background image

KRAFFT VON BROEDE

 

Roman von Leni Behrendt

 

 

 

 
 

Ilse-Sybille hat in ihrer Kindheit bitter leiden müssen unter 
der unglücklichen Ehe ihrer Eltern. Als Vater und Mutter 
gestorben sind, kommt das junge Mädchen zu einer Tante, 
bei der es sich auch nicht wohl fühlen kann. Wie ein 
tröstlicher Stern steht über dem freudlosen Leben die 

background image

Erinnerung an einen Unbekannten, dem Ilse-Sybille auf der 
Reise zu ihrer Tante begegnet ist und der in ritterlichzarter 

Weise für sie sorgte, um dann spurlos zu verschwinden. Sie 
wünscht sich brennend, diesen Mann einmal 
wiederzusehen. Doch als der Wunsch eines Tages wirklich 
in Erfüllung geht, geschieht nichts von alledem, was das 
Mädchen sich erträumt hat. Im Gegenteil, es kommt nun 
für Ilse-Sybille eine Zeit voller Mißverständnisse, Kummer 
und innerer Qual; sie liebt und darf es nicht zeigen, weil 
Stolz und Selbstachtung es ihr verbieten.

 

background image

Diese Ausgabe erscheint alle 4 Wochen im Martin Kelter Verlag (GmbH & Co.),

 

Mühlenstieg 16-22,22.041 Hamburg, Postfach 70 10 09,22.010 Hamburg,

 

Telefon: Sa.-Nr. (040) 68 28 95-0, Telefax: 040 / 68 28 95 50,

 

Internet: http://www.kelter.de e-mail: info@kelter.de 
Verantwortlich: Verleger Gerhard Melchert. Im Verkaufspreis ist die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten.

 

Gesamtherstellung: Eisnerdruck, Berlin.

 

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Gewähr.

 

Abgebildete Personen auf dem Umschlag stehen in keinem Zusammenhang mit dem Roman.

 

Diese Ausgabe darf weder in Leihbüchereien noch in Lesezirkeln geführt oder zum gewerbsmäßigen

 

Umtausch bzw. Wiederverkauf verwendet werden. 

background image

Herr Schmehlich, der Besitzer des vielbesuchten 
Nervensanatoriums Seelenruh, saß gedankenverloren in 

einem tiefen Sessel seines Arbeitszimmers. Er zog an einer 
dicken Zigarre und rauchte wie ein Schlot. 
Herr Schmehlich kam nur einmal in der Woche nach 
Seelenruh, um sich darin umzusehen. Er hatte noch weitere 
Unternehmungen, war ein gewiegter Geschäftsmann, der es 
zu großem Reichtum gebracht hatte. 
Heute war er auf einen Brief Dr. Meders hin hergekommen. 
Und was er vorhatte, das mußte ernstlich und reiflich 
erwogen werden. 
Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen zu sein; 
denn er richtete sich im Sessel auf und rief den Diener 
herbei. 

»Sagen Sie Fräulein Rainer, ich ließe sie zu einer 
Unterredung hierher bitten.« 
Gleich darauf stand die gewünschte Dame vor Herrn 
Schmehlich. Ein wohlgefälliges Lächeln huschte über sein 
rotes Gesicht, in seinen verschwommenen Äuglein zuckte 
es begehrlich auf. 
So ein wunderschönes Geschöpf bekam er aber auch nicht 
alle Tage zu sehen! Der begehrliche Herr mußte wieder 
einmal feststellen, daß das Mädchen von einer 
bestrickenden Süße war, die selbst auf kühle, sachliche 
Menschen verwirrend wirken mußte. Die lässige Haltung 
des biegsamen, gepflegten Körpers, das stolzgetragene 

Köpfchen, um das sich wunderbares Blondhaar bauschte 
und wellte. Und dann die Augen – diese rätselhaften 
Märchenaugen von weichem, dunklem Grau! Dunkel 
umsäumten sie lange, seidige Wimpern. 
»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein«, forderte er die junge 
Dame auf, die erwartungsvoll auf ihn schaute. »Ich habe 
Ihnen eine Eröffnung zu machen. Zuerst will ich Ihnen 
erklären, weshalb Sie so lange in meinem Sanatorium 
weilen mußten, dessen Aufsicht und Pflege Sie nur kurze 
Zeit nötig hatten. Doch Ihr Vater verlangte Ihr Bleiben, weil 
er sich mit einer jungen Dame verheiratete und ihm die 

background image

erwachsene Tochter daher unbequem war. Und da Sie sich 
hier wohl fühlten und das Pensionsgeld auch 

einigermaßen pünktlich gezahlt wurde, machte Ihr Bleiben 
auch weiter keine Schwierigkeiten. Aber seit zwei Monaten 
blieb die Bezahlung aus, und sie wird auch fernerhin 
ausbleiben, da Ihr Vater nicht mehr unter den Lebenden 
weilt. Seine eifersüchtige Gattin hat ihn und sich nach 
einem heftigen Streit erschossen. Die Villa fiel in die Hände 
der Gläubiger und Sie, mein Kind, sind nun allein und 
bettelarm. Nachdem die Verhältnisse sich so gestaltet 
haben, ist Ihres Bleibens hier nicht länger.« 
Forschend sah er zu dem Mädchen hin, das seine 
Eröffnung nicht erregt zu haben schien. Vielleicht war das 
hochmütige Antlitz etwas blasser als sonst. Da es jedoch 

immer von durchsichtiger Zartheit war, ließ sich das schwer 
feststellen. 
Als sie nicht antwortete, räusperte der kleine Dicke sich: 
»Haben Sie mir nichts zu antworten, Fräulein Rainer? Geht 
Ihnen die Tragödie Ihres Vaters denn gar nicht zu Herzen?« 
»Nein!« 
Kalt, schroff klang es, man hätte der weichen Stimme einen 
solchen Ton nicht zugetraut. 
Schmehlich sah sie betroffen an. 
»Aber ja – aber – « meinte er ratlos. 
Da erschien ein Lächeln auf dem zarten Antlitz, das den 
guten Dicken ganz und gar betörte. 

»Ich kann um meinen Vater nicht trauern, da er mir nie 
nahestand. Er hat sein Unglück selbst verschuldet. Daß ich 
arm bin, weiß ich. Auch daß ich die Betreuung hier längst 
nicht mehr nötig hatte. Warum mein Vater mich trotzdem 
im Sanatorium ließ, darüber habe ich mir wohl manchmal 
den Kopf zerbrochen, forschte aber nicht weiter nach, da es 
mir hier gut ging. Nun allerdings muß ich diese friedliche 
Stätte verlassen. Schade!« 
Jetzt war der Augenblick für Herrn Schmehlich gekommen. 
Er setzte sich in Positur, legte sein fettes Gesicht in wichtige 
Falten und sah mit herablassendem Wohlwollen das 

background image

Mädchen an. 
»Tja – « meinte er salbungsvoll. »Über diesen Punkt möchte 

ich mit Ihnen reden, meine liebe, verehrte Ilse-Sibylle. 
Ihretwegen bin ich heute hierher gekommen, obgleich ich 
viel Geschäftliches zu erledigen habe. Ich habe mir die 
Sache reiflich überlegen müssen. Sie sind immerhin das 
Kind Ihres leichtsinnigen Vaters, und für Künstler habe ich 
nie viel übrig gehabt. Trotzdem habe ich mich 
entschlossen, Sie zu heiraten. Hoffentlich erkennen Sie das 
Glück, das ich Ihnen zu geben imstande bin, auch 
genügend an.« 
So, nun war es heraus. Herr Schmehlich blähte sich 
ordentlich auf vor Edelmut und Selbstgefälligkeit. Er 
wappnete sich, um mit Würde die Dankesbezeugungen des 

Fräuleins entgegenzunehmen. 
Allein, es sah ja fast so aus, als kämpfe sie mit einem 
Lachen! Und auch ihre Stimme klang ganz danach: 
»Ihr Opfermut ist sehr anerkennenswert, Herr Schmehlich. 
Daher verzeihen Sie meine Undankbarkeit. Wie mich Ihr 
Antrag auch ehrt, ich muß ihn dennoch ablehnen.« 
»Was – ablehnen?« wiederholte er, als hätte er nicht recht 
gehört. 
»Leider.« 
Das genügte, um den Herrn aus seiner selbstgefälligen 
Ruhe zu reißen. Er schnappte nach Luft, sein Gesicht wurde 
dunkelrot. 

»Was wollen Sie denn anfangen?« 
»Mir eine Stellung suchen.« 
»So sehen Sie aus!« erboste er sich immer mehr. »Für 
derartige Angestellte wie Sie bedankt sich jeder. Sie haben 
bestimmt keine Veranlassung, sich aufs hohe Pferd zu 
setzen. Arm wie eine Bettlerin, aus so verlotterter Familie – 
« 
»Das gehört nicht hierher«, unterbrach sie ihn hochmütig. 
»Meine Verhältnisse gehen Sie nichts an, da ich Ihren 
Antrag ablehne und noch heute Ihr Sanatorium verlassen 
werde.« 

background image

Ihr stolzer Blick streifte seine Gestalt, die klein und dick vor 
ihr saß. Sie sah das Mopsgesicht, den großen kahlen 

Schädel, über den einige Härchen mit Sorgfalt gebürstet 
waren, und schon kämpfte sie wieder mit einem Lachen. 
»Nichts für ungut!« meinte sie tröstend, indem sie sich 
erhob und der Tür zuging. 
»Sie werden es noch einmal bitter bereuen!« rief er ihr 
nach. 
»Ich glaube nicht«, gab sie lachend zurück. Dann ging sie, 
den abgewiesenen Freier in heller Wut zurücklassend. 
Daß ihm das passieren mußte – ihm, Eduard Schmehlich! 
Dazu noch von so einem grünen Ding, das mit seinen 
dreiundzwanzig Jahren wie ein Backfisch aussah. 
Mit gewichtigen Schritten suchte er Dr. Meder auf, um sich 

seinen Ärger von der Leber zu wettern. 
Der Arzt sah erschrocken seinem Gebieter entgegen, der 
hochrot im Gesicht anpustete. 
»Unerhört!« polterte er ohne Einleitung los. »Was man sich 
so alles bieten lassen muß! Auf den Knien müßte sie mir 
danken, daß ich sie zu meiner Frau machen will. Sofort 
verläßt das impertinente Mädchen das Sanatorium!« 
Dr. Meder war sofort im Bilde. Oh, wie gern hätte er 
herzlich gelacht! Da das nicht anging, beschwichtigte er 
den erbosten Herrn. 
»Lassen Sie doch, Herr Schmehlich«, redete er dem in 
seiner Eitelkeit getroffenen Herrn gut zu. »Sie wird die 

Folgen ihrer Handlungsweise allein tragen müssen.« 
»Die und in Stellung gehen!« konnte Schmehlich sich nicht 
beruhigen. »Die hochnäsige Person setzen die Leute gleich 
nach den ersten Tagen vor die Tür!« 
»Das soll Ihre Sorge nicht sein, Herr Schmehlich.« Dieser 
brummte noch ein Weilchen vor sich hin, gab sich dann 
jedoch zufrieden und trollte sich. 
Unterdessen war Ilse-Sibylle in ihr trauliches Stübchen 
geeilt, in dem sie zwei Jahre hindurch so sorglos gelebt 
hatte. 
Es war ihr gut gegangen in dem stillen, vornehmen Hause. 

background image

Und nun mußte sie in die Welt hinaus, vor der ihr graute. 
Wohin sollte sie überhaupt gehen, bis sie eine Stellung 

gefunden hatte? Welcher Art sollte diese Stellung sein? Sie 
besaß nichts als die Bildung der sogenannten höheren 
Tochter. Daß sie mehrere Sprachen beherrschte und 
außergewöhnlich musikalisch war, konnte ihr allein nicht 
viel nützen. 
Nun kamen ihr die Tränen, als sie ihre Habseligkeiten 
zusammenpackte. Viel war es nicht. Von dem kleinen 
Taschengeld hatte sie sich nichts anschaffen können, daher 
war es nicht viel, was sie an Kleidung besaß, und außerdem 
recht abgetragen. 
Hätte sie den Antrag des vortrefflichen Herrn nicht doch 
lieber annehmen sollen? Dann wäre sie jetzt aus aller Sorge 

und Not. 
Doch bei dem Gedanken lachte sie wieder, während ihr die 
Tränen noch über das Gesicht liefen. 
Schnell packte sie zu Ende und ging dann in die 
Privatwohnung Dr. Meders, um sich von den ihr 
liebgewordenen Menschen zu verabschieden. 
Der Arzt sah ihr lachend entgegen. 
»Hallo, Klein Ilsibyll, da haben Sie ja was Schönes 
angerichtet! Wie kann man bloß die Hand eines Herrn 
Schmehlich ausschlagen!« 
»Sie wissen schon?« 
»Und ob! Wutschnaubend erschien der gute Dicke bei mir 

– die personifizierte Empörung! Er hatte es sich doch so 
schön gedacht, als Märchenprinz bei Ihnen zu erscheinen.« 
»Sie sind ein großer Spötter.« 
»Ilsibyllchen, es wäre doch so nett gewesen, Sie als Chefin 
zu haben. Die Vorteile, die mir daraus erwachsen wären! 
Na, Scherz beiseite. Jedenfalls ist Herr Eduard Schmehlich 
nicht schüchtern. Da möchte man fast singen: Nichts ist so 
traurig, nichts macht so betrübt, als wenn sich ein 
Kohlkopf in ’ne Rose verliebt.« 
Doch dann wurde er tiefernst. 
»Was soll nun aus Ihnen werden, gnädiges Fräulein?« 

background image

»Etwas bestimmt«, entgegnete sie achselzuckend. »Ich muß 
versuchen, irgendwo unterzukriechen, bis ich eine Stellung 

gefunden habe. Wenn ich nur wüßte, wo das sein könnte. 
Die Verwandten meines Vaters kenne ich nicht und würde 
auch nicht zu ihnen gehen. Und die Verwandten meiner 
Mutter verstießen sie, weil sie einen Gegenkünstler 
heiratete. Nur eine Schwester hat sich ab und zu um sie 
gekümmert. Ich sah sie einmal bei uns – sehr vornehm, 
sehr kühl, ganz die Oberstengattin. Das wäre also die 
einzige Verwandte, an die ich mich wenden könnte. Nur 
weiß ich nicht, ob sie noch in Arnsburg lebt.« 
»Danach kann ich mich erkundigen«, sagte Meder lebhaft. 
»Mein Vater ist Arzt in Arnsburg. Vielleicht kennt er die 
Dame.« – Als er den Vater fernmündlich sprach, stellte sich 

heraus, daß besagte Dame zu seinen Patienten zählte. 
Meder notierte ihre Anschrift und ging dann 
freudestrahlend zu Ilse-Sibylle zurück, die ihm für die 
Auskunft herzlich dankte. 
Ilse-Sibylle Rainer stand in der Bahnhofshalle vor dem 
Fahrkartenschalter. 
Wenn das Geld für die Karte nach Arnsburg nicht reichte, 
dann wußte sie sich keinen Rat. Wohl hätten Meders ihr 
mit einer Summe ausgeholfen, doch bitten zu müssen, war 
der stolzen Ilsibyll ein Greuel. 
Gottlob, das Geld genügte. Es blieb ihr sogar noch eine 
Kleinigkeit, um sich unterwegs eine Erfrischung zu kaufen. 

Auf dem Bahnsteig staute sich eine dichte Menschenmenge. 
Es war Herbstferienanfang und die Reiselust bei dem 
herrlichen Wetter besonders groß. 
Sie war dem Gewoge gegenüber machtlos und ließ sich 
immer wieder zurückstoßen, bis ein freundlicher junger 
Schaffner sich ihrer annahm. 
»Erster Klasse, gnädiges Fräulein?« fragte er höflich. 
»Nein, zweiter.« 
»Da wird schwer was zu machen sein«, musterte er sie 
überrascht. »Wohin soll die Reise gehen?« 
»Nach Arnsburg.« 

background image

»Bis dahin begleite ich den Zug. Werde Ihnen also einen 
Platz Erster besorgen. Das verantworte ich schon.« 

Er führte sie zu einem Wagen, in dem nur noch ein Herr 
saß. Ilse-Sibylle dankte ihm, und befriedigt ging er davon. 
Sie musterte nun ihren Mitreisenden verstohlen. Viel sah 
sie allerdings nicht von ihm. Ein Paar lange Beine, die von 
einer tadellos gebügelten Hose umspannt waren; schmale 
Füße, die in eleganten Schuhen steckten. Der übrige 
Mensch war von einer Zeitung besonders großen Formats 
verdeckt. Auf ihren leisen Gruß senkte sich das Blatt, und 
sie sah flüchtig einen gutgekleideten Herrn, der sich knapp 
verneigte. Dann entzog die Zeitung ihr seinen Anblick 
wieder. 
Sie wählte nicht den Fensterplatz ihm gegenüber, sondern 

drückte sich in die Ecke an der Tür. Wie menschenscheu sie 
doch geworden war! So ganz anders als früher, da sie mit 
Mutter und Bruder viel gereist war. 
Ganz still saß sie da, um den Herrn nicht auf sich 
aufmerksam zu machen. Als jedoch eine gute Weile 
verging, in der er keine Notiz von ihr nahm, atmete sie 
erleichtert auf. Schaute zum Fenster hinaus und gab sich 
ihren quälenden Gedanken hin. 
Ob die Tante sie überhaupt aufnehmen würde? 
Sie mußte an eine Begebenheit denken, die zehn Jahre 
zurücklag. Die Tante, die zu kurzem Besuch in ihrem 
Elternhause geweilt, hatte die damals Dreizehnjährige 

scharf gemustert und dann zu ihrer Schwester gesagt: 
»Das Kind sieht deinem Gatten sehr ähnlich. Hoffentlich 
beschränkt sich diese Ähnlichkeit nur auf das Äußere. Es 
wäre schade, wenn das schöne Geschöpf den Charakter 
seines Vaters geerbt hätte.« 
»Weshalb wohl nicht?« hatte die Mutter ruhig, doch mit 
einem drohenden Unterton gefragt. Darauf hatte die 
andere nichts erwidert. 
Diese Erinnerung ließ Ilse-Sibylle immer mutloser werden. 
Wenn sie nur mehr über die Verhältnisse der Tante wüßte! 
So war ihr nur bekannt, daß sie mit Gatten und Sohn auf 

background image

großem Fuß lebte. 
Das Ungewohnte der heutigen Reise, dazu das angestrengte 

Grübeln und Sorgen erschöpften die zarte Ilse-Sibylle. Sie 
legte sich müde in die Polster zurück, ließ sich von dem 
gleichmäßigen Rattern des Zuges einlullen und schlief fest 
ein. 
Bis eine laute Stimme sie aufschreckte. 
Verständnislos sah sie auf den Schaffner, der auf sie 
einredete: 
»Sie sind zwei Stationen zu weit gefahren. Ware ich nicht 
zufällig hergekommen, dann hätten Sie wohl bis zur 
Endstation friedlich geschlummert.« 
Jetzt hatte sie begriffen und erblaßte bis in die Lippen. 
»Deshalb brauchen Sie nicht so zu erschrecken, gnädiges 

Fräulein«, meinte er lachend. »Es geht bald ein Zug nach 
Arnsburg zurück. Halten Sie sich bereit, die nächste Station 
ist in fünf Minuten erreicht.« 
Damit entfernte er sich eilig. 
Ilse-Sibylle sah ihm wie erstarrt nach. Woher sollte sie das 
Geld nehmen, um nach Arnsburg zurückzufahren? 
Außerdem kam sie dort so spät an, daß sie das Haus der 
Tante verschlossen vorfinden würde. 
Ihr Blick ging zu dem Mitreisenden hin, der jetzt nicht 
mehr las, sondern schlief. 
Da zog sie ihr Geldtäschchen hervor, zählte mit zitternden 
Händen die Barschaft, die nicht einmal eine Mark 

ausmachte. 
Sie konnte es nicht hindern, daß ihr vor Aufregung die 
Zähne zusammenschlugen und die Tränen über das 
Gesicht liefen. 
Doch als jetzt der Herr sich zu rühren begann, riß sie sich 
zusammen. 
Während er den Mantel anzog, musterte sie ihn unauffällig. 
Sah im Profil das harte, scharfe Gesicht, das wie aus Erz 
geformt zu sein schien. Sehnig und kraftvoll die hohe 
Gestalt, mit der lässigen, vornehmen Haltung des 
Weltmannes. 

background image

Und ganz unerwartet sah er zu ihr hin. Der Blick aus den 
graugrünen Jägeraugen traf sie durchdringend und kühl. 

Sie senkte die Augen, errötete bis zur Stirn hinauf. Ihr Herz 
klopfte wie rasend. Wie gut, daß eben der Zug hielt, daß sie 
aus dem Bann dieser zwingenden Augen kommen konnte! 
Hastig raffte sie ihre Sachen zusammen und verließ 
fluchtartig das Abteil. - 
Nun stand sie auf dem Bahnsteig, wußte nicht, was 
beginnen. Die Menschen hasteten an ihr vorbei. 
Schließlich stand sie ganz allein da. 
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zum Stationsvorsteher 
zu gehen und ihm die Notlage zu schildern. Wie schwer fiel 
das der stolzen Ilse-Sibylle! Betteln müssen welch ein 
entsetzlicher Gedanke! 

Als sie sich verzweiflungsvoll dem Stationsgebäude 
näherte, wobei sie das Gefühl hatte, als schleppte sie Blei 
an den Füßen, trat ein Bahnbeamter auf sie zu, der ihr eine 
Karte reichte. 
»Ich soll die Karte dem gnädigen Fräulein abgeben und 
glückliche Reise wünschen.« 
Fast unbewußt griff sie nach der Fahrkarte, die bis Arnsburg 
gelöst war. Sie nahm sich zusammen, um dem Beamten, 
der sie neugierig musterte, ihre Überraschung nicht zu 
zeigen. 
»Ich danke Ihnen – « sagte sie höflich, und da eilte der 
Mann davon. 

Sie ging hastig in den Warteraum. 
Wer hatte ihr die Karte geschickt – wer hatte ihre Not 
erkannt? 
Sie sah die hohe, ritterliche Gestalt des Fremden vor sich, 
der stundenlang ihr Mitreisender gewesen war. Nur er 
konnte es gewesen sein! 
Müde kam Ilsibyll in Arnsburg an. Lohnte es überhaupt 
noch, die Tante zu so später Stunde aufzusuchen? Aber 
versuchen mußte sie es trotzdem. 
Also machte sie sich in trostloser Verfassung auf den Weg. 
Fragte sich zur Lindenstraße durch, bis ihr Ziel erreicht war. 

background image

Doch ihre Ahnung hatte nicht getrogen. Das Haus lag im 
Dunkel, und die Tür war verschlossen. 

Und was nun? Also, zum Bahnhof zurück. Vielleicht 
konnte sie im Warteraum übernachten. Wie gräßlich das 
alles war, wie das an ihrem Stolz zerrte und riß! 
Durchgefroren, hungrig und erschöpft kam sie am Bahnhof 
an. Es war kalt in dem Warteraum, dazu eine spärliche 
Beleuchtung. 
Sie bestellte eine Tasse Kaffee, die der Ober ihr mit 
mißmutigem Gesicht hinschob. Und diesen 
unfreundlichen Menschen sollte sie fragen, ob sie hier 
übernachten dürfte?! 
Mit den Tränen zusammen würgte sie den Kaffee hinunter, 
der schlecht und nur mäßig warm war. 

Kaum hatte sie die Tasse geleert, als ein Hoteldiener auf sie 
zukam, sich höflich vor ihr verbeugte. 
»Ich soll dem gnädigen Fräulein bestellen, daß das Zimmer 
reserviert ist«, meldete er in strammer Haltung. Ehe sie 
noch fragen konnte, was das bedeute, hatte er schon ihre 
Tasche ergriffen und entfernte sich. Ihm schien das 
selbstverständlich zu sein. 
Ilse-Sibylle folgte ihm in halber Betäubung. 
Das war doch sicherlich wieder der Fremde, der so für sie 
sorgte. 
Plötzlich stieg unsinnige Angst in ihr auf. Was wollte er, 
was bezweckte er mit seinen Wohltaten? 

Sie hatte schon oft einmal davon gehört, daß junge, 
verlassene Mädchen in eine Falle gelockt wurden. 
Allein, trotz ihrer wahnsinnigen Angst bestieg sie das Auto, 
das vor dem Bahnhofsgebäude stand und den Namen eines 
Hotels trug. Sie hätte sterben mögen, so verzweifelt war sie. 
Das Auto hielt vor einem großen Hotel, das einen feudalen 
Eindruck machte. 
Ehe Ilse-Sibylle so recht zur Besinnung kam, befand sie sich 
in einem elegant ausgestatteten Zimmer. 
Ein Mädchen erschien mit einem auserlesenen Abendessen, 
servierte es, als wäre die Dame ein vornehmer Gast, legte 

background image

einen Brief neben das Gedeck und entfernte sich knicksend. 
Nun war Ilse-Sibylle allein. Sie wagte sich nicht zu rühren, 

wagte nicht zu essen, obgleich der Hunger sie plagte. Sie 
wartete – wartete auf etwas Schreckliches, Unfaßliches. 
Denn irgend etwas mußte doch nun kommen. So viel 
Edelmut 

un

d Ritterlichkeit konnte es doch gar nicht geben, 

daß ein Mann einem wildfremden Mädchen in so zarter 
Weise half – ohne Vorteile! 
Sicherlich stand in dem Brief etwas Grauenvolles. Sie 
öffnete ihn mit lautklopfendem Herzen und bebenden 
Händen, las: 
Mein gnädiges Fräulein! 
Befürchten Sie nichts. Nehmen Sie alles ruhig an, was Ihnen in 
dem Hotel geboten wird. Ich bin weder ein Hochstapler noch ein 
Mädchenhändler. Das Haus, in dem Sie sich befinden, ist ein 
bekanntes und gernbesuchtes, das nichts Dunkles in sich duldet.
 
Ein Fremder. 

Ilse-Sibylle schämte sich. Als ob der Fremde ihre törichten 
Gedanken erraten hätte! 
»Daß es so etwas gibt – daß es so etwas gibt!« flüsterte sie 
immer wieder vor sich hin. 
Sie sah ihn deutlich vor sich, den ritterlichen Mann. Heiß 
stieg es in ihrem Herzen auf. 
Daß ihr musikalisches Talent doch ein zeichnerisches wäre, 
damit sie diesen Mann zeichnen und so sein Bild festhalten 
könnte! 
Jetzt wurde sie ganz ruhig. Sie aß mit Genuß und legte sich 

dann ins Bett. 
Als sie am anderen Morgen erwachte, war es schon spät. 
Kaum daß sie angekleidet war, erschien das Mädchen, das 
sie gestern bedient hatte, mit dem Frühstück. Bevor es sich 
zurückzog, fragte es, zu welcher Zeit das gnädige Fräulein 
das Auto wünschte, worauf Ilse-Sibylle antwortete, daß sie 
Bescheid geben würde. 
Ach, sie wunderte sich jetzt über nichts mehr, sondern 
begann sich daran zu gewöhnen, daß in so geheimnisvoller 
Weise für sie gesorgt wurde. 

background image

Und als sie eine halbe Stunde später durch das Vestibül 
schritt, dienerte das Hotelpersonal, so devot, als wäre sie 

der vornehmste Gast. Wie gern hätte sie nach dem Namen 
des Herrn gefragt, der alles für sie bezahlt hatte! 
Das Auto, in dem Ilse-Sibylle zu ihrer Tante fuhr, hielt vor 
dem Hause, vor dem sie gestern so niedergeschlagen 
gestanden hatte. 
Nachdem sie ausgestiegen war, fuhr der Chauffeur mit 
respektvollem Gruß davon, auch hier mußte der Fahrpreis 
bereits bezahlt sein. 
Scheu ging ihr Blick an dem Gebäude empor, das noch im 
vornehm gediegenen Stil der Vorkriegszeit erbaut war. Und 
als sie dann die teppichbelegte Treppe zum ersten 
Stockwerk emporstieg, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. 

Die Beine zitterten ihr so heftig, als wollten sie den Dienst 
versagen. 
Wie ein Dieb schlich sie zu der schweren Eichentür hin, 
bückte sich, um den Namen darauf zu lesen. 
Oberst von Bruckheim, also sie war am Ziel. Die Hand, 
welche die Glocke in Bewegung setzte, flatterte. 
Kurz, schrill durchschnitt der Schall die vornehme Ruhe 
des Hauses. Dann eilige Schritte, und vor der 
Einlaßbegehrenden stand ein Mädchen in koketter Schürze 
und Häubchen. 
»Sie wünschen?« 
»Ich bin Ilse-Sibylle Rainer und möchte zu meiner Tante, 

der Frau Oberst von Bruckheim«, brachte sie mit einer 
Stimme hervor, die ihr kaum gehorchen wollte. 
Aus den Augen des Mädchens traf sie ein verwunderter, 
prüfender Blick. Zögernd führte es den Gast in ein Zimmer. 
»Ich werde die Dame der Frau Oberst melden«, zog es sich 
dann zurück. 
Ilse-Sibylle erschien es wie eine Ewigkeit, bis das Mädchen 
wiederkam und sie in ein anderes Gemach führte. 
Und dann stand sie der Tante gegenüber. O nein, so stolz 
hatte sie diese nicht in Erinnerung, auch nicht mehr so 
jung, so schön. Wie sollte sie vor dieser großen Dame 

background image

bestehen? 
Ganz klein fühlte sie sich plötzlich – winzig klein. Bei dem 

wahnsinnigen Herzklopfen konnte sie gewiß nicht 
sprechen, senkte den Kopf wie schuldbeladen. 
Bis ihr dann Frau von Bruckheim zu Hilfe kam. Sie streckte 
ihr die Hand entgegen, eine schmale, weiße Hand, über die 
das Mädchen sich artig beugte. 
»Ich bin überrascht, dich bei mir zu sehen, Ilse-Sibylle«, 
hörte sie eine wohlklingende, doch sehr kühle Stimme 
sagen. »Zuerst lege einmal ab, und dann erzähle mir, was 
dich zu mir führt.« 
Dasselbe Mädchen, das sie ins Zimmer geführt, trat wieder 
ein und nahm ihr Mantel und Hut ab. 
Frau von Bruckheim setzte sich, bat die Nichte, ihr 

gegenüber Platz zu nehmen. Es dauerte Sekunden, bis diese 
sprechen konnte. 
»Ich komme zu dir, Tante Marianne, um dich für kurze Zeit 
um Unterkunft zu bitten«, würgte sie mühsam hervor. 
Dann eine Pause, die dem Mädchen entsetzlich war. 
»Und weiter, Ilse-Sibylle?« klang dann der Tante kalte 
Stimme durch das Schweigen. 
»Bis – ja, bis ich eine Stelle gefunden habe. Ich konnte 
nicht länger im Sanatorium bleiben – mein Vater ist tot – « 
»Ich weiß es.« 
Wieder der abwartende Blick von Frau von Bruckheims. Mit 
keinem Wort kam sie der gequälten Nichte zu Hilfe. 

»Ich mußte das Sanatorium verlassen, weil das 
Pensionsgeld nicht mehr für mich gezahlt wird – und weil 
– « 
Sie senkte den Kopf tief, weil es ihr nicht möglich war, dem 
kühl beobachtenden Blick standzuhalten. 
»Und weil -? Sprich weiter, Ilse-Sibylle. Wenn ich dich bei 
mir behalten soll, dann muß ich volle Klarheit haben.« 
»Weil der Besitzer des Sanatoriums mir einen Heiratsantrag 
machte, den ich nicht annehmen konnte«, flüsterte das 
Mädchen kaum hörbar. 
»Und weshalb konntest du das nicht?« sprach die kalte 

background image

Stimme tadelnd. »Du bist arm und allein, darfst daher 
keine hohen Ansprüche stellen. Der Mann ist, soviel ich 

weiß, reich und unabhängig.« 
Nun vergaß Ilse-Sibylle, daß sie als Bittende vor der Tante 
saß. Ihr Blick sprühte, der Kopf fuhr in den Nacken mit 
hochmütiger Gebärde. 
»Reich und unabhängig – doch auch gewöhnlich und 
häßlich!« rief sie erbittert, während Tränen ihre Augen 
verdunkelten. »Ich mag derartige Menschen nicht – « 
Jetzt erst kam ihr zu Bewußtsein, wie sehr sie sich vergessen 
hatte. Unwillkürlich duckte sie sich, um den tadelnden 
Worten besser standhalten zu können. Horchte überrascht 
auf, als die Tante sagte: 
»Das ändert die Sache. Nun möchte ich dich noch fragen, 

ob du die Aufsicht und Pflege des Sanatoriums noch nötig 
hast.« 
»Nein, Tante Marianne, die hatte ich nur kurze Zeit nötig. 
Daß ich trotzdem so lange blieb, geschah, weil ich meinem 
Vater im Wege war.« 
»Ah – armes Kind. Doch nun weiter. Welcher Art soll die 
Stellung sein, die du dir zu suchen gedenkst?« 
»Gesellschafterin oder Kinderfräulein.« 
Ein kaum merkliches, feines Lächeln erschien auf dem 
Antlitz der Dame, das die Nichte nicht zu deuten wußte. 
»Ja, liebe Ilse-Sibylle, du magst ja den guten Willen haben, 
dich tapfer durchs Leben zu schlagen. Doch bei deinem 

Aussehen dürfte das nicht so einfach sein. Deswegen wirst 
du immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen.« 
»Aber warum denn nur? Dr. Meder und Herr Schmehlich 
sagten übrigens dasselbe. Warum sollte ich, gerade ich 
keine Stellung finden, da es Tausenden von Mädchen 
gelingt?« 
Wieder das feine Lächeln der Tante. 
»Weil du das Benehmen und Aussehen eines Fürstenkindes 
– und nicht das eines stellensuchenden Mädchens hast. 
Dabei siehst du noch so sehr jung aus, daß man dir keine 
ernstliche Pflichterfüllung zutraut. Doch ich will dir das 

background image

Herz nicht schwer machen, du armes Kind. Es ist ja nicht 
dein Verschulden, daß es dir so geht. Du kannst vorläufig 

bei mir bleiben. Für die Tochter meiner Schwester habe ich 
immer Platz. Ich kenne dich nicht, will dir daher keine 
Versprechungen machen. Aber sollte deine Person mir 
zusagen, dann kannst du immer bei mir bleiben. Ich habe 
nicht viel, muß mich sogar recht einschränken, doch mit 
gutem Willen wird es schon gehen. Was meinst du zu 
meinem Vorschlag, Ilse-Sibylle?« 
Also doch eine Aschenputtelrolle, die mir alles andere als 
liebenswürdig zugeteilt wird! dachte das Mädchen bitter. 
Aber ich muß sie wohl annehmen, weil mir keine andere 
Wahl bleibt. 
Es klang sehr niedergedrückt, als sie sagte: 

»Ich danke dir, Tante Marianne. Du mußt mir nur sagen, 
wenn ich dir lästig falle.« 
Sie gingen ins Wohnzimmer, und Tante Marianne setzte 
sich auf den Fensterplatz, wo rundum herrliche Blumen 
blühten. Ilse-Sibylle wurde bedeutet, sich gegenüber 
niederzulassen. 
»Nun erzähle von zu Hause, Ilse-Sibylle.« 
»Ich weiß nicht, wie weit du unterrichtet bist-« begann das 
Mädchen zögernd. 
»Ziemlich genau, mein Kind. Zuerst erzähle von deiner 
Kindheit.« 
»Die hätte sehr schön sein können, wenn mein Vater sie 

mir nicht verdorben hätte. Es gab seinetwegen viel Streit 
bei uns, meine Mutter weinte sehr oft. Und ich liebte 
meine Mutter. Vater war selten zu Hause; und wenn, dann 
war es mit Frieden und Ruhe vorbei. 
Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr lebten wir nicht 
gerade üppig, doch ohne Sorge. Dann verspielte Vater fast 
das gesamte Vermögen, so daß wir fortan darben mußten. 
Es wurde besser, als mein kleiner Bruder soweit war, um 
durch sein Talent Geld zu verdienen. Das Kind unterhielt 
die ganze Familie – und den größten Teil der Einnahme 
verbrauchte der Vater für sich. 

background image

Arnulf war ein schöner, hochbegabter Knabe – ganz seines 
leichtsinnigen Vaters Ebenbild. Er war der Mutter Stolz und 

vergötterter Liebling. Sie sah nicht, wie schädlich es für den 
Jungen war, daß man ihn in seinem zarten Alter von 
Konzertsaal zu Konzertsaal schleppte, wie selbstbewußt 
und eingebildet er durch die Schmeicheleien der Menschen 
wurde. Ein kleiner blasierter Bengel, dem kaum mehr etwas 
Freude machte. Blendend schön sah er aus, wenn er mit der 
Geige im Arm dastand und für die Begeisterung des 
Publikums nur ein selbstgefälliges Lächeln hatte. 
Meine Mutter begleitete ihn stets, konnte sich von ihrem 
Abgott keine Stunde trennen. Ich blieb mir selbst 
überlassen, man kümmerte sich nicht um mich. Und da ich 
viel Zeit hatte, fuhr ich öfter mit der Mutter und dem 

Bruder. 
Eine solche Fahrt war es auch, als das Unglück geschah. 
Arnulf war mit Süßigkeiten und Spielzeug förmlich 
überschüttet worden und fuhr recht befriedigt mit Mutti 
und mir im Auto nach Hause. 
Es war ein stürmischer Spätherbstnachmittag. Zum 
Überfluß setzte noch ein ungewöhnlich starkes 
Schneetreiben ein, das die Landstraße glitschig machte. 
Ich fühlte nur, wie ich plötzlich mit dem Kopf hart 
aufschlug – und dann nichts mehr. 
Als ich wieder richtig zu mir kam, war es mittlerweile 
Frühling geworden, und ich befand mich im Sanatorium 

Seelenruh. Schonend brachte man mir bei, daß Mutti, 
Arnulf und der Chauffeur bei dem Unfall ums Leben 
gekommen wären. Das Auto sauste einen Abhang hinab, 
überschlug sich, schleuderte die drei Personen gegen einen 
Baum - 
während ich auf weiches Ackerland flog. Und hätte da 
nicht ein spitzer Stein gelegen, so wäre mir überhaupt 
nichts passiert. So bekam ich oberhalb der Schläfe die 
gefährliche Wunde, die meine Krankheit verursachte. 
Ich führte in dem Sanatorium ein stilles, friedliches Leben. 
Wohl wunderte ich mich, daß ich noch dort blieb, als ich 

background image

längst schon genesen war. Doch weil es mir gut ging, 
unterließ ich jegliches Forschen. 

Den Schmerz um Mutti und Arnulf empfand ich nicht so 
heftig, wie es der Fall gewesen wäre, wenn ich bei ihrem 
Begräbnis hätte dabei sein müssen. Von meinem Vater 
wußte ich nichts – wollte auch nichts wissen. Nun, da 
Mutter und Bruder tot waren, verband uns nichts mehr. 
So lebte ich bis zum gestrigen Tage. Da erst erfuhr ich von 
seiner Verheiratung und seinem Tod, erfuhr auch, daß ich 
auf seinen Wunsch so lange hatte im Sanatorium bleiben 
müssen, weil ihm die erwachsene Tochter im Wege war. 
Und so kam ich dann zu dir, Tante Marianne.« 
Ilse-Sibylle schwieg und senkte den Kopf wie 
schuldbeladen. 

Frau von Bruckheim sah auf das Köpfchen nieder, das die 
schimmernden dicken Ringellocken fast zu erdrücken 
schienen. Sah das durchsichtige, weiße, wundersüße 
Antlitz, die traurigen Augen, und lächelte. 
»Recht, daß du das tatest, mein Kind. Wie kamst du auf den 
Gedanken?« 
Nun hob sie den Kopf, sah die Tante mit unergründlichen 
Augen an, in denen die Tränen standen. 
»Weil du die einzige Verwandte bist, von der ich etwas 
weiß«, entgegnete sie mit zuckenden Lippen. 
»Von den anderen Verwandten hat deine Mutter nie 
gesprochen?« 

»Nein. Von dir wußte ich auch nur, daß du einen Oberst 
zum Gatten und einen Sohn hast.« 
»Der schon seit drei Jahren tot ist und dessen Vater im 
Kriege fiel.« 
»Oh, das wußte ich nicht, Tante Marianne«, sagte das 
Mädchen erschüttert. »Und nun bist du ganz allein?« 
»Ja, kleine Ilse-Sibylle. Und daher ist es mir nicht 
unangenehm, daß du den Weg zu mir gefunden hast. 
Schade, daß ich dich so wenig kenne. Doch das liegt nicht 
an mir. Deine Mutter war sehr stolz, hat jede Annäherung 
der Verwandten schroff zurückgewiesen, weil sie dagegen 

background image

waren, daß sie den schönen und leichtsinnigen Geiger 
heiratete. Nicht darum, weil er bürgerlich war, sondern 

weil sie den Verlauf der Ehe voraussahen. Als dein Vater 
das große Vermögen, das meine Eltern ihrer ungehorsamen 
Tochter trotzdem auszahlten, vergeudet hatte, boten wir ihr 
unsere Hilfe an, die sie jedoch kurz ablehnte. Wäre sie 
glücklich geworden, hätte sie wahrscheinlich den Weg zu 
ihrer Familie zurückgefunden. Doch so verkroch sie sich in 
ihrem Leid, das sie selbst verschuldet hatte. 
Nun hast du ganz das Äußere deines Vaters, Ilse-Sibylle. 
Daher muß ich mich erst an dich gewöhnen. Wir wollen 
beide versuchen, uns näher zu kommen. Wollen die trüben 
Jahre vergessen und ein neues Leben beginnen.« 
Darauf zog das Mädchen die feine Frauenhand stumm an 

die Lippen. 
An einem Morgen, als Ilse-Sibylle zur gewohnten Stunde 
an den Frühstückstisch trat, fand sie die Tante noch nicht 
vor. Das war in den Wochen ihrer Anwesenheit hier noch 
nicht vorgekommen. 
Doch den Grund sollte sie gleich erfahren. 
Die alte Berta erschien im Zimmer, traurig, mit verweinten, 
Augen. Schlich über den schweren Teppich, als müßte sie 
auch da noch die Tritte dämpfen. Flüsterte Ilse-Sibylle zu, 
daß sich heute der Todestag des jungen Herrn zum dritten 
Mal jährte. Das gnädige Fräulein möchte nur essen, es wäre 
unbestimmt, wann die gnädige Frau zum Vorschein käme. 

