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LENI BEHRENDT 

Die drei Wünsche 

 

 

 
 

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»Zwei Minuten nach zwölf«, sagte der Arzt, damit die 
Geburtszeit des kleinen Wesens feststellend, das er soeben 

mit mühevollem Eingriff ans Licht der Welt geholt. »Und 
dazu noch der dreizehnte November – na, ich weiß 
nicht…« 
»Sie sind doch nicht etwa abergläubisch, Herr Doktor?« 
fragte die assistierende Schwester verwundert, und er 
brummte: 
»Beim Anblick dieses armseligen Würmchens könnte man 
es beinahe werden. Und die Mutter gefällt mir noch 
weniger. Nun, versuchen wir zu retten, was sich durch 
unsere schwachen Menschenkräfte eben, retten läßt.« 
Das geschah denn auch. Zuerst einmal bei dem 
Neugeborenen, das bei den geradezu verbissenen 

Bemühungen von Arzt und Schwester endlich quäkende 
Laute von sich gab. Also steckte doch Leben in dem kleinen 
Körper, wenn auch nur ein kümmerliches. 
Auch die Mutter erwachte langsam aus der Narkose, blieb 
jedoch in einem Zustand zwischen Wachen und Traum, der 
ihr das Bild einer gütigen Fee vorgaukelte, die segnend ihre 
zarten Hände über das winzige Geschöpfchen breitete, das 
man in den Arm der Mutter gelegt hatte. Und was der 
Mund des Märchenwesens sprach, formten die Lippen der 
Erdgeborenen nach, deren Seele sich bereits anschickte, 
den müden Körper zu verlassen. Die beiden Menschen, die 
diesem ungereimten Gestammel lauschten, sahen sich 

bangen Blickes an. 
»Hörst du es, meine kleine Hariet?« flüsterten jetzt die 
blutleeren Lippen beschwörend. »Drei Wünsche gibt dir die 
gütige Fee für dein Leben frei. Immer am Dreizehnten – 
merke es dir genau – immer am Dreizehnten – wenn du 
flehend den Höchsten anrufst – in Angst und Not. Man hat 
dich da oben lieb, mein süßes Kind.« 
»Wahrscheinlich so lieb, daß man dich hinaufholen wird«, 
brummte der Arzt in das direkt unheimlich anmutende 
Geflüster hinein. »Genauso’ wie deine Mutter. Möchte bloß 
wissen, wo dieser Hermeran bleibt. Wie seine Tante sagte, 

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wollte er am Spätabend von seiner kurzen Reise zurück 
sein. Rufen Sie doch mal in seiner Wohnung an, 

Schwester.« 
»Im Hause Hermeran gibt es kein Telefon, Herr Doktor.« 
»Auch das noch. Dann schicker! Sie sofort einen Boten hin. 
Die Frau stirbt uns ja unter den Händen weg. Und für das 
Leben des Neugeborenen gebe ich gleichfalls keinen 
Heller.« 
Der Bote wurde ausgeschickt, brachte jedoch nur die Tante 
der jungen Mutter mit. Verstört, als wäre sie an allem 
schuld, berichtete sie, daß der Neffe immer noch nicht 
zurückgekehrt sei. Wahrscheinlich hätte er den letzten Zug 
versäumt. 
»Herr Doktor, glauben Sie mir doch, er ist ein guter 

Mensch«, flehte das dürre, ältliche Fräulein den Arzt 
förmlich an. »Er wäre um alles nicht auch nur für eine 
Stunde von der Seite seiner Frau gewichen, hätte er die 
verfrühte Geburt auch nur geahnt. Er hat sie doch so lieb, 
seine zarte, feine Felizitas – und freut sich doch so sehr auf 
das Kind.« 
Sie konnte nicht weitersprechen, weil ein hartes Schluchzen 
ihr fast das Herz abstieß. Und da legte sich der Groll des 
Arztes und machte einem erbarmenden Mitleid Platz. 
Das Kind war tatsächlich fünf Wochen zu früh geboren, 
womit man in der Familie natürlich nicht gerechnet hatte. 
Schon gar nicht, da die Frau noch munter war, als der Gatte 

die eintägige Reise antrat. 
Armer Mann! Dieser harte Schicksalsschlag würde ihn 
vernichtend treffen. Liebte er doch seine Feli so sehr, daß er 
ihr am liebsten die Hände unter die zarten Füßchen, 
gebreitet hätte. Zumal dann, als sie sich, die die Dreißig 
längst überschritt, Mutter fühlte. Wie ein Wickelkind war 
sie von Gatten und Tante gehätschelt worden. 
Nie hätte letztere damit gerechnet, daß ihr Brotherr, dessen 
kleinem Haushalt sie schon länger als ein Jahrzehnt 
vorstand, sich in die Nichte verlieben könnte, als diese die 
Tante einmal besuchte. Nur auf einige Stunden – und 

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daraus wurden dann Jahre. Zwei Jahre voll Liebe und 
Eintracht zwischen den drei Menschen in der kleinen. 

Wohnung einer Großstadt. 
Immer noch erfüllte das ältliche Fräulein mit Stolz, daß aus 
ihrem Brotherrn ihr Neffe geworden war. 
Er war aber auch wirklich gut von Herz und Gemüt, der 
Archäologe Dr. Oskar Hermeran. Ein stiller, schwächlicher 
Mann mit einem durchgeistigten Gelehrtengesicht und 
einer scharfen Brille vor den kurzsichtigen Augen. Er lebte 
in einer alten Welt, der nachzuspüren sein Sinnen und 
Trachten stand. Er bedauerte es schmerzlich, dieser Welt 
nicht an Ort und Stelle nachforschen zu können, wie es 
zum Beispiel seinem Bruder Edwin vergönnt war. 
Doch dafür fehlte Oskar das Geld, das dem andern durch 

eine reiche Heirat zufloß. Dazu noch dessen robuste 
Gesundheit und der Unternehmungsgeist. Das wurmte 
diesen fanatischen Gelehrten so sehr, daß er brüsk die 
Beziehungen zum Bruder abbrach, obwohl dieser ihm 
nichts getan hatte. Aber Neid macht nun einmal ungerecht. 
So blieb Oskar Hermeran denn am Schreibtisch, ging dort 
förmlich in der Archäologie auf. Was um ihn herum 
geschah, war dem weltfremden Gelehrten gleichgültig. Er 
aß und trank nur, um seinen knurrenden Magen zu 
beruhigen, egal, ob es nun Gesottenes und Gebratenes oder 
nur ein Stück trocken Brot war. 
Allein, daß sein ohnehin schwächlicher Körper dabei nicht 

verkam, dafür sorgte das bejahrte, ehrsame Fräulein Berta 
Okleid, die diesen »sonderbaren Heiligen«, wie sie ihn bei 
sich nannte, nun schon elf Jahre betreute. Energisch nahm 
sie sich seines kleinen Hausstandes an den ihre 
Vorgängerinnen verlottern ließen. Sie teilte auch das Geld, 
das ihrem Brotherrn schlecht und recht durch seine 
archäologischen Arbeiten zufloß und von dem sie nur 
einen Teil zum Wirtschaften bekam, mit praktischer 
Umsicht ein. Brachte stets ein schmackhaftes Essen auf den 
Tisch und ärgerte sich immer wieder, daß der von ihr so 
rührend Betreute es wie geistesabwesend zu sich nahm. 

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Bis dann die liebliche Felizitas in das stille Leben des 
bereits Fünfundvierzigjährigen trat. Da wurde er sich

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 mit 

Erstaunen bewußt, daß er wie jeder andere Mann Anspruch 
auf ein Familienleben hatte. Und da Felizitas Okleit 
sozusagen aus der Branche war, da sie schon jahrelang als 
Sekretärin bei einem Altertumsforscher gearbeitet hatte, so 
kam ein Paar zusammen, das gut zueinander paßte. Feli 
wurde des Gatten Famulus, seine Mitarbeiterin und seine 
geliebte Frau, unter deren Herzen nach zweijähriger Ehe 
ein kleines Wesen dem Leben entgegen wuchs. 
Als der weltfremde Mann davon erfuhr, war er zuerst 
betroffen. Doch dann brach langsam die Freude bei ihm 
durch. Aus allen Ecken des Gelehrtenstübchens dieses 
Altertumsforschers schien es zu frohlocken. Und neues 

Leben blühte aus den Ruinen. 
Mitte Dezember sollte das, für den Mann kaum faßbare 
Wunder geschehen. 
Also konnte er am zwölften November beruhigt auf einen 
Tag verreisen, um einen für ihn sehr wichtigen Vertrag 
abzuschließen. Kam er zustande, konnte er sich doppelt 
auf sein Kind freuen, das seiner glücklichen Ehe die 
Krönung bringen sollte. 
Aber ach, das Schicksal bestimmte es anders. Kaum war der 
Mann fort, setzten bei der Gattin Schmerzen ein, welchen 
sie sowie auch die Tante zuerst keine Bedeutung beimaßen. 
Denn bis zur Geburt waren es immerhin noch fünf 

Wochen, und eine kleine Unpäßlichkeit konnte in dem 
Zustand schon einmal vorkommen. 
Als jedoch die Schmerzen nicht nachließen, sondern an 
Heftigkeit zunahmen, holte Berta einen Arzt, der die junge 
Frau schleunigst ins Krankenhaus schafften ließ, wo der 
Chefarzt sich in der Nacht zu einem komplizierten Eingriff 
entschließen mußte. Wer trug daran die Schuld? Nur die 
Natur allein. 
Und als der junge Vater am nächsten* . Morgen endlich vor 
dem Chefarzt stand, sprach dieser mit gemachter 
Sachlichkeit: 

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»Ja, mein lieber Herr Dr. Hermeran, damit müssen Sie sich 
schon abfinden.« Das war leichter gesagt als getan. Die 

schmächtige Gestalt schien förmlich in sich 
zusammenzusinken. In den Augen hinter den scharfen 
Brillengläsern brütete ein Ausdruck des Nichtbegreifens. 
Und dann die Stimme, diese dünne, zittrige Stimme, die 
allein schon eine Welt von Tragik in sich barg: »Das kann 
doch aber nicht möglich sein, Herr Doktor. Das Kind sollte 
doch erst Mitte Dezember geboren werden.« 
»Stimmt«, gab der Arzt sich Mühe, den sachlichen Ton 
beizubehalten, »aber die Natur geht nun einmal 
eigensinnige Wege.«  
»So ist meine Frau – wirklich – tot?« 
»Leider. Obwohl wir bestimmt alles taten, um sie am Leben 

zu erhalten.« 
»Und das Kind?« 
»Noch lebt es. Wie lange, das steht allerdings in Gottes 
Hand.« 
»Welchen Geschlechts ist das Kleine?« 
»Ein Mädchen.« 
»Also Hariet«, sprach der verstörte Mann nun 
geistesabwesend vor sich hin. »So sollte auf ihren Wunsch 
eine Tochter heißen. Was soll ich nun wohl mit ihr 
anfangen ohne meine Frau?« 
Darauf wußte der Arzt keine Antwort. Ihm war ohnehin die 
Kehle wie zugeschnürt. Es passierte schon einmal, daß die 

Mutter dem Neugeborenen wegstarb, wenn gottlob auch 
nur selten. Und jedesmal fühlte der Arzt mit dem Vater 
Erbarmen – doch mit diesem noch ganz besonders. Ihm 
war erbärmlich zumute, als er Tante und Neffen 
davongehen sah – unendlich müde, wie zerbrochen. 
Und zwar ohne das Kind. Das sollte so lange im 
Krankenhaus unter fachmännischer Betreuung bleiben, bis 
es richtig lebensfähig war – oder seiner Mutter nachfolgen 
würde. 
Deren verworrene Worte behielt der erfahrene Mann für 
sich, weil er sie für die Auswirkung einer Halluzination 

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hielt, wie sie Sterbende manchmal zu haben pflegen. Und 
so nahm denn das Schicksal der Hariet Hermeran seinen 

Lauf. 
Vier Monate später hielt diese Hariet dann Einzug in ihr 
Vaterhaus. Sie war wohl noch zart, aber so gut entwickelt, 
daß sie den Kindern ihres Alters kaum nachstand. Man 
hatte sich im Krankenhaus aber auch die allererdenklichste 
Mühe mit dem Säugling gegeben und war ordentlich stolz 
darauf, ihn bestens gepflegt dem Vater übergeben zu 
können. 
Allein, dieser war keineswegs erfreut, weil er mit seiner 
winzigen Tochter nichts anzufangen wußte. Er übergab sie 
einfach der Tante, die das kleine Wesen als unnütze 
Belastung betrachtete. Außerdem hatte sie gar keine 

Ahnung von Kleinkinderpflege. Wußte nur, daß so ein 
Schreihals ständig hungrig war und einen Haufen Windeln 
brauchte. 
Nun, dafür wollte sie schon sorgen, und sattmachen wollte 
sie das Kind auch, weil es nun einmal da war. Aber 
schreien durfte es nicht. Damit würde es den gelehrten 
Vater in seiner Arbeit stören. 
Also wurde Klein-Hariet in das Hinterstübchen verbannt, 
das Tante Berta bewohnte. So ein »Quarkzeug« wie 
Babybettchen würde erst gar nicht angeschafft. Das waren 
nur unnütze Ausgaben, wo man doch mit jeder Mark 
rechnen mußte. Der Wäschekorb tat’s auch – und damit 

holla! 
Nun, zuerst tat der Korb auch wirklich seine Dienste. Doch 
als die Kleine, die sich langsam aufzurichten begann, aus 
der primitiven Bettstatt fiel, kaufte Berta notgedrungen ein 
gebrauchtes Kinderbettchen. Und schließlich gar einen 
schäbigen Wagen, in dem ein Schulmädchen das Kind am 
Nachmittag eine Stunde ausfuhr. Dann konnte es getrost 
schreien. Doch in der Wohnung unterband die mürrische 
Tante das energisch. 
So wurde dann aus dem zuerst so lebhaften Baby langsam 
ein sehr, ruhiges, ängstliches Kind, das sich mit Vorliebe in 

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einem Winkel verkroch, sich stundenlang mit der einzigen 
Puppe, welche die geizig zu nennende Tante sich sozusagen 

von der Seele gerungen hatte, beschäftigte oder still am 
Däumchen lutschte. Der Vater bekam sein Kind erst richtig 
zu sehen, als Berta es an den gemeinsamen Mahlzeiten 
teilnehmen ließ. 
Dann saß es verschüchtert da, das kleine Dinglein, wagte 
sich kaum zu rühren, geschweigedenn zu sprechen, duckte 
sich scheu, wenn der Vater es auch nur ansah. Wie 
hilfesuchend ging dann der Blick der großen Träumeraugen 
zur Tante hin, die trotz ihres mürrischen Wesens dem Kind 
lieb und vertraut war, weil es ja nichts anderes kannte. 
Und dabei war Hariet doch ein besonders reizendes 
Dirnlein, das so manches Mutterherz in Entzücken versetzt 

hätte. Wie ein Elflein war sie, so zart und fein, mit dem 
zierlichen Figürchen, den lichtbraunen Ringellocken und 
den leuchtendblauen Augen, die das ganze süße 
Kindergesichtchen beherrschten. Sie war unbedingt eine 
Kinderschönheit, was selbst die ärmliche Kleidung nicht 
beeinträchtigen konnte. 
Und wegen dieser Kleidung wurde Hariet dann auch später, 
als sie zur Schule ging, von ihren Mitschülerinnen 
verhöhnt – denn Kinder können bekanntlich sehr grausam 
sein. Sie war überhaupt nicht beliebt, weil sie ein kluges 
Köpfchen hatte und außerdem noch eifrig lernte. Das 
brachte ihr den Namen »Angeberin« ein, und ihre wirklich 

recht altmodische Kleidung die nicht minder höhnische 
Bezeichnung »Vogelscheuche«. 
Das tat der ohnehin schon sensiblen Hariet bitter weh. Ließ 
sie immer mehr in sich selbst verkriechen, so daß sie auch 
bei den Lehrern bald als kleiner Sonderling galt. Ihnen 
genügte, daß Hariet Hermeran eine äußerst begabte und 
fleißige Schülerin war, alles andere ging sie nichts an. 
Sonst hätten sie leicht dahinterkommen können, daß dem 
eigenartigen Kind das Beste im Leben fehlte – die liebevolle 
Mutter. Die hätte ihr kleines Mädchen bestimmt nicht so 
»vogelscheucherig« gekleidet, wie die altjüngferliche 

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Großtante es tat, die der Großnichte aus ihren abgelegten 
Kleidern die komischsten Gebilde zurechtschneiderte. 

Denn erstens einmal war die gute Berta geizig, und dann 
war sie der Ansicht, daß Putz und Tand ein Mädchen eitel 
und hoffärtig machen. 
Außerdem mußte Berta wirklich sparen. Denn was sie zum 
Wirtschaften bekam, war so lächerlich wenig, daß sie nicht 
nur mit der Mark, sondern tatsächlich mit dem Pfennig 
geizen mußte. Mehr konnte der Neffe ihr nicht geben, 
basta! Für ihn mußte zuerst einmal das angeschafft werden, 
was er für seine archäologischen Arbeiten brauchte. 
Also mußte seine Tochter sozusagen in Sack und Asche 
gehen, wodurch sie von den zum Teil recht geputzten 
Mitschülerinnen natürlich abstach. Immer mußte sie 

deswegen boshafte Sticheleien einstecken, an die sie sich 
schließlich gewöhnte und die sie mit einer Gelassenheit 
hinnahm, die weit über ihre Jahre hinausging. 
Überhaupt war alles, was Hariet Hermeran tat, von einer 
gelassenen, fast pedantischen Gründlichkeit. Selbst im 
Chor, den eine äußerst musikalische Lehrerin leitete, gab 
sie ihr Bestes her. 
Folge davon, daß die noch junge Chorleiterin sich Hariets 
besonders annahm und ihr kostenlosen Gesang- und 
Klavierunterricht erteilte, das Mädchen sogar auf dem 
eigenen Klavier üben ließ. 
Denn obwohl, ein Pianino in der Hermeranschen 

Wohnung stand, hätte Tante Berta es direkt als Sünde 
angesehen, wenn die Tochter des Hauses darauf gespielt 
hätte. Und gar noch singen! Und den gelehrten Mann in 
seiner Arbeit stören – na, das wäre…! Der sollte überhaupt 
nicht merken, daß in seinem Hause eine Tochter 
heranwuchs. 
Und doch konnte, trotz aller ängstlichen Fürsorge, die gute 
Berta es nicht verhindern, daß der Vater langsam 
aufmerksam auf seine Tochter wurde. Aber nicht, weil sie 
eine kleine Schönheit war, sondern weil sie ein helles 
Köpfchen zu haben schien. Immer wieder konnte das der 

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Gelehrte feststellen, und allmählich zog er die Tochter zu 
sich heran, so daß diese schon mit sechzehn Jahren sein 

kleiner Famulus wurde. Die Schule erledigte das gescheite 
Mädchen ganz nebenbei, und es war eigentlich eine 
Selbstverständlichkeit, daß es spielend sein Abitur machte. 
Was allerdings nicht möglich gewesen wäre, hätte Hariet 
nicht Freischule gehabt. Denn die engstirnige und geizige 
Berta hätte sie bestimmt nicht auf die höhere Schule 
geschickt. 
Wäre es nach ihr gegangen, hätte die Nichte schon mit 
vierzehn Jahren abgehen müssen, damit sie endlich in die 
Lehre kam und Geld verdiente, nicht nur kostete. 
Aber da griff der Vater zum erstenmal in die Erziehung 
seiner Tochter ein. Erklärte ruhig aber fest, daß dieses 

äußerst begabte Mädchen zur Schule gehen sollte, solange 
es ihm selbst gefiel. Also mußte Berta sich fügen, und 
Hariet lernte selbstverständlich weiter. 
Außerdem war es für sie noch selbstverständlich, daß sie 
der Tante, die zu kränkeln begann, mehr und mehr die 
Hausarbeit abnahm. Und als die dann immer mürrischer 
gewordene Berta eines Tages einem Herzschlag erlag, stand 
die junge Hariet gewiß nicht hilflos da, sondern übernahm, 
ohne viele Worte zu machen, den Haushalt – bis dann 
auch der Vater starb. So still wie er gelebt, war er auch 
dahingegangen. 
Und erst mit diesem Moment stand die zwanzigjährige 

Hariet Hermeran ganz schutzlos und verlassen da – reich 
an Wissen, aber arm an Lebenserfahrung. Da gab es 
niemand, der ihr hätte mit Rat und Tat zur Seite stehen 
können, weil man sich ja von allen Menschen 
zurückgehalten und weder Freundschaft noch 
Nachbarschaft gesucht hatte. Ergo hieß es für Hariet: Hilf 
dir selbst, so hilft dir Gott! 
So verkaufte sie erst einmal die schlichte Einrichtung der 
Wohnung, veräußerte die teuren archäologischen Dinge, 
bis auf die Aufzeichnungen des Vaters, für einen Spottpreis 
und bezog dann ein möbliertes Zimmer, das zwar sehr 

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primitiv war, ihrer einfachen Gewöhnung jedoch durchaus 
entsprach. 

Und was nun? Zwar besaß sie ein kleines Kapital, das aber 
höchstens für ein Jahr reichen würde. Also mußte sie sich 
eine Stellung suchen. 
Aber was für eine? Zwar hatte sie ihr Abitur mit 
Auszeichnung bestanden, verstand auch von der 
Archäologie eine ganze Menge, wußte auch in der 
Haushaltführung einigermaßen Bescheid, aber ob das 
genügt, sich in fremden Diensten behaupten zu können? 
Nun, der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden. 
Also kaufte Hariet vielgelesene Zeitungen, meldete sich auf 
mehrere Inserate, um entweder abschlägigen oder gar 
keinen Bescheid zu bekommen. 

Rasend schnell vergingen die Wochen, und das Geld 
schrumpfte zusammen, obwohl das Mädchen sich kaum 
noch satt zu essen wagte. 
Wenn sie doch jemanden um Rat fragen könnte. Aber sie 
besaß ja noch nicht einmal einen Vormund. Wozu auch. 
Sie wurde sowieso bald einundzwanzig Jahre und somit 
mündig. 
Zehn Tage vorher entdeckte Hariet in der Zeitung ein 
Inserat, auf das sie aufs neue ihre Hoffnung setzte. Denn 
was da verlangt wurde, dafür müßte sie doch eigentlich 
geradestehen können, nämlich: Beaufsichtigung der 
Schularbeiten eines fünfzehnjährigen Mädchens und kleine 

Hilfeleistungen in einem groß geführten Haus. 
Unterschrieben war das Inserat mit dem Namen: Baronin 
von Eggeroth-Herrnhagen. 
Wo dieses Herrnhagen lag, hatte Hariet zwar keine 
Ahnung, aber das war ja auch egal. Hauptsache, daß sie in 
Lohn und Brot kam. Wo, das spielte nun wirklich 
keine^Rolle. 
Schon eine Stunde später warf Hariet die Bewerbung in den 
Briefkasten und wartete dann fieberhaft auf Antwort. Aber 
fast schien es, als würde sich für sie auch diese Hoffnung 
zerschlagen. 

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Doch der Mensch denkt – und Gott lenkt.

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Es war um die zwölfte Stunde, als Hariet sich im 

Mietzimmer auf ihrem schmalen, harten Lager ruhelos 
herumwarf – hoffnungslos und wie zerschlagen. Woran lag 
das nur, daß sie niemand haben wollte? Sie war doch der 
guten Vorsätze voll. Wollte alles tun, was von ihr verlangt 
wurde. 
Wie bitter war es doch, so einsam zu sein. Hatte sie denn 
gar keine Verwandten? Einen Onkel wohl, wie Tante Berta 
ihr einmal erzählte. Aber das war ein feiner, berühmter 
Mann und mit seinem Bruder entzweit, weil der nicht auch 
eine so reiche Frau hatte wie er. 
So hatte die engstirnige“ Berta sich das wenigstens 
ausgelegt, was ihr die weit*’ fremde Nichte auch ohne 

weiteres glaubte. 
Morgen ist nun mein Geburtstag – dachte Hariet jetzt in 
stiller Verzweiflung. Und keiner ist da, den das was angeht. 
Warum muß ich denn allein sein, so mutterseelenallein? 
Von dem nahen Kirchturm dröhnten zwölf dumpfe 
Schläge. Und gerade als sie verklungen waren, faltete ein 
verlassenes junges Menschenkind auf seinem harten Lager 
die Hände und flehte inbrünstig zu dem Höchsten empor: 
»Lieber Gott, gib mir Lohn und Brot. Ich komme ja sonst 
um in all dem Namenlosen, das für mich Leben heißt. Hilf 
mir doch, Vater, im Himmel droben – hilf mir doch – 
bitte!« 

Als sich die zitternden Mädchenlippen schlossen, war es 
genau zwei Minuten nach zwölf, und der dreizehnte 
November. 
Zwei müdegeweinte Augen schlossen sich zu tröstendem 
Schlaf, der dem jungen ratlosen Menschenkind einen 
wundersamen Traum vorgaukelte. Eine wunderschöne Fee 
stand vor der Träumenden, breitete segnend die Hände 
über das gleißende Köpfchen und sprach gütig: 
»Dein erster Wunsch sei dir gewährt, kleine Hariet, du wirst 
in Lohn und Brot kommen. Aber noch stehen dir zwei 
Wünsche im Leben frei – hüte sie gut.« 

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Als Hariet dann aus diesem seltsamen Traum erwachte, tat 
sie ihn lächelnd ab und vergaß ihn dann rasch. 

Und nur deshalb, weil sie ein Schreiben im Briefkasten 
fand, das sie nach Herrnhagen beorderte. Da hatte sie 
wahrlich anderes zu tun, als über einen Traum 
nachzugrübeln. 
Es fiel Hariet Hermeran bestimmt nicht schwer, ihr 
primitives Zimmer aufzugeben. Freudig packte sie die 
beiden mäßig großen Koffer, die ihre gesamte Habe 
bargen. In den Handkoffer tat sie außer Kleinigkeiten das 
dicke Buch mit den Aufzeichnungen ihres Vaters, das sie als 
Andenken achtete und ehrte. Der Traum war aus ihrem 
Gedächtnis wie weggewischt. 
Dafür kreisten in ihrem Hirn gar frohe Gedanken. Sie hatte 

eine Stelle – und eine gute sogar. Alles frei und dann noch 
fünfzig Mark im Monat. 
Wie ein Krösus kam sie sich vor, die nach Vorbild der Tante 
mit dem Pfennig zu rechnen gewohnt war. 
Voller Freude und Zuversicht trat sie ihren Flug in das neue 
Leben an. 
Ach, wie war für die Unverwöhnte doch alles so neu und 
interessant. Schon die Reise allein war ein Erlebnis – auch 
wenn sie ein dreimaliges Umsteigen verlangte. Zuerst 
einmal Omnibus bis zur Bahn, dann D-Zug, dann 
Bummelzug, dann Kleinbahn. 
Nun was lachte die glückliche Hariet in sich hinein, leicht 

ist mein Gepäck und leicht mein Sinn. Für die beiden 
größeren Koffer zeichnet die Bahn verantwortlich, und das 
Köfferlein, das ich mit mir führe, wiegt bestimmt nicht 
schwer. 
Auch das Schuldbewußtsein, das sich zaghaft hervorwagen 
wollte, tat sie frohgemut ab. Sie hatte sich nämlich erlaubt, 
Zweiter zu fahren, was für ihren schmalen Geldbeutel nicht 
gerade dienlich war. Aber was, sie verdiente ja jetzt – 
fünfzig Mark im Monat! Da sollte man nun nicht 
leichtsinnig werden! 
Es machte ihr auch gar nichts aus, daß manch verwunderter 

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oder auch spöttischer Blick sie wegen ihrer altmodischen 
Kleidung traf. Auch das Mädchen nicht, das in 

hypermoderner Aufmachung neben ihr saß und sie 
höhnisch musterte. 
Dergleichen tat ein Geck, der zu dem kleinen »Chamäleon« 
wunderbar paßte. Und da gleich und gleich sich ja gern 
gesellt, geschah es hier auch. Ganz ungeniert flirtete man 
miteinander, tat ebenso ungeniert seine Meinung über die 
»altklunkerige Mamsell« kund. Na was, sie zählten ja zur 
Jugend – und der gehört nun einmal die Welt. Die »Alten« 
hatten sich ihr einfach unterzuordnen, wurden gegen die 
Wand gedrückt. 
Der Ansicht schien jedoch ein Mann mit angegrauten 
Schläfen nicht zu sein. Auch nicht seine Ehehälfte, die mit 

unauffälliger Eleganz gekleidet war. Sie schienen noch 
Macht über ihr im Backfischalter stehenden Töchterlein zu 
besitzen, denn es zeigte keine Symptome der 
hypermodernen Jugend, sondern bot in seinem reizenden 
Habit einen herzerfreuenden Anblick. 
Und diesem bildhübschen Mägdlein tat die verhöhnte 
Mitreisende leid. Die dunklen Augen in dem zarten 
Gesichtchen blitzten, der jungrote Mund sprach leise vor 
sich hin: 
»Es gibt auch Gänse federlos, es gibt auch Ochsen 
hörnerlos.« 
»Dietlind!« rief die Mutter lachend dazwischen, »das 

müssen ja ganz komische Gebilde sein. Wo hast du die 
denn gesehen?« . 
»Im Panoptikum«, erklärte das Töchterlein mit dem 
unschuldigsten Gesicht, und der Herr Papa schmunzelte. 
Und dieses Schmunzeln ging den Vertretern der 
bahnbrechenden Jugend so auf die Nerven, daß sie mit 
einem Blick des Einverständnisses und mit einem 
verächtlich gemurmelten »Banausen« das Abteil verließen. 
Und dabei hatte sie doch niemand angegriffen. 
»Na, Gott sei Dank!« lachte die reizende Kleine 
unbekümmert. »Die sind wir los, diese gräßlichen Typen.« 

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»Dietlind, ich muß schon sagen, daß du doch eigentlich 
recht frech bist«, begann die Mutter, und der arge Schelm 

tat erstaunt. 
»Ich und frech? Ja, warum denn, geliebte Mutz? Finden Sie 
das etwa auch, Fräulein…?« 
»Hariet Herme ran heiße ich«, war die lachende 
Erwiderung, und das Ehepaar horchte auf. Dann sagte der 
Mann zögernd: 
»Warring heißen wir, gnädiges Fräulein. Und nun eine 
Frage: Sind Sie mit dem berühmten Forscher Hermeran 
verwandt?« 
»Ich weiß nicht, wen Sie meinen«, entgegnete Hariet 
bescheiden. »Ein Forscher war mein Vater schon – aber 
kein berühmter.« 

»Wie hieß er mit Vornamen?« 
»Oskar.« 
»Hm. Den ich meine, der heißt Edwin.« 
»Dann ist das mein Onkel«, wurde das Mädchen nun 
lebhaft. »Doch leider weiß ich so gar nichts von ihm. 
Kennen Sie ihn etwa, Herr Warring?« 
»Allerdings, wenn auch wenig. Er heiratete eine Base von 
mir, sehr zum Entsetzen ihrer Verwandtschaft. Denn ein so 
schönes, reiches Mädchen wie Regina hätte bestimmt noch 
einen anderen Mann gekriegt als den mittellosen Forscher, 
der von seiner Arbeit besessen war. Aber komm einer gegen 
sein Herz an. Es verlangt da sein Recht, wo es liebt.« 

Dabei umfaßte sein zärtlicher Blick die Gattin, die ihn aus 
Liebe erwählt hatte, obgleich er fünfzehn Jahre mehr zählte 
als sie. Und dennoch – oder gerade deshalb – war sie der 
glücklichsten Ehen eine geworden, die durch zwei Kinder 
ihre Krönung erhielt. Der achtzehnjährige Stammhalter 
zählte vier Jahre mehr als das Schwesterlein und lebte jetzt 
in einem Internat. 
Es hatte Freude an seinen Kindern, das charmante Ehepaar 
Warring.  Sie  bemühten  sich  beide, den Eltern keinen 
Kummer zu machen, die allerdings auch viel Verständnis 
für sie aufbrachten. 

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»Eigentlich sind wir doch mit Fräulein Hermeran 
verwandt«, meinte Dietlind eifrig, und die Mutter hob 

lachend die Hände. 
»Kind, hör auf! Diese Verwandtschaft geht so bestimmt um 
sieben Ecken. Lassen wir also davon ab, sie ergründen zu 
wollen.« 
»Warum denn, Mutz, das ist doch ganz einfach. Die Base 
von Paps…« 
»Mädchen, erbarm dich!« flehte nun auch der Vater in 
komischem Entsetzen dazwischen. »Staunen wir lieber über 
den Zufall, der uns ausgerechnet in diesem Abteil mit der 
jungen Dame zusammenbrachte, die eine Nichte des 
bekannten Forschers ist. Darf man fragen, gnädiges 
Fräulein, wohin die Reise gehen soll?« 

»Nach Herrnhagen, Herr Warring, falls Ihnen das ein 
Begriff ist.« 
Überrascht blitzte es in seinen Augen auf, ebenso in denen 
von Frau und Tochter. Doch bevor diese ihrer 
Überraschung Ausdruck geben konnte, sprach schon der 
Vater wieder, dem Töchterlein einen warnenden Blick 
zuwerfend: 
»Natürlich ist Herrnhagen uns ein Begriff, gnädiges 
Fräulein. Es grenzt nämlich an unser Gut Prahlen.« 
»Oh, wie schön! Dann steigen wir wohl auf derselben 
Station aus?« 
»Will ich meinen. Aber bis dahin hat es noch gute Weile. 

