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LENI BEHRENDT

 

Durch Gewitter und 

Sturm

 

 

 

 
 

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Es schien, als halte die Natur den Atem an, eine so 
unheimliche Stille brütete über der Landschaft. Unheimlich 

war auch die Beleuchtung, die alles ringsum in 
schwefelgelbes Licht tauchte. Und schwefelgelbe Wolken 
jagten auch am Himmel, worüber sich dann schwarzgraue 
wälzten, während es am Horizont reglos wie eine 
tintenblaue Wand stand. 
Einen Maler hätte dieses einzigartige Farbenspiel 
wahrscheinlich entzückt, jedoch dem jungen Mädchen, das 
über den Wiesenpfad hetzte, jagte es Furcht ein. Was sollte 
werden, wenn es keinen schützenden Unterschlupf 
erreichte, bevor das Gewitter mit entfesselter Kraft 
losbrach? Daß es bis auf die Haut naß werden würde, war 
noch das wenigste, aber die Angst, auf freiem Feld 

schutzlos den tobenden Elementen ausgesetzt zu sein, 
hätte auch robustere Menschen gepackt als dieses junge 
zarte Geschöpf. Es lief, was nur die Beine hergaben, ob den 
richtigen Weg oder nicht, war jetzt egal. Nur irgendwo 
unterkriechen. 
Nun grollte auch schon der Donner auf, der Blitz 
zickzackte durch die düsteren Wolken, die jetzt den ganzen 
Himmel bedeckten. Und dann tobte der Sturm los, der ja 
zur Begleiterscheinung eines heraufziehenden Gewitters 
gehört. Nun war es aus mit dem leichtfüßigen Lauf einer 
Gazelle, nun hatte das junge Mädchen Mühe, von der Stelle 
zu kommen. Keuchend kämpfte es gegen den Sturm an 

und mußte sich außerdem noch darüber argem, daß ihm 
eine Melodie im Köpf herumspukte. Ausgerechnet jetzt, wo 
es der jungen Maid alles andere als nach Singsang zumute 
war. Doch hartnäckig tönte es im Hirn: 
 
Durch Gewitter und Sturm  
durchs weite Meer, 
mein Mädel, ich bin dir nach… 
 
Wenn es nur so wäre und sie jetzt Schutz suchen könnte an 
einer starken Männerbrust – egal an welch einer – aber 

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leider. 
Doch dann weiteten sich ihre Augen. Denn plötzlich sah 

sie vor sich eine Männergestalt, weiß der liebe Himmel, 
woher die so unvermutet auftauchte. Allein, der Mann 
erschien nicht, um sie an seine Heldenbrust zu nehmen, 
sondern lief vor ihr mit so langen Schritten, daß der 
Zwischenraum zwischen ihm und ihr immer größer wurde. 
Und sie folgte seinen Spuren, wenn auch nicht errötend, so 
doch mit keuchendem Atem. Alle Teufel schienen 
losgelassen zu sein, so tobte es um sie her. Der Donner 
krachte, die Blitze zuckten – und nun fielen auch schon die 
ersten Tropfen. 
Aber auch die Rettung war nah. Denn vielleicht hundert 
Meter von ihr befand sich ein Gehöft, auf das der Mann vor 

ihr losraste und im ersten Stallgebäude verschwand. Ergo: 
Sie ihm nach – und das war höchste Zeit. Denn kaum, daß 
sie den Unterschlupf erreicht hatte, prasselte es auch schon 
vom Himmel hernieder in unwahrscheinlich großen 
Tropfen. Während sie nun ihr »Gott sei Dank«, aufseufzte, 
stolperte sie in dem dunklen Raum über ein Etwas, fiel – 
und spürte es naß über ihre Beine rinnen. Doch schon 
umschlang sie ein starker Arm, hob sie hoch, stellte sie auf 
die Erde, und eine lachende Männerstimme sprach: 
»Hallo, hallo, man nicht so stürmisch, 
mein Fräulein! Haben Sie sich weh getan?« 
»Nein«, konnte sie fröhlich mitlachen, da sie sich nun in 

Sicherheit befand. Wo, das konnte sie zwar in dem 
Dämmerlicht nicht sehen, aber da es um sie herum grunzte 
und quiekte, mußte ihr Obdach wohl ein Schweinestall 
sein. Schade, daß sie das Gesicht des Mannes, der neben ihr 
stand, nicht erkennen konnte. Aber groß war er, fast einen 
Kopf größer als sie, die sie mit ihren 1,68 gewiß nicht zu 
den kleinsten Mädchen zählte. Gern hätte sie gewußt, wer 
er war, aber im Schweinestall pflegt man sich ja nicht 
vorzustellen. Aber auf welchem Gehöft sie sich befand, das 
mußte sie unbedingt feststellen. 
»Ragaltshöfen«, erfolgte die Antwort auf ihre Frage, und da 

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lehnte sie sich gegen ein Schweinekoben und lachte so 
hellklingend und übermütig, daß darüber die Schweine 

erschrocken dazwischengrunzten. 
»Dann sind Sie gar der Verwalter hier, mein Herr?« wollte 
sie sich ausschütten vor Lachen, was den Mann äußerst 
befremdete. 
»Gewiß. Ich weiß nur nicht, was daran so lächerlich sein 
könnte.« 
»Nicht böse sein, Herr Baron«, streckte sie ihm nun leidlich 
ernst die Hand hin, die er nach kurzem Druck wieder fallen 
ließ. »Ich lache Sie ganz bestimmt nicht aus, sondern 
amüsiere mich köstlich darüber, daß unsere Bekanntschaft 
ausgerechnet im Schweinestall stattfinden mußte. Ich bin 
nämlich Birgit Holmsen, die Tochter des Besitzers des 

Gutes.« 
»Das war dann allerdings ein unwürdiger Empfang«, fiel er 
nun amüsiert in ihr erneutes Lachen ein, nachdem er seiner 
maßlosen Überraschung Herr geworden war. »Warum 
haben Sie sich denn nicht angemeldet, gnädiges Fräulein? 
Dann wären Sie gewiß mit allen Ihnen gebührenden Ehren 
empfangen worden.« 
»Weiß ich, aber so ist es entschieden amüsanter. Mal was 
anderes, so durch Gewitter und Sturm im Schweinestall zu 
landen und außerdem mit dem Naß bedacht zu werden, 
vor dem ich draußen so ängstlich Reißaus nahm. Aller 
Segen soll ja zwar von oben kommen, aber daß es auch 

von unten sein kann, hat die Erfahrung schlagend 
bewiesen. Hoffentlich war Wasser in dem Eimer drin – kein 
Drank.« 
»Sie scheinen eine Spottdrossel zu sein, mein gnädiges 
Fräulein.« 
»Sagen sie ruhig Speilzahn, das klingt vertrauter.« 
»Und was wird der Herr Vater sagen, wenn er von dem 
sonderbaren Empfang des Töchterleins hört?« 
»Er wird schmunzeln: Geschieht dir recht, Marjellchen. 
Übrigens erscheint er morgen, ich bin nur sein – Vorläufer, 
im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die letzte Strecke bis 

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hierher legte ich im >Nurmilauf< zurück. 
Doch wie ist es, können wir diese penetrant parfümierte 

Stätte nicht bald verlassen? Ich bin gewiß nicht zimperlich, 
aber jetzt habe ich ein schier unbezwingbares Verlangen 
nach frischer Luft.« 
Eröffnete die Tür und schaute prüfend in das Gewitter 
hinaus, das sich langsam zu verziehen begann. Es regnete 
auch nicht mehr ganz so arg, genügte jedoch, um naß zu 
werden. 
»Wollen wir es wagen?« fragte Birgit. 
»Da Sie bis zu den Knien sowieso völlig durchnäßt sind, 
kommt es auf eine Dusche von oben auch nicht mehr an. 
Nur den Kopf müssen Sie schützen, gnädiges Fräulein. Es 
wäre schade um die Lockenpracht. Darf ich Ihnen dazu ein 

Taschentuch anbieten?« 
Ohne Ziererei nahm sie das saubergefaltete Tuch, band es 
um den Kopf und lachte ihn an. 
»So – zu neuen Taten gerüstet.« 
Ehe sie nach dem Köfferchen greifen konnte, das sie 
abgestellt, hielt er es bereits in der Hand. 
»Steckt wenigstens Reservekleidung darin, gnädiges 
Fräulein, damit Sie sich umziehen können?« 
»Das tut’s. Und ich segne meinen Einfall, der mich 
Vorsorgen ließ, obwohl es das schönste Maiwetter war, als 
ich mich zu Hause auf den Weg machte.« 
»Mußte das auf so primitive Art geschehen?« 

»Mußte nicht, aber ich geh nun mal gern auf Abenteuer 
aus. Und siehe da, ich kam auf meine Kosten.« 
»Kann man wohl sagen. Kommen Sie rasch, damit wir ins 
Haus kommen, bevor der Regen wieder ärger wird. Denn 
den Wolken nach zu urteilen zieht ein zweites Gewitter 
auf.« 
Hurtig ging es nun über den großen Hof, auf dem das 
Wasser in breiten Pfützen stand. Um darüber 
hinwegzubalancieren, dafür hatte man es zu eilig; denn es 
grollte und blitzte schon wieder stärker. Also ging Birgit mit 
ihrem Begleiter sozusagen durch dick und dünn. Ihm 

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konnte die Nässe auch nichts anhaben, da er wasserfeste 
Stiefel trug, doch ihre leichten Schuhe waren so viel Nässe 

denn doch nicht gewachsen, wie sie an den triefenden 
Füßen merkte. Trotzdem schritt sie wacker aus, und so lag 
das Herrenhaus bald vor ihnen. Ein langgestreckter Bau mit 
einem wuchtigen Portal, Obergeschoß und breiten 
Mansarden. Balkone und Erker zierten das Gebäude, das 
ohne sie gewiß nüchtern gewirkt hätte. So jedoch trug es 
den Namen eines Herrenhauses mit vollem Recht, 
peinlichst gepflegt und feudal. 
In der weiten, hohen und vornehm anmutenden Diele 
verneigte der Mann sich artig vor dem Mädchen. 
»Darf ich mir erlauben, Sie in Ihrem Hause willkommen zu 
heißen, gnädiges Fräulein?« 

»Danke, Herr Baron. Kann ich mich hier irgendwo 
umziehen?« 
»Es ist Ihr Haus, gnädiges Fräulein.« 
»Nicht meines – sondern das meines Vaters. Das wollen wir 
von vornherein richtigstellen, nicht wahr, Herr Baron?« 
»Danke. Gestatten Sie, daß ich vorgehe.« 
Sie folgte ihm die teppichbelegte Treppe hinauf, betrat 
einen langen, bequemen Gang, der durch ein festes 
Glasdach genügend Licht bekam. Rechts und links 
befanden sich hohe, breite Flügeltüren, von denen der 
Mann eine öffnete. 
»Bitte, gnädiges Fräulein, dieses Zimmer ist hier oben das 

schönste von allen. Gefällt es Ihnen nicht, können Sie ja 
später nach Geschmack wählen. Ich hoffe, Sie beim 
Abendessen wiederzusehen.« 
Eine tadellose Verbeugung, dann ging er rasch davon, 
während Birgit das Zimmer betrat und die Tür hinter sich 
schloß. Vor ihr lag ein weites, elegant ausgestattetes 
Gemach mit einem Stutzflügel in der Mitte. Indes sie noch 
an der Tür, durch die sie gekommen war, stand, um jede 
Einzelheit des Raumes geruhsam in sich aufzunehmen, 
hörte sie an der Tür links schließen, und gleich darauf 
schob sich ein dunkles Lockenköpfchen durch den Spalt. 

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Zwei große, hellgraue Augen starrten sie an. 
»Was haben Sie denn hier zu suchen?« kam es angstvoll 

von den jungroten Lippen. 
»Keine Bange, ich bin gut Freund«, lachte Birgit. »Treten Sie 
ruhig näher.« 
Zögernd schob sich nun eine zierliche Gestalt durch die Tür 
– und dann standen sich zwei junge Menschenkinder 
gegenüber, welche die Natur gar reizvoll ausgestattet hatte. 
Eines mit einem entzückenden schwarzbraunen 
Wuschelköpfchen, lichtgrauen Augen, sehr feinem, süßem 
Gesichtchen und mittelgroßer, feingliedriger Gestalt. Das 
andere mit lichtgoldenen Locken, Augen strahlend blau 
und kristallklar wie ein kühler Bergsee, einem schönen, ein 
wenig herben Antlitz und einem gertenschlanken, grazilen 

Körper. Beide Mädchen zu verschieden, doch beide von 
natürlicher, taufrischer Schönheit. 
Und zu gleicher Zeit fingen beide an zu lachen. 
»Na also«, sprach Birgit zuerst. »Nun wir uns so forschend 
betrachtet haben, als müßten wir unsere Seelen ergründen, 
kann Nam’ und Art erfolgen. Ich benamse mich mit Birgit 
Holmsen. 
Ja, warum starren Sie mich denn so angstvoll an?« 
»Um Gottes willen, Sie sind doch nicht etwa –?« 
»Ich bin’s, jawohl«, kam es mutwillig zurück. 
»Und warum sind Sie dann so naß – und so – so – « 
»Dreckig, meinen Sie doch wohl?« half die andere 

freundlich aus. »Weil ich aus dem Schweinestall komme, 
wo sich das Wasser aus einem Stalleimer segnend über 
mich ergoß.« 
»Aber – aber – Schweinestall – da gehören Sie doch 
wirklich nicht hin. Sie sind doch die Tochter des Besitzers 
von Ragaltshöfen – und dann Schweinestall – mein Gott, 
das geht doch nicht!« 
»Nun, ich will Erbarmen haben, und Sie nicht noch 
konsternierter werden lassen«, lachte Birgit hellauf. »Das 
war nämlich so…« 
Mutwillig schilderte sie ihren Einzug auf ihres Vaters Besitz, 

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und nachdem sie geendet, lachten die beiden Mädchen um 
die Wette. 

»Wenn das nicht Glück bringt?« Die kleine Dunkle wischte 
sich die Lachtränen aus 4en Augen. Doch dann wurde sie 
jäh ruhig und sah ihr Gegenüber zaghaft an. 
»Entschuldigen Sie, Fräulein Holmsen. Ich tu hier so wie 
mit meinesgleichen.« 
»Na und?« unterbrach die andere sie erstaunt. 
»Ich bin doch nur Angestellte hier und Sie die Herrin.« 
»Na, nun mal hoppla! Der Herr hier ist mein Vater, 
nehmen Sie das bitte zur Kenntnis. Welchen Posten 
bekleiden Sie hier?« 
»Ich bin die Lehrerin der Baronesse Vörswelde – und heiße 
Erla Tessau.« 

»Wunderbar, da habe ich gleich eine Gefährtin. Ich glaube, 
wir werden uns gut vertragen.« 
»An mir soll es gewiß nicht liegen«, bekannte die andere 
eifrig. »Jetzt werde ich mich nicht mehr so einsam fühlen – 
und nicht mehr so schrecklich graulen.« 
»Wovor denn?« 
»Oh, ich hause hier oben ganz allein. Die Herrschaften 
schlafen unten und die Dienerschaft in den Mansarden. Ich 
konnte manche Nacht vor Angst nicht schlafen. Es war 
gräßlich.« 
»Kann ich sogar verstehen. Ist dieses etwa ein 
Fremdenzimmer?« 

»Jetzt ja. Es wurde aber nie benutzt, weil es hier keine Gäste 
gibt. Jedenfalls ist in dem einen Jahr, da ich in 
Ragaltshöfen weile, noch nie ein Gast dagewesen. Die 
Herrschaften leben vollkommen zurückgezogen. Soviel ich 
hörte, haben die Töchter des Vorbesitzers diese beiden 
Räume bewohnt, bevor sie heirateten und ihren Männern 
ins Ausland folgten. Und da Ihr Herr Vater Ragaltshöfen in 
Bausch und Bogen erstanden hat, so ging die ganze 
Einrichtung des Hauses auch in seinen Besitz über.« 
»Herzlichen Dank für gütige Belehrung«, lachte Birgit das 
eifrige Fräulein freundlich an. 

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»Sie haben recht, Fräulein Holmsen, ich bin ein Schaf«, 
kam die Antwort kleinlaut. »Gebe der Tochter des Besitzers 

von Ragaltshöfen eine Erklärung ab wie einer 
Uneingeweihten.« 
»Nun, so eingeweiht bin ich nun auch wieder nicht«, 
beruhigte Birgit. »Zwar weiß ich, daß mein Vater den Besitz 
so wie er stand erwarb, aber daß dieses Zimmer hier früher 
ein Fräulein Ragalt bewohnte, ist mir dennoch unbekannt, 
obwohl ich den Plan des Gutes sowie des Herrenhauses 
genau studierte. Jedenfalls werde ich mich hier häuslich 
einrichten. Schon deshalb, damit Sie Hasenherz sich nicht 
mehr zu graulen brauchen. Das heißt, so ganz allein hier 
oben täte ich es auch. Außerdem besitzt der Flügel eine 
große Anziehungskraft. Und jetzt möchte ich baden. Ich 

lechze förmlich nach einer erfrischenden Dusche, auf daß 
ich den Schweinestallgeruch loswerde.« 
Lachend verschwand sie hinter der Tür rechts und stand in 
einem entzückenden Ankleidezimmer. Daneben lag das 
Bad. Birgit empfand es als Wohltat, die nassen, 
beschmutzten Sachen vom Körper zu ziehen, ein laues 
Duschbad zu nehmen und sich dann von Kopf bis Fuß 
frisch zu kleiden. Wie gut, daß sie alles Erforderliche mit 
hatte, sonst wäre sie übel dran gewesen. Als sie das Zimmer 
wieder betrat, rief sie Erla herbei, die sie nebenan 
herumgehen hörte. Sie erschien sofort und sah Birgit 
bewundernd an. 

»Oh, jetzt schauen Sie ganz anders aus, Fräulein Holmsen. 
Die nassen, schmutzigen Kleider und das Taschentuch um 
den Kopf störten mich sehr.« 
»Kann ich mir denken. Aber das Tuch hat meinem Haar 
vorzügliche Dienste geleistet. Wie gut, daß der Baron es mir 
zur Verfügung stellte, so blieb wenigstens der Kopf trocken. 
Aha, es gongt. Also auf zum Speisen!« 
Schon klopfte es, und ein Hausmädchen in der üblichen 
schmucken Kleidung trat ein. Die munteren Augen flitzten 
neugierig zu Birgit hin. 
»Der Herr Baron hat mich beauftragt, das gnädige Fräulein 

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zum Abendessen zu bitten.« 
»Ist gut, Urte, ich werde das gnädige Fräulein führen«, 

winkte Erla ab, worauf die Maid sich zurückzog, einen 
letzten Blick auf Birgit riskierend, was diese amüsiert 
auflachen ließ. 
»Nach der Neugierde des Mädchens zu schließen, muß 
mein Hiersein sich bereits herumgesprochen haben. So bin 
ich denn gewillt, mich dem staunenden Publikum 
vorzuführen. Allons, gehen wir!« 
Und so ging man den langen Gang entlang, die Treppe 
hinunter, durchquerte die Diele und betrat ein weites 
Gemach, wo der inmitten stehende Tisch gedeckt war, wie 
es verfeinerter Lebensgewohnheit entspricht. Birgit fühlte 
drei Augenpaare mit direkt spürbarer Spannung auf sich 

gerichtet und näherte sich der distinguierten Dame, die ihr 
zögernd die feine, sehr gepflegte Hand entgegenstreckte. 
»Seien Sie willkommen«, begrüßte sie das Mädchen mit 
einem Lächeln, das man mit »gefroren« bezeichnen konnte. 
»Es berührt mich peinlich, daß sich Ihr Einzug auf so 
unschöne Art vollziehen mußte. Was mein Sohn mir da 
erzählte, kann nur entwürdigend für Sie gewesen sein.« 
Dieser würdigen Dame, die ja sehr von oben herab tut, 
scheine ich alles andere als willkommen zu sein, zog es 
Birgit blitzschnell durch den Sinn. Kein Wunder, da sie“ 
bisher hier unumschränkt herrschen durfte unter dem 
milden Regiment des nun verstorbenen Herrn Ragalt, das 

sogar dem Verwalter nebst Angehörigen ein Wohnen im 
Herrenhause gestattete. Es tut mir ja sehr leid, meine liebe 
Frau Baronin, aber du wirst mich hier schon dulden 
müssen, und meine Lieben gleichfalls. 
Das waren Birgits Gedanken, während sie lachend sagte: 
»Diese Entwürdigung macht mir nichts aus. Ich hätte den 
Einzug in Ragaltshöfen ja feierlicher haben können, wenn 
ich auf meinen Vater gehört und morgen in seiner 
Begleitung auf regulärem Wege eingetroffen wäre. Aber da 
ich gern wandere, zog ich es bei dem herrlichen Maiwetter 
vor, auf eigene Faust hinaus in die Ferne zu schweifen. Daß 

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ich durch Gewitter und Sturm im Schweinestall landen 
sollte, stand gewiß nicht in meinem Programm.« 

»Haben Sie sich denn bei dem Gewitter draußen nicht 
gegruselt?« fragte das zwölfjährige Mädchen, das neben 
seiner Mutter stand und Birgit genauso von oben herab 
musterte wie die Frau Mama. 
Ein überzüchtetes Treibhauspflänzchen, stellte der 
»Eindringling« rasch bei sich fest. Zart, farblos, gewiß über 
die Maßen verzögen und somit eine kleine Tyrannin. Nun, 
sie würde sich diese immer hübsch drei Schritt vom Leibe 
halten – genauso wie die herablassende - um nicht zu 
sagen anmaßende – Frau Baronin. 
»Gegruselt habe ich mich schon«, gab Birgit jetzt Antwort. 
»Wer tut das wohl nicht, wenn er auf freiem Feld schutzlos 

den Elementen preisgegeben ist.« 
»Da haben Sie recht, gnädiges Fräulein«, sprach nun der 
Verwalter, der sich bis dahin schweigend verhalten hatte. 
Birgit musterte ihn diskret und kam zu dem Ergebnis: Ein 
deutscher Recke, in dem das ritterliche Blut seiner Ahnen 
pulst. Stolz, mit starren Grundsätzen, verschlossen und 
schwierig zu behandeln. 
Als man am Tisch saß, stellte die kleine Irina eine Frage, die 
peinlich anmutete: 
»Wenn ihr hier einzieht, müssen wir dann fort?« fragte sie 
nämlich geradeheraus. Es flammte rot auf der Stirn des 
Bruders auf, die Baronin kniff die Lippen ein, und Birgit 

war peinlichst berührt. 
»Wie kommst du darauf?« gegenfragte sie nicht gerade 
freundlich. Doch bevor das Kind antworten konnte, tat es 
bereits die Mutter. 
»Irina macht, sich eben ihre eigenen Gedanken, Fräulein 
Holmsen. Ja, was ich noch fragen wollte: Sind Sie etwa den 
Weg von der Stadt hierher zu Fuß gekommen?« 
»Gewiß, Frau Baronin. Die zwölf Kilometer sind für eine 
gute Fußgängerin wie mich eine Kleinigkeit.« 
»So – ja. Wie mein Sohn mir sagte, hat er Ihnen das beste 
Zimmer oben angewiesen.« 

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»Das der Tochter des Hauses auch zusteht, Mama«, warf der 
Sohn kurz ein. »Hoffentlich fühlen Sie sich darin wohl, 

gnädiges Fräulein. In Fräulein von Tessau haben Sie eine 
angenehme Nachbarin.« 
»Das ganz bestimmt.« Ein warmer Blick ging zu dem 
jungen Mädchen hin, das wie ein verschüchtertes 
Hühnchen dasaß. 
Du armes Ding, dachte Birgit mitleidig. Du hast bei dieser 
hochfahrenden Dame und ihrer unerzogenen Tochter 
gewiß nichts zu lachen. Aber laß gut sein, wir Holmsen 
bringen schon frischen Wind in die verstaubte Atmosphäre. 
Zwar ist alles äußerst feudal ringsum, selbst ein würdiger 
Diener serviert bei Tisch, aber das kann ja auch sein, ohne 
daß man wie auf Spinnweben sitzt. Vornehmheit ist etwas, 

verehrte Frau Baronin, vor der jeder artig den Hut zieht, 
aber wenn sich ihr Überheblichkeit beimischt, hat sie die 
erwünschte Wirkung nicht. 
Die Dame saß denn auch da wie ein Mensch, den man 
schwer gekränkt hat, was zu einer ungezwungenen 
Unterhaltung gewiß nicht beitrug. So schleppte sich diese 
nur mühsam hin, und die Tochter des Hauses war froh, als 
das Mahl beendet war. 
»Nun, eine fröhliche Gesellschaft seid ihr hier gerade 
nicht«, sagte Birgit zu Erla, als man wieder unter sich war. 
»Wenn das immer so trist zugeht, dann tun Sie mir leid, 
Fräulein von Tessau.« 

»So arg wie heute war es sonst nicht, Fräulein Holmsen. Sie 
müssen bedenken, daß der Baron und seine Mutter sehr 
niedergedrückt sind, weil sie nicht wissen, was nun aus 
ihnen wird, ob sie überhaupt in Ragaltshöfen bleiben 
dürfen. 
Es war ein harter Schlag für sie, als Herr Ragalt so plötzlich 
starb und die Erben, seine beiden Töchter, die mit ihren 
Familien im Ausland leben, das Gut zum Verkauf anboten, 
weil sie mit ihm nichts anzufangen wußten. Kennen Sie 
übrigens die traurige Geschichte der Herrschaften da 
unten?« 

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»Flüchtig. Einzelheiten zu hören, würde mich 
interessieren.« 

»So hören Sie zu: Seit sehr langer Zeit sitzen die Barone 
Vörswelde auf ihrem Erbgut Weide, das einige Meilen 
jenseits der Stadt liegt. Das stattliche Erbe fiel stets dem 
ältesten Sohne zu, so auch dem jetzigen. Er lebte mit 
seinem jüngeren Bruder solange im besten Einvernehmen – 
« 
»Bis er heiratete und die Frau, auf ihren Geldsack pochend, 
Unfrieden stiftete«, warf Birgit trocken ein, und Erla sah sie 
verdutzt an. 
»Wie wissen Sie das denn?« 
»Wissen direkt nicht, ich kann es mir nur denken. Denn so 
was ist zu alltäglich um tragisch zu sein.« 

»Und doch ungemein tragisch für den, den es angeht.« 
»Das allerdings. Also graulte die Xanthippe die 
Angehörigen ihres Gatten mit allerlei Niedertrachten 
hinaus, stimmt’s?« 
»Ja. Sie gingen aber erst, als Herr Ragalt dem Baron die 
Verwalterstelle hier anbot: Er räumte ihnen sogar den einen 
Flügel im Herrenhaus ein, dessen Räume die Baronin mit 
ihren eigenen Sachen möblieren durfte.« 
»Und nun kommt mein böser Vater und jagt die Ärmsten 
hinaus«, lachte Birgit dazwischen. »Beruhigen Sie sich nur, 
Fräulein von Tessau, dafür ist mein Paps nicht 
unmenschlich genug. Er besitzt im Gegenteil ein Herz voll 

Güte. Außerdem hat der Baron den Vertrag, der ihm die 
Verwalterstelle auf ein weiteres Jahr sichert, in der Tasche. 
Mein Vater hat gegenüber dem Notar, der den Gutskauf 
vermittelte und auch den Vertrag des Verwalters aufsetzte, 
ausdrücklich betont, es bei der Erneuerung des Kontraktes 
zu belassen, wie er zu Lebzeiten des Herrn Ragalt war.« 
»Auch daß der Baron mit den Seinen weiter im Herrenhaus 
wohnen darf?« 
»Selbstverständlich. Es ist ja so geräumig, daß wir alle 
reichlich darin Platz haben und uns Wunderbar aus dem 
Weg gehen können, wenn wir dazu Lust verspüren. Wo 

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sollte die Familie wohl auch wohnen, da die beiden 
Beamtenhäuser von den Inspektoren, die außerdem noch 

die Eleven und den Rendanten in Pension haben, voll 
belegt sind? Die Herrschaften in ein Insthaus zu stecken, 
das geht wohl nicht gut an. Soweit ich den Baron beurteile, 
würde dem das nicht viel ausmachen, aber die Frau Mama 
rührte dann bestimmt der Schlag«, schloß sie lachend. 
»Das glaube ich auch«, seufzte Erla. »Es wird der Dame 
sowieso schon schwer genug ankommen, daß sie jetzt nicht 
mehr so unumschränkte Herrscherin im Hause sein kann 
wie zu Herrn Ragalts Zeiten. Sie ist nämlich sehr 
herrschsüchtig.« 
»Habe ich bereits gemerkt.« Birgit schnitt eine Grimasse. 
»Damit wird sie wahrscheinlich auch ein gut Teil zu den 

unerquicklichen Verhältnissen in Weide beigetragen haben 
und ihre verzogene Tochter mit. Wie werden Sie überhaupt 
im Unterricht mit der fertig, Fräulein von Tessau?« 
»Ganz gut. Denn daß sie lernt, dafür ist selbst die 
verblendete Mutter, die einen Abgott in Irina sieht. Außer 
den Schulstunden läßt sie diese überhaupt nicht von ihrer 
Seite, selbst das Schlafzimmer teilt sie mit ihr. Behandelt 
sie immer noch wie ein Baby, das man ängstlich vor jedem 
rauhen Hauch schützen muß. Daher kommt es wohl, daß 
Irina körperlich hinter anderen Kindern ihres Alters 
zurücksteht.« 
»Ja, für zwölf Jahre ist sie zu klein und schwächlich«, 

bestätigte Birgit. »Der Altersunterschied unter den 
Geschwistern ist wohl sehr groß?« 
»Achtzehn Jahre. Dazwischen gab es allerdings noch einen 
Sohn und eine Tochter, die beide starben. Und da Irina von 
Geburt an äußerst zart war, zittert die Mutter nun um ihr 
Leben und verzärtelt und verwöhnt sie über die Maßen. 
Außerdem pflegt man Nachkömmlinge ja allgemein zu 
verziehen.« 
»Oh, ja, damit sie zum Kreuz ihrer Mitmenschen werden. 
Ich jedenfalls kann so was Vergöttertes bis in den Tod nicht 
leiden und bringe daher dem Abgott Irina von vornherein 

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meine Abneigung entgegen. Schrumm!« 
»O  weh,  Fräulein  Holmsen,  damit  werden  Sie  sich  aber 

sehr unbeliebt machen. Denn nach Irinas Pfeife muß hier 
alles tanzen.« 
»Traurig genug. Lassen Sie gut sein, bald tanzen andere 
Götter hier. Und zwar ich als erster. Denn auch ich bin 
etwas wie ein Nachkömmling, meine Brüder sind nämlich 
acht und zehn Jahre älter als ich. 
Was sehen Sie mich denn so entsetzt an? Sie haben von mir 
nichts zu befürchten, nur allein die tyrannische Baronesse. 
Die sollte mir mal uneben kommen, dann hat sie aber 
auch schon eine Ohrfeige weg.« 
»Um alles nicht!« Erla hob abwehrend die Hände. »Mit 
dem Augenblick würde der Baron seine Sachen packen.« 

»Allein sein Schaden. Wenn ihm die Launen seiner 
verzogenen Schwester mehr wert sind als eine gesicherte 
Existenz, dann bitte sehr.« 
»Sagen Sie mal, Fräulein Holmsen, sind Sie wirklich – so – 
so – oder tun Sie nur so?« fragte Erla zaghaft, und die 
andere tat forsch: 
»Ich bin – so – so. Aber nicht gegen so ängstliche, brave 
Wesen wie Sie, sondern gegen Übeltäter. Da allerdings 
kennt mein Zorn keine Grenzen. 
Und nun husch, husch ins Körbchen! Werden wir leben, 
werden wir sehen.« 
Am nächsten Vormittag traf dann der Besitzer von 

Ragaltshöfen ein. Groß, breit und urgemütlich stand er da. 
Er gehörte zu den Menschen, die durch ihr bloßes 
Erscheinen zu dem Stoßseufzer Anlaß geben: Jetzt ist er da, 
jetzt wird alles gut. 
»Da bin ich«, brummte er in seinem gemütlichen Baß. 
»Ergebensten Diener, Frau Baronin, guten Tag, Herr Baron. 
Wer diese junge Dame ist, ahne ich allerdings nicht.« 
»Die Lehrerin meiner Schwester, Fräulein von Tessau.« 
»Grüß Gott, gnädiges Fräulein. Da wird sich meine Tochter 
aber freuen, daß sie an Ihnen eine gleichaltrige Gefährtin 
hier hat. Also ist das Pusselchen da Ihre Schülerin?« 

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»Ganz recht, Herr Holmsen.« 
»Na schön, damit wäre die Bekanntschaft bewerkstelligt. 

Und wo steckt meine Tochter?« 
Das wußte keiner zu sagen. Die Baronin bat Platz zu 
nehmen, er tat es und lachte alle der Reihe nach an. Wie 
sich Birgit hier eingeführt hätte, wollte er dann wissen. Als 
der Baron es ihm ausführlich geschildert hatte, lachte er 
schallend. In dem Moment trat Birgit ein* 
»Tag, Paps, worüber freust du dich denn so?« 
»Weil Schadenfreude nun mal die reinste Freude ist, 
Marjellchen.« 
»Dann weißt du-?« 
»Hm – ich weiß. Flügelchen gestutzt?« 
»Von dem bißchen? Ich bin doch deine Tochter, die sobald 

nichts erschüttern kann.« 
»Wohl dir, mein Mädchen. Hast du den Herrschaften schon 
erzählt -?« 
»Nein, das überlasse ich dir.« 
»Sehr bequem. Also setz dich hin, und dann wollen wir uns 
alle mal gemütlich unterhalten. 
Bleiben Sie hier, gnädiges Fräulein«, sagte er freundlich, als 
Erla sich erhob. »Geheimnisse gibt’s keine. Und außerdem 
gehören Sie doch wohl zur Familie. 
So, meine Herrschaften. Da ich kein Freund von langen 
Erklärungen bin, pflege ich mich kurz zu fassen. Ergo: Es 
soll hier alles so bleiben wie es ist. Was Ihr Vertrag ja auch 

verbrieft und versiegelt, Herr Baron. Nur daß es Zuwachs 
durch meine Tochter gibt, die sich hier als Rendantin 
niederlassen wird. Dann hört der ewige Wechsel mit den 
nichtsnutzigen Leutchen auf, und alles ruht in 
zuverlässigen Händen. Dehn von dem Kram versteht meine 
Birgit was, sonst wäre auch das Geld für die höhere 
Handelsschule hinausgeworfen. Also halte die Ohren steif, 
Marjellchen, und mach mir keine Schande.« 
»Jawohl, Herr Chef!« 
»Nun, der ist in diesem Fall doch wohl der Herr Baron«, 
schmunzelte er. »Daher steh dich gut mit deinem 

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Vorgesetzten. Wenn er dich mal herunterpudelt, dann legst 
du hübsch die Ohren an und sagst dir: Dienst ist Dienst. 

Verstanden? 
So, das wäre alles, was ich zu verkünden hätte. Hier haben 
Sie meine Hand, Herr Baron, schlagen Sie ein, Manneswort 
zu Manneswort, dann klappt der Laden schon.« 
Zwei nervige Männerhände umschlossen sich mit festem 
Druck, dann legte Holmsen sich behaglich im Sessel 
zurück. 
»Ist das nicht zu wenig, was Sie meinem Sohn zu sagen 
haben, Herr Holmsen?« fragte die würdige Dame, und er 
lachte. 
»Das genügt doch, Frau Baronin.« 
»Sie kennen meinen Sohn doch gar nicht.« 

»Nicht vom Sehen, aber vom Sagen. Mein Vater und der 
Vorbesitzer hier waren nämlich die besten Freunde, und so 
ging ich denn schon als Junge in Ragaltshöfen aus und ein. 
Beinahe hätte ich auch eine Ragalttochter geheiratet, aber 
sie wollte mich nicht«, setzte er vergnügt hinzu. 
»Sie nahm lieber einen anderen und folgte ihm ins 
Ausland, ihre Schwester tat dergleichen – und ich ging 
nicht an gebrochenem Herzen ein. Und das nahm mir 
mein lieber Onkel Ragalt so krumm, daß er mich nicht nur 
beschimpfte, sondern sogar handgreiflich wurde, was ich 
nun wieder krumm nahm. Er war und blieb auch fernerhin 
von dem Wahn besessen, daß ich seine Töchter aus dem 

Land gejagt hätte. 
So wurde denn aus Freundschaft eine Feindschaft, die 
Ragalt direkt hätschelte. Ragaltshöfen blieb mir fortan 
verschlossen. Ich betrat es nach einunddreißig Jahren heute 
wieder zum erstenmal - und zwar als Besitzer. Die armen 
>Verjagten< überließen mir käuflich ihr Erbe nur zu gern, 
wie mir der Notar, der die Sache vermittelte, schmunzelnd 
mitteilte. Sie hätten für die fixe Idee ihres Vaters nie 
Verständnis gehabt und hofften, mir mit Überlassung ihres 
Väterlichen Genugtuung zu verschaffen. Nun, ich habe die 
Genugtuung, sie haben das Geld, somit ist beiden Teilen 

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geholfen«, schloß er lachend. 
»Aha, nun weiß ich auch, warum du Ragaltshöfen kauftest 

– nur um deine Genugtuung zu haben«, fiel die Tochter 
fröhlich in sein Lachen ein. 
Er besah sie sich zuerst mit väterlichem Stolz und 
zwinkerte ihr dann verschmitzt zu. 
»Vielleicht wirst du einmal von dieser Genugtuung 
profitieren, mein kleiner Speilzahn. Und ich habe mir 
hiermit zuerst einmal ein wundervolles Buen Retiro 
geschaffen und einen Alterssitz, wenn ich mich zur Ruhe 
setzen will. Ist nun alles klar zwischen uns, Herr Baron?« 
»Soweit ja, Herr Holmsen. Es steht nur noch die Frage 
offen, ob das Fräulein Tochter bei uns verpflegt werden soll 
oder ob es eigene Küche führen will.« 

»Na, das wäre! Sie ist hier weiter nichts als Rendantin, das 
Fräulein Birgit Holmsen und kommt hier in Pension. 
Allerdings werden auch wir andern Holmsen uns mit 
wenigen Ausnahmen geschlossen zum Wochenende 
einfinden. Wird es da gehen, daß wir alle aus einem Topf 
essen?« 
»Das ist doch selbstverständlich.« 
»Und die Mehrarbeit?« 
»Spielt keine Rolle. Man stellt dann eben noch eine Kraft 
mehr ein.« 
»Na schön. Aha, da ruft’s zur Futterkrippe. Habe auch 
schon einen Bärenhunger.« 

Es wurde ein fröhliches Mahl, was allerdings nur Vater und 
Tochter zuzuschreiben war. Ohne sich um die beleidigte 
Miene der Baronin zu kümmern, sprach man frisch 
drauflos. Man zog auch immer wieder Fräulein von Tessau 
ins Gespräch, während man Irina, die oft recht patzige 
Bemerkungen machte, überhaupt nicht beachtete. Und das 
kränkte das Mutterherz tief. 
Nach dem Essen gingen die Herren durch die Wirtschaft 
und Birgit schloß sich ihnen an. Man konnte sagen, daß 
überall vorbildliche Ordnung herrschte. Holmsen kargte 
nicht mit Lob, das der Verwalter verlegen entgegennahm. 

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Als sie dann vor den Rassepferden standen, wandte sich der 
Vater schmunzelnd der Tochter zu. 

»Ich spüre deine bettelnden Blicke bis in der großen Zehe, 
Marjellchen. Also, Herr Baron, suchen Sie bitte meiner 
Tochter ein geeignetes Reitpferd aus, nach dem schon 
längst ihr Sinnen und Trachten geht. Aber das sage ich dir, 
mein Kind, sofern du waghalsig werden willst, kommst du 
an die Kandare, verstanden?« 
»Jawohl.« 
»Geht in Ordnung. Auch bei Ihnen, Herr Baron. Haben Sie 
noch wichtige Fragen zu stellen?« 
»Nein. Ich möchte Ihnen nur für Ihr Vertrauen danken, 
Herr Holmsen.« 
»Was Sie auch verdienen, mein lieber Freund. Ich weiß 

besser über Sie Bescheid, als Sie ahnen«, setzte er lachend 
hinzu. »Denn um blind zu vertrauen, dafür bin ich denn 
doch zu sehr Kaufmann.« 
Die heue Rendantin nahm ihre Arbeit mit großem Eifer auf 
und mußte bald feststellen, daß auch hier alles in Ordnung 
war. Das gab ihr zu denken. Denn soviel sie wußte, hatten 
vier ihrer Vorgänger so vollkommen versagt, daß sie nach 
kurzer Zeit entlassen wurden. Sie grübelte jedoch nicht 
lange herum, sondern fragte den ersten Inspektor aus, als er 
einmal dienstlich in der Rentmeisterei erschien. 
»Ja, gnädiges Fräulein, das war nun schon eine verflixte 
Schweinerei.« Der biedere Mann kratzte sich den Kopf. 

»Pech am laufenden Band hatten wir in den letzten 
Monaten mit den Jünglingen und Maiden, die hier ihres 
Amtes walten sollten. Den beiden Burschen steckten die 
Mädchen im Kopf, den Fräuleins unser schneidiger zweiter 
Inspektor und die Eleven. Da blieb für die Arbeit wenig 
Zeit übrig. Zuerst ließ der Baron sie ungehindert 
herumwurschteln, nahmen sie an – in Wirklichkeit jedoch 
war er schwer paßauf. Und wenn die Herrschaften sich am 
meisten in Sicherheit wiegten, erschien er plötzlich in 
seiner gelassenen Art, revidierte die Bücher – und dann 
nuscht wie raus mit der faulen Bande! Dann saß er 

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während seiner Freistunden hier am Schreibtisch und 
brachte in Ordnung, was die Pflichtvergessenen 

verbockten. So ging es viermal – aber jetzt kommt ja wohl 
Zug in die Kolonne, was, gnädiges Fräulein?« 
»Will ich meinen«, lachte sie fröhlich mit ihm. »Jetzt wird 
der Herr Baron es bestimmt nicht mehr nötig haben, seine 
wohlverdienten Freistunden zu opfern. Allerdings werde 
ich ihn in erster Zeit noch viel mit Fragen belästigen 
müssen. Wenn ich auch bereits im Betrieb meines Vaters 
gearbeitet habe, so ist in der Landwirtschaft doch manches 
anders. Aber ich hoffe, mich bald so gut einzuarbeiten, daß 
ich ohne Hilfe vorankomme.« 
»Werden Sie das auch wirklich alles allein schaffen, 
gnädiges Fräulein?« fragte der Brave treuherzig. »Es gibt 

doch so allerlei Schreibkram.« 
»Den bewältige ich schon.« 
»Hm. Haben Sie es denn eigentlich nötig zu arbeiten?« 
»Nötig nicht, Herr Inspektor«, gab sie amüsiert zur 
Antwort. »Aber was zu tun muß der Mensch doch haben, 
sonst kommt er auf schlimme Gedanken.« 
»Sagen Sie das nicht. Ich kenne Gutsfräuleins, die nichts 
weiter tun als reiten, sofern sie das können, Tennis spielen, 
in Konditoreien, Kinos und Theater fahren, im Sommer 
faul wie die Robben am Wasser liegen und so weiter. Und 
gerade sind es diejenigen, deren elterlicher Besitz 
bedenklich wackelt.« 

»Es ist dann traurig genug, so ein Drohnendasein zu 
führen. Ich hoffe indes stark, daß ich mir trotz Arbeit 
erwähnte Vergnügen verschaffen kann. Man muß sich nur 
die Arbeit richtig einteilen, dann bleibt einem schon 
Freizeit übrig. Habe ich recht?« 
»Und wie, gnädiges Fräulein! Ich spüre schon, es weht hier 
der richtige Wind.« 
Lachend trennte man sich und kaum, daß der Inspektor 
gegangen war, trat der Verwalter ein. 
»Kommen Sie, um zu revidieren, Herr Baron?« fragte sie 
spöttisch, und gelassen kam es zurück: 

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»Ja. Denn schließlich sind Sie Anfängerin, gnädiges 
Fräulein.« 

Als er wie selbstverständlich am Schreibtisch Platz nahm 
und nach den Büchern griff, wollte sie empört auffahren, 
besann sich jedoch noch rechtzeitig und »legte die Ohren 
an«, wie der Vater ihr geraten hatte. Sie schwieg auch, als er 
sie auf diesen und jenen Fehler aufmerksam machte, sah 
ihn jedoch dabei so böse an, daß ein Lächeln seinen Mund 
umzuckte. 
»Feierabend!« kam da eine lachende Stimme von der Tür 
her. Sie fuhren herum – und schon lief Birgit auf eine 
Dame zu. 
»Muttilein, Mutz!« jubelte sie, ihr Gegenüber stürmisch 
umhalsend. »Wie schön, daß du da bist!« 

»Sehnsucht gehabt, Liebling?« 
»Dazu hatte ich bei der vielen Arbeit gar keine Zeit. Darf 
ich bekannt machen: Baron von Vörswelde – meine 
Mutter.« 
Die überaus charmante, noch so jugendlich wirkende Frau 
reichte dem Mann mit einem gewinnenden Lächeln die 
Hand, über die er sich artig beugte. 
»Revision etwa?« Sie zeigte auf die aufgeschlagenen Bücher. 
»Nun, die braucht mein gewissenhaftes Mädchen nicht zu 
fürchten – oder doch?« 
»Gewiß nicht, gnädige Frau. Das Fräulein Tochter hat sich 
in der einen Woche schon erstaunlich gut eingearbeitet.« 

»Mir hat er vorhin ganz was anderes gesagt«, brummte 
Birgit, und die Mutter lachte. 
»Wahrscheinlich will der Herr Baron mich in meiner 
Muttereitelkeit nicht kränken.« 
»Bist du in deinem Auto gekommen, Mutti?« 
»Ja, mein Kind. Da auch Paps und Wido um die Kaffeezeit 
hier einzutreffen gedenken, hat man mich vorgeschickt, um 
Quartier zu machen. Und da ich nicht so abenteuerlustig 
bin wie du, so ging meine Antrittsvisite hier auch nicht so 
abenteuerlich vor sich. Jedenfalls sauste ich nicht durch 
Gewitter und Sturm in den Schweinestall, sondern ging 

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hübsch brav bei Sonnenschein dahin, wo ich durch das 
geöffnete Fenster eine sonore Männerstimme und das 

bekannte Organ meines Töchterleins hörte«, schloß sie mit 
einem spitzbübischen Blick auf Birgit, die eine Grimasse 
zog. 
»Ist doch nur gut, geliebte Mutz, daß du dich über mich 
amüsieren kannst.« 
Während sie die Bücher vom Schreibtisch wegräumte, 
wechselte Frau Gina einige höfliche Worte mit dem Baron, 
in dessen Verlauf sie auch die Frage stellte: 
»Hoffentlich wird der Besuch Ihrer Frau Mutter nicht zu 
viel werden?« 
»Bestich, gnädige Frau? Es ist doch Ihr Haus!« 
»Sind Sie aber gründlich.« 

»Das ist er«, warf Birgit rasch dazwischen. »Leider auch bei 
meinem Kram hier.« 
Das klang so kläglich, daß man lachen mußte, und somit 
war eine Angelegenheit, die für alle Teile peinlich hätte 
werden können, harmlos überbrückt. 
Man ging zum Herrenhaus hinüber, wo die Baronin, von 
dem Eintreffen Frau Holmsens in Ragaltshöfen bereits 
unterrichtet, diese steif und förmlich willkommen hieß. 
»Ich bin nur die Vorhut«, erklärte Gina liebenswürdig. 
»Mein Mann und mein Sohn kommen in einigen Stunden 
nach. Wo ist denn das Töchterchen?« 
»Es hat Schulstunde wie stets am Vormittag. Darf ich Ihnen 

eine Erfrischung anbieten?« 
»Danke, ich halte bis zum Mittagessen noch gut aus. Aber 
ein wenig frisch machen möchte ich mich.« 
»Dann komm, Mutti, ich habe bereits Zimmer für euch 
ausgesucht. Hast du übrigens meinen großen Koffer 
mitgebracht?« 
»Habe; ich. Also empfehlen wir uns einstweilen.« 
Die Räume waren recht behaglich, die Birgit für die Eltern 
hatte instandsetzen lassen. Ein weites, helles Schlafgemach, 
hinter einer Portiere der Ankleideraum und ein lauschiges 
Stübchen zum Verweilen. 

