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Die Ehe auf Abbruch

 

Roman von Leni Behrendt 

 

 

 

 

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Die Morgensonne spiegelte sich in der Kristallvase, daß sie 
funkelte und sprühte, sie überflutete die Rosen, die in ihr 

dufteten, huschte über die Gedecke und schien überhaupt 
eifrig bemüht zu sein, das ganze Gemach mit ihren 
goldenen Strahlen zu durchdringen. 
Die beiden Menschen, die ihr Frühstück beendet hatten, 
griffen nun nach den Briefen, die der Diener neben die 
Gedecke gelegt hatte. Wohltuend empfanden sie dabei die 
Stille, die nur von dem geruhsamen Tick-Tack der 
Standuhr, dem Summen der Kaffeemaschine und den 
Schnarchtönen des Dackels Schalk, der auf einem weichen 
Sessel sein Schläfchen hielt, unterbrochen wurde. 
Lächelnd las Gräfin Liane den Brief, der von einer Freundin 
stammte. Man sah der Dame ihre fünfundfünfzig Jahre 

nicht an, obgleich das dunkelblonde Haar bereits von 
Silberfäden durchwoben war. Es machten wohl das feine, 
faltenlose Antlitz und die märchenhaft schlanke Figur, die 
diese Frau so jung und immer noch schön erscheinen 
ließen. Jedenfalls war Harro Regglin sehr stolz auf seine 
Stiefmutter, die es wiederum auf ihren großen Jungen sein 
konnte. Denn er verfügte über eine blendende Erscheinung, 
der er die Gunst der Damenwelt zu verdanken hatte. Trotz 
seiner spöttischen, arroganten Art himmelten Frauen und 
Mädchen ihn an, der gern mit ihnen flirtete, aber doch stets 
der vornehme, guterzogene Kavalier blieb, was mancher 
Weiblichkeit nicht immer recht war. 

Jedenfalls war Harro Regglin, dessen ungewöhnliche 
Persönlichkeit außerdem noch die Gloriole des Reichtums 
umwob, der begehrteste Mann im Umkreise. Mochte er die 
Bemühungen der Damenwelt um ihn auch noch so 
ironisch belächeln – gerade das machte ihn in ihren Augen 
so außerordentlich interessant. 
Auch jetzt, beim Lesen des Briefes, stand wieder das 
berühmte Lächeln in dem schmalen, rassigen Antlitz, über 
dessen linke Wange sich eine Säbelnarbe zog, die 
Feindeshand im heißen Ringen des ersten Weltkrieges ihm 
geschlagen hatte. Die Hand mit den beiden kostbaren 

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Ringen hielt das Briefblatt, mit der anderen fuhr er sich 
durch das blonde, leichtgewellte Haar. 

Dann sah er zu seiner Mutter hin. Es waren Augen von 
kaltem Grau, deren Blick nicht jeder Mensch ruhig ertragen 
konnte – hauptsächlich dann nicht, wenn sie Verachtung 
widerspiegelten wie eben jetzt. 
Die sonore Stimme des Mannes durchbrach die Stille: 
»Darf ich dich einmal stören, Mutti?« 
»Gewiß, mein Junge.« 
»Dann lies – und bleibe deiner Sinne Meister«, lächelte er 
ironisch und öffnete dann gleichmütig ein anderes 
Schreiben, während die Gräfin das ihr Gereichte hastig 
überflog. Erschrocken war der Blick, der dann zu dem Sohn 
hinging, der so interessiert seinen Brief las, als ginge der in 

der Mutter Händen ihn gar nichts an. 
»Harro!« 
»Nun, kleine Mama?« 
»Junge, ich begreife nicht, wie du so gelassen sein kannst.« 
Lächelnd legte er das Schreiben zur Seite und griff über den 
Tisch hinweg nach der Mutter Hand, die er zart mit den 
Lippen berührte. 
»Du zitterst ja förmlich vor Erregung, Mutti. Wie töricht! 
Wir wissen doch schon seit länger als einem Jahr, daß 
dieser Brief einmal kommen mußte, und haben uns mit 
dem, was darin von mir verlangt wird, abgefunden.« 
»Gewiß, mein Junge – und doch habe ich immer noch 

gehofft, daß Fräulein Bracht von ihrem Ansinnen Abstand 
nehmen würde. Was wirst du tun?« 
»Nach dem Seebad fahren, wie sie es verlangt.« 
»Und weiter?« 
»Den Dingen ihren Lauf lassen.« 
»Harro, deine Gelassenheit kann einen Menschen 
manchmal direkt peinigen. Fällt es dir denn gar nicht 
schwer, diese geschmacklose Komödie zu spielen?« 
»Im Gegenteil, ich finde das alles höchst interessant. Vom 
Schicksal die Frau in die Arme gelegt bekommen, ist gewiß 
nicht alltäglich und daher äußerst reizvoll für mich.« 

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»So leicht kannst du dich darüber hinwegsetzen, daß diese 
Krämerstochter Gräfin Regglin werden soll?« 

»Nur in einer Ehe auf Abbruch! Das darfst du nämlich 
nicht vergessen, Mutter. Ein Jahr – und ich bin von dieser 
Verpflichtung frei.« 
»Und wenn doch nicht alles so glatt geht, wie du es 
annimmst, mein Junge? Es ist verlockend genug, Gräfin 
Regglin zu werden. Und das erstrebt das Mädchen doch 
nur deshalb, weil es etwas ist, das es in seinem 
übersättigten Leben noch reizen kann. Denke es dir nicht 
so einfach, mit einem Menschen leben zu müssen, von 
dem man nicht einmal das Notwendigste weiß.« 
»Ist ja auch nicht erforderlich«, entgegnete er gleichmütig. 
»Du weißt doch, kleine Mama: Nie sollst du mich befragen. 

Daß ich die mir aufgedrängte Frau wieder los werde, das 
laß nur meine Sorge sein. Gräfin Regglin zu werden, das ist 
für dieses anspruchsvolle Fräulein unter solchen 
Umständen nicht schwer. Aber Gräfin Regglins sein…«, 
schloß er achselzuckend, und die Mutter sah ihn 
bekümmert an. 
»Und wenn sie sich in dich verliebt, Harro?« 
»Das ist ihre Privatangelegenheit«, tat er es gelassen ab. 
Sekundenlang herrschte Schweigen, bis die Gräfin leise 
fragte: 
»Und – Iris?« 
Verständnislos sah Harro die Mutter an. 

»Iris? Was hat sie damit zu tun!« 
»Sie betrachtet sich als deine Braut.« 
Nun trat der arrogante Zug in Regglins Gesicht, der ihn in 
den Augen der Weiblichkeit so interessant machte. Und 
arrogant war auch der Tonfall seiner Stimme, als er sagte: 
»Tut sie das? Wie nett. Doch meiner Ansicht nach hat sie 
absolut keine Veranlassung dazu.« 
»Du bist ein entsetzlicher Junge!« entrüstete die Mutter 
sich. »Nichts nimmst du ernst, spielst mit dem Leben wie 
ein Knabe. Daß du Iris jetzt nicht heiraten kannst, das weiß 
ich wohl. Aber du darfst dem Mädchen die Hoffnung nicht 

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nehmen, daß es später geschieht.« 
O doch, Graf Regglin konnte schon ernst sein, wenn er es 

für notwendig hielt. Er kniff ein wenig die Augen 
zusammen, was seinem Gesicht einen hochmütigen 
Ausdruck gab, und antwortete in einem Ton, den er sonst 
der geliebten Mutter gegenüber nicht hatte: 
»Da ich Iris nie Hoffnungen gemacht habe, kann ich sie ihr 
folglich auch nicht nehmen. Alles Weitere ist leeres 
Geschwätz, von dem ich verschont zu bleiben wünsche. 
Und nun mach nicht ein so betrübtes Gesicht, Mutti«, 
schwächte er seine scharfen Worte ab. »Wir wollen nicht 
weiter um Wenn und Aber herumreden, sondern alles auf 
uns zukommen lassen. Oder wäre es dir lieber, wenn ich 
um etwas plärren würde, was doch nicht zu ändern ist?« 

»Um Gott, mein Sohn«, sie hob abwehrend die Hände, 
»das dürfte dir schlecht anstehen.« 
»Na also!« Er lachte und griff nach dem Brief, um ihn zu 
Ende zu lesen, während die Mutter an vergangene Zeiten 
dachte und sich den Tag ins Gedächtnis zurückrief, an dem 
sie als Herrin in Regglinsgrund eingezogen war und als 
Mutter des damals fünfjährigen Harro, den sie sofort von 
ganzem Herzen lieb gewann. Zuerst stand das trotzige und 
sehr verwöhnte Kind der neuen Mutter wohl mißtrauisch 
gegenüber, doch bald kapitulierte es vor so viel rührender 
Liebe und Geduld. Die Mutter wurde fortan das Schönste 
und Köstlichste in seinem Leben. 

Die erste Ehe des Bodo Regglin war nicht glücklich 
gewesen. Er hatte die Gattin ja auch nicht aus Liebe 
erwählt, sondern um ihres Geldes willen, mit dem er das 
stark heruntergewirtschaftete Regglinsgrund sanieren 
wollte. Merkwürdig war es nur, daß dieser Reichtum zwei 
Tage vor der Hochzeit zusammenbrach. Trotzdem kam sie 
zustande, weil es Bodo ehrlos erschien, der Braut so kurz 
vor der Eheschließung den Laufpaß zu geben. 
So stand es denn weiter schlecht um die Regglinsgrunder 
Herrschaft, und die Ehe, die der Tod der Gräfin sechs Jahre 
später löste, wurde alles andere als harmonisch. Man 

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munkelte wohl, daß sie keines natürlichen Todes gestorben 
sei; doch niemand wußte darüber Genaues. 

Graf Bodo trauerte auch nicht lange um die Gattin; denn 
schon nach Jahresfrist hielt eine neue Herrin ihren Einzug 
in Regglinsgrund, die außer viel Geld auch die 
leidenschaftliche Liebe des Gatten besaß. 
So herrschte denn eine traute Harmonie in Regglinsgrund, 
an der allerdings nur wenige Außenstehende teilhaben 
durften. Denn Gräfin Liane war sehr zurückhaltend und 
liebte keinen großen Verkehr. Nur zwei Familien hatte sie 
sich näher angeschlossen, den Halldungen auf 
Hermeshöhe und den Illsunds auf Laubern. 
Gräfin Halldungen, eine Schwester der verstorbenen Gräfin 
Regglin, führte an der Seite ihres Gatten ein sorgenfreies, 

glückliches Leben. Die Illsunds jedoch verfügten zwar über 
einen alten, makellosen Namen, waren aber mit 
Glücksgütern nicht gesegnet. Der Graf wußte manchmal 
nicht, woher er das Geld nehmen sollte, um seine fünf 
Kinder standesgemäß erziehen zu können. 
So setzte er seine Hoffnung auf Iris, die älteste Tochter, die 
alle Aussichten hatte, die Herrin auf Regglinsgrund zu 
werden. Illsund hegte diese Zuversicht seit dem Tage, an 
dem das Ehepaar Regglin ihm zu verstehen gegeben hatte, 
daß Iris ihnen als Schwiegertochter sehr willkommen wäre. 
Seitdem galten Iris Illsund und Harro Regglin allgemein als 
heimlich Verlobte, zumal der Bräutigam in spe nichts dazu 

tat, um diesem Gerücht die Spitze abzubrechen. Daß er die 
Auserwählte immer noch nicht heimführte, begründete 
man damit, daß er sein Leben erst genießen wollte, bevor 
er sich ins Ehejoch spannte. 
So saß denn die schöne Iris Jahr um Jahr bei ihren Eltern 
und träumte vom kommenden Glück. Natürlich verlangte 
sie eine Ausnahmestellung in der Familie, was der vernarrte 
Vater auch für richtig hielt. Er umgab sein Lieblingskind 
trotz seiner schwierigen finanziellen Lage mit Luxus und 
ließ seine anderen Kinder darunter empfindlich leiden. Die 
drei noch nicht erwachsenen Söhne empfanden die 

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Zurücksetzung nicht als sehr bitter, doch um so mehr tat es 
die zweiundzwanzigjährige Adelheid, die zugunsten der 

älteren Schwester immer zurückstehen mußte. Sie war 
überhaupt das Aschenputtelchen der Familie, das mit allem 
zufrieden zu sein hatte. 
Davon ahnte man allerdings in Regglinsgrund nichts. Man 
lebte dort in so trauter Harmonie, daß man annahm, es 
mußte anderswo auch so sein. Zuerst hatte Bodo Regglin 
den Sohn oft ermuntert, ihm Iris als Töchterchen zu 
bringen, doch in den letzten Jahren schien er kein 
Verlangen mehr danach zu haben. 
Überhaupt hatte sich der sonst so frohgemute Mann 
verändert. Er schien unter Stimmungen zu leiden, die Liane 
beunruhigten. Daß ihn etwas quälte, war unverkennbar. 

Aber was war es? 
Das sollte sie erfahren, als eine tückische Krankheit den 
Gatten ganz plötzlich überfiel. Und als er sein Ende nahen 
fühlte, war es Zeit, über das zu sprechen, was ihm so 
schwer über die Lippen wollte. Müde war der Blick, der zu 
seinem Sohn hinging, der neben der Mutter am 
Krankenbett saß. Und unendlich müde klang auch die 
Stimme des Kranken, als er mit seiner Beichte begann: 
»Junge, um dir das zu sagen, was mich zwei Jahre lang so 
unendlich quälte, muß ich ein wenig zurückgreifen. Ich bin 
mit deiner Mutter nicht glücklich gewesen, weil wir beide 
die Liebe nicht aufbringen konnten, die zu einer 

harmonischen Ehe gehört. So konnte es kommen, daß die 
enttäuschte Frau ihr Herz an einen Mann hing, der den 
Posten eines Inspektors auf Regglinsgrund bekleidete. Als 
ich dann hinter das Herzensgeheimnis meiner Frau kam, 
jagte ich Herrn Bracht vom Hof – obgleich er schuldlos 
war, wie ich später erfuhr. 
Ich hörte fortan nichts mehr von ihm. Und hätte die 
feindliche Haltung deiner Mutter mich nicht stets an ihn 
erinnert, so hätte ich ihn wohl nach und nach vergessen. 
Mit Regglinsgrund ging es immer mehr bergab. Ich mußte 
Geld herbeischaffen um jeden Preis. 

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Also spielte ich und gewann eine große Summe, mit der ich 
mich hätte zufrieden geben müssen. Doch wie ein Fieber 

kam es über mich – ich wollte mehr haben – immer mehr! 
Ich spielte, bis das Glück sich abwandte und ich in einer 
Nacht Haus und Hof verspielte. 
Nun hätte ich mir ja eigentlich eine Kugel durch den Kopf 
schießen müssen. Aber vorher wollte ich mir noch den 
Mann ansehen, dem ich mein Hab und Gut verpfändet 
hatte. 
Es war Herr Bracht. 
Lächelnd erzählte er mir, daß er vor Jahren nach Amerika 
ausgewandert sei, um dort eine Erbschaft anzutreten. 
Geschäfte hätten ihn in die Heimat geführt – wo er 
eigentlich nur aus Zeitvertreib ein Spielchen riskiert hatte. 

Daher möchte er mich bitten, die unangenehme 
Geldgeschichte ruhen zu lassen. 
Als ich aufbrauste, erinnerte er mich an Weib und Kind, die 
ich nicht mit mir ins Verderben ziehen dürfte. Ich war nicht 
stark genug, um Brachts lockendem Angebot zu 
widerstehen, und wurde so der Schuldner des Mannes, den 
ich einst schuldlos von meinem Hof jagte, der nun von 
Rechts wegen ihm gehörte. 
Wie erbärmlich ich mir damals vorkam, kann ich euch 
unmöglich beschreiben. Ich drang in Bracht, doch 
irgendeinen Gegenwert meiner Schuld zu verlangen. Mit 
dem nachsichtigen Lächeln, das mich meine ganze 

Erbärmlichkeit immer stärker fühlen ließ, versprach er mir, 
sich zu melden, falls ihm etwas einfallen würde; und ich 
verpflichtete mich, jedem seiner Wünsche Rechnung zu 
tragen. Verpflichtete mich ehrenwörtlich, obgleich er 
keinen Wert darauf legte. 
Nach einem halben Jahr starb deine Mutter, Harro. Ich 
gewann bald darauf das Herz meiner Liane und wurde 
durch sie zum reichen Mann. Ich wollte meine Schuld an 
Herrn Bracht abtragen, zog über ihn Erkundigungen ein 
und erfuhr, daß er eine vermögende Witwe geheiratet hatte, 
deren Geld er in sein ohnehin schon erstklassiges 

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kaufmännisches Unternehmen steckte, so daß es nun an 
führender Stelle stand. 

Diese Nachricht entmutigte mich; denn Geld schien bei 
dem Finanzgenie keine Rolle zu spielen. Trotzdem bot ich 
ihm brieflich die Begleichung meiner Schuld an. Wie 
erwartet, antwortete er mir, daß er nach wie vor auf das 
Geld verzichte, mich jedoch benachrichtigen würde, wenn 
er einen Ausgleich dafür wüßte. 
Jahre vergingen – und in meinem Glück, das mir durch 
meinen geliebten Ehekameraden zuteil wurde, vergaß ich 
Herrn Bracht. Frohgemut und sorglos lebte ich dahin – bis 
ein Schreiben des Mannes mich vor zwei Jahren aufs 
grausamste dieser Sorglosigkeit entriß. 
Er verlangte als Begleichung der Schuld meinen Sohn als 

Gatten für seine damals achtzehnjährige Tochter – falls 
diese bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag nicht 
verheiratet sein sollte. Wenn er bis dahin nicht mehr lebt, 
würde ein Schreiben, das er bei einem Notar hinterlege, die 
Tochter von des Vaters Wunsch unterrichten. 
Nun hieß es weiter: ›Wird die Ehe unglücklich sein, kann 
sie nach einem Jahr geschieden werden – vorausgesetzt, 
daß beide Ehepartner damit einverstanden sind. Sonst muß 
sie bestehen bleiben.‹ 
Und Fräulein Bracht, ein hübsches, launenhaftes und sehr 
verzogenes Persönchen, wie ich aus Erkundigungen weiß, 
wird gegen eine Scheidung sein. Denn eine – 

Krämerstochter gibt die Stellung einer Gräfin Regglin 
bestimmt nicht auf. Somit wärest du, mein armer Junge, 
durch den Leichtsinn deines Vaters dazu verurteilt, 
zeitlebens an eine Frau gebunden zu sein, die deiner 
unwürdig ist. Kannst du mir das verzeihen?« 
Erst als der Sohn fest versprochen hatte, die Schuld des 
Vaters auf sich zu nehmen, wurde der gequälte Mann 
ruhiger. Er dämmerte in halber Bewußtlosigkeit dahin, bis 
er am nächsten Tag die Augen für immer schloß und eine 
verzweifelte Gattin und einen erschütterten Sohn 
zurückließ. 

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Das war vor mehr als einem Jahr gewesen – und heute traf 
der gefürchtete Brief ein, in dem Fräulein Bracht Harro 

Regglin ersuchte, zur Unterredung in ein nahegelegenes 
Ostseebad zu kommen. 
Was würde diese Unterredung dem geliebten Jungen 
bringen? Eine quälende Ehefessel oder vielleicht – 
vielleicht…? 
Die in peinigende Gedanken versunkene Mutter bemerkte 
nicht Harros Blick, der schon eine Weile lächelnd auf ihr 
ruhte. Erst als die schmerzlich seufzte, lachte er amüsiert 
auf. 
»Kleine Mama, ich muß feststellen, daß du gar keine 
richtige Schwiegermutter abgeben wirst. Du siehst nämlich 
so fabelhaft jung aus, daß du deine eigene 

Schwiegertochter sein könntest.« 
»Deine Sorglosigkeit möchte ich haben«, entgegnete sie 
kopfschüttelnd. »Wann wirst du reisen?« 
»Morgen; denn die Sehnsucht nach meiner Mary peinigt 
mein Herz.« 
Daß der Junge doch nichts ernst nahm! Selbst über die 
ernstesten Dinge spottete er. Verspottete auch die Liebe, die 
ihr Leben ausgefüllt hatte. 
Sorgenvoll sah sie zu ihm auf, der hoch und schlank, in 
seiner bekannt vornehm-nachlässigen Haltung vor ihr 
stand. Ein Prachtjunge, für den ihrem Mutterstolz keine 
Frau gut genug erschien. Und nun… 

Wieder seufzte sie schwer. 
»Ach, Junge! Du lachst – und ich…« 
»Muß für dich mitseufzen«, vollendete er neckend ihre 
stockende Rede. »Wo die Seufzer wohl alle hinfliegen 
mögen? Einer wahrscheinlich zu deinem späteren 
Sorgenkind Mary, mein verzagtes Muttilein. Doch nun 
beurlaube mich, damit ich an die Arbeit komme. Ich habe 
mich bereits über Gebühr verspätet.« 
Er zog ihre Hand an die Lippen und ging davon, während 
die Mutter weiter ihren unerquicklichen Gedanken 
nachhing, bis helles Lachen sie daraus aufschreckte. Gleich 

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darauf traten die beiden Illsund-Töchter ein. Iris blieb 
zögernd stehen; doch Adelheid, die reizende, sonnige 

Heidi, legte ihre Arme zärtlich um den Hals der Gräfin. 
»Guten Morgen, du liebstes Tantchen! Da unser Ritt uns an 
Regglinsgrund vorbeiführte, konnten wir nicht umhin 
einzukehren. Stören wir dich?« 
»Wie könnte das bei euch lieben Mädchen wohl möglich 
sein. Habt ihr Hunger?« 
»Sehr.« 
»Dann nehmt Platz. Von dem, was auf dem Tisch steht, 
dürftet ihr wohl satt werden.« 
Die Mädchen kamen der Aufforderung nach. Doch 
während Heidi es sich gut schmecken ließ, aß Iris kaum 
etwas. Sie tat immer sehr reserviert. Warum, das ließ sich 

kaum erklären; denn nötig hatte sie es in diesem 
befreundeten Haus gewiß nicht.  Es  lag  wohl  in  ihrer  Art, 
sich immer ein wenig sphinxhaft zu geben, um sich damit 
interessant zu machen. 
Während sie sich auch jetzt in Schweigen hüllte, schwatzte 
ihre Schwester frisch drauflos. Als sie dann nach Harro 
fragte, hielt die Gräfin es an der Zeit, den Mädchen das 
mitzuteilen, was ihr nur schwer über die Lippen wollte. 
»Harro hat in der Wirtschaft noch einiges zu erledigen, weil 
er morgen auf unbestimmte Zeit verreisen muß«, gab Liane 
mit gemachtem Gleichmut zur Antwort. »Er will nämlich 
seine – Braut besuchen.« 

So, nun war das Schwere gesagt – Gott sei Dank! 
Und die Wirkung ihrer Worte war auch so, wie sie es 
erwartet hatte. Iris erblaßte, und Heidi erschrak so heftig, 
daß Messer und Gabel ihren Händen entglitten und 
klirrend auf den Teller fielen. Nur mühsam formten die 
Lippen die Worte: 
»Harro – ist – verlobt?« 
»Ja, mit einer Deutschamerikanerin. Ich wollte euch mit 
dieser Nachricht überraschen. Und soweit ich es beurteilen 
kann, ist es mir auch glänzend gelungen.« 
Das konnte man wohl sagen! Allerdings wirkte die 

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Überraschung niederschmetternd auf die Mädchen. Aber da 
ihnen von Kindheit auf Selbstbeherrschung anerzogen 

worden war, so rissen sie sich gewaltsam zusammen. 
Es klang fast fröhlich, als Heidi sagte: 
»Dieser scheinheilige Mensch! Na, warte nur, mein lieber 
Harro! Du sollst bei unserer Verlobung auch erst vor die 
vollendete Tatsache gestellt werden. Nicht wahr, Iris?« 
Bang ging ihr Blick zur Schwester hin, die sich meisterhaft 
beherrschte. Nur blaß war sie, erschreckend blaß. Und der 
flackernde Blick ließ den Aufruhr in ihrem Herzen ahnen. 
Sie kam zu keiner Antwort, weil Harro eintrat – 
gleichmütig und sorglos, als gäbe es keine Bräute auf der 
Welt. 
»Du Heimtücker!« drohte Heidi ihm. »Verlobt sich dieser 

Mann, ohne vorher ein Wort darüber verlauten zu lassen. 
Ich werde aber feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln, 
indem ich dir dennoch herzlich gratuliere.« 
Sie streckte ihm beide Hände entgegen, die er 
nacheinander küßte. 
»Entzückend bist du, Heidekind«, sagte er mit seiner 
dunklen, warmen Stimme, die mit ihrem bestrickenden 
Wohllaut in keinem Verhältnis zu seiner spöttischen Miene 
stand. »Woher hast du die erschütternde Neuigkeit? Hat 
meine kleine Mama etwa geplaudert?« 
»Erraten. Nun beichte, du Sünder, wann du heiraten 
willst.« 

»Bald. Häkele nur fleißig Pantoffel und 
Taschentuchbehälter für mich, damit du bei der 
Hochzeitsfeier würdig bestehen kannst.« 
Da lachte Heidi auf, frisch und froh. 
»O Harro! Du und gehäkelte Pantoffel!« 
»Warum nicht«, fiel er in ihr Lachen ein. »Zu einem 
Ehemann, wie ich es zu werden gedenke, gehören Pantoffel 
solidester Sorte. Willst du das etwa anzweifeln?« 
»Daß du treu und solide werden willst?« fragte sie mit 
blitzenden Augen zurück. »Keineswegs, da ich manchmal 
noch an – Märchen glaube.« 

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»Racker!« Er zog sie lachend am Ohrläppchen. »Unerhört 
finde ich es, meine guten Eigenschaften anzweifeln zu 

wollen, die allerdings erst in mir entstehen werden.« 
Dann suchte sein spöttischer Blick Iris, die mit 
gelangweilter Miene dabeisaß. 
»Nun, gnädigste Komteß sagen ja gar nichts. Haben Sie 
denn keinen Glückwunsch für mich bedauernswerten 
Mann?« 
Er duzte Iris nicht, da diese nach ihrer Rückkehr aus dem 
Pensionat das förmliche Sie für ihn gehabt hatte, während 
Heidi das traute Du nach wie vor beibehielt. Es klang sehr 
gnädig, als Iris antwortete: 
»Selbstverständlich wünsche ich Ihnen alles Glück zu Ihrer 
Verlobung, Graf. Nett von Ihnen, daß Sie von uns dreien 

den Anfang gemacht haben.« 
»Nicht wahr?« verbeugte er sich übertrieben höflich und 
streifte sie dabei mit einem Blick, unter dem sie unwillig 
errötete. Rasch mahnte sie die Schwester zum Aufbruch, 
verabschiedete sich flüchtig von der Gräfin und sehr kühl 
von Harro, der den Damen das Geleit gab, um ihnen in 
den Sattel zu helfen. Als er zur Mutter zurückkehrte, 
empfing diese ihn froh. 
»Junge, mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, nachdem ich 
den Mut gehabt habe, den Mädchen deine Verlobung 
beizubringen. Wie peinlich, wenn die Familie Illsund das 
erst von dritter Seite erfahren hätte. Wenn ich den lieben 

Menschen jetzt auch weh tun mußte, so hoffe ich, das 
übers Jahr wiedergutzumachen zu können.« 
»Inwiefern?« fragte er verwundert. 
»Daß nach der Ehe auf Abbruch…« 
»… die schöne Iris doch noch Chancen hat, meine Frau zu 
werden«, vollendete er, als sie unter seinem ironischen 
Lächeln verwirrt schwieg. »Wenn du nun schon so sehr 
darauf erpicht bist, eine Illsund als Schwiegertochter zu 
bekommen, kann es dann nicht die herzige Heidi sein? In 
der steckt doch wenigstens Leben und Geist, während die 
gnädige Komteß sich alle Mühe gibt, ein Bild ohne Gnade 

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zu markieren. Im übrigen geht die Bevorzugung für Iris 
entschieden zu weit. Adelheid läuft in einem Aufzug 

herum, der mehr als bescheiden ist, nur damit ihre 
Schwester sich wie eine große Dame putzen kann. Ist dir 
das noch nicht aufgefallen, Mutti?« 
»Eigentlich nicht, mein Junge«, entgegnete sie betroffen. 
»Heidi ist aber auch so ganz anders als Iris…« 
»Drum eben«, lachte er herzlich. »Und nun laß endlich 
deine Heiratspläne, Muttchen. Denke an unsere Mary, die 
uns bald mit ihrer Anwesenheit beglücken wird.« 
Die Schwestern ritten eine Weile stumm nebeneinander. 
Heidi wagte es nicht, Iris anzusprechen, weil das böse Licht 
in deren Augen nichts Gutes verhieß. Dann war es nämlich 
nicht ratsam, die Ältere zu reizen, die sich in ihrer 

Selbstherrlichkeit wie ein Gott vorkam, vor dem alles 
anbetend zu Füßen zu liegen hatte. Und was ihr heute 
angetan worden war, hätte gewiß auch bescheidenere 
Mädchen bis ins tiefste verletzt. Das konnte Heidi wohl 
verstehen. 
Auf dem Gutshof von Laubern kam ihnen der Vater 
entgegen, der mit seiner kräftigen Gestalt und dem 
sonnengebräunten, ein wenig derben Gesicht einen 
erfreulichen Anblick bot. Vergnügt blinzelte er den 
Töchtern zu. 
»Nun, Marjellchen, Station gemacht auf Regglinsgrund, 
hm? Was machen denn Seine Gnaden?« 

Verblüfft sah er den Mädchen nach, die rasch aus dem 
Sattel glitten und auf das Haus zueilten. Kopfschüttelnd 
folgte er ihnen und kam gerade dazu, als Iris sich in ihrem 
Zimmer auf den Diwan warf und in Tränen ausbrach. 
»Was hat sie denn?« fragte der Vater seine zweitgeborene 
Tochter, die neben der Mutter stand. »Hat man ihr etwa in 
Regglinsgrund etwas zuleide getan, Adelheid?« 
»Ja«, kam bedrückt die Antwort. 
»Wodurch? Antworte!« herrschte er die Tochter an. 
»Harro Regglin hat – hat – sich – verlobt«, sagte Heidi 
stotternd. 

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Zuerst starrte der Vater sie wie entgeistert an, dann brach es 
aus ihm heraus: 

»Du bist wohl verrückt geworden, wie?« 
Heidi war es zwar gewohnt, von den Eltern lange nicht so 
liebevoll behandelt zu werden wie der Abgott Iris, aber daß 
der Vater sie so anfuhr, obwohl sie schuldlos war, das 
machte sie aufsässig. Trotzig warf sie den Kopf in den 
Nacken und funkelte den Vater an. 
»Dann muß Tante Liane wohl verrückt sein, die mit der 
Neuigkeit aufwartete, daß Harro sich verlobt hat und 
morgen zu seiner Braut fährt.« 
Bums, flog die Tür nach dem Nebenzimmer zu, wo Heidis 
bescheidenes Reich war, das an dem der Schwester 
gemessen direkt ärmlich wirkte. Jedenfalls hätte die Zofe 

einer eleganten Frau es entrüstet abgelehnt, in einem 
solchen bescheidenen Zimmer zu hausen. Allein, für 
Aschenputtelchen Heidi war es gut genug. 
Nachdem Illsund sich über das ungebührliche Benehmen 
seiner Tochter Adelheid ausgepoltert hatte, sprach er mit 
seinem Abgott in einem Ton, an den dieser nicht gewöhnt 
war. 
»Himmeldonnerwetter, hör mit der Heulerei auf! Sag 
lieber, was dir geschehen ist, damit ich dir helfen kann.« 
»Was willst du von mir?!« fauchte Iris wie eine kleine 
Wildkatze auf. 
»Du hörtest doch schon von Heidi, was Tante Liane uns 

verraten hat. Harro ist verlobt und besucht morgen seine 
Braut. Aus.« 
Damit drückte sie das Gesicht in die Kissen und schluchzte 
aufs neue, während der Vater sich mit zwei Fingern in den 
Kragen fuhr, als wäre er ihm zu eng. Dann stieß er die 
Fäuste in die Hosentaschen und lachte grimmig auf. 
»Also haben Seine Gnaden genauso mit dir gespielt wie mit 
allen anderen, mein Kind. Während er uns alle in dem 
Glauben ließ, daß er dich dereinst heimführen würde, 
bereitete er in aller Heimlichkeit seine Verlobung vor. Da 
soll doch der Deubel dreinschlagen!« 

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Mit langen Schritten lief er in dem lauschigen Gemach auf 
und ab wie ein gefangenes Tier. Sein Gesicht war stark 

gerötet, die Brauen zogen sich finster zusammen, ein 
Zeichen, wie sehr Grimm und Groll in ihm tobten. Bang 
ging der Blick der Gattin zu dem Erregten hin. Die stille 
Frau, die sich dem herrischen Willen ihres Mannes beugen 
mußte und daher niemals wagte, ihre eigene Meinung 
kundzutun, zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich 
den Schritt vor ihr verhielt und sie anfuhr, als wäre alles 
ihre Schuld: 
»Was sagst du nun dazu, Frau?« 
»Ich weiß nicht, lieber Mann.« 
»Natürlich«, unterbrach er sie unwirsch, »wann wißt ihr 
Frauen überhaupt mal was. Ihr könnt nichts anderes als 

jammern und plärren. Jetzt sitzt du da mit deiner 
sechsundzwanzigjährigen Tochter, die du wie eine Prinzeß 
erzogen hast. Es ist, um auf die Akazien zu klettern!« 
Damit stürmte er hinaus, unzufrieden mit sich und der 
ganzen Welt. 
Das war ein buntes, vergnügtes Leben und Treiben in dem 
eleganten Seebad. Das Herz konnte einem aufgehen 
angesichts der vergnügten Sommergäste, die sich dort 
tummelten. Lachend tollten große und kleine Menschen in 
dem lauen Wasser umher, saßen auf drolligen 
Gummitieren, haschten nach riesigen Bällen, trieben 
allerlei Allotria und erfüllten alles ringsum mit ihrem Jubel. 

Andere lagen am Strand, wieder andere belebten die 
Promenade. Alles in allem boten sie ein herzerquickendes 
Bild sorgloser, ferienübermütiger Menschen. 
Harro Regglin saß auf einer Promenadenbank und nahm 
das frohe Bild belustigt in sich auf. Bei seiner nicht 
alltäglichen Erscheinung blieb er selbstverständlich nicht 
lange unbemerkt. Mit Vergnügen sah er die Blicke der 
schönen Frauen, und da er einem Flirt niemals abgeneigt 
war, ließ auch er seine Augen spielen. So stand er denn 
bald unter einem Kreuzfeuer von Blicken, das ihn hätte 
überwältigen müssen. Aber das passierte dem Schwerenöter 

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nicht so leicht, er konnte allerhand vertragen. 
Erst als die Sonne am Horizont verschwand und ein 

prächtiges Farbenspiel am Himmel zurückließ, erhob er 
sich und schlenderte dem Kurhotel zu, wo er für sich und 
seinen Diener Zimmer belegt hatte. Mit Vergnügen nahm 
er wahr, daß einige junge Mädchen ihm folgten, 
wahrscheinlich um herauszubekommen, wo er wohnte. 
Am Portal des Hotels wandte er sich um und winkte ihnen 
lächelnd zu, die darob verlegen kicherten. Als er sein 
Zimmer betrat, um sich zum Abendessen umzukleiden, 
erwartete der Diener ihn bereits. 
»Nun, Albert, haben Sie Bescheid von Fräulein Bracht?« 
»Sehr wohl. Das gnädige Fräulein wird morgen zwischen 
elf und zwölf Uhr für den Herrn Grafen zu sprechen sein.« 

»Na schön. Hat Ihnen das gnädige Fräulein das persönlich 
gesagt?« 
»Nein. Ich erhielt von der Zofe den Bescheid.« 
»Ausgezeichnet. Nun machen Sie mich so schön wie 
möglich, damit ich vor den süßen Mädelchen würdig 
bestehen kann.« 
Albert lächelte niemals; seiner Ansicht nach vertrug sich das 
nicht mit der Würde eines wohlgeschulten Dieners. Doch 
hätte er in diesem Augenblick gelächelt – es wäre 
vielsagend gewesen. In den vierzehn Jahren, da er seinen 
Herrn stets auf dessen Reisen begleitete, hatte er so 
manches gesehen und gehört. Daher schätzte er die Frauen 

nicht sonderlich. 
Als der Graf den großen Speisesaal betrat, amüsierte er sich 
über die vielen neugierigen Blicke, die ihn ganz 
unverhohlen musterten. Er setzte sich an einen kleinen 
Tisch, von dem aus er den Raum übersehen konnte. 
Schau an, da waren auch einige der Pusselchen, die ihm auf 
der Promenade so nett die Zeit vertrieben hatten. Sie 
drehten sich bald ihre reizenden Hälschen nach ihm aus. 
Exklusive Gesellschaft, stellte er abschätzend fest. Es gab 
nur wenige Ausnahmen, die extravagant gekleidet waren 
und es schön fanden, sich recht auffallend zu benehmen. 

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Jene Kleine dort, mit den dunklen, sehr kurzgeschnittenen 
Haaren und der mehr protzigen als geschmackvollen 

Aufmachung gehörte zu ihnen. Ihr standen 
Launenhaftigkeit und kapriziöse Einfälle schon auf der 
Stirn geschrieben. Damit schien sie auch jetzt die drei 
Herren, die mit ihr am Tisch saßen, in Atem zu halten. Die 
Dame entsprach so ganz der Vorstellung, die er sich von 
seiner Mary gemacht hatte. Also mußte sie es wohl auch 
sein. 
Als der Ober ihm das Essen brachte, fragte er ihn: 
»Die Dame dort in Gesellschaft der drei Herren – das ist 
doch wohl Fräulein Bracht?« 
»Sehr wohl, Herr Graf!« 
Also doch! Er beobachtete nun die junge Dame 

unausgesetzt, die es bald bemerkte und ihm kokette Blicke 
zuwarf. Ihr auffallendes Benehmen zog die 
Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich, um deren 
Mund ein eigenartiges Lächeln spielte. Nur Harro Regglin 
lächelte nicht mehr. 
Zuerst wirst du dir deine Ungeniertheit abgewöhnen 
müssen, mein Kind, dachte er verbissen. Denn so wie du 
darf sich die Herrin von Regglinsgrund, die den ihr 
Untergebenen mit gutem Beispiel voranzugehen hat, nicht 
betragen! 
Unwillkürlich mußte er an seine Mutter denken, an die 
schöne, stolze Frau, der alles verhaßt war, was auffallend 

wirkte. Welche Zumutung, ihr diese Schwiegertochter ins 
Haus zu bringen! 
Harro wartete, bis sich die Gäste fast alle verzogen hatten 
und bis auch das extravagante Fräulein sich erhob. Sie 
verabschiedete ihre Verehrer und sah dann mit 
aufforderndem Blick zu dem Fremden hin, als sie langsam 
aus dem Saal schritt. 
Regglin folgte ihr – und schon ließ sie im Vestibül ihr 
Taschentuch fallen, nach dem er sich bückte und es ihr mit 
knapper Verbeugung überreichte. Einen koketten Blick, ein 
aufreizendes Lächeln erhielt er als Dank – und da hatte er 

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genug. Er ließ sie einfach stehen, ging davon und suchte 
sofort sein Zimmer auf, wo er sich trotz der frühen 

Abendstunde zu Bett legte. 
Und schon wußte der Diener Albert Bescheid! 
Sein Herr mußte wieder einmal etwas erlebt haben, das ihn 
so anekelte, daß er zu Bett ging, um nur nichts mehr hören 
und sehen zu müssen. 
Am nächsten Vormittag ging Harro Regglin nach dem 
Appartement, das Fräulein Bracht bewohnte. Sein Gesicht 
war hart, seine Gestalt wie von Eiseskälte umweht. So 
betrat er das Gemach seiner zukünftigen Braut, dessen Tür 
die Zofe ihm geöffnet hatte. 
Und dann stand er Fräulein Bracht gegenüber, Spott und 
Verachtung auf dem arroganten Gesicht. 

Aber was denn? Lag hier etwa ein Irrtum vor? 
Die junge Dame, die ihm so ruhig entgegensah, hatte mit 
der Kokotte von gestern abend ja gar nichts gemein! 
Er verbarg seine Überraschung meisterhaft und verbeugte 
sich in seiner vornehm-lässigen Art. 
»Miß Bracht?« fragte er gespannt, als müsse sich nun der 
Irrtum herausstellen. Doch sie neigte lächelnd den Kopf. 
»Die bin ich, Graf Regglin. Wollen wir Platz nehmen. Denn 
unsere Unterredung wird wohl eine gute Weile dauern.« 
Die Sache schien ja immer verwickelter zu werden. Er hatte 
eine Dame erwartet, die seine Muttersprache nur 
mangelhaft beherrschte – und nun sprach sie ein so reines 

Deutsch, dazu noch mit so ungemein wohllautender 
Stimme! Merkwürdig! 
Nachdem sie sich in einen Sessel geschmiegt hatte, nahm 
er ihr gegenüber Platz. Forschend hing sein Blick an der 
wundervollen Erscheinung. Alles war rassig an ihr, von 
dem entzückenden Lockenkopf bis zu den Füßen. Sie 
errötete unter seinem Blick und sagte mit leichter 
Befangenheit: 
»Ich habe Sie hergebeten, Herr Graf, um eine überaus 
unangenehme Sache aus der Welt zu schaffen. Vor einigen 
Tagen schrieb mir ein amerikanischer Rechtsanwalt, daß 

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mein Vater bei ihm einen Brief hinterlegt hätte, der mir an 
meinem einundzwanzigsten Geburtstag zugestellt werden 

sollte. In dem Schreiben stand, daß ich auf seinen Wunsch 
die Frau des Grafen Regglin auf Regglinsgrund werden 
müßte. Das kann selbstverständlich nur ein Irrtum sein, 
nicht wahr?« 
»Durchaus nicht, mein gnädiges Fräulein. Wir beide sollen 
tatsächlich auf Wunsch Ihres Herrn Vaters ein Paar werden. 
Das weiß ich bereits seit länger als einem Jahr von meinem 
Vater, der einen Tag nach dieser Eröffnung starb.« 
’ Hilflos war der Blick, der ihn nun aus den tiefblauen 
Augen traf, hilflos und flehend zugleich. 
»Da verstehe ich zum erstenmal meinen gütigen Vater 
nicht.« 

»Ich um so besser.« 
»Ja, wollen Sie mir den Zusammenhang erklären?« fragte 
sie ratlos. 
»Sind Sie denn tatsächlich ganz ahnungslos, gnädiges 
Fräulein?« 
»Würde ich Sie sonst fragen? Ich weiß nur, daß ich Sie aus 
irgendeinem Grund, den mein Vater in dem Brief nicht 
genannt hat, heiraten soll. Weshalb, das werde ich erst in 
dem Schreiben erfahren, das mir nach einem Jahr, also an 
meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag, zugestellt 
werden wird.« 
»Und wenn Sie eine Ehe mit mir ablehnen?« fragte Harro 

interessiert. 
»Dann wird mir mein Vermögen bis auf einen geringen Teil 
entzogen. Allerdings könnte ich mich nach einem Jahr 
wieder scheiden lassen, hat mein Vater seinen 
unerklärlichen Wunsch ein wenig abgeschwächt. Er bat 
mich jedoch herzlich, wie stets seine gehorsame Tochter zu 
sein, aber ich habe absolut keine Lust, es zu tun. Können 
Sie das verstehen, Herr Graf?« 
»Ja, zumal Sie den Grund nicht kennen, der zu der 
Forderung Ihres Vaters führte. Merkwürdig, daß er Sie 
darüber im unklaren läßt. Vielleicht wollte er damit 

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meinen Vater schonen – allein, ich halte eine solche 
Rücksichtnahme für unangebracht, weil sie Verwirrung 

schafft. Wenn Sie genau Bescheid wissen, dann werden Sie 
den Wunsch Ihres Vaters verständlich finden, und daher 
wird es Ihnen nicht schwerfallen, ihn zu billigen.« 
Er erzählte nun dem aufhorchenden Mädchen, was er von 
seinem Vater erfahren hatte. 
»Also werden Sie einsehen, daß die Forderung Ihres Vaters 
zu Recht besteht«, schloß er, doch sie schüttelte den Kopf 
mit einer unwilligen Gebärde. 
»Das sehe ich ganz und gar nicht ein. Mein Vater hat doch 
freiwillig verzichtet, somit war die Angelegenheit erledigt.« 
»Mitnichten. Herr Bracht behielt sich eine Forderung vor, 
zu der sich mein Vater ehrenwörtlich verpflichtete.« 

»Das war nicht fair von meinem Vater gehandelt, einen 
Unschuldigen büßen zu lassen. Sie als Träger eines alten 
Namens können doch unmöglich ein Mädchen heiraten, 
von dem Sie nichts mehr als seinen Namen wissen.« 
»Nun, silberne Löffel werden Sie ja nicht gerade stehlen«, 
spottete er, was ihm einen mißbilligenden Blick eintrug. 
»Wie Sie über so schwerwiegende Dinge spotten können, 
das ist mir unverständlich«, entgegnete sie hochmütig. 
»Silberne Löffel stehle ich allerdings nicht, weil ich das 
nicht nötig habe. Aber ich könnte sonstwie schlecht geartet 
sein.« 
»Hm, alles möglich«, sagte er ungerührt. »Aber wenn Sie 

sich nun dem Gebot des Vaters nicht fügen und Ihnen 
daraufhin das Vermögen entzogen wird, was dann?« 
»Dann bleibt mir immer noch das Erbteil meiner Mutter, 
das mir ein zwar nicht üppiges, aber doch ganz 
angenehmes Leben gestattet.« 
»Schön. Und doch wäre es töricht von Ihnen gehandelt, 
wenn Sie einer Ehe auf Abbruch wegen auf das verzichten 
wollten, was Ihnen zusteht. Die Ehe ist stets ein Glücksspiel 
– ob so oder so. Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen sagen, 
daß ich es fabelhaft interessant finde, vom Schicksal 
sozusagen meine Frau in die Arme gelegt zu bekommen. 