Denn nach diesem Zug kommt erst der Bummelzug und 
dann die Kleinbahn.« 
»Das weiß ich«, lachte Hariet. »Und ich freue mich auf die 
Fahrt. Ist es doch die erste in meinem Leben.« 
Betroffen sahen sich die drei Menschen an, und dann fragte 
Frau Alice vorsichtig: 
»So sind Sie immer im Auto gefahren?« 
»Aber keineswegs, gnädige Frau, wir hatten ja gar kein 
Auto. Dafür waren wir ja viel zu arm. Ich bin noch nie aus 
meiner Heimat herausgekommen, fahre mit der Eisenbahn 
zum ersten Mal.« 

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Ja, wo gibt es denn so was? hätte der verblüffte Herr am 
liebsten gefragt, was er natürlich unterließ. Statt dessen 

streckte er gewissermaßen seine Fühler aus. 
»Sicherlich werden Sie in Herrnhagen schon ungeduldig 
erwartet?« 
»Das weiß ich nicht«, wurde das Mädchen nun kleinlaut. 
»Ich erscheine dort ja nicht als Gast, sondern als 
Angestellte. Ich soll der Tochter des Hauses bei den 
Schularbeiten helfen und mich außerdem im Haushalt 
betätigen.« 
»Hm«, meinte Herr Warring mit undefinierbarem Lächeln. 
»Ein dehnbarer Begriff. So sind Sie Lehrerin, gnädiges 
Fräulein?« 
»Nein, das nicht. Ich habe nur das Abitur. Aber ich hoffe, 

daß mein Wissen bei einer fünfzehnjährigen Schülerin 
genügen wird.« 
»Das ganz bestimmt«, bestätigte Frau Warring freundlich, 
dabei ihrer Tochter, die schon den Mund öffnete, 
unauffällig auf den Fuß tretend. »Wenn meine 
Menschenkenntnis nicht trügt, scheinen Sie ein gescheites 
Köpfchen zu haben.« 
»Das sagte mein Vater auch«, lächelte Hariet verlegen. 
»Und die Mutter?« 
»Die starb bei meiner Geburt.« 
»Wer erzog Sie?« 
»Meine Großtante, die vordem Haushälterin bei meinem 

Vater gewesen war, der dann ihre Nichte heiratete.« 
Darauf sagte das Ehepaar zuerst einmal gar nichts, und 
auch die sonst so lebhafte Tochter schwieg betreten. 
»Hm«, brummelte der Mann dann, dabei die Augen 
senkend, damit der mitleidige Blick das Mädchen nicht 
traf. Zwar wußte er aus dessen Leben nichts Genaues, 
konnte jedoch die Tragik im Leben dieser Gelehrtentochter 
ahnen. Es kam zu keiner weiteren Unterhaltung, weil der 
D-Zug auf der Station hielt, wo man umsteigen mußte. Da 
man nur wenige Minuten Zeit hatte; müßte der Wechsel 
rasch vor sich gehen. Und das Abteil in dem Bummelzug 

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war so besetzt, daß man kein vertrauliches Wort mehr 
miteinander sprechen konnte, ebensowenig wie später im 

Kleinbahnwagen. 
Als man den verließ, wartete auf der kleinen Station, die 
eine Blechbude bezeichnete, ein eleganter Mercedes, neben 
dem ein Chauffeur stand und nun seiner Herrschaft 
engegeneilte, um ihr die kleinen Koffer abzunehmen. 
»Nun, bockt er nicht mehr?« fragte Warring lachend. 
»Scheint ja wie. eine Primadonna zu sein, die gerade dann 
ihre, Launen hat, wenn man sie am nötigsten braucht. 
Verstehen Sie das, gnädiges Fräulein?« 
»Nein«, lachte Hariet. »Mit Autos habe ich absolut keine 
Erfahrung.« 
.»Wohl Ihnen«, seufzte der Mann. »Da kann es Ihnen schon 

blühen, daß Sie eine dringende Reise per Bahn machen 
müssen, weil gerade dann so ein chromblitzendes 
Ungeheuer streikt. 
Doch wie ist es nun mit Ihnen, man erwartet Sie doch wohl 
in Herrnhagen?« 
»Das schon…« 
»Dann wundere ich mich, daß kein Gefährt hier ist.« 
»Das traf ich unterwegs«,“ schaltete sich der Chauffeur ein. 
»Es wird wohl noch eine gute Weile dauern, bis der alte 
August mit seiner >Staatskarosse< hier ist. Wartet das 
Fräulein etwa darauf?« 
Leider – wäre es Warring beinahe entschlüpft. Doch er 

sagte ermunternd: 
»Machen Sie sich keine Sorge, gnädiges Fräulein, das 
Fuhrwerk ist bereits unterwegs. Alles Gute wünsche ich 
Ihnen.« 
»Danke, Herr Warring. Ich glaube schon, daß es mir 
gutgehen wird.« 
Na, wenn man – verschluckte der Mann die gebührende 
Antwort wieder, während die Gattin sich freundlich an das 
junge Mädchen wandte: 
»Ich sage: Auf Wiedersehen, Fräulein Hermeran. Wir 
würden uns freuen, Sie auf Prahlen, das ja nur fünf 

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Kilometer von Herrnhagen entfernt liegt, begrüßen zu 
können.« 

»O ja, kommen Sie recht bald«, schloß sich das Töchterlein 
der Einladung an. »Wir müssen ‘doch unbedingt „unsere 
Verwandtschaft ausknobeln.« 
Lachend nahm man Abschied. Und als man in den 
weichen Polstern saß, sagte Frau Warring mitleidig: 
»Armes Ding. In deiner Haut möchte ich nicht stecken.« 
Nun, arm kam sich Hariet Hermeran gewiß nicht vor. 
Warum auch? Etwa, daß sie auf das Gefährt warten mußte, 
das sie nach Herrnhagen bringen sollte? Sie war ja in 
Geduld geübt. 
Auch daß sie bei dem unwirtlichen Wetter in dem dünnen 
Mäntelchen fror, nahm sie einfach als selbstverständlich 

hin. Es machte ihr auch gar nichts aus, daß es regnete. 
Dafür bot die Blechbude Schutz, auf deren Bank sie sich 
niederließ. 
Doch nicht lange, dann fuhr sie erschrocken auf. Wo waren 
denn ihre Koffer geblieben? 
Unruhig spähte sie umher und entdeckte dann aufatmend 
die schäbigen Dinger, die gar griesgrämig anzuschauen 
unweit des Geleises standen. Doch für Hariet waren sie 
äußerst wertvoll, bargen sie doch ihre ganze ärmliche 
Habe, die sie nun in die Bude schleppte. 
Geduldig saß sie dann wohl noch zehn Minuten lang, dann 
kam das Fuhrwerk. Altersschwach war der Wagen, 

altersschwach das Pferd – und altersschwach der Kutscher, 
der steifbeinig von dem harten Sitz kletterte. Und schon 
stand das Mädchen neben ihm. 
»Sie wollen mich doch sicherlich abholen, nicht wahr? Ich 
heiße Hariet Hermeran.« 
»Da soll das woll richtig sind«, bestätigte der Alte 
bedächtig. »Aber es regnet wie auf den tollen Hund, 
Fräuleinchen. Haben Sie denn nicht so ein Ding von 
Wettermantel? Wir haben immerhin eine Stunde zu fahren. 
Bei dem miesen Wetter sogar noch länger.« 
»Nein, einen Wettermantel besitze ich leider nicht.« 

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»Schon faul – sogar oberfaul«, zog der Biedere seine 
verwitterte Mütze fester auf den Schädel. »Aber lassen Sie 

man, das kriegen wir schon hin. Ich habe eine Decke im 
Wagenkasten, darin packe ich Sie hübsch warm ein.« 
Was dann auch geschah. Nur das feine Gesichtchen lugte 
aus der groben Umhüllung, alles andere wurde sorgfältig 
verpackt. 
Nachdem der Alte auch noch die Koffer, die sich in ihrer 
Schäbigkeit wunderbar dem Milieu anpaßten, kunstgerecht 
verstaut hatte, nahm er neben dem Mädchen Platz und 
mußte dem Gaul erst gütlich zureden, bis er langsam 
abzuckelte. 
»Wie schön!« lachte Hariet vergnügt, so daß ihr Nachbar 
sie verdutzt ansah. »Es ist nämlich das erste Mal, daß ich 

im Pferdegespann fahre.« 
»Ja, woher stammen Sie denn, Fräuleinchen?« 
»Aus der Großstadt.« 
»Ach so, daher. Da sind ja die Autos Trumpf.« 
»Kann ich nicht sagen, da ich noch nie in einem solchen 
fuhr.« 
Ach du liebes bißchen, dachte der Alte erschüttert. Das 
Marjellchen scheint vom Mond gefallen zu sein. Laut 
jedoch sagte er: 
»Sind auch nicht mein Geschmack, die Teufelskutschen. Da 
setz ich mich lieber in diese alte Karre mit meiner braven 
Suse davor. Die macht’s schon noch, obgleich sie ihr 

Gnadenbrot bekommt – wie ich auch. Und bloß deshalb, 
weil unser Herr Baron ein Herz hat für Mensch und Tier. 
Wenn es nach der anderen Bagage ginge – na, Schwamm 
drüber, man soll über seine Herrschaft nichts Schlechtes 
sagen.« 
Damit biß er die Lippen zusammen, als hätte er schon 
zuviel verraten. Verstohlen betrachtete er das 
Mädchengesicht, das so lieb und süß aus der derben 
Umhüllung schaute. Ganz andächtig blickten die Augen 
umher – und dabei war doch bestimmt nichts Besonderes 
zu sehen. Nur die Asphaltstraße und links und rechts 

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Felder, die frischgepflügt nichts Grünes zeigten. Und als 
man in den Wald fuhr, wurden die leuchtendblauen Augen 

noch größer vor Staunen. 
»Das ist ja Wald – richtiger Wald«, sprachen die jungroten 
Lippen so andächtig wie ein Gebet, worüber der biedere 
Alte nun sein graues Haupt schütteln mußte. 
Wald – na ja – schön ist er schon, aber eigentlich doch 
etwas Selbstverständliches. Wenigstens für August, der 
schon in Herrnhagen geboren wurde, das von Wald 
umschlossen war. Und was würde das kleine Dummchen 
wohl zu dem See sagen, der jetzt in Sicht kam. 
Nun, dieser Anblick schien ihr die Sprache verschlagen zu 
haben. Denn sie sprach kein Wort mehr – schaute nur und 
schaute. 

Ganz warm wurde dem sonst so borstigen Alten plötzlich 
ums Herz. Du guter Gott, gab es denn wirklich noch so was 
Liebes in der heutigen verrückten Welt? 
Schon oft hatte er Fräuleins von der Kleinbahn abgeholt, 
siebenmal, wie er rasch errechnete. Und alle waren entsetzt 
gewesen über das Gefährt, über ihn und über die einsame 
Gegend. Und kaum, daß sie im Schloß warm geworden 
waren, mußte er sie wieder zur Bahn fahren. Immer nach 
einem Mordskrach mit der Gnädigen. Und dabei hatten die 
Fräuleins alle gewissermaßen Haare auf den Zähnen 
gehabt. 
Wie  also  sollte  sich  dieses  liebe  Dummchen  wohl  in  dem 

»Hexenkessel« durchsetzen, das wie ein Engelchen vom 
Himmel gefallen zu sein schien. Am liebsten wäre August 
umgekehrt, hätte das Mädchen in die Kleinbahn gesetzt 
und es nach Hause geschickt. Aber da er in der Bibel gut 
bewandert war, kannte er auch diese Stelle: Wes nicht 
deines Amtes ist, da laß deinen Fürwitz. 
Also fuhr August weiter, bog dann rechts in eine 
Lindenallee ein, deren alte Bäume jetzt kahl waren. Wie 
anklagend streckten sie die Äste gen Himmel, der gar 
griesgrämig dreinschaute. Unausgesetzt regnete es, ein 
scharfer Wind wehte. Es war so richtiges Novemberwetter. 

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Hariet merkte nicht, daß die Decke, die sie umhüllte, vor 
Nässe triefte, so aufgeregt war sie. Und als sie das Schloß 

erblickte, das so feudal und trutzig seinen Platz behauptete, 
wurde ihr bang ums Herz. Hilfesuchend sah sie zu dem 
Kutscher hin, der das Gefährt zu einem Anbau lenkte, der 
ein wenig versteckt stand und so nicht das Gesamtbild des 
prächtigen Gebäudes störte. 
In dem Anbau lagen die Wirtschaftsräume, und es war 
bezeichnend für die Stellung, die Hariet hier einnehmen 
sollte, daß ihr erster Eintritt nicht durch das feudale Portal, 
sondern durch den Küchenflur erfolgte, vor dessen Tür nun 
das Gefährt hielt. 
»Na, da wären wir ja nun«, sagte August bedächtig, 
während er vom Wagen kletterte, hinter der Tür 

verschwand und gleich darauf mit einem Mädchen 
wiederkam, das die vermummte Gestalt neugierig musterte. 
»Na, nun halt hier nicht Maulaffen feil, dumme Schutt!« 
fuhr der Alte sie barsch an. »Nimm die Koffer und bring sie 
in das Zimmer des Fräuleins.« 
»Beide sind mir zu schwer.« 
»Dann gehst du eben zweimal. Aber dalli, sonst mach ich 
dir Beine!« 
Maulend verschwand die dralle Maid,’ etwas vor sich hin 
murmelnd, das ganz nach: Altes Ekel – klang. Grinsend 
quittierte August es und wickelte dann Hariet, die ihn 
ängstlich ansah, aus der Decke. 

»So Fräuleinchen, nun raus aus der Staatskutsche! Ganz 
verklammt sind Sie, kein Wunder bei dem Dreckwetter. 
Und nun will ich Ihnen einen guten Rat geben: Lassen Sie 
sich nichts gefallen, sonst treibt die Bagage in dem Kasten 
da bald Schindluder mit Ihnen. Wenn es zu toll kommen 
sollte, sagen Sie es mir. Ich spreche, dann mit dem Herrn 
Baron, und der räumt dann schon auf. In aller Ruhe macht 
er das, aber seine Worte fahren allemal ins Gebein. Und 
nun alles Gute.« 
»Danke, August. Sie sind so gut zu mir.« 
»Das soll ja nu woll so sind, bei so einem 

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eingeschüchterten Puttchen.« 
Jetzt kam das Mädchen wieder, nahm den zweiten Koffer 

und maulte: 
»Kommen Sie, Fräulein, damit Sie wissen, wo Sie 
hingehören.« 
Mit dem Köfferchen in der Hand folgte Hariet der rasch 
Davonschreitenden. Es ging durch einen geräumigen Flur, 
die Treppe hinauf, einen Gang entlang, durch eine 
Pendeltür. 
Dahinter wurde der Gang breiter, dessen Boden ein dicker 
Läufer bedeckte. Zu beiden Seiten waren hohe, 
reichgeschnitzte Türen. Auf der linken Seite zwischendurch 
Fenster, durch die der Gang Licht bekam. Blühende 
Topfblumen standen auf den Brettern, duftige Gardinen 

hingen hinter blanken Scheiben. 
Und der Anblick des Zimmers, das Hariet dann betrat, 
überwältigte sie fast. Es war nicht groß und nur einfach 
möbliert, doch das unverwöhnte Mädchen fand es einfach 
luxuriös, an dem gemessen, das sie mit Tante Berta geteilt 
und nach deren Tod für sich allein gehabt hatte. 
Und es war düster gewesen, das Hinterzimmer der 
Großstadtwohnung, das nach Norden lag und daher keine 
Sonne bekam. Außerdem ging das Fenster nach einem 
kleinen Hof, den hohe Häuser im Viereck abschlossen. 
»Na, dann richten Sie sich man hier ein, Fräuleinchen«, 
meinte die dralle Maid gönnerhaft, die angesichts des 

verschüchterten Mädchens so was wie ein menschliches 
Rühren beschlich. »Hoffentlich lohnt das überhaupt, denn 
hier hält es kein Fräulein lange aus. Nebenan ist das 
Zimmer von der kleinen Baronesse. Sie ist zwar ein Deibel, 
hat aber ein gutes Herz. Das beste jedenfalls von der 
hochnäsigen Sippschaft.« 
Damit zog sie ab, und Hariet blieb sich allein überlassen. 
Fröstelnd legte sie Hut und Mantel ab, der trotz der Decke 
vom Regen nicht verschont geblieben war, trat an den 
Heizkörper, dem eine mollige Wärme entströmte, und 
lehnte sich dagegen. 

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In Hariets Zuhause hatte es nur Kachelöfen gegeben, die 
aus Sparsamkeit nur mäßig geheizt wurden. Nur die 

Studierstube des Vaters machte eine Ausnahme, die wurde 
sogar überheizt. Denn Berta war der Ansicht, daß der 
gelehrte Neffe, der ohnehin schwächlich war, es mollig 
haben mußte. 
Ihre dürftige Stube heizte Berta nur, wenn es draußen sehr 
kalt war. Hariet dachte daran, daß sie so manches liebe Mal 
zitternd vor Kälte ins Bett kroch. Nur gut, daß sie ihre 
Schularbeiten in der Küche machen, sich überhaupt da 
aufhalten durfte, wo der Herd ja des Kochens wegen unter 
Feuer gehalten werden mußte. 
Und nun sollte sie in einem so wunderschönen Zimmer 
wohnen dürfen? Das war ja kaum zu fassen. Sogar einen 

Teppich hatte es, ein weißes, breites Bett mit einer 
Daunendecke, einen Korbsessel mit einem Tischchen 
davor, Schrank, Kommode und einen niedlichen 
Schreibtisch. An dem Fenster hingen duftige Gardinen, und 
einige Bilder schmückten die Wände. 
Dazu das Leben hier umsonst, dazu fünfzig Mark im 
Monat. Ach, Hariet kam sich ja so reich vor. Hoffentlich 
sagte sie der Frau Baronin zu. 
Sie schrak zusammen, als die Tür, die zum Nebenzimmer 
führte, aufgerissen wurde und ein Backfisch hereinstürmte. 
Neugierig schauten zwei grüngraue Augen aus einem 
niedlichen, stupsnasigen Gesichtchen, das blondes, 

ziemlich kurzgehaltenes Haar umwirrte. Die mittelgroße 
Figur war noch ein wenig unfertig und schlaksig. 
»Da sind Sie ja, Fräulein«, sagte das Baroneßchen 
burschikos. »Meine Güte, Sie scheinen ja kaum aus den 
Windeln zu sein. Und so was soll mir nun imponieren?« 
»Wer sagt Ihnen denn, daß ich das will?« entgegnete Hariet 
mit einem Mut, den sie selbst bewunderte. »Liebhaben 
möchte ich Sie – oder mögen Sie das nicht?« 
»Ach herrje«, ließ die Kleine sich perplex in den Korbsessel 
fallen, der die bequemste Sitzgelegenheit bot. »Sie führen 
sich hier ja ganz apart ein, Fräulein…« 

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»Hariet Hermeran heiße ich.« 
»Auch das noch. Wer gab Ihnen denn den Namen, der so 

gar nicht zu Ihnen paßt?« 
»Meine Eltern natürlich.« 
»Wer waren die?« 
»Zwei liebe Menschen.« 
»Pfff«, blies Backfischchen die Backen auf. »Sie scheinen 
Grips zu haben, Kleine. Ob Sie jedoch damit bei mir 
durchkommen, möchte ich stark bezweifeln.« 
»Ist das denn so schwer, Baronesse?« 
»Sagen Sie Dolly, so heiß ich nämlich. Alles andere ist 
Schall und Rauch, sagt mein Bruder Ulf, der es 
wahrscheinlich aus dem Faust hat, der da sagt: Name ist 
Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.« 

Da mußte Hariet denn doch lachen. Das kecke 
Baroneßchen gefiel ihr, obwohl der peniblen und 
ernsthaften Gelehrtentochter diese Art von Mensch völlig 
neu war. Ohne mit einer Wimper zu zucken, hielt sie dem 
durchdringenden Blick der sehr schönen, grüngrauen 
Augen stand. 
»Na ja«, meinte die Kleine einfach. »Mir gefallen Sie gut, 
weil Sie so ganz anders sind als die Fräuleins, die hier ihr 
Gastspiel gaben. Hoffentlich findet das auch meine Mama 
– sonst sehe ich schwarz. Und nun folgen Sie mir, damit 
ich Sie ihr vorführe. Tun Sie bloß demütig. Wissen Sie, was 
>noblesse oblige< bedeutet?« 

»Ich glaube schon«, gab Hariet lachend zurück. »Auf gut 
deutsch: Adel verpflichtet.« 
»Herrlich!« streckte Backfischchen begeistert die schlanken 
Beine in die Luft. »Wenn Sie das erfaßt haben, wird es 
Ihnen bei meiner Mama fortan Wohlergehen.« 
»Hm«, hob Hariet unbehaglich die Schulter. »Finden Sie 
nicht auch, Dolly, daß Sie so gar nicht respektvoll von Ihrer 
Mutter sprechen?« 
»Mutter?« zogen sich die Winkel des jungroten Mundes 
nach unten. »Na ja – gehen wir.« 
Damit zog Dolly die andere am Ärmel mit sich fort. Es ging 

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den teppichbelegten Gang entlang, über eine gleichfalls 
teppichbelegte Treppe hinunter bis zu einer weitläufigen 

Halle, die Hariet fast wie eine Kirche anmutete mit den 
hohen, schmalen Buntglasfenstern. 
Gotik – stellte die Gelehrtentochter sachlich fest. In 
wunderbar reinen Linien erhalten. Ob die Besitzer des 
Schlosses das wissen? 
Eine gedachte Frage und daher unbeantwortet. Andächtig 
schritt Hariet Hermeran über kunstvollen Mosaikboden, 
über dicke Teppiche und nahm sich vor, all die Herrlichkeit 
der Halle, die sie jetzt nur flüchtig in Augenschein nehmen 
konnte, nach und nach zu ergründen. 
Und dann stand sie in einem Wohngemach, dessen Höhe 
und Weite schon einem Saal glich. Auch hier gab es dicke 

Teppiche, wuchtige Möbel, schwellende Polster und 
kostbare Bilder. 
Tradition – schoß es Hariet durch den Sinn. Oft davon 
gelesen, doch noch nie mit den Augen erschaut. Wie 
unwirklich kam ihr das alles vor, wie ein märchenhafter 
Traum. 
Und träumend war auch der Blick, der über den Mann 
hinging, der sich aus einem der tiefen Sessel am 
brennenden Kamin erhob und eine formelle Verbeugung 
machte. 
»Eggeroth«, sprach eine sonore Stimme, die den 
Herrenmenschen verriet. Hariet blieb keine Zeit, diesem 

vollen, dunklen Klang nachzulauschen, denn schon sprach 
eine andere Stimme in hochfahrendem Ton: 
»Da sind Sie ja, Fräulein. Ich heiße Sie willkommen. 
Hoffentlich enttäuschen Sie mich nicht, wie es Ihre 
Vorgängerinnen taten. Was ich verlangen muß, ist 
unbedingter Gehorsam und absolute Treue zur Herrschaft.« 
»Ja«, entgegnete Hariet artig und hätte am liebsten geweint 
wie ein verängstigtes Kind. Und ehe sie sich so recht versah, 
hatte Dolly sie schon mit sich gezogen und sie im 
Laufschritt durch die Halle, über die Treppe in das nette 
Stübchen geführt, wo der Schelm sich zuerst einmal halb 

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totlachen wollte. 
»Oh, Fräulein Hariet, Sie machten ja den Eindruck eines 

Lämmchens, das den Wolf wittert. Wie alt sind Sie 
eigentlich?« 
»Einundzwanzig Jahre.« 
»Ach du liebe Güte, da komme ich mir mit meinen 
fünfzehn ja direkt welterfahren vor. Aber ich glaube, Sie 
sind das, was meiner Mama zusagt: demütig und 
bescheiden.« 
»Baronesse…« 
»Dolly heiße ich, und ich nenne Sie Hariet. Denn Sie sind 
ja nur sechs Jahre älter und keine Respektsperson für 
mich.« 
»Ach, Dolly – muß ich mich vor Ihnen fürchten?« 

»Nein«, entgegnete Backfischchen gnädig. »Sie werde ich 
bestimmt nicht so piesacken wie Ihre Vorgängerinnen, weil 
Sie mir irgendwie leid tun. Und man soll seine Kräfte nur 
an gleichwertigen Gegnern messen, sagt mein Bruder. 
Und nun ab mit Ihnen in die Halala. 
Denn wie ich bemerke, fallen Ihnen vor Müdigkeit fast die 
Augen zu. Ich lasse Ihnen einen Imbiß rauf schicken. 
Stärken Sie sich, und dann schlafen Sie gut.« 
Damit wirbelte sie hinaus. Hariet ließ sich wenig später die 
Brotschnitten, die ein Mädchen brachte, gut munden und 
fiel dann fast vor Müdigkeit ins Bett. 
»Nun, du Strick, hast du dein neuestes Opfer bereits in 

Angst und Schrecken versetzt?« fragte der Bruder lachend, 
als sein jüngstes Schwesterlein wieder im Familienkreis 
erschien. »Wann wird es sein Bündel schnüren?« 
»Hoffentlich nicht so bald«, ließ die Kleine sich nonchalant 
in den Sessel sinken. »Sie ist ja so rührend unselbständig 
und altmodisch, die gute Hariet. Und so was muß man 
doch beschützen, nicht wahr?« 
»Na – beschützen? Ich glaube eher, daß du die Schüchternheit 
der jungen Dame gehörig ausnutzen wirst.«
 

»Das wäre unfair«, widersprach die Kleine entschieden. »Ich 
bin doch schließlich kein Unmensch.« 

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»Nein, aber ein ungezogenes Gör.« 
»Also, Ulf, diese Bezeichnung muß ich mir doch ernstlich 

verbitten. Was heißt hier ungezogenes Gör! Ich wehre mich 
nur gegen schreckschraubige Gouvernanten und deren 
erhobenen Zeigefinger. Die allerdings können bei mir auf 
keinen grünen Zweig kommen.« 
»Und du meinst, daß Fräulein Herme ran diesen Finger 
nicht erheben wird?« 
»Bestimmt nicht, dazu hat sie viel zu große Angst.« 
»Vor dir etwa?« 
»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich sie abtun werde, 
falls sie zu dumm sein sollte, um mir bei den Schularbeiten 
zu helfen, wie es bei den andern Fräuleins der Fall war. 
Warum siehst du mich denn so konsterniert an, Mama?« 

»Weil du ein Enfant terrible bist, meine Tochter Dolly.« 
»Na, laß gut sein, Muttchen«, sprach der Schelm ihr gütlich 
zu. »Ein schwarzes Schaf muß es ja in jeder vornehmen 
Familie geben. Um so mehr Freude hast du an deiner 
ältesten Tochter, die so ganz nach deinem Geschmack ist.« 
»Ulf, verbiete diesem gräßlichen Mädchen den Mund«, 
verlangte die Mutter klagend, die Fingerspitzen nervös 
gegen die Schläfen pressend. »Es bringt mich noch ins 
frühe Grab, das schreckliche Kind.« 
»Nun, nun«, begütigte der Sohn, »so junge Spatzen müssen 
sich erst mausern.« 
»Und warum war das bei Martina nicht nötig?« zeigte sie 

auf ihr Lieblingskind, das ganz das Ebenbild der Mama 
war. »Dieses Kind hat mir noch nie eine trübe Stunde 
bereitet. Es hat von jeher gewußt, was es seiner vornehmen 
Abstammung schuldig ist.« 
Darauf hätten ihre beiden anderen Kinder viel antworten 
können, was sie jedoch wohlweislich unterließen. Denn 
diese Frau von ihren Ansichten abzubringen, hieße ganz 
einfach Wasser mit Sieben schöpfen. Also sagte die Kleine 
nur elegisch: 
»Die Zeiten sind nicht mehr, wo Berta spann.« 
Das klang so drollig, daß selbst die Mutter lachen mußte. 

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Der Bruder jedoch zupfte die Lieblingsschwester am 
Ohrläppchen. 

»Was du nicht schon alles weißt«, schmunzelte er. »Wen 
hast du da eben zitiert?« 
»Bismarck im Reichstag am 24. Mai 1870«, erfolgte prompt 
die Antwort. 
»Hm. Und du sollst dich noch einer Gouvernante 
unterwerfen? Eigentlich ein unbilliges Verlangen.« 
»Warum denn nicht? Wenn diese Gouvernante wirklich 
mehr weiß als ich, dann in Gottes Namen. Aber die alten, 
verknöcherten Scharteken…« 
»Dolly!« 
»Naja, Mama, ich bin ja schon still. Ich werde also 
abwarten, ob Hariet mir noch was beibringen kann. Wenn 

nicht, versetze ich ihr den Todesstoß, wie ihren 
Vorgängerinnen.« 
»Dolly, bedenke, wie schlecht du in der Schule stehst«, rang 
die Mutter konsterniert die Hände. 
»Und warum, Mama?« verfinsterte sich die junge Stirn. 
»Doch nur, weil ich wegen Krankheit ein halbes Jahr lang 
den Unterricht versäumen mußte. Sei lieber mit mir froh, 
daß die Kinderlähmung so glimpflich mit mir verfuhr.« 
Nun schwieg die Mutter denn doch betroffen, und der 
Bruder strich zärtlich über das Wuschelköpfchen. 
»Hast recht, Kleines. Wenn du es nicht schaffst, ist es gewiß 
nicht deine Schuld, das wissen auch die Lehrer. Dann 

bleibst du eben noch ein Jahr in der Obertertia. Dann hast 
du immer noch mit zwanzig Jahren dein Abitur.« 
»Muß es denn überhaupt sein, daß ich es mache? Martina 
hat es ja auch nicht.« 
»Freches Ding!« fuhr diese empört auf, doch der Bruder 
winkte kurz ab. 
»Laß das jetzt, Martina. Und du sei vernünftig, Dolly. Eine 
abgeschlossene Bildung ist etwas, was dem Menschen ein 
sicheres Gefühl gibt. Denn man kann nie wissen, wie es im 
Leben kommt.« 
»Naja, ich wehre mich ja auch nicht«, bekannte die Kleine 

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verschmitzt. »Setze ich meine Zuversicht auf meine neue 
Gouvernante.« 

Hariet Hermeran streckte im Bett die schlanken Glieder, 
gähnte herzhaft und blinzelte dann ins Licht, das grau 
durch das Fenster drang. Dann ein kurzes Besinnen und 
schon war sie hellwach. 
Richtig, sie lag ja jetzt nicht mehr auf dem harten Bett des 
möblierten Zimmers, sondern auf dem, das ihr laut Vertrag 
in dem feudalen Schloß zustand. Und es war weich, das 
Bett, die Daunendecke mollig warm. In dem Heizkörper 
knackte es. Ein Zeichen, daß die Zentralheizung bereits in 
Betrieb war. 
Wie spät war es denn überhaupt? Acht Uhr, wie sie mit 
einem Blick auf die Armbanduhr, die noch von ihrer 

Mutter stammte, feststellte. 
Da hatte sie sich ja arg verschlafen, was man ihr, die hier 
im Dienstverhältnis stand, bestimmt übel vermerken 
würde. Hastig sprang sie aus dem Bett und sah sich nach 
einer Waschgelegenheit um, die sie jedoch nirgends 
entdecken konnte. Ja, wie denn, sollte sie etwa fortan 
gewissermaßen ungewaschen und ungeplättet bleiben? 
Die Antwort darauf gab ihr Dolly, die zuerst das lockige 
Köpfchen vorsichtig durch den Türspalt steckte und dann 
den zierlichen Körper nachschob. 
»Guten Morgen, Hariet«, grüßte sie fröhlich. »Schon 
munter?« 

»Schon? Ich glaubte bereits, verschlafen zu haben.« 
»Für gewöhnlich wäre das der Fall, doch heute ist Sonntag. 
Da kann man nach Belieben der Ruhe pflegen.« 
»Ich als Angestellte auch?« 
»Bis acht Uhr unbedingt. Am besten ist, Sie studieren den 
Zettel, der Sie davon in Kenntnis setzt, was Sie sollen und 
was Sie nicht sollen. Ein ganzes Dokument, sage ach 
Ihnen.« 
»Und wo ist es?« 
»Auf meinem Schreibtisch.« 
»Da nützt es mir allerdings nicht viel.« 

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Sie lachten beide, dann fragte Hariet, wo sie sich hier wohl 
waschen könnte. 

