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LENI BEHRENDT

 

Das Resultat war Liebe

 

 

 

 
 

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Die Hotels der großen Stadt hatten heute bedeutend mehr 
Zugang als sonst, was auf das unwirtliche Novemberwetter 

zurückzuführen war. Bis zum Nachmittag hatte der 
grauverhangene Himmel Schlackschnee ausgeschüttet, 
dann jedoch setzte Frost ein und machte die ohnehin 
schon glitschigen Straßen spiegelblank, was für einen 
Autofahrer immer ein SOS bedeutet, wenigstens für den 
vernünftigen. Und diese waren es auch, die 
kurzentschlossen ihre Fahrt unterbrachen und in den 
Hotels Unterkunft suchten. 
Jetzt hielt wieder vor dem Portal eines Hotels ein 
großspuriger Wagen, auf den der Portier gemessenen 
Schrittes zuging. Ein Männerkopf streckte sich aus dem 
offenen Fenster, und eine befehlsgewohnte Stimme sprach: 

»Guten Tag. Zimmer noch frei?« 
»Sehr wohl, mein Herr.« 
Daraufhin entstieg dem noblen Gefährt ein 
hochgewachsener Mann in kurzem Pelz. Ein prüfender 
Blick des Portiers, und schon war der gute Menschenkenner 
im Bilde. Unwillkürlich beugte sich der Rücken. 
»Die besten Zimmer sind allerdings schon vergeben, mein 
Herr.« 
»Das macht mir nichts aus.« 
Der Sprecher hielt inne und griff geistesgegenwärtig nach 
einer weiblichen Gestalt, die an ihm vorübergehen wollte, 
auf dem glatten Boden ausglitt und in Männerarmen 

landete. 
»Hoppla, das war forsch«, klang ein dunkles Lachen auf. 
Dann hüben wie drüben ein musternder Blick, dann eine 
lachende Mädchenstimme. 
»Ja, Witold, darf ich denn meinen Augen trauen? Bist du’s 
oder bist du’s nicht.« 
»Witold heiße ich allerdings«, kam es gedehnt über die 
Lippen des überraschten Mannes. »Bekannt kommen Sie 
mir auch vor. Wenn ich nur wüßte…« 
»Tolde«, lächelte sie mit schiefgeneigtem Köpfchen 
spitzbübisch zu ihm hoch, und nun war endlich der 

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Groschen gefallen. 
»Theoda!« lachte er auf. »Mädchen, ist das eine 

Überraschung! Komm schnell aus dem schneidenden 
Nordost ins Warme!« 
»Es geht nicht, Witold«, unterbrach sie ihn rasch. »Ich muß 
auf dem schnellsten Wege nach Hause.« 
»Mit der Bahn?« 
»Nein, zu Fuß. Ich wohne jetzt nämlich in dieser Stadt. Es 
freut mich, dich nach so langer Zeit wiedergesehen zu 
haben, wenn auch nur für einen Augenblick. Daß es dir 
gutgeht, sehe ich, laß es dir auch weiter so gehen.« 
»Na, nun mal langsam, mein Kind, so einfach wirst du 
mich nicht los. Ich bringe dich im Wagen nach Hause.« 
»Es würde kaum das Anfahren lohnen, weil ich gleich hier 

um die Ecke wohne.« 
Jetzt entnahm der Mann der Brieftasche ein Kärtchen und 
reichte es dem Portier, der dem Gespräch mit begreiflicher 
Neugierde gefolgt war. 
»Hier haben Sie meine Karte. Geben Sie diese an der 
Rezeption ab. Lassen Sie dort ein Zimmer reservieren, 
schaffen Sie den Koffer, der auf dem hinteren Sitz des 
Wagens liegt, hinein, und sorgen Sie dafür, daß dieser 
selbst in die Garage kommt. Der Zündschlüssel steckt. 
Kapiert, mein Freund?« 
»Sehr wohl, Herr Graf«, riß der Mann, der flugs Nam’ und 
Art auf dem Kärtchen erluchst und das noble Trinkgeld 

entgegengenommen hatte, gewissermaßen die Knochen 
zusammen. »Wird alles bestens erledigt.« 
Schmunzelnd sah er dem Paar nach, das auf dem glatten 
Boden vorsichtig dahinschritt. 
»Häng dich in meinen Arm«, sagte der Mann, was seine 
Begleiterin nach kurzem Zögern tat. »Und sprich jetzt nicht, 
wir kriegen den eisigen Wind direkt ins Gesicht.« 
Also legten sie schweigend den Weg zurück. Nach wenigen 
Minuten verhielt das Mädchen den Schritt vor einem 
Gebäude, das zu einer Zeit erbaut war, als man noch nicht 
mit jedem Meter Raum zu geizen brauchte. Drei lange 

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Treppen ging es hoch, bis man endlich sein Ziel erreicht 
hatte. 

»So tritt denn ein und bring Glück herein«, ermunterte das 
Mädchen den Mann, nachdem es die Etagentür 
aufgeschlossen hatte. Als man in der kleinen Diele abgelegt 
hatte, führte sie den Gast in ein Zimmer, machte Licht und 
sagte: 
»Nimm Platz, Witold. Und entschuldige mich bitte für eine 
kleine Weile, dann will ich dir gern alle Fragen 
beantworten, die dir direkt auf den Lippen liegen.« 
Sie eilte davon, und der Zurückgebliebene ließ sich in 
einen der tiefen Sessel sinken, die sich um einen niederen 
Tisch gruppierten. Sah sich in dem behaglichen Raum um, 
dessen wertvolle Einrichtung ihm vertraut war. 

Auch das große Gemälde im schweren Goldrahmen, das 
den Baron von Synot in der Galauniform der Ulanen 
zeigte, und in dessen Haus der junge Graf Rodeland 
während seiner Militärdienstzeit fast täglicher Gast gewesen 
war. Er mochte den flotten Rittmeister gern, zu dem die 
Gattin, ein zartes Treibhauspflänzchen, nicht so richtig 
paßte, stand mit der damals elfjährigen Tochter auf 
lustigem Neckfuß, während er das Nesthäkchen in der 
Wiege mit andachtsvoller Scheu zu betrachten pflegte. 
Drei Jahre ging er in dem gastfreien, großzügigen Haus aus 
und ein, dann siedelte er in eine Universitätsstadt über, um 
dort die Landwirtschaftliche Hochschule zu besuchen. 

Und wie das denn so ist, aus den Augen, aus dem Sinn. 
Zumal er nach bestandenem Examen auf Reisen ging und 
in einen Wirbel von Erlebnissen geriet. 
Der Eintritt der Baronesse riß ihn aus seinen grübelnden 
Gedanken. Sie stellte das besetzte Tablett ab, deckte 
behende den Tisch zwischen den Sesseln, füllte die Tassen 
mit dem aromatischen Trank, schob den Teller mit 
delikaten Happen dem Gast zu und ließ sich ihm 
gegenüber nieder. 
»Greif zu, Witold«, ermunterte sie. »Und erzähle 
zwischendurch, wie du in diese Stadt kommen konntest.« 

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»Ich mußte sie auf meinem Heimweg – ich nahm an einer 
Landwirtstagung teil – passieren. Mußte jedoch des 

plötzlich einsetzenden Glatteises wegen die Fahrt 
unterbrechen, fuhr vor einem Hotel vor, und ausgerechnet 
da mußte ich dir begegnen, wo ich dich nie vermutet hätte. 
Was ist geschehen, Theoda? Warum habt ihr euern 
Wohnsitz gewechselt?« 
»Weil wir nach dem Tode meines Vaters dazu gezwungen 
wurden.« 
»Wann starb er?« fragte der Mann betroffen. 
»Vor vier Jahren an Herzschlag. Er hatte so flott drauflos 
gelebt, daß er nicht nur Mutters großes Vermögen 
verbrachte, sondern auch noch Schulden hinterließ, für die 
sie aufkommen mußte. Also kam es zur Versteigerung der 

Villa nebst allem Drum und Dran, und der Erlös reichte 
gerade aus, um die Schulden zu decken. An Möbeln nebst 
den nötigen Gegenständen blieb uns so viel, daß wir diese 
Wohnung einrichten konnten, eine Summe von tausend 
Mark – und unser unbefleckter Name. 
Mutter bekommt die Rittmeisterpension, die ja nicht üppig 
ist, wie du wissen wirst. Also nahm ich Kurse und verdiene 
nun mit schriftlicher Heimarbeit und Übersetzungen dazu. 
Die Stadt wechselten wir, weil es uns unerträglich war, da, 
wo wir einst eine Rolle spielten, von den lieben Freunden 
geschnitten zu werden. Das ist nun mal so im Leben. Wenn 
der Mensch nichts ist und nichts hat…«, schloß sie 

achselzuckend, und er sah sie mitfühlend an. 
»Arme Theoda. Es will mir fast scheinen, als läge alle 
Verantwortung hier allein auf deinen Schultern. Wie 
kommt es übrigens, daß du noch nicht geheiratet hast? 
Denn daß du schön bist, brauche ich dir wohl nicht zu 
sagen, das hast du sicherlich schon oft gehört.« 
»Allerdings«, schnitt sie eine Grimasse. »Aber mit Schönheit 
allein ist den Herren der Schöpfung nicht gedient, 
wenigstens nicht denjenigen, die bisher meinen Weg 
kreuzten. Die wollten eine Frau mit möglichst reicher 
Mitgift, und damit kann ich ja leider nicht dienen. 

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Außerdem müßten sie meine Mutter und meine kleine 
Schwester zu sich nehmen, da ich die beiden unmöglich 

sich selbst überlassen kann. Du weißt ja von früher, ein wie 
unselbständiger Mensch meine Mutter ist. Als einziges Kind 
reicher Eltern über Gebühr verzärtelt und verwöhnt, setzte 
mein Vater das in der Ehe fort, hielt ihr alle 
Unannehmlichkeiten des Alltags fern. Das hat sie so hilflos 
gemacht, daß sie ohne behütenden Schutz zugrunde gehen 
würde.« 
»Hm – na ja«, behielt der Mann taktvoll seine Meinung für 
sich, sein bezauberndes Gegenüber eingehend betrachtend. 
Als er sie das letzte Mal sah, war sie vierzehn Jahre alt 
gewesen. Ein reizendes Kind, das sich in den sieben 
verflossenen Jahren zu einer rassigen Schönheit entwickelt 

hatte. Gertenschlank und hochbeinig die biegsame Gestalt, 
feingeschnitten das Gesicht, mit dem leicht hochmütigen 
Zug, aus dem zwei große blaue Augen strahlten. Das 
naturgewellte Haar, das zwanglos in den Nacken fiel, hatte 
die Farbe reifen Korns. Es glänzte und gleißte, als wären 
Goldfunken darübergestreut. Es ging etwas Klares von dem 
Mädchen aus, etwas ungemein Vornehmes. 
»Wenn du mich genügend beäugt hast, wirst du gewiß in 
der Lage sein, meine bereits zweimal gestellte Frage zu 
beantworten«, ließ eine lachende Stimme ihn verlegen 
werden. Er tat einen langen Zug aus der Tasse, stellte sie 
umständlich auf den Unterteller und sagte dann zögernd: 

»Ist deine Mutter nicht zu Hause?« 
»Leider nicht. Sie befindet sich im Krankenhaus, wo sie sich 
einer Operation unterziehen mußte, die gottlob gut 
verlief.« 
»Auch das noch, du Ärmste. Und wo ist die kleine Alexa, 
die mittlerweile dem Babyalter entwachsen sein dürfte?« 
»Schon reichlich mit ihren zehn Jahren. Sie kam arg 
verschnupft aus der Schule nach Hause, worauf ich sie ins 
Bett steckte, zur Apotheke ging und auf dem Rückweg 
balancesuchend in deine Arme sank. Hoffentlich handelt es 
sich bei Alexa um eine harmlose Erkältung, denn einen 

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zweiten ernsten Krankheitsfall würde ich wohl schwerlich 
verkraften können. Ich glaube, sie ruft nach mir. Also 

entschuldige mich ein zweites Mal.« 
Flink stellte sie das Kaffeegeschirr aufs Tablett und nahm es 
mit hinaus. 
Graf Rodeland steckte eine Zigarette in Brand, legte sich im 
Sessel zurück und betrachtete versonnen das Porträt des 
feschen Offiziers. Genauso hatte Witold ihn in Erinnerung, 
der nie ein Freund von Traurigkeit gewesen war. Immer 
lustig und vergnügt, liebte er die Geselligkeit und machte 
daher ein großes Haus, wo alles so unbekümmert 
anmutete, so selbstverständlich. Da der Baron allgemein als 
reich galt, hatte man keine Ahnung, daß er über seine 
Verhältnisse lebte, jedenfalls so lange nicht, da der junge 

Rodeland in dem Haus aus- und einging. 
Daher fiel er sozusagen aus allen Wolken über das, was die 
Baronesse ihm soeben eröffnete. Er konnte sich denken, 
was das verwöhnte Mädchen ertragen mußte, als die 
Pseudoherrlichkeit zusammenbrach und alle, die es sich in 
ihrem Elternhaus hatten Wohlsein lassen, es schleunigst 
verließen wie die Ratten das sinkende Schiff. Da war wohl 
niemand gewesen, der der damals noch nicht 
Achtzehnjährigen tatkräftig zur Seite stand. Dazu noch die 
verzärtelte, hilflose Mutter, die sechsjährige Schwester. Hut 
ab vor dem tapferen Menschenkind, das das lecke Schiff 
wieder flottmachte und es in einen zwar bescheidenen, 

aber ruhigen Hafen steuerte, wahrscheinlich mit 
genausowenig Trara, wie es zu ihm gesprochen hatte. 
Keine Klagen, keine Vorwürfe gegen den Vater, nur eben so 
als Tatsache hingestellt. Für sie war es eine 
Selbstverständlichkeit für Mutter und Schwester zu sorgen 
und ihnen durch gewiß nicht leichte Arbeit das Leben 
behaglich zu machen – ohne Aussicht auf ein eigenes 
Leben. 
Denn sie hatte recht, als sie sagte, daß sich wohl kein Gatte 
für sie finden würde, der Mutter und Schwester mit ins 
Haus nahm. Damit belastete sich sobald kein Mann. 

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In die Stille des Zimmers tickte die Uhr unterm Glassturz 
mit silbernem Klingen, aus der unteren Etage klang 

gedämpft Klavierspiel hinauf. 
Gedankenverloren saß der Mann da, bis der Eintritt der 
Baronesse ihn aus seiner

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 Versponnenheit riß. 

»Da bin ich«, sagte sie in ihrer frischen Art. »Ich habe mein 
malades Puttchen verarztet, das nun friedlich schläft. 
Demnach scheint es sich gottlob nur um eine Erkältung zu 
handeln. 
Du rauchst«, stellte sie befriedigt fest. »Das ist gut. Denn ich 
hätte dir nichts Rauchbares anbieten können, da ich nichts 
im Hause habe.« 
»Rauchst du denn nicht?« 
»Ab und zu tu ich es schon mal, laß es aber nicht zur 

Gewohnheit werden. Offen gestanden tut mir das Geld zu 
leid, für das ich eine bessere Verwendung habe. Jetzt 
besonders, da meine Mutter nach der Operation gepflegt 
werden muß. Da heißt es, den Daumen ganz fest aufs 
Portemonnaie drucken. Warum siehst du mich denn so 
seltsam an?« 
»Weil ich einem jungen Mädchen deiner Art noch nicht 
begegnet bin, das über Sorge und Arbeit für andere sich 
selbst vergißt und dabei seine schönsten Jugendjahre 
vergeudet.« 
»Na, nun mal langsam, mein Lieber. Ich würde sie mehr 
vergeuden, wenn ich von einem Vergnügen zum anderen 

hetzte, dabei auf ständiger Jagd nach dem Mann. 
Außerdem sorge ich schon dafür, daß ich nicht zu kurz 
komme, denn so selbstlos, wie du anzunehmen scheinst, 
bin ich nun auch wieder nicht. Aber nun erzähle auch mal 
was von dir. Sicherlich bist du schon längst verheiratet. 
Wieviel Kinder?« 
»Keine«, lachte er amüsiert über ihre Sachlichkeit. 
»Aus welchem Grunde?« 
»Weil ich Junggeselle bin.« 
»Ach so«, fiel sie in sein Lachen ein. »Dann allerdings. Hat 
dir bisher noch keine gefallen?« 

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»Es haben mir sogar recht viele gefallen. Aber nur wenige 
waren darunter, die ich hätte heiraten können, von denen 

ich mir dann meiner Ansicht nach die beste erwähnte. Sie 
war jung, hübsch, aus guter Familie und liebte mich 
abgöttisch, bis diese Liebe auf die Probe gestellt wurde. 
Ich hatte nämlich noch vor der Hochzeit einen Unfall«, 
fuhr er in seiner gelassenen Art fort. »Um den Weg 
abzukürzen, benutzte ich im Wald einen Steg, der über den 
Bach führte. Es war kurz nach dem Regen, die Bretter waren 
glitschig, jedenfalls glitt ich ab und schlug hart auf die 
Steine. Folge davon war ein Loch im Kopf, ein gebrochenes 
Schienbein, Prellungen und Blutergüsse. Zum Glück waren 
Holzfäller in der Nähe, die mich auf einer Bahre nach 
Hause schafften, wo mein Erscheinen helles Entsetzen 

hervorrief – hauptsächlich bei meiner Braut. 
Na ja, als ich später von oben bis unten gegipst und 
bandagiert aus der Narkose wieder zu mir kam, vernahm 
ich einen gellenden Schrei, den die junge Dame bei 
meinem Anblick ausstieß. Ihre Mutter, die sich in ihrer 
Begleitung befand, zog die Entsetzte rasch ins 
Nebenzimmer, vergaß in ihrer Erregung jedoch die Tür zu 
schließen. So konnte ich denn deutlich hören, was 
nebenan gesprochen wurde, zumal die Damen, die mich 
noch in der Narkose glaubten, ihre Stimmen nicht 
dämpften. 
Nun, kurz die Rede, lang der Sinn: das holde Wesen schrie 

in unbeherrschter Wut, daß sie keine Lust hätte, sich an 
einen Krüppel, der ich nun wäre, zu binden. Sie wollte 
einen Mann, mit dem sie in der großen Welt prunken 
konnte, nicht einen, den sie in der gottverlassenen Einöde 
im Rollstuhl durch den Park schieben müßte. Die Mutter 
wiederum jammerte, daß nun die Jagd nach einem reichen, 
vornehmen Schwiegersohn von neuem beginnen würde. 
Jedenfalls wußte ich Bescheid und war von Herzen froh, 
daß mir noch vor der Hochzeit die Augen geöffnet 
wurden.« 
»Aber weh hat es trotzdem getan«, sagte Theoda mitleidig. 

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»Denn du hattest sie doch aus Liebe erwählt, nicht wahr?« 
»Sagen wir aus Verliebtheit, wie viele Ehen geschlossen 

werden«, entgegnete er achselzuckend. »Das genügt ja auch, 
wenn man nicht von dem Wahn besessen ist, ein 
himmelstürmendes Eheglück zu verlangen. Aber was ich 
verlangen kann und muß, ist eine Frau mit einem 
aufrichtigen Charakter. Nicht eine so erbärmliche 
Komödiantin, die einem mit seelenvollen Augen ins 
Gesicht lügt und mit tausend Eiden schwört, daß sie das, 
was ich ihr vorhielt, niemals gesagt hätte. Das habe ich mir 
in der Narkose nur eingebildet.« 
»So hat sie sich dir tatsächlich noch einmal genähert?« warf 
Theoda ein, und er lachte hart auf. 
»Und wie genähert! Vor meinem Bett hat sie gekniet und 

Freudentränen vergossen, daß ich wieder ganz gesunden 
würde. Unsern braven Hausdoktor, der in diese Szene 
hineinkam, muß sie genauso angewidert haben wie mich. 
Denn er gab der Komödiantin deutlich zu verstehen, daß 
sein Patient derartigen Gefühlsäußerungen noch nicht 
gewachsen sei. Sie wankte mit anklagendem Blick hinaus 
und wurde mir von meinen Zerberussen fortan 
ferngehalten. Bombardierte mich jedoch mit Briefen, die 
ich ungeöffnet zurückgehen ließ. 
Daraufhin erhielt ich ein Schreiben von ihrer Mutter, in 
dem sie mich anflehte, ihrem einzigen Kind doch nicht das 
Herz zu brechen; denn es könnte ohne mich ja gar nicht 

leben. Der Erguß wurde durchgerissen, zurückgeschickt, 
man ließ mich fortan unbehelligt – und so endete denn die 
Verlobung, die ein gehöriger Reinfall für mich war.« 
»Und doch kannst du von Glück sagen, daß du noch vor 
der Hochzeit hinter den wahren Charakter der – Dame 
kamst«, tröstete Theoda. »Warst du übrigens lange krank?« 
»Bettlägerig nur drei Wochen, da ich eine kräftige 
Konstitution und eine vorzügliche Heilhaut habe. Die 
Prellungen und das Loch im Kopf heilten überraschend 
schnell, nur das Bein machte mir ziemlich lange zu 
schaffen. Aber auch das heilte, und somit kam ich 

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glimpflich davon.« 
»Was sagten nun deine Angehörigen zu der üblen Sache? 

Soweit ich mich erinnere, sprachst du mal davon, daß 
außer deinen Eltern noch eine Tante und ein Onkel im 
Schloß leben. Sie sind doch alle wohlauf?« 
»Ja, Gott sei Dank! Sie alle waren* über meine Wahl nicht 
sehr erbaut, wie sie später gestanden. Redeten mir jedoch 
nicht drein, da sie von vornherein wußten, daß es zwecklos 
gewesen wäre.« 
»Das ist es bei Verliebten immer«, lachte sein Gegenüber. 
»Wie sagt Wilhelm Busch: Er ist verliebt, laß ihn gewähren. 
Na, nimm es nicht tragisch. Wenn du wieder auf die Freite 
gehst, wirst du schon vorsichtiger sein. Oder ist dir bei dem 
Fiasko die Lust dazu vergangen?« 

»Ehrlich gesagt – ja. Aber ob ich da will oder nicht, kurz 
über lang werde ich ja doch dran glauben müssen. Zumal 
mir meine Eltern ständig in den Ohren liegen, endlich mit 
der Weltenbummelei aufzuhören und eine junge Frau ins 
Haus zu bringen. Mit dreißig Jahren dürfte es auch wohl an 
der Zeit sein. Wie wär’s wenn wir beide uns 
zusammentäten, hm?« 
»Wie meinst du das?« fragte sie gedehnt. 
»In allen Ehren natürlich. Werde meine Frau.« 
Nach diesen schwerwiegenden Worten war es zuerst einmal 
still. Die Baronesse von Synot war nicht so leicht zu 
verblüffen, doch was sie soeben vernommen, hatte ihr 

denn doch die Sprache verschlagen. Wie etwas 
Ungeheuerliches starrte sie den Mann an, der sie ganz 
gemütlich anlachte. 
»Nun, mein Mädchen, was sagst du dazu?« 
»Daß du momentan nicht recht gescheit zu sein scheinst«, 
wurde ihre gelähmte Zunge nun wieder locker. »Daher will 
ich deinen unsinnigen Vorschlag nicht gehört haben.« 
»Das wäre schade, Theoda. Schau mal dich kenn ich.« 
»Du kennst mich eben nicht. Als du aus meinem Leben 
verschwandest, war ich ein Kind, und du kannst daher 
nicht wissen, wie ich mich in den sieben Jahren, da wir 

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nichts mehr voneinander hörten, entwickelt habe.« 
»Ich weiß aber, aus welcher Familie du stammst«, beharrte 

er. »Weiß, wie tapfer und selbstlos du dich nach dem Tod 
des Vaters für Mutter und Schwester einsetzt, auf 
Vergnügungen verzichtest.« 
»Ach was«, winkte sie ärgerlich ab. »Du handelst jetzt aus 
einer Angstpsychose heraus, die dich nach deiner 
verunglückten Wahl gepackt hat. Überwinde die erst 
einmal, dann wirst du mir dankbar sein, daß ich dich nicht 
beim Wort genommen habe.« 
»Thedachen, was bist du doch weise«, besah er sie sich mit 
einem Lächeln, das sie unwillig den Kopf zurückwerfen 
ließ. »Und anständig.« 
»Wieso?« 

»Weil du nicht mit beiden Händen nach dem greifst, was 
ich dir zu bieten habe.« 
»Eingebildet bist du nicht zu knapp. Kein Wunder bei der 
Vergötterung, die dir von der Weiblichkeit 
entgegengebracht wird. Probier an ihr weiter deine 
Unwiderstehlichkeit aus, aber mich laß damit in Ruhe.« 
»Wie weit die Vergötterung reicht, habe ich ja erfahren 
müssen«, bemerkte er trocken. »Davon war weiß Gott 
nichts zu spüren, als ich hilflos dalag. Gib dir keine Mühe, 
Theoda, mich wirst du nicht mehr los.« 
»Aha! Doch nur, weil du zum ersten Male in deinem 
sieghaften Leben auf Widerstand stößt«, nickte sie 

verständnisinnig. »Deine Angehörigen würden keinen 
kleinen Schock kriegen, wenn du ihnen eine Braut 
offeriertest, die arm wie das oft zitierte Kirchenmäuslein, 
auch noch Mutter und Schwester im Schlepptau hätte.« 
»Kindchen, du wirst ja ironisch«, besah er sie sich mit 
wohlgefälligem Lächeln. »Beruhige dich, in unserem Kasten 
ist viel Platz, und satt werden wir alle. Noch etwas?« 
»Ja, ich will nicht.« 
»Warum nicht?« 
»Weil du bei deiner zweiten Wahl noch ärger hereinfallen 
würdest als bei der ersten.« 

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»Laß ab von dem Unsinn«, wurde er jetzt ernst. »Was du 
auch vorbringen magst, ich laß nichts gelten. Höchstens, 

wenn du einen anderen liebst.« 
»Den Luxus kann ich mir nicht leisten. Geh jetzt, du 
hartnäckiger Geselle. Wenn du nach vier Wochen noch 
derselben Meinung bist wie jetzt, kannst du 
wiederkommen. Nicht einen Tag früher.« 
»Aber nach deinem Ergehen darf ich mich doch wohl 
erkundigen, mein gestrenges Kind.« 
»Nein, das darfst du nicht.« 
»Na schön«, erhob er sich seufzend. »Sollst du deinen 
Willen haben. Vier Wochen«, rechnete er dann nach. »Trifft 
genau auf Heiligabend. Paßt gut, findest du nicht auch?« 
»Nun aber ab mit dir!« mußte sie hellauf lachen, was ihn 

schmunzeln ließ. In der kleinen Diele zog er den Pelz an 
und schaute dann von seiner stattlichen Höhe auf sie 
herab. Eine faszinierende Erscheinung, blond, blauäugig, 
rassig, wie ein Held der alten Sagen. Er griff nach ihren 
Händen, zog sie an die Lippen, eine um die andere, sprach 
ein leises: Auf Wiedersehen – dann fiel die Tür hinter ihm 
zu – und Theoda blieb in einem Aufruhr von Gedanken 
zurück. 
Rodeland war ein herrlicher Besitz, der schon seit 
Jahrhunderten dem Geschlecht gleichen Namens gehörte. 
Ein-Urahn, arm an Geld, aber reich an Mut und 
Unternehmungsgeist; war in die Gegend gekommen, die 

damals weit und breit aus Wald bestand. Drei Sohne 
nannte er sein eigen, die genauso stark und zäh waren wie 
ihr Vater und übe* gutes Werkzeug verfügten* Sie machten 
sich mit Schaffensfreude an die Arbeit, schlugen, rodeten, 
bauten eine feste Hütte, die sie mit den Fellen des erlegten 
Wildes, das es reichlich gab, auspolsterten. Dann 
zimmerten sie geschickt die nötigen Möbel und machten 
Ackerland urbar. 
Als das Ärgste geschafft war, zogen die Söhne aus, um sich 
Frauen zu suchen, die sie auch fanden und die nicht mit 
leeren Händen in die Ehe gingen. 

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Es wurde ein gutes, starkes Geschlecht, das durch ihrer 
Hände Arbeit zum Wohlstand und zuletzt zum Reichtum 

kam. Aber nur, weil die Taugenichtse ausgemerzt wurden 
und somit keinen Schaden anrichten konnten. Es wurde in 
den Grafenstand erhoben und bekam den Namen 
Rodeland nach seinem Besitz. 
Das Schloß entstand aus der Mitgift einer sehr reichen Frau. 
Eine stolze Feste, die von den Nachfahren gehütet und 
gehegt wurde. 
Das Prachtgebäude stand in einem großen Park mit alten, 
gesunden Bäumen. Die Vorderfront jedoch lag frei, war 
durch Anlagen von dem riesigen Gutshof getrennt. Wie 
eine Enklave lag das Rittergut im herrlichen Mischwald, der 
die Äcker, Wiesen und Felder wie schützend umschloß. 

Eine Buchenallee führte zur Asphaltchaussee und war nur 
für Befugte befahrbar. 
In dem Wohngemach des Schlosses saßen vier Menschen 
geruhsam beisammen. Zentralheizung und Kamin sorgten 
für mollige Wärme, die untergehende Sonne überhauchte 
die Eisblumen an den Fenstern mit rosigem Schein. Zwei 
Herren spielten Schach, eine Dame strickte, die andere 
blätterte in einem Journal. Spaniel und Langhaardackel 
lagert langgestreckt am Gitter des Kamins und schnarchten 
friedlich in die geruhsame Stille hinein. 
»Matt«, sprach eine wohllautende Stimme, die einem 
verwachsenen Mann gehörte. Zwischen den Schultern saß 

der Kopf mit einem klugen, durchgeistigten Gesicht und 
tiefblauen, wunderschönen Augen, die Güte, aber auch 
Spott ausstrahlen konnten; die oft zückenden Mundwinkel 
zeugten von schmunzelndem Humor. 
Egbert Rodeland war der um zwei Jahre jüngere Bruder des 
Schloßherrn. Er wurde verwachsen geboren, und keine 
ärztliche Kunst konnte es ändern. Als er jünger war, haderte 
er wohl mit seinem Geschick, aber das war längst vorbei. 
Jetzt hatte er bereits die Fünfzig überschritten, war mit 
seinem Los vollkommen ausgesöhnt und lebte seit vielen 
Jahren ständig in seinem Vaterhause, das ihm von jeher 

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eine Oase des Friedens war. Er hatte Philologie und 
Germanistik studiert, für beides den Doktor erworben und 

betätigte sich nun als wissenschaftlicher Schriftsteller. 
Außerdem prüfte er noch die Bücher der Rentmeistereien 
und Förstereien der großen Herrschaft Rodeland, also 
waren seine Tage mit Arbeit ausgefüllt. 
Er und sein Bruder Reimar, ein echter Grandseigneur, 
hingen sehr aneinander, und mit seiner Schwägerin 
verband Egbert ein herzliches Verhältnis. Eine feine Frau, 
die Gräfin Susann, die mit dem Gatten auch nach 
zweiunddreißigjähriger Ehe immer noch eine glückliche 
Ehe führte. Sie war die Seele des Hauses, das ganz den 
Stempel ihrer vornehmen Persönlichkeit trug. Ihre 
zweiundfünfzig Jahre sah man dieser schlanken, 

charmanten Frau bestimmt nicht an, das harmonische 
Familienleben und ihre tiefinnerliche Zufriedenheit hatten 
sie jung erhalten. 
Und dann war da noch Niekchen, wie das Fräulein Ernike 
von Goodwint in der Familie genannt wurde. Ein 
fünfzigjähriges Altjüngferlein, schon so ein bißchen 
verschrumpelt, drahtig, lebendig, pfiffig und herzensgut. 
Wohl stand ihr eine Stiftsstelle offen, doch dahin ließ man 
sie nicht. Denn Rodeland ohne Niekchen wäre wie ein Kuß 
ohne Schnurrbart, wie ihr Herzensliebling Witold zu sagen 
pflegte. 
Und Niekchen blieb nur zu gern bei den Menschen, die 

ihres Lebens Inhalt bedeuteten und die sich so lieb ihrer 
angenommen hatten, als sie nach dem Tode der Mutter vor 
vierzehn Jahren so allein zurückgeblieben war. Sie bezog 
eine kleine Rente, die für ihre bescheidenen Bedürfnisse 
vollauf genügte und freute sich ansonsten ihres Lebens, wie 
ein munteres Vögelchen auf dem Ast. 
Da sie ohne Beschäftigung nicht sein konnte, regte sie ihre 
nimmermüden Hände in dem großen Hausstand, wo sie 
gerade gebraucht wurden. Auch jetzt ließ sie die Nadeln 
ihres Strickzeugs klappern und äugte über die Brille hinweg 
zu den Brüdern hin, die soeben ihre Partie beendeten. 

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»Hast miserabel gespielt«, rügte Egbert den Bruder. »Hast 
jede Chance verpaßt.« 

»Da er meiner so innig gedachte«, kam es lachend von der 
Tür her, durch die der Sohn des Hauses schritt. »Guten 
Abend allerseits.« 
Bevor er sich setzen konnte, mußte er erst die Hunde 
abwehren, die sich freudejaulend auf ihn stürzten. Erst als 
er sie getätschelt hatte, trotteten sie zufrieden auf ihren 
Platz zurück. Gleichfalls zufrieden ließ Herrchen sich in 
den Sessel sinken, steckte eine Zigarette in Brand und 
erstattete dem Vater über die landwirtschaftliche Tagung 
ausführlichen Bericht. 
»Tja, und auf meiner Rückfahrt hatte ich dann ein Erlebnis, 
von dem ich nicht weiß, ob ich es für Zufall oder gar für 

Vorsehung halten soll«, was nun die anderen, die der 
Bericht nicht sonderlich interessiert hatte, aufhorchen ließ. 
Niekchen ließ sogar von ihrem Strickzeug ab und spitzte 
die Ohren; denn für Erlebnisse hatte sie immer was übrig. 
»Sicherlich könnt ihr euch noch an die Familie Synot 
erinnern«, fuhr der junge Graf in seiner Erzählung fort. 
»Wenn ihr sie auch nicht persönlich kennt, so doch aus 
meinen Schilderungen.« 
»Ich weiß«, nickte Niekchen eifrig, während die drei 
anderen nicht so ganz im Bilde waren. »Du warst dort so 
etwas wie Sohn im Hause und den beiden Kindern ein 
lieber Onkel.« 

»Für die ältere Tochter nicht ganz, mit den neun Jahren 
Altersunterschied. Als ich Abschied nahm, zählte sie 
vierzehn junge Lenze.« 
»Demnach heute einundzwanzig.« 
»Gut, Schülerin Niekchen, eine Bank rüber.« 
»Ulk jetzt nicht, du Bengel, komm lieber zur Sache. Bist du 
ihr etwa nach sieben Jahren wieder begegnet?« 
»Erraten. Sie sank mir auf der Straße in die weitgeöffneten 
Arme.« 
»Schämte sich das Mädchen denn nicht?« 
»Keineswegs.« 

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»Schlingel, wird’s nun bald!« 
»Es ist soweit.« 

Interessiert lauschten sie seiner anschaulichen Erzählung. 
Doch als er eröffnete, daß er der Baronesse den Vorschlag 
gemacht hatte, seine Frau zu werden, fuhr der Vater 
unwillig hoch. 
»Witold, das ist denn doch die Höhe! Man bietet einem 
Mädchen doch nicht die Ehe an, das man so wenig kennt, 
wie du die Baronesse Theoda.« 
»Sag das nicht, Vater«, entgegnete er ungerührt. »Es soll 
Männer gegeben haben, die einem wildfremden Mädchen, 
mit dem sie irgendwo zusammentrafen, gleich in

 

der ersten 

Stunde ihrer Bekanntschaft einen Heiratsantrag machten. 
Ich jedoch habe die Baronesse als Kind schon gekannt, 

habe sie drei Jahre lang fast täglich unter Augen gehabt. 
Weiß von ihr, daß sie bildschön ist, von herzerfrischender 
Natürlichkeit, gesund, gescheit, aus tadelloser Familie, daß 
sie nach Zusammenbruch der wirtschaftlichen Verhältnisse 
tapfer ihr trostloses Geschick meisterte und daß sie 
selbstlos für Mutter und Schwester sorgt.« 
»Will sie die womöglich mit in die Ehe bringen?« 
»Ja. Nur unter der Voraussetzung würde sie jemals 
heiraten.« 
»Na, da wird sie sich freuen, einen Dummen gefunden zu 
haben«, bemerkte der Vater trocken. »Und die liebe 
Schwiegermutter hat sich wohl ins Fäustchen gelacht.« . 

»Du hast wohl überhört, als ich sagte, daß die Baronin 
operiert im Krankenhaus liegt, und daß auch die kleine 
Alexa erkrankt ist. Also habe ich beide weder gesehen noch 
gesprochen.« 
»Mein Gott, Junge, wie konntest du nur so leichtsinnig 
sein«, erregte sich nun auch die Mutter. »Wenn nun die 
Baronin ein unerträglicher Mensch und das Kind eine 
kleine Range ist. Das kann doch nimmermehr ein gutes 
Zusammenleben werden. 
Der Baronesse gegenüber mußt du dein Versprechen 
natürlich halten. Aber kannst du sie nicht dazu bewegen, 

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sich von Mutter und Schwester zu trennen? Du mietest 
ihnen in der Nähe eine nette Wohnung, so daß die 

Baronesse sich von hier aus stets um sie kümmern kann.« 
»Darauf geht Theoda nicht ein«, gab er, kurz zurück. »Im 
übrigen ereifert euch nicht, die ganze Angelegenheit ist 
noch gar nicht spruchreif.« 
»Wie soll ich das verstehen?« forschte der Vater. 
»Daß Theoda mit der Heirat noch gar nicht einverstanden 
ist. Sie hatte diese sogar zuerst glatt abgelehnt.« 
»Mit welcher Begründung?« 
»Daß ich nicht recht gescheit wäre und sie daher meinen 
Vorschlag nicht gehört haben möchte. Denn ich befände 
mich jetzt noch in einer Angstpsychose, die mich nach 
meiner verunglückten ersten Wahl gepackt hat. Wenn ich 

die erst überwunden hätte, dann würde ich ihr dankbar 
sein, daß sie mich nicht beim Wort nahm.« 
»Alle Achtung«, meldete sich nun Egbert, der sich bis dahin 
schweigend verhalten hatte. »Das Mädchen scheint ein 
kluges Köpfchen und einen gesunden Menschenverstand 
zu haben. Denn du stehst wirklich noch unter 
Angstpsychose, mein lieber Witold. Ein Glück, daß du 
nicht an ein Mädchen gerietst, das diesen Zustand 
ausnutzte und beseligt auf deinen Vorschlag einging. Denn 
was du einer Frau zu bieten hast, schlägt sobald keine aus. 
Zumal dann nicht, wenn sie in so bescheidenen 
Verhältnissen lebt wie die Baronesse und ihren Anhang 

noch mit in die Ehe bringen darf. Und wie ging es weiter? 
Daß du klein beigegeben hast, ist wohl kaum anzunehmen. 
Dafür hat dich ihr Widerstand zu sehr gereizt, stimmt’s?« 
»Ja. Ich ließ nicht locker, bis sie mich damit vertröstete, 
daß, wenn ich nach vier Wochen meine Absicht noch nicht 
geändert hätte, sie wieder aufsuchen dürfte, ohne in der 
Zeit etwas von mir hören zu lassen. Wahrscheinlich nimmt 
sie an, daß ich bis dahin anderen Sinnes geworden bin.« 
»Was wohl auch der Fall sein wird,« atmete der Vater 
hörbar auf, doch der Bruder schien seine Zuversicht nicht 
zu teilen. 

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»Du scheinst deinen Sohn immer noch nicht so richtig zu 
kennen«, versetzte er trocken. »Na, warten wir’s ab. Ist die 

Baronesse wirklich so hübsch?« 
»Von einer klaren, köstlichen Schönheit.« 
»Dann hast du dich gar Hals über Kopf in sie verliebt?« 
»Vielleicht?« 
»Nun laßt mal endlich den Jungen in Ruhe!« wurde 
Niekchen energisch. »Seid doch zufrieden, daß er nach 
dem Reinfall mit der üblen Komödiantin überhaupt noch 
Courage hat, zu heiraten. Manch einer ist durch so was 
schon zum Weiberfeind geworden.« 
»Sie hat sogar recht«, bestätigte die Gräfin. »Also lassen wir 
ihn gewähren. Er ist ja alt genug, um zu wissen, was er tut.« 
Es war zwei Wochen später, als Theoda ihre Mutter aus 

dem Krankenhaus holte. Die kleine Wohnung war 
blitzsauber und mollig warm. Inmitten des Kaffeetisches 
prangte ein Napfkuchen, daneben stand eine Vase mit 
gelben Rosen, die Lieblingsblumen der Mutter. 
»Wie schön ist doch das Nachhausekommen, wenn man so 
liebe Kinder hat wie ich«, sagte die zierliche Frau, die noch 
ziemlich wackelig auf den Beinen stand. Theoda half ihr in 
den Lehnstuhl hinein und ging dann in die Küche, um 
Kaffee zu brühen. 
Indes war Alexa weiter um die Mutter bemüht. Zog ihr 
warme Hausschuhe an, dabei das Plappermäulchen hurtig 
regend. Die Perlgrauen Augen mit der grünlichen Iris 

strahlten aus dem reizenden Gesichtchen, das 
dunkelblonde Locken umrahmten, die bis auf die Schulter 
fielen. Das Kind hätte große Ähnlichkeit mit der feinen, 
zarten Mutter, während Theoda dem strahlendschönen 
Vater glich. 
»Rede die Mutti bloß nicht in Narkose«, trat sie soeben 
lachend ein, die Kaffeekanne tragend. »Deiner flinken 
Klappermühle sind ihre Nerven noch nicht gewachsen.« 
»Laß sie nur«, strich die Mutter zärtlich über das 
seidenweiche Gelock ihrer Jüngsten. »Wenn man so mit 
knapper Not dem Tod entrann wie ich…« 

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»Na, na, Muttchen, nicht übertreiben«, warf Theoda rasch 
ein. »Wohl warst du krank, aber längst noch nicht reif für 

den Sensenmann. Trink den Kaffee, er wird dir guttun.« 
»Darf ich den starken Kaffee auch trinken?« 
»Du darfst, ich habe den Arzt danach gefragt. Du darfst 
überhaupt alles essen und trinken, da du jetzt wieder ganz 
gesund bist.« 
»Ich bin aber so schlapp.« 
»Das gibt sich. Ruhe und gute Pflege, dann fühlst du dich 
bald ganz wohl.« 
Während man schmauste, sprach Theoda über alles 
mögliche, nur über den Besuch des Grafen Rodeland 
sprach sie nicht. Warum sollte die Mutter sich unnötig über 
eine Episode aufregen. Denn die aufsteigende Hitze, für die 

Theoda den spontanen Antrag des Grafen hielt, war 
sicherlich längst verflogen. Nun, ihr tat das nicht weh und 
ihm noch weniger. 
Die Tage bis zum Weihnachtsfest waren für Theoda mit 
Arbeit so ausgefüllt, daß sie kaum zur Besinnung kam. Bis 
spät in die Nacht hinein saß sie an der Schreibmaschine, 
die Aufträge, die gerade jetzt so reichlich eingingen, alle zu 
erledigen. Denn sie brachten das Geld, das sie zur Pflege 
der Mutter so dringend benötigte. 
Außerdem konnte sie damit der kleinen Schwester 
Weihnachtswünsche erfüllen. Nicht alle, da der 
Wunschzettel lang war, aber einige schon. 

Die Mutter mußte unbedingt einen neuen Mantel haben, 
der Theoda selbst am nötigsten fehlte. Aber, der mußte 
noch zurückstehen, alles andere war wichtiger. 
So herrschte dann am Weihnachtsabend in der kleinen 
Familie eitel Freude, Alexa bewunderte glückselig die 
Geschenke, darüber ganz vergessend, daß sie sich noch viel 
mehr gewünscht hatte. Die Mutter sah gerührt auf ihre 
Gaben, aber woher Theoda zu deren Anschaffung das Geld 
genommen hatte, darüber machte sie sich keine Gedanken. 
Sie wußte auch noch nicht einmal genau, wie hoch die 
Pension war, die sie bezog. Sie bekam monatlich ihr 

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kleines Taschengeld und damit holla. 
Von diesem Taschengeld hatte sie nun Geschenke für ihre 

Kinder besorgt. Daß sie bescheiden waren, na schön, man 
kann nicht mehr geben als man hat. Aber daß die Töchter 
damit nichts anzufangen wußten, das sprach für die 
wirklichkeitsfremde Frau. 
Da hatte die kleine Alexa schon besser gewählt. Hatte ihr 
karges Taschengeld gespart, um davon Mutter und 
Schwester warme Handschuhe zu kaufen. 
Für leibliche Genüsse hatte Theodas Kasse auch noch 
gereicht. Festtagskuchen, Weihnachtsgans und nicht 
alltägliche Leckerbissen, das alles verdankte man dem 
fleißigen Mädchen, das sich dafür die halben Nächte um 
die Ohren geschlagen hatte, wie man so sagt. 