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Und Liebe? Über das Märchen dürften wir modernen 
Menschen doch wohl schon hinweg sein. Wie heißt es in 

dem zwar nicht so sehr geschmackvollen, doch treffenden 
Schlager? ›So was von Kitsch wie die Liebe‹. Also, mein 
gnädiges Fräulein, machen Sie sich da keine 
Gewissensbisse. Meiner Ansicht nach werden wir ein 
ideales Ehepaar werden. Denn je weniger wir uns kennen, 
und je weniger wir uns gegenseitig belästigen, um so 
zufriedener werden wir sein. Haben Sie noch etwas 
einzuwenden?« 
So etwas von Arroganz war dem weit- und 
menschenkundigen Fräulein Bracht denn doch noch nicht 
vorgekommen. Ihre wunderschönen Augen, die ihr tiefes, 
weiches Blau verloren hatten und nun fast grau wirkten wie 

Erz, sahen ihn hart an. Und so hart war auch ihre Stimme, 
als sie erwiderte: 
»Gewiß habe ich etwas einzuwenden, Herr Graf Regglin! 
Ich will nicht!« 
»Aber ich!« klirrte nun seine Stimme auf, als wenn Stahl 
auf Eisen schlägt. »Merken Sie sich, ein Regglin bleibt 
keinem etwas schuldig – am wenigsten einem Fräulein 
Bracht.« 
Sie zückte unter seinen schonungslosen Worten zusammen 
wie unter einem grausamen Hieb. Drohend war der Blick, 
der den ihren kreuzte, drohend und warnend zugleich. 
Da neigte sie wie gottergeben das lockige Haupt. Nein, 

dieser Mann ließ sich nichts schenken. Er würde die Schuld 
seines Vaters sühnen, und wenn er dabei Gewalt anwenden 
müßte. Also war es zwecklos, sich gegen seinen Willen 
aufzulehnen. 
»Also, meine liebe Mary…« 
Ihr erstaunter Blick ließ ihn innehalten… 
»Mary? Wie kommen Sie darauf, Herr Graf?« 
»Nicht? Dann Mabel – oder Maud. Auch vorbeigetippt? Ja, 
wie denn?« 
»Rotraut.« 
»Ah, wie heißt König Ringangs Töchterlein? Also, meine 

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liebe Rotraut, laß dir hiermit sagen, daß nichts auf der Welt 
mich davon abhalten wird, dem Willen deines Vaters 

gerecht zu werden und dich zu heiraten. Betrachte dich 
bitte als meine Braut. Den üblichen Verlobungsreif habe 
ich leider noch nicht erstanden, ergo mußt du solange mit 
diesem vorliebnehmen…« 
Er zog den Siegelring vom kleinen Finger und griff, ohne 
auf ihr Sträuben zu achten, nach ihrer linken Hand. 
»Schade, noch zu groß. Wenn man aber auch solche 
Liliputfingerchen hat, können meine Pranken natürlich 
nicht mithalten. So, der Ring wäre da, wenn er auch von 
der Schablone abweicht. Um so schablonenmäßiger soll 
der Verlobungskuß ausfallen.« 
Er beugte sich vor, um Rotraut an sich zu ziehen, doch 

blitzschnell sprang sie auf und stand nun vor ihm. Ihre 
Augen sprühten in verletztem Stolz. 
»Ich liebe keine Küsse, Herr Graf Regglin«, sagte sie 
hochmütig. »Denn ich bin derselben Ansicht wie Sie: ›So 
was von Kitsch wie Liebe‹.« 
Es zuckte in seinen Augenwinkeln, das war immer das 
Zeichen dafür, daß er verletzt war. Davon spürte das 
Mädchen allerdings nichts, als er spöttisch sagte: 
»Hast recht, mein Kind. Aber sag du zu mir. Oder willst du 
mich immer weiter mit Herr Graf Regglin anreden?« 
»Ich muß mich erst an das Du gewöhnen.« 
»Hoffentlich geht das schnell. Doch du schaust so unruhig 

auf deine Armbanduhr, hast du etwas Besonderes vor?« 
»Ja, eine Verabredung mit Freunden.« 
»So, ach! Bist du oft mit ihnen zusammen?« 
»Sehr oft.« 
»Liebe Rotraut, es tut mir leid, aber von dieser Gewohnheit 
wirst du lassen müssen. Was nämlich einem Fräulein 
Bracht gestattet ist, das darf eine Gräfin Regglin sich noch 
lange nicht erlauben.« 
Sie fuhr hastig auf, sah ihm in das arrogante Gesicht und 
unterließ dann achselzuckend die heftige Entgegnung. Es 
war ja doch zwecklos, mit diesem Mann zu streiten, der 

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einen Willen so hart wie Eisen zu haben schien. 
»Laß deinen Kavalieren also Bescheid zukommen, daß ich 

sie heute würdig vertreten werde«, sagte er in einem Ton, 
der keine Widerrede duldete. »Dann richte dich so ein, daß 
wir morgen nach Regglinsgrund fahren können, damit ich 
dich mit meiner Mutter bekannt machen kann.« 
»Was, eine Mutter haben Sie auch noch?« fragte sie so 
komisch entsetzt, daß er lachen mußte. 
»Du hast wohl schon an mir genug, Rotraut. Aber laß nur, 
meine Mutter ist bedeutend harmloser als ich. Sie wartet 
sehnsüchtig darauf, ihre Schwiegertochter in die Arme 
schließen zu können.« 
»Ihr Spott rührt mich gar nicht, Herr Graf. Ihre Mutter wird 
sich bis nach der Hochzeit gedulden müssen, meine 

Bekanntschaft zu machen. Denn früher komme ich nicht 
nach Regglinsgrund. Treffen Sie nach Ihrem Wunsch die 
Vorbereitungen, ich werde mich in alles fügen. Wenn diese 
geschmacklose Heirat nun einmal  sein  muß,  so  ist  es  mir 
gleichgültig, wie und wann die Komödie vor sich geht.« 
Harro kniff die Augen zusammen, in deren Winkeln es 
nervös zuckte. 
»Von welcher Komödie sprichst du denn?« 
»Die bei unserer Hochzeit in Szene gesetzt werden wird«, 
gab sie hochmütig zur Antwort. 
»Du scheinst ja eine merkwürdige Auffassung zu haben, 
mein Kind. Versuche nur nicht, dich bei der Komödie 

anders zu benehmen, als es der zukünftigen Gräfin Regglin 
zukommt.« 
»O weh«, sie lächelte ironisch. »Wie wird es mir da 
ergehen? Wäre es nicht ratsam, Herr Graf, wenn Sie mir 
eine schriftliche Anweisung zukommen lassen würden, wie 
ich mich als Gräfin Regglin zu verhalten habe?« 
Langsam erhob er sich von seinem Sitz, so daß auch sie 
unwillkürlich aufstand. Die Mundwinkel verächtlich 
geschürzt, in den Augen ein mitleidiges Lächeln, so hielt sie 
seinem Blick stand, der drohend auf sie gerichtet war. Als er 
sprach, klang seine Stimme hart und scharf. 

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»Zuerst laß einmal das alberne Herr Graf, mein Kind. Und 
dann wünsche ich, daß du so vor den Altar trittst, wie es 

bei uns üblich ist, denn jedes Land hat andere Sitten. 
Daher wird meine Mutter dich mit den unseren bekannt 
machen.« 
»Nicht erforderlich«, tat sie mit einem sonderbaren Lächeln 
ab. »Da ich seit fünf Jahren fast ausschließlich in 
Deutschland gelebt habe, sind mir Sitten und Gebräuche 
wohlbekannt.« 
In seinen Augen blitzte es überrascht auf. 
»So lange bist du schon von Amerika fort? Wo hast du 
denn gelebt?« 
»Wir hatten keinen ständigen Wohnsitz, da die Krankheit 
meines Vaters immer wieder Luftveränderung notwendig 

machte. Zwar fuhren wir im Jahr einige Male in die Heimat 
zurück, wo wir jedoch nicht lange bleiben konnten, weil 
Vater das dortige Klima nicht vertrug. Seit seinem Tode 
habe ich Deutschland nicht mehr verlassen, lebte mal hier, 
mal dort.« 
»So ohne jeden Schutz – bei deiner…« 
Er sprach das Wort: Schönheit nicht aus. Trotzdem hatte sie 
verstanden und lächelte hochmütig. 
»Wozu brauche ich einen Schutz? Ich bin viel zu 
selbständig erzogen, um mich beschützen zu lassen. 
Außerdem lebe ich unter der Obhut einer mütterlichen 
Dame, die dürfte doch wohl Schutz genug sein.« 

»Merkwürdig. Na, du kommst jetzt ja bald in geordnete 
Verhältnisse, denn die Hochzeit wird in vier bis fünf 
Wochen stattfinden. Und daher wäre es gut, wenn du mit 
mir nach Regglinsgrund kämst, damit du dir die Zimmer 
nach deinem Geschmack einrichten lassen kannst.« 
»Das ist doch so unwichtig«, meinte sie fast verächtlich. 
»Zum Hochzeitstag werde ich mich in Regglinsgrund 
einfinden, früher nicht.« 
Sie stand vor ihm in einer ungezwungenen Haltung, die 
ihrer Persönlichkeit ein so selbstsicheres Gepräge gab. 
Daher machte sie nicht den Eindruck, als würde sie sich 

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seinen Wünschen fügen – wenn sie es nicht aus 
Vernunftsgründen für erforderlich hielt. 

Harro betrachtete sie mit einem Lächeln, wie man es für 
widerspenstige Kinder hat. Unter diesem Blick stieg ihr 
langsam dunkle Röte ins Gesicht. Ihre blauen Augen 
wurden fast schwarz, die Nasenflügel bebten. Er schien es 
jedoch nicht zu bemerken. Doch als er sprach, klang in 
seiner Stimme ein Ton von Gereiztheit mit. 
»Du wirst dir deine Selbständigkeit abgewöhnen müssen, 
meine liebe Rotraut – ebenso dein freies, ungebundenes 
Leben. Da unsere Heirat aus dem gewöhnlichen Rahmen 
fällt, stehen wir mehr im Brennpunkt des Klatsches als 
andere Menschen. Im allgemeinen pflege ich mich ja wenig 
darum zu kümmern, aber wenn es sich um Regglinsgrund 

handelt, wo ich meinen Leuten mit gutem Beispiel 
voranzugehen habe, muß ich auf meinen guten Ruf 
bedacht sein. Und du als meine Frau bist genauso dazu 
verpflichtet.« 
Rotraut stand gegen einen Sessel gelehnt. Die Hand, die auf 
dessen Lehne lag, zitterte heftig. Mit einer Stimme, die ihr 
selber fremd vorkam, antwortete sie: 
»Ich habe verstanden. Und ich mache Sie noch einmal 
darauf aufmerksam, daß es gewagt ist, ein Mädchen zu 
heiraten, dessen Vergangenheit Ihnen unbekannt ist.« 
»Mir bleibt leider keine andere Wahl, mein Kind.« 
»Und wenn ich nun auf die Ehre, Gräfin Regglin zu 

werden, verzichte?« 
»Dann müßte ich dich dazu zwingen.« 
»Das würden Sie tun?« 
»Unbedingt. Nichts wird mich davon abbringen, mich dem 
Willen deines Vaters zu fügen und damit die Schuld des 
meinen zu sühnen, da ich ihm auf dem Sterbebett mein 
Wort gab. Du solltest einsichtsvoll genug sein, mich mit 
deiner Widerspenstigkeit nicht wortbrüchig zu machen.« 
»Ich bin aber keine Sklavin!« rief sie erbittert aus. »Ich will 
nicht in einer Ehe leben, die einem Kerker gleicht. Lassen 
Sie mich doch endlich in Frieden. Nehmen Sie das Geld, 

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das mein Vater…« 
»Halt!« unterbrach er sie eisig. »Nun verstehe ich. Du 

wolltest wie das Mädchen im Märchen in mein Leben 
treten und mich mit deinem Goldregen überschütten. Das 
war geschmacklos von dir. Denn zu deiner Beruhigung will 
ich dir sagen, daß ich dein Geld nicht brauche. 
Regglinsgrund steht finanziell so gut da, daß selbst die 
Inflation seine Grundfesten nicht erschüttern konnte.« 
»Dann verstehe ich meinen Vater immer weniger«, sagte sie 
fassungslos, und er lächelte ironisch. 
»Dafür verstehe ich ihn um so besser. Er wollte seine 
Tochter in einer Stellung sehen, die er ihr selbst mit seinem 
vielen Geld nicht erkaufen konnte. So kam es ihm sehr 
gelegen, daß mein Vater ihm ehrenwörtlich verpflichtet 

war, jedem seiner Wünsche Rechnung zu tragen.« 
Rotraut erblaßte tief. Das bezaubernde Köpfchen senkte 
sich, ein hartes Aufschluchzen ließ den schlanken Körper 
erbeben. 
»Pfui!« rang es sich dann von ihren entfärbten Lippen. Und 
noch einmal: »Pfui!« 
Sie hob auch nicht den Kopf, als er in wärmerem Ton 
weitersprach: 
»Wenn es dir so schwerfällt, mit mir nach Regglinsgrund zu 
kommen, dann will ich dich dazu nicht zwingen. Du mußt 
mir nur versprechen, daß du das tun willst, was ich von dir 
verlangen muß. Gibst du nun deinen Widerstand auf?« 

Sie nickte, ohne ihn dabei anzusehen. Im nächsten 
Augenblick schrak sie zusammen, als etwas gegen das 
geschlossene Fenster prallte. Hastig trat sie hinzu, öffnete es 
– und schon flog ihr eine Rose vor die Füße. Unten stand 
der Spender, ein Jüngling noch, rank und schlank 
gewachsen. Die Augen sprühten in dem sonnengebräunten 
Antlitz vor Lebensfreude. 
»Hallo, gnädiges Fräulein!« rief er lustig. »Nennen Sie das 
etwa pünktlich? Wir warten hier geduldig wie die Lämmer.« 
Bei seinem Anblick wurde Rotraut wieder froh. Etwas 
Schweres fiel von ihr ab, das sie zu erdrücken gedroht 

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hatte. 
»Gerade Sie kommen mir ganz wie ein Lamm vor«, rief sie 

ihm lachend zu. »Wird es Sie enttäuschen, wenn ich sage, 
daß ich den Ausflug nicht mitmachen kann, weil ich 
Besuch bekommen habe?« 
»Waaas – Besuch – ausgerechnet heute? Können Sie den 
nicht per Expreß auf den Blocksberg schicken?« 
»Frechdachs!« drohte sie. »Wir sprechen und noch.« 
Ehe sie das Fenster schloß, erreichte sie der Ruf: 
»Oder bringen Sie Ihren Besuch mit!« 
Durch die Scheibe winkte sie ihm zu und wandte sich dann 
ins Zimmer zurück. Noch lag ein Lachen auf ihrem Gesicht, 
das jedoch schwand, als sie die abweisende Haltung des 
Grafen sah. 

»Ich werde mich jetzt empfehlen und dich im Speisesaal 
erwarten«, sagte er kurz. Dann verließ er das Zimmer. 
Rotraut Bracht stand inmitten einer Gruppe von Damen 
und Herren, als Graf Regglin den Speisesaal betrat. Sie 
sprachen eifrig auf sie ein, was sie sich lächelnd gefallen 
ließ. Trotz aller Liebenswürdigkeit lag eine Reserviertheit in 
ihrem Wesen, die jede Vertraulichkeit ausschloß. Sie war 
jetzt ganz Dame, wie Harro befriedigt feststellte. Als er, von 
ihr unbemerkt, vorüberging, hörte er sie sagen: 
»Es geht wirklich nicht, meine Herrschaften. Ich kann 
meinen Gast nicht allein lassen, und begleiten mag er mich 
nicht. Also muß ich dem Ausflug fernbleiben.« 

»Dann schieben wir ihn eben auf«, bestimmte der junge 
Mann, der ihr die Rose ins Zimmer geworfen hatte. »Ohne 
Sie macht uns die Partie einfach keinen Spaß.« 
Damit waren alle einverstanden. Freundlich verabschiedete 
Rotraut sich und sah sich nach ihrem Gast um, den sie 
auch bald entdeckte. Als sie auf ihn zutrat, erhob er sich, 
rückte einen Sessel zurecht und nahm dann ihr gegenüber 
Platz. Das alles war von den anderen Gästen nicht 
unbemerkt geblieben. Man zerbrach sich den Kopf, wie 
Fräulein Bracht zu der Bekanntschaft dieses Mannes, dessen 
Namen man bereits diskret erforscht hatte, gekommen sein 

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könnte. Am meisten beschäftigte sich wohl die Dame 
damit, die Harro gestern abend für Fräulein Bracht gehalten 

hatte. Sie machte auch heute kein Hehl daraus, wie gut ihr 
der interessante Mann gefiel, und suchte durch kokette 
Blicke seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was ihr 
jedoch nicht gelang. 
Harro hatte es wohl bemerkt, aber er war zu gut erzogen, 
um mit einer Dame am Tisch zu sitzen und mit der 
anderen zu flirten. Er beugte sich ein wenig vor und fragte 
Rotraut leise: 
»Kennst du die dunkle extravagante Frau am Nebentisch?« 
»Ja«, gab sie ebenso leise zurück. »Es ist Fräulein Bach. 
Mehr weiß ich nicht von ihr.« 
»Interessiert mich auch nicht. Ich habe sie nämlich gestern 

abend für dich gehalten.« 
Erschrocken sah sie ihn an. 
»Ein solches Bild haben Sie sich von mir gemacht? Dann 
allerdings. Denn mit dieser Dame verwechselt zu werden, 
ist alles andere als eine Schmeichelei.« 
»Entschuldige, Rotraut. Man macht sich von einem 
Menschen, den man kennenlernen soll, immer ein Bild.« 
»Selbstverständlich«, lächelte sie spöttisch. »Und wenn 
diese Dame nun ich gewesen wäre, wie hätten sich dann 
die ihr eigenen Gewohnheiten mit der Stellung einer 
Gräfin Regglin vertragen?« 
»Ich hätte sie ihr abgewöhnt, verlaß dich drauf.« 

O ja, sie glaubte es ihm. Er konnte unbarmherzig sein, 
wenn er seinen Willen durchsetzen wollte. 
Um dem Gespräch eine Wendung zu geben, fragte sie: 
»Haben Sie schon einen Plan für heute nachmittag?« 
»Nein.« 
»Möchten Sie hierbleiben, ausfahren, wandern? Lieben Sie 
einsame Orte oder solche, die von Menschen belebt sind?« 
»Ich möchte an einen möglichst ruhigen Ort, und wenn es 
geht, dorthin wandern.« 
»Dann kenne ich eine idyllisch gelegene Waldschenke. Der 
Weg ist nicht weit und führt durch den Wald. Ich gehe sehr 

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gern dorthin. Nur ist das Gasthaus primitiv. Hoffentlich 
schreckt Sie das nicht ab.« 

»Du scheinst mich ja für einen Snob zu halten. Bedenke, 
daß ich Jahre hindurch an der Front war. Da hat man uns 
im Schützengraben schon die feinen Allüren abgewöhnt. 
Einen Holzstuhl zum Sitzen wird es in der Schenke wohl 
geben und einen Topf mit Kaffee dazu. Mehr verlange ich 
nicht.« 
Nun mußte Rotraut lachen. Es war ein so herzfrohes, 
goldiges Lachen, das alle im Saal entzückt aufhorchen ließ. 
»Dann bin ich beruhigt.« 
Nach dem Essen suchten sie ihre Zimmer auf. Harro zog 
sich um und ging an den Strand. Zuerst schlenderte er 
umher und setzte sich dann auf eine Bank, die abseits auf 

einer kleinen Anhöhe stand. Von hier aus konnte er den 
Strand und einen Teil der Promenade übersehen, ohne 
selbst von dort aus gesehen zu werden. Die Aussicht war 
einzig schön, und die Augen des naturliebenden Mannes 
nahmen das Bild mit Entzücken in sich auf. 
Trotz der Mittagsstunde badeten einige Menschen. Eine 
Dame, deren rote Badekappe in der Ferne leuchtete, hatte 
sich zu weit hinausgewagt. Der Bademeister tutete so 
anhaltend, daß die Kühne sich zur Umkehr entschließen 
mußte. 
Harro verfolgte den Vorgang mit Interesse. Daß die 
Menschen doch immer und überall übertreiben mußten! 

Das Schwimmbad war so groß, daß man sich innerhalb 
seiner Grenzen nach Herzenslust austummeln konnte. Aber 
nein, man mußte etwas Besonderes haben, und wenn man 
damit auch sein Leben aufs Spiel setzte. 
Nun war die leichtsinnige junge Dame schon so nahe 
herangekommen, daß Harros scharfes Jägerauge in ihr 
Rotraut Bracht erkannte. Sie winkte dem Bademeister 
lachend zu, der sie gutmütig ausschalt. Doch er erreichte 
damit, daß die Schwimmerin nicht mehr über das Ziel 
hinausschoß. Zehn Minuten später kam sie aus dem 
Wasser und war gleich darauf Regglins Augen 

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entschwunden. 
Dieser war nicht wenig erstaunt, als sich bald danach 

Fräulein Bach zu ihm gesellte. 
»Ich habe Sie eifrig gesucht«, bekannte sie lachend und 
ohne jede Spur von Verlegenheit. »Lieben Sie immer solche 
Verstecke?« 
»Wenn ich vor Aufdringlichkeit sicher sein will, ja.« 
»Damit wollen Sie mich wohl loswerden? Das gelingt 
Ihnen nicht, Herr Graf. Ich bin froh, wenn ich mal einen 
Mann erwische, der von der Blödheit der anderen absticht.« 
»Tun Sie Ihre Ansicht immer so offen kund, mein 
Fräulein?« 
»Warum nicht? Sehen Sie mich nicht so mißbilligend an, 
ich bin nicht halb so schlimm, wie Sie denken. Ich 

langweile mich bloß. Und daran ist Fräulein Bracht schuld, 
die alle einigermaßen vernünftigen Männer anzieht wie das 
Licht die Motten. Obgleich sie über alle Begriffe hochmütig 
ist, ist die Männlichkeit in sie verliebt. Selbst das 
Hotelpersonal ist ganz verdreht. Ich zahle doch bestimmt 
keine geringeren Preise, gebe genauso gute Trinkgelder – 
und doch wird mit mir kein Aufhebens gemacht. 
Lächerlich!« 
Wer weiß, was sie Harro noch alles erzählt hätte, wenn sie 
nicht plötzlich abgerufen worden wäre. Und so plötzlich, 
wie sie aufgetaucht, war sie auch wieder verschwunden. Er 
kam nicht dazu, über das sonderbare Mädchen 

nachzudenken, weil in der Nähe Stimmen laut wurden. 
Eine davon erkannte er sofort als die Rotrauts. Sie war 
weich, melodisch und hatte einen leicht fremdländischen 
Klang. 
»Reden Sie doch nicht solchen Unsinn, Herr Larn«, hörte 
Harro sie sagen. Und darauf die Antwort: 
»Sie haben Schuld, wenn ich melancholisch werde, 
gnädiges Fräulein.« 
»Wie gräßlich«, neckte sie. »Auf so was soll die Natur 
beruhigend wirken. Bleiben Sie also stehen und schauen 
Sie hinunter. Wundervoll die Landschaft, nicht wahr?« 

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Sekundenlang war es still, dann sprach Larn wieder: 
»Gnädiges Fräulein?« 

»Nun?« 
»Ich habe mich doch so sehr auf den Ausflug in Ihrer 
Gesellschaft gefreut, und ausgerechnet heute müssen Sie 
verhindert sein. Können Sie Ihren feudalen Gast nicht mit 
dem nächsten Zug abschieben? Es gibt doch so viele 
Ausreden! Sagen Sie, Ihre Großmutter sei krank, oder Sie 
führen zu Ihrer Verlobung…« 
Rotraut unterbrach seine weiteren Vorschläge durch ein 
herzliches Lachen. 
»Nein, Herr Larn, so schwindeln kann ich nicht. Sie als 
wohlerzogener junger Mann sollten doch wissen, daß man 
einen Gast höflich und zuvorkommend behandeln muß. 

Aber seien Sie nicht gar zu betrübt, denn einen Trost kann 
ich Ihnen geben – er fährt morgen wieder ab.« 
»Das ist höchst vernünftig von dem Herrn. Und im übrigen 
haben Sie wie immer recht, gnädiges Fräulein. Also dann 
viel Vergnügen für heute. In Ihrer Haut möchte ich nicht 
stecken, weil ich nicht wüßte, was ich mit einem solchen 
feudalen Gast anfangen sollte. Mir würden Herz und 
Nieren einfrieren bei so viel Unnahbarkeit.« 
Mehr konnte Harro nicht hören, da das Paar langsam 
davongegangen war. Jetzt verließ auch er seinen Platz, denn 
es wurde langsam Zeit, sich zu dem verabredeten 
Spaziergang einzufinden. 

Rotraut war pünktlich zur Stelle. Sie trug ein weißes Kleid, 
das von ausgesuchter Eleganz war. Den Kopf zierte ein 
allerliebstes Mützchen, unter dem das flimmernde 
Lockenhaar keck hervorlugte. Leichtfüßig schritt sie an 
seiner Seite dahin und gab sich alle Mühe, ihren Gast zu 
unterhalten. Als er jedoch nur einsilbige Antworten gab, da 
schwieg sie auch. 
Verstohlen musterte sie den Mann, von dessen Existenz sie 
bis vor wenigen Tagen noch keine Ahnung gehabt hatte, 
und den sie nun heiraten sollte. 
Unmögliches Verlangen! Alles in ihr bäumte sich gegen das 

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harte Gebot des Vaters auf. Wenn sie den Mann an ihrer 
Seite bitten würde, so recht flehentlich bitten, diese Ehe auf 

Abbruch, wie er sie genannt hatte, gar nicht erst zustande 
kommen zu lassen vielleicht…? 
Doch da fielen ihr die Worte ein, die er ihr heute gesagt 
hatte: 
»Du solltest einsichtsvoll genug sein, nicht zu versuchen, 
mich mit deiner Widerspenstigkeit wortbrüchig zu 
machen.« 
Da neigte sie den Kopf, um die Tränen nicht sehen zu 
lassen, die ihr heiß in die Augen stiegen. Sie erschrak, als 
die sonore Stimme neben ihr aufklang. 
»Tränen, Rotraut? Wie töricht.« 
Also hatte er sie beobachtet, obwohl er wie gelangweilt 

neben ihr hergegangen war. Erleichtert atmete sie auf, als 
sie wenige Minuten später den Gasthausgarten betraten, wo 
ihnen der Wirt entgegenkam. 
»Guten Tag, gnädiges Fräulein«, grüßte er erfreut. »Ich habe 
Sie heute nicht erwartet. Zum Glück ist Ihr Lieblingsplatz 
noch frei. Womit darf ich den Herrschaften dienen?« 
»Mit Ihrer Spezialität«, entgegnete sie freundlich. »Mein 
Gast wird diese bestimmt zu würdigen wissen.« 
Der Mann eilte davon, und Rotraut schritt zu einem 
abgelegenen Platz, wo an einem runden Tisch zwei 
Korbsessel standen, die bunte Kissen sehr einladend 
machten. Als sie Platz genommen hatte, fragte sie zaghaft: 

»Gefällt es Ihnen hier?« 
»Sehr. Ein wirklich idyllisches Plätzchen, das du entdeckt 
hast. Bist du öfters hier?« 
»Zweimal in der Woche bestimmt. Ich liebe den Wald so 
sehr, daß ich mir immer gewünscht habe, eine Förstersfrau 
zu werden.« 
Sie sah dem Wirt entgegen, der sich mit einem 
vollbesetzten Tablett näherte. Frische Waffeln, goldgelbe 
Butter und Landbrot stellte er auf den Tisch. Dazu eine 
Kanne, der ein aromatischer Duft entstieg. 
»Ist’s recht so, gnädiges Fräulein?« 

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»Sehr recht, Herr Wirt. Sie wissen doch, daß ich bei Ihnen 
stets einen guten Appetit habe.« 

»Das freut mich, gnädiges Fräulein. Gestatten Sie, daß ich 
Ihnen zu Ihrem gestrigen Erfolg gratuliere. So ein 
schneidiges Spiel hat unser Bad schon lange nicht 
gesehen.« 
»So waren Sie gestern auch zum Tennisturnier?« fragte sie 
überrascht. 
»Ja. Ich habe Sie ehrlich bewundert, gnädiges Fräulein.« 
»Bei meinem mittelmäßigen Spiel?« lachte sie fröhlich. »Ich 
hatte Dusel, daß meine Gegenspieler so schlecht in Form 
waren, sonst hätte ich sie gewiß nicht schlagen können.« 
»Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, daß ich anderer Ansicht 
bin«, lächelte der Wirt. Da er jedoch merkte, daß seinem 

Gast das Gespräch irgendwie unangenehm war, sprach er 
nur noch einige belanglose Worte und ging dann. 
Rotraut füllte nun die feinen Tassen, die sicherlich nicht für 
den Ausschankbetrieb bestimmt waren, und meinte dann: 
»Hoffentlich wird er Ihnen schmecken.« 
»Wahrscheinlich. – Ich bin nur neugierig, wie lange du 
noch das steife Sie beibehalten wirst.« 
»Ich werde schon noch umlernen«, entgegnete sie verlegen. 
»Es ist wirklich nicht leicht, einen fremden Menschen zu 
duzen.« 
»Ungeschickte Ausrede, mein Kind. Kenne ich dich etwa 
länger als du mich? Und mir fällt es durchaus nicht schwer, 

das Du zu gebrauchen. Im übrigen darf ich als dein 
Verlobter dir nicht fremd sein. Du scheinst das Verhältnis, 
in dem wir zueinander stehen, immer noch zu verkennen.« 
»Lassen wir das jetzt«, bat sie. »Wozu sollen wir uns die 
Kaffeestunde mit unerquicklichen Gesprächen verderben.« 
Harro sah sie drohend an, und drohend klang auch seine 
Stimme, als er sagte: 
»Wahrscheinlich ist es dir nicht bewußt, wie unhöflich du 
bist, meine liebe Rotraut. Wenn du auch nur 
gezwungenermaßen meine Braut geworden bist, so solltest 
du doch wenigstens so taktvoll sein, das mich nicht 

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andauernd empfinden zu lassen.« 
Langsam stieg ihr dunkle Röte ins Gesicht. Sie murmelte 

eine Entschuldigung und gab sich fortan Mühe, ihn 
angenehm zu unterhalten. Er blieb jedoch verstimmt, aß 
nur wenig und erhob sich sofort, als Rotraut zum Aufbruch 
mahnte. 
Regglin blieb auch auf dem Rückweg einsilbig, so daß sie 
erleichtert aufatmete, als das Kurhaus erreicht war. 
Nach dem Abendessen bat Rotraut, sich zurückziehen zu 
dürfen, weil sie müde sei. Ihre Entschuldigung trug ihr 
einen ironischen Blick ein. 
»Na schön. Sehe ich dich morgen noch vor meiner 
Abreise?« 
Ihm entging das überraschte Aufblitzen in ihren Augen 

nicht. Es klang jedoch harmlos, als sie fragte: 
»Wollen Sie denn morgen schon wieder fort?« 
»Bei deiner liebenswürdigen Behandlung bleibt mir wohl 
nichts anderes übrig. Da ich annehme, daß du 
Langschläferin bist, möchte ich mich jetzt verabschieden. 
Gute Nacht, Rotraut – und auf Wiedersehen in 
Regglinsgrund.« 
Sie reichte ihm die Hand, die er höflich an die Lippen zog, 
und hastete dann die Treppe empor, von Herzen froh, 
diesen schwierigen Gast endlich los zu sein. 
Harro sah ihr spöttisch nach, steckte eine Zigarette in Brand 
und schlenderte dann zur Strandpromenade hinunter, die 

recht belebt war. Vor ihm ging eine Dame in Begleitung 
zweier Herren, mit denen sie sich laut unterhielt. Eben 
sagte einer der beiden: 
»Da bin ich doch neugierig, wer morgen den ersten Preis 
bekommen wird.« 
»Selbstverständlich Schön-Rotraut«, erwiderte die Dame. 
»So resigniert, mein gnädiges Fräulein? Wollen Sie denn gar 
nicht versuchen, wenigstens in Konkurrenz zu treten?« 
»Ich habe doch nicht den Größenwahn«, lachte sie 
vergnügt. »Mein Lieber, mit einem Fräulein Bracht 
konkurriert es sich nicht so leicht. Dazu fehlt den meisten 

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Festteilnehmerinnen das Geld und außerdem die 
zauberhafte Schönheit.« 

»Also kein bißchen neidisch?« 
»Sollte mir einfallen. Glücklicher und zufriedener, als ich es 
bin, kann auch das Fräulein Bracht nicht sein.« 
Da sie nun rascher ausschritten, konnte Harro von der 
weiteren Unterhaltung nichts mehr verstehen. Er 
schlenderte noch eine Weile dahin und kehrte dann zum 
Hotel zurück. Als er sein Zimmer erreicht hatte, rief er den 
Diener herbei: 
»Albert, versuchen Sie herauszubekommen, was für ein Fest 
morgen hier stattfindet.« 
Schon zehn Minuten später hatte er Bescheid. Ein Volksfest 
sollte steigen, zu dem Erwachsene sowie Kinder irgendeine 

Märchengestalt darzustellen hätten. 
»Großer Umzug, anschließend Ball und Prämierung der 
schönsten Gestalten«, schloß der Diener seinen Bericht. 
»Danke, Albert. Wir reisen erst übermorgen ab.« 
Als Harro Regglin am nächsten Morgen die Terrasse betrat, 
um dort sein Frühstück einzunehmen, waren erst wenige 
Gäste anwesend. Die meisten lagen wohl noch im tiefen 
Schlaf. Wie beiläufig fragte er den Ober, der ihm das 
Frühstück servierte: 
»Wann pflegt Fräulein Bracht zu frühstücken?« 
»Gewöhnlich um acht Uhr, Herr Graf. Doch heute geschah 
es bereits eine Stunde früher, weil das gnädige Fräulein in 

Begleitung einiger Herren und Damen eine Segelfahrt 
macht. Sie wird erst zum Mittagessen zurückerwartet.« 
Harro dankte für die Auskunft und verzehrte dann mit 
Appetit sein Frühstück. Am Nebentisch saß eine Dame, auf 
die ein reizender Backfisch zueilte. 
»Wie häßlich alle zu mir sind, Mutti«, klagte sie weinerlich. 
»Ich habe mich so sehr auf die Segelfahrt gefreut, und nun 
sind sie ohne mich fort. Warum hast du mich nicht 
geweckt?« 
»Tat ich, mein Herzchen, aber du warst einfach nicht 
wachzukriegen. Fräulein Bracht hat noch zehn Minuten 

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über die vereinbarte Zeit gewartet, doch da die anderen 
ungeduldig wurden, mußte sie mit ihnen gehen. Sei nicht 

traurig, mein Kind. Bist ja gestern ausgewesen.« 
»Und das war herrlich, Mutti! Es war schon nach 
Mitternacht, als wir aufbrachen, weil Fräulein Bracht nicht 
länger bleiben mochte. Sie hat sich meiner so lieb 
angenommen, ich mag sie schrecklich gern.« 
Während dieser Beteuerung biß sie mit ihren festen 
Zähnchen in das Schwarzbrot, das ihr so gut zu munden 
schien, daß sie darüber ihren Kummer vergaß. Als sie 
Harros ansichtig wurde, tuschelte sie zu ihrer Mutter hin, 
die ihr jedoch mit einem warnenden Blick Schweigen 
gebot. 
Harros Stimmung war alles andere als rosig, als er sich 

erhob und die Terrasse verließ. Kein Wunder, da ihn 
Rotraut gestern abend so früh verabschiedet hatte, um sich 
hinterher bis Mitternacht im Freundeskreis zu vergnügen. 
Er sagte Albert Bescheid, daß er einen Spaziergang machen 
wolle und zum Mittagessen nicht zurückzuerwarten sei. 
Während er dann langsam durch den Wald schritt, legte 
sich seine Verstimmung, so daß er bald die 
Naturschönheiten aus vollem Herzen genießen konnte. In 
einem Waldlokal machte er Rast, aß auch dort zu Mittag 
und trat dann langsam den Rückweg an. Als er den Kurort 
erreicht hatte, war der kaum wiederzuerkennen in seinem 
festlichen Schmuck. Es blieb Harro gerade noch genügend 

Zeit zum Umkleiden, dann meldete die Kurkapelle auch 
schon den Beginn des Umzugs. 
Harro sah von einem versteckten Platz aus auf das 
farbenprächtige3ild. Unendlich reich war die Phantasie der 
Menschen. Man fühlte sich wie ins Märchenland versetzt. 
Hier der Wagen mit dem Dornröschen und dem Prinzen, 
da Schneewittchen mit den allerliebsten Zwergen, dort 
König Drosselbart, der die lächerlich verkleidete Prinzessin 
mit sich führte. Dann Brüderchen und Schwesterchen, 
selbst das zahme Reh fehlte nicht. Aschenputtel, Hansel 
und Gretel, Frau Holle, Hans im Glück waren zu sehen. 

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Jede Figur war meisterhaft dargestellt. Die Preisrichter 
würden abends schwere Arbeit haben, die schönsten der 

schönen Gestalten herauszufinden. Und wie herzig die 
lachenden Kinder waren, mit welchem Eifer sie ihre Rollen 
verkörperten! 
Schade, daß der lange Zug überhaupt ein Ende nahm. Die 
Menschenmenge, die sich am Wege staute, wollte sich 
bereits zerstreuen, als noch einmal heller Jubel ausbrach. 
Ein Jagdhorn erschallte. Gleich darauf wurde ein weißes 
Roß sichtbar, das eine wunderschöne Reiterin trug. Ihr zur 
Seite ritt auf dunklem Pferd ein schlanker Page in 
Samtwams und Federhut. Viel prächtigere Gestalten waren 
vorübergezogen; aber diese beiden hatten etwas an sich, 
daß man bei ihrem Anblick den Atem anhielt vor 

Entzücken. Die zaubersüße Gestalt im schneeigen, 
wallenden Kleide, mit dem funkelnden Diadem im 
Lockenhaar und dem Rotdornzweig im goldenen Gürtel, 
dazu der bildhübsche Page! 
»Schön-Rotraut!« jubelten die entzückten Menschen. 
Und es lächelte und winkte, des Königs Ringangs 
Töchterlein, das da so poetisch verkörpert wurde. Der 
schöne Page blies auf dem Jagdhorn das dazu passende 
Lied, und diejenigen, die es kannten, sangen begeistert mit: 
 
»Wie heißt König Ringangs Töchterlein? 
Rotraut, Schön Rotraut! 

Was tut sie denn den ganzen Tag, 
da sie nicht weben und spinnen mag? 
Tut reiten und jagen…« 
Und dann klang es neckend zum Pagen hin: 
»Schweig stille, mein Herz…« 
 
Das Paar war so umringt, daß es sich nur mühsam durch 
die Menschenmenge drängen konnte. Bis zum Festplatz 
wurde es verfolgt, wo es ihm dann gelang, den Begeisterten 
zu entfliehen. 
Als sich am Abend die geschmückten Menschen im Festsaal 

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zusammenfanden, waren Rotraut und ihr Partner, Herr 
Larn, die einzigen, die ihre Kostüme nicht mehr trugen. Sie 

wurden von allen Seiten bestürmt, sich doch wieder mit 
den Märchengewändern zu schmücken, doch lachend 
lehnten sie ab. Trotzdem drückte man ihnen die 
Preisträgerkrone auf den Kopf, was sie sich resigniert 
gefallen lassen mußten. 
Und sie trugen die Auszeichnung mit Recht. Denn die 
Gestalten, die sich in ihren phantastischen Gewändern im 
Saal tummelten, hatten schon an Reiz verloren. Doch die 
beiden, die wie ein wunderschönes Traumbild an den 
begeisterten Menschen vorübergezogen waren, würden 
weiter in deren Erinnerung leben. 
Fräulein Bracht sah ja auch in ihrem zauberhaften 

Abendkleid nicht weiter sinnbetörend aus als im Festzug. 
Die Herren wetteiferten um einen Tanz mit ihr. 
Nur einer tat es nicht. Der suchte sich andere Tänzerinnen, 
mit denen er aufs charmanteste flirtete und dabei manches 
Köpfchen verdrehte. 
Als Rotraut ihn sah, wollte ihr fast das Herz stillstehen vor 
Schreck. 
Ja, wie denn? Hatte Regglin am Morgen nicht abreisen 
wollen? Und nun machte er hier nach Art eines 
routinierten Schwerenöters die Mädchenherzen rebellisch. 
Mochte er nur – was ging es sie an? Sie hatte ja nichts 
Unrechtes begangen. 

Und doch schien er dieser Meinung zu sein; sonst hätte er 
sie doch wenigstens begrüßt. Allein, er übersah sie 
vollständig, was sie so unangenehm berührte, daß sie bald 
das Fest verließ. Als sie sich aber am andern Morgen 
erkundigte, ob Graf Regglin noch in seinem Zimmer wäre, 
erfuhr sie, daß er vor einer Stunde mit seinem Diener 
abgereist sei. 
Gräfin Liane saß in ihrem Wohnzimmer, als der Sohn bei 
ihr eintraf. »Nanu, Junge, du bist schon zurück?« fragte sie 
erstaunt. »Das hört sich fast so an, als wäre dir mein 
Anblick unangenehm«, lachte er. »Doch zuerst mal guten 

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Tag, kleine Mama. Fabelhaft jung siehst du aus. 
Das merke ich erst so richtig, nachdem ich dich einige Tage 

nicht gesehen habe.« 
Er drückte seine Lippen auf ihr Haar, und sie umspannte 
dann zärtlich sein Gesicht mit beiden Händen. Dabei sah 
sie ihm in die Augen. 
Augenblickslang schmiegte er seine Wange an die der 
Mutter, dann richtete er sich auf, zog sich einen Stuhl heran 
und nahm vor ihr Platz. 
»Wie es war? Hochinteressant. Alles ging nach Vorschrift, 
und du siehst einen Bräutigam vor dir. Meine Braut ist 
persona grata in dem mondänen Bad. Siegt im 
Tennisturnier, schwimmt wagehalsig übers Ziel hinaus, 
erhält den ersten Preis bei Festlichkeiten, kurz und gut: sie 

ist überall die große Hauptperson. Im übrigen kannst du 
dir dein Urteil über sie bilden, wenn sie kurz vor der 
Hochzeit hier erscheint.« 
Damit war sein Bericht abgeschlossen, und der Mutter 
wurde das Herz schwer. Sie bildete sich ihr Urteil selbst, 
gewiß – und doch hätte sie jetzt gern mehr über Fräulein 
Bracht gehört. Harros Verschlossenheit verriet, daß seine 
Begegnung mit der jungen Dame durchaus unbefriedigend 
verlaufen war. 
Persona grata! 
Das paßte genau zu dem Bild, das sie sich von dem 
Mädchen machte, für das es eine Leichtigkeit war, 

möglichst extravagant zu sein. Geld hatte es ja genug. 
Entsetzlich diese Art! 
Was wird man da noch alles erleben müssen! Mit der 
harmonischen Ruhe in Regglinsgrund würde es wohl 
vorbei sein, solange dieses Fräulein Bracht in seinen 
Mauern weilte. Ärger und Verdruß würden zur 
Tagesordnung gehören. Wie schön wäre es, wenn sie 
während dieser Zeit auf Reisen gehen könnte. Aber sie 
durfte den Jungen nicht verlassen, der sie so liebte. Etwas 
wie Haß auf das Mädchen stieg in ihr auf. Wegen dieses 
Fräulein Bracht hatte es hier schon so viele unerquickliche 

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Stunden gegeben, und in Zukunft würden ihnen noch viele 
weitere folgen. 

Wie auf Verabredung sprach man über die zukünftige Frau 
und Schwiegertochter nicht mehr. Man erwähnte sie kaum, 
als nach Tagen schon ein junger Mann auftauchte, der 
angab, von Fräulein Bracht hergeschickt zu sein, um ihre 
Zimmer auszustatten. Nachdem er sich legitimiert und 
außerdem noch ein polizeiliches Beglaubigungsschreiben 
vorgelegt hatte, nahm man keine Notiz mehr von ihm, der 
sich noch einmal melden ließ, als seine Arbeit beendet war 
und er um Besichtigung der Räume bat. 
Also nahmen Mutter und Sohn sie in Augenschein. Wohn-, 
Schlaf- und Ankleidezimmer mit anschließendem Bad, 
alles war nicht luxuriös, aber sehr behaglich ausgestattet. 

Als die Gräfin sich lobend äußerte, winkte der junge 
Innenarchitekt bescheiden ab. 
»Ich habe nur ausgeführt, was Fräulein Bracht bis ins 
kleinste ausgearbeitet hat. Man kann tatsächlich von der 
jungen Dame lernen.« 
Gräfin Liane, die an dem Mann Gefallen fand, lud ihn zum 
Mittagessen ein. Doch er lehnte höflich aber entschieden 
ab, indem er weitere dringende Arbeit vorschützte. Er 
verabschiedete sich und verließ eine halbe Stunde später 
Regglinsgrund. 
Der Hochzeitstag des Herrn von Regglinsgrund war 
gekommen, die Vorbereitungen zur Feier hatten viel 

Unruhe gebracht. Adelheid hatte ihrer lieben Tante Liane 
in den letzten Tagen vor Harros Vermählung wacker zur 
Seite gestanden. Selbst Iris war öfter nach Regglinsgrund 
gekommen, um ihre Hilfe anzubieten, weil sie von dem 
Wahn befallen schien, besser als jede andere ein Fest 
arrangieren zu können. 
Liane ließ sie in dem Glauben. Denn sie war von Herzen 
froh, daß die leidige Geschichte das gute Einvernehmen 
mit den Illsunds nicht getrübt hatte. Liane schwieg sich 
über die Verlobung des Sohnes aus, auch den Halldungen 
gegenüber. Mochte man sich ruhig den Kopf zerbrechen. 

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Das war immer noch besser, als wenn man die Wahrheit 
wußte, durch die die Schuld Bodo Regglins bekannt wurde. 

Selbstverständlich blühte der Klatsch an allen Ecken und 
Enden, weil diese plötzliche Verlobung doch allzu 
merkwürdig war. Und vier Wochen später folgte bereits die 
Hochzeit?! O nein, etwas stimmte da nicht! 
Kein Wunder, daß man es kaum erwarten konnte, die Braut 
kennenzulernen. Das hofften die auswärtigen Gäste, die 
bereits in Regglinsgrund eingetroffen waren, schon am 
Vorabend der Vermählung. 
Und nun, einige Stunden vor der standesamtlichen 
Trauung, war sie überhaupt noch nicht da. Man tuschelte, 
mutmaßte und erregte sich. 
Unterdessen ging Harro im Wohnzimmer seiner Mutter auf 

und ab. Diese sah vom Fenster aus auf den geschmückten 
Schloßhof hinab. Sie sprachen beide nicht, schauten nur 
immer wieder nach der silbernen Uhr, die auf dem Kamin 
stand. Tiefe Stille herrschte im Schloß, das doch eigentlich 
von Frohsinn erfüllt sein müßte. 
Wie sonderbar das Leben doch mit den Menschen spielt, 
dachte Liane bedrückt. Schließlich müssen der Junge und 
ich noch froh sein, wenn die mißachtete Krämerstochter 
überhaupt erscheint. Tut sie es nicht, sind wir dem Spott 
der Gäste erbarmungslos ausgeliefert. – Käme es doch 
endlich, das kapriziöse Persönchen mit dem 
herausfordernden Wesen, wie es reiche, verwöhnte 

Mädchen so an sich haben, weil ihnen dank ihres Geldes 
die ganze Welt gehört. Wie es sich wohl ausnehmen wird 
neben der stolzen Erscheinung meines Jungen? Keine paßt 
so gut zu ihm wie Iris Illsund. 
»Wir werden wohl Hochzeit ohne Braut feiern müssen, 
mein Sohn«, beendete sie das bedrückende Schweigen. 
»Man könnte von Herzen gern auf ihre Anwesenheit 
verzichten, wenn nicht die Vorbereitungen getroffen und 
die Gäste bereits hier wären, wenigstens schon ein Teil von 
ihnen!« 
Harro blieb vor ihr stehen und sah sie tiefernst an. 

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»Es wäre nicht gut für mich, wenn sie fortbliebe, Mutter. 
Wie sollte ich dann wohl die Schuld des Vaters sühnen? 

Aber schau jetzt einmal durchs Fenster.« 
Vor dem Portal hielt ein eleganter Viersitzer, an dessen 
Steuer eine Dame saß. Eine weitere lehnte im Fond. Die 
erste ließ mit einem sonderbaren Lächeln die Augen über 
das geschmückte Schloß schweifen und sprach dann mit 
dem Diener, der herangetreten war und sich tief vor ihr 
verneigte. Das lag sonst gewiß nicht in des hochmütigen 
Albert Art. 
Nun stieg sie aus dem Auto und war gleich darauf den 
spähenden Augen entschwunden. In der Halle, die schon 
die ganze Pracht des Schlosses ahnen Heß, schoß es ihr 
unwillkürlich durch den Sinn, daß sie dessen Besitzer Geld 

angeboten hatte. 
Als sich niemand zu ihrer Begrüßung blicken ließ, wandte 
sie sich an den Diener, der in respektvoller Entfernung 
hinter ihr stand. 
»Fragen Sie die Frau Gräfin, wann ich ihr meine 
Aufwartung machen darf«, verlangte sie kurz, worauf er 
davoneilte, um sehr schnell zurückzukommen. 
»Frau Gräfin erwarten das gnädige Fräulein unverzüglich.« 
Rotraut musterte ihr Sportkostüm, zuckte dann die Achseln 
und folgte Albert. Als sie das Zimmer betrat, streifte ihr 
Blick flüchtig die hohe Gestalt des Verlobten. Dann eilte sie 
auf die Gräfin zu, die sich langsam von ihrem Sitz erhob. 