»Herrje, das wissen Sie auch noch nicht? Gehen Sie den 
Gang links ab bis zur Pendeltür. Dann finden Sie das Bad. 
Nicht zu verfehlen, da Ihnen die Schrift schwarz auf weiß 
förmlich in die Augen springt.« 
»Wollen Sie nicht zuerst baden?« 
»Besten Dank. Ich nenne ein Bad mein eigen, das allerdings 
auch von meiner Schwester benutzt wird. Es liegt zwischen 
den Gemächern der gnädigen Baronesse und meinem 
Stübchen, jawohl!« 
»Dolly, Sie sind doch ein arger Schelm.« 
»Freut mich zu hören. Lieber so, als susetimpelig. Ich 
mache jetzt Toilette, Sie tun desgleichen, und dann schaue 

ich wieder zu Ihnen herein.« 
Damit huschte sie ab, und Hariet hörte sie im 
Nebenzimmer einen flotten Schlager pfeifen. Diese 
Unbekümmertheit, mit welcher die Baronesse ihr Leben 
anpackte, war der Gelehrtentochter neu. Denn um sie 
herum war ja immer nur eine freudlose Schwere gewesen. 
Der Vater, der in einer alten Welt lebte, die mürrische 
Tante, die kein Lachen um sich duldete, die einfache 
Wohnung mit dem düsteren Hinterzimmer. 
Nun, das war ja vorbei. Jetzt begann für sie ein neues 
Leben, das ihr sicherlich mehr Freude bringen würde, 
obwohl sie sich als Angestellte ihr Brot verdienen mußte. 

Hariet nahm den Mantel aus dem Schrank und zog ihn 
über das dürftige Nachthemdchen, denn ein Bademantel 
stand ihr nicht zur Verfügung. Er war ja bisher auch 
unnötig gewesen in der engen Wohnung der Großstadt. 
Man badete nur am Sonnabend, und wenn Berta die 
Kohlen knapp wurden, auch dann noch nicht einmal. 
Die Pantoffeln, in die Hariet schlüpfte, waren? alt und 
ausgetreten. Die würde sie vor allem anderen zuerst 
erneuern müssen. Aber sie bekam ja jetzt Geld. 
Wohl stimmte das. Aber die unerfahrene Hariet hatte ja 
keine Ahnung, wie verschwindend klein die Summe war, 

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wenn es an allen Ecken und Enden fehlte. Das sollte sie 
schon noch erkennen lernen, doch augenblicklich fühlte 

sie sich reich. 
Das Bad erregte ihr Entzücken, obwohl es längst nicht so 
komfortabel eingerichtet war wie die Badezimmer der 
Familie und die der Gäste. Denn das Bad war für die 
Angestellten bestimmt, die in diesem Stockwerk wohnten, 
und dazu gehörte Hariet augenblicklich allein. Das Bad der 
Dienerschaft lag im Anbau. 
Jedenfalls fühlte Hariet Hermeran sich reich und immer 
reicher. Behutsam öffnete sie die Hähne und freute sich, 
wie das Wasser heiß und kalt in die Wanne rauschte. Wie 
blankgeputzt von innen und außen kam sie sich vor, als sie 
wieder ihr trautes Stübchen betrat. 

Was zog sie nun an? Viel stand ihr wahrlich nicht zur 
Verfügung. Zwei Blusen und ein Rock nebst einem schon 
ziemlich schäbigen Kleid für den Alltag, ein etwas besseres 
für den Sonntag. Alles andere waren Sommersachen und 
davon auch gewiß nicht viel. 
So zog sie denn ihr bestes Gewand an, weil heute ja 
Sonntag war. Man merkte ihm wohl an, daß es nicht unter 
der Nadel einer geübten Schneiderin hervorgegangen war, 
dieses dunkelblaue Kleidchen. Strümpfe und Schuhe waren 
alles andere als elegant – also ein kleines 
Aschenputtelchen, das da stand. Ein Glück, daß die Natur 
ihm diese gleißende Lockenpracht mitgegeben hatte – 

denn Dauerwellen wären ja nie in Frage gekommen. 
Sehr sorgfältig, damit es ja nur hübsch ordentlich dem 
Kopf anlag, wurde dieses wunderschöne Haar gebürstet, 
geflochten und im Nacken fest zu einem abscheulichen 
»Dutt« gedreht. Dem sah Dolly, die unbemerkt eingetreten 
war, fast andächtig zu, bis sie dann ihrer Entrüstung freien 
Lauf ließ: 
»Ist denn das die Möglichkeit! Besitzt das Mädchen das 
schönste Haar, das ich jemals sah, und knuddelt es 
zusammen wie ein Seil. Das stört direkt meinen 
Schönheitssinn.« 

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»Haben Sie denn so viel davon?« fragte Hariet lachend. 
»Natürlich. Aber lassen Sie man, ich werde schon…« 

Was, blieb ungesagt. Aber an dem spitzbübischen Gesicht 
der Kleinen konnte man merken, daß sie etwas aushecken 
wollte. 
Sie selbst sah sehr niedlich aus in dem hübschen 
Kleidchen. Als Hariet ihr das sagte, schnitt sie eine 
Grimasse. 
»Na, da sind Sie aber anderer Ansicht als meine Mama. Für 
die bin ich ein häßliches Entlein, aus dem niemals ein 
Schwan wird«, schloß sie mit unbekümmertem Lachen, 
»und nun kommen Sie, gehen wir frühstücken.« 
»Wo denn?« 
»Im Frühstückszimmer.« 

»Darf ich denn das?« 
»Was, essen?« 
»Sie wissen ganz genau, was ich meine. Sagen Sie mir doch 
bitte, wo ich meine Mahlzeiten einnehmen soll.« 
»Na schön, Sie ängstliches Gemüt. Sie heften sich dabei 
immer an meine Fersen.« 
»Das möchte ich schon für mein Leben gem.« 
»Freut mich, soviel rührende Anhänglichkeit. Ihre 
Vorgängerinnen sahen meine Fersen lieber entschwinden, 
als sich an sie zu heften.« 
»Dolly!« 
»Naja, recht haben Sie, werde ich also seriös. Am Alltag 

wird uns das Frühstück in meinem Zimmer serviert, am 
Sonntag nehmen wir es unten ein. Mittagszeit zwölf Uhr, 
nach alter Landwirte-Sitte. Da die gräßliche Schule mich 
aber länger festhält, so bis eins oder gar bis zwei, tafeln wir 
beide nach. Der Sonntagsbraten jedoch wird im trauten 
Familienkreis vertilgt, auch der Nachmittagskaffee wird 
gemeinsam getrunken. Kapiert?« 
»Ja.« 
»Na schön. Gehen wir also frühstücken.« 
Wenig später betraten sie ein kleines Gemach, das 
urgemütlich wirkte. Durch das buntverglaste, spitzbogige 

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Fenster bekam der Raum ein warmes Licht. Ein dicker 
Teppich bedeckte den Boden, in einem Eckschrank prunkte 

altes, wertvolles Porzellan. Die Mitte des schmalen Raumes 
nahm ein Tisch ein, umstanden von hohen Stühlen mit 
Gobelinbezügen an Lehne und Sitz. Über dem Tisch 
hingen zwei entzückende Laternchen mit buntem, 
geschliffenem Glas – und über dem allen wehte ein Hauch 
von vornehmer Tradition. . 
Der Hausherr, Dollys Bruder Ulf, der bereits frühstückte, 
erhob sich beim Eintritt der beiden Mädchen und begrüßte 
Hariet durch eine höfliche Verbeugung, dann fuhr er dem 
Schwesterlein neckend durch den Wuschelkopf. 
»Na, du Strolch, am Sonntag schon so früh munter? Da 
pflegtest du doch sonst bis in den Mittag hinein zu 

schlafen.« 
»Sonst ja, aber von heute an muß ich wachsam sein«, 
erklärte das Persönchen wichtig, während es sich an den 
Tisch setzte und Hariet an die Seite winkte. Auch der 
Bruder nahm seinen Platz wieder ein. 
»Warum mußt du denn wachsam sein?« fragte er 
verwundert. 
»Weil ich Hariet unter meinen Schutz genommen habe, 
merke dir das.« 
»Nanu, das klingt ja fast, als ob du die junge Dame 
ausgerechnet vor mir schützen müßtest«, lachte er belustigt. 
»Woher denn plötzlich so edle Anwandlungen, du 

borstiges kleines Gör?« 
»Oh, bitte sehr! Wer Schwache leiten will, der sei von ihrer 
Schwachheit selber frei – ist nicht von mir.« 
»Das kann ich mir denken«, schmunzelte der Bruder. 
»Mädchen, Mädchen, deine Schlagfertigkeit sollte man nun 
wirklich nicht unterschätzen.« 
»Darf ich mir als Enfant terrible auch erlauben«, tat das 
Persönchen nonchalant ab. »Ich muß doch meinem 
Namen Ehre machen. 
Na, nun essen Sie doch endlich, Hariet«, kreiste ihre Hand 
über den Tisch, der so gedeckt war, wie es einer 

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verfeinerten Lebensart entspricht. Und was es da alles zu 
essen gab, hatte man sich im Hause Hermeran kaum an 

den Feiertagen geleistet! Sie schienen sehr reich zu sein, die 
Eggeroths. 
Und Reichtum war etwas, was Hariet mächtig imponierte. 
Wie oft hatte sie davon geträumt, reich zu sein und sich 
alles das leisten zu können, was in den Schaufenstern der 
Läden so aufreizend ausgestellt war. Wie hatte sie immer 
die Autos bewundert, die so chromblitzend dahinflitzten. 
Hatte bei den wenigen Malen, da sie im Kino war, die 
Darstellerinnen beneidet, die so fesch und elegant 
aussahen. Hatte sich brennend gewünscht, einmal eine der 
prächtigen Villen von innen zu betrachten, an deren Gärten 
sie manchmal vorüberging. 

Und nun wohnte sie gar in einem Schloß, kaum zu fassen 
war das. Wenn das ganze Drum und Dran sie nur nicht so 
eingeschüchtert hätte. Sie wagte sich kaum zu bewegen. 
Konnte nicht begreifen, daß Dolly sich an diesem 
wunderbar gedeckten Tisch so zwanglos benahm, sogar 
dabei noch vergnügt lachte und schwatzte. 
Und dazu noch mit dem Mann, der in seiner ganzen Art 
etwas ungemein Herrisches an sich hatte, wie Hariet sich 
zum Beispiel einen Despoten vorstellte. Sie kroch unter 
seinem kurzen, scharfen Blick, der sie einige Male streifte, 
förmlich in sich zusammen. Würgte an jedem Bissen und 
starrte dann schließlich dem Diener entgegen, der in seiner 

schlichten Livree erschien und meldete: 
»Fräulein Hermeran möchte sofort zu der Frau Baronin 
kommen.« 
»Ja, ja – bitte sehr – sofort«, sprang das Mädchen 
erschrocken auf, und Dolly rief ihm lachend nach: 
»Man nicht so hastig! Sie wissen ja gar nicht, wohin es 
gehen soll. Warten Sie auf Lorenz, er wird Sie führen. 
Pf ff«, blies sie die Backen auf, als die Tür sich hinter den 
Davoneilenden schloß. »Das ist bestimmt blinder Eifer, der 
nur schaden kann. Die Mama und unsere holde Schwester 
werden das nach Kräften ausnutzen.« 

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»Und du etwa nicht?« fragte der Bruder mißtrauisch. 
»Nein«, kam es entschieden zurück. »Bei Hariet nicht.« 

»So vertraut sprichst du von der jungen Dame?« 
»Ja, ich mag sie.« 
»Na, Gott sei Dank!« lachte er herzlich. »Sonst könnte das 
arme Opfer gerade bei dir am meisten erleben.« 
»Kommt gar nicht in Frage. Die kann sich ja gar nicht 
wehren – und dann macht mir die ganze Rüpelei keinen 
Spaß.« 
Ulf besah sich augenzwinkernd sein keckes Schwesterlein 
und meinte dann schmunzelnd: 
»Somit hätte Fräulein Hermeran durch ihr bloßes 
Erscheinen das geschafft, was die Mama und das halbe 
Dutzend Damen, die dich bändigen sollten, trotz aller 

Strenge nicht erreichten. 
Und dabei macht diese Hariet den Eindruck, als müßte sie 
jeden einzelnen um Verzeihung bitten, daß sie die 
Anmaßung besitzt, auf der Welt zu sein.« 
»Das ist es ja gerade, was meine Ritterlichkeit – ach nein, 
die gebührt ja dem Mann – also sage ich: meine 
Anständigkeit hervorruft«, tat die Fünf zehnjährige mit dem 
hellen Köpfchen großartig. »Du siehst, ich bin besser als 
mein Ruf – wenn auch nicht oft.« 
»Dolly, was bist du doch bloß für ein kleines Unikum. Bei 
dir kann man wirklich von dem weichen Kern in der 
rauhen Schale sprechen.« 

»Abgedroschene Phrase, Brüderlein fein. Und nun gehab 
dich wohl. Ich muß wie eine gütige Fee über meinen 
Schützling wachen.« 
Damit tänzelte sie ab, und der Bruder sah ihr schmunzelnd 
nach. 
Schon an diesem Morgen sollte Hariet Hermeran erfahren, 
daß es nicht so einfach sein würde, da in Lohn und Brot zu 
stehen, wo man sie einfach als »Mädchen für alles« 
betrachtete. Ihr Debüt begann mit »kleinen« 
Handreichungen bei der Baronin, die man ruhig als 
Zofendienste bezeichnen konnte. Denn eine Zofe gab es 

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immer nur zeitweilig hier, da die verwöhnten und 
schnippischen Mädchen bald wieder abschwirrten, weil 

ihnen die Damen, die sie zu betreuen hatten, einfach zu 
anmaßend waren. 
Und dann mußte jedesmal das »Fräulein« einspringen, das 
dann auch gleich hinterher nach einem Krach mit der 
»unverschämten Gnädigen« empört loszog. 
Und mit Recht. Denn die schon ziemlich bejahrten 
Fräuleins sollten ja einen anderen Zweck erfüllen, nämlich: 
die Schularbeiten der jüngsten Tochter des Hauses 
beaufsichtigen und kleine Hilfeleistungen im Haus 
verrichten. So lautete jedenfalls der Vertrag, wie einen 
solchen auch Hariet Hermeran unterschrieb. 
Eigentlich erschien sie der Baronin viel zu jung. Aber das 

Bewerbungsschreiben gefiel ihr – und vor allen Dingen das 
Foto, das diesem beilag. Es wirkte so rührend altmodisch, 
so unansehnlich und bescheiden. Das Mädchen war 
bestimmt das, welches Frau Klarissa schon lange suchte. 
»Da sind Sie ja, Fräulein«, sprach die Dame herablassend, 
als Hariet verschüchtert vor ihrem Bett stand. »Sie müssen 
mir beim Ankleiden helfen. Die Zofe, die auch meine 
Tochter betreute, hat ihren Dienst aufgesagt, weil sie 
heiraten will. Und die neue Zofe traf noch nicht ein, weil 
sie dummerweise erkrankte. Sehr peinlich für mich und die 
Baronesse, die wir an Bedienung gewöhnt sind. So müssen 
Sie denn einspringen.« 

»Aber gern, Frau Baronin«, entgegnete Hariet bescheiden, 
was der Dame gar wohl gefiel. »Ich weiß nur nicht, ob ich 
der Frau Baronin alles rechtmachen werde.« 
»Das lernen Sie schon«, wurde gnädigst erwidert. »Sie 
müssen nur den guten Willen dazu haben. Lassen Sie 
zuerst einmal das Bad ein. Wie es gemacht wird, kann 
Ihnen das erste Stubenmädchen zeigen.« 
Auf ein Klingelzeichen erschien die Erwähnte, die so den 
Eindruck machte, als ob sie sich nicht an den »Wimpern 
klimpern« ließe. Sehr adrett sah es aus, das hübsche Wesen 
in kokettem Schürzchen und Häubchen – nur der kecke 

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Ausdruck in dem ein wenig gewöhnlichen Gesicht gab zu 
denken. 

»Mila, zeigen Sie dem Fräulein, wie man ein Bad richtet«, 
befahl die Gnädige in der hochfahrenden Art, die ihr nun 
einmal eigen. »Lernen Sie das unwissende Mädchen in der 
ersten Zeit an, soweit es meine und der Baronesse 
Bedienung betrifft. Denn auf das Erscheinen der neuen 
Zofe werden wir wohl noch eine Zeitlang warten müssen.« 
»Na, denn kommen Sie man, Fräulein«, sprach die kecke 
Maid zu der verschüchterten Hariet gönnerhaft. Gleich 
darauf betraten sie das Bad, das in Kacheln und Chrom nur 
so blitzte. Mila ließ Wasser in die Kachelwanne, warf ein 
Badethermometer hinein und schüttete Badesalz hinzu. 
»Ungefähr einen Löffel voll von dem Zeugs«, erklärte sie 

dem aufmerksam zuschauenden Mädchen. »Wenn es mehr 
oder weniger ist, schadet es auch nichts. Die Olle merkt es 
ja doch nicht. Und mit dieser Bürste scheuern Sie ihr den 
knochigen Buckel ab.« 
»Aber Mila, wie sprechen Sie denn von Ihrer Herrin!« 
entsetzte sich Hariet, und die andere lachte hämisch. 
»Man merkt, daß Sie noch ein Neuling sind, Fräulein. Seien 
Sie mal erst einige Wochen hier, dann werden Sie schon 
anders denken. Das heißt, wenn Sie es überhaupt so lange 
aushalten. Denn das sind Deibels hier, kann ich Ihnen 
sagen,’ daß es zum Himmel schreit. Bei denen kann man 
sich nur mit Frechheit durchsetzen.« 

Sie prüfte die Temperatur des Bades, stellte die Hähne ab 
und sprach in das Nebenzimmer hinein: 
»Frau Baronin, das Bad ist bereit.« 
Gleich darauf erschien diese, warf den Bademantel ab und 
stieg vorsichtig in das duftende Wasser. 
»Ist es nicht zu heiß, Mila?« 
»Frau Baronin können sich ja am Thermometer 
überzeugen.« 
Sie tat’s und nickte gnädig. Tauchte ihren mageren Körper 
in das wohltemperierte Wasser, worauf Mila zu der 
langstieligen Bürste griff und den erbarmungswürdig 

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knochigen Rücken der Herrin nicht gerade sanft striegelte. 
Dabei warf sie Hariet einen verschmitzten Blick zu. 

»Au, Mila, seien Sie doch vorsichtiger«, klagte die so wenig 
liebevoll »Berubbelte« weinerlich. »Sie wissen doch, meine, 
Nerven.« 
Also wurde die Bürste behutsamer in Bewegung gesetzt, 
dann wurde das »Knochengestell« abgeseift, mit 
wohlriechender Essenz eingerieben – und dann entstieg die 
Gnädige dem Bade, ihre Reize den beiden Mädchen offen 
zur Schau stellend. 
Der dickfelligen Mila machte der Anblick gar nichts aus, 
doch die sensible Hariet war peinlich berührt. 
Und dann ließ sich die Dame ankleiden wie ein Baby. 
Das ging unter den flinken, geschickten Händen Milas ganz 

glatt, nur bei der Frisur des schütteren Haares haperte es. 
Die sollten natürlich dicht und bauschig wirken, aber da 
streikte bei der Fünfzigerin einfach die Natur. 
Endlich war die Frisur der anspruchsvollen Dame 
einigermaßen nach ihrem Wunsch. Der Frisiermantel 
wurde abgenommen, das Kleid übergestreift, und dann 
wurden die beiden Mädchen entlassen. 
»Gehen Sie jetzt zur Baronesse. Aber verfahren Sie mit dem 
sensiblen Geschöpf behutsamer als mit mir.« 
Man betrat das Nebenzimmer, wo das »sensible Geschöpf« 
in seinem luxuriösen Bett saß und die Eintretenden 
unwillig empfing. 

»Wo bleibt ihr bloß! Es ist schon halb elf Uhr.« 
»Ja, Baronesse, ich bin ja schließlich keine perfekte Zofe« 
entgegnete Mila dreist und gottesfürchtig. »Da dauerte es 
bei der Frau Baronin eben so lange.« 
Nun begann bei der Tochter die gleiche Prozedur wie bei 
der Mutter. Nur daß der Anblick dieses um mehr als drei 
Jahrzehnte jüngeren Nackedeis erfreulicher war. Wenn 
auch nicht gerade so, daß er ein Künstlerauge entzückt 
hätte. Auch die Haare ließen sich leichter frisieren, sie 
waren zwar nicht üppig und ziemlich farblos, aber 
immerhin. 

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»Ach, du belegst hier Fräulein Hermeran mit Beschlag«, 
platzte Dolly ganz ungeniert in das Ankleidezimmer der 

Schwester. »Ich glaube, die ist für mich da, Tinchen.« 
»Verstümmele gefälligst nicht so gräßlich meinen Namen!« 
fauchte die Empörte. »Wie würde es dir gefallen, wollte ich 
dich Dolchen nennen?« 
»Bitte sehr, das macht mir gar nichts aus. Du weißt, ich bin 
bescheiden.« 
Dabei schaute die Kleine so unschuldig drein, daß Mila alle 
Mühe hatte, nicht vor Lachen loszuplatzen und selbst die 
verschüchterte Hariet sich auf die Lippen biß. Die 
humorlose Martina jedoch, die so gar kein Verständnis für 
ihr um zehn Jahre jüngeres Schwesterlein hatte, sah es böse 
an, worauf blitzschnell eine rosige Zungenspitze dem 

Gehege der Zähnchen entschlüpfte. 
»Mama!« rief Martina in höchster Not, worauf die Gerufene 
schleunigst sichtbar wurde. 
»Ja, was hast du denn, mein Herzchen?« fragte sie 
konsterniert. »Wer hat dir denn etwas zuleide getan? Dolly 
etwa?« 
»Na, wer denn sonst?« entgegnete der Abgott der Mutter 
aufgebracht. »Sie ist wieder einmal von einer Frechheit, die 
harte Strafe verdient. Die Zunge hat sie mir gezeigt!« 
»Du entartetes Kind!« sprach nun streng die Frau Mama. 
»Du hast heute Stubenarrest. Fräulein, Sie sorgen dafür, 
daß er eingehalten wird. Das Essen bekommen Sie mit 

meiner ungezogenen Tochter zusammen oben serviert.« 
Die beiden Mädchen gingen ab – und das jüngere lachte 
sich ins Fäustchen. Das war es ja gerade, was es bezweckt 
hatte. 
»Hach!« warf sich der kleine Unnütz in Hariets Zimmer mit 
Vehemenz in den Korbsessel, daß er in allen Fugen 
knackte. »Das hat wieder einmal wunderbar geklappt. Seien 
Sie jetzt bloß nett zu mir, Hariet. Sonst sind Sie nicht wert, 
daß ich Sie erlöste.« 
»Inwiefern geschah das denn?« 
»Indem ich Sie aus rotlackierten Fängen errettete. Sonst 

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müßten Sie jetzt bestimmt noch Zimmer aufräumen und 
anderes mehr.« 

»Woher wollen Sie das denn wissen?« 
»Aus Erfahrung. Das mußten nämlich Ihre sämtlichen 
sieben Vorgängerinnen, wenn keine Zofe im Hause war, 
was recht oft geschah. Aber denen gönnte ich es, weil ich 
sie allesamt nicht leiden konnte. Doch Sie will ich davon 
verschonen, soweit es in meiner Macht steht.« 
»So mögen Sie mich gern?« 
»Ja. Gleich vom ersten Sehen an.« 
»Ich danke Ihnen«, erwiderte Hariet leise, während Tranen 
ihren Blick verdunkelten. »Sie sind der erste Mensch, der 
mich mag. Allen andern war ich bisher nur ein Geschöpf, 
das man wohl oder übel mit in den Kauf nehmen mußte.« 

»O Gott«, sagte Dolly betroffen. »Wie kommt das denn? 
Wollen Sie es mir nicht erzählen?« 
Hariet tat es. Sprach von ihrer freudlosen, 
entbehrungsreichen Kindheit, von den 
Klassenkameradinnen, die sie verhöhnten, von der 
mürrischen, geizigen Tante, die sie in das düstere 
Hinterzimmer sperrte, sie karg ernährte und ärmlich 
kleidete, von dem Vater, der sie erst richtig bemerkte, als sie 
sein Famulus geworden war – sprach sich überhaupt das 
erste Mal in ihrem Leben das Herz so richtig frei. 
Als der trostlose Bericht beendet war, liefen dem äußerlich 
so ruppigen und innerlich so warmherzigen Backfischchen 

die hellen Tränen über die Wangen. 
»Ach, Sie Arme! Da komme ich mir schon 
bemitleidenswert vor, obwohl ich ein schönes Zuhause 
habe und einen Brüder, der mich liebhat. Früher war es 
auch noch mein guter Paps, der mich geradezu sträflich 
verwöhnte. Aber der ist nun schon zwei Jahre tot, was ich 
immer noch nicht verwinden kann. Liebe Hariet, was tun 
Sie mir bloß leid. 
Aber lassen Sie man«, wischte sie energisch die Tränen fort. 
»Ich sorge schon dafür, daß Sie hier nicht zu sehr 
schikaniert werden. Und wenn ich jeden Tag Stubenarrest 

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kriegen sollte – was in Ihrer Gesellschaft übrigens keine 
Strafe ist«, setzte sie verschmitzt hinzu. »Wir werden es uns 

hier oben schon gemütlich machen.« 
»Ach, Dolly, ich habe doch hier Pflichten.« 
»Eben«, fiel der Schalk lachend ein. »Es ist jetzt nämlich 
Ihre Pflicht, mich zu bewachen. Gehen wir in meine 
Kemenate, da ist es gemütlicher.« 
Das war es allerdings, dieses reizende Jungmädchenzimmer 
mit den Schleiflackmöbel und den lustigbunten Polstern. 
Sogar ein Stutzflügel, weiß mit gold, stand da, wofür Dolly 
eine Erklärung gab. 
»Ich soll partout spielen und singen, verlangt meine Mama. 
Da  man  dazu  auch  üben  muß,  fiel  ihr  das  so  auf  die 
Nerven, daß sie mich samt dem Flügel zum Üben nach 

oben verbannte. Kein Zugeständnis für mich Enfant 
terrible, da das Instrument ja doch nur in einem 
unbenutzten Raum herumstand. Den noblen 
Bechsteinflügel im Wohngemach quält meine mit allen 
schönen Künsten begabte Schwester Martina.« 
»Und Sie sind gar nicht begabt, Dolly?« 
»Doch, sehr sogar. Mit Ruppigkeit, einer flinken Zunge und 
mit dem, was man Selbsterhaltungstrieb nennt.« 
»Herein!« rief sie jetzt laut, worauf zuerst ein Tablett 
sichtbar wurde und dann der würdige Lorenz, der es trug. 
Und auf dem Brett stand – o Wonne! – ein Schüsselchen 
mit eingeweckten Kirschen und eines mit Schlagsahne. 

»Das schickt die Mamsell«, meldete der im Dienst ergraute 
Diener, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Und zwar als 
Vorspeise, da das Mittagsmahl laut Verfügung der Frau 
Baronin kärglich ausfallen wird.« 
»Oh, Lorenz!« jubelte das Baroneßchen, das der Diener seit 
dem ersten Schrei kannte. »Hat dich auch keiner von den 
Gestrengen auf diesem Schleichpfad erwischt?« 
»Nein, Baroneß.« 
»Dann wohl dir, der Mamsell und auch mir. Setz ab den 
süßen Segen!« 
Er tat es und entfernte sich genauso würdig, wie er 

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gekommen war. 
»Guter Lorenz«, sprach Dolly ihm gerührt nach. »Er hat 

sehr viel gewagt, wie er überhaupt schon so manches für 
mich wagte. Er hat deshalb so manchen Rüffel einstecken 
müssen, selbst von meinem Bruder, der keine Winkelzüge 
liebt. Werden Sie nun auch gehen und mich sowie Lorenz 
und seine Frau bei der Mama verpetzen, wie es die übrigen 
Gouvernanten augendienerisch taten?« 
»Fällt mir auch gerade ein«, lachte die ehrpusselige 
Gelehrtentochter so leichtsinnig wie noch nie in ihrem 
Leben. »Schon gar nicht wegen dieser Leckerei, die ich 
gerade nur dem Namen nach kenne.« 
»Herrlich!« begeisterte sich das Baroneßchen. »Sie sind die 
Seele, die ich schon lange suchte.« 

»Wo ist denn Dolly?« fragte der Baron an der Mittagstafel 
seine Mutter, die zuerst die Lippen zusammenkniff und 
dann kurz Antwort gab: 
»Sie hat wegen ungebührlichen Benehmens ihrer Schwester 
gegenüber heute Stubenarrest!« 
»Ist das bei einem so großen Mädchen nicht lächerlich, 
Mama?« 
»Nein«, kam es verbissen zurück. »Sie benimmt sich 
keineswegs als solches, sondern immer noch wie ein 
ungezogenes Kind. Das ist nämlich der Erfolg der falschen 
Erziehung deines Vaters, der in der Jüngsten seinen Abgott 
sah und ihr allen Willen ließ. Und auch du bist mehr als 

nachsichtig diesem ungezogenen Mädchen gegenüber. 
Entschuldigst die Unarten, anstatt sie gebührend zu rügen. 
Wenn das so weitergeht, wird Dolly ein regelrechter 
Taugenichts. Das meint auch Martina, die sich ihrer 
unmanierlichen Schwester oft schämen muß.« 
»Na ja«, entgegnete der Mann, weiter nichts. Weil er 
nämlich ganz genau wüßte, daß doch jedes Wort wie in 
den Wind gesprochen sein würde. Diese Mutter hatte eben 
für die beiden Kinder, die ihrem Gatten glichen, von jeher 
nicht viel übrig. Liebte um so mehr ihre ältere Tochter, weil 
sie Art von ihrer Art war. Hatte es dem Gatten und später 

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auch dem Sohn schwer verdacht, daß sie nicht gleichfalls 
Kult mit ihrem Abgott trieben. Das wurmte diese vernarrte 

Mutter und machte sie ungerecht gegen die beiden anderen 
Kinder. 
Bei dem Sohn konnte sie leider nicht so, wie sie gern 
wollte. Denn das verrückte Testament des Gatten hatte sie 
von Ulf abhängig gemacht. 
Verrückt? O nein, der kluge und weitschauende Mann war 
es bestimmt nicht, als er das Testament aufsetzte, nämlich: 
Er setzte den Sohn, der so ganz Blut war von seinem Blut, 
als Erben über die Herrschaft Herrnhagen samt aller 
Liegenschaften ein. Bestimmte auch recht großzügig die 
Summe, die dieser der Mutter und den beiden Schwestern 
auszuzahlen hatte. Ersterer, wenn sie ins Witwenhaus zog, 

letzteren, wenn sie heirateten. Solange erhielten sie die 
Zinsen des Kapitals und freies Wohnrecht nebst 
Verpflegung im Schloß. 
Und dieses Witwenhaus war nun die Waffe, die Frau 
Klarissa ins Feld führte, wenn ihr etwas nicht paßte. Weil 
sie ganz genau wußte, daß es mit der Herrschaft 
Herrnhagens gerade so schlicht um schlicht stand und der 
Sohn eine Hypothek aufnehmen mußte, um seiner Mutter 
respektive den Schwestern ihr Erbe auszahlen zu können. 
Nun, bei Dolly war es noch lange nicht soweit, Martina 
fand trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre noch immer keinen 
Mann – und die Mutter? Nun, die hütete sich wohl, das 

feudale Schloß mit dem immerhin bescheidenen 
Witwenhaus zu vertauschen. 
Aber damit drohen, das war ihr direkt eine Genugtuung. 
Außerdem war es Klarissa wie ein Dorn im Auge, daß der 
Gatte in seinem »verrückten« Testament den Sohn als 
Vormund über die jüngste Schwester vorgeschlagen hatte, 
was das Obervormundschaftsgericht ohne weiteres 
genehmigte. Also konnte sie nicht, wie sie wollte. Konnte 
dieses Enfant terrible nicht in ein Internat geben. Schon gar 
nicht, als es bald nach dem Tod des Vaters an 
Kinderlähmung erkrankte und von dem Bruder über 

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Gebühr verwöhnt wurde. Was Wunder, wenn aus dem 
ohnehin schon vertrotzten Mädchen so nach und nach ein 

Taugenichts wurde? 
Daß es in der Schule zurückblieb, war ja allenfalls zu 
verstehen. Aber daß es auch im zweiten Jahr in der Klasse 
leistungsmäßig zurückstand, war einfach ein Skandal. 
Also wurde ein ältliches Fräulein ins Haus genommen, das 
Dolly bei den Schularbeiten helfen und sich außerdem 
noch in der Hauswirtschaft betätigen sollte. Aber leider 
blieb es nicht bei dieser Abmachung, weil die Baronin oft 
um eine Zofe verlegen war und das jeweilige Fräulein für 
diese einspringen mußte. Die Folge davon war, daß in 
eineinhalb Jahren sieben solcher Fräuleins ihr Gastspiel 
gegeben hatten, weil man sie für geringen Lohn ausnutzte 

und außerdem noch schofel behandelte. 
Und zu alledem noch dieser unleidliche Backfisch, der 
frech wie ein junger Dackel und störrisch wie ein Füllen 
den Fräuleins alles zum Schabernack machte. Da suchte 
man sich doch eine Stellung, in der es sich leichter und 
besser leben ließ. 
So stand denn Herrnhagen in keinem guten Ruf. Das heißt, 
was das Schloß anbetraf. In der Außenwirtschaft herrschte 
eine mustergültige Ordnung und ein gutes Einvernehmen, 
weil der junge Baron ein wirklicher Herr war, streng aber 
menschlich. Da kam es nicht vor, daß ein Untergebener 
ihm gegenüber unbotmäßig wurde, was übrigens auch im 

Schloß nie passierte. Da sorgte seine Persönlichkeit schon 
allein für den nötigen Respekt. 
Und wenn seine Mutter ihm in den Ohren lag, daß sie sich 
bei der Dienerschaft nicht genügend durchsetzen konnte, 
meinte er gelassen, daß dieses allein an ihr läge, was sie 
jedesmal empörte. Na ja, Ulf war eben, genauso wie sein 
Vater, herrisch und rücksichtslos. 
Nur bei Dolly, da machte er eine Ausnahme. Lächelte da, 
wo er scharf durchgreifen sollte. Wenn die Jüngste ihn um 
Geld anging, zog er sofort seine Börse, während er es bei 
Mutter und der älteren Schwester kühl ablehnte. 