Zuletzt gab sie ihr noch den Rat, ja nicht über den jungen 
Herrn zu sprechen, und entfernte sich dann ebenso lautlos, 
wie sie gekommen war. 
Doch kaum hatte Ilse-Sibylle mit dem Frühstück 
begonnen, da erschien die Tante ruhig und kühl wie 
immer. 
Das Mädchen saß ihr gegenüber, würgend an jedem Bissen. 
Wie furchtbar das doch alles war! 
Dann ging Frau von Bruckheim aus, ohne die Begleitung 
der Nichte zu wünschen. Zweifellos besuchte sie das Grab 
des Sohnes. 

background image

Zum Mittagessen war sie wieder da. 
Mühsam schleppten sich die Stunden dahin. Die Damen 

saßen handarbeitend auf ihrem Fensterplatz und 
wechselten kaum ein Wort miteinander. 
Als es zu dunkeln begann, legte Ilse-Sibylle ihre Handarbeit 
zusammen und schaute in den strömenden Regen hinaus. 
Dabei geriet sie ins Träumen und schrak zusammen, als die 
Tante sie ansprach. 
»Ilse-Sibylle, du mußt da draußen doch einen Gegenstand 
haben, der dein Interesse erweckt«, meinte sie lächelnd. 
»Schon oft habe ich das bemerkt. Darf ich erfahren, was 
dich so interessiert?« 
»Es ist der Wald«, gab sie verwirrt Antwort. »Ich liebe die 
waldigen Stätten sehr und habe oft große Sehnsucht 

danach.« 
»Diese bescheidene Sehnsucht kann gestillt werden«, 
entgegnete die Tante in freundlicherem Ton, als sie sonst 
zu sprechen pflegte. »Wir mieten uns an einem schönen 
Tag einen Wagen und fahren in den Wald. Aber nicht nach 
dem hier drüben, sondern nach dem gegenüberliegenden. 
Denn den du vom Fenster aus sehen kannst, möchte ich 
nicht mehr betreten.« 
»O bitte!« wehrte das Mädchen erschrocken. »So war das 
nicht gemeint. Du wirst dir doch meinetwegen nicht eine 
anstrengende Wagenfahrt zumuten.« 
»Komme ich dir denn schon so gebrechlich vor?« 

»Aber Tante Marianne, ich bitte dich!« 
Das klang so entrüstet, daß die andere lächelte. 
»Na, siehst du. Ich biete dir so wenig, daß du eine kleine 
Abwechslung nur begrüßen kannst. Du bist für ein junges 
Mädchen viel zu still. Warst du immer so?« 
O nein, Ilse-Sibylle war früher bestimmt nicht so gewesen. 
Hier wurde sie aus Furcht, etwas zu tun, was die Tante 
stören könnte, dazu gezwungen. Ihre Fröhlichkeit war 
einem scheuen Ernst gewichen. 
Bevor sie noch antworten konnte, sprach die Tante schon 
weiter: 

background image

»Hinter dem Wald liegt die Ostsee. Weißt du das?« 
»Nein.« 

Eine Weile war es wieder still, bis die Frage kam: 
»Weißt du, daß heute Burkhards Todestag ist?« 
»Berta sagte es mir.« 
Erneut klang die Frauenstimme auf, schwer und dunkel vor 
verhaltenem Schmerz. 
»Dort hinter dem Wald, dem deine Sehnsucht gilt, liegt 
Schloß Dünentrutz nebst dem riesengroßen Gut gleichen 
Namens. Der glückliche Besitzer ist ein Baron von Broede. 
Es gab eine Zeit, wo ich oft in Dünentrutz weilte und den 
Krafft von Broede wie einen Sohn liebte. 
Mit meinem Jungen verband ihn eine Freundschaft, wie sie 
selten ist im Leben. Krafft war ein schöner, aufgeweckter 

Knabe, der meinen Burkhard in den Schatten stellte, 
obgleich auch mein Sohn sich sehen lassen konnte. 
Je älter die beiden wurden, um so fester wurde ihre 
Freundschaft. Burkhard blieb ernst und bedachtsam, Krafft 
der liebenswürdige Schwerenöter, der mit den Mädchen 
flirtete und von ihnen vergöttert wurde. 
Dann kam der Krieg. Sie zogen hinaus, blutjung, von der 
Universität hinweg. Sie schlugen sich tapfer, holten sich 
Auszeichnungen mancher Art. Krafft noch mehr als mein 
Junge. Denn jener war tollkühn und verwegen. Er rückte in 
seinen jungen Jahren zum Rittmeister auf, während 
Burkhard Leutnant blieb. 

Dann kamen sie beide aus dem furchtbaren Krieg zurück, 
während mein Mann auf dem Schlachtfeld blieb. Beide 
bezogen wieder die Universität. 
Krafft von Broede hatte auch eine Schwester. Ein 
Geschöpfchen von engelhafter Schönheit, ganz der sanften 
Mutter Ebenbild. Sie liebte Burkhard, und ihre Eltern wie 
auch ich hätten eine Verbindung beider nur zu gern 
gesehen. 
Doch da tauchte plötzlich ein Mädchen auf, dessen 
Herkunft genauso dunkel war wie die ganze Persönlichkeit. 
Und in dieses Mädchen verliebte sich mein Junge. Solch 

background image

eine Schwiegertochter war mir gewiß nicht recht. Allein es 
ging um das Glück meines Kindes – da gab ich nach. Er 

hatte meine Einwilligung, durfte um sie werben und 
verschob es von Tag zu Tag. Bis ich dann hörte, daß auch 
Krafft von Broede das Mädchen liebte und bereits einig mit 
ihm war. Der Verlobungstag wurde bekanntgegeben. 
Und am Abend vorher brachte man mir meinen Jungen ins 
Haus – mit durchschossener Brust. 
Noch ein weiteres Unglück geschah an dem Abend. Krafft 
hatte seine Eltern und seine Schwester zur Stadt gefahren. 
Auf dem Rückweg verunglückte er mit dem Auto, verlor 
seine drei Angehörigen dabei, er allein blieb unverletzt. 
Er war natürlich wie ein Wilder gefahren, was er immer tat 
und auch noch tut. 

Und als seine Braut zu ihm eilte, jagte er sie von der 
Schwelle wie einen räudigen Hund. 
Als er dann zu mir kam, war ich sinnlos vor Schmerz. Wies 
ihm die Tür. Er konnte sich nicht rechtfertigen – er ging. 
Seit dem Tage habe ich ihn nie mehr gesprochen. Bin 
jedoch dazu verurteilt, ihn oft in der Stadt zu sehen. 
Erfahre auch von seinem Leben und Treiben. Daß er 
ungerührt über den Tod der Seinen hinwegging. Daß der 
sonnige, übermütige Schwerenöter ein arroganter, 
ironischer Weltenbummler wurde, dem nichts heilig ist. 
Der die Frauen in unerhörter Weise verspottet und verlacht. 
Der sich nimmt, was er bekommen kann, ohne sich ein 

Gewissen daraus zu machen. 
Und die Mütter, die ihre Töchter vor diesem Menschen 
schützen sollten, drängen sie ihm direkt auf. Nur weil er 
Geld hat, außerdem über eine seltene Persönlichkeit 
verfügt, machen sie ihn zum Halbgott. Finden bei ihm 
originell und interessant, was sie bei einem anderen rügen 
würden.« 
Die leise, erregte Stimme schwieg. Sehr still war es nun im 
Zimmer. 
Ilse-Sibylle war so erschüttert, daß sie kein Wort 
hervorbringen konnte. 

background image

Es kamen noch einige schöne Herbsttage. 
Eines Tages fühlte sich Frau von Bruckheim nicht wohl. 

Legte sich daher zum Mittagsschläfchen nieder, was sie 
sonst nicht zu tun pflegte. 
Ilse-Sibylle erhielt die Erlaubnis zu einem Spaziergang. 
Freudig machte sie sich auf den Weg. Lenkte ihre Schritte 
zum Wald. Die wenigen Kilometer schaffte sie als gute 
Fußgängerin mit Leichtigkeit. Dachte nicht daran, daß sie 
für den Hin- und Rückweg immerhin Stunden brauchte, 
und daß es früh dunkelte. Mit magnetischer Kraft zog der 
Wald sie zu sich hin. 
Fabelhaft jung sah sie in der schicken Jacke, einem 
Geschenk der Tante, und dem dazu passenden Mützchen 
aus – jung und sinnverwirrend. Unbekümmert schritt sie 

dahin. Achtete nicht der vielen Blicke, die man ihr 
nachschickte. Daran war sie gewöhnt. 
Rüstig wanderte sie dahin, dabei nicht merkend, wie die 
Zeit verrann. 
Erst als sie am Waldrand war, atmete sie auf. Blickte zu den 
Baumriesen empor mit schönheitstrunkenem Blick. 
Und da hinten, da sollte die See liegen. Dahin mußte sie, 
koste es, was es wolle! 
Oh, wieviel hatte sie zu schauen, wie hob sich die Brust in 
seliger Wanderlust! Sie vergaß dabei alles. Ihre traurige 
Vergangenheit und die ebenso traurige Gegenwart. 
Und stand dann plötzlich wie gebannt. Der Wald lichtete 

sich, zog sich im Halbkreis an den Dünen entlang. 
Und unten lag die See, ruhig und erhaben im Sonnenlicht 
des frischen Herbsttages. Weiß leuchteten die Dünen, 
streckten sich in unendlicher Weite. 
Ilse-Sibylle wagte nicht, sich zu rühren. Ließ sich 
überwältigen von dem hehren Anblick. 
Lange stand sie da, dunkel und verträumt war ihr Blick. 
Erst als sie mit ihren Gedanken zur Wirklichkeit 
zurückkehrte, bemerkte sie die hereinbrechende 
Dunkelheit und erschrak. Noch einen langen Blick warf sie 
auf das weite Meer, dann eilte sie die Dünen hinauf. 

background image

Sie mußte den Wald durchqueren, bevor es ganz finster 
wurde. Denselben Weg wollte sie zurückgehen, den sie 

gekommen war. 
Doch soviel sie auch spähte, sie konnte den Pfad nicht 
finden. Immer weiter eilte sie am Waldrand entlang, und 
ehe sie es glauben konnte, war es dunkel geworden. 
Nun beschlich die beherzte Ilse-Sibylle doch bange Furcht. 
Schwarz lag der Wald zu ihrer Rechten, zu ihrer Linken tief 
unten tobte und brandete die See, aufgepeitscht durch den 
Sturm, der sich ganz plötzlich erhoben hatte. 
Zusammenschauernd sah sie die hohen Wellen, deren 
Schaumkronen weiß aufspritzten. 
Der Sturm jagte ihr den Dünensand ins Gesicht, so daß sie 
die Augen schließen mußte. Dazu begann es noch zu 

regnen. Was waren das überhaupt für Tropfen, sie schnitten 
ins Gesicht wie spitze Messer! 
Aber noch verließ der Mut sie nicht. Wenn sie auch nicht 
den Waldweg fand, so mußte sie doch endlich zu einer 
menschlichen Behausung kommen. 
Mit aller Kraft kämpfte sie sich durch den Sturm, der sie 
umzuwerfen drohte. Sein Heulen, vermischt mit dem 
Brausen der See und dem Rauschen der Bäume, klang 
unheimlich und schauerlich. Der Regen drang ihr bis auf 
die Haut, das Gesicht brannte wie Feuer von den 
peitschenden Tropfen, die sich mit den Tränen 
vermischten, die ihr vor Angst und Entsetzen über die 

Wangen liefen. Sie hielt sich verzweifelt die Ohren zu, 
rannte davon, so schnell der Sturm es nur zuließ. 
Sie wußte nicht, wie lange sie so dahingetaumelt war, ihr 
erschien es wie eine Ewigkeit. 
Da, endlich ein Lichtschein! Sie nahm ihre letzte Kraft 
zusammen, strebte ihm zu – bis dann doch die Kräfte sie 
verließen und sie in tödlicher Erschöpfung auf den 
Dünensand sank. Ihr banger Blick ging zu dem Gebäude 
hin, das sich gespensterhaft aus dem Dunkel hob. Nur 
einige Fenster in der langen Front waren erhellt. 
Daß es ein Schloß war, erkannte sie an den Türmen. Wie 

background image

glücklich mußten die Menschen sein, die darin leben 
durften, die es ihre Heimat nannten! Wie groß und gut 

mußte solch ein Geschlecht heranblühen, das Meer- und 
Waldesrauschen zum Schlummerlied hatte! 
Sie wollte sich hoch ein wenig erholen und dann die 
Menschen dort bitten, ihr den Weg in die Stadt zu weisen. 
Am liebsten hätte sie sich ja lang auf den Dünensand 
gestreckt. Sie war müde zum Vergehen. Kopf und Augen 
brannten, als wären sie im Feuer. 
Plötzlich schoß ein dunkles Etwas aus dem Walde heraus, 
raste auf sie zu. Da sprang sie auf, taumelte davon mit 
verzweiflungsvollen Schreien, die das Sturmgetöse 
verschlang. 
Sie lief so lange, bis die noch einmal aufgepeitschten Kräfte 

erschlafften. Keuchend stürzte sie zu Boden, fühlte mit 
Grausen, wie das dunkle Etwas sich auf ihren Rücken legte. 
Dann schwanden ihr die Sinne, die eine Stimme wieder 
wachrief. Sie mußte ganz nah sein, da sie den Sturm 
übertönte. 
»Harras, was fällt dir ein?!« hörte sie eine dunkle, herrische 
Männerstimme. 
Der Druck wich von ihrem Rücken, sie fühlte sich 
emporgehoben, das grelle Licht einer Taschenlampe 
blendete ihre Augen. 
Und plötzlich überkam sie eine wohlige Ruhe. Wer der 
Fremde auch sein mochte, er kam als Retter in der Not. 

Auch daß er sie auf seinen Armen davontrug, wie sie an 
den schaukelnden Bewegungen spürte, war ihr gleichgültig. 
Nur ruhen, schlafen! Nur dieses Kältegefühl loswerden, das 
sie erschauern ließ! 
Fest legte sie ihren Kopf an die Brust des Fremden, hörte 
einen raschen Herzschlag. 
Dann wurde Ilse-Sibylle auf etwas Weiches gelegt, warm 
und mollig zugedeckt. Wie gut es sich da ruhte! 
Im Halbschlaf duselte sie vor sich hin, öffnete erst mühsam 
die Augen, als ein Arm sich unter ihren Nacken schob, den 
Oberkörper aufrichtete und ein Glas an ihre Lippen hielt. 

background image

Doch kaum daß sie einen Blick in das Gesicht ihres Retters 
getan hatte, schrak sie heftig zusammen. 

Und schloß die Augen wieder schnell. Nur das Bild 
festhalten, das sie nun so deutlich vor sich sah, deutlicher 
als je zuvor, da das geliebte Bild durch ihre Träume glitt! 
Ein süßes, betörendes Lächeln erschien auf dem bleichen 
Antlitz, das so zart und durchsichtig war wie ein 
Blumenblatt. Mit geschlossenen Augen schlürften sie den 
erwärmenden Trank. Nur sie jetzt nicht öffnen und 
vielleicht in ein ganz fremdes Gesicht schauen – träumen – 
träumen -. 
Müde fiel der Kopf zur Seite. Ilse-Sibylle träumte 
lächelnden Mundes. Von dem Schloß an Wald und Dünen, 
von dem fremden Mann, um den sich ihr Denken wob. 

Träumte, ihr würde die Hand geküßt von warmen, weichen 
Lippen und wachte darüber auf. Wandte den Kopf, sah in 
die treuen Augen eines Hundes hinein, der ihre Hand 
leckte. 
Ilse-Sibylle lächelte. Also daher der Handkuß im Traum! 
Wie töricht von ihr, vor diesem Tier davonzulaufen! 
Sie versuchte das Halbdunkel, das im Raum herrschte, mit 
den nun wachen Augen zu durchdringen. Erspähte einen 
Ofen, in dem ein Feuer lustig flackerte und wohltuende 
Wärme verbreitete. Die Einrichtung war die eines 
Herrenzimmers. Die Wände schmückten Geweihe aller Art. 
Wahrscheinlich war sie in ein Forsthaus geraten. 

Jetzt bemerkte sie auch eine Gestalt, die unweit von ihr 
verharrte. Da sprang sie hastig auf. Ein Arm langte zur 
Hängelampe empor, und sofort leuchtete diese hellauf. 
Die Gestalt kam auf sie zu – und da versagten Ilse-Sibylle 
die Beine wieder den Dienst, so daß sie auf ihre Lagerstatt 
zurücksank. 
Vor Ilse-Sibylle Rainer stand der Fremde, der damals ihr 
Mitreisender gewesen war. 
»Nun, mein gnädiges Fräulein, wieder wohlauf?« fragte er 
lächelnd. »So feiern wir heute ein Wiedersehen, auf das wir 
beide nicht gehofft haben, nicht wahr?« 

background image

Ihr Antlitz überzog sich mit heißer Glut. Wie sie sich vor 
dem Mann schämte! Was mußte er für eine Meinung von 

ihr haben, weil sie sich damals auf der Reise so ohne 
weiteres von ihm hatte helfen lassen? 
Wie hatte sie sich nach seinem Anblick gesehnt, mit 
welcher Dringlichkeit gewünscht, ihn wiederzusehen! 
Doch nicht so Auge in Auge – o nein, nur aus der Ferne, 
ohne selbst bemerkt zu werden. Nun mußte sie erneut 
seine Hilfe in Anspruch nehmen und geriet dadurch immer 
mehr in seine Schuld. 
»Ich – ich muß Ihnen – danken, mein Herr«, würgte sie 
hervor. »Ihre Wohltaten – « 
»Welch ein unerhörtes Wort!« unterbrach der Fremde sie. 
»Quälen Sie sich doch nicht mit einem Dank, der Ihnen 

schwerfällt! In welche Situationen Sie aber auch geraten, 
Sie unglückseliges Kind! Haben Sie denn keine 
Angehörigen, die auf Sie achten? Wie könnten Sie sonst 
wohl um diese Stunde und bei diesem Wetter auf die 
Dünen geraten!« 
»Ich verirrte mich auf einem Spaziergang«, entgegnete sie 
leise. 
»Das ist keine Entschuldigung. Eine junge Dame, noch 
dazu mit Ihrem Aussehen, sollte nie allein im Wald 
Spazierengehen. Zumal nicht auf Wegen, die sie nicht 
genau kennt.« 
Ilse-Sibylle sah erschrocken zu ihm auf; denn seine 

herrische Stimme flößte ihr Furcht ein. 
Er bemerkte es und lächelte wieder. 
»Ich werde Ihnen Ihre Sachen bringen, die ich zum 
Trocknen an den Ofen hängte, während Sie Ihr Schläfchen 
hielten.« 
Er ging zum Ofen, immer noch redend im weltgewandten 
Plauderton. 
Ilse-Sibylle lauschte mit Entzücken dieser Stimme mit dem 
dunklen, herrischen Klang. 
Ob er wohl verheiratet war? Verstohlen musterte sie seine 
schlanken, kräftigen Hände, die ihr die Kleidungsstücke 

background image

reichten. Doch nur zwei schwere Siegelringe schmückten 
sie, von denen der eine unverkennbar ein Wappen trug. 

Während sie sich die jetzt trockenen Schuhe und Strümpfe 
sowie die Jacke anzog, verließ er das Zimmer. Nebenan 
hantierte er herum, dabei leise vor sich hin pfeifend. Als er 
dann wieder erschien, überreichte er ihr ein Glas 
Glühwein. 
»Trinken Sie, mein gnädiges Fräulein. Der Trunk wird 
Ihnen guttun und hoffentlich verhindern, daß Sie krank 
werden und somit Ihren Leichtsinn doppelt büßen 
müssen.« 
Ilse-Sibylle trank mit Behagen. Fühlte, wie sich der Körper 
erwärmte, wie das Blut durch die Adern rann. Das bleiche 
Antlitz bekam langsam Farbe, bis es zuletzt purpurn 

erglühte. 
»Ein Glück, daß ich um diese Zeit noch draußen war«, sagte 
ihr Gastgeber. »Sonst bin ich zu dieser Stunde längst zu 
Hause. Doch das Wetter reizte mich und meinen treuen 
Kameraden, den Harras. Schauen Sie nur, wie er Sie 
anhimmelt, der dreiste Kerl! Er verlangt sicherlich einen 
Extradank dafür, daß er Sie aufspürte, wenn auch etwas 
stürmisch. 
Aber nun wollen wir überlegen, wie Sie nach Hause 
kommen, gnädiges Fräulein. Sind Sie aus der nächsten 
Stadt?« 
»Ja. Wenn Sie so freundlich wären, mir den Weg dorthin zu 

zeigen, dann möchte ich nun aufbrechen. Ich bin erwärmt 
und gekräftigt.« 
»Daraus wird nichts. Wie sollte ich es wohl verantworten, 
wollte ich Sie schutzlos in den finstern Abend 
hinausschicken. Ich werde vielmehr von meinem Gut ein 
Fuhrwerk bestellen.« 
»Sind Sie denn nicht hier zu Hause?« fragte sie verwundert. 
»Ich hielt Sie für einen Forstmann – « 
»Der ich im gewissen Sinne auch bin«, war die lächelnde 
Erwiderung. »Diese kleine Bude ist nicht mein Zuhause, 
wohl aber meine Jagdhütte, die heute wieder einmal gute 

background image

Dienste geleistet hat.« 
Ilse-Sibylle musterte den Raum mit lebhaftem Interesse. Sie 

hatte viel von Jagdhütten gehört, sich diese jedoch viel 
primitiver vorgestellt. 
Der Fremde riß sie aus ihrem Grübeln. 
»Nun, gnädiges Fräulein, gefällt es Ihnen hier?« 
»Sehr. Man kommt sich hier wie verwunschen vor, wie von 
aller Welt abgeschnitten, so romantisch wirkt der Raum. 
Nur der Fernsprecher auf dem Schreibtisch stört die 
Romantik.« 
»Ist jedoch praktisch und von großem Wert. Wie zum 
Beispiel jetzt. Durch ihn bin ich in der Lage, Dünentrutz 
anzurufen und einen Wagen zu bestellen.« 
Er sprach nicht weiter, weil Ilse-Sibylles Gebaren ihn 

überraschte. Sie sprang auf, wobei ihr jeder Blutstropfen 
aus dem eben noch so glühenden Antlitz wich. Ihre Augen 
starrten ihn an mit fast irrem Blick. 
»Dünentrutz?« fragte sie mit versagender Stimme. 
»Allerdings – «, entgegnete er befremdet. 
»Dann sind Sie –?« 
»Krafft von Broede.« 
Ein Laut kam über ihre Lippen, so ächzend und weh, daß 
der Mann erschrak. 
Er wollte nach ihren Händen greifen, die ebenso bebten 
wie der ganze Körper, doch sie wich bis in die äußerste 
Ecke des Raumes zurück. Die Augen sprühten in dem 

weißen Gesicht. 
»Rühren Sie mich nicht an!« schrie sie auf. »Ich – ich 
verabscheue Sie! Ich fürchte mich vor Ihnen – vor dem 
Mann – vor dem die Mütter ihre Töchter schützen sollten!« 
Er wich zurück. Langsam stieg ihm die Zornesröte bis in die 
Stirn hinauf. Kalt und drohend lag sein Blick auf dem 
Antlitz des Mädchens, das todblaß an der Wand lehnte. 
»Darf man fragen, gnädiges Fräulein, wer Ihnen das Recht 
gibt, mir derartiges zu sagen?« klang seine Stimme so eisig 
durch das Schweigen, daß Ilse-Sibylle erschauerte. »Nun Sie 
meinen Namen wissen, bin ich neugierig, auch den Ihren 

background image

zu erfahren. Absichtlich verschwieg ich Ihnen den meinen, 
damit Sie sich nicht von meinen Gefälligkeiten, die Sie ja 

großartig mit ›Wohltaten‹ bezeichnen, bedrückt fühlen 
sollten. Nun aber frage ich: Wer sind Sie, daß Sie mich 
beleidigen dürfen?« 
Ilse-Sibylle hatte unter seinem kalten Blick ihre 
Beherrschung wiedergefunden. Ihr Kopf flog in den 
Nacken. 
»Ich kenne Sie, Herr Baron von Broede – allerdings nur 
vom Hörensagen. Ich bin Ilse-Sibylle Rainer – die Nichte 
der Frau Oberst von Bruckheim.« 
Augenblicklang blitzte es in seinen Augen auf. Dann 
senkten sie sich in die Augen des Mädchens – zürnend, 
drohend. 

»Das ist allerdings eine Überraschung«, sagte er sehr 
langsam, sehr eisig. 
Aus der Tasche seiner Jagdjoppe zog er ein Etui. Die Hand, 
mit der er ihm eine Zigarette entnahm und sie in Brand 
steckte, zitterte. Hastig stieß er einige Male den Rauch 
durch die Nase. Ging dann zum Fernsprecher und bestellte 
einen Wagen mit Pelz und warmen Decken darin. 
Ilse-Sibylle lehnte noch immer an der Wand. Sie war wohl 
ruhiger geworden, doch immer noch erschreckend blaß. 
Fast schwarz flackerten die Augen in dem weißen Gesicht. 
»Ich möchte nach Hause«, stieß sie hervor in fliegender 
Hast. »Möchte nicht immer noch mehr Ihre Hilfe in 

Anspruch nehmen.« 
Er sah sie an, herben Spott in dem arroganten Gesicht. 
»Vielleicht hätte ich Sie im Dünensand liegen lassen und 
Sie damals auf dem Bahnhof Ihrem Schicksal überlassen 
sollen.« 
Unter diesem unerträglichen Blick senkte sie den Kopf wie 
schuldbeladen. So wie heute hatte sie sich noch nie 
benommen. Wie kam sie überhaupt dazu, den Mann so 
unerhört zu beleidigen? 
Ilse-Sibylle hatte keine Ahnung, wie zauberhaft schön sie 
war, als sie so weltentrückt an der Wand lehnte, geschüttelt 

background image

von Qual und Herzensnot. 
Sie schrak zusammen, als der Mann nun wieder sprach. 

Unerträglich ironisch klang seine Stimme. 
»Sie dürfen ruhig aus dem Winkel hervorkommen, mein 
eigenwilliges Kind. Ich bin nämlich nicht ganz so zu 
fürchten, wie die Wegelagerer, denen Sie bei Ihrem 
gewagten Waldspaziergang leicht hätten in die Hände 
fallen können.« 
Sie rührte sich immer noch nicht. Stand mit gesenktem 
Kopf und hängenden Armen da. Erst als sie das Nahen des 
Wagens vernahm, trat sie hastig aus der Ecke hervor. 
»Ich werde mich erkundigen, Herr Baron, was Sie damals 
für mich ausgelegt haben, und werde Ihnen dann die 
Kosten zurückerstatten.« 

Es zuckte in dem harten Männerantlitz – doch nur einmal, 
blitzschnell. Dann verbeugte er sich vor ihr, grausame 
Ironie in den glitzernden Augen. 
»Dann vergessen Sie nur nicht, gnädiges Fräulein, auch 
diese Fahrt mit einzurechnen – und den Wein, den Sie 
tranken«, sagte er in einem Ton, der ihr das Blut ins Gesicht 
trieb. »Vielleicht fällt noch obendrein ein Trinkgeld für 
mich ab. Es bemüht sich keiner gern umsonst – « 
O ja, der Hieb saß! Sie zuckte unter ihm zusammen in 
glühheißer Scham. Wie kam sie auch dazu, den Mann in 
seinen vier Wänden zu beleidigen, immer wieder aufs 
neue? War sie denn überhaupt noch zurechnungsfähig? 

Sie hastete davon, um nur aus seiner Nähe zu kommen. 
Stand draußen, hell beschienen von den Wagenlaternen. 
Weiß und fein hob sich das zarte Antlitz aus dem dunklen 
Pelzkragen. Wirr hingen ihr die lichtblonden Ringellocken 
um den unbedeckten Kopf, den sie nun gegen den Mann, 
der neben ihr stand, neigte, als verabschiede eine Königin 
ihren Vasallen. 
Und er verbeugte sich, sehr höflich, tadellos, half ihr in den 
Wagen und hüllte sie in weiche Decken. 
»Sie richten sich nach den Wünschen des gnädigen 
Fräulein, Fritz«, wandte er sich dann an den Kutscher. 

background image

Noch ein stummer Gruß hüben und drüben, dann zogen 
die Pferde an. 

Ilse-Sibylle hatte das Gefühl, als träumte sie einen 
herzquälenden Traum. Sie fror trotz des Pelzes, der sich 
weich um ihren Körper schmiegte. Der Gedanke, was die 
Tante wohl sagen würde, stieg wohl in ihr auf, ließ sie 
jedoch kalt. Wenn sie auch noch so böse sein würde – was 
wäre das alles gegen das andere, das sie so leiden ließ? 
Welche Freude hätte sie sonst bei der flotten Fahrt 
empfunden! Doch nun saß sie zusammengekauert da, 
zerquälte sich Herz und Hirn mit trostlosen Gedanken. 
Schrak auf, als der Wagen hielt. 
Die Beine wollten ihr kaum gehorchen, als sie die Treppe 
zur Wohnung der Tante emporstieg. 

Man schien sich noch nicht um sie zu ängstigen; denn 
hinter der Eichentür war alles still. 
Wie kam sie überhaupt auf den Gedanken, daß die Tante 
sich um sie ängstigen könnte – um sie, die arme, geduldete 
Nichte? 
Ein Bitterkeitsgefühl stieg in ihr auf, wie sie es ähnlich noch 
nie empfunden. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr da 
hineingegangen, wo alles so steif, so freudlos zuging. Aber 
wo sollte sie sonst hin? 
Mit zitternder Hand drückte sie auf den Klingelknopf. Ein 
rascher Schritt und schon stand die Tante vor ihr. Zog sie 
an beiden Händen hinein in das kleine Gemach. Dort ließ 

Ilse-Sibylle sich müde auf den nächsten Stuhl fallen, sah 
zur Tante auf mit flehendem Blick. 
»Tante Marianne – verzeih – ich verirrte mich im Wald – « 
murmelte sie. Senkte den Kopf und wartete auf die 
Vorwürfe, die mit Recht auf sie niederprasseln würden, 
wegen Ungehorsam, Rücksichtslosigkeit, Undankbarkeit. 
Doch nichts von alledem geschah. Undurchdringlich blieb 
das Antlitz der Tante, die sich mit Hilfe Bertas um die 
Nichte bemühte. 
Als es ihr ein wenig besser ging, erzählte sie ihr Erlebnis im 
Wald. Erwähnte jedoch Krafft von Broede mit keinem 

background image

Wort. Sagte, daß ein Fuhrwerk sie mitgenommen hätte. 
Weihnachten stand vor der Tür, und die Vorfreude belebte 

selbst die stille Ilse-Sibylle. Sie hatte das karge Taschengeld, 
das sie von der Tante erhielt, sorgsam zur Seite gelegt, um 
nicht am Weihnachtsfest mit leeren Händen vor ihr zu 
stehen. Wünsche hatte die Tante nicht, doch es gab schon 
Kleinigkeiten, die ihr Freude machen würden. 
Es hatte tüchtig geschneit und dann Frost eingesetzt. Und 
endlich war der ersehnte Tag da. Es begann leise zu 
dämmern, und hier und da strahlten hinter den Fenstern 
schon die Weihnachtskerzen auf. 
»Ilsibyll, lauf doch mal zum Bäcker hinüber und frage ihn, 
ob er unseren Kuchen zu schicken vergessen hat«, sagte 
Frau von Bruckheim. »Bleibe aber nicht lange fort. Nach 

deiner Rückkehr stecken wir sofort die Kerzen an.« 
Ilse-Sibylle freute sich. Vergebens hatte sie nachgedacht, 
wie sie wohl fortkommen könnte, um noch einen 
wichtigen Einkauf zu machen. Nun paßte das 
wunderschön. 
Rasch zog sie den Mantel an und verließ vergnügt die 
Wohnung. 
Zuerst ging sie zu dem Bäcker, richtete die Bestellung aus 
und eilte dann die ruhige Straße hinunter, um zur 
Hauptstraße zu gelangen. Nun konnte sie doch noch die 
Kleinigkeit besorgen, die zum Geschenk für die Tante 
fehlte. 

Die Menschen, die ihr entgegenkamen, waren alle so eifrig 
wie sie selbst. 
Der Weg erschien ihr heute besonders lang. Auf keinen Fall 
durfte sie die Tante warten lassen. 
Endlich – da drüben war das Geschäft, in das sie wollte. 
Nun hieß es nur noch den Fahrdamm überschreiten. Allein 
das war nicht so einfach. Autos, Straßenbahn, Wagen und 
Schlitten stauten sich wie sonst nie. 
Ilse-Sibylle kribbelte es förmlich in den Füßen. Noch eine 
Verzögerung, mit der sie nicht gerechnet hatte. 
Doch nun wartete sie nicht länger. Das Auto, das da so 

background image

gemächlich daherkam, erreichte sie gewiß nicht mehr. 
Hastig lief sie über den Damm, glitt auf dem 

hartgefrorenen Schnee aus, fühlte einen erschütternden 
Stoß am Kopf und dann nichts mehr. 
Im Nu war eine große Menschenmenge versammelt, die 
erregt und gestikulierend durcheinanderschrie. Ilse-Sibylle 
lag, lang hingestreckt, quer über dem Fahrdamm, dicht 
neben ihrer Schläfe war das Vorderrad eines Autos. 
Die Insassen des Wagens, ein Herr und sein Chauffeur, 
stiegen eilig aus. Die hohe Gestalt im kurzen Pelz beugte 
sich über das Mädchen. 
Nur augenblicklang verharrte er wie erstarrt, dann hob er 
die Verunglückte behutsam hoch. Blut rieselte von der 
Schläfe über das todblasse Antlitz, verlor sich im Schnee. 

»Bitte, mein Herr, Ihre Personalien!« wandte der junge 
Schupo sich sachlich und scharf an den Mann, der, das 
Mädchen im Arm, sein Auto besteigen wollte. 
Der Angesprochene wandte den Kopf, und betroffen sah 
der Beamte in ein fahles, zuckendes Gesicht. 
»Notieren Sie meine Nummer«, war die hastige 
Entgegnung. »Die junge Dame braucht dringend ärztliche 
Hilfe. Benachrichtigen Sie Sanitätsrat Meder. Er möchte auf 
schnellstem Wege nach Lindenstraße 12, zu Frau Oberst 
von Bruckheim kommen.« 
»Jawohl, Herr Baron«, stand der Schupomann stramm, der 
jetzt erst die stadtbekannte Persönlichkeit erkannt hatte. Er 

entfernte sich eilig, und auch die Menschenmenge 
zerstreute sich, da es ja nun nichts mehr zu sehen gab. 
Scheu gingen sie um das Blut herum, das sich im Schnee 
verlaufen hatte. Und alle waren sie einer Meinung, daß den 
Autolenker keine Schuld träfe, da er so langsam gefahren 
war, daß er auf der Stelle halten konnte. 
Nun fuhr der Wagen schneller dahin. Der Herr hatte Ilse-
Sibylle mit dem einen Arm umfaßt, mit der anderen Hand 
preßte er sein Taschentuch auf die Schläfe, aus der Blut 
hervorsickerte. 
Durch die schaukelnden Bewegungen des Autos und durch 

background image

den leisen Schmerz, den sie im Kopf spürte, kam Ilse-
Sibylle Nieder zu sich. Sie schlug die Augen auf, sah 

verwundert in das blasse, zuckende Männerantlitz. 
Ihr setzte fast der Herzschlag aus vor Schreck – Krafft von 
Broede! 
Aber das durfte doch nicht sein, daß er sie im Arm hielt! 
Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen, versuchte, sich aus 
der Umschlingung des Mannes zu lösen. 
»Ruhig, Kind, ruhig – ich bitte Sie!« hörte sie eine flehende, 
beschwörende Männerstimme. Aufseufzend schmiegte sie 
sich fester in seinen Arm. Ach ja, – diese Stimme war 
schön. So dunkel, so weich, so aus herzzitternder Tiefe 
kommend. Diese Stimme hören dürfen – immer – 
immerzu -. 

Dann hielt das Auto vor dem vornehmen Haus in der 
Lindenstraße. Der Herr trug behutsam das nun wieder 
bewußtlose Mädchen die Treppe hinauf und klingelte an 
der Tür der Frau von Bruckheim. 
Das Stubenmädchen öffnete – schrie gellend auf, obgleich 
der Herr es ihr mit gebieterischer Miene untersagte. 
Und dann stand Frau von Bruckheim selbst an der Tür. 
Eilte mit herzerschütterndem Schrei auf die Nichte zu, die 
einer Toten glich. 
Der Mann kannte die Zimmer der Wohnung – ach, wie 
genau! Schritt an der fassungslosen Frau vorbei, betrat das 
Wohngemach, in dem der geschmückte Tannenbaum 

seiner Bestimmung harrte. Behutsam legte er die leichte 
Gestalt auf den Diwan nieder. 
»Ein kleiner Unfall, gnädige Frau«, wandte er sich dann an 
Frau von Bruckheim, die ihm gefolgt war. »Die junge Dame 
wäre fast unter mein Auto geraten. Der Arzt wird bald hier 
sein.« 
Frau Marianne beachtete ihn nicht, schien seine Worte 
kaum zu hören. Ihr Blick hing an der regungslosen Gestalt 
der Nichte. Immer wieder fuhr ihre zitternde Hand über 
das weiße, stille Antlitz der Bewußtlosen. Rot färbte sich 
das weiße Seidenkissen von dem Blut, das immer noch aus 

background image

der Wunde sickerte. 
Ganz plötzlich schlug dann Ilse-Sibylle die Augen auf. Sie 

blieben zuerst an dem Gesicht der Tante haften, wanderten 
dann weiter, zu dem Mann hin, der unbeweglich dastand – 
abseits, wie ausgestoßen. 
Nein, der durfte doch nicht hier sein, durfte nie wieder mit 
der betörenden Stimme zu ihr sprechen und damit ihr 
Herz in Aufruhr bringen – sie verachtete ihn doch! 
»Nein!« schrie sie mit angstbebender Stimme. »Krafft von 
Broede, ich fürchte mich vor ihm!« 
Da wandte sich Frau von Bruckheim dem regungslos 
dastehenden Mann zu. In ihrer Verzweiflung fiel es ihr gar 
nicht auf, daß er der Nichte bekannt war. 
»So gehen Sie doch!« rief sie außer sich vor Schmerz. 

»Hören Sie denn nicht, daß das Kind sich vor Ihnen 
fürchtet? Alles Unglück kommt durch Sie. Zuerst nahmen 
Sie mir meinen Jungen – und nun auch noch das Mädchen, 
an dem mein ganzes Herz hängt. Gewiß sind Sie wieder 
gefahren wie einer, der Menschenleben nicht achtet. So 
gehen Sie doch endlich! Hören Sie nicht, Herr Baron von 
Broede?!« 
Halb sinnlos vor Schmerz stand die Frau vor dem Mann, 
den sie einst fast so geliebt hatte wie den eigenen Sohn. 
Hatte vergessen, daß sie das trauliche Du mit ihm 
getauscht. 
Krafft von Broede zuckte wieder zusammen – wie damals, 

als sie ihn schon einmal von der Schwelle gewiesen. 
Und diesmal ging er wortlos hinaus, nur ein wenig wankte 
die hohe Gestalt, alles genauso wie damals. 
Auf der Treppe kam ihm Sanitätsrat Meder entgegen. 
»Um Himmels willen, Herr Baron, wie sehen Sie aus!« rief 
er erschrocken. »Was ist denn geschehen?« 
Müde kam die Antwort, müde und rauh: 
»Die Nichte der Frau Oberst von Bruckheim wäre fast unter 
mein Auto geraten. Sehen Sie bitte nach ihr, Herr 
Sanitätsrat, und geben Sie mir dann fernmündlich 
Bescheid. Die Kosten der Behandlung trage ich.« 

background image

»Gewiß, gewiß, Herr Baron, wird alles nach Wunsch 
geregelt. Ist ja scheußlich peinlich, so eine Geschichte!« 

Hastig verabschiedete er sich und stand dann in dem 
vornehmen Gemach. 
Frau von Bruckheim kniete vor dem Diwan, hatte das 
Gesicht an die Brust der Nichte gepreßt und weinte 
herzzerbrechend. 
Ganz verdutzt schaute der alte Herr auf die fassungslose 
Frau. War es möglich, daß diese kühle, selbstsichere Dame 
so weinen konnte? 
Ach ja, man kannte sich oft in den Menschen überhaupt 
nicht aus. 
Er räusperte sich, worauf sie den Kopf wandte. Stumm 
machte sie ihm Platz. 

Als er nun die regungslose Gestalt auf dem Diwan sah, 
konnte er nicht verhindern, daß ein entsetzter Ausdruck in 
sein Gesicht trat, der Frau von Bruckheim nicht entging. 
Dann untersuchte er die Verletzte sehr sorgfältig. Und als er 
sich dann wieder Frau Marianne zuwandte, schmunzelte er. 
»Ist bestimmt nicht so schlimm, wie es aussieht, gnädige 
Frau. Eine leichte Wunde, gar nicht tief. Der Blutverlust ist 
allerdings ein wenig bedenklich. Aber so zarte Naturen sind 
oft widerstandsfähiger als die robusten. 
Ah, da sind wir ja schon wieder!« lachte er, als Ilse-Sibylle 
die Augen aufschlug. »Schönen Schreck gekriegt, was? Wie 
konnte der Unfall nur kommen, gnädiges Fräulein? Der 

Baron von Broede pflegt doch sonst gut und sicher zu 
fahren.« 
»Ihn trifft keine Schuld«, entgegnete sie, nun voll bei 
Bewußtsein. »Weil er eben so sicher fuhr und auf der Stelle 
halten konnte, ist größeres Unglück verhütet worden. 
Obgleich ich das Auto kommen sah, wollte ich noch rasch 
über den Fahrdamm, glitt aus, fiel – mehr weiß ich nicht.« 
»Soso – «, nickte der Arzt sichtlich befriedigt. »Ich traf den 
Baron auf der Treppe, die Sache scheint ihm verdammt 
nahe gegangen zu sein. Doch nun wollen wir einen 
Verband anlegen.« 

background image

Als der Sanitätsrat gegangen war, suchte Ilse-Sibylles Blick 
die Tante, die noch immer sehr blaß war. Bittend streckte 

sie ihr die Hände entgegen. 
»Sei mir nicht böse, Tante Marianne, daß ich dir so viel 
Unruhe ins Haus bringe.« 
Weiter kam sie nicht, weil Frau von Bruckheim sich zu ihr 
setzte und sie fest in die Arme schloß. Die Tränen tropften 
auf den Verband, der den Kopf der Nichte umgab. Und 
tränenerstickt klang auch ihre Stimme, als sie sagte: 
»Ilsibyll, wie hätte ich es ertragen sollen, wenn auch du mir 
noch genommen worden wärest! Seitdem du hier bist, 
weiß ich erst, wie einsam und freudlos ich war seit mein 
Junge tot ist.« 
Ilse-Sibylle sah sie an – ungläubig. Und dann schlang sie 

mit einem glückseligen Lächeln die Arme um den Hals der 
Tante. 
Hoch und wuchtig ragt Schloß Dünentrutz über den 
Dünen empor, umrauscht von dichtem Wald und der 
Ostsee, die tief unten brandet. Frei und stolz steht es da, 
das Ahnenschloß der Broede, fest und trutzig, wie für die 
Ewigkeit erbaut. 
Und frei und stark war auch das Geschlecht der Broede 
stets gewesen. Krafft von Broede – kein anderer Name hätte 
zu dem letzten stolzen Sproß besser gepaßt. Noch höher 
wirkte seine Gestalt, noch stolzer seine interessante 
Persönlichkeit, wenn er das Schloß seiner Väter 

durchschritt mit festem Schritt. 
Einstmals hatte dieses jetzt so düstere, harte Antlitz im 
Übermut gestrahlt. Immer um die Wette hatte sein Lachen 
mit dem der liebreizenden Schwester durch das Schloß 
gehallt. Das war nun dahin, seitdem man ihm die Eltern 
und die so zärtlich geliebte Schwester tot ins Haus 
gebracht. 
Seitdem war es still in Dünentrutz – unheimlich still. Die 
Dienerschaft schlich leise umher, als wäre jedes Geräusch 
verboten. 
Heute war man noch behutsamer als sonst. Denn der Herr 

background image

war aus der Stadt zurückgekehrt, mit einem Gesicht wie 
Stein, so hart und starr. 

