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TÖRICHTE HERZEN

 

Roman von Leni Behrendt

 

 

 

 

Wäre Tante Beate, die lebenserfahrene und kluge Frau, 
nicht in einer Erbschaftsangelegenheit zu ihrem Neffen Dr. 
Diederich Brendor gekommen, wer weiß, was dann aus 
dessen zarter, verwöhnter und zum Freitod entschlossenen 
Frau Elonie geworden wäre. Tante Beate versteht es mit 
Geschick und Klugheit ganz schnell und bestimmt zu ar-

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rangieren, daß Elonie erst einmal das Haus ihres Gatten 
verläßt und zu ihr gewissermaßen zur Kur mitfährt. Dr. 

Diederich Brendor ist damit einverstanden, denn bisher 
waren alle seine Überlegungen buchstäblich an verschlos-
sene Türen abgeprallt. So gelangt denn das körperlich und 
seelisch kranke Vögelchen Elonie in eine Familie, in der 
sich alles nicht nur nach fest geregelten Grundsätzen ab-
spielt, sondern in der auch Freude, Fröhlichkeit und Har-
monie herrschen. Und so muß sich Elonie, nach einigen 
Wochen wieder körperlich gesundet, wohl oder übel in die 
Gesetze dieser Familie schicken. Hier stellt sich heraus, daß 
offenbar schwerwiegende Mißverständnisse, Intrigen, die 
junge Ehe dieser beiden Menschen bis zum Zerreißen zer-
rüttet haben. Wie aber sollen Brücken gebaut werden…

 

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Wir verwenden Papier, das bis zu 70% aus Altpapier besteht. Das ist unser Beitrag zum Umweltschutz.

 

Diese Ausgabe erscheint alle 4 Wochen im Martin Kelter Verlag (GmbH & Co.),

 

Mühlenstieg 16-22,2000 Hamburg 70, Postfach 70 10 09,

 

Telefon: Sa.-Nr. (040) 68 28 95-0, Telefax (040) 68 28 95 50, Fernschreiber: 213.126 Verantwortlich: 
Verleger Otto Melchert. Im Verkaufspreis ist die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten.

 

Gesamtherstellung: Norhaven Rotation A/S

 

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Gewähr.

 

Abgebildete Personen auf dem Umschlag stehen in keinem Zusammenhang mit dem Roman.

 

Diese Ausgabe darf weder in Leihbüchereien verliehen noch in Lesezirkeln geführt oder zum gewerbsmäßi-

gen

 

Umtausch bzw. Wiederverkauf verwendet werden.

 

Printed in Denmark. 

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Mit einem konventionellen Lächeln sah die junge Frau der 
stattlichen Dame entgegen, die nach Anmeldung des Die-

ners das luxuriöse Zimmer betrat. Hüben wie drüben ein 
forschender Blick – und dann umschlang ein Band von 
Sympathie die beiden ungleichen Frauen. 
»Seien Sie mir willkommen«, sprach die jüngere zaghaft. 
»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind.« 
»Wie formell!« lachte die andere. »Den Ton wollen wir erst 
gar nicht zwischen uns aufkommen lassen, mein Kind. Du 
bist immerhin die Frau meines Neffen, und ich bin daher 
die Tante Beate, die sogar auf deiner Hochzeit war.« 
»Entschuldige, bitte, Tante Beate – aber da waren so viele. 
Bitte, nimm Platz. Darf ich dir eine Erfrischung anbieten?« 
»Gegen eine Tasse Kaffee hätte ich nichts einzuwenden«, 

Frau Beate Norber ließ sich in einen der tiefen Sessel sin-
ken, die den Kamin umstanden. »Es ist so richtiges Hub-
berwetter draußen, das bis auf die Knochen geht. Da ist ein 
heißer Kaffee schon angebracht. – Praktisch!« meinte sie, 
nachdem die junge Frau durch das Haustelefon die Bestel-
lung aufgegeben hatte. »Da braucht man die dienstbaren 
Geister nicht erst herbeizuklingeln. Du hast es überhaupt 
wunderschön hier.« 
»Ja, das habe ich.« 
Es klang so sonderbar, daß Beate ihr Gegenüber forschend 
betrachtete. Und was sie da sah, ließ sie betroffen werden. 
»Bist du krank, Elonie?« fragte sie leise. »Oder hat dein – 

verzeih – erbärmliches Aussehen einen anderen Grund?« 
»Nichts von beiden, Tante Beate«, kam es bitter über die 
zuckenden Lippen. »Ich war und bleibe eben ein verzärtel-
tes Treibhauspflänzchen.« 
Der Eintritt des Dieners riß Beate aus ihren Gedanken. Er 
schob den Servierwagen vor sich her – mit einer Miene, die 
etwas Herablassendes hatte. 
»Ist gut, Jan, Sie können gehen«, wurde er von der Herrin 
verabschiedet, die dann den niedrigen Tisch zwischen den 
Sesseln deckte, ihren Gast aus der Maschine mit Kaffee ver-
sorgte und den Teller mit Gebäck vor ihn hinstellte. 

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»Bitte, Tante Beate, greif zu«, sagte sie mit einem Lächeln, 
das der menschenkundigen Frau mehr verriet, als viele 

Worte es vermocht hatten. Hier saß ein Mensch, der Weg 
und Steg verlor – und den sie spontan in ihr mitfühlendes 
Herz schloß. 
»Der Kaffee ist gut«, schlug sie absichtlich einen munteren 
Ton an. »Wie geht es Diederich?« 
»Ich weiß es nicht, Tante Beate«, kam es gleichgültig zu-
rück. »Er war vier Wochen unterwegs. Ich glaube, er ist heu-
te nacht zurückgekehrt.« 
»Aber, aber – hat er dich denn nicht begrüßt?« 
»Nein.« 
»Auch heute früh nicht?« 
»Ich pflege bis elf Uhr zu schlafen.« 

»Und wer kümmert sich um den Hausstand?« 
»Ein Phämonen von Hausdame und ein ebensolcher Die-
ner. Sie sind länger als ich in diesem Haus und ihrem 
Herrn treu ergeben. Iß doch bitte, Tante Beate.« 
»Nein, mein Kind!« Sie stellte energisch die Tasse auf den 
Unterteller. »Mir würde der Bissen im Hals steckenbleiben. 
Denn wer dich früher gekannt hat und dich heute sieht, 
dem muß sich das Herz krümmen vor Jammer. Wie konn-
test du nur so herunterkommen!« 
»Das liegt an mir«, erfolgte die Antwort wie eingelernt. »Zu 
essen gibt es hier in Hülle und Fülle.« 
»Und was gibt es noch?« 

»Alles, was zu einem Luxusgeschöpf gehört. Ein Faulenzer-
leben, schöne Kleider, Schmuck, Reitpferd, Auto.« 
»Und einen goldenen Käfig«, Warf Beate trocken ein, »an 
dessen Stäben du wahrscheinlich so lange gerüttelt hast, bis 
du erschöpft zusammenbrachst. Du mußt 'raus von hier, 
Elonie, sonst gehst du ganz kaputt. Halb bist du es nämlich 
schon.« 
»Sicherlich legt Diederich es darauf an«

,

 zuckte sie gleich-

mütig die Achsel. »Dann wird er wenigstens die Last auf 
anständige Art los, die er sich vor einem halben Jahr in 
einer Anwandlung von Edelmut aufbürdete.« 

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»Kind, es ist doch fürchterlich, was du da sagst.« 
»Aber es ist die Wahrheit, ungetünchte Wahrheit. Denn der 

reiche Industrielle Diederich Brandor übernahm mit dem 
verkrachten Konkurrenzunternehmen des Herrn Reigert 
auch dessen Tochter, dieses von maßloser Elternliebe über-
züchtete Treibhauspflänzchen, weil er doch nun mal ein 
großmütiger Mensch ist.« 
»Na du, nach Großmut sah es mir bei eurer Hochzeit nicht 
aus. Man war allgemein der Ansicht, daß der Bräutigam 
ganz gehörig in seine bezaubernde Braut verliebt sei. Es gab 
wohl keinen, der nicht eine glückliche Ehe prophezeite.« 
»Doch, einen gab es.« Die Mundwinkel zogen sich spöt-
tisch nach unten. »Ich habe nämlich selbst gehört, wie ein 
männlicher Gast zu dem anderen sagte: >Ziemlich gewagt 

von dem guten Brendor, sich nach all den feurigen Granat-
blüten seines bewegten Junggesellenlebens eine feine weiße 
Lilie als Hüterin seines Heims und Herdes zu wählen. 
Wenn die Ehe man gutgeht. - Damals war ich natürlich 
empört«, setzte sie hinzu, »doch heute geb' ich dem Mann 
recht. Und nun wollen wir das Thema fallenlassen, Tante 
Beate. Es ist unerquicklich und führt zu nichts.« 
»Also gedenkst du hier immer weiter zu vegetieren. Denn 
leben kann man das wohl nicht gut nennen.« 
»Ich will ja auch gar nicht leben.« 
»Sondern?« 
»Sterben.« 

»Großer Gott, Kind, du bist wohl nicht recht gescheit! Die-
ser Gedanke ist direkt frevelhaft für ein blutjunges Ge-
schöpf.« 
»Tante Beate, ob man da zwanzig Jahre zählt oder achtzig. 
Wenn man lebensmüde ist, will man eben sterben. Wäre 
ich nicht so feige, hätte ich längst diesem Leben ein Ende 
gemacht, das keinem etwas bedeutet. Aber es wird auch so 
klappen, denn mein Herz schlägt immer träger.« 
»Hast du denn einen Herzfehler?« 
»Wahrscheinlich.« 
»Was sagt Diederich dazu?« 

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»Nichts – weil er keine Ahnung hat.« 
»Elonie, du mußt es ihm sagen.« 

»Dazu habe ich keine Gelegenheit, weil er sich fast ständig 
auf Reisen befindet. Und wenn er mal hier ist, steckt er im 
Werk.« 
»Hast du wenigstens einen netten Bekanntenkreis?« 
»Nein.« 
»Besuchst du Vergnügungen?« 
»Nein.« 
»Treibst du Sport?« 
»Nein.« 
»Betätigst du dich im Haushalt?« 
»Nein.« 
»Ja, um alles in der Welt, womit vertreibst du dir denn die 

Zeit?« 
»Ich schlafe lange, lese, musiziere, stümpere ein bißchen 
Handarbeit und gehe mit den Hühnern zu Bett.« 
»Und das mit zwanzig Jahren. Kind, du bist mir direkt un-
heimlich. Könntest du nicht wenigstens in ein Bad fahren, 
das dir wahrscheinlich notwendig ist?« 
»Gewiß könnte ich das.« 
»Und warum tust du es nicht?« 
»Weil ich nicht will.« 
Der Fernsprecher schlug an, sie hob den Hörer ab, meldete 
sich und sprach gleich darauf: 
»Guten Tag, Diederich. Ja, es geht mir gut. Eine Verabre-

dung hast du für heute abend und ißt daher außerhalb? 
Wäre mir schon recht. Aber wir haben einen Gast. Tante 
Beate Norber. Da wirst du dich schon herbemühen müs-
sen. Gut, ich gebe den Hörer an sie ab.« 
Sie tat es, und Beate sprach: 
»Jawohl, Diederich, ich bin's höchst persönlich. Ich muß 
dich sprechen, daher bin ich hier. Nein, am Telefon kann 
ich dir das nicht sagen, es handelt sich um eine Familien-
angelegenheit. Du kommst, das ist nett. Tu es aber bald. 
Ich muß noch heute nach Hause zurückfahren. Also bis 
nachher.« 

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Zehn Minuten später trat er ein. Ein Typ von Mann, auf 
den die Frauen sozusagen fliegen. Hochgewachsen, blond, 

blauäugig, markantes Gesicht, hartgeschnittener Mund, um 
den es humorvoll, aber auch ironisch zucken konnte, mit 
dem herrischen Gebaren des Gebieters und dem Fluidum 
des Mannes von Welt. Das war der Industrielle Diederich 
Brendor. Im Werk beliebt, von der Konkurrenz gefürchtet. 
Artig begrüßte er die Schwester seiner Mutter, für die Gattin 
hatte er einen ebenso flüchtigen Handkuß wie Blick, was 
Beate nicht wenig empörte. Diesem arroganten, selbstherr-
lichen Menschen mal die Meinung sagen zu dürfen, eine 
wahre Wonne müßte das sein. 
»Darf ich mich verabschieden, Tante Beate? Hab Dank für 
deinen lieben Besuch – hoffentlich wiederholst du ihn«, 

sagte Elonie. 
Ehe die Dame noch etwas erwidern konnte, war die er-
schreckend schmale Gestalt verschwunden wie ein Sche-
men. Mit einem unterdrückten Seufzer wandte sich Frau 
Norber dem Mann zu, der sich ihr gegenüber niederließ 
und bedauernd sagte: 
»Ich habe dich wohl beim Kaffeetrinken gestört, Tante Bea-
te?« 
»Nein, das hast du nicht«, entgegnete sie kühl. »Laß bitte 
abräumen, ich genieße sowieso nichts mehr.« 
Er beordnete den Diener, der lautlos seines Amtes waltete 
und ebenso lautlos verschwand. Unbehaglich zog Beate die 

Schultern hoch. 
»Gräßlicher Kerl«, sprach sie hinter ihm her. »Falsch und 
hintergründig. Nicht eine Stunde möchte ich ihn um mich 
haben – na ja – nun paß mal auf, Diederich. Ich bin hier, 
um mit dir über Tante Henriette zu sprechen. Ist die dir 
überhaupt ein Begriff?« 
»Ja. Ein verhutzeltes Weibchen, das ständig Pillen schluck-
te. Was ist mit ihr?« 
»Sie ist vor einer Woche gestorben, ohne ein Testament zu 
hinterlassen. Somit treten die gesetzlichen Erben an – und 
das sind wir beide.« 

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»Wieviel Pillen hat sie denn zu vererben?« fragte er la-
chend, doch sie winkte unwirsch ab. 

»Laß den Spott, Diederich.« 
»Aber Tante Beatchen, warum denn so knurrig? Darf ich dir 
ein Glas Wein anbieten, damit du gemütlich wirst?« 
»Nein, danke. Laß uns zum Ende kommen, meine Zeit ist 
knapp bemessen. Es handelt sich nicht um Pillen, sondern 
um einen Strumpf.« 
»Um was, bitte?« 
»Um einen Strumpf«, mußte sie jetzt über sein verdutztes 
Gesicht lachen. »Um eine Männersocke, grau, selbstgest-
rickt und mit Goldstücken halb gefüllt. Wir fanden sie im 
Strohsack. Junge, sieh doch nicht so dämlich drein.« 
»Du verlangst wahrscheinlich viel von mir, Tante Beate. 

Welcher Mensch schläft heute noch auf einem Strohsack.« 
»Henriette tat's, das muß dir genügen. Sie war nämlich sehr 
konservativ. Trug Kleider aus dem vorigen Jahrhundert und 
einen Kapotthut.« 
»Ach du liebes Bißchen! Wie alt war sie denn, als sie starb?« 
»Vierundneunzig.« 
»Dann allerdings. Wer hat sie gepflegt?« 
»Da gab es nichts zu pflegen. Am Abend war sie noch mun-
ter wie ein Wiesel, morgens fanden wir sie tot im Bett.« 
»Beneidenswert. Und was ist nun mit dem Strumpf?« 
»Der liegt jetzt beim Notar. Gleichfalls eine Zigarrenkiste, 
in der sich kostbarer Schmuck befindet, und ihr Sparkas-

senbuch, in dem mehr als fünftausend Mark vermerkt 
sind.« 
»Und das alles befand sich im Strohsack?« 
»Ja. Nun erwartet der Notar die beiden Erben.« 
»Auch das noch«, hob er abwehrend die Hände. »Hab Er-
barmen und verschone mich.« 
»Das geht nicht, Diederich. Du gehörst nun einmal zu den 
Erben.« 
»Hab' ich eben gehört.« Er hielt ihr sein kostbares Zigaret-
tenetui hin. 
»Danke, ich rauche nicht.« 

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»Dann darf ich?« 
»Bitte.« 

Er steckte eine Zigarette in Brand, legte sich im Sessel zu-
rück, schlug ein Bein über das andere und sah nachdenk-
lich auf die Frau, die wie das blühende Leben vor ihm saß. 
Groß, kräftig, mit einem vollwangigen Gesicht, hellen, 
blauen Augen unter blondem Haar, glich sie einer Gestalt 
aus den alten Sagen. Seine Mutter hatte ganz anders ausge-
sehen. Zierlich, brünett, mondän. 
»Nun starr mich nicht so an, sondern entscheide dich«, 
wurde die Tante nervös. »Wann können wir zusammen 
zum Notar gehen?« 
»Ich muß morgen früh wieder eine längere Reise antreten, 
Tante Beate. Also wird vor Weihnachten kaum etwas aus 

der Regelung des Nachlasses werden. Aber es eilt damit 
auch wohl nicht sehr, nicht wahr?« 
»Nein, obwohl ich es gern recht bald erledigt hätte. Doch 
deine Zusage ist auch schon was wert. Und die habe ich 
doch?« 
»Ja.« 
»Danke. Es wäre ja nun an der Zeit, mich zur Bahn zu be-
geben«, stellte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr 
fest. »Nun, wenn es einen Zug später wird, schadet es auch 
nichts. Ich möchte nämlich mit dir über deine Frau spre-
chen. Fahr nicht hoch, laß mich erst reden! Hinterher 
kannst du mich meinetwegen zurechtweisen oder auch 

hinauswerfen. – Diederich, als ich heute Elonie sah, war 
ich entsetzt, was aus dem strahlendschönen Geschöpf in 
einem halben Jahr geworden ist. Sie ist krank, ernstlich 
krank. Und wenn nichts unternommen wird, löscht sie 
langsam, aber sicher aus wie ein trübes Licht. Hast du denn 
wirklich nicht gewußt, wie krank sie ist – nicht nur körper-
lich, sondern auch seelisch?« 
»Nein«, seine Brauen zogen sich finster zusammen. »Ich 
habe sie seit einem Vierteljahr kaum zu sehen bekommen. 
Ich war viel unterwegs, und wenn ich zwischendurch nach 
Hause kam, stand ich vor verschlossener Tür.« 

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»Hm. Nun mal eine Gewissensfrage, Died: Hast du deine 
Frau aus Liebe geheiratet?« 

»Ja. Aber sie hat es fertiggebracht, die Liebe in mir zu tö-
ten.« 
»Inwiefern?« 
»Sie verlangte, daß ich ihr ständig am Rock hing, was wäh-
rend der sechswöchigen Hochzeitsreise ja auch der Fall 
war. Als wir jedoch nach Hause zurückkehrten, konnte ich 
mich ihr natürlich nicht mehr ausschließlich widmen, da 
ich ja Besitzer großer Werke bin, um die ich mich küm-
mern muß. Das sah sie aber um alles nicht ein. Zuerst kä-
me sie und dann das Werk. - 
Zuerst versuchte sie mir das mit Schmeicheln und Betteln 
klarzumachen. Als das nichts half, gab es Tränen, dann 

folgten die heftigsten Szenen, die mich allmählich so zer-
mürbten, daß ich förmlich aus dem Hause floh. Die Reise, 
die ich geschäftlich antreten mußte, hielt sie für eine Un-
geheuerlichkeit. Und als ich hoffnungsvoll zurückkehrte, 
daß die Trennung die kleine Furie zur Vernunft gebracht 
haben würde, fand ich eine verschlossene Tür, die sich für 
mich auch nicht mehr öffnete. Das ist, was ich dir zu sagen 
habe, Tante Beate. Und was ist dir von der anderen Seite 
zugetragen worden?« 
Fast wörtlich gab sie es wieder und setzte dann hinzu: 
»Sie scheint ernstlich auf den Tod zu warten und könnte, 
wenn sie des Wartens müde ist, durch irgend etwas nach-

helfen.« 
»Ach was, dummes Geschwätz!« 
»Diederich, ich warne dich, diese schwerwiegende Angele-
genheit zu bagatellisieren. Es hat sich schon manch ein 
Mensch in einem unzurechnungsfähigen Augenblick das 
Leben genommen. Du mußt mit Elonie sprechen.« 
»Erst können«, lachte er hart dazwischen. »Dann müßte ich 
erst die verschlossene Tür einschlagen – denn gutwillig 
öffnet sie mir diese nicht. Was will sie überhaupt? Geht es 
ihr hier nicht gut? Sie hat doch alles, was nur ein Mensch 
haben kann.« 

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»Nur dich nicht, Died.« 
»Könnte sie auch haben, wenn sie nicht so entsetzlich hals-

starrig wäre.« 
Als Beate durch die Halle ging, stieß sie auf eine Dame, die 
sie auf der Hochzeit hier kennengelernt hatte und die ihr 
schon damals unsympathisch gewesen war. Doch nun sie 
in das süßlächelnde Gesicht sah, verstärkte sich das Gefühl 
noch, wurde zur Abneigung. Sie mochte wohl eine hervor-
ragende Hausdame sein – aber bestimmt auch eine solche 
Intrigantin. 
»Guten Tag, gnädige Frau«, grüßte das lange, hagere, tadel-
los gekleidete Wesen katzenfreundlich. »Suchen Sie je-
mand?« 
»Ganz recht, die Herrin des Hauses.« 

»Die wird leider nicht zu sprechen sein.« 
»Das überlassen Sie gefälligst mir. Ich bin nämlich die Tan-
te der gnädigen Frau, falls Sie das noch nicht wissen soll-
ten.« 
»O ja, das weiß ich, gnädige Frau.« 
»Also!« 
Brüsk wandte Beate sich ab, etwas vor sich hin murmelnd, 
das ganz nach >ekelhafte Viper< klang. Langsam stieg sie 
die Treppe hinauf, die mit Läufern belegt war, in denen der 
Fuß fast versank. Überall, wohin man auch schaute, Glanz 
und Pracht – und doch war die Herrin all der Herrlichkeit 
ein armes, bemitleidenswertes Geschöpf, ein flügellahmes 

Vöglein in einem goldenen Käfig. 
In der ersten Etage, die viele reichgeschnitzte Türen auf-
wies, mußte Beate erst an verschiedene klopfen, bis hinter 
einer eine unwillige Stimme hörbar wurde: 
»Ich möchte nicht gestört sein.« 
»Auch nicht von mir, Elonie? Du kannst mich doch nicht 
wie einen Bettler vor der Tür stehen lassen.« 
Das half. Ein Schlüssel wurde gedreht, die Tür spaltbreit 
geöffnet, und flugs schob Beate sich hindurch. 
»So weit wäre es ja nun geschafft«, bemerkte sie gemütlich, 
dabei scharf die junge Frau musternd, die zitternd vor ihr 

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stand, sie mit großen, bittenden Augen ansah. 
»Verzeih, Tante Beate, ich konnte ja zuerst nicht wissen, 

daß du es bist.« 
»Schon gut. Geh ins Bett zurück. Und dann wollen wir bei-
de mal miteinander reden wie Mutter und Tochter. Denn 
eine Mutter hast du bestimmt nötig, du armes Kind.« 
Da wandte Elonie sich schweigend ab, legte sich ins Bett, 
auf dessen Rand die Tante sich niederließ. Ihr Blick 
schweifte durch das Zimmer, das man mit luxuriös be-
zeichnen konnte, bis der prüfende Blick an dem Nachttisch 
hängen blieb, auf dessen Platte er einige Fläschchen und 
Röhrchen entdeckte. 
»Großer Gott, Kind, das schluckst du doch nicht womög-
lich alles?« fragte die Arztfrau entsetzt. 

»Doch, Tante Beate.« 
»Also bist du doch nicht zu feige, um dich langsam umzub-
ringen. Aber das werde ich verhindern, verlaß dich darauf.« 
Damit griff sie nach den Medikamenten, steckte sie in die 
Handtasche und besah sich kopfschüttelnd das junge Ge-
schöpf, das da halbverhungert in den spitzenüberrieselten 
Kissen lag. 
»Armes Ding«, sagte sie mitleidig. »Hast du Vertrauen zu 
mir?« 
»Ja, Tante Beate.« 
»Na, Gott sei Dank, damit ist schon viel gewonnen. Um 
selbst zu handeln, dafür bist du viel zu elend, daher werde 

ich es für dich tun. Zuerst kommst du einmal in ein Sana-
torium.« 
»Nein, Tante Beate – nein!« 
»Ja, warum denn nicht? Da bist du bestimmt besser aufge-
hoben als hier.« 
»Aber ich will doch nicht in ein Sanatorium«, wehrte sie 
sich verzweifelt. »Da käme ich ja nie wieder heraus!« 
»Nun schlägt's dreizehn. Deine Hirngespinste sind ja noch 
ärger, als ich dachte. Ein Sanatorium pflegt die Patienten 
nur so lange zu behalten, wie es erforderlich ist – « 
» – oder sie ins Irrenhaus zu überweisen.« 

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»Gott in deine Hände! Elonie, du bist doch nicht allein, du 
hast doch einen Mann – « 

» – der mich um alles gern los sein möchte.« 
Ja, da war die kluge Beate mal erst am Ende mit ihrer Weis-
heit. Ratlos sah sie auf die junge Frau, die das Gesicht ins 
Kissen gedrückt hatte und so jammervoll weinte, daß der 
weichherzigen Beate auch die Tränen kamen. Angestrengt 
dachte sie nach, wie dem verirrten jungen Menschenkind 
wohl zu helfen sei. Endlich fiel ihr etwas ein, zu dems sie 
sich spontan entschloß. Erbarmend umfaßte sie mit beiden 
Armen den elenden Körper, hob ihn zu sich hoch. 
»Sei still, Elo«, beschwichtigte sie mit tränendunkler Stim-
me. »Sei ganz still. Ich nehme dich mit nach Hause. Dort 
wirst du Menschen finden, denen du vertrauen kannst. Die 

dich verstehen und liebhaben, du verirrtes Seelchen, du. 
Paß mal auf: Da hin zuerst einmal ich. Dann Onkel Fritz, 
ein ebenso guter Mensch wie Arzt. Dann gibt es noch die Itt 
mit den lachenden Blauaugen und den langen blonden 
Zöpfen. Zehnjährig, manchmal unartig, aber größtenteils 
lieb. Unser großer Bengel ist ein lustiger Studiosus, der sich 
öfter mal zu Hause einfindet, um sich an Mutters Fleisch-
töpfen gütlich zu tun. Dann ist da Huschchen, ein liebes 
Altjüngferlein, das alle päppelt und es auch bei dir tun 
wird, bis du aus allen Nähten platzt. Else, das Hausmäd-
chen, ist fleißig, gut und treu. Dann haben wir noch einen 
Hund, eine Katze, allerlei Geflügel und das alte Doktor-

haus. Es ist längst nicht so pompös wie dieser Palast, aber 
es ist ein Haus, in dem die Liebe wohnt.« 
»Ist das auch alles wahr, Tante Beate? Gibt es denn wirklich 
so was wunderbar Schönes?« 
»Das Doktorhaus liefert den Beweis.« 
»Der Student und die Itt, sind das deine Kinder?« 
»Ja. Knut ist ungefähr so alt wie du, und Birgit ist ein Nach-
kömmling.« 
»Und Onkel Fritz?« 
»Ist der gute Onkel Doktor. Er wird in dem Städtchen ver-
ehrt von jung und alt.« 

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»O Tante Beate, nimm mich mit! Bitte, nimm mich mit. 
Fahren wir gleich?« 

»Na, nun mal langsam. Ich muß doch erst bei deinem 
Mann die Erlaubnis einholen.« 
»Ach ja – «, ließ Elonie sich entmutigt in die Kissen zurück-
sinken. »Er wird bestimmt dagegen sein.« 
»Abwarten. Ich gehe jetzt zu ihm. Indes kannst du dich 
anziehen.« 
»So sicher bist du, Tante Beate?« 
»Jawohl, so sicher.« 
Wenig später betrat sie das Zimmer, wo der Herr des Hau-
ses ihr skeptisch entgegensah. 
»Was hast du erreicht?« 
»Eine ganze Menge.« Sie ließ sich in den Sessel sinken. »Ich 

habe allerdings etwas getan, bei dem mir jetzt nicht ganz 
wohl in meiner Haut ist. Es könnte nämlich mit Recht dei-
nen Unwillen erregen.« 
»Da bin ich aber gespannt.« 
»Diederich, ich habe Elonie versprochen, sie mit mir nach 
Hause zu nehmen.« 
»Das habe ich geahnt«, entgegnete er zu ihrer Überraschung 
gelassen. »Und Elonie will tatsächlich mit dir gehen?« 
»Ja. Hast du etwas dagegen?« 
»Nein. Ich halte es jedoch für meine Pflicht, dich darauf 
aufmerksam zu machen, daß du mit Elonie einen Störenf-
ried in euer harmonisches Familienleben bringen würdest.« 

»Inwiefern?« 
»Weil sie unnachgiebig und eigensinnig ist. Sie wird alle 
beherrschen wollen, und wenn sie auf Widerstand stößt, 
wird sie die gleichen Methoden anwenden wie hier: Trot-
zen, sich einschließen und in den Hungerstreik treten.« 
»Trotzdem möchte ich es mit ihr versuchen.« 
»Na schön. Aber – ich habe dich gewarnt. Und wie soll ich 
mich weiter verhalten?« 
»Das wird dir Onkel Fritz sagen, der, wie du ja weißt, ein 
ganz guter Psychiater ist. Und wenn er einen Sanatoriu-
maufenthalt für erforderlich hält, wird er dafür sorgen, daß 

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Elonie einer zuteil wird. - 
Sieh dir mal diese Medikamente an.« Sie hielt ihm die ge-

öffnete Handtasche hin. »Die habe ich auf ihrem Nacht-
tisch gefunden. Also darf sie auf keinen Fall immer länger 
sich selbst überlassen bleiben. Da du nun viel auf Reisen 
bist und dich daher nicht um sie kümmern kannst, müssen 
es eben andere tun. Siehst du das wenigstens ein?« 
»Und ob ich das einsehe«, fuhr er sich nervös durch die 
Haare. »Ich sehe auch ein, daß Elonie tatsächlich nicht 
ganz normal sein kann. Sonst könnte sie sich doch unmög-
lich systematisch zugrunde richten wollen, zumal sie keine 
Veranlassung dazu hat. Sie vermißt doch nichts.« 
»Nur ein bißchen Liebe, Diederich.« 
»Tante Beate«, sagte er zwar gelassen, aber sie merkte ihm 

an, daß er sich nur mühsam beherrschte, »ich habe sie aus 
Liebe geheiratet. Ich habe auch nach den Flitterwochen 
eine Zeitlang ihr zänkisches Wesen, ihre Launen, ihre hy-
sterischen Ausfälle hingenommen – aber ihr ständig am 
Rock hängen konnte ich nicht. Das durfte ich bei meiner 
verantwortungsvollen Position nicht. Dann wäre ich ja 
direkt gewissenlos und nicht meiner bevorzugten Stellung 
wert.« 
»Du hast vollkommen recht, Diederich. Aber das nützt dir 
leider nichts. Du hast nun mal die Torheit begangen, ein 
von den Eltern vergöttertes Kind zu heiraten und mußt nun 
so oder so die Konsequenzen tragen.« 

»Also sei es. Es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig, als 
eure großmütige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn ich 
muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mit meiner Frau 
nicht fertig werde. Mit der Frau, die einst in mir ihren He-
ros sah, wie sie immer wieder in ihrer überschwenglichen 
Art beteuerte. Na, ist ja egal. Wann wollt ihr fahren?« 
»Möglichst bald.« 
»Bist du mit dem Auto gekommen?« 
»Nein, mit der Bahn. Das Auto muß Onkel Fritz jederzeit 
zur Verfügung stehen. Aber Elonie hat ja wohl ihren eige-
nen Wagen?« 

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»Den hat sie. Doch es wäre nicht ratsam, sie in der miserab-
len Verfassung ans Steuer zu lassen, zumal sie seit Monaten 

nicht mehr gefahren ist. Der Chauffeur kann euch mit 
meinem Wagen hinbringen.« 
»Brauchst du ihn denn nicht?« 
»Das schon. Da muß ich mich heute eben behelfen, und 
morgen, wenn ich abreisen muß, sind ja Wagen und 
Chauffeur wieder zur Stelle.« 
In dem Moment trat die Zofe ein, die Beate genauso miß-
fiel wie Hausdame und Diener. 
»Was wollen Sie, Kathi?« fragte ihr Herr kurz. 
»Die gnädige Frau läßt fragen, was für Sachen sie einpacken 
soll.« 
»Darum werde ich mich kümmern« erklärte Tante Beate 

unfreundlich. »Sie brauchen dabei nicht zu helfen.« 
»Du bist ja kurzangebunden«, meinte Diederich unbehag-
lich, nachdem das Mädchen gekränkt abgewippt war. 
»Das bin ich immer, wenn ich eine so freche Visage sehe. 
Ich gehe jetzt, um Elonie beim Packen der notwendigen 
Sachen zu helfen.« 
Als sie nach geraumer Zeit zurückkehrte, sagte sie aufat-
mend: 
»Das wäre nun auch geschafft. Jetzt möchte ich noch mei-
nen Fritz sprechen, um ihn auf unseren Gast vorzubereiten. 
Darf ich den Apparat benutzen?« 
»Selbstverständlich. Warte, ich stelle die Verbindung her.« 

Wenig später bekam sie den Gewünschten in die Leitung 
und sagte lachend: 
»Fritzchen, du brummst ja wie ein mißgestimmter Bär. Paß 
mal auf: Ich bringe einen Gast mit, Elonie Brendor. Er-
schrick nicht, wenn du sie siehst, denn sie hat sich sehr 
verändert, ist das, was du halblebendig nennst. Was ihr 
fehlt, sollst du feststellen. Jawohl, Diederich ist einverstan-
den, du kannst da ganz beruhigt sein. Huschchen soll das 
größere Fremdenzimmer gut lüften und dann die Heizung 
anstellen. Jawohl, wir brechen bald auf. In Diederichs Auto 
nebst Chauffeur. Also dann bis bald, Alterchen.« 

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Sie legte auf und sagte zufrieden: 
»So, nun wäre auch das erledigt.« 

»War Onkel Fritz nicht sehr erstaunt?« 
»Eigentlich nicht. Er wollte nur wissen, ob du mit allem 
einverstanden bist. Weiß der Chauffeur Bescheid?« 
»Das Auto steht schon bereit.« 
Nach einer halben Stunde hatte man die Stadt erreicht, die 
ungefähr fünfzigtausend Einwohner zählte. Das Doktor-
haus lag ein wenig außerhalb. Nicht sehr günstig für einen 
Arzt. Doch dieser war der Ansicht, daß diejenigen, die Wert 
auf seine Behandlung legten, ihn schon finden würden, 
was denn auch der Fall war. Zu ihm kamen mehr Patienten 
als zu den anderen Ärzten, die ihre Praxis mitten in der 
Stadt hatten. 

Frau Norber sagte dem Chauffeur, wie er fahren solle, und 
so langte man gut und sicher an. Kaum, daß der Wagen 
hielt, wurde die Tür geöffnet, und eine helle Kinderstimme 
rief: 
»Endlich bist du da, Mamilein. Ich wußte vor Ungeduld 
kaum noch, was ich anfangen sollte.« 
»Das sieht dir ähnlich, du Firlefanz«, lachte die Mutter die-
ses reizenden Töchterleins amüsiert. »Wo ist der Papi?« 
»Hier hängt er.« Mit diesen Worten trat aus der Haustür ein 
Mann, der mehr einem Landwirt als einem Arzt glich. 
Groß, breit, mit frischem Gesicht, blondem Schopf und 
vergnügten Blauaugen, deren Blicke sich nun forschend auf 

den Gast hefteten, der indes ausgestiegen war. 
»Guten Abend, Elonie«, grüßte er munter. »Nett, daß du 
uns besuchst. Sei herzlich willkommen.« 
Er nahm ihren Arm und zog sie in die Diele, wo ein Aireda-
leterrier angehetzt kam und der Fremden sein prachtvolles 
Gebiß zeigte. 
»Benimm dich, Adolar«, wies Herrchen ihn zurecht. 
»Das hier ist ein liebes Frauchen, zu dem du freundlich zu 
sein hast, verstanden?« 
Als Antwort setzte sich das Stummelschwänzchen in Bewe-
gung, und somit war der Gast gnädig anerkannt. 

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Jetzt trat auch die Hausherrin ein. Hinter ihr kam der 
Chauffeur, der zwei große Koffer abstellte und dann Hal-

tung annahm. 
»Ich möchte mich abmelden.« 
»So eilig? Wollen Sie nicht noch eine Erfrischung neh-
men?« 
»Besten Dank, Herr Doktor. Ich habe Befehl von meinem 
Herrn, unverzüglich zurückzufahren.« 
»Dann allerdings. Befehl ist Befehl.« 
Er ging mit dem Mann hinaus, und Beate sagte herzlich: 
»Leg ab, mein Kind. Hat dich die Fahrt sehr angestrengt?« 
»Ja, Tante Beate. Ich bin eben ein altes Wrack.« 
»Na, nun wird's Tag«, lachte der Hausherr, der soeben ein-
trat. »Bist ja noch nicht einmal hinter den Öhrchen trok-

ken, du Heimchen. Gehen wir ins Wohnzimmer, da kannst 
du in aller Ruhe verschnaufen.« 
Es war ein weites Gemach, das sie aufnahm. Mit schönen, 
gepflegten Mahagonimöbeln, weichen Polstern, einem 
dicken Teppich und ebensolchen Brücken. Im Kamin pras-
selte helles Feuer, eine Stehlampe erhellte heimelig den 
Raum. 
»Wie schön – «, sagte Elonie leise. »Das ist wie ein Nach-
hausekommen.« 
»Du bist hier ja auch zu Hause«, sagte Tante Beate herzlich. 
»Nimm in dem Sessel dort Platz und halte die Hände ans 
Feuer, sie sind eiskalt.« 

Als sie saß, schlängelte sich die kleine Tochter des Hauses 
zu ihr hin und betrachtete sie mit schiefgeneigtem Köpf-
chen. 
»Du bist ja noch so schrecklich jung!« platzte sie heraus. 
»Und hast so einen alten Mann wie Vetter Diederich Bren-
dor. Wie die Mutti mir erzählte, ist er schon dreißig Jahre.« 
»Also ein Greis«, lachte der Vater, gleich den anderen. »Wie 
kann man bloß einen so steinalten Vetter haben!« 
»Dafür bin ich auch ein Nachkömmling der Sippe«, tat sie 
altklug ab. »Komm, Elonie, zieh die Schuhe aus. Wenn du 
kalte Hände hast, sind die Füße auch kalt.« 

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Geschäftig streifte sie der Base die leichten Pumps von den 
Füßen und bemerkte kopfschüttelnd: 

»Sind die Fusselchen aber klein, die passen bestimmt in 
meine Pantoffel. Warte, ich hole sie rasch.« 
Damit wirbelte sie ab, und die Mutter lachte. 
»Da hat unsere Itt aber mal was zum Betreuen. Gib uns 
etwas zur Stärkung, Alterchen. Wir haben sie uns redlich 
verdient.« 
Schmunzelnd kam er dem Wunsch nach, nahm wieder 
Platz und hielt dem Gast das Glas entgegen, in dem es ru-
binrot funkelte. 
»Prosit, kleine Elonie. So was frischt wunderbar die Le-
bensgeister auf. Nicht nippen, sondern trinken. So ist es 
recht.« 

Jetzt erschien Birgit wieder auf der Bildfläche, in jeder 
Hand ein Pantöffelchen tragend, hellblau, mit weißem Pelz 
verbrämt. 
»Es sind meine schönsten«, erklärte sie eifrig, vor Elonie 
niederkniend. »Schlüpf hinein. Bißchen zu klein sind sie, 
aber das macht nichts. Papi, bekomm' ich auch einen 
Schluck?« 
»Dehnbarer Begriff«, meinte er trocken. »Man kann mit 
einem Schluck nämlich auch das Glas leeren. Wollen mal 
sehen, wie weit deine Bescheidenheit geht.« 
Und es war bescheiden – das reizende Mägdlein mit den 
langen blonden Zöpfen und den leuchtenden Blauaugen, 

wie ein Prinzeßlein aus dem Märchenbuch war es anzu-
schauen. Zutraulich setzte es sich auf die Sessellehne zu 
dem Gast und sagte ernsthaft: 
»Du siehst blaß aus, Elonie. Aber laß man, bei uns wirst du 
bald rote Backen kriegen. Nicht wahr, Papi?« 
»Ehrensache, das bißchen kriegen wir schon hin. Bist du 
müde, mein Kind?« 
»Ja, Onkel Fritz.« 
»Dann husch, husch ins Körbchen. Birgit, du bleibst hier.« 
Zwar zog die Kleine ein Schnutchen, tat jedoch wie ihr ge-
heißen. 

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Elonie streifte die Pantöffelchen ab, schlüpfte in die Schu-
he, bot leise den Gutenachtgruß und ging mit Tante Beate 

hinaus. 
Diese führte sie durch die nett eingerichtete Diele, die brei-
te, reichgeschnitzte Treppe hinauf, deren dicke Läufer die 
Schritte dämpften. Man gelangte in einen Gang, der zu 
beiden Seiten weißlackierte Türen aufwies. Eine davon öff-
nete Beate Norber, knipste das Licht an, und man betrat ein 
Zimmer, in dem alles licht und hell war. Das breite, weiße 
Bett mit der lichtgrünen Daunendecke machte einen viel-
versprechenden Eindruck. 
»So, Elo, das ist dein Reich«, sagte die Tante munter. »Fühle 
dich wohl darin!« 
»Das werde ich bestimmt, Tante Beate. Hab Dank für deine 

Güte, die ich gar nicht verdiene.« 
»Das wollen wir erst einmal abwarten. Da stehen ja auch 
schon deine Koffer. Entnehmen wir einem nur das, was du 
heute brauchst, alles andere packen wir morgen aus. Setz 
dich hin, damit du nicht womöglich umfällst. Den Ein-
druck machst du nämlich.« 
Elonie ließ sich auf dem Bettrand nieder und sah zu, wie 
die Tante dem Koffer das Nachtzeug entnahm. Alles sehr 
elegant, sehr teuer, wie es sich für die Gattin des reichen 
Brendor gehörte. 
»So, meine feine Dame, jetzt werde ich mal Zofe spielen. 
Also heraus aus den Kleidern, das Bad schenken wir uns. 

Himmel, bist du kalt – wie eine Eisfee. Das kommt davon, 
weil du zu wenig Blut hast. Da wollen wir mal für künstli-
che Erwärmung sorgen. Kriech indes unter die Decke, ich 
bin gleich wieder da.« 
Sie ging, und als sie zurückkehrte, trug sie ein Tablett, auf 
dem ein Teller mit einer Butterschnitte und einer Banane 
stand. Daneben ein Glas mit einem Gemisch aus Pepsin-
wein, Baldrian und einigen Essenzen. Unter dem Arm 
klemmte eine Gummiwärmflasche, die Tante Beate der 
jungen Dame vorsichtig an die eiskalten Füße legte. 
»Ist sie zu heiß?« 

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»Nein, danke, sie tut gut.« 
»Dann ist ja der Zweck erfüllt. Nun sperr mal dein Schnä-

belchen auf, damit ich dich atzen kann, du zerpliesertes 
Vöglein. Hinterher schlürfst du diesen Trank, den der gute 
Onkel Doktor so wunderbar zu mixen versteht. Danach 
wird einem so richtig wohl. Und ehe man sich versieht, 
wechselt man hinüber ins Land der Träume.« 
Während sie sprach, steckte sie abwechselnd Brot und Ba-
nane in den Mund ihres Pfleglings, der zwar widerwillig, 
aber immerhin schluckte. Hinterher kam der Trank, der 
sehr bald seine Wirkung tat. In das blasse Gesichtchen stieg 
ein schwaches Rot, das Spitzengeriesel des Nachtkleides 
erzitterte unter tiefen Atemzügen. Elonie Brendor schlief so 
ruhig, wie sie es wohl schon lange nicht mehr getan hatte. 

