser führen kann. 
Und nun bringt ihr beide, die ihr hier zu Hause seid mich 
an ein Plätzchen, wo ich nicht wie auf dem Präsentierteller 
sitze. Denn deine Gäste in Ehren, mein lieber Egon, aber 
sie sind mir zu neugierig.« 
»Für das Plätzchen habe ich bereits gesorgt, Tante 

Erdmuthe«, gestand Guntrun eifrig. »Verborgen hinter 
Blattpflanzen kann man von ihm aus alles beobachten, 
ohne selbst gesehen zu werden.« 
»Also eine Lästerecke«, warf Arvid neckend ein, worauf ihm 
nur ein verächtliches Achselzucken zuteil wurde. Gleich 
darauf stand man an einem sehr netten Plätzchen, und 
Guntrun fragte stolz: 
»Hab’ ich das gut gemacht?« 
»Sehr gut«, nickte die Baronin. 
»Da stehen sogar Sessel, in denen man sitzen kann, was in 
diesem Hause direkt wie ein Wunder anmutet.« 

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»Es war auch nicht ganz einfach, sie aufzutreiben«, gab die 
Tochter dieses hypermodernen Hauses zu. »Hoffentlich 

reichen sie für unsere Sippe aus. Laßt uns mal zählen: Wir 
sind vier, dazu kommen Ermelchen, Hanna, Tinchen, 
Onkel Rupert und Onkel Theo – macht zusammen neun.« 
»Und Stella?« 
»Die legt bestimmt keinen Wert darauf, sich hier zu 
verstecken. Die muß doch…« 
»Guntrun!« 
»Na ja, Paps, ich bin schon still. Außerdem hört sie’s ja 
nicht.« 
»Auch ein Standpunkt«, lachte Erdmuthe. »Nun zieh aus, 
du Nichtsnutz, und gib denen, einen Wink, die hier 
hingehören.« 

So kam denn eine gemütliche Runde zusammen, die der 
Hausherr nur ungern verließ, um sich auch um die andern 
Gäste zu kümmern. Die andern Herren hatten ihre 
Pflichttänze zu erledigen, wobei der Antiquar streikte. 
»Ich habe Hühneraugen«, erklärte der kleine Mann mit den 
dicken Brillengläsern vor den kurzsichtigen Augen 
kategorisch. »Außerdem werde ich hier noch so schändlich 
zurückgesetzt.« 
»Warum denn, Onkelchen?« fragte Guntrun verwundert. 
»Wo alles duzt, kann ich allein nicht siezen.« 
Lachend wurde davon Kenntnis genommen und rasch das 
Versäumte nachgeholt. Stillvergnügt saß der alte Herr mit 

dem klugen, durchgeistigten Gesicht da, den guten Tropfen 
so recht genießend. Und wenn er mal was sagte, kam das 
so trocken heraus, daß es Heiterkeit erregte. 
Da es zwanzig Damen zu »betanzen« gab, dauerte es 
immerhin eine ganze Weile, bis die Herren dieses immer 
nicht leichte Amt hinter sich hatten. Man atmete auf, als 
die große Pause eingelegt wurde, in der sich die fleißigen 
Musiker sowie die Gäste laben konnten. Man bekam an 
den Tischen serviert, was das Herz begehrte. 
An dem Tisch der »Sippe« fiel es zuerst gar nicht auf, daß 
Rupert fehlte. Man wurde erst auf ihn aufmerksam, als er 

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aus dem Saal herbeieilte, sich scheu nach allen Seiten 
umsah und sich dann echauffiert in seinen Sessel 

sinkenließ. 
»Was ist denn, mit dir los?« fragte seine Schwester 
verwundert. »Du tust ja so, als ob du verfolgt wirst.« 
»Wurde ich auch«, griff er nach dem nächsten Glas, es in 
einem Zuge leerend. Danach wurde ihm sichtlich wohler, 
und das vertraute Schmunzeln umzuckte seinen schmalen 
Mund. 
»Sagt mal, sehe ich wirklich wie Prinz Eugen, der edle 
Ritter, aus?« 
Zuerst verdutztes Schweigen, dann die konsternierte Frage 
Erdmuthes: 
»Rupert, bist du etwa – betrunken?« 

»Keine Spur«, vertiefte sich sein Schmunzeln, »das hat mir 
die junge Dame gesagt, mit der ich zuletzt tanzte.« 
»Aber der Prinz, den man allerdings nur von den Bildern 
kennt, hatte doch nicht so ein hageres Gesicht, auch kein 
Monokel, trug außerdem eine üppige Lockenperücke.« 
»Eben die will sie mir verschaffen und mich dann malen«, 
bekannte er kläglich, während sein Einglas nur so blitzte. 
»Da bekam ich Angst und rückte aus.« 
»Du auch?« fragte Arvid lachend. »Ich sollte auf die 
Leinwand als Siegfried, der Drachentöter.« 
Stürmische Heiterkeit unterbrach ihn, hauptsächlich 
Guntrun wollte sich halbtot lachen. 

»Das kann nur die überkandidelte Adline gewesen sein! 
Wie sieht sie denn aus?« 
»Wie ein Schellfisch«, gab Rupert Antwort. »Und ein 
Mundwerk hat sie – Gott in deine Hände!« 
»Dann ist sie es«, bekräftigte Christine. »Na, Rupert, da 
nimm dich ja in acht. Die läßt sich nicht so leicht 
abschütteln, die heftet sich an deine Fersen wie Pech. Am 
besten ist es, du bleibst hier unter unserm Schutz.« 
»O ja, habt Erbarmen und beschützt mich. Sollte sie 
dennoch zu mir vordringen, dann tötest du nicht den 
Drachen, sondern den Schellfisch, Jung-Siegfried.« 

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Er war so komisch in seiner verstellten Angst, daß die 
andern Tränen lachten. Selbst Onkel Theo mußte die Brille 

abnehmen und sie trockenwischen. 
»Kinder, was seid ihr doch bloß für ein lustiges Völkchen. 
Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch einmal so von 
Herzen lachen könnte.« 
»Kein Wunder, wenn du immer unter deinem alten Kram 
sitzt wie ein Uhu im morschen Gebälk«, brummte sein 
Schwager Egon. »Geh mehr unter Menschen, dann wirst du 
auch nicht so verknöchert sein.« 
»Pfui, Paps, wie kannst du nur!« legte Guntrun ihren Arm 
um die Schultern des Gelehrten. »Onkel Theo ist gar nicht 
verknöchert, er ist weise.« 
»Ich höre immer weise«, trat Stella unverhofft hinzu. »Aber 

sagt mal, warum verkriecht ihr euch eigentlich so. Das ist 
doch ungezogen gegen die andern Gäste. Du unterstützt 
mich bei der Repräsentation so gut wie gar nicht, Christine, 
und du, Guntrun, überhaupt nicht, wie sich das für die 
Tochter des Hauses gehört. Nein, danke, Baron, bleiben Sie 
sitzen. Ich kann hier ja gar nicht verweilen, obwohl ich 
Ruhe so dringend nötig hätte. Wie findet ihr übrigens mein 
Kleid? Ist es nicht einzigartig?« 
Das konnte man mit gutem Gewissen behaupten, denn 
einzigartig war die opalschimmernde »Schlangenhaut« auf 
alle Fälle. Aber schön – nein, und vornehm schon gar 
nicht. Es stach von der wirklichen Eleganz der andern 

Damen am Tisch direkt unangenehm ab. Doch die 
Hypermoderne fand so was nicht elegant, sondern simpel. 
Mit ihrem Erscheinen schwand die Gemütlichkeit, weil sie 
zu den Menschen gehörte, die Ungemütlichkeit 
ausströmen. Man atmete heimlich auf, als sie endlich 
»entschwebte«. 
Indes war die Pause beendet, und die Musiker kündeten 
Damenwahl an, was den langen Rupert entsetzte. 
»Kinder, macht Platz, ich kriech

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 untern Tisch«, sank er vor 

seinem Sessel in die Knie. »Denn die Adelaide wird mich 
bestimmt aufstöbern und mir die Lockenperücke des edlen 

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Ritters aufstülpen.« 
Kaum war es gesagt, erschien Adline auch schon. Doch da 

sie den Drachentöter noch dem edlen Ritter vorzog, mußte 
ersterer dran glauben. Und: Halb zog sie ihn, halb sank er 
hin. 
»Na, Gott sei Dank«, sagte Rupert so ganz aus 
Herzensgrund. »Die Gefahr ist vorüber.« 
»Oder auch nicht«, blinzelte Guntrun ihm zu, dabei im 
tiefen Knicks versinkend. »Darf ich bitten, vieledler Ritter 
Rupertus?« 
»Es sei«, ergab er sich seinem Geschick, und vergnügt zogen 
beide ab. 
Mit der Damenwahl hatte das Fest seinen Höhepunkt 
erreicht, und die bisher so steife Gesellschaft wurde 

leichtbeschwingt, ohne jedoch aus der Rolle zu fallen, da 
bildete Adline die einzige Ausnahme in dem exklusiven 
Kreis. Und nur, weil sie doch so gern heiraten wollte – und 
so zum Schreckgespenst der Herren wurde. 
»Nun, wie war’s?« fragte die Baronin lachend, als ihr Sohn 
an den Tisch zurückkehrte. »Bist du der Fessel ohne 
Anstrengung entschlüpft?« 
»Das nur vorübergehend«, entgegnete er schmunzelnd. 
»Denn sie hat ihren Besuch auf dem Hörgishof mit größter 
Begeisterung angekündigt.« 
»Und sie kommt«, kassandrate Guntrun, die am Arm 
Ruperts erschien und die letzten Worte gehört hatte. »Und 

legt dich in Ehefessel, eh du’s gedacht.« 
Christine, die sich recht abgespannt fühlte, paßte einen 
Augenblick ab, wo sie sich unauffällig zurückziehen 
konnte. Müde stieg sie die Treppe hinauf und ließ sich in 
ihrem Zimmer aufatmend in den Sessel sinken. 
O ja, so war es schön. Endlich konnte sie sich von der 
Hetze der vergangenen Woche entspannen. Denn eine 
Hetze waren die Vorbereitungen zum Hochzeitsfest für sie 
gewesen, weil ja alles auf ihren Schultern geruht; denn 
Stella hatte dabei mehr gehemmt als genützt. Hatte 
herumkommandiert, die Dienerschaft durcheinandergejagt; 