Sekundenlang hingen die Blicke ineinander. Der Rotrauts 
war weich und schmeichelnd, der Lianes kühl und 
abweisend. Ebenso klang auch ihre Stimme. 
»Sei mir willkommen – ah – tatsächlich – ich weiß noch 
nicht einmal deinen Vornamen.« 
»Rotraut.« 
Augenblickslang blitzte es überrascht in Lianes Augen auf, 
dann sagte sie in unverändert kühlem Ton: 
»Hoffentlich lebst du dich so gut in Regglinsgrund ein, wie 
ich es für dich wünsche. Und dann möchte ich dir sagen, 
daß ich dein Benehmen taktlos finde. Seit gestern wartet 

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das mit Gästen gefüllte Haus auf die Braut, die durch 
Abwesenheit glänzt. Ein derartiges Benehmen sind wir hier 

nicht gewohnt. Richte dich in Zukunft danach. In einer 
Stunde bereits findet die standesamtliche Trauung statt. 
Sieh zu, daß du bis dahin mit dem Umkleiden fertig bist.« 
Bei diesen scharfen Worten errötete und erblaßte Rotraut in 
jähem Wechsel. Sie kam zu keiner Antwort, da die Tür sich 
öffnete. 
»Tretet nur näher«, ermunterte Liane die Mädchen, die 
zögernd auf der Schwelle stehenblieben. Dann stellte sie 
vor: 
»Die Komtessen Iris und Adelheid Illsund – Fräulein 
Bracht.« 
Ein formelles Nicken hüben und drüben. Sie standen sich 

gegenüber – die Kaufmannstochter und die aus altadligem 
Geschlecht. Und obgleich die erstere im einfachen 
Sportkostüm war, konnte sie sich mit der elegant 
gekleideten Iris mühelos messen – auch was den Hochmut 
betraf, mit dem sie sich gegenseitig musterten. 
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Fräulein Bracht.« 
Mit einem weichen Lächeln nahm Rotraut die dargebotene 
Rechte. 
»Ich gewiß auch, Komteß Illsund. Haben Sie Dank für Ihr 
Entgegenkommen.« 
»Rotraut, es ist allerhöchste Zeit, daß du dich umkleidest«, 
mahnte die Gräfin – und schon wich das liebe Lächeln aus 

dem Mädchengesicht. Es nahm einen kühlen, ablehnenden 
Ausdruck an. 
»Ich bin bereit, Frau Gräfin. Wo finde ich meine Zimmer?« 
»Der Diener wird dich führen.« 
Als dieser auf ein Rufzeichen erschien, folgte Rotraut ihm. 
Mit bangen Augen schaute Adelheid auf die Tür, die sich 
soeben geschlossen hatte. Harros spöttische Stimme ließ 
sie zusammenschrecken. 
»Heidekind, du siehst ja aus, als müßtest du in nächster 
Minute in Tränen ausbrechen. Hat der Anblick meiner 
Braut dich denn so sehr erschüttert?« 

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Adelheid schüttelte den Kopf, als müsse sie sich gegen 
seinen Spott wehren. Dann senkte sie den Blick. 

»Sie ist so schön«, murmelte sie. »Viel zu schön – und auch 
zu schade.« 
»Du bist ja sehr liebenswürdig«, lachte Harro amüsiert, 
während Iris ihr einen so wütenden Blick zuwarf, daß sie 
von neuem erschrak. Auch die beiden Regglins hatten ihn 
bemerkt, und Liane empfand ihn außerordentlich 
befremdend. Fragend sah sie zum Sohn auf, der die Achsel 
zuckte. 
»Es ist nicht alles Gold, was glänzt«, blitzte es humorvoll in 
seinen Augen auf, zumal Heidi ihn verständnislos ansah. 
»Wie meinst du das, Harro?« 
»Vielleicht dachte ich dabei an meine Braut?« 

Jetzt amüsierte er sich über den empörten Blick der 
Mädchenaugen, die sich gleich darauf mit Tränen füllten. 
Da strich er mit weicher Hand über ihr Haar. 
»Bist du ein Schäfchen, Heidekind. Und nun entschuldigt 
mich; denn schließlich habe ich heute ja noch eine 
Kleinigkeit zu erledigen.« 
Damit ging er hinaus und ließ die Mutter in banger Sorge 
zurück. 
In der Schloßkapelle von Regglinsgrund warteten die 
Hochzeitsgäste ungeduldig auf das Brautpaar, um das ihre 
Phantasie ein ganzes Märchen geschlungen hatte. Etwas 
stimmte bei dieser Heirat nicht, sonst hätten Harro Regglin 

und seine Mutter sich darüber nicht in Stillschweigen 
gehüllt. 
Als das Paar dann endlich erschien, schüttelte man 
verblüfft den Kopf. 
Das also war die Braut? Sie sah ja wunderschön aus. Sie 
paßte ganz vorzüglich zu der distinguierten Erscheinung 
des Bräutigams. Frei und stolz schritt sie an seiner Seite 
zum Altar, wo der Pfarrer bereits ihrer harrte. 
Der Mann mit den gütigen Augen und der warmen Stimme 
sprach nicht viel. Doch was er sagte, ging zu Herzen und 
rührte an manche verhärtete Seele, die solche 

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eindringlichen Worte schon lange nicht mehr gehört hatte. 
Zuerst schaute Rotraut offen zu dem Pfarrer auf. Doch je 

länger er sprach, um so verwirrter wurde sie. Schließlich 
senkte sie tief den Kopf – wie schuldbeladen. 
Von Liebe und Treue, auf denen sich eine gute Ehe 
aufbauen soll, sprach der greise Mann. 
Von der Liebe, die der Mann an ihrer Seite spöttisch 
verlachte! 
Von der Treue, auf die sie keinen Anspruch hatte, weil sie 
sich in sein Leben drängte wie etwas Widerwärtiges, das er 
klanglos auf sich nahm, um damit den Leichtsinn seines 
Vaters zu büßen. 
Hart schluchzte sie auf – nur einmal – doch sie glaubte, das 
Herz müßte ihr dabei entzweispringen. Ihre ganze Not 

hätte sie den Menschen, die den Worten des Pfarrers wie 
gebannt lauschten, entgegenschreien mögen. 
Bei der standesamtlichen Trauung war es ihr leichtgefallen, 
die Komödie zu spielen. Doch bei den Worten des greisen 
Mannes, der ihr mit seinen gütigen Augen bis auf den 
Grund der Seele zu schauen schien, hatte sie das Gefühl, als 
beflecke sie durch die Duldung zu dieser Scheintrauung 
etwas Heiliges. 
Wenn der Graf doch barmherzig wäre und mit Nein die 
Frage beantworten wollte, die das Ehegelübde vorschrieb. 
Wenn er doch mit diesem Nein der scheinheiligen Lüge in 
das grinsende Gesicht schlagen würde! 

Doch klar und fest klang sein Ja durch die Stille der Kirche. 
Und als ihr die Frage vorgelegt wurde, bekam sie die 
Antwort nicht aus der wie zugeschnürten Kehle. Flehend 
sah sie zum Pfarrer auf, der ihr gütig zunickte – da war sie 
endlich dazu fähig, ihr Ja zu flüstern. 
Obgleich das alles nur wenige Sekunden währte, hatte es 
Unruhe unter die Menschen gebracht, die nun erleichtert 
aufatmeten, als der Pfarrer den Segen sprach. 
Dann führte Harro die junge Gattin seiner Mutter zu. Als 
diese sie an sich ziehen wollte, verhinderte Rotraut es, 
indem sie sich rasch über die Hand Lianes beugte, die sich 

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darob verletzt zurückzog. 
Nun brachten auch die anderen ihren Glückwunsch an, 

teils herzlich, teils gezwungen. Dann bewegte sich der 
lange Zug zum Schloß zurück, um sich dort an der festlich 
geschmückten Tafel niederzulassen. Wie das so üblich ist, 
wurden Reden gehalten, mit dem Brautpaar angestoßen, 
wobei es manch ein Kompliment zu hören bekam. 
Auch Iris näherte sich der jungen Frau mit dem gefüllten 
Glas. Die Gäste, die fast alle darum wußten, welche große 
Hoffnung der Komteß heute zerschlagen war, hielten vor 
Spannung den Atem an, als die beiden Frauen sich 
gegenüberstanden. Schön waren sie beide – und doch 
fehlte Iris der Zauber, der von Rotraut ausging. 
Und dann geschah etwas, das alle entsetzte. Iris hatte 

nämlich ihr Glas so heftig gegen das der jungen Frau 
gestoßen, daß es zersprang und der rote Wein sich über das 
Brautgewand ergoß. Wie Blut leuchtete der große Fleck, auf 
den das ungeschickte Mädchen mit flackernden Augen 
starrte. Ihren Mund umspielte ein höhnisches Lächeln. 
Bevor die Gäste sich von ihrem Schreck erholen konnten, 
umfaßte der junge Ehemann die Schulter seines zitternden, 
tieferblaßten Weibes. Verächtlich blickte er auf Iris, die es 
nicht einmal für nötig hielt, sich für ihre 
Ungeschicklichkeit zu entschuldigen. 
»Jeder benimmt sich so, wie er kann«, sprach er in die 
atembeklemmende Stille hinein. »Schade, daß so ein 

Mißklang in die Harmonie des Festes fallen mußte. Feiern 
Sie ruhig weiter, meine Herrschaften. Wir müssen uns 
leider empfehlen.« 
Er grüßte nach allen Seiten und zog Rotraut mit sich fort. 
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er ihre 
Hand an die Lippen und sagte lächelnd: 
»Mach dir nichts draus, mein Kind. Jede Niedertracht fällt 
letzten Endes immer auf den Urheber zurück. Ziehe dich 
nun zur Reise um. In einer Stunde hole ich dich ab.« 
Als sie ihr Zimmer betrat, fuhr die Zofe erschrocken 
zusammen. 

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»Um Gott, Frau Gräfin, was ist denn geschehen?« 
»Nichts weiter, als daß Wein über mein Kleid geflossen ist.« 

»Aber das bedeutet doch Unglück!« 
»Wir wollen nicht abergläubisch sein, Dora. Haben Sie 
meine Reisegarderobe zurechtgelegt?« 
»Alles ist bereit, Frau Gräfin.« 
Eifrig half sie ihrer Herrin beim Umkleiden und bat dann 
gehen zu dürfen, weil sie die Koffer noch zu verschließen 
hatte. Rotraut setzte sich in einen Sessel, griff nach einer 
Zigarette und gab sich Gedanken hin, die gewiß nicht 
erfreulich waren. Sie erschrak heftig, als die Tür aufgerissen 
wurde und ein Mann auf sie zueilte. 
»Um Gottes willen, Bob – was willst du hier?« 
»Dich fragen, was der Irrsinn hier zu bedeuten hat«, brach 

es aus ihm heraus. »Bist du tatsächlich dem Grafen Regglin 
angetraut, Raute?« 
»Ja, Bob.« 
»Also bin ich doch zu spät gekommen«, stöhnte er so 
qualvoll auf, daß ihr die Tränen in die Augen traten. »So 
belohnst du meine treue Liebe. Es ist zum 
Wahnsinnigwerden!« 
»Bob, so beruhige dich doch«, bat sie eindringlich. »Die 
Ehe ist nur zum Schein geschlossen und wird nach einem 
Jahr bestimmt geschieden. Wie kannst du nur so 
leichtsinnig sein, hier einzudringen. Geh jetzt und grüße 
dein Mütterlein daheim.« 

»Ich gehe nicht früher, als bis ich den Grund zu dieser 
verrückten Ehe weiß.« 
»Den kann ich dir nicht sagen.« 
»Du bist schlecht, Raute.« 
»Und wenn auch! Aber geh jetzt endlich. Wenn der Graf 
dich hier sieht, gibt es bestimmt einen Skandal. Er läßt 
nicht mit sich spaßen, das kannst du mir schon glauben.« 
Ehe sie es verhindern konnte, fiel er vor ihr auf die Knie 
und flehte verzweifelt: 
»Hab’ doch Erbarmen mit mir, Raute! Ich liebe dich doch 
zu sehr.« 

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»Was geht denn hier vor?!« kam es von der Tür her, wo 
Harro neben seiner Mutter stand. Bob sprang auf und sah 

dem Grafen furchtlos entgegen, der nun näher kam, einen 
so drohenden Ausdruck in den Augen, daß Rotraut sich 
unwillkürlich vor den Kindheitsgespielen stellte. 
»Wer sind Sie, mein Herr?« fragte Harro eisig. »Wie können 
Sie es wagen, bei meiner Gattin einzudringen und ihr zu 
Füßen zu liegen? Sie werden mir Rechenschaft geben.« 
Rotraut hob flehend die verschlungenen Hände zu ihm 
empor. 
»Nicht so – bitte!« stammelte sie mit entfärbten Lippen, 
doch der gereizte Mann schob sie zur Seite. In seinen 
Augen wetterleuchtete es, langsam hob sich seine Hand. 
»Bob, bist du von Sinnen!« schrie Rotraut verzweifelt auf. 

»Willst du es durchaus bis zum Äußersten kommen 
lassen?! Denk doch an deine Mutter – und auch an mich. 
Geh doch endlich – bitte!« 
»Dann wäre ich ein Feigling, Raute.« 
»Ich weiß, daß du keiner bist, und diejenigen, die dich 
gleichfalls kennen, wissen es auch. Was liegt dir an dem 
Urteil fremder Menschen? Bob, ich flehe dich an…« 
Ein Zucken ging über das offene, hübsche Gesicht des 
jungen Mannes. Zärtlich streichelte seine Hand über die 
angstvollen Augen Rotrauts, dann verbeugte er sich 
spöttisch vor Harro. 
»Um dieser geliebten Frau willen empfehle ich mich, Herr 

Graf Regglin.« 
Blitzschnell sprang er durch das offene Fenster auf die 
Terrasse hinaus. Als Harro ihm nacheilen wollte, 
umklammerte Rotraut ihn so fest mit beiden Armen, daß er 
hätte Gewalt anwenden müssen, um sich aus der 
Umschließung zu lösen. Erst als man von unten her das 
Geräusch eines anfahrenden Autos vernahm, ließ sie 
aufatmend die Arme sinken. 
»Wer war der Mann?« fragte der Gatte herrisch, doch sie 
zuckte nur die Achseln und schwieg. Bob war ja in 
Sicherheit. Was nun kam, wollte sie schon auf sich 

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nehmen. 
»Hörst du nicht?« stieß er drohend hervor. Sie warf den 

Kopf in den Nacken, die Augen sprühten in dem blassen 
Gesicht. 
»Den Namen wirst du niemals erfahren.« 
Da stieg der Zorn in ihm hoch. Die Säbelnarbe leuchtete 
blutrot in dem sehr bleichen Antlitz. Er schüttelte die 
schlanke Gestalt, daß sie wankte. 
»Harro, du vergißt dich!« rief die Mutter entsetzt, und da 
kam er zur Besinnung. Er trat zurück, atmete einige Male 
tief und schwer, bevor er zu sprechen anhob: 
»Willst du nun wenigstens die Güte haben und für diese 
merkwürdige Angelegenheit eine Erklärung abgeben? Ich 
habe das Recht zu erfahren, wer der Mann ist, der meiner 

Gattin zu Füßen lag und für den diese so leidenschaftlich 
eintritt. Ich weiß von deiner Vergangenheit so wenig.« 
»Halt!« unterbrach sie ihn hochmütig. »Ich habe Sie darauf 
aufmerksam gemacht, daß es leichtsinnig ist, ein Mädchen 
zu heiraten, dessen Vergangenheit Ihnen unbekannt ist. Sie 
wollten sich jedoch nicht warnen lassen, wollten sich 
nichts schenken lassen von einem Fräulein Bracht. 
Trotzdem weiß ich, was ich Ihrem Namen schuldig bin. 
Doch für Vorfälle, an denen ich schuldlos bin, wünsche ich 
nicht verantwortlich gemacht zu werden.« 
»Also soll ich fortan ruhig mit ansehen, daß man sich 
meiner Gattin nähert wie einem x-beliebigen kleinen 

Mädchen?« 
Rotraut griff nach einer Sessellehne, an der sie sich 
krampfhaft festhielt. Deutlich konnte man sehen, daß sie 
dem Umsinken nahe war. Die Augen wirkten wie erloschen 
in dem todblassen Gesicht. 
»Bitte, lassen Sie mich allein«, sagte sie leise. 
Kopfschüttelnd betrachtete Harro sie, dann bat er seine 
Mutter, ihm zu folgen. Im Nebenzimmer sank er vor ihr in 
die Knie und legte den Kopf in ihren Schoß, wie er es als 
Knabe getan hatte, wenn er sich irgendwie nicht mehr zu 
helfen wußte. Aufs höchste erregt streichelten ihre weichen 

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Mutterhände den Kopf ihres großen Jungen, und sie sprach 
liebevoll auf ihn ein: 

»Das eine Jahr wird auch vergehen, Harro. Bleibe mit 
deiner Frau so lange auf Reisen, dann kannst du dich ihr 
vollkommen widmen und hast so die beste Kontrolle über 
sie. Wenn du dich dann von ihr trennst, muß sie unseren 
Namen ablegen. Dann kann sie tun und lassen, was sie 
will. Wie gefällt dir der Vorschlag, mein Junge?« 
Er drückte ihre Hände gegen seine brennenden Augen und 
erhob sich. Nun war er wieder ganz Harro Regglin, wie die 
Mutter befriedigt feststellte. Jetzt konnte sie ihn beruhigt 
ziehen lassen. 
Er warf einen Blick auf die Armbanduhr. 
»Es wird Zeit, daß ich mich auf die Hochzeitsreise begebe«, 

lächelte er ironisch. »Also auf Wiedersehen, kleine Mama. 
Wann, das kann ich dir allerdings noch nicht sagen.« 
Das war zugleich die Antwort auf ihren Vorschlag. Sie trat 
auf ihn zu, zog seinen Kopf an sich und küßte seine 
Wange. 
»Alles Gute, mein geliebter Junge.« 
»Dir auch, Mutti. Mach nicht so ängstliche Augen, ich 
beiße mich schon durch.« 
Er zog ihre Hände an die Lippen, eine um die andere, strich 
zärtlich über ihre Wange – dann schloß sich die Tür hinter 
ihm. 
Rotraut schmiegte sich in das Polster des Autos, das sie in 

eine ihr unbekannte Ferne führte. Denn sie wußte 
tatsächlich nicht, wohin die Reise gehen sollte. Schließlich 
entschloß sie sich, ihren Mann, der schweigend an ihrer 
Seite saß, danach zu fragen. 
»Nach Italien«, war die gelassene Antwort. »Wenigstens in 
dieser Beziehung wollen wir als Hochzeitsreisende nicht 
aus dem Rahmen fallen. Hast du etwas dagegen 
einzuwenden?« 
»Durchaus nicht.« 
»Das beruhigt mich ungemein. Aber ich muß mich 
wundern, daß du auch jetzt noch mir gegenüber das Sie als 

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Anrede gebrauchst. Ich persönlich habe ja nichts dagegen. 
Doch da wir als Gatten reisen, wird man es überall höchst 

merkwürdig finden, daß du deinen Mann so förmlich 
ansprichst.« 
»Du hast recht«, entgegnete sie leise. »Es ist nur so 
entsetzlich schwer, einen fremden Menschen plötzlich zu 
duzen. Aber ich lerne es schon noch.« 
»Na schön.« 
Dann herrschte wieder Schweigen. Rotraut kuschelte sich in 
die Ecke und schloß die Augen. Eine süße Mattigkeit 
überkam sie, der sie sich nur zu gern hingab. Wie Schemen 
zogen die Ereignisse des heutigen Tages durch ihre 
Gedanken, die sich dann langsam verwirrten und endlich 
ganz Ruhe gaben. Der Traumgott nahte, führte das 

zerquälte Menschenkind hinüber in sein Reich, wo alles so 
märchenhaft schön war, wo es kein hartes Gebot des Vaters 
gab, keinen Harro Regglin, keine Ehe auf Abbruch und 
keine Angst vor der Zukunft. Das Motorengeräusch, das das 
Ohr der Träumenden unbewußt aufnahm, klang wie 
liebliche Musik. Der enge dunkle Wagenraum wurde zur 
sonnendurchfluteten Halle, der Mann an der Seite der 
Schlafenden zum strahlenden Prinzen, wie ihn sich jedes 
Mädchenherz erträumt. Keine Tränen gab es, nur 
lachenden Frohsinn in dem Traumparadies, aus dem dann 
die glückselige Schläferin gerissen wurde. Noch 
traumumfangen öffnete sie die Augen, hörte eine Stimme, 

die sie unsanft weckte, obgleich sie recht freundlich klang. 
»Nun werde endlich munter, Rotraut. Es hat mir zwar leid 
getan, dich zu wecken, aber es muß sein, weil wir unser 
heutiges Ziel erreicht haben.« 
»Verzeihen Sie – verzeih – ich habe – ich wollte…«, 
stotterte sie so verwirrt, daß er herzlich lachen mußte. 
»Nun rappele dich endlich auf, du Traumelinchen. 
Draußen steht bereits unser braver Albert, der darauf 
wartet, den Schlag öffnen zu dürfen.« 
Gleich darauf stand sie im Freien und schauerte in der 
kühlen Spätabendluft zusammen. Aber da war auch schon 

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Dora, die mit dem Zug vorgefahren war, zur Stelle. 
Fürsorglich legte sie der Herrin einen leichten Pelzmantel 

über die Schultern. 
An Harros Seite betrat Rotraut das Hotel, in dem Zimmer 
für sie bestellt waren. Der Gatte gab ihr bis zu dem ihren 
das Geleit und fragte dann: 
»Wollen wir hier oben essen oder unten im Speisesaal?« 
»Ich bin viel zu müde, um essen zu können.« 
»Na schön, dann geh schlafen. Gute Nacht, Rotraut, 
angenehme Ruhe.« 
Er zog ihre Hand an die Lippen und ging in das 
Nebenzimmer. Gleich drauf klopfte es, was Rotraut nervös 
zusammenzucken ließ. Als jedoch auf ihre Aufforderung 
zum Eintritt die Zofe erschien, atmete sie erleichtert auf. 

»Gut, daß Sie kommen, Dora. Ich bin entsetzlich müde 
und möchte gleich zu Bett gehen.« 
Eine halbe Stunde später streckte sie sich nach einem 
erfrischenden Bad in den weichen Kissen. Zwar war die 
Müdigkeit durch das laue Wasser verflogen, aber sie würde 
sich schon wieder einstellen. Das Licht der 
Nachttischlampe erhellte das Zimmer nur matt, so daß 
Rotraut dessen Einrichtung nur undeutlich erkennen 
konnte. Sie interessierte sie auch nicht, da ihr die typischen 
Hotelräume bekannt waren. 
Nebenan blieb alles still, also schien Harro nach unten 
gegangen zu sein. Wie schön, daß sie nicht mit ihm 

zusammen zu sein brauchte. 
Jetzt wollten die unerquicklichen Gedanken sie wieder 
überfallen. Doch energisch wehrte sie sich dagegen, löschte 
das Licht, duselte noch ein Weilchen vor sich hin und 
schlief dann fest ein. 
Es war noch früh, als sie am anderen Morgen erwachte. Sie 
lauschte angestrengt zum Nebenzimmer hin, wo sich 
nichts regte. Demnach schien Harro noch zu schlafen. Leise 
erhob sie sich, ging in das Badezimmer, duschte fast kalt 
und wurde dadurch frisch und munter. Dann entnahm sie 
dem Schrankkoffer die passende Garderobe, kleidete sich 

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an und schlich sich leise hinaus, um erst einmal einen 
Spaziergang zu machen. Wie erstaunte sie jedoch, als sie im 

Vestibül Harro entdeckte, der dort in einem tiefen Sessel 
saß und die Zeitung las. Jetzt hatte auch er sie erspäht, 
erhob sich und kam auf sie zu. 
»Guten Morgen, Rotraut.« Er zog ihre Hand an die Lippen. 
»Ich habe dich noch lange nicht erwartet. Aber recht so, um 
so früher können wir unsere Fahrt fortsetzen. Doch zuerst 
wollen wir einmal ausgiebig frühstücken. Oder hast du 
auch jetzt wieder keinen Hunger?« 
»Doch, großen sogar.« 
»Das freut mich. Denn Menschen, die nur an den Speisen 
nippen, sind entweder krank, oder sie drangsalieren ihren 
Körper auf schlanke Linie.« 

Als sie beim Frühstück saßen, fragte er, ob sie in bezug auf 
die Reise besondere Wünsche hätte, worauf sie kühl 
erwiderte: 
»Mir ist es gleichgültig, wohin wir fahren. Erstens kenne ich 
bereits ein gutes Stück von der Welt, und dann steht es mir 
bestimmt nicht an, dir mit irgendwelchen Wünschen lästig 
zu fallen.« 
Schon zuckte das Lächeln um seinen Mund, das sie immer 
so reizte. 
»So, ach! Demnach kann ich von Glück sagen, eine so 
bescheidene Frau erwischt zu haben. Ferner danke ich dir 
für das erste Du. Nur hätte es ein wenig liebenswürdiger 

deinen Lippen entschlüpfen dürfen.« 
Nach dem Frühstück fuhren sie weiter, dem Süden zu. An 
besonders schönen Orten blieben sie, machten Auflüge, 
besuchten Feste, jagten von einem Vergnügen zum 
anderen, bis es Rotraut endlich zu viel wurde und sie sich 
entschuldigte, nicht mehr mitmachen zu können. 
Da ging er denn ohne sie aus, was schließlich so oft 
geschah, daß sie sich meistens selbst überlassen blieb. 
Wenn sie ihn einmal begleitete, dann kümmerte er sich so 
wenig um sie, daß sie die spöttischen oder mitleidigen 
Blicke der Menschen, in deren Gesellschaft er seine Zeit 

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verbrachte, zu fürchten begann. Hauptsächlich die der 
Damen, mit denen er flirtete, als wäre er frei und 

ungebunden, kränkten sie. 
Warum aber sollte er sich nicht amüsieren? Er war gewiß 
nicht dazu verpflichtet, auf die Frau Rücksicht zu nehmen, 
die er nur gezwungenermaßen geheiratet hatte. Sie hätte es 
nicht dazu kommen lassen dürfen, hätte sich mit aller 
Energie dagegen wehren müssen. 
So begann sie sich denn mit Selbstvorwürfen zu quälen 
und dachte unablässig darüber nach, wie sie ihren Fehler 
gutmachen könnte. Endlich kam sie dann zu dem 
Entschluß, einfach abzureisen, ohne eine Nachricht zu 
hinterlassen. Damit entband sie Harro jeder Verpflichtung. 
Nach einem Jahr wollte sie dann die Scheidung einreichen. 

Ja, so ging es. Ganz still wollte sie aus seinem Leben gehen, 
wofür er ihr gewiß nur dankbar sein würde. Nun galt es nur 
noch, die Gelegenheit zur Flucht abzupassen. Und die 
sollte sich schon einige Tage später finden. 
Harro hatte sich mit seinen Bekannten für einen 
Tagesausflug verabredet. Vergnügt war die Gesellschaft 
abgezogen, und Rotraut blieb Zeit genug, ihren Vorsatz 
auszuführen. Kurz entschlossen rief sie die Zofe herbei. 
»Dora, packen Sie sofort meine Sachen. Wir reisen noch 
heute ab.« 
Das Mädchen ließ sein Erstaunen nicht merken und führte 
den Befehl aus. Obgleich es sich beeilte, nahm das Packen 

jedoch mehr Zeit in Anspruch, als Rotraut erwartet hatte. 
Schließlich wurde sie so nervös, daß sie mithalf. 
Als die Arbeit dann endlich geschafft war, atmete sie 
erleichtert auf. Nun galt es nur noch… 
Ein kurzes Klopfen riß sie aus ihrer Überlegung – und dann 
stand plötzlich der Gatte vor ihr. 
»Ah, schon gepackt?« fragte er in einem Ton, als wüßte er 
um die bevorstehende Reise. »Leider können wir erst 
morgen fahren.« 
Dora, die so etwas wie dicke Luft spürte, verzog sich eilig, 
und das Ehepaar stand sich nun allein gegenüber. Rotraut 

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in trotziger, Harro in eisiger Haltung. 
»Also fahnenflüchtig willst du werden, mein Kind. Du bist 

im Bild: Deserteure holt man zurück. So viel müßtest du 
doch nun schon wissen, daß ich nicht mit mir spielen 
lasse.« 
Ihre Gestalt reckte sich, die Augen verdunkelten sich in 
leidenschaftlichem Zürnen, die feinen Nasenflügel bebten. 
»Auch ein Fräulein Bracht läßt nicht mit sich spielen, Graf 
Regglin! Es ist nämlich nicht daran gewöhnt, sich so 
behandeln zu lassen, daß die Menschen fast mit Fingern 
nach ihm zeigen. Nein – ich ertrage dieses Leben so nicht 
länger!« rief sie erbittert aus. »Ich will fort von Ihnen, 
damit ich wieder Mensch sein kann – keine Sklavin in 
unwürdiger Tyrannei! Ich brauche nicht zu warten, bis das 

Jahr um ist. Keiner kann mich dazu zwingen, diese 
lächerliche Komödie mitzumachen – auch Sie nicht!« 
Furchtlos hielt sie seinen Augen stand, in denen es 
wetterleuchtete. Der Mann war von einer eisigen Ruhe, 
hinter der jedoch flammender Zorn zu lodern schien. 
Augenblickslang biß er die Zähne zusammen, daß die 
Wangenmuskeln spielten, dann sagte er mit unheimlicher 
Gelassenheit: 
»Oho, meine liebe Rotraut, so leicht soll dir diese Ehe auf 
Abbruch denn doch nicht gemacht werden. Ein klein wenig 
Recht wird mir in dem Eheverhältnis denn doch zugebilligt 
sein. Und das nehme ich nun in Anspruch, indem ich dir 

jede eigenmächtige Handlung verbiete. Ich habe nichts 
dagegen, wenn du Wünsche äußerst, und werde mir alle 
Mühe geben, sie zu erfüllen – falls sie erfüllbar sein sollten. 
Wenn du reisen willst, bitte sehr. Aber du reist nicht ohne 
mich, mein schönes, böses Kind.« 
»So wollen Sie mich denn zwingen, bei Ihnen zu bleiben – 
nur um mich zu quälen und demütigen zu können?« fragte 
sie aufgebracht. »Das ist nicht fair gehandelt, Graf Regglin.« 
Er trat so dicht an sie heran, daß sein Körper fast den ihren 
berührte. Sein Atem ging schwer, seine Augen glitzerten in 
dem blassen Gesicht, in dem die Säbelnarbe leuchtete. 

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Furchtlos stand Rotraut vor ihm. Sie wich auch nicht 
zurück, als seine Hand sich langsam hob. 

»Schlagen Sie nur ruhig zu«, sagte sie mit einer Stimme, vor 
der sie selber erschrak. »Nach der Behandlung, die mir 
bisher zuteil geworden ist, könnte ich mich darüber kaum 
noch wundern.« 
Da  trat  er  zurück.  Fuhr  sich  einige  Male  hastig  über  die 
Stirn und Augen, stieß den Atem durch die Nase und fragte 
dann ruhig: 
»Du möchtest von hier fort?« 
»Ja.« 
»Schön, dann reisen wir morgen ab. Wohin möchtest du?« 
Sie hielt das blasse Gesicht gesenkt, Tränen liefen 
darüberhin. Flehend war der Blick, der sich dann zu ihm 

erhob. 
»Harro«, bat sie mit zuckenden Lippen. »Hab doch 
Erbarmen mit mir, und laß mich meiner Wege ziehen. Ich 
will sofort deinen Namen ablegen. Will mich irgendwo 
verkriechen, bis das Jahr um ist. Ist es nicht besser, wenn 
wir uns in Güte trennen, als uns gegenseitig das Leben 
schwer zu machen? Nicht wahr, Harro, du läßt mich 
gehen?« 
»Nein!« antwortete er hart. »Dein Vater hat gewünscht, daß 
wir ein Jahr lang zusammenleben, und keine Macht der 
Welt wird mich daran hindern, diesem Wunsch gerecht zu 
werden. Du solltest vernünftig genug sein, dir und mir 

nicht durch Widerspenstigkeit das Leben zu verbittern. 
Vielleicht denkst du darüber nach, wie du es wohl 
erträglicher gestalten könntest.« 
Damit ging er hinaus, und Rotraut sank auf einen der 
gepackten Koffer und weinte bitterlich. Sie fuhr zusammen, 
als sie ihre Schulter berührt fühlte. Als sie den Blick hob, 
sah sie Harro vor sich stehen, der mißbilligend auf sie 
schaute. 
»Das habe ich mir so ungefähr gedacht. Tränen, das ist bei 
euch Frauen immer der Weisheit letzter Schluß. Hast du 
Lust zu einer Spazierfahrt?« 

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»Ich möchte jetzt nicht unter Menschen sein.« 
»Ist auch nicht erforderlich. Nur meine Gesellschaft mußt 

du dir gefallen lassen.« 
Wenig später fuhren sie dann im Pferdewagen durch die 
herrliche Gegend. Die lachende Natur legte sich wie Balsam 
auf Rotrauts wundes Gemüt. Sie war Harro dankbar, daß er 
schweigend neben ihr verharrte. 
Am nächsten Tag fuhren sie ab. Venedig war ihr Ziel. 
Und hier änderte nun Rotraut ihre Lebensweise. Sie zog 
sich nicht mehr von den Vergnügungen zurück, sondern 
nahm sie eifrig wahr. Bald wurde sie zum Mittelpunkt jeder 
Veranstaltung. Sie ließ sich feiern, bewundern, ohne dabei 
aus ihrer kühlen Reserve herauszugehen. 
Leider fuhren sie auf Harros Wunsch nach zehn Tagen 

wieder weiter. Eine Unrast war über sie gekommen, die ihn 
fernerhin niemals länger als wenige Tage an einem Ort 
verweilen ließ. Und eines Nachmittags überraschte er seine 
Frau mit der Eröffnung, daß es nun endgültig nach Hause 
ginge. 
Gräfin Liane saß mit den Familien Halldungen und Illsund 
beim Nachmittagskaffee. Es war um so behaglicher in dem 
trauten Gemach, weil es draußen regnete. Man war recht 
vergnügt; denn wo Herma Halldungen weilte, konnte es zu 
keiner trüben Stimmung kommen. Dafür sorgte ihr 
unverwüstlicher Humor, den sie ihrem Sohn Eberhard 
vererbt hatte. Graf Halldungen war auch eine Frohnatur 

gewesen und hatte sich mit seiner viel jüngeren Frau 
sozusagen durchs Leben gelacht. Leider war er vor zwei 
Jahren gestorben, was Herma auch heute immer noch nicht 
verwinden konnte. Doch wenn sie die Traurigkeit überfiel, 
ließ sie ihre Umgebung davon nichts merken. 
Graf Eberhard hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vetter 
Harro, allerdings war er zugänglicher als dieser. 
Obgleich Herma über die Heirat ihres Neffen auch nicht 
mehr wußte als andere, konnte sie sich doch manches 
zusammenreimen. Sie hatte Herrn Bracht gekannt und um 
die Liebe ihrer Schwester zu ihm gewußt. Sie wußte auch 

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um die schmähliche Entlassung des Mannes, der sich 
nichts hatte zuschulden kommen lassen. 

Und ausgerechnet dessen Tochter war nun Harros Frau 
geworden. Das mußte irgendwie einen Haken haben. 
Schon deshalb, weil Mutter und Sohn ein Geheimnis aus 
dieser Heirat machten. 
Nun, ihr kam es nicht zu, dieses zu erforschen. Aber sie 
konnte es kaum erwarten, das Kind des Mannes 
kennenzulernen, um dessentwillen ihre Schwester so früh 
aus dem Leben gegangen war. 
Und als sie dann Rotraut Bracht zum erstenmal sah – 
damals, als sie so stolz und frei zum Altar schritt – da war 
sie von der Schönheit des jungen Menschenkindes 
überwältigt. Das war doch etwas anderes als diese 

hochnäsige Iris Illsund. Ein Rätsel, wie die sonst so 
vernünftige Liane eine solche Vorliebe für das arrogante 
Balg haben konnte. Seitdem Harro sich auf der 
Hochzeitsreise befand, hatte sie sich in Regglinsgrund 
eingenistet. 
Das war auch tatsächlich der Fall. Iris fühlte sich ganz als 
Tochter des Hauses. Sie umgab Gräfin Liane mit einer 
Zärtlichkeit, die schon übertrieben wirkte, und maßte sich 
Rechte an, über die ein klardenkender Mensch nur den 
Kopf schütteln konnte. Die Eltern kamen fast täglich, um 
ihren Liebling, den sie zu Hause sehr vermißten, zu 
besuchen. 

Nur Adelheid erschien selten. Sie hatte sich sehr verändert. 
Ihre herzliche Offenheit Liane gegenüber war einer 
höflichen Zurückhaltung gewichen. Das gutherzige 
Mädchen, das im Verkehr mit der Schwester bisher immer 
die Nachgebende gewesen war, setzte ihr nun harten 
Widerstand entgegen, wenn sie im Unrecht war. Der Vater 
schalt auf Adelheid, wenn Iris sich bei ihm über die 
Schwester beklagte. Empörte sich über ihren verstockten 
Trotz – und konnte ihn doch nicht brechen. 
Heute hatte Adelheid ausnahmsweise die Eltern nach 
Regglinsgrund begleitet und sah nun spöttisch zu, wie Iris 

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das Haustöchterchen spielte. Dabei hatte diese immer noch 
Zeit, ein beredtes Augenspiel mit Eberhard Halldungen zu 

führen. Sie fühlte sich ganz als Hauptperson, nach deren 
Wünschen man sich zu richten hatte. Sie drängte sich 
immer wieder in die Unterhaltung der anderen, machte 
dabei ihre Scherze, über die der verliebte Vater am meisten 
lachte. 
Nach dem Kaffee ging man in das lauschige Wohngemach 
Lianes. Und kaum daß man Platz genommen hatte, 
erschien der Diener mit der Meldung: 
»Herr Graf und Frau Gräfin sind soeben von ihrer Reise 
zurückgekehrt.« 
Das gab nun ein Hallo! Das Gespräch drehte sich fortan 
nur noch um den Heimgekehrten. Daß er auch seine Frau 

mitgebracht hatte, schien man allgemein vergessen zu 
haben. 
Als Harro erschien, wurde er mit Jubel begrüßt. Als er die 
Mutter in die Arme schloß, sah sie ihm bang ins Gesicht. 
Auch Gräfin Halldungen betrachtete ihn forschend. 
»Bist etwas schmal geworden, doch sonst ganz der alte«, 
stellte sie fest, und er lachte amüsiert. 
»Teure Tante Herma, ich kann mich in den sechs Wochen 
meiner Abwesenheit doch nicht total verändert haben.« 
Als er Iris begrüßte, traf ihn ein so aufstrahlender Blick, daß 
ein spöttisches Lächeln seinen Mund umzuckte. Sie war 
von einer unnatürlichen Lebhaftigkeit, wollte viel von 

seiner Reise wissen und belegte ihn vollständig mit 
Beschlag. Lächelnd hörte er auf ihr Geplauder und sah 
dabei ab und zu nach der Armbanduhr, bis er sich erhob. 
»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, ich will nur mal 
sehen, wo meine Frau bleibt.« 
Als er dann mit ihr erschien, gab es eine formelle 
Begrüßung – nur bei Herma nicht, die das bezaubernde 
junge Menschenkind einfach in die Arme schloß. Rotraut 
sah zaghaft zu ihr auf. 
»Frau Gräfin?« 
»Ach was,« Herma gab sich Mühe, ihre Rührung zu 

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verbergen, »ich bin durch deine Heirat mit Harro deine 
Tante geworden, Trautchen.« 

Die junge Frau vergaß bei der herzlichen Begrüßung das 
ablehnende Verhalten der anderen und lachte hellauf. 
»Wie sagst du, Tante? Trautchen? Um alles, das paßt nicht 
zu mir. Ich bin weder traut noch lieb. Wenn du meinen 
Rufnamen abkürzen willst, dann nenne mich Raute, wie 
auch mein Vater mich nannte.« 
Da war wieder die Stimme, die sich in das Herz der 
Menschen zu schmeicheln pflegte, diese weiche, süße 
Stimme mit dem leichten fremden Klang. 
Herma ließ sich auf das Sofa sinken und zog die Nichte an 
ihre Seite. Und schon gesellte sich Eberhard zu ihnen. 
»Wenn meine Mutter so resolut ihre Tantenrechte betont, 

dann bin ich berechtigt, auch die des Vetters geltend zu 
machen. Auf gute Freund, liebe Base Raute.« 
Augenblickslang sah sie ihn prüfend an, dann zog ein 
sonniges Lächeln über ihr Gesicht. Sie reichte ihm beide 
Hände, die er nacheinander küßte. Zuerst war ihr seine 
Ähnlichkeit mit Harro groß erschienen, doch seine 
herzliche Art schwächte das ab. 
»Nun erzähle, kleine Schönheit«, forderte Herma auf. »Wie 
war die Hochzeitsreise? Hast du viel Schönes und Neues 
gesehen?« 
»Schönes ja, Neues nicht, da ich die Orte, in die uns unsere 
Reise führte, bereits alle kannte.« 

Immer mehr wollte Herma wissen, nur um die süße 
Stimme zu hören, dem goldigen Lachen lauschen zu 
können. Auch die anderen waren zuletzt wie gebannt. 
Nur Iris nicht. Sie war wütend, daß man über dieser 
Rotraut sie so ganz und gar vergessen konnte. Sie empfand 
es als Erlösung aus harter Pein, als der Diener meldete, daß 
das Abendessen serviert sei. 
An der Tafel führte sie dann die Unterhaltung. Das fiel ihr 
leicht, weil die anderen recht schweigsam waren. Harro, an 
den sie immer wieder das Wort richtete, antwortete nur, 
um nicht unhöflich zu sein. Als man nach dem Essen 

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wieder in das Wohnzimmer der Gräfin zurückging, näherte 
sich Adelheid der jungen Frau. 

»Mich haben Sie wohl ganz übersehen«, beklagte sie sich, 
worauf die Antwort kam: 
»Wie könnte ich denn so blind sein, Komteß? Aber in 
einem fremden Kreis muß man immer erst die Fühler 
ausstrecken – und zwar vorsichtig, damit man nicht eins 
draufbekommt.« 
»Von mir bestimmt nicht«, lachte Adelheid. »Wollen wir 
uns zusammensetzen, ja? Ich höre Sie doch so gern 
sprechen.« 
»Bescheidenes Gemüt«, neckte Rotraut. Sie nahmen auf der 
Couch Platz. Zuerst war Adelheid noch ein wenig 
befangen, doch Rautes entzückende Art ließ sie bald 

auftauen. Sie wurde nun ganz die sonnige Heidi, die es sich 
verbat, mit Komteß angesprochen zu werden. 
»Ich heiße Heidi«, erinnerte sie. »Heidi und du.« 
»Und ich Raute und du.« 
»So darf ich…?« 
»Natürlich, gleiches Recht für alle.« 
Nun waren sie erst recht vertraut. Sie plauschten und 
lachten wie alte Bekannte. 
Harro saß behaglich in seinem Sessel und stellte wieder 
einmal fest, daß es nirgends auf der Welt so schön sein 
kann wie zu Hause. Er beteiligte sich an keiner 
Unterhaltung, weder an der halblaut geführten der neuen 

Freundinnen noch an der lebhaften der anderen. Die 
dauernden Fragen Iris’ wurden ihm lästig. Sollte sie sich 
doch ein anderes Opfer aussuchen. Zum Beispiel Eberhard. 
Aber der machte es sich bei den Freundinnen gemütlich, 
die ihn bereitwillig in ihre Mitte genommen hatten. 
»Wie war es denn auf der Hochzeitsreise?« fragte Iris nun 
schon zum dritten Mal; denn Harro hatte es so 
einzurichten gewußt, daß er nicht direkt darauf zu 
antworten brauchte. Doch nun konnte er nicht 
ausweichen. 
»Wie es auf der Hochzeitsreise war, wollen Sie wissen, 

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gnädigste Komteß? Da der Geschmack verschieden ist, 
möchte ich Ihnen den Rat geben, selber eine zu machen«, 

antwortete er, ohne dabei seine Stimme zu dämpfen, wie 
sie es vorhin getan hatte. Das Lachen der anderen reizte sie 
so sehr, daß sie sich zu einer Unbesonnenheit hinreißen 
ließ. 
»Daß Sie doch immer spotten müssen«, sagte sie ärgerlich. 
»Es wäre doch anzunehmen, daß Ihnen die Lust dazu in 
der Ehe vergangen sein müßte.« 
»Nanu, ist die Ehe denn eine Zwangsanstalt?« fragte er 
lachend. »Dann würde ich Ihnen entschieden abraten zu 
heiraten.« 
Iris biß sich auf die Lippen, damit ihnen ja nicht bissige 
Worte entschlüpften. 