Beate knipste die Nachttischlampe aus und verließ leise das 
Zimmer. Als sie in der Diele war, rief der Gong zum 
Abendessen. Die Familie fand sich im Speisezimmer zu-
sammen, das mit seinen geschnitzten, schweren Möbeln 
einen wohlhabenden Eindruck machte. 
Man sprach zwar über den jungen Gast, hielt sich jedoch 
zurück, da die aufgeweckte Birgit dabei war. Wie sagt doch 
der Volksmund? Kleine Kessel haben auch Ohren. Erst als 
diese außer Hörweite waren, machte Huschchen ihrem 
bedrängten Herzen Luft. Zwar hatte sie Elonie nur flüchtig 
gesehen, wußte jedoch von Frau Beate, wer sie war, die 
Gattin des reichen Brendor, den sie von den früheren Besu-

chen im Doktorhaus kannte. 
»Da hat der Mensch nun Geld wie Heu, und seine Frau 
sieht aus, als könnte man ihr jeden Augenblick die Augen 
zudrücken«, sagte sie bekümmert. »Wie kann ein Mann 
seine Frau nur so verkommen lassen!« 
»Sie ist nicht verkommen, sie ist krank«, klärte der Arzt sie 
auf. »Da der vielbeschäftigte Brendor viel auf Reisen sein 
muß, hat er seine Frau zu uns geschickt, damit sie sich bei 
ihrem elenden Körperzustand nicht allein überlassen 
bleibt. Kapiert, Huschchen?« 
»Ach, so ist das, Herr Doktor. Na, Sie werden das arme Ha-

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scherchen bald gesund machen, und ich werde es pflegen. 
Wenn der Herr Gemahl kommt, soll er sein Frauchen nicht 

mehr wiedererkennen.« 
Mit dieser Zuversicht im Herzen huschte sie ab, und das 
Ehepaar ging ins Wohnzimmer hinüber, wo man zuerst 
immer noch nicht freiweg reden konnte, weil der >kleine 
Kessel< auch hier dabei war. Erst als er sich auf die allzeit 
gespitzten öhrchen gelegt hatte, brauchte man kein Blatt 
mehr vor den Mund zu nehmen. Beate erzählte, schilderte 
alles anschaulich und ausführlich. Aufmerksam hörte der 
Gatte zu, dabei sein Abendpfeifchen schmauchend. 
»Jetzt weißt du Bescheid«, schloß sie ihren Bericht. »Jetzt 
schilt mich aus, daß ich über deinen Kopf hinweg einen 
Menschen ins Haus gebracht habe, der uns wahrscheinlich 

viel zu schaffen machen wird.« 
»Warum soll ich schelten? Ich hätte genauso gehandelt wie 
du.« 
»Da bin ich aber froh. Was für einen Eindruck hast du von 
Elonie?« 
»Ein junges, haltloses Menschenkind, das Weg und Steg 
verlor.« 
»Genau diesen Gedanken hatte ich auch, als ich sie sah. 
Diederich hätte seine Frau nicht so viel allein lassen dürfen, 
hätte sie wenigstens ab und zu auf seinen Reisen mitneh-
men müssen – – « 
»um sich auch da noch von der hysterischen kleinen Per-

son die Hölle heiß machen zu lassen«, warf er trocken ein. 
»So ein vielbeschäftigter Mann auf einem so verantwor-
tungsvollen Posten sollte nie ein von den Eltern vergötter-
tes Mädchen heiraten, das sich selbst anbetet. Diese Abgöt-
ter können zu kleinen Teufel werden, wenn sich nicht alles 
ausschließlich um ihre werte Person dreht. Wenn sie mit 
ihren Szenen nichts erreichen, fangen sie an zu trotzen. Es 
wundert mich gar nicht, daß Elonie die Tür vor dem Gatten 
verschloß und in den Hungerstreik trat. Solche Herzchen 
sind mir aus meiner Praxis wohlbekannt. Es geht ihnen zu 
gut. Das wird ihnen zum Verhängnis, das größtenteils zur 

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Ehescheidung führt. Und ich fürchte, daß es auch hier der 
Fall sein wird.« 

»Nun aber mal aufgewacht, du Murmeltierchen!« riß eine 
Stimme Elonie Brendor aus dem Land der Träume in die 
Wirklichkeit. Die Augen öffneten sich, schauten verwirrt 
umher und blieben dann an der Tante hängen, die vor dem 
Bett stand. 
»Na endlich!« sagte sie lachend. »Ermuntere dich, die Zeit 
deines täglichen Erwachens ist da, das Frühstück wartet.« 
»Ist es denn tatsächlich schon elf Uhr?« 
»Sogar schon darüber hinaus. Rappel dich mal hoch.« 
Sie tat es und sah abweisend auf das Tablett, das die Tante 
ihr zuschob. 
»Das kann ich unmöglich alles essen.« 

»Du wirst es essen, mein Herzchen. Zwei Tassen Kaffee und 
zwei Brötchen sind zum Frühstück wahrlich nicht zuviel.« 
»Tante Beate – bitte!« 
»Nichts da, hier wird Order pariert.« 
So blieb denn Elonie nichts anderes übrig, als alles aufzu-
essen. Satt wie schon lange nicht mehr, ließ sie sich zurück-
fallen, und die Tante nickte zufrieden. 
»Na also. Nun verpuste dich ein wenig, und dann steh auf. 
Mußt dich allerdings allein ankleiden, du verwöhntest 
Prinzeßchen, eine Zofe gibt es hier nicht. Das Bad liegt 
deinem Zimmer gegenüber.« 
Ihr aufmunternd zunickend, nahm sie das Tablett, das sie 

dann in der Küche ablieferte. Sie ging dann ins Wohnzim-
mer, wo der Gatte sie schmunzelnd empfing. 
»Hast du mit deinem Samariterwerk bereits begonnen, du 
resolute Frau mit dem weichen Herzen? Wird wohl ein 
schwieriges Amt werden, wie?« 
»Das glaube ich noch nicht einmal«, meinte sie zuversich-
tlich. »Die Kleine scheint Respekt vor mir zu haben, und 
das ist schon viel wert. Was hast du da für einen Zettel in 
der Hand?« 
»Diederich rief an und gab mir seine erstmalige Reiseroute 
bekannt, die ich hier notierte. Wenn die überholt ist, dann 

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meldet er sich wieder, damit wir immer wissen, wo wir ihn 
auf alle Fälle erreichen können. Nimm bitte den Zettel an 

dich, weil du es ja sein wirst, der mit ihm in Briefwechsel 
tritt.« 
»Der Not gehorchend!« Sie schnitt eine Grimasse. »Was 
sagte der hohe Herr sonst noch?« 
»Nichts Besonderes. Er bedankte sich dafür, daß wir seiner 
Frau so großmütig Gastfreundschaft gewähren. Wie geht es 
ihr?« 
»Ich mußte sie nach elf Uhr aufwecken, so fest war der 
Schlaf nach deinem altbewährten Schlaftrunk.« 
»Hat sie etwas gegessen?« 
»Sie wollte nicht, aber sie mußte. Denn gute Pflege ist mei-
ner Ansicht nach die Hauptsache.« 

»Da hast du recht. Und soweit ich dich kenne, wird es dir 
gewiß gelingen, deinen Pflegling hochzupäppeln.« 
»Wie ist es nun mit unserer lebhaften Itt? Soll ich sie Elonie 
fernhalten?« 
»Nein, laß das Kind ruhig gewähren. Wenn wir Rücksicht 
auf sie nehmen, machen wir sie ja auch hier zur Hauptper-
son, um die sich alles dreht – und das muß unbedingt 
vermieden werden. Dieses von den Eltern vergötterte Ge-
schöpf muß endlich erkennen lernen, daß es auch andere 
Götter neben ihm gibt. Du verstehst doch, wie ich es mei-
ne?« 
»Ja, Fritz, ich werde mich danach richten.« 

»In Ordnung, Liebste. Ich mache jetzt zwei Krankenbesu-
che und hoffe, mich pünktlich zu Tisch einzufinden.« 
Adolar lag zu Frauchens Füßen und schnarchte. Die Katze 
Rosamunde mit dem schneeweißen Fell, dem schwarzen 
Stern am Hals und den schwarzen Pfötchen, saß auf dem 
breiten Fensterbrett unter den blühenden Topfblumen und 
wusch sich, dabei behaglich schnurrend. Von der Fahrstra-
ße, die in einem Abstand von ungefähr fünfzig Meter am 
Haus vorüberführte, klang das Getöse der Laster nur ge-
dämpft in das friedliche Gemach, das Elonie eine Weile 
später betrat. 

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»Da bist du ja!« empfing die Tante sie freundlich. »Nimm 
Platz. Einigermaßen ohne Bedienung ausgekommen?« 

»O ja, Tante Beate.« Sie streichelte den Hund, der aufgesp-
rungen war und sich nun zutraulich an ihr Knie schmiegte. 
»Ich habe sogar schon die Koffer ausgepackt und die Sa-
chen eingeräumt.« 
»Für deine Verhältnisse immerhin eine Leistung. Erschrick 
nicht, hinter dir auf der Sessellehne sitzt Rosamunde.« 
»Wer ist denn das?« 
»Schau dich um, dann wirst du es wissen.« 
»Oh, eine Katze, wie reizend. Ob sie mich mag?« 
»Sicherlich. Sonst hätte sie dich gemieden. Siehst du, jetzt 
klettert sie gar noch auf deinen Schoß und schnurrt. Einen 
größeren Sympathiebeweis kannst du wohl nicht verlan-

gen.« 
In dem Moment trat Birgit ein – und schon kam Leben in 
die Bude. 
»Tagchen auch, Elonie!« rief sie strahlend. »Und Rosamun-
de sitzt auf deinem Schoß? Du, darauf kannst du dir aber 
was einbilden. Sie ist sonst sehr scheu Fremden gegenüber. 
Aber du bist ja auch keine Fremde, du gehörst zur Sippe.« 
Die Mappe flog auf einen Stuhl, Mantel nebst Mütze folg-
ten – und dann senkte das Mägdlein unter dem strafenden 
Mutterblick beschämt den Kopf. 
»Ist ja schon gut, Mutti«, brummte es, trug die Sachen hi-
naus, und Frau Beate lachte. 

»Sie versucht es immer wieder, obwohl sie weiß, daß sie 
damit nicht durchkommt. – Da bist du ja wieder, du Tu-
nichtgut. Ich schau mal nach, wie weit Huschchen mit dem 
Essen ist. Unterhalte indes Elonie, aber fall ihr dabei nicht 
auf die Nerven.« 
Eingedenk der Mahnung hielt die kleine Plaudertasche ihr 
Zünglein zuerst noch im Zaum. Doch so nach und nach 
ging es durch. Sie fragte der Base die Seele aus dem Leibe, 
bis der Eintritt des Vaters dem ein Ende machte. 
»Da bist du ja, Fritz«, sagte die Hausfrau, als sie hinzutrat. 
»Wunderbar, da können wir gleich essen.« 

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Das Mahl bestand aus drei Gängen und war vorzüglich 
zubereitet. Zuerst hatte Elonie das Gefühl, nicht einen Bis-

sen herunterzukriegen. Doch allmählich aß sie sich gewis-
sermaßen ein, und zuletzt schmeckte es ihr sogar. 
Es berührte sie wohltuend, daß keiner ihr etwas aufnötigte, 
sondern sie gewähren ließ. Selbst Birgit machte keine Be-
merkung, wie sie ja überhaupt nicht in die Unterhaltung 
der Erwachsenen dreinreden durfte, was der kleinen Plau-
dertasche sichtlich schwerfiel. Erst beim Nachtisch erhielt 
sie vom Vater Redeerlaubnis, die sie dann weidlich aus-
nutzte. 
Nach dem Essen ging man in ein kleines trauliches Ge-
mach, wo man den Mokka zu trinken pflegte, von dem 
Birgit natürlich ausgeschlossen war. Aber auch Elonie wur-

de er von dem Arzt verboten, was sie zu Widerspruch reiz-
te. 
»Den Mokka darfst du mir nicht verbieten, Onkel Fritz. Er 
ist das einzige, was mich hochhält – « 
» – und den du daher kannenweise getrunken hast«, warf er 
trocken ein. »Kein Wunder, daß deine Nerven so zerrüttet 
sind. Sieh zu, daß sie in Ordnung kommen, dann wird ein 
Täßchen Mokka nach Tisch dir gewiß nicht schaden. Eine 
Zigarette doch sei dir bewilligt.« 
»Danke – «, lehnte sie schroff ab. Am liebsten wäre sie auf-
gesprungen und hätte die Tür hinter sich zugeschlagen, wie 
sie es von Hause aus gewohnt war, sofern man ihrem star-

ren Willen Widerstand entgegenzusetzen wagte. Hier wagte 
sie das denn doch nicht – und war somit gezwungen, sich 
zum erstenmal in ihrem verwöhnten Leben Selbstbeherr-
schung aufzuerlegen. Das Ehepaar wußte wohl, was in ihr 
vorging. 
Selbst das zehnjährige Kind ahnte etwas davon. Doch be-
vor es noch eine unangebrachte Bemerkung machen konn-
te, stand der Vater auf. 
»Da nichts Besonderes vorliegt, darf ich mir erlauben, mich 
für ein Stündchen aufs Ohr zu legen. Und du, kleiner 
Spatz, machst dich an deine Schularbeiten.« 

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»Och, Papi, ich muß mich erst noch erholen.« 
»Wovon denn?« 

»Von den anstrengenden Schulstunden. Die greifen näm-
lich die Nerven an – und nicht zu knapp.« 
»Nun, soviel werden sie schon noch hergeben«, sprach er 
todernst, während es ihm verdächtig um Mund und Augen 
zuckte. »Wenn du mit den Aufgaben fertig bist, legst du 
dich hin und schonst deine angegriffenen Nerven. Mutti 
gibt dir einen Löffel Lebertran.« 
»Papichen, so arg ist es nun auch wieder nicht«, unterbrach 
sie ihn hastig. »Ich glaube, ich werde es auch ohne das 
schaffen.« 
Weg war sie, und ihre Eltern lachten sich an. 
»Mit dem Trick kommt sie nicht mehr«, meinte er gemüt-

lich. »Wie ist es, Elonie, willst du nicht auch ein Mittags-
schläfchen halten?« 
»Nein, Onkel Fritz. Ich könnte ja doch nicht schlafen, und 
ruhen kann ich auch im Sessel.« 
»Wie du willst. Also gehabt euch wohl. Nach einer Stunde 
erscheine ich wieder auf der Bildfläche.« 
Vergnügt vor sich hin pfeifend ging er davon, und Elonie 
sagte hastig: 
»Wenn du auch ein Mittagsschläfchen halten willst, Tante 
Beate, dann laß dich durch mich nicht aufhalten.« 
»Das würde ich auch gewiß nicht tun«, kam es freundlich 
zurück. »Aber ich schlafe mittags nie, da ich ja nachts unge-

stört schlafen kann, während Onkel Fritz so manches liebe 
Mal hinaus muß. Da schläft er denn, sofern es möglich ist, 
über Mittag ein Weilchen. Aber wie gesagt, sofern es mög-
lich ist. Wenn er dringende Krankenbesuche zu machen 
hat, muß er auf den Mittagsschlaf eben verzichten.« 
»Da hast du wohl nicht viel von deinem Mann?« 
»Je nachdem. Im Sommer zum Beispiel, wenn viele seiner 
Patienten verreist sind, kann er sich seiner Familie sogar 
mehr widmen als einer, der feste Dienststunden hat. Der 
kann ja seiner Frau auch nicht ständig am Rock hängen, 
muß ja schließlich seinem Beruf nachgehen, muß Geld 

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verdienen. Denn wovon soll der Schornstein rauchen!« 
setzte sie lachend hinzu. »Wenn der Mann durch seine Ar-

beit den Herd nicht schürt, dann bleiben ihm nebst seiner 
Familie die Füße kalt, und der Magen bleibt leer. So ist es 
von jeher gewesen und wird immer so bleiben.« 
»Sag mal, Tante Beate«, Elonie zupfte an ihrem Taschen-
tuch herum, »wird dir eigentlich nie die Zeit lang?« 
»Nein, mein Herzchen. Für mich ist manchmal noch der 
Tag zu kurz.« 
»Ja – ach so – hat Onkel Fritz seine Praxis in der Stadt?« 
»Nein, hier im Haus. In einem kleinen Anbau mit separa-
tem Eingang. Er selbst kann sein Sprechzimmer von der 
Diele aus erreichen.« 
»Tante Beate, darf ich weiter fragen?« 

»Man immer zu. Was willst du wissen?« 
»Wie kommt es, daß du so ganz anders bist und aussiehst 
als meine Schwiegermutter. Sie lebte zwar nicht mehr, als 
ich heiratete, aber ich kannte sie früher von den Gesellig-
keiten her. Wie können Schwestern nur so verschieden 
sein!« 
»Ganz einfach, mein Kind. Ich gleiche dem Vater, sie glich 
der Mutter. Das heißt: nur im Aussehen, im Wesen war sie 
anders. Denn mein liebes Mamachen war ein richtiges 
Hausmütterchen, das nur für Mann und Kinder lebte, wäh-
rend Rena ohne den gesellschaftlichen Klimbim einfach 
nicht leben konnte. Und da ihr Mann genauso geartet war, 

standen sie sich in nichts nach.« 
»Sind sie oft hier gewesen?« 
»Nicht oft, dazu fehlte es ihnen an Zeit. Außerdem paßten 
wir nicht so ganz zu diesen reichen, exklusiven Leuten. 
Zogen uns daher immer mehr von ihnen zurück.« 
»Auch von Diederich?« 
»In seinem ersten Jahrzehnt hatten wir ihn öfter mal hier. 
Doch dann kam er ins Internat, studierte, ging anschlie-
ßend auf Reisen, so daß wir kaum noch mit ihm zusam-
mentrafen. Auf den Begräbnissen seiner Eltern, sowie auf 
seiner Hochzeit, die wir ja wohl oder übel als nahe Ver-

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wandte mitmachen mußten, sprachen wir uns auch nur 
flüchtig, und so entfremdeten wir uns schließlich ganz.« 

»Und warum suchtest du ihn gestern auf?« 
Als Elonie es wußte, sagte sie leise: 
»Diese Tante Henriette soll gesegnet sein. Denn ohne die 
Notwendigkeit, ihre Hinterlassenschaft zu regeln, wärst du 
nicht zu Diederich gekommen, hättest mich nicht mitge-
nommen – und ich hätte weiter dieses furchtbare Leben 
führen müssen – das Leben der Verlassenheit.« 
Mit einem harten Aufschluchzen drückte sie das Gesicht in 
die Hände, die vor Erregung nur so flatterten. Schon war 
Beate bei ihr und schloß sie mütterlich in die Arme. 
»Du darfst jetzt nicht mehr daran denken, hörst du, Elo-
nie?« sagte sie eindringlich. »Du sollst nur daran denken, 

körperlich sowie seelisch wieder hochzukommen. Dann 
wirst du alles mit ganz anderen Augen ansehen. Wirst viel-
leicht über das lächeln, was du jetzt so tragisch nimmst. 
Und wenn du mal wieder so richtig lachen kannst, wie es 
sich für ein so junges Menschenkind gehört, dann wirst du 
auch wieder das Leben lebenswert finden.« 
Allein bis dahin sollten noch Wochen vergehen, denn eine 
so schwere Nervenkrise ist natürlich nicht von heut' auf 
morgen behoben. Auch nicht ein so elender Körperzu-
stand. 
Also ging Frau Beate erst einmal daran, ihren Pflegling auf-
zupäppeln, der zuzeiten recht widerspenstig sein konnte, 

was jedoch in aller Gelassenheit ignoriert wurde. Das ei-
genwillige Personellen mußte außer den Mahlzeiten auch 
noch die Stärkungsmittel nehmen, die der Arzt verordnete. 
Der Erfolg blieb dann auch nicht aus. Das hagere Ge-
sichtchen begann sich zu runden und bekam Farbe. Die 
matten, verschleierten Augen belebten sich, wurden leuch-
tender mit jedem Tag. Die eckigen Körperformen wurden 
zur grazilen Schlankheit, und selbst das stumpfe Haar 
sprühte auf in metallischem Glanz. 
Auch in ihrem Wesen ging eine tiefeinschneidende Verän-
derung vor. Langsam taute sie aus ihrer starren Zurückhal-

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tung auf, ging mehr und mehr aus sich heraus. Als sie zum 
erstenmal hell herauslachte, erschrak sie selbst darüber. 

Jedenfalls erkannte man nach sechs Wochen das erbar-
mungswürdige, mit sich zerfallene Menschenkind nicht 
wieder, als das Beate Norber es ins Haus gebracht hatte. 
Es war kurz vor Weihnachten, als Elonie das Wohnzimmer 
betrat, in dem das Ehepaar geruhsam saß. Weich umschloß 
der Nerz die grazile Gestalt, unter dem Pelzmützchen rin-
gelten die gleißenden Locken hervor. Die Augen strahlten, 
der Mund lachte. 
»Wir gehen zum Weihnachtsmann«, verriet Birgit, die vor 
Aufregung zappelte. »Komm endlich, Elo, damit ich dir 
zeigen kann, was ich im Schaufenster für – « 
Schon hielt Elonie ihr den Mund zu, zog sie mit sich fort, 

und die Gatten sahen ihnen lachend nach. 
»Kaum zu glauben, was aus dem halblebendigen Dinglein 
geworden ist«, sagte der Mann, behaglich dabei sein Pfeif-
chen schmauchend. »Daß sie sich in dieser Umgebung 
körperlich wie seelisch erholen würde, daran hegte ich von 
vorneherein keinen Zweifel. Aber daß sie sich so prachtvoll 
herausmachen würde, das überrascht mich denn doch. 
Und das ist dein Werk, liebste Frau. Hast du eine Ahnung, 
wie stolz ich auf dein Werk bin, das du da vollbracht hast.« 
»Das ist ja nun übertrieben!« Sie errötete unter seinem lie-
bevollen Blick wie ein junges Mädchen. »Was hab' ich 
schon viel getan? Ich habe diesem jungen Geschöpf die 

Nestwärme gegeben, die es immer noch braucht und die 
ihm trotz aller Vergötterung auch im Elternhaus fehlte. 
Elonie hat gefroren, und jetzt ist ihr warm. Das ist alles.« 
»Jedenfalls hast du dir Gotteslohn um sie verdient«, beharr-
te er. »Denn ohne dein Eingreifen wäre sie verkommen, 
was der Herr Gemahl vielleicht gar nicht weiter tragisch 
genommen hätte.« 
»Das können wir nicht beurteilen, Fritz. Dafür kennen wir 
ihn zu wenig. Übrigens bekam ich mit der Morgenpost 
einen Brief von ihm, in dem er seinen jetzigen Aufenthalts-
ort angab. Er befindet sich in Andalusien.« 

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»Also mittenmang so feurige Granatblüten«, bemerkte er 
trocken. »Was schreibt er sonst noch?« 

»Hier liegt der Brief.« 
Nachdem er ihn gelesen hatte, erklärte er ironisch: 
»Gar wohlgesetzte Worte. Na ja: Worte sind der Seele Bild.« 
»Demnach scheint er eine korrekte Seele zu haben«, lachte 
sie. »Laß gut sein, Alterchen. Uns tut es nicht weh – und 
Elonie auch nicht. Ich habe so den Eindruck, als ob sie mit 
ihm fertig ist; denn sie erwähnt ihn nie. Daß sie um ihn 
Kummer trägt, ist kaum anzunehmen. Ich glaube, sie wird 
ihm jetzt ganz gehörig ihre Zähnchen zeigen und nicht 
einfach resignieren, wie sie es getan hat.« 
»Hoffentlich kauft Elonie keine großartigen Geschenke.« 
»Na, wenn schon! Wie sie mir neulich erzählte, erhält sie 

von Diederich ein sehr nobles Nadelgeld, das er monatlich 
auf ihr Konto überweist. Da sie seit Monaten nichts mehr 
abgehoben hat, weil sie in ihrer Einsiedelei nichts brauchte, 
ist eine stattliche Summe zusammengekommen. Nun wird 
sie sich für genossene Gastfreundschaft hier revanchieren 
wollen. Also lassen wir sie gewähren, es trifft ja keinen Ar-
men.« 
»Ob sie auch an ein Geschenk für ihren Mann denken 
wird?« 
»Das glaube ich nicht. Sie könnte es ihm ja gar nicht zu-
kommen lassen, da sie nicht weiß, wo er sich zur Zeit be-
findet. Denn daß er mit uns in Verbindung steht, davon 

hat sie keine Ahnung. Sie erwähnt ihn überhaupt nicht. Tut 
so, als ob er gar nicht existiert.« 
»Kaum zu glauben, daß zwei Menschen, die sich in Liebe 
fanden, sich so sehr auseinanderleben können.« 
In dem Moment stürmte Birgit herein und brachte einen 
Hauch von kalter Winterluft mit. Die Wangen waren vom 
Frost gerötet, die Augen blitzten. 
»Ich will euch rasch was erzählen, bevor Elonie kommt.« 
Sie senkte die Stimme zum Flüsterton. »In einem Geschäft 
trafen wir eine Dame, die Elo beide Hände entgegenstreck-
te. Doch diese wich zurück, stand steif wie ein Stock da 

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und sah die Dame an – ich glaube, man nennt so was ver-
ächtlich.« 

»Sagte die Dame denn etwas?« fragte die Mutter interessiert. 
»O ja«, flötete die Kleine so süß, daß die Eltern kaum das 
Lachen zurückhalten konnten: »So sagte sie: >Liebe gnädige 
Frau, welch eine Freude, Sie wiederzusehen. Kann ich etwas 
für Sie tun?< 
>Ja< – sagte die Elo, so wie man mit einem spricht, vor 
dem man sich ekelt. >Sie können etwas für mich tun, Fräu-
lein Böse – mich nicht belästigen!< 
Dann ließ sie die Dame einfach stehen und ging mit mir 
fort. Sie sah so verärgert aus, daß ich gar nicht zu fragen 
wagte, wer die Dame war.« 
»Womit du recht tatest, Birgit«, fiel der Vater ihr ins Wort. 

»Das ist eine Angelegenheit, die Elonie allein angeht. Er-
wähne die Dame nicht mehr, hörst du?« 
»Aber ja doch, Papichen, ich werde es bestimmt nicht tun. 
Ich geh' jetzt, um den Einkauf zu verstecken. Was hab' ich 
bloß für eine Freude!« 
Damit wirbelte sie ab, und Beate sah den Garten vielsagend 
an. 
»Ich glaube, bei dieser widerwärtigen Person liegt der 
Schlüssel zu der Entfremdung der jungen Gatten. Weil sie 
auch nach der Verheiratung ihres Brotherrn weiter Allein-
herrscherin sein wollte, wird sie gegen die Hausherrin auf 
raffinierteste Art intrigiert haben, um sie sozusagen heraus-

zubeißen.« 
Da es vor Weihnachten im Doktorhaus noch alle Hände 
voll zu tun gab, half Elonie fleißig mit. Jetzt war sie dabei, 
die große Tanne zu schmücken, wobei Birgit ihr eifrig half. 
Der Sohn des Hauses, der gestern angekommen war, bot 
zwar auch seine Hilfe an, die man jedoch ablehnte, weil 
der übermütige junge Mann ja doch nur Schabernack ge-
trieben hätte. 
So begnügte er sich damit, eßbaren Baumschmuck zu sti-
bitzen, die beiden Emsigen zu necken, Schnurren und 
Späßchen vorzutragen, so daß man aus dem Lachen nicht 

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herauskam. 
Als sein Repertoire erschöpft war, ging er nach der Küche, 

wo er solange Unfug trieb, bis Huschchen ihn kurzerhand 
hinauswarf. Schließlich landete er in dem kleinen Zimmer, 
wo die Mutter dabei war, die vielerlei Geschenke zu sortie-
ren. 
»Hier ist Eintritt verboten!« rief sie ihm zu, doch er hob ihr 
flehend die Hände entgegen. 
»Hab du doch wenigstens mit deinem Kronensohn Erbar-
men, geliebte Mutz. Er hat nirgends eine bleibende Stätte, 
überall wirft man ihn hinaus.« 
»Dann bleib schon hier«, wurde ihm gnädig gestattet. »Setz 
dich hin, aber halt mich nicht von der Arbeit ab.« 
Also ließ er sich auf dem einzigen Stuhl nieder, der unbe-

legt war, und sagte bewundernd: 
»Das ist hier ja das reinste Warenlager. Findest du dich da 
überhaupt durch?« 
»Wenn du mir nicht alles durcheinanderbringst, dann ganz 
bestimmt. Gieß dir einen Schnaps ein und rauch eine Ziga-
rette.« 
Was er mit dem größten Vergnügen tat. Ein Weilchen sah er 
der geschäftigen Mutter zu, dann sagte er versonnen: 
»Die Elonie ist doch ein verflixt hübsches Frauenzimmer.« 
»Knut!« unterbrach die Mutter ihn ärgerlich. »Einen derar-
tigen Ausdruck möchte ich nicht noch einmal hören.« 
»Na, Mutz, so arg ist er nun auch wieder nicht«, brummte 

er mit rotem Kopf. »Dann ist sie eben ein schönes Mäd-
chen.« 
»Mädchen pflegen nicht verheiratet zu sein.« 
»Bist du aber penibel. Schön, nehme ich den dritten An-
lauf: Elonie ist eine bezaubernd schöne Frau, über deren 
Anblick ich nicht wenig erstaunt war. Denn gemäß deines 
Briefes habe ich ein halbverhungertes Wesen erwartet.« 
»War sie auch, als ich sie Anfang November hierherbrachte. 
Gute Pflege und Nestwärme haben sie zu dem gemacht, 
was sie heute ist.« 
»Und ihr Mann? Kümmert er sich etwa nicht um sie?« 

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»Um sie direkt nicht. Er läßt uns nur immer wissen, wo er 
sich zur Zeit befindet.« 

»Die Ehe scheint ja ganz nett zu wackeln. Und wenn sie in 
die Brüche geht, was wird dann aus Elonie?« 
»Die bleibt bei uns.« 
»Na großartig. Gegen so eine Schwester hätte ich nichts 
einzuwenden.« 
»Dann sind wir uns ja einig, mein Sohn. Leg mal die Hand-
tasche weg. Sonst knipst du solange an dem Schloß herum, 
bis es kaputt ist. Schau mal nach, was der Vater macht. Das 
dürfte einen Medizinstudienten doch interessieren.« 
»Kann ich nicht, ich muß gleich zum Rendezvous.« 
»Du meine Güte! So richtig unter der Normaluhr?« fragte 
sie lachend, und er schlug sich an die Brust. 

»Ehrensache!« 
»Darf ich wissen, wer die Auserkorene ist?« 
»Du kennst sie nicht, Mutschechen.« 
»Ist sie hübsch?« 
»Solala. Sie hat krumme Beine und schielt.« 
»Jetzt mach aber, daß du rauskommst, du Schlingel!« droh-
te sie, worauf er sie umfaßte, einen Kuß auf ihre Wange 
drückte und dann lachend entschwand. Mit Mutterstolz 
sah sie ihm nach. Er war schon in Ordnung, der Junge. 
Wenn er so blieb, konnte sie mit ihm zufrieden sein. Denn 
bis jetzt hatte er den Eltern noch keine Sorgen gemacht. - 
Das Mittagsmahl wurde heute schneller als sonst einge-

nommen. Dann ging man wieder an die Arbeit und war bis 
zum Kaffee mit den Vorbereitungen fertig. Doch noch wäh-
rend man ihn trank, wurde der Arzt vom Krankenhaus an-
gerufen. - 
»Ja, Kinder, da hilft nun nichts«, sagte er bedauernd. »Hal-
tet den Daumen, daß ich bald wieder hier bin. Willst du 
mitkommen, Knut?« 
»Mit Vergnügen kann man in diesem Fall wohl nicht sagen. 
Also denn: Ich bin bereit.« 
Nachdem die beiden gegangen waren, begann für die Zu-
rückbleibenden eine Wartezeit, die sie auf eine harte Probe 

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stellte. Hauptsächlich für das aufgeregte Kind, das sich im-
merhin leidlich genug hielt. 

Und als die Ersehnten dann endlich erschienen, mußte erst 
noch das Abendessen eingenommen werden, mit dem 
Huschchen sich so viel Mühe gemacht hatte. Man durfte sie 
nicht kränken. So wurde es acht Uhr, bis endlich mit der 
Bescherung begonnen werden konnte. 
Allein auch dann gab es noch eine Unterbrechung. Denn 
als man gerade die Kerzen am Baum entzündet hatte, 
schrillte die Haustürklingel, was allgemeine Bestürzung 
hervorrief. Sollte am Ende auch jetzt noch der Arzt fortge-
holt werden? 
»Laß nur, Else«, winkte dieser ab, als das Hausmädchen 
gewohnheitsmäßig zur Haustür eilen wollte. »Ich sehe 

selbst nach.« 
Er ging, und die Zurückbleibenden hielten lauschend den 
Atem an. Und was sie dann durch die offene Tür vernah-
men, überraschte sie nicht wenig. 
»Diederich – du- ?« hörten sie den Hausherrn sagen. »Na, 
das ist mal eine Überraschung. Tritt ein, kommst gerade zur 
Bescherung zurecht.« 
»Habt ihr die noch nicht hinter euch, Onkel Fritz?« 
»Nein.« 
»Dann möchte ich nicht stören.« 
»Unsinn!« schnitt ihm der Onkel das Wort ab. »Von stören 
kann gar keine Rede sein. Komm, leg ab. Bist ja mit Päck-

chen beladen wie ein Weihnachtsmann.« 
Jetzt waren Birgit und Knut nicht mehr zu halten. Sie eilten 
davon, um den unverhofften Gast zu begrüßen. Auch die 
Mutter wollte folgen, verhielt jedoch den Schritt, als ihr 
Blick auf Elonie fiel, die stocksteif dastand, blaß bis in die 
Lippen. Als Frau Beate den Arm um sie legte, merkte sie, 
wie sehr die junge Frau zitterte. 
»Jetzt mal Haltung, Elonie. Oder willst du uns allen die 
Weihnachtsfeier verderben?« 
»Nein, Tante Beate – nein!« 
»Na siehst du. Brauchst nichts weiter zu tun, als deinen 

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Mann freundlich zu begrüßen. Alles andere findet sich 
dann von selbst.« 

Mehr konnte sie nicht sagen, da die anderen sichtbar wur-
den. Der Gast legte die Päckchen ab, trat auf sie zu und 
neigte sich über ihre Hand, die sie ihm bot. 
»Verzeih mein formloses Eindringen, Tante Beate«, klang 
seine sonore Stimme auf. »Ich nahm an, daß um diese Zeit 
die Bescherung vorüber sein müßte, sonst wäre ich nicht 
gekommen.« 
Langsam wandte er sich seiner Gattin zu – und in seinen 
Augen blitzte es überrascht auf. Zwar hatte die Tante ihm 
in ihren kargen Berichten mitgeteilt, daß Elonie sich gut 
herausgemacht hätte, doch daß es so grundlegend gesche-
hen war, damit hatte er nicht gerechnet. 

»Guten Abend, Elonie«, begrüßte er sie freundlich. »Ich 
freue mich, dich so frisch und munter vor mir zu sehen. 
Ganz wunderbar hast du dich herausgemacht.« 
»Das hat sie«, bestätigte der Arzt schmunzelnd. »Und nun 
wollen wir zusehen, daß wir endlich zu unserer Bescherung 
kommen.« 
Birgit sagte zuerst das obligate Weihnachtsgedicht auf, 
durch das sie leidlich kam, weil Elonie hinter ihr stand und 
soufflierte. Dann machte sich das reizende Persönchen 
wichtig, indem es am Flügel Platz nahm und sich umständ-
lich zurechtsetzte. Zuerst wollten die Fingerchen nicht so 
recht, griffen ständig daneben, bis sie sich beruhigt hatten 

und fast fehlerfrei über die Tasten glitten. Da erst setzte die 
Geige ein, die unter den zarten Händen sang und klang. 
Niemand – außer der kleinen Itt – hatte bisher gewußt, daß 
Elonie Geige spielen konnte – auch der Gatte nicht. Wie 
gebannt hingen die Blicke aller an der hellgekleideten Ge-
stalt, die lässig am Flügel lehnte und den Geigenbogen mit 
sicherer Hand führte. Feierlich klangen die weichen Töne 
der alten und doch immer wieder neuen Weihnachtslieder 
durch das Zimmer. Zart läutete das Glockenspiel hinein, 
das sich auf der Tannenspitze drehte. Die Kerzen verström-
ten ihren milden Schein, das Flitterwerk am Baum klirrte 

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leise. Es war eine Atmosphäre, die das Herz aufgehen ließ. 
Nachdem der letzte Ton verklungen war, sprang Birgit auf 

und nahm stolz das Lob entgegen, das man ihr reichlich 
spendete. Dann kam Elonie an die Reihe, die lachend ab-
wehrte. 
»Die einfachen Lieder zu spielen, war nun wahrlich keine 
Kunst.« 
»Warum hast du uns verschwiegen, daß du Geige spielen 
kannst?« 
»Spielen ist dafür ein zu hochtrabendes Wort, Tante Beate. 
Nennen wir es: ein bißchen herumstümpern. Ich nahm als 
Backfisch Stunden, weil ich mir einbildete, Talent zu ha-
ben. Von dem Wahn wurde ich langsam geheilt, gab nach 
zwei Jahren die Stunden auf und legte die Geige ad acta, 

die dann später wohl mit in die Versteigerungsmasse kam.« 
»Und woher hast du dieses Instrument?« forschte Beate 
weiter. 
»Ich kaufte es, um Itt beim Spiel zu begleiten. Wir übten 
heimlich als Überraschung, die uns ja auch gelungen ist.« 
»Kann man wohl sagen. Aber nun wollen wir mal sehen, 
was alles das Christkind uns beschert hat.« 
Und somit war man für die nächste halbe Stunde untergeb-
racht. Jeder hatte sich bemüht, dem anderen Wünsche ab-
zulauschen und diese nach Möglichkeit zu erfüllen. Es gab 
einen fröhlichen Tumult, wie ihn der Gast noch nicht er-
lebte. 

Natürlich hatte Elonie als Kind reicher Eltern alles bekom-
men, was sie sich wünschte. Sie hatte aber nie rechte Freu-
de darüber empfunden, hatte alles als selbstverständlich 
hingenommen. 
Genauso wie das vergötterte Töchterlein es tat, das so maß-
los verwöhnt wurde von den vernarrten Eltern. Der Gatte 
setzte dann diese Verwöhnung fort, was ihm gnädigst ge-
stattet wurde. Jedenfalls hatte er seine Frau noch nie so 
gesehen wie heute. 
Wie ein fremdes Wesen kam sie ihm vor in ihrer strahlen-
den Freude. Von allen wurde sie umarmt, gestreichelt und 

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geküßt. Selbst von dem Herrn Studiosus, dem sie mit der 
kostspieligen Kamera einen langersehnten Wunsch erfüllt 

hatte. Sie schien sich hier ganz als Kind des Hauses zu füh-
len, mit allen ein Herz und eine Seele zu sein. 
»So, Diederich, jetzt habe ich endlich auch für dich Zeit.« 
Die Tante ließ sich aufatmend ihm gegenüber nieder. »Das 
übermütige Völkchen kann einen schon in Atem halten. 
Was sagst du zu Elonie?« 
»Ich erkenne sie nicht wieder. Was hast du nur angestellt, 
aus dem verstockten Geschöpf ein so frischfröhliches zu 
machen?« 
»Dazu haben wir alle beigetragen, doch am meisten tat es 
wohl unser harmonisches Familienleben. Aha, da kommt 
Fritzchen mit der Weihnachtsbowle. Wer Durst hat, der 

finde sich ein.« 
Dann folgte die zweite Bescherung, die der Gast bereitete, 
indem er jedem ein mit Namen versehenes Päckchen über-
reichte. Selbst an Huschchen hatte der Mann gedacht, was 
ihm hoch angerechnet wurde. 
Lächelnd sah er zu, wie man die unverhofften Gaben aus-
packte, und die erste, die ihr Entzücken kundtat, war die 
kleine Itt. Und zwar über die Spieluhr mit dem reizenden 
Schneewittchen, das bei jedem vollen Glockenschlag von 
den sieben Zwergen umtanzt wurde. Beim zwölften Schlag 
trat sogar der Königssohn in Erscheinung. 
Auch Beate betrachtete entzückt ihre Uhr unter dem Glas-

sturz. Da tanzte ein zierliches Rokokopärchen nach den 
silbernen Klängen eines Menuetts. 
Der Arzt besah sich schmunzelnd einen Brieföffner von 
alter, wertvoller Arbeit, sein Sohn berauschte sich an dem 
Anblick eines goldenen Zigarettenetuis, das bescheidene 
Huschchen bestaunte andachtsvoll eine aus feinstem Leder 
gearbeitete Briefmappe nebst Inhalt, und Elonie hielt ein 
Pelzjäckchen in Händen, weich, mollig, federleicht. Alle 
Gaben stammten aus fernen Ländern, die große Freude 
verursachten. Nur das Jäckchen tat es nicht. Dafür erhielt 
der spendable Geber keinen Dank. 

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Um so herzlicher fiel der aller anderen aus. Hände streck-
ten sich dem Mann entgegen, von Birgit wurde er sogar 

umhalst und geküßt. 
Nachdem der frohe Tumult sich gelegt hatte, hob man die 
Gläser und trank auf das Wohl des noblen Spenders. Auch 
Elonie tat mit – gezwungenermaßen – wie sie ja so man-
ches tun mußte, seitdem sie im Doktorhaus weilte, wo 
selbst von dem zehnjährigen Kind ein artiges Benehmen 
verlangt wurde, vielmehr denn von einem erwachsenen 
Menschen. 
Anfangs war die verzogene Elonie, die sich nie hatte zu 
beherrschen brauchen, öfters mal aus der Rolle gefallen. Bis 
sich der Onkel das einmal ganz energisch verbat und ihr 
klarmachte, daß so ein unbeherrschtes Betragen die Men-

schen abstieß. Seitdem nahm sie sich zusammen, lernte 
immer mehr sich in Selbstbeherrschung zu üben, bis sie 
zur Selbstverständlichkeit wurde. 
Hätte sie das nur immer getan, dann wäre ihre Ehe nicht so 
kläglich gescheitert. Denn gerade ihre Unbeherrschtheit, 
verbunden mit Wutausbrüchen, hatte den allzeit beherrsch-
ten Gatten angewidert. Also kein Wunder, daß er sein frau-
liches Heim< zu meiden begann und sich mehr auf Ge-
schäftsreisen begab, als unbedingt nötig gewesen wäre. 
Nun hatte das Ehepaar Norber angenommen, daß der Nef-
fe seine Ehe lösen würde, war daher nicht wenig über-
rascht, als er heute unerwartet erschien und alle so nobel 

beschenkte. Wahrscheinlich als taktvolles Entgelt für die 
seiner Frau gewährte Gastfreundschaft. Aber daß er sich 
dazu ausgerechnet den Weihnachtsabend aussuchte, den 
man doch allgemein in der Familie verbrachte, ließ Fami-
lienzugehörigkeit vermuten. Und als er gar noch die Einla-
dung des Ehepaares annahm, die Feiertage hier zu verle-
ben, machte das diese Vermutung zur Gewißheit. 
Es war am anderen Morgen um zehn Uhr, als Diederich 
Brendor das Frühstückszimmer betrat, wo er eine fröhlich 
schmausende Gesellschaft vorfand. Elonie sowie die beiden 
Kinder des Hauses hatten bereits eine Skitour hinter sich. 