Und heute war doch Weihnachten, das Fest der Freude! 
Schüchtern nahmen die Großen sowie die Kleinen ihre 
Gaben in Empfang, und erst als sie den Saal verlassen 
hatten und die düstere Persönlichkeit des freigebigen 
Spenders nicht mehr sahen, brach der Jubel über die 
reichen Geschenke los. 
Mit bitterem Lächeln sah er ihnen nach. Er stand nun ganz 
allein in dem prächtigen Saal. Hatte für so viele Menschen 
Gaben aufgebaut, ihnen heimliche Wünsche erfüllt. Er war 
in ganz Dünentrutz der einzige, der leer ausging. Denn er 
hatte ja niemand, der ihm etwas schenken konnte. Stand 
auch heute allein, wie er immer allein stand. 

Ein leiser Seufzer ließ ihn herumfahren. Und da entdeckte 
er Frau Lina, die weibliche Beherrscherin des Schlosses, die 
neben ihren Gaben stand und ihn mit traurigen Augen 
ansah. Sie war nicht die richtige Repräsentantin für 
Dünentrutz, das wußte ihr Herr sehr wohl. 
Aber sie war die Betreuerin seiner Kinderjahre gewesen, 
hatte ihn und das Schwesterchen liebevoll umhegt. Ihre 
Treue war so vielfach erprobt, daß man sie, als die Kinder 
ihrer Obhut entwachsen waren, nicht 4ort ließ, sondern sie 
mit dem Amt der Beschließerin betraute, das sie vorbildlich 
versah. Und als das Unglück über Dünentrutz hereinbrach, 
machte Krafft sie zur ersten Angestellten des Hauses. 

Sie hatte ihm auch treu zur Seite gestanden, als er damals, 
überwältigt von Schmerz, der Verzweiflung nahe gewesen. 
Vor ihr ließ er auch öfter einmal die Maske fallen, die er 
stets zu Schau trug, deshalb kannte sie ihn so gut wie kein 
anderer Mensch. 
Als sie nun so vor ihm stand, den tränenschweren Blick auf 
ihn geheftet, ging ein Ausdruck der Rührung über sein 
Gesicht. Zart liebkoste er ihre Wange. 
»Nun, Frau Lina, du bist also die einzige, die nicht vor mir 
davonläuft. Natürlich willst du wieder einmal gesehen 
haben, daß mich etwas quält. Sieh nicht immer Gespenster, 

background image

mein gutes Altchen! Laß dir dein Weihnachtsfest nicht 
trüben durch mich bösen Gesellen, mit dem du deine liebe 

Not hast. Ich passe nun einmal nicht unter fröhliche 
Menschen, muß daher für mich allein bleiben. Sorge dafür, 
daß die Weihnachtskerzen gelöscht werden, und sei dann 
fröhlich mit den Fröhlichen! Versprichst du mir das?« 
»Brauche ich mir auch wirklich keine Sorgen zu machen?« 
»Nein, du gutes Linchen. Ich war verstimmt – aber jetzt ist 
schon alles vorüber.« 
Noch einmal streichelte er ihre Wange und ging dann in 
sein Arbeitszimmer, in dem vier große Gemälde hingen. 
Das erste stellte einen stolzen Mann dar, unverkennbar den 
Vater des Schloßherrn. Das zweite zeigte eine feine, 
vornehme Frauengestalt und das dritte ihr verjüngtes 

Ebenbild, ein zartes Menschenkind von sinnverwirrender 
Süße. 
Dann das letzte Bild. Verträumt schauten die dunklen 
Augen aus einem Männerantlitz von feiner* edler Form. 
Schwer lockte sich das dunkle Haar auf der Stirn. 
Vor diesem Gemälde blieb Krafft am längsten stehen. Es 
war wie die anderen von Frau Lina mit Tannenreis und 
zarten Blumen geschmückt worden. 
Lange schaute der einsame Mann in das schöne Gesicht. 
Liebkosend fuhr seine Hand darüber hin. 
»Schlaf ruhig, Burkhard«, murmelte er. »Ich halte, was ich 
dir versprach.« 

Der Fernsprecher schlug an. Es meldete sich Sanitätsrat 
Meder. Froh klang seine Stimme, als er sagte, daß die 
Verletzung Fräulein Rainers nur ungefährlich sei. Am 
nächsten Tag wollte er in Dünentrutz vorsprechen, um 
genauen Bericht zu erstatten. 
Da hob ein befreiter Atemzug des Mannes Brust. Das 
düstere Gesicht erhellte sich. Rastlos wanderte er im 
Zimmer umher. 
Am anderen Tag erschien dann Dr. Meder und erstattete bei 
einer Flasche Wein Bericht. 
»Tja, erschrocken war ich schon, als ich gestern das junge 

background image

Mädchen so unheimlich bleich auf dem Diwan liegen sah«, 
begann er in seiner frischen Art. »Im ersten Augenblick 

hätte ich keinen Heller für ihr Leben gezahlt. Doch nach 
sorgfältiger Untersuchung erwies sich die Wunde als 
ungefährlich. Bedenklich war nur die Narbe, die von einer 
sehr gefährlichen früheren Wunde herrührt und die nur 
wenige Millimeter unter der neuen liegt. Sie hat das zarte 
Menschenkind damals ein halbes Jahr lang zwischen Leben 
und Tod schweben lassen.« 
Genießerisch tat er einen langen Zug aus dem Glas und 
fuhr dann fort: 
»Ich kenne Fräulein Rainer nämlich aus den Briefen meines 
Sohnes, der Leiter des Sanatoriums ist, in dem sie sich zwei 
Jahre lang aufhielt. Sie ist die Tochter des Geigenkünstlers 

Rainer, der Ihnen, Herr Baron, ja nicht unbekannt ist. Mein 
Sohn beteuert, daß das Künstlerkind nur die Schönheit und 
das Talent vom Vater geerbt hat, alles andere jedoch von 
der Mutter, die einem alten Adelsgeschlecht entstammt.« 
Krafft, der interessiert zugehört hatte, stellte nun die Frage: 
»Dann ist Fräulein Rainer die Schwester des kleinen 
Wunderknaben, der mit seiner Mutter und dem Chauffeur 
bei einem Autounglück ums Leben kam?« 
»Jawohl, Herr Baron. Ist Ihnen die Tragödie bekannt?« 
»Ziemlich genau. Auch die andere kenne ich, der Meister 
Rainer zum Opfer fiel. Unklar ist mir nur, warum Fräulein 
Rainer zwei Jahre in dem Sanatorium blieb, dessen 

Betreuung sie nur ein halbes Jahr nötig hatte.« 
»Weil die Tochter dem Vater in seiner zweiten Ehe 
unbequem war.« 
»Unglaublich – « schüttelte Krafft den Kopf. »Und weshalb 
verließ Fräulein Rainer jetzt das Sanatorium?« 
»Weil nach dem Tode des Vaters die Kosten nicht mehr 
entrichtet wurden – und weil sie den Heiratsantrag des 
Besitzers von Seelenruh ablehnte. So flüchtete sie zu der 
Schwester ihrer Mutter, Frau von Bruckheim. Diese soll als 
einzige mit Frau Rainer, die gegen den Willen der Familie 
heiratete, in Verbindung gestanden haben. 

background image

Ferner  wäre  noch  zu  sagen,  daß  Fräulein  Rainer  ihrem 
Vater feindlich gegenüber gestanden hat. Daher berührte 

sein tragisches Ende sie kaum. Viel kann ja auch an ihm 
nicht gewesen sein, sonst hätte er es nicht fertigbringen 
können, das große Vermögen seiner Frau, das die Eltern ihr 
trotz allem auszahlten, zu vergeuden und das Geld noch 
dazu, das sein kleiner Sohn verdiente. Jedenfalls soll 
Fräulein Rainer ganz den stolzen, vornehmen Charakter 
ihrer Mutter geerbt haben. Mein Sohn wie seine Frau 
schwärmen förmlich von der schönen, feinen Ilse-Sibylle 
und bedauern ihren Unfall, den ich ihnen sofort mitteilte, 
tief. Und somit wäre über die junge Dame alles gesagt, was 
zu sagen ist.« 
»Wird die neue Wunde wieder eine Nervenschwäche 

hervorrufen?« erkundigte Krafft sich gespannt, worauf der 
Arzt lebhaft abwinkte. 
»Gott sei Dank nicht. Als ich sie heute besuchte, war sie 
munter und wohlauf. Die Tante ist rührend besorgt um sie. 
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß die kühle, 
ausgeglichene Frau so die Fassung verlieren könnte, wie es 
gestern der Fall war. Also muß sie die Nichte sehr in ihr 
Herz geschlossen haben. – So, jetzt muß ich aber machen, 
daß ich fortkomme, die Pflicht ruft. Für mich gibt es eben 
keinen Feiertag.« 
Die Herren erhoben sich, reichten sich die Hände. 
»Ilsibyll, nun wird es allmählich Zeit, daß ich dich 

ausführe. Du bist jung und hast ein Anrecht auf 
Zerstreuung.« 
»Wozu das, Tantchen? Ich fühle mich sehr wohl in unserer 
traulichen Abgeschiedenheit.« 
»Wenn schon. Sträube dich nicht, mein Entschluß steht 
fest. Morgen schon gehen wir zum Ball. Ich habe ein 
entzückendes Kleidchen in einem Modehaus gesehen, das 
sollst du haben.« 
»Tante Marianne, ich bitte dich!« rief das Mädchen 
erschrocken. »Du willst dir wohl alles entziehen und mir 
zustecken! Meine Krankheit hat doch schon so viel Geld 

background image

gekostet. Ich hab mir nie etwas aus Festen gemacht.« 
Die Tante lächelte und setzte ihren Willen durch. 

So stand denn Ilse-Sibylle am nächsten Abend im Festkleid 
vor ihr, deren Augen mit Stolz an der zaubersüßen 
Erscheinung hingen. Mit einem solchen Schützling Feste 
besuchen, das mußte Freude machen. 
Als sie dann mit der Nichte den Festsaal betrat, bemerkte 
sie mit heimlichen Vergnügen die bewundernden Blicke, 
die ihnen entgegen – und nachsahen. 
Ilse-Sibylle schien das nicht zu bemerken. Sie schritt an der 
Seite der Tante ruhig dahin, den feinen Kopf mit der 
duftigen Lockenfülle hocherhoben. Weich schmiegte sich 
das weiße Seidenkleid um den grazilen Körper. Arme und 
Hals erschienen wie Blumenblätter so fein und zart. Um 

den Nacken schlang sich eine Perlenkette von großem 
Wert. Sie war ein Schmuckstück der Tante, das diese selbst 
getragen. 
So lange schritt Ilse-Sibylle gelassen durch den Saal, bis sie 
einen Herrn erspähte, dessen Augen genauso an ihr hingen 
wie die der anderen. Die ihren aber weiteten sich in jähem 
Schreck. 
Krafft von Broede. 
Ihr Herz krampfte sich zusammen in unerträglichem 
Schmerz. Sie hatte sich so auf das Fest gefreut – und nun 
wäre sie am liebsten geflohen. 
Die Tante schien den Baron nicht zu sehen. Sie grüßte zu 

Bekannten hin und wählte den Platz ausgerechnet ihm 
gegenüber. 
Ilse-Sibylles Herz erlitt die grausamsten Qualen, als sie sah, 
wie die Damen sich um Krafft von Broede scharten, wie sie 
ihn anstrahlten und wie seine Augen funkelten vor 
Ergötzen und Spott. Wer diesen Mann fesseln wollte, der 
mußte schon etwas Besonderes sein. Und gerade sie, die 
arme, unbedeutende Ilse-Sibylle Rainer, mußte ihr Herz an 
ihn verlieren! 
Das sollte nun ein Vergnügen sein, dazusitzen und den 
Mann herumflirten zu sehen, den sie mit ganzer Inbrunst 

background image

liebte! 
Es fehlte ihr an Tänzern nicht, o nein. Man bevorzugte den 

neuen Stern, der so plötzlich am Ballhimmel aufgetaucht 
war. Doch was waren sie alle gegen den, der sie überhaupt 
nicht zu sehen schien? 
Bei dem einen Tanz kam er ganz dicht in ihre Nähe. Er 
tanzte mit einer reizenden jungen Dame, die ihm über 
irgend etwas Vorwürfe zu machen schien. Nur ganz wenig 
hatte er sich zu ihr geneigt, seine Haltung war tadellos, und 
doch fand die empfindsame Ilse-Sibylle etwas darin, was 
ihr mißfiel. 
»Aber meine Gnädigste, wer wird denn so böse sein!« hörte 
sie ihn spöttisch sagen. »Sie vernichten mich ja mit Ihrem 
Zorn.« 

So  sprach  er  wohl  mit  allen Damen, nahm keine ernst. 
Hatte wohl nichts, was ihm heilig war. 
Doch sie tat ihm sicherlich unrecht. Wie sollte er sich vor 
so viel Entgegenkommen anders schützen und wehren? 
Ilse-Sibylle war froh, als der Tanz beendet war und ihr 
Partner sie zu der Tante führte. Gerade wollte sie diese 
bitten, mit ihr das Fest zu verlassen, als Frau von 
Bruckheim sagte: 
»Ich habe in dem kleinen Zimmer, das dicht am Eingang 
liegt, alte Bekannte entdeckt, mit denen ich plaudern 
möchte. Kommst du mit, IIsibyll?« 
Ehe diese bejahen konnte, verneigte sich ein Herr vor ihr 

und bat um den eben beginnenden Tanz. 
»Ich komme nach, Tante Marianne – « 
»Gut, mein Kind.« 
Nach dem Tanz machte Ilse-Sibylle sich sofort auf den 
Weg, um zur Tante zu gelangen. Dazu mußte sie durch den 
Wintergarten gehen, der in seiner magischen Beleuchtung 
still dalag. Doch kaum hatte sie einige Schritte getan, als 
zwei Hände nach ihr griffen und sie hinter eine 
Pflanzengruppe zogen. Zwei Augen funkelten ganz nahe in 
die ihren, ein heißer Atem streifte ihr Gesicht. 
»Lassen Sie mich los!« sagte sie empört zu der ihr gänzlich 

background image

fremden Dame, deren heiße Hände sich immer fester um 
die ihren preßten. 

»Das könnte dir so passen, du hochmütiges Geschöpf mit 
dem gleißenden Lärvchen und dem vornehmen Getue!« 
zischte ihr die Fremde ins Gesicht. »Nun weiß ich endlich, 
wer du bist. Hatte dich seit dem Abend im Wald, an dem 
du mit Krafft von Broede in seiner Jagdhütte warst, aus den 
Augen verloren. Scheinst noch ein Neuling in bezug auf 
Liebesabenteuer zu sein, sonst hättest du dich nicht so 
sorglos in das helle Licht der Wagenlaternen gestellt. So ein 
Frätzchen prägt sich einem ein. Trotzdem nahm ich die 
Sache nicht tragisch, da du ja nicht die einzige bist, die in 
Krafft von Broedes bewegtem Leben eine Episode spielt. 
Nun ich aber weiß, wer du bist, interessiert mich deine 

Person ungeheuer. Die hochnäsige Tante wird große Augen 
machen, wenn man nächstens mit Fingern auf ihre Nichte 
zeigen wird. Denn es soll mir eine Wonne sein, dieses 
pikante Geschichtchen zu verbreiten. 
Im übrigen tröste dich. Du bist nicht die einzige, die dem 
gefährlichen Don Juan in das Häuslein gefolgt ist, das wohl 
den harmlosen Namen Jagdhütte trägt, in Wirklichkeit 
jedoch ein Nest für seine galanten Liebesabenteuer ist – « 
»Womit Ihre wirklich nette Rede nun beendet sein dürfte.« 
Sie fuhr herum. 
Vor ihr stand Krafft von Broede in lässiger Haltung, 
umgeben mit einem Wall eisiger Kälte. In seinen Augen lag 

ein gefährliches Drohen. 
»Zuerst lassen Sie einmal die Hände der Dame 
los!«forderte er kurz und scharf. »So – und nun werde ich 
sie aus Ihrer Nähe bringen, die alles andere als einwandfrei 
ist.« 
Er bot Ilse-Sibylle den Arm, die mit entsetzten Augen zu 
ihm aufsah. 
»Machen Sie mit, es geht um Ihren Ruf!« sagte er leise, aber 
bestimmt. 
Da legte sie willenlos ihre Hand auf seinen Arm und ließ 
sich von ihm fortführen, zur Tante hin, die gerade aus dem 

background image

kleinen Zimmer trat. 
Als sie die Nichte am Arm des Barons sah, blieb sie wie 

erstarrt stehen. 
»Ich bringe Ihnen Ihre Nichte, gnädige Frau«, sagte er 
frostig. »Fahren Sie mit ihr nach Hause, sie scheint 
ruhebedürftig zu sein. Ich werde mir erlauben, morgen im 
Laufe des Vormittags bei Ihnen vorzusprechen.« 
Eine förmliche Verbeugung, dann ging er. Und zwar zu der 
Dame zurück, die noch immer auf der Stelle stand, wo er 
sie verlassen hatte. Seine Stimme klirrte, als wenn Eisen auf 
Eisen schlägt. 
»Gnädigste – ich warne Sie! Sonst verstehe ich ja reichlich 
viel Spaß und bin bestimmt kein Spielverderber. Doch in 
Sachen, die meine Braut betreffen, hört für mich jeder Spaß 

auf.« 
Mit seltsam erloschenen Augen sah sie ihm in das 
arrogante Gesicht. 
»Ihre – Braut?« 
»Ja, meine Braut. Haben Sie etwas dagegen?« 
»Ja – ja!« schrie sie auf. 
»Ich muß Sie sehr bitten, ein wenig leiser zu sein. Die 
Menschen nebenan könnten sonst aufmerksam werden. 
Nun noch die Frage: Finden Sie etwas dabei, wenn meine 
Braut mich in meiner Jagdhütte besucht?« 
»Diese Verlobung können Sie jemand anderem vorlügen!« 
höhnte sie. »Nicht einmal haben Sie heute mit ihr getanzt. 

Haben getan, als ob Sie die Dame gar nicht kennten. Kein 
Mensch weiß um diese Verlobung.« 
»Was eigentlich unerhört ist«, lächelte er mit grausamer 
Ironie. »Aber wenn es Sie beruhigt: Bald wird die von 
Ihnen angezweifelte Verlobung fettgedruckt in der Zeitung 
unseres Städtchens stehen. Und weshalb ich heute meine 
Braut nicht kennen wollte? Gnädigste sind in der Liebe 
doch so bewandert wie kaum eine zweite Evastochter. 
Daher werden Sie sicher wissen, was heimliche Liebe ist. 
Und nun will ich Ihnen mal etwas sagen: Sollte ich 
irgendwo hören, daß Sie mit Ihren Lügen herumhausiert 

background image

haben – oho, Gnädigste, dann sollen Sie mich 
kennenlernen! Dann werde ich über Sie die Wahrheit 

sagen. Aber gründlich! 
Ferner möchte ich Sie bitten, Ihre Streifzüge zu unterlassen 
und mir nicht auf Schritt und Tritt nachzuspionieren. Ich 
brauche wirklich kein Kindermädchen mehr, das um mein 
Seelenheil beunruhigt sein muß. Nebenbei möchte ich 
noch bemerken, daß unser Städtchen eine ausgezeichnete 
Polizei hat, an die ich mich wenden werde, wenn Sie mir 
gar zu lästig fallen. 
Hoffentlich haben Sie mich richtig verstanden? Wenn 
nicht, sollte es mir für Sie leid tun.« 
Damit wollte ergehen, als sie aufschrie, wimmernd, 
klagend, wie ein verwundetes Tier: 

»Oh, Krafft von Broede, wie bist du grausam!« 
»Nicht grausamer, als Sie es verdienen, mein schönes Kind. 
Ich habe heute nur so ein wenig die Rechnung für meinen 
Freund beglichen.« 
Gelassen wandte er sich ab und ging davon. 
Am nächsten Vormittag erschien Krafft von Broede. In 
stolzer Gelassenheit stand er vor den Damen. 
»Hat Fräulein Rainer Ihnen alles erzählt?« 
»Ja – alles.« 
»Dann bitte ich um die Hand Ihrer Nichte, gnädige Frau.« 
Das hatte diese nicht erwartet. Ihre Gestalt umgab sich mit 
kalter Unnahbarkeit. 

Und Ilse-Sibylle, die im Sessel saß, schnellte empor. 
»Nein!« schrie sie auf. War mit wenigen Schritten bei der 
Tante, umklammerte hilfesuchend deren Hals. 
Frau von Bruckheim sah den Mann drohend an, der in aller 
Gelassenheit dastand. 
»Weißt du auch, Krafft von Broede, was du da von mir 
verlangst? Dieses Kind ist meinem Herzen teuer wie sonst 
nichts mehr auf der Welt. Ich werde nicht dulden, daß du 
es unglücklich machst, es dir zum Spielzeug erwählst, aus 
einer Laune heraus!« 
»Leider kann ich Ihre Nichte nicht anders schützen, 

background image

gnädige Frau«, entgegnete er ruhig. »Daß Frau Börne zu 
allen Schandtaten fähig ist, hat sie schon oft bewiesen. 

Wenn meine Person Fräulein Rainer so widerwärtig ist – 
dann soll es eine Scheinehe werden, die ihr Ende finden 
soll, sobald Gras über die heikle Angelegenheit, in der sie 
jetzt steckt, gewachsen ist. Es wird dem gnädigen Fräulein 
kein Mensch verdenken, wenn es mit einer so verrufenen 
Persönlichkeit, wie ich es bin, auf die Dauer nicht leben 
mag. Wenn Sie jedoch einen anderen Ausweg wissen, 
gnädige Frau – ich stehe zur Verfügung.« 
Diesen Ausweg wußte sie allerdings auch nicht. Eine Weile 
war es beklemmend still, bis Frau von Bruckheim dann 
fragte: 
»Könnte nicht die Verlobung kurze Zeit bestehen und dann 

wieder gelöst werden?« 
Ein Lächeln erschien auf dem harten Männerantlitz – leise, 
kaum merklich. 
»Eine gelöste Verlobung – mit mir? Ich glaube, das gäbe 
Frau Börne erst recht Oberwasser.« 
Ilse-Sibylle hatte sich jetzt beruhigt, war jedoch 
erschreckend blaß. 
»Wozu sich da viel den Kopf zerbrechen?« meinte sie 
hochmütig. »Ich gehe fort von hier, und dann werden sich 
die Menschen schon beruhigen.« 
Wieder lächelte der Mann. 
»Da haben Sie aber nicht mit Frau Börnes Rachedurst 

gerechnet, mein gnädiges Fräulein. Deren Zunge ist sehr 
spitz und – lang. Die würde Sie überall erreichen.« 
»Ich will Sie aber nicht heiraten!« schrie das Mädchen 
verzweifelt. 
»Wenn Ihr Starrsinn größer ist als Ihre Vernunft – bitte.« 
»Laß uns einmal ruhig darüber sprechen, Ilsibyll«, lenkte 
die Tante ein. »Du bist viel zu unerfahren, um die Folgen, 
die Frau Börnes Gerede haben würde, zu ermessen. Wenn 
ich einen anderen Ausweg wüßte, würde ich ihn dir mit 
Freuden nennen. Aber so wirst du Krafft von Broedes Hilfe 
annehmen müssen.« 

background image

»Das rätst du mir, Tante Marianne – du?!« 
»Sei vernünftig, mein Kind.« 

»Ahnt ihr denn nicht, wie mir zumute ist?« rief Ilse-Sibylle 
außer sich vor Erregung. »Ich kann das Opfer nicht 
annehmen, wirklich nicht! Was ich mir schon aus dem 
Gerede der Leute mache!« 
»Sie scheinen sehr egoistisch zu sein, mein Fräulein«, 
lächelte der Mann ironisch. »Vielleicht denken Sie ein 
wenig an Ihre Tante, die noch von altem Schlage ist, die 
nur in reiner Atmosphäre atmen kann. Und das Gerede 
Frau Börnes würde Schmutz mit sich schleifen.« 
Frau von Bruckheims Blick ging über den Kopf der Nichte 
hinweg zu dem Mann hin – prüfend, forschend. Er hielt 
den Blick aus, kühl und frei. Sie konnte einer Bewunderung 

nicht wehren, daß er um dieser Sache willen seine ganze 
Person in die Schanze schlug. 
»Sage mir, Krafft von Broede, warum demütigst du dich 
hier? Dir würde der Klatsch doch nichts schaden. Im 
Gegenteil! Er würde dich noch interessanter in den Augen 
der Menschen machen.« 
Ruhig sah er sie an. 
»Weil es sich um Ihre Nichte handelt, gnädige Frau. Und 
weil es einmal eine Zeit gegeben hat – nun, kurz und gut: 
Ich vergesse nicht so leicht Güte und Liebe.« 
Da löste sich etwas im Herzen der Frau, die Jahre hindurch 
nur in Erbitterung an diesen Mann gedacht hatte. Aus 

diesem Gefühl heraus streckte sie ihm die Hand hin. 
»Um dieser Stunde willen möchte ich vergessen lernen, 
Krafft von Broede. Diese selbstlose Tat löscht manches aus. 
Wollen wir versuchen, es wieder so werden zu lassen, wie 
es einst war?« 
Er beugte sich über die feine weiße Hand mit tadelloser 
Verneigung. Immer noch ruhig blieb das rassige Antlitz. 
»Wie du wünschest, Tante Marianne.« 
Jetzt sah Ilse-Sibylle ein, daß ihr alles Sträuben nichts 
nützen würde. 
Die Verlobungsanzeige schlug sozusagen wie eine Bombe 

background image

ein. Man wollte es sich nicht verzeihen, daß man diese 
Verlobung nicht vorausgeahnt hatte. Die Nichte der Frau 

Oberst von Bruckheim hatte das Herz dieses arroganten 
Weltmannes bezwungen. Mußte also die Verstimmung, die 
zwischen der stolzen Frau und ihm geherrscht, endlich 
behoben sein. 
Die Zeit eilte dahin, trotz Angst und Not. Der Hochzeitstag 
kam heran, der fünf Wochen nach der Verlobung 
festgesetzt war. Die Menschen waren der Meinung, daß der 
Baron doch toll verliebt sein müßte, da es ihm mit der 
Hochzeit so eilte. 
Nach der standesamtlichen Trauung fuhr Krafft nach 
Dünentrutz, die Damen folgten eine Stunde später. 
Betroffen ging Ilse-Sibylles Blick über das Schloß hin. Nein, 

so feudal hatte sie es sich trotz hoher Erwartungen denn 
doch nicht vorgestellt! 
In der Halle kam der Schloßherr ihnen entgegen. Und hatte 
seine Erscheinung schon immer einschüchternd auf Ilse-
Sibylle gewirkt – hier, in seinem Reich, das er gebieterisch 
durchschritt, fürchtete sie ihn. Ihre Hand, die er an die 
Lippen führte, war eiskalt. 
»Gott segne deinen Eingang, Ilse-Sibylle«, sagte er einfach. 
»Hoffentlich bringst du unserem Dünenschloß die Sonne 
mit, die schon seit Jahren aus ihm gewichen ist.« 
Darauf bot er ihr den Arm, führte sie in ihr Reich, das mit 
all dem Luxus eingerichtet war, wie eine verwöhnte Dame 

es nur wünschen konnte. 
»Ich habe eigenmächtig gehandelt, Ilse-Sibylle«, sagte er in 
seiner gelassenen Art. »Habe deine Gemächer ausgestattet, 
ohne nach deinem Geschmack zu fragen. Hoffentlich bist 
du nicht enttäuscht?« 
Die junge Frau bekam kein Wort heraus, so würgte es sie 
im Halse. Was verstand sie schon von all der Pracht! Sie 
war nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, 
aber so viel Wunderbares zu schauen, hatte sie noch nie 
Gelegenheit gehabt. 
»Deine Zofe erwartet dich im Ankleidezimmer«, sprach der 

background image

Gatte schon wieder weiter. »Tante Marianne, du bist wohl 
so gut, unserer Kleinen beim Ankleiden behilflich zu sein. 

Die Zofe soll ja wohl erstklassig sein, aber ich bin 
mißtrauisch. Also, bis nachher!« 
Wie im Traum betrat Ilse-Sibylle das Ankleidezimmer, das 
ganz licht und traut war. Willenlos ließ sie alles über sich 
ergehen, was mit ihr geschah. Nur als die Zofe über ihre 
wunderbaren Locken in Begeisterung geriet, lächelte sie 
unsagbar traurig. 
Als sie dann angekleidet war, schaute sie betroffen in den 
Spiegel. 
Das sollte sie sein? Kaum glaublich! Wie so eine glanzvolle 
Aufmachung den Menschen doch verändern konnte! 
Sie verstand die Tante nicht, die bei ihrem Anblick mit der 

Rührung kämpfte. Verstand auch die bewundernden Blicke 
der Zofe nicht. 
Und auch nicht die aufleuchtenden Augen Krafft von 
Broedes, der eintrat, um sie abzuholen. In der Hand trug er 
eine Kassette. Als er sie öffnete, glänzte und gleißte es ihr 
entgegen. 
»Der Familienschmuck der Broede«, wurde ihr erklärt. 
Als Krafft ihr eine Kette um den Hals legen wollte, wich sie 
erschrocken zurück. 
»Nein, bitte nicht, das kommt mir nicht zu.« 
Er sah sich hastig um. Als er jedoch bemerkte, daß die Zofe 
den Raum verlassen hatte, sagte er achselzuckend: 

»Es tut mir leid, dich quälen zu müssen, Ilse-Sibylle. Doch 
auch das gehört zur Tradition unseres Hauses, daß die 
Braut zur kirchlichen Trauung den Familienschmuck trägt. 
Du gibst mir wohl deinen Nacken frei? Wir dürfen den 
Pfarrer nicht warten lassen.« 
Mutlos ließ sie die Hände sinken, die den Hals 
umklammert hielten. Schon ganz gottergeben ließ sie auch 
diese Schmückung noch über sich ergehen. 
»Das Diadem finde ich höchst überflüssig«, bemerkte er, 
das glitzernde Schmuckstück in der Hand wendend. »Es 
paßt nicht zur Myrtenkrone, die an diesem Tag der größte 

background image

Schmuck des reinen Weibes sein soll. Aber es muß wohl in 
unserer Sippe prunkliebende Leute gegeben haben. 

Vielleicht setzt du dich, Ilse-Sibylle, damit ich das Diadem 
so befestigen kann, daß es nicht ganz den Myrtenkranz 
überstrahlt. 
So, nun kannst du noch einen Blick in den Spiegel werfen. 
Du willst nicht? So wenig eitel bist du törichtes Kind?« 
Ilse-Sibylle hatte das Gefühl, als verbrenne der Schmuck ihr 
Hals und Arme. 
 
Nehmt mein Geschmeide, 
es gleißt wie Licht, 
die Braut im Leide 
begehrt es nicht – 

 
schoß es ihr durch den Sinn. Sie schluchzte auf – nur 
einmal – doch sie glaubte, das Herz ginge ihr dabei in 
Stücke. 
»Ilsibyll, Liebling, jetzt doch nicht weinen!« bat die Tante. 
Da riß sie sich zusammen. Ihr Blick ging zu Krafft von 
Broede hin, der ruhig abwartend dastand. Die hohe Gestalt 
wirkte in der feierlichen Kleidung noch stolzer, noch 
unnahbarer denn je. 
Und diesem Mann hatte sie in der Jagdhütte ihre 
Verachtung gezeigt – sie, das unscheinbare Mädchen, das 
nichts hatte und nichts war! 

»Ilse-Sibylle, wir müssen zur Kapelle – « 
Da hob sie den Kopf mit der ihr eigenen stolzen Gebärde. 
Nun gut, wenn es schon sein mußte, dann wollte sie sich 
wenigstens mit all dem Stolz wappnen, der ihr zu Gebote 
stand. 
Der half ihr denn auch, alles würdig zu überstehen. Die 
Trauung, die glänzende Feier danach. 
Wozu die überhaupt? Um so größer würde die Sensation 
sein, wenn das jetzt so glänzend gefeierte Paar in Bälde 
auseinanderging. 
Unten in der Halle traf Frau von Bruckheim Krafft von 

background image

Broede. Er lehnte am Kamin, dem eine mollige Wärme 
entströmte. Als er die Tante erblickte, legte er die Zigarette 

fort und ging ihr entgegen. 
»Nun, schläft Ilse-Sibylle?« 
»Sie liegt jedenfalls im Bett. Ich finde, daß du sie zu sehr 
verwöhnst, Krafft. Mit dem Luxus, mit dem du sie umgibst, 
könnte ein Fürstenkind zufrieden sein. Solange sie diesen 
Luxus nicht kannte, war sie auch so zufrieden. Doch an 
Annehmlichkeiten gewöhnt sich der Mensch schnell. Was 
soll daraus werden, wenn sie nicht mehr deine Frau ist? 
Dann ist sie wieder auf das angewiesen, was ich ihr geben 
kann. Und das ist gewiß nicht viel.« 
»Darüber mache dir keine Gedanken«, wehrte er ab. »Ich 
werde dafür sorgen, daß Ilse-Sibylle stets ein behagliches 

Leben führen kann – auch wenn sie nicht mehr meine Frau 
sein sollte.« 
»Das wird sie nicht annehmen, Krafft. Sie ist nämlich sehr 
stolz. Jetzt ist sie noch durch inneren Zwiespalt zerrissen. 
Sobald sie sich jedoch wiedergefunden hat, wirst du diesen 
Stolz schon noch kennenlernen. Du mußt niemals 
vergessen, unter welchen Umständen eure Ehe geschlossen 
wurde. Wenn du das mit der Zeit vergessen solltest, um so 
mehr wird Ilse-Sibylle dessen gewärtig sein – « 
Ilse-Sibylle lag in ihrem kostbaren Bett. Redete sich immer 
mehr ein, daß sie sich verachten müßte, weil sie den Antrag 
Krafft von Broedes angenommen hatte. Es konnte nicht als 

Entschuldigung gelten, daß sie in den letzten Wochen 
kaum zurechnungsfähig gewesen war. Sie hatte einfach 
gewissenlos gehandelt. 
Was sollte das überhaupt für ein Ende nehmen? Hätte er 
nur eine Ahnung, wie sie für ihn empfand! Vielleicht 
würde er in seiner Großmut so weit gehen, sich für alle Zeit 
an sie zu fesseln. Also durfte er das niemals erfahren. Ihren 
ganzen Stolz mußte sie zur Hilfe nehmen, um ihm ihre 
Liebe verheimlichen zu können. 
Wie er alles für sie hergerichtet hatte! Als wäre sie seine 
rechtmäßige Frau. Und er hatte sie doch nur geheiratet, um 

background image

ihren Ruf zu schonen, den eine gehässige Person 
untergraben wollte. Aber nein, er hatte es bestimmt nicht 

ihretwegen getan, sondern nur, weil sie die Nichte der Frau 
von Bruckheim war. 
Frau von Bruckheim weckte die Nichte aus dem tiefen 
Schlaf, indem sie liebkosend über deren Wange strich – 
und schon war sie wieder mittendrin in ihrer Pein, die sich 
in eine tiefe Gereiztheit hineinsteigerte. Mißmutig drehte 
sie sich auf die Seite und schickte sich an, ihren Schlummer 
fortzusetzen. 
»Ilsibyll, Liebling, du mußt aufstehen«, schmeichelte die 
Tante. »In einer Stunde wird gespeist, dabei darfst du nicht 
fehlen. Du bist nicht mehr Herrin deiner selbst, hast 
Pflichten übernommen – « 

Nun fuhr Ilse-Sibylle herum, sah die Tante trotzig an. 
»Gar keine Pflichten habe ich!« entgegnete sie immer mehr 
gereizt. »Ich bin hier weiter nichts als eine Staffage! Ach – « 
Schluchzend drückte sie das Gesicht in die Kissen, und 
ratlos sah die Tante auf sie nieder. Was war nur in das Kind 
gefahren, es war doch bisher immer so folgsam gewesen. 
Doch so durfte es sich nicht gehen lassen – wohin sollte 
das führen! 
»Sei vernünftig, Ilse-Sibylle«, verlangte sie in so strengem 
Ton, wie sie noch nie mit ihr gesprochen hatte. »Alle im 
Schloß sehen in dir die Herrin. Betrage dich nicht so, daß 
Krafft sich deiner schämen muß. Das hat er wahrlich nicht 

um dich verdient. Denke nicht immer nur an dich, sondern 
auch an ihn, dem diese Scheinehe gewiß kein Vergnügen 
sein wird.« 
»Er hat es ja so haben wollen«, trotzte Ilse-Sibylle. »Ich 
habe mich ihm gewiß nicht aufgedrängt. In alle Welt werde 
ich hinausschreien, warum ich Baronin Broede wurde, die 
Gattin des Mannes, dem die Frauen gerade gut genug sind, 
um ihm die Langeweile zu vertreiben!« 
»Du bist ungezogen, Ilse-Sibylle«, entgegnete die Tante 
ärgerlich. »Und undankbar obendrein. Wäre dir vielleicht 
wohler, wenn die Menschen hinter dir herreden würden, 

background image

daß du zu einer Abendstunde in der Jagdhütte Krafft von 
Broedes Spielzeug warst? Was du dir da in deinen 

eigenwilligen Kopf gesetzt hast, sind weiter nichts als 
Hirngespinste.« 
Ohne noch einen Blick auf die Nichte zu werfen ging sie 
hinaus. 
Ilse-Sibylle sah ihr erbittert nach. Die Tante verstand sie 
nicht, ganz allein war sie in ihrer Not. 
So recht unzufrieden mit sich und der ganzen Welt erhob 
sie sich. Wollte sich ankleiden. Doch soviel sie auch 
Umschau hielt, sie konnte kein Kleidungsstück zu 
entdecken. 
Ach ja – sie war ja nun die Baronin Broede, deren Wink ein 
ganzer Dienertroß gehorchte. Welch ein beneidenswertes 

Geschöpf sie doch war! Direkt vom Glück verfolgt! 
Ja – zuerst mußte sie wohl in das Ankleidezimmer gehen. 
Als sie dort den Schrank öffnete, der die ganze Wand 
einnahm, fand sie ihn mit Kleidern gefüllt, die sie noch nie 
gesehen hatte. Als sie die zweite Tür aufmachte, fiel ihr 
Blick auf zarte, hauchdünne Wäsche. 
Da stieg ihr heiße Scham ins Gesicht. Hastig warf sie die 
Tür zu. 
Nun, wenn sie dieses Spiel mitmachen sollte – dann aber 
gründlich! Trotzig drückte sie auf den Klingelknopf, und 
wie hergezaubert stand die Zofe vor ihr, sie aus 
erwartungsvollen Augen ansehend. 

Ob wohl sämtliche dienstbaren Geister so erscheinen 
würden, wenn sie immer wieder auf den Knopf drückte? 
»Wann wird zu Mittag gegessen, Lilly?« 
»Für gewöhnlich um zwölf Uhr. Heute jedoch wird es 
später werden, da auf das Erscheinen der Frau Baronin 
gewartet wird.« 
Ei, sieh mal einer an, welche Macht sie hier besaß, da man 
sich sogar mit dem Essen nach ihr richtete! Sie wollte sich 
wieder in hohnvolle Betrachtungen verlieren, als die Zofe 
schüchtern sagte, daß das Bad bereitet wäre. 
Schön, ging sie eben baden, bestimmte dann die Sachen, 

background image

die sie anzuziehen wünschte. Sie waren sämtlich 
Geschenke der Tante, daher nicht so märchenhaft wie die, 

die im Schrank prunkten und wohl eine Hochzeitsgabe des 
Gatten bedeuten sollten, aber immer noch schön genug, 
um ein Aschenputtelchen in eine Prinzessin zu 
verwandeln. 
Als sie dann einen Blick in den großen Spiegel warf, kam 
sie sich selbst fremd vor. Seit wann besaß sie ein so zartes 
Gesicht wie milchiges Glas? Und seit wann waren ihre 
Augen so groß und dunkel, die Haare glänzend und weich 
wie gesponnene Seide? 
Ach ja, sie war verwandelt, seitdem sie sich aus den 
seidenen Kissen ihres Lagers erhoben hatte - 
Dann schritt sie über dicke Teppiche, durch hohe Räume, 

bis sie endlich das Speisezimmer erreicht hatte. 
In den bequemen Sesseln vor dem mächtigen Kamin saßen 
plaudernd die Tante und Krafft. Bei Ilse-Sibylles Eintritt 
sprang er auf, ging ihr entgegen und begrüßte sie. 
Seine Augen glitten über sie hin mit prüfendem Blick. Die 
Musterung schien zur Zufriedenheit ausgefallen zu sein, 
nichts von Mißbilligung zeigte sich in seinem Gesicht. 
»Wie hast du geschlafen, Ilse-Sibylle?« 
»Danke – ausgezeichnet«, log sie, wie sie fortan immer 
lügen würde. Begrüßte dann die Tante, die ihr herzlich 
zulächelte. Also schien sie ihr nicht mehr böse zu sein – 
Gott sei Dank! 

Und dann lernte sie kennen, wie man in Dünentrutz 
speiste. Lautlos huschten die Diener umher, reichten die 
Speisen, waren jedes Winkes gewärtigt. 
Ilse-Sibylle beneidete die Tante, die so zwanglos dasaß und 
sich äußerst wohl zu fühlen schien. Diese hatte schon 
heimlich davor gebangt, wie sich die Nichte in der feudalen 
Umgebung zurechtfinden würde. Sie kam zwar nicht aus 
ärmlichen, so doch aus schlichten Verhältnissen. Und es 
war nicht so einfach, Herrin auf Dünentrutz zu sein. Krafft 
gab viel auf Äußerlichkeiten, vornehme Lebensart war ihm 
Bedürfnis. 

background image

Nun, an Ilse-Sibylles Benehmen war gewiß nichts 
auszusetzen. Sie erschien so selbstsicher, als war ihr das 

alles selbstverständlich. 
Als man später im Nebenzimmer den Mokka trank, sagte 
Krafft: 
»Falls du irgendwie eine Änderung wünschest, Ilse-Sibylle, 
so wende dich an Frau Lina. Ich möchte dich bitten, sie als 
zur Familie gehörig zu betrachten. Sie ist eine treue Seele 
und zehr zartfühlend.« 
Erstaunt sah sie ihn an. 
»Ich – Änderungen wünschen, Baron von Broede? Wie 
käme ich denn dazu!« 
»Nun, die Pflichten, die du hier hast – « 
Sie warf den Kopf in den Nacken mit der ihr eigenen 

stolzen Gebärde. 
»Pflichten habe ich meiner Ansicht nach nicht hier. Ich bin 
ein Gast und werde es bleiben. Vielleicht bringen Sie das 
der Dienerschaft bei.« 
»Ich soll doch womöglich nicht deine törichten Worte ernst 
nehmen, mein Kind?« spottete er. »Ich werde mich hüten, 
mich vor meinen eigenen Leuten bloßzustellen. Und dir 
würde ich raten, das fremde ›Sie‹ nun endlich zu lassen. 
Vielleicht denkst du einmal darüber nach, wie sonderbar 
das auf die Umgebung wirken muß.« 
»Wozu ich bitte, mich zurückziehen zu dürfen«, war die 
gereizte Erwiderung. Ein unnachahmlich stolzes 

Kopfneigen, dann verließ sie das Zimmer. 
»Donnerwetter – das ist ja ein ganz gefährliches Hexchen!« 
sagte Krafft ebenso verblüfft wie anerkennend, und die 
Tante lachte. 
»O ja, sie hat Krallchen, unsere Kleine. Ich habe immer 
gefürchtet, daß sie der schwierigen Aufgabe, Herrin hier zu 
sein, nicht gewachsen sein könnte.« 
»Daran habe ich nie gezweifelt«, warf er ein. »Sie ist eben 
deine Nichte, Tante Marianne.« 
Die Zeit eilte dahin. Die Frühlingsstürme brausten über 
Wald und Meer. Ilse-Sibylle wurde nicht müde, am Strand 

background image

zu stehen und dem gewaltigen Treiben zuzuschauen. Sie 
merkte nicht, wie die Heimatliebe in ihr emporwuchs, wie 

sie immer mehr Besitz von ihr ergriff. 
Überraschend schnell hatte sie sich in ihr neues Leben 
hineingefunden, war dem Dünenschloß eine Herrin 
geworden, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte. 
Die Dienerschaft führte Wünsche aus, bevor sie noch so 
recht ausgesprochen waren. Selbst Harras wurde seinem 
Herrn untreu, wenn er Frauchen auf ihren Spaziergängen 
begleiten durfte, die sie jedoch nie weit ausdehnte, weil 
Krafft es nicht wünschte. 
Der schwermütige Ernst, der die früher so lebensfrohe Ilse-
Sibylle immer noch gefangenhielt, nahm täglich zu. Nie 
wieder hatte sie sich so vergessen wie an dem Tag der 

Hochzeit. Sie ließ alles wortlos über sich ergehen, hatte 
höchstens einmal ein spöttisches, mit Bitterkeit 
durchtränktes Lächeln. 
Nur nachts, wenn sie die Maske fallen lassen durfte, weinte 
sie sich oft in den Schlaf. 
Die Liebe zu ihrem Mann wurde immer heißer, immer 
tiefer. Was half es, daß sie krampfhaft nach Fehlern suchte, 
um seine Person vor sich selber herabsetzen zu können, – 
sie fand keine. Die Erfahrungen, die Tante Marianne mit 
ihm gemacht haben wollte, zweifelte sie schon längst an. 
Wer konnte wissen, wie alles gewesen war! 
Sie sah ihn doch täglich vor sich, den selbstsicheren Mann. 