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bis diese konfus wurde, alles verkehrt machte, was 
Christine dann wieder in Ordnung bringen mußte. Doch 

das war nun vorüber, und man konnte zur Tagesordnung 
übergehen -Gott sei Dank! 
Sie griff nach einer Zigarette, lehnte sich im Sessel zurück, 
schloß die Augen und duselte vor sich hin. Von unten 
klang gedämpfte Musik in das stille Gemach, kühl wehte 
die Nachtluft durch die geöffnete Balkontür. Die Uhr unter 
dem Glassturz tickte klingend, in der Nachbarschaft bellte 
ein Hund. 
Regungslos verharrte Christine in dieser wohltuenden 
Abgeschiedenheit, bis ein Geräusch ganz in ihrer Nähe sie 
aufschrecken ließ. Sie öffnete die Augen, und ihr Herz 
wollte schier aussetzen vor Schreck. 

Denn vor ihr stand ein großer, schlanker Mann, der trotz 
der schäbigen Kleidung einen vertrauenerweckenden 
Eindruck machte. 
»Na, Christinchen, was ist denn los?« fragte er lachend. 
»Erkennst du mich etwa nicht?« 
»Felix!« stammelte sie mit versagender Stimme, indem sie 
aufsprang und entsetzt vor ihm zurückwich. »Wo kommst 
– du denn – so plötzlich – her?« 
»Über den Balkon durch die Tür«, erklärte er in aller 
Seelenruhe. 
»Schämst du dich denn gar nicht!« fand sie langsam ihre 
Fassung wieder. »Das ist ein Überfall! Mach bloß, daß du 

weggehst.« 
»Wo soll ich denn hin?« fragte er kläglich. »Ich habe doch 
keine andere Bleibe. Dazu bin ich hungrig und so 
entsetzlich müde. Hab’ doch Erbarmen mit mir, Christine.« 
»Hast du es damals mit mir gehabt, als du mich ohne Geld 
so skrupellos sitzenließt? Hätte sich Egon nicht meiner 
angenommen, wäre ich elendiglich zugrundegegangen.« 
»Christine, du hast ja so recht, aber laß das jetzt, bitte. Ich 
bin so erschöpft, daß ich mich kaum noch auf den Beinen 
halten kann. Habe ja auch allerlei Strapazen hinter mir.« 
»Setz dich hin«, entgegnete sie unfreundlich. »Und rühre 

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dich nicht von der Stelle, bis ich wiederkomme. Wir feiern 
nämlich unten ein Fest.« 

Weg war sie, und als sie wiederkam, schob sie einen 
Servierwagen vor sich her, auf dem ein lukullisches Mahl 
mit einer Flasche Wein stand, die bereits entkorkt war. Sie 
goß das Glas voll, schob den Wagen nahe zu dem Mann 
heran und sagte kurz: 
»Iß dich satt, doch dann mußt du fort. Ich werde dir Geld 
geben, damit du nicht auf einer Bank im Park übernachten 
mußt, was allerdings gut zu dir passen würde. Laß mir 
morgen Bescheid zukommen, wo ich dich sprechen kann, 
dann werden wir sehen, was mit dir geschieht. Laß dich ja 
hier nicht wieder blicken, dann läufst du Gefahr, von Egon 
hinausgeworfen zu werden.« 

Nach diesen Worten herrschte so lange Schweigen, bis der 
Mann alles gegessen – oder vielmehr verschlungen hatte, 
was auf den Platten lag. Auch die Flasche Wein wurde bis 
zum letzten Tropfen geleert. 
»Bist du endlich satt?« 
»Danke, das langt fürs erste. Nur eine Zigarette hätte ich 
gern.« 
Als die brannte, legte er sich im Sessel zurück, und 
Christine begann mit dem Verhör: 
»Wie bist du überhaupt hergekommen?« 
»Och, so auf allerlei Umwegen«, wich er geschickt aus, 
doch sie ließ nicht locker. 

»Hast du das Geld bekommen?« 
»Ja. Hab herzlichen Dank, Christinchen!« 
»Schon gut. Weißt du auch, daß du mich mit deiner 
Rückkehr in eine ganz verzwickte Lage gebracht hast?« 
fragte sie streng. »Und daß du mich zu Lügen zwingst, die 
mir ein Greuel sind? Denn lügen werde ich fortan um 
deinetwillen müssen.« 
Sie hielt inne, denn der Mann schnarchte so recht zufrieden 
vor sich hin. Schlief wie ein Kind, das die Mutter liebevoll 
zu Bett brachte. Am liebsten hätte sie ihn empört aus 
diesem friedlichen Schlaf gerissen, aber sie bekam es 

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einfach nicht fertig. Wegschicken konnte sie ihn auch nicht, 
dafür war er zu erschöpft. Vielleicht würde er gar in ein 

Auto hineintaumeln, dann müßte sie sich ihr Leben lang 
Vorwürfe machen. Seufzend erhob sie sich und schüttelte 
ihn unsanft. 
»Felix, wach auf! Du kannst dich in mein Bett legen.« 
»Bett – ach ja – Bett«, murmelte er sehnsüchtig und 
schnarchte weiter. 
Mein Himmel, dieses entsetzliche Schnarchen! Das hatte er 
doch früher nicht getan. Was machte sie bloß mit dem 
gräßlichen Menschen! 
»Felix, wach auf!« schüttelte sie ihn derb. »Hörst du, Felix, 
wach auf!« 
»Laßt schlafen nur den Alten«, murmelte er verträumt. »Er 

hat genug gewacht.« 
Da mußte sie denn doch lachen. Kurz entschlossen streifte 
sie ihm die Schuhe von den Füßen, die sie kopfschüttelnd 
betrachtete. 
Abgewetzt, die Sohlen durch, und draußen regnete es. 
Natürlich waren die Strümpfe naß, ebenso wie die schäbige 
Jacke. Das Oberhemd, das darunter zum Vorschein kam, 
war mehr als dürftig, eine Krawatte fehlte ganz. 
Und was nun weiter? Weiter konnte sie beim besten Willen 
nichts tun. Also bemühte sie sich, ihn an beiden Händen 
aus dem Sessel hochzuziehen, was ihr auch nach großer 
Anstrengung gelang, dann umfaßte sie die Schulter des 

Schlaftrunkenen, führte ihn zu ihrem zarten Spitzenbett 
und legte ihn hinein. 
Nachdem sie sich die Schweißtropfen von der Stirn 
gewischt hatte, suchte sie mit flatternden Händen ihr 
Nachtzeug zusammen, nahm fürsorglich noch die 
Garderobe für den nächsten Tag mit, verschloß die 
Balkontür, auch diejenige, die zu dem kleinen Salon führte, 
zog die Schlüssel ab und floh förmlich aus dem Zimmer, 
dessen Tür sie auch noch versperrte. 
Dann mußte sie sich im Korridor erst einmal gegen die 
Wand lehnen, weil die Beine ihr vor Aufregung den Dienst 

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versagen wollten. Dabei flatterten ihre Gedanken wie 
aufgescheuchte Vögel. 

