background image

WO DU NICHT BIST, KANN ICH 

NICHT SEIN

 

Roman von Leni Behrendt 

 

 

 

Nach dem Tode des innig geliebten Stiefvaters geht es der jungen 

Silje sehr schlecht, denn sie hat gedarbt und gearbeitet, um dem 

Kranken die letzte Lebenszeit erträglicher zu machen. Nun ist sie 

verarmt und wird zu allem Unglück noch arbeitslos und krank. 

In diesem Zustand findet sie ihr Vormund, der gekommen ist, 

sich um sie zu kümmern. Nur mit Mühe kann er das stolze 

background image

Mädchen bewegen, in sein Haus zu ziehen. Im Hadebrecht-Haus 

wird Silje mit recht gemischten Gefühlen aufgenommen. 

Während einige Familienmitglieder sie voll ehrlicher Sympathie 

begrüßen, betrachten andere das schöne Geschöpf voll 

Mißtrauen und Eifersucht. Durch ihr freundliches, bescheidenes 

Wesen erobert sich Silje bald ihren Platz im Haus. Dann aber 

kommt es ohne ihr Verschulden zu schwerwiegenden Konflikten, 

die ihr manche trübe Stunde bringen und viel seelische Kraft und 

Selbstbeherrschung von ihr fordern. 

background image

Wir verwenden Papier, das bis zu 70% aus Altpapier besteht. Das ist unser Beitrag zum Umweltschutz.

 

Diese Ausgabe erscheint alle 4 Wochen im Martin Kelter Verlag (GmbH & Co.),

 

Mühlenstieg 16-22, 2000 Hamburg 70, Postfach 70 10 09,

 

Telefon: Sa.-Nr. (040) 68 28 95-0, Telefax (040) 68 28 95 50, Fernschreiber: 213.126 Verantwortlich: 
Verleger Otto Melchert. Im Verkaufspreis ist die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten.

 

Gesamtherstellung: Norhaven Rotation A/S

 

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Gewähr.

 

Abgebildete Personen auf dem Umschlag stehen in keinem Zusammenhang mit dem Roman.

 

Diese Ausgabe darf weder in Leihbüchereien verliehen noch in Lesezirkeln geführt oder zum 

gewerbsmäßigen

 

Umtausch bzw. Wiederverkauf verwendet werden.

 

Printed in Denmark. 

background image

Vor sich hin brummend, stieg der Mann die langen 
Treppen des großen Mietshauses empor. Du lieber 

Himmel, wo bekamen die Menschen, die hier im vierten 
Stock wohnten, bloß die Puste her, um diese unbequemen, 
ausgetretenen Stiegen tagtäglich erklimmen zu können! 
Die mußten ja Lungen wie die Rennpferde und Herzen wie 
die Büffel haben. 
Endlich war das schwere Werk geschafft, und der Mann 
stand erst einmal still, um zu verschnaufen. Indes ließ er 
seine Augen, die blauleuchtend unter buschigen weißen 
Brauen lagen, über die vier Türen schweifen, die diese Etage 
aufwies – zwei geradeaus, eine rechts, eine links. Namen 
waren daran vermerkt, fast ein Dutzend an der Zahl. 
Größtenteils Visitenkarten, bescheiden mit Reißzwecken an 

das braune Holz geheftet. Und auf solch einer Karte stand 
auch der Name, den er suchte. 
»Na, denn man zu!« brummte er verdrießlich, drückte den 
Finger auf den Klingelknopf und zuckte zusammen bei 
dem durchdringenden Ton, der die Stille zerriß. Wie ein 
Alarmzeichen schrillte er auf, wie ein SOS-Ruf. Er fiel dem 
Mann auf die Nerven, obwohl diese gewiß nicht 
zartbesaitet waren. Irgendwie empfand er diesen Ton wie 
den Hilferuf eines Menschen. 
Unbehaglich starrte er auf die braune Tür, die sich bald 
darauf öffnete. Vor ihm stand eine hagere, grobknochige 
Person mit einem verkniffenen Mund. Neugierig musterten 

ihn die Augen hinter scharfen Brillengläsern. 
Gott, in deine Hände! – schoß es dem Mann durch den 
Sinn. Mit dieser Dame da ist bestimmt nicht gut Kirschen 
essen. Wehe den Armen, die von ihr abhängig sind! 
»Sie wünschen?« fragte eine unangenehm krächzende 
Stimme kurzangebunden. Und ebenso erfolgte die 
Antwort: 
»Fräulein Berledes zu sprechen.« 
»In welcher Angelegenheit?« 
»Das geht Sie nichts an, verehrte Dame.« 
»Mein Herr, ich muß doch sehr bitten.« 

background image

»Und ich auch«, unterbrach er sie schroff. »Ich bin es 
nämlich nicht gewohnt, meine Angelegenheiten auf 

neugierige Nasen zu binden. Ist Fräulein Berledes nun 
anwesend oder nicht?« 
Dieser Ton schüchterte die impertinente Laura Pfefferkorn 
denn doch ein. Es klang beinahe höflich, als sie jetzt sagte: 
»Das Fräulein ist eben aus dem Krankenhaus gekommen 
und daher sehr elend. Ich weiß nicht, ob ich Sie vorlassen 
darf, mein Herr.« 
»Bei mir als Vormund der jungen Dame können Sie es 
ruhig tun.« 
Nun war Laura Pfefferkorn doch überrascht. In ihren Augen 
brannte die Neugierde, die sie jedoch wohlweislich 
unterdrückte, weil sie nun ihrerseits der Ansicht war, daß 

mit diesem Herrenmenschen nicht gut Kirschen essen wäre. 
Sie bat ihn, näher zu treten und öffnete dann eine Tür, 
steckte den Kopf durch den Spalt und krächzte: 
»Fräulein, ein Herr föchte Sie sprechen. Er gibt an, Ihr 
Vormund zu sein. Kann das stimmen?« 
»Und wie das stimmt!« schob der Mann sie energisch zur 
Seite und betrat einen dürftig möblierten Raum, in dem ein 
junges Mädchen angekleidet auf dem Bett lag, nun hastig 
aufsprang und vor dem Eindringling stand. Doch ehe sie 
etwas sagen konnte, sprach er bereits, während er der vor 
Neugierde fast platzenden Laura Pfefferkorn die Tür vor der 
spitzen Nase zuschlug. 

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich so formlos hier 
eindringe. Aber anders wäre ich bei dem Zerberus da 
draußen nicht vorangekommen! 
Aber setz dich ja rasch hin, mein Kind. Du siehst mir 
nämlich so aus, als ob du gleich vor Schwäche 
zusammensinken müßtest.« 
Damit drückte er sie in den alten Sessel aus 
Weidengeflecht, der wie unwillig ächzte, und nahm dann 
selbst auf einem Stuhl so vorsichtig Platz, als hieße es, sich 
in Nesseln zu setzen. Denn der Hüne mit dem robusten 
Knochenbau wog immerhin seine guten zwei Zentner bei 

background image

einer Größe von 1,85. Und in dieser dürftigen Bude war 
alles wackelig und morsch. 

Doch der Stuhl hielt, und der Mann sah zu dem Mädchen 
hin, das ihn unfreundlich musterte. 
»Wie kommen Sie überhaupt dazu, mich so ohne weiteres 
zu duzen?« fragte es ungehalten, was den Mann jedoch 
nicht zu beeindrucken schien. 
»Na, man immer hübsch friedlich, Kindchen!« meinte er 
nachsichtig. »Mit falschem Stolz, Trotz oder anderen 
Mätzchen imponierst du mir gar nicht. Ich vertrete als dein 
jetziger Vormund Vaterstelle an dir, und da wäre es ja 
lächerlich, wollte ich dich siezen. Zu deiner Orientierung: 
Ich heiße Onkel Philipp, merke dir das bitte. Warum hast 
du auf meinen Brief nicht geantwortet?« 

»Weil ich im Krankenhaus lag, als er hier eintraf«, 
entgegnete sie immer noch abweisend. »Ich fand ihn heute 
bei meiner Rückkehr erst vor.« 
»Nun, dann hast du ja darin lesen können, daß man mich 
zu deinem Vormund bestimmte. Ist es dir bekannt, daß 
man mir kurz nach dem Tod meines Sohnes einen Brief 
von ihm zustellte?« 
»Ja. Ich fand ihn in seinem Nachlaß und schickte ihn ab. 
Hat mein Stiefvater Sie etwa in dem Schreiben gebeten, 
mein Vormund zu werden?« 
»Ganz recht. Es war ein langer, sehr ausführlicher Brief, der 
mich genau über alles orientierte – auch darüber, daß mein 

Sohn deine Mutter und somit auch dich durch seinen 
Leichtsinn an den Bettelstab brachte – und daß du zuletzt 
gar deinen Stiefvater mit deinem kleinen 
Stenotypistinnengehalt mit unterhieltest…« 
»Bitte, Herr Hadebrecht.« 
»Onkel Philipp, wenn ich bitten darf.« 
»Aber ich kann doch einen Menschen, den ich zum 
erstenmal sehe, nicht gleich duzen!« begehrte sie auf, doch 
er winkte gemütlich ab. 
»Warum denn nicht? Ich kann’s ja auch.« 
Da gab sie es auf. War ja viel zu müde und matt, um sich 

background image

gegen den Willen dieses Hünen aufzulehnen, der starr wie 
ein Fels zu sein schien. 

»Na schön – dann Onkel Philipp«, resignierte sie. »Es ist ja 
auch alles egal. Was ich für meinen Stiefvater tat, geht 
niemand etwas an, will ich meinen.« 
»Oho, mein Kind, und wie mich das etwas angeht!« grollte 
sein Baß jetzt auf. »Alles geht mich an, was dich betrifft. 
Auch daß du noch das letzte für deinen leichtsinnigen 
Stiefvater hingabst – nämlich die kleine Wohnung, die dir 
noch geblieben war. Die verkauftest du einem jungen 
Ehepaar, um dem Toten ein anständiges Begräbnis geben 
zu können. Du selbst krochst dann in dieser scheußlichen 
Bude unter und aßest dich nicht satt, weil du schon seit 
zwei Monaten arbeitslos bist und weil die 

Arbeitslosenunterstützung zum Sterben zu viel und zum 
Leben zu wenig ist, wie man so sagt. Kein Wunder, daß du 
nach alledem zusammenbrachst und ins Krankenhaus 
gebracht werden mußtest.« 
»Woher weißt du das denn alles?« lachte sie nervös 
dazwischen. »Das kann dir dein Sohn doch unmöglich 
auch noch geschrieben haben.« 
»Natürlich nicht. Denn bei den letzten Geschehnissen war 
er ja bereits tot. Aber man kann ja Erkundigungen 
einziehen, nicht wahr? Und nachdem das nun alles bestens 
geklärt ist, werde ich als Vormund mit meiner ersten 
Amtshandlung beginnen. Also: Du packst sofort deine 

Koffer und kommst mit mir in mein Haus, das fortan deine 
Heimat sein soll.« 
Nach diesen energischen Worten war es zuerst einmal still. 
Dann fragte das Mädchen spöttisch: 
»Und was soll ich da – etwa das Gnadenbrot essen?« 
»Mein liebes Kind, den Ton wollen wir erst gar nicht 
zwischen uns aufkommen lassen!« entgegnete der Mann 
zwar ruhig, doch es blitzte in seinen Augen gefährlich auf. 
»Vergiß bitte nicht, daß ich als dein Vormund eine gewisse 
Erziehungsberechtigung über dich habe und 
Verantwortung zugleich. Also kann ich nicht dulden, daß 

background image

du nach dem Nervenfieber – ja, sieh mich nur so groß an, 
ich weiß auch davon – in dieser scheußlichen Bude bleibst 

und so elend, wie du bist, womöglich die Jagd nach einer 
Arbeitsstelle beginnst. Um überhaupt arbeiten zu können, 
brauchst du zuerst einmal Pflege, die dir in meinem Hause 
zuteil werden wird. Wenn du dann wieder auf der Höhe 
bist, werde ich dir zu einem Posten verhelfen, und zwar in 
meinem Betrieb, wo kein windiger Abteilungsleiter dich an 
die frische Luft setzen wird, weil du ihn bei seinen 
Belästigungen gehörig in die Schranken wiesest.« 
Jetzt mußte er über ihr verblüfftes Gesicht lachen. 
»Ja, ja, Kleine! Wie du siehst, bin ich über dich 
vollkommen im Bilde. Ich mußte mich doch schließlich 
vergewissern, über welch ein Persönchen ich die 

Vormundschaft übernehmen sollte. 
Und nun Schluß der Debatte! Und keine Widerrede, bitte 
ich mir aus. Pack deine Sachen, damit wir abfahren und 
noch vor Dunkelwerden nach Hause kommen können.« 
Silje Berledes hätte sonst wohl nicht so ohne weiteres über 
sich bestimmen lassen – denn sie besaß eine ziemliche 
Portion Eigenwillen und vor allem einen stark 
ausgeprägten Stolz. Aber jetzt war sie durch die schwere 
Krankheit so sehr geschwächt, daß sie einfach nicht die 
Kraft hatte, sich einem so starken Willen widersetzen zu 
können. 
»So sei es«, fügte sie sich gottergeben. »Ich komm ja jetzt 

doch nicht gegen dich auf. Dafür fühle ich mich zu elend.« 
»Nur gut, daß du das endlich einsiehst, mein Kind! Am 
besten ist, du packst jetzt einen Koffer mit dem 
Notwendigsten, alles andere kann deine Wirtin dir 
nachschicken. Oder traust du ihr nicht?« 
»Nein. Ich besitze zwar nicht viel, aber darunter doch 
einiges, woran ich hänge. Und das möchte ich nicht auch 
noch verlieren.« 
Müde erhob sie sich und trat an den Schrank, der so 
wurmstichig war, daß er in nächster Zeit wohl 
zusammenbrechen würde. Zwar besaß er ein Schloß, sogar 

background image

einen Schlüssel, doch es gehörte eine Fertigkeit dazu, ihn 
zu handhaben. 

Endlich war es geschafft. Die beiden schon tief in den 
Angeln hängenden Türen öffneten sich, und der Mann, der 
dem allen mit Interesse zuschaute, konnte nun den Inhalt 
des Veteranen bequem übersehen. Auf der Holzstange 
hingen fein säuberlich über Bügel getan einige Kleider, und 
oben auf dem Brett lag ein Hut. 
Aber danach griff Silje jetzt nicht. Sie holte vom Boden ein 
unförmiges Etwas hervor, legte es auf den Tisch und mußte 
nun doch über das verdutzte Gesicht des Mannes lachen. 
»Hierin befindet sich eben das, woran mein Herz noch 
hängt«, erklärte sie. »Ich habe es in eine Decke genäht, um 
es vor neugierigen Augen – und Habgier zu schützen.« 

»Raffiniert getarnt«, schmunzelte er. »Darf man fragen, was 
in dem Monstrum steckt?« 
»Die Geige von meinem – Paps – « 
Weiter ging es nicht, die Stimme brach. 
Hastig wandte Silje sich ab, zog zwei Koffer unterm Bett 
hervor und begann zu packen. Das fiel ihr nicht leicht. Sie 
mußte immer wieder einhalten, um sich auszuruhen. 
»Bitte, Onkel Philipp«, sagte sie zuletzt schon ganz nervös. 
»Fahr heute allein, ich komme morgen nach.« 
»Darauf werde ich mich nun nicht verlassen«, versetzte er 
trocken. »Da fasse ich mich lieber in Geduld, bis du fertig 
bist.« 

»Du traust mir also nicht?« 
»Nein.« 
Da wandte sie sich brüsk ab und packte weiter. Zwei Bilder 
legte sie vorläufig zur Seite, auf die jetzt Hadebrechts Blick 
fiel. Das eine Bild zeigte ein klares, reines Frauenantlitz mit 
Madonnenaugen, das zweite ein Männerantlitz von 
bildhafter Schönheit. Was kostet die Welt? – schien der 
lachende Mund zu fragen. Ich kaufe sie und lege sie der 
Schönsten zu Füßen! 
»Deine Mutter?« fragte der Mann, auf das erste Bild 
zeigend. 

background image

»Ja«, kam es knapp zurück. Sie schloß die beiden Koffer 
und fühlte sich so matt, daß sie sich in den Korbsessel 

fallen lassen mußte, bevor sie noch umsank. Das Gesicht 
war todblaß, die geschlossenen Lider zuckten, der Atem 
ging rasch und schwer. 
»Mach um Himmels willen jetzt nicht schlapp!« drang eine 
grollende Männerstimme an ihr Ohr. »Hast du heute 
überhaupt schon was gegessen?« 
»Doch, morgens im Krankenhaus«, kam die Antwort müde, 
und er brummte: 
»Wird schon was Rechtes gewesen sein! Mit dir in ein Lokal 
zu gehen, wage ich deiner miserablen Verfassung wegen 
nicht. Also werde ich für einen Imbiß sorgen.« 
»Bitte nicht!« unterbrach sie ihn hastig. »Ich habe wirklich 

keinen Hunger.« 
»Natürlich nicht, wenn man die Absicht hat, sich als 
Hungerkünstlerin auszubilden. Mädchen, Mädchen, ich 
komm mir beinahe so vor, wie von unserem Herrgott 
persönlich zu dir geschickt. Rühre dich ja nicht von der 
Stelle, bis ich zurückkehre!« 
Damit ging er, und Silje duselte erschöpft vor sich hin. 
Erschrocken fuhr sie auf, als Laura Pfefferkorn vor ihr 
stand. 
»Ach, Sie haben bereits gepackt, Fräulein«, bemerkte sie 
hämisch. »Da ist es ja gut, daß ich die Rechnung schon 
geschrieben habe. Sie bezahlen natürlich die Miete nicht 

nur für den angebrochenen Monat, sondern auch für den 
nächsten.« 
»Und möglichst für das ganze Jahrzehnt«, ironisierte eine 
Stimme hinter ihr, die sie wie gestochen herumfahren ließ. 
Da sie mit dem Rücken nach der geöffneten Tür stand, 
hatte sie nicht gemerkt, daß Hadebrecht eingetreten war. 
Nun sah sie ihn fassungslos an, und er lachte. 
»Ja, ja, meine geehrte Pfefferkörnin, es wird einem leicht 
ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die Miete für den 
angebrochenen Monat November sei Ihnen zugebilligt, 
aber zum nächsten müssen Sie sich schon einen neuen 

background image

Mieter für dieses konfortable Gemach suchen. Wieviel Zins 
erheben Sie denn monatlich dafür?« 

»Fünfundzwanzig Mark«, entgegnete Silje statt der 
verdatterten Laura, während sie das Geld hastig auf den 
Tisch zählte. Und siehe da, die ehrsame Jungfrau 
Pfefferkorn raffte die Scheine zusammen und entfloh. 
»Na also«, schmunzelte der Mann hinter ihr her. »Man 
muß mit solchen Leuten nur patent reden, dann weicht 
ihre Unverschämtheit der Feigheit. Hättest du kleines Schaf 
ohne mein Dazwischenkommen wirklich den Wucherzins 
gezahlt?« 
»Wahrscheinlich. Können wir jetzt aufbrechen?« 
»Noch nicht, erst wirst du etwas essen. Der Chauffeur wird 
gleich mit einem Imbiß erscheinen.« 

Und tatsächlich trat der Mann schon wenig später ein, 
gefolgt von Laura Pfefferkorn, die zuerst nach Luft 
schnappte und dann giftig loslegte: 
»Dieser Mann ist einfach ein Flegel.« 
»Ungefähr so wie ich, nicht wahr?« warf Hadebrecht 
augenzwinkernd dazwischen. »Aber es kann ja nicht jeder 
den Anstand mit Löffeln gegessen haben. Und nun 
verfügen Sie sich, das Zimmer ist nämlich bis Ultimo 
bezahlt.« 
Wutentbrannt zog Laurachen ab, und der Chauffeur lachte 
über das ganze Gesicht. 
»Solche Kreuzspinnen hab’ ich gern. Sie wollte mir nämlich 

den Eintritt verwehren. Und ich mußte schon Gewalt 
anwenden – wenn auch immerhin noch sanfte.« 
Damit stellte er ein papierumhülltes Etwas auf den Tisch, 
zog aus einer Tasche eine Flasche Wein, aus der anderen 
ein Glas und nahm dann Haltung an. 
»Befehl ausgeführt, Herr Hadebrecht.« 
»Danke, Schorlep. Nehmen Sie die beiden Koffer und 
verstauen Sie sie im Wagen. Dann warten Sie unten.« 
»Und dieses Monstrum auf dem Tisch?« 
»Das bringe ich.« 
Spielend hob der untersetzte Mann in der schlichten 

background image

Chauffeurlivree die bestimmt nicht leichten Koffer hoch, 
entfernte sich, und sein Herr nahm vorsichtig das Papier 

von dem Gegenstand, der sich dann als ein Pappteller mit 
Gabelbissen entpuppte. Dann nahm er die Flasche, in 
welcher der Pfropfen nur lose steckte, füllte das Glas mit 
dem schweren, süßen Wein, schob es Silje hin, die wie 
teilnahmslos dasaß, und ermunterte: 
»So, mein Kind, wohl bekomm’s! Du sollst mal sehen, wie 
dir dieser Trank auf die Beinchen hilft.« 
Schweigend gehorchte Silje. Wie Feuer brannte es hinterher 
in ihrem leeren Magen. Das erschreckend bleiche Gesicht 
bekam langsam Farbe, ein zaghaftes Lächeln stahl sich um 
den Mund. Und als sie erst von den delikaten Bissen 
geschmeckt hatte, kam der Appetit. Es blieb kaum etwas 

auf dem Pappteller zurück. 
»Besser?« forschte ihr Gegenüber. 
»Ja, danke.« 
»Das habe ich mir so ungefähr gedacht. Nun leere noch 
einmal das Glas, dann wirst du sehen, wie rosig dir 
plötzlich die Welt erscheint.« 
Silja tat’s, und siehe da, sie fühlte sich wie von leichten 
Wolken getragen. Halb berauscht tat sie alles, was ihr 
Vormund von ihr verlangte. Ließ sich ohne Widerrede 
unten in den Fond des Autos betten, fürsorglich zudecken 
– und schlief gleich darauf vor Erschöpfung ein. 
Silje Berledes schlief noch immer tief und fest, als der 

schwere Wagen hielt. Wenn sie nicht so elend und schwach 
gewesen wäre, hätte sie sich selbst die Sorglosigkeit, mit der 
sie sich sozusagen entführen ließ, nicht verziehen. Aber 
jetzt war ihr alles gleichgültig, völlig gleichgültig. Nur 
schlafen dürfen, auslöschen all das, was ihr noch nicht 
einmal ganz neunzehnjähriges Dasein bedrückte! 
Und das war gewiß nicht wenig. Früher, ja, da war alles 
licht und hell in ihrem Leben gewesen. Als einziges Kind 
ihrer Eltern wuchs sie sorglos auf. Wohnte in einer 
schmucken Villa, bekam alles das, was ihr kleines Herz nur 
begehrte. Vermißte nur ab und zu den Vater, der als 

background image

Inhaber eines großen, gutgehenden Geschäftes viel 
unterwegs war. Und kam er nach Hause, hatte er kaum Zeit 

für Weib und Kind. Sie spielten in seinem Leben eine 
Nebenrolle, zuerst kam für ihn sein Unternehmen. Dafür 
hetzte und jagte er, gönnte sich kaum eine Stunde Ruhe, 
bis dann kam, was bei so einem gehetzten Leben kommen 
mußte: Der noch nicht Fünfzigjährige erlag einem 
Herzschlag. 
Dieser plötzliche Tod berührte die Gattin nicht allzusehr. 
Denn erstens hatte sie ihren Mann, der zwanzig Jahre mehr 
zählte als sie, nicht aus Liebe geheiratet – und dann war er 
ihr durch seine fast dauernde Abwesenheit beinahe fremd 
geworden. 
In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte sie sehr darunter 

gelitten, doch langsam resignierte sie. Ihr ganzes Glück war 
ihr Kind, die bildhübsche, sonnige Silje. 
Bis Frau Rena zwei Jahre nach dem Tod des Gatten den 
Geiger Thomas Brecht kennenlernte – da gab es noch ein 
anderes Glück für sie. Der leichtentflammte Künstler 
verliebte sich sozusagen Hals über Kopf in die Witwe, war 
von ihrer Madonnenschönheit wie berauscht. Und da auch 
ihr Herz dem Mann gleich beim ersten Sehen zuflog, wurde 
schon wenige Wochen später aus beiden ein seliges Paar. 
Und nun begann für Frau Rena ein glückvolles Leben. 
Alles, was sie in ihrer ersten Ehe so schmerzlich vermißt 
hatte, wurde ihr in der zweiten in verschwenderischem 

Maß zuteil. Stets begleitete sie den Gatten auf seinen 
Konzertreisen, und daß Silje, die damals elf Jahre zählte, 
auch mitkam, war eine Selbstverständlichkeit. Denn der 
Stiefvater liebte die Kleine zärtlich, und auch sie hing sehr 
an ihrem Paps. 
Die Schulbildung des Kindes machte den Eltern keinen 
Kummer. Es bekam eine Hauslehrerin, und damit gut! Ein 
Glück, daß Silje leicht begriff, sonst hätte sie bei dem 
unruhigen Leben von Stadt zu Stadt, von Land zu Land 
nicht viel gelernt. So jedoch bewältigte sie das 
vorgeschriebene Pensum spielend und erlernte die 

background image

verschiedenen Sprachen überall im Lande selbst. 
So ging es drei Jahre, dann war die Zeit des Ruhmes für den 

Geiger vorbei. So steil sein Anstieg erfolgt war, so rapide 
ging es jetzt bergab. Er war eben zu sorglos gewesen. Hatte 
geglaubt, daß er immer der beliebte und umschwärmte 
Künstler bleiben müßte, ohne daß er sein Können 
vervollständigte. 
Zuerst ärgerte und empörte ihn sein Abstieg, doch dann 
wurde er gleichgültig. Ach was, mochten andere dem Ruhm 
nachjagen! Ihn ekelte das plötzlich an. Geld hatte er ja 
genug, also was konnte ihm schon passieren? 
Allein, bei dem verschwenderischen Leben, das er mit 
seiner kleinen Familie nach wie vor führte, schmolz sein 
Reichtum rasch dahin. Und als er eines Tages 

gewissermaßen pleite war, tröstete seine Frau ihn damit, 
daß ja auch sie über einen ganz netten Batzen verfügte. Sie 
hatte nach dem Tod ihres ersten Mannes das Geschäft 
verkauft und war auch sonst noch vermögend. 
Bedingungslos gab sie dem leichtsinnigen Gatten das Geld 
in die Hände, das er dann auch in gar nicht langer Zeit 
durchbrachte, wie er seine hohen Gagen und sein Erbe, das 
ihm der Vater schon längst auszahlte, bereits durchgebracht 
hatte. Es kam schließlich so weit, daß er nur noch einige 
tausend Mark besaß. 
Und da griff Silje ein, die mittlerweile sechzehn Jahre alt 
geworden war. Sie bewog die ratlosen Eltern, in ihre 

Heimatstadt zurückzukehren, was dann auch geschah. Dort 
verkaufte man die Villa und bezog eine kleine Wohnung, 
die man behaglich ausstattete. Alles andere aus der reichen 
Einrichtung des komfortablen Hauses wurde mit verkauft. 
Nun hatte man Geld und konnte wieder einmal herrlich 
und in Freuden leben. Die Warnung Siljes, die trotz ihrer 
Jugend und Verwöhnung viel vernünftiger war als die 
Eltern, doch mit dem Geld hauszuhalten, wurde lachend in 
den Wind geschlagen. Ach was, eine Weile konnte man von 
dem Geld schon leben. Außerdem würde der Geiger 
Stunden geben und damit schon den Lebensunterhalt für 

background image

sich und die Seinen verdienen. 
Darauf jedoch wollte die skeptische Silje sich denn doch 

nicht hundertprozentig verlassen. Also setzte sie bei den 
Eltern durch, daß sie eine Handelsschule besuchen durfte. 
Und kaum, daß sie diese absolviert hatte, stand man in der 
kleinen komfortablen Wohnung vor dem Nichts – und 
diesmal endgültig. 
Denn Thomas Brecht hatte nach einer bösen 
Blutvergiftung, die ihn fast das Leben kostete, zwei Finger 
seiner linken Hand eingebüßt – und als gar noch bald 
darauf die heißgeliebte Gattin nach einer schweren 
Operation starb, war der Lebensmut des einst so 
strahlenden Mannes gebrochen. Er vegetierte nur noch 
dahin. Ließ sich von seiner Stieftochter, die eine Stellung 

gefunden hatte, von dem kleinen Gehalt mit unterhalten. 
Lebte nur noch auf, wenn Silje auf seiner kostbaren Geige, 
die sie wie ein Heiligtum hütete, musizierte. Dann gab er 
sich dem Wahn hin, daß seine sehr begabte Schülerin den 
Ruhm erlangen könnte, der einst ihm beschieden war. 
Aber dafür reichte das Können Siljes doch nicht aus. Zumal 
ihr die Zeit dazu fehlte, genügend zu üben und sich 
vollständig auf die Musik zu konzentrieren. 
Denn sie mußte ja tagsüber im Büro arbeiten und, wenn sie 
nach Hause kam, noch den kleinen Haushalt versehen. 
Hinterher war sie so müde, daß ihr wahrlich die Lust fehlte, 
noch stundenlang auf der Geige zu üben. 

So kam ihr Spiel zwar erheblich über den Dilettantismus 
heraus, genügte aber dennoch nicht, um von Kunstexperten 
anerkannt zu werden. 
Und da das Schicksal es nun einmal darauf abgesehen 
hatte, die kleine Familie, die einst vom Glück so sehr 
begünstigt war, niederzuzwingen, verlor Silje auch noch 
ihren Posten als Stenotypistin in der Fabrik. 
Nicht durch Unfähigkeit oder Pflichtverletzung, sondern 
weil der Juniorchef und Abteilungsleiter sich eine 
»handgreifliche« Abfuhr bei der empörten Angestellten 
holte, als er sie mit einer Liebesbezeugung belästigte. 

background image

Denn Silje Berledes war das, was man ein bildschönes 
Mädchen nennt, dazu voll Grazie und Charme. Es ging 

etwas ungemein Stolzes, strahlend Reines von ihr aus – 
und das reizte den skrupellosen Verführer unbeschreiblich. 
Doch nachdem er die Ohrfeige weg hatte – und zwar in 
Gegenwart der anderen Stenotypistinnen im Saal – kannte 
seine Wut keine Grenzen. 
Und wie sagt ein volkstümliches Sprichwort: Wenn man 
den Hund schlagen will, findet sich auch der Stock. 
Nun, der Stock fand sich – und die Stenotypistin Silje 
Berledes wurde fristlos entlassen. 
Jetzt hieß es für sie, mit der kargen 
Arbeitslosenunterstützung nicht nur sich, sondern auch 
ihren Stiefvater durchzubringen. Das tapfere Mädchen tat’s 

– und war schier verzweifelt, als er ernstlich zu kränkeln 
begann. Da zählte sie nicht mehr die Pfennig ab, machte 
Schulden, um ihren geliebten Kranken nur ja päppeln zu 
können. Und als er dann doch einer schweren 
Lungenentzündung, die plötzlich hinzukam, erlag, wußte 
die verzweifelte Silje nicht, wie sie dem Toten ein würdiges 
Begräbnis geben sollte. 
Also verkaufte sie kurz entschlossen die kleine Wohnung 
an ein junges Ehepaar, begrub den Stiefvater, bezahlte die 
Schulden und bezog dann das erste beste möblierte 
Zimmer, das sich ihr bot. Zwar war es erbärmlich, kostete 
aber dafür auch nicht viel – und das war für Silje 

ausschlaggebend. Denn sie mußte mit dem wenigen Geld, 
das ihr noch geblieben war, haushalten auf lange Sicht. 
Eine Woche später brach sie dann zusammen und kam ins 
Krankenhaus. 
Erschrocken fuhr Silje aus tiefem Schlaf auf und starrte 
verständnislos um sich. Was war geschehen – wie kam sie 
hierher – auf den Sitz dieses komfortablen Autos? 
»Nun, Kleine, starr mich nicht so entsetzt an!« hörte sie 
nun eine lachende Männerstimme. »Wir sind angelangt.« 
»Wo angelangt?« 
»Zu Hause.« 

background image

»Zu Hause -?« lauschte sie den Worten nach. »Ach, so was 
gibt’s ja gar nicht mehr für mich. Lassen Sie mich doch 

schlafen – ich bin ja so müde.« 
Damit legte sie sich mit einem tiefen Seufzer zurück und 
ließ den lieben Gott einen guten Mann sein, wie man so 
sagt. Doch gleich darauf schreckte sie wieder auf, denn ein 
starker Arm hob sie aus dem Wagen und stellte sie 
behutsam auf die Füße. 
»Na, nun mal hoppla!« sprach dieselbe Stimme jetzt 
ermunternd, und da war Silje endlich wach. 
»Entschuldige, Onkel Philipp«, sagte sie hastig. »Ich war 
wirklich noch schlaftrunken.« 
»Hab’ ich gemerkt. Und nun mal rein in die gute Stube! 
Vertrau dich unserm Philchen an, dann bist du bestens 

aufgehoben.« 
Wer dieses Philchen war, sollte Silje erst zum Bewußtsein 
kommen, als sie sich in einem traulichen Gemach befand, 
in das sie durch die Halle und über die Treppe hinweg 
gelangte. Nun stand sie vor einem zierlichen weiblichen 
Wesen, das freundlich zu ihr sprach: 
»Kipp nur ja nicht aus den Schlorrchen, du kleines elendes 
Wurm! Setz dich hier auf den Diwan, für alles andere sorge 
ich dann schon.« 
Und Philchen tat’s. Ehe Silje sich recht versah, lag sie 
ausgekleidet in einem Bett, das weich und mollig war. Und 
ehe sie noch einen klaren Gedanken fassen konnte, schlief 

sie schon wieder tief und fest, während der Herr des Hauses 
seine Familie aufsuchte, die sich, außer der dazugehörigen 
Philine, im Wohnzimmer befand. 
Da war zuerst einmal die Gattin des Hünen, eine stille, 
feine Frau mit gütigem Gesicht unter weißem Haar, dann 
die Tochter Thea, eine üppige Blondine von vierunddreißig 
Jahren, die vor Jahresfrist verwitwet war und nun mit ihrem 
achtjährigen Töchterchen wieder im Elternhaus lebte, weil 
sie nach dem Tod des Gatten vor dem Nichts stand. 
Denn auch sie hatte dem geliebten Mann ihre reiche 
Mitgift bedingungslos in die Hände gegeben, die dieser 

background image

jedoch erst angriff, als das Rauschgift ihn erbarmunglos in 
seinen Krallen hielt. Außerdem mußte man in den letzten 

Jahren von dem Geld noch leben, weil der Privatdozent 
seinen eigentlichen Beruf aufgeben mußte. Und was er 
dann mit kleinen schriftstellerischen Arbeiten verdiente, 
war gewiß nicht viel. Er siechte langsam dahin, und als er 
starb, mußten Frau und Kind im Hadebrecht-Haus 
Zuflucht suchen. 
Thea war eine phlegmatische Natur und gefiel sich darin, in 
»höheren Regionen zu schweben«. Konnte aber auch 
wiederum recht erdgebunden sein, wenn es um Geld ging. 
Sie hatte immer Angst, irgendwie zu kurz zu kommen. 
Also hatte das Ehepaar Hadebrecht an dieser Tochter nicht 
viel Freude. Nur ihr Jüngster, der jetzt dreißigjährige Eike, 

war so geworden, wie die Eltern es erhofften – bis auf seine 
Ehe, damit machte auch er ihnen Kummer. 
Sie paßte aber auch gar nicht zu dem ernsten, zielbewußten 
Mann, die brünette, kapriziöse Ilona, die sich den 
»schönen Eike« nun mal in ihr eigenwilliges Köpfchen 
gesetzt hatte und ihn dann auch nach vielen geschickten 
Bemühungen einfing. Denn der damals 
Sechsundzwanzigjährige, der gerade seinen Dr. jur. 
gemacht hatte, war noch zu wenig Frauenkenner, um die 
listige Ilona zu durchschauen. Ihm gingen erst die Augen 
nach der Hochzeit auf – und zwar schon bald. 
Ilona jedoch war zuerst so richtig glücklich, bis sie dann 

merkte, daß der Gatte sich nicht von ihr beherrschen ließ, 
wie sie es erwartet hatte. Da begann sie, ihm Szenen zu 
machen, die aber an seiner Gelassenheit abprallten wie an 
einem Felsen. 
Außerdem behagte der launenhaften, sehr verwöhnten 
Ilona das Leben in dem Hadebrecht-Haus nicht, das so 
ganz von dem Willen ihres Schwiegervaters beherrscht 
wurde. Sie konnte diesen »Despoten« nicht ausstehen und 
setzte ihm immer Widerstand entgegen, wobei sie jedoch 
stets den kürzeren zog. Und wenn sie dann vor Wut zu 
platzen glaubte, packte sie ihre Koffer und reiste zu ihren 

background image

Eltern, die ständig unterwegs waren, schloß sich ihnen an – 
um schon nach einigen Wochen wieder plötzlich im 

Hadebrecht-Haus aufzutauchen. 
Für eine Weile fand sie es dann ganz erträglich in dem 
»Eulennest«, wie sie das komfortable Haus oft in ihrer Wut 
nannte – bis sie ihm wieder entfloh. Also ein ewiges Auf 
und Ab, das von dem Gatten nebst seiner Familie schon 
längst nicht mehr tragisch genommen wurde. 
Nicht einmal von dem jetzt zweieinhalbjährigen 
Töchterchen, das die Mutter durchaus nicht vermißte, weil 
es im Schoß der Familie so viel Liebe fand, wie sie ein Kind 
nun einmal haben muß, um recht gedeihen zu können. 
Heute jedoch war Ilona anwesend und hörte mit an, was 
der Herr des Hauses seiner Familie zu sagen hatte. Daß er 

die Stieftochter seines verstorbenen Sohnes ins Haus holen 
wollte, hatte er kurz vor seiner Abfahrt bereits erklärt. Jetzt 
erzählte er knapp, wie er das Mädchen vorgefunden hatte 
und daß es nach dem schweren Nervenfieber erst mal guter 
Pflege und gründlicher Erholung bedürfte. 
»Also, nun wißt ihr Bescheid«, schloß er seinen Bericht. 
»Ich bitte mir aus, daß ihr der Kleinen freundlich 
entgegenkommt, die jetzt hier ihr Zuhause haben soll. 
Habt ihr mich verstanden?« 
Wie bei einem grimmen Feldherrn schossen seine Blicke 
unter den buschigen Brauen hervor, so daß man nicht 
aufzumucken wagte. Nur Ilona, die schien sich dieser 

»Despotie« wieder einmal nicht beugen zu wollen. Die 
dunkelgrauen Augen funkelten vor Aufsässigkeit, über die 
rotlackierten Lippen kam es entrüstet: 
»Du kannst doch unmöglich von uns verlangen, Papa, daß 
wir diesem hergelaufenen Mädchen-« 
»Halt den Mund!« fuhr der Mann hart dazwischen. »Hier 
geschieht, was ich anordne. Wenn dir das nicht paßt, 
kannst du ja wieder mal deine Koffer packen!« 
»Philipp«, mahnte die Gattin leise, und da wandte er unter 
ihrem bittenden Blick den seinen ab. 
»Ist doch auch wahr!« brummte er. »Es ist einfach eine 

background image

Infamie, das Mädchen als hergelaufen zu bezeichnen, das 
die Stieftochter meines verstorbenen Sohnes ist und einem 

untadeligen Hause entstammt. Die Kleine hat sich doch 
wirklich vornehm genug benommen, indem sie diesen 
Stiefvater, den sie hätte eigentlich verachten müssen, weil 
er sie durch seine Verschwendungssucht an den Bettelstab 
brachte, mit ihrer Hände Arbeit unterhielt. Die gar noch 
die Wohnung verkaufte, um ihm ein anständiges Begräbnis 
geben zu können, und selbst in einer Elendsbude 
unterkroch. Ich glaube nicht, daß sie mir so widerstandslos 
hierher gefolgt, wenn sie nicht so erbärmlich schwach und 
elend wäre. Denn Thomas hat ja in seinem 
Abschiedsschreiben ausdrücklich bemerkt, daß seine 
Stieftochter sehr stolz und eigenwillig ist. Die wird sich 

bestimmt nichts von uns schenken lassen, darauf könnt ihr 
euch verlassen!« 
Nach diesen scharfen Worten wagte selbst Ilona nichts 
mehr zu sagen. Die Kinder saßen eingeschüchtert da, weil 
sie ihren sonst so guten Opapa jetzt fürchteten; selbst die 
altkluge, von ihrer Mutter sehr verzogene Anka. Sie folgte 
ihrem Fräulein gern, das eben eintrat, um ihre beiden 
Schutzbefohlenen zum Abendessen zu holen und hinterher 
ins Bett zu bringen. Artig sagten sie Gute Nacht, wobei sie 
sich nur zögernd dem Großvater näherten. Als dieser sie 
jedoch freundlich anlachte, trollten sie zufrieden an der 
Hand ihres Fräuleins ab. 

Es wurde nun nicht mehr von Silje Berledes gesprochen. 
Jeder scheute sich, in Anwesenheit des Hausherrn das 
heikle Thema zu berühren. Erst als der Gestrenge nach dem 
Abendessen zum Stammtisch, der jeden Sonnabend 
stattfand, in die Stadt fuhr, wagte man wieder über den 
Zuwachs im Hause zu sprechen. 
»Ich glaube, mit dieser Silje werden wir noch viel Ärger 
haben«, seufzte Thea. »Ich weiß gar nicht, warum Papa sich 
so sehr für das fremde Mädchen einsetzt! Ja, wenn es noch 
die leibliche Tochter von Thomas wäre – aber so geht sie 
uns doch wirklich nichts an. Laß diesen spöttischen Blick, 

background image

Eike, du machst mich damit nervös. Du hättest besser 
getan, Papa auszureden, das Fräulein ins Haus zu holen, 

statt ihn noch darin zu bestärken.« 
»Aber Thea!« mahnte die Mutter leise. »Vergißt du denn 
ganz, daß Thomas kurz vor seinem Tode den Vater 
flehentlich bat, sich seines verlassenen Stiefkindes 
anzunehmen?« 
»Ach was, Thomas hatte gar nichts mehr zu verlangen!« 
ereiferte Thea sich immer mehr. »Er hatte doch schon 
längst sein Erbe weg. Und da ist es eine Zumutung von 
ihm, uns seine Stieftochter aufzuhalsen, die nun Papa auch 
noch auf der Tasche liegt.« 
»Eben«, lächelte der Bruder ironisch. »Das ist nämlich bei 
dir der springende Punkt. Aber darf ich dich daran 

erinnern, daß auch du schon längst dein Erbe erhieltest, 
und du nun auch deinem Vater auf der Tasche liegst, sogar 
noch mit deiner Tochter?« 
Zuerst starrte sie ihn verblüfft an, dann fuhr sie empört auf. 
»Ich verbitte mir deine Anzüglichkeiten, hast du mich 
verstanden? Ich bin schließlich hier die Tochter des 
Hauses.« 
»Köstlich!« lachte Ilona amüsiert dazwischen. »Der Streit 
um das fremde Mädchen ist bereits entbrannt. Schade, daß 
der gestrenge Herr und Gebieter dieses Hauses ihn nicht 
mit anhören kann, der würde genauso wettern wie er es 
vorhin bei mir tat. Nur daß ich den Mut hatte, ihm ins 

Gesicht zu sagen, was ihr jetzt feige hinter seinem Rücken 
tut.« 
»Kinder, so gebt doch Ruhe!« bat die Mutter kläglich. »Ihr 
wißt genau, daß Vater trotz eures Protestes doch tut, was er 
will. Und er tat recht, daß er Fräulein Berledes herholte. Sie 
ist doch das Vermächtnis von Thomas an uns.« 
Bitterlich weinend drückte sie das Gesicht in die Hände, 
und da schwiegen die anderen betreten still. 
Drei Tage waren vergangen, nachdem Silje Berledes ins 
Hadebrecht-Haus kam. Sie hatte diese Zeit mit Essen und 
Schlafen verbracht und dabei Körper und Nerven 

background image

wunderbar gestärkt. Doch nun wurde der Schlaf bei Tag 
immer kürzer, und sie begann sich zu langweilen. 