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Birgit hatte heute auf den Brettern, die sie nebst dem Dreß 
gestern beschert erhielt, ihr Debüt gegeben und war über 

das Ereignis immer noch aufgeregt. 
»Elo sagt, daß ich gar nicht so viel gefallen bin«, berichtete 
sie eifrig, »Sie hätte sich ungeschickter angestellt, und jetzt 
läuft sie wunderbar. Bedeutend besser als Knut.« 
»Das tut sie«, gab er neidlos zu, dabei nach dem Schinken-
brötchen angelnd, das auf der Base Teller lag. 
»Frech wie gewöhnlich«, lachte sie ihn an. »Aber du kannst 
ja nichts dafür.« 
»Nein – «, nickte er zustimmend. »Was du ererbt von dei-
nen Vätern hast.« 
„ »Jetzt hör aber auf, du Schlingel«, drohte der Vater ihm 
lachend. »Ich bin in deinem Alter ein schüchterner Jüngling 

gewesen. Stimmt das, teures Weib?« 
»Keine Ahnung, da ich dich damals noch nicht kannte.« 
»Aber du glaubst es?« 
»Unbedingt.« 
Der Gast lauschte amüsiert dem lustigen Geplänkere. Man 
betrachtete ihn übrigens gar nicht mehr als Gast, sondern 
zählte ihn bereits zur Familie. Man war zu ihm von einer 
herzlichen Vertrautheit – bis auf Elonie, die stand ihm 
gleichgültig gegenüber. Sie war die beiden Feiertage, die 
herrliches Winterwetter brachten, wenig im Haus, tummel-
te sich mit Birgit und Knut auf den Skiern. Wenn man am 
Abend zusammensaß, war sie frohgemut und guter Dinge, 

wobei sie jedoch den Gatten geflissentlich übersah. 
Gleichmütig nahm er es hin, bis zum Dienstagmorgen, 
dann begann die Abrechnung. 
Als er zum Frühstück erschien, fand er die Tante allein am 
Tisch vor. 
»Nanu, Diederich, heute schon so früh?« begrüßte sie ihn 
in ihrer charmanten Liebenswürdigkeit. »Und gleich mit 
dem Köfferchen? Du willst doch nicht etwa schon fort?« 
»Nicht wollen, sondern müssen.« Er setzte sich an seinen 
Platz und nahm die gefüllte Tasse dankend entgegen. »Es 
genügt ja, daß meine Frau euch hier zur Last liegt, da darf 

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ich es nicht auch noch tun.« 
»Na hör mal, Junge, so kraß wollen wir es nun wirklich 

nicht bezeichnen«, wehrte sie ab. »Wir haben uns über dei-
nen Besuch ehrlich gefreut – und Elonie haben wir gern 
hier.« 
»Weil ihr gütige Menschen seid, Tante Beate. Andere hätten 
sich mit so einem verstockten Geschöpf erst gar nicht be-
faßt.« 
»Was sich aber lohnte, Diederich. Du wirst ja selbst ge-
merkt haben, wie sehr Elonie sich zu ihrem Vorteil verän-
dert hat.« 
»Mir gegenüber nicht. Oder willst du abstreiten, daß sie 
mich einfach als Luft betrachtete?« 
»Nein, dafür war es zu offensichtlich.« 

»Also, ich habe sie im Verdacht, daß sie die kleine Itt gebe-
ten hat, nicht von ihrer Seite zu weichen, um einer Aus-
sprache mit mir zu entgehen. Doch um die kommt sie 
nicht herum, dazu bin ich ja schließlich hergekommen. Ich 
habe sie bis heute verschoben, um euch nicht die Feiertage 
zu verderben. Sei bitte so gut und sorge dafür, daß ich sie 
ungestört unter vier Augen sprechen kann.« 
»Und was wird dabei herauskommen?« 
»Das wird sich aus ihrem Verhalten ergeben.« 
Das war so hart gesagt, daß es der Tante bang ums Herz 
wurde. Denn daß der Starrsinn Elonies ganz und gar gebro-
chen war, daran glaubte sie nicht – und der Mann schien 

zum Äußersten entschlossen zu sein. Er wird nicht lange 
fackeln, sondern kurz und bündig vorgehen, was man ihm 
nicht verdenken konnte. Denn wie Elonie sich in den bei-
den Tagen dem Gatten gegenüber benommen hatte, war so 
verletzend gewesen, wie er es sich als Ehemann nicht bie-
ten lassen durfte – auch wenn er manches auf dem Kerb-
holz haben sollte. 
»Ist gut, Diederich«, entgegnete sie, einen Seufzer unterd-
rückend. »Diese Aussprache steht dir natürlich zu, aber – « 
Weiter kam sie nicht, da Elonie eintrat, von der kleinen Itt 
treulich gefolgt. Sie begrüßte die Tante mit einem Wangen-

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kuß, nickte dem Gatten flüchtig zu und nahm dann ihren 
Platz ein, wo sie sich das Frühstück mit bestem Appetit 

schmecken ließ. Dabei lachte und schwatzte sie mit Birgit, 
die Schweigsamkeit der beiden anderen völlig ignorierend. 
Als sie jedoch das Kind zum Skilaufen aufforderte, erklärte 
die Tante kurz: 
»Birgit bleibt im Haus – und du auch. Ich nehme an, daß 
du deinem Gatten, der extra deinetwegen am Heiligabend 
herkam, etwas zu sagen haben wirst, nicht wahr? Geh mit 
ihm in das kleine Zimmer, dort seid ihr ungestört. Komm, 
Birgit.« 
Sie zog diese mit sich fort, und Elonie sah ihr erschrocken 
nach. Dann wandte sie sich dem Mann zu und sagte spöt-
tisch: 

»Zwar wüßte ich nicht, was ich dir noch zu sagen hätte, 
aber wenn Tante Beate es wünscht – « 
Achselzuckend ging sie ihm voran und ließ sich in dem 
lauschigen Gemach in einen Sessel sinken. Auch er nahm 
Platz, steckte eine Zigarette in Brand, legte sich zurück, 
schlug ein Bein über das andere und betrachtete sein Gege-
nüber angelegentlich. 
»Laß das Angestarre!« sagte sie schroff. »Was willst du von 
mir?« 
»Dich fragen, was du dir so eigentlich denkst.« 
»Das dürfte dich wohl kaum interessieren.« 
»Leider muß ich mich dafür interessieren, weil du meine 

Frau bist.« 
»Gewesen, mein Lieber, gewesen«, höhnte sie. »Seitdem ich 
dein Haus verließ, betrachte ich mich nicht mehr als deine 
Frau. Oder besser gesagt: als deine Nebenfrau.« 
»Willst du mir das vielleicht näher erklären?« 
»Warum nicht!« Sie versuchte gleichmütig zu tun, was ihr 
jedoch nicht ganz gelang. An den bebenden Händen, ih-
rem verdunkelten Blick bemerkte er ihre Erregung und 
machte sich auf eine widerliche Szene gefaßt, die er so gut 
kannte. Doch davon sollte er zu seiner Überraschung ver-
schont bleiben. Sie schluckte nur einige Male schwer, fuhr 

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sich nervös über die Stirn und sprach dann weiter: 
»Nun, ich über der Sache stehe, ist es mir möglich, das zu 

sagen, was ich dir bisher verschwieg – und was mich so 
unsagbar demütigte. Du hast mich wohl in einer Anwand-
lung von Großmut geheiratet – aber so richtig als deine 
Frau hast du mich nie betrachtet. Das war für dich eine 
andere, die sicherlich besser zu dir paßt.« 
Wieder schluckte sie, als müsse sie etwas hinunterwürgen. 
Dann fuhr sie zu sprechen fort, erregter zwar, aber immer 
noch beherrscht: 
»Ich schnappte an unserem Hochzeitstag die Bemerkung 
eines Herrn auf, die er einem anderen gegenüber fallen 
ließ. Ich wiederhole sie wörtlich: Ziemlich gewagt von dem 
guten Brendor, sich nach all den feurigen Granatblüten 

seines bewegten Junggesellenlebens eine feine weiße Lilie 
als Hüterin seines Heims und Herdes zu wählen. Wenn die 
Ehe man gutgeht! 
Wie recht der Mann hatte, sollte mir bald mit grausamer 
Deutlichkeit klarwerden. Und zwar, als wir nach der Hoch-
zeitsreise wieder in dein Haus kamen. Da schobst du mich 
nach und nach ab, weil du meiner überdrüssig geworden 
warst. 
Das konnte und wollte ich zuerst nicht begreifen. Ich bet-
telte, weinte, flehte – doch umsonst, du entglittest mir im-
mer mehr. Und als du deine Reisen machtest, da verlor ich 
dich ganz. 

Jetzt kann ich es dir sagen, daß ich wahnsinnig gelitten 
habe unter der trostlosen Verlassenheit. Zumal ich diesen 
widerwärtigen Menschen -Hausdame, Diener und Zofe – 
denen du so blindlings vertrautest, schutzlos ausgeliefert 
war. Und als erstere mir noch den Beweis erbrachte – ich 
nehme wenigstens an, daß sie es war –, wie sehr du in den 
Banden einer feurigen Granatblüte schmachtest, da zer-
brach etwas in mir. Es waren also keine Geschäftsreisen, die 
du unternahmst, sondern solche zu deiner Geliebten – « 
»Moment mal«, unterbrach er sie kurz. »In welcher Form 
erhieltest du den Beweis?« 

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»Durch einen Brief, den die Böse wahrscheinlich unter-
schlug und mir auf den Schreibtisch legte. Es war ein 

furchtbarer Brief – so – so – nun, ich würde mich zu Tode 
schämen, aber nicht so was an einen Mann schreiben.« 
»Und warum hast du mir nichts von diesem Brief gesagt, 
Elonie?« 
»Weil du nicht da warst. Außerdem hätte ich bei dir kein 
Gehör gefunden. Sofern ich nur den Mund aufmachte, 
wandtest du dich angewidert ab. Zuerst empörte mich das, 
dann verletzte es mich, und zuletzt fühlte ich mich so ge-
demütigt, daß ich alles schweigend in mich hineinfraß.« 
»Interessant. Und was wurde aus dem Brief?« 
»Ich ließ ihn angeekelt liegen. Wo er dann blieb, das weiß 
ich nicht.« 

»Aber ich weiß es«, lachte er kurz auf. »Ich fand ihn näm-
lich unter der anderen Post auf meinem Schreibtisch, als 
ich von der Reise zurückkehrte.« 
»Dann ist ja alles in Ordnung.« 
»Auch daß du einer üblen Intrigantin so lieb und brav in 
das raffiniert aufgestellte Netz getappt bist? Sieh mich nur 
so groß an, es ist genauso, wie ich sage. Der Brief war – 
nun, um bei der Bezeichnung zu bleiben – von einer feuri-
gen Granatblüte, die ich längst vor meiner Ehe abtat. Aber 
da eben solche Blüten sehr anhänglich sind, bombardierte 
sie mich mit Briefen, die ich genauso angewidert wie du in 
den Kamin warf – aber ungelesen. Ein solches Geschmier-

sel muß der Böse in die Hände gefallen sein, das sie zu 
ihren Gunsten ausnutzte. Du glaubst mir natürlich nicht. 
Daher ist es zwecklos, weitere Worte zu verlieren. Wann 
kommst du nach Hause?« 
»Überhaupt nicht mehr. Reich die Scheidungsklage ein. Ich 
bin bereit, alle Schuld auf mich zu nehmen.« 
»Und wie denkst du dir deine Zukunft?« 
»Ich bleibe hier, wo ich ein trautes Zuhause fand.« 
»Und willst somit immer weiter den Menschen auf der Ta-
sche liegen. Halt, fahr nicht auf, laß mich zuerst ausreden. 
Das tätest du nämlich, da du nach der Scheidung mittellos 

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wärst. Denn eine Unterstützung hättest du von mir nicht zu 
erwarten.« 

»Ich würde die von dir auch nicht annehmen!« Ihr Kopf 
flog in den Nacken. Die Augen sprühten nur so vor Aufsäs-
sigkeit. »Man betrachtet mich hier ganz als ein Kind des 
Hauses und wird daher auch für mich sorgen.« 
»Was ich diesen gütigen Menschen ohne weiteres zutraue.« 
Er blieb immer noch gelassen. »Wohl fühlst du dich als 
Tochter des Hauses – aber du bist es nicht, Elonie. Wirst 
trotz aller Zuneigung, die man dir in der Familie entge-
genbringt, immer nur das sogenannte fünfte Rad am Wa-
gen sein. Aber wie ich deinem vertrotzten Gesicht ansehe, 
bist du so vernagelt und verbohrt, daß ich mit goldenen 
Zungen reden könnte, ohne dich zu überzeugen. Ich möch-

te dich nur darauf aufmerksam machen, daß dir mein Haus 
jetzt noch offensteht.« 
»Danke – «, unterbrach sie ihn schroff. »Ich habe in deinem 
Haus genug gelitten – so sehr, daß ich sterben wollte. Was 
wahrscheinlich auch geschehen wäre, hätte Tante Beate 
mich nicht aus dieser Hölle befreit. 
Ich habe Angst, dahin zurückzukehren«, gab sie nun ihrer 
Erregung nach. »Angst vor der Verlassenheit, Angst vor den 
Bediensteten, die nicht die Herrin in mir sahen, sondern 
ein von dem Hausherrn geduldetes Wesen, dem gegenüber 
man sich jede Frechheit und Unverschämtheit ungestraft 
erlauben durfte. Sie haben mir das notwendige Essen vor-

geworfen wie einem aus Gnade und Barmherzigkeit gedul-
deten Hund.« 
Jetzt gaben ihre Nerven der ungeheueren Anspannung 
nach. Sie weinte auf, hart und stoßweise, gepeinigt und 
gequält. Doch dann riß sie sich zusammen und sagte mü-
de: 
»Laß uns das Gespräch beenden – ich ertrage es nicht län-
ger.« 
»Na schön – «, gab er nach, während er sich erhob. »Über-
lege dir das, was ich dir gesagt habe, bis ich die Reise hinter 
mir habe, die für längere Zeit die letzte sein wird. Ich spre-

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che dann wieder hier vor, um mir deinen endgültigen Be-
scheid zu holen.« 

Die Tür fiel hinter ihm zu – und Elonie drückte aufstöh-
nend das Gesicht in die Hände. 
»Nun, was hast du erreicht?« fragte die Tante den Neffen, 
dessen Gesicht hart und blaß war. »Ist Elonie zur Vernunft 
gekommen?« 
»Sie wünscht die Scheidung, Tante Beate.« 
»Und du?« 
»Ich gebe ihr Bedenkzeit, bis ich von der Reise zurückkehre, 
was in ungefähr sechs Wochen der Fall sein wird. Willst du 
sie noch solange behalten?« 
»Das ist doch selbstverständlich, Diederich. Aus welchem 
Grund will sie sich scheiden lassen?« 

»Weil sie nicht mehr länger als – Nebenfrau – von mir ge-
duldet sein will. Meine Geschäftsreisen bezeichnet sie als 
Fahrten zu meiner Geliebten, einer feurigen Granatblüte, in 
deren Banden ich schmachte. Damit hätte ich meine 
rechtsmäßige Frau, die ich als Nebenfrau betrachte, gewis-
senlos der Willkür einer unverschämten Dienerschaft über-
lassen, die ihr das notwendige Essen vorwarf wie einem aus 
Gnade und Barmherzigkeit geduldeten Hund. 
Leider ist es Tatsache, daß ich der Böse vertraute. Im Verein 
mit ihren Kreaturen intrigierte sie erfolgreich. Sie spielte 
Elonie einen Brief erwähnter, längst abgetaner >Blüte< zu – 
und zwar so geschickt, daß dieses unerfahrene Kind ohne 

weiteres auf das niederträchtige Machwerk hereinfiel. Daß 
ich den Kreaturen vertraute, das ist es, was ich mir vorwer-
fen muß – während das andere – nun, da ist wohl jeder 
Kommentar überflüssig.« 
»Das ist allerdings fatal«, sagte Tante Beate betroffen. »Es 
wird schwer sein, Elonies Mißtrauen zu entkräften.« 
»Der Ansicht bin ich auch. Daher habe ich erst gar nicht 
versucht, mich zu rechtfertigen. Denn jedes Wort wäre auf 
Granit gefallen. Ich kann jetzt nichts weiter tun, als meine 
Frau dir zu überlassen, Tante Beate. Vielleicht gelingt es dir, 
sie zur Vernunft zu bringen.« 

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»Worauf du dich verlassen kannst, mein Sohn. Fahr du nur 
ruhig zu deiner Granatblüte, ich werde indes deine weiße 

Lilie hüten.« 
»So ist dir der Vergleich, den Elonie am Hochzeitstag auf-
schnappte, auch bekannt?« 
»Ja. Den offerierte sie mir, als ich im November wegen der 
Erbschaft in dein Haus kam. Die ist übrigens immer noch 
nicht ad acta gelegt. Wollen wir das nicht heute in Ord-
nung bringen?« 
»Ist von meiner Seite bereits geschehen, Tante Beate. Ich 
habe am Heiligenabend dem Notar mitgeteilt, daß ich auf 
meinen Anteil verzichte, weil er mir gar nicht zukommt. 
Somit fällt diese sonderbare Erbschaft dir allein zu. Den 
Bescheid wirst du wohl in den nächsten Tagen vom Nota-

riat erhalten.« 
»Aber Diederich, das kann ich doch nicht so ohne weiteres 
annehmen.« 
»So – und ich soll es ohne weiteres annehmen, daß du dich 
mit meiner starrsinnigen Frau abgeplagt hast und dich 
wirst immer weiter mit ihr abplagen müssen. Da steht dir 
doch wenigstens eine Anerkennung zu. Nimm sie nur – es 
trifft ja keinen Armen.« 
»Hast recht«, lachte sie. »Wenn man dir gibt, nimm, wenn 
man dir nimmt, schrei.« 
»Also, dann sind wir uns ja einig. Hab Dank für die schö-
nen Tage, die ich in deinem behaglichen Heim verleben 

durfte. Nun habe ich doch einmal ein Familienleben ken-
nengelernt, wie es mir vorschwebte. Aber leider bin ich 
kein Onkel Fritz, und Elonie ist keine Tante Beate. Grüß 
bitte die Deinen von mir und übermittle auch ihnen mei-
nen Dank.« 
»Soll geschehen, Diederich. Wir haben uns aufrichtig über 
deinen Besuch gefreut und hoffen auf baldige Wiederho-
lung.« 
Sie gab ihm bis zur Haustür das Geleit, sah zu, wie er in 
den noblen Wagen stieg, machte >winke, winke< und such-
te dann unverzüglich das Zimmer auf, wo Elonie immer 

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noch auf ihrem Platz verharrte. 
»Ist er endlich fort?« fragte sie trotzig. 

»Ja, er ist fort.« Tante Beate ließ sich seufzend in dem Sessel 
nieder, in dem vorhin ihr Neffe gesessen hatte. »Es ist dir 
glänzend gelungen, ihn zu vertreiben.« 
»Tante Beate, du tust mir unrecht.« 
»Davon muß ich mich erst überzeugen, mein Kind. Wie er 
mir erzählte, willst du dich von ihm scheiden lassen. Auch 
daß er dir eine Frist zugebilligt hat, dir diesen sehr gewag-
ten Schritt ernstlich zu überlegen, hat er mir gesagt.« 
»Hat er dir auch gesagt, warum ich die Scheidung wün-
sche?« 
»Auch das. Ich fürchte jedoch, daß du bei dem vagen Be-
weis schlecht abschneiden wirst, meine liebe Elonie.« 

»Aber Tante Beate, ich habe den Beweis doch schwarz auf 
weiß – den ehelicher Untreue. Und das ist doch wohl ein 
triftiger Scheidungsgrund.« 
»Elonie, du bist noch sehr jung und kennst daher so gut 
wie nichts vom Leben, zumal du als behütetes Töchterchen 
keine Gelegenheit hattest, das wahre Leben kennenzuler-
nen. Sonst müßtest du wissen, daß der Schein oft trügt. 
Und bei dem ominösen Brief tut er es, das kannst du mir 
schon glauben. Du bist dabei einer ganz gemeinen Intrige 
unterlegen, das wird dir Diederich auch gesagt haben, nicht 
wahr?« 
»Ja, Tante Beate. Aber ich kann ihm nicht glauben.« 

»Sag lieber, du willst ihm nicht glauben, weil du dich in 
dein Mißtrauen zu sehr verrannt hast. Doch lassen wir das. 
Wissen möchte ich, was du deinem Mann vorzuwerfen 
hast.« 
»Daß er fast unausgesetzt auf Reisen war und mich einer 
gemeinen Dienerschaft skrupellos überließ.« 
»Eine Schuld, die er bereits zugegeben hat. Aber deine 
Schuld war, daß er, wenn er dich bei seiner Rückkehr spre-
chen wollte, vor verschlossener Tür stand. Und deine weite-
re Schuld war, daß du ihm Szenen machtest, sofern es nicht 
nach deinem eigenwilligen Köpfchen ging. Damit triebst 

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du ihn ja förmlich aus dem Hause.« 
»Tante Beate, du bist erbarmungslos.« 

»Es ist die Wahrheit, Elonie. Stell dir mal vor, wie es wäre, 
wenn ich meinem Mann Szenen machen wollte, wenn er 
seiner Arbeit nachgehen muß, wie du es bei dem deinen 
tatest. Da würde bei meinem Fritz wohl die Gemütlichkeit 
aufhören. Wenn du nun die Scheidung durchsetzen soll-
test, was willst du dann beginnen?« 
»Hierbleiben, Tante Beate. Oder würdest du mich dann 
nicht behalten?« 
»Gewiß würde ich das. Aber ob es dir mit der Zeit genügen 
würde, das Haustöchterchen zu sein, das möchte ich denn 
doch bezweifeln. Du bleibst ja nicht immer zwanzig Jahre, 
Elonie, wirst mit jedem Tag älter und reifer. Es liegt nun 

einmal in der Natur der Frau, ein eigenes Heim zu haben 
und nicht ständig von anderen abhängig zu sein.« 
Die beiden Gespräche, die Beate mit Elonie und Diederich 
führte, übermittelte sie dem Gatten, als die andern zu Bett 
gegangen waren. Fast wörtlich gab sie die Gespräche wie-
der, und interessiert hörte er zu, dabei sein geliebtes Pfeif-
chen schmauchend. Als sie mit ihrem Bericht zu Ende war, 
sagte er bedächtig: 
»Tja, dagegen läßt sich vorläufig nichts machen. Diese 
schwierige Angelegenheit muß man langsam reifen lassen. 
Jedenfalls ist es von Diederich eine noble Geste, der aufsäs-
sigen kleinen Frau eine Bedenkzeit zuzubilligen. Ich weiß 

nicht, wie ich gehandelt hätte, wenn meine Frau mir so 
starrsinnig gekommen wäre. Denn was Elonie sich ihm 
gegenüber erlaubt hat, ist eines Mannes unwürdig.« 
»Vergiß bitte nicht, daß er Schuld auf sich lud, indem er 
seine blutjunge, unerfahrene Frau nicht nur fast ständig 
allein ließ, sondern sie auch noch so nichtswürdigen Krea-
turen auslieferte, da er nun diese Schuld erkennt, gibt er 
seiner Frau die Chance, noch einmal zu ihm zurückzukeh-
ren.« 
»Und schlägt sie diese aus, beweist sie damit ihre Unver-
söhnlichkeit, und er hat im Scheidungsverfahren einen 

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Pluspunkt mehr«, gab der erfahrene Mann zu bedenken. 
»Das, was Elonie sich in der Ehe zuschulden kommen ließ, 

wiegt schwerer als sein Verschulden. Daß er seine Frau so-
viel allein ließ, ja, du lieber Gott, das müssen andere Män-
ner in seiner Position auch. Allerdings hätte er dafür sorgen 
müssen, daß seine unerfahrene Frau in zuverlässigen Hän-
den war. Daß er sich dieser Sorge enthob, darin liegt seine 
Schuld. Das andere mit der ominösen >Granatblüte< ist 
weiter nichts als böse Verleumdung, gegen die er rück-
sichtslos vorgehen wird. 
Also würde bei einer Scheidung Elonie als schuldiger Teil 
erklärt werden und auf einen Unterhalt keinen Anspruch 
haben. 
Das alles müßte ihr nachdrücklich klargemacht werden – 

aber von wem? Wir können es nicht tun, ohne bei ihr den 
Verdacht zu erregen, sie loswerden zu wollen, und Diede-
rich würde sie erst gar nicht anhören. Es ist nicht einfach, 
was wir uns da übernommen haben.« 
»Und woran ich die Schuld trage«, sagte Beate bekümmert. 
»Hätte ich Elonie damals nicht ins Haus gebracht – « 
»Dann wäre sie langsam, aber sicher zugrunde gegangen«, 
warf er mahnend ein. »Was du tatest, Frauchen, war ein-
fachste Menschenplicht. Bisher hatten  wir  mit“  Elonie  ja 
auch noch keinen Kummer. Sie hat sich so prachtvoll he-
rausgemacht, daß es eine wahre Freude ist. sie läßt sich 
sonst auch ganz gut lenken, wird nur zum sturen Böck-

chen, wenn es um ihren Mann geht. Wann gedenkt er von 
der Reise zurück zu sein?« 
»In ungefähr sechs Wochen.« 
»Also hat sie Zeit genug, darüber nachzudenken, worauf du 
sie ernstlich hingewiesen hast, wie du mir erzähltest. Ob es 
nicht doch besser ist, auch ohne glückliche Ehe Herrin ei-
nes reichen Hauses zu sein, als von einer Familie abzuhän-
gen, zu der sie blutmäßig nicht gehört. Von der sie ihren 
Lebensunterhalt als Geschenk annehmen muß, während 
sie als Ehefrau ein Recht darauf hat. Das gabst du ihr doch 
zu bedenken, nicht wahr?« 

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»Das tat ich. Wenn auch mit anderen Worten, so ist doch 
der Sinn derselbe - 

Übrigens habe ich mit Diederich wegen der Erbschaft ge-
sprochen. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, daß er auf 
seinen Anteil verzichtet hat. Die Erklärung ließ er schrift-
lich dem Notar zugehen, quasi als Weihnachtsgeschenk für 
mich. Er meinte, ich soll es ruhig nehmen, der Verzicht 
trifft keinen Armen.« 
»Was hast du darauf erwidert?« 
»Wenn man dir gibt, nimm, wenn man dir nimmt, schrei. 
Sieh mich nicht so mißbilligend an, Fritz, ich konnte es 
nicht zurückweisen. Damit hätte ich Diederich verletzt, 
und das konnte ich nicht, weil er mir schon leid tat. Die 
schroffe Unzulänglichkeit Elonies scheint ihm doch mehr 

zuzusetzen, als er selbst wahrhaben will. Blaß sah er aus 
und verbittert. Ich glaube, daß er kurzen Prozeß machen 
wird, wenn Elonie so halsstarrig bleibt.« 
»Was ihm nicht zu verdenken wäre. Nun, warten wir ab, 
und halten wir uns möglichst aus der heiklen Angelegen-
heit heraus.« 
Das war nun leichter gesagt als getan. Da Beate sich Elonies 
angenommen, hatte sie deren Angelegenheiten zu den ih-
ren gemacht und somit auch zu denen des Gatten. Sie 
machten sich mehr Gedanken darüber, was aus der Ehe 
werden würde, als es die junge Frau zu tun schien. Denn 
diese lebte unbekümmert dahin. Nahm alles dankbar an, 

was ihr geboten wurde. Sah gesund und blühend aus und 
war stets frohgemut und guter Dinge. Den Gatten erwähnte 
sie überhaupt nicht, so daß man annehmen mußte, er sei 
für sie endgültig erledigt. 
Dieser Ungewisse Zustand währte bis Mitte Februar. Da 
meldete Brendor seine Ankunft an, die Elonie gelassen 
hinnahm. Sie blieb es auch, als er an einem Sonntagvor-
mittag erschien. Draußen war es bitterkalt, doch im trauten 
Wohngemach verbreiteten Heizung und Kamin eine molli-
ge Wärme. 
»Da bist du ja«, begrüßte Onkel Fritz den Neffen mit lär-

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mender Fröhlichkeit. »Komm, leg ab, mach es dir gemüt-
lich.« 

Was dann auch geschah. Als er Platz genommen hatte, setz-
te Birgit sich zu ihm auf die Sessellehne, Adolar legte den 
Kopf auf seine Knie, und Rosamunde sprang ihm auf den 
Schoß. 
»Da bist du ja nun eingerahmt«, lachte die Tante. »Wenn 
dir die Gesellschaft lästig wird, schieb sie ruhig ab. Wo hast 
du deinen Wagen?« 
»Nebenan in der Garage. Ich weiß ja, daß man aus dem 
Doktorhaus nicht sobald loskommt.« 
»Gut, daß du das einsiehst. Wann bist du zu Hause einget-
roffen?« 
»Vor zehn Tagen. Da ich das Haus abgeschlossen hatte, gab 

es viel Arbeit, um es wieder bewohnbar zu machen. 
Ich habe nämlich, bevor ich auf Reisen ging, die gesamte 
Dienerschaft entlassen«, führte er weiter aus. »Habe das 
Haus gewissermaßen mit eisernem Besen ausgekehrt. In-
zwischen ist es mir gelungen, eine Hausdame einzustellen, 
die bisher bei einem Bekannten segensreich wirkte. Da die-
ser jedoch mit seiner Familie auswanderte, wurde die Da-
me aus ihrem Vertrag frei und mit ihr die gesamte Diener-
schaft, bestehend aus Köchin, Zofe, Hausmädchen und 
Diener. Die Referenzen, die ich über diesen Stab einholte, 
waren so vorzüglich, daß ich ihn in Bausch und Bogen kur-
zerhand für mein Haus verpflichtete. Seit vier Tagen sind 

sie nun da – und der Rückkehr der Hausherrin steht nichts 
mehr im Wege. Nun, Elonie, was hast du mir daraufhin zu 
sagen?« 
Aller Augen hingen an ihr, die steif dasaß, den Kopf ge-
senkt. Auf dem Gesicht wechselte die Farbe in rascher Fol-
ge, der Mund war wie zum Weinen verzogen, die ver-
krampften Hände im Schoß bebten, die Brust hob sich in 
kurzen Atemzügen. 
Die anderen, die vor Spannung den Atem anhielten, spür-
ten wohl, ein wie heißer Kampf da gekämpft wurde, der 
selbst dem zehnjährigen Kind nicht entging. Verschüchtert 

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stahl sich dessen Hand in die der Mutter. 
Jetzt hob sich der gesenkte Kopf mit dem flimmernden 

Gelock. Die Blicke hasteten hin und her, sahen jedoch in 
lauter verschlossene Gesichter. Denn in diesem Kampf 
wollte ihr keiner beistehen, den mußte sie ohne Hilfe aus-
fechten. 
»Ist gut, Diederich«, sprach sie endlich leise, den Kopf wie-
der senkend. »Ich will es versuchen.« 
»Das freut mich«, entgegnete er in seiner beherrschten Art, 
so daß man nicht wußte, wie er ihren Entschluß aufnahm. 
Er hatte jedenfalls getan, was er konnte. Hatte, wie er selbst 
sagte, sein Haus mit eisernem Besen ausgekehrt. Hatte eine 
neue, schon bewährte Dienerschaft eingestellt. Es lag nun 
an der Hausherrin, wie sie sich bei den unvoreingenom-

menen Menschen einführen würde. 
Es lag auch an ihr, wie sie mit dem Gatten auskommen 
würde. Mehr, als er seiner Frau bereits entgegengekommen 
war, würde er wahrscheinlich nicht tun, was der Onkel 
richtig fand, der seinen männlichen Standpunkt vertrat. 
Aber auch Frau Beate war der Ansicht, daß Diederich seiner 
Frau nicht mehr Zugeständnisse zu machen brauchte. 
»Diederich, es ist nicht nett von dir, daß du die Elo for-
tholst.« Birgit zog ein Mäulchen. »Ich werde gar nicht wis-
sen, was ich ohne sie anfangen soll. Fährst du nicht bald 
wieder weg?« 
»Nein, kleine Itt. Jetzt bleibe ich für eine gute Weile zu 

Hause. Wenn du Sehnsucht nach deiner Elo hast, kannst 
du sie ja besuchen.« 
»Aber schöner ist doch, wenn ich sie hier habe!« 
»Birgit, jetzt hör aber auf«, unterbrach die Mutter sie unwil-
lig. »Elonie gehört zu ihrem Mann, der ihr erlaubte, solan-
ge bei uns zu bleiben, wie er sich auf Reisen befand – « 
Weiter kam sie nicht, da die Tochter davonlief, um die Trä-
nen nicht sehen zu lassen, die ihr übers Gesichtchen pur-
zelten. Elonie, die auch nur mit Mühe die Tränen zurück-
hielt, ging ihr nach – und dem guten Onkel Fritz war gar 
nicht wohl in seiner Haut. 

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»Na ja, die Trennung kommt beiden schwer an«, brummte 
er wie zur Entschuldigung. »Auch wir sehen Elonie ungern 

scheiden. Sind aber wiederum auch froh, daß sie zu dir 
zurückkehrt, Diederich. Es sah nämlich nicht so aus, daß 
sie zur Vernunft kommen würde.« 
»Es bleibt ihr eben nichts anderes übrig, Onkel Fritz«, be-
merkte der Neffe achselzuckend. »Denn nachdem ich ihr 
eröffnete, daß sie nach der Scheidung mit einem Unterhalt 
meinerseits nicht zu rechnen hätte, wird sie wohl überlegt 
haben, daß sie dann vollständig von euch abhängen wür-
de. Ist sie jetzt ganz gesund, Onkel Fritz?« 
»Ja, Diederich. Es war nicht gut um sie bestellt, als sie her-
kam. Aber jetzt ist sie gesund an Leib und Seele. Du wirst 
noch Freude an ihr haben.« 

Darauf erwiderte der Neffe nichts. Doch dem spöttischen 
Lächeln konnte man entnehmen, daß er von des Onkels 
Zuversicht keineswegs überzeugt war. Dieser brach dann 
auch das Gespräch ab, fragte nach den Reisen und staunte, 
wo der Mann in den sechs Wochen überall hingekommen 
war. 
»Junge, das muß ja eine gute Hetze gewesen sein. So was 
kann doch keinen Spaß machen.« 
»Geschäftsreisen sollen ja auch keinen Spaß machen, On-
kel Fritz. Ich bin froh, sie endlich hinter mich gebracht zu 
haben, wenigstens für geraume Zeit. Wenn es in meinem 
Betrieb auch noch so viel Arbeit gibt, so ist sie dennoch 

nicht so zermürbend wie dieses ewige Auf-der-
Achseliegen.« 
Der Gong machte dem Gespräch ein Ende. Man ging ins 
Speisezimmer hinüber, wo sich auch Elonie und Birgit ein-
fanden. Huschchen kam auch hinzu, und man konnte mit 
dem Mittagsmahl beginnen. Birgit sah den Vater so flehend 
an, daß er sich der kleinen Plaudertasche erbarmte. 
»Nun erleichtere dein Herz«, brummte er – und schon ging 
es los: 
»Elo hat mir versprochen, mich mit ihrem Auto abzuholen 
und wieder nach Hause zu bringen. Du hast doch nichts 

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dagegen, Diederich?« 
»Wie sollte ich wohl!« Er besah sich lächelnd das reizende 

Mägdlein. »Elonie besitzt das Recht, Gäste in ihr Haus zu 
laden. Es ist aber lieb von dir, auch meine Erlaubnis einzu-
holen. Da zeigt sich wieder einmal die Erziehung deiner 
Eltern. Du bist ein braves Kind, kleine Itt.« 
»Danke – «, strahlte sie ihn an. »Ich mag dich schrecklich 
gern, großer Vetter. Du bist so human.« 
Über den Ausdruck mußte man lachen, weil er gar zu ko-
misch aus dem Kindermund klang. Birgit freute sich mit 
und hielt dann brav ihr Schäbelchen. Als die Tafel aufge-
hoben war, griff sie nach den Händen Elos und zog sie mit 
sich fort. 
»Komm, Elo, wir packen erst zu Ende, damit wir diese 

unangenehme Arbeit hinter uns haben.« 
So gingen denn die beiden nach oben und die anderen 
nach dem lauschigen Zimmerchen. Sie tranken genüßlich 
ihren Mokka und unterhielten sich dabei angeregt, bis die 
beiden Packerinnen erschienen. 
»Endlich sind wir fertig«, berichtete die Kleine, hochrot vor 
Eifer. »Komm, Elolein, setzen wir uns nach der anstrengen-
den Arbeit.« 
»Nein – «, widersprach diese. »Wenn ich schon von hier 
fort muß, dann so schnell wie möglich.« 
»Ein so rascher Aufbruch ist zwar unhöflich gegen die 
Gastgeber, aber ich kann's nicht ändern.« Brendor erhob 

sich achselzuckend. »Ich hol' den Wagen. Mach dich indes 
fahrbereit, Elonie.« 
Rasch und sicher glitt der Wagen über das weiße Band der 
Straße. Ab und zu warf der Mann am Steuer einen Blick auf 
seine Nachbarin, die regungslos dasaß, immer noch die 
Augen voll Tränen. Als diese jedoch wieder überliefen, sag-
te er gereizt: 
»Wenn dir der Abschied so schwer fällt, hättest du mir nur 
einen Ton zu sagen brauchen – « 
»Bitte nicht«, wehrte sie ab, die Tränen hastig wegwischend. 
»Dieser rasche Abschied tut nicht so weh, als wenn ich ihn 

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in die Länge gezogen hätte. Fort mußte ich ja doch ein-
mal.« 

»Warum mußte?« fragte er schroff dazwischen. 
»Weil ich nicht ganz und gar zur Familie gehöre.« 
»Gut, daß du das einsiehst«, lachte er kurz auf. »Dann habe 
ich ja Aussicht, in Gnaden von dir aufgenommen zu wer-
den. Oder gedenkst du weiter in deinem Starrsinn zu ver-
harren?« 
»Nein – natürlich nicht – du mußt nur – Geduld – mit mir 
haben – « 
»Na schön. Ich gebe dir nur zu bedenken, mein liebes 
Kind, daß meine Geduld nicht unerschöpflich ist. Wenn sie 
mal reißt, dann aber endgültig. 
Vor allen Dingen möchte ich dich bitten, dich der Haus-

dame, Frau von Gehldorn, gegenüber nicht wie ein störri-
sches Kind zu benehmen. Ich glaube kaum, daß diese fei-
ne, beherrschte Dame dafür Verständnis hat. Und ich – 
nun – ich möchte mich meiner Frau nicht schämen müs-
sen. Du verstehst doch, was ich damit meine?« 
»Ja.« 
»Dann richte dich danach. Ich habe jedenfalls alles getan, 
um dir deine Rückkehr in mein Haus zu erleichtern. Es 
befinden sich jetzt Menschen darin, die dich als Herrin 
respektieren werden – solange du dich wie eine solche be-
nimmst. 
Und nun laß uns, wenn auch nicht Frieden, so doch einen 

Waffenstillstand schließen. Denn um ersteres zu tun, dafür 
sind wir beide zu verbittert. 
Aber guter Wille vermag viel. Ich habe ihn. Und wenn auch 
du ihn hast, kann unsere Ehe sich noch ganz erträglich 
gestalten.« 
»Und warum hast du denn nicht in eine Scheidung gewil-
ligt, Diederich?« 
»Weil ich dann nie das Schuldgefühl loswerden könnte, das 
ich dir gegenüber habe.« 
»Du meinst das Verhältnis mit deiner – deiner – « 
»Ist doch bloß gut, daß du stotterst«, unterbrach er sie ge-

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lassen. »Ich habe kein Verhältnis. Das ist eine Verleumdung 
böswilliger Intriganten, denen du in deiner Unerfahrenheit 

zum Opfer fielst. Daß ich dich diesen Kreaturen überließ, 
während ich auf Reisen war, das ist meine Schuld. Mir eine 
andere gewissermaßen in die Schuhe zu schieben, dagegen 
verwahre ich mich ganz entschieden. Nun Schluß damit. 
Das war mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.« 
Der Wagen hielt, Brendor gab ein bestimmtes Signal, und 
schon öffnete sich das breite, schmiedeeiserne Tor so ge-
räuschlos, als würde es von Geisterhand bedient. Der Wa-
gen fuhr durch, das Tor schloß sich wieder, und Elonie 
hatte das Gefühl, eine Gefangene zu sein. Scheu glitt ihr 
Blick an dem Prachtbau hoch, in dem sie ein Vierteljahr 
lang nicht wie eine Herrin, sondern wie ein armseliger 

Mensch gelebt hatte. 
»Elonie, wir sind da«, hörte sie eine mahnende Stimme 
neben sich. Da riß sie sich zusammen, ließ sich von dem 
Gatten aus dem Wagen helfen und schritt an seiner Seite 
die Freitreppe hinauf. 
In der Halle trat ihnen die Hausdame entgegen, während 
sich der Diener im Hintergrund hielt. Sie war eine gutaus-
sende Dame Ende Vierzig, mittelgroß, schlank, elegant, 
gewandt, beherrscht, taktvoll – also ganz die distinguierte 
Hausdame eines distinguierten Hauses. Brendor stellte ihr 
seine Frau vor, die sie mit gewinnender Liebenswürdigkeit 
begrüßte: 

»Guten Tag, gnädige Frau. Ich kann Sie als Herrin des Hau-
ses nicht gut willkommen heißen, aber ich darf Ihnen sa-
gen, daß ich mich auf Ihre Ankunft gefreut habe.« 
»Danke, Frau von Gehldorn«, entgegnete Elonie zurückhal-
tend und ließ sich vom Diener aus dem Mantel helfen. Als 
auch der Hausherr abgelegt hatte, ging man nach dem ge-
mütlichen Frühstücksstübchen, wo auf dem einladend ge-
deckten Tisch die Kaffeemaschine summte. 
»Der Platz des Hausherrn ist mir bereits bekannt«, sagte 
Irene von Gehldorn zögernd. »Doch der der Hausherrin – « 
» – ist hier.« Elonie zog das inmitten des Tisches stehende 

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Gedeck zu sich heran. 
Während man Platz nahm, sagte die Hausdame entschul-

digend: »Es ist nämlich nicht so einfach, sich in einem 
fremden Haus ohne Einführung zurechtzufinden. Daher 
fürchte ich, manches verkehrt gemacht zu haben. Haupt-
sächlich in Ihren Zimmern, gnädige Frau, die ja unbedingt 
gesäubert werden mußten. Dabei kann etwas verkehrt ge-
stellt worden sein.« 
»Wenn schon!« Elonie winkte hastig ab. »Die Fehler lassen 
sich leicht in Ordnung bringen.« 
»Dann bin ich beruhigt, gnädige Frau.« 
»Und ich möchte Sie bitten, das >gnädige< bei meiner Frau 
zu verschlucken«, sagte Brendor lachend. »Sie ist noch zu 
jung, um sich von einer – pardon – älteren Dame so ans-

prechen zu lassen. Bist du nicht auch der Ansicht, Elonie?« 
»O ja – «, erwiderte sie verlegen unter dem Blick der klaren 
Augen, die so viel Wärme ausstrahlten. 
Obwohl die eigenwillige Elonie sich dagegen sträubte, 
nahm die Art dieser Frau sie mehr und mehr gefangen. Sie 
hatte  sich  doch  fest  vorgenommen,  der  Hausdame  von 
vornherein die Herrin zu zeigen, damit diese gleich wußte, 
woran sie bei ihr war. 
Und nun? Nun hatte sie sogar Hemmungen dieser wirkli-
chen Dame gegenüber. Diese würde sie höchstens um et-
was bitten können, aber ihr nie Befehle erteilen – und so-
mit genausowenig Herrin im Hause sein, wie sie es bei der 

Böse gewesen war. 
In den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr wußte Elonie 
nichts mit sich anzufangen. Wenn sie wenigstens so wie 
früher bis elf Uhr hätte schlafen können, dann wäre der Tag 
nicht so lang geworden. Aber da sie im Doktorhaus späte-
stens um acht Uhr aufgestanden war, wurde sie auch jetzt 
um die Zeit wach und konnte, so große Mühe sie sich auch 
gab, nicht wieder einschlafen – und Hunger hatte sie auch. 
Also erschien sie um halb neun unten am Frühstückstisch. 
Frau von Gehldorn, die um halb acht mit dem Hausherrn 
zusammen frühstückte, ließ jetzt immer noch ein Plätzchen 

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frei, wie sie lachend sagte, um auch mit der Hausherrin zu 
essen. Denn allein schmeckte es nun einmal nicht so gut. 