So stand sie, bis eine Tür in der Halle zuschlug. Da schrak 
sie auf und verschwand in Karolas Zimmer, das ja nun frei 
war. Mit zitternden Händen verschloß sie die Tür, warf sich 
erledigt auf den Diwan. 
Und unten ging das Fest lustig weiter. Eben tanzte Guntrun 
mit Arvid einen Tango, im Herzen ein bittersüßes Hangen 
und Bangen. Wohl hatte ihr der Mann mit keinem Blick, 
geschweige denn mit einem Wort zu verstehen gegeben, 
daß er ihre Liebe, die sie jetzt nicht mehr ableugnen 
konnte, erwiderte. Und doch war er heute anders als sonst. 
Vielleicht – ach, vielleicht. 
»Weißt du auch, daß du schön bist, Gun, wunderschön?« 

raunte ihr die Männerstimme ins Ohr. Und mit 
unterdrücktem Jubel kam es zurück: 
»Ja, das weiß ich. Aber ich möchte noch schöner sein, 
immerzu schöner. Schön wie Dornröschen, schön wie 
Schneewittchen – also märchenhaft schön.« 
Leider schwieg die Musik und machte mit einem fröhlichen 
Wechselrheinländer überhaupt Schluß. Denn alles muß ja 
mal ein Ende haben, es war schließlich drei Uhr früh. Ein 
allgemeiner Aufbruch, und dann lagen die Festräume 
dunkel und leer. 
»Hör mal, Arvid, ich möchte dich unter vier Augen 
sprechen, und dafür ist jetzt wohl die Gelegenheit«, hielt 

Theobald Alkwin den Baron, der an ihm vorüber wollte, 
am Ärmel zurück. »Wann ist dir mein Erscheinen auf dem 
Hörgishof recht?« 
»Zu jeder Zeit natürlich«, kam es voll Herzlichkeit zurück. 
»Immer wirst du uns willkommen sein und kannst 
natürlich bleiben, solange du magst.« 
»Das wird auch nötig sein«, kam die Antwort pomadig. 
»Denn bis ich mir aus deinen Altertümern das 
herausgesucht habe, was mich interessiert, wird wohl eine 
Weile dauern. 
Ich hoffe überhaupt bei dir zu Hause in eine Fundgrube zu 

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geraten«, zog er in seinem Eifer den Mann mit sich, der wie 
erstarrt stehengeblieben war. »Denn die Truhe, welche Gun 

mir brachte – ein ganz herrliches Stück! Alte gediegene 
Goldschmiedekunst von hoher Kultur. Und der Schmuck, 
der darin liegt – olala! Der ist einen guten Batzen wert. 
Nun bin ich so neugierig auf alles andere, was sich in 
deinem Schloß so schamhaft verbirgt, wie mir Gun 
erzählte, daß ich kaum die Stunde erwarten kann, es in 
Augenschein zu nehmen. 
Und dann kommen wir ins Geschäft, mein Junge, nicht 
wahr?« fragte er herzlich. »Geld kann nie schaden, obwohl 
du durch Gun zum reichen Mann wirst. Denn sie hat nicht 
nur selbst Gold an den Patschen, unsere süße Kleine, sie 
wird mich später auch beerben und dann… ja nun, ich will 

nicht zu viel versprechen. Ich will dir nur noch sagen, wie 
froh ich bin, daß ihre Wahl auf dich gefallen ist. Einen 
besseren Mann könnte sie ja nie kriegen. Und nun geh, 
man winkt dir schon ungeduldig. Auf Wiedersehen morgen 
bei dir auf dem Hörgishof.« 
Dann sah er schmunzelnd dem Davoneilenden nach, 
ahnungslos, welch ein Geheimnis er da ausgeplaudert 
hatte. 
Ebenso ahnungslos war auch Guntrun, die eben die Treppe 
hochsprang und in ihrem Zimmer verschwand. 
Tausend rote Rosen blühn in dem Land der Liebe, sang 
und klang es in ihrem Herzen. Die darf man einer schönen 

Frau wohl schenken, und er sagte mir, daß ich schön wäre. 
Bin ich es wirklich? Sie trat vor den großen Spiegel, sich so 
aufmerksam beäugend, als sähe sie sich zum ersten Mal. 
Und was das Glas widerspiegelte, war von zauberhafter 
Schönheit. 
Doch da horchte Guntrun auf. Weinte da nicht jemand? 
Tatsächlich! Und dieses wehe Schluchzen kam von 
nebenan, aus Karolas Zimmer. Sollte sie etwa…? Es wäre ja 
nicht das erste Mal, daß eine Hochzeitsreise ein jähes Ende 
fand. 
Kalt überrieselte es Guntrun, die beide Hände auf das 

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bangklopfende Herz preßte. Die Beine wollten ihr kaum 
gehorchen, als sie zu der Verbindungstür ging, die 

Christine in ihrer Aufregung abzuschließen vergaß. Und 
was Guntrun da erblickte, ließ sie erst einmal aufatmen. 
Gottlob, Karola war die Weinende nicht. Aber es war 
Christine, und die weinte nicht sobald, schon gar nicht so 
herzzerbrechend. 
»Tinchen, was ist dir geschehen?« kniete das Mädchen vor 
der Schluchzenden nieder, sie mit beiden Armen 
umfassend. »Das kann ich ja gar nicht mit anhören, 
Tinchen, liebes, bitte!« 
Da hob sich das tränenüberströmte Gesicht, und die 
zuckenden Lippen sprachen: 
»Felix ist plötzlich aufgetaucht. Großer Gott, was fang’ ich 

bloß an? Wohin soll das wohl führen?« 
»Felix?« dehnte Guntrun. »Unser Onkel Felix? Tinchen, den 
hast du doch schon längst erwartet.« 
»Aber doch nicht so«, kam es von den bebenden Lippen in 
fliegender Hast. »Einfach den Balkon ist er emporgeklettert 
und durch die geöffnete Tür in mein Zimmer gedrungen. 
Hungrig, erschöpft, im schäbigen Anzug, zerrissenen 
Schuhen und nassen Strümpfen, wie ein Vagabund.« 
»Aber Tinchen, das läßt sich doch alles ändern«, tröstete 
das Mädchen die an allen Gliedern flatternde Frau, die ihr 
von Herzen leid tat. »Wir kleiden ihn einfach ein.« 
»Glaubst du, daß damit alles getan ist?« kam es erbittert 

zurück. »Er muß doch eine Existenz haben.« 
»Die mein Vater ihm schon verschaffen wird.« 
»Glaube ich nicht. Denn Felix ist als Taugenichts 
verschwunden und als Taugenichts wiedergekommen. Und 
dafür hat ein so korrekter Mann wie dein Vater gewiß kein 
Verständnis.« 
»Wo ist er jetzt?« fragte Guntrun leise. 
»Er liegt in meinem Bett. Es war mir einfach nicht möglich, 
ihn wieder in den Regen hinauszujagen, zumal er mir, 
nachdem er satt war, unter den Händen einschlief. Hab’ ich 
da recht gehandelt, Gun?« 

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»Natürlich, Tinchen. Ich würde an deiner Stelle genauso 
gehandelt haben. Nun weine nicht mehr, irgendwie wird’s 

schon werden.« 
»Du bist ein gutes Kind«, streichelte Christine zärtlich über 
das goldhaarige Köpfchen. »Du hast mir mit deinen lieben 
Worten wieder Mut gegeben.« 
»Das freut mich, Tinchen. Komm, lege dich in Karlchens 
Bett, du bist ja zum Umfallen müde. Ich helfe dir zuerst 
beim Auskleiden und mische dir dann einen 
Beruhigungstrank, dessen Rezept ich Sephchen abgebettelt 
habe. Dann schläfst du erst mal, mein Tinchen, alles 
weitere wird sich finden. Du bist ja nicht allein, du hast ja 
Menschen, die dich liebhaben.« 
Guntrun wartete noch, bis Christine fest eingeschlafen war, 

dann ging auch sie zu Bett, ahnungslos, daß indes die 
Nornen an ihrem Schicksal spannen. Und daß eine böse 
darunter war, die mit grausamem Lächeln Reif fallen ließ 
auf eine eben erwachte, glückselige Liebe. 
Das sollte Guntrun jedoch erst erfahren, als sie am Morgen 
auf Hörgishof anlangte, das Herz voller Erwartung und 
Freude. Sie brachte den Wagen in der Garage unter und 
schlich heimlich ins Haus, wo sie alle, die ihr Herz so 
zärtlich umschloß, überraschen wollte. Ob sie noch beim 
Frühstück saßen, oder ob sie schon…? 
Auf diese Frage gab ihr die Stimme Antwort, die sie durch 
die angelehnte Wohnzimmertür deutlich vernahm. Es war 

Ruperts Stimme, zorngeschwellt: 
»Du Narr, was bildest du dir eigentlich ein! Dieses reiche, 
schöne und warmherzige Menschenkind hat es wahrlich 
nicht nötig, dich einzufangen, wie du dich so empörend 
ausdrückst. Das kann ganz andere Männer haben als einen 
verschuldeten Gutsbesitzer. Aber leider hat sie ihr 
Herzchen an dich gehängt, obwohl sie deine arrogante Art 
eher abstoßen als anziehen müßte. 
Das ist nun der Dank dafür, daß sie in so feiner Art dir 
verhelfen wollte, aus deinen Schulden herauszukommen. 
Daß sie sich für dich einsetzte in ihrer ganzen 

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Warmherzigkeit. Wenn Theo nur eine Ahnung gehabt, daß 
Guntrun ihm ohne deine Zustimmung die Truhe zur 