Mochte er manchmal auch noch so arrogant und spöttisch 
sein – doch ehrlos, nein, das war er bestimmt nicht. Was 
konnte er dafür, daß ihn das bevorzugte Leben, das er 
führte, zu dem gemacht hatte, was er jetzt war? Wie sollte 
er an Frauenreinheit und Frauenliebe glauben, da man ihm 
so entgegenkam? 
An einem Frühlingstag, als die Veilchen den Wald 
durchdufteten, Frühlingsstürme das Meer aufpeitschten zu 
brausenden Wellen, erklärte Krafft so nebenbei, daß er zu 
verreisen gedächte. Wie lange er fortbleiben würde, wüßte 
er noch nicht. 

background image

Ilse-Sibylle setzte fast der Herzschlag aus vor Schreck. Jetzt 
konnte er Verlangen nach einer Reise haben, wo es 

nirgends schöner sein konnte als in dem waldumrauschten 
Dünenschloß? Besaß der Mann denn wirklich weder Herz 
noch Gemüt? Konnte er sich für nichts erwärmen – auch 
für seine wunderschöne Heimat nicht? 
Fort wollte er, vielleicht für lange Zeit. Das machte ihr Herz 
bitter schmerzen. Sie verkrampfte die zitternden Hände im 
Schoß, um nicht die Erregung zu verraten, die in ihr tobte. 
Sie sollte ihn nicht mehr sehen, wochenlang, gar 
monatelang? Sollte seine dunkle, herrische Stimme nicht 
mehr hören, seine stolze Gestalt nicht mehr sehen. 
Das würde sie ja gar nicht ertragen können! 
Sei doch zufrieden! spottete der Verstand. Du hast dich 

doch oft von ihm fortgesehnt. Nun er geht, ist es auch 
nicht recht. Hast es ja arg genug getrieben. 
Hat dieser Mann es nötig, sich von dir schlecht behandeln 
zu lassen? Da geht er doch lieber dahin, wo das Leben 
lacht, die Liebe winkt. Wird im Lebensstrudel untertauchen 
und sehr bald vergessen, daß es eine Ilse-Sibylle gibt mit 
ihrem nonnenhaften Wesen. 
»Bleib hier, geh nicht fort!« hätte sie rufen mögen. »Sei 
doch, wie du willst, nur bleib hier!« 
Doch sie schwieg. Hatte immer noch nicht gelernt, ihren 
Stolz zu bezwingen. 
Wie im Traum hörte sie die Tante sprechen, die wissen 

wollte, wohin die Reise gehen sollte. 
Die nordischen Länder wollte er durchstreifen, die er nur 
flüchtig kannte. Er könnte sich das jetzt leisten, da er den 
Betrieb hier bei Herrn von Lürstädt in den besten Händen 
wüßte. Zum Schluß bat er noch die Damen, nicht von 
Dünentrutz zu gehen, ihm sein Haus zu verwalten. 
Und er fuhr wirklich. Mit verweinten Augen starrte Ilse-
Sibylle in das Morgengrauen hinaus, dessen Stille die Hupe 
des Autos zerriß. In ihm fuhr der Gebieter davon, um die 
Schönheiten der Welt zu genießen, die gewiß nicht schöner 
sein konnten als die der Heimat. 

background image

»Da schlag einer lang hin! Lo, du kleiner Racker, willst du 
wohl! Wirst mir wohl eines Tages als Kunstreiterin durch 

die Lappen gehen, wie? Doch vorher brichst du dir Hals 
und Bein, verlaß dich drauf!« 
Herr Julius Rainer stand auf dem Hof seines großen Gutes 
Unruh und drohte seiner Tochter, die auf dem 
galoppierenden Gaul rundum jagte. Aus den Stalltüren 
lugten die lachenden Gesichter der Gutsleute. 
Die zierliche, unendlich grazile Gestalt der jungen Dame 
stand in gelassener Ruhe auf dem Rücken des Pferdes, als 
stünde sie auf der Erde. In dem Gesicht des Vaters 
wetterleuchteten die klarblauen Augen in frohem Stolz. Die 
hünenhafte Gestalt spannte sich, um die Tochter 
aufzufangen, die vom Gaul direkt in seine Arme sprang. 

Augenblicklang hielt er das zarte Figürchen an seiner 
breiten Brust fest. Dann stellte er es auf die Erde und lachte 
in seinem dröhnenden Baß. 
»Bist doch ein kleiner Teufel, Marjellchen! Daß du nicht als 
Junge geboren bist, das kann ich bis heute noch nicht 
begreifen.« 
»Das ist allerdings sehr betrüblich«, meinte sie ungerührt. 
»Aber dafür bin ich auch weniger dumm und arrogant.« 
»Doch um so schnippischer«, versuchte der Vater sich zu 
entrüsten, wobei jedoch ein Schmunzeln über sein 
wetterhartes Antlitz glitt. »Ein unglaublicher Racker bist du, 
den ich von vornherein besser an die Strippe hätte nehmen 

sollen.« 
»Da du es unterlassen hast, mußt du nun für die 
Unterlassungssünde büßen«, war die seelenruhige Antwort. 
»Paß auf den ›Irrwisch‹ auf, er ist erhitzt!« rief sie über der 
Schulter dem Stallburschen zu, der das Pferd fortführte. 
Dann hakte sie sich in den Arm des Vaters und ging mit 
ihm gemächlichen Schrittes dem Herrenhaus zu. Ihre 
mittelgroße Gestalt verschwand fast neben seiner 
hünenhaften. 
Einträchtig betraten sie die weite Halle, die den Wohlstand 
des Hauses verriet. Eine der schweren Eichentüren öffnete 

background image

sich, und die Herrin erschien, noch zarter und zierlicher als 
die Tochter. 

»Lo, Mädel, du wirst dir wirklich noch Hals und Beine 
brechen!« rief sie lachend. 
»Was ich ihr auch schon prophezeit habe«, bestätigte der 
Gatte. 
Man hatte gelacht, als der Riese das elfenhafte Wesen zur 
Frau nahm. Doch er hatte ernsthaft gemeint, um so besser 
wäre er in der Lage, sein Frauchen auf den Händen durchs 
Leben zu tragen. Und das hatte er auch getan. Wohl selten 
wurde eine Frau von ihrem Mann so vergöttert wie Frau 
Felicitas Rainer. Und wohl selten dankte es eine Frau dem 
Mann so, wie diese es tat. 
Zwar glich die Tochter der Mutter, hatte jedoch noch etwas 

Fremdes in ihrer Erscheinung, das nicht von den Eltern 
stammte. 
Wenn man das bestrickende Persönchen sah, dessen 
Köpfchen mit den strahlenden Unschuldsaugen einem 
Engelsbilde glich, dann nahm man an, daß es die Sanftmut 
selbst sein müßte. Doch das war absolut nicht der Fall. Der 
Vater hatte schon recht, wenn er das Töchterlein einen 
kleinen Racker nannte. 
Mutter und Tochter sahen wie Schwestern aus. Ihr 
Verhältnis zueinander war das denkbar innigste. 
»Zieh dich um, mein Lolokind«, sagte Frau Felicitas nun. 
»Du siehst wie eine kleine Wilde aus.« 

»Wird prompt besorgt, Gebieterin des Hauses«, wurde 
vergnügt erwidert. Pfeifend sprang sie die Treppe hinauf 
und verschwand in ihrem Zimmer. Die Gatten sahen sich 
lachend in die Augen. 
»Ist ein Prachtmarjellchen, unsere Lo«, schmunzelte der 
Vater. »Wächst mir leider jetzt übern Kopf.« 
»Als ob das jemals anders gewesen wäre!« lachte die Gattin 
ihr warmes, herzliches Lachen, und der Baß des Eheherrn 
fiel dröhnend ein. 
Eng umschlungen betraten sie das Speisezimmer, in dem 
sich der verfeinerte Geschmack der Herrin bemerkbar 

background image

machte, wie in den anderen Räumen auch. Im Unruher 
Herrenhaus war alles vornehm, licht und traut – genauso 

wie der Charakter der Frau Felicitas. 
Auf dem runden Speisetisch summte die Kaffeemaschine. 
Die Frühlingssonne warf ihre Strahlen über das schneeige 
Gedeck, das hauchdünne Porzellan. Die Gatten ließen sich 
an diesem einladenden Tisch nieder, und die Herrin des 
Hauses schenkte den duftenden Trank in die feinen 
Schalen. Der Gatte hielt ihre Hand liebkosend fest, als sie 
ihm die seine reichte. Zärtlich gab sie seinen Blick zurück. 
Die Tochter trat ein. Wirkte in dem eleganten Kleid noch 
entzückender, als in dem Reitanzug. Unglaublich reizend 
war die kleine Person, von dem lichtblonden 
Lockenköpfchen angefangen bis zu den winzigen Füßchen 

hinab. Vergnügt nahm sie Platz und ließ sich Kaffee und 
Kuchen gut schmecken. 
»Hör mal, Papsi«, ließ sich ihre weiche, einschmeichelnde 
Stimme vernehmen. 
Der Vater horchte auf. Wenn die Kleine so anfing, dann gab 
es immer etwas Besonderes. 
»Nun, was gibt’s?« brummte er. 
»Wir verreisen doch im Sommer, nicht wahr?« 
»Wenn du mit der Mutter reisen willst, habe ich nichts 
dagegen. Ich kann nicht mit, weil ich den Bau der neuen 
Scheune vorhabe.« 
»Wenn du nicht mitkommst, dann bleibe ich auch hier«, 

sträubte Frau Felicitas sich. »Was fällt dir überhaupt ein, 
Lo? Kann es irgendwo noch schöner sein als bei uns, wo 
wir Wald und See sozusagen vor der Tür haben? Wenn du 
das Badeleben mitmachen willst, ist es nur ein 
Hasensprung nach den Kurorten. Wozu hast du denn das 
Auto, das der Vater dir unbedingt schenken mußte? Das 
kannst du nun gut gebrauchen. Wir fahren im Winter, 
wenn unser lieber Paps uns begleiten kann.« 
»Ich möchte aber im Sommer fort«, trotzte Lo. »Glaubst du, 
mir macht es Vergnügen, zu Hause zu sitzen, während 
jeder Grasäff eine Sommerreise macht!« 

background image

»Elisabeth-Charlotte, ich finde – « 
»Ach, laß doch, alter Herr!« unterbrach sie den Vater. 

»Wenn du feierlich wirst, das steht dir nicht.« 
Als eine Falte auf seiner Stirn, sichtbar wurde, sprang sie 
auf und schmiegte sich wie ein Kätzchen auf seinen Schoß, 
legte ihre weiche Wange an seine wetterharte. 
»Sei lieb, Julius!« schmeichelte sie. »Ich bin ja doch ein 
hoffnungsloser Fall. Du fängst viel zu spät mit deinem 
Erziehungswerk an. Das ist so, als wolltest du einem Esel 
das Seiltanzen beibringen.« 
In seinem Gesicht zuckte es, halb ärgerlich, halb amüsiert. 
»Lo, du bist furchtbar frech«, tadelte die Mutter, sich zu 
einem ernsten Ton zwingend. »Man nennt seinen Vater 
nicht beim Vornamen. Sieh dir andere Kinder an. Keines ist 

so respektlos wie du.« 
»Es hat auch keines seinen Vater so lieb wie ich meinen 
guten Papsi«, entgegnete das Mädchen ungerührt, und da 
wurde die Mutter ernstlich böse. 
»Lo, wenn dich jemand hört! Wofür müssen uns die 
Menschen halten!« 
»Die Menschen können uns den Buckel herunterrutschen, 
alte Dame – « 
Jetzt lachte Herr Rainer los, laut und herzlich. 
»So bist du nun, Julius!« schalt die Gattin. »Wenn ich noch 
einmal durchgreifen will, dann verdirbst du mir alles. Das 
Gör ist bodenlos verzogen. Beträgt sich nicht wie ein 

zweiundzwanzigjähriges Mädchen, sondern wie ein 
ungezogenes Baby!« 
Ihre Entrüstung fand absolut kein Gehör, sie wurde 
herzlich ausgelacht. Und schließlich mußte sie halb 
widerwillig mitlachen. 
Der Vater bekam seine Tochter bei den rosigen Öhrchen zu 
fassen. 
»Frech bist du Balg allerdings fürchterlich«, schmunzelte er. 
»Zur Strafe müßte ich dir die Neuigkeit vorenthalten, daß 
du eine Base hast.« 
»Wann habe ich die denn bekommen?« fragte Lo verblüfft. 

background image

»Bis jetzt war ich doch immer das einzige Prachtstück in 
der Familie. Du hattest doch nur einen Bruder, Mutti war 

einziges Kind. Und Ilse-Sibylle und Arnulf Rainer sind bei 
einem Autounfall tödlich verunglückt.« 
»O nein, Ilse-Sibylle lebt!« 
Sekundenlang weidete er sich an den fassungslosen Blicken 
seiner Lieben, bis er dann weitersprach: 
»Die Tochter meines verstorbenen Bruders ist die Baronin 
Broede -Herrin auf Dünentrutz«, meldete er feierlich. 
Lo glitt von seinem Schoß und stand nun erregt vor ihm. 
»Vater – wenn du damit einen Scherz treibst –?!« 
»Fällt mir gar nicht ein, Marjellchen«, winkte er gemütlich 
ab. »Ich werde dir erzählen, wie ich deine totgeglaubte Base 
entdeckte. 

Also: Ich traf heute vormittag mit einigen Herren 
zusammen, deren Unterhaltung sich um den Baron von 
Broede und seine schöne Frau drehte. Der eine der Herren 
meinte, der standesstolze Broede müsse doch toll verliebt 
sein, weil er eine Bürgerliche geheiratet hat. Ich wurde nun 
auch neugierig, wollte den Mädchennamen der 
Vielgeliebten wissen. Den konnte man mir nicht nennen. 
Man wußte nur, daß sie eine Nichte  der  Frau  Oberst  von 
Bruckheim wäre und Ilse-Sibylle hieße. 
Nun wurde ich stutzig. Zufällig lief mir gleich darauf der 
Lürstädt in die Arme, den ich dreist und gottesfürchtig nach 
dem Mädchennamen seiner Herrin fragte. Und siehe da: 

Ilse-Sibylle Rainer, die Tochter des verstorbenen 
Geigenvirtuosen. Na, was sagst du nun?« 
Vorläufig sagte Lo gar nichts. Doch dann stellte sie die 
berechtigte Frage: 
»Und warum hält Ilse-Sibylle sich von uns fern?« 
»Wahrscheinlich hat sie keine Ahnung, daß wir ihre 
Verwandten sind. Ihre Mutter war eine standesstolze Frau, 
obgleich sie einen Bürgerlichen heiratete. Da hat sie es 
nicht für nötig befunden, ihren Kindern von uns zu 
erzählen. Kann man wissen, ob die Ilse-Sibylle nicht 
ebenso ist? Immerhin hat sie die überkandidelte Frau 

background image

Oberst zur Tante und den arroganten Broede zum Mann. 
Nee, Kinderchen, da wollen wir uns die Nase nicht 

verbrennen, sondern hübsch abwarten.« 
Mutter und Tochter waren damit zwar nicht einverstanden, 
mußten sich jedoch zufriedengeben. 
Lo fragte nun: 
»Sag Paps, ist Herr von Lürstädt nicht der Mann, der die 
Güter des Barons verwaltet?« 
»Ja. Nebenbei ist er noch genauso ein hochnäsiger, 
arroganter Bengel wie sein Herr. Bildet sich auch ein, eine 
Extrawurscht vom lieben Herrgott verlangen zu dürfen.« 
»Er soll aber ein schöner Mann sein.« 
»Weiß ich nicht. Sieht genauso aus wie andere Menschen. 
Hat die Nase lang, den Mund quer. Aber was dran muß 

schon an ihm sein, weil die Erbtöchter hinter ihm her sind. 
Nun ihnen der Broede durch die Lappen gegangen ist, 
angeln sie nach dem zweiten von der Sorte. Wird sich eines 
Tages schon ein Goldfischchen holen und mit dessen Gold 
seine zerrütteten Finanzen auffrischen. Seine Verwandten 
haben es nämlich fertig bekommen, sein Gut zu 
verwirtschaften, während er sich mit den Feinden 
herumschlug. Er war Oberleutnant in Broedes Schwadron. 
Daher setzte dieser ihn aus alter Kameradschaft als 
Verwalter über seine Güter.« 
Der Gedanke, daß ihre Base in der Nähe wohnte, verfolgte 
Lo unablässig. Sie ließ dies nicht laut werden, weil der 

Vater das nicht wünschte. Man war in Unruh daran 
gewöhnt, den Willen des Herrn zu respektieren. Wenn sie 
Ilse-Sibylle nur einmal erwischen könnte! 
Und das sollte bald geschehen. 
Dünentrutz und Unruh waren Nachbargüter. Lo liebte 
Wald und See ebenso wie ihre Base. Auch sie konnte 
stundenlang am Strand verweilen. 
Als sie nun eines Tages dort entlangschlenderte, kam ihr 
Ilse-Sibylle entgegen. Sie stutzten – sahen sich wie 
entgeistert an, weil jede fast sich selbst zu sehen glaubte – 
und da packte Lo die Gelegenheit beherzt beim Schopf. 

background image

»Guten Tag, Ilse-Sibylle!« sagte sie vergnügt. Lachte hellauf, 
als sie die abweisende Miene der anderen sah. 

»Brauchst mich nicht in die Schranken zu weisen mit Blick 
und Gebärde, Frau Baronin. Ich bin nämlich deine ganz 
richtige Base. Weißt du wirklich nicht, daß du in der Nähe 
Verwandte hast?« 
»Ich soll Verwandte hier haben?« 
»Natürlich. Dein Vater war der Bruder des meinen. 
Elisabeth-Charlotte Rainer ist mein werter Name. Ach, Ilse-
Sibylle, ich freue mich ganz närrisch, daß ich dich endlich 
erwischt habe! Und nun schere dich nicht um Anstand und 
Sitte – komm gleich mit mir nach Unruh, damit du meine 
prächtigen Eltern kennenlernst! 
Oder willst du nicht? Bist du ebenso adelsstolz wie deine 

Mutter? Dann verzeih!« 
»Elisabeth-Charlotte, welch eine törichte Annahme! Ich 
trug bis vor einigen Wochen den Namen Rainer. Ich will 
gern mit dir kommen.« 
Plaudernd wanderten sie am Strand entlang, als kennten 
sie sich schon lange. Ilse-Sibylle, die sich nur schwer einem 
Menschen anschloß, fühlte sich zu der Base sogleich 
hingezogen. 
Als sie Unruh erreicht hatten, ließ die junge Baronin ihre 
Augen entzückt umherschweifen. 
»Wie schön ist das hier!« 
»Nicht wahr?« entgegnete Lo erfreut. »Meine Heimat ist 

wunderschön. Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich sie 
verlassen müßte.« 
Sie betraten die Halle, gingen durch einige Zimmer, bis sie 
die Terrasse erreicht hatten, auf der Los Eltern beim 
Nachmittagskaffee saßen. Beim Anblick der fremden Dame 
sprang Herr Rainer auf. 
»Das ist Ilse-Sibylle«, erklärte das Mädchen vergnügt und 
lachte dann übermütig über die verdutzten Gesichter der 
Ihren. 
Ilse-Sibylles Blick ging an dem Hünen hoch, der so gar 
keine Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Vater hatte. 

background image

»Guten Tag«, lächelte sie. »Ich hatte bis vor einer Stunde 
zwar noch keine Ahnung, daß ich in der Nähe einen Onkel 

habe – aber jetzt freue ich mich.« 
Diese schlichten Worte genügten, um das Herz des 
gutmütigen Mannes zu gewinnen. 
»Gott sei Dank, Marjellchen!« lachte er. »Und dies ist 
meine Frau.« 
Die Damen musterten sich kritisch, und dann wurde der 
Gast in die Arme gezogen. 
»Ich habe dich schon jetzt lieb, Ilse-Sibylle, weil du meiner 
Lo so ähnlich siehst. Ihr könntet beide als Schwestern 
gelten.« 
»So schön soll ich sein?!« rief Lo begeistert. »Da bin ich 
aber stolz!« 

»Bilde dir man keine Schwachheiten ein!« dämpfte der 
Vater. »Die Mutter sieht durch eine rosarote Mutterbrille. 
Fehlt nur, daß sie dich noch schöner findet. Fertig kriegt sie 
das schon.« 
Da lachte Ilse-Sibylle herzlich. Seit Monaten hatte sie nicht 
mehr so gelacht. 
Und dann kam eine gemütliche Kaffeestunde. Der Gast 
mußte von sich erzählen und hatte dabei teilnehmende 
Zuhörer. 
Ilse-Sibylle wurde das Herz bitter schwer. Warum habe ich 
von diesen Menschen nichts gewußt? grollte sie mit ihrem 
Geschick. Ich wäre hierher geflüchtet, hätte bei diesen 

lieben Menschen eine Zuflucht gefunden. Hätte Krafft von 
Broede nicht kennengelernt – und damit nicht das Leid 
meines Lebens. 
Als sie sich verabschiedete, mußte sie versprechen, bald 
wiederzukommen. 
Lo fuhr sie in ihrem Auto nach Dünentrutz. Neugierig 
musterte sie das Schloß. 
»Das sehe ich heute zum erstenmal aus der Nähe, obgleich 
die Broedes und wir Nachbarn sind. Sehr hochmütige 
Leute waren das, selbst die engelhafte Baroneß. Aber schön 
ist es hier, Ilse-Sibylle. Du bist ja die reinste 

background image

Märchenprinzeß.« 
»Deine Heimat ist wohl weniger schön, Lo?« lenkte die 

Bewunderte ab, der bei der Base Worten das Herz weh tat. 
»Gewiß nicht. Unruh ist für mich sogar noch viel schöner, 
weil es meine Heimat ist. Also dann, auf baldiges 
Wiedersehen, Ilse-Sibylle!« 
»Willst du nicht mit mir kommen, Lo?« 
»Heute nicht. Deine Tante könnte es ungezogen finden, 
wenn ich so formlos bei euch erscheine.« 
Fröhlich winkend fuhr sie davon, und Ilse-Sibylle suchte 
die Tante in deren Wohnzimmer auf. Sie war so froh 
bewegt wie schon lange nicht mehr. 
»Tante Marianne, wußtest du, daß ich hier in der Nähe 
Verwandte habe?« rief sie ohne jede Einleitung. 

»Du hast hier Verwandte?« 
»Ja, denke dir nur! Ganz zufällig traf ich meine Base 
Elisabeth-Charlotte Rainer am Strand. Sie nahm mich 
gleich nach Unruh mit und machte mich mit ihren Eltern 
bekannt. Sind das herzliche, liebe Menschen!« 
»Ilse-Sibylle, was ist das für ein konfuses Zeug! Sprich mal 
vernünftig!« 
Nun begann sie ausführlich zu erzählen. Doch je länger sie 
sprach, um so weniger schien die Tante ihre Freude zu 
teilen. Zu deutlich spiegelte sich ihr Empfinden in ihrem 
Gesicht wider. 
»Tante Marianne, was hast du denn? Sind dir die Menschen 

etwa nicht gut genug?« 
»Was für ein törichter Einfall, Ilsibyll! Aber – verstehe mich 
nur richtig, mein Herz – ich habe dich so lieb, daß ich 
ungern teilen möchte.« 
Da legte sie schmeichelnd ihre Arme um den Hals der 
Betrübten. 
»Tante Marianne«, sagte sie vorwurfsvoll, während Tränen 
ihren Blick verdunkelten, »hältst du meine Gefühle denn 
für so wankelmütig? Dich liebte ich früher als meine 
Verwandten – « 
Erregt zog Frau von Bruckheim sie an sich. 

background image

»Ilsibyll, Liebling, du bist ja das einzige, was mir geblieben 
ist – du – und der Krafft!« 

Jetzt schämte Ilse-Sibylle sich, daß sie vor einer Stunde 
noch gewünscht hatte, lieber zu den Unruher Verwandten 
als zu dieser Tante gekommen zu sein. 
Sie war nun fast täglich in Unruh, während die Verwandten 
ihren Besuch in Dünentrutz noch nicht gemacht hatten. Bis 
die Tante sie aufmerksam machte, daß sie die ihr so lieben 
Menschen einladen müßte. 
»Wie käme ich denn dazu, mir da Gäste einzuladen, wo ich 
selbst nur Gast bin?« fragte Ilse-Sibylle abweisend. 
»Da stehst du auf einem ganz falschen Standpunkt, mein 
Herz. Was sollen deine Verwandten denken.« 
»Vielleicht das Richtige!« warf Ilse-Sibylle erregt ein. »Ich 

glaube nicht, daß es Krafft angenehm wäre, wenn ich ihm 
fremde Menschen ins Haus brächte.« 
»Mein liebes Kind, ist dir denn schon jemals ein Mensch 
vorgekommen, der taktvoller und großmütiger wäre als 
dein Mann?« 
»Jawohl – großmütig!« lachte sie bitter auf. »Seine 
Großmut geht so weit, daß er eher aus seinem Hause flieht, 
als mich gehen heißt. Überall wundert man sich, daß 
gerade Krafft von Broede eine Bürgerliche zur Frau nahm. 
Daraus kannst du ersehen, wie groß das Opfer war, das er 
brachte – dir, Tante Marianne, nicht mir. Frage nur Herrn 
von Lürstädt, der kennt Krafft sehr gut und weiß, wie sehr 

er an Dünentrutz hängt. Er erzählte mir auch, wie ungern 
sein Herr reist, und wundert sich, wie lange er diesmal in 
der Ferne aushält. Oh, hätte der taktvolle Freiherr von 
Lürstädt nur geahnt, wie sehr mich seine Worte trafen, wie 
sie mir bestätigten, was ich längst ahnte – er hätte sich eher 
die Zunge abgebissen, als sie zu sprechen.« 
Der Tante wurde das Herz schwer. Da hatte sie geglaubt, 
daß die Nichte sich mit ihrem Schicksal abgefunden hätte; 
doch wie weit sie noch davon entfernt war, zeigte die tiefe 
Bitterkeit, mit der sie sprach. 
Trotzdem setzte Frau von Bruckheim durch, daß Familie 

background image

Rainer nach Dünentrutz eingeladen wurde. Auch sie fand 
Gefallen an den vornehmen, herzlichen Menschen und war 

sehr dafür, daß zwischen Unruh und Dünentrutz ein reger 
Verkehr begänne. 
Der Herbst kam mit seinem stürmenden Wetter. Und 
immer noch weilte Krafft von Broede in der Fremde. Er 
hatte noch nicht einmal geschrieben. Hätte er nicht mit 
seinem Verwalter in geschäftlichem Briefwechsel 
gestanden, so hätte man gar nicht gewußt, wo er sich 
aufhielt. Und als Lürstädt eines Tages gar sorgenvoll 
bemerkte, wie rastlos sein Herr diesmal in der Welt 
umherhastete, bald hierhin, bald dorthin, da wurde es Ilse-
Sibylle zur Gewißheit, daß es ihretwegen geschah. 
Sie hatte noch nie die Zimmer des Gatten betreten. Und 

seitdem er fort war, hielt Frau Lina sie unter Verschluß. Als 
sie nun an einem Tag den Arbeitsraum säuberte, ging Ilse-
Sibylle vorüber und trat nach längerem Zaudern durch die 
weit geöffnete Tür. Frau Lina, die gar nicht erstaunt war, 
ihre Herrin hier zu sehen, nickte ihr freundlich zu. Ein 
frischer, herber Duft durchwehte das weite Gemach, 
welcher auch der Person des Eigentümers anhaftete. Ilse-
Sibylle ließ ihre Blicke umherschweifen, bis sie dann an 
den vier Bildern haften blieben. 
In dem Augenblick meldete sie sich auf den Ruf der Tante, 
die gleich darauf eintrat. 
»Ilsibyll, wo steckst du?« 

Das Wort erstarb ihr im Mund, als sie der Gemälde 
ansichtig wurde. Ihr Gesicht überzog sich mit fahler Blässe, 
die Frau Lina nicht entging. 
»Ja, ja, die beiden gehören zusammen«, zeigte sie auf die 
Baroneß und dann auf Burkhard. »Das sagt auch der Herr 
Baron. Ich kann es bis heute noch nicht vergessen, als man 
die vier tot ins Schloß brachte – und die Verzweiflung des 
Herrn – « 
Augenblicklang herrschte beklemmende Stille, die dann die 
tonlose Stimme Frau von Bruckheims unterbrach: 
»Liebe Frau Lina – wollen Sie mir nicht erzählen, wie das 

background image

damals alles war?« 
Dazu war diese nur zu gern bereit. Unendlich traurig und 

tränenerstickt sprach sie: 
»Es war an einem stürmischen Herbsttag vor fast vier 
Jahren. Weil unser Baroneßchen seit Wochen schon gar 
nicht lachen wollte, schenkte der Herr Baron ihr ein Auto, 
das sie sich schon lange wünschte. Darüber freute sie sich, 
machte die Fahrprüfung, lenkte dann das Auto selbst und 
fuhr sich und die Eltern damit in den Tod, und der Herr 
Burkhard folgte ihr.« 
Frau Marianne, die sich kaum noch aufrecht halten konnte, 
fragte erregt: 
»War eigentlich noch jemand dabei, als das – Unglück 
geschah?« 

»Ja. Der Freiherr von Lürstädt. Und dann noch ein Herr 
Schwerling, der in der Stadt ein Goldwarengeschäft 
besitzt.« 
Ilse-Sibylle, welche die Not der Tante spürte, zog sie von 
dieser traurigen Stätte fort, drückte sie in dem 
Wohnzimmer in einen Sessel. Kniete vor ihr nieder und 
umfaßte sie in heißer Herzensangst. 
»Tante Marianne, liebe, liebe Tante Marianne!« flehte sie. 
»Sag mir doch, warum du so entsetzlich leidest!« 
»Noch nicht – « kam die Antwort rauh und gepreßt. »Zuerst 
muß ich volle Gewißheit haben. Geh, mein Herz, schicke 
mir Herrn von Lürstädt.« 

Zehn Minuten später stand er vor ihr. Sie musterte seine 
rassige Reitergestalt erregt. 
»Herr von Lürstädt, ich wende mich an Sie in meiner Not. 
Waren Sie damals dabei als das Unglück geschah, als man 
auch meinen Sohn hierher brachte?« 
»Ja, gnädige Frau.« 
»Wollen Sie mir bitte genau erzählen, wie alles 
zusammenhing?« 
»Bedaure sehr. Ich kann darüber nicht sprechen – ich gab 
mein Wort.« 
»Ich habe aber ein Recht, es zu erfahren!« 

background image

»Ich darf nicht sprechen, gnädige Frau.« 
»Wollen Sie denn zulassen, daß ich noch immer mehr 

Schuld auf mich lade?« 
»Ich kann nicht anders.« 
Nun sah sie ein, daß sie den Mann nie und nimmer zum 
Sprechen bewegen konnte. Prüfend hing ihr verzweifelter 
Blick an ihm, der in gestraffte Haltung vor ihr stand. 
»So – dann nichts für ungut, Herr von Lürstädt.« 
Er schlug die Hacken zusammen, verharrte einen 
Augenblick in tadelloser Verbeugung, dann ging er. - 
Ohne Ilse-Sibylle vorher zu sprechen, fuhr Frau von 
Bruckheim zur Stadt. Ihr Ziel war das große 
Juweliergeschäft, in dem sie ihren Schmuck verkauft hatte, 
um der Nichte eine gute Garderobe anschaffen zu können. 

Sie bat den Inhaber um eine Unterredung, der sie höflich 
in sein Arbeitszimmer führte. Dort bot er der Dame einen 
Sitz, während er vor ihr stehen blieb. 
Prüfend musterte sie seine elegante, vertrauenerweckende 
Erscheinung. 
»Dürfen Sie vielleicht auch nicht sprechen?« begann sie 
ohne jede Einleitung in bitterem Ton, worauf ein 
überraschter Ausdruck über sein Gesicht flog. Er war jedoch 
sofort im Bilde. 
»Gewiß werde ich sprechen, gnädige Frau – doch nur dann, 
wenn ich darf.« 
»Natürlich, nur wenn Sie dürfen«, wiederholte sie in immer 

größer werdender Bitterkeit. »Also kann ich unsere 
Unterredung als beendet betrachten, bevor sie noch 
begonnen hat.« 
»Vielleicht kann ich Ihnen doch helfen, gnädige Frau.« 
»So. Dann zuerst die Frage: Gaben Sie Ihr Wort, über die 
Angelegenheit, die meinen Sohn betrifft, zu schweigen?« 
»Nein, mein Schweigen wurde nicht verlangt, was ich 
sowieso als Ehrensache betrachte.« 
»Dann wollen Sie sprechen?« 
»Ja – «, erwiderte er fest. »Und zwar werde ich es tun, weil 
es mir nötig erscheint. Werde mir dadurch sicherlich die 

background image

Ungnade des alten Herrn von Broede zuziehen, aber das 
muß ich dann schon in Kauf nehmen. Aber ich muß Sie 

darauf aufmerksam machen, gnädige Frau, daß es weh tun 
wird, wenn ich spreche.« 
»Gleichviel, ich muß endlich Gewißheit haben! Waren Sie 
damals in Dünentrutz während der Tragödie?« 
»Ja. Der Herr Baron hatte mich zu sich bestellt, um eine 
Sache richtigzustellen.« 
»Und was war das?« 
Nun zögerte er doch mit der Antwort. Sein Blick hing 
teilnehmend an der Frau. 
»Reden Sie nun endlich, verschweigen Sie mir nichts!« 
forderte sie aufs höchste erregt. 
»Wie Sie wünschen, gnädige Frau. Es wurde wertvoller 

Schmuck bei mir gekauft, im Auftrage des Barons von 
Broede. Ich lieferte ihn ohne Bedenken aus, da ich den 
Beauftragten als guten Freund des Barons kannte. Und 
diesen Schmuck trug eine Dame, von der man nicht so 
recht wußte, woher sie kam und wer sie war. 
Diese liebte nun den Baron von Broede – er sie jedoch 
keineswegs. Da benutzte sie seinen Freund als Werkzeug, 
der das Unglück haben mußte, sich in eine Leidenschaft zu 
der Dame zu verrennen. Da sie Schmuck sehr liebte, 
überschüttete er sie damit. Und als sein Geld nicht mehr 
ausreichte, kaufte er weiter im Namen seines Freundes. 
Dieser setzte alles daran, um seinen Intimus von seiner 

krankhaften Leidenschaft zu heilen. Allein die Dame war 
ein Teufel in ihren Künsten. 
Und um diesen Mann litt ein rührend feines 
Menschenkind, litt Qualen einer unerwiderten Liebe. Wie 
konnte die junge Dame auch ahnen, daß sein Herz von der 
Leidenschaft unberührt blieb, daß es ihr nach wie vor 
gehörte! 
Kurz und gut: Es kam der Tag, der dem verblendeten Mann 
ein böses Erwachen brachte. An dem ihn der Ekel vor sich 
selbst würgte. Reumütig wollte er sich dem Mädchen 
wieder nähern, um Verzeihung zu erflehen. 

background image

An dem Abend war ich gerade beim Herrn Baron. Ich hatte 
ihm eine Rechnung über die von seinem Freund gekauften 

Schmuckstücke geschickt – weil allmählich Mißtrauen in 
mir aufstieg. Daraufhin erhielt ich einen Brief, der mich 
nach Dünentrutz beorderte. Ruhig hörte er mich an, um 
dann in seiner gelassenen Art zu sagen: Ich bin ein 
Dummkopf, Herr Schwerling. Selbstverständlich habe ich 
den Schmuck durch meinen Freund besorgen lassen. Wie 
kann man nur so vergeßlich sein! 
Dann überreichte er mir einen Scheck über die Summe, die 
ein kleines Vermögen ausmachte. 
Als ich mich gerade verabschiedet hatte, trug man des 
Barons Eltern und Schwester ins Schloß – tot. 
Und noch einen brachte man. Er konnte nicht früher 

sterben, bevor er dem Freund seine Schuld gebeichtet hatte. 
Bat, ihm nicht zu zürnen, da er unzurechnungsfähig 
gewesen sein müßte. Nachdem er wieder klarblickend 
geworden war, wollte er zum Freund flüchten, nicht daran 
zweifelnd, daß er bei ihm Verständnis finden würde – in 
jeder Beziehung. Wollte sich die Baroneß zurückerobern, in 
treuem, stetem Werben. 
Doch auf dem Weg nach Dünentrutz nahte sein Verhängnis 
in Gestalt der Frau, die er nun verabscheute, seitdem sein 
Rausch verflogen war. Er wies sie von sich. Allein sie hängte 
sich an seinen Hals. 
Und gerade da mußte das Auto kommen, das die Baroneß 

steuerte. Sie sah die Frau am Hals des geliebten Mannes, 
das vertrug ihr Herz nicht. Sie wurde vor Schmerz halb 
ohnmächtig, konnte das Lenkrad nicht mehr halten – sie 
fuhr in den Abgrund. 
Der Mann stürzte dem Auto nach – und als er das Mädchen 
tot fand, schoß er sich eine Kugel in die Brust. 
Nachdem seine Beichte beendet war, bat er den Freund, der 
Mutter gegenüber Stillschweigen zu bewahren. Das waren 
seine letzten Worte. 
Gnädige Frau, das erschütternde Unglück geschah vor vier 
Jahren, doch die Verzweiflung des Barons steht mir immer 

background image

noch vor Augen. 
Auch Herr von Lürstädt, der gleichfalls anwesend war, wird 

sie nicht vergessen können. 
Wie ein gefällter Baum fiel Krafft von Broede zu Füßen des 
toten Freundes nieder. 
Deshalb konnte er auch nicht gleich zu Ihnen eilen, 
gnädige Frau. Konnte Ihnen Ihren Sohn nicht selbst 
bringen, da er stundenlang besinnungslos lag. Und als 
dann, nachdem er gerade das Bewußtsein wiedererlangt 
hatte, die Frau vor ihm stand, um die all das Furchtbare 
geschehen war, ließ er sie durch den Diener hinausweisen. 
Seit der Tragödie ist der Baron ein anderer geworden, dem 
keine Frau mehr heilig ist. Der sie nimmt, wie sie sich ihm 
geben. Der den Freund rächt, indem er die Herzen der 

Frauen bricht. 
So – nun bin ich am Ende, gnädige Frau. Gott verzeihe mir, 
wenn ich durch meine Erzählung Unheil angerichtet habe.« 
In sich zusammengesunken saß die sonst so stolze Frau da 
– lange. Endlich hob sie den Kopf und sah ihn mit einem 
Blick an, daß ihm das Herz weh tat. Dann reichte sie ihm 
die Hand. 
»Ich danke Ihnen, Herr Schwerling. Sie haben nur recht 
gehandelt. Mein armer, verblendeter Junge kann in meinen 
Augen nicht herabgesetzt werden. Allein ich bin nun in der 
Lage, eine Schuld zu sühnen. Darf wieder ohne Bedenken 
den Menschen lieben, der mir ein zweiter Sohn war. Darf 

wieder da lieben, wo ich glaubte, verachten zu müssen. 
Nun noch eine Frage, Herr Schwerling: Hatte Krafft von 
Broede nicht schon seinen Verlobungstag festgesetzt?« 
»Kein Gedanke, gnädige Frau! Alles leeres Gerede. Der 
Baron ahnte nichts von dem Glück, das ihm bevorstand.« 
»Nur ich fiel auf das Gerede herein. Wühlte im Schmerz, 
statt mir Gewißheit zu verschaffen. Sie würden mich 
verachten, wenn Sie wüßten – « 
»Ich weiß alles. Deshalb sprach ich ja auch, um Ihnen die 
Augen zu öffnen. Schmerz macht egoistisch, gnädige Frau. 
Sonst hätten Sie längst sehen müssen, daß der Mann litt, 

background image

der Ihre Liebe verlor.« 
»Und ich habe gewiß noch mehr gelitten, indem ich Jahre 

hindurch einsam dahinlebte. Bis meine Nichte kam, da 
wurde es besser. Also nochmals meinen herzlichsten Dank, 
Herr Schwerling!« 
Als Frau von Bruckheim nach Hause kam, lief ihr Ilse-
Sibylle angstvoll entgegen. Und oben im lauschigen 
Gemach, das einst Krafft von Broedes Mutter bewohnt 
hatte, sprach Frau Marianne zu ihrer Nichte von der Not 
und dem Leid vergangener Jahre. Gab alles wieder, was sie 
von dem Juwelier gehört. 
Ilse-Sibylles Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie 
umschlang die bewegte Frau mit beiden Armen. 
»Arme, liebe Tante Marianne!« stammelte sie unter Tränen. 