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So geschah es auch heute, als man nach dem Mittagessen 
in einem kleinen Gemach beim Mokka saß. Da bat Martina 

den Bruder um Geld. Das heißt, sie bat nicht darum, 
sondern verlangte es brüsk. 
»Bedaure sehr, ich kann dir leider kein Geld geben«, zuckte 
Ulf die Achsel. »Du hast das dir Zustehende pünktlich am 
Ersten bekommen. Ist es etwa schon ausgegeben?« 
»Was bei den paar Pfennigen gewiß nicht schwer ist«, 
machte sich die Mama zum Vormund der Tochter, die so 
ganz ihr getreues Ebenbild war. Lang und hager, einen 
verkniffenen Mund, ein blasses Gesicht, fahlblaue Augen 
und fahles Haar – und vor allem das hochfahrende Wesen. 
Sie war bei der Mutter, die diese Tochter ganz als ihr 
Geschöpf betrachtete, in eine gute Schule gegangen. 

»Also ein paar Pfennige nennst du das, Mama, womit oft 
ganze Familien auskommen müssen«, lächelte der Sohn 
ironisch. »Hast du überhaupt eine Ahnung, wie gut es dir 
geht?« 
»Darauf habe ich nur gewartet!« fuhr sie giftig auf ihn los. 
»Gutgehen nennst du das, wenn man sparen muß an allen 
Ecken und Enden? Schon das Haushaltsgeld, das du mir 
zubilligst, ist so lächerlich wenig, daß ich selbst darüber 
staune, wie ich damit überhaupt auskomme. Aber du 
verlangst dafür Delikatessen, über deine Verhältnisse 
hinaus einen feudalen, großgeführten Hausstand.« 
»Was mir auch zusteht«, warf er ruhig ein. »Wie gut du mit 

dem Geld auskommst, ist daraus zu ersehen, daß du jeden 
Monat eine ganz nette Summe übrig behältst, die du dann 
für’ dich und Martina ausgibst.« 
Es war das erste Mal in den zwei Jahren, seitdem er nach 
des Vaters Tod Familienvorstand war, daß er seiner Mutter 
das eben Erwähnte vorhielt, weil dergleichen seiner 
vornehmen Natur nicht lag. Aber da Klarissa immer 
anspruchsvoller – oder besser gesagt, unverschämter wurde, 
mußte das einmal zur Sprache kommen. 
»Na, das ist ja nun wirklich die Höhe!« schnappte die 
empörte Dame zuerst einmal nach Luft, wie ein Fisch auf 

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dem Trockenen. Zwei kreisrunde rote Flecke brannten auf 
den Backenknochen des hageren Gesichts, immer ein 

Zeichen, daß die gute Klarissa sich in höchster Erregung 
befand. »Schämst du dich gar nicht, deiner Mutter, der du 
das Leben verdankst, so eine unerhörte Vorhaltung zu 
machen? Sieh dich nach einer anderen Wirtschafterin um, 
ich ziehe mit Martina ins Witwenhaus! Aber dann zahlst 
du mir hübsch säuberlich das Erbteil auf den Tisch, mein 
anmaßender Sohn.« 
»Wie du wünschest«, entgegnete er eisig. Stand auf, eine 
knappe Verbeugung, dann ging er hinaus. 
»Mama, soweit hättest du dich nicht hinreißen lassen 
dürfen«, bemerkte die Tochter ängstlich. »Wenn Ulf nun 
verlangt, daß du zu deinem Wort stehst, was dann?« 

»Er wird sich hüten«, lachte die Mutter auf, es klang wie das 
Krächzen einer’ zornigen Krähe. »Er kann das Geld ja gar 
nicht flüssig machen, ohne Herrnhagen zu belastend. Laß 
mich nur machen, mein Herzblatt. Deine kluge Mutter 
weiß schon, was sie tut.« 
Von dieser Auseinandersetzung hatte Dolly keine Ahnung. 
Quietschvergnügt saß sie in ihrem Zimmer, speiste mit 
Hariet ganz groß, wie sie verschmitzt feststellte. Denn die 
gute Mamsell, die dem Irrwisch sehr zugetan war, hatte es 
nicht übers Herz bekommen, ihn so frugal abzufüttern, wie 
die gestrenge Frau Mama es anordnete. Daher fiel das 
Mahl, das Lorenz brachte, sogar recht üppig aus. 

»Du Waghalsiger, hast du denn ‘gar keine Angst, beim 
Transport dieser >Lukullität< ertappt zu werden?« fragte 
Dolly lachend, als der Diener die Speisen anrichtete. »Ich 
bin doch heute auf Wasser und Brot gesetzt.« 
»Die Mamsell ist manchmal schwerhörig, Baronesse – und 
ich auch«, bekannte der Musterdiener, ohne dabei seiner 
Würde etwas zu vergeben. Kein Muskel regte sich in seinem 
Gesicht, als er eine kleine Flasche Sekt aus der Hosentasche 
zog und sie auf den Tisch stellte. Zwei Gläser folgten nach, 
dann wünschte er den Damen höflich guten Appetit und 
stelzte davon. 

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»Der ist ja goldig!« lachte Hariet so fröhlich, wie sie noch 
nie gelacht. »Den könnte man direkt liebhaben.« 

»Das tun Sie nur«, riet Dolly gönnerhaft. »Der verdient es. 
Was meinen Sie wohl, wie oft er meine Schandtaten 
gedeckt hat, er und die Mamsell. Es sind zwei Getreue, die 
auch bei meinem Bruder einen großen Stein im Brett 
haben. Trinken wir auf das Wohl dieses prachtvollen 
Dienerehepaares!« 
Damit ließ sie den Pfropfen knallen, füllte die Gläser und 
stieß mit Hariet an, die zum ersten Mal Sekt trank. Beim 
zweiten Glas hatte sie einen regelrechten Schwips, und da 
auch Dolly an das köstliche Naß nicht gewöhnt war, stellte 
sich auch bei ihr ein niedliches Schwipslein ein. 
So gerieten die beiden Mädchen denn in eine Stimmung, in 

der sie hätten die ganze Welt umarmen mögen. Die 
ehrpusselige Gelehrtentochter wollte sich halbtot lachen, 
als das kecke Baroneßchen mit einer Schere anrückte und 
rief: 
»Runter mit dem gräßlichen Dutt! Ich will kein so 
altklunkeriges Nönnchen ständig vor Augen haben. Darf 
ich?« 
»Bitte sehr«, wurde Hariet leichtsinnig, löste das Haar – 
und ritsch, ratsch schnitt die scharfe Schere es bis zur 
Schulter ab. 
»Herrlich!« tanzte der Übermut im Zimmer umher. »Der 
Kopf ist jetzt bildschön und was darunter ist…« 

Sie hielt erschrocken inne, weil es kurz anklopfte und 
gleich darauf der Bruder ins Zimmer trat. Dolly lachte ihn 
freundlich an, doch Hariet bekam ganz große Angstaugen. 
Backfischchen hatte recht, der Kopf war jetzt bildschön, 
den das goldbraune Haar in tiefen Wellen umbauschte und 
an den Seiten in das heiße Gesichtchen fiel. 
»Ja, was geht denn hier vor?« fragte der Mann streng, 
während es in Mund und Augenwinkeln zuckte. »Du hast 
Fräulein Hermeran das Haar abgeschnitten, wie es die 
Schere in deiner Hand verrät?« 
»Jawohl, Brüderlein fein«, gab die beschwipste kleine Dame 

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ohne weiteres zu. »Sieht meine Hariet jetzt nicht viel 
schöner aus als mit dem schauderhaften Dutt?« 

Auf diese Frage blieb er die Antwort schuldig. Meinte nur 
achselzuckend: 
»Wenn Fräulein Hermeran sich deinen Übermut gefallen 
ließ, ist das ihre Sache. Ich bin nur neugierig, was die 
Mama zu deinem neuesten Streich sagen wird.« 
»Er wird mir eine Ohrfeige und Stubenarrest einbringen«, 
folgerte die Kleine unbekümmert, und der Bruder besah sie 
sich kopfschüttelnd. 
»Mädchen, was bist du doch bloß für ein Erzschelm. Dem 
sind Sie bestimmt nicht gewachsen, Fräulein Hermeran.« 
»Doch«, legte der Übermut das Köpfchen schief und 
blinzelte den distinguierten Herrn verschmitzt an. »Sie hat 

mich nämlich lieb. Und Liebe trägt, duldet und verzeiht 
alles – steht in der Bibel.« 
Da mußte der Mann denn doch lachen. Zeigte dann jedoch 
wieder ernst werdend auf die leere Flasche. 
»Hast du etwa Sekt getrunken, Dolly?« 
»Jawohl! Eine Spende derjenigen, die hier unter Larven die 
einzig fühlende Brust ist. Also laß auch du, Bruder, es 
genug sein des grausamen Spiels. Ich hab ja bestanden, was 
keiner besteht.« 
Da lachte Hariet hell auf. Jungfrisch und froh klang dieses 
köstliche Lachen. Und da sie dank ihres Schwipses Mut 
hatte, sprach sie in Gegenwart dieses sie sonst so 

einschüchternden Mannes das aus, was sie dachte: 
»Und ich soll Ihnen noch was beibringen, Dolly? Sie sind 
ja bedeutend klüger als ich.« 
»Hörst du es?« frohlockte der Schalk. »Und zwar aus dem 
Mund der Gelehrtentochter, die seit ihrem sechzehnten 
Lebensjahr mit dem Vater zusammen in Altertumskunde 
schwelgte. Die ihr Abitur mit Auszeichnung machte – ach, . 
wäre ich doch erst soweit.« 
»Na, die Auszeichnung wollen wir von vornherein 
streichen«, schmunzelte der Bruder, der seinem 
Schwesterchen nun einmal nicht ernstlich böse sein 

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konnte. »Ein >Ausreichend< dürfte, auch genügen.« 
»Hariet, widersprechen Sie ihm.« 

»Das wage ich nicht, Dolly.« 
»Ängstliches Gemüt. Aber das soll unter meinem Einfluß 
bald anders werden. Was verschafft mir übrigens die Ehre 
deines Besuches, gebietender Herr. Kamst du etwa, um mir 
ins Gewissen zu reden?« 
»Erraten. Aber dein niedliches Schwipslein würde dir selbst 
die strengste Strafpredigt rosenrot erscheinen lassen. Daher 
fange ich erst gar nicht damit an.« 
»Ach, was bist du doch für ein verständnisvoller Bruder. 
Komm an mein Herz!« 
Als sie sich beseligt an seine Brust werfen wollte, 
entschwand er lachend, und die beiden Mädchen machten 

es sich bequem. Dolly streckte sich aufs Bett und Hariet auf 
den Diwan. 
Und dann fingen sie an zu singen, bis sich die Köpfchen 
neigten und Schlaf sie umfing. Er war so fest, daß die 
beiden jungen Menschenkinder gar nicht merkten, als 
Lorenz erschien und den Tisch abdeckte. Ein gütiges 
Lächeln umzuckte den Männermund, und gütig war der 
Blick, der die holden Schläferinnen umfing. 
Es war am nächsten Morgen. Schrill riß der Wecker Hariet 
aus süßen Träumen hinein in die Wirklichkeit. Gähnend 
warf sie einen Blick auf die Uhr – halb sieben, also 
Aufstehzeit für sie. So verlangte es die Dienstvorschrift. 

Eine halbe Stunde später die Baronesse wecken und dafür 
sorgen, daß diese sich zur Zeit auf den Schulweg machte. 
Und zwar in dem Zweisitzer, den der Chauffeur lenkte. Er 
holte dann auch seine kleine Herrin von der Schule ab, die 
vier Tage in der Woche um ein Uhr und zwei Tage um zwei 
Uhr aus war. 
Es fiel Hariet nicht leicht, die festschlafende Kleine zu 
ermuntern. Kein Wunder, da es draußen in Strömen 
regnete. Und dann ruht es sich bekanntlich wohl im 
warmen, weichen Pfühl. 
»Dolly, Sie müssen aufstehen! Dolly, so werden Sie doch 

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endlich wach! Es ist fast einhalb acht Uhr. Ihnen bleibt ja 
zum Ankleiden keine Zeit und zum Frühstücken schon gar 

nicht!« 
Endlich erhob das verschlafene Persönchen sich in ganz 
miserabler Laune – und dann ging alles Hals über Kopf. 
Sich an den Frühstückstisch zu setzen, den Lorenz in dem 
reizenden Jungmädchenstübchen fürsorglich gedeckt hatte, 
daran war kein Gedanke. Hariet gelang es gerade noch, der 
ihr Anvertrauten eine Doppelschnitte in die Hand zu 
drücken, dann war diese auch schon auf und davon. 
Schachmatt ließ die Zurückbleibende sich in den nächsten 
Sessel sinken, um erst einmal zu verschnaufen, dann erst 
begann sie mit dem Frühstück. Unter der Mütze war der 
Kaffee heiß geblieben. Dickflüssig tropfte die Sahne in das 

braune Getränk, ein Stückchen Zucker plumpste nach. 
Und dann die Schnitte, dick mit Butter bestrichen und mit 
Landschinken belegt – ach, was waren das doch für 
herrliche Genüsse! 
Wenn es ihr doch vergönnt wäre, hier festen Fuß zu fassen, 
wo alles so ungemein großzügig, so selbstverständlich war. 
Nicht mehr zurück müssen in das mehr als bescheidene 
Milieu, aus dem sie stammte. 
Seufzend fuhr Harriet sich über die Stirn – und da wurde es 
ihr heiß vor Schreck. Richtig, ihr Haar war ja abgeschnitten, 
reichte kaum noch bis zur Schulter. 
Sie sprang auf, trat vor den Spiegel und beäugte sich 

eingehend. Ein fremdes Gesicht schaute ihr aus dem Glas 
entgegen – denn eine Frisur kann ein solches schon 
verändern. 
Das soll ich nun sein, dachte Hariet halb beglückt, halb 
verzagt. Was wird nur die Frau Baronin sagen! Mir etwa die 
Tür weisen? Fertig bekäme sie es schon, die kein Erbarmen 
zu kennen schien. 
Wie hatte sie aber auch der übermütigen Dolly die 
Erlaubnis zu dem Haarschnitt geben können. Es mußte 
wohl der Sekt sein, der diesen Leichtsinn heraufbeschwor. 
Zerknirscht nahm Hariet sich vor, nie wieder welchen zu 

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trinken. 
In ihrer Niedergeschlagenheit hätte sie am liebsten geweint. 

Aber das ging nicht. Sie konnte doch unmöglich mit 
verweinten Augen bei den beiden Damen erscheinen, 
denen sie bestimmt beim Ankleiden helfen mußte. 
Hoffentlich war auch heute wieder Mila dabei. 
Kaum hatte sie es gedacht, stand das Mädchen auch schon 
in der Tür. 
»Ach, hier sind Sie, Fräulein? Daher bekam ich auch keine 
Antwort, als ich an Ihre Zimmertür klopfte. 
Aber wie sehen Sie denn aus?« unterbrach sie sich lachend. 
»Haben Ihnen etwa in der Nacht die Heinzelmännchen 
den gräßliche Dutt abgeschnitten?« 
»Ein Heinzelmännchen war es schon«, entfuhr es Hariet – 

und da wußte die andere Bescheid. 
»Die Dolly also. Das sieht diesem kleinen Deibel ähnlich. 
Aber machen Sie sich nichts draus, Fräuleinchen. Sie 
wirken jetzt lange nicht mehr so altklunkerig. Nur das Haar 
muß noch richtig gestutzt werden, was ich gleich besorgen 
will. Ich habe nämlich Geschick darin. Wäre am liebsten 
Friseuse geworden, aber meine Eltern hatten nicht das 
Geld, um mich ausbilden zu lassen. Also los, ich mache Sie 
todschick.« 
»Ach, Mila, was wird bloß die Frau Baronin zu meiner 
jetzigen Frisur sagen?« 
»Gar nichts hat die zu sagen. Sie können doch mit Ihrem 

Haar machen, was Sie wollen. Und nun mal hopp, ich 
habe nicht viel Zeit.« 
Das klang wie ein Befehl, dem die ängstliche Hariet sich 
dann auch unterordnete. Geschickt hantierte Mila mit der 
Schere und besah dann wohlgefällig ihr Werk. Wie 
goldbraune Seide glänzte das wellige Haar, das in der Mitte 
gescheitelt, zwanglos über den Nacken fiel und sich an den 
Enden zu gleißenden Locken drehte: 
»Na, Sie haben vielleicht Haar«, sagte Mila andächtig. »Sie 
können den Scheitel tragen, was bestimmt nicht jeder 
Kann. Die Trine wird schön fauchen, wenn sie Sie so sieht.« 

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»Wer ist denn das, Mila?« 
»Na, die Martina, die wir einfach Trine nennen, weil sie 

eine ist. Die möchte für ihr Leben gern eine Scheitelfrisur 
tragen, was aber bei ihrem langen, mageren Pferdegesicht 
unmöglich ist. Das sieht sie selbst ein.« 
»O Gott, Mila, dann wird mir die Baronesse am Ende 
meine Frisur neiden.« 
»Wird sie, wird sie ganz bestimmt. Aber das freut mich von 
Herzen.« 
»Sagen Sie mal, Mila. warum sind Sie eigentlich auf Ihre 
Herrschaft so schlecht zu sprechen?« 
»Weil sie es nicht besser verdient. Das heißt, nichts gegen 
den Herrn Baron, das ist ein feiner Kerl. Wir haben wohl 
vor ihm einen heillosen Respekt, aber zugleich verehren 

wir ihn auch. 
Und die Dolly? Das ist zwar ein kleiner Deibel, aber sie hat 
ein gutes Herz. Doch die Olle  und ihr getreuer Abklatsch, 
das sind einfach Menschenschinder. Na, Sie werden das 
auch noch zu spüren bekommen.« 
In dem Moment klingelte es viermal kurz und scharf. 
»Das gilt Ihnen«, erklärte Mila. »Ich kam nämlich her, um 
Sie im Zofendienst zu unterweisen, was ich über die Frisur 
ganz vergaß.« 
»Liebe Mila, wollen Sie so gut sein und heute noch mit mir 
kommen?« bat Hariet ängstlich, und da das Mädchen 
gutmütig war, willigte es ein. 

»Na schön, heute noch ja. Aber dann müssen Sie zusehen, 
allein fertig zu werden. Ich habe ja meine zugeteilte Arbeit 
als Stubenmädchen, und es fällt mir gar nicht ein, mir für 
die Ziegen ein Beinchen auszureißen.« * 
Schon klingelte es wieder, und Mila lachte. 
»Aha, das ist Sturm. Da können Sie was erleben.« 
»Sagen Sie, Fräulein, wo bleiben Sie eigentlich!« wurde sie 
von der Gnädigen, die im Bett saß, unwillig empfangen. 
»Und wie sehen Sie denn aus! Was haben Sie mit Ihrem 
Haar gemacht?« 
»Sie hat es abgeschnitten«, gab die Stubenfee trocken 

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Antwort. »Schließlich ist es ja ihr Kopf.« 
»Mila, ich verbitte mir Ihre Frechheit!« zeigten sich jetzt die 

kreisrunden Flecke auf den Backenknochen der entrüsteten 
Dame. »Ich werde deswegen beim Herrn Baron vorstellig 
werden.« 
»Na, dann kann ich dem Herrn Baron gleich sagen, daß ich 
mir eine andere Stelle suchen werde.« 
Diese Antwort hatte die hochfahrende Dame nicht erwartet 
– und sie gefiel ihr gar nicht. Weil sie nämlich ganz genau 
wußte, daß es schwer war, Dienerschaft nach Herrnhagen 
zu bekommen. Daß es an ihr lag, sah die Gnädige natürlich 
nicht ein, sie gab immer nur andern die Schuld.  
Also auch der Dienerschaft, die so oft wechselte. Es gab 
heute eben keine echte Dienstbarkeit mehr. Die Leute 

wurden aufgehetzt durch allerlei Neuerungen, die sie 
aufsässig und dreist machten. Die Unverschämten besaßen 
ja bald mehr Recht als die Herrschaft, die für mäßige 
Dienstleistung fütterte und entlohnte. 
Aber was sollte man dagegen tun? Man brauchte dieses 
anmaßende Gesindel nun mal – und mußte daher wieder 
einmal einlenken, was denn auch mit den Worten geschah: 
»Reden Sie „nicht solchen Unsinn, Mila! Sehen Sie lieber 
zu, daß ich mein Bad bekomme.« 
»Na also«, grinste die kecke Maid, als sie mit Hariet im 
Badezimmer allein war. »Sie sind gar nicht so schlimm, die 
ollen Ziegen, man muß sie nur zu nehmen wissen.« 

Hariet hätte viel darauf antworten können. Wagte es jedoch 
nicht, Mila zu verärgern, die trotz ihrer Keckheit hier recht 
angesehen zu sein schien. Ach, wenn ihr diese Keckheit 
doch auch gegeben wäre – aber leider. 
Wie ein Wirbelwind fuhr Dolly in das Zimmer Hariets, die 
im Korbsessel am Fenster saß und sich abmühte, den Riß 
in einem Nachtkleid der Baronesse Martina säuberlich zu 
verstopfen. Sie hatte so ein hauchfeines Gewebe noch nie 
in Händen gehabt und schwitzte nun gewissermaßen Blut 
und Wasser. Denn der rosarote Seidenfaden schien immer 
noch zu derb für den Hauch aus Seide und Spitzen. 

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»Lassen Sie das jetzt«, entschied Baroneßchen unwillig. 
»Kommen Sie mit mir essen. Ich habe gräßlichen Hunger 

nach der Plackerei in der Schule. Dem, der diesen Unsinn 
ausgetüftelt hat, könnte ich glatt den Hals umdrehen.« 
»Lernen Sie denn nicht gern, Dolly?« 
»Nein«, kam es aufsässig zurück. »Lesen, schreiben, 
rechnen, das muß der Mensch natürlich können. Alles 
andere ist Humbug, weil ich doch auch einmal heirate und 
ein halbes Dutzend Kinder großziehen werde. Denen ist es 
doch nun wirklich egal, ob ich ihre Windeln in höherer 
Mathematik, Literatur, Kunstgeschichte oder Latein wasche, 
ob ich mit sechzehn oder mit zwanzig Jahren der Schule 
entrann.« 
»Und der Mann?« fragte Hariet lachend. »Der will doch 

schließlich eine gebildete Frau haben.« 
»Meiner nicht«, tat Backfischchen verächtlich ab. »Der ist 
bestimmt nicht auf Wissenschaft erpicht, weil er auf einer 
Klitsche treu und brav seinen Kohl bauen wird. Denn so 
was kommt für mich überhaupt nur in Frage. Oder glauben 
Sie, daß ich etwa Gefallen an einem so gelehrten Herrn 
finden könnte, wie zum Beispiel Ihr Vater einer war?« 
»Nein«, mußte Hariet ihr recht geben. »Sie wären auch viel 
zu schade dazu.« 
»Also! Gehen Sie mit mir, um Ihrer Pflicht zu genügen. Sie 
besteht jetzt darin, mir bei meinem Mittagsmahl 
Gesellschaft zu leisten.« 

Das geschah denn auch. Sie saßen allein zu Tisch, weil die 
andern immer um zwölf Uhr aßen. Also mußte für die 
Jüngste der Familie und ihr »Opfer« nachserviert werden. 
Aufgewärmtes natürlich, nach Befehl der Frau Mama – 
wobei die gute Mamsell und ihr trauter Gemahl 
schwerhörig waren. Ihr Liebling bekam nur Leibgerichte 
serviert, was die Gestrenge niemals sah, weil sie um die Zeit 
der Mittagsruhe pflegte. 
Hariet beeindruckte das feudale Speisezimmer natürlich 
sehr. Sie konnte sich – auch später noch – nie satt sehen an 
all dem Schönen, nie Geschauten. 

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Der runde Tisch in dem Erker war für zwei Personen 
gedeckt – und wie gedeckt. Feiner Damast, kostbares 

Porzellan, schweres Silber und blitzendes. Kristall. Man 
verschwand fast in den wuchtigen Lehnstühlen, die so 
weich gepolstert waren. Man konnte so wunderbar den 
Köpf an das schmiegsame, samtige Leder legen. 
Ach ja, wie war das doch alles traumhaft schön. Hariet 
konnte nicht begreifen, daß all die Pracht dem 
Backfischchen »wurscht« zu sein schien. 
Warum auch nicht? Sie war ja daran gewöhnt, die kleine 
Baronesse. Hatte diese Atmosphäre geatmet vom ersten 
Schrei an. Hätte man sie auf all das Herrliche aufmerksam 
gemacht, wäre sie wohl baß erstaunt gewesen. 
»Hariet, warum schauen Sie denn so bedeppert drein?« 

fragte sie jetzt verwundert. »Will Ihnen das vorzügliche 
Mahl etwa nicht munden?« 
»Doch«, entgegnete die andere wie bei einem Unrecht 
ertappt. »Ich bin nur an solche Delikatessen nicht 
gewöhnt.« 
»Dann holen Sie das recht schnell nach«, riet Backfischchen 
gönnerhaft. »Mag es hier sein wie es will, aber die Küche ist 
gut, dank unserer Mamsell. Daher hat Lorenz sie ja auch 
geheiratet, weil Liebe nun einmal durch den Magen geht.« 
Verschmitzt lachte sie dabei den Diener an, der soeben den 
Nachtisch servierte. 
»Nicht wahr, ihr seid ein gutes Gespann, die Mamsell und 

du.« 
»Durch Herrschafts Gnaden, Baronesse.« 
»Pöh«, tat sie ungerührt ab. »Sag lieber durch Gottes 
Gnaden“. Ich habe nämlich heute eine interessante 
Religionsstunde hinter mir. Demnach sind die Menschen 
nichts, Gott alles.« 
Darauf blieb Lorenz die Antwort schuldig und ging mit 
stolzer Würde hinaus. Er hatte getan, was er konnte. Hatte 
seinem Liebling ein Mahl serviert, wie es nicht in der 
Bestimmung der gestrengen Frau Mama stand. 
Nach dem Essen rekelte sich Dolly mal erst in ihrem 

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Zimmer auf dem Diwan. Hariet mußte ihr dabei 
Gesellschaft leisten. Doch sie war nicht müßig dabei, 

quälte sich mit dem Nachtgewand der Baronesse Martina 
weiter ab. Dolly sah eine Weile zu, dann sagte sie 
ungehalten: 
»Werfen Sie diese Kodderei doch einfach zum Fenster 
hinaus, Hariet. Es ist weiter nichts als Schikane meiner 
lieben Schwester, daß Sie daran herumsticheln müssen. 
Denn gemäß des Toilettengeldes, das ihr zur Verfügung 
steht, könnte sie sich jeden Monat so ein Ding leisten.« 
»Ich muß das tun, was mir beföhlen wird«, bemerkte Hariet 
bescheiden. »Dafür stehe ich ja hier in Lohn und Brot.« 
»Ach du lieber Gott«, schnitt die Kleine eine Grimasse. 
»Wenn Sie sich danach richten wollen, können Sie 

arbeiten, vom frühesten Morgen bis in die Nacht – und 
immer wäre es für die Anspruchsvollen noch nicht genug. 
Übrigens sehen Sie in der neuen Frisur reizend aus. Ich bin 
ordentlich stolz darauf, diese so wunderbar hingekriegt zu 
haben.« 
»Den Stolz muß ich Ihnen leider nehmen«, lachte Hariet. 
»Denn mit den Zotteln, die Ihre Schere schnitt, hätte ich 
unmöglich herumlaufen können. Die geschickte Hand 
Milas hat die Haare erst zurechtgestutzt.« 
»Tatsächlich?« staunte Dolly. »Dann müssen Sie aber einen 
großen Stein bei ihr im Brett haben. Denn Mila ist von der 
Dienerschaft wohl am intelligentesten, aber auch am 

frechsten. Wie nahm übrigens meine Mama Ihre neue 
Frisur auf?« 
»Darüber war die Frau Baronin natürlich sehr ungehalten. 
Doch Mila trat in so schnippischer Art für mich ein, die ich 
direkt bewunderte.« 
»Nun, Sie werden sich bei uns noch über manches 
wundern«, bemerkte Backfischchen trocken. »Hier heißt es: 
Hilf dir selbst, dann* hilft dir Gott.« 
Das schien auch der Fall zu sein. In diesem feudalen 
Schloß war jeder auf sich selbst gestellt. 
Zwar trat Dolly für Hariet, die sie nun mal in ihr zärtliches 

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Herzchen geschlossen hatte, ein, soviel sie nur konnte. 
Aber sie war ja am Vormittag in der Schule, und gerade 

dann wurde von dem »Fräulein« viel verlangt. Es mußte 
nicht nur die Baronin und deren ältere Tochter bedienen, 
sondern auch deren Garderobe und Zimmer in Ordnung 
halten. Ferner mußte es überall einspringen, wo es gerade 
gebraucht wurde. 
Und das war nun wirklich ein dehnbarer Begriff. Da hieß es 
wie am laufenden Band: Fräulein hier und Fräulein da -
Fräulein, Sie müssen dieses, Fräulein, Sie müssen jenes. 
Und das Fräulein tat es, gutwillig und unermüdlich. War 
gewissermaßen ein Paslack für alle. Bis Dolly aus der 
Schule kam, dann hörte das auf. Dann belegte die Kleine 
»ihr Fräulein« so mit Beschlag, daß es für alle andern tabu 

war. 
Und auf diese Stunden freute Hariet sich. Sie brachten ihr 
Freude und Erholung. Denn einer Obertertianerin bei den 
Schularbeiten zu helfen, war für das über den Durchschnitt 
gebildete Mädchen ein Kinderspiel. 
Dabei saß die Gewissenhafte nie müßig. Hatte immer ein 
Kleidungsstück in der Hand, das sie mit Mühe und 
Geschick ausbesserte. 
Wenn die Damen mit ihrer »Zofe« wenigstens zufrieden 
gewesen wären. Aber sie hatten ewig herumzunörgeln, zu 
kritisieren und zu schelten. 
Das alles ertrug Hariet mit rührender Geduld. Muckte auch 

nicht auf, als die übelgelaunte Gnädige ihr mit einer 
Ohrfeige drohte. Nichts konnte man der despotischen Frau 
recht machen, aber auch gar nichts. 
Wenn Hariet dann endlich gehen konnte, war sie so 
schachmatt, daß sie sich erst einmal gegen die geschlossene 
Tür lehnen mußte. So auch heute. Sie schloß die Augen, 
unter deren Lidern dicke Tränen hervorliefen, und 
bemerkte so nicht den Schloßherrn, der den Gang 
entlangkam, stutzte und dann stehenblieb. Schrak wie bei 
einem Unrecht zusammen, als die sonore Männerstimme 
sprach: 

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»Ja, was haben Sie denn, Fräulein Hermeran? Fühlen Sie 
sich nicht wohl?« 

»Nein – o nein – gewiß nicht«, stammelte sie verstört, lief 
davon – und er sah ihr kopfschüttelnd nach. 
Und die Tage vergingen, reihten sich zu Wochen. Das 
Weihnachtsfest nahte. Einige Tage vorher stürmte Dolly ins 
Wohnzimmer und verkündete glückstrahlend den Ihren, 
daß sie in Mathematik eine Eins geschrieben hatte. 
»Die erste in meinem Leben!« schwenkte sie frohlockend 
das Heft. »Und daran ist Hariet schuld. Ach, ihr wißt ja gar 
nicht, wie klug die ist. Wie sie mir alles so eintrichtert, daß 
ich kaum etwas merke. Ich stehe jetzt in der Schule einfach 
blendend da.« 
»Das freut mich, mein Kind«, entgegnete die Mutter 

gemessen. »Endlich hast du eingesehen, daß Wissen Macht 
ist.« 
Das eben noch so strahlende Mädchengesicht verdüsterte 
sich. Doch schön zog Ulf das Schwesterlein zu sich heran 
und sagte herzlich: 
»Bravo, mein Kleines! Du hast wirklich ein Lob verdient.« 
»Mach sie nicht eitel«, gebot die Mutter streng. »Sie hat 
doch bestimmt nichts Besonderes geleistet. Wenn man im 
zweiten Jahr in einer Klasse sitzt, muß man das Pensum 
wohl spielend schaffen.« 
Zuerst sah die Kleine die Mutter betroffen an, doch dann 
ruckte der Kopf in den Nacken, die Augen blitzten. Und 

was sich dann den jungroten Lippen entrang, ließ den 
töchterlichen Respekt außer acht: 
»Vielleicht besinnst du dich, daß dein Abgott Martina 
zweimal eine Klasse wiederholte. Und nur, weil sie dumm 
und faul war – während ich…« 
»Dolly«, sprach der Bruder mahnend dazwischen. »Vergiß 
dich deiner Mutter gegenüber nicht.« 
Da weinte sie auf und lief davon. Mitten in Hariets Arme 
hinein, die zutiefst erschrocken war. 
»Dolly, was ist dir denn passiert? Liebes, so sprich doch!« 
Ganz unwillkürlich hatte sich das Du über Hariets Lippen 

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gedrängt – und da blitzte ein Lachen in den tränennassen 
Mädchenaugen auf, wie ein Sonnenstrahl, der nach dem 

Gewitter durch das düstere Gewölk bricht. 
»Du hast mich geduzt – bleiben wir dabei. Ich duze dich 
auch.« 
»Aber das geht doch nicht. Was würde die Frau Baronin 
dazu sagen?« 
»Na, der kann ich sowieso nichts rechtmachen. Also 
kommt es auf ein bißchen mehr oder weniger schon gar 
nicht mehr an.« 
Sie erzählte, was sich soeben unten zutrug. Und da tat sie 
Hariet bitter leid. 
Sie kam zu keiner Antwort, weil es kurz , klopfte und der 
Schloßherr das Zimmer der Schwester betrat. 