»Das ist gut«, behauptete Philchen, die ihre 
Schutzbefohlene immer noch liebevoll betreute. 
»Langeweile ist der beste Heilfaktor.« 
»Aber schwer zu ertragen.« 
»Nun, so wollen wir für Abwechslung sorgen. Sag mal, was 
befindet sich eigentlich in diesem unförmigen Paket? Ich 
bin sonst gewiß nicht neugieriger, als es einem weiblichen 
Wesen zukommt, aber dieses Monstrum da habe ich direkt 
zu suggerieren versucht.« 
»Wenn du Mut hast, öffne die mysteriöse Angelegenheit – 
aber mach dich auf alles gefaßt«, blitzte Silje sie mutwillig 
an. 

»Mädchen, mir wird ganz gruselig. Nichtsdestotrotz, die 
Neugierde ist stärker.« 
Dann griff sie zur Schere und war eifrig bemüht, die feinen 
Stiche zu durchschneiden. Wie ein Geduldspiel empfand 
sie es – und sah dann fast andächtig auf den Geigenkasten, 
den die Hülle endlich entblößte. 
»Die Geige von Paps«, kam eine tränenerstickte Stimme 
vom Bett her. »Ich habe sie auch noch als Heiligtum 
gehütet, als schon längst bei uns Schmalhans 
Küchenmeister war. Die Geige ist mein kostbarster Besitz.« 
Verstohlen wischte Philchen die Tränen fort, die ihr über 
die Wangen liefen, und versuchte, ihrer Stimme Festigkeit 

zu geben. Fast burschikos klang es, als sie fragte: 
»Und was befindet sich in diesem schäbigen Kasten?« 
»Darin liegen die wenigen Schmuckstücke, die meine 
Mutter bis zu ihrem Tod trug. Alles andere wurde verkauft.« 
»Soso«, tat Philchen gleichmütig, hob den Deckel von der 
wirklich schäbigen Pappschachtel und erblickte darin ein 
kostbares Medaillon an einer Platinkette, ein 
schwergoldenes Armband und einen Ring mit einem 
Kleeblatt aus Smaragden, eingefaßt von Brillanten. Eine 
wundervolle Arbeit, die schon allein dem aparten 
Schmuckstück großen Wert verlieh. 

background image

»Mehr nicht«, fragte Philchen trocken, und da mußte das 
Mädchen trotz seines Kummers lachen. 

»Tante Philchen, du verlangst aber auch gar zu viel von 
meiner Armseligkeit! Die Geige mit dem Schmuck 
zusammen bedeutet immerhin ein Vermögen.« 
»Hm -- na ja. Kannst du nun wenigstens auf der Geige 
spielen, die du wie ein Zerberus zu hüten scheinst?« 
»Und ob!« strahlte es jetzt in den blauen Mädchenaugen 
auf. »Mein Paps hat mir doch Unterricht erteilt. Und er war 
ein großer Künstler, wenn das in diesem Hause auch nicht 
anerkannt wird.« 
»Das mußt du Grünschnäbelchen ja wissen«, brummte 
Philchen. »Schwing hier nicht so große Töne, spiel mir 
lieber etwas vor. Aber nicht so was Hochgeschraubtes, das 

kann mein einfältiges Gemüt nicht fassen.« 
Behutsam, als ob sie ein Heiligtum berührte, hob sie die 
Geige aus dem weichen Samt und reichte sie dem Mädchen 
hin, das dieses Kleinod ebenso behutsam entgegennahm. 
Um den Mund zuckte es wie verhaltenes Weinen, als Silje 
das Kinn an das glatte Holz legte, den Bogen ergriff und 
ihn leicht und federnd über die Saiten führte. Zuerst klang 
das Spiel noch unsicher und verworren, doch allmählich 
kristallisierte es sich zu klaren, weichen Tönen. 
»Leise flehen meine Lieder – «, klang die unvergessene 
Weise Schuberts süß durch das Gemach, und Philchen 
lauschte wie gebannt. Sie hinderte die Tränen nicht, die ihr 

über die Wangen liefen, in großen, glitzernden Tropfen. 
Die Erinnerung kam. Greifbar nahe sah Philchen den 
strahlend schönen Jüngling Thomas vor sich, der diese 
Weise so oft und gern spielte, diese Weise, die auch 
Philchen in ihrer Jugendblütezeit erklungen war, von 
Meisterhand hervorgezaubert. Denn auch er war ein Geiger 
gewesen, den sie mit achtzehn Jahren so schwärmerisch 
liebte und der diese Liebe lachend abtat, um in die Welt 
hinauszustürmen und dort Ruhm zu erringen. 
Wie lange war das her? Vierundzwanzig Jahre. Doch dem 
erschüttert lauschenden Philchen kam es vor, als wäre es 

background image

gestern gewesen. 
Und dann hatte der Neffe Thomas wieder diese Weise 

gespielt und damit das Herz der Tante gewonnen. Sie war 
ihrem Zwillingsbruder Philipp bitter gram, daß er das 
Talent seines ältesten Sohnes nicht anerkennen, ihn 
durchaus zwischen Ziegel und Zement zwingen wollte. 
Aber Thomas ließ sich nicht halten. Genausowenig, wie der 
andere sich von der Liebe des Jungfräuleins Philchen 
halten ließ. 
Und auch Thomas war in die Welt hinausgestürmt, um 
auch, wie der andere, zu verderben und zu sterben? Wohl 
nicht ganz. Denn Thomas Brecht war immerhin 
sechsunddreißig Jahre alt geworden, hatte Ruhm errungen, 
hatte Liebe gegeben und genommen, ehe die Götter ihn 

abriefen in ihr Reich. Denn wen die Götter lieben, der 
stirbt jung, so überliefert uns der Grieche Plutarch. 
Philchen schreckte aus ihrer schmerzlichen Versunkenheit 
auf, als das herrliche Spiel verklang. Wie hilflos stand es da, 
das zweiundsechzigjährige Fräulein, das in seiner Jugend 
alle anderen Männer, die sich ihm werbend nahten, 
ausschlug um des einen willen. 
Ganz langsam, Schritt für Schritt, näherte sie sich dem Bett, 
von dem aus die junge Silje ihr mit bangen Augen 
entgegensah. Zart legten sich die weichen Männerarme um 
den Hals der Alternden, und eine tränenerstickte Stimme 
fragte: 

»Habe ich dir mit meinem Spiel weh getan, du liebes 
Tantchen?« 
»Ach was, wohlgetan hast du mir!« polterte das resolute 
Philchen noch den letzten Rest von Wehmut fort. »Du 
kannst was, Mädelchen. Schule von deinem Paps?« 
»Ja. Er wollte eine Künstlerin aus mir machen, aber leider 
reichte mein Können dafür nicht aus.« 
»Wohl dir, Silje! Schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr 
Preis, sagt Schiller im ›Wallenstein‹. Ein Glück also, daß die 
Kunst dich nicht unterjochen konnte. Es lebt sich ohne 
diesen Wahnwitz entschieden ruhiger und besser, mein 

background image

Kind. Laß dich womöglich nicht doch noch in diese Klauen 
kriegen!« 

»Keine Angst!« lachte Silje. »So kunstbesessen bin ich nicht. 
Mir genügt schon das, was ich kann.« 
»Und das ist gewiß nicht wenig, Herzchen. Wenn das Eike 
wüßte, wie wunderbar du Geige spielen kannst, er würde 
vor Neid erblassen.« 
»Wer ist denn Eike?« fragte Silje neugierig, und Philchen 
lachte. 
»Ach so, den kennst du ja noch nicht. Eike ist der jüngere 
Bruder deines Paps, der auch wie dieser von Euterpe geküßt 
ist, wie es so schön heißt. Doch nur fürs Klavier, zur Geige 
langt der Kuß nicht. Aber das treibt er nur so nebenbei. 
Seine Hauptbeschäftigung gilt den Ziegeln und dem 

Zement.« 
»Komische Zusammensetzung!« lachte Silje fröhlich, und 
Philchen sah sie erstaunt an. 
»Wieso? Ziegel und Zement vertragen sich doch gut.« 
»Aber nur als Bausteine, nicht als Anhänger der Muse.« 
»Mädchen, du bist mir zu spitzfindig. Laß ab von den 
Musen, sag mir lieber, was du essen willst.« 
»Schon wieder mal? Ich komm mir ohnehin schon wie 
genudelt vor.« 
»Wenn übertreiben – dann richtig. Vorläufig kann von 
Nudeln noch gar keine Rede sein.« 
»Sag mal, Tante Philchen, wie lange gedenkst du mich 

eigentlich noch im Bett zu halten?« 
»Bis du kräftig genug bist, um fest auf deinen jetzt noch 
zitternden Beinchen zu stehen. So lange bleibst du in 
diesem Gewahrsam.« 
»Och, so übel ist das auch nicht«, streckte Silje sich wohlig 
im Bett. »Tante Phileleinchen, wie schön ist es doch, daß es 
dich gibt!« 
»Darüber freu ich mich auch immer«, kam die Antwort so 
trocken, daß Silje sich vor Lachen ausschütten wollte. Mit 
versteckter Rührung sah Philchen in das jetzt so strahlende 
Gesicht des jungen Menschenkindes, das der Bruder ihr erst 

background image

vor einigen Tagen so warm ans Herz gelegt hatte. 
Nun, er konnte mit ihr zufrieden sein, denn ihre Betreuung 

hatte Wunder gewirkt. 
Eine Woche insgesamt dauerte die »Haft« Siljes, doch dann 
ließ sie sich nicht mehr länger darin halten. Sie drängte 
hinaus voll Ungeduld. 
»Na schön, steh auf«, gab Philchen nach. »Aber wehe, wenn 
du schlapp machst, dann kennt mein Zorn keine 
Grenzen!« 
Allein Silje machte durchaus nicht schlapp. Sie fühlte sich 
im Gegenteil so gekräftigt, daß Philchen sich entschloß, 
ihren Schützling jetzt endlich mit nach unten zu nehmen. 
Wohlweislich verschwieg sie dem Mädchen, was es 
erwartete. Ganz ohne Vorurteil sollte es in den Kreis derer 

treten, zu denen es fortan gehören sollte. 
Also trat Silje Berledes am Sonntagvormittag in das 
Wohngemach, in dem die Familie Hadebrecht versammelt 
war. 
Es herrschte an diesem Novembertag ein fahles Licht in 
dem weiten Raum. Aber schien es nicht plötzlich heller zu 
werden, als das fremde Mädchen auftauchte? Woran 
mochte das liegen? An dem zartfarbenen Kleid, den 
leuchtendblauen Augen, dem lichtbraunen Haar, über das 
Goldfunken gestreut zu sein schienen? Es mußte wohl so 
sein. Denn die Miene Siljes war gewiß nicht strahlend. Es 
lag im Gegenteil etwas stolz Abweisendes auf dem jungen 

Antlitz, das noch immer ein wenig blaß war. 
»Hier bringe ich euch meinen bisher so streng behüteten 
Schatz«, sprach Philchen munter in die beklemmende Stille 
hinein. Die Herren erhoben sich von ihrem Sitz und 
schauten ebenso gespannt wie die anderen auf Silje, die 
zögernd auf die Frau des Hauses zuging. 
»Willkommen bei uns!« bemühte sich die Dame, einen 
herzlichen Ton anzuschlagen, was jedoch nicht ganz 
gelang. Denn sie war durch die Erscheinung des Mädchens 
so überrascht, ja geradezu befremdet. Sie hatte ein 
kümmerliches, hilfloses Wesen erwartet – und nicht eine 

background image

solche Schönheit mit dem selbstsicheren Auftreten und der 
stolzen Abwehr. 

»Danke«, entgegnete Silje leise, während sie sich artig über 
die feine Frauenhand neigte. Die Bewegung hatte etwas 
Zwangloses und Natürliches, wie es nur junge Mädchen 
haben können, die sich von Kindheit an in der besten 
Gesellschaft bewegten. 
»Der Anfang wäre ja nun mit der Frau des Hauses 
gemacht«, bemerkte Philchen trocken. »Nun weiter, mein 
Herz. Das ist meine Nichte, Frau Grotner, dies die Frau 
meines Neffen, hier er selbst – na, und den Herrn vom 
Ganzen kennst du ja schon. Und nachdem nun alles 
geklärt ist, wollen wir uns gemütlich hinsetzen.« 
Damit drückte sie Silje in einen der tiefen Sessel, setzte sich 

in den danebenstehenden, und nun nahmen auch die 
beiden Herren ihre Plätze wieder ein. 
»Potztausend, Marjellchen, du hast dich in der einen 
Woche ganz wunderbar herausgemacht!« blinzelte der 
Senior sein Mündel vergnügt an. »Da hat dich unser 
Philchen ja ganz nett aufgepäppelt.« 
»Ja, und deshalb bitte ich dich um Arbeit, Onkel Philipp«, 
warf sie hastig ein. »Du versprachst mir doch…« 
»Man immer sachte mit den jungen Pferdchen!« unterbrach 
er sie nun seinerseits. »So weit bist du wohl noch lange 
nicht – oder?« 
»Doch, frag nur Tante Philchen!« ging der Blick der 

wunderschönen Blauaugen flehend zu der Genannten hin, 
die ihr ermunternd zunickte. 
»Also, Philipp, tu ihr den Gefallen. Anders gibt sie ja doch 
keine Ruhe.« 
»Hm – wollen mal sehen. Was meinst du dazu, Eike?« 
»Das überlasse ich ganz dir, Vater«, klang nun eine sonore 
Männerstimme auf, der Silje nachlauschte wie einem Ton 
in Moll. 
Ihr Blick streifte den Mann, der zwanglos im Sessel lehnte 
und die Fingerspitzen gegeneinander tippte. 
Er hat Ähnlichkeit mit Paps – stellte sie rasch fest. Nur 

background image

seine Gestalt ist höher und sportgestählt, das Gesicht härter 
geschnitten, hauptsächlich der Mund, die Augen sind 

blauer und kühler, das Haar blonder. Es haftet ihm etwas 
von einem Herrenmenschen an, während der Paps ein 
wenig sensibel wirkte. 
Weiter kam sie nicht in ihren verstohlenen Betrachtungen; 
denn die beiden Kinder traten ein. Doch ehe einer von den 
Erwachsenen noch zu Wort kommen konnte, sprach schon 
das altkluge Töchterlein Theas: 
»Sie sitzen mit hier, Fräulein? Aber wir wollen Sie doch gar 
nicht haben.« 
»Anka!« rief der Großvater streng dazwischen. »Was redest 
du denn da für einen Unsinn zusammen?!« 
»Aber Mami sagt das doch, und auch Tante Ilona«, wurde 

das vorher so kecke Stimmchen ganz kläglich. Sie eilte zur 
Mutter und schmiegte sich ängstlich an sie, die sie wie 
schützend umfaßte. 
»So ist’s richtig«, grollte der Senior. »Hätschle das vorlaute 
Gör nur noch, anstatt ihm den Schnabel zu beklopfen!« 
»Aber Papa, Anka ist doch ein Kind!« 
»Eben – und daher muß es erzogen werden.« 
»Ute is aber atig«, bemerkte jetzt die noch nicht ganz 
Dreijährige. »Nis, Opa?« 
»Na, hoffentlich!« zwinkerte er dem reizenden Mägdlein 
zu, das sich zutraulich zwischen seine Knie schob. »Dein 
Schnäbelchen kann manchmal auch recht fürwitzig sein.« 

»Dann tieg ich eins dauf, sagt Papi.« 
Über diese trockene Bemerkung mußten die Erwachsenen 
lachen. Und sie taten es gern, um die Peinlichkeit zu 
überbrücken, welche die Bemerkung der vorlauten Anka 
hervorgerufen hatte. 
Man quälte sich noch ungefähr eine Viertelstunde mit 
einem nichtssagenden Gespräch ab, dann sagte Philchen: 
»Hopp, mein Mädchen, nach oben mit dir! Dein 
Antrittsbesuch ist beendet. Mehr kann man deinen immer 
noch angegriffenen Nerven nicht zumuten.« 
Gehorsam erhob sich Silje. Eine leichte, zwanglose 

background image

Verneigung, dann verließ sie mit Philchen das Zimmer. 
Und kaum, daß sie außer Hörweite waren, lachte Thea 

verärgert auf. 
»Lieber Himmel, die tut ja so, als wäre sie Majestät in 
Person!« 
»Was deine ungezogene Tochter sehr interessieren wird«, 
fuhr der Senior unwirsch dazwischen. »Raus mit euch, ihr 
Kleinzeug!« 
Eingeschüchtert trollten die Kinder ab und nun wandte 
sich der gereizte Mann an Tochter und Schwiegertochter. 
»Ihr sollt euch mal was schämen! Wenn ihr eure spitzen 
Zungen durchaus wetzen wollt, dann tut es wenigstens 
nicht in Gegenwart der Kinder. Was hat euch denn das 
Mädchen getan, daß ihr es so anfeinden müßt?« 

»Wir  feinden  es  ja  gar  nicht an«, antwortete Ilona 
schnippisch, während Thea die gekränkte Miene aufsetzte, 
die man so gut an ihr kannte. »Wir sind nur der Ansicht, 
daß es hier nichts zu suchen hat.« 
»Ach, sieh mal an!« kniff der Mann die Augen zu und 
betrachtete das kapriziöse Persönchen ironisch. »Dann 
werdet ihr euch wohl zu einer anderen Ansicht bekehren 
müssen. Vorläufig bin nämlich ich immer noch der Herr 
im Hause und kann darin aufnehmen, wen ich will. Und 
wenn ihr da noch so sehr Gift und Galle speit – das 
Mädchen bleibt! Es hat nämlich ganz genau dasselbe 
Recht, hier zu sein, wie ihr beiden Mißgünstigen.« 

»Na, hör mal, Papa, das ist doch nun wohl ein Irrtum!« 
widersprach Ilona aufgebracht. »Ich bin die junge Herrin 
hier und Thea die Tochter des Hauses.« 
»Und Silje Berledes ist die Stieftochter meines ältesten 
Sohnes«, klang es hart dazwischen. »Also rechtlich gesehen 
meine Stiefenkelin. Noch etwas?« 
»Ach, es hat ja gar keinen Zweck, mit dir darüber zu reden«, 
trotzte Ilona, und ihr Schwiegervater lachte grimmig. 
»Eben darum laß es gefälligst bleiben. Schweigen soll ja 
Gold sein, wie ein Sprichwort sagt. Also beherzigt es in 
allem, was Silje Berledes betrifft.« 

background image

Damit wandte er sich dem Sohn zu, der dem allen 
schweigend gefolgt war. 

»Hör zu, Eike. Ich habe mich entschlossen, die junge Dame 
in unserem Betrieb zu beschäftigen. Und zwar zuerst 
einmal als Hilfe meiner Sekretärin, die eine solche gut 
gebrauchen kann, weil ihr die Arbeit oft zu viel wird.« 
»Mir schon recht, Vater«, entgegnete der Sohn ruhig. »Da 
kann die junge Dame wenigstens nichts verpatzen.« 
»Wie meinst du das?« 
»Nun, sie ist immerhin Anfängerin – und soviel ich weiß, 
aus ihrer Arbeitsstelle fristlos entlassen.« 
»Jetzt fängst du auch schon an!« brauste der ohnehin schon 
tiefgereizte Mann auf. »Warum wurde sie wohl entlassen, 
he? Da zuckst du natürlich die Schultern.« 

»Was sollte ich denn wohl sonst tun, Vater?« 
»Erst einer Sache auf den Grund gehen und dann urteilen. 
Fräulein Berledes wurde deshalb fristlos entlassen, weil sie 
die Belästigung des Juniorchefs mit einer Ohrfeige 
beantwortete.« 
»Woher weißt du das denn?« 
»Aus dem Abschiedsschreiben von Thomas. Und angesichts 
des Todes pflegt man nicht zu lügen.« 
»Dann allerdings – « 
»Na also. Und nun Schluß mit den Anfeindungen gegen 
das Mädchen! Tut es alle im geheimen, wenn ihr nicht 
anders könnt, aber wagt euch damit ja nicht an die 

Oberfläche! Dann sollt ihr was erleben, ihr mißgünstige 
Bande!« 
Damit ging er hinaus, und Ilona lachte hämisch hinter ihm 
her. 
»Das Interesse an diesem Mädchen – na, ich will nichts 
gesagt haben.« 
Doch jetzt fuhr die Hausherrin, die vieles still und 
sanftmütig über sich ergehen ließ, denn doch empört auf. 
»Pfui, Ilona, schäm dich! Du hast einen ganz 
minderwertigen Charakter.« 
»Na, das ist denn doch die Höhe!« zeterte die junge Frau in 

background image

den höchsten Tönen. »Und du sitzt da und läßt deine Frau 
beleidigen, mein Herr Gemahl?« 

»Verteidige dich doch, du hast ja sonst so ein gutes 
Mundwerk«, gab er achselzuckend zurück. 
Zuerst starrte sie ihn an, dann sprang sie auf und schrie: 
»Jetzt hab’ ich aber genug! Ich fahr zu meinen Eltern!« 
»Glückliche Reise«, wünschte der Gatte mit 
unerschütterlichem Gleichmut. 
Da raufte sie sich die Haare, drehte sich wie ein Wirbel um 
ihre eigene Achse und rannte davon. 
»Oh, mein Gott, das ist ja einfach nicht mehr zu ertragen!« 
jammerte Thea jetzt los. »Mit diesem Mädchen ist das 
Unheil unter unser Dach gekommen. Auch ich gehe – gehe 
mit meinem Kind hinaus in die Fremde.« 

Auch sie entschwand, aber nicht wutentbrannt wie vorhin 
die Schwägerin, sondern langsam, sehr wehleidig, wie 
gebrochen. Schmunzelnd wandte Eike sich an die Mutter, 
die verstört dasaß. 
»Na, Muttchen, willst du nicht auch diese Stätte der Tragik 
verlassen?« 
»Ach, Junge«, klagte sie. »Ich komme mir so vor, als wäre 
ich unter lauter Irre geraten. Hätte Vater das Mädchen doch 
nie hierhergebracht! Seinetwegen muß meine eigene 
Tochter nun das Elternhaus verlassen.« 
»Aber Muttchen, wie kannst du dich nur so einschüchtern 
lassen! Thea wird sich hüten, ihr Drohnendasein 

aufzugeben. Du kennst sie doch. Wenn sie nicht 
theatralisch werden kann, ist ihr nicht wohl.« 
»Leider ist es so«, seufzte die Mutter. »Und Ilona?« 
»Auch sie wird sich besinnen. Wenn nicht, mag sie gehen, 
daran sind wir nun wahrlich schon gewöhnt. Einige 
Wochen später ist sie ja doch wieder hier.« 
Nun verließ auch er das Zimmer, die Mutter folgte, und so 
hätte man sagen können: Die Tragikomödie ist aus, der 
Vorhang fällt. 
Indes saß Silje in ihrem Zimmer und hatte keine Ahnung 
davon, welch einen Streit ihr bloßes Erscheinen unten 

background image

entfacht hatte. 
Müde saß sie da, hatte den Arm aufs Knie gestützt, die 

Hand im Haar vergraben, und sann wehmütig vor sich hin. 
Bis Philchen eintrat, die sich in ihrem Schlafzimmer, das 
neben dem Siljes lag, zu schaffen gemacht hatte. Da war es 
aus mit der Grübelei. 
»Na, nun mal nicht so trübsinnig, mein Mädchen!« sagte 
sie munter. »Du wirst doch nicht so töricht sein und etwas 
aufgeben wollen, das noch gar nicht richtig begonnen hat! 
Komm, wir ziehen uns an und gehen in ein Lokal, um dort 
Mittag zu essen. Denn auch ich habe keine Lust, mich 
unten an den Tisch zu setzen. Laß sie sich in die Haare 
kriegen, das machen wir nicht mit.« 
»Ach, Tante Philchen, es geschieht doch nur meinetwegen!« 

»Na, wenn schon. Die Gemüter werden sich schon langsam 
beruhigen.« 
»Es paßt mir aber nicht, hier als Eindringling betrachtet zu 
werden. Am liebsten ginge ich gleich auf und davon.« 
»Ei du, das wage nicht! Dein Vormund holt dich unter 
Garantie zurück. Der gehört nämlich nicht zu den 
Menschen, welche die letzte Bitte eines schon vom Tode 
Gezeichneten einfach ignorieren. Zumal dann nicht, wenn 
dieser Mensch noch sein Sohn ist, dem gegenüber er so 
etwas wie ein böses Gewissen hat. Also wirst du dich schon 
den Anordnungen deines Vormunds gutwillig fügen 
müssen. Wie alt bist du überhaupt?« 

»Silvester werde ich neunzehn.« 
»Ach, sieh mal an, da haben dir deine Eltern nicht den 
richtigen Namen gegeben. Eigentlich müßtest du Silvesta 
heißen.« 
Da mußte Silje denn doch lachen, so wenig ihr auch 
danach zumute war. 
»Ach, Tante Philchen, wenn ich dich nicht hätte!« 
»So freu dich darüber, und höre auf mich. Ich weiß 
nämlich in unserer lieben Familie gut Bescheid und kann 
dir somit ratend und helfend zur Seite stehen. Im großen 
und ganzen sind sie gar nicht so, die Leutchen. Sie wollen 

background image

sich nur nicht unter den Willen des ›Despoten‹, wie Ilona 
ihren Schwiegervater zu bezeichnen beliebt, zwingen lassen 

und mucken auf, sofern er etwas über ihren Kopf hinweg 
bestimmt. Aber dann haut er mit der Faust auf den Tisch 
und sagt: ›Ich bin der Herr im Haus! ‹ – und schon ducken 
sich alle wieder, weil sie viel zu feige sind, um seinem Zorn 
standzuhalten. Was willst du überhaupt, du dummes Ding? 
Geht es dir hier nicht gut?« 
»Das schon – aber ich möchte kein Gnadenbrot essen.« 
»Gnadenbrot, wenn ich das schon höre! Das ist doch eine 
abgedroschene Phrase. Du wirst schon hier kein 
Gnadenbrot essen, sondern dir dein Brot regelrecht 
verdienen, indem du im Betrieb deines Vormundes 
arbeitest. Und daß Angestellte im Hause des Chefs wohnen 

und auch dort verpflegt werden, der Fall ist doch gar nicht 
mal so selten.« 
»Meinst du, Tante Philchen, daß mein Vormund damit 
einverstanden sein wird, wenn ich Kost und Logis hier 
bezahle?« 
»Das  wird  er  bestimmt  sein.  Denn  er  pflegt  den 
berechtigten Stolz eines Menschen stets anzuerkennen.« 
»Hoffentlich verdiene ich so viel, um diese Unterkunft 
überhaupt bezahlen zu können«, wurde Silje nun wieder 
zaghaft. »Denn ich gab ja schon für das Zimmer bei der 
Pfefferkorn fünfundzwanzig Mark im Monat. Und das war 
an diesem hier gemessen einfach eine Hundebude. 

Und die Verpflegung in diesem feudalen Haus wird 
bestimmt erstklassig sein.« 
»Deine Sorgen möcht ich haben!« bemerkte Philchen 
trocken. »Mein liebes Kind, zerbrich dir dein törichtes 
Köpfchen nicht. Zieh dich lieber an und komm. Mich 
hungert nämlich ganz beträchtlich.« 
Wenig später verließen sie das Haus, wobei es erst eine 
kleine Unterbrechung gab. Als sie nämlich aus der Portaltür 
treten wollten, gedachte Eike Hadebrecht, der Juniorchef 
der stolzen Hadebrechtwerke, dasselbe zu tun. Höflich zog 
er den Hut und fragte erstaunt: 

background image

»Wo willst du denn hin, Tante Philchen? In zehn Minuten 
ist bereits Mittag.« 

»Eben, mein Sohn, daher wollen wir auch unseren Hunger 
stillen. Aber nicht im trauten Kreise der Familie, sondern 
außerhalb, damit uns nicht womöglich der Bissen im Hals 
stecken bleibt. Denn dieses arme Kind hier hat ja noch 
nicht das Geld, um die Bissen an eurem feudalen Tisch 
bezahlen zu können. Das bestelle hauptsächlich deiner 
Schwester Thea.« 
Sprach’s, nahm Silje unter den Arm und ließ den 
Verdutzten stehen, der dann auch Auskunft geben konnte, 
als der Hausherr bei Tisch fragte, wo denn seine Schwester 
und sein Mündel blieben. Eike wiederholte wörtlich, was 
Philchen gesagt hatte, und da lachte der Hüne grimmig auf. 

»Das habe ich kommen sehen!« 
Es wurde für alle ein recht ungemütliches Mahl, während 
sich das von Philchen und Silje urgemütlich gestaltete. Das 
Essen war vorzüglich, der Wein nicht minder, den die Tante 
bestellte. Schmunzelnd nahm sie wahr, wie die Wangen 
ihrer Schutzbefohlenen nach dem dritten Glas glühten, wie 
die Augen glänzten. Mit dem Herzchen zugleich floß auch 
der Mund über, und als Philchen mit ihrer 
leichtbedudelten Begleiterin das Lokal verließ, wußte sie 
genau Bescheid über das neunzehnjährige Leben der Silje 
Berledes. 
Jetzt lag diese wieder im weichen Pfühl und schlief tief und 

fest über alle Kümmernisse hinweg. 
Philchen ließ das junge Menschenkind, dem ihre Liebe und 
Sorgfalt gehörte, ruhig schlafen, als der Gong zum 
Abendessen rief. »Du kommst allein?« fragte der Bruder 
kurz. »Wo ist Silje?« 
»Sie schläft. Und der Schlaf ist ihr dienlicher als Speise und 
Trank.« Als man nach dem Essen, das wieder ungemütlich 
verlief, im Wohnzimmer saß, sprach Philchen über das, 
was ihren Schützling bedrückte. 
Aufmerksam hörten der Bruder und die anderen zu, und 
der Hausherr sagte dann zufrieden: 

background image

»Genau so habe ich die Kleine eingeschätzt. Es freut mich 
wirklich, daß sie sich nichts schenken lassen will, das zeugt 

nämlich von Charakter. Nun, ihrem Stolz kann Genüge 
getan werden, sie soll Kost und Logis redlich bezahlen. Was 
dann von ihrem Gehalt übrigbleibt, ist gewiß nicht viel. 
Aber bei der Sparsamkeit, die sie ja schon bewiesen hat, 
wird sie auskommen. Was meinst du, Philchen, ob sie am 
ersten Dezember, also in vier Tagen, kräftig genug ist, um 
ihren Dienst versehen zu können?« 
»Das glaube ich schon. Was ihr vielleicht an Kraft fehlt, 
wird der feste Wille ausgleichen.« 
»Hier, Fräulein Luischen, bringe ich Ihnen Ihren Famulus«, 
schob Philipp Hadebrecht die errötende Silje seiner 
Sekretärin zu, die er seit zwanzig Jahren als tüchtige 

Mitarbeiterin achtete und schätzte. »Nehmen Sie ihn nur 
tüchtig heran, und betrachten Sie ihn nicht womöglich als 
Protektionskind!« 
»Sollte mir einfallen!« lachte die vierzigjährige Dicke, der 
die Gemütlichkeit sozusagen aus allen Nähten lugte. »So 
was gibt’s bei mir nicht. Sinekure ist und bleibt für mich 
ein Fremdwort.« 
Lachend verschwand der Seniorchef im Nebenzimmer, und 
Silje sah ihm so ängstlich nach wie ein Kind, das von der 
Mutter in einer fremden Umgebung allein gelassen worden 
ist. 
Das rundliche Fräulein Luischen mit dem gutmütigen 

Vollmondgesicht bemerkte es und lachte. 
»Nun, nun, Kindchen, man nicht so furchtsam! Ihnen 
geschieht hier nichts. Ich weiß ja, wie Sie unserm verehrten 
Senior als Vermächtnis des ältesten, tiefbetrauerten Sohnes 
ans Herz gewachsen sind – aber geschenkt soll Ihnen 
dennoch nichts werden.« 
Da lachte Silje ihr betörendes, goldiges Lachen, das sich 
dem Luischen sofort in das gute Herz stahl. 
»Das will ich ja auch gar nicht. Wie darf ich Sie nennen?« 
»Fräulein Luischen«, kam es schlicht zurück. »Das ist 
nämlich hier mein Ehrentitel. Und nun erzählen Sie mir 

background image

mal, Kindchen, was Sie alles können.« 
»Das ist gewiß nicht viel«, bekannte Silje kläglich. »Zwei 

Jahre Handelsschule, ein halbes Jahr Praxis, drei Monate 
Arbeitslosigkeit – aus.« 
»Warum Arbeitslosigkeit?« 
»Weil der Juniorchef und Abteilungsleiter frech wurde.« 
»Wunderbar erklärt!« lachte Luischen gemütlich. »Hat’s 
geknallt?« 
»Und ob!« 
»Hach, das freut mich! Mir erging es nämlich einmal 
ebenso, denn auch ich war einmal jung und schön.« 
»Fräulein Luischen, ich glaube, ich habe doch noch ein 
bißchen Glück«, seufzte Silje, worauf die blauen, in Fett 
gepolsterten Äuglein sie verständnislos ansahen. 

»Wieso das?« 
»Weil ich Sie als direkte Vorgesetzte bekommen habe.« 
»Ach so – na ja, das ist allerdings immer Glückssache. Und 
nun wollen wir arbeiten.« 
Dazu war Silje gern bereit. Es waren in der ersten Zeit nur 
leichte Sachen, die sie zugeteilt bekam und die sie spielend 
erledigte. 
Und als der Senior sich bei Fräulein Luischen erkundigte, 
wie die Helferin sich mache, lachte die Sekretärin über das 
ganze gute Gesicht. 
»Unser Kind hat Köpfchen, Herr Hadebrecht. Dabei ist es 
bescheiden, willig und arbeitsam. Wenn das so bleibt, 

dann können wir lachen.« 
»Und warum sollte es nicht so bleiben?« 
»Weil neue Besen immer gut zu kehren pflegen.« 
»Vortrefflicher Vergleich«, schmunzelte er. »Na, werden wir 
leben, werden wir sehen.« 
Und sie lebten und sahen. Silje arbeitete nun bereits drei 
Wochen im Betrieb, und noch immer hatte ihr Eifer nicht 
nachgelassen. Es war ja auch kinderleicht, was Luischen 
ihrem Famulus zuteilte, aber gerade diese Kleinarbeit half 
der manchmal überbürdeten Sekretärin viel Zeit sparen. 
Silje machte ihre Arbeit Freude, und wenn sie nach Hause 

background image

kam, wurde sie von Philchen mit Herzlichkeit erwartet. Sie 
hockten dann zusammen, lachten und schwatzten, waren 

so ein richtiges Treugespann, wenn auch ein ungleiches. 
Um die anderen im Hause kümmerten sie sich nicht, 
kamen nur zu den beiden Hauptmahlzeiten mit ihnen 
zusammen. Das Frühstück nahmen sie in Philchens 
Wohnzimmer ein, und der Nachmittagskaffee fiel für Silje 
aus, weil sie um die Zeit im Dienst war. Nur am 
Sonnabend und Sonntag nahmen sie unten daran teil, 
wenn auch höchst ungern, obwohl man sie jetzt 
vollkommen ungeschoren ließ. Auch Thea und Ilona, die 
damals ihre Drohung nicht wahrgemacht hatten, sondern 
im Hause geblieben waren. Erstere, weil sie nicht das Geld 
hatte, um sich eine andere Bleibe zu suchen, letztere, weil 

alles, was mit Silje Berledes zusammenhing, viel zu 
interessant war, um sich das entgehen zu lassen. Aber sie 
sowie Thea hatten sich das hinter die Ohren geschrieben, 
was der Senior ihnen sagte, und feindeten das Mädchen 
nicht mehr öffentlich an. 
Aber der Schmuck der Mutter, den Silje jetzt täglich trug, 
stach Thea doch gar zu sehr in die Augen, obwohl sie selbst 
ganz nett behängt war. Sollte womöglich der Papa dem 
Mädchen, in das er ja so vernarrt war…? 
Nun, der Sache mußte sie unbedingt auf den Grund gehen. 
Doch den Vater zu fragen, wagte sie nicht. Aber Philchen 
wußte da ja auch gut Bescheid. Also legte sie dieser die 

Frage vor, natürlich nicht im Beisein des Hausherrn und 
seines Mündels. 
»Darauf habe ich schon lange gewartet«, versetzte Philchen 
trocken. »Nur keine Angst, aus der Hadebrechtschen 
Schatulle stammen die Kleinodien nicht.« 
»Aber sie scheinen doch sehr kostbar zu sein.« 
»Scheinen nicht nur, sie sind es wirklich. Vielleicht hat die 
Kleine sie gestohlen – man kann ja nie wissen. Denn die 
Seelen der Menschen sind unergründlich, das müßte dir als 
Poetin doch wohl eingehen. – Warum lachst du denn so 
niederträchtig, Eike, mein Sohn?« 

background image

»Über dein Zünglein, Philchen, das manchmal doch 
verflixt spitz sein kann.« 

»Immer da, wo es angebracht ist, Jungchen! Wie die Frage, 
so die Antwort.« 
»Erlaube mal, Tante Philchen, meine Frage war doch wohl 
berechtigt!« ereiferte Thea sich jetzt. »Wie Papa erzählt, hat 
er doch das fremde Mädchen in sehr dürftigen 
Verhältnissen vorgefunden – und dann der kostbare 
Schmuck.« 
»Und erst die Geige, die dieses fremde Mädchen besitzt!« 
warf Philchen ironisch ein. »Ich sage dir, die ist ein 
Vermögen wert!« 
»Aber mein Himmel, warum verkauft das arme Mädchen 
die denn nicht?« 

»Vielleicht weil es poetisch ist – noch mehr als andere, 
dafür abgestempelte Leute.« 
»Pfui, Tante Philchen, du bist abscheulich!« 
»Stimmt, mein Kind, ein böser Erbfehler. Und wer kommt 
gegen so etwas an? Bei einem ist’s die Niedertracht, beim 
andern die Mißgunst.« 
 

 
Heute war nun Sonnabend, und Silje kam eben erst von 
ihrem Arbeitsplatz nach Hause, obwohl die Kaffeezeit 
bereits nahte. 

»Jetzt erst kommst du?« empfing Philchen ihren Liebling 
vorwurfsvoll. »Ich fürchtete schon, du könntest 
ausgekniffen sein.« 
»Keine Angst!« lachte das Mädchen fröhlich. »Das geschieht 
nicht – jetzt nicht mehr, wo ich doch einen so 
wunderbaren Posten habe. Es ging heute ein bißchen heiß 
her. Und da Fräulein Luischen das Dringendste noch 
erledigen wollte, machte sie nicht pünktlich Schluß, und 
ich auch nicht. Zwar war es nicht viel, was ich ihr helfen 
konnte, aber immerhin. Hat Onkel Philipp denn nicht 
gesagt, daß ich nicht zum Mittagessen kommen würde?« 

background image

»Nein, weil er auch nicht dabei war. Er mußte kurz vorher 
wegfahren. Und ich werde dafür sorgen, daß dir das 

ausgefallene Essen hier oben nachserviert wird.« 
»Bitte nicht! Solch eine Vermessenheit kommt mir in 
diesem Hause nicht zu.« 
»Schaf«, war alles, was Philchen darauf erwiderte. Doch als 
sie auf den Klingelknopf drücken wollte, hielt Silje ihre 
Hand fest. 
»Einen Moment, ich habe einen anderen Vorschlag.« 
»Und der wäre?« 
»Wir gehen in die Konditorei und schlemmen. Ich halte 
dich sogar frei, Philchen. So viel Geld habe ich noch, und 
am Ersten kommt Nachschub.« 
»Das könnte mich sogar reizen«, schmunzelte Philchen. 

»Aber wir müssen zu Fuß gehen. Denn den großen Wagen 
hat der Senior, den kleinen der Junior.« 
»So gehen wir doch. Das ist bei dem herrlichen 
Winterwetter doch wahrlich ein Vergnügen.« 
So gingen sie denn wenig später der Stadt zu, die zu Fuß in 
einer Viertelstunde zu erreichen war. Es dunkelte bereits; 
denn man zählte heute den einundzwanzigsten Dezember. 
Also Winterszeit und darum Eis und Schnee, wie es sich 
gehört. Er knirschte unter den Füßen der rasch 
Dahinschreitenden, über ihnen leuchteten hell und 
geheimnisvoll die Sterne. 
Es war so kalt, daß der Atem fast am Mund gefror. Philchen 

machte das nicht viel aus in ihrem warmen Pelz, doch Silje 
in ihrem Mäntelchen schauerte immer wieder vor Kälte 
zusammen. Philchen merkte das sehr wohl, sagte jedoch 
nichts. 
Endlich war die Konditorei erreicht. Wärme strömte den 
Eintretenden entgegen, die hauptsächlich Silje wohlig 
empfand. 
Der große Raum war fast besetzt. An einem Tisch jedoch 
saß ein Herr allein – und dieser Herr war Eike Hadebrecht. 
Philchen bemerkte ihn zuerst und steuerte auf ihn zu. 
»Ah, der Herr Neffe!« spottete sie. »Warum befindest du 

background image

dich nicht im Kreise deiner Lieben, um mit ihnen den 
Sonnabendnachmittagkaffee zu trinken?« 

»Und warum tust du es nicht?« fragte er schlagfertig zurück, 
und da mußte sie lachen. 
»Weil mir das zu ungemütlich ist, mein Sohn.« 
»Also!« 
Weiter sagte er nichts, doch dieses »Also« sprach Bände. 
Galant half er den Damen aus den Mänteln und nahm 
nach ihnen wieder an dem Tisch Platz, der ziemlich isoliert 
in einer Nische stand. 
»Was wollen die Damen essen?« erkundigte er sich höflich, 
worauf die Tante Antwort gab: 
»Zuerst einmal Glühwein, damit das verklammte Mädchen 
hier warm wird. Hinterher Kaffee nebst Torte und 

Schlagsahne. Dafür sind wir ja schließlich in der 
Konditrei.« 
Eike lachte, daß die kräftigen Zähne hinter den harten, 
schmalen Lippen nur so blitzten. Das stand ihm gut, 
machte sein strenggeschnittenes Gesicht um vieles 
freundlicher. Er rief den Ober herbei, gab die Bestellung 
auf, und nicht lange danach stand der Glühwein da, den 
auch Eike sich nicht entgehen ließ. 
Der Trank war sehr heiß, was der durchgefrorenen Silje nur 
guttun konnte. Hände und Füße wurden warm, das Gesicht 
rötete sich lieblich. Und als sie hinterher noch Kaffee trank, 
wurde es ihr fast zu warm in dem flauschigen Pullover. Sie 

fühlte sich so wohl, daß sie augenblicklich mit keinem 
Menschen der Welt hätte tauschen mögen. Leise summte 
sie die Melodie mit, die soeben die kleine Kapelle spielte. 
Es war ein Weihnachtslied. Auch der Raum war 
weihnachtlich geschmückt, was die Vorfreude der 
Menschen noch erhöhte. 
Entzückend sah sie aus, die junge Silje Berledes. Obwohl 
sie einfach gekleidet war, wirkte alles an ihr ungemein 
apart und elegant. Wie ein Prinzeßlein saß sie da, so zart 
und fein, so eine rechte Augenweide für Schönheitskenner. 
»Wie wär’s, wenn wir eine Flasche Sekt trinken wollten?« 

background image

wurde Philchen leichtsinnig, doch der Neffe wehrte 
lachend ab. 