Und dieses Frühstücksstündchen wurde Elonie bald so lieb 
und vertraut, daß sie es nicht mehr missen mochte. Das 
kleine Zimmer war ihr noch nie so heimelig erschienen wie 
jetzt, überhaupt ihr ganzes Zuhause nicht. Sie war sich dar-
in immer so fremd vorgekommen, so verlassen und verlo-
ren. Hatte sich vor der Böse direkt verkrochen wie vor einer 
schleimigen Viper. Nun, das war ja jetzt vorbei, das Haus 
war von der Viper befreit – Gott sei Dank! 
Das dachte auch Beate Norber, als sie an einem Vormittag 
das Brendorhaus betrat und von dem Diener in Empfang 
genommen wurde. Der gefiel ihr schon bedeutend besser, 
als sein Vorgänger, sogar gut gefiel er ihr, und von Frau 

Gehldorn war sie direkt entzückt. 
»Ich bin Elonies Tante«, führte sie sich ein. »Was ist denn 
mit der Kleinen? Die läßt ja gar nichts von sich hören. Ist 
sie krank?« 
»Gottlob nicht, gnädige Frau.« 
»Bitte nicht so offiziell«, lachte Beate. »Ich finde meinen 
Namen Norber auch schön. Schläft Elonie etwa noch?« 
»Nein. Sie befindet sich wie immer um diese Zeit im Tatter-
sall. Wenn sie gewußt hätte, daß ihr der Besuch der gelieb-
ten Tante bevorstand, hätte sie sich gewiß nicht aus dem 
Haus gerührt. Sie muß aber bald erscheinen. Indes müssen 
Sie schon mit mir vorliebnehmen.« 

Als sie sich im Wohnzimmer gegenübersaßen, fühlten sie 
sich mehr und mehr zueinander hingezogen. So zurückhal-
tend beide sonst auch gegen Fremde waren, kam zwischen 
ihnen ein Fremdsein erst gar nicht auf. Man spürte sofort, 
daß man einander vertrauen konnte. Also ging Beate nicht 
wie die Katze um den heißen Brei, sondern sprach freiweg: 
»Ich weiß nicht, wie weit Sie in die Verhältnisse hier einge-
weiht sind, Frau von Gehldorn. Aber wie ich meinen Nef-
fen kenne, wird er nicht sehr mitteilsam gewesen sein, 
stimmt's?« 
»Ja«, wurde lächelnd bestätigt. »Was Herr Doktor Brendor 

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mir sagte, waren nur Stichworte. Trotzdem glaubte ich ganz 
gut im Bilde zu sein. Es gehörte kein großer Scharfsinn da-

zu, mir das Gesagte mit dem Unausgesprochenen zusam-
menzureimen, da die Ehe ja eine der alltäglichen ist.« 
»Wie meinen Sie das, Frau von Gehldorn?« 
»Nun, der Mann viel auf Geschäftsreisen, die Frau weiß 
nichts mit sich anzufangen. Wenn da noch Intrigen um sie 
gesponnen werden und so weiter – tja, dadurch ist schon 
manch eine Ehe in die Brüche gegangen. Und diese hier – 
entschuldigen Sie bitte – hängt wohl auch nur noch an 
einem seidenen Faden.« 
»Leider – «, seufzte Beate. »Ist es Ihnen bekannt, daß Elonie 
ein Vierteljahr in meiner Familie weilte?« 
»Ja.« 

»Auch warum es geschah?« 
»So mitteilsam war Herr Doktor Brendor nicht.« 
»Dann werde ich es Ihnen näher erklären, damit Sie die 
richtige Einstellung bekommen.« 
Kurz erzählte sie, was sich zugetragen hatte, und als sie mit 
dem Bericht zu Ende war, sagte Frau Irene betroffen: 
»So arg habe ich es mir allerdings nicht vorgestellt. Wenn 
Sie nun nicht wegen der Erbschaftsangelegenheit das Haus 
Ihres Neffen hätten aufsuchen müssen, wäre da ein junges, 
verzweifeltes Menschenkind zugrunde gegangen. Also kann 
man wohl sagen, daß da wieder einmal eine höhere Macht 
noch gerade so zur Zeit eingegriffen hat. Armes Ding, was 

mag es ausgehalten haben.« 
Weiter kam sie nicht, da Elonie eintrat. Zuerst stand sie da 
wie erstarrt, doch dann jubelte sie auf: 
»Tante Beate, ist das mal eine freudige Überraschung! Du 
bleibst doch länger, nicht wahr?« 
»Zuerst laß mal meinen Hals los«, wehrte sie sich lachend 
gegen die feste Umschlingung. »Wenn du mich würgst, 
bleibt mir die Antwort in der Kehle stecken.« 
»Entschuldige, Tante Beate – aber ich freue mich doch so 
sehr. Jetzt bist du frei, nun beantworte meine Frage, aber 
enttäusche mich damit nicht.« 

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»Über Mittag bleibe ich bestimmt hier. Onkel Fritz mußte 
nämlich in eure Stadt zu einer Ärztezusammenkunft und 

nahm mich bis hierher mit. Die beste Gelegenheit, dir ei-
nen Gegenbesuch abzustatten, der eigentlich ein Vierteljahr 
dauern müßte«, fügte sie lachend hinzu. »Aber rechnen wir 
für jeden Monat eine Stunde, das genügt auch.« 
»Bißchen wenig«, kam es von der Tür her, durch die der 
Hausherr soeben schritt – distinguiert und selbstbewußt, so 
der richtige Gebieter. »Schönen guten Tag auch, Tante Bea-
te. Wie nett, daß du dich hierher verirrst.« 
»Werde nicht ironisch, mein Sohn.« 
»Tante Beatchen, wie dürfte ich das wagen. Wo ist der liebe 
Onkel Fritz?« 
»In diesem Städtchen bei einer Ärztesitzung. Wenn die be-

endet ist, holt er mich hier ab.« 
»Na wunderbar. Aha, da ist ja auch Niklas, um uns zur Fut-
terkrippe zu holen. Sie ist für unseren Gast doch gut gefüllt, 
Frau von Gehldorn?« 
»Er wird satt werden, Herr Doktor.« 
Man ging ins Speisezimmer hinüber, das Beate von ihren 
früheren Besuchen her kannte und das ihr doch irgendwie 
fremd vorkam. Verstohlen sah sie sich in dem kostbar ein-
gerichteten Raum um, was sich darin wohl verändert haben 
mochte. Doch nichts Neues konnte sie darin entdecken, es 
war alles genauso wie früher. 
Mußten es also die Menschen sein, die das feudale Gemach 

verändert erscheinen ließen. Die eine Atmosphäre um sie 
schufen von gelassener Vornehmheit, während man früher 
immer das Gefühl hatte, als sei sie elektrisch geladen. 
Und zwar durch die Nervosität des Ehepaares, das immer 
in Eile war, immer in Hast. Der Mann durch seine Geschäf-
te, die Frau durch das Gesellschaftsleben, in dem sie als 
persona grata galt. Die Mahlzeiten wurden nie in Ruhe 
eingenommen, wenn man sie hier überhaupt einnahm, 
statt in einem Lokal. Immer dabei auf die schlanke Linie 
bedacht. Immer nach der Devise: Wer rastet, der rostet. 
Nun, sie hatten beide dieses unvernünftige, aufreibende 

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Leben durch einen verhältnismäßig frühen Tod bezahlen 
müssen. Die ausgemergelten Körper waren nicht wider-

standsfähig genug gewesen, um der bösartigen Grippe 
standzuhalten, die sie in wenigen Tagen fast gleichzeitig 
dahinraffte. 
Und der Sohn? Der glich seinen nervösen, fahrigen Eltern 
in keiner Weise. Der hatte die Ruhe weg, wie man so sagt, 
sich selbst zu Nutz und Frommen. Denn unter seiner aus-
geglichenen, bedachten Leitung hatte der große Betrieb, der 
ihm als Erbe zufiel, einen erheblichen Aufschwung ge-
nommen. Er stand jetzt auf der produktiven Höhe, nach 
der Brendor sen. wie besessen gestrebt hatte. Und was ihm 
trotz aller Besessenheit nicht gelang, erreichte sein Sohn in 
ruhiger, konzentrierter Arbeit. 

Das alles schoß Beate Norber durch den Sinn, während sie 
sich das vorzüglich zubereitete Mahl gut munden ließ, wel-
ches der Diener mit der Würde des >Hochherrschaftlichen< 
servierte. Den Mokka trank man in einem Stübchen, das 
eigentlich nur aus Teppichen nebst Polstern bestand, und 
unterhielt sich dabei mit der Friedfertigkeit des Gesättigten. 
Bald darauf erschien auch Onkel Fritz, mit freudigem Hallo 
begrüßt. Nachdem er Platz genommen hatte, sagte er mit 
einem Blick auf den Neffen zufrieden: 
»Wenn du in diesem luxuriösen Gemach Pfeife rauchst, 
darf ich das auch.« 
Sprach's, stopfte seine >geliebte Braune<, steckte sie in 

Brand und brummte behaglich: 
»Wenn ich jetzt noch einen Mokka kriegen könnte, wäre 
ich restlos zufriedengestellt.« 
»Hast du überhaupt schon zu Mittag gegessen, Onkel 
Fritz?« erkundigte sich Elonie. 
»Hab' ich, mein Herzchen, wenn auch nur mäßig. Es geht 
doch nichts über Muttchens Kochkunst.« 
Dankend nahm er den Mokka aus Elonies Hand, legte sich 
in dem tiefen, weichen Sessel zurück, saß nun so richtig 
stillvergnügt da, ließ die anderen reden und machte dabei 
seine Beobachtungen. 

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Das Stübchen hatte es in sich, wie ja alles in dem Prachtka-
sten. Da steckte Geld drin, so viel wünschte er auch mal zu 

haben, der bescheidene Onkel Fritz. Oder auch nicht. Er 
hatte ja, was er mit seiner Familie zum Leben brauchte und 
auch ganz gut noch was darüber. Hatte auch noch mehr: 
eine glückliche Ehe und ein harmonisches Familienleben, 
was der große Brendor, wie er allgemein in der Stadt und 
Umgebung genannt wurde, nicht hatte, trotz seines mäch-
tigen Werkes und seines Reichtums. 
»Birgit hat heute Geburtstag«, sagte Elonie einige Tage spä-
ter an der Mittagstafel. »Ich fahre hin. Kommst du mit, 
Diederich?« 
»Leider unmöglich, da ich Kundenbesuch erwarte. Besorg 
der Kleinen ein passendes Geschenk und gratuliere ihr in 

meinem Namen. Was hast du für sie?« 
»Eine Armbanduhr, die sie sich sehnlichst wünscht. Natür-
lich keine kostbare, sondern eine, die für ihre elf Jahre pas-
send ist. Du weißt ja, wie ängstlich Norbers bemüht sind, 
aus ihrer Tochter keine hochtrabende Modepuppe zu ma-
chen.« 
»Das weiß ich und billige es. Worüber würde unsere Itt sich 
noch freuen?« 
»Über eine Korallenkette, die ich ihr als zweites Geschenk 
besorgt habe. Wenn du willst, trete ich sie an dich ab.« 
»Danke, das ist lieb von dir«, erwiderte er, schon nicht 
mehr recht bei der Sache. Schließlich hatte er ja an anderes 

zu denken als an den Geburtstag eines kleinen Mädchens. 
Er konnte heute nicht einmal mehr den Mokka trinken, da 
er telefonisch abgerufen wurde. Denn der angekündigte 
Herr war früher eingetroffen als vereinbart und wartete im 
Hotel auf ihn. 
»Der scheint es ja sehr eilig zu haben« sagte er ärgerlich. 
»Aber warten lassen kann ich ihn nicht, dafür ist der Mann 
zu wichtig. Viel Spaß im Doktorhaus. Sie fahren doch mit, 
Frau von Gehldorn?« 
»Ja, Herr Doktor.« 
»Das beruhigt mich. Also dann am Abend auf Wiederse-

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hen.« 
Er entfernte sich eilig, und auch die beiden anderen zogen 

sich zurück, wie sie es nach dem Mittagessen zu tun pfleg-
ten. Die Stunden bis zum Kaffee gehörten Frau von Gehl-
dorn, in denen sie tun konnte, was ihr beliebte. 
Es waren zwei elegant möblierte Räume, die ihr in diesem 
reichen Hause zur Verfügung gestellt worden waren und in 
denen sie sich so richtig wohl fühlte. Es ging ihr jetzt über-
haupt so gut, wie schon lange nicht mehr. 
Fünf Jahre hindurch hatte sie ihren gelähmten Mann be-
treuen müssen, seine Verdrießlichkeit ertragen, sich seinen 
Launen gefügt. Dazu hatte sie sich einrichten müssen und 
sparen an allen Ecken und Enden; denn die Pension eines 
Rittmeisters ist nicht hoch. Und Zuschuß gab es keinen 

mehr, seit ihr Vater nach dem Tode seiner Frau raffinierten 
Weibern in die Hände fiel, die ihn so weit brachten, daß 
der einst so glänzend dastehende Bankier Bankrott machte 
und sich lieber eine Kugel durch den Kopf schoß, als die 
Konsequenzen seines Leichtsinns zu tragen. 
Eine Stunde später fuhr man dem Doktorhaus zu. Es war 
ein herrlicher Wintertag, der bereits den Frühling ahnen 
ließ. Wohl lag der Schnee noch auf den Feldern, aber die 
Straßen waren davon befreit. Sanft wie auf Katzenpfötchen 
flitzte der Wagen dahin. Das Verdeck war zurückgeklappt, 
und prüfend sah Elonie ihrer Nachbarin ins Gesicht, »Zieht 
es auch nicht zu sehr, Frau von Gehldorn?« 

»Ach wo«, kam es vergnügt zurück. »Es tut ganz gut, sich 
mal einen frischen Wind um die Ohren sausen zu lassen. 
Außerdem stecken diese im Pelzkragen, was sie mit den 
Ihren auch machen sollten. Darf ich den Kragen hochklap-
pen?« 
Sie verlangsamte die Fahrt und ließ es willig geschehen, 
daß Frau Irene ihr den Kragen hochstellte und das Mütz-
chen fester über die Ohren zog. Lachend blitzten die blau-
en Augen zu der Dame hin, der es dabei warm ums Herz 
wurde. Sie liebte dieses junge, strahlendschöne Geschöpf 
zärtlich. 

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Aber auch dessen Gatten war sie zugetan, und es beküm-
merte sie, daß die beiden ihr so lieben Menschen nicht 

wieder zueinander finden konnten. Wohl spielte sie mit 
dem Gedanken, da so ein wenig nachzuhelfen. Verwarf 
jedoch den Gedanken immer wieder, weil es nicht ratsam 
ist, sich ohne Veranlassung in anderer Menschen Angele-
genheit zu mischen. Wes nicht deines Amtes ist, da laß 
deinen Fürwitz – steht in der Bibel. Ergo: Sie ließ ihren 
Fürwitz. 
Behaglich im Polster zurückgelehnt, genoß sie die Fahrt in 
dem schmucken Wagen, die seit langer Zeit wieder die erste 
war. Denn nach dem Zusammenbruch ihres Elternhauses 
konnte man sich natürlich keinen Wagen mehr leisten, und 
auf ihrer vorigen Stelle hatte sie keine Gelegenheit gehabt, 

da der Wagen von den Familienmitgliedern ständig ge-
braucht wurde. Sie war so bescheiden geworden, daß ihr 
schon Freude bereitete, was andere als Selbstverständlich-
keit erachteten. Also auch eine Autofahrt. 
Im Doktorhaus wurde man mit Hallo empfangen. Haupt-
sächlich von dem Geburtstagskind. Uhr und Kette riefen 
jubelnde Freude hervor, aber auch über Frau von Gehl-
dorns Gabe, ein dickes Märchenbuch, freute sich die kleine 
Leseratte sehr. 
Stolz zeigte sie den Geburtstagstisch, der wohl gut belegt, 
aber nicht überladen war. Wohl hätten es sich die gutsi-
tuierten Eltern leisten können, ihre Tochter reicher zu be-

schenken, doch aus Gründen der Übersättigung unterlie-
ßen sie es, was Frau Irene richtig fand. Wäre sie nicht von 
Kind auf so sehr verwöhnt worden, wäre ihr das spätere 
Leben voll Einschränkung nicht so schwergefallen. 
Pünktlich um vier Uhr trafen die kleinen Gäste ein, die das 
Geburtstagskind mit allerliebster Würde in Empfang nahm. 
Nachdem sie bei den Erwachsenen ihr Knickschen gemacht 
hatten, wurden sie in das Nebenzimmer geführt, wo ein 
Tisch festlich gedeckt war. Man hörte das Lachen und 
Schwatzen gedämpft durch die Tür des Zimmers, in dem 
die beiden erwachsenen Gäste und die Hausherrin sich 

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gleichfalls an Kaffee nebst Kuchen gütlich taten. 
»Heute kann unsere kleine Plaudertasche mal hurtig das 

Zünglein regen«, sagte die Mutter. »Eigentlich müßte es 
doch schon ermattet sein, nachdem sie es stundenlang an 
mir wetzte. 
Ah, da ist ja auch unser guter Onkel Fritz.« Sie zeigte la-
chend zur Tür, durch deren Spalt sich vorsichtig ein Kopf 
steckte. »Warum denn so zaghaft?« 
»Weil ich Angst vor sechs kleinen Damen habe«, kam es 
schmunzelnd zurück. »Bin ich aus der Gefahrenzone?« 
»Jawohl, die ist durch eine Tür gesichert.« 
So trat er denn mutig näher, begrüßte die beiden Gäste und 
nahm dann in der Runde Platz. Augenzwinkernd heftete 
sich sein Blick an Elonie. 

»Du wirst ja immerzu hübscher, Marjellchen. Sind die rosi-
gen Wänglein echt?« 
»Willst du mich ärgern, Onkel Fritz?« 
»I bewahre. Möchtest du einen Hund?« 
»Ziemlich sprunghaft, deine Unterhaltung!« Sie schob ein 
Kuchenstückchen in den lachenden Mund. »Was hat denn 
ein Hund mit meinen Wangen zu tun?« 
»Das möchte ich auch gern wissen«, meldete sich Frau Bea-
te. »Wie kommst du denn auf den Hund?« 
»Na, soweit ist es bei mir nun doch noch nicht«, zwinkerte 
er vergnügt den anderen zu, die jetzt erst verstanden hatten 
und hell herauslachten. »Der Hund, den ich meine, ist ein 

Sohn von unserem Adolar.« 
Jetzt horchte Elonie auf - 
»Tatsächlich, Onkel Fritz?« 
»Tatsächlich. Die Mutter ist eine preisgekrönte Airedaleter-
rierhündin, die vier prächtige Junge warf. Ein Rüde davon 
ist ein besonderes Prachtexemplar.« 
»Den muß ich haben, Onkel Fritz.« 
»So ungefähr habe ich mir das gedacht. Die Nachfrage nach 
den Tierchen ist groß, also müßtest du dich rasch ent-
schließen.« 
»Ich bin es schon.« 

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»Auch ohne Diederichs Erlaubnis?« 
»Die ist nicht erforderlich.« 

»Da bin ich aber anderer Ansicht, mein Kind. Nämlich, daß 
jede Ehefrau zu einer Anschaffung die Einwilligung des 
Ehemannes haben muß. Denn er bringt das Geld ins Haus, 
Elonie.« 
»Eine so altmodische Ehe führen wir nicht.« Der flimmern-
de Kopf ruckte in den Nacken. Die Augen versuchten denen 
des Onkels standzuhalten, flirrten jedoch bald ab unter 
dem vielsagenden Blick. Es war gut für Elonie, daß gerade 
jetzt Birgit ins Zimmer stürmte. Freudestrahlend zeigte sie 
dem Vater Uhr und Korallenkette, die er dann auch gebüh-
rend bewunderte. 
»Potztausend, wer war denn da so spendabel, mein kleiner 

Zeisig?« 
»Die Uhr schenkte mir Elonie, die Kette Diederich«, erklärte 
sie stolz. »Aber über das Buch, das mir Frau von Gehldorn 
schenkte, freue ich mich auch sehr. Überhaupt über alles 
freu' ich mich, was man mir schenkte. Wenn ich könnte, 
würde ich mir alles anhängen, wie Uhr und Kette. Nun 
muß ich aber wieder zu meinen Gästen gehen, also bis 
nachher.« 
Weg war sie, und der Vater sah ihr schmunzelnd nach. 
»Da ist der Firlefanz heute mal so recht in seinem Element. 
Wo mag sie bloß die Quicklebendigkeit herhaben?« fragte 
er scheinheilig, und Frau Beate lachte. 

»Von ihrem Vater wohl kaum. Bei dem hat das Phlegma 
Pate gestanden, während bei mir – na ja, jedem das Seine, 
Alterchen.« 
Lächelnd hörte Frau Irene das lustige Geplänkel mit an. Sie 
war beglückt von der Herzlichkeit, mit der man sie hier 
aufgenommen hatte, ließ sich einspinnen von der Gemüt-
lichkeit ringsum. Es war ja kein Wunder, daß die eigenwil-
lige Elonie an diesen prächtigen Menschen hing. Daß sie 
sich von ihnen manches sagen ließ, das ein anderer nicht 
wagen durfte, ohne dabei bei ihr in Ungnade zu fallen. 
Nachdem er Kaffee getrunken hatte, verabschiedete sich der 

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Arzt, um die Sprechstunde abzuhalten, und so blieben 
denn die drei Damen allein. Ab und zu ging Frau Beate 

nach den kleinen Gästen sehen, die von Huschchen betreut 
wurden, sich mit allerlei Spielchen vergnügten. Sie mußten 
sich dabei wohl köstlich amüsieren, denn ihr übermütiges 
Lachen, das bis zu den Erwachsenen drang, steckte diese 
an. Eben wirbelte Birgit wieder herbei, Elonie stürmisch 
umhalsend. 
»Komm doch bitte zu uns, Elo. Wir brauchen einen 
Schiedsrichter. Das kann aber nur ein Erwachsener sein, 
weil die Mädchen zu sehr mogeln würden. Mutti kann ja 
nicht Frau von Gehldorn allein sitzen lassen, aber du bist 
hier zu nichts nütze.« 
»Herzlichen Dank«, lachte die junge Frau, gleich den ande-

ren. »Du bist ja sehr aufrichtig. Also komm, damit ich mich 
nützlich machen kann.« 
Obwohl die beiden älteren Damen nun unter sich waren, 
wurde das Thema Brendor nicht berührt. Irene fühlte sich 
ohnehin nicht befugt, über die Verhältnisse ihres Brotge-
bers zu sprechen, und Frau Beate mochte diese heikle An-
gelegenheit nicht wieder berühren. Sie hatte bei ihrem Be-
such im Brendorhaus Frau von Gehldorn gewissermaßen 
reinen Wein eingeschenkt, damit diese die rechte Einstel-
lung bekam, das mußte nun genügen. 
Kurz vor sieben Uhr brach die kleine Gesellschaft auf. Alle 
hatten sie rote Bäckchen und blanke Augen, als sie ins 

Wohnzimmer kamen, um sich zu verabschieden. Freude-
strahlend sagten sie ihren Dank, immer wieder beteuernd, 
wie schön es gewesen wäre. 
»Es war auch wirklich schön«, bekräftigte Birgit, nachdem 
die Mädchen gegangen waren. »Nicht ein einziges Mal ha-
ben wir gestritten. 
Diederich!« jubelte sie so plötzlich auf, daß die anderen 
zusammenfuhren. Sie hatten den Eintretenden nicht be-
merkt, dem die Kleine jetzt am Hals hing. 
»Diederich, du hast uns gerade noch gefehlt!« 
»Kann man so oder auch so nehmen«, sagte er und machte 

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sich lachend von der würgenden Umschlingung frei. »Ich 
konnte nicht umhin, dir persönlich zu gratulieren. Schau 

mal nach, was da drin ist. Hoffentlich gefällt es dir.« 
Damit drückte er dem überraschten Kind einen Karton in 
die Hand und begrüßte dann die anderen, zu denen sich 
inzwischen der Onkel Fritz auch wieder gesellt hatte. Man 
wollte gerade fragen, wo er denn so unerwartet herkäme, 
als Birgit aufschrie: 
»Mutti, ach Muttilein, schau dir das mal an! Ein Kleid aus 
blauem Samt. Das muß ich gleich mal anziehen.« 
Flugs griff sie nach den Knöpfen, als der Vater Einhalt ge-
bot: 
»Stopp ab! Du kannst dich doch nicht vor zwei Männern 
einfach entblößen, du kleine Dame. Verzieh dich gefälligst 

ins stille Kämmerlein.« 
Was eiligst geschah. Tante Beate wandte sich nun lachend 
dem Neffen zu. 
»Ja sag mal, Diederich, seit wann kaufst du denn Kleider? 
Und du scheinst Routine darin zu haben, wie ich flüchtig 
feststellen konnte. Schau einer mal das stille Wasser an.« 
Er wird tatsächlich rot – dachte Frau von Gehldorn amü-
siert. Man sollte das bei diesem Weltmann kaum für mög-
lich halten. 
Jetzt war Birgit wieder da, die sich in unwahrscheinlich 
kurzer Zeit umgezogen hatte. Gespreizt wie ein Mannequin 
drehte sie sich in dem neuen Gewand, das bis auf Kleinig-

keiten sogar paßte. Leuchtend hob sich die rote Korallen-
kette von dem marineblauen Samt ab, die Zöpfe glänzten 
golden, das reizende Gesichtchen strahlte. 
»Bin ich nicht schick?« fragte sie und warf sich in Positur. 
»Das ist bestimmt ein Modellkleid, weil es von dem rei-
chen Brendor stammt.« 
»So klein und schon so raffiniert!« Der Vater besah sich 
kopfschüttelnd sein bildhübsches Töchterlein. »Marjell-
chen, Marjellchen, du wächst ja gut aus.« 
»Wird nicht so schlimm werden, Papichen«, tröstete sie, 
sich dabei zwischen die Knie des großen Vetters schiebend. 

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Zärtlich drückten sich die weichen Lippen auf seine Wange. 
»Danke schön, Diederich. Du hast einen guten Ge-

schmack.« 
»Ehrt mich, kleine Dame.« 
»Ich finde es nur so komisch, daß du als Herr mir ein Kleid 
schenkst. 
Ist das nicht zu persönlich? – Ich weiß nicht, was es da zu 
lachen gibt«, schüttelte sie bei dem Heiterkeitsausbruch der 
anderen das Köpfchen. »Ein Kleid ist doch persönlich.« 
»Einer Base gegenüber darf man sich das schon erlauben«, 
erklärte er todernst, während es um Mund und Augenwin-
kel verdächtig zuckte. »Zumal dann, wenn es eine kleine 
Base ist.« 
»Nun, du als Weltmann mußt es ja wissen«, tat sie noncha-

lant ab. »Da darfst du schon großzügig sein und bist es 
auch. Ich mag dich überhaupt so schrecklich gern.« Sie 
schmiegte ihre Wange an die seine, umgurrte ihn wie ein 
Täubchen, was ihn stutzig werden ließ. Er nahm sie bei den 
öhrchen, sah sie forschend an. 
»Na, du kleine, listige Eva, da möchte ich fast wetten, daß 
hinter dieser Süßholzraspelei etwas steckt. Was für ein An-
liegen hast du denn an mich, hm?« 
Jetzt überzog sich das Gesichtchen mit heißer Glut. Die 
Finger zupften an seiner Krawatte, schmollend verzog sich 
der Mund. 
»Was du aber auch von mir denkst? Ich mag dich wirklich 

gern – auch wenn du mir meinen sehnlichen Wunsch nicht 
erfüllen solltest.« 
»Aha, jetzt kommen wir der Sache schon näher. Nun mal 
heraus mit der Sprache.« 
»Das kann ich dir nur ins Ohr sagen.« 
Schon tuschelte sie in das bereitgehaltene Ohr hinein und 
sah dann gespannt in die lachenden Männeraugen. 
»Ja, Diederich – erlaubst du mir das?« 
»Mit dem größten Vergnügen.« 
Da ließ sie von ihm ab und wirbelte zur Tür, durch deren 
Spalt sie den Kopf steckte. 

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»Sag du es den Eltern. Wenn ich es tu, halten sie mich für 
unverschämt.« 

Die Tür schloß sich, und herzliches Lachen brandete auf. 
»Frau, was haben wir doch bloß für eine Tochter. Und das 
mit elf Jahren. Da werden wir die Kandare wohl straffer 
ziehen müssen. Was wollte sie denn von dir, Diederich?« 
»Die Osterferien bei uns verleben.« 
»Also hat sie es trotz meines Verbots gewagt, dich darum 
anzugehen«, sagte die Mutter ärgerlich. 
»Zur Strafe wird sie zu Hause bleiben.« 
»Aber Tante Beate, warum so streng«, beschwichtigte der 
Neffe lachend. »Sie hat doch zuerst einmal ganz höflich bei 
mir angefragt.« 
»Und das per Ohr. Also ein Zeichen, daß sie mein Veto 

fürchtete. Außerdem hätte sie nicht nur dich, sondern auch 
Elonie fragen müssen, die als Hausherrin ein Wort mitzu-
reden hat.« 
»Mich nimmt sie eben nicht für voll, Tante Beate. Betrach-
tet mich gewissermaßen als ihresgleichen, während Diede-
rich trotz ihrer Vertraulichkeit immer noch Respektsperson 
für sie bleibt.« 
Jetzt schob sich Birgit durch die Tür, die Blicke auf das Ge-
sicht der Mutter geheftet. Als sie merkte, daß diese nicht 
böse war, trat sie aufatmend näher. 
»Gott sei Dank, daß du nicht böse bist, Mutzilein.« 
»Warum sollte ich denn böse sein?« 

»Weil ich doch – ich meine, weil ich Diederich – und du 
meintest doch – du weißt schon, wie es gemeint ist -. Aber 
ich glaube, Muttichen, mein Zeugnis wird gut.« 
Jetzt konnten die anderen das amüsierte Lachen nicht mehr 
zurückhalten. Sie war aber auch zu reizend, die Kleine, wie 
sie so zerknirscht tat – und es faustdick hinter den öhrchen 
hatte. Wenn bei dem Anblick das Mutterherz durchging, 
war es gewiß kein Wunder. 
»Nicht wahr, Mutti, ich darf?« ging das Mägdlein jetzt zum 
direkten Angriff über. »Diederich hat es erlaubt.« 
»Und Elonie?« 

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»Die brauche ich erst gar nicht zu fragen. Aber wenn du es 
für erforderlich hältst – « 

»Erforderlich ist vor allen Dingen ein gutes Zeugnis«, blieb 
die Mutter ungerührt. »Davon hängt es ab, ob du die Ferien 
im Brendorhaus verleben darfst oder nicht.« 
Da schlich die Kleine betrübt von dannen, und Elonie fiel 
gewissermaßen aus allen Wolken. 
»Tante Beate, steht Birgit denn in der Schule so schlecht, 
daß die Versetzung in Frage gestellt ist?« 
»Das gerade nicht. Sie wird in die nächste Klasse kommen, 
wie mir die Lehrerin sagte. Aber sie fängt an zu schludern, 
und das dürfen wir erst gar nicht einreißen lassen.« 
»Sie ist doch begabt – « 
»Aber faul. Ich verlange gewiß keine Musterschülerin, aber 

eine durchschnittliche. Eine einzige Vier im Zeugnis, und 
sie bleibt während der Ferien zu Hause.« 
Es war so fest gesagt, daß niemand ein gutes Wort für den 
kleinen Faulpelz einzulegen wagte. Man kam auch nicht 
dazu, weil der Gong zum Abendessen rief. Im Speisezim-
mer sah Huschchen den männlichen Gast verdutzt an. 
»Der Herr Doktor Brendor ist hier? Aber ich hab' doch sein 
Auto gar nicht bemerkt.« 
»Mit dem bin ich nicht gekommen«, erklärte er freundlich. 
»Ein Bekannter, der auf seiner Tour diese Stadt passieren 
mußte, nahm mich auf der Hinfahrt mit, auf der Rückfahrt 
wird es meine Frau tun. Haben Sie denn so wenig gekocht, 

Huschchen, daß Sie einen unverhofften Gast nicht satt 
kriegen werden?« 
»So was gibt's doch bei uns nicht«, verwehrte sie sich gegen 
so eine Zumutung. »Bei uns wird immer so gekocht, daß 
ein Bettler noch gut satt werden kann.« 
»Jetzt weiß ich wenigstens, was ich bin«, sprach Diederich, 
gleichfalls lachend, in die stürmische Heiterkeit hinein. 
»Darf ich mich da wenigstens mit an den Tisch setzen, 
Huschchen?« 
Jetzt hatte sie erst begriffen und bekam einen knallroten 
Kopf. 

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»So war das doch nicht gemeint«, murmelte sie und beeilte 
sich, noch ein Gedeck aufzulegen. Zärtlich strich sie Birgit 

über den Kopf, die einen Kuß auf ihre Wange drückte. 
»Mach dir nichts draus, Huschchen. Mich lachen sie auch 
immer aus.« 
Zu dem Mahl wurde ein vorzüglicher Wein gereicht, von 
dem Elonie nur ein halbes Glas leerte, weil sie sich ans 
Steuer setzen mußte. Der Gatte jedoch durfte als Beifahrer 
ungestraft sündigen. 
Birgit benahm sich an der Tafel musterhaft artig, was allen 
ein verstecktes Schmunzeln entlockte. Es war wirklich 
schwer, dem reizenden Dinglein zu widerstehen. Daß die 
Mutter es tat, war ihr hoch anzurechnen. Brendor hob es 
lobend hervor, als er später an der Seite der Gattin nach 

Hause fuhr. 
»Man muß Tante Beate bewundern, daß sie dem Nesthäk-
chen gegenüber so konsequent bleibt. Denn gerade die 
pflegt man noch ganz besonders zu verwöhnen, zumal 
dann, wenn sie so reizend sind. Ich habe nicht gewußt, daß 
Birgit in der Schule nicht sehr gut steht. Bei ihrer Intelli-
genz eigentlich erstaunlich.« 
»Wahrscheinlich verläßt sie sich zu sehr auf diese Intelli-
genz«, zuckte Elonie die Achsel. »Glaubt, daß sie da kaum 
zu lernen braucht, sich alles sozusagen aus dem Ärmel 
schütteln kann. Nun, von dem Wahn wird Tante Beate sie 
schon befreien. Wenn sie die morgige, wichtige Arbeit ver-

biegt, so daß die Gesamtzensur ihr eine Vier einbringt, 
dann wird sie die Osterferien auf keinen Fall bei uns verle-
ben.« 
»Das würde ein Jammer werden«, sagte Frau von Gehldorn 
mitleidig. »Halten wir den Daumen, daß das Zeugnis doch 
noch zur Zufriedenheit ausfällt.« 
Bis dahin mußten jedoch noch einige Wochen vergehen, in 
denen Elonie in den Tag hineinlebte, ohne Zweck und oh-
ne Ziel. Dem Haus bedeutete sie nichts. Daß da alles in 
tadelloser Ordnung war, dafür sorgte die Hausdame mit 
ihrem vorzüglichen Bedienstetenstab. Nie hatte der Haus-

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herr über etwas Klage zu führen. 
Er war ja auch wenig zu Haus. Selbst den Mahlzeiten blieb 

er fern, wenn er aus geschäftlichen Gründen außerhalb 
essen mußte oder wenn er verreiste. Allerdings waren es 
nur kurze Fahrten, die nie über zwei Tage währten. Am 
Abend saß man auch nicht länger als bis zehn Uhr zusam-
men, dann zog man sich zurück in sein eigenes Reich. 
Alles in allem ein friedliches Leben – wenn es nur nicht so 
unnatürlich gewesen wäre, jedenfalls soweit es die Gatten 
betraf. Frau von Gehldorn hatte das Gefühl, als ob unter 
einer glatten Fläche etwas brodelte, das eines Tages empor-
schießen würde mit elementarer Kraft. Und dann würde es 
gehen auf Biegen oder Brechen. Entweder ging dann die 
Ehe ganz kaputt, oder sie wurde glücklich. 

Nun ja, wer keine Sorgen hat, der macht sich welche. 
Konnten zwei so schöne, gesunde Menschen, die außerdem 
noch so viel Geld hatten, um sich leisten zu können, was 
das Herz begehrt, nicht glücklich miteinander leben? Statt 
dessen umpanzerten sie ihre törichten Herzen daß ja nur 
nicht einer des andern Schlag spüren sollte. Diese Herzen, 
die sich einst in Liebe fanden. Daß wieder ein Band sie 
umschlingen sollte – kein zartes Rosenband, wie es zuerst 
wohl der Fall war, sondern ein festes, unzerreißbares, war 
Frau Irenes sehnlichster Wunsch. 
Erst einmal deshalb, weil sie die beiden ihr liebgewordenen 
Menschen glücklich sehen wollte und dann auch aus egoi-

stischen Gründen. Wenn nämlich die Ehe hier zerbrach, 
zerbrach auch der Hausstand. Dann mußte sie sich eine 
andere Stelle suchen. Und eine so gute wie hier bekam sie 
nicht wieder, dessen war sie sich voll bewußt. 
Bei so sorgenden Gedanken saß sie heute im Wohngemach 
und wartete auf Elonie, die zum Tattersall gefahren war, 
was sie für gewöhnlich zwischen zehn und zwölf Uhr zu 
tun pflegte. Doch heute war er wegen einer Revision am 
Vormittag geschlossen worden, und so holte denn Elonie 
die Reitstunden, die ihr zur lieben Gewohnheit geworden 
waren, am Nachmittag nach. Den Tattersall besuchte sie 

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allein, doch auf allen anderen Wegen mußte Frau von 
Gehldorn sie begleiten. Das wünschte nicht nur Elonie, 

sondern auch ihr Gatte. 
Es begann bereits zu dunkeln, und Elonie war noch immer 
nicht da. Frau Irene begann sich bereits Sorgen zu machen, 
als der Fernsprecher anschlug. Sie hob den Hörer ab und 
hörte am anderen Ende die herrische Stimme des Gebie-
ters: 
»Könnte ich meine Frau sprechen?« 
»Bedaure, Herr Doktor. Ihre Gattin ist noch nicht aus dem 
Tattersall zurückgekehrt. Kann ich etwas bestellen?« 
»Ja, sagen Sie ihr, daß ich verreisen  muß.  Es  hat  sich  so 
plötzlich entschieden, daß ich keine Zeit mehr habe im 
Hause vorzusprechen, sondern von hier aus abfahren muß. 

Niklas soll meinen Koffer packen, für ungefähr eine Wo-
che. Es eilt der Chauffeur holt ihn in einer halben Stunde 
ab. 
Grüßen Sie bitte meine Frau und geben Sie gut auf Sie acht, 
damit ich beruhigt sein kann. Da ich meine Reiseroute 
noch nicht genau weiß, gebe ich sie von unterwegs be-
kannt. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, Frau von 
Gehldorn?« 
»Unbedingt, Herr Doktor.« 
»Besten Dank – Ende.« 
Schon vor der vereinbarten Zeit war der Chauffeur da und 
nahm den Koffer in Empfang, den der Diener mit der Rou-

tine des Vielgeübten rasch gepackt hatte. Zehn Minuten 
später erschien endlich Elonie und nahm die plötzliche 
Abreise des Gatten gleichmütig hin. Müde ließ sie sich in 
den Sessel sinken, und prüfend sah die Hausdame ihr in 
das blasse Gesicht. 
»Ist Ihnen nicht gut, Frau Elonie?« fragte sie besorgt. 
»Nicht so recht. Ich habe Kopfschmerzen und ein Frostge-
fühl. Wahrscheinlich werde ich Schnupfen kriegen.« 
»Ausgerechnet jetzt, wo Ihr Gatte nicht da ist!« 
»Soll er mir etwa die Nase putzen?« unterbrach Elonie sie 
lachend. 

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»Und wenn es mehr wird als ein Schnupfen?« 
»Das wollen wir erst mal abwarten. Ich gehe jetzt zu Bett, 

trinke heißen Glühwein und schlucke eine Tablette, was 
gewiß seine Wirkung nicht verfehlen wird.« 
»Soll ich nicht doch im Werk anrufen? Vielleicht ist der 
Herr Doktor noch nicht fort – « 
»Um ihn womöglich von der Reise abzuhalten? Auf keinen 
Fall!« 
»Dann muß der Arzt her.« 
»Lassen Sie den Mann in Frieden. Der möchte schön auf-
mucken, wenn ich ihn eines Schnupfens wegen herkom-
men ließe und ihm damit seine kostbare Zeit stehlen wür-
de. Sie kennen unsern guten Doktor Gleyß noch nicht. Der 
kann nämlich zuzeiten sacksiedegrob werden zu den soge-

nannten Salonpatienten.« 
Es schien jedoch mehr zu sein, wie Frau von Gehldorn 
nach Messung der Temperatur bekümmert feststellen muß-
te; denn das Thermometer zeigte über 38. Besorgt sah sie in 
das heiße, rote Gesicht, hörte die heisere Stimme. Kurz 
entschlossen rief sie den Hausarzt an, der sich jedoch auf 
einer Tagung befand. Na ja, wenn man einen Menschen 
braucht, ist er eben nicht da. Eine alte und wahre Geschich-
te. 
Einen fremden Arzt herzubitten, war wohl nicht ratsam. 
Ergo: mußte der gute Onkel Fritz her. Doch auch da gab es 
eine Enttäuschung. Denn als sie Doktor Norber an den 

Apparat bekam, sagte der bedauernd: 
»Tut mir leid, gnädige Frau. Ich muß zu einer Entbindung, 
die sich bis zum Morgen hinziehen kann. Hat meine Nich-
te Schüttelfrost?« 
»Nein. Das anfängliche Frostgefühl ist durch Glühwein und 
Wärmflasche behoben.« 
»Hat sie irgendwelche Beschwerden?« 
»Kopfschmerzen, Schnupfen, Heiserkeit. Doch das Fieber 
gibt zu denken.« 
»Nun, so hoch ist es ja nicht und kann daher vom Schnup-
fen herrühren. Sollte es allerdings steigen, wird die Sache 

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bedenklich. Dann rufen Sie Doktor Holter an, der versteht 
was von seinem Fach. Wenn es jedoch nicht erforderlich 

sein sollte, erscheine ich morgen und sehe nach dem kran-
ken Puttchen. Aber nur dann. Sofern mein Kollege die Be-
handlung übernommen hat, kann ich ihm nicht hineinp-
fuschen.« 
»Natürlich nicht. Ausgerechnet heute mußte mein Gebieter 
verreisen. Benachrichtigen kann ich ihn nicht, weil ich 
nicht weiß, wo er sich aufhält. Er wollte seine Reiseroute 
von unterwegs bekanntgeben. Ich bin wirklich in Sorge.« 
»Kann ich Ihnen nachfühlen, gnädige Frau. Hoffen wir, daß 
Ihre Sorge unbegründet ist. Halten Sie mich bitte auf dem 
laufenden.« 
»Das sowieso, Herr Doktor. Entschuldigen Sie bitte, daß ich 

Sie belästigen mußte, aber ich wußte mir keinen anderen 
Rat.« 
»Von belästigen kann gar keine Rede sein. Schließlich han-
delt es sich um unsere Nichte. Also keine Hemmungen, 
gnädige Frau.« 
»Vielen Dank, Herr Doktor. Ich rufe morgen früh an, um 
über den Zustand der Kranken zu berichten.« 
»Mir sehr recht, also dann bis morgen früh und bis dahin 
alles Gute.« 
Damit war das Gespräch beendet, das der besorgten Frau 
Beruhigung gebracht hatte. Sie brauchte jetzt nicht mehr 
die Verantwortung allein zu tragen. 

Elonie fand sie schlafend vor. Sie atmete durch den Mund, 
ein Zeichen, daß die Nase verstopft war. Sie legte sehr be-
hutsam das Fieberglas ein, so daß die Kranke kaum erwach-
te. 
Gottlob, das Fieber war nicht gestiegen. Somit brauchte 
Frau Irene Doktor Holter nicht anzurufen. Da sie viel zu 
unruhig war, um die Kranke über Nacht allein zu lassen, 
bereitete sie sich ein Lager auf dem Diwan. 
Dann ging sie in die Küche, mixte dort eigenhändig einen 
Beruhigungstrank, stellte die gefüllte Karaffe auf das Tab-
lett, eine Flasche mit Mineralwasser daneben und wandte 

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sich dann den Bediensteten zu, die beunruhigt, aber 
stumm die Hausdame umstanden. 