»Erscheinst du, um mich auszuzanken?« rief sie ihm trotzig 
entgegen, doch er winkte ab. 
»Das ist nicht meine Absicht, obwohl du es verdientest. 
Denn der Ton deiner Mutter gegenüber war gewiß nicht 
von töchterlichem Respekt.« 
»Und der ihre war mir gegenüber wohl mütterlich, wie?« 
»Daran müßtest du doch schon gewöhnt sein«, erwiderte er 
achselzuckend. »Eben rief Tante Alice an und lud uns ein.« 
»Ist Dietz denn schon gesund?« fragte Dolly dazwischen. 
»Ja. Seit einigen Tagen befindet er sich außer Bett. Auch 
ihre Eltern sind schon wieder wohlauf. 
Übrigens sind Sie mit eingeladen, Fräulein Herme ran«, 

wandte er sich nun an sie, die sich bescheiden im 
Hintergrund hielt. »Wie mir meine Tante am Fernsprecher 
erklärte, sollen Sie eine Verwandte der Warrings sein. 
Allerdings so um sieben Ecken herum, wie sie lachend 
hinzusetzte. Mach den Mund zu, Dolly, sonst siehst du gar 
zu einfältig aus.« 
»Na, da bin ich ja nun mal platt wie eine Flunder«, 
behauptete sie. »Hariet, warum hast du mir nichts davon 
gesagt?« 
»Weil ich die Begegnung mit den Herrschaften im Zug 
vergaß«, bekannte sie ehrlich. 

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»Dann besinnst du dich jetzt schleunigst wieder darauf und 
kommst mit nach Prahlen.« 

»Ich möchte nicht.« 
»Warum denn nicht?« 
»Weil mir das als Angestellte nicht zukommt.« 
»Na, so ein Unsinn! Ulf, befiehl, daß sie mitfährt!« 
»Meinst du nicht, daß dieser Befehl meine Kompetenz 
übersteigen würde, Schwesterchen? Fräulein Hermeran ist 
ja schließlich nicht meine Sklavin.« 
»Meinst du. Aber die Mama und ihr Abgott sind anderer 
Ansicht.« 
»Dolly!« 
»Na ja, ich bin ja schon still. Also los, Hariet, sei du dann 
meine Sklavin auch.« 

Da mußte der Baron lachen – und schon war die kecke 
Kleine wieder obenauf. Nachdem er betont hatte, daß der 
Schlitten in einer Viertelstunde abfahrtbereit wäre, ging er, 
und Dolly ermunterte: 
»Mach fix, Hariet, mein Bruder haßt die Unpünktlichkeit. 
Zieh dein bestes Kleid an, denn die Warrings sind schicke 
Leute.« 
»Dolly, ich kann doch nicht ohne Erlaubnis der Frau 
Baronin…« 
»Mädchen, laß doch endlich von der übertriebenen 
Bescheidenheit«, zappelte die Kleine jetzt bereits vor 
Ungeduld. »Du bist doch bestimmt nicht begriffsstutzig. 

Also mußt du schon längst bemerkt haben, daß hier zuerst 
einmal der Wille meines Bruders gilt, weil er eben der Herr 
ist. Und er hat dich zum Mitfahren aufgefordert.« 
Da mußte Hariet wohl oder übel gehorchen. Und gerade, 
als sie den Mantel überzog, klingelte es viermal scharf und 
kurz. 
»Das ist mein Klingelzeichen«, fuhr sie erschrocken 
zusammen und hastete davon. Sie merkte gar nicht, daß 
Dolly ihr auf dem Fuß folgte. 
»Wo wollen Sie denn hin?« fragte die Baronin brüsk das 
Mädchen, das sie angstvoll ansah. 

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Und schon gab das Backfischchen Antwort: 
»Wir fahren nach Prahlen, Mama.« 

»Was heißt – wir? Doch nicht etwa auch das Fräulein?« 
»Ja. Tante Alice lud sie ausdrücklich ein.« 
»Na, das ist ja noch schöner!« zeigten sich bereits die Flecke 
auf den Backenknochen. »Das Fräulein bleibt hier!« 
»Fräulein Hermeran begleitet uns«, kam es gelassen von der 
Tür  her,  wo  Ulf  stand.  »Die  junge Dame ist nämlich eine 
entfernte Verwandte der Warrings.« 
Sehr geistreich war die Frau Baronin ohnehin nicht, aber 
jetzt sah sie alles andere als das aus. Sie sperrte den Mund 
auf, klappte ihn wieder zu, sperrte ihn wieder auf. 
Und diese Gelegenheit benutzte der Mann, die Mutter erst 
gar nicht die Sprache wiederfinden zu lassen, die ihr diese 

überraschende Eröffnung geraubt zu haben schien. 
»Auf Wiedersehen, Mama. Warte nicht mit dem 
Abendessen auf uns. Man kommt von Prahlen immer so 
schlecht weg.« 
Damit ging er, und Dolly folgte ihm hastig, die willenlose 
Hariet am Ärmel mit sich ziehend. Als sie jedoch ins Freie 
wollte, hielt der Bruder sie zurück. 
»Na, so geht das ja nun nicht, daß Fräulein Hermeran so 
leicht gekleidet bei zwölf Grad Frost Schlitten fährt. Daran 
hättest du auch denken können, Kleine.« 
»Das stimmt«, entgegnete sie beschämt* und da stand auch 
schon Lorenz und hielt Hariet einen Pelz hin, in den sie 

mit einem hilflosen Lächeln schlüpfte. Dann wurde ihr 
eine Pelzkappe über die Ohren gezogen, der Kragen 
hochgeschlagen. 
Und dann mußte Dolly sich die gleiche Prozedur gefallen 
lassen, obwohl sie behauptete, daß ihr Pelz, den sie bereits 
trug, vollauf genügte. Doch gegen den Willen des Bruders 
kam man eben nicht . an. 
Der Einspännerschlitten, der schon vor dem Portal stand, 
war breit genug, um den drei schlanken Personen bequem 
Platz zu bieten, wobei Dolly in der Mitte den 
geschütztesten bekam. Lorenz und der Stallbursche, der das 

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Pferd gehalten hatte, stopften die große Pelzdecke sorgfältig 
um die Insassen des Schlittens, knöpften die Schneedecke 

darüber – und fort ging’s pfeilgeschwind. 
Prahlen lag fünf Kilometer von Herrnhagen entfernt und 
war mit seinen viertausend Morgen und den beiden 
Vorwerken ein stattlicher Besitz. Ein gutes Stück Wald 
gehörte auch dazu, Wasser gleichfalls, also ließ es sich 
schon wirtschaften, zumal der Besitzer, Ludwig Warring, 
noch vermögend war. 
Seine Gattin war die Halbschwester der Baronin Eggeroth 
und ihr ganz und gar unähnlich, im Aussehen sowie im 
Charakter. Kein Wunder, da diese ganz ihrer Mutter 
nachschlug, während Alice, die den Vater mit Klarissa 
gemeinsam hatte, halb diesem, halb ihrer Mutter 

nachartete. Und es waren beides schöne und gute 
Menschen gewesen. 
Die erste Ehe, die der Ulanenoberleutnant von Braß mit 
einer reichen Kommerzienratstochter schloß, war eine 
ausgesprochene Geldheirat. Er mußte daran glauben, wenn 
er nicht den geliebten bunten Rock ausziehen wollte. Das 
tat er erst nach zwei Jahrzehnten, als er von einem 
entfernten Verwandten ein kleines Gut erbte und ihm so 
eine Existenzmöglichkeit auch ohne das Geld seiner Frau 
geboten wurde. Er ließ sich kurzentschlossen von seinem 
»Hauskreuz« scheiden und heiratete das Mädchen, das er 
schon heimlich liebte, wurde ein glücklicher und freier 

Mann. Das Töchterchen, das sich nach einem Jahr 
einstellte, war der Sonnenschein des Hauses. 
Seine Tochter Klarissa aus erster Ehe erbte nach dem Tod 
der Mutter das stattliche Vermögen – und zog damit den 
Baron von Eggeroth an. Für seinen großen Besitz 
Herrnhagen brauchte er es nicht unbedingt, wollte sich 
jedoch seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und ein Gestüt 
errichten. 
Aber kurz vor der Hochzeit verlor Klarissa ihr Geld an 
einen betrügerischen Bankier, und da Baron von Eggeroth 
ein Mann mit hohen Ehrbegriffen war, ließ er die verarmte 

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Braut nicht sitzen, sondern führte sie heim. 
Ein echtes Glück bescherte ihm diese Ehe nicht, doch er 

fand sich damit ab. Zumal ihm ein Sohn geboren wurde, 
der so ganz Blut von seinem Blut war. Die Tochter, die drei 
Jahre danach folgte, überließ er ganz der Mutter. Doch das 
Nesthäkchen, das dann noch eintrudelte, war wieder ganz 
nach seinem Herzen. 
Man kann nicht sagen, daß der Baron seine Frau schlecht 
behandelte, das lag seiner vornehmen Natur nun einmal 
nicht. Er ließ sich nur nicht von ihr beherrschen, was sie 
doch so gern gewollt. Drückte stets den Daumen aufs 
Portemonnaie, sich selbst und seinem Besitz zu Nutz und 
Frommen. Was eine Dame brauchte, mußte sie natürlich 
haben, aber Verschwendung duldete der Gatte und Vater 

nicht. 
Klarissa, die mit ihrer Halbschwester immer nur in loser 
Verbindung gestanden hatte, gefiel es ganz und gar nicht, 
daß diese den Besitzer von Prahlen heiratete und somit in 
ihre Nähe kam. Und als gar noch die verhaßte Stiefmutter 
dort Wohnsitz nahm, hätte Klarissa eigentlich die Galle 
platzen müssen, so sehr erboste sie sich. Frau von Braß war 
allerdings erst zu ihrer Tochter gezogen, nachdem der Gatte 
gestorben war und sie das Gut verkauft hatte. 
Nun, von dieser Plage war Klarissa seit einem Jahr erlöst, 
weil die Verhaßte der Rasen deckte. Aber deren Tochter 
lebte nach wie vor herrlich und in Freuden in dem schönen 

Prahlen, hatte einen Gatten, der sie sehr verwöhnte. Hatte 
zwei Kinder, die förmlich Kult mit ihrer Mutz trieben, 
worüber Klarissa sich doch noch mal die Galle ins Blut 
ärgern würde. Warum konnten ihre Kinder nicht auch so 
sein? 
Ja – warum. Hinter dieses Warum hätte sie leicht kommen 
können, wenn sie eben nicht so selbstherrlich gewesen 
wäre. 
Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie mit Prahlen in 
genauso losem Verkehr gestanden wie mit den andern 
Nachbarn. Aber Gatte wie Sohn und später auch Dolly 

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waren ja auf diese Menschen wie versessen. Nur Martina 
nicht. Aber dafür war sie ja auch ganz das verwöhnte 

Hätschelkind der Mutter. 
Und diesem von der Frau Baronin so gehaßten Prahlen 
fuhr nun der Herrnhagener Schlitten zu. Auch ganz was 
Neues für Hariet Hermeran. Sie hatte gar nicht Augen 
genug, um all das Wunderbare erfassen zu können, was 
sich ihnen bot. Am liebsten hätte sie vor Andacht die 
Hände gefaltet, was jedoch nicht ging, da sie in Fäustlingen 
steckten. 
»Hariet, du hast ja ganz fromme Augen«, neckte Dolly. 
»Bist du etwa noch nie im Schlitten gefahren?« 
»Du vergißt wohl, daß ich aus der Großstadt stamme, wo 
ein Schlitten direkt eine Sehenswürdigkeit ist. Genauso wie 

diese herrliche, unberührte Winterlandschaft hier.« 
Sie schwieg erschrocken, als der Mann den Kopf nach ihr 
wandte und sie prüfend ansah. Wie gut, daß ihr Gesicht so 
vermummt war. Da konnte er wenigstens nicht sehen, wie 
rot sie unter seinem Blick geworden war. Scheu senkte sie 
die Augen und wagte kaum noch aufzusehen, bis die 
Kleine lebhaft rief: 
»Schau mal, dort liegt Prahlen. Wie in Watte gepackt stehen 
die Insthäuser da. Und dann der helle Rauch, der fast 
kerzengerade zum Himmel steigt. Ein Zeichen, daß man 
überall Kaffee kocht. Ach, ich freue mich schon auf einen 
gemütlichen Kaffeeklatsch.« 

Fünf Minuten später hielt der Schlitten vor dem 
Herrenhaus. Es war langgestreckt mit einem Oberstock und 
Mansarden. Das Portal überdachte ein säulengetragener, 
geräumiger Balkon. Über den großen Hof eilte ein 
Stallbursche, klingelte mit dem Schlitten ab, während die 
Gäste erst einmal von dem Diener in Empfang genommen 
wurden. 
In der Halle eilte ihnen der Hausherr fröhlich entgegen. 
»Nun, seid ihr nicht verklammt? Es ist verflixt kalt draußen. 
Legt rasch ab, und dann gibt es zuerst einmal einen 
Schnaps zum Aufwärmen.« 

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Hariet, die natürlich wieder Hemmungen hatte, stand ein 
wenig abseits und wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. 

Zögernd folgte sie den drei Menschen, die in lebhafter 
Unterhaltung die Halle durchschritten und dann ein 
Zimmer betraten, das vornehm eingerichtet, aber auch sehr 
traulich war. Sie blieb auf der Schwelle stehen und sah mit 
einem Gefühl des Verlassenseins zu, wie nun die 
Hausherrin die lieben Gäste voll Herzlichkeit begrüßte. Ulf 
neigte sich über ihre Hand und sah sie forschend an: 
»Darfst du auch schon aufstehen, Alice?« 
»Natürlich. Bei mir war es ja nur eine Erkältung, ebenso bei 
Ludwig. Nur unsere Dietz hatte es arg gepackt. Wir haben 
eine Heidenangst um das Kind ausgestanden.« 
»Glaub ihr nicht, Ulf, sie übertreibt!« rief die Kleine ihm 

zu, die in eine Decke gepackt im Lehnstuhl saß. »Was so 
überängstliche Eltern einem zusetzen können, das sollte 
man nicht für möglich halten.« 
»Du hast’s nötig«, lachte der Baron. »Siehst noch 
blaßschnäbelig aus, aber die Augen sind bereits wieder 
klar.« 
»Und frech«, gab Dolly ihren Senf dazu, indem sie die Base 
und Klassenkameradin umarmte. »Hast mir in der Schule 
sehr gefehlt.« 
»Weil du nicht abschreiben konntest«, kam es trocken 
zurück, doch Dolly warf sich stolz in die Brust: 
»Hab ich jetzt gar nicht mehr nötig, seitdem Hariet – ja, wo 

ist die überhaupt…?« 
Verwundert sah sie sich um und entdeckte nun auch das 
Mädchen, das poch immer in der Tür stand. 
Auch die anderen wurden aufmerksam. Und schon eilte die 
Hausherrin der Schüchternen entgegen. 
»Aber Fräulein Hermeran, warum stehen Sie denn so 
verlassen zwischen Tür und Angel? Man immer rein in die 
gute Stube! Seien Sie uns herzlich willkommen.« 
»Na, so was«, sagte der Hausherr verblüfft. »Wie kann man 
sich nur so unsichtbar machen, mein gnädiges Fräulein.« 
»Das ist so ihre Art«, schaltete Dolly sich ein. »Man muß sie 

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immer von irgendwo hervorkramen. Typischer Fall von 
Schüchternheit, aber die gewöhne ich ihr noch ab. 

Genauso, wie ich ihr den gräßlichen Dutt abschnitt.« 
Ob es nun richtig war, daß alle über die kecken 
Bemerkungen lachten, blieb dahingestellt. Aber man 
konnte dem Schelm einfach nicht böse sein, das war’s. 
Ebensowenig wie man es bei Dietlind konnte, die von 
gleicher Art war. Sie meinten es ja auch nicht bösartig, die 
Backfischchen, waren immer nur mit dem flinken Zünglein 
vorweg. 
»Sagen Sie mal, gnädiges Fräulein, wie werden Sie 
überhaupt mit dem Frechdachs fertig?« erkundigte sich 
Herr Ludwig augenzwinkernd bei Hariet, die verlegen 
dastand. Doch schon rief das Töchterlein hinüber: 

»Bist du formell, Paps, zu der Tochter des Bruders deines 
angeheirateten Vetters. Komm her zu mir, Hariet, wir sagen 
du zueinander, obwohl unsere Verwandtschaft sich noch 
schwieriger feststellen läßt.« 
Jetzt mußte man wieder über dieses Backfischchen lachen, 
und der Vater meinte schmunzelnd: 
»Sie hat tatsächlich so lange herumgetüftelt, bis sie den 
Verwandtschaftsgrad heraus hatte.« 
»Aber sie hat recht!« jubelte Dolly. »In den Ferien werde ich 
mich mal heranmachen, meinen Verwandtschaftsgrad mit 
Hariet auszuknobeln.« 
»Dann viel Vergnügen«, lachte die Tante. »Nun kommt, 

Kinder, trinken wir Kaffee. Doch vorher gibt es einen 
Schnaps für die verklammten Gäste.« 
Wie in Herrnhagen, so gab es auch hier ein gemütliches 
Frühstückszimmer, wo auf dem gedeckten Tisch die 
Kaffeemaschine brodelte. Dietlind, die der Vater 
hinübertragen wollte, wehrte sich dagegen entschieden. 
»Paps, mach um Himmels willen keine Zimperliese aus 
mir! Soviel ich weiß, sind dir solche zuwider, und das 
möchte ich doch nicht sein.« 
Sie hakte sich beim Vater ein, der zärtlich auf sein 
couragiertes Töchterchen herniedersah. 

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Die Kaffeestunde wurde so gemütlich, wie sie in dem 
Hause, wo Glück und Liebe herrschten, gar nicht anders 

sein konnte. Das war die Atmosphäre, welche die 
Geschwister Eggeroth von jeher in ihrem Elternhaus 
vermißt hatten. Daher weilten sie so gern bei den 
Verwandten, wie es auch ihr Vater tat. 
Alice war aber auch eine Frau, die herzwarme Traulichkeit 
in ihrem Heim zu schaffen vermochte. Ganz im Gegenteil 
zu ihrer Schwester Klarissa. Sobald diese irgendwo 
auftauchte, wurde es ungemütlich. Kein Wunder, daß sie 
nicht beliebt war, ebensowenig ihr getreues Ebenbild 
Martina. 
Daher wollte sich auch kein Mann für sie finden, obwohl 
sie ganz gut aussah und auch nicht mit leeren Händen in 

die Ehe gehen würde; denn ihr Erbteil machte schon einen 
ganz guten Batzen aus. Es würde dem Bruder nicht 
leichtfallen, ihr das aufs Brett zu zahlen, was sie natürlich 
verlangte. Er würde dazu eine Hypothek aufnehmen 
müssen, wenn auch die Mutter das Ihrige beanspruchte, 
sofern ihr Liebling heiratete. Das war ihrem Egoismus 
schon zuzutrauen. Als Ulf einmal mit dem Onkel darüber 
sprach, meinte dieser tröstend: 
»Darüber mach dir keine Sorge, mein Junge. Wenn es 
soweit ist, springe ich mit dem nötigen Kapital ein. Du 
weißt ja, daß ich das kann. Viel wird es übrigens wohl gar 
nicht zu sein brauchen. Denn soviel ich weiß, steht 

Herrnhagen doch recht gut da.« 
»Gott sei Dank, Onkel Ludwig. Martina würde ich sogar 
ohne Hilfe auszahlen können, aber die Mama gleich mit, 
das ist doch ein bißchen viel auf einmal.« 
»Meinst du wirklich, daß sie es verlangen wurde?« 
»Unbedingt«, erwiderte er bitter. »Sie droht ja jedesmal 
damit, wenn ihr etwas nicht paßt. Es ist eben ihr Bestreben, 
mich völlig zu beherrschen.« 
»Junge, dagegen wehre dich aber ganz energisch«, riet der 
Onkel dringlich, »sonst bist du bald nichts weiter als eine 
Marionette in den Händen dieser herrschsüchtigen Frau. 

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Zahl sie aus, wenn sie es durchaus will, dann bist du’ sie 
wenigstens lös. Oder gedenkst du ihr auch darin noch 

Wohnrecht im Schloß zuzubilligen?« 
»Nein, dann zieht sie ins Witwenhaus, wo sie selber für 
ihren Lebensunterhalt aufkommen muß. So hat Vater es im 
Testament bestimmt – und so werde ich es halten. Es ist ja 
traurig, daß man bei seiner Mutter so rigoros vorgehen 
muß, aber an mir liegt es bestimmt nicht.« 
»Das weiß ich, Ulf«, sagte der Onkel wärm. »Also warte ab. 
Wie es auch kommen mag, du hast keinen besseren Freund 
und Helfer als mich.« 
Diese Worte gaben dem Baron eine Zuversicht, die ihn 
getrost in die Zukunft schauen ließ. 
Es war spät, als man endlich von Prahlen loskam. So 

geschah es stets, weil man sich von der Traulichkeit, die 
dort herrschte, zu sehr einspinnen ließ. 
Es war bitterkalt. Die beiden Mädchen hatten sich 
zusammengekuschelt und sprachen nicht, weil die eisige 
Luft das nicht zuließ. Jeder gab sich seinen Gedanken hin, 
während der Schlitten pfeilgeschwind dahinglitt. Das Pferd 
witterte den warmen Stall und griff daher flott aus. 
Harriet dachte angstvoll daran, daß sie das würde 
auslöffeln müssen, was der herrische Mann, der jetzt den 
Schlitten lenkte, ihr einbrockte. Er befahl, und sie hatte zu 
gehorchen. Ob er ihre Herrin damit verärgerte, was ging 
das ihn an? Er brauchte diesen Ärger ja nicht über sich 

ergehen zu lassen. 
Doch mit dieser Annahme tat Harriet dem Mann unrecht. 
Weil sie eben nicht Zeuge des Gesprächs gewesen war, das 
er mit seinen Verwandten führte, als sie mit den andern 
beiden Mädchen im Nebenzimmer weilte. Sie besahen dort 
Bilder, die im Familienalbum steckten. Hauptsächlich die 
Regina Hermerans, der Gattin des berühmten Forschers. 
Allerdings waren es Fotos, die mindestens dreißig Jahre 
zurücklagen. Aber immerhin. Hariet konnte sich jetzt 
wenigstens ein Bild von der Tante machen, die sie nur dem 
Namen nach kannte. 

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»Ist sie nicht rassig?« fragte Dietlind begeistert. »Du, auf 
diese Verwandte sind wir sehr stolz.« 

Indes unterhielten sich im Nebenzimmer ihre Eltern mit 
dem Neffen, und es war Alice, die zuerst auf Hariet zu 
sprechen kam. 
»Du lieber Himmel, ist das ein verschüchtertes 
Menschenkind«, sagte sie mitleidig. »Das wagt ja kaum den 
Mund aufzumachen. Verkriecht sich gewissermaßen in sich 
selbst, um nur ja keinen Anstoß zu erregen. Nur gut, daß 
Dolly sich so spontan an sie anschloß. Und wie stehen 
deine Mutter und Martina zu ihr, Ulf?« 
»Das kannst du dir ja denken, Alice«, entgegnete er, der 
diese um zehn Jahre ältere Frau nicht Tante nannte, 
während er ihrem Gatten, der ja hätte sein Vater sein 

können, ohne weiteres den Onkelnamen gab. »Sie sehen in 
jeder Angestellten nur ein Wesen, das sich ihnen in 
sklavenhafter Ergebenheit unterzuordnen hat.« 
»Leistet Hariet bei ihnen etwa auch Zofendienste?« 
»Leider.« 
»Aber Ulf, das darfst du doch nicht dulden!« 
»Das ist sehr leicht gesagt«, hob er die Schultern. »Zwar 
wahre ich meine Herrenrechte, soweit ich kann, aber über 
eine Angestellte wie Fräulein Hermeran habe ich nicht zu 
bestimmen. Die ist in erster Linie meiner Mutter 
unterstellt.« 
»Und doch mußt du es versuchen«, erregte Alice sich jetzt. 

»Gerade so einem verschüchterten Mädchen darfst du 
deinen hausherrlichen Schutz nicht versagen. Sonst wird 
das arme Ding ja vollständig zur Sklavin.« 
»Das ist auch meine Befürchtung«, schaltete sich jetzt 
Ludwig ein. »Zum Kuckuck, Junge, hau doch mal mit der 
Faust auf den Tisch und schaff Ordnung in deinem Hause! 
Es ist bereits so verrufen, daß es bald ohne Dienerschaft 
sein wird. Das war doch anders, als dein Vater noch lebte.« 
»Der konnte auch ganz anders durchgreifen, Onkel Ludwig 
– anders, als ich als Sohn das kann.« 
»Na ja, gewiß. Aber meinst du nicht auch, daß eine Mutter 

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nur da liebevolle Rücksicht erwarten darf, wo sie selbst eine 
solche walten läßt?« 

Er konnte nicht weitersprechen, da die drei Mädchen 
zurückkamen. 
»Ich habe Hariet Bilder von Tante Regina gezeigt«, 
berichtete Dietlind stolz. »Sie findet diese auch apart.« 
»Wie sie es bestimmt auch ist«, bestätigte der Vater. »Schön, 
kühn und verwegen. Ich kann mir vorstellen, daß sie mit 
ihrem Mann bei dessen Forschungsreisen durch dick und 
dünn geht.« 
»Ob das schneidige Ehepaar überhaupt noch lebt, Ludwig?« 
»Das glaube ich schon, Alice. Bei einem so berühmten Paar 
bleibt ein Tod nicht verschwiegen. Dafür sorgen schon die 
Zeitungen. Und auch unser Sohn würde es wissen, der sich 

für die Berühmtheiten sehr interessiert und alles Lesbare 
über sie förmlich verschlingt.« 
»Ach ja, Lutz«, lachte Dolly. »Ich freue mich, daß ich mich 
in den Ferien, wo er hier ist, wieder mit ihm zanken kann.« 
»Auch ein Vergnügen«, schmunzelte der Onkel. »Aber ich 
glaube, Marjellchen, du ziehst dabei immer den kürzeren. 
Denn ein Primaner kann von einer entwaffnenden 
Grobheit sein.« 
»Pöh«, tat Backfischchen verächtlich ab. »Dann bin ich 
eben noch gröber.« 
Man nahm dieses lachend zur Kenntnis und sprach dann 
von etwas anderem. Als man sich später verabschiedete, 

flüsterte der Onkel dem Neffen zu: 
»Junge, denk an die Faust.« 
Nun. daran dachte dieser, als er am anderen Tage mit 
Mutter und Schwester beim Mokka saß. Es war 
ungemütlich in dem kleinen Raum, weil eben die beiden 
Damen zugegen waren – und dazu noch aufs tiefste 
beleidigt. Und zwar darüber, weil der Sohn und Bruder 
gestern über eine Angestellte bestimmte, über die ihrer 
Ansicht nach nur ihnen allein das Bestimmungsrecht 
zukam. Also sprach die Frau Mama: 
»Mein lieber Sohn, deine Handlungsweise mir gegenüber 

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ist einfach skandalös. Wie kommst du eigentlich dazu, über 
eine Angestellte zu bestimmen, die in meinen persönlichen 

Diensten steht?« 
»Liebe Mama«, versetzte der Sohn, dabei an die >Faust< 
denkend, »inwiefern steht die junge Dame denn in deinen 
persönlichen Diensten? Derjenige, der ihr Lohn und Brot 
gibt, bin ich doch wohl, nicht wahr? Und daher werde ich 
auch nicht länger gülden, daß du Fräulein Hermeran, die 
erstens mal das Abitur machte und außerdem noch der 
Famulus ihres gelehrten Vaters war, nicht nur Zofendienste 
zumutest, sondern sie als Kuli betrachtest. In erster Linie ist 
die junge Dame für Dolly da. Und wenn sie außerdem 
noch kleine Hausarbeiten verrichtet, tut sie für ein 
Monatsgehalt von fünfzig Mark schon reichlich genug. Daß 

sie jedoch noch dich und Martina bedienen muß, eure 
Garderobe in Ordnung hält, eure Zimmer säubert, sogar 
noch als Paslack der Dienerschaft herabgewürdigt wird, das 
bezeichne ich als Menschenschinderei. Und so was kann, 
und will ich als Herr des Hauses nicht länger dulden, das 
schön sowieso in einem schlechten Ruf steht. Also möchte 
ich dich bitten, Fräulein Hermeran mit den angeführten 
Dingen nicht mehr zu behelligen.« 
Zuerst war die Mutter einmal starr vor Staunen. Was fiel 
denn dem Sohn plötzlich ein? Noch nie hatte er eine so 
rücksichtslose Sprache ihr gegenüber geführt. 
Ach so, er war ja gestern in Prahlen gewesen, wo man ihn 

bestimmt aufgehetzt hatte. Aber ehe sie noch ihrer 
Empörung Luft machen konnte, sprach Ulf schon wieder 
kurz und herrisch: 
»Ich werde Mila ein gutes Wort geben, daß sie bei dir und 
Martina Zofendienste übernimmt. Sie ist zwar für solche 
nicht direkt ausgebildet, ist aber dafür sehr geschickt – und 
hat vor allen Dingen den Mund auf dem rechten Fleck. An 
ihre Stelle tritt ein anderes Stubenmädchen, das ich 
wahrscheinlich nur für Geld und gute Worte hierher 
bekommen werde – und damit dürfte sich der Fall erledigt 
haben.« 

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»Noch lange nicht hat sich der Fall erledigt!« rief die Mutter 
erbost. »Ich ziehe ins Witwenhaus, heute noch! Aber dann 

will ich mein Geld, verstehst du?« 
»Kannst du haben.« 
»Sieh mal an, wie großspurig«, höhnte sie. »Willst du mir 
nicht verraten, woher du diese immerhin nicht kleine 
Summe zu nehmen gedenkst?« 
»Aus den Einnahmen meines Besitzes«, kam es gelassen 
zurück. »Lege schriftlich deine Forderung nieder, denn du 
weißt, daß dieses laut Testament erforderlich ist.« 
Noch wahrnehmend, daß die impertinente Dame vor 
Staunen den Mund offen behielt,  ging  er,  weil  das  alles 
seiner vornehmen Natur zuwider war. Aber Onkel Ludwig 
hatte recht. Er mußte rigoros vorgehen, wenn er nicht zur 

Marionette dieser herrschsüchtigen Frau werden wollte. 
Am nächsten Morgen wartete Hariet auf das 
Klingelzeichen, das sie zur Baronin beorderte, was so um 
zehn Uhr herum zu geschehen pflegte. Und jetzt war es 
bereits eine Stunde darüber. 
Also wurde das, was sie befürchtet, jetzt zur Gewißheit. Die 
Herrin trug es ihr nach, daß sie gestern gegen ihren Willen 
nach Prahlen gefahren war. Aber sie konnte doch nichts 
dafür, der Baron hatte es ihr doch befohlen, und nun 
würde sie gewiß seinetwegen ihre Stelle verlieren. 
Mußte fort von hier, wo es ihr doch so gut ging. Wo sie 
keine Sorge ums tägliche Brot zu haben brauchte, 

außerdem noch Geld bekam. Zwar gab es ein bißchen 
zuviel Arbeit, aber das machte ihr nichts aus. Sie arbeitete 
doch gern. 
Erschrocken fuhr sie zusammen, als es klopfte. Wie eine 
Schuldige, die man zur Rechenschaft ziehen will, sah sie 
Lorenz entgegen, der eintrat und meldete: 
»Der Herr Baron wünscht Fräulein Hermeran zu sprechen.« 
Wie es Hariet gelang, dem Diener mit zitternden Beinen zu 
folgen, hätte sie später nie zu sagen vermocht. Ihr Herz 
klopfte wie rasend, als sie das Zimmer betrat, wo der 
Gefürchtete sich von seinem Schreibtisch erhob und ihr 

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entgegentrat. 
Betroffen sah er in das erschreckend blasse 

Mädchengesicht, in die angstgeweiteten Augen, die Glieder 
zitterten und bebten. 
»Ist Ihnen nicht gut, Fräulein Hermeran?« fragte er besorgt. 
»Doch, mir ist gut, aber mir ist auch – wieder nicht gut.« 
»Nun, nun«, sprach er beschwichtigend in ihr Gestammel 
hinein. »Zuerst nehmen Sie mal in diesem Sessel Platz. So 
– und nun beruhigen Sie sich zuerst einmal.« 
»Ich bin doch ruhig.« 
»Das merkt man Ihnen an. Warum haben Sie eigentlich 
Angst vor mir?« 
»Weil – weil – ach, ich weiß es doch nicht. Muß ich jetzt 
fort von hier, Herr Baron?« 

»Ach, das ist es«, dehnte er. »Wäre das denn so schlimm?« 
»Ja – sehr schlimm. Ich wüßte gar nicht, wo ich hin sollte – 
ich bin ja so allein.« 
Das letzte klang wie ein Hauch, und der Mann mußte sich 
erst einige Male räuspern, bevor er sprechen konnte. Doch 
dann geschah es kühl und sachlich: 
»Ich habe Sie herbestellt, um Ihnen zu sagen, daß es sehr 
freundlich von Ihnen war, für die Zofe einzuspringen, die 
meine Mutter im Stich ließ. Mila wird jetzt an ihre Stelle 
treten, und Ihr Amt wird es fortan sein, sich meiner 
Schwester Dolly zu widmen und dafür zu sorgen, daß im 
Hause alles in Ordnung ist. Aber nicht so, indem Sie 

unterlassene Arbeiten der Dienerschaft verrichten, sondern 
diese beaufsichtigen – also gewissermaßen wie ein guter 
Hausgeist über allem schweben. 
Übrigens muß in der Gehaltsfrage ein Fehler unterlaufen 
sein – denn es beträgt monatlich nicht fünfzig, sondern 
achtzig Mark. Sind Sie damit einverstanden?« 
Zuerst starrte das Mädchen ihn wie entgeistert an, doch 
dann leuchtete es in den eben* noch so verängstigten 
Augen auf. 
»Oh, Herr Baron – ich bin glücklich.« 
Da stieg dem Mann die Röte der Beschämung ins Gesicht. 