Fest zog diese die Nichte an sich, mit glückhafter Gewißheit 
fühlend, daß sie nicht mehr einsam war. 
Die See schien bis auf den Grund aufgepeitscht zu sein, so 
hoben und schoben sich die Wellen empor. Immer 
mächtiger brausten sie zum Strand, wenn der Sturm sein 
hohnlachendes Spiel mit ihnen trieb. Die Bäume des 
Waldes ächzten unter der Gewalt des rohen Gesellen, 
empörten sich in mächtigem Rauschen. So ging es schon 
tagelang. 
Herbststürme! Die liebte Ilse-Sibylle. Hatte das Gefühl, als 
müßten sie alles hinwegwehen, was ihr das Leben 
verbitterte. Zum Strand hinuntereilen, sich dort fast 

umwerfen lassen. Dann mit roten Backen und zerzausten 
Haaren zurück ins Schloß. Rasch umkleiden, zur Tante 
stürmen, die schon auf sie wartete im wohlig 
durchwärmten Zimmer, auf dessen rundem Tisch die 
Kaffeemaschine traulich sang. 
Ach ja, diese Stunden waren schön. Sie erschienen Ilse-
Sibylle lebenswert. 
Ebenso wie die, in denen sie mit Lo musizierte. Diese hatte 
der Base ihre Geige zur Verfügung gestellt, was sie 
beglückte. 
Los Geige war wohl nicht sehr kostbar, aber immerhin gut 

background image

genug, um mit Freude darauf spielen zu können. 
Ilse-Sibylle übte fleißig und brachte es bald zu einer 

Fertigkeit, welche die Base anstaunte. Sie begleitete das 
Spiel oft auf dem Klavier, seufzte immer herzerbrechend, 
wenn Ilse-Sibylle unzufrieden mit ihr war. Lehnte sich auch 
manchmal gegen die bestimmte Art auf, mit der sie belehrt 
wurde. Wenn sich dann jedoch Frau von Bruckheim und 
der Verwalter als Zuhörer einfanden, nahm sie sich 
zusammen. 
Winfried von Lürstädt hatte immer nur das Schloß 
betreten, wenn sein Herr ihn zu wirtschaftlichen 
Besprechungen hinbestellte. Obgleich sie im Krieg Seite an 
Seite gekämpft hatten, waren sie sich innerlich fremd 
geblieben, da sie sich beide nur schwer an Menschen 

anschließen konnten. Krafft von Broede suchte keine 
Freundschaft, und Winfried von Lürstädt war zu stolz, um 
sich aufzudrängen. 
Als der Baron abgereist war, betrat Lürstädt das Schloß 
überhaupt nicht mehr. Doch Frau von Bruckheim hatte 
eine Schwäche für den ernsten Verwalter. Immer wieder lud 
sie ihn ins Schloß ein und setzte dann durch, daß er die 
Mahlzeiten dort einnahm und die Abende in Gesellschaft 
der Damen verbrachte. So kam es, daß er auch bei den 
musikalischen Darbietungen der Basen meist zugegen war. 
An einem Herbsttag trieb der Sturm es besonders arg. 
Heulend durchwühlte er die See, schüttelte die Kronen der 

knorrigen Waldbäume, erschütterte das Geäst. 
Nur das alte, festgefügte Schloß erschütterte er nicht. Es 
trotzte dem wilden Gesellen, sah verächtlich auf sein 
nutzloses Beginnen. Hatte schönere Musik in seinen 
Räumen als das wilde Lied da draußen. 
Die junge Herrin des Dünenschlosses, schöner noch 
geworden denn je zuvor, stand gegen den Flügel gelehnt 
und führte den Geigenbogen mit zarter Hand. 
An dem kostbaren Instrument saß die wilde Lo, jetzt eifrig 
in ihr Spiel vertieft, doch für die Begriffe der Base immer 
noch nicht aufmerksam genug. Sie ließ den Bogen sinken, 

background image

sah sie an mit unwilligem Blick. 
»Lo, paß bitte besser auf! Du mit deinem großen Talent 

glaubst flüchtig werden zu dürfen. Dir kommt es nicht 
darauf an, wenn du einige Noten ganz einfach 
überspringst. Wenn du so weitermachst, kommen wir über 
die einfachen Volksweisen nicht hinweg.« 
Lo ließ die Strafpredigt mit bewundernswerter Sanftmut 
über sich ergehen. Seufzte nur tief auf, schlug die Augen 
empor mit Märtyrerblick. 
»Brahms, Schubert, Mozart, Mendelssohn – das nennt das 
unschuldvolle Kind einfache Volksweisen!« 
Die beiden Zuhörer lachten amüsiert. Lo sah zu ihnen hin, 
anklagend, mitleiderregend – dann zwang sie sich zur 
gewünschten Aufmerksamkeit. Ließ sich von dem 

künstlerischen Spiel der Base mitreißen. Voll und weich 
durchhallten die Töne das Schloß, zogen Spieler und 
Zuhörer in ihren Bann. 
Und draußen tobte der Sturm. Regen klatschte gegen die 
Fensterscheiben mit dicken, peitschenden Tropfen. 
Die vier Menschen hörten nicht, wie es laut wurde im 
Schloß. Denn der Gebieter war heimgekehrt, 
sturmzerzaust, triefend naß, doch mit lachendem Gesicht. 
»Mach schnell, daß ich ins Bad komme«, wandte er sich an 
einen alten Diener. »Heinrich ist noch nicht hier.« 
Der Ermunterte eilte davon, um seinen Kollegen, der den 
Herrn sonst bediente und ihn stets auf seinen Reisen 

begleitete, zu vertreten. 
Als dann der Heimgekehrte wieder in trockener Kleidung 
steckte, ließ er Frau Lina kommen, die angesichts ihres 
vergötterten Herrn die Rührung übermannte. 
»Gott sei Dank, daß der Herr Baron wieder zu Hause sind!« 
stammelte sie unter Tränen. 
Er sah sie forschend an. 
»Hat man dir etwas zuleide getan, Frau Lina?« 
»I bewahre, Herr Baron! Die Frau Oberst ist die Güte selbst 
und unsere Frau Baronin einfach ein Engelchen. Nur so 
traurig ist sie immer und so zart, daß Gott erbarm. Die Frau 

background image

Oberst macht sich Sorge um sie, obgleich sie das nicht 
offen zeigt. Eine Zeitlang war es besonders schlimm, bis 

dann das Fräulein Lo kam. Da wurde es besser. Der Herr 
Baron sollten nicht mehr auf so lange Zeit verreisen.« 
In seinen Augen blitzte es auf. 
»Hast recht, Frau Lina, es war verkehrt, was ich tat. Doch du 
sprachst von einem Fräulein Lo? Wer ist das?« 
»Richtig, der Herr Baron weiß ja noch nichts. Herr Julius 
Rainer auf Unruh ist der Onkel von unserer Frau Baronin, 
und das Fräulein Lo ist seine Tochter. Die Basen sehen sich 
ähnlich wie Schwestern.« 
Diese Eröffnung überraschte Krafft. Himmel ja, der 
Unruher Rainer, daß er da nicht gleich eine Verwandtschaft 
Ilse-Sibylles vermutet hatte! 

Ihm konnte es recht sein. Er schätzte den aufrechten, 
biederen Menschen genauso wie den tüchtigen Landwirt in 
ihm. Die Frau war vornehm, die Tochter wirklich reizend. 
»Wo ist die Frau Baronin?« erkundigte er sich. 
»Im Musikzimmer. Sie musiziert mit Fräulein Lo.« 
Er fragte noch verschiedenes, dann nickte er der Guten 
freundlich zu und ging zum Musikzimmer. 
An der Tür blieb er überrascht stehen. Da war ja ein 
wundervolles Bild, das sich seinen Augen bot. 
Ilse-Sibylle stand am Flügel, weltentrückt. Weich und 
dunkel war der Blick ihrer unergründlichen Augen, die 
sehnsuchtsvoll über das Notenblatt hinwegschauten. Schön 

war sie geworden, schöner noch als je zuvor. 
Und am Flügel saß das entzückende Engelsköpfchen, mit 
geröteten Wangen, strahlenden Augen, die in ergriffenem 
Eifer auf das Blatt gerichtet waren. 
Eine Ähnlichkeit zwischen den Basen war vorhanden, 
zweifellos. Und doch, Ilse-Sibylle war anders. Wie zart ihre 
Gestalt wirkte, fast zerbrechlich! Und wie jung sie aussah – 
unglaublich! Aber ein Zug in dem feinen Antlitz war ihm 
noch unbekannt. Er sprach von Herzensnot und Leid. 
Und wie beide spielten! Mit gottbegnadetem Talent und 
feiner Seele. 

background image

Die Augen des Mannes hingen an dem bezaubernden Bild 
mit trunkenem Blick. Da war er in der Welt umhergeirrt, 

Schönheit und Freude suchend. Glaubte auch oftmals 
beides gefunden zu haben, bis ihm dann plötzlich wieder 
alles so schal und leer erschien. 
Oh – was waren alle Schönheiten da draußen gegen dieses 
Bild! 
Heimat – o Heimat! 
Still stand er, regungslos. Ließ sich von den süßen Tönen 
einspinnen, bezaubern. Man merkte ihn nicht, der da an 
der Tür lehnte und unverwandt auf die wunderfeinen 
Geschöpfe schaute, die dem Märchenland entstiegen zu 
sein schienen. 
Erst als die Weisen verstummten, Ilse-Sibylle wie aus einem 

Traum erwachend den Geigenbogen sinken ließ, da 
applaudierte er leise. 
Vier Augenpaare flogen zu ihm hin. 
»Krafft!« 
Frau von Bruckheim sprang auf, streckte ihm die Arme 
entgegen, war nicht fähig, sich von der Stelle zu rühren. 
Krafft von Broede eilte zu ihr, ließ sich umarmen, staunte 
über so viel liebevolles Entgegenkommen – wo er doch bis 
vor Jahresfrist Verachtung und dann kühl-freundliche 
Höflichkeit erfahren hatte. Er küßte die feinen Hände, die 
ihm zärtlich über Kopf und Gesicht streichelten. 
Dann ging sein Blick zu Ilse-Sibylle hin. Entsetzen stand in 

ihren Augen, weiß war das Antlitz, ohne einen Blutstropfen 
darin. Er zog die eiskalten Hände an die Lippen, sah sie 
forschend an. 
»Ilse-Sibylle, entsetzt dich denn mein Anblick so sehr?« 
»Nein – o nein, Krafft. Ich bitte dich – « 
Aufs bitterste enttäuscht wandte er sich ab. 
Hier war keine Freude über seine Wiederkehr, kein 
herzliches Willkommen für den fremdemüden Wanderer. 
Heimat – o Heimat! 
Augenblicklang stand er regungslos, als müßte er sich erst 
sammeln. 

background image

Dann wandte er sich an die junge Dame, die ihn in 
unverhohlener Neugierde betrachtete. 

Hastig machte Ilse-Sibylle sie miteinander bekannt: 
»Das ist meine Base, Elisabeth-Charlotte Rainer, der 
Einfachheit halber Lo genannt. Ihr Vater ist der Bruder des 
meinen. Ihm gehört Unruh.« 
Krafft zog das Händchen der neuen Base an die Lippen. 
»Das ist ja ein allerliebster Verwandtenzuwachs, 
entzückendstes aller Bäschen. Hoffentlich sehen wir dich 
recht oft in Dünentrutz, Lo. Ich darf dich doch so nennen?« 
»Aber natürlich!« rief sie begeistert. »Ich habe nicht 
geglaubt, daß Sie so prima sind.« 
»Du – wenn ich bitten darf.« 
»Du – entzückend finde ich das! Weißt du auch, Krafft von 

Broede, daß es eine Zeit gab, wo ich dich bis zum Sterben 
heimlich liebte?« 
»Liebte – kleine Lo?« 
»Selbstverständlich nur noch Vergangenheit.« 
»Wie schade!« bedauerte er. 
»Das kann ich nicht finden. Was sollte ich wohl mit dieser 
höchst überflüssigen Liebe auf die Dauer anfangen? 
Außerdem würde mir Ilsibyll vor Eifersucht die Augen 
auskratzen.« 
Eine ironische Bemerkung lag ihm auf der Zunge, die er 
jedoch unterdrückte, als er der Gattin blasses Gesicht sah. 
Er begrüßte nun den Verwalter. 

»Nun, mein Getreuer, hat man mich sehr vermißt?« fragte 
er spöttisch. 
»Doch, Herr Baron«, kam die Antwort tiefernst. »Wo der 
Herr fehlt, sind die Herzen verwaist.« 
Durchdringend ruhte Kraffts Blick auf ihm, dem Winfried 
offen und frei standhielt. 
Nur zögernd folgte der Baron der Bitte der Tante, sich an 
ihre Seite zu setzen. 
»Krafft, Junge, wo kommst du so plötzlich her? Wir hatten 
keine Ahnung, daß wir dich jetzt schon erwarten durften.« 
»Sonst hätten wir Girlanden geflochten zum Willkomm«, 

background image

warf er mit einer Stimme ein, in der unverkennbare 
Bitterkeit mitschwang. »Aber mir ist ein herzliches Wort, 

ein lieber Blick mehr wert als jede mühevoll geflochtene 
Girlande. Na ja – « sprach er dann in gewohnter 
Gelassenheit weiter. »Ich verspürte in der 
Sommerherrlichkeit da draußen plötzlich unbezähmbare 
Sehnsucht nach unseren Herbststürmen. Unverzüglich trat 
ich die Heimreise an. Und je näher ich meinem Ziel kam, 
um so ungeduldiger wurde ich. Auf unserer Bahnstation 
verließ ich den Zug, um den Weg nach Dünentrutz zu Fuß 
zurückzulegen. Herrlich war es, sich wieder einmal von 
dem herzerquickenden Sturm durchschütteln zu lassen. 
Geregnet hat es auch dabei. Ich sage euch, wenn man 
monatelang in der Fremde war, dann weiß man die Heimat 

erst richtig zu schätzen.« 
Wie unbeabsichtigt sah er zu Ilse-Sibylle hin, die sich nun 
so weit gefaßt hatte, daß sie ruhig erscheinen konnte. 
Wenigstens äußerlich; denn in ihrem Inneren tobte und 
brandete es wie die aufgewühlte See draußen. 
Nun er wiedergekehrt war, sie seine bestrickende 
Persönlichkeit vor sich hatte, seine tiefe, herrische Stimme 
hörte -. 
Nein, mit ihrer Liebe wurde sie nie mehr fertig! Es war für 
sie schon ein Glücksgefühl ohnegleichen, dieser dunklen 
Stimme zu lauschen. 
Früher als sonst zog man sich heute zurück. Doch Frau von 

Bruckheim suchte dann Krafft in seinem Arbeitszimmer 
auf, der gerade vor den Bildern stand, als sie eintrat. 
Sie war so bewegt, daß sie zuerst nicht sprechen konnte, 
ihm nur beide Hände entgegenstreckte. Er ergriff sie in der 
zarten Art, die man nicht oft an ihm zu sehen bekam. 
Wieder trat der verwunderte Ausdruck in sein Gesicht. 
»Krafft – daß ich noch einmal so vor dir stehen würde, 
hätte ich nie gedacht«, brachte sie endlich mühsam hervor. 
»Wie soll ich das verstehen, Tante Marianne?« 
»War das richtig, mein Junge, daß du mich bei der Tragödie 
vor vier Jahren im unklaren ließest – meine Verachtung 

background image

stillschweigend duldetest? Wie stehe ich nun vor dir da!« 
Tiefes Erschrecken zuckte in seinen Augen auf. Die Falte des 

Unwillens grub sich in seine Stirn. 
»Ganz verstehe ich dich immer noch nicht, Tante 
Marianne. Ahne jedoch – « 
»Und ahnst gewiß richtig, Krafft. Während deiner 
Abwesenheit erfuhr ich Ausführliches über Burkhards Tod.« 
»Wer hat es gewagt, darüber zu sprechen?! Soviel ich weiß, 
ist nur Lürstädt noch eingeweiht. Er gab mir sein Wort.« 
»Das er auch gehalten hat«, warf sie beschwichtigend ein. 
»Ich habe wohl versucht, den wahren Sachverhalt von ihm 
zu erfahren. Doch er bedauerte, nicht sprechen zu dürfen, 
da sein Wort ihn binde. Ich glaube, ich hätte eher einen 
Stein erweichen können als den Mann. Aber ein anderer 

wußte auch noch Bescheid, der sich nicht zum Schweigen 
verpflichtet hatte.« 
Krafft atmete erleichtert auf, doch dann wurde er wieder 
ärgerlich. 
»Dann kann es nur Herr Schwerling sein, dem ich sein 
Wort allerdings nicht abnahm. Wie hätte ich auch ahnen 
können, daß dieser sonst so korrekte Mann nicht den 
Mund halten könnte!« 
»Du tust ihm unrecht, mein Junge. Er sprach nur, weil er 
einsah, daß nur die volle Gewißheit mir meine Unruhe 
nehmen könnte.« 
Heftig fuhr er auf. 

»Schöne Beruhigung, wenn man einer Mutter von ihrem 
toten Sohn Dinge erzählt, die sie kränken, ihr weh tun 
müssen!« 
»Und doch hat es mich beruhigt, Krafft. Mein armer Junge 
kann dadurch in meinen Augen nicht herabgesetzt werden, 
da kennst du ein Mutterherz schlecht. Die Aufklärung gab 
mir jedoch die Möglichkeit, gutzumachen, wo ich mich 
schwer versündigte.« 
»Tante Marianne, ich bitte dich!« unterbrach er sie wieder 
mit rauher, gepreßter Stimme. »Es fehlt nur noch, daß du 
mich um Verzeihung bittest.« 

background image

»Was ich tun muß und tun werde.« 
»Quäle mich doch nicht so entsetzlich!« stieß er zwischen 

den Zähnen hervor. »Ich kann dich nicht so vor mir sehen. 
Du ahnst ja nicht, was du meinem Herzen warst und noch 
immer bist.« 
»Krafft, ich war feige, vier Jahre hindurch. Jetzt muß ich 
wenigstens den Mut aufbringen, diese erbärmliche Feigheit 
zu bekennen. Ohne den richtigen Sachverhalt zu kennen, 
verurteilte ich dich, marterte durch unnachsichtige Strenge 
mein Herz, das noch immer für dich schlug. Das sich an 
dich klammern wollte, der du mir ein zweiter Sohn warst. 
Glaube mir, mein geliebter Junge, es ist bitter schwer, da 
plötzlich verachten zu sollen, wo man einst liebte. Ich 
zwang mich zu dieser Verachtung, stachelte meinen 

Schmerz fanatisch auf. Machte mich dadurch einsam, 
steigerte mich in eine unglaubliche Bitterkeit hinein. 
So ging es, bis Ilse-Sibylle kam. Ich nahm das mir damals 
fremde Mädchen auf, weil ich nicht haben wollte, daß die 
Tochter meiner Schwester sich in untergeordneter Stellung 
ihr Brot verdiente. Sehr mißtrauisch war ich zuerst, weil 
Ilsibyll ihrem leichtsinnigen Vater so sehr ähnlich sieht. 
Doch je länger ich sie um mich hatte, um so lieber wurde 
sie mir. Ohne es zu wollen, klopfte dieses feine, sensible 
Kind so lange an mein Herz, bis die harte Kruste, die 
Schmerz und Bitterkeit darum geschmiedet, zu schmelzen 
begann. 

Fortan wurde ich weicher, versöhnlicher. Ich beschäftigte 
mich in Gedanken viel mit dir. Zweifel stiegen auf, 
verdichteten sich. 
Ach, Krafft, wieviel habe ich dir abzubitten! Du kannst mir 
ja unmöglich verzeihen.« 
Flehend sah sie zu ihm auf, der nun ihre Hände ergriff und 
sie gegen seine Augen preßte. Seine kräftige Gestalt zitterte 
vor Erregung. 
»Tante Marianne, wenn du glaubst, gutmachen zu müssen, 
dann laß es genauso zwischen uns werden, wie es erstmals 
war. Willst du das?« 

background image

Mit Tränen in den Augen zog sie ihn an ihre Seite auf das 
Sofa nieder. Streichelte seinen Kopf, küßte sein Gesicht, 

konnte nicht genug tun, ihm ihre Liebe zu zeigen. 
Dann plauderten sie miteinander lieb und vertraut. Bis er 
dann fragte: 
»Was ist mit Ilse-Sibylle, Tante Marianne? Vor meiner Reise 
war sie schon unzugänglich, doch jetzt erscheint sie mir 
völlig unnahbar. Dazu ist sie von erschreckender Zartheit.« 
»Auch daran bin ich schuld«, seufzte sie. »Am dritten 
Todestag Burkhards sprach ich mit ihr über dich ganz so, 
wie meine Verbitterung es mir eingab. Danach fiel mein 
Urteil über dich aus. 
Wie mir Ilsibyll am Abend nach dem Ball erzählte, hat sie 
dir dann in der Jägerhütte ihre Verachtung gezeigt, dich 

unerhört beleidigt. Und darüber kann sie nun nicht 
hinwegkommen. Es ist ihre feste Überzeugung, daß du sie 
nur geheiratet hast, weil sie meine Nichte ist, und sie 
bezeichnet nun alles, was sie von dir erzählt, als Almosen. 
Fühlt sich immer noch als Gast, nicht als rechtmäßige 
Herrin von Dünentrutz – weil eure Ehe ihrer Ansicht nach 
nichts weiter als eine – Farce ist.« 
»Ich glaube nicht, daß ich ihr jemals Veranlassung dazu 
gegeben habe, derartiges anzunehmen«, entgegnete er 
unwillig. »Einesteils hat sie allerdings recht. Wäre sie nicht 
deine Nichte, hätte ich von dieser Heirat trotz allem 
absehen müssen. Denn ich bin ja nicht eigener Herr in 

meinen Entschlüssen. Bin an Traditionen gebunden. Aber 
da sie nun meine Frau ist, darf sie sich nicht mit 
Hirngespinsten herumschlagen, sondern soll lieber ihrer 
Herrenpflicht nachkommen, wie ich sie von ihr verlange. 
Zum Kuckuck, geht es ihr hier nicht gut? Ein besseres Leben 
kann ihr so bald kein anderer Mann bieten!« 
»Ich verstehe deinen Unwillen, Krafft«, meinte die Tante 
bedrückt. »Wäre es da nicht besser, wenn ihr euch jetzt 
schon trennen wolltet?« 
»Damit auch du noch Dünentrutz verläßt!« lachte er bitter 
auf. »Ich bin glücklich, dich endlich bei mir zu haben.« 

background image

»Und ich bin glücklich, hier zu sein, mein lieber Junge. 
Aber ich darf Ilse-Sibylle nicht im Stich lassen. Verstehst du 

das?« 
»Nein!« 
Das kam so schroff heraus, daß sie hastig das Gespräch 
wechselte. Sie fragte nach seinen Reiseerlebnissen, doch da 
er keine Lust zu haben schien, darüber zu sprechen, 
wünschte sie ihm bald eine gute Nacht und zog sich in ihre 
Zimmer zurück. 
Krafft durchschritt sein Schlafzimmer und betrat das der 
Gattin. Das matte Licht einer Ampel erhellte den 
luxuriösen Raum. Und auf dem Bett lag Ilse-Sibylle, hatte 
das Gesicht in die Kissen gedrückt und schluchzte 
verzweifelt. 

Sie war so aufgelöst in ihrem Jammer, daß sie nicht 
bemerkte, als der Gatte das Gemach betrat. Erst als sie 
emporgehoben wurde, schrak sie zusammen – wich 
entsetzt zurück. 
»Krafft, du versprachst – « 
»Selbstverständlich, ja – «-winkte er unwillig ab. »Und was 
ich verspreche, das pflege ich auch zu halten. Es steht 
jedoch nicht in unserer Vereinbarung, daß ich deine 
Zimmer nicht betreten darf. Ich werde es immer wieder 
tun, wenn ich dich so verzweifelt schluchzen höre. Du tust 
ja so, als wärest du das unglücklichste Geschöpf unter der 
Sonne. Fehlt dir etwas? Sage doch dann zum Donnerwetter, 

was dich quält! Hast du ein Leid, eine verlorene Liebe? Bin 
ich nicht lange genug fortgewesen, soll ich noch einmal 
von hier gehen?« 
Mit gesenktem Kopf hatte sie seine ärgerlichen Worte über 
sich ergehen lassen. Doch bei den letzten hob sie ihn 
hastig. 
»Wie käme ich wohl dazu, dich aus deinem Hause zu 
vertreiben?« stammelte sie. 
»Das tust du aber, wenn du dich weiter so benimmst. 
Glaubst du etwa, daß es ein angenehmes Gefühl für mich 
ist, zu wissen, daß meine Frau sich unglücklich an meiner 

background image

Seite fühlt?« 
»Krafft, du beurteilst mich falsch.« 

»Ja, um Himmels willen, wie soll man dich wohl richtig 
beurteilen, wenn du dich so verschließt? Hast du einen 
Wunsch?« 
»Ich – ich möchte fort von Dünentrutz.« 
Es zuckte in seinem Gesicht, doch nur augenblickslang. 
»So. Und dürfte man fragen, warum?« 
»Das fragst du wirklich?« rief sie atemlos. 
»Ja, weil ich deinen Launen nicht folgen kann.« 
Sein fatales, nachsichtiges Lächeln brachte sie um ihre 
mühsam aufrechterhaltene Ruhe. Sie sprang auf, stand nun 
vor ihm, erzürnt und sinnverwirrend schön. Die Augen 
sprühten in dem weißen Antlitz. 

»Mach dich auch noch über mich lustig!« rief sie in 
leidenschaftlicher Heftigkeit. »Als wenn du nicht wüßtest, 
daß ich von dir, gerade von dir, keine Wohltaten 
entgegennehmen mag! Ich will nicht von jenem Reisetag 
sprechen, obgleich nicht jeder so vornehm gehandelt 
haben würde wie du. Auch nicht von der Stunde, da du 
mich von den Dünen auflasest – und als Dank dafür dich 
schweigend von mir beleidigen ließest. Das sind Lappalien 
gegen das, was nachher kam. Deine ganze Person setztest 
du ein, um meinen Ruf zu retten – weil ich die Nichte Frau 
von Bruckheims bin. Zuerst glaubte ich, daß du mit dieser 
großmütigen Tat ein wenig Schuld gegen sie sühnen 

wolltest. Aber seitdem ich den Irrtum der Tante kenne, 
weiß ich, daß du dieser verehrten Frau noch ganz andere 
Opfer bringen würdest. Weil dir nun das Leben an meiner 
Seite unerträglich wurde, flohest du aus deinem eigenen 
Heim. 
Ahnst du denn gar nicht, wie mich das alles demütigen 
muß?!« 
Er schaute zu ihr hin, unentwegt, während sie die Worte 
hervorstieß in bebender Hast. Dann griff er nach ihren 
eiskalten, zitternden Händen und zog sie daran zu sich auf 
den Diwan, auf dem er saß. 

background image

»Wie du dich erregst, du hochmütiges Kind!« sagte er 
grollend. »Was soll ich denn ahnen? Deine 

Überempfindlichkeit? Die ahne ich nicht nur, die 
bekomme ich recht deutlich zu spüren. 
Und nun werde endlich einmal vernünftig und bezeichne 
nicht das, wozu ich dir gegenüber verpflichtet bin, mit dem 
unerhörten Wort ›Wohltaten‹. Vergiß vor allen Dingen die 
sogenannten Beleidigungen, die du mir damals zugefügt 
haben willst. Das sprach nämlich nur für dich, mein 
eigenwilliges Kind. Denn einen solchen Mann, wie ich es 
nach deiner Annahme sein sollte, hätte auch ich verachtet. 
Da also war eine – Wohltat. Und die nächste, die dich zur 
Herrin von Dünentrutz machte? Daß du die Nichte der 
Frau von Bruckheim bist, erleicherte den Fall allerdings 

erheblich. Denn jedes Mädchen könnte ich der Tradition 
unseres Hauses gemäß nicht heiraten. 
Nun Wohltat Nummer drei: Ich floh vor dir aus meinem 
eigenen Hause? Ich wünschte, daß ich so zartfühlend und 
rücksichtsvoll sein könnte. Beruhige dich nur, so leicht 
laufe ich nicht davon. Es sei denn, meine Frau wäre häßlich 
wie die Nacht, was du von dir beim allerbesten Willen 
nicht behaupten kannst. 
So, das wären also drei Wohltatspunkte, die mir bei jeder 
Gelegenheit vorgehalten werden bis zum Überdruß. Und 
was die jetzigen Wohltaten anbetrifft - 
Liebes Kind, du bist meine Frau, das wenigstens wirst du 

nicht ableugnen können. Fahre nicht auf, kleine Mimose! 
Ich weiß schon, was du sagen willst, von wegen nur zum 
Schein, und so weiter. Das ändert jedoch die Tatsache 
nicht, daß ich für dich zu sorgen verpflichtet bin. Verstehe 
recht, du stolzes Kind – verpflichtet. Wenn du das nicht 
glauben willst, lies im Bürgerlichen Gesetzbuch nach, 
Paragraph soundsoviel. Ist dir nun alles klar? Nein? Warum 
nicht?« 
»Mir ist nur klar, daß ich auf die Dauer nicht weiter so 
leben kann. Daß irgend etwas geschehen muß, um diesen 
haltlosen Zuständen ein Ende zu setzen. Willst du mir 

background image

vielleicht sagen, wie langes du diese Ehe aufrecht zu 
erhalten gedenkst?« 

»So lange, bis du mir mit stichhaltigen Gründen kommst, 
die eine Lösung der Ehe rechtfertigen.« 
»Sind meine Gründe etwa nicht stichhaltig genug?« 
»Nein. Die du anführst, sind nichtig und kleinlich. Wenn 
du von mir gehst, was willst du denn beginnen? Du kennst 
doch Tante Mariannes Verhältnisse und weißt daher, daß 
sie von den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, allein 
nur schlecht und recht leben kann. Wenn sie dich noch mit 
unterhalten muß, wird es ein Dasein voller Entbehrungen.« 
»Ich brauche ja nicht bei Tante Marianne zu bleiben«, 
entgegnete sie abweisend. »Ich kann mir meinen 
Lebensunterhalt recht gut allein verdienen.« 

»Womit?« 
»Als Gesellschafterin.« 
Er lachte so amüsiert, daß Empörung in ihr hochstieg. 
»Dich scheint ja sehr zu erheitern, was andern Menschen 
schlaflose Nächte verursacht!« rief sie aufgebracht. 
»Sei mir nicht böse, Ilse-Sibylle«, sagte er, immer noch 
lachend. »Ich stelle mir nur vor, wie du dich in solcher 
Stellung ausnehmen würdest. Schon dein Äußeres würde 
sich vortrefflich dazu eignen. Außerdem ist die Baronin 
Broede auf Dünentrutz auch dazu da, um sich von 
schrulligen Dämchen schlecht behandeln zu lassen.« 
Unter seinem spöttischen Blick errötete sie heiß. Wohin 

verirrte sie sich nur in ihrer Haltlosigkeit! Sie wußte ja 
selbst am wenigsten, was sie eigentlich wollte. 
Gewaltsam würgte sie die Tränen hinunter, die aufsteigen 
wollten aus angsterfülltem Herzen. Wie sie sich verachtete, 
daß sie gegen dieses Herz nicht aufkommen konnte! 
Willenlos ließ sie ihm ihre Hände, die er erneut ergriff. 
»Höre einmal genau zu, was ich dir sagen werde, du 
törichtes Kind«, sprach er mit seiner dunklen Stimme, die 
ihr Herz ganz und gar in Aufruhr brachte. »Ich war einsam 
über drei Jahre, Ilsibyll. Wenn ich durch das Schloß ging, 
hörte ich meine eigenen Schritte in der tiefen Einsamkeit. 

background image

Ich setzte mich allein an den Tisch, saß abends allein in 
meinem Zimmer. Ich lebte niemand zur Freude, niemand 

brauchte mich. Wenn ich auch nicht der Mensch bin, der 
daran zugrunde gegangen wäre, so bin ich jedoch nicht 
ganz gefühllos, weiß ein trautes Familienleben wohl zu 
schätzen. 
Wenn ich sonst von meinen Reisen zurückkehrte, empfing 
mich tiefste Einsamkeit. Niemand war da, den meine 
Rückkehr freute. 
Wie anders war es heute, und wie anders ist es überhaupt, 
seitdem du in Dünentrutz weilst! Nun habe ich doch 
jemand, den ich verwöhnen kann, der zu mir gehört. Willst 
du mich nun wieder in die Einsamkeit zurückstoßen, die 
ich jetzt doppelt schmerzlich empfinden müßte?« 

»Gewiß nicht, Krafft«, entgegnete sie hastig. »Das hast du 
wahrlich nicht um mich verdient.« 
»Ich spreche nicht von Verdienst, Ilsibyll. Wenn du mir 
durchaus danken willst für das, was ich für dich tat, dann 
fühle dich in meinem Hause wohl. Bringe Dünentrutz die 
Sonne und den Frohsinn wieder, die aus ihm geschwunden 
sind. Dann vergiltst du mir alles zehnfach – nein, 
tausendfach. 
Sieh, du eigenwilliges Kind, von mir willst du nichts 
annehmen. Verschmähst das Geld, das du als meine Frau 
zu beanspruchen hast. Trugst noch nie eines der Kleider, 
die ich dir schenkte. Wo ich dir doch von meinem 

Überfluß gebe, während du dir Tante Mariannes Opfer mit 
Selbstverständlichkeit gefallen läßt.« 
»Opfer?« 
»Ja, Ilsibyll. Um dir eine gute Garderobe zu verschaffen, 
verkaufte sie ihren Schmuck, der ihr doppelt wertvoll war, 
da sich Erinnerungen daran knüpften – « 
Sie sah ihn so entsetzt an, daß er beschwichtigend über ihre 
Augen strich. 
»Krafft, du mußt mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich 
von dem Opfer nichts gewußt habe!« flehte sie, und er 
atmete tief auf. 

background image

»Das sagte mir schon die Tante. Sonst – ja, sonst hätte ich 
irre an dir werden müssen. Zum Glück kam ich hinter ihre 

selbstlose Tat und habe die Sachen immer gleich 
zurückgekauft. Also, Ilse-Sibylle, laß dir von Tante 
Marianne nicht so viel schenken. Sie tut es unter 
Zurücksetzung der eigenen Person.« 
»Oh, Krafft, wie schrecklich ist das alles!« stammelte sie, 
erschüttert über so viel Selbstlosigkeit. »Welche Sorge 
mache ich nur der Tante und auch dir!« 
»Nun, ich werde mit deinem schwierigen Charakter schon 
fertig. Aber die Tante – ja, die macht sich wohl Sorgen um 
mich. Daher mußt du weniger an dich, sondern mehr an 
sie denken. Darfst nicht zur Egoistin werden durch dein 
uns unbekanntes Leid. Ich habe sie heute gebeten, ganz in 

Dünentrutz zu bleiben, was sie mit Freuden annehmen 
würde, wenn die Sorge um dich sie nicht quälte. Wenn du 
von hier gehst, dann geht sie mit dir. Denn sie liebt dich 
mehr, als dir dienlich ist, mein Kind.« 
Ilse-Sibylle senkte den Kopf. Tränen liefen über ihr Gesicht, 
tropften auf die im Schoß verschlungenen Hände. Sie kam 
sich schlecht und undankbar vor. Hatte sie denn so viel 
Nachsicht verdient? Nein, gewiß nicht! 
»Nun, Ilse-Sibylle«, klang nun seine dunkle, weiche 
Stimme wieder auf. »Waren meine Worte umsonst 
gesprochen? Willst du immer noch fort von Dünentrutz?« 
Zaghaft hob sie den Kopf. Ihre tränenverdunkelten Augen 

suchten die seinen, in denen nun ein so weicher Ausdruck 
lag, der ihr Herz aufwühlte bis in die tiefsten Tiefen. Sie 
mußte ihren Blick aus dem seinen lösen, wenn sie sich 
nicht verraten wollte. 
Unendlich traurig klang es, als sie sagte: 
»Wenn es so ist, dann bleibe ich natürlich – bis – ja, bis du 
mich selbst gehen heißt. Denn auch du darfst nicht so 
selbstlos sein, Krafft. Mußt auch an deine Pflichten denken, 
die du Dünentrutz gegenüber hast. Darfst sie aus 
Ritterlichkeit nicht übergehen. Willst du mir versprechen, 
offen und ehrlich zu sagen – wenn – wenn ich gehen soll?« 

background image

»Das verspreche ich dir, Ilse-Sibylle«, entgegnete er fest. 
»Ilse-Sibylle, nun wird es langsam Zeit, daß wir mit unserer 

Besuchstour beginnen. Wir sind schon länger als ein halbes 
Jahr verheiratet, und immer noch nicht habe ich dich 
ausgeführt. Man hat mich im Verdacht, daß ich dich 
barbarisch knebele und knechte, dich von der Welt 
abschließe in toller, blinder Eifersucht. Da muß ich mich 
doch zu rechtfertigen versuchen. Meinst du nicht auch?« 
Ilse-Sibylle sah unangenehm berührt von ihrem Buch auf. 
Was kam nun schon wieder? Daß sie gegen seinen Spott 
doch immer gewappnet sein mußte, sich nicht daran 
gewöhnen konnte! 
»Wenn du meinst, daß es erforderlich ist, Besuche zu 
machen, dann füge ich mich selbstverständlich«, sagte sie. 

»So – ach! Eigentlich habe ich doch eine fügsame Frau. Nie 
lehnt sie sich gegen meine Wünsche auf geht jeder 
Meinungsverschiedenheit aus dem Wege. Mehr kann ich 
doch wirklich nicht verlangen. Nicht wahr, Tante 
Marianne?« 
»Kannst du auch nicht«, bestätigte diese lächelnd. »Nur 
finde ich zu viel Fügsamkeit unklug. Sie verdirbt den 
Charakter des Partners, macht ihn selbstbewußt in 
übertriebenem Maße und herrschsüchtig.« 
»Womit du mich doch nicht womöglich meinst?« 
protestierte Krafft lachend. 
»So ein wenig doch«, war die neckende Erwiderung. »Aber 

beruhige dich, es fällt bei dir nicht auf.« 
Ilse-Sibylle hörte das alles mit Erbitterung. Warum konnte 
sie ihm niemals denselben Umgangston bieten wie die 
Tante? Wie einfach wäre dann alles gewesen, wie schön 
und leicht! 
Jetzt sprach er wieder zu Ilse-Sibylle, wobei der Spott in 
seinen Augen blitzte: 
»Also wollen wir uns morgen auf den Weg machen, um die 
Neugierde unserer Mitmenschen nicht immer weiter so 
grausam auf die Probe zu stellen. Sie brennen nämlich 
darauf, meine blendend schöne, entzückend feine, 

background image

unerhört charmante, königlich stolze, lilienzarte Gattin aus 
der Nähe bewundern zu dürfen – « 

»Höre endlich auf!« ließ sich ihre Empörung nun nicht 
mehr meistern. 
»Aber nicht doch, Kindchen!« sprach er lächelnd weiter. 
»Meine Worte dürfen dich gar nicht entrüsten. Alle die 
soeben gesagten netten Sachen sind Komplimente, die ich 
laufend über meine Frau zu hören bekomme. Vielleicht 
haben die Menschen gar nicht unrecht, wenn sie mich für 
einen vom Glück verfolgten, vom Schicksal unerhört 
bevorzugten Mann halten.« 
»Krafft, wenn du jetzt nicht aufhörst, dann treibst du mich 
aus dem Zimmer!« 
Immer mehr drohte Ilse-Sibylle ihre Beherrschung zu 

verlieren. Fast schwarz erschienen die Augen mit dem 
zürnenden Blick. Die Nasenflügel vibrierten vor 
unterdrücktem Weinen. 
So durfte er sie doch nicht verspotten – so doch nicht! Das 
hielt sie einfach nicht aus! Hochmütig warf sie den Kopf in 
den Nacken. 
»Wer kann dafür, daß deine Ehe nicht so ist, wie die 
Menschen vermuten? Ich gewiß nicht! Ich hätte schon 
längst einer anderen Platz gemacht, mit der du glücklich 
werden könntest. Aber du hältst mich ja – « 
»Und ich werde dich auch weiter halten, mein hochmütiges 
Kind, verlaß dich drauf!« 

»Dann beklage dich nicht und spotte nicht in dieser 
unerhört arroganten Weise!« zitterte sie vor Erregung, die 
sie krampfhaft zu unterdrücken versuchte. Wenn er doch 
endlich schweigen wollte! Aber da sprach er bereits wieder: 
»Ich habe bei dem weiblichen Geschlecht fast immer die 
Beobachtung machen müssen, daß es sich überschätzt. Bei 
dir jedoch fehlt diese Eigenschaft vollkommen – du 
unterschätzt dich. 
Also, abgemacht, fangen wir denn morgen mit den 
Besuchen an. Und wenn wir sie hinter uns haben, geben 
wir anschließend ein Fest. Du brauchst mich nicht so 

background image

entsetzt anzusehen. Deine Befürchtung, dieser Aufgabe 
nicht gewachsen zu sein – übrigens wieder eine 

Unterschätzung deiner Person – ist unnötig. Du hast weiter 
nichts zu tun, als durch deine Anwesenheit dem Fest die 
rechte Weihe zu geben. Dazu bist du da. Denn 
Herinnenwürde umschließt auch Herinnenpflichten.« 
Das klang so fest und abschließend, daß sie darauf nichts 
mehr zu erwidern wagte. Außerdem warnten seine Augen, 
die wie bläuliches Eis glitzerten, ihn nicht noch mehr zu 
reizen. 
Frau Marianne bangte vor der Stunde, in der Krafft erklären 
würde, daß er sich eine andere Gattin erwählt hätte. Dann 
würde Ilse-Sibylle erst ermessen können, was sie verloren, 
wieviel sie sich durch ihren Starrsinn verscherzt hatte. 

Mochte sie zehnmal einen anderen lieben, besser als Krafft 
von Broede konnte er bestimmt nicht sein. 
Sie schrak zusammen, als der Fernsprecher anschlug. Krafft 
nahm das Gespräch entgegen und lachte, als er den Hörer 
auf die Gabel legte. 
»Lo kommt mit ihren Eltern zu einem Plauderstündchen.« 
Ilse-Sibylle atmete auf. Kraffts Verstimmung war vorüber. 
Kaum hatte Lo das Schloß betreten, war es auch schon mit 
Frohsinn und Lachen erfüllt und alle Schatten waren 
gewichen. 
Schloß Dünentrutz erstrahlte im hellen Lichterglanz, wie 
zu Zeiten, als das Unglück noch keinen Einlaß darin 

gefunden hatte. 
Krafft von Broede hatte es schon immer verstanden, Feste 
zu feiern, doch diesmal übertraf er sich selbst. Er kümmerte 
sich bei der Vorbereitung um jede Kleinigkeit, so daß für 
Frau Marianne und Ilse-Sibylle kaum etwas zu tun 
übrigblieb. 
Frau Lina war ganz in ihrem Element. Sie schwang ihr 
Zepter resolut in Küche und Keller. Gottlob, es wurde 
wieder so wie zu Zeiten der seligen Herrschaften! Kein 
Leben war es in all den Jahren gewesen, in denen ihr 
Krafftchen sich von allem Verkehr abgeschlossen hatte. Er 

background image

war ja immer noch nicht wie früher, o bewahre! Aber er 
konnte doch wenigstens schon wieder lachen. Und das 

hatte die Frau Baronin zuwege gebracht. Dafür schloß Frau 
Lina sie immer fester in ihr gutes Herz. 
Sie könnte freilich anders sein, nicht so ernst. Ob ihr etwas 
fehlte? Denn so ein junges, schönes Blut, dazu Herrin von 
Dünentrutz, einen so seelenguten, vornehmen Gemahl. Ein 
so bevorzugtes Menschenkind mußte sich nach Frau Linas 
Ansicht freuen wie ein Vöglein auf dem Ast, mußte singen 
und jubilieren den ganzen Tag. 
Ilse-Sibylle hatte keine Ahnung, daß dieses von ihr verlangt 
wurde. Eben befand sie sich wohl schon eine Stunde unter 
den Händen der Zofe, die ihren Ehrgeiz darein setzte, die 
Herrin noch schöner als schön herauszustaffieren. 

Diese ließ das alles geduldig über sich ergehen. Ihr war es 
wirklich gleichgültig, wie sie aussah. Aber Krafft nicht. Und 
das war ausschlaggebend. 
Endlich hatte Lilly ihr ehrgeiziges Werk geschafft und 
berauschte sich nun förmlich an dem Anblick ihrer 
wunderschönen Herrin. 
Als der Herr eintrat, hingen die Augen des Mädchens bang-
fragend an seinem Gesicht. Doch als er, nachdem er die 
Gattin scharf gemustert, ihm freundlich zunickte, trollte es 
beglückt von dannen. 
Nun trat er zu Ilse-Sibylle, zog ein Etui aus der Tasche 
seines Fracks, ließ es aufspringen, und die junge Frau sah 

wie gebannt auf das herrliche Schmuckstück. Sie muckte 
nicht, als er es ihr um den Hals legte, hatte sich schon 
längst abgewöhnt, gegen seine Geschenke zu protestieren, 
weil es einfach nicht gehört wurde. 
Galant reichte er ihr den Arm. 
»Komm, kleine Mimose, stifte heute nicht zu viel Unheil! 
Hab Erbarmen mit armen, schwachen Männerherzen!« 
An seiner Seite betrat sie den prunkvollen Saal, wo die 
Tante bereits anwesend war. Ungemein distinguiert wirkte 
die hohe Gestalt, dazu viel jünger als ihre Jahre. 
Ilse-Sibylle wunderte sich, wie schon so oft, daß die Tante 

background image

nicht wieder geheiratet hatte. Sie konnte es gewiß noch mit 
mancher Jungen aufnehmen. 