Die Kerzen an dem kleinen Baum waren bereits zur Hälfte 
abgebrannt, als die Türglocke anschlug. 
»Nanu, wer will da was von uns?« fragte Theoda gedehnt. 
»Ein Unheil kann gottlob nicht Einlaß begehren, da ich 
euch beide bei mir habe.« 
Ein Unheil war es auch wirklich nicht, das da vor der 
geöffneten Etagentür stand. Sondern ein Kerlchen, das der 
überraschten Baronesse zwei seidenpapierumhüllte Sträuße 
und einen länglichen Karton überreichte. Mit einem guten 
Trinkgeld zog es strahlend ab – und Theoda trug die 
unverhofften Angebinde ins Wohngemach, wo sie zuerst 
die Sträuße auspackte, in denen Kärtchen steckten. Die 

zartgelben Rosen waren für die Baronin, die Christrosen für 
ihre Älteste und für die Jüngste der Karton, gleichfalls mit 
einem Kärtchen versehen. 
»Nun pack doch aus«, ermunterte Theoda das wie erstarrt 
stehende Kind. 
»Aber, aber, das kann doch unmöglich für mich sein.« 
»Beim Weihnachtsmann ist nichts unmöglich. Gib schon 
her!« 
Gleich darauf erblickten Alexas aufgerissene Augen eine 
große Puppe – genau so eine, wie sie sich wünschte. 
Jubelnd griff sie danach und war für eine Weile bestens 

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untergebracht. 
Theoda wandte sich nun der Mutter zu, die das Kärtchen in 

der Hand hielt und hilflos die Tochter ansah. 
»Theoda, was soll das hier bedeuten. Graf Rodeland 
wünscht mir ein frohes Weihnachtsfest, schickt mir Blumen 
– er, von dem ich jahrelang nichts mehr hörte.« 
»Ein frohes Weihnachtsfest wünscht Ihnen, verehrte Frau 
Baronin, Witold Rodeland«, stand auf dem Kärtchen in 
markanter Schrift. Und auf dem anderen: »Theoda, die vier 
Wochen sind um. Frohe Weihnacht und morgen auf 
Wiedersehen. Witold.« 
»Ja, da muß ich nun doch wohl Farbe bekennen«, sagte das 
Mädchen kläglich. »Mach bloß nicht solche Angstaugen. 
Mutti, deine Tochter hat nichts verbrochen. Es war nämlich 

so…« 
Obwohl der Bericht in vorsichtigen Worten gegeben wurde, 
regte sich die Frau so auf, daß die Tochter ihr 
Beruhigungstropfen verabreichen mußte. 
»Kind, aber Kind«, jammerte sie. »Was soll nun daraus 
werden!« 
»Mutter, so beruhige dich doch. Du machst ja Alexa 
aufmerksam, die mir dann die Seele aus dem Leib fragen 
würde. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.« 
»Ja, ja, ich bin schon still. Aber wenn du nun von mir 
gehst, mein Gott!« 
»Ich gehe nicht von dir.« 

»So wirst du den Grafen nicht heiraten?« 
»Das weiß ich noch nichts. Es wird sich morgen, wenn er 
hier ist, herausstellen, wenn ich jedoch einwilligen sollte, 
dann nur unter der Bedingung, daß er dich und Alexa mit 
nach Rodeland nimmt, was er mir übrigens schon zugesagt 
hat.« 
»Ach, so ist das. Dann will ich wohl zufrieden sein. Mit 
allem will ich zufrieden sein, wenn ich nur immer bei dir 
bleiben darf.« 
Am nächsten Tag um zehn Uhr war dann der Freiersmann 
da und wurde von der Baronin hilflos, von Theoda mit 

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gemischten Gefühlen und von Alexa zutraulich begrüßt. 
Mit ihrem schönsten knicke bedankte sie sich für die 

Puppe, mit deren Geschenk der Mann schon von 
vornherein ihr Herzchen gewonnen hatte. 
Höflich erkundigte er sich nach dem Befinden der Baronin, 
worüber sie ihm die beste Auskunft geben konnte. Man 
sprach nun noch von früheren Zeiten, erinnerte sich dieser 
oder jener Bekannten, und dann kam er auf den Grund 
seines Hierseins zu sprechen. 
»Ich bin gekommen, um Sie und Ihre Tochter nach 
Rodeland zu holen«, erklärte er unumwunden. »Meine 
Eltern sowie Tante und Onkel lassen herzlich grüßen, sie 
freuen sich sehr auf den heben Besuch. Nehmen Sie ihnen 
bitte die Freude nicht.« 

»Ja, aber«, blickte sie hilflos zu ihrer Ältesten hin, »wir 
können Ihnen und Ihren Lieben doch nicht so einfach ins 
Haus fallen. Was sagst du dazu, Theoda?« 
»Daß er ohne uns nicht nach Hause fahren wird«, war die 
trockene Erwiderung. »Dafür kenne ich seine 
Hartnäckigkeit jetzt schon zu gut.« 
»Du hast den Sinn erfaßt«, blitzte er sie mutwillig an. 
»Leider mußte ich mit dem Zug kommen, da in der Nacht 
viel Schnee gefallen ist. Er hat 4ie Landstraßen stellenweise 
so verweht, daß man mit dem Auto nicht durchkommt. 
Der Zug fährt in zwei Stunden ab, also haben die Damen 
zur Vorbereitung genügend Zeit. Richten Sie sich bitte auf 

länger ein, denn in diesem Jahr kommen Sie nicht mehr 
von Rodeland fort.« 
»Alles recht schön und gut«, meinte Theoda. »Aber willst 
du mir nicht verraten, wie wir mit dem Gepäck zur Bahn 
kommen? Wie ich sehe, schneit es lustig weiter, und glatt 
ist es auch.« 
»Ich bin mit einem Taxi hergekommen, das uns auch zur 
Bahn bringen wird. Auf den Bahnhöfen gibt es 
Gepäckträger, und auf der Endstation er wartet uns ein 
geräumiger Schlitten.« 
»Oh bitte, Theoda.« umhalste Alexa die Schwester 

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stürmisch. »Wir fahren mit, nicht wahr? Der Herr Graf 
kann doch so gut zureden.« 

»Jawohl, es fehlt ihm nur die Pfeife des Rattenfängers von 
Hameln«, war die lachende Erwiderung, »Na, denn in 
Gottes Namen, rüsten wir uns.« 
»Kann ich irgendwie behilflich sein?« erkundigte er sich, 
doch sie winkte ab. 
»Bleib du nur hier bei meiner Mutter, Alexas Hilfe genügt 
mir vollkommen.« 
Da Theoda alles, was sie auch anfassen mochte, flink von 
der Hand ging, war man zur Zeit reisefertig. Die Koffer 
waren gepackt. Die Mutter und ihre Jüngste trugen die 
warmen Wintermäntel, die ihnen das Christkind bescherte. 
Nur der Mantel von ihrer Ältesten war recht schäbig, was 

dem Grafen nicht entging. Na ja, der brave Mann denkt an 
sich selbst zuletzt. 
Der bestellte Taxichauffeur war auf die Minute pünktlich, 
also konnte die Reise losgehen. Auf dem Bahnhof drückte 
Witold seinen Begleiterinnen die bereits gelösten 
Fahrkarten in die Hand und ging dann mit dem 
Gepäckträger voraus, um im Zug Plätze zu reservieren. 
»Der scheint ja seiner Sache sehr sicher gewesen zu sein«, 
bemerkte Theoda, die mit Mutter und Schwester langsamer 
nachfolgte. »Das Taxi war schon bestellt, die Fahrkarten 
waren schon gelöst, der Mann ist von einer 
Siegessicherheit, die schon an Arroganz grenzt.« 

»Theoda, wie kannst du nur«, sagte Alexa vorwurfsvoll, die 
ihre neue Puppe natürlich mitgenommen hatte und sie 
nun wie eine eitle Mutter trug. »Ich finde den Grafen 
einfach himmlisch.« 
»Womit du dein neuestes Schlagwort wieder einmal 
angebracht hast«, lachte die große Schwester. »Für so ein 
Prädikat würde der Graf sich wohl bedanken. Der ist alles 
andere als himmlisch.« 
Indes hatten sie die Sperre passiert und hielten auf dem 
Bahnsteig nach ihrem Reisebegleiter Ausschau, den sie 
auch bald erspähten, denn er eilte ihnen bereits entgegen. 

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Half ihnen galant in den Zug, in dem sie mal erst ein Abteil 
für sich hatten. Kein Wunder, da am ersten 

Weihnachtsfeiertag nicht viele Menschen zu reisen 
pflegten, schon gar nicht erster Klasse. Die Fensterplätze 
überließ er den beiden Damen und setzte sich an Alexas 
Seite, schmunzelnd zusehend, wie sie ihr Puppenkind 
betreute. 
»Wie lange fahren wir überhaupt?« erkundigte sich Theoda, 
als sich der Zug in Bewegung setzte. 
»Mit dieser Bahn anderthalb Stunden, mit der Kleinbahn 
eine Stunde.« 
»Haben wir da gleich Anschluß?« 
»Ja.« 
»Und wann sind wir in Rodeland?« 

»Um die Kaffeezeit. Mittag können wir im Speisewagen 
essen.« 
»Na, das wäre!« verwahrte sie sich, »Reich mir mal bitte 
den braunen Koffer aus dem Netz, Witold.« 
Er tat’s und staunte gleich darauf über das, was der Koffer 
barg. Nämlich die Weihnachtsgans, säuberlich tranchiert. 
Dazu Brote nebst einem guten Kaffee. Becher, Teller, 
Bestecke, Papierservietten, alles war vorhanden. 
»Kind, wie hast du das nur so schnell hingekriegt«, mußte 
die Mutter wieder einmal über ihre Älteste staunen. »Daß 
du bei der ganzen Packerei überhaupt an die Gans 
dachtest.« 

»Ich konnte doch unser bestes Stück zu Hause nicht 
verderben lassen. Mit den andern leicht verderblichen 
Lebensmitteln habe ich eine Frau im Hofgebäude beglückt, 
die mir dafür Gottes Segen wünschte, den man ja  immer 
gebrauchen kann.« 
So schmauste man einträchtig und legte sich hinterher satt 
und zufrieden in die Polster zurück. Alexa, die zum ersten 
Mal in ihrem kleinen Leben mit der Eisenbahn fuhr, stand 
am Fenster und schaute gebannt in die weiße Landschaft 
hinaus, die der Zug durchraste. Auf der nächsten Station 
stieg ein älteres Ehepaar ein, das den Grafen mit Hallo 

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begrüßte und sich dann mit seinen Begleiterinnen bekannt 
machen ließ. Theoda stand auf und bot der Dame ihren 

Fensterplatz an, doch die lehnte freundlich ab. 
»Lassen Sie nur, Baronesse, ich sitz hier recht bequem. 
Kann endlich meine müden Beine strecken.« 
»Ja, sagt mal, wo kommt ihr denn eigentlich her?« fragte 
der Graf kopfschüttelnd. »Wart ihr etwa auch gestern 
unterwegs?« 
»Nein, da waren wir zu Hause«, brummte der stattliche 
Herr, dem man sofort den Landwirt ansah. 
»Und warum seid ihr dann nicht zu uns gekommen?« 
»Weil wir annahmen, daß eure Gaste schon eingetroffen 
wären. Da wollten wir nicht stören.« 
»Du weißt ganz genau, Onkel Julius, daß ihr uns niemals 

stören könnt. Und woher kommt ihr jetzt?« 
»Wir

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 wollten uns mal so’n bißchen der Großstadt in die 

Arme werfen, blieben unterwegs jedoch im Schnee stecken. 
Zum Glück begegneten wir einem Schlitten, der uns zur 
nächsten Garage abschleppte. Und da 4er Bauer ein 
Menschenfreund war, fuhr er uns auch noch zur Bahn, die 
sich in der Nähe befand. Sonst hätten wir uns am ersten 
Weihnachtsfeiertag in irgendeiner Wirtschaft 
herumdrücken müssen. Na, einmal und nicht wieder.« 
»Mir hat’s auch gelangt«, bekräftigte die rundliche 
Ehehälfte. »Aber die Stille in unserem Haus empfindet man 
hauptsächlich Weihnachten besonders.« 

»Eben«, fiel der Gatte unwirsch ein. »Dafür zieht man nun 
Kinder groß, damit sie einen im Alter allein lassen. Das 
Fräulein Tochter müßte ja durchaus einen Stadtfrack 
heiraten und mit ihm in die Ferne ziehen, während der 
Herr Sohn in der Weltgeschichte herumgondelt. Aber jetzt 
ist Schluß damit! Das Studium hat er hinter sich, ein 
halbes Jahr Bummelei genügt, ergo  wird  er  nach  Hause 
beordert, wo er heiraten und sich ein Dutzend Kinder 
anschaffen soll, damit Leben in die Bude kommt. Das sage 
ich!« 
»Aber ja doch«, beschwichtigte die Eheliebste. »Tu bloß 

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nicht so bärbeißig, das kleine Mädchen hat schon richtige 
Angstaugen. Keine Bange, Herzchen, er tut nur so.« 

»Glaubst du das?« fragte er streng, und Alexa lachte. 
»Doch. Um richtig böse zu sein, dafür haben Sie zu lustige 
Augen und so herrlich buschige Brauen.« 
»Potztausend, Baroneßchen, aufs Mäulchen scheinen wir 
nicht gefallen zu sein«, fiel er in das Lachen der anderen 
ein. Es klang wie das gemütliche Brummen eines Bären. 
»Die Puppe hat dir doch sicher der Weihnachtsmann 
gebracht.« 
»Nein, der Herr Graf Rodeland«, strahlte sie den Riesen an, 
dem es dabei warm ums Herz wurde. Schmunzelnd wandte 
er sich seinem Nachbarn zu. 
»Nanu, mein Sohn, seit wann befaßt du dich denn mit 

Puppendamen. Soll das etwa eine Übung für später sein?« 
»Damit kann man nicht früh genug anfangen«, lachte der 
Graf amüsiert. »Aber diese Puppendame suchte nicht ich 
aus, sondern meine Mutter. Ich habe sie nur verschenkt. 
Wir müssen jetzt rüsten, der Bahnhof kommt in Sicht. Also 
hurtig.« 
»Lassen Sie nur, Baronesse«, wehrte Julius Askell ab, als sie 
nach dem Koffer greifen wollte, den Witold aus dem Netz 
hob. »Die Damen gehen am besten schnurstracks zur 
Kleinbahn, damit sie unter Dach kommen. Denn draußen 
scheint ein verflixt kühles Lüftchen zu wehen.« 
Was tatsächlich der Fall war. Wohl schneite es nicht mehr, 

dafür wehte aber ein scharfer Wind. Da Frau Askell den 
Weg kannte, konnte man unverweilt ausschreiten. War 
froh, als man das Kleinbahnabteil erreicht hatte. 
Die beiden Herren jedoch hielten Ausschau nach einem 
Gepäckträger, allein weit und breit war keiner zu erspähen. 
So beluden sie sich denn mit den Koffern. 
»Ist sie das?« fragte Askell, als sie langen Schrittes der 
Kleinbahn zustrebten. Er konnte sich diese vertrauliche 
Frage schon erlauben, da die Familien, deren Güter 
aneinander grenzten, treue Freundschaft hielten. 
»Sie ist es. Gefällt sie dir?« 

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»Und ob, Junge, da hast du diesmal aber Dusel gehabt, das 
ist ja was ganz Exquisites. Wenn ich noch an die andere 

denke – na, Schwamm drüber! Ich freu mich heute noch 
darüber, daß nichts daraus wurde und du deine Eselei nicht 
zu büßen brauchst. 
Und die Schwiegermutter gefällt  mir  auch«,  fuhr  er  in 
seiner geraden Art fort. »Bißchen sehr zart und weinerlich, 
aber vornehm. Wirst du sie nach Rodeland nehmen?« 
»Prrr, Onkel Julius, laß deine Pferdchen nicht durchgehen. 
Ich weiß ja noch gar nicht, ob die Auserwählte mich 
nehmen wird.« 
»Ach, so was gibt’s bei dir auch? Aber gut so. 
Toggenburgere man ruhig, mein Jungchen, das kann deiner 
gewohnten Sieghaftigkeit gar nichts schaden.« 

Mittlerweile hatten sie die Kleinbahn erreicht, die bereits 
unter Dampf stand und sich gleich in Bewegung setzte, 
nachdem die Nachzügler Platz genommen hatten. Alexa 
saß neben dem guten Luschchen und ließ sich von ihr mit 
Marzipan füttern, wobei auch für die andern genug abfiel. 
Immer mehr der köstlichen Herzchen zauberte sie aus der 
großen Tasche hervor, dabei stolz erklärend: »Ist eigenes 
Fabrikat. Schmeckt doch besser als das Gekaufte, das in der 
Hauptsache aus Puderzucker und Mandelöl besteht. Essen 
Sie nur, meine Damen, ist reichlich da.« 
»Und ich kriege nichts, Tante Luschchen?« 
»Natürlich, Witold. Aber bei euch Männern weiß man 

nicht, wann euch das süße Zeug, wie ihr diese Köstlichkeit 
zu benennen pflegt, genehm ist. Wenn es jetzt der Fall ist, 
greift zu.« 
Sie taten es. So schmauste man denn einträchtig, während 
der kleine Zug durch die Gegend schnaufte. 
»Hoffentlich bleiben wir nicht im Schnee stecken«, meinte 
Askell bedenklich. »Denn ich glaube nicht, daß heute am 
Feiertag der Schneepflug gearbeitet hat.« 
»Was machen wir dann?« fragte Alexa neugierig. »Müssen 
wir dann hier verhungern?« 
»Solange du mit vollen Backen kaust, ist das wohl nicht zu 

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befürchten«, wurde schmunzelnd erwidert. »Und soweit ich 
mein Luschchen kenne, wird sie in der Wundertasche auch 

andere eßbare Dinge haben, nicht nur Marzipan.« 
»Hab ich auch«, kam es prompt zurück. »Ohne Proviant 
begebe ich mich nie auf die Reise.« 
»Das haben wir auch nicht getan«, meldete sich die 
Baronesse. »Wohl haben wir schon eine Mahlzeit gehalten, 
aber von dem Rest werden wir alle noch satt.« 
»Na also«, meinte Herr Julius gemütlich. »Dann können 
wir ja getrost in die Zukunft schauen.« 
Kaum hatte er es gesagt, als das Bähnlein sein Tempo zu 
vermindern begann. Einige Minuten noch prustete, ächzte 
und stöhnte es, um dann ganz zu versagen. 
Und schon wurde es draußen lebendig. Julius ließ das 

Fenster herunter und rief dem Schaffner zu, der von 
aufgeregten Passagieren umringt war: 
»Was ist los! Will unser Expreß nicht weiter?« 
»Wollen schon, Herr Askell, aber er kann nicht. Der 
Schneewall, der sich an dieser Stelle auf den Schienen 
türmt, läßt nicht mit sich spaßen.« 
»Wir auch nicht«, brummte der Hüne. »Sind Schaufeln im 
Gepäckwagen?« 
»Eine ganze Menge.« 
»Na, denn man zu. Alle kräftigen Arme ran!« 
Er stieg mit dem Grafen zusammen aus, und die Baronin 
wandte sich ängstlich an Luschchen. 

»Mein Gott, Frau Askell, was machen wir nun?« 
»Wir gar nichts«, kam es pomadig zurück. »Wir sitzen hier 
hübsch geruhsam und warten ab, bis die Schneeschanze 
weggeschaufelt ist.« 
»Wer wird das tun?« 
»Erst einmal unsere beiden Männer, der Schaffner, der 
Lokführer, der Heizer und Passagiere, die starke Arme 
haben.« 
»Wie Sie das so ruhig sagen können.« 
»Na was, soll ich mich aufregen über etwas, das uns 
Landbewohnern nichts Neues ist? An schneereichen 

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Wintern ist für uns die Kleinbahn das einzige 
Verkehrsmittel zur Stadt. Daß auch sie mal steckenbleibt, 

damit müssen wir schon rechnen. Sogar damit, daß sie ein 
oder zwei Tage gar nicht fährt, wenn der Schneepflug es 
nicht schafft, die Schienen freizuhalten.« 
»Und dann?« 
»Dann bleiben wir zu Hause.« 
»Aber es gibt doch Fälle, wo man unbedingt zur Stadt 
muß«, klang es immer weinerlicher. »Zum Beispiel bei 
Krankheit und Geburten.« 
»Dafür haben wir den Dorfarzt und die Dorfhebamme. 
Wenn es so arg verschneit ist, daß sie nicht einmal mit dem 
Schlitten durchkommen, nehmen sie die Skier. 
Da staunen Sie, Frau Baronin, nicht wahr?« mußte sie über 

das bestürzte Gesicht lachen. »Für Sie als Großstädterin 
sind das alles böhmische Wälder, wie man so sagt. Die 
Herrschaften mögen ja auch um alles nicht auf dem Lande 
leben. Für einen kurzen Urlaub schon, weil der Reiz der 
Neuheit lockt. Ist der vorbei, aber dann auch nichts wie in 
die Stadt zurück, um Asphalt zu treten. 
Nun, es gibt auch da Ausnahmen, allerdings nur wenige. 
Ich kenne einige Landwirte, die Stadtdamen geheiratet 
haben, bei denen das Experiment gut verlief. Sie lernten 
das Landleben so lieben, daß sie es mit dem in der Stadt 
nicht mehr vertauschen wollten. 
Auch anders herum gibt es solche Fälle. Meine Tochter zum 

Beispiel war, obwohl sie auf dem Lande geboren ist, von 
jeher auf die Stadt versessen und hat dann auch einen 
Großstädter geheiratet. Meinem Mann und mir gefiel das 
zwar nicht, aber da ihre Seligkeit davon abhing, mußten 
wir uns bescheiden. Nun will ich aber doch mal sehen, wie 
weit unsere fleißigen Schaufler sind.« 
Das wollten die anderen auch. So ließen sie denn die 
Fenster runter, steckten die Köpfe hinaus und konnten so 
beobachten, wie hurtig gewirkt wurde. Sogar zwei junge 
Mädchen befanden sich unter den acht Männern, die fest 
zupackten. Dabei waren alle guter Dinge. Lachten und 

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scherzten und machten die Arbeit dadurch zum Vergnügen. 
»Nun sehen Sie sich bloß meinen Alten an«, zeigte 

Luschchen lachend auf ihn, der sich soeben eines der 
Mädchen griff, das ihn mutwillig mit Schnee beworfen 
hatte. Dafür nibbelte er ihr nun mit dem weißen Naß das 
Gesicht ab. Sie wehrte sich so kräftig, daß sie dabei die 
Balance verlor, hinplumpste und den Hünen mitriß. Das 
gab ein jubelndes Gelächter. Auch unter denen, die durch 
die Fenster schauten. 
»Das ist ja die Lore«, sagte Luschchen überrascht, als das 
Mädchen sich gleich seinem Angreifer wieder 
hochgerappelt hatte und ihn nun hellklingend auslachte. 
»Ja, wo die ist, da geht es immer lustig zu. Sie scheinen 
übrigens fertig zu sein, da die Schaufeln eingesammelt 

werden. Da es nichts mehr zu sehen gibt, machen wir die 
Fenster zu, damit die Damen sich nicht erkälten.« 
Gleich darauf kamen die beiden Herren zurück und 
brachten einen Hauch von Kälte mit. Gesicht und Hände 
rotgefroren, trotzdem war ihnen warm, wie sie 
versicherten. 
»Nun mal her mit dem Proviant«, verlangte der fidele 
Julius. »Die Schaufelei hat uns hungrig gemacht. Und bis 
wir nach Hause an die Krippe kommen, wird schon noch 
eine Weile vergehen. Wohl sind die Schienen von Schanzen 
frei, soweit man sie übersehen kann. Aber da unser liebes 
Bähnlein mit Vorliebe um die Ecken zuckelt, kann man 

nicht wissen, was hinter denen steckt.« 
Luischen und Theoda offerierten nun ihren Proviant, nach 
dem sie alle griffen. Es machte sich doch bemerkbar, daß 
man statt des Mittagessens nur geimbißt hatte, und jetzt 
war es bereits um die Kaffeezeit. 
»So, jetzt halte ich wieder eine Weile aus«, legte Herr Julius 
sich gesättigt in die Polster zurück. Fragte die Baronin, ob 
er rauchen dürfe, was ihm freundlich gestattet wurde. So 
griff er denn zur Zigarre, Graf Witold zur Pfeife und die 
Baronesse zur Zigarette. Die anderen aßen Bananen, welche 
Luschchen aus ihrer Tasche gekramt hatte. 

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»Sag mal, Julius, das war doch die Lore Wasmuth, mit der 
du dich im Schnee herumbalgtest«, sprach die Gattin in die 

behagliche Stille hinein, »Wie kam die denn in die 
Kleinbahn?« 
»Genauso wie wir«, war die pomadige Antwort. »Sie fuhr 
im Wagen zur Stadt, um eine Freundin von der Bahn 
abzuholen, blieb unterwegs im Schnee stecken, genau wie 
wir, und tat dann dasselbe wie wir.« 
»So ist sie denn doch zu Weihnachten nach Hause 
gekommen.« 
»Und wird auch bleiben.« 
»Was? Ostern ist doch erst ihr Pensionsjahr um. Und wie 
Traute mir erzählte, sollte der Irrwisch sogar noch einige 
Monate länger im Pensionat bleiben.« 

»Eben weil sie ein Irrwisch ist, hielt sie es in der 
Hühnerhocke, wie sie das noble Institut benamste nicht 
länger aus.« 
»Sägte sie dir das?« 
»Sie sagte. Auch noch mehr, nämlich: daß sie ein Landkind 
wäre und kein verschrobener Modefratz. Schliff hätte sie 
von Hause aus, kochen könnte sie zur Not, lesen und 
schreiben auch, und wenn es drauf ankommt, sogar 
Konversation machen. Für all das brauchte sie ihrem Vater 
nun wirklich nicht die schwerverdienten ›Dittchen‹ aus der 
Tasche zu jagen.« 
»Ganz Lore«, lachte Luschchen herzlich. »Ist es eine 

Pensionatsfreundin, die sie abholte?« 
»Ja. Ein Fräulein Winifred Malten, wie Lore sie mir 
vorstellte. Scheint ein ganz patentes Marjellchen zu sein, 
keine so angekränkelte Modepuppe.« 
»Dann wird sie ja gut zu Lore passen. Fräulein Wasmuth ist 
nämlich eine Nachbarstochter«, wandte sie sich erklärend 
den anderen zu. »Du kennst sie ja, Witold.« 
»Wenn auch nur flüchtig, so doch immerhin genug, um sie 
reizend zu finden.« 
»Das ist sie auch«, bekräftigte Onkel Julius. »So ein richtiges 
trautstes Marjellchen. Nanu, wir halten ja wieder auf 

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offener Strecke. Unser Expreß wird doch nicht . 
Nein, diesmal war es keine Schneeschanze, die den Zug 

zum Halten brachte. Diesmal waren es drei Schlitten, die 
auf der Landstraße, welche an dieser Stelle mit den 
Schienen parallel liefen, angeklingelt kamen. Der 
Lokführer, der die winkenden Kutscher schon von weitem 
erspähte, brachte seinen Expreß zum Halten, was bei einem 
richtigen nicht möglich gewesen wäre. Doch bei diesem ja, 
der war gemütlich. 
Und die Passagiere waren es auch. Interessiert sahen sie zu, 
wie Graf Rodeland mit seinen Gästen, das Ehepaar Askell 
und Lore Wasmuth mit ihrer Freundin den Schlitten 
zueilten. Lore wurde von ihrem Bruder abgeholt, der 
lachend sagte: 

»Ich war nicht wenig überrascht, auf der Haltestelle den 
Rodelandschen sowie den Asketischen Schlitten 
vorzufinden. Also sind die Herrschaften genau wie meine 
Schwester mit ihren Benzinkutschen unterwegs 
steckengeblieben.« 
»Ich nicht«, bemerkte Witold. »Mir war die Bahn sicherer, 
mit der ich meine Gäste abholte. Darf ich bekannt machen: 
Baronin von Synot mit ihren Töchtern, Geschwister 
Wasmuth!« 
»Fräulein Malten – Graf Rodeland«, stellte Bodo Wasmuth 
nun seinerseits vor und wandte sich nach der allgemeinen 
Begrüßung seiner Schwester zu. 

»Paß mal auf, du Nichtsnutz! Die Ohren werde ich dir 
abreißen für deinen Eigensinn, mit dem du trotz aller 
Warnungen mit dem Auto losfuhrst.« 
»Dann reiße unsere Ohren gleich mit ab«, schmunzelte der 
gute Julius. »Auch wir sind so nobel loskutschiert, auch wir 
sind unterwegs steckengeblieben. Selbst mit unserm 
Expreß.« 
»Also war meine Vermutung richtig«, sagte Bodo. »Daher 
fuhren meine Kollegen und ich«, zeigte er zu den beiden 
Kutschern hin, »dem Zug entgegen, als seine Ankunftszeit 
weit überschritten war.« 

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»Brav gemacht, Jungens«, lobte Onkel Julius. »Doch der 
Worte sind genug gewechselt. Hinein in die Schlitten, 

damit wir in Mutters warme Stube kommen.« 
Als alle warm verpackt saßen, klingelten die Schlitten los. 
Eine Strecke noch hintereinander, dann zweigten sie ab, 
den heimatlichen Gefilden zu. In die vom Kutscher 
mitgebrachten Pelze geschmiegt, tief in die Pelzdecke 
gekrochen, so konnte man schon der eisigen Kälte trotzen. 
Die Baronin und ihre Älteste saßen im Fond, während der 
Graf mit Alexa auf dem Rücksitz bequem Platz gefunden 
hatten. Bis zur Nasenspitze steckte die Kleine im Pelzwerk, 
all das Neue begeistert in sich aufnehmend. War es doch 
die erste Schlittenfahrt ihres kleinen Daseins. 
Am Horizont versank die Sonne blutrot, alles rundum rosig 

überstrahlend. Lustig klingelten die Glöckchen am Geschirr 
der Pferde, die munter trabten, weiß stieg der Dampf aus 
den schnaubenden Nüstern zum klarblauen Winterhimmel 
empor. 
»Ist das schön«, sagte Theoda andächtig. »Man könnte 
beten.« 
»Ich bete nicht, ich freue mich«, lachten Alexas Augen aus 
der Vermummung. »Ist dort hinten, wo die vielen 
glitzernden Bäume stehen, der Märchenwald, Herr Graf?« 
»Leider nein, das sind nur die Parkbäume.« 
»Haben Sie denn Christbaumwatte darübergestreut?« 
»Sollte mir schwerfallen«, schmunzelte er. »Der Winter hat 

die Bäume mit Rauhreif so herrlich geschmückt.« 
Kurz darauf hatte der Schlitten den schmalen Weg erreicht, 
der sich zwischen Wald und Park erstreckte. Immer hurtiger 
griffen die, Pferde aus, den warmen Stall und die 
Futterkrippe witternd. Dann machte das Gefährt eine 
kühne Kurve und hielt gleich darauf vor dem Schloß, durch 
dessen Portal ein Diener eilte. 
»Gott Sei Dank, Herr Graf! Wir dachten schon… Aber nun 
ist ja alles gut.« 
»Das war ein Stoßseufzer, der von Herzen kam«, lachte sein 
Herr, sich behende aus der warmen Hülle schälend, 

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während der Diener es bei den Gästen tat. Ehe diese sich so 
recht versahen, standen sie in der weiten Halle, wo das 

Gastgeberpaar sie freundlich willkommen hieß. 
»Junge, was war denn los?« wandte der Vater sich nun 
seinem Sohn zu. »Schon längst müßtet ihr hier sein.« 
»Hauptsache, wir sind es. Erst mal rein in die gute Stube, 
dann werde ich dir alles auseinanderposementieren.« 
»Dann gehen wir gleich zum Kaffeetisch«, erklärte die 
Hausherrin, was allgemein Beifall fand. Wenn man auch 
nicht hungrig war, so doch durstig und trotz der warmen 
Hüllen dennoch verklammt. 
Das Stübchen, das man betrat, war urgemütlich und traut, 
so recht nach alter deutscher Art. Und kostbar mit seinen 
echten Teppichen, Gobelins, den reichgeschnitzten 

Möbeln. Die entzückende Laterne versprühte 
farbenprächtig ihr Licht über den runden Tisch, wo die 
silberne Kaffeemaschine summte und Teller mit Kuchen 
lockten. 
Vor dem gewölbten Eingang, der zürn Speisezimmer 
führte, hing ein dicker Friesvorhang mit einer breiten, 
metallgestickten Borte, der nun zurückgeschlagen wurde 
und zwei Menschen sichtbar werden ließ, dessen Anblick 
des einen die Gäste bestürzte. Doch nur einen Moment, 
dann hatten sie sich gefaßt. Selbst das zehnjährige Kind 
verbarg seinen Schreck. 
»Ach, ihr seid ja auch noch da«, überbrückte der junge Graf 

gewandt diese peinliche Sekunde. »Das da sind unsere 
lieben Gäste, Baronin von Synot nebst Töchtern – meine 
Tante, Fräulein von Gopdwint, mein Onkel Egbert.« 
Der bekam zur Begrüßung einen besonders tiefen Knicks 
von der kleinen Alexa, was die Familie Rodeland sofort für 
sie einnahm. 
»Und das Kind in des Mütterchens Arm wird gar nicht 
vorgestellt?« fragte Niekchen in ihrer munteren Art. »Laß 
mal schauen. Na, das Baby ist vielleicht niedlich. Vom 
Weihnachtsmann?« 
» Nein, vom Herrn Grafen«, gab sie artig zur Antwort und 

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setzte entschuldigend hinzu: »Ich mochte mich nicht von 
ihr trennen.« 

»Was verständlich ist«, schlug die Gräfin eilten frischen Ton 
an. »Setzen wir uns, damit wir endlich zu unserem Kaffee 
kommen. Die Kleine nehmen die Damen wohl in ihre 
Mitte. Trinkst du schon Kaffee, mein Kind?« 
»Ja, aber keinen von Bohnen.« 
»Wie wär’s denn mit Schokolade?« 
»O danke, sehr gern. Aber nur, wenn es keine Umstände 
macht.« 
Sie wartete, bis die anderen sich gesetzt hatten. Dann erst 
nahm sie den für sie bestimmten Platz ein, nachdem sie die 
Puppe gegen das Stuhlbein gelehnt hatte. Während die 
Hausherrin die Tassen aus der Maschine füllte, schenkte 

der hinzugekommene Diener dem kleinen Mädchen die 
Schokolade ein, auf der Sahnehütchen schwammen. Das 
Leckermäulchen labte sich daran, die andern an Kaffee und 
Kuchen. Dabei erzählte der junge Graf von der Reise, wobei 
hauptsächlich Niekchen alles ganz genau wissen wollte, bis 
der Neffe lachend sagte: »So, Niekchen, jetzt hast wirklich 
alles aus mir herausgequetscht. Wollte ich mehr erzählen, 
müßte ich meine Phantasie spielen lassen, und dazu reicht 
es bei mir nüchternem Gesellen nicht. 
Doch nun möchte ich nach oben gehen, um Schuhe und 
Strümpfe zu wechseln, die beim Schneeschaufeln naß 
geworden sind. Und unsern Gästen täte es gut, sich von der 

immerhin anstrengenden Reise auszuruhen. Hauptsächlich 
der Frau Baronin, die sich nach der Krankheit immer noch 
schonen muß.« 
Also gingen die Gäste in Begleitung von Mutter und Sohn 
nach oben, wo erstere sie in ihre Zimmer führte, die 
elegant eingerichtet waren. Die Heizkörper verströmten 
mollige Wärme. 
»So, meine Damen, nun ergreifen Sie von Ihren Räumen 
Besitz«, sagte die Hausherrin liebenswürdig. »Fühlen Sie 
sich recht wohl darin. Nach zwei Stunden sehen wir uns 
beim Abendessen wieder.« 

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Als sie gegangen war, sah man sich in seinem Reich um, 
das aus einem kleinen Salon, zwei Schlafzimmern, davon 

eins mit zwei Betten, Ankleideraum nebst Bad bestand. 
»Nobel«, gab Theoda nach der Inspizierung ihr Urteil ab. 
»Und wie ist es mit dir, Mutti, müde?« 
»Ja, o ja«, klagte sie weinerlich. »Die Reise hat mich sehr 
mitgenommen.« 
»Dann zieh Kleid und Schuhe aus. Indes hole ich aus 
deinem Koffer, der nebst dem anderen Gepäck bereits im 
Ankleidezimmer steht, den Morgenrock.« 
Was bald geschehen war. Denn Theoda, die ja die Koffer 
gepackt hatte, wußte darin genau Bescheid. So wurde denn 
die Mutter in das bequeme Kleidungsstück gehüllt, auf den 
Diwan gebettet und zugedeckt. 

»Jetzt hol das unterschlagene Mittagsschläfchen nach, ich 
wecke dich schon zur Zeit.« 
Nun die Mutter gut untergebracht war, machten sich ihre 
Töchter daran, die Koffer auszupacken, im Ankleidezimmer 
die Sachen in Schrank und Schüben zu verstauen. Eine 
Arbeit, die bald erledigt war; denn sie hatten ja nur das 
Notwendigste mitgenommen. Außerdem war ihr 
Toilettenbestand nur mäßig. Daher fiel es ihnen nicht 
schwer, darunter zu wählen. Zur Reise hatten die 
Schwestern Pullover getragen, die sie zum Abendessen 
nicht anbehalten konnten, zumal heute Feiertag war. 
»Darf ich das?« tippte Alexa auf ein Samtkleidchen, das ihr 

ganzer Stolz war. 
Als Theoda nickte, strahlte das süße Kindergesichtchen nur 
so. 
Das Kleid, das sie anzog, war im Ausverkauf erstanden, was 
ihm ja nicht auf den Nähten geschrieben stand. Weich 
schmiegte sich der feine Wollstoff um den jugendschönen 
Oberkörper, von der schlanken Taille fiel der Plisseerock 
weit aus. Daß sie gut aussah, wußte Theoda schon, aber 
welch einen Zauber sie ausstrahlte, davon hatte sie keine 
Ahnung. Die Hauptsache, daß sie einigermaßen gut 
gekleidet war, um von der Eleganz ihrer Gastgeber nicht gar 

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zu sehr abzustechen, alles andere war nicht so wichtig. 
Nachdem sie sich in dem langen Spiegel, der auch seitlich 

ihr Bild zurückwarf, genügend beäugt hatte, wandte sie sich 
der Schwester zu, die reizend aussah in dem niedlichen 
Kleidchen, den roten Bäckchen und den strahlenden 
Augen. Nun noch die Locken gebürstet, dann wurde das 
holde Menschenwunder kritisch betrachtet und zufrieden 
abgeschoben. 
Nun ging Theoda daran, die Garderobe für die Mutter 
zurechtzulegen. Als auch das geschehen war, gönnte sie 
sich eine Zigarette, und Alexa beschäftigte sich mit ihrer 
Puppe. 
»Gedenkst du dich nun ständig mit ihr 
herumzuschleppen?« erkundigte sich die Schwester, doch 

die Kleine winkte beruhigend ab. 
»Natürlich nicht. Nur hier oben werde ich mit ihr spielen. 
Denn um ständig eine Puppe am Bändel zu haben, dafür 
bin ich denn doch schon zu groß. 
Hm – hm – na ja, sag mal, Theoda, tut der – verwachsene 
Herr dir auch so leid wie mir?« 
»Das schon. Aber ich glaube nicht, daß er Mitleid verträgt. 
Also sei vorsichtig, Lexa.« 
»Das werde ich ganz gewiß. Müssen wir jetzt nicht die 
Mutti wecken, damit wir zur Abendtafel nicht zu spät 
kommen? Du weißt doch, daß sie immer viel Zeit zum 
Ankleiden braucht.« 

»Wenn ich ihr helfe, geht es rasch. Daher werde ich sie 
nicht früher wecken, als unbedingt nötig ist.« 
»Aber ich langweile mich doch so sehr.« 
»Aha, daher weht der Wind. Schau mal im 
Toilettenköfferchen nach. Da wirst du dein 
Weihnachtsbuch finden, das ich noch im letzten Moment 
einsteckte.« 
Schon war die Kleine auf und davon. Holte das Buch, 
kuschelte sich in einen Sessel und war nun für ihre Umwelt 
verloren. Und die gleiche Mühe, die es Theoda gekostet 
hatte, die Mutter aus dem Schlaf zu wecken, hatte sie nun 

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bei der Schwester, um diese der Märchenwelt zu entreißen. 
»Nun laß endlich ab!« wurde sie jetzt energisch. 

Brummend wurde das Buch weggelegt, und die Mutter 
sagte tröstend: »Kannst ja nachher weiterlesen, mein 
Kleines.« 
»Das schon«, verzog sich das Mäulchen. »Aber gerade jetzt 
wurde die Geschichte interessant. Hat man uns überhaupt 
schon zum Abendessen gerufen?« 
»Mußt du aber futsch und weggewesen sein«, lachte die 
Schwester. »So sehr, daß du das Klopfen des Dieners 
überhörtest. Er wartet jetzt vor der Tür, um uns ins 
Speisezimmer zu fuhren. Also hopp, du Traumelinchen!« 
»Nach Ihrem Ergehen brauche ich mich wohl nicht zu 
erkundigen«, sagte die Hausherrin, die sich nebst ihren 

Lieben im Speisezimmer befand, zu den eintretenden 
Gästen. »Sie sehen alle frisch und ausgeruht aus. Haben Sie 
schlafen können, Frau Baronin?« 
»O ja. Ganz fest anderthalb Stunden.« 
Man nahm an dem runden Tisch so Platz, daß Graf Reimar 
die Baronin, Graf Witold deren älteste Tochter, Graf Egbert 
die Hausherrin zu ihrer Rechten hatten. Zwischen ihr und 
Niekchen saß die kleine Alexa, und somit war die Runde 
geschlossen. Die Speisen, die der Diener servierte, waren 
delikat, der Tischwein vorzüglich, die Unterhaltung 
angeregt, obwohl sie sich um Nichtigkeiten drehte. 
Nach dem Essen saß man im Wohngemach um den 

Kamin, in dem die Scheite prasselten. In den Gläsern 
leuchtete der Rotweingrog rubinrot, auf den Bratäpfeln 
glitzerte der Zucker wie Kristall, kunterbuntes 
Weihnachtsgebäck lag auf den Tellern. Dazu brannten die 
Kerzen in dem großen mit Flitterwerk behangenen 
Adventskranz und in einem vielarmigen Leuchter, der auf 
dem Flügel stand. 
»Für Weihnachtsstimmung wäre ja nun gesorgt«, sagte der 
Senior nach einem langen Zug aus dem Glas. »Bis auf die 
Weihnachtslieder. Wie wäre es damit, Baronesse, hmmm? 
Wir sind nämlich eine Familie, die gern Musik hört, sie 

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jedoch leider nicht ausüben kann. Wir Männer schon gar 
nicht und die Damen – nun, ich will nicht ungalant sein.« 

»Dann dürfen Sie es nach meinem Spiel aber auch nicht 
sein«, lachte Theoda, während sie sich erhob und zum 
Flügel schritt. Nachdem sie sich gesetzt hatte, trat 
erwartungsvolle Stille ein, und dann klangen die alten und 
doch immer wieder neuen Weihnachtslieder im Potpourri 
durch das Gemach. Wie Sphärenmusik erklangen sie unter 
den schlanken Mädchenhänden, so zart und süß. 
Und dann fiel ein helles Stimmchen ein. Entzückt schauten 
alle auf die kleine Alexa, die andächtig die traulichen 
Weisen mitsang. Einem Weihnachtsengel gleich, mit dem 
süßen Gesichtchen, den langen Locken, den gefalteten 
Händen und den Augen, in denen sich das Kerzenlicht 

spiegelte. 
Nun setzte auch die zweite Stimme ein, weich und 
verhalten, um das Kinderstimmchen nicht zu übertönen. 
Und so sang sich denn das holdselige Geschöpfchen in die 
Herzen ihrer Zuhörer hinein. 
»Das hast du aber mal fein gemacht«, strich Niekchen 
zärtlich über die seidenweichen Locken, nachdem Spiel 
und Gesang verklungen war. »Kannst du auch noch andere 
Lieder singen?« 
»Können schon«, wurde das Kind verlegen. »Aber nicht so 
gut wie meine große Schwester. Die singt wie ein Engel. 
Theoda, bitte das Lied, bei dem ich immer weinen muß.« 

»Nichts da, Kleinchen, geweint wird heute nicht. Laß lieber 
deine Äuglein wieder strahlen.« 
»Das werden sie gleich, Herr Graf«, kam es lachend vom 
Flügel her. Eine allerliebste Melodie klang auf, und jubelnd 
setzte das Stimmchen ein: 
 
»Es war einst ein Prinzeßchen fein,  
des stolzen Königs Töchterlein,  
mit Augen blau und Haar wie Gold,  
so schön, so lieb, so rein, so hold.  
 

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Ei jaja, Prinzeßchen schön,  
du mußt einmal spazieren geh’n,  

damit du triffst den Königssohn,  
der dich hebt auf den goldnen Thron. 
 
Da kam ein Prinz durch grüne Au,  
mit blondem Haar und Augen blau,  
verneigt vor ihr sich ritterlich:  
Prinzeßchen fein, ich liebe dich.  
 
Ei jaja, Prinzeßchen lacht,  
das hab ich mir doch gleich gedacht,  
du bist so schön, du bist so traut,  
gern werd ich deine liebe Braut. 

 
Er nahm sie mit sich in sein Land,  
die Hochzeit wurde gleich bekannt,  
dann führt er sie zum Throne hin,  
als seines Herzens Königin.  
 
Ei jaja, nach einem Jahr,  
da hatte schon das Königspaar,  
mit Augen blau und Haar wie Gold,  
den kleinen Prinzen lieb und hold.  
 
Ei jaja, da freuten sich,  

die Untertanen königlich,  
zufrieden gingen sie nach Haus –  
und nun ist auch mein Märchen aus.« 
 
Das gab nun einen Applaus, der das Kind beglückte. Stolz 
zeigte es auf das Mädchen, das in der Runde wieder Platz 
nahm. 
»Das Lied hab ich von ihr. Sie hat es von meinem Papi, der 
hatte es von seiner Mutti.« 
»Nun fang bloß nicht an, die ganze Verwandtschaft 
aufzuzählen, bis ins graue Mittelalter«, unterbrach Theoda 

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sie lachend. 
»Ich bin ja schon still. Aber jetzt singst du noch etwas, ja?« 

»Mitnichten, mein Herzchen. Es ist höchste Zeit für dich, 
zu Bett zu gehen.« 
»Oh, Thedalein, nur noch ein kleines Lied.« 
»Nein, Alexa, man darf nichts übertreiben. Das weißt du 
doch, nicht wahr?« 
»Ja.« Das Köpfchen senkte sich. »Die Freuden, die man 
übertreibt, verwandeln sich in Schmerzen.« 
»Also.« 
Da stand das Kind auf und sah die Schwester flehend an. 
»Muß ich allein nach oben gehen?« 
»Nein, heute gehe ich noch mit dir.« 
»Ich gehe auch mit«, erhob sich die Baronin hastig. »Die 

Herrschaften werden entschuldigen.« . 
Sie taten es, wünschten den Gästen eine gute Nacht, und 
der junge Graf gab ihnen bis zur Treppe das Geleit. Als er 
ins Wohnzimmer zurückkam, hörte er den Vater sagen: 
»Die hängen dem Mädchen am Rock wie die Kletten. Bei 
dem Kind ist es ja zu verstehen, aber doch nicht bei der 
Mutter. War die Dame schon immer so hilflos, Witold?« 
»Ja. Sie war von jeher ein Treibhauspflänzchen, das nicht 
nur von den Eltern, sondern auch vom Gatten verzärtelt 
wurde.« 
»Na eben«, brummte der Vater. »Dafür hat er auch ihr 
Vermögen vergeudet und ließ sie außerdem noch mit 

einem Haufen Schulden zurück. Wenn sie da nicht die 
Tochter gehabt hätte, die so tapfer für alles einstand und 
noch einsteht, dann wäre es ihr wohl böse ergangen. Ich 
habe alle Hochachtung vor dem Mädchen, das kannst du 
mir glauben. Junge, wenn du das zur Frau kriegen kannst, 
dann greif mit beiden Händen zu.« 
»Das will ich ja, Vater. Aber leider kommt sie mir auch 
nicht mit dem kleinsten Schritt entgegen.« 
»Das kannst du von so einem Mädchen auch nicht 
verlangen. Das ist aus anderem Holz geschnitzt als das 
Gesindel, mit dem du dich bisher abgegeben hast. 