»Erbarm dich, Tantchen, ich bin mit dem Auto hier und 
möchte gern noch das Weihnachtsfest erleben! Aber wir 
nehmen eine oder auch zwei Flaschen mit, die wir heute 
abend in deiner gemütlichen Klause trinken werden. 
Einverstanden?« 
»Nein, mein Sohn. Hörst du, was die Geige jubiliert? – 
Friede auf Erden! Und den möchte ich halten, wenigstens 
in meinen eigenen vier Wänden.« 
»Na, hör mal, Philchen, bin ich denn so unverträglich, daß 
ich deinen Frieden verscheuchen würde?« 
»Du nicht«, sagte sie betont, ihn fest dabei ansehend, und 
schon hatte er verstanden. Es flammte rot auf seiner Stirn 

auf, die Lippen preßten sich zusammen zu einem schmalen 
Strich. 
»Nun, hab’ ich recht, mein Junge?« 
»Wie immer, Tante Philchen.« 
»Also. Friedland ist immer noch das beste Land. Und nun 
zahl!« 
Ohne Widerrede kam er ihrem Wunsch nach. Wenig später 
saß man im Zweisitzer, der bequem Platz für die drei 
schlanken Personen bot. Silje, die das Gespräch zwischen 
Tante und Neffen nicht verstanden hatte, dachte darüber 
nach, was wohl mit dem Frieden gemeint sein könnte. 
Jedoch sie kam nicht dahinter, und das war gut. Sonst hätte 

sie gewußt, daß sie zu allen übrigen Unerquicklichkeiten 
im Hause nun auch noch Ilonas Eifersucht fürchten müßte. 
Einige Minuten brauchte nur der Wagen zu fahren, dann 
hielt er vor dem Portal des Hauses, in dem die beiden 
Damen rasch verschwanden. 
Oben angelangt, sagte Philchen schmunzelnd: 
»Und dennoch trinken wir unsern Sekt. Ich habe nämlich 
noch welchen, wovon niemand etwas weiß.« 
»Oh, du Heimtückerin!« lachte Silje lustig. »Her damit und 
temperiert! Ich bin neugierig, wie du das zuwege bringen 
wirst.« 

background image

Philchen brachte das sehr gut zuwege, indem sie die 
Flasche in den Schnee stellte, der draußen auf dem 

Fensterbrett lag. Dann zauberte sie noch delikate 
Gabelbissen hervor – und unten wartete man wieder 
einmal vergeblich auf das Erscheinen der beiden 
Verschworenen an der Abendtafel. 
Als Philchen am nächsten Morgen an den Frühstückstisch 
trat, fand sie Bruder und Neffen bereits dort vor. Sie 
pflegten auch am Sonntag zur gewohnten Zeit zu 
frühstücken, während die anderen Familienmitglieder 
später erschienen. 
»Nanu, Philchen, du willst uns heute Gesellschaft leisten?« 
empfing Eike sie lachend. »Ist nach dem gestern 
unterschlagenen Abendessen dein Hunger so groß, daß die 

Riesenportionen nicht nach oben geschafft werden 
können?« 
»Du hast den Sinn erfaßt, mein Sohn«, entgegnete sie 
pomadig, nahm am Tisch Platz, trank zuerst mal eine Tasse 
Kaffee und fühlte sich nun gestärkt für das, was sie dem 
Bruder zu eröffnen hatte. 
»Alsdann, Bruderherz, so wollen wir mal patent 
miteinander reden«, meinte sie gemütlich. »Ich will dir 
nämlich kund und zu wissen tun, daß ich am Heiligabend 
früh mit Silje eine Gesellschaftsfahrt ins Blaue – oder 
winterlicher ausgedrückt: ins Weiße – antreten werde. Sieh 
mich nicht so wild an, mein Lieber, mein Entschluß steht 

fest. Die Karten sind bereits gelöst und die Fahrt soll eine 
Weihnachtsüberraschung für Silje werden.« 
»So – und wenn ich nicht damit einverstanden bin, meine 
liebe Philine?« 
»Dann bist du töricht, mein lieber Philipp.« 
»Inwiefern?« 
»Indem du dir selbst den Weihnachtsabend verderben 
würdest. Sei lieber froh, daß ich das Streitobjekt der lieben 
Familie gerade an so einem Abend fernhalte, dir selbst und 
auch mir zu Nutz und Frommen. Denn wir beide könnten 
ja doch nicht den Mund halten, wenn das Mädchen 

background image

hämisch angegriffen würde, und der unheilige Streit am 
heiligen Abend wäre da.« 

»Leider hast du recht«, brummte der Bruder verdrossen. 
»Selbst meine gute Alte haben die mißgünstigen Weibsen 
schon aufgewiegelt. Hast du eine Ahnung, wie gern ich 
dem allen hier entfliehen und mit dir und Silje irgendwo 
Weihnacht feiern würde?« 
Das klang ungemein bitter und erbarmte die Schwester, die 
sehr an ihrem Zwillingsbruder hing. Sie legte ihre Hand auf 
die seine und sagte tröstend: 
»Laß gut sein, Philipp. Du bist ja hier der Herr im Hause, 
dem sich alle fügen müssen.« 
»Und das ist ein Glück, sonst würde man bald mit mir 
Schlitten fahren, wie man so sagt. Wohin soll denn die 

Weihnachtsreise gehen?« 
»Das weiß ich nicht. Man will die Teilnehmer 
überraschen.« 
»Wann kommt ihr wieder?« 
»Am zweiten Feiertag in der Abendstunde.« 
»Und wie steht es mit dem Weihnachtsgeschenk für Silje?« 
»Gib ihr die Weihnachtsgratifikation, die du deinen 
anderen Angestellten zukommen läßt. Das wird Silje nicht 
bedrücken, sondern freuen. Für alles andere sorge ich. 
Wozu habe ich denn mein Geld, wenn ich es nicht diesem 
liebenswerten Menschenkind, an dem mein ganzes Herz 
hängt, zukommen lassen soll?« 

»Hast recht, Schwesterherz. Ich bin froh, daß du die Kleine 
so spontan in dein Herz geschlossen hast, sonst wäre es 
schlecht um sie bestellt. 
Übrigens macht sie sich im Betrieb tadellos. Luischen ist 
des Lobes voll, und das will nun wirklich was sagen.« 
Weiter wurde über Silje nicht mehr gesprochen. Man 
beendete das Frühstück und ging dann seiner Wege. 
Doch bevor die Reise losging, hatte Philchen noch einen 
Kampf mit Silje zu bestehen. Diese wollte das großzügige 
Geschenk durchaus nicht annehmen, sträubte sich 
sozusagen mit Händen und Füßen dagegen. Bis Philchen 

background image

ernstlich böse wurde; da gab sie kleinlaut nach. 
Schmeichelnd legte sie ihre Arme um den Hals des alten 

Fräuleins und bettelte: 
»Philelinchen, sei wieder gut, ja? Kränken will ich dich 
natürlich nicht.« 
»Schaf«, sagte Philchen, aber es klang sehr zärtlich. »Gewiß 
kränkst du mich, sehr sogar. Du behauptest doch immer, 
mich liebzuhaben.« 
»Und wie!« 
»Also. Dann rede nicht nur, sondern beweise es auch. 
Nimm alles unbekümmert hin, was ich dir biete, denn es 
kommt von ganzem Herzen. Und so etwas kann niemals 
bedrücken noch beschämen.« 
»Wollen wir mal gleich versuchen«, blitzte in den 

Mädchenaugen der Schelm auf, und Philchen sah 
mißtrauisch in sie hinein. 
»Na, was kommt nun?« 
»Mit deinen eigenen Waffen werde ich dich schlagen, mein 
Philelinchen. Ich lade dich hiermit feierlichst zu der 
Weihnachtsfahrt ein, dann habe ich wenigstens ein 
Geschenk für dich. Denn dir mit anderen Dingen kommen, 
hieße ja Eulen nach Athen tragen, wie ein altes Sprichwort 
sagt.« 
»Na, so ein kleiner Racker!« lachte Philchen herzlich. 
»Mädchen, vor dir muß man sich ja in acht nehmen. Doch 
willst du mir nicht sagen, womit du die Fahrt zu 

finanzieren gedenkst?« 
»Freilich will ich das. Ich habe doch meine Gratifikation 
bekommen, und ganz leer war mein Portemonnaie 
sowieso noch nicht. Und ein Geschenk, das von ganzem 
Herzen kommt, darf man nicht zurückweisen.« 
»Und wenn ich es nicht tue?« 
»Das wäre herrlich!« 
»So laß es herrlich sein – ich bin dein Weihnachtsgast.« 
Zuerst machte Silje einen Luftsprung, dann umhalste sie 
die Tante, bis diese um Gnade bat – und dann war die 
echte, rechte Weihnachtsfreude da. 

background image

Ein kleines lustiges Intermezzo gab es noch, als das 
ungleiche Treugespann am Weihnachtsmorgen zur Fahrt 

aufbrechen wollte. Da hielt Philchen nämlich dem 
verdutzten Mädchen einen wundervollen Pelzmantel hin. 
»Tante Philchen, ich bitte dich…« 
»Ruhe! Wenn man dir gibt, nimm – wenn man dir nimmt, 
schrei.« 
Und da schrie Silje, aber vor Freude. Schlüpfte in die 
mollige Pracht, trat an den Spiegel, versank vor ihm in 
einem tiefen Knicks und sagte feierlich: 
»Mein Kompliment, verehrte Dame. Sie tragen das schönste 
Fell, das…« 
»… je ein Äffchen trug«, kam ein lachender Baß von der Tür 
her. Herumfahrend bemerkte Silje den Vormund, der 

zwischen Tür und Angel stand. Hinter ihm sein Sohn, der 
genauso amüsiert lachte wie sein Vater. 
»Meine Herren, ist das nun hübsch von Ihnen?!« 
»Sehr hübsch«, schmunzelte Philipp. »Viel hübscher, als 
wir vermuteten. Denn als wir an dieser Tür vorübergingen, 
da hörten wir einen Schrei – na – und da drangen wir ein, 
um das entzückendste Bild zu schauen.« 
»Nun mach mir das Kind nicht verlegen!« erbarmte sich 
jetzt Philchen des heißerrötenden Mädchens. 
»Was ist der Grund eures so frühen Erscheinens?« 
»Wir konnten nicht umhin, euch Lebewohl zu sagen und 
glückliche Fahrt zu wünschen.« 

»Das hört sich schon besser an. Habt schönen Dank und 
laßt uns nun gehen, damit wir nicht den Omnibus 
versäumen.« 
Es erfolgte nun ein rascher Abschied. Und als Philchen sich 
noch einmal umwandte, bemerkte sie die sehnsüchtigen 
Blicke, die ihnen nachschauten. 
»Ein Jammer!« seufzte das alte Fräulein. »Wenn ich nur so 
könnte, wie ich wollte, würde ich auch die beiden da noch 
mitnehmen. Aber leider – leider…« 
 

background image

 
»Ist es wahr, Papa, daß Tante Philchen mit dem fremden 

Mädchen eine Weihnachtsfahrt macht?« fragte Thea am 
Mittagstisch, und er sah sie verwundert an. 
»Gewiß ist das wahr. Ich verstehe nur nicht, was dich dabei 
so aufregt.« 
»Weil so eine Reise doch Geld kostet.« 
»Beruhige dich, die Kosten trägt mein Mündel.« 
»Ah so, das ist allerdings etwas anderes. Ich glaubte schon, 
daß Tante Philchen die kostspielige Angelegenheit bezahlt. 
Weißt du, Mama, wenn das Fräulein nicht hier ist, 
brauchen wir es ja auch nicht zu beschenken. Da kannst du 
mir den entzückenden Pullover geben, den du für es 
gekauft hast.« 

»Aber Kind, der ist dir doch zu kurz und zu eng.« 
»Ach, woher denn! Ich bin doch bestimmt nicht dicker als 
dieses Fräulein. Warum lachst du denn so albern, Ilona?« 
»Weil du nicht weißt, wie du aussiehst. Stell dich doch 
einmal vor den Spiegel.« 
»Der wirft dann bestimmt ein schöneres Bild zurück als bei 
dir!« 
»Ruhe!« gebot der Senior energisch. »Die Sachen, die 
Mutter für Fräulein Berledes bestimmt hat, kriegt diese, 
wenn sie von ihrer Reise zurück ist.« 
Da schmollte Thea, was allen nur recht war. Dann gab sie 
wenigstens Ruhe. 

Der Heiligabend verlief in der Familie Hadebrecht ganz 
vorschriftsmäßig. Man sang im Schein der Kerzen 
Weihnachtslieder, beschenkte sich gegenseitig gut und 
reichlich, aß hinterher den delikat zubereiteten 
Weihnachtskarpfen, trank danach die Weihnachtsbowle 
und gab sich alle Mühe, recht friedlich zu sein. 
Die einzigen im Familienkreis, die sich wirklich von 
Herzen freuten, waren die beiden Kinder. Sie jubelten beim 
Anblick der Dinge, die sie sich gewünscht hatten und die 
nun so verlockend dalagen. Selbst die altkluge, naseweise 
Anka war heute ganz Kind. 

background image

Doch viele Kilometer entfernt, oben in den bayrischen 
Bergen, da gab es echte Weihnacht. Da hatte sich das 

zusammengefunden, was irgendwie einsam auf der Welt 
stand. Da verschmolz ein Zusammengehörigkeitsgefühl die 
Menschen, die sich noch nie gesehen hatten und sich in 
Zukunft auch nie wieder sehen würden. Man sang an der 
glitzernd geschmückten Tanne die alten, schönen 
Weihnachtslieder, nahm dann an den gedeckten Tischen 
Platz und erfreute Zunge und Magen mit den lukullischen 
Genüssen. Jeder fand unter der aufgestellten Serviette eine 
kleine Weihnachtsgabe. 
Der Weihnachtssekt, allerdings nur eine halbe Flasche pro 
Person, genügte den meisten, um in eine leicht 
beschwingte Stimmung zu geraten. Wer mehr dazu 

brauchte, konnte auf eigene Rechnung nachbestellen. 
Das taten Philchen sowie Silje nun nicht, ihnen genügten 
drei Glas des prickelnden Getränks vollkommen. 
Nach schönen, harmonischen Stunden bezogen sie 
vergnügt das Doppelzimmer und schliefen in den 
bequemen Betten tief und friedlich bis zum Morgen. 
Während der beiden Feiertage konnte jeder seinem eigenen 
Vergnügen nachgehen. Silje verbrachte diese Zeit beim 
Skilaufen, und Philchen tat es in Gesellschaft 
»gleichgesinnter Seelen«. 
Ehe man sich so recht versah, schlug die Scheidestunde. 
Man war allgemein restlos befriedigt von dem 

Weihnachtsfest, an das man sich immer wieder gern 
erinnern wollte. 
Am Spätabend trafen Philchen und Silje wieder im 
Hadebrecht-Haus ein. 
Wie Diebe wollten sie sich nach oben stehlen, doch da 
hatten sie ihre Rechnung ohne den Hausherrn gemacht. 
Denn als sie gerade den Fuß auf die Treppe setzten, öffnete 
sich die Wohnzimmertür, und der Gestrenge rief lachend: 
»Heda, ihr beiden Verschwörer, so was gibt’s nicht! Herein 
mit euch, und Rede und Antwort gestanden!« 
»Uns bleibt aber auch nichts erspart«, seufzte Philchen so 

background image

komisch, daß Silje sich wieder einmal vor Lachen 
ausschütten wollte. 

Es drang bis ins Wohngemach, dieses unbekümmerte, 
goldige Lachen, das bei den darin Weilenden 
verschiedenartige Gefühle erweckte. Bei Frau Ottilie rief es 
ein liebes Lächeln hervor, Thea fand es aufdringlich, Ilona 
albern, und in den Augen des Juniors leuchtete es blitzartig 
auf. 
»Na, das ist wieder einmal Musik für meine Ohren!« 
schmunzelte der Senior, während er mit den beiden 
Damen näher trat. »Was meinst du wohl, du kleiner Zeisig, 
wie ich das in den drei Tagen vermißt habe!« 
Die Heimgekehrten hatten die Mäntel in der Halle 
abgelegt, und nun stand es im Skianzug da, das junge 

bezaubernde Menschenkind. Braungebrannt von der Sonne 
in den Bergen, mit strahlenden Augen und lachendem 
Mund. Wie angegossen saß der Dreß auf dem grazilen 
Körper, der auch diesem manchmal recht plump 
wirkenden Anzug eine elegante und vornehme Note gab. 
»Wie ist es nun mit euch?« fragte der Senior. »Habt ihr 
Hunger, habt ihr Durst?« 
»Woher denn!« lachte Philchen, die auch recht frisch 
aussah und deren ganze vitale Art ihrer zweiundsechzig 
Jahre spottete. »Man hat uns ja direkt genudelt und mit 
guten Tropfen die Kehle genetzt.« 
»Dann setzt euch hin und erzählt, wie es sich für 

weitgereiste Leute gehört.« 
»Na schön, erzählen wir. Der Heiligabend verlief recht 
feierlich. Leichtbedudelt begaben wir uns zur Ruhe, 
schliefen, daß ein Auge das andere nicht sah, und aßen 
dann und tranken.« 
»Ganz Philchen«, lachte Eike amüsiert. »Mehr geschah 
nicht?« 
»Natürlich, mein Sohn. Dieser kleine Strolch hier machte 
beim Skilaufen und ähnlichen Winterfreuden Eroberungen 
noch und noch. Wie eine Sonne strahlte er, um die sich die 
Trabanten scharten. Wie ist es, mein Schatz, hast du nicht 

background image

sogar einen Heiratsantrag bekommen?« 
»Philchen, du schwindelst ja!« lachte Silje lustig. »Bleib 

lieber bei der Wahrheit und verrate, daß du beinahe einen 
bekamst.« 
»Ach, den Opapa meinst du, mit seinen sieben Kindern 
und zwei Dutzend Enkeln? Daran konnte ich doch 
unmöglich meine blühende Jugend binden!« 
So trocken brachte sie es hervor, daß die anderen herzlich 
lachen mußten, und die Hausherrin sagte warm: 
»Philchen, wie gut, daß du wieder da bist! Ohne dich ist es 
hier so gar kein Leben.« 
»Da bin ich aber froh, daß es mich gibt. Denn: Geben ist 
seliger als Nehmen. Stammt aus der Apostelgeschichte, 
Theachen, brauchst erst gar nicht deine sämtlichen Dichter 

in Gedanken durchzukramen.« 
Damit sprang sie lachend auf, Silje tat es gleichfalls, und 
mit einem fröhlichen› Gutenacht‹ gingen sie davon. 
Am nächsten Morgen stand Silje dann wieder vor Fräulein 
Luischen, die ihren Famulus schmunzelnd betrachtete. 
»Na, Kindchen, Ihnen scheinen ja die Feiertage glänzend 
bekommen  zu  sein. War sie schön, die Fahrt durch den 
Weihnachtswinter?« 
»Sehr schön! So ein richtiger Jungquell.« 
»Den haben’ Sie auch gerade nötig, Sie kleine Christrose. 
Und nun wollen wir mit frischem Mut an die Arbeit 
gehen.« 

Dazu war Silje gern bereit. Flott ging ihr die Arbeit von der 
Hand, und sie schaute erstaunt auf, als die Sirene 
aufheulte. 
»Schon Mittag?« fragte sie fast enttäuscht, und Fräulein 
Luischen lachte. 
»Haben Sie denn noch gar keinen Hunger?« 
»Eigentlich nicht. Mein Frühstück war so gut, daß ich 
tagsüber damit auskommen könnte.« 
»Natürlich, wegen der schlanken Linie«, kam es von der Tür 
her, in welcher der Senior stand. »Aber nichts da, 
Marjellchen, gegessen wird! Denn essen und trinken hält 

background image

Leib und Seele zusammen. Stimmt’s, Fräulein Luischen?« 
»Allemal«, verzog sich das Vollmondgesicht zu einem 

gemütlichen Lachen. »Doch zu der Erkenntnis kommt der 
Mensch erst, wenn das Herz still wird und die Haare grau 
werden.« 
»Letzteres will ich gelten lassen, aber ersteres kann hundert 
Jahre dauern«, blinzelte er ihr vergnügt zu. »Und nun 
komm, mein kleiner Zeisig, begeben wir uns gemeinsam 
an die Futterkrippe.« 
Silje zog den schicken Pelzmantel an, drückte das kecke 
Mützchen auf die schimmernden Locken und schritt dann 
an der Seite des Seniors über das weite Fabrikgelände dem 
Herrenhaus zu, das, abgegrenzt von einem Park, sehr 
vornehm und feudal dalag. Er hatte sein Elternhaus 

umbauen und vergrößern lassen, der Herr vom Ganzen. 
Genauso wie die beiden Fabriken, die zusammen ein 
stolzes Werk bildeten, das so gut fundiert war wie kaum ein 
zweites. 
Neben dem Hünen wirkte Silje Berledes wie ein Püppchen, 
obgleich sie mit ihren 1,68 über eine ganz gute Mittelgröße 
verfügte. Sie mußte ihre schlanken, feingefesselten Beine 
hurtig regen, um mit den langen des Vormunds Schritt 
halten zu können. 
Das ungleiche Paar ging flott dahin und wurde von Thea, 
die im Speisezimmer am Fenster stand, bemerkt. Nicht, 
daß der Vater mit dem ihr unsympathischen Mädchen Seite 

an Seite schritt, regte sie auf, sondern der kostbare 
Pelzmantel, den dieses Mädchen trug. 
»Kommt doch mal rasch her!« rief sie hastig ins Zimmer, 
wo auch Mutter, Schwägerin und Bruder sich bereits 
eingefunden hatten. 
Neugierig trat man näher, und Eike fragte verwundert: 
»Na und, was ist da wohl Aufregendes zu sehen? Etwa, daß 
zwei Menschen aus einer Familie so einträchtig 
nebeneinander hergehen?« 
»Das meine ich doch nicht«, winkte sie ungeduldig ab. 
»Was mir auffällt, das ist der schicke Pelz. Den hat Papa 

background image

diesem fremden Mädchen sicherlich zu Weihnachten 
geschenkt. Und wo ich doch so nötig einen Mantel 

brauche!« 
»Oh, du Arme!« spottete Ilona. »Schade, daß deine 
naseweise Tochter nicht hier ist und alles mit angehört hat. 
Die würde das Fräulein bestimmt nach dem Spender der 
kostspieligen Angelegenheit fragen.« 
»Du bist abscheulich!« fuhr die Schwägerin empört auf, 
und die Mutter hob flehend beide Hände. 
»Kinder, ich bitte euch, laßt doch den Streit, der ja gar nicht 
mehr abbricht, seitdem Fräulein Berledes im Hause ist! 
Vater hat ihr den Mantel bestimmt nicht geschenkt, das 
nehme ich eher von Philchen an.« 
»Stimmt«, bemerkte der Hausherr ironisch, der soeben 

eintrat und die letzten Worte gehört hatte. »Ich gehe wohl 
nicht fehl, wenn ich annehme, daß der Pelz deine 
Mißgunst erweckt hat, meine Tochter Thea…« 
Weiter kam er nicht, da jetzt Philchen und Silje eintraten. 
Außerdem noch eine junge Lehrerin, die jeden Tag ins 
Haus kam, um Anka zu unterrichten. Sie nahm nur am 
Mittagsmahl teil, dann fuhr sie auf dem Rad ins nächste 
Dorf, wo ihr Vater Lehrer war, dem sie am Nachmittag 
beim Unterrichten seiner Schüler half. 
Das Mahl verlief ungemütlich wie gewöhnlich. Das ging 
nun mal nicht anders in dieser Familie, wo es ebenso viele 
Köpfe wie Sinne gab. Es fehlte die Harmonie, die ein 

Familienleben traut und behaglich macht. 
Silje ließ man jetzt ganz unbehelligt. Selbst die altkluge 
Anka, nachdem ihr der Großvater einmal das vorlaute 
Schnäbelchen beklopft hatte. 
Silje waren diese Mahlzeiten gräßlich. Viel lieber hätte sie 
mit den anderen Angestellten zusammen in der 
Werkkantine gegessen, aber das hätte ihr Vormund nie 
zugegeben und Philchen auch nicht. Also durfte sie ihnen 
damit erst gar nicht kommen. Sie gehörte hier zur Familie, 
und damit holla! 
Die Hausherrin fürchtete Silje auch gar nicht, die war stets 

background image

freundlich zu ihr, und der Junior schien sie kaum zu 
bemerken. Aber Thea mit ihren scheelen Blicken und Ilona 

mit ihrer Nichtachtung, die waren ihr höchst unangenehm. 
Sollte das etwa immer so weitergehen, monatelang, 
womöglich gar jahrelang? Ach, darüber wollte sie sich nicht 
den Kopf zerbrechen. Sie hatte ja den Vormund, der stets 
für sie eintrat, und dann vor allen Dingen ihr vielgeliebtes 
Philchen, das ihr wie ein Fels in der Brandung erschien. 
Und dieser Fels war hart genug, um auch die giftigsten 
Pfeile an sich abprallen zu lassen. 
Grau lag der Morgen über dem traulichen Gemach, in dem 
Philchen, deren zierliche Figur ein flauschiger Morgenrock 
umbauschte, geschäftig hin- und herhuschte. Mit 
spitzbübischem Lächeln gab sie sich einer Tätigkeit hin, die 

ihr viel Freude machte. 
Dann ging sie auf leisen Sohlen durch die weitgeöffnete 
Flügeltür in das Nebenzimmer, zog dort die Jalousien an 
den Fenstern hoch und trat an das Bett der holden 
Schläferin. 
»Heraus aus den Federn, der Hahn hat gekräht!« sang sie 
lustig und sah dabei lachend zu, wie das junge 
Menschenkind unter den langen, seidigen Wimpern 
hervorblinzte, den ranken Körper dehnte und streckte. 
»Ach, Philchen, ist es schon wieder soweit? Ich bin ja noch 
soooo müde!« 
»Sieht dir ähnlich, du kleine Schlafmütze. Aber nichts da! 

Ermuntere deinen schwachen Geist, der vor neunzehn 
Jahren noch von Düsternis empfangen ward. Erst Stunden 
später wurde es Licht.« 
»Um meine kleine Wenigkeit«, lachte Silje, nun vollständig 
munter, in die salbungsvolle Rede hinein. »Und was soll 
geschehen?« 
»Aufstehen sollst du, eine Stunde früher als sonst an 
deinem Ehrentag.« 
Silje tat’s. Und als sie später frisch gewaschen dastand, zog 
Philchen sie in ihr behagliches Wohnzimmer, wo auf dem 
Tisch neunzehn Kerzen lustig flackerten und das große 

background image

Lebenslicht verheißungsvoll leuchtete. Und was außerdem 
noch auf dem Tisch vorhanden war, ließ die Augen des 

Geburtstagskindes strahlen. 
Und mit Recht. Denn diese Festtoilette mit allem Drum 
und Dran konnte schon ein Jungmädchenherz höher 
schlagen lassen! 
»Oh, Philchen, soll das etwa für mich sein?« 
»Na, für mich doch nicht, du kleines Schaf! Damit sollst du 
dich schmücken und die weiblichen Wesen ausstechen, die 
sich in diesem gastlichen Hause heute zur Silvesterfeier 
zusammenfinden werden. Da wird sich mein Bruder 
freuen, und die anderen sollen vor Neid platzen!« 
»Netter Wunsch!« lachte Silje hellauf, umarmte das gute 
Philchen und stattete stürmischen Dank ab. 

»Na also«, schmunzelte das Altjüngferlein, als es wieder frei 
atmen konnte. »Und nun wollen wir in aller Ruhe unser 
Frühstück einnehmen. Darum habe ich dich so früh aus 
den Federn geholt. 
Doch halt, zuerst muß ich dir ja wohl gratulieren. Komm 
her, du wonniges kleines Stückchen Mensch, alles Glück sei 
dir beschieden. Mehr weiß ich nicht.« 
Damit wandte sie sich hastig ab, weil ihr die Augen feucht 
wurden. Und so was war dem couragierten Philchen immer 
sehr unangenehm. 
Wenig später frühstückte man an dem runden Tisch in 
Philchens Wohnzimmer, wie man es täglich zu tun pflegte. 

Doch heute tat man es geruhsamer, und der Strauß 
herrlicher Nelken gab dem Tisch ein festliches Aussehen. 
Außerdem stand ein Napfkuchen da, den Silje so gern aß. 
»Lang nur tüchtig zu«, ermunterte Philchen. »So gut 
bekommst du ihn unten nicht.« 
»So wissen sie, daß ich heute Geburtstag habe?« 
»Keine Angst, es ist ihnen unbekannt. Aber heute steigt der 
gemeinsame Nachmittagskaffee, weil am Silvestertag im 
Werk mittags Schluß gemacht wird.« 
»Gräßlich!« seufzte das Mädchen. »Und am Abend, was 
steigt da?« 

background image

»Die Silvesterfeier im Kreise von Gästen, die aus Tradition 
geladen werden.« 

»Und wer sind die? Orientiere mich bitte ein wenig, damit 
ich nachher nicht zu dumm dastehe.« 
»Na schön. Da ist erst mal das Ehepaar Seifling, das seinen 
Namen zu recht trägt; denn er ist Seifenfabrikant. Der Sohn 
Manfred, zärtlich von den vernarrten Eltern Mannerchen 
genannt, ist bestimmt kein Adonis, glaubt diesen jedoch 
noch zu übertrumpfen. 
Dann kommt das Ehepaar Balduin mit Tochter Bärbel, 
einem süßen Mädchen, da die Eltern eine Konfitürenfabrik 
ihr eigen nennen. Ein nettes Marjellchen, nicht mehr ganz 
jung, aber hübsch und gescheit. Augenblicklich ist sie 
Mannerchens Schwarm, aber wenn er dich sieht, wird er 

mit fliegenden Fahnen zu dir abschwenken. Lach nicht, 
dummes Ding, sei lieber auf diese rasche Eroberung gefaßt. 
Gleichfalls auf die des anderen Junggesellen und auf die 
des Witwers mit Kind. Aber bei dem sei vorsichtig, sonst 
kratzt dir Thea vor Eifersucht die Augen aus. Bist du jetzt 
im Bilde?« 
»Noch nicht ganz, Philchen. Du sprachst von drei ledigen 
Herren.« 
»Oha, der dritte ist ein Mann von Welt«, die zierliche 
Gestalt setzte sich ordentlich in Positur. »Er ist als Besitzer 
eines Textilbetriebes schon über die Grenzen seines 
Vaterlandes hinausgekommen und hat bei der Frauenwelt 

Erfahrungen gesammelt. Er liebt das Mondäne, das in 
seinen Augen die pikante Ilona verkörpert. Er umschwärmt 
sie, allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze, versteht 
sich, damit er dem Gemahl seines Schwarms nicht auf die 
eheherrlichen Zehen tritt.« 
»Philchen, hör auf, ich kann nicht mehr!« Silje wollte sich 
über den todernst vorgebrachten Bericht halbtot lachen. 
Und dieses herzfrohe Lachen lockte die beiden Herren des 
Hauses an, die gerade den Korridor entlanggingen. Philipp 
klopfte und steckte den Kopf durch den Türspalt. 
»Schon wieder mal hört man am frühen Morgen dieses 

background image

goldige Lachen«, schmunzelte er. »Darf man daran 
teilnehmen?« 

»Bitte sehr, tritt näher«, lud Philchen mit einer großartigen 
Geste ein. »Ah, da ist ja auch der Herr Neffe. Man immer 
rein in die gute Stube! Wir feiern hier nämlich Geburtstag.« 
Überrascht schaute man auf den Geburtstagstisch, und der 
Senior kratzte sich verlegen den Kopf. 
»Ja, aber Philchen, ist es denn mit unserm Geburtstag 
schon wieder so weit?« 
»Oh, über so einen Kaufmann!« lachte die Schwester ihn 
aus. »Der hat weiter nichts als seine Geschäftszahlen im 
Kopf, so daß für private Dinge kein Platz mehr darin bleibt. 
Zähl mal bitte die Kerzen nach und wirf einen Blick auf 
den Feststaat – na, dämmert’s endlich?« 

»Sieh an, die Silje!« schmunzelte er jetzt. »Entschuldige 
schon, aber für Geburtstage habe ich nun mal kein 
Gedächtnis. Komm her, laß dir gratulieren und dir alles 
Gute wünschen, du Mordsmarjellchen. Hast du einen 
Wunsch?« 
»Ja – immer in deinem Betrieb arbeiten zu dürfen«, kam 
die Antwort spontan, und er betrachtete sie kopfschüttelnd. 
»Bescheidenes Gemüt! Meinetwegen magst du darin alt 
und grau werden. Doch ich hoffe, daß das Schicksal 
Erfreulicheres für dich in Bereitschaft hält. Wie spät ist es? 
Zwanzig Minuten vor acht. Die reichen aus, um uns hier an 
Kaffee und Kuchen laben zu können. Säble nur ein 

tüchtiges Stück davon ab, Schwesterherz!« 
Während er sich mit einem behaglichen Schnaufer an den 
Tisch setzte, brachte der Sohn seinen Glückwunsch beim 
Geburtstagskind an. Dann nahm auch er Platz, Philchen 
holte zwei Tassen herbei, und das Schmausen konnte 
beginnen. 
»Weiß der Kuckuck, Philchen, in deinem kleinen Reich hier 
lugt die Behaglichkeit aus allen Zipfeln«, stellte der Bruder 
seufzend fest. »Wenn ich dagegen an mein ›trautes Heim‹ 
denke – na, Schwamm drüber! Gib mir noch ein Stück 
Kuchen und dem Jungen da auch. Dem hat das liebe 

background image

Schicksal auch nicht gerade Rosen auf seinen Weg 
gestreut.« 

Man wußte genau, daß er damit die Ehe des Sohnes 
meinte. Doch dieser stellte sich gleich den anderen dumm 
und sagte lachend: 
»Na, Vater, auf Rosen zu wandeln ist auch gerade kein 
Vergnügen. Denk an die Dornen!« 
»Hast recht, es ist eben nichts vollkommen auf der Welt. 
Und nun, ran an die Arbeit! Stürzen wir uns noch am 
letzten Tag des Jahres hinein – und dann feiern wir wieder 
ein bißchen. Unter uns wäre mir das zwar lieber, aber 
Gäste müssen ja auch einmal sein. 
Was lachst du so spitzbübisch?« sah er die Schwester 
mißtrauisch an. »Willst du etwa mit deinem Liebling auch 

heute auskneifen, wie du es Weihnachten so feige tatest?« 
»I bewahre«, winkte sie vergnügt ab. »Diesmal will ich mit 
meinem Liebling prunken. Dazu habe ich ihm ja die 
reizende Verpackung auf dem Tisch da geschenkt.« 
»Pfui, Philchen, jetzt wirst du boshaft!« war Silje entrüstet. 
»Als Paradestück werde ich dich bestimmt enttäuschen.« 
»Na, ich weiß nicht«, betrachtete der Vormund sein 
bezauberndes Mündel augenzwinkernd. »Und wie steht es 
mit dem Schmuck?« 
»Na, Onkelchen, mehr behängen kann ich mich doch wohl 
noch kaum«, sie zeigte lachend auf Ring, Armband und 
Kette. »Höchstens noch ein Ring durch die Nase.« 

»Du bist mir schon ein Rackerchen!« drohte er 
schmunzelnd. »Aber wie wär’s, wenn der gestrenge Senior 
der niedlichen kleinen Tippmamsell für heute Urlaub 
geben würde, hm?« 
»Nein, Onkel Philipp, daraus wird nichts! Fräulein 
Luischen hat heute noch so viel zu erledigen. Und wenn 
ich ihr auch nicht viel helfen kann, so ist es immerhin 
etwas.« 
Damit schlüpfte sie in den Mantel, drückte einen Kuß auf 
Philchens Wangen und ging in Begleitung der beiden Chefs 
zum Dienst. 

background image

Und das bemerkte Thea, die gerade aus ihrem Zimmer auf 
den Gang trat. Zuerst starrte sie den drei 

Davonschreitenden perplex nach, dann eilte sie in das 
Schlafzimmer der Schwägerin, die wie gewöhnlich um 
diese Zeit noch schlief und nun sehr ungehalten über die 
frühe Störung war. 
»Was plagt dich eigentlich, mich hier so rücksichtslos aus 
dem Schlaf zu reißen! Ich weiß sowieso schon nicht, wie 
ich den Tag herumkriegen soll.« 
»Halt hier keine langen Reden«, unterbrach Thea sie heftig. 
»Eben sind Papa und Eike mit diesem fremden Mädchen 
aus Tante Philchens Wohnzimmer gekommen. Wir müssen 
herauskriegen, was die beiden Herren schon am frühen 
Morgen da wollten.« 

Dazu war Ilona mit Freuden bereit. Denn alles, was in 
diesem »Eulennest« irgendwie aus dem Rahmen fiel, nahm 
sie mit Begeisterung auf. 
Schnell schlüpfte sie in die Pantöffelchen, zog ein 
Morgenkleid über und folgte der Schwägerin. 
Thea klopfte und betrat nun, von Ilona gefolgt, das 
Wohnzimmer der Tante, die zuerst verwundert guckte und 
dann gleich ironisch sagte: 
»Ach so, ihr kommt, um die Lage zu peilen. Beruhigt euch, 
es geht hier alles mit rechten Dingen zu – auch wenn ich 
schon am frühen Morgen den Besuch von Bruder und 
Neffen empfange. Und damit euch vor Neugierde nicht 

womöglich noch die Augen aus dem Kopf fallen, meine 
Lieben, so will ich euch erklären, was dieses hier zu 
bedeuten hat. Es ist der Geburtstagstisch, den ich für 
Fräulein Berledes herrichtete. Seid ihr nun zufrieden?« 
»Ja – aber das muß doch viel Geld gekostet haben«, zeigte 
Thea konsterniert auf den Tisch, und Philchen lächelte so 
recht niederträchtig. 
»Das hat es allerdings. Aber es ist ja schließlich mein Geld, 
nicht wahr?« 
»Das schon«, mußte Thea zugeben, wenn auch widerwillig. 
»Ja – und was haben Papa und Eike dem fremden Mädchen 

background image

geschenkt?« 
»Nichts – absolut nichts.« 

»Und was wollten sie denn hier?« 
»Das Lachen eines frischfröhlichen Menschenkindes lockte 
sie an, als sie an dieser Tür vorübergingen. Es gibt Gott sei 
Dank noch Menschen auf der Welt, die schon am frühen 
Morgen so herzfroh und unbekümmert lachen können. 
Tut’s auch, und es wird in diesem muffigen Haus bald ein 
frischer Wind wehen.« 
»Tante Philine, ich habe doch wohl das Recht, zu erfahren, 
was mein Mann bei diesem Mädchen-«, setzte Ilona empört 
an, kam jedoch nicht weiter, weil die Tante ihr mit einer 
herrischen Gebärde das Wort abschnitt. 
Die zierliche Gestalt schien förmlich zu wachsen, in den 

blauen Augen lag ein kaltes Drohen- und so drohend klang 
es auch, als sie sprach: 
»Behalte die weiteren Worte lieber für dich – sonst müßte 
ich dich nämlich aus meiner Wohnung weisen. Ich glaube, 
wir haben uns verstanden, nicht wahr?« 
Ihr einen giftigen Blick zuwerfend, wandte sich Ilona brüsk 
ab, ging hinaus, und Thea folgte wie ein begossener Pudel. 
Das Hadebrecht-Haus öffnete nicht oft seine gastliche 
Pforte, doch wenn es geschah, wurde in den weiten 
Räumen die Pracht entfaltet, wie sie dem reichen Hause 
zukam. Einmal im Jahr gab es eine »lukullische 
Abfütterung«, wie der Fabrikherr sich spöttisch 

auszudrücken pflegte. Dann wurden alle die Menschen 
eingeladen, denen man in geschäftlicher sowie privater 
Hinsicht irgendwie verpflichtet war. Einige davon fanden 
sich auch öfter ein, und zu denen gehörten auch 
diejenigen, die heute erwartet wurden und die Silje aus 
Philchens launigem Bericht bereits dem Namen nach 
kannte. 
Und nun lernte sie diese auch persönlich kennen. 
Man war ordentlich betroffen, als man das Mündel des 
Hausherrn, von dem man natürlich schon gehört hatte, in 
Augenschein nehmen konnte. Wie denn – es sollte doch so 

background image

ein armes, geducktes Wesen sein, dem man in diesem Haus 
aus Gnade und Barmherzigkeit ein Asyl gewährte? – Und 

nun dieses entzückende Menschenkind, das die Natur mit 
allen Reizen ausgestattet hatte? Die elegante Kleidung tat 
noch ein übriges dazu – kurz und gut, die Menschen waren 
wie verzaubert. 
Hauptsächlich Siljes Tischherr, Seifling junior, machte kein 
Hehl daraus, wie gut ihm seine Dame gefiel. Wäre es nach 
ihm gegangen, hätte er sie gewissermaßen vom Fleck weg 
geheiratet, und seine Eltern hätten noch nicht einmal was 
dagegen gehabt. Allerdings, die Mitgift. Aber der reiche 
Hadebrecht würde sein Mündel, das außerdem noch die 
Stieftochter seines verstorbenen Sohnes war, bestimmt 
nicht als Kirchenmäuslein in die Ehe gehen lassen. 

Und Silje selbst? – Die amüsierte sich köstlich über die 
Bemühungen ihres Tischherrn, dessen Augen sie an die 
eines Schellfisches erinnerten. Sein rundes Haupt zeigte 
schon jetzt recht schütteres Haar, und die untersetzte 
Gestalt stand auf strammen O-Beinen. Aber Mannerchen 
kam sich unwiderstehlich schön vor, was die vernarrten 
Eltern ganz in Ordnung fanden. 
Außerdem gab es in dem heutigen Kreis noch zwei ledige 
Herren, von denen Silje auch recht wohlgefällig betrachtet 
wurde. Und diese hatten mit ihrer Hand zusammen auch 
noch allerlei zu vergeben, was geldlich gesehen nicht so 
ohne war. Der stattliche Witwer, Mitte Dreißig, besaß eine 

große Eisengießerei, und der andere, auch ein Mann in den 
besten Jahren, betrieb einen schwungvollen Textilhandel. 
Er sah wie aus dem Ei gepellt aus und legte viel Wert 
darauf, als ein Mann von Welt betrachtet zu werden. 
Eigentlich liebte er nur mondäne Frauen, aber dieses kleine 
süße Mädchen in seiner natürlichen, taufrischen Schönheit 
schien ihm dennoch sehr zu gefallen. 
Das merkte Ilona und ärgerte sich. Was fiel dem Bergau 
denn plötzlich ein? Er starrte dieses »Schneegänschen« ja 
wie verzaubert an! So was konnte sie absolut nicht 
vertragen. Wo sie mit ihrer berückenden Schönheit 

background image

auftauchte, hatte die sämtliche übrige Weiblichkeit zu 
verblassen. 