»Die gnädige Frau ist erkrankt«, erklärte sie, was allgemeine 
Bestürzung hervorrief. Ob es schlimm wäre, wollte man 
wissen, über welche Schmerzen die gnädige Frau klage, wie 
hoch das Fieber wäre. Die niedliche Zofe erbot sich eifrig, 
die Nacht im Zimmer ihrer >süßen Herrin< zu schlafen, 
doch Frau von Gehldorn winkte freundlich ab. 
So saß sie denn wieder auf stiller Wacht, wie sie es bei ih-
rem Mann hatte oft tun müssen. Silbern tickte die Uhr auf 
dem Kamin, der Regen klopfte gegen die Fensterscheiben. 
Kein Wunder, daß die Hüterin bei dem monotonen Ge-
räusch einschlummerte. Allerdings so leicht, daß sie bei 
einem Husten der Erkrankten auffuhr und verwirrt zum 

Bett eilte, wo ihr Elonie mit dickverquollenen Augen entge-
gensah. 
»Ich habe schrecklichen Durst«, klagte sie, worauf die 
Hausdame ihr das Glas mit dem gemixten Trank an die 
Lippen setzte, aus dem die Durstende gierig ihren Durst 
stillte und sich dann erquickt in die Kissen sinken ließ. 
»Wo haben Sie sich bloß diesen heftigen Schnupfen ge-
holt?« fragte Irene und strich ihr das nasse Haar aus der 
Stirn. »Und noch dazu den Husten. Tut Ihnen etwas weh?« 
»Nicht mehr, als es bei einer Erkältung zu tun pflegt. Wie 
spät haben wir es?« 
»Kurz vor Mitternacht.« 

»Und dann sind Sie noch nicht im Bett?« 
»Zuerst möchte ich noch einmal die Temperatur messen, 
dann strecke ich mich auf dem Lager, das ich mir auf dem 
Diwan bereitet habe, aus.« 
»Nein, Frau von Gehldorn, daraus wird nichts. So krank 
bin ich doch nun wirklich nicht, daß Sie bei mir wachen 
müssen. Sie haben nach des Tages Müh und Plage wahrlich 
Ihre Ruhe nötig.« 
»So arg ist diese Plage gar nicht«, lächelte Irene. »Ich führe 
in Ihrem Hause ein recht geruhsames Leben. Außerdem 
könnte ich keine Ruhe finden, wenn ich Sie hier allein las-

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sen sollte.« 
Bevor sie noch das Thermometer eingelegt hatte, schlief 

Elonie bereits wieder. Gottlob, die Temperatur war nicht 
gestiegen, und somit hatte sich der Zustand nicht ver-
schlechtert. Also durfte Frau Irene es wagen, sich zur Ruhe 
zu begeben, was sie denn auch tat. Doch es wurde ein un-
ruhiger Schlaf, aus dem das geringste Geräusch sie auf-
schrecken ließ. Also kein Wunder, daß sie sich müde und 
unausgeschlafen am Morgen erhob. Doch nach einem küh-
len Bad und dem heißen, starken Kaffee fühlte sie sich 
frisch wie eh und je. Dann ging sie wieder zu ihrem Pfleg-
ling, der warm zugedeckt im Sessel saß und ihr als Mor-
gengruß ein herzhaftes >Hadschi< zunieste. 
»Gesundheit!« sagte die Eintretende lachend, wurde dann 

jedoch ernst, als sie das Häuflein Unglück betrachtete. Die 
Augen verquollen, die Nase heiß und rot. Frau Irene war 
Nanny behilflich, das Bett zu beziehen, damit die Kranke 
sich so schnell wie möglich hineinstrecken konnte. Kaum 
daß sie lag, klopfte es, und Doktor Norber erschien, gefolgt 
von der Gattin. 
»Onkel Fritz, du –?« fragte die Nichte nicht wenig erstaunt. 
»Was willst du denn hier?« 
»Komische Frage, mein Herzchen. Was soll ein Arzt schon 
bei einer Kranken wollen.« 
Prüfend ging sein Blick über sie hin, die Finger griffen ge-
wohnheitsmäßig nach dem Puls. Als Elonie sich gegen die 

Untersuchung sträubte, fuhr er sie so barsch an, daß sie ihn 
eingeschüchtert gewähren ließ. Er horchte mit dem Ste-
thoskop Brust und Rücken ab, untersuchte Augen, Hals, 
Nase, Ohren und meinte dann bedächtig: 
»Noch ist es eine tüchtige Erkältung, also muß man vor-
beugen, damit es nicht mehr wird. Bestellen Sie bitte ein 
Glas Milch, gnädige Frau, heiß und mit Honig gesüßt. In-
des werde ich mal dein Ärmchen pieken, mein Liebling, so 
für alle Fälle.« 
Elonie ließ resigniert alles über sich ergehen. Trank auch 
die Milch, in die der Arzt eine Tablette getan hatte, und 

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schlief ihm dann unter den Händen ein. 
»Na also«, nickte er. »Die ist für eine gute Weile verwahrt 

und aufgehoben. Gehen wir. Auch Sie, gnädige Frau. Hier 
gibt es für Sie nichts zu tun. Aber mir können Sie ein opu-
lentes Frühstück servieren lassen.« 
»Ich wüßte nicht, was ich lieber täte, Herr Doktor. Sie wer-
den zufrieden sein.« 
Das konnte er auch. Denn das Frühstück war delikat, das er 
vorgesetzt bekam und an dem der ausgehungerte Mann 
sich labte. Er war erst gegen Morgen von der Gebärenden 
zurückgekehrt, hatte vier Stunden wie ein Toter geschlafen, 
zum Frühstück nur eine Tasse Kaffee getrunken. Nun holte 
er alles nach, was er versäumte. Schmunzelnd griff er in die 
Kiste, die Frau von Gehldorn ihm reichte, steckte die vor-

zügliche Importe in Brand und legte sich mit Behagen im 
Sessel zurück. 
»Jetzt bin ich bereit, alle Fragen zu beantworten«, zwinkerte 
er den beiden Damen vergnügt zu. »Denn ich sehe sie ja 
förmlich auf den Lippen brennen.« 
»Gewiß kein Wunder«, bemerkte Frau Beate. »Was ist nun 
mit Elonie?« 
»Sie hat eine tüchtige Erkältung, und ich hoffe, diese mit 
Spritze und Tablette eingedämmt zu haben. Den Verlauf 
muß man nun abwarten, wobei Vorsicht geboten ist. Auch 
wenn sie sich in den nächsten Tagen gesund fühlen sollte, 
sie muß trotzdem eine Woche im Bett bleiben. Lieber zu 

vorsichtig als zu wenig, da ihr Mann nicht zu Hause ist und 
wir allein die Verantwortung tragen müssen.« 
»Wenn er sich nun meldet und die Reiseroute angibt, soll 
ich ihn dann von der Erkrankung seiner Gattin unterrich-
ten, Herr Doktor?« 
»Unbedingt, gnädige Frau. Er könnte Ihnen sonst Vorwürfe 
machen. Jetzt muß ich leider aufbrechen, damit ich noch 
zur Sprechstunde zurechtkomme. Ich laß die Tabletten 
hier, von denen Elonie dreimal am Tag eine in heißer 
Milch nehmen muß. Sollte sich ihr Zustand verschlechtern, 
was ich jedoch nicht annehme, rufen Sie mich sofort an. 

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Sonst komm' ich übermorgen wieder her.« 
»Und wie steht es mit der Kost?« 

»Geben Sie ihr, was sie verlangt, es wird vorerst ohnehin 
nicht viel sein. Und Sie, gnädige Frau, holen den versäum-
ten Schlaf nach. Sie sehen nämlich ziemlich mitgenommen 
aus. Mag indes die Zofe auf ihre Herrin achten. Und nicht 
den Kopf hängen lassen, gnädige Frau. Immer daran den-
ken, daß meine Frau und ich zu jeder Zeit für Sie da sind.« 
Man konnte bei Elonie den Ausspruch anwenden, daß sie 
nur gerade so mit dem blauen Auge davongekommen war. 
Denn die starke Erkältung ging nur gerade so knapp an 
einer Lungenentzündung vorbei. Jedenfalls war sie nach 
vier Tagen von Schnupfen und Husten befreit, schaute wie-
der mit klaren Augen um sich. Lachte vergnügt Tante und 

Onkel entgegen, die soeben bei ihr eintraten. 
»Na, da haben wir endlich unsere alte Elo wieder«, 
schmunzelte letzterer. »Drei Tage war der Spatz so krank, 
jetzt zwitschert er wieder -Gott sei Dank!« 
»Birgit stand schon Angst aus, daß du bis Ostern nicht ge-
sund werden könntest«, erzählte die Tante. »Obwohl sie 
immer noch nicht weiß, ob sie hierherkommen darf. Sie 
lernt jetzt mit Eifer und ist auch sonst lammfromm.« 
»Das allein wäre schon eine Belohnung wert«, meinte Ire-
ne. »Wollen Sie da nicht ein Auge zudrücken, wenn das 
Zeugnis nicht ganz nach Wunsch ausfallen sollte?« 
»Nein, Frau von Gehldorn«, kam es mit Entschiedenheit 

zurück. »Wenn ich nein sage, soll sie wissen, daß es auch 
nein bleibt. So nur kann ich bei dem gerissenen Persön-
chen meine Autorität wahren.« 
Dabei blieb sie, und keine noch so schönen Worte hätten 
ihren Standpunkt erschüttern können, der ja auch der rich-
tige war. Jetzt würde die kleine Birgit diese Strenge wohl 
nicht begreifen, aber später ihrer Mutter dafür dankbar 
sein. Denn ein von den Eltern guterzogener Mensch hat es 
im Leben bedeutend leichter als ein verzogener. Der wird 
Lehrgeld zahlen müssen an allen Ecken und Enden. 
Das nächste Beispiel dafür war Elonie Brendor. Hoffentlich 

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mußte sie mit dem Lehrgeld nicht doch noch ihre Ehe be-
zahlen, damit sah es nämlich trauriger aus denn je. Viel 

schien der Mann für seine Frau nicht übrig zu haben, sonst 
hätte er sich von seiner Reise bestimmt schon gemeldet. 
Aber nichts. Nicht mal eine armselige Karte, geschweige 
denn ein Brief. 
»Ist von meinem Neffen immer noch keine Nachricht da?« 
fragte Frau Beate, als man mit Irene unten angekommen 
war. Diese schüttelte bekümmert den Kopf. 
»Nein, Frau Norber. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich 
davon halten soll. Herr Doktor Brendor ist doch sonst so 
korrekt. Man könnte fast fürchten, daß ihm unterwegs et-
was zugestoßen ist.« 
»Da sei Gott vor«, seufzte Frau Beate. »Man kommt aus der 

Sorge um diese beiden törichten Menschen nicht mehr 
heraus. Wie nimmt Elonie sein Schweigen auf?« 
»Keine Ahnung, da sie den Gatten gar nicht erwähnt. Es ist 
schwer, klug aus ihr zu werden.« 
»Genauso wie aus ihm«, brummte Norber. »Die geben ih-
ren Mitmenschen Rätsel auf, die sie wahrscheinlich selbst 
nicht lösen können. Bin nur neugierig, wie Diederich sein 
Schweigen erklären wird.« 
Das sollte zuerst Frau von Gehldorn erfahren. Es war zwi-
schen Mittag und Kaffee, also eine Zeit, die ihr gehörte. 
Daher war sie ziemlich ungehalten, als der Diener bei ihr 
erschien. 

»Was wünschen Sie denn, Niklas?« fragte sie kurz. »Sie wis-
sen doch, daß ich um diese Zeit nicht gestört zu werden 
wünsche.« 
»Sehr wohl. Aber der Herr Doktor ist von seiner Reise zu-
rückgekehrt und läßt fragen, ob die gnädige Frau zu spre-
chen wäre.« 
»Das ist natürlich etwas anderes. Bestellen Sie dem Herrn 
Doktor, daß ich so schnell wie möglich bei ihm erscheinen 
werde.« 
Fünf Minuten später begrüßte sie den Heimgekehrten, der 
sich höflich erkundigte, wie es ihr indes ergangen wäre. 

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»Nicht besonders, Herr Doktor«, entgegnete sie kühler, als 
es sonst ihre Art war. »Ihrer Gattin ging es nicht gut, sie war 

krank.« 
»Und weshalb haben Sie mich nicht davon benachrichtigt, 
Frau von Gehldorn?« 
»Weil ich Ihre Anschrift nicht wußte, Herr Doktor.« 
»Nanu, ich habe doch eine Karte an meine Frau geschrie-
ben und ihr darauf meine jeweilige Adresse mitgeteilt.« 
»Ihre Gattin hat diese Karte nicht erhalten.« 
»Wissen Sie das genau?« 
»Ganz genau. Da Frau Brendor am Tag Ihrer Abreise er-
krankte, hätte ich die Karte gleich der anderen Post in Emp-
fang nehmen und sie ihr ans Bett bringen müssen. Es war-
en aber nur Reklamen, die der Postbote mir in den Tagen 

überreichte.« 
»Dann muß die Karte verlorengegangen sein. Erzählen Sie 
mir bitte, was sich in den Tagen meiner Abwesenheit hier 
zugetragen hat.« 
»Kurz nachdem der Chauffeur den Koffer geholt hatte, kam 
Ihre Gattin aus dem Tattersall zurück. Sie war blaß, klagte 
über Kopfschmerzen sowie Frostgefühl und meinte, daß sie 
wahrscheinlich den Schnupfen kriegen würde. Ich war na-
türlich besorgt und wollte das Werk anrufen, in der Hoff-
nung, daß ich Sie dort noch erreichen würde. Doch das 
lehnte Frau Brendor ganz entschieden ab, wollte Sie auf 
keinen Fall von der Reise abhalten. Auch einen Arzt lehnte 

sie ab, worauf ich zuerst auch einging. Als das Fieberther-
mometer jedoch über 38 zeigte, rief ich trotz des Protestes 
Ihrer Gattin den Hausarzt an. Der befand sich jedoch auf 
einer Tagung, und einen fremden Arzt zu konsultieren wag-
te ich nicht. Da wandte ich mich in meiner Besorgnis tele-
fonisch an Herrn Doktor Norber, der jedoch zu einer Ent-
bindung fort mußte, die, wie er betonte, sich bis zum Mor-
gen hinziehen könnte. Er erkundigte sich nach dem Zu-
stand der Kranken und sagte dann, daß ich, falls das Fieber 
steigen sollte, Herrn Doktor Holter herbitten müßte, der 
von seinem Fach etwas versteht. - 

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Gottlob stieg das Fieber nicht, so daß der erwähnte Arzt 
sich nicht herzubemühen brauchte. Am Morgen erschien 

dann Herr Doktor Norber nebst Gattin. Er stellte eine hef-
tige Erkältung fest, so daß sie gerade noch so knapp an 
einer Lungenentzündung vorbeiging. Vier Tage darauf war 
die Kranke wieder munter, mußte jedoch auf Anordnung 
des Arztes noch drei Tage im Bett bleiben und ist gestern 
zum erstenmal wieder aufgestanden. Das ist alles, Herr 
Doktor.« 
Aufmerksam war er dem Bericht gefolgt, dann sagte er un-
gehalten: 
»Ausgerechnet dieses Mal mußte eine Karte von mir verlo-
rengehen, was noch nie der Fall war. Zwar hätte meine Frau 
mir nicht geantwortet, das tut sie ja nie aber Sie hätten von 

meiner Anschrift erfahren und mir die Erkrankung mittei-
len können. Selbstverständlich hätte ich dann meine Reise 
abgebrochen und wäre auf schnellstem Wege nach Hause 
gekommen. Wo ist meine Frau jetzt?« 
»Sie ging nach dem Mittagessen wieder zu Bett. Ob sie 
schläft, weiß ich allerdings nicht. Soll ich ihr Bescheid sa-
gen, daß Sie zurückgekehrt sind, Herr Doktor?« 
»Nein, ich möchte meine Frau in ihrer Mittagsruhe nicht 
stören. Außerdem muß ich gleich ins Werk. Zum Abendes-
sen finde ich mich ein. Also bis dann.« 
Rasch entfernte er sich, und Frau Irene ging schweren Her-
zens in ihr Zimmer zurück. Daß Brendor die Karte ge-

schrieben hatte, daran hegte sie keinen Zweifel. Aber seine 
Frau tat es bestimmt, die ohnehin voller Mißtrauen steckte. 
Und er würde auch diesmal nichts tun, um dieses Mißtrau-
en zu entkräften. 
Und damit hatte sie recht. Als er vor dem Abendessen die 
Gattin begrüßte, sprach er sein Bedauern darüber aus, daß 
sie gerade in seiner Abwesenheit hatte erkranken müssen. 
»Du hättest mir ja doch nicht helfen können«, meinte sie 
leichthin. »Dank Frau von Gehldorns aufopfernder Pflege 
und Onkel Fritz' ärztlicher Betreuung bin ich wieder woh-
lauf.« 

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»Es beruhigt mich, daß du so treue Menschen um dich hat-
test. Wie mir Frau von Gehldorn sagte, hast du meine Karte 

nicht erhalten?« 
»Nein.« 
»Das tut mir leid.« 
»Mir auch.« 
Damit war die Angelegenheit erledigt. Man ging ohne jede 
Auseinandersetzung zur Tagesordnung über. 
Eigentlich recht erfreulich – dachte Frau Irene. Wenn es nur 
nicht so unnatürlich wäre. Geht das so weiter, können die-
se beiden Menschen nicht mehr zueinander finden. Das 
kann unmöglich ein gutes Ende nehmen. 
Der Meinung war auch Tante Beate, als der Neffe bei ihr 
anrief und sich bei ihr bedankte, daß sie und vor allem 

Onkel Fritz sich um Elonie bemüht hatten. 
Ostern fiel in diesem Jahr auf Ende März, und die Natur 
hatte sich zu dem Empfang des Frühlingsfestes herrlich 
geschmückt. Die Birken umwallten zartgrüne Schleier, Le-
berblümchen und Buschwindröschen blühten, Krokusse 
leuchteten auf den gepflegten Rasenflächen, auf den Beeten 
prangten die ersten Gartenblumen. 
Lachend behauptete Frau von Gehldorn, daß Elonie sich in 
einem Frühlingstaumel befinde. Sie konnte nicht genug 
kriegen von der erwachenden Natur. Frühmorgens war sie 
schon draußen und erschien beim Frühstück, das sie jetzt 
auch in Gesellschaft des Gatten einnahm, nie ohne eine 

Handvoll Blumen. Tagsüber flitzte sie in ihrem kostbaren 
Wagen durch Wald und Flur, immer in Begleitung Frau von 
Gehldorns, an die sie sich immer fester anschloß. Den Gat-
ten bekam sie nur zu den Mahlzeiten und einige Stunden 
am Abend zu sehen. Wenn er jedoch verhindert war, auch 
dann noch nicht einmal. Geschäftlich verhindert, hieß es – 
wofür Elonie ein verächtliches Lächeln hatte. 
So führten denn die Gatten jeder sein Leben für sich und 
schienen damit zufrieden zu sein. Nie gab es zwischen ih-
nen Meinungsverschiedenheiten, nie ein böses Wort. Ideal 
– aber unnatürlich. 

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Man saß an einem Tag kurz vor Ostern gerade beim Mit-
tagessen, als ein Anruf für Elonie kam. Am anderen Ende 

wurde Birgits Stimme hörbar, die sich vor Aufregung fast 
überschlug. Wohl war es wirr und kraus, was da hervorgeb-
racht wurde, aber immerhin so verständlich, daß das Zeug-
nis der Kleinen keine Vier aufwies und sie daher die Oster-
ferien im Brendorhaus verleben durfte. Die Feiertage über 
mußte sie noch zu Hause bleiben, und für den zweiten 
Feiertag wären Frau von Gehldorn, Elonie und Diederich 
herzlich eingeladen. Auf der Rückfahrt käme sie dann mit, 
sie müßte allerdings noch Diederich fragen. 
Da gab Elonie den Hörer an ihn ab, und er bekam dasselbe 
zu hören. Nur noch eine lange Frage dazu, die er mit >Ja< 
beantwortete. Dann wurde er verabschiedet und legte den 

Hörer lachend auf. 
»Das Firlefänzchen ist vielleicht aufgeregt. Da wird ihre 
arme Mutti in den nächsten Tagen nichts zu lachen haben.« 
»So arg war es nicht«, erklärte sie, als am Zweitfeiertag die 
Gäste sie danach fragten. »Sie hatte ein Spielzeug, das sie 
wohltuend von mir ablenkte.« 
»Und es ist süß, das Spielzeug«, sagte die Kleine strahlend. 
»Doch jetzt ist es abgemeldet, jetzt habe ich euch. - 
Elo, kommst du mit mir nach oben, um mir zu sagen, was 
ich einpacken soll? Mutti meint, daß vieles, was ich gern 
mitnehmen möchte, unnötig wäre.« 
»Dann stimmt es auch, Itt.« 

»Ach, Elo, du bist manchmal genauso pedantisch wie ein 
Erwachsener.« Sie zog ein Mäulchen und konnte nicht be-
greifen, daß man über ihre Bemerkung lachte. - 
»Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt«, meinte sie vor-
wurfsvoll. »Du hast doch selbst gesagt, Mutti, daß Elonie 
sich manchmal wie ein ungezogenes Kind gebärdet.« 
»Ei Backe!« lachte Knut, der sich über die Feiertage im El-
ternhaus eingefunden hatte. »Da hat der kleine Kessel wie-
der mal Ohren gehabt, Muttchen.« 
»Die ich ihm gleich langziehen werde«, drohte sie, worauf 
der >kleine Kessel< es vorzog, sich durch Flucht der stra-

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fenden Hand zu entziehen. 
»Das ist doch ein ganz gräßliches Gör«, seufzte die Mutter, 

nachdem das Töchterlein verschwunden war. »Altklug und 
naseweis bis dort hinaus. Bei Knuts Erziehung hatte ich es 
bedeutend leichter.« 
»Muttchen, hast du aber ein kurzes Gedächtnis«, blinzelte 
er ihr verschmitzt zu. »Es ist noch gar nicht so lange her, als 
du mich einen gräßlichen Bengel nanntest.« 
»Jetzt fang du auch noch an«, wollte sie ärgerlich werden, 
mußte dann jedoch mit den anderen lachen. 
Es wurde ein so gemütlicher Nachmittag, wie man ihn im 
Doktorhaus erwarten durfte. Brendor genoß diese Gemüt-
lichkeit mit Behagen. Er amüsierte sich stillvergnügt über 
die trockene Art des Onkels, über die resolute Tante, über 

den schlagfertigen Knut und über die jetzt so brave Itt. Die 
mußte wohl ihre Mutter kennen, die es fertigbekommen 
würde, bei einer Unart ihrer Tochter auch jetzt noch gewis-
sermaßen vor Toresschluß den Ferienaufenthalt im Bren-
dorhaus zu verbieten. 
Unschuldig wie ein Engel saß sie da in ihrer lichten Blond-
heit. Die Blicke der großen Blauaugen flitzten umher, die 
rosigen öhrchen waren gespitzt, damit ihnen nur ja nichts 
entging, was getan und gesprochen wurde. 
Ein aufgewecktes Dinglein, an dem man seine Freude ha-
ben konnte. Die kleinen Unarten fielen kaum ins Gewicht, 
selbst sie konnte man mit liebenswert bezeichnen. Daß sie 

nicht Überhand nahmen, dafür sorgte schon die Mutter. 
»Darf ich jetzt etwas sagen?« hob sich das Fingerlein wie in 
der Schule. »Ich möchte Elo bitten, mit mir nach oben zu 
kommen und den gepackten Koffer zu revidieren. Dafür 
wird es jetzt so langsam Zeit.« 
Elonie tat ihr den Gefallen, und kaum, daß die beiden au-
ßer Hörweite waren, brach das Gelächter los, das sie nur 
mit Mühe zurückgehalten hatten. 
»Na, Muttchen, unseren Firlefanz hast du ganz gut kleinge-
kriegt«, schmunzelte der Gatte. »So viel Artigkeit ist direkt 
beängstigend. Gefällt es dir?« 

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»Das wird nicht lange vorhalten, Alterchen. Unsere Itt 
kommt jetzt nämlich in die sogenannten Flegeljahre. Da 

muß man gleich mit der Schere stutzen, was wild hervor-
schießen will. Wenn sie ungezogen werden sollte, schick sie 
nach Hause, Diderich.« 
»Das verlangst du doch nicht im Ernst von mir, Tante Bea-
te? Wie sollte ich es wohl übers Herz bringen, einem so 
reizenden Mägdlein weh zu tun.« 
»Die Ritterlichkeit im Manne«, blähte Knut sich auf. »Ich 
bekäme das auch nicht fertig. Ich ziehe höchstens an den 
Zöpfen, wenn so ein Gör patzig wird.« 
»Das kann unter Umständen auch ganz nett weh tun«, 
lachte Frau von Gehldorn herzlich. »Ich für meinen Teil 
finde die Kleine allerliebst, lange nicht so unartig wie die 

meisten Kinder. Zum Beispiel die der Familie, bei der ich 
war, bevor ich ins Brendorhaus kam. Das waren die richti-
gen Rangen, frech und flegelhaft bis zum Greuel. An mich 
wagten sie sich nicht damit heran, aber die Dienerschaft 
hatte sehr darunter zu leiden. Wenn ich da nicht vermit-
telnd eingegriffen hätte, wäre es jeden Monat zu einem 
Wechsel gekommen.« 
»Und was sagten die Eltern dazu?« fragte Knut interessiert. 
»Für die waren die lieben Kleinen natürlich die herzigsten 
Kinder der Welt. Nun, sie werden später das ernten, was sie 
säten, so was bleibt nie aus.« 
Weiter konnte sie nicht sprechen, da Elonie und Birgit ein-

traten. - 
»Mutti, es ist nicht zuviel, was ich einpackte«, berichtete die 
Kleine eifrig. »Elo sagt, das muß ich haben. Zwei Wochen 
sind ja auch eine lange Zeit.« 
»Sollst mal sehen, wie rasch sie vergehen«, dämpfte der 
Bruder ab. »Eh du dich recht versiehst, sind sie um.« 
»Wenn sie bloß erst da wären«, seufzte die Kleine. »Darf ich 
jetzt schon, Muttichen, damit die Zeit schneller vergeht?« 
»Erst wenn ihr abfahrt, Birgit. So war es vereinbart, und so 
wird es geschehen.« 
Also galt es, sich weiter in Geduld zu fassen. Als es dann 

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endlich soweit war, flitzte das Kind ab, und als es wieder-
kam, trug es einen kleinen Hund, den es Elonie strahlend 

überreichte. - 
»Nimm ihn schon«, drängte sie, als die junge Frau wie ers-
tarrt stand. »Diederich erlaubt, daß ich ihn dir schenke. Ist 
er nicht ein goldiger Kerl? Echter Airedaleterrier, ein Sohn 
von unserm Adolar. Er ist jetzt sechs Wochen alt und be-
reits stubenrein. Ist das nicht eine Leistung?« 
»Allerdings.« Elonie wurde langsam munter. »Und das 
Prachtexemplar soll ich haben?« 
»Aber ja doch, ich sage es schon immerzu. Von meinen 
Ersparnissen habe ich ihn gekauft, um dir eine Freude zu 
machen.« 
Da griff Elonie endlich zu. Sie strahlte jetzt ebenso wie Itt. 

Und ein strahlender Blick verirrte sich auch zu dem Gatten 
hin. - 
»Died, du erlaubst es wirklich, daß ich den Hund behalte?« 
»Gern sogar. An dem Kerlchen werden wir bestimmt noch 
unsere Freude haben.« 
»Ich hätte ihn ja am liebsten behalten«, gestand Birgit. 
»Mutter meint, daß zwei Hunde für uns zuviel sind. Und 
dann wollen wir auch Adolar nicht kränken, der sehr eifer-
süchtig auf seinen Sohn ist. Auch Rosamunde mag ihn 
nicht leiden. Als ich einmal mit ihm spielte, hat sie ihn 
geohrfeigt, und Adolar verkriecht sich, sofern die Kleine 
nur sichtbar wird. >Hurtig< habe ich ihn getauft, weil er 

doch so flink ist wie ein Wiesel. Im Stammbaum führt er 
allerdings den Namen >Prinz<, nenne ihn also, wie du 
magst.« 
»Ich bleibe bei >Hurtig<, Ittilein.« 
»Das ist lieb, da freu' ich mich.« 
Ja – und dann war der Augenblick da, den Birgit so unge-
duldig herbeigesehnt hatte. Aber beim Abschied wurde ihr 
doch das Herzchen schwer. War es doch das erste Mal, daß 
sie sich von den Eltern trennen sollte, an denen sie mit 
ganzer Kindesliebe hing. - 
Im Brendorhaus gab es für den kleinen Gast erst einmal 

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viel Interessantes zu sehen. Die Augen wurden immer grö-
ßer vor Staunen. Nein, so schön hatte sich die Itt das Bren-

dorhaus denn doch nicht vorgestellt. Und als sie erst ihr 
reizendes Zimmerchen betrat, brach sie in Entzücken aus. 
Wurde dann jedoch kleinlaut und ließ das Köpfchen hän-
gen. 
»Was hast du denn?« fragte Elonie, die neben der Hausda-
me stand und sich gleich dieser über den kleinen Firlefanz 
amüsierte. »Ich glaube, dein Zimmer gefällt dir doch nicht 
so recht.« 
»Aber Elo, wie kannst du so was bloß sagen. Schön ist es, 
viel zu schön für mich. Aber nachts so ganz allein im frem-
den Haus – werde ich mich – wohl fürchten.« 
»Das haben wir uns so ungefähr gedacht, mein Herzchen. 

Daher hat Frau von Gehldorn dich neben ihrem Schlaf-
zimmer einquartiert und wird die Verbindungstür offenlas-
sen.« 
»Da danke ich Ihnen aber sehr, Sie liebe, gute – ach, bitte, 
darf ich nicht Tante Irene sagen? Dann sind Sie mir gar 
nicht mehr fremd.« 
»Das darfst du, kleine Itt.« 
»Danke, das ist lieb. Und wo wird der Hund schlafen? 
Wenn er allein bleibt, dann macht er Dummheiten. Wo ist 
er überhaupt geblieben?« 
»Sie amüsieren sich mit ihm in der Dienerstube«, gab Irene 
lächelnd Antwort. »Schlafen wird er im Zimmer der Kö-

chin, die eine Hundenärrin ist. Sie hat ein Kissen in einen 
Waschkorb gelegt, aus dem er nicht herauskommen und 
somit keine Dummheiten machen kann.« 
»Aber tagsüber wird er doch um uns sein?« 
»Das sowieso.« 
»Danke, dann bin ich zufrieden – und müde bin ich auch. 
Darf ich zu Bett gehen?« 
»Itt, wo schreibt man denn das hin!« lachte Elonie. »Du 
bist doch sonst so schwer ins Bett zu kriegen.« 
»Ach, weißt du – ich hab' mich wohl müde gefreut.« 
»Dann husch, husch ins Körbchen. Tante Irene wird so lieb 

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sein, dich dahin zu verfrachten. Ich muß nach unten, wo 
Diederich allein sitzt. Schlaf gut, Ittelein, träum ganz was 

Schönes.« 
Sie küßte das Kind herzlich und ging dann zum Gatten, der 
beim gedämpften Licht der Ständerlampe saß und geruh-
sam sein Pfeifchen rauchte. 
»Was macht denn unser kleiner Gast?« erkundigte er sich. 
»Immer noch so quicklebendig?« 
»Nein, sie wollte von selbst ins Bett«, gab Elonie Antwort, 
während sie Platz nahm. »Ein Zeichen, daß sie sehr müde 
ist.« 
»Wie gefällt ihr das Zimmer?« 
»Sie ist entzückt. Um so mehr, da das Schlafzimmer Frau 
von Gehldorns daneben liegt. Jedenfalls ist sie über alles 

hier hell begeistert.« 
»Das macht der Reiz der Neuheit«, entgegnete er gelassen. 
»Wenn er vorüber ist, wird sie Heimweh kriegen. Wie sehr 
sie an zu Hause hängt, hat man ja gesehen, als sie Abschied 
nahm.« 
»Selbst Knut hat sie ermahnt, den Eltern keinen Kummer 
zu machen«, lachte Elonie. »Sie selbst macht ihnen natür-
lich keinen – i bewahre.« 
»Nun, ich meine, die können mit ihren Kindern wohl zu-
frieden sein. Sorgen haben sie ihnen bisher noch keine 
gemacht. Wenn das so bleibt, sind sie glücklich zu preisen.« 
Damit war der Gesprächsstoff erschöpft. Sie schwiegen bei-

de – und hätten sich doch viel zu sagen gehabt. Zwischen 
ihnen gab es so manches zu klären, aber keiner wollte das 
erste Wort sprechen. Nun ja, verletzt ist leicht, heilen 
schwer. 
An einem Nachmittag erschien Brendor unerwartet im 
Wohnzimmer, wo Elonie und Birgit auf dem Teppich sa-
ßen und sich mit >Hurtig< vergnügten. Sie warfen einen 
Ball, dem er nachtapste und sich bemühte, ihn zwischen 
die Pfoten zu klemmen. Aber immer wieder rollte das run-
de Ding ab, was ihn unwillig knurren ließ. Darüber wollten 
die beiden sich totlachen, und auch Frau Irene, die im Ses-

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sel saß, sah dem munteren Treiben vergnügt zu. Wie auch 
der Hausherr, der unbemerkt in der Tür stand. Erst als er 

amüsiert auflachte, fuhren die Köpfe zu ihm herum. 
»Du bist hier?« Elonie sprang überrascht auf. »So außer der 
Zeit?« 
»Ich habe es mir erlaubt«, entgegnete er spöttisch. »Oder 
darf ich das nicht?« 
»Red doch keinen Unsinn«, winkte sie unwillig ab, und 
auch Birgit, die auf ihn zutrat, sagte vorwurfsvoll: 
»Aber wirklich, Died, wie kannst du bloß. Wir freuen uns 
doch immer, wenn du kommst.« 
Sie reckte sich hoch, umhalste ihn und drückte einen Kuß 
auf seine Wange, was er sich schmunzelnd gefallen ließ. 
Dann kniff er ein Auge zu und fragte neckend: »Na, mein 

Kätzchen, was willst du dir mit dem Küßchen denn er-
schmeicheln, hm?« 
»Pfui, Diederich, das war häßlich!« entrüstete sich die Klei-
ne. »Muß man denn immer gleich von einem Menschen 
etwas haben wollen, wenn man lieb zu ihm ist?« 
»Wenn ich nun aber mal die Erfahrung gemacht habe?« tat 
er zerknirscht, während seine Augen lachten. 
»Ach was, ich bin dir böse.« 
»Wie schade. Dann wirst du wohl auch ausschlagen, mit 
mir auf den Rummel zu gehen, wie?« 
»Rummel -?« Ihre Augen wurden groß und rund. »Gibt's 
den denn hier?« 

»Und wie! Mit allem Drum und Dran.« 
»Ach Diederich, ich glaube, daß ich dir doch nicht so recht 
böse sein kann.« 
Jetzt platzten die anderen mit dem Lachen heraus, das sie 
nur mühsam zurückgehalten hatten. 
»Wenn du keine rechte Eva bist, kleines Bäschen! Also auf 
zum Bummel über den Rummel. Die Damen halten doch 
mit?« 
Dazu waren sie gern bereit, und so zog man denn frohge-
mut von dannen. 
Unmittelbar an dem großen Platz war keine Parkstelle. So 

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brachte denn Brendor den Wagen in einer naheliegenden 
Garage unter, und man ging die letzte Strecke zu Fuß. 

Sie waren bestimmt nicht die einzigen, die dem Platz zust-
rebten; denn ein Jahrmarkt ist immerhin ein Ereignis. Zu-
mal dann, wenn er so viele Vergnügungen bietet, wie dieser 
es tat. 
Da gab es aber auch alles, was das Herz begehrte. Karus-
sells, Schau-, Würfel- und Schießbuden, Glücksräder, 
Schwebebahnen, Hippodrom, Panoptikum, Irrgarten, Teu-
felsmühle und manches Vergnügliche mehr. Dazu dudelte, 
knatterte, plärrte, quietschte es an allen Ecken und Enden. 
Lachende Menschen wogten durch die Gänge, so daß man 
aufpassen mußte, sich in der Masse nicht zu verlieren. 
»Laß meine Hand nicht los, Birgit, damit du nicht von uns 

abgedrängt wirst«, ermahnte der große Vetter das Bäschen, 
das mit strahlenden Augen in den Tumult schaute. »Frau 
von Gehldorn hält deine andere Hand, und du, Elonie, hak 
dich bei mir ein, damit wir alle hübsch zusammenbleiben. 
« 
So traut vereint zog man denn ab, bereit, all den netten 
Unsinn mitzumachen. Bei der blutjungen Frau und dem 
Kind war es gewiß kein Wunder, aber bei der seriösen Da-
me und dem herrischen Mann erstaunte es. 
Jedenfalls hatte Elonie den Gatten noch nie in einer so aus-
gelassenen Stimmung gesehen. Selbst während der Flitter-
wochen war er nicht so aus sich herausgegangen wie heute. 

Bei allem, was Birgit vorschlug, machte er eifrig mit. Wenn 
einer der Untergebenen den strengen Chef so hätte sehen 
können, wäre er wohl baß erstaunt gewesen. 
Das Kleingeld, das in den Hosentaschen des vergnügten 
Mannes klimperte, schien unerschöpflich zu sein. Nicht 
nur das Kinderplatschen wurde immer wieder damit ge-
füllt, sondern auch die schlanken Hände der beiden Da-
men. 
Zuerst besorgte man sich lustigbunte Bastkörbchen, worin 
man den erwürfelten, erlosten oder am Glücksrad gewon-
nenen Segen bergen konnte. Er bestand zumeist aus stan-

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niolumhüllten Leckereien und niedlichen Kleinigkeiten, 
die kunterbunt im Körbchen schillerten, woran nicht nur 

das Kind, sondern auch die Erwachsenen ihre Freude hat-
ten. Man wollte sich totlachen, als ausgerechnet der distin-
guierte Mann bei den Losen einen Haupttreffer zog und 
dafür einen großen weißen Eimer erhielt, der mit einer 
Flasche Wein – gewiß nicht vom besten -Speck, Wurst und 
Konserven gefüllt war. Stolz hing, der Gewinner seinen 
Schatz über'n Arm, was bei seiner stolzen Erscheinung so 
komisch wirkte, daß alle Umstehenden herzlich lachen 
mußten. 
»Died, willst du etwa so losziehen?« fragte Elonie, und ers-
taunt sah er sie an. 
»Na, was denn sonst? Der Staatseimer ist ehrlich erworben. 

Schieb du deinen Arm unter seinen Bügel, Birgit faßt in den 
Bügel des Körbchens, so bleiben wir weiter treulich ver-
eint.« 
Weiter gings, von manch einem lachenden Blick oder 
Schmunzeln gefolgt; denn der Industrielle Brendor und 
seine bezaubernde Gattin waren stadtbekannte Persönlich-
keiten. Man nannte ihn allgemein den großen Brendor und 
war mächtig stolz, ihn zum Mitbürger zählen zu dürfen. 
An einer Bude, wo Würstchen geröstet wurden, machte er 
halt und fragte augenzwinkernd: 
»Wollen wir?« 
Und wie man wollte! Vergnügt schmauste man die zwi-

schen einem Brötchen steckenden knusprigen Würste, was 
bei Diederich etwas schwierig war, da auf einem Arm der 
Eimer, auf dem anderen der Bastkorb hing. Doch er nahm 
lieber die Unbequemlichkeiten mit in Kauf, als daß er sich 
von seinen Schätzen trennte, was Birgit aber auch gar nicht 
gefiel. 
»Diederich, ich möchte doch so gern im Karussell fahren«, 
bettelte sie. »Aber dazu mußt du die Arme freihaben, um 
mich festzuhalten. Wenn wir überall gewesen sind, wohin 
ich doch so schrecklich gern möchte, kannst du deinen 
Gewinn wieder stolz tragen. Bitte, bitte, lieber Died!« 

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»Na schön«, gab er nach, sich mit seinem charmanten Lä-
cheln an die schmucke Maid am Röster wendend. »Mein 

liebes Fräulein, würden Sie die Güte haben, unsere Schätze 
für eine Weile aufzubewahren. Ja? Das ist aber mal nett.« 
Jetzt konnte man unbehindert weiter seinem Vergnügen 
nachgehen. Es zog Birgit mächtig nach dem einen Karus-
sell, das da so glitzernd auf- und niedersauste. Aber noch 
mußte sie ihre Ungeduld zähmen, weil der große Vetter an 
einer Bude stehenblieb, wo man Pfefferkuchenherzen am 
langen Seidenband erwürfeln konnte. Er tat es solange, bis 
er seinen Begleitern je ein Herz um den Hals hängen konn-
te. An seinem baumelten sogar zwei. Schmunzelnd las er, 
was auf dem aufgeklebten Buntpapier geschrieben stand: 
»Alle Tage ist kein Sonntag – sehr richtig. Und was steht 

hier? Küssen ist keine Sund' – ist es auch nicht. Und was rät 
dir dein Herzchen?« 
»Jung gefreit, hat niemand gereut.« 
»Richte dich danach, kleine Itt. Warum freuen Sie sich 
denn so, Frau von Gehldorn?« 
»Weil ich mir das Geschriebene zu Herzen nehmen werde, 
nämlich: Such dir einen Schatz.« 
»So was kann nie schaden. Und dein Herz, Elonie, was sagt 
das?« 
»Die Ehe ist ein Übel.« 
»Altbekannte Weisheit. Nur hätte die Fortsetzung dazu ste-
hen müssen: Sie ist wie eine Zwiebel, man weint dabei und 

ißt sie – doch.« 
»Abscheulich!« lachte Elonie, während er sie mit sich zog, 
dorthin, wo man Jägerhütchen und Papierblumen erschie-
ßen konnte. Der gute Schütze tat's und alle wurden ver-
sorgt, und so, herrlich geschmückt, erreichte man das Ka-
russell. Kaum, daß es stand, kletterte Birgit hinein, Frau 
von Gehldorn mit sich ziehend und sie in einen buntglit-
zernden Wagen drängend. Die jungen Gatten nahmen da-
hinter Platz – und der Wirbel begann. 
Huiii -! – Wie das flitzte, so über Berg und Tal mit rasender 
Geschwindigkeit. Die Mädchen kreischten, die Burschen 

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johlten, und dazwischen dudelte die Musik. 
Birgit hielt Frau Irene umklammert, die sich wiederum an 

dem Griff festhielt. Gleichfalls tat es Elonie mit ängstli-
chem Gesicht. Sie hatte gar nichts dagegen, daß der Gatte 
sie dicht zu sich heranzog. Sie schmiegte sich fest in seinen 
Arm mit dem Gefühl, daß ihr jetzt nichts mehr passieren 
könnte. 
Man blieb in dem Wirbel so lange, bis selbst die unersättli-
che Itt genug hatte und Frau von Gehldorn auszusteigen 
bat. Als man wieder festen Boden unter den Füßen spürte, 
atmete man wie befreit auf. Aber schadet nichts, schön 
war's doch! 
Gut, daß die Hütchen mit Gummiband versehen waren, 
sonst hätten sie sich wohl bei dem tollen Wirbel selbstän-

dig gemacht. Wohl saßen sie schief auf den Köpfen, wur-
den zurechtgerückt, und auf ging's zum Hippodrom, wo 
sich selbst die seriöse Frau von Gehldorn auf eines der ge-
duldigen Pferde setzte. In einer Schaubude bewunderte 
man den dicksten Mann der Welt, machte in der Teufels-
mühle den spektakelnden Unsinn mit, besah sich die Figu-
ren im Panoptikum und wollte sich im Irrgarten über die 
verzerrten Spiegelbilder kaputtlachen, wie auch alle ande-
ren Besucher. Aus allen Ecken hörte man schallendes Ge-
lächter. 
»Sind wir nicht ein schönes Paar?« Diederich zeigte auf 
einen Spiegel, der ihn und Elonie Arm in Arm zurückwarf. 

Klein und kugelrund, die Vollmondgesichter zu breitem 
Grinsen verzogen. »So sehen wir entschieden schöner aus. 
Also wollen wir uns zu dieser Fülle aufmästen.« 
»Wird gemacht«, nickte sie. »Gutgenährt heißt gutgelaunt.« 
In dem Moment öffnete sich eine Tür, wo man sie in dem 
Spiegellabyrinth nicht vermutet hätte, und lachende Men-
schen verließen die vergnügliche Stätte. 
Mittlerweile war die Dämmerung hereingebrochen, doch 
auf dem Rummelplatz war es strahlend hell. Die vielen 
Lampen verströmten ihr Licht in allen Farben. Da auf ei-
nem Rummel erst abends der Hochbetrieb einsetzt, füllten 

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sich die Gänge immer mehr. Es wogte nur so von Men-
schen, unter denen sich bestimmt auch üble Elemente be-

fanden, die hauptsächlich die Weiblichkeit anrempelten in 
unflätiger Weise. Dem wollte Brendor die Seinen nicht aus-
setzen und mahnte daher zum Aufbruch, mit dem selbst 
Birgit einverstanden war. Mühsam schlängelte man sich 
durch die Menschenmenge, bis man endlich die Bude er-
reichte, wo die schmucke Maid hinter dem Röster ihnen 
vertraulich entgegenlächelte. 
Obwohl Hochbetrieb war, fertigte sie den Mann, der ihr 
doch so gut gefiel, sofort ab. Eifrig reichte sie ihm die 
Körbchen nebst dem Eimer hin und erhielt als Dank außer 
einer Konfitürenschachtel eines der Pfefferkuchenherzen, 
das er von seinem Hals löste und über den hübschen Mäd-

chenkopf streifte. 
»Nehmen Sie es sich zu Herzen, was darauf steht«, sagte er 
lachend. »Küssen ist keine Sund'. Besten Dank, mein Fräu-
lein, für die Aufbewahrung unserer kostbaren Schätze.« 
Er reichte den Seinen die ihnen zukommenden Schätze, 
schob Eimer nebst Korb über die Arme und ging unter dem 
Gelächter der Umstehenden stolzerhobenen Hauptes da-
von zur Garage, wo man sich müde in die Polster sinken 
ließ. 
Und mit dem Moment wurde aus dem übermütigen, jun-
genhaften Diederich wieder der seriöse Industrielle Bren-
dor, der Gebieter über ein großes Werk. 