Gräfin Liane legte ihr den Arm um die Schulter. 
»Mag er ruhig spotten, der ungalante Mann«, 
beschwichtigte sie. »Du singst und spielst uns lieber etwas 
vor.« 
Das ließ Iris sich nicht zweimal sagen, denn auf ihr Können 
war sie nicht wenig eingebildet. Ihr Vortrag wurde auch 
wirklich ein Genuß, und sie konnte befriedigt feststellen, 
daß sie diese Rotraut übertrumpft hatte. 
Als man aufbrach, wollten die Eltern auch ihre älteste 
Tochter nach Laubern mitnehmen, doch diese lächelte 
nachsichtig: 
»Was sollte Tante Liane wohl ohne mich anfangen? Sie 

befindet sich in dem Alter, wo sie eine Gesellschafterin 
braucht.« 
Au Backe! hätte Eberhard am liebsten gesagt, verschluckte 
es jedoch noch zur rechten Zeit. Er unterdrückte das Lachen 
und wandte sich an Raute und Heidi, mit denen er vorhin 
einen Morgenritt verabredet hatte. 
»Wann darf ich die Damen erwarten?« 
»Um neun Uhr«, gab Rotraut zur Antwort. »Wirst du auch 
pünktlich sein, Heidi?« 
»Selbstverständlich.« 
»Und du, Eberhard?« 

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»Raute, ich bitte dich!« 
»O wie schön«, lachte sie über seine Entrüstung. »Ich bin 

nämlich selten pünktlich.« 
Zuerst war er verdutzt, dann fiel er in ihr Lachen ein. 
»Raute, du bist entzückend. Darf ich dich zum Abschied 
küssen?« 
»Bist du immer so anspruchsvoll?« fragte sie neckend. »Was 
meinst du, Tante Herma, ob ich es ihm gestatte?« 
»Wenn Harro nichts dagegen hat, ich bestimmt nicht.« 
»Bitte sehr, ich bin nicht mißgünstig.« 
»Aber großzügig«, lachte Eberhard. »Weißt du, ich habe 
doch Angst vor meiner eigenen Courage.« 
»Soll vorkommen«, meinte die Mutter trocken. »Wann läßt 
du dich bei mir sehen, Rautendelein?« 

»Morgen nach dem Ritt, Tante Herma. Und wenn du etwas 
Gutes zu Mittag hast…« 
»Versteht sich. Also dann morgen auf Wiedersehen.« 
Der Aufbruch der Gäste erfolgte nun rasch. Iris machte 
keine Anstalten, mit den Eltern zu fahren, womit diese 
dann auch zufrieden waren. 
Rotraut hatte das Gefühl, als hätten die drei ihr lieben 
Menschen alle Wärme mit sich genommen. Sie schauerte 
zusammen. 
»Ist dir kalt?« fragte Harro. 
»Nein, ich bin nur müde. Darf ich mich zurückziehen, Frau 
Gräfin?« 

»Bitte«, war die kühle Erwiderung. Rotraut beugte sich 
höflich über Lianes Hand, ein hochmütiges Nicken zu Iris 
hin, dann wandte sie sich an den Gatten. 
»Gute Nacht, Harro.« 
»Gute Nacht, Rotraut. Schlafe gut und träume etwas 
Schönes. Hast du alles nach Wunsch vorgefunden? Es hat 
sich hier alles nach dir zu richten. Du bist neben meiner 
Mutter Herrin von Regglinsgrund, das ja nun deine Heimat 
ist.« 
»Ich danke dir, Harro. Nun habe ich auch den Mut, dich 
um etwas zu bitten.« 

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»Nur immerzu, kleine Frau«, ermunterte er. 
»Darf ich mir ein Pferd aussuchen?« 

»Welch eine Frage, Rotraut! Daß du fest im Sattel sitzt, 
habe ich ja bereits feststellen können, Rotraut, Schön-
Rotraut.« 
Sie lachte verlegen und wandte sich zum Gehen. Da fing sie 
einen haßerfüllten Blick von Iris auf, der sie erschreckte. Sie 
hastete davon, um nicht noch länger solchen Blicken 
ausgesetzt zu sein. 
Die waren übrigens auch von den beiden Regglins bemerkt 
worden. Sie sahen sich an, Liane betroffen, Harro ironisch. 
Er blieb es auch, als Iris ihn in ein Gespräch verwickelte. 
Deshalb zog sie sich bald ärgerlich zurück. 
»Gott sei Dank!« Harro streckte sich lachend in seinem 

Sessel. »Jetzt sind wir endlich allein. Ich verstehe dich 
nicht, kleine Mama, wie du die tägliche Gesellschaft der 
unangenehmen Iris aushältst.« 
»Ich habe nun einmal eine Schwäche für das Mädchen. Es 
hat sich verändert, das gebe ich zu, aber daran bist du 
schuld, mein Junge. Du hättest Iris nicht ein Anrecht an 
dich einräumen sollen.« 
»Anrecht – inwiefern?« fragte er verwundert. 
»Indem du ihr zu verstehen gegeben hast, daß du sie 
liebst.« 
»Woher weißt du das, Mutter?« 
»Von Iris selbst.« 

Nun fuhr er auf, flammenden Zorn in den Augen. 
»Das ist gelogen!« 
»Harro, du sprichst von einer Dame!« 
»Daß ich nicht lache!« Er zwang sich zur Ruhe. »Lassen wir 
das, Mutter, sprechen wir lieber von etwas Erfreulicherem. 
Wie ist es dir in meiner Abwesenheit ergangen?« 
»Gesehnt habe ich mich nach dir, du Schlingel. Und wie 
erging es dir? Haben die Extravaganzen deiner Frau dir viel 
zu schaffen gemacht?« 
»Sie ist alles andere als extravagant, Mutter. Nur eigenwillig 
und sehr stolz. In Herrengesellschaft, wo sie wegen ihrer 

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Schönheit angehimmelt wird, bleibt sie stets Dame. Sie 
wird gewiß nichts tun, worüber wir uns schämen müssen.« 

»Gott sei Dank, Harro, ich machte mir hier schon die 
schwärzesten Gedanken. Wird es schwerfallen, sie nach 
abgelaufener Frist zu einer Scheidung zu bewegen?« 
»Die scheint dir ja sehr am Herzen zu liegen, Mutter. Aber 
beruhige dich, sie wartet nur auf diesen Tag. Sie hatte sogar 
schon einmal alles zur Flucht vorbereitet, die ich jedoch 
vereiteln konnte. Denn ich ließ sie fast niemals aus den 
Augen, was sie freilich nicht wußte. Also keine Bange, 
kleine Mama, du wirst deine ungewünschte 
Schwiegertochter schon zur richtigen Zeit los – und ich 
habe mein Ehrenwort, das ich dem Vater gab, eingelöst.« 
Als Harro am anderen Morgen nach dem Stall ging, um für 

Rotraut ein passendes Pferd auszusuchen, meldete der 
Oberinspektor, daß Frau Gräfin das bereits vor mehr als 
einer Stunde selbst besorgt hätte. 
»An weichem Tier hat meine Frau Gefallen gefunden?« 
»An der Ira, Herr Graf.« 
»Aber Herr Seiler, wie können Sie den ungebärdigen Gaul 
einer Dame in die Hand geben?« 
»Keine Sorge, Herr Graf«, schmunzelte der biedere Beamte. 
»Sie hätten einmal sehen sollen, wie die Ira unter der 
kleinen Faust unserer Frau Gräfin wurde. Das Herz hat mir 
im Leibe gelacht.« 
»Haben Sie meine Frau wenigstens auf die Tücken des 

Pferdes aufmerksam gemacht?« 
»Dazu kam ich gar nicht. Frau Gräfin hatte Iras Fehler 
sofort erfaßt. Wie sie mir erzählte, hat sie bereits mit fünf 
Jahren im Sattel gesessen und später Turniere geritten. Das 
sagt doch wohl alles. Aber das werden der Herr Graf ja 
selber wissen.« 
O nein, er wußte es nicht. Und das hätte den braven 
Oberinspektor wohl baß erstaunt, hätte er es ihm erzählt. 
Harro sagte ihm noch einige freundliche Worte und ging 
dann nach der Terrasse, wo an diesem herrlichen 
Spätsommermorgen der Frühstückstisch gedeckt war. Die 

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Mutter erwartete ihn bereits. 
»Guten Morgen, kleine Mama, so allein? Wo ist denn deine 

Gesellschaftsdame, die schöne Iris?« 
»Du sollst nicht immer spotten, Junge«, erwiderte sie 
lachend. »Iris braucht viel Schlaf.« 
»Natürlich, um ihre Schönheit zu pflegen.« 
»Rotraut ist ja auch noch nicht auf.« 
»Ein Trugschluß, Muttchen. Die tummelt sich schon seit 
einer Stunde auf Ira.« 
»Auf der ungezogenen Stute?« fragte sie erschrocken. »Wie 
kannst du das dulden, Harro!« 
»Dulden ist gut«, lächelte er amüsiert. »Dazu müßte ich erst 
Gelegenheit haben.« 
»Du sprichst in Rätseln, mein Sohn.« 

»Die ich sofort lösen werde. Rotraut ist sozusagen vor Tag 
und Tau in den Stall gegangen, hat sich ein Pferd 
ausgesucht und ist mit ihm auf und davon.« 
»Das ist doch unerhört!« 
»Bei meiner Frau ist nichts unerhört, Muttchen. Das wirst 
du auch noch begreifen lernen.« 
»Und dann nennst du sie nicht extravagant?« 
»Nein, nur sehr eigenwillig.« 
Unterdes ritt Rotraut auf dem Gaul dahin, der so ganz nach 
ihrem Herzen war. Herrlich, so ein Traben in der herben 
Morgenluft. Sie vergaß darüber die Zeit, und als sie nach 
der Uhr sah, war es zu spät, um noch einmal nach 

Regglinsgrund zurückzukehren, bevor sie sich mit Heidi 
und Eberhard traf. 
Nun, man würde sie, den Eindringling, bestimmt doch 
nicht vermissen. Wenn sie etwas an ihr auszusetzen fanden, 
was ging sie das an? An der Meinung dieser hochmütigen 
Menschen war ihr gewiß nichts gelegen. Deshalb würde es 
ihr auch nicht schwerfallen, sich durchzusetzen. Um ihre 
Gunst betteln, das sollte ihr einfallen! 
Da kamen ihr bereits Heidi und Eberhard entgegen. Es gab 
ein fröhliches Reiten, wobei Rotraut all die 
Unerquicklichkeiten ihres jetzigen Lebens vergaß. 

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Frohgelaunt langte man in Hermeshöhe an, wo die 
Hausherrin sie mit Herzlichkeit begrüßte. 

»Das soll schon ein gemütlicher Tag werden mit euch 
wonnigen Gören«, lachte sie vergnügt. 
O ja, auf Hermeshöh fühlte Rotraut sich sofort heimisch. 
Warum konnte nicht Eberhard ihr Mann sein, Tante Herma 
nicht seine Mutter? Wie einfach wäre dann alles gewesen! 
Wenn sie doch immer bei den Halldungen bleiben könnte, 
nicht mehr nach dem zwar feudalen, aber eisigkalten 
Regglinsgrund zurückzukehren brauchte. Sie merkte nicht, 
daß Hermeshöh kaum weniger feudal war, daß die 
Menschen darin im Grunde genommen genauso waren wie 
die Regglins. Sie sah nur die Herzlichkeit, mit der man ihr 
entgegenkam. 

Als sie sich nach dem Mittagessen verabschieden wollte, 
winkte Herma ab. 
»Daraus wird nichts, mein Kind. Bleibe nur ruhig hier, die 
zu Hause vermissen dich ja doch nicht. Um der Form zu 
genügen, werde ich anrufen und sagen, daß du erst abends 
zurückkommst.« 
Rotraut ließ sich nur zu gern halten. Und als sie nach den 
vergnügten Stunden scheiden mußte, wurde ihr das Herz 
bitter schwer. Die Tante merkte, was in ihr vorging. Sie zog 
sie beim Abschied in die Arme und flüsterte ihr zu: 
»Hier findest du jederzeit Zuflucht, mein Rautendelein. 
Rücke aus, wenn sie es in Regglinsgrund gar zu arg treiben 

sollten.« 
Da mußte Rotraut lachen, und schon war alles nicht mehr 
so schwer. Eberhard gab den Damen das Geleit. Langsam 
ritten sie durch den wundervollen Abend. Der Himmel war 
mit Sternen übersät, am Weg leuchteten die 
Glühwürmchen geheimnisvoll. 
»Schade«, murmelte Heidi, als Laubern erreicht war. »Daß 
doch alles Schöne so rasch ein Ende nehmen muß.« 
Sie fand die Haustür verschlossen, und so laut sie auch 
klopfte, nichts rührte sich. Die Bewohner des Hauses 
schienen einen beneidenswert festen Schlaf zu haben. 

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Die drei Freunde standen ratlos, bis Rotraut vorschlug: 
»Komm mit nach Regglinsgrund, Heidi. Dort stehen wir 

bestimmt nicht vor verschlossenen Türen, weil Dora mich 
erwartet. Ich fürchte nur, daß deine Eltern sich um dich 
sorgen werden.« 
»Hätten sie dann einen so festen Schlaf?« erwiderte das 
Mädchen bitter. »Ja, wenn ich Iris wäre.« 
Sie tat den beiden anderen von Herzen leid, was diese 
jedoch nicht zeigten. Eberhard sorgte dafür, daß keine 
trübe Stimmung aufkommen konnte, und vergnügt kam 
man in Regglinsgrund an, wo man noch nicht so früh zur 
Ruhe gegangen war. Iris musizierte und hatte die beiden 
Regglins als Zuhörer. Die Angekommenen traten leise 
hinzu, winkten zu Mutter und Sohn hin, um die Sängerin 

nicht zu stören, die so saß, daß sie ihren Eintritt nicht 
bemerkte. 
Rotraut ließ sich in einen Sessel sinken, Adelheid setzte 
sich auf dessen Seitenlehne, Eberhard stützte sich auf die 
Rückenlehne, und so hörten sie andächtig zu, bis Iris ihre 
Klage hinausschrie: 
 
»Daß du mich nicht liebst, so wie ich dich, 
das ist meines Herzens Not…« 
 
Da konnte Eberhard es sich doch nicht verkneifen, sich tief 
zu Rotraut hinunterzubeugen und ihr zuzuflüstern: 

 
»Und wenn du nicht aufhörst, mein liebes Kind, 
sind wir bald mausetot.« 
 
Raute konnte mit Mühe das Lachen unterdrücken, doch 
Heidi, der diese Worte auch nicht entgangen waren, gelang 
das nicht. Silberhell perlte es über ihre Lippen – hinein in 
die jammervolle Klage, die plötzlich mit schrillem Ton 
abbrach. 
»Bravo!« Eberhard klatschte begeistert Beifall. -»Wie schön, 
daß wir noch leben dürfen.« 

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Rotraut und Adelheid, die ja nur allein den Sinn der Worte 
verstanden, lachten ein klingendes Duett. 

Harro hatte seine Frau noch niemals so fröhlich gesehen. 
Die Wangen waren von dem Ritt durch die frische 
Abendluft gerötet, die Augen strahlten. 
Iris, die selbstverständlich tief gekränkt war, daß man es 
gewagt hatte, mitten in ihrem Gesang zu lachen, trat 
langsam näher. Und da der Mensch ja oft nach einem 
Opfer zu suchen pflegt, an dem er seine Wut auslassen 
kann, so mußte die arme Adelheid herhalten. 
»Wo kommst du denn her?« kam es ungnädig von den 
rotgefärbten Lippen. »Du weißt, daß die Eltern es nicht 
lieben, wenn ihre Töchter sich in der Nacht herumtreiben.« 
Bevor die Angegriffene sich wehren konnte, meldete sich 

Eberhard, der zu gegebener Zeit genauso ironisch sein 
konnte wie sein Vetter Harro. 
»Aber meine Gnädigste, warum denn gleich so streng? 
Durch das Schlüsselloch konnte Ihr Schwesterlein nun 
wirklich nicht kriechen, obwohl es über ein entzückendes 
Sylphidenfigürchen verfügt. Und durch die Tür zu gehen, 
diese Selbstverständlichkeit blieb ihm leider versagt, weil 
man in Laubern den Schlaf des Gerechten schläft. Und da 
Rautendelein und ich die arme Obdachlose nicht auf der 
Haustürschwelle übernachten lassen wollten, haben wir sie 
hierhergebracht.« 
Harro und seine Mutter lachten amüsiert, was den Ärger 

der bösen Iris gewiß nicht milderte. 
»Wir haben hier aber kein Asyl für Obdachlose«, entfuhr es 
ihr unbedacht, worauf Adelheid das aussprach, was die 
anderen dachten. 
»Was hat du denn hier zu sagen? Ich wundere mich, daß 
Tante Liane – na ja – schweigen wir davon. Im übrigen bin 
ich Gast der Gräfin Rotraut, genügt dir das?« 
Man fürchtete, daß Iris im nächsten Augenblick platzen 
müßte, diesen Eindruck machte sie nämlich. Das Gesicht 
war rot vor unterdrückter Wut, die Augen funkelten wie die 
einer gereizten Katze. Es war gut, daß Dora eintrat, die 

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Rotraut unbemerkt von den anderen herbeigerufen hatte. 
»Wir haben einen Gast, Dora«, sagte ihre Herrin freundlich. 

»Bereiten Sie ein gutes Lager auf dem Diwan in meinem 
Schlafzimmer. Dann gehen Sie zur Ruhe.« 
Als das Mädchen sich zurückgezogen hatte, seufzte 
Eberhard: 
»Hat die Komteß es gut. Was wird nur aus mir? Trügerisch 
wie die Frauen war der Sternenhimmel, der bei dem Ritt 
vorhin über uns gefunkelt hat. Denn jetzt höre ich den 
Regen gegen die Fensterscheiben klopfen. Deshalb poche 
ich an dein gutes Herz, Tante Liane, und bitte um ein 
Plätzchen, wohin ich mein müdes Haupt legen kann.« 
»Schon gewährt, mein Schlingel«, lachte sie. »Und da ich 
soeben eine poetische Ader an dir entdeckt habe, so wollen 

wir diese gebührend feiern. Folglich wird der so malerisch 
hingegossene Hausherr sich um einen guten Tropfen 
bemühen müssen.« 
Dieser erhob sich schmunzelnd, ging hinaus und kam mit 
einigen Flaschen wieder. Es wurden vergnügte Stunden, die 
sich ausdehnten, bis das erste Frührot am Himmel 
leuchtete. Fröhlich trennte man sich, um sich einem kurzen 
aber festen Schlaf hinzugeben. 
Die Traulichkeit des Gemachs, in das Rotraut sie führte, 
umfing Adelheid wie mit linden Armen. Hier war es schön, 
hier konnte man sich geborgen fühlen. Das Lager mit 
seinen seidenen Kissen und Decken lockte. Sogar ein 

Nachtgewand, dem Wäscheschatz der Gräfin Rotraut 
entnommen, lag bereit. 
»Nun mache es dir bequem, Heidelein«, sagte Raute 
herzlich. »Ich gehe indes in das Badezimmer, das dann 
anschließend dir zur Verfügung steht.« 
Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, war sie erstaunt, die 
Freundin bereits auf ihrem Lager zu finden. 
»Kannst du denn hexen, Heidi? Ich brauchte zu meiner 
Nachttoilette bestimmt mehr Zeit.« 
»Zwischen dir und mir besteht ja auch ein Unterschied.« 
»Und ein großer!« warf Rotraut spöttisch ein. »Du bist die 

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Komteß Illsund, und ich bin das Fräulein Bracht.« 
»Nein, du bist die Gräfin Regglin«, entgegnete das Mädchen 

heftig. »Hast du eine Ahnung, was das bedeutet? Die 
Regglin und die Halldungen stehen im weitesten Umkreis 
an führender Stelle. Und von allen Herrinnen, die ich 
kenne, bist du die schönste und stolzeste.« 
»Nimm deine rosenrote Brille ab«, lachte Rotraut herzlich. 
»Sie trübt dir nur den Blick. Du wirst meine Fehler schon 
noch kennenlernen.« 
»Die glaube ich dir nicht«, beharrte Adelheid eigensinnig. 
»Und nun will ich von dem Unsinn nichts mehr hören, 
sonst werde ich böse.« 
»Als wenn du es nicht jetzt schon wärst«, neckte Rotraut 
und setzte sich zu der Freundin, die sie schmeichelnd 

umfaßte. 
»Ich bin dir ja so dankbar, Raute.« 
»Warum denn?« 
»Weil du der erste Mensch bist, der mich meiner Schwester 
vorzieht. Ich habe bisher immer in ihrem Schatten leben 
müssen. Und das war manchmal nicht leicht.« 
»Das ist jetzt vorbei, Heidelein. Du mußt dir nur von mir 
helfen lassen. Willst du?« 
»Ja.« 
»Das freut mich. Und nun gute Nacht – oder besser: Guten 
Morgen, weil bereits die Sonne ins Zimmer lacht, die den 
Nachtregen vertrieben hat. Schlafen wir noch einige 

Stunden.« 
Es war noch verhältnismäßig früh, als sie erwachten. Trotz 
des kurzen Schlafes waren sie frisch und munter. Sie 
plauderten noch ein wenig, dann ging Rotraut ins 
Badezimmer, um zu duschen. 
Indes besah Adelheid ihre Kleider und wurde traurig. Sie 
war gewiß nicht eitel, auch nicht anspruchsvoll, aber ihre 
Sachen waren doch wirklich gar zu schäbig. Gestern noch 
hatte sie den Reitanzug bügeln lassen, aber nachdem sie 
ihn tagsüber angehabt hatte, trat seine Abgetragenheit 
wieder hervor. Hastig legte sie den Dreß zur Seite, als 

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Rotraut eintrat. 
»So ein Duschbad erfrischt doch wunderbar«, sagte Raute 

und tat, als wäre ihr die Kleidermusterung entgangen. »Nun 
hopp, Heidelein, hinein in die kühle Flut!« 
Als Heidi wiederkam, waren ihre Kleider verschwunden. 
Dafür lagen andere bereit, bei deren Anblick dem Mädchen 
dunkle Röte ins Gesicht schoß. Schon wollte sich der Mund 
zum Protest öffnen, doch Rotraut legte warnend den Finger 
auf die Lippen. 
»Da hat dein Reitanzug gestern gehörig was abgekriegt«, 
sprach sie so laut, daß Dora, die sich im Nebenzimmer 
aufhielt, es hören konnte. »Außerdem kannst du in ihm 
jetzt nicht beim Frühstück erscheinen. Also ziehe die 
Sachen an, mit denen ich dir gern aushelfe. Kommen Sie, 

Dora, helfen Sie der Komteß beim Ankleiden.« 
Was blieb Heidi anderes übrig, als sich resigniert zu fügen? 
Das bedingte schon die Anwesenheit der Zofe. 
Später starrte sie dann erschrocken ihr Spiegelbild an. 
Machte es die gefällige Frisur, die Doras geschickte Hände 
ihr gelegt hatten, oder das Kleid? 
Hilflos sah sie sich nach Rotraut um, die ihr lächelnd 
zunickte. Sie schickte Dora mit einem Auftrag hinaus und 
sagte dann herzlich: 
»Nun bist du so, wie ich dich gern sehen möchte, 
Heidelein. Gut sitzt das Kleid, du hast fast meine Figur. Wie 
wäre es, wenn du fortan deine Garderobe aus dem 

Modehaus beziehen würdest, das auch die meine liefert?« 
Erschrocken wehrte Heidi ab. 
»Raute, wo denkst du hin! Meine Eltern können mir nur 
ein geringes Taschengeld geben, das nicht einmal für meine 
bescheidenen Ansprüche reicht. Wir sind nicht reich, 
Raute.« 
»Du brauchst ja keine Modelle zu tragen«, beharrte diese. 
»Es gibt in dem Atelier auch billige Sachen, die trotzdem 
fesch sind. Soll ich dir einmal so ein Kleid bestellen?« 
»Wenn du willst«, sagte Heidi zögernd. »Ich habe mir eine 
kleine Summe erspart.« 

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»Von dem geringen Taschengeld?« unterbrach Rotraut sie 
ernst. 

»Ja. Ich brauche davon in manchen Monaten wenig, weil 
ich mir aus den abgelegten Sachen meiner Schwester noch 
immer einmal was zurechtschneidern kann.« 
So sieht es auch aus, wäre es Rotraut beinahe entschlüpft. 
Da nun Dora wieder eintrat, konnten sie das Gespräch 
nicht fortsetzen und gingen hinunter zur Terrasse, um dort 
das Frühstück einzunehmen. Die beiden Regglins und 
Eberhard Halldungen waren bereits damit beschäftigt. 
»Ei sieh da«, Eberhard begrüßte sie augenzwinkernd. 
»Schon so früh auf den Beinchen? Das nenne ich tapfer.« 
»Hältst du uns für Murmeltiere?« gab Rotraut lächelnd 
zurück. »Das soll uns mal einer vormachen, bei dem 

Sonnenschein länger als nötig im Bett zu bleiben.« 
Sie war entzückend, als sie vor dem Vetter stand, lachenden 
Schelm in den Augen. Als sie sich jedoch zur Begrüßung an 
Gräfin Liane und Harro wandte, verschwand ihre 
gewinnende Herzlichkeit und wich einer hochmutigen 
Kälte. Zu jäh war der Wechsel, als daß er für Zufall gehalten 
werden konnte. Doch dies fand weniger Beachtung, als es 
sonst der Fall gewesen wäre, weil aller Interesse Adelheid 
galt. 
»Raute war so lieb, mir mit einem Kleid auszuhelfen«, 
erklärte sie hastig, ehe die anderen noch zu Wort kommen 
konnten. Da sie die Verlegenheit des Mädchens sahen, 

stellten sie sich harmlos. Eberhard neckte Rotraut, die 
schlagfertige Antworten gab, und so blieb Heidi Zeit, ihre 
Verwirrung zu überwinden. 
Sie hatten ihr Frühstück noch nicht beendet, als Herma 
Halldungen erschien. 
»Na warte, du Schlingel!« drohte sie dem Sohn. »Du sitzt 
hier gemütlich und läßt deine arme Mutter sich zu Tode 
ängstigen.« 
Sie fand für ihre Entrüstung kein Verständnis, wurde 
ausgelacht, lachte liebenswürdig mit und ließ sich nicht 
lange nötigen, beim Frühstück mitzuhalten. Herma nahm 

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Platz und stutzte. 
»Heidelein, Sie sehen heute ja entzückend aus. Werden Sie 

doch nicht rot, Kind. Ich als alte Frau kann Ihnen das doch 
wohl sagen. Na so was!« 
Sie war so komisch in ihrer Verblüffung, daß die anderen 
herzlich lachten. Auch Heidi tat mit. Denn schließlich hört 
ja jedes Mädchen gern, daß es gut aussieht. Es kommt nur 
ganz darauf an, wie es gesagt wird. 
Wie Iris es tat, die nun auch geruhte zu erscheinen, mußte 
es verletzend wirken. 
Heidi stellte ihre schöne Schwester heute in den Schatten. 
Sie wirkte mit ihrer natürlichen Schönheit wie eine 
taufrische Blume neben einer verzärtelten 
Treibhauspflanze. 

Natürlich hatte Iris die Veränderung Heidis sofort erfaßt. 
»Wie siehst du denn aus?« fragte sie unfreundlich. 
»Genau wie ein Mensch«, kam die schlagfertige Antwort, 
die herzlich belacht wurde. Darüber war die Ältere 
selbstverständlich gekränkt. Jedoch niemand nahm davon 
Notiz. Man unterhielt sich lebhaft darüber, was man bei 
dem herrlichen Wetter wohl unternehmen könnte. 
Schließlich entschloß man sich zum Tennisspiel. 
Sofort besserte sich Iris’ Laune, denn im Tennis war sie 
nicht so leicht zu schlagen. Sie hielt es sogar nicht unter 
ihrer Würde, die Krämerstochter zu einer Partie 
aufzufordern. Was sie damit bezweckte, ließ sich unschwer 

erkennen. 
Die Dreßfrage war bald gelöst. Wer den seinen nicht bei 
der Hand hatte, bekam einen geliehen. Raketts waren 
genügend vorhanden, also stand dem Spiel nichts mehr im 
Wege. Samt und sonders zog man zum Tennisplatz, der an 
einer schattigen Stelle des Parkes lag. Und kaum, daß man 
ihn erreicht hatte, stand Iris auch schon spielbereit. 
Wahrscheinlich konnte sie die Niederlage ihrer Gegnerin 
kaum noch erwarten. 
Um so ruhiger war Rotraut. Lächelnd gab sie die Bälle 
zurück, ohne sich dabei anzustrengen, während Iris wie 

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wild umhersprang. In ihrem verbissenen Eifer spielte sie 
viel schlechter als gewöhnlich. 

Die Zuschauer hielten vor Spannung den Atem an. Gräfin 
Liane, die selbst eine vorzügliche Spielerin war, sagte 
kopfschüttelnd: 
»Was hat Iris nur heute? Sie spielt ja miserabel.« 
»Blinder Eifer schadet nur«, entgegnete der Sohn 
achselzuckend. 
Eberhard, der das Amt des Schiedsrichters inne hatte, 
klatschte plötzlich Beifall. 
»Bravo, Rautendelein!« 
Also war diese Siegerin. Langsam kam sie näher, während 
Iris an ihr vorüberhastete und sich neben Liane echauffiert 
auf die Bank fallen ließ. 

»Uff, das war ein interessantes Spiel«, tat sie begeistert. 
»Leider war ich heute nicht in Form. Schade!« 
Rotraut, die nun auch herangekommen war, mußte 
manche Schmeichelei über ihr Spiel einstecken. Als Harro 
sie fragte, ob sie es mit ihm versuchen wolle, war sie sofort 
einverstanden. 
Und dann standen sich zwei gleichwertige Spieler 
gegenüber. Es ging hart auf hart, bis auch diesmal Rotraut 
siegt, wenn auch knapp. Sie griff nach dem kühlen Trunk, 
den Gräfin Liane zur Erfrischung hatte kommen lassen und 
der nun so verlockend im Glas perlte. Doch Harro hielt 
ihre Hand fest. 

»Ich bin doch so durstig.« 
»Ich nicht weniger«, entgegnete er gelassen. »Nur daß ich 
vernünftiger bin als du. Kühle dich erst ab, dann kannst du 
deinen Durst stillen.« 
»Na, ein wenig freundlicher hättest du das auch sagen 
können, mein Jungchen«, meinte Gräfin Herma 
mißbilligend. »Mein Mann hätte mir nicht in diesem Ton 
kommen dürfen. Strafe ihn mit Nichtachtung, mein Kind.« 
»O weh, mein Muttchen hetzt«, lachte Eberhard so 
herzlich, daß die andern mitlachen mußten. Fürsorglich 
zog er der Base die Jacke fester um die Schulter, strich ihr 

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übers Gesicht und meinte dann gönnerhaft: 
»Einige Schlucke seien dir gewährt.« 

Er hielt ihr das Glas an die Lippen, und als es zur Hälfte 
geleert war, zog er es fort. 
»Erquickt?« 
»Ja, danke. Nun bin ich wieder zu neuen Taten gerüstet. 
Wie wäre es mit uns beiden, Heidelein?« 
»Raute, was denkst du von mir!« rief diese ordentlich 
entsetzt. »Wenn du schon Iris und Harro schlägst, dann bin 
ich bestimmt nach den ersten Bällen erledigt. Aber lernen 
möchte ich von dir.« 
»Das Vergnügen sollst du haben. Und wie ist es mit dir, 
Eberhard?« 
»Ich fehle dir wohl noch zu deiner Siegersfreude, Bäschen? 

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Außerdem 
hast du für heute genug.« 
»Du springst ja gut mit mir um«, lachte sie. »Wenn ich nun 
nicht gehorche?« 
»Dann verprügele ich dich.« 
»Schöne Aussichten. Du hast ja einen ganz rabiaten Sohn, 
Tante Herma.« 
»Das hat er von mir«, war die verblüffende Antwort, die 
stürmische Heiterkeit hervorrief. Da es langsam Zeit wurde, 
sich zur Mittagstafel umzukleiden, brach man auf. Rotraut 
schob eine Hand unter Eberhards Arm, die andere unter 
den Heidis, und so gingen sie davon, die anderen folgten. 

Die Zeit verging, Tage reihten sich zu Wochen. 
Rotraut hatte sich noch immer nicht in Regglinsgrund 
eingelebt. Sie vertrieb sich die Zeit auf vergnügliche Art. 
Ritt, schwamm, spielte Tennis, fuhr in ihrem Auto zur 
Stadt, hielt sich viel in Hermeshöh auf, und Adelheid 
machte fast immer alles mit. 
In Regglinsgrund sah man Rotraut nur bei den Mahlzeiten, 
wo sie sich höflich aber reserviert gab. Sie sprach ihre 
Schwiegermutter immer noch formell an, den Gatten 
notgedrungen mit seinem Vornamen und Iris, die nach wie 
vor bei ihrem geliebten Tantchen weilte, überhaupt nicht. 

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Waren jedoch die Hermeshöher zugegen, dann gab Rotraut 
sich frei und unbeschwert. Sie zeigte deutlich, wie lieb sie 

die Tante hatte, und ließ sich von ihr bemuttern. Mit 
Eberhard war sie so vertraut wie mit einem Bruder, der sich 
manchmal mit dem Schwesterlein zankte. 
An einem Nachmittag kehrten die beiden Freundinnen von 
einem Ritt zurück. Da Gräfin Liane, Iris und Harro zur 
Stadt gefahren waren, tranken sie den Kaffee allein. Dann 
suchten sie Rotrauts kleines Reich auf. Heidi hatte noch nie 
den Wunsch geäußert, auf Rautes wundervollem Flügel zu 
spielen, doch heute liebäugelte sie damit. 
»Darf ich, Raute?« fragte sie verlegen. 
»Bitte sehr. Bist du denn überhaupt musikalisch?« 
»Nicht besonders, darum spiele ich auch nur, wenn ich 

allein bin. Aber du wirst sicherlich eine milde Kritikerin 
sein.« 
Als sie dann spielte, war Rotraut verblüfft. Na, so eine 
kleine Heimlichtuerin! Die konnte sich doch bestimmt 
hören lassen. Als Heidi dann pausierte und sich verlegen 
nach ihr umsah, schalt sie entrüstet: 
»Bescheidenheit ist wohl eine Zier, aber allzuviel davon ist 
Dummheit. Zur Strafe wirst du mit mir musizieren. Ich 
hole gleich meine Geige.« 
Es war das erste Mal seit langer Zeit, daß Rotraut das 
kostbare Instrument aus dem Kasten holte. Und dann 
begann ein Konzert, das die drei Menschen, die nach ihrer 

Rückkehr aus der Stadt auf der Terrasse Platz genommen 
hatten, verwundert aufhorchen ließ. Da die Fenster in der 
ersten Etage offenstanden, konnte man unten jeden Ton 
hören, jedes Wort verstehen, das während einer 
Musikpause gesprochen wurde. 
»Das war einzig schön«, sagte Heidi beglückt. »Du spielst 
aber auch ganz wunderbar, Raute.« 
»Na, na, nur keine Lobeshymnen, Heidelein. Bei den 
Stunden, die ich gehabt habe, ist es gewiß kein Kunststück 
zu spielen. Mein Vater war ein großer Musiknarr und daher 
sehr darauf bedacht, daß seine Tochter musikalisch 

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sorgfältig ausgebildet wurde. Allerdings nicht mehr, als es 
für den Hausgebrauch notwendig ist.« 

»Dann singst du auch?« 
»Ich singe, wie der Vogel singt«, intonierte Rotraut 
übermütig, worauf Adelheid bat: 
»Willst du dieses Lied hier singen, zu dem ich soeben die 
Noten entdeckt habe?« 
Nachdem die junge Frau einen Blick auf das Blatt geworfen 
hatte, lachte sie herzlich! 
»Himmel, Heidi, für so sentimental habe ich dich 
bestimmt nicht gehalten!« 
»Du magst es nicht, Raute?« 
»Da dir so viel daran zu liegen scheint, will ich dir gern den 
Gefallen tun.« 

Nach dem Vorspiel setzte die süße, warme Stimme ein: 
 
»Wißt ihr, wo ich gerne weil’ 
in der Abendkühle? 
In dem kleinen Tale geht 
eine kleine Mühle. 
Und ein kleiner Bach dabei, 
ringsumher steh’n Bäume. 
Oft weil’ ich da stundenlang, 
schau umher und träume. 
Selbst die Blumen in dem Grün 
an zu sprechen fangen. 

Und ein kleines Blümlein sagt: 
›Sieh mein Köpfchen hangen. 
Röslein mit dem Dornenkuß 
hat mich so gestochen, 
ach, das macht mich gar betrübt, 
hat mein Herz gebrochen‹ 
Da naht sich ein Spinnlein weiß, 
spricht: ›Sei doch zufrieden. 
Einmal mußt du doch vergeh’n, 
o ist es hienieden. 
Besser, daß das Herz dir bricht 

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von dem Kuß der Rose, 
als du kennst die Liebe nicht 

und stirbst liebelose.‹« 
 
Heidi schwieg, ihre Hände glitten von den Tasten, das 
Gesicht senkte sich auf das Notenblatt – und dann 
schüttelte ein wehes Weinen den schlanken 
Mädchenkörper. Erschrocken beugte sich Rotraut über sie. 
»Heidelein, was ist dir geschehen? Hat dir jemand etwas 
zuleide getan?« 
Ein nur noch heftigeres Schluchzen war die Antwort auf die 
bange Frage. Ratlos stand die junge Frau neben Heide, bis 
der Mädchenkopf sich hob und zwei verweinte Augen sie 
flehend ansahen. 

»Verzeih’, Rautendelein, ich bin ein dummes Ding. Aber 
weißt du, deine süße Stimme hat so wundersam mein Herz 
berührt.« 
»Und deshalb weinst du so bitterlich? Das kann ich dir 
unmöglich glauben, Heidi. Aber ich will nicht in dich 
dringen.« 
Der Gong, der zum Abendessen rief, ließ Adelheid 
aufspringen. Sie warf der Freundin einen bittenden Blick 
zu, die ihr darob zärtlich die Wange streichelte. Dann 
zogen sie sich eiligst um und gingen in das Speisezimmer, 
wo sie die beiden Regglins und Iris bereits vorfanden. 
Letztere hatte mit gemischten Gefühlen Spiel und Gesang 

gelauscht. Wie konnte Heidi es wagen, sich mit dem ihren 
so hervorzutun. 
Gewiß, es war ganz passabel, aber doch nicht so, daß sie es 
vor andern hören lassen konnte. 
Heidi nahm sich in letzter Zeit überhaupt Frechheiten 
heraus, die jeder Beschreibung spotteten. Das kam wohl 
daher, daß sie diese unausstehliche Krämerstochter hinter 
sich hatte, die ja so tat, als wäre sie aus fürstlichem Geblüt. 
Und dann nach dem Spiel noch Heidis Heulerei. Man 
mußte sich ja der Schwester schämen! 
Als Iris Heidi zu Gesicht bekam, machte sie ihrem Ärger 

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Luft. 
»Deine Taktlosigkeit nimmt bestimmt schon Überhand, 

Heidi. Du darfst es dir ja noch nicht einmal zu Hause 
erlauben, auf dem Klavier herumzuklimpern, weil die 
Eltern es nicht ertragen können. Und hier, wo du doch nur 
ein Gast bist, tust du es stundenlang.« 
Rotraut hatte sich noch niemals gegen die Anmaßungen 
der Komteß gewehrt. Aber jetzt wurde es Zeit, daß sie ihr 
energisch entgegentrat. Ihr Gesicht nahm einen 
hochmütigen Ausdruck an, die Lippen schürzten sich 
spöttisch. 
»Gestatten Sie, daß ich Ihre Worte korrigiere. Heidi ist mein 
Gast, sie kann in meinen Zimmern machen, was sie will. 
Wir haben die Absicht, noch recht oft zu musizieren. Wem 

das nicht paßt, der braucht ja nicht zuzuhören. Außerdem 
ist meine Freundin musikalisch sehr begabt. Was an 
Technik noch fehlt, ersetzt der innige Ausdruck. Ich kann 
mir darüber schon ein Urteil erlauben, weil ich Gelegenheit 
hatte, hervorragende Künstler zu hören.« 
Iris war aus allen Wolken gefallen. Am liebsten hätte sie 
diese unverschämte Person in ihre Grenzen 
zurückgewiesen. Als sie jedoch die mißbilligenden Blicke 
Tante Lianes und die ironischen Harros bemerkte, schwieg 
sie verbissen. Es herrschte eine peinliche Stille, bis Adelheid 
hastig sagte: »Ich muß jetzt nach Hause – weil – du weißt 
doch, Raute…« 

»Ja, Heidelein. Ich bringe dich in meinem Auto sofort nach 
Laubern.« 
»Daraus wird nichts«, meldete sich Liane, so energisch wie 
selten. »Nach dem Essen kann der Chauffeur dich nach 
Hause fahren, Heidi. Du, Rotraut, bleibst hier. Du bist viel 
zu erregt, um das Steuer ruhig genug führen zu können. Du 
fährst überhaupt sehr leichtsinnig. Harro und ich können 
das nicht länger dulden. Deine letzte Fahrt mit Eberhard 
war direkt ein frevelhaftes Spiel mit dem Leben.« 
Rotraut sah die plötzlich so energisch gewordene Liane 
zuerst erstaunt an, dann zuckte sie lächelnd die Achseln. 

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»Ich weiß schon, wie ich zu fahren habe, Frau Gräfin. Noch 
stets habe ich das Steuer in der Gewalt gehabt.« 

Liane sah den Sohn an, der ihr beruhigend zulächelte. 
»Nur keine Angst, Mutter, ich fahre mit.« 
Das klang so bestimmt, daß Rotraut nichts darauf 
erwiderte. So weit kannte sie ihren Mann nun schon, um 
zu wissen, daß sie gegen seinen herrischen Willen nicht 
aufkam. 
Nach dem ungemütlichen und sehr schweigsam 
verlaufenen Abendessen fuhr man zu dritt nach Laubern. 
Auf der Hinfahrt fuhr Rotraut ein gemäßigtes Tempo, weil 
Heidi ein wenig ängstlich war. Doch nachdem man die 
Komteß abgesetzt hatte, flitzte der Wagen nur so dahin, bis 
Harro seine Hand auf die der leichtsinnigen Fahrerin legte. 

»Laß das«, sagte sie gereizt. 
»Erst, wenn du vernünftig fährst.« 
»Ich mag es aber nicht, wenn der Wagen wie eine Schnecke 
dahinkriecht.« 
»Und wenn du bei dem unsinnigen Tempo verunglückst?« 
»Wenn schon – wem liegt was daran?« 
Er musterte sie unter halbgeschlossenen Lidern, in den 
Augenwinkeln zuckte es. 
»Du hast ja eine merkwürdige Auffassung, mein Kind.« 
»Jeder wie er kann«, entgegnete sie achselzuckend. »Sieh 
nur, wie dunkel es schon ist. Man merkt, daß der Herbst 
naht. Und der Winter…« 

»Warum sprichst du nicht weiter?« 
»Weil – ach, es hat doch keinen Zweck.« 
»Doch es hat einen Zweck: mir zu sagen, daß du dich vor 
dem Winter auf Regglinsgrund fürchtest. Stimmt’s?« 
»Ja und nein.« 
»Möchtest du den Winter über auf Reisen gehen?« 
Sie schüttelte hastig den Kopf. 
»Danke, nein. Diesen einen Winter halte ich es in 
Regglinsgrund schon aus. Gerade dann kann man deine 
Mutter nicht allein lassen.« 
Er musterte sie mit einem Blick, unter dem sie den Kopf 

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unwillig zur Seite wandte. 
»Wie rücksichtsvoll du mit einem Mal bist. Aber lege dir 

nur keinen Zwang auf. Meine Mutter hätte so und so nichts 
von dir.« 
»Wer spricht denn von mir?« fragte sie abweisend. »Dich 
würde deine Mutter vermissen, der du mich auf der Reise 
wahrscheinlich begleiten würdest. Und deine letzten 
Worte, sollen die etwa ein Vorwurf sein?« 
»Nicht direkt. Aber lieb wäre es mir schon, wenn du meine 
Mutter nicht wie Luft behandeln würdest. Nimm dir ein 
Beispiel an Iris, die sehr viel zärtliche Aufopferung für ihr 
geliebtes Tantchen aufbringt.« 
»Darüber solltest du nicht spotten.« 
»Bitte sehr, ich bin nur des Lobes voll über so viel 

Liebesreichtum.« 
»Schäme dich. Harro!« unterbrach sie ihn empört. »Wie 
kannst du dich über ein Mädchen lustig machen, das dich 
so sehr liebt.« 
Überrascht blitzte es in seinen Augen auf, dann meinte er 
achselzuckend: 
»Mein liebes Kind, wenn ich auf die Gefühle all der 
Mädchen Rücksicht nehmen sollte, die mich zu lieben 
angeben, dann wäre ich ein bedauernswerter Mensch, der 
niemals seines Lebens froh werden könnte.« 
Der Wagen stand auf der Stelle wie festgewachsen. 
Sekundenlang kreuzten sich die Blicke der beiden 

Menschen wie scharfe Klingen. Achselzuckend wandte 
Rotraut sich ab und brachte den Wagen wieder in Gang. 
Eine eisige Abwehr ging von ihr aus, die jedoch den Mann 
durchaus nicht beeindruckte. Es klang ordentlich 
vorwurfsvoll, als er sagte: 
»Deine stolze Abwehr ist hier unangebracht. Du müßtest 
mich vielmehr bedauern, daß ich so viel Liebe nicht 
erwidern kann.« 
Und dann beugte er sich so weit vor, daß sein Mund fast 
ihr Ohr berührte, und sprach mit schmeichelnder Stimme: 
»Besser, daß das Herz dir bricht von dem Kuß der Rose, als 

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du kennst die Liebe nicht und stirbst liebelose.« 
Ihr Kopf ruckte zur Seite, die Augen blitzten vor Empörung. 

»Nun, Rotraut, du willst mich wohl mit deinem Blick 
umbringen? Hast du mir nichts auf meinen Herzenserguß 
zu antworten?« 
»Ich habe dir nur zu sagen, daß es ein Unglück sein müßte 
– dich zu lieben.« 
»Aber Rautendelein, wie kann man nur. Liebe? Ich werde 
dir morgen ein Märchenbuch schenken, mein Kind.« 
Um nur aus der Nähe dieses arroganten Menschen zu 
kommen, gab sie Gas. Der Wagen flitzte so schnell davon, 
daß Regglinsgrund in wenigen Minuten erreicht war. 
Als Rotraut sich in der Halle des Schlosses von ihrem Mann 
verabschieden wollte, sah er sie mit einem Blick an, vor 

dem sie errötend den Kopf senkte. 
»Es wird auch Zeit, daß du dich schämst«, meinte er 
gelassen. »Du bist klug genug, um zu wissen, wie unrecht 
du handelst, wenn du dich dem Familienleben fernhältst. 
Du kränkst meine Mutter damit, und das kann ich nicht 
länger dulden.« 
Schweigend ging Rotraut ihm voran nach dem kleinen 
Gemach, in dem die Hausherrin am Abend zu weilen 
pflegte. Sie hielt sich auch heute hier auf. Das gedämpfte 
Licht der Stehlampe gab dem Raum etwas Verträumtes. Im 
Nebenzimmer musizierte Iris. Sie spielte und sang heute 
besonders gut. Wahrscheinlich wollte sie beweisen, daß ihr 

musikalisches Können nicht zu übertreffen war. 
Rotraut ließ sich in einen Sessel sinken. Sie fühlte sich 
elend zum Vergehen. Müde legte sie den Kopf gegen die 
hohe Lehne. Daß Harro sich ihr gegenübersetzte, störte sie, 
aber sie konnte es ihm ja nicht verbieten. 
»Ist Heidi gut nach Hause gekommen? Und was machen 
Illsunds?« wollte die Mutter wissen. 
»Wir haben sie nicht gesprochen«, antwortete der Sohn. 
»Heidi verabschiedete sich am Parktor von uns.« 
Sekundenlanges Schweigen, dann wieder Lianes Stimme: 
»Wie benahm sich Rotraut am Steuer?« 

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»Unvernünftig wie gewöhnlich. Neunzig, hundert, das ist 
ihr Tempo.« 

»Das darfst du nicht länger gestatten, Harro.« 
»Darüber bin ich mir klar. Wenn sie nicht vernünftig wird, 
darf sie sich nicht mehr ans Steuer setzen.« 
Rotraut war zu müde, um zu widersprechen. 
Erbarmungslos hämmerte und bohrte es in ihrem Kopf. 
Mit geschlossenen Augen saß sie regungslos. Ab und zu 
zuckten die Lider, die Nasenflügel zitterten nervös. Sie 
schrak auch zusammen, wenn Iris ihren Sopran besonders 
hoch brachte. Und als nun gar das Lied aufklang, das sie 
vor einigen Stunden gesungen und dessen letzte Strophe 
Harro in so unerträglich spöttischer Art wiederholt hatte, 
da stöhnte sie leise auf. Sie fühlte ihre Hand ergriffen und 

hörte eine raunende Männerstimme, die ihr durch und 
durch ging: 
»Ist der Gesang dir unangenehm, Raute? Soll Iris damit 
aufhören? Sag es nur. Du brauchst in deinem Haus nichts 
zu dulden, das dir lästig ist.« 
Erschrocken öffnete sie die Augen und sah in die seinen 
hinein, die eine ungewohnte Weichheit widerspiegelten. 
»Bitte nicht«, wehrte sie hastig. »Ich mag Gesang so gern.« 
Jetzt trat auch Liane hinzu. Sie legte ihre kühle Hand auf 
den schmerzenden Kopf der Schwiegertochter und sagte 
gütig: 
»Du solltest dir mehr Ruhe gönnen, mein Kind. Gestern 

bist du wieder über eine Stunde im Wasser gewesen. Hast 
den See durchschwömmen, obwohl du weißt, daß es darin 
kalte Strudel gibt. Aber du läßt dir ja nichts sagen, willst 
immer mit deinem Trotzköpfchen durch die Wand.« 
»Hier herrscht ja ein auf die Nerven gehendes 
Dämmerlicht«, sagte Iris, die ins Zimmer getreten war, 
ungehalten. Und schon schaltete sie die 
Deckenbeleuchtung an, die nach dem Halbdunkel 
besonders grell wirkte. Rotraut bedeckte die schmerzenden 
Augen mit der Hand. 
»Laß das, Iris!« verwies Liane sie unwillig. »Raute hat 

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Kopfweh und kann das blendende Licht nicht vertragen.« 
Noch bevor sie zu Ende gesprochen, hatte Harro es bereits 

ausgeschaltet. Iris stand wie erstarrt. Was fiel den Regglins 
ein?! Vorhin hatte sie schon die Zurechtweisung der 
Krämerstochter hinnehmen müssen – und nun fingen 
Tante Liane und Harro auch noch damit an? An eine solche 
Behandlung war sie nun ganz und gar nicht gewöhnt. 
Leider! Und daran waren ihre Eltern doch schuld. Hätten 
sie der von Natur schon herrisch veranlagten Tochter nicht 
immer den Willen gelassen, dann hätte diese sich niemals 
zu einem so anmaßenden, selbstherrlichen Geschöpf 
entwickeln können, das sich sozusagen selbst anbetete. 
Ihrer Ansicht nach war keine so schön, keine so klug wie 
sie. Und daher konnte sie auch überall eine Sonderstellung 

verlangen. Also sollte diese hergelaufene Person sich hüten, 
ihr die Herrschaft in Regglinsgrund streitig zu machen. Der 
wollte sie schon beweisen, daß sie hier nichts zu bedeuten 
hatte. 
Gleichmütig, als wäre nichts gewesen, holte sie ein 
Fußkissen herbei und ließ sich zu Füßen Lianes nieder. 
Plauderte charmant und witzig, wie sie annahm, und war 
entzückt, als die Gräfin auf das Fest zu sprechen kam, das 
man nächstens geben wollte. Sie schmiedete Pläne, machte 
Vorschläge und benahm sich anmaßender denn je. 
Das tat sie auch, als das Fest kurz darauf stattfand. Als ob 
sie ganz zu den Gastgebern gehörte, stand sie in einer 

raffinierten Toilette neben diesen und begrüßte die Gäste, 
während die junge Gräfin sich im Hintergrund hielt. Und 
da es gottlob auch gerechtdenkende Menschen gibt, so 
empörten diese sich über die beiden Regglins, die so etwas 
duldeten. Ihre Sympathie gehörte fortan Rotraut. Man 
scharte sich um sie, zeichnete sie aus und ließ sich von 
ihrer entzückenden Art immer mehr gefangennehmen. 
Und was war mit dem Aschenputtelchen Heidi geschehen? 
Das hatte sich ja in ein Prinzeßlein verwandelt. Ob die 
bezaubernde junge Gräfin daran schuld war? Ob sie die 
elegante Toilette ihres Lieblings ausgewählt und gekauft 

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hatte? 
Nun, das ging ja keinen was an. Aber man freute sich, daß 

dieses bisher so im Verborgenen blühende Heideröslein 
dem Schatten entrückt und an ein sonniges Plätzchen 
verpflanzt worden war. Taufrisch und anmutig zeigte es 
sich jetzt den Augen der Menschen. 
Das störte und verdroß nun die schöne Iris ganz 
außerordentlich. Hauptsächlich deshalb, weil man sie 
kaum beachtete. Sie gesellte sich ihren Eltern zu, um diese 
gegen Heidi aufzuhetzen. Hätte sie jedoch die beiden 
Regglins bemerkt, die unweit standen und jedes Wort mit 
anhören konnten, dann wäre sie bestimmt vorsichtiger 
gewesen. 
»Seht nur, wie unmöglich Heidi sich benimmt«, begann sie 

ihr Gift zu verspritzen. »Die vergißt neuerdings vollständig 
ihre gute Kinderstube. Aber das ist kein Wunder. Sie hat ja 
an dieser Krämerstochter das denkbar schlechteste Beispiel. 
Wenn ihr eurer Tochter den Verkehr mit der hergelaufenen 
Person nicht bald verbietet, dann könnt ihr noch was 
erleben. Woher hat Heidi überhaupt das auffallende 
Kleid?« 
Da die Eltern ihr darauf keine Antwort geben konnten, 
fragte sie die Schwester danach, die eben mit Rotraut 
vorüberging. Heidi hob das feine Naschen und entgegnete 
schnippisch: 
»Gestohlen«, wandte sich ab und ging mit Rotraut, die ein 

amüsiertes Lachen kaum unterdrücken konnte, davon. 
Ja, da war nicht nur die sonst so zungenfertige Iris 
sprachlos, sondern auch ihr Vater. Und das war gut. Denn 
wäre ihm die Zunge augenblickslang nicht wie gelähmt 
gewesen, dann hätte sich über dem reizenden Haupt der 
kleinen Komteß ein Donnerwetter zusammengezogen, das 
in der illustren Gesellschaft bestimmt nicht am Platze war. 
Also schluckte der erboste Mann seinen Grimm hinunter, 
nahm sich allerlei vor, was seine Tochter Adelheid in 
Grund und Boden schmettern sollte und sah, nachdem sich 
sein Groll gelegt hatte, schmunzelnd zu, wie seine 

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Erstgeborene dem Grafen Halldungen schöne Augen 
machte. 