Sie sah auch tatächlich gut aus, die kapriziöse Elona. Sehr 
mondän gekleidet, sehr raffiniert zurechtgemacht; denn in 
dieser Hinsicht war ihre Zofe Meisterin. Und dennoch – ihr 
fehlte das gewisse Etwas, das die junge Silje Berledes so 
unwiderstehlich machte. 
Thea fand sich natürlich auch sehr schön, hatte ihre 
kostbare Gewandung auch wirklich gut gewählt. 
Trotzdem schien die Kleidung irgendwie nicht zu ihr zu 
passen. Man hatte das Gefühl, als ob die üppige Gestalt aus 
allen Nähten platzen müßte. Dazu trugen wahrscheinlich 
ihre unbeholfenen, phlegmatischen Bewegungen bei, die 
den Anschein erweckten, als wäre die Frau sich selbst im 

Wege. 
Zu dem sehr stattlichen Eisengießer hätte sie figürlich gut 
gepaßt, das wäre ein respektables Paar geworden. Diesem 
Traum gab sich Thea denn auch hin, obwohl sie eigentlich 
keine Veranlassung dazu hatte. Aber komme einer gegen 
sein Herz an, das ein zweites Eheglück ersehnt! 
Und dieses schien das »fremde Mädchen« ernstlich zu 
gefährden. Da war es wahrlich kein Wunder, daß Thea ihm 
immer mehr gram wurde. 
Und was sagte die nette, hübsche Bärbel zu dem reizenden 
Zuwachs des Hauses Hadebrecht, der heute hier im 
Mittelpunkt stand? Sie lächelte – denn sie war gescheit. Sie 

sagte sich, daß es den Menschen zukommt, etwas 
Wunderschönes entzückt zu betrachten. Sie tat es ja auch. 
Nachdem die Tafel aufgehoben war, vergnügte man sich 
mit den üblichen Silvesterscherzen. Und dabei tat sich 
Ilona groß hervor und erreichte es auch wirklich, 
Hauptperson zu sein, wie sie es unbedingt verlangte. Sie 
arrangierte die belustigenden Spiele, wobei sie Spitzen 
verteilte, die ausgerechnet auf Silje Berledes zielten. Doch 
diese war schlagfertig genug, um immer gleich contra zu 
geben. 
Und Philchen freute sich. Recht so, Marjellchen! – dachte 

background image

sie schadenfroh. Laß dir nichts gefallen, zeig deinen beiden 
Widersacherinnen die Zähnchen! Sie sind dir ja doch nicht 

gewachsen, weder was deine Schönheit noch deinen 
beweglichen Geist anbetrifft. 
Ilona, die beim Pfandauslösen selbstverständlich als 
Richter fungierte, schielte unter dem Tuch, das ihre Augen 
verdeckte, natürlich hervor. Eben hielt Mannerchen, der ihr 
assistierte, ein entzückendes Abendtäschchen empor. Und 
kaum, daß er seine Formel hergesagt hatte, schmetterte ihre 
Stimme hell und laut wie eine Fanfare, es mutete an wie 
eine Aufforderung zum Kampf: 
»Der oder die soll singen!« 
Zuerst fast betroffene Stille, in die dann Siljes Stimme 
lachend klang: 

»Ach, du liebes bißchen, ich soll singen? Ei, und wenn ich 
es nicht kann?« 
»Na, singen kann doch wohl jeder«, bemerkte Ilona 
hämisch, die soeben die Binde von den Augen nahm, da 
das letzte Pfand ausgerufen war. »Wie, ist allerdings eine 
andere Frage. Aber wir werden milde Kritiker sein, nicht 
wahr, meine Herrschaften?« 
Lachende Zustimmung wurde laut, und Ilona versteckte 
ihre Schadenfreude hinter Gutmütigkeit. 
»Nun, wenn Sie sich genieren, dann will ich für Sie 
eintreten«, erbot sie sich gönnerhaft. 
Ohne Silje überhaupt erst zu einem Entscheid kommen zu 

lassen, setzte sie sich an den Stutzflügel, der in dem Saal 
stand, wo man sich trotz der verhältnismäßig wenigen 
Personen aufhielt, weil hier der Weihnachtsbaum 
aufgestellt war. 
Der große Flügel behauptete im Wohngemach seinen Platz, 
damit man ihn zu jeder Zeit benutzen konnte, was 
hauptsächlich der Sohn des Hauses tat, der wohl nicht so 
ein Genie war wie sein berühmter Bruder, aber immerhin 
über den Durchschnitt musikalisch. 
Aber Ilona hielt sich unbedingt für ein Genie und hatte 
auch tatsächlich einen gutgeschulten Sopran, mit dem sie 

background image

gern brillierte, ob man nun einverstanden war oder nicht. 
Sie begleitete sich auch stets selbst, worauf sie sich noch 

etwas einbildete. 
Man lauschte Spiel und Gesang auch wirklich gern, wurde 
jedoch unruhig, als Lied auf Lied folgte, woran die Sängerin 
sich förmlich berauschte. Nebenan fuhr schon der Diener 
den Servierwagen mit den Sektflaschen auf. 
Doch Ilona sah und hörte nichts. Sie sang, als müßte sie 
damit einen Preis erringen. 
»Mach bitte Schluß!« grollte da der Baß des Hausherrn in 
ein Liebeslied hinein. »Es ist gleich zwölf Uhr.« 
Und dann ging alles ganz rasch. Die Sektpfropfen knallten, 
die Kelche wurden gefüllt und verteilt. Man gruppierte sich 
um den Weihnachtsbaum, an dem die Kerzen strahlten. Es 

war genau zwei Minuten vor zwölf. 
Philchen, die etwas abseits neben Silje stand, hob dieser 
verstohlen das Glas entgegen und flüsterte ihr zu: 
»Vor neunzehn Jahren um diese Zeit schriest du dich 
gerade in die Welt. Mädchen, was bin ich doch froh, daß 
du es tatest! Prosit, auf dein Glück, das auch immer das 
meine sein wird!« 
Leise klangen die Gläser zusammen, man tat einen langen 
Zug. 
»Was macht ihr denn da?« fragte Ilona laut und 
vernehmlich in die feierliche Stille hinein. »Könnt ihr denn 
nicht warten?« 

»Prosit Neujahr!« rief der Hausherr mit Stentorstimme 
dazwischen. Und während man fröhlich anstieß, läuteten 
die Glocken von den Türmen der Stadt, und von den 
beiden Fabriken gellten die Sirenen. Dann knatterte es, 
heulte und pfiff von Feuerwerkskörpern aller Art, die man 
auf dem weiten Gelände übermütig losließ. 
Aus dem Saal traten alle auf den Balkon, ergötzten sich ein 
Weilchen an dem sprühenden Schauspiel, nahmen dann 
wieder im Zimmer Platz und ließen sich nun die 
lukullischen Happen gut schmecken, die wie hingezaubert 
plötzlich dastanden. 

background image

»Nun, Herr Seifling, haben Sie Fräulein Berledes ihr 
Täschchen wiedergegeben?« fragte Ilona spitz das eifrig 

kauende Mannerchen, das erst den guten Bissen 
hinunterschluckte und dann eigensinnig den Kopf 
schüttelte. 
»Nein, ich tu es erst, wenn das Pfand richtig eingelöst ist. 
Anders ist es Schiebung, und das lehnt ein fairer Kaufmann 
ab.« 
»Bravo!« schmunzelte der Hausherr, die giftigen Blicke 
seiner Schwiegertochter ignorierend. Sie war sowieso schon 
wütend auf den »Despoten«, weil er ihr herrliches Spiel 
vorhin so »banausisch« unterbrochen hatte. Und nun sagte 
dieses lächerliche Mannerchen auch noch treuherzig: 
»Das geht bestimmt nicht gegen Ihren Gesang, gnädige 

Frau. Sie wissen ja, daß ich ihn gern höre. Aber sein Pfand 
muß schon jeder selbst einlösen, einspringen gibt’s da 
nicht. Man kann ja auch nicht zum Zahnarzt gehen und 
sich für einen andern einen Zahn ziehen lassen.« 
Weiter kam er nicht, weil stürmische Heiterkeit losbrach, 
die Ilona natürlich übel vermerkte. Denn ihren Gesang mit 
Zahnziehen zu vergleichen – das war denn doch wirklich 
die Höhe! 
»Herr Seifling, ich muß doch sehr bitten!« legte sie empört 
los, doch der Schwiegervater winkte ab, während er sich die 
Lachtränen aus den Augen wischte. 
»Ach was, Ilona, sei kein Frosch! Mannerchen hat sich im 

Eifer unglücklich ausgedrückt. Stimmt’s?« 
»Na, was denn sonst?« fragte er verwundert dagegen. »Und 
nun singen Sie endlich, gnädiges Fräulein, sonst behalte ich 
Ihr Pfand ein.« 
»Sind Sie hartnäckig!« seufzte das Mädchen, und Muttchen 
Seifling strahlte. 
»Das war er schon immer, unser Mannerchen. Nun tun Sie 
ihm schon den Gefallen, Fräulein Suchen, den zu erfüllen, 
ist doch wahrlich nicht schwer! Wenn Sie steckenbleiben, 
kommt Mannerchen Ihnen helfen. Er hat einen so 
wunderbaren Tenor.« 

background image

»Na schön«, resignierte Silje. »Was soll ich singen?« 
»Was jetzt so richtig paßt, gnädiges Fräulein«, strahlte 

Mannerchen. »Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu 
sein.« 
Silje ging’s nicht so gut wie dem Hausherrn, Philchen und 
Eike, die blitzschnell zum Taschentuch griffen und es an 
Nase und Mund drückten. Sie mußte ohne diese Tarnung 
antworten. Doch während sie es tat, zuckte es ihr 
verdächtig um Augen und Lippen. 
»Das Lied kenne ich leider nicht, Herr Seifling.« 
»Schade! Aber etwas von Liebe muß es unbedingt sein.« 
»Darf ich einen Vorschlag machen?« meldete sich die 
Hausherrin, die bisher kaum etwas gesprochen hatte, wie es 
so ihre stille Art war. »Ich kenne da so ein altes Liedchen, 

das ich in meiner Jugend sang- und das mir später mein 
Sohn Thomas vorsingen mußte…« 
Die letzten Worte klangen schon tränenerstickt. Es trat eine 
peinliche Stille ein, in die Philchen dann mit gemachter 
Munterkeit hineinsprach, der Schwägerin dabei herzlich 
zunickend: 
»Silje kennt das Liedchen und wird es dir gern vorsingen. 
Nicht wahr, mein Kleines?« 
»Gewiß«, zeigte das Mädchen sich bereitwillig, obwohl es 
ihm nicht leichtfallen würde, in der fremden Gesellschaft 
gerade dieses Lied zu singen. 
Sie setzte sich an den Flügel, und schon trat 

erwartungsvolle Stille ein. 
Jetzt wird sie sich endlich blamieren – dachte Ilona 
schadenfroh. Eine Frechheit überhaupt, sich nach meinem 
wunderbaren Gesang hören zu lassen! Aber mir schon 
recht – hinterher singe ich dann wieder. 
Mit hämischem Lächeln schmiegte sie sich in den Sessel, 
dabei nicht ahnend, daß vier Augen sie beobachteten. Wie 
Unwillen huschte es über das rassige Antlitz des Mannes, 
doch seine Tante lachte in sich hinein. 
Und dann klang eine Stimme auf, süß und verhalten, voll 
jugendlichem Schmelz und zarter Innigkeit: 

background image

 
»Wenn sich zwei Herzen finden, 

so muß es für immer sein, 
sie soll’n sich einander verbinden, 
eins soll das andre betreu’n. 
Beim ersten Kuß am Morgen, 
beim letzten beim Schlafengeh’n. 
soll ohne Bang und Sorgen 
eines dem andern gestehn: 
Ich liebe dich – und du liebst mich, 
so bleiben die Herzen minniglich, 
bis daß der Tod sie scheide…« 
 
So innig wie ein Gebet verklangen Spiel und Gesang. Müde 

sanken die schlanken Mädchenhände von den Tasten, der 
umflorte Blick der wundersamen Mädchenaugen schien in 
unermessene Ferne zu tauchen – in die Ferne der 
Erinnerung. 
Denn dieses kleine alte Lied, von den Menschen der 
Jetztzeit nachsichtig belächelt, war wie ein Treueschwur 
gewesen zwischen der geliebten Mutti und dem nicht 
weniger geliebten Paps. Es wurde ihnen zum Morgen- und 
Nachtgebet. 
»Sentimentaler Kitsch!« höhnte es da laut und vernehmlich 
in die andächtige Stille hinein. 
Man zuckte richtig zusammen und sah Ilona unfreundlich 

an. Am liebsten hätte man sie empört zurechtgewiesen. 
Doch das konnten die Gäste nicht, und die Angehörigen 
wollten es in Gegenwart eben dieser Gäste zu keinem 
peinlichen Auftritt kommen lassen. 
So taten sie denn alle, als hätten sie die taktlose Bemerkung 
nicht gehört, und spendeten der holden Sängerin ganz 
besonders herzlichen Beifall. 
Man schien auch nicht zu sehen, daß der Hausherrin die 
hellen Tränen übers Gesicht liefen, griff rasch zum Glas, 
prostete der verlegenen Silje zu und lachte belustigt, als 
Mannerchen in theatralischer Pose der Besitzerin das 

background image

Täschchen überreichte. Er beugte dabei sogar ein Knie, was 
bei seiner O-Beinigkeit drollig genug anmutete. 

»Und nun bitte ich um den ersten Tanz, Sie kleine 
Nachtigall!« tat er forsch. »Stellt das Radio an, das wird 
bestimmt flotte Musik liefern.« 
O ja, die Musik war flott, sehr sogar. Denn man war auf der 
Sendestation der Ansicht, daß die ersten Stunden im neuen 
Jahr der Jugend gehörten. Es quäkte und schepperte, heulte 
und pfiff, als wären alle Teufel losgelassen. Mannerchens 
O-Beine flogen nur so in grotesken Verrenkungen. Und da 
seine Tanzpartnerin sich vor Lachen bog, wirkte sie ganz 
zünftig bei der Hopserei. 
Als dann ein Tango aufklang, verneigte sich Bergau vor 
Ilona, Mannerchen vor Bärbel, der Eisengießer Tarknitt vor 

Thea und Hadebrecht junior vor Silje. Auch die beiden 
Ehepaare machten vergnügt mit, bis auf die Gastgeber und 
Philchen. Eine Dame war sowieso zuviel, und so trat 
letztere gern zurück. Lachend lehnte sie ab, als der Bruder 
sie aufforderte. 
»Laß nur, alter Kampf- und Streitgenosse, zu diesem Tanz 
gehört Grazie, und die habe ich nicht.« 
»Und wie ist es mit dir, Muttchen?« 
»Ich sehe lieber zu.« 
»Na, Gott sei Dank, daß ihr so vernünftig seid!« lachte er in 
seinem dröhnenden Baß. »Aber seht euch mal das 
Mannerchen an, der tanzt bestimmt jeden Tanz nach der 

gleichen Schablone. – Aber Silje und Eike, potztausend, das 
ist ja die reinste Augenweide! Jetzt seh ich erst, welch eine 
wunderbare Gestalt der Junge hat, und wie er den Frack 
trägt, das ist tatsächlich Noblesse! Noch nie ist mir das so 
aufgefallen wie jetzt.« 
»Du hast ihn ja auch noch nie mit einer so bezaubernden 
Partnerin tanzen sehen«, bemerkte Philchen trocken. »Gut, 
daß Ilona dieses Paar nicht genau beobachten kann, weil 
sie selbst tanzt.« 
»Was befürchtest du?« warf der Bruder kurz ein. 
»Eifersucht, mein Lieber.« 

background image

»Da sei Gott vor!« sagte Ottilie leise. »Sonst könnten wir 
bei Ilonas Unbeherrschtheit noch was erleben. Die macht 

unserm Jungen und dem schuldlosen Mädchen das Leben 
zur Hölle.« 
»Na, mehr als sie es bei ihrem Mann jetzt schon tut, geht es 
wohl kaum noch«, grollte Philipp. »Paß mir gut auf die 
Kleine auf, Philchen, damit ihr ja kein Leid geschieht! Sie 
ist mir nämlich sehr ans Herz gewachsen.« 
»Worauf du dich verlassen kannst, Bruderherz.« 
»Nun, dann bin ich beruhigt.« 
Weiter konnte man nicht sprechen, da der Tango beendet 
war. Man legte nun eine Tanzpause ein. Selbst 
Mannerchen, obwohl es jetzt aus dem Kasten wieder 
quäkte und schepperte. Er hatte für heute genug. Und da 

auch die anderen müde waren, trennte man sich bald mit 
herzlichem Dank an die Gastgeber. 
Wenig später lagen dann die unteren Räume im Dunkel, da 
sich jeder in sein Schlafzimmer zurückgezogen hatte. 
Der junge Herr des Hauses war gerade zu Bett gegangen, als 
die Gattin, die holde, mit Vehemenz hereinplatzte. Sie 
machte ohnehin schon keinen erfreulichen Eindruck in 
ihrem nächtlichen Make-up, aber wie sie nun dastand, die 
Hände in die Hüften gestemmt, das Gesicht vor Wut 
verzerrt, konnte man geradezu einen Abscheu vor ihr 
bekommen. Was sie dem Gatten hauptsächlich vorwarf, 
waren seine »Altmännermanieren«, sein Mangel an Elan 

und Vitalität. 
Ungerührt hörte er sich diesen Sermon mit an, zuckte nur 
die Schultern und meinte ironisch: 
»Sei froh, daß du dir noch immer wie ein Backfisch 
vorkommen kannst, obwohl die Dreißig bedenklich naht!« 
Damit knipste er die Nachttischlampe aus, legte sich auf 
die Seite – und krachend schlug die Tür zwischen den 
ehelichen Gemächern zu. 
Verblüfft schaute Philchen, die auch schon in ihrem 
weichen Pfühl ruhte, auf die lichte Gestalt, die wie ein 
Elflein durch die breite Tür ins Zimmer schwebte. Hurtig 

background image

wippten die Füße, die in niedlichen Pantöffelchen steckten, 
im Walzerschritt über den Teppich. Das Nachtkleid in 

Kniehöhe zierlich gerafft, den Kopf zurückgeworfen, um 
den weichen Mund ein Schelmenlächeln, so tanzte es 
leichtbeschwingt heran, das strahlend schöne Geschöpf, 
eine Melodie vor sich hin summend. 
»Schade, daß Mannerchen dich nicht so sehen kann!« 
bemerkte Philchen schmunzelnd, und schon riß der 
Solotanz ab, und die grazile Tänzerin ließ sich auf dem 
Bettrand nieder. 
»Lieber nicht!« lachte sie übermütig. »Dann würden seine 
Schellfischaugen noch mehr herausquellen und ihm am 
Ende gar aus dem Kopf fallen.« 
»Na, beängstigend sah es sowieso schon aus«, bemerkte 

Philchen trocken. »Hauptsächlich, als du sangst. Du hast 
aber auch ein Stimmchen, Kleine, daß einem das Herz 
aufgehen kann!« 
»Ihr wart aber auch alle milde Kritiker.« 
»Hm – und Ilona?« 
»Deren Urteil war von vornherein befangen, weil sie mich 
nicht leiden kann«, tat Silje gleichmütig ab. »Warum, das 
ist mir allerdings nicht klar, denn ich bin ihr doch 
keinesfalls im Wege. Bei Frau Thea ist die Abneigung, die 
sie gegen mich hat, noch zu verstehen, weil sie fürchtet, 
daß sie durch mich in der Versorgung irgendwie zu kurz 
kommt, aber Frau Ilona hat doch ihren Mann.« 

»Eben«, warf Philchen unbedacht ein, tat jedoch harmlos, 
als das Mädchen sie erstaunt ansah. Zärtlich streichelte sie 
über die gleißende Lockenpracht, die zur Nacht von einem 
Seidenband umwunden war, das auf dem Scheitel in einer 
lustigen Schleife endete. Duftig umbauschte das 
Nachtgewand den jungendschönen Körper. 
»Geh schlafen, mein Kind«, sagte die Tante weich. »Schlaf 
gut ins neue Lebensjahr hinein, und laß dir durch niemand 
und nichts dein goldiges Lachen und deinen Frohsinn 
rauben.« 
Es war eine Woche später, als der Senior der Familie 

background image

Hadebrecht in das Wohnzimmer trat, wo man sich um den 
Kamin geschart hatte, dem eine mollige Wärme entströmte. 

Mit der Zentralheizung zusammen schaffte er es, dem 
hohen, weiten Gemach die behagliche Temperatur zu 
geben, die die Kälte draußen vergessen ließ. Nur die dicken 
Eisblumen an den Fenstern erinnerten daran, die jetzt von 
der langsam sinkenden Wintersonne goldigrot überstrahlt 
wurden. 
Es war Sonnabendnachmittag, den auch die beiden Herren 
des Hauses geruhsam genießen konnten, da dann die 
Arbeit in den Fabriken ruhte. Stillvergnügt rauchten sie ihre 
Pfeifen, während Frau Ottilie an einem Kleidchen für Ute 
und Philchen an einem Pullover für Silje strickten. 
Ilona jedoch musizierte und tat es noch nicht einmal 

schlecht. Man hörte geduldig zu und fuhr erschrocken 
zusammen, als Thea ins Zimmer stürzte, vor Erregung 
zitternd und tränenüberströmt. Achtlos zerrte sie den 
Mantel vom Körper, warf ihn auf die Erde, schleuderte 
Handschuhe nebst Mütze in die Gegend und sank in den 
nächsten Sessel. Ein Weinen klang auf, das man schon mit 
wütend bezeichnen konnte. 
»Ja, was ist dir denn passiert?« fand der Vater endlich die 
Sprache, der gleich den anderen wie erstarrt dem 
Temperamentsausbruch gefolgt war. »Was kann wohl 
imstande sein, dich aus deinem sonst so 
bewundernswerten Phlegma zu reißen. Hat dir etwa einer 

etwas weggenommen?« 
»Ja, ja, ja – das ist’s! Dieses fremde Mädchen hat mir 
meinen geliebten Herbert Tarknitt weggenommen! Oh, ich 
Arme!« 
Zuerst sahen sich alle verblüfft an, dann war es wieder der 
Vater, der sprach, und zwar scharf: 
»Werde hier nicht theatralisch, sondern erkläre klipp und 
klar, was dich zu dieser Anschuldigung berechtigt!« 
»Philipp«, mahnte die Gattin leise. »Unser Kind.« 
»Ist überschwenglich, das weiß ich schon längst«, schnitt er 
ihr kurz das Wort ab. »Wie kann man überhaupt einem 

background image

Menschen etwas wegnehmen, was er gar nicht besitzt?« 
»Er war aber auf dem besten Wege, mein zu werden«, klagte 

Thea, und die beiden Herren sowie Philchen machten bei 
dem überschwenglichen »Mein zu werden – « ein Gesicht, 
als hätten sie mit einem hohlen Zahn auf Zucker gebissen. 
Frau Ottilie sah bekümmert vor sich hin, und Ilona fand es 
höchst interessant, was ihrer Schwägerin Kummer bereitete. 
Endlich war in diesem »Eulennest« mal etwas los. 
»Wäre mein geworden«, schwelgte Thea weiter in Tragik, 
»wenn diese Circe ihn nicht betört hätte.« 
»Schaf«, bemerkte Philchen trocken, während die langen 
Nadeln in ihren flinken Fingern lustig klirrten. »Wenn du 
dich schon in so hochtrabenden Beziehungen ergehst, 
dann wende sie wenigstens richtig an. Ich jedenfalls stelle 

mir eine Circe anders vor als so ein neunzehnjähriges, 
frischfröhliches Menschenkind, wie Silje Berledes es ist. 
Und nun sag endlich, was du dieser Circe vorzuwerfen 
hast.« 
»Ich sah sie mit meinem Herbert auf der Eisbahn. Sie 
tanzten gerade einen Walzer zusammen. Ach, mir ist bei 
dem Anblick fast das Herz gebrochen!« 
»Ist nur gut, daß du ›fast‹ sagst«, blieb Philchen ungerührt. 
»Aber hab nur Geduld, es wird bald ›ganz‹ brechen, wenn 
ein Ereignis eintritt, das mir so schwant.« 
»Mir auch«, brummte der Vater, dem der Jammer seiner 
Tochter gar nicht zu Herzen ging, weil es eben kein Jammer 

war, sondern die Einbildung eines überspannten Gemüts. 
Denn Liebe konnte es doch unmöglich sein, in die Thea 
sich zu Tarknitt verrannt hatte. Zu diesem Geschäftsmann, 
der mit beiden Beinen auf der Erde stand und nicht in 
höheren Regionen schwebte, wie die junge Frau selbst es 
tat und wie es auch ihr männliches Ideal war, das sie in 
dem verstorbenen Gatten gefunden hatte – oder gefunden 
zu haben glaubte. Dem es trotz aller »Feingeistigkeit« 
gelungen war, die beträchtliche Mitgift seiner Gattin in acht 
Ehejahren durchzubringen, bei seinen noblen Passionen 
und seiner Rauschgiftsucht, aus der Thea stets ein 

background image

Geheimnis gemacht hatte, bis – ja, bis ein Gehirnschlag 
den immerhin noch jungen Mann dahinraffte. Da mußte 

sie dann den Angehörigen gegenüber das Geheimnis 
lüften. 
Daran dachten jetzt die Menschen, die hier 
zusammensaßen – außer Ilona. Die kannte das Geheimnis 
nämlich nicht, und das war gut. Sonst wäre es bestimmt 
nicht lange ein Geheimnis geblieben. 
»Waren noch mehr Bekannte auf der Eisbahn?« erkundigte 
sie sich jetzt neugierig bei der Schwägerin, und diese 
antwortete mürrisch: 
»Ich sah nur noch Fräulein Balduin und den jungen 
Seifling, die auch zusammen tanzten. Dieses Paar lachte 
dabei harmlos, doch das andere sah sich selbstvergessen in 

die Augen.« 
»Mitten in dem Trubel!« warf Philchen trocken ein. »Mein 
liebes Kind, wenn sich ein junges Paar selbstvergessen in 
die Augen sehen will, dann sucht es sich ein stilles 
Plätzchen dafür aus und nicht die Eisbahn, wo es von 
Schlittschuhläufern nur so wimmelt. 
Das erstens. Und zweitens hätte Silje sich zu diesem 
süßseligen Stelldichein heimlich weggeschlichen und nicht 
ohne jede Spur von Verlegenheit gesagt, daß sie sich mit 
Fräulein Balduin zum Schlittschuhlauf verabredet hätte. 
Und mit spitzbübischem Lächeln setzte sie noch hinzu, 
daß sich da auch bestimmt Herr Tarknitt einfinden würde.« 

»Eben, weil sie sich mit ihm verabredet hat! Oh, ich 
Arme!« 
Da sprang Philchen auf. 
»Ich entfleuche! Auf Wiedersehen beim Abendessen!« 
Dazu erschien sie dann auch mit Silje, die wie stets, wenn 
sie in diesen Kreis trat, von einer Zurückhaltung war, die 
man fast mit Unnahbarkeit bezeichnen konnte. Selbst 
Philchen und ihrem Bruder gegenüber ging sie nicht aus 
sich heraus. Sprach sie nie an, sondern gab artig Antwort, 
wenn diese sie etwas fragten. Das tat von den anderen nur 
noch Ilona, und zwar nur dann, wenn es mit irgendeiner 

background image

Bosheit verbunden war, die Silje aber einfach ignorierte. 
Daher war sie erstaunt, als Thea in hochfahrendem Ton 

fragte: 
»Wie kommen Sie denn dazu, Fräulein, sich an Herrn 
Tarknitt heranzumachen?« 
Zuerst sah Silje sie verdutzt an, doch dann umzuckte ein 
spöttisches Lächeln ihren Mund. Es war ein mitleidiger 
Blick, der die Fragerin streifte, die sich unter diesem immer 
mehr erregte. Doch ehe sie das junge Mädchen weiter 
angreifen oder der Vater seine aggressive Tochter 
zurechtweisen konnte, sprach Philchen schon pomadig: 
»Theachen, schaff dir den ›Knigge‹ an und lies lieber den 
als die Ergüsse überspannter Poeten. Darin steht nämlich 
alles, was dir an gutem Benehmen fehlt. Im übrigen 

möchte ich dir kund und zu wissen tun, daß Herr Tarknitt 
sich mit Fräulein Balduin verlobt hat, und zwar heute auf 
der Eisbahn. Und was sagst du nun?« 
Thea sagte nichts, weil diese ungeheuerliche Nachricht ihr 
den Mund verschloß. Nicht mal die beliebte Klage: Oh, ich 
Arme! – brachte sie heraus, sondern stand »leidverstummt« 
auf und wankte aus dem Zimmer. 
Das wirkte alles so theatralisch, daß sie nicht einmal der 
Mutter richtig leid tun konnte. 
»Sag mal, Mutterchen, wo haben wir bloß diese Tochter 
her?« sagte Philipp kopfschüttelnd. »Wir beide sind doch 
ganz vernünftige Leute und unser Jüngster auch. Selbst 

Thomas war nicht so exaltiert, obwohl ihm das als Künstler 
eher noch zugekommen wäre.« 
»Ja, ich weiß auch nicht«, seufzte die Gattin. »Mir ist Theas 
Art schon immer etwas fremd gewesen. Hoffentlich 
nehmen wir ihren Kummer nicht zu leicht.« 
»Da mach dir keine Sorge«, tat Philchen ungerührt ab. »Die 
leidet mit Genuß!« 
»Aber Philchen!« 
»Doch, Ottichen, glaube es mir. Die ist ganz glücklich 
dabei. Die kann auf Kommando lieben und leiden. Sollst 
einmal sehen, wenn ein anderer ›Herzensschwarm‹ für sie 

background image

auftaucht, dann ist das alte Leid vergessen und die neue 
Liebe da.« 

»Gott geb’s«, wünschte die Mutter bedrückt. »Ach, daß sich 
wieder ein Mann für sie findet. Dann hätte sie wenigstens 
Pflichten. Denn: Etwas fürchten, hoffen und sorgen muß 
der Mensch für den kommenden Morgen, und das fehlt 
Thea eben.« 
»Nanu, Frauchen, du kannst ja poetisch sein!« schmunzelte 
der Gatte. »Ob unsere Tochter das nicht doch von dir hat?« 
»Ach, Philipp, mir ist gar nicht zum Scherzen zumute. Was 
mag Thea oben treiben?« 
»Sie liest Gedichte von der Liebe Leid«, brachte Philchen so 
trocken heraus, daß die anderen herzlich lachen mußten. 
Auch Frau Ottilie. Und das war es, was Philchen bezweckt 

hatte. 
Und es war tatsächlich so. Thea suchte Trost in der Poesie. 
Sie schwelgte darin und hatte somit gar keine Zeit, in »Leid 
zu versinken«. Sie war wohl noch etwas wehleidiger als 
sonst, klagte noch ein wenig mehr, benahm sich jedoch im 
großen und ganzen ziemlich vernünftig. 
Außerdem geschah etwas, das der Familie Hadebrecht 
wirklich Anlaß zur Besorgnis gab. Die Hausherrin 
erkrankte, was man zuerst nicht weiter tragisch nahm, weil 
man es für eine Erkältung hielt. Doch als das Fieber nicht 
weichen wollte und die Kranke zusehends verfiel, begann 
man sich ernstlich um sie zu sorgen. 

Man berief hintereinander zwei Ärzte, die nach einer 
gründlichen Untersuchung die Überzeugung äußerten, die 
Kranke habe kein organisches Leiden, das Herz sei sogar 
ganz gut intakt. Also müßte es mit den Nerven 
zusammenhängen, und ein entsprechender Kuraufenthalt 
wäre nur zu empfehlen. 
Doch davon wollte die Kranke nichts wissen. Sie sträubte 
sich dagegen mit einem Eigensinn, der an der sonst so 
sanften, nachgiebigen Frau fremd war. Sie wollte nichts 
weiter als im Bett liegen, die nötige Betreuung und 
Unterhaltung haben – und ausgerechnet durch Silje 

background image

Berledes, die erst zu der Kranken kam, als diese ihr 
Erscheinen ausdrücklich wünschte. 

Keinen von ihren Angehörigen mochte Frau Ottilie so gern 
um sich haben wie dieses junge Menschenkind, von dem 
sie auch die bitterste Medizin willig nahm. Silje verstand es 
aber auch ganz besonders gut, mit der Kranken 
umzugehen, und niemand wußte so lieb von Thomas zu 
plaudern wie dessen Stieftochter. 
Nicht genug konnte die Mutter über das Leben ihres so 
schmerzlich betrauerten Ältesten hören, jede kleinste 
Begebenheit war ihr wichtig. Und als Silje gar erzählte, daß 
sie die Schülerin des Künstlers gewesen war, mußte sie die 
Geige holen – und diese herzinnige, zärtliche Musik wurde 
der Kranken jedesmal zur Feierstunde. 

Und Silje gelang es sogar, Frau Ottilie zu dem 
Kuraufenthalt zu überreden. Darüber waren die 
Angehörigen froh, und Thea erbot sich sofort, die Mutter 
zu begleiten. 
Doch da hatte sie die Rechnung ohne die eigensinnige 
Rekonvaleszentin gemacht. Gegen eine Begleitung war sie 
durchaus nicht, sie wünschte diese sogar. Aber dafür käme 
nur Silje in Frage – basta! 
»Lassen wir ihr den Willen«, entschied der Gatte. »Seien wir 
froh, daß sie überhaupt noch einen hat – und daß wir sie 
noch haben.« 
So fuhr denn Frau Ottilie ganz zufrieden mit der 

gewünschten Begleitung ab, bejammert von Thea, die sich 
in dieser argen Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Wo 
gab’s denn so was, daß eine Mutter ihr Kind zugunsten 
eines fremden Mädchens zurücksetzte, es lieber um sich 
haben wollte als ihr eigen Fleisch und Blut! 
Geduldig hörten Vater, Bruder und Tante diese eigentlich 
berechtigten Klagen mit an; doch die Schwägerin Ilona 
packte ihre Koffer. Dieses ewige Geplärre fiel ihr einfach 
auf die Nerven, sie hielt es nicht mehr länger in dem 
»Eulennest« aus. Da fuhr sie doch lieber zu ihren Eltern, die 
unbeschwert von allen Kümmernissen ihr Leben genossen! 

background image

Doch schon drei Wochen später mußte sie aus dieser 
unbekümmerten Atmosphäre in das geschmähte Haus 

zurückkehren, weil sie den Eltern im Wege war. Ilona war 
nämlich bei einer Bobfahrt so unglücklich gestürzt, daß das 
Rückgrat verletzt zu sein schien. Genaues stand noch nicht 
fest, aber man konnte nie wissen. Jedenfalls konnte sie das 
eine Bein nur mühsam bewegen und auch dann nur unter 
Schmerzen. 
Ratlos standen die Eltern vor ihrer jammernden Tochter, 
wußten absolut nichts mit ihr anzufangen. Aber wozu hatte 
sie denn einen Gatten, dem sie vertrauensvoll ihr »Kleinod« 
in die Hände gegeben hatten? Also telegraphiert und den 
Mann herbeigerufen an die Stätte seiner Pflicht. 
Und da dieser Mann seine Pflichten ernst nahm, erschien 

er auch umgehend, sehr zur Erleichterung seiner 
Schwiegereltern. Sie legten es ihm nahe, daß die Frau nun 
einmal zu ihrem Mann gehöre, und so blieb ihm nichts 
anderes übrig, als mit ihr die Heimreise anzutreten, 
wogegen sie sich gar nicht sträubte. 
Und nun hatte man wieder eine Kranke im Hause, und was 
für eine! Da man sie nicht aufregen wollte, mußte man 
sich ihren unbeherrschten Launen fügen. Hauptsächlich 
der Gatte. Die anderen ließen es bei einem täglichen 
Pflichtbesuch bewenden, der jedoch jedesmal eine 
Nervenprobe für sie wurde. Aber sie muckten nie auf, weil 
Ilona ihnen leid tat. Denn mit neunundzwanzig Jahren 

sich nur mühsam vorwärtsbewegen können, vielleicht gar 
bis zum Lebensende, das war schon etwas, das tiefe Tragik 
in sich barg. 
Es verging kaum ein Tag, an dem Ilonas Eltern nicht an 
ihren Schwiegersohn schrieben, ihn beschworen, 
Kapazitäten mit der Behandlung der »heißgeliebten 
Tochter« zu betrauen. Dazu schickten sie Geld, viel Geld, 
doch sie selbst ließen sich nicht im Hadebrecht-Haus 
blicken. 
»Schofles Pack!« schimpfte Philipp, während sich beim 
Anblick des Sohnes sein Herz schmerzend zusammenzog. 

background image

Müde und blaß sah Eike aus, wie um Jahre gealtert. Der 
hatte schon sein Päckchen zu tragen, der arme Kerl! Das 

Schlimmste war, daß man es ihm nicht erleichtern konnte. 
Von alledem ahnten Frau Ottilie und Silje nichts. Sie lebten 
in dem Badeort wie in einem Paradies dahin. Fragten nicht 
nach heute und morgen. Ließen sich treiben wie 
Menschen, denen jede Sorge fernlag. Wie Kletten hingen sie 
aneinander, die alternde Frau und das bezaubernde junge 
Menschenkind, dem so mancher Männerblick 
aufleuchtend folgte. 
Doch das bemerkte Silje Berledes nicht. Sie widmete sich 
ganz ihrer Schutzbefohlenen, die mit jedem Tag wohler 
und vergnügter wurde. Und als der sie betreuende Arzt 
verkündete, daß sie nun wieder ganz auf der Höhe wäre, 

sah sie ihn ungläubig an. 
»Wirklich, Herr Doktor, fehlt mir bestimmt nichts mehr?« 
forschte sie mißtrauisch, und er lachte. 
»Wirklich, gnädige Frau. Sie haben sich in den fünf 
Wochen hier ganz prächtig erholt und könnten, wenn Sie 
wollten, Bäume aus der Erde reißen. Aber lassen Sie das 
gnädige Fräulein nicht mehr von Ihrer Seite, das in seiner 
herzbezwingenden Fröhlichkeit wie ein Jungquell auf Sie 
wirkt.« 
Nun, das hatte Frau Ottilie auch gar nicht vor. So trafen sie 
im Hadebrecht-Haus ein, wo sie erst jetzt von dem Unfall 
Ilonas erfuhren. Man hatte ihn absichtlich verschwiegen, 

um die Erholung der Genesenden nicht zu beeinträchtigen. 
»Schade«, meinte Ottilie bedauernd. »Ich habe mir das 
Nachhausekommen glückhafter vorgestellt. Ist es denn 
wirklich so arg mit Ilona?« 
»Sieh sie dir an, Mutter«, entgegnete Eike bedrückt, was sie 
denn auch tat. 
Ihr Herz zog sich beim Anblick der Verletzten zusammen, 
aber nicht Ilonas wegen allein, sondern auch um des 
Sohnes willen, der nun vielleicht sein Leben lang an eine 
leidende Frau gebunden war. Denn daß er diese nicht 
aufgeben würde, wußte die Mutter genau. Das vertrug sich 

background image

nicht mit seinen unerschütterlichen Ehrbegriffen. 
Mit Frau Ottilie war eine Wandlung vorgegangen, die ihre 

Angehörigen zuerst kaum fassen konnten. Zwar war sie 
auch jetzt noch nicht lebhaft, aber doch nicht mehr so still 
und gottergeben wie früher. 
»Muttchen, wie du jetzt bist, könntest du mir wieder so gut 
gefallen wie einst im Mai«, gestand der Gatte schmunzelnd, 
als man an einem Abend beisammensaß. »Ordentlich jung 
bist du geworden.« 
»Jetzt bin ich auch wieder gesund«, entgegnete sie froh. 
»Der Arzt meint, die Krankheit hätte schon lange in mir 
gesteckt. Es ist ein Segen für mich, daß sie endlich ausbrach 
und mit dem hohen Fieber der Körper alles Krankhafte 
ausstieß. Die Kur hat noch ein übriges getan – na, und 

dann wollen wir meinen ›Jungquell‹ nicht vergessen!« 
nickte sie Silje herzlich zu, die auf ihre Bitte jetzt auch 
außer den Mahlzeiten im Familienkreis weilte. 
Ottilie war sogar mit Philchen in Streit geraten, als diese 
dagegen protestierte, daß die Schwägerin »ihre Silje« jetzt 
so ausgiebig mit Beschlag belegte. 
Darüber amüsierten sich die beiden Herren. Thea war 
erbittert, daß jetzt auch die Mama so ein Aufhebens von 
dem »fremden Mädchen« machte, und Ilona hielt sich 
nervös die Ohren zu. »Laßt doch den Streit um dieses 
dumme Ding!« verlangte sie ungehalten. »Nehmt gefälligst 
Rücksicht auf mich, ihr wißt doch, daß ich mich nicht 

aufregen darf!« 
Man unterließ die Frage, warum sie sich eigentlich aufrege, 
eben weil man Rücksicht auf sie nahm. Viel zu sehr sogar. 
Und als Ilona erst merkte, wie geduldig man ihr gegenüber 
war, kam sie sich als Hauptperson vor und maßte sich auch 
die Rechte einer solchen an. Verlangte, daß sich in diesem 
Haus alles um sie drehte. Sofern ihr etwas nicht paßte, 
verfiel sie in Weinkrämpfe, bei denen man leider niemals 
feststellen konnte, ob sie echt waren oder nicht. 
Man atmete jedesmal befreit auf, wenn Eike sie nach oben 
trug und sie dort der Pflegerin übergab, die sehr gut mit 

background image

ihrem Pflegling fertig wurde, weil an ihrer 
unerschütterlichen Ruhe jede Hysterie wirkungslos 

abprallte. 
Die geplagten Menschen fragten sich immer wieder, wie 
das einmal enden sollte. Lange, das wußten sie, würden sie 
diese Tyrannei der Kranken nicht mehr aushalten. 
Hauptsächlich Eike nicht, der immer müder und blasser 
wurde. Er hatte ja auch am ärgsten unter der Herrschsucht 
und Niedertracht seiner Frau zu leiden. Den Rat des Arztes 
zu befolgen und sie in eine Klinik zu geben, wagte er nicht. 
Vielleicht war sie doch kränker, als man annahm, und es 
könnte ihren Tod bedeuten, wenn sie trotz ihres heftigen 
Sträubens aus dem Hause gebracht wurde; und dann 
müßte er sich sein Leben lang mit Vorwürfen plagen. Und 

da seine Angehörigen die gleiche Befürchtung hegten, blieb 
alles so, wie es war. 
So herrschte Ilona denn auch wieder einmal an einem 
Sonnabendnachmittag wie ein böser Geist in der geplagten 
Familie. Draußen lachte die Sonne; denn es war 
mittlerweile Frühling geworden. Gern hätte man die Tür, 
die zur Terrasse führte, geöffnet, doch damit war Ilona 
nicht einverstanden. Sie führte gehässige Reden, daß es 
dem Herrn Gemahl wohl so passen würde, wenn sie sich in 
der Zugluft den Tod holte – dann wäre er endlich frei für 
eine andere, die schon lange die Angel nach ihm auswürfe. 
Dabei sah sie Silje so höhnisch an, daß diese bis in die 

Lippen erblaßte, und genauso blaß wurde das rassige 
Männerantlitz. 
Doch damit brachte Ilona das Maß ihrer Niedertracht zum 
Überlaufen. Das Gesicht des Seniors lief rot an, die Adern 
lagen dick auf der Stirn, die Augen blitzten unter den 
buschigen Brauen hervor. 
Doch ehe das Gewitter noch losbrechen konnte, hatte Ilona 
schon ein neues Opfer gefunden, an dem sie ihre Wut 
auslassen konnte. Und zwar Anka, die neben Ute auf dem 
Teppich saß, unglückseligerweise in Reichweite von Ilona. 
Es war gewiß nicht böse gemeint, als die Kleine dem 

background image

Bäschen das Bilderbuch aus den Händen nahm; im 
Gegenteil, sie wollte Ute etwas erklären. Doch ehe sie dazu 

kommen konnte, hatte Ilona sie bei den Haaren gefaßt, zu 
sich herangezogen und schlug mit der Faust in das zarte 
Gesicht. 
»Ich werde es dir schon abgewöhnen, mein Kind zu 
tyrannisieren, du unleidliches Gör!« kreischte sie dabei wie 
eine Furie. 
Sekundenlang saßen alle wie erstarrt da, selbst Anka vergaß 
vor Schreck zu schreien. Sie flüchtete zur Mutter, während 
Ute, der Silje am nächsten saß, bei dieser Schutz suchte. Sie 
kletterte flink auf ihren Schoß, umklammerte ihren Hals 
und sah aus schreckgeweiteten Augen zur Mutter hin, die 
jetzt außer sich vor Wut schrie: 

»Sofort lassen Sie mein Kind los – Sie – Sie – « 
Weiter kam sie nicht, weil sich eine feste Männerhand auf 
ihren Mund legte. Eike ließ auch nicht los, als die wie 
rasend gewordene Frau hineinbiß und mit den Armen um 
sich schlug. 
Doch das half ihr alles nichts. Ehe sie sich versah, hatte der 
Gatte sie schon gepackt und hielt sie dabei so fest, daß sie 
sich nicht rühren konnte. Allerdings hatte sie jetzt den 
Mund wieder frei, den sie aufriß, um ihren Mann zu 
beschimpfen, während er sie hinaustrug. 
Blaß bis in die Lippen, starrten die Zurückbleibenden 
ihnen nach. Selbst Philchen, die doch nicht so leicht zu 

erschüttern war, zitterte an allen Gliedern. Sie war die erste, 
die sprechen konnte; allerdings wollte ihr die Stimme 
dabei kaum gehorchen. 
»Das mach ich nicht mehr länger mit, und Silje auch nicht. 
Die  Frau  wird  ja  direkt  gemeingefährlich!  Am  besten  ist, 
Eike bringt sie ins Irrenhaus.« 
»Wohin sie auch gehört«, knurrte ihr Bruder verbissen. »Ich 
muß dem Jungen beispringen, der mit der Furie allein 
bestimmt nicht fertig wird.« 
Damit eilte er davon, und Thea weinte auf. Und diesmal 
mit Recht, denn das Gesichtchen ihrer Tochter sah böse 

background image

aus. Das eine Auge war dick angeschwollen. 
»Mein armes Kind, wie siehst du nur aus! Man müßte die 

tobsüchtige Person wegen Kindesmißhandlung anzeigen. 
Aber das sage ich, wenn sie nicht bald aus dem Haus 
kommt, dann gehe ich! Man ist ja hier seines Lebens nicht 
mehr sicher.« 
Das jammerte sie auch Vater und Bruder vor, als diese bald 
darauf wieder eintraten. Sie sahen beide blaß aus, und quer 
auf der Wange Eikes klebte ein Leukoplaststreifen. Seine 
Haltung hatte etwas Müdes, Verzweiflungsvolles, als er sich 
in den Sessel sinken ließ. Seine Hand, mit der er das 
Feuerzeug gegen die Zigarette hielt, zitterte heftig. 
»Junge, deine Hand blutet ja!« bemerkte die Mutter leise, 
doch er winkte müde ab. 