Abschätzung brachte, er hätte sich eher die Zunge 
abgebissen, als mit dir darüber zu sprechen.« 
Jetzt hatte Gun genug gehört. Todblaß mit erloschenen 
Augen löste sie die Hände von dem Türpfosten, den sie 
haltsuchend umklammert hielt. Taumelte davon, ohne die 
entsetzte Josepha zu bemerken, die ihr in den Weg trat. Ehe 
diese noch zupacken konnte, lief Guntrun schon der 
Garage zu. 
»Gnädiges Fräulein – liebe Gun, um aller Barmherzigkeit 
willen! Sie können sich doch so nicht ans Steuer setzen, so 
doch nicht!« schrie Josepha angstgefoltert der 
Davonstürmenden nach, was die im Zimmer Weilenden 

erschrocken auffahren ließ. Doch bevor sie noch die 
Portaltür erreicht hatten, sauste das Auto bereits ab. 
»Großer Gott, jetzt hilf du«, weinte Josepha laut auf. »Laß 
sie nicht verunglücken, die Gun, unsere Gun, die doch so 
lieb ist – so gut.« 
Die Schürze gegen die Augen pressend, wollte sie 
davonwanken, doch die Baronin hielt sie zurück, blaß bis 
in die Lippen. Die Stimme wollte ihr kaum gehorchen, als 
sie fragte: 
»Sephchen, wie konnte das geschehen? Sephchen, so sprich 
doch!« 
»Viel kann ich auch nicht sagen, Frau Baronin«, kam es 

unter Schluchzen hervor. »Ich ging durch die Halle, und da 
stand das gnädige Fräulein an der Wohnzimmertür, blaß 
wie eine Tote. Hielt die Hände im Holz verkrampft und sah 
so aus, als müßte sie jeden Augenblick umkippen. Und 
dann lief sie plötzlich davon, bevor ich sie noch aufhalten 
konnte. Da hab’ ich laut geschrien in meiner Not, doch sie 
hörte es nicht, war wie taub und blind. Es muß sie etwas 
bis ins tiefste Herz getroffen haben.« 
»Dann hat sie bestimmt unser Gespräch mit angehört«, 
würgte Rupert hervor, nachdem Josepha gegangen war. 
»Und das hat sie bestimmt bis ins tiefste Herz getroffen. 

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Wo ist denn Arvid geblieben?« sah er sich suchend nach 
allen Seiten um, doch der Neffe war nicht zu sehen. Der 

saß in seinem Arbeitszimmer und stöhnte wie ein Mensch, 
dem tiefste Reue am Herzen frißt. 
Was den Menschen im Herrenhaus von Hörgisholm das 
Herz vor Angst und Not erzittern ließ, traf gottlob nicht 
ein. Denn der Höchste hielt seine Hand über das 
zauberhafte Menschenkind, das er sich selbst zur Freude 
erschuf. Am Körper heil, doch mit gebrochenem Herzen 
langte Guntrun zu Hause an, wo sie sich in ihrem Zimmer 
verkroch wie ein todwundes Tier. 
Es war ja auch niemand da, dem sie hätte ihren Jammer 
kundtun können. Karola befand sich auf der 
Hochzeitsreise, Christine hatte selbst genug Kummer mit 

ihrem Mann, der Vater war geschäftlich zu sehr in 
Anspruch genommen. Und Stella? Die würde jammern, 
daß man sie in ihrem »Schönheitsschlaf« so rücksichtslos 
störte. 
Blieb noch Hanna, die gewiß ein mitfühlendes Herz besaß, 
aber die war Guntrun noch zu fremd, als daß sie ihr so 
ganz das Herz erschließen könnte. 
Und dann Onkel Theo. Aber gerade der durfte nie erfahren, 
was er so ahnungslos ausgeplaudert hatte, er würde sich 
bitter grämen. 
Und die von Hörgishof? Die durften für sie nicht mehr 
existieren. 

Guntrun schrak aus ihren trostlosen Gedanken auf, als der 
Diener mit der Meldung erschien: 
»Gnädiges Fräulein, eben rief Herr von Bärlitz an und 
erkundigte sich, ob gnädiges Fräulein gut nach Hause 
gekommen wäre, was ich bestätigte.« 
»Danke, Jan, geht in Ordnung.« 
Kaum daß dieser sich zurückgezogen hatte, klopfte es 
schon wieder, und der Mann, der nun eintreten wollte, 
wurde vorerst von Christine zurückgehalten. 
»Du bist der frechste Mensch, der mir jemals vorgekommen 
ist!« sagte sie aufgebracht. »Gun, laß ihn nicht ein!« 

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»Ja, warum denn nicht«, trat diese auf den Mann zu, ihn 
aufmerksam betrachtend. Doch nichts war an ihm, was sie 

abstieß, im Gegenteil. 
»Man immer hereinspaziert, Onkel Felix«, sagte sie so 
munter, wie es ihr in der jetzigen Verfassung möglich war. 
Da ließ Christine ihn endlich los, schob ihn über die 
Schwelle und schloß rasch hinter sich die Tür. 
»Potztausend, Mädchen, was bist du bloß hübsch 
geworden«, besah sich der Onkel ungeniert seine Nichte. 
»Und du wirfst mich nicht hinaus?« 
»Erst dann, wenn du mir Veranlassung dazu gibst.« 
»Tu’ ich nicht, mein Herzchen, tu’ ich nicht. Aber deine 
Frau will mir nicht glauben, daß ich geläutert 
zurückgekehrt bin, sie stört meine schäbige Eleganz…« 

»Das ist nicht wahr!« unterbrach sie ihn heftig. »Was mich 
stört, ist deine unglaubliche Frechheit.« 
»Aber Frechheit soll doch siegen«, entgegnete er so 
harmlos, daß Guntrun hell herauslachte. 
»Laß ihn doch, Tinchen, es bleibt ja in der Familie.« 
»Ich glaube nicht, daß dein Vater derselben Meinung ist«, 
seufzte die geplagte Frau. »Ich habe eine bebende Angst vor 
dem Zusammenstoß der beiden Brüder. Daher geh, Felix, 
ich bitte dich darum. Ich will alles für dich tun, aber geh, 
bevor Egon dich hier erwischt.« 
»Soll ich denn wirklich gehen, kleine süße Gun?« * »Nein, 
Onkel Felix, bleib hier. Ich werde für dich ein gutes Wort 

bei Papa einlegen, und ich glaube schon, daß du es 
verdienst. Wenn du auch nicht gerade einen eleganten 
Eindruck machst, aber einen verkommenen bestimmt 
nicht.« 
»Was bist du doch nur für ein prachtvolles Menschenkind«, 
sagte er entzückt, doch verlegen wehrte sie ab. 
»Das kommt dir nur so vor, Onkel Felix. Ich geh’ jetzt zu 
Papa, haltet mir den Daumen.« 
Wenig später betrat sie das Arbeitszimmer ihres Vaters, der 
gerade telefonierte. Still setzte sie sich und wartete, bis er 
Zeit für sie haben würde, was nach zehn Minuten der Fall 

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war. 
»Na, Töchterlein, was hast du denn auf deinem Herzchen?« 

fragte er gutgelaunt, und ohne Umschweife sprach sie über 
die Rückkehr seines Bruders. 
Als er aufbrausen wollte, hielt sie ihm den Mund zu. 
»Bitte, lieber Papa, sprich jetzt nicht. Sieh dir den Onkel 
Felix erst einmal an. Und wenn du meinst, daß er deiner 
Hilfe nicht wert ist, kannst du ihm immer noch dein Haus 
verbieten.« 
*»Na schön, hol ihn her.« 
»Paps, du guter!« 
Ein stürmischer Kuß, der seine Nase traf, dann wirbelte sie 
davon, um sehr bald wieder in Begleitung des Ehepaares zu 
erscheinen. 

Stumm standen sich die Brüder gegenüber, die sich ähnlich 
sahen. Nur war Felix größer und breiter, aber das Gesicht 
zeigte die gleichen Merkmale. 
Forschend sah der ältere den jüngeren an, der diesem 
inquisitorischen Blick offen standhielt und herzgewinnend 
dabei lächelte. Man mußte schon sagen, daß Felix 
Wiederbach zu den Menschen gehörte, denen man einfach 
nicht böse sein kann. 
»Nun, große Schätze scheinst du in den drei Jahren gerade 
nicht gesammelt zu haben«, meinte Egon mit einem 
bezeichnenden Blick auf die »schäbige Eleganz« des 
Heimgekehrten. »Aber das ist ja nicht so wichtig. Wichtiger 

ist, wie du in den drei Jahren gelebt hast. Leichtfertigkeit 
würde ich zur Not entschuldigen, die liegt wohl in deiner 
Natur, aber keine Ehrlosigkeit. Wie steht es damit?« 
»Ich habe nichts Ehrloses begangen.« 
»Gibst du mir darauf dein Wort?« 
»Ehrenwort.« 
»Nun gut. Weiter will ich nicht fragen, will nicht forschen, 
sondern dir helfen. Kannst hier bleiben und in meinem 
Betrieb arbeiten. Enttäuschst du mich, trennen sich unsere 
Wege endgültig.« 
Er zog seine Brieftasche, entnahm ihr einige Scheine und 

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reichte sie dem Bruder. 
»Dieses fürs erste, kleide dich damit anständig ein. Und 

nun laßt mich allein, ich habe noch viel zu erledigen. An 
der Mittagstafel sehen wir uns wieder – oder besser noch 
eine halbe Stunde vorher. Du kannst dich hier melden. 
Also bis dann.« 
Damit griff er nach dem Telefonhörer, und schweigend 
entfernten sich die andern. 
»Na, siehst du, Onkel Felix, es war doch gar nicht so 
schlimm«, hing Guntrun sich draußen zutraulich in seinen 
Arm. »Jetzt geh und mach dich schick, Onkelchen, damit 
ich mit dir prahlen kann.« 
»Wird gemacht, bezauberndste aller Nichten«, zwinkerte er 
ihr verschmitzt zu, was seinem Gesicht etwas 