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Einschließlich dieser komödiantenhaften Blanka, die dir 
gleich beim ersten Antipp liebesäuselnd an die Brust sank. 

Um so ein Elitegeschöpf wie die Baronesse muß man erst 
werben.« 
»Womöglich sieben Jahre wie Jakob um seine Rahel«, warf 
Witold lachend ein, und Onkel Egbert schmunzelte. 
»Dann schon lieber wie Parzival, der tumbe Tor.« 
»Laßt den Jungen in Ruhe!« griff Niekchen ein. »Der 
braucht nicht zu dienen, auch nicht zu toggenburgern, der 
wird die Baronesse auch ohne das zur Frau kriegen. So 
töricht ist die nicht, um so eine Bombenpartie 
auszuschlagen und einen so großmütigen Mann, der ihr 
Anhängsel mitheiratet, es unterhält…« 
»Halt ein!« unterbrach die Gräfin sie lachend. »Da gehen 

dir in deiner Entrüstung die Pferdchen durch, wie sie es ja 
immer tun, wenn du deinen Abgott Witold verteidigst. Von 
Unterhalten kann nicht die Rede sein, da die Baronin 
Pension bekommt, die für ihre und Alexas Garderobe 
ausreicht, zumal sie sehr bescheiden sind. Und ob hier 
zwei Personen mit zu Tisch sitzen, spielt in dem großen 
Haushalt keine Rolle, und Platz ist in dem großen Haus 
übergenug. 
Allerdings hegte auch ich Bedenken, der Baronin und ihrer 
Jüngsten Wohnrecht zuzubilligen. Ich fürchtete, daß Alexa 
sehr verzogen sein würde, wie das bei Nachkömmlingen so 
üblich ist. Daß man dem Zuckerpüppchen nur ja nicht zu 

nahe treten dürfte, um die vernarrte Mama nicht zu 
kränken. Doch Alexa hat mich mit ihrer wohlerzogenen Art 
eines anderen belehrt, und mit der Baronin muß jeder 
Mensch auskommen, sofern er nicht ein Zankteufel ist. 
Und das sind wir hier alle nicht, will ich meinen. 
Und was Theoda betrifft, da könnte ich mir keine bessere 
Schwiegertochter wünschen. Natürlich wird auch sie ihre 
Fehler haben, weil ja kein Mensch vollkommen ist. Aber 
die will ich gern in Kauf nehmen, nachdem ich der Gefahr 
entronnen bin, ein so minderwertiges Subjekt wie Blanka 
in unsere Familie zu bekommen.« 

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»Da sprichst du mir ganz aus dem Herzen, liebe Frau«, 
bemerkte der Gatte, und sein Bruder Egbert nickte dazu, 

Niekchen aber brummte: 
»Daß ihr mich nur so mißverstehen konntet. Ich habe ja 
gar nichts gegen die Synots, sie gefallen mir sehr gut. Nur 
daß unser prächtiger Junge da dienen und scharwenzeln 
soll…« 
Herzliches Gelächter unterbrach ihre Rede, und Niekchen 
war viel zu gutmütig, um das übelzunehmen. Sie lachte 
sogar mit. So war denn wieder die Einigkeit da, die das 
Zusammenleben der fünf Menschen so friedvoll gestaltete. 
»Ein bißchen Scharwenzeln könnte dem Schlingel gar 
nichts schaden«, besah sich der Vater seinen Jungen, diesen 
Prachtkerl, auf den er stolz war. »Damit seine 

Siegessicherheit mal einen kleinen Dämpfer bekommt. 
Und ich glaube, daß Baronesse Theoda das schon besorgen 
wird. Zwar kann man einen Menschen nach einigen 
Stunden Kennenlernens noch nicht abschließend 
beurteilen, aber soweit steht mein Urteil schon fest, daß 
dieses Mädchen so rein und klar ist wie ein Bergquell – 
nicht ein so trüber Wassertümpel wie die Blanka. Und was 
ist deine Ansicht, Egbert?« 
»Daß die Baronesse auf alle Fälle liebenswert ist.« 
Als Theoda am nächsten Morgen erwachte, mußte sie sich 
erst besinnen, wo sie war. Doch als sie das erfaßt hatte, 
wurde sie hellwach. Wohlig rekelte sie sich im weichen 

Pfühl, ließ dabei die Blicke im Zimmer umherschweifen. 
Ein Gastzimmer so pompös auszustatten, konnten sich nur 
diejenigen erlauben, die viel Geld hatten. Und daran war 
bei den Rodelands nie Mangel gewesen, wie Theoda vom 
Hörensagen wußte. Wenn damals, als er noch in ihrem 
Elternhaus verkehrte, die Rede von ihm war, hieß es 
allgemein: Der Mensch hat Geld wie Heu. 
Theoda erinnerte sich auch, daß man ihn einen 
charmanten Schwerenöter nannte, daß er auf Frauen 
unwiderstehlich wirkte, daß sie ihm ohne Bemühen 
seinerseits zufielen. Damals hatte sie das noch nicht so 

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recht verstanden, aber heute konnte sie sich denken, wie 
amourös sich seine Reisejahre gestaltet hatten. Und wie die 

Katze nicht das Mausen lassen kann, so kann ein 
Schwerenöter seine Amouren nicht lassen. 
Und sie nicht die Wenn und Aber, wie sie unwillig 
feststellte. Damit sollte sie sich nun wirklich nicht ihren 
Verstand beschweren. Ihrem Schicksal entging sie ja doch 
nicht. Sich dagegen wehren? Welch ein vermessenes 
Beginnen. Wie sagt Grillparzer: 
Willst du mit den Kinderhänden in des Schicksals Speichen 
greifen? Seines Donnerwagens Lauf, hält kein sterblich 
Wesen auf. 
Also auch sie nicht. Was von der Vorsehung für sie 
bestimmt war, das erfüllte sich auch. 

Nach diesem Schlußstrich gab sie ihren Gedanken eine 
andere Richtung. Sie schaute zu dem Bett hinüber, in dem 
Alexa friedlich schlummerte. So bald würde sie nicht 
erwachen, da sie gestern später als gewöhnlich schlafen 
gegangen war. Die Mutter pflegte vor zehn Uhr sowieso 
nicht zu erwachen, und Familie Rodeland würde am 
Feiertag auch nicht so bald aus den Federn finden, wie spät 
war es? Zwanzig Minuten vor acht. Somit blieb ihr 
reichlich Zeit, draußen auf Entdeckungsreisen auszugehen. 
Was sie denn auch tat. Kein Laut war in dem weiten Schloß 
hörbar, als sie die breite Treppe hinunterschlich, auf dessen 
Läufer man wie in Watte trat. Die Halle mutete wie eine 

Kirche an, so hoch, so weit, so prunkvoll und feierlich. 
Später wollte sie all das Wunderbare genau in Augenschein 
nehmen, jetzt jedoch zog es sie nach draußen. 
Als sie gerade dabei war, den komplizierten Verschluß der 
Portaltür zu ergründen, ließ eine lachende Männerstimme 
sie herumfahren. 
»Ja, Theoda, willst du etwa ausbrechen und hast nun Angst 
vor der eigenen Courage?« 
»Toi, toi, toi, Witold, hast du mich erschreckt! Schläfst du 
denn nicht mehr?« 
»Nicht gut möglich, da ich vor dir stehe.« 

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»Hast recht. Wie ich sehe, bist du im Skidreß. Also dann: 
Skiheil!« 

»Willst du mich nicht begleiten?« 
»Jetzt sage ich: Nicht gut möglich – ohne Bretter.« 
»Zu denen kann ich dir verhelfen.« 
»Bitte nicht«, wehrte sie ab. »Ich bin schon lange nicht 
mehr gelaufen.« 
»Wie kommt denn das? Du warst doch schon als Kind 
sicher auf den Brettern.« 
»Das schon, aber jetzt kann ich den Sport nicht mehr 
ausüben. Erstens habe ich keine Zeit dazu, weil ich ja den 
ganzen Wirtschaftskram erledigen und außerdem noch 
schriftliche Arbeiten zu bewältigen habe, und dann fehlt 
mir die Gelegenheit; denn ich bin seit vier Jahren 

überhaupt nicht mehr aus der Stadt herausgekommen.« 
»Kaum zu glauben«, schüttelte er den Kopf. »Wo willst du 
überhaupt hin?« 
»Spazierengehen.« 
»Dann begleite ich dich.« 
Ehe sie noch dagegen protestieren konnte, hatte er mit 
einem Handgriff den Türverschluß gelöst. 
»So einfach ist das?« staunte das Mädchen. 
»Alles ist einfach, wenn man es versteht. Bitte sehr«, ließ er 
ihr den Vortritt und zog hinter sich die schwere Tür am 
Knauf fest zu. 
»Wohin möchtest du deine Schritte lenken?« 

»Egal. Führe mich, ich folge errötend deinen Spuren.« 
»O daß es immer so bliebe«, blitzte er sie an und mußte 
dann erst einmal den Angriff der Hunde abwarten, die auf 
ihn zugerast kamen. Voran der prächtige Spaniel Harras 
und hinterdrein der gleichfalls bildschöne aber auch freche 
Dackel Lorbaß. 
Es folgte eine freudige Begrüßung, in die auch das neue 
Frauchen mit einbezogen wurde. Von den treuen Gesellen 
umsprungen, schritt das Paar nun auf schmalen Wegen 
dahin, die durch den tiefen Schnee geschaufelt waren, dem 
riesigen Hof zu, auf dem Feiertagsruhe herrschte. Er war 

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von langgestreckten Stallungen, Scheunen, Speicher, 
Schuppen und Remisen an drei Seiten umschlossen. Die 

vierte Seite wies kleinere Gebäude auf, im Villenstil erbaut. 
Die ihnen vorgelagerten Ziergärten waren jetzt natürlich 
verschneit. 
»Sind die Häuser aber schmuck«, sagte Theoda 
bewundernd. »Wer bewohnt sie?« 
»Die Gutsbeamten. Oberinspektor, zwei Inspektoren, drei 
Eleven, der Rentmeister und zwei Buchhalter. Das 
langgestreckte Haus an der rechten Seite ist das 
Verwaltungsgebäude, und die Häuser der Gutsarbeiter und 
Handwerker – komm, ich werde sie dir zeigen.« 
Er ging auf das große Tor zu, welches sich dem 
Verwaltungsgebäude anreihte und seitlich gegen einen Stall 

stieß, also das Geviert des Hofes abschloß. Es war 
verschlossen, jedoch die kleine Pforte daneben stand offen. 
’ . 
Sie passierten sie und befanden sich nun auf einem weiten 
Platz, der sich bis zum Wald hinzog. Es war Ackerland, das 
nun unberührter Schnee deckte. Es zog sich auch 
rechtsseitig bis zum Wald hin. Links jedoch wurde das 
weite Land von einer Straße durchschnitten, zu deren 
beiden Seiten kleine Häuser mit angebautem Stall standen. 
Alles schmuck und sauber, gehegt und gepflegt. Aus den 
Schornsteinen kräuselte heller Rauch zum klarblauen 
Winterhimmel empor. »Ist das hübsch«, sagte Theoda 

entzückt. »So was bekommt man in der Großstadt nicht 
zusehen. Als hätte man die kleinen Häuser einer 
Spielzeugschachtel entnommen und sie in Glitzerwatte 
gestellt, so muten sie an. Eine Menge Menschen, die bei dir 
in Lohn und Brot stehen.« 
»Und sind noch längst nicht alle. Denn zu der Herrschaft 
Rodeland gehörten noch ein Nebengut, drei Vorwerke, 
Förstereien, Mühle, Ziegelei und Brennerei.« 
»Mein Gott, Witold, du bist ja ein König.« 
»Stopp ab, mein Kind. Rodeland gehört immer noch 
meinem Vater, ich bin nur sein Handlanger.« 

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»So siehst du gerade aus«, bemerkte sie trocken. 
»Hadschiii!« 

»Gesundheit! Nun aber mal hopp, daß du ins Warme 
kommst, bevor du dir noch den Schnupfen holst. Für 
dieses eisige Lüftchen bist du viel zu leicht angezogen.« 
So kehrten sie denn um und gingen raschen Schrittes dem 
Schloß zu, mit den munteren Hunden als Vorhut. Der 
Schnee knirschte unter den Füßen. Der eisige Wind, den sie 
jetzt von vorn hatten, schnitt ins Gesicht wie scharfe 
Messer. 
Witold schob seine Hand unter ihren Arm und zog sie im 
Eilschritt mit sich fort. Der Seniordiener Daniel, der durch 
die Portaltür gehen wollte, hielt sie nun für die 
Herbeieilenden offen, so daß sie unverweilt in die Halle 

kamen, wo ihnen die Wärme entgegenschlug. 
»Du hast aber einen Schritt am Leibe«, japste die Baronesse. 
»Dabei muß einem schon die Puste ausgehen.« 
»Besser ein Moment ohne Puste, als ein tagelanger 
Schnupfen«, entgegnete er ungerührt, während er an ihrer 
Seite die breite Treppe emporstieg. Oben angekommen, 
fragte Theoda, wann sie sich zum Frühstück einfinden 
müßte und erhielt die Antwort: 
»Ganz nach Belieben. Allerdings nicht am Abend«, setzte er 
lachend hinzu, verschwand dann in seinem Zimmer, 
Theoda in dem ihren, wo sie Alexas Bett leer fand. Sie war 
zu der Mutter geflüchtet und empfing nun die Schwester 

aufgeregt. 
»Theoda, wo warst du bloß. Ich habe einen richtigen 
Schreck gekriegt, als ich dich in unseren Räumen nicht 
vorfand.« 
»Und da hast du nun die Mutti geweckt.« 
»Ja, was sollte ich denn anders machen, wenn ich mir 
keinen Rat wußte. Das kommt davon, wenn du mich allein 
läßt.« 
»Hör mal, Alexa, wenn du mir auch zu Hause ständig am 
Rock hängst, so wird sich das hier in dem großen Haus 
nicht durchführen lassen. Verfuge dich jetzt ins Bad und 

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trödel dort nicht lange.« 
»Kind, du bist ja so kurz angebunden«, sagte die Mutter 

weinerlich, als Alexa gegangen war. »Wo warst du 
überhaupt?« 
»Ich machte einen Spaziergang, wobei mich der junge Graf 
begleitete. Hast du gut geschlafen?« 
»So einigermaßen. Sag mal, Theoda, hat der junge Graf – 
ich meine, hat er – gab er dir zu verstehen…« 
»Mutti, was stotterst du da bloß zusammen. Nein, er hat 
nicht und er gab nicht.« 
»Kind, deine Gelassenheit möchte ich haben.« 
Weiter konnten sie nicht sprechen, da Alexa eintrat, die ja 
von alledem keine Ahnung hatte, was hier gewissermaßen 
in der Luft lag. Man wollte sie auch in dieser 

Ahnungslosigkeit lassen. Sie war immerhin ein Kind von 
zehn Jahren, das sich verplappern und damit eine peinliche 
Situation heraufbeschwören konnte. 
»Na, du hast doch heute Katzenwäsche gehalten, sonst 
würdest du bestimmt noch nicht hier sein.« 
»Och, Thedalein, einmal ist keinmal. Was zieh ich an?« 
»Das Schottenkleidchen.« 
»Ach ja, das ist hübsch.« 
Eifrig zog die Kleine sich an, und auch Theoda fand in 
ihrem kargen Vorrat etwas Passendes. Nicht sehr elegant, 
aber nett und gefällig. Jedenfalls sah die Baronesse darin 
wie ein Bild aus, und das war ja schließlich die 

Hauptsache. 
»Mutti, nun kommst du an die Reihe.« 
»Ach, Kind, ich bin doch gewohnt, bis zehn Uhr zu 
schlafen, kann ich das nicht auch hier? Ich behellige doch 
damit niemanden.« 
»Aber das Frühstück… Nun, ich will mal sehen.« 
Sie ging mit Alexa ins Frühstückszimmer, wo sie Familie 
Rodeland vereint vorfanden. Die Kleine bekam wieder 
Schokolade, worüber sie natürlich strahlte. Theoda sah 
man es direkt an, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, und 
man konnte sich sogar denken, was es war. 

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»Die Frau Mama muß nach ihrer Krankheit wohl noch viel 
ruhen«, begann die Gräfin diplomatisch. »Da ist es wohl 

am besten, wenn sie das Frühstück im Bett einnimmt, nicht 
wahr, Baronesse?« 
»Danke, Frau Gräfin, ich wagte es gar nicht, darum zu 
bitten.« 
»Kindchen, um eine Selbstverständlichkeit braucht man 
doch nicht zu bitten. Wann pflegt die Frau Mutter zu 
frühstücken?« 
»Um zehn Uhr.« 
»Soll alles bestens erledigt werden. Wie mein Sohn 
erzählte, haben Sie bereits einen Morgenspaziergang 
gemacht. Hoffentlich haben Sie sich bei dem eisigen Wind 
nicht erkältet.« 

»O nein, Frau Gräfin, so leicht geht das bei mir nicht. Ich 
bin ziemlich abgehärtet.« 
Als man nach dem Frühstück im Wohnzimmer saß, sagte 
der Senior: 
»Nun machen Sie mal einen Vorschlag, Baronesse, was wir 
heute unternehmen könnten.« 
»Du tust aber recht großspurig, mein lieber Mann«, lachte 
die Gattin. »Was kann man im Winter auf dem Lande 
schon viel unternehmen. Heute noch nicht einmal 
Schlitten fahren oder Ski laufen, weil es eisig kalt draußen 
ist.« 
Während man sich unterhielt’, hatte sich der Dackel 

herangeschlichen und saß nun plötzlich auf Alexas Schoß, 
die vor Schreck aufschrie. 
»Willst du wohl machen, daß du da herunterkommst!« 
verwies Witold ihn scharf. 
»O bitte nicht, er ist so lieb.« 
»Obgleich er dich so erschreckte?« 
»Das ist doch schon vorbei. Was bist du doch bloß für ein 
goldiges Kerlchen. Ob er mit mir spielen mag, Frau 
Gräfin?« 
»Ich glaube schon, Alexa. Er ist noch jung und daher 
verspielt, genauso wie Harras. Tummle dich nur mit 

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ihnen.« 
»Wo darf ich das?« 

»Durch das ganze Haus.« 
»Oh, danke!« sprang die Kleine freudestrahlend auf. Ihr 
klingendes Lachen mischte sich mit dem Freudegebell der 
Hunde, das immer ferner klang. 
»Die sind gut untergebracht«, bemerkte Niekchen. »Ist das 
Kind immer so musterhaft artig, Baronesse?« 
»Wenn auch nicht ganz so, aber artig muß sie schon sein. 
Es hat schwer genug gehalten, sie soweit zu bekommen. 
Mein Vater hatte sie nämlich maßlos verzogen, daß sie zur 
Plage wurde und es auch geblieben wäre, hätte ich nach 
seinem Tode nicht freie Hand gehabt, um energisch 
durchgreifen zu können. So habe ich ihr denn allmählich 

den Trotzkopf ausgetrieben.« 
»Und wer hat dir den deinen ausgetrieben?« fragte der 
junge Graf neckend. »Denn soweit ich mich erinnern kann, 
warst du ein recht eigenwilliges Persönchen.« 
»Und bin es auch noch. Allerdings nur da, wo es 
angebracht ist.« 
»Und wann wäre es angebracht?« 
»Gleich – wenn du mich immer weiter herausforderst«, gab 
sie schlagfertig zurück und hatte damit die Lacher auf ihrer 
Seite. 
»Kann Alexa auch keinen Unfug machen?« erkundigte sie 
sich dann, doch die Gräfin winkte beruhigend ab. 

»Erstens traue ich das dem wohlerzogenen kleinen 
Mädchen nicht zu, und dann wüßte ich nicht, wobei sie 
etwas anstellen könnte. Wahrscheinlich landet sie, von den 
Hunden geführt, in der Küche, wo die Mamsell, die ein 
Kindernarr ist, ihr Leckerbissen zustecken wird.« 
Und so war es auch. Alexa strahlte über das ganze 
Gesichtchen, als sie wieder auftauchte und doch so 
schrecklich viel zu berichten wußte. Die Küche wäre so 
groß, daß ein Omnibus darin Platz hätte. Und der Herd in 
der Mitte, den könnte man bestimmt mit zwanzig Töpfen 
bestellen. Und dann die liebe, gute Mamsell. 

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»Was alles hat sie dir denn zugesteckt?« unterbrach die 
Schwester den enthusiastischen Bericht. 

»Nicht viel, Theoda, wirklich nicht. Für mehr dankte ich, 
weil ich hörte, daß es zu Mittag Hasenbraten gibt. Zwar 
habe ich noch keinen gegessen, aber immer gehört, daß er 
ganz köstlich schmecken soll. Mamsellchen fragte mich, ob 
ich sie nach dem Mittagessen in ihrer Stube besuchen 
wollte, sie hätte da was Schönes für mich. Ist das erlaubt, 
Frau Gräfin?« 
»Von mir aus gern.« 
»Und was sagst du, Theoda?« 
»Ja.« 
Worauf sie stürmisch umhalst und geküßt wurde. Dann 
nahm die Kleine Platz und lachte alle der Reihe nach an. 

»Wo hast du die Hunde gelassen?« wollte nun die 
Schwester wissen. 
»Die sind in der Küche geblieben, wo sie ihr Mittagessen 
bekamen. Eine große Schüssel, aus der nicht nur sie 
gemeinsam fraßen, sondern auch zwei Katzen. Und alle 
vertrugen sich, ist das nicht hübsch? Ach, Theoda, es ist so 
wunderschön hier, ich möchte überhaupt nicht mehr fort.« 
Zum Glück schlug gerade jetzt der Gong an, so daß 
niemand auf das kindliche Geständnis zu antworten 
brauchte. Dann hätte man doch wenigstens eine 
Andeutung von dem machen müssen, worum man hier wie 
die Katze um den heißen Brei ging. 

Auch der junge Graf. Mit keinem Wort kam er auf sein 
Angebot zurück. Warum nicht, konnte Theoda sich denken. 
Er hatte sie hergeholt, um sie den Seinen zu offerieren, 
denen sie wohl nicht recht zusägte, was sie sich natürlich 
nicht merken ließen. Liebenswürdig würde man sie 
verabschieden, ohne sie allerdings um ein Wiedersehen zu 
ermuntern – und damit holla! 
So gingen denn die letzten Tage im Jahr dahin, an denen 
man sich bei dem herrlichen Winterwetter viel im Freien 
tummelte. Theoda war von der Gräfin aus deren Bestand 
mit Skier und Dreß ausgerüstet worden, so daß sie mit den 

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anderen wenn auch nicht mithalten, so doch mitmachen 
konnte; denn sie waren durchweg vorzügliche Läufer. Alexa 

rodelte mit Begeisterung, und die Baronin machte 
geruhsame Spaziergänge. 
Abends vertrieb man sich die Zeit mit allerlei Spielen. 
Theoda versuchte sich sogar mit dem Grafen Egbert beim 
Schachspiel, wobei sie gar nicht so schlecht abschnitt. Und 
ehe man sich so recht versah, war es Silvester geworden. 
Als Theoda an dem Morgen erwachte, kam Alexa gerade 
aus dem Badezimmer. 
»Na endlich«, sagte die Kleine mißbilligend. »Wie kann 
man nur so lange schlafen.« 
»Ach sieh mal an«, gähnte die Schwester herzhaft. »Ich 
kenne eine kleine Schlafmütze – du auch?« 

»Das bin ich nur zu Hause, wo so gar nichts los ist.« 
»Und ich nahm immer an, daß du recht zufrieden mit 
deinem Zuhause warst.« 
»War ich auch«, warf das Kind hastig ein. »Als ich noch 
nicht wußte, wie wunderschön es hier ist. Ich will gar nicht 
an übermorgen denken, wo wir fort müssen.« 
Das letzte klang schon tränenerstickt, was die Schwester 
nicht zu bemerken schien. Was sollte sie der Kleinen auch 
sagen? Sie wußte ja selbst nicht, woran sie war. 
»Was wirst du denn heute unternehmen?« fragte sie 
ablenkend. »Hast du schon einen Plan?« 
»O ja«, strahlten die Augen schon wieder. »Nach dem 

Frühstück helfe ich Mamsellchen kleine Kuchen 
ausstechen, dann setzen wir eine Bowle an, anschließend 
wird sich schon noch mehr vergnügliche Arbeit finden. 
Hör mal, Theoda, ob ich die Frau Gräfin fragen soll, ob ich 
– zu den Osterferien wieder hierherkommen darf? 
Mamsellchen gab mir nämlich den guten Rat.« 
»Den ich aber gar nicht gut finde, Alexa. Wenn die Frau 
Gräfin dich hierhaben will, wird sie dich von selber 
einladen. Du hast mich doch verstanden?« 
»Ja«, schluckte sie nun schon wieder an den Tränen. »Wenn 
du das ungehörig findest, lasse ich es eben bleiben.« 

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Flugs war sie hinaus, und Theoda warf einen Blick auf die 
Nachttischuhr. Halb acht, also Aufstehzeit. Zwar hätte die 

Gräfin ihr gesagt, daß sie am gemeinsam men Frühstück 
um acht Uhr nicht teilzunehmen brauchte, aber nachtafeln, 
wie man es nennt, mochte Theoda nicht. Es war schon 
genug, daß der Mutter um zehn das Frühstück ans Bett 
gebracht wurde, da wollte sie nicht noch Umstände 
machen. 
So zog sie sich denn an und kam gerade noch knapp zum 
gemeinsamen Frühstück zurecht, wo Alexa sie aufgeregt 
empfing. 
»Denk mal, Theoda, ich darf mit der Frau Gräfin im 
Schlitten ins Dorf fahren. Wenn du willst, kannst du 
mitkommen.« 

»Wie gnädig. Hast du darüber zu bestimmen?« 
»Natürlich nicht«, lief das Gesichtchen rot an. »Verzeihung, 
Frau Gräfin.« 
»Gewährt, Kleinchen. Somit lade ich denn deine gestrenge 
Schwester ein. Angenommen?« 
»Von Herzen gern.« 
Nach dem Frühstück ging die Reise los. Diesmal fuhr man 
im kleinen Schlitten, im Pelzwerk steckend bis zur 
Halskrause. Der Kutscher auf dem Bock sah in dem 
zottigen Mantel wie ein Teddy aus. 
Es war ganz herrlich, durch den verschneiten Wald zu 
fahren. Dick lag der Schnee auf den Bäumen. Und als jetzt 

gar die Sonne durchbrach, hatte man das Gefühl, in einen 
glitzernden Märchenwald geraten zu sein. 
Die kurze Strecke bis zum Dorf war bald zurückgelegt. Wie 
in Watte versenkt standen die Häuser, in deren Fenstern 
sich die Sonne spiegelte. Auf der Straße klingelten 
Schlitten. Passanten hasteten vorüber, um die Läden zu 
erreichen, die um zwölf Uhr geschlossen wurden. Vor 
einem Haus balgten sich Kinder im Schnee. Ihr helles 
Lachen klang weit durch die klare Winterluft, und Alexa 
lachte fröhlich mit. 
Der Schlitten hielt vor einigen Läden, aus denen der 

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Kutscher Pakete holte, deren Inhalt telefonisch bestellt war. 
In den einen Laden jedoch, in dessen Schaufenster bunter 

Krimskrams lag, ging die Gräfin persönlich. Als sie nach 
geraumer Weile an den Schlitten trat, folgte ihr ein Junge 
mit einem großen Paket, der dann beglückt mit einem 
Trinkgeld abzog. 
»So, das wäre nun auch geschafft«, sagte die Gräfin 
zufrieden, als man wieder heimwärts fuhr. »Wir auf dem 
Lande haben es nicht so einfach wie die Städter, denen die 
Geschäfte auf der Nase liegen. Wir müssen erst immer ins 
Dorf oder gar in die Stadt, um unsere Besorgungen zu 
machen.« 
»Aber das ist doch gerade schön«, beteuerte Alexa. »So 
schön, daß ich…« 

»Nun, warum sprichst du nicht weiter?« 
»Bitte nein«, wehrte das Kind verlegen mit einem raschen 
Blick auf die Schwester. »Ich rede manchmal dummes 
Zeug. Aber da ist ja ein Eichhörnchen!« zeigte sie aufgeregt 
auf das possierliche Tierchen, das aufrecht sitzend etwas in 
den Pfoten hielt und daran knabberte. Es blieb auch ruhig 
sitzen, als der Schlitten an ihm vorüberfuhr, sah die 
Menschen zutraulich mit den blanken Augen an. »Ist das 
süß! Ob es sich fangen läßt?« 
»Ich glaube nicht«, lächelte die Gräfin über den kindlichen 
Eifer. »Die Tierchen lieben ihre Freiheit und verteidigen sie 
mit den scharfen Zähnen.« 

Der Schlitten fuhr nun aus dem Wald auf freies Gelände, 
das jedoch weiter hinten wieder von Wald umschlossen 
wurde. Behütet wie im Mutterschoß lag Rodeland da, mit 
seinen Feldern und Wiesen, Koppeln und Weiden, Bach 
und See. Wie ein größeres Dorf wirkte das Gut mit seinen 
vielen Häusern, die Schloßkapelle wie die dazugehörende 
Kirche. Ein schöner Besitz, ein stolzer Besitz. Bevorzugte 
Menschen, die ihn ihr eigen nannten. 
Man fuhr jetzt durch das Tor an der Rentmeisterei vorbei, 
über den Hof, um die Anlagen herum zum Schloßportal, 
wo der Diener Daniel die Herrschaften in Empfang nahm. 

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In der Halle stand die Baronin so ängstlich wie ein kleines 
Kind, das die Mutter allein ließ. 

»Gott sei Dank, daß ihr da seid«, stieß sie einen Stoßseufzer 
aus. »Ich dachte schon, daß…« 
»Daß die Wölfe uns gefressen hätten«, lachte Theoda 
hellklingend dazwischen. »Mutti, die tun uns nichts. Die 
sind so zahm, daß sie Pfötchen geben.« 
»Das hat man nun davon, wenn man sich um seine Kinder 
sorgt«, sagte Niekchen, die hinzugekommen war und die 
mutwilligen Worte gehört hatte. »Man wird einfach 
ausgelacht. Hast du in dem Laden alles bekommen, 
Susann?« 
»Ja – und noch mehreres darüber.« 
»Na wunderbar. Unsere drei Männer sind zur Bereicherung 

des Küchenzettels unterwegs, versprachen jedoch, zum 
Mittagessen zurück zu sein. Alexa, du strahlst ja wie ein 
ganzer Weihnachtsbaum. War denn die Fahrt so schön?« 
»Wunderschön! Wir haben sogar ein Eichhörnchen 
gesehen. Am liebsten hätte ich es gefangen.« 
»Hattest du denn auch Salz mit?« 
»Wozu denn das?« 
»Um es dem Tierchen auf den Schwanz zu streuen.« 
Zuerst stutzte die Kleine, dann lachte sie hell auf. 
»Das muß mir erst mal einer vormachen.« 
»Recht so«, strich die Gräfin über das Lockenköpfchen. 
»Laß dich nicht zum Narren machen.« 

Mit einem Lächeln, das nicht ganz frei war von Spott, sah 
sie auf die Baronin, die den Arm ihrer Ältesten 
umklammert hielt, als könnte diese ihr entrinnen. Sie 
entschuldigte sich bei den Gästen und ging dann, von 
Niekchen gefolgt, auf eine der reichgeschnitzten Türen zu. 
Theoda führte die aufgeregte Mutter nach oben, und Alexa 
flitzte in die Küche, um Mamsellchen mit ihrer Gegenwart 
zu beglücken. 
Der Tag verging wie jeder andere, doch nach dem 
Abendessen brachte er eine Überraschung. Heimlich hatten 
Susann und Niekchen eines der Zimmer, von denen es im 

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Schloß ja so viele gab, zur Silvesterfeier hergerichtet. An 
Schnüren hingen Lampions aus feuerfestem Material, 

Papierschlangen ringelten sich in leuchtenden Farben. Auf 
dem runden Tisch, den brokatüberzogenen Sessel 
umstanden, lockte extrabuntes Naschwerk. Ein anderer 
Tisch war zum Bleigießen und Glücksgreifen hergerichtet. 
Auf einem dritten lagen lustige Kappen, glitzernde Orden, 
Knallbonbons, harmlose Knallkörper und allerlei 
Scherzartikel. In der einen Ecke war die Bar hergerichtet, 
mit Flaschen, Gläsern, Delikateßplatten, und der 
Plattenspieler sollte die Untermalung zu all dem reizenden 
Unsinn geben. 
»Nun, wie haben wir das gemacht?« sah die Hausherrin 
lachend in die überraschten Gesichter, und der Gatte 

entgegnete überwältigt: 
»Also, Susann, du warst schon immer an Einfällen groß, 
doch dieser ist einer von den besten.« 
»Der diesmal aber von Niekchen stammt.« 
»Die Idee wohl, aber die Ausführende warst in der 
Hauptsache du.« 
»Daher fuhrst du auch am Vormittag ins Dorf«, ging dem 
Senior nun ein Licht auf. »Wohl befremdete mich das, da 
der Kutscher die vorbestellten Sachen hätte allein abholen 
können, aber was da gespielt wurde, das ahnte nicht mein 
harmloses Gemüt. Und jetzt werde ich mir eine Kappe 
aussuchen.« 

»Nichts, da, mein Lieber«, wehrte Niekchen. »So einfach ist 
das nicht, es wird gelost.« 
So geschah es denn auch. Und hätte das Los jedem das 
Seine beschert, wäre es ein seltener Zufall oder Schiebung 
gewesen. Aber die gab es hier nicht, da paßte Niekchen mit 
Argusaugen auf. 
Dafür lugte auch ihr leichtverschrumpeltes Gesicht gar 
putzig aus der Allongeperücke, die für den gelehrten Herrn 
Egbert bestimmt war. Auf dessen Haupt thronte nun 
Theodas schicker Florentiner mit den langen Samtbändern, 
sie trug stolz des Seniors Kürassierhelm, dessen Kopf 

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umschloß kokett Alexas scharlachrotes Häubchen, auf dem 
süßen Lockenköpfchen saß Niekchens Kapotthut, Witold 

trug sittsam das Perlenhäubchen der Mutter, sie seinen 
Maharadschaturban, und nur die Baronin allein hatte das 
für sie bestimmte Veilchenbarett erwischt. Daß man sich 
über den drolligen Anblick der Häupter halb totlachen 
wollte, war schließlich kein Wunder. 
Nach der Ordensverlosung gab es ein genauso stürmisches 
Gelächter. Daß Alexa ausgerechnet den Marabu bekam und 
Graf Egbert dafür den buntschillernden Kolibri, war schon 
ein lustiges Tauschgeschäft. Witold besah sich 
schmunzelnd die Puderquaste, sein Vater die gekreuzten 
Stricknadeln. Niekchen steckte sich kokett die Rose an, 
Susann schwang den Stiefelknecht, Theoda den 

Kochlöffeln, und ihre Mutter sah hilflos auf den 
Maharadschaorden, den sie sich eben so hilflos von der 
Tochter anstecken ließ. 
Nachdem man sich mit den Orden so herrlich geschmückt, 
setzte man sich um den runden Tisch. Witold füllte die 
Gläser, Theoda und Alexa holten die lukullischen Bissen 
herbei, denn Lachen macht nun mal hungrig und sehr 
durstig. 
Es gab auch später immer noch herzlich zu lachen, beim 
Bleigießen, Glücksgreifen und anderen vergnüglichen 
Dingen mehr. Der Plattenspieler lieferte leichtbeschwingte 
Weisen, man war so richtig in Stimmung. Die Zeit verflog 

so rasch, daß man erstaunt aufhorchte, als der Senior sagte: 
»Meine Herrschaften, die letzte halbe Stunde des alten 
Jahres ist angebrochen. Gehen wir in den Saal hinüber, um 
am Weihnachtsbaum beim Lichterglanz das neue Jahr 
willkommen zu heißen.« 
Das gab nun ein freudiges Hallo. Theoda, die mit den 
anderen gehen wollte, wurde von Witold unauffällig 
zurückgehalten. Als sie beide allein waren, schloß er die 
Tür, zog das Häubchen vom Kopf, legte den Orden ab und 
wiederholte das bei dem Mädchen, das ihn unwillig ansah. 
»Ja, sag mal, was fällt dir denn plötzlich ein?« 

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»Sei still!« unterbrach er sie gelassen. »Es käme doch nur 
Unsinn heraus. Komm!« 

Ohne auf ihr Sträuben zu achten, zog er sie mit sich fort, 
durch die Halle in sein Arbeitszimmer hinein, wo er sie 
kurzerhand in einen Sessel drückte und vor ihr stehenblieb. 
Eine faszinierende Erscheinung, die in dem eleganten 
Abendanzug direkt einschüchternd wirkte. Theoda hatte 
das Gefühl, als stände das verkörperte Schicksal vor ihr, 
streckte unbarmherzig die Hand nach ihr aus. Ihre Augen 
flackerten, das Herz klopfte wie ein Hammer in der Brust. 
»Nun, Theoda?« klang die sonore Stimme auf, ganz ruhig 
und beherrscht. »Wie hast du dich entschieden?« 
»Ich kann dir das jetzt nicht sagen«, fuhr sie aus ihrer 
Benommenheit auf. »Du kannst mich hier doch nicht so 

einfach mit einer so schicksalsschweren Frage 
überrumpeln.« 
»Mein liebes Kind, du hast fünf Wochen Zeit gehabt, über 
diese, schicksalsschwere Frage nachzudenken. Nun will ich 
eine präzise Antwort haben – ja oder nein?« 
»Witold, so sieh es doch ein…« 
»Ich sehe gar nichts ein. Meine Geduld ist zu Ende.« 
Hart klang es und gebieterisch, scheu sah sie zu ihm auf. 
Fremd kam er ihr vor, als sähe sie ihn heute zum ersten 
Mal. Der da stand, war kein charmanter Schwerenöter, kein 
arroganter Weltmann, das war ein Herrenmensch, der 
keine Gnade kannte. Wäre ihr das nur früher zum 

Bewußtsein gekommen, dann hätte sie sein Anerbieten von 
vornherein entschieden abgelehnt und sich nicht erst in 
einen Kompromiß eingelassen. Eine Überheblichkeit von 
ihr, anzunehmen, daß sie diesem Mann gewachsen sein 
könnte. 
»Nun, Theoda, ich warte.« 
»Witold, bitte!« sprach sie nun in fliegender Hast. »Du und 
ich – das paßt doch nimmermehr zusammen. Ich habe ja 
keine Ahnung gehabt, was du bist, was du bedeutest. Das 
ist mir hier erst zum Bewußtsein gekommen, wo du wie ein 
König waltest in deinem Reich. Und ich, was bin ich – die 

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ich noch Mutter und Schwester am Rock hängen habe. Sind 
deine Angehörigen überhaupt mit deiner Wahl 

einverstanden?« 
»Wenn du das noch nicht gemerkt hast«, zuckte er die 
Achseln. »Bei deinem gescheiten Köpfchen eigentlich 
erstaunlich. Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, 
daß meine Angehörigen stolze, zurückhaltende Menschen 
sind, die sobald keinen in ihren Kreis aufnehmen, schon 
gar nicht mit Herzlichkeit. Das haben sie aber bei dir und 
den Deinen getan, von denen sie wissen, wie hilflos sie 
ohne dich wären. Daher ist es ihnen eine 
Selbstverständlichkeit, sie in die Hausgemeinschaft 
aufzunehmen. Noch etwas?« 
»Ja.« Sie senkte den Kopf. Heiße Glut schlug ihr ins 

Gesicht, die verkrampften Hände im Schoß flatterten. »Ich 
kann dir nicht – so schnell – mein Herz – erschließen.« 
»Darauf kann ich warten«, sprach er nun tiefernst. »Werde 
mir nie etwas nehmen, was du mir nicht freiwillig gibst.« 
Ein Knattern und Zischen, das von draußen kam, ließ ihn 
innehalten. Theoda fuhr erschrocken; zusammen. 
»Was ist das, Witold?« 
»Das sind unsere Leute, die uns zu Ehren ein Feuerwerk 
veranstalten, wie sie es jeden Silvester tun. Es sind nur noch 
Minuten bis zum Beginn des neuen Jahres, und ich möchte 
noch im alten deine entscheidende Antwort haben. Ja oder 
nein, Theoda?« 

»Wenn du mit mir Geduld haben willst, dann ja.« 
»Na endlich«, atmete er hörbar auf. »Du bist ein harter 
Brocken, mein Kind, das muß man dir schon lassen.« 
»Ach, Witold, ich habe ja auch nichts als meinen Stolz.« 
»Den dir auch niemand nehmen wird. Im übrigen keine 
Minderwertigkeitskomplexe, wenn ich bitten darf. Du bist 
mir an Geburt und Erziehung ebenbürtig und erfüllst 
damit unser Hausgesetz. Deine Hand bitte!« 
Ehe sie noch zur Besinnung kam, steckte ein Ring an ihrer 
Linken, der Wappenring der Rodeland. 
»Kommt der mir auch zu, Witold?« 

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»Nun ich dein Jawort habe, ja. Ich trage den gleichen, wie 
meine Eltern auch. Er ist das Signum der Rodeland. Nun 

aber die Beinchen in die Hand genommen, es läuten 
bereits die Glocken der Schloßkapelle.« 
Gleich darauf betraten sie den Saal, in dem die große 
Tanne im Lichterglanz erstrahlte. Sechs Menschen 
umstanden sie, die gefüllten Sektgläser in der Hand. Durch 
die geöffnete Balkontür hörte man lachende Stimmen, 
dazwischen Knattern und Zischen. 
»Na endlich«, trat der Senior dem Paar entgegen, dabei 
einen raschen Blick auf Theodas Hand werfend. »Das war 
die reinste Nervenfolter. Wie ich sehe, seid ihr einig?« 
»Ja.« 
»Na, wunderbar.« 

Er zog sie zum Baum, drückte ihnen gefüllte Gläser in die 
Hand – und schon holte die Uhr in der Kapelle zu zwölf 
tiefen Schlägen aus. Als sie verklungen waren, stieß man 
auf das neue Jahr an, schlüpfte in die bereitliegenden 
Mäntel, trat auf den Balkon und sah im hellen Schein der 
Bogenlampen viele Menschen unten stehen. Das Feuerwerk 
war erloschen, es herrschte tiefe Stille. 
Und nun setzte die Gutskapelle ein, begleitet vom 
brausenden Chor. Feierlich klang das »Nun danket alle 
Gott« durch die sternklare Winternacht. Es war eine 
Stimmung, die ans Herz griff. 
Mit dem letzten Ton verklang auch die Andacht. Ein 

jubelndes »Prosit Neujahr!« brauste zum Balkon hinauf, 
wo Susann und Niekchen aus großen Körben 
stanniolglitzerndes Naschwerk, Zigaretten und Tabak in die 
Menge warfen. Das gab eine lustige Balgerei, der die 
markige Stimme des Gutsherrn ein Ende machte. 
Regungslos standen sie still, die Gesichter zum Balkon 
erhoben, die Augen erwartungsvoll auf ihren Herrn 
gerichtet, der nun hinunterrief: 
»Meine lieben Freunde und Mitarbeiter, ich habe euch 
etwas Erfreuliches zu verkünden. Und zwar die Verlobung 
meines Sohnes mit der Baronesse von Synot.« 

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Zuerst Stille, doch dann brandete es jubelnd auf. Hochrufe 
wurden hörbar, Gratulationen in allen Variationen, ein 

kaum zu überbietender Tumult. 
»Habt ihr euch nun heiser geschrien, ja?« rief der Senior 
lachend hinab. »Dann seid mal einen Moment still. So ist 
es recht. Wir danken euch für die Glückwünsche, von 
denen wir wissen, daß sie aus euern Herzen kommen. 
Treten Sie mal näher an den Balkon, Herseleit, fangen Sie 
dieses auf. Was darin ist, gehört euch. Feiert lustig und 
trinkt auf unser aller Wohl.« 
Eine Brieftasche flog durch die Luft, die geschickt 
aufgefangen wurde. Jubelnder Dank, in den die Blasmusik 
hineinschmetterte. Die Kapelle an der Spitze, marschierten 
sie ab, aus voller Kehle singend: 

 
»Wir winden dir den Jungfernkranz 
mit veilchenblauer Seide.« 
 
Immer schwächer wurden Musik und Gesang, bis sie ganz 
verwehten. Die Bogenlampen verlöschten, der weite Platz, 
den vor Minuten noch jubelndes Leben beherrschte, lag 
schweigend da. Und am Himmel blinkten verheißungsvoll 
die Sterne. 
»Die Bande kann einen schon in Atem halten«, lachte der 
Senior in die Stille hinein. »Kommt, meine Lieben, jetzt 
können wir endlich an uns denken. Gehen wir in das 

gemütliche Zimmer zurück; denn die Kerzen am Baum 
sind bereits erloschen.« 
Man folgte ihm, legte in der Halle die Mäntel ab und betrat 
das Zimmer, das der gute Daniel inzwischen aufgeräumt 
und gelüftet hatte. Wohl hingen noch die Lampions, die 
jedoch nicht mehr brannten. Kein Krimskrams lag herum, 
alles war säuberlich in einen Karton getan. Auf der Bar 
standen noch die Flaschen, die Platten waren frisch belegt. 
»Nun kommt ihr beide mal her«, wandte der Senior sich 
dem Brautpaar zu. »Daß ich euch von ganzem Herzen 
Glück wünsche, brauche ich wohl nicht noch extra zu 

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betonen.« 
Er griff sich sein arg verlegenes Schwiegertöchterlein, 

drückte es schmunzelnd ans Herz, gab es dann an seine 
Frau weiter. Und so wanderte Theoda von einem Arm in 
den andern, hörte manch

1

 liebes, herzliches Wort. Man 

verbrüderte sich und war aus tiefster Seele froh. 
Nur die Baronin und ihre Jüngste nicht, die weinten. Daß 
die Mutter es tat, darüber wunderte sich Theoda nicht, da 
sie ihre rührselige Art kannte – aber Alexa? 
»Ja sag mal, was ist denn mit dir los?« zog sie das bitterlich 
schluchzende Kind zu sich heran, das sein Köpfchen 
versteckte, als schäme es sich der Tränen. »Hast du etwa 
einen Schwips?« 
»Dann würde ich doch lachen«, brach es aus dem arg 

bedrückten Herzchen heraus. »Ich bin so unglücklich, daß 
du nun hierbleibst und ich mit der Mutti allein nach Hause 
fahren muß. Was soll ich dort wohl anfangen ohne dich?« 
»Nun weine hier gefälligst unsere Braut nicht naß«, 
räusperte sich der Senior. »Komm einmal her zu mir, du 
kleines dummes Ding. Wischen wir mal erst die 
purzelnden Tränen ab. So, und nun paß mal auf, was ich 
dir sagen werde: du bleibst immer hier als unser Kind.« 
»Ja, geht denn das?« fragte sie atemlos. »Sind denn alle 
damit einverstanden?« 
»Sieh sie dir doch mal an.« 
Sie tat es und schaute in lauter zustimmend lächelnde 

Gesichter. Noch einige Herzstöße, dann ein jubelnder 
Schrei: 
»Danke, danke, danke!« 
Dann wurden alle umhalst und geküßt, bis das zappelnde 
Persönchen sich ermattet in einen Sessel sinken ließ, tief 
Luft holte und dann ernsthaft sägte: 
»Das vergesse ich euch nie.« 
»Na also«, schmunzelte der Senior. »Da hätten wir ja nun 
ein Töchterchen, Susann. Da es aber die Schwester unserer 
Schwiegertochter ist und die Schwägerin unseres Sohnes, 
die Baronin – pardon, die Thekla steht auch noch 

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dazwischen. Was sind wir nun eigentlich alle 
miteinander?« 

Das gab ein lustiges Auseinandersetzen, von dem man bald 
abließ, da die Köpfe für scharfes Denken denn doch zu 
umnebelt waren. Außerdem war man müde und folgte 
dem winkenden Bettzipfel. Theoda richtete es so ein, daß 
sie mit Witold zurückblieb und streckte ihm, als die andern 
hinter den Türen verschwunden waren, beide Hände hin, 
die er nacheinander an die Lippen zog. 
»Ich danke dir, Witold«, sagte sie leise. 
»Wofür denn, Theoda?« 
»Weil du doch – und wo du doch – und es könnte, wenn 
du hättest…« 
»Mädchen, was stotterst du da bloß zusammen«, 

unterbrach er sie kopfschüttelnd. »Ich hätte nie gedacht, 
daß du selbstsicheres Persönchen so in Verwirrung geraten 
könntest. Wer zu danken hat, bin ich, nicht du, dahinter 
wirst du schon noch kommen. Und nun: husch, husch, ins 
Körbchen, morgen früh ist die kurze Nacht vorbei. Schlaf 
gut.« 
Allein die Nacht wurde nicht kürzer, da man sie im 
verlängerten Morgenschlaf nachholte. Wie auf Verabredung 
fand man sich, außer der Baronin, um zehn Uhr zum 
Frühstück zusammen, ausgeschlafen, frisch und munter. 
Einstimmig wurde erklärt, daß man schon schlief, bevor 
man noch so richtig im Bett lag. Wenn man auch nicht bis 

zur Trunkenheit geprostet hatte, was bei diesen 
beherrschten Menschen sowieso nicht vorkam, einen 
Schwips hatte man sich schon geholt, bei der doppelten 
Feier zu Silvester und Verlobung. 
Daß das Brautpaar nicht miteinander koste, darüber 
wunderte man sich nicht, weil man ja wußte, daß es sich 
nicht aus überströmender Liebe fand. Aber die kam schon 
noch. Konnte unmöglich bei zwei so prachtvollen 
Menschen ausbleiben, welche die Natur mit allen Vorzügen 
verschwenderisch ausstattete. 
Als man nach dem Frühstück das Wohnzimmer betrat, 

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schlug der Fernsprecher an. Der Senior nahm den Hörer ab 
und sagte gleich darauf lachend: 

»Jawohl, es ist passiert, du darfst gratulieren. Ob sie sich 
verliebt anschmachten und Händchen halten? Das soll 
doch wohl ein Witz sein – na also. Natürlich seid ihr uns 
willkommen, das müßtet ihr nach der jahrzehntelangen 
Freundschaft nun endlich mal begriffen haben. Danke, 
werde ich bestellen, grüß auch du.« 
Er legte auf und sagte schmunzelnd: 
»Wer das war, habt ihr wohl dem Gespräch entnommen. 
Ganz zaghaft erkundigte sich der gute Julius, ob nun 
endlich passiert wäre, was doch so schicksalsschwer in der 
Luft lag. Zum Kaffee kommt er mit Luschchen her.« 
Innehaltend sah er den Menschen entgegen, die sich 

verlegen ins Zimmer schoben. Voran als Elite der 
Dienerschaft die Beschließerin und Kammerfrau Mathilde, 
Mamsellchen und der Seniordiener Daniel, hinter deren 
Rücken sich die anderen Bediensteten sicher fühlten. 
Nachdem sie alle dem Brautpaar Glück gewünscht hatten, 
zogen sie zufrieden ab. Alexa, die ihnen folgen wollte, 
wurde von Niekchen zurückgehalten. 
»Bleib mal hier, mein Herzchen, ich muß Maß nehmen.« 
»Wozu denn, Tante Niekchen?« 
»Ich will dir einen Pullover stricken«, erklärte sie, dabei das 
Zentimetermaß in Bewegung setzend und die Zahlen im 
Büchlein vermerkend. »Den du hast, der ist wohl ganz nett 

für die Stube, doch für draußen ist er zu dünn. Hast du 
einen besonderen Wunsch?« 
»Wenn ich darf, dann bitte weiß mit blau und dick.« 
»Sollst du haben.« 
»O du liebe, gute Tante Niekchen!« wurde sie nun 
stürmisch umhalst. »Das dank ich dir aber sehr.« 
»Ist schön gut, mein Liebes«, war Niekchen gerührt. »Da 
will ich doch mal gleich im Wollvorrat nachsehen.« 
Geschäftig wieselte sie ab, Alexa mit ihr, und die 
Hausherrin sagte lachend: 
»Da ist unser Niekchen aber mal in ihrem Element. Alexas 

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Freude war aber auch rührend. Ein Zeichen, wie 
unverwöhnt sie ist.« 

»Es hat bei uns ja auch immer nur zum Notwendigsten 
gelangt«, gab Theoda zu bedenken. »Selbst da mußte noch 
eingeteilt werden.« 
»Wobei für dich herzlich wenig übrigblieb«, warf der 
Verlobte trocken ein. »Ich habe mir nämlich den 
Gabentisch von Mama und Alexa angesehen, aber auch den 
deinen.« 
»Na und?« fragte sie, als er vielsagend schwieg. »Sie haben 
mir das geschenkt, was sie mit ihrem kargen Taschengeld 
konnten, da ich ja die Kasse verwalte. Ich habe mir gekauft, 
was notwendig war.« 
»Merkt man an deinem schäbigen Mantel!« 

»Laß jetzt endlich meine Tochter in Ruhe!« griff der Vater 
ein. »Es ist doch wohl aller Ehren wert, wie selbstlos sie für 
Mutter und Schwester gesorgt hat. Es gibt auch andere, 
sogar in überwiegender Mehrzahl, die ihrer Mutter die 
letzte Mark aus der Tasche ziehen, um sich zu putzen. Die 
sich von ihr bedienen lassen, um nur ja Zeit für ihre 
Vergnügungen zu haben. Denk an Blanka.« 
»Na, die wollen wir doch nun wirklich nicht mit Theoda in 
einem Atemzug nennen«, Winkte der Sohn ab! »Sprechen 
wir

r

 von erfreulicheren Dingen. Von unserm Hochzeitstag. 