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Mitleidig war der Blick, der zu ihr hin ging, die jetzt die 
großen, leuchtenden Blauaugen entzückt durch das weite 

Gemach schweifen ließ. 
Diese kostbare Einrichtung muß viel Geld gekostet haben – 
schoß es ihr durch den Sinn. Viel mehr, als ihr Vater in 
Jahren verdiente. Es mußte herrlich sein, so viel Geld zu 
besitzen. Aber das kam ja wohl nur den Bevorzugten des 
Schicksals zu, nicht so geduckten Geschöpfen, wie sie eines 
war. 
Erschrocken fuhr sie zusammen, als die sonore Stimme 
wieder sprach: 
»Dann wären wir uns ja einig, Fräulein Hermeran. Lassen 
Sie sich fortan nicht mehr ausnutzen. Wenden Sie sich 
vertrauensvoll an mich, wenn jemand das wagen sollte.« 

Wenden Sie sich vertrauensvoll an mich – als ob Hariet das 
jemals könnte. Dafür schüchterte dieser Mann sie viel zu 
sehr ein. Schon allein seine hohe, prachtvoll gewachsene 
Gestalt, das hartgeschnittene, rassige Gesicht, die blauen 
Augen, die so kalt blicken konnten wie glitzernde Kiesel, 
und dann sein herrisches Gebaren. 
Nein, Hariet hatte einfach Angst vor diesem 
ungewöhnlichen Mann. 
»Darf ich gehen, Herr Baron?« 
»Bitte sehr.« 
Da hastete sie davon, hinauf in ihr Zimmer, wo sie ihren 
Tränen freien Lauf ließ. Warum sie weinte, war ihr selbst 

nicht klar. Denn sie war ja nicht entlassen, hatte im 
Gegenteil weniger Arbeit und Gehaltszulage zugesagt 
bekommen. Also mußten es wohl die Nerven sein, die 
nach dem ausgestandenen Schreck nachgaben – und im 
übrigen war sie eine jämmerliche Plinskarline. 
Nach dieser Feststellung wischte sie energisch die Tränen 
fort – und erschrak dann zuerst einmal wieder, als es 
klopfte und sich dann eine Person ins Zimmer schob, die 
man mit kugelrund bezeichnen konnte. Auf einem kurzen 
Hals saß ein vollwangiges, blühendes Gesicht mit 
verschmitzten Äuglein. Das dunkle, in der Mitte 

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gescheitelte Haar lag straff dem Kopf an und war in 
Flechten aufgesteckt. An der Frau, die nahe der Fünfzig sein 

mochte, glänzte alles vor Sauberkeit, selbst der Scheitel und 
das Gesicht. 
»Ich bin die Mamsell«, verkündete das rundliche Wesen 
mit der Würde eines Potentaten. »Der Herr Baron schickt 
mich zu Ihnen, damit ich Sie unter meine Fittiche nehme. 
Und da sind Sie gut aufgehoben, da kann keine 
Niedertracht an Sie heran. Wenn Sie einer von der Bande 
ärgert, kommen Sie zu mir. Dann schlage ich ihm den 
Kochlöffel um die Ohren.« 
»Ach du lieber Gott«, entfuhr es Hariet entsetzt. »Ob ich 
nicht die erste sein werde, der das geschieht?« 
Da lachte Mamsellchen, daß das Bäuchlein nur so wippte. 

»Nein, an so verschüchterten Hascherchen vergreife ich 
mich nicht, die beschütze ich. Wissen Sie, was der Herr 
Baron zu mir sagte? Mamsellchen, hat er gesagt, nimm dich 
des ängstlichen kleinen Mädchens an, sonst nutzt man es 
zu sehr aus. Und was der Herr Baron sagt, das ist für mich 
und meinen Alten, die wir hier schon über dreißig Jahre 
dienen, ein Evangelium. Wir haben ihn auf dem Arm 
getragen, den Ulf, und so was verbindet wie Pech und 
Schwefel. Er ist uns treu, wir sind ihm treu, und so was mag 
der liebe Gott. 
Also, Fräuleinchen, passen Sie mal hübsch auf, was Ihre 
Arbeit ist. Zuerst kümmern Sie sich mal um unser 

Dollychen, weil das Kind ja gar keine Führung hat. Passen 
gut auf, daß sie ihre Schularbeiten macht, erklären ihr das, 
was sie nicht weiß. Denn so was können Sie, sagt der Herr 
Baron. Sie sind durch die Schule gelehrt und auch durch 
Ihren Vater. Dann sehen Sie zu, daß Dollychen“ nicht ohne 
Frühstück in die Schule rennt, sonst verkommt uns das 
Kind noch, und das wollen wir alle nicht haben. Und dann 
muß es immer gut angezogen sein, keine zerrissenen 
Strümpfe und so. Aber das machen Sie ja schon alles, weil 
Sie unser Dollychen liebhaben, sagt der Herr Baron. 
Naja, das wäre das. Und weiter sehen Sie am Vormittag in 

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den Stuben nach dem Rechten. Denn unsere 
Stubenmädchen sind keinen Heller wert, pfuschen herum, 

daß Gott erbarm. Aber nehmen Sie nicht womöglich den 
Besen selbst in die Hand, sondern schlagen ihn der faulen 
Bande um die Ohren. So, das wäre Ihre ganze Arbeit.« 
Wie zur Bestätigung dessen fuchtelte sie ergrimmt über 
dem gesenkten Mädchenkopf und wurde dann weich wie 
Butter in der Sonne. 
»Daß Gott erbarm, so was von Heimchen aber auch. Na, 
lassen Sie man, Herzchen, ich sorg jetzt schon für Sie. Und 
unser Dollychen tut das auch und auch der Herr Baron. Die 
sind gut, die erbarmen sich über Mensch und Tier. Und 
nun kommen Sie mit. Ich rufe die Dienerschaft zusammen 
und sage ihr die Wacht an. Dabei drohe ich noch mit dem 

Herrn Baron – und dann sollen Sie mal sehen, wie die 
Bande Sie in Zukunft respektiert.« 
Mit dem Tag ging für Hariet die Sonne auf, wie sie es bei 
sich nannte. Die Dienerschaft hütete sich, ihr dreist zu 
begegnen, weil sie den Schutz fürchtete, unter dem sie jetzt 
stand. 
Zwei Tage vor Weihnachten bekam Dolly Ferien und 
belegte »ihre Hariet« jetzt vollständig mit Beschlag. Es 
wurde ein rechtes Treugespann, das miteinander lachte und 
plauschte und auch gemeinsam die hohe Tanne im Saal 
schmückte. Dabei sangen sie Weihnachtslieder und 
erbosten damit die Frau Baronin, die wie ein Gespenst 

durch das Schloß schlich, und ihr getreuer Schatten 
Martina stets hinterdrein. 
Und dann war der Weihnachtsabend da, wo zuerst die 
Arbeiter der Herrschaft Herrnhagen, dann die Beamten und 
hinterdrein die Schloßangestellten beschert wurden. 
Und zu denen gehörte auch Hariet, sehr zum Verdruß 
Dollys. Sie hätte das ihr so liebe Mädchen gern bei der 
Familienfeier gehabt, aber dafür reichte ihre Macht nicht 
aus. 
Aber die bescheidene Hariet war auch so zufrieden. Freute 
sich über die Geschenke, die nur mäßig ausfielen, da sie 

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erst kurze Zeit im Dienst stand. Eine Kleiderschürze, Seife 
und ein bunter Teller, mehr hielt die Frau Baronin für diese 

kurzfristige und außerdem so anmaßende Angestellte nicht 
für angebracht. 
Doch als Hariet in ihrem Zimmer den Knabberteller 
untersuchte, lag auf dem Boden ein Kuvert – und darin 
steckte – ein Hunderter. 
Ein Hunderter, tatsächlich! Noch nie hatte sie so einen 
Schein in Händen gehabt. Zuerst glaubte sie ihren Augen 
nicht zu trauen, aber das Wunder war da und blieb. 
Überwältigt von freudigem Schreck ließ sie sich in den 
Korbsessel sinken und spann Zukunftspläne, die gar hoch 
hinausgingen. Demgemäß hätte der Schein den 
hundertfachen Wert besitzen müssen. 

Eigentlich war es doch sehr anständig von der Baronin, ihr 
außer den Geschenken noch das Geld zukommen zu 
lassen. Das sagte sie auch Dolly, als diese später nach oben 
kam. 
»Na, man vorsichtig«, versetzte diese trocken; »Der Dank 
gebührt meiner Mama nicht, sondern meinem Bruder, der 
in jeden bunten Teller der Angestellten so einen Umschlag 
legt. Aber bedank dich nicht bei ihm, das kann er nicht 
leiden.« 
Also unterließ es Hariet – und zwar gern. Denn dem 
hoheitsvollen Mann ihren Dank zu sagen, wäre wieder von 
Zittern und Zagen begleitet gewesen. 

Hariet atmete auch erleichtert auf, als die Baronin ihr durch 
den Diener sagen ließ, daß sie heute das Abendessen nur 
im Kreise ihrer Familie einzunehmen wünsche. Zwar 
empörte es Dolly, aber sie konnte es nicht ändern. 
So ging sie denn verdrießlich allein zum Abendessen, und 
Hariet bekam das ihre von der Mamsell höchstpersönlich 
serviert. Eine Auszeichnung, die bestimmt nur 
Auserwählten zuteil wurde. 
»Ich esse mit Ihnen«, erklärte die Gestrenge kurz und 
bündig. »Denn es geht ja nun nicht an, daß an so einem 
Heiligen Abend der Mensch allein ist. Aber ich weiß schon, 

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was die Gnädige damit bezweckt, daß Sie gerade heute so 
einsam sein sollen, Fräuleinchen. Das ist ihre Rache, weil 

sie Sie jetzt nicht mehr so schikanieren kann, wie sie gern 
möchte.« 
»Das ist eine Rache, die mich nicht trifft«, lachte Hariet. 
»Ich bin im Gegenteil der. Frau Baronin dankbar, daß sie 
mich von diesem Abendessen dispensiert. Denn glauben 
Sie nur nicht, Mamsellchen, daß es ein Vergnügen ist, an 
einem Tisch zu sitzen, wo man mit Nichtachtung für etwas 
gestraft wird, was man gar nicht verbrochen hat. Denn ich 
kann wirklich nichts dafür, daß der Herr Baron so 
durchgreifende Bestimmungen traf. Wäre es nach mir 
gegangen, hätte ich auch weiter Zofendienste bei den 
beiden Damen verrichtet.« 

»Das hätte denen so gepaßt«, lachte die Mamsell grimmig 
auf. »Lassen Sie man, wie der Herr Baron es anordnet, ist es 
gut und richtig. Und jetzt essen wir. Ich habe schon dafür 
gesorgt, daß wir nicht zu kurz kommen.« 
So tafelten sie denn frohgemut, und zwar auserlesene 
Delikatessen. Und warum auch nicht? Es heißt ja in der 
Bibel: Du sollst dem Ochsen, der da drischet, nicht das 
Maul verbinden. 
Also auch nicht Mamsellchen verbieten^ die guten Dinge 
zu essen, die sie bereiten mußte. Und da auch der 
Tischwein auserlesen war, bekam Hariet bald einen 
Schwips. 

»Mamsellchen, mir geht es doch so gut«, bekannte sie aus 
tiefstem Herzensgrund. »So ein schönes Weihnachtsfest 
habe ich noch nie erlebt. Meine sparsame Tante Berta 
gestattete nicht mal einen Baum, weil sie das für unnütze 
Geldverschwendung hielt. Ich glaube, sie hat gar nicht 
gewußt, wenn Weihnachten war – und ich auch nicht.« 
»Armes Kindchen, was hat man bloß mit Ihnen gemacht«, 
murmelte die Frau, der das gute Herz fast vor Mitleid 
überfloß. »Gehen Sie schlafen, das ist jetzt das beste für Sie. 
Ich bringe Sie auch zu Bett.« 
»Ach ja, Mamsellchen, das ist schön. Sie sind so gut zu mir. 

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Lieber Gott, ich danke dir.« 
Es waren zärtliche Hände, die das Mädchen, das in seiner 

leichten Berauschtheit noch so manches aus seinem 
freudlosen Leben ausplauderte, zu Bett brachten. Und als 
die Mamsell sich dann behutsam von der Schlummernden 
entfernte, brummelte sie vor sich hin: 
»Du großer Gott, was hast du bloß mit dem armen 
Seelchen gemacht. So was ist doch nun wirklich nicht 
statthaft, so mancher nichtswürdigen Kreatur alles zu geben 
und so einem armen Herzchen gar nichts. Mach das gut, 
lieber Vater im Himmel droben, mach das gut. Das ist 
mein Weihnachtsgebet.« 
Und während Hariet der Traumgott umfing, feierte man 
unten in der Familie Weihnacht. Diese Feier bestand darin, 

daß man sich langweilte, unlustig die Weihnachtsbowle 
trank und pflichtschuldig in den Baum starrte, an dem die 
Kerzen brannten. Dolly, die Weihnachtslieder spielen 
sollte, weigerte sich entschieden. Und da die Mutter ja 
ständig an ihrer Jüngsten herumtadeln mußte, tat sie es 
auch jetzt. 
»Dolly, ich muß dich rügen und dein Fräulein mit. Sie 
hätte dir unbedingt einige nette Sachen einüben müssen, 
denn zu ihren Pflichten gehört auch musikalisches 
Können. Sie hat das in dem Bewerbungsschreiben auch 
ausdrücklich hervorgehoben, versagt jedoch darin, wie sie 
bei allem versagt.« 

»Mama, so laß das doch jetzt«, unterbrach der Sohn sie 
unwillig. »Mag Martina doch spielen und singen, für deren 
musikalische Ausbildung viel Geld ausgegeben wurde.« 
»Mein armes Kind ist leidend.« 
»Nun, so ist es dein anderes Kind eben auch.« 
»Verzeihung, ich vergaß, daß du für deinen Liebling ja 
immer eine Entschuldigung findest.« 
»Genauso, wie du für den deinen, Mama.« 
Da schwieg sie beleidigt, und das war gut. Denn so ließ sie 
wenigstens ihre Jüngste in Ruhe, die dem Bruder einen 
bittenden Blick zuwarf, den er sehr wohl verstand. 

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»Bist du müde. Kleines?« 
»Sehr, Ulf.« 

»Dann husch, husch ins Körbchen! Schlaf gut.« 
Herzlich wurde er umarmt und geküßt. Dann einen 
flüchtigen Kuß auf die Wange der Mutter, einen auf die der 
Schwester, und Backfischchen entrann der Langeweile. Sie 
freute sich auf einen gemütlichen Schwatz mit Hariet, doch 
leider schlief diese so fest, daß sie sich nicht ermuntern 
ließ. Also kroch auch Dolly in den weichen Pfühl und 
schlief sofort ein. 
Es war schon heller Morgen, als sie aus diesem tiefen Schlaf 
erwachte. Die heruntergelassenen Jalousien dämpften das 
Licht in Raum ab, doch durch die geöffnete Tür des 
Nebenzimmers flutete es hell und sonnig. 

»Hariet, wo bist du?!« rief die kleine Langschläferin. Schon 
eilte die Gerufene herbei und zog die Jalousien hoch. 
»Guten Morgen, Dollylein«, sagte sie fröhlich. »Bist du 
endlich munter?« 
»Noch nicht ganz«, kam es gähnend zurück. »Schade, ein 
schöner Traum ging zu Ende.« 
»So laß ihn, die Wirklichkeit kann auch ganz schön sein.« 
»Hast du schon gefrühstückt?« 
»Natürlich nicht. Wie sollte ich es wohl wagen, ohne dich 
nach unten zu gehen und mich an den Frühstückstisch zu 
setzen.« 
»Na eben, du bescheidenes Mägdlein.« 

Sie sprang aus dem Bett und verschwand im Bad. Steckte 
jedoch noch einmal den Kopf durch die Tür und rief Hariet 
zu: 
»Klingele bitte viermal kurz und viermal lang. Dann weiß 
man in der Küche, daß ich auch an diesem hohen Feiertag 
oben zu frühstücken wünsche.« 
Und tatsächlich klappte es. Lorenz brachte das Frühstück, 
dem man dann auch mit Appetit zusprach. Dolly, die im 
Reitdreß erschien, wurde von Hariet angestaunt. 
»Willst du etwa ausreiten, Dolly?« 
»Ich bin so frei.« . 

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»Aber du rittest doch noch nie, solange ich hier bin – und 
das sind immerhin fast sechs Wochen.« 

»Da war ich gerade pferdelos, weil mein altes, treues Roß 
an Altersschwäche einging. Aber nun erhielt ich von 
meinem noblen Bruder eines als Weihnachtsgabe, das ich 
jedoch vorerst einmal unter seiner Aufsicht reiten darf. Also 
laß uns rasch frühstücken, damit mein Brüderlein fein 
nicht zu lange auf mich warten muß.« 
Während man aß, meinte Dolly bedauernd: 
»Schade, daß du mich nicht zu Pferd begleiten kannst, 
Ette.« 
»Um Gott!« hob diese abwehrend die Hände. »Schon der 
Gedanke, mich einem Pferd überhaupt zu nähern jagt mir 
Angstschauer über den Rücken.« 

»Ach, du armes Großstadtkind, wie bist du doch um alles 
Schöne betrogen«, sprach Backfischchen pathetisch. »Denn 
alles was schön ist, kennst du kaum vom Hörensagen. 
Schaff dir ein Pferd an, ich rate dir gut.« 
»Gewiß, warum auch nicht«, kam es trocken zurück. »So 
was gebührt ja auch einer Angestellten. Was kostet 
überhaupt so ein Pferd?« 
»Dehnbarer Begriff. Hunderte bis Tausende.« 
»Ach du liebes bißchen! Das ist bestimmt etwas für 
unsereins.« 
»Hast bei Mamsellchen schon ganz nett abgefärbt«, lachte 
Dolly. »Denn dieses >Unsereins< ist ihr Leib- und 

Magenspruch.« 
Zehn Minuten später war Dolly dann zum Ausritt fertig. 
Und zwar im winterlichen Dreß, also sämtliche 
Kleidungsstücke pelzgefüttert. 
Und dann sah Hariet vom Fenster aus zu, wie diese vom 
Glück begünstigten Geschwister abritten. Es war ein Bild 
voll Eleganz und Schneid. 
Und wieder, wie schon so oft, erfüllte ein Sehnen 
Aschenputtelchens Herz: Reich sein, sich alles das leisten 
können, was diesen Glückskindern des Schicksals 
selbstverständlich schien. 

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Aber das ward ihr nun einmal nicht gegeben, sie hatte im 
Schatten gestanden von Anfang an. Hatte verzichten 

müssen, immer verzichten – und würde es müssen bis an 
ihr Lebensende. 
Kurz vor dem Mittagessen war Dolly von ihrem Ritt zurück. 
Sie brachte einen Hauch von Winterluft mit, dazu rote 
Wangen und leuchtende Augen. 
»Schön war das«, bekannte sie fröhlich. »Hilf mir bitte 
beim Umkleiden, damit ich zum Mittagessen 
zurechtkomme. Sonst gibt es einen Rüffel von der Mama.« 
»Bitte, Dolly, geh ohne mich«, bat Hariet, als der Gong 
ertönte. »Die Frau Baronin hat mir gestern ja deutlich zu 
verstehen gegeben, daß sie mein Beisein an der Tafel nicht 
wünscht.« 

»Aber mein Bruder wünscht es«, sprach Dolly so ernst wie 
selten. »Und es ist nicht ratsam, sich seinem Willen zu 
widersetzen. Dann kann er nämlich hart und unnachgiebig 
sein. Das muß er ja auch, sonst könnte er sich in seinem 
großen Betrieb unmöglich durchsetzen. Also komm schon, 
Ette, so schlimm wird es nicht werden.« 
O doch, es wurde schlimm, sehr sogar. Denn als Hariet an 
der Tafel erschien, sagte die Frau Baronin empört: 
»Fräulein, Ihre Dreistigkeit übersteigt nun wirklich alle 
Grenzen! Ich habe Ihnen doch gestern durch den Diener 
sagen lassen, daß ich Ihr Erscheinen an der Tafel nicht 
wünsche.« 

»Bitte, Fräulein Hermeran, bleiben Sie hier«, sprach nun 
der Hausherr der bereits Enteilenden nach. Es war ganz 
ruhig gesagt – und doch klang es, als wenn Stahl auf Eisen 
schlägt. Sogar die Baronin war von dem Ton betroffen. 
Es wurde ein sehr ungemütliches Mahl, an dem Hariet mit 
den Tränen zusammen die Speisen herunterwürgte. Und 
denen sie dann freien Lauf ließ, als sie wieder in ihrem 
Zimmer war. Betreten stand Dolly dabei, bis sie dann den 
Bruder in seinem Arbeitszimmer aufsuchte. 
»Ulf, laß doch Hariet den Mahlzeiten fernbleiben«, bat sie 
eindringlich. »Du glaubst ja gar nicht, wie gräßlich sie ihr 

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sind. Sie sitzt jetzt oben und weint sich fast die Augen aus 
dem Kopf. Das kann ich doch unmöglich mit ansehen.« 

»Du bist ein gutes Kind, mein Kleines«, entgegnete er 
lächelnd. »Aber diese Mahlzeiten müssen sein, damit 
Fräulein Hermeran ihre Minderwertigkeitskomplexe 
langsam verliert. Denn mit diesen kann sie hier nie festen 
Fuß fassen. Und das willst du doch?« 
»O ja, ich möchte Hariet nicht mehr missen.« 
»Also! Dann steife ihr auch das viel zu weiche Rückgrat. 
Denn damit wird sie sich nirgends im Leben behaupten 
können.« 
Die Tage vergingen, reihten sich zu Wochen und Monaten. 
Schon nahte der Frühling und mit ihm das Osterfest. 
Strahlend vor Freude kam Dolly mit einem guten Zeugnis 

nach Hause, das ihr die Versetzung nach Untersekunda 
brachte. Und wieder behauptete sie, daß sie dieses Hariet 
zu verdanken hätte, was Mutter und Schwester bitter 
einging. Denn noch immer mochten sie das Mädchen 
nicht, obgleich dieses wie ein guter Geist im Hause waltete, 
wo jetzt alles wie am Schnürchen lief. 
Was die beiden Damen immer wieder ärgerte, war, daß 
dieses unscheinbare Mädchen, welches sie unter weiser 
Voraussicht ins Haus nahmen, sich zu einer regelrechten 
Schönheit zu entfalten begann – trotz der einfachen 
Sachen, die es trug. Denn zu eleganten reichte es nicht. Das 
hatte die einst so weltfremde Hariet schon längst erkennen 

müssen, die sich eingebildet hatte, für einen 
Hundertmarkschein eine halbe Aussteuer kaufen zu 
können. Da hatten sie die Einkäufe hinterher nun wirklich 
eines anderen belehrt. 
Hariet hatte überhaupt in den fünf Monaten, die sie nun 
auf Herrnhagen weilte, viel gelernt, sogar der Baronin und 
ihrer Tochter ohne Furcht zu begegnen. Zwar wehrte sie 
sich auch jetzt noch nicht gegen die ewigen Sticheleien, 
nahm sie jedoch gelassen hin. Der Dienerschaft gegenüber 
fand sie den richtigen Ton, und für Dolly sorgte sie wie 
eine gute ältere Schwester. 

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Aber was Hariet auch tun mochte, immer fand die Frau 
Baronin etwas auszusetzen. Lag dem Sohn ständig mit 

dieser »anmaßenden Person« in den Ohren – doch er 
lächelte und schwieg. 
Und gerade das erboste die Frau Mama. Sie fühlte sich 
übergangen, ausgeschaltet da, wo sie fast dreißig Jahre lang 
das Zepter schwang, das der »entartete« Sohn ihr nun so 
rücksichtslos aus den Händen wand. Aber sie zog daraus 
nicht die Konsequenzen, übersiedelte nicht ins 
Witwenhaus, wohin sie ja eigentlich gehörte, sondern 
blieb. Rang verbissen um den Platz, der ihr gar nicht mehr 
zukam. 
Denn es stand im Hausgesetz der Eggeroth, daß die Frau 
nach dem Tod des Gatten ins Witwenhaus zog, was die 

andern Frauen auch ohne weiteres getan hatten. Allerdings 
mußten die Söhne vollkommen den Lebensunterhalt der 
Mütter bestreiten und ihnen außerdem noch eine 
monatliche Summe von fünfhundert Mark zahlen. Durch 
Generationen war das alles auch ganz glatt gegangen – es 
hatte aber auch noch nie unter den Frauen der Eggeroth 
eine so herrschsüchtige gegeben wie Klarissa. Und da der 
Gatte das wußte, hatte er in seinem Testament bestimmt, 
daß der Sohn die Mutter auszuzahlen hatte, wenn sie ins 
Witwenhaus zog. Also gewissermaßen als Köder für die 
geldgierige Frau. Leider hatte sie bisher noch nicht 
angebissen, immer nur danach geschnappt – sehr zum 

Verdruß derer, denen sie das Leben schwermachte. 
Und dazu gehörte auch Hariet Hermeran. Die Baronin und 
ihre ältere Tochter waren die Schatten, die das jetzige Leben 
des Mädchens verdüsterten. 
Aber dann gab es auch wiederum manches, was dieses 
Leben licht und hell machte. Dazu gehörten auch die 
Besuche in Prahlen. Sie und Dolly verlebten dort Stunden 
herzwarmer Traulichkeit, wozu sich Ulf oft einfand. Und 
jedesmal war dann Hariet wie umgewandelt, ihre 
Zutraulichkeit wich scheuer Zurückhaltung. 
»Ich glaube, mein Sohn, du bist Hariet so etwas wie kleinen 

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Kindern der Baubau«, schmunzelte der Onkel, als an einem 
sonnigen Frühlingstag die drei Mädchen gegangen waren, 

um Schneeglöckchen zu pflücken. »Denn ihre 
Zutraulichkeit, mit der sie uns jetzt begegnet ist wie 
weggewischt, sofern du nur auftauchst. Woran liegt das?« 
»Weiß der liebe Himmel«, erwiderte Ulf lachend. »Ich tu 
der Kleinen doch bestimmt nichts, aber stets geht sie in 
großem Bogen um mich herum. Wenn ich mal mit ihr 
sprechen muß, was ich möglichst vermeide, sieht sie mich 
an wie ein Lämmchen den bösen Wolf. Irgendwie scheine 
ich ihr von Herzen unsympathisch zu sein.« 
»Hm«, machte der Onkel und sprach dann von etwas 
anderem. 
Kurz vor Ostern lernte Hariet auch den Sohn des Hauses 

kennen, der sich als stolzer Oberprimaner  präsentieren 
konnte. Ein frischer Junge, der sich bestimmt nicht die 
Butter vom Brot nehmen ließ. 
Mit Hariet, von der er natürlich schon gehört hatte, stand 
er gleich auf Du und Du. Und da ein Achtzehnjähriger ja 
leicht entflammt ist, verliebte er sich in die 
Einundzwanzigjährige wie auf Kommando. 
Selbstverständlich ganz geheim, anders hätte es seine 
Ruppigkeit nicht zugelassen. 
Mit Dolly zankte er sich, wo er nur konnte. Blieb jedoch 
ganz gelassen, während sie sich erboste. Jedenfalls konnte 
es, wo beide waren, nie langweilig werden. 

Es war am Ostersonnabend, als Hariet und Dolly im 
Dogcart, den ein braver Brauner zog, gemächlich Prahlen 
zuzuckelten. Zu ihren Füßen stand ein Korb, in dem zehn 
Küken aus einer ganz besonderen Brut wohlgeborgen 
ruhten. Sie bedeuteten ein Ostergeschenk Ulfs an Alice, die 
sich mit Hühnerzucht befaßte und der diese Sorte noch 
fehlte. 
Hariet kutschierte. Ihre neueste Errungenschaft, auf die sie 
nicht wenig stolz war. Die Wangen glühten vor Eifer, die 
Augen strahlten, der Mund lachte und gab dabei zwei 
Reihen prachtvoller Zähne frei. Das goldbraune Gelock, 

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das zwanglos über den Nacken fiel, glänzte und gleißte im 
Sonnenlicht. Den grazilen Körper umschloß ein heller 

Frühjahrsmantel, die Füße steckten in feinen Strümpfen 
und hellfarbenen Sandaletten. Jedenfalls konnte von einem 
»alt-klunkrigen Nönnchen« jetzt nicht mehr die Rede sein. 
Denn die da so eifrig das Gefährt lenkte, war ein 
bildschönes, nett gekleidetes Menschenkind. 
Das fand auch der Reiter, der schon eine Weile hinter dem 
Wagen herritt. Bemerkte schmunzelnd, wie die beiden 
schmucken Maiden die Köpfe zusammensteckten, wie sie 
schwatzten und lachten. Bis dann Dolly, die sich einmal 
umwandte, den Bruder bemerkte. 
»Ulf!« rief sie erfreut. »Reitest du etwa auch nach Prahlen?« 
»Ursprünglich wollte ich es nicht, aber jetzt tu ich’s«, 

blitzten die Zähne durch die hartgeschnittenen Lippen. 
Einige verwegene Sätze des rassigen Trakehners, dann 
trabte er neben dem Wagen her. 
Und schon war der lachende Frohsinn Hariets wie 
fortgeweht. Steif saß sie da und überließ die Unterhaltung 
den Geschwistern. Von der harmlosen Schwester blieb das 
unbemerkt, doch der Bruder mußte sich wieder einmal 
wundern und ärgern. 
Zum Kuckuck, was hatte er dem Mädchen getan, daß es 
sich ihm gegenüber verkroch wie die Schnecke in ihrem 
Häuslein! Da stand man doch tatsächlich wie vor einem 
Rätsel. 