Schade, daß die Hemmungen, die sich während der frohen 
Stunden zwischen den Gatten so erfreulich gelockert hat-
ten, nun wieder da waren. Nun ja, alle Tage ist kein Sonn-
tag. Die Sonntagslaune verflog, und die Alltagssorgen und -
nöte machten sich geltend. 
Die hätte es zwischen diesen Eheleuten nun wahrlich nicht 
zu geben brauchen. Sie hatten viel Geld, ein luxuriöses 
Heim, Gesundheit, körperliche Schönheit – aber sie hatten 
törichte Herzen. 
Allein bei Birgit hielten diese frohen Stunden noch an. Sie 
mußte sich immer weiter freuen über die niedlichen Klei-

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nigkeiten, zu denen die drei Erwachsenen auch die ihren 
schütteten. Alles bekam die kleine Itt, außer Hütchen und 

Pfefferkuchenherzen. 
Glückselig saß die Kleine auf dem Teppich und sortierte 
eifrig. Rechts kamen die Süßigkeiten, links die reizenden 
Sächelchen wie kleine Püppchen, Äffchen und anderes 
mehr. Und als später der abendliche Bericht an die Eltern 
kam, überschlug sich das Stimmchen vor freudiger Erre-
gung. Wie alles, was alles, wie schön und so weiter. Der 
Gutenachtkuß für die Anwesenden fiel heute ganz beson-
ders herzlich aus. Diederich bekam sogar zwei, weil er doch 
derjenige war, dem sie den schönen Nachmittag und die 
schönen Sachen zu verdanken hatte. - 
»Died, so einen Mann wie dich wünsche ich mir auch«, 

bekannte sie treuherzig. »Du bist so lieb, so gut – so, so – 
ritterlich – na, überhaupt ein feiner Kerl.« 
»Danke verbindlichst«, schmunzelte er. »Aber vielleicht 
bekommst du mich noch einmal zum Mann. Ich warte, bis 
du achtzehn bist, dann laß ich mich von Elonie scheiden 
und heirate dich.« 
»Diederich, was denkst du eigentlich von mir«, blitzte sie 
ihn empört an. »Ich werde doch Elo nicht den Mann weg-
nehmen. Außerdem bist du viel zu alt für mich. Wenn du 
so anfängst, will ich gar nichts mehr von dir wissen.« 
»Schade, ich hätte so gern wieder mit dir so einen vergnüg-
ten Bummel gemacht.« 

»Du, darauf fall' ich nicht mehr rein. Du willst mich bloß 
umgarnen.« 
Sprach's, nahm ihre Herrlichkeiten und trollte sich. 
»Das nennt man abgeblitzt«, lachte Diederich. »Die Kleine 
ist richtig, die kann so bleiben.« 
Lange saß man an diesem Abend nicht mehr zusammen, 
da man von dem Wirbel ermüdet war. Als Elonie sich beim 
Gutenachtsagen bei dem Gatten für den netten Nachmittag 
bedankte, fühlte sie selbst, daß dieser Dank hätte weniger 
kühl ausfallen dürfen. Aber es ging etwas so Unnahbares 
von ihm aus, daß sie fürchtete, ihm mit Herzlichkeit zu 

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belästigen. Er war eben fertig mit ihr. Ließ die Ehe wohl 
nur bestehen, weil eine Scheidung in der Gesellschaft Staub 

aufwirbeln würde. Und er haßte nichts mehr, als im Blick-
feld des Klatsches zu stehen. 
Hastig wandte sie sich ab und betrat ihr Schlafzimmer, wo 
ihr vom Tisch das buntbemalte Papier des Pfefferkuchen-
herzens entgegenleuchtete. Die schwarzen Buchstaben ho-
ben sich kraß von der lustigen Buntheit ab, als wollten sie 
jeden Leser warnen. 
Die Ehe ist ein Übel. Nun, wenn Elonie ehrlich sein wollte, 
so übel war die ihre nun auch wieder nicht – sie war nur 
nicht glücklich. Aber welche Ehe ist das schon? Wenigstens 
eine schon länger bestehende? 
Doch, eine gab es, die der Norbers. Da waren aber auch 

zwei Menschen zusammengekommen, die vortrefflich zu-
einander paßten. Die einer des andern kleine Schwächen 
mit Nachsicht trugen, sie sogar liebenswert fanden. 
Elonie horchte auf, als nebenbei eine Melodie gepfiffen 
wurde, deren Text sie unwillkürlich mitsprach: 
 
»Du, du liegst mir im Herzen, 
du, du liegst mir im Sinn.  
Du, du machst mir viel Schmerzen, 
weißt nicht, wie gut ich dir bin-« 
 
Kommt ganz darauf an, wen du damit meinst – dachte 

Elonie erbittert. Mich doch wahrlich nicht. 
Ach, es hatte ja keinen Zweck, wieder alles in Herz und 
Hirn aufzuwühlen, was überwunden werden mußte. Es 
bestanden ja so viele Ehen, in denen der Mann eine Lieb-
schaft hatte. Wenn die alle geschieden werden sollten, 
dann würde wohl nur ein kläglicher Rest übrigbleiben. Alle 
Tage ist kein Sonntag – pfiff es jetzt nebenan. Da klingelte 
Elonie nach der Zofe und ließ sie ihres Amtes walten. Als 
sie später in ihrem luxuriösen Bett lag, fiel ihr ein Aus-
spruch von Otto Reutter ein: Ich möchte erwachen bei 
Sonnenschein, und alles müßte wie früher sein. -Ein sehn-

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süchtiger Wunsch, der sich jedoch nicht erfüllte. Denn als 
Elonie am nächsten Morgen erwachte, war der Himmel 

grauverhangen, und es regnete unentwegt. 
So schlief sie denn, bis Birgit erschien und sie kurzerhand 
aus dem Bett holte. 
»Heraus aus den Federn, du Faulpelz! Wie kann man bloß 
bis in den Mittag hinein schlafen.« 
»Es ist noch längst nicht Mittag, mein Herzchen.« Die junge 
Frau streckte sich gähnend. »Hättest auch ruhig länger im 
Bett bleiben sollen. Der Tag wird ohnehin lang genug wer-
den, da wir bei dem scheußlichen Wetter nichts unterneh-
men können.« 
»Man muß ja nicht immer etwas unternehmen«, wurde sie 
von der Kleinen belehrt. »Man kann sich auch zu Hause die 

Zeit vertreiben.« 
»Mach schon, daß du hinauskommst, du Gouvernante!« 
Elonie warf lachend ein Pantöffelchen nach ihr, das jedoch 
nicht sie traf, sondern den Kopf der Zofe, der sich durch 
den Türspalt steckte, um zu erspähen, ob die Herrin immer 
noch nicht wach wäre. Das gab ein fröhliches Gelächter, 
von dem die Hausdame, die sich in ihrem Zimmer aufhielt, 
angelockt wurde. 
»Na, hier geht es ja fidel zu!« Auch sie steckte den Kopf 
durch den Türspalt. 
»Vorsicht, hier wird scharf geschossen!« rief Birgit ihr 
übermütig zu. 

»Nanu, wer ist denn so angriffslustig?« 
»Elo natürlich. Wer anders dürfte sich das schon erlauben 
als die vergötterte Herrin des Hauses.« 
Geschickt wich sie dem nächsten Geschoß aus und ent-
schwand gleich der Tante Irene lachend. 
Eine halbe Stunde später erschien Elonie zum verspäteten 
Frühstück, wo der Diener meldete, Herr Doktor hätte tele-
fonisch durchgesagt, daß er dem Mittagsmahl fernbleiben 
müßte, was Elonie gleichmütig hinnahm; denn es war ja 
nichts Neues. 
Sie mußte daran denken, daß sie damals den Gatten wo-

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chen-, ja monatelang nicht zu Gesicht bekommen hatte, 
daß sie in Gesellschaft die der widerlichen Böse hatte zu 

Tisch sitzen müssen, bedient von einem nicht weniger wi-
derlichen Diener. 
Wieviel besser ging es ihr doch jetzt, da sie zwei liebe Men-
schen um sich hatte, da die Dienerschaft ihr treu ergeben 
war. Auf Birgit würde sie ja bald verzichten müssen, aber 
die andere würde ihr bleiben. 
Es war ein warmer Blick, der zu Frau von Gehldorn hin-
ging, die gerade über eine drollige Bemerkung Birgits lach-
te. Welch ein feiner Mensch sie doch war, herzlich und voll 
Güte. Wie es auch immer kommen mochte, bei dieser Frau 
würde sie stets Verständnis finden. 
Von nebenan kam >Hurtigs< unwilliges Bellen. Gleich dar-

auf kugelte er herein, ein Staubtuch in der Schnauze, das 
die hinter ihm hereilende Nanny ihm entreißen wollte. 
Elonie sowie Birgit eilten zu Hilfe, und schon war eine 
frischfröhliche Balgerei im Gange. Helles Lachen erfüllte 
die Räume, wurde fern und ferner und verlor sich dann 
ganz, und Frau Irene hatte ihre Freude daran. 
Kleine, geliebte Herrin – dachte sie zärtlich. Jetzt bist du so, 
wie ich dich immer sehen möchte. Aber wenn die lustige 
kleine Itt erst fort ist, dann wird sie allen Frohsinn mit sich 
nehmen. 
Da es unentwegt weiter regnete, mußte man auch am 
Nachmittag zu Hause bleiben. Aber das machte Birgit gar 

nichts aus, sie vertrieb sich schon die Zeit. Erschien in der 
Küche, wo die Köchin stets einen besonderen Leckerbissen 
für sie bereit hielt, heftete sich der junge Nanny an die Fer-
sen, die doch so nett mit ihr herumalbern konnte, und 
beehrte selbst den würdigen Diener mit ihrer Anwesenheit, 
um ihm die Seele aus dem Leib zu fragen. 
Am Spätnachmittag setzte sie sich an den Flügel, um das 
zum besten zu geben, was sie in der Klavierstunde gelernt 
hatte. Als ihr Repertoire erschöpft war, wandte sie sich Elo-
nie zu, die nebst Frau Irene in der Sesselecke saß und an 
einer kniffligen Handarbeit stichelte. 

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»Elo, kannst du das Lied spielen: Alle Tage ist kein Sonn-
tag?« 

»Ich glaube schon.« 
»Dann tu's doch, bitte. Ich möchte es so gern lernen.« 
»Das kannst du nur nach Noten. Such mal in dem Lieder-
band nach, da findest du es bestimmt.« 
»Ich kann euch hier doch unmöglich etwas vorklimpern. 
Du spielst doch so gut. Bitte, Elo!« 
»Es sei, du Quälgeist.« Sie erhob sich seufzend und trat an 
den Flügel, der schwarzglänzend und vornehm im Wohn-
gemach seinen Platz behauptete. Frau von Gehldorn hatte 
ihre junge Herrin noch nicht spielen hören und war nun 
auf ihren Vortrag gespannt. Doch schon bei den ersten An-
schlägen ließ sie ihre Handarbeit sinken und lauschte mit 

Genuß dem Spiel, das keineswegs meisterhaft, aber unge-
mein reizvoll war. 
Das fand auch der Mann, der zuerst in der Tür verharrte 
und dann vorsichtig näher trat, unhörbar auf dem dicken 
Teppich, so daß Elonie und auch Birgit ihn nicht bemerk-
ten. Frau von Gehldorn, die es tat, sah den Finger auf sei-
nen Lippen. Behutsam ließ er sich in den Sessel gleiten und 
hörte zu. Jetzt setzte auch die Stimme ein: »Alle Tage ist 
kein Sonntag, alle Tage gibt's keinen Wein, aber du sollst 
alle Tage recht lieb zu mir sein – « 
Weich und süß klang die junge Stimme durch das Gemach, 
in dem die Scheite im Kamin knisterten. Rotleuchtend 

huschte der Schein im Zimmer umher, ließ das Haar der 
Sängerin aufsprühen wie pures Gold. Strahlte auch das 
feine Antlitz an, die grazile Gestalt, so daß der lauschende 
Mann den Blick nicht von ihr wenden konnte, so sehr 
nahm ihn das alles gefangen. 
Wie ein fremdes Wesen mutete sie an, die doch seine Frau 
war, mit der er sechs Wochen lang ein ungetrübtes Glück 
genossen hatte. Die ihm wahrscheinlich ganz entglitten 
wäre, hätten nicht andere Menschen sich ihrer erbarmt und 
sie dem Leben zurückgegeben, das sie systematisch zerstö-
ren wollte, weil sie es nicht mehr lebenswert fand – es nicht 

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mehr finden wollte. 
»Und wenn ich einmal tot bin, sollst du denken an mich, 

am Abend, bevor du einschläfst – aber weinen darfst du 
nicht-« 
klang es wehmütig zu ihm hin. So sang sie weiter bis zum 
Schluß: 
»Wir warten, wir zwei, und wir glauben alle Tage, die Mai-
nacht herbei-« 
Die Stimme verklang, die Hände glitten von den Tasten, 
und die Zuhörer applaudierten. 
»Bravo«, lobte der Mann. »Das war wirklich ein Genuß, 
Elonie.« 
»Du bist hier, Diederich?« Sie sprang erschrocken auf und 
trat langsam und sehr verlegen auf ihn zu. »Wenn ich das 

gewußt, so hätte ich nicht – « 
» – gesungen und gespielt«, sprach er weiter, als sie unter 
seinem merkwürdigen Blick verwirrt schwieg. »Und warum 
hättest du es nicht?« 
»Weil du in bezug auf Musik sehr anspruchsvoll bist.« 
»Nun, ich meine, du kannst dich schon hören lassen – 
auch auf der Geige. Willst du sie nicht holen?« 
»Und wer begleitet mich?« 
»Vielleicht ich«, lächelte Frau Irene ihr ermunternd zu. »Ich 
habe allerdings lange nicht mehr gespielt und muß daher 
um Nachsicht bitten.« 
»Zugebilligt«, griff der Mann das Angebot rasch auf. So 

blieb Elonie nichts anderes übrig, als die Geige zu holen – 
und bald war ein Konzert im Gange, das über den Dilettan-
tismus hinausging. Allerdings waren es keine schwierigen 
Sachen, die gespielt wurden, aber solche, die sich ins Ohr 
schmeichelten. Wenn die Spieler aufhören wollten, baten 
die Zuhörer um Zugabe, bis Elonie streikte. 
»Endgültig Schluß«, erklärte sie energisch. »Ich habe bereits 
Blasen auf den Fingerspitzen.« 
Am Sonntag hieß es für Birgit Abschied nehmen, weil am 
Dienstag die Schule begann. Der Vater hatte versprochen, 
sie abzuholen. Nach dem Mittagessen wollte er abfahren, 

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und so stand denn das Kind gerüstet da und wartete, bis 
die Eltern endlich um die Kaffeezeit kamen. 

»Papi, wie konntest du mich bloß so lange warten lassen!« 
empfing sie ihn aufgeregt. »Ich hatte mir fest vorgenom-
men, dir Vorwürfe zu machen. Aber jetzt kann ich es nicht 
– jetzt freu' ich mich.« 
»Na also!« Er löste schmunzelnd die Kinderarme von sei-
nem Hals, um so der Erwürgung zu entgehen. »Vorsicht, 
Frauchen, jetzt kommst du an die Reihe.« 
Nachdem auch sie die Prozedur überstanden hatte, konnte 
man Platz nehmen und sich fürs erste aufs Zuhören be-
schränken; denn das Plappermäulchen stand nicht still. 
Was gab es aber auch alles zu erzählen. Was hatte man aber 
auch alles erlebt. Und die Geschenke mußten sofort vorge-

führt und von den Eltern bewundert werden, da erst kam 
die gnädige Erlaubnis: 
»So, jetzt könnt ihr reden.« 
»Zu gütig«, lachte die Mutter. »Aber ich glaube kaum, daß 
wir so redebegabt sind wie du.« 
Es kam nun noch ein gemütliches Kaffeestündchen, dann 
ging es ans Abschiednehmen, was sich von Seiten Birgits 
stürmisch, von der ihrer Eltern herzlich dankend gestaltete. 
Das Auto fuhr ab, und die Zurückbleibenden sahen ihm 
bedauernd nach. 
»Schade«, sagte Brendor, als man langsam ins Wohnzim-
mer zurückkehrte. »Sie wird uns sehr fehlen, die kleine 

Plaudertasche.« 
»Das wird sie«, bestätigte Frau von Gehldorn. »Kinder brin-
gen immer Fröhlichkeit ins Haus, wenn sie so sind wie die 
kleine Itt. Es gibt aber auch andere, die ständig Ärger verur-
sachen.« 
O ja, die gab es. Sehr bald sollte sich das bestätigen. Denn 
kaum zwei Stunden später meldete der Diener den Besuch 
einer Frau Isbeck, die gleich hinter ihm sichtbar wurde, ein 
neunjähriges Kind an der Hand. 
»Ja, Diederich, da staunst du!« Sie schob den Diener zur 
Seite und ging auf den Hausherrn zu, der ihr befremdet 

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entgegensah. »Bin auf der Durchreise und wollte mal nach-
schauen, wie es dir geht. Man hört ja gar nichts mehr von 

dir. Ach, das da ist wohl deine Frau – und die andere?« 
»Die Dame ist Frau von Gehldorn, eine liebe Hausgenos-
sin«, stellte er frostig vor. »Nimm Platz, und dann berichte, 
wo du so plötzlich herkommst.« 
»Ich sagte es dir doch schon.« Sie ließ sich posiert in den 
Sessel sinken und zog ihr Töchterlein mit betont liebevoller 
Geste an sich. »Ich befinde mich auf der Durchreise. Habe 
nämlich meinen Wohnsitz gewechselt und will nun dahin 
fahren. Bis wir jedoch ankämen, wäre es Mitternacht – und 
wir sind ohnehin schon lange genug unterwegs. Müssen 
unbedingt eine Rast einlegen. 
Ja, mein Liebling, du bekommst gleich etwas zu trinken«, 

beschwichtigte sie die Kleine, die ihr etwas ins Ohr flüster-
te. »Bitte den lieben Onkel darum.« 
»Du, Onkel, ich will etwas zu trinken und auch zu essen«, 
maulte das Kind. »Aber etwas Gutes, alles eß ich nicht.« 
In dem Moment erschien der Diener mit der Meldung, daß 
angerichtet sei. - 
»Legen Sie zwei Gedecke mehr auf, Niklas«, gebot der 
Hausherr, was ihm einen seelenvollen Augenaufschlag der 
Besucherin eintrug. - 
»Es ist lieb von dir, Diederich, uns behalten zu wollen«, 
flötete sie süß. »Können wir uns hier ein wenig frischma-
chen?« 

»Niklas wird dir den Waschraum anweisen.« 
»Tausendfachen Dank. Komm, mein Herzblatt.« 
Damit rauschte sie ab, und der Mann zuckte bedauernd die 
Achsel. 
»Tut mir leid, Elonie, aber wir müssen diesen Besuch in 
Kauf nehmen. Frau Isbeck ist eine entfernte Verwandte von 
mir.« 
»Ich bitte dich – «, unterbrach sie ihn hastig. »Du kannst in 
deinem Haus doch aufnehmen, wen du willst.« 
»Meinst du? Na schön. Gehen wir essen.« 
Sie mußten auf den Gast warten, ohne den man sich ja 

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nicht gut zu Tisch setzen konnte. Und als sie dann endlich 
erschien, riß sie ihre Augen auf wie ein erschrockenes Kind. 


»Oh, ihr habt auf uns gewartet? Das tut mir aber leid. Wo 
sollen wir uns setzen? Ach da, tausend Dank. Komm, mein 
herziges Kindlein, nimm hier Platz und sei hübsch brav.« 
»Nein, ich bin nicht brav, ich will was zu trinken.« 
»Aber ja doch, mein Engelchen. Hören Sie mal, mein Lie-
ber, bringen Sie dem Kind ein Glas Fruchtsaft«, wandte sie 
sich herablassend an den Diener, doch schon schrie die 
Kleine dagegen: 
»Ich will nicht Fruchtsaft, ich will Limonade.« 
»Du wirst das trinken, was deine Mutter für richtig hält«, 
sagte der Hausherr gelassen, man merkte ihm jedoch an, 

daß er sich nur mühsam beherrschte. Und schon plärrte 
das widerlich verzogene Kind los, das an einen so energi-
schen Ton nicht gewöhnt war. - 
»Seht, mein Herzblatt, sei hübsch still«, beschwichtigte die 
Mutter. »Du bist übermüdet, das weiß ich. Da bekommst 
du auch deinen Fruchtsaft. Trink mal erst einen Schluck, 
dann wirst du sehen, wie gut er schmeckt.« 
Endlich ließ der Abgott sich herbei, den schmeichelnden 
Worten der Mutter zu folgen. Er trank und zwar so gierig, 
daß im Nu das Glas geleert war. Beim Essen mäkelte das 
Gör solange herum, bis der Hausherr dem Diener befahl: 
»Halten Sie sich nicht so lange mit dem Kind auf, Niklas. 

Wer nicht essen will, läßt es bleiben.« 
Nun, um zu streiken, dazu war die Kleine denn doch zu 
hungrig und aß das, was die Mutter ihr auf den Teller legte. 
Sie maulte zwar dabei, unterließ jedoch jede laute Aufsäs-
sigkeit. 
Nach dem Essen nahm man an, daß die ungebetenen Gäste 
sich verabschieden würden, aber Livia ging den Hausherrn 
ganz ungeniert um Nachtquartier an. 
»Nur bis morgen, Diederich«, schlug sie bittend die Hände 
zusammen, was bei einem kleinen Kind wohl niedlich 
wirkt, bei einer Frau über Dreißig jedoch höchst lächerlich. 

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»Ich kann mit dem übermüdeten Kind unmöglich durch 
die Stadt ziehen und in den überfüllten Hotels nach Unter-

kunft suchen.« 
Wenn Diederich Brendor nicht der vornehme, ritterliche 
Mann gewesen wäre, dann hätte er die unverfrorene Person 
einfach an die frische Luft gesetzt. Aber das bekam er nun 
mal nicht fertig, zumal Viola sich vor Müdigkeit kaum 
noch auf den Beinen halten konnte. Also gab er den Auf-
trag, ein Fremdenzimmer herzurichten – und die raffinierte 
Frau hatte erreicht, was sie erreichen wollte. 
Solche Elemente pflegen wie Parasiten zu sein. Wenn sie 
sich erst einmal festgesetzt haben, lassen sie sich nicht wie-
der abschütteln. Das wußte die lebenserfahrene Frau Irene 
und rechnete erst gar nicht damit, daß man diesen Parasi-

ten am nächsten Tag loswerden würde. 
Und sie sollte recht behalten. Denn Livia erwachte mit 
Schnupfen und leichtem Fieber, was ihr sehr gelegen kam. 
Glück muß der Mensch haben! 
Als Brendor am Frühstückstisch von dem Malheur erfuhr, 
meinte er achselzuckend: 
»Unter den Umständen kann Frau Isbeck ihre Reise natür-
lich nicht fortsetzen. Wenn sie sich dabei eine ernstliche 
Krankheit zuziehen sollte, müßte ich mir Vorwürfe ma-
chen. Also muß ich Ihnen zu meinem Bedauern die Er-
krankte und deren ungezogene Tochter aufbürden, Frau 
von Gehldorn – du aber hältst dich von ihr fern, Elonie.« 

Ich weiß auch warum, dachte sie und sah ihm erbittert 
nach, als er nach flüchtigem Gruß das Zimmer verließ, um 
seiner Arbeit nachzugehen. Du fürchtest, daß diese Livia 
etwas ausplaudern könnte, was ich nicht wissen soll. Denn 
der Brief, den mir die Böse zuspielte, war mit Li unter-
schrieben. Außerdem war da von einer kleinen Tochter die 
Rede, die sie nun endlich aus der Pflegestelle holen könnte, 
da deine Großzügigkeit es ihr ermöglichte, sich eine süße 
kleine Wohnung einzurichten. 
Jedenfalls war Elonie fest davon überzeugt, daß diese Li mit 
der Livia identisch sei. Peinlich für Diederich, daß sie nun 

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sogar in sein Haus kam. Nun, er konnte beruhigt sein. Die-
ser >Dame< würde sie bestimmt aus dem Weg gehen. 

Auch Frau von Gehldorn sollte es möglichst tun. Es war 
eine Zumutung von Diederich, von dieser feinen, vorneh-
men Frau zu verlangen, daß sie ein so minderwertiges Sub-
jekt betreuen sollte. 
Unfreundlich sah sie Viola entgegen, die dem Hund nach-
lief und ihn zu fangen versuchte. Der verschüchterte kleine 
Kerl sprang an Elonie hoch, die ihn rasch auf den Schoß 
hob. Sie konnte gerade noch die Kinderfaust fassen, die auf 
des Tierchens Kopf niedersausen wollte. - 
»Das laß gefälligst bleiben!« schob die Empörte das Mäd-
chen ab. 
»Er hat mich gebissen, dafür muß er Schläge haben. Ich 

konnte nur keinen Stock finden.« 
»Wage es, du gräßliches Gör!« drohte Elonie. »Dann kriegst 
du von mir mit dem Stock, worauf du dich verlassen 
kannst.« 
»Pöh, vor dir hab' ich auch gerade Angst!« streckte das her-
zige Kindlein die Zunge raus. »Meine Mami sagt, du hast 
hier gar nichts zu melden. « 
Schon hatte Frau Irene sie beim Nacken gepackt und schob 
die wie wild um sich Schlagende aus dem Zimmer. Das 
Geplärre klang ferner und verlor sich dann ganz. Wahr-
scheinlich hatte die Hausdame den kleinen Teufel nach 
dem Zimmer der Mutter gebracht. Als Irene dann wieder 

erschien, wies ihre zarte Hand einen feuerroten Fleck auf. 
»Was haben Sie denn da, Frau von Gehldorn?« fragte Elo-
nie. »Hat das Gör Sie etwas gebissen?« 
»Ganz recht. Und zwar in Gegenwart der Mutter, die das 
ganz in Ordnung fand. Sie meinte, wir sollten mit dem 
Hund nicht so ein Theater machen und ihn über ein Kind 
stellen. Falls ich noch einmal wagen sollte, ihr herziges 
Kindlein anzufassen, dann würde sie dafür sorgen, daß ich 
von dem Hausherrn in die Schranken der Domestiken zu-
rückgewiesen werde.« 
»Na, so eine bodenlose Unverschämtheit!« fuhr Elonie 

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empört auf. »Wenn mein Mann nicht dafür sorgt, daß diese 
Kreatur aus dem Haus kommt, dann geh' ich und nehme 

Sie mit, Frau von Gehldorn.« 
»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, das schwer sich 
handhabt wie des Messers Schneide – sagt Schiller-«, lächel-
te die weit- und menschenkundige Frau nachsichtig. »Sie 
wissen doch, wie sehr Ihr Gatte Zwistigkeiten im Hause 
haßt, das ihm ja schließlich ein Ruhepol sein soll nach des 
Tages Müh' und Plage. Daher möchte ich raten, daß wir 
uns zusammentun und alles allein mit den unangenehmen 
Gästen ausfechten.« 
»So wollen Sie sich denn von dieser – na ja – immer weiter 
beleidigen lassen?« 
»Diese – na ja – kann mich gar nicht beleidigen«, kam es 

lachend zurück. »Ich werde mich auch nur gerade so viel 
um sie kümmern, wie unbedingt nötig ist. Betreuen kann 
sie unsere Köchin Ottilie, mit deren Mundwerk selbst diese 
– na ja – nicht mitkommen dürfte. Das kleine Teufelchen 
zähmen wir schon, unterstützt von der gesamten Diener-
schaft, die bereits Front gegen es macht. Sind wir uns nun 
einig, Frau Elonie?« 
»Ja, Frau von Gehldorn. Was sind Sie doch nur für ein 
prächtiger Mensch! Wie froh bin ich doch, Sie im Hause zu 
haben.« 
»Das war ein gutes Wort«, entgegnete die Dame leise. »Ein 
so gutes, daß ich nun gegen alle niederträchtigen Worte 

gefeit bin. Und jetzt werde ich >Hurtig< in die Küche brin-
gen und dort Anweisung geben, daß man ihn während der 
Invasion in den Wirtschaftsräumen behält. Dort ist er vor 
den Quälereien des herzigen Kindleins sicher. Denn sofern 
das reizende Wesen da auftauchen sollte, macht man 
grimmig von seinem Hausrecht Gebrauch.« 
Sie nahm den Hund, brachte ihn hinaus, und als sie wieder 
erschien, lachte sie über das ganze Gesucht. - 
»Das Hausrecht ist bereits in Kraft getreten. Ich war gerade 
in der Küche, als das herzige Kindlein aufkreuzte. Zur Be-
grüßung streckte es erst mal allen die Zunge raus, worauf 

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Ottilie mit Vehemenz den Kochlöffel schwang. Ihr: 
Rrrraussss –! – klang so laut und drohend wie Kanonen-

donner. Dem hielt selbst die Frechheit der kleinen Kreatur 
nicht stand. Feige flüchtete sie und wird nun wohl der lie-
ben Mami die Ohren vollplärren.« 
»Wie recht hatten Sie doch, Frau von Gehldorn, als Sie ge-
stern sagten, daß Kinder wie die Itt Fröhlichkeit ins Haus 
bringen. Daß es aber auch solche gibt, die ständigen Ärger 
verursachen. Zu denen gehört Viola. Ein schlechtes Kind.« 
»Vielleicht ist sie noch gar nicht mal so schlecht«, meinte 
Irene. »Bei einer so hirnverbrannten Erziehung kann selbst 
ein gutgeartetes Kind verdorben werden. Und später muß 
es dann auslöffeln, was die >liebevolle< Mutter ihm ein-
brockte. Wenn Frau Norber das mit ansehen könnte, würde 

sie vor Entsetzen die Hände überm Kopf zusammenschla-
gen.« 
»Das glaube ich auch«, lachte Elonie. »Seht, da naht schon 
das Verderben!« 
Das galt Viola, die eben nahte, einen Stock in der Hand, 
den sie drohend schwang. - 
»Ist der Hund da?« fragte sie in ihrer frechen Art. 
»Nein«, gab Elonie Antwort. »Willst du ihn etwa schlagen?« 
»Natürlich. Meine Mami sagt, ich darf das.« 
»Hast du aber eine herzige Mami, du herziges Kindlein. 
Geh rasch wieder zu ihr, damit sich gleich zu gleich ge-
sellt.« 

»Sie hat mich runtergeschickt. Sie sagt, ich fall' ihr auf die 
Nerven, die durch ihre Krankheit angegriffen sind. Dabei 
hat sie bloß ein bißchen Schnupfen und könnte ruhig auf-
stehen. Sie stellt sich bloß krank an.« 
»Liebevolle Tochter«, bemerkte Frau Irene. »Wir wären dir 
sehr verbunden, wenn du uns von deiner holden Gegen-
wart befreien würdest.« 
»Na, Sie haben hier doch gar nichts zu sagen. Sie sind doch 
bloß --« 
»Jetzt aber raus!« unterbrach Elonie sie so drohend, daß die 
Angst über die Frechheit siegte. Schleunigst zog das un-

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glaubliche Gör ab und ließ sich nicht mehr blicken. Erst an 
der Mittagstafel tauchte sie auf, wo sie dem Hausherrn 

klagte, wie häßlich man zu ihr wäre. Doch zu ihrer Enttäu-
schung fand sie auch hier keinen Beistand. - 
»Du wirst dich auch danach betragen haben«, war die Ant-
wort auf ihre Klage. »Willst du etwa mit uns essen?« 
»Natürlich.« 
»Na du, so natürlich ist das nicht. Denn wie ich gestern 
beobachtet habe, verstehst du dich nicht zu benehmen. 
Und ich möchte bei Tisch meine Ruhe haben.« 
Diese Ruhe wurde ihm jedoch nicht zuteil. Es war Viola 
eben unmöglich, manierlich zu sein. Und als sie dem Die-
ner gar ein Glas Milch aus der Hand schlug, ging dem 
Hausherrn sozusagen der Hut hoch. Ein Zustand, der sich 

bei ihm nicht wie bei den meisten Menschen geräuschvoll 
bemerkbar machte, sondern durch eiskalte Gelassenheit, 
die im Werk gefürchtet war. Was Wunder, wenn einem 
Kind dabei angst und bange werden mußte, und wenn es 
da noch so frech und dreist war. Ehe man sich so recht ver-
sah, war Viola verschwunden, und man konnte ohne un-
liebsame Zwischenfälle die Mahlzeit beenden. 
Als man dann wie gewöhnlich nach dem Essen in dem 
lauschigen Stübchen den Mokka einnahm, fragte Brendor 
die Hausdame nach dem Ergehen Frau Isbecks. 
»Obwohl ihr Zustand durchaus nicht besorgniserregend 
scheint, wäre es gut, einen Arzt zu konsultieren«, sagte sie 

vorsichtig. »Dann kann man wenigstens beruhigt sein, 
nichts versäumt zu haben.« 
»Da haben Sie recht, Frau von Gehldorn. Also werde ich 
morgen unseren guten Onkel Doktor herbeordern.« 
Dieser erschien dann auch am Vormittag und wurde von 
der Hausdame zu der Erkrankten geführt, die nichts von 
seinem Kommen wußte. Frau Irene hatte sie absichtlich 
nicht davon unterrichtet, weil sie ahnte, daß die gerissene 
Livia sich gegen den Besuch eines Arztes sträuben würde, 
weil ihr nichts fehlte. Also mußte sie vor die vollendete 
Tatsache gestellt werden. 

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Als man vor der Tür stand, flüsterte Irene dem Arzt mit 
unterdrücktem Lachen zu: 

»Auf in den Kampf! Wenn meine Kräfte erschlaffen sollten, 
kommen Sie mir bitte zur Hilfe, Doktorchen.« 
»Ich glaube, im Bilde zu sein«, schmunzelte er. »Keine Sor-
ge, mein Fell ist dick, und meine Geduld ist lang.« 
Frau von Gehldorn klopfte, trat ein und ließ einen Spalt die 
Tür offen, damit der Arzt hindurchlugen konnte. Und was 
er da sah, ließ ihn noch intensiver schmunzeln. Wohlig 
rekelte die >Kranke< sich im Bett, aus einer großen Schach-
tel genüßlich Konfitüren naschend. Abwechselnd ver-
schwand so eine Köstlichkeit in ihrem Mund und in dem 
des herzigen Kindleins, das auf dem Bettrand saß. 
»Was erlauben Sie sich, so ohne weiteres hier hereinzuplat-

zen!« wurde die Eintretende angefahren. »Können Sie nicht 
anklopfen?« 
»Ich habe geklopft.« 
»Glaube ich nicht. Na, ist ja egal. Was wollen Sie?« 
»Melden, daß der Arzt hier ist, um Sie zu untersuchen.« 
»Was -??!!« schnellte die >Leidende< wie ein Gummiball 
hoch. »Ein Arzt? Sind Sie verrückt geworden!« 
»Nicht daß ich wüßte.« 
»Frech wollen Sie auch noch werden? Wer gibt Ihnen das 
Recht, mir einen Arzt aufzudrängen – Sie – Sie Angestell-
te!« 
»Das hat der Hausherr getan, nicht ich als Angestellte. Er 

hat den Arzt gerufen und herbeordert.« 
»Was -?« wurde nun das vor Wut verzerrte Gesicht lang. 
»Das ist denn etwas anderes.« 
»Es ist immer etwas anderes, wenn zwei dasselbe tun«, sag-
te der Arzt und trat gemütlich ein. »Guten Tag, Gnädigste. 
Ich habe die Ehre, hier Hausarzt zu sein. Verarzte hier alles, 
was zwei Beine hat. Wo fehlt's denn, hm?« 
Und schon hub ein Klagen an, das der Mann sich mit sto-
ischer Ruhe anhörte. Als die Stimme ermattet schwieg, sag-
te der gute Arzt und Menschenkenner: 
»Also durch und durch krank. Da kann nur noch das Kran-

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kenhaus helfen – vielleicht.« 
»Herr Doktor, machen Sie mich nicht unglücklich! Ich ha-

be ein Kind!« 
»Aber Gnädigste, dafür kann ich doch nichts«, verteidigte er 
sich entrüstet, dabei Frau Irene einen verschmitzten Blick 
zuwerfend, der sie fast um ihre Beherrschung brachte. 
Schleunigst enteilte sie und trat lachend in das Wohnzim-
mer, um Elonie Bericht zu erstatten. Und dann lachten sie 
ein fröhliches Duett, das den eintretenden Arzt schmunzeln 
ließ. 
Der vielbeschäftigte Mann enteilte. Ein glatzköpfiger Dicker 
mit Vollmondgesicht und hellen scharfen Augen hinter 
Brillengläsern. Stets helfend und tröstend, wo es nötig war, 
doch grob, wo man ihn zum Narren halten wollte. 

An der Tür wäre er fast über Viola gestolpert, die ihm in 
den Weg lief. 
»Hoppla, das war man gerade knapp«, lachte er. »Geh wie-
der nach oben, hier unten dürftest du doch nur Unheil 
stiften, du echte Tochter deiner Mutter.« 
Weg war er, und das Kind trat näher. Rekelte sich in einen 
Sessel und maulte: 
»Mir ist langweilig. Ich möchte gern fort, denn es gefällt 
mir hier gar nicht. Aber meine Mami sagt, wir müßten 
noch solange bleiben, bis sie wieder Geld kriegt. Sie hat 
nämlich keins mehr.« 
Die beiden Damen sahen sich vielsagend an, und Frau von 

Gehldorn fragte mit gespielter Harmlosigkeit: 
»Woher bekommt deine Mami denn Geld?« 
»Pension von meinem Papi«, antwortete sie verdrießlich. 
»Er ist gestorben, weil er schon so schrecklich alt war, sech-
zig Jahre oder so. Doch wir kommen mit dem Geld nie aus. 
Und dann fährt die Mami mit mir zu Bekannten oder Ver-
wandten. Aber die wollen uns nicht haben, wir müssen 
immer bald abfahren. Ach, ich geh' jetzt. Bei euch ist ja 
auch nichts los.« 
Als sie fort war, sagte Frau Irene: 
»So scheint Herr Isbeck einer von den alternden Narren 

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gewesen zu sein, die sich von den verführerischen Künsten 
einer bedeutend jüngeren Schönen einfangen lassen. Ei-

gentlich kann das Kind einem leid tun, daß ihm der Vater 
wegsterben mußte. An ihm hätte es bestimmt mehr Halt 
gehabt als an der minderwertigen Mutter – « 
Sie konnte nicht aussprechen, da der Hausherr eintrat. 
»Ist der Arzt dagewesen?« fragte er kurz. 
»Ja, Herr Doktor.« 
»Was sagt er?« 
»Daß Frau Isbeck einen leichten Schnupfen hat. Morgen 
wird sie bereits aufstehen.« 
»Das ist ja recht erfreulich.« 
Damit schien die Angelegenheit für ihn erledigt zu sein; 
denn er kam nicht mehr darauf zu sprechen. Allerdings sah 

man ihn an dem Tage auch nicht mehr, da er eine kurze 
Geschäftsreise antreten mußte, von der er abends nicht 
zurückkehrte. 
Der Tag verlief ohne unliebsame Zwischenfälle. Livia lag 
im Bett, betreut von Ottilie, der selbst diese impertinente 
Dame nicht gewachsen war. Gleich bei der ersten Unver-
schämtheit hatte sie eine Abfuhr erhalten, die sie sprachlos 
machte. Und mehr wollte die biedere Ottilie ja nicht. Was 
unbedingt zu reden war, na schön, doch alles andere war 
von Übel. 
Eben brachte sie für Mutter und Tochter das Abendessen. 
Gut und reichlich. Denn hungern sollte hier keiner. Das 

durfte sie als Köchin nicht zulassen. 
»Setz dich an das Tischchen«, gebot sie Viola, die wider-
spruchslos gehorchte – denn der drohende Kochlöffel saß 
ihr sozusagen im Nacken. Sie bekam ihre Mahlzeit, Livia 
gleichfalls, und als diese mit ungewohnter Höflichkeit frag-
te, ob Ottilie später die Kleine nicht zu Bett bringen wollte, 
wurde ihr kurz und bündig erklärt: 
»Nein, das kann ich nicht, weil ich keine Zeit habe, und das 
will ich nicht, weil ein so großes Mädchen sich allein aus-
ziehen kann. Das Geschirr werde ich holen.« 
Das war Ottilie – und sie war Gold wert. 