Wie wäre es mit Ende Januar, Theoda?« 
»Mir schon recht. Wenn ich morgen nach Hause fahre…« 

»Warum so überstürzt?« 
»Weil übermorgen Alexas Ferien zu Ende sind. Wie soll es 
übrigens hier mit der Schule werden?« 
»Gar nicht«, meldete sich Graf Egbert. »Ich werde Alexa 
unterrichten, wie ich Witold unterrichtet habe.« 
»Und zwar so vortrefflich, daß ich, als ich in die Prima 
eingeschult wurde, meinen Mitschülern weit überlegen 
war«, setzte der Neffe hinzu. »Genauso war es Rentmeister 
Peter, den Onkel Egbert mir zuliebe mitunterrichtete.« 
»Weil zwei Kinder immer besser lernen als eins«, führte der 
Onkel weiter aus. »Daher wäre eine kleine Kameradin auch 

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für Alexa gut. Aber woher nehmen und nicht stehlen.« 
»Hm, ich wüßte schon jemand«, meinte der Senior 

nachdenklich. »Nämlich die Jüngste von unserm 
Oberinspektor. Wenn du die mitunterrichten würdest, 
tätest du ein gutes Werk, Egbert. Denn die Kleine ist nach 
dem schweren Scharlach körperlich so heruntergekommen, 
daß ihr der Schulweg immer noch nicht zugemutet werden 
kann, was den Eltern Sorge macht.« 
»Wie kommen die Kinder von hier aus überhaupt zur 
Schule?« fragte Theoda interessiert. »Müssen sie etwa bei 
Wind und Wetter frühmorgens zur Kleinbahn?« 
»Nein. Die Kinder der näheren Umgebung, die zur höheren 
Schule in die Stadt müssen, werden von einem Omnibus 
von zu Hause abgeholt und auch wieder zurückgebracht. 

Wenn die Straße verschneit ist, wie zum Beispiel jetzt, 
bleiben die Schüler in einem Heim.« 
»Da könnte Alexa doch sehr gut mithalten«, meinte 
Theoda. »Dann braucht Onkel Egbert sich nicht mit ihr zu 
plagen.« 
»Warum denn gleich so kraß«, winkte er lächelnd ab. »Von 
Plagen kann bei Alexas hellem Köpfchen nicht die Rede 
sein. Wie alt ist die Tochter des Oberinspektors, Reimar?« 
»Ungefähr elf, so genau weiß ich es nicht.« 
»Dann erkundige dich danach. Wenn das Schuljahr mit 
dem unserer Kleinen einigermaßen zusammenpaßt, will 
ich das Mädchen gern mitunterrichten. Das heißt, wenn die 

Eltern damit einverstanden sind.« 
»Hast du eine Ahnung! Dankbar werden sie dir sein, wenn 
du ihnen die Schulsorgen abnimmst. Und du, Theoda, 
brauchst keine Hemmungen zu haben. Wenn Onkel Egbert 
etwas anbietet, dann tut er es auch von Herzen gern.« 
»Dann sage ich danke schön«, strahlte sie den kleinen 
Mann an. »Und wie glückselig erst Alexa sein wird.« 
Und wie sie das war! Der gute Onkel Egbert wurde 
gestreichelt und geküßt. Tausend Versprechungen wurden 
gegeben, daß er keine, aber auch gar keine Mühe mit ihr 
haben sollte. 

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Als später die Baronin von der Entscheidung erfuhr, die 
über ihren Kopf hinweg getroffen worden war, weinte sie 

wieder einmal Tränen der Rührung. Damit war aber auch 
alles abgetan. Die Hauptsache war, daß sie ihrer Ältesten 
am Rock hängen konnte, daß sie ihre Ruhe und 
Behaglichkeit hatte. Alles andere berührte sie nicht und 
machte ihr auch keine Sorgen. Sie richtete sich ganz nach 
dem Bibelspruch: Sehet die Vögel unter dem Himmel an, 
sie säen nicht, sie ernten nicht – und unser himmlischer 
Vater ernährt sie doch. 
Zum Kaffee trat das Ehepaar Askell ein, und wo das weilte, 
machte sich die Gemütlichkeit breit. 
»Na, Witold, diesmal hast du aber die Rechte erwischt«, 
besah Onkel Julius sich augenzwinkernd die lachende 

Theoda. »Wann wird geheiratet?« 
»Ende Januar.« 
»Recht so, Junge. Ein langer Brautstand ist nichts. Da zankt 
das Paar sich schon so gründlich aus, daß nichts mehr für 
die Ehe übrigbleibt.« 
»Auch ein Standpunkt«, lachte Witold. »Ich darf doch mit 
dir als Trauzeuge rechnen? Onkel Egberts Zusage habe ich 
bereits.« 
»Meine hast du jetzt auch. Große Hochzeit?« ’ . 
»Leider – traditionsgemäß.« 
»Aber nobel. Wo wird gefüttert?« 
»Im sonnigen Süden.« 

»Könnte mir auch gefallen. Was meinst du, Luschchen, ob 
wir uns dem jungen Paar anschließen und auch liebesselig 
flittern im sonnigen Süden?« 
»Das junge Paar würde uns dafür segnen«, kam es so 
trocken zurück, daß es stürmische Heiterkeit auslöste. Es 
war wohl Gedankenübertragung, daß alle zu gleicher Zeit 
dasselbe dachten, nämlich: wie schwer es sein würde, die 
Baronin vom Rockzipfel ihrer Tochter zu lösen. Dehn ein 
so ritterlicher, einsichtsvoller Mensch der junge Graf 
Rodeland auch war, aber in Gesellschaft einer so hilflosen 
Schwiegermutter auf die Hochzeitsreise zu gehen, würde 

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selbst bei ihm gewissermaßen den Boden aus dem Faß 
schlagen. 

Als das fidele Ehepaar sich spät am Abend verabschiedet 
hatte, bat Theoda, sich auch zurückziehen zu dürfen, weil 
morgen früh Tag wäre und sie eine immerhin anstrengende 
Reise vor sich hätten. 
»Dieser hastige Aufbruch will mir aber auch gar nicht 
gefallen«, brummte der Senior, und die Schwiegertochter 
sah ihn bittend an. 
»Es muß doch sein, Papa. Für mich gibt es doch noch so 
vieles zu regeln und zu besorgen.« 
»Willst du die Möbel alle verkaufen?« fragte der Verlobte. 
»Es wäre schade, wenigstens um die wertvollen Stücke, für 
die du ja doch nur einen Schleuderpreis erhalten würdest. 

Übergib sie einem Spediteur, der sie hierherschaffen wird. 
Dann hätte die Mama die ihr vertrauten Räume.« 
»Ach ja«, warf die Schwiegermutter ihm einen dankbaren 
Blick zu. »Ich hänge doch so sehr an den Sachen.« 
»Darum sollst du sie ja auch behalten. Alles andere kannst 
du verkaufen oder verschenken, Theoda. Ich würde dir gern 
bei der Auflösung des Hausstandes behilflich sein, wenn 
ich hier nicht so unabkömmlich wäre.« 
»Ich schaffe es sehr gut allein, Witold. Bin ja schließlich 
schon mit ganz anderen Dingen fertig geworden.« 
»Allerdings. Wer ist eigentlich Alexas Vormund?« 
»Meine Mutter.« 

Ach du lieber Gott, wäre es ihm beinahe entschlüpft. Ein 
merkwürdiger Vormund, der selbst einen brauchte und der 
ihre Älteste ihr auch war. Aber gut so. Da hatte Theoda 
denn volles Bestimmungsrecht über die kleine Schwester. 
Denn ihre Mutter würde ihr wahrscheinlich nicht 
dreinreden. Die behelligte niemand, wenn sie nach ihrer 
Fasson selig werden durfte. 
Am nächsten Morgen fuhr denn die Baronin mit ihren 
Töchtern den Weg zurück, den sie hergekommen war, weil 
die Straßen immer noch verschneit waren. Der junge Graf 
gab ihnen bis zur Kleinbahn das Geleit, dabei mit der Braut 

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noch das Nötigste besprechend: 
»Also, Theoda, sobald du zu Hause bist, als erstes deine 

Papiere abschicken, damit ich das Aufgebot bestellen kann. 
Hat jemand in eurem Haus Telefon?« 
»Nein.« 
»Auch in der Nähe nicht?« 
»Das schon. Der Bäcker schräg gegenüber besitzt einen 
Apparat. Aber ich möchte die Menschen ungern belästigen, 
die mich ja immer erst heranholen müssen.« 
»Hast recht. Wichtige Nachrichten von uns erhältst du 
durchs Telegramm. Wenn du welche zu übermitteln hast, 
kannst du dich ja auf der Post des Telefons bedienen.« 
Der Abschied ging dann sehr rasch, da die Bahn nur kurz 
hielt. Man winkte sich noch gegenseitig zu, bis eine Kurve 

kam. 
»Das hätten wir nun geschafft«, ließ Theoda sich 
aufatmend in die Polster sinken. »Wenn die Reise ohne 
Zwischenfall verläuft, sind wir mittags zu Hause.« 
Was sie denn auch waren. Theoda heizte die Öfen; denn in 
dem Altbau gab es keine Zentralheizung. 
»Geh zu Bett, Mutti«, riet sie ihr, die wie ein Häuflein 
Unglück dastand. »Da bist du vorläufig am besten 
aufgehoben.« 
»Aber die Betten werden sehr kalt sein.« 
»Du bekommst eine Wärmflasche.« 
Die war auch zur Stelle, bevor die Mutter sich noch so 

richtig ausgezogen hatte. Dann wurde sie noch warm 
verpackt, und das größte Hindernis war zur Seite geräumt, 
die Töchter hatten freie Bahn. 
»Was tu ich am besten zuerst, Theoda?« 
»Einkaufen, damit wir was in den Magen kriegen, der in 
Rodeland so verwöhnt worden ist, und unsere 
Speisekammer ist leer.« 
»Schreib auf, was fehlt, ich mache mich auf den Weg und 
bin husch-husch zurück.« 
So kam es, daß man bereits eine Stunde später Mittag essen 
konnte. Kalbsschnitzel, Büchsengemüse, Kartoffeln, schnell 

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gemacht und herrlich mundend. Nach dem Abwasch 
wurden die Zimmer gesäubert, wobei Alexa fleißig mithalf, 

was sie auch fernerhin tat. Mit dem Schulbesuch fing sie 
erst gar nicht an, weil es für die kurze Zeit nicht lohnte. So 
meldete Theoda sie denn ab, worüber das Schwesterlein gar 
nicht böse war. 
Obwohl der Haushalt nur klein war, brachte seine 
Auflösung doch allerlei Kleinarbeit mit sich. Theoda ging 
dabei so radikal vor, daß alles ausgemerzt wurde, was nicht 
wirklich gut war. Wohl jammerte die Mutter über dies und 
jenes, aber die Tochter blieb hart. 
»Kind, manches sind doch noch so gute Sachen.« 
»Nicht für Rodeland, Mutti; wo die Eleganz vorherrschend 
ist, da kannst du nur das Beste tragen. Deine Pension fällt 

dir ja nun für Kleidung allein zu, ist also für dich und Alexa 
ausreichend.« 
»Aber die Andenken.« 
»Die darfst du natürlich behalten.« 
»Auch die Briefe deines Vaters?« 
»Na, die nun ganz bestimmt.« 
»Ich weiß aber gar nicht wo die geblieben sind. Schon vor 
Weihnachten suchte ich danach, konnte sie aber nicht 
finden. Willst du nicht mal überall…« 
»Nein, Mutti, dazu habe ich jetzt wirklich keine Zeit. Wenn 
hier alles ausgeräumt wird, finden sich die Briefe bestimmt 
vor.« 

Auf das Inserat, das Theoda aufgab, meldeten sich rund ein 
Dutzend Bewerber, denen es in der Hauptsache um die ’ 
freiwerdende Wohnung ging, die zu vergeben den Synots 
zustand. Um die zu bekommen, wollten die Bewerber auch 
die Sachen mit in den Kauf nehmen, wie es Theoda zur 
Bedingung machte. Sie boten jedoch einen so lächerlichen 
Preis dafür, daß sie die Verhandlungen abbrach, bevor sie 
noch so richtig begannen. Nur mit einem Ehepaar kam sie 
ins Geschäft. Zwar zahlten sie unter Preis, aber sie zahlten 
bar. Theoda erbat sich, bis zum Auszug die Sachen noch 
benutzen zu dürfen, was gewährt wurde, da es sich um 

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kurze Zeit handelte. Sie besaß nun eine ganz nette Summe, 
die sie dazu verwenden wollte, Mutter und Schwester 

einzukleiden, so daß sie fürs erste versorgt waren. Sie selbst 
brauchte nichts mehr, für sie wurde von anderen glänzend 
gesorgt. 
Wie die Schwiegermutter ihr eröffnet hatte, bestand in der 
Familie ein Fonds. »Für den Trousseau unbemittelter 
Bräute.« Ein Urahn legte ihn an, der ein Kirchenmäuslein 
heimführte. Da nun aber die Bräute der Nachfahren fast 
alle gut bemittelt waren, wurde der Fonds so gut wie gar 
nicht in Anspruch genommen, so daß man jetzt aus dem 
vollen schöpfen konnte, wie die charmante 
Schwiegermama lachend versicherte. Denn sie war 
traditionsgemäß dazu ausersehen, durch Inanspruchnahme 

des Fonds die Schwiegertochter bis zum Taschentuch 
auszustatten. Diese hätte nichts mitzubringen als sich 
selbst. 
Von Alexa treulich begleitet, machte Theoda sich dann an 
den Einkauf für ihre Lieben. Die Mutter ging nicht mit, weil 
etwas anderes sie weit mehr beschäftigte. Und zwar die nun 
endlich vorgefundenen Briefe, die der Verlobte ihr einst 
schrieb. Sie berauschte sich förmlich daran, ließ sich so 
einspinnen, daß sie für ihre Umwelt verloren war. Theoda 
tat es zwar leid, die Mutter aus diesem Traumzustand 
aufzuscheuchen, aber es wurde höchste Zeit, die Möbel zu 
verladen. 

Als das geschehen war, mußte man sich auf ein Zimmer 
und Küche beschränken, aber die wenigen Tage ließ sich 
das schon machen. Wie der Verlobte ihr mitgeteilt hatte, 
fand am achtundzwanzigsten Januar die Hochzeit statt. 
Einen Tag vorher wollte er sie mit dem Wagen abholen 
lassen, wenn die Straßen befahrbar waren. Wenn nicht, 
mußten sie wieder mit der Bahn kommen. 
Am sechsundzwanzigsten übergab Theoda die Wohnung 
den jetzigen Eigentümern und siedelte mit den Ihren in ein 
Hotel über. Von dort aus rief sie in Rodeland an und sagte 
dem Diener, der das Gespräch entgegennahm, wo sie jetzt 

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zu erreichen wäre. 
Müde und abgehetzt von den Besorgungen der letzten 

Wochen, konnte sie sich endlich einen Ruhetag gönnen. 
Am Abend kam dann ein Telefongespräch für sie. Der 
Schwiegervater teilte ihr mit, daß sie sich morgen um die 
Mittagszeit bereithalten möge. Der Chauffeur würde sich 
dann einfinden, um sie und die Ihren nach Rodeland zu 
holen. Früher wäre sie hier nicht erwünscht, setzte er 
lachend hinzu. Aber das wären Hauptpersonen im Trubel 
der Vorbereitungen ja nie. 
»Bin ich denn eine?« fragte sie scheinheilig. 
»Marjellchen, du wirst witzig. Keine Angst vor dem 
Ehejoch?« 
»Wozu denn, Paps? Ein Reinfall wird es doch.« 

Sie hörte noch sein herzliches Lachen, dann hängte er ab. 
Am nächsten Tag zwischen ein und zwei Uhr war das Auto 
zur Stelle. Da Theoda die großen Koffer mit dem 
Möbelwagen verschickte, hatte man nur Handgepäck, das 
der Chauffeur rasch verstaute. 
»Na, dann werde ich man die kostbare Fracht schön 
behutsam nach Hause kutschieren«, lachte er über das 
ganze, gutmütige Gesicht. »Wir sind schon alle so richtig in 
Hochzeitsstimmung, selbst Mutter Sonne strahlt da lustig 
mit.« 
Obwohl die Heizung für mollige Wärme sorgte, packte er 
die Beine der Damen fürsorglich in eine flauschige Decke. 

Auch die Alexas, die auf ihren Wunsch neben dem 
Führersitz saß. 
Es war für die drei unverwöhnten Menschen eine Lust, so 
in die weichen Polster geschmiegt durch den herrlichen 
Wintertag zu fahren. Noch vor Dunkelheit war das Schloß 
erreicht, wo man in der Halle freudig erregt in Empfang 
genommen wurde. Nur der junge Graf war nicht dabei. 
Den hatte eine Erledigung länger in der Stadt festgehalten, 
als vorgesehen war. 
»Tut mir leid, meine Lieben, aber wir können euch hier 
unten nicht gebrauchen«, erklärte die Hausherrin 

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kategorisch. »Verfügt euch in eure Gemächer, wo ihr bis 
morgen unsere Gefangenen seid.« 

»Und wie steht es mit dem Polterabend?« fragte Theoda 
lachend. 
»Den gibt es hier nicht, ist in unserer Sippe von jeher 
verpönt.« 
So gingen sie denn nach oben, wo Niekchen, die schon 
vorangegangen war, in einer Tür stand und ihnen 
verschmitzt entgegenlachte. Dann gab sie die Aussicht auf 
das Zimmer frei und freute sich gleich der Gräfin über die 
drei verdutzten Gesichter. 
»Ja, ist es denn die Möglichkeit?« fand Theoda zuerst die 
ihr verschlagene Sprache wieder. »Das ist doch unser 
Zimmer. Könnt ihr denn hexen?« 

»Nein, mein Herzchen«, lachte Niekchen gemütlich. »Wir 
haben nur die Möbel arrangiert, die du uns durch den 
Spediteur hast zustellen lassen. Aber darüber brauchst du 
doch nicht zu weinen, Thekla. Tritt ein in deine Klause.« 
Aufgeregt lief die Baronin durch das vertraute 
Wohnzimmer, durch das Schlafzimmer – und weinte. 
Alexa jedoch freute sich. Und zwar über das reizende 
Stübchen, das im Reich der Mutter lag und das sie fortan 
bewohnen sollte. Theoda hingegen hatte es der gedeckte 
Tisch angetan, auf dem die Kaffeemaschine brodelte und 
ein Napfkuchen lockte. 
»O wie schön. Da werde ich mich aber laben.« 

»Leider können wir euch dabei nicht Gesellschaft leisten«, 
bedauerte die Schwiegermutter. »Es gibt noch reichlich 
Arbeit für uns.« 
»Und wo habe ich meine bleibende Stätte?« fragte Theoda, 
die sich vergeblich nach einem dritten Bett umsah. 
»Für dich gibt es keinem mein Herzchen«, lachte Niekchen 
spitzbübisch. »Übernachte auf dem Diwan, morgen bist du 
sowieso über alle Berge.« 
»Na schön. Wie ist das morgige Programm?« 
»Um elf Uhr standesamtliche Trauung«, sprach nun wieder 
die Gräfin. »Ich melde mich bei dir schon zur rechten Zeit. 

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Gehabt euch wohl, und nehmt uns die Kerkerhaft nicht 
übel.« 

Sie ging mit Niekchen davon, und Theoda wurde von der 
Schwester mit Fragen bestürmt, die sie selbst nicht 
beantworten konnte. 
»Laß ab, Alexa, komm lieber Kaffeetrinken.« 
»Ich hab gar keinen Hunger.« 
»Ich um so mehr.« 
Sprach’s, nahm am Tisch Platz und ließ sich den Kuchen so 
gut munden, daß auch die andern beiden Appetit bekamen 
und tüchtig zulangten. 
»Können wir jetzt die Koffer auspacken?« fragte Alexa, 
nachdem sie gesättigt war. »Sie stehen im 
Ankleidezimmer.« 

»So machen wir uns denn an die Arbeit. Mutti, du mußt 
deine Sachen aber selbst verstauen, damit du sie findest, 
wenn ich nicht da bin.« 
»Ach, Kind, ich kann es gar nicht fassen, daß du mich allein 
lassen willst. Aber es geht ja wohl nicht anders, nicht 
wahr?« 
»Nein, es geht nicht anders. Du bleibst doch nicht allein 
zurück, hast Alexa und lebst in einer Hausgemeinschaft. 
Wein nicht wieder, finde dich mit dem ab, was unerläßlich 
ist. 
Schau mal, Mutti, dir geht es doch besser als den Müttern, 
die ihr Kind ganz hergeben müssen. Ich jedoch komme 

wieder zu dir zurück.« 
»Das ist auch mein ganzer Trost.« 
»Na, siehst du. Komm, verstauen wir deine Sachen. Ich tue 
es und du siehst zu, wo ich sie hinlege.« 
Mit dem Einräumen hatten sie bis zum Abendessen zu tun, 
das Daniel ihnen servierte. Auch eine Flasche alten Wein, 
der ihnen die nötige Bettschwere gab. Kaum daß sie lagen, 
schliefen sie auch schon, so daß es Theoda erspart blieb, 
sich Gedanken zu machen. Sie schlief tief und traumlos, bis 
eine Stimme sie aufschreckte. Sie setzte sich hoch, schaute 
schlaftrunken umher, bis ihr Blick an der Schwiegermutter 

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haften blieb, die vor dem Diwan stand und lachend sagte: 
»Das soll dir mal einer nachmachen. Unten wirbelt alles 

aufgeregt durcheinander, und du schläfst hier oben in 
seliger Ruhe. Nun hopp, mein Mädchen, heraus aus den 
Federn! In zwei Stunden mußt du auf dem Standesamt 
sein.« 
»Dann hab ich ja noch lange Zeit«, ließ Theoda sich 
pomadig in das Kissen zurückfallen. »Hab ich herrlich 
geschlafen! Ich wurde aber auch so müde nach dem 
schweren Wein, daß ich kaum geriet, meine Beine ins Bett 
zu kriegen, da war ich auch schon futsch und weg. Und was 
nun?« 
»Nun wirst du dir unter der Brause ein klares Köpfchen 
holen. Dann gibt es Frühstück, und hinterher beginnt die 

Equipierung.« 
»Woraus besteht die?« 
»So fragt man Leute aus. Also dann bis nachher.« 
Sie ging, und Theoda erhob sich von dem weichen Lager. 
Die Mutter schlief natürlich noch. Es gab wohl nichts, was 
diesen Schlaf bis zehn Uhr stören konnte. Nicht der 
Hochzeitstag der Tochter, nicht einmal die Angst vor dem 
kommenden Abschied. 
Alexa schlummerte auch noch süß in ihrem reizenden 
Stübchen, was Theoda nur recht war. Da blieb sie 
wenigstens von der Fragerei des aufgeregten Kindes 
verschont. 

Als sie aus dem Bad ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte 
man bereits aufgeräumt. Die Betten hatte man vom Diwan 
entfernt, und der Kaffeetisch war gedeckt. Theoda zwang 
sich zu einigen Bissen, trank zwei Tassen Kaffee und griff 
dann zur Zigarette. Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu 
bleiben, wurde sie denn doch von der Erregung gepackt. 
Die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum wie 
verflogene Vögel. Mit einem Angstgefühl sah sie der 
eintretenden Schwiegermutter entgegen. 
»Du frühstückst allein?« fragte diese erstaunt. »Wo sind 
denn Mutter und Schwester?« 

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»Die schlafen noch.« 
»Kind, du zitterst ja. Bereust du etwa…?« 

»Nein, Mama, ich mache mir nur Vorwürfe.« 
»Warum denn?« 
»Weil ich euch meine Mutter o Mami!« 
»Tränen! Aber Theoda. Wir werden mit deiner Mutter 
schon gut fertig werden. Sie ist ja nicht unverträglich, nur 
so ein bißchen hilflos und weinerlich. Jetzt klammert sie 
sich noch an dich, aber wenn du erst fort bist, wird sie sich 
schon daran gewöhnen, auch ohne ihr Kindermädchen 
auszukommen. Du lachst? Na, Gott sei Dank! Wenn das 
alles ist, was dich quält, dann kannst du deinen Kummer 
ruhig ad acta legen.« 
»Warum seid ihr bloß alle so gut zu mir?« 

»Weil du es wahrscheinlich verdienst. Jetzt aber hurtig! 
Sonst werden wir nicht fertig, und du spazierst womöglich 
noch im Unterrock zum Standesamt.« 
Da mußte Theoda wieder lachen, womit sie auch noch den 
Rest ihrer Sorge verscheuchte. Sie verfügten sich nach dem 
Ankleidezimmer der Gräfin, wo ihnen ein niedliches 
Zöfchen entgegenlachte und artig knickste. 
»Das ist die Hetty«, stellte die Herrin des Hauses vor. »Zu 
deiner und deiner Mutter persönlichen Bedienung. 
Niekchen und ich haben dafür unsere treue Mathilde, wie 
du ja schon weißt.« 
Obwohl Theoda an keine Bedienung gewöhnt war, sträubte 

sie sich nicht dagegen. Sie hatte sich den Hausgesetzen 
unterzuordnen, die so festgefügt waren, daß keine Hand 
daran rütteln durfte. 
Also ließ sie alles über sich ergehen. Ließ sich von der Zofe 
frisieren und ankleiden. Und als sie sich dann im Spiegel 
beäugte, erkannte sie sich selbst nicht wieder in der 
auserlesenen Eleganz. 
»Naja«, meinte sie gottergeben, und die Schwiegermutter 
lachte. 
»Es wiederholt sich alles im Leben. Genauso wie dir jetzt 
erging es mir vor zweiunddreißig Jahren, und so wird es – 

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so Gott will – einst deiner Schwiegertochter ergehen. Denn 
die Rodeland sind traditionsgebunden. Was die Vorfahren 

bestimmten, wird von den Nachfahren erfüllt: 
Ah, da ist ja auch der Herr Bräutigam«, sah sie dem 
eintretenden Sohn mit Mutterstolz entgegen. Er verharrte 
zwischen Tür und Angel und trat dann zurück ins 
Wohnzimmer der Mutter, wohin diese mit Theoda ihm 
folgte. 
Feierlich sah er aus in dem schwarzen Rock, direkt 
hoheitsvoll und unnahbar. Prüfend hing sein Blick an der 
Braut, die wie ein Bild anzuschauen war in dem schwarzen 
Taftkleid und dem hochgeschlossenen Kragen aus 
Hermelin. Ein breitrandiger Hut vervollständigte die 
kostbare Gewandung. 

Schweigend ließ sie sich die schlichte Armbanduhr 
abnehmen und eine andere überstreifen, deren Wert sich 
nur ahnen ließ. Ein glatter Reif wurde neben den 
Wappenring geschoben, dann schlüpfte sie in den Pelz, den 
der Verlobte ihr hinhielt, nahm die auserlesenen Blüten 
mit leisem Dank und ging an seinem Arm davon. 
Vor der Tür stießen sie auf die Baronin und ihre Jüngste, 
die wie zwei verlorene Kinder dastanden, Hand in Hand. 
»Ja, Thekla, was machst du denn hier?« fragte die Gräfin 
rasch gefaßt. »Warum kamst du nicht herein?« 
»Ich wußte ja nicht, ob es gestattet ist«, entgegnete sie 
weinerlich. »Und ich wollte doch mein Kind nicht gehen 

lassen…« 
»Ohne Abschied wäre ich gewiß nicht von dir gegangen«, 
unterbrach Thoada sie rasch, verstummte dann jedoch vor 
Schreck, als die Mutter tatsächlich nach ihrem Rock faßte 
und somit Miene machte, mit dem Brautpaar zu gehen, 
was die Gräfin geistesgegenwärtig verhinderte, indem sie 
schnell ihre Hand unter den Arm der verstörten Frau schob, 
sie nachdrücklich zurückhaltend. 
Und zum ersten Mal schämte sich Theoda ihrer Mutter. 
Während sie an der Seite des Verlobten dahinschritt, streifte 
sie scheu sein Gesicht, dessen Mund ein leises Schmunzeln 

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umzuckte. Da atmete sie auf. 
In der Halle standen schon die anderen. Ein kurzer 

Abschied, ein leises: Mit Gott – und das Brautpaar ging in 
Begleitung zu dem Portal, wo ein Kupee stand, mit vier 
Schimmeln bespannt. Auf dem Bock saßen Kutscher und 
Diener in pelzverbrämten Galamänteln. Auf den nickenden 
Pferdeköpfen steckten Federbüschel, das silberbeschlagene 
Geschirr blitzte im Sonnenlicht. Und kaum, daß die vier 
Personen in den weißen Seidenpolstern saßen, stoben auch 
schon die vier rassigen Trakehner, der Stolz der 
Rodelandschen Pferdezucht, davon, so daß in zehn 
Minuten das Dorf erreicht war, in dessen Rathaus sich das 
Standesamt befand. Und ehe die Baronesse von Synot sich 
so recht versah, war sie dem Grafen Rodeland angetraut. 

Als man wieder im Wagen saß, fragte Onkel Julius 
schmunzelnd: 
»Wie fühlen wir uns denn nun, Frau Gräfin?« 
»Bis auf eine trockene Kehle gar nicht so übel.« 
»Habe ich auch. Dazu noch ein so wehes Gefühl im Magen, 
das mir so ein feierliches Zeremoniell immer verursacht.« 
»Deshalb brauchst du mir noch lange nicht auf die Füße zu 
treten«, brachte Graf Egbert, der neben ihm saß, so trocken 
heraus, daß selbst sein Neffe lachen mußte, der heute so 
auffallend blaß und still war. 
Im Schloß wurden sie freudig empfangen und in ein 
lauschiges Gemach geführt, wo ein exquisiter Imbiß ihrer 

harrte. Theoda, die nach einem Glas Sekt förmlich lechzte, 
leerte es auch in einem Zuge und legte sich danach 
zufrieden im Sessel zurück. Ihr Blick suchte die Mutter, die 
wie ein verschüchtertes Hühnchen dasaß, das Gesicht zum 
Weinen verzogen. Um eine Jereminade zu vermeiden, 
sprach Theoda sie erst gar nicht an. Zwar tat sie ihr leid, 
aber sie konnte ihr beim besten Willen nicht helfen. 
Ihr Blick schweifte ab zu Alexa hin, die ihre große 
Schwester scheu betrachtete. 
»Was hast du denn?« fragte diese, und leise kam es zurück: 
»Du bist ja gar nicht mehr du, das sagt die Mutti auch.« 

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»Ist sie auch nicht«, griff der Senior rasch ein. »Sie heißt 
jetzt ganz anders als ihr beide. Theoda Rodeland – klingt 

das nicht hübsch? Wollen wir beide uns zu Ehren des 
Namens einen Schwips anprosten?« 
»Lieber nicht«, lachte die Kleine da schon wieder und 
tuschelte Gräfin Susann etwas ins Ohr, was diese 
aufspringen ließ. 
»Richtig, das hatte ich total vergessen. Gut, daß du mich 
daran erinnerst. Meine Herrschaften, so leid es mir tut, aber 
ich kann hier nicht länger verweilen. Und Theoda täte es 
gut, sich zurückzuziehen und ein wenig zu ruhen.« 
»So komm denn, mein angetrautes Weib«, reichte der 
frischgebackene Ehemann ihr galant den Arm. »Laß dich 
von mir in deine Kemenate führen.« Bereitwillig folgte sie 

ihm und stand wenig später in ihrem Reich, das auch den 
verwöhntesten Ansprüchen genügen mußte. 
»Mein Gott«, sagte sie überwältigt. »Das ist ja viel zu schön, 
um wahr zu sein. Ob ich etwa träume? Kneif mich doch 
mal.« 
»Warum kneifen, wenn’s anders besser geht«, drückte er 
blitzschnell einen Kuß auf den Mund der Überraschten. 
»Nun, ist es noch ein Traum?« 
»Nein, du, das ist Wahrheit.« 
»Na also. So gern ich auch in diesem trauten Nestchen 
verweilen möchte, aber es geht nicht. Es gibt noch manches 
für mich zu erledigen.« 

»Kann ich dir helfen?« 
»Du als Hauptperson? Das wäre! Bleib schön hier und 
sammle Kräfte für den Wirbel, der bald über dich 
hereinbrechen wird.« 
Er eilte davon, und sie schritt langsam durch die Räume, 
die aus Wohn-, Schlaf-, Ankleidezimmer und Bad 
bestanden. Die noble Einrichtung mußte ein sündhaftes 
Geld gekostet haben, das wahrscheinlich aus dem Fonds 
für »unbemittelte Bräute« stammte. Sogar ein Stutzflügel 
stand da in weiß und gold, der Schreibtisch mit seinem 
Aufsatz war entzückend. Auf der Platte lag eine 

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Schreibmappe aus feinem, gepreßtem Leder. Als sie diese 
aufschlug, fiel ihr Blick auf das Schreibpapier, das bereits 

ihren neuen Namen trug. 
So war denn für alles bis ins kleinste gesorgt. Das konnte 
die junge Herrin erst so richtig feststellen, als sie im 
Ankleidezimmer Schränke und Schübe öffnete. Da war 
aber auch alles, was ein Frauenherz entzücken konnte, 
angefangen beim Taschentuch bis zum Nerz. 
Die beiden großen Koffer waren noch leer. Nun, die 
Heinzelmännchen, die alles so klammheimlich für sie 
taten, Würden diese eleganten Gehäuse schon füllen, bevor 
es auf die Hochzeitsreise ging. Wohin? Auch davon hatte 
Theoda keine Ahnung. Wie sie ja überhaupt von allem 
keine Ahnung hatte. Andere dachten für sie, andere 

handelten für sie – na was, der Herr gibt’s den Seinen im 
Schlaf. 
Sie ging ins Wohnzimmer zurück und ließ sich in einen 
Sessel sinken. Es war so still um sie, daß es ihr unheimlich 
wurde. Am liebsten hatte sie laut gesungen, um wenigstens 
ihre eigene Stimme zu hören. Aber das konnte sie doch, 
sogar mit Begleitung. So ging sie denn zum Flügel. Und als 
sie erst die Tasten des wundervollen Instruments unter den 
Fingern spürte, spielte sie sich so richtig fest. Spielte alles 
kunterbunt durcheinander, wie es ihr gerade einfiel. War 
dabei so vertieft, daß sie alles um sich her vergaß, bis die 
Schwiegermutter sie aus dem Reich der Töne zurückholte 

in die reale Welt. 
»Na, wenn du nicht aus dem Rahmen fällst«, sagte sie 
lachend. »Wo andere Bräute’ ihrer Trauung direkt 
entgegenfiebern, spielst du in aller Seelenruhe die 
schönsten Potpourris. Nun komm, du kleines 
Menschenwunder, laß dich schmücken zu deinem 
beseligendsten Gang.« 
Der Brautstaat pflegt jedes weibliche Wesen zu 
verschönern, doch was da mitten im Zimmer stand, mutete 
wie ein Traumbild an: Das weiße Gewand bauschte sich 
wie eine Wolke von Schnee um den grazilen Körper. Stolz 

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trug das Köpfchen den kostbaren Schleier, dem 
Familienschatz entnommen. Die Augen leuchteten gleich 

edlen Saphiren aus dem feinen Antlitz, das die Röte der 
Erregung überhauchte. 
Der Mann, der soeben eintrat, verhielt den Schritt. Seine 
Augen tranken das wunderholde Bild förmlich in sich 
hinein. Dann riß er sich von dem beglückenden Anblick 
los, legte Strauß und Etui ab und trat auf die Braut zu. 
Beugte leicht das Knie, zog die bebenden Hände an die 
Brust und murmelte die uralte Formel des Hauses: »Mein 
Weib, ich will dich hüten als meines Herzens Heiligtum.« 
Nun entnahm er dem Etui ein funkelndes Didadem, um 
das Myrten geschlungen waren, drückte es vorsichtig auf 
das mit dem Schleier geschmückte Köpfchen, küßte die 

Stirn, und die Mutter folgte seinem Beispiel. 
»Ich gehe jetzt«, sagte sie leise. »Folgt langsam nach, ihr 
meine lieben Kinder.« 
Nachdem sie gegangen war, überreichte der Bräutigam der 
Braut einen Strauß weißer Lilien, bot ihr den Arm und 
führte sie vorsichtig durch die blumengeschmückte Halle 
zum bekränzten Portal. Läufer bedeckten die Stufen der 
Freitreppe, bis hin zu dem Kupee, das mit Myrten und 
Rosen geschmückt war. Vor dem geöffneten Schlag stand 
der Seniordiener Daniel in Galalivree, der seiner Herrin in 
den Wagen half und die Schleppe zurechtlegte. Und kaum, 
daß die vier Schimmel sich in Bewegung gesetzt hatten, 

wurden sie schon wieder gezügelt; denn der Weg vom 
Schloß bis zur Kapelle betrug ungefähr zweihundert Meter. 
Als das Brautpaar die Kapelle betrat, stellten sich vier kleine 
Mädchen an die Spitze, weißgekleidet, mit Kränzchen im 
Haar. In den Körbchen befanden sich Blumen, die kleine 
Hände auf den Läufer streuten. Alexa im weißseidenen 
Pagenanzug trug stolz die Schleppe der großen Schwester. 
Die seidigen Locken hingen bis auf die Schultern, die 
Augen strahlten in dem süßen Gesichtchen. 
Die Kapelle war proppevoll, wie man so sagt. Denn außer 
den Gästen befanden sich darin Menschen, die zur 

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Herrschaft Rodeland gehörten. Beim Anblick des 
Brautpaares hielten sie vor Entzücken den Atem an. Die 

Braut wie eine Schneewolke, der Bräutigam einfach ein Bild 
von Mann. Wie er so dahinschritt, mit dem Ordensband 
über der Weste, so richtig hoheitsvoll – ach, wie war man 
doch stolz auf so einen Gebieter. 
Und alles rundum so feierlich, einfach zum Weinen schön. 
Es war eine Stunde, die sich tief in die Herzen prägte. 
Auf dem Rückweg fuhr das junge Paar durch ein Spalier 
jubelnder Menschen, die bis zur Freitreppe nachliefen, um 
von »ihrem Paar« einen freundlichen Blick oder gar einen 
Händedruck zu erhaschen. Kameras blitzten auf. Blumen 
flogen durch die Luft, die erfüllt war von einer Welle voll 
Freude. Ganz benommen langte Theoda in der Halle an, 

wo ihr eine kurze Atempause vergönnt war bis der Wirbel 
über sie hereinbrach. 
Denn plötzlich war die Halle von frohen Menschen erfüllt, 
die sie in die Arme zogen, ihr die Hände drückten. Theoda 
kannte sie fast alle nicht und gab sich erst gar keine Mühe, 
die Namen zu behalten, die sie umschwirrten. 
Es waren um die achtzig Menschen, die an der Festtafel in 
Hufeisenform Platz nahmen. Galonierte Diener reichten 
die auserlesenen Speisen herum, dirigiert von Daniel, aus 
einer Ecke klang gedämpfte Musik. Herrliche Blumen 
überall in verschwenderischer Fülle. Die ganze Pracht war 
entfaltet, die dem reichen Haus zu Gebote stand. Es mußte 

eine Riesenarbeit gemacht haben, dieses glänzende Fest zu 
arrangieren. Nur Theoda hatte keinen Finger rühren dürfen, 
was sie direkt beschämte. 
Wo saß überhaupt ihre Mutter? Aha, dort neben dem 
weißhaarigen Herrn. Auch die Schwiegereltern entdeckte 
sie, Niekchen, Onkel Egbert und Alexa im weißen 
Spitzenkleidchen. Und der Herr, der zu ihrer Rechten saß 
und ihr schmunzelnd das Glas entgegenhielt, das war 
doch… 
»Herr Askell«, sagte sie erfreut. »Endlich ein bekanntes 
Gesicht unter den Gästen. Und Ihre Gattin?« 

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»Sitzt neben Ihrem Trautgemahl. Und der semmelblonde 
Jüngling dort ist mein Sohn, der vor einigen Tagen endlich 

von seiner Bummelreise nach Hause zurückkehrte. Neben 
ihm sitzt Lore Wasmuth, dort ihr Bruder.« 
»Die sind ja gar nicht wiederzuerkennen. Allerdings habe 
ich sie nur einmal flüchtig gesehen.« 
»In Wichs sehen sie sowieso anders aus«, zwinkerte er ihr 
lustig zu. »Aber jetzt muß ich mich wieder meiner 
Tischdame zuwenden, sonst ist se bees.« 
Da lachte Theoda hellklingend heraus, und schon wandten 
sich ihr aller Blicke zu. Gläser hoben sich ihr entgegen, 
lachende Zurufe wurden laut. Man war allgemein so recht 
in Stimmung, wozu ’ der vorzügliche Wein erheblich 
Vorschub leistete. 