»Das ist nicht so schlimm, das passiert mir nicht zum 
ersten Mal«, entgegnete er bitter. »Hör auf zu jammern, 
Thea, ich kann das jetzt nicht ertragen.« 
»Ach so, aber ich soll es ertragen können, wenn man mein 
Kind halbtot schlägt.« 
»Laß das jetzt!« fuhr der Vater sie an, was sie denn auch 
tiefgekränkt tat. »Ich habe Dr. Tolk angerufen und ihn 
gebeten, noch heute herzukommen, was er auch versprach. 
Ich fürchte nur, daß der Nervenarzt mit Ilona nichts wird 
anfangen können, weil diese Art von Krankheit nicht in 
sein Ressort fällt. Er kann wohl Nerven heilen, aber keine 
chronische Niedertracht.« 

Und tatsächlich bestätigte der Arzt, der schon wenige 
Stunden später eingetroffen war und Ilona gründlich 
untersucht hatte, für diesen Fall nicht kompetent zu sein. 
Er würde den Angehörigen den guten Rat geben, diese 
unbeherrschte und launenhafte Dame nicht im Hause zu 
behalten, sondern sie von einer Kapazität an Ort und Stelle 
behandeln zu lassen. Ob sie schon etwas von Professor 
Lutz gehört hätten? 
»Selbstverständlich«, entgegnete Eike. »Es ist mir jedoch 
trotz aller Bemühungen nicht gelungen, den berühmten 
Arzt zu konsultieren.« 

background image

»Nun, das ist bei dem Vielbeschäftigten auch nicht so 
einfach«, gab Tolk zu bedenken. »Aber da er ein Freund 

von mir ist, wird er mir wohl den Gefallen tun und sich die 
Kranke hier ansehen. Und wenn er sie in seiner Klinik 
aufnehmen will, können wir froh sein, denn dann ist die 
Garantie für eine Heilung gegeben.« 
»Ich fürchte nur, daß meine Frau nicht zu bewegen sein 
wird, von Hause fortzugehen«, meinte Eike. 
Aber der andere lachte. 
»Wenn das Ihre ganze Sorge ist, kann ich Sie davon 
befreien. Professor Lutz wird auch mit den widerspenstigen 
Patienten fertig, er behandelt sie ganz individuell. Zwar 
könnte ich Ihnen jetzt schon sagen, Herr Hadebrecht, wozu 
er Ihnen nach der Heilung Ihrer Gattin raten wird, aber ich 

will ihm nicht vorgreifen«, setzte er schmunzelnd hinzu. 
Dann verabschiedete er sich eilig, weil seine Zeit knapp 
bemessen war. 
Und tatsächlich erschien am nächsten Tag Professor Lutz 
im Hadebrecht-Haus und flößte den bangenden Menschen 
dort schon durch sein bloßes Erscheinen Vertrauen ein. Er 
war von unscheinbarer Gestalt, hatte jedoch ein kluges 
Gesicht und gütige Augen, die aber zu gegebener Zeit scharf 
und streng blicken konnten. 
Er ließ sich von Eike den Hergang und Verlauf der 
Krankheit schildern, hörte auch die letzte Begebenheit mit 
an und sagte dann ruhig: 

»Das scheint hier ein Fall von ganz besonderer 
Unbeherrschtheit und Launenhaftigkeit zu sein. Sie und 
Ihre Angehörigen sind wahrscheinlich zu ängstlich, um 
dem energisch entgegenzutreten. Sie lassen sich lieber 
tyrannisieren und peinigen bis aufs Blut. Nun, ich will mir 
diese verwöhnte Dame einmal ansehen, und wenn es 
lohnt, nehme ich sie mit. Das heißt, wenn Sie damit 
einverstanden sind.« 
»Ich schon, Herr Professor. Aber meine Frau wird bestimmt 
nicht mit Ihnen kommen.« 
»Da haben wir’s!« lachte Lutz. »Mein lieber Freund, wer viel 

background image

fragt, kriegt viel Antwort. Sie sollen mal sehen, wie 
vergnügt Ihre Gattin mit mir losgondeln wird! Oder haben 

Sie Bedenken, daß ich da Mittel anwenden könnte.« 
»Aber keineswegs!« unterbrach Eike ihn rasch. »Ich habe 
sogar das größte Vertrauen zu Ihnen, Herr Professor. 
Übernehmen Sie bitte die Behandlung meiner Frau.« 
Wenig später betraten sie dann das Zimmer, wo Ilona 
ihnen mit vor Mißtrauen funkelnden Augen entgegensah. 
»Sind Sie etwa ein Arzt?« fragte sie böse. 
»Ich bin so frei, meine Gnädigste. Mein Name ist Lutz.« 
»Na, wenn schon. Gehen Sie, ich lasse mich nicht wieder 
untersuchen.« 
»Wer sagt Ihnen denn, daß ich das will?« lachte der Arzt sie 
freundlich an. »Ich sehe auch so, was Ihnen fehlt.« 

»Und das wäre?« 
»Eine kleine Salonkur in meiner Klinik. Denn ein Mensch, 
der so lustig in dem Sessel herumhampeln kann, bei dem 
ist das Rückgrat allenfalls geschwächt, aber bestimmt nicht 
beschädigt. Wollen wir wetten, daß wir beide nach gar 
nicht mal so langer Zeit einen flotten Boogie-Woogie 
zusammen tanzen?« 
»Oh, mein Gott, das werde ich nicht mehr können – nie 
mehr!« schrie sie hysterisch auf. »Ich bin ein 
erbarmungswürdiges Opfer des Schicksals. Geben Sie mir 
lieber Gift!« 
»Das könnte Ihnen so passen!« lachte er gemütlich. »Und 

nun geben Sie hier nicht so an, meine Gnädigste, damit 
machen Sie sich nur lächerlich und fallen Ihren 
Mitmenschen auf die Nerven. Seien Sie hübsch friedlich, 
und kommen Sie mit mir. Sie sollen mal sehen, wie 
glänzend wir beide uns vertragen werden!« 
»Nein, ich geh nicht mit Ihnen. Lassen Sie mich in Ruhe!« 
»Bitte sehr, ganz wie Sie wünschen«, entgegnete er. 
»Meinetwegen bleiben Sie hier sitzen. Nur, daß Sie bald 
den Sessel mit dem Rollstuhl vertauschen müssen.« 
Damit schien der erfahrene Arzt sozusagen den Nagel auf 
den Kopf getroffen zu haben. Denn Ilona wurde zugänglich 

background image

– und er frohlockte. Er ließ davon jedoch nichts merken 
und erreichte dann auch mit allerlei Schlichen und Listen, 

daß die zuerst so mißtrauische Frau langsam Vertrauen zu 
ihm faßte. Schließlich erklärte sie sich gnädigst damit 
einverstanden, mit ihm in seine Klinik zu fahren. 
Am Abend dieses ereignisreichen Tages saß man im 
Hadebrecht-Haus seit langer Zeit wieder einmal geruhsam 
zusammen. Man konnte es noch gar nicht fassen, daß man 
vor dem »kleinen Satan«, wie Philipp seine 
Schwiegertochter grimmig benannte, nun endlich Ruhe 
haben sollte. 
Mitleidig betrachtete man Eike, der wie ein alter Mann 
wirkte mit der müden Haltung, dem verhärmten Gesicht 
und den umflorten Augen. Wahrlich kein Wunder, da er 

bisher keine Nacht ruhig hatte schlafen können, weil eben 
dieser kleine Satan ihn auch dann mit Befehlen hin und 
her gehetzt hatte. 
»Spann für einige Zeit aus, mein Junge«, riet der Vater gütig. 
»Reise dahin, wo du dich von deinem Martyrium so richtig 
erholen kannst. Es ist kaum zu glauben, daß ein einziger 
Mensch es zuwege bringt, seine ganze Umgebung 
schachmatt zu kriegen. Aber ich sage euch, wenn Ilona 
zurückkommt, lassen wir uns nicht mehr von ihr 
tyrannisieren, ob sie gesund ist oder nicht. Dann werden 
wir ihr mal ganz gehörig die Zähne zeigen. Erst aber mal ab 
mit dir, mein Sohn! Damit du wieder der alte schneidige 

Kerl wirst.« 
»Dazu fehlt mir nur einige Nächte lang fester, ungestörter 
Schlaf, Vater. Trotzdem will ich deinen Rat befolgen und 
verreisen. Schon allein deshalb, damit ich den Besuchen 
bei meiner Frau, zu denen ich ja wohl verpflichtet bin, 
entgehen kann. Also, wenn sie Sehnsucht nach mir haben 
sollte«, setzte er mit ironischem Lächeln hinzu, »so laßt ihr 
den Bescheid zugehen, daß ich mich mal eine Weile von 
ihrer holden Gegenwart erholen möchte.« 
So reiste Eike denn am nächsten Tag ab. Und kaum, daß er 
weg war, kam auch schon ein Anruf von der Klinik. 

background image

Tatsächlich sagte eine Schwester, daß Frau Hadebrecht 
große Sehnsucht nach dem Gatten hätte und ihn voll 

Ungeduld erwartete. 
Philipp, der das Gespräch entgegennahm, schmunzelte, als 
er Bescheid gab. 
»Dann sagen Sie nur meiner Schwiegertochter, sie möchte 
ihre Sehnsucht bezähmen; denn mein Sohn ist auf 
unabsehbare Zeit verreist. Ihm sind die Sehnsüchte seiner 
Frau nämlich so auf die Nerven gefallen, daß sie 
dringender Erholung bedürfen.« 
An dem Lachen am anderen Ende der Leitung merkte er, 
daß die Schwester ihn sehr gut verstanden hatte. 
Als er den Seinen von diesem Gespräch erzählte, gab es 
wieder einmal seit langer Zeit unbeschwertes Lachen. Wie 

froh war man doch, die Tyrannin nicht mehr im Hause zu 
haben! Daß sie sich um ihr Ergehen nicht allzusehr 
sorgten, war ihnen gewiß nicht zu verdenken. 
Und dann tauchte auch wieder Mannerchen auf, um sich 
nach dem Ergehen der lieben Familie Hadebrecht zu 
erkundigen. Er hatte nämlich gehört, daß Ilona in der 
Klinik und somit nicht mehr dicke Luft im Hause wäre. 
Wem der Besuch hauptsächlich galt, darüber war man sich 
natürlich klar. Das verrieten schon die strahlenden Augen 
Mannerchens, mit denen er seines Herzens Schwarm 
anhimmelte. Er hatte ja auch gar zu lange auf den holden 
Anblick verzichten müssen, da Silje erst wochenlang Frau 

Ottilie gepflegt hatte, dann mit ihr im Bad war und auch 
nach ihrer Rückkehr für ihn unsichtbar blieb, weil sie seine 
Gesellschaft gewiß nicht suchte. Und die ihre zu suchen, 
wagte Mannerchen so lange nicht, weil im Hadebrecht-
Haus der Teufel los wäre, wie man sich unter den 
Bekannten erzählte. 
Zuerst hatte er immer noch gehofft, Silje bei der Hochzeit 
Bärbels zu sehen, die Anfang März im Hause Balduin 
stattfand. Aber niemand von den Hadebrechts war dazu 
erschienen; man hatte wegen Ilonas Erkrankung abgesagt. 
Aber jetzt war die Luft rein, und es verging kaum ein Tag, 

background image

an dem Mannerchen nicht erschien. Immer unter 
irgendeinem Vorwand, der die Familie Hadebrecht 

schmunzeln ließ. 
Aber als er gar begann, Silje sogar vom Dienst abzuholen, 
wurde es dieser denn doch zu bunt. 
»Was mach ich bloß mit diesem aufdringlichen 
Menschen?« sagte sie eines Abends im Familienkreis 
ungehalten. »Ich kann ihn so schlecht behandeln, wie ich 
will, er wankt und weicht einfach nicht mehr von meiner 
Seite. Fräulein Luischen neckt mich bereits mit meinem 
hartnäckigen Verehrer, und das junge Ehepaar Tarknitt, das 
ich heute traf, fragte mich lachend, wann sie zur Verlobung 
erscheinen dürften. Und nun lacht ihr mich auch noch aus! 
Ist das etwa nett von euch?« 

»Aber Kindchen, so viel treue Anhänglichkeit müßte dich 
doch rühren statt empören!« zwinkerte der Vormund ihr 
verschmitzt zu, und da wurde sie böse. 
»Nun gut, man immer weiter so! Mach mir aber bitte keine 
Vorwürfe, wenn du dich meinetwegen mit Familie Seifling 
entzweien wirst. Und das geschieht unter Garantie, sofern 
ich dem lieben Söhnchen einen Korb geben werde.« 
»Ei verflixt«, kratzte der Senior sich jetzt den Kopf. »Das 
bekämst du wirklich fertig, Marjellchen?« 
»Und wie! Daher versuche diese Ungeheuerlichkeit 
abzubiegen, indem du ein ernstes Wort mit dem jungen 
Seifling sprichst. Ihm klarmachst, daß er erst gar nicht um 

mich anhalten soll, weil ich ihn dann abweisen müßte. 
Dann bleibt ihm eine Beschämung erspart, und seine 
Eltern brauchen erst gar nicht zu erfahren, daß er sich um 
mich bewarb.« 
»Ja, Kind, wie denkst du dir das eigentlich?« wurde der 
Vormund jetzt ernst. »Einem Verliebten Vernunft predigen, 
hieße Wasser mit Sieben schöpfen.« 
»Ach was, verliebt!« tat sie verächtlich ab. »Du sollst mal 
sehen, wie seine Verliebtheit mit einem Schlag geheilt ist, 
wenn du ihm sagst, daß ich arm wie eine Kirchenmaus bin. 
Er bildet sich nämlich ein, daß du mich aussteuern wirst – 

background image

und zwar gut und reichlich. Er will von meiner Mitgift 
sogar ein Haus bauen.« 

»Hat er das gesagt?« fragte Philipp kurz dazwischen. 
»O ja, er genierte sich durchaus nicht.« 
»Demnach hat er dir bereits einen Heiratsantrag gemacht?« 
»Nein, das nicht. Nur angedeutet, daß es demnächst 
geschehen würde. Er müßte sich dazu erst die Erlaubnis 
seiner Eltern einholen.« 
»Na, da soll doch dieser und jener!« schalt der Mann jetzt 
aufgebracht. »Na, warte, Bürschchen, dich knöpfe ich mir 
vor! Werde ihm zu verstehen geben, daß ich gar nicht 
abgeneigt wäre, meinem Mündel ein Haus zu bauen, das er 
jedoch nie beziehen wird.« 
So geschah es denn auch. Ganz gehörig machte der 

empörte Mann dem o-beinigen Seifling seinen Standpunkt 
klar. Kläglich bekannte dieser, daß er Silje Berledes wirklich 
liebte und sie bestimmt auch ohne Mitgift heiraten würde. 
Aber seine Eltern wären doch nun mal auf eine reiche 
Schwiegertochter aus. 
»Dann bringen Sie ihnen diese in Gottes Namen, aber 
mein Mündel lassen Sie fortan ungeschoren, verstanden? 
Das hat der liebe Gott für einen ganz anderen Mann 
erschaffen, nicht für so einen armseligen Mitgiftjäger!« 
Er war immer noch empört, als er den Seinen diese 
Unterredung wortgetreu wiedergab, fiel dann jedoch in ihr 
herzliches Lachen ein. 

»Ach, was bin ich bloß froh, daß ich diesen Hampelmann 
endlich los bin!« sagte Silje inbrünstig. »Ich danke dir auch 
für deine energische Mithilfe von ganzem Herzen, Onkel 
Philipp!« 
»Bitte sehr«, schmunzelte er. »Wenn du wieder mal Bedarf 
hast stehe ich gern zur Verfügung.« 
Fortan ließ Mannerchen sich nicht mehr blicken, was 
bestimmt keinem weh tat. Dafür erschien jedoch ein 
anderer Mann im Hadebrecht-Haus, um eine alte 
Freundschaft zu erneuern – und zwar mit Thea. Er war ein 
Freund ihres verstorbenen Mannes gewesen und hatte in 

background image

seinem Haus viel verkehrt. Bis die große Buchhandlung, 
der er als Geschäftsführer vorstand, pleite machte und Herr 

Reinhold Nargitt sich einen neuen Wirkungskreis suchen 
und dazu in eine andere Stadt übersiedeln mußte. Seitdem 
hatte Thea nichts mehr von ihm gehört. 
Und nun stand er plötzlich da und erzählte 
freudestrahlend, daß er die guteingeführte Buchhandlung 
in dieser Stadt gekauft hätte, wozu ihm eine Erbschaft 
verhalf. 
»Na, das ist mal eine köstliche Überraschung!« Thea war 
vor Freude ganz aus dem Häuschen. »Lassen Sie sich mit 
den Meinen bekannt machen, lieber Reinhold.« 
Zufällig waren alle Familienmitglieder, außer Ilona und 
Eike natürlich, versammelt und lernten nun den Mann 

kennen, von dem Thea schon so viel geschwärmt hatte. 
Demnach mußten alle guten Eigenschaften in ihm vereint 
sein; und er machte auch wirklich einen sympathischen 
Eindruck. 
Er gefiel den Hadebrechts, und Frau Ottilie lud ihn gleich 
zum Abendessen ein, was er erfreut annahm. Man merkte 
ihm an, wie wohl er sich hier fühlte. 
Und Theachen – nun, die schwebte sozusagen im siebenten 
Himmel. 
Als er sich verabschiedete, wurde er zum Wiederkommen 
gebeten, was er auch eifrig versprach. 
»Na, Thea«, schmunzelte der Vater, »du hast ja richtige 

Weihnachtsaugen!« 
»Sie strahlen mir aus dem Herzen heraus«, entgegnete sie 
theatralisch, weil sie das nun einmal nicht lassen konnte. 
»Denn Reinhold hat mir einmal gesagt, daß ich für ihn das 
Ideal einer Frau wäre. Er ist ja so ein feiner Mensch, ein 
Idealist und Ästhet.« 
»Na, na, mein Kind, man immer hübsch auf dem Erdboden 
bleiben«, unterbrach der Vater sie, ein wenig peinlich 
berührt. »Mach dir nicht zu viele Hoffnungen, sonst ist die 
Enttäuschung hinterher wieder groß.« 
»Woran du auch immer gleich denkst, Papa!« tat sie 

background image

verschämt. »Ich freue mich doch nur, in Reinhold einen 
alten lieben Bekannten wiedergefunden zu haben.« 

»Na, dann ist ja alles in schönster Ordnung«, brummte er, 
gleich den anderen daran denkend, was Philchen damals 
sagte: Thea kann auf Kommando lieben und leiden. 
»Werden wir leben, werden wir sehen«, sagte er aus diesem 
Gedankengang heraus. »Aber jetzt gehen wir erst mal 
schlafen, ich bin verflixt müde. Der Junge fehlt mir im 
Betrieb an allen Ecken und Enden. Seit er fort ist, merke ich 
erst, was er geleistet hat. Einesteils gönne ich ihm die 
Ausspannung von ganzem Herzen, andererseits wünschte 
ich, er wäre erst wieder hier.« 
In dem Moment schlug der Fernsprecher an. 
Philchen, die am nächsten saß, nahm den Hörer ab und 

meldete sich. 
»Ach, du bist es, Ilona?« tat sie gleich darauf erstaunt. »Eike 
– nein, der ist noch nicht von seiner Reise zurück. Stimmt, 
drei Wochen ist er fort, aber  er  wird  es  bestimmt  noch 
dreimal solange bleiben müssen, weil der Nervenarzt es für 
seine Kur notwendig hält. Männer dürfen keine Nerven 
haben? Mein liebes Kind, sie sind doch schließlich keine 
Büffel. Und wie geht es dir? Miserabel? Das tut mir aber 
leid. Schon’ dich nur, und komm’ um Himmels willen 
nicht zu früh nach Hause! Was ich damit meine? 
Selbstverständlich meine ich es nur gut mit dir… Sie hat 
den Hörer aufgeknallt«, legte Philchen nun den ihren in die 

Gabel und lachte dabei mit den anderen. 
»Na, Philchen, du kannst aber fein schwindeln!« meinte 
der Bruder anerkennend. »Aber gut so, behalten wir die 
dreimal drei Wochen bei – auch wenn Eike dann 
wahrscheinlich schon längst hier ist. Verleugnen wir ihn 
einfach.« 
»Und wenn Ilona nach Hause kommt und Eike vorfindet?« 
gab Frau Ottilie zu bedenken. »Dann können wir uns auf 
etwas gefaßt machen. Mir graut schon jetzt davor.« 
»Oder sie wird das Grauen kriegen, weil wir ihr allesamt 
gehörig die Zähne zeigen werden«, entgegnete Philipp 

background image

verbissen. »Und wenn ihr das nicht paßt, dann mag sie sich 
zum roten Kuckuck scheren!« 

Ruhe und Friede atmete der herrliche Maiabend, und Ruhe 
und Friede herrschten auch unter den Menschen, die im 
Hadebrecht-Haus auf der Terrasse saßen und andächtig 
dem Spiel lauschten, das aus dem Zimmer zart und süß zu 
ihnen herüberklang. 
Denn dort spielte Silje Berledes auf der kostbaren Geige des 
Meisters Thomas Brecht, und Philchen gab auf dem Flügel 
die Begleitung dazu. Das war ein Genuß, auf den man 
nicht mehr verzichten wollte, seitdem man wußte, welch 
eine begabte Schülerin des Meisters die junge Silje gewesen 
war, und wie gut Philchen sich dem fast künstlerischen 
Spiel anzupassen vermochte. Abends verlangte man 

stürmisch ein kleines Konzert. 
Selbst Thea machte da mit, was sie noch vor drei Wochen 
gewiß nicht getan hätte. Da hätte sie dem »fremden 
Mädchen« das Talent bestimmt mißgönnt. Doch seitdem 
Reinhold Nargitt erneut in ihr Leben getreten war, befand 
sie sich in einer Stimmung, in der sie selbst ihrem ärgsten 
Feind alles Gute gegönnt hätte. Und warum auch nicht? Sie 
war glücklich. 
Erst einmal, weil der Mann, den sie liebte, ihr Gefühl zu 
erwidern schien. Gesagt hatte er es ihr allerdings noch 
nicht. Dazu war ein Junggeselle von vierzig Jahren, der dem 
Leben außerdem noch so unbeholfen gegenüberstand wie 

dieser Mann, nicht so schnell bereit. In dem mußte ein so 
schwerwiegender Entschluß erst langsam ausreifen. 
In den drei Wochen, seitdem er Thea wiedergesehen hatte, 
war kaum ein Tag vergangen, an dem er nicht als 
gerngesehener Gast ins Hadebrecht-Haus kam. Es war ihm 
sogar gelungen, das Mißtrauen, das ihm die aufgeweckte 
Anka zuerst entgegenbrachte, zu bekämpfen, was deren 
Mutter sehr beglückte. 
Aber wer weiß, wie lange der unbeholfene Mann noch 
gezögert hätte, wenn ihn nicht die weiche, zärtliche 
Stimmung, die über diesem Abend lag, wie unter einem 

background image

Zwang hätte handeln lassen. 
Langsam versank der rote Sonnenball hinter dem Horizont, 

den Himmel ringsum in Farben tauchend, wie sie keine 
Meisterhand hätte auf die Leinwand bannen können. Süß 
dufteten die Frühlingsblumen von den Beeten, die 
Vogelstimmen klangen schon müde und verträumt, und 
aus dem Zimmer tönte zart und feierlich das Largo von 
Händel, das die Menschen wie ein Zauber einspann. Ihre 
Herzen öffneten sich weit. 
Und aus diesem Gefühl heraus griff Reinhold Nargitt 
behutsam nach der Hand Theas, die neben ihm saß. 
Langsam wandte sie den Kopf, sah in die guten 
Männeraugen hinein, und zwei Herzen strebten einander 
zu. 

Die anderen lächelten und ließen sich dann weiter von der 
traumhaften Musik einspinnen. Sie konnten von der 
Terrasse aus den Mann nicht bemerken, der langsam über 
die dicken Teppiche schritt, sich dann gegen den Rahmen 
der breiten Flügeltür lehnte und unverwandt auf die 
Geigerin schaute. 
Aus Siljes feinem Antlitz sahen die Augen träumend ins 
Weite, um den Mund lag ein Lächeln von sinnverwirrender 
Süße, die lichtbraunen Locken gleißten, als wären 
Sonnenfunken darübergestreut. 
Mit schönheitsdurstigen Augen nahm der Mann das 
zauberhafte Bild in sich auf, sein Ohr erlauschte entzückt 

die wundersamen Klänge. Das war ein glückhaftes 
Nachhausekommen – und wie ein glückhaftes Symbol für 
sein ferneres Leben. 
Jetzt schien der verträumte Blicke der Blauaugen etwas zu 
erfassen, was das holde Lächeln spitzbübisch werden ließ. 
Silje wandte sich Philchen zu, zeigte mit einer 
Kopfbewegung zu dem geöffneten Fenster hin – und nun 
schmunzelte auch Philchen beim Anblick des Paares, das 
mit glückstrahlenden Gesichtern Hand in Hand wie 
versunken dasaß. Ein kleines Zwischenspiel als Überleitung 
auf dem Klavier – eine innige Weise klang auf, die Geige 

background image

setzte gleich darauf ein und als Krönung des Ganzen noch 
eine zärtliche Stimme: 

 
»Wenn sich zwei Herzen finden, 
so muß es für immer sein…« 
 
Auch sie bemerkten den Mann an der Tür nicht, da sie ihm 
den Rücken zuwandten. Erst als die herzinnige Weise 
verklang und er applaudierte, fuhren sie herum, starrten die 
hohe Männergestalt an – und dann schrie Philchen freudig 
auf: 
»Eike – Junge, welche wunderbare Überraschung!« 
Nun wurden auch die auf der Terrasse mobil. Im Nu war 
der Heimgekehrte umringt, bis auf Silje und Reinhold, die 

sich abseits hielten. Die konnte Eike erst begrüßen, 
nachdem sich der Freudensturm gelegt hatte. 
Als ihm Reinhold vorgestellt wurde, lachte er verschmitzt. 
»Ich glaube, da kann ich gleich meinen Schwager 
begrüßen. Habe ich recht?« 
»Und wie!« jubelte Thea. »Ach, Eike, ich bin ja so 
glücklich!« 
»Na also, Schwesterchen. Nur wissen möchte ich, wie du in 
den sechs Wochen, da ich fort war, zu einem Mann 
kommen konntest.« 
Man erzählte es ihm, nachdem man sich im Zimmer 
gemütlich niedergelassen hatte. 

Indes stieg der Hausherr in den Keller und griff nach dem 
Wein, den er sonst wie ein Zerberus hütete. Aber heute 
mußten schon einige Flaschen daran glauben, weil es ein 
doppeltes Fest zu feiern gab: Die Verlobung der Tochter 
und die Heimkehr des Sohnes. 
Fröhlich stieß man an, wobei die Damen bald einen 
kleinen Schwips bekamen; denn der Wein hatte es in sich. 
Frau Ottilie beteuerte immer wieder, wie glücklich sie wäre, 
ihren Jungen so frisch und wohl vor sich zu sehen. 
»Ganz wunderbar hast du dich erholt, mein Jungchen. Ach, 
wie sehr freue ich mich doch!« 

background image

Dabei liefen ihr die hellen Tränen über die Wangen, aber es 
waren Freudentränen. 

Mit keinem Wort wurde Ilona erwähnt, weil man 
überhaupt nicht an sie dachte. 
Es war spät, als man sich trennte. Man hatte so richtig 
fröhlich gefeiert und begab sich jetzt zufrieden zur Ruhe. 
»Na, das hat mit Thea ja wunderbar geklappt!« meinte 
Philchen vergnügt, als sie oben mit Silje allein war. »Nun 
hat sie glücklich den zweiten Mann gefunden, mit dem sie 
in höheren Regionen schweben kann. Nur daß dieser 
nebenbei noch ein guter, anständiger Kerl ist, während der 
andere im Grunde genommen ein Lump war.« 
»Aber Philchen, du hast ja einen Schwips!« lachte Silje 
hellauf. »Sonst würdest du nicht solchen Unsinn reden.« 

»Einen Schwips habe ich wohl, aber Unsinn rede ich 
dennoch nicht. Na, lassen wir es, Thea ist jetzt 
wohlverwahrt und aufgehoben. Mir liegt Eike viel mehr am 
Herzen, weil ich um den Jungen bangen muß. Er ist jetzt so 
frisch, so vergnügt und ausgeruht. Doch sobald Ilona hier 
ist, geht wieder das alte Leiden los. Was meinst du wohl, 
wieviel Gift sie jetzt ansammelt, um es später mit frischer 
Kraft verspritzen zu können! Wenn er sein Kreuz nur 
loswerden könnte – aber das wird nicht so einfach sein.« 
»Meinst du des Kindes wegen, Philchen?« 
»Ach, woher denn!« winkte sie verächtlich ab. »Aus dem 
macht Ilona sich bestimmt nichts. Na, wir werden ja sehen. 

Um mit Thea zu sprechen: Jetzt lege ich mich erst einmal 
zum sanften Schlummer nieder.« 
»Ich auch«, lachte Silje fröhlich. »Gut, daß morgen Sonntag 
ist! Da kann ich mich gründlich ausschlafen.« 
Da hatte sie jedoch die Rechnung ohne Philchen gemacht. 
Denn am nächsten Morgen war es gerade erst acht Uhr, als 
das Mädchen aus süßen Träumen gerissen wurde. 
»Verschlafe hier gefälligst nicht den herrlichen Maimorgen, 
du Murmeltierchen! Das wäre ja direkt Sünde. Raus aus 
den Federn, auf der Terrasse frühstücken sie bereits.« 
»Ach, Philchen, laß mich doch schlafen!« 

background image

»Nichts da! Das kannst du machen, wenn es draußen 
regnet. Und wenn du nicht in einer halben Stunde unten 

bist, gieße ich dir einen Eimer kaltes Wasser übern Kopf, 
das ermuntert unter Garantie.« 
Lachend verschwand sie, und schon zwanzig Minuten 
später erschien Silje auf der Terrasse – lachend, strahlend, 
wie der liebliche Maimorgen selbst. 
»Guten Morgen allerseits!« grüßte sie fröhlich, und der 
Senior schmunzelte. 
»Potztausend, Marjellchen, du siehst ja wie blankgeputzt 
aus! Und da erzählt uns Philchen, daß sie dich unter 
Androhung eines Eimer Wassers aus den Federn holen 
mußte. Demnach müßtest du doch jetzt verdrießlich sein.« 
»Sollte mir einfallen!« schnitt sie eine Grimasse und steckte 

dann das Naschen schnuppernd in die Rosen, die neben 
der Tochter des Hauses lagen. 
»Von ihm?« 
»Ja«, nickte die Gefragte stolz. »Es war für mich ein seliges 
Erwachen, als ich diese Boten der Liebe auf meiner Decke 
vorfand.« 
»Nanu, hat er sie Ihnen denn da hingelegt?« fragte Silje 
verdutzt und mußte sich von den anderen auslachen 
lassen. 
»Soweit kommt es noch!« schmunzelte der Senior. 
»Siehst du, mein munterer Zeisig, hättest du Mannerchens 
Flehen erhört, würdest du jetzt auch so rosenumnebelt 

erwachen.« 
»Warum ist es denn nicht so?« wollte Eike wissen. Als man 
es ihm erzählte, schmunzelte auch er. 
»Schau mal einer das Mannerchen an! Er ist bestimmt nicht 
ängstlich, das kann man wohl sagen.« 
Dabei lachte er, daß die kräftigen Zähne in dem 
braungebrannten Gesicht nur so blitzten. So froh wie jetzt 
hatte Silje den Mann noch nicht gesehen. Die Reise schien 
tatsächlich Wunder gewirkt zu haben. 
Nun traten auch die Kinder an der Hand Fräulein Hertas 
auf die Terrasse. Freudestrahlend kletterte Ute auf das Knie 

background image

des Vaters, die molligen Händchen fuhren zärtlich über 
sein Gesicht. Dann machte sie es sich bequem und sagte 

zufrieden: 
»So is sön, so sitz is gut, und ihr andern könnt streiten.« 
»Das ist ja eine nette Aufforderung!« lachte der Großvater 
gleich den anderen herzlich. »Aber weißt du, Marjellchen, 
uns ist nach Streiten gar nicht zumute, wir mögen lieber 
friedlich sein.« 
»Das kann man aber nur, wenn Tante Ilona nicht dabei 
ist«, bemerkte Anka, die indes am Tisch Platz genommen 
hatte, in ihrer altklugen, bedächtigen Art. »Sonst ist 
nämlich hier der Teufel los.« 
»Anka!« rief die Mutter entsetzt, und die anderen schauten 
peinlich berührt drein. 

Rasch lenkte Philchen das Kind von dem gefährlichen 
Thema ab, indem sie fragte: 
»Du weißt doch sicherlich schon, daß du einen neuen Vater 
bekommst?« 
»Natürlich, das war das erste, was Mami mir heute früh 
erzählte. Ich bin auch ganz froh darüber. Denn ohne einen 
Mann, der zu einem gehört, ist doch das ganze Leben 
nichts.« 
Da mußte man denn doch über die kleine Philosophin 
lachen, zumal Ute das Däumchen aus dem Mund nahm 
und ernsthaft bestätigte: 
»Nein – is auch nix.« 

»Na, ihr seid vielleicht Gören!« schmunzelte der Großvater. 
»Noch nicht einmal richtig aus den Windeln, fangen sie 
schon an zu philosophieren.« 
»Ach ja«, seufzte Thea. »Reinhold findet Anka auch zu 
altklug. Er meint, es kommt daher, weil sie zuwenig mit 
Kindern zusammenkommt.« 
»Da hat er recht«, bestätigte der Vater. »Laß sie nicht privat 
unterrichten, sondern gib sie in die Schule.« 
»Ja, wenn Reinhold das auch meint…« 
Das wurde bei ihr fortan zur ständigen Redensart. Was 
Reinhold meinte, wurde getan, und was er nicht meinte, 

background image

wurde unterlassen. 
Thea hatte sich überhaupt, seitdem das Glück sie 

heimgesucht, wie sie sich schwärmerisch ausdrückte, zu 
ihrem Vorteil verändert. Nur wachte sie nach wie vor 
mißtrauisch darüber, daß Silje, diesem »fremden Mädchen« 
nicht womöglich geldliche Zugeständnisse gemacht 
wurden, die auf ihre Kosten gingen. 
Aber da konnte sie beruhigt sein – was Silje verzehrte, das 
bezahlte sie nach wie vor. Und was Philchen ihrem 
Liebling zusteckte, konnte der Nichte egal sein, was die 
Tante dieser auch am nächsten Tag ausdrücklich 
klarmachte. 
»Aber, Tante Philchen, das entgeht mir doch alles!« 
beklagte sie sich bitter. »Ich kann doch nicht nackt in die 

Ehe gehen.« 
»Damit würdest du bestimmt öffentliches Ärgernis 
erregen«, bemerkte Philchen trocken, während Eike 
amüsiert lachte und die Mutter mißbilligend den Kopf 
schüttelte. »Setz dich da mit deinem Vater auseinander. 
Wenn er dir was geben will, ist es sein freier Wille. Denn 
deine Mitgift ist längst vertan, wie du ja wohl wissen wirst.« 
»Aber ich bin doch sein Kind! Wenn das fremde Mädchen 
schon verlangt, daß Papa ihm ein Haus baut…« 
»Wer verlangt das?« unterbrach Philchen sie jetzt 
ungehalten. »Silje womöglich? Ich denk, du hast ’nen 
Klaps. Der würde hier schon der Bissen im Hals stecken 

bleiben, wenn sie ihn nicht bezahlte. Jedenfalls verbitte ich 
mir ein für allemal, daß man mir hier Vorschriften macht! 
Ich kann mit meinem Geld machen, was ich will – Gott sei 
Dank!« 
»Oh, ich arme!« 
»Na eben, das haben wir schon lange nicht mehr gehört. 
Hoffentlich wirst du dich in deiner Ehe so benehmen, daß 
dein Reinhold nicht sagen muß: Oh, ich Armer!« 
Da stand Thea auf und wankte hinaus. Ganz wie zu jenen 
Zeiten, da das »Glück sie noch nicht heimgesucht hatte«. 
»Nun, Ottilie, willst du der gramgebeugten Tochter nicht 

background image

nachwanken und mit ihr um die Wette über die 
unmögliche Philine jammern?« fragte diese lachend, doch 

die Schwägerin winkte ab. 
»O nein, denn ich bin mit Thea durchaus nicht eines 
Sinnes. Ich weiß gar nicht, woher das Kind diese – diese…« 
»Habgier«, half Philchen freundlich aus. 
»Nun, so kraß wollen wir es nicht bezeichnen. Es wird sich 
noch ein anderer Ausdruck dafür finden lassen.« 
»Kommt aber auf dasselbe heraus.« 
Sie mußten das Thema fallen lassen, weil der Hausherr zu 
ihnen trat, die es sich auf der Terrasse in den Liegestühlen 
Wohlsein ließen. Und nachdem auch er sich so einen 
bequemen Platz gewählt hatte, steckte er zuerst einmal sein 
Pfeifchen in Brand, legte sich behaglich zurück und sagte: 

»Diese Silje ist doch ein Mordsmarjellchen, bei dem man 
sich auf allerlei Überraschungen gefaßt machen muß. So 
auch heute. Ich stand am Fenster meines Arbeitszimmers, 
um das Pferd zu beäugen, das wir aus der Konkursmasse 
eines Gestüts übernehmen müssen. Zwar verstehe ich 
nichts von Pferden, aber daß dieses ein Rassetier war, 
konnte selbst ich feststellen. 
Und was soll ich euch sagen, kommt doch da unsere Silje 
des Weges, stutzt – und tritt dann an den Mann heran, der 
das Pferd brachte. Was sie miteinander sprachen, konnte 
ich nicht verstehen, aber ich konnte sehen, was 
anschließend geschah. Silje mit Eleganz in den Sattel – und 

schon preschte sie davon, daß einem Hören und Sehen 
verging. Ich nichts wie nach unten und mir diesen 
tollkühnen kleinen Racker vorgeknöpft. Er war schon 
ziemlich kleinlaut, als er aus dem Sattel rutschte, doch bei 
meiner Standpauke füllten sich die Augen mit Tränen. Ich 
möchte ihr um Himmels willen nicht böse sein, bettelte 
sie. Aber sie hätte beim Anblick des wunderbaren Pferdes 
nicht widerstehen können. 
Als ich sie fragte, ob sie denn überhaupt reiten könnte, da 
strahlten ihre Augen schon wieder. Natürlich, sie hätte ja 
schon als kleines Mädchen im Sattel gesessen. Und später, 

background image

als mein Sohn ihr Paps wurde, erst recht. Er brauchte diese 
frischfröhlichen Ritte als Ausgleich für sein Künstlertum 

und war froh, in ihr eine Begleiterin zu finden. 
›Mein Paps‹ – dieses scheint bei ihr ganz groß geschrieben 
zu werden. Also mag der Junge auch noch so ein Leichtsinn 
gewesen sein, seine Frau jedenfalls scheint er vergöttert zu 
haben und seine Stieftochter nicht minder. Sonst würde sie 
nicht so voller Liebe von ihm sprechen.« 
Verstohlen wischte er sich die Tränen aus den Augen, die 
Frau Ottilie ungehindert über die Wangen laufen ließ. 
Sekundenlang war es sehr still, bis Eike fragte: 
»Also wirst du das Pferd behalten, Vater?« 
»Ja. Ich möchte Silje damit eine Freude machen, bei der ich 
wegen Thomas schon tief genug in Schuld stecke. Warum 

lachst du denn so niederträchtig, Philine?« 
»Weil du dir mit dem Geschenk den Zorn deiner Tochter 
zuziehen würdest. Sie wacht ohnehin schon mit 
Argusaugen darüber, daß diesem ›fremden Mädchen‹ um 
Himmels willen nur keine Zugeständnisse gemacht 
werden, die auf ihre Kosten gehen könnten. Ich hatte 
nämlich, bevor du kamst, deswegen gerade eine kleine 
Debatte mit ihr. Sie meint, daß mein Geld ihr eher zukäme 
als eben diesem ›fremden Mädchen‹ weil sie verbrieft und 
versiegelt meine Nichte ist. Und wenn du als ihr leiblicher 
Vater diesem bemißgünstigten Mädchen ein Pferd schenkst, 
dann sehe ich schwarz.« 

»Da soll doch dieser und jener!« brauste der Bruder auf. 
»Soweit kommt das noch, daß man vor seinen eigenen 
Kindern Angst haben und ihnen über jeden Pfennig, den 
man besitzt, Rechenschaft ablegen muß! Thea hat das Erbe, 
das ihr zusteht, längst erhalten und von dem süchtigen 
Herrn Gemahl vergeuden lassen.« 
»Philipp«, mahnte die Gattin leise dazwischen, »das ist ja 
nun alles schon längst vorbei. Aber ich habe doch das 
kleine Vermögen, das ich aus dem Nachlaß meines Vaters 
erhielt. Damit werde ich schon sorgen, daß unsere Tochter 
nicht mit leeren Händen in die zweite Ehe geht. Und 

background image

soweit ich dich kenne, wirst auch du dein Scherflein dazu 
beitragen.« 

»Scherflein ist gut!« brummte der Mann verdrossen. »Als ob 
unserer habgierigen Tochter damit gedient wäre! Bei der 
muß es immer gleich in die x-Tausende gehen, sonst ist es 
eine Lappalie. Und wenn sie da noch so Zetermordio 
schreit – das Pferd bekommt Silje doch!« 
»Hugh, ich habe gesprochen«, hätte man daruntersetzen 
können. Was man auch tat, weil des Herrn Wille nun mal 
Gottes Wille ist. 
Dieser Wille ward nun von Philchen kundgetan, als sie am 
Abend ihren Liebling für sich allein hatte. 
»Um Himmels willen!« hob Silje erschrocken die Hände. 
»Das würde ja einen Klamauk geben!« 

»Von wem denn, wenn ich fragen darf?« 
»Von deiner Nichte Thea. Die zählt mir sowieso schon 
jeden Bissen in den Mund, damit es ja nicht mehr werden, 
als ich bezahle. Und nun soll ich gar noch ein Pferd haben, 
das nicht nur gekauft werden muß, sondern darüber hinaus 
noch Kosten verursacht für Verpflegung und Betreuung. 
Und – dann überhaupt – wo gibt’s denn so was, daß eine 
Angestellte mit zweihundertvierzig Mark netto 
Monatsgehalt sich ein Reitpferd leisten kann? Da muß ich 
schon den beliebten Ausdruck zitieren, den Paps’ 
Reitknecht bei jeder brenzlichen Sache anzuwenden 
pflegte: Bliew mie vom Wocke!« 

»Schaf«, wandte Philichen ihren beliebten Ausdruck an. 
»Was schert es dich, wenn die mißgünstige Thea den Stift 
zur Hand nimmt und auf den Pfennig ausrechnet, was die 
Anschaffung und Unterhaltung deines Reitpferdes kostet? 
Die Kosten trage ich.« 
»Nein, Philchen, das darfst du nicht!« 
»Warum nicht? Soll ich denn gar keine Freude an meinem 
Geld haben, das ohne mein Zutun in die Kasse fließt, nur 
weil ich das Glück habe, als Tochter wohlhabender Eltern 
geboren zu sein? Bin ich nun dein vielgeliebtes Philchen 
oder nicht?« 

background image

»Doch, sehr sogar – aber – « 
»Laß das Aber fort. Noch etwas?« 

»Philchen, ich besitze ja gar keinen Reitdreß«, wehrte das 
Mädchen sich jetzt mit dem Mut der Verzweiflung. »Den 
habe ich damals verkauft.« 
»Nun, warum sprichst du nicht weiter? Sag doch ruhig: Den 
habe ich verkauft, als mein Paps Pflege brauchte und ich 
doch so wenig Geld hatte.« 
»Und wenn schon. Was ich für meinen Paps tat, geht 
niemand etwas an. Es hätte viel mehr sein müssen, um die 
Liebe und Güte vergelten zu können, die er für seine 
Stieftochter hatte.« 
»So – und daß er durch seinen Leichtsinn das Erbe deiner 
Mutter und somit auch das deine verbrauchte? Blitz mich 

nicht so empört an, es ist nur eine Tatsache, die ich 
feststelle. Und Tatsachen soll man weder bemänteln noch 
verschweigen, wenn man Gerechtigkeitssinn besitzt. Und 
den besitzen wir Hadebrechts in vollem Maße. Allerdings 
lassen wir da auch immer noch das Herz mitsprechen, 
wenn es uns angebracht erscheint. 
Und nun komm her, mein stolzes Mädchen. Gib dich 
deiner alten Tante geschlagen, die so viel mehr 
Lebenserfahrung besitzt als du Grünschnäbelchen. Ach, du 
willst nicht? Du, ich enterbe dich, und was fängst du dann 
an?« 
Da war Silje wieder einmal besiegt. Lachend umhalste sie 

die Tante, die sie an sich drückte. Und das »Schaf-«, das sie 
dabei sagte, klang sehr, sehr zärtlich. 
Am nächsten Vormittag, als die Schwägerinnen auf der 
Terrasse saßen und handarbeiteten, platzte Thea in ihre 
Geruhsamkeit, hochrot im Gesicht. 
»Sag mal, Mama, ist es wahr, daß dieses fremde Mädchen 
von Papa ein Reitpferd geschenkt bekommen hat? Anka hat 
so etwas erlauscht.« 
»Aha«, warf Philchen trocken ein. »Daher weht der Wind! 
Hoffentlich wird dein Reinhold seiner Stieftochter die 
vorwitzigen Ohren stutzen. Aber sprich nur weiter.« 

background image

»Tante Philine, daß du deine Spitzfindigkeiten doch nicht 
lassen kannst!« 

»Genausowenig wie du deine Mißgunst gegen das ›fremde 
Mädchen‹«, kam die Antwort prompt. »Aber damit du nicht 
länger um das herumzurätseln brauchst, was dir deine 
neunmalkluge Tochter zutrug, will ich dir verraten, daß 
›das fremde Mädchen‹ wirklich seit gestern glückliche 
Besitzerin eines Reitpferdes ist.« 
»Aber mein Gott, das kostet doch Geld!« jammerte Thea 
dazwischen. »Das kann das Mädchen von seinem Gehalt 
doch unmöglich bezahlen. Stell dir mal vor, was ein 
Reitpferd selbst schon kostet, und dann die Unterhaltung 
noch dazu. Damit kann man ja ein Kind ernähren und 
kleiden. Anka hat so manches nötig, aber man kann doch 

nicht verlangen, daß ihr Stiefvater – « 
»Jetzt hör aber auf, Thea!« wurde das Gejammer nun selbst 
der nachsichtigen Mutter zuviel. »Für Anka zahle ich 
monatlich hundert Mark aus meiner Tasche, obwohl ich 
das gar nicht nötig habe. Denn ein Mann, der eine Witwe 
mit Kind heiratet, wird sich wohl denken können, daß er 
dieses Kind mit ernähren muß. Und soweit ich Reinhold 
beurteile, wird er das als selbstverständlich erachten. Nur 
deine Habgier, leider muß ich den krassen Ausdruck jetzt 
auch gebrauchen, sucht nach Gründen, um möglichst viel 
aus dem Portemonnaie deiner Eltern ziehen zu können.« 
»Aber Mama, welch eine vulgäre Bezeichnung!« 

»Ach was, vulgär oder nicht! Jedem Menschen reißt einmal 
die Geduld, und meine war doch wahrlich langmütig 
genug. Vater hat sich mit Reinhold schon längst geeinigt, 
der von seiner Großzügigkeit wirklich beschämt war. Und 
wenn ich dir einen guten Rat geben darf, dann zeige 
diesem wahrhaft anständigen Menschen nie deine 
Mißgunst. Das könnte ihn nämlich abstoßen und dein 
erwartetes Eheglück beeinträchtigen.« 
Man sagt den Menschen nach, daß sie manchmal vor 
Verblüffung den Mund zu schließen vergessen – und das 
war jetzt bei Thea tatsächlich der Fall. Was war denn 

background image

plötzlich mit ihrer sanften, stillen Mutter los? In so 
geharnischter Stimmung hatte sie diese noch nie gesehen. 