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»Gefällt dir dein Wochenend- und Ferienheim, Mutz?« 
»Sehr, mein Kind. Hier werde ich mich wohl fühlen 

können und unser Paps wird es bestimmt auch.« 
Sie öffnete die breite Glastür und trat auf den Altan hinaus. 
Entzückt ließ sie die Blicke über den Park schweifen, über 
die gepflegten weiten Rasenflächen, über blühende Blumen 
und Sträucher. 
»So wunderschön hätte ich mir Ragaltshöfen nicht gedacht, 
Birgit. Es ist ja ein wahres Buen Retiro für uns 
Stadtmenschen. Wenn es unsern Lieben hier ebenso gut 
gefällt wie mir, dann werden wir oft erscheinen, 
mindestens zu jedem Wochenende.« 
»Das freut mich, Mutti. Doch nun reiße dich von dem 
berauschenden Anblick los, und mach dich frisch! In 

zwanzig Minuten gibt es nämlich Mittag.« 
»So früh wird hier gespeist?« 
»Ja, um zwölf Uhr. Gemeinsames Frühstück um acht, 
Kaffee um drei, Abendessen um sieben. Alles pünktlich 
nach der Uhr, damit der Baron während der Arbeitspausen 
in Ruhe essen kann. Er hält sehr auf Ordnung.« 
»Das merkt man hier an allem. Ein Glück für uns, daß 
Ragaltshöfen einen so tüchtigen pflichtbewußten Verwalter 
hat. 
Ah, da steht ja bereits mein Koffer«, nickte sie befriedigt, als 
sie wieder das Zimmer betraten. »Habe gar nicht gemerkt, 
daß jemand hier hereinkam, während wir auf dem Altan 

standen.« 
»Dann war es gewiß der Musterdiener Jost«, lachte Birgit. 
»Der hat eine wunderbare Art, sich fast geräuschlos zu 
bewegen.« 
»Etwa in schlechtem Sinne?« 
»Wo denkst du hin, Mutz! Der ist die Lauterkeit in Person. 
Ein Inventarstück der Vörswelde, der seinem Liebling Odalf 
hierher folgte, als es in Weide krachte.« 
»Weißt du Näheres darüber?« 
»Ja, von Fräulein von Tessau. Ich erzähle es dir später. Jetzt 
muß ich an meinen äußeren Menschen denken, daher 

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verschwinde ich. Am Ende des Ganges ist übrigens ein Bad, 
wahrscheinlich für Gäste bestimmt.« 

»Davon werde ich abends mit Vergnügen Gebrauch 
machen.« 
»Na schön. Gehab dich wohl! Wenn es gongt, hol ich dich 
ab.« 
Zehn Minuten später betraten sie das Speisezimmer, wo 
Frau Holmsen nun auch Erla und Irina begrüßte. Erstere 
gefiel ihr gut, die andere nicht, wovon sie natürlich nichts 
merken ließ, obwohl ihr die dreiste, schnippische und 
vorlaute Art des Kindes auf die Nerven fiel. 
Das Mahl, welches der würdige Diener Jost servierte, war 
vorzüglich. Es gab zu Ehren Frau Holmsens einen Wein, 
bei dem Vorsicht geboten sein mußte. Als Irina in 

Befehlston auch ein Glas davon verlangte, sah Frau Gina 
sie so erstaunt an, daß dem Baron das Rot der Beschämung 
in die Stirn stieg und selbst die Mutter davon abließ, der 
Forderung des vergötterten Lieblings Folge zu leisten. Als 
dieser empört aufmucken wollte, traf ihn ein so drohender 
Blick des Bruders, daß die sonst so patzige Kleine es doch 
lieber vorzog, still maulend zu verharren. 
Den Hauptteil der Unterhaltung trug Frau Holmsen in 
ihrer charmant-liebenswürdigen Art. Sie hatte es glänzend 
heraus, auch dem oberflächlichsten Gespräch eine 
besondere Note zu geben. Oft perlte ihr Lachen in das der 
Tochter hinein zu einem fröhlichen Duett, wie es in dem 

feudalen Gemach wohl noch nie erklungen war. Man 
merkte nämlich darin in allem, daß die humorlose, 
überhebliche Frau Baronin Vörswelde hier residierte. 
Nach dem Essen trank man den Mokka in dem 
anstoßenden Gemach. An den Wänden hingen Bilder der 
Vorfahren des alten Geschlechts und gaben schon deshalb 
dem Raum ein seltenes Gepräge. Echte Teppiche, 
schwellende Polstermöbel, die silberne Kaffeemaschine, 
das feine Porzellan, echte Gediegenheit überall, hier sowie 
auch im Speisezimmer. 
Ein Glück für die Baronin, daß sie wenigstens ihr 

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persönliches Eigentum hinüberretten durfte aus den 
Trümmern einstiger Herrlichkeit. So war es ihr wenigstens 

vergönnt, sich damit ein sehr wertvolles Heim zu schaffen, 
und das bedrückende Gefühl, unter fremden Sachen leben 
zu müssen, blieb ihr erspart. 
Als der Mokka genippt war, zogen sich die Damen 
Holmsen in Birgits Zimmer zurück. 
»Schön hast du es hier, mein Kind«, sagte die Mutter 
erfreut. »Selbst das Bett stört nicht, es paßt mit seinen 
duftigen Vorhängen hinein in die lichte, 
sonnendurchflutete Pracht. Sogar ein kleiner Flügel steht 
darin in Weiß und Gold. Da lacht wohl dein 
musikliebendes Herz, mein Kleines, nicht wahr?« 
»Ja, geliebte Mutz, ich fühle mich hier pudelwohl. Wie mir 

Fräulein von Tessau erzählte, bewohnte dieses traute 
Gemach eine Ragaltstochter vor ihrer Verheiratung, das 
danebenliegende gehörte der anderen.« 
»Wer wohnt jetzt darin?« 
»Fräulein von Tessau.« 
»Wie nett für dich, Birgit, da hast du liebwerte 
Nachbarschaft. Bildhübsch ist die kleine Lehrerin und 
sicherlich auch von untadeligem Charakter. Nur zu 
bescheiden, beinahe schon verschüchtert. Wo ist sie 
überhaupt geblieben? Nach Aufhebung der Tafel sah ich sie 
nicht mehr.« 
»Wahrscheinlich sitzt sie nebenan und bläst Trübsal. Will 

sie mir gleich mal angeln.« 
Sie öffnete die Tür und rief lachend: 
»Natürlich wieder ein Buch in der Hand, die kleine 
Gelehrte. Lassen Sie ab davon, und treten Sie hier ein.« 
»Ich fürchte zu stören, Fräulein Holmsen.« 
»Wir fühlen uns nicht so leicht >gestört<, Sie 
überbescheidenes Mägdlein. Angetreten marsch, marsch!« 
»Kommen Sie her, mein Kind, und nehmen Sie Platz«, 
sagte Frau Holmsen herzlich zu dem Mädchen, das nun 
mit verlegenem Lächeln im Zimmer stand. »Wir wollen uns 
mal gemütlich unterhalten. Hast du die süße Schachtel 

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gefunden, die ich obenauf in den Koffer legte, Birgit?« 
»Jawohl, Mutti, herzlichen Dank.« 

»Dann bring’ sie her, und teile mit uns.« 
Dazu war die Tochter gern bereit. Ein Stück nach dem 
andern verschwand in den Leckermäulchen, zu denen auch 
Frau Gina gehörte. Man plauderte dabei vergnügt, und 
langsam wurde Erla zutraulich. Durch geschickte Fragen 
bekam Frau Holmsen das heraus, was sie gern wissen 
wollte. Nun tat ihr das Mädchen von Herzen leid. 
»Sind Sie als Lehrerin der schwierigen Irina nicht zu jung, 
Fräulein von Tessau?« 
»Mit meinen zweiundzwanzig Jahren eigentlich nicht, 
gnädige Frau.« 
»Also doch schon zwei Jahre älter als meine Tochter. 

Trotzdem sind Sie viel zu jung für das anmaßende 
Persönchen, das unter die Fuchtel einer echten 
Gouvernante gehört. Ist die Kleine übrigens krank? Sie sieht 
doch so blaßschnäbelig und verdrossen aus.« 
»Krank direkt nicht, aber sehr zart von Geburt an. Und da 
die Baronin zwei Kinder durch den Tod verlor, hütet sie 
dieses jüngste nun mit Überängstlichkeit.« 
»Kann man verstehen. Aber ob sie der Tochter damit einen 
Gefallen tut? So fanatisch behütete Kinder pflegen sich zu 
rechten Tyrannen auszuwachsen, von denen sich wiederum 
die Menschen ängstlich zurückziehen. Denn 
Launenhaftigkeit und krasser Egoismus fallen selbst dem 

Sanftmütigsten und Edelmütigsten mit der Zeit auf die 
Nerven.« 
»Ich darf eben keine Nerven haben, gnädige Frau.« 
»Kind, wie klingt das resigniert. Es gibt doch auch andere 
Stellen.« 
»Nein, bitte nicht.« Das Mädchen wehrte ängstlich ab. »Mir 
geht es hier ja nicht direkt schlecht. Während der 
Unterrichtsstunden werde ich ganz gut mit Irina fertig, 
zumal ihr das Lernen seltsamerweise Freude macht, und 
außerhalb der Stunden habe ich nichts mit ihr zu tun.« 
»Wird es Ihnen da nicht langweilig?« 

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»Nein, ich bin seit jeher an das Alleinsein gewöhnt. Meine 
Verwandten, bei denen ich aufwuchs, haben mich nie zu 

sich herangezogen.« 
»Armes Kind. Na lassen Sie nur, jetzt ist meine Tochter da, 
mit der Sie gute Kameradschaft halten können.« 
»Darüber bin ich ja auch so glücklich, gnädige Frau. Ich 
habe in der vergangenen Woche schon so viel gelacht, wie 
Jahre vorher nicht.« 
»Hörst du, Birgit? Hier kannst du Freude säen, die auf 
dankbaren Boden fällt.« 
»Aber dann bitte ich mir auch eine gute Ernte aus«, kam die 
Antwort fröhlich. »Und da ein Boden gedüngt werden 
muß, so greifen Sie nur ausgiebigst in die süße Schachtel 
hinein, Fräulein von Tessau. Soweit ich meinen Paps 

kenne, sorgt der bestimmt für Nachschub.« 
»Ich finde Herrn Holmsen wunderbar«, bekannte Erla 
treuherzig und schaute dann erschrocken drein, als Frau 
Holmsen lachend sagte: 
»Kind, Sie wollen ihn mir doch nicht womöglich 
abspenstig machen?« 
»Aber gnädige Frau – bitte – so doch nicht«, stotterte sie 
blutrot vor Verlegenheit. »Das ist doch sicherlich nur ein 
Scherz?« 
»Will ich meinen, Sie kleiner Hasenfuß. Aber Sie haben 
recht, mein Mann ist tatsächlich wunderbar.« 
»Nun hören Sie sich bloß meine Mutz an. Schwärmt wie 

eine sentimentale Braut.« 
»Und das ist schön«, kam es Erla so recht aus tiefstem 
Herzensgrund. »Einen Menschen lieb haben dürfen, nichts 
Beglückenderes kann ich mir denken.« 
Gerührt schaute Frau Gina auf das geneigte Köpfchen des 
einsamen Menschenkindes und strich dann liebkosend 
darüber hin. 
»Das werden Sie bestimmt auch einmal dürfen, mein liebes 
Kind«, sprach sie sehr herzlich. »Und nun wollen wir nicht 
sentimental werden. Immer lachen und fröhlich sein, dann 
erträgt man das Leben viel leichter, als wenn man es zu 

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ernst nimmt. Ob lachen oder weinen, an seinem Geschick 
ändert man ja doch nichts. Daß Sie sich vorher einsam hier 

fühlten, kann ich verstehen. 
Ich verstehe nur nicht, weshalb sich die Baronin nicht 
mehr Ihrer annimmt, daß sie ein so junges Menschenkind 
sich allein überläßt.« 
»Oh, ich bin so gern hier oben für mich allein«, erklärte das 
Mädchen leise. »Unten wäre ich doch nur der Herrschsucht 
Irinas ausgesetzt. Und tut man nicht, was die Tochter will, 
erzürnt man die Mutter.« 
»Unglaublich! Was sagt nun der Baron zu seiner 
anmaßenden Schwester? Ich schätze ihn nämlich als 
gerechtdenkend ein.« 
»Das ist er auch. Aber wenn er Irina scharf zurechtweist, ist 

seine Mutter so schwer gekränkt, daß sie tagelang kein 
Wort mit ihm spricht. Einmal war es so arg, daß die Frau 
Baronin ein Hausmädchen entlassen wollte, weil dieses 
Irina wegen einer Ungezogenheit anfuhr. Als jedoch Ihr 
Sohn dahinter kam, ging es hart auf hart. Das Mädchen 
blieb – aber auch eine schwüle Stimmung im Hause, die 
sich nur nach und nach verlor.« 
»Na, mir sollte das Gör mal frech kommen, dann hat’s aber 
gebumst«, empörte Birgit sich. 
»Das scheint ja der rechte Schrecken hier zu sein. Und die 
Frau Baronin sollte mich mal zurechtweisen, weil ich vor 
dein Abgott nicht anbetend in die Knie sinke, dann...« 

»Dann wirst du hübsch artig bleiben, wie es sich für ein 
junges Mädchen einer älteren Dame gegenüber gehört«, 
unterbrach die Mutter sie mit freundlicher Gelassenheit. 
»Ich will mir nämlich nicht nachsagen lassen, daß ich 
meine Tochter schlecht erzogen habe, nicht wahr, mein 
Kind?« 
Birgit brummte etwas, worauf die Mutter sie zu sich 
heranzog und herzlich küßte. 
»So, mein Kind, somit wären wir uns wieder einmal einig. 
Setz dich an den Flügel, und spiel uns etwas vor!« 
Wenn auch nicht gern, so doch ohne zu murren, kam die 

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Tochter dem Wunsch der Mutter nach. Ein Gewirr von 
Melodien klang unter den geübten Fingern auf, bis sich 

eine klare herausschälte und die Lippen den Text formten: 
 
»Durch Gewitter und Sturm…« 
 
»Ja, Birgit, was fällt dir denn ein«, lachte die Mutter herzlich 
dazwischen. »Gewitter und Sturm – wo draußen die 
Maisonne strahlt.« 
 
»O Sonnenschein, o Sonnenschein,  
wie scheinst du mir ins Herz hinein,  
weckst drinnen lauter Liebeslust,  
daß mir zu eng wird die Brust«,  

 
jubelte nun die herzwarme Stimme hinaus. Man hatte 
oben keine Ahnung, daß Herr Holmsen nebst Sohn bereits 
eingetroffen war und in der Diele von dem Baron begrüßt 
wurden. 
»Und enge wird mir Stub und Haus, und wenn ich lauf 
zum Tor hinaus, dann lockst du gar ins frische Grün die 
allerschönsten Mädchen hin.« 
»Aha, unsere kleine Nachtigall dehnt ihre Kehle«, 
schmunzelte Holmsen sen. Ganz still standen die drei 
Herren und lauschten andächtig, wie es da oben jubelte 
und lockte in süßseliger Schelmerei 

 
»O Sonnenschein du glaubst es wohl,  
daß ich wie Du es machen soll,  
der jede schmucke Blume küßt,  
die eben erst sich dir erschließt,  
hast doch so lang die Welt erblickt 
und weißt, daß sich’s für mich nicht schickt, 
was machst du mir denn solche Pein - 
o Sonnenschein...« 
 
Man hörte jetzt oben Beifall klatschen. Da legte Wido 

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Holmsen die gewölbten Hände an den Mund und 
schmetterte ein Motiv in die Gegend, auf das die gesamte 

Familie zu regieren pflegte. 
Sofort öffnete sich oben eine Tür, laufende Schritte den 
Gang entlang, die Treppe hinunter, und Birgit umfaßte 
Vater und Bruder mit je einem Arm. 
»Man immer sachte, du Irrwisch, du wirst dir sonst 
bestimmt noch einmal die Beinchen verrenken«, 
schmunzelte Martin Holmsen. »Ah, da naht auch die 
geliebte Mutz. Sei mir gegrüßt, mein holdes Weib!« 
Froh begrüßte man sich und ging dann zur Terrasse, wo 
bereits der Kaffeetisch gedeckt war. Die Baronin, die nun 
auch den ältesten der Holmensöhne kennenlernte, mußte 
feststellen, daß er das verjüngte Ebenbild seines Vaters war. 

Man konnte ihn mit einem lieben, netten Kerl bezeichnen, 
der keiner Fliege etwas zuleide tat. Ein blonder Hüne mit 
einem weichen Herzen – aber auch von unnachsichtiger 
Strenge und Beharrlichkeit, wenn es sein mußte. Also auch 
charakterlich genauso wie sein Vater. 
»Wo ist denn die kleine reizende Lehrerin?« fragte dieser, 
als man schon einige Minuten an der Kaffeetafel saß, und 
die Baronin entgegnete gleichmütig: 
»Wahrscheinlich gongte der Diener nicht, weil er uns 
allesamt auf der Terrasse glaubte und so weiß das Fräulein 
nicht, daß wir bereits Kaffee trinken. Außerdem kann sie, 
wenn Gäste im Hause sind, ruhig auf ihrem Zimmer essen. 

Schließlich ist sie nur eine Angestellte.« 
»Du scheinst vergessen zu haben, daß Fräulein von Tessau 
das Recht auf Familienanschluß hat, Mama«, sprach der 
Sohn nun kalt in die peinliche Stille hinein. »Geh, Irina, 
und hol die junge Dame her. Das wirkt freundlicher, als 
wenn wir den Diener schicken.« 
»Vielleicht braucht sie sogar eine schriftliche Einladung«, 
bemerkte die Kleine patzig, ohne sich zu rühren. Sie 
bequemte sich erst, als des Bruders Blick auf ihr ruhte, der 
gewiß nichts Gutes verhieß. Maulend und aufreizend 
langsam schob sie davon, dann hörte man wenig später 

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ihre durchdringende Stimme von der Diele her: 
»Fräulein von Tessau, runter kommen, Kaffee trinken!« 

Da sprang Birgit auf, eilte davon und kam dann bald 
wieder, die verlegene Erla am Arm. 
»Das Mädchen hier war sehr erstaunt, als ich sagte, daß wir 
schon lustig kaffee’n. Darf ich bekannt machen: Mein 
Bruder Wido – Fräulein von Tessau.« 
Wie fasziniert schaute Erla in die lachenden blauen Augen 
des Mannes hinein, der sich artig vor ihr verneigte. Auch 
Holmsen sen. war aufgestanden, gleichfalls der Baron. Erst 
als die junge Dame Platz genommen hatte, setzten auch sie 
sich wieder. 
Man plauderte frisch drauflos, um Erla Zeit zu lassen, ihrer 
Verlegenheit Herr zu werden. Dann jedoch zog man sie 

immer wieder ins Gespräch, obwohl man merkte, daß die 
Baronin pikiert darüber war. Mochte sie nur, was ging das 
die Familie Holmsen an? Sie war von der hochfahrenden 
Dame nicht abhängig – Gott sei Dank! 
Nachdem der Kaffee getrunken war, äußerte Wido den 
Wunsch, das Gut zu besichtigen. Seine Angehörigen 
schlossen sich ihm an, und nun wußte Erla nicht, wie sie 
sich verhalten sollte. Also schob Birgit den Arm unter den 
der Zaghaften. 
»Sie kommen doch mit, Fräulein von Tessau?« 
»Wenn ich nicht störe, dann gern.« 
»Mutti, hör dir das bloß an«, lachte die Tochter. »Vorhin 

erst haben wir ihr klargemacht, daß wir nicht so leicht 
>gestört< sind, und nun wärmt dieses fast demütig 
anmutende Wesen die Angelegenheit wieder auf.« 
»Oho, Bescheiden ist zwar eine Zier, mein gnädiges 
Fräulein, aber Sie wissen ja, wie es weiter geht«, zwinkerte 
Holmsen sen. ihr vergnügt zu. »Gehen wir also. Begleiten 
Sie uns, Herr Baron?« 
»Bitte mich zu entschuldigen, Herr Holmsen, weil ich noch 
etwas Dringendes zu erledigen habe. Wenn das geschehen 
ist, komme ich sofort nach.« 
»Na schön, gehen wir vor.« 

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Als sie sich entfernt hatten, trat Odalf Vörswelde in aller 
Gelassenheit auf die Schwester zu und schlug ihr ins 

Gesicht. 
»So, mein Kind, das war die erste Ohrfeige deines Lebens. 
Weitere folgen ohne Erbarmen, sofern du dich noch einmal 
so unerhört benimmst. Zwar fühle ich ein Widerstreben, 
kleine zarte Mädchen zu ohrfeigen, aber da diese Zartheit 
bei dir nur äußerlich besteht, während du es innerlich mit 
jedem robusten Tunichtgut aufnehmen kannst… 
Ruhig, Mama!« gebot er kurz, als diese empört auffahren 
wollte. »Merkst du denn gar nicht, daß Familie Holmsen 
bereits Front gegen uns macht, weil Irina in ihrer 
unverschämten Art ihnen auf die Nerven fällt? Soll ich 
eines ungezogenen Kindes wegen etwa meine gute, 

gesicherte Stellung verlieren und wir dann auf der Straße 
sitzen? Geh in dich, bevor es zu spät ist, und faß Irina 
streng an.« 
»Ich soll, nur weil es diesen Menschen so paßt, mein Kind 
prügeln?!« Nun schlug die Empörung über der Mutter 
zusammen. »Das kannst du doch wohl nicht im Ernst von 
mir verlangen, Odalf. Und wenn du schon deinen Posten 
hier aufgeben müßtest, so gibt es noch andere.« 
»Aber keinen so selbständigen und gutbezahlten wie hier«, 
unterbrach er sie scharf. »Außerdem sind die Stellen für 
landwirtschaftliche Beamte sehr rar, das weißt du ebenso 
genau wie ich. Hast ja erfahren, wieviel Mühe es kostete, 

nach Ragaltshöfen zu kommen. Und dann würde es 
überall, wohin wir auch kämen, gleichfalls Ärger wegen 
Irina geben. Denn kein Mensch hat es nötig, sich von 
einem Kind Frechheiten bieten zu lassen. 
Das dir, Mama. Und dir, meine liebe Schwester, möchte ich 
folgendes klarmachen: Sofern ich noch einmal erfahre, daß 
du deiner Lehrerin gegenüber ungezogen bist, dann strecke 
ich dich übers Knie und verprügele dich, wie du es nicht 
besser verdienst. Nimm dich nur in acht! Fräulein von 
Tessau hat an Fräulein Holmsen nämlich einen so starken 
Rückhalt, der jedes Unrecht von ihr abwehrt. Und wenn du 

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dich bei Tisch nicht manierlich benehmen kannst und 
willst, so ißt du fortan auf deinem Zimmer, merke dir das.« 

»Na, das werden wir doch mal sehen!« schrie die Mutter 
den Sohn an, der noch nie so rücksichtslos mit ihr 
gesprochen hatte, zornig an. »Meine Tochter aus meinem 
Speisezimmer verbannen zu wollen, das spottet doch nun 
wirklich jeder Beschreibung. Eher bleiben die andern dem 
Raum fern.« 
»Also gut, Mama. Wenn du auf dem Standpunkt stehst, 
dann ist es wohl besser, dich von Ragaltshöfen zu 
entfernen. Ich werde dir in der Stadt eine kleine Wohnung 
mieten, wo du deinen Abgott immer weiter verziehen 
kannst. Erst soll dir das zur Warnung dienen, beachtest du 
diese nicht, werde ich handeln. Du weißt, daß ich mich nie 

mit leeren Redensarten abgebe, sondern immer zu meinem 
Wort  stehe.  Es  wird  also  an dir liegen, ob biegen oder 
brechen.« 
Damit ging er, und als er sich Familie Holmsen zugesellte, 
merkte niemand ihm an, daß er vor zehn Minuten noch 
eine harte Auseinandersetzung mit der Mutter hatte. 
Höflich und sachlich beantwortete er alle Fragen. Zwar fiel 
es allen auf, wie blaß er war, doch taktvoll ging man 
darüber hinweg. 
Und als man später wieder die Terrasse betrat, fand man 
die Baronin nebst ihrer Tochter nicht darauf vor. Diese 
saßen voll ohnmächtigen Zornes im Zimmer und klagten 

einander ihr Leid – nur wie sie es bessern könnten, darüber 
fiel kein Wort. 
Verbissen grübelte die Baronin vor sich hin, während die 
Gedanken in Irinas Kopf rebellierten. Sie konnte einfach 
nicht fassen, daß plötzlich alles so anders geworden sein 
sollte wie zu Lebzeiten Herrn Ragalts, der sich nie darum 
gekümmert hatte, ob sie artig oder ungezogen war. 
Nein, die Familie Holmsen gefiel der anmaßenden kleinen 
Person ganz und gar nicht. Am wenigsten Birgit, die so ein 
Aufhebens mit Fräulein von Tessau machte, die doch 
ebenso wenig hier bedeutete wie die andern Angestellten 

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im Haus. Hoffentlich verschwand diese abscheuliche Birgit 
bald, und dann würde es auf Ragaltshöfen wieder schön 

werden wie früher. Dann durfte sie herumkommandieren, 
ohne daß man sie deswegen maßregelte. Und diese blöde 
Tessau wollte sie ärgern nach Herzenslust. Und sollte Odalf 
dahinter kommen, pah, was konnte ihr da schon viel 
passieren? Höchstens, daß er sie ausschalt oder 
schlimmstenfalls ohrfeigte – aber dann hatte sie wenigstens 
ihren Willen durchgesetzt. 
So ging denn Irina daran, ihrer Lehrerin das Leben so 
schwer zu machen, daß diese zuletzt kaum noch aus und 
ein wußte. Zu ihrem Pech war Birgit für eine Woche nach 
Hause gefahren, und so hatte sie niemand, den sie um Rat 
fragen konnte. Nachdem nun Irina an einem Tage, als die 

Lehrerin sie auf einen Schreibfehler aufmerksam machte, 
wütend das Heft zerriß, da konnte die geduldige Erla nicht 
mehr weiter. Die eine Woche, in der die Schülerin ihr wie 
eine kleine Teufelin zugesetzt hatte, hatten ihre ohnehin 
nur zarten Nerven zerrüttet »Und was sagen Sie nun?« 
fragte Irina frech. »Da sind Sie wohl machtlos, wie?« 
Erla, die bis in die Lippen erblaßt war, sagte nichts, 
sondern stand auf und ging hinaus. Wenig später betrat sie 
das Arbeitszimmer des Verwalters, der am Schreibtisch saß 
und sich bei ihrem Anblick erhob. 
»Nanu, Fräulein von Tessau, wie sehen Sie denn aus? Sind 
Sie etwa krank?« 

Da war es um Erlas Fassung geschehen. Sie ließ sich auf 
den nächsten Stuhl fallen, drückte das Gesicht in die 
Hände und weinte. Der Mann trat an den großen Schrank, 
goß stärkenden Wein in ein Glas und trat damit an die 
Schluchzende heran. 
»Fräulein von Tessau, nun heben Sie mal hübsch brav das 
Köpfchen, damit ich Ihnen den Trank hier einflößen kann. 
Sie scheinen mir nämlich mit Ihren Nerven nicht zu knapp 
herunter zu sein.« 
Gehorsam leerte sie das Glas mit kleinen Schlucken, dann 
legte sie sich im Stuhl zurück und schaute verlegen zu dem 

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Mann, der nun wieder im Schreibtischsessel saß. 
»Entschuldigen Sie, Herr Baron, daß ich mich so gehen 

ließ, aber ich konnte nicht anders. Jetzt geht es schon 
wieder, und so kann ich Ihnen auch sagen, warum ich Sie 
hier aufsuchte. – Es ist heute der 1. Juni – und ich bitte um 
meine Entlassung.« 
Augenblicklich blitzte es in seinen Augen überrascht auf, 
dann fragte er kurz: 
»Aus welchem Grunde?« 
»Weil ich mit Irina nicht mehr fertig werden kann.« 
»Also das ist es. Ich bitte um Ihren Bericht.« 
»Leicht hatte ich es mit der störrischen Schülerin immer 
nicht«, sprach sie nun in fliegender Hast. »Aber seit dem 
Sonnabend, da Familie Holmsen zuletzt hier war, ist sie 

dermaßen – anmaßend, daß ich einfach machtlos ihr 
gegenüber bin. Während ich spreche, grinst sie 
unverschämt, schmiert die Hefte voll, daß es zum Grausen 
ist, nennt mich blöd, will alles besser wissen – und riß 
heute sogar das Heft mittendurch, als ich sie auf einen 
Schreibfehler aufmerksam machte. Außerdem bemerkte sie 
noch höhnisch: Und was sagen Sie nun? Da sind Sie wohl 
machtlos, wie? Nun, ich war es tatsächlich, sagte nichts, 
sondern kam hierher und – « 
»Es war das Beste, was Sie tun konnten«, entgegnete er 
ruhig. »Haben Sie schon eine neue Stelle, weil Sie diese 
aufzugeben wünschen?« 

»Nein, Herr Baron. Bis heute hatte ich ja nicht die Absicht, 
Ragaltshöfen zu verlassen, weil ich immer noch hoffte, daß 
Irina zur Vernunft kommen würde. Aber der heutige Vorfall 
ließ mich erkennen, daß ich nicht die richtige Lehrerin für 
so eine störrische, unverschämte Schülerin bin. Ich besitze 
zu wenig Energie und kann mich daher nicht durchsetzen. 
Wenn ich bis zu meinem Fortgang noch keine andere Stelle 
habe, um die ich mich natürlich eifrig bemühen werde, 
dann miete ich mich in einer Pension ein und suche von 
dort weiter. Mit meinen Ersparnissen komme ich, schon 
eine Weile aus.« 

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»Also schon ein fix und fertiger Plan«, erwiderte er 
lächelnd. 

»Und wenn ich Sie nun bitten würde, weiter getreulich auf 
Ihrem Posten zu verharren wie bisher? Was dann, Fräulein 
von Tessau?« 
»Nein, Herr Baron, das könnte ich nicht verantworten.« 
»Aber ich. Ihnen soll fortan meine Unterstützung zuteil 
werden. Und dann wollen wir doch mal sehen, ob wir 
nicht mit vereinten Kräften ein störrisches Kind bändigen 
können.« 
»Dann würde uns die Frau Baronin aber sehr böse sein.« 
»Daraus dürfen wir uns nichts machen, Sie ängstliche 
kleine Person. Ihnen soll schon kein Unrecht mehr 
geschehen, dafür lassen Sie mich sorgen. Allerdings kann 

ich im Hause nicht immer zugegen sein, und da könnte es 
in meiner Abwesenheit schon geschehen, daß man Ihnen 
nicht so begegnet, wie Sie es verlangen dürfen. Und soweit 
ich Sie kenne, werden Sie jede Bitternis eher 
hinunterschlucken, als sich zu wehren. Aber da ist ja noch 
Fräulein Holmsen, das heute oder morgen hierher 
zurückkehrt. Und die junge Dame tritt schon für Sie ein, 
falls es nötig sein sollte. 
Und nun machen Sie nicht so furchtsame Augen, Sie 
kleiner Angsthase. Hier haben Sie meine Hand, schlagen 
Sie ein auf ein Schutz- und Trutzbündnis.« 
Zögernd legte sie die kleine zarte Hand in die schlanke, 

nervige, die sie mit festem Druck umschloß. 
»So, da fällt mir nun ein Stein vom Herzen. Denn offen 
gestanden, hätte ich Sie ungern von hier scheiden sehen. 
Was ich von Ihnen zu halten habe, das weiß ich. Aber man 
steckt ja in keinem Menschen drin, den man engagiert – 
und wenn man die Wahl auch noch so vorsichtig treffen 
würde. Haben Sie also herzlichen Dank, Fräulein von 
Tessau.« 
»Oh, Herr Baron, ich habe doch zu danken, da Sie ein 
solches Vertrauen in mich setzen.« 
»Na schön, streiten wir uns darüber nicht.« 

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Er drückte auf den Knopf und gab dem eintretenden 
Diener Bescheid, Irina herzuschicken. Diese erschien denn 

auch und meinte keck: 
»Also hat die Tessau gepetzt.« 
Diesmal klatschte es rechts und links auf den 
Kinderwangen, und ruhigen Tones sprach der Mann: 
»Du siehst, daß ich mein Versprechen wahr mache, du 
unglaublich freche Person. Ich erteile Fräulein von Tessau 
die Vollmacht, genauso mit dir zu verfahren, sofern du 
dich ihr gegenüber flegelhaft benimmst. Fortan wirst du 
mir jeden Tag deine erledigten Schularbeiten vorzeigen, 
und den Inhalt des Heftes, das du zerrissen hast, wirst du 
fein säuberlich in zwei Tagen abschreiben. Dann wünsche 
ich das vernichtete Heft nebst dem neuen zu sehen. Und 

nun entschuldige dich bei deiner Lehrerin wegen deines 
unerhörten Betragens. – Ach, du willst nicht«, klirrte seine 
Stimme auf, als das Kind trotzig verharrte. In seinen Augen 
wetterleuchtete es – und da zog das dreiste Persönchen es 
doch vor, lieber klein beizugeben. 
»Ich bitte um Entschuldigung, Fräulein von Tessau.« 
»Ein wenig reumütiger hätte es schon geschehen können«, 
bemerkte der große Bruder tadelnd. »Aber für den Anfang 
bin ich zufrieden. Du weißt nun, Irina, daß ich nicht lange 
fackle. Und nun trolle dich.« 
Wie gejagt lief die Kleine davon, und der Bruder lachte 
hinter ihr drein. 

»Sehen Sie, Fräulein von Tessau, das ging doch wunderbar. 
Natürlich darf man nicht verlangen, daß aus dem total 
verzogenen Mädchen von heut auf morgen ein Musterkind 
wird. Aber nach und nach bekommen wir es schon dahin, 
wo wir es haben wollen.« 
»Was wird die Frau Baronin dazu sagen?« bemerkte Erla 
ängstlich, und da wurde sein Gesicht hart. 
»Auf die Gefühle meiner Mutter kann und darf ich keine 
Rücksicht mehr nehmen, wenn ich nicht meine Existenz 
aufs Spiel setzen will. Darum brauchte ich nicht zu bangen, 
solange ich in Diensten des Herrn Ragalt stand, denn den 

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störten Irinas herrschsüchtige Allüren nicht – aber Familie 
Holmsen stören sie. Man kann den Besitzern ja schließlich 

nicht zumuten, sich von der Schwester des Verwalters 
beherrschen zu lassen. Geht Ihnen das ein, Fräulein von 
Tessau?« 
»Das schon, Herr Baron – aber es ist doch so entsetzlich 
traurig.« 
»Das ist das Leben für manche Menschen nun mal, mein 
Fräulein. Damit muß man sich abfinden, wenn man nicht 
unter die Räder des Schicksals geraten will. Und nun ist 
alles klar zwischen uns?« 
»Ja, Herr Baron.« 
»Welch ein tiefer Seufzer«, lachte er. »Halten Sie nur die 
Öhrchen steif, dann wird’s schon gehen.« 

Sie schieden mit warmem Händedruck, und Erla war so 
fertig, daß sie in ihr Zimmer flüchtete, sich dort aufs Bett 
warf und fassungslos weinte. Als sie sich einigermaßen 
beruhigt hatte, nahm sie eine Schlaftablette, kleidete sich 
aus und streckte sich auf die Lagerstatt. 
So kam es denn, daß Odalf Vörswelde allein am 
Mittagstisch saß, weil Mutter und Schwester aus Protest 
nicht daran erschienen und Erla über ihre Trübsal 
hinwegschlief. Bekümmert streiften die Augen des 
servierenden Dieners das harte, blasse Antlitz seines Herrn, 
der kaum etwas aß. Alle Ehrerbietung, die er für die Herrin 
hatte, aber sie sollte dem Sohn, der so rührend für sie 

sorgte, nicht so hart zu schaffen machen. Es gibt eben keine 
Dankbarkeit mehr auf der Welt. 
Erla schreckte aus tiefem Schlaf auf, schickte den Blick 
suchend umher, bis er an einem Gesicht haften blieb, das 
nahe über dem ihren war. 
»Oh, Fräulein Holmsen, wie schön, daß Sie da sind.« Die 
Schläferin war nun hellwach. »Ich habe auch schon so 
sehnsüchtig auf Sie gewartet.« 
»Scheint mir auch so«, war die trockene Erwiderung. 
»Wenn man nämlich Ihre Angstaugen sieht, dann weiß 
man Bescheid. Was hat’s gegeben?« 

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»Ach, Fräulein Holmsen!« 
»Ach, Fräulein von Tessau! Nicht weinen, sondern 

erzählen.« 
Mit wachsender Empörung lauschte Birgit dem Bericht, der 
unter Schluchzen und Stottern endlich zusammenkam. 
»Na, das ist ja die Höhe!« legte sie dann los. »Und Sie 
haben das bei dem unverschämten Balg so ohne weiteres 
durchgehen lassen? Das hätte ich mal bei meiner Lehrerin 
riskieren sollen, na, ich danke! Ein Glück, daß der Baron in 
seine Schwester nicht so vernarrt zu sein scheint, wie die 
Mutter es in die Tochter ist. Dann gäbe es wohl Reibereien 
am laufenden Band. Kaum zu glauben, was ein Kind für 
Unfrieden stiften kann.« 
»Der Baron tut mir schrecklich leid.« 

»Mir nicht. Wenn er schon zehn Jahre früher mit der 
Dressur der Schwester begonnen hätte, dann bliebe ihm 
der Verdruß, den er jetzt mit ihr hat, erspart. Was wollen 
Sie denn, etwa aufstehen?« 
»Ja, ich muß mich doch unten sehen lassen. Die Frau 
Baronin wird mir ohnehin schon zürnen.« 
»Eben – deshalb werden Sie sieh heute nicht mehr blicken 
lassen, damit sich das gekränkte Mutterherz beruhigen 
kann.« 
»Sie ist sehr nachtragend, wenn es um Irina geht.« 
»Auch das noch! Nun, das gewöhnen wir ihr schon ab. Es 
gongt zum Abendessen. Haben Sie auf irgend etwas 

besonderen Appetit?« 
»Auf ein Omelett schon. Aber die Frau Baronin liebt es 
nicht, wenn man Extra wünsche äußert.« 
»Mein liebes Fräulein von Tessau.« Birgit stand nun vor 
dem Bett, die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich bin von 
Hause aus zwar nicht gewöhnt, die Herrin herauszukehren, 
habe daher auch keine Übung darin – aber ich kann’s 
doch, wenn es sein muß, verlassen Sie sich darauf. 
Jedenfalls sollen Sie das gewünschte Omelett haben, am 
besten gleich zwei. Welche Füllung?« 
»Kirschen.« 

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»Geht in Ordnung. Gehaben Sie sich wohl – und guten 
Appetit.« 

Lachend entfernte sich Birgit und kam gerade zurecht, als 
man sich an den Tisch setzte. Eine förmliche Verneigung 
zur Baronin, die sie bestimmt nicht freundlich musterte, 
ein Lächeln zu dem Verwalter hin, dann nahm sie Platz. 
»Warum erscheint Fräulein von Tessau nicht zu Tisch?« 
fragte die Dame knapp, und ebenso erfolgte die Antwort: 
»Weil sie sich nicht wohl fühlt und daher im Bett liegt.« 
»Etwas Besorgniserregendes, gnädiges Fräulein?« 
»Ich nehme es nicht an, Herr Baron. Wahrscheinlich die 
Nachwirkung der Aufregung am Vormittag.« 
»Wenn das Fräulein so sensibel veranlagt ist, dann hätte es 
nicht Lehrerin werden sollen«, meinte die Baronin 

ungehalten. »Fehlte gerade noch, mit einer Angestellten 
Aufhebens zu machen.« 
»Mama, ich bitte dich!« 
»Beruhige dich nur.« Ihre Lippen kniffen sich bitterböse 
zusammen. Doch als Irina etwas sagen wollte, was gewiß 
recht anmaßend gewesen wäre, winkte die Mutter ab. 
»Ruhig. Du weißt doch, daß wir beide jetzt hier nichts 
mehr zu melden haben.« 
Es flammte rot auf der Stirn des Sohnes auf, aber kein Wort 
entschlüpfte dem harten Mund, und auch Birgit hielt eine 
unwillige Erwiderung zurück. Zwar war es nicht ihre Art, 
älteren Menschen ungezogen zu begegnen, aber bei dieser 

aggressiven Dame war ein bestimmter Tön schon am Platz, 
wollte man nicht hilflos unter ihre Herrschsucht geraten. 
So sagte sie denn zu dem Diener, als dieser ihr die Platte 
mit gebackenen Eiern reichte: 
»Lieber Jost, sorgen Sie doch bitte dafür, daß Fräulein von 
Tessau zwei Omeletts mit Kirschfüllung nach oben 
gebracht werden. Dazu eine Tasse leichten Tee.« 
»Sehr wohl, gnädiges Fräulein, ich werde das sofort 
veranlassen.« 
Nachdem er gegangen war, fuhr die Baronin das Mädchen 
schroff an: 

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»Ich liebe es nicht, wenn über meinen Kopf hinweg etwas 
bestimmt wird, Fräulein Holmsen. Es ist hier nicht Mode, 

daß Angestellte Sonderwünsche haben. Sie sitzen hier an 
meinem Tisch, merken Sie sich das!« 
Eiskalt blitzte es in Birgits Augen auf, doch es klang 
beherrscht, als sie erwiderte: 
»Eine Kranke darf solche Wünsche schon einmal haben, 
Frau Baronin zumal Ihre ungezogene Tochter die Ursache 
dieser Krankheit ist.« 
Da sprang die Dame auf, griff nach Irinas Hand und zog 
die Widerstrebende hart mit sich fort. Die Tür klappte ins 
Schloß – und unter den Zurückbleibenden herrschte wohl 
eine Minute lang bedrückendes Schweigen, das Birgit dann 
brach. 

»Ob sie mich nun für taktlos halten, das bleibt Ihnen 
überlassen, Herr Baron.« 
»Das tue ich gewiß nicht, gnädiges Fräulein«, kam es ruhig 
zurück. »Sie haben das Recht, meiner Mutter noch etwas 
ganz anderes sagen zu können, nämlich: daß es wohl ihr 
Tisch ist, aber alles, was darauf steht, aus der Tasche des 
Besitzers von Ragaltshöfen bestritten wird. Denn er ist es, 
der den großzügigen Haushalt hier bezahlt.« 
»Ich bitte Sie, Herr Baron, so doch nicht.« 
»Wie denn sonst, gnädiges Fräulein? 
Es ist gut, zuweilen die Dinge beim richtigen Namen zu 
nennen, finden Sie nicht auch?« 

»Nein. Ich meine, daß derartige Unerquicklichkeiten sich 
vermeiden ließen, wenn man es will.« 
»Ganz recht. Aber meine Mutter will eben nicht und wird 
daher die Konsequenzen tragen müssen.« 
»Inwiefern?« 
»Das werden Sie bald erfahren, gnädiges Fräulein.« 
Es klang so hart und bestimmt, daß Birgit schwieg. Der 
Appetit war ihr gründlich vergangen. Sofern es nur 
angängig war, erhob sie sich vom Tisch und ging davon. 
Als sie sich an der Tür noch einmal umwandte, bemerkte 
sie, wie der Mann aufstöhnend den Kopf in die Hand 

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drückte. Da schloß sie die Tür leise hinter sich und 
brummte: 

»Alles das wegen eines ungezogenen Kindes. Wie können 
Menschen nur so verbohrt sein.« 
Unverweilt begab sie sich zu Erla, die ganz vergnügt im Bett 
saß und sich die Omeletts schmecken ließ. Um nicht auch 
ihr noch den Appetit zu nehmen, schwieg Birgit über das, 
was sich unten zugetragen hatte. Zart strich sie über das 
dunkle Köpfchen, dann ging sie in ihr Zimmer, setzte sich 
an den Flügel und schon brauste es auf: 
 
Durch Gewitter und Sturm... 
 