Warum auch nicht? Der Eberhard konnte sich mit seinem 
Vetter Harro bestimmt messen, und Hermeshöh war eine 
gewiß nicht weniger fette Pfründe als Regglinsgrund. 
Das hatte seine Tochter Iris schon längst erfaßt. Ihr schien 
es ratsam, zwei Eisen im Feuer zu haben. Wenn sich wider 
Erwarten ihre Hoffnung auf Harro Regglin zerschlagen 
sollte, dann blieb ihr immer noch Eberhard Halldungen, 
der, wie sie ganz genau zu wissen glaubte, Wachs in ihren 
Händen war. 
Als sie bei Tisch neben ihm saß, bot sie all ihren Scharm 
auf, um ihn zu betören. Er brannte dann auch bald 
lichterloh, wie sie befriedigt feststellte. Zwischendurch 

versuchte sie noch mit Harro zu kokettieren, der ihr 
gegenübersaß und sich mit seiner Tischdame unterhielt. 
»Was ist nur mit Iris Illsund?« fragte diese schließlich 
befremdet. »So unnatürlich habe ich sie noch nicht erlebt.« 
»Sie scheinen einen Schwips zu haben«, lächelte Harro. 
»Kein Wunder, da sie dem Wein so eifrig zuspricht.« 
»Trotzdem finde ich sie verändert und gewiß nicht zu 
ihrem Vorteil. Dafür hat sich die kleine Heidi erstaunlich 
herausgemacht. Wie sie jetzt ist, stellt sie ja ihre Schwester 
mühelos in den Schatten. Und Ihre Frau, Graf Regglin, die 
ist einfach bezaubernd«, sprach die distinguierte Dame 
mittleren Alters lebhaft weiter. »Schauen Sie nur, wie sie 

ihren Tischherrn, der sonst sehr schweigsam ist, zum 
Sprechen gebracht hat. Sie ist aber auch ein Rackerchen 
reizendster Art, das einem Mann das Herz schon warm 
machen kann«, schloß sie lachend. »Da haben Sie doch 
tatsächlich so lange gesucht, bis Sie die passende Frau 
gefunden haben, Sie Schwerenöter. Eine Herrin für Ihren 
Besitz und etwas Liebes für Ihr Herz.« 
Iris hatte die Worte der Dame, die allgemein beliebt und 
geachtet war, gehört, und ein böses Licht glomm in ihren 
Augen. 
Nach dem exquisiten Mahl begann dann der Tanz, dem 

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sich hauptsächlich die Jugend eifrig hingab. Aber auch die 
älteren Herrschaften machten vergnügt mit und freuten 

sich der Fröhlichkeit, die um sie herrschte. Rotraut und 
Adelheid ließen keinen Tanz aus, während Iris nicht so 
begehrt war. Am meisten tanzte sie mit Eberhard 
Halldungen, der sie so gut zu unterhalten schien, daß ihr 
lautes Lachen immer wieder aufklang. Und die Blicke, die 
sie dabei ihrem Partner schenkte, ließ die meisten Gäste 
mißbilligend den Kopf schütteln. 
Als dann eine Pause eintrat, in der Erfrischungen gereicht 
wurden, ging es in der Ecke, wo Raute und Heidi saßen, am 
fröhlichsten zu. Fast die gesamte Jugend war dort 
versammelt. Der junge Illsund, ein neugebackener Student, 
hatte sich in das betörende Rautendelein verliebt. Der 

reichlich genossene Sekt ließ ihn so keck werden, daß er 
die augenblickliche Königin seines Herzens impulsiv 
besang: 
»Wie heißt König Ringangs Töchterchen? Rotraut, Schön-
Rotraut!« begann er übermütig, und ebenso stimmten die 
andern ein. Iris, die im Kreise der Gastgeber, ihrer Eltern 
und der Gräfin Halldungen saß, schürzte verächtlich die 
Lippen: 
»Die Leutchen sind ja regelrecht beschwipst. So etwas 
dürfte doch gar nicht vorkommen.« 
»Was Sie nicht sagen«, Herma kniff die Augen zusammen 
und besah sich die Sprecherin angelegentlich. »Warum 

sollten diese fröhlich singenden Leutchen’ wohl beschwipst 
sein? Nur, weil sie einem so entzückenden Geschöpf wie 
der jungen Herrin von Regglinsgrund huldigen? Ich täte es 
auch, wenn ich ein Mann wäre.« 
Illsund bekam einen roten Kopf; denn daß seine Tochter 
zurechtgewiesen wurde, wurmte ihn gewaltig. Nur mit 
Mühe konnte er eine heftige Erregung unterdrücken. Und 
der empörten Iris erging es genauso. Es war gut, daß 
Eberhard hinzutrat und durch seine frische Art die 
peinliche Situation überbrückte. 
Gleich darauf begann auch wieder der Tanz, und Harro trat 

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auf seine Frau zu. Obwohl sie ihm nur ungern folgte, ließ 
sie das nicht merken. 

Es war das erste Mal überhaupt, daß sie mit ihm tanzte. Er 
führte vorzüglich, sprach jedoch dabei kein Wort. Sein 
Gesicht war hart, die Narbe darin hatte sich gerötet. Das 
war das Zeichen, daß er sich in gereizter Stimmung befand, 
wie Rotraut längst schon wußte. Es wurde ihr unbehaglich, 
und sie atmete erleichtert auf, als der Tanz beendet war. 
Hoffentlich holte Harro sie nicht zu einem zweiten! 
Nein, er tat es nicht. Er hatte mit dem einen Tanz ja auch 
seiner Pflicht genügt, mehr schien er seiner Frau gegenüber 
nicht für erforderlich zu halten. Außerdem wurde sie von 
den Herren so umschwärmt, daß man sich beeilen mußte, 
um sich einen Tanz mit ihr zu sichern. Und um diesen 

Wettlauf mitzumachen, dazu verspürte Harro keine Lust. 
Der neue Tag war schon längst angebrochen, als man sich 
vergnügt trennte. Man beteuerte immer wieder, wie 
wunderschön die Stunden gewesen waren, die man in dem 
gastfreien Haus verlebt hatte. Man sagte den Gastgebern 
herzlichen Dank und ging zu den Wagen. 
Iris sträubte sich wie gewöhnlich, mit den Eltern nach 
Laubern zu fahren. Aber diesmal setzte sie ihren Willen 
nicht durch, weil der Vater ein ihr ungewohntes Machtwort 
sprach. Es kränkte ihn denn doch zu sehr, daß sein Abgott 
bei dem Fest nicht die Hauptperson gewesen war. 
Adelheid mußte natürlich auch mit. Wenn er sie erst zu 

Hause hätte, wollte er ihr die schnippische Art schon 
abgewöhnen. 
Doch so eifrig er Heidi auch suchte, sie schien wie vom 
Erdboden verschwunden zu sein, so daß er schließlich 
wutentbrannt ohne sie abfahren mußte. Na, die sollte was 
erleben! 
Nachdem auch diese letzten Gäste gegangen waren, traten 
Harro und seine Mutter auf die Terrasse hinaus, um sich 
erst ein wenig von dem Trubel zu erholen, bevor sie sich 
einige Stunden zum Schlaf niederlegten. Sie atmeten die 
herbe Morgenluft tief ein und genossen schweigend die 

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erwachende Natur. Die Sonne, die leuchtend am Horizont 
erschien, überstrahlte alles ringsum mit ihrem lodernden 

Schein. Vogelstimmen wurden mehr und mehr hörbar, 
eine Lerche schwang sich jubelnd empor. Sonst herrschte 
noch die erhabene Ruhe des frühen Morgens. 
Plötzlich schraken die beiden ins Schauen versunkenen 
Menschen zusammen, und ihr Blick flog zu den geöffneten 
Fenstern hin, hinter denen Rotraut sprach: 
»Hier bist du, Heidi? Noch vor einigen Minuten habe ich 
dich gesucht, weil deine Eltern nicht ohne dich nach Hause 
fahren wollten.« 
»Sind sie fort?« 
»Ja. Dein Vater war sehr ärgerlich. Wo hast du dich 
versteckt gehalten, daß man dich trotz eifrigen Suchens 

nicht finden konnte?« 
»In deinem Ankleideraum.« 
»Aber Heidi, warum denn. Wie siehst du überhaupt aus, 
hast ja ganz dick verweinte Augen.« 
»Raute, liebe Raute«, schluchzte das Mädchen heiß auf, 
indem es den Arm um den Hals der erschrockenen jungen 
Frau legte. »Darf ich bei dir bleiben? Bitte!« 
»Heidilein, du zitterst ja vor Erregung. Komm, setz dich 
zuerst einmal. So. Und nun erzähle mir, warum du so 
furchtbar weinst.« 
»Ach, Raute!« 
»Damit ist uns beiden nicht geholfen!« Rotraut wurde 

energisch. »Reiß dich doch zusammen. Hier, nimm eine 
Zigarette.« 
Einige Minuten herrschte Schweigen, dann stieß das 
Mädchen verbissen hervor: 
»Diese Schändlichkeit! Ich dulde sie nicht – nein, um alles 
nicht! Er darf nicht unglücklich werden!« 
»Wer denn, um alles in der Welt. Etwa Harro?« 
»Der doch nicht«, tat Heidi ungeduldig ab. »Der kann ja 
niemals unglücklich werden, weil er viel zu arrogant ist. Ich 
spreche von Eberhard, den Iris neuerdings auf eine Weise 
umgarnt, die ihm zum Verhängnis werden muß. Dabei hat 

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sie die Hoffnung auf Harro noch längst nicht aufgegeben. 
Ist das etwa nicht schändlich, Raute?« 

»Heidi, man soll mit Beschuldigungen vorsichtig sein.« 
»Ich habe aber gesehen, wie Iris sich von Eberhard küssen 
ließ«, fuhr das Mädchen heftig auf. »Ist das noch nicht 
Beweis genug?« 
»Allerdings«, entgegnete Rotraut betroffen. »Vielleicht 
gedenkt er deine Schwester zu heiraten.« 
»Das ist es ja, was ich befürchte«, weinte Heidi nun wieder. 
»Und dann wird er bestimmt unglücklich – und das darf er 
nicht. Ach, Raute, ich möchte sterben!« 
»Heidekind, wer wird denn so verzweifelt sein«, sagte die 
junge Frau erschüttert. »Doch nun eine Frage, die du mir 
ohne jede falsche Scham beantworten sollst: Liebst du 

Eberhard?« 
»Ja.« 
»Das habe ich mir gedacht. Aber laß nur, noch ist ja nichts 
spruchreif. Ich glaube nicht, daß Eberhard seiner Mutter 
eine Schwiegertochter ins Haus bringen wird, die ihr 
absolut nicht zusagt.« 
»Meinst du, Raute?« 
»Ja, Heidi. Und nun trockne deine Tränen, du Dummchen. 
Du hast bis jetzt noch keine Veranlassung, so verzweifelt zu 
sein.« 
»Wenn du doch recht hättest«, kam es noch immer 
tränenschwer zurück. »Schau mal, ich persönlich mache 

mir ja keine Hoffnungen auf Eberhard, weil ich weiß, daß 
er für mich nichts übrig hat. Aber er soll nicht unglücklich 
werden. Kannst du das verstehen, Raute?« 
»Voll und ganz, Heidi. Aber glaube mir, oft trügt der 
Schein. Und damit mußt du dich trösten.« 
»Ach, Raute.« 
»Ach, Heidi! Nur nicht wehleidig werden, damit verbitterst 
du dir nur dein Leben. Geh jetzt schlafen. Und damit du es 
wirklich kannst, werde ich dir einen Beruhigungstrank 
mischen. Morgen wirst du dann brav nach Hause fahren…« 
»Auf keinen Fall!« rief das Mädchen angstvoll. »Wenn du 

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mich nicht hierbehalten willst, dann gehe ich in den See.« 
»Wahrscheinlich zum Baden«, lachte Rotraut. Heidi war 

empört. 
»Du lachst, wenn mir das Herz vor Jammer brechen will? 
Das ist häßlich von dir!« 
»Na, soll ich über solchen Unsinn weinen? Ich behalte dich 
gern hier, das müßtest du wohl wissen. Ich fürchte nur, daß 
dein Vater dich gewaltsam nach Hause holen wird.« 
»Kann er nicht, weil ich mündig bin.« 
»Oh, über diesen Trotzkopf! Warten wir ab, das ist nämlich 
das beste, was wir tun können.« 
Als Rotraut am späten Morgen erwachte, schlief Adelheid 
noch so fest, daß die junge Gräfin sich leise anzog und 
dann hinunterging, um zu frühstücken. Harro und seine 

Mutter tranken bereits Kaffee. Nach einem kühlen Gruß 
nahm die Hinzugekommene ihren Platz ein und aß ohne 
jeden Appetit, weil ihr Mann recht verstimmt zu sein 
schien. Und daß diese Verstimmung mit ihr 
zusammenhing, merkte Rotraut bald. 
Was hatte sie nun schon wieder verbrochen? Sie konnte 
sich doch wahrhaftig so klein wie möglich machen, aber 
immer noch gab es etwas, woran der Herr Gemahl Anstoß 
nahm. Nun, was es diesmal war, das würde sie ja bald 
erfahren. 
Und sie erfuhr es, nachdem man das Frühstück beendet 
hatte und nach den bereitliegenden Postsachen griff. Harro 

schob ihr die Post, die für sie bestimmt war, zu und sagte 
ungehalten: 
»Wenn noch einmal Briefe für dich mit verkehrter Adresse 
eintreffen, dann lasse ich sie zurückgehen. Ein Fräulein 
Bracht existiert nämlich nicht in Regglinsgrund, wohl aber 
eine Gräfin Regglin.« 
»Soll ich das etwa sein?« fragte sie hochmütig, worauf er die 
Zähne zusammenbiß, einmal schwer atmete und dann 
sagte: 
»Liebe Rotraut, ich habe bisher eine Geduld mit dir gehabt, 
die mir selber nicht erklärbar ist. Laß es jedoch nicht etwa 

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darauf ankommen, daß sie mir reißt. Es ist ein Fehler von 
dir, daß du nur auf deine Gefühle Rücksicht nimmst und 

niemals auf die deiner Mitmenschen. Daß du mich durch 
dein sonderbares Benehmen lächerlich machst, davon will 
ich nicht sprechen. Wohl aber, daß auch meine Mutter 
davon betroffen wird. Wie die Dinge liegen, konntest du 
nicht von ihr verlangen, daß sie dir mit offenen Armen 
entgegenkam. Dann hat sie jedoch versucht, sich dir zu 
nähern, was du in beleidigender Weise zurückgewiesen 
hast. – So, das war eines, und das andere: Was soll wohl 
der Briefträger denken, der die Post bringt, die an Fräulein 
Bracht adressiert ist? Sorge also dafür, daß sie fortan die 
richtige Anschrift trägt.« 
Damit überreichte er ihr die für sie bestimmten Briefe und 

sah dann die seinen durch. Ebenso tat es seine Mutter. In 
Rotraut stritten Widerspenstigkeit und Einsicht. Ihr Trotz 
lehnte sich gegen den Tadel Harros auf, ihre Vernunft gab 
ihm recht. So saß sie minutenlang mit abweisendem 
Gesicht, bis sie sich dann entschloß, auch ihre Briefe zu 
öffnen. Es war nichts von Bedeutung dabei. Reklame, 
Angebote von Modehäusern und andere Drucksachen 
mehr. Nur ein Schreiben schien persönlicher Art zu sein. 
Und kaum hatte Rotraut es mit den Augen überflogen, als 
sie erblaßte. Scheu ging ihr Blick zu Harro und seiner 
Mutter hin. Doch die waren ins Lesen vertieft. Da erhob sie 
sich hastig. 

»Ich will mal rasch nach Heidi sehen, die jetzt bestimmt 
schon ausgeschlafen hat.« 
Sie raffte ihre Briefe zusammen und eilte davon. So 
bemerkte sie nicht die Blicke, die Mutter und Sohn 
tauschten. 
»Hast du ihr Erschrecken gesehen, Harro?« 
»Ja.« 
»Hast du eine Ahnung, von wem der Brief sein könnte?« 
»Nein, es stand kein Absender drauf. Zerbrechen wir uns 
nicht weiter den Kopf, Mutter, das ist zwecklos. Du weißt 
ja, daß Rotraut kein Vertrauen zu uns hat.« 

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»Leider. Vielleicht liegt das an dir, mein Junge?« 
»Möglich.« 

Seufzend wandte Liane sich wieder ihren Briefen zu. Wenn 
Harro so zugeknöpft war, dann bekam sie nichts aus ihm 
heraus. Das wußte sie schon längst aus Erfahrung. 
Inzwischen saß Rotraut in ihrem Wohnzimmer und las 
noch einmal den Brief, der sie so erschreckt hatte. Wie gut, 
daß Heidi noch nicht angekleidet war und ihr somit Zeit 
blieb, sich zu sammeln. Als die Freundin dann eintrat, 
wurde sie neckend empfangen: 
»Das nennt man schlafen, du Murmeltierchen! Die 
Mittagssonne muß dir doch bereits ins Bett geschienen 
haben.« 
»Das kann man wohl sagen«, entgegnete die andere 

verlegen. »Ich habe mich wohl sehr töricht benommen – 
na, du weißt ja.« 
»Das scheint mir auch so«, war die lachende Erwiderung. 
»Aber laß nur, nach einer durchfeierten Nacht pflegt 
hinterher der Katzenjammer zu kommen. Wie ist es mit 
dem Frühstück?« 
»Das hat mir Dora bereits ans Bett gebracht.« 
»Lieb von ihr. Da können wir uns gleich mit den Kleidern 
beschäftigen, die angekommen sind. Schau mal dieses 
fesche Kostüm. Ist das nicht für die kommenden 
Herbsttage wie geschaffen?« 
»Raute, ich kann doch nicht…« 

»Immer die gleiche Litanei. Du hast mir doch kürzlich eine 
ganz gute Summe zum Einkauf gegeben. Und da mein 
Vater schon immer sagte, daß ich ein kleines Rechengenie 
bin, so ist es mir möglich gewesen, neben dem Festkleid 
noch diese reizende Angelegenheit herauszuschlagen. 
Stürze dich also gleich hinein.« 
Wie angegossen saß das helle Kostüm mit der dazu 
passenden Bluse. Adelheid hätte kein Mädchen sein 
müssen, wenn ihr nicht die Freude aus den Augen gelacht 
hätte. Dafür lachte nun Rotraut in sich hinein. – Und so 
hatte jeder etwas davon. 

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Als sie dann später durch den Park schritten, spürte Heidi, 
daß die Freundin nicht so ausgeglichen war wie sonst. 

Raute hatte einen fremden Zug im Gesicht, die Augen 
hasteten unstet umher. Eine Weile sah sich Adelheid das 
schweigend an, dann fragte sie leise: 
»Rautendelein, dir fehlt doch etwas, willst du es mir nicht 
sagen? Vielleicht kann ich dir helfen?« 
Augenblickslang schwieg Rotraut wie überlegend, dann 
fragte sie mit tränendunkler Stimme: 
»Kann ich dir vertrauen, Heidi?« 
»Voll und ganz, Raute.« 
»Auch wenn ich dich vorläufig im unklaren lassen muß?« 
»Wäre es sonst ein volles Vertrauen, Rautendelein?« 
»Ich danke dir«, die junge Frau atmete erleichtert auf. »Ich 

habe nämlich eine Bitte, die du immer noch ablehnen 
kannst.« 
»Ich werde es nicht tun.« 
»Abwarten. Ich muß heute noch nach Königsberg, wo eine 
sehr schmerzliche Angelegenheit auf mich wartet. Da nun 
aber Harro angeordnet hat, daß ich nie ohne Begleitung im 
Auto fahren soll, so bitte ich dich, mit mir zu kommen. 
Willst du das?« 
»Selbstverständlich, Raute. Daß du nichts Unrechtes tun 
wirst, das weiß ich. Alles andere geht mich nichts an.« 
Rotraut erwiderte nichts darauf, weil ihr die Tränen in der 
Kehle saßen. Sie zog die treue Freundin an sich und küßte 

sie. 
Harro ritt nach dem Mittagessen aus, um in Begleitung des 
Verwalters auf einem Nebengut eine unangenehme Sache 
in Ordnung zu bringen. Denn der Gutsherr verbrachte 
seine Tage durchaus nicht im süßen Nichtstun, obgleich er 
sich das hätte leisten können, sondern er kümmerte sich als 
ausgezeichneter Landwirt sehr eingehend um seinen Besitz. 
Und da er über gute Mitarbeiter verfügte, so lief in dem 
Riesenbetrieb alles wie am Schnürchen. Und wenn sich in 
ihm hier und da auch einmal ein Knoten zeigte, so wurde 
er immer sofort beseitigt. 

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Um einen solchen zu entwirren, traf er denn auch auf dem 
Nebengut ein. Als er dann ohne den Verwalter, der 

anschließend auf einem Vorwerk noch nach dem Rechten 
sehen wollte, nach Hause ritt, war er müde und 
abgespannt. 
Man merkte, daß der September seinem Ende zuging. Die 
Luft war herb und frisch. Die Sonne hatte schon erheblich 
an Kraft verloren. 
Harro Regglin liebte seine Heimat wie kaum einer. Selbst 
dann erschien sie ihm herrlich, wenn der Sturm tobte und 
der Regen alles grau in grau erscheinen ließ. Zuerst auf dem 
Gaul dahinzutraben und bei anbrechender Dunkelheit ins 
warme Zimmer zu flüchten, wo die Mutter, unter deren 
kühler Ruhe sich ein so warmes Herz barg, auf ihn wartete, 

das war schön. Jedesmal empfand er dann von neuem den 
Reiz des Nachhausekommens. 
Heute regnete es zwar nicht, aber doch strebten Roß und 
Reiter ungeduldig Stall und warmer Stube zu. Daher waren 
sie beiden nicht erfreut, als der frischfröhliche Ritt 
unterbrochen werden mußte, weil Ihnen eine Reiterin 
entgegenkam. 
»Guten Abend, Harro«, grüßte sie schon von weitem. Dann 
hielt sie, wodurch Regglin gezwungen war, das gleiche zu 
tun. Mit einem verführerischen Lächeln reichte sie ihm die 
Hand, die er nicht wie sonst an seine Lippen zog, sondern 
nach kurzem Druck freigab. Das ärgerte die schöne Iris, 

obwohl sie es nicht merken ließ. Strahlend sah sie ihn an. 
»Wie gut, daß ich Sie treffe, Harro. Ich war nämlich bei 
Tante Liane eingekehrt, wo es so gemütlich war, daß ich 
mich über Gebühr verplauderte. Jetzt ist es schon fast 
dunkel, und daher freut es mich, in Ihnen einen Beschützer 
getroffen zu haben. Sie werden mich doch nach Laubern 
begleiten?« 
»Bitte sehr.« 
Er hatte Mühe, das Pferd zu wenden. Es dauerte eine ganze 
Weile, bis es neben seinem Artgenossen einigermaßen 
gutwillig dahintrabte. Um nur irgendeine Unterhaltung zu 

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beginnen, fragte Harro: 
»Wie ist Ihnen denn das gestrige Fest bekommen, 

Komteß?« 
»Danke, sehr gut. Aber Ihnen doch nicht minder, will ich 
meinen. Sie haben nach alter Art wieder einmal ganz nett 
geflirtet.« 
»Warum soll ich nicht«, lachte er. »Oder schickt sich das 
nicht für einen Musterehemann?« 
»Musterehemann!« Ihre Mundwinkel zogen sich nach 
unten. »Sie sehen auch ganz danach aus. Aber schließlich 
haben Sie es ja nicht nötig, bei dieser Ehe den verliebten 
Gatten zu spielen.« 
Er sah sie unter halbgeschlossenen Lidern an. Und hatte 
diese spöttische Überlegenheit sie schon immer gereizt, 

heute tat sie es ganz besonders, da es sehr verächtlich 
klang, als er sagte: 
»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht recht, Gnädigste!« 
»Ist auch nicht erforderlich.« 
»Ich rate aber nicht gern Rätsel.« 
»Aber Sie geben sie anderen auf.« Seine Art reizte sie immer 
mehr und versetzte sie dann langsam in Weißglut, als er 
belustigt fragte: 
»Und diese können Sie bei Ihrer Klugheit nicht lösen? 
Darüber muß ich mich doch sehr wundern.« 
Nun war es um den letzten Rest ihrer Beherrschung 
geschehen. Außer sich vor Wut schrie sie ihm entgegen: 

»Schon gelöst, mein Lieber, schon gelöst! Sie sind alle nicht 
dumm, die den Vater dieser Krämerstochter gekannt 
haben! Ihr Vater jagte ihn vom Hof, weil er mit Ihrer 
Mutter, mein stolzer Herr Graf, ein Techtelmechtel 
unterhielt. Alles andere läßt sich leicht zusammenreimen, 
wenn man nicht auf den Kopf gefallen ist!« 
Sie saß ihm gegenüber, jeder Haltung bar. Die Augen 
schillerten wie die einer bösen Katze. Nur zu deutlich 
spiegelte ihr hohnlachendes Gesicht wider, was sie 
bezweckte. Demütigen wollte sie ihn! Diese kalte Ruhe 
sollte noch von ihm abfallen. All der Groll, der sich in 

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ihrem Herzen aufgespeichert hatte, brach sich nun gleich 
einem Wildbach Bahn. Ihre Stimme schrillte, als sie von 

neuem fortfuhr: 
»Und wie sie sich gibt! Als wäre sie aus fürstlichem Geblüt! 
Sie weiß genau, wie man Männer an sich lockt. Geben Sie 
nur hübsch acht auf König Ringangs Töchterlein, damit es 
Ihnen nicht ganz unköniglich Hörner aufsetzt!« 
Hätte Iris sich sehen können, sie wäre über sich selbst 
entsetzt gewesen. Sie, die sich auf ihre vornehme 
Abstammung so ungeheuer viel einbildete, daß es schon an 
Größenwahn grenzte, glich jetzt einer Megäre. Der Mann 
vor ihr sah es mit Abscheu. Es dauerte sekundenlang, bis er 
sprechen konnte: 
»Es ist wohl besser, wenn Sie Ihren Weg allein fortsetzen. 

Laubern ist bereits in Sicht. Guten Abend.« 
Doch so leichten Kaufes sollte er nicht davonkommen. Sie 
drängte ihr Pferd so nah an das seine, daß er den 
Oberkörper nach hinten bog. Wie zwei schwarze Flecken 
brannten die Augen aus dem grünlichblassen Gesicht. Ihre 
Stimme überschlug sich: 
»Das ist der Dank dafür, daß ich so lange auf Sie gewartet 
habe, mir jede gute Partie entgehen ließ! Jetzt kann ich 
mich zur Belohnung dafür von einer Person verdrängen 
lassen, die wie aus einem rätselhaften Dunkel aufgetaucht 
ist. Die es versteht, die Menschen mit ihrem vornehmen 
Getue, ihrer gleißenden Larve an sich zu fesseln, und deren 

Launen sich sogar der selbstherrliche Graf Regglin beugen 
muß. Ich hasse Sie – hasse sie alle!« 
Wie gejagt hetzte sie auf ihrem Pferd davon. Harro war 
zutiefst angewidert. Das also blieb von der stolzen Iris 
Illsund übrig, wenn die Tünche der Erziehung von ihr 
abgefallen war. Pfui Teufel! So hätten sie nur ihre in sie 
vernarrten Eltern sehen sollen – und seine Mutter! 
Er fuhr sich über die Augen, als könne er damit das 
häßliche Bild verwischen, das die Megäre ihm gezeigt hatte. 
Und unwillkürlich schob sich ein reines, klares Antlitz 
dazwischen, er hörte nach der schrillen eine weiche, süße 

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Stimme. 
Da trieb er sein Pferd zu einem Galopp an. 

Er fand seine Mutter in ihrem Zimmer vor dem Kamin, 
dem eine mollige Wärme entströmte. Die Ruhe und der 
Friede, die das Gemach erfüllten, zu dessen Harmonie die 
vornehme Erscheinung der Frau ein übriges beitrug, legten 
sich wie Balsam auf die gereizten Nerven des Mannes. Voll 
Dankbarkeit, daß es einen so friedlichen Hafen für ihn gab, 
zog er die Hand der Mutter an die Lippen. 
»Wie schön, daß ich wieder bei dir bin, kleine Mama.« 
»Du hast lange auf dich warten lassen, mein Junge. Hast du 
Iris unterwegs getroffen?« 
Er ließ sich erschöpft in einen Sessel sinken. 
»Nur ein Weilchen will ich mich verschnaufen, dann ziehe 

ich mich um. Ja, ich begegnete der Komteß und brachte sie 
fast bis Laubern.« 
»Findest du auch, daß das Mädchen sich sehr verändert 
hat?« 
»Das kann man wohl sagen. Wir haben sie alle überschätzt, 
Mutter. Doch wo ist Rotraut?« 
»Sie ist mit Heidi im Auto fort.« 
»In Begleitung des Chauffeurs?« 
»Nein, sie fuhren allein.« 
Die Falte des Unmuts grub sich zwischen seine Brauen. Es 
klang recht vorwurfsvoll, als er sagte: 
»Das hättest du nicht dulden dürfen, Mutter. In der 

Dunkelheit ist ein Fahren auf der Landstraße in heutiger 
Zeit nicht ungefährlich.« 
»Ja, Junge, ich hatte keine Ahnung, daß Rotraut so lange 
wegbleiben würde. Außerdem blieb mir keine Gelegenheit 
zur Kontrolle. Denn ich erfuhr erst nach dem Mittagsschlaf, 
daß sie fort ist. Durch Albert ließ sie sich entschuldigen.« 
»Ohne das Ziel ihrer Fahrt angegeben zu haben?« 
»Ja.« 
Harro sprang auf, durchmaß das Zimmer einige Male mit 
langen Schritten, dann blieb er vor der Mutter stehen, die 
beunruhigt zu ihm aufsah. 

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»Da Rotrauts Eigenmächtigkeit Überhand zu nehmen 
beginnt, werden wir energisch dagegen vorgehen müssen, 

kleine Mama. Jetzt entschuldigst du mich wohl, damit ich 
mich umkleiden kann.« 
Zum Abendessen war Rotraut immer noch nicht zurück – 
auch Stunden später noch nicht. Mutter und Sohn saßen in 
dem kleinen Gemach neben dem Musikzimmer und 
versuchten zu lesen, während sie jedes Geräusch draußen 
aufhorchen ließ. 
»Vielleicht ist sie in Hermeshöh?« sprach Liane nach einer 
Weile bedrückenden Schweigens. 
»Das glaube ich nicht. Sonst hätte sie uns davon in 
Kenntnis gesetzt, wie sie es stets zu tun pflegte. Anrufen 
möchte ich nicht, um Tante Herma nicht zu beunruhigen.« 

Dann warteten sie – Stunde um Stunde. Immer wieder 
musterte die Mutter verstohlen den Sohn, der seine Unruhe 
durch Gleichmütigkeit zu verbergen suchte. Um 
Mitternacht erhob er sich. 
»Es hat keinen Zweck, noch länger zu warten. Gehen wir 
also zur Ruhe.« 
Als er sich über ihre Hand beugte, drückte sie ihr Gesicht in 
sein Haar. 
»Willst du deiner Mutter etwas vormachen, mein Junge?« 
fragte sie leise. »Es ist nicht die Unruhe allein, die dich 
quält…« 
Hastig richtete er sich auf, sein Blick verfinsterte sich. 

»Lassen wir das, Mutti. Gehen wir lieber schlafen. Gute 
Nacht.« 
Die Nacht wurde alles andere als gut. Schlaflos wälzte sich 
die Mutter auf ihrem Bett, während der Sohn es auf dem 
Diwan tat, auf den er sich angekleidet gestreckt hatte. Sie 
horchten in die Nacht hinaus, von der Nietzsche sagt, daß 
sie tiefer ist, als der Tag gedacht. 
›O Mensch, hab acht, was spricht die tiefe Mitternacht? 
Und tiefer als der Tag gedacht, tief ist ihr Weh.‹ 
Übernächtigt fanden sie beiden Regglins sich am 
Frühstückstisch zusammen. Daß die Gräfin blaß und müde 

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aussah, war ja kein Wunder. Aber auch das sonst so straffe 
Antlitz Harros zeigte Spuren tiefster Erschöpfung. 

Schweigend tranken sie den Kaffee und ließen die Speisen 
fast unberührt. 
»Ob wir nicht einmal in Rotrauts Zimmer nachsehen?« 
fragte die Mutter leise. »Vielleicht finden wir dort etwas, das 
uns Aufschluß geben kann?« 
»Können wir machen, obwohl ich nicht gern die Zimmer 
betrete, die mir bisher verschlossen waren. Aber schließlich 
bin ich ja dazu gezwungen.« 
Als sie das behagliche Wohngemach betraten, blieb ihr 
Blick an dem Schreibtisch hängen, auf dem drei Bilder 
standen. Das erste stellte den jungen Mann dar, der am 
Hochzeitstag so plötzlich aufgetaucht und ebenso wieder 

verschwunden war. Das zweite zeigte eine Dame mittleren 
Alters mit einem herrischen, hochmütigen Gesicht und das 
dritte einen älteren Herrn, wahrscheinlich Rotrauts Vater, 
denn die Ähnlichkeit mit ihr war unverkennbar. Ein 
scharfgeschnittenes, ein wenig strenges Antlitz, das ein 
kluges Auge wunderbar belebte. 
Dann betraten sie das Schlafzimmer. Der feine Duft, der 
auch Rotraut eigen war, haftete darin. Vor dem Bett lag ein 
weißes Fell und halb von ihm verdeckt – ein Brief. Er 
mußte dorthin geflattert und nicht beachtet worden sein. 
Nach diesem Briefblatt bückte Harro sich. Las, was darin 
stand, und gab es dann an die Mutter weiter, die, nachdem 

sie es gelesen hatte, den Sohn hilflos ansah. 
»Was nun, Harro?« 
»Abwarten«, entgegnete er so hart, daß sie 
zusammenzuckte. 
Wenn Rotraut das alles mit angesehen hätte, hätte sich ihre 
Unruhe noch gesteigert. Als sie am Tag vorher nach dem 
Essen abgefahren war, hatte sie bestimmt damit gerechnet, 
daß sie am Abend wieder zurück sein würde. Da Gräfin 
Liane ihren Mittagsschlaf hielt, konnte sie diese von der 
Fahrt nicht in Kenntnis setzen und beauftragte den Diener, 
später die Herrin davon zu unterrichten. Die Begleitung des 

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Chauffeurs lehnte sie so entschieden ab, daß dieser sich 
fügen mußte. 

Rotraut fuhr so schnell, daß Königsberg nach einer Stunde 
erreicht war. Im Hotel stellte sie zuerst ihren Wagen unter, 
dann erkundigte sie sich beim Geschäftsführer nach Herrn 
Wayler. Ja, der Herr hätte hier ein Zimmer belegt, wäre 
jedoch augenblicklich nicht anwesend. Wenn die Damen 
im Gastraum warten wollten? 
Sie warteten – und zwar so lange, bis es dunkelte. Heidi 
gab sich alle Mühe, die Freundin zu unterhalten, deren 
Unruhe sich immer mehr steigerte. Endlich sagte Rotraut: 
»Wir werden heute nicht mehr zurückfahren können, 
Heidelein. Ich wäre dir dankbar, wenn du Regglinsgrund 
anrufen und Bescheid sagen würdest, daß sie uns erst 

morgen zurückerwarten können.« 
Dazu war Heidi gern bereit. Als sie wiederkam, meldete sie 
in frischem Ton: 
»Befehl ausgeführt. Meine Schwester, die gerade in 
Regglinsgrund war, hat das Gespräch entgegengenommen 
und versprochen, Tante Liane zu verständigen.« 
»Danke, Heidi. Das wäre also erledigt. Nun müssen wir 
noch versuchen, in diesem meist überfüllten Hotel ein 
Zimmer zu bekommen, in dem wir übernachten können.« 
Sie hatten Glück, ein kleines Zimmer war noch frei. Es 
hatte zwar nur ein Bett, aber auf dem breiten Diwan 
konnte man auch gut ruhen. 

Rotraut griff sofort zu. Nachdem sie den Raum bezogen 
hatten, säuberten sie sich erst einmal. Und kaum, daß sie 
damit fertig waren, wurde die Tür aufgerissen, und ein Herr 
eilte freudestrahlend auf Rotraut zu. 
»Raute, ich habe gewußt, daß du kommen würdest!« 
Stürmisch küßte er ihre Hände und erst, als sich seine 
Freude gelegt hatte, bemerkte er Adelheid, die wie erstarrt 
dabeistand. 
»Herr Wayler – Komteß Illsund«, stellte Rotraut hastig vor. 
»Eine liebe Freundin von mir, Bob.« 
»Dann sind Sie auch die meine, Komteß«, beteuerte er 

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strahlend und küßte galant die Hand der jungen Dame. 
Nach dieser Begrüßung verließ Heidi das Zimmer. 

Jetzt standen die Kindheitsgespielen sich allein gegenüber. 
»Das war leichtsinnig von dir, Bob«, begann Rotraut erregt. 
»Genauso leichtsinnig wie damals, als du in Regglinsgrund 
in mein Zimmer eindrangst. Schon dabei sagte ich dir, daß 
es Dinge gibt, in denen mein Mann keinen Spaß versteht. 
Und heute wiederhole ich das. Wir wollen hoffen, daß er 
von unserem jetzigen Treffen nichts erfährt.« 
»Sei doch nicht so böse, Raute«, entgegnete er kleinlaut. 
»Ich bin extra von Amerika herübergekommen…« 
»Das hättest du dir ersparen können«, unterbrach sie ihn 
vorwurfsvoll. »Was hofftest du damit zu erreichen?« 
»Ich wollte dir sagen, wie sehr ich dich liebe.« 

»Das sieht dir Tollkopf ähnlich!« Sie zwang sich zu einem 
neckenden Ton, während ihr das Herz bis zum Hals herauf 
klopfte. Jetzt nur tapfer durchhalten, nicht weich werden, 
damit erwies sie ihm und sich keinen guten Dienst. 
Lachend beutelte sie seinen vollen Haarschopf. 
»Komische Einfälle hat der Mensch, kaum zu glauben! Was 
du mir soeben gesagt hast, geschieht ja nicht das erste Mal. 
Aber ich will dir noch einmal darauf Antwort geben: Auch 
ich bin dir von Herzen zugetan – wie einem 
Lieblingsbruder. Zufrieden?« 
»Raute – ist – das – wahr?« 
Sie hätte weinen mögen angesichts des Schmerzes, der in 

seinen Augen stand. Aber sie durfte ihn ihr Mitleid nicht 
fühlen lassen – auf keinen Fall! Sie zog ihn mit sich auf 
den Diwan nieder und umspannte sein Gesicht mit ihren 
Händen. 
»Dummer Junge, über meine Gefühle zu dir müßtest du dir 
doch längst klar sein. Wir sind wie Geschwister 
aufgewachsen.« 
»Raute, bitte, quäle mich nicht!« Aufstöhnend barg er 
seinen Kopf in ihrem Schoß. »Du hast kein Herz…« 
O doch, sie hatte eins – und das tat ihr bitter weh. Sie 
schluckte an den Tränen, die ihr in der Kehle saßen. Und 

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erst, als sie sie heruntergewürgt hatte, war es ihr möglich, 
zu sprechen: 

»Du bist noch viel zu jung, Bob, um über dein Herz genau 
Bescheid zu wissen. Was du mit deinen zwanzig Jahren für 
mich empfindest, ist nichts weiter als Jugendschwärmerei, 
wie sie ein jeder Jüngling hat. Das wirst du erst später 
merken, wenn dich die wahre Liebe erfaßt. Dann wirst du 
über dich selber nachsichtig lächeln. Und nun den Kopf 
hoch, du dummer Bengel, der mir so viel zu schaffen 
macht.« 
Langsam richtete er sich auf, sah sie schmerzgequält an und 
sagte mit zuckenden Lippen: 
»Anscheinend weißt du nicht, wie grausam du bist, Raute. 
Darum will ich dir keinen Vorwurf machen. Aber eine 

Frage sollst du mir beantworten. Bist du glücklich in deiner 
Ehe?« 
Raute hatte das Gefühl, als müsse ihr das Herz stillstehen. 
Sie allein wußte, welche große Beherrschung es erforderte, 
seinem forschenden Blick standzuhalten und noch ein 
Lächeln auf die Lippen zu zwingen. 
»Aber selbstverständlich doch, Bob«, tat sie verwundert. 
»Ich habe doch meinen Mann geheiratet, weil ich ihn liebe 
– und er mich auch.« 
Sie spürte die Grausamkeit ihrer Worte, die ihr selber 
vielleicht weher taten als dem jungen Mann, der nun die 
Fäuste in die Augen drückte und minutenlang so verharrte. 

Seine Zähne bissen sich zusammen. Was er dann sprach, 
klang wohl rauh aber leidlich gefaßt: 
»Deine Antwort auf meine Frage wird mir das Vergessen 
leichter machen. Und nun will ich dich nicht länger 
quälen. Ich kehre jetzt in die Heimat zurück. Und später 
einmal – wenn ich ganz ruhig geworden bin – dann will 
ich dich besuchen, um mich an – deinem Glück – zu 
freuen. Leb wohl – und hab’ Dank für deine 
Aufrichtigkeit.« 
Die Tür fiel hinter ihm zu – und nun gaben ihre bis aufs 
äußerste gespannten Nerven nach. Sie drückte das Gesicht 

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in die Hände und weinte bitterlich. 
So fand Heidi sie, als sie zehn Minuten später das Zimmer 

betrat. Zaghaft berührte sie die Schulter der immer noch 
Weinenden, die daraufhin den Kopf hob. Ihr verstörter 
Blick blieb an den Rosen hängen, die das Mädchen ihr 
zögernd reichte. 
»Einen Gruß von Herrn Wayler, Raute. Er läßt dir sagen, 
daß du dich unbekümmert deines – Glückes – freuen 
möchtest, das er dir aus vollem Herzen gönnt. Er hat 
bereits das Hotel verlassen.« 
»Wo hat er dir das gesagt, Heidi?« 
»Unten im Gastzimmer, wohin ich gegangen war, um eure 
Unterredung nicht zu stören.« 
»Du bist weiß Gott eine gute Freundin«, sagte Rotraut mit 

einem Lächeln, das dem weichherzigen Mädchen die 
Tränen in die Augen trieb. Unschlüssig, wie es sich 
verhalten sollte, stand es da, bis Rotraut es zu sich auf den 
Diwan zog. 
Und dann bekam die aufhorchende Adelheid zu hören, 
was sie tief erschütterte. Rotraut sprach sich so recht das 
Herz frei. Sie begann dabei mit dem Tage, an dem ihr der 
Brief des verstorbenen Vaters durch den Rechtsanwalt 
zugestellt worden war und schloß mit den Erlebnissen des 
heutigen. Und Heidi weinte, als ob ihr das alles geschehen 
wäre. 
»Raute, wie schrecklich ist es doch! Wie mußtest du dem 

armen Wayler weh tun. Liebst du ihn wirklich nur wie 
einen Bruder?« 
»Ja. Und er mich nicht anders als eine geliebte Schwester.« 
»Glaubst du daran so fest?« 
»Unbedingt. Was er für mich empfindet, ist bestimmt 
nichts anderes als Jugendschwärmerei.« 
»Wenn du doch recht hättest. Nun ist mir alles klar, woran 
ich herumgerätselt habe. Zwar ist über deine Ehe eifrig 
geklatscht worden, aber gottlob ist die Ursache, weswegen 
sie geschlossen werden mußte, den Klatschmäulern 
unbekannt. Hab’ Dank für dein Vertrauen.« 

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»Nachdem du mir das deine auf dieser Fahrt bewiesen hast, 
Heidi, war ich dir dieses Bekenntnis schuldig.« 

Am nächsten Vormittag betraten Rotraut und Adelheid das 
Zimmer, in dem die beiden Regglins saßen. Und ehe noch 
die junge Gräfin ihre Entschuldigung vorbringen konnte, 
stand der Gatte schon vor ihr in einer Haltung, die nichts 
Gutes verhieß. 
»Wo warst du?!« herrschte er sie an. 
»In Königsberg.« 
»Was wolltest du dort?« 
»Eine Privatangelegenheit regeln.« 
Rotrauts Gelassenheit wirkte direkt beängstigend in der 
Atmosphäre, die wie geladen schien. Das Antlitz des 
Mannes wurde blaß vor unterdrücktem Zorn. Die Narbe 

über der Wange leuchtete wie ein blutroter Streifen. In den 
Augen lag ein unheimliches Drohen. 
»Über diese Privatangelegenheit werdet ihr mir 
Rechenschaft geben müssen, mein Kind«, klirrte seine 
Stimme auf, »du und dein hartnäckiger Verehrer. Wenn 
man nämlich so aufschlußreiche Briefe erhält, dann sollte 
man vorsichtig damit umgehen, damit sie nicht in 
unbefugte Hände fallen!« 
»Du hast spioniert?« unterbrach sie ihn empört. Er winkte 
herrisch ab und fuhr fort: 
»Vor allen Dingen dürfen sie nicht in die Hände der 
Dienerschaft kommen. Ich hatte es nicht nötig zu 

spionieren, weil der Brief allen Augen zugänglich auf dem 
Fußboden deines Schlafzimmers lag. Und dieses 
aufzusuchen, war mein Recht, da du einen halben Tag und 
eine Nacht spurlos verschwunden warst. Vielleicht hast du 
jetzt die Liebenswürdigkeit, mir den vollen Namen jenes 
Jünglings zu nennen. Zwar widerstrebt mir die Frage, die 
ich schon einmal an unserem Hochzeitstag stellte – aber 
mir widerstrebt ja manches. Also antworte.« 
Sie stand da, die Lippen zusammengepreßt. In den Augen 
funkelte der Trotz. Man sah, wie seine Hand sich langsam 
zur Faust ballte, und hörte, wie er den Atem durch die Nase 

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stieß. 
»Rotraut, ich warne dich. Bisher habe ich dir die Ehe leicht 

gemacht, habe dir deinen Willen gelassen bis zur 
Lächerlichkeit. Wenn du jedoch dabei so rücksichtslos 
wirst, dann muß ich dir verbieten, dich ohne mein und 
meiner Mutter Wissen von Regglinsgrund zu entfernen.« 
»Ja, sage einmal, bin ich denn deine Sklavin?« fragte sie 
mehr erstaunt als entrüstet. »Weißt du überhaupt, was du 
von mir verlangst? Über meine Person bin ich Gott sei 
Dank immer noch mein eigener Herr.« 
»Wenn du dich nur nicht irrst. Ich als Ehemann habe das 
Recht, die Abenteuerlust meiner Frau zu unterbinden, die 
einer Gräfin Regglin unwürdig ist.« 
»Aha, darauf habe ich nur gewartet«, lachte sie spöttisch 

auf. »Ich habe dir meines Wissens gestern noch 
klargemacht, daß ich auf die Ehre verzichte, eine Gräfin 
Regglin zu sein.« 
Es war erstaunlich, woher Rotraut den Mut nahm, den 
Mann, der sich nur mit Aufbietung aller Energie 
beherrschte, immer noch mehr zu reizen. 
Er trat in eisiger Ruhe näher an sie heran, so daß Heidi, die 
dem allen mit Entsetzen gefolgt war, schützend den Arm 
um die Freundin legte. Das brachte ihn zur Besinnung. Er 
atmete einige Male schwer, bevor er sprach: 
»Ob du verzichtest oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. 
Du bist mir angetraut und wirst es bleiben.« 

»Das wollen wir einmal sehen!« Sie warf den Kopf trotzig 
in den Nacken. »Hast du vergessen, daß diese Ehe auf 
Abbruch…« 
»Schluß!« Regglin schlug mit der Faust auf den Tisch, daß 
die anderen erschrocken zusammenfuhren. »Ich habe mir 
deinen Unsinn jetzt lange genüg angehört. Hüte dich, es 
bis zum Äußersten zu treiben – bei Gott, dann sollst du 
mich kennenlernen!« 
Langsam wich jeder Blutstropfen aus dem Antlitz der 
jungen Frau. Schweigend wandte sie sich ab und verließ 
das Zimmer. 