»Mama, was ist dir denn geschehen?« fragte sie ängstlich. 
»So spricht eine Mutter doch nicht mit ihrem Kind! Und 
ich war dir immer eine gute Tochter.« 
»Ja, solange ich dir den Willen tat – und zwar aus 
Bequemlichkeit und Schwäche«, bemerkte Ottilie bitter. 
»Aber wenn jemand dem Tod so nahe war wie ich, und 
dieser gewährt einem denn doch noch eine Frist, dann lernt 
man das Leben mit anderen Augen ansehen. Vor allen 
Dingen lernt man Gericht halten über sein Tun und Lassen 
– auch Unterlassen. Das möchte ich nun nachholen, 
solange mir noch Zeit dazu bleibt. Und so möchte ich es 
nicht unterlassen, dir zu sagen, daß deine Mißgunst 

abstoßend wirkt. Kämpfe also gegen sie an.« 
Da ging Thea tiefgekränkt davon, und Philchen 
schmunzelte. 
»Ottichen, du fängst an, mir direkt zu imponieren. Man 
sagt wohl: Ein Mensch von sanftem Charakter macht sich 
selbst und andere glücklich – aber ich bin vielmehr der 
Ansicht, daß zuviel Sanftmut den Charakter der anderen 
verdirbt.« 
’ »Ach, weißt du, Philchen, so forsch wie ich tat, war mir 
gar nicht zumute«, seufzte Ottilie. »Es will nämlich gelernt 
sein, den Menschen seine Meinung zu sagen, was ich bisher 
unterließ, um sie nicht zu kränken. Mir hat das vorhin 

weher getan als Thea, mit der ich bestimmt nicht immer 
einverstanden bin. Aber wie sagt Goethe in ›Hermann und 
Dorothea‹  
›Denn wir können die Kinder in unserem Sinne nicht 
formen; wie der Herr sie uns gab, muß man sie haben und 
lieben‹ – und danach habe ich mich immer gerichtet. Nun, 
wenigstens Eike ist ganz nach meinem Sinn geworden. Es 
ist nur ein Jammer, daß er sich mit der Ehe sein Leben so 
verpfuscht hat.« 
»Er kann es ja ändern, indem er einen dicken Strich 
darunter macht«, tröstete Philchen die betrübte 

background image

Schwägerin. »Zwar wird es einen harten Kampf geben, aber 
er ist ja Manns genug, um ihn auszufechten.« 

»Du denkst an Scheidung, Philchen?« 
»Ja, Otti. Das heißt, wenn Ilona ganz gesund werden sollte. 
Im anderen Fall würde Eike ihr nie den Laufpaß geben. Das 
verträgt sich nicht mit seinen Ehrbegriffen.« 
»Und das Kind, Philchen? Kinder sind immer die 
Leidtragenden, wenn sich die Eltern scheiden lassen.« 
»Das trifft in diesem Fall gewiß nicht zu. Ute hat von ihrer 
Mutter so oder so nichts. Allerdings müßte sie dem Vater 
zugesprochen werden. Na, warten wir ab. Kommt Zeit, 
kommt Rat.« 
Während die beiden Damen sich über ungelegte Eier den 
Kopf zerbrachen, wie der Bauer zu sagen pflegt, saß Eike 

dem Professor Lutz gegenüber, der ihn schmunzelnd 
betrachtete. 
»Sie sehen gut aus, mein lieber Dr. Hadebrecht, so richtig 
erholt und ausgeruht. Ja, ja, solche Eheferien haben es in 
sich. Ich pflege sie oft geplagten Ehemännern zu 
verschreiben.« 
»Ein menschenfreundliches Rezept«, zeigte sich nun auch 
auf dem rassigen Männerantlitz ein Schmunzeln. »Und wie 
lange werden die für mich noch dauern?« 
»Einige Wochen bestimmt noch. Zwar geht es der holden 
Gattin erfreulich gut, aber ich möchte sie noch einige Zeit 
unter Beobachtung behalten. Sie fühlt sich ja auch recht 

wohl hier, seitdem sie mit einer Dame das Zimmer teilt, 
die genauso wie sie über die Rücksichtslosigkeit ihres 
Eheherrn empört ist. Da können sie sich gegenseitig ihr 
Leid klagen, und darüber vergeht die Zeit recht angenehm. 
Na, gleich und gleich gesellt sich eben gern.« 
»Sie meinen also, Herr Professor, daß meine Frau gesund 
wird?« 
»Unbedingt. Sie sollen mal sehen, wie wunderbar sie schon 
wieder auf den schlanken Beinchen steht. Nur die 
Sehnsucht nach dem ›Heißgeliebten‹ ist bisher ungestillt 
geblieben. Wollen Sie diese nun stillen?« 

background image

»Mir schon recht«, lachte Eike da sein warmes, sonores 
Lachen, das dem Arzt, der in seiner Praxis selten so etwas 

zu hören bekam, wie Musik klang. »Und ich verspreche 
Ihnen, Ihre Patientin nicht aufzuregen.« 
»Das tut sie schon selber«, kam die Antwort so trocken, daß 
Eike wieder lachen mußte. 
Wenig später betrat er an der Seite des Professors ein 
Zimmer – und schon prasselte eine Schimpfkanonade los, 
die man ihrer Ausdauer wegen bewundern mußte. Die 
ganze Wut, die sich während der Wochen in der 
temperamentvollen Dame angesammelt hatte, kam über 
das Haupt des »mit Sehnsucht Erwarteten«, so daß es selbst 
Ilonas Zimmernachbarin zu viel wurde. 
»Na, hören Sie mal, das dürfte ich meinem Mann nun 

wahrlich nicht bieten!« bemerkte sie bei einer Atempause 
der Scheltenden mißbilligend. »Ich glaube, da würde es 
Ohrfeigen nur so hageln.« 
Darüber lachte der Professor wie über einen Witz, indem er 
Eike rasch aus dem Zimmer zog, der nun ganz benommen 
neben ihm den langen Korridor entlangschritt. 
»Stürmischer Empfang, nicht wahr?« zwinkerte Lutz ihm 
zu. »Hoffentlich hat der Herr Dr. jur. die Beweise notiert. 
Könnte ein nettes Aktenstück für Beleidigung geben.« 
»Ppffff«, stieß Eike den Atem durch die Lippen. »Wenn der 
übrige Gesundheitszustand meiner Frau so auf der Höhe ist 
wie ihr Mundwerk, dann kann sie wohl zufrieden sein.« 

»Kann sie auch, sehr sogar. Aber Zufriedenheit ist nun mal 
ein zartes Pflänzchen, das nur spärlich gedeiht. Kommen 
Sie mit in mein Zimmer, und trinken Sie einen Kognak, 
den haben Sie bestimmt nötig.« 
Als er getrunken war, sagte der Arzt sehr ernst: 
»Mein lieber Dr. Hadebrecht, nehmen Sie es mir nicht übel, 
aber Sie sind zu schade für diese Frau. Nehmen Sie den Rat 
eines erfahrenen Mannes und Psychologen an – trennen 
Sie sich von ihr. Sonst werden Sie, und Ihre Familie mit 
Ihnen, nie zur Ruhe kommen. Und wenn Sie bei der 
Scheidung Ihres Kindes wegen Schwierigkeiten haben 

background image

sollten, werde ich mich für Sie einsetzen.« 
Die Männerhände fanden sich zu einem festen, warmen 

Druck, und dann brach bei dem berühmten Mann wieder 
der trockene Humor hervor, hinter dem sich so viel warme 
Menschlichkeit verbarg. 
»Und nun lassen Sie sich Ihre Eheferien weiter gut 
bekommen. Lassen Sie sich nicht früher hier blicken, bis 
Sie Ihr ›Eheglück‹ ins traute Heim zurückholen können. Ich 
hüte es Ihnen indes hier noch einige Wochen lang.« 
Lachend trennte man sich, und Eike Hadebrecht fühlte sich 
so frei und leicht, wie schon lange nicht mehr. 
»Ich habe heute Ilona besucht«, verkündete er den Seinen, 
als er mit ihnen nach Tisch beim Mokka saß. »Ihr Leiden 
hat sich so erfreulich gebessert, daß sie nach einigen 

Wochen als völlig geheilt entlassen werden kann.« 
»Und wie war sie sonst, mein Junge?« fragte die Mutter 
bang. 
»Schlechter Laune.« 
»Das sagst du in aller Gelassenheit?« 
»Gewiß. Weil ich ihren Launen jetzt anders entgegentreten 
kann als während ihrer Krankheit. Und ich bitte euch, 
dasselbe zu tun.« 
»Das habe ich gottlob nicht nötig«, frohlockte Thea. 
»Reinhold hat bereits das Aufgebot bestellt, wir heiraten in 
zwei Wochen. Ganz klein natürlich. Reinhold meint…« 
»Ist bloß gut, daß dein Reinhold das meint, was auch wir 

meinen«, brummte der Vater dazwischen. »Und gut 
obendrein, daß du beliebst, uns wenigstens vor die 
vollendete Tatsache zu stellen.« 
»Aber Papa, wozu sollen wir denn warten?« 
»Ganz meine Meinung. Also, richten wir uns zum 
Hochzeitsschmaus – und zur Wiederkehr unserer lieben 
Ilona. Hoffentlich fällt nicht beides auf einen Tag.« 
Allein davor sollte das Schicksal die im Hadebrecht-Haus 
bewahren. Die Hochzeit, nur klein gehalten – man hatte ja 
eine gute Ausrede wegen Ilonas Krankheit –, verlief ohne 
Disharmonie. Hochbeglückt siedelte die junge Frau mit 

background image

ihrem Töchterchen in das Haus des Gatten über. 
Mittlerweile war es Juni geworden, und der Sommer nahte. 

Das merkte hauptsächlich Silje bei ihren täglichen 
Morgenritten. Sie sah dabei, wie sie lachend behauptete, 
langsam das Gras wachsen. 
War es nun Zufall oder Absicht, daß Eike Hadebrecht ihr 
auf diesen Ritten fast immer begegnete? Silje wußte es nicht 
– und wollte es auch nicht wissen. Sie fand es 
wunderschön, einen Begleiter bei ihren Ritten zu haben. 
Man unterhielt sich dabei, wie es guten Kameraden 
geziemt, lachte, scherzte und freute sich des Lebens. 
Hinterher ging es dann mit frischem Mut an die Arbeit. 
Als Eike eines Tages durch Zufall erfuhr, daß Silje eine 
passionierte Tennisspielerin wäre, ließ er den Platz im Park 

instandsetzen und focht fortan nur noch da seine Spiele 
aus. Und zwar mit einer Partnerin, die ihm nicht nur 
gewachsen war, sondern ihn manchmal sogar übertraf. 
Das kostete immerhin mehr Schweiß, als wenn die Partner 
sich zu einem anderen Spiel zusammentaten – und zwar in 
der Musik. Da gab es keine Konkurrenz, weil einer den 
Flügel, der andere die Geige spielte. 
Und die Zuhörer hatten ihre helle Freude daran. Mit 
Genuß lauschten sie dem wundervollen Spiel, das so 
harmonisch zusammenklang. Genau so harmonisch wie 
die Herzen der Menschen, die so froh und glücklich 
dahinlebten, seitdem auch Thea das Haus verlassen hatte. 

Man war jetzt im Hadebrecht-Haus gewissermaßen ein 
Herz und eine Seele. Und jeder der fünf Menschen 
wünschte insgeheim: Wenn es doch immer so bliebe! 
Aber auch, nur noch einige Wochen war ihnen der Friede 
beschert. Dann erschien der böse Geist Ilona, die äußerlich 
von einem solchen bestimmt nichts an sich hatte, sondern 
wie das sprühende Leben selber anzuschauen war in ihrer 
pikanten Schönheit. Sie erschien nicht unverhofft, dafür 
hatte Professor Lutz wohlweislich durch einen Telefonanruf 
gesorgt. Also holte Eike Hadebrecht die Gattin ganz 
vorschriftsmäßig von der Klinik ab – und sich einen 

background image

Störenfried ins Haus. 
Eigentlich hätte man sich in der Familie über die völlige 

Gesundung der jungen Frau freuen müssen und machte 
sich heimlich Vorwürfe, daß man es nicht konnte. Aber es 
ging nicht, trotz aller Beschämung nicht. Die Gesundung 
selbst, die gönnte man Ilona allerdings von ganzem 
Herzen, wünschte ihr eine kernige Gesundheit bis über 
hundert Jahr – nur nicht in ihrem Kreis. Und nur deshalb 
nicht, weil sie Unfrieden und Zwietracht in ihn brachte. 
Aber man war nicht mehr gewillt, diese Hölle geduldig zu 
tragen, nachdem sich die kleine Teufelin wieder im besten 
Gesundheitszustand befand. Man wappnete sich 
gewissermaßen mit allen Stacheln des Igels, der eine Gefahr 
wittert. 

Also war der Empfang, den man der Genesenen im 
Hadebrecht-Haus bereitete, weder herzlich noch 
unfreundlich – man wartete zuerst einmal ab. Schien es 
sich zur Devise gemacht zu haben: Wie du mir, so ich dir! 
Und schon in der ersten Stunde nach ihrer Rückkehr sollte 
Ilona das zu spüren bekommen. Denn als sie ausfällig zu 
werden begann, gab der »Despot« ihr gleich contra. Dazu 
noch das »infame« Lächeln der anderen. 
»Was ist eigentlich in euch gefahren?« fragte sie 
aufgebracht. »Anstatt daß ihr alle Rücksicht walten laßt, wie 
sie einer Rekonvaleszentin zukommt, ärgert ihr sie. Und 
mein Herr Gemahl sitzt natürlich dabei, ohne seiner Frau 

den gebührenden Beistand zu leisten. Wenn du immer so 
weitermachst, dann – dann – « 
»Nun, was dann?« 
»Dann laß ich mich scheiden!« 
»Bitte sehr.« 
Auf diese Antwort war Ilona denn doch nicht gefaßt. 
Ordentlich verblufft sah sie ihn an, ließ ihre Blicke weiter 
schweifen und sah in lauter verschlossene Gesichter. 
Da sprang sie auf, die Tür knallte hinter ihr zu, und der 
Herr des Hauses lachte. 
Ilona dachte gar nicht daran, sich zu ändern. Warum auch, 

background image

sie war doch ein ganz wunderbarer Mensch – nur die 
anderen taugten alle nichts! 

Anstatt darüber glücklich zu sein, daß sie jetzt wieder 
gesund war, machte sie durch ihre Verdrießlichkeit sich 
und den anderen das Leben schwer. Sie fieberte förmlich 
danach, wieder in die große Welt hinauszukommen, um 
dort alles nachzuholen, was sie während ihrer halbjährigen 
Krankheit versäumt hatte. 
Aber diesmal wollte sie nicht ohne Eike reisen. Und wenn 
sie da gleich Himmel und Hölle in Bewegung setzen sollte 
– er mußte mit! 
Wozu hatte sie denn einen so blendend aussehenden 
Mann, wenn sie nicht mit ihm in der großen Welt glänzen 
sollte? Es war doch so prickelnd interessant, sich von den 

Damen um ihn beneiden zu lassen. 
Allein Eike Hadebrecht fand das gar nicht interessant. Er 
lehnte daher kurz ab, als sie noch am Abend ihrer 
Rückkehr aus der Klinik zu ihm ins Schlafzimmer trat und 
ihm kurz und bündig klarmachte, daß er sie auf ihrer Reise 
zu begleiten hätte. 
»Du glaubst doch nicht etwa, daß ich deinen Leichtsinn da 
mitmache«, entgegnete er mit der Ruhe, die sie immer so 
unsagbar an ihm reizte. »Zwar bist du jetzt gesund, aber 
noch lange nicht so, daß du nach dem monatelangen 
Klinikaufenthalt gleich von einem Vergnügen zum anderen 
hetzen kannst.« 

»So besorgt mit einemmal?« höhnte sie. »Möchtest du das 
nicht mir überlassen, was ich mir zumuten darf oder 
nicht?« 
»Bitte sehr«, versetzte er kalt. »Ich hielt es nur für meine 
Pflicht, dich zu warnen, wie es Professor Lutz schon vor 
mir tat.« 
»Ach, der, was weiß der schon!« 
»So viel jedenfalls, um dich von deinem Leiden zu heilen, 
wobei die anderen Ärzte versagten. Und noch einmal, 
Ilona: Schone dich, geh mit dir behutsam um, wenigstens 
noch ein halbes Jahr.« 

background image

»Hör auf!« schrie sie dazwischen, dabei mit den Füßen den 
Boden stampfend, wie ein ungezogenes Kind. 

»Ich soll wohl in diesem Eulennest hier verkommen.« 
Weiter kam sie nicht, weil er sie einfach über die Schwelle 
schob und die breite Glastür nachdrücklich abschloß. 
Augenblicklang war die Überrumpelte verblüfft, doch dann 
tobte sie ganz nett. 
Aber nicht lange, weil ja keiner da war, an dem sie ihre Wut 
auslassen konnte. So warf sie sich denn aufs Bett, beweinte 
wehleidig ihr »trostloses Geschick«, schmiedete 
Rachepläne, gegen den »brutalen« Gatten und seine 
»spießige« Familie. Die sollten sie schon noch 
kennenlernen – jawohl! 
Das verkündete sie denn auch, als man am nächsten Tag 

beim Mokka saß. Aber man schien von dieser Drohung 
durchaus nicht beeindruckt zu sein, selbst der 
Schwiegervater wies sie nicht einmal zurecht. Er lachte sie 
sogar freundlich an. 
»Mein liebes Kind, wir kennen dich bereits zu gut, als daß 
du uns noch etwas Neues bieten könntest. Es sei denn, du 
versuchtest einmal, lieb und nett zu sein. Dann solltest du 
mal sehen, wie gut es sich in unserem Kreis leben läßt. 
Doch andernfalls beißt du bei uns auf lauter kleine 
Kieselsteinchen.« 
Am liebsten hätte sie ja dem »Despoten« in das lächelnde 
Gesicht geschlagen, aber das wagte sie denn doch nicht. Er 

war immer noch derjenige, vor dem sie einen gewissen 
Respekt hat. Also hielt sie es für ratsam, das Gespräch zu 
wechseln, und fragte daher: »Wo ist eigentlich Thea? Ich 
vermißte sie gestern bereits.« 
»Die hat vor einigen Wochen geheiratet«, gab der 
Schwiegervater Antwort und mußte nun doch über ihr 
verblüfftes Gesicht lachen. »Ist dir das denn nicht 
bekannt?« 
»Nein«, wurde sie nun wieder spitz. »Es hat ja niemand von 
euch für nötig befunden, mich in der Klinik von dieser 
Neuigkeit in Kenntnis zu setzen.« 

background image

»Wie hätte das wohl möglich sein können, da der Professor 
für seine angegriffene Patientin keinerlei Besuch von 

zärtlichen Verwandten wünschte«, gab er ironisch zurück. 
»Und als er deinem Mann ausnahmsweise einen Besuch 
gestattete, hattest du so reichlich damit zu tun, den 
Besucher zu beschimpfen, daß keine Zeit für Frage und 
Antwort blieb.« 
Gern wäre Ilona jetzt nach altbeliebter Art wutentbrannt 
aufgesprungen und davongelaufen, aber die Neugierde war 
dennoch stärker. So fragte sie denn brüsk: 
»Was hat sie geheiratet?« 
»Einen Mann – müßte eigentlich die Antwort auf deine 
Frage lauten. 
Doch da ich mir einbilde, mehr Lebensart zu besitzen als 

du, will ich dir erklären, daß Thea einen Freund ihres 
verstorbenen Mannes heiratete. Er tauchte plötzlich hier 
auf und erzählte, daß er die guteingeführte Buchhandlung 
in der Stadt käuflich erworben hätte. Und da er Thea schon 
immer verehrt hatte und sie nun frei war, begehrte er sie zu 
seiner Frau.« 
»Das ist ja hochinteressant!« griff Ilona die Neuigkeit fast 
gierig auf; denn für Neuigkeiten war sie immer zu haben. 
»Befindet sich das junge Paar noch auf der Hochzeitsreise?« 
»Nein – weil sie nämlich keine machten.« 
»Himmel, wie spießig! Das ›Glück im Winkel‹ muß ich mir 
doch gleich mal ansehen!« 

Lachend wirbelte sie davon- und die Zurückbleibenden 
atmeten auf. 
»Na ja, man muß sie eben so nehmen, wie sie ist«, sprach 
der Senior in die Stille hinein. »Wenn sie anfängt, 
unverschämt zu werden, dann ihr immer gleich die Zähne 
zeigen. 
Was war übrigens gestern abend los, Eike? Bis in unser 
Schlafzimmer hörten Mutter und ich deine Holde toben.« 
»Nun, ich habe ihr mal so ein wenig die Zähne gezeigt.« 
Ein ironisches Lächeln umzuckte den harten Männermund. 
»Das Reisefieber hat sie nämlich wieder gepackt, und ich 

background image

wurde hochfahrend als Begleiter befohlen, mit dem sie in 
›ihrer Welt‹, wie sie sich ausdrückte, prunken und ihn als 

Paradestück herumreichen wollte. Als ich mich entschieden 
weigerte, fing sie an zu toben.« 
»Mein Gott, du armer Junge, was mußt du wieder 
ausgestanden haben!« bemerkte die Mutter leise, doch er 
winkte beruhigend ab. 
»Beruhige dich, Muttchen, ich bin ja an derartige Szenen 
gewöhnt und nehme sie längst nicht mehr tragisch.« 
»Aber das ist doch keine Ehe! Ich würde dabei zugrunde 
gehen.« 
»Dafür bist du ja auch eine zarte, sensible Frau«, nickte er 
ihr herzlich zu. »Laß nur, ich beiße mich schon durch.« 
Er sah nach der Uhr, die geschäftig auf dem Kaminsims 

tickte, und wandte sich dann dem jungen Mädchen zu, das 
gleich Philchen schweigend im Sessel verharrte.  
 

 
»Fräulein Silje, ich möchte Sie bitten, in den nächsten 
Tagen meine Sekretärin zu vertreten, die wegen einer bösen 
Zahngeschichte Krankenurlaub bekommen mußte. Gerade 
jetzt sind schwierige Sachen zu bearbeiten.« 
»Und dazu wollen Sie ausgerechnet mich haben?« warf das 
Mädchen erschrocken ein. »Ich bin doch noch immer 
Anfängerin und könnte manches verpatzen.« 

»Das glaube ich nicht, bei Ihrer Gewissenhaftigkeit.« 
»Bitte, Onkel Philipp, rede ihm das aus!« wandte sie sich 
hilfesuchend an ihn, der schmunzelnd abwinkte. 
»Fällt mir gar nicht ein, Marjellchen. Es ist ganz gut, wenn 
du einmal unter Fräulein Luischens betulichen 
Gluckenflügeln hervorkriechst und auf dich allein gestellt 
bist. Um welchen Schreibkram geht es denn, Eike?« 
»Um das Projekt von Schüringer. Du weißt, daß wir das 
noch immer vertraulich behandeln müssen.« 
»Oh, den Mund halten kann ich schon«, bemerkte Silje, 
was Philipp gleich den anderen herzlich lachen ließ. 

background image

»Na also, darauf kommt es in diesem Fall hauptsächlich an. 
Im übrigen wird der gestrenge Juniorchef Gnade walten 

lassen und Luischens Küken nicht so hart die Flaumfedern 
zupfen.« 
Das tat er denn auch wirklich nicht. Silje kam beim 
Stenogramm so gut mit, daß sie den Chef bat, ruhig 
schneller zu diktieren. 
Mit vollem Eifer war sie dabei. Die Wangen glühten, der 
Stift flitzte nur so über den Block und die Zunge über die 
Lippen. Die mußte unbedingt mithelfen bei den 
schwierigen Fachausdrücken, von denen es eine Menge 
gab. 
Man arbeitete zusammen, daß sozusagen der Kopf rauchte, 
und fuhr erschrocken hoch, als die Tür aufgerissen wurde 

und Ilona auf der Schwelle stand. 
Und dieses Erschrecken legte die junge Frau sich in ihrem 
Sinne aus. 
»Oh, wie nett!« lachte sie – aber es war kein gutes Lachen. 
Doch ehe sie noch ihr Gift verspritzen konnte, wandte sich 
Eike rasch dem Mädchen zu. 
»Das wäre jetzt alles, Fräulein Silje. Ich bitte Sie später noch 
einmal zu mir.« 
»Wie höflich!« höhnte Ilona, nachdem die Tür sich hinter 
der Davoneilenden geschlossen hatte. »Fü

r

 gewöhnlich 

pflegt man mit seinen Liebchen nicht so konventionell 
umzugehen.« 

»Kanaille!« stieß der Mann zwischen den Zähnen hervor. 
»Ich schäme mich für deine schmutzige Phantasie. Hüte 
dich, deine böse Zunge an Fräulein Berledes zu wetzen, das 
würde dir übel bekommen! Denn die junge Dame steht 
unter dem Schutz des Hauses Hadebrecht, dessen Senior 
mein Vater ist. Und du weißt, daß der keine Gemeinheit 
ungestraft läßt. Das dir als Warnung. Und nun mach, daß 
du mir aus den Augen kommst!« 
Eiskalt war das gesagt. Mit einer unheimlichen Ruhe, was 
beängstigender wirken kann als ein Wutausbruch. Hinter 
seinen kalt glitzernden Augen schien es heiß zu lohen. Der 

background image

Mund hatte sich zusammengepreßt zu einem schmalen, 
harten Strich. Und Ilona, die ihren Mann so noch nicht 

kannte, nahm feige Reißaus. 
Zehn Minuten später betrat Silje Berledes wieder das 
Zimmer des Juniorchefs, der genau so ruhig und freundlich 
war wie vorher. Emsig arbeiteten sie weiter, bis der Mann 
lächelnd fragte: 
»Raucht’s Köpfchen sehr, kleine Silje?« 
»Und wie!« gestand sie lachend, während sie die 
Handflächen an die heißen Wangen legte. »Aber ich hoffe, 
daß ich mich mit den niegehörten, schwierigen Wörtern, 
von denen der Block nur so wimmelt, tapfer 
herumgeschlagen habe. Darf ich die Briefe in Fräulein 
Luischens Büro schreiben? Da fühle ich mich sicherer und 

kann fragen, wenn ich meiner Sache nicht so recht gewiß 
bin. Jedenfalls habe ich seit heute Hochachtung vor Ihrer 
Sekretärin, die ihre schwierige Arbeit so nonchalant aus 
dem Gelenk schüttelt.« 
»Dafür arbeitet sie ja auch bereits sechs Jahre mit mir 
zusammen«, lachte er amüsiert. »Und Übung macht 
bekanntlich den Meister. Nun schreiben Sie diese beiden 
Briefe noch unter Obhut Fräulein Luischens, dann machen 
Sie Feierabend, den Sie sich heute redlich verdient haben.« 
Nachdem Silje gegangen war, machte der Chef Schluß und 
suchte im Herrenhaus nach Philchen, die er denn auch in 
ihrem Wohnzimmer fand. Geruhsam saß sie da, legte 

Patience und lugte über die Brille hinweg dem Neffen 
entgegen. 
»Nanu, mein Sohn, seit wann platzt du denn formlos in 
meine Kemenate – und noch dazu zu einer Zeit, wo du 
sonst hinterm Schreibtisch zu sitzen pflegst? Es ist doch 
nichts Unangenehmes passiert?« 
»Wie man’s nimmt, Philchen.« 
»Junge, jage mir keinen Schreck ein! Nimm Platz und 
erzähle.« Nachdem er über den Vorfall mit Ilona berichtet 
hatte, meinte die Tante seufzend: 
»Das habe ich kommen sehen. Und was nun? Wir können 

background image

doch unmöglich zulassen, daß der Schmutzfink nun auch 
noch seine Zunge an dem sauberen Mädchen wetzt!« 

»Eben deshalb bin ich hier, Tante Philchen. Ich möchte 
dich nämlich bitten, dafür zu sorgen, daß Ilona nie allein 
mit Silje zusammenkommt.« 
»Ja, wie denkst du dir das eigentlich, mein Sohn? Ich bin 
doch schließlich kein junger, springlebendiger Detektiv, 
der hinter den beiden herjagt! Wenn Ilona das Mädchen 
beleidigen will, findet sie auch trotz Bewachung 
Gelegenheit dazu. Kapiert?« 
»Leider. Weißt du, was ich befürchte, Philchen?« 
»Nun?« 
»Daß Silje Berledes nach einer Beleidigung durch Ilona 
dieses Haus verlassen würde.« 

»Wahrscheinlich. Und was ich befürchte, ist: daß dein Vater 
danach deine Holde aus dem Hause jagen würde, wobei 
ich ihm bestimmt helfen wollte – und vielleicht gar noch 
deine sanfte, liebe Mutter, die sonst keiner Fliege was 
zuleide tun kann. Denn Silje ist uns sehr ans Herz 
gewachsen, das will ich dir nur sagen. Ich möchte dir also 
raten, deine Eltern ins Vertrauen zu ziehen. Drei 
Kerkermeister sind immer besser als einer.« 
»Das kann ich nicht, Philchen. Mir ist es schon peinlich 
genug, dich mit dieser unerquicklichen Angelegenheit zu 
belästigen.« 
»Nun, so überlaß es mir. Da Vorbeugen immer besser als 

Heilen ist, werde ich deinem Vater dieses Vorbeugen 
wärmstens empfehlen. Du sollst mal sehen, wie das hilft.« 
Und es half. Denn das Donnerwetter, das sich noch an 
demselben Abend über dem schuldigen Haupt Ilonas 
entlud – und zwar unter vier Augen – hätte auch mutigeren 
Menschen das blanke Entsetzen eingejagt. 
Mißmutig rekelte Ilona sich in ihrem luxuriösen Bett. 
Sie befand sich in einer Stimmung, wo sie am liebsten die 
ganze Welt vergiftet hätte. Vor allen Dingen diese Silje mit 
ihrem gleißenden Lärvchen und ihrem scheinheiligen 
Getue, mit dem sie alle hier im Hause verhext zu haben 

background image

schien. Auch Eike – da ließ sie sich nichts sagen! Aber sie 
würde schon aufpassen und das heimliche Liebespaar an 

den Pranger stellen! 
Sie sollte sich zum Kuckuck scheren, hatte der ergrimmte 
Schwiegervater ihr empfohlen. 
Aber noch konnte man ihr das Haus hier nicht verbieten, 
noch hatte sie sich gesetzlich nichts zuschulden kommen 
lassen. Denn daß sie ihnen allen das Leben schwer machte, 
das verbot kein Gesetz. Und das wollte sie jetzt mehr denn 
je. 
Mit diesem löblichen Vorsatz klingelte sie nach der Zofe, 
die leider nicht mehr ihre Pia war. Die hatte Ilona 
beurlaubt, bevor sie in die Klinik mußte, und indes hatte 
das treulose Mädchen geheiratet. 

Verdrossen sah sie dem Mädchen entgegen, das nun eintrat 
und den Servierwagen vor sich herschob. Flink zog sie die 
Jalousien hoch, so daß die Sonnenstrahlen ungehindert in 
das luxuriöse Gemach fluten konnten. 
»Wir haben wieder herrliches Wetter«, plauderte sie dabei 
munter. »Ich habe schon mit der kleinen Ute im Park Ball 
gespielt. Ist das ein reizendes kleines Ding!« 
»Schwatzen Sie nicht so viel!« wurde sie vom Bett her 
ungnädig unterbrochen. »Servieren Sie lieber das 
Frühstück. Wie spät haben wir es?« 
»Gleich elf Uhr. Haben gnädige Frau gut geschlafen?« 
»Nein, ich schlafe nie gut. Was ist heute wieder mit dem 

Kaffee los, der schmeckt ja wie Patschwasser! Und auf dem 
Toast ist zu viel Gelee. Ich werde ja dick wie ein Büffel.« 
So ging die Nörgelei weiter, und Ella war dem Weinen 
nahe. Es war hier nämlich ihre erste Stelle und ihr Pech, 
daß sie gleich in eine so harte Schule kommen mußte. 
»Was gibt’s Neues?« fragte Ilona neugierig und wäre 
entzückt gewesen, wenn die Zofe ihr mit Klatsch und 
Tratsch gekommen wäre, wie Pia es so glänzend verstanden 
hatte. Aber Ella war, wie schon gesagt, eine Anfängerin und 
außerdem noch ein kindliches Gemüt. 
»Es gibt nichts Neues, gnädige Frau«, entgegnete sie 

background image

harmlos. »Wenigstens nicht im Küchenbereich, und an die 
Herrschaft komme ich ja nicht heran.« 

»Was haben wir heute für einen Tag?« 
»Sonntag, gnädige Frau.« 
»Haben Sie Fräulein Berledes heute schon gesehen?« 
»Sehr wohl, gnädige Frau.« 
»Wann?« 
»Als das gnädige Fräulein von ihrem Morgenritt 
zurückkehrte.« 
»Allein?« 
»Sehr wohl.« 
»Und wo war da mein Mann?« 
»Das weiß ich nicht, gnädige Frau.« 
»Ja, was wissen Sie denn überhaupt, Sie dumme Gans?« fiel 

die Gnädige jetzt aus der Rolle. »Sie haben alles zu wissen, 
verstanden? Total unfähig sind Sie! Hätten lieber Kuhmagd 
als Zofe werden sollen!« 
Nun, jeder Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird – 
und Ella gehörte ja schließlich zu den höheren Wesen der 
Schöpfung. 
»Gnädige Frau, ich muß doch sehr bitten!« empörte sich 
Ella – und schon flogen Teller und Tasse als Geschosse zu 
der Vermessenen hin, die entsetzt die Flucht ergriff. 
Die Kaffeekanne, die ihr durch die geöffnete Tür 
nachsauste, erreichte auch ihr Ziel – allerdings nicht das 
gewünschte. Sie prallte gegen die Brust des Gemahls der 

Scharfschützin, häßliche braune Flecke auf dem eleganten 
hellen Sommeranzug hinterlassend. 
»Na, das ist denn doch die Höhe!« schalt er aufgebracht, 
war aber sofort besänftigt, als er die schreckensbleiche, 
zitternde Zofe ins Auge faßte. 
Dann schweifte sein Blick weiter durch die geöffnete Tür 
und blieb an Ilona hängen, die im Bett saß und sich vor 
Lachen schüttelte. Und da er vor dem Mädchen nicht eine 
Szene heraufbeschwören wollte, schloß er rasch die Tür 
und fragte kurz: 
»Was hat es gegeben, Ella?« 

background image

»Die gnädige Frau hat wieder einen Tobsuchtsanfall«, 
weinte sie laut auf. »Schon den dritten während der Woche, 

die ich hier bin. Aber das mach ich nicht länger mit! Denn 
ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, wirklich 
nicht, Herr Doktor…« 
»Das glaube ich Ihnen«, fiel er beschwichtigend ein. 
»Nehmen Sie das nicht so tragisch, Ella. Sie werden sich an 
die Art meiner Frau schon noch gewöhnen.« 
»Nein, das werde ich nie! Ich will fort, und zwar gleich. 
Eine dumme Gans hat sie mich gescholten, und Kuhmagd 
soll ich werden, wo ich doch eine erstklassige Ausbildung 
als Zofe hinter mir habe!« 
Das Weinen wurde heftiger. Ehe der Mann noch etwas 
erwidern konnte, öffnete sich die Tür, und Ilona stand im 

verführerischen Nachtgewand auf der Schwelle. 
»Wie rührend!« höhnte sie. »Das Zöfchen beklagt sich beim 
Herrn des Hauses, wo es sicherlich auch Verständnis 
findet.« 
»Worauf du dich verlassen kannst«, unterbrach er sie kalt. 
»Kommen Sie, Ella!« 
»Sie bleibt hier! Du hast dich in meine Angelegenheiten 
nicht zu mischen. Und die Zofe ist meine Angelegenheit. 
Sie kommen sofort hierher, Ella!« 
»Nein, ich geh heute noch fort«, trumpfte das Mädchen auf, 
das sich in dem Schutz des Mannes sehr sicher fühlte. »Das 
ist ja bei Ihnen direkt lebensgefährlich.« 

Rasch zog Eike die Empörte mit sich fort und lohnte sie in 
seinem Arbeitszimmer so gut und reichlich ab, wie es 
seinem Gerechtigkeitssinn entsprach. Dann zog er sich um, 
weil sein Anzug von oben bis unten mit Kaffee befleckt 
war. Kaum war er damit fertig, als Ilona zu ihm ins 
Ankleidezimmer platzte, immer noch mit dem 
Nachtgewand angetan. 
»Wie kommst du dazu, Ella zu entlohnen?!« schrie sie 
wütend. »Du hast mich damit bloßgestellt!« 
»Nun, mehr als du selbst es tust, kann es wohl kaum noch 
geschehen«, bemerkte er mit einem vielsagenden Blick auf 

background image

ihr mehr als »offenherziges« Neglige. »Zieh dich zuerst 
einmal an, dann können wir weiter reden.« 

Damit schob er sie aus der Tür, schloß ab und steckte in 
aller Gelassenheit eine Zigarette in Brand, während 
draußen die Fäuste der Erbosten wie rasend gegen das Holz 
trommelten. Doch da das zarte Händchen mitzunehmen 
pflegt, hielt sie bald inne. Türen krachten, und dann 
herrschte Ruhe nach dem Sturm. 
Mit einem Gefühl des Ekels drückte Eike Hadebrecht die 
halbgerauchte Zigarette in die Aschenschale. Dann verließ 
er das Ankleidezimmer und ging nach unten, wo man von 
dem Toben seiner Frau nichts gemerkt zu haben schien. 
Man lachte gerade über eine drollige Bemerkung der 
kleinen Ute, die zwischen den Knien des Großvaters stand; 

dieser warf über das Kinderköpfchen hinweg einen 
forschenden Blick auf den Sohn, dessen Gesicht hart und 
blaß war. 
Doch bevor es zu einer Frage kommen konnte, trat das 
Ehepaar Nargitt ein. 
»Natürlich ist Anka wieder bei euch!« klagte Thea. 
»Obwohl sie es wirklich gut bei uns hat, zieht es sie doch 
immer wieder zum alten Nest zurück.« 
»Hier ist es auch viel schöner als bei euch«, maulte die 
Kleine. »Ihr seht mich ja gar nicht, immer nur euch.« 
»Was bei einem Flitterwochenpaar wohl so üblich ist«, 
schmunzelte der Großvater gleich den anderen. »Aber jetzt 

scheint ihr ja eurer Mitwelt wiedergegeben zu sein. Und 
wie es euch geht, brauche ich erst gar nicht zu fragen. Ihr 
seht beide so recht zufrieden aus.« 
»Sind wir ja auch, Papa«, bestätigte Thea, während sie nebst 
dem Gatten in der Runde Platz nahm. »Wir sind sehr 
glücklich, nicht wahr, Herzensmännchen?« 
»Sehr, Thealieb.« 
»Kinder, hört auf!« sagte Philipp lachend. »Mir scheint, ihr 
habt euch doch noch zu früh unter uns nüchterne 
Menschen gewagt.« 
»Aber Papa, wie kannst du nur so reden!« war die junge 

background image

Frau nun gekränkt. »Ist es nicht schöner, wenn ein Ehepaar 
sich liebreich begegnet, als wenn es sich ewig zankt, wie 

zum Beispiel Ilona und Eike? Die war übrigens vor einigen 
Tagen bei uns und klagte Stein und Bein über die 
Lieblosigkeit ihres Mannes.« 
»Laß das unerquickliche Thema«, winkte der Vater kurz ab. 
»Erzähle uns lieber, wie du es fertiggebracht hast, in den 
drei Wochen deinem Mann so dicke Backen anzunudeln.« 
»Ich koche auch mit Liebe«, erklärte die junge Frau stolz. 
»Jeder Bissen, den mein Feinschmeckerlein in den Mund 
steckt, ist mit Liebe gewürzt. Wir haben eben einen 
herrlichen Spaziergang gemacht und kamen nur her, um 
euch kurz guten Tag zu sagen. Jetzt müssen wir aber gehen, 
weil ich noch die letzte Hand ans Mittagsmahl zu legen 

habe. Es gibt junge Hähnchen mit Gurkensalat, danach 
eine ganz delikate Speise. Die wird auch unserm Ankalein 
munden, nicht wahr, mein Süßes?« 
»Nein«, kam die Antwort kurz und bündig. »Ich esse hier 
zu Mittag.« 
»Aber Liebes, wie undankbar von dir! Was machen wir da 
nur, Reinischatz?« 
»Wir lassen sie hier, mein Häschen.« 
»Ja, wenn du meinst…« 
Damit verabschiedeten sie sich. Und kaum, daß sie 
gegangen waren, blies der Senior die Backen auf und 
verdrehte die Augen. 