Meisterhaft wurde es gespielt – und unten saß ein einsamer 

Mann und sprach verbittert die Worte mit. 
Am nächsten Morgen fand man sich vollzählig auf der 
Terrasse zum Frühstück zusammen; denn auch Erla war 
dabei. Sie fühlte sich wieder kräftig genug, um etwaigen 
Stürmen standzuhalten. Allein, sie blieben aus. Zwar 
maulte Irina, griff dabei aber keinen direkt an – und ihre 
Mutter verharrte in eisigem Schweigen. Birgit tat so, als 
wäre das gestrige peinliche Vorkommnis nicht gewesen, 
sondern plauderte in ihrer frischen Art vergnügt drauflos. 
Als das Frühstück beendet war, sagte sie zu dem Verwalter: 
»Ich möchte Sie bitten, Herr Baron, mir verschiedenes in 
der Buchführung zu erklären.« 

»Gern, gnädiges Fräulein. Ich habe da einige Anmerkungen, 
die ohnehin der Erklärung bedürfen.« 
»Ist etwas verpatzt?« 
»Im Gegenteil, Sie haben sorgfältig gearbeitet.« 
»Das freut mich«, entgegnete sie lachend. »Ich muß 
gestehen, daß ich oft Angst schwitze, aber jetzt bin ich 
stolz. Denn eine Anerkennung aus Ihrem Munde wiegt 
doppelt schwer, Herr Baron.« 
»So arg ist es nun auch wieder nicht«, gab er amüsiert 
zurück. »Wollen wir gleich zur Rentmeisterei gehen, weil 
ich in einer Stunde eine Unterredung mit einem Händler 

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habe.« 
Sie erhoben sich und traten von der Terrasse ins 

Speisezimmer, die Tür hinter sich offen lassend. Doch 
inmitten des Gemachs verhielt der Mann den Schritt und 
horchte auf die scharfe Stimme seiner Mutter. 
»O nein, mein Fräulein, meine Tochter bleibt hier, weil ich 
es nicht dulden kann, das Kind von Ihnen im Schulzimmer 
drangsalieren zu lassen. Ich habe über alles zu bestimmen, 
nicht der Herr Baron, merken Sie sich das. Unerhört, den 
Bruder gegen die Schwester aufzuhetzen, Sie intrigante 
Person! Und so einer soll ich mein Kind anvertrauen? 
Dann würde ich ja unverantwortlich handeln. Sie verlassen 
noch heute mein Haus.« 
Da taumelte Erla davon, geradeswegs in die Arme des 

Barons hinein, der gleich Birgit bis in die Lippen erblaßt 
war. 
»Nicht schlapp machen, Fräulein von Tessau, hören Sie? 
Nehmen Sie sich bitte der Ärmsten an, gnädiges Fräulein.« 
Voll Erbarmen umschlang Birgit das zitternde Mädchen, 
führte es nach oben und bettete es auf den Diwan. Sie 
horchte auf; denn durch das geöffnete Fenster hörte sie 
deutlich von der Terrasse her die Stimme Odalfs, eiskalt 
und beherrscht: 
»Also du hast mich verstanden, Mama. Du beziehst in der 
Stadt eine kleine Wohnung, und Irina kommt in ein 
Internat.« 

»Junge, wie kannst du so entsetzlich hart sein!« schrie die 
Frau nun gepeinigt auf. »Mich von dem Kind trennen, 
hieße mir das Leben nehmen. Es ist doch mein ein und 
alles!« 
»Trotzdem handelst du gewissenlos, wenn du das Kind so 
unglaublich verziehst.« Der Mann blieb ungerührt. 
»Dann wird nichts weiter aus ihm als ein Tunichtgut, der 
uns nur Schande macht. Du bist mir einfach unbegreiflich, 
Mutter. Deine anderen Kindern hast du doch streng 
erzogen – streng oftmals bis zur Härte, und Irina gegenüber 
bist du schwach bis zur Lächerlichkeit.« 

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»Ich betrachte sie als Gottesgabe – als Ersatz für meine 
toten Kinder. Verstehst du das denn nicht?« 

»Nein.« 
»Außerdem ist sie krank, Odalf.« 
»Komm mir doch damit nicht, Mama. Wir haben Irina 
noch vor zwei Monaten von einer Kapazität beobachten 
lassen, die dann die Diagnose stellte: Gesund, nur 
verweichlicht und verzärtelt. Kein Wunder, da du schon in 
Aufregung gerätst, wenn die Kleine draußen herumläuft. 
Das muß ein Kind, um gedeihen zu können. Laß es sich 
unbeschwert austummeln, dann wird es guten Appetit 
haben und bald rote Wangen kriegen. 
Nun, spare ich mir meine Worte, weil ich genau weiß, daß 
sie doch nur in den Wind gesprochen sind. Dir das Leben 

zu nehmen, kann ich natürlich nicht verantworten«, setzte 
er ironisch hinzu. »Also behalte deinen Abgott, und werde 
in der Stadtwohnung selig mit ihm.« 
»Odalf, hab doch Erbarmen mit mir! Ich gehe in einer so 
engen Behausung einfach zugrunde.« 
»Auch wenn du deines Herzens Trost um dich hast? 
Merkwürdig. Das mit dem >Zugrundegehen< hättest du dir 
früher überlegen sollen, jetzt ist es zu spät. Wenn du mit 
Irina weiter hier bleibst, verliere ich meine Stellung. Und 
wovon soll ich euch dann unterhalten? Ergo: Da du mit 
Familie Holmsen keinen Frieden halten kannst, mußt du 
eben weichen. Oder verlangst du das etwa von den 

Besitzern?« 
»Sie sind ungemein herrschsüchtig.« 
»Das bist du und dein vergötterter Liebling«, rief er 
dazwischen. »Anstatt Irina dafür zu bestrafen, daß sie sich 
ihrer Lehrerin gegenüber so unerhört benimmt, hätschelst 
du sie, beleidigst in ihrer Gegenwart die junge Dame und 
wirfst sie gar zum Hause hinaus, das dir nicht gehört. Dann 
gestern die impertinenten Bemerkungen der Tochter 
meines Gebieters gegenüber.« 
»Sie war anmaßend.« 
»Das ist nicht wahr! Der Tochter des Hauses steht gewiß 

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das Recht zu, ein Omelett beim Diener zu bestellen, zumal 
ihr Vater den Haushalt hier bezahlt. Ich finde, daß die 

junge Dame sich tadellos benommen hat, eine andere, 
weniger gut erzogene, hätte dich schon in deine Schranken 
zurückgewiesen. 
Und nun Schluß! Richte dich darauf ein, daß du, sobald 
ich in der Stadt eine passende Wohnung gefunden habe, 
was hoffentlich schnell geschieht, dorthin übersiedelst. 
Heute habe ich keine Zeit, aber morgen begebe ich mich 
auf Suche.« 
Er ging, und die Frau weinte herzzerbrechend. Dasselbe tat 
oben Erla, die gleich Birgit jedes Wort der 
Auseinandersetzung mit angehört hatte. 
»Mädchen, so bleiben Sie doch wenigstens ruhig!« Birgit 

fuhr sich mit beiden Händen in die Haare. »Wenn ich 
gewußt, wie es hier zugeht, keine zehn Pferde hätten mich 
hergeschleift!« 
»Fräulein Holmsen, sei’n Sie doch nicht so böse.« 
»Na was, soll ich mich vielleicht freuen, wenn unten eine 
weint, oben die andere und der arme Kerl sich mit euch 
abplagen muß? Wenn ich er wäre, dann wüßte ich, was ich 
täte. Der rüpelhaften Schwester am Tag dreimal Prügel und 
einmal Essen, der verblendeten Mutter die kalte Schulter 
und Ihnen etwas Steifes ins Kreuz, auf daß es härter 
würde.« 
Brummend ging sie hinaus, und als sie zurückkehrte, war 

sie schon wieder vergnügt. 
»So, jetzt wird der Laden klappen. Und nun hopp ins Bett 
mit Ihnen, Sie Zimperlinchen!« 
»Darf ich nicht hier liegen bleiben?« 
»Aber nur, wenn Sie nicht mehr weinen. Hier haben Sie 
eine süße Schachtel, mit der Sie sich amüsieren können. 
Ich muß in die Rentmeisterei, wo mein Vorgesetzter schon 
ungeduldig meiner harren wird. Wenn ich wiederkomme, 
will ich ein fröhliches Gesicht sehen, verstanden?« 
In der Rentmeisterei fand sie einen Zettel vor, der sie davon 
unterrichtete, daß es dem Baron wegen Zeitmangels nicht 

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möglich wäre, sie heute noch zu unterweisen. Falls sie bei 
ihrer Arbeit nicht weiter wüßte, sollte sie sich aufs Pferd 

setzen und in die prangende Natur hineinreiten. 
Das tat sie mit dem größten Vergnügen, und als sie nach 
zwei Stunden wiederkam, sah sie das Auto ihres Vaters vor 
dem Herrenhaus stehen. Sie lachte in sich hinein, begab 
sich an ihren Schreibtisch, wo sie sich bemühte, auch ohne 
Erklärung bei der Arbeit voranzukommen. 
Indes betrat Herr Holmsen das Arbeitszimmer des 
Verwalters, der ihn höflich begrüßte, worauf der Chef 
schmunzelnd meinte: 
»Ich bin auf Veranlassung meiner Tochter hier.« 
»Wie soll ich das verstehen?« fragte sein Gegenüber 
erstaunt. 

»Werde ich Ihnen gleich erklären. Aber zuerst werden wir 
Platz nehmen und uns eine Zigarre ins Gesicht stecken, 
dann plaudert es sich gemütlicher.« 
Nachdem die Zigarre brannte, begann er ohne 
Umschweife: 
»Meine Tochter rief mich fernmündlich an und bat um 
mein Kommen. Wie sie erfahren hatte, wollen Sie Ihrer 
Frau Mutter und Ihrer kleinen Schwester eine 
Stadtwohnung mieten. Stimmt das, Herr Baron?« 
»Ja, Herr Holmsen.« Der Mann verbarg meisterhaft seine 
Überraschung. 
»Und warum, wenn ich fragen darf?« 

»Weil meine Mutter sich nicht in die veränderten 
Verhältnisse fügen kann.« 
Kurz gab er wieder, was geschehen, und Holmsen 
schüttelte verständnislos den Kopf. 
»Sie wollen ein Mann sein und werden nicht mit einem 
zwölfjährigen Kind fertig?« 
»Ich schon, aber man kann meine Mutter aufs höchste 
empören, wenn man nicht gleich ihr in Irina dem Abgott 
huldigt. Sie kann dann ungerecht werden bis zum 
äußersten. Und das geht doch nun wirklich nicht an, daß 
ein Kind das Haus beherrscht, in dem es nur geduldet 

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wird.« 
»Oha, mein lieber Freund, Sie drücken sich aber 

merkwürdig aus. Was heißt hier geduldet. Sie als Verwalter 
haben eine Wohnung auf dem Gut zu beanspruchen. Ob 
Sie darin nun mit Ihrer Frau und Ihren Kindern leben oder 
mit Mutter und Schwester, das bleibt sich egal. Und da 
keine andere Wohnung frei ist, muß eben das Herrenhaus 
herhalten. Der Kasten ist doch wahrlich groß genug, zumal 
meine Familie sich nicht ständig darin aufhält. Zum 
Kuckuck, man wird sich doch noch vertragen können!« 
»Die andern schon, Herr Holmsen, aber meine Mutter mit 
ihrem Abgott nicht. Die greift jeden an wie eine Löwin, 
deren Jungen man zunahe treten will.« 
»Na ja – gewiß, das ist sogar menschlich verständlich. 

Nachkömmlinge pflegen ja vielfach der vergötterte Liebling 
der Mutter zu sein, daher wird auch aus ihnen in den* 
seltensten Fällen etwas. Werden sie erwachsen, sind sie sich 
selbst und anderen ein Greuel. Aber wenn man eine Sache 
richtig anpackt, dann muß es doch irgendwie gehen. Wir 
sind doch keine Unmenschen, Herr Baron, und haben es 
daher nicht vor, Ihre Frau Mutter mit dem Töchterlein von 
hier zu vertreiben. Wenn uns das Dirnlein patzig kommt, 
na schön, dann stopfen wir ihm das vorlaute 
Schnäbelchen, natürlich bildlich genommen. Und wenn 
das Mutterherz sich gekränkt fühlt, reagieren wir einfach 
nicht darauf. 

Bedenklicher ist es schon mit der Lehrerin des kleinen 
Unnütz. Die hat ein zu weiches Rückgrat, die ängstliche 
Maid. Aber lassen Sie nur, meine Birgit putscht sie schon 
auf. Und wenn die Lehrerin ihrer bockigen Schülerin erst 
einmal Ohrfeigen versetzt hat, dann läßt diese es auf das 
volle Dutzend schon von selbst nicht ankommen.« 
Jetzt mußte der Verwalter denn doch lachen. 
»Eine einfache Rechnung, Herr Holmsen.« 
»Dafür bin ich ja auch Kaufmann. Schalten wir das 
Mutterherz mal ganz aus und nehmen das ungebärdige 
Füllen an die Kandare. Sollen mal sehen, wie bald es dann 

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pariert. Bedenken Sie mal, lieber Freund, wenn Sie Ihre 
Frau Mutter, die an das großzügige Landleben gewöhnt ist, 

plötzlich in eine enge Stadtwohnung sperren. Die Dame 
muß sich da doch kreuzunglücklich fühlen.« 
»Ich täte es auch nur der Not gehorchend, Herr Holmsen. 
Aber Sie haben ja keine Ahnung, wie aggressiv meine 
Mutter werden kann, wenn es um Irina geht. Schließlich 
haben Sie und Ihre Familie es nicht nötig, sich auf Ihrem 
Besitz beherrschen zu lassen.« 
»Wir wehren uns schon, das sei’n Sie gewiß. Und nun 
Schluß, es bleibt alles so, wie es ist. Das befehle ich Ihnen 
als Gebieter. Haben Sie mich verstanden, Herr Verwalter?« 
Betroffen sah dieser Holmsen ins Gesicht – atmete tief auf, 
als er die lachenden Augen bemerkte. 

»Ich danke Ihnen, Herr Holmsen. Leicht wäre es mir 
wirklich nicht gefallen, Mutter und Schwester von hier zu 
verbannen.« 
»Das weiß ich doch«, lachte der andere gemütlich. »Wie 
macht sich meine Tochter auf ihrem Posten?« 
»Überraschend gut. Die junge Dame besitzt ein helles 
Köpfchen und Pflichtbewußtsein.« 
»Möchte ich ihr auch geraten haben. Sie ist leider recht 
eigenwillig, aber meine Frau versteht sie prachtvoll zu 
nehmen. Bei der wird nämlich Liebe und gütiges 
Verständnis ganz groß geschrieben, daher konnten meine 
Kinder auch so gut einschlagen, obwohl sie eine 

Stiefmutter erzog. Doch diese Bezeichnung hassen sowohl 
meine beiden Söhne wie auch meine Tochter. Sie können 
bitterböse werden, wenn sie fällt. Und sie haben recht 
damit, denn eine leibliche Mutter könnte ihre Kinder nicht 
inniger lieben. 
Drei Jahre war Birgit alt, die Jungen elf und dreizehn, als 
meine zweite Frau sie an ihr Herz nahm. Die Bengel ließen 
sich leicht erziehen, aber das Marjellchen war ein kleiner 
Trotzteufel – und ist es zuweilen heute noch. Doch ein 
gütig mahnendes Wort der Mutter richtet mehr bei ihr aus, 
als tausend scheltende Worte anderer es zu tun vermögen. 

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Ja, unsere geliebte Mutz ist eben die Sonne, um die sich 
alles dreht. Und wenn ich sage, daß ich sie heute, nach 

siebzehnjähriger Ehe, noch mehr liebe denn als Bräutigam, 
so ist das kein leeres Gerede. Da es eben zur Futterkrippe 
gongt, wollen wir das Herz ausschalten. Alles klar zwischen 
uns, mein lieber junger Freund?« 
»Ja, Herr Holmsen, ich danke Ihnen. Sie haben mir mit 
Ihrem gütigen Verständnis eine schwere Sorge vom Herzen 
genommen.« 
»So sollte es immer sein, dann gäbe es bestimmt mehr 
Frieden unter den Menschen.« 
Bei der Mittagstafel gab es drei verweinte Gesichter – das 
der Baronin, das ihrer Tochter und das Erlas. Doch taktvoll 
ging Holmsen darüber hinweg. Er tätschelte liebevoll die 

Wange Birgits, die mit bangem Blick zu ihm aufsah. 
»Hast brav gemacht, Marjellchen, ich bin stolz auf dich. 
Hast dich wieder einmal glänzend bewährt – alles ist in 
Ordnung.« 
»Ach, Paps, hörst du den Mühlstein von meinem Herzen 
plumpsen?« 
»Will ich meinen«, schmunzelte er. »Da ich den goldnen 
Wein in Gläsern funkeln sehe, wollen wir mal anstoßen auf 
Friede und Eintracht. Nanu, unser Nesthäkchen soll etwa 
leer ausgehen? Jost, ein Glas. 
Siehst du, mein Mädchen, jetzt stoßen wir beide extra an. 
Schau mal, wie vergnügt die Birgit lacht, die gönnt dir den 

guten Tropfen von Herzen – und noch vielmehr dazu. 
Halte dich an sie, der ich ein Auto schenkte. Dann nimmt 
sie dich öfter einmal mit und deine liebreizende, sehr 
geduldige Lehrerin dazu.« 
So hatte der gütige Mann mit herzlichen Worten eine 
Angelegenheit überbrückt, die recht tragisch hätte werden 
können. Er wirkte wie ein Fels in der Brandung, an den 
man sich klammern konnte in höchster Not. Schade, daß 
der Mann gleich nach dem Essen aufbrach. Und nachdem 
die beiden jungen Mädchen sich zurückgezogen hatten, 
sagte der Sohn tiefernst zu seiner Mutter: 

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»Hoffentlich siehst du nun ein, Mama, welch prächtige 
Menschen die Holmsen sind. Die Tochter, die 

wahrscheinlich unser Gespräch, das wir am Morgen auf der 
Terrasse führten, mit anhörte, rief sofort den Vater 
fernmündlich an und bestellte ihn hierher. Er fand Worte, 
die mich davon absehen lassen, dir eine Wohnung in der 
Stadt zu mieten. Auf seinen Wunsch soll alles so bleiben, 
wie es jetzt ist. 
Und nun bitte ich dich inständigst, halte Frieden. Tust du 
es dennoch nicht, bleibt mein hartes Gebot bestehen. Sei 
nicht immer gleich gekränkt, wenn man Irina mal 
zurechtweist. Man wird es gewiß ohne Veranlassung nicht 
tun. Sei vor allen Dingen nett zu Fräulein von Tessau, die 
ein liebenswertes Menschenkind ist. Sollte sie Irina streng 

anfassen, so denke daran, daß es der Lehrerin ihrer 
Schülerin gegenüber zusteht. Was auch geschehen mag, so 
ist es nur zu deiner Tochter Heil. 
Ich will dir die Worte wiedergeben, die Herr Holmsen 
sprach: Nachkömmlinge pflegen vielfach der vergötterte 
Liebling der Mutter zu sein, daher wird aus ihnen in den 
seltensten Fällen etwas. Werden sie erwachsen, sind sie sich 
selbst und andern ein Greuel. 
Nimm dir diese Worte zu Herzen, Mutter, dann ist uns 
allen geholfen. Danken wir unserem Herrgott, daß er uns 
einen so gütigen, großzügigen Brotgeber bescherte. Es liegt 
nun in deiner Hand, ein friedliches, freudvolles Leben 

führen zu können. Wenn du jedoch auf deinem 
Herrscherwillen beharrst, wird es allein dein Schaden sein.« 
Tiefernst wie er gesprochen, ging er auch davon. Er hatte 
getan, was er konnte, mehr zu tun stand leider nicht in 
seiner Macht. 
Und es schien auch tatsächlich, als ob seine mahnenden 
Worte nicht in den Wind gesprochen wären, denn die 
Baronin gab sich alle Mühe, nett zu den beiden jungen 
Mädchen zu sein. Nicht herzlich, aber das verlangte auch 
niemand. Sie berief sogar Irina, wenn diese sich ungehörig 
benahm, was natürlich noch Ott vorkam, weil ein Kind 

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sich nicht schlagartig ändern konnte. 
Aber soviel hatte das anmaßende Persönchen denn doch 

begriffen, daß der Bruder sich nicht mit leeren Redensarten 
abgab. Jeden Tag ließ er sich die Schularbeiten vorlegen 
und sofern sie verpfuscht waren, mußten sie ohne 
Erbarmen wiederholt werden. Daß die Mutter hinterher 
verweinte Augen hatte, schien der Sohn nicht zu sehen. 
Er traf jetzt nur noch zu den Mahlzeiten mit ihr zusammen. 
Wenn er nicht gerade draußen war, hielt er sich in seinem 
Arbeitszimmer auf, wo es genug Schreibereien für ihn gab. 
An einem Tag, kurz vor dem Mittagessen, kam Erla zu 
Birgit ins Zimmer. Das zarte Persönchen zitterte am ganzen 
Körper vor Erregung, in den Augen flackerte Angst. 
»Was ist denn mit Ihnen schon wieder los? Sie sehen ja aus, 

als ob Sie dem Grabe entronnen wären.« 
»Ich – ich – habe – Irina geohrfeigt«, kam es von den 
zuckenden Lippen, und da lachte Birgit hellauf. 
»Herrlich – endlich einmal! Und nun hat so ein 
Dummchen natürlich Angst vor der eigenen Courage.« 
»Ja. Was wird bloß die Frau Baronin sagen?« 
»Die wird natürlich entrüstet sein«, kam es trocken zurück. 
»Aber wie sehen Sie denn aus? Ihre Hände sind schwarz, 
und auch das Kleid zeigt dunkle Flecke.« 
»Das kommt von der Tinte, deren Flasche Irina umwarf.« 
»Absichtlich?« 
»Das weiß ich nicht. Ich rügte sie, weil sie sehr nachlässig 

las, da fegte sie mit der Hand über’n Tisch. Leider stand die 
große Tintenflasche offen, die umfiel und den schwarzen 
Inhalt über alles rundum ergoß. Da ich nahe saß, bekam 
auch ich meinen Teil ab, was mich so empörte – daß – daß 
– « 
»Ihre Hand ausrutschte«, fiel Birgit lachend ein. »Schau, 
schau, unser Täubchen scheint Galle zu kriegen, recht so.« 
»Ja – aber jetzt habe ich Angst. Am liebsten möchte ich gar 
nicht zum Essen gehen.« 
»Und sich damit womöglich schuldig bekennen? Kommt 
gar nicht in Frage! Falls die Baronin Sie anfahren sollte, 

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wird ihr Sohn schon eingreifen.« 
Nun, das tat er ohnehin schon. Denn als er sich in seinem 

Schlafzimmer zum Essen umzog, erschien die Mutter 
sozusagen geladen. Sie hielt die Tochter an der Hand, die 
so aussah, als wäre sie einem Schonsteinfeger in die Arme 
gelaufen. Kleid, Gesicht und Hände schwarzbesudelt. 
»Jetzt ist aber Schluß!« schrie die sonst so würdige Dame 
krebsrot vor Zorn. »Schau dir mal meinen armen Liebling 
an! Unerhört, wie die Tessau ihn zugerichtet hat!« 
»Fräulein von Tessau?« fragte Odalf verwundert 
dazwischen. 
»Ja. Sie warf die Tintenflasche um und behauptete dreist, 
Irina hätte es getan. Als diese sich verantworten wollte, 
wurde sie von der unmöglichen Person brutal geohrfeigt.« 

»Soooo -?« dehnte der Bruder mit einem durchdringenden 
Blick auf die Schwester, die das Gesicht an den Arm der 
Mutter drückte. 
»Also gelogen«, stellte er sachlich fest – und das war der 
ohnehin schon schwergekränkten Mutter denn doch zu 
viel. Der Zorn tobte so heftig in ihr, daß sie erst einige Male 
nach Luft schnappen mußte, ehe es sich ihrer gepreßten 
Kehle entrang: 
»Du glaubst Irina nicht?!« 
»Nein«, kam es gelassen zurück. »Kommentar überflüssig. 
Ich werde Fräulein von Tessau fragen und dann die 
Wahrheit erfahren.« 

»So fest glaubst du an diese Person?« 
»Person? Das ist wohl nicht der richtige Ausdruck für so ein 
feines, charakterlich einwandfreies Menschenkind, Mama.« 
Zuerst wollte sie auffahren – doch dann umzuckte ein 
verächtliches Lächeln ihren Mund. 
»Ach, nun verstehe ich. Wenn es so ist, dann allerdings. 
Und das in meinem ehrbaren Hause. Du bist tief gesunken, 
mein Sohn.« 
»Mutter!« peitschte nun seine Stimme auf. »Ich verbiete dir, 
die junge Dame zu beleidigen! Ich habe nicht gewußt, daß 
du so niedriger Gesinnung fähig wärest, wie ich überhaupt 

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Charakterzüge an dir entdecken muß, die sich früher nie 
bemerkbar machten. Laß mich jetzt allein, damit ich mit 

der letzten Ungeheuerlichkeit fertig werden kann.« 
Bei der eisigen Haltung des Sohnes hielt die Mutter es für 
angebrachter, sich zurückzuziehen. Sie ging mit der Tochter 
ins Schlafzimmer, um diese zu säubern. Zehn Minuten 
später trat Odalf ein, immer noch eisig in Haltung und 
Wort. 
»Das einzige, was an Irinas Erzählung stimmt, ist, daß ihre 
Lehrerin sie ohrfeigte – und zwar mit Recht. Dein 
verlogener Abgott fegte nämlich wutentbrannt die 
Tintenflasche vom Tisch, als Fräulein von Tessau ihn wegen 
Nachlässigkeit rügen mußte. Zur Strafe wird Irina heute 
und morgen das Zimmer nicht verlassen.« 

»Dann bleibe auch ich hier.« 
»Ganz wie du willst, Mama. Es ist bestimmt auch besser 
so.« 
Ehe sie etwas erwidern konnte, hatte er sich entfernt. Er 
ging zum Speisezimmer, wo die beiden jungen Mädchen 
bereits hinter ihren Stühlen standen. 
»Bitte, die Damen Platz zu nehmen. Meine Mutter und 
Irina bleiben der Mahlzeit fern.« 
Es wurde ein recht schweigsames Mahl, bei dem allen der 
Appetit fehlte. Man atmete erleichtert auf, als man es 
beenden konnte. 
»Das hat wieder einmal gebumst«, lachte Birgit, als sie mit 

Erla ihr Zimmer betrat. »Machen Sie nicht ein so betretenes 
Gesicht, Kleine.« 
»Großer Gott, was soll das bloß noch werden!« 
»Das geht Sie doch nichts an, Fräulein von Tessau. Tun Sie 
Ihre Pflicht als Lehrerin, und lassen Sie getrost den Baron 
für alles andere sorgen. Allerdings möchte ich nicht in der 
Haut des Mannes stecken. Immer den Ärger mit der 
verbohrten Mutter und der rüpelhaften Schwester, das muß 
einen Menschen langsam zermürben.« 
»Ob ich nicht doch meine Stellung hier aufgebe, Fräulein 
Holmsen?« 

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»Und was sollte damit gewonnen sein? Bei Ihrer 
Nachfolgerin würde es noch ganz andere Auftritte geben, 

weil diese Ihre Geduld gewiß nicht hätte und dem 
unleidlichen Gör ganz anders käme. Der Baron weiß 
schon, weshalb er Sie um Ihr Bleiben bat.« 
Hätte die sensible Erla nur gewußt, wessen die Baronin sie 
beschuldigte, sie wäre gewiß keine Stunde länger in 
Ragaltshöfen geblieben. So jedoch war sie mit Freuden 
dabei, als Birgit sie aufforderte, eine Fahrt im neuen Auto 
zu machen, das am Vormittag angerollt war. Und während 
die beiden Mädchen vergnügt davonfuhren, erschien die 
Mutter bei ihrem Sohn im Arbeitszimmer. Zwei rote Flecke 
brannten auf ihren Wangen, die Augen funkelten böse. 
»Ich möchte ein Fuhrwerk haben, das mich und Irina zur 

Bahn fährt«, begann sie ohne Einleitung. »Ich fahre nach 
Weide und gedenke dort zu bleiben. Wenn mir und 
meinem Kind nicht gerade der Himmel auf Erden dort 
beschieden sein wird, so jedoch nicht ein Martyrium wie 
hier. Wenn in Weide alles klar ist, gebe ich dir Bescheid, 
damit du mir meine Sachen schicken kannst. Alles, außer 
deinem Schlaf- und Arbeitszimmer, gehört mir. Und dann 
magst du mit der verlogenen, intriganten Tessau glücklich 
werden. Hoffentlich nimmt Familie Holmsen keinen 
Anstoß daran.« 
Ohne den Sohn, der wie erstarrt dastand, noch eines 
Blickes zu würdigen, rauschte sie hocherhobenen Hauptes 

davon. Eine halbe Stunde später fuhr sie mit der Tochter 
davon, ohne von dem Sohn Abschied genommen zu 
haben. 
»Meine Mutter ist mit meiner Schwester verreist«, erklärte 
der Baron den beiden jungen Damen, als er mit ihnen an 
der Kaffeetafel zusammen traf. »Wie lange sie fortbleibt, ist 
ungewiß.« 
»Und was wird aus mir?« fragte Erla bedrückt. 
»Sie bleiben natürlich hier, Fräulein von Tessau. Erholen 
Sie sich von den Aufregungen der letzten Zeit, Sie sehen 
nämlich erbärmlich mitgenommen aus. Wenn Sie mögen, 

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können Sie Fräulein Holmsen bei der Arbeit helfen. 
Vorausgesetzt, daß diese damit einverstanden ist.« 

»Bin ich mit dem größten Vergnügen. Es gibt zeitraubende 
Arbeit genug, die ich dem gewissenhaften Fräulein ohne 
weiteres anvertrauen kann. Und da ich dadurch mehr 
Freizeit erhasche, werden wir beide die weidlich 
ausnutzen.« 
So geschah es denn auch. Am Vormittag wurde fleißig 
gearbeitet, der Nachmittag vergnüglich verbracht. Erla lebte 
förmlich auf und schloß sich immer inniger an die 
Gefährtin an. Was diese sagte und tat, war für das zaghafte 
Fräulein Evangelium. 
Aber ach, diese herrliche Zeit sollte nicht von langer Dauer 
sein. Am Montagnachmittag fuhr die Baronin ab – und am 

Freitagabend war sie schon wieder da. Jedenfalls fanden die 
beiden jungen Mädchen, als sie am Sonnabend zum 
Frühstück erschienen, die Friedensstörer am Tisch vor. Die 
Enttäuschung darüber konnte man ihnen direkt vom 
Gesicht ablesen, was die Mutter empörte, dem Sohn ein 
verstecktes Lächeln abnötigte. 
Und was war mit Irina geschehen? Das Gesicht 
verschwollen, das eine Auge blutunterlaufen. Selbst Odalf 
wußte nicht direkt, wie die Schwester dazu gekommen war, 
erriet jedoch die Wahrheit. 
Und die war so: Irina, die natürlich auch in Weide nicht 
Frieden halten konnte, verprügelte das dreijährige 

Söhnchen brutal – und dessen Mutter, die dazu kam, übte 
gerechte Vergeltung. Zu Irinas Pech hielt sie die 
Reitpeitsche in der Hand, mit der sie denn auch nicht 
fackelte. Anschließend gab es einen Krach, daß 
gewissermaßen die Wände wackelten. 
Denn die junge Baronin, auf Weide war nicht fein, auch 
nicht beherrscht, sondern sehr temperamentvoll, 
ausfahrend und – reich. Auf diesen Reichtum, den sie in 
die Ehe gebracht, pochte sie nun und stellte den ziemlich 
willenlosen Gatten vor die Wahl: Entweder seine 
impertinente Mutter mit ihrer rüpelhaften Tochter- oder sie 

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und ihr Knabe. Ein Zwischending gäbe es da nicht. 
Natürlich zögerte der Mann nicht einen Augenblick, sich 

für Frau und Kind zu entscheiden. Es fiel ihm noch nicht 
einmal schwer, seiner Mutter, für die er sowieso nicht viel 
übrig hatte nahezulegen, Weide sofort zu verlassen und es 
nie wieder zu betreten. Er wäre nun in der Lage, sie 
vollends auszuzahlen, gleichfalls Schwester und Bruder. 
Morgen noch werde er das Geld überweisen. Übrigens täte 
Odalf ihm von Herzen leid, daß er sein »Kreuz« 
herumschleppen müßte. Aber der wäre ja schon immer 
Idealist gewesen und gehörte somit zu den Dummen, die 
nie alle werden. 
Und so endete die Protestfahrt der Baronin Mildred von 
Ragaltshöfen nach Weide. Gedemütigt und das Herz mit 

Bitterkeit gefüllt bis zum Rande, erschien sie bei dem 
jüngeren Sohn, der gar nicht erstaunt war, als sie plötzlich 
vor ihm stand, die zerschundene Irina an der Hand. Er 
hatte nichts anderes erwartet, weil er die Verhältnisse auf 
Weide genau kannte. 
»Ihr werdet sicherlich hungrig sein«, ging er in seiner 
gelassenen Art zur Tagesordnung über. »Ich werde Jost den 
Auftrag geben, euch ein Mahl zu servieren. Indes macht ihr 
euch wohl ein wenig frisch.« 
Es zuckte in seinem Antlitz, als die Mutter gesenkten 
Hauptes davonging, die kläglich dreinschauende Tochter 
an der Hand. Gern hätte er der Frau ein liebes Wort gesagt 

– aber er durfte es nicht und wollte es auch nicht. Denn so 
herrschsüchtige Menschen müssen durch Erfahrung klug 
werden. 
Nun saß man am Frühstückstisch und gab sich alle Mühe, 
ein harmloses Gespräch in Gang zu halten, wobei sich 
Birgit wie stets glänzend bewährte. Sie redete wie ein 
Wasserfall, um nur keine schwüle Stimmung aufkommen 
zu lassen. Doch als sie mit Erla allein war, schüttelte sie 
sich. 
»Brrr, das war scheußlich! Die Leichenbittermiene der 
Baronin, die entstellte Tochter, der schweigsame Sohn und 

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die entsetzten Augen einer gewissen Erla – nein, Kinder, 
wenn das so weitergeht, dann reiße ich aus. Habe ja 

schließlich nicht nötig, mich in dieser explosiven 
Atmosphäre aufzuhalten, wo ich ein Elternhaus besitze, das 
von Frieden und Harmonie durchweht ist. Wenn meine 
Eltern heute kommen, dann werde ich sie anflehen, mich* 
bei der Abfahrt nicht zu vergessen.« 
»Und was soll ich hier ohne Sie wohl anfangen?« fragte Erla 
tränenerstickt. 
»Nanu, Sie haben das doch gewußt, bevor ich auftauchte.« 
»Da war alles anders. Die Baronin nebst Irina beherrschten 
das Haus, und der Baron ließ alles mit Gelassenheit über 
sich ergehen. Aber seitdem Sie hier sind, Fräulein Holmsen, 
rebelliert alles – selbst ich.« 

Es klang so kläglich, daß Birgit lachen mußte. 
»Da seien Sie doch froh, wenn ich entfleuche. Denn, Ihren 
Worten nach zu schließen, scheine ich ein arger 
Friedensstörer zu sein.« 
»O nein, Sie haben nur frischen Wind in die verstaubte 
Atmosphäre hineingebracht«, widersprach die andere 
heftig, und da lachte Birgit wieder. 
»Dafür gelangte ich ja auch durch Gewitter und Sturm 
hierher. Kein Wunder, daß ich da alles 
durcheinanderwirbelte. Wenn Irina nicht wäre, könnte es 
sich hier gut leben lassen, denn mit der Baronin allein 
könnte man es zur Not aufnehmen. 

Na, abwarten, was meine Eltern zu der Tragödie sagen, die 
es in den beiden Wochen, da sie nicht hier waren, gegeben 
hat. Die werden schon Rat wissen.« 
»Wie schön muß es sein, wenn man noch Eltern hat«, sagte 
Erla leise. Obgleich sie Birgit von Herzen leid tat, ließ sie 
sich davon nichts anmerken, um das verzagte Fräulein 
nicht noch rührseliger zu machen, zum Kaffee waren denn 
die drei Holmsen da und mit ihnen eine Welle von 
Fröhlichkeit. Der Verwalter entschuldigte das 
Nichterscheinen von Mutter und Schwester mit 
Unpäßlichkeit, was man mit gemachter Harmlosigkeit 

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hinnahm. Daß es im Herrenhaus Gewitter und Sturm 
gegeben hatte, wußte man bereits und ließ sich die 

Vorgänge von Birgit ausführlich erzählen, als man unter 
sich war, wozu man auch Erla rechnete. 
»Tolle Sache«, meinte der Senior zu Ende des Berichts. »Wo 
auch die Baronin mit ihrer Tochter in den Tagen gewesen 
sein mag, so war das bestimmt keine friedliche Stätte. 
Denn so wie du das Aussehen Irinas schilderst, 
Marjellchen, muß man sie irgendwo windelweich geprügelt 
haben. Und wenn die Baronin schon schwer gekränkt ist, 
sofern man ihren Abgott nicht liebevoll betrachtet, so mag 
sie da wohl in Rage geraten sein, wo man ihm 
unbarmherzig das Fellchen versohlte. Und der arme Kerl da 
unten hat nun wieder sein Kreuz im Hause.« 

»Du hättest ihm doch nicht abraten sollen, Martin, für 
Mutter und Schwester eine Stadtwohnung zu mieten, dann 
hätte er hier seine Ruhe.« 
»Oder auch nicht, Gina. Die unzufriedene Mutter würde 
ihm doch ständig zusetzen, wenn nicht mündlich, so doch 
schriftlich. Er müßte also immer zwischen hier und der 
Stadt pendeln, und da das bei seiner Gewissenhaftigkeit 
nicht während der Arbeitsstunden geschähe, würde er seine 
Freizeit dafür opfern. Da ist es schon besser so.« 
»Aber sehr aufregend und ungemütlich«, bemerkte Birgit. 
»Daher verzichte ich auf meinen Rendantenposten und 
kehre morgen mit euch nach Hause zurück.« 

»Also kneifen will meine Tochter,«, entgegnete der Vater 
mißbilligend. »Der hatte ich bestimmt mehr Schneid 
zugetraut.« 
»Das hat mit Schneid nichts zu tun, Paps. Bevor ich hier 
war, soll es bedeutend friedlicher zugegangen sein.« 
»Bist du denn, so zänkisch?« fragte er schmunzelnd, und da 
mußte sie lachen. 
»Natürlich. Bin ich doch bei Gewitter und Sturm hier 
hineingeplatzt, und nun wettert es um mich weiter.« 
»Und du meinst, wenn du bei Sonnenschein 
davonwandelst, so läßt du auch Sonnenschein zurück? 

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Mitnichten, mein Kind. Das Gewitter ist nun mal entfesselt 
und wird sich austoben – auch ohne daß du Blitzgewirr 

und Donnerkrachen mitmachst. 
Außerdem möchte ich gern, daß du hier bleibst, damit der 
Baron nicht wieder nachts in der Rentmeisterei sitzt und 
die Bücher revidiert, wie er es bei deinen Vorgängern tat. 
Wenn er dann eines Tages wegen Überbürdung 
zusammenklappt, kommen wir um unsern tüchtigen 
Verwalter- und dann kann ich mich mit seinem Nachfolger 
abplagen. Kapiert, Birgit?« 
»Wenn es so ist, Paps, dann will ich doch schon lieber auf 
dem Pulverfaß sitzen bleiben.« 
»Bist doch unser Liebherz«, sagte die Mutter zärtlich. »Wie 
können wir froh sein, Martin, eine so vernünftige Tochter 

zu haben. Denke nur, wenn sie wie Irina wäre – einfach 
grausig!« 
»So hätte sie bei deiner Erziehung niemals werden können, 
Fraule. Und nun wollen wir bei dem prachtvollen Wetter 
nicht einsitzen und über Dinge debattieren, die wir doch 
nicht ändern können, sondern uns auf den Tennisplatz 
begeben. Netz, Bälle und Dreß haben wir vorsorglich 
mitgebracht, und so wollen wir uns mal unsere Grillen 
aushopsen. Sie auch, gnädiges Fräulein?« 
»Ich kann nicht Tennis spielen, Herr Holmsen, weil ich nie 
Gelegenheit hatte, es zu erlernen. Wenn ich nicht über den 
Büchern saß, mußte ich im Haushalt der Verwandten 

arbeiten. Freizeit hatte ich nie.« 
»Da kann man wohl sagen: O wonnevolle Jugendzeit! Na, 
lassen Sie nur, kleines Fräulein, unsere Birgit wird Ihnen 
schon noch Freuden verschaffen.« 
»Ich bin auch ohne die glücklich, wenn Fräulein Birgit nur 
hierbleibt.« 
»Bescheidenes Gemüt. Hopp, Kinder, zieht euch um, damit 
wir vor dem Kaffee noch ein Spielchen machen können.« 
So klang dann bald vom Tennisplatz her Jubel und Lachen, 
dem die Baronin, die mit Irina in ihrem Zimmer am 
geöffneten Fenster saß, erbittert lauschte. 

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»Laß mich doch auch dorthin, wo es so lustig zugeht«, 
verlangte das Kind stürmisch, doch die Mutter winkte 

müde ab. 
»Nein, mein Herzblatt, mit dem zerschundenen 
Gesichtchen kannst du dich vor Familie Holmsen nicht 
zeigen.« 
»Das geht die doch nichts an.« 
»Gewiß nicht, aber man würde sich seine Gedanken 
darüber machen.« 
»Ich sage, daß ich gefallen bin.« 
»Dann würdest du wieder lügen, Irina, und du weißt, daß 
darauf die Strafe durch Odalf folgt – und ich müßte mit 
darunter leiden.« 
»Odalf ist jetzt einfach gräßlich geworden, ich kann ihn 

schon gar nicht mehr leiden. Früher war er nicht so streng 
zu mir.« 
»Ja, Kind, früher war auch alles hier anders. Mit den 
Holmsen ist unser Unglück ins Haus gezogen.« 
»Dann graulen wir sie eben wieder weg.« 
»Das geht nicht, Irilein. Sie sind die Herren.« 
»Und was sind wir?« 
»Nichts weiter als geduldete Kreaturen.« 
»Trotzdem gefällt es mir viel besser hier als in Weide. Dort 
tyrannisierte man uns ganz fürchterlich.« 
Jetzt wäre für die Mutter die passende Gelegenheit gewesen, 
ihr Kind durch gütige Ermahnungen auf den rechten Weg 

zu führen. Aber sie dachte gar nicht daran, sondern kniff 
die Lippen zusammen und starrte verbissen vor sich hin. 
Und noch jemand starrte einige Zimmer weiter vor sich 
hin, aber nicht verbissen, sondern versorgt und vergrämt. 
Auch er hörte das fröhliche Lachen der Menschen auf dem 
Tennisplatz und entlockte ihm ein bitteres Lächeln. So 
unbeschwert hätte auch er einmal sein mögen, allein, das 
kam ihm wohl nicht zu. Das Schicksal hatte ihm eine 
Sorgenlast auf die Schulter gepackt, die er nun schleppen 
mußte. Und wenn auch die Mutter, die ihm so arg zusetzte, 
nach Jahren dahingehen würde, so blieb ihm immer noch 

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Irina. Die würde ihm wohl Sorge und Kummer bereiten bis 
an sein Ende. 