Die Augen Frau von Bruckheims hingen wiederum an der 
Nichte. Wie sinnverwirrend schön das Kind war! Ihr 
schwoll das Herz vor Stolz. Sie konnte Krafft nicht 
begreifen, der von so viel zaubersüßer Schönheit unberührt 
zu sein schien. 
Die Gäste trafen nun nacheinander ein. Ilse-Sibylle 
begrüßte sie in vorbildlicher Haltung. Wie diese Menschen 
sie kalt ließen, deren diskret-neugierige Blicke sie über sich 
ergehen lassen mußte! 
Doch plötzlich strahlten ihre Augen auf in heller Freude. 
Ein Herr war eingetreten, der sofort umringt wurde, bis der 
Gastgeber ihn protestierend befreite und ihn der Gattin zur 

Begrüßung zuführte. 
»Hier bringe ich dir einen berühmten Gast.« 
»Hartmut!« 
»Ilsibyll!« 
Es war eine Wiedersehensfreude, die ihnen nur so aus den 
Augen lachte. Die Art, wie er ihre Hand an die Lippen 
führte, ließ auf Vertrautheit schließen. 
»Ilsibyll, liebes, süßes Mädchen, wie kommst du in diese 
feudale Umgebung?« hielt er noch immer ihre Rechte fest, 
die sie ihm hastig entzog. 
»Mein Mann-«, zeigte sie auf Krafft, der neben ihr stand 
und sich sehr ablehnend verhielt. 

In Dr. Vehrs Augen blitzte es überrascht auf, dann neigte 
sich seine sehnige Gestalt formell. 
»Oh, Verzeihung, Frau Baronin, ich wußte nicht – « 
»Aber Hartmut, ich bitte dich!« unterbrach sie ihn lachend. 
»Das ändert doch nichts an unserer Freundschaft. Du mußt 
mir nachher erzählen, wo du so plötzlich herkommst. Ich 
hielt dich für verschollen.« 
Nun lachte der Mann auf, ein warmes Jungenlachen. 
»Das war dumm von dir, Ilsibyll. Du kennst mich doch 
und mußt daher wissen, daß ich nicht so leicht 
totzukriegen bin.« 

background image

Krafft von Broede stand dabei und wunderte sich über 
seine Frau. Sie war ja gar nicht wiederzuerkennen! Ihre 

Augen strahlten, ihr Mund lachte. Dabei sprach sie so 
lebhaft, wie er es noch nie von ihr gehört. 
Ebenso verwundert waren Frau von Bruckheim und 
Rainers. Den anderen fiel die plötzliche Veränderung nicht 
auf, da sie die Gastgeberin ja nicht kannten. 
»Sieh nur, Tante Marianne, das ist Hartmut Vehr«, erklärte 
sie ihr, die beunruhigt näher trat. »Die Häuser unserer 
Eltern lagen nebeneinander, wir waren unzertrennlich.« 
»Was uns nicht abgehalten hat, uns ab und zu gehörig zu 
prügeln«, ergänzte er fidel, sich dabei vor der Dame 
verbeugend in seiner weltgewandten Art. »Ilsibyll war 
nämlich eine Tyrannin, und wenn ich unter ihrem Joch 

rebellisch werden wollte, dann verprügelte sie mich.« 
»Glaube ihm das doch nicht!« lachte Ilsibyll hellauf. »Er 
übertreibt von jeher schrecklich, scheint sich in der 
Beziehung nicht geändert zu haben.« 
»Auch du hast dich nicht verändert«, stellte er fest. »Bist 
immer noch der lustige Kobold geblieben. Hätte ich jedoch 
gewußt, daß du eine so sinnverwirrende Schönheit werden 
würdest, ich hätte – « 
»Nun, was hättest du?« 
»Sag ich nicht!« neckte er. 
Ein Diener, der meldete, daß angerichtet war, machte 
dieser frohen Unterhaltung ein Ende. Darüber war Ilse-

Sibylle gar nicht entzückt. Nun mußte sie unter fremden, 
gleichgültigen Menschen sitzen und hätte dem Freund 
doch so viel zu erzählen gehabt! 
Doch sie hatte Glück. Dr. Vehr saß ihr schräg gegenüber, so 
konnte sie wenigstens sein lachendes Gesicht sehen. 
Auch Krafft von Broede saß ihr gegenüber. Doch heute fiel 
ihr gar nicht auf, wie hart und undurchdringlich sein 
Gesicht war. Sie hatte auch keinen Blick für die Tante, die 
sie scharf beobachtete. 
Von allem merkte Ilse-Sibylle nichts. Ihre Blicke kreuzten 
sich immer wieder mit denen des Jugendfreundes. 

background image

Dabei vergaß sie jedoch ihre Herrinnenwürde nicht. Man 
war allgemein entzückt über so viel Schönheit, Grazie und 

angeborene Vornehmheit. 
Sehr ernst und verschlossen sollte sie sein? Das konnte 
doch kaum stimmen. Unnahbar, ja, das war sie wohl. Sie 
hatte etwas in ihrer Art, das eine unsichtbare Schranke um 
sie bildete, sofern sie es wünschte. 
Man fand auch, daß sie mit dem berühmten Forscher recht 
oft tanzte. Doch schließlich waren sie Kindheitsgespielen. 
Warum sollte sie nicht? Zumal ihr Mann sich ja auch sein 
Vergnügen suchte. Der Schwerenöter blieb doch immer auf 
der Höhe! Während er es außerhalb seines Hauses arg und 
toll trieb, wählte er sich eine schneeweiße Lilie als Hüterin 
seines Heims und Herdes. 

Auch Lo war heute unglaublich reizend. Sie wiederum 
tanzte viel mit ihrem Tischherrn, Freiherrn von Lürstädt. 
Plauderte dabei in ihrer herzerquickenden Art frisch 
drauflos, so daß der ernste Mann immer wieder herzlich 
lachen mußte. Sie hatten beide mehr dem Sekt 
zugesprochen, als es dienlich sein konnte. Daher kam es 
wohl, daß der sonst so zurückhaltende Mann seine 
Tanzpartnerin fester an sich zog, als er es sonst zu tun 
pflegte, und sie sich enger als schicklich in seinen Arm 
schmiegte. Daß ihre Blicke sich oft dabei trafen, ließ sich 
nicht vermeiden. 
Zuerst gab Lo den Blick offen und frei zurück, wodurch sie 

ihm die Gelegenheit bot, sich in den Anblick der blauen 
Augensterne zu vertiefen – und sie sinnverwirrend schön zu 
finden. Dabei redeten die seinen eine so deutliche Sprache, 
die Lo nur zu gut verstand. Allein sie nahm ihm seine 
Kühnheit durchaus nicht übel, sondern stellte bei sich fest, 
daß dieses Fest so wunderbar wäre, wie sie ein ähnliches 
noch nie mitgemacht. 
Als die ersten Gäste zum Aufbruch rüsteten, fand sie das 
recht rücksichtslos von ihnen. Wenn nämlich erst der 
Anfang gemacht war, folgten auch die übrigen bald. 
Bei passender Gelegenheit huschte sie hinaus, ohne sich 

background image

einen Mantel überzuziehen. 
Ach ja – so war es schön. Die herbe Nachtluft kühlte Kopf 

und Herz. Der Mond warf sein weißes Licht auf die See, 
ließ sie aufblitzen wie Silber. Hell jauchzte sie auf in 
unbändiger Lebensfreude. 
Und schrak dann zusammen, als eine dunkle Gestalt sich 
ihr näherte. Nun klopfte ihr Herz in banger Furcht. 
»Gnädiges Fräulein, welch ein Leichtsinn!« hörte sie da 
eine dunkle, ihr nur zu bekannte Stimme. »So erhitzt, wie 
Sie vom Tanz sind, laufen Sie hinaus!« 
»Ich hatte plötzlich eine unbezwingbare Sehnsucht nach 
Himmel, Wald und See«, lachte sie beklommen zu ihm 
auf, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. »Ihnen 
erging es wohl ebenso?« 

»Allerdings. Nur war ich nicht ganz so leichtsinnig und 
stürmisch. Nahm mir Zeit, den Mantel anzuziehen, der 
jetzt übrigens gute Dienste leisten wird.« 
Damit hüllte er das Mädchen in den Mantel, was es sich 
gern gefallen ließ. 
»So, mein Fräulein Leichtsinn. Sie als Seemöwe müßten 
doch wissen, daß an diesem herrlichen Gewässer stets ein 
kühles Lüftchen weht, das unbedachten jungen Damen 
Schnupfen und damit ein rotes Naschen bringen kann.« 
»Brrr, Herr von Lürstädt, das wäre nicht schön!« 
»Nicht wahr, so ein entzückendes Naschen!« 
»Oh, mein gestrenger Herr, seit wann machen Sie 

Komplimente?«  neckte  sie,  worauf  er  sich  so  tief  zu  ihr 
beugte, daß sein Mund fast ihr Ohr berührte. 
»Seitdem ich tief, tief in zwei unerhört schöne Blauaugen 
geschaut habe«, flüsterte er. 
Heiß stieg ihr Blut ins Gesicht. Sie war so verwirrt, wie 
noch nie zuvor in ihrem Leben. 
»Sie lieben wohl auch die See?« fragte sie hastig, um nur 
etwas zu sagen. 
»Ja, sehr – «, entgegnete er warm. »Ich wünschte, ich 
brauchte nie mehr von ihr fort.« 
Lo fühlte die Augen des Mannes wie eine heiße Flamme auf 

background image

ihrem Gesicht. Beharrlich hielt sie die Augen gesenkt. Und 
als sie diese dann doch zu ihm aufschlug, wie von einer 

fremden Macht getrieben, verrieten sie viel, sehr viel – alles. 
Der Mond beschien das süße Antlitz, in dem nur diese 
Augen zu leben schienen, schwarzblau wie die See im 
Sturm. 
Machte es der reichlich genossene Sekt, machte es die 
traumhafte Stimmung um sie her – ganz unerwartet 
schlang sie die Arme um seinen Hals mit leidenschaftlicher 
Heftigkeit. 
Zuerst wollte der überraschte Mann sich zart aus der 
Umschlingung lösen, doch dann preßte er die bebende 
Gestalt an sich in heißem Glücksgefühl. 
Und um sie her brandete die See, rauschte der Wald – und 

ebenso gewaltig brandete es in ihren Herzen. Heiß preßten 
sich seine Lippen auf die ihren. 
»Oh, du Liebste mein, du Heißersehnte, Erträumte!« raunte 
die Männerstimme in ihr Ohr. 
Sie hielten sich umschlungen, als wollten sie sich nicht 
mehr voneinander lösen. 
Erst als in der Nähe Stimmen laut wurden, machte sie sich 
frei. Noch ein Kuß, heiß, heftig – dann eilte sie einen 
Nebenweg zum Schloß hinauf. 
Atemlos erreichte sie den Saal. Gottlob, ihre Eltern hatten 
sie noch nicht vermißt! 
Aufatmend ließ sie sich an Ilse-Sibylles Seite auf das kleine 

Sofa fallen. 
»Bist du nicht mit an die See gegangen, Lo?« fragte diese 
erstaunt. »Die Gäste bekamen plötzlich Lust, den 
Mondzauber zu genießen. Wollen wir ihnen nachgehen?« 
»Ich mag nicht, Ilsibyll.« 
»Und warum nicht, entzückendstes aller Bäschen?« 
Sie fuhr herum und lachte Krafft von Broede an, der hinter 
sie getreten war. 
»So eine Mondschwärmerei in Massen ist doch recht 
erhebend«, spottete er. »Aber wie wär’s mit uns beiden? 
Wollen wir ganz allein schwärmen gehen?« 

background image

»O nein, vieledler Schloßherr, das wäre zuviel Ehre für 
mich Erdenwurm. Überhaupt ein sträflicher Leichtsinn, mir 

derartiges anzubieten, wo deine Frau dabeisitzt. Da muß 
ich doch schon aus Anstand danken.« 
Krafft sah zu Ilse-Sibylle hin, die ihre rosige Laune verloren 
zu haben schien. Kunststück, der Jugendfreund war ja auch 
nicht sichtbar! Er schwärmte sicherlich auch am Strand den 
Mond an. 
Doch nein, dort tauchte er auf, näherte sich jetzt. Hm, gar 
nicht so übel. Wie geschaffen, Frauenherzen zu betören. 
Etwas Verwegenes lag über der sehnigen Gestalt, dem 
hageren Gesicht mit den lustigen, klugen Augen darin. 
Und siehe da, Ilse-Sibylle lachte schon wieder! 
Krafft entfernte sich. 

Zu Hause stürmte Lo zu ihrem Zimmer hinauf, sank in die 
Knie schluchzend vor Glück. So also sah das Glück aus, das 
sie schon lange erträumt! Wie war sie bisher gleichgültig 
über das Werben der Männer hinweggegangen – doch 
dieser – ja, der hatte sie bezwungen von Anfang an. 
Wer konnte dabei schlafen? 
Wohl entkleidete sie sich, ging zu Bett – aber einschlafen 
konnte sie noch lange nicht. 
Sie erwachte auch früher als zur gewohnten Stunde. Bis die 
Eltern heute, am Sonntag, aufstehen würden, das konnte 
noch gut zwei Stunden dauern. In der Zeit wollte sie einen 
Ritt unternehmen. Vielleicht begegnete sie Winfried 

unterwegs. 
In dieser frohen Erwartung machte sie sich auf den Weg. 
Ihr Ziel war Dünentrutz. Immer wieder umkreiste sie es, 
doch so scharf sie auch umherspähte, der Ersehnte war 
nirgends zu erblicken. 
So entschloß sie sich, den Verwandten einen 
Morgenbesuch zu machen. Hoffentlich war man schon auf. 
So platzte sie denn mit frischfröhlichem Gruß in das 
Frühstückszimmer, wo man gerade mit der Mahlzeit fertig 
war und nun ein behagliches Eckchen aufsuchte, um sich 
dort niederzulassen. 

background image

Krafft war entsetzlich übler Laune, und die Damen sahen 
verstimmt und angegriffen aus. 

Los Erscheinen wirkte wie ein Sonnenstrahl, der durch 
düsteres Gewölk bricht. Kraffts finstere Miene hellte sich 
auf. 
»Sieh mal einer an, die süße Lo! Schon so früh auf den 
entzückenden Beinchen?« 
»Warum nicht?« lachte sie. »Ich bin ein Landkind und 
daher Frühaufsteherin.« 
»Na – um fast elf Uhr!« spottete er. 
»Bitte sehr, ich habe bereits einen stundenlangen Ritt 
hinter mir.« 
»Demnach scheint dir das Fest ausgezeichnet bekommen 
zu sein. 

Wie machst du es eigentlich, daß du stets so prächtiger 
Laune bist? 
Kannst du das Rezept nicht deiner Base geben und es ihr 
zur Benutzung warm empfehlen?« 
»Nun, deine Laune scheint auch nicht gerade rosig zu sein«, 
meinte Lo trocken. »Aber das bringt ein Fest so mit sich, die 
berühmte Katerstimmung nämlich. Da will ich euch einen 
Vorschlag machen, wie wir den Misepeter in die Flucht 
schlagen können. Wir veranstalten eine gemütliche 
Nachfeier. Einverstanden?« 
»Kleine Lo, wie bist du klug und reizend!« lobte er. »Ich bin 
sehr dafür, deinen Vorschlag zu akzeptieren. Doch die 

gestrenge Gebieterin meines Heims und Herdes – « 
»Ich bin sehr damit einverstanden«, unterbrach sie ihn 
gereizt. Gut, daß der Diener in diesem Augenblick eintrat. 
»Herr Dr. Vehr läßt die Frau Baronin fragen, ob er am 
Nachmittag seine Aufwartung machen darf.« 
»Selbstverständlich!« entgegnete sie lebhaft. Müdigkeit und 
Verstimmung waren mit einem Schlage von ihr gewichen. 
In die eben noch so kühlen Augen trat ein Leuchten. 
»Sagen Sie dem Herrn Doktor – doch nein, ich gehe selbst 
an den Apparat.« 
Krafft sah ihr mit einem eigentümlichen Blick nach, und 

background image

das Antlitz der Tante überzog sich mit der Röte des 
Unwillens. 

Lo wurde es schwül. Sie überlegte, ob es nicht besser wäre, 
Reißaus zu nehmen, doch da kam Ilse-Sibylle wieder, froh 
und lachend. 
»Ich habe ihn zum Nachmittag hergebeten. Du hast doch 
nichts dagegen, Krafft?« 
»Oh – bitte sehr!« 
Lo sah betroffen zu ihm hin. Eisig war der Klang seiner 
Stimme, stahlhart der Blick der graugrünen Augen. Wie 
konnte Ilse-Sibylle nur so gelassen dabei bleiben! 
Daß zwischen den Gatten etwas nicht stimmte, war ihr 
schon längst klar. Doch wer trug die Schuld daran? Das zu 
ergründen war ihr noch nicht gelungen, weil beide sie nicht 

in ihr Fühlen und Denken blicken ließen. 
»Lo, ich komme mit dir zu Pferde nach Unruh«, riß die 
Base sie aus ihren Grübeleien. »Ich esse bei euch zu Mittag 
und kehre in eurer Gesellschaft nach Dünentrutz zurück.« 
»Was ich dir verbiete!« warf der Gatte in kalter Ruhe ein. 
»Du bist immer noch nicht so sicher auf dem Pferd, daß du 
dich in Los Gesellschaft vom Hof wagen kannst. Und ich 
habe keine Zeit, um dich zu begleiten.« 
»Ich bin aber bereits sehr sattelfest. Frage nur Lo.« 
»Los Urteil ist mir nicht maßgebend. Sie ist eine so 
verwegene Reiterin, daß sie für Anfänger kein Verständnis 
haben kann. Schlage dir also deinen unvernünftigen 

Wunsch nur aus dem Köpfchen.« 
»Ich will aber!« warf sie den Kopf in den Nacken. 
»Will – ach, du lieber Himmel, ich will auch so manches«, 
gab er ungerührt zurück. Er schien ruhig. Allein in seinen 
Augen drohte und warnte etwas, ihn nicht zu reizen. 
In Lo stieg ein banges Gefühl auf. 
»Ilsibyll, gib doch nach!« redete sie ihr zu. »Krafft will dich 
doch nicht schikanieren. Er fürchtet, daß dir bei dem Ritt 
etwas zustoßen könnte.« 
»Ach, sieh mal an, kleine Lo, das hast du gemerkt?« 
Nach diesen ironischen Worten trat eine schwüle Stille ein, 

background image

in die Winfried von Lürstädt hineinkam. 
Und da vergaß Lo alles: Ilse-Sibylle, Krafft von Broede, die 

beklemmende Atmosphäre im Dünenschloß. 
Sie griff nach ihrem Herzen, als müßte sie es festhalten, so 
rasend klopfte es. Die Augen brannten in dem vor Erregung 
erblaßten Gesicht. Die Hand, die sie ihm zur Begrüßung 
entgegenstreckte, war eiskalt. Er nahm sie mit tadelloser 
Verbeugung. Doch kein Druck erfolgte, nicht das kleinste 
vertrauliche Zeichen. 
Herrgott, warum krampfte sich plötzlich ihr Herz 
zusammen in nie geahnter Qual? 
Nur gut, daß die Herren in ein lebhaftes Gespräch kamen, 
an dem sich auch Frau von Bruckheim beteiligte. So blieb 
Lo unbeobachtet. Ilse-Sibylle, die sich still verhielt, hatte 

sie nicht zu fürchten. Die war selbst in sich versunken. 
Ganz unerwartet sprach sie dann den Verwalter an: 
»Herr von Lürstädt – « 
»Frau Baronin?« 
»Haben Sie Zeit?« 
»Ich stehe zu Diensten.« 
»Dann bitte ich Sie, meine Base und mich zu Pferde nach 
Unruh zu begleiten. Mein Mann will mich ungern allein 
reiten lassen, und er selbst ist verhindert – « 
Lo blickte Ilse-Sibylle erschrocken an. Großer Gott, was 
wagte sie! Sich dem ausdrücklichen Befehl des Gatten so 
hochmütig zu widersetzen! 

Und dann die Stimme, mit der er dem Verwalter Bescheid 
gab, der ihn fragend ansah! Lo schauerte unter ihr 
zusammen. 
»Tun Sie meiner Frau nur den Gefallen, Herr von Lürstädt.« 
Lo bewunderte den Mann, der solche Gewalt über sich 
hatte. Ein Glück für Ilse-Sibylle, die sich ihrer Meinung 
nach unerhört benahm. Diese Ansicht schien übrigens Frau 
von Bruckheim mit ihr zu teilen. Denn der Blick, mit dem 
sie die Nichte musterte, Heß deutlich Mißbilligung 
erkennen. - 
Und da konnte Lo feststellen, daß die Base sattelfest war. 

background image

Wunderbar hatte sie den rassigen Gaul unter der Faust. 
Galoppierte dahin mit Schick und Schneid. 

»Herrlich!« lachte sie zu Lürstädt hin, der sie nicht aus den 
Augen  ließ.  »Bei Ihnen kann ich wenigstens nach 
Herzenslust dahinjagen. Mein Mann läßt mir nie so den 
Willen. Wenn ich mit ihm reite, hat er ständig etwas zu 
kritisieren.« 
»Womit der Herr Baron recht tut«, war die ruhige 
Entgegnung des Verwalters. Er lächelte leicht, als sie ihn 
verblüfft ansah. 
»Ich meine, daß Frau Baronin sonst in so kurzer Zeit nicht 
eine so vorzügliche Reiterin geworden wären«, ergänzte er. 
Ilse-Sibylle lachte und sah sich nach Lo um, die ganz gegen 
ihre sonstige Gewohnheit gemächlich ritt. Stets blieb sie 

hinter ihnen zurück. Absichtlich, denn sie fürchtete, ihre 
Beherrschung zu verlieren. Keinen Blick hatte der Mann für 
sie, was ihr Herz bitter schmerzen machte. Gewiß, Krafft 
hatte ihm seine Frau anvertraut, daher mußte er auf sie 
achten. Und doch hätte er ihr einmal einen verstohlenen 
Blick, ein vertrautes Wort schenken können. 
Am Nachmittag wird es besser werden, tröstete sie sich. 
Dann hat er Zeit, sich mir zu widmen. 
Allein es wurde nicht besser. Natürlich war Lürstädt bei der 
kleinen Nachfeier zugegen. Die Zeiten waren dahin, wo er 
nur zu geschäftlichen Besprechungen das Schloß betrat. 
Dafür sorgten schon die Damen, daß er nun zwanglos 

darin aus- und einging. Das hatte Krafft, als er von seiner 
Reise zurückkehrte, nicht wenig erstaunt. Lachend hatte er 
gesagt: 
»Was für ein böser Mensch Sie doch sind, Herr von 
Lürstädt! Solange ich allein war, fiel es Ihnen nicht ein, mir 
Einsamem Gesellschaft zu leisten. Nun aber die Damen 
hier sind – « 
»Ich wußte ja nicht, Herr Baron – « 
»Schon gut«, hatte dieser abgewinkt. »Ihre 
Unzugänglichkeit ist mir ja bekannt.« 
Lo war heute von einer Lustigkeit, die fast übertrieben 

background image

anmutete. Nur nicht zur Besinnung kommen! Sonst hätte 
sie die Qual hinausschreien müssen, die ihr Herz 

umkrallte. Wie beneidete sie Ilse-Sibylle, die mit dem 
Jugendfreund plauderte und lachte, sich unbeschwert dem 
Zusammensein mit ihm hingab! 
Doch diese frohgemute Stimmung war mit einem Schlage 
dahin, als es ans Abschiednehmen ging. Mit 
tränenverdunkelten Augen sah sie auf den Mann, der sich 
über ihre Hand beugte. 
»Leb wohl, Ilsibyll, morgen muß ich wieder fort. Ich kann 
noch nicht seßhaft werden, habe noch zu unruhiges Blut.« 
»Morgen schon?« fragte sie leise. »Gibt es denn keinen 
Menschen in der Heimat, der dich halten könnte?« 
»Du hättest es gekonnt«, entgegnete er in ungewohntem 

Ernst. »Aber du bist ja nicht mehr frei. Bist die Gattin eines 
Mannes, der dir viel mehr bieten kann als ich. Es ist gut, 
daß du ihn erwähltest, Ilsibyll. Er paßt vortrefflich zu dir. 
Und ich will weiterwandern. Nach Schmetterlingsart von 
allen süßen Blüten naschen – und dabei vergessen, daß es 
eine Ilsibyll gibt, die schön wie ein Traum ist.« 
Ehe sie etwas erwidern konnte, ging er davon. 
Als sie sich umwandte, stand Krafft hinter ihr. 
Auge ruhte in Auge, bis er dann langsam sprach: 
»Wenn du dir das nächste Mal so fabelhafte Komplimente 
machen läßt, dann laß deinen Anbeter wenigstens auf mich 
Rücksicht nehmen – « 

Hochmütig warf sie den Kopf zurück, ihren Mund 
umspielte ein geringschätziges Lächlen. 
»Dann stehe du ein andermal nicht in den Ecken herum.« 
»Oh, bitte sehr, in meinem Hause.« 
»Kannst du tun und lassen, was du willst. Aber beruhige 
dich nur: Ilse-Sibylle Rainer – « 
»Broede wolltest du wohl sagen.« 
»Nein, Rainer! Also – Ilse-Sibylle Rainer weiß sehr wohl, 
wie weit sie gehen kann.« 
»Fabelhaft beruhigend für mich.« 
»Na also!« 

background image

Wieder flog der Kopf in den Nacken. Sie wandte sich ab, 
ließ ihn einfach stehen. 

Dieser Vorgang war von niemand bemerkt worden. Alle 
lauschten den launigen Worten Dr. Vehrs, der eine 
Abschiedsrede hielt. 
Langsam näherte Ilse-Sibylle sich der Gruppe. 
Welch eine einnehmende Persönlichkeit der Freund doch 
war! Etwas herzerquickend Frisches ging von ihm aus. 
Hätte sie ihn doch lieben können! Lachenden Mundes 
wäre sie vor Krafft von Broede hingetreten, hätte frei und 
froh bekannt: Sieh her, ich liebe diesen Mann. Habe also 
stichhaltige Gründe, mich von dir zu trennen. 
Und wäre dem anderen gefolgt über Länder und Meer, 
durch Not und Tod. 

Sicherlich hätte sie den Jugendgespielen lieben können, 
wenn ihr nicht Krafft von Broede begegnet wäre. Wäre 
Hartmut gekommen, bevor das Schicksal sie ereilte. 
Nun kam sie nicht mehr von ihm los. Oh, Krafft von 
Broede! 
Augenblicklang war es ihr, als müßte sie zu Dr. Vehr eilen, 
ihn bitten: Nimm mich mit dir, schütze mich vor meinem 
eigenen Herzen, sonst muß ich versinken in einer Liebe -. 
Und wäre doch langsam zugrunde gegangen ohne Krafft 
von Broede! 
Nachdem Vehr gegangen war, wollte unter den 
Zurückbleibenden keine rechte Stimmung mehr 

aufkommen. So brachen Rainers denn auch bald auf. 
Wie anders war für Lo diese Heimfahrt! Sterbenselend 
fühlte sie sich und durfte sich doch nicht gehenlassen, um 
die Eltern nicht zu beunruhigen. 
Oh, wenn sie wüßten – sie hätten mit ihr gelitten! 
Und konnte Lo in der Nacht vorher vor Glück nicht 
schlafen, so konnte sie es in dieser Nacht nicht vor 
herzblutendem Jammer. 
Wie zerbrochen erhob sie sich am Morgen. Trotzdem war 
eine eiserne Entschlossenheit in ihr. Sie mußte sich 
Gewißheit verschaffen! War nicht gewillt, sein sonderbares 

background image

Verhalten still und ergeben über sich ergehen zu lassen. Sie 
wollte und mußte ihn zur Rede stellen! 

So ritt sie dann stundenlang im Dünentrutzer Gelände. 
Irgendwo mußte sie ihm begegnen. 
Und endlich kam er ihr vom Wald aus entgegengeritten. 
Stutzte, als er sie so unerwartet vor sich sah, zog höflich 
den Hut und wollte an ihr vorüber. 
»Guten Morgen, Herr von Lürstädt«, sprach sie ihn an, so 
daß er notgedrungen sein Pferd zügeln mußte. 
»Guten Morgen, gnädiges Fräulein. Wie ist Ihnen der 
gestrige Abend bekommen?« 
Lo sah scharf zu ihm hin. Wollte er sich gar über sie lustig 
machen? Doch nein, sein Gesicht war ernst und 
verschlossen. 

O ja, er war wohl jeder Situation gewachsen, der Freiherr 
von Lürstädt! Sicher und weltgewandt plauderte er, 
während die Pferde nebeneinander dahintrabten. Sprach 
von allem möglichen, nur nicht von dem, worauf sie 
herzklopfend wartete. 
Eine ganze Weile hörte sie sich das mit an, dann konnte sie 
es nicht mehr ertragen. Heiß stieg es in ihren Augen, 
schmerzend, aus qualzerrissenem Herzen empor. 
»Winfried!« 
Leise, bebend kam sein Name über ihre zuckenden Lippen, 
die ebenso weiß waren wie das Antlitz. An dem seinen 
hingen flehend ihre Augen, aus denen nun schwere Tränen 

tropften. 
Sein Pferd warf nervös den Kopf zurück, als würde der 
Zügel zu fest angezogen. 
Das dauerte nur einige Atemzüge lang. Dann neigte er sich 
ihr höflich zu. 
»Wie meinen gnädiges Fräulein?« fragte er ruhig. 
Da zerbrach etwas in ihr. 
Das ließ sich nun wirklich nicht mehr ertragen, nein, gewiß 
nicht! Jetzt erst schwand alle Hoffnung dahin, daß ein 
Mißverständnis zwischen ihnen liegen könnte. Noch ein 
Blick traf ihn, in dem Qual, Bitterkeit und tiefverletztes 

background image

Empfinden vereint stand. 
Dann gab sie ihrem Pferd die Sporen und jagte davon. 

Schneller, immer schneller, nicht achtend, daß das zierliche 
Tier es kaum schaffte. Erst als es stehenblieb, zitternd und 
mit Schaum bedeckt, da kam sie zur Besinnung. 
Liebkosend klopfte sie seinen Hals. 
»Irrwisch, armer Kerl!« sagte sie leise. »Du mußt büßen, 
was andere verbrachen.« 
Tränen tropften auf des Pferdes Mähne, das nun 
gemächlich weitertrabte. Oh, diese Schmach – diese 
entsetzliche Schmach! 
Da hatte sie manch einen Freier abgewiesen, war verrufen 
in der Umgegend, daß ihr kein Mann gut genug wäre. Daß 
sie wahrscheinlich auf einen Märchenprinzen wartete. 

Und nun – hier, wo sie von ganzem Herzen liebte, bot sich 
ihr verletzende Gleichgültigkeit nach Minuten süßer 
Tändelei! 
Wenn er nicht der Edelmann ist, für den sie ihn hält, dann 
pfeifen es die Spatzen bald vom Dach, daß sie, Elisabeth-
Charlotte Rainer, sich einem Mann an den Hals geworfen 
hat. 
Sie ritt langsam Schritt für Schritt, während ihr Herz sich 
wand in Qual und Pein. Wenn sie sich doch 
zusammenreißen könnte, damit die Eltern von ihrem 
Jammer nichts merkten! Ihre zärtliche Sorge würde Lo 
vollkommen haltlos machen. 

Als sie Unruh erreicht hatte, saß sie am Pferdestall ab, 
übergab das Pferd einem Knecht und schritt langsam dem 
Herrenhaus zu. 
Ihr erschien es kaum möglich, daß sie vor wenigen Tagen 
noch wie ein wilder Cowboy über den Hof gejagt war. Ein 
ganzes Menschenleben schien ihr dazwischen zu liegen, 
voll Herzeleid und Schmach. 
Als sie am Speicher vorüberging, scholl ihr Gesang daraus 
entgegen. 
Die Gutsmädchen sangen bei ihrer eintönigen Arbeit. Lo 
mochte diese schlichten Weisen sehr gern, die so viel 

background image

schmerzlichsüße Verträumtheit in sich bargen, die von der 
Liebe Lust und Leid erzählten: 

 
»Ich liebte dich so heiß, so innig, 
ich dacht, dein Herz war’ ewig mein. 
Du aber machst mir nichts als Schmerzen, 
du aber machst mir nichts als Pein – « 
 
Lo lief davon, um das traurige Lied, das so gut zu ihrer 
trostlosen Verfassung paßte, nicht länger mit anhören zu 
müssen. 
Doch  als  sie  in  ihr  Zimmer  kam,  drang  der  Gesang  durch 
die geöffneten Fenster deutlich zu ihr herein. 
 

»So leb denn wohl, du Heißgeliebter, 
nie wirst du, nie, mich wiedersehn – « 
 
Da machte sie das Fenster zu und weinte verzweifelt. 
Die Tage gingen dahin, und Weihnachten stand vor der 
Tür. 
Ilse-Sibylle vergaß ihre Herzensnot, schaffte eifrig Berge 
von Geschenken herbei. Immer wieder erbat sie von Krafft 
Geld, das er ihr lächelnd gab. 
Schon am frühen Morgen des Weihnachtstages arbeitete sie 
in dem großen Saal, in dem den Gutsleuten und deren 
Kindern beschert werden sollte. 

»Krafft, du mußt mir helfen!« 
Er trat ein, schloß die Tür und schaute lächelnd auf das 
entzückende Bild, das sich seinen Augen bot. Dann setzte 
er sich zu ihr auf den Boden, die langen Beine von sich 
streckend. 
Sie lachte ihn an mit strahlenden Augen. Ihre Wangen 
glühten vor Eifer. 
»Schau mal her, Krafft, dieser dicke, süße Bengel muß das 
Pferdchen haben, nicht wahr?« 
»Selbstverständlich«, bestätigte er, während seine Augen 
Bild und Pferd nicht erfaßten, die sie ihm unter die Nase 

background image

hielt, sondern an ihrem heute so frohen Gesicht hingen. 
»Und diese Puppe bekommt die Kleine mit dem dunklen 

Köpfchen, meinst du nicht auch?« 
»Gewiß.« 
»Aber Krafft, du siehst ja gar nicht hin!« rief sie unmutig. 
»Doch, kleine Frau, sprich nur immer weiter.« 
Er bemühte sich, fortan aufmerksam zu sein, und wurde 
ihr eine brauchbare Hilfe. 
Es war schon um die Mittagszeit, da waren sie immer noch 
eifrig bei der Sache. Sie wurde allmählich nervös, klopfte 
ihm auf die Hand, wenn er etwas verkehrt machte. Dann 
lachte er, hielt die strafende Rechte fest und küßte die 
rosigen Fingerspitzen. Nicht einmal Mittag wollte sie essen, 
doch da sprach er ein Machtwort. 

Während Ilse-Sibylle aß, überlegte sie, wie sie alles am 
praktischsten einteilen könnte. Sie hörte nicht darauf, was 
die anderen sprachen. Gab daher öfter verkehrte Antworten 
und mußte sich gefallen lassen, daß man sie auslachte. 
Dann fiel ihr etwas ein, das sie gleich in Worte faßte: 
»Herr von Lürstädt«, wandte sie sich an ihn. »Mein Mann 
sagte mir, daß Sie vorige Weihnachten fort waren. Wollen 
Sie womöglich heute wieder verreisen?« 
»Gewiß, Frau Baronin. Es ist doch so üblich, daß die 
unverheirateten Beamten an den Festtagen verreisen.« 
»Üblich? Wie soll ich das verstehen? Haben Sie Verwandte, 
die sich auf Ihr Kommen freuen?« 

»Nein, Frau Baronin. Ich habe weder Eltern noch 
Geschwister.« 
»Dann wollen Sie sich unter Fremden herumtreiben? 
Daraus wird nichts! Nicht wahr, Sie bleiben hier?« 
Mit einem entzückenden Lächeln streckte sie ihm die Hand 
hin, die er an die Lippen zog. In seinem Gesicht zuckte es. 
»Ich bleibe gern, Frau Baronin.« 
»Also dann verreisten Sie im vorigen Jahr nur, weil es ›so 
üblich‹ ist, und ließen mich hier allein sitzen?« fragte 
Krafft. 
»Ich wußte nicht, ob ich bleiben durfte, Herr Baron. Dazu 

background image

aufgefordert wurde ich nicht.« 
»Oh, über diesen unzugänglichen Menschen! Ein Glück, 

daß meine Frau darauf kam, Sie aufzufordern. Sonst wären 
Sie aus lauter ›Üblichkeit‹ auch heute abgedampft. Wohin 
sollte die Reise gehen?« 
»Wahrscheinlich in die Berge.« 
»Sonderbarer Mensch! Wenn Sie klettern wollen, dann 
können Sie das auch hier tun. Und zwar die Trittleiter zum 
Weihnachtsbaum hinauf, der noch geschmückt werden 
muß. Meine Frau kann noch sehr gut eine Hilfe brauchen.« 
So wurde denn auch er noch von Ilse-Sibylle angestellt, 
ebenso Frau von Bruckheim. Es wurde tüchtig geschafft, 
dabei auch gescherzt und gelacht. 
Um die Kaffeezeit kam Lo. Ihr Lächeln erstarrte, als sie 

Lürstädt sah, den sie hier bestimmt nicht vermutet hatte. Er 
war dabei, vergoldete Nüsse an den Baum zu hängen. 
»Kommst du auch noch helfen, Lo?« fragte Ilse-Sibylle 
fröhlich. 
»Hast du eine Ahnung! Ich habe zu Hause noch reichlich 
zu  tun.  Habe  noch  eine  wichtige  Besorgung  in  der  Stadt 
gemacht und wollte eben nur schnell mal hereingucken. 
Du hast doch wahrhaftig Hilfe genug. Mir hilft nur die 
Mutti. Mein Vater ist beim Baumschmücken nicht zu 
gebrauchen. Wo der hinfaßt, da kracht gleich alles.« 
Mein Vater – wie das aus ihrem Mund klang! Wo war die 
Zeit, da sie ihn Julius genannt hatte in Übermut und 

Schelmerei? O ja, Lo hatte sich sehr verändert. 
»Vielleicht ist deine Hilfe mehr wert als meine reichliche 
hier zusammen«, bemerkte Ilse-Sibylle lachend und wurde 
heftig wegen böser Verleumdung bedroht. 
»Denke dir nur, Lo, Herr von Lürstädt wollte heute wieder 
verreisen, wie in den Jahren vorher, obgleich er gar keine 
nahen Verwandten hat und daher nicht weiß, wo er 
eigentlich hin soll!« sagte Ilse-Sibylle lebhaft. »Wie gut, daß 
ich ihn um sein Bleiben bat!« 
Lo antwortete nicht darauf. Sie sah zu dem Mann hin, der 
ruhig seiner Beschäftigung nachging. 

background image

»Jetzt muß ich aber verschwinden«, sagte sie hastig. »Sonst 
wird bei uns nicht alles zur Zeit fertig.« 

Lürstädt erhielt den Auftrag, sie hinauszubegleiten, da 
Krafft gerade eine Arbeit hatte, die er schlecht weglegen 
konnte. 
Lo kletterte in den Schlitten, ließ sich schweigend in die 
Pelzdecke packen. 
»Gnädiges Fräulein sind ohne Kutscher?« 
»Wozu brauche ich den?« 
»Es wird bald dunkeln. Da sind Sie dann ohne Schutz.« 
»Ich beschütze mich selbst!« kam es schroff von den 
hochmütig geschürzten Lippen, so daß der Mann 
unwillkürlich zurückwich. 
Der Schlitten schleuderte, so preschte das Pferd davon. 

Wie versteinert war Winfrieds Gesicht, als er in den Saal 
zurückkehrte. Es hätte auffallen müssen, wenn man Zeit 
gehabt hätte, auf den Mann zu achten. 
Bis Sonnenuntergang wurde noch eifrig geschafft, dann war 
alles fertig. Nun noch rasch umkleiden, dann konnte die 
Feier beginnen. 
Ilse-Sibylle trug ein schneeweißes Kleid mit Christrosen als 
Schmuck. Als sie an dem Klavier saß und »Vom Himmel 
hoch, da komm ich her«, sang,

(

 erschien sie den 

Anwesenden, als wäre sie selbst vom Himmel 
herniedergestiegen. 
Krafft hörte sie zum ersten Mal singen. Die weiche, süße 

Stimme erschütterte ihn. Ein Bild stieg vor seinen Augen 
auf, die holdselige Gestalt vor seinem Auto liegend. 
Er  fuhr  sich  hastig  über  die Augen, als könnte er damit 
dieses quälende Bild wegwischen. 
Nun sangen auch die Kinder; Mütter und Väter fielen ein. 
Wie war es heute doch alles so anders als in den 
vergangenen Jahren! Und nur deshalb, weil ihre schöne 
Herrin da war, die ihnen alles gab mit frohem, liebem 
Lächeln. Sie kniete bei den kleinen Kindern, zeigte ihnen 
ihr Spielzeug, lachte sie an. Da überwanden sie ihre Scheu, 
Ärmchen streckten sich ihr entgegen. 

background image

Auch nicht einer war unter den vielen Menschen, der nicht 
beglückt nach Hause gegangen wäre. 

Nicht anders war es im Saal nebenan, wo den Beamten mit 
ihren Familien und der Dienerschaft beschert wurde. Auch 
hier war Ilse-Sibylle Hauptperson, gab auch hier mit 
herzlichem Lächeln. 
Dann kam die Feier im engsten Kreise. Ilse-Sibylle führte 
Lürstädt an seinen Platz, hatte für jedes Geschenk eine 
scherzhafte Bezeichnung. Er konnte nicht sprechen, beugte 
sich nur tief über ihre Hand. Betroffen bemerkte sie den 
gequälten Ausdruck in seinen Augen. 
»Herr von Lürstädt – Sie leiden?« fragte sie leise. »Kann ich 
Ihnen helfen?« 
»O bitte – mir fehlt nichts – « 

Davon war sie wohl keineswegs überzeugt, drang jedoch 
nicht weiter in ihn. Sagte ihm noch einige herzliche Worte 
und ging dann zur Tante, die sich soeben von Krafft 
beschenken ließ. Als Ilse-Sibylle nun noch mit ihren Gaben 
hinzukam, wehrte die so reichlich Beschenkte lachend. 
»Kinder, ihr übertrefft euch ja! Unglaublich, wie ihr mich 
verwöhnt!« 
Die junge Frau umfaßte sie, sich dabei fest an sie 
schmiegend. Sie hatte unter der Entfremdung, die in letzter 
Zeit zwischen sie getreten war, gelitten. 
»Tante Marianne, hast du mich nun wieder lieb?« fragte sie 
zaghaft. 