»Eike, gib mir einen Kognak, mir ist ganz schwiemelig im 
Magen. O Gott, Quark mit Himbeersaft ist ja gar nichts 
gegen das süßliche Gesäusel!« 
Es klang so verzweifelt, daß die anderen hellauf lachten. 
Doch nachdem er zwei Gläschen von dem belebenden 
Getränk intus hatte, wurde ihm wieder wohl. Schmunzelnd 
meinte er: 
»Da hat ein gütiges Geschick wenigstens einmal ein Paar 
zusammengebracht, das sich gegenseitig beturtäubelt. Stell 
dir mal vor, Muttchen, wenn ich dich jetzt mit 
Schweineschwänzchen betiteln wollte!« 

background image

»Na, du, das möchte ich mir wohl ernstlich verbitten«, 
entrüstete sie sich, fiel dann aber in das Gelächter der 

anderen ein, das noch zunahm, als Anka ernsthaft sagte: 
»Mäuseschwänzchen hat der Papi zur Mami auch schon 
gesagt.« 
»Na, siehst du, Muttchen, da ist Schweineschwänzchen 
doch appetitlicher. Und nun verschwindet mal, ihr 
Görchen. Ihr sperrt mir zu sehr die kleinen Ohren auf.« 
»Das  tu  ich  doch  so  gern«,  bekannte  Anka  eifrig,  mußte 
jedoch abtrollen

;

 weil der Großvater nicht mit sich 

verhandeln ließ. 
Und das war gut so. Denn kaum, daß die Kinder gegangen 
waren, trat Ilona ein – und schon war die Gemütlichkeit 
futsch. 

Als sie sich an Silje vorbeizwängte, um zum nächsten Sessel 
zu gelangen, trat sie ihr empfindlich auf die Füße. Dachte 
aber nicht daran, sich zu entschuldigen, ließ sich ins 
Polster fallen, griff nach einer Zigarette und kommandierte: 
»Feuer!« 
»Nanu, aus welcher Kanone denn?« fragte Philipp so 
verdutzt, daß die anderen Tränen lachten. 
Das gefiel der ungnädigen Dame nun ganz und gar nicht. 
Sie warf die Zigarette in die Gegend und wurde aggressiv: 
»Na ja, dieses alberne Lachen kenne ich nun schon an euch 
– ihr – ihr… 
Aber ich glaube, es ist wohl besser, wenn ich gehe, bevor 

ich mich noch zu etwas hinreißen lasse!« 
»Ich glaube wirklich, daß es besser ist«, grollte die Stimme 
des Schwiegervaters gefährlich dazwischen. »Laß dich hier 
erst wieder blicken, wenn du dich in Gesellschaft 
wohlerzogener Menschen benehmen kannst. Und nun 
befreie uns bitte von deiner Gegenwart.« 
Das war in aller Ruhe gesagt. Doch wer den Mann kannte, 
der wußte, daß er sich nur noch mit Aufbietung aller 
Energie beherrschte. Die Augen drohten unter den 
buschigen Brauen hervor, das Gesicht lief rot an, das Kinn 
schob sich vor. 

background image

Da sprang Ilona auf und hastete davon, um sich erst 
einmal in Sicherheit zu bringen. An der Tür aber blieb sie 

stehen und schrie wütend: 
»Spießer seid ihr – jawohl, Spießer! Ich verabscheue euch!« 
Dann erst verschwand sie endgültig. 
Unter den Zurückbleibenden herrschte peinliches 
Schweigen, das der Senior nun unterbrach: 
»Jetzt ist es Zeit, daß du die Scheidungsklage einreichst, 
mein Sohn.« 
»Ganz meine Ansicht, Vater. Ich warte nur noch ab, bis 
Ilona wieder auf Reisen geht, um mich und euch 
Widerwärtigkeiten zu ersparen. Daher noch ein wenig 
Geduld. Denn ohne ›ihre große Welt‹ hält sie es bestimmt 
nicht mehr lange aus. Dann werde ich handeln und ihr 

gleichzeitig unser Haus verbieten.« 
 

 
Es war nach dem Mittagessen, bei dem kaum etwas 
genossen wurde, weil allen fast der Bissen im Halse stecken 
blieb. 
Silje lag in ihrem Zimmer auf dem Diwan und las, weil es 
draußen in Strömen regnete. Es kam gerade zur Zeit, dieses 
kostbare Naß, um der Natur Erquickung zu bringen, die 
förmlich nach ihm lechzte. 
Silje gab sich alle Mühe, um das, was im Buch geschrieben 

stand, zu erfassen, aber immer wieder schweiften die 
Gedanken ab. Und dann kam Philchen, setzte sich zu ihr 
auf den Diwan und seufzte: 
»Daß du es nur weißt, ich mache Feierabend. Denn was 
sich jetzt im Hause zuträgt, ist selbst für meine Nerven zu 
viel, die eigentlich ganz gut intakt sind. Ich verreise. 
Kommst du mit?« 
»Dazu müßte ich erst einmal wissen, wohin die Reise 
gehen soll, geliebtes Philchen.« 
»Dorthin,  wo  es  schön  ist,  wo  es  keinen  Streit  und  Hader 
gibt.« 

background image

»Dann müßtest du schon in die Gefilde der Seligen 
überwechseln«, bemerkte das Mädchen trocken. »Denn wo 

sich unsere liebe Erde dreht, gibt es auch Hader und Streit.« 
»Das mußt du Grünschnäbelchen ja wissen. Aber wirklich, 
Silje, es ist nicht mehr schön im Hadebrecht-Haus, in dem 
ich ja nun schon über sechzig Jahre lebe. Meine Eltern 
führten eine harmonische Ehe, und die meines Bruders ist 
auch gut, bis auf den Kummer – na, du weißt ja Bescheid. 
Aber Eikes Ehe spottet jeder Beschreibung. Anstatt daß er 
nun seine Blindheit, mit der er da hineintappte, allein 
büßt, müssen wir anderen es mittun. Jedenfalls – ich 
kneife!« 
»Das kriegst du ja doch nicht fertig, Philchen. Du bist mit 
deiner Familie so verwachsen, daß du mit ihr lachst und 

weinst. Hättest ja doch keine Ruhe, wärest du fern von hier. 
Würdest hangen und bangen um das, was dir so unlöslich 
ans Herz gewachsen ist. Also, bleib schon hier und hange 
und bange an Ort und Stelle, dann bist du wenigstens 
immer genau im Bilde.« 
»Ja, sag mal, du Fratz, haben wir jetzt plötzlich die Rollen 
getauscht? Anstatt daß ich dir gute Lehren erteile, tust du 
es. Da soll doch gleich dieser und jener!« 
»Oh, Philchen, jetzt gleichst du ganz deinem 
Zwillingsbruder, wenn er grimmig ist!« wollte der Schelm 
sich halbtot lachen. »Sei friedlich und gib mir recht.« 
»Balg«, brummte sie. »Du machst ja mit mir, was du willst. 

Schön, sehe ich mir den Jammer an Ort und Stelle an. 
Ich fürchte nur, daß Onkel Philipp seine aggressive 
Schwiegertochter mal gehörig verprügelt. Heute vormittag 
sah es beinahe schon so aus. Ich habe vor Angst gezittert.« 
»Und ich nicht minder. Man sitzt hier wie auf einem 
Pulverfaß. Wenn ich du wäre, würde ich mir eine 
friedlichere Stätte suchen.« 
»Das kann ich nicht«, gestand das Mädchen leise. »Ich liebe 
euch alle – wo ihr nicht seid, kann ich nicht sein.« 
»Herzenskind, das war ein gutes Wort!« lächelte Philchen 
gerührt. »Auch uns würde es schwer ankommen, dich zu 

background image

missen. Also bleiben wir weiter zusammen, und bilden wir 
ein Bollwerk gegen den bösen Geist des Hauses.« 

Aber Ilona kam sich gar nicht so vor – im Gegenteil, alle 
anderen waren böse Geister, die so ein armes, 
bedauernswertes Wesen wie sie knebelten und knechteten. 
Alles nahmen ihr diese abscheulichen Menschen, aber auch 
alles, woran sie noch ihre Freude hatte! 
Denn sie konnte dem Gatten jetzt keine Szenen mehr 
machen, weil er in das Turmgemach übergesiedelt war, das 
er vor seiner Verheiratung bewohnt hatte. Und die Tür, die 
zu dem lauschigen Gelaß führte, war aus hartem, festem 
Holz. 
So bekam sie Eike nur noch während der Mahlzeiten zu 
sehen, wo sie es jetzt vorzog, sich manierlich zu benehmen. 

Denn die eisigen Mienen, mit denen man ihr begegnete, 
schüchterten sie denn doch ein. Jeden Abend nahm sie sich 
vor, morgen die Koffer zu packen – und unterließ es immer 
wieder. 
Und warum? – Weil sie rasend eifersüchtig war. Sonst hätte 
sie sehen müssen, daß die beiden von ihr Bespitzelten sich 
durchaus korrekt benahmen – auch wenn ihre Herzen 
zueinander strebten. Allein, um diesem Gefühl skrupellos 
nachzugeben, waren sie beide nicht leichtfertig genug. 
Dafür hielt Eike Hadebrecht die Ehe immer noch zu heilig, 
und Silje Berledes wäre es nie eingefallen, in eine Ehe 
einzubrechen. 

Und dennoch, das Mißtrauen Ilonas war hellwach. 
Deshalb konnte sie sich nicht dazu entschließen, ihre Reise 
anzutreten, obwohl es sie mit tausend Banden aus dem 
»Eulennest« in die glänzende Welt zog. Sie konnte nicht 
fort, sie mußte da sein, um die »Scheinheiligen« mit 
»hundert Augen« zu bewachen. 
Doch nichts, aber auch gar nichts kam dabei heraus. Silje 
und Eike trafen nie unter vier Augen zusammen, selbst im 
Betrieb nicht mehr. Denn die Sekretärin des Juniorchefs 
versah schon wieder pflichtgetreu ihren Dienst, und Silje 
befand sich nach wie vor unter der betulichen Obhut 

background image

Fräulein Luischens. 
Die Ritte unternahmen die beiden Menschen stets getrennt, 

beim Tennisspiel war immer Philchen dabei, und beim 
Konzert hörte die gesamte Familie zu. 
Und doch – Ilona hielt wacker stand, mit der Devise: 
Ausdauer siegt. Sie hatte es sich sogar in den Kopf gesetzt, 
den Gatten zurückzugewinnen. Doch nie konnte sie seiner 
habhaft werden, der die Tür vor ihr verschloß. 
Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt. Für ihn schien Eike 
Hadebrecht doch nicht so ganz Stiefkind zu sein, wie dieser 
resigniert annahm. Und da dem Höchsten die Wege ganz 
einfach sind, die den Menschen oft wunderlich erscheinen, 
so wählte er auch einen ganz einfachen Weg, um das Böse 
zu vernichten und das Gute triumphieren zu lassen. Und es 

bewahrheitete sich wieder einmal das Sprichwort: Der Krug 
geht so lange zum Wasser, bis er bricht. 
Nun, Ilonas Krug schöpfte giftiges Wasser, das auch eines 
Tages überlief. Doch dann beschüttete es sie selbst und 
nicht die Menschen, über deren Herzen es fließen sollte. 
Ilona ging an einem sonnigen Nachmittag mit der kleinen 
Ute in den Park. Sie hatte das Kind jetzt immer einige 
Stunden täglich um sich. Aber nicht aus einem zärtlichen 
Muttergefühl heraus, sondern weil Fräulein Herta, die 
Betreuerin der Kleinen, nun bei Ilona Zofendienste 
verrichten mußte, seitdem Ella fort war. 
Nun, lange würde dieser Zustand wohl nicht anhalten. 

Denn Ilona hatte an Pia geschrieben und sie angefleht, ihr 
eine würdige Nachfolgerin zu besorgen, was die frühere 
Zofe denn auch brieflich versprach. Nur noch zwei Wochen 
Geduld, dann wäre das »Phänomen« für sie frei. 
Daraus schöpfte Ilona nun eine frohe Zuversicht und nahm 
es wohl oder übel auf sich, ihr Töchterchen einige Stunden 
am Tage zu betreuen. Warum dies geschah, davon hatten 
ihre Angehörigen allerdings keine Ahnung. Sie wunderten 
sich nur, daß die Mutter sich plötzlich um ihr Kind 
kümmerte, das sie vorher nur wenig beachtet hatte. 
Nun hatte Ilona heute von ihrer Mutter einen dicken Brief 

background image

erhalten, der schon einem kleinen Roman glich. Um den 
zu lesen, dazu gehörte natürlich Zeit und Ruhe. Aber 

ausgerechnet jetzt mußte sie auf Ute achten, weil Fräulein 
Herta am Plättbrett stand! 
Nun, die Kleine hatte ja den neuen bunten Ball, mit dem 
sie sich beschäftigen konnte. Also galt es nur noch für 
Ilona, sich ein stilles Plätzchen zu suchen, wo sie diesen 
Erguß ungestört lesen konnte. 
Da fiel ihr die Laube am Weiher ein. Freilich, der Weiher 
war tief und mit Algen verwachsen. 
»Spiel schön«, sprach sie dem Dummchen zu. »Aber wag 
dich nicht zu weit ans Wasser, da sind Nixen drin!« 
»Nixen – was ist das, Mami?« fragte die kleine Unschuld 
neugierig. »Sind die gut oder ßlecht?« 

»Frag nicht so viel!« wurde die Mutter bereits ungeduldig. 
»Spiel mit dem Ball, die Mami hat jetzt keine Zeit.« 
Schon verschwand Ilona in der Laube, um den Brief zu 
lesen, der sie brennend interessierte – mehr als das 
Töchterchen, das sich mit dem bunten Ball vergnügte. Er 
war so groß, daß die molligen Patschchen ihn nicht 
umschließen konnten, sondern das Bäuchlein dabei noch 
Hilfestellung leisten mußte. 
Und schön war es, wunderschön, wenn die lustig-bunte 
Kugel davonrollte. Jauchzend holte Klein-Ute sie immer 
wieder ein- bis sie ins Wasser rollte und sich in einer gelben 
Mummelgruppe verfing. 

»Hol mich doch!« schien der bunte Ball neckisch zu 
fordern. »Hol mich doch, bevor die Nixen es tun!« 
»Mami, die Nixen wollen meinen Ball!« rief das Mägdlein 
kläglich. 
Aber die Mami hörte nicht, weil es gar zu interessant war, 
was die Mutter da über einen Inder schrieb, der, 
unermeßlich schön und unermeßlich reich, augenblicklich 
die Gemüter der Globetrotter an der Riviera erregte. 
Das wäre ein Mann, für Dich! – schrieb die Mutter 
begeistert. Der würde Deine Schönheit und Deinen 
Charme so recht zu würdigen wissen. Schade, daß Du 

background image

schon gebunden bist, aber vielleicht… 
Bei diesem Vielleicht sollte es vorläufig bleiben. Denn ein 

gurgelnder Laut ließ die vertiefte Leserin aufschrecken, riß 
sie aus ihrer Phantasterei plötzlich in die Gegenwart 
zurück. Verstört sah Ilona von dem Brief auf, spähte 
angstvoll nach ihrer Tochter – doch weder sie noch der 
bunte Ball waren zu entdecken. Nur auf dem 
schwarzgrünen Wasser gurgelte es. 
»Hilfe!!!« schrie Ilona da, sinnlos vor Angst- und siehe da, 
die Hilfe nahte bereits. Und zwar in Gestalt Siljes, die in 
rasender Eile vorschnellte und mit einem kühnen Sprung 
in dem unheimlichen Wasser versank. 
Wenig später tauchte sie dann wieder auf, von Algen 
umschlungen. 

Fest an die Brust gedrückt hielt sie Ute, das kleine 
Dummchen, das den Nixen den Ball wegholen wollte. 
Doch die entsetzte Ilona schrie immer weiter – anhaltend, 
gellend, daß jedem, der es hörte, das Grausen über den 
Rücken jagte. 
Von allen Seiten rannten sie herbei, die diese entsetzlichen 
Schreie vernahmen. Allen voran Eike Hadebrecht, blaß wie 
der Tod. 
Mit flatternden Händen löste er das kleine algenumstrickte 
Wesen aus dem Arm des großen und legte beide behutsam 
auf den Rasen nieder. 
Und während er mit den Wiederbelebungsversuchen bei 

der Tochter begann, tat es sein Vater bei Silje, die nun auch 
ohnmächtig geworden war. Sie hatten auch bald Erfolg und 
schämten sich der Tränen nicht, die ihnen übers Gesicht 
liefen. 
Und schon fanden sich Hände, die das kleine und das 
große Mädchen behutsam hochhoben und ins Haus 
trugen. Denn nicht nur das Ehepaar Hadebrecht nebst 
Sohn und Philine hatten die gellenden Schreie Ilonas 
hergejagt, sondern auch die gesamte Dienerschaft. 
Jetzt schrie die kleine Ute wie am Spieß, doch dieses 
Schreien klang den Menschen wie Musik. Wie gut, daß das 

background image

beherzte Mädchen Silje noch zur Zeit gekommen war – 
sonst… 

Ach, man wagte an dieses Sonst gar nicht zu denken! Es 
hätte unendliches Leid über vier Menschen gebracht! 
Und der fünfte Mensch, der dieses Unheil durch 
Unachtsamkeit heraufbeschwor? – Der saß in seinem 
Zimmer und weinte aus Angst vor dem Strafgericht, das 
unweigerlich kommen würde. Und da Ilona feige war, 
konnte und wollte sie diesem Strafgericht nicht 
standhalten. 
Also packte sie mit fliegenden Händen einen Koffer, warf 
Schmuck, Geld, die nötigsten Kleidungsstücke hinein und 
schlich sich aus dem Haus wie ein Dieb. 
Und sie hatte Glück. Denn ein Auto nahm sie an der 

Chaussee auf, beförderte sie zum Bahnhof – und so konnte 
Ilona aufatmend sagen: Nach mir die Sintflut! 
Indes wurden Silje und Ute, die wohlgeborgen in ihren 
Betten lagen, gehätschelt und gepflegt. Das Kind von dem 
Großvater und dem Papi, Silje von Philchen, die ihrem 
Liebling einen Trank einflößte, der aus Kräutersäften und 
einem schweren Wein gemixt war. Und kaum, daß Silje ihn 
geschluckt hatte, schlief sie vor Erschöpfung ein. 
Und es würde einen langen Schlaf geben, wie Philchen aus 
Erfahrung wußte. Also konnte sie die Schläferin ruhig 
allein lassen und nachsehen, wie es Ute ging. 
Auch sie schlief sanft und süß, bewacht von Fräulein Herta, 

die dickverweinte Augen hatte. 
»Wo sind die anderen?« fragte Philchen leise, um das Kind 
nicht zu wecken, und ebenso leise kam es zurück: 
»Die Herrschaften sind nach unten gegangen. Oh, mein 
Gott, gnädiges Fräulein, ich kann doch wirklich nichts 
dafür!« schluchzte das Mädchen heiß auf. »Die junge 
gnädige Frau holte Ute, um auf sie achtzugeben, während 
ich ihre Sachen plättete. Ich mußte doch Zofendienste 
leisten, seit Ella fort ist.« 
»Das ist ja interessant. Haben Sie das meinen Angehörigen 
gesagt?« 

background image

»Ja – « 
»Nun, dann ist ja alles in Ordnung«, nickte Philchen dem 

Mädchen freundlich zu und ging dann ins Wohnzimmer, 
wo Eike ruhelos auf und ab wanderte. 
Beim Eintritt der Tante blieb er stehen und fragte bang: 
»Wie geht es Silje?« 
»Die schläft friedlich. Wo sind die anderen?« 
»Vater ist bei Mutter, deren Nerven nachgaben. Sie bekam 
einen Weinkrampf.« 
»Auch das noch. Ist der Arzt verständigt?« 
»Nein, das war nicht nötig. Die Mamsell flößte ihr einen 
Trank ein, nach dem sie bald einschlief. Vater will solange 
bei Mutter bleiben, bis die Mamsell Zeit hat, ihn 
abzulösen.« 

»Das ist übertriebene Vorsicht«, meinte Philchen. »Denn 
nach dem Trank, den ich übrigens auch Silje gab, werden 
beide fest und lange schlafen. Es ist ein altes Hausrezept, 
das schon von unserer Großmutter angewandt wurde. Und 
was wirst du mit Ilona machen?« 
»Gar nichts – sie ist fort.« 
»Tatsächlich?« Philchen war gar nicht so überrascht, wie sie 
es nach dieser Eröffnung eigentlich hätte sein müssen. »Das 
sieht ihr ähnlich, sich durch die Flucht feige dem 
Strafgericht zu entziehen! Aber recht so! Seien wir froh, sie 
auf so eine gute Art losgeworden zu sein.« 
Zwar war Silje am nächsten Tag noch blaß, aber sonst 

munter. Ebenso Ute, die sich mit ihren drei Jahren noch 
gar nicht bewußt sein konnte, welch tödlicher Gefahr sie 
entronnen war. Aber vor den Nixen, die ihr auf so böse Art 
den Ball nahmen, hatte sie fortan Angst. Und das war allen 
recht so; so würde sich das grausige Spiel wenigstens nicht 
wiederholen. 
Den Dank, den man Silje abstattete, tat diese verlegen ab. 
Sie hatte ja nur das getan, was andere an ihrer Stelle 
bestimmt auch tun würden, meinte sie kurz. 
Natürlich wollte man wissen, wie sie um diese Zeit, da sie 
sonst noch zu arbeiten pflegte, in den Park gekommen war. 

background image

Nun, eigentlich war das ein Zufall gewesen. Fräulein 
Luischen machte früher als sonst Schluß, weil sie 

Geburtstag hatte, was Silje jedoch erst im Laufe des 
Nachmittags erfuhr. So ging sie denn in den Park, um von 
dem Gärtner einen Rosenstrauß zu erbitten, mit dem sie zu 
Luischen ins Haus gehen und ihr nachträglich gratulieren 
wollte. 
Aber dazu sollte es nicht kommen. Denn im Park sah das 
Mädchen Ute, die lachend und jubelnd hinter ihrem Ball 
herlief und ihm dann nachjammerte, als er ins Wasser 
rollte. Leider war Silje noch zu weit entfernt, um das Kind 
vor dem grausigen Bad bewahren zu können, obwohl sie 
wie gehetzt hinjagte. 
»Na ja – das war alles«, schloß sie ihren sachlichen Bericht. 

»Zufall, nichts weiter.« 
»O nein, mein Kind, das war Vorsehung«, bemerkte Frau 
Ottilie erschüttert – und niemand widersprach ihr. 
Im Hadebrecht-Haus herrschte nun die Harmonie, nach 
der man sich immer so schmerzlich gesehnt hatte. 
An Ilona dachte man kaum noch, und diese tat auch nichts 
dazu, um sich in Erinnerung zu bringen. Man nahm an, 
daß sie zu ihren Eltern geflüchtet wäre, was auch 
tatsächlich stimmte. Angstgeschüttelt traf die Tochter bei 
ihnen ein, erzählte, was vorgefallen war, und schwor, wie 
schon oft, mit tausend Eiden, diesmal wirklich, aber auch 
wirklich nicht mehr ins »Gefängnis« zurückkehren zu 

wollen. 
Die Eltern lächelten nachsichtig, wie sie es schon oftmals 
bei derartigen Schwüren getan hatten. Machten aber der 
Tochter keine Vorwürfe, sondern ließen sie gewähren. 
Sie lebten seit einigen Wochen am Gardasee, wo 
augenblicklich »viel los war«, ganz so, wie die nach 
Vergnügen förmlich ausgehungerte Ilona es sich wünschte. 
Wie in einem Taumel gab sie sich all den Vergnügungen 
hin mit der Devise: Was schert mich Mann, was schert 
mich Kind – ich will jetzt ich sein und nichts weiter! 
Sie konnte gar nicht genug bekommen von alledem, was 

background image

sie seit länger als einem halben Jahr so schmerzlich 
vermissen mußte. Sie warf sich »ihrer Welt« 

leidenschaftlich in die Arme, gönnte sich weder Rast noch 
Ruhe, hetzte und jagte umher in krankhaftem Eifer. Dachte 
nicht einen Augenblick daran, daß sie sich schonen sollte, 
wie Professor Lutz und auch der Gatte es ihr mahnend 
geraten hatten. 
Ach was, die waren ja nichts weiter als engstirnige Philister, 
über die man nur höhnisch lächeln konnte. Sie war doch 
gesund, so herrlich gesund! 
Und so kam es denn, wie es bei der unvernünftigen 
Lebensweise der kaum Genesenen kommen mußte. 
Als Ilona an einem Abend von einem temperamentvollen 
Südländer im feurigen Tanz herumgewirbelt wurde, 

versagten ihr plötzlich die Beine. Und da ein Unglück ja 
selten allein zu kommen pflegt, stürzte sie gegen einen 
Pflanzenkübel und zog sich dabei einen bösen Bluterguß 
an der schon einmal beschädigten Hüfte zu. 
Ihre Eltern, die sich in ihrer Angst und Ratlosigkeit nicht 
anders zu helfen wußten, riefen telegraphisch den 
Schwiegersohn herbei, der trotz des Protestes seiner 
Angehörigen dem Hilferuf sofort Folge leistete. 
Doch als er bei seinen verstörten Schwiegereltern ankam, 
war Ilona trotz der Betreuung bester Ärzte tot – denn gegen 
eine plötzlich auftretende Thrombose waren auch sie 
machtlos. 

Wie zwei verschüchterte Kinder klammerte sich das sonst 
so weltgewandte Ehepaar an den Schwiegersohn. Sie waren 
einfach nicht dazu fähig, für all das Traurige zu sorgen, das 
ein Todesfall mit sich bringt. Nur eine Feuerbestattung 
wünschten sie und die Beisetzung der Urne’ an Ort und 
Stelle, damit sie diese jederzeit zu sich holen konnten, 
wenn sie sich einmal endgültig irgendwo zur Ruhe setzten. 
Zwar hätte Eike Hadebrecht ihnen Vorwürfe machen 
können, daß sie auf ihre kaum genesene Tochter nicht 
besser achtgaben. Er tat es jedoch nicht, sondern richtete 
sich streng nach ihren Wünschen. Ein Glück für sie, daß sie 

background image

in ihrer Oberflächlichkeit nicht lange brauchten, um mit 
dem »tiefen Seelenleid« fertig zu werden! Denn schon 

wenige Wochen später waren sie so weit, um ihr gewohntes 
Reiseleben fortsetzen zu können. 
Zwar jammerte die Mutter, daß sie ihr »heißgeliebtes Kind« 
zurücklassen mußte, tröstete sich jedoch damit, daß sie an 
die heilige Stätte zurückkehren konnte, wenn die 
»Sehnsucht« sie dahin trieb. 
So wurde denn der Schwiegersohn, dem diese Wochen zur 
Qual geworden waren, endlich entlassen und kehrte sofort 
in die Heimat zurück. 
Mittlerweile war es Herbst geworden, und es kam die Zeit, 
wo man sich wieder gern um den brennenden Kamin 
scharte. Hauptsächlich nach dem Abendessen, wenn alle 

im Hause waren. 
Manchmal fand sich das Ehepaar Nargitt dazu ein, und 
dann schwelgte man in »höheren Regionen«. 
Aber gar so hoch waren sie bei Thea nicht immer. Sie 
konnte ganz nett auf die Erde purzeln, wenn es um – Geld 
ging. Und so sagte sie denn auch zu dem Bruder, kurz 
nachdem er von seiner traurigen Reise zurückgekehrt war: 
»Wie gut für dich, Eike, daß du noch nicht von Ilona 
geschieden warst, bevor sie starb! So kannst du jetzt ihre 
Erbschaft antreten, die sicherlich enorm ist. Und wenn gar 
noch deine reichen Schwiegereltern sterben…« 
»So wirst du von ihrer Hinterlassenschaft bestimmt nichts 

abbekommen«, fiel ihr der Bruder ironisch ins Wort. 
»Willst du das nicht meine eigene Angelegenheit sein 
lassen?« 
»Aber, mein Himmel, sei doch nicht gleich so eklig!« 
entrüstete sie sich. »Man kann doch wohl noch seine 
Meinung äußern, ohne gleich angefahren zu werden! 
Komm, Herzensmännchen, wir kehren in unser trautes 
Heim zurück!« 
»Na, na, Mutzilein, wer wird denn gleich so gekränkt sein!« 
sprach er ihr begütigend zu. »Schau mal, du mußt deinem 
Bruder jetzt noch nicht mit solchen Dingen kommen, die 

background image

ja nun wirklich allein seine Angelegenheiten sind. Deshalb 
wirst du doch nicht gleich im Groll dein Elternhaus 

verlassen.« 
»Ja, wenn du meinst, du Herzgeliebter – « 
Also war dieses noch immer für Thea das erste Gebot, dem 
sie sich demütig fügte. 
Nur gut, daß dieser »Herzgeliebte« selbst so ein 
schwärmerisch veranlagtes Gemüt war, sonst wäre ihm so 
viel süßduselige Fügsamkeit allmählich auf die Nerven 
gefallen. So jedoch gab es zwischen dem Paar nur Güte und 
Liebe – und mehr konnte man von der Ehe nun wirklich 
nicht verlangen. 
Doch Thea hatte mit ihrer Vermutung recht. Es war ein 
reiches Erbe, das Eike Hadebrecht gemeinsam mit seiner 

Tochter antreten konnte, und das ihm kraft des Gesetzes 
zukam. Deshalb sträubte er sich nicht, es anzuerkennen. 
Klein-Ute merkte nichts davon, daß sie jetzt keine Mutter 
mehr hatte. Sie wurde von so viel Liebe umgeben, daß sie 
wie ein treubehütetes Pflänzchen wachsen und gedeihen 
konnte. 
An einer Spielgefährtin mangelte es Ute auch nicht, denn 
Anka weilte nach wie vor mehr bei ihren Großeltern als zu 
Hause. Sie besuchte jetzt die Schule und kam sich sehr 
wichtig vor. Altklug war sie immer noch und vorwitzig 
auch. Aber das würde sich schon mit der Zeit geben, wenn 
sie nicht mehr so ausschließlich mit ihrer Mutter 

zusammen war, die es auch jetzt noch nicht lassen konnte, 
schwerwiegende Gespräche vor den spitzen Ohren ihrer 
Tochter zu führen. Und es war gut, daß nur Ottilie und 
Philchen allein es hörten, als Anka wichtig sagte: 
»Weißt du, Omi, was die Mami befürchtet?« 
»Da bin ich aber neugierig, mein Kind!« 
»Daß Onkel Eike Fräulein Silje heiraten wird. Das könnte 
dem fremden Mädchen noch so passen, sich hier ins 
mollige Nest zu setzen! Meinst du das auch, Omi?« 
Zuerst sahen die beiden Damen sich entsetzt an, doch 
dann fragte Philchen, so harmlos sie konnte: 

background image

»Wann hat die Mami darüber gesprochen, Anka?« 
»Gestern – zum Papi.« 

»Und was sagte er darauf?« 
»Daß es ein großes Glück für Onkel Eike wäre, wenn er 
Fräulein Silje zur Frau bekäme. Das wäre nämlich ein ganz 
wunderbares Menschenkind. Und um Geld brauchte Onkel 
Eike doch wahrlich nicht zu heiraten, nach dem Erbe von 
Tante Ilona schon ganz und gar nicht.« 
»Und was sagte die Mami darauf?« 
»Sie sagte: Ja, wenn du meinst, Herzensschatz!« 
Jetzt hatten die beiden Damen Mühe, ein amüsiertes 
Lachen zurückzuhalten. Doch sie durften das Kind nicht 
stutzig machen. Daher meinte Philchen harmlos: 
»Weißt du, Anka, man darf nicht alles wiedererzählen, was 

zwischen den Eltern gesprochen wird.« 
»Das tu ich sonst auch nicht«, bekannte das Kind 
treuherzig. »Onkel Eike würde ich es bestimmt nicht sagen 
und Fräulein Silje auch nicht. Ich habe ein Gedicht in der 
Schule gelernt, das mir sehr gefällt. Ein Vers lautet so: 
 
Du hast zwei Ohren und einen Mund, 
mach’s dir zu eigen, 
gar manches sollst du hören - 
und manches verschweigen. 
 
Ist das nicht hübsch gesagt, Tante Philchen?« 

»Ja, du kleine Philosophin«, zog sie das Kind an sich, es 
herzlich küssend. »Wenn du diese Mahnung befolgst, wirst 
du nie eine Plaudertasche werden.« 
»Oh, das will ich gewiß nicht sein. Papi meint – « 
Nun lachten die beiden Damen denn doch. Und Anka, die 
ja nicht wußte, worum es ging, tat fröhlich mit. 
»Dieser Reinhold in seiner menschlichen Güte scheint sich 
nicht nur auf seine Frau, sondern auch auf seine 
neunmalkluge Tochter segensreich auszuwirken«, sagte 
Philine lachend zu ihrer Schwägerin, nachdem die beiden 
Kinder gegangen waren. 

background image

Der Herbst verging, der Winter kam und mit ihm Eis und 
Schnee. Schwer lag er auf den Bäumen des Parkes, die ob 

der schweren Last ächzten und sie dennoch geduldig 
trugen. Die Wege waren freigeschaufelt, so weit sie um das 
Hadebrecht-Haus führten. Alles andere jedoch lag 
unberührt in seiner fleckenlosen Weiße. 
Es war schön, sich draußen in der Kälte zu tummeln und 
dann zurückzukehren ins traute Wohngemach, wo auf dem 
Tisch die knusprigen Bratäpfel standen und Grog von 
Rotwein oder Rum. Hie und da tauchte auch schon 
Weihnachtsgebäck auf, die Kerzen am Adventskranz 
knisterten leise. 
Wie war es doch dann so lieb und traut, wenn Silje den 
beiden Kindern die alten Weihnachtsmärchen erzählte, 

denen aber auch die Erwachsenen gern lauschten! Die 
weiche, herzwarme Stimme zu hören, war allein schon ein 
Genuß. 
Und wie reizend sie zu plaudern wußte von Knecht 
Ruprecht und den Engelein, die seine Helfer waren! Von 
den armen Kindern, die von ihm beschenkt wurden, von 
dem Mädchen mit den Zündhölzern, von der 
Schneekönigin und so weiter. Dabei wurde immer das Böse 
bestraft, und das Gute triumphierte. 
»Demnach müßte Tante Ilona jetzt in der Hölle sein«, 
meinte Anka nach einer Erzählung in ihrer bedächtigen Art. 
»Denn sie war nicht lieb und gut, sondern schlecht und 

zänkisch, sagt meine Mami.« 
Die Erwachsenen hielten vor Spannung den Atem an, was 
Silje wohl auf diese berechtigte Feststellung antworten 
würde. 
Und schon kam es, was lieb und versöhnend klang: 
»Da irrst du, Anka. Tante Ilona mußte so sein, weil der 
liebe Gott es wünschte. Jetzt sitzt sie oben bei den Engelein 
und berät mit ihnen, was wohl zu tun wäre, um deine 
geheimen Weihnachtswünsche zu erfüllen.« 
»Oh, dann weiß sie wohl auch, daß ich mir eine kleine 
Kinokamera so sehnlich wünsche?« fragte Anka aufgeregt, 

background image

und Silje nickte. 
»Gewiß weiß sie das.« 

»Und weiß sie auch, daß meine Puppe Dido ihr Bettchen 
zerbrochen hat?« forschte die Kleine nicht weniger 
aufgeregt. 
»Auch das weiß sie, Utelein.« 
»Na, dann kann die Dido zufrieden sein.« 
Es klang so drollig, daß die anderen herzlich lachen 
mußten. Selbst der Papi, von dem jetzt langsam der düstere 
Ernst abzufallen schien. 
Jedenfalls war es jetzt schön im Hadebrecht-Haus, wozu 
der Frohsinn und das goldige Lachen Siljes viel beitrugen. 
Man liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit; auch Anka tat es jetzt. 
Und dann kamen noch einige Menschen hinzu, denen das 

frischfröhliche Mädchen ein Begriff wurde. Und zwar ein 
Vetter Philipps mütterlicherseits, der in jungen Jahren nach 
Amerika ausgewandert war und sich dort durch Tüchtigkeit 
und eine reiche Heirat ein recht warmes Nest geschaffen 
hatte. 
Diesen packte nun plötzlich die Sehnsucht, wieder einmal 
ein echt deutsches Weihnachtsfest zu verleben. 
Und da er ein Mensch von raschen Entschlüssen war, 
fackelte er nicht lange, sondern machte mit Gattin und 
Sohn »einer kleiner Abstecher« nach Deutschland. Traf kurz 
vor Weihnachten bei seinem Vetter Philipp ein, der ihm 
von der ganzen Verwandtschaft immer am liebsten 

gewesen war. 
Und mit diesen drei Menschen kam frohes, lärmendes 
Leben ins Haus. Dick Brown, in seinem Taufschein stand 
Richard Braun, war ein smarter Geschäftsmann. Seine 
Gattin zierlich und quicklebendig, sein Sohn das, was man 
ein kreuzfideles Haus nennt. 
Es gab nun einen Wirbel vor dem Fest, daß man kaum zur 
Besinnung kam. Mabel, die Mutter, und Bob, der Sohn, 
waren der Ansicht, daß Weihnachten feiern einen Waggon 
voll Geschenke bedeutete. Nur mühsam konnte man es 
ihnen ausreden und bereitete ihnen damit eine 

background image

Enttäuschung. 
Wie denn – man hatte doch Geld genug, um die Gastgeber 

und deren Anhang gewissermaßen von oben bis unten 
beschenken zu können! Aber leider schienen diese 
Menschen selbst Geld genug zu besitzen, um sich jeden 
vernünftigen Wunsch gegenseitig erfüllen zu können. 
Das heißt, bei Thea hätten sie ihr Portemonnaie ganz weit 
aufmachen können, sie wäre davon hochbeglückt gewesen. 
Aber gerade bei ihr lag ihnen am wenigsten daran. 
Ihnen gefiel sie nicht besonders, »dieses verdrehliche Frau«, 
wie Mabel sie nannte, der die deutsche Sprache nicht so 
geläufig war wie Gatten und Sohn. 
Reinhold – na ja, mit dem ging’s, obwohl er ein zu 
»behutsames Mann« war und Anka zu »weisernasen«. 