Auch am nächsten Tag ließen Mutter und Tochter 
Vörswelde sich nicht blicken. Erst als die drei Holmsen 
abgefahren waren, kamen sie zum Vorschein, und zwar 
zum Abendessen. Irinas Gesicht sah noch ärger aus als vor 
zwei Tagen, weil es jetzt in allen Farben schillerte. Doch 
den Mund schien diese Radikalkur nicht gestopft zu haben, 
er machte sich schon wieder recht unliebsam bemerkbar. 
Die Mutter schwieg dazu, Birgit überhörte die Frechheiten, 
weil sie von den Eltern gütig ermahnt worden war, 
nachsichtig zu sein, Erla wagte sowieso nichts zu sagen – 
und der Bruder schickte die Schwester, die es zuletzt arg 
genug trieb, einfach vom Tisch. Brüsk erhob sich die 

Baronin und ging mit dem Kind hinaus. 
Am nächsten Morgen sollten die beiden jungen Mädchen 
eine Überraschung erleben. Als sie die Diele betraten, bat 
der Verwalter sie in sein Arbeitszimmer. 
»Gnädiges Fräulein, ich habe da eine Änderung geschaffen, 
die Sie gütigst verzeihen wollen, weil sie über Ihren Kopf 
hinweg geschah. Ich habe nämlich gestern abend noch das 
Zimmer, in dem Familie Ragalt früher speiste, 
instandsetzen lassen, damit wir dort ohne meine Mutter 
und ohne meine Schwester die Mahlzeiten einnehmen 
können, sofern Sie, gnädiges Fräulein, einverstanden sind.« 
»Ich schon – «, kam die Antwort zögernd. »Mir ist es ganz 

gleich, wo ich esse. Aber muß diese Änderung sein, Herr 
Baron?« 
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe meine Nerven für die 
Arbeit so nötig, daß ich sie mir nicht durch den ewigen 
Ärger bei Tisch zermürben lassen darf. Und da ich meine 
Mutter aus dem Raum, der mit ihren Sachen möbliert ist, 
nicht vertreiben möchte, mußte ich zu einer anderen 
Möglichkeit greifen. Zürnen Sie mir deshalb, gnädiges 
Fräulein?« 
»Um Gott, Herr Baron, so töricht bin ich nicht. Aber wäre 
es nicht besser, wenn ich die Mahlzeiten auf meinem 

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Zimmer einnehmen würde? Dann könnte alles so bleiben, 
wie es vor meinem Erscheinen war.« 

»Dann hätte ich immer noch nicht beim Essen meine 
Ruhe.« 
»Also dann auf an die neue Futterkrippe!« 
Das Zimmer war zwar nicht so feudal eingerichtet wie das 
der Baronin, aber dafür gemütlich, licht und von Sonne 
durchflutet Sogar eine kleine Terrasse war vorgelagert, auf 
der ein Tisch mit bequemen Korbsesseln umgeben stand. 
Ersterer war bereits zum Frühstück gedeckt. 
»Herrlich ist es hier!« rief Birgit fröhlich. »Friede und 
Eintracht sollen stets wohnen, wo wir unsere Atzung 
nehmen, auf daß sie uns gut bekomme.« 
Kaum daß man Platz genommen hatte, brachte ein 

Mädchen in Häubchen und neckischer Schürze den Kaffee. 
Nachdem es gegangen war, sagte der Baron: 
»Ich habe Urte zu unserer Bedienung bestimmt, weil ich 
Jost meiner Mutter überlassen möchte: Der kennt seine 
Herrin gut genug, um ihr gewachsen zu sein.« 
Es wurde das erste gemütliche Mahl, das Birgit in diesem 
Hause einnahm. Sie war denn auch von einem Übermut, 
daß nicht nur Erla lachte, sondern auch Odalf, wenn auch 
nicht so oft. 
»Nun noch eine Frage, gnädiges Fräulein. Wie werden Ihre 
Angehörigen diese Änderung aufnehmen?« 
»Die werden mit ihr sehr einverstanden sein. Es wird ihnen 

jetzt so gut gefallen, daß sie noch öfter herkommen 
werden.« 
»Das sollte mich freuen. Und nun zu Ihnen, Fräulein von 
Tessau. Fassen Sie bitte Irina während des Unterrichts so 
streng an, wie Sie es für erforderlich halten. Meiner 
Unterstützung sind Sie stets sicher.« 
»Und wenn die Frau Baronin mich zur Rechenschaft zieht?« 
»Dann entfernen Sie sich von ihr.« 
»Das wäre doch unhöflich.« 
»Besser, als sich ungerecht angreifen lassen. Aber nicht 
wieder zaghaft werden, wollen Sie mir das versprechen?« 

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»Ja«, entgegnete sie so fest, wie man es noch nicht von ihr 
gehört. »Ich will mich von Fräulein Holmsen nicht 

beschämen lassen, die das Leben so fröhlich meistert.« 
»Ich sage ja, unser Täubchen kriegt Galle«, lachte Birgit. 
»Frisch an die Arbeit, da die Glocke draußen zu ihr ruft. Ich 
freu mich schon auf das gemeinsame Mittagsmahl. Nicht 
etwa, weil ich ein Nimmersatt bin, sondern weil dann ein 
gemütliches Plauderstündchen winkt, die ich stundenlang 
bei der Arbeit den Schnabel halten muß.« 
Lachend trennte man sich und ging seiner Beschäftigung 
nach. Als Erla das Schulzimmer betrat, saß Irina bereits 
darin und sah ihr herausfordernd entgegen. Aber bald 
machte sie ganz große Augen, weil die Lehrerin einen 
ungewohnten Ton anschlug, streng, kurz, sachlich. Daß ihr 

das Herz dabei bang klopfte, ahnte der kleine Tunichtgut 
gottlob nicht, sonst wäre er mehr obenauf gewesen denn je. 
So jedoch traute er dem Frieden nicht und benahm sich 
ganz passabel. Bis die Schülerin etwas durchaus besser 
wissen wollte als die Lehrerin und höhnisch meinte, daß 
diese dumm wäre, da wurde die Verhöhnte energisch. Am 
liebsten hätte sie dem Frechling ja eine Ohrfeige gegeben, 
aber das farbenschillernde Gesicht ließ sie davon absehen. 
»Du hältst jetzt deinen vorlauten Mund, Irina, hast du 
mich verstanden?!« trumpfte sie zum Erstaunen über sich 
selbst auf. »Du schreibst das, was ich dir gesagt habe.« 
»Erlauben Sie mal, Sie sprechen mit der Baronesse 

Vörswelde«, reckte sich das Persönchen hochmütig. 
»Mit einer Baronesse? Daß ich nicht lache! Mit einem 
Rüpel spreche ich.« 
»Ich werde es meiner Mutter erzählen, welch ordinäre 
Worte ich von Ihnen zu hören bekomme.« 
»Immer noch nicht ordinär genug für dein mehr als 
ordinäres Betragen«, kam es gelassen von der Tür her, 
durch die Odalf schritt. »Ich hielt es nämlich für 
angebracht, hinter der Tür zu lauschen, was ich übrigens 
oft zu tun gedenke. Also bist du vor mir nie mehr sicher, 
meine liebe Irina. Worum geht’s, Fräulein von Tessau?« 

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»Um diesen Satz.« Sie hielt ihm die französische 
Grammatik hin. »Irina hielt es jedoch für richtig, anders zu 

schreiben.« 
»Unglaublich. Und du willst mit dem 
straßenmädchenhaften Betragen eine Baronesse Vörswelde 
sein? Da ist die Bezeichnung Rüpel noch viel zu gelinde. 
Also, Fräulein von Tessau, greifen Sie ohne Erbarmen 
durch.« 
Ihr freundlich zunickend, ging er davon, und Irina 
bequemte sich zur Arbeit. Sie tat es jedoch so flüchtig und 
unsauber, daß die Lehrerin bei Durchsicht das 
Geschriebene einfach ausstrich und der fassungslosen 
Schülerin das Heft wieder zuschob. 
»So, das schreibst du noch einmal, aber tadellos. Tust du es 

nicht, geschieht es noch mehrmals.« 
Da sprang Irina auf, hochrot vor Wut. Die Tür knallte 
hinter ihr zu – und Erla zitterte vor Erregung. Angstvoll 
lauschte sie, und tatsächlich rauschte die Baronin ins 
Zimmer. Doch bevor sie ihrer Empörung Luft machen 
konnte, schlüpfte Erla an ihr vorüber. 
»Paß auf, Mama, jetzt läuft sie entweder zu Odalf oder 
Fräulein Holmsen«, sagte Irina enttäuscht, die sich schon 
auf die Abrechnung, die ihre Mutter halten wollte, gefreut 
hatte. »Und da kriegt sie recht.« 
»Leider – «, stieß die Dame verbissen hervor. »Wo ist das 
Heft?« 

»Hier. Ist das denn so miserabel geschrieben?« 
»Ja, mein Kind«, mußte sie nun zu ihrer Bestürzung hören. 
»Deine Arbeiten gewissenhaft verrichten, das mußt du 
schon, sonst wird ja nichts aus dir. Aber dazu gehört die 
richtige Anleitung, zu der die Tessau nicht fähig ist. 
Unerhört, einfach aus der Stunde fortzulaufen. Ein 
Zeichen, daß sie kein reines Gewissen hat. Nun, ich werde 
Odalf sagen…« 
Indes stürmte Erla in die Rentmeisterei, wo Birgit von der 
Arbeit auffuhr. 
»Hoppla, hoppla! Was ist denn in Sie gefahren, mein sonst 

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so behutsames Kind!« 
Als Erla das Geschehnis herausgesprudelt hatte, lachte die 

andere amüsiert. 
»Olala, Kleine, Sie machen sich. Recht so, speichern Sie nur 
die Galle, die Ihnen endlich zu wachsen scheint, brav auf, 
dann wird sie Ihnen schon zu gegebener Zeit platzen.« 
»Ich finde das gar nicht lächerlich, Fräulein Holmsen«, 
schmollte Erla. »Sie sind überhaupt an allem schuld.« 
»Ich?« 
»Ja – denn Sie haben mich aufgeputscht!« 
»Oh, wie mich das freut!« 
Auch Odalf freute sich, als er bei Tisch von Erlas Verhalten 
hörte. 
»So ist es recht, Fräulein von Tessau«, lobte er amüsiert. 

»Nun erst einmal der Bann gebrochen, ist mir nicht mehr 
bange, daß Sie sich bei Ihrer impertinenten Schülerin 
durchsetzen werden.« 
Als er dann am Abend die Aufgaben der Schwester, die sich 
nicht ganz wohl in ihrer Haut zu fühlen schien, nachsah, 
rauschte die Frau Mama herein. 
»Was sagst du nun dazu?« legte sie ohne jeden Kommentar 
los. »Skandalös, nicht wahr?« 
»Das kann man wohl sagen.« 
»Es freut mich, mein Sohn, daß du endlich dahinter 
kommst, daß man so einer ordinären Person unsere Irina 
nicht länger anvertrauen kann.« 

»Ich glaube, wir sprechen aneinander vorbei, Mama.« Diese 
Antwort ließ die Dame aus den Wolken ihrer 
Hoffnungsfreudigkeit fallen. »Ich finde es skandalös, daß 
Irina eine so schludrige Arbeit leistete und zwar aus Protest 
gegen die Lehrerin. Daß sie exakt arbeiten kann, ersehe ich 
nämlich aus der Abschrift, die sie auf meinen Befehl 
machen mußte.« 
»Du weißt aber noch nicht, daß die Tessau das Kind einen 
Rüpel schimpfte.« 
»Fräulein von Tessau meinst du doch wohl, nicht wahr, 
Mama? Zufällig hörte ich hinter der Tür mit an, in welchem 

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Zusammenhang das Wort fiel. Und ich finde, daß die junge 
Dame sich noch sehr gelinde ausdrückte, gemäß dem 

Betragen deiner Tochter. Ich jedenfalls habe mich meiner 
Schwester geschämt.« 
Ja, da war die Frau Mama denn doch zuerst sprachlos. Am 
liebsten hätte sie vor ohnmächtiger Wut getobt, begnügte 
sich ihrer Würde eingedenk denn nun, ihm verächtlich 
entgegenzuschleudern: 
»Du bist verblendet, mein Sohn!« 
»Eben nicht«, kam es in aufreizender Gelassenheit zurück. 
»Ich sehe sogar mit scharfen Augen.« 
»Und soll das immer so weiter gehen?« 
»Was denn?« 
»Der ewige Zank und Streit.« 

»Meine liebe Mama, wenn du und Irina diesen nicht 
heraufbeschwört, dann könnten wir alle in Frieden und 
Eintracht leben. Ich habe dir nun doch wahrlich alles aus 
dem Weg geräumt, was dich empören und ärgern könnte. 
Habe sogar, als du gestern äußertest, die beiden hätten 
nichts in deinem Speisezimmer zu suchen, sofort Abhilfe 
geschaffen.« 
»Die könnten ja auch in ihrem Zimmer essen.« 
»Die Tochter meines Gebieters?« Er sah sie so sonderbar an, 
daß sie nun doch seinem Blick auswich. 
»Du scheinst noch immer nicht begriffen zu haben, daß sie 
hier die Tochter des Hauses ist.« 

»Na schön«, lachte sie verärgert auf. 
»Aber dann könntest du doch wohl mit uns essen.« 
»Könnte ich wohl – aber ich will nicht, Mama. Ich möchte 
nämlich in Ruhe meine Mahlzeiten einnehmen. Und da 
ich das wegen deiner Herrschsucht und wegen Irinas 
rüpelhaften Betragens nicht kann, suche ich mir einen 
friedlichen Ort aus, wo mir nicht der Bissen im Hals 
stecken bleibt.« 
»Was bist du doch für ein liebevoller Sohn. Und ich wollte 
dich schon fragen, ob wir nicht unser Erbe, daß dein 
Bruder uns auszuzahlen verpflichtet ist, zusammenlegen 

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sollen und eignen Besitz dafür kaufen.« 
»Zu einem kleinen würde das schon langen. Aber bedenke, 

daß ich auch einmal heiraten werde. Und wenn das 
Mädchen, auf das meine Wahl fällt, nicht deinen 
Ansprüchen entspricht, wäre ein Zusammenleben 
unhaltbar. Also müßten wir uns trennen, ich müßte dein 
und Irinas Geld aus dem Besitz ziehen und könnte dann 
selber von ihm gehen. Daher fangen wir damit erst gar 
nicht an.« 
»Du könntest ja bei deiner Wahl auch auf meine Wünsche 
Rücksicht nehmen.« 
»Rücksicht würde ich allein auf mein Herz nehmen, 
Mama.« 
»So, so – «, lächelte sie verächtlich. »Da hat diese Person…« 

»Mutter!« peitschte seine Stimme dazwischen. 
»Kein Wort weiter vor den Ohren des Kindes, das ohnehin 
schon altklug genug ist. Laß mich jetzt bitte allein, bevor 
ich die Nerven verliere. Und das möchte ich mir selbst 
ersparen.« 
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, als Odalf sein 
Arbeitszimmer betrat, um einen wichtigen Brief zu 
schreiben, schob sich die Schwester durch die Tür und trat 
zögernd auf ihn zu. 
»Was willst du, Irina?« fragte er unfreundlich. »Ich habe 
jetzt keine Zeit für dich.« 
»Odalf, ich halte es nicht mehr aus.« 

»Ich schon lange nicht. Geli ins Schulzimmer und tu deine 
Pflicht.« 
Da schlich das Kind davon. Die Lehrerin saß schon auf 
ihrem Platz, und auch sie hatte für ihre Schülerin kein 
freundliches Wort, keinen freundlichen Blick. Streng und 
sachlich begann sie mit dem Unterricht, dem Irina zuerst 
auch folgte, dann jedoch brüsk das Buch weg schob und 
erklärte: 
»Ich halte das nicht mehr aus.« 
Und siehe da, sie erhielt dieselbe Antwort wie vorhin von 
dem Bruder: 

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»Ich schon lange nicht.« 
Da sprang die Kleine auf und lief davon. Aber nicht zur 

Mutter, um sich zu beklagen, sondern um die Tränen nicht 
sehen zu lassen, die ihr übers Gesicht liefen. Sie kam sich 
plötzlich verlassen vor, hungerte förmlich nach einem 
lieben Wort – aber nach anderm, als die Mutter es für sie 
hatte. Sich selbst wohl kaum bewußt, schlug sie den Weg 
zur Rentmeisterei ein, wo Birgit sie unwillig empfing. 
»Was willst du hier, mich etwa mit deinen 
Ungezogenheiten beehren? Mach schleunigst die Tür von 
draußen zu.« 
Also auch da schroff abgeblitzt. Als hätte sie Blei an den 
Füßen, so langsam setzte sie diese voran. 
Wo sollte sie nun noch hin? Etwa zur Mutter gehen, sich 

ihre verbissenen Klagen anhören, ihre Tränen ansehen, die 
seit gestern abend reichlich flossen? Immer wieder 
vorgehalten bekommen, daß sie ein undankbares Kind und 
so aufopfernder Mutterliebe nicht wert sei? Daß sich die 
Mama zu Tode grämen müsse über ihre mißratenen 
Kinder? Da ging sie lieber in das Schulzimmer zurück und 
ließ sich von der gräßlichen Tessau schikanieren. 
Sie atmete ordentlich erleichtert auf, als sie die Lehrerin 
noch vorfand. Und diese wiederum hatte Mühe, sich nichts 
davon anmerken zu lassen, wie bange Minuten sie 
verbracht, seitdem Irina davongestürmt war. Und nun kam 
diese wieder ohne die »geladene« Frau Mama, benahm sich 

sogar recht manierlich und folgte dem Unterricht 
aufmerksam – was Wunder, daß Erla beim Mittagessen ein 
strahlendes Gesicht zeigte. 
»Was ist Ihnen denn so Erfreuliches begegnet, Fräulein von 
Tessau?« erkundigte sich der Baron lächelnd. »Ihre Augen 
lachen ja förmlich.« 
»Ich habe heute den ersten Sieg über meine schwierige 
Schülerin davongetragen.« 
Frohbewegt gab sie das Geschehnis zum besten, und Birgit 
horchte auf. 
»Da möchte ich doch gern wissen, was Irina bei mir in der 

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Rentmeisterei wollte.« 
»Sie war bei Ihnen, gnädiges Fräulein?« fragte Odalf 

überrascht. 
»Ja. Aber ich schickte sie fort, weil ich es auf einen 
Zusammenstoß nicht ankommen lassen wollte«, 
entgegnete sie lachend. »Wenn nämlich Ihre Gnaden Irina 
auftauchen, ist allemal Vorsicht geboten.« 
»Leider«, gab er seufzend zu. »Das Mädchen hat es hier 
schon soweit gebracht, daß es wie der personifizierte 
Unfrieden gefürchtet wird. Hätte es mir nie träumen lassen, 
daß ein Kind einem so arg zu schaffen machen kann. 
Am besten wäre es ja, Irina in ein Internat zu geben, aber 
davor schrecke ich immer noch zurück. Denn erstens 
würde ich meine Mutter dadurch empfindlich treffen, und 

dann ist die Kleine, wenn auch nicht krank, so doch recht 
schwächlich. Sie sehen also, meine Damen, daß es nicht 
leicht für mich ist, das Richtige zu treffen.« 
O nein, der Mann hatte es nicht leicht – aber die kleine 
Schwester auch nicht, trotz der Vergötterung der Mutter. 
Ständig die verbitterten Klagen mit anhören zu müssen, ist 
gewiß nichts für ein zwölfjähriges Kind. Wenn es mit der 
unzufriedenen, wehleidigen Frau bei Tisch saß und frohes 
Lachen aus dem anderen Speisezimmer hinüberflatterte, so 
packte es die Sehnsucht, auch unter der fröhlichen 
Gesellschaft sein zu dürfen. 
Und da hatte das Schicksal mit der kleinen Irina ein 

Einsehen. Die Mutter erkrankte, und so tat es sich von 
selbst, daß die Tochter an den Mahlzeiten der anderen 
teilnahm. Was der Bruder ihr vorher angedroht, schrieb sie 
sich hinter die Öhrchen und benahm sich ganz manierlich. 
Wenn der kecke Mund auch manchmal noch durchging, 
nun, das sah man ihm schon nach. Denn so wie kein 
Meister vom Himmel fällt, konnte aus einem Teufelchen 
nicht von heut’ auf morgen ein Engelchen werden. 
Die Krankheit der Baronin gab übrigens zu ernstlicher 
Besorgnis Anlaß. Zwar ging die Erkältung bald zurück, 
doch die Lunge schien ein wenig angegriffen zu sein und 

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die, Nerven erst recht. So hielt der Arzt es für ratsam, die 
Rekonvaleszentin in ein Bad zu schicken, womit diese auch 

einverstanden war. Daß Irina sie begleitete, nahm sie als 
selbstverständlich an und geriet mit dem Arzt in erbitterten 
Streit, der die Begleitung des Kindes untersagte, weil sie 
absolut Ruhe haben müßte. Als die Dame sich recht 
kindisch benahm, riß ihm die Geduld und er sagte ihr auf 
den Kopf zu, daß die ungezogene Tochter ein Hemmnis für 
die Gesundung bedeutete. 
Diese unverblümte Sprache kränkte das Mutterherz 
natürlich tief. Und wer mußte für alles herhalten? 
Natürlich der arme Odalf. Die Mutter machte ihm 
dermaßen das Leben schwer, daß er alle erbarmte. Schon 
seinetwegen setzte der Arzt alles daran, daß die 

rücksichtslose Frau aus dem Hause kam. Endlich war es 
denn, soweit, sie reiste unter der Obhut einer zuverlässigen 
Pflegerin ab. 
Und somit gab es Ruhe nach Gewitter und Sturm. Selbst 
die beiden jungen Mädchen atmeten auf, obwohl sie mit 
der Baronin nichts zu tun gehabt hatten. Aber es herrschte 
eine so große Unruhe im Hause, die alle Bewohner ergriff. 
Nun saß man beim Mittagessen, schachmatt. Es war Irina 
nicht zu verdenken, als sie dem Stoßseufzer Raum gab: 
»Die Mama kann einem aber auf die Nerven fallen. Die 
letzten Tage waren einfach gräßlich.« 
Man überhörte ihre Bemerkung, die man nur zu berechtigt 

fand. Seit einer Woche ließ man sich wieder einmal die 
Mahlzeit gut munden und genoß dabei den Frieden im 
Hause mit allen Sinnen. Und dann brachte Irina das zur 
Sprache, was ihr angeblich am meisten am Herzen lag. 
»Wo soll ich nun schlafen, Odalf? Allein in Mamas 
Schlafzimmer graule ich, mich zu sehr.« 
»Komm doch mit zu mir«, erbot sich Erla bereitwillig. »In 
meinem Zimmer ist so viel Platz, daß da kein Bett bequem 
aufgestellt werden kann. Oder haben Sie etwas dagegen, 
Herr Baron?« 
»Wenn das Kind Sie nicht stört, wäre das die einfachste 

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Lösung«, gab er, dessen Antlitz in den beiden Wochen sehr 
schmal geworden war, Antwort.  

Er hatte ja auch so allerlei hinter sich, der bedauernswerte 
Mann. Schon Wochen vorher den ständigen Ärger mit der 
Mutter und Schwester, dann die Krankheit ersterer, ihr 
kindisches Gebaren danach, das konnte einen Menschen 
schon herunterbringen. Das weiche Herz Erlas zog sich bei 
seinem Anblick aus Mitleid zusammen, wohlgemerkt, aus 
Mitleid. Denn um Liebe zu dem Mann, der gewiß kein 
Dutzendmensch war, weder im Aussehen noch Charakter, 
zu empfinden, dazu war selbst das Herz der kleinen 
Lehrerin zu bescheiden. Sie bewunderte ihn, schwärmte 
ihn sogar heimlich an, aber das hatte nichts mit Liebe zu 
tun. 

Also hätte die Baronin ganz beruhigt sein können, die für 
ihren Sohn in bezug auf die Gattin die allerhöchsten 
Ansprüche stellte. Sie vergaß nämlich, daß er kein freier 
Mensch auf eigner Scholle, sondern ein Verwalter war, der 
bei einem Gebieter in Lohn und Brot stand. Das Schicksal 
hatte es immer noch nicht fertig bekommen, sie so zu 
ducken, daß sie sich bescheiden lernte. 
Ihr Sinnen und Trachten stand danach, eignen Besitz zu 
haben, auf dem sie ihrer Herrschsucht die Zügel schießen 
lassen konnte, wie sie es zum Beispiel in Weide getan. Aber 
das besaß nun der älteste Sohn, der das Gut hätte 
veräußern müssen, wenn sich nicht eine Frau gefunden, die 

es sanierte. Also war der Anteil, der Mutter, Schwester und 
Bruder von dem einst verschuldeten Erbe zustand, gewiß 
nicht so groß, daß es ausreichte, auch nur ein mittleres Gut 
zu erwerben. Doch so oft Odalf das auch seiner Mutter 
klarmachte, bekam er die Antwort, daß er ja nur so reich zu 
heiraten brauchte, wie sein Bruder. Und mit Irina hätte sie 
überhaupt die höchsten Pläne. 
Nun, das kleine Mädchen war noch lange nicht soweit, um 
diese Pläne zu verwirklichen- oder auch nicht. Vorläufig 
ging ihr Trachten dahin, im Zimmer der Lehrerin, die sie 
doch bisher so gräßlich gefunden, schlafen zu dürfen. 

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»Ich werde Fräulein von Tessau gewiß nicht stören, das 
verspreche ich dir«, beteuerte sie stürmisch, und da mußte 

er lachen. 
»Weißt du, Irina, deine Versprechen sind immerhin mit 
Vorsicht zu genießen. Doch wir wollen dir die Chance 
geben, dich zu bewähren, nicht wahr, Fräulein von 
Tessau?« 
»Ich bin mit Freuden dabei, Herr Baron.« 
Nun sollte Irina zum erstenmal in ihrem Leben 
kennenlernen, wie es tut, wenn man vom Rock einer 
überängstlichen, überzärtlichen, egoistischen Mutter gelöst 
ist und kein Aufhebens mit einem gemacht wird. 
Sie mußte zur gewohnten Zeit ins Bett, das Licht wurde 
gelöscht, aber dann herrschte nicht die Totenstille um sie 

wie im Schlafgemach der Mutter, sondern aus dem 
Nebenzimmer, dessen Tür offen stand, hörte sie die beiden 
jungen Mädchen lachen und schwatzen. Birgit setzte sich 
sogar an den Flügel, und unter den schmeichelnden 
Klängen schlief Irina beseligt ein. Als sie erwachte, hatte 
Erla bereits das Bett verlassen. Durch das weit geöffnete 
Fenster wehte die Morgenluft, Sonnenschein tauchte das 
Gemach in goldenes Licht. Draußen sangen die Vögel ihr 
jubelndes Lied, von den nahe Weiden brüllte eine Kuh, 
wieherte ein Pferd, von irgendwoher flatterte Lachen auf. 
Wunderschön ist so ein Erwachen, dachte Irina beglückt. 
Ganz anders als bei der Mama, die schon mit ihrer 

Überängstlichkeit begann, bevor sie die Augen noch richtig 
aufschlug. Ob sie gut geschlafen hätte, ob ihr nichts weh 
täte, ob sie sich auch ganz bestimmt wohl fühlte und 
lästiger Fragen mehr. Dann wurde sie wie ein Baby gebadet, 
angekleidet und alles bei geschlossenen Fenstern, damit sie 
nur ja keinen Zug bekäme. Dann die Quälerei hinterher 
mit dem Essen, da sollte ein Mensch nicht verdrießlich 
sein, zumal die Mutter auch tagsüber auf Schritt und Tritt 
hinter ihr her war. 
Wie ganz anders war das heute. Während sie sich noch 
wohlig im Bett streckte, trat Fräulein von Tessau ein. 

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»Einen schönen guten Morgen, Irina. Nun ‘raus aus den 
Federn, damit du zum Frühstück zurecht kommst. Urte 

wartet unten bereits, um dir beim Ankleiden zu helfen und 
deine >Rattenschwänzchen< zu flechten«, schloß sie 
lachend. 
»Pfui, Fräulein von Tessau, ich bin auf meine Zöpfe so 
stolz. Das heißt, mein Bruder findet sie auch scheußlich 
und hat der Mama wiederholt geraten, sie abschneiden zu 
lassen, damit das Haar dichter wird. Aber meine Mutter 
findet es auch so schön, wie alles an mir.« 
Ein Zeichen, wie blind vernarrt diese Mutter war. Denn 
schön konnte man an Irina nun wirklich nichts nennen. 
Zwar war das Gesichtchen fein geschnitten, aber zu blaß 
und zu hager. Die Gestalt erschreckend dünn und 

schlaksig. Wenn sich das nicht änderte, würde aus der 
Baronesse Vörswelde nie eine Schönheit werden, sondern 
ein farbloses, kraftloses Treibhauspflänzchen. 
»Nun, Iri, gut geschlafen?« empfing der Bruder sie am 
Frühstückstisch. 
»Herrlich, Odalf! Bei Musik schlief ich ein, und das war 
wunderbar. Werden Sie jeden Abend spielen und singen, 
Fräulein Holmsen?« 
»Wenn dich das nicht stört, dann schon.« 
»Sie werden doch womöglich auf das Kind keine Rücksicht 
nehmen, gnädiges Fräulein?« 
»Bestimmt nicht mehr als erforderlich ist, Herr Baron«, 

entgegnete sie lachend. »Dafür bin ich nicht sanft und 
milde genug. Mein Vater behauptet, daß ich jeher von allen 
am meisten zu Hause zu hören gewesen bin. Singend ins 
Bett, singend aus dem Bett und zwischendurch noch 
fröhlich gesungen.« 
»Das finde ich schön«, sagte Erla. »Ich mußte mich immer 
sehr leise verhalten, weil neben meinem Zimmerchen die 
beiden Basen schliefen, die auf Tantes strenges Gebot nicht 
gestört werden durften. Wenn ich nur ein wenig 
Unachtsam war, wurde ich verklagt und das Strafgericht 
folgte.« 

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»Ihre Verwandten müssen ja Seelen von Menschen gewesen 
sein«, bemerkte Birgit kopfschüttelnd. »Kein Wunder, daß 

aus Ihnen ein Wesen wurde, welches die andern um 
Verzeihung für die Kühnheit bittet, überhaupt geboren zu 
sein.« 
»Jetzt übertreiben Sie aber fürchterlich«, lachte Erla. »Ich 
habe mich unter Ihrem Einfluß ganz gut gemausert, will 
ich meinen.« 
»War auch die höchste Zeit«, entgegnete die andere trocken. 
»Wer so aussieht wie Sie, dazu so klug ist und einen so 
vorzüglichen Charakter besitzt, der darf schon mit gutem 
Recht seinen Platz im Leben behaupten. Stimmt’s, Herr 
Baron?« 
»Gewiß, gnädiges Fräulein. Mir wollte die junge Dame das 

immer nicht glauben, doch Sie scheinen diese endlich von 
ihrem Wert überzeugt zu haben. Ich jedenfalls freue mich 
über die Veränderung, die mit Fräulein von Tessau 
vorgegangen ist.« 
»Ich weniger«, wollte Irina rasch bemerken, hielt jedoch 
wohlweislich das Schnäbelchen, damit der Bruder nicht 
wieder unangenehm wurde. Sie fragte, wann es 
Sommerferien gäbe und erhielt den beglückenden 
Bescheid, daß sie bereits begonnen hätten. Zwar sollte 
heute, am Sonnabend der Unterricht noch stattfinden, aber 
so genau wollte man es nicht nehmen. 
»Nun will ich dir mal was sagen, Irina«, bemerkte der 

Bruder freundlich. »Tummele dich während der Ferien 
recht viel im Freien und sitze nicht ein, wie du es bei der 
Mama leider mußtest.« 
»Allein macht mir das keinen Spaß, Odalf.« 
»Das glaube ich dir und daher werde ich zusehen, dir eine 
Gefährtin zu besorgen. Es gibt ja genug Stadtkinder, denen 
einige Wochen Erholung auf dem Lande guttäten.« 
»Hoffentlich ist das Mädchen auch gut erzogen«, meinte 
Irina besorgt, was die anderen herzlich lachen ließ. 
»Ausgerechnet du hast es nötig, darüber in Sorge zu sein, 
du kleiner Unnütz.« 

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»Du brauchst darüber gar nicht zu spotten, Odalf. Die 
Mama sagt, daß schlechte Beispiele gute Sitten verderben.« 

»Eben – und deshalb wirst du bemüht sein, dem sicherlich 
gut erzogenen Mädchen seine guten Sitten nicht zu 
verderben. Sieh mich nur so groß an, leider muß man das 
bei dir befürchten.« 
»Du bist abscheulich, Odalf!« 
»Wollen wir lieber nicht ergründen, wer abscheulicher von 
uns beiden ist. Aber ich hoffe, daß ich mich meiner 
Schwester nicht mehr zu schämen brauche. Und was 
gedenken Sie während der Ferien zu tun, Fräulein von 
Tessau? Sie wissen ja, daß Sie über diese frei verfügen 
dürfen. Haben Sie Lust, zu verreisen?« 
»Ich wüßte nicht, wo ich hin sollte, Herr Baron. Zu meinen 

Verwandten mag ich nicht und wäre da auch nicht 
erwünscht, und allein in der Weltgeschichte 
herumzuzigeunern, dazu fehlt mir, offen gestanden, der 
Schneid. Daher möchte ich Sie bitten, hierbleiben zu 
dürfen.« 
»Wie Sie wollen, obwohl eine Abwechslung Ihnen guttäte. 
Ihnen steht jedenfalls jederzeit ein Gefährt zur Verfügung, 
das Sie zur Stadt bringt, wo Sie Zerstreuung finden 
können.« 
»So unbescheiden bin ich nicht; um das zu verlangen«, 
wehrte sie entschieden ab. »Ich weiß doch, daß während 
der Ernte selbst die Wagenpferde heran müssen.« 

»Was den übermütigen Rackern sehr dienlich ist«, gab er 
lächelnd zurück. 
»Außerdem habe ich ein Auto erstanden, das jeden Tag hier 
eintreffen muß. Auch der Fahrer, der gleichzeitig Gärtner 
ist.« 
»Odalf, davon weiß ich ja gar nichts!« rief Irina aufgeregt. 
»Bisher behauptest du doch immer, kein Geld zur 
Anschaffung eines Wagens zu haben – und – ach, ich 
weiß«, unterbrach sie sich frohlockend, »man hat dir in 
Weide dein Erbteil ausgezahlt. Stimmt’s?« 
»Vielleicht?« 

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»Sind wir jetzt reich?« 
»Je nachdem, was du darunter verstehst, Kleines«, gab er 

lächelnd zur Antwort und erhob sich dann, weil die große 
Hofglocke zur Arbeit rief, auch Birgit. So blieben denn 
Lehrerin und Schülerin allein zurück, da sie durch die 
Ferien aller Pflichten ledig waren. 
»Was werden Sie jetzt beginnen, Fräulein von Tessau?« 
»Zum See hinuntergehen, um ein Sonnen- und 
Schwimmbad zu nehmen.« 
»Darf ich mitkommen?« 
»Ich weiß nicht, Irina, ob ich die Verantwortung 
übernehmen kann. Da müßtest du erst deinen großen 
Bruder fragen.« 
Schon war das Kind davon, um einige Minuten später 

wieder zu erscheinen. 
»Odalf erlaubt es«, verkündete sie strahlend. »Ich soll mich 
gegen die pralle Sonne schützen und zuerst mal nur mit 
den Füßen ins Wasser gehen, da ich noch nie ein Seebad 
genommen habe, weil meine Mutter es nicht gestattete. 
Oh, ich bin ja so aufgeregt, fast wie zu Weihnachten!« 
»Hoffentlich lieferst du mir unten keine Bescherung«, 
entgegnete Erla lachend. »Warte hier, bis ich mich 
umgezogen habe.« 
Als sie dann im Bademantel vor Irina stand, meinte diese 
kleinlaut: 
»Und ich soll etwa so bleiben wie ich bin?« 

»Nicht ganz so. Unten ziehst du dir Kleid, Schuhe nebst 
Strümpfen aus.« 
»Gut, bescheide ich mich also. Aber mein Bruder muß mir 
auch alles das kaufen, was zum Baden gehört.« 
»Darum wirst du ihn schon bitten müssen, nicht wahr?« 
verbesserte Erla freundlich. Schon wollte die Kleine patzig 
werden, ließ es dann jedoch lieber bleiben. Sie sagte sich 
ganz richtig, daß es daraufhin ein unerquickliches 
Zusammensein werden, und sie sich somit die Freude 
verderben würde. 
Als Irina am See im Hemd und Höschen stand, sah Erla 

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erst, wie mager das Körperchen war. Und das bei einem 
Landkind, welches neben bester Verpflegung noch reine 

Waldluft hatte. Aber gerade vor dieser hütete die Baronin 
ihr Kind ja mit Überängstlichkeit, stets fürchtend, daß ein 
Windhauch es berührte. Wie würde die Dame außer sich 
geraten, könnte sie ihren Abgott so leicht bekleidet, mit 
den Füßen im Wasser plätschernd, sehen. 
Fürsorglich hatte Erla die freien Stellen des Kinderkörpers 
mit Creme eingerieben und den Kopf durch ein leichtes 
Tuch geschützt. So konnte dem Mädchen nichts passieren, 
das sich voll Eifer dem bisher unbekannten Vergnügen 
hingab. Wohl schwamm Erla wie ein Fisch in dem klaren 
Wasser, entfernte sich jedoch nicht weit, weil es ihr zu 
unsicher war, Irina allein zu lassen. 

Sie waren beide so vertieft, daß sie erschraken, als von der 
kleinen Veranda des Badehäuschens eine lustige Stimme 
rief: 
»Glaubt nur ja nicht, daß ihr allein in Sonne und Wasser 
schwelgen könnt!« 
Ein Sprung, ein Aufspritzen – und das lachende Gesicht 
Birgits tauchte aus dem Wasser auf. 
»Oh, Fräulein Holmsen, wie schön, daß Sie da sind«, freute 
sich Erla. »Ist es denn schon so spät, daß Sie Mittagspause 
halten können?« 
»Nein, wir können uns noch eine gute Stunde tummeln. 
Ich machte Schluß mit der Arbeit grauer Pflicht, weil ich es 

mir leisten kann. Habe mein Pensum geschafft. – Was 
haben wir denn da für einen Storch im Salat?« zeigte sie auf 
Irina, die am Rande des Wassers mit ihren langen, dünnen 
Beinen umherstelzte. »Ist die Kleine etwa ohne Erlaubnis 
ihres Bruders hier, Fräulein von Tessau?« 
»Werde mich hüten, so eigenmächtig zu handeln. Irina 
holte die erste Instanz ein und bewegt sich nun ganz nach 
Vorschrift.« 
»Nun, in dem lauen Wasser kann das dem 
>Spacheisterchen< gewiß nichts schaden.« 
Damit schwamm Birgit davon, und die Badekappe 

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leuchtete ferner und ferner. Bewundernd sah Erla ihr nach. 
Wenn sie auch eine gute Schwimmerin war, so weit wagte 

sie sich dennoch nie hinaus. 
Außerdem mußte sie auf Irina achten, die sie nun 
bedeutete, ihr Fußbad zu beenden. 
»Darf ich nicht noch ein Weilchen bleiben?« bettelte das 
Kind. »Es ist doch so wunderschön.« 
»Das glaube ich dir, aber du darfst dich nicht zu lange der 
prallen Sonne aussetzen. Wie leicht könntest du 
Sonnenbrand bekommen, der Herr Baron würde mir dann 
berechtigte Vorwürfe machen und dir selbst in Zukunft das 
Vergnügen untersagen.« 
Das sah Irina dann ein und ließ sich von der andern in den 
Liegestuhl helfen, den diese so vorsorglich unter den 

großen Schirm schob, daß er im Halbschatten stand. 
»So, hier kannst du dich nun ohne Bedenken aalen«, sagte 
sie fröhlich. »Ich ziehe mir meinen Luftanzug an und tue 
dergleichen.« 
Später gesellte sich noch Birgit hinzu, und ein netter 
Plausch kam zustande. Frohes Lachen perlte immer wieder 
auf, in das Irina plötzlich hineinrief: 
»Schaut mal, dort schwimmt mein Bruder! Er winkt uns 
zu.« 
Tatsächlich bemerkte man in Entfernung von gut zwanzig 
Metern auf dem Wasserspiegel einen Kopf und aufragend 
einen winkenden Arm. 

»Von welcher Stelle aus mag der Herr Baron wohl ins 
Wasser gegangen sein? Sicherlich ist es ihm zu genierlich 
zwischen uns Badenixen zu platzen, daher wählte er einen 
anderen Zugang.« 
»Ihm genierlich -?« dehnte Erla. »Ich denke, eher müßte 
uns das sein. Oder gehören Sie gar zu den Mädchen – « 
»Die sich halbnackt vor Männern präsentieren?« fiel Birgit 
mutwillig ein. »Eigentlich nicht.« 
»Na also, dann sind wir uns ja einig.« 
»Meine Mutter sagt immer, die Mädchen von heute wären 
schamlos«, bemerkte Irina altklug. »Es wird sie daher 

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freuen, daß Sie es nicht sind.« 
»Dann nimm, du Naseweis, dir nur ein Beispiel daran«, 

kam es von der Stelle her, wo ein Kopf wie selbständig auf 
dem Wasser schwamm. Immer näher kam er dem Ufer, 
dann streckte sich eine Hand aus der kühlen Flut und warf 
drei Seerosen auf den Sand. 
»Einen Gruß der Nixen den Nixen!« rief eine lachende 
Männerstimme, dann schoß der Kopf in entgegengesetzter 
Richtung davon, während Birgit aufsprang und nach den 
zarten Blüten griff, bevor eine vorwitzige Welle sie noch 
erhaschen konnte. 
»Oh, wie schön!« rief Irina begeistert. »Darf ich auch eine 
Blume haben, Fräulein Holmsen?« 
»Natürlich, es wird redlich geteilt.« 

Später erschienen die drei Mädchen an der Mittagstafel, das 
duftige Angebinde im Haar, was dem Spender ein 
Schmunzeln entlockte. Man war so fröhlich wie schon 
lange nicht mehr, ließ sich die Speisen gut munden, wobei 
selbst Irina, die bisher stets mangelnden Appetit gezeigt, 
eifrig mittat. 
»So ist es recht«, lobte der Bruder. »Wenn du immer so gut 
ißt,  wirst  du  bald  volle,  rote  Wangen  bekommen.  Ein 
Rosenschimmer liegt bereits auf deinem Gesichtchen.« 
»Freut dich das, Odalfbruder?« 
»Sehr, Schwesterchen. Sieh also zu, daß ich mich immer 
wieder über dich freuen kann.« 

Um die Kaffeezeit erschienen di$ drei Holmsen mit einem 
Sack voll Neuigkeiten, die sie bei Tisch gleich auskramten. 
»Denke dir nur, Birgit, Bodo hat sich verlobt«, berichtete 
die Mutter strahlend. »Und zwar mit einer jungen Ärztin, 
mit der er in der Klinik zusammen arbeitete. Er will bald 
heiraten und dann die Praxis des verstorbenen Sanitätsrats 
Waller übernehmen. Wie froh bin ich doch, daß wir den 
lieben Jungen ganz in unsere Nähe bekommen. 
Hoffentlich hat er eine gute Wahl getroffen.« 
»Nach dem begeisterten Brief zu schließen, soll die Liebste 
doch ein Ausbund an Schönheit, Klugheit und Herzensgüte 

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sein«, spottete Wido gutmütig. »Aber welch ein Mädchen 
ist das nicht – mit den Augen der Liebe betrachtet.« 

»Wie weise er daherredet«, schmunzelte der Vater. »Dir 
könnte das natürlich nicht passieren, nicht wahr, mein 
Sohn?« 
»Das will ich nicht behaupten.« 
»Du bist wenigstens ehrlich«, anerkannte Birgit vergnügt. 
»Wann werden wir das Wunderwesen in Augenschein 
nehmen dürfen?« 
»Schön in den nächsten Tagen«, gab die Mutter Antwort. 
»Und wenn die Frau Baronin erst ganz gesund ist, 
gedenken wir allesamt unsere Ferien hier zu verleben.« 
»Danke für gütige Rücksichtnahme, gnädige Frau«, 
schaltete sich Odalf nun ein. »Diese ist jedoch nicht 

erforderlich, weil meine Mutter gestern in ein Bad gefahren 
ist, um ihre Gesundheit vollends zu kräftigen.« 
Das war eine überraschende Nachricht für das Ehepaar 
Holmsen nebst Sohn. Es war ihnen gewiß nicht zu 
verdenken, daß sie heimlich aufatmeten. Denn sie hatten 
schon befürchtet, daß die unangenehme Dame die 
Harmonie ihrer Ferien stören würde. 
»Wie konnte es geschehen, daß die Frau Baronin ohne Irina 
fuhr?« erkundigte sich Gina zögernd, und der Mann konnte 
einen Seufzer nicht unterdrücken. 
»Das ging gewiß nicht kampflos vor sich, gnädige Frau. 
Gottlob hatte ich an dem Arzt einen starken Verbündeten, 

so daß der Sieg unser wurde. Ich hoffe, daß die Trennung 
Mutter und Tochter gleich guttun wird.« 
»Das spüre ich jetzt schon«, bemerkte das Kind vorlaut. »Es 
lebt sich ohne die Mama bedeutend besser und – « 
»Irina!« rief der Bruder mahnend dazwischen, worauf sie 
ein Mäulchen zog, es aber hielt. Gewandt plauderte man 
über das Peinlichkeitsgefühl, das die Worte der Kleinen 
hervorriefen, hinweg. 
Am nächsten Sonnabend rückte dann die Familie Holmsen 
sozusagen mit Sack und Pack an. Und zwar in dem großen 
Auto, in dem man gerade Platz fand. Denn unter ihnen 

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befand sich noch ein neunjähriges Mädchen, mit dessen 
Kommen man nicht gerechnet hatte. Verschüchtert stand es 

abseits, während die Begrüßung des Brautpaares mit Birgit 
erfolgte. Die Schwägerinnen betrachteten sich forschend, 
dann lachten sie sich an. 
»Na also.« Der junge Arzt rieb sich schmunzelnd die 
Hände. Er hätte mit seinem Vater nicht die verblüffende 
Ähnlichkeit wie Wido, war nicht ganz so groß und 
breitschultrig, nicht ganz so blond, zeigte jedoch große 
Familienähnlichkeit. 
Das Fräulein Doktor war das, was man mit einem 
liebenswerten Menschenkind bezeichnen konnte. Nicht 
schön, aber immerhin hübsch genug, um als guter 
Durchschnitt zu gelten. Mittelgroß und schlank, 

dunkelblondes Haar, klares Gesicht, graublaue Augen und 
eine ungemein wohllautende, warme Stimme. 
»Die gefällt dir, Schwesterchen, was?« neckte Bodo. »Wie 
hätte ich es auch wagen dürfen, mit weniger Liebem und 
Wertvollem unter eure kritischen Augen treten zu wollen.« 
»Dein Glück!« lachte Birgit fröhlich. »Gefällst mir gut, liebe 
Schwägerin.« 
»Ein dito«, war die lachende Erwiderung. Dann zog sie das 
kleine Mädchen zu sich heran. »Und was sagst du hierzu?« 
»Süß«, entgegnete Birgit, überwältigt auf das wunderschöne 
Kind schauend. Große dunkle Augen in einem feinen 
Gesichtchen, dunkle Locken bis auf die Schultern fallend, 

das Figürchen ungemein graziös. 
»Wer ist denn das, Nora?« 
»Mein kleines Schwesterchen Alexa. Seit dem Tode der 
Eltern habe ich mich von ihr nicht mehr getrennt, die als 
Nachgeborenes unser aller Liebling war. Und da Bodo mir 
zuredete, die Kleine mit in das Haus seiner Eltern zu 
bringen, wagte ich es.« 
»Und tatest recht damit«, bekräftigte Birgit. In den 
Kinderaugen leuchtete es auf, während das rosige 
Mündchen eifrig sprach: 
»Ich freu mich ja so, daß ich mit durfte, liebe Tante Birgit. 

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Ich will auch immer artig sein.« 
Während der Unterhaltung hielten sich der Baron, seine 

Schwester und Erla abseits. Nun wandte man sich ihnen 
zu, sprach einige verbindliche Worte und begab sich nach 
der Terrasse zum Kaffeetisch. Ein Gedeck für die nicht 
erwartete Alexa wurde rasch eingeschoben und zwar so, 
daß die beiden Kinder nebeneinander saßen. 
Da merkte man erst, wie kümmerlich Irina eigentlich war, 
wie sehr sie neben dem blühenden, gutentwickelten 
kleinen Mädchen abfiel. Die beiden Mediziner warfen sich 
einen fragenden Blick zu, der dem Baron nicht entging. 
Ein bitteres Lächeln umzuckte seinen Mund, während 
bange Sorge sein Herz erfüllte. Was sollte werden, wenn 
Irina sich mit der kleinen Alexa, die sicherlich auch sehr 

verwohnt war, nicht vertrug? 
Als Birgit später der Braut des Bruders das Zimmer zeigte, 
das sie für sie ausgesucht und wohnlich gestaltet hatte, bat 
diese, ein Bett für das Schwesterchen hineinzustellen, weil 
es sich allein in der fremden Umgebung fürchten würde. 
»Wird gemacht«, versprach Birgit fröhlich. »Graulen darf 
sich niemand bei uns. Jeder soll sich hier wie zu Hause 
fühlen.« 
»Was bei euch guten Menschen bestimmt nicht 
schwerfallen dürfte«, entgegnete die andere sehr herzlich. 
»Wie glücklich bin ich doch, meinen lieben Bodo gefunden 
zu haben und seine nicht minder lieben Angehörigen dazu. 