Nun, er hatte gewiß keine Lust, dieses Rätsel zu lösen. Die 
Hauptsache, daß diese Angestellte ihre Pflicht tat. Alles 
andere ging ihn nichts an. 
In Prahlen wurde man wie gewöhnlich herzlich 
empfangen, und Alices Freude über das Ostergeschenk war 
groß. Man setzte die Küken auf den Teppich, und die ganze 
Gesellschaft kauerte um die possierlichen Tierchen herum. 
Bis sie frierend zusammenkrochen, da wurden sie in den 
Korb zurückgetan und in die Küche gebracht. 
Am Kaffeetisch übermittelte Dolly die Einladung der 
Mutter, wobei sie ihren Kommentar dazu gab: 

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»Kommt, o kommt, ihr Lieben alle. Tut ihr es nicht, ist die 
Mama ungenießbar, und wir Armen müssen darunter 

dulden und leiden.« 
»Hauptsächlich du, Frechdachs«, meinte Lutz, seelenruhig 
dabei nach einem Stück Kuchen mit viel Rosinen angelnd, 
und schon funkelte sie ihn an. 
»Unverschämter Bengel! So frech, wie du frech bist, kann 
doch schon keiner frecher sein.« 
»Gutes Deutsch.« 
»Ich bin ja auch kein Oberprimaner.« 
»Aha, also eine Anerkennung meiner Würde.« 
»Junge, mach Feierabend!« lachte die Mutter gleich den 
andern. »Sonst brauchst du dich nicht zu wundern, wenn 
dir plötzlich Krallchen im Gesicht sitzen.« 

»Pöh, dafür sind mir die meinen viel zu schade«, tat 
Backfischchen verächtlich. »Er befindet sich eben in den 
Flegeljahren, da muß man ihm manches nachsehen.« 
»Recht so, Marjellchen, du hast den Sinn erfaßt«, 
schmunzelte der Onkel. »Man merkt bei dir immer mehr 
die gute Schule Hariets.« 
Sonst wäre diese um eine schlagfertige Antwort nicht 
verlegen gewesen, die sich hier ganz wie zu Hause fühlte, 
seitdem sie auch mit den Gastgebern das trauliche Du 
tauschte.  
Aber jetzt war der Baron zugegen – und schon verkroch 
sich das Schnecklein in seinem Häuslein. Das war nun 

einmal so und würde wohl auch schwerlich anders werden. 
Hell und sonnig zog der Ostermorgen herauf. Hariet, die 
schon früh erwachte, erhob sich leise, um die noch 
festschlafende Dolly nicht zu wecken, schloß behutsam die 
Tür zum Nebenzimmer und öffnete das Fenster weit. 
Oh, du herrliche Gotteswelt, wie bist du doch so schön – 
schoß ihr der Anfang eines Frühlingsliedes durch den Sinn, 
als sie in den Park hinabschaute, wo der weite, gepflegte 
Rasenplatz schon erstes Grün zeigte. Auf ihm leuchtete 
Krokus, voll und dicht, entzückend anzuschauen in seiner 
lustigen Buntheit. Osterlilien, Tulpen und Narzissen 

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blühten auf den Beeten, Veilchen, verspätete 
Schneeglöckchen und Buschwindröschen schoben sich 

keck dazwischen. Wie von einem hauchdünnen grünen 
Schleier umhüllt, erschienen die Birken, an den hohen, 
alten Kastanienbäumen saßen die Knospen dick und prall. 
Hariet, die ja zum ersten Mal in ihrem Leben das Erwachen 
der Natur auf dem Lande mitmachte, wurde das Herz ganz 
groß und weit bei dem andächtigen Schauen. Ihre Hände 
falteten sich, und was der junge Mund dann sprach, kam 
aus des Herzens tiefstem Grund: 
»Lieber Gott, ich danke dir, daß du es mir vergönnt, so viel 
Herrliches zu schauen.« 
Dann riß sie sich von dem wunderholden Anblick los und 
begann mit der Morgentoilette, wobei sie sich mehr Zeit 

ließ als sonst. Denn ihr kleiner lieber Quälgeist brauchte ja 
heute nicht zur Schule, also gab es keine Hetzerei. 
Es war Hariet nämlich noch immer nicht gelungen, ihre 
Schutzbefohlene auch nur fünf Minuten früher aus dem 
Bett zu bekommen als unbedingt nötig. Allerdings hatte sie 
durchgesetzt, daß die Kleine schon am Abend ihre 
Büchermappe packte und daß sie am Morgen zwischen 
dem Ankleiden eine Tasse Kaffee trank und eine gutbelegte 
Schnitte dazu aß. Zwar mußte Hariet der Eiligen die 
Happen direkt in den Mund stecken, ihr die Tasse da 
vorhalten, aber sie tat es gern und wurde deshalb nicht 
müde, es immer wieder zu tun. 

Nachdem Hariet sich heute in aller Ruhe angekleidet hatte, 
ging sie hinunter in den Wintergarten, um die Blumen zu 
gießen, die sich erst richtig entfaltet hatten, seitdem das 
gewissenhafte Mädchen sie betreute. Es freute sich über 
jedes Sprößlein, jede Knospe, jede Blüte, die ihm wie 
lebende Wesen vorkamen, die liebevolle Fürsorge 
brauchten. 
Als Hariet dann das Wohngemach durchschritt und 
prüfend feststellte, daß alles darin in Ordnung war, 
erschien ihr der weite Raum öde und leer. Sie sah einen 
andern vor sich, in dem sie gestern geweilt. Da waren alle 

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Vasen gefüllt mit Blumen und erstem Grün, in dem trauten 
Wohngemach von Prahlen. Denn darin waltete eine 

Hausfrau, die zu sagen pflegte: Blumen gehören zum 
Menschen wie Luft und Licht. 
Nun, Hariet hatte trotzdem geatmet und gelebt, 
einundzwanzig Jahre lang, obwohl die Wohnung in der 
Großstadt keine Blume schmückte. Man mußte diese 
nämlich kaufen, und das hielt Tante Berta für 
Geldverschwendung. 
Aber hier brauchte man die Blumen nicht zu kaufen. Hier 
wuchsen sie auf den Beeten und im Gewächshaus, das ein 
knurriger Gärtner wie ein Zerberus hütete. W

7

enn sie ihm 

ein gutes Wort gab – vielleicht…? 
Also wagte sie sich gewissermaßen in die Höhle des Löwen. 

Sie staunte selbst über ihren Mut, als sie vor dem Mann 
stand, der sie aus hellen, falkenscharfen Augen 
durchdringend musterte. 
»Was wollen Sie denn, Fräulein?« fragte er barsch. »Können 
Sie denn nicht lesen, daß der Eintritt hier für alle 
Unbefugten verboten ist?« 
»Ja«, gab sie kleinlaut zu, »das Schild ist ja groß genug.« 
»Also! Was suchen Sie denn trotzdem hier?« 
»Ein paar Blumen, Herr Gärtner – bitte!« 
»Für wen?« 
»Für die Allgemeinheit. Ich möchte das Wohnzimmer 
damit schmücken.« 

»Hat keinen Zweck, das sieht ja doch niemand. Der Herr 
Baron noch allenfalls und auch die Dolly. Aber den andern 
müssen Sie schon eine Kollektion schöner Kleider ins 
Zimmer hängen, dann wären sie entzückt – aber Blumen? 
Nee, nee, Fräulein, die sind nur für zarte Gemüter.« 
»Dann entschuldigen Sie bitte, das habe ich nicht gewußt.« 
»Sie wissen noch vieles nicht, Sie törichtes Kind. Na, warten 
Sie, ich will Ihnen einige Blumen geben. Aber die stellen 
Sie in Ihr Zimmer, verstanden? Denn man soll die Perlen 
nicht vor die Säue werfen, steht schon in der Bibel. Merken 
Sie sich das, junges Fräulein.« 

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»Ja«, sagte sie verschüchtert – und wieder traf sie ein 
durchdringender Blick. Dann umzuckte ein Lächeln den 

schmalen Männermund, der wie ein Strich wirkte in dem 
braunen, verwitterten Gesicht. Die Gestalt war groß und 
hager, der Rücken ein wenig gebeugt. Jedenfalls war der 
Mann eine Persönlichkeit, die sich nie und nirgends 
übersehen ließ. 
Jetzt überreichte dieser Respekt einflößende Gärtner der 
Angestellten des Schlosses drei Rosen. Sie waren tiefrot, mit 
einem schwarzen, samtigen Schimmer. Ein berauschend 
süßer Duft entströmte diesen köstlichen Blüten. Die 
Mädchenaugen würden groß und rund, ein grenzenloses 
Erstaunen spiegelte die Bläue wider. Ganz blaß war das 
feine Gesichtchen geworden vor Schreck. 

»Nun nehmen Sie schon, Sie Dummchen, die sind für Sie 
persönlich.« 
»Aber, aber, Melchior…«, ließ sich da hinter ihnen eine 
sonore Stimme vernehmen, bei der Hariet 
zusammenzuckte. »Soll ich da meinen Augen trauen? 
Deine eifersüchtig gehütete Königin der Rosen verschenkst 
du – und gleich drei Stück?« 
»Warum denn nicht, Herr Baron«, schmunzelte der Mann. 
»Die Königin – der Königin.« 
»Potztausend! Wissen Sie auch, welch eine Auszeichnung 
Ihnen mit den Rosen zuteil wird, Fräulein Hermeran?« 
»Nein, Herr Baron – oder ja – aber ich danke Herrn 

Melchior«, stotterte sie verwirrt und suchte dann ihr Heil in 
der Flucht. 
»Komisches Marjellchen«, sprach Ulf ihr kopfschüttelnd 
nach. »Warum hat es eigentlich solche Angst vor mir, 
Melchior?« 
»Das Rehlein wittert den Jäger«, kam es trocken zurück. 
»Womit kann ich dem Herrn Baron dienen?« 
»Mit denselben Rosen, die du soeben an das ängstliche 
kleine Mädchen so verschwenderisch verschenktest. Ich will 
mit diesen erlesenen Blüten Frau Warring einen Ostergruß 
bringen. Also gib schon deinem Herzen einen Stoß.« 

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»Na ja, Herr Baron, wenn sie Frau Warring kriegen soll, 
dann muß ich ja schon. Aber nur zwei, dann bleiben, mir 

noch sechs. Die muß ich weiterzüchten, damit die Frau 
Baronin, die hier einziehen wird, den schönsten 
Hochzeitsstrauß bekommt.« 
»Hm. Und wenn ich mich mit der Hochzeit beeile?« 
»Daraus wird nichts. Der Herr Baron muß zuerst noch 
durch Liebesleid und Herzensnot. Aber wenn übers Jahr die 
Novemberstürme toben, dann kommt das große Glück.« 
»Na, weißt du, Melchior, du kannst einem mit deinen 
Weissagungen manchmal das Gruseln über den Rücken 
jagen«, entgegnete Ulf unbehaglich. »Warum denn gleich 
Liebesleid und Herzensnot? Es werden auch ohne diese 
unbequemen Begleiterscheinungen Ehen geschlossen.« 

»Aber nicht die vom Herrn Baron.« 
»Eigensinniger Kerl!« mußte dieser jetzt lachen. »Aber 
diesmal sollst du nicht recht behalten.« 
»Sollte mich freuen. Bitte, hier sind die Rosen. Ich spende 
sie Frau Warring gern – denn sie ist eine Frau mit Herz.« 
»Danke, Melchior. Ihr das zu übermitteln, wird mir ein 
Vergnügen sein.« 
Damit ging er versonnen davon. Es war doch etwas Eigenes 
um diesen Melchior, der in der Umgegend als Hellseher 
galt. Und er hatte auch tatsächlich schon manches 
vorausgesagt, was ihm Ansehen und Scheu einbrachte. 
Hauptsächlich diejenigen, die ein schlechtes Gewissen 

hatten^ gingen ihm in großem Bogen aus dem Weg. 
Nur wenige Menschen erfreuten sich seiner Gunst. Und das 
waren erst mal der Freiherr und seine jüngere Schwester, 
ferner der Diener Lorenz mit seiner Frau und der alte 
August. Und nun schien auch noch Hariet Hermeran zu 
diesen Auserwählten zu zählen, wovon sie allerdings keine 
Ahnung hatte. Sie freute sich nur über die wunderbaren 
Rosen, die sie gerade in die Vase tat, als Dolly aus dem 
Nebenzimmer he rein wirbelte und dann ruckartig 
stehenblieb. 
»Woher hast du denn Melchiors Königin?« fragte sie 

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perplex. 
»Von ihm persönlich – für mich persönlich.« 

»Ach du liebe Güte! Dann hast du aber eine ganz tolle 
Eroberung gemacht. Denn dieser unbestechliche Mann 
vergibt seine Gunst nur sehr spärlich. Du, jetzt steigst du in 
meinen Augen erst so richtig an Wert.« 
»Wie ich mir jetzt aber vorkomme«, lachte Hariet fröhlich. 
»Und nun habe ich Hunger.« 
»Dann komm, das lukullische Frühstück wartet nebenan. 
Ich habe Mamsellchen so lange umschmeichelt, bis sie 
gnädigst einwilligte, uns beiden Hübschen auch während 
meiner Ferien das Frühstück oben servieren zu lassen. 
Damit übertritt sie wohl ein Gebot ihrer gestrengen Herrin 
und ich auch, aber was tun wir nicht alles für unser 

Herzenskind Hariet, dem jede Mahlzeit am Familientisch 
ein Greuel ist.« 
Nun, ein Greuel waren diese Mahlzeiten Hariet nun gerade 
nicht, aber immerhin unangenehm. Zwar blieb sie in 
Gegenwart der Baronin und ihrer ältesten Tochter bei Tisch 
wohl still, war aber nicht mehr so geduckt wie in der ersten 
Zeit. 
Es war ein auserlesenes Mahl, das an diesem Osterfeiertag 
Lorenz und das erste Stubenmädchen servierten. Mehr als 
sonst schwebte das Fluidum der Vornehmheit über dem 
weiten Raum, das selbst einen Banausen dazu gezwungen 
hätte, sich manierlich zu benehmen. 

Die Unterhaltung war kühl und gemessen. Man sprach 
eben nur, um nicht stumm dazusitzen. Höflich erfolgte die 
Rede, höflich die Antwort. 
Der Mokka blieb Hariet erspart, weil auch Dolly nicht 
daran teilnahm. So zogen denn die beiden Mädchen ab, 
hinein in die gemütliche Klause. Dort konnte man sich 
geben, wie einem zumute war, brauchte keine strenge 
Kritik zu fürchten. Dolly warf sich auf den Diwan und 
streckte sozusagen alle viere von sich. 
»Los, Ette, spiel mir etwas vor, was vom Frühling spricht, 
von Lenz und Liebe«, verlangte sie kategorisch, doch die 

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andere lachte sie aus. 
»Der Lenz ist erst im Mai, mein liebes Kind – und die Liebe 

weltenfern. Aber den Frühling, ja, den laß ich mir gefallen.« 
Also setzte sie sich an den Stutzflügel und spielte 
Frühlingslieder. Und weil das so schön war, sang sie die 
Weise mit. 
Sie hätte es wahrscheinlich nicht getan, wenn sie gewußt, 
daß sie außer Dolly noch einen Zuhörer hatte. Dieser lag 
auf der Terrasse im Liegestuhl und ließ sich von der 
warmen Mittagssonne bescheinen. Lauschte mit Vergnügen 
den Klängen, die durch das geöffnete Fenster im ersten 
Stock zu ihm hinwehten. 
Es war eine herzwarme Stimme, in die dann die noch etwas 
dünne des Backfischchens hineinklang. Und da der 

Frühling von der Liebe ja nicht zu trennen ist, kam sie in 
jedem Lied vor. Doch das alles perlte so leicht, so 
unbeschwert über die Lippen der beiden jungen 
Menschenkinder, ein Zeichen, daß sie noch verschont 
geblieben waren von der Liebe Lust und Leid. Selbst die 
Stelle in dem Lied klang unbekümmert, frisch, frei und 
froh: 
Der Frühling ist kommen mit all seiner Macht, der 
Frühling, der hat mir die Liebe gebracht, er hat mir mein 
Herz verwundet… 
»Das war schön«, sagte Dolly, als Hariet später den 
Kiavierdeckel zuklappte. »Wie kommt es bloß, Ette, daß du 

dem Instrument so wunderbare Töne zu entlocken 
verstehst. Ist das etwa Zauberei?« 
»Nein, nur Übung, du Faulpelz«, kam es lachend zurück. 
»Aber warte, ich kriege dich schon noch heran an dieses 
herrliche Gebilde in Weiß und Gold.« 
»Pöh«, tat Backfischchen verächtlich ab. »Meine Finger sind 
lahm und stupid ist mein Sinn. Das sagt auch Lutz.« 
»Na, dann muß es ja wohl stimmen. Und nun erhebe dich, 
mein Faultierchen, machen wir einen Spaziergang durch 
den frühlingsduftenden Wald.« 
»Mitnichten, mein herzliebes Treugespann. Reiten 

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vielleicht, aber gehen kommt nicht in Frage. Das kostet 
nämlich Schuhsohlen. Außerdem ist es bald Kaffeezeit, und 

4ie Prahlener kommen, von denen man sagen kann: Der 
Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Wer prägte das 
Wort, mein gelehrtes Fräulein?« 
»Schiller, soviel ich weiß.« 
»Eine Eins, Schülerin, setzen Sie sich. Ach, Ette, meinst du 
nicht auch, daß wir beide viel zuviel wissen?« 
»Ich weiß nur, daß du ein ganz verdrehtes kleines Balg bist. 
Was wirst du anziehen zur Feier des Tages?« 
»Das Grüne. Onkel Nolte sagt ja wohl im Busch: Du ziehst 
mir nicht das Grüne an – aber du bist ja nicht Onkel Nolte, 
und ich heiße nicht Helene.« 
Sie lachten beide – und auch der Mann auf der Terrasse 

lachte in sich hinein. Er konnte beruhigt sein. Bei diesem 
Mädchen war seine kleine Schwester bestens aufgehoben. 
Bevor die Gäste eintreffen sollten, gab es noch für ihn 
einen harten Strauß mit der Mutter auszufechten. Diese 
hatte nämlich bestimmt, daß Hariet mit Lorenz zusammen 
an der Tafel bedienen sollte, weil das erste Stubenmädchen 
Ausgang hatte. Zufällig erfuhr das der Herr des Hauses und 
disponierte um. 
Und dieses erfuhr nun wiederum die Frau Baronin, die sich 
immer noch als Herrin aller Reußen fühlte. Empört 
rauschte sie in das Arbeitszimmer des Vermessenen. Die 
Augen funkelten, der Mund war verkniffener denn je, wie 

abgezirkelt brannten die roten Flecke auf den 
Backenknochen. 
»Ulf, ich verbitte mir das!« schrie sie ihm entgegen, der sie 
zuerst verblüfft ansah. Dann bot er der Mutter einen Platz 
an, die es jedoch vorzog, stehend zu verkünden, was sie 
zutiefst empörte: 
»Wie kommst du dazu, mein Sohn, meine Befehle zu 
widerrufen und mich damit bei der Dienerschaft lächerlich 
zu machen? Ich sage dir, das Fräulein wird bei Tisch 
bedienen, hast du mich verstanden?!« 
»Ach, darum geht es«, versetzte er gelassen. »Mama, denk 

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doch einmal darüber nach.« 
»Ich denke nicht, ich befehle!« rief sie ihm erregt ins Wort. 

»Und zwar, daß das Fräulein bei Tisch bedient. Es ist nicht 
besser als jeder andere Dienstbote, aber ihr scheint in 
dieser anmaßenden Person ja etwas Besonderes zu sehen – 
du, Dolly, Lorenz, die Mamsell – und neuerdings auch 
dieses Scheusal von Gärtner. Er hat ihr Rosen gegeben, 
verstehst du? Von den Rosen, mit denen er ein so 
lächerliches Theater macht. Und Martina, dem Herrenkind, 
schlug er sie ab, um sie dann an eine Domestikin zu 
verschenken. Das ist ja einfach ein Skandal, der zum 
Himmel schreit! Ich verlange, daß du diesen 
unverschämten Menschen fristlos entläßt!« 
»Das kann ich nicht, Mama, weil Vater ihn auf Lebenszeit 

anstellte. Mit den Rosen kann er machen, was ihm beliebt. 
Sie sind sein Experiment, das er aus eigener Tasche zahlt. 
Doch wir sind ganz von der Bedienung abgekommen. 
Mama, ich bitte dich, sei doch vernünftig.« 
»Ich will nicht vernünftig sein, ich will mein Recht!« 
Seufzend strich der Mann sich ruckartig über Augen und 
Stirn, in den Mundwinkeln hockte ein bitteres Lächeln. Es 
klang müde, als er nun sprach: »Du machst es mir wahrlich 
schwer, dir mit dem Respekt zu begegnen, den ein Sohn 
einer Mutter schuldig ist. Also muß ich da befehlen, wo ich 
viel lieber bitten möchte. Und zwar, daß die junge Dame 
nicht bei Tisch bedienen wird. Und zwar aus den Gründen, 

weil sie dazu dienstlich nicht verpflichtet und dann eine 
Verwandte der Warrings ist. Willst du denn das nicht 
einsehen?« 
»Nein. Mag diese Person auch aus fürstlichem Geblüt sein, 
hier jedoch ist sie nichts weiter als ein Dienstbote. Ich 
werde sie heute noch fristlos entlassen.« 
»Das werde ich zu verhindern wissen.« 
»Komisch, wie du für diese Person eintrittst«, höhnte sie. 
»Da könnte man fast…« 
»Es ist wohl besser, wenn du gehst, Mama«, unterbrach der 
Sohn sie mit einer eisigen Ruhe, die beängstigender wirken 

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kann als heißer Zorn. »Fräulein Hermeran bleibt. Und zwar 
aus dem Grunde, weil Dolly sie braucht. Und nun Schluß 

der Debatte, die mich förmlich – anwidert. Und wenn du 
jetzt nach beliebter Art mit dem Witwenhaus drohen willst 
– bitte.« 
Sie hielt es jedoch für ratsam, es zu unterlassen. Warf ihm 
nur einen Blick zu, der ihn eigentlich hätte in Grund und 
Boden schmettern müssen und rauschte hocherhobenen 
Hauptes hinaus. 
Übrigens war das alles weiter nichts gewesen, als der oft 
zitierte Sturm im Wasserglas. Denn die Gäste mußten 
absagen, weil sie selbst überraschenden Besuch von 
außerhalb bekamen. 
Eins-zwei-drei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit 

– sagt Wilhelm Busch, der lachende Philosoph, und hat 
damit, wie in vielem, recht. Wir sausen einfach hinweg 
über Stunde und Zeit, die nie stillsteht, die hinfließt über 
Freud und Leid, Not und Tod er Menschheit. Wer da nicht 
mithalten kann, wird einfach überrannt vom Lauf der Welt. 
So wäre es auch der weltfremden Hariet. Herme ran 
ergangen, wenn sie nicht einen starken Halt gehabt hätte, 
den sie neuerdings auch an dem Gärtner fand. Sie hatte 
keine Scheu vor dem seltsamen Mann, suchte ihn oft auf, 
und immer wai Dolly dabei. Er war ja so welterfahren und 
klug, so ein richtiger Weiser. Zu gern lauschten die beiden 
Mädchen seinen Erzählungen und merkten dabei gar nicht, 

wie er sacht und lind Gutes und Schönes in ihre jungen 
Herzen senkte. 
Manchmal kam auch der Baron hinzu, wenn Melchior 
erzählte. Lächelnd beobachtete er dann die beiden 
Zuhörerinnen, deren leuchtende Augen an den Lippen des 
weisen Mannes hingen. ‘ Hauptsächlich Hariet lauschte 
diesen Erzählungen wie gebannt und schöpfte daraus 
immer wieder frohe Zuversicht. Denn nach dem Osterfest 
hatte sie mehr denn je unter den Bosheiten der Baronin 
und ihrer Tochter zu leiden, die immer wieder Mittel und 
Wege fanden, das Mädchen zu schikanieren und zu 

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demütigen. Doch es hielt tapfer aus und wurde dann ihre 
Peiniger für einige Zeit los. 

Und zwar, als diese im Juli ihre Sommerreise antraten, 
wofür sogar Geld vorhanden war. Ein Vorfahr der Eggeroth 
hatte nämlich einen Reisefonds angelegt, der jedes Jahr von 
den Familienmitgliedern zu gleichen Teilen in Anspruch 
genommen werden konnte, was die Baronin und Martina 
natürlich restlos taten, während die Teile von Dolly und 
Ulf ständig anwuchsen. 
Selbstverständlich kamen für die beiden anspruchsvollen 
Damen nur mondäne Orte in Frage, wo sie so lange in der 
»großen Welt« schwelgten, bis das Geld aufgebraucht war. 
Dann allerdings mußten sie wieder in die »Einsamkeit« 
zurück, wo sie zuerst einmal in Erinnerungen schwelgten 

und sich dann auf die nächste Reise freuten. 
So reisten sie denn auch in diesem Jahr beseligt ab, und Ulf 
redete Dolly zu, sich mit Hariet den Prahlener Verwandten 
; anzuschließen und mit ihnen in den Sommerferien an die 
See zu fahren. Doch davon wollte die Kleine nichts wissen. 
»Ich soll fort von hier, wo es jetzt so wunderbar 
harmonisch ist? Na, das wäre! Wald, Feld und Flur haben 
wir hier und Wasser auch, sicherlich alles noch viel besser, 
als in den überlaufenen Bädern. Sollst mal sehen, wie 
Hariet und ich uns in den Ferien vergnügen werden.« 
Das geschah denn auch. Wie Kletten hing das Treugespann 
aneinander, nichts unternahm eines ohne das andere. 

Selbst auf ein Pferd hatte Dolly die ängstliche Hariet 
gezwungen. Allerdings war es ein frommes Pferdchen, aber 
immerhin, es trabte. Zuerst stand die Reiterin Todesängste 
im Sattel aus, doch dann wurde sie kühn und immer 
kühner. 
Es verging kein Tag, an dem die beiden Mädchen nicht im 
See ihr Bad nahmen. Hariet, die natürlich nicht 
schwimmen konnte, lernte es unter Dollys Anleitung bald. 
Wenn man Trubel haben wollte, fuhr man zur Stadt. 
Suchte dort eine Konditorei auf oder ging ins Kino. 
Jedenfalls vergnügte man sich wie und wo man konnte. 

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Der Bruder bemerkte das alles mit stillem Ergötzen. Er 
gönnte dem Schwesterlein jede Freiheit. Die Ferien waren 

ja so kurz – und vor allem die Harmonie, die jetzt im 
Schloß herrschte. 
Mit der war es dann auch vorbei, als die beiden mondänen 
Damen Ende Oktober zurückkehrten. Sie brachten sogar 
einen jungen Mann mit, den Martina fest in ihren lilaroten 
Fängen zu haben schien. Er war so ein richtiger Dandytyp 
und galt in seiner Familie ein wenig als schwarzes Schaf. 
Aber das wußten Mutter und Tochter ja nicht. Wußten nur, 
daß er der Erbe eines großen Unternehmens und ein 
liebenswerter Mensch war. Sie hatten ihn in einem 
mondänen Bad kennengelernt, wo der junge Mann dann 
ihr steter Begleiter wurde, und zu seiner Ehre sei es gesagt, 

daß er ernste Absichten auf Martina hatte. Warum auch 
nicht? Sie war ja nicht so übel. Es würde sich schon in einer 
Ehe mit ihr leben lassen, wenn man nicht Wert auf Glück 
und Liebe legte. 
Und das tat Carol Droik durchaus nicht. Denn Liebe und 
Ehe waren für ihn zwei getrennte Begriffe. Der Vater 
wünschte, daß er ihm eine Schwiegertochter brachte, die 
nicht ganz arm war, einen untadeligen Namen hatte und 
zu repräsentieren wußte. Und das traf bei der Baronesse 
Eggeroth alles zu. 
Natürlich wollte der vorsichtige Mann erst einmal die 
Verhältnisse näher kennenlernen, aus denen seine 

Zukünftige stammte, ehe er sich zu einem bindenden Wort 
entschloß. Also sagte er mit Freuden zu, als die Damen ihn 
nach Herrnhagen einluden – und ausgerechnet dort mußte 
er ein Mädchen kennenlernen, das sein Herz sofort 
entflammte. 
Und dabei war es noch nicht einmal sein Typ. War ihm zu 
scheu, zu bescheiden, zu wenig mondän, paßte überhaupt 
gar nicht zu ihm. 
Nun, er wollte die Kleine ja auch nicht heiraten, sondern 
nur einige nette Wochen mit ihr verleben. Hinterher zahlte 
er sie aus und heiratete die Baronesse. 

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Und ein gerissener Bursche war dieser Carol Droik schon, 
so richtig geübt im Fallenstellen für schüchterne junge 

Rehlein. Tat in Gegenwart anderer so, als machte er sich 
über diese Angestellte des Hauses lustig, bezeichnete sie als 
kleinen Trampel. 
Zu Martina war er von einer bestrickenden 
Liebenswürdigkeit, becourte die angehende 
Schwiegermutter, stand mit Dolly auf lustigem Neckton 
und mimte dem skeptischen Ulf den treuherzigen Burschen 
vor. Sie ließen sich alle von dem liebenswürdigen 
Schwerenöter blenden, der sozusagen das ganze Schloß auf 
den Kopf stellte. Es herrschte jetzt darin von früh bis spät 
Frohsinn und lustiges Lachen. 
Und das gefiel Dolly doch gar zu gut. Sie heftete sich direkt 

an die Fersen ihres fidelen zukünftigen Schwagers, der mit 
seiner immer guten Laune alles um sich herum 
beherrschte. 
Und er verstand das Backfischchen gut zu nehmen, oh, wie 
gut. Die Kleine zappelte förmlich vor Ungeduld, in seine 
Gesellschaft zu kommen. Machte ihre Schulaufgaben nur 
noch flüchtig, und als Hariet sie deshalb einmal liebevoll 
ermahnte, wurde sie ausfahrend wie noch nie. 
»Ach, laß mich doch, du langweilige Suse. Carol meint, ich 
wüßte schon viel zu viel.« 
Fort war sie, und Hariet weinte bittere Tränen. Kam sich so 
verlassen vor, wie kaum in ihrem Leben zuvor. 