Unwiderstehliches gab. »Gehabt euch wohl, ich kehre 
wieder, neu erstanden wie Phönix aus der Asche.« 
Blitzschnell den beiden einen Kuß auf die Wange 
drückend, zog er vergnügt ab, und Guntrun legte den Arm 
um Christines Schultern. 
»Tinchen, nun mach nicht so ein bekümmertes Gesicht, 
dazu hast du jetzt gar keine Veranlassung mehr. Komm, wir 
setzen uns in dein Zimmer und warten, bis ›Phönix‹ 
erscheint.« 
»Ach, Gun, mir ist wahrlich nicht zum Scherzen zumute«, 
klagte sie. »Wohin soll das wohl führen?« 
»Zum guten Ende, Tinchen, ich habe das so im Gefühl.« 

So mußte sie denn die niedergeschlagene Frau trösten, bis 
Felix erschien. Und nun hatte man wieder einmal den 
Beweis, daß Kleider Leute machen. Denn der da mitten im 
Zimmer stand, war von distinguierter Erscheinung mit dem 
Fluidum des Mannes von Welt. 
»Gefalle ich euch jetzt besser?« fragte er schmunzelnd. 
»Und wie!« jubelte Guntrun. »Jetzt kann ich mit Recht stolz 
auf dich sein. Komm rasch zu meinem Paps, der wird nicht 
wenig staunen.« 
Der staunte nicht, der lachte, als er es in den Augen des 
Bruders humorvoll aufblitzen sah. Dann nahm er ihn beim 

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Schlips und zog ihn zu sich heran. 
»Nun mal gebeichtet, du Spitzbube! Was ist eigentlich mit 

dir los. Denn diese Aufmachung konntest du unmöglich 
von den fünf Hundertern bezahlen, die ich dir gab, und 
pumpen tut dir niemand etwas in der Stadt, wo du fremd 
bist. Schon der Siegelring, den du trägst, ist gut und gern 
einen Tausender wert. Jetzt mal ehrlich: was stellst du dir 
vor?« 
»Och, vielleicht einen Millionär. Wer kann das alles so 
genau wissen.« 
»Na, du Halunke!« versetzte der Bruder ihm einen 
Nackenstreich. »Warum vorher das Theater?« 
»Weil ich euch auf die Probe stellen wollte«, kam es 
tiefernst zurück. »Die habt ihr glänzend bestanden, ich 

danke euch. 
Und ganz besonders meinem Christinchen«, wandte er sich 
der Gattin zu, die wie erstarrt verharrte. »Wenn du mich 
nämlich abgewiesen, als ich dich brieflich um Hilfe 
anflehte, hätte ich dir nahegelegt, dich von mir scheiden zu 
lassen, hätte glänzend für deinen Unterhalt gesorgt, aber 
genähert hätte ich mich dir nicht mehr. So jedoch…« 
Er erzählte nun dem aufhorchenden Bruder, was der ja 
noch nicht wußte. Sprach von dem Brief, der Bitte um 
Geld, von der Überweisung, die Christine ihm zukommen 
ließ, von seinem plötzlichen Auftauchen und so weiter. 
»Es ist mir gewiß nicht leichtgefallen, meine Rolle 

durchzuhalten«, fuhr er in seiner Erzählung fort. »Denn es 
war einfach rührend, wie mein Christinchen sich um den 
Vagabunden bemühte. 
Und dann heute Gun, die sich ohne jeden Vorbehalt zum 
Onkel bekannte. Auf die Tochter kannst du stolz sein, 
Egon. Sie ist nicht nur wunderschön, sie hat auch ein 
warmes, mitfühlendes Herz, was bei so reichen, 
verwöhnten Mädchen schon etwas bedeutet. 
Tja, und nun wollt ihr sicher wissen, wie ich zu meinem 
Geld gekommen bin. Dazu verhalf mir weniger mein 
Verdienst, sondern mein Dusel. Ich heiße ja nicht umsonst 

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Felix, was der Glückliche bedeutet. 
Wenn ich daran denke, was für ein Windhund ich war, 

schlägt mir jedesmal die Schamröte ins Gesicht. Und ich 
habe meinen Leichtsinn noch nicht einmal durch 
Fronarbeit abbüßen müssen, wenngleich ich auch nicht 
gerade gefaulenzt habe. Nur die Sehnsucht nach meiner 
Frau, nach dir und nach Gun hat mir arg zugesetzt. Wie 
gern hätte ich an euch geschrieben, doch mein Wohltäter 
war dagegen. Ich sollte erst wieder mit euch in Verbindung 
treten, wenn etwas Ordentliches aus mir geworden war, 
darauf mußte ich ihm mein Ehrenwort geben. 
Und nun zu meinem Wohltäter. Es war ein 
Deutschamerikaner, an den ich an einem Abend ein 
Vermögen verspielte, das ich nicht besaß. Und der fackelte 

auch nicht lange, was sowieso nicht seine Art war, sondern 
schleppte mich nach Amerika und steckte mich in seinen 
Betrieb, wo ich meine Schuld abarbeiten sollte. Als Strafe 
diktierte er mir zu, nicht von Frau, Bruder und Nichte 
Abschied zu nehmen, sondern sang- und klanglos zu 
verschwinden, bis aus mir leichtsinnigem Hund< ein 
brauchbarer Kerl geworden wäre. Und diese Strafe war 
bitter hart, aber heilsam. 
Nun ist er tot, der prachtvolle Mensch, der tatsächlich aus 
mir leichtsinnigem Hund einen brauchbaren Kerl machte. 
Und da er weder Frau, Kind noch sonstige Verwandte 
besaß, setzte er mich zu seinem Erben ein. Das ist alles, was 

ich zu beichten hatte. Zufrieden, Christine?« 
»Noch mehr, glücklich«, gestand sie unter Lachen und 
Weinen. Da nahm er sie in die Arme und küßte sie voll 
Zärtlichkeit. Doch dann wurde er gleich wieder sachlich. 
»Ich besitze nun in Chile ein großes Versandhaus, das 
meine Anwesenheit dank meiner tüchtigen Mitarbeiter 
nicht ständig erfordert. So habe ich mich entschlossen, eine 
Hälfte des Monats dort zu sein, die andere hier, wo ich 
natürlich auch nicht müßig sein werde, was ich übrigens 
gar nicht mehr kann. Also, wenn du für mich Verwendung 
haben solltest, Bruderherz, so verfüge über mich.« 

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»Und wie ich die habe! Felix, Menschenskind, ich kann das 
alles noch gar nicht fassen. Wohnen kannst du natürlich 

bei uns, der Kasten ist ja groß genug, und dann brauchen 
wir wenigstens unser Tinchen nicht ganz herzugeben, das 
hier die Seele des Hauses ist.« 
»Na schön, soll es so sein. Aber wenn ich nach drüben 
fliege, nehm’ ich sie mit. Ich habe sie drei Jahre lang so 
schmerzlich entbehren müssen, jetzt will ich mich keinen 
Tag mehr von ihr trennen. 
Hab übrigens herzlichen Dank, Egon, daß du dich meiner 
Frau so lieb annahmst. Erst als ich mir mit Erlaubnis 
meines Wohltäters die Gewißheit verschafft hatte, wurde 
ich ruhiger.« 
»Aha, daher kanntest du auch meine Adresse«, lachte 

Christine. »Schäm dich, du Gauner, mich auf so eine 
raffinierte Art angepumpt zu haben, von wegen langer 
Krankheit.« 
»Und wie lieb du darauf reingefallen bist, mein Tinchen«, 
schmunzelte er. »Na, laß nur, wir werden uns das Leben 
schon schön einrichten. Alles sollst du haben, was dein 
Herz begehrt.« 
Guntrun, die dem allen mit brennendem Interesse gefolgt 
war, hatte darüber ganz ihren Kummer vergessen. 
Doch, nun sie die beiden glücklichen Menschen sah, tat ihr 
das Herz wieder bitter weh. Dabei fiel ihr blitzartig ein, wie 
sie sich Abwechslung verschaffen konnte, die sie kaum zur 

Besinnung kommen ließ. 
»Onkel Felix, nimmst du mich auch manchmal mit?« fragte 
sie zögernd. 
»Natürlich, du Süße, das bedarf doch keiner Frage. Sollst 
mal sehen, wie ich überall mit meiner Tochter prahlen 
werde.« 
»Die glaubt dir doch kein Mensch«, lachte sie ihn aus. 
»Nicht einmal den Onkel.« 
»Sondern?« 
»Darauf muß ich dir die Antwort schuldig bleiben, weil ich 
es mit Tinchen nicht verderben möchte.« 

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So begann denn für Guntrun Wiederbach ein Leben, das sie 
wirklich kaum zur Besinnung kommen ließ. Abends sank 

sie todmüde ins Bett, schlief so fest, daß Christine sie am 
Morgen wachrütteln mußte, und dann ging es wieder in 
einen neuen Wirbel hinein. 
Es war ein sehr großes Unternehmen, das Felix Wiederbach 
sein eigen nannte und das er vorzüglich leitete. Sein Haus 
konnte man mit Palast bezeichnen, wo alles unter der 
Regie eines erstklassigen Butlers wie auf gutgeölten Rädern 
lief. 
Nachdem zwei Wochen vergangen waren, erklärte Felix am 
Frühstückstisch vergnügt: 
»Meine lieben Weibsen, da ich meinen geschäftlichen Kram 
prächtig in Ordnung habe, können wir mal für ein 