Und nun eine Frage im Vertrauen: Was ist mit der kleinen 
Baronesse los? Die sieht ja direkt verkümmert aus.« 
In kurzen Worten setzte Birgit der Schwägerin die 
Verhältnisse auseinander, worauf diese dann sagte: 
»Immer dasselbe Lied bei den Nachkömmlingen. Alexa ist 
zwar auch einer, trotzdem haben meine Eltern und ich uns 
bemüht, sie zu erziehen. Liebe hat sie allerdings viel 
genossen, doch wenn die richtig angewandt wird, kann sie 
kein Unheil anrichten.« 
»Ganz meine Ansicht, Nora. Jedenfalls rate ich dir, dein 
Schwesterchen nicht aus den Augen zulassen, damit es 

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nicht hilflos der Willkür der anmaßenden Baronesse 
ausgeliefert wird. Vorbeugen ist immer besser als heilen.« 

Es herrschte nun ein frohes Leben in dem Herrenhaus von 
Ragaltshöfen. Man war ein Herz und eine Seele, vertrug 
sich blendend und bedauerte es, daß der Baron sich dem 
harmonischen Kreis ausschloß, soweit es nur angehen 
wollte. Daß Erla unter ihnen weilte, dafür sorgte schon 
Birgit, und Irina fühlte sich einfach als zugehörig. Am 
liebsten hätte sie Alexa ganz mit Beschlag belegt, allein, 
deren Angehörige hielten Vorsicht für geboten. Es war 
immer jemand zur Stelle, wenn die beiden Kinder 
zusammenkamen. 
Das merkte der Baron sehr wohl. Zwar gab er sich alle 
Mühe, nicht ungerecht zu werden, aber daß man die Kleine 

vor seiner Schwester so ängstlich hütete, erbitterte 
dennoch. 
»Der arme Kerl kann einen in tiefster Seele erbarmen«, 
brummte Papa Holmsen, der mit den Seinen unter einer 
großen Linde im Park beisammen saß, indes Odalf mit 
Irina im Auto zur Stadt fuhr. »Nicht allein, daß er als 
zweitgeborener Sohn von dem Erbe seiner Väter weichen 
mußte und als Verwalter in Lohn und Brot gehen, da muß 
er sich außerdem noch mit einer hysterischen Mutter und 
einer verzogenen Schwester herumplagen. Wie kann eine 
Frau nur so verbohrt sein, ihr letztgeborenes Kind so 
maßlos zu verziehen. Denkt sie denn gar nicht daran, daß 

dieses, wenn es erwachsen ist, sich selbst und anderen zur 
Plage wird?« 
»So weit denken solche exaltierten Menschen nicht«, gab 
Bodo zur Antwort. »Sie sind krasse Egoisten, die nur an sich 
und nicht an das Wohl ihres Kindes denken. Das haben wir 
in unserer Praxis oft erfahren müssen, nicht wahr, Nora?« 
»Ganz gewiß, Bodo.« 
»Und dabei kennt ihr Irina noch nicht einmal in ihrem 
vollen Glanz«, meldete sich Birgit. »Da hättet ihr sie mal 
erleben sollen, als sie Hinterhalt bei ihrer Mutter fand. Wie 
sie sich ihrer Lehrerin gegenüber benahm, kann man nur 

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als rüpelhaft bezeichnen. Und griff der Bruder scharf durch, 
gab es Krach mit der impertinenten Dame. Fräulein von 

Tessau war schon so eingeschüchtert, daß sie ihrer frechen 
Schülerin nicht entgegenzutreten wagte und sich geduldig 
von ihr drangsalieren ließ. Sie hätte mit Irina überhaupt 
nichts anfangen können, wenn diese nicht aus sich selbst 
heraus die Gnade gehabt hätte zu lernen.« 
»Wo ist das Fräulein eigentlich geblieben?« erkundigte sich 
Frau Gina. 
»Unten am See, Mutti. Sie fürchtet nämlich, unsern Kreis zu 
stören und sucht ihn ohne mein Zutun nie auf. Dabei ist 
sie ein so wertvolles Menschenkind, nur viel zu bescheiden 
und zaghaft. Das macht das Aschenputteldasein, das sie 
jahrelang im Hause ihrer Verwandten führte, außerdem hat 

das Leben hier auch nicht dazu beigetragen, sich ihres 
Wertes bewußt zu werden. So leidet sie denn direkt an 
Minderwertigkeitskomplexen.« 
»Das hat sie gerade nötig«, grollte Papa Holmsen. »Zum 
Kuckuck noch eins, so ein bildhübsches Dirnlein, dazu von 
gutem Charakter, gescheit und aus guter, makelloser 
Familie, das muß sich doch überall behaupten können. 
Wie kommt die Baronin überhaupt dazu, es wie einen Kuli 
zu behandeln? Der müßte man gehörig den Standpunkt 
klarmachen, was man leider des Barons wegen nicht kann. 
Sie ist immerhin seine Mutter – wenn auch eine 
miserable!« 

»Aber lieber Mann, du wirst ja anzüglich«, lachte die 
Gattin. »Ergrimm dich nicht, es ist umsonst. Denn ändern 
kannst du an den Verhältnissen hier doch nichts.« 
»Leider. Da naht übrigens die gnädige Baronesse. Na warte, 
du anmaßendes Persönchen! Dir werde ich schon deinen 
vorlauten Schnabel stopfen, wenn auch nicht in Gegenwart 
des Bruders.« 
»Ich war mit Odalf in der Stadt«, tat sie sich wichtig, als’ sie 
heran war. »Im eignen Auto. Die Tessau sollte mitkommen 
– « 
»Fräulein von Tessau heißt es«, verbesserte Papa Holmsen, 

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und sie winkte herablassend ab. 
»Meinetwegen. Aber sie wollte nicht, sitzt lieber unten am 

See und heult – « 
»Weint – «, knurrte der Mann nun dazwischen wie ein 
gereizter Kettenhund, so daß die andern kaum ein 
amüsiertes Lachen zurückhalten konnten. 
Nur Irina sah ihn erschrocken an, lief zum Bruder, den sie 
gerade noch im Arbeitszimmer erwischte. Sie beklagte sich 
aufgebracht, daß Herr Holmsen sie grundlos angefahren 
hätte, worauf er sie durchdringend ansah. 
»Ohne Grund, Irina?« fragte er langsam. »Das kann doch 
wohl kaum stimmen. Ich möchte die Wahrheit hören.« 
»Du tust ja so, als ob ich immer lüge«, maulte sie, seinem 
Blick dabei ausweichend. »Ich habe nur gesagt, daß die 

Tessau nicht zur Stadt mitkommen wollte, sondern lieber 
am See sitzt und heult.« 
»Und da wunderst du dich, daß man dich beruft, wenn du 
so wegwerfend von der jungen Dame sprichst’ Mädchen, es 
ist schon ein Kreuz mit dir. Ich freute mich, daß du dich in 
letzter Zeit ganz manierlich benahmst, aber jetzt beginnst 
du wieder mit der alten Tour, so daß ich mich deiner 
schämen muß. Schau dir mal die kleine Alexa an, dieses 
liebe, wohlerzogene Kind.« 
»Laß mich bloß mit der in Ruhe!«, stampfte sie nun 
ungezogen mit den Füßen. »Das Getue der andern mit ihr 
ist geradezu lächerlich. Was sie auch tun und sagen mag, 

darüber ist man entzückt, während bei mir – « 
Aufweinend drückte sie das Gesicht an den Arm des 
Bruders, der lächelnd bemerkte: 
»Also Eifersucht. Nun, die kann, dir nicht schaden, 
Benimm dich so wie Alexa, dann wird man dich gleichfalls 
lieb’ haben, was man bei einem kleinen Scheusal 
unmöglich kann. Einen guten Rat will ich dir geben, Irina: 
Laß deinen Ärger an dem Mädchen ja nicht aus. Damit 
würdest du Empörung bei der gesamten Familie Holmsen 
hervorrufen, die mich zwänge, dich von hier zu entfernen.« 
Jetzt hob sie den Kopf, und die verweinten Augen starrten 

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ihn schreckerfüllt an. 
»Bitte, Odalf, tu das nicht. Ich könnte es nicht ertragen!« 

»Sieh mal an, du kannst nicht, aber ich muß mich immer 
weiter meiner Schwester schämen. Ist es denn so schwer, 
manierlich zu sein, Iri?« 
»Manchmal schon«, entrang sich ein Seufzer der beengten 
Brust. »Hauptsächlich dann, wenn man Alexa so ängstlich 
vor mir hütet.« 
»Ist das vielleicht ein Wunder? Man fürchtet, daß du ihr zu 
nahe treten könntest.« 
»Sie sollen sich bloß nicht so tun – « 
»Irina!« 
»Na ja, ich bin schon still. Ein Jammer, daß ich auch bei dir 
kein Verständnis finde.« 

Damit lief sie davon, und er seufzte. Was würde er mit dem 
störrischen Kind noch alles erleben müssen! Wie 
harmonisch könnte alles für ihn sein, wenn er den kleinen 
Störenfried nicht um sich hätte und den großen dazu, die 
Mutter. Jetzt war sie allerdings fern, aber einige Wochen 
nur. Wenn sie wieder hier weilte und feststellen mußte, wie 
sehr man Alexa liebte, während man für Irina nur 
Ablehnung fand, gab es Gewitter und Sturm, wovor ihn in 
tiefster Seele graute. 
Während der Mann seinen schmerzlichen Gedanken 
nachhing, stand Birgit vor Erla, die sie am See gesucht hatte 
und endlich in ihrem Zimmer vorfand. Die Augen 

verweint, um die Lippen ein zaghaftes Lächeln. 
»Warum sehen Sie mich denn so böse an, Fräulein 
Holmsen?« 
»Weil ich Veranlassung dazu habe, Fräulein von Tessau. Ist 
es eine Art, sich am See zu verkriechen und zu weinen, 
anstatt in unsern Kreis zu kommen und fröhlich mit uns zu 
sein? Soll ich Ihnen immer wieder erklären, wie gern meine 
Angehörigen und ich Sie mögen?« 
»Ich habe Angst.« Erla weinte heiß auf, und die andere 
betrachtete sie kopfschüttelnd. 
»Wovor denn, um alles in der Welt! Etwa vor uns 

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Holmsen?« 
»Ja – nein – ja – ach, ich möchte sterben.« 

Ratlos stand Birgit vor dem schluchzenden Mädchen und 
dachte angestrengt darüber nach, wer ihm etwas zuleide 
getan haben könnte. Ihre Angehörigen bestimmt nicht. 
Vörswelde? Ausgeschlossen! Bliebe also noch Irina. Aber 
deren Frechheiten nahm Erla in letzter Zeit nicht mehr 
tragisch, trat ihnen sogar entgegen. 
»Wollen Sie Ihr Herz nicht erleichtern?« begann sie 
behutsam, doch da starrten sie die grauen Augen fast 
entsetzt an. 
»Um Himmels willen – nein! Dann müßte ich mich ja 
schämen!« 
»Na nun schlägt’s dreizehn«, entgegnete Birgit verblüfft. 

»Sie und sich schämen müssen? Das wäre ja ganz was 
Neues!« 
»Neu ist es schon – nämlich mein Größenwahn«, kam die 
Antwort ganz verzweifelt – und da lachte ihr Gegenüber 
hellauf. 
»Größenwahn – Sie – Fräulein von Tessau? Das klingt 
direkt wie ein Witz. Leider gongt es in unsere interessante 
Unterhaltung hinein.« 
»Ich möchte am Mittagessen nicht teilnehmen…« 
»Was mit den verweinten Augen auch nicht ratsam sein 
dürfte. Wenn man auch taktvoll darüber hinweggehen 
würde, aber Ihnen selbst wäre es peinlich. Ich schicke 

Ihnen das Essen hierher.« 
»Bitte nicht, wenn Urte mich so sieht.« 
»Na schön, komm ich eben. Essen müssen Sie, damit der 
Weltschmerz nicht noch größer wird.« 
Da man allgemein wußte, daß Erla geweint hatte, erwähnte 
man ihr Fehlen bei Tisch nicht. Selbst die Kinder ließen 
davon ab, was der gewiß nicht taktvollen Irina hoch 
anzurechnen war. Doch so vergnügt wie; sonst konnte man 
nicht sein, weil es ein bedrückendes Gefühl ist, einen 
Menschen in seiner Nähe zu wissen, den Kummer plagt. 
Allein, als Birgit mit einem gutbestellten Tablett bei Erla 

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eintrat, hatte diese sich beruhigt. 
»Entschuldigen Sie meine Unbeherrschtheit«, sagte sie 

verlegen und die andere lachte. 
»Was heißt hier unbeherrscht? Wenn die Tränendrüsen voll 
sind, dann laufen sie einfach über. Sie wissen doch 
sicherlich, daß essen und trinken Leib und Seele 
zusammenhält, also richten Sie sich danach. Wenn ich Zeit 
habe, dann erscheine ich wieder. Jetzt muß ich zu den 
Meinen, die mich zum gemütlichen Plausch erwarten, und 
dann geht’s flott an die Arbeit. Ich habe ja keine Ferien, wie 
Sie beneidenswertes Wesen. Guten Appetit und auf 
Wiedersehen.« 
Wido Holmsen blieb zurück, als die Seinen zum See 
hinuntergingen, weil er einen dringenden Geschäftsbrief zu 

erledigen hatte. Wenn sein Vater und er sich auch im 
wohlverdienten Urlaub befanden, so ließen sie dennoch 
nicht das große Unternehmen, das aus Brennerei und 
Ziegelei bestand, nicht außer acht. Sie erhielten von dem 
Prokuristen, einem bewährten und äußerst zuverlässigen 
Mitarbeiter, tägliche Berichte. Fuhren abwechselnd auch 
hin, um im Betrieb nach dem Rechten zu sehen. 
So gab es manchmal Briefe zu schreiben, für die der 
Prokurist ohne die Chefs nicht die Verantwortung mochte. 
Und so ein Brief war es, den Wido erledigen wollte, wozu 
er sich zur Rentmeisterei begab, um dort die 
Schreibmaschine zu benutzen. - 

»Ist’s erlaubt, Schwesterchen, das Allerheiligste zu betreten? 
Ich benötige nämlich eine Maschine.« 
»Gewährt, mein Sohn. Klappere nur drauflos, mich störst 
du nicht.« 
Er tat also und konnte bald das wichtige Schreiben in den 
Umschlag stecken. 
»Mach Feierabend, Kleine!« rief er der emsig Arbeitenden 
zu, doch sie schüttelte unwirsch den Kopf. 
»Störe mich nicht und verschwinde. Ich bin hier im Dienst, 
merke dir das. Du läufst ja in deinem Betrieb auch nicht 
einfach von der Arbeit fort.« . 

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»Sehr richtig«, schmunzelte er. »Gehab dich wohl. Wenn du 
fertig bist, 4arin komm zum See, wo unsere, Lieben es sich 

Wohlsein lassen, was auch ich zu tun gedenke. Den Brief 
lege ich hierher, damit er mit den andern Postsachen 
abgeht.« 
Vergnügt vor sich hinpfeifend, entschwand er. War tüchtig 
und gewissenhaft, die kleine Schwester, das mußte man ihr 
lassen. 
In seinem Zimmer zog er die Badehose an, schlüpfte in den 
Bademantel, ging hinaus und stieß in dem langen Gang auf 
Erla, die ihn so entgeistert ansah, als wäre er ein Gespenst. 
»Nanu, gnädiges Fräulein, ich fresse Sie bestimmt nicht«, 
spottete er gutmütig. 
Sie errötete bis zu dem Lockenköpfchen, murmelte eine 

Entschuldigung und verschwand in ihrem Zimmer. 
Was hat die Kleine denn, dachte er verwundert. Sollte sie 
etwa so prüde sein, daß sie an dem Bademantel Anstoß 
nimmt? Ohne ihn, nur in der Hose, das könnte man 
verstehen, aber so genügte er doch dem Anstand. 
»Sagt mal, ihr Lieben, sehe ich vielleicht unanständig aus?« 
fragte er, am See angelangt, wo man in Liegestühlen ruhte. 
Die beiden Damen in Luftanzügen, in denen sie dennoch 
angezogen wirkten, die beiden Herren in Polohemd und 
Shorts. 
»Unanständig?« fragte die Mutter verwundert zurück. 
»Warum denn?« 

»Das möchte ich auch gern wissen. Tatsache ist, daß 
Fräulein von Tessau, der ich im Gang der oberen Etage 
begegnete, mich so entsetzt ansah, als wollte ich sie beißen 
und dann vor mir davon in ihr Zimmer lief. Werdet ihr 
daraus klug? Ich nicht.« 
»Ich schon«, entgegnete die junge Ärztin, indem sie einen 
lächelnden Blick mit ihrem Verlobten tauschte. »Ich habe 
meine Beobachtungen gemacht, die ich jedoch für mich 
behalten möchte.« 
»Mir zu hoch, geliebte Schwägerin. Nun, vielleicht kommt 
mir noch die Erleuchtung.« 

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Sprach’s, warf den Bademantel ab, streifte die leichten 
Schuhe von den Füßen und war gleich darauf mit einem 

Hechtsprung von der Veranda aus im Wasser 
verschwunden. Die beiden Kinder, die am Rande eifrig 
damit beschäftigt waren, aus Sand eine Burg zu bauen, 
schrien erschrocken auf und lachten dann über den 
Schwimmer, der sich prustend bewegte. 
Oben blieb es zuerst still, bis Papa Holmsen schmunzelnd 
sagte: 
»Noralein, wenn ich das meine, was du meinst, dann liefe 
die Karre schon richtig.« 
»Ja, Paps, Gedanken lesen kann ich leider nicht. Da mußt 
du schon deutlicher werden.« 
»Das  wird  unsere  Mutz  für  mich  tun.  Denn  eine  so  zarte 

Angelegenheit kann nur durch einen Frauenmund erläutert 
werden.« 
»Oder gar nicht, mein lieber Martin«, gab sie lächelnd 
zurück. »Halten wir die Augen offen und warten ab.« 
»Hm. Willst du mir dann wenigstens sagen, wie dir die 
kleine Erla gefällt?« 
»Ich finde sie reizend im Aussehen und liebenswert im 
Charakter.« 
»Ich auch.« 
»Wir dito!« rief Bodo lachend. »Fehlt nur das Urteil der 
Hauptperson. Denn Birgits steht schon längst fest, Achtung, 
da stelz Irina auf uns zu. Also Vorsicht in den Äußerungen. 

Wenn die was aufschnappt, ist unser schönes Geheimnis 
futsch.« 
Jetzt war das Kind heran und wandte sich an den Arzt. 
»Herr Doktor, ich wollte Sie fragen, ob ich mit den Füßen 
ins Wasser gehen darf. Ich habe nämlich meinem Bruder 
fest versprechen müssen, Sie oder das Fräulein Doktor um 
alles erst um Erlaubnis zu bitten.« 
»Du darfst es, Irina«, entgegnete er freundlich. »Aber nur 
mit den Füßen, nicht weiter.« 
»Ich auch?« kam ein Stimmchen von unten. 
»Du auch, mein kleiner Schatz.« 

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»Ich schwimme aber schon, Onkel Bodo.« 
»Das tust du nachher mit mir zusammen. Jetzt mußt du auf 

Irina Rücksicht nehmen.« 
Sie war’s zufrieden, und so plätscherten denn die beiden 
Kinder mit den Füßen vergnügt im Wasser. 
»Schau mal an, die Baronesse kann auch manierlich sein«, 
schmunzelte Papa Holmsen. »Da muß ihr wahrscheinlich 
der Bruder gehörig die Wacht angesagt haben.« 
»Ist auch nötig«, bemerkte Bodo. »Die Kleine sieht 
erbärmlich aus. Wenn man nicht wüßte, daß hier um sie 
her Milch und Honig fließt, könnte man sie tatsächlich für 
unterernährt halten. Stimmt’s, Nora?« 
»Ja. Wie sollte sie aber auch anders beschaffen sein, da die 
verblendete Mütter sie eingesperrt hielt, immer fürchtend, 

daß ein kühles Lüftchen das Kind berühre. Ein Segen für 
das Kind, daß die unvernünftige Frau nun fern ist. Das mag 
vielleicht herzlos klingen, aber ich spreche hier vom 
ärztlichen Standpunkt aus. Nur einige Wochen 
ungebundenes Tummeln in dieser herrlichen Wald- und 
Seeluft, dazu den nötigen Appetit, dann dürfte man die 
jetzt so verkümmerte kleine Baronesse kaum 
wiedererkennen.« 
Prustend näherte sich Wido dem Ufer, und der Bruder rief 
ihm zu: 
»Schwimm ein wenig mit Alexa!« 
»kann unsere Süße das denn schon?« 

»Ja.« 
»Dann komm, mein Nixlein.« 
Jauchzend warf sie sich ihm entgegen und schwamm wie 
ein munteres Fischlein umher. Wido hielt sich dicht an 
ihrer Seite, während Irina mit sehnsüchtigen Augen 
zuschaute. 
»Schade, daß man sie nicht an die Angel nehmen kann«, 
meinte Nora bedauernd. »Aber dazu muß sie schon öfter 
im Wasser gewesen sein. Morgen führe ich sie bis zu den 
Knien hinein, heute bin ich zu faul. Da kommt übrigens 
Birgit, um ihr Bad zu nehmen – und tatsächlich, sie bringt 

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Fräulein von Tessau mit. Der gelingt aber auch alles.« 
»Da sind wir«, bedeutete sie strahlend. »Wo ist Irina? Aha, 

da stelzt sie ja herum. Komm mal her, wir haben was für 
dich.« 
Es war rührend, die Freude des Kindes zu sehen, mit der es 
die Badesachen betrachtete, die Erla ihm entgegenhielt. 
»Soll das für mich sein, Fräulein von Tessau? Wirklich für 
mich?« 
»Ja, Irina. Der Herr Baron brachte all die Herrlichkeiten aus 
der Stadt mit. Komm in das Badehaus und schlüpfe in den 
Anzug.« 
Als die Kleine wiederkam, lachte sie selig. 
»An alles hat mein guter Bruder gedacht. Dieser 
entzückende Badeanzug, dann Mantel, Schuhe, Kappe, 

sogar den Luftanzug hat er nicht vergessen. Jetzt bin ich 
eben so schick wie die anderen. Nehmen Sie mich nun 
auch ins Wasser mit, Fräulein von Tessau?« 
»Heute nicht, Irina, vielleicht morgen.« Sie warf flugs den 
Mantel ab und verschwand im See. 
»Die geniert sich vor uns«, lachte Birgit. »Nun steh nicht da 
wie ein bedripptes Hühnchen, Irina. Ich nehme dich mit. 
Wie weit darf sie hinein, Bodo?« 
»Heute erst einmal bis zu den Knien, dann täglich etwas 
weiter. Das heißt, wenn das Wetter so warm bleibt. Wenn 
es genug ist, dann rufe ich.« 
So ging denn Birgit mit Irina an der Hand geduldig im 

flachen Wasser hin und her. Indes entstiegen Wido und 
Alexa der kühlen Flut und zogen sich um. Entzückend sah 
das zierliche Persönchen in dem leuchtendroten Luftanzug 
aus. Wido dagegen in Polohemd und Shorts kraftstrotzend 
wie ein junger Hüne. 
»Was wird das zimperliche Fräulein Lehrerin bloß zu 
meinen blanken Beinen sagen, wenn sie schon den 
Bademantel beanstandete. Selbst im Wasser riß sie vor mir 
aus«, sagte er in so komischer Bekümmernis, daß die 
anderen Tränen lachten. 
»Laß man, mein Sohn, das gibt sich schon noch«, beruhigte 

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der Vater. »Besser so als anders.« 
Am nächsten Vormittag streifte Wido durch den großen 

Park, um ihn sich in aller Ruhe anzusehen. Alter 
Baumbestand, samtene Rasenflächen, blühende Sträucher 
und Blumenbeete entzuckten das Auge. Weiter hinten war 
alles nicht mehr so peinlich gepflegt, aber immer noch 
sauber gehalten. Nur durch einen Wiesenstreifen getrennt, 
schloß sich der Wald an. Ganz andächtig wurde dem gewiß 
nicht sentimental veranlagten Wido zumute angesichts des 
herrlichen Fleckchens Erde. Versunken im Schauen schritt 
er weiter und hätte fast die hellgekleidete Gestalt 
übersehen, die unter einem Rotdornbaum saß. 
»Hallo, gnädiges Fräulein«, sagte er verdutzt. »Sie 
verkörpern ja Dornröschen in bezauberndster Weise. Darf 

ich mich zu Ihnen setzen und den Prinzen gestalten?« 
»Bitte«, entgegnete sie, ihr Erschrecken tapfer bekämpfend. 
»Mich entschuldigen Sie wohl.« 
»Seien Sie doch nicht so abweisend.« Er sah sie mit seinen 
lachenden Blauaugen treuherzig an. »Ich habe Ihnen doch 
nichts getan. Schenken Sie mir ein Plauderstündchen. Ich 
weiß ohnehin nichts mit mir anzufangen, weil die Meinen 
zur Stadt gefahren sind. Da die kleine Baronesse so gern 
mitwollte, trat ich ihr meinen Platz im Auto ab. Meine 
Schwester sitzt wie angeklebt in der Rentmeisterei – und 
ich bin so allein«, klagte er. 
Da mußte sie lachen und blieb, obwohl sie lieber 

davongelaufen wäre. Er griff nach dem Buch, das 
aufgeklappt mit dem Deckel nach oben lag und las: 
»Kant, Kritik der reinen Vernunft. Aber gnädiges Fräulein, 
wer wird in Ihren jungen Jahren so vernünftig sein und so 
was Vernünftiges lesen? Da muß ich ja Respekt vor Ihnen 
haben – und das will ich doch nicht.« 
»Das könnte Ihnen gar nichts schaden«, lachte sie nun 
wieder, was ihn vergnügt schmunzeln ließ. »Sie scheinen 
mir nämlich reichlich – keck zu sein.« 
»Ich doch nicht«, verwahrte er sich treuherzig. »Ich bin ja 
so bescheiden. Begnügte mich sogar mit dem Abitur und 

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überließ das Studieren meinem Bruder.« 
»Eine sonderbare Bescheidenheit.« 

»Nicht wahr? Nun brenne ich brav Ziegel und fabriziere 
Schnaps.« 
»Es scheint Ihnen dabei recht gut zu gehen, wie ich an Ihrer 
Lebensweise feststellen kann.« Sie bewunderte sich selbst, 
weil sie einen so gleichmütigen Ton anschlagen konnte, 
obwohl ihr das Herz schwer wie ein Hammer in der Brust 
schlug. 
»Naja – ich bin’s zufrieden. Wie wäre es, gnädiges Fräulein, 
wenn wir beide einen netten Spaziergang machten? Durch 
diese kleine Pforte, den Wiesenpfad entlang zum Wald, das 
wäre doch herrlich, nicht wahr?« 
»In zwei Stunden gibt es Abendbrot«, versuchte sie 

abzulehnen, allein, da hatte sie nicht mit der 
Hartnäckigkeit Wido Holmsens gerechnet. Was der sich 
nämlich in den Kopf setzte, das führte er auch beharrlich 
durch. Und er dachte es sich ungemein reizvoll, an der 
Seite des entzückenden Mädchens durch die prangende 
Natur zu schreiten. 
»Zwei Stunden sind eine lange Zeit.« Er lachte sie 
gewinnend an. »Wir brauchen ja nicht weit zu gehen.« 
»Oh, über diesen hartnäckigen Menschen«, schüttelte sie 
seufzend den Kopf. »So kommen Sie denn, ich werde Sie ja 
doch nicht los.« 
»Will ich stark hoffen. Geben Sie die >reine Vernunft< her, 

ich stecke sie in die Rocktasche.« 
»Und wenn ich nein sage?« 
»Dann sagte ich ja«, kam es seelenruhig zurück. Vergnügt 
schritt er an der Seite des Mädchens dahin, das die 
Befangenheit vollends verlor und munter plauderte. 
Ganz reizend plauderte, wie er bei sich feststellte. Wenn sie 
gar lachte oder es in den samtgrauen Augen aufleuchtete, 
dann war sie einfach unwiderstehlich. Ganz heiß wurde 
ihm unter der Weste, obwohl er keine trug. 
Die Sonne stand schon ziemlich tief als sie den Wald 
betraten. Kirchenstill schien es um sie her zu sein – und 

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war doch alles so voller Leben. In der Ferne keckerte ein 
Fuchs, hämmerte ein Specht, Eichhörnchen huschten über 

den moosigen Grund – und nun begann gar noch eine 
Nachtigall ihr schluchzend Lied. Erla sprach kein Wort, 
ging mit gesenktem Kopf neben dem Mann her, der 
gleichfalls schwieg. Er sagte auch nichts, als eine Träne 
glitzernd von der Wimper des Mädchens sprang – nur sein 
Herz öffnete sich ganz weit und groß. 
Als er zur Umkehr mahnte, erwachte sie wie aus einem 
wunderbaren Traum. Wie weltentrückt war der Blick, der 
sich zu dem Mann fand. Und was er in den grauen 
Augensternen las, ließ ihm einen Herzschlag lang den Atem 
stocken. 
Scheues, kleines Mädchen, dachte er zärtlich, während er 

an ihrer Seite dahinschritt. Wenn du wüßtest, wie sehr du 
dich verraten hast. Aber ich werde mich hüten, das auch 
nur anzudeuten, sonst bekommst du es fertig, Hals über 
Kopf vor mir zu fliehen – und ich habe das Nachsehen. So 
einem schüchternen Rehlein muß man sich vorsichtig 
nähern, ganz langsam, Schritt für Schritt, sonst vergrämt 
man es für alle Zeit. 
Als sie die Wiese betraten, übergoldete die sinkende Sonne 
alles ringsum mit ihrem Schein. Kühl wehte die Luft. Nebel 
stiegen wie milchige Schleier langsam am Boden auf. Die 
beiden Menschen sprachen auch jetzt nur wenig, ließen 
sich von der traumhaften Stunde einspinnen. Als sie dann 

vor der Tür standen, die zu Erlas Zimmer führte, reichte sie 
ihm zaghaft die Hand, auf die er zart seine Lippen drückte. 
»Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein – es war für mich eine 
Feierstunde.« 
Rasch ging er davon, seinem Zimmer zu – und die »reine 
Vernunft« blieb in seiner Tasche. 
Erla jedoch trat in ihrem Zimmer an das geöffnete Fenster, 
sah in die prangende Blumenpracht hinunter und legte die 
Hände an die heißen Wangen. In ihren Augen stand ein 
tiefes Leuchten, in ihrem Herzen war ein Aufruhr, der sie 
erzittern ließ. 

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»Daß es so was gibt«, flüsterte sie beseligt vor sich hin. »So 
ein heißes, heiliges Gefühl. Jetzt will ich ganz zufrieden 

sein, will nicht mehr weinen, auch nicht mehr barmen – 
denn ich habe heute ein Zipfelchen reinsten, tiefsten 
Glücks erhascht.« 
Sie schrak zusammen, als im Nebenzimmer eine Tür ging 
und gleich darauf Birgit vor ihr stand. 
»Da sind Sie ja, Fräulein von Tessau. Ich suche Sie nämlich 
seit einer Stunde wie eine Stecknadel.« 
»Ich machte mit Ihrem Bruder einen Spaziergang.« Erla 
bemühte sich gleichmütig zu tun. »Es war ganz nett.« 
Nur  ganz  nett,  mein  Kind  -!  lachte  die  andere  in  sich 
hinein. Deine Augen reden eine ganz andere Sprache und 
deine Wangen glühen wie rote Rosen. Demnach muß der 

Spaziergang »himmelhochjauchzend« gewesen sein – und 
hoffentlich für meinen Bruder auch. Wenn du dieses treue 
Herz gewinnst, scheue, zaghafte Erla von Tessau, dann 
ruhst du daran warm und weich für alle Zeit. 
Laut jedoch sagte sie harmlos: 
»Also hat sich doch jemand gefunden, der sich des armen, 
verlassenen Knaben annahm. Er wußte so absolut nichts 
mit sich anzufangen, daß er sich sogar erbot, mir bei 
meinem Schreibkram behilflich zu sein. Als ich das 
ablehnte, zog er betrübt von dannen.« 
»Sind die Herrschaften schon aus der Stadt zurück?« fragte 
Erla hastig, um abzulenken. 

»Das hören Sie doch von der Terrasse her, wo Irina wie ein 
Hähnlein kräht. Gleich wird es gongen, und ich muß mich 
rasch ein wenig frisch machen.« 
Sie ging, während Erla an den Toilettentisch trat, um ihr 
Haar zu bürsten. Sie erschrak, als sie in das Spiegelglas 
schaute. 
Nein, so durften ihre Augen natürlich nicht strahlen. Was 
sollten wohl die anderen denken – vor allen Dingen der 
Mann, für den ihr närrisches Herz mit jeder Faser schlug. 
Das durfte er nie erfahren. Denn der reiche, bedeutende 
Wido Holmsen und die unbedeutende, arme Erla Tessau – 

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unmöglicher Gedanke! 
Gottlob ging es an der Abendtafel so munter zu, daß einer 

auf den andern nicht achtete. Obwohl der Bruder Irina 
wiederholt berief, führte sie dennoch das große Wort. 
»Lassen Sie die Kleine nur«, schmunzelte der Senior. »Wes 
das Herzchen voll ist, läuft der Mund einfach über. Erzähle 
nur weiter, kleines Mädchen. Wir hören gern zu, wenn du 
so lieb plauderst.« 
»Ja – dann fuhren wir zur Villa Holmsen, tranken dort 
Schokolade und aßen Kuchen mit Schlagsahne«, rührte 
sich der Plappermund weiter. »Das schmeckte mir so gut, 
wie nie in meinem Leben zuvor. Dann ging Fräulein 
Doktor mit Alexa und mir in ein Geschäft, wo sie uns süße 
Sonnenhüte kaufte, die wir am See tragen dürfen. Der Herr 

Doktor sagt, wenn ich kräftig genug bin, nimmt er mich an 
die Angel, damit ich schwimmen lerne. So, jetzt bin ich 
fertig, nun redet ihr.« 
So drollig klang es, daß man herzlich lachte und 
gleichzeitig gerührt war. Wenn die kleine Baronesse sich 
über etwas so sehr freuen konnte, was manche Kinder ihres 
Alters als Selbstverständlichkeit hinnahmen, wie arm 
mußte ihr bisheriges Leben gewesen sein – trotz der 
Vergötterung der Mutter. 
An diese dachte auch der Baron. Was sollte werden, wenn 
sie heimkehrte und Irina wieder vollständig mit Beschlag 
belegte, sie nach wie vor mit Überängstlichkeit bewachte? 

Das würde bei dem Kind, das sich jetzt unter fröhlichen 
Menschen so frei bewegen durfte, einen grenzenlosen 
Jammer geben. 
Am nächsten Tage regnete es, so daß man sich im Hause 
vergnügen mußte. Familie Holmsen, außer Birgit, dazu Erla 
und Irina, hielten sich auf der Veranda auf, die dem 
hinteren Teil des Hauses vorgelagert und so geräumig war, 
daß sie bequem Platz für alle bot. 
Wärmer gekleidet als an Sonnentagen saß man in 
Korbsesseln um den Tisch an einem Ende, während die 
beiden Kinder am gegenüberliegenden Halma spielten. 

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Die drei Damen stichelten an einer Handarbeit, die drei 
Herren schmauchten in Beschaulichkeit ihr Shagpfeifchen. 

Dazu unterhielt man sich an dem Tisch gemütlich, 
während es am andern lebhaft zuging. Dort führte wieder 
einmal Irina das große Wort. 
»Siehst du, da hab ich dich aufs neu«, frohlockte sie, und 
Alexa klagte: 
»Du spielst aber auch zu raffiniert.« 
»Ja, mein Kind, im Spiel kein Freund«, kam die Antwort 
großartig. »Da muß man zusehen, wie man am besten 
vorankommt. Wenn du aber so ein Schnutchen ziehst, 
dann will ich nicht so sein und ab und zu einen Zug 
verkehrt machen, wie meine Mutter es früher mit mir tat, 
damit ich nicht weinte. Jetzt laß ich mir das natürlich nicht 

mehr gefallen, jetzt wünsche ich ein faires Spiel. Doch da 
du drei Jahre jünger bist als ich, kannst du dich schon ein 
wenig schonen lassen.« 
»Das möchte ich aber nicht«, protestierte die Kleine. »Man 
darf sich nichts unverdient schenken lassen, sagt meine 
große Schwester.« 
»Das sagt mein großer Bruder auch. Du, der ist ungeheuer 
stolz. Der gibt lieber, als daß er nimmt.« 
Am andern Tisch hatte man Mühe, ein herzliches Lachen 
zu unterdrücken. Sie war eigentlich gar nicht so übel, die 
kleine Baronesse. Ein helles Köpfchen und anscheinend 
auch gutmütig. Wenn man ihr die Unarten abgewöhnte, 

wobei sie natürlich einen starken Halt brauchte, konnte 
schon noch ein liebenswertes Menschenkind aus ihr 
werden. 
Das dachte auch Erla, die schweigend an einer feinen 
Spitze häkelte und kaum den Blick zu heben wagte. Wenn 
sie es nämlich tat, schaute sie mitten in zwei lachende, 
blaue Männeraugen hinein – und das schien ihr gar zu 
gefährlich. 
Reizend sah die kleine Lehrerin aus in dem lichtgrünen 
Wollpullover und dem weiten Plisseerock. Wie Schlänglein 
ringelte sich das dunkle Haar auf dem feinen Köpfchen. 

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Das Gesichtchen weich und süß, die Hände kinderklein 
und zart. Wahrlich eine Augenweide, bei der einem schon 

das Herz aufgehen konnte. 
Widos Blick ruhte auch unausgesetzt auf dem geneigten 
Mädchenkopf. Die Augen redeten zeitweilig eine so 
unbedachte Sprache, daß sich seine Lieben verstohlen 
lächelnde Blicke zuwarfen. Endlich konnte der Senior nicht 
länger an sich halten und bemerkte vergnügt: 
»Somit wäre denn alles in schönster Ordnung.« 
»Was denn?« fragte Wido verständnislos. »Warum lacht ihr 
denn so übermütig?« 
»Über die Kinder«, entgegnete Frau Gina schnell gefaßt. 
»Über uns?« war es nun an Irina, verständnislos zu fragen. 
»Was tun wir denn so Lächerliches?« 

»Lächerliches nicht, mein Kind. Wir freuen uns, daß ihr so 
gut miteinander auskommt. Laßt euch nicht stören, spielt 
ruhig weiter.« 
»Siehst du, Alexa.« Irina war so stolz, als ob man ihr einen 
Orden verliehen hätte. »Wir vertragen uns jetzt ganz gut. 
Das heißt, du bist immer so brav, während meine Zunge 
trotz allen Bemühens doch zeitweilig ausrutscht. Aber laß 
man, das gewöhne ich ihr auch noch ab. Mein Bruder soll 
sich bald nicht mehr meiner zu schämen brauchen.« 
»Tut er das denn?« erkundigte sich Holmsen sen. harmlos. 
»Und wie! Wenn er mir das vorhält, sieht er immer ganz 
versorgt aus. Dabei hat er es schon ohnehin nicht leicht, 

der arme Kerl.« 
Ordentlich bekümmert klang es und löste bei den anderen 
amüsiertes Lachen aus, in das die Kleine fröhlich 
einstimmte. 
Indes betrat der »arme Kerl« die Rentmeisterei, wo Birgit 
fleißig arbeitete. 
»So, gnädiges Fräulein, an diesem Regentag, wo die 
Heuernte gezwungenermaßen unterbrochen werden muß, 
habe ich auch einmal Zeit für Ihre Angelegenheiten hier. 
Gestatten Sie, daß ich die Bücher einsehe?« 
»Bitte sehr. Hoffentlich ist alles einigermaßen klar, damit 

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Sie nicht gar zu viel in Ordnung bringen müssen.« 
»Das glaube ich nicht.« Er nahm ihren Platz am 

Schreibtisch ein, den sie bereitwillig räumte und sich in 
einen Korbsessel setzte. Während er sich in die Bücher 
vertiefte, hatte sie Muße, ihn genau zu betrachten. Sie sah 
sein Antlitz im Profil, hart war es geschnitten, stolz und 
kühn. Auf dem schmalen Kopf lag das Haar peinlich 
geordnet, die rassige Gestalt saß aufrecht im Stuhl. Die 
kühlen blauen Augen blickten suchend über die 
Zahlenreihen, die nervige Hand wandte Blatt um Blatt. 
Man sagte Birgit Holmsen nach, daß wohltemperiertes Blut 
in ihren Adern fließe, was sie selbst auch spürte und froh 
darüber war. Deshalb erfüllte es sie mit heißem Schreck, als 
ihr Herz plötzlich so sonderbare Sprünge tat, so daß sie 

hätte lachen und weinen mögen in einem Atemzug. 
Nein, du törichtes Herz, das laß gefälligst bleiben – lehnte 
sie sich sofort dagegen auf. Verliere dich nicht in einer 
blühenden Wildnis, in der du dich an Dornen und Disteln 
blutig reißt. Denn das Herz, dem du entgegenstrebst, das 
bleibt für dich tabu. 
Oder meinst du etwa, daß der stolze Mann seine Hand 
ausstrecken würde nach der Tochter des Besitzers von 
Ragaltshöfen, wo er Verwalter ist? Wo er außerdem noch 
seine herrische Mutter und seine ungezogene Schwester mit 
in die Ehe bringen müßte? Mit denen unter einem Dach zu 
leben, würde ein Mann wie er seiner jungen Frau nie 

zumuten. 
Und dann – und überhaupt – sein Herz müßte zu dem 
erglühen, dem er sich vermählte. Und daß du es nicht bist, 
du törichtes Ding, das laß dir nur klarmachen. Also bleib 
hübsch vernünftig. 
Sie schrak aus ihren Grübeleien auf, als der Mann sie ganz 
unvermutet ansprach: 
»Wollen Sie bitte herkommen, und mir verschiedenes hier 
erläutern, gnädiges Fräulein?« 
Schwer waren ihr die Füße, die sie vorwärts setzte, um 
dann neben dem Mann zu verharren. Ein Gemisch von 

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feinem Tabak und herbem Parfüm schlug ihr entgegen – 
und da schloß sie die Augen unter einem ihr unbekannten 

Gefühl, das ihr Herz erzittern ließ in Jubel und Pein 
zugleich. Sie biß die Zähne fest zusammen, holte 
mehrmals tief Atem – und dann ging es schon wieder. 
Aufmerksam folgte sie seinem Finger, der langsam über 
eine Zeile fuhr. 
»Wie hängt das hier zusammen, gnädiges Fräulein? Ich 
kann leider nicht klug daraus werden.« 
»So will ich es Ihnen erklären.« Sie bemühte sich, ihrer 
Stimme Festigkeit zu geben, was zu ihrer eigenen 
Genugtuung auch gut gelang. »Ich mußte es an dieser Stelle 
verbuchen, weil ein unverhoffter Eingang dazwischen kam. 
Hier ist der Beleg.« 

»Danke«, entgegnete er gelassen, nachdem er das Blatt 
geprüft hatte. »Jetzt bin ich im Bilde und muß schon sagen, 
daß Sie sehr exakt gearbeitet haben. Es ist eine Freude, die 
sauberen Bücher einzusehen. Ihr Herr Vater darf mit Recht 
stolz auf seine Rendantin sein.« 
Birgit ärgerte sich, daß ihr bei dem Lob das Blut heiß ins 
Gesicht stieg. Sie war ganz einfach eine dumme Gans! 
Wenn er doch endlich seine kühlen, forschenden Augen 
von ihrem Gesicht wenden würde. Aber sie ruhten darauf, 
als wollten sie ihre Seele ergründen – und das fehlte ihr 
gerade noch! 
Sich selbst zum Schutz warf sie den Kopf in den Nacken 

und meinte von oben herab: 
»Mein Vater hat meine Brüder und mich so erzogen, daß 
seine Pflicht zu tun eine Selbstverständlichkeit bedeutet. 
Stolz darauf zu sein, würde er als übertrieben erachten.« 
»Na schön.« Er löste mit bitterem Lächeln nun den Blick 
von dem hochmütigen Mädchengesicht. »Wohl dem Vater, 
der so prächtige Kinder sein eigen nennt. Aber meine 
Anerkennung müssen Sie sich schon gefallen lassen, 
gnädiges Fräulein.« 
Er stand auf, verharrte vor ihr in tadelloser Verbeugung, 
dann ging er rasch hinaus, während sie sich auf den 

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Schreibtischstuhl sinken ließ, das Gesicht auf die 
verschränkten Arme warf und so jammervoll weinte, als 

müßte ihr das Herz brechen. 
Zwei Tage hielt das Regenwetter an, dann gab es 
strahlenden Sonnenschein aufs neu. Familie Holmsen 
tummelte sich wieder im Park und am See, machte 
Spaziergänge, vertrieb sich die Zeit auf Ferienart – faul und 
behaglich. 
Anfangs wollte man nur vier Wochen dazu ausersehen, als 
jedoch im Holmsenschen Unternehmen alles wie am 
Schnürchen lief, entschloß man sich, noch Juli und den 
halben August über in Ragaltshöfen zu bleiben. Dann 
wollten die Verlobten mit Eifer daran gehen, das Haus, 
welches sie mit der Praxis übernommen, nach ihrem 

Geschmack einzurichten. Im September sollte dann die 
Hochzeit sein. 
Das Familie Holmsen – und Odalf Vörswelde? Er fürchtete 
sich vor dem Augenblick, da seine Mutter wieder in 
Ragaltshöfen auftauchen würde. Eigentlich beschämend, 
daß dem so war. Er müßte vielmehr die Mutter ungeduldig 
herbeisehnen und sie nicht mit Bangen erwarten. Ja, wenn 
er sich auf eignem Grund und Boden befände, dann sollte 
es ihm gleich sein, wie die aggressive Dame sich gebärdete. 
Aber da er hier nur ein Angestellter war, gab es auf seinen 
Brotherrn und dessen Familien Rücksicht zu nehmen an 
allen Ecken und Enden – und das zu tun lag der Baronin 

Vörswelde nun einmal nicht. Die wollte überall herrschen, 
selbst in dem Hause, das ihr nicht gehörte. 
Und dann war zu Mitte des Juli der Tag da, an dem die 
Baronin dem Sohn ihre Ankunft mitteilte. Er sorgte dafür, 
die wochenlang unbewohnten Räume wieder wohnlich zu 
machen. Ließ sie gründlich säubern, stellte Blumen hinein 
– aber nur aus einem Pflichtgefühl heraus, nicht aus Freude 
und glückseliger Erwartung. Man war gerade vom 
Mittagstisch aufgestanden, als der Bruder das Schwesterlein 
mahnte: 
»Halte dich bereit, Irina. In zehn Minuten fahren wir ab, 

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um die Mama von der Bahn abzuholen.« 
»Bitte, Odalf, laß mich hierbleiben«, flehte das Kind, doch 

er fuhr es hart an: 
»Du wirst gehorchen, verstanden? Was soll die Mutter wohl 
denken, wenn du zu ihrer Begrüßung auf dem Bahnhof 
nicht dabei bist? Es würde sie bitter kränken.« 
Dicke Tränen standen in den Augen des Mädchens, als es 
wie ein armer Sünder abtrollte. 
»Ist doch ein Skandal«, brummte Papa Holmsen, als die 
beiden außer Hörweite waren. »Anstatt so ein Kind sich 
über die Rückkehr der Mutter freut, sieht es ihr mit Bangen 
entgegen. Da fehlt doch gleich mit der Faust auf den Tisch 
zu hauen!« 
»Laß die Faust, Martin«, mahnte die Gattin gelassen. »Du 

würdest damit nur einen Skandal heraufbeschwören, den 
wir dem ohnehin schon geplagten Baron unbedingt 
ersparen müssen. Also, Kinder, geht der impertinenten 
Dame aus dem Wege, soweit ihr könnt. Darum bitte ich 
euch von Herzen.« 
»Wir können ihr wohl aus dem Wege gehen, aber Fräulein 
von Tessau nicht«, sprach Wido mit einem mitleidigen 
Blick in das blasse Mädchengesicht. 
Unendlich müde kam es von den zuckenden Lippen: 
»Was liegt schon an mir? Wie es auch kommen mag, ich 
muß zufrieden sein.« 
»Na, hören Sie mal, mein kleines Fräulein, es geht doch 

nun wirklich nicht, an, in ihren jungen Jahren so 
gottergeben zu resignieren.« Der Senior schüttelte 
mißbilligend den Kopf. »Donner noch eins, da muß es 
wohl einen Ausweg geben! Sie haben doch so niedliche. 
Zähnchen, wie wäre es, wenn Sie diese der hochfahrenden 
Baronin zu gegebener Zeit zeigten? Wenn das nicht hilft, 
geben Sie Ihren traurigen Posten einfach auf.« 
»Oh, bitte nicht.« Das Mädchen hob abwehrend die 
Hände. »Ich muß hier aushalten, weil ich es dem Herrn 
Baron versprach. Außerdem geht es mir gewiß nicht 
schlecht.« 

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»Natürlich«, stieß Wido grimmig zwischen den Zähnen 
hervor. »Sehr gut, muß man sagen, ein Pulverfaß ist gar 

nichts dagegen. Wehe, dreimal wehe – « 
»Wido!« rief die Mutter dazwischen, die gleich den andern 
das Lachen kaum verbeißen konnte. »Ich habe bisher nicht 
gewußt, daß du so fürchterlich in deinem Zorn sein kannst 
– du, die personifizierte Gemütlichkeit.« 
»Ach was«, brummte er verlegen. »Wer soll bei den 
miserablen Verhältnissen hier auch noch gemütlich 
bleiben?« 
Damit stürmte er davon – und Erla sah ihm sehnsüchtig 
nach. Ihr ganzes liebeerfülltes Herz lag in dem Blick. 
»Hm«, schmunzelte Papa Holmsen. »Da kann man wohl 
sagen – « 

»Martin-!« 
»Was  willst  du,  Gina«,  tat  er  harmlos.  »Laß  mich  doch 
ausreden: Da kann man wohl sagen, daß unser Wido sehr 
langweilig ist. Nicht wahr, gnädiges Fräulein?« 
Das bekam große erschrockene Augen. 
»Um Gott, wie könnte ich mich erdreisten, Kritik an Herrn 
Holmsen zu üben!« 
»Na eben, Sie bescheidenes Mägdlein. Da höre ich unten 
das Auto abfahren. Was wird die Baronin wohl sagen, 
wenn sie ihr Töchterlein erblickt? In vier Wochen acht 
Pfund Gewichtzunahme, ist für ein Kind immerhin 
beträchtlich. Dazu braungebrannt und quietschvergnügt. 