Aber die anderen, die gefielen ihnen gut. Am besten das 
»entzuckender Mädchen«, in das sich der junge Brown 
gleich über Kopf und Kragen verliebte und das er möglichst 
vom Fleck weg heiraten wollte, wie er sofort seinen Eltern 
kategorisch erklärte. 
Nun, die Eltern hatten nichts dagegen. Und sollte diese 
überstürzte Ehe etwa schiefgehen, konnte sie ja geschieden 
werden. Warum also dem Jungen den Spaß verderben? 
Deshalb hätten sie Silje am Weihnachtsabend auch am 
liebsten mit Geschenken überschüttet, mußten sich jedoch 
dem ziemlich deutlichen Verbot des Hausherrn fügen. 
So erhielten sie denn alle am Weihnachtsabend 

»Aufmerksamkeiten«, mit denen sie nichts anzufangen 
wußten. Traurig sah Thea auf ein Kochbuch, das sie schon 
besaß, und Reinhold verblüfft auf Sockenhalter elegantester 
Ausführung. Man war der Ansicht, daß der Mann so was 
bestimmt noch trüge. 
Ottilie und Philine bekamen Zigarettenspitzen, weil sie 
überhaupt nicht rauchten, Philipp eine Krawatte, an der ein 
Dandy seine helle Freude gehabt hätte, und Eike eine 
Hundepeitsche, weil man momentan keinen Hund im 
Hause hatte, da der alte eingegangen war. 
Und Silje? Heißerrötend betrachtete sie den Witz von 

background image

Nachtkleid, eine Gabe Mabels, mit einem Lachen 
kämpfend, die reizende Puderdose, für die Dick 

verantwortlich zeichnete, und mit Unbehagen den Strauß 
roter Rosen nebst Riesenbonbonniere, zu denen sich Bob 
strahlend bekannte. 
Anka empörte sich heimlich über das Bilderbuch. »Für 
unsere Kleinen«, und nur Ute war selig über die große 
Puppe, die sie kaum fortschleppen konnte. 
Doch die Aufmerksamkeiten, welche die Gäste erhielten, 
waren tatsächlich sinnvoll gewählt und riefen bei den 
verwöhnten Menschen kindliche Freude hervor. Jedenfalls 
hatten alle ihr Bestes gewollt, und das allein war schon 
anerkennenswert. 
Was man mit Silje vorhatte, unterbreitete das Ehepaar 

Brown den anderen – außer den beiden Hauptbeteiligten, 
die eine Schlittenfahrt machten – als man am ersten 
Feiertag geruhsam beisammensaß. Aber da machte der 
Hausherr ihnen klar, daß es doch nicht ganz so einfach 
wäre, wie sie annahmen. Denn er wäre als Vormund nicht 
gewillt, sein Mündel in unsichere Verhältnisse gehen zu 
lassen. 
»Na, erlaube mal, was sollen das denn wohl für unsichere 
Verhältnisse sein!« brauste der Vetter auf. »Unser Haus ist 
ein gutes und reiches.« 
»Das bezweifle ich ja auch gar nicht«, beschwichtigte 
Philipp den Aufgebrachten. »Ich habe damit nicht euch 

persönlich gemeint, sondern die Verhältnisse im fremden 
Land. Außerdem weiß man ja gar nicht, ob Silje deinen 
Bob überhaupt liebt.« 
»Hach, dann sein das eine lachhafte Girl!« fühlte die 
Mutter des jungen Mannes sich in ihrer Eitelkeit getroffen. 
»Meiner Sohn können haben Frauen ohne Zahlen. Aber er 
willen nicht, er willen das Silje. Und ich und meiner liebe 
Mann wollen auch. Und ihr sein eine abgünstige Pack, 
willen ich sagen.« 
Das war zwar ernst gemeint, klang jedoch so drollig, daß 
die anderen lachen mußten. Und da Frau Mabel kein 

background image

Spielverderber war, tat sie lustig mit. 
Jetzt traten auch die beiden jungen Menschen hinzu, lustig 

und fidel, mit kältegeröteten Wangen und blitzenden 
Augen. 
»Wir sind Schlitten gefahren«, berichtete Bob strahlend. »So 
richtig mit Pelzdecken und lustigen Schellen, wie du es uns 
immer erzähltest, Daddy. Das war ein Spaß – und ich bin 
glücklich!« 
Man glaubte es ihm ohne weiteres, wenn man seine 
leuchtenden Augen sah – und die Siljes leuchteten nicht 
minder. Philines Herz zog sich schmerzend zusammen. 
Was sollte werden, wenn Silje sich wirklich in den jungen 
Mann verliebt hatte? Dann würde es bestimmt so kommen, 
wie er und seine Eltern es als Selbstverständlichkeit 

annahmen. 
Das sagte sie auch zu Schwägerin und Bruder, als sie diese 
am nächsten Morgen allein erwischen konnte. Und 
während Ottilie bekümmert dreinschaute, sagte Philipp 
unwirsch: 
»Ich werde aus Eike überhaupt nicht mehr klug. Hat er 
denn gar kein Blut in den Adern, daß er so gelassen mit 
ansehen kann, wie ein anderer ihm das prächtige 
Menschenkind gewissermaßen vor der Nase wegschnappt? 
Der Kuckuck soll das alles holen!« 
»Aber Mann, wie kann man gleich so ungehalten sein!« 
beschwichtigte die Gattin den Erbosten. »Vielleicht liebt 

Eike das Mädchen gar nicht so, wie wir immer annahmen.« 
»Dann ist er ein Narr!« 
Die Tür knallte hinter ihm zu, und Ottilie klagte: 
»Ach, Philchen, daß wir aus dem Hadebrecht-Haus doch 
nicht zur Ruhe kommen können! Wären sie doch nur zu 
Hause geblieben, die uns jetzt unsere Silje nehmen 
wollen!« 
»Na, na, noch ist es ja nicht soweit«, tröstete die 
Schwägerin – aber überzeugend klang das nicht. Und auch 
Philine wünschte, gleich ihrem Bruder, diese überhebliche 
Verwandtschaft zum roten Kuckuck. 

background image

Die Hände in den Hosentaschen, einen schmissigen 
Schlager vor sich hin pfeifend, so schob sich Bob ins 

Zimmer, wo seine Eltern in Gesellschaft Ottilies und 
Philines saßen. 
»Morgen!« grüßte er nachlässig. »Schon gefrühstückt?« 
»Schon ist gut«, lachte der Vater. »Es ist zehn Uhr. 
Verschlafen, my boy?« 
»No«, ließ er sich in einen Sessel fallen und gähnte 
ungeniert. »Aber ich hatte keine Lust, früher aufzustehen, 
weil ich nicht weiß, was ich anfangen soll. Ohne Silje 
macht mir alles keinen Spaß.« 
»Schläft sie noch?« fragte die Mutter verwundert. 
»Nein, sie arbeitet. Als ob sie das jetzt noch nötig hätte, wo 
sie ohnehin meine Frau wird!« 

»Oh, dann sein sie schon dein liebes Braut?« 
»Noch nicht, Ma, noch tut sie spröde. Aber das legt sich 
bald.« 
»Also noch kein Küßchen?« zwinkerte der Vater seinem 
Filius verschmitzt zu, der unwillkürlich die Handflächen an 
die Wangen legte. 
»Lieber nicht!« schnitt er dabei eine Grimasse. »Ich glaube, 
die haut.« 
»Das glaube ich auch«, lachte Philchen schadenfroh. »Die 
gehört nämlich nicht zu den Mädchen, die sich gleich 
küssen lassen.« 
»Aber ich kenne sie ja schon seit einer Wochen!« war Bob 

verwundert. »Das ist doch eigentlich schon lange. Aber 
wenn ich von Heiraten spreche, lacht sie mich aus – und 
sie kann so wonderful lachen. Ich muß sie gleich mal 
sehen, sonst komm ich vor Sehnsucht um.« 
Weg war er, um jedoch schon nach einer halben Stunde 
zurückzukehren, verärgert und verdrießlich. 
»Na, gemütlich geht’s in dem Betrieb bestimmt nicht zu«, 
maulte er. »Da sitzt alles wie hinter Gefängnismauern. Auf 
meine Frage, in welchem Zimmer ich Fräulein Berledes 
sprechen könnte, bedauerte das Ekel von Portier, daß die 
Angestellten während der Dienstzeit überhaupt nicht zu 

background image

sprechen wären.« 
»Haben du ihm nicht dafür eins gelangt?« fragte die Mutter 

empört. »Du sein doch hier Gast vom Boß!« 
»Das sagte ich ihm auch, worauf er denn gnädig durch den 
Apparat fragte, wo man das gnädige Fräulein momentan 
finden könnte. Sie ist beim Juniorchef zum Diktat, sagte er 
mir dann. 
Na, was ich ihm darauf sagte, weiß ich nicht mehr, aber ein 
Gentleman sagt so was sonst nicht«, schloß er verdrossen. 
Philchen lachte ihn lieblich an. 
»Jetzt weißt du wenigstens, wie das ist, wenn in euren 
Betrieb ein junger Mann kommt, der eine Angestellte 
während der Dienstzeit sprechen will. Denn ich glaube 
nicht, daß die Geschäftsdisziplin bei euch anders ist als bei 

uns.« 
»Ach was, Silje ist ja gar nicht richtig eine Angestellte!« 
maulte er weiter wie ein Kind, dem man ein begehrtes 
Spielzeug vorenthielt. 
Aber Philchen beharrte: 
»Doch, sie ist’s – und wünscht selbst keine Ausnahme zu 
machen.« 
Das sagte ihm Silje auch persönlich, als sich Bob am 
Mittagstisch über den mißglückten Besuch bei ihr beklagte. 
»Mein lieber Herr Brown, bei uns heißt es: Dienst ist 
Dienst, und Schnaps ist Schnaps.« 
»Racker!« drohte Brown senior ihr schmunzelnd. »Aber ein 

entzückender! Nun steck deine finstere Miene weg, boy – 
deiner Sehnsucht Traum sitzt ja neben dir. Die Chefs 
werden ihrer armen Angestellten einen Sonderurlaub bis 
zum Ende des Jahres bewilligen, das ja nur noch vier Tage 
währt. Nicht wahr, ihr Gestrengen?« 
»Nein«, entgegnete Eike gelassen. »Wenigstens ich nicht, da 
Fräulein Berledes zur Zeit als Nachfolgerin von meiner 
Sekretärin eingearbeitet wird, die mit dem letzten Tag des 
Jahres aus dem Betrieb ausscheidet, weil sie heiraten will.« 
»Na, das wollen wir doch mal sehen!« brauste Bob auf. »Ich 
gedenke nämlich auch zu heiraten, und zwar Silje.« 

background image

Weiter kam er nicht unter den ironischen Blicken Eikes, der 
mit einer Ruhe, die andere manchmal rasend machen 

konnte, meinte: 
»Das ändert allerdings die Sache. Da kann Fräulein 
Berledes selbstverständlich zu jeder Zeit aus ihrem Dienst 
ausscheiden.« 
»Aber das will ich ja gar nicht!« schaltete sich jetzt Silje 
ärgerlich ein. »Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, so 
ohne weiteres über mich zu verfügen, Herr Brown?« 
»Aber Silje – du hast doch gesagt – du wolltest doch – 
«,stotterte er unter ihrem zürnenden Blick. 
»Nichts habe ich, und nichts wollte ich, verstanden? Was 
fällt Ihnen ein, mich mir nichts, dir nichts zu duzen? Soviel 
ich weiß, habe ich Ihnen die Erlaubnis dazu nicht erteilt.« 

»Aber du tust es jetzt, nicht wahr?« schmeichelte Bob, 
seinen Kopf dem ihren ganz nahe bringend. Sein Arm hob 
sich, um die Zurückweichende, in deren Augen es 
gefährlich aufblitzte, zu umfassen – und da hob die 
Hausherrin geistesgegenwärtig die Tafel auf. 
Ehe man so recht zur Besinnung kommen konnte, hatte 
Silje das Zimmer verlassen. 
»Na, das sein ja ein ganz ungeratener Mädchen!« sprach 
Frau Mabel da in die beklemmende Stille hinein. »Du 
haben es übel gezogen, deine Mündel, Phil. Bei uns wir 
kennen solches nicht.« 
»Dann seid froh!« lachte der Hausherr über das ganze 

Gesicht. Am liebsten hätte er einen Jauchzer ausgestoßen, 
so froh war ihm zumute. 
Ottilie und Philchen strahlten – und Eike hatte ein ganz 
eigenes Leuchten in den Augen. 
Und das sollte Frau Mabel nun verstehen, die sich zutiefst 
gekränkt fühlte! Nein, die Verwandten des Gatten gefielen 
ihr plötzlich gar nicht mehr. 
Und dieses Mädchen – anstatt himmelhoch dankbar zu 
sein, daß »so ein reiches Mann« wie Bob es überhaupt 
heiraten wollte, spielte es sich wie eine Erbtochter auf, 
hinter der Milliarden standen! 

background image

»Kommt, wir gehen raus aus dieser Haus, wo man lacht 
über Weinen!« erklärte sie energisch. »Anstatt ungezogener 

Mädchen blasen das Marsch, lassen man es frech gehen. 
Packen wir Sachen und sagen bye-bye!« 
Leider verfehlte diese zornerfüllte Rede, welche die 
Hadebrechts samt und sonders in Grund und Boden 
schmettern sollte, ihre Wirkung, weil sie gar zu drollig 
klang. Selbst auf dem Gesicht des Gemahls der resoluten 
Dame zeigte sich ein Schmunzeln. Denn er nahm diese 
Angelegenheit durchaus nicht tragisch. 
Du lieber Himmel, sein Junge war bestimmt nicht auf 
dieses süße kleine Mädchen angewiesen – der bekam 
Frauen noch und noch! War’s nicht diese, war’s eben eine 
andere. 

Aber er mußte dennoch so tun als ob, um die Gattin nicht 
noch mehr zu erzürnen. Wenn Mamchen befahl, hatten 
Papa und Sohnemann zu gehorchen, das war nun mal 
erstes Gesetz im Hause Brown. 
Und so kam es denn, daß die Gäste ebenso plötzlich 
verschwanden, wie sie vor einer Woche aufgetaucht waren. 
Silje, die wie gewöhnlich pünktlich zum Dienst gegangen 
war, erfuhr diese Neuigkeit erst nach ihrer Rückkehr. Und 
zwar von Philchen, die sie auf ihrem Zimmer bereits 
ungeduldig erwartete. 
»So bin ich es – wirklich ich – welche die Veranlassung zu 
der überstürzten Abreise gab?« fragte sie erschrocken. »Das 

habe ich bei Gott nicht gewollt! Ist man mir hier im Hause 
bitter gram, daß ich die Gäste vertrieben habe?« 
»Aber gar nicht!« beruhigte Philchen scheinheilig. »Da 
brauchst du gar nicht so ängstliche Augen zu machen. Oder 
tut es dir leid, daß du deinen Freier los bist?« setzte sie 
lauernd hinzu. 
Silje winkte fast verächtlich ab. 
»Ach, woher denn? Froh bin ich, daß ich mich gegen den 
stürmischen jungen Mann nicht mehr zu wehren brauch. O 
Gott, hatte der ein Tempo! Verlobung, Hochzeit, 
Scheidung – das möglichst an einem Tag. Warum lachst du 

background image

denn so vergnügt, Philchen?« 
»Über deine komische Entrüstung, Marjellchen. Aber du 

hast recht, ein solches Tempo sind wir hier nicht gewohnt 
– Gott sei Dank! Doch nun komm, der Gong ruft zum 
Abendessen. Ich bin ordentlich froh, daß man es jetzt 
wieder ohne die quecksilberige Gesellschaft einnehmen 
kann. Es sind zwar liebe, gute Menschen, die Browns, aber 
sie können einem mit ihrem schwindelerregenden Tempo 
auf die Nerven fallen.« 
»Philchen, ich habe Angst.« 
»Wovor denn?« 
»Daß man mir unten Vorwürfe machen könnte.« 
»Schaf«, entgegnete Philchen, und es klang sehr, sehr 
zärtlich. »Hast du eine Ahnung! In Gold möchten sie dich 

am liebsten fassen.« 
Das verstand Silje zwar nicht, war jedoch froh, als man sie 
unten mit besonderer Herzlichkeit empfing. So gut Bob 
Brown ihr in seiner frischen Jungenhaftigkeit auch gefallen, 
so sehr hatte sie sich von seinen ehrlichen Heiratsabsichten 
bedrückt gefühlt, weil sie seine Frau nun einmal nicht 
werden konnte und auch nicht wollte. Denn ihr Herz lag 
tief verankert im Hadebrecht-Haus. Es verlassen sollen, 
hieße für sie, ihr Leben aufgeben müssen – auch wenn 
ihres Herzens bangende Sehnsucht keine Erfüllung finden 
sollte. Ihr blieb dann immer noch ein liebes, trautes 
Zuhause. 

Und wie traut dieses Zuhause war, kam dem Waisenkind 
Silje Berledes erst jetzt so recht zum Bewußtsein. Es umfing 
sie wie mit linden Armen, wenn sie vom Dienst kam, der 
ihr selbst schon so viel Schönes bot. 
Was tat’s, daß der Juniorchef sie stets korrekt als Sekretärin 
behandelte? Er war ihr nahe, sprach mit ihr. Hatte sogar ein 
Lächeln für sie – und wenn es gleich einem Lapsus galt, der 
sich manchmal noch in ihre Arbeiten stahl. 
Aber dieses Lächeln war so lieb und gut, daß die Sekretärin 
es am liebsten immer wieder heraufbeschworen hätte – 
wenn ihr Ehrgeiz nicht gewesen wäre. 

background image

Also nahm sie sich zusammen. Sie wollte doch dem 
gestrengen Chef beweisen, daß er keinen Fehlgriff tat, als er 

gerade sie zur Nachfolgerin seiner tüchtigen Sekretärin 
erwählte. Nicht der Protektion wollte sie diesen 
bevorzugten Posten verdanken, sondern allein ihrem 
Können. 
So wurde im Dienst durchaus korrekt gearbeitet. Aber zu 
Hause, ja, da war es anders. Da war Eike Hadebrecht nicht 
mehr der Juniorchef und Silje Berledes nicht mehr die noch 
unsichere Sekretärin, da war man Mensch zu Mensch. 
Viel mehr noch. Silje war ein zärtlich geliebtes 
Haustöchterchen, das man um alles in der Welt nicht mehr 
missen wollte. Das war schon lange so gewesen, war aber 
Silje nie so bewußt geworden wie in den Tagen zwischen 

Weihnachten und Neujahr, als die »Holterdiepolters«, wie 
Philipp seine amerikanischen Verwandten bezeichnete, 
hier herumspektakelten und Silje gar mit sich wirbeln 
wollten in ein ihr fremdes Land. 
Da packte Silje bebende Angst, die erst schwand, als die 
Gefahr vorüber war. Sie durfte sich jetzt wieder sicher 
fühlen unter den Menschen, die sie von ganzer Seele liebte 
und denen sie mit ganzem Herzen verfallen war. 
Und am Tage vor Silvester kam auch wieder die Geige zu 
Wort, die nach Ilonas Tod geschwiegen hatte. Man wollte 
sie endlich wieder einmal hören, und gern gab Silje dem 
Wunsch nach. 

Wie etwas Heiliges hielt sie die Geige des einst so 
strahlenden Künstlers Thomas Brecht im Arm, dessen Liebe 
zu seiner Stieftochter noch über das Grab hinaus wirkte. 
Denn hätte er diese kurz vor dem Tode seinem Vater nicht 
so warm ans Herz gelegt, dann wäre es Silje Berledes 
genauso ergangen wie anderen elternlosen, unbehüteten 
Jungmädchen. 
»Laß meine Silje, die mir genau so wert ist wie ein eigenes, 
herzliebes Kind, eine traute Heimat im Hadebrecht-Haus 
finden – «, schrieb der Mann flehentlich, der schon seinen 
Tod nahen fühlte. »Laß sie zu euch gehören wie ein junges 

background image

Reis am Baum – und es wird ein gutes Reis sein.« 
An diese Worte dachte Philipp Hadebrecht, als das 

Vermächtnis seines Sohnes an ihn jetzt holdselig dastand. 
Gebe Gott, daß das Schicksal dieses zarte Reis nicht vom 
Stamm der Hadebrecht abschlüge! 
Fast wäre es schon soweit gewesen, daß man dieses zarte 
Reis auf einen fremden Stamm gepfropft hätte. Aber noch 
war dieses unerbittliche Schicksal an denen im Hadebrecht-
Haus vorübergegangen. 
»Laß mich, Tante Philchen!« wehrte Eike, als diese an den 
Flügel treten wollte, um das Geigenspiel zu begleiten. »Was 
die Geige des Meisters zu sagen hat, werde auch ich 
begreifen.« 
»Na, wenn man«, betrachtete Philchen ihren schneidigen 

Neffen skeptisch. »Dazu gehört viel Herz und viel Gefühl.« 
»Wer sagt, daß ich beides nicht habe?« 
»Deine Gelassenheit, mein Sohn.« 
Da lachte Eike Hadebrecht so frei und froh, wie er schon 
lange nicht mehr gelacht hatte. Er nahm am Flügel Platz 
und präludierte so lange, bis eine bekannte Melodie hörbar 
wurde, die Silje auf der Geige sofort aufgriff. 
Es war ein Zusammenklang der Instrumente in seliger 
Freude, in Lust und Schmerz, wie es der fremdländische 
Prinz in Lehárs unsterblicher Operette »Das Land des 
Lächelns« empfand: 
 

Dein ist mein ganzes Herz – 
wo du nicht bist, kann ich nicht sein – 
 
Wie eine Offenbarung klang es, wie ein Bekenntnis voll 
süßer Schwere, dieses flehende: Wo du nicht bist, kann ich 
nicht sein. 
Das war schon oft gesagt von Dichtern, schon oft 
empfunden von Herz zu Herz. Aber es blieb immer neu, 
das beschwörende: Wo du nicht bist, kann ich nicht sein. 
Und wird es bleiben, solange die Welt atmet, solange 
sehnsüchtige Menschen darauf leben. 

background image

Dann wich das Klavierspiel von der Melodie ab, erging sich 
in Variationen, bis eine andere Weise aufklang, die auch 

der Geigerin wohlbekannt war. Sie erzählte von dem 
schönen Spielmann, der am Waldessaum schlief und dem 
sich im Traum drei wunderschöne Mädchen vorstellten: 
»Der Glaube und die Liebe, die Hoffnung heißen wir, wen 
du von uns erwählest, zieht in dein Haus mit dir.« Der 
Spielmann ward verlegen und sagt’: »Ich hab’ kein Haus, 
ihr alle drei sollt folgen, mir in die Welt hinaus.« 
»Nur eine kann dir folgen, nur eine, die wird dein, nur eine 
darfst du wählen, nur eine soll es sein.« 
»Darf ich nur eine wählen, und soll es nur eine sein, dann 
wähl ich mir die Liebe, die sei fortan die Mein’.« 
Da sprachen die drei Mädchen: »Du trafst die rechte Wahl, 

die Liebe ist im Leben das höchste Glück zumal. Wir 
andern aber beide, wir wollen auch mit dir gehn, denn 
ohne Glaube und Hoffnung, kann die Liebe nicht 
bestehn.« 
Schon längst hatte die herzinnige Stimme der Geigerin 
eingesetzt, gleich zu Anfang des Liedes. Wie träumend 
sprach der jungrote Mund, was ein Dichter einst empfand, 
dessen Worte Ewigkeitswert behalten sollten. Denn Liebe 
ist wohl zuerst allein schon beglückend genug, doch wenn 
sie Bestand haben soll, dürfen Glaube und Hoffnung dabei 
nicht fehlen. 
Silje Berledes war noch nie so schön gewesen, wie jetzt in 

ihrer Verträumtheit. 
Der Mann am Flügel konnte keinen Blick lassen von der 
zaubersüßen Gestalt. Um seinen Mund lag jetzt das 
Lächeln, das Silje so sehr an ihm liebte, und in seinen 
Augen stand ein glückhaftes Leuchten. 
Die Zuhörer wagten kaum, sich zu rühren, fühlten sich wie 
verzaubert durch eine fremde, heilige Macht. 
Am Silvestermorgen geschah dasselbe wie vor einem Jahr. 
Philchen weckte das Geburtstagskind eine Stunde früher als 
gewöhnlich. Sah schmunzelnd mit an, wie die 
verschlafenen Augen blinzelten, wie der Mund sich zu 

background image

einem herzhaften Gähnen öffnete, wie der jugendschöne 
Mädchenkörper sich dehnte und streckte. 

»Das alles habe ich schon einmal erlebt«, meinte Philchen 
trocken. »Nur daß du damals ein Jahr jünger warst, du 
kleine Schlafmütze.« 
»Hach, Geburtstag habe ich heute!« machte Silje einen 
Freudensprung aus dem Bett. »Sag Philelinchen, was wird 
er mir bringen?« 
»Wahrscheinlich niedliche Fixfaxereien.« 
»Und weiter?« 
»Mädchen, ich bin keine Hellseherin.« 
»Aber ein Scheusal – und zwar ein sehr geliebtes«, lachte 
das frischfröhliche Menschenkind die Tonleiter auf und 
nieder. Dann verschwand es im Badezimmer, rückte bald 

darauf blankgeputzt in Philchens Wohngemach an – und 
machte ein enttäuschtes Gesicht. 
»Philinchen, es sieht ja hier aus wie immer!« 
»Na, was denn sonst, du kleines Schaf? Meinst du etwa, 
daß du immer noch mein alleiniges Eigentum bist wie vor 
einem Jahr? Man macht mir dieses Besitzerrecht schon 
längst streitig. Komm nach unten, da findest du heute 
deinen Geburtstagstisch.« 
Und er war reich, wie Silje bald darauf feststellen konnte. 
Für die entzückenden »Fixfaxereien« zeichneten Ottilie und 
Philine, doch für das Sparkassenbuch mußte der Vormund 
geradestehen. 

Die darin vermerkte Summe war so hoch, daß Silje sie 
zuerst erschrocken anstarrte – und dann zu protestieren 
versuchte. 
»Onkel Philipp, das geht doch nicht…« 
»Warum nicht? Ich werde meinem Mündel doch wohl 
noch ein Geburtstagsgeschenk machen können!« 
»Dann streich bitte zwei Nullen.« 
»Fällt mir gar nicht ein. Noch etwas?« 
»Nein, ich füge mich schon«, lachte Silje. 
Und dann blieb ihr Blick an einem Strauß haften, der 
gleich einem flammenden Liebesgruß alles andere 

background image

überstrahlte. Rote Rosen waren es, zwanzig an der Zahl, die 
in einer kostbaren Vase prunkten. Und ebenso leuchtend 

rot waren die Wangen des Geburtstagskindes, das den Blick 
nicht zu heben wagte. Es bot einen holden Anblick, der 
den Menschen, die es umstanden, das Herz aufgehen ließ, 
ganz groß und weit. 
Und was kam da angetrippelt? – Ute Hadebrecht, in der 
ganzen Allerliebstheit ihrer drei Jahre. Das mollige 
Körperchen steckte in einem niedlichen Strickkleid, die 
dicken Patschen hielten mehr liebevoll als vorsichtig einen 
Strauß Christrosen, der nun dem Geburtstagskind 
strahlend gereicht wurde. 
»Da, nimm, Tante Sil!« plauderte das rote Mündchen, das 
sich immer noch nicht zu schwierigen Worten formen 

wollte und es daher nonchalant bei Abkürzungen ließ. »Da 
nimm – mit Gottes Segen.« 
»Aber Ute, das kommt doch erst in dem Gedicht vor, das 
du der lieben Tante aufsagen sollst!« bemerkte der Vater 
lachend, doch das Töchterlein winkte mit der Geste einer 
Dame von Welt ab: 
»Laß nur Papi, geht so besser.« 
»Und kommt auf eins heraus«, lachte der Opapa in seinem 
dröhnenden Baß. »Du hast den Sinn erfaßt, Marjellchen! 
Aber was umspannt denn da dein molliges Ärmchen? Das 
sieht ja ganz nach einer goldenen Fessel aus.« 
»Das ßenk ich Tante Sil«, erklärte das Mägdlein strahlend. 

»Das da unten, das ist meins.« 
Damit tippte das rosige Fingerchen auf ein silbernes 
Kettchen am Handgelenk, doch darüber gleißte es von 
Gold und Edelsteinen. Als das tapsige Händchen dieses 
Kleinod abstreifen wollte, verfing es sich in dem silbernen 
Kettchen, und die Kleine lachte. 
»S-treif über, Tante Sil, dann sind wir beide 
ßzusammengebunden. Dann kannst du nis mehr weg, wie 
Anka sagt und ihre Mami. Auch nis mal bis Amerika.« 
Man konnte sich ungefähr denken, was das Kind da 
aufgeschnappt hatte und nun in seiner Unschuld 

background image

wiedergab. 
Doch bevor noch ein Peinlichkeitsgefühl aufkommen 

konnte, griff schon eine nervige Männerhand zu, löste 
geschickt das Armband von dem silbernen Kettchen und 
streifte es rasch auf einen weichen, warmen Mädchenarm. 
»Is aber von mir!« bemerkte das Mägdlein stolz. 
Bevor es noch mehr ausplaudern konnte, warf Philchen 
eine trockene Bemerkung dazwischen, die sie alle herzlich 
lachen machte. 
»Leider müssen wir zwei Mannsleut noch eine dringende 
Geschäftsreise machen«, erklärte der Hausherr, als man am 
Frühstückstisch saß. 
»Wir täten’s wahrhaftig nicht, wenn nicht so viel davon 
abhinge. Aber am Abend sind wir bestimmt zurück, und 

wenn es da gleich Eisklumpen hageln sollte.« 
Nachdem man gefrühstückt hatte, sagte der Senior 
schmunzelnd: 
»Nun komm, mein Sohn. Begeben wir uns hinaus zur 
Mutter Natur, die alles so herrlich vereist hat. Wagen wir 
uns hinaus in die klirrende Kälte. Warum lacht ihr? Ich bin 
ja schließlich nicht umsonst der Vater meiner poetischen 
Tochter Thea.« 
Und tatsächlich sagte diese, als sie gegen zehn Uhr mit dem 
Gatten im Elternhaus eintraf: 
»Daß wir uns in die klirrende Kälte hinausgewagt haben, 
sei euch ein Beweis, wie sehr wir an euch Lieben hängen. 

Viel lieber hätten wir den Eintritt des neuen Jahres im 
trauten Heim verlebt, von dem wir so viel Köstliches 
erwarten. Nicht wahr, Herzschätzelein?« 
Der so zärtlich Benamste schwieg. Denn er war ein 
Philosoph – und zwar ein lächelnder. Immer nur lächeln, 
sagte er sich, das ist für mich bequem und tut anderen 
nicht weh. Seine Welt waren die Bücher, aus denen er 
Weisheit und Frieden schürfte. Alles andere lag in den 
Händen der Gattin, die für sein leibliches Wohl vorbildlich 
sorgte. 
Und wenn sie überschwenglich wurde – nun, das nahm er 

background image

mit lächelnder Nachsicht hin. 
Von seiner Stieftochter Anka merkte er kaum etwas, da sich 

diese fast ausschließlich im Hadebrecht-Haus aufhielt. Aber 
was sollte werden, wenn nach sechs Monaten ein kleiner 
Schreihals die jetzt so friedliche Wohnung durchbrüllte? 
Das mußte man erst einmal abwarten. 
Jetzt jedenfalls verhielt der Mann sich still, als die Gattin 
von dem kommenden kleinen Wesen schwärmte. Es würde 
bestimmt so sein, wie sie es sich wünschte. Das war die 
Zuversicht, die alle werdenden Mütter gemeinsam haben. 
»Na, laß man, es wird schon werden«, brummte Philipp, 
dem die Überschwenglichkeit Theas allmählich auf die 
Nerven ging. Er wünschte seiner einzigen Tochter natürlich 
alles Glück auf Erden – aber im Augenblick lag ihm das des 

Sohnes viel mehr am Herzen. 
Würde er heute endlich das Wort sprechen, das längst fällig 
war wie eine überreife Frucht? Worauf wartete der 
schwerfällige Junge denn noch? Etwa bis das Trauerjahr um 
Ilona vorüber war? Darauf brauchte er bestimmt keine 
Rücksicht zu nehmen. 
Gewiß, sie hatte ihm einmal ein karges Glück gegeben, das 
jedoch schon endete, bevor es richtig begann. Was 
hinterher kam, war für den Mann ein mühsames Einlösen 
eines gegebenen Wortes. 
Der Tod war barmherzig genug gewesen, ein Band zu 
lösen, das schon längst vermorscht war. Das Grab lag fern 

von hier. Wurde betreut von den Eltern, die damit an 
ihrem toten Kind gutmachen wollten, was sie dem 
lebenden stets schuldig geblieben waren. 
Und das lebendige Vermächtnis der so wortreich 
Betrauerten? Nun, das lag jetzt wohlverwahrt in seinem 
Bettchen, neben dem noch ein zweites stand, in dem Anka 
friedlich schlummerte. Sie fühlte sich geborgener darin als 
in dem großen weißen Bett, das in ihrem neuen Elternhaus 
stand. Es war alles so kahl und leer in dem Stübchen, so gar 
nicht lieb und traut wie in dem, das der kleinen Base 
gehörte. Wenn diese auch noch ein kleines Dummchen 

background image

war, mit dem ein Schulmädchen nicht ernsthaft reden 
konnte, aber sie war dennoch lieb, und das Bettchen, das 

neben dem ihren stand, weich und warm. 
Voll Behagen kuschelte Anka sich in die Daunen. Mochte 
die Mami doch reden von Brüderlein oder Schwesterlein, 
ihres war und blieb Ute, das süße Dummchen. 
Mit dem zärtlichen Gedanken schlief Anka ein. Was unten 
vor sich ging, kümmerte sie nicht. Sie war ein Kind, und 
Kind sein, heißt froh sein. Das hatte Tante Silje einmal in 
einem der Märchen, die sie so lieb erzählen konnte, gesagt. 
Seitdem war die Tante Silje für die neunmalkluge Anka ein 
Begriff, viel mehr noch als die Mami und der Papi, der ihr 
sowieso noch immer etwas fremd war. Ihre kleine Welt war 
und blieb das Hadebrecht-Haus, in dem sie auch heute aus 

dem alten Jahr ins neue sorglos hinüberschlummerte. 
Indes saß man unten geruhsam beisammen, diesmal ohne 
die Gäste vom vorigen Jahr. Man hatte da ja eine gute 
Ausrede wegen Ilonas Tod. 
Die junge Frau Bärbel hätte sowieso nicht kommen 
können, weil gerade heute der Storch ein kleines Mädchen 
in die bereitgehaltene Wiege plumpsen ließ, was den 
Gatten und auch die Eltern Bärbels beglückte. Da stand 
ihnen wahrlich nicht der Sinn danach, im fremden Hause 
das Neue Jahr zu erleben. 
Und die Seiflings? Nun, die mußten zu ihrem Mannerchen 
reisen, das sich augenblicklich auf der Hochzeitsreise 

befand. Ob das junge Paar sehr entzückt von dem Besuch 
der Eltern war, ließ sich allerdings nicht ergründen. 
Und der Weltmann Bergau? Nun, der befand sich seit 
einiger Zeit wieder einmal im Bannkreis einer 
»Mondänen«. 
Somit waren sie alle gut untergebracht, die vor einem Jahr 
im Hadebrecht-Haus als Gäste Silvester feierten. Ohne sie 
war es auch sehr schön – wenn nur nicht Thea gewesen 
wäre, die in ihrer überschwenglichen Schwärmerei über das 
»Kommende« und »Beglückende« langsam zur Nervenfolter 
wurde. Bis der Vater schließlich eine Bemerkung machte, 

background image

die seiner schwärmerischen Tochter gewissermaßen in die 
falsche Kehle geriet. Da zog sie sich tiefgekränkt zurück, 

setzte sich an den Flügel und spielte – Wiegenlieder. 
Na schön, da war sie wenigstens gut untergebracht. Man 
hörte einfach nicht zu, sondern unterhielt sich angeregt, bis 
es draußen auf dem Fabrikgelände zu knallen begann. Da 
zog man sich die Mäntel an, trat auf den Balkon und 
ergötzte sich an dem sprühenden Schauspiel, das man 
schon so oft gesehen hatte und das doch immer wieder neu 
war. 
Silje hielt sich hinter den anderen, weil sie die Tränen nicht 
sehen lassen wollte, die ihr trotz aller Beherrschung über 
die Wangen liefen. Sie mußte an ihre Mutti denken, an 
ihren Paps – und dann gab es da noch etwas, das ihr das 

Herz so bitter weh tun ließ. Es tat allerdings schon lange 
weh, aber heute doch ganz besonders. 
Erschrocken fuhr Silje zusammen, als zwei Hände rücklings 
ihre Oberarme entspannten. Sie wußte wohl, wem diese 
Hände gehörten, deren Wärme sie durch den Pelz zu 
spüren glaubte. 
Ihr Herz tat tiefe, bange Schläge, als müßte es gesprengt 
werden von dem allmächtigen Gefühl, von dem es 
ausgefüllt war bis zum Rande. Langsam legte sie den Kopf 
zurück, bis er an einer Schulter Halt fand. 
Und dann fühlte sie zwei zuckende Lippen, die ihr 
unendlich zart die Tränen von den Wangen küßten. Es 

waren Augenblicke für die beiden Menschen, wie das 
Schicksal sie nur ihre Lieblingskinder erleben läßt. 
Die anderen hatten schon bemerkt, daß sich hinter ihrem 
Rücken zwei Herzen in tiefster, verschwiegener 
Glückseligkeit fanden. Sie sprachen lebhaft, lachten und 
scherzten – nur Thea nicht, obwohl man gerade von ihrem 
»poetischen Gemüt« die größte Zartheit erwarten durfte. Sie 
drehte sich neugierig um, doch bevor sie noch ihrem 
Erstaunen Ausdruck geben konnte, hatte Reinhold sie 
schon zu sich herangezogen. 
»Still – kein Wort jetzt!« sagte er leise, aber scharf- und da 

background image

blieb ihr vor Überraschung der Mund offen. Und das war 
gut. Da ließ sie wenigstens das junge Paar in Ruhe, das 

hinter ihnen wie selbstvergessen verharrte. Und gerade als 
von den Türmen die Glocken läuteten, fanden sich die 
Lippen der beiden Menschen, in deren Herzen sich die 
hellen Glocken des Glücks mit den dunklen auf den 
Türmen jubelnd vermischten. 
Hinter ihnen im Zimmer ließ der Diener die Sektpfropfen 
knallen – und schon brandete es von unten auf, das 
vielstimmige: Prosit Neujahr!!! 
»Also, denn man ’rein mit euch ins Neue Jahr, geliebtes 
Brautpaar!« polterte Philipp, um seine Rührung zu 
verbergen. 
Hell klangen die Gläser zusammen, man wünschte sich 

gegenseitig viel Glück, lachte und jubelte durcheinander 
und war dann so schachmatt vor Freude, daß man sich erst 
einmal setzte und die lechzende Kehle mit dem 
prickelnden Naß ergiebig labte. 
Ach, wie war man doch froh, so recht von Herzen glücklich 
und zufrieden! 
Nur Thea weinte. 
»Ja, was ist denn mit dir los?« fragte der Vater verwundert. 
»Hat dich die Verlobung etwa so sehr erschüttert?« 
»Ach, das doch nicht«, tat sie wegwerfend ab. »Darum wird 
schon gerade genug Trara gemacht, während man von 
meiner Verlobung kaum Notiz nahm. Ich weine, weil mir 

eine bittere Kränkung widerfuhr. Oh, ich Arme! Mein 
Glück, mein Leben, mein Reinhold hat mich – 
angeschnauzt!« 
»Na, nu schlägt’s dreizehn!« lachte der Senior in seinem 
dröhnenden Baß. »Das kannst du auch, 
Reinimutziputzischätzle? Mann, du beginnst mir direkt zu 
imponieren!« 
»Na, so arg ist es auch wieder nicht«, winkte der Geneckte 
stillvergnügt ab. »Ich mußte leider kurzangebunden 
werden, weil zu einer längeren Erklärung keine Zeit blieb. 
Thea wollte nämlich die beiden Menschen, die sich eben in 

background image

stiller Glücksversunkenheit gefunden hatten, mit Ausrufen 
der Verwunderung stören. Also, Theakind, es war nicht bös 

gemeint. Sei wieder gut!« 
»Ja, wenn du meinst, Herzensschätzelein – « 
»Na also!« schmunzelte der Senior. »Somit wäre ja alles in 
schönster Ordnung. Und nun zu euch, mein liebes Paar. 
Sei froh, mein Sohn, daß du dein ›Mutzuputzischätzchen‹ 
im Arm halten darfst – und nicht der draufgängerische 
Bob! Hast wahrlich nichts dazu getan, um ihm die 
›zauberhafte Beute‹ abzujagen.« 
»Hätte ich das gemußt, so hätte die ›Beute‹ an Köstlichkeit 
für mich verloren«, kam die Antwort. »Es war mir ja so 
sicher, mein Herzliebchen – und wenn da noch zehn 
solcher Bobbies gekommen wären!« 

»Na, eingebildet bist du gar nicht!« meinte Philchen 
trocken, und die anderen lachten – fröhlich, lustig, 
unbeschwert. Sie konnten es ja jetzt wieder, die aus dem 
Hadebrecht-Haus, weil der Herrgott ihnen gnädig war. 
Und dann entdeckte Thea den Ring, der an der zarten 
Mädchenhand glänzte und gleißte. Die Augen der jungen 
Frau wurden kugelrund, die üppige Gestalt setzte sich in 
Positur. 
»Oh, welch herrliches Kleinod! Das muß doch sehr viel – « 
» – gekostet haben«, warf der Bruder lachend ein. »Hat es 
auch. Soll ich dir die Rechnung zeigen, Schwesterchen?« 
»Pfui, das war taktlos!« schmollte sie. »Ich gönne Silje alles 

von ganzem Herzen.« 
nur! – hätte man da sagen können. Die Miene Theas sah 
gar nicht so »gönnerhaft« aus. Und dabei hatte sie gar keine 
Ahnung von dem kostbaren Büchlein, das auf dem 
Geburtstagstisch gelegen hatte – und das Silje mit 
Einverständnis der anderen wegnahm, um nicht den Neid 
der mißgünstigen jungen Frau zu erregen. 
»Findest du nicht auch, Herzensmännchen, daß man dieses 
fremde Mädchen unglaublich verwöhnt?« fragte Thea, als 
sie später an der Seite des Gatten durch die schweigende 
Winternacht schritt. 

background image

Reinhold schwelgte gerade im Anblick des Sternenhimmels 
und fuhr zusammen, als die immer ein wenig schrille 

Stimme ihn aus der Träumerei riß. 
»Ohne weiteres«, antwortete er, ohne die Frage überhaupt 
erfaßt zu haben. »Man soll sich an den Sternen freuen – 
aber sie nie begehren.« 
»Aber Schatzimann!« mahnte Thea sanft. »Ich sprach doch 
von Silje – und die ist doch bestimmt kein Stern!« 
»Sag das nicht!« lachte er, nun schon wieder auf der Erde. 
»Für Eike bedeutet sie den guten Stern.« 
»Den glaubte er ja auch schon in Ilona gefunden zu 
haben«, bemerkte Thea spitz. »Aber der verlosch ihm bald.« 
»Mein liebes Kind, das war kein Stern, sondern eine 
Windlaterne«, entgegnete Reinhold trocken. »Ich jedenfalls 

gönne Eike sein Glück von ganzem Herzen, das er sich 
nach dem Martyrium seiner Ehe auch redlich verdient hat.« 
»Da wollen wir erst einmal abwarten, wie Silje sich 
entpuppen wird. Aber wenn es um sie geht, seid ihr alle 
mit Blindheit geschlagen – auch du – zu meinem großen 
Seelenschmerz.« 
»Na, hör mal, du wirst doch nicht eifersüchtig werden?« 
fragte er erstaunt. »Das hast du wahrlich nicht nötig. Ich 
betrachte Silje mit den Augen des Dichters, und da ist sie 
nun einmal ideal. Sie ist schön, das wenigstens wirst du ihr 
wohl zubilligen müssen.« 
»Schöner als ich?« forschte sie mißtrauisch – und da mußte 

er lachen. 
»Ja – aber nicht für mich. Genügt dir das?« 
»Noch mehr, glücklich macht es mich. Doch daß man Silje 
so vergöttert, findest du das richtig?« 
»Gewiß. Die Liebe übertreibt gern, da läßt sich schlecht ein 
Maßstab anlegen.« 
»Ja – wenn du meinst – « 
Damit schloß die Debatte, wie ja jede bei ihnen zu 
schließen pflegte. 
Und während die beiden schweigend ihrem Heim 
zuschritten, saß man im Hadebrecht-Haus noch gemütlich 

background image

zusammen. Silje saß im Sessel, auf dessen Seitenpolster der 
Liebste beharrlich thronte. Sein Arm umspannte die 

Schulter des Mädchens, das den Kopf in seine Armbeuge 
schmiegte. So lauschte sie auf das Geplauder der anderen, 
warf nur ab und zu ein Wort dazwischen. Ihre Augen 
strahlten wie zwei Sonnen, wenn die Stimme neben ihr 
zärtlich raunte, was so aus tiefstem Herzensgrund kam. 
Eben sprachen die anderen von Reinhold, und der Senior 
meinte schmunzelnd: 
»Dem scheint die Süßholzraspelei doch mal so langsam auf 
die Nerven zu fallen!« 
»Und noch mehr wird es später der kleine Schreihals tun«, 
warf Philchen trocken ein. »Der liebe Reinhold gehört 
nämlich zu den Menschen, die sich mit Güte und 

Ergebenheit in alles schicken – nur ihre Ruhe darf dadurch 
nicht beeinträchtigt werden. Von Anka hat er bisher noch 
nichts gespürt und wird es auch kaum, weil sie sich bei uns 
ganz einquartieren wird, wie sie mir neulich verriet. Sie 
hängt sehr an Ute und auch an Silje. Also wirst du dich 
damit abfinden müssen, mein Herz, nicht nur eine, 
sondern zwei Töchter zu betreuen.« 
»Ich wüßte nicht, was ich lieber täte!« 
»Na, du, ich bin auch noch da!« meldete sich Eike 
eifersüchtig. »Und ich werde dich ganz gehörig mit 
Beschlag belegen. Denn du nimmst doch nicht etwa an, 
daß ich meine neue Privatsekretärin so ohne weiteres 

laufen lasse?« 
»Will ich ja gar nicht!« lachte sie ihn so lieblich an, daß er 
sie rasch einmal küssen mußte. »Dich einer anderen 
Sekretärin zu überlassen, ist mir viel zu gefährlich!« 
Man gab ihr lachend recht. 
Dann setzte Eike sich an den Flügel und spielte eine Weise, 
die Silje sofort aufgriff. 
Süß und verträumt kam es über die jungroten Lippen: 
 
»Wenn sich zwei Herzen finden, 
so muß es für immer sein – « 

background image

 
Ihre Augen hingen dabei an dem großen Bild, das den 

geliebten Paps darstellte in all seiner strahlenden 
Schönheit. 
Und was die junge Silje dann anschließend sprach, klang 
so inbrünstig wie ein Gebet: 
»Lieber Paps, ich danke dir, daß du mich hierher schicktest 
– und somit hinein in mein Glück!« 
»Ja, dafür wollen wir ihm alle danken, mein Kind«, sprach 
Philipp in die fast andächtige Stille hinein, sich dabei 
verstohlen die Augen wischend. »Und dir danken wir, daß 
du immer bei uns bleiben willst.« 
»Wie könnte das wohl auch anders sein?« entgegnete sie 
einfach. »Von euch gehen, hieße für mich, mir das Herz aus 

der Brust reißen. Und was ich euch jetzt sage, gilt jedem 
einzelnen: Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.« 
 

-ENDE-