Weilchen in die Ferne schweifen. Äußert also eure 
Wünsche, die mir Befehl sein werden. Wie wär’s mal so’n 
bißchen mit dem afrikanischen Busch?« 
»Das kriegst du fertig«, lachte Christine, die ihr Glück so 
verjüngt hatte, daß man ihr nicht mehr als Ende Zwanzig 
gab. Felix wurde um seine charmante Frau beneidet – und 
die bezaubernde Gun? Nun, die hatte bereits zwei 
Heiratsanträge abgelehnt. 
»Weißt du, Felix«, den Onkel ließ sie einfach weg, weil das 
zu dem jugendlichen Vierziger so gar nicht paßte, »ich 
möchte Wundersehen.« 
»Sollst du, mein Kind, sollst du – dein blaues Wunder 

sogar. Allerdings müßt ihr mir dann die Führung 
überlassen.« 
Damit war man einverstanden, und hinaus ging’s in eine 
neue bunte Welt. 
Und die andern, die Guntrun in der Heimat zurückließ? 
Für die war sie wie vom Erdboden verschwunden. 
So lagen die Dinge, als Karola mit dem Gatten nach 
vierwöchiger Hochzeitsreise zu Hause eintraf. Und was sie 
da von Hanna erfuhr, überraschte sie natürlich sehr. 
»Und gemeldet hat Gun sich überhaupt nicht?« fragte sie 
nach dem ausführlichen Bericht der Schwägerin betroffen. 

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»Bei mir jedenfalls nicht.« 
»Und bei Hörgisholms?« 

»Weiß ich nicht, da ich sie immer nur kurz sprechen 
konnte. Sie haben so viel zu tun, daß sie kaum wissen, wo 
ihnen der Kopf steht. Der Hörgishof wird nämlich 
renoviert, es wimmelt dort nur so von Handwerkern.« 
»Und wo haben sie plötzlich das Geld dazu her?« 
» Keine Ahnung.« 
»Hat Gun sich auch bei ihrem Vater nicht gemeldet?« 
»Auch da bin ich überfragt. Habe Egon nach deiner 
Hochzeit überhaupt noch nicht gesprochen, da er ständig 
auf Reisen ist.« 
»Und Stella?« 
»Die hätschelt irgendwo ihre armen Nerven, die ja soooo 

überanstrengt sind.« 
»Seit wann strengt Stella sich denn an?« 
»Bei den Vorbereitungen zu deiner Hochzeit.« 
»Na, dazu hat sie doch weiß Gott nichts getan, das lastete 
doch alles auf Christines Schultern. Wer steht jetzt dem 
Hause vor?« 
»Eine seriöse Dame.« 
»Und Enno?« 
»Den verlassenen kleinen Kerl habe ich mir ins Haus 
geholt. Er wird zur Schule gefahren, wieder abgeholt und 
freut sich im übrigen seines Lebens.« 
»Das war lieb von dir, Hansinchen«, streichelte Karola die 

Wange der Schwägerin. »Das andere, nein, das will mir 
aber auch gar nicht gefallen. Hauptsächlich nicht, daß Gun 
wie vom Erdboden verschwunden ist. Da stimmt etwas 
nicht – und das muß ich herauskriegen, auf jeden Fall.« 
Also erschien sie am nächsten Tag, der zufällig ein Sonntag 
war, auf dem Hörgishof, wo es zwar keine Handwerker zu 
sehen gab, aber Gerüste um Stallungen und Herrenhaus. In 
der Halle sah es alles andere als einladend aus, doch das 
Wohngemach war vom ganzen Chaos verschont geblieben. 
Wie eine Insel des Friedens kam der schöne Raum Karola 
vor, als sie ihn soeben betrat. 

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»Karlchen!« riefen ihr die beiden Damen nebst Rupert 
freudig entgegen. Man stellte fest, daß sie blendend aussah. 

Kunststück, nach der Hochzeitsreise. 
Dann mußte Karola erzählen, was sie recht anschaulich tat. 
Doch hinterher ging sie unvermittelt auf ihr Ziel los, fragte 
kurz und bündig: 
»Was ist hier inzwischen geschehen? Warum ist Gun auf 
und davon?« 
Zuerst betretenes Schweigen, dann sagte die Baronin leise 
und gepreßt: 
»Arvid hat ihr sehr weh getan.« 
»So ungefähr habe ich mir das gedacht. Wie ^sollte es 
anders auch möglich sein, daß Guntrun, die von Natur treu 
und anhänglich ist, ihren geliebten Hörgishof aufgeben 

konnte. Erzählt bitte ganz ausführlich, was sich zugetragen 
hat.« 
Als sie es wußte, sagte sie entrüstet: 
»Da hat sich Arvid aber mal was Unerhörtes erlaubt. Ist der 
Mann denn so vernagelt und verbohrt, daß er nicht Gold 
von Talmi unterscheiden kann. Die Gun ihn mit 
raffinierten Mitteln einfangen! Man könnte lauthals lachen, 
wenn es nicht so unsagbar traurig wäre. Und was nun, 
wohin soll das wohl führen?« 
»Ja, das wissen wir auch nicht«, entgegnete Rupert 
niedergeschlagen. »Wir haben zermürbende Wochen hinter 
uns Karola, das kannst du uns schon glauben. Sieh dir 

doch an, wie hier alles drunter und drüber geht. Und nur, 
weil Arvid nicht genug Arbeit kriegen kann. Erbärmlich 
sieht er aus. Ißt kaum, schläft kaum, ist unzugänglich bis 
zur Schroffheit. Ganz entsetzlich muß er darunter leiden, 
daß er sich mit eigner Hand die Tür zu seinem Paradies 
zuschlug. Denn daß er Gun liebt, ist so sicher wie das 
Amen in der Kirche.« 
»Wenn ich doch nur helfen könnte«, sagte Karola 
erschüttert. »Aber dazu muß ich mal erst Gun haben. Doch 
wo ist sie, was treibt sie? Sie wäre das erste Mädchen nicht, 
das aus Herzensnot einen andern freite.« 

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»Das befürchten wir auch«, bemerkte Erdmuthe 
tränenerstickt. »Und Arvid wohl am meisten. Mein Gott, 

der Junge geht uns kaputt, wenn er immer weiter Raubbau 
mit seinen Kräften treibt. Denn wie er sich abschuftet, das 
hält selbst der stärkste Mann nicht auf die Dauer aus.« 
»Habt ihr ihm denn nicht ausreden können, die 
Renovierungen

1

  bis,  zum  Herbst  zu  verschieben,  wo  es 

ruhigere Zeiten für den Landwirt gibt?« 
»Dem und was ausreden«, lachte Rupert kurz auf. »Er ist ja 
wie versessen, den Hörgishof möglichst schnell im neuen 
Glanz erstrahlen zu lassen.« 
»Wenn das Geld zu Ende ist, wird er schon damit 
aufhören«, tröstete Karola, doch Erdmuthe winkte müde 
ab. 

»Das  hört  so  bald  nicht  auf,  Theo  bringt  immer  neues 
hinzu. Man reißt ihm die Sachen ja direkt aus den Händen, 
hauptsächlich die alten Schriften. Wie haben wir das Geld 
herbeigesehnt, und nun es da ist… Ach, Karola, wohin soll 
das wohl führen?« 
»Zum guten Ende«, meinte die junge Frau zuversichtlich. 
»Wenn doch Gun hier wäre und den Jammer mit ansehen 
könnte, ihr würde sich das Herz umdrehen bei eurer Not.« 
»Und wenn sie Arvid die Kränkung nicht verzeiht?« fragte 
Ermenia bang. 
»Das täte sie schon um euretwillen, die sie von ganzem 
Herzen liebt.« 

Weiter konnte sie nicht sprechen, da Arvid eintrat, dessen 
Anblick die junge Frau überraschte. Sie hatte nämlich einen 
abgehetzten, vergrämten Mann zu sehen erwartet, doch an 
dem da war alles hart, straff, wie energiegeladen. Nur in 
den Augen lag etwas, das Karola erschütterte, das sich auch 
durch seine eiserne Beherrschung nicht verbergen ließ. Der 
Mann litt, das war unverkennbar. 
»Oha, das Karlchen!« begrüßte er sie mit leichtem Spott. 
»Ausgefüttert?« 
»Ist doch nur gut, daß du spotten kannst«, schlug sie 
absichtlich einen munteren Ton an. »Ich war nicht wenig 

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erstaunt, hier alles so aufgewühlt zu finden. Mußte das 
ausgerechnet jetzt sein, wo in der Landwirtschaft die Arbeit 

drängt?« 
»Ach, sieh mal an, schon so ganz zünftig, die Landfrau«, 
musterte er sie lächelnd, während er die Pfeife stopfte. Die 
Hand zitterte dabei, und die Zähne bissen sich 
augenblicklang zusammen wie in tiefstem Schmerz. Dann 
war er wieder ganz gelassen, doch Karola ließ sich nicht 
mehr täuschen. 
»Jawohl, Landfrau«, betonte sie. »Das kann nämlich auch 
eine Städterin werden, mein skeptischer Herr Baron. Nun 
erzähl mal, was du noch so alles auf den Kopf zu stellen 
gedenkst.« 
»Bis alles so ist, wie es sich gehört.« 