Bei dem Anblick müßte wohl jeder Mutter das Herz im 
Leibe lachen. 
Übrigens sieht es so aus, als ob wir Gewitter bekämen. Die 
Wetterwolken am Himmel gefallen mir nicht.« 
»Gewitter und Sturm – das richtige Omen für den Einzug 
der Baronin«, lachte Birgit. Und tatsächlich blitzte und 
krachte es, als das Auto vor dem Herrenhaus hielt. Man 
hatte unter den Holmsen, außer Wido, der seinen Groll 
irgendwo auslief, beraten, ob man sich zum Empfang der 
Baronin einfinden sollte. Schließlich kam man davon ab. 
Weil man sowieso strenge Distanz zu wahren gedachte, 

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wollte man sich erst gar nicht blicken lassen. 
Also blieb man in dem behaglichen Gemach, das neben 

dem Speisezimmer lag, sitzen und horchte auf das 
Unwetter draußen, das sich langsam zu verziehen begann. 
Da stürmte Irina selber wie ein kleines Gewitter herein, ein 
zorniges Funkeln in den verweinten Augen. 
»Da haben wir die Bescherung!« Sie ließ sich auf den 
nächsten Stuhl sinken. »Kaum ist die Mama hier, 
überschüttet sie meinen Bruder auch schon mit Vorwürfen. 
Anstatt sich darüber zu freuen, daß ich mich so gut erholt 
habe, kam die ungnädige Bemerkung, daß ich wie ein 
dralles, braungebranntes Bauernmädchen aussähe. 
Als ich gar von meinen Schwimmübungen an der Angel 
erzählte, rang sie die Hände und sah mich schon 

umgebracht auf der Bahre liegen. Ferner beanstandete sie 
mein Schlafen in Fräulein von Tessaus Zimmer. Und das 
alles, während wir im Auto Ragaltshöfen zufuhren. Ein 
Wunder, daß Odalf uns nicht gegen einen Baum steuerte. 
Und jetzt redet die Mama auf ihn ein, sich mit einer jungen 
Dame zu verloben, die sie im Bad kennenlernte. Sie 
schilderte diese als so unvergleichlich, wie es bestimmt 
keinen Menschen gibt. Außerdem ist die Verherrlichte reich 
und würde dem zukünftigen Mann ein Gut schenken.« 
»Was sagt dein Bruder zu alledem?« forschte Papa Holmsen 
wie beiläufig. 
»Er sagte nur einmal: Nein! – und dann nichts mehr. Bei 

seiner harten Stimme fuhr mir dermaßen der Schreck in die 
Glieder, daß ich hierher flüchtete. Wäre die Mama nur 
noch nicht zurückgekehrt – « 
»Irina –!« rief Frau Holmsen mahnend dazwischen. »Kind, 
wie kann man sich nur so versündigen. Danke Gott, daß 
du noch eine Mutter hast – und so eine liebevolle dazu. 
Geh jetzt zu ihr, die dich vier Wochen entbehrte. Eine 
endlos lange Zeit für ein zärtliches Mutterherz.« 
Der Blick, der sie aus den Kinderaugen traf, schien zu 
sagen: Sprich doch nicht gegen deine Überzeugung. Allein, 
dem zusammengepreßten Mund entschlüpfte kein Wort. 

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Brüsk erhob sich die Kleine, hastete davon – und als sie 
gerade durch die Tür trat, brach durch die abziehenden 

Gewitterwolken die helle Sonne. Wie eine Verheißung 
schien es zu sein, daß auf Regen Sonnenschein folgt. 
Irina saß mit der Mutter beim Abendessen und stocherte 
unlustig in dem Fleischsalat. Zwar gab sie sich alle Mühe, 
den Teller leer zu essen, doch es wurde nur ein mühsames 
Herunterwürgen zusammen mit den Tränen, die ihr wie ein 
Kloß im Hälse steckten. Sehnsüchtig lauschte sie auf das 
Lachen, das aus dem andern Speisezimmer 
hinüberflatterte. Gestern hatte sie noch dabei sein dürfen, 
fröhlich unter den Fröhlichen – und heute… 
Heiß aufweinend ließ sie den Kopf auf den Tisch sinken, 
wobei die Mutter bis ins tiefste Herz erschrak. 

»Mein Goldkind, mein einziges, was hast du denn?! Bist du 
krank, tut dir etwas weh? Ich sage ja, die Unvernunft der 
Holmsen – « 
»Sei still, Mama!« rief das Kind heftig dazwischen. Dann 
sprang es auf, lief zum Schlafzimmer und knallte die Tür 
hinter sich zu. Als die Mutter sich aus ihrer Erstarrung 
soweit erholt hatte, daß sie der Tochter nachzugehen fähig 
war, lag diese bereits im Bett. Die Kleider, wahrscheinlich 
in fliegender Hast abgestreift, befanden sich auf dem 
Fußboden. So viel die Mutter auch schmeichelte und bat, 
der blonde Kopf blieb in den Kissen vergraben. Da rief die 
Frau angstvoll nach dem Sohn, der sofort herbeieilte. 

»Odalf, das Kind-!« Beunruhigt trat er an das Bett, drehte 
behutsam das Köpfchen zur Seite und sah in ein nassen 
Gesicht. Das Kissen, auf dem sie ruhte, war feucht von 
Tränen. Jetzt schlief das Kind, doch immer noch zuckte es 
um den Mund wie verhaltenes Weinen. Zart legte Odalf das 
Köpfchen in die alte Lage zurück und wandte sich dann der 
Mutter zu. Es war ein zornverdunkelter Blick, der sie traf. 
»Laß Irina schlafen«, sagte er kurz. »Was hat’s gegeben?« 
Sie erstattete Bericht, der mit den Worten schloß: 
»Wie konntest du das Kind nur so viel der Familie 
Holmsen überlassen, Odalf. Kein Wunder, daß es dabei 

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krank werden konnte.« 
Nun lachte er hart auf. 

»Natürlich, andere haben schuld. Suche sie lieber bei dir. 
Gute Nacht.« 
Schroff wandte er sich ab und ging nach seinem 
Arbeitszimmer, trat an das geöffnete Fenster und starrte in 
die Anlagen hinaus, die das Haus vom Wirtschaftshof 
trennten. Der Regen hatte die Natur wunderbar erquickt, 
wie frischgewaschen sah alles aus. Langsam verblaßte die 
Abendröte am Horizont. 
Er zuckte schmerzvoll zusammen, als ein herziges Lachen 
vom Park her aufflatterte. Das war die kleine Alexa, die 
unbekümmert ihr Kinderdasein durchleben durfte – 
während Irina… 

Hastig trat er vom Fenster fort, setzte sich an den 
Schreibtisch und arbeitete bis in die tiefe Nacht hinein. 
Als er am nächsten Morgen das Schlafzimmer der Mutter 
betrat, lag Irina noch im Bett. 
»Guten Morgen, du kleiner Faulpelz«, grüßte er frisch. 
»Willst du etwa um dein Frühstück kommen?« 
»Laß mich im Bett, Odalf. Ob ich hier liege oder neben der 
Mama sitze, bleibt sich gleich. Essen kann ich sowieso 
nicht, weil es mir wie ein Kloß im Hals steckt.« 
»Bist du denn krank, Kleines?« 
»Ja – aber anders als du annimmst. Hör mal, wie Alexa 
oben auf dem Altan lacht. Und ich – « 

»Aber Iri.« Er strich zärtlich über die Kinderaugen, in denen 
dicke Tränen standen. »Das Lachen verbietet dir doch 
niemand. Schau mal, die Mama – « 
»Laß mich mit der Mama in Ruhe!« rief sie heftig 
dazwischen. »Die ist daran schuld, daß ich nun nicht mehr 
mit den andern zusammen essen darf.« 
»Irina, jetzt bist du wieder ungezogen.« 
»Ach was, ich spreche die Wahrheit. Wenn die Mama mich 
wirklich so lieb hätte, wie sie immer tut, dann würde sie 
ganz anders handeln. Ich mag sie schon gar nicht mehr.« 
»Hör auf!« unterbrach der Bruder sie streng. »Wage nicht 

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noch einmal, so unerhörte Bemerkungen zu machen. Indes 
du dich ankleidest, gehe ich mit der Mama in den kleinen 

Salon.« 
Ihres Widerstrebens nicht achtend, zog er die Frau zu dem 
lauschigen Gemach, drückte sie in einen Sessel und blieb 
vor ihr stehen, die nun mit verkniffenem Gesicht dasaß. 
»Ist es denn so ungeheuerlich, was Irina von dir verlangt?« 
sprach er tiefernst auf sie ein. »Mütter sollen doch dazu 
imstande sein, ihrem Kind sogar große Opfer zu bringen – 
und dieses wäre doch so winzig klein. Geh in dich, bevor es 
zu spät ist. Erfüllst du Irinas Wunsch, wird sie dir gewiß 
von Herzen dankbar sein. Tust du es nicht – verlierst du die 
Liebe deines Kindes.« 
Damit ließ er sie allein. Ging in sein Arbeitszimmer, in das 

schon einige Minuten später die Schwester fertig 
angekleidet stürmte. Die Augen strahlten, der Mund lachte. 
»Odalf, denk dir nur, die Mama will fortan die Mahlzeiten 
im Speisezimmer der Holmsen einnehmen! Oh, ich bat 
vielmals um Verzeihung, weil ich sie vorhin kränkte. Sie ist 
doch gut, unsere Mama.« 
Weg war sie – und der Mann atmete auf. Eiligst gab er Urte 
Anweisung, zwei Gedecke mehr auf den Frühstückstisch zu 
legen. Kaum war das geschehen, gongte es, und die 
Baronin trat ein, die strahlende Irina an der Seite. Da ging 
der Sohn auf die Mutter zu, griff nach ihrer Hand und 
drückte stumm die Lippen darauf. 

Nun erschien auch Familie Holmsen geschlossen. Als Alexa 
die kleine Baronesse hinter ihrem Stuhl stehen sah, lief sie 
freudestrahlend zu ihr hin. 
»Iri, du ißt wieder hier? Wie schön! Das war gestern beim 
Abendessen gar nichts ohne dich, ich habe immer auf den 
leeren -Stuhl schauen müssen. Natürlich sitzen wir 
nebeneinander. Wenn wir auch nur reden dürfen, sofern 
wir gefragt werden, können wir uns wenigstens anlachen.« 
Lächelnd schauten die Erwachsenen auf die Kinder, die sich 
glückstrahlend bei den Händen hielten. Dann mahnte die 
junge Ärztin, die gleich ihrem Verlobten der Dame 

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vorgestellt worden war, das Schwesterlein: 
»Begrüße die Frau Baronin, Alexa.« 

Artig beugte das Kind sich über die Hand Frau Mildreds, 
die es nun für angebracht „hielt, einige konventionelle 
Worte zu sprechen: . 
»So eine kleine Schwester haben Sie noch, Fräulein 
Doktor?« 
»Sie ist ein Nachkömmling, Frau Baronin. Das heißt, 
zwischen uns gab es noch einen Bruder, der zu unser aller 
Schmerz starb.« 
Man nahm Platz und gab sich alle Mühe, ein reges 
Gespräch in Gang zu bringen, denn die Baronin in ihrem 
Speisezimmer zu sehen, überraschte Familie Holmsen 
nicht wenig, was man jedoch meisterhaft zu verbergen 

verstand – auch daß man die Anwesendheit der Dame als 
störend empfand. Wie ein düsterer Schatten saß sie da, 
hielt den starren Blick unausgesetzt auf die Tochter 
gerichtet, die ihrer Ansicht nach wie ein 
»Scheunendrescher« aß. Diese ließ den Milchbecher 
nachfüllen, verzehrte zwei Toasts mit Gelee, hinterher noch 
eine große, gutbelegte Schwarzbrotschnitte. 
»Irina, du wirst dir den Magen überladen«, war das erste, 
was die schockierte Dame sprach, doch das Töchterlein 
winkte beruhigend ab. 
»Laß nur, Mama, ich esse jetzt immer so viel. Ich darf das, 
solange es mir gut schmeckt, sagt der Herr Doktor. Und der 

weiß eine ganze Menge.« 
»Woraus schließt du das?« erkundigte sich der Arzt 
amüsiert, während die andern lachten. 
»Weil mein Bruder der Ansicht ist. Nehmen Sie mich heute 
wieder an die Angel, Herr Doktor?« 
»Nur, wenn es deine Mutter gestattet.« 
Ein bittender Blick des Kindes ging zu ihr hin, worauf sie 
nickte. Zwar widerwillig, wie sich nicht verkennen ließ, 
aber sie tat es wenigstens. Anschließend fragte sie: 
»Hast du denn noch immer Ferien, Iri?« 
»Bis zur nächsten Woche, Mama. Aber ich hoffe, daß Odalf 

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sie verlängern wird, bis Alexa zur Stadt zurück muß. Nicht 
wahr, du lieber großer Bruder?« 

»Schau mal an, wie liebenswürdig du sein kannst!« gab er 
lächelnd zurück. »Was meinen Sie, Fräulein von Tessau, 
können wir das verantworten?« 
»Gewiß, Herr Baron. Irina ist ja bedeutend weiter, als der 
Lehrplan es verlangt.« 
»Na also. Dann bitte die Mama nur schön, mein Kleines, 
daß sie dir weitere Ferien bewilligt. 
Aber nicht gleich«, wehrte er amüsiert ab, da das Kind die 
gefalteten Hände nach der Richtung streckte, wo die Mutter 
saß. »Jetzt mußt du wieder lieb dein Schnäbelchen halten.« 
Sie war’s zufrieden und verhielt sich ruhig. Doch nach dem 
Frühstück, als die Mutter ihr Zimmer aufsuchte, folgte sie 

ihr und umhalste sie stürmisch. 
»Nicht wahr, Mama, du erlaubst es? Sag bitte ja, sonst 
machst du mich wieder traurig. Ich würde nämlich 
während des Unterrichts unaufmerksam werden, wenn ich 
unten Alexa lachen hörte.« 
»Was fragst du mich überhaupt noch«, kam es pikiert über 
die verkniffenen Lippen. »Ich habe hier nichts mehr zu 
sagen.« 
»Eine irrige Ansicht«, bemerkte der Sohn, der hinzu kam, 
gelassen. »Eine Mutter hat immer über ihr Kind zu 
bestimmen.« 
»Das merkt man hier an allem«, lachte die Frau nun 

verbissen auf. »Vier Wochen genügten vollauf, um mir 
mein Kind zu nehmen. Ich bedeute nichts mehr als eine 
Staffage.« 
Betreten stand die Kleine da, und der Bruder strich zärtlich 
über das geneigte Köpfchen. Ein Seufzer hob seine Brust. 
»Mutter, du machst deinen Kindern wahrlich das Leben 
schwer.« 
»So kann ich ja gehen«, entgegnete sie spitz. »Liebevolle 
Kinder habe ich, das muß man schon sagen. Ein Sohn will 
nichts von mir wissen, der andere auch nicht – « 
»Jetzt hör aber auf, Mama!« unterbrach er sie unwillig. »Ich 

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glaube, daß ich als Sohn dir bisher noch nichts schuldig 
blieb. Du könntest hier den Himmel auf Erden haben, 

wenn du von deiner starren Unzugänglichkeit lassen 
wolltest. Schließ dich der Familie Holmsen an, diesen 
prächtigen Menschen, die sich so selbstlos deiner Tochter 
annahmen, obwohl sie zuerst recht ungezogen war. Dr. 
Holmsen sowie die junge Ärztin hatten es bestimmt nicht 
nötig, in ihren Ferien das fremde, unterernährte Kind – « 
»Unterernährt – das verbitte ich mir!« rief sie empört 
dazwischen, doch er sprach unbarmherzig weiter: 
»Jawohl – unterernährt und total falsch behandelt. Was 
Irina fehlte, war weiter nichts als ungebundenes Tummeln 
in frischer Luft, dazu verständnisvolles Eingehen auf ihre 
kindlichen Sorgen. Es mutet wie ein Wunder an, was die 

vier Wochen aus dem schwächlichen, verdrießlichen und 
unerzogenen Kind gemacht haben. Wenn du das nicht 
einsiehst, bist du ungerecht. 
Und du mach nicht so entsetzte Augen, Irilein. Verlaß dich 
nur auf deinen großen Bruder, der wacht auch ferner über 
dich. Lauf zu Alexa, deren frohes Stimmchen ich draußen 
höre.« 
Nur zu gern trollte das Kind ab, und Odalf sprach weiter 
auf die erbitterte Frau ein: 
»So werde doch endlich vernünftig, Mama. Werde gut 
Freund mit Familie Holmsen.« 
»Das kann ich nicht.« 

»Nun, mehr, als dir immer wieder zureden, steht leider 
nicht in meiner Macht. Wenn du durchaus an deiner 
starren Unzugänglichkeit festhalten willst, dann laß 
wenigstens Irina davon aus. Hör nur, wie fröhlich sie 
draußen lacht. Das ist Musik für meine Ohren, der ich nur 
ihr Bruder bin. Wieviel mehr müßte das für dein 
Mutterherz sein.« 
Er ging – und die Mutter starrte ihm verbissen nach. 
Die nächste Zeit sollte lehren, daß doch ein guter Kern in 
Irina steckte. Obwohl sie viel lieber weiter im Zimmer der 
Lehrerin geschlafen hätte, fügte sie sich dennoch darin, das 

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Schlafgemach ihrer Mutter zu teilen. Wenn sie sich im Kreis 
der Familie Holmsen vergnügte, lief sie plötzlich davon, 

um nach der Mama zu sehen. Und wenn sie diese in ihrem 
Zimmer fand, verbissen, murrend und klagend, dann 
wurde sie traurig. 
Genauso erging es Odalf – und selbst die andern waren 
nicht so fröhlich wie sonst, wenn sie mit der 
schweigsamen, hochmütigen Dame bei Tisch saßen. So 
wenig leid sie ihnen tat, um so mehr Sorge machte ihnen 
der Baron. Er sah tatsächlich aus, als ob er krank wäre. Das 
Gesicht war beängstigend schmal geworden und wirkte 
dadurch noch härter als gewöhnlich. Die Kleider schienen 
ihm zu weit geworden zu sein. 
»Sie sehen nicht gut aus, Herr Baron«, sagte Holmsen sen. 

eines Sonntags am Frühstückstisch. »Kein Wunder, da Sie 
sich kaum Ruhe gönnen. Tagsüber draußen strammen 
Dienst, bis zum späten Abend am Schreibtisch – dazu noch 
das ganze Drum und Dran, das hält kein Mensch auf die 
Dauer aus, mag er auch wie aus Stahl und Eisen sein. 
Denken Sie denn überhaupt nicht an sich?« 
»An mich zu denken habe ich mir längst abgewöhnt«, 
entgegnete er mit bitterem Lächeln, und da wurde der 
andere ärgerlich. 
»Dann werden wir Sie dazu zwingen, mein lieber Freund. 
Sie sind für Ragaltshöfen nämlich so wichtig, daß Sie nicht 
schlappmachen dürfen. Was gibt es für Sie überhaupt so 

viel zu schreiben? Kann das meine Tochter nicht 
erledigen?« 
»Ich möchte das gnädige Fräulein nicht überanstrengen. Es 
leistet schon gerade genug.« 
»Ja, ist denn das die Möglichkeit?« Holmsen schüttelte 
konsterniert den Kopf. »Mann, können Sie da nicht den 
Mund aufmachen und sagen, daß noch eine Hilfskraft 
fehlt? Sie bilden ja ein glänzendes Gegenstück zu dem 
kleinen Fräulein Lehrerin, das vor lauter Bescheidenheit 
auch das Schnäbelchen nicht aufkriegt. Also kurz die Rede, 
lang der Sinn: Es wird in der Rentmeisterei eine Hilfskraft 

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eingestellt, die dort meiner Tochter die Arbeit zum Teil 
abnimmt, damit sie frei für Ihren Schreibkram wird. Was 

sie nicht allein erledigen kann, diktieren Sie ins 
Stenogramm – nur Ihre Liebesbriefe müssen Sie allein 
schreiben«, setzte er schmunzelnd hinzu, was die andern 
befreit auflachen ließ. Denn man war mit Bangen der 
geharnischten Rede gefolgt. 
»Ach, wenn es sein muß, schreibe ich auch die noch«, 
erklärte Birgit trocken. »Dann weiß ich wenigstens, wie 
man so was zustande bringt.« 
»Mein Bruder schreibt überhaupt keine Liebesbriefe«, warf 
Irina ordentlich empört ein. »Dafür ist er viel zu 
anständig.« 
Jetzt mußte selbst die Baronin lachen. 

»Ja, Kind, was stellst du dir denn darunter vor?« 
»Als etwas Heimliches. Und alles Heimliche ist 
unanständig.« 
Eine einfache Logik, über die man sich köstlich amüsierte. 
Nach dem Frühstück suchte sich jeder sein 
Sonntagsvergnügen. 
Birgit ließ sich ihr Pferd satteln, einen rassigen Braunen, 
doch ohne jede Tücken. Also ein zuverlässiger Kamerad. 
Ein herrliches Gefühl, den Sattel unter sich zu haben und 
unbeschwert hineinzureiten in die Sommerpracht und 
später in den grünen Wald. Es war jedoch so drückend heiß 
darin, daß Birgit kehrt machte, dabei nicht auf den Weg 

achtete und ihn verfehlte. 
Nachdem sie sich dessen bewußt wurde, überkam sie ein 
Gruseln. Schauergeschichten fielen ihr ein, die sie über 
Wegelagerer, ausgebrochene Strafgefangene und ähnlicher 
dunkler Gesellen mehr gelesen oder gehört hatte. Wenn 
sich nun ein solches Individuum im Wald verborgen hielt 
und ihr entgegentrat, was dann? 
Und tatsächlich begegnete sie einem Mann, aber einem 
solchen, den sie bestimmt nicht zu fürchten brauchte. Er 
war gleich ihr hoch zu Roß, das er dann neben dem ihren 
zügelte. 

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»Ja, gnädiges Fräulein, wie kommen Sie denn auf diesen 
abgelegenen Weg?« fragte Vörswelde erstaunt. »Haben Sie 

sich etwa verirrt?« 
»Ganz recht.« 
»Wissen Ihre Angehörigen, daß Sie in den Wald geritten 
sind, den Sie erst so wenig kennen?« 
»Nein. Schließlich bin ich ja kein Kind mehr, das für alles, 
was es zu tun gedenkt, erst die Erlaubnis der Eltern dazu 
einholen muß«, entgegnete sie hochmütig; denn der Ton, 
in dem er mit ihr sprach, gefiel ihr ganz und gar nicht. Und 
nun sagte dieser Mensch auch noch in aller Gelassenheit: 
»Daß Sie sehr eigenwillig sind, mein gnädiges Fräulein, 
weiß ich längst. Daher wäre es töricht von mir, mich in 
Ihre Angelegenheiten zu mischen.« 

»Na also«, entgegnete sie kühl. »Wo befinden wir uns?« 
»Eine Reitstunde von Ragaltshöfen entfernt. Ich will 
versuchen, Sie einen Weg zu führen, bei dem wir eine gute 
Ecke abschneiden können. Hoffentlich ist der Moosboden 
fest genug, damit die Pferdehufe nicht zu tief einsinken. 
Wir müssen nämlich zusehen, so schnell wie möglich nach 
Hause zu gelangen, weil es Gewitter geben wird.« 
»Das gibt es in Ragaltshöfen oft«, entgegnete sie 
doppelsinnig und ärgerte sich, als er die passende Antwort 
darauf fand. 
»Das tut es – wenigstens in diesem Jahr.« 
Er bog nun in einen Weg ein, auf dem die Pferde 

nebeneinander nicht Platz hatten. 
»Gestatten Sie, daß ich vorreite, damit ich den Weg prüfen 
kann. Es wird gehen, das merke ich schon. Fürchten Sie 
sich daher nicht, wenn der moorige Grund Ihnen weich 
erscheinen sollte.« 
Ohne weiter auf sie zu achten, zügelte er sein Pferd 
vorsichtig den Weg entlang, während sie seinem Beispiel 
folgte. Sie konnte den Blick nicht wenden von der rassigen 
Reitergestalt vor ihr, von dem schmalen Haupt, auf dessen 
Blondhaar Sonnenreflexe spielten. 
Mein Gott, warum tat ihr denn plötzlich das Herz so weh? 

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So sehr, daß dieser heiße Schmerz ihr Tränen erpreßte. 
Und ausgerechnet in dem Augenblick mußte der Mann den 

Kopf nach ihr wenden. Ein forschender Blick, dann sagte er 
ruhig: 
»Nur noch einige Minuten Geduld, gnädiges Fräulein. 
Dann ist der Weg geschafft, der einem Nichtkenner 
unheimlich vorkommen muß.« 
Gott sei Dank, er nahm an, daß ihr vor Angst die Tränen in 
den Augen standen. Recht beschämend für sie, aber längst 
nicht so, als wenn er ihre Gedanken erraten hätte. 
Jetzt lenkte er das Pferd auf eine Straße, die so breit war, 
daß die Pferde nebeneinander traben konnten. Birgit 
mußte sich zusammenreißen und einen Gleichmut 
vortäuschen, von dem ihr Herz nichts wissen wollte. Die 

Schwüle wurde fast unerträglich. Wie erstarrt standen rechts 
und links die hohen Bäume, selbst die Wipfel rührten sich 
nicht. Ringsumher herrschte unheimliche Ruhe – die 
bekannte Ruhe vor dem Sturm, der bald losbrechen würde. 
In der Ferne hörte man bereits den Donner grollen. 
 
Durch Gewitter und Sturm –  
Mein Mädel, ich bin da... –  
 
zog es ihr schmerzhaft das Herz zusammen. Da war er 
wohl – und doch so fern – so unerreichbar fern – für sie. 
Wohl noch fünf Minuten ritten sie dahin, dann war der 

Wald zu Ende. Vor ihnen lag ein weites Getreidefeld und 
weiter hinten Ragaltshöfen. 
»Wo befinden wir uns denn jetzt?« fragte Birgit verwundert. 
»Dieses Gebiet ist mir ganz fremd.« 
»Das glaube ich, gnädiges Fräulein. In der kurzen Zeit, da 
Sie auf Ragaltshöfen weilen, war es nicht gut möglich, es 
bis in den kleinsten Winkel kennenzulernen. Doch nun 
wird die Sache ernst, der Sturm macht sich auf. Geben Sie 
dem Pferd den Kopf frei!« 
Darauf hatte das nervöse Tier nur gewartet. Mit dem Sturm 
um die Wette sauste es dahin, so daß der Reiterin angst 

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und bange wurde. Doch schon griff die nervige 
Männerhand in die Zügel, hielt sie eisern fest. Kopf an Kopf 

galoppierten die geängstigten Gäule dahin. Die ersten 
Tropfen fielen – und als Ragaltshöfen erreicht, waren Roß 
und Reiter triefen naß. 
Ein Stallbursche nahm die zitternden Vierbeiner in 
Empfang, während die Zweibeiner ins Haus liefen. In der 
Diele stand Familie Holmsen, schreckensbleich. Doch 
kaum, daß der Senior der eintretenden, triefenden 
Gestalten ansichtig wurde, lachte er auf wie ein Mensch, 
den man aus banger Sorge befreit. 
»Ach, Sie waren dabei, Herr Baron? Wenn wir das gewußt 
hätten, dann hätten wir um das Gör nicht so große Angst 
auszustehen brauchen. Ich dachte mich rührt der Schlag, 

als ich hörte, daß es ausgeritten wäre, wo doch das Gewitter 
bereits in der Luft lag.« 
»Das tut es hier oft«, gab Birgit mutwillig Antwort. »Aber 
man kommt immer gut durch Gewitter und Sturm – zumal 
bei einem Steuermann wie diesem.« Sie zeigte auf Odalf, 
der amüsiert lächelte. 
»Das klingt ja fast wie eine Anerkennung, gnädiges 
Fräulein.« 
»Ist auch eine. Und nun werde ich mich rasch umziehen. 
Denn ich sehe es dir an, geliebter Paps, daß du mich 
liebend gern bei den Ohren nehmen möchtest. Laß sie 
dazu erst trocken werden.« 

Lachend lief sie die Treppe hinauf, und der Vater 
schmunzelte ihr nach. 
»Ist doch ein Mordsmarjellchen, unsere Birgit. Wo andere 
Mädchen jammern würden, ist sie quietschvernügt. Wo 
haben Sie den Ausreißer denn erwischt, Herr Baron?« 
»Unterwegs, Herr Holmsen. Die junge Dame war so 
couragiert, daß sie auch ohne meine Begleitung gut nach 
Hause gekommen wäre.« 
Mit keinem Wort erwähnte er, daß die Reiterin sich im 
Wald verirrt hatte. Als er merkte, daß die Eltern Birgits sich 
bei ihm bedanken wollten, entfernte er sich mit einer 

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hastigen Entschuldigung, und Papa Holmsen sah ihm 
kopfschüttelnd nach. 

»Daß der Mensch doch keinen Dank vertragen kann. Was 
er auch tun mag, alles ist für ihn selbstverständlich. Nun, 
jedem Tierchen sein Pläsierchen. Kommt, Kinder, suchen 
wir uns ein Plätzchen, wo wir uns setzen können. Mir sind 
nämlich noch die Knie weich von dem ausgestandenen 
Schreck.« 
Nachdem sie sich in dem traulichen Wohngemach 
niedergelassen hatten, fragte Frau Gina: 
»Wo ist eigentlich Wido geblieben? Auch Fräulein von 
Tessau fehlt, gleichfalls Irina.« 
»Die ist zu ihrer Mutter gegangen, damit diese bei dem 
Gewitter nicht allein bleiben muß«, gab Alexa Antwort. 

»Wo die andern stecken weiß ich nicht.« 
»Ist ja auch weiter nicht wichtig«, bemerkte der Senior. »Zur 
Futterkrippe werden sie sich schon einfinden.« 
Während man geruhsam plauderte, nahm Birgit ein Bad, 
kleidete sich frisch von Kopf bis Fuß, und ging dann in ihr 
Zimmer zurück, wo sie betroffen aufhorchte: Klang von 
nebenan nicht ein Weinen? Beunruhigt öffnete sie die Tür. 
Tatsächlich, da lag Erla auf dem Diwan und weinte 
jämmerlich. 
»Fräulein von Tessau, was ist nun schon wieder los?« fragte 
Birgit unbehaglich. 
»Ich – er – ich – er-«, kam es dumpf aus dem Kissen, worin 

das Mädchen das Gesicht drückte. »Er – er – hat sich nicht 
schön benommen. Aber er kann sich das ja erlauben – bei 
einem Nichts – wie ich – es – bin.« 
»Wer, zum Kuckuck?!« wurde die andere jetzt ungehalten. 
»Wer ist denn dieser – er?« 
»Ihr – Herr – Bruder.« 
»Wido?« 
»Ja.« 
»Nanu, was hat er Ihnen denn Fürchterliches getan, daß Sie 
so verzweifelt weinen müssen?« 
Keine Antwort, nur hemmungsloses Schluchzen. Da fragte 

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Birgit nicht weiter, sondern begab sich auf die Suche nach 
dem Bruder, den sie in seinem Zimmer fand. Sein Gesicht 

war blaß, die Augen blickten finster. Wie gehetzt lief er auf 
und ab, die geballten Fäuste stießen zornig in die 
Hosentaschen. 
»Was willst du hier?!« schrie er die Schwester an. »Geh 
lieber zu deinem Fräulein von Tessau – dieser falschen 
Katze!« 
Birgit, die ihren Bruder noch nie in einer solchen 
Verfassung gesehen hatte, erschrak bis ins tiefste Herz. Am 
liebsten wäre sie feige davongelaufen. Aber da sie sich 
sagte, daß hier ein Mißverständnis vorliegen müsse, ließ sie 
sich mutig in einen Sessel sinken. 
»Wido, was ist dir denn geschehen?« begann sie behutsam, 

doch er winkte unwirsch ab. 
»Laß mich in Ruhe!« 
»Darf ich nicht, weil Fräulein von Tessau in ihrem Zimmer 
auf dem Diwan liegt und ganz fürchterlich weint.« 
»Dazu hat sie auch allen Grund.« 
»Inwiefern?« 
»Das laß dir von ihr erzählen.« 
»Sie tut’s aber nicht. Also wirst du dich dazu bequemen 
müssen. Denke daran, daß manche Liebe, manche 
Freundschaft einem Mißverständnis zum Opfer fiel.« 
Diese ernstgesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung 
nicht. Er nahm ihr gegenüber Platz. Sein Gesicht war blaß, 

in seinen Augen brannte der Schmerz. Die Hand, die dem 
Etui eine Zigarette entnahm und sie in Brand steckte, 
zitterte. Er tat einige lange Züge, dann sprach er: 
»Daß ich Fräulein von Tessau liebe, brauche ich wohl nicht 
zu betonen, weil ich deine Spürnase kenne und die unserer 
Lieben dazu. Obwohl die junge Dame scheu und 
zurückhaltend ist, glaubte ich aus mancherlei 
Beobachtungen entnehmen zu können, daß sie meine 
Neigung erwiderte. 
Ich wollte heute zuerst mit unserm Paps sprechen, bevor 
ich mich ihr erklärte, doch das heraufziehende Gewitter 

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brächte dann vorher die Entscheidung. Ich befand mich 
gerade im Park, als es losbrach. Und zwar so rasch, daß ich 

mich beeilen mußte, um unter Dach zu kommen. Also 
rannte ich davon und stieß mit Fräulein von Tessau 
zusammen, die aus einem Nebenweg herausflitzte – direkt 
in meine weitgeöffneten Arme hinein. 
Und als ich das angstzitternde Geschöpf an meinem 
Herzen hielt, nun, da schlug die Liebe über mir zusammen 
– und ich küßte es. Doch schon saß mir eine Hand im 
Gesicht. Todblaß, in den Augen ein empörtes Funkeln, 
fauchte mir die kleine Katze entgegen: Das war gemein von 
Ihnen, Herr Holmsen! Ich bin kein Freiwild, merken Sie 
sich das! 
Wie gehetzt rannte sie davon, und ich stand wie erstarrt. Es 

ist nicht die erste Ohrfeige, die ich von einem 
Techtelmechtel zum Beispiel erhielt, wenn ich zu kühn 
wurde. Die nahm ich dann gutwillig hin, weil ich sie 
verdient hatte. 
Aber hier habe ich sie nicht verdient. Denn ich liebe 
Fräulein von Tessau so treu und wahr, daß ich sie zu 
meiner Frau begehre. Und daher betrachte ich diese 
Ohrfeige als Schmach, die ich mir als aufrechter Mann 
nicht bieten lassen darf. 
Zum Kuckuck, sie muß doch auseinander halten können, 
ob man ein Abenteuer sucht oder sich ihr in lauterer 
Absicht nähert!« schloß er zornig, und Birgit lächelte. 

»Das bezweifelt sie einfach, mein lieber Wido. Sie ist so 
sehr bescheiden, wertet ihre Person so gering, daß sie nicht 
einmal daran zu denken wagt, ein Mann wie du könnte sie 
zur Frau begehren. Du solltest nur sehen, wie jammervoll 
sie weint, dein liebekrankes Herz würde sich umdrehen.« 
Ein Klopfen unterbrach ihre Rede. Nach der Aufforderung 
trat der Diener ein. 
»Was gibt’s, Jost?« 
»Die Herrschaften lassen fragen, ob das gnädige Fräulein 
schon soweit ist, um an dem Mittagsmahl teilnehmen zu 
können. Es ist heute sowieso später als sonst.« 

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»Bestellen Sie, daß man nicht länger warten soll. Mein 
Bruder und ich kommen nach.« 

Der Diener zog sich zurück, und Birgit erhob sich. 
»Mach nicht ein so grimmiges Gesicht, Wido. Man kann ja 
Angst vor dir kriegen. Das Mißverständnis muß sich doch 
aufklären lassen.« 
»Etwa von mir, was?« stieß er verbissen hervor. »Und wenn 
ich mein Herz auch noch so knebeln und knechten 
müßte…« 
»Na nun mal nicht so hitzig«, unterbrach sie ihn gelassen. 
»Daß du nach diesem für dich entwürdigenden 
Vorkommnis zu Kreuze kriechst, dafür bin ich auf keinen 
Fall. Erla wird sich bei dir entschuldigen. Aber dann spiele 
nicht womöglich den wilden Mann, sondern nimm das 

>Häufchen Unglück< diesmal ein wenig stürmischer an 
dein Herz, du geliebter Taps. Und nun komm zum 
Mittagessen.« 
»Du glaubst doch nicht etwa, daß ich bei dieser miserablen 
Verfassung auch nur einen Bissen hinunterkriege?« 
»Dann tu wenigstens so. Es ist nicht notwendig, daß unsere 
Lieben von deinem Zwiespalt erfahren, bevor ich alles 
geklärt habe. Erla werde ich an der Tafel glaubwürdig 
entschuldigen. Denn ich denke nicht, daß sie bei ihrer 
jammervollen Verfassung daran erscheint. Noch etwas, 
Bruderherz?« 
»Ich möchte dir nur noch sagen, daß – du eine ganz listige 

Eva bist.« 
Nach dem Essen, das friedlich verlief, ging Birgit sofort zu 
Erla, die noch immer auf dem Diwan lag. Zwar weinte sie 
nicht mehr, war aber dennoch in jammervoller Verfassung. 
Ihr schmerzverdunkelter Blick sah scheu zu dem Mädchen 
auf, das sich neben sie aufs Polster setzte und 
kopfschüttelnd das »Häufchen Elend« betrachtete. 
»Ach, über so ein kleines Schaf! Ich habe nämlich mit 
meinem Bruder gesprochen und bin genau orientiert. Er 
empfindet die Ohrfeige als Schmach. 
Liegenbleiben!« kommandierte sie, als Erla empört auffuhr. 

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»Jetzt spreche ich. Jawohl, er empfindet die Ohrfeige als 
Schmach, weil er sich Ihnen in keiner unlauteren Weise 

näherte, sondern Sie so innig liebt, daß er Sie als Frau 
begehrt. Und was sagen Sie nun?« 
»Das kann doch aber nicht möglich sein«, rang es sich 
mühsam von den entfärbten Lippen. 
»Warum nicht?« 
»Weil ich so ein Nichts bin – arm und einflußlos.« 
»Ich sage ja, daß Sie ein Schaf sind, Erla. Muß man denn 
immer einen Geldsack mit sich schleppen und wer weiß 
wie mondän tun, um von einem Mann geheiratet zu 
werden, der in einem warmen Nest sitzt und immer fünf 
Pfennig mehr in der Tasche trägt als er braucht? Nora 
verfügt ja auch nicht über Reichtümer – und doch haben 

meine Eltern sie als Schwiegertochter freudig willkommen 
geheißen. 
Nun sehen Sie mich nicht so verzweifelt an, Sie 
Dummchen, sondern nehmen mal Ihr Herzchen in beide 
Hände. Wenn Sie das nicht tun, machen Sie meinen 
herzensguten Bruder unglücklich – und sich mit. Wir 
wissen nämlich schon längst, daß Sie ihn lieben.« 
»Um Gottes willen, habe ich mich denn so schlecht 
beherrschen können?!« 
»Das nicht – aber Ihr Herz hat durch die Augen geplaudert, 
genau so wie bei Wido auch. Da Sie diese Sprache nicht 
verstanden, daraus erkennt man Ihre Weltfremdheit. Doch 

ich will nicht wie eine weise, erfahrungsreiche Tante 
daherreden, sondern Ihnen den guten Rat geben, so ein 
bißchen zu Kreuze zu kriechen. Daß mein Bruder es nach 
seiner Abfuhr nicht tun kann, ist selbstverständlich. Sonst 
wäre er ja kein Mann mit Ehrbegriffen. Also müssen Sie zu 
ihm gehen, lieb die Arme um seinen Hals legen und ihm 
ohne Scheu sagen, wie unendlich Sie ihn lieben. Es wird 
ihn so unaussprechlich glücklich machen, daß er Sie ohne 
jeden Kommentar fest an sein Herz nimmt.« 
»Ich habe Angst.« 
»Ja, Erla, da hilft nun alles nichts. Meine Mutter steht auf 

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dem Standpunkt, daß derjenige, der den Mut hat zu 
kränken, auch den Mut haben muß, wieder gutzumachen. 

Es wird nicht so arg werden, Erla. Ein liebes Wort, ein 
lieber Blick wird genügen, um das Herz Widos butterweich 
zu machen. Er ist ganz durcheinander, der arme Kerl. Seien 
Sie also mutig und verscherzen Sie sich durch Hemmungen 
nicht das große Glück, wie Ihnen ein solches nicht zum 
zweiten Mal begegnen dürfte. Am Herzen unseres 
prächtigen, grundguten Wido ruht es sich warm und weich, 
das können Sie mir schon glauben. Ist alles nun klar?« 
»Soweit schon«, kam es niedergeschlagen zurück. »Wenn 
ich nur wüßte, ob die Eltern mit der Wahl ihres Sohnes 
auch einverstanden sind. Ich bin doch – « 
»Ein Nichts, ich weiß«, warf Birgit lachend ein. »Das kann 

ich jetzt schon auswendig. Aber aus einem Nichts wird oft 
ein Viel. Leben Sie mal erst im Kreis unserer Familie, treu 
behütet und geliebt, dann werden Sie bald dahinter 
kommen, welch ein beachtenswertes Menschenkind Sie 
doch eigentlich sind. Und nun hopp, das flatternde Herz 
festgehalten! Nur wenige Minuten, dann sind Sie eine 
glückliche Braut.« 
»Was fällt Ihnen denn ein!« wehrte sie verlegen, als Erla 
voll überströmender Dankbarkeit die Lippen auf ihre Hand 
drückte. »Unter Schwägerinnen dürfte so was wohl nicht 
üblich sein. Lassen Sie mich lieber nicht immer weiter 
reden wie ein Buch, sondern lassen Sie mich Taten sehen. 

Ich bringe Sie noch in Widos Zimmer – doch dann müssen 
Sie Ihr Schicksal allein in die Hände nehmen.« 
Da sprang Erla auf. Wenige Minuten später führte schon 
Birgit sie über die Schwelle in des Bruders Zimmer. 
»Hier bringe ich dir eine reuige Sünderin!« rief sie lachend. 
»Sei gnädig zu ihr – ich laß indes Sekt kaltstellen.« 
Die Tür schloß sich – und Erla drückte sich mit zitternden 
Knien dagegen. Blaß vor Erregung sah sie zu dem Mann 
hin, der in eisiger Haltung vor ihr verharrte. Doch 
schließlich rührten die flehenden Blicke, die vor Weinen 
zuckenden Lippen, überhaupt das ganze angstzitternde 

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Geschöpf sein Herz so sehr, daß er schweigend die Arme 
öffnete, um sie dann fest um einen weichen Körper zu 

schließen. Ein heißer Kuß, der mehr als tausend Worte 
sprach – und es gab ein glückseliges Brautpaar mehr auf 
der Welt. 
»Nun, mein Mädchen, wirst du mir wieder eine Ohrfeige 
versetzen?« fragte der Mann, indem er die feste 
Umschlingung lockerte. 
»Jetzt nicht mehr, o nein. Ich liebe dich doch so unendlich. 
Niemals will ich vergessen, daß du, der einflußreiche 
Mann, mich an dein Herz nahmst.« 
»Na, so einflußreich bin ich nun auch wieder nicht«, 
entgegnete er verlegen. »Ist ja auch so unwichtig. Wichtig 
allein bleibt, daß wir uns liebhaben für alle Zeit. Das soll 

schon ein herrliches Leben werden, mein scheues Rehlein, 
was?« 
»Und wie herrlich, Wido. Wie schön der Name klingt, da 
ich ihn laut auszusprechen wage – Wido – Wido – Wido -!« 
Gerührt küßte er die jungroten Lippen, die so verführerisch 
zu ihm emporblühten. Zeit und Stunde darüber 
vergessend, in Glückseligkeit. 
Indes wartete man im traulichen Wohngemach des 
Ehepaares Holmsen geduldig auf das Brautpaar, das Birgit 
bereite avisiert hatte. Als es dann endlich erschien, gab es 
freudige Erregung. Erla wanderte von einem Arm in den 
andern, immer wieder dabei beteuernd, daß sie ihr Glück 

nur Birgit zu verdanken hätte. Als sie bei dieser angelangt 
war, bedankte sie sich mit herzrührenden Worten. 
»Sei doch nicht so unbequem dankbar«, wehrte Birgit 
verlegen. »Ihr hättet auch ohne mein Eingreifen zueinander 
gefunden. Aber ich hatte es mir nun einmal in den Kopf 
gesetzt, euch durch Gewitter und Sturm zuzuführen, weil es 
hier schon zum Symbol geworden ist, daß sich große 
Ereignisse bei Unwetter abspielen«, schloß sie lachend, und 
fröhlich fielen die andern ein. 
Als man an der Kaffeetafel die Verlobung bekanntgab, war 
der Baron gar nicht überrascht. 