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»Großer Gott, Harro – wie kannst du nur – so hart – sein«, 
stammelte Heidi mit entfärbten Lippen. »Raute ist an einen 

solchen Ton gewiß nicht gewöhnt.« 
»Dann wird sie sich daran gewöhnen müssen. Oder glaubst 
du, ich ließe mir noch weiter von deiner vergötterten Raute 
auf der Nase herumtanzen?« 
Seine Linke, die die Zigarette hielt, zitterte heftig. Wie 
erschöpft warf er sich in einen Sessel und strich hastig über 
Stirn und Augen. Heidi näherte sich ihm langsam und 
fragte bang: 
»Harro, ist es denn wirklich so unverzeihlich, was Raute 
getan hat?« 
»Wie man’s nimmt!« Seine spöttische Art trat wieder 
hervor. »Wenn du das in Ordnung findest, daß sie auf 

vierundzwanzig Stunden spurlos verschwindet, dann hast 
du von deinem Idol schon viel gelernt.« 
»Spurlos?« fragte das Mädchen verwundert. »Du wußtest 
doch, wo sie sich aufhielt.« 
»Ach, sieh mal an, lügen kannst du auch schon.« 
»Ich verbitte mir das! Gestern abend habe ich persönlich 
Regglinsgrund angerufen und Bescheid gesagt, daß wir erst 
heute zurückkommen können.« 
Es blitzte überrascht in seinen Augen auf. 
»Mit wem hast du gesprochen, Heidi?« 
»Mit Iris. Hat sie denn nichts bestellt?« 
»Nicht, daß ich wüßte.« 

Adelheid wurde zuerst blaß und dann blutrot. 
»Iris wird es vergessen haben«, stammelte sie. 
Da lachte er hart auf. Und hastig fuhr er herum, als er seine 
Mutter leise weinen hörte. Sofort war er bei ihr und 
umfaßte ihre Schulter. 
»Mutti, nun mal ruhig. Ich kann deine Tränen nicht 
ertragen.« 
»Hast recht«, sie rieb sich die Augen. »Es war nur ein 
bißchen viel für mich.« 
»Kann ich mir denken. Nun, Heidi, was siehst du mich so 
ängstlich an? Hältst du mich immer noch für einen 

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Barbaren, der seine bedauernswerte Frau knechtet?« 
Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: 

»Ihr müßt euch sehr geängstigt haben.« 
»Danke, uns hat es genügt, nicht wahr, Muttchen?« 
»O ja«, seufzte Liane. »Es tut mir nur leid, daß wir Rotraut 
in einer Beziehung unrecht getan haben.« 
»Und in der anderen auch«, sagte Heidi entschieden. »Wißt 
ihr überhaupt, wer Herr Wayler ist?« 
»Wenn du damit den Herrn meinst, der am Hochzeitstag 
meiner Frau zu Füßen lag? Aber davon weißt du ja nichts.« 
»Doch, seit gestern abend hat mich Rotraut in alles 
eingeweiht. Und ich bin stolz auf ihr Vertrauen.« 
»Soso. Dann wirst du uns auch sagen können, was es mit 
dem Herrn auf sich hat.« 

»Bitte nicht, Harro«, unterbrach sie ihn hastig. »Das kommt 
mir nicht zu. Nur darauf möchte ich dich aufmerksam 
machen, daß er und Raute wie Geschwister aufgewachsen 
sind, und daß sie ihn auch heute noch wie einen Bruder 
liebt. Das hat sie ihm auch bei der gestrigen Unterredung 
eindeutig gesagt. Es hat ihr zwar weh getan, aber wie sie 
mir später sagte, mußte es sein, um den jungen Mann von 
seiner Jugendschwärmerei zu heilen. Noch gestern hat er 
Abschied genommen und wird fortan Rotraut nicht mehr 
mit seinen Besuchen in Ungelegenheit bringen. Du 
brauchst also nicht mehr mißtrauisch zu sein. Übrigens 
hattest du auch vorher keine Ursache dazu. Denn soweit 

müßtest du doch Raute kennen, daß sie niemals etwas tun 
wird, was das Licht scheut. Dazu ist sie ein viel zu 
vornehmer Charakter. Und nun entschuldigt mich bitte, 
ich möchte nach ihr sehen. Denn deine Härte, Harro, wird 
ja nicht spurlos an ihr vorübergegangen sein.« 
Im Oktober hatte Gräfin Liane Geburtstag. Sie liebte es 
nicht, an diesem Tag viele Menschen um sich zu haben, 
daher ließ sie keine Einladungen ergehen. Wer sich auch 
ungeladen einstellte, blieb zu einer kleinen zwanglosen 
Feier. So fanden sich außer den Halldungen und den 
Illsund nur noch einige Familien ein. 

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Nachdem man Kaffee getrunken hatte, entschloß man sich 
zu einem Spaziergang durch den Wald; denn es war fast 

sommerlich warm. Glitzernd huschte die Sonne über das 
bunte Laub, über die letzten Herbstblumen und die 
Rasenflächen, die von ihrem saftigen Grün schon viel 
eingebüßt hatten. 
Der Wald schloß sich dem großen Park an, ein Flüßchen 
bildete zwischen ihnen die Grenze. Plaudernd schritt man 
an ihm entlang, bis man die Brücke erreichte, die zum 
Wald führte. 
Man hatte sich zwanglos gruppiert. Heidi hielt sich wie 
gewöhnlich an Rotrauts Seite. Harro gesellte sich zu ihnen, 
und bald fand sich auch Iris wie unbeabsichtigt dazu. 
Obgleich man sie wenig beachtete, hielt sie mit den 

anderen Schritt, die sich friedlich unterhielten. Da rief 
Gräfin Liane den Sohn zu sich. In Gesellschaft einiger 
Damen und Herren folgte sie in einigem Abstand. Sie war 
in einen lustigen Wettstreit verwickelt worden, und Harro 
sollte ihr zu Hilfe eilen. 
Iris sah ihm unentschlossen nach. Sollte sie ihm folgen 
oder die Gesellschaft Eberhards suchen? Aber der befand 
sich gleichfalls in der Gruppe der vergnügt Streitenden, 
deren Lachen auch die übrigen anzog, was Iris in ihrer 
humorlosen Art so albern fand, daß sie lieber dort blieb, 
wo sie war. 
Rotraut gab sich zuerst Mühe, ein belangloses Gespräch in 

Gang zu bringen, auf welches das übelgelaunte Mädchen 
jedoch nicht einging. Da schwieg die junge Gräfin, wie 
auch Adelheid es tat, die sich in ihren Arm gehängt hatte. 
Mit Entzücken ließen sie ihre Augen durch den 
herbstbunten Wald schweifen, den nur die Malerin Natur 
so prächtig zu färben imstande ist. Vergnügt schoben sie 
die Füße durch das raschelnde Laub, das den Boden 
bedeckte. Dabei lachten sie wie Kinder, die sich beim Spiel 
vergnügen. 
Das fand Iris natürlich albern, hauptsächlich deshalb, weil 
Rotraut es tat. Aber diese hätte das vollkommendste 

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Geschöpf unter der Sonne sein können, die überhebliche 
Komteß hätte an ihr immer noch etwas auszusetzen 

gehabt. Das machte der Haß, in den sie sich immer tiefer 
hineinsteigerte, weil die andere das besaß, was sie für sich 
selbst so heiß begehrte: den Mann und seinen alten 
Namen, Reichtum – und zuletzt noch eine zauberhafte 
Schönheit, die Iris allerdings nicht anerkannte, weil sie sich 
selbstverständlich für bedeutend schöner hielt. 
Aber daß die Krämerstochter ihr den Rang in der 
Gesellschaft streitig machte, das merkte sie denn doch. 
Selbst Tante Liane, die sich früher sozusagen von ihr um 
den Finger wickeln ließ, war jetzt ganz merkwürdig zu ihr. 
Besonders von dem Tag an, da sie das Telefongespräch mit 
Heidi unterschlagen hatte. Von Harro war sie in einer Art 

zur Rechenschaft gezogen worden, die an Verachtung 
nichts zu wünschen übrig ließ. Klipp und klar hatte er ihr 
auf den Kopf zugesagt, daß sie es absichtlich unterlassen 
hätte, die Bestellung auszurichten. Und das war ja auch 
tatsächlich der Fall. Was sie damit bezweckte, hatte sich 
jedoch nicht erfüllt. Nach wie vor blieb diese von ihr so 
gehaßte Krämerstochter in Regglinsgrund. 
Heidis entzückter Ruf ließ Iris aus ihren unerquicklichen 
Gedanken aufschrecken. 
»Sieh nur, Raute, dieser Strauch mit den flammendroten 
Beeren! Sind die nicht einzig schön? Da will ich mir doch 
gleich einen Strauß für die Vase pflücken.« 

Sie eilte ins Gebüsch, während Rotraut und Iris langsam 
weitergingen, bis ein Waldsee ihre Schritte hemmte. Die 
Bäume spiegelten sich in seiner tiefgrünen Fläche. Seerosen 
in ihrem zarten Weiß schwammen darauf. Ein Steg führte 
ungefähr zwei Meter in den See hinein. Er diente wohl als 
Anlegestelle des Bootes, das farblos und verwittert am 
Rande schaukelte. Fast unbewegt lag das Gewässer und 
wirkte daher noch geheimnisvoller. 
Rotraut betrat den Steg, um das romantische Bild besser in 
sich aufnehmen zu können. Sie merkte nicht, daß das 
morsche Brett sich unter ihrer leichten Last bog. Als hielte 

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der Wald den Atem an, eine solche beängstigende Stille 
herrschte ringsum. Die Spaziergänger mußten weiß 

entfernt sein; denn ihre Stimmen waren nicht zu hören. 
Rotraut schaute in das dunkle Wasser und erschauerte. 
Wer da hineinfällt, der kommt nicht wieder heraus, dachte 
sie. Der See ist bis obenhin verwachsen und macht daher 
ein Schwimmen fast unmöglich. 
Als sie sich bückte, um eine Wasserrose, die ganz in der 
Nähe lockte, zu erhaschen, knickte der Steg an der Stelle 
ein, wo er nicht mehr auf dem Erdboden auflag. Iris, die es 
bemerkte, wollte die leichtsinnige junge Frau warnen, die 
sich wieder aufrichtete, die Rose in der Hand. Durch die 
Bewegung erweiterte sich der Riß im Brett. 
»Vorsicht!« wollte Iris rufen – aber der Anblick der 

bezaubernden Gestalt, die sich in der romantischen 
Umgebung wie ein Märchenwesen ausnahm, ließ den Ruf 
in der Kehle ersticken. Der Haß gab Iris einen Gedanken 
ein, vor dem sie sich selber entsetzte. Aber er bohrte und 
wühlte, loderte auf, wie eine vom Sturm gepeitschte 
Flamme. 
Ein einziger harter Ruck genügte, um das morsche Brett 
brechen und die verhaßte Rivalin in der unheimlichen 
Tiefe verschwinden zu lassen. 
Und dann – und dann… 
Dann würde sich endlich der Traum erfüllen, den sie, Iris, 
jahrelang geträumt hatte. Dann war der Weg zum Reichtum 

und Glück für sie frei! 
Wer konnte ihr beweisen, daß sie da ein wenig 
nachgeholfen hatte? Es gab keinen Zeugen weit und breit. 
Wenn es geschehen war, wollte sie um Hilfe rufen. 
Iris hätte sich niemals Rechenschaft geben können über die 
Sekunden, in denen ihr Hirn von diesem furchtbaren 
Gedanken beherrscht wurde. Es brauste und dröhnte in 
ihrem Kopf, daß er schier zu bersten drohte. Ihr Gesicht 
verzerrte sich zur Fratze. Wie von einer bösen Macht 
getrieben, bückte sie sich, stemmte sich mit der ganzen 
Körperschwere gegen das Brett, wo es geknickt war. 

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In diesem Augenblick drehte die ahnungslose Rotraut sich 
um, sah das verzerrte Gesicht mit den irren Augen. Und 

ehe sie noch einen entsetzten Schrei aus der Kehle bekam, 
brach das Brett – und sie stürzte in den See. 
Da durchschnitt ein Schrei die andächtige Stille des Waldes 
– laut, gellend, wie in allerhöchster Not. Heidi rannte auf 
das Gewässer zu, wollte der Entschwundenen 
nachspringen, doch die Schwester hielt sie zurück. 
»Laß mich los, du – du – Mör…« 
Die beiden letzten Silben erstickte die Hand, die sich fest 
auf ihren Mund preßte. Mit der Kraft der Verzweiflung rang 
Heidi sich los und stieß dann Iris so hart von sich, daß 
diese gegen den Stamm einer Birke taumelte. Mit glasigen 
Augen stierte sie auf das dunkle Wasser. 

Wieder machte Heidi Anstalten, in den See zu springen. 
Doch nun wurde sie von dem Vater zurückgehalten, der 
gleich den anderen auf ihren furchtbaren Schrei hin 
herbeigeeilt war. Und ehe sie begriffen hatten, was 
geschehen war, tauchte der Kopf gespensterhaft aus dem 
Gewässer empor. Wasserpflanzen umschlangen Gesicht 
und Nacken, ringelten sich bis zu den Füßen hinab. Die 
Gestalt war bedeckt mit Morast und Schlamm. Wie ein 
unheilbringendes Wasserwesen entstieg sie der grausigen 
Tiefe – und Grausen packte auch die Menschen, die das 
alles mit ansahen. Sie standen wie erstarrt, bis Harro auf 
seine Frau zutaumelte. 

»Rotraut, was ist dir geschehen?!« schrie er so angstgefoltert 
auf, daß die anderen zusammenzuckten. Nur Rotraut blieb 
davon unberührt. Mit zitternder Hand schob sie die Algen 
aus dem Gesicht, sah sich langsam wie irr im Kreis um – 
bis ihr Blick an Iris haften blieb, die sie mit blödem 
Lächeln anstierte. Mit einer Bewegung, als wollte sie etwas 
Entsetzliches von sich abhalten, streckte sie die Arme aus, 
warf den Kopf zurück – und sank dann lautlos zu Boden. 
Und schon kniete Heidi laut aufweinend neben ihr, 
umklammerte die regungslose Gestalt mit beiden Armen. 
Auch Gräfin Liane taumelte auf sie zu, blaß wie eine Tote. 

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Fast gewaltsam mußte Harro sich den Weg zu der 
Ohnmächtigen bahnen, die er dann auf die Arme hob, um 

mit ihr, von der Mutter gefolgt, davonzueilen. 
Nun kam auch langsam wieder Leben in die wie erstarrten 
Menschen. Hilflos sahen sie sich an, während die Eltern zu 
Iris gingen, die noch immer am Baum lehnte und blöd 
lächelte. Die Mutter brach in fassungsloses Weinen aus. 
Aber der Vater, dem vor Angst um die Tochter die Kehle 
eng wurde, brachte doch noch so viel Kraft auf, um Heidi 
anzuherrschen: 
»Da siehst du nun, was du angerichtet hast! Das arme Kind 
ist über deine verrückte Idee, der Gräfin in das vermaledeite 
Wasser nachzuspringen, so erschrocken, daß die Nerven 
versagen!« 

Und dann wandte er sich in liebevollstem Ton an Iris: 
»Werde  doch  ruhig,  mein  Herzenskind, es ist ja nichts 
geschehen. Komm, ich bringe dich zum Schloß zurück, 
und dann fahren wir nach Hause. Stütze dich nur auf 
Mutter und mich.« 
Langsam gingen sie davon, und die anderen folgten. 
Wieder einmal hatten sie allen Grund, über das Ehepaar 
Illsund verwundert den Kopf zu schütteln. Während sie die 
eine Tochter mit liebevollster Fürsorge umgaben, 
kümmerten sie sich um die andere nicht. Der Vater schalt 
Heidi sogar noch aus, obschon er sehen mußte, wie 
verstört sie war. Hauptsächlich Gräfin Halldungen empörte 

sich über so viel Ungerechtigkeit. Liebevoll umfaßte sie die 
Schultern des Mädchens, das sich kaum noch auf den 
Beinen halten konnte. Das Gesicht, über das unaufhaltsam 
Tränen liefen, war erschreckend blaß. 
Als man Regglinsgrund erreicht hatte, sah sich der Vater 
nach seiner jüngeren Tochter um und sagte streng: 
»Du kommst mit nach Hause. Und wehe dir, wenn du 
nicht gehorchst! Dann kannst du etwas erleben!« 
»Vater, ich möchte erst wissen, wie es Rotraut geht«, bat sie 
flehend, doch er winkte unwirsch ab: 
»Was geht dich die leichtsinnige Gräfin an. Kümmere dich 

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lieber um deine Schwester. Aber deren jammervolles 
Aussehen erschüttert dich selbstverständlich nicht, du 

herzloses Geschöpf. Wird’s bald, oder soll ich dir Beine 
machen?« 
Mitleidsvolle Blicke sahen Heidi nach, die nun den Ihren 
zum Wagen folgte. Sie kauerte sich auf den Rücksitz, 
während Iris im Fond zwischen den Eltern saß und sich 
von ihnen bedauern ließ. Zu Hause wurde sie liebevoll in 
ihrem Zimmer auf den Diwan gebettet. 
»Nun versuche zu schlafen, mein armer Liebling«, redete 
der Vater gütig zu. »Am besten ist es, wenn wir den Arzt 
holen lassen.« 
»Bitte nicht«, wehrte Iris matt ab. »Ich brauche nur Ruhe. 
Geht nur, und laßt mich allein.« 

Da Gräfin Illsunds Nerven nun auch nachgaben, führte der 
Gatte sie hinaus, um sie erst einmal zu beruhigen. Heidi 
erhielt den barschen Befehl, zu Iris zu gehen und auf sie zu 
achten. Widerwillig suchte sie die Schwester auf, die sich 
schlafend stellte. Adelheid trat ans Fenster, drückte den 
schmerzenden Kopf gegen die kalte Scheibe und verharrte 
regungslos, bis ein Geräusch sie herumfahren ließ. Iris 
hatte eine Zigarette in Brand gesteckt und rauchte. Die 
Augen brannten in dem blassen Gesicht, um die Lippen 
zuckte es höhnisch. 
Heidi stand nun mit dem Rücken gegen das Fenster 
gelehnt, hielt die Arme über der Brust verschränkt und sah 

unverwandt zur Schwester hin, bis diese sie anfuhr: 
»Laß das Angestarre! Geh hinaus, du bist mir lästig.« 
»Das glaube ich dir. Denn ein wenig wirst du ja wohl auch 
von dem besitzen, was man Gewissen nennt.« 
»Halt den Mund und mach, daß du rauskommst. Du hast 
Rücksicht auf meine Nerven zu nehmen, verstehst du?« 
»Du darfst ja auch besondere Rücksichtnahme 
beanspruchen – ausgerechnet du. Ungezwungen suche ich 
deine Gesellschaft gewiß nicht, ich bin nur auf Befehl des 
Vaters hier.« 
»Dann werde ich den Eltern sagen, daß deine Gesellschaft 

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mir widerwärtig ist.« 
»Ach, sieh mal an. Vielleicht sage ich ihnen dann etwas 

anderes.« 
Iris fuhr auf, ließ sich dann aber wieder in die Kissen 
zurücksinken und lachte höhnisch. 
»Damit würdest du dich nur schädigen, mein liebes Kind. 
Denn ich würde ja dabei nicht schweigen. Und ich zweifle 
nicht einen Augenblick daran, wem die Eltern mehr 
Glauben schenken würden. Wollen wir es einmal auf einen 
Versuch ankommen lassen?« 
Heidi mußte an sich halten, um der Schwester nicht in das 
niederträchtig lächelnde Gesicht zu schlagen. Der Ekel 
würgte sie, als sie langsam sprach: 
»Dein Gewissen und deine Schamlosigkeit möchte ich 

nicht haben. Pfui Teufel! Ich werde den Eltern deine 
verbrecherische Handlungsweise nicht verraten. Aber nicht 
etwa um dich zu schonen, werde ich schweigen, 
sondern…« 
»Darauf lege ich auch absolut keinen Wert«, wurde sie 
hämisch unterbrochen. »Übrigens hat niemand außer dir 
gesehen…« 
»O doch – nämlich Rotraut.« 
»Na – wenn schon. Mit der nehme ich es noch auf.« 
»Wenn du dich nur nicht irrst. Sag’ mal, was hat die junge 
Gräfin dir eigentlich getan, daß du so – gewissenlos an ihr 
handeln konntest?« 

Jetzt war es mit Iris’ erkünstelter Ruhe vorbei. Sie richtete 
sich auf, ihr Körper zitterte vor Erregung, in den Augen 
funkelte Haß. 
»Was sie mir getan hat? Das fragst du noch?! Auf den Platz 
hat sie sich gedrängt, der mir zukommt. Mit ihrem 
scheinheiligen Getue umgarnt sie die Menschen. Ich will 
mich nicht wundern, wenn ihr das auch eines Tages bei 
Tante Liane und Harro gelingt.« 
»Hoffentlich«, entgegnete Heidi nachdrücklich. »Wenn dir 
nun aber deine schuftige Tat gelungen wäre, was hätte dir 
das genützt? Du nimmst doch nicht etwa an, daß Harro 

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dich dann geheiratet haben würde? Wenn seine Ehe sich 
auch zerschlagen sollte, so besäße er nie und nimmer die 

Geschmacklosigkeit, nach einer Rotraut eine – Iris zu 
wählen.« 
»So demütigst du deine Schwester um dieser hergelaufenen 
Person willen?!« schrie Iris, daß ihre Stimme sich 
überschlug. »Ich werde den Eltern sagen, daß sie dir den 
Verkehr mit ihr ganz energisch verbieten, weil sie dir nur 
ein schlechtes Beispiel gibt. Wie kommst du überhaupt 
dazu, diese Krämerstochter mit mir zu vergleichen!« 
»Du hast recht, es war geschmacklos von mir, diese 
wirklich vornehme Gräfin in einem Atemzug mit dir zu 
nennen«, erwiderte Heidi ruhig. Iris wollte auffahren, 
unterließ es jedoch und lächelte perfid. 

»Du bist ja nur neidisch, weil ich Chancen bei dem Grafen 
Halldungen habe – den du so liebst.« 
Sie freute sich, als sie bemerkte, daß die Schwester 
zusammenzuckte. 
»Ja, siehst du, ich komme hinter alles.« Der Trumpf, den sie 
soeben ausgespielt hatte, besänftigte Iris erheblich. Heidi 
lehnte noch immer am Fenster, aufs tiefste angewidert und 
unheimlich blaß. 
»Der Hieb sitzt, Schwesterlein, nicht wahr? Vielleicht 
kannst du dich bei deinem heimlich Angebeteten in Gunst 
setzen, wenn du ihm die interessante Begebenheit am 
Waldsee erzählst?« fragte Iris lauernd, und Adelheid 

schüttelte sich. 
»Wenn ich deinen Charakter und dein Gewissen hätte, 
dann täte ich es bestimmt. Pfui, Iris – pfui! Schämst du 
dich denn überhaupt nicht mehr? Packt dich nicht vor dir 
selber das Grauen? Du mußt krank sein – oder durch und 
durch schlecht. Und nun verlasse ich dich, denn ich kann 
dich nicht mehr sehen. Hetze die Eltern gegen mich auf, so 
viel du willst, das soll mich nicht kümmern.« 
Wie verfolgt eilte sie davon. Jetzt nur fort von hier – und 
wenn der Vater über ihren Ungehorsam auch noch so 
toben sollte. 

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Sie ging zum Stall, ließ sich ihr Pferd satteln und ritt nach 
Regglinsgrund. 

Rotraut lag erschöpft in ihrem Bett und dämmerte vor sich 
hin. Wie Marmor wirkte das schöne Antlitz, so kalt und 
weiß sah es aus. Die feuchten, straff zurückgekämmten 
Haare gaben ihm einen fremden Zug. Immer wieder legte 
Harro sein Ohr auf die Brust seines jungen Weibes, um 
festzustellen, ob das Herz überhaupt noch schlug. Jedesmal 
nickte er dann seiner Mutter beruhigend zu, die mit 
angstvollen Augen neben ihm stand. 
Nach einer Weile setzten sie sich auf das Bett, jeder auf eine 
Seite, und warteten auf den Arzt, der über Land zu einem 
Kranken gefahren war. Er würde sofort nach Regglinsgrund 
kommen, wenn er zurückgekehrt wäre, wurde Harro auf 

seinen Anruf hin versichert. 
Nun warteten Mutter und Sohn voll Ungeduld. Wenn er 
nicht bald erschien, mußte man einen anderen Arzt 
kommen lassen, so ungern man es auch tat. 
Rotraut begann sich zu verändern. Die Blässe des Gesichts 
wich einer dunklen Röte. Die Augen, die sie ab und zu 
öffnete, hatten keinen klaren Blick. Sie erkannte den Gatten 
nicht, der sich über sie beugte, und stieß ihn angstvoll von 
sich. 
»Bitte, ach bitte!« flehte sie. »Ich habe Ihnen doch nichts 
getan. Nicht das Brett heben – nein! Es ist lebendig da 
unten – Arme greifen nach mir – halten mich fest! Sie 

sollen den Harro ja haben – sagen Sie ihm nur, daß er 
mich freigibt. Aber nicht hineinstoßen in das grausige 
Wasser – haben Sie doch Erbarmen!« 
Harro legte seine Hand auf ihren Kopf, in dem es wie 
rasend hämmerte. 
»Raute, so beruhigte dich doch«, sprach er gütig auf sie ein. 
»Es darf dir ja niemand etwas tun. Ich bin doch bei dir. 
Erkennst du mich denn nicht?« 
Angstvoll schob sie seine Hand zur Seite – auch die der 
Mutter, die beruhigend über das heiße Gesicht streichelte. 
Der Körper zitterte und glühte. Der unstete, flimmernde 

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Blick irrte durch das Zimmer, als erwarte die Fiebernde von 
irgendwo Rettung. 

»Sie sollen mich in Ruhe lassen!« rief sie heftig. »Sie sind 
böse – Sie wollen mich in den See stoßen! Wenn Sie Harro 
lieben, brauchen Sie doch deshalb nicht schlecht zu 
werden. Sie sollen ihn ja haben – aber dazu muß ich doch 
nicht umkommen – in diesem furchtbaren Wasser! Hilfe!« 
Harro mußte alle Kraft aufwenden, um die Phantasierende 
im Bett zu halten. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren 
vor Anstrengung und Angst. 
Da machte der Eintritt Gräfin Halldungens der Pein ein 
Ende. 
»Großer Gott«, stammelte sie erschrocken, als sie vor dem 
Bett stand. Ihre zitternden Hände umfaßten den Kopf der 

Fiebernden, die sie zuerst mißtrauisch musterte, dann wie 
befreit aufatmete und sich in die Kissen zurücksinken ließ. 
»Ach du bist es, Vater – dann ist alles gut. Du wirst mich 
schützen, nicht wahr? Du wirst auch dem Grafen Regglin 
sagen, daß er mich freigeben soll. Du kennst ihn und seine 
Mutter ja nicht. Sie haben kein Herz – auch nicht die 
Komteß Illsund – die mich in das grausige Wasser stieß – 
um Harro zu bekommen. Sag es keinem, Vater«, flüsterte 
sie geheimnisvoll – »ich tu es auch nicht. Nimm mich fest 
in deine Arme – damit ich nicht mehr Angst zu haben 
brauche. Ach ja – so ist – es schön.« 
Voll Erbarmen umschloß Gräfin Herma den zitternden 

Körper, der sich zutraulich an sie schmiegte. 
In diesem Augenblick trat der Arzt ein. Er ließ sich den 
Vorfall am See erzählen und trat dann an das Bett. 
»Na, Frau Gräfin, Sie machen ja schöne Geschichten«, sagte 
er und zwang sich zu einem frischen Ton. »Kann mir 
denken, daß Ihnen der Schreck in die Glieder gefahren ist. 
Aber zu fiebern brauchen Sie dabei doch nicht gleich, Sie 
törichte kleine Frau. Nun, das wollen wir gleich haben.« 
Während er ihr eine Spritze gab, plauderte er vergnügt. 
Dann wartete er gespannt die Wirkung der Injektion ab 
und nickte zufrieden, als Rotraut nach einer Weile die 

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Augen aufschlug und ihn mit klarem Blick ansah. 
»Nanu, Herr Doktor, was wollen Sie denn hier?« 

»Eine leichtsinnige kleine Frau zur Räson bringen«, 
schmunzelte er. »Wenn Sie schon baden wollen, dann 
suchen Sie sich in Zukunft ein appetitlicheres Wasser aus. 
Sie können froh sein, daß Sie aus diesem verflixten Tümpel 
herausgekommen sind. Oder glauben Sie, sich dort unten 
einen Nixerich anlachen zu können?« 
»Warum nicht«, lächelte sie matt. »Vielleicht sind sie besser 
als die Männer hier oben.« 
»Olala«, lachte er herzlich. »Wenn wir schon so 
angriffslustig sind, dann geht es uns schon wieder ganz gut. 
Nun versuchen Sie zu schlafen, Frau Gräfin. Und wenn ich 
wiederkomme, dann bitte ich mir ein fröhliches Gesicht 

aus.« 
Er erhob sich und winkte dann den beiden Regglins, ihm 
zu folgen. Im Nebenzimmer sagte er: 
»Es ist kein Grund zu ernster Besorgnis. Das Fieber ist wohl 
nur eine Folge der furchtbaren Erregung. Die Spritze wird 
der Frau Gräfin zu einem langen Schlaf verhelfen. Wenn sie 
dann erwacht, wird ihr das grausige Erlebnis wie ein böser 
Traum erscheinen. Sollte sich jedoch ihr Zustand wider 
Erwarten verschlechtern, dann bitte, benachrichtigen Sie 
mich sofort davon.« 
Damit verabschiedete sich der vielbeschäftigte Arzt, und die 
beiden Regglins kehrten zur Rotraut zurück, auf deren Bett 

Gräfin Herma saß. Sie bemerkte die Eintretenden nicht, die 
abseits Platz nahmen. Wohl eine Minute lang war es still, 
dann sagte Raute müde: 
»Wie gut, daß du da bei mir bist, Tante Herma. Dann 
brauche ich mich nicht zu fürchten.« 
»Das hast du doch auch sonst nicht nötig, mein 
Rautendelein. Wovor fürchtest du dich überhaupt?« 
»Vor der Komteß Illsund. Aber du weißt ja nicht…« 
»Doch, mein Kind. Laß uns jetzt nicht darüber sprechen, 
versuche lieber zu schlafen. Harro wird dich fortan schon 
schützen, das darfst du mir glauben.« 

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»Ausgerechnet er«, wehrte sie müde ab. »Vielleicht wäre er 
froh gewesen, mich auf so einfache Art loszuwerden.« 

»Kind, ich bitte dich!« unterbrach die andere sie 
erschrocken. »Was sind das für schwarze Gedanken! Wie 
kommst du nur darauf?« 
»Weil ich ihm lästig bin.« 
»Davon habe ich noch nichts gemerkt, du kleines Schaf. 
Schlafe jetzt, und quäle dich nicht mit Hirngespinsten ab.« 
»Tante Herma, du hast mich doch lieb?« 
»Sehr, mein Rautendelein.« 
»Dann beweise es, indem du mich nach Hermeshöh 
mitnimmst. Nur für die Zeit, bis diese – Ehe auf Abbruch – 
beendet ist. Dann gehe ich sowieso meiner Wege. Bitte, 
bitte, Tante Herma, sag nicht nein!« 

Diese konnte den flehenden Blick nicht ertragen und 
wandte das Gesicht ab. Das deutete Rotraut so falsch, daß 
sie mißtrauisch wurde. 
»Du willst nicht?« 
»Ich kann nicht, Raute«, entgegnete sie gequält. »Harro 
würde das niemals dulden.« 
»Natürlich nicht«, lachte die junge Frau bitter auf. »Dann 
kann er mich, die ich ihm aufgedrängt worden bin, 
nämlich nicht mehr weiter demütigen. Aber ich habe auch 
meinen Stolz – und nicht zu knapp.« 
»Raute, ich bin entsetzt.« 
»Glaube ich dir gern. Laß nur, ich weiß Bescheid.« 

»Nichts weißt du, und ich will dir sagen…« 
»Danke. Ich bin jetzt müde und möchte schlafen.« 
Sie drehte sich auf die Seite, und bald verrieten regelmäßige 
Atemzüge ihren festen Schlummer. Seufzend erhob Gräfin 
Herma sich. Nun bemerkte sie auch Mutter und Sohn, auf 
die sie leise zutrat. 
»Ihr seid hier?« fragte sie flüsternd. »Dann wißt ihr ja, was 
Raute von euch denkt. Ich glaube, wir können sie beruhigt 
der treuen Dora überlassen.  Sie  wird  sobald  nicht 
aufwachen.« 
Nachdem die Zofe Verhaltungsmaßregeln erhalten hatte, 

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gingen die Regglins und Herma ins Wohnzimmer hinunter, 
wo ihnen Eberhard entgegenkam. 

»Wie geht es Raute?« fragte er bang. 
»Augenblicklich schläft sie«, entgegnete seine Mutter. 
»Armes Ding! Es ist wirklich so allerlei, womit sie sich 
herumquälen muß.« 
Tiefbekümmert ließ sie sich in einen Sessel sinken, und die 
anderen folgten ihrem Beispiel. Es war kein freundlicher 
Blick, der zu Harro hinging. 
»Nun, Tante Herma, willst du mich mit deinen Blicken 
erdolchen?« 
»Verdient hättest du es, mein Sohn. Denn du scheinst so 
manches auf dem Kerbholz zu haben.« 
»Na schön. Schweige ich und leide.« 

»O über diesen Spötter! Gibt es denn wirklich nichts, was 
du ernst nimmst? Um ein Haar wäre deine Frau…« 
»Bitte nicht, Herma«, unterbrach Liane sie hastig. 
»Ich werde dir erzählen, wie alles zusammenhängt. Dann 
wirst du dem Jungen bestimmt nicht allein die Schuld 
geben.« 
Als sie geendet hatte, schüttelte Herma verblüfft den Kopf. 
»Na so was! Kann es denn wirklich so viel Verbohrtheit 
geben, wie Herr Bracht sie an den Tag gelegt hat? Zwei 
Menschen in eine Ehe zu zwingen, dazu gehört schon was. 
Zwar habe ich etwas Ähnliches vermutet, aber die 
Einzelheiten des Gehörten erschüttern mich nun doch. 

Kein Wunder, daß Rotraut sich hier als Eindringling 
betrachtet. Ein Jahr hat schließlich 
dreihundertfünfundsechzig Tage, die einem Menschen zur 
Ewigkeit werden können. Du als Mann wirst das nicht so 
empfinden, Harro. Denn erstens bist du nicht so zart 
besaitet, und zweitens bist du der Herr hier. Aber für 
Rotraut muß es ein demütigendes Gefühl sein, sich nur 
geduldet zu wissen.« 
»Ich wüßte nicht, daß Mutter und ich sie das haben jemals 
spüren lassen. Wenn Rotraut sich hier unglücklich fühlt, 
dann liegt das an ihr.« 

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»Gewiß, Junge – und doch! Vor vier Monaten erst wurde 
eure Ehe geschlossen, acht müßt ihr sie noch laut Vertrag 

aufrechterhalten. Ich weiß wirklich nicht, was da werden 
soll.« 
»Nicht anders, als es bereits geworden ist, Tante Herma. 
Rotraut schmachtet durchaus nicht in einem Kerker; im 
Gegenteil, sie hat so viele Freiheiten wie selten eine Frau. 
Was sie sich da einbildet, sind weiter nichts als 
Hirngespinste.« 
»Das habe ich ihr vorhin ja auch gesagt. Wie wäre es, wenn 
ich sie zu mir nach Hermeshöh nähme?« 
»Das geht nicht, Tante Herma, weil das nicht im Sinne 
ihres Vaters wäre. Und dessen Wunsch muß ich Rechnung 
tragen bis zum letzten.« 

»Armer Kerl! Na ja, du wirst dich schon durchbeißen. Aber 
für Raute sehe ich schwarz. Jetzt fühlt sie sich gar noch 
bedroht.« 
»Unsinn!« 
»Sagst du! Doch gebranntes Kind scheut das Feuer. Wenn 
ich nur genau wüßte, ob Iris tatsächlich so gewissenlos…« 
In diesem Augenblick hastete Adelheid ins Zimmer und lief 
auf Gräfin Herma zu, sie sank vor ihr in die Knie und 
drückte weinend den Kopf in ihren Schoß. Erschrocken 
sahen die anderen sich an, und dann umschloß Herma den 
bebenden Mädchenkörper fest mit beiden Armen. 
»Na, nun mal ruhig, Kindchen, Wer wird denn so wild 

weinen. Wo drückt denn das Herzchen, wie?« 
»Iris – oh, wie kann die nur so schlecht sein«, kam es 
schluchzend heraus. »Wenn nun Raute… Gar nicht 
auszudenken wäre das!« 
»Dieses ist nun die Antwort auf meine Frage vorhin«, 
flüsterte die Gräfin den anderen zu. Dann sprach sie wieder 
zu Heidi: 
»Dummchen, unserer Raute geht es doch gut. Sie schläft 
jetzt friedlich, und wenn sie erwacht, wird der Schreck 
überwunden sein. Daß auch gerade Sie dazukommen 
mußten, als das arme Ding ins Wasser stürzte. Fast hätte es 

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sein Leichtsinn, den morschen Steg zu betreten, mit dem 
Leben büßen müssen. Ihre Schwester war ja auch ganz 

verstört, Kleines.« 
Heidi erschauerte. 
»Ich weiß es besser…« 
»Nichts wissen Sie, Kindchen – genauso wenig wie wir und 
Raute selbst. Und nun mal das Köpfchen hoch, die Tränen 
getrocknet! So. Jetzt ist Feierabend für die Nerven. Danken 
wir Gott, daß Raute lebt. Alles andere ist halb so wichtig.« 
Heidi erhob sich langsam und setzte sich auf die 
Sessellehne. Sie schmiegte sich an Herma, die ihr zärtlich 
über die verweinten Augen strich. 
»Es will mir fast scheinen, als wären wir dem Herrn Papa 
wieder ausgerückt, mein Herzchen, wie?« 

»Ja. Ich mag jetzt noch weniger zu Hause sein als früher«, 
kam es herb über die Mädchenlippen. »Zwar bin ich daran 
gewöhnt, daß Iris hauptsächlich von meinem Vater 
vergöttert wird, aber heute – nach alledem, was passiert ist 
– ging mir die Verhimmlung denn doch zu weit. Ich mag 
nichts mehr hören und sehen – und deshalb kam ich 
hierher. Es ist dir doch recht, Tante Liane?« 
»Selbstverständlich, mein Kind. Ich fürchte nur, daß dein 
Vater dich zurückholen wird. Du weißt doch, daß er dich 
nicht gern bei uns sieht.« 
»Bei euch schon, Tante Liane – aber nicht bei Raute. Er läßt 
sich von Iris immer wieder aufhetzen, die mir das warme 

Plätzchen hier nicht gönnt.« 
Der Fernsprecher schlug an, und Harro nahm den Hörer 
ab. 
»Ja, Heidi ist hier«, gab er der zornigen Stimme am anderen 
Ende der Leitung Antwort. Und schon nahm die Tante ihm 
den Hörer aus der Hand, sprach seelenruhig in den 
Apparat: 
»Na, nun mal langsam, mein lieber Graf! Sie brauchen mir 
mit Ihrer Donnerstimme nicht das Trommelfell zu 
zertrümmern. Ganz recht, hier spricht Herma Halldungen. 
Leider kann Ihre Tochter Adelheid jetzt nicht nach Hause 

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kommen, weil sie zusammengeklappt ist«, log sie 
freundlich. »Auf Anraten des Arztes muß sie unbedingte 

Ruhe haben. Zwei kranke Töchter, das ist, um auf die 
Akazien zu klettern? Stimmt. Daher will ich mich opfern 
und Ihnen eine Marjell abnehmen. Ich pflege das arme 
Seelchen in Hermeshöh schon wieder zurecht. 
Einverstanden?« 
Nach einem weiteren Hin und Her legte sie dann lachend 
den Hörer in die Gabel zurück. 
»Das muß man schon sagen, Heidekind, der Herr Papa 
kann ganz nett toben. Wie stehe ich nun da? Fein überlistet 
habe ich ihn, was? Fragt sich nur, Kleinchen, ob Sie mit der 
Eigenmächtigkeit, mit der ich über Sie verfügt habe, 
einverstanden sind.« 

»Von ganzem Herzen.« 
»Dann ist ja alles in schönster Ordnung. Habe ich Sie erst 
einmal in Hermeshöh, dann wird sich das Weitere finden. 
Schließlich brauche ich ja eine Gesellschafterin, nicht 
wahr?« Sie zwinkerte vergnügt den anderen zu. 
»Und daß ich diese bei meinen Besuchen hier mitbringe, 
das ist ja wohl selbstverständlich. Somit haben wir alle was 
von dem Mädchen, das jetzt hoffentlich die wehleidige 
Miene lassen wird.« 
»An uns wird Heidi wohl herzlich wenig liegen«, bemerkte 
Liane. »Das hat sie in letzter Zeit klar genug bewiesen. Zwar 
weiß ich nicht, was wir ihr getan haben…« 

»Aber Muttchen«, schaltete sich Harro spöttisch ein. »Da 
wir Barbaren ihr Idol doch so knechten…« 
»Nun hört euch bloß diesen Spötter an!« lachte die Tante. 
»Laßt mir das Kind in Ruhe, das schon wieder das 
Köpfchen hängt. Geben Sie ihm doch contra, Kleine.« 
Heidi, den Tränen nahe, sah zu Gräfin Liane hin, die sie 
lächelnd zu sich bat. Sie zog das Mädchen zu sich auf die 
Sessellehne, strich zart über das vor Verlegenheit gerötete 
Gesichtchen und sagte gütig: 
»Glaubst du wirklich, es sei allein unsere Schuld, daß 
Rotraut uns so feindlich gegenübersteht?« 

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»Nachdem ich alles weiß – nicht mehr«, entgegnete sie 
leise. »Es ist wohl Rautes unbändiger Stolz, der sie jedes 

Entgegenkommen schroff zurückweisen läßt. Sie kann so 
lieb sein, Tante Liane, glaube es mir.« 
»Davon haben wir bisher noch nichts zu spüren 
bekommen. Aber laß nur, wir haben uns daran gewöhnt, 
von ihr als Widersacher betrachtet zu werden. Es macht uns 
schon gar nichts mehr aus.« 
»Ach, Tante Liane, wie schön könnte alles sein, wenn…« 
»Ja – wenn! Gefühle lassen sich eben nicht erzwingen. 
Vertrauen könnte sie uns allerdings entgegenbringen, aber 
sie hält uns wohl dessen nicht wert genug. Wir wissen noch 
nicht einmal, ob ihre Mutter noch lebt, ob sie Geschwister 
hat.« 

»Die Mutter ist tot.« Adelheid wurde nun lebhaft. »Aus 
ihrer zweiten Ehe stammt nur Raute, zwei Söhne aus der 
ersten. Rotraut spricht nicht gern über ihre Mutter, die 
übrigens auch eine Deutsche war. Mit ihrem älteren 
Stiefbruder scheint sie sich nicht so gut zu verstehen, aber 
den jüngeren mag sie sehr gern. Den Bildern nach zu 
urteilen, die sie mir einmal zeigte, muß ihr elterlicher 
Besitz prächtig sein. Geld scheint bei ihnen keine Rolle 
gespielt zu haben. Mehr weiß ich auch nicht.« 
»Na, immerhin ist das schon etwas«, meinte Herma 
trocken. »Vielleicht öffnet sich der schweigende Mund 
einmal, wir müssen nur mit Geduld abwarten können. 

Und nun bin ich dafür, daß wir nach Hause fahren. Seid 
ihr damit einverstanden, meine Kinder, jetzt zwei an der 
Zahl?« 
Sie waren es. Beim Abschied schmiegte Heidi sich an 
Gräfin Liane und fragte leise: 
»Bist du mir noch böse?« 
»Kindchen, das bin ich niemals gewesen. Es hat mich nur 
gekränkt, daß du in letzter Zeit so unzugänglich warst. Aber 
jetzt soll wieder alles so werden, wie es war – wenn du 
willst.« 
»Und ob ich will, Tante Liane! Hab’ Dank für deine Güte.« 

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Als Gräfin Liane am anderen Morgen nach Rotraut sehen 
wollte, erhielt sie von der Zofe den Bescheid, daß die 

Herrin nicht zu sprechen sei. Es ginge ihr so gut, daß sie 
das Bett bereits verlassen hätte. 
An der Mittagstafel erschien Rotraut denn auch, wohl noch 
blaß, aber sonst ganz die alte. Sie begrüßte den Gatten und 
seine Mutter so gleichmütig, als wäre der gestrige Tag nicht 
gewesen. 
»Komm doch einmal her zu mir, Rotraut.« 
Widerwillig folgte sie der Aufforderung der Gräfin, die sie 
neben sich auf das Polster zog und sie kopfschüttelnd 
betrachtete, weil Rotraut die Augen beharrlich gesenkt 
hielt. 
»Was bist du doch für ein unbegreifliches Menschenkind, 

Rotraut. Nach dem, was gestern geschehen ist, müßtest du 
uns, die dir nahestehen sollten, doch etwas zu sagen 
haben.« 
»Ich wüßte nicht«, kam es so hochmütig zurück, daß ein 
tiefes Rot in Lianes Antlitz stieg. Da der Diener meldete, 
daß angerichtet sei, erhob sie sich schweigend. 
Und schweigend verlief auch das Mahl, bei dem Rotraut 
beinahe schlapp gemacht hätte. Einige Male mußte sie sich 
am Tisch festhalten, weil es ihr schwarz vor den Augen 
wurde. Sie sah die Blicke nicht, die Mutter und Sohn 
miteinander tauschten, und wankte nach Aufhebung der 
Tafel sofort aus dem Zimmer. Liane, die ihr besorgt folgen 

wollte, wurde von Harro zurückgehalten. Als Rotraut 
draußen war, sagte er unwillig: 
»Hat dir die Abfuhr, die du vorhin bekamst, noch nicht 
genügt, Mutter? Es ist unerhört, was du dir so alles bieten 
lassen mußt.« 
»Du wohl weniger, mein Junge?« fragte sie lächelnd, und er 
winkte gelassen ab. 
»Ich werde schon mit ihrem Eigenwillen fertig, aber du 
nicht, Muttchen. Daher möchte ich dir raten, ihr mit 
keinem Schritt mehr entgegenzukommen. Du hast dir 
schon gerade genug von ihr bieten lassen.« 

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»Sie war aber nahe am Zusammensinken, Harro. Es ist 
unsere Pflicht, auf sie zu achten. Willst du nicht nach ihr 

sehen?« 
»Um vor verschlossener Tür zu stehen? Danke! Dora wird 
sie schon betreuen.« 
Das tat das treue Mädchen auch. Es umsorgte seine Herrin, 
die völlig erschöpft auf den Diwan gesunken war, bis sie 
fest einschlief. Dann setzte es sich mit einer Handarbeit ins 
Nebenzimmer, um jedes Rufs gewärtig zu sein. 
Zur Kaffeezeit erwachte Rotraut. Sie rief nach Dora, doch 
statt dieser eilte Heidi auf sie zu, umfaßte sie mit beiden 
Armen und schmiegte ihre Wange an die der Freundin. 
»Ach, Raute, wie habe ich mich um dich geängstigt! Geht es 
dir jetzt wieder gut, ja?« 

»Wahrscheinlich besser als dir«, entgegnete Rotraut 
lächelnd. »Jedenfalls zittere ich nicht so wie du. Sitzt dir 
immer noch der Schreck in den Gliedern?« 
»Das ist es nicht allein. Glaube mir, Raute, meine Schwester 
war niemals schlecht. Sie hatte allerdings auch keine 
Gelegenheit, es zu sein, weil alles nach ihrem Willen ging. 
Daß man diesem entgegentrat, kam nicht vor. Erst als du 
auftauchtest und sie immer mehr und mehr 
verdrängtest…« 
»Na, Heidelein, seit wann übertreiben wir denn?« warf 
Rotraut ein. »Ich weiß nur nicht, warum du deine 
Schwester verteidigst? Ich habe sie doch gar nicht 

angegriffen. Sprechen wir nicht mehr davon. Dich peinigt 
das Gespräch, und mir ist es unangenehm. Bist du schon 
lange hier?« 
»Ungefähr eine halbe Stunde. Denke dir, Raute, ich bleibe 
jetzt vorläufig in Hermeshöh.« 
Sie erzählte von dem gestrigen Telefongespräch und merkte 
in ihrem Eifer gar nicht, wie ablehnend Rotraut sich 
verhielt. 
»Ich bin ja so von Herzen froh, daß ich von zu Hause fort 
bin«, erzählte sie weiter. »Jetzt Iris ständig vor Augen zu 
haben und die Vergötterung durch den Vater 

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mitanzusehen, das ginge einfach über meine Kraft. Ja, 
wenn sie ihre schändliche Tat wenigstens bereuen wollte, 

aber keine Spur.« 
»Heidi, du wolltest die unangenehme Sache doch ruhen 
lassen«, mahnte Rotraut. »Für das Tun deiner Schwester bist 
du doch wirklich nicht verantwortlich zu machen.« 
»Was würde aber geschehen, wenn du nicht so edelmütig 
wärest?« 
»Stop, Heidi, das klingt ja ganz nach Schwärmerei. Dazu 
bin ich ein ganz ungeeignetes Objekt. Edelmütig? Wer ist 
das überhaupt! Ich mit meinen vielen Fehlern bin es 
bestimmt nicht.« 
»Ich kenne keine – höchstens…« 
»Was denn?« forschte Rotraut, als Heidi verlegen schwieg. 