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Es war am nächsten Vormittag. Die Hausdame befand sich 
gerade in der Küche, um mit der Köchin den Tagesplan zu 

besprechen, als Nanny hereingestürmt kam, schreckens-
bleich. 
»Viola schlägt den Hund«, keuchte sie atemlos vom schnel-
len Lauf. »Mit dem Stock – o, das arme Tier!« 
Schon war Ottilie an ihr vorüber. Frau von Gehldorn folg-
te, hinterher die Zofe und der Diener. So stark vereint, kam 
man dem Liebling des Hauses zu Hilfe, der sich unter den 
Stockschlägen des brutalen Kindes jämmerlich schreiend 
wand. 
Und die Frau Mama? Ja, die saß im Sessel und freute sich 
über die Heldentat ihres herzigen Kindleins. 
Allein, die anderen waren zutiefst empört- und Ottilie sah 

rot. Sie riß Viola den Stock aus der Hand und schlug auf 
die Übeltäterin ein, die wie am Spieß brüllte. Der Hund, 
der jetzt auf Nannys Arm saß, winselte herzzerreißend – 
und Livia kreischte. 
In den Tumult sprach eine gebieterische Männerstimme 
hinein: »Was geht hier vor?« 
Die Köpfe fuhren herum, und sechs Augenpaare starrten 
den Mann an, der wie ein drohendes Unheil in der Tür 
stand. 
»Das üble Subjekt hat mein Kind geschlagen!« kreischte die 
Mutter hysterisch. 
»Ruhe!« gebot die herrische Männerstimme, die gewisser-

maßen durch Mark und Bein ging. »Frau von Gehldorn, ich 
bitte um Ihren Bericht.« 
Er bekam ihn, und erläuternd setzte die Dame hinzu: »Um 
das Tierchen nicht weiter quälen zu lassen, haben wir es in 
den Wirtschaftsräumen behalten, wo es trotz allen Aufpas-
sens entschlüpft ist. Die Gelegenheit nahm Viola wahr, um 
sich zu rächen.« 
»Danke, das genügt mir. Wo befindet sich meine Frau?« 
»Im Tattersall, wie gewöhnlich um diese Zeit. Sie muß je-
den Augenblick zurückkommen.« 
»Danke. Sie können alle gehen.« 

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Was sie nur zu gern taten. Sie hörten noch, wie die hysteri-
sche Frau kreischte: 

»So ungestraft entläßt du dieses Pack!« Da schloß Niklas als 
letzter die Tür, und so hörte man die Antwort des Gebieters 
nicht mehr. - 
»Das ist kein Pack«, entgegnete er drohend. »Das sind an-
ständige Menschen, denen du nicht das Wasser reichen 
kannst. Nimm deinen rüden Rüpel und verschwinde so 
schnell wie möglich, damit ich mich nicht doch noch an 
ihm vergreife. Wage es nicht noch einmal, hier einzudrin-
gen und Unheil zu stiften.« 
Er bemerkte die Gestalt im Reitdreß nicht, die soeben sich-
tbar wurde, weil er der Tür den Rücken kehrte. 
Aber Livia sah sie. Und schon setzte sie eine Niedertracht in 

Szene, worin sie ja groß war. Laut aufschluchzend, fiel sie 
dem Mann um den Hals und bettelte: »Aber Liebster, sei 
doch nicht so böse. Hast du denn alles vergessen? 
Oh – «, wechselte sie verschämt die Szene, ehe der über-
rumpelte Mann noch antworten konnte. »Da ist ja deine 
Frau – Verzeihung – das ahnte ich natürlich nicht. Komm, 
mein herziges Kindlein!« 
Es mit sich ziehend, verschwand sie schleunigst, und Die-
derich, der nun auch seine Frau bemerkte, trat auf sie zu, 
die da wie erstarrt zwischen Tür und Angel verharrte, blaß 
bis in die Lippen. 
»Ich hoffe, daß du dieser üblen Szene keine Bedeutung 

beimißt«, sagte er kurz. »Es ist nichts Wahres daran, das 
schwöre ich dir.« 
»Schwöre lieber nicht«, winkte sie müde ab. »Ich kann dir 
ja doch nicht glauben. Daß du Amouren hast, das weiß ich. 
Aber daß eine davon sogar in dein Haus kommt – diese Li 
– die dir so einen – schwülen -Liebesbrief schickte – « 
Ihre Stimme brach, und überrascht blitzte es in seinen Au-
gen auf. 
»So hältst du Livia für diese – Li -?« 
»Na, für wen denn sonst?« 
»Wunderbar«, lachte er hart auf. »Mein liebes Kind, wenn 

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ich auch kein Heiliger bin – oder es wenigstens vor meiner 
Ehe nicht war –, so tief bin ich denn doch nicht gesunken, 

um mir meine Techtelmechtel ins Haus kommen zu lassen. 
Das habe ich von jeher rein gehalten. Ich habe mir eine 
weiße Lilie erwählt als Hüterin meines Heims und Herdes 
– « setzte er ironisch hinzu und merkte, wie sie zusammen-
zuckte. - 
»Livia Isbeck ist eine entfernte Verwandte von mir, mit der 
ich nie etwas zu tun hatte«, sprach er gelassen weiter. »Ich 
ignorierte sogar ihre Bettelbriefe. Wahrscheinlich befand sie 
sich wieder einmal in Geldnöten, ein chronischer Zustand 
bei ihr. Dann pflegt sie sich bis zur neuen Zufuhr bei Be-
kannten oder Verwandten einzunisten, was sie auch hier 
versuchte. Wenn sie nicht unpäßlich geworden wäre, hätte 

sie bereits am nächsten Tag mein Haus verlassen müssen. 
Das ist alles, was ich dir zu sagen habe, Elonie.« 
Seine Blicke hingen an der grazilen Gestalt im eleganten 
Reitdreß, die doch bestimmt einen erfreulichen Anblick 
bot. Und doch verfinsterte sich der Blick des Mannes im-
mer mehr, bis er ihn brüsk abwandte. 
»Ich sehe, daß ich wieder einmal tauben Ohren gepredigt 
habe«, sagte er erbittert. »Du steckst voller Mißtrauen bis 
zur Halskrause. Dieses Mißtrauen ist es, das unsere Ehe 
langsam, aber sicher völlig zerstören wird. Denn sich ver-
dächtigen lassen, immer wieder grundlos verdächtigen las-
sen, das hält kein Mensch auf die Dauer aus.« 

Er wandte sich ab, ging davon – und Elonie hatte das Ge-
fühl, als habe er ihr mit brutaler Hand das Herz aus der 
Brust gerissen. 
»Nicht weinen – nur nicht weinen – «, sprach sie sich selber 
gut zu, als sie das Zimmer verließ, die Halle durchquerte 
und die Treppe emporstieg, ganz langsam, als trüge sie Blei 
an den Füßen. In ihrem Wohnzimmer ließ sie sich in den 
nächsten Sessel sinken und drückte aufstöhnend das Ge-
sicht in die Hände. 
Dieses Mißtrauen ist es, das unsere Ehe langsam, aber si-
cher zerstören wird. 

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Er hatte ja so recht. Aber das Mißtrauen war doch nun 
einmal da. Fraß sich in ihrem Herzen weiter wie ätzendes 

Gift. - 
Sie schrak zusammen, als es klopfte und Nanny eintrat, um 
ihrer Herrin beim Umkleiden zu helfen. Mühsam riß Elo-
nie sich zusammen, durfte sich um alles in der Welt nicht 
gehenlassen. Die Kleine achtete ohnehin schon ängstlich 
auf ihre Stimmung, las ihr jeden Wunsch von den Augen 
ab. 
Doch heute war sie unaufmerksamer als sonst. Und als 
Elonie sie lächelnd ermunterte, doch ja nur ihr Herz zu 
erleichtern, da sprudelte es nur so über die Lippen der 
niedlichen Maid. 
Überrascht horchte Elonie auf. Sie war ja nicht dabei gewe-

sen, als der Entrüstungssturm sich gelegt hatte. Fand ja nur 
den Gatten vor, an dessen Hals die bettelnde Livia hing. 
»Gnädige Frau hätten nur sehen sollen, wie brutal das ver-
maledeite Gör unsern süßen Hund schlug!« Die Stimme 
schwankte bedenklich. »Und die Mutter saß im Sessel und 
sah lachend zu. Mein Gott, das sind ja gar keine Menschen! 

Nur gut, daß unser Herr dazukam«, fuhr sie triumphierend 
fort. »Sonst wäre diese Furie – Verzeihung, aber sie benahm 
sich so – Ottilie womöglich noch an den Kopf gegangen. 
Denn solche Wei… Verzeihung – Damen – kriegen das 
nämlich fertig, wenn sie in Rage sind. Aber jetzt ist sie fort, 

gott sei Dank! Und mit ihr ist das Veilchen verduftet. Denn 
Viola heißt doch Veilchen, nicht wahr, gnädige Frau?« 
»Richtig«, lachte Elonie, so wenig ihr auch danach zumute 
war. »Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht. Wenn ein 
Mensch seinen Namen zu Unrecht trägt, dann diese Viola. 
Denn die ist alles andere, nur kein bescheidenes Veilchen.« 
»Eben – «, brummte die Kleine. »Ich kann Veilchen jetzt 
nicht mehr leiden.« 
»Ich bin froh, den Klamauk nicht mitgemacht zu haben«, 
sagte Elonie. »Da muß es ja heiß hergegangen sein.« 
»Zuerst ja, gnädige Frau. Aber als unser Herr erschien, da 

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hatte man das Gefühl, in einen Eiskeller geraten zu sein, so 
viel Kälte strömte unser Herr aus. Als er sagte, daß wir ge-

hen sollten, taten wir es nur zu gern.« 
Elonie konnte sich denken, wie er gewesen war. Hatte sie 
doch schon öfter dieser Eiseskälte standhalten müssen. Sie 
wirkte einschüchternder, als wenn er toben und schreien 
würde. Allerdings hatte sie ihn noch nie so gesehen, den 
allzeit beherrschten Mann, aber seine Wut müßte leichter 
zu ertragen sein als diese furchtbare Kälte. 
»Ob unser Herr – diese – hinausgeworfen hat?« fragte das 
Zöfchen erwartungsvoll. 
»Wahrscheinlich, Nanny. Der fackelt nicht lange, wenn er 
auf Geheimheiten stößt.« 
»Uijeh, das weiß ich. Aber er ist ein guter Herr, ein gerech-

ter Herr. Vornehm bis in die Fingerspitzen.« 
»Nanny, wo haben Sie diese Bezeichnung denn aufge-
schnappt?« lachte Elonie hell heraus, und fröhlich fiel die 
Kleine ein: 
»Frau von Gehldorn sagte es einmal. Und die muß es ja 
wissen. Sie ist so eine feine, gebildete Dame.« 
»Das ist sie«, bekräftigte ihre Herrin. »Aber nun wollen wir 
machen, daß wir fertig werden, damit ich nicht an der Tafel 
zu spät erscheine.« 
Sie kam auch nur gerade so zurecht. Denn als sie das Spei-
sezimmer betrat, fand sie Frau von Gehldorn und den Gat-
ten bereits darin vor. Scheu tastete sich ihr Blick zu seinem 

Gesicht hin, doch es war verschlossen wie immer. Nichts in 
seinem Benehmen ließ darauf schließen, daß er der Gattin 
irgendwie gram war. Auf den Besuch kam er nicht mehr zu 
sprechen. Die kurze, stürmische Episode war wohl für ihn 
abgetan. 
Beim Mokka sagte er in seiner gelassenen Art: »Ich habe bei 
der Auflösung eines Gestüts einige Reitpferde übernehmen 
müssen. Die beiden schönsten möchte ich für uns behal-
ten. Nachdem mein altes, treues Pferd an Altersschwäche 
einging, habe ich mir kein anderes angeschafft, da ich wäh-
rend Neueinrichtungen im Werk ständig auf Achse liegen 

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mußte. Das ist nun vorbei. Ich habe jetzt mehr Zeit für 
private Dinge, zumal ich über einen vorzüglichen Mitarbei-

terstab verfüge. Der tägliche Ritt bot mir von jeher einen 
gesunden Ausgleich für meine Arbeit. Du kannst dir nach-
her das Pferd einmal ansehen, Elonie. Wenn es dir gefällt, 
darfst du es behalten.« 
Entzückt hatte sie seiner sonoren Stimme gelauscht, die ihr 
heute mehr denn je wie Musik klang. Scheu sah sie ihn an 
und sagte leise: 
»Danke, Diederich. Ein eigenes Pferd zu haben ist schon 
lange mein Wunsch.« 
»Dann kannst du ihn dir jetzt erfüllen.« 
Er reichte ihr die Mokkatasse, die sie unter die Maschine 
hielt, ihre Hand zitterte dabei. 

Eine halbe Stunde später schritten die jungen Gatten durch 
den Park, der an diesem herrlichen Sonnentag, den der 
launenhafte April den Menschen heute gnädig gewährte, 
wie verzaubert anmutete in seinem frischen Grün, den 
samtenen Rasenflächen und dem bunten Blumenflor. 
Langsam ging das Paar dahin, beide im Reitdreß, der ihren 
prachtvollen Wuchs so richtig zur Geltung brachte. Sie mit 
ihrem leichten, schwebenden Schritt, er fest auftretend, 
sicher und unbeirrt, wie es einem Gebieter zukommt. Ein 
schönes Paar, ein distinguiertes Paar, das auffiel, wohin es 
auch kam, ohne etwas dazu beizutragen. Wohl gerade des-
halb wirkte es so interessant. 

Eine hohe Mauer, oben mit einzementierten Glasscherben 
und Stacheldraht versehen, trennte den Park vom Fabrikge-
lände. Brendor schloß die in die Mauer eingelassene Boh-
lentür auf, schloß sie hinter Elonie wieder sorgsam zu, und 
vor ihnen lag ein Riesenkomplex mit hohen Gebäuden, 
langen Hallen, Speichern und Schuppen. Das war das 
Reich des Mannes, der Elonie Brendor laut Gesetz gehörte, 
was sie zum erstenmal mit Stolz erfüllte, ihr ein Gefühl der 
Bevorzugung gab. 
Vor einem kleinen Gebäude aus roten Backsteinen machte 
er halt und winkte dem Mann freundlich zu, der unter der 

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breiten Tür stand und über das ganze wie aus Leder gegerb-
te Gesicht lachte. Es war ein Werkveteran, der schon immer 

die Reitpferde der Herrschaft betreut hatte und nun auch 
die beiden betreute, die seit gestern in dem sauberen Stall 
standen. 
»Das sind schon zwei Racker«, berichtete er strahlend. »Ras-
se und Klasse, olala! Hoffentlich gibt es bei der gnädigen 
Frau keine Karambolage.« 
»Sie scheinen mir ja wenig zuzutrauen«, lachte sie den bie-
deren Alten so lieblich an, daß es ihm warm unter der Jop-
pe wurde, schmunzelnd wandte er sich ab und führte die 
beiden gesattelten Pferde vor, einen Schimmel und einen 
Braunen, beide edles Blut. Elonie trat auf den weißen 
Prachtkerl zu, beäugte ihn eingehend und strahlte dann 

den Gatten an. - 
»Danke, Diederich. Den gebe ich nicht wieder her.« 
Schon saß sie im Sattel und meisterte das Pferd mühelos, 
das natürlich mal erst versuchte, seine Kapriolen zu ma-
chen. Doch bald gab es auf, die kleine Faust schien aus 
Eisen zu sein. 
Diederich sah seine Frau zum erstenmal im Sattel; denn 
nach dem Tode ihrer Eltern hatte sie das Reiten eingestellt. 
Hatte erst damit wieder begonnen, nachdem sie aus dem 
Norberhaus zurückgekehrt war. Und da sie im Tattersall 
ritt, hatte er keine Gelegenheit gehabt, sie dabei zu beo-
bachten. 

Tadellose Schule – dachte er jetzt. Da kann ich ganz zufrie-
den sein. 
Jetzt saß auch er auf, und die Pferde tänzelten ab. Über das 
Werksgelände, durch das Tor, den Feldrain entlang in den 
Wald hinein, dessen schmale Kiesstraße wenig Verkehr 
hatte. Wenn ihnen ein Gefährt entgegenkam, war es ein 
Bauernwagen oder ein Fahrrad. Autofahrer benutzten diese 
abgelegene Straße selten. 
Lächelnd schaute der Reiter auf seine Begleiterin, an der 
alles leuchtete. Die Augen, das einzig schöne, wunderbar 
gepflegte Haar, selbst der lichtblaue Pullover, der den 

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Oberkörper warm umschloß. Sie war schön, sinnverwir-
rend schön. 

Und doch ließ der Mann sich davon nicht betören, wie er 
es schon einmal tat. Wie sagt Rückert: Wahres und Gutes 
wird sich versöhnen, wenn sich beide vereinen im Schö-
nen. Und darauf wollte er warten. 
»Wie ist es, Diederich, wollen wir zu Norbers reiten?« fragte 
sie erwartungsvoll, doch er schüttelte abwehrend den Kopf. 
»Nein, Elonie, das ist fürs erste zu weit, auch wenn wir uns 
über Nebenstraßen den Weg erheblich abkürzen würden. 
Da mußt du noch trainieren, sonst hältst du nicht durch.« 
»Schade – «, sagte sie enttäuscht, und forschend sah er in 
ihr gesenktes Gesicht, auf den trotzigen Mund. 
»Meine liebe Elonie«, sprach er langsam und betont. »Dein 

Eigenwille ist mir nur zu gut bekannt – und dein Ungehor-
sam. Laß es dir ja nicht einfallen, dir eigenmächtig den 
Wunsch zu erfüllen, den ich dir aus Vernunftsgründen ver-
sagen muß. Obwohl du erstaunlich gut im Sattel sitzt, bist 
du immer noch nicht fit, um ohne Begleitung zu reiten. 
Außerdem ist es auf diesem abgelegenen Weg nicht unge-
fährlich, es treiben sich genug Wegelagerer herum. Du hast 
mich doch verstanden?« 
»Ja, Diederich.« Sie sah ihn freimütig an. »Auch ohne deine 
Warnung wäre ich nicht ohne dich geritten. Dafür bin ich 
zu ängstlich.« 
»Danke, das genügt mir. Ich werde es so einrichten, daß ich 

täglich mit dir ausreiten kann.« 
»Du sprachst doch heute von den Morgenritten, die dir von 
jeher gutgetan hätten. Wirst du die wieder aufnehmen?« 
»Ja.« 
»Und weshalb willst du mich da nicht mitnehmen?« 
»Weil ich dir ein so frühes Aufstehen nicht zumute. Ich 
reite nämlich schon vor dem Frühstück, und zwar bei Wind 
und Wetter.« 
»Das macht mir gar nichts aus«, versicherte sie eifrig. »Ver-
such es doch mal mit mir.« 
»Meinetwegen«, gab er lächelnd nach. »Du wirst schon von 

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selbst damit aufhören.« 
Doch da sollte er sich getäuscht haben. Pünktlich war sie 

immer zur Stelle, stets frohgemut und guter Dinge. Es war 
doch aber auch wunderbar, mit dem Gatten Seite an Seite 
zu reiten durch die Natur, die sich immer prächtiger 
schmückte zum Empfang des Götterknaben Mai, der im-
mer näher rückte. 
Und wie schön war es doch, der sonoren Stimme zu lau-
schen, die so schmiegsam sein konnte, aber auch hart mit 
metallischem Klang. In die Augen zu sehen, die so hart und 
finster blicken, aber auch lachend aufblitzen konnten. Sein 
stillvergnügtes Schmunzeln zu sehen und das humorvolle 
Zucken um Mund und Augenwinkel. 
Langsam begann sich ihr Mißtrauen zu verfluchten, Ver-

trauen keimte auf. Ein Mann mit so hohen Ehrbegriffen, 
einer so ernsten Lebensauffassung konnte doch eigentlich 
nicht lügen und betrügen. Der mußte doch klar und lauter 
sein wie Gold. Sie mußte jetzt viel an den Spruch denken: 
Wo Glaub' und Vertrauen fehlen im Haus, da fliegt die 
Liebe zum Fenster hinaus. 
Und so war es geschehen. Denn geliebt hatte Diederich sie, 
als er um sie freite. Davon war sie überzeugt, wenn sie an 
die erste Zeit ihrer Ehe zurückdachte, da er sie in Liebe und 
Zärtlichkeit eingehüllt hatte wie in einen warmen, weichen 
Mantel. Aber dann, als er sich nicht mehr ausschließlich 
um sie kümmern konnte, weil er seiner Arbeit nachgehen 

mußte, da hatte sie ihn mit ihren Launen und Szenen ge-
peinigt, bis er aus dem Haus geflohen war – und mit ihm 
die Liebe. 
Der Mai war gekommen, sieghaft und strahlend schön, ein 
Liebling der Götter. Im Brendorhaus befand man sich auf 
der Terrasse beim Frühstück. Es war heute später als sonst. 
Denn an Sonn- und Feiertagen – und der erste Mai ist ja 
ein Feiertag – schlief selbst der Gebieter über Haus und 
Werk länger, wenn er nicht auch dann geschäftlich auf Po-
sten sein mußte. Also war es jetzt zehn Uhr, und der tägli-
che Morgenritt stand noch aus. 

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»Tante Beate rief an«, verkündete Diederich soeben. »Sie 
lud uns herzlich ein, schon zum Mittagessen. Ich habe zu-

gesagt, recht so?« 
»Aber natürlich«, entgegnete Elonie. »Ich freue mich sehr.« 
»Hm. Wie wäre es, wenn wir beide hoch zu Roß dort er-
scheinen würden?« 
»Da fragst du auch noch? Es wäre fast zu schön, um wahr 
zu sein.« 
»So lassen wir es wahr werden. Wir reiten, und Frau von 
Gehldorn fährt der Chauffeur hin.« 
»Aber wozu denn meinetwegen die Umstände«, wehrte sie 
ab. »Ich kann doch wohl zu Hause bleiben.« 
»Können schon, aber nicht dürfen. Sie kommen mit, da 
gibt es kein Pardon!« 

»O strenger Gebieter!« blinzelte sie ihm verschmitzt zu. 
»Am ersten Mai befiehlt des Volkes Stimme.« 
»Und: des Volkes Stimme ist des lieben Gottes Kesselpauke 
– sagt ein persisches Sprichwort«, lachte er amüsiert. »Möge 
denn diese >Zunge< gnädig sein.« 
»Sie ist es«, tat sie herablassend. »Ich ergebe mich freiwil-
lig.« Eine halbe Stunde später brach man auf. Frau Irene im 
Auto, die jungen Gatten hoch zu Roß. Sie benutzten nicht 
die belebte Verkehrsstraße, sondern ritten durch Wald und 
Au, durch Flur und Hain. Die Sonne schien, die Vöglein 
sangen, und ein Flüßchen wies den Reitern den Weg. Wenn 
sie den entlangritten, konnten sie ihr Ziel nicht verfehlen. 

Denn das Wasser floß munter dem kleinen See zu, der vor 
den Toren der Stadt lag und ein beliebter Ausflugsort war. 
Elonie war es heute so leicht ums Herz, so froh und unbe-
schwert. - 
»Heut' macht die Welt Sonntag für mich«, sang sie verhal-
ten vor sich hin, und vergnügt pfiff der Reiter dazu. Lustig 
schnaubten die Rosse, das Sattelzeug knirschte – es war 
einfach traumhaft schön. Elonie tat es direkt leid, als die 
Stadt erreicht war. Sie hätte noch stundenlang dahinreiten 
mögen durch die lachende Natur. 
Vor dem Doktorhaus wurden sie mit Hallo empfangen. 

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Alle standen sie da. Das Ehepaar, Frau von Gehldorn, Bir-
git, Huschchen, selbst Knut, der sich wieder einmal im El-

ternhaus eingefunden hatte. - 
»Na, dann komm schon her, du kühne Amazone!« Mit 
diesen Worten hob er Elonie aus dem Sattel. »So viel Schick 
und Schneid hätte ich dir gar nicht zugetraut!« 
Schon hatte er einen >Mutzkopf< weg, von zarter Hand, 
die er galant küßte und somit feurige Kohlen auf ihr Haupt 
sammelte. Die Itt interessierte sich sehr für die Pferde, auf 
die soeben ein Mann zutrat und nach den Zügeln griff. 
»Geben Sie ja gut auf die Tiere acht«, schärfte der Arzt ihm 
ein. »Futter kann ruhig feiertagsmäßig ausfallen.« 
»Das wird es sowieso«, griente der Alte und trollte mit sei-
nen Schützlingen ab. 

»Er ist ein Pfleger der Pferde des Reitervereins«, wandte 
Norber sich jetzt seinem Neffen zu. »Er beherbergt auch 
Gastpferde, die vorbildlich betreut werden. Also kannst du 
ganz beruhigt sein.« 
»Nett, daß du an die Unterkunft gedacht hast, Onkel Fritz.« 
»Das ist doch selbstverständlich. Doch nun kommt endlich 
weiter, die Menschen werden bei der Ansammlung bereits 
stutzig. Sie nehmen am Ende noch an, daß ein Streik aus-
gebrochen ist.« 
So traten sie denn näher. Als sie im Wohnzimmer ange-
langt waren, sagte Elonie: 
»Entschuldigt meinen Anzug, bitte, in dem ich ja auch bei 

Tisch erscheinen muß.« 
»Aber Herzchen, du bist doch nicht nackt.« Knut besah sich 
die bezaubernde Reiterin. »Dann allerdings würdest du 
öffentliches Ärgernis erregen – oder auch nicht.« 
»Sei bloß still, du Bengel«, verwies die Mutter ihn, gleich 
den anderen lachend. »Du bist ja gar nicht gefragt worden.« 
»Aber Mutzichen, ich rede doch so gern.« 
»Merkt man. Wie ist es, trinken wir vor dem Essen einen 
Aperitif?« 
Damit waren sie alle einverstanden, ließen sich von Vater 
und Sohn versorgen. Birgit, die an Elonie gelehnt stand, 

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bekam einen Schluck aus ihrem Glas, wofür das Kind sich 
bedankte. Unwillkürlich mußte die junge Frau an Viola 

denken. Verglich die beiden Mädchen miteinander, wobei 
>das Veilchen<« kläglich abschnitt. Diederich schien die-
selben Gedanken zu haben; denn nach einem prüfenden 
Blick auf Birgit sagte er anerkennend: »Was bist du doch für 
ein wohlerzogenes Mädchen, kleine Itt. Daß es auch andere 
gibt, davon haben wir uns überzeugen können. Besinnst du 
dich noch auf Livia Isbeck, Tante Beate?« 
»Na, die sorgt schon dafür, daß sie bei mir nicht in Verges-
senheit gerät«, kam es trocken zurück. »Denn von Zeit zu 
Zeit versucht sie mich brieflich anzupumpen. Vor einiger 
Zeit tauchte sie sogar hier persönlich auf, um sich mit ih-
rem unmöglichen Gör einzunisten. Sie faselte etwas von 

einem Wohnungswechsel, daß sie sich dahin auf der 
Durchreise befände. Natürlich glaubte ich ihr kein Wort. 
Die lügt ja schon, bevor sie den Mund aufmacht. Ich drück-
te ihr zwanzig Mark in die Hand und gab ihr zu verstehen, 
daß ich lieber ihren Rücken als ihre Fußspitzen sehe, wo-
rauf sie verschwand.« 
»Wann war das, Tante Beate?« 
»Ja, wann war das. Aha, ich hab's. Es war am Sonnabend. 
Sonntag holten wir Birgit von euch ab. Ist sie etwa auch bei 
euch gewesen?« 
»O ja, am Sonntag. Ihr wart kaum zwei Stunden fort, da 
erschien sie. Erzählte uns dasselbe Märchen wie dir.« 

»Ach du großer Gott! Ihr habt diesen Parasiten doch wo-
möglich nicht behalten?« 
»Nicht lange.« 
»Junge, erzähl ausführlich, das interessiert mich.« 
Während er sprach, saß Elonie wie auf Nadeln. Doch was 
sie befürchtete, blieb gottlob aus. Er verschwieg taktvoll die 
widerliche Schlußszene. 
»Und wieviel Geld bekam sie von dir?« fragte die Tante 
gespannt. 
»Keinen Pfennig, Beatchen.« 
»Das soll ich dir noblem Kerl glauben?« 

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»Tu es nur, es ist Tatsache. Sie hat von mir überhaupt kein 
Geld bekommen, trotz der vielen Bettelbriefe. Wenn sie in 

wirklicher Not wäre, warum nicht. Aber sie erhält eine gute 
Pension, von der sie mit dem Kind sorgenfrei leben könnte. 
Doch sie verschleudert das Geld mit vollen Händen. So 
einen Leichtsinn noch unterstützen, wäre Frevel.« 
Birgit hatte mit atemloser Spannung zugehört, nun sagte 
sie empört: 
»Den Hund hat sie gehauen, dieses gräßliche Mädchen? 
Hat Ottilie da wenigstens ordentlich dreingeschlagen?« 
»So etliche Striemen dürfte es gegeben haben.« 
»Das ist gut, das ist sehr gut. Quäle nie ein Tier zum Scherz, 
denn es fühlt wie du den Schmerz. Nun hat sie den auch zu 
spüren bekommen – und das freut mich.« 

Lächelnd sahen sie auf das Kind, das gewiß kein Engel war. 
Aber gut von Herz und Gemüt und von den Eltern wohler-
zogen. Birgit würde es bestimmt nicht so schwer im Leben 
haben wie Viola. Eine würde überall gern gesehen, die an-
dere verabscheut, genauso wie ihre Mutter es war. 
»Eigentlich kann das Kind einem leid tun«, meinte Beate. 
»Denn bei der Erziehung wird nichts aus ihm. Dabei ist es 
ein so hübsches Dinglein – schade.« 
Nach dem Essen ging man zur Terrasse, wo Gartensessel, 
Liegestühle und ein Tisch standen. Große Schirme warfen 
Schatten, also konnte man es sich hier schon gutsein las-
sen. 

»Macht es euch bequem«, ermunterte die Hausherrin. 
»Immer wie jedem schön ist.« 
Während die anderen am Tisch Platz nahmen, streckte 
Elonie sich in einen Liegestuhl. Verschränkte die Hände 
hinterm Kopf und schaute zum Himmel auf, der sich wie 
eine blauseidene Kuppel über das blühende Land spannte. 
Sie beteiligte sich nicht am Gespräch der anderen, dafür 
war sie zu faul. 
Eben sprach Diederich zu Onkel Fritz über den Werkarzt, 
der sich zur Ruhe setzen wollte, die er sich mit seinen sieb-
zig Jahren auch redlich verdient hatte. Nun fragte der Neffe 

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den Onkel, ob dieser Ersatz für den Scheidenden wüßte, ob 
er ihm jemand empfehlen könnte. 

»Nimm mich«, schlug Knut großartig vor. »Um geschnitte-
ne Finger zu verbinden, soviel habe ich in den vier Seme-
stern schon gelernt.« 
»Es gibt mehr als geschnittene Finger, mein Junge«, erwi-
derte der Vater bedächtig. »Bis du so einen Posten ausfüllen 
kannst, dürften wohl noch zehn gute Jährchen vergehen.« 
»Na, einige Jahre ließen sich schon abhandeln«, meinte der 
junge Mann pomadig. »Aber wenn du mich nicht haben 
willst, Diederich, so weiß ich einen, der ganz nach deiner 
anspruchsvollen Nase wäre.« 
»Interessant. Laß hören.« 
»Ich sage nur: Doktor Rendlin. Aha, jetzt tagt es in deinem 

Denkvermögen, geliebter Papa.« 
»Tatsächlich, Junge. Diederich, das wäre dein Mann. Ein 
feiner Mensch, der viel von seiner Zunft versteht. Da er zu 
arm ist, um eine eigene Praxis zu erwerben, drückt er sich 
in Krankenhäusern herum bei kargem Lohn. Davon hat er 
eine Frau und zwei Kinder zu ernähren, die gewiß nicht im 
Überfluß schwelgen dürften. Der Mann könnte sich freuen, 
wenn du ihn einstellen würdest. Denn wie gut es deine 
Untergebenen haben, ist allgemein bekannt. Auch daß du 
ein guter, großzügiger Mensch bist.« 
Das scheinen viele zu wissen – dachte Elonie beschämt. 
Nur ich weiß es nicht. Für mich ist alles Selbstverständlich-

keit, was ich durch ihn bin und habe. Zum Dank dafür 
habe ich ihm das Leben schwergemacht mit meiner Unzuf-
riedenheit, meinen mißtrauischen Verdächtigungen, mei-
nem Eigensinn und meinem zänkischen Betragen. 
Wenn sie doch hingehen und ihn um Verzeihung bitten 
dürfte. Aber mit reuigen Worten ist noch längst nicht unge-
schehen gemacht, was sie ihm antat. Die würden vielleicht 
sein lächelndes Verständnis treffen – aber nicht sein Herz. 
Was war sie denn so Besonderes, daß sie eine Extrawurst 
verlangte, wie man so sagt. Aber leider war sie von den 
vernarrten Eltern von Kind auf darin bestärkt worden. Für 

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sie war nichts gut genug, und der Mann, den sie beanspru-
chen durfte, mußte schon ein höheres Wesen sein. Und als 

die Eltern sie dann allein zurückließen, dazu noch bette-
larm, war es für sie eben selbstverständlich, daß der reiche 
und dazu noch blendend aussehende Diederich Brendor 
sie mit der Konkursmasse übernahm und es ihr so ermög-
lichte, das Luxusleben fortzusetzen. 
Natürlich verlangte sie auch von ihm die gewohnte Vergöt-
terung. Er hatte nur für sie dazusein, mußte sich wider-
standslos ihren Launen fügen. Und als er es nicht tat, ver-
suchte sie, ihn durch widerliche Szenen zu zwingen. 
Ganz erbärmlich schämte Elonie sich, wenn sie daran 
dachte. Vor ihm, vor den prächtigen Norbers, vor Frau von 
Gehldorn, die gewiß um alles wußte. 

Sie sprang auf, trat zu Beate, umarmte sie und drückte ei-
nen Kuß auf deren Wange. - 
»Ach, Tante Beate, was bist du doch nur für ein lieber 
Mensch.« 
»Nanu – «, sah diese sie perplex an. »Was ist denn plötzlich 
in dich gefahren? Willst du mich etwa mit dem Zugeständ-
nis umgarnen, damit ich dir aus der Klemme helfen soll?« 
»Pfui, Tante Beate, wie kannst du nur so von mir denken. 
Ich mag dich gern. Darf ich dir das nicht zeigen?« 
»Man immerzu«, lachte sie. »Doch bei dir weiß man nie so 
recht, woran man ist - 
Tränen? Aber Elo. Komm, kriegst auch von mir einen Kuß. 

So – jetzt sind wir uns wieder einig, nicht wahr?« 
»Mutti, wie kannst du die Elo bloß so kränken«, sagte Birgit 
vorwurfsvoll, die junge Frau dabei umfassend. 
»Mach dir nichts daraus, Elolein, mit mir verfährt sie ge-
nauso. Immer wenn ich zu ihr zärtlich bin, denkt sie gleich, 
ich will was von ihr haben.« 
Es klang so gottergeben, daß es Heiterkeit auslöste. Auch 
Elonie lachte mit, obgleich ihr die Tränen noch an den 
Wimpern hingen. Forschend ging des Gatten Blick zu ihr 
hin. Er glaubte zu wissen, was sie bedrängte – aber damit 
mußte sie allein fertigwerden. Für ihn gab es nur noch ein 

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Entweder – Oder. 
Um sechs Uhr mahnte Diederich zum Aufbruch. Zwar 

wollte man ihn umstimmen, bis nach dem Abendessen zu 
bleiben, doch er winkte entschieden ab. 
»Nein, das geht nicht, so gern ich auch bleiben möchte. 
Aber wir müssen vor Dunkelwerden zu Hause sein, damit 
wir nicht den Weg verfehlen.« 
Das sah man ein, und Onkel Fritz sorgte dafür, daß eine 
halbe Stunde später die Pferde zur Stelle waren. Erfreut 
trollte sich der Pfleger mit einem noblen Trinkgeld, ein 
herzliches Abschiednehmen, dann fuhr das Auto ab, und 
hinterher setzten sich die ausgeruhten Tiere in Trab. 
Indes strebten die Pferde dem heimatlichen Stall zu. Es war 
für Elonie zuerst nicht einfach gewesen, den übermütigen 

Schimmel zu zügeln, doch sie schaffte es, ohne daß Diede-
rich einzugreifen brauchte. Wohlbehalten langten sie zu 
Hause an, wo Frau von Gehldorn, die schon früher einget-
roffen war, sie mit der Meldung überraschte: »Vor etwa fünf 
Minuten hat ein Herr Frank Brendor angerufen.« 
»Frank Brendor-?« fragte Diederich gedehnt. »Woher kam 
denn der Anruf?« 
»Das weiß ich nicht, Herr Doktor. Als ich dem Herrn sagte, 
daß die Herrschaften nicht zu Hause wären, jedoch bald 
eintreffen müßten, versprach er, noch einmal anzurufen, 
und legte dann auf.« 
»Dann ist der Junge bestimmt im Lande«, lachte Diederich. 

»Na, auf dessen Besuch können wir uns freuen. Der wirbelt 
alles durcheinander, daß es man so braust. Gehen wir ins 
Wohnzimmer. Dort werde ich erklären, wer der Anrufer 
ist.« 
Als man saß, sahen die beiden Damen ihn erwartungsvoll 
an, und schmunzelnd folgte die Erklärung: 
»Franks Vater ist der Bruder des meinen, der nach Kanada 
übersiedelte. Aber bitte nicht an ein schwarzes Schaf den-
ken, das ist er bestimmt nicht. Er heiratete eine Kanadierin, 
deren Vater, ein ausgewanderter Deutscher, dort große 
Ländereien besitzt. Seine Frau ist gleichfalls eine Deutsche. 

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Ich bin schon einige Male dagewesen und hab' mich in der 
Familie äußerst wohl gefühlt. Es sind durchwegs prächtige 

Menschen, Eltern sowie Kinder. Die Tochter ist bereits ver-
heiratet, hat eine Bombenpartie gemacht. Frank ist 
zweiundzwanzigjährig, ein quicklebendiger Bursche. Als 
ich vor ungefähr einem halben Jahr das letzte Mal da war, 
versprach er, mich zu besuchen, sofern er sein Studium 
hinter sich hätte, was jetzt der Fall zu sein scheint – « 
In dem Moment schlug der Fernsprecher an, nach dessen 
Hörer Diederich griff. Gleich darauf hörte mäh ihn lachend 
sagen: 
»Jawohl, hier hängt er. Grüß Gott, du Schlingel. Ob du 
mich besuchen darfst? Du stellst vielleicht Fragen! Wo bist 
du überhaupt? Im Hotel Krone? Dann mal 'raus aus dem 

feudalen Kasten! Obwohl es nur ein Katzensprung ist, wer-
de ich dir den Wagen schicken. Denn soweit ich dich ken-
ne, wirst du ja nicht mit dem Rucksack gekommen sein. 
Beeil dich, damit wir nicht eine halbe Ewigkeit mit dem 
Abendessen auf dich zu warten brauchen.« 
Er legte auf und sagte schmunzelnd: »Der Bengel scheint ja 
nett in Form zu sein. Sollte er dir gleich eine Liebeserklä-
rung machen, Elonie, nimm's nicht weiter tragisch. Sein 
Herz, das ist ein Bienenhaus, da fliegen die Mädchen ein 
und aus. Bitte mich zu entschuldigen, damit ich dem 
Chauffeur Bescheid sagen kann.« 
Als er zurückkam, fragte die Hausdame, welches Zimmer 

sie für den Gast herrichten lassen sollte. 
»Das größte Fremdenzimmer, Frau von Gehldorn. Der Jun-
ge braucht viel Platz. Schon für die Sachen allein, die er 
mitschleppen wird.« 
Allein er erschien nur mit zwei mäßig großen Koffern, da er 
nicht länger als drei Wochen zu bleiben gedachte, wie man 
später erfuhr. Er durfte sich mit Erlaubnis des Vaters eine 
Universität aussuchen, an der er Volkswirtschaft studieren 
konnte. Vetter Diederich sollte ihm ratend zur Seite stehen. 
So langte er denn an, erwartungsvoll und kreuzfidel. Kaum 
hatte er das Haus betreten, als er auch schon von allem, 

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was darin lebte und webte, Besitz ergriff. 
»Menschenskind, Diederich, das ist ja ein fürstlicher Ka-

sten«, sagte er begeistert in tadellosem Deutsch, mit einem 
leichten, fremden Klang. »Du hast es nötig, so bescheiden 
zu tun, wie du bei uns tatest.« 
»Ja, wer ist denn das?« Sein Blick blieb jetzt mit unverhoh-
lener Bewunderung an Elonie hängen. »Etwa mein Kusin-
chen? Und diese bezaubernde Schönheit hast du uns so 
lange vorenthalten? Schäm dich!« 
»Na, nun mal langsam«, verteidigte der Vetter sich lachend. 
»Ich bin ja erst ein Jahr verheiratet.« 
»Da hättest du gefälligst die Hochzeitsreise zu uns machen 
müssen. Aber das holst du nach, verlaß dich drauf. Komm, 
Prinzeßchen, gib mir deinen Arm und führe mich in dein 

trautes Heim.« 
Lachend kam sie seinem Wunsch nach. Dieser neue Vetter 
gefiel ihr ausnehmend gut. Als er im Wohngemach mit 
Frau von Gehldorn bekannt gemacht wurde, kratzte er sich 
bedenklich den Kopf. 
»Uijeh, gnädige Frau, bei Ihnen muß man wohl immer sehr 
artig sein, nicht wahr?« 
»Wenn Ihre Ungezogenheiten charmant sind, will ich sie 
mir ganz gern gefallen lassen«, versprach sie lächelnd, wo-
rauf er sie anstrahlte wie ein beschenkter kleiner Junge. 
Groß und blond mit blauen Augen, hatte er Ähnlichkeit 
mit seinem Vetter Diederich. Nur war sein Gesicht runder 

und weicher, die Kopfform weniger rassig und der Mund 
nicht so hart geschnitten. Außerdem fehlte ihm die vor-
nehme Gelassenheit, überhaupt das Herrische des Gebie-
ters. Er war vielmehr ein bildhübscher Junge, ein strahlen-
der Schwerenöter, der sich mühelos die Herzen der Men-
schen gewann. 
Wenn er sich auch zwanglos gab, so merkte man ihm so-
fort die gute Kinderstube an. Er konnte wohl übermütig, 
aber niemals flegelhaft sein, wußte immer, wie weit er zu 
gehen hatte – auch Elonie gegenüber, in die er sich spontan 
verliebte. Er würde stets die Frau des anderen in ihr achten, 

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was der Vetter wußte und ihm daher vertraute – wie er 
auch Elonie vertraute. Sie war wohl eigenwillig und kapri-

ziös, aber sündigen, nein, das konnte sie nicht, dafür war 
sie zu klar und sauber. Sie würde nie vergessen, was sie 
ihrer Frauenehre schuldig war. Also mochte sie sich ruhig 
dem Gast widmen, er hatte leider nicht immer Zeit dazu. 
Wenn sie etwas unternahmen, war stets Frau von Gehldorn 
dabei. Man mußte ja auf die Mitmenschen Rücksicht neh-
men, unter denen es solche gibt – und leider in der Mehr-
zahl – die immer gleich Unrat wittern. 
Schon deshalb allein war Frau Irene auf dem Posten. Wenn 
sie auch manchmal keine Lust dazu hatte, so begleitete sie 
dennoch die beiden jungen Menschen überallhin. 
Und man nahm sie gern mit. Elonie liebte diese feine Frau 

ohnehin wie eine Mutter, und Frank verehrte sie sehr. 
Schätzte ihre vornehme Art, ihre Ausgeglichenheit, ihr güti-
ges Verständnis und ihr warmes Lachen, mit dem sie seinen 
Übermut quittierte. Sie gehörte eben als dritte zum Bunde, 
ohne sie war alles nicht halb so schön. 
Daß Diederich nicht mit von der Partie sein konnte, be-
trübte Frank zuerst; denn er mochte den Vetter sehr gern. 
Aber er war vernünftig genug, um sich zu sagen, daß ein 
Mann, der soviel zu leisten hatte wie er, in erster Linie mal 
seiner Arbeit und seinen Pflichten als Gebieter nachkom-
men mußte. Also zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. So 
hatte es auch von jeher sein Vater gehalten und seinen 

Sohn in dem Sinne erzogen. 
»Wie ist es, Frank, willst du dir mal meinen Betrieb anse-
hen?« fragte Diederich, als man an einem Abend zusam-
mensaß – und schon war ersterer Feuer und Flamme. 
»Aber mit dem größten Vergnügen! Ich wollte dich schon 
längst darum bitten, wagte jedoch nicht, deine kostbare 
Zeit in Anspruch zu nehmen. 
Übrigens muß ich jetzt so langsam anfangen, mich für die 
Universitäten zu interessieren. Dazu hat mein guter Paps 
mich ja hierhergeschickt, mir drei Wochen dafür bewilligt. 
Zwei davon sind schon um, in denen ich bisher nur Aus-

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flüge machte, Tennis spielte, mit meiner Fechtkunst der 
süßen Elo heillosen Schrecken einjagte und manche ver-

gnüglichen Dinge mehr. Nun mußt du mich beraten, ge-
liebter Vetter, wo ich am günstigsten studieren könnte.« 
»Da wird dich Knut Norber besser beraten können als ich.« 
»Knut Norber? Wer ist denn das?« 
»Mein Vetter mütterlicherseits. Sein Vater ist Arzt in dem 
Städtchen, das eine halbe Autostunde von hier entfernt 
liegt. Vielleicht kannst du gar an derselben Universität stu-
dieren und hättest dann gleich an dem Jungen einen An-
schluß.« 
»Ist der Knut gut zu leiden?« 
»Kann man wohl sagen. Zwar ist er nicht so quecksilbrig 
wie du, dafür gleicht er zu sehr seinem bedächtigen Vater, 

aber ein famoser Junge, verläßlich und treu.« 
»Dann ist er mein Mann. Wo kann ich seiner habhaft wer-
den?« 
»In seinem Elternhaus. Ich sage dort Bescheid, daß Knut 
übers Wochenende hinkommen soll. Wir treffen da zu-
sammen, und du kannst ihm die Seele aus dem Leib fra-
gen.« 
»Was studiert er denn?« 
»Medizin. Als Nachfolger seines Vaters.« 
»Meine Fakultät wäre mir ja lieber, aber man muß auch so 
zufrieden ein. Darf ich übrigens so ohne weiteres im Dok-
torhaus aufkreuzen?« 

»Als unser Gast ohne Frage. Du wirst dich dort so wohl 
fühlen, daß du gar nicht mehr zu uns zurückkehren 
magst.« 
»Na das wäre! Ich werde doch nicht meine Süße verlassen, 
die ohne mich überhaupt nicht mehr leben kann.« 
»Eingebildet bist du gar nicht«, fuhr Elonie ihm lachend in 
den Schopf. »Ich würde froh sein, mich von deiner Turbu-
lenz erholen zu können.« 
»Das mir, das mir!« Er verdrehte anklagend die Augen. 
»Aber warte nur, ich räche mich. Steche dich in der näch-
sten Fechtstunde einfach mit dem Florett tot.« 

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»Hu, wie grausig! Und wenn Diderich dir dann den Hals 
umdreht?« 

»Tut  er  nicht.  Er  wäre  froh,  dich  auf  eine  so  einfache  Art 
loszuwerden.« 
Bei der Bemerkung stutzte man zuerst. Als man jedoch in 
das spitzbübische Gesicht sah, da wußte man, daß der 
übermütige Schlingel sein Späßchen trieb. 
Und so war es auch. Denn erstens hielt er die beiden für 
ein harmonisches Ehepaar und hätte in einem anderen Fall 
die Bemerkung nicht gemacht, weil sie im höchsten Grad 
taktlos gewesen wäre. Und das war Frank nicht, dafür hat-
ten seine Eltern ihn zu gut erzogen. 
Am nächsten Morgen nahm Diederich den Vetter ins Werk 
mit. Und je länger die Besichtigung dauerte, um so größer 

wurde seine Bewunderung für den Gebieter, der diesen 
Riesenbetrieb so fest in Händen hielt. Er schüchterte ihn 
direkt ein, als er so sicher und unbeirrt durch sein Reich 
schritt – ein König der Arbeit. Überall wußte er so gut Be-
scheid wie in seiner Hosentasche. Dem konnte man wahr-
lich kein X für ein U vormachen. Seine Erklärungen waren 
zwar kurz und knapp, aber so anschaulich, daß Frank sie 
verstand. Begeistert kehrte er Stunden später ins Bendor-
haus zurück, wo er sich vor Elonie hinpflanzte und losleg-
te: 
»Na, du hast vielleicht einen Mann! Vor dem muß man 
den Hut bis zur Erde ziehen. Ein Gebieter, wie er im Buch 

steht. Hast du denn keine Angst vor ihm?« 
»Hast du sie denn?« fragte sie lachend dagegen. 
»Angst nicht, aber Bewunderung. Denn bewundernswert ist 
es doch wahrlich, die unzähligen Fäden so straff in der 
Hand zu halten und keinen davon zu verlieren. Ein kluger 
Kopf, ein genialer Kopf. Ich bin stolz darauf, diesen Mann 
Vetter nennen zu dürfen.« 
Und ich habe mich erdreistet, diesen Mann wie einen 
dummen Jungen zu behandeln – dachte Elonie gequält. 
Die ich doch ein Nichts gegen ihn bin. Ich bin schön, das 
hat er mir selbst gesagt. Aber diese Schönheit ist auch alles, 

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was ich in die Waage zu werfen habe – gegen Klugheit, 
Vornehmheit. Reichtum und Macht. 