»Und du dich dabei überarbeitest.« 
»Ich – warum? Ich habe mit der Renovierung kaum etwas 
zu tun, dafür ist der Baumeister da.« 
»Na schön, ich will es dir glauben. Jetzt muß ich aber 
gehen, damit mein Herr Gemahl nicht ungeduldig wird. 
Wenn es euch hier zu ungemütlich ist, flüchtet in unser 
trautes Heim, wo man nicht über Zementkübel, Bausteine, 
Leitern, Tapetenrollen, Farbe und so weiter stolpert«, nahm 
sie lachend Abschied. »Und wenn hier alles im neuen 
Glanz erstrahlt, dann feiern wir fröhlichen Einstand.« 
Allein bis es soweit war, sollten noch Wochen vergehen, in 
denen auf dem Hörgishof noch viel geschafft werden 

mußte, doch dann war alles blitzblank. Stallungen und 
Wirtschaftsgebäude glänzten im neuen Anstrich, der Hof 
war aufgeräumt wie eine Putzstube. Das Herrenhaus 
strählte in schneeiger Weiße und grünem Lack, der neue 
Kupferbelag auf dem runden Turm blitzte. 
Ebenso blitzte auch im Innern des Hauses alles, die Räume, 
die noch zum Teil leer gestanden hatten, waren sehr 
geschmackvoll möbliert. Die »Rumpelkammer« gab es 
nicht mehr, daraus war ein entzückender Rokokosalon 
erstanden – elegant, kapriziös, verspielt. Und was da auf 
der reizenden Kommode stand, war die Truhe, die so böse 

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Schicksal gespielt hatte. 
Den schäbigen Treppenläufer gab’s nicht mehr, man hatte 

ihn durch einen dicken, flauschigen ersetzt. Ein 
Stubenmädchen war eingestellt, das mit dem Diener Franz 
die Räume in Ordnung hielt, Grete stand nur noch allein 
Sephchen zur Verfügung. 
Den Park hatte man nur soweit zurechtgestutzt, daß seine 
Eigenart nicht verschandelt war. Der Springbrunnen auf 
dem Rasen sprühte wieder, ebenso ein anderer, den man 
vor dem Portal des Herrenhauses auf einem weiten 
Rasenrund angelegt hatte. Der Hörgishof war neu 
erstanden, dafür gähnte in der Bibliothek, wo die alten, 
sehr wertvollen Schriften in Stapeln gelegen hatten, eine 
Leere. 

Und wo war Gun, für die der verschlossene, wortkarge 
Mann das alles geschaffen, sich nicht Rast noch Ruhe 
gegönnt hatte, bis alles so war, wie er es für die junge 
Herrin wünschte? Die schwirrte noch immer in der 
Weltgeschichte herum, bis… 
Ja, bis das Schicksal dann endlich Einhalt gebot. Christine, 
die zuerst alles begeistert mitgemacht hatte, wurde müde 
und unlustig, so daß der besorgte Gatte einen Arzt 
konsultierte. Und was der ihm schmunzelnd verriet, ließ 
ihn vor Freude fast aus dem Häuschen geraten. So fand 
denn die Herumtreiberei ein jähes Ende. Man kehrte in die 
Heimat zurück, wo Christine ihr Kindchen in aller Ruhe 

erwarten sollte. 
Diese frohe Botschaft brachte Egon, der auf seinen Reisen 
einige Male in Chile gewesen war, in das »zuckrige Haus«, 
wie er es zu nennen pflegte. Das gab ein freudiges Hallo, 
zumal sich auch da der Storch bereits angemeldet hatte. 
Und am nächsten Tag stand Karola Gun gegenüber, die sie 
jubelnd empfing. 
»Karinchen, endlich sehe ich dich wieder.« 
»Deshalb brauchst du mir nicht gleich den Hals 
abzureißen«, machte die junge Frau sich lachend aus der 
würgenden Umschlingung frei. »Erzähl mal, du Irrwisch, 

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wo du überall herumgegeistert bist.« 
Und Guntrun erzählte, erzählte. Wie wunderbar es gewesen 

wäre, wie fabelhaft, wie einzigartig, wie amüsant. Und 
Karola ließ sie reden, sie dabei forschend betrachtend. 
Dabei entging ihr das Fahrige nicht, das nervöse Zucken 
um Augen und Mund. Auch nicht das Überschwengliche, 
das dem Mädchen sonst so gar nicht lag. 
»Kind, du redest mir zuviel«, unterbrach sie endlich den 
Wortschwall. »Meines Erachtens war das, was du so 
wortreich schildertest, nichts weiter als ein Herumgehetze. 
Glücklich kannst du dich doch unmöglich dabei gefühlt 
haben.« 
»Gewiß war ich glücklich. Wie kommst du überhaupt 
darauf, daß ich nicht glücklich war. Bei so einem Leben 

muß man doch glücklich sein. Ich habe – ich bin…« 
»Ein dummes Ding, das sich selbst blauen Dunst vormacht. 
Aber bei mir gelingt dir das nicht, dafür kenne ich dich zu 
gut. 
Gun, hör mich an, ein Mann leidet wahnsinnig unter der 
Kränkung, die er dir mit in Erregung hervorgestoßenen 
Worten antat. Wenn du ihm nicht verzeihst, geht er daran 
kaputt.« 
»Meinen Segen hat er.« 
»Guntrun, schäm dich mal! Es ist doch nur der Trotz, der 
aus dir spricht.« 
»Trotz – meinst du? Ich würde es eher verletzten Stolz 

nennen.« 
»Na ja, gewiß. Aber schau mal, Gun, der Mann leidet ja 
nicht allein, sondern seine Lieben mit ihm. Es gibt jetzt 
keine traute Harmonie mehr auf dem Hörgishof, 
trotzdem…« 
Sie erzählte nun dem aufhorchenden Mädchen alles bis ins 
kleinste und je länger sie sprach, um so größere Bestürzung 
malte sich auf dem Mädchengesicht wider. Und als gar 
noch die Augen in Tränen schwammen! da wußte Karola, 
daß ihre Worte in ein mitfühlendes Herz gefallen waren. 
»So haben die Menschen nun alles, was sie ersehnten«, 

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führte die junge Frau weiter aus. »Der Hörgishof ist ein 
Mustergut, das Herrenhaus das vornehmste, was man sich 

denken kann. Und doch kann man nicht glücklich sein, 
solange du fehlst, Gun. Also laß alle kleinlichen Bedenken 
und gib dem Mann Gelegenheit, dich um Verzeihung zu 
bitten.« 
»Nein, Karola, das kann ich nicht, ich kann es wirklich 
nicht.« 
»Doch, Guntrun, du kannst es, wenn du nur einige 
Herzschläge lang deinen Stolz zurückstellst. Um so größer 
wird dann die Belohnung für deine Überwindung sein.« 
»Aber ich kann doch nicht – es geht doch nicht. Wohin soll 
das wohl führen?« 
»Zu deinem Glück, Gun. Denn du kannst ja nur mit dem 

Mann glücklich sein, den du mit jeder Faser deines Herzens 
liebst. Soweit kenne ich dich doch. Und er? Wenn ein 
Mann seiner Art liebt, da vergibt er sich ganz. Er wird dich 
in seine Liebe einhüllen wie in einen weichen Mantel, und 
die Seinen werden mit ihm glücklich sein.« 
»Ja, aber ich kann doch nicht zu ihm gehen.« 
»Sollst du auch nicht«, unterbrach Karola sie rasch. »Du 
hast weiter nichts zu tun, als mit nach ›Zuckerchen‹ zu 
kommen, alles andere überlaß mir. Gilt’s?« 
»Ja«, senkte sich das gleißende Köpfchen. »Anders gäbe 
mein Gewissen ja doch keine Ruhe.« 
»Na, also!« lachte Karola fröhlich. »Anders wärst du auch 

nicht unsere warmherzige Gun. Was man tun will, soll 
man gleich tun. Daher komm gleich mit mir. Umzuziehen 
brauchst du dich erst nicht, siehst sowieso aus wie ein 
bezauberndes Bild.« 
So kam es denn, daß eine sehr zufriedene Karola mit einer 
hangenden und bangenden Guntrun zu Hause anlangte, 
diese sozusagen in ein Zimmer sperrte und dann 
telefonisch den Baron von Hörgisholm zu sich rief. Schon 
zehn Minuten später war er da. 
»Ich bin zur Stelle, Karlchen. Was soll ich denn, etwa euern 
ersten Ehestreit schlichten?« 

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»Dafür suche ich mir auch gerade dich aus, du Spötter. Es 
ist ganz etwas anderes, was du in Ordnung bringen sollst. 