Theoda wandte sich nun dem Gatten zu, der sich eben mit 
Frau Askell unterhielt. Nun sie Muße hatte, ihn zu 
betrachten, merkte sie, wie auffallend blaß er war, wie er 
jedes Wort, das er sprach, sich abzuringen schien. Wie ein 
glücklicher Hochzeiter sah er nicht aus – und war es wohl 
auch nicht. Nun, er wollte es ja nicht anders, sollte er nun 
auch die Konsequenzen tragen. 
Mit diesem trotzigen Schlußstrich wandte sie sich brüsk 
von ihm ab und ließ sich von der Fröhlichkeit rundum 
einfangen. Es würden die üblichen Reden gehalten, die 
üblichen Toaste auf das Brautpaar angebracht. Die Musik 
wurde lauter, wie eine Welle von Fröhlichkeit durchflutete 

es den Saal. 
Nachdem das köstliche Halbgefrorene verspeist war, raunte 
der Hochzeiter seiner Hochzeiterin zu: 
»Mutter gab mir eben einen Wink, daß sie die Tafel 
aufheben wird. Den Moment der Ablenkung müssen wir 
ausnutzen.« 
Und schon war es soweit. Die Gastgeberin hob die Tafel 
auf. Und während man sich allgemein gesegnete Mahlzeit 
wünschte, zog der Graf rasch die Gattin mit sich fort. Und 
kaum, daß sie in der Halle waren, folgten die Ihren. Sie 
wurden ans Herz gedrückt, glückliche Reise wurde 

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gewünscht und fröhliche Wiederkehr. Frau Thekla sah die 
Tochter wohl an wie ein wundes Reh, aber sie klammerte 

sich nicht an sie und verbiß die Tränen. Man hatte ihr 
nämlich allgemein gütlich ins Gewissen geredet, was sie 
sich zu Herzen genommen zu haben schien. Alexa ließ die 
Schwester ohne Tränen ziehen. Sie blieb ja nicht allein 
zurück, sondern unter Menschen, die sie liebevoll 
umsorgten. 
Als alle wieder in den Festsaal zurückgehuscht waren, legte 
Witold die lange Schleppe des Brautkleides über seinen 
Arm, damit Theoda sich nicht auf der Treppe darin 
verhaspelte. Oben wurden sie bereits von dem Diener 
Daniel und der Zofe erwartet, die als Bedienung mit auf die 
Reise gehen sollten. 

»Wie lange werden Sie zum Umkleiden brauchen, Hetty?« 
»Höchstens eine halbe Stunde, Herr Graf.« 
»Na schon. Entschuldige, Theoda, ich muß dir das Diadem 
abnehmen und es in Sicherheit bringen. So, danke. In einer 
halben Stunde hole ich dich ab.« 
Pünktlich trat der Graf ein, wo ihn die Gattin bereits 
reisefertig erwartete. 
»Schon fertig? Das ist lieb. So wollen wir uns denn auf die 
Hochzeitsreise begeben.« 
Allein der Mensch denkt – und Gott lenkt. Bei einer 
ungeschickten Bewegung stieß Witold gegen das kantige 
Tischbein, was ihn aufstöhnen ließ. Er sank in den 

nächsten Sessel und griff nach seinem Bein mit schmerz 
verzerrtem Gesicht. Es war todblaß, Schweißtropfen perlten 
auf der Stirn. 
»Mein Gott, Witold, was hast du denn?« fragte Theoda 
zutiefst erschreckt, doch er winkte ab. 
»Laß nur, es geht vorüber. Entschuldige schon, daß ich so 
beschämend schlappmachte.« 
»Aber das muß doch einen Grund haben«, sagte er besorgt. 
»Obwohl ein Stoß gegen das Schienbein immer 
schmerzhaft ist, so macht ein Kerl wie du dabei doch nicht 
gleich schlapp. Ist es etwa das gebrochene Schienbein?« 

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»Ja.« 
»Aha! Nun kommen wir der Sache schon näher. Zieh mal 

das Hosenbein hoch.« 
»Du verlangst aber wahrlich viel von mir«, versuchte er ein 
Lächeln, stand auf – und sank wieder in den Sessel zurück. 
Da fackelte Theoda nicht länger. Sie schob das Hosenbein 
hoch und bemerkte nun ein Pflaster, das sich rot gefärbt 
hatte. 
»Witold, um Himmels willen, was soll das heißen?« 
»Eine Lappalie, Theoda.« 
»Na, damit kommst du mir ja nicht davon«, begann sie 
vorsichtig das Pflaster zu heben, wogegen er sich sträubte. 
»Halt gefälligst still, damit ich dir nicht noch mehr weh 
tue, als unbedingt nötig ist.« 

Und dann starrte sie auf eine Wunde, die gefährlich genug 
aussah. Dick verschwollen, blutverkrustet, mit Eiter 
durchsetzt. 
»Und damit hast du nicht nur dem ganzen ohnehin schon 
anstrengenden Hochzeitszeremoniell standgehalten, 
sondern wolltest auch noch auf die Reise gehen«, sagte sie 
entsetzt. »Du mußt doch irrsinnige Schmerzen gehabt 
haben. Daher warst du auch so erschreckend blaß und 
auffallend schweigsam. Ich schrieb es schon der Unlust zu, 
mit der du die Hochzeit über dich ergehen ließest.« 
»Wie kann man mir so einen Unsinn reden.« 
»Vielleicht ist es gar keiner. Jetzt möchte ich aber endlich 

wissen, wie du zu der bitterbösen Wunde gekommen bist.« 
»Naja, ich sehe schon, daß man dir gescheitem Persönchen 
nichts vormachen kann. Also will ich nicht mit Ausflüchten 
kommen, sondern die Wahrheit sagen. Ich bekam vor drei 
Tagen von einem ungebärdigen Gaul einen harten 
Hufschlag gegen das Schienbein – gegen das schon einmal 
gebrochene natürlich. Wie könnte es auch anders sein, 
wenn der Teufel seine Hand im Spiel hat.« 
»Na, der wird die Folgen für deinen Leichtsinn gewiß nicht 
tragen. Wer weiß um die Verletzung?« 
»Niemand.« 

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»Auch Daniel nicht, der dir doch, soviel ich weiß, beim 
Ankleiden hilft?« 

»Ich habe ihm gegenüber die Verletzung, die ja das Pflaster 
deckte, als Schramme bagatellisiert.« 
»Den Arzt zu konsultieren, fiel dir wohl gar nicht ein, wie?« 
»Der hätte mich bestimmt ins Bett gesteckt, und die 
Hochzeit hätte verschoben werden müssen.« 
»Da wäre die Erde bestimmt nicht aus den Fugen geraten.« 
»Die wohl nicht, aber Rodeland. Was meinst du wohl, wie 
hier alles kopfgestanden hat. Was die Meinen für 
unendliche Mühe hatten, das Fest zu arrangieren. Und nun 
sollte das alles umsonst gewesen sein? Das zu veranlassen, 
bekam ich nicht übers Herz. Und dann die Reise, auf die 
du dich so freutest…« 

»Wie weißt du das denn? Wir haben über die Reise doch 
überhaupt noch nicht gesprochen.« 
»Das wohl nicht. Trotzdem möchte ich dich ungern um die 
Reise bringen, da du noch so gut wie gar nichts von der 
Welt gesehen hast. Wenn du die Wunde verbindest, dann 
geht es schon wieder, und wir können abfahren.« 
»Ja, sag mal, für was für ein egoistisches Scheusal hältst du 
mich eigentlich!« wurde sie jetzt böse. »Ich werde ganz was 
anderes tun, als an dieser äußerst gefährlichen Wunde 
herum pfuschen und anschließend in aller Gemütsruhe mit 
dir auf die Reise gehen.« 
»Sei doch vernünftig, Theoda!« 

»Eben, weil ich vernünftig bin.« 
Sie öffnete die Tür und erspähte gerade noch den 
Seniordiener, der die Treppe hinuntergehen wollte. 
»Daniel, komm rasch mal her!« 
»Frau Gräfin wünschen?« 
»Kognak.« 
Ein guter Diener hat sich über nichts zu wundern, sondern 
jeden Befehl auszuführen. So war er denn rasch mit dem 
Gewünschten zur Stelle – und starrte entsetzt auf die 
freiliegende Wunde. 
»Großer Gott«, sagte er, blaß bis in die Lippen. »Mit dem 

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schwerverletzten Bein wollte der Herr Graf auf die Reise 
gehen?« 

»Und er wäre gegangen, hätte er sich nicht am Tisch 
gestoßen und dadurch schlappgemacht. Geben wir ihm 
mal zuerst einen Kognak.« 
Als dem noch ein zweiter folgte, kam etwas Farbe in das 
blasse Männergesicht. Theoda überlegte, was nun zu tun 
wäre und gab dann dem Diener die Anordnungen: 
»Paß mal auf, Daniel. Du gehst zuerst zu dem Chauffeur…« 
»Theoda, du kannst doch hier nicht gegen meinen 
Willen…« 
»Kranke Menschen sollen andere bestimmen lassen. Also, 
Daniel, du sagst dem Chauffeur, daß er die Koffer nach 
oben schaffen und das Auto in die Garage bringen soll. 

Aber ganz heimlich und verschwiegen, das schärfe ihm ja 
ein. Dann rufst du den Hausarzt an.« 
»Der Herr Doktor befindet sich unter den Gästen, Frau 
Gräfin.« 
»Um so besser. Beordere ihn unauffällig hierher.« 
Er ging, und sein Herr sagte leise: 
»Theoda, du tust mir so leid.« 
»Ich dir leid tun?« unterbrach sie ihn erstaunt. »Soweit 
kommt das noch.« 
Obwohl es keine zehn Minuten dauerte, kam Theoda die 
Wartezeit unendlich lang vor, bis der Arzt endlich eintrat 
und sich der jungen Gräfin vorstellte. Obwohl Daniel ihn 

auf dem Weg hierher schon instruiert hatte, war er beim 
Anblick der Wunde betroffen. 
»Verflixt, das sieht böse aus. Wie konnte das überhaupt 
passieren?« 
Als Theoda es ihm erklärt hatte, schüttelte er den Kopf und 
brummte: 
»Na, wenn der Mann nicht aus Stahl und Eisen ist. Ein 
anderer hätte das alles heute bestimmt nicht 
durchgehalten. Und dann auch noch auf die Reise gehen.« 
»Fangen Sie nicht auch noch an, Herr Doktor. Ich habe von 
meiner Frau schon genug zu hören gekriegt.« 

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»Da hat die Frau Gräfin auch vollkommen recht«, besah 
der Glatzkopf sich über die Brille hinweg das energische 

Persönchen. »Na ja, da ich hier als Gast erschien und nicht 
als Arzt, habe ich meine Tasche zu Hause gelassen, die ich 
auf dem schnellsten Wege holen werde. Doch zuerst, 
Daniel, bringen wir Ihren Herrn ins Bett, wohin er 
hundertprozentig gehört.« 
»Und ich ziehe mich indes um«, erklärte Theoda. »Ob ich 
meine Schwiegereltern benachrichtigen soll, die uns ja 
längst unterwegs glauben?« 
»In dem Glauben wollen wir die Herrschaften vorläufig 
noch lassen, Frau Gräfin, bis ich so richtig weiß, was mit 
der Wunde los ist. Dann ist es immer noch Zeit, den 
Ahnungslosen einen Schrecken einzujagen.« 

Als Theoda ihr Ankleidezimmer betrat, sah ihr die Zofe 
verstört entgegen. 
»Frau Gräfin, was ist denn passiert? Der Chauffeur brachte 
die Koffer und drohte an, mir die Zunge abzuschneiden, 
wenn ich auch nur ein Wort davon verlauten lasse, daß die 
Herrschaften zu Hause geblieben sind.« 
Nachdem Theoda das Warum erklärt hatte, kamen der 
Kleinen die Tränen. 
»Wie tut mir das doch bloß leid! Der arme Herr Graf und 
die arme Frau Gräfin.« 
»Mich brauchen Sie nun wirklich nicht zu bedauern«, 
winkte die Herrin kurz ab. »Haben Sie die Koffer 

ausgepackt, die mit den Möbeln kamen?« 
»Sehr wohl, Frau Gräfin.« 
»Dann suchen Sie die beiden weißen Kittel vor und das 
blaue Hauskleid mit den kurzen Ärmeln.« 
Theoda warf Kostüm nebst Bluse ab, schlüpfte in das 
bequeme Kleid und zog den Kittel darüber. 
»Jetzt sehen die Frau Gräfin wie eine wunderschöne 
Pflegerin aus.« 
»Was ich – das Prädikat allerdings ausgenommen – in 
kommender Zeit auch sein werde. Denn von heute auf 
morgen wird die arge Verletzung bestimmt nicht behoben 

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sein.« 
»Und was soll ich nun tun, Frau Gräfin?« 

»Da Sie sich vorläufig vor niemand blicken lassen dürfen, 
halten Sie sich in Ihrem Zimmer auf.« 
»Ach ja, damit die Herrschaft mich nicht sieht und einen 
Schreck bekommt, weil ich doch schon längst weg sein 
soll.« 
»Richtig, Hetty. Also vorsichtig.« 
Sie ging nun unverweilt durch’ die breite Glastür, welche 
die ehelichen Schlafzimmer miteinander verband. Der 
Gatte lag im Bett und sah ihr unruhig entgegen. 
»Bleib nur sitzen, Daniel«, winkte sie ab, als er sich bei 
ihrem Eintritt vom Stuhl erhob. »Wir können jetzt nichts 
anderes tun, als auf den Arzt warten. 

Geht es dir nun schon etwas besser?« fragte sie, an (Jas Bett 
tretend und ihre Hand auf die Stirn des Kranken legend, 
die heiß und trocken war. Besorgt sah sie in das rote 
Gesicht. »Hast du immer noch so große Schmerzen?« 
»Nun ich das Bein stillhalte, sind sie erträglich. Du siehst 
reizend aus, Schwester Theoda.« 
»Na, wenn du noch scherzen kannst, dann geht’s ja.« 
In dem Moment trat der Arzt ein. 
»Sie müssen ja gerast sein, Herr Doktor«, sagte Theoda 
überrascht. 
»Bin ich auch, Frau Gräfin, wie ein prima Rennfahrer«, er 
wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von Stirn 

und Glatze. Dann kramte er in der Tasche, suchte alles 
Erforderliche hervor und trat damit an das Bett. 
Untersuchte die Wunde eingehend und sagte leise zu 
Theoda: 
»Schön sieht das da nun gerade nicht aus, aber der Eiter 
scheint sich noch nicht bis zum Knochen durchgefressen 
zu haben. Vor allen Dingen muß  die Wunde desinfiziert 
werden; was selbst so ein Prachtkerl bei lebendigem Leibe 
nicht aushalten dürfte. Also werde ich ihm eine Spritze 
geben. Und Sie, Frau Gräfin«, sah er sie forschend über die 
Brille an, »Sie lassen mich mit Daniel und dem Kranken 

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mal so ein Weilchen allein. Wenn Sie auch ganz zünftig 
aussehen, aber ein Kittel macht noch lange keine 

Krankenschwester. Und eine Ohnmacht kann ich jetzt 
nicht gebrauchen.« 
»Keine Angst, Herr Doktor, so zimperlich bin ich nicht. Ich 
gehöre nun doch wohl an die Seite meines Mannes, finden 
Sie nicht auch?« 
»Alle Hochachtung. Na, denn man los.« 
Nun konnte er beweisen, was für ein guter und geschickter 
Arzt er war. Obwohl Theoda am ganzen Leib zitterte, 
machte sie die Handreichungen. Immer wieder sah sie 
angstvoll in des Verletzten Gesicht, das in seiner 
Unbeweglichkeit wie aus Marmor gemeißelt zu sein schien. 
»Das sieht jetzt ja schon viel besser aus«, sagte der Arzt 

zufrieden. »Jetzt noch meine Salbe, die bestimmt wieder 
Wunder tun wird. Sogar bei Knochenfraß hat sie sich schon 
glänzend bewährt.« 
Als das Bein bandagiert war, wusch der Arzt sich die 
Hände. Dann ging er wieder an den Ort seiner Tätigkeit 
zurück, wo Theoda am Bett stand und den Kranken 
unentwegt betrachtete. 
»Herr Doktor, er regt sich ja immer noch nicht«, sagte sie 
leise. 
»Das wird er auch eine ganze Weile noch nicht tun«, 
beruhigte er sie. »Wahrscheinlich  wird  er  sich  erst  in  den 
frühen Morgenstunden so richtig auf sein Dasein besinnen. 

Donner noch eins, das war kein kleiner Schreck in der 
Abendstunde, und nun werde ich ja wohl die Angehörigen 
des Verletzten benachrichtigen müssen. Scheußlich, die 
ahnungslosen Menschen aus ihrer vergnügten Stimmung 
reißen zu müssen. Denn vergnügt geht es unten zu, man 
feiert ja auch Hochzeit.« 
»Herr Doktor, sagen Sie meiner Mutter noch nichts«, bat 
Theoda. »Sie regt sich immer gleich so auf, und das kann 
ich jetzt nicht auch noch gebrauchen.« 
»Ist in Ordnung, Frau Gräfin. So werde ich mich denn mit 
der Hiobsbotschaft befassen.« 

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Als er gegangen war, wandte sie sich dem Diener zu, der 
abseits stand, so richtig versorgt und bekümmert. »Du 

kannst nun auch gehen, Daniel«, sagte sie freundlich, 
worauf er sie mit seinen guten Augen bittend ansah. 
»Sehr wohl, Frau Gräfin. Aber vielleicht brauchen die 
Herrschaften mich noch.« 
»Ist auch wieder wahr.« 
So warteten sie denn bang klopfenden Herzens. Lange 
brauchten sie es nicht, da traten sie in Begleitung des Arztes 
ein: die Eltern, Tante und Onkel, alle blaß und verstört. 
Beim Anblick des Sohnes schluchzte die Mutter auf. 
»Herr Doktor, brauchen wir wirklich keine Angst zu 
haben?« 
»Nein, Frau Gräfin, jetzt nicht mehr«, erwiderte er tiefernst. 

»Ich bin zwar kein Hellseher, aber nach menschlichem 
Ermessen ist die größte Gefahr behoben.« 
»Mein Gott, Reimar – unser Junge.« 
»Ja, Susann – unser Junge.« 
Die anderen beiden sagten nichts. Niekchen liefen die 
Tränen über die Wangen, und in Egberts Gesicht zuckte es. 
Nun wandte die Gräfin sich der Schwiegertochter zu, deren 
Gesicht fast so weiß war wie der Kittel. 
»Du armes Kind«, sagte sie mit schwankender Stimme. 
»Was hast du durchmachen müssen. Wie sollen wir dir 
deine Aufopferung jemals danken.« 
»Keine Aufopferung, Mama, sondern eine 

Selbstverständlichkeit.« 
»Das möchte ich nun nicht behaupten«, sagte der 
Schwiegervater. »Wir sind stolz auf dich, mein Kind, das 
kannst du uns schon glauben. So ein dummer Junge. 
Anstatt uns von seinem Malheur in Kenntnis zu setzen, 
schleppt er sich damit herum, wobei das größte Unheil 
hätte passieren können. Wenn er sich wenigstens unserm 
guten Doktor anvertraut hätte.« 
»Das wollte er gerade nicht«, schaltete sich Theoda ein. »Er 
fürchtete nämlich, daß der Doktor ihn ins Bett stecken 
würde und dadurch die Hochzeit verschoben werden 

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müßte, deren Vorbereitungen euch so unendliche Mühe 
gemacht haben. Mich wollte er nicht um die Reise bringen. 

Na ja, er hat an alle gedacht, nur nicht an sich selbst.« 
»Sieht ihm ähnlich«, sagte Egbert. »Armer Kerl, das hast du 
nun davon. Und was machen wir nun?« 
»Ja, was machen wir?« wiederholte der Bruder. »Sollen wir 
das Fest abblasen? Wie ist Ihre Meinung, Herr Doktor?« 
»Lassen Sie die Menschen ahnungslos bleiben, Herr Graf. 
So schwer ist die Verletzung des Herrn Sohnes nun auch 
wieder nicht, um ein Chaos heraufbeschwören zu müssen. 
Außerdem bin ich… Nun, das sage ich Ihnen lieber ein 
andermal. Heute bitte ich nur um Ihr Vertrauen.« 
»Das besitzen Sie doch längst, lieber Doktor. Die 
langjährige Erfahrung hat gelehrt, daß Ihre Ratschläge stets 

gut waren. Und Sie werden wieder, wie schon einmal, dafür 
sorgen, daß unser Junge uns erhalten bleibt.« 
»Erhalten bleibt er Ihnen schon«, schmunzelte der Arzt, 
»aber er wird Ihnen allen noch so manches zu schaffen 
machen, bis er sein Bein wieder ganz gebrauchen kann. 
Denn ein wie schwieriger Patient und, Rekonvaleszent er 
ist, wissen Sie ja von seinem damaligen Unfall. Aber 
Schwester Theoda wird ihn schon zähmen.« 
»So willst du die Pflege übernehmen?« fragte die Gräfin 
überrascht, worauf die Schwiegertochter sie erstaunt ansah. 
»Na, was denn sonst, Mama? Das ist doch wohl meine 
Pflicht.« 

Sie dachten alle dasselbe, nämlich: daß eine andere sich 
schaudernd von dem ihr anverlobten Mahn abwandte, als 
er siech daniederlag. 
Und wie hätte sie sich erst gebärdet, wenn er ihr die 
Hochzeitsreise vereitelt hätte. Wie eine Furie hätte sie 
getobt, während dieses junge Menschenkind sich 
aufopfernd für ihn einsetzte. Das nicht an sich dachte, 
sondern an ihn und seine Angehörigen. 
Es waren gar zärtliche Blicke, die zu ihr hingingen, die so 
selbstverständlich das Reisekleid mit dem weißen Kittel 
vertauschte. Wohl saß sie bereits in den Herzen der fünf 

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Menschen – das des Dieners mit einbegriffen – aber heute 
machte sie sich erst so richtig darin breit. 

»Na ja«, meinte der Senior wie abschließend, »dann 
können wir wohl wieder nach unten gehen. Kommen Sie 
mit, Herr Doktor?« 
»Na, was denn sonst? Wo man mich so herzlos aus 
meinem Vergnügen riß, muß ich jetzt doch alles 
nachholen. Falls der Schrumm nicht bis morgens 
durchgehen sollte, bitte ich um Nachtquartier, damit ich 
gleich zur Stelle bin, wenn unser Sorgenkind erwacht. Auf 
die Laune bin ich nämlich gespannt. Also machen Sie es 
gut, Schwester Theoda.« 
»Worauf Sie sich verlassen können.« 
»Hm. Was meinen Sie wohl, wie das Furore machen würde, 

wollten Sie plötzlich in Ihrem Kittel unter den Gästen 
auftauchen. Man würde Sie bestimmt für die ›weiße Frau 
von Rodeland‹ halten und fluchtartig die gastliche Stätte 
verlassen.« 
»Halten Sie ein, Sie Spötter!« drohte die Gräfin. »Schlimm 
genug, daß das arme Kind hier oben eingesperrt sein muß, 
während unten geturtelt und getankt wird. Aber laß nur, 
mein Liebling. Wenn Witold wieder ganz gesund ist, geben 
wir ein Fest, auf dem du alles nachholen kannst.« 
»Lieb gedacht von dir, Mama, aber mir liegt nichts daran. 
Bin ja vier Jahre lang ohne Tanzvergnügen ausgekommen, 
ohne es zu vermissen. Was macht übrigens meine Mutter?« 

»Sie machte trübselig mit«, gab Niekchen ihr Antwort. »Bis 
Alexa um zehn Uhr ins Bett mußte, da schloß sie sich ihr 
an. Wenn sie nur wüßte, daß du hier bist.« 
»Das soll sie eben nicht«, warf Theoda hastig ein. »Ich 
könnte ihre Tränen nicht ertragen. Morgen schon eher, aber 
heute nicht. Außerdem muß Witold vollständige Ruhe 
haben. Geht nur beruhigt nach unten, ich paß hier oben 
auf. Nur eine Kleinigkeit zu essen hätte ich gern und 
starken Kaffee.« 
»Daß wir daran nicht gedacht haben«, sagte Niekchen 
beschämt. »Ich bring dir gleich was, Herzchen.« 

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»Das möchte ich dem gnädigen Fräulein abnehmen«, 
meldete sich Daniel bescheiden aus dem Hintergrund. 

»Nun die Herrschaft Bescheid weiß, kann ich mich unten 
wieder blicken lassen.« 
»Das kann Hetty nun auch wieder. Sage ihr Bescheid, 
Daniel.« 
»Sehr wohl, Frau Gräfin.« 
Würdig entfernte er sich, und der Arzt sprach ihm 
schmunzelnd nach: 
»Na, nun geht’s ja schon wieder. Doch während der 
Prozedur wurden ihm doch die Knie weich.« 
»Nun sagen Sie das bloß noch von mir.« 
»Nein, Frau Gräfin, ich wiederhole, was ich vorhin schon 
sagte: alle Hochachtung.« 

Nachdem Niekchen mit Daniels Hilfe in Theodas 
Wohnzimmer ein Tischleindeckdich hingezaubert hatte, 
sagte sie vergnügt: 
»So, mein Kind, jetzt wollen wir beide mal tafeln.« 
»Wird man dich unten auch nicht vermissen?« 
»Bestimmt nicht. Das ist vielleicht eine fidele Gesellschaft 
und unser braver Doktor mittendrin. Ein Zeichen, daß es 
mit Witold nicht so arg ist, sonst würde der vorzügliche 
Arzt sich nicht von seinem Bett wegrühren. 
Na, das wird ja wie eine Bombe einschlagen, wenn die 
Gäste erfahren werden, was sich hier oben zutrug, während 
man unten trubelte. Daß es zu keiner Panik kam, haben sie 

nur dir zu verdanken. Wink nicht ab, mein Herzchen, ich 
weiß schon, was du sagen willst. Du stellst überhaupt dein 
Licht gar zu sehr unter den Scheffel. 
Was meinst du wohl, wie manch eine andere sich an deiner 
Stelle benommen hätte. Nehmen wir als Beispiel die 
verflossene Braut Witolds. Das ganze Haus hätte sie 
zusammengeschrien in ihrer Unbeherrschtheit. Hätte 
ihrem eben angetrauten Mann eine widerliche Szene 
gemacht, ihn dadurch gar noch gezwungen, trotz seines 
elenden Zustandes die Reise anzutreten, so 
vergnügungssüchtig wie sie war. Und was tatest du?« 

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»Tante Niekchen – bitte!« 
»Na ja, ich weiß schon. Es gibt eben Menschen, welche die 

Wahrheit nicht vertragen – auch die gute nicht. In der Halle 
wird es recht lebendig. Sollte womöglich schon der 
Aufbruch beginnen? Muß mal die Lage peilen.« 
Bevor sie ging, stellte sie noch das Geschirr und die 
Speisereste auf den Serviertisch, den sie in den Gang schob. 
Dann wieselte sie ab, und Theoda sah nach ihrem Kranken, 
der sich immer noch nicht rührte. Er atmete jedoch tief und 
regelmäßig, was sie beruhigte. Im Ankleidezimmer 
schlüpfte sie aus Kittel und Kleid und zog einen 
Morgenrock über, der, wie die ganze Garderobe, von 
auserlesener Eleganz war. Die Koffer waren bereits 
ausgepackt. Also mußte Hetty sich hierher geschlichen und 

ihres Amtes gewaltet haben. 
Müde streckte Theoda sich auf den Diwan. Schlafen konnte 
sie natürlich nicht, dafür war sie zu aufgeregt. Aber so 
langliegen, das war schon eine Wohltat, nachdem sie viele 
Stunden fast ständig auf den Beinen gewesen war. 
Unten wurde es immer lebendiger, also schien man 
tatsächlich aufzubrechen. Um drei Uhr auch an der Zeit. 
Stimmen wurden laut, Lachen, Zurufe, Autos fuhren ab – 
und dann Stille. Theoda erhob sich und ging hinüber zu 
dem Kranken. 
Bald darauf erschienen auch die anderen, die sich um ihn 
sorgten. 

»Endlich sind sie alle fort«, sagte die Mutter, die einen 
erschöpften Eindruck machte. »Nicht so einfach, unter den 
vergnügten Menschen zu weilen, wenn einen etwas so arg 
bedrückt. Aber nun haben wir es ja geschafft. Wenn der 
Junge erst wieder zu sich kommen würde. Ich kann diese 
Regungslosigkeit gar nicht mit ansehen.« 
»Aber er schläft doch, Mama«, tröstete Theoda. »Sieh nur, 
wie ruhig er atmet. Der Arzt hat gesagt, daß er erst in den 
Morgenstunden munter werden würde, und jetzt ist immer 
noch Nacht. Dir seid ja alle zum Umfallen müde. Geht nur 
zu Bett, ich paß schon auf. Wenn wirklich etwas sein sollte, 

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ist ja der Arzt im Hause.« 
So gingen sie denn, da sie sich tatsächlich kaum noch auf 

den Beinen halten konnten. Theoda jedoch streckte sich 
wieder auf den Diwan und schlief fast augenblicklich ein. 
Schlief so tief und traumlos, bis ein Klirren sie aufschreckte. 
Im Nu war sie auf den Beinen und eilte ins Nebenzimmer, 
wo sieden Gatten wach vorfand. 
»Entschuldige, daß ich dich aus dem Schlaf schreckte«, 
sagte er matt. »Ich war so durstig, wollte mir etwas zu 
trinken nehmen, dabei entglitt mir das Glas, zerbrach.« 
»Aber Witold, du hättest doch nur zu rufen brauchen. 
Einen Moment, ich hole ein anderes Glas.« 
Mit dem sie rasch zur Stelle war. Sie füllte es aus der 
Karaffe, die auf dem Nachttisch stand. Seinen Kopf 

stützend, hielt sie ihm das Glas an die Lippen, aus dem er 
in vollen Zügen trank. 
»Das hat gutgetan«, ließ er sich in das Kissen zurücksinken. 
»Habe ich lange geschlafen?« 
»So einige Stunden schon«, wich sie aus, dabei ans Fenster 
tretend und die Jalousie hochziehend. »Sieh nur, wie die 
Sonne ins Zimmer lacht, dazu will dein mißmutiges 
Gesicht gar nicht passen. Immer noch Schmerzen?« 
»Es geht. Was hat der Arzt überhaupt mit mir gemacht? Ich 
habe nichts gemerkt.« 
»Das solltest du auch nicht. Jetzt werde ich erst einmal 
unseren guten Doktor mobil machen.« 

»Ist er denn hier?« 
»Ja. Warum, das erzähle ich dir später. Auf welch ein 
Klingelzeichen reagiert Daniel?« 
»Zweimal kurz, einmal lang.« 
Überraschend schnell war der Diener zur Stelle, dem die 
Herrin den Auftrag gab, den Arzt zu wecken. 
»Der Herr Doktor frühstückt bereits, Frau Gräfin.« 
»Na, wunderbar. Laß ihn erst sein Frühstück beenden und 
sag ihm dann, daß unser Patient erwacht ist. Ich zieh mich 
indes rasch an.« 
In dem Ankleidezimmer fand sie die Zofe vor, die schon 

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alles zurechtgelegt hatte. 
»Guten Morgen, Frau Gräfin.« 

»Guten Morgen, Hetty. Das Ankleiden muß heute sehr 
schnell gehen.« 
Und es ging schnell. Schon zehn Minuten später trat 
Theoda im blendendweißen Kittel an das Krankenbett, wo 
der Arzt dabei war, die Binde abzuwickeln. 
»Guten Morgen, Schwester Theoda«, grüßte er 
schmunzelnd. »Sie sehen wahrlich nicht danach aus, als 
hätten Sie sich die Nacht um die Ohren geschlagen.« 
»Einige Stunden Schlaf habe ich schon abgekriegt. Wie ist 
die Wunde?« 
»Nun, so schlimm wie gestern sieht sie wohl nicht mehr 
aus, aber immer noch schlimm genug. Es wird jetzt ein 

bißchen weh tun, Herr Graf, aber das müssen Sie schon 
aushalten.« 
Während Theoda assistierte, ging ihr Blick angstvoll zum 
Gatten hin, der die Hände ballte und die Zähne 
zusammenbiß. Dicke Schweißtropfen standen auf der 
Stirn, die sie abwischte und tröstend sagte: 
»Ist ja schon vorüber, Witold. Der Herr Doktor schmiert die 
Salbe auf, die dir guttun wird.« 
»Ganz bestimmt wird das meine Wundersalbe«, bekräftigte 
der Arzt. »Das Rezept gab mir ein Kollege, der lange Jahre 
in Indien war.« 
Als das Bein verbunden war, wurde Daniel beordert, ein 

Glas stärkenden Weins zu holen. Nachdem der Patient es 
getrunken hatte, entspannte sich sein Gesicht und bekam 
langsam Farbe. Er bekam nun noch eine Spritze, wonach er 
gleich einschlief. 
»Somit wäre unser Patient für eine Weile gut aufgehoben«, 
bemerkte der Arzt. »Nun denken Sie aber auch mal an sich, 
Frau Gräfin. Ein kräftiges Frühstück wäre warm zu 
empfehlen.« 
»Und was soll mein Mann zu essen bekommen, Herr 
Doktor?« 
»Geben Sie ihm, worauf er Appetit hat, groß wird er 

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ohnehin nicht sein. Ich wasche mir jetzt die Hände und 
biete Ihnen dann meinen Arm.« 

»Wie galant«, lachte sie. »Zu der feierlichen Handlung muß 
ich unbedingt meinen Kittel abwerfen.« 
Wenig später betrat sie mit dem Arzt das 
Frühstückszimmer, wo sie die Familie vereint vorfand. 
Einschließlich Alexa, die auf die Schwester zueilte und sie 
fest umfaßte. 
»Ich freue mich ja so schrecklich, daß du nicht weggefahren 
bist«, schluchzte sie. »Nur der arme Witold, er tut mir doch 
so leid.« 
»Aber, aber, Baroneßchen, wer wird denn so weinen. Den 
Witold, den mach ich schon wieder gesund.« 
»Wirklich, „Herr Doktor?« 

»Ganz wirklich.« 
Da ging sie getröstet an ihren Platz zurück, und der Arzt 
gab über den Zustand des Kranken Bericht. 
»Grund zur Besorgnis ist keiner vorhanden. Wohl wird das 
Bein dem Herrn Grafen noch eine Weile zu schaffen 
machen, aber die Geduld muß er schon aufbringen. 
Und nun werde ich auch verraten, warum ich Ihnen gestern 
den Rat gab, die Gäste nicht nach Hause zu schicken. Bei 
zwei Gesellschaften, die ich persönlich mitmachte, tat man 
das nämlich – und mußte es fortan immer wieder tun. 
Denn sowie man in den beiden Häusern ein Fest 
veranstaltete, passierte ein Unglück. Seitdem bin ich 

abergläubisch geworden.« 
»Himmel, Doktor, Sie sind ja die reinste Kassandra«, zog 
der Senior unbehaglich die Schultern hoch. Der Arzt lachte. 
»Aber eine, die Segen stiftet. Denn Sie sind die einzige 
Familie nicht, der ich den gleichen Rat gab und die ihn 
befolgte.« 
»Na und?« 
»Sie haben noch jedes Fest, das sie fortan gaben, 
quietschvergnügt zu Ende feiern können.« 
»Theoda, Kind, so ist es doch wahr!« empfing die Baronin 
ihre Tochter aufgeregt, die zu ihr ans Bett getreten war, um 

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sie zu begrüßen. »Ich wollte es einfach nicht glauben, was 
Hetty da erzählte, als sie mir das Frühstück brachte. Was 

hast du armes Kind bloß ausstehen müssen.« 
»Ich, Mutter? Ich habe meine gesunden Beine, aber Witold 
hat sie nicht.« 
»Na ja, gewiß. Wie geht es ihm?« 
»Den Verhältnissen entsprechend gut. Wie ist dir das 
gestrige Fest bekommen?« 
»Nicht schlecht. Ich machte es ja auch nicht lange mit, 
sondern ging mit Alexa, als diese ins Bett mußte. Hätte ich 
nur geahnt, daß du nicht weggefahren bist, aber man hielt 
es nicht für nötig, mich davon in Kenntnis zu setzen.« 
»Mutti, nun sei um Himmels willen nicht gekränkt. Es 
geschah auf meine Veranlassung, daß man dich ahnungslos 

ließ.« 
»Das ist denn etwas anderes. Kind, wie bin ich froh, dich 
wiederzuhaben.« 
»Na ja – enem sien Uhl ist dem annern sien Nachtigall«, 
versetzte sie trocken. »Wie bist du mit Hettys Betreuung 
zufrieden?« 
»Sehr. Sie ist ein liebes Mädchen.« 
»Das freut mich. Jetzt muß ich aber wieder nach meinem 
Kranken sehen.« 
»Und wann sehe ich dich wieder?« 
»Beim Mittagstisch. Also bis dann, Mutti.« 
Unverweilt begab sie sich ins Krankenzimmer, wo Daniel 

am Bett saß und den Schlaf seines Herrn treu bewachte. 
Theoda schickte ihn fort und ließ ihn erst wiederkommen, 
als sie zum Mittagessen ging. 
Es war »Restetag«, wie die Hausherrin bemerkte; denn die 
Reste des Hochzeitsmahls mußten aufgebraucht werden. 
Allein der Kochkunst der Mamsell gelang es, auch daraus 
delikate Gerichte zu bereiten. 
Als man beim Mokka saß, erschien Daniel mit der 
Meldung, daß der Kranke erwacht sei und Hunger hätte. 
Umgebettet wäre er bereits. 
»Was wünscht denn unser Patient zu speisen?« fragte der 

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Senior gespannt. 
»Kartoffeln und Hering, Herr Graf. Dazu ein Glas Bier.« 

»Der Junge ist wohl nicht recht gescheit!« sagte seine 
Mutter entsetzt, während die anderen lachten. »Hat der 
Arzt ihm denn nicht Diät verordnet, Theoda?« 
»Nein, Mama. Er sagte, daß wir Witold geben sollen, 
worauf er Appetit hat. Daß es aber gleich Hering und Bier 
sein würde, damit dürfte unser guter Doktor denn doch 
nicht gerechnet haben.« 
»Es ist ja fast so, als ob der Junge den Kater hätte«, 
schmunzelte sein Vater. »Und was machen wir nun?« 
»Ihm bestimmt nicht seinen unvernünftigen Wunsch 
erfüllen«, bemerkte die Gattin. »Frikassee und ein Glas 
Wein, mit Mineralwasser gemischt, werden es auch tun.« 

»Da bin ich aber gespannt, wie unser ungnädiger Patient 
das aufnehmen wird«, lachte Niekchen. »Das muß ich mir 
ansehen, allerdings aus dem Hinterhalt.« 
Das wollten die anderen, außer der Baronin und ihrer 
Jüngsten, auch. So zog man denn, nachdem Daniel die 
gewünschte Speise gebracht hatte, vereint nach oben. Doch 
nur Gräfin Susann betrat das Zimmer, die anderen hielten 
sich verborgen. 
»Na, endlich kommt jemand«, brummte der Kranke. 
»Bringst du mir den Hering, Mutter?« 
»Nein, mein Jungchen, die Dummheit mach ich denn nun 
doch nicht.« 

»Was ist denn das?« 
»Hühnerfrikassee.« 
»Labbriges Zeug! Warum kommt Theoda nicht?« 
»Weil sie nicht der Blitzableiter für deine geladene Laune 
sein will.« 
»Hat sie das gesagt?« 
»Nein.« 
»Dann stimmt es auch nicht. Gib schon her. Ist ja egal, 
womit ich meinen Hunger stille.« 
»Na also«, lachte die Mutter und begann mit der Fütterung, 
diel ohne sonderliche Kapriolen verlief. Dann gab sich der 

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Gesättigte dem Verdauungsschlaf hin, der sich bis zum 
Abend ausdehnte. Gnädig ließ er sich von der Mutter mit 

einem weichgekochten Ei, Toast nebst einem Glas Tee 
füttern und schlief ihr fast unter den Händen ein. Somit 
konnten auch die anderen beruhigt zu Bett gehen und zwar 
früher als gewöhnlich, da sie an Schlaf nachzuholen hatten. 
Auch Theoda schlüpfte zum ersten Mal in ihr Luxusbett, 
wo sie augenblicklich in Morpheus Arme sank, der ihr 
Bilder vorgaukelte, bunt und kraus, bedrohend und 
beglückend. Beglückend, weil die Träumende durch einen 
Rosengarten wandelte, bedrohend, weil ein grelles Licht sie 
blendete, das näher und näher kam. Da wollte sie laufen 
und konnte nicht, wie das im Traum nun einmal ist. 
Gepeinigt schrie sie auf – und sich dadurch wach. Verstört 

schaute sie um sich und bemerkte nun auch wieder das 
Licht, das jedoch nicht grell, sondern gedämpft war

1

. Es 

schien durch die Glastür, und schon war Theoda hellwach. 
Sie schnellte aus dem Bett, schlüpfte in Morgenkleid nebst 
Pantöffelchen und eilte ins Nebenzimmer, wo der Kranke 
im Bett saß und die Binde zu lockern versuchte. 
»Laß ab, Witold.« 
»Das kann ich nicht«, kam es verbissen zurück. »Ich halte es 
nicht länger aus.« 
»Mein Gott«, sagte Theoda erschrocken, als sie die Binde 
näher in Augenschein nahm, die blutverkrustet und hart 
war. 

»Daß du dabei Schmerzen hast, ist gewiß kein Wunder. Das 
harte Zeug muß ja die Wunde erbärmlich scheuern und 
drücken. Ich rufe gleich den Arzt her.« 
»Bis der da ist, vergeht mindestens eine halbe Stunde. 
Kannst du mir nicht helfen?« 
»Ich weiß nicht, Witold, ich wage mich da nicht so recht 
heran.« 
»Theoda – bitte!« 
»Na schön. Hoffentlich geht der Arzt mir nicht an den 
Kragen.« 
Aus der Hausapotheke holte sie alles Erforderliche herbei 

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und begann dann mit verdünnter Tonerde den verkrusteten 
Verband aufzuweichen. Stückchen für Stückchen rollte sie 

die Gaze ab, die mit einem braunroten, weißdurchzogenen 
Zeugs dick verklebt war, doch die Wunde war sauber und 
trocken. 
»Ist das eine Wohltat«, atmete nun der vorher 
Schmerzgepeinigte auf. »Du hast mir sehr geholfen.« 
»Hoffentlich ist der Arzt derselben Ansicht«, entgegnete sie 
skeptisch. »Noch Schmerzen?« 
»Kein bißchen mehr.« 
»Dafür will ich gern dem Rüffel des Arztes standhalten. Ich 
werde ganz lose eine Binde umlegen. Wie spät haben wir 
es? Nach sieben. Da der Arzt versprach, noch vor acht hier 
zu sein, wird er wohl bald in Erscheinung treten.« 

Während sie behutsam die Binde umlegte, sagte der Gatte 
leise: »Arme, kleine Frau, das sind nun deine 
Flitterwochen.« 
»Noch lange nicht so traurig wie deine, Witold. Denn mir 
fehlt nichts, während du Schmerzen ertragen mußt. So, die 
Wunde ist gesichert. Hast du einen Wunsch?« 
»Ich lechze förmlich nach einem herzhaften Trunk.« 
»Ich mische dir eine Orangeade, zufällig habe ich alles 
dazu Erforderliche oben. Halt bitte das Bein ganz still.« 
Er versprach es, und sie eilte davon, um schon wenig später 
mit dem gefüllten Glas zurückzukehren, das er durstig 
leerte. 

»Danke, Theoda, der Trunk hat mich wunderbar erquickt. 
Geh wieder zu Bett, aus dem ich dich so rücksichtslos 
aufscheuchte.« 
»Wo denkst du hin! Anziehen werde ich mich. Hoffentlich 
schaffe ich es noch, bis der Arzt hier ist. Also bis nachher. 
Das kranke Bein nicht rühren.« 
Im Ankleidezimmer fand sie bereits die Zofe vor. 
»Guten Morgen, Frau Gräfin, da bin ich.« 
»Das sehe ich«, lachte Theoda. »Schlafen tun Sie wohl 
überhaupt nicht, wie?« 
»Immer bis sieben Uhr. Wieder den weißen Kittel, Frau 

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Gräfin?« 
»Heute noch, ja.« 

»Dann geht es dem Herrn Grafen besser?« 
»Besser auf alle Fälle.« 
Als Theoda des Gatten Schlafzimmer betrat, fand sie Daniel 
vor, der seinen Herrn gewaschen und ihm die Haare 
gebürstet hatte. Gleich darauftrat auch der Arzt ein, der sich 
nach dem Bericht der jungen Gräfin die Wunde des 
Patienten betrachtete. Da er zufrieden nickte, fragte sie 
zaghaft: 
»So habe ich nichts verpatzt, Herr Doktor?« 
»Nein, Frau Gräfin, Sie haben im Gegenteil wohltätig 
gewirkt. Denn das knochenharte Zeug auf der 
empfindlichen Wunde – na, ich danke! Das muß ja 

gewesen sein, um auf die Akazien zu klettern. 
Schauen Sie sich das mal an, ist es nicht wunderbar? Alles 
in der Binde drin, was hier nicht hingehört. Ja, ja, meine 
Wundersalbe zieht selbst die Löcher in den Strümpfen 
zusammen. Das Bein möglichst nicht bewegen, Herr Graf, 
damit die Wunde, die sich bereits schließt, in Ruhe 
vernarben kann.« 
»Wie lange wird das dauern, Herr Doktor?« 
»Bei Ihrer vorzüglichen Heilhaut bestimmt nicht lange, 
Herr Graf. Das wissen wir ja von Ihrer damaligen 
Verletzung. Was dann zu tun ist, wissen Sie auch. Also 
richten Sie sich danach. Täglich zu kommen brauche ich 

nicht mehr, weil die holde Samariterin so zünftig ihres 
Ehrenamtes waltet. Morgens und abends die Wunde 
pudern und leicht verbinden. Spezialpuder und Binden 
schreibe ich mit aufs Rezept. Und nun wünsche ich, von 
den Herrschaften als Arzt nicht mehr belästigt zu werden.« 
Das sagte er auch den anderen, die er beim Frühstück 
antraf. Zwar sollte er mithalten, doch dazu fehlte ihm die 
Zeit. Mit herzlichem Dank und einer Kiste Importen 
versehen, nahm er schmunzelnd Abschied, und Theoda 
erzählte nun, was sich oben zugetragen hatte. 
»Ich schwitzte Angst genug«, beendete sie ihren Bericht. 