»Sprich nur ruhig weiter.« 
»Ja – muß ich wohl«, kam es kleinlaut heraus. »Schau mal, 
Raute, seitdem du mir dein Vertrauen geschenkt hast, bin 
ich in der Lage, so manches besser als vordem beurteilen zu 
können. Denn zuerst gab ich Tante Liane und Harro allein 
die Schuld an euerm befremdenden Verhalten. Die 
sonderbare Art Harros empörte mich ebenso wie Tante 
Lianes verletzendes Gebaren, mit dem sie dich am 
Hochzeitstag willkommen hieß. Ich stellte mich sofort auf 
deine Seite, hieß alles gut und richtig, was du tatest – aber 
jetzt… Ach, Raute, was will ich da viel reden? Ich bitte dich 
nur, sei doch nicht so unversöhnlich – und hochmütig.« 

»Also schon zwei Fehler, die du an mir entdeckst.« 
»Bitte nicht, Raute«, unterbrach Heidi sie hastig. »Dein 
spöttischer Blick tut mir weh. Ich merke schon, du bist mir 
böse.« 
»Nicht doch, Heidi. Ich weiß ja, wie gut du es meinst. Du 
wirfst mir Hochmut vor, schön. Aber sind die Regglins etwa 
weniger hochmütig als ich? Siehst du, darauf weißt du 
nichts zu erwidern. Ich bin nicht gewohnt zu betteln. Das 
verbietet mir nicht mein Hochmut, sondern mein – Stolz. 
Und nun mach’ nicht ein so verzagtes Gesicht, Heidi. Laß 
mich nur gewähren – und die anderen auch. Wir beißen 

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uns schon gegenseitig durch. Hörst du, es gongt. Also 
werden wir uns an der Kaffeetafel einfinden müssen. Mich 

würde man dabei wohl kaum vermissen, aber du würdest 
ihnen fehlen.« 
Sie erhob sich, zog rasch ein anderes Kleid an, erfrischte 
das Gesicht, bürstete das Haar und trat dann zu Heidi, die 
sie bittend ansah. 
»Raute, sei mir nicht böse…« 
»Dummchen! Nun komm schon.« 
Sie zog sie rasch mit sich fort, und sie gingen nach unten, 
wo man bereits mit dem Kaffee auf sie wartete. 
»Da ist ja unser Rautendelein!« Gräfin Herma zog Raute in 
die Arme. »Laß dich anschauen, Kind. Ein wenig blaß 
noch, aber sonst wieder die alte. Gott sei Dank, daß das 

schauerliche Erlebnis keine ernsten Folgen…« 
»Bitte, Tante Herma…« Rotraut löste sich aus der 
Umarmung. »Es ist genug über meine Ungeschicklichkeit 
gesprochen worden.« 
Rotraut wußte nicht, wie hochmütig sie wirkte. Sie schien 
auch den betroffenen Blick der Tante nicht zu sehen. Sie 
nahm mit den anderen am Tisch Platz, beteiligte sich 
jedoch nicht am Gespräch, das lebhaft geführt wurde. 
Und je länger sie verweilte, um so schwerer wurde ihr das 
Herz. Es fraß sich eine Bitterkeit in ihr fest, gegen die sie 
sich augenblicklich nicht wehren konnte. 
Jetzt waren ihr auch die beiden Menschen verloren, die sie 

auf ihrer Seite geglaubt hatte. Wie hätte sonst Tante Herma 
ihre flehende Bitte ablehnen können, ihr in Hermeshöh 
Obdach zu gewähren? Sie tat es ja bei Heidi – warum also 
bei ihr nicht? 
Ach, das war leicht zu erklären. Tante Herma war im 
Grunde genommen nicht anders als die Regglins. Auch 
Adelheid nicht, deren offene Meinung sie vorhin hatte 
hören dürfen. Mit ihrer Tante Liane war sie bereits wieder 
ein Herz und eine Seele. Nun ja, sie gehörten kraft ihrer 
jahrzehntelangen Freundschaft eben alle zusammen. 
Und sie, Rotraut, war und blieb ein Fremdling in dem 

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festgefügten Kreis. 
Ein Eindringling, den man je nach Veranlagung teils 

freundlich, teils ablehnend duldete – weil man ihn dulden 
mußte. 
Rotraut hatte keine Ahnung, daß ihre Verbitterung sie 
ungerecht werden ließ. Sie in ihrer hochmütig-
abweisenden Haltung machte es ja den anderen 
unmöglich, sie in das Gespräch zu ziehen. Denn 
schließlich läßt sich keiner gern seine frohe Laune 
verderben. 
Nachdem die andern zur Zigarette gegriffen hatten, erhob 
Rotraut sich. Hoch und schmal stand sie da. Abwehrend 
die Haltung und abwehrend der Blick. 
»Ich bitte, mich zurückziehen zu dürfen.« 

Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, lehnte sie sich 
gegen sie und drückte die Hand auf das hartklopfende 
Herz. Gottlob, es schien ihr niemand zu folgen. Trotzdem 
eilte sie wie gehetzt davon und machte erst in ihrem 
Schlafzimmer halt, wo die Zofe herumhantierte. 
»Dora«, sprach sie zu ihr in einem Ton, den sie sonst für 
das treue Mädchen nicht zu haben pflegte. »Ich erteile 
Ihnen den Befehl, niemand in meine Zimmer zu lassen. Sie 
können gehen.« 
Verstört schlich Dora hinaus. Was mochte der Herrin nur 
geschehen sein? Nun hörte sie diese gar noch weinen. 
Sie setzte sich in einen Sessel und behielt die Tür im Auge, 

durch die sie niemand gehen lassen durfte, wer es auch sei. 
Also mußte sie auch Adelheid abweisen, die einige 
Minuten später erschien. 
»Bitte, Komteß, ich habe von Frau Gräfin den strikten 
Befehl, keinen vorzulassen.« 
»Davon bin ich doch wohl ausgenommen, Dora.« 
»Nein, Komteß. Bitte! Es könnte meine Stellung kosten.« 
Nun, darauf wollte Heidi es nicht ankommen lassen. Also 
ging sie wieder nach unten, wo ihr drei Augenpaare 
gespannt entgegensahen. 
»Wie ich sehe, hast du nichts ausrichten können, mein 

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Kind«, fragte Gräfin Liane bekümmert, und ebenso 
bekümmert folgte die Antwort: 

»Nein, nichts. Dora darf keinen zu Raute lassen. Ich bin so 
entsetzlich unruhig. Harro, du mußt unbedingt nach 
Rotraut sehen.« 
»Na schön«, er erhob sich. »Ich tue es – selbst auf die 
Gefahr hin, gehörig abgeblitzt zu werden. Denn du 
scheinst dein Idol noch immer nicht zu kennen, meine 
liebe Heidi.« 
Unverzüglich suchte er das Wohnzimmer seiner Gattin auf, 
wo die Zofe aufsprang und sich mit dem Rücken gegen die 
Tür lehnte. Angsterfüllt stammelte sie: 
»Herr Graf – Frau Gräfin wünscht – ungestört zu sein.« 
»Nun, nun, nicht gar so furchtsam, Mädchen. Ihnen 

geschieht nichts, dafür werde ich sorgen.« 
Trotz der Freundlichkeit, mit der er es gesagt hatte, hörte 
Dora doch den herrischen Unterton heraus, der sie 
einschüchterte. Sie gab die Tür frei, öffnete und schloß sie 
gleich wieder hinter der hohen Gestalt, die dann an der 
Schwelle verharrte. 
Es bot sich dem Mann aber auch ein seltsames Bild. Am 
Boden kniete Rotraut und stopfte wahllos Kleidungsstücke 
in den Koffer. Obwohl er bereits gefüllt war, sollte immer 
noch mehr in ihn hinein – wahrscheinlich alles das, was 
verstreut auf dem Boden lag. Natürlich ging der Deckel 
nicht zu. Also wurde Verschiedenes wieder herausgezerrt, 

zwischendurch das Gesicht in die Hände gedrückt und 
bitterlich geweint – bis eine spöttische Stimme sie entsetzt 
herumfahren ließ. Sie sprang auf und stand nun dem Mann 
gegenüber, der, die Hände in den Hosentaschen, sie 
belustigt betrachtete. Wie ein gescholtenes kleines 
Mädchen stand sie da. Die in Unordnung geratenen Locken 
mit dem satten Goldton gaben dem zarten Antlitz etwas 
ungemein Süßes, Rührendes, zumal die Augen, an deren 
Wimpern noch die Tränen hingen, sehr hilflos 
dreinschauten. 
»Was bist du doch nur für ein törichtes kleines Mädchen«, 

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sprach er nun in fast väterlichem Ton. »Es gehört deine 
ganze Eigenwilligkeit dazu, nach dem ersten von mir 

vereitelten Fluchtversuch an einen zweiten zu denken. 
Diesmal glaubtest du schlauer vorzugehen, indem du die 
Zofe vor der Tür Posten stehen ließest. Halt, sprich jetzt 
nicht. Deinen Augen und dem trotzigen Mund nach zu 
schließen, willst du zum Angriff übergehen. Ich jedoch 
habe keine Lust, mit gleichen Waffen zurückzuschlagen, 
weil du mir in deiner jetzigen seelischen Verfassung keine 
ebenbürtige Gegnerin wärest. Wollen wir lieber gemeinsam 
das Chaos hier beseitigen, damit die Zofe keine dummen 
Vermutungen anstellt. Ich bin ohnehin schon das Gespött 
der Dienerschaft, die längst bemerkt hat, wie meine Frau 
mir auf der Nase herumtanzt. Vielleicht schreibst du dir 

hinter deine rosigen Ohren, was ich dir jetzt zum 
letztenmal sagen werde: Nach abgelaufener Frist kannst du 
Regglinsgrund ohne mich verlassen – eher nicht. Versuche 
nicht, das, was jetzt noch eine Bitte ist, verächtlich abzutun. 
Sonst müßte ich es in einen Befehl fassen – und das wäre 
unerquicklich für uns beide. Und nun werden wir uns an 
die Arbeit machen. Ich glaube fast, daß ich mich dabei 
geschickter anstellen werde als du. Kein Wunder, da ich als 
Soldat ja nicht immer einen Diener hinter mir haben 
konnte.« 
Rotraut ließ es geschehen, daß er die Kleidungsstücke aus 
dem Koffer nahm und sie an den ihnen zukommenden 

Platz legte. Zwar half sie nicht dabei, aber sie wehrte ihm 
auch nicht. Sie war viel zu müde dazu. Das Zimmer begann 
sich im Kreis zu drehen, so daß sie unwillkürlich nach 
einem Halt griff. Und schon war er an ihrer Seite. 
»Was eine so törichte kleine Frau einem Mann zu schaffen 
machen kann, das ist kaum zu glauben. Komm, lege dich 
jetzt einstweilen auf den Diwan.« 
Willenlos duldete sie es, daß er ihre Schulter umfaßte und 
sie führte. Sie streckte sich auf das Polster, drückte das 
Gesicht in die Kissen und weinte. Warum, hätte sie selbst 
nicht zu sagen vermocht. Augenblicklich war ihr alles ganz 

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gleichgültig. Auch daß Harro sie mit Hilfe der Zofe ins Bett 
brachte, ließ sie widerstandslos geschehen. Sie trank auch 

gehorsam von dem bitteren Zeug, das er ihr einflößte. 
Dann duselte sie vor sich hin und hörte trotzdem die 
weiche, tiefe Stimme dicht an ihrem Ohr. 
»Schlafe dich jetzt über all dein eingebildetes Leid hinweg, 
kleine Frau. Und wenn du dann erwachst, werden 
hoffentlich alle Hirngespinste zerstoben sein wie Spreu im 
Wind.« 
Sie hatte das Gefühl, als ob ihre Stirn von zwei Lippen 
gestreift wurde. Aber das war selbstverständlich nur 
Einbildung oder ein Traum – wie alles andere auch: die 
sonore Stimme, ganz ohne den gewohnten Spott, die 
Zartheit, mit der ihr der bittere Trank eingeflößt wurde. 

Ach ja, einen solchen Traum ließ sie sich schon gefallen. 
Wohlig streckte sie sich im Bett, kuschelte sich in die 
Kissen. Ihr wurde froh und leicht – wie seit langem nicht 
mehr. Nur die Lider waren ihr so schwer, daß sie sie nicht 
zu heben vermochte. 
Wenige Sekunden später trat Harro, der seine Frau 
gespannt beobachtet hatte, vom Bett zurück. Er wandte sich 
an die Zofe, die unweit von ihm stand. 
»Sie schläft«, sagte er leise. »Sorgen Sie dafür, daß dieser 
Schlaf durch nichts gestört wird. Jede kleinste Veränderung 
teilen Sie mir sofort mit.« 
Von Liane wurde er unten schon mit Ungeduld erwartet. 

»Junge, du bliebst ja so lange fort«, fragte die Mutter 
vorwurfsvoll. »Geht es Rotraut nicht gut? Du machst ein so 
ernstes Gesicht.« 
Er ließ sich in einen Sessel sinken und fuhr sich einige Male 
über Stirn und Augen. Dann zündete er eine Zigarette an, 
legte sich zurück und schlug die Beine übereinander. 
»Nein, es ging ihr nicht besonders gut«, beantwortete er die 
Frage der Mutter. »Die Nerven sind überreizt, was nach 
dem gestrigen Erlebnis ja kein Wunder ist. Ihr fehlt ein 
langer, tiefer Schlaf, zu dem ihr der Trunk, den ich ihr gab, 
hoffentlich verhelfen wird. Wir können nichts weiter tun 

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als abwarten.« 
Der Schlaftrunk mußte wohl eine besondere Wirkung 

haben; denn Rotraut schlief Stunde um Stunde. 
Regelmäßig ging der Atem, auf dem entspannten Antlitz lag 
ein Zug von betörender Reinheit und Süße. Sie merkte 
nicht, was um sie her geschah, so fest hielt der Schlummer 
sie umfangen – wußte nicht, wie treu er bewacht wurde 
von den beiden Menschen, denen sie fast feindlich 
gegenüberstand. Immer wieder traten sie an das Bett der 
Schläferin, und erst um Mitternacht streckte Harro sich 
angekleidet auf den Diwan, um sofort zur Stelle zu sein, 
wenn es notwendig sein sollte. Er brauchte sich dabei nicht 
künstlich wachzuhalten, weil er sich auf sein im Krieg 
geschärftes Ohr verlassen konnte, das jedes Geräusch auch 

im Schlaf wahrnahm. 
Er schlief dann länger, als er gewollt hatte. Leise erhob er 
sich danach und trat an das Bett, in dem Rotraut nach wie 
vor friedlich schlief. Dann sagte er Dora, die bereits im 
Nebenzimmer wartete, daß sie auf ihre Herrin achtzugeben 
hätte, nahm ein kühles Duschbad, zog den Reitanzug an 
und ging in den Stall. 
Kurz darauf ritt er davon. Tief atmete er die herbe 
Morgenluft ein. Der Tag würde schön werden; denn die 
Sonne brach sich durch den Nebel sieghaft Bahn. Der 
diesjährige Herbst hatte bisher überhaupt viel 
Sonnenschein gebracht. Geruhsam konnten die Landwirte 

die Hackfrüchte trocken bergen, was ja immer ein großer 
Vorteil ist. Auch das Pflügen der Felder wurde durch das 
günstige Wetter erheblich erleichtert, also konnte man 
schon zufrieden sein und beruhigt dem Winter 
entgegensehen, der auf dem Lande seine Reize hatte. 
Freilich nur für den, der mit seiner Scholle so verwachsen 
war wie der Landmann. 
Harro von Regglin wurde deshalb das Herz weit, als er 
langsam dahinritt. Ringsum lag sein von den Vätern 
ererbtes Land, das zu hüten seine heiligste Pflicht 
bedeutete. Zwar hatte sein Vater das einmal vergessen, eine 

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einzige leichtsinnige Stunde lang. Und was darauf folgte…! 
Die Stirn des Reiters umdüsterte sich. Er atmete tief und 

schwer, dann gab er seinem Pferd die Sporen. 
Hei, so ein frisch-fröhliches Reiten schafft klaren Kopf und 
klares Herz! Der Wind, der um die Ohren saust, lüftet 
sozusagen das Hirn mit aus. Was ist schwer? Nichts ist 
schwer! Schließlich ist man doch ein Mann, kein 
sentimentales kleines Mädchen, das weinerlich alles über 
sich ergehen läßt, ohne sich zu wehren. Wozu ist man 
denn Jäger? Nur frisch das Leben angepackt! 
Herrlich erfrischt, innerlich und äußerlich, langte er wieder 
zu Hause an und begrüßte seine Mutter herzlich, die im 
Frühstückszimmer bereits auf ihn wartete. 
»Guten Morgen, kleine Mama, gut geschlafen?« 

»Es ging. Und du?« 
»Ganz prächtig. Rotraut hat mich nicht einmal gestört. Hast 
du schon nach ihr gesehen?« 
»Ja – sie schläft immer noch. Das kam mir so unheimlich 
vor, daß ich den Arzt anrief…« 
»Und?« 
»Er lachte mich aus.« 
»Geschieht dir recht, Muttchen. Wenn ein Mensch so 
friedlich schläft wie Rotraut, dann schläft er sich gesund. 
Und nun wollen wir frühstücken, denn ich habe einen 
Mordshunger.« 
Danach sah Harro wie jeden Morgen draußen nach dem 

Rechten. Er ritt zur Oberförsterei, um auch dort einiges zu 
regeln. Kurz vor Mittag war er wieder zu Hause. Er zog sich 
um und ging dann nach dem Schlafzimmer seiner Frau, wo 
die Mutter am Fenster saß und an einer feinen Handarbeit 
stichelte. 
»Schläft Rotraut immer noch?« fragte er halblaut. 
»Ja. Ist das nicht merkwürdig?« 
Er zuckte die Achseln, trat an das Bett und sah prüfend in 
das schlafheiße Gesicht. 
»Wie ein Murmeltierchen«, lachte er verhalten. Und dieses 
Lachen drang in Rotrauts tiefen Schlaf. Schon wollte sie die 

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Augen öffnen, besann sich dann jedoch eines anderen. 
Noch wollte sie ein wenig vor sich hin duseln. Mit 

Befriedigung bemerkte sie, daß der Gatte zurücktrat und 
sich zu seiner Mutter setzte. Sie sprachen halblaut 
miteinander. Was, das konnte Rotraut nicht verstehen, 
wollte es auch nicht. 
Behaglich streckte sie sich im Bett. So wohl hatte sie sich 
schon lange nicht mehr gefühlt – so frisch, so frei, so froh! 
Alles, was ihr bisher das Leben verbittert hatte, kam ihr 
plötzlich fast lächerlich vor. Sie hatte sich selber wohl zu 
wichtig genommen. In krassem Egoismus hatte sie nur an 
sich gedacht und anspruchsvoll das für sich verlangt, was 
sie anderen hochmütig versagte. 
Ja, hochmütig! – Heidi hatte sie schon richtig eingeschätzt. 

Wie töricht war es, sich mit hartnäckiger Verbissenheit 
gegen etwas zu wehren, das sie doch nicht ändern konnte. 
Wie dumm, sich das Leben zu vergällen. Das Leben, das 
fast schon zu Ende gewesen – und das trotz allem so schön 
war. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, mußte also erst 
das grausige Erlebnis kommen und sie aufrütteln! 
Ein Spruch fiel ihr ein: 
›Hast du etwas falsch gemacht, beharre nicht dabei, denke 
lieber gründlich nach, Wie’s gutzumachen sei.‹ 
Nach diesen Versen wollte sie sich richten und fortan alles 
hinnehmen, was auch kam. Sie wollte ihren wahren 
Charakter nicht mehr knechten und knebeln, sondern sich 

geben, wie sie wirklich war – unbekümmert und 
frohgemut. Jedoch innerlich sollte nichts an sie 
herankommen. Sie wollte keinem hier ihr Herz erschließen 
– auch Tante Herma und Heidi nicht mehr. Dann hatte sie 
keine neue Enttäuschung zu fürchten. 
So weit war Rotraut mit ihren Vorsätzen und Entschlüssen 
gekommen, als sie Gräfin Liane sagen hörte: 
»Ob wir nicht doch den Arzt herbitten, Harro?« 
Rotraut lachte in sich hinein. Einen Arzt? Nein, den 
brauchte sie jetzt nicht mehr. Noch nicht einmal einen 
Seelenarzt! Sie streckte sich, gähnte herzhaft – und schon 

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beugte sich Harro über sie. 
»Nun, Murmeltierchen, endlich wieder munter? Schau nur, 

Mutter, was für blanke Augen sie hat. Wie mit Blitzblank 
geputzt! Da brauche ich gar nicht zu fragen, wie es dir geht, 
was, kleine Frau?« 
»Prächtig! Wie lange habe ich geschlafen?« 
»So ungefähr zweimal um die Uhr.« 
»Dürfte genügen.« Sie lächelte zu ihm auf, daß es ihm heiß 
in die Stirn stieg. Zwar kannte er dieses süßschelmische 
Lächeln, doch für ihn hatte sie es noch niemals gehabt. 
»Ich möchte jetzt aufstehen.« 
»Fühlst du dich dazu auch frisch genug?« 
»So frisch, daß ich am liebsten in meinem Auto 
dahinbrausen oder auf Ira über die Felder rasen möchte.« 

»Dann allerdings!« lachte er. »Wenn du dich beeilst, dann 
kommst du noch zur Mittagstafel zurecht.« 
Dazu erschien sie denn auch, entzückend anzuschauen in 
ihrem hellen Kleid aus weichem Wollstoff. Wie glänzende, 
feingesponnene Seide umbauschte das Lockenhaar ihr 
zartes, stolzgeschnittenes Gesichtchen, aus dem die 
tiefblauen Augen herauslachten. Und auch das Lächeln, 
mit dem sie schon so manchen Menschen betört hatte, lag 
um den Mund. 
Ein so gemütliches Mahl hatte man schon lange nicht mehr 
in Regglinsgrund erlebt. Nicht wie sonst hielt sich Rotraut 
zurück, sondern sie beteiligte sich an dem Gespräch, das 

lebhaft geführt wurde. 
Nach dem Essen fragte Harro: 
»Wie ist es, Rautendelein, hast du noch Lust, auf Ira nicht 
dahinzujagen, sondern zu reiten?« 
»O ja.« 
»Auch in meiner Gesellschaft?« 
»Bitte sehr.« 
Man konnte es dem Mann nicht verdenken, daß er über die 
Veränderung seiner Frau erstaunt war, zumal sie so 
plötzlich kam. Gestern noch wollte sie heimlich von hier 
fort – und heute? Ja, da mußte man abwarten, was nach 

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dieser Laune – denn um etwas anderes konnte es sich wohl 
kaum handeln – kommen würde. 

Bei dem Ritt war auch Gräfin Liane dabei. Sie machte im 
Damensitz eine ausgezeichnete Figur. Lächelnd schaute sie 
auf Rotraut, die einige Kapriolen nicht unterlassen konnte, 
sonst aber das von Harro angegebene Tempo gutwillig 
einhielt. Der Mund lachte, die Augen blitzten nur so vor 
Lebensfreude. Gar nicht wiederzuerkennen war sie in ihrer 
betörenden Art. Welches war nun die echte Rotraut – diese 
oder die andere, die kühle, abweisende, hochmütige? Was 
hatte dieser plötzliche Umschwung zu bedeuten? 
Mußten Mutter und Sohn auf der Hut sein? 
Es war eine Lust, durch den herbstbunten Wald zu reiten. 
Der Himmel spannte sich wie blaue Seide über die Erde. 

Und doch rauschte in den Laubbäumen das wehmütige 
Lied vom Scheiden. Bald würde der Novembersturm die 
Blätter durcheinanderwirbeln. Wo es jetzt vom hellsten 
Gelb bis zum tiefsten Rot leuchtete, würden bald kahle 
Äste wie stumme Ankläger ragen. Nur im Nadelholz würde 
es unvergänglich grünen. 
Aber vorläufig war es ja noch nicht soweit. Noch hielt das 
lachende Herbstwetter stand, und das mußte man 
ausnutzen – so, wie die drei Menschen es taten, die 
geruhsam dahinritten und mit frohen Augen das herrliche 
Waldbild in sich aufnahmen. Was danach kam, war auch 
schön. Fern hinterm Waldesrand sah man rote 

Ziegeldächer. Die untergehende Sonne spiegelte sich in den 
Fensterscheiben, daß sie golden blitzten. Dort lag 
Hermeshöh wie eine trutzige Feste. 
»Wie ist es?« fragte Harro. »Wollen wir Tante Herma in die 
Kaffeekanne fallen? Ja? Dann gebt den Pferden den Kopf 
frei – aber nicht zu frei. Das gilt hauptsächlich dir, 
Rotraut.« 
»Jawohl, Herr Unteroffizier!« meldete sie stramm, blieb 
jedoch gehorsam. Und die beiden anderen hatten wieder 
einmal Ursache, sich zu wundern. 
In Hermeshöh empfing man sie freudig und staunte über 

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Raute, die so frisch und froh vor ihnen stand. 
»Ja, Mädchen, was ist denn mit dir geschehen?« Gräfin 

Herma schüttelte den Kopf. »Du siehst ja aus wie frisch 
gewaschen und geplättet. Ist etwa das Seewasser daran 
schuld?« 
»Wahrscheinlich«, lachte Raute. »So ein unfreiwilliges Bad 
und das Wasser, das man dabei geschluckt hat, sollen 
manchmal Wunder wirken. Wenn man hinterher wieder 
Luft schöpfen kann, dann weiß man erst, wie gut das tut.« 
»Du sprichst zwar in Rätseln, mein Kind, aber es hört sich 
ganz vernünftig an. Nehmt Platz, ihr Lieben. Ein guter 
Einfall, uns zu überrumpeln.« 
Man gruppierte sich zwanglos, unterhielt sich angeregt und 
wunderte sich immer wieder über Rotraut, die sich 

sozusagen über Nacht in ihrem Wesen vollständig 
verändert hatte. Da man sie früher nicht gekannt hatte, 
konnte man nicht wissen, daß man jetzt die echte Rotraut 
vor sich sah, die zu sich selbst zurückgefunden hatte. 
Nun war auch der November mit seinem Regen, Sturm und 
Nebel gekommen. Doch Harro und seine Frau ließen sich 
nicht davon abhalten, sich im Freien zu tummeln. Herrlich 
war es dann, ins warme Zimmer zu kommen und sich von 
der Traulichkeit umfangen zu lassen. Denn traulich war es 
jetzt in Regglinsgrund, seitdem Rotraut nicht mehr Anlaß 
zu einem Mißklang gab. Friedlich lebte sie neben Mutter 
und Sohn und zeigte sich verträglich und aufgeschlossen. 

Und doch war da noch etwas, das sie wie ein Wall umgab. 
Doch war es nur für den spürbar, der ein feines Empfinden 
hatte. 
Selbst Iris, die eine Woche nach der Begebenheit am 
Waldsee wieder wie selbstverständlich in Regglinsgrund 
auftauchte, wurde von Rotraut so freundlich behandelt, 
daß die Komteß fast davon überzeugt war, Rotraut wisse 
um ihre Tat nicht. 
Das gab Iris nun ihre ganze Sicherheit wieder. Anmaßend 
wie zuvor versuchte sie ihren Platz in Regglinsgrund zu 
behaupten. Sie merkte nicht oder wollte in ihrer 

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Dickfelligkeit nicht merken, wie ablehnend Gräfin Liane 
und ihr Sohn sich ihr gegenüber verhielten. 

Auch in Hermeshöh nistete Iris sich immer mehr ein. Mit 
Eberhard schien sie ein Herz und eine Seele zu sein. Er 
sagte ihr sogar im Beisein anderer Schmeicheleien über ihr 
Aussehen, das sich in den letzten Wochen gewandelt hatte. 
Ihr Haar war heller geworden, platinblond, raffiniert 
frisiert. Das Gesicht diskret angemalt, die Kleidung 
mondän. Ihr Augenaufschlag war nach ihrer Meinung 
unnachahmlich. Er sollte nach ihrer Meinung ein 
Mittelding von Herzinnigkeit und lockender Koketterie 
bedeuten. 
Am häufigsten trafen diese Blicke Eberhard. Die Regglins 
amüsierten sich darüber, Herma beunruhigten sie – und 

Heidi bereiteten sie bitteres Herzweh. Sie war nicht so froh, 
wie sie es bei ihrem jetzigen Leben hätte sein müssen; denn 
in Hermeshöh führte sie ein herrliches Dasein. Sie hielt 
sich auch oft in Regglinsgrund auf, wo man sie mit 
Herzlichkeit umgab. Dort wußte man ja, worum das 
Mädchen litt, konnte ihm jedoch nicht helfen. Denn 
Eberhard schien tatsächlich mit Blindheit geschlagen zu 
sein, sonst hätte er sich von Iris nicht so umgarnen lassen. 
Graf Illsund war nach wie vor vernarrt in seine älteste 
Tochter. Mit behaglichem Schmunzeln verfolgte er, was 
sich zwischen ihr und Eberhard anspann. Den Besitzer von 
Hermeshöh als Schwiegersohn zu haben, war bestimmt 

nicht zu verachten. Da mochte der Harro, dieser arrogante 
Bengel, mit seiner Krämerstochter seinetwegen selig 
werden! 
In der rosigen Stimmung, in der er sich jetzt immer befand, 
ließ er sogar bei seiner jüngeren Tochter Nachsicht walten. 
Ganz  recht  war  es  ihm  ja  nicht,  daß  sie  sich  so  viel  in 
Hermeshöh aufhielt, aber schließlich konnte man da schon 
ein Auge zudrücken. 
Selbst die Krämerstochter ließ er jetzt gelten, seitdem sie 
seiner Iris keine Rivalin mehr war. Wenn er vor sich selber 
ganz ehrlich gewesen wäre, dann hätte er sie sogar 

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bezaubernd finden müssen. Aber soweit ging seine 
Objektivität denn doch nicht. 

Nun, um so ehrlicher begeistert waren die anderen, mit 
denen Rotraut zusammenkam. Überall schmeichelte sie 
sich mit ihrer entzückenden Art in die Herzen der 
Menschen. Unbekümmert nahm sie an Freundschaft 
entgegen, was ihr geboten wurde. Freilich, so 
aufgeschlossen sie zwar auch gegen den Gatten und seine 
Mutter jetzt war, die Herzlichkeit fehlte. Von Innigkeit war 
schon gar nicht zu sprechen. 
An einem Abend Ende November, als man in 
Regglinsgrund am mollig warmen Kamin saß, bot Harro 
seiner Frau an, mit ihm auf Reisen zu gehen. 
»Warum?« fragte sie erstaunt. »Gefällt es dir hier nicht? Mir 

gefällt es.« 
»Nun, wenn das nicht ein freimütiges Bekenntnis ist«, 
lachte er herzlich, und die Mutter lachte auch. 
»Meinetwegen habe ich den Vorschlag gar nicht gemacht, 
sondern deinetwegen. Du mußt dich hier auf dem Lande 
doch langweilen – noch dazu bei dem scheußlichen 
Wetter. Hör nur, wie der Wind heult und der Regen gegen 
die Fenster klatscht.« 
»Meinst du, anderswo regnet und stürmt es nicht?« Sie 
lachte ihn freundlich an. »Ob ich dort oder hier im Zimmer 
sitze, das bleibt sich ja doch einerlei. Außerdem sorgst du 
so reichlich für Abwechslung, daß ich bestimmt keine 

Langeweile habe. Reiten, Autofahren, Gesellschaften, 
Theater, Kino, Konzerte«, zählte sie spitzbübisch an den 
Fingern ab. »Im Winter kommt noch das Skilaufen, Rodeln, 
Schlittenfahren dazu – das dürfte doch wohl genügen. 
Nebenbei muß ich mich noch mit dir herumärgern.« 
»Na, so ein Schelm!« Er drohte ihr lachend. »Da haben wir 
uns ja was Gutes auf den Hals geladen, Muttchen. Sieh nur, 
wie süßlächelnd sie dich anschaut, die kleine Circe. Hast 
dich gut ausgewachsen, mein Kind, das kann man wohl 
sagen.« 
»Ich bin ja so froh, daß Raute hierbleiben will«, sagte die 

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Mutter lächelnd. »Ich wäre mir ohne euch recht einsam 
vorgekommen.« 

»Wir hätten dich mitgenommen, Muttchen. Nicht wahr, 
Raute?« 
»Selbstverständlich. Aber fahrt man lieber ohne mich, ich 
bleibe hier und bewache das Haus.« 
Also unterblieb die Reise. Herbst und Winter vergingen 
schnell, und eh man’s gedacht, war es März geworden. Der 
Frühling schickte schon seine Vorboten. 
Als ersten davon die Schneeglöckchen, mit denen Rotraut 
eines Morgens an den Frühstückstisch trat. Selber wie der 
Frühling anzuschauen in ihrer herzerfrischenden 
Schönheit, legte sie der Schwiegermutter die Blümchen 
neben den Teller. 

»Es sind die ersten«, berichtete sie, indem sie Platz nahm. 
»Einige steckten noch im Schnee.« 
Während sie aß, plauderte sie vergnügt. Als sie dann 
gesättigt war und sich im Stuhl zurücklegte, begegnete sie 
des Gatten forschendem Blick. 
»Was hast du denn, Harro?« fragte sie unbehaglich. 
»Bist du satt?« 
»Natürlich.« 
»Freut mich. Denn was ich dir hier gebe, würde dir den 
Appetit genommen haben.« 
Er reichte ihr einen Brief, den sie rasch überflog. Das 
Schreiben war an Harro gerichtet und stammte von dem 

Rechtsanwalt, der Rotraut im Mai vergangenen Jahres den 
Brief des verstorbenen Vaters hatte zugehen lassen – jenen 
Brief, der so schwerwiegend in ihr Leben eingegriffen hatte. 
Der Rechtsanwalt bat den Grafen Regglin, die Interessen 
seiner Frau wahrzunehmen und dafür zu sorgen, daß deren 
Erbschaftsangelegenheit endlich geregelt würde. Sie selbst 
hätte er dazu noch nicht bewegen können. Ihre beiden 
Stiefbrüder wären sehr wohl in der Lage, ihr das Muttererbe 
auszuzahlen. 
»Was der Mensch nur will«, sagte sie nach dem Lesen des 
Schreibens hochmütig. »Dem kann es doch gleich sein, was 

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mit dem Geld geschieht.« 
»Ganz Rotraut«, lächelte der Gatte nachsichtig. »In 

Geldsachen unbekümmert wie ein Kind. Welche 
Veranlassung hast du denn, deinen Brüdern diese mehr als 
ansehnliche Summte zu schenken?« 
Sie preßte trotzig die Lippen zusammen und schwieg. Es 
war nicht zu verkennen, daß sie sich von dem Gatten in 
ihre eigenste Angelegenheit nicht dreinreden lassen wollte. 
Eine Weile war es still, dann sagte er gelassen: 
»Ja, Rotraut, da hilft dir nichts. Du wirst mich in deine 
Familienverhältnisse nun wohl oder übel doch einweihen 
müssen.« 
»Ich mag dich damit nicht belästigen«, entgegnete sie 
abweisend. »Du bist mir gegenüber zu nichts verpflichtet.« 

Um seinen Mund zuckte es. 
»Das war zwar recht deutlich, mein Kind, aber trotzdem 
lasse ich nicht locker. Wenn du durchaus nicht sprechen 
willst, werde ich von dem Rechtsanwalt erfahren, was ich 
wissen muß.« 
Ein so erschrockener Blick traf ihn, daß er ein Lächeln 
kaum verbergen konnte. Mit einer hilflosen Gebärde hob 
sie die Hand. 
»Bitte nicht, Harro…« 
»Ja, Rotraut, wenn du mich aber dazu zwingst…« 
Sie senkte in peinlichster Verlegenheit den Kopf, schluckte 
einige Male und begann dann leise: 

»Nun, dann hör zu. Meine Mutter, eine geborene Gräfin 
Kardesberg, heiratete einen Großindustriellen, der später 
nach Amerika ging. Zwei Söhne wurden in der Ehe 
geboren. Nachdem sie Witwe geworden war, lernte sie 
einen Mann kennen, den sie so leidenschaftlich liebte, daß 
sie keinen anderen in seiner Nähe dulden wollte. Sie ging 
in ihrer egoistischen Liebe soweit, daß sie sogar auf seine 
Arbeit eifersüchtig war, ihn immer wieder davon fortholte. 
Auf die Dauer ließ er sich das nicht gefallen – und es kam 
mehr und mehr zu bösem Streit und Unfrieden. Noch ärger 
wurde es, als ich geboren wurde. Ich glaube, meine Mutter 

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hat mich gehaßt, weil sie mir die Liebe des Vaters 
mißgönnte. Je ärger sie es trieb, um so mehr schloß er sich 

an mich an. Sie litt ja selbst unter ihrer krankhaften Liebe – 
und ihr Mann mit ihr. So war meine Kindheit alles andere 
als rosig. Das heißt, allzusehr habe ich nicht darunter 
gelitten, weil eine Nachbarin, Bobs Mutter, mich 
erbarmungsvoll an ihr Herz nahm, was meinen Vater 
unsagbar beglückte. Nun wußte er sein Kind immer gut 
aufgehoben. So bin ich denn mit Bob zusammen 
aufgewachsen. Oft war mein um sechs Jahre älterer 
Stiefbruder der Dritte im Bunde. Ihn mochte ich gern, den 
älteren nicht. Als mein Vater zu kränkeln begann und 
daher das aufregende Leben im Haus nicht mehr ertragen 
konnte, ging er nach Deutschland und nahm mich mit. Wir 

schlossen uns so innig aneinander an, wie es bei Vater und 
Tochter nur möglich ist. Selbstverständlich fuhren wir auch 
einige Male im Jahr nach Hause, aber schon nach wenigen 
Wochen flüchteten wir wieder. Langsam wickelte mein 
Vater seine Geschäfte ab, übergab das Unternehmen 
seinem ältesten Stiefsohn, und als seine Frau starb, war er 
ganz frei. Leider konnte er diese Freiheit aber nur noch 
zwei Jahre genießen, dann starb auch er. Kurz vor seinem 
Tode sprach er viel von einer Frau, die er geliebt hatte, die 
er jedoch aus irgendeinem Grund nicht heiraten konnte. 
Diese Liebe muß ihm viel zu schaffen gemacht haben; 
denn er war immer sehr traurig, wenn er sich in 

Erinnerungen an sie verlor. Das ist alles, Harro.« 
Nachdem sie geendet hatte, blieb es einige Herzschläge 
lang still. Dann sagte der Gatte rauh und gepreßt: 
»Weißt du denn auch, wer diese Frau war, Raute?« 
Seltsam berührt sah sie ihm in das blasse Gesicht, 
schüttelte ratlos den Kopf. 
»Nein, Harro, den Namen hat mein Vater mir nicht 
genannt.« 
»Es war meine Mutter, Raute.« 
Sie erblaßte bis in die Lippen. Ihr verstörter Blick ging zu 
Gräfin Liane hin, die ihr beruhigend zulächelte. 

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»Nicht mich, mein Kind, sondern Harros leibliche Mutter 
hat dein Vater geliebt.« 

Rotraut hatte das Gefühl, als presse ihr eine harte Faust das 
Herz zusammen. Glitzernd sprangen ihr die Tränen von 
den Wimpern. Es war ihr nicht möglich, an ihrem Platz zu 
bleiben. Hastig stand sie auf. 
»Verzeihung – ihr müßt verstehen – begreifen – es kam so 
plötzlich.« 
Wie gehetzt eilte sie davon. Weiter, immer weiter, bis sie 
am Stall haltmachte. Dahinstürmen durch den 
frühlingsduftenden Wald – dabei die Gedanken ordnen, 
die hinter der Stirn flatterten wie aufgescheuchte Vögel – 
das war im Augenblick ihr sehnlichster Wunsch. 
Harro Regglin stand am Fenster und starrte auf den Hof 

hinunter. In seinem Gesicht zuckte es von verhaltenem 
Schmerz. Er merkte wohl, daß die Mutter zu ihm trat, 
rührte sich jedoch nicht. Sie sahen beide, daß unten der 
Gutsverwalter Rotraut in den Sattel half. Er strahlte dabei 
über das ganze Gesicht. 
Und nun sprach Harro – es klang so unendlich bitter, daß 
sich das Herz der Mutter zusammenzog. 
»Sogar unseren borstigen Alten hat sie ganz und gar betört. 
Schau nur, wie verliebt er sie betrachtet und wie süß sie ihn 
anlächelt. Ich werde nicht klug aus dieser Frau; sie gibt mir 
Rätsel über Rätsel auf. Eben tat sie zutiefst erschüttert – und 
jetzt scherzt sie herum, als wäre nichts geschehen. Oft 

denke ich, daß nichts Wertvolles in ihr steckt. Dann wieder 
vermute ich bei ihr unerschöpflichen Herzensreichtum. So 
zugänglich und aufgeschlossen sie jetzt auch scheint – 
wenn man sie richtig fassen will, dann entwindet sie sich 
mit dem verflixten Nixenlächeln, das einen rasend machen 
kann. Sie nimmt alles, was ihr anvertraut ist, in die Hände 
wie ein verspieltes Kind. Gewinnt die Menschen mit ihrer 
unwiderstehlichen Art, und wenn sie sie hat, wohin sie sie 
haben will, wendet sie sich süßlächelnd ab, diese Circe. 
Heidi zum Beispiel war für Raute ein verlockendes 
Spielzeug, mit dem sich abzugeben es sich schon lohnte. Es 

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wurde umgeformt, verfeinert, verschönert – und dann 
überdrüssig in die Ecke getan. Nicht offensichtlich, 

bewahre! Aber die arme Heidi spürt es schon. Und ich? Na, 
schweigen wir darüber. Mit dieser Ehe auf Abbruch habe 
ich mich verrechnet wie niemals zuvor. Zuerst stand ich 
dieser Heirat durchaus ablehnend gegenüber. Doch als ich 
das Fräulein Bracht sah, das mir aufgedrängt werden sollte, 
begann mich die Sache zu reizen. Da wollte ich mit ihr 
spielen – und jetzt spielt sie mit mir. Nun, das geschieht 
mir recht. Warum war ich auch so leichtsinnig, das 
Schicksal herauszufordern? Jetzt hat es mir gezeigt, wie es 
ist, wenn man sich mit den eigenen Waffen schlägt.« 
In banger Sorge war die Mutter seinen verbitterten Worten 
gefolgt. Das hatte sie denn doch nicht erwartet. Ihren sonst 

so nüchtern denkenden Jungen, der über die Liebe so oft 
gespottet, hatte die Leidenschaft gepackt in ihrer ganzen 
Stärke. Das war das Schlimmste, das ihm in dieser Ehe 
passieren konnte. Denn auf Gegenliebe hatte er bei seiner 
Frau bestimmt nicht zu rechnen. 
Erbarmend umfaßte sie sein blasses Gesicht mit den 
Händen, dabei liefen ihr die hellen Tränen über die 
Wangen. 
»Mein geliebter Junge«, sagte sie mit schwankender 
Stimme. »Das hätte nicht kommen dürfen – das nicht!« 
»Ich bin ein Esel«, entgegnete er, nun schon wieder 
gelassen. »Wie konnte ich nur so schwatzhaft werden und 

dir dein Herz beschweren. Man macht doch manchmal 
Dummheiten, über die man sich hinterher ohrfeigen 
könnte. Du kennst doch deinen Jungen, kleine Mama. Der 
läßt sich nicht so leicht unterkriegen – schon gar nicht von 
der vielgepriesenen Liebe. Schließlich bin ich doch ein 
Mann, kein sentimentales kleines Mädchen.« 
»Und doch ist mir so bang, mein Junge.« 
»Das wäre gelacht. Komm, küssen wir die dummen Tränen 
fort. So. Nun wird nicht mehr geweint, hörst du?« 
»Nein, ich bin ja schon vernünftig«, sie lächelte ihm zu, 
und er atmete erleichtert auf. 

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»Bist doch die Beste von allen, mein treuester und 
zuverlässigster Kamerad. Leider muß ich jetzt gehen, und 

wenn ich wiederkomme, dann sind wir wieder frohgemut.« 
Er nickte ihr herzlich zu und verließ das Zimmer. Die 
Mutter gab sich ihren trüben Gedanken hin, in die sich 
immer wieder ein zaghaftes ›Vielleicht‹? schob. 
Währenddessen ritt Rotraut dahin. Die erhabene Ruhe des 
Waldes legte sich allmählich wie Balsam auf Herz und 
Gemüt. Plötzlich hatte sie Sehnsucht nach Tante Herma – 
nach der Schwester der Frau, die ihr Vater geliebt hatte. 
Deshalb also war sie ihr gleich so vertraut gewesen. 
Vielleicht konnte die Gräfin ihr manches sagen, wonach sie 
den Gatten oder seine Mutter nicht fragen mochte. 
Sie ermunterte das Pferd zur schnelleren Gangart und ritt 

nach Hermeshöh, wo sie jedoch nur Eberhard antraf, der 
sie freudig begrüßte. 
»Lieb von dir, Rautendelein, mir Gesellschaft leisten zu 
wollen.« 
»Bist du denn allein zu Hause?« 
»Ja. Mutter ist in der Stadt, und die kleine Heidi ist 
ausnahmsweise in Laubern. Auf strikten Befehl des Vaters 
mußte sie hin, um bei den Vorbereitungen zu seiner 
Geburtstagsfeier zu helfen. Die soll groß begangen werden, 
weil es Illsunds sechzigster Geburtstag ist. Komm nur 
weiter, damit ich dir eine Erfrischung anbieten kann.« 
Sie nahmen in dem kleinen Gemach Platz, in dem die 

Familie mit Vorliebe weilte. Das heißt, nur Rotraut setzte 
sich; denn Eberhard war noch beschäftigt. Er holte Wein 
herbei, Zigaretten, Konfitüren, so daß Raute lachend 
Einhalt gebot. 
»Nun komm schon und setze dich, du eifriger Hausherr. 
Erzähle mir lieber etwas Nettes.« 
»Dann sage ich zuerst: Prosit.« Er ließ sein Glas an das ihre 
klingen. »Wie geht es zu Hause?« 
»Danke, wie üblich. Aber da ich dich einmal so ganz für 
mich allein habe, möchte ich eine Gewissensfrage an dich 
stellen. Gedenkst du Iris zu heiraten?« 

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Er hustete, weil er sich vor Schreck am Wein verschluckt 
hatte. Nun stellte er das Glas auf den Tisch und sah Raute 

verdutzt an. 
»Das muß man sagen, Rautendelein, fackeln tust du nicht 
lange. Wie du gefragt hast, das nennt man nämlich mit der 
Tür ins Haus fallen. Aber um auf deine Frage 
zurückzukommen – ich möchte sie mit einer Gegenfrage 
beantworten. Für wie geschmacklos hältst du mich 
eigentlich?« 
»Ja, mein lieber Eberhard, so wie du der Komteß den Hof 
gemacht hast, muß man schon solche Schlüsse ziehen.« 
»Verflixt, da habe ich mich ja ganz gehörig in die Nesseln 
gesetzt!« Er biß sich auf die Lippen. »Was macht man da 
nun, Raute?« 

»Du sprichst in Rätseln, mein Sohn.« 
»Hast recht.« Er lachte verlegen. »Sieh mal, das ist so: ich 
wollte mit dem Flirten eine andere herausfordern.« 
»Aha, jetzt kommt langsam Licht in das Dunkel.« 
»Sei doch nicht so eklig, Raute. Deiner Miene sehe ich doch 
an, daß du bereits im Bilde bist. Du glaubst gar nicht, wie 
entsetzlich dämlich ich mir vorkomme.« 
»O doch«, lachte sie hellauf. »Friß mich nur nicht gleich. 
Fasse dich nur lieber an die Stirn, ob dir da nicht am Ende 
schon…« 
»Raute, du hast manchmal eine verflixt spitze Zunge. Wenn 
du mich so verspottest, sage ich kein Wort mehr.« 

»Na schön, dann werde ich reden. Anständig war es nun 
wirklich nicht von dir, ein solches Spiel zu treiben. Iris hast 
du Hoffnungen gemacht und diese Hoffnungen damit der 
kleinen Heidi genommen.« 
Zuerst starrte er sie fassungslos an, doch dann meinte er 
anerkennend: 
»Bist doch ein kluges Frauenzimmerchen, Rautendelein. 
Hut ab vor dir! Doch kannst du mir vielleicht einen Rat 
geben, was ich nun machen soll? Schau mal, ich bin sonst 
gewiß nicht zaghaft, aber bei der abweisenden Art der 
kleinen Heidi fürchtete ich doch, mir einen Riesenkorb zu 

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holen.« 
»Den du auch verdient hättest, du abscheulicher Mensch. 