»Kind, wer soll dich wohl nicht liebhaben!« entgegnete 
Frau von Bruckheim ergriffen. 
Oh, Ilse-Sibylle wußte wohl, wer sie nicht liebte. Aber 
darüber wollte sie sich heute nicht grämen. Heute sollte ihr 
Herz ganz still sein und der Kopf nur liebe, gute Gedanken 
hegen. Leicht schob sie ihre Hand unter den Arm des 
Gatten und führte ihn zu seinen Geschenken. 
Er sah auf die Sachen nieder, die mit Liebe für ihn 
ausgesucht waren. Und als sie gar noch in drolligem Eifer 
bemerkte: »Das habe ich alles von meinem ersparten Geld 
gekauft!« da stieg es ihm heiß in die Augen. Er ergriff ihre 

background image

Hände, führte sie an die Lippen. 
»Weißt du auch, Ilsibyll, daß dies seit Jahren die ersten 

Geschenke sind, die ich erhalte? Seit Jahren hat nun wieder 
jemand an mich gedacht.« 
»Oh, Krafft, so arm warst du?« fragte sie erschrocken. 
»Ja – so arm, Ilsibyll. Wenn ich an das vorige 
Weihnachtsfest denke, so ist es mir ein Rätsel, daß ich es 
überhaupt ertragen konnte. Aber jetzt bist du an der Reihe, 
du unglaublich reizender Weihnachtsengel.« 
Damit führte er sie zu ihrem Platz. 
Zuerst war sie sprachlos über die reichen Gaben, doch 
dann brach der Jubel los. Sie freute sich wie ein Kind und 
hatte keine Ahnung, wieviel Dank das dem großzügigen 
Spender war. 

Dann erspähte sie einen länglichen Kasten. 
»Das ist doch nicht etwa -??« fragte sie atemlos. 
»Eine Geige, Ilsibyll.« 
Mit zitternden Händen griff sie nach dem Instrument, das, 
wie sie mit einem Blick erfaßte, sehr kostbar war. 
Streichelte zärtlich darüber hin. Und dann spielte sie. 
Vergaß alles um sich her. Weich kamen die Töne, voll 
unendlicher Süße. Sie stand da wie weltentrückt. 
Das Schönste und Beste hatte es von dem Vater geerbt, 
dieses gottbegnadete Künstlerkind: das Talent und die 
Schönheit. 
Als sie den Bogen absetzte, mußte sie erst langsam wieder 

zur Erde zu rückfinden. Sah die Ergriffenheit ihrer Zuhörer 
und lachte dann glucksend. 
Während des Abendessens herrschte eine frohe Stimmung, 
wie schon lange nicht mehr. Und als man später die 
Weihnachtsbowle trank, wurde man noch froher. 
Es war spät, als man sich zurückzog. Ilse-Sibylle war noch 
zu erregt, um zu schlafen. Es war heute zu vieles auf sie 
eingestürmt. 
Sie streifte das Festgewand ab, zog ein leichtes Morgenkleid 
über und ging ins Wohnzimmer. 
Die Ruhe, die sie umgab, legte sich wohltuend auf ihre 

background image

aufgepeitschten Nerven. Sie legte sich im Sessel zurück, 
verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah 

träumend in die Flammen. Weich war ihr Antlitz, von 
bestrickender Süße. 
Sie überdachte den Abend, und ein Glücksgefühl stieg in 
ihr auf. 
Und sie dachte an Ersehntes, Erträumtes. Lächelte süß und 
traumverloren vor sich hin. 
»Ilsibyll – « 
Sie fuhr auf und erblaßte bis in die Lippen. Denn der 
Mann, um den sich ihre träumenden Gedanken woben, 
stand plötzlich vor ihr. 
»Ilsibyll, habe ich dich erschreckt?« 
Er ergriff ihre Hände, die sie ihm abwehrend 

entgegenstreckte, küßte sie in zarter, huldigender Weise. Sie 
konnte nicht sprechen, schüttelte nur den Kopf. 
»Ich war noch unten im Stall, um nach einem erkrankten 
Pferd zu sehen. Als ich zurückkam, sah ich Licht in deinem 
Zimmer. Nahm an, daß du noch nicht schlafen könntest. 
Ich möchte dir Gesellschaft leisten, Ilse-Sibylle. Doch ich 
sehe schon – der abweisende, hochmütige Ausdruck in 
deinem Gesicht, das leicht gekrauste Naschen – gleich wirst 
du mich fortschicken.« 
»Gewiß nicht, Krafft«, unterbrach sie ihn hastig. »Ich will 
mir nur schnell ein Kleid überziehen, dann stehe ich dir 
zur Verfügung.« 

Sie wollte davoneilen, doch er hielt sie zurück. 
»Bitte, Ilsibyll, du mußt so bleiben. Tu es – mir zuliebe!« 
»Wie du wünschest. Aber mehr Licht werde ich machen.« 
»Auch das ist nicht erforderlich, kleine Frau. Gerade bei 
dieser Beleuchtung plaudert es sich am besten. Nur einen 
Sessel möchte ich haben, dem deinen gegenüber, dann bin 
ich – wunschlos glücklich.« 
»Ach -!« versuchte Ilse-Sibylle zu scherzen, was ihr jedoch 
nicht recht gelang. Ihr Herz klopfte stürmisch, wie rasend. 
Was er heute nur hatte? Diese ungewohnte weiche 
Stimmung beunruhigte sie ungemein. 

background image

Sie rückte ihm einen Sessel zurecht, holte Zigaretten. 
»Weißt du, Ilsibyll, was ich tun werde? Ich hole uns einen 

extraguten Sekt, dann trinken wir, plaudern dabei und 
machen es uns gemütlich, du reizender Weihnachtsengel. 
Aber du darfst indes nicht weglaufen. Versprichst du mir 
das?« 
»Ja, Krafft – « 
Eine unerklärliche Angst preßte ihr das Herz zusammen. 
Regungslos verharrte sie, bis er wiederkam. 
Der Pfropfen knallte, der Sekt schäumte in die Gläser 
hinein. 
»Prosit, Ilsibyll! Auf das, was wir lieben!« 
Er trank sein Glas in einem Zug leer und forderte Ilse-
Sibylle auf, dasselbe, zu tun. Doch sie schüttelte entsetzt 

den Kopf. 
Er reichte ihr die Zigaretten, hielt ihr Feuer hin und 
bediente dann sich selbst. Legte sich behaglich im Sessel 
zurück und sah sie lächelnd an. 
»Nun, kleine Mimose, wie hat dir die Weihnachtsfeier 
gefallen?« 
»Sehr, Krafft. Ich wurde ja so sehr verwöhnt.« 
»Wie bescheiden du bist! Denn dein sehnlichster Wunsch 
ist dir doch gar nicht mal erfüllt worden.« 
Sie sah ihn fragend an. 
»Ich meine das Auto.« 
»Ach, das ist es. Ich wünsche mir eines, gewiß – aber zu 

meinen sehnlichsten Wünschen gehört es nicht.« 
»Darf man die erfahren?« 
»Nein, Krafft – « 
Es zuckte in seinen Augenwinkeln, ein Zeichen, daß er 
verletzt war. Seine Stimme klang jedoch ganz ruhig, als er 
sagte: 
»Ich hätte dir ja gern ein Auto geschenkt – doch der 
Gedanke an meine Schwester – du weißt ja, Ilse-Sibylle – « 
»Ach laß doch, Krafft. Mir genügt das gemeinsame Auto. 
Für kurze Strecken habe ich das entzückende Fuhrwerk, 
dann das Pferd – « 

background image

»Mit dem du nie mehr so leichtsinnig herumjagen darfst 
wie neulich, hörst du? Du kannst dich immer noch nicht 

mit Lo vergleichen, die sozusagen im Sattel groß geworden 
ist. Ich möchte dich nicht noch einmal so vor mir sehen 
wie vor einem Jahr. Weißt du noch?« 
»Ja, ich weiß«, entgegnete sie leise. »Wieviel liegt 
dazwischen.« 
Er beugte sich so weit vor, daß sein Kopf fast den ihren 
berührte. 
»Und bereust du, Ilsibyll, dich mir anvertraut, dein 
Geschick in meine Hände gelegt zu haben?« fragte er mit 
vibrierender Stimme. 
Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte sie ihm nur entrinnen, 
der heute so sonderbar war! 

In ihrer Angst und Not griff sie zur Geige, die sie auf den 
Flügel gelegt hatte. 
»Soll ich dir etwas vorspielen?« fragte sie hastig. 
Er strich sich ruckartig über die Augen und lächelte. 
»Gewiß, kleine Frau. Doch zuerst trinke dein Glas leer, ich 
halte mit.« 
Sie kam seinem Wunsch nach, da sie ihm nicht immer 
widersprechen wollte. Sah in banger Sorge, wie er das 
prickelnde Naß in die Kehle goß, als müßte er sich 
irgendwie Mut antrinken. Dann trat er an den Flügel. 
»Nun, mein weißes Märchenbild, was wollen wir spielen?« 
Zum Zeichen, daß sie ihm etwas zumuten könnte, spielte 

er, leicht tändelnd, mit künstlerischem Schwung. 
Sie sah ihn betroffen an, sagte jedoch nichts, sondern 
blätterte in den Noten und zeigte auf ein Weihnachtslied. 
Und dann spielten sie, immer weiter, immer mehr. 
Vergaßen darüber Zeit und Stunde. 
Ilse-Sibylle hörte zuerst auf. 
»Es muß doch schon spät sein!« rief sie erschrocken. »Du 
zogst mich durch dein wundervolles Spiel so in den Bann, 
daß ich darüber alles vergaß.« 
»So ging es mir mit dem deinen, Ilsibyll. Was scheren uns 
alle Uhren der Welt? Komm, laß uns noch ein wenig 

background image

plaudern.« 
Nachdem sie ihre Plätze eingenommen hatten, sagte Ilse-

Sibylle verlegen: 
»Krafft, ich schäme mich, daß ich immer so sorglos vor dir 
gespielt habe, da du selbst so künstlerisch spielen kannst 
und daher ein guter Musikkenner sein mußt. Ich glaube, 
ich habe mich entsetzlich vor dir bloßgestellt.« 
»Was wieder einmal eine Unterschätzung deiner 
Persönlichkeit ist, kleine Frau. Ein Wunder, daß du dir 
heute zutrautest, den Weihnachtsengel zu spielen. Das war 
gewiß kein leichtes Amt. Ich habe es dreimal zu verwalten 
gehabt – frage mich nicht, wie kläglich ich dabei versagte!« 
Er zog ihre Hände zu sich heran, küßte sie, eine um die 
andere, zart und huldigend. Sie lächelte zu ihm auf, ihr 

sinnbetörendes Lächeln. 
Da riß er sie in die Arme – küßte sie heiß – 
Sie lag an seinem Herzen, unfähig zuerst, sich zu rühren. 
Doch dann machte sie sich schroff frei und stand vor ihm, 
todblaß. Leuchtend rot die Lippen, sprühend der Blick. 
»Das war nicht recht von dir, Krafft von Broede!« rief sie 
zürnend, voll leidenschaftlicher Heftigkeit. »Hüte dich, du 
– ich bin dein Spielzeug nicht! Bin nicht so leicht zu haben 
wie die anderen alle, die dir zu Füßen liegen, dich anbeten 
in schmachvollster Weise. Ich habe dein Wort, Krafft von 
Broede! Brich es nicht im – Sektrausch! Daher weißt du 
wohl nicht, was du tust – und ich will es vergessen.« 

»Bitte – « 
Er stand vor ihr, hochgestrafft. Unerträgliche Ironie sprach 
aus seinen Augen, die ihr wie ein Schlag ins Gesicht war. 
Zitternd vor Erregung rief sie: 
»Nennst du es etwa keinen Grund, wenn du dich mir so 
näherst – wenn…« 
»… ich meine Frau küsse?« vollendete er ihren stockenden 
Satz. »Wickelkindchen, dabei wird kein Mensch etwas 
Unehrenhaftes finden. Zumal diese Frau so schön ist, daß 
sie einem armen Mann schon die Sinne verwirren kann.« 
»Ich bin ja gar nicht deine Frau!« rief sie gequält. »Hast du 

background image

vergessen, was wir vereinbarten? Glaubst du, ich lasse mich 
von dir als Spielzeug benutzen und in die Ecke werfen, 

wenn du meiner überdrüssig geworden bist?!« 
Ilse-Sibylle sah die Adern auf seiner Stirn anschwellen, die 
Augen drohend aufblitzen. Sie senkte den Kopf in Angst 
und Pein. Seine eiskalte Stimme bohrte sich in ihr Herz wie 
eines stumpfen Messers Schneide. 
»Bist du nun fertig, Ilse-Sibylle, oder hast du noch mehr so 
nette Sachen auf Lager, die du mir ins Gesicht schleudern 
kannst? Dann bitte – ich bin geduldig und dickfellig.« 
»Nein, Krafft, nein! Ich will ja nur fort von dir.« 
»So – ach! Dann will ich dir mal etwas sagen, mein Kind: 
Du bleibst! Du meinst nicht? Ich werde es dir beweisen. So 
ein ganz klein wenig Recht wird mir in unserem 

Eheverhältnis denn doch noch zugebilligt sein. Ich bin ein 
anhänglicher Bursche, mein hochmütiges Kind – mich 
schüttelst du nicht so leicht ab. Dr. Vehr mag dir ja besser 
gefallen als ich, doch er ist nur dein Kindheitsgefährte. Ich 
aber bin dein Gatte – und ich halte, was ich halten will – 
verlaß dich drauf!« 
»Warum nur?« zitterte sie nun vor Empörung. »Warum um 
alles in der Welt hältst du mich? Du mußt mich ja 
freigeben. Bist als Erbherr verpflichtet, eine standesgemäße 
Ehe einzugehen – einen Erben zu haben – « 
Sie konnte nicht weitersprechen unter seinem grausam 
ironischen Blick. 

»Worüber du dir nicht dein törichtes Köpfchen zerbrichst!« 
Großer Gott, sie ertrug das alles einfach nicht länger. Sie 
hatte das Gefühl, als müßte ihr das Herz in Stücke brechen. 
Heiß weinte sie auf. 
Mit knapper Verbeugung verließ er das Zimmer. - 
Solange die Zofe bei ihr weilte, beherrschte Ilse-Sibylle sich 
mit aller Kraft. Doch als sie im Bett lag, da konnte sie sich 
gehen lassen. 
Doch – halt, nein! Dann hätte sie ja laut weinen müssen 
vor Ratlosigkeit und Furcht, wie ein Kind, das man im 
Dunkeln allein gelassen. Und das durfte sie nicht. Krafft, 

background image

der nebenan in seinem Schlafzimmer war, würde sie hören. 
Ebenso sein Diener, dieser arrogante Bursche. 

Wie grausam er heute gewesen war! 
Und doch sollte sie erst erfahren, wie viel grausamer er 
noch sein konnte. 
Wenn Krafft sie auch immer mit kühler Höflichkeit 
behandelt hatte, so war sein Benehmen jedoch nie 
rücksichtslos gewesen. Doch nach dem Weihnachtsabend 
wurde es anders. Er sah sie überhaupt nicht. Und wenn er 
sie unbedingt ansprechen mußte, dann geschah es so eisig, 
daß sie jedesmal erschauerte. Darunter litt sie 
unmenschlich. 
An einem Nachmittag, als der Herr vom Hof geritten war, 
kam Lo. Sie war traurig und bedrückt, wie stets in letzter 

Zeit. Genauso wie Ilse-Sibylle auch. 
»Ist Krafft zu Hause?« fragte sie schüchtern die Base, und 
diese schüttelte den Kopf. Die Tränen saßen ihr in der 
Kehle. So weit war es schon gekommen, daß man sich in 
Dünentrutz nur einfand, wenn der Herr abwesend war! 
Frau von Bruckheim begrüßte Lo herzlich wie immer. 
Forschend ging ihr Blick über das blasse, traurige 
Gesichtchen. Obgleich ihr selbst das Herz schwer genug 
war, versuchte sie immer noch, die Basen aufzuheitern. 
»Kinder, musiziert!« sagte sie in frischem Ton. 
Und wie zwei gehorsame Kinder gingen die jungen Damen 
ins Musikzimmer. 

Ilse-Sibylle setzte sich an den Flügel und blätterte in einem 
Notenbuch. 
»Kennst du die Lieder, Lo?« 
»Nicht alle. Dieses zum Beispiel ist mir schon unbekannt.« 
Ilse-Sibylle spielte die schlichte Melodie einmal durch und 
sang dann mit verhaltener Stimme den Text dazu: 
»War ich geblieben doch auf meiner Heiden, dann hart’ ich 
nichts gespürt von all den Leiden – « 
Sie hielt inne, weil sie merkte, daß heiße Tränen auf ihren 
Nacken fielen. Hastig wandte sie sich der hinter ihr 
stehenden Lo zu und sah dann Krafft mitten im Zimmer 

background image

stehen. Hochgestrtafft stand er da, breitbeinig, die 
Reitpeitsche in der herunterhängenden Hand. Wie 

bräunlicher Marmor war sein Gesicht, die Augen kalt und 
glitzernd. 
»Ja, wärst du geblieben doch auf deiner Heiden – uns allen 
wäre heute wohler!« 
Dann ein Auflachen, so grausam und bitter, daß allen das 
Blut in den Adern zu erstarren schien. 
»Aber singe nur weiter – das hört sich ja sooo rührend an!« 
Damit machte er kehrt, die Tür hinter sich zuschlagend. 
»Ich fahre nach Hause«, sagte Lo leise. 
Die Baronin hielt sie nicht zurück, begleitete sie hinaus. 
Vor dem Portal stand Krafft und wandte sich den Damen 
zu. 

»Du willst schon nach Hause, Lo?« 
Sie reichte ihm stumm die Hand. Bestieg das Auto und fuhr 
davon. 
Ilse-Sibylle sah ihr nach mit einem Blick, in dem deutlich 
das Verlangen stand, auch so davonfahren zu können – 
und somit dem allen zu entfliehen. 
Da traf sie sein Blick unter halbgeschlossenen Lidern 
hervor. 
Davor floh sie bis in ihr Schlafzimmer. Warf sich auf den 
Diwan und schluchzte verzweifelt. Das Schluchzen 
verstärkte sich noch, als die Tante sich über sie beugte. 
»Ilsibyll, mein armer Liebling – « 

»Ach, Tante Marianne, ich halte es bestimmt nicht länger 
aus! Du hast ja gehört – es wäre ihm wohler, hätte er mich 
nie gesehen. Warum läßt er mich nur nicht gehen? Warum 
quält er mich denn so? Mag er mich lieber töten – « 
»Was auch am besten wäre!« 
Wieder stand Krafft von Broede im Zimmer, aschfahl im 
Gesicht. 
Ilse-Sibylle klammerte sich an die Tante, die sie fest 
umfaßte und vorwurfsvoll zu ihm hinsah. 
»Siehst du denn nicht, daß das Kind sich vor dir fürchtet?« 
sagte sie mit tonloser Stimme. »Willst du es zugrunde 

background image

richten? Denn dieses entsetzliche Leben halten die feinen 
Nerven nicht mehr lange aus. Ich weiß zwar nicht, was 

zwischen euch vorgefallen ist, aber so groß kann Ilse-
Sibylles Vergehen doch unmöglich sein, daß es dir das 
Recht gibt, sie so unglaublich zu behandeln. Sie vergeht 
wie eine Blume, der man Licht und Wasser entzieht. 
Jage mich doch nicht in einen solchen Zwiespalt hinein, 
Krafft! Ich liebe dich, liebe Ilsibyll – ich weiß ja gar nicht, 
wessen Partei ich ergreifen soll. Ich leide mit euch. Es 
zwingt dich doch niemand, die Ehe aufrechtzuerhalten – 
laß sie doch endlich gehen. Sie erträgt es bestimmt eher, 
wenn du dich in Güte von ihr trennst, als wenn du sie so 
unmenschlich quälst. 
Ich bin überhaupt irre an dir geworden, mein Junge. 

Komm, sei doch wieder einmal zugänglich, und laß uns in 
Ruhe besprechen, wie sich alles am besten regeln ließe. 
Mein Vorschlag ist der: Ich fahre morgen mit Ilsibyll zu 
einer Freundin, der ich schon lange meinen Besuch 
versprochen habe. Dort versuche ich, Ilse-Sibylle 
unterzubringen. Wenn ich sie geborgen weiß, kehre ich 
wieder hierher zurück. Unterdessen unternimmst du 
Schritte zur Scheidung. Recht so, Krafft?« 
»Nein – Ilse-Sibylle bleibt hier.« 
Das klang so hart und unerbittlich, daß Frau von 
Bruckheim der Mut sank. Seine ganze Gestalt schien 
förmlich durchtränkt von Härte und Unerbittlichkeit. 

Da stieg Empörung in ihr hoch. 
»Das wird sie nicht tun!« trumpfte sie auf. »Sie ist deine 
Sklavin nicht. Du hast ja noch nicht einmal ein Anrecht an 
sie.« 
»Das können wir ja gerichtlich feststellen lassen«, war die 
gelassene Erwiderung. 
»Du hast gesagt, daß eure Ehe nur eine Scheinehe sein soll, 
die zu jeder Zeit getrennt werden kann.« 
»So, hab ich das gesagt?« fragte er achselzuckend. »Dann 
habe ich es mir jetzt anders überlegt.« 
»Krafft, du bist. – « 

background image

»Nicht wahr, was man nicht alles werden kann!« 
unterbrach er sie zwar ruhig, doch in seinen Augen warnte 

etwas davor, ihn noch mehr zu reizen. 
»Ich würde dir den guten Rat geben, Tante Marianne, dieses 
vertrotzte Kind nicht noch in seinem Eigensinn zu 
bestärken.« 
»Eigensinn nennst du das?« 
»Wie denn sonst? Du weißt doch, wie der Vogel Strauß es 
macht, wenn er nichts sehen und hören will. Genauso 
macht es deine Nichte – natürlich bildlich genommen. 
Vielleicht erzählt sie dir in einer stillen Stunde, wie 
wunderbar sie Menschen quälen kann. Und nun auf 
Wiedersehn, meine Damen!« 
Nicht mehr wissend, was sie von alledem halten sollte, sah 

Frau Marianne ihm nach. Sie konnte der Nichte nicht den 
Trost geben, den diese so nötig gebraucht hätte, weil es in 
ihrem Herzen selbst so trostlos aussah. Sie streichelte nur 
immer wieder das lockige Köpfchen, das an ihrer Brust lag. 
Ilse-Sibylle hatte die Augen geschlossen. Durch die zarten 
Schläfen schimmerten blau die Adern, in denen es 
hämmerte und pochte. 
Da klang Klavierspiel von unten herauf, das sie bis in 
tiefster Seele ergriff. Wie eine heiße Welle fluteten die Töne 
über das verstörte Menschenkind hin, schienen es 
versengen zu wollen, in Glut und Leidenschaft. 
Ebenso wie das Spiel begonnen, riß es auch ab – jäh, mit 

einem Mißklang. Gleich darauf hörten sie Krafft vor dem 
Portal eine Schlagermelodie pfeifen. Dann rief er nach 
seinem Pferd, bei dessen Namen Ilse-Sibylle entsetzt 
auffuhr. 
»Tante Marianne, der wilde Hengst!« schrie sie verzweifelt. 
Lauter und deutlicher klang jetzt das Pfeifen herauf. 
Unwillkürlich sprach Ilse-Sibylle die Worte mit: 
 
»Wenn das Herz dir auch bricht, 
zeig ein lachendes Gesicht – « 
 

background image

Die Tage vergingen. Die Wintersonne schien schon über 
Mittag recht warm, hatte jedoch immer noch nicht Kraft 

genug, um die feste Schneedecke hinwegzuschmelzen. 
Ilse-Sibylle tummelte sich viel im Freien, um sich zu 
beschäftigen, ja nicht zum Nachdenken zu kommen. Sie 
rodelte mit Lo, lief zusammen mit ihr Schlittschuh. Jagte 
auf dem Pferd umher, jetzt schon ebenso sicher im Sattel 
wie die Base. Sie wurden beide unzertrennlich, sprachen 
jedoch nie darüber, was sie so leiden ließ. Lo kam fast nie 
mehr nach Dünentrutz, doch um so mehr war Ilse-Sibylle 
in Unruh. 
Auch Frau von Bruckheim fand den Weg sehr oft dorthin. 
In dieser Zeit lernte sie die Familie Rainer so richtig 
schätzen. Wohltuend war deren Teilnahme, die sich jedoch 

nie in Worten äußerte. 
An einem sonnenhellen Morgen rief Lo in Dünentrutz an 
und verabredete mit der Base eine Skitour. Im Wald 
wollten sie sich treffen. 
Ilse-Sibylle machte sich sogleich auf den Weg. Nur Harras, 
ihren treuen Begleiter, mußte sie heute entbehren, da er 
mit Herrchen unterwegs war. 
Die Sonne lachte vom blauen Himmel und machte die 
Schneelandschaft zur Märchenwelt. Die reine Luft tat Ilse-
Sibylle gut, rötete ihre so fahl gewordenen Wangen. 
Sie glitt dahin, pfeilgeschwind. Welch eine Freude, so leicht 
und unbeschwert dahinzufliegen! 

Doch als sie den Wald erreicht hatte, mußte sie 
stehenbleiben, weil das Herz ihr von der tollen Fahrt wie 
rasend schlug. Fest preßte sie die Hand darauf und sah sich 
mit leuchtenden Augen in dem wie verzauberten Wald um. 
Sinnbetörend schön war sie, als sie so dastand. Weich 
umschmiegte der zartgetönte Wollpullover die ungemein 
grazile Gestalt. Unter dem feschen Mützchen quollen die 
sonnenhellen Locken hervor. 
Gerade als sie die Hand von der Brust nehmen wollte, 
durchpeitschte ein Schuß die friedvolle Stille des Waldes. 
Ilse-Sibylle fühlte in der Linken einen Schlag, hob sie 

background image

erstaunt hoch - 
Blut quoll aus dem Handschuh, tropfte in den Schnee. 

Da packte sie unsinnige Angst. Wie gehetzt sauste sie 
davon. Machte erst halt, als sie Dünentrutz erreicht hatte. 
Sie löste die Schneeschuhe, so gut es mit einer Hand gehen 
wollte, wickelte die verletzte Hand in den Pullover und 
erreichte ungesehen die Schloßhalle, wo sie mühsam die 
Treppe emporstieg. Sie konnte sich kaum noch auf den 
Beinen halten. Sah mit Grauen, wie das Blut bereits den 
Pullover durchtränkt hatte und nun auf die Hose tropfte. 
Wie gut, daß Krafft nicht zu Hause war! Er hätte sich 
bestimmt geärgert, daß sie trotz seines Verbotes wieder 
einmal allein im Wald gewesen war. Und sie litt unter 
seiner Kälte schon ohnehin genug. 

Doch kaum hatte sie die Treppe zur Hälfte erstiegen, als er 
ihr von oben entgegenkam. Ein Blick in ihr weißes Gesicht, 
die angstgeweiteten Augen, auf den rotgefärbten Pullover, 
und schon sprang er in langen Sätzen die Stufen herab. 
Sein Arm umfaßte ihre wankende Gestalt. 
»Ilsibyll, was ist geschehen?!« 
Sie hörte die Angst in seiner Stimme, und es überflutete sie 
freudig und weh zugleich. Sie schloß die Augen, lehnte sich 
fest an die kraftvolle Brust. 
»Ich – ich – ach, Krafft – nicht böse sein – « 
Ohne weiter zu fragen, hob er sie auf seine Arme und trug 
sie in ihr Schlafzimmer. Legte sie dort auf den Diwan, 

wickelte die Hand aus und sah entsetzt darauf nieder. 
»Ilsibyll, du unglückseliges Kind, das sieht ja nach einem 
Schuß aus!« sagte er rauh. 
Sie schlug die Augen auf, sah in sein bleiches, zuckendes 
Gesicht. 
»Ich kann wirklich nichts dafür«, flehte sie. »Im Wald hörte 
ich einen Schuß, spürte einen Schlag gegen die Hand – « 
»Merkwürdig – gerade die Hand. Wo hieltest du die denn?« 
»Auf die Brust gedrückt. Ich war atemlos vom schnellen 
Skilauf, hatte rasendes Herzklopfen – « 
Sorgfältig untersuchte er die Hand. War dabei so blaß, daß 

background image

Ilse-Sibylle erschrak. Dann trat er an das Fenster, öffnete es 
und rief einem Arbeiter zu, daß der Chauffeur auf 

schnellstem Wege Sanitätsrat Meder herholen möchte. 
Dann kam er zu Ilse-Sibylle zurück, und während er wieder 
ihre Hand kopfschüttelnd betrachtete, brach es zürnend 
aus ihm heraus: 
»Was  hattest  du  auch  im  Wald  zu  suchen?!  Habe  ich  dir 
nicht verboten, ihn allein zu durchstreifen? Aber du hörst 
ja nie. Hältst alles, was ich von dir verlange, für Quälerei 
und Schikane. Wenn du wenigstens Harras mitgenommen 
hättest, damit er den Täter an Ort und Stelle gleich fassen 
konnte. Nichts als Sorge hat man mit dir, du eigenwilliges 
Kind!« 
Sie duckte sich vor Angst, und er lachte bitter. 

»Gewiß, ich fresse dich nächstens – «, grollte er. 
Ihre Lippen zuckten, Tränen liefen über ihr blasses Gesicht. 
Trotzdem war sie so glücklich wie schon lange nicht mehr. 
Mochte er auch noch so zürnen, aber er sprach doch 
wenigstens wieder mit ihr. Zeigte ihr seine Sorge – da 
müßte sie den Schuß doch eigentlich segnen. Sie hätte 
seinen Kopf streicheln mögen, der dem ihren so nahe war, 
wagte es jedoch nicht. Als aber die Schere, die er aus der 
Tasche gezogen, in den Pullover fuhr, hielt sie seine Hand 
fest. 
»Krafft, er ist doch fast neu – « 
»Halt still!« sagte er unmutig. »Ich soll dir wohl noch mehr 

Wolle über die geschwollene Hand ziehen, damit du dir 
die schönste Blutvergiftung holst. Böse genug sieht es jetzt 
schon aus.« 
»Was wäre dabei?« sprach sie leise. »Uns beiden könnte 
damit doch nur geholfen sein.« 
Er fuhr auf, starrte sie an. Dick quollen die Adern an den 
Schläfen. 
»Himmeldonnerwetter, jetzt ist’s aber genug!« schrie er sie 
an. »Hüte dich – du! Ich bin nämlich nur ein Mensch!« 
»Sei doch nicht gleich immer so böse, Krafft!« schmeichelte 
sie süß. »Ich will ja alles tun, was du willst. Sei nur wieder 

background image

so zu mir – wie du Weihnachten warst.« 
Ein Ruck ging durch seinen Körper, daß er davon erbebte. 

Dazu brach ein Strahl aus seinen Augen, der sie erzittern 
ließ in seligem Schreck. 
Doch schon wandte er sich ab. Rief die Zofe herbei, die er 
anwies, ihm ein Desinfektionsmittel und Verbandszeug zu 
bringen. 
So behutsam wie nur möglich säuberte er die Wunde, legte 
einen Verband an und richtete sich dann auf. 
»So, damit wäre getan, was sich tun läßt. Nun müssen wir 
auf den Arzt warten.« 
Jetzt fiel Ilse-Sibylle die Base ein. 
»Lo wartet auf mich an der großen Eiche. Wir hatten uns 
dort verabredet.« 

Wieder trat er an Fenster, öffnete es und rief den Verwalter 
an, der unten vorüberging. 
»Herr von Lürstädt!« 
»Herr Baron?« 
»Reiten Sie doch bitte sofort zu der großen Eiche am 
Wildgatter. Dort wartet Fräulein Rainer auf meine Frau. 
Sagen Sie ihr, daß sie nicht kommen kann, weil ein Schuß 
ihre Hand verletzt hat. Nicht lebensgefährlich, doch auch 
nicht unbedenklich.« 
Er hatte gerade das Fenster geschlossen, als Frau von 
Bruckheim eintrat. 
»Kinder, was ist denn passiert?« 

»Ilse-Sibylle hat im Wald ein Streifschuß getroffen.« 
Sie erblaßte, zog die Nichte in die Arme. 
»Aber Kind – was machst du uns für Sorge!« 
»Das finde ich auch«, bekräftigte der Arzt, der soeben 
eintrat. Er ließ sich den Vorgang erzählen und schüttelte 
dann den Kopf. »Merkwürdige Angelegenheit!« 
Nachdem er die Hand untersucht hatte, schmunzelte er. 
»Frau Baronin hat Glück gehabt – wie immer. Leichter 
Streifschuß, aber großer Blutverlust. Daher werde ich 
Bettruhe verordnen müssen.« 
Er gab noch Verhaltungsmaßregeln und verabschiedete sich 

background image

dann, weil er wie stets sehr beschäftigt war. Versprach, am 
nächsten Tag wiederzukommen. 

Frau Marianne brachte die Nichte zu Bett, die sich wohlig 
darin streckte. Wie war sie doch müde! Und wie schön 
würde sie schlafen – denn Krafft war ja wieder gut. Oh, wie 
gut war er zu ihr gewesen! 
Schon halb im Traum hörte sie, daß er wieder das Zimmer 
betrat und leise mit der Tante sprach. 
Wie schön, so umsorgt zu werden – wie wunderschön! 
Lürstädt ritt zu der bezeichneten Stelle des Waldes. Schon 
von weitem sah er Lo auf einem Baumstumpf sitzen. 
Sie erblaßte, als er plötzlich vor ihr stand, rührte sich 
jedoch nicht. 
»Sie wünschen?« fragte sie hochmütig. 

»Ich habe eine Bestellung auszurichten, gnädiges Fräulein. 
Der Frau Baronin ist im Wald ein Unfall zugestoßen. 
Jemand hat sie in die Hand geschossen. Es soll aber nicht 
lebensgefährlich sein.« 
Lo sprang auf. 
»Das ist – ja – entsetzlich!« stammelte sie. Doch dann 
nahm ihr Gesicht wieder den hochmütigen Ausdruck an. 
»Ich danke Ihnen, Herr von Lürstädt. Bestellen Sie meiner 
Base herzliche Grüße. Ich lasse gute Besserung wünschen.« 
Sie neigte leicht den Kopf, schulterte die Schneeschuhe und 
wollte sich entfernen, als er rasch aus dem Sattel glitt und 
ihr den Weg vertrat. 

Sie standen sich gegenüber. Lo stolz und kalt, er in tiefster 
Erregung. 
»Vielleicht habe ich nie mehr die Gelegenheit, Sie allein zu 
sprechen, gnädiges Fräulein. Und ich muß Sie doch noch 
um Verzeihung bitten.« 
Lo klopfte das Herz wie rasend. Doch sie durfte sich nicht 
gehen lassen – auf keinen Fall! 
»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen zu verzeihen hätte«, 
entgegnete sie abweisend. »Sie haben ja nichts getan, was 
eine Entschuldigung erfordert. Ich habe mich Ihnen ja an 
den Hals geworfen.« 

background image

Drohend klang nun seine Stimme auf: 
»Gnädiges Fräulein, ich muß doch sehr bitten!« 

»Warum? Ich sprach nur die Wahrheit. Es steht Ihnen sogar 
frei, allen Menschen zu erzählen – « 
»Halt – nicht weiter! Mir ist die Angelegenheit zu ernst und 
heilig, um eine Banalität daraus zu machen. Ich habe 
schwer bereut, daß ich – « 
»Das glaube ich!« lachte sie bitter dazwischen, und da lief 
ein schmerzliches Zucken über sein Gesicht. 
»Nicht in dem Sinne, wie Sie anzunehmen scheinen, mein 
gnädiges Fräulein. Wäre ich ein Mensch, der Ihnen etwas 
zu bieten hätte, noch heute würde ich um Sie werben. Aber 
da ich ein Bettler bin, darf ich meine Hand nicht nach 
Ihnen ausstrecken. Ich werde den Baron um meine 

sofortige Entlassung bitten, damit ich Ihnen aus den Augen 
komme und Sie die Ihnen so unangenehme Begebenheit 
leichter vergessen können.« 
Lo war wieder auf den Baumstamm gesunken und sah zu 
ihm auf. Es war ein Blick, unter dem er die Zähne 
zusammenbeißen mußte. 
»Ja, gehen Sie nur – «

t

sagte sie mit einer Stimme, welche die 

Qual ihres Herzens verriet. »Das ist sehr bequem für Sie. 
Wenn ich leide, was kann Sie das interessieren? Sehen Sie 
denn nicht, wie ich mich demütige!« schrie sie auf. »Ist es 
nicht genug – immer noch nicht genug?!« 
Jeder Blutstropfen wich aus seinem Antlitz. Wie 

haltsuchend lehnte er sich gegen einen Baum. Seine Zähne 
bissen sich so fest zusammen, daß die Wangenmuskeln 
spielten. 
»Gnädiges Fräulein – ich bitte Sie – das kann ich doch 
unmöglich ertragen!« stieß er mit rauher Stimme hervor. 
»Aber ich – ich soll es wohl ertragen!« 
Noch beherrschte er sich mit Aufbietung aller Kraft. 
»Lo – ich liebe Sie.« 
Da lachte sie auf. So schmerzgequält klang das Lachen, daß 
es ihm durch und durch ging. 
»Oh, Sie sind doch nicht ganz so grausam, wie ich dachte, 

background image

Freiherr von Lürstädt! Sie träufeln wenigstens noch einige 
süße Tropfen in den gallebitteren Trank, den Sie mir an die 

Lippen setzen. Eine komische Ausrede, ein Mädchen wegen 
seines Geldes zu verschmähen!« 
»Nicht dieses unerhörte Wort!« bat er flehend. »Sie dürfen 
mich doch nicht so mißverstehen. Ich wiederhole, daß ich 
ein Bettler bin und daher meine Hand nicht nach Ihnen 
ausstrecken darf. Denken Sie an Ihren Vater! Nie würde er 
seine Einwilligung zu einer Heirat mit mir geben.« 
»So ohne weiteres bestimmt nicht«, antwortete sie müde. 
»Denn er hält Sie für hochmütig und standesstolz. Aber Sie 
haben ja eine gute Position, können daher eine Frau recht 
wohl ernähren.« 
»Würden Sie es denn ertragen, von Unruh fortzugehen?« 

»Nein, wohl kaum. Ich liebe meine Heimat – aber ich liebe 
auch -Sie.« 
Wie ein Hauch kamen die letzten Worte von ihren 
zuckenden Lippen, und da war es um die fast 
übermenschliche Beherrschung des Mannes geschehen. Er 
fiel vor ihr auf die Knie, wühlte seinen Kopf in ihren 
Schoß. 
»Lo – du trägst die Verantwortung!« stöhnte er auf. »Wenn 
dein Vater dir die Einwilligung versagt – ich habe dir nicht 
mehr zu bieten als mich selbst.« 
»Als ob das nicht genug wäre!« entgegnete sie leise, 
während ihr die Tränen über das blasse Gesicht liefen. 

Er hob den Kopf, sah ihr in die Augen, aufs tiefste 
erschüttert. 
»So lieb hast du mich, Lo?« 
»Ja – so lieb – Winfried.« 
Da sprang er auf, zog sie zu sich empor. Preßte sie fest an 
sein Herz und küßte sie heiß. 
Als er sie endlich aus den Armen ließ, sah sie bang zu ihm 
auf. 
»Und wenn du morgen schon wieder vergessen hast?« 
»Kind, was sprichst du da! Ich und dich vergessen – großer 
Gott! Laß uns lieber beraten, was nun werden soll. Wenn 

background image

dein Vater uns seine Einwilligung versagt – ich gebe dich 
nicht mehr frei, nun ich weiß, daß du mich wirklich liebst.« 

Er nahm ihr die Schneeschuhe ab, umfaßte ihre Schulter 
und zog sie mit sich fort. Das Pferd folgte ihnen treu. 
Drückte nur ab und zu die Nüstern an die Wange seines 
Herrn, um sich in Erinnerung zu bringen. 
Eine Weile gingen sie schweigend dahin, bis er das Wort 
ergriff. 
»Morgen komme ich zu deinem Vater, mein Lolokind. 
Wahrscheinlich werde ich eine abschlägige Antwort auf 
meine Werbung erhalten, da ich weiß, daß er andere Pläne 
mit dir hat. Es war auf dem Fest in Dünentrutz. Ich kam 
von der See herauf in den Saal zurück, das Herz bis 
obenhin gefüllt mit Liebe und Glück. Da hörte ich deinen 

Vater mit dem alten Herrn Rhode sprechen. Sie waren sich 
darüber einig, daß du Herbert Rhode heiraten sollst. 
Vielleicht kannst du dir vorstellen, was da in meinem 
Herzen vorging. Ich nahm bestimmt an, daß du um diese 
Pläne wüßtest und mich aus Zeitvertreib zum Narren 
gehalten hättest.« 
»Und quältest mich so unmenschlich, anstatt mich zur 
Rede zu stellen!« unterbrach sie ihn unwillig. »Wenn ich 
mich dir gegenüber auch bis zur Schamlosigkeit 
gedemütigt habe, so bin ich immer noch nicht ein 
Mädchen von der Sorte, die sich von einem Mann küssen 
läßt und einen andern heiratet. Sehe ich denn so aus, als 

ob ich mich verschachern ließe? 
Wohl weiß ich um den Lieblingswunsch meines Vaters, 
mich mit Herbert Rhode zu verheiraten. Die Güter liegen 
so hübsch nebeneinander, und auf beiden Seiten ist Geld. 
Doch daß der Mann schwindsüchtig ist, das scheint mein 
Vater nicht zu wissen, sonst müßte ich ja irre an ihm 
werden.« 
Langsam schritten sie dahin. Und als sie Unruh erreicht 
hatten, war die Mittagsstunde da. Lo hatte kaum Zeit, sich 
mit Hilfe der Zofe umzukleiden, als auch schon der Gong 
zur Mittagstafel rief. 

background image

Lo war wie gewöhnlich still und in sich gekehrt, so daß die 
Mutter sie immer wieder bekümmert musterte. Wie lange 

würde es wohl noch dauern, bis ihr Lolokind wieder lachen 
konnte? 
Als man sich nach dem Essen in das kleine Gemach 
zurückzog, um dort den Mokka einzunehmen und noch 
ein Weilchen dabei zu plaudern, richtete Lo ihre Augen fest 
auf den Vater. 
»Morgen kommt Freiherr von Lürstädt und wird dich um 
meine Hand bitten, Vater«, sagte sie, so ruhig sie konnte. 
Still war es im Zimmer, beängstigend still. Dem Hausherrn 
kroch die Zornesröte ins Gesicht, seine Augen blitzten. 
»Das ist allerdings eine überraschende Neuigkeit«, 
entgegnete er mit einer Stimme, der man nicht anmerkte, 

wie es in seinem Innern gärte. 
»Eine Neuigkeit schon, aber hoffentlich keine 
unangenehme«, zuckte Lo die Schultern. »Ich möchte 
bemerken, daß ich meinen Verlobten bis zum Wahnsinn 
liebe und niemals von ihm lassen werde. Hörst du, Vater – 
niemals!« 
Da war es mit Herrn Rainers Beherrschung vorbei. Er 
schlug mit der Faust auf den Tisch, daß dieser erzitterte. 
»Da soll doch dieser und jener -!« schrie er in heller Wut. 
»Du Küken wirst heiraten, wen ich für dich bestimme! 
Doch keineswegs diesen arroganten, hochnäsigen Bengel, 
bei dem der Mensch erst anfängt, wenn er adlig ist. Da soll 

ich mich etwa in meinen eignen vier Wänden über die 
Schulter ansehen lassen, was?! Um sich ins warme Nest zu 
setzen, dazu ist ihm ein simples Fräulein Rainer gut genug, 
wie? Vielleicht hat er Gelüste, Unruh ebenso vor die Hunde 
zu bringen, wie er es mit dem Erbe seiner Väter getan hat – 
« 
Er brach ab und starrte verblüfft auf seine Tochter, die nun 
vor ihm stand. In dem weißen Antlitz schienen nur die 
Augen zu leben, in denen eine harte Entschlossenheit lag. 
»Ich verbiete dir, den Menschen zu schmähen, den ich aus 
tiefster Seele liebe!« sagte sie kalt. »Merke dir, Vater – was 

background image

du ihm tust, das tust du mir. Was kann er dafür, daß er 
durch gewissenlose Verschwender sein Hab und Gut verlor, 

während er für das Vaterland kämpfte? Ihm ist es quälend 
genug, um ein reiches Mädchen zu werben. Er würde es 
auch nicht tun, wenn ich mich ihm nicht an den Hals 
geworfen hätte.« 
Der Vater packte ihr Handgelenk so fest, daß sie 
aufstöhnte. Doch sie sah ihm furchtlos in die 
zornfunkelnden Augen, während sie immer blasser wurde. 
Dick schwollen die Adern auf des Vaters Stirn, seine Zähne 
knirschten aufeinander. 
»Das hast du getan?« stieß er hervor. »Bist du denn ganz 
verrückt geworden?!« 
»Es ist fast soweit«, entgegnete sie tonlos. »Denn wie ich 

diese Monate gelitten habe, das konnte bestimmt bald zum 
Irrsinn führen. 
Doch laß bitte meine Hand los. Auf die Dauer wird mir 
nämlich der Schmerz unerträglich. Wenn du für dein 
Unruh fürchtest, wir werden auch ohne es auskommen. 
Winfried verdient in Dünentrutz so viel, daß er eine Frau 
sehr gut ernähren kann. Und Krafft von Broede ist kein 
Unmensch, seiner Hilfe bin ich sicher. Aber so nebenbei 
möchte ich dich aufmerksam machen, daß du auch nichts 
hattest, als du um Mutti warbst. Von deinen Gütern 
gehörte dir kaum noch ein Stein, so verschuldet waren sie.« 
Rainer starrte seine Tochter an und hob die Hand. 