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»Habe aber gottlob nichts verpfuscht.« 
»Kann dir so was auch passieren?« 

»Hast du eine Ahnung, Onkel Egbert. Ich habe schon so 
manches Lehrgeld zahlen müssen. Und da ich geizig bin, 
hüte ich mein Portemonnaie.« 
Es kam so trocken heraus, daß es Lachen auslöste. Und in 
dieses Lachen hinein trat Onkel Julius, der aufatmend 
sagte: 
»Na, wenn ihr lachen könnt, wird es nicht so schlimm 
sein.« 
»Setz dich hin und halte mit«, legte Niekchen bereits ein 
Gedeck auf. »Du siehst so hungrig aus.« 
»Bin ich auch«, ließ er sich bereitwillig nieder. »Ich saß 
gerade mit Mullchen beim Frühstück, als unser Lutz 

schreckensbleich hereinstürzte und das kaum Faßbare 
erzählte. Wie ich ging und stand kam ich hierher. Danke, 
Niekchen, der Kaffee wird mir guttun.« 
»Und von wem hat Lutz es erfahren?« fragte der Senior. 
»Das kann ich dir noch nicht einmal sagen. Ist ja auch egal. 
Ich möchte jetzt erst einmal Näheres erfahren.« 
Als er es wußte, sagte er zur Verblüffung aller: »Ist doch 
bloß gut, daß ihr die Gäste nicht nach Hause geschickt 
habt. Hat unser braver Doktor das verhindert?« 
»Ja.« 
»Auch gesagt warum, Reimar?« 
»Erst am Morgen nach dem Fest.« 

»Dann wißt ihr ja Bescheid.« 
»So bist auch du abergläubisch, Julius?« 
»Das bin ich, Egbert, in der Beziehung. Und die junge Frau 
Gräfin…Na, Kommentar überflüssig. Hut ab, Marjellchen, 
da sag ich gleich du. So eine Schwiegertochter möchte ich 
auch mal haben. 
Und nun entschuldigt mich. Ich will Luschchen nicht 
länger in Unruhe lassen, als nötig ist. Herzlichen Gruß an 
Witold und immer weiter gute Besserung. Laßt euch nicht 
stören, ich finde die Tür auch allein.« 
Weg war er, und Egbert sagte: »Nun das Geschehnis sich 

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wie ein Lauffeuer verbreitet hat, wird das Telefon wohl 
kaum stillstehen.« 

Damit sollte er richtig orakelt haben. Es kamen nicht nur 
telefonische Anfragen, es trafen auch Briefe ein, die Egbert 
kurz beantwortete. 
Und der, um den es ging, wurde von der ganzen Familie 
umsorgt und gehegt, was er sich nicht nur wie ein Pascha 
gefallen ließ, sondern auch wie ein solcher ungnädig war. 
Hauptsächlich dann, wenn er Theoda nicht ständig am 
Bändel haben konnte. Bis dem Vater sozusagen der Hut 
hochging und er seinem anspruchsvollen Sprößling die 
Meinung sagte. 
»Ich möchte gern wissen, was du dir so eigentlich denkst«, 
begann er seinen Sermon. »Theoda ist doch nicht deine 

Gefangene, die du einfach einsperren darfst. Einige 
Stunden am Tag mußt du ihr schon zubilligen, damit sie 
sich von deiner miserablen Laune erholen kann.« 
»Wer ist denn hier schlecht gelaunt, wie?« 
»Ich bestimmt nicht und die anderen auch nicht, die um 
dich herumtanzen, wie um das goldene Kalb. Siehst du, da 
steckt Niekchen schon wieder ihre lustige Nase vorsichtig 
durch den Türspalt. Kannst dich ruhig weiterwagen. Unsere 
Primadonna schmeißt nicht mit Porzellan, weil keins in 
Reichweite ist.« 
Da mußte Witold denn doch lachen, und vergnügt tat 
Niekchen mit. 

»Da bricht endlich ein Sonnenstrahl durch das düstere 
Gewölk. Ich bin hier, um unseren Doktor zu avisieren.« 
Schon trat dieser ein, lachend über das ganze Gesicht. 
»Na, wie geht’s denn, Hochdero? Leutseliger Stimmung?« 
-»Doktor, sollten Sie gekommen sein, um mich zu ärgern, 
dann machen Sie gefälligst die Tür von draußen zu.« 
»Werde ich, sofern ich das Beinchen bewundert habe.« 
Und er bewunderte es wirklich, sein Arztherz war sogar 
entzückt. 
»Na, so was sehe ich für mein Leben gern«, schmunzelte er. 
»Ganz wundervoll vernarbt ist das. Also, wenn Sie 

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aufstehen wollen, Herr Graf, dann immer nur zu. Benutzen 
Sie zuerst die Krücken, wie damals auch, dann den Stock 

und dann losmarschiert wie ein Grenadier.« 
Bis dahin vergingen ja nun noch etliche Wochen, in denen 
die Geduld des Rekonvaleszenten auf eine harte Probe 
gestellt  wurde.  Da  er  gewöhnt  war,  sich  bei  Wind  und 
Wetter draußen in der Landwirtschaft zu tummeln, wurde 
ihm das ständige Herumsitzen in dem Zimmer langweilig, 
obwohl er nie ohne Gesellschaft war. Im Wohngemach 
befand sich immer jemand, mit dem er sich unterhalten 
konnte. Hauptsächlich seine Schwiegermutter, die als 
einzige im Haus ohne Beschäftigung war. Die anderen 
hatten alle ihr Gebiet, auf dem sie sich nützlich machten. 
Auch die junge Gräfin. Sie erledigte für Onkel Egbert, der 

die Oberaufsicht über die Rentmeistereien des 
ausgedehnten Besitzes führte, die interne Korrespondenz. 
Denn seitdem er die beiden kleinen Mädchen unterrichtete, 
blieb ihm wenig Zeit für seine wissenschaftlichen Arbeiten. 
Alexa war selig, in der Tochter des Oberinspektors eine so 
liebe Lern- und Spielkameradin gefunden zu haben. Und 
Theoda war froh, daß das ohnehin schon altkluge 
Persönchen kindlichen Umgang hatte. Die Mädchen 
machten ihrem Lehrer Freude. Sie lernten fleißig und 
waren musterhaft artig. Sie lernten nicht nur gemeinsam, 
sondern unternahmen auch alles gemeinsam. 
Also waren auch Alexas Tage ausgefüllt, nur ihre Mutter gab 

sich dem Müßiggang hin, wie sie es von jeher tat. Sie 
schlief bis zehn Uhr, nahm im Bett ihr Frühstück ein und 
ließ sich dann von Hetty bedienen. Sport trieb sie natürlich 
keinen, ging nur geruhsam spazieren und Saß ansonsten 
müßig da. Wohl unbegreiflich für die rührigen Menschen 
ihrer Umgebung, aber: jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. 
Zu den fast täglichen Gästen gehörte Lutz Askell. Ein 
schneidiger junger Mann von siebenundzwanzig Jahren 
und dazu ein quietschvergnügtes Haus, wie man so sagt, 
das mit Theoda ein lustiges Gespann bildete. Wo sie waren, 
ging es immer so vergnügt zu, daß die anderen mitgerissen 

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wurden, nur der Graf Witold nicht. Der hätschelte düstere 
Gedanken, weil er von dem Wahn besessen war, daß die 

beiden jungen Menschen sich liebten. Denn Theoda hatte 
ja nicht aus Liebe gefreit und schien nun in dem 
schneidigen Lutz ihres Herzens Ideal gefunden zu haben, 
und er konnte unmöglich unberührt bleiben von so viel 
herzerfrischender Schönheit und Charme. 
Eben betraten sie das Wohngemach und brachten einen 
Hauch von kalter Winterluft mit. Beide waren im Reitdreß. 
Denn Theoda hatte die Ritte wieder aufgenommen, die sie 
nach dem Tod des Vaters einstellen mußte. Richtig fesch 
sah sie aus in dem eleganten Dreß, die Augen blitzten, der 
Mund lachte. 
»Herrlich war der Ritt«, schwärmte sie. »Um so mehr, da 

ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnte. 
Hör mal zu, Onkel Egbert«, ließ sie sich ihm gegenüber 
nieder. »Ich habe in der Tangehner Rentmeisterei so ein 
bißchen die Lage gepeilt. Du mußt mal hin, um an Ort und 
Stelle nach dem Rechten zu sehen. Da scheint nämlich 
manches nicht zu stimmen.« 
»Bis auf eins«, warf Lutz trocken ein. »Die Liebschaft 
zwischen dem Rendanten und seiner Hilfe. Sie saß nämlich 
auf seinem Schoß. Huuch nein, was war das für ein 
Schreck, als wir so unverhofft erschienen und das zärtliche 
Tete-a-tete störten. Schmeiß sie man zuerst raus, Onkel 
Egbert und knöpfe dir dann den Glatzkopf vor, der wie das 

heulende Elend um Gnade winselte. Das heißt, die 
Knochen konnten einem schon flattern, beim Anblick der 
jungen Herrin von Rodeland, die dastand wie eine 
rächende Göttin.« 
»Hast du schon mal eine im Reitdreß gesehen?« fragte 
Theoda dazwischen. 
»Ja, die Amazone«, gab er schlagfertig zurück und hatte die 
Lacher auf seiner Seite. 
»Ihr beide seid schon das richtige Gespann«, schmunzelte 
der Senior. »Was machen wir nun mit dem Gockel von 
Rendanten, Egbert? Die Federn vom Kopf reißen kann man 

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ihm nicht, da er keine hat.« 
»Übergeb ihn zur Aburteilung seiner Alten«, schlug Lutz 

vor, und Egbert kratzte sich den Kopf. 
»Uijeh, Junge, das wäre schon zuviel an Strafe. Denn wer 
unter den Strauchbesen gerät, wird ratzekahl weggeputzt. 
Ob wir da noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen, 
Reimar? Es ist in den beiden Jahrzehnten, da er sein Amt 
versieht, nichts vorgekommen, nur in den letzten Wochen. 
Da gibt es kleine Unstimmigkeiten in den Büchern, hinter 
die eine kleine Schnüfflerin kam.« 
»Solltest du am Ende mich damit meinen, mein 
Lieblingsonkel?« 
»Na, wen denn sonst«, besah er sich schmunzelnd die 
reizende Amazone. »Zu so einem Famulus kann ich mir 

selbst gratulieren.« 
»Ehrt mich. Ich zieh mich jetzt um und fahre ins Dorf, um 
einzukaufen. Kommst du mit, Witold?« 
»Nein.« 
Es klang so schroff, daß sie den Kopf in den Nacken warf. 
»Wenn nicht, dann nicht. Vielleicht ist hier jemand 
liebenswürdiger als du.« 
»Ich wäre es gern«, beteuerte Lutz. »Aber ich muß 
unbedingt nach Hause.« 
»Ich komme mit dir, mein Kind«, stand die Mutter auf. 
»Die Fahrt wird mir guttun.« 
Sie gingen, und auch Lutz verabschiedete sich. Von dem 

jungen Grafen mit einem Nasenstüber. 
»Alter Brummbär. Wie kann man das nur sein, wenn man 
eine so entzückende Frau hat. Sie muß sich von dir 
scheiden lassen und mich nehmen.« 
»Ei du, dann gibt es eine Palastrevolution«, warnte der 
Senior schmunzelnd. »Unseres Hauses Sonnenschein 
lassen wir uns nicht so ohne weiteres rauben.« 
»Danach werde ich auch gerade fragen«, verschwand er 
lachend, und die Mutter sah dem Sohn kopfschüttelnd in 
das finstere Gesicht. 
»Junge, du wächst dich direkt zu eifern Tyrannen aus. Ich 

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bewundere Theoda, daß sie sich deine Schroffheiten so 
lammgeduldig gefallen läßt.« 

»Sie kann sich ja wehren, warum tut sie es nicht?« 
»Weil sie immer noch Rücksicht auf deine Rekonvaleszenz 
nimmt. Die Fahrt ins Dorf hätte dir nur guttun können, der 
du seit Wochen nicht mehr ins Freie gekommen bist. Wir 
hätten dir alle sehr gern in den Schlitten geholfen.« 
»Eben«, lachte er kurz auf. »Damit unsere Leute ja sehen, 
welch eine erbärmliche Figur ich mache und so zum 
Gespött werde. Solange ich nicht wieder fest auf den 
Beinen bin, laß ich mich draußen nicht blicken.« 
»Und was soll ich da sagen?« fragte Egbert leise – und da 
lief das Gesicht des Neffen vor Beschämung rot an. 
»Entschuldige, lieber Onkel – ich habe es bestimmt nicht 

so gemeint.« 
»Das weiß ich ja, Junge. Aber du solltest wirklich draußen 
mal ein wenig herumschlendern. Komm, wir gehen über 
die Terrasse in den Park, da sind wir allein.« 
»Ich gehe auch mit«, erbot sich der Vater, und so gingen 
denn wenig später die drei Herren in ihren kurzen Pelzen 
davon. Susann, die ihnen durch die Terrassentür nachsah, 
sagte beglückt: 
»Komm, Niekchen, schau dir das an, der Junge zieht ja 
kaum noch das Bein nach.« 
»Tatsächlich«, freute sich nun auch das gute Niekchen. »Na, 
dann  wird  er  ja  bald  wieder  unser alter schneidiger Junge 

sein. Weißt du, Susann, ich habe den Eindruck, als ob er 
sich vor Theoda geniert, wenn er so mühsam 
herumhumpelt.« 
»Meinst du wirklich, Niekchen? Aber sie hat ihn doch 
schon in einer anderen Verfassung gesehen, als er hilflos 
daniederlag und hat sich trotzdem liebreich seiner 
angenommen. Ich glaube, wenn er ein steifes Bein behalten 
hätte, hätte ihm das persönlich gar nichts ausgemacht. Nur 
für ihn hätte es ihr leid getan.« 
»Das glaube ich auch. Sie setzt sich eben für den, der zu ihr 
gehört, hundertprozentig ein, was sie bei Mutter und 

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Schwester bewies. Was hätten die wohl ohne Theoda 
angefangen. Umgekommen wären sie. 

Ich muß schon sagen, daß ich bisher noch keinem so 
hilflosen, unselbständigen Menschen begegnet bin wie 
Thekla. Die lebt wirklich dahin wie die Lilie auf dem Felde. 
Rührt keinen Finger, läßt immer nur andere für sich sorgen. 
Hast du gesehen, als sie ankamen, wie gut eingekleidet sie 
und Alexa waren, während Theoda direkt schäbig aussah? 
Ich hätte mich nicht auf Kosten der Tochter so ausputzen 
lassen, das kannst du mir schon glauben.« 
»Glaub ich dir; denn auch ich hätte es nicht zugelassen. 
Aber sie ist nun mal von Kindheit auf so verhätschelt und 
verwöhnt worden, das macht hilflos und egoistisch. Na ja, 
die gute Thekla muß eben so verbraucht werden, wie sie ist. 

Uns macht sie ja nichts zu schaffen, und Theoda wird gut 
mit ihr fertig. Sie läßt sich ja sogar von Alexa betreuen, also 
kein Wunder, daß bei ihr die große Schwester erste Instanz 
ist, bei der sie sich für die gute Erziehung bedanken kann. 
Und wir können uns bei Witold bedanken, daß er uns das 
prachtvolle Menschenkind ins Haus gebracht hat.« 
»Daher hat Fortuna sie ihm auch persönlich in die Arme 
gelegt vor dem Hotel«, lachte Niekchen. »Wie wäre er sonst 
wohl ihrer habhaft geworden. Also bedanken wir uns hei 
der Glücksgöttin und bitten sie, uns auch fürderhin treu zu 
bleiben.« 
Am nächsten Nachmittag betrat Theoda die Bibliothek, das 

Tuskulum Egberts. Hier arbeitete er und unterrichtete auch 
die Kinder. 
Der große Raum war sehr behaglich ausgestattet. An den 
Wänden standen Regale, die bis zur hohen Decke reichten. 
Sie enthielten alles an Literatur, was das Herz begehrte. 
Von philosophischen Werken über Fachschriften, 
Klassikern zum Unterhaltungsroman. Sogar Kinderbücher 
gab es, was Alexa entzückte und natürlich auch Chroniken 
und uralte Schriften. Also ein Eldorado für Lesefreudige 
jeder Art. 
Vor dem einen Fenster stand schräggestellt ein mächtiger 

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Schreibtisch mit wundervollen Schnitzereien. Der Sessel 
davor war breit und hochlehnig, so daß die kleine Gestalt 

des Verwachsenen fast darin verschwand. Aber er liebte 
gerade diesen Stuhl, weil er ihm so viel Bewegungsfreiheit 
bot. 
Darin gab es noch einen kleinen Schreibtisch, den Theoda 
für sich mit Beschlag belegt hatte. Ferner eine Bank mit 
Pult, auf der die beiden kleinen Mädchen während des 
Unterrichtes saßen und auf der schon die Rodelandkinder 
gesessen hatten. Nun war das Pult wieder vorgeholt und in 
die Bibliothek gestellt worden. 
Vor dem Kamin stand ein Klubtisch, umgeben von 
Klubsesseln. Dann gab es noch einen breiten Schrank, 
gleichfalls geschnitzt, einen Aktenschrank, einen dicken 

Teppich, einige Bilder in schweren Goldrahmen, wertvolle 
Gardinen und Vorhänge an den Fenstern, alles in allem ein 
Raum, in dem sich gut verweilen ließ. 
In einem der Klubsessel saß lesend der junge Graf, der 
beim Eintritt der Gattin kaum aufsah. In dem 
Lieblingsstuhl kauerte der Onkel, kritisch seine linke Hand 
betrachtend, von der Blut tropfte. 
»Onkel Egbert, was hast du denn da gemacht?« rief Theoda, 
den Lesenden damit aufmerksam machend, der nun auch 
an den Schreibtisch trat. 
»Wann ist das passiert?« fragte er kopfschüttelnd. »Ich habe 
doch nichts davon gemerkt.« 

»Kannst du ja auch nicht, mein Jungchen, da es meine 
Hand ist«, kam es pomadig zurück. »Und was geschieht 
nun?« 
»Komische Frage«, bemerkte Theoda. »Verbandszeug werde 
ich holen.« 
Als sie damit zurückkehrte, nahm sie die verletzte Hand 
näher in Augenschein und meinte sachlich: »Ich glaube, der 
Riß wird genäht werden müssen.« 
»Willst du das tun?« 
»Ich werde mich hüten. Aber unser lieber Doktor, der kann 
das sehr schön.« 

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»Wenn er mich ins Bett steckt und dich mir als Pflegerin 
zuteilt, dann mag er sticheln kommen.« 

»Ach, so einer bist du. Nun, vielleicht geht es auch so, mal 
versuchen.« 
Sie zupfte mit der Pinzette sterilen Mull aus der Packung 
mit dem roten Kreuz, schnitt ein Stück davon ab und 
reichte es dem Gatten. »Damit preß den Schnitt fest 
zusammen. Aber vorsichtig, damit du ihn mit den Fingern 
nicht berührst.« 
Wenn auch ungern, so tat er doch wie ihm geheißen, und 
Theoda legte geschickt den Verband an. Hinterher ein 
Trageband, in das die Hand gelegt wurde, und das Werk 
war vollbracht. 
»Daß du die Hand stillhalten sollst, brauche ich wohl nicht 

extra zu betonen. Das wirst du schon von selbst, wenn sie 
dir bei jeder Bewegung weh tut. Wie bist du überhaupt zu 
der Verletzung gekommen?« 
»Ich wollte mit dem Taschenmesser die Klemme in dem 
Ordner lockern. Die Schneide sprang ab und ging in die 
Hand. Ausgerechnet jetzt, wo ich eine kleine 
wissenschaftliche Abhandlung zu tippen habe, die heute 
noch unbedingt zur Post muß.« 
»Das Tippen möchte ich dir schon gern abnehmen. Wo 
hast du das Konzept?« 
»Meine Hieroglyphen kannst du nicht entziffern.« 
»Du, ja?« 

»Zur Not.« 
»Dann gib sie mir ins Stenogramm. Aber immer langsam 
voran. Hauptsächlich bei den kniffligen Ausdrücken, die in 
solchen Abhandlungen ja förmlich wimmeln. Ich tippe das 
Stenogramm mal erst ins unreine, du streichst die Fehler 
an, und dann wird saubere Arbeit geliefert.« 
»Darf ich dich wirklich damit bemühen?« 
»Du darfst.« 
Sie suchte Block nebst Stift hervor, setzte sich in Positur 
und sah den Onkel erwartungsvoll an, der dann langsam 
und deutlich diktierte. Sie kam gut mit. Wenn sie ihrer 

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Sache nicht sicher war, ließ sie die Ausdrücke 
buchstabieren. 

Graf Witold, der seinen alten Platz wieder eingenommen 
hatte, konnte mit Muße die eifrige Schreiberin betrachten. 
So war sie nun, die Theoda. Immer gefällig, immer 
hilfsbereit. Dazu stets frohgemut und guter Dinge. Launen 
schien sie keine zu kennen, aber auch nicht all die 
Raffinessen, mit denen die Frau den Mann umgarnt. Aber 
daran lag ihr wohl auch nichts bei dem Mann, den sie 
nicht aus Liebe freite. Bei Lutz Askell mochte sie wohl 
anders sein. 
»Eine so zwielichtige Phantasie kann auch nur ein Mann 
haben«, ließ ihre Stimme ihn aus seinem gefährlichen 
Gedankengang aufschrecken. Hatte sie ihn etwa damit 

gemeint? 
Nein, natürlich nicht – denn sie konnte ja keine Gedanken 
lesen. Ihre Bemerkung galt Egbert, in welchem 
Zusammenhang, war ihm allerdings entgangen. Doch da 
der Onkel schmunzelte, schien es sich um eine Neckerei 
seinerseits zu handeln. 
»Fertig?« fragte sie nun. 
»Ja.« 
»Das ging ja noch glimpflich ab. Nun werde ich tippen, 
und du verbesserst hinterher die Fehler.« 
»Wirst du denn welche machen?« 
»Ganz bestimmt. Ich bin doch keine perfekte 

Privatsekretärin.« 
»So eine wie dich möchte ich schon haben.« 
»Was bietest du?« 
»Gute Bezahlung und liebevolle Behandlung. Höchst 
verschwiegen, natürlich.« 
»Witold, nun hör dir den bloß an!« tat sie entrüstet, 
während ihre Augen lachten. »Willst du ihn nicht fordern?« 
»Wofür denn?« 
»Für das, was er deiner Frau bot.« 
»Aber das war doch ein höchst liebevolles Angebot.« 
Zuerst guckte sie verdutzt, dann meinte sie wegwerfend: 

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»Na ja, eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.« 
Während sie das Stenogramm abtippte, führte sie so 

drollige Selbstgespräche, daß die Herren nur mit Mühe das 
Lachen unterdrücken konnten. Und als das ’ schwere Werk 
geschafft war, legte sie es dem Onkel vor, der nur einige 
Male den Stift ansetzte und zum Schluß anerkennend 
sagte: »Saubere Arbeit.« 
»Dann brauche ich nicht noch einmal zu schreiben?« 
»Nein. Die kleinen Lapsusse sind kaum der Rede wert.« 
»Da freu ich mich aber. Laß man, Onkelchen, wenn ich 
öfter mit so kniffligen Schreiben zu tun habe, werde ich 
bald so gelehrt sein wie du.« 
»Das laß man lieber bleiben«, meldete sich der Gatte. 
»Gelehrte Frauen sind dem Ehemann unbequem.« 

»Weil er ihr keinen blauen Dunst vormachen kann«, warf 
sie trocken ein. Der Onkel jedoch schmunzelte. 
»Mag uns der Himmel bewahren vor hochgelahrter 
Gemahlin. Ist nicht von mir, steht in Martials ›Xenien‹.« 
»Weiser Mann«, lachte Witold. »Folgen wir dem Schall des 
Gongs, der zum Kaffee ruft.« 
Als er sich in Bewegung setzte, sagte Theoda freudig: 
»Witold, das geht ja schon wunderbar. Du stützt dich kaum 
noch auf den Stock.« 
»Wird auch höchste Zeit«, brummte er. »Das tatenlose 
Herumsitzen war kaum noch zu ertragen.« 
Als Egbert an den Kaffeetisch trat, wo die anderen schon 

versammelt waren, zog seine verbundene Hand natürlich 
aller Blicke auf sich. 
»Keine Angst, die Hand ist noch dran«, erklärte er, bevor 
jemand eine Frage stellen konnte. »Das Taschenmesser hat 
sie nur geritzt.« 
»Mehr nicht?« fragte Niekchen, und er lachte. »Das klingt ja 
ordentlich enttäuscht.« 
»Ach, mit dir ist ja nicht zu reden. Hast du ihm die Hand 
verbunden, Theoda?« 
»Ja, Tante Niekchen. Die Wunde ist ziemlich tief und hätte 
eigentlich genäht werden müssen. Doch er scherzte darüber 

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hinweg.« 
»Sieht ihm ähnlich«, sprach nun Susann. »Vielleicht wird 

ihm die Unterlassung leid tun, wenn er eine breite Narbe 
zurückbehält.« 
»Wird nicht, weil die holde Samariterin ihre zaubertätigen 
Hände darauf legte.« 
Da gaben sie es auf und setzten sich an den Kaffeetisch. 
Einige Tage später spürte Egbert kaum noch etwas von der 
Wunde, die glatt verheilte. Auch mit Witolds Bein wurde es 
zusehends besser. Um zu trainieren, machte er 
Spaziergänge durch den Park, der groß genug war, um 
darin wandern zu können. 
Und auf so einer Wanderung war es auch, wo er bestätigt 
fand, was er schon längst vermutete: daß Theoda und Lutz 

sich liebten. Nun, sehen geht ja vor sagen, und verfänglich 
sah es schon aus, wie die beiden so aneinandergeschmiegt 
daherkamen. Sie hatte ihren Arm um seine Schulter gelegt, 
dabei eifrig auf ihn einsprechend. Und jetzt strich sie ihm 
gar noch über den gesenkten Kopf. Was er darauf sagte, war 
für den Mann, der rasch hinter ein Gebüsch getreten, auch 
nicht gerade beruhigend: 
»Ach, Theoda, es ist sehr schwer, zuversichtlich zu sein, 
wenn man so aussichtslos liebt wie ich!« 
Mehr konnte der Lauscher nicht verstehen, da das Paar sich 
rasch entfernte. Und zwar auf das Schloß zu, wo ihnen der 
Senior von der Terrasse entgegenrief: 

»Hast du das Richtige erwischt, Lutz?« . 
»Jawohl, Onkel Reimar. Da wird das blumenfreudige Herz 
meines Muttchens aber jauchzen, wenn ich die Knollen 
bringe.« 
»Komm mit, Junge, ich werde dir etwas als Mitbringsel 
geben, das wiederum deines Vaters Jägerherz erfreuen 
wird.« 
»Dann bist du wohl bestens versorgt«, lachte Theoda. »Auf 
Wiedersehen, Lutz. Ich gehe noch einmal ins Gewächshaus, 
um dem Gärtner für mein Herz etwas abzubetteln.« 
Ahnungslos, was ihr bevorstand, ging sie den Weg zurück, 

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den ihr der Gatte vertrat. 
»Toi, toi, toi’ – hast du mich aber erschreckt, Witold! Du 

stehst ja plötzlich da, wie aus der Erde gewachsen. Aber 
gut, daß ich dich treffe. Da kannst du gleich mit mir 
kommen, um dir eine wundervolle Blüte anzusehen, die 
Seltenheitswert hat.« 
Sie wollte ihre Hand unter seinen Arm schieben, doch 
schroff schlug er sie zurück. 
»Witold, was hast du denn?« sah sie erschrocken in sein 
blasses Gesicht, in dem die Augen wetterleuchteten vor 
unterdrücktem Zorn. 
»Das fragst du noch?« stieß er zwischen den Zähnen hervor. 
»Muß ich doch, da ich nichts getan habe.« 
»Ach, sieh mal an«, höhnte er. »Wenn du mit deinem 

Galan hier im zärtlichen Tete-a-tete lustwandelst, damit 
tust du deinem Ehemann nichts an, nicht wahr?« 
»Großer Gott!« stammelte sie, blaß bis in die Lippen. »Du 
nimmst doch nicht etwa an ;.« 
»Ich nehme an, was ich sah«, klang seine Stimme, als ob 
Stahl auf Eisen schlägt. »Ich bin nicht der Ehemann, der 
sich Hörner aufsetzen läßt!« 
»Witold!« rief sie entsetzt dazwischen. »Es ist nicht so – so 
doch nicht. Laß dir erklären…« 
»Danke. Mir genügt, was ich sah.« 
»Na schön«, wurde sie jetzt ruhig beängstigend ruhig. »Du 
kannst es dir ja erlauben, einer Frau derart 

entgegenzutreten, die du gekauft hast.« 
»Theoda, ich warne dich!« 
»Ich dich auch. Noch eine so unerhörte Beleidigung, und 
ich ziehe die Konsequenzen.« 
Damit ließ sie ihn stehen und hastete davon. Nicht dem 
Gewächshaus sondern dem Schloß zu, wo sie sich wie ein 
Dieb in ihr Zimmer schlich. 
Denn jetzt niemand begegnen – um alles nicht. Erst mußte 
sie sich beruhigen. Mußte zu dem. Stellung nehmen, was 
ihr da geboten worden war. 
Sie und Lutz. Eigentlich müßte sie darüber lachen. Aber sie 

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konnte es nicht. Dafür war sie durch die Verdächtigung des 
Gatten zu tief getroffen. 

Mit welcher Zuversicht war sie in die Ehe gegangen. Wenn 
sie dem Gatten eine gute, verträgliche Frau war, dazu 
seinen Angehörigen lieb entgegenkam, dann mußte es 
doch eine friedliche Ehe werden. 
Daß er ein Herrenmensch war, wußte sie nun schon – 
auch, daß er ihr gegenüber den Herrenmenschen 
herauskehrte. Aber daß er sie nun auch noch beleidigte, 
sogar demütigte… 
Na was, so einem Nichts gegenüber, wie sie es war, konnte 
er es sich eben erlauben. War er doch wie ein 
Märchenprinz in ihr armseliges Leben getreten, hätte sie zu 
seiner Gemahlin erhoben, sie mit Pracht und Glanz 

umgeben. Hatte sogar Schwiegermutter und Schwägerin 
mitgeheiratet, da durfte er schon Unterwürfigkeit 
verlangen. 
Wenn er sie wenigstens angehört hatte. Aber mitnichten, 
ihm genügte, was er sah. Na schön, schluckte sie auch das 
noch herunter, sie war ja an harte Brocken gewöhnt. Aber 
er sollte nicht noch einmal wagen, was er gewagt hatte, 
dann… 
Sie schrak zusammen, als Alexa eintrat, ihre Kameradin 
Ursel mit sich ziehend. Ein ruhiges, hochaufgeschossenes 
Kind von elf Jahren. Alexa wirkte dagegen wie das 
lachende, sprühende Leben. 

»Guten Tag, Ursel«, grüßte Theoda freundlich. »Du bist so 
blaß. Hat dich der Unterricht angestrengt?« 
»Nein, Frau Gräfin«, entgegnete sie artig. »Der macht mir 
gar nichts aus. Ich habe nie mehr Kopfschmerzen, wie ich 
sie immer in der Schule hatte. Ich konnte da auch ganz 
wenig essen, während ich jetzt einhaue wie ein 
Scheunendrescher, sagt mein Papi.« 
»Das ist brav, Ursel. Da wirst du bald kräftig werden, wie es 
sich für ein Landkind gehört. Was werdet ihr nach dem 
Mittagessen unternehmen, ihr beiden Unzertrennlichen?« 
»Erst werden wir Schularbeiten machen, und dann werde 

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ich reiten.« 
»Wie bitte?« 

»Reiten«, wiederholte Alexa stolz. »Onkel Reimar hat es mir 
erlaubt, und der Herr Oberinspektor bringt es mir bei. 
Leider kann Ursel da nicht mitmachen, sagt er, weil sie so 
knochig ist, daß das Pferd sich Splitter einreißt.« 
»Das sieht dem Herrn Oberinspektor ähnlich«, lachte 
Theoda. »Also, Urselchen, ein Grund mehr, tüchtig zu 
essen, damit du bald mitreiten kannst. Und nun trollt 
euch, damit ihr euch zum Mittagessen herrichten könnt. 
Ursel hat ja noch den Weg bis nach Hause.« 
Mit einem artigen Knicks verabschiedete sich Ursel von 
Theoda, dann trollten die Kinder ab. Alexas herziges 
Lachen war hörbar, bis sie die Tür hinter sich schloß. Wie 

glücklich die Kleine hier war. Weg zu müssen, den Jammer 
wollte die Schwester ihr ersparen bis zum Äußersten. 
Nach diesem Schlußstrich ging sie hinüber ins 
Ankleidezimmer, wo die Zofe vor dem großen 
Garderobenschrank stand. 
»Na, Hetty, womit werden Sie mich heute wieder putzen?« 
fragte die Herrin lachend. »Sie sehen ja ordentlich versorgt 
aus. Zu wenig Kleider?« 
»O nein, Frau Gräfin, wir haben sie noch gar nicht alle 
durchgetragen. Nur weiß ich nicht…« 
»Aber ich«, zeigte Theoda auf ein türkisfarbenes Kleid aus 
feiner Wolle, das an Halsausschnitt und Ärmeln mit 

weißen Maßliebchen bestickt war. »Das sieht so hübsch 
nach Frühling aus.« 
Damit hatte sie ein Kleid erwählt, das ihr besonders gut 
stand. Der Ausschnitt ließ nur den Hals frei, so daß die 
Stickerei wie eine Kette wirkte. Schmiegsam umschloß der 
weiche Stoff den jugendschönen Oberkörper, von der Taille 
fiel der Rock weit aus. 
»Wunderbar«, sagte das Zöfchen begeistert. »Na ja, wenn 
man so aussieht wie die Frau Gräfin, dann wirkt selbst ein 
Sack schön.« 
»Hetty, Sie werden ja witzig. Wie ist es mit dem Haar. Fehlt 

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es nicht wieder zu schneiden?« 
»O bitte nicht, Frau Gräfin. Die Locken ringeln sich doch so 

schön, da ist es um jede einzelne schade. Ich bin doch so 
stolz darauf.« 
»Sie Kindskopf! Na schön, sollen Sie Ihren Stolz behalten.« 

»Trinkt, o Augen, was die Wimper hält«, sagte der Senior, 
als die Schwiegertochter an den Mittagstisch trat. »Hör bloß 
auf, sonst bist du bald zu schön, um wahr zu sein!« 
»Nichts wie die Schmeichelei ist so gefährlich dir, du weißt 
es, daß sie lügt und dennoch glaubst du ihr«, gab sie 
schlagfertig zurück, und Niekchen lachte. 
»Das ist Egberts Schule.« 
»Niekchen, schmück mich nicht mit fremden Federn. Was 

mein Famulus da anführte, ist die ›Weisheit der 
Bramahnen‹.« 
»Kinder, für eure Spitzfindigkeiten bin ich zu einfältig.« 
»Ach, laß die Einfalt, daß die Unschuld nie sich selbst und 
ihren heil’gen Wert erkennt«, zitierte Theoda pathetisch. 
»Dafür kann ich nichts, sondern Goethes ›Faust‹.« 
»Nun macht aber mal Schluß«, lachte die Hausherren 
gleich den andern. »Wir wollen hier mit Speisen und nicht 
mit Weisheiten gefüttert werden.« 
Also gab man der leiblichen Nahrung den Vorzug. 
Unterhielt sich dabei angeregt und merkte somit gar nicht, 
wie schweigsam Witold war. Außer Theoda, deren Blick 

verstohlen zu ihm hinging. Wieder fiel ihr ein Zitat ein, das 
sie wohlweislich für sich behielt: Niemals noch ertrug die 
Majestät das finstere Trotzen einer Dienerstirn. 
Also kein Wunder, daß seine Stirn jetzt dräute. 
Die Stunden zwischen Mittagessen und Kaffee unterlagen 
keinem Zwang, da konnte jeder tun, was ihm beliebte. So 
zog Theoda ihren Skidreß an, um die kurze Zeit, da es noch 
Schnee gab, zum Skilauf auszunutzen. Denn man zählte 
bereits Anfang März, und der Frühling nahte. Als sie aus 
dem Portal trat, sah sie den Gatten durch die Anlagen zum 
Hof gehen. Da er Reitdreß trug, war seine Absicht 

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unverkennbar. 
Wenn der Vorfall am Vormittag nicht gewesen, wäre 

Theoda ihm nachgegangen und hätte ihn gebeten, sein 
Bein noch zu schonen. Das tat sie jetzt natürlich nicht, da 
er sie schroff zurückgewiesen hätte. Und darauf durfte sie 
es nicht ankommen lassen. Sie mußte ihm so viel wie 
möglich aus dem Wege gehen, um jedes Renkontre zu 
vermeiden. Also unternahm sie nichts. Er würde schon 
merken, daß er sich im Sattel noch nicht richtig behaupten 
konnte. 
Um von ihm auf der Treppe nicht gesehen zu werden, trat 
sie hinter einen Busch, über den sie hinweglugen und 
somit beobachten konnte, was am Stall vor sich ging. Et)en 
führte der Pfleger das Pferd hinaus, sein Herr schwang sich 

ohne Hilfe in den Sattel und ritt am Verwaltungsgebäude 
vorbei zum Tor hinaus. 
Theoda machte sich nun auf den Weg. Ging bis zu der 
Anhöhe, von der aus eine lange Bahn in leichter Senkung 
über freies Feld führte, an einem Gehöft vorbei zum Wald. 
Eine ideale Skibahn, die von den Rodelandern am meisten 
benutzt wurde. 
Theoda schlüpfte in die Bretter, stieß ab und glitt 
gemächlich hinab. Bis sie vor dem Gehöft den Reiter 
erspähte, dem sie ausweichen wollte, zu scharf die Kurve 
nahm und vornüber kippte. Bevor sie sich noch aufrappeln 
konnte, wurde sie hochgehoben und unsanft auf die Bretter 

gestellt. 
»Ist dir etwas passiert?« fragte der Gatte kurz. 
»Nein.« 
»Ich habe dir doch verboten, allein mit den Brettern auf 
Tour zu gehen, weil du nicht fit bist.« 
Er horchte auf, als vom nahen Gehöft jammervolles 
Schreien und aufgeregtes Rufen hörbar wurde. 
»Was ist denn da los. Es hört sich fast so an, als ginge es 
jemandem an den Kragen.« 
Nicht an den Kragen, sondern in den Schopf, wie er 
feststellen konnte, als er mit Theoda an die, Stelle des 

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Tumults kam. Denn da hielt die Frau des Rendanten mit 
ihrem ungetreuen Ehegespons und seinem Techtelmechtel 

unbarmherzige Abrechnung. Er hatte sie bereits hinter sich, 
wie sein zerrissener Schlips bewies, an den die holde Gattin 
ihm gegangen war, da er ja keine Haare mehr hatte. 
Aber seines Herzens Schwarm hatte welche, woran nun mit 
derben Fäusten gerissen wurde, von schallenden Ohrfeigen 
begleitet. Und obwohl sich ein Kreis von Zuschauern um 
die ergötzliche Szene geschlossen hatte, so wagte niemand 
einzugreifen. Man wußte nämlich, wie gefährlich es war, 
der Frau des Rendanten in die Parade zu fahren, schon gar 
nicht, wenn sie sich wie jetzt in Rage befand. »Na, nun 
lassen Sie mal von Ihrem Opfer ab, Frau Schorn«, klang die 
Stimme des Gebieters gemütlich. Aber sie konnte auch 

anders, wie man aus Erfahrung wußte, als ob eine Peitsche 
kurz auf Wasser schlägt. »Was hat das arme Wurm denn 
verbrochen?« 
»Meinen Mann hat sie mir weggenommen!« kreischte die 
Angreiferin, gar nicht erstaunt über das plötzliche 
Auftauchen des gräflichen Paares. »Das läßt sich keine Frau 
gefallen, auch die Frau Gräfin nicht.« 
»Ich glaube aber nicht, daß ich dabei dieselbe Methode 
anwenden würde wie Sie«, entgegnete Theoda lachend, 
während es dem Gatten um Mund- und Augenwinkel 
zuckte. 
»Das ist bei solchem Gesindel die einzig richtige Methode«, 

beharrte die Frau, die dastand, wie ein grimmer Feldherr 
nach blutiger Schlacht. Groß, knochig, einem 
geierähnlichen Gesicht und Händen wie Rhabarberblätter. 
Es war schon gefährlich, eine so streitbare Ehehälfte zu 
hintergehen, was der Wagemutige nun auch am eigenen 
Leibe zu spüren bekommen hatte. Wie ein Jammerlappen 
hing er in seiner zerrissenen Jacke, trübselig baumelte der 
zerfetzte Schlips. Das Gesicht war dick aufgeschlagen, die 
Glatze zerkratzt. 
Und sein Seitensprung? Bei dessen Anblick konnte man 
wohl sagen: sie kehrte nach heißem Kampf zurück, 

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geschunden, verschwollen, zerschlagen. Nun stand sie wie 
das heulende Elend da, die es gewagt hatte, in fremdes 

Gehege einzubrechen. 
»Zahlen Sie sie aus und schmeißen sie dann raus«, sagte der 
Graf zu dem schmunzelnden Inspektor. »Denn das 
verdient sie. Und Sie, Herr Rendant * .« 
»Erbarmen, Herr Graf, Erbarmen.« 
»Das werde ich mir noch überlegen. Und was mache ich 
mit Ihnen, Frau Schorn?« 
»Nichts, Herr Graf. Ich habe nur meine Ehre verteidigt.« 
Sprachs, nahm ihren Ehegeliebten beim Kragen im 
wahrsten Sinne des Wortes und zog unter schallendem 
Gelächter der Zuschauer mit ihm ab. 
»Ich glaube, der ist genug gestraft«, sagte der gleichfalls 

lachende Graf zu dem Inspektor. »Der macht nicht wieder 
einen Seitensprung.« 
»Verflixt!« kratzte der junge Mann sich bedenklich den 
Kopf. »Verlobt bin ich schon, aber ob ich heiraten soll, 
Herr Graf?« 
»Wenn Sie damit so einen Dragoner an den Hals 
bekommen, dann lassen Sie es lieber bleiben«, riet ihm 
schmunzelnd sein Herr. »Bringen Sie die Sache mit dem 
Schmierlappen in Ordnung und steifen Sie dem Rendanten 
das lasche Rückgrat.« 
»Da gibt es nichts mehr zu steifen, das hat sein Hauskreuz 
längst angeknackst und heute ganz gebrochen. Aber bei 

dem ganzen Trara ist mir tatsächlich nicht aufgefallen, daß 
der Herr Graf schon wieder auf den Beinen ist, so forsch 
wie eh und je. Wie mich das freut.« 
»Und mich erst. Das Stubenhocken hatte ich satt bis zur 
Halskrause. Wo ist eigentlich mein Pferd geblieben? Bis auf 
den Hof kam es mir jedenfalls nach.« 
»Das werden wir gleich haben, Herr Graf«, setzte der 
Inspektor seine Trillerpfeife in Bewegung, und schon 
streckte sich ein Strubbelkopf durch die Stalltür. 
»Ist das Pferd unseres Herrn bei dir, Eugen?« 
»Jawohl, Herr Inspektor, ich hab ihm sattgemacht.« 

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»Dann bring ihn her, aber dalli!« 
»Wie macht der Junge sich bei den Pferden, Herr 

Wohlgemut?« 
»Ganz prima, Herr Graf. So doof wie er ist, aber wenn es 
um die Pferde geht, ist er direkt gerissen. Hauptsächlich 
beim Haferklauen.« 
Er sah auch wirklich nicht intelligent aus, der halbwüchsige 
Bursche, der den Trakehner vorführte. Aber wie er mit ihm 
umging, zeugte von großer Tierliebe. 
»Was macht die Mutter, Eugen, ist sie noch krank?« 
»Nei, Herr Graf, nu is se all wieder gesund, bloßig noch 
schwach.« 
Sein Herr entnahm der Brieftasche einen Schein. 
»Davon kaufst du deiner Mutter Stärkungsmittel. Wirst du 

das tun?« 
»Aber ja, Herr Graf, aber ja«, strahlte das dümmliche 
Gesicht vor Freude. Als könnte ihm der Schatz wieder 
entrissen werden, so schnell lief der Junge in den Stall 
zurück. 
»Kleine Ursache, große Wirkung«, sagte der Inspektor. »Für 
Sie ist der Schein eine Lappalie, Herr Graf, aber Sie haben 
sich damit das Herz des Jungen gekauft.« 
»Was bei einem Kauf nicht immer der Fall ist – was das 
Herz betrifft«, meinte der Graf leichthin, und Theoda 
zuckte zusammen wie unter einem Hieb. Hastig 
verabschiedete sie sich von dem Gutsbeamten, der aus den 

Worten seines Herrn natürlich nicht schlau geworden war 
und eilte an die Stelle zurück, wo ihre Skier lagen. 
Schlüpfte hinein und blieb abwartend stehen, bis der Reiter 
heran war und ihr eine Leine zuwarf. 
»Wirst du Balance halten können?« fragte er. 
»Ja«, kam es zurück. 
»Na, denn man los. Wenn es dir zu schnell wird, laß die 
Leine fallen.« 
Doch es ging recht gut, wohlbehalten erreichten sie das 
Portal des Schlosses. Während vom Hof her ein 
Stallbursche herbeieilte, um seinem Herrn das Pferd 

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abzunehmen, schlüpfte Theoda aus den Bindungen und 
schulterte die Skier. Schweigend stiegen sie die Freitreppe 

hinauf, erst in der Halle sprach der Mann: 
»Du läufst nicht allein, Theoda. Es ist immer wer da, der 
dich begleiten kann. Du hast mich doch verstanden?« 
»Ja.« 
»Dann richte dich danach.« 
Er verschwand in seinem Arbeitszimmer, während sie Skier 
nebst Stöcken in dem dazu bestimmten Schrank 
unterbrachte und dann nach oben ging. Ihr war das Herz 
bitter schwer. 
Wie sollte das enden, wenn er sie rücksichtslos unter seinen 
Herrenwillen zwang? Was wollte er überhaupt von ihr. Sie 
zu einem Geständnis zwingen, wo es gar nichts zu gestehen 

gab? Das würde sich schon eines Tages herausstellen. 
Und was dann? Ja, was dann. 
Sie drückte das Gesicht in die Hände und weinte bitterlich. 
Da sie beide beherrschte Menschen waren, merkten die in 
ihrer Umgebung nichts von dem Kampf, in dem sie 
standen. Bei Theoda schon gar nicht. Und daß Witold 
kurzangebunden war, schob man immer noch auf seine 
Rekonvaleszenz. Denn so gekräftigt war sein Bein noch 
nicht, daß er seine gewohnte Tätigkeit in vollem Umfange 
wieder aufnehmen konnte. Er mußte zwischendurch eine 
Ruhepause einlegen, in der er Zeit hatte, seinen Argwohn 
zu hätscheln. Und wie sagt Wilhelm Busch: 

 
Wer durch des Argwohns Brille schaut, 
sieht Raupen selbst im Sauerkraut. 
 