Geh mal da schon rein, ich komme nach.« 
Kurzerhand schob sie ihn über die Schwelle, schloß mit 
spitzbübischern Lächeln hinter sich die Tür, und der Mann 
stand da wie erstarrt. Denn was ihm aus bangen Augen 
entgegensah… 
»Gun«, stammelte der Mann überwältigt. »Gun…« 
In seinem Gesicht zuckte es, die Augen wurden naß. Und 
das war der weichherzigen Gun denn doch zuviel. Alles war 
vergessen, nur die Liebe war da. Und als Arvid wie unter 
einem Zwang ganz langsam die Arme hob, da schmiegte sie 
sich besiegt hinein. Vier Lippen fanden sich immer wieder, 
zwei strahlende Augenpaare tauchten ineinander. Was 

sollten da noch Worte? Die gab’s ja doch nicht, um 
beschreiben zu können, wie heiß die Herzen füreinander 
schlugen. 
»Schönstes du«, murmelte der Mann, sein Gesicht in die 
gleißende Lockenpracht drückend. »Endlich habe ich dich. 
Wie habe ich auf dich gewartet – gewartet. Hast du denn 
mein heißes Sehnen gar nicht gespürt?« 
»Ja, Arvid«, bekannte sie leise. »Aber du hast mir doch so 
weh getan.« 
»Und mir wohl am meisten«, würgte er hervor. »Kannst du 
mir überhaupt meine Eselei verzeihen?« 
»Wäre ich sonst hier?« 

»Nein, du nicht, mein stolzes Mädchen. Ich verdiene es ja 
gar nicht, was ich hier halte. All die Schönheit, das goldige 
Lachen und das weiche Herzchen. Ach, Gun, wie liebe ich 
dich doch so sehr!« 
Er preßte die Augen auf ihre Hand, die von Tränen naß 
wurde. Dann richtete er sich auf und lachte verlegen. 
»Verzeih, aber das kann auch den stärksten Mann 
umschmeißen. Vor einer Stunde noch das Herz voll 
Sehnsucht gefüllt bis zum Rande – und nun diese 
Glückseligkeit. Es ist fast zuviel des Glücks.« 
»Nun fang hier bitte nicht an zu unken«, schlug sie 

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absichtlich einen burschikosen Ton an. »Wir werden! das 
Glück schon halten, nun da wir es so fest beim Schopf 

gepackt haben.« 
Es gab nun noch manches zu sagen, manches zu erklären, 
darüber vergaßen sie Zeit und Stunde, bis eine Stimme sie 
darauf aufmerksam machte, daß es auch poch andere 
Menschen auf der Welt gab. Zum Beispiel Karola, die ihr 
lachendes Gesicht durch den Türspalt steckte. 
»Nun kehrt mal gefälligst aus eurem siebenten Himmel auf 
die Erde, zurück. Hurtig, wir werden auf dem Hörgishof 
erwartet, wo mein Telefonanruf alle in helle Aufregung 
versetzte.« 
»Karlchen, wie soll ich dir danken«, streckte der Mann ihr 
beide Hände entgegen. »Denn daß Gun es mir so einfach 

machte, ist doch wahrscheinlich dein Werk.« 
»Na, so ein bißchen schon«, gab sie zu. »Aber wenn sie dich 
nicht so lieb hätte, würde all mein Reden nichts genützt 
haben. Nun laßt euch von Herzen alles Glück der Erde 
wünschen.« 
Dergleichen taten auch Hanna, Detlef und Enno, der vor 
Aufregung zappelte. Wenig später langte man auf dem 
Hörgishof an, wo dem Brautpaar bald die Rippen 
schmerzten von all den Umarmungen, die in der freudigen 
Erregung nicht gerade sanft ausfielen. 
Denn sie waren alle da, selbst Stella, die sich zu Hause 
eingefunden hatte, weil die Sehnsucht sie trieb, wie sie 

pathetisch erklärte. Zwar glaubte, man ihr das nicht, aber es 
war ja auch nicht so wichtig. 
Wichtig war das Brautpaar, dem das Glück nur so aus den 
Augen strahlte. Erdmuthe konnte sich kaum sattsehen an 
ihrem holden Schwiegertöchterlein, dem das traute Mutti 
so selbstverständlich von den Lippen kam. Ermenia weinte 
ein bißchen, und Rupert ließ sein Monokel nur so blitzen. 
Onkel Theodor, der nach wie vor ahnungslos war, was er 
mit seinen Worten damals angerichtet hatte, meinte 
schmunzelnd: 
»Viel früher hättest du auch nicht zu erscheinen brauchen, 

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Prinzeßchen. Dann wäre deine Residenz noch nicht ganz 
so gewesen, wie dein Prinz sie für dich wünschte. Doch 

jetzt ist es geschafft, sieh dich in deinem Reich um.« 
Die nächste Stunde sollte Guntrun aus dem Staunen nicht 
herauskommen. Was gab es aber auch alles zu bewundern. 
Als sie das Rokokozimmer betrat, war sie zuerst einmal 
sprachlos vor Entzücken. Unsicher sah sie zu dem Mann 
auf, der ihr ins Ohr raunte: 
»Für meine Schäferin, eigens von ihrem Schäfer für ein 
Schäferstündchen geschaffen. Auch der Kasten da ist 
Eigentum der jüngsten und schönsten Herrin derer von 
Hörgisholm.« 
»Ach, Arvid, wie soll ich dir für die Freude nur danken!« 
»Kannst du«, zeigte er auf seinen Mund. »Ein Küßchen, 

süße Schäferin, ist tausendfacher Dank.« 
»Komm bloß hier raus«, lachte sie hellauf. »Sonst wirst du 
noch zum girrenden Seladon. Und soviel ich weiß, 
stammst du doch von den Raubrittern ab.« 
Dieses goldige Lachen hörte man im Wohngemach, und 
die darin zu Hause waren, hatten denselben Gedanken: Sie 
hat uns wieder die Sonne ins Haus gebracht. 
Als man dann später bei einem Glase Wein gemütlich 
beisammensaß, begann Stella sogleich* von dem 
Hochzeitsfest zu sprechen, das ganz etwas Besonderes sein 
müßte. Schnitt jedoch ein saures Gesicht, als Arvid sagte: 
»Leider kann daraus nichts werden, verehrte 

Schwiegermama.« 
»Mein Gott, lassen Sie doch diese fürchterliche Anrede«, 
preßte sie die Fingerspitzen nervös gegen die Schläfen. »Ich 
bin ja kaum älter als Sie.« 
Dieses »kaum« waren immerhin zehn Jahre; denn der 
Mann zählte knapp dreißig. So hatte man denn alle Mühe, 
das amüsierte Lachen zu verbeißen. Hauptsächlich Arvid, 
der ja weitersprechen mußte. 
»Verzeihung, das habe ich nicht bedacht. Also die Tradition 
verlangt es, daß einem Hörgisholm die Frau in der 
Schloßkapelle angetraut wird.« 

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»Aber das geht doch nicht. Zwei so schöne Menschen wie 
ihr beid…« 

»Brauchen sich noch lange nicht zur Schau zu stellen«, warf 
Felix pomadig ein, der diese Schwägerin bis in den Tod 
nicht leiden konnte. Sie sah ihn böse an, hielt es jedoch für 
ratsam, nichts zu erwidern, weil sie genau Wußte, daß sie 
ihm nicht gewachsen war. Also setzte sie ein Gesicht auf 
wie eine gekränkte Königin, was die andern jedoch nicht 
weiter störte. Man mußte diese Frau eben so nehmen, wie 
sie war, dann kam man mit ihr am besten aus. 
Zu ihrer eigenen Überraschung gefiel ihr die Hochzeit, die 
vier Wochen später stattfand, sogar, die vornehm gehalten 
war. Es lag darüber ein besonderer Hauch, der die 
hypermoderne Stella sehr beeindruckte. Und langsam fing 

sie an zu begreifen, daß man es gar nicht nötig hatte, 
vornehm zu tun, wenn man es von Natur aus war. 
Die Tafel war wunderbar geschmückt, ein Werk von Franz, 
der mit dem Diener der Honnecks servierte. Die Bedienung 
reichte vollkommen aus, da ja nur die Sippe zugegen war, 
also mit dem kleinen Enno vierzehn Personen. Zuerst ging 
es noch ein wenig feierlich zu, doch als Rupert die 
Hochzeitszeitung vorlas, die er selber verbrochen hatte, da 
lachte man Tränen. Sie waren aber auch zu köstlich, die 
Knüppelreime. 
Sie begannen mit der Silvesternacht, als der Baron sich 
diesen nichtsnutzigen Flirt ins Haus holte und damit sein 

Schicksal besiegelt war. Brachten allerlei drollige Dinge, die 
Guntrun sich geleistet hatte, und schlossen mit den 
Worten: 
 
Nun hat er seinen Finderlohn
 
sich endlich einkassiert  
und muß nun auf der Hut stets sein,  
nicht werden drangsaliert.
 
 

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die stürmische 
Heiterkeit gelegt hatte und man dem »Dichter« die Ovation 

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bringen konnte, die er würdig entgegennahm. 
So vergnügt wie dieses junge Paar war wohl selten eins auf 

die Hochzeitsreise gegangen – und genauso zurückgekehrt 
in den Schoß der Familie, wo man manchmal die bange 
Frage stellte: Wohin soll das wohl führen? 
»Ins Glück«, gab das Schicksal zuletzt die Antwort darauf. 
»Ich stelle euch da hinein, nun seht zu, daß ihr es euch 
erhaltet. Tragt gegenseitig zu eurem Glück bei, dann wird es 
bei euch bleiben.« 
Und es blieb, da jeder nun wirklich dazu beitrug, es nicht 
zu vertreiben. Denn glücklich werden ist noch nicht einmal 
so schwer, aber glücklich bleiben ist ein Meisterstück. 

 

-ENDE-