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»Das habe ich kommen sehen«, meinte er lächelnd. »Die 
Herzen plauderten doch gar zu deutlich aus den 

liebesseligen Augen. Ich freue mich ehrlich über Ihr Glück, 
Fräulein von Tessau, wenn auch Ihr Scheiden von hier 
hauptsächlich für Irina einen Verlust bedeutet. Aber bei so 
glückstrahlenden Augen müssen alle egoistischen Wünsche 
schweigen. Sie haben eine gute Wahl getroffen, Herr 
Holmsen.« 
»Hab ich auch«, gab er vergnügt zu. »Nur die übergroße 
Bescheidenheit muß ich meinem Mädchen noch 
abgewöhnen. So was finde ich nämlich scheußlich.« 
Nun brachte auch die Baronin ihre Glückwünsche dar, die 
knapp und kühl ausfielen, dann kam Irina an die Reihe. 
»Fräulein von Tessau, das finde ich gar nicht nett, daß Sie 

mich im Stich lassen wollen«, bemerkte sie vorwurfsvoll. 
»Ich hatte mich so an Sie gewöhnt. Wer weiß, was für eine 
Lehrerin ich nach Ihnen bekomme«, schloß sie seufzend, 
und die andern lachten. 
»Hoffentlich eine echte Gouvernante aus dem vorigen 
Jahrhundert«, blinzelte Papa Holmsen ihr zu. »Die könnte 
dir nämlich gar nichts schaden, du verflixtes Rackerchen.« 
»Pfui, Herr Holmsen, wie können Sie nur. Ich war in den 
letzten Wochen so brav.« 
»Warst du auch«, nahm Frau Gina die Kleine in Schutz und 
zog sie liebevoll an sich, als sie mit dicken Tränen in den 
Augen klagte: 

»Nun gehen alle bald fort, die ich lieb habe.« 
»Aber Irilein, wie kann man nur so verzagt sein. Birgit 
bleibt doch ständig hier, und wir andern treten zu jedem 
Wochenende geschlossen an. Außerdem gibt es oft 
Fahrgelegenheit zur Stadt, so daß du rasch bei uns sein 
kannst.« 
»Darf ich denn das?« 
»So oft du magst, mein Kind.« 
Da war sie getröstet und wurde fröhlich mit den 
Fröhlichen. Sie durfte auch am Abend, als man bei einer 
rasch improvisierten Feier gemütlich beisammen saß, 

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gleich Alexa eine Stunde länger aufbleiben. Die Kinder 
bekamen sogar ein Glas leichten Wein zu trinken, worüber 

sie selig waren. 
Natürlich hatte man auch die Baronin gebeten, an der Feier 
teilzunehmen, was sie jedoch ablehnte. Sie wäre der 
Fröhlichkeit bereits so entwöhnt, daß sie nur störend 
wirken würde. Man sah es bei diesen Worten rot auf der 
Stirn des Sohnes aufflammen – und er tat den andern 
wieder einmal von Herzen leid. 
»Wie lange gedenkt das neueste Brautpaar die Verlobung 
auszudehnen?« erkundigte sich Papa Holmsen soeben. 
»Zwei Hochzeiten in einem Jahr dürften unserer geplagten 
Mutz denn doch zu viel werden.« 
»Da soll ich womöglich bis zum nächsten Jahr warten?« 

regte sich Wido auf. »Kommt gar nicht in Frage! In vier 
Wochen wird geheiratet – und damit holla.« 
»Paßt ja großartig«, lachte Bodo. »Dann steigen wir an 
einem Tag in die Ehe. Ein Abwaschen für Mutz.« 
»Also Doppelhochzeit – «, dehnte der Bruder. »Nun, mir 
würde das nichts ausmachen, aber ob die Bräute damit 
einverstanden sind? Die wollen ihren Ehrentag doch wohl 
für sich allein haben.« 
»Auf solche Äußerlichkeiten lege ich absolut keinen Wert«, 
bemerkte Nora. »Das Wie ist mir egal, nur das Nachher 
spielt für mich eine Rolle. Da allerdings möchte ich nicht 
teilen«, schloß sie lachend. »Da will ich meinen Mann für 

mich allein haben.« 
»Ich auch!« rief Erla glückstrahlend. »Und wenn ich mit 
hundert Brautpaaren zusammen zum Altar schreiten 
müßte, die Hauptsache, daß ich dabei meinen Wido am 
Arm habe.« 
»Vernünftige Marjellchen«, schmunzelte Papa Holmsen. 
»So ganz unserer Familie zugepaßt. Ihr habt in den 
Glückstopf gegriffen, Jungens. Hätte auch verflixt anders 
kommen können.« 
»So wie wir gebaut sind, Vater«, schlug sich Bodo stolz in 
die Brust. »Ehrensache, daß wir uns die Blumen aus dem 

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Mädchenflor pflückten, die nicht bald welken, sondern an 
unserm Herzen blühen ein Leben lang.« 

»Der Herr Doktor wird poetisch«, lachte die Mutter 
herzlich. »Ja, ja, was doch die Zauberin Liebe so alles 
zuwege bringen kann.« 
Birgit hörte das alles mit an – und das Herz tat ihr bitter 
weh. Wie einfach war es doch bei den beiden Paaren. Sie 
liebten sich, heirateten, wurden glücklich. 
Und sie –? 
Verstohlen suchte ihr Blick den Mann, für den ihr Herz so 
qualvoll schlug. Zwar war er heute nicht so unzugänglich 
wie sonst, aber noch lange nicht aufgeschlossen. Worin 
bestand das Hindernis, das sie von ihm trennte? Doch nur 
allein darin, daß sein Herz nicht dem ihren 

entgegendrängte. Denn ihre Eltern hätten einen solchen 
Schwiegersohn mit tausend Freuden begrüßt- und sie selbst 
so einen Gatten mit unsagbarer Glückseligkeit. 
Birgit beherrschte sich meisterhaft. Ließ durch nichts 
erkennen, wie jammervoll ihr zumute war. Und dennoch! 
Elternaugen sehen scharf, wenn es um ein geliebtes Kind 
geht. So warfen sie sich einen fast entsetzten Blick zu – und 
das Mutterherz zog sich schmerzend zusammen. 
Nach einer Woche ging es dann endgültig in die Stadt 
zurück. Wido nahm von seiner Braut Abschied, als 
gedächte er tausend Meilen zwischen sich und sie zu legen. 
»Erla, ist es nicht ein Skandal, daß wir nun statt vier 

Wochen sechs mit der Hochzeit warten müssen, weil das 
andere Paar so saumselig ist? Wieviel Tage sind das 
überhaupt?« 
»Zweiundvierzig, du Ungestüm«, lachte sie hellauf, und er 
sah sie vorwurfsvoll an. 
»Findest du das nicht unendlich lange?« 
»An den Jahrzehnten gemessen, die wir miteinander zu 
verbringen gedenken, ist das eine Lappalie«, gab sie 
ungerührt zurück. »Zumal wir uns fast jeden Tag sehen 
werden, mein anspruchsvoller Herr. Hörst du, die Eltern 
rufen bereits nach dir. Laß sie nicht warten.« 

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Noch einen Kuß, dann stürmte er davon, während Erla 
langsamer folgte. Man nahm herzlichen Abschied, dann 

fuhr der schwere Wagen an – und sie hatte das Gefühl, als 
wäre plötzlich alle Sonne fort, die doch so golden vom 
Himmel strahlte. Tränen traten in ihre Augen, die Birgit 
gutmütig bespottete. 
»Schließ die Tränendrüsen, geliebte Schwägerin. Geh nach 
oben und lies Chamissos >Frauenliebe und Leben<.« 
»Du bist abscheulich, Birgit!« rief das Fräulein von Tessau 
empört, das sich in der einen Woche, da sie Braut war, 
erfreulich verändert hatte. Sie fühlte sich so sicher im 
Schoß der Familie Holmsen, daß alle 
Minderwertigkeitskomplexe dahinschmolzen wie Schnee 
im Frühlingswehen. 

»Warte nur ab, wenn du einmal Braut bist, werde ich dich 
genau so hochnehmen.« 
»Recht so, Fräulein von Tessau«, lächelte der Baron, der 
nebst Mutter und Schwester Familie Holmsen 
verabschiedet hatte und nun die Neckerei mit anhörte. 
»Lassen Sie sich nicht verspotten.« 
»Tue ich denn das?« fragte Birgit harmlos. »Der Mann, dem 
ein Mädchenherz zuschlägt, ist doch nun einmal für dieses 
das Herzlichste von allen. Außerdem heißt es im Paganini: 
>Bist Sklavin mir – <« 
»Und Königin«, sang Erla jubelnd weiter. »Darin liegt 
nämlich der Unterschied, meine liebe Birgit.« 

»Mädchen, du hast dich während deiner kurzen Brautzeit 
fabelhaft entwickelt«, stellte diese lachend fest. »Ich sehe 
direkt das Krönchen auf deinem lockigen Haupt. Gehab 
dich wohl, ich muß zum Dienst.« 
Fort war sie, und Erla lächelte ihr nach. 
»Ich liebe meine Schwägerin«, sagte sie zu dem Baron und 
den Seinen. »Und zwar mit Recht. Denn so ein prächtiges 
Menschenkind gibt es nicht oft, Möge der Himmel geben, 
daß sie einen Mann findet, der ihrer würdig ist.« 
»Will Fräulein Holmsen sich etwa auch verloben?« fragte 
Irina interessiert, und Erla lachte. 

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»Noch nicht.« 
»Gott sei Dank!« atmete das Kind auf. »Verloben finde ich 

gräßlich, weil da so ein Mann kommt und fortnimmt, was 
einem lieb ist. Laden Sie mich wenigstens zur Hochzeit ein, 
Fräulein von Tessau?« 
»Natürlich, Iri. Willst du mir Rosen auf den Weg streuen, 
wenn ich zum Altar gehe?« 
»Dafür bin ich schon zu groß, für eine Brautjungfer noch 
zu klein. Es ist schon ein Jammer!« 
Lachend trennte man sich. Und als Erla am Abend mit 
Birgit beim gemütlichen Plausch saß, sagte sie: 
»Ich glaubte nicht recht zu hören, als Wido mir kurz vor 
seiner Abfahrt im Vertrauen mitteilte, daß unsere geliebte 
Mutz eine Stiefmutter wäre. Zwar zerbrach ich mir 

manchmal den Kopf, wie es möglich sein kann, bei so 
jugendlichem Aussehen schon einen dreißigjährigen Sohn 
zu haben, aber daß sie nicht eure leibliche Mutter ist, kam 
mir nicht in den Sinn. Wie alt ist sie überhaupt?« 
»Siebenundvierzig.« 
»Na, so was, man gibt ihr bestimmt zehn Jahre nach. Macht 
das die glückliche Ehe, daß sie sich so jung erhalten 
konnte?« 
»Wahrscheinlich, Erla. Glaube mir, sie trägt Beträchtliches 
dazu bei, daß die Ehe so glücklich ist. Man muß sich an ihr 
ein Beispiel nehmen.« 
»Das tue ich ganz bestimmt«, beteuerte die junge Braut 

eifrig. »Wido wird nie über mich zu klagen haben.« 
»Das glaube ich dir aufs Wort. Ein Segen für meinen Bruder 
und uns alle mit, daß es dich gibt, Erla.« 
»Ich danke dir, Birgit, für dieses Wort. Es macht mich stolz 
und froh. Aber wie ist es, willst du nicht musizieren?« 
»Erbarm dich, was für Liebeslieder müssen das wohl sein?« 
»Gar nicht so schlimm, du Spottdrossel. Die meisten Lieder 
handeln ja von Liebe, weil sie nun einmal das Köstlichste 
im Menschenleben ist.« 
»Danke für gütige Belehrung.« 
»Bitte sehr. Kann ich mir erlauben, weil ich darin Erfahrung 

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habe und außerdem älter bin als du.« 
»Schau mal an, wie schlagfertig das Kind geworden ist. Nur 

immer weiter so, dann kannst du mir direkt gefallen.« 
Lachend nahm sie am Flügel Platz, und schon klangen 
schmeichelnde Weisen auf. Deutlich drangen die Töne 
durch das abendliche Haus, bis hin zu dem Mann, der am 
Schreibtisch arbeitete, schließlich den Kopf in die Hand 
drückte und lauschend verharrte. 
Durch Gewitter und Sturm – o ja, so war das Mädchen hier 
hineingestürmt, um alles auf den Kopf zu stellen. Gewitter 
und Sturm würde es auch für ihn geben, wenn die 
unbekümmerte Sängerin da oben sich einen Gatten 
erwählte, der gewiß ein Landwirt war – und er von allem 
weichen müßte, woran er mit ganzer Seele hing. Es würde 

Herzblut kosten. 
Unendlich zart klang es nun auf: 
 
»Mein Herz und dein Herz sind ein Herz, 
dein Schmerz ist mein Schmerz, 
dein Glück mein Glück. 
Was du mir gibst, das gebe ich dir, 
vieltausendmal zurück…« 
 
O nein, was der jungrote Mund da sang, davon wußte das 
kühle, unbeschwerte Herz gewiß nichts. Dieses innige 
Bekenntnis wurde für die Braut gesungen, die ihm mit 

leuchtenden Augen lauschte. 
Das nahm der Mann an. Keine Ahnung kam ihm, daß es 
auch anders sein könnte. 
In den folgenden Wochen gab es für den Verwalter so 
strammen Dienst, daß er tagsüber kaum aus dem Sattel 
kam. Daher bedeutete es für ihn eine Entlastung, als eine 
Hilfskraft für die Rentmeisterei antrat und er seine 
Schreibarbeit, die er am Abend zu erledigen pflegte, der 
Rendantin übergeben konnte. 
Nur ganz wichtige Briefe gab er nach Feierabend ins 
Stenogramm. So rasch er auch diktieren mochte, die zarte 

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Hand flitzte mit. 
Wenn er schwieg, um nachzudenken, hingen die 

wunderschönen Mädchenaugen aufmerksam an seinem 
verschlossenen Antlitz. Kein privates Wort wurde 
gewechselt, nur strenge Sachlichkeit herrschte vor – und 
doch war diese Stunde für Birgit die schönste des Tages, auf 
die sie sich schon freute, wenn sie morgens die Augen 
aufschlug. 
So ging es zwei Wochen, dann machte der nimmermüde 
Verwalter plötzlich schlapp. Der Beweggrund dazu war 
eigentlich klein. Als er nämlich auf das Dach der Scheune 
stieg, um dort zwei junge Arbeiterinnen, die sich wütend in 
den Haaren lagen, auseinanderzubringen, stieß er mit dem 
Kopf so hart gegen die scharfe Kante eines Balkens, daß 

ihm dunkel vor Augen wurde. Aber welch ein echter Mann 
mißt dem wohl Bedeutung bei. 
Nicht einmal die Wunde, die er sich zwei Finger breit über 
der Schläfe geschlagen und aus der nun Blut sickerte, 
konnte ihn dazu bewegen, seinen Arbeitsplatz zu verlassen. 
Er hielt es noch nicht einmal für nötig, den klaffenden Riß 
zu desinfizieren, als er sich vor der Mittagstafel frisch 
machte. Bürstete nur die Haare darüber und vertraute 
seinem gesunden Blut, das rasch alles zum Heilen brachte. 
Aber diesmal sollte er sich denn doch verrechnet haben. 
Während des Mittagessens wurde ihm plötzlich wieder 
ganz schwarz vor den Augen. Taumelnd erhob er sich, griff 

nach einem Halt. 
»Odalf!« schrie die Mutter entsetzt auf. »Was hast du 
denn?!« 
Birgit dagegen erblaßte bis in die Lippen, eilte auf den 
Taumelnden zu – und blickte in ein totenbleiches Antlitz. 
Ihre Arme umschlossen, die schwankende Gestalt, und 
schon war auch Erla zur Stelle. 
»Um Gottes willen, er sinkt in sich zusammen«, flüsterte sie 
angstzitternd der Schwägerin zu. »Wir müssen versuchen, 
ihn in sein Schlafzimmer zu bekommen.« 
Zwischen den beiden Mädchen, die ihn fest umfaßt 

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hielten, setzte er mühsam Fuß um Fuß, bis er dann 
stöhnend auf sein Bett sank. Das Kissen, auf dem der Kopf 

lag, färbte sich rot von Blut. 
»Großer Gott – er stirbt!« jammerte die Mutter, und Birgit, 
die am ganzen Körper flatterte, fuhr sie ganz respektlos an: 
»Seien Sie doch ruhig, Frau Baronin! Ihre Hysterie ist hier 
ganz unangebracht. 
Lauf, Erla, rufe den Arzt an und hinterher den Paps.« 
Mit zitternden Knien eilte sie davon. Die Stimme wollte ihr 
kaum gehorchen, als sie mit den Erwähnten sprach. 
Der Arzt erschien zuerst, nähte die klaffende Wunde und 
traf mit der Ruhe des Unerschütterlichen weitere 
Maßnahmen. Als er jedoch davon sprach, den stark 
Fiebernden in ein Krankenhaus zu überweisen, stieß er bei 

dessen Mutter auf Widerstand. 
»Nein, Herr Doktor, ich gebe meinen Sohn nicht fort. Ich 
will ihn aufopfernd pflegen, Tag und Nacht.« 
»Aber nicht ohne die Unterstützung einer erfahrenen 
Pflegerin, Frau Baronin. Man kann nicht wissen, wie die 
Infektion sich auswirken wird. Außerdem ist der Blutverlust 
groß. Daher ist äußerste Vorsicht geboten.« 
»Alles will ich tun, was Sie für richtig halten, Herr Doktor. 
Nur lassen Sie mir meinen Jungen hier – bitte -!« 
Mittlerweile traf auch Holmsen ein. Prüfend ging sein Blick 
über die Mädchengesichter. Kein Wunder, daß sie blaß 
waren. Aber was da in den Augen seiner Tochter brannte, 

ließ auf mehr schließen als auf Angst und Schreck. Nun, sie 
würde tapfer durchhalten, seine Birgit, wenn es auch noch 
so arg kommen sollte. 
Und es wurde arg genug, eine ganze Woche lang, in der das 
Fieber durch den Körper des Verletzten raste. Und in den 
trostlosen Stunden, während die Baronin um das Leben 
ihres Sohnes bangen mußte, zog sie das Fazit – ihrer 
Schuld. 
Wie hatte sie doch allzeit dem Jungen das Leben schwer 
gemacht, sich starrsinnig seinen Bitten, seinen 
Vorstellungen und berechtigten Vorwürfen 

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entgegengestemmt, in krassem Egoismus ihrer 
Herrschsucht nachgegeben, immer nur an sich gedacht, 

niemals an ihn. 
Wenn er nun starb -? 
Großer Gott, alles, nur das nicht! Wie sollte sie dann wohl 
das Leben ertragen, mit einem Herzen voll Reue, mit 
quälenden Selbstvorwürfen und bohrendem Schmerz um 
unwiederbringlich Verlorenes! Zwar hätte sie diese Strafe 
verdient, aber war es nicht Strafe genug, daß sie so 
angstgefoltert um das Leben des Sohnes bangen mußte? Er 
war noch nie ernstlich krank gewesen – und jetzt… 
Nun ja, was er tat, das geschah eben gründlich, ganz oder 
gar nicht. So auch bei den Fieberphantasien. Entweder 
blieben die zersprungenen Lippen fest geschlossen oder sie 

taten sich auf zu einem flehenden, erschütternden Ruf. 
Dann neigte die gepeinigte Mutter demütig das Haupt und 
schickte ein heißes Gebet zum Höchsten empor, um Gnade 
bettelnd für den Sohn – und auch für sich. 
So heftig wie die Krankheit begann, so riß sie auch ab. Der 
Arzt, der zweimal am Tage nach dem Patienten sah, stand 
gerade über ihn gebeugt, als die umflorten Augen jäh klar 
wurden. Sie bohrten sich förmlich in das Gesicht des 
Doktors, der vor Spannung den Atem anhielt. Die Stirn des 
Kranken zog sich zusammen, unwillig öffnete sich der 
Mund. 
»Was wollen Sie eigentlich von mir? Lassen Sie mich doch 

endlich in Ruhe!« 
»Richtig so«, lachte der Mediziner herzlich. »Ich soll Sie in 
Ruhe lassen, mein ungnädiger Freund? Tun Sie es lieber 
mit mir, dann läuft die Karre richtig. Sie haben mir 
nämlich arg zu schaffen gemacht. Hunger?« 
»Nein.« 
»Müde?« 
»Ja.« 
»Denn man hinein ins Traumland! Solche Patienten wie 
Sie sind mir ungemein sympathisch.« 
Lächeln schaute er auf den Kranken, der nun ruhig schlief. 

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Da die Fieberröte aus dem Antlitz gewichen, sah man erst, 
wie abgezehrt es war. Der Arzt wandte sich der Dame zu, 

die mit angstzitterndem Herzen dem allen folgte. 
»Lassen Sie ihn ruhig schlafen, Frau Baronin. Denn der 
schläft sich unter Garantie gesund. Eine Natur wie aus 
Eisen, kann man wohl sagen.« 
»Herr Doktor, ist er jetzt – durch?« rang es sich mühsam 
von den zuckenden Lippen, und mitleidig sah er in das 
verhärmte Frauenantlitz. 
»Wahrscheinlich. Komplikationen sind bei dem Prachtkerl 
wohl kaum zu befürchten. Donner noch eins, der kann 
einen schon in Atem halten – kurz aber heftig. Nun denken 
Sie auch an sich, Frau Baronin, indes die Schwester wacht. 
Tun Sie einen erquickenden Schlaf. Wovor Sie sich jetzt 

fürchten müssen, ist das Erwachen unseres Patienten«, 
setzte er lachend hinzu. »Denn seine Laune wird miserabel 
sein.« 
Wenig später betrat der Arzt das Speisezimmer, wo Frau 
Gina mit Tochter und Schwiegertochter an der Mittagstafel 
saß. Erstere war wie selbstverständlich in dem Herrenhause 
von Ragaltshöfen erschienen, als sie von der Erkrankung 
des Verwalters hörte. Offiziell um nach dem Rechten zu 
sehen, in Wahrheit jedoch, um Birgit Halt zu bieten in 
deren Herzensnot. Irina hatte man nach dem Holmsenhaus 
gebracht, damit das Kind von alledem, was eine schwere 
Krankheit mit sich bringt, verschont bliebe. 

»Wie geht es dem Kranken, Herr Doktor?« fragte Frau Gina 
jetzt bang. 
»Er schläft«, erfolgte die Antwort schmunzelnd. »Daß dieser 
Staatskerl nicht lange fackeln würde, nahm ich wohl an, 
aber dieser kurze Prozeß überraschte mich denn doch. Und 
nun werde ich hier mal wacker mithalten; denn in der 
vergangenen Woche ist mir der Appetit vergangen.« 
Sprach’s und setzte sich an den Tisch. Als Jost ein Gedeck 
brachte, musterte der Arzt ihn scharf. 
»In Ihrer Haut hätte ich auch nicht stecken mögen, Sie 
Getreuer«, bemerkte er trocken. »Aber lassen Sie nur, bald 

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werden Sie Ihren Abgott wieder erstanden sehen in 
altgewohnter Körperkraft und Frische. Doch wie wär’s, 

gnädige Frau – einen guten Tropfen haben wir uns wohl 
redlich verdient, wie?« blinzelte er Frau Gina zu, die erst 
einige Male tief Luft holte und dann herzlich lachte. 
»Will ich meinen. Her damit, Jost! Aber etwas Extragutes, 
wenn ich bitten darf.« 
Verstohlen streifte ihr Blick die Tochter, die still, aber mit 
leuchtenden Augen dasaß. 
Mein Liebherz, mein tapferes – dachte die Mutter gerührt. 
Wie du dich in den Tagen voll quälender Pein gehalten 
hast, das soll dir mal einer nachmachen. Kein Jammern, 
kein Klagen. Nach außen hin gefaßt, doch innerlich 
schmerzzerrissen. Nicht das über die Lippen bringend, was 

tief verschlossen im Herzen ruht. Gott möge dir gnädig 
sein, du liebstes Kind, und da Rosen sprießen lassen, wo 
jetzt noch alles voller Dornen ist. 
»Scheußlich war das«, tat Birgit jetzt burschikos, um nur ja 
nichts von dem Jubel in ihrem Herzen zu verraten, und der 
Arzt lachte. 
»Scheußlich ist gut. Ich habe eine andere Bezeichnung 
dafür, gnädiges Fräulein. Die Damen sehen ordentlich 
blaßschnäbelig aus. Kein Wunder, wenn Krankheit im 
Hause ist. Da streikt der Magen, und die Sorge läßt nicht 
schlafen. 
Ah, da verteilt unser Jost bereits den guten Tropfen. Verflixt, 

wie Öl fließt das Zeug ins Glas.« 
»Trinken wir zuerst einmal auf die rasche Genesung des 
Barons«, hob Frau Gina das ihre. »Und dann kommen Sie 
an die Reihe, Herr Doktor. Oder wollen Sie etwa abstreiten, 
daß Sie sich um den Kranken ganz besonders bemühten?« 
»Wenn ich nun etwas von Pflicht fasele, lachen die Damen 
mich ja doch aus«, entgegnete er schmunzelnd. »Da sage 
ich schon lieber: Prosit!« 
Und während man es sich an der Tafel gut sein ließ, schlief 
Odalf friedlich der Genesung entgegen. Er tat es dreimal 
um die Uhr, und als er dann erwachte, verlangte er zu 

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essen. Das war Musik für die Ohren der Mutter. So freudig 
hatte sie wohl noch nie den Wunsch eines Menschen 

erfüllt. 
Viel war es nicht, was der Sohn von der leichten Kost zu 
sich nahm, doch für den Anfang immerhin ausreichend. Er 
schlief der Mutter fast unter den Händen ein. Tat es noch 
mit kurzen Unterbrechungen, da er Nahrung zu sich nahm, 
drei Tage. Dann hatte er es soweit geschafft, daß es zur 
schlechten Laune ausreichte, die sich sogar auf Papa 
Holmsen erstreckte, als er seinen ersten Krankenbesuch 
machte. 
»Da hätten wir den schneidigen Kerl ja wieder.« Er sah 
forschend in das Männerantlitz, das wohl schmal, aber 
verhältnismäßig frisch wirkte. »Mein lieber Freund, haben 

Sie ein Tempo! Brummt der Schädel noch?« 
»Nein, der ist klar«, kam es knapp zurück. »Daher halte ich 
es für eine Schande, während der Ernte, wo ich an allen 
Ecken und Enden nötig bin, hier faul herumzuliegen.« 
»Sind Sie aber eingebildet«, meinte der andere erstaunt. 
»Sie sollten mal sehen, wie flott es draußen auch ohne Sie 
vorwärts geht. Der Roggen ist bereits unter Dach und Fach, 
das nächste Getreide folgt.« 
»Und der ganze Schreibkram?« 
»Den erledigt meine Tochter sozusagen aus dem 
Handgelenk.« 
»Dann bin ich ja übrig auf Ragaltshöfen.« 

»Mann, haben Sie eine Laune! Aber schadet nichts. Wir 
sind geduldig und langmütig, nicht wahr, Frau Baronin?« 
»Allerdings, Herr Holmsen. Das alles nehme ich schon gern 
auf mich. Die Hauptsache, daß mein Junge mir erhalten 
blieb.« 
Nun fing die Sache an rührselig zu werden, und das konnte 
Papa Holmsen nicht vertragen. Das gab immer ein so 
seltsames Gefühl in der Magengegend. Rasch 
verabschiedete er sich und meinte vergnügt, als er wieder 
unter den Seinen saß: 
»Die Baronin hat eine Radikalkur hinter sich, die nicht so 

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ohne ist. Wozu Krankheiten doch manchmal gut sind. Sie 
lehren auch die störrischsten Menschen erst das in voller 

Größe schätzen, was sie bisher als selbstverständlich 
erachteten. Die wird ihren Sohn fortan nicht mehr quälen 
mit ihrem starren Sinn. Die ist so klein und häßlich 
geworden, daß es einen fast erbarmt.« 
Am nächsten Tage gestattete der Arzt seinem Patienten, 
aufzustehen, da dessen Ungeduld sich nicht länger zügeln 
ließ. Doch kaum stand Odalf auf den Beinen, merkte er 
erst, wie schlapp er war. Kaum schaffte er die Schritte vom 
Bett bis zum Fenster, wo ein bequemer Lehnstuhl stand. 
Doch von Tag zu Tag ging es immer besser, er merkte 
direkt, wie seine Kräfte zunahmen. 
So saß er auch heute wieder in dem Sessel und sah durch 

das weit geöffnete Fenster hinaus in den sommerlichen 
Park. Hinten im Garten sah er das Brautpaar Arm in Arm 
lustwandeln, ihr fröhliches Lachen klang bis zu ihm hin. 
»Sie sind doch wertvolle Menschen, die Holmsen«, sprach 
da die leise Stimme der Mutter neben ihm. »Fräulein von 
Tessau paßt zu ihnen. Während du schwer krank 
daniederlagst, hat sie den Verlobten gebeten, hier nicht zu 
erscheinen, worin er sich auch ohne Murren fügte. Man 
brachte dir überhaupt viel Teilnahme entgegen, mein 
Junge. Daraus kann man ersehen, wie beliebt du bei der 
ganzen Familie bist. Und wie liebreich sie sich Irinas 
annahmen, so was findet man nicht oft.« 

»Gewiß«, entgegnete er knapp, und die Mutter konnte 
einen schmerzlichen Seufzer kaum unterdrücken. Zwar war 
Odalf nie besonders zugänglich gewesen, aber jetzt hatte 
sie das Gefühl, als umgäbe seine Person ein 
undurchdringlicher Panzer. Er lehnte es auch schroff ab, als 
sie ihm zu verstehen gab, daß die drei Damen sich nach 
seinem Ergehen erkundigen wollten. Durch das Fenster 
ließe sich das wohl gut machen. 
»Bitte die Damen, davon abzusehen, Mama. Es wäre 
beschämend, mich ihnen in dieser Verfassung zu 
präsentieren. Das soll geschehen, wenn ich wieder 

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vollständig auf den Beinen bin, was bald geschehen 
dürfte.« 

Und tatsächlich setzte seine kräftige Natur sich so glänzend 
durch, daß es mit seiner Genesung rapide aufwärts ging. 
Sein fester Wille, seine eisenharte Energie taten ein übriges 
und so konnte es kommen, daß er nach drei Wochen 
wieder an der gemeinsamen Tafel teilnahm. Es war gerade 
ein Sonntag und Familie Holmsen vollzählig zugegen. 
Als er das Speisezimmer betrat, lief ihm Irina 
freudestrahlend entgegen. 
»Wie schön, daß du wieder da bist, Odalf. Ach, was habe 
ich geweint, als es dir so schlecht ging! Aber Alexa hat mich 
getröstet und gesagt, du würdest ganz bestimmt gesund. 
Geht es dir jetzt wirklich schon wieder ganz gut?« 

»Ganz wirklich, Irilein. Laß mich los, damit ich die 
Herrschaften begrüßen kann. 
Gnädige Frau, es tut mir sehr leid, daß ich solche Unruhe 
ins Haus brachte.« Er beugte sich artig über die Hand 
Ginas, die ihm liebenswürdig zulächelte. 
»Wenn die Unruhe nur alles gewesen wäre, Herr Baron. 
Alles andere machte uns weit mehr zu schaffen. Jedenfalls 
freue ich mich ehrlich, Sie wieder wohlauf zu sehen.« 
»Und ich erst«, schaltete sich Wido vergnügt ein. »Zehn 
Tage lang verbannte mich mein unbarmherziges Mädchen 
aus seiner Nähe.« 
»Dafür stand das Telefon nicht still!« rief der Bruder 

neckend dazwischen. »Wenn du die Gebühren dafür 
bezahlen müßtest, würdest du wohl ein saures Gesicht 
machen. Sie sehen tatsächlich schon wieder ganz 
ordentlich aus, Herr Baron. Nicht wahr, Nora?« 
»Kann ich nur bestätigen. Solche Patienten, die so rasch 
wieder auf die Beine kommen, wünsche ich mir zuhauf.« 
Auch Papa Holmsen fand für den Genesenen herzliche, 
humorvolle Worte – nur Birgit sagte nichts. Sie reichte ihm 
die Hand und gab sich alle Mühe, unter einer freundlichen 
Miene das zu verbergen, was ihr Herz bewegte. 
Das wurde nun ein recht fideles Mahl. All die Fröhlichkeit, 

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die bange Tage hindurch eingedämmt worden war, brach 
jetzt durch. Man schien wie eine große Familie, die 

miteinander lachte und weinte. 
Am nächsten Tag trat der Verwalter wieder seinen Dienst 
an. Die Leute brachten ihm direkt Ovationen, die er freudig 
bewegt entgegennahm. 
Und dann ging alles seinen alten Gang. Als Birgit sich im 
Arbeitszimmer des Verwalters einfand, den 
Stenogrammblock in der Hand, winkte er lächelnd ab. 
»Wozu das, gnädiges Fräulein? Sie haben doch auch ohne 
mich Hier alles glänzend geschafft.« 
»Das wäre! Bin manchmal ratlos genug gewesen. Dann lief 
ich zum ersten Inspektor, und wir schwitzten gemeinsam 
Angst.« 

»Wenn übertreiben – denn. Was soll ich überhaupt 
diktieren?« 
»Die Beantwortung dieser beiden Briefe, bei der ich mir arg 
den Kopf zerbrechen müßte. Und dazu verspüre ich keine 
Lust.« 
»Na schön«, nahm er die beiden Schreiben zur Hand, die 
als einzige noch unerledigt dalagen. Während er sie las, 
betrachtete sie verstohlen das rassige Männerantlitz, das 
genau noch so verschlossen erschien, wie vor der Krankheit 
des Mannes. Nichts war anders geworden – aber auch gar 
nichts. Sie schrak zusammen, als er sachlich sagte: 
»Schreiben Sie bitte, gnädiges Fräulein.« 

Wohl zehn Minuten lang flitzten die Finger über den Block, 
dann konnte sie gehen. Hätte er nur eine Ahnung gehabt, 
wie ungern sie es tat, wäre er wohl recht betroffen gewesen. 
Ein sonnenklarer Septembertag stieg auf, der vier 
liebeheißen Herzen die letzte Erfüllung bringen sollte. Die 
standesamtliche Trauung, an der Martin Holmsen und 
Odalf Vörswelde fungiert hatten, war vorüber, gleichfalls 
das anschließende Mahl. Eine knappe Stunde noch, dann 
begann das kirchliche Zeremoniell. 
Frau Gina betrat das Ankleidezimmer, in dem der Gatte vor 
dem großen Spiegel stand und sich mit dem schneeweißen 

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Binder abplagte. 
»Gut, daß du kommst, Fraule. Ich werde mit dem Dings 

einfach nicht fertig.« 
»Habe ich mir so ungefähr gedacht«, entgegnete sie 
lachend. »Halt mal fein still – siehst du, jetzt ist’s geschafft. 
Ein Gesicht machst du, als hätte man dir auf die 
Hühneraugen getreten. Und das am Hochzeitstag deiner 
beiden Söhne und ihrer prächtigen Auserwählten.« 
»Ach was«, brummte er, indem er sich den Frack anzog. 
»Daß man doch nie ganz unbeschwert in eine Sache 
hineinsteigen kann. Immer setzt das liebe Schicksal einem 
einen Dämpfer auf.« 
»Birgit -?« fragte sie leise. 
»Na was denn sonst?« kam es unwirsch zurück. »Hast du 

eine Ahnung, wie unserer Kleinen heute zumute sein muß? 
Wenn ich nur so könnte wie nicht, dann würde ich den 
verbohrten Baron bei den Ohren nehmen, ihn rütteln und 
schütteln, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Verflixter 
Bengel! Könnte sich so leicht ins warme Nest setzen mit 
einer Frau – « 
»Die er nicht liebt«, ergänzte die Gattin trocken, und da 
brauste er auf. 
»Ja, was will der Mann denn überhaupt? Gibt es etwa ein 
liebenswerteres Menschenkind als unsere Tochter?« 
»Danach fragt die Liebe nicht, Martin. Laß ab von deinem 
Zorn, er nützt dir ja doch nichts. Komm, setz dich hin. 

Rauche eine Zigarre und gib mir eine Zigarette.« 
Nur widerwillig kam er ihrem Wunsch nach. 
»So, mein lieber Mann, jetzt wollen wir erst mal geruhsam 
verschnaufen, bevor der Rummel weiter geht. Hätte nicht 
gedacht, daß so viele Gäste zusammenkommen könnten. 
Und dabei sind es nur solche, die unbedingt eingeladen 
werden mußten.« 
»Das ist doch alles so unwichtig«, winkte er verdrossen ab. 
»Den Klimbim übersteht man schon. Zum Kuckuck, dieser 
Vörswelde ist einfach ein Narr!« legte er nun wieder los, 
doch die Gattin preßte ihm rasch die Hand auf den Mund, 

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weil sie Schritte im Nebenzimmer hörte. Gleich darauf 
stand Birgit auf der Schwelle. 

»Ist das die Möglichkeit!« rief sie lachend. »Unten steht 
man fast Kopf vor Aufregung, während unsere >Altchen< 
gemütlich sitzen und rauchen. Die ersten Wagen sind 
schon unterwegs, um Gäste zur Kirche zu bringen, und hier 
tut man so, als befände man sich auf einer einsamen Insel.« 
»Das war aber mal eine nette Standpauke.« Der Vater besah 
sich schmunzelnd sein Töchterlein. »Potztausend, 
Mädchen, du schaust ja aus wie ein Bild in deinem neuen 
Festgewand. Wenn ich nicht gerade dein Vater wäre, würde 
ich mich unsterblich in dich verlieben.« 
»Das könnte dir noch so passen«, tat Frau Gina entrüstet. 
»Ich zeige mich dir bereits eine halbe Stunde in meinem 

Glanz, den du überhaupt nicht bemerkt hast.« 
»Tatsächlich, Fraule«, kratzte er sich verlegen den Kopf. 
»Aber weißt du, der Mensch ist nun mal ein 
Gewohnheitstier. Wer ständig so was Bezauberndes vor 
Augen hat, sieht es zuletzt gar nicht mehr.« 
»Echt männlich.« 
»Böse, Liebchen?« 
»Fürchterlich, Schätzchen.« 
»Und das nach zwanzigjähriger Ehe«, besah sich die 
Tochter kopfschüttelnd das Elternpaar, das sich verschmitzt 
zulächelte. 
Gleich darauf stürmte Wido ins Zimmer. 

»Birgit, wo bleibst du? Der Baron steht sich unten die Beine 
krumm und du plauschst hier in aller Seelenruhe. Läßt den 
Wagen warten.« 
»Der sich die Räder krummsteht«, fiel sie ihm lachend ins 
Wort, und er tat fröhlich mit. 
»Kinder, was ist die eigene Hochzeit doch für eine 
aufregende Angelegenheit. Noch einmal mache ich so was 
bestimmt nicht mit. Komm, Schwesterlein, jetzt bist du am 
dransten.« 
»Was denn, um zu heiraten?« 
»Mädchen, mach mich nicht konfus. In die Kirche fahren 

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sollst du mit deinem Kavalier.« 
Wenig später stand Birgit vor dem eleganten Mann im 

Frack, der ihr mit tadelloser Verneigung einige auserlesene 
Blüten überreichte, bevor er ihr den Arm bot. Das Ehepaar 
Holmsen sah dem distinguierten Paar nach, und ihr Herz 
zog sich schmerzend zusammen. 
Wenn doch – ja wenn… 
Das Zeremoniell verlief in der Kirche mit üblicher 
Feierlichkeit, Irina, die eine solche zum erstenmal 
mitmachte, schmiegte sich eigen berührt an die Mutter, 
während Alexa es bei Frau Gina tat. Die Orgel spielte leise, 
eine sympathische Männerstimme sang, die Ringe wurden 
gewechselt – und zwei junge Frauen Holmsen verließen 
glückstrahlend die Kirche, von den ergriffenen Angehörigen 

gefolgt. Auch weiter verlief alles programmäßig, von der 
Festtafel bis zur Abfahrt der beiden jungen Paare. 
Jedes einem anderen Ziel entgegen, versteht sich. 
»So, das hätten wir geschafft.« Papa Holmsen wischte sich 
schmunzelnd den Schweiß von der Stirn. »Jetzt beginnt der 
gemütliche Teil.« 
Er hakte sich bei seiner Frau ein und gesellte sich mit ihr 
der Gruppe zu, wo unter anderen Gästen auch Vörswelde 
neben seiner Mutter saß. Vornehm sah die Dame aus in der 
schweren Seidenrobe und dem wohlfrisierten. Haupt. 
Wenn sie auch jetzt nicht sehr gesprächig war, so ging sie 
doch mehr aus sich heraus als gewöhnlich. Mit Staunen 

und Zufriedenheit zugleich hatte sie von der glänzenden 
Festgestaltung Kenntnis genommen. Wirklich über jede 
Kritik erhaben. Sie schienen ein vornehmes Haus zu 
machen, die Holmsen. 
Eben trat Birgit hinzu, bezaubernd anzuschauen in ihrem 
»Gedicht von Kleid«. Voller Stolz besah sich der Vater sein 
Töchterlein. 
»Wo steckten wir solange, mein Mädchen, hm?« 
»Oben bei Irina und Lexi. Die beiden kleinen Damen 
haben regelrecht getafelt, dabei ist ihnen der Wein in die 
Köpfchen gestiegen. Sie wollen sich über alles und jedes 

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halbtot lachen, tanzen dabei zur Rundfunkmusik 
quietschvergnügt. Sie meinen, was wir hier unten können, 

stände auch ihnen zu.« 
Da nun die Musik einsetzte, machten die Herren sich 
daran, zuerst einmal ihre Tischdamen aufzufordern. So 
verneigte denn Odalf sich vor Birgit, die ihm 
bangklopfenden Herzens auf das Parkett folgte. Ein Gefühl, 
wonnig und weh zugleich, erfüllte sie, als er den Arm um 
ihre Mitte legte. Er tanzte gut, wie man es anders wohl 
kaum erwarten durfte. Führte sie sehr korrekt und genug 
distanziert. Sein Antlitz blieb hart und verschlossen wie 
gewöhnlich. 
Und dabei sang doch die Geige so süß, ganz nah war ihm 
das zauberschöne Mädchengesicht. Papa Holmsen hatte 

recht – der Mann war wirklich ein Narr. 
Als er später mit Frau Gina tanzte, sagte sie besorgt: 
»Sie sehen blaß aus, Herr Baron.« 
»Das macht die Beleuchtung, gnädige Frau.« 
»Hoffentlich. Sie sollten sich beim Tanz nicht 
überanstrengen, der Sie noch vor Wochen schwer krank 
darniederlagen. « 
»Das ist doch schon längst vergessen. Außerdem soll der 
Tanz doch ein Vergnügen sein, keine Anstrengung.« 
»Das sagen Sie nicht. Nehmen wir als Beispiel die 
modernen Tänze, bei denen man sich so verrenken muß, 
als gälte es Steine zu karren oder Bäume aus der Erde zu 

reißen.« 
»Scheußlich«, ließ er nun sein dunkles, sonores Lachen 
hören. »So ein Kasperletheater mache ich erst gar nicht 
mit.« 
»Das hören wir Alten gern.« 
»Alt, gnädige Frau – Sie?« 
»Nun lacht der Mensch mich noch ganz respektlos aus«, tat 
sie entrüstet. »Bitte sehr, ich habe zwei verheiratete Söhne. 
Das heißt – « 
Fragend sah sie zu ihm auf, und er nickte. 
»Ich weiß Bescheid, gnädige Frau, durch Ihren Gatten. Eine 

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verpönte Bezeichnung in Ihrer Familie – und mit Recht. 
Wer eine so vorbildliche Mutter ist, der ist eben eine.« 

»Das war ein gutes Wort, Herr Baron«, entgegnete sie warm. 
»Ich liebe meine Kinder, deren es jetzt drei mehr gibt; denn 
auch Alexa rechne ich dazu. Gäbe Gott, zu ihnen gesellte 
sich recht bald noch ein Sohn.« 
Schien es nicht, als ob er erblaßte? Wohl nur eine 
Täuschung, weil er ruhig antwortete: 
»Dazu wünsche ich Ihnen alles Glück, gnädige Frau.« 
Oh, über diesen verbohrten Menschen -! dachte sie 
ärgerlich. Martin hat recht. Man müßte ihn bei den Ohren 
nehmen und gehörig zusammenschütteln. 
Gina wurde einer Antwort enthoben, da die Musik schwieg. 
An Odalfs Seite ging sie nach dem Tisch zurück, wo jetzt 

der Hausherr neben der Baronin saß. Sie waren beide so 
vergnügt, daß der Sohn die Mutter erstaunt ansah. 
»Siehst du, mein Junge, ich kann auch fröhlich sein«, nickte 
sie ihm mit ungewohnter Herzlichkeit zu, worauf er nach 
ihrer Hand griff und seine Lippen auf sie drückte. 
I du verflixter Bengel! dachte Holmsen, zwischen Ärger und 
Humor schwankend. Wie tief sich dein stolzer Nacken 
beugen kann – wenn er will. Wenn du es doch auch 
woanders tätest, wo es tiefste Glückseligkeit hervorrufen 
würde. 
Sein Blick suchte Birgit, die mit einem nicht mehr jungen 
Herrn vergnügt drauflos steppte. Recht so, mein 

Marjellchen, laß dir deine Fröhlichkeit nicht nehmen – 
auch von dem stolznackigen Baron nicht. 
»Ja, da werde ich wohl wieder mein Dienerchen machen 
müssen, bis ich die Damen bepflichttanzt habe.« Er erhob 
sich und zog die Weste glatt »Macht Spaß und nicht. Bei 
denen ersteres der Fall ist, trete ich gleich an, bei den 
andern lasse ich die Musik erst ein Weilchen spielen. Sie 
sollten sich meine vernünftige Taktik zunutze machen, 
Herr Baron.« 
Ihm vergnügt zublinzelnd ging er davon und hielt gleich 
darauf eine stocksteife Partnerin im Arm. 

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»Man sieht direkt, daß mit dieser Dame zu tanzen eine 
Arbeit ist«, bemerkte Frau Gina lachend. »Und gerade sie 

hält streng darauf, nur nicht übergangen zu werden.« 
»Aber Ihr Gatte scheint mit dieser schwierigen 
Angelegenheit recht gut fertig zu werden«, bemerkte die 
Baronin lächelnd. »Wie kommt es übrigens, daß keine 
Verwandten der beiden jungen Frauen zugegeben sind? 
Wurden sie nicht eingeladen?« 
»Nein, weil Erla sich dagegen sträubte. Das arme Kind muß 
böse Tage bei den herzlosen Menschen gehabt haben, so 
daß es jetzt nichts mehr von ihnen wissen will. Nora 
hingegen besitzt keine näheren Verwandten und mit den 
entfernten hat sie keine Fühlung. Meine Söhne können 
froh sein, so prachtvolle Frauen gefunden zu haben. 