Daß Lutz Askell sich in Rodeland nicht blicken ließ, lag 
daran, weil er verreist war. Der Argwohn jedoch frohlockte: 
Aha, jetzt hat sie ihn gewarnt. Und als Onkel Julius bei 
einem Besuch die Reise des Sohnes erwähnte, legte der 
Argwohn diese Reise wiederum auf seine Art aus: daß die 
Liebenden sich am dritten Ort heimlich trafen. Wie, war 
dem Argwohn wohl selbst nicht klar, aber von dem kann 

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man ja auch kein klares Denken verlangen. Sonst hätte er 
sich sagen müssen, daß diese Zusammenkünfte gar nicht 

möglich waren, da Theoda, wenn sie sich aus dem Haus 
rührte, es nie allein tat. Wenn sie ins Dorf oder gar in die 
Stadt fuhr, um Einkäufe zu machen, hatte sie stets 
Begleitung. Größtenteils ihre Mütter, da diese über die 
meiste Zeit verfügte. Onkel Egbert, der die Nichte stets zur 
Inspizierung seines ihm unterstellten Bereiches mitnahm, 
hatte sie ständig unter Augen. Oder könnte es nicht sein…? 
Nein, Herr Argwohn, das bestimmt nicht. Ein Ehrenmann 
wie Graf Egbert fährt die Frau seines Neffen nicht zum 
Stelldichein. 
Mit dem Skilauf war jetzt sowieso Schluß, da die 
Märzsonne den Schnee restlos wegtaute, und bei ihren 

Ritten schloß Theoda sich der Schwiegermutter, dem 
Schwiegervater oder dem Oberinspektor an. 
Als man am Frühlingsanfang zur Geburtstagsfeier 
Luschchens fuhr, traf man natürlich auch den Sohn des 
Hauses an, der wahrheitsgemäß berichtete, daß er eine 
Woche unterwegs gewesen war, um landwirtschaftliche 
Maschinen zu kaufen. Und so sehr Herr Argwohn auch 
spitzelte, nichts, aber auch gar nichts konnte er erspitzeln. 
Zwischen den beiden Menschen war alles klar wie ein 
sonniger Tag. Da gab es keine verstohlenen Blicke, keinen 
verstohlenen Händedruck und so weiter. Lutz war sowieso 
ahnungslos, wessen er beschuldigt wurde und Theoda 

lachte sich ins Fäustchen. 
Unter den Gästen befand sich auch das Ehepaar Wasmuth 
nebst Sohn, dessen Braut sich momentan im Hause des 
Vaters befand, dem sie seiner zweiten Heirat wegen bisher 
gram gewesen war. So sehr, daß sie nach der Entlassung aus 
dem Pensionat nicht in ihr Elternhaus zurückkehrte, 
sondern in dem Hause ihrer Pensionsfreundin Lore 
Wasmuth Zuflucht suchte, wo sie denn auch den Liebsten 
fand. Das reizende Mädchen mit dem eigenwilligen 
Köpfchen hatte sogar vor, dem Vater ihre Verlobung nicht 
anzuzeigen. Aber da kam sie bei der resoluten Lore schlecht 

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an, wie Herr Wasmuth, ein Landwirt von echtem Schrot 
und Korn, nun erzählte. 

»Ja, unsere Lore fackelt nicht«, führte der stolze Vater weiter 
aus. »Sie hielt dem Böckchen Winnie erst einmal vor, daß 
es ein schreiendes Unrecht wäre, den Vater zu verdammen, 
nur weil er ein zweites Mal heiratete. Daß es schofel wäre, 
diese zweite Frau einfach verachtungsvoll abzutun, ohne 
sie überhaupt zu kennen. 
Ich möchte noch betonen, daß wir, also meine Frau, mein 
Sohn und ich, den Sermon mit anhörten, ohne zu 
lauschen«, ergänzte er schmunzelnd. »Denn wir saßen ganz 
rechtmäßig im Wohnzimmer und konnten wirklich nichts 
dafür, daß die Tür zum Nebenzimmer einen Spalt 
offenstand. Außerdem dämpft unser Lorchen, wenn sie in 

Rage ist, durchaus nicht ihr liebliches Organ, das ihr meine 
Frau vererbte.« 
»Nun hör aber auf; du Nichtsnutz!« drohte ihm die 
stattliche weißhaarige Dame entrüstet. »Ich weiß ja nicht, 
wer ein lauteres Organ hat, wenn er in Rage ist.« 
»Muttchen, wer wird denn so kleinlich sein«, tat er 
zerknirscht. »Und nun werde ich weiter erzählen, möglichst 
wortgetreu: 
Ich möchte gern wissen, was du dir so eigentlich denkst. 
Trotzt du, trotzt auch dein Vater und läßt dich nackt in die 
Ehe gehen. Bodo würde das ja nichts ausmachen… 
Ja, meine Herrschaften, warum lachen Sie denn so 

unbändig«, sah er verdutzt von einem zum andern – bis 
der Groschen fiel, da lachte er vergnügt mit. 
»Naja, so meinte die Lore es natürlich nicht. Sie wollte 
damit sagen, daß Bodo sie auch ohne Heiratsgut nehmen 
würde. 
Kurz und gut: sie erreichte erst einmal, daß Winnie dem 
Vater die Verlobung bekannt gab, worauf ein lieber Brief 
von ihm eintraf. Diese Gelegenheit packte Lorchen beim 
Schopf, und führte die mürbe gewordene Tochter dem 
Vater in die weitgeöffneten Arme.« 
»Und was wurde weiter?« fragte Luschchen gespannt. 

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»Jetzt ist Winnie nicht nur mit dem Vater ein Herz und eine 
Seele, sondern auch mit der Stiefmutter. Denn diese soll, 

wie Lore begeistert schrieb, ein lieber, sympathischer 
Mensch sein, der den um fünfzehn Jahre älteren Gatten 
von ganzem Herzen liebt und dessen zwölfjährigen Sohn 
liebevoll betreut. 
Sie soll auch diejenige sein, die dem Herrn Gemahl ganz 
gehörig ans große Portemonnaie geht, um seiner Tochter 
zu einer erstklassigen Aussteuer zu verhelfen, um die sie 
sich persönlich bemüht. Einige Kisten sind bei uns schon 
eingetroffen und mehr werden folgen, wie Lore schreibt.« 
»Außerdem soll der Vater dem Töchterlein manchen Scheck 
ins Händchen drücken«, sprach nun Frau Wasmuth, »und 
alle tragen eine beträchtliche Zahl, so daß unser Junge 

nicht nur eine liebreizende sondern auch reiche Frau 
bekommt.« 
»Nun sag bloß noch, daß ich ein Mitgiftjäger bin«, 
brummte der Sohn, vor Verlegenheit rot bis über beide 
Ohren, worauf die Mutter ihm zärtlich über den blonden 
Schopf strich. 
»Das bist du wirklich nicht, mein Junge. Denn als du dich 
mit Winnie verlobtest, wußtest du ja gar nicht, daß sie 
einen reichen Vater hat. Du bist deinem Herzen gefolgt, 
wie unsere Lore es auch einmal tun wird. Denn eine Ehe 
ohne Liebe…« 
»Ist wie ein Bierfaß ohne Kran.« 

»Alter, du ziehst manchmal Vergleiche«, legte die Gattin 
los, mußte dann jedoch in das Gelächter einstimmen. 
»Mein Sohn hätte dafür eine andere Bezeichnung«, lachte 
Gräfin Susann. »Nämlich: wie ein Kuß ohne Schnurrbart.« 
»Na also«, strich Herr Wasmuth wohlgefällig sein weißes 
Bärtchen. »Da könnt ihr armseligen Bartlosen gar nicht 
mitreden.« 
Man wandte sich nun einem seriösen Thema zu. Sprach 
von der Hochzeit, die in einer Woche stattfinden sollte. 
Man hätte sie am liebsten klein gefeiert, aber man hätte zu 
viele Verpflichtungen. 

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»Mir raucht der Kopf beim Aufstellen der Gästeliste«, klagte 
Frau Wasmuth. »Damit nur ja keiner vergessen wird, was 

man uns übel vermerken würde. Mir fehlt die Lore an allen 
Ecken und Enden.« 
»Hast du ihr das geschrieben?« fragte der Gatte. 
»Ja.« 
»Dann wird sie bald zu Hause sein. Denn wo es was zu 
helfen gibt, ist sie zur Stelle.« 
»Genau wie unser Töchterchen«, meldete sich Graf Reimar. 
»Das hilft, wo es nur helfen kann. Denkt immer an andere 
und vergißt darüber sich selbst.« 
»Paps, nun übertreib doch nicht«, wehrte die Gelobte 
verlegen ab. »Ich bin gar nicht so selbstlos, wie ihr mich 
immer hinstellt.« 

»I bewahre«, warf Graf Egbert ein. »Mein Famulus…« 
»Wieso Famulus?« 
»Weil sie mir jetzt schon bei meinen wissenschaftlichen 
Arbeiten hilft, Luschchen.« 
»Theoda, Kind, wie kannst du nur. Du wirst noch ganz 
häßlich werden von dem Gelehrtenkram. Laß dir das nicht 
gefallen, Witold. Du bist doch ihr Gebieter.« 
»Gebieter sein, heißt milde waltend gebieten, was geboten 
ist.« 
» Ach, jetzt fängst du auch noch an. Bei euch in Rodeland 
scheint tatsächlich der Weisheitsbazillus ausgebrochen zu 
sein. Bist du etwa auch schon davon befallen, Thekla?« 

»Die höchste Weisheit ist, nicht weise stets zu sein.« 
»Jetzt sag ich überhaupt nichts mehr. 
Höchstens noch: kommt, der Gong ruft zum Essen.« 
Luschchen liebte es nicht, an ihrem Geburtstag viele Gäste 
zu haben, nur solche, die sie gern hatte. Und das waren die 
Familien Rodeland und Wasmuth, heute ohne die lustige 
Lore, was Luschchen bedauerte. 
Fast mehr noch als das Fehlen der Tochter, die sich den 
Eltern immer mehr entfremdete. Wohl hatte sie gratuliert 
und ein Geschenk geschickt. Es persönlich zu überreichen, 
wäre ihr nicht möglich, da sie leidend sei und daher lange 

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Reisen nicht wagen dürfe. 
Na schön, resignierte Luischen. Wer nicht kommt, braucht 

nicht zu gehen. Sie hatte ja als Ausgleich der 
kaltschnäuzigen Tochter ihren warmherzigen Jungen, der 
um so mehr an seinen Eltern und seinem Zuhause hing. 
Und es war ein schönes Zuhause, das stattliche Gut 
Wocken. Großartig eingewirtschaftet und kapitalkräftig, 
obwohl die Tochter des Hauses voll ausgezahlt war. Wohl 
versuchte sie, immer noch mehr herauszuschinden, aber da 
biß sie bei den Eltern auf Kieselsteine. Zu Geburtstag und 
Weihnachten ein Geldgeschenk, aber nicht eine Mark 
darüber hinaus. Das fehlte gerade noch, ihren Jungen zu 
übervorteilen. Nein, liebe Tochter, nichts zu machen. 
Als die gemütliche Feier sich ihrem Ende näherte, sagte 

Frau Wasmuth zu Familie Rodeland: 
»Obwohl die Herrschaften eine schriftliche Einladung 
erhalten werden, möchte ich das jetzt schon mündlich tun. 
Bringen Sie bitte auch das Baroneßchen mit, damit der 
Brüder meiner Schwiegertochter, der, wie meine Tochter 
schrieb, ein kleiner Kavalier sein soll, seine Tischdame hat.« 
»Da wird unserer Alexa aber mal das Kämmchen 
schwellen«, schmunzelte Graf Reimar. »Wenngleich Kinder 
auf so einem Fest nichts zu suchen haben.« 
»Bei uns schon«, schaltete sich Herr Wasmuth ein. »Es soll 
ja keine glanzvolle Fete werden, sondern ein Schrumm, wie 
es sich für eine richtige Landhochzeit gehört. So wie 

damals bei uns, Frauchen. Du hattest dich so süß bedudelt, 
daß du beinahe mit einem anderen auf die Hochzeitsreise 
gegangen wärst.« 
»Benimm dich mal hier gefälligst«, rügte die Gattin. »Was 
soll wohl Familie Rodeland von uns denken.« 
»Nur das Beste«, beruhigte Gräfin Susann. »So gemütlich es 
hier auch ist, müssen wir dennoch an die Heimfahrt 
denken. Luschchen fallen schon vor Müdigkeit die Augen 
zu.« 
Obwohl diese es entrüstet abstritt, kam es zum allgemeinen 
Aufbruch. So schied man denn mit herzlichem Dank von 

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den Gastgebern. 
In dem großen Wagen fand Familie Rodeland bequem 

Platz. Als Theoda einsteigen wollte, stolperte sie und fiel 
dem Gatten, der ihr am nächsten stand, in die Arme, 
worauf er trocken bemerkte: »Die Art kenne ich nun schon 
an dir, mich einzufangen.« 
Es war bestimmt nicht zweideutig gemeint. Er schmunzelte 
sogar, während die anderen lachten. Theoda jedoch nahm 
an, daß er auf das Geschehnis vor dem Hotel anspielte, 
und das verletzte sie tief. Schroff machte sie sich aus seinen 
Armen frei und hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. 
Denen ließ sie erst freien Lauf, als sie im Bett lag. In ihrem 
Jammer vergaß sie ganz, das stoßende Schluchzen zu 
ersticken, so daß es durch die geschlossene Glastür drang. 

Erschrocken fuhr sie auf, als der Gatte ihre Schulter 
berührte. 
»Theoda, was ist dir denn geschehen, daß du so bitterlich 
weinen mußt?« 
»Bestimmt nicht, um dich damit einzufangen«, entgegnete 
sie böse. »Das habe ich nie gewollt, merk dir das!« 
»Ach, so hast du das aufgefaßt«, sagte er. »Dann allerdings.« 
Die Tür fiel hinter ihm zu, und Theoda verstrickte sich 
immer tiefer in Erbitterung hinein. 
Hätte sie sich doch niemals auf diesen Ehehandel 
eingelassen. Seiner Ansicht nach hatte sie ihn eingefangen, 
er hatte sie daraufhin abschätzend auf ihren Wert geprüft, 

ob sie auch wirklich der geeignete Gegenstand wäre, den er 
als Staffage für sein Haus brauchte. Sie war es, und so hatte 
er sie denn für einen hohen Preis erworben. 
Und was nun? Nun bekam sie gehörig dafür die Finger 
beklopft, die so vermessen gewesen waren, nach den 
Sternen zu greifen. 
Als sie sich schlaflos in den Spitzen des Luxusbettes wälzte, 
fiel ihr ein altes Spinnstubenlied ein: 
 
Seide und Spitzen, die wollt ich besitzen. 
Ein feiner Mann brachte sie an, 

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nahm mich mit in sein Haus und putzte mich aus – 
nun wein ich darin, als Dienerin. 

 
Na, wenn das nicht auf sie paßte. Was war sie denn anderes 
als seine Dienerin, von der er blinden Gehorsam forderte. 
Die um jedes freundliche Wort, um jeden freundlichen 
Blick demütig betteln sollte, so nach Chamisso: Willst mich 
niedre Magd nicht kennen, hoher Stern der Herrlichkeit. 
Da mußte Theoda lachen, und schon ging es wieder. Jetzt 
wird geschlafen und dann: Ich möchte erwachen bei 
Sonnenschein, und alles müßte wie früher sein. 
Wirklich, Theoda? Nun mal Hand aufs Herz! Wirklich wie 
früher? 
Ach was! Brummend warf sie sich auf die Seite und schlief 

nun endlich ein. Erwachte auch bei Sonnenschein, aber das 
Früher war ausgeschaltet. 
Als sie zum gemeinsamen Frühstück erschien, besah der 
Senior sich wohlgefällig sein bezauberndes 
Schwiegertöchterlein. 
»Guten Morgen, mein Liebchen. Da braucht man nicht erst 
zu fragen, wie du geschlafen hast. Das Schnutchen strahlt, 
die Augen blankgeputzt.…« 
»Ei, Paps, nicht wieder schmeicheln«, unterbrach sie ihn 
lachend. Sie ging reihum, dabei allen den übe liehen 
Gutenmorgenkuß auf die Wange drückend. Auch dem 
Herrn Gemahl, versteht sich. Nur die Lieben nicht stutzig 

machen. 
Als sie sich über ihn beugte, raunte er ihr zu: »Tränen weint 
jede Frau so gern, sie weiß, das kleidet sie, und darum 
leidet sie.« 
»Was war denn das?« fragte Niekchen neugierig – und 
geistesgegenwärtig kam es zurück: 
»Liebesgeflüster.« 
Dabei sah sie den Gatten so lieblich an, daß er sich auf die 
Lippen biß, während die andern amüsiert lachten. 
Am nächsten Tag fuhr Theoda zur Stadt, um einiges für die 
Wirtschaft zu besorgen, das es im Dorf nicht gab. Sie fuhr 

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den kleinen Wagen, hatte jedoch das Verdeck des Regens 
wegen hochgeklappt. So der richtige Frühlingsregen, sacht 

und warm. Neben ihr saß heute die Schwiegermutter, die 
persönliche Einkäufe machen wollte. 
»Sag mal, Herzchen, wie steht es eigentlich mit deiner 
Garderobe?« fragte sie die Chauffeurin, die in ihrem hellen 
Frühjahrskostüm nebst dem feschen Mützchen wieder 
einmal entzückend aussah. »Wirst du zu der 
Wasmuthschen Hochzeit ein Kleid brauchen?« 
»Mami, wo denkst du hin! In meinem vollen Schrank gibt 
es Auswahl noch und noch. Ich habe doch noch keine 
Gelegenheit gehabt, die Gesellschaftskleider zu tragen.« 
»Na schön. Was ich dich schon längst fragen wollte: gibt 
Witold dir ein ausreichendes Nadelgeld?« 

»Ich glaube schon.« 
»Wie soll ich das verstehen?« 
»Weil Witold das Geld auf ein Konto überweist, das er für 
mich einrichten ließ.« 
»Na und?« 
»Das habe ich noch gar nicht eingesehen.« 
»Kind, liebes, gibt es das überhaupt?« fragte Susann 
überwältigt, und Theoda lachte. 
»Aber Mamichen, ich liefere doch den schlagenden Beweis 
dafür.« 
»Ja, brauchst du denn kein Geld?« 
»Nein. Es kommt mir doch alles zugeflogen, wie im 

Schlaraffenland – Essen, Trinken und Bekleidung.« 
»Und die Toilettensachen?« 
»Mit dem Vorrat, den ich vorfand, komm ich lange aus. Im 
übrigen habe ich als stille Reserve zwanzig Mark und 
einundachtzig Pfennig im Portemonnaie. Ist das vielleicht 
nichts?« 
»Du bist ein richtiger Schalk. Aber ein lieber, goldiger.« 
»O wie schön. Hoppla, jetzt wird die Sache ernst, jetzt 
kommen wir ins Gewühl, wo soll ich dich absetzen, 
Mami?« 
»Bei Lester. Papa braucht verschiedenes, was ich immer 

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persönlich aussuche, für Onkel Egbert und Witold 
gleichfalls. Aber in Zukunft kannst du für deinen Mann das 

besorgen.« 
»O Mami, hab Erbarmen.« 
»Hab ich nicht, mein Liebchen. Wem Gott gibt ein Amt, 
der muß es auch verwalten.« 
Eine Stunde später fanden sie wieder zusammen und 
konnten zur Heimfahrt starten. Als man sich einer 
Bushaltestelle näherte, sagte Gräfin Susann überrascht: 
»Wenn mich nicht alles täuscht, steht dort Fräulein 
Wasmuth. Halt mal bitte.« 
Genau vor dem jungen Mädchen stoppte der Wagen. 
»Hallo, Fräulein Wasmuth, was tun Sie denn hier?« 
»Ich warte auf den Bus, Frau Gräfin.« 

»Bei dem Regenwetter kein Vergnügen. Also hinein in die 
gute Stube!« 
»Ich möchte die Damen nicht belästigen.« 
So zog Lore denn den triefenden Regenmantel aus, rollte 
ihn zusammen und steckte ihn in die große Einkaufstasche. 
Erst dann nahm sie auf dem hinteren Sitz Platz und sagte 
verlegen: 
»Ich hätte wirklich mit dem Bus fahren können.« 
»Warum denn, wenn Sie es bequemer haben können. 
Meine Schwiegertochter macht gern den kleinen Umweg 
und setzt Sie zu Hause ab. Wann sind Sie von Ihrer Reise 
zurückgekehrt?« 

»Vorgestern, Frau Gräfin.« 
»Dann hat Sie der Notruf der Frau Mama wohl gar nicht 
erreicht, der an Sie ging, wie sie uns an der Geburtstagsfeier 
Frau Askells erzählte.« 
»Und wird mich auch nicht mehr erreichen«, lachte die 
reizende Lore. »Denn als meine Eltern aus Wocken kamen, 
fanden sie mich bereits zu Hause vor. Ich wäre ja eine 
schlechte Tochter, wollte ich mich amüsieren, während 
mein Muttchen sich bei den Hochzeitsvorbereitungen 
abrackern muß. 
Wenn dabei nur alles klappen wollte, aber leider stößt man 

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hie und da auf Schwierigkeiten. Ich soll zur Ehrung des 
jungen Paares in der Kirche singen, was ich auch gern 

möchte. Doch ich muß das Lied erst einmal lernen und mit 
Klavierbegleitung vorüben. Denn so viel Zeit habe ich 
nicht, um x-mal zur Kirche zu laufen und es mir vom 
Kantor von Grund auf eintrichtern zu lassen. Die 
Orgelbegleitung darf erst dann beginnen, wenn ich das 
Lied fehlerfrei singen kann. 
Na ja, so fuhr ich denn heute zur Stadt und zwar im Bus, 
weil Vater und Bruder mit dem Wagen unterwegs sind. 
Klapperte alle einschlägigen Geschäfte nach Noten ab, aber 
nichts da, so was führt man nicht. Wohl könnte man sie 
bestellen, aber bis sie eintreffen, ist die Hochzeit bestimmt 
schon vorbei. Ergo: wird das junge Paar auf meinen Gesang 

verzichten müssen.« 
»Um welches Lied geht es denn?« fragte Theoda. 
»Die ihr den Bund fürs Leben schließet.« 
»Da haben Sie aber mal Glück, Fräulein Wasmuth. Ich 
habe mir vor Jahren das Lied so einpauken müssen, daß 
ich noch jede Note kenne und ohne Vorlage spielen kann.« 
»Na also«, sagte Gräfin Susann. »Dann sind Sie ja aus aller 
Not, Fräulein Wasmuth. Sie kommen zu uns und üben das 
Lied gemeinsam mit meiner Schwiegertochter ein. Das geht 
doch, mein Herzchen, nicht wahr?« 
»Und wie das geht, Mami. Sogar ohne die andern mit der 
Übung zu stören, da mein Flügel in meinem Wohnzimmer 

steht.« 
»Das wollen Sie wirklich für mich tun, Frau Gräfin?« 
»Warum denn nicht? Es ist nichts weiter als eine 
Gefälligkeit.« 
Indes hatte man das Gut erreicht, wo Frau Wasmuth 
lachend die Tochter abwehrte, die mit sprudelnder 
Beredsamkeit über sie herfiel. 
»Sachte, Kind, sachte. Erst muß ich einmal die Damen 
begrüßen. Wie kömmst du überhaupt in den Wagen?« 
Als sie es wußte, bedankte sie sich für die Mitnahme der 
Tochter und bat ins Haus, was Gräfin Susann 

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liebenswürdig ablehnte. 
»Lieb von Ihnen, Frau Wasmuth, aber wir möchten Sie 

Ihrer Zeit nicht berauben, die bei so großen 
Vorbereitungen immer knapp ist. Sind Sie aus dem 
sprudelnden Bericht des Töchterchens klug geworden?« 
»So im unreinen. Ich vernahm etwas von Noten, von 
Rodeland, von üben, von Flügel. Wenn du mir das ins 
reine übersetzen wolltest, meine kleine Plappermühle, 
wäre ich dir sehr verbunden.« 
So gab sich Lore denn Mühe, genauen Bericht zu erstatten, 
was die Mutter verlegen werden ließ. 
»Aber das kannst du doch gar nicht annehmen, Lore.« 
»Ich habe doch schon«, gestand sie kleinlaut. »Aber ich 
kann ja noch immer…« 

»Ei, Fräulein Wasmuth, nicht wortbrüchig werden. Wir 
erwarten Sie morgen. Wann paßt es dir am besten, 
Theoda?« 
»Nach dem Mittagessen.« 
»Die  sind  ja  gar  nicht  so  hochnäsig, wie es allgemein 
heißt«, platzte Lore heraus, als der Wagen abgefahren war. 
»Vornehm sind sie, im Aussehen, wie in ihrer ganzen Art. 
Die junge Gräfin, die ich im Wagen erst so richtig beäugen 
konnte – du meine Güte, so schön möchte ich gar nicht 
sein, das wäre mir viel zu unbequem. Gut soll sie auch 
noch sein, wie man allgemein hört, nein, Mutti, solche 
vollkommenen Wesen sind mir unheimlich.« . 

Zu Hause angekommen, brachten die beiden Gräfinnen 
mal erst ihre Einkäufe unter. Während die jüngere 
hinterher von Mutter und Schwester mit Beschlag belegt 
wurde, ging die ältere ins Wohngemach, wo sie den Rest 
der Familie vorfand. 
»Da bist du endlich, Susann«, begrüßte der Gatte sie 
freudig. »Ich habe mich so richtig nach dir gebangt.« 
»Na eben, ich war ja auch soo lange fort. Und was ich alles 
erlebt habe…« 
Sie erzählte es, und der Senior blähte sich förmlich auf vor 
Stolz. 

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»Das ist wieder einmal ganz unsere Theoda. Gibt es 
überhaupt etwas, das sie nicht kann und weiß? Und dabei 

tut sie sich nie hervor, ist immer bescheiden.« 
»Das ist sie«, bekräftigte die Gattin. »Sag mal, Witold, gibst 
du deiner Frau auch ein ausreichendes Nadelgeld?« 
»Selbstverständlich«, gab er erstaunt zurück. »Hat sie sich 
etwa bei dir beklagt, daß es zu wenig ist?« 
»Sie hat ihr Konto überhaupt noch nicht eingesehen.« 
»Na, nun wird’s Tag«, sagte er verblüfft. »Wovon bestreitet 
sie denn ihre Ausgaben?« 
»Wie sie mir verriet, hat sie keine, weil ihr hier alles 
zugeflogen kommt wie im Schlaraffenland. Außerdem ist 
sie glückliche Besitzerin von zwanzig Mark und 
einundachtzig Pfennig.« 

»Allerdings ein Vermögen für so ein herzfrohes Vögelein«, 
schmunzelte Graf Egbert. »Da brauchst du dein 
Scheckbuchwohl gar nicht mehr zu zücken, Witold.« 
»Das gefällt mir nicht«, entgegnete er kurz. »Ich habe ihr 
sogar ein reichliches Nadelgeld zugebilligt, damit sie 
Mutter und Schwester kleiden kann.« 
»Das tut sie nicht«, meldete sich Niekchen. »Als ich 
dieserhalb mal antippte, erklärte sie mir, daß es schon 
genug wäre, wenn die beiden hier umsonst lebten. Für 
Kleidung hätte die Mutter ihre Pension, die sie jetzt voll 
dafür verwenden kann, während sie früher für sich und 
Alexa davon auch noch den Lebensunterhalt bestreiten 

mußte. Sie sagte das so richtig abweisend. Naja, sie ist eben 
sehr stolz, unsere Theoda. Und wehe, wer es wagt, diesen 
Stolz zu verletzen. Der findet bei ihr keine Gnade.« 
»Niekchen, du siehst ja ordentlich grimmig aus«, lachte 
Graf Egbert amüsiert. »Es denkt ja keiner daran, den Stolz 
dieses prächtigen Menschenkindes zu verletzen.« 
Sie mußten das Gespräch abbrechen, da Theoda eintrat. 
»Mami, hast du schon von unserer Begegnung erzählt?« 
ließ sie sich in ihren Sessel sinken; denn jedes 
Familienmitglied hatte seinen angestammten Platz. 
»Ich habe«, erwiderte die Schwiegermutter, und Niekchen 

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meinte skeptisch: 
»Hoffentlich mußt du dich mit dem Mädchen nicht zu arg 

abplagen, das Lied ist ziemlich schwer. Es wurde einstmals 
zu meiner Trauung eingeübt, aber er nahm mich dann 
doch nicht, weil er eine Schönere und Reichere fand.« 
Das klang aber gar nicht traurig, sondern zufrieden. Und 
sie hatte auch allen Grund, zufrieden zu sein. Wer weiß, 
was ihr beschieden gewesen wäre, wenn sie geheiratet 
hätte, denn die Ehe ist ja kein Garantieschein für Glück. 
Hier jedoch war sie glücklich unter den Menschen, die sie 
liebte, hatte ihre bescheidene Rente, mit der sie tun konnte, 
was ihr paßte. 
»Laß das Lied doch einmal hören«, schlug sie vor. »Damit 
auch die anderen ihr Urteil abgeben können.« 

»Es wird aber kein Genuß werden, da ich mich wieder 
einspielen muß. Brumm also nicht, wenn du enttäuscht 
bist.« 
In dem Moment trat die Baronin mit Alexa ein, und die 
Tochter wandte sich ihr lebhaft zu. 
»Hör mal, Mutti, kannst du dich an das Lied erinnern, das 
ich bei der Richterschen Hochzeit in der Kirche sang?« 
»Sehr gut kann ich mich daran erinnern, mein Kind. Ich 
habe so sehr weinen müssen, als du sangst. Auch die 
andern mußten weinen.« 
»Na, Muttchen, dann werde ich wieder mal auf deine 
Tränendrüsen drücken«, ging sie lachend zum Flügel. 

Zuerst wollte es nicht so recht klappen, da sie ja aus dem 
Gedächtnis spielte. Doch dann wurde es immer besser, 
zuletzt sogar fehlerfrei. 
Und dann setzte die Stimme ein. Wie eine liebevolle 
Ermahnung klang sie, wie eine herzliche Bitte: 
 
Die ihr den Bund fürs Leben schließet, 
gebt Dank dem. Höchsten, der euch treulich lenkte, 
damit er seine Gnad’ ergießet, 
auch fürder über euch Beschenkte, 
lebt ihm zur Freude allezeit, 

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im Glück und in des Trübsals Leid. 
 

Man konnte keinen Blick wenden von der Sängerin, deren 
feines Antlitz wie verklärt schien in andächtiger 
Gläubigkeit. Die Augen leuchteten wie ein helles Licht 
freudiger Verheißung. 
Auch des Gatten Blick hing wie gebannt an seiner Frau, aus 
der er nicht klug werden konnte. Augen können doch 
unmöglich so lügen. Man kann doch unmöglich von 
andern einen Treueschwur erbitten, den man selbst nicht 
hält. Wenn er ihr nun mit seinem Argwohn unrecht tat, sie 
mit seinen beleidigenden Worten zutiefst verletzte. Wie 
hatte Niekchen vorhin gesagt: 
»Sie ist sehr stolz, unsere Theoda. Wehe, wer es wagt, 

diesen Stolz zu verletzen. Der findet bei ihr keine Gnade.« 
Sich endlich Gewißheit verschaffen – aber wie. Er hatte ihr 
den Mund verboten, als sie ihm eine Erklärung geben 
wollte, daher würde sie ihn nicht mehr auftun. 
Lutz fragen und womöglich von ihm das bestätigt 
bekommen, was er fürchtete? Nein, dazu war er zu feige. 
Als Spiel und Gesang verklang, war es zuerst still. Doch 
dann setzte Applaus ein, bei dem er wie mechanisch 
mitmachte. 
»Verflixt, dabei kann einem gleich der Kragen zu eng 
werden«, scherzte der Senior über die rührselige Stimmung 
hinweg. »Du hast aber auch eine Art, Marjellchen, einem 

Menschen ins Gewissen zu reden, daß er zum reuigen 
Sünder werden muß.« 
»Aber nur musikalisch«, lachte sie. »Das wirkt immer.« 
»Ob es die kleine Wasmuth auch so gut verstehen wird, 
möchte ich bezweifeln«, sagte Graf Egbert. »Ich glaube, du 
bist einmalig in diesem Sirenengesang.« 
»Sirenengesang in der Kirche? Schäm dich mal, Onkel 
Egbert! Da betet man, da girrt man nicht. Dir wird schon 
feierlich zumute werden, wenn ’die reizende Lore in der 
Kirche singt.« 
»Wenn ihre Stimme so reizend ist wie ihr Aussehen.« 

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»Ach, mit dir ist wieder einmal nicht zu reden, du Spötter.« 
»Theoda, wie kann man nur«, sagte Alexa vorwurfsvoll, ihr 

Mäulchen auf seine Wange drückend. »Mach dir nichts 
daraus, Onkel Egbert, sie meint es nicht so.« 
Lächelnd sah man auf das reizende Persönchen, das so lieb 
für den Onkel eintrat. 
»Hm«, meinte er schmunzelnd. »So wollen wir denn 
feurige Kohlen auf ihr Haupt sammeln. Was damit gemeint 
ist, hab ich dir ja neulich in der Religionsstunde erklärt.« 
»Das schon«, nickte sie. »Aber ich möchte keine 
brennenden Kohlen auf meinem Kopf haben.« 
»Siehst du, Herr Lehrer, da hast du’s«, lachte sein Bruder 
gleich den anderen amüsiert. »Es ist nicht so einfach, einem 
Kind die Bibelsprache auszulegen.« 

Am nächsten Tag erschien denn Lore Wasmuth, die Theoda 
allein in Empfang nahm, da die andern sich, wie 
gewöhnlich, nach dem Mittagessen zurückgezogen hatten. 
»Gehen wir gleich nach oben«, ermunterte sie, die sehr 
wohl merkte, wie die Pracht rundum das junge Mädchen 
befangen machte. »Da sind wir ganz unter uns.« 
»Störe ich auch wirklich nicht, Frau Gräfin?« 
»Dann hätte meine Schwiegermutter Sie bestimmt nicht 
eingeladen. Hier geht es hinein.« 
»O wie schön«, sagte Lore andächtig. »Wie ein 
wundersamer Traum.« 
»Es ist aber keiner«, lachte Theoda. »Das werden Sie schon 

merken, wenn ich mit der Zwiebelei beginne.« Nun, so arg 
wurde es gerade nicht, aber es wurde fleißig geübt. Sie 
waren beide so eifrig dabei, daß sie gar nicht merkten, wie 
die Zeit verging. So schrak denn Lore zusammen, als der 
Gong durchs Schloß hallte. 
»Himmel, der Gong ruft doch nicht etwa zum Kaffee?« 
»Doch, er tut’s.« 
»Dann möchte ich mich verabschieden.« 
»Man immer langsam. Bei uns wird so viel Kaffee gekocht, 
daß auch für Sie eine Tasse abfallen wird.« 
Damit zog sie die Zögernde zum Frühstücksstübchen hin, 

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wo die andern sich bereits eingefunden hatten. 
»Da sind ja unsere Musikanten«, sagte der Senior in seiner 

charmanten Art. 
»Rote Bäckchen und blanke Augen, das laß ich mir 
gefallen.« 
Während Lore alle begrüßte, schob Theoda rasch ein 
Gedeck ein, und schon war der Gast in die Tafelrunde 
gereiht. Zuerst war das Mädchen recht befangen, doch als 
man ihm so freundlich entgegenkam, ließen die 
Hemmungen allmählich nach. »Wie weit seid ihr nun mit 
dem Singsang?« wollte Niekchen wissen. »Wird’s werden, 
Fräulein Wasmuth?« 
»O doch, gnädiges Fräulein«, nickte sie eifrig. »Die Frau 
Gräfin gibt sich, so große Mühe mit mir.« 

»Von Mühe kann gar keine Rede sein«, stellte Theoda 
richtig, »Sie singen das Lied jetzt bereits so gut, daß eine 
weitere Übung nicht mehr notwendig ist.« 
»Aber nur, weil Sie es mir beigebracht haben.« 
»Na schön, behalten Sie Ihren Glauben. Die Grundmelodie 
beherrschen Sie nun, aber die Finessen, die können Sie nur 
bei der Orgelbegleitung erfassen. Aber der Kantor wird 
seine Sache schon machen.« 
»O weh, am liebsten möchte ich Sie zu der Probe 
mitnehmen«, sagte Lore kläglich, und Theoda lachte. 
»Das wollen wir dem Kantor denn doch nicht antun, ihm 
einen Laien gewissermaßen auf die Nase zu setzen. Der 

versteht von Musik bestimmt mehr als ich, besonders von 
Kirchenmusik.« 
Man unterhielt sich nun noch allgemein, bis Lore bat, sich 
verabschieden zu dürfen. Sie bedankte sich im allgemeinen 
und bei Theoda noch im besonderen, die ihr bis zum 
Portal das Geleit gab. Als sie zurückging, stieß sie in der 
Halle auf Mutter und Schwester, die ihre Mäntel anzogen. 
»Wo wollt ihr denn hin?« 
»Mutti muß sehen, wie ich reite«, erklärte die Kleine eifrig. 
»Ich kann es schon ganz gut, sagt der Herr Oberinspektor. 
Kommst du auch mit, Theoda?« 

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»Ein andermal, Lexi!« 
»Na schön. Komm, Mutti!« 

Sie zogen ab, und Theoda ging nach dem Wohnzimmer, 
wo die andern sich bereits niedergelassen hatten. 
»Singt sie gut?« fragte Niekchen ohne Übergang. 
»Ja. Sie hat eine schmiegsame Stimme, die selbst in der 
höchsten Lage nicht schrillt. Das ist mein gefühlsmäßiges 
Urteil; denn ein fachgemäßes kann ich als Laie nicht 
abgeben.« 
»Was heißt hier fachgemäß«, tat Niekchen wegwerfend ab. 
»Ob man da so oder so trillert, die Hauptsache, es rührt an 
mein Gemüt.« 
»Recht hast du«, bekräftigte der Senior. »Ich singe, wie der 
Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.« 

»Na du, laß es man lieber bleiben«, warf die Gattin lachend 
ein. »Denn dein Lied, das aus der Kehle dringt, ist wirklich 
nicht Lohn; der reichlich lohnet.« 
»Aber Spaß macht es, nicht wahr, Paps?« neckte Theoda. 
»Ich hörte dich neulich singen, so recht aus voller Kehle.« 
»Willst du wohl still sein!« drohte er ihr in gemachter 
Strenge. »Ich singe schön im Gegensatz zu deinem Mann.« 
»Wirklich, Witold?« wandte sie sich ihm zu, der neben ihr 
saß. »Sing doch mal.« 
»Ich werde mich hüten«, sah er wie gebannt in ihr 
lachendes Gesicht. Seine Hände streckten sich vor, um es 
zu umfassen, doch ruckartig wich sie zurück. In ihren 

Augen blitzte es – warnend, drohend. Da sprang er brüsk 
auf. 
»Was ist denn plötzlich mit dir los?« fragte der Vater, dem 
wie allen andern der sekundenschnelle Zwischenfall 
entgangen war. »Bist du etwa von der Tarantel gebissen?« 
»So ähnlich«, lachte er hart auf. »Entschuldigt mich bitte.« 
»Mein Gott, was hat der Junge nur?« sah die Mutter ihm, 
wie die andern auch, besorgt nach. »Ob ihn wieder 
Schmerzen plagen?« 
»Kann schon sein«, entgegnete der Gatte bekümmert. »Er 
war auch so erschreckend blaß. Was meinst du, Theoda? 

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Du hast ihn doch am meisten unter den Augen.« 
»Nein, Papa«, senkte sich das wie mit Blut übergossene 

Gesicht. »Er ist ja immer noch Rekonvaleszent.« 
»Ach so, ja«, brummte er in die peinliche Stille hinein. 
»Man hat schon seine Sorge mit dem Jungen. Anstatt er den 
Mund aufmacht, wenn er Schmerzen hat, verbeißt er sie. 
Ich muß ihn mir doch einmal ganz energisch vorknöpfen.« 
»Tu es lieber nicht«, riet der Bruder ab. »Du weißt doch, wie 
unzugänglich er ist, wenn er von Schmerzen geplagt wird. 
Theoda muß ihn zu einer Kur überreden, da sie den 
größten Einfluß auf ihn hat.« 
»Ich will es Versuchen«, versprach sie bedrückt. Wie konnte 
Witold nur… 
Halt! mahnte ihr Gewissen. Sag lieber: wie konnte ich nur. 

Denn du hast doch diesen peinlichen Vorfall 
heraufbeschworen, indem du seine Annäherung so 
drohend abwehrtest. Du hättest deinem Stolz keinen 
Abbruch getan, wenn du dich von deinem Mann berühren 
ließest – wozu er überhaupt das Recht hat, auch wenn er 
dich beleidigte. Wohl hat er durch sein brüskes 
Aufspringen die andern stutzig gemacht, aber die 
Veranlassung dazu gabst du. 
Sie fürchtete sich direkt vor dem Abendessen, wo sie mit 
Witold zusammentreffen würde, doch es wurde gar nicht 
so schlimm. Denn als der Vater ihm vorschlug, sich einer 
Kur zu unterziehen, ging er sofort darauf ein. 

»Das werde ich, aber erst nach dem Hochzeitsschrumm. 
Den will ich mir denn doch nicht entgehen lassen.« 
»Na Gott sei Dank«, lachte der Vater befreit auf. »Das war 
doch wieder einmal unser alter Junge. Auf einem Schrumm 
muß man aber tanzen, wirst du das können?« 
»Warum denn nicht?« 
»Du hast doch noch immer Schmerzen im Bein.« 
»Na wenn schon«, tat er leichthin ab. »Es wird müssen.« 
»Ich dachte schon, als du vorhin so jäh aufsprangst, die 
Schmerzen wären unerträglich«, sprach nun die Mutter, 
und er lachte. 

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»Waren sie auch. Rührten jedoch von meinem Hühnerauge 
her, das seinen Todesschrei tat.« 

Wies konnte man da wieder so froh und frei lachen. Auch 
Theoda. 
Schau mal an, wie überzeugend mein Herr Gemahl 
schwindeln kann, dachte sie belustigt. Warum du auf den 
Schramm willst, das weiß ich: um mich zu bespitzeln. Tu 
es nur, vielleicht… 
Und auf dieses vielleicht hoffte sie zuversichtlich. 
Drei Tage später begab man sich denn – nach Aussage des 
Seniors gar herrlich geschmückt – auf die Hochzeit, wo 
man freudig in Empfang genommen wurde. Hauptsächlich 
von der Tochter des Hauses, die ganz reizend aussah in 
ihrem Festgewand. 

»Ich bin ja so aufgeregt«, gab sie unumwunden zu. »Zwar 
hat die Singerei auch bei Orgelbegleitung geklappt, aber da 
war ich auch nicht so zappelig wie jetzt. Entschuldigen Sie 
mich bitte, ich habe noch so schrecklich viel zu tun.« 
Weg war sie, und die Mutter sagte lachend: 
»Ich weiß wohl nicht, was sie zu tun hätte.« 
»Sicherlich von sieben Gänsen Wurst zu machen«, trat 
Onkel Julius mit Luschchen und Lutz hinzu. »Da seid ihr 
ja, Freunde meiner Seele potztausend, seid ihr aber nobel. 
Wie tief hat denn der Herr Gemahl für das Traumgewand 
ins Portemonnaie greifen müssen, bezaubernde Gräfin 
Theoda?« 

»Du wirst lachen, Onkel Julius – überhaupt nicht.« 
»Ach was«, zwinkerte er ihr zu. »Hast du dir da am Ende 
einen Modenhausbesitzer angelacht?« 
»Julius, wie kann man so sündhaft daherreden!« empörte 
Luschchen sich. »Erstens tut unsere Theoda so was 
Sündhaftes nicht, und dann gibt es gar keinen Mann, der 
den ihren auszustechen vermag.« 
»Danke für das Kompliment, Tante Luschchen.« 
»Das ist kein Kompliment, mein Jungchen, das ist Tatsache. 
Aha, da naht ja auch der Brautvater nebst Gemahlin und 
Sohn. Tretet näher, damit wir euch mit unseren 

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Glanzstücken bekannt machen können.« 
Er machte eine gute Figur, der Mann mit den grauen 

Schläfen. Die Gattin nicht ausgesprochen hübsch, aber 
charmant und elegant. Der Sohn wirkte wie ein Prinz in 
seinem schwarzen Samtanzug. 
»Ich muß die Schleppe tragen«, erklärte er wichtig und 
schielte dabei zu Alexa hin, die wie ein süßes Püppchen 
anzuschauen war in ihrem weißen Spitzenkleidchen. 
»Ist die goldig«, sagte Frau Malten in ehrlicher 
Bewunderung. »Sieh sie dir mal an, deine Dame, Hilmar. 
Gefällt sie dir?« 
»O ja«, machte der kleine Kavalier eine Verbeugung. »Ich 
heiße Hilmar Malten.« 
»Und ich Alexa Synot«, knickste die Kleine verlegen. Erst als 

die Erwachsenen sich absichtlich von ihnen abwandten, 
kamen die Kinder allmählich in Kontakt. 
Es gab noch mehr Menschen, mit denen die Familie 
Rodeland bekannt gemacht werden mußte, aber man 
begegnete auch manch einem bekannten Gesicht. Lutz 
Askell, der heute so richtig schneidig aussah. Wohl 
begrüßte er Theoda herzlich, kümmerte sich dann jedoch 
nicht weiter um sie. Er schien gar nicht in Festlaune zu 
sein, eher mißgestimmt und verärgert. 
Die Herren sahen sich nun nach ihren Partnerinnen um; 
denn die Fahrt zur Kirche begann. Zuerst die jüngeren 
Paare, dann die älteren und zuletzt das Brautpaar. 