Zur Strafe müßtest du eigentlich an deinem Flirt 
hängenbleiben, aber da ich Barmherzigkeit üben will, rate 
ich dir, Heidi ganz einfach in die Arme zu nehmen.« 
»Würde sie sich das gefallen lassen?« fragte er atemlos. 
»Versuche es nur.« 
»Raute!« schrie er auf, daß sie erschrocken 
zusammenzuckte. »Komm, ich muß dir einen Kuß geben, 
du kleiner getreuer Kamerad. So – das hat gutgetan. Schon 
ein Vorgeschmack. Wie spät haben wir es? Nach elf Uhr. 
Wenn ich mich beeile – also, Rautendelein, ich muß dich 
leider hinauswerfen.« 
»Ich gehe ja schon von selber, du verdrehter Kerl«, lachte 

sie amüsiert. 
Fort war sie und er auch. Als er gerade im Ankleidezimmer 
den Zylinder probierte, trat unerwartet seine Mutter ein, 
der vor Verblüffung der Mund offenstehen blieb. 
»Na, nun schlägt’s dreizehn. Wo willst du denn hin, mein 
Sohn?« 
»Auf die Freite, verehrte Mutti.« 
»Hm – darf man erfahren, wohin?« 
»Nach Lauben.« 
»Soso. Weißt du, so etwas künstlich Platinblondes dürfte 
nicht ganz nach meinem Geschmack sein, mein Sohn.« 
»Nach meinem auch nicht. Ich schwärme nicht für 

angekränkelte Treibhauspflänzchen, Heideröslein sind mir 
lieber.« 
»Dein Glück!« Sie atmete auf, und er lachte. 
»Ich hörte ordentlich den berühmten Stein von deinem 
Herzen fallen, Mutti. Gib deinem Sohn den Segen und laß 
ihn ziehen.« 
»Verrückter Bengel.« Sie lachte gerührt. »Wann ist dir denn 
die Erleuchtung gekommen?« 
»Vor einer halben Stunde. Und zwar hat unser 
Rautendelein, das zu eben dieser Zeit hier war, mir 
nachdrücklich dazu verholfen.« 

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»Sieh mal an, die Raute. Na ja, die ist gewiß nicht auf den 
Kopf gefallen. Nun geh mit Gott, mein langer Schlingel. 

Und bring mir das Kind gleich mit; denn es würde in 
seinem trauten Vaterhaus nichts zu lachen haben.« 
In Laubern empfing der Hausherr den Freiersmann, dessen 
Besuch nach seiner Ansicht schon längst fällig war, ohne 
jede Überraschung. Die Bewerbung um die Tochter des 
Hauses wurde ihm daher leicht gemacht. 
»Ja, mein lieber Freund, daß Sie mir als Sohn herzlich 
willkommen sind, brauche ich ja nicht erst zu beteuern«, 
schmunzelte der alte Herr. »Wir kennen uns genügend, um 
zu wissen, woran wir sind. Da werden Sie auch im Bilde 
sein, daß ich meiner Tochter nichts mitgeben kann. Doch 
sonst besitzt sie Eigenschaften, die einen Mann beglücken 

müssen. Sie ist mir so fest ans Herz gewachsen, daß es mir 
schwerfällt, sie aus dem Haus zu geben. Aber Ihnen 
vertraue ich meinen Liebling gern an.« 
Eberhard hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. Nun, 
wenn der ein wenig schwerhörige Vater den Vornamen der 
Tochter, um die er sich bewarb, nicht verstanden hatte, ihm 
sollte es schon recht sein. Der Reinfall, den der eitle Mann 
bald erleben würde, war ihm zu gönnen; denn er hatte ihn 
wirklich verdient. 
Wohlgefällig hörte Illsund dann, was Eberhard ihm 
klarlegte. Die Halldungen standen ja also noch glänzender 
da, als er angenommen hatte. Da brauchte man dem 

Harro, diesem arroganten Bengel, nicht nachzutrauern. 
Ordentlich jovial sagte er: 
»Dann wären wir wohl einig, mein lieber Eberhard. Ich 
werde meine Tochter sofort rufen.« 
»Hoffentlich kommt es unserer kleinen Heidi nicht zu 
überraschend.« Der Freier betonte laut und nachdrücklich 
den Vornamen der Komteß. Und nun wurde er verstanden. 
Das Gesicht des Hausherrn rötete sich, die Hand hob sich, 
als müsse sie im nächsten Augenblick auf den Tisch 
schlagen. Doch Illsund besann sich noch rechtzeitig und 
Heß es bleiben, den wilden Mann zu spielen. Das fehlte 

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gerade noch, dem scheinheiligen Bengel seine Empörung 
zu zeigen. So klang es denn auch einigermaßen freundlich, 

als er sagte: 
»Nun, so ahnungslos wird die Kleine ja nicht sein. Ich 
werde sie sofort verständigen.« 
Er ging und Eberhard konnte an sich selber feststellen, daß 
Schadenfreude nun einmal die reinste Freude ist. 
Sein Erscheinen war von den anderen im Hause nicht 
unbemerkt geblieben. Warum er gekommen war, ließ sich 
anhand seines feierlichen Anzugs leicht erklären. Iris wurde 
von einem Gefühl beherrscht, das schon an Größenwahn 
grenzte. Er kam zwar noch ein wenig früh, der gute Junge, 
aber wer weiß, wozu das gut war. Mit Harro schien die 
Sache sich doch länger hinzuziehen. Na, abwarten. Eine 

Verlobung konnte man ja immer noch aufheben. 
»Siehst du, jetzt wirst du eine Tochter los«, meinte sie 
gönnerhaft zu der unscheinbaren Mutter, mit der sie 
zusammensaß. »Nun müßt ihr nur noch zusehen, daß auch 
Heidi einen Mann bekommt.« 
Der Hieb galt der Schwester, die sich im Zimmer befand 
und nun den Kopf tief über ihre Stickarbeit senkte. Die 
zitternde Hand konnte die Nadel kaum halten, die 
tränenumflorten Augen das Muster nicht erkennen. Sie 
hätte laut aufschreien mögen, so weh tat ihr das Herz. Nun 
also war der Augenblick da, vor dem sie sich unsagbar 
gefürchtet hatte. Wenn Iris doch mit ihrem prahlerischen 

Gerede aufhören wollte, bei dem jeder Satz begann: »Wenn 
ich erst Gräfin Halldungen bin…« 
Als Iris dann endlich verschwand, um sich »schön« zu 
machen, wie sie mit einem niederträchtigen Seitenblick auf 
die Schwester betonte, schwelgte die Mutter weiter in 
Zukunftsplänen. Endlich würde nun auch für sie ein 
besseres Leben kommen, und das hatte sie dann ihrer Iris 
zu verdanken. Man sagt zwar, daß Mutteraugen scharf 
sehen, aber Frau Illsund bildete wohl eine Ausnahme. 
Denn sie sah nicht die Not ihres Kindes, das unweit von ihr 
saß. Allerdings war die schüchterne Frau so sehr die Sklavin 

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ihres Mannes, daß sie nur mit seinen Augen sah, mit 
seinem Herzen fühlte. 

Sie hatte niemals ihre eigene Meinung und durfte sie auch 
nicht haben unter der Fuchtel des herrischen Gatten. 
Dann trat Iris wieder ein – aufgeputzt, als ginge es zum 
Ball. Heidi merkte wohl, daß sie sie ausstechen wollte, aber 
das war ihr gleichgültig. Sie kleidete sich nach Rotrauts 
Vorbild, und dabei hatte sie noch keinen Fehlgriff gemacht. 
Denn die junge Regglinsgrunder Gräfin war ja für ihre 
vornehme Eleganz allgemein bekannt. 
»Wo der Vater nur blieb?« Iris wurde ungeduldig. »Soviel 
gibt es doch gar nicht zu besprechen. Die glänzenden 
Verhältnisse in Hermeshöh sind uns ja bekannt. Und wenn 
ich erst Gräfin Halldungen bin…« 

Endlich erschien der Vater. Iris lief ihm entgegen, doch er 
schob sie zur Seite. 
»Du nicht, mein Kind.« Er lachte grimmig auf. »Mit dir hat 
dieser niederträchtige Bursche nur geflirtet – aber zur Frau 
begehrt er deine Schwester Adelheid.« 
Erst schnappte Iris einige Male nach Luft, dann lachte sie 
überlaut. 
»Das Gänschen? Da kennst du den Grafen Halldungen 
schlecht! Du hast dich bestimmt verhört, Papa.« 
Ehe er sie zurückhalten konnte, war sie schon 
hinausgelaufen. Gleich darauf stand sie vor Eberhard, in 
dessen Augen es spöttisch aufblitzte. In diesem Moment 

glich er mehr denn je seinem Vetter Harro. 
»Wie nett Komteß, daß Sie mir Gesellschaft leisten wollen, 
bis unser Heideröslein erscheint«, sagte er harmlos. Der 
Hieb saß – und er freute sich darüber. Das war eine kleine 
Rache für die Unbill, die seinem geliebten Mädchen durch 
diese boshafte Schwester widerfahren war. 
Krach! Die Tür flog hinter Iris zu. Wie eine Furie stürmte 
sie ins Zimmer, wo Eltern und Schwester ihrer harrten. 
»Geh!« schrie sie wütend. »Er will tatsächlich dich, du 
intrigante Person!« 
Wie schuldbeladen schlich Adelheid davon, als ginge sie 

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einen unrechten Weg. Als sie vor dem Grafen stand, wagte 
sie ihn nicht anzusehen. Sie wußte nicht, wie entzückend 

sie in ihrer Zaghaftigkeit wirkte. Dem Mann wurde das 
Herz weit. 
»Heidi, mein Heideröslein«, sprach er verhalten. »Ich 
möchte eines nur wissen: Hast du mich lieb?« 
Keine Antwort, nur ein schluchzender Laut – und schon 
fühlte er ihre zitternden Hände an seinem Nacken. Fest 
umschloß er den bebenden Körper, wobei ein Glücksgefühl 
ohnegleichen ihn durchflutete. Zaghaft hob sich das 
Gesichtchen, die Augen sahen flehend zu ihm auf. 
»Nimm mich mit, Eberhard, bitte! Ich fürchte mich hier – 
so allein.« 
»Die müssen es ja arg genug getrieben haben.« Ihm stieg 

die Zornesröte ins Gesicht. »Geh, mein armes Liebstes, hol 
deinen Mantel. Ich warte hier auf dich.« 
Heidi eilte zu den Eltern zurück, um ihnen Bescheid zu 
geben. Doch kaum daß sie das Zimmer betrat, schrie der 
Vater sie an: 
»Schämst du dich denn gar nicht, Adelheid! Steh nur noch 
da, als ob du kein Wässerchen trüben könntest!« 
»Was habe ich denn getan, Papa?« 
»Das fragst du noch, du scheinheiliges Ding! Eben hat Iris 
mir erzählt, daß du sie bei Halldungen verleumdet und 
dich selbst ihm an den Hals geworfen hast!« 
»Laß das jetzt Papa«, fuhr Iris dazwischen. »Es hat ja doch 

keinen Zweck mehr.« 
»Nein, es hat wirklich keinen Zweck, daß Sie so erbärmlich 
weiterlügen!« ließ eine zornige Männerstimme sich 
vernehmen. Alle zuckten zusammen. Auf der Schwelle 
stand Eberhard, die Augen wetterleuchteten in dem 
zorngeröteten Gesicht. »Meine Braut ist viel zu anständig, 
um sich einem Mann an den Hals zu werfen. Wer eine 
solche Niedertracht wie Sie auf dem Gewissen hat, der 
sollte sich hüten, unschuldige Menschen zu beleidigen.« 
»Herr, ich verbitte mir…!« tobte Illsund los, doch 
Halldungen schnitt ihm herrisch das Wort ab. 

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»Sehen Sie sich Ihren Liebling nur an. Wenn er noch alle 
Sinne beisammen hat, dann sollte es mich wundern.« 

Tatsächlich machte Iris jetzt den Eindruck einer Irren. Die 
Augen flackerten. Das Gesicht verzerrte sich. Aber was sie 
nun sprach, klang durchaus nicht wirr, sondern haßerfüllt. 
»Warum sollen meine Eltern nicht wissen, daß ich ein 
wenig Vorsehung spielte, als euer schönes Rautendelein in 
den Waldsee stürzte?« 
»Iris!!!« 
Die Mutter war einer Ohnmacht nahe, und der Vater wurde 
leichenblaß. 
»Mädchen, du bist ja nicht bei Sinnen. Laß dir doch nichts 
einreden von dem Menschen da…« 
»Halt!« fuhr Eberhard drohend auf. »Hüten Sie Ihre Zunge, 

Herr Graf. Ich hätte nicht über das gesprochen, was außer 
mir nur noch Heidi, meine Mutter und die drei Regglins 
wissen. Aber die Art, wie Sie meine Braut vorhin 
behandelten, forderte mich heraus. Denn die Affenliebe, 
die Sie für die eine, und die Schmähungen, die Sie für die 
andere Tochter haben, schreit ja wirklich schon zum 
Himmel! Adelheid steht jetzt unter meinem Schutz! Und 
wehe, wenn die böse Zunge ihrer Schwester sie noch 
einmal kränkt! So, das wäre nun klargestellt«, sprach er 
ruhig weiter. »Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie heute 
nachmittag in Hermeshöh erscheinen wollen, wo eine 
kleine Verlobungsfeier stattfinden wird. Meine Braut 

nehme ich gleich mit, weil sie hier sonst schutzlos Ihrer 
Willkür ausgesetzt wäre.« 
Ohne weiter auf das verstörte Ehepaar zu achten, zog er 
Heidi mit sich fort. Als sie im Auto saßen, schmiegte sie 
sich an ihn und weinte bitterlich. 
»Aber, mein Röslein, Tränen am Verlobungstag?« fragte er 
mit zärtlichem Vorwurf. »Sei mir nicht böse, daß ich mit 
deinem Vater so hart verfuhr. Aber als ich brüllen hörte, da 
hielt ich es für ratsam, dir zur Hilfe zu eilen. Es schadet 
ihm gar nichts, wenn er über seinen Herzensliebling 
einmal aufgeklärt wird. Diese Affenliebe muß endlich ein 

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Ende nehmen.« 
Rotraut legte den Telefonhörer auf die Gabel und trat 

lächelnd zu dem Gatten und seiner Mutter, die im 
Wohnzimmer saßen. 
»Eberhard hat sich verlobt.« 
Diese Neuigkeit rief nicht die Freude hervor, wie es bei 
Verlobungen üblich zu sein pflegt. Harro murmelte etwas, 
das ganz danach klang wie: »Die Dummen werden nicht 
alle.« Und Gräfin Liane meinte bekümmert: 
»Armer Junge, ich hätte ihm eine andere Frau gewünscht.« 
»Warum denn?« tat Rotraut harmlos. »Heidi ist doch wohl 
ein liebenswertes Menschenkind.« 
Nun horchten Mutter und Sohn auf. 
»Heidi?« fragte Harro, als habe er sich verhört. 

»Ganz recht – Heidi.« 
»Das ändert allerdings die Sache erheblich. Du strahlst ja 
über das ganze Gesicht, Muttchen.« 
»Dazu habe ich auch allen Grund. Kinder, was bin ich 
froh! Da hat der Schlingel uns ja gut an der Nase 
herumgeführt. Wann wird die Verlobung gefeiert?« 
»Heute, man erwartet uns dazu in einer Stunde.« 
Das war in Hermeshöh ein frohes Begrüßen! Heidi, die vor 
Glück nur so strahlte, sagte lachend: 
»Eberhard hat mir erzählt, wie energisch du ihn auf die 
Freite geschickt hast, Raute. Laß dir danken, du Gute.« 
Stürmisch wurde sie umarmt und dann leise gefragt: 

»Bist du mir jetzt wieder ganz gut, Rautendelein?« 
»Heidi, ich bitte dich, das war ich doch immer. Du bist mir 
die liebste Freundin, genügt dir das?« 
»Jetzt ja.« 
Später erschienen die Eltern und die Schwester der Braut. 
Die Mutter war scheu und bedrückt, der Vater irgendwie 
verbittert. Nur Iris tat sich hervor wie gewöhnlich. Doch 
niemand beachtete sie. Aber den Brauteltern machte man 
es leicht, sich in dem fröhlichen Kreis zurechtzufinden. 
Heidi war recht lieb zu ihnen, und Eberhard tat, als wäre 
die Auseinandersetzung am Vormittag nicht gewesen. 

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Nach dem Kaffee gruppierte man sich zwanglos. 
Rotraut saß mit dem Brautpaar vergnügt plaudernd in einer 

Sesselecke. Als Harro einmal vorüberging, hielt Eberhard 
ihn am Rock fest. 
»Komm, teurer Vetter, leiste uns Gesellschaft.« 
»Habe kein Verlangen danach. So ein verliebtes Brautpaar 
wirkt auf vernünftige Leute immer ein wenig lächerlich.« 
»Na warte!« Eberhard drohte ihm entrüstet. »Das reibe ich 
dir schon noch einmal unter die Nase. Nun komm, sei kein 
Spielverderber, du unverbesserlicher Spötter.« 
Also nahm Harro Platz. Schweigend hörte er auf das frohe 
Geplauder. Sein Sessel stand dem Rotrauts so nahe, daß ihr 
Haar sein Gesicht streifte, wenn sie sich zurückbog. Und 
wenn sie den Kopf wandte, sah sie ihm gerade in die Augen 

hinein, in denen ein Ausdruck lag, den sie nicht zu deuten 
wußte. Jedenfalls beunruhigte er sie, und daher war sie 
froh, als Heidi sie um ein Lied bat. 
»Gern, Heidi. Doch was soll ich singen? Etwa das vom Kuß 
der Rose? Aber jetzt brauchst du ja nicht mehr lieblose zu 
sterben.« 
»Na, du hast bei deinem Eheliebsten das Spotten ja schon 
ganz nett gelernt«, lachte Eberhard. »Ärgere mir meine 
Braut nicht, dann kann ich nämlich zum brüllenden 
Löwen werden. Wie ist es, darf auch ich mir ein Lied 
wünschen?« 
»Dir als Bräutigam steht das gleiche Recht zu.« 

»Dann dieses hier.« 
Er sang einige Takte des gewünschten Liedes so falsch, daß 
Rotraut sich vor Lachen ausschütten wollte. 
»O Eberhard, du singst so schön«, trällerte sie übermütig. 
»Wer singt, darf in den Himmel seh’n. Du wirst mit deinem 
Singen zum Paradies dringen.« 
»So ein Balg!« Er schüttelte bekümmert den Kopf. »Nun 
geh schon.« 
Als sie am Flügel Platz nahm, fiel Iris plötzlich in 
Ohnmacht. Das gab nun das übliche Erschrockensein – 
hauptsächlich bei den Eltern, die mit der Tochter nach 

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Hause fuhren, sobald sie sich erholt hatte. Und das geschah 
sonderbarerweise erstaunlich schnell. Kaum daß sie fort 

waren, legte der empörte Eberhard los: 
»Sogar die Verlobung muß einem diese angetuschte Katze 
stören!« 
»Eberhard, benimm dich!« 
»Ist doch wahr, Muttchen«, brummte er. »Weil es ihr nicht 
gelang, die Hauptperson zu sein, mußte sie wenigstens eine 
Ohnmacht fingieren. Oder glaubt ihr etwa daran?« 
Nein, das taten sie alle nicht. Es war bei Iris mehr eine 
ohnmächtige Wut gewesen, daß man Rotraut und nicht sie 
aufgefordert hatte zu singen. Um das zu verhindern und 
außerdem noch aus dem Kreis zu kommen, in dem es ihr 
nicht behagte, inszenierte sie eine Ohnmacht. 

»Übrigens habe ich euch noch nicht die Begebenheit des 
Vormittags erzählt«, sprach Eberhard weiter. »Du gestattest 
doch, Heidi?« 
»Bitte sehr. Vor den Regglins brauchen wir bestimmt keine 
Geheimnisse zuhaben.« 
Nachdem er geendet hatte, fragte Rotraut unangenehm 
berührt: 
»Ja, woher wißt ihr denn das vom Waldsee?« 
»Aus deinen Fieberphantasien«, entgegnete Tante Herma 
trocken. »Und nun genug der unangenehmen Gespräche, 
die bei einer Verlobungsfeier gewiß nicht am Platze sind. 
Raute wird jetzt singen, und wir werden dabei bestimmt 

nicht in Ohnmacht fallen.« 
»Na, wer weiß«, lachte diese. »Wenn es mit meinem Gesang 
nicht mehr zum Aushalten ist…« 
Als sie zum Flügel schritt, trat erwartungsvolle Stille ein, die 
Eberhard noch einmal unterbrach. 
»Ich werde dir die Noten geben, Rotraut.« 
»Danke, es geht ohne.« 
Nach dem Vorspiel setzte dann die Stimme ein. 
Glockenklar und ungemein süß schmeichelte sie sich in die 
Herzen der Zuhörer. 
»Wach’ auf, du goldnes Morgenrot, und grüße meine Braut, 

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daß sie des Himmels Seligkeit in Rosenwölkchen schaut. 
Ihr Frühlingsrosen, geht zu ihr, ihr Engelsköpfchen, fliegt, 

daß ihr die Welt, wenn sie erwacht, in Rosenschimmer 
liegt. 
Auch du, mein Herz, flieg hin zu ihr, sag’ ihr in diesem 
Lied, wie all mein Glück an diesem Tag in Rosen 
aufgeblüht.« 
Hauchhaft zart verklang der Ton. Man hatte das innige Lied 
schon öfters gehört, doch so herzwarm war es noch 
niemals vorgetragen worden. Gleich als Raute begann, war 
der besorgte Blick Lianes zu dem Sohn hingegangen. Wie 
schmerzlich mußte die zärtliche Weise sein wundes Herz 
berühren. 
Äußerlich war ihm nichts anzumerken, er konnte sich ja so 

beherrschen, der geliebte Junge. 
Ach, daß er doch an dem jungen Menschenkind etwas 
auszusetzen fände, vielleicht hätte das seine Liebe 
vermindert. Aber wie ein holdseliges Traumbild saß es da, 
schmeichelte sich mit der lieblichen Stimme immer tiefer 
in die Herzen der Menschen hinein. Armer Junge! 
»Na, wenn das nicht schön war«, sagte Herma in betonter 
Frische. »Eigentlich hättest du ja deiner Braut das 
Ständchen bringen müssen, mein Schlingel.« 
»Erbarm dich, Muttchen!« Er hob lachend die Hände. »Bei 
dem rauhen Gekrächze wäre mein Heideröslein wohl bang 
erzittert. Aber du kannst was, Rautendelein, das muß der 

Neid dir lassen. Warum hörte ich dich heute zum ersten 
Male singen?« 
»Weil du mich vorher noch nicht dazu aufgefordert hast.« 
Sie lächelte ihn so lieblich an, daß er warnend die Finger 
hob. 
»Du, laß dein Nixenlächeln, ich bin verlobt! Du könntest 
die Dornen meines Rösleins zu spüren bekommen.« 
Man lachte herzlich über seine komische Entrüstung, und 
damit war die rührselige Stimmung überbrückt. Und daß 
eine solche an diesem Tag nicht mehr aufkommen konnte, 
dafür sorgten schon die Gastgeber mit ihrem köstlichen 

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Humor. 
Sechs Wochen später fand in Hermeshöh die Hochzeit 

statt, die glänzend gefeiert wurde. Man wunderte sich 
zuerst, daß Iris nicht erschienen war; als man jedoch hörte, 
daß die Komteß einen Nervenzusammenbruch gehabt 
hätte und nun zur Erholung in einem Bad weilte, da 
lächelte man verständnisvoll. 
»Hm«, meinte ein Gast zu einem anderen, »bei dem, was 
die Dame auf dem Kerbholz hat, dürften ihr schon die 
Nerven brechen. Die Begebenheit am Waldsee kommt so 
manchem nicht geheuer vor. Und dann später, nachdem 
der Regglin ihr durch die Lappen gegangen, die Jagd nach 
dem Halldungen, der es wagte, das Aschenputtelchen der 
intriganten Prinzeß vorzuziehen – das kann einem schon 

die Galle ins Blut ärgern. Der Halldungen kann lachen. 
Schauen Sie sich mal die holdselige Braut an, die muß 
einem Mann ja das Herz heiß machen. Die Eltern waren 
rein wie mit Blindheit geschlagen, daß sie die kleine 
Kanaille dem liebwerten Menschenkind vorzogen.« 
Es war Vater Illsunds persönliches Pech, daß er das Urteil 
über seinen bisher so vergötterten Liebling mit anhören 
mußte. Vielleicht ließ ihn das ein wenig in sich gehen. 
Die Feier verlief in beschwingter Fröhlichkeit, was 
angesichts des glückstrahlenden Brautpaares auch nicht 
anders möglich war. Viele gute Wünsche gingen mit ihm, 
als es sich auf die Hochzeitsreise begab. 

Drei Tage danach wurde Rotraut zweiundzwanzig Jahre alt. 
Ein Maientag zog herauf, wie er köstlicher nicht zu denken 
war. Früher als sonst fanden sich in Regglinsgrund Mutter 
und Sohn am Frühstückstisch zusammen. Sie wollten die 
Postsachen erst durchsehen, bevor das Geburtstagskind 
erschien. Unter Rotrauts Post befanden sich auch drei mit 
ausländischen Marken. Und solche Marke trug auch der 
Brief, den Harro soeben öffnete. Während er ihn las, 
wechselten auf seinem Gesicht Überraschung und 
Betroffenheit, so daß die Mutter unruhig wurde. Nachdem 
er den Brief gelesen hatte, reichte er ihn ihr schweigend. 

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Und sie vertiefte sich darein. 
 
Harro, lieber Junge! Laß Dich ein einziges Mal so von mir 
nennen. Was dem Lebenden nicht gestattet war, sei dem Toten 
verziehen. Denn dieser Brief wird erst in Deine Hände 
gelangen, wenn ich nicht mehr auf der Erde weile.
 
Daß Du keine gute Meinung von mir hast, darüber bin ich mir 
klar. Man achtet einen Mann nicht, der sein Kind verkauft um 
des Titels willen. Denn daß dieses das Motiv meines Willens ist, 
meine Tochter mit Dir zu vereinen, mußt Du fest annehmen.
 
Allein, es ist ein anderer Grund, der mich so handeln läßt. Daß 
ich Deine Mutter liebte, wirst Du ja bereits erfahren haben. 
Und warum ich die Spielschuld Deines Vaters strich, wirst Du 
Dir jetzt denken können. Sein Ehrenwort mußte ich annehmen, 
wenn ich ihm die Achtung vor sich selbst nicht ganz nehmen 
wollte. Daß ich nicht davon Gebrauch machen würde, war 
damals mein fester Entschluß.
 
Aber dann wurde meine Tochter geboren, die ich von ihrem 
ersten Schrei an über alles liebte. Je älter sie wurde, um so 
heißer stieg das Verlangen in mir auf, daß sie einmal dem Sohn 
der schmerzlich geliebten Frau angehören sollte. Ein 
leichtsinniges Spiel mit dem Schicksal, ich gebe es zu, aber 
vielleicht ist es barmherzig und läßt es zum Segen werden – für 
Dich und für mein Kind.
 
Du bist mir kein Fremder, mein Junge. Ich habe Deinen 
Werdegang verfolgt und Dich auch öfter heimlich gesehen. Wo, 
das spielt hier keine Rolle. Ich kenne Deinen ehrenwerten 
Charakter und weiß, daß meine herzliebste kleine Raute bei Dir 
gut aufgehoben sein wird.
 
Und nun zu ihr. Sie wird es nicht begreifen, daß ihr Paps dazu 
fähig sein konnte, ein so ungeheuerliches Ansinnen an sie zu 
stellen. Sie wird sich gedemütigt, in ihrem Stolz verletzt fühlen – 
und sie wird sich Dir gegenüber hinter diesem Stolz 
verschanzen, meine süße, törichte Kleine. Das Jahr, das ich für 
Eure Ehe zur Bedingung stelle und das Ihr nach Erhalt der
 
Briefe – Raute wird zu gleicher Zeit einer zugestellt – bald 
hinter Euch habt, wird gewiß kein leichtes für Euch gewesen 

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sein. Ihr werdet Stolz gegen Stolz setzen, der entweder siegen 
oder 
– brechen wird. Ist ersteres bei Raute der Fall, dann halte 
sie nicht, mein geliebter Junge. Das gäbe für Euch beide kein 
Glück. Liebt sie Dich jedoch und liebst Du sie, was ich aus 
tiefstem Herzensgrund hoffe und wünsche – dann alles Glück 
der Erde Euch, geliebte Kinder.
 
Albrecht Bracht 
.
 

»Harro, wie sehr haben wir dem Mann unrecht getan«, 
sagte Liane verstört, als sie den Brief sinken ließ. »Jetzt 
kann ich Rotraut erst so richtig verstehen.« 
In diesem Moment trat die junge Gräfin ein. Schön wie der 
Maientag, der draußen lachte. Als sie sich zum Morgengruß 
über Lianes Hand neigte, küßte die Mutter sie auf die 
blütenzarte Wange. 
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein liebes 
Kind«, sagte sie bewegt. »Möge Gott Glück geben, dir und 
auch uns.« 
»Du weißt?« fragte Raute überrascht. Ganz unbewußt hatte 
sich das Du über ihre Lippen gedrängt, was Liane beglückt 

empfand. Dann trat Harro hinzu. 
»Nimm auch meinen herzlichen Glückwunsch entgegen.« 
Er beugte sich über ihre Hand. Seine Worte klangen kühl 
und legten sich wie Rauhreif auf ihre Freude. Doch 
gewohnt, sich zu beherrschen, blieb sie äußerlich froh und 
nahm die Geschenke entgegen wie ein glückliches Kind. 
Nach dem Frühstück griff sie zu den Briefen, die neben 
ihrem Teller lagen, und sah sie durch. Bei dem einen 
erblaßte sie, legte ihn rasch zu den anderen und begann ein 
nichtssagendes Gespräch. Sie empfand es als eine Wohltat 
ohnegleichen, als der Diener erschien und meldete, daß sie 
von der Gräfin Halldungen am Fernsprecher gewünscht 

würde. Hastig raffte sie die Briefe zusammen und eilte 
davon. 
»Sie hat kein Vertrauen zu uns«, sagte Liane leise, »und das 
ist das allerschlimmste, mein Junge.« 
Die nächsten Wochen wurden für Rotraut zur Leidenszeit. 

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Tagsüber war sie gezwungen, sich zu beherrschen – doch in 
der Nacht kamen die peinigenden Gedanken, denen sie 

schutzlos ausgeliefert war. Sie verlor darüber ihr blühendes 
Aussehen, wurde müde und blaß. 
Es lag überhaupt eine unbeschreibliche Atmosphäre über 
dem Regglinsgrunder Schloß. So erdrückend traurig wie die 
Vorwehen eines kommenden Leides, eines qualvollen 
Trennungswehs. 
Und dann war der Tag da, vor dem Rotraut sich unsagbar 
gefürchtet hatte. Draußen regnete es, und der Wind fuhr 
durch die Bäume. 
Erschauernd ging es Rotraut durch den Sinn: Zum 
Abschiednehmen just das rechte Wetter, grau wie der 
Himmel liegt vor mir die Welt. – Dazu sang noch im 

Rundfunk eine Männerstimme ein Lied, das ans Herz griff: 
Nicht jeder Mund spricht die Wahrheit, nicht jedes Wort 
bringt uns Klarheit, jeder Traum geht zu Ende, auch diese 
Liebeslegende… 
Wie ein Seufzer verklang der letzte Ton. Rotraut hätte 
aufschreien mögen vor Herzensnot. War das Lied nicht wie 
für sie gedungen? Liebeslegende würde er bleiben, der 
Traum – der jetzt endete. 
Wie gut, daß Harro den Apparat ausschaltete. Aber die 
bedrückende Stille, die jetzt im Raum herrschte, war kaum 
weniger zu ertragen. Ihr Blick ging zu ihrem Mann und 
seiner Mutter hin. Beide lasen in einem Buch. Daß sie das 

jetzt konnten! Nun ja, warum nicht? In ihrem Herzen war 
ja auch nicht so ein entsetzlicher Aufruhr. 
Aber etwas mußte doch geschehen, der Tag begann sich 
bald zu neigen. »Harro«, würgte sie endlich hervor. Er ließ 
das Buch sinken und sah sie fragend an. 
»Du wünschest, Rotraut?« 
»Vor einem Jahr war unser Hochzeitstag.« 
»Ich weiß es.« 
Warum kam er ihr denn nicht zur Hilfe, warum ließ er sie 
allein sprechen! Es ging ihn doch alles ebensoviel an wie 
sie. Hatte sie sich noch nicht genug gedemütigt? Was 

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erwartete er nun noch von ihr? Wahrscheinlich das, daß sie 
gehen sollte. – Er hatte jetzt ja seine Pflicht getan. 

»Ich möchte noch heute Regglinsgrund verlassen.« 
Hatte sie diese Worte wirklich ausgesprochen? Ihr kam die 
eigene Stimme vor, als hätte sie keinen Teil daran, als 
gehöre sie einer Fremden. 
Nun legte er endlich das Buch aus der Hand. 
Vielleicht – ach, vielleicht! 
»Du mußt wissen, was du tust, Rotraut. Ich habe dich wohl 
zweimal zurückgehalten, als du von mir gehen wolltest, 
doch damals hatte ich ein Recht dazu, weil der Wille deines 
Vaters noch nicht erfüllt war. Jetzt kommt mir das Recht 
nicht mehr zu. Wenn dich nichts an Regglinsgrund bindet, 
kann und will ich dich nicht halten.« 

War es möglich, daß einem Menschen so grenzenlos 
zumute sein konnte! Sie hatte in der letzten Zeit geglaubt, 
alles an Schmerz empfunden zu haben, was ein 
Menschenherz zu tragen imstande ist. Doch das, was jetzt 
darin bohrte und brannte, war neu – grausam neu. 
Nur jetzt noch einige Minuten durchhalten – dann war 
wohl das Schlimmste vorüber! 
Aber es gab doch noch ein Allerschlimmstes für sie! Es kam 
mit dem Abschied. Da stand sie nun vor dem Mann, in 
dessen Heim sie ein Jahr lang als Eindringling gelebt hatte. 
Blaß war sein Gesicht, blaß und hart, blutrot die Narbe 
darin. 

Sprechen, nein, das konnte Rotraut jetzt nicht. Sie 
vermochte nur ihm die Hand zu reichen, die er höflich an 
die Lippen zog. 
Nun noch von Gräfin Liane Abschied genommen – ganz 
flüchtig, ganz schnell! Dann war wirklich alles vorüber. 
Nur der heiße, qualvolle Schmerz im Herzen, der blieb. 
Als wäre alle Sonne daraus gewichen, so düster erschien 
fortan das Regglinsgrunde Schloß. Aus allen Ecken schien 
es zu klagen – um einen Traum, der zu Ende ging, um eine 
Liebeslegende. 
Harro war schroff und unzugänglich in diesen Tagen, und 

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die Mutter weinte heimlich bittere Tränen um ihren 
Jungen, der sich so verändert hatte. Um sich zu betäuben, 

arbeitete er mehr denn je. Kam kaum tagsüber aus dem 
Sattel und saß dann am Schreibtisch bis tief in die Nacht. 
Eben betrat er das Zimmer und reichte der Mutter einen 
Brief. 
»Da lies – und dann sage noch, daß sie keine Circe ist.« 
Hastig überflog Liane, was Rotraut schrieb. Sie bat Harro, 
die Scheidung einzureichen, gab ihm jede Vollmacht. 
Unter das Schreiben hatte sie ihren Mädchennamen 
gesetzt. 
»Junge, vielleicht versuchst du noch mal, mit ihr zu 
sprechen«, begann sie zaghaft, doch er winkte kurz ab. 
»Damit sie mit mir wieder spielen kann, wie?« 

Er trat ans Fenster, drückte die Stirn gegen die Scheibe und 
verharrte regungslos. Der Mutter zog sich vor Mitleid das 
Herz zusammen. 
Armer Junge, daß ihn die Liebe auch so heftig packen 
mußte! Wenn sie ihm nur helfen könnte? Aber wie? Sollte 
sie an Rotraut schreiben und ihr alles klarlegen? Vielleicht 
kehrte sie zurück, ließ sich vielleicht aus Mitleid dazu 
bewegen. Und was dann? Dann würde alles ja noch viel 
schlimmer sein. Liebe verlangte Harro, um wahrhaft 
glücklich sein zu können. Kein Almosen vom Mitleid 
zugeworfen. 
Rotraut – und immer wieder Rotraut! Um sie drehten sich 

die Gedanken von Mutter und Sohn. 
Und Rotraut selbst? 
Die quälte sich genauso mit ihrem Herzweh. Mit 
fieberhafter Ungeduld erwartete sie Harros Antwort auf 
ihren Brief mit der Scheidungsvollmacht. Als er dann 
endlich eintraf, starrte sie wie entgeistert auf die Anschrift. 
Fräulein Rotraut Bracht – stand da in fester Schrift. 
Ja, was wollte sie denn eigentlich? Hatte sie nicht ihren 
Mädchennamen unter den Brief gesetzt? Lebte sie nicht 
unter diesem Namen in dem Hotel? Warum weinte sie 
denn, als müßte ihr das Herz in Stücke brechen? 

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Vielleicht – weinte das Herz mit – vielleicht hättest du doch 
in Regglinsgrund bleiben sollen! Ihn bitten… 

Doch da bäumte sich der Stolz auf. Ich mag keine 
Almosen, ich will Liebe gegen Liebe. 
Stolz und Herz standen sich gegenüber in harter Fehde. 
Und Rotraut wußte zuletzt nicht mehr aus noch ein. Bis ein 
Brief dem allen ein Ende machte. Ein Brief von so 
schicksalsschwerer Bedeutung. Rotraut öffnete ihn mit 
zitternden Händen, las: 
 
Raute, gestern sind wir von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. 
Ich bin erschüttert über die Zustände in Regglinsgrund. Komm 
zurück, Raute. Harro liebt Dich über alles und leidet 
wahnsinnig um seine Liebe. Und Du liebst ihn auch, nur Dein 
Stolz will das nicht zugeben. Wenn Du nicht kommst, dann hole 
ich Dich.
 
Heidi. 
 
Holen, o nein, holen ließ Rotraut sich nicht. 
Zwei Stunden später saß sie im Auto und raste so schnell 

Regglinsgrund zu, daß die neben ihr sitzende Dora ein 
Vaterunser nach dem andern betete. 
Weitere zwei Stunden später lief Rotraut durch das Portal, 
durch die Halle, an dem erschrockenen Diener vorbei, und 
landete vor den Füßen der Gräfin Liane, die in ihrem 
Zimmer ein Dämmerstündchen hielt. 
»Mutti, ich konnte es ja nicht mehr vor Sehnsucht 
aushalten. Muttilein, da bin ich! – Oh, so ist es schön.« 
Zufrieden kuschelte sie ihren Kopf in den Schoß der Frau, 
der die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Fest 
umschloß sie den schlanken Körper mit beiden Armen und 
fragte dann behutsam: 

»Liebst du ihn, mein Kind?« 
»4a, Mutti – ja! Wäre ich sonst gekommen?« 
»Raute, unser Rautendelein, daß wir dich endlich wieder 
bei uns haben. Kein Leben war das ohne dich, du böses, 
stolzes Kind. Der Junge hat ja so sehr um seine Liebe 

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gelitten – klaglos, weil er es anders für einen Mann 
unwürdig findet. Du wirst ihm deine Liebe schon zeigen 

müssen, sonst glaubt er sie dir nicht.« 
Ein fester Schritt ließ sie verstummen. 
»Bist du hier, kleine Mama?« fragte Harro in die Dunkelheit 
hinein. 
»Ja, mein Junge.« 
Licht flammte auf – und dann verharrte er wie erstarrt. 
Vor ihm stand Rotraut, sah ihn flehend an. Da stieg 
siedender Zorn in ihm auf. Alles, was er um diese Frau 
erduldet hatte, machte sich in herrischen Worten Luft: 
»Was suchst du hier? Willst du weiter mit mir spielen, du 
gefährliche Circe?« 
Weiter kam er nicht, weil zwei Arme ihn umfaßten, eine 

weiche Wange sich an die seine schmiegte. Ein Mund 
sprach dicht an seinem Ohr: »Dich suche ich hier – dich 
und deine Liebe.« 
»Raute, wenn du jetzt noch ein niederträchtiges Spiel mit 
mir treibst…« 
»Mutti, so hilf mir doch! Er will mir doch nicht glauben!« 
»Dann sag’s ihm doch.« 
»Ich habe Angst.« 
»So ist’s richtig«, lachte die Mutter nun herzlich. »Nimm sie 
schon in den Arm, Junge, du bist doch sonst nicht so 
zaghaft.« 
Mißtrauisch sah er in Rautes Augen, die ihn anstrahlten wie 

zwei Sonnen. Wie ein Hauch drang es an sein Ohr, dieses 
beseligende: »Ich habe dich lieb.« 
Und schon waren die Lippen von den seinen versiegelt. 
Leise schlich sich die Mutter hinaus; und als sie wiederkam, 
da wurde ihr das Herz ganz weit vor glückseliger Freude. 
Raute schmiegte sich an sie, sah mit dem ihr eigenen 
Lächeln zu ihr auf. 
»Nun, mich brauchst du ja nicht zu betören«, lachte Liane. 
»Hast es ja schon zur Genüge getan. Daß ich außer meinem 
Jungen jemals einen Menschen so liebhaben könnte wie 
dich, das hätte ich mir auch nicht träumen lassen.« 

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Als sie dann nach dem Abendessen im trauten Gespräch 
beisammensaßen, sagte Rotraut: 

»Übrigens habe ich in dem Bad, in dem ich mich bisher 
aufhielt, Iris Illsund mit ihrer Mutter getroffen. Die Komteß 
ließ sich viel mit einem Herrn sehen, der bestimmt doppelt 
so alt ist wie sie. Aber er soll sehr reich sein.« 
»Hauptsache für sie«, lächelte Harro ironisch. »Die 
Verlobung hat bereits stattgefunden. Ich glaube, die Eltern 
sind froh, die Tochter loszuwerden. Aber es ist zweifelhaft, 
ob Iris auf ihre Kosten kommen wird. Denn der Herr soll 
recht zugeknöpfte Taschen haben.« 
»O  weh,  arme  Iris«,  lachte  Rotraut.  »Nun,  vielleicht  sieht 
alles schlimmer aus als es ist. Was reichst du mir denn da, 
Harro?« 

»Einen Brief, der für dich bestimmt ist.« 
Nachdem sie das Schreiben ihres Vaters an Harro gelesen 
hatte, traten ihr die Tränen in die Augen. 
»Mein guter Paps! Trotz allem habe ich daran geglaubt, daß 
er mit der mir zudiktierten Ehe mein Bestes im Auge hatte. 
Das steht ja auch in dem Brief, den ich an meinem 
Geburtstag erhielt. Seine ganze Liebe zu mir spricht aus 
jeder Zeile. Auch wenn ich die Ehe auf Abbruch«, ein 
schelmischer Seitenblick traf Harro, »nicht eingegangen 
wäre, hätte ich mein Vermögen erhalten. Das mit der 
sogenannten Enterbung sollte nur eine Einschüchterung 
sein. Morgen könnt ihr den Brief lesen. Nicht wahr, nun 

denkt ihr nicht mehr schlecht von meinem Vater?« 
Die Mutter schüttelte stumm den Kopf, und Harro küßte 
die flehenden Augen seines jungen Weibes. 
»Ich wünschte, daß ich ihm sagen könnte, wie sehr ich ihn 
verehre. Zufrieden, mein Rautendelein?« 
»O ja, jetzt bin ich restlos glücklich. Ich danke dir auch, 
daß du die Angelegenheit mit meinem mütterlichen Erbteil 
so wunderbar geregelt hast, du liebster Mann. Da ist ja 
noch viel mehr herausgekommen, als ich erwartet habe. 
Der Bescheid erreichte mich vorgestern.« 
Der Fernsprecher schlug an, und Harro nahm das Gespräch 

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entgegen. 
»Nein, Heidi, heute können wir nicht kommen. Wir haben 

Besuch. Wie meinst du, lieben Besuch? Gar kein Ausdruck! 
Den allerliebsten der ganzen Welt. Er hat und das Glück 
und die Liebe ins Haus gebracht Jawohl, recht geraten – 
unser Rautendelein.« 
Er reichte ihr den Hörer hin. 
»Komm, mein Liebes, Heidi möchte dich begrüßen.« 
»Ja, Heidilein, ich bin da. Morgen besuche ich dich.« 
Dann lauschte sie angestrengt auf das, was die Stimme am 
anderen Ende so leise sagte, daß sie kaum zu verstehen 
war: 
»Nichts von meinem Brief erwähnen, Raute, hörst du? 
Harro soll des Glaubens sein, daß du freiwillig zu ihm 

zurückgekehrt bist. Dann erst ist sein Glück vollkommen.« 
Aufatmend legte Rotraut den Hörer auf die Gabel und 
schmiegte sich an den Gatten, der neckend fragte: 
»Was wurde dir da für ein Geheimnis zugeflüstert, meine 
liebste Frau?« 
»Das Geheimnis der Liebe«, entgegnete sie leise. »Denn 
Heidi liebt ihren Eberhard genauso wie ich meinen Harro.« 
Behutsam legte er seine Lippen auf die ihren, als ob er 
etwas Heiliges berührte. Dann flüsterte er ihr etwas ins 
Ohr, worauf sie lachend erwiderte: 
»Nun, deine Braut bin ich ja nun gerade nicht, aber das 
Lied sollst du hören.« 

Dann saß sie am Flügel, und jubelnd klang es durch das 
Gemach: 
»Wach auf, du goldnes Morgenrot, und grüße meine 
Braut…« 
Er stand neben ihr, hatte die Wange an die ihre gelegt und 
sog die süßen, zärtlichen Töne förmlich in sich ein. Der 
Mutter wurden die Augen feucht, so rührte sie das 
wundervolle Bild. Herz hatte sich zu Herz gefunden, was 
konnte es Schöneres im Leben geben? 
Es war spät, als man sich trennte. Oben, in Rotrauts 
Wohngemach, zog Harro seine Frau in die Arme. 

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»Hab Dank, daß du gekommen bist, du liebste Frau. 
Freiwillig zu mir gekommen. Deshalb liebe ich dich um so 

mehr.« 
»Liebe?« In ihren Augen blitzte es schelmisch auf. »Mir ist 
so, als wenn ein Graf Regglin einmal zu einem Fräulein 
Bracht gesagt hätte: ›So was von Kitsch wie die Liebe!‹« 
Aber schon war ihr Mund verschlossen. 
 

-ENDE-