Doch nun will ich dafür sorgen, daß die fleißigen Musiker 
eine längere Pause einlegen, in der sie sich genügend 
stärken können. Gleichfalls sollen es die Gäste tun. Bitte 
mich daher für ein Weilchen zu entschuldigen.« 
Mutter und Sohn blieben nun allein am Tisch zurück. 
Einige Minuten herrschte Schweigen zwischen ihnen, dann 
meinte erstere: 
»Gutes Haus hier.« 
»Hast du etwa daran gezweifelt, Mama?« 
»Das nicht, aber mancherlei überrascht mich dennoch. 
Jedenfalls haben die beiden vermögenslosen jungen Frauen 
sich hier ins warme Nest gesetzt.« 

Die letzten Worte hörte Birgit, die unbemerkt hinzutrat. Es 
war ein spöttischer Blick, der zu der Dame hinging und sie 
verlegen machte, während dem Sohn das Blut ins Gesicht 
stieg. Das Mädchen jedoch tat ganz harmlos, nahm Platz 
und sah vergnügt zu, wie die Gäste sich an den Tischen 
gruppierten. Sie waren so gestellt, daß man sich bequem 
miteinander unterhalten konnte. 
So flog denn auch manches Scherzwort hin und her. Der 
Sekt, der zu den Delikatessen gereicht wurde, löste die 
Zungen, so daß bald eine unbeschwerte Fröhlichkeit 
herrschte. 

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»Nun, Fräulein Birgit, jetzt sind Sie am dransten.« Ein 
bejahrter Herr hielt ihr sein Glas entgegen. »Sehen Sie zu, 

daß Sie uns gleich den Brüdern bald zu so einer vergnügten 
Feier wieder verhelfen. Einen Mann hätte ich für Sie. 
Wollen Sie ihn mal ansehen?« 
»Warum nicht?« gab sie mutwillig zurück. »Ansehen kostet 
ja nichts. Ist er schneidig, hat er Geld?« 
»Beides. Und Landwirt ist er auch.« 
»Großartig, dann müßte die Sache eigentlich klappen.« 
»Und das Herz?« rief eine jüngere Dame hinüber. 
»Das muß mit.« 
So trocken klang es, daß stürmische Heiterkeit ausbrach. 
Jedenfalls hatten die Eltern wieder einmal Grund, stolz auf 
ihre Tochter zu sein. Wo andere Mädchen, die das gleiche 

Herzweh trugen, sich wehleidig aller Freude ausgeschlossen 
hätten oder gar am Leben verzagt wären, kämpfte sie sich 
tapfer durch ihre Trübsal und brachte die Kraft auf, sich in 
Gegenwart anderer darüber hinwegzulachen. Sie vermied 
es sogar, die Lieben in ihre Herzensnot hineinzuziehen, 
weil sie wußte, daß diese dann mit ihr leiden würden. Also 
war das kein Mangel an Vertrauen, sondern nur zarte 
Rücksichtnahme. 
Nachdem die Gäste und auch die Musiker sich genügend 
gestärkt hatten, konnte wieder der Tanz beginnen. Da die 
älteren Herrschaften nun nicht mehr daran teilnahmen, 
sondern einen gemütlichen Plausch vorzogen, gab es auf 

dem Parkett reichlich Platz für die Tanzlustigen. 
Hauptsächlich der eine Herr, der leidenschaftlich gern 
tanzte, holte immer wieder die Tochter des Hauses, die 
auch wirklich eine glänzende Partnerin war. Seine Frau, die 
sich aus dem letzten Wochenbett immer noch nicht so 
recht erholen konnte, gönnte ihrem Mann das harmlose 
Vergnügen von Herzen, weil sie genau wußte, daß dem 
treuen Ehekameraden keine Frau gefährlich werden konnte 
– und mochte sie auch noch so zauberhaft sein wie Birgit 
Holmsen. 
Eben tanzte er mit ihr einen Paso doble. Wie ein 

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Wirbelwind ging es über das Parkett. 
»Das geht aber flott«, meinte ein dicker, asthmatischer Herr 

förmlich andächtig. »Wo die Leutchen die Puste herkriegen, 
das möchte ich gern wissen.« 
Nun, außer Atem waren sie schon, als sie Schluß machten. 
Heiß und leicht schnaufend ließ sich Birgit auf den Stuhl 
fallen. 
»Herrlich war das, aber jetzt habe ich für eine Weile genug. 
Laß nur, Mutz, ich trinke vorsichtig«, beschwichtigte sie die 
Mutter, die auffahren wollte, als sie nach dem Sektglas griff. 
»Du weißt, ich bin nicht unvernünftig.« 
»Nein, das bist du wirklich nicht«, betonte sie 
nachdrücklich. »Wohl dir, mein Kind.« 
Allmählich begannen die älteren Herrschaften 

aufzubrechen, doch die jüngeren mochten sich von der 
gastlichen Stätte noch nicht trennen. Eine junge Frau, die 
über eine liebliche Stimme verfügte, wurde gebeten, etwas 
zum besten zu geben. Sie tat es ohne Ziererei, beriet mit 
den Musikanten, und ein lustiges Potpourri stieg. Man 
lauschte mit Genuß und horchte dann auf, als eine innige 
Weise dazwischenklang. 
 
Mein Herz und dein Herz sind ein Herz- 
 
Wie ein jubelndes Geständnis kam es über die Lippen der 
Sängerin, die, wie bekannt, mit ihrem Mann in glücklicher 

Ehe lebte. Er lauschte mit leuchtenden Augen, und die 
anderen hatten ihre Freude daran. 
Nur Birgit hatte das Gefühl, als bohre es in ihrem Herzen 
herum wie mit eines stumpfen Messers Schneide. Sie wagte 
den Blick nicht zu heben, damit er nicht den Augen des 
Mannes begegnete, in denen gewiß ein nachsichtiges 
Lächeln lag – oder gar verletzende Ironie. Wie eine Marter 
erschien ihr die jubelnde Stimme. Sie atmete wie erlöst auf, 
als diese endlich schwieg. 
Und als später auch die letzten Gäste aufbrachen, da mußte 
die bezaubernde Birgit Holmsen feststellen, daß Baron 

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Vörsweide auf dem Fest nur einmal mit ihr getanzt hatte – 
und zwar den Pflichttanz. 

Birgit blieb noch einen Tag im Elternhause, dann fuhr sie 
wieder nach Ragaltshöfen und nahm Irina mit. Deren 
Plappermaul stand nicht still. So wunderschön wäre es 
gewesen, gar nicht zu beschreiben. Am liebsten bliebe sie 
immer bei Alexa und den guten Holmsens. Doch als sie 
Mutter und Bruder begrüßte, war sie dennoch froh, wieder 
bei ihnen zu sein. 
Aber still war es im Hause. Obwohl Erla gewiß kein Leben 
hineingebracht hatte, spürte man ihr Fehlen trotzdem. 
Hauptsächlich Birgit. Als sie ihr Zimmer betrat, kam es ihr 
seltsam öde und leer vor. Scheu streifte ihr Blick die Tür, 
durch die sich so oft ein dunkler Lockenkopf gesteckt hatte. 

Nun, der legte sich jetzt an ein Herz, da unten im Süden, 
wo es nur Glückstage gab für die einst so zaghafte, vom 
Schicksal stiefmütterlich behandelte Erla von Tessau. 
Ich bin ja töricht – sann Birgit verdrossen. Warum bleibe 
ich überhaupt hier, die ich ein so harmonisches, 
liebedurchwehtes Elternhaus habe. In der Rentmeisterei 
sitzt jetzt eine tüchtige Kraft, welche die Arbeit auch allein 
schaffen würde, und der Verwalter braucht mich für seinen 
Schreibkram auch nicht unbedingt. Bin ich also hier weiter 
nichts als eine Staffage. – Ich fahre morgen nach Hause 
und komme immer nur zum Wochenende mit den Eltern 
her. 

Aber kaum hatte sie das gedacht, wurde sie kleinlaut. Die 
Eltern, ja, was würden die wohl sagen, wenn sie, die kaum 
vor einem halben Jahr aus dem behüteten Nest 
frischfröhlich den ersten Flug unternommen, sich mit 
gebrochenen Flügeln zurückfand? Nein, das ging nicht, 
feige durfte sie nicht sein. Sie wollte und mußte 
durchhalten. 
Und es ging – wenn auch in den ersten Tagen nur 
widerwillig und verdrossen. Zum Wochenende waren dann 
wieder die Eltern nebst Alexa da, und schon gab es 
fröhliches Leben im Hause. 

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Die Baronin, die sich jetzt nicht mehr absonderte, sondern 
auch nach den Mahlzeiten mit Familie Holmsen 

zusammensaß, machte zumeist einen gedrückten Eindruck, 
wozu sie eigentlich keine Veranlassung hatte. Der Sohn war 
wieder vollkommen gesund, Irina prächtig erholt und recht 
manierlich, also hätte die Mutter von Herzen zufrieden 
sein müssen. Doch sie sah zuweilen blaß aus, in ihren 
Augen brannte es wie von ungeweinten Tränen. Und da bei 
jedem Menschen einmal die Nerven nachgeben, und 
mochten sie hart wie Stränge sein, so geschah es auch hier. 
Es war an einem Sonntag zwischen Mittag und Kaffee, als 
das Ehepaar Holmsen es sich auf der Terrasse in den 
Liegestühlen gut sein ließ. Man mußte die Sonnentage 
weidlich ausnutzen, die im Oktober rar zu werden 

begannen. Drei Wochen später kam der November, der mit 
dem schönen Wetter Schluß machte. 
Die Bäume prangten in ihrem Herbstschmuck aus farbigem 
Laub, gleichfalls die Blumen mit ihren leuchtendbunten 
Farben. Es war so still um die ruhenden Menschen, daß sie 
behaglich vor sich hin duselten. Weiter im Park hörte man 
fröhliches Lachen. Dort spielten die beiden Kinder mit 
Birgit Tennis. 
Plötzlich hob Frau Gina den Kopf – lauschte, dann rüttelte 
sie den Arm des Gatten. 
»Hör mal, Martin, weint da nicht jemand?« 
»Tatsächlich«, entgegnete er betroffen. »Wer kann das nur 

sein? Birgit und die Kinder befinden sich doch auf dem 
Tennisplatz.« 
Sie standen auf, legten sich über die Brüstung der Terrasse – 
da, jetzt klang es schon näher. Beunruhigt stiegen sie dann 
die Stufen hinab in den Park, gingen am Haus entlang – 
und schon fanden sie des Rätsels Lösung. Im Lehnstuhl am 
geöffneten Fenster ihres Zimmers saß die Baronin, hielt das 
Gesicht in den Händen und weinte jammervoll. Betreten 
schauten die Draußenstehenden sich an. Was war denn 
hier richtig, was falsch? Sollten sie sich taktvoll entfernen 
oder - In dem Moment hob die Weinende den Kopf, 

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erblickte die beiden Menschen, die Hand in Hand wie 
arme Sünder dastanden. 

»Oh, entschuldigen Sie«, stammelte der zuckende Mund. 
»Ich konnte nicht ahnen…« 
»Frau Baronin, kann ich Ihnen vielleicht helfen?« fragte 
Gina zaghaft, und die andere schüttelte den Kopf. 
»Danke – es ist schon vorüber. Ich schäme mich ordentlich 
meiner Schwäche.« 
»Dann kommen Sie wenigstens hinaus in die Sonne.« 
»Das kann ich tun.« 
Wenig später erschien sie auf der Terrasse, wohin auch die 
Gatten zurückgekehrt waren. Mitleidig schaute Gina in das 
verweinte, verhärmte Frauenantlitz, in dem es jetzt wieder 
arbeitete und zuckte. 

»Nein, Frau Baronin, so geht es denn doch nicht«, sagte sie 
entschieden. »Wir gehen in das kleine Zimmer, wo wir 
ganz ungestört sind. Dort erzählen Sie uns Ihren Kummer, 
und wir werden Ihnen zu helfen Versuchen.« 
Damit zog sie die Dame einfach fort, drückte sie in dem 
lauschigen Gemach in einen Sessel. Holmsen, der gefolgt 
war, schloß die Tür und nahm, gleich der Gattin, Platz, 
»Sie müssen nicht etwa annehmen, daß wir neugierig sind, 
Frau Baronin«, begann er verlegen. Doch sie winkte mit 
einem traurigen Lächeln ab. 
»Um das anzunehmen, kenne ich Sie schon zu gut. Es ist ja 
auch nichts Direktes geschehen. Ich bin hur in Sorge um 

meinen Sohn, habe Angst um ihn.« 
»Wie denn, ist etwas von seiner Krankheit 
zurückgeblieben?« forschte Gina bang. 
»Das nicht. Er trägt aber unstillbares Leid, das, wie ich 
fürchte, ihn langsam zermürben könnte.« 
»Kennen Sie das Leid?« 
»Ja.« 
»Und Sie sind nicht in der Lage, ihm zu helfen?« 
»Nein.« 
»Wir vielleicht?« 
»Sie nicht – aber – « 

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»So sprechen Sie sich doch aus, Frau Baronin«, bat 
Holmsen dringend. »Sie wissen doch, ganz genau, wie 

wichtig Ihr Sohn Ragaltshöfen und somit auch für uns ist. 
Wer kann ihm helfen?« 
»Ihre – Tochter.« 
Erst starrten die Gatten sich an – doch dann begriffen sie. 
»Ist denn das die Möglichkeit«, entgegnete der Mann 
konsterniert. »I, dieser verflixte Bengel!« 
Verständnislos schaute die Baronin auf die beiden 
Menschen, die absolut kein Mitgefühl zeigten, sondern sich 
vergnügt anlachten. Schon wollte sie sich gekränkt erheben, 
was Gina aber verhinderte. 
»Bitte nicht. Was mein Mann meinte, sollen Sie bald, 
erfahren. Hat der Herr Baron Ihnen gesagt, daß er Birgit – 

liebt?« 
»Nein, dafür ist er viel zu verschlossen. Nur während der 
Krankheit, da er zeitweise seiner Sinne nicht mächtig war, 
hat er den Namen gerufen – zärtlich, sehnsüchtig, in 
überströmender Liebe und Herzensnot. Und 
zwischendurch immer das flehende: Mein Herz und dein 
Herz sind ein Herz – ach, es war entsetzlich!« 
»Und weshalb bewirbt er sich denn nicht um meine 
Tochter?« fragte Holmsen mit einer Stimme, die nicht ganz 
klar klang. 
»Das weiß ich nicht. Ich weiß überhaupt nichts weiter, als 
was er in seinen Fieberphantasien verriet. Er ist ja so 

unzugänglich, der Junge, so unbarmherzig mit sich selbst. 
Fordert von sich eiserne Selbstdisziplin. Nie wird mir 
gegenüber das über seine Lippen kommen, was sein Herz 
bewegt. Aber heute, als ich in sein Arbeitszimmer ging, um 
etwas zu fragen, sah ich ihn versunken am Schreibtisch 
sitzen. Sein Gesicht zuckte, in der Hand hielt er ein Bild 
Fräulein Birgits. Wo er es her hat, entzieht sich meiner 
Kenntnis. 
Können Sie sich ungefähr denken, wie mir zumute war? Ich 
habe gewiß nicht gut an ihm gehandelt. Habe ihn gepeinigt 
und gequält mit meinem unverzeihlichen Egoismus, 

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meiner kindischen Unzufriedenheit. Erst als ich um sein 
Leben bangen mußte, stand meine Schuld riesengroß vor 

mir – ich fürchtete mich namenlos vor der Strafe der 
Vergeltung. Zwar blieb er mir erhalten, aber ich muß 
büßen fort und fort. Denn meine Schuld wird immer 
zwischen uns stehen.« 
Dieses trostlose Geständnis erschütterte die beiden Zuhörer 
tief. Es folgte eine bedrückende Stille, die Holmsen dann 
brach. 
»Das ist ja nun eine ganz verflixte Geschichte«, brummte er. 
»Wenn man nur wüßte, wie man da hinterhaken könnte. 
Da zerquälen sich zwei Herzen, daß Gott erbarm! Stolz 
steht gegen Stolz, Zweifel gegen Zweifel. Einer verbirgt 
seine Liebe meisterhaft, der andere auch. Ich kann doch 

unmöglich hingehen und sagen: Hören Sie mal, mein 
lieber Freund, ich biete Ihnen meine Tochter an. Zwar soll 
auch so was vorkommen, aber dann ist es ein Geschäft 
unter robusten Naturen.« 
Es klang so kläglich, daß die Gattin lachen mußte, so wenig 
ihr auch danach zumute war. Auf den fragenden Blick der 
Baronin gab sie Antwort: 
»Es ist so, wie mein Mann sagte. Auch unsere Tochter trägt 
Herzweh um ihre Liebe, die sie genauso tief in sich 
verschließt wie der Herr Baron.« 
»Aber dann kann ja noch alles gut werden«, kam es 
zwischen Hoffen und Bangen zurück. »Ob ich meinem 

Sohn einen Wink gebe?« 
»Nein«, widersprach Holmsen entschieden. »Wir haben es 
hier mit zwei stolzen, eigenwilligen Menschen zu tun, die 
aus sich heraus zueinander finden müssen. Ein 
gutgemeinter Rat oder ein unbedachtes Wort könnte da 
mehr schaden als nützen. Nun wollen wir ein frohes 
Gesicht machen, denn ich höre Birgit mit den Kindern 
kommen. 
Habt ihr euch jetzt genügend ausgehopst?« rief er ihnen 
vergnügt entgegen. »Und tüchtigen Hunger mitgebracht?« 
»Ja!« erfolgte die Antwort dreistimmig. Alexa umhalste ihre 

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geliebte Tante Gina stürmisch. 
»Wo Irina und ich die Bälle hingeworfen haben, darüber 

könnte man sich ausschütten vor Lachen.« 
»Aller Anfang ist schwer, Lexilein.« Die Dame strich zärtlich 
die Locken aus dem erhitzten Kindergesichtchen. »Birgit 
hat genauso begonnen wie ihr, und jetzt kann sie kaum 
noch ein Partner schlagen.« 
»Mein Bruder schon«, behauptete Irina großartig. »In 
Weide schlug er sie alle. Auch bei Ihnen wird er es tun, 
Fräulein Birgit. Wetten?« 
»Worauf denn?« 
»Daß Sie die Partie verlieren. Ich will mal gleich zu Odalf.« 
Weg war sie. Gleich darauf stürmte sie ins Arbeitszimmer 
des Bruders, der am geöffneten Fenster saß und in einer 

Illustrierten blätterte. 
»Odalf, man will mir nicht glauben, daß du jede 
Tennispartie gewinnst. Sag du es ihnen!« 
»Halt ein, du Ungestüm, du bist ja ganz aus Rand und 
Band! Es ist lieb von dir, daß du mich so herausstreichst, 
aber du weißt auch, wie wenig recht mir das ist. Wer soll 
denn überhaupt meine Partnerin sein?« 
»Fräulein Birgit. Das heißt, gesagt hat sie es nicht«, gab sie 
der Wahrheit die Ehre. »Du müßtest sie also erst zu der 
Partie auffordern.« 
»Aha, da kommt heraus, daß mein Schwesterlein wieder 
einmal auf eigene Faust gehandelt hat. Soll ich mich denn 

blamieren? Ich habe länger als zwei Jahre nicht mehr 
Tennis gespielt, während Fräulein Holmsen im Training ist. 
Da kann ich mich nicht mit ihr messen, siehst du das ein?« 
»Das schon«, versetzte sie kleinlaut. »Aber ich kann es nun 
durchaus nicht leiden, wenn man Fräulein Birgit 
herausstreicht und dich gar nicht beächtet.« 
»Irina, was sind das für häßliche Gedanken. Geht es dir 
immer noch nicht ein, daß Fräulein Holmsen die Tochter 
des Besitzers von Ragaltshöfen ist und ich nur der Verwalter 
bin?« 
»Du, das vergesse ich tatsächlich«, gab sie unumwunden 

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zu. »Weil wir doch hier viel freier leben, als es auf Weide 
der Fall war.« 

»Siehst du, daher müssen wir Familie Holmsen dankbar 
sein, die uns ein so schönes Leben ermöglicht.« 
Als man sich auf der Terrasse zum Kaffee zusammenfand, 
fragte Holmsen neckend: 
»Nun, Irina, wie steht’s mit der Wette?« 
»Die fällt ins Wasser«, mußte sie kläglich bekennen. »Mein 
Bruder fürchtet, sich zu blamieren, da er schon lange aus 
dem Training ist.« 
»Ja, gibt’s denn auch so was bei Ihnen, Herr Baron?« fragte 
Gina lachend. 
»Doch, gnädige Frau. Solange ich auf Ragaltshöfen weile, 
habe ich kein Rakett mehr in der Hand gehabt.« 

»Wollen wir beide es mal versuchen? Ich bin nämlich auch 
schon aus der Übung gekommen.« 
»Gern, aber ich bitte um gütige Nachsicht.« 
»Sollen Sie haben.« 
So stieg man denn nach dem Kaffee in den Dreß. Auch 
Birgit, die ihn beim Spiel mit den Kindern vorhin nicht 
trug. Diese erboten sich eifrig, die Bälle aufzuheben, 
während die Nichtspieler sich außerhalb des Platzes, wo 
unter einem großen Baum bequeme Bänke standen, 
niederließen. Interessiert verfolgte man das Spiel, das flott 
voranging. 
»Daß der Baron aus dem Training ist, kann man gerade 

nicht behaupten«, schmunzelte Holmsen. »Er macht seiner 
Partnerin ganz gut zu schaffen.« 
Tatsächlich mußte Gina sich tüchtig rühren. Trotzdem 
blieb das Spiel unentschieden. Als sie sich zu den anderen 
gesellte, sagte sie lachend: 
»Ist der Mann bescheiden! Tut so, als bekäme er den Ball 
nicht über das Netz und schlägt ganz raffiniert drein. Los, 
Birgit, stell dich ihm. Ganz einfach wirst du es bei dem 
Partner nicht haben. Oder sind Sie zu, müde zur neuen 
Partie, Herr Baron?« 
»Woher denn, gnädige Frau. Ich fühle mich kaum 

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angestrengt.« 
»Dann auf in den Kampf!« 

Es wurde wirklich ein Kampf, den man verbissen ausfocht. 
Den Kindern geriet es kaum, die Bälle zu sammeln, so 
rasch folgten die Schläge. Man merkte, wie das Mädchen 
allmählich nervös zu werden begann, während der Mann 
gelassen blieb. 
»Paß auf, Gina, der schafft’s«, stellte der Gatte sachlich fest, 
und sie nickte. 
»Kann sein, da Birgit heute nicht so kaltblütig spielt wie 
sonst. Ich gönne ihm den Sieg. Hoffentlich ist das ein gutes 
Omen für einen andern, schwerwiegenderen.« 
Und er blieb Sieger. Wenn auch nur knapp, aber immerhin. 
Ein amüsiertes Lächeln umzuckte seinen Mund, als er mit 

der Partnerin zu den Zuschauern trat, die sich 
offensichtlich ärgerte. Als sie jedoch das pfiffige Gesicht des 
Vaters sah, mußte sie lachen. 
»Dich freut wohl gar die Niederlage deiner Tochter, mein 
lieber Paps?« 
»Gewiß, Marjellchen. Denn so was sorgt dafür, daß die 
Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es waren ja auch 
immer nur mittelmäßige Partner, mit denen du bisher 
spieltest. Aber an diesem scheinst du deinen Meister 
gefunden zu haben«, setzte er doppelsinnig hinzu, was den 
andern beiden Damen ein verstecktes Lächeln entlockte. 
Denn sie wußten ja, wie seine Worte gemeint waren. 

Seit dem Tage spielte das Paar öfter zusammen, auch am 
Alltag. Für Birgit war das ein guter Ausgleich nach dem 
stundenlangen Sitzen am Schreibtisch, für Odalf eine 
Erholung nach stundenlangem Sitzen im Sattel. Wenn er 
auch nicht immer Sieger blieb, so doch größtenteils. 
Sie ärgerte sich jedoch nicht mehr darüber, sondern nahm 
es gleichmütig hin. Anschließend unterhielten sie sich 
friedlich und kamen sich dadurch langsam näher. Es war 
wie ein behutsames Hineintasten in das Denken und 
Fühlen des andern. 
An einem Abend, als sie nach dem Spiel gemächlich dem 

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Hause zuschritten, bestellte Birgit Grüße von den beiden 
Flitterwochenpaaren, die selbstverständlich im siebenten 

Himmel schwebten, wie sie lachend hinzufügte. Und dann, 
so ganz ohne Übergang, fragte der Mann das Mädchen um 
Rat, was man mit Irina machen könnte, die nun ja wieder 
Unterricht haben müßte. Sie hätte ihn gestern darum 
gebeten, die Stadtschule besuchen zu dürfen, wobei er 
jedoch Bedenken hege. Schon allein die tägliche Fahrt bei 
Wind und Wetter zur Stadt hin und zurück. Zwar hätte sie 
sich in den letzten Monaten erstaunlich gut herausgemacht, 
wäre jedoch immer noch zarter als andere Mädchen ihres 
Alters. 
»Das ließe sich auch anders einrichten«, entgegnete Birgit 
mit einer Sachlichkeit, über die sie sich selbst freute. »Irina 

könnte im Hause meiner Eltern wohnen und zum 
Wochenende mit ihnen zusammen hierherkommen.« 
»Würden Ihre Eltern damit einverstanden sein, gnädiges 
Fräulein?« 
»Unbedingt. Ich fürchte nur, daß die Frau Baronin 
untröstlich sein würde, wenn sie Irina nicht täglich um sich 
hätte. Bedenken Sie, wie sehr die überängstliche Mutter 
schon hat nachgeben müssen. Man darf ihr auch nicht 
zuviel zumuten. 
Aber einen anderen Vorschlag will ich Ihnen machen. 
Fräulein Tey, die in der Rentmeisterei hilft, hat eine 
zwölfjährige Schwester, die in der Stadt das Lyzeum 

besucht. Nun ist der Vater, der im Nachbardorf Lehrer war, 
vor einem Vierteljahr gestorben und die Witwenpension 
Frau Teys nur klein, dazu drei ihrer Kinder noch 
schulpflichtig. Die beiden Söhne möchte sie nicht vom 
Gymnasium herunternehmen, da sie sehr begabt sind und 
auch Freischule bekommen. 
Trotzdem langt es nicht hin und her, obgleich die Mutter 
sich mit Heimarbeit noch redlich abplagt. Außerdem 
betreibt der Bruder, ein Junggeselle, noch eine kleine 
Landwirtschaft, die nicht nur den eigenen Bedarf abwirft, 
sondern auch noch manche Mark einbringt. 

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So schlagen sie sich recht und schlecht durch, doch ganz 
will es nicht langen. Daher soll die jüngste Tochter vom 

Lyzeum, worüber die Kleine unglücklich ist. Denn auch sie 
scheint gleich ihren Brüdern sehr begabt und ehrgeizig zu 
sein. Also können Sie ein gutes Werk tun, Herr Baron, 
wenn Sie eine Lehrerin ins Haus nehmen, die Irina mit 
dem andern Mädchen zusammen unterrichtet. Dann hat 
erstere eine Kameradin und dieser ist auch geholfen.« 
Aufmerksam hatte er zugehört, und dann trat ein warmer 
Schein in seine Augen. 
»Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein. Jetzt weiß ich, was ich 
zu tun habe. Morgen schon suche ich Frau Tey auf und 
spreche mit ihr.« 
So kam es denn, daß bald darauf eine Lehrerin antrat, die 

Frau Gina ausgesucht hatte. Nicht mehr jung, doch 
erfahren in ihrem Fach, gescheit und sehr sympathisch. 
Auch die Mitschülerin rückte an. Ein reizendes Mägdlein, 
aufgeweckt und bescheiden. Irina war glückselig und 
schloß sich rasch an ihre Kameradin an- und somit löste 
sich alles in Wohlgefallen auf. 
Jetzt war auch das Zimmer neben Birgits nicht mehr leer. 
Und wenn die Nachbarin Birgit auch nicht so ans Herz 
wuchs wie Erla, so mochte sie diese jedoch gern. 
So gab es denn am Abend manch einen gemütlichen 
Plausch, und da Fräulein Hedwig vortrefflich Geige spielte, 
auch manches Konzert. Daß sie unten dabei dankbare 

Zuhörer hatten, ahnten sie allerdings nicht. 
Auch heute saßen Mutter und Sohn zusammen und ließen 
sich von den schmeichelnden Klängen einspinnen. Wenn 
zwischendurch Birgits fröhliches Lachen aufklang, huschte 
es wie Qual über das Männerantlitz. Die Mutter sah es 
wohl, schwieg jedoch mit sorgebangem Herzen. 
Der törichte Junge! Er begriff doch sonst alles so schnell, 
doch bei dem, was seine Liebe betraf, schien er direkt 
begriffsstutzig zu sein. 
Jetzt spielte man oben das »Ständchen« von Schubert. Süß 
sang die Geige, und süß sang die Mädchenstimme. So 

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zärtlich, so weich, so aus herzklopfender Tiefe heraus: 
 

»Leise flehen meine Lider, 
durch die Nacht zu dir – « 
 
Und dann weiter so flehend, wie der Text es verlangt: 
 
»Hörst du die Nachtigallen schlagen, 
ach, sie bitten dich, 
aus der Ferne mit süßen Klagen, 
flehen sie für mich. 
Sie versteht des Herzens Klage, 
Kennen Liebesschmerz  
rühren mit den Silbertönen 

jedes weiche Herz... « 
 
Da biß der Mann die Zähne zusammen wie in heißem 
Schmerz. Hastig erhob er sich und ging hinaus. 
Es war an einem Sonntag Ende Oktober. Wie gewöhnlich 
am Wochenende befand sich das Ehepaar Holmsen nebst 
Alexa wieder im Herrenhause von Ragaltshöfen. Man 
konnte sagen, daß man einen so schönen Spätherbst schon 
lange nicht mehr erlebt hatte. Zwar gab es zwischendurch 
auch mal Sturm und Regen, aber dann lachte die Sonne 
wieder vom Himmel hernieder wie im Sommer. So auch 
heute. Direkt heiß war es draußen. Natürlich nutzte man 

den herrlichen Tag aus und lag in Liegestühlen auf der 
Terrasse, die Baronin, Frau Holmsen, die Lehrerin und die 
beiden Kinder. 
Eben kam Holmsen mit dem Verwalter von einem 
Rundgang durch die Wirtschaft zurück. Da die beiden 
Herren gemeinsam die Terrasse betraten, mußte letzterer 
wohl oder übel es seinem Chef gleichtun und sich in einen 
Liegestuhl sinken lassen. 
»Ich glaube, wir kriegen ein Gewitter.« Holmsen wischte 
sich den Schweiß von der Stirn. »Denn umsonst ist es nicht 
so schwül. Wo steckt denn Birgit?« 

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»Ins Dorf gegangen«, gab die Gattin Antwort. »Fräulein Tey 
feiert ihren Geburtstag und hat unsere Tochter dazu 

herzlich eingeladen. Um nicht das Pferd so lange warten zu 
lassen, ging sie zu Fuß. Zum Abendessen wollte sie wieder 
zurück sein.« 
»Hoffentlich gerät sie dabei nicht ins Gewitter hinein, 
Gina.« 
»Aber bester Mann, wie kommst du überhaupt darauf, daß 
ein solches aufziehen könnte? Schau dir mal den blauen 
Himmel an. Dazu rührt sich kein Lüftchen.« 
»Eben, die beängstigende Ruhe vor dem Sturm«, beharrte er 
eigensinnig. »Am liebsten möchte ich im Auto Birgit 
abholen.« 
»Wenn du dich von ihr auslachen lassen willst, dann nur 

zu.« 
»Na schön«, gab er nach, »Warten wir der Dinge, die da 
kommen werden.« 
Und sie kamen – und zwar so plötzlich, daß man sich 
kaum dessen versah. Mit Windeseile überzog sich der 
Himmel schwarzblau, die brütende Ruhe verdrängte ein 
orkanartiger Sturm. Man eilte ins Zimmer und schaute 
bang in das Unwetter hinaus. 
»Wie spät haben wir es?« fragte Frau Gina angstvoll. 
»Viertel vor sieben«, gab der Gatte Bescheid. 
»Großer Gott, dann ist Birgit bestimmt unterwegs! Martin, 
du mußt ihr entgegengehen.« 

»Da läuft mein Bruder.« Irina zeigte in dem Moment 
aufgeregt zum Fenster hinaus. »Er eilt bestimmt Fräulein 
Birgit zur Hilfe.« 
Nun, laufen war wohl nicht der richtige Ausdruck, wie die 
andern, die ans Fenster eilten, feststellen konnten. 
Vielmehr war es ein kämpfen durch Gewitter, Sturm und 
prasselnden Regen. Es sah gefährlich genug aus, wie der 
Mann mühsam davonschwankte. Daher konnten die 
angsterfüllten Menschen es nicht verstehen, als Papa 
Holmsen vergnügt lachte. 
»Martin, wie kannst du nur?!« rief die Gattin empört. 

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»Wenn den Baron nun ein Blitzschlag trifft?« 
»Der läuft unten durch, verlaß dich darauf.« 

Es war kein Wunder, daß diese stoische Ruhe den andern 
gehörig auf die Nerven fiel*. Die Kinder weinten, die 
Baronin war blaß vor Erregung, Frau Gina und Fräulein 
Hedwig gleichfalls – nur Papa Holmsen zündete in 
Gemütlichkeit sein Pfeifchen an. 
Indes kämpfte sich Odalf mühsam vorwärts. Der Regen, 
mit Hagel vermischt, prasselte unbarmherzig auf ihn 
nieder. In Strömen rann das unerwünschte Naß von 
seinem Wettermantel – doch unentwegt drängte der Mann 
durch das Unwetter vorwärts. Nur einen Gedanken dabei 
hegend, daß Birgit sich noch im Hause der Lehrerfamilie 
befinden möge. Denn diesen tobenden Elementen 

schutzlos ausgesetzt zu sein, konnte selbst einen mutigen 
Menschen in Angst versetzen. 
Allein, seine Hoffnung sollte zuschanden werden. Denn als 
er an der Haltestelle der Kleinbahn, die nur durch eine 
Blechbude gekennzeichnet war, vorüberhasten wollte, 
hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme: 
»Hierher, Herr Baron!« 
Nur noch einige Meter in sorgender Hast davongeeilt, dann 
stand er dem gesuchten Mädchen gegenüber. »Um Gott, 
gnädiges Fräulein, wie konnten Sie bloß so leichtsinnig in 
das Unwetter hineingeraten?« 
»Ja, leider. Aber kommen Sie doch herein. Hier ist es 

wenigstens trocken, wenn auch unheimlich genug. Die 
Angst war nicht so ohne, die ich ausstehen mußte.« 
»Gnädiges Fräulein, Ihr Leichtsinn ist bewundernswürdig.« 
»Was heißt hier Leichtsinn? Wie konnte man auf den 
Gedanken kommen, daß es noch so ein scheußliches 
Gewitter geben könnte, wo der November vor der Tür 
steht? Das meinte auch Familie Tey und ließ mich ruhig 
gehen. Jedenfalls habe ich mit so unheimlicher 
Geschwindigkeit noch nie ein Unwetter aufziehen sehen. 
Warum mustern Sie mich denn mit so sonderbarem Blick?« 
»Weil Sie einem gebadeten Kätzchen nicht unähnlich 

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wirken«, kam es gleichmütig zurück. Er entledigte sich 
seines Wettermantels und legte ihn um die triefende 

Gestalt. Achselzuckend ließ Birgit es geschehen, setzte sich 
auf die Bank und schaute in das Unwetter hinaus, das 
unentwegt weiter tobte. 
Er nahm neben ihr Platz, legte den Kopf gegen die 
Blechbudenwand und verschränkte die Arme über der 
Brust. Es herrschte ein Schweigen zwischen den beiden 
Menschen, das an Herz und Nerven zerrte. 
Plötzlich zuckte er zusammen und starrte entsetzt auf den 
Feuerkranz, der mit unheimlicher Geschwindigkeit auf den 
alten, knorrigen Weidenbaum zuraste. Ein 
ohrenbetäubendes Krachen und Splittern, der alte Gesell 
sank in sich zusammen- und Birgit schrie laut auf. Fest 

legte sich der Arm des Mannes um den zitternden 
Mädchenkörper, zog ihn ganz nah zu sich heran. Das 
Gesicht drückte sich so eng an seine Brust, als wolle es in 
das hartklopfende Herz eindringen. 
»Ruhig, kleines Mädchen, es ist ja schon alles vorüber«, 
sprach eine unendlich zärtliche, unendlich betörende 
Stimme dicht an ihrem Ohr. »Uns hat es nicht erwischt – 
und das ist die Hauptsache. Die Zeit des uralten 
Weidenbaumes, der nun gefällt daliegt, war längst um. Er 
starb einen ehrenvollen Tod – doch das, was ich hier im 
Arm halte, ist lachendes, blühendes Leben.« 
Der Mädchenkopf hob sich, zwei leuchtendblaue Augen 

sahen zaghaft zu dem Mann auf – und da war es um seine 
mühsame Beherrschung geschehen. Sein Mund preßte sich 
auf den weichen, warmen, der so lockend, so süß zu ihm 
emporblühte. Zeit und Stunde schien stillzustehen in 
diesem Kuß heißer, beseligender Liebe. 
Kein Donnergrollen, kein zuckender Blitz waren stark 
genug, um Lippe von Lippe zu trennen. Mochten die 
Elemente auch noch so toben, hier pochte Herz an Herz in 
glücksverkündender Zweisamkeit. Keine noch so 
betörenden Worte hätten dem Mädchen klarmachen 
können, wie tief, wie unendlich der Mann es liebte. Daher 

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duldete Birgit es nicht, als dieser harte, stolze Mund sich 
später zu einem Bekenntnis öffnen wollte. 

»Still, Odalf, ich weiß Bescheid. Ich liebe dich, du liebst 
mich, alles andere ist unwichtig. Wenn sich durch Gewitter 
und Sturm Herz zu Herzen findet, das bleibt unlöslich für 
Zeit und Ewigkeit.« 
»Birgit, ich liebe dich.« 
»Das weiß ich doch bereits, du törichter Mann«, lachte sie 
mitten in seine liebesseligen Augen hinein. »Laß ab von 
deinen Sorgen und Bedenken. Deine Mutter ist meine 
Mutter, deine Schwester meine Schwester, meine Lieben 
sind deine Lieben – und mein Herz ist dein Herz. Und 
wenn du mir nun noch ein wenig mehr Luft lassen 
würdest, wäre ich ganz zufrieden.« 

Da lachte der Mann auf, so frei, so froh, so aus 
glückszitterndem Herzen heraus, daß dem Mädchen vor 
Erschütterung die Tränen in die Augen traten. Und als hätte 
sie Freude an diesem Lachen, funkelte die Sonne plötzlich 
durch die Gewitterwolken wie ein strahlendes, 
glücksverheißendes Omen. 
Derweil saß man im Herrenhause von Ragaltshöfen 
bangend und hoffend beisammen. Bangend, weil man 
Odalf draußen bei den tobenden Elementen wußte, 
hoffend, daß der Herrgott ihn beschützen möge vor allem 
Ungemach. 
Nur Papa Holmsen blieb von aller Not unberührt. Er 

rauchte in aller Beschaulichkeit sein Pfeifchen und 
schmunzelte zuweilen vergnügt vor sich hin. Er war gar 
nicht erstaunt, als das Unwetter sich so plötzlich verzog wie 
es gekommen war, und die Sonne aufstrahlte in all ihrer 
goldenen Fülle. »Na also«, brummte er zufrieden. »Da bist 
du ja wieder, du Sorgenbrecher der Menschheit. Ein gutes 
Symbol für uns.« 
»Martin, du bist mir einfach ein Rätsel.« Die Gattin besah 
sich kopfschüttelnd die personifizierte Gemütlichkeit. »Ehe 
man das Unwetter überhaupt ahnen konnte, machtest du 
dir Sorge um Birgit, und als es wirklich tobte, bliebst du 

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seelenruhig.« 
»Aber Fraule, wer wird sich denn ärgern. Freu dich lieber 

mit mir, daß wir bald unsern ersehnten Schwiegersohn in 
die Arme schließen werden.« 
Jetzt wurde sie endlich böse. 
»Hör mal, mein lieber Martin, Zuversicht soll ja wohl etwas 
Gutes sein. Aber deine fällt einem auf die Nerven.« 
»Auch das da?« Er zeigte schmunzelnd auf das junge Paar, 
das soeben eintrat, triefend naß, aber in strahlender 
Glückseligkeit. 
Augenblicklang blieb es beängstigend still – doch dann 
brach ein Jubel los, der sich kaum noch überbieten ließ. 
Man stürzte sich förmlich auf die beiden Menschen, 
umarmte sie, ungeachtet ihrer nassen Kleider. 

»Nun, Mutter, benetzte mich nicht auch mit deinen 
Tränen, der ich gerade schon feucht genug bin«, lachte 
Odalf, der so gar kein Verständnis für die fassungslos 
schluchzende Frau aufbringen konnte, die ihm am Halse 
hing. 
»Mein Junge – ich bin ja so glücklich!« 
»Also Freudentränen, die laß ich mir schon eher gefallen.« 
Als sie dann Birgit im Arm hielt, sagte sie fast demütig: 
»Ich danke dir, daß du meinen Sohn so glücklich machst.« 
»Dann müssen wir uns bei dem langen Schlingel gleichfalls 
bedanken«, polterte Papa Holmsen über seine Rührung 
hinweg. »Denn seinetwegen hat unser Marjellchen ja so 

liebesselige Augen. Und jetzt hopp, damit ihr in trockene 
Kleider kommt. Indes sorgen wir für ein festliches Mahl.« 
Das wurde denn auch in fröhlicher Stimmung 
eingenommen. Im Laufe des Gesprächs meinte Papa 
Holmsen ein wenig schadenfroh: 
»Ja, so geht das nun, geliebte Mutz. Kaum, daß du zwei 
Söhne ausgestattet hast, kannst du bei der Tochter von 
vorne beginnen. Oder gedenkt das verehrte Brautpaar der 
Ärmsten eine längere Atempause zu gönnen?« 
»Fünf Wochen, nicht länger«, entgegnete Odalf ungerührt, 
und Frau Gina lachte hellauf. 

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»Nun hört euch mal den Herrn Baron an. Schau, schau, er 
kann sogar egoistisch sein. Aber laß nur, mein Sohn, dein 

Wunsch ist mir Befehl. Werde mir Mühe geben, euch in der 
kurzen Zeit das mollige Nestchen zu schaffen. Hoffentlich 
wird es nicht zu klein, da die ganze Holmserei auch ihren 
Platz darin beansprucht.« 
»Der soll schon vorhanden sein«, bemerkte die Baronin, 
die man heute kaum wiedererkannte. Alles Steife, 
Förmliche war von ihr abgefallen, sie strahlte direkt 
Herzensgüte aus. »Zwei Speisezimmer sind jetzt ja nicht 
mehr erforderlich. Meines hat so viel Raum, um auch eine 
noch größere Familie bequem beherbergen zu können. Ich 
stelle euch überhaupt meine gesamten Räume zur 
Verfügung und richte mich oben ein. Irina bezieht Birgits 

jetziges Zimmer, wo auch Alexa schlafen kann, wenn sie 
hier ist. Wie gefällt euch mein Vorschlag?« 
Ausgezeichnet, wie man von allen Seiten beteuerte. Und 
später, als die Kinder schliefen und auch die Lehrerin sich 
zurückgezogen hatte, erklärte Holmsen, daß er dem jungen 
Paar Ragaltshöfen zum Geschenk mache. Wido würde 
später den Betrieb in der Stadt übernehmen und Bodo 
hätte durch sein Studium, der Übernahme der Praxis und 
dem Kauf des Hauses nebst dessen Einrichtung auch bereits 
einen großen Teil seines Erbes weg. Jedenfalls sorgte der 
Vater schon dafür, daß keines seiner Kinder benachteiligt 
würde. 

»Gut«, erklärte Odalf in gewohnter Gelassenheit. »Mein 
Geld stecke ich in Ragaltshöfen, Mutters bleibt ihr 
ungeschmälert, und Irinas wird mündelsicher angelegt.« 
»Bengel, sei doch nicht so unangenehm gründlich!« 
»Was denn sonst, Vater?« 
»Weil es zwischen dir und Birgit niemals ein Mein und 
Dein geben darf.« 
»Eben. Deshalb soll auch ihr gehören, was mein ist.« 
»Basta, Kommentar überflüssig«, lachte Frau Gina. 
»Laßt mir den Jungen in Ruhe, der weiß schon was er tut. 
Der paßt in unsere Familie genausogut hinein wie Nora 

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und Erla.« 
»Na schön.« Der Gatte gab sich geschlagen. »Wie ist es nun, 

wollen wir unsere beiden Flitterwochenpaare von der 
Verlobung benachrichtigen?« 
Man kam überein, daß man davon absehen würde. Diese 
Freudenbotschaft sollte eine Überraschung für sie werden, 
wenn sie nach zwei Wochen nach Hause zurückkehrten. In 
den ersten Tagen des Dezember gab es dann wieder eine 
Hochzeit, anschließend die Reise des jungen Paares, und 
Weihnachten fand man sich geschlossen unterm 
Tannenbaum zusammen. 
Nachdem das zur Zufriedenheit aller geklärt war, erhob 
sich Birgit und ging zum Flügel. Gleich darauf klang das 
Motiv auf, das hier zum Symbol geworden war. Mit dem 

Augenblick, wo Birgit durch Gewitter und Sturm in 
Ragaltshöfen hineingeplatzt war, stürmte und tobte es 
weiter – bis dann die Sonne sieghaft durchbrach, alles 
golden überstrahlend. 
Das waren die Gedanken der Menschen, die dem Gesang 
des glückseligen jungen Menschenkindes ergriffen 
lauschten. Es folgte ein buntes Durcheinander von Tönen, 
und dann kam es zärtlich und süß von den jungroten 
Lippen: 
 
»Mein Herz und dein Herz sind ein Herz – « 
 

Es zuckte und bebte in dem Antlitz des Mannes, dem dieses 
herzinnige Geständnis galt. Seine Augen leuchteten, die 
Brust schien ihm zu eng zu werden, so weitete sich sein 
Herz, das ausgefüllt war von der Liebe zu dem zaubersüßen 
Geschöpf. 
Sturmvöglein, geliebtes – dachte er zärtlich. Mein Herz und 
dein Herz sind ein Herz. So soll es bleiben, bis ein Höherer 
Herz vom Herzen löst.

 

 

-ENDE-