Theoda hatte man einem Herrn zugeteilt, der für seine 
Grobheit bekannt war. Man hoffte jedoch, daß die 
bezaubernde junge Gräfin selbst diesen bissigen 
Junggesellen becircen würde. Denn den Gastgebern lag viel 
daran, diese einflußreiche Persönlichkeit nicht zu 
verärgern. 
»Na, Marjellchen«, sagte Onkel Julius bedenklich, der nebst 
Luschchen mit den Familien Rodeland und Malten 
zusammenstand. »Das wird für dich heute kein Vergnügen 
werden.« 
»Warum denn nicht?« 

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»Weil man dir als Partner den Professor Trocks zugeteilt 
hat. Hagestolz aus Überzeugung und grob wie 

Bohnenstroh.« 
»Mediziner?« 
»Nein. Hohes Tier in einem landwirtschaftlichen Institut.« 
»Na wunderbar. Ich erzähle ihm, daß ich Kühe melken und 
Schweine füttern kann, das wird ihm bestimmt 
imponieren. Wie sieht er denn aus?« 
»Dort kommt er, der Große da. Er sieht nicht nur wie eine 
Bulldogge aus, sondern beißt auch so.« 
»Aber Onkel Julius, gerade die Bulldoggen sollen doch so 
gutmütige Tierchen sein.« 
Jetzt konnten die andern das Lachen nicht mehr 
zurückhalten. Und in das hinein trat der schwierige Herr, 

der in der Landwirtschaft so viel zu bedeuten hatte und den 
man zu offiziellen Festlichkeiten in den Landwirtsfamilien 
antraf. Zur Hochzeit des jungen Rodeland erschien er nicht, 
weil er sich auf einer Reise befand. Daher kannte Theoda 
ihn nicht, der sich nun knapp vor ihr verneigte. 
»Trocks.« 
»Rodeland.« 
»Sie scheinen Witz zu haben, Gnädige.« 
»Daher werden wir uns beide auch so gut verstehen, Herr 
Professor.« 
Zuerst war er verblüfft, doch dann lachte er, was bei ihm ja 
nun nicht oft vorkam. 

»Na, denn kommen Sie schon, Sie kleines Wunder.« 
Sie zogen ab, und der gute Julius machte ein so verdutztes 
Gesicht, daß die anderen wieder hell herauslachen mußten. 
»Also so was. Sie hat ihn schon becircet.« 
»Hast du vielleicht etwas anderes erwartet?« fragte der 
Schwiegervater stolz. »Nun gehabt euch wohl, jetzt bin ich 
am dransten.« 
Er zog die Weste glatt und schritt davon, so der richtige 
Grandseigneur. Nach ungefähr dreißig Jahren würde sein 
Sohn wahrscheinlich genauso aussehen. 
So verschwand denn einer nach dem andern, bis alle in der 

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Kirche waren und auf das Brautpaar warteten, das denn 
auch bald erschien. Voran die blumenstreuenden kleinen 

Mädchen, hinterher der Knabe Hilmar, der stolz die 
Schleppe der Schwester trug. Die Braut konnte man mit 
lieblich bezeichnen, den Bräutigam mit schmuck. 
»Na endlich geht es los«, brummte der Mann an Theodas 
Seite. »Warum machen die Leute mit ihrer Hochzeit bloß 
immer so ein Theater, wenn sie sich hinterher doch bald 
scheiden lassen.« 
»Danke verbindlichst«, gab sie leise zurück. »Wenn es bei 
mir soweit ist und ich geschieden bin, dann nehme ich 
Sie.« 
Das verschlug ihm denn doch die Sprache, was sie 
bezweckt hatte. Er fand sie erst wieder, als zwischen der 

Orgelmusik eine Stimme aufklang. 
»Ach du lieber Gott, jetzt fängt gar noch eine an zu 
kreischen«, sagte er so kläglich, daß Theoda ins 
Taschentuch beißen mußte, um das Lachen zu ersticken. 
Erst als das vorüber war, sagte sie tröstend: 
»Die kreischt nicht mit ihrer melodischen Stimme. Sie 
dürfen mich jetzt in meiner Andacht nicht stören.« 
Tatsächlich hielt er den Mund, so daß Theoda ohne 
Ablenkung der Stimme lauschen konnte. Sie sang gut, die 
reizende Lore. An manchen Stellen sogar tränenerstickt, 
was die Zuhörer rührte und damit noch den Reiz erhöhte. 
Als das Zeremoniell vorüber war, fragte Theoda ihren 

Partner: 
»Klang der Gesang nicht wunderhübsch?« 
»So hübsch, daß sie ihn selbst beweinte.« 
»Mein lieber Herr Professor, Sie sind ja noch ärger als Ihr 
Ruf.« 
»Wieso, ist der denn so schlecht?« 
»Das werden Sie selbst am besten wissen.« 
Sie mußten das Zwiegespräch abbrechen, da der Aufbruch 
begann. So gemessen das Brautpaar zum Altar geschritten 
war, so frohbewegt trat es den Rückweg an. Alexa, der die 
Tränen über die Bäckchen kullerten, schmiegte sich an die 

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große Schwester. 
»Wer ist denn das?« fragte Trecks. »Etwa schon Ihre 

Tochter?« 
»Ja sagen Sie mal, für wie alt halten Sie mich eigentlich?« 
fragte Theoda lachend. »Die Kleine ist nämlich zehn Jahre 
alt, und ich bin erst acht Wochen verheiratet.« 
»Nein, dann geht es nicht«, lachte er und alle, die es 
hörten, waren baß erstaunt. »Wer ist das kleine Fräulein 
dann?« 
»Meine Schwester.« 
»Na drum. Wenn Sie beide auch verschieden aussehen, 
eine Ähnlichkeit ist dennoch vorhanden. Daher meine 
unüberlegte Frage. Und nun wollen wir zusehen, daß wir 
an die Futterkrippe kommen. Sie ist doch noch immer der 

Clou vom Ganzen.« 
Alles genauso wie zu meiner Hochzeit, dachte Theoda, als 
sie an der Festtafel saß. Nur daß ich nicht auf dem 
Präsentierteller sitze, sondern mittendrin als Gast. Und so 
glückstrahlend wie diese Braut habe ich bestimmt nicht 
ausgesehen. Aber ich wurde ja auch nicht aus Liebe gefreit. 
Wo saß übrigens der Herr Gemahl. Aha, dort neben der 
distinguierten Dame. Der Schwiegervater hatte an seiner 
Seite eine Hopfenstange, Onkel Egbert hingegen eine 
gemütliche Dicke, die eifrig auf ihn einsprach. Die 
Schwiegermutter unterhielt sich angeregt mit einem 
vornehmen Graukopf, Niekchen mit dem guten Doktor, 

und die Mutter wurde von einem kleinen Herrn mit großer 
Brille über irgend etwas belehrt. Selbst Alexa hatte ihren 
Kavalier, mit dem sie schon ganz vertraut tat. 
Und Lutz saß neben der Lore, die sich zu langweilen 
schien. Er übrigens auch. Also hatte man mit der 
Zusammensetzung dieses Paares keine glückliche Hand 
gehabt. 
Mit ihrem Tischherrn kam Theoda glänzend aus. Wohl 
versuchte er ab und zu bissig zu werden, als er jedoch 
immer gleich contra bekam, unterließ er es und wurde 
noch ganz manierlich. Zuletzt plauschten sie gar wie gute 

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Bekannte, und die Gastgeber atmeten auf, daß dieses 
Experiment, das sie da gewagt, geglückt war. Denn dem 

Professor eine annähernd passende Partnerin zu geben, war 
die Sorge aller Gastgeber. Und einladen mußte man ihn, da 
er doch nun mal eine Prominenz in der Landwirtschaft 
bedeutete. 
Nachdem die Tafel aufgehoben war und die Kapelle den 
Tischwalzer spielte, fragte der Professor seine Dame; ob er 
denn unbedingt mit ihr tanzen müßte, er täte es sonst nie. 
»Dann brauchen Sie es auch jetzt nicht«, lachte sie ihn so 
strahlend an, daß der borstige Geselle – o Zeichen und 
Wunder! – einen zarten Kuß auf ihre Hand hauchte. 
»Besten Dank, kleine Gräfin. Wenn doch… Aber das werde 
ich Ihnen lieber nicht sagen. Sonst bekomme ich bestimmt 

eins auf meine Schnauze.« 
»Wie bitte?« 
»Na, man nennt mich doch Bulldogge.« 
Da lachte Theoda, so richtig hellklingend. 
»Herr Professor, ich bitte Ihnen alles ab.« 
»Wieso?« 
»Sie sind wohl grob, aber auch klug.« 
»Danke. Das war das einzige Kompliment, das ich in 
meinem Leben hörte. Sehe ich Sie noch?« 
»Wenn Sie sich nicht unsichtbar machen, dann ganz 
sicher.« 
»Sie finden mich im Spielzimmer beim Skat. Denn ein Fest 

ohne Skat ist für die Landwirte wie eine Saat ohne Ernte.« 
»Mein Mann würde sagen: wie ein Kuß ohne Schnurrbart.« 
Jetzt war es der Professor, der schallend lachte. »Recht hat 
er! Daher sind die Küsse heute alle so nüchtern.« 
Immer noch lachend ging er davon, und Theoda trat an 
den Tisch, wo sich die Ihren nebst den Ehepaaren Malten 
und Askell placiert hatten. Sie alle konnten beobachten, 
wie das ungleiche Paar sich so prächtig unterhielt. Und als 
der bissige Herr lachte und ihr gar die Hand küßte, da war 
man platt »Sag mal, Marjellchen, was hast du eigentlich mit 
dem Professor gemacht?« erkundigte Onkel Julius sich 

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neugierig. »Der war ja nicht wiederzuerkennen. Hat er sich 
etwa in dich verliebt?« 

»Gott soll mich bewahren!« ließ sie sich in den Sessel 
fallen. »Gebt mir etwas zu trinken. So, danke, das hat; 
meiner trockenen Kehle wohlgetan. 
Ich weiß gar nicht, warum man den Mann eigentlich 
fürchtet. Übrigens weiß er, daß er Bulldogge genannt wird.« 
»Hat er dir das womöglich gesagt?« fragte Luschchen 
ungläubig dazwischen. 
»Er hat.« 
»In welchem Zusammenhang?« 
»Als ich ihm den Tischwalzer erließ, wurde er galant.« 
»Haben wir an dem Handkuß bemerkt. Und weiter?« 
»Er wollte mir etwas sagen, unterließ es jedoch mit der 

Bemerkung, daß ich ihm dafür bestimmt eins auf die 
Schnauze geben würde, weil man ihn Bulldogge nennt.« 
»Und was hast du darauf erwidert?« fragte jetzt der 
Schwiegervater. 
»Erst lachte ich. Dann sagte ich ihm, daß ich ihm alles 
abbitte. Er wäre nicht nur grob, sondern auch klug.« 
»Seine Antwort?« fragte jetzt Graf Egbert gespannt. 
»Daß es das erste Kompliment seines Lebens wäre.« 
»Naja«, meinte Onkel Julius. »Wer so ein Fluidum 
ausstrahlt, darf sich das schon erlauben. Und was gab es in 
der Kirche zwischen euch zu tuscheln?« 
»Och«, sah sie ihn spitzbübisch an, »da hab ich ihm einen 

Schock eingejagt. Als er räsonierte, warum die Leute mit 
ihrer Hochzeit bloß immer so viel Theater machten, wenn 
sie sich hinterher doch bald wieder scheiden ließen, sagte 
ich, wenn es bei mir soweit wäre, dann nähme ich ihn – 
was ihm die Sprache verschlug.« 
Nun brandete am Tisch ein Gelächter auf, das die Tochter 
des Hauses anzog. 
»Dir lacht ja so herzlich, das ist aber hübsch. Wie habe ich 
denn gesungen, Frau, Gräfin?« 
»Gut, Fräulein Wasmuth, wirklich gut.« 
»Ehrlich?« 

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»Ganz ehrlich.« 
»Da bin ich aber froh. Nur daß ich zwischendurch weinen 

mußte, hat mich geärgert.« 
»Du hast damit aber auf die Tränendrüsen der Zuhörer 
gedrückt«, gab Luschchen zu bedenken. »Da blieb kein 
Auge trocken.« 
»O wie schön, jetzt bin ich ganz zufrieden. Leider muß ich 
diese gemütliche Ecke verlassen, um den“ Pflichten der 
Tochter des Hauses nachzukommen. Aber ich husch immer 
wieder mal für einen Sprung her.« 
»Brautpaar schon weg?« 
»Ja, Onkel Julius. Selig bedudelt und glückverklärt.« 
Sie wippte ab, und Frau Malten sprach ihr herzlich nach: 
»Was ist sie nur für ein herzliebes Menschenkind.« 

»Und resolut dazu«, warf der Gatte ein. »Sie hat damit der 
Winnie sehr geholfen und uns auch.« 
In dem Moment trat Lutz an den Tisch. 
»Ihr habt’s gut«, ließ er sich verdrießlich in einen Sessel 
fallen und griff nach Vaters Glas, das er in einem Zug 
leerte. 
»Junge, du bist wohl nicht recht gescheit!« 
»Ach was, Vater, wen dürstet, der trinke.« 
»Trinken wohl, aber nicht saufen, mein Lieber.« 
»Manchmal muß man das schon.« 
Unmotiviert sprang er auf, hastete davon, und die Mutter 
sagte besorgt: 

»Ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit dem Jungen los ist. 
Er ist so unstet, so verdrießlich und wenn man ihn 
ausfragen will, wird er grob. Er hält doch so große Stücke 
auf dich, Theoda. Vielleicht kannst du ihm helfen.« 
»Das werde ich, Tante Luschchen«, nickte sie ihr herzlich 
zu. »Halte den Daumen, damit es mir gelingt, ihn wieder 
froh zu machen.« 
Sie sah wohl, wie tief der Gatte erblaßte, wie er die Zähne 
zusammenbiß und die Hand zur Faust ballte. Aber darauf 
konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Jetzt war endlich 
der Moment gekommen, um handelnd einzugreifen. 

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Gemächlich schlenderte sie dahin und sah sich suchend 
nach Lore um, die sie dann auch in einem Winkel des 

Saales fand, in müder Haltung, den Kopf in die Hand 
gedrückt. Als Theoda ihre Schulter berührte, fuhr sie wie 
bei einem Unrecht ertappt hoch. 
»Ist Ihnen nicht gut, Fräulein Wasmuth?« 
»Doch, ja, natürlich. Aber man muß doch mal so ein 
bißchen verschnaufen. 
Wie haben Sie mich nur in diesem Winkel aufgestöbert, 
Frau Gräfin?« 
»Ich habe Sie gesucht, Fräulein Wasmuth, weil ich mit 
Ihnen sprechen möchte.« 
»Ja, aber…« 
»Keine Ausflüchte, Lore. Wo können wir ungestört 

miteinander reden?« 
Da führte das Mädchen sie schweigend nach einem kleinen 
Zimmer, das abseits der Festräume lag. 
»Nehmen Sie bitte Platz, Frau Gräfin.« 
Nachdem diese es getan, setzte sich auch Lore und sah ihr 
Gegenüber angstvoll an. 
»Habe ich denn etwas verbrochen?« 
»Kommt ganz darauf an«, meinte Theoda. »Aber ich will 
nicht lange drumrum reden, sondern unumwunden fragen: 
warum quälen Sie Lutz Askell so sehr?« 
»Ich ihn quälen?« fuhr die andere auf. »Das ist ja zum 
Lachen.« 

»Das ist es nicht. Sie wissen, wie zugetan ich Lutz bin.« 
»Eben, eben, und er Ihnen auch. Nur ein bißchen zu sehr.« 
»Lore!« rief Theoda scharf dazwischen. »So haben Sie 
angenommen…« 
»Ja.« 
»Wie töricht, Lore.« 
»Ja, aber der Schein…« 
»Trügt.« 
Da senkte sie beschämt den Kopf. 
»Eifersüchtig war ich«, gestand sie leise. »Obgleich ich mir 
hätte sagen müssen, daß – nun ja, daß man nach einem 

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Lutz nicht schaut, wenn man einen so ungewöhnlichen 
Mann wie den Grafen Rodeland sein eigen nennt.« 

»Nun, Lutz kann sich doch wahrhaftig sehen lassen, will 
ich meinen.« 
»Und wie! Darum liebe ich ihn ja auch so sehr.« . 
»Aha! Das wollte ich hören. Ist nun alles klar zwischen 
uns?« 
»Ja, Gott sei Dank! Und das andere…« 
»Was – das andere?« 
»Ach, nichts.« 
»Lore, ich muß klar sehen, wenn ich Ihnen und Lutz helfen 
soll. Und das will ich, so wahr mir Gott helfe. Hat er Ihnen 
zu verstehen gegeben, daß er Sie zur Frau begehre?« 
»O ja«, kam es nun über ihre Lippen in fliegender Hast. 

»Bevor er die Reise antrat, steckte er mir einen Ring an den 
Finger und bat mich, seiner lieb zu gedenken. Ich bekam 
auch liebe Kartengrüße von ihm, die mich beglückten. Ich 
konnte seine Rückkehr kaum erwarten und als ich sie von 
seinen Eltern erfuhr, fand ich mich zur Ankunft des Zuges 
auf dem Bahnhof ein. Als Lutz ausstieg, wollte ich ihm 
glücklich in die Arme laufen, doch eine andere kam mir 
zuvor.« 
»Jetzt nicht weinen, Lore, erzählen Sie weiter. Kannten Sie 
das Mädchen?« 
»Ich glaube nicht. Allerdings war ich so verstört, daß ich gar 
nicht imstande war, sie mir näher anzusehen. Ich sah nur, 

wie sie sich lachend in die Arme sanken, wie sie Arm in 
Arm davongingen, ins Auto stiegen, das seine Eltern zur 
Bahn geschickt hatten. Mir tat das Herz so weh, daß ich 
glaubte, es müsse mir brechen.« 
»Hm. Haben Sie ihn dann später unter vier Augen 
gesprochen?« 
»Nein, ich ließ es nicht dazu kommen. Gab ihm durch 
meine Haltung zu verstehen, daß er für mich erledigt 
wäre.« 
»Das war nicht recht von Ihnen.« 
»Sollte ich ihm etwa nachlaufen!« flammte sie jetzt auf. 

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»Dafür bin ich zu stolz. Hätten Sie das getan, Frau Gräfin?« 
»Allerdings nicht.« 

»Also, Lutz hat mich betrogen.« 
»Das stimmt nicht. Das weiß ich ganz genau, da er mich 
ins Vertrauen zog. Er konnte sich Ihre feindselige Haltung 
nicht erklären, zumal er sich keiner Schuld bewußt ist. Er 
ist ja so unglücklich, der arme Kerl.« 
»Nein!« 
»Doch. Ich grübelte darüber nach, wie ich ihm helfen 
könnte, aber wie an Sie herankommen, da wir beide ja 
miteinander keinen Kontakt hatten. Den bekamen wir erst 
durch das Lied, das dafür gesegnet sein soll. Ich gehe jetzt 
auf Suche nach Lutz und knöpfe ihn mir vor. Frage ihn, 
wer die Dame auf dem Bahnhof war.« 

»Und wenn er Ausflüchte findet?« 
»Das tut Lutz nicht. Warten Sie hier, bis die Sache geklärt 
ist.« 
»Ja, aber wenn…« 
»Kein Wenn jetzt, abwarten.« Sie hielt nach Lutz Ausschau, 
wie sie es vorhin bei Lore tat. Fand ihn jedoch nicht wie 
diese trübselig in einem Winkel, sondern im Saal das 
Tanzbein schwingend. Als er Theoda bemerkte, winkte er 
ihr zu und trat nach Beendigung des Tanzes zu ihr. 
»Der nächste Tanz gehört mir, schöne Gräfin.« 
»Später, du Spötter, jetzt möchte ich ein offenes Wort mit 
dir reden

.

« 

»Uijeh, so feierlich. Wird die Standpauke sehr empfindlich 
sein?« 
»Je ¦nachdem.« 
Sie fanden einen unbesetzten Tisch, wo Theoda sogleich 
zur Sache kam. Wenn er sie unterbrechen wollte, winkte sie 
ab, bis alles gesagt war. Und da lachte er, schallend. 
»Du meine Güte, was Eifersucht nicht alles zuwege bringen 
kann.« 
»Lach jetzt nicht, rede.« 
Als er es getan hatte, lachten sie beide. Und dann führte 
Theoda ihn zur Liebsten hin. Sie selbst kehrte an den Tisch 

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zurück, um ein bangendes Mutterherz mit Zuversicht zu 
erfüllen. 

»Es ist vollbracht, Tante Luschchen«, sagte sie herzlich. 
»Nur noch ein wenig Geduld.« 
Mittlerweile hatten sich auch die Gastgeber an dem 
gemütlichen Tisch eingefunden. Alle bestürmten Theoda 
mit Fragen, doch sie schüttelte den Kopf. 
»Abwarten.« 
Verstohlen ging ihr Blick zum Gatten hin, der blaß und still 
unter den Fröhlichen saß. Daß er nicht tanzte, hielt man 
für selbstverständlich, da er sein Bein schonen mußte. 
Und in dem kleinen Zimmer standen sich zwei junge 
Menschen gegenüber, um Abrechnung zu halten, die der 
Mann mit dem Bibelwort einleitete: »Glaube, Liebe, 

Hoffnung – diese drei…« 
»Hör auf!« unterbrach sie ihn böse. »Ich will nichts hören.« 
»Auch nicht, wer die Dame auf dem Bahnhof war?« 
»Deine – deine…« 
»Tante, jawohl.« 
Jetzt wurden ihre Augen kugelrund vor Staunen. »Deine 
Tante? Aber Tanten pflegen doch alt zu sein.« 
»Nicht immer. Meine ist erst vierzig Jahre. Ein bißchen zu 
alt für mich, findest du flicht auch?« 
»Aber sie sah doch so mädchenhaft aus.« 
»Über das Kompliment würde Tante Magda sich aber 
freuen. Sie sieht auch tatsächlich noch fabelhaft aus, 

hauptsächlich figürlich. Das Gesicht…« 
»Das habe ich mir nicht angesehen«, bekannte Lore 
kleinlaut. »Wie kam denn deine Tante auf den Bahnhof. 
Holte sie dich ab?« 
»Nein. Sie befand sich in demselben Zug wie ich, allerdings 
in einem anderen Abteil. Sie ist mit ihrem Mann, einem 
Handelsvertreter großen Stils, viel unterwegs in In- und 
Ausland. Und da sie sich damals gerade in der Nähe 
befand, machte sie einen Abstecher zu ihrer Base 
Luschchen, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte. 
Tauchte also als ganz überraschender Besuch auf, den ich 

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auf dem Bahnhof hocherfreut in Empfang nahm und sie 
meinen Eltern als Mitbringsel offerierte. Leider mußte sie 

am nächsten Tag schon wieder fort. Das ist alles.« 
»O Lutz«, sagte eine zerknirschte Lore. »Wie nah ich dir 
doch unrecht getan.« 
»Was ich dich eigentlich büßen lassen müßte, wenn ich mir 
nicht selbst damit weh täte. Also, komm schon her!« 
Sie tat es, und es gab ein glückliches Paar mehr auf der 
Welt. 
»Na also«, sagte Theoda, als dieses Paar sichtbar wurde, 
glückstrahlend, Arm in Arm. »Laßt eure Herzen hüpfen vor 
Freude, ihr beiden Elternpaare.« 
Und wie sie hüpften! Es wurde gejubelt, gelacht, und auch 
ein bißchen geweint, bis die oft zitierte Ruhe nach dem 

Sturm eintrat. Theoda beobachtete den Gatten, dessen 
Gesicht eine Skala von Empfindungen widerspiegelte. Und 
da Schadenfreude nun mal die reinste Freude ist… 
Sie schrak zusammen, als sie von beiden Seiten umhalst 
wurde. 
»Theoda, du prachtvoller Kamerad«, sagte der strahlende 
Lutz. »Für das, was du getan hast, muß ich dir einen Kuß 
geben!« 
»Ich auch«, zappelte die nun wieder lustige Lore und ließ 
dem Wort gleich die Tat folgen. »Wenn Sie nicht gewesen 
wären…« 
»Was ist denn nun eigentlich los?« fragte Julius dazwischen. 

»Nun endlich mal Farbe bekannt. Was hat die Theoda mit 
eurer Verlobung zu tun?« 
»Sie hat uns zusammengebracht, weil ich doch… Ach was, 
ich will nicht feige sein, sondern meine Hirnverbranntheit 
bekennen.« 
Was die Lauschenden nun zu hören bekamen, ließ ihnen 
denn doch den Atem stocken. Aller Augen hingen dann an 
Theoda, die nun ihrerseits den Kommentar gab: 
»Nachdem Lutz mir seine Herzensnot gebeichtet hatte, lag 
ich auf der Lauer, um ihm helfen zu können. Dazu mußte 
ich aber erst einmal an Lore herankommen, mit der ich so 

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gar keinen Kontakt hatte. Das geschah erst, als sie in unser 
Haus kam, das Lied einzuüben. Heute griff ich denn zu – 

und der Erfolg ist da.« 
Jetzt wurde sie von zwei Eltern paaren umarmt und mit 
Tränen der Rührung benetzt. Als auch das vorüber war, 
wurde die neueste Verlobung allgemein bekanntgegeben, 
die ein freudiges Hallo hervorrief, das selbst die 
unentwegten Skatspieler herbeilockte. Und da Theoda als 
Glücksstifterin herausgestellt wurde, feierte man sie 
zusammen mit dem Brautpaar: 
»Na, was wird die nicht«, brummte der Professor. »Die 
wäre selbst dazu imstande, des Teufels Großmutter an den 
Mann zu bringen.« 
Er kehrte auch nicht mehr an den Skattisch zurück, 

sondern ließ sich in der gemütlichen Ecke nieder. Nun kam 
es zwischen ihm und Theoda zu manch einem ergötzlichen 
Wortspiel, aus dem sie immer wieder zum Tanz geholt, 
wurde, bis der Professor ein Machtwort sprach: 
»Jetzt aber Schluß! Die Schuhsohlen hat sie bereits 
durchgetanzt. Und wenn sie das noch mit den Socken 
macht, kriegt sie Blasen unter den Fußsohlen.« 
Folge davon war, daß sich kein Tänzer mehr blicken ließ. 
Mittlerweile war es auch so spät geworden, daß der 
Aufbruch begann wie am laufenden Band. Als Theoda sich 
von dem Professor verabschiedete, zwinkerte er ihr zu. 
»Schöne Gräfin, Ihr treuester Vasall wird sich erlauben, sich 

fortan an Ihre Schleppe zu heften.« 
»Auch nicht drauftreten?« zwinkerte sie zurück. 
»Nein. Und wenn, dann nur auf Socken.« 
»Na, du hast heute mal eine Eroberung gemacht«, 
schmunzelte der stolze Schwiegervater, als man Rodeland 
zufuhr. »Du hast dem borstigen Gesellen ganz hübsch die 
Borsten geglättet.« 
»Was gar nicht schwer war«, lachte sie. »Man muß dabei 
nur die richtige Bürste anwenden.« 
»Wozu du jetzt öfter Gelegenheit haben wirst. Denn seinen 
Besuch bei uns hat er bereits angemeldet.« 

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»O Himmel, Paps, das habe ich nun wirklich nicht gewollt. 
Denn ein angenehmer Gast ist das Rauhbein bestimmt 

nicht.« 
»Ach was«, tat Niekchen unbekümmert ab. »Ich umstricke 
ihn so mit Wolle, daß die Borsten warm verpackt sind.« 
Unter so lustigem Geplänkel erreichte man das Schloß, wo 
man sich sofort zurückzog, um noch einige Augen voll 
Schlaf zu erhaschen, wie Onkel Egbert sagte. Theoda ging 
mit ihrer Mutter, die zum Umfallen müde war, und brachte 
sie zu Bett. Anschließend sah sie nach Alexa, die der 
Chauffeur um zehn Uhr nach Hause gefahren hatte. Nun 
schlief sie schon seit Stunden, die sich auf dem Fest so 
phänomenal amüsiert hatte, wie sie beim Abschied 
versicherte. Dieser neueste Ausdruck in ihrem Sprachschatz 

stammte wahrscheinlich von dem kleinen Kavalier. 
Endlich konnte Theoda jetzt auch an sich denken. Sie 
suchte ihr Ankleidezimmer auf, wo Hetty alles zur Nacht 
zurechtgelegt hatte. Auch eines der eleganten 
Morgenkleider hing griffbereit, in das Theoda schlüpfte, 
nachdem sie das Festkleid abgeworfen hatte. Auch die 
Schuhe vertauschte sie mit den zierlichen Pantöffelchen. 
Denn schlafen konnte sie jetzt noch nicht, dafür war sie zu 
aufgewühlt. 
Also ging sie in ihr Wohnzimmer, um dort in aller Ruhe 
über die Geschehnisse, des Tages nachzudenken, machte 
Licht – und blieb wie angewurzelt stehen. 

»Du, Witold?« dehnte sie überrascht. 
»Wie du siehst.« 
»Was wünschest du?« 
»Mit dir zu sprechen.« 
»Das hat doch wohl bis morgen Zeit.« 
»Nein, das hat es nicht.« 
»Dann bitte sehr!« Sie trat weiter und nahm Platz, Sah mit 
bang klopfenden: Herzen zu ihm auf, der da so fest und 
unerschütterlich wie ein Fels vor ihr stand. Er hatte den 
Frack mit der Hausjoppe vertauscht, wirkte aber auch darin 
elegant, wie er es überhaupt in jeder Kleidung tat. Ein 

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Mann mit dem Fluidum der Vornehmheit, aber auch das 
des Herrenmenschen. Sein Gesicht war hart und blaß. In 

seinen Augen lag ein Ausdruck von unterdrücktem Zorn, 
Schmerz und weher Trauer. 
»Theoda, kannst du dir gar nicht denken, warum ich dich 
hier erwartet habe?« 
»Wahrscheinlich, um mir Vorhaltungen zu machen.« 
»Nein, um dich um Verzeihung zu bitten.« 
»Ach, laß doch«, wich sie hastig aus. »Es hat sich ja nun 
alles aufgeklärt, was damals schon geschehen wäre, hättest 
du nicht schroff jede Erklärung abgelehnt. Dir genügte, was 
du sahst. Und der Schein war ja wirklich gegen mich.« 
»Recht so, entschuldige mich auch noch. Wenn jemals 
mich einer beschämt hat, dann bist du es, Theoda. Und 

wenn jemand mit Blindheit geschlagen war, dann war ich 
es. Aber wenn man immer so zur Seite stehen muß – bei 
seiner eigenen Frau…« 
»Witold, so ist es doch nicht«, unterbrach sie ihn erregt. 
»Ich habe mich um dich doch wohl am meisten bemüht.« 
»Solange ich krank war. Aber dann…« 
»Dann warst du Rekonvaleszent, dessen Schroffheiten ich 
geduldig ertrug. Bis auf die Beleidigung – die hat mich 
denn doch zutiefst getroffen. Aber du hast dich jetzt dafür 
entschuldigt, und nachtragend bin ich nicht.« 
»Also ist dem reuigen Sünder verziehen«, lachte er kurz auf. 
»Da ist er ja wieder in Gnaden aufgenommen – als 

Zaungast.« 
»Witold.« 
»Was bin ich denn anders. Darf ich mich denn an der 
Vergötterung beteiligen, die man mit meiner Frau treibt. In 
der Familie, bei den Bekannten. Und jetzt hast du gar noch 
den rauhbeinigen Professor um deinen Finger gewickelt, du 
gefährliche Circe.« 
»Das geht denn doch zu weit«, sprang sie auf und trat zu 
ihm, der halb abgewandt vor ihr stand. Sie nahm ihn bei 
den Armen, drehte ihn zu sich und sah in sein blasses 
Gesicht. Die Zähne bissen aufeinander wie in jähem 

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Schmerz, in den Augen wetterleuchtete es vor 
unterdrücktem Zorn und bitterer Anklage. 

»Mein Gott, Witold, was hast du denn?« fragte sie angstvoll, 
und er lachte wieder kurz auf. 
»Das merkst du natürlich nicht, du sonst so kluge Frau. 
Aber wie solltest du auch bei dem Mann, der dir 
gleichgültig ist.« 
»Du mir gleichgültig? Den Vorwurf habe ich nicht verdient. 
Worin hast du dich da nur verrannt.« 
»In eine unrettbare Liebe zu dir. Ist das denn so schwer zu 
begreifen?« 
»Allerdings. Denn dein schroffes, beleidigendes 
Verhalten…« 
»Das brennender Eifersucht entsprang. Denn ein Mann, der 

seiner Frau so wenig sicher ist wie ich meiner, kann nicht 
blind vertrauen. Denn du hast mich ja nicht aus Liebe 
gefreit. Also mußte ich damit rechnen, daß du dem Mann 
deiner Liebe noch begegnen wirst. Und als ich dich in so 
vertraulichem Gespräch mit Lutz sah, gar noch seine Worte 
von, Liebe hörte, da mußte ich doch annehmen, daß du in 
ihm den Mann deines Herzens gefunden hattest.« 
»Und wenn es so gewesen wäre?« 
»Theoda, quäle mich doch nicht so entsetzlich! Ich habe 
genug ausgehalten bei dem Gedanken, dich an einen 
andern hergeben zu müssen. Theoda, ich liebe dich!« 
Da legten sich ihre Hände wie eine Schale um sein Gesicht, 

zogen den Kopf hinunter, und zart berührten ihre Lippen 
seinen zuckenden Mund. 
»Das ist meine Antwort«, sagte sie leise. Helle Tränen liefen 
ihr die Wangen hinab. 
»Theoda, du weinst? Aber das darfst du doch nicht. Theoda, 
kann es wirklich wahr sein?« 
»Jetzt bist du begriffsstutzig, mein Lieber.« 
Da zog er sie fest an sein Herz. Mund brannte auf Mund in 
beseligender Liebe – und der spitzbübische Amor hatte 
wieder einmal ganze Arbeit geleistet. 
Endlich gab der Mann seines Herzens Seligkeit frei, aber 

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nicht ganz. Er schob sie, von sich, soweit die Arme 
reichten, und sah glückstrunken in die Augen hinein, die 

ihn anstrahlten wie zwei Sonnen. 
»Ach du«, sagte er mit einer Stimme, in der sein Herz 
mitschwang. »Weißt du auch, daß ich dich schon immer 
geliebt habe?« 
»Immer, Witold? Wie soll ich das verstehen.« 
»Daß ich dich schon liebte, als du noch mit Hängezöpfen 
herumliefst. Allerdings unbewußt. Dessert wurde ich mir 
erstmals du mir nach Jahren der Trennung vor’ dem Hotel 
in die Arme fielst, bewußt. Das darf ich jetzt doch ruhig 
sagen?« 
»Ja. Ob so oder so, eingefangen habe ich dich auf alle 
Fälle«, lachte sie ihn so spitzbübisch an, daß er sie beim 

Schopf faßte und küßte, bis ihr der Atem verging. Doch 
ganz frei gab er sie immer noch nicht, als hätte er Angst, 
daß sie ihm entrinnen könnte. 
»Da ging mir die Liebe ganz gehörig an Kopf und Kragen«, 
sprach er dann weiter. »So sehr, daß ich dich am liebsten 
da schon nicht mehr losgelassen hätte.« 
»Und warum hast du mir das nicht gesagt?« 
»Theoda, bedenk doch, was du da von mir verlangst. Ich 
konnte dir doch unmöglich mein Herz in die Hände 
geben, wo ich nicht wußte, woran ich bei dir war. Aber 
haben mußte ich dich – und wenn ich da gleich hätte 
Himmel und Hölle in Bewegung setzen müssen. Und als 

ich dich dann fest zu haben glaubte, kam meine Krankheit 
dazwischen, während der du mich deinen ganzen Wert 
erkennen ließest. Vielleicht wirst du mich nun verstehen, 
was ich ausgehalten habe, als ich dich mit Lutz…« 
»Laß doch, Witold, das is’t ja nun vorbei«, strich sie zärtlich 
über seine Augen, in denen Tränen glänzten. »Hätte, ich 
nur eine Ahnung gehabt, wie sehr du dich quälst, wäre ich 
aus meiner Reserve herausgetreten. Mir ging es nämlich 
genauso wie dir. Auch ich konnte dir mein Herz nicht in 
die Hände geben, weil ich nicht wußte, ob du es überhaupt 
haben willst. Und aufdrängen – nein. Ich mußte ja 

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fürchten, zurückgewiesen zu werden, so schroff und 
unzugänglich wie du warst.« 

»Und jetzt, Liebste?« 
»Jetzt kannst du mich ruhig einmal loslassen.« 
»Ich denke gar nicht daran, nun ich dich endlich habe. Was 
meinst du wohl, was für einen Aufruhr es unter unsern 
Lieben gegeben hätte, wenn ich ihnen ihren Abgott 
genommen – durch meine Schuld. Gesteinigt hätten sie 
mich vor Empörung.« 
»Oder dich in Schutz genommen und mir die Schuld 
gegeben.« 
»Da kennst du sie aber schlecht. Du hast sie genauso 
verzaubert, wie du mich verzaubert hast, du süßes, 
betörendes Hexlein.« 

Als sie mit den andern zum verspäteten Frühstück 
zusammentrafen, sah Onkel Egbert sie forschend an und 
sagte dann trocken: 
»Was lange währt, wird endlich gut.« 
»Onkel Egbert, du hast doch nicht etwa…?« 
»Was denn, mein Liebchen?« 
»Gemerkt…« 
»Zuviel gesagt. Dafür habt ihr euch beide zu fest am Zügel 
gehabt. Aber den Augen kann man nicht immer gebieten, 
und in Witolds brannte oft der Schmerz. Ein anderer als ein 
körperlicher. Was hattest du ihm angetan?« 
»Siehst du, Witold, jetzt geht es schon los!« 

»Abwarten!« 
»Kinder, nun laßt mal die Geheimniskrämerei«, sagte der 
Senior unbehaglich. »Daß etwas zwischen euch nicht 
stimmte, darüber waren wir uns klar. Jetzt möchten wir 
aber endlich reinen Wein eingeschenkt haben.« 
»Erst Kaffee, Vater.« 
»Jungchen, werde hier nicht witzig!« sagte Niekchen 
aufgeregt. »Wir können hier doch nicht in aller 
Gemütsruhe tafeln, da bliebe uns ja der Bissen im Hals 
stecken vor lauter…« 
»Neugierde.« 

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»Meinetwegen auch das, du Schlingel, der nun endlich 
wieder in Form ist wie zu alten, goldenen Zeiten. Nun mal 

gebeichtet!« 
»Ich?« 
»Na, wer denn sonst?« 
»Theoda.« 
»Die hat nichts zu beichten. Die hat sich genug von dir 
schikanieren lassen.« 
Witold warf der Gattin einen lachenden Blick zu und 
schickte sich dann zur Beichte an. Er konnte es ungehindert 
tun, da Thekla und Alexa noch schliefen. Denn was er zu 
sagen hatte, war nicht für hellhörige Kinderohren und für 
keine wehleidigen Gemüter. 
»Na, dann zu!« 

»Witold, muß es wirklich sein?« 
»Ja, Liebste. Ich werde doch nicht feiger sein als die 
reizende Lore, die sich so tapfer zu ihrer Schuld bekannte. 
Hört zu!« 
Er sprach, ohne sich zu schonen. Und dann gab es 
Vorwürfe von allen Seiten, bis Theoda eingriff: »Nun laßt 
ihn aber in Ruhe. Der Schein war wirklich gegen mich. So 
sehr, daß auch Lore sich davon blenden ließ. Das hat sie 
mir bei unserer Unterredung gestanden. Als ich sie eines 
anderen belehrte, war sie beschämt. Und Witold wäre es 
auch gewesen.« 
»Wenn ich dich angehört hätte, wie die kleine Lore es tat«, 

sprach er weiter, als sie verlegen schwieg. »Da ich jedoch 
deine Erklärung so schroff ablehnte und dich hinterher so 
tief beleidigte, das ist meine Schuld.« 
»Die du auch schwer gebüßt hast.« 
»Nicht wahr, Onkel Egbert«, sagte Theoda eifrig. »Und 
damit wollen wir es genug sein lassen.« Sie strich Witold 
über den Kopf, worauf er die schmeichelnde Hand zärtlich 
küßte. Und alle, die es sahen, schickten ein Dankgebet zum 
Höchsten, der ihrer Familie dieses wunderbare 
Menschenkind bescherte. 
»Na ja, Junge«, räusperte sich der Vater. »Du bist schon ein 

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Schoßkind des Glücks. Wie ist es nun mit der Kur, wie?« 
»In die hat meine Frau mich doch schon längst 

genommen«, lachte er. »Und zwar in eine Kaltwasserkur. 
Aber verreisen werden wir trotzdem, damit ich meine Frau 
wenigstens einige Wochen für mich allein habe. Denn hier 
wird sie mir ja von allen Seiten abspenstig gemacht.« 
»Wo der Abgunst feindlich Gift am Herzen sitzt«, 
schmunzelte Egbert, und Susann drohte: 
»Willst du wohl still sein, du Weisheitskrämer! Fahrt nur, 
Kinder, ihr habt euch die Reise redlich verdient.« 
So fuhren sie noch am selben Tag hinein in das Land der 
Liebe. 

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Ausklang 

 
Es war ein glänzendes Fest, das Tauffest des Erben von 
Rodeland. Ein Prachtkerlchen nach Aussage des 
Hausdoktors, was beiden Eltern kein Wunder war. Er stand 
nun mit dem stolzen Großvater; dem nicht minder stolzen 
Großonkel und Professor Trocks zusammen, der sich in 

Rodeland so richtig eingenistet hatte, so daß man ihn als 
Gast schon gar nicht mehr bezeichnen konnte. Er war von 
einer rührenden Anhänglichkeit, der vereinsamte 
Junggeselle. Bissig war er nach wie vor, nur nicht in 
Rodeland. Da konnte man ihn um den Finger wickeln, 
hauptsächlich die junge Gräfin. 
»Ich glaube, es gibt heute doch noch ein Unglück«, sagte 
der Arzt, was die andern drei hochgehen ließ. Entsetzt 
sahen sie ihn an. Als sie jedoch sein Schmunzeln 
bemerkten, atmeten sie auf. 
»Soll ich Ihnen vielleicht den Hals umdrehen?« fragte der 
Professor. 

»Danke für das liebenswürdige Angebot. Schauen Sie sich 
lieber das dort an.« 
Sie folgten der Richtung seines Blickes und bemerkten nun 
den Rest der Familie Rodeland, die mit den Askells und 
Wasmuths zusammenstanden. Winnie, auch schon Mutter 
eines kleinen Jungen, sah frisch und blühend aus. Lore, 
reizend und quicklebendig wie eh und je, war schon längst 
Frau Askell. In dem gemütlichen Haus hatte der Storch sich 
auch bereits angemeldet und Luschchen mobil gemacht. 
Sie nähte, häkelte und strickte mit einem Eifer, als hätte sie 
ein ganzes Säuglingsheim zu versorgen. 

Die andern waren auch noch ganz die alten, nur Alexa war 
gewachsen. Und ihre Schwester – nun, die war ein Kapitel 
für sich. 
»Schöner als schön«, pflegte der Professor zu sagen. »Und 
der Witold dazu, da hat der liebe Gott schon ein Paar 
geschaffen wie im Märchenbuch.« 
Auf den zeigte nun der Arzt. 

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»Leute, ich sehe schwarz. Wenn der da nicht man seine 
Trautgemahlin vor Liebe verschluckt. Mit den Augen 

verschlingt er sie bereits.« 
»Ja, er ist noch immer sehr verliebt, der Junge«, lachte der 
Vater, und der Professor brummte: 
»Bei so einer Frau wahrlich kein Wunder, daß die 
Flitterwochen nicht enden.« 
In dem Moment kam Alexa angewippt, immer noch 
entzückend, obwohl sie sich den Mauserjahren näherte. 
Zutraulich hängte sie sich in des Professors Arm: 
»Nun, was gibt’s, Tausendschönchen?« 
»Du möchtest so gut sein und die Bowle abschmecken, weil 
du die feinste Zunge hast.« 
Arm in Arm gingen sie davon, und der Arzt sagte 

kopfschüttelnd: »Kaum zu glauben, wie zahm die 
Bulldogge hier ist. Die frißt hier tatsächlich allen aus der 
Hand.« 
»Sie kriegt ja auch gutes Futterchen«, lachte Graf Egbert. 
»Außerdem sitzt sie warm und weich im Schoß unserer 
harmonischen Familie.« 
»Jetzt sagen Sie bloß noch als Schoßhündchen.« 
»Werden Sie nicht witzig, Doktorchen«, lachte Graf Reimar. 
»Aber ein guter Wauwau ist er schon. Sogar unsere 
ängstliche Thekla streichelt ihn.« 
»Und weint dabei!« 
»Werden Sie wohl still sein, Sie alter Spötter! Sie ist gar 

nicht mehr so rührselig und vor allen Dingen ein 
angenehmer Hausgenosse, den man kaum merkt. Nun 
kommt zu den andern; denn da geht es lustig zu.« 
Das ging es überall. So richtig froh und leichtbeschwingt 
verlief das Fest, von dem die Gäste sich nur schwer trennen 
konnten. 
Doch endlich verschwanden auch die Unentwegten, und 
Familie Rodeland begab sich geschlossen zu dem kleinen 
Täufling, der süß in seinem Bettchen schlummerte. Ein 
echter Rodeland, wie es Vater und Großvater auch waren. 
»Er wird euch beiden immer ähnlicher«, sagte Susann, und 

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der Sohn brummte: »Er hätte ruhig auch etwas von Theoda 
haben können.« 

»Was denn zum Beispiel?« 
»Die Haare, die Augen, die Nase, den Mund…« 
»Also ihr getreues Ebenbild«, warf der Onkel trocken ein, 
und die andern lachten. Dann ging man, um sich zur 
wohlverdienten Ruhe zu begeben. In der Kemenate der 
Herrin zog Witold die Trautgemahlin an sein Herz und sah 
ihr in die strahlenden Augen. 
»Glücklich, Liebste?« 
»Ich danke dir, Witold.« 
»Wofür denn, du Närrchen?« 
»Für das Glück, das du mir gibst.« 
»Was bei dir doch wohl noch mehr der Fall sein dürfte. Es 

liegt nun an uns, das Glück zu hüten, wie meine Eltern es 
in ihrer Ehe auch taten. Dann wird sie nach mehr als 
dreißig Jahren immer noch so harmonisch sein wie ihre es 
ist.« 
»Und dabei haben wir noch nicht einmal aus Liebe gefreit«, 
lachte sie ihn spitzbübisch an, worauf er sie denn bei den 
Öhrchen nahm. 
»Willst du wohl ruhig sein, du entzückender Schelm. Wohl 
gab es am Anfang im Ehebüchlein manch eine schwarze 
Zahl zu vermerken. Aber zuletzt kommt es immer auf das 
Resultat an – und das Resultat war Liebe.«

 

 

-ENDE-