Frau Felicitas warf sich mit einem wehen Aufschrei 
dazwischen, doch Lo schob sie sanft zurück. 
»Laß den Vater mich ruhig schlagen, Mutti. Das ist mir 
nicht so schmerzlich, als wenn er morgen Winfried 
beleidigt.« 
Schlaff fiel seine Hand herab. Dann griff er sich in den 
Kragen, als wäre er ihm zu eng. Zuckte zusammen, als Lo 
sagte: 
»Den Rhode heirate ich nicht. Er ist dumm, unleidlich und 
außerdem noch schwindsüchtig. Ist doch rührend, so eine 
Vaterliebe!« 

background image

Sie lachte kurz auf, ging zur Tür und wandte sich dort noch 
einmal um. 

»Vater, ich mache dich noch einmal darauf aufmerksam, 
daß jede Beleidigung, die du Winfried zufügst, auch mich 
trifft.« 
Dann hastete sie davon nach ihrem Schlafzimmer. 
Frau Felicitas umschlang den Gatten mit beiden Armen, 
doch er schob sie schroff zurück. 
»Geh doch zu deinem Zuckerpüppchen!« höhnte er. »Dazu 
hat man so ein Gör mit Liebe großgezogen, daß es einem 
nun kaltschnäuzig den Stuhl vor die Tür setzt.« 
»Julius, bedenke, wie sehr das Kind gelitten hat – « 
»Ach was!« fuhr er dazwischen. »Lo ist blind verliebt, sieht 
und hört nichts. Die Eltern sind dazu da, um ihr 

unerfahrenes Kind vor Unglück zu bewahren. Der Bengel 
will ihr Geld, nichts weiter.« 
»Den Eindruck eines Glücksritters macht Freiherr von 
Lürstädt nicht«, entgegnete sie fest. 
»Vielleicht auf dich nicht«, war die ironische Erwiderung. 
»Du hast dich eben auch in den arroganten Bengel 
vergafft.« 
»Julius, du weißt nicht, was du sprichst – « 
»Laß mich in Ruhe!« fuhr er sie an. »Mag der Bursche 
morgen nur kommen! Ich sage ihm schon, was ich auf dem 
Herzen habe.« 
»Das wirst du nicht tun!« trumpfte sie auf. »Du wirst 

vernünftig sein und uns nicht durch deinen Starrsinn unser 
einziges Kind entfremden. Denk doch mal ein wenig nach 
– ist unter den Familien ringsum, die Töchter zu geben 
haben, eine einzige, denen Lürstädt als Schwiegersohn 
nicht angenehm wäre?« 
Er brummte etwas von Verrücktheit und ging hinaus. 
Frau Rainer jedoch eilte zum Zimmer ihrer Tochter, stand 
dann beunruhigt vor der verschlossenen Tür. 
»Lo, mach bitte auf!« 
»Laß mich, Mutti – «, kam die Antwort gequält. »Ich 
möchte allein sein.« 

background image

»Kind, ich ängstige mich um dich.« 
»Dazu hast du keine Veranlassung. Ich werde schon mit 

mir fertig.« 
Da ging die Mutter, Angst und Sorge im Herzen. 
Lo hatte übrigens gar nichts, womit sie fertig werden 
mußte. Sie wußte ganz genau, was sie zu tun hatte. 
Die Stunden schlichen langsam dahin, hauptsächlich die 
Nachtstunden. Doch nicht nur Lo allein warf sich ruhelos 
auf ihrem Lager herum, auch die Eltern konnten keine 
Ruhe finden. 
Und als dann endlich die Stunde kam, wo der Freier auf 
den Hof fuhr, da preßte sich Los Herz zusammen in 
zitternder Angst. Nicht für sich fürchtete sie, sondern für 
den geliebten Mann. In seiner Gereiztheit pflegte der Vater 

nicht gerade rücksichtsvoll zu sein – und Winfried würde 
seine Ehre bestimmt nicht angreifen lassen. 
Wieder kam die Mutter zu ihr und fand diesmal Einlaß. 
Erschüttert zog sie ihr Kind in die Arme. 
»Lo, Liebling, was für ein trotziges Köpfchen du hast! 
Anstatt daß du den Vater bittest, wirst du schroff. Du weißt 
doch, daß er derartiges nicht vertragen kann.« 
»War er etwa anders zu mir?« 
»Das darfst du nicht so ansehen, Kind. Versetze dich doch 
mal in seine Lage. Es ist nun mal seine Überzeugung, daß 
Lürstädt nicht dich, sondern Unruh will.« 
»Dann besitzt er keine Menschenkenntnis. Ist ja auch egal. 

Ob er einwilligt oder nicht – ich werde Winfrieds Frau! Ich 
lasse mir durch den Starrsinn meines Vaters nicht mein 
Lebensglück rauben! Mich nimmt Winfried auch ohne 
Unruh.« 
Unterdessen stand Freiherr von Lürstädt vor Herrn Rainer. 
Er hielt dem durchdringenden Blick der klarblauen Augen 
offen stand. 
»Also, Sie wollen meine Tochter zur Frau?« fragte er schroff. 
»Ich bitte darum, Herr Rainer.« 
Wieder ein Blick, der ihn zu durchbohren schien. 
»Und was haben Sie meiner Tochter zu bieten?« 

background image

»Nicht viel mehr als meine Person. Die jedoch voll und 
ganz.« 

»Das ist wenig, mein Herr.« 
»Ich weiß es, Herr Rainer. Daher hätte ich auch nie den 
Mut gehabt, um Ihre Tochter zu werben, wenn sie mich 
nicht brauchte, um glücklich zu sein.« 
»Sie sind sehr eingebildet, Freiherr von Lürstädt.« 
»Nicht eingebildet, Herr Rainer – nur unbändig glücklich, 
daß Lo mich liebt. Mein Leben wäre glücklos geworden, 
hätte ich auf sie verzichten müssen.« 
»Und werden Ihre Ahnen sich nicht im Grabe umdrehen, 
weil Sie eine Bürgerliche heiraten wollen?« 
»O nein. Sie wären stolz darauf gewesen, daß ein so 
liebenswertes Menschenkind ihren Namen tragen soll.« 

»Hm, eigentlich gar nicht so übel. Schließlich muß ich ja 
noch froh sein, daß Sie das Mädchen haben wollen, das 
sich Ihnen an den Hals geworfen hat.« 
Solange hatte Lürstädt dagestanden, ruhig, höflich, in 
sicherer, freier Haltung. Doch jetzt straffte sich seine 
Gestalt, hart und kalt wurde das Gesicht, die Augen 
flammten. 
»Lo ist meine Braut, Herr Rainer!« 
Zwar  sprach  er  ruhig,  doch  in  seiner  Stimme  lag  ein  so 
drohender Ton, daß der andere unwillkürlich zurückwich. 
Dann lief er einige Male im Zimmer mit Riesenschritten 
hin und her, blieb dann vor Lürstädt stehen und sah ihn 

lange an. 
»Ich werde Ihnen mal etwas sagen«, grollte dann endlich 
sein Baß auf. »Nehmen Sie die Lo in Gottes Namen. Aber 
machen Sie sie mir glücklich, verstanden? Sollte ich mein 
Kind noch einmal so leiden sehen wie in den vergangenen 
Monaten – dann – ja, dann will ich nicht zu wenig 
versprechen!« 
Oh, wie leuchtete es da in den Augen des Freiers auf! Über 
das eben noch so kalte Antlitz glitt ein so glückseliges 
Lachen, daß Rainer sich brummend abwandte. Das fehlte 
gerade noch, daß er diesem vermaledeiten Schlingel zeigte, 

background image

wie ihm ums Herz war! 
Er rief den Diener herbei. 

»Die Damen sollen hier unverzüglich antreten!« 
Gleich darauf waren sie da. Einen Blick in das Gesicht des 
Vaters – und schon hing Lo ihm am Hals. 
»Paps – ach, Paps – das vergesse ich dir nie!« 
»Na, du borstiges kleines Frauenzimmer!« polterte er, um 
seine Rührung zu verbergen. »Gestern gefährliche Krallchen 
und heute Katzenpfötchen. Geh hin zu dem vertrackten 
Bengel, der meine ganzen schönen Pläne über den Haufen 
geworfen hat! Schau nur, was der für Augen macht!« 
Da flog sie auf ihn zu. 
Ilse-Sibylles Verletzung war zwar nicht gefährlicher Art, 
aber der Blutverlust hatte sie geschwächt. Bis zum Abend 

schlief sie fest, dann duselte sie im Halbschlaf vor sich hin. 
Wie schön es war, wenn immer wieder jemand zu ihr kam, 
sich vorsichtig über sie beugte! 
Am häufigsten kam Krafft. Verbrachte auch die Nacht auf 
dem Diwan in ihrem Schlafzimmer. Wenn Ilse-Sibylle 
zwischendurch wach wurde, beobachtete sie ihn, ohne sich 
zu rühren. 
Ob er schlief? Wohl kaum. Denn sobald sie sich nur leicht 
bewegte, war er bei ihr. Das war so schön, daß sie es 
mehrmals ausprobierte, sich jedoch schlafend stellte. Dann 
ging er wieder zum Diwan zurück, auf den er sich streckte 
und treue Wacht hielt. 

Das zu wissen, machte Ilse-Sibylle unbeschreiblich 
glücklich. Nach Wochen vernichtender Kälte nun diese 
Fürsorge. Wie wohl das tat, wie das beglückte! Nie mehr 
wollte sie abweisend zu ihm sein. Wollte nehmen, was er 
ihr gab, ohne jegliches Wenn und Aber. 
Gegen Morgen schlief sie fest ein. Schlief solange, bis sie 
angesprochen wurde. Sie schlug die Augen auf und sah in 
Kraffts lächelndes Gesicht. 
»Wie fühlst du dich, Ilsibyll? Ich mußte dich leider wecken, 
weil du schon über Gebühr lange geschlafen hast und 
außerdem essen mußt, damit du nicht noch schwächer 

background image

wirst. 
Und dann habe ich dir etwas mitzuteilen, das dich 

überraschen und erfreuen wird: Lo hat sich verlobt. Und 
rate, mit wem!« 
Nun war sie hellwach, richtete sich auf und lachte ihn an. 
»Natürlich mit Freiherr von Lürstädt. Mit wem denn 
sonst?« 
»Ah, du weißt? Hat Lo mit dir über ihre 
Herzensangelegenheit gesprochen?« 
»Nein, dazu war sie wohl nicht fähig. Ich hab’s aber 
gefühlt, wie sehr sie um den Mann litt. Um so größer wird 
jetzt ihre Glückseligkeit sein.« 
»Welch eine kluge Frau ich doch habe!« neckte er. »Wo alle 
anderen herumrätselten, war sie im Bilde. Wir sollen 

durchaus nach Unruh kommen.« 
»Ich auch?« 
»Natürlich. Dr. Meder, den ich anrief, wird es dir 
wahrscheinlich gestatten. Er kommt gleich her, um sich 
deine Hand anzusehen. Hast du noch Schmerzen?« 
»Nein, Krafft. Ich habe eigentlich kaum welche gehabt. War 
nur sehr müde.« 
In Unruh erwartete man sie schon sehnsüchtig. Ilse-Sibylle 
wurde mit so großer Vorsicht behandelt, daß sie die 
Ängstlichen auslachte. Sie umfaßte Lo mit dem gesunden 
Arm, drückte sie fest an sich. Ein Glückwunsch wäre ihr 
banal erschienen. Sie lachten sich an – und verstanden sich 

prächtig. 
Unterdessen schritt Krafft zu Lürstädt hin und streckte ihm 
die Hand entgegen. 
»Auf gute Freundschaft, Winfried!« 
Ein warmer Blick, ein fester Händedruck – und auch sie 
verstanden sich. 
Lo war zuerst immer noch nicht so, wie man sie früher 
gekannt. Zu tief hatte sie gelitten und mußte sich jetzt erst 
langsam an das Glück gewöhnen. Doch an der Kaffeetafel 
taute sie allmählich auf. 
»Ich habe übrigens unsere Nachbarin, Frau Börne, 

background image

getroffen«, erzählte Herr Rainer. »Sie ist seit einigen Tagen 
wieder im Lande und hat sich Verehrer mitgebracht – en 

gros, sage ich euch. Mit mir wollte sie ja auch schöntun, 
wogegen ich wohl nichts gehabt hätte, wenn ich nicht die 
neugebackene Schwiegermutter so fürchtete.« 
Dabei zeigte er augenzwinkernd  zu  seiner  Frau  hin,  die 
aber gar nichts Schwiegermütterliches an sich hatte. 
Man lachte herzlich. Und als Lo gar noch rief: 
»Na, na, Julius, nur nicht so ängstlich!« brach stürmische 
Heiterkeit los. Herr Rainer strahlte vor Freude. 
»Winfried, du Schlingel!« schmunzelte er. »Daß Lo mich 
nun wieder Julius nennt, das vergesse ich dir nie. Denn daß 
sie nun wieder unser altes fideles Marjellchen ist, dürfte 
allein dein Verdienst sein. Meine Freude über dich ist so 

groß, daß ich dir etwas zuliebe tun möchte. Wie steht es 
mit eurem Stammgut, mein Junge? Könnte man es 
eventuell zurücklaufen?« 
»Das ist unmöglich, Vater. Das Schloß ist abgebrannt und 
das Land parzelliert. Ich habe auch schon längst 
überwunden, daß meine Heimat nicht mehr ist. Ich habe 
nun in Unruh eine zweite und bestimmt noch schönere 
gefunden.« 
Herrn Rainers Augen wurden feucht. Fest drückte er dem 
Schwiegersohn die Hand. 
Obgleich Ilse-Sibylle sich äußerst wohl fühlte, bestimmte 
der Gatte einen frühen Aufbruch. Da half kein Zureden 

und Bitten der anderen. 
»Hast dir einen guten Tyrannen erzogen, Marjellchen!« 
neckte der Onkel Ilse-Sibylle. »Bist viel zu nachsichtig. Läßt 
dem Eheherrn zuviel den Willen.« 
»Was mir bisher immer gut bekommen ist, Onkelchen.« 
Zu Hause angekommen, wechselte Krafft den Verband. 
»Einige Tage noch, Ilsibyll, dann kannst du den Arm aus 
der Binde nehmen. Hast eine wunderbare Heilhaut. Doch 
nun möchte ich dich dringend bitten, nie mehr allein in 
den Wald zu gehen, überhaupt keine einsamen 
Spaziergänge zu unternehmen. Wenn du Lust dazu hast, 

background image

werde ich zu deiner Begleitung stets zur Verfügung stehen. 
Und sollte ich doch einmal verhindert sein, dann kannst 

du dich Lo oder Winfried anschließen. 
Bist du nun vernünftig, kleine Frau – oder bin ich 
gezwungen, aus meiner Bitte einen Befehl zu machen?« 
Er sah sie forschend an, die den Kopf gesenkt hielt und 
schwieg. 
»Ilse-Sibylle, du hast doch heute selbst gesagt, daß mein 
Wille dir bisher immer gut bekommen ist – « 
Da hob sie den Kopf und sah ihn süß lächelnd an. 
»Ich tue, was du verlangst, Krafft.« 
Er hatte es plötzlich sehr eilig. Küßte ihr die Hand und ging 
hinaus. 
Einige Tage später erhielt Frau von Bruckheim ein 

Telegramm von ihrer Freundin, daß diese erkrankt wäre 
und ungeduldig ihren Besuch erwartete. Schweren Herzens 
mußte sie sich zu der Reise entschließen und die Nichte 
zurücklassen, über deren ferneres Schicksal immer noch 
nicht entschieden war. Wenn sie mit Krafft darüber 
sprechen wollte, machte er mit einigen spöttischen 
Bemerkungen ihr Vorhaben zunichte. 
Aber jetzt wollte sie ihn zwingen, ihr klipp und klar Rede 
und Antwort zu stehen. In dieser Ungewißheit konnte sie 
unmöglich Dünentrutz verlassen. Sie hätte weder Rast noch 
Ruh gehabt. 
Also suchte sie ihn am Abend vor ihrer Abreise in seinem 

Arbeitszimmer auf. Er stand mit dem Rücken am Fenster, 
hielt die Arme über der Brust verschränkt und sah ihr 
spöttisch entgegen. 
»Ich ahne, warum du kommst, Tante Marianne.« 
»Um so besser, da brauche ich erst keine langen Vorreden 
zu halten. Wie steht es mit deiner Ehe, Krafft – wozu hast 
du dich entschlossen? Bevor ich da nicht ganz klar sehe, ist 
es mir nicht möglich abzufahren.« 
»Ich verstehe dich nicht, Tante Marianne. Mehr als einmal 
habe ich erklärt, daß Ilse-Sibylle meine Frau bleibt. 
Nimmst du meine Worte denn nicht ernst? Wenig 

background image

schmeichelhaft für mich.« 
»Willst du denn die Tradition eures Hauses brechen?« 

»Durchaus nicht. Ilse-Sibylle trägt das Blut eines alten 
Geschlechtes in sich.« 
»Sie sehnt sich aber fort von dir, Krafft.« 
»Warum? Vermißt sie hier etwas? Könnte sie hier nicht den 
Himmel auf Erden haben? Daß sie lustlos und elend ist, 
daran trägt sie allein die Schuld.« 
»Stimmt – aber Liebe fragt nun einmal nicht.« 
Es zuckte in seinen Augenwinkeln, seine Hand schloß sich 
langsam zur Faust. 
»Diese Liebe ist töricht, weil sie aussichtslos ist«, sagte er 
hart. »Dr. Vehr ist zweifellos eine bedeutende 
Persönlichkeit, ich kann Ilse-Sibylles Vorliebe für ihn recht 

gut verstehen. Doch er darf, solange ihm die Unruhe im 
Blut steckt und er reisen und wandern muß, keine Frau an 
sich ketten. Wenn diese nicht immer allein bleiben wollte, 
müßte sie ihn also begleiten. Abgesehen davon, daß ihm 
das alles lästig sein müßte, wäre Ilse-Sibylle den Strapazen 
nicht gewachsen. Wohl hat sie einen gesunden, 
widerstandsfähigen Körper, oft genug hat sie das ja 
bewiesen. Allein ihre Nerven sind sehr empfindlich und 
würden bei den ungeheuren Anforderungen einer 
Forschungsreise versagen. Liebte sie einen Mann, der ihr 
mehr zu bieten hätte als ich, nicht eine Stunde würde ich 
sie länger halten. So jedoch bleibt sie hier.« 

»Und wie soll das weitergehen, mein Junge? Du kannst 
doch nicht ewig in dieser Scheinehe leben. Und soweit ich 
Ilse-Sibylle kenne, wird sie nur dem Mann angehören, den 
Sie liebt.« 
»Sie wird mich liebenlernen.« 
Ganz gelassen sagte er das, als handelte es sich um eine 
Selbstverständlichkeit. 
In Frau von Bruckheim stieg Empörung hoch. 
»Krafft, du bist ja noch arroganter als dein Ruf. Willst du sie 
etwa zur Liebe zwingen?« 
»Auch das – wenn es sein muß.« 

background image

»Dann nehme ich sie mit mir.« 
»Nein – sie bleibt hier.« 

Ja, da war sie wieder einmal am Ende. Der Mann hatte 
einen so eisenharten Willen, an dem jeder andere 
zerschellen mußte. Kopfschüttelnd sah sie ihn an, der bei 
dieser schwerwiegenden Aussprache wie die personifizierte 
Gelassenheit dastand, während sie sich erregte. 
»Nun sage mir einmal, Krafft – aber bitte ohne jede 
Bemäntelung: Warum hältst du Ilse-Sibylle mit einer 
Hartnäckigkeit, die bewundernswert ist?« 
»Tante Marianne, ich hielt dich bisher immer für eine 
kluge, scharfsichtige Frau«, ironisierte er, und sie wurde 
unwillig. 
»Mein lieber Junge, dein Charakter dürfte nicht so einfach 

zu enträtseln sein.« 
»Und du glaubst gar nicht, wie einfach er ist. So wenig 
kennst du mich also, Tante Marianne. Werde ich also in 
Worte fassen, was du schon längst erfühlt haben müßtest. 
Warum ich Ilse-Sibylle so hartnäckig halte? Das ist doch 
wirklich ganz einfach. Ich bin ein nüchterner Bursche, der 
keine Überschwenglichkeiten kennt. Doch wenn ich dir 
nun sage, daß ich meine Frau bis zum Wahnsinn liebe, 
dann ist das nicht übertrieben. Kann ich sie trotz aller 
Bemühungen nicht halten, dann – ja, dann ist mein Leben 
nicht wert, daß es überhaupt gelebt wird. Ist das nicht 
wirklich ganz einfach?« 

Zuerst herrschte eine Stille, daß einer des anderen 
Herzschlag zu hören glaubte. 
Dann erhob sie sich, trat zu ihm und zog seinen Kopf zu 
sich herunter mit zitternden Händen. 
»Junge, dann muß ja alles gutwerden«, murmelte sie. »Vehr 
hält doch einen Vergleich mit dir nicht aus!« 
»Du sagtest doch vorhin, Tante Marianne, daß die Liebe 
nicht fragt. Und eine ruhige Zuneigung ihrerseits könnte 
ich nicht ertragen, dann lieber gar nichts. Ich will alles 
versuchen, um mir ihre Liebe zu erringen. Gelingt es mir 
nicht, dann weiß ich allerdings nicht, wie alles enden soll.« 

background image

»Dann darfst du aber nie mehr so hart mit ihr sein, Krafft. 
Sie hat eine so feine, empfindsame Seele – « 

»Man behält die Zurechnungsfähigkeit nicht, wenn man 
unmenschlich leidet. Da geht alle Logik flöten.« 
Diese Aussprache brachte Frau von Bruckheim wohl volle 
Gewißheit, nahm ihr jedoch die Unruhe nicht. Die war im 
Gegenteil noch größer geworden. Vielleicht war es aber 
besser, wenn sie Ilse-Sibylle allein ließ. Dann konnte sie 
nicht immer zu ihr flüchten, sondern mußte zusehen, wie 
sie mit ihrem Mann fertigwurde. 
Und das wurde diese sehr gut. Ein Leben begann, das ihr 
wie ein Traum erschien. So hart der Gatte in den 
entsetzlichen Wochen zu ihr gewesen war, so zart und 
rücksichtsvoll war er jetzt. Er widmete sich ihr fast den 

ganzen Tag. Alles, was er mit ihr unternahm, war schön 
und abwechslungsreich. Er erlaubte sich auch nicht die 
kleinste Vertraulichkeit, umgab sie mit ruhiger Höflichkeit, 
die jedoch viel Huldigung in sich barg. Darunter vergaß 
Ilse-Sibylle ihre Zurückhaltung, wurde aufgeschlossen und 
zutraulich. 
Abends saßen sie fast immer am brennenden Kamin beim 
gedämpften Licht der Ständerlampe. Dann erzählte er von 
seinen Reisen. Nicht genug konnte sie davon hören, las 
ihm förmlich die Worte von den Lippen mit leuchtenden 
Augen. 
An einem solchen Abend war es auch, als Ilse-Sibylle sagte: 

»Wenn du erzählst, Krafft, dann muß ich immer an 
Hartmut Vehr denken. Jetzt kann ich auch verstehen, daß 
er herumstrolchen muß. Schon als Junge hatte er so 
unruhiges Blut.« 
Krafft beugte sich weit vor. Hielt vor Spannung den Atem 
an, als er fragte: 
»Könntest du das Leben mit ihm teilen?« 
»Nein, das könnte ich nicht. Wenn ich ihn liebte, dann 
sicherlich. Dann ginge ich mit ihm durch Not und Tod. 
Aber da ich nicht mehr als herzliche Freundschaft für ihn 
empfinde, würde dieses Gefühl nicht ausreichen, um ihm 

background image

freudig überallhin zu folgen.« 
Hm Seufzer hob des Mannes Brust, wie Erlösung nach 

langer Pein. 
Von dem Tage an verwöhnte er die Gattin noch mehr. 
Nur manchmal war er verstimmt. Und zwar, wenn sie Feste 
besucht hatten, auf denen man Ilse-Sibylle sehr huldigte. 
Dann bekam sein Gesicht wieder den harten Ausdruck. 
Und die junge Frau, die schon längst gelernt hatte, auf die 
Stimmungen des Gatten zu achten, konnte sich seine 
Verstimmung zuerst nicht erklären. Bis sie einmal zufällig 
dahinterkam. Mit ihrem sinnverwirrenden Lächeln sah sie 
ihn an. 
»Wenn dir die Menschen auf die Nerven fallen, Krafft, dann 
bleiben wir ihnen doch fern. Ich bin auch viel lieber mit 

dir allein.« 
Ein so strahlend heißer Blick traf sie, daß sie erglühend den 
Kopf zur Seite wandte. 
Ilse-Sibylle lag in ihrem Schlafzimmer auf dem Diwan und 
träumte vor sich hin. 
Nun war es schon ein Jahr her, daß sie auf Dünentrutz 
weilte. Die letzten Wochen davon waren wie ein wonniger 
Traum gewesen. Ach, Krafft von Broede! Jetzt kam ihr Herz 
nimmermehr von ihm los. Dünentrutz verlassen? Das wäre 
schlimmer als der Tod! 
Alles, alles wollte sie geduldig ertragen – seine wechselnden 
Stimmungen, seine Härte, die doch noch ab und zu 

durchbrach. Nur nicht fortmüssen von ihm und 
Dünentrutz. 
Es klopfte, und er, mit dem sich ihre Gedanken 
beschäftigten, trat ein. Sie sprang auf, ging ihm entgegen. 
Wurde verlegen unter seinem prüfenden Blick. 
»Fühlst du dich nicht wohl, Ilsibyll?« 
»Doch, Krafft. Sehr sogar. Ich lag auf dem Diwan, weil ich 
nichts mit mir anzufangen wußte. Du hast mich in deiner 
Gesellschaft so verwöhnt, daß ich mich ohne dich 
langweile.« 
»Also Langeweile«, lachte er. »Dem Übel kann abgeholfen 

background image

werden. Ich bin nämlich hier, um dich zu fragen, ob du 
mich nach einem Vorwerk begleiten willst. Wir können den 

Weg durch den Wald nehmen.« 
»Herrlich! Weißt du was? Ich fahre dich mit meinem 
Fuhrwerk, ja?« 
Lächelnd sah er in ihr freudeglühendes Gesicht. 
»Sag mal, kleine Frau, du siehst ja jetzt immer wie das 
blühende Leben selber aus. Obgleich der zarte, ätherische 
Hauch – « 
»Ach, laß doch, Krafft«, unterbrach sie ihn ungeduldig. 
»Meine Person ist doch viel zu uninteressant, um Worte 
darüber zu machen. Ich will mich rasch umziehen.« 
Sie schob ihn energisch hinaus, der lachend protestierte. 
Saß dann kutschierend neben ihm im Wagen. Ihre Augen 

strahlten in frohem Eifer. 
Harras lief humpelnd hinter dem Wagen her, denn er hatte 
sich bei einer frischfröhlichen Rauferei mit einem 
Artgenossen das Bein verletzt. 
»Wir nehmen ihn in den Wagen«, bettelte Ilse-Sibylle. »Er 
hat Schmerzen, der arme Kerl.« 
»Eigentlich sollte der Bursche nur ruhig laufen. Aber weil 
meine kleine Mimose so süß bitten kann.« 
Also durfte Harras in den Wagen klettern. Er wußte ganz 
genau, wem er diesen Vorzug zu verdanken hatte. Streckte 
sich wohlig zu Frauchens Füßen. 
Wundervoll war es im Wald> die Luft herb und schwer, so 

richtig frühlingsduftend. Ilse-Sibylle fuhr langsam, um die 
Schönheit ringsum genießen zu können. Zwischendurch 
plauderte sie froh, während der Gatte sich schweigsam 
verhielt. Sein Blick hing unentwegt an der feinen Gestalt 
mit dem stolzgetragenen Köpfchen. 
»Sieh nur, Krafft, die ersten Schneeglöckchen!« rief sie 
plötzlich. »Darf ich mir welche pflücken, oder hast du es 
eilig?« 
Lächelnd schüttelte er den Kopf, und Ilse-Sibylle sprang 
vergnügt vom Wagen. Während sie eifrig die zarten 
Glöcklein sammelte, schaute er ihr vom Wagen aus zu. 

background image

Doch plötzlich weiteten sich seine Augen, todblaß wurde 
sein Gesicht. Er straffte den Körper zum Sprung, schnellte 

vom Wagen und warf sich vor die ahnungslose Gattin, sie 
so mit seinem Körper deckend. 
Und schon knallte ein Schuß – 
Ein langgestreckter Schatten sauste an ihnen vorbei – 
Harras. Drohend klang sein tiefes Gebell durch den stillen 
Wald. 
»Ilse-Sibylle, bist du verletzt?« 
Aschfahl war sein Gesicht, heiße Angst brannte in den 
Augen. Verständnislos schüttelte sie den Kopf – schrie dann 
auf. 
»Aber du bist verletzt, Krafft!« zeigte sie auf seinen schlaff 
herabhängenden Arm. 

Er winkte ungeduldig ab. Umschlang ihre Schulter mit dem 
gesunden Arm und zog sie mit sich fort. 
Weit brauchten sie nicht zu gehen. An einen Baum gelehnt 
stand eine Gestalt, vor der Harras saß, der keinen Blick von 
seinem Opfer ließ. Die Dame war in Jagdkleidung, eine 
Büchse lag zu ihren Füßen. Krafft hob die Waffe auf, entlud 
sie und überreichte sie der Besitzerin mit spöttischer 
Verbeugung. 
»Das war nicht nett von Ihnen, Gnädigste. Ich bin zwar ein 
alter Soldat, an Verletzungen gewöhnt – « 
»Krafft – du – du?« schrie sie so verzweifelt, daß Ilse-Sibylle 
zusammenzuckte. Noch fester umfaßte sie seinen Arm, 

während seine Augen mit erbarmungsloser Ironie an 
seinem Gegenüber hingen. 
»Jawohl – ich – meine Gnädigste«, sagte, er langsam und 
scharf betont. »Danken Sie Ihrem Herrgott, daß ich es nur 
bin! Denn wäre es meine Gattin gewesen – « hob sich seine 
Stimme nun zu schneidender Schärfe, »Himmel und Hölle, 
dann hätten Sie was erleben können! Und da uns Ihre 
Nachbarschaft zu aufregend ist, so möchte ich Ihnen einen 
Wink geben, daß mein Onkel, der Unruher Rainer, Ihren 
Besitz gern erwerben möchte. Also, beeilen Sie sich, mit 
ihm einig zu werden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie 

background image

der Polizei übergebe. Denn Menschen wie Sie gehören ins 
Zuchthaus.« 

»Krafft, das soll das Ende sein?« 
»Ende-? Es hat meines Wissens überhaupt keinen Anfang 
für uns gegeben. Daß Sie sich an meine Person heften, ist 
einzig Ihr Privatvergnügen. Daß Sie meinen Freund 
zugrunde gerichtet haben, das habe ich verwinden müssen. 
Auch daß Sie schon einmal auf meine Gattin schossen. 
Aber hätten Sie sie heute wieder getroffen – 
Himmeldonnerwetter, das hätte Ihnen den Hals 
gebrochen!« stieß er zwischen den Zähnen hervor. Die 
Augen wetterleuchteten in dem blassen Antlitz. 
»Also, Sie wissen Bescheid, Gnädigste. Verschwinden Sie 
von hier, aber ziemlich plötzlich!« 

Wieder zog er Ilse-Sibylle mit sich fort, nicht achtend, daß 
die Zurückbleibende hinter ihnen herwimmerte. 
»Kein falsches Mitleid, Ilsibyll«, sagte er hart, als sie den 
Schritt verhalten wollte. »Das Weib ist ein Teufel!« 
Ilse-Sibylle hatte jetzt auch andere Sorgen. Angstvoll hing 
ihr Blick an seinem Jackenärmel, durch den Blut sickerte. 
»Bist du schwer verletzt, Krafft?« 
»Nur unbedeutend, Ilsibyll. Mach dir keine Sorgen.« 
Sorglich war sie um ihn bemüht, als er auf den Wagen 
stieg. Dann fuhr sie so schnell davon, wie es nur gehen 
wollte, so daß Dünentrutz bald erreicht war. 
»Sanitätsrat Meder hierher bitten!« rief sie dem Diener zu, 

der vor dem Portal stand und nun eiligst verschwand. 
Oben in Kraffts Schlafzimmer kniete sie vor ihm und 
schnitt den Ärmel seiner Jacke auf, wie er es damals mit 
dem ihres Pullovers getan. Half ihn dann zu Bett bringen 
und sah voll bebender Angst auf die regungslose Gestalt. 
Atmete erleichtert auf, als der Arzt ungeahnt rasch eintrat. 
»Was gibt’s nun schon wieder?« schaute er betroffen auf 
den Verletzten. 
»Nicht fragen, Herr Sanitätsrat!« flehte Ilse-Sibylle. 
»Na, schön – «, machte er sich an die Untersuchung, nach 
deren Beendigung er sie beruhigen konnte. 

background image

»Nicht lebensgefährlich, Frau Baronin«, tröstete er. »So ein 
Salonschuß wirft einen alten Krieger noch lange nicht um.« 

»Sehr richtig – « schlug Krafft nun die Augen auf und lachte 
ihn an. »Wie gut, daß ich diesmal den Schuß abbekam! Er 
galt nämlich wieder meiner Frau.« 
»Ja – ist das Frauenzimmer denn verrückt geworden?!« 
empörte sich der Arzt. 
»Welches Frauenzimmer denn?« blinzelte der Baron ihm 
zu. 
»So was kann doch einer aus Dummdorf kapieren.« 
Ilse-Sibylle konnte nicht begreifen, daß Krafft so vergnügt 
sein konnte, während ihr fast das Herz brach. Wenn die 
Verletzung auch nicht lebensgefährlich war, so brachte sie 
doch Schmerzen und schwächte den Körper. Vielleicht 

blieb gar der Arm steif. 
Und alles ihretwegen! 
Sie war froh, als der Arzt sich verabschiedete. Dann sank sie 
vor dem Bett in die Knie. Mochte er nun wissen, wie sehr 
sie ihn liebte. Das war ihr jetzt alles ganz gleichgültig. 
Sie legte ihr Gesicht auf das Kissen, ganz nahe neben das 
seine. Wie blaß er war, wie erschöpft! 
Bitterlich weinte sie auf. Die Tränen benetzten das bleiche 
Antlitz des Verletzten. 
»Ilsibyll -!« 
Sie schrak zusammen. 
»Ilsibyll, warum weinst du?« 

Wie weich seine Stimme klang – das sollte sie nun auch 
noch ertragen! 
»Weil du immer mehr für mich tust, und ich dir nie danken 
kann«, schluchzte sie herzzerbrechend. »In der Eisenbahn 
fing es an. Dann der Abend auf den Dünen, dann die Ehe, 
die dir nichts als Verdruß bringt – und nun setztest du gar 
dein Leben für mich ein! Und ich – ich stehe dir gegenüber 
mit leeren Händen.« 
Verzweifelt drückte sie das Gesicht in die Kissen. Sah daher 
nicht, wie es in seinem Gesicht arbeitete. 
»Stehst du mir wirklich mit leeren Händen gegenüber?« 

background image

flüsterte er ihr ins Ohr. 
Ihr Kopf ruckte hoch, die Augen flehten zu ihm hin. 

»Ja, Krafft. Denn ich habe ja nichts, was ich dir zum Dank 
geben könnte. Höchstens mich selbst – mit einem Herzen 
voll heißer Liebe – « 
Ein Ruck ging durch seinen Körper, heftig und jäh. 
»Ilsibyll – weißt du auch, was du da sprichst?« 
»O ja. Daß ich dich liebe – dich geliebt habe, vom ersten 
Sehen an.« 
»Und wolltest daher nicht mein Spielzeug sein?« 
»Ach, das war damals. Da hatte ich auch noch meinen 
Stolz, der jetzt gebrochen darniederliegt.« 
Nun richtete er sich auf. Umfaßte sie mit dem gesunden 
Arm und preßte sie an sich, daß ihr der Atem verging. 

Küßte sich satt an den roten Lippen, die so verlockend zu 
ihm emporblühten. 
»Ilsibyll, du grausames kleines Scheusal! Auf diesen 
Augenblick habe ich gewartet – gewartet! Fast irrsinnig 
geworden bin ich darüber. War es denn so schwer, den 
unbändigen Stolz niederzuringen? Ilsibyll!« 
»Hätte ich nur gewußt, daß du mich liebst – « 
»Gehörte denn so viel Scharfsinn dazu? Wie hast du mich 
gequält, du grausames Kind! Meine ganze Energie und 
Härte mußte ich anwenden, um dir widerstehen zu 
können. Um nicht zu deinem Sklaven zu werden, du 
unglaublich borstige, süße kleine Person. Hat ein 

bezauberndes Engelköpfchen und dabei solch ein 
ausgewachsenes Teufelchen in dem vollendet schönen 
Nacken.« 
Lachend schlang sie die Arme um seinen Hals. Ließ sich 
küssen und kosen. Ihre Augen strahlten ihn an wie zwei 
Sonnen. 
»Kleine Mimose – du Abgott mein – « küßte er diese 
lockenden, leuchtenden Augensterne zart. 
Bis sie dann erschrocken auffuhr. 
»Mein Gott, Krafft, du sitzt ja! Wenn dir das nun schadet?« 
»Mach nicht so entsetzte Augen, liebste Frau. Freude hat 

background image

noch niemand geschadet, und mich wird sie bestimmt 
nicht umwerfen, der ich so lange im Schatten gestanden. 

Komm, erzähl mir lieber, wann du dein Herzchen an mich 
verlorst.« 
»Gleich beim ersten Sehen. Du wurdest mein Idealbild. 
Bliebst es auch, als Tante Marianne dich so hart 
beschuldigte – obwohl ich es zu beflecken versuchte – « 
Immer weiter erzählte sie. Manchmal leise und stockend, 
doch tapfer und wahrheitsgemäß. 
Als sie geendet, fragte er erschüttert: 
»Und nun, du hochmütiges Kind?« 
»Nun will ich dich nur noch liebhaben dürfen.« – 
Als dann Frau von Bruckheim wiederkam, fand sie zwei 
glückselige Menschen. 

»Da sorgte ich mich so entsetzlich um euch, kam früher 
zurück, als es anging – und nun – Ach, Kinder, wie 
glücklich bin ich doch!« 
Als man in Unruh Hochzeit feierte, war Krafft schon wieder 
hergestellt. 
»Nun, alter Schlingel, wohl Flitterwochen an allen Enden?« 
schmunzelte Herr Julis. 
»Und was für welche!« kam die Antwort frisch, froh, 
übermütig. »Nur, daß wir sie im Dünenschloß verleben, 
das uns mit seiner Romantik förmlich einspinnt in unser 
Glück, während Lo und Winfried es in die Welt 
hinaustragen.« 

»Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, mein 
Jungchen. Sie werden nämlich geradezu rausgeschmissen. 
Denn meine teure Ehehälfte, die dem Paar sein 
Turteltaubennest einrichten will, kann es dabei nicht 
brauchen. Wir wollten ihnen schon das Gut überlassen, das 
mir Frau Börne für ein Butterbrot verkaufte, bevor sie 
ausriß. Doch nichts zu machen – sie wollten nicht. 
Schwingen große Töne von Harmonie im elterlichen Nest, 
mit den Alten als Krönung ihres Glücks. So räumt ihnen 
denn die rührende Schwiegermutter einen Flügel bei uns 
ein. Groß genug ist der Unruher Kasten ja. Ob sie dann 

background image

selig werden? Na, laß doch das Kind das Äppelche – « 
Vergnügt blinzelte er ihnen zu und eilte davon, während 

beide hinter ihm herlachten. 
»Als ob man mit solchen Schwiegereltern anders als gut 
auskommen könnte!« sagte Krafft warm. »Ich gönne dem 
Winfried sein Glück von ganzem Herzen.« 
Als man nach der Feier nach Dünentrutz zurückgefahren 
war und Krafft nun seiner jetzt im Glück so köstlich 
aufgeblühten Frau allein gegenüber stand, zog er sie 
beseligt in die Arme. 
»Liebe, liebste Frau – Abgott mein – wollen wir auch in die 
weite Welt hinaus?« 
Erst bat sie um Gnade, daß er sie nicht erdrücken möge, 
und schlang dann ihre Arme um seinen Hals. 

»Nein, Krafft, noch nicht. Erst, wenn das Glück mich nicht 
mehr gefangenhält. Und dann – und überhaupt – kann es 
irgendwo schöner sein als in unserm herrlichen 
Dünenschloß, an Wald und See? Aber wenn du willst – « 
»Dann reise ohne mich, nicht wahr?« unterbrach er sie 
entrüstet. »Du glaubst doch nicht etwa, daß du mich jemals 
im Leben noch einmal loswirst?« 
»Will ich ja gar nicht, du schrecklicher Mann! Aber wie 
sagte Tante Marianne: Du kannst nicht ewig treu sein. 
Denn die Treue – « 
»Ist blau!« unterbrach er sie übermütig. 
Sie lachten beide wie ausgelassene Kinder. 

Frau von Bruckheim hörte in ihrem Zimmer dieses 
herzfrohe Lachen. Ihr Blick ging hin zu den Bildern von 
Gatten und Sohn. Sie konnte sie nun schon betrachten, 
ohne von Schmerz geschüttelt zu werden. 
Und warum? 
Warm und sonnig war es in Dünentrutz, dem wald- und 
meeresumrauschten. Warm und sonnig war auch die Liebe, 
die sie umgab, die sie nicht einsam werden ließ. 
Und stark war der Schutz, unter dem sie stand. Unter dem 
Schutz des Krafft von Broede. 
 

background image

- ENDE-