Am Sonntag fuhr man zum Doktorhaus, wo man Frank 
herzlich willkommen hieß. Mit Knut fand er sofort Kon-
takt, und nachdem er sich über alles genau erkundigt hatte, 
stand es bei ihm fest, an derselben Universität zu studieren 
wie der Arztsohn. 
»Da hab' ich gleich einen Kameraden und kann mich öfter 
mal im Brendorhaus einfinden, um mich da auszufüttern«, 
gestand er in schönster Offenheit. »Ansonsten wird wohl 
Schmalhans Küchenmeister sein.« 
»Trotz des noblen väterlichen Wechsels?« fragte Diederich. 
»Na du, so nobel wird der Wechsel gar nicht sein. Zwar ist 
mein guter Paps für leben und leben lassen, hält jedoch 

Verschwendung für ein Laster.« 
»Genauso wie meiner«, seufzte Knut. »Die alten Herren 
haben aber auch gar kein Verständnis für die Bedürfnisse 
ihrer Söhne.« 
»Und die Töchter müssen hinter ihnen zurückstehen«, be-
merkte Birgit altklug. »Ist es bei Ihnen auch so, Herr 
Frank?« 
»Nein, Fräulein Birgit«, gab er ernsthaft Antwort, während 
der Schalk in seinen Augen blitzte. »Da hat die Mitgift der 
Tochter so viel Geld verschlungen, daß für den Sohn kaum 
etwas übrigbleibt. Glaubst du das?« 
»Nein.« 

»So nimmst du an, daß ich lüge?« 
»Lügen nicht – aber Unsinn reden.« 
»Birgit!« verwies die Mutter scharf, doch Frank winkte la-
chend ab. 
»Die ist richtig, die gefällt mir. Schade, daß du noch in den 
Kinderschuhen steckst, sonst würde ich dich vom Fleck weg 
heiraten.« 
»Was Sie sich wohl einbilden! Ich heirate nur einen Mann.« 
»Und was bin ich?« 
»Ein Junge.« 
»Ist doch bloß gut, daß du nicht noch >dummer< voran-

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setzt.« 
»Oh, ich weiß schon die Grenze zu halten.« 

»Wie beruhigend. Aber einen Jungen pflegt man nicht mit 
Herr anzusprechen.« 
»Wenn er das Alter hat, muß man das schon.« 
»Hm. Was meinst du, wollen wir Duzbrüderschaft schlie-
ßen?« 
»Da muß man erst einen Scheffel Salz miteinander verzehrt 
haben, sagt mein Papi.« 
»Nun, in diesem Fall können wir mal eine Ausnahme ma-
chen«, schmunzelte der Vater. »Da Frank ja sowieso um 
sieben Ecken herum mit uns verwandt ist. Nehmen wir ihn 
feierlich in die Sippe auf!« 
Das fand allgemeinen Beifall. Und da bei so einer Gele-

genheit nicht nur ein Schnaps, sondern auch ein Kuß fällig 
zu sein pflegt, so machte Frank ungeniert davon Gebrauch. 
Selbst Frau von Gehldorn bekam einen, wogegen sie sich 
allerdings zu sträuben versuchte. 
»Aber ich bin doch da nicht mit einbegriffen. Ich gehöre 
doch nicht zur Sippe.« 
»Nein?« fragte Frank verdutzt. 
»Ja!« kam es lachend von allen Seiten. »Mitgefangen, mit-
gehangen!« 
So wurde sie denn Tante Irene für das Jungvolk – in das 
allerdings auch der dreißigjährige Diederich mit einge-
schlossen war – und Irene für das Arztehepaar. Man war 

fortan eine Gemeinschaft, die miteinander lachte und 
weinte. - 
Die letzten Tage des Urlaubs vergingen besonders schnell, 
übermorgen hieß es für Frank, Abschied zu nehmen. Das 
Flugzeug flog zwar erst in fünf Tagen ab, aber er wollte 
noch bei Knut vorsprechen, um alles Erforderliche in die 
Wege zu leiten, wobei der Student ihm Rater und Führer 
sein sollte. 
»Hör mal, Elo, du wolltest mir doch das idyllische Schlöß-
chen zeigen, das dein Entzücken erregt«, versuchte Frank 
soeben die Base aufzumuntern, die auf der Terrasse im Lie-

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gestuhl faulenzte. 
»Zu heiß«, winkte sie ab. »Außerdem ist Tante Irene beim 

Zahnarzt.« 
»Na wenn schon! Wir können auch einmal ohne sie fah-
ren. Los, Elo, sei kein Frosch. Tu mir doch den Gefallen. 
Übermorgen muß ich schon fort von hier. Ich interessiere 
mich doch nun mal für Schlösser.« 
»Wieso, willst du etwa eins kaufen?« 
»Man muß nicht immer alles gleich kaufen wollen, wofür 
man Interesse hat. Mach mich nicht rasend mit deiner Po-
madigkeit. Hier herumzusitzen halt' ich einfach nicht aus, 
mir kribbelt das Reisefieber im Blut. Kannst du das verste-
hen?« 
»Nein.« 

»Elo – bitte!« 
»Na schön«, gab sie nach, während sie sich seufzend erhob. 
»Mach meinen Wagen flott, indes zieh' ich mich um. Aber 
zum Abendessen müssen wir unbedingt zu Hause sein, 
sonst brummt mein Herr Gemahl.« 
Eine Viertelstunde später wurde sie am Portal sichtbar. 
Wunderschön sah sie aus in ihrem leichten Kleid, das ei-
nem eleganten Modesalon entstammte. Ebenso wie der 
helle Mantel, den sie über'm Arm trug. Lang und schlank 
waren die feingefesselten Beine, die kleinen Füße steckten 
in hellfarbenen Sandaletten. Dann die leuchtenden Augen 
und das herrliche Haar – wahrlich kein Wunder, daß es bei 

dem wunderholden Anblick dem guten Frank ganz heiß 
unter der seidenen Hemdbrust wurde, der vor dem Auto 
stand und den Schlag für die Base offenhielt. Sie nahm 
Platz und rief dem eben erscheinenden Diener zu: 
»Wenn die gnädige Frau zurückkommt, bestellen Sie ihr, 
daß wir zum Schlößchen gefahren sind!« 
Das letzte klang nur noch verweht zu dem Mann hin, weil 
Frank bereits den Wagen in Bewegung gesetzt hatte. 
»Du kannst wohl nichts dafür«, sagte sie ärgerlich. »Wenn 
Niklas mich nun nicht verstanden hat?« 
»Süße, du hast ja laut genug geschrien, und der Mann ist 

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nicht taub. Mach bloß nicht ein so böses Gesicht, sonst 
krieg' ich Angst.« 

»Könnte dir gar nichts schaden, du unruhiger Geist. Ich 
möchte gern wissen, ob du auch zu Hause ständig herum-
wirbeln mußt.« 
»Da fall' ich nicht weiter auf, da wirbelt alles«, lachte er, 
daß seine prächtigen Zähne nur so blitzten. »Selbst meine 
Mami, die im Laufe der Jahre ganz nett behäbig geworden 
ist. Geruhsamkeit ist bei uns verpönt, da heißt es Tempo, 
Tempo!« 
»Das merkt man an deinem Rasen«, sagte sie trocken. »Fahr 
gefälligst langsamer, damit ich auf den Weg achten kann. 
Wir müssen nämlich bald rechts abbiegen. Ich glaube, da 
ist es schon. Fahr rechts rein, aber nimm bei der Kurve 

nicht den Baum mit. Am liebsten möchte ich mich ans 
Steuer setzen.« 
»Nein, du, dann werde ich zappelig.« 
»Das ist es, was ich befürchte. Jetzt bieg ab! Gott sei Dank, 
der Baum steht.« 
»Aber dafür gibt es zu beiden Seiten um so mehr Bäume. 
Und der Weg ist auch nicht besonders.« 
»Dafür ist es auch eine Nebenstraße. Schlösser pflegen 
nämlich nicht an der Chaussee zu liegen.« 
»Süße, sei nicht so kurzangebunden. Sei lieb zu mir. 
Übermorgen muß ich abreisen.« 
»Na eben, da soll ich wohl in Wehmut zerfließen!« 

»Schön wär's. Liebling, das geht ja hier hoppe, hoppe Rei-
ter. Ist es auch wirklich der richtige Weg, wenn man ihn 
überhaupt als Weg bezeichnen kann? Denn ich sehe ihn 
vor lauter Bäumen kaum. Möchte beinahe wetten, daß wir 
uns so mittenmang im Wald und auf der Heide befinden. 
Bist du selbst nach dem Schlößchen gefahren?« 
»Nein, der Chauffeur.« 
»Aha. Nun, ich will versuchen, deine Mordskutsche durch 
das Labyrinth zu schlängeln, einmal müssen wir doch auf 
einen richtigen Weg kommen. Ist wenigstens genug Benzin 
im Tank?« 

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»Er ist heute aufgefüllt.« 
»Wenigstens ein Trost.« 

So fuhren sie denn eine halbe Stunde langsam dahin, kreuz 
und quer. Wo nur ein Durchschlupf war, steuerte Frank 
hinein, was sich auch nur so ein vorzüglicher Fahrer erlau-
ben durfte. 
Und plötzlich wurde es dunkel. Der junge Mann konnte 
gerade noch Elonie in den Mantel helfen und das Verdeck 
hochklappen, da brach auch schon ein Sturm los, der nicht 
von schlechten Eltern war, wie man so sagt. Der Donner 
knatterte, die Blitze zuckten – ein schweres Gewitter war im 
Gange. 
»Mein Gott!« stöhnte Elonie. »Ich hab' ohnehin schon 
Angst vor Gewitter – und nun hier – wie von aller Welt 

abgeschnitten!« 
»Nun, nun, es wird so arg nicht werden«, tröstete er. 
»Komm, zieh die Decke über'n Kopf, damit du die verflix-
ten Blitze nicht so siehst.« 
Und so saßen sie da, den tobenden Elementen schutzlos 
ausgeliefert. Frank hatte die Scheinwerfer abgestellt, damit 
die Batterie nicht ausbrannte. Nur das Standlicht gab einen 
trüben Schein. 
Es war tatsächlich, als wären alle Teufel losgelassen. Es 
donnerte fast unausgesetzt, was sich im Wald besonders 
schauerlich anhörte. Die Blitze zuckten, der Sturm johlte, 
Bäume brachen krachend zusammen. Es wäre kein Wunder 

gewesen, wenn ein stürzender Baum das Auto getroffen 
hätte. 
»Hätte ich dich doch nicht zu der Fahrt überredet«, sagte er 
gepreßt. »Ich mache mir die heftigsten Vorwürfe.« 
»Das ist doch Unsinn, Frank. Wir stecken doch nur in die-
ser Klemme, weil ich dir einen falschen Weg wies. Also bin 
ich schuld, nicht du.« 
»Nun, wollen wir jetzt nicht unsere Schuld aneinander 
messen, sondern tapfer durchhalten. Du mußt nur nicht 
weinen, Elo, das kann ich nicht ertragen.« 
»Ich weine nicht, Frank.« 

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»Das ist lieb. Nimm fest die Decke um. Du bist zu leicht 
angezogen, trotz des Mäntelchens.« 

»Aber auch du bist zu leicht gekleidet, was bei der vorange-
gangenen Hitze kein Wunder ist. Komm mit unter die Dek-
ke, sie reicht für beide.« 
»Lieber nicht«, brummte er. »Meine Jacke allein wärmt 
mehr als dein flittriger Kram zusammen. Jetzt einen Kog-
nak, der täte uns beiden gut.« 
»Greif in den Handschuhkasten hinein, da wirst du ein 
Fläschchen finden, das ich immer für alle Fälle mitführe. 
Auch eine Taschenlampe nebst Reservebatterie liegt im 
Kasten.« 
»Na, wunderbar. Diese Sachen sind direkt ein Geschenk des 
Himmels.« 

Elonie durfte sich zuerst laben, und es war gut, daß sie die 
Flasche bereits an Frank weitergegeben hatte. Sonst hätte 
sie diese vor Schreck fallen lassen, und das kostbare Naß 
wäre versickert. Denn ein Donner krachte, der durch Mark 
und Bein ging. Gleichzeitig erhellte ein besonders greller 
Blitz das Innere des Wagens. Ganz in ihrer Nähe ein Kra-
chen und Splittern – und dann eine unheimliche Stille. 
»Verflixt, das muß dicht bei uns eingeschlagen haben«, 
murmelte Frank, vor Schreck erblaßt.  »Und  zwar  in  den 
krachenden Baum.' Ein Glück, daß er nicht den Wagen traf. 
Du siehst also, Elolein, daß wir einen Schutzengel haben, 
der uns auch weiter behüten wird. Hast du dich sehr er-

schrocken?« 
»Ja, Frank. Mir zittern die Glieder wie Espenlaub.« 
»Du Armes. Aber laß gut sein. Nach so einem furchtbaren 
Schlag pflegt sich das Gewitter ausgetobt zu haben und 
zieht ab.« 
So war es auch. Der Donner grollte immer ferner, die Blitze 
zuckten immer seltener, und der Regen ließ langsam nach. 
Frank schaltete die Scheinwerfer ein, öffnete die Tür und 
steckte den Kopf hinaus. 
»Es regnet nur noch ganz wenig. Ergo werde ich aussteigen 
und die Lage peilen.« 

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Zusammengekauert saß Elonie da, ein Häuflein Unglück. 
Sie flatterte vor Angst. Weniger deshalb, daß sie hier so 

allein saß in dieser grausigen Finsternis, sondern sie fürch-
tete sich vor der Abrechnung mit Diederich. Er würde ihr 
nicht glauben, wie sie ihm nicht geglaubt hatte. Würde ihr 
mißtrauen, wie sie ihm mißtraut hatte. 
Wie hatte Tante Beate einmal zu ihr gesagt: Oft trügt der 
Schein. Damals hatte sie es nicht geglaubt, doch heute 
wurde es ihr grausam klar. 
Sie hätte selbst nicht zu sagen gewußt, wie lange sie so ge-
sessen hatte, von jagenden Gedanken gepeinigt und gequ-
ält. Sie schrak zusammen, als Frank die Tür aufriß. - 
»Da haben wir einen unglaublichen Dusel gehabt, Elonie«, 
sagte er so ernst wie man ihn selten sah. »Nur einige Meter 

vom Wagen entfernt liegt ein Baum – sieh ihn dir an.« 
Er richtete den hellen Schein der Taschenlampe seitwärts, 
wo eine große Tanne lag. 
»Großer Gott!« flüsterte sie entsetzt. »Wenn die auf den 
Wagen gefallen wäre!« 
»Sie ist aber nicht, Elo. Reg dich bloß nicht noch hinterher 
auf, das hast du vorher schon genug tun müssen. Wir sind 
bei dem Inferno heilgeblieben, das ist mal erst die Haupt-
sache, alles andere kriegen wir schon hin. Es ist abscheulich 
von dem Gewitter, daß es nicht noch fünf Minuten gewar-
tet hat. Dann hätten wir den Weg erreicht, auf dem wir, 
wenn auch gerade nicht glatt, so doch ganz gut vorange-

kommen wären. Irgendwohin muß der doch führen, also 
sei getrost.« 
Der Fahrweg war wohl da, aber den zu erreichen, kostete 
unendliche Mühe. Ein anderer als der kühne Frank hätte es 
gewiß nicht geschafft. Stellenweise mahlten die Räder in 
dem aufgeweichten Waldboden, ohne voranzukommen. 
Der Motor wurde aufs äußerste beansprucht, das Wasser im 
Kühler kochte fast. Frank biß die Zähne zusammen, sein 
Körper war schweißbedeckt. Aber er ließ nicht nach, und 
wenn da gleich der ganze Wagen zum roten Kuckuck gehen 
sollte! 

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Und endlich wurde seine Verbissenheit belohnt, der Weg 
war erreicht. Wenn er von dem Wolkenbruch auch aufge-

weicht war, so hatte er doch festeren Grund als der weiche 
Waldboden. 
»So, jetzt halten wir mal erst eine Weile, damit sich der 
brave Motor verschnaufen kann.« Damit stoppte Frank den 
Wagen ab. »Teilen wir uns den Kognak. Hier nimm, Süße, 
hast dich tapfer gehalten. Andere Weibsen an deiner Stelle 
hätten gezetert und lamentiert. So eine Frau möchte ich 
auch einmal haben. Schade, daß du schon in so festen 
Händen bist.« 
»Kannst die Hände ja lockern«, ging sie auf seinen munte-
ren Ton ein, den er, wie sie wußte, nur ihretwegen an-
schlug. Denn wohl war ihm nicht zumute, das merkte sie 

ihm an. »Oder meinst du, daß sie sich nicht lockern las-
sen?« 
»Nein, du – «, kam es voll Überzeugung zurück. »Solche 
Hände nicht, die halten fest, was sie besitzen. Hast du ge-
trunken, ja? Dann gib her.« 
»Er setzte sie an, er trank sie aus, o Trank voll süßer Liebe«, 
neckte sie, als er die leere Flasche absetzte. »Trunkenheit 
am Steuer wird bestraft, mein lieber Frank.« 
»Von dem bißchen bin ich noch lange nicht bedudelt. Hast 
du eine Zigarette?« 
»Ich glaube schon.« Sie öffnete die Handtasche und zog ein 
Etui heraus, das im Licht des Scheinwerfers aufblitzte wie 

pures Gold, das es auch war. Frank nahm es ihr aus der 
Hand, drehte es nach allen Seiten und sagte anerkennend: 
»Nobel. Wohl ein Geschenk des Herrlichsten von allen?« 
»Na, von wem denn sonst?« 
»Hast recht, dumme Frage.« 
Er versorgte aus dem gefüllten Etui erst Elonie, dann sich, 
tat einen langen Zug und sagte langsam: 
»Diederich ist der bedeutendste Mann, den ich bisher ken-
nenlernte. Daß er Besitzer eines großen Werkes ist und eine 
Menge Geld hat, beeindruckt mich weniger. Doch wie er 
dieses Werk leitet, das imponiert mir mächtig. Dazu seine 

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Klugheit, seine vornehme Gelassenheit, sein blendendes 
Aussehen – ja, das ist ein Mann, wie er nicht dutzendweise 

auf unserer lieben Erde herumläuft. Und du – du paßt zu 
ihm, Elonie. Mit deiner Schönheit, deinem Charme – « 
»Stopp ab!« Sie zwang sich zu einem Lachen. »Du fängst ja 
direkt an zu schwärmen.« 
»Was bei mir wahrlich nicht oft geschieht. Außerdem ist es 
keine Schwärmerei, sondern die Wahrheit.« 
»Danke, ehrt mich.« 
»Kaltschnäuzige Person. Aber gut – sonst – « 
Was, das erstarb in einem Seufzer. Ein Strecken der Gestalt, 
ein Zurückwerfen des Kopfes – und er war wieder der alte 
fidele Frank. 
»So, nun können wir weitertrudeln. Hörst du was?« 

»Nein.« 
»Aber ich. Nämlich den Flügelschlag des Schutzengels, der 
zwischen uns sitzt. Und er wird uns auch zur glücklichen 
Heimkehr führen.« 
Doch bis dahin sollte noch eine gute Weile vergehen. Denn 
zuerst hieß es langsam und vorsichtig den Weg zu fahren 
der auch nicht so ohne war. Aber er führte auf eine Kies-
straße – und schräg gegenüber stand ein Haus. Durch zwei 
Fenster schimmerte Licht, schien die müden Wanderer 
tröstlich zu grüßen. 
Es war ein Försterhaus, vor dem der Wagen gleich darauf 
hielt. Bellen wurde hörbar, die Haustür öffnete sich, und 

wie zwei Pfeile schossen die Hunde auf Frank zu, der soe-
ben das Auto verließ. 
»Na, na, man nicht so angriffslustig«, sprach er ihnen güt-
lich zu. »Freßt mich bloß nicht, ich bin ein hartgesottener 
Happen.« 
Dann wandte er sich dem Mann zu der abwartend in der 
Tür verharrte, schmuck aussehend in der Jägerkleidung. 
»Guten Abend, Herr Förster. Zwei Verirrte bitten um Ihren 
Rat.« 
»Dann man immer rein in die gute Stube«, kam es vergnügt 
zurück. Eine Verbeugung zu Elonie hin, die langsam näher 

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trat. 
»Grüß Gott, gnädige Frau.« 

»Grüß Gott, Herr Förster. Kennen Sie mich etwa?« 
»Werde ich die Gattin des großen Brendor nicht kennen, 
den Stolz unserer Stadt und Umgegend«, schmunzelte der 
sympathische Mann. »Ich weiß sogar, wer der Herr ist – ein 
Vetter aus Kanada. Tja, so was spricht sich schnell herum 
über Menschen, die so im Blickfeld stehen wie die aus dem 
Brendorhaus.« 
»Da haben wir's, Elo«, bemerkte Frank trocken. »Bekannt 
wie bunte Hunde.« 
Jetzt tauchte auch die Frau Försterin auf und bat die wege-
müden Verirrten ins Haus. Zuerst nahm sie eine nett einge-
richtete Diele auf und dann das Wohngemach, in dem es 

urgemütlich war. So eine richtige Försterstube mit allem 
Drum und Dran. 
Die Sessel waren bequem, die Stube warm, traulich erhellt 
von dem Schein der Ständerlampe. Da ließ es sich gut re-
den. Als Frank mit dem Bericht zu Ende war, sagte der För-
ster ernst: »Da können Sie aber wirklich Gott danken, daß 
Sie heil der Hölle entronnen sind. Frauchen, brau einen 
steifen Kaffee, der ist hier angebracht. Doch vorher gibt es 
einen Jägerschnaps.« 
Der auch bald zur Stelle war. Wie Feuer rann das würzige 
Getränk in die Kehle, doch mit Todesverachtung trank Elo-
nie ihn herunter. 

»So ist es recht, gnädige Frau. Noch einen?« 
»Danke, vielleicht später. Frank, wir müssen zu Hause Be-
scheid geben.« 
Aber der Ruf kam nicht an, die Leitung schien gestört zu 
sein. 
»Kein Wunder bei dem schweren Gewitter«, meinte der 
Förster aufhorchend. »Verflixt, es scheint zurückzukom-
men. Es kann nicht aus dem Tal heraus. Doch kein Bange, 
gnädige Frau, das Haus hat einen vorzüglichen Blitzablei-
ter. Hier sind Sie sicher.« 
»Das schon. Nur die zu Hause werden sich ängstigen. Ob 

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wir nicht trotzdem fahren sollen, Frank?« 
»Nein, Elonie. So eine große Verantwortung übernehme ich 

nicht zum zweiten Mal. Mir sitzt noch immer der Schreck 
in den Knochen. Wir sind nur mit knapper Not der Gefahr 
entronnen, in eine zweite begebe ich mich nicht mehr.« 
»Da muß ich Ihnen beipflichten, Herr Brendor. Nicht das 
Köpfchen hängen lassen, gnädige Frau, auch dieses Gewit-
ter wird vorübergehen. Ah, da kommt auch schon der Kaf-
fee. Hast ein paar Bohnen mehr genommen, geliebtes Weib 
meines Herzens?« 
»Will ich meinen!« Die junge Frau zeigte ihre allerliebsten 
Grübchen. Flink deckte sie den Tisch zwischen den Sesseln, 
stellte einen Teller mit belegten Schnitten in die Mitte, goß 
den Kaffee in die Tassen und bat, tüchtig zuzulangen. 

Der Kaffee war gut, die Brote nicht minder. Obwohl Elonie 
annahm, nicht einen Bissen essen zu können, tat sie es 
dennoch. Es hätte ihr sogar schmecken können, wenn nur 
nicht die Angst gewesen wäre, die würgende Angst. Sie 
fürchtete sich unsagbar vor Diederichs Härte, seiner Eises-
kälte. Beneidete direkt die anderen, die sich so angeregt 
unterhalten konnten. Aber denen stand ja auch nicht be-
vor, was ihr bevorstand. 
Nach Mitternacht war dann endlich das Gewitter vorüber, 
und man konnte unbesorgt abfahren. Der Förster beschrieb 
ihnen den Weg, der leicht zu finden war. Ungefähr einen 
Kilometer die Straße geradeaus, dann abbiegen auf die 

Chaussee. Man schied mit herzlichem Dank von dem 
freundlichen Försterehepaar, dann brauste der Wagen ab. 
Und wie sah es zu Hause aus? Wahrlich nicht rosig. Als der 
Hausherr vor dem Abendessen dort eintraf, nahm er die 
Nachricht, daß Elonie und Frank fortgefahren wären, un-
willig auf. 
»Und dann sind sie noch nicht zurück? Wohin sind sie 
denn überhaupt gefahren?« 
»Nach össen.« 
»Wohin?« 
»Nach össen.« 

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»Von dem Ort habe ich noch nie gehört. Wärest du doch 
nur mitgefahren, Tante Irene. Du weißt doch, wie unbe-

kümmert Elonie und auch Frank sind.« 
»Das weiß ich. Aber ich konnte nicht mitfahren, da ich 
ahnungslos beim Zahnarzt saß. Als ich nach Hause kam, 
hörte ich durch Niklas von der Fahrt. Elonie rief ihm den 
Namen des Ortes zu, als der Wagen abfuhr. Es ist also 
leicht möglich, daß er sich verhört hat.« 
Das gab auf Befragen auch der Diener zu, als er mit der 
Meldung erschien, daß das Abendessen angerichtet wäre. 
Wohl ging man zum Essen, aber viel wurde nicht daraus, 
weil am Tisch etwas fehlte- und zwar Elonie. Immer wieder 
schweiften die Blicke der beiden Menschen zu dem hohen 
Lehnstuhl hin, dem Platz der Hausherrin, der so traurig 

leer anmutete. Jetzt erst merkte man, daß sie der Mittel-
punkt des Hauses war. Wie sie alles darin beherrschte, mit 
ihrer Schönheit, ihrem Charme. Sie brauchte nichts weiter 
zu tun, als dazusein, damit war ihre Aufgabe erfüllt. 
Die Speisen blieben fast unberührt. Und dann saßen die 
beiden Menschen im Wohnzimmer und warteten. Fern 
grollte der Donner, am Horizont wetterleuchtete es. 
»Wenn die beiden da nur nicht in das schwere Gewitter 
hineingekommen sind«, sprach Irene in das düstere 
Schweigen hinein. »Es scheint mir fast so, als tobe es sich in 
der Gegend aus, wo Norbers wohnen. Vielleicht sitzen sie 
dort und können uns wegen des Gewitters keinen telefoni-

schen Bescheid geben. Wenn man nur wüßte, wo dieses 
össen liegt.« 
»Wahrscheinlich auf dem Mond«, lachte er kurz auf, und 
forschend sah sie ihm in das harte, blasse Gesicht. Dann 
sagte sie langsam: 
»Diederich, du nimmst doch nicht etwa an – « 
»Gar nichts nehme ich an«, winkte er kurz ab – und dann 
schwiegen sie wieder. Der Zeiger der großen Standuhr rück-
te weiter, unentwegt. Der dunkle Gong verkündete die 
Stunden, vermehrte sich jedesmal mit einem Schlag. Dieses 
Warten war entsetzlich, zermürbte Herz und Nerven. Re-

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gungslos saß der Mann im Sessel, die erkaltete Pfeife in der 
Hand. Irene hätte ihm gern tröstende Worte gesagt aber da 

sie wußte, daß diese abprallen würden wie an einem Fels, 
schwieg sie. Sie hatte Angst, bebende Angst vor dem, was 
da kommen mußte. Und diesmal würde es gehen auf Bie-
gen oder Brechen. 
Die Standuhr schlug die zwölfte Stunde – und immer noch 
warteten die beiden Menschen, der Mann wie zu Stein ers-
tarrt, die Frau in Angst und Not. Der Donner grollte nicht 
mehr, das Wetterleuchten hatte aufgehört. Irene erschrak 
zusammen, als Diederich aufstand und nach ihrer Hand 
griff, die er gegen die Augen drückte. 
»Du liebe Gute«, sagte er leise. »Was dir hier alles zugemu-
tet wird, das geht schon über das Maß des Erträglichen hi-

naus.« 
Brüsk wandte er sich ab, ging davon, und gleich darauf 
hörte sie die Tür des Arbeitszimmers hinter ihm zuschla-
gen. 
Aber sie hörte auch noch eine Tür zuschlagen – und zwar 
draußen. Sollte es am Ende das Auto sein? 
Sie hatte sich nicht getäuscht, es war wirklich das Auto. 
Denn gleich darauf stürmte Frank herein. 
»Wo ist Diederich?« 
»In seinem Arbeitszimmer.« 
»Ich gehe zu ihm. Und du geh zu Elonie, die in einer er-
bärmlichen Verfassung draußen vor der Tür steht. Ich wer-

de nicht mit ihr fertig.« 
Fort war er, und auch Irene hastete davon. In der Halle 
wäre sie fast über den Hund gefallen, der durch ihre Beine 
flitzte und die Freitreppe hinunterkugelte. Sekunden später 
hörte sie ihn vor Freude jaulen. 
Und dort fand sie auch Elonie, dastehend wie eine Bettle-
rin. Weiter drüben, in dem feudalen Hotel Krone, brach 
Licht aus den Fenstern, Musik klang gedämpft zu ihnen 
hin. 
»Mein Gott, Kind, warum kommst du nicht weiter?« fragte 
Irene erregt – und müde hob sich das feine Gesichtchen. 

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Die zitternde Hand zeigte zum Brendorhaus hin, wo nur 
einige Fenster erhellt waren. 

»Da, Tante Irene – da ist das Paradies, das ich mir mit eige-
ner Hand verschloß.« 
»Redest du etwa irre?« 
»Nein, ich rede wahr. Ich darf ja da nicht wieder eintreten – 
er würde mich hinausweisen mit all seiner Härte und Er-
barmungslosigkeit.« 
»Du törichtes Kind! Es ist doch unglaublich, was für Hirn-
gespinste sich in deinem verbohrten Köpfchen festgesetzt 
haben. Warum sollte Diederich dich denn hinausweisen?« 
»Weil ich nachts unterwegs war – mit einem Mann.« 
»Hast du dir dabei etwas zuschulden kommen lassen?« 
»Nein, Tante Irene – nein!« 

»Na also. Jetzt heb mal den >Hurtig< auf, damit er nicht 
die schlafende Nachbarschaft zusammenjault. Schau mal, 
wie närrisch er vor Freude ist, sein liebes Frauchen endlich 
wiederzuhaben.« 
»Dafür ist er auch ein treuer Hund.« 
»Menschen können gleichfalls treu sein, Elonie. Du bist es 
doch auch, nicht wahr?« 
»Ich schon ganz bestimmt.« 
»Na siehst du. Komm endlich weiter, damit ich mich nicht 
in der kühlen Luft erkälte, so leicht angezogen, wie ich 
bin.« 
Das half. Widerstandslos folgte Elonie ihr, die sie energisch 

mit sich zog. Im Wohnzimmer machte sie sich frei und ließ 
sich aufatmend in den Sessel sinken. 
»Gott sei Dank – er ist nicht da.« 
»Na hör mal, das ist für eine liebende Ehefrau nun wirklich 
nicht die richtige Einstellung«, schlug Irene absichtlich ei-
nen leichten Ton an. Sie nahm Elonie den Mantel ab, strich 
tröstend über das wirre Haar, über die verzweifelt blicken-
den Augen und nahm dann Platz. 
»Nun erzähle«, sagte sie leise. 
Und was sie dann zu hören bekam, ließ ihr fast den Herz-
schlag stocken vor Entsetzen – was einige Zimmer weiter 

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bei Diederich auch der Fall war. Denn dort sprach Frank. Er 
war jetzt nicht der fidele Junge, sondern ein tiefernster 

Mann, der sich anklagte. - 
»Glaube mir, Diederich«, fuhr er in seinem Bericht fort. 
»Ich habe eine heillose Angst um Elonie ausgestanden. 
Natürlich durfte ich sie ihr nicht zeigen, sie sollte doch an 
mir einen Halt haben. Und sie war so tapfer, unsere Süße, 
ich habe sie bewundert. - 
Diederich, sie hat eine erschütternde Angst – du wirst ja 
wissen warum. Glaube mir, eine Frau wie sie läßt sich 
nichts zuschulden kommen – hörst du, Died – niemals 
könnte sie das.« 
Er sah dem Vetter dabei fest in die Augen – zwei Männer-
hände fanden sich im festen, warmen Druck. 

»Wo ist sie jetzt?« fragte Diederich. 
»Als ich sie verließ, stand sie vor dem Gartentor – wie eine 
Bettlerin. Sie wagte sich nicht herein. Es war erschütternd, 
daß mir die Augen feucht wurden – was mir wahrhaftig 
nicht oft passiert. In meiner Ratlosigkeit schickte ich Tante 
Irene zu ihr. Und dieser prächtigen Frau wird es schon ge-
lungen, das zerquälte, verschüchterte Seelchen ins Haus zu 
bringen. Soll ich es dir schicken?« 
»Ja.« 
»Und – finde bitte den richtigen Ton – sonst verzweifelt sie 
noch ganz. Und ich möchte meine Süße doch so gern 
glücklich sehen. Wenn es dir nicht gelingen sollte, sie so 

ganz von Herzen glücklich zu machen – dann nehme ich 
sie mir nach Hause – basta!« 
»Könnte dir so passen. Jetzt aber ab mit dir!« 
So erschien denn Frank im Wohnzimmer, wo Elonie ihm 
bang entgegensah. Da nahm er sie einfach bei der Hand, 
zog sie so rasch mit sich fort, daß sie stolperte, und blieb 
erst vor der Herrenzimmertür stehen. - 
»Du, das sag ich dir, mach jetzt keine Sperenzchen«, flüster-
te er ihr zu. »Du brauchst nichts zu sagen, das habe ich 
bereits für dich erledigt. Doch, etwas darfst du sagen mit 
süßer, berauschender Zärtlichkeit. Vier Worte nur: Ich hab' 

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dich lieb. Das stimmt doch?« 
»Ja.« 

»Also! Nimm unsern Schutzengel mit – ich brauche ihn 
nicht mehr.« 
Damit schob er sie kurzerhand über die Schwelle, schloß 
die Tür – und atmete auf, tief – ganz tief. Dann trollte er ab 
– zu der lieben, guten Tante Irene hin, um sich von ihr 
verhätscheln zu lassen. 
Und Elonie stand da. Den Rücken gegen die Tür gelehnt, 
den Kopf gesenkt. Dicke Tränen liefen über das blasse Ge-
sichtchen. 
So stand sie da und wartete – bis eine Männerstimme 
sprach, so zärtlich, so weich, so aus herzzitternder Tiefe 
heraus: 

»Nun komm schon her, du törichtes Kind. Wie kann man 
nur vor dem Mann Angst haben, den man liebt. Oder täu-
sche ich mich da?« 
Da hob sich der flimmernde Kopf- und langsam strahlten 
die Augen auf, an deren Wimpern Tränen hingen. Die Füße 
setzten sich Schritt um Schritt – und dann war sie mal erst 
für eine Weile in seinen Armen verschwunden. 
Als der Mann das bezaubernde Geschöpf endlich aus den 
Armen ließ, senkte sich sein Blick in die strahlenden Augen 
hinein. - 
»Na, du Närrchen, war es denn wirklich so furchtbar 
schwer, deinem Mann zu zeigen, daß du ihn liebst?« 

»Ach, Died – du warst so kalt und unnahbar – « 
»Nun hör mal zu, Elo«, sagte er tiefernst, sich dabei setzend 
und sie auf sein Knie ziehend. »Ich habe dich aus Liebe 
geheiratet – aber es wäre dir gelungen, diese Liebe in mei-
nem Herzen zu töten – wenn du so geblieben wärest, als 
die Tante Beate dich mit sich nahm. Du verstehst doch, was 
ich meine?« 
»Ja, Died – «, nickte sie, das heißglühende Gesicht gegen 
seinen Hals pressend. »Verzeih mir, Died – bitte – verzeih 
mir doch.« 
»Elo, nicht wieder weinen«, sagte er zärtlich, hob das Ge-

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sichtchen zu sich auf und küßte zart die purzelnden Tränen 
fort. »Es ist alles gut zwischen uns – viel besser, als es je-

mals war. Denn als ich dich heiratete, warst du ein entzük-
kendes Spielzeug – jetzt aber bist du eine Frau von bezau-
bernder Süße. Wenn du so bleibst, machst du mich 
unaussprechlich glücklich.« 
»Ja, Died, ich bleib' so«, versicherte sie eifrig. »Ich kann ja 
gar nicht mehr anders sein, seitdem ich aus meinem Irrsinn 
erwachte. Und dazu haben mir die guten Norbers verhol-
fen und später Tante Irene. Sie haben mich zu dem ge-
macht, was ich heute bin. Du wirst dich nie mehr über 
mich zu beklagen haben, Died – willst du mir das glau-
ben!« 
»Ja, Elo.« 

»Sag mal, Tante Irene, dauert das immer so lange, bis zwei 
törichte Herzen vernünftig werden?« brummte der unge-
duldige Frank, und sie lachte. 
»Was meinst du wohl, was die sich alles zu sagen haben.« 
»Aber so viel Liebesworte gibt es doch gar nicht.« 
»Es werden ja nicht alles nur Liebesworte sein.« 
»Na, dann macht doch der ganze Kram keinen Spaß. Ah, da 
sind sie endlich. Süße, du strahlst ja wie ein ganzer Weih-
nachtsbaum. Da ist wohl jeder Kommentar überflüssig. 
Bekomm' ich auch einen Kuß ab von all dem verschwende-
rischen Überfluß?« 
»Wofür denn?« 

»Daß ich dich so gut beschützt und dem Herrn Gemahl in 
die Arme gelegt habe.« 
»Frecher Kerl! Dann komm schon her.« 
Lachend nahm sie ihn bei den Ohren und gab ihm einen 
herzlichen Kuß. 
»O wie so herrlich, wie so traut«, erklärte er gespielt ent-
zückt und verdrehte schmachtend die Augen. »Jetzt weiß 
ich wenigstens, wie die Brosamen schmecken, die von des 
Reichen Tische fallen.« 
Man lachte herzlich über den Schalk, dem der Übermut 
nur so aus den Augen sprühte. Er war es auch, der auf den 

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Gedanken kam, einen guten Tropfen zu trinken. Als die 
Gläser guten Klang gaben, sagte Irene lachend: 

»Einen tiefen Schluck auf euern Glauben – an die Mai-
nacht. Denn es ist Mai – und heute ist sogar Sonntag. Laßt 
es in euern Herzen fortan immer Sonntag sein«, setzte sie 
ernst hinzu. »Laßt sie nie mehr töricht werden.« 
Nein, das wurden sie nicht mehr, blieben in tiefer Liebe 
verbunden, die ihre Krönung erhielt, als sich im Februar 
ein kleiner Knabe ins Leben schrie. Die Taufe wurde ein 
glänzendes Fest, an dem selbst die Eltern Franks nicht fehl-
ten. Er selbst war noch der alte fidele Junge, der mit seinem 
unwiderstehlichen Charme die Herzen der Mädchen rebel-
lisch machte. Doch sein Herz war immer noch ein Bienen-
haus. 

Er hatte sich ein Auto angeschafft, und so war es für ihn 
eine Kleinigkeit, ins Brendorhaus hinüberzuflitzen. Natür-
lich nicht ohne seinen Intimus Knut, versteht sich. Es be-
stand zwischen den beiden Studenten eine Freundschaft, 
treu und fest. Wenn der übermütige Frank mal über die 
Stränge schlagen wollte, war immer gleich der bedächtige 
Knut da, um ihm Zügel anzulegen. 
Jetzt stand die Sippe treu vereint um den Täufling, der im 
Kinderzimmer auf dem Tisch lag und sie alle zutraulich 
anlachte. Es war natürlich das schönste und klügste Kind 
der Welt, wie könnte es auch anders sein. Selbst der gute 
Onkel Fritz mit seinen kritischen Arztaugen mußte das 

zugeben. 
»Ist schon ein Prachtkerlchen«, sagte er überzeugt und be-
sah sich schmunzelnd das kleine Menschenwunder. »Ein 
ganzer Brendor.« 
»Möchte ich mir auch ausgebeten haben«, warf sich der 
Onkel aus Kanada stolz in die Brust, ein blonder Hüne, 
dem die Gemütlichkeit sozusagen aus allen Nähten lugte. 
Genauso wie seiner rundlichen Gattin, die doch so gern 
lachte. »Wir Brendors sind eben Rasse und Klasse.« 
»Aber Elo ähnelt er auch«, sagte Birgit, das kleine Haibon-
kelchen verliebt betrachtend. »Denn so strahlen können 

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nur ihre Augen.« 
»Laß mal sehen!« Frank trat hinzu, das Bürschchen so un-

geholfen hochhebend, daß die liebe >Omi< Irene dagegen 
protestierte. 
»Schlingel, halt ein!« rief sie lachend. »Unser Butzi ist doch 
nicht ein junger Hund.« 
Ein Stichwort für >Hurtig<, sich bemerkbar zu machen, der 
sich zu einem Prachtexemplar ausgewachsen hatte. Mit 
einem Satz war er auf dem Tisch, von dem Beate ihn 
schleunigst herunterholte. - 
»Jetzt aber Feierabend!« rief sie in ihrer resoluten Art. »Ab 
mit euch, ihr übermütige Bande! Das Kerlchen muß zu Bett 
gebracht werden.« 
Damit schob sie alle hinaus und schloß hinter sich die Tür. 

Jetzt waren die jungen Eltern allein, die mit strahlenden 
Augen auf ihren Sprößling schauten. Sie war so bezau-
bernd, die kleine Mama, daß der Gatte sie beseligt ans Herz 
zog. - 
»Glücklich?« fragte er in die leuchtenden Augen hinein. 
»Unaussprechlich. Wie sollte es auch anders sein mit so 
einem Mann und so einem Sohn.« 
Da jauchzte das Kerlchen auf- und lachend sahen die Eltern 
sich an. Die einst so törichten Herzen knüpfte jetzt ein un-
zerreißbares, festes Band. 
 

-ENDE-