So gingen die Wochen dahin. Man zählte bereits den 
zwölften November, und Carol Droik weilte nun schon 
drei Wochen im Schloß. Glänzende Feste hatte man in der 
Zeit nicht gegeben. Die wollte man nachholen, wenn man 
Verlobung und Hochzeit feierte. Nur einige Nachbarn hatte 
man eingeladen, darunter auch die Prahlener. Was sie von 
Carol Droik dachten, wußte Hariet nicht, da sie ja mit den 
Verwandten nicht zusammentraf. Auch nicht bei Tisch. 
Dem blieb sie fern, seitdem der vielgeliebte Gast im Hause 
war. 
So saß denn auch Hariet am Vortage ihres Geburtstages in 

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ihrem Zimmer einsam und allein. Denn Dolly, die früher 
ihre Gesellschaft so gern gesucht, fand nun keinen Gefallen 

mehr daran. Es war ja jetzt unten auch so lustig, so froh 
und leichtbeschwingt. Man konnte lachen, immer nur 
lachen über die fidelen Einfälle des zukünftigen Schwagers. 
Hariet merkte gar nicht, wie ihr die Tränen über die 
Wangen liefen. Bis sie aus ihren trostlosen Gedanken 
aufschreckte. Sie sollte ja Blumen aus dem Gewächshaus 
zum Tafelschmuck holen, weil zum Abendessen Gäste 
erwartet wurden. Rasch zog sie den Mantel über und 
hastete hinaus. Die Treppe hinunter, durch die weite Halle, 
um möglichst schnell in den Park zu gelangen. In ihrer Eile 
bemerkte^ sie nicht den Mann, der gerade aus einer der 
Türen trat, stutzte – und dann mit einem fatalen Lächeln 

dem ahnungslosen Mädchen nachschlich. Endlich würde 
es in die Falle gehen, das scheue Rehlein. Lange genug 
hatte es ja auch gedauert. Noch nie war diesem gerissenen 
»Fallensteller« dieser »Sieg« so schwer gemacht worden. 
Es war fast dunkel, als Hariet ins Freie trat. Wie drohend 
reckten sich die entlaubten Äste der Bäume empor. Aus der 
Düsternis der Alleen, überhaupt aus allen Ecken schien ihr 
eine Gefahr entgegenzugrinsen, die sie vor Angst 
erschauern ließ. 
Doch tapfer schritt sie aus. Erst einmal an dem Schloß 
vorbei, an der Terrasse, deren Tür weit offen stand. Warmer 
Lichtschein flutete aus dem Gemach, in dem man 

gemütlich beisammensaß. Frohes Lachen flatterte zu der 
Verängstigten hin, die eilenden Fußes vorüberfloh. Schnell, 
immer schneller, dorthin, wo, das Gewächshaus stand. 
Allein, sie erreichte es nicht. Denn in einem Gang, wo es 
besonders dunkel und unheimlich war, wurde sie plötzlich 
von rückwärts in zwei Arme gezogen, die sich fest wie 
Eisenklammern um den zitternden Mädchenkörper 
spannten. Ein heißer Atem streifte die zarte 
Mädchenwange, eine Männerstimme raunte: 
»Hab ich dich endlich einmal erwischt, mein scheues 
Rehlein? Lange genug hat es gedauert, deiner habhaft zu 

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werden. Hab keine Angst vor mir, ich meine es gut. Folge 
mir in den Pavillon, wo du erfahren sollst, was die Dichter 

mit sieben Seligkeiten des Himmels bezeichnen. Du hast 
sie verdient, denn du bist wunderschön. Von einer 
Schönheit, die im Verborgenen blüht. Aber es gibt 
Schatzgräber, mein süßes Kind, Schatzgräber…« 
»Denen der Spaten um die Ohren zu schlagen fehlt!« 
donnerte eine markige Stimme in das Geflüster hinein, die 
den gewissenlosen Mann, der sich schon an seinem Ziel 
geglaubt, entsetzt zusammenfahren ließ. Die Arme gaben 
das Opfer frei, das dann mit einem schluchzenden Laut in 
zwei andere Arme flüchtete, die es gut und treu umfingen. 
»Melchior, oh, Melchior, Sie hat bestimmt der liebe Gott 
geschickt, damit Sie mir beistehen sollten in meiner Not.« 

stammelte das entsetzte Mädchen und zuckte dann 
zusammen, als die markige Stimme aufs neue laut und 
gewaltig losdonnerte. Sie drang bis zu denen hin, die im 
Wohngemach saßen, und erschrocken aufsprangen und auf 
die Terrasse eilten. Und was sie dann laut und deutlich 
hörten, ließ ihnen fast das Blut in den Adern stocken. 
»Lassen Sie Ihre unsauberen Hände von dem Mädchen, 
Herr! Es ist kein Freiwild, verstanden?! Es steht unter 
meinem Schutz, das reine, holde Kind, für das ich bereit 
bin, meinen letzten Blutstropfen herzugeben!« 
Wie erstarrt verharrte der sonst so zungenfertige, 
selbstherrliche Carol. Er war nicht fähig, auch nur einen 

Fuß zu setzen, obwohl ihn vor dem Mann, der wie die 
personifizierte Vergeltung dastand, so sehr graute, daß ihm 
fast die Haare zu Berge standen. 
Und dann wurde es plötzlich lebhaft um ihn, der wie blöd 
lachte. Alle, die im Wohnzimmer gesessen hatten, scharten 
sich um ihn. Doch bevor sie noch eine Frage über die 
zitternden Lippen bekamen, sprach schon wieder der 
Gärtner Melchior, vor dem alle eine gewisse Scheu hatten. 
Und diesmal klang seine Stimme gut und mild: 
»Kommen Sie, Kindchen, ich bringe Sie in Ihr Zimmer. 
Übernachten Sie dort, aber dann gehen Sie fort. Es ist hier 

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ein zu heißer Boden für so zarte Füßchen, hier hat immer 
nur der Stärkere recht. Wir wollen unserm Herrgott danken, 

daß er mich noch zur Zeit kommen ließ.« 
Nun saß Harriet in ihrem Zimmer mit bitterschwerem 
Herzen. Wollte ganz klar und logisch denken, aber sie 
konnte es nicht. Immer nur kreisten die Worte Melchiors in 
ihrem Hirn: Es ist hier ein zu heißer Boden für so zarte 
Füßchen, hier hat nur der Stärkere recht. 
Und Herr Carol Droik war eben hier der Stärkere. Ein 
verhätschelter Liebling der gesamten Familie Eggeroth. Und 
wenn die Angestellte Hariet Hermeran da mit tausend 
goldenen Zungen reden wollte, man würde dennoch nicht 
ihr glauben, sondern diesem gewissenlosen Menschen. 
Die Bestätigung sollte auch nicht lange auf sich warten 

lassen. Ohne ein Klopfzeichen ging die Tür auf, und das 
grinsende Gesicht eines Mädchens wurde sichtbar. Ein 
Umschlag flatterte Hariet zu Füßen, und dann klappte die 
Tür wieder zu. 
Mit zitternden Händen wurde der Brief geöffnet, zwei 
entsetzte Augen lasen die welligen Worte: 
Sie verlassen morgen früh sofort mein Haus, Sie ehrlose 
Person. Wenn Sie das nicht tun, lasse ich Sie von der 
Polizei hinaussetzen – Baronin von Eggeroth. 
Da lachte Hariet Hermeran auf, so schmerzzerrissen, so 
von Bitterkeit durchtränkt klang das Lachen, das dann ein 
hartes Schluchzen erstickte. 

In dem Moment sprach unten im Wohngemach eine 
lachende Männerstimme: 
»Ja, meine Herrschaften, vor den Aufdringlichkeiten 
weiblicher Dienstboten ist unsereins nun einmal nicht 
sicher.« 
Und was sagte der Herr Baron dazu? Nichts. Und die 
Dolly? Auch nichts. Das verstörte den Diener Lorenz, der 
diese leichtfertigen Worte mit anhörte, so sehr, daß er zu 
dem Gärtner Melchior eilte, der in seiner Stube, die sich 
dem Gewächshaus anschloß, die Bibel las. Er war gar nicht 
erstaunt, als sein Freund Lorenz plötzlich vor ihm stand. 

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»Setz dich«, sagte er kurz. »Nimm eine Zigarre aus dem 
Kasten und schweige, weil ich mich erst mit unserm 

Herrgott auseinandersetzen muß.« 
Obwohl Lorenz nicht viel Zeit hatte, setzte er sich dennoch 
und schwieg. Sein Gegenüber, das da so würdig saß und 
den braunen Finger bedächtig über die große schwarze 
Schrift gleiten ließ, schien nicht zu finden, was er suchte. 
Ergo ließ er davon ab, steckte seine Pfeife in Brand, legte 
sich im Lehnstuhl zurück und zitierte Kant: »Wenn die 
Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß 
Menschen auf Erden leben.« 
»Ja«, bestätigte Lorenz, »so sagt man wohl. Aber die 
Menschen hier leben trotzdem sehr gut, obwohl sie heute 
eine himmelschreiende Ungerechtigkeit begingen.« 

»So glaubst du an Hariets Schuldlosigkeit?« 
»Welch eine Frage! Anders hättest du dich bestimmt nicht 
für sie eingesetzt. Und das konntest du auch nur, weil du 
laut Testament unseres alten Herrn Barons hier angestellt 
bist auf Lebenszeit, wie meine Alte und ich ja auch. Da 
kann uns keiner an den Wimpern klimpern – auch nicht 
der Ulf. Denn dem traue ich nicht mehr, er hat mich heute 
bitter enttäuscht.« 
Er gab wieder was Carol sagte und wie der Baron dazu 
schwieg. 
»Und nun hätscheln sie diesen Halunken«, fuhr er grimmig 
fort. »Die verliebte Trine, deren Mutter, der Ulf und auch 

die Dolly. Da soll man nun nicht an den Menschen irre 
werden.« 
»Hm. Und was sagt deine Frau dazu?« 
»Die möchte der ganzen Bande am liebsten den Kochlöffel 
um die Ohren schlagen. Sie jammert und klagt, daß sie 
nicht zu Hariet gehen und sie trösten kann, weil sie seit 
gestern mit Hexenschuß zu Bett liegt. Und mich läßt die 
Kleine nicht vor, sie hat sich eingeschlossen.« 
»Das Beste, was sie tun kann«, meinte Melchior, dabei 
gemütlich sein Pfeifchen schmauchend. »Aber sag mal, 
werden im Schloß nicht Gäste erwartet?« 

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»Ja. Sie werden wohl schon da sein.« 
»Und dann bist du noch nicht auf deinem Posten?« 

»Ach, mich ekelt die ganze Bande an.« 
»Glaube ich dir. Aber Dienst ist nun einmal Dienst. Verfüge 
dich, mein Freund, sonst muß ich auch noch an dir irre 
werden.« 
So schieden sie denn mit warmem Händedruck. 
Hariet packte – ein dehnbarer Begriff. Denn so ein 
Kofferpacken kann höchste Freude hervorrufen – oder 
tiefste Betrübnis. Freude, wenn man zu lieben Menschen 
fahren will, Betrübnis, wenn man niemanden hat, der zu 
einem gehört. Und vor allen Dingen, wenn man nicht 
weiß, wohin man soll. 
Und das wußte Hariet Henne ran nun wirklich nicht. 

Sie stand so verlassen da, wie selten ein Mensch. Selbst ihr 
einziger Onkel war jetzt gestorben, wie man ihr in Prahlen 
erzählte. Die Zeitungen waren voll gewesen von der 
Nachricht des Todes dieses berühmten Mannes, dessen so 
plötzliches Hinscheiden man allgemein bedauerte, auch 
die in Prahlen. 
Na ja, die aus Prahlen, die waren gewiß nicht besser als die 
Herrnhagener. Wohl hatten sie die entfernte Verwandte mit 
freundlicher Herablassung behandelt, hatten ihr sogar das 
Du angeboten – und saßen nun unter den Gastgebern und 
Gästen, fröhlich feiernd. Wahrscheinlich die Verlobung der 
Tochter des Hauses, die ja gewissermaßen schon längst in 

der Luft lag. Bedauerten wahrscheinlich sehr, daß sie dieser 
schamlosen Angestellten Hariet Hermeran ihr Haus 
geöffnet hatten. 
Aber damit tat das verbitterte Mädchen den Warrings 
unrecht. Wohl waren sie entsetzt über die Begebenheit, die 
Klarissa ihnen voller Empörung zutrug. Aber nicht entsetzt 
über Hariet, der sie so eine Schamlosigkeit nicht zutrauten, 
sondern über die Familie Eggeroth, die diesen 
gewissenlosen Burschen hätschelte, während sie sein 
unschuldiges Opfer in Acht und Bann tat. 
Und da machten auch Ulf mit und Dolly? Kein Wunder, 

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daß auch dieses Ehepaar an der Menschheit irre wurde. 
Gern wären sie zu Hariet gegangen, um sie mit nach Hause 

zu nehmen, doch sie fürchteten, damit einen Skandal 
heraufzubeschwören. Aber morgen, dann wollten sie hier 
Abrechnung halten, auch mit Ulf und Dolly. 
»Ich kann die ganze Bande nicht mehr sehen«, knurrte 
Ludwig verbissen. 
»Komm, Fraule, bevor ich mich zu etwas hinreißen lasse, 
das unter allen Umständen vermieden werden muß.« 
So fuhren sie denn nach Hause, ohne sich von den 
Gastgebern verabschiedet zu haben. 
»Nur gut, daß unsere Dietz nicht mit war«, sagte Alice, als 
man zu Hause noch einen Kognak auf den Schreck trank. 
»Unsere hitzige Kleine hätte bestimmt ihrem Herzen Luft 

gemacht und somit den Skandal heraufbeschworen, den 
wir so ängstlich vermieden. Oder sie hätte gar so 
schmählich versagt wie Dolly.« 
»Das glaube ich nicht«, warf der Gatte entschieden ein. 
»Dafür ist sie zu sehr unsere Tochter. Gehen wir schlafen, 
Liebste. Denn heute können wir ja doch nichts mehr 
unternehmen.« 
Dasselbe dachte auch Hariet, als sie ihre Sachen gepackt 
hatte. Das nahm viel Zeit in Anspruch, und es war nicht 
weit von Mitternacht, als sie endlich ins Bett kam. 
Da lag sie nun und starrte mit brennenden Augen ins 
Dunkel. Es waren gar bittere Gedanken, die in ihrem 

schmerzenden Hirn kreisten. Von unten tönte gedämpfte 
Musik, Lachen flatterte dazwischen, und da biß Hariet die 
Zähne zusammen in jähem Schmerz. 
Natürlich, warum sollten sie auch nicht. Der Zwischenfall 
mit dieser schamlosen Angestellten war ja peinlich 
gewesen, gewiß. Aber noch lange kein Grund, sich damit 
den schönen Abend zu verderben. Man warf diese ehrlose 
Person eben hinaus und damit holla! 
Reich müßte man sein, reich und angesehen, um mit 
denen da unten auf gleicher Stufe zu stehen. Ihnen 
heimzahlen, was sie heute an ihr verbrachen. Abrechnung 

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halten dürfen, Auge um Auge, Zahn um Zahn. 
Tief und tönend schlug die Turmuhr in die Gedanken 

dieses armen, verlassenen Menschenkindes hinein, das 
dann die Hände faltete und zu Gott flehte in seiner Angst 
und Not: 
»Lieber barmherziger Vater im Himmel droben, was habe 
ich denn verbrochen, daß du mich so leiden laßt, daß ich 
so arm sein muß und allein? Laß mich doch auch einmal 
reich sein, wie die da unten, die mich heute treten durften 
wie einen verlassenen Hund.« 
Die Stimme brach, die Tränen flossen – es war genau zwei 
Minuten nach zwölf. 
Ein neuer Tag brach an, der dreizehnte November. 
Und in den Traum des ratlosen, verzweifelten Mädchens 

trat wieder die Fee, die mit gütigem Lächeln die zarten 
Hände über das gleißende Köpfchen breitete. Die Stimme 
klang voll und warm: 
»Auch dein zweiter Wunsch sei dir gewährt, kleine Hariet. 
Du wirst reich sein, du wirst Vergeltung üben. Aber noch 
steht dir ein Wunsch frei – hüte gerade den wie etwas 
Heiliges.« 
Dieses zweite Mal blieb Hariet erst recht keine Zeit, um 
über den seltsamen Traum nachzugrübeln, sie hatte 
wahrlich an anderes zu denken. Nicht einmal an ihren 
Geburtstag dachte sie, als sie erwachte und entsetzt auf den 
Wecker starrte. 

Schon über acht Uhr und sie wollte doch gerade heute früh 
aufstehen und das Schloß verlassen, während darin alle 
noch schliefen. Denn es würde über ihre Kraft gehen, 
denen zu begegnen, die sie eine Ehrlose nannten. 
Angestrengt lauschte sie zum Nebenzimmer hin, dessen 
Tür sie gestern nicht nur zumachte, sondern auch abschloß 
– aus übertriebener Vorsicht, wie sie jetzt mit bitterem 
Lächeln feststellte. Denn die Baronesse Dolly hatte gar 
nicht daran gedacht, Einlaß zu begehren. 
Nein, sich nicht wieder in Bitterkeit verlieren, dazu hatte 
sie jetzt keine Zeit. Nur fort von hier, so schnell wie 

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möglich. 
Und dann ging alles fast überstürzt. Nicht einmal Zeit zum 

Bad nahm Hariet sich, rieb Gesicht und Hände nur mit 
einem duftenden Wasser ab. Nahm nicht einmal Abschied 
von dem traulichen Stübchen, in dem sie sich ein Jahr lang 
so wohl gefühlt. 
Die beiden großen Koffer waren schwer, aber auch der 
kleine, den sie mit der Handtasche zusammenband und 
über die Schulter warf, hatte auch sein Gewicht. Nun, bis 
auf die Landstraße würde sie schon kommen. Dort mußte 
sie dann zusehen, wie sie weiterkam. 
Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, lauschte sie erst einmal 
mit angehaltenem Atem, doch alles in dem weiten Schloß 
blieb still. Da schlich sie den Gang entlang, die Treppe 

hinunter, durch die Halle, durch das Wohnzimmer zur 
Terrasse und über diese in den Park. 
Dieser Weg erschien ihr nämlich sicherer als der über den 
Hof. Denn um diese Zeit pflegte sich niemand im Park 
aufzuhalten, schon gar nicht bei dem unwirtlichen Wetter. 
Aufatmend packte sie die Koffer fester, um sie dann vor 
Schreck fallen zu lassen – denn vor ihr stand wie aus dem 
Erdboden gewachsen, der Gärtner Melchior und sagte 
ruhig: 
»Habe ich mir doch gedacht, daß Sie diesen Weg wählen 
würden. Überlassen Sie mir die Koffer, die sind ja viel zu 
schwer für so ein Heimchen. Und nun bewegen wir uns 

mal auf Schleichpfaden. Denn Sie wollen doch sicherlich 
keinem begegnen, stimmt’s?« 
»Ja, Melchior. Bitte, ich möchte ganz schnell fort von hier. 
Ich könnte es nicht ertragen…« 
Die Stimme brach und der Mann sagte begütigend: 
»Na, nun man nicht weinen, Kindchen, das greift die 
Nerven an. Und die werden sowieso noch viel hergeben 
müssen.« 
Damit nahm er die Koffer und schritt ihr voran, die ihm 
vertrauend folgte. Zögerte jedoch, als er am Gewächshaus 
stehen blieb und sah ihn angstvoll an. 

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»Kommen Sie nur, hier sind Sie sicher. Denn hier trauen sie 
sich nicht her, die ein schlechtes Gewissen haben.« 

»Die und ein schlechtes Gewissen«, lachte sie bitter auf. 
»Die  fühlen  sich  doch  so  in  ihrem  Recht,  wenn  sie  eine 
Ehrlose hinausjagen wie einen räudigen Hund.« 
»Kindchen, Sie weinen ja schon wieder und das dürfen Sie 
doch nicht. Unser alter Herrgott lebt ja immer noch.« 
»Der hat es aber nie gut gemeint mit mir, Melchior. Bin ich 
denn so viel schlechter als andere Menschen?« 
»Ein Schäfchen sind Sie. Gehen wir.« 
Gleich darauf betraten sie die Stube, in der Hariet oft 
gesessen und den Erzählungen des Gärtners gelauscht. Es 
war mollig warm in dem weiten Raum, den außer dem 
Kachelofen noch ein kleiner Herd wärmte, auf dem der 

Wasserkessel summte. Auf der buntkarierten Decke des 
Tisches standen zwei Tassen, belegte Brote häuften sich auf 
einem Teller. 
»Nun nehmen Sie mal Platz, Marjellchen. Ich habe den 
Kaffee noch nicht gebrüht, weil ich ja nicht wußte, wann 
wir frühstücken werden. Aber gleich ist es soweit.« 
Schon wenige Minuten später durchwehte aromatischer 
Kaffeeduft den Raum. Schwarzbraun floß die belebende 
Flüssigkeit in die Tassen, Sahne kam dazu, ein Stückchen 
Zucker auch, und dann ermunterte der Gastgeber: 
»So, Kindchen, jetzt hauen Sie mal tüchtig rein. Wenn der 
Mensch nämlich satt ist, kann er weit mehr ertragen als mit 

leerem Magen.« 
»Melchior, warum sind Sie bloß so gut zu mir. Ich bin doch 
nichts, ich habe doch nichts…« 
»Eben deshalb«, unterbrach er sie, gemütlich sein Pfeifchen 
schmauchend. »Die was haben und die was sind, beschützt 
ihr Ansehen und ihr Geld. Wo wollen Sie jetzt hin?« 
»Zuerst einmal fort, möglichst weit. In eine billige Pension 
gehen und mir von da aus eine Stelle suchen.« 
»Hm. Ohne Zeugnisse wird das nicht so einfach sein. Und 
von hier haben Sie keines zu erwarten. Sind Sie übrigens 
offiziell entlassen?« 

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»Entlassen?« gegenfragte sie mit dem bitteren Lachen, das 
dem Mann direkt ins Herz schnitt. »Davongejagt hat man 

mich.« 
»Wer denn?« 
»Die Frau Baronin.« 
Wörtlich gab sie den Inhalt des Schreibens wieder, und 
Melchior murmelte vor sich hin: 
»Bin nur neugierig, ob der Ulf etwas von dem Brief weiß.« 
»Gewiß weiß er es, aber das ist ja jetzt so egal. Ach, 
Melchior, ich habe doch so große Angst vor der Zukunft. 
Können Sie mir diese nicht verraten? Sie sollen doch die 
Kraft dazu besitzen.« 
»Kindchen, glauben Sie doch nicht daran, was die Leute da 
quasseln«, unterbrach er sie ruhig. »Wohl ahne ich 

manches – aber das ist auch alles. Und diese Ahnung sagt 
mir, daß Sie endlich aus dem Schatten in die Sonne 
kommen werden. Doch wann das geschieht, weiß ich 
natürlich nicht, das weiß nur unser Herrgott allein. Und 
daher habe ich zuerst einmal vorgesorgt.« 
Gemächlich zog er einen Zettel aus der Tasche und reichte 
ihn dem Mädchen. 
»Da habe ich Ihnen eine Adresse aufgeschrieben und die 
Züge, mit denen Sie dahin gelangen. Es ist ein Dorf und 
das Pfarrhaus Ihr Ziel. Wenn der Herr Pfarrer fragt, wer Sie 
schickt, nennen Sie meinen Namen. Vertrauen sich ihm an 
– und dann hilft er Ihnen bestimmt weiter. Haben Sie 

Geld?« 
»Ja. Ich ersparte mir ungefähr zweihundert Mark.« 
»Nicht viel, aber besser als gar nichts.« 
Er stand auf, holte Pergamentpapier herbei und begann 
darin die Schnitten zu verpacken. 
»So, die stecken Sie ein. Werden den Proviant nötig haben, 
weil Sie erst am Nachmittag an Ort und Stelle sind. Und 
nun gehen wir, damit Sie nicht den Zug versäumen. Einmal 
muß ja doch geschieden sein.« 
Es fiel Hariet bitter schwer, den gemütlichen Raum zu 
verlassen. Aber sie mußte jetzt tapfer sein, durfte den 

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Jammer nicht Herr über sich werden lassen. Es war ja schon 
ein Glück für sie, daß sie nun wußte, wohin sie sich 

überhaupt wenden sollte. Und das verdankte sie dem 
gütigen Mann, der wie ein Vater für sie sorgte, besser als ihr 
leiblicher Vater jemals für sie gesorgt hatte. 
Hariet schauerte zusammen, als sie ins Freie trat. Es war so 
ein richtiges Novemberwetter, regnerisch, stürmisch und 
kalt. Der Himmel war grau verhangen, es nieselte 
unausgesetzt. 
»Na, denn wollen wir mal, Kindchen«, redete der Mann ihr 
gütlich zu, während er die Koffer auf einen Handwagen 
lud. »Bis zur Stadt brauchen Sie nicht zu gehen, nur bis 
zum nächsten Bauern. Der hat Telefon, durch das ich ein 
Mietauto bestellen werde. Ich hätte es ja gern bis hierher 

bestellt, aber dann hätte es ja auf den Hof fahren müssen – 
und das wollte ich Ihretwegen vermeiden. Denn für Sie ist 
es besser, klammheimlich zu verschwinden, da Sie schon 
Bosheiten genug haben einstecken müssen.« 
»Lassen Sie nur, Melchior, es geht ja auch so«, lächelte sie 
tapfer. »Sie helfen mir ohnehin schon viel, wofür ich Ihnen 
so dankbar bin.« 
»Ist schon gut«, brummte er, während sich seine starken 
Brauen finster zusammenzogen. »Aber lassen Sie man, 
unser alter Herrgott lebt noch. Und der wird auch die 
hochmütige, unbarmherzige Bande zu finden wissen. Es 
heißt ja nicht umsonst in der Bibel: Hochmut kommt vor 

dem Fall.« 
Er zog den Wagen durch ein Labyrinth von Gängen, in dem 
Hariet sich bestimmt nicht zurechtgefunden hätte. Endlich 
stand man vor einem kleinen Tor, das Melchior aufschloß 
und den Wagen geschickt durch die Enge schob. Dann ging 
es auf einem Pfad die Parkmauer entlang, bis man die 
Asphaltchaussee erreichte. 
»So, das hätten wir geschafft«, meinte Melchior bedächtig. 
»Nur noch ein halbes Stündchen halten Sie aus, dann 
können Sie mit dem Auto weiter bis zur Bahn fahren.« 
Ein schwacher Trost. Denn auch eine halbe Stunde kann 

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unter Umständen zur kleinen Ewigkeit werden, wenn man 
so erbärmlich fror, wie es bei Hariet der Fall war. Der 

Regenmantel war bereits durchnäßt, das eiskalte Wasser 
drang durch die Schuhe. Und eiskalt klebten die dünnen 
Strümpfe an den Beinen. 
Und zu allem Überfluß setzte nun noch Schlackschnee ein, 
der Wind wurde stärker und kälter. 
Immer wieder ging des Mannes besorgter Blick zu dem 
Mädchen hin. Hoffentlich hielt es durch, ohne sich eine 
Krankheit zu holen. Es war aber auch ein Wetter, wo der 
Bauer nicht mal seinen Hund hinausjagte. Aber dieses zarte 
Dinglein mußte raus, ohne Erbarmen. 
Immer grimmiger wurden des Mannes Gedanken. Zum 
Kuckuck, sonst begegnete man doch Autos auf der Straße 

noch und noch, von denen eines die Kleine sicherlich zur 
Stadt mitgenommen hätte. Aber ausgerechnet schienen 
heute diese Teufelskutschen wie ausgerottet. 
Aha, endlich nahte so ein Ungeheuer, allerdings kam es 
von der Stadt. Mordsmäßiges Ding, gehörte wahrscheinlich 
so einem Geldsack. Der würde bestimmt kein Erbarmen 
kennen und Barmherzigkeit üben an dem armen Dinglein, 
das vor Kälte zitternd kaum noch weiter konnte. 
Und siehe da, der »Geldsack« hielt. Die Wagentür wurde 
geöffnet, und was Melchior da erblickte, erstaunte ihn nicht 
wenig. 
Ja, was war das nun eigentlich, ein Mann, oder eine Frau? 

Dem hellen, flauschigen Mantel nach zu urteilen letzteres, 
aber das Monokel, das im linken Auge klemmte, das glatte, 
kurzgeschnittene Haar, Donner noch eins, da sollte sich 
einer auskennen! Erst als das sonderbare Wesen sprach, 
tippte Melchior auf Femininum. Denn die Stimme war 
zwar dunkel, aber nicht männlich. 
»Ja, wo tippeln Sie denn hin?« fragte diese Stimme 
verwundert. »Ist das etwa bei dem Hundewetter ein 
Vergnügen?« 
»Kann man nicht direkt sagen«, schmunzelte Melchior, 
dem diese Dame auf den ersten Blick gefiel. 

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Es ging etwas Verwegenes von ihr aus, etwas unbedingt 
Vornehmes und Damenhaftes, wie der Mann jetzt 

erkannte. 
»Wo kommen Sie denn her?« ging das Examen weiter. 
»Von dem Rittergut Herrnhagen.« 
»Hat man da keine Wagen?« 
»En masse sogar – aber nicht für uns gewöhnliche 
Sterbliche.« 
»Aha! Etwas ausgefressen?« 
»Wie man’s nimmt.« Da lachte die Fremde auf. Es war ein 
warmes, von Herzen kommendes Lachen, das sofort 
gefangen nahm. Der Dame gefiel der Mann, von dem ein 
Fluidum ausging, das sich nur gefühlsmäßig erfassen läßt. 
»Na, Sie sehen mir nicht so aus, als ob Sie etwas 

Ehrenrühriges begehen könnten«, gestand sie freimütig. 
»Wohin soll es denn gehen?« 
»Bis zum nächsten Bauern, wo ich telefonisch ein Mietauto 
zu bestellen gedenke, das dieses kleine Fräulein zur Stadt 
und zum Bahnhof bringt.« 
Jetzt erst fiel ihr Blick auf Hariet, die wie ein Häuflein 
Unglück anmutete, verregnet, frierend, blaß und verweint. 
»Steigen Sie ein«, entschied die Dame spontan. »Mein Weg 
führt mich zwar in entgegengesetzte Richtung, aber das ist 
ja nun egal. Wollen Sie bitte so freundlich sein, das Gepäck 
im Kofferraum zu verstauen, Herr…?« 
»Melchior heiße ich, gnädige Frau«, machte der Mann eine 

tadellose Verbeugung. »Ich bin Gärtner auf der Herrschaft 
Herrnhagen.« 
»Öh«, sagte die Dame da, weiter nichts. 
Wenig später waren die Koffer verstaut, und Hariet griff mit 
beiden Händen nach der Hand des Mannes. 
»Melchior, ich danke Ihnen – oh, wie sehr!« bebte die 
Stimme in verhaltenem Weinen. »Mag der Herrgott es 
Ihnen lohnen, was Sie an mir taten – ich kann es leider 
nicht.« 
Damit wandte sie sich hastig ab, nahm neben der Dame im 
Auto Platz, ein Winken zu Melchior hin, der über das ganze 

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Gesicht lachte, dann wendete der luxuriöse Wägen und 
schoß wie ein nur mit Mühe gebändigtes Tier dahin. Doch 

nur kurze Zeit, dann ließ das Tempo nach, und ein 
forschender Blick der Lenkerin ging zu dem Mädchen hin. 
»Nun, mein Fräulein, Sie sind ja nicht zu knapp verregnet. 
Hoffentlich holen Sie sich in den nassen Kleidern nicht den 
Tod.« 
»Ach«, winkte Hariet müde ab, »es wäre nicht das Ärgste, 
was mir passieren könnte.« 
»Aber, aber! Noch so jung und dann schon so 
hoffnungslos? Hat der Schatz Sie im Stich gelassen?« 
»Ich habe keinen, gnädige Frau.« 
»Soll ich Ihnen das glauben?« 
»Unbedingt.« 

»Hm. Gehören Sie zu dem feudalen Herrnhagen?« 
»Ja, ich gehörte – aber nur als Angestellte.« 
»Haben Sie Ihren Dienst gekündigt?« 
»Nein, mir ist gekündigt worden«, entgegnete das Mädchen 
bitter. »Oder richtiger gesagt: Man hat mich mit Schimpf 
und Schande davongejagt.« 
»Aus welchem Grunde?« 
»Gnädige Frau – bitte – Sie sind mir fremd. Ich habe schon 
viel zuviel gesagt.« 
»Meinen Sie?« 
»Ja. Man soll andere mit seinen Angelegenheiten nicht 
behelligen.« 

»Mädchen, Sie gefallen mir. Darf ich wissen, wie Sie 
heißen?« 
»Hariet Hermeran.« 
Der Wagen hielt mit einem Ruck. Die blaugrauen Augen 
sahen fast bestürzt auf das Mädchen, das wie ein Häufchen 
Unglück auf dem Sitz kauerte. 
»Wollen Sie mir Ihren Namen bitte noch einmal nennen?« 
»Gewiß, gnädige Frau. Ich heiße Hariet Hermeran.« 
Einige Herzschläge lang beklemmende Stille, dann wieder 
die Frauenstimme, belegt und unfrei. 
»Und Ihr Vater?« 

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»War der Archäologe Oskar Hermeran. Er starb vor 
fünfzehn Monaten.« 

Da fuhr die Dame den Wagen scharf nach rechts und 
drosselte ihn ab. Zuerst schüttelte sie den Kopf, als könnte 
sie immer noch nicht begreifen, was nun wiederum Hariet 
nicht begreifen konnte. Was hatte die Dame nur, warum 
sah sie sie so merkwürdig an? Und dann sprach die dunkle, 
wohllautende Stimme ernst und betont: 
»Also meine Nichte.« 
»Um Gott, gnädige Frau!« hob Hariet jetzt verstört die 
Hände. »Was soll ich sein?« 
»Meine Nichte. Oder besser gesagt: Die Nichte meines 
Mannes, des Forschers Edwin Hermeran.« 
»O Gott«, sagte Hariet jetzt zum zweiten Mal. Dann schlug 

sie die Hände vor das Gesicht und weinte, wie ein ratloses, 
verzweifeltes Menschenkind nur weinen kann, das nicht 
aus noch ein weiß in seiner Not. Regina Hermeran ließ sie 
weinen, während ihre Augen selbst in Tränen schwammen. 
Dir muß ja das Leben nicht wenig mitgespielt haben, du 
armes Ding, dachte sie erschüttert. 
Allmählich ließ das heiße Weinen nach, und da sagte die 
Tante leise: 
»Erzähle mir aus deinem Leben, Hariet – aber restlos alles.« 
Und da brach es aus dem gepeinigten Mädchenherzen 
hervor. Alles bekam die Tante zu hören, es war die Beichte 
eines vom Schicksal arg vernachlässigten Menschenkindes. 

Danach war es zuerst einmal beklemmend still, dann sagte 
Regina wieder leise: 
»Ich habe von deiner Existenz nichts gewußt, Hariet, 
überhaupt nichts von der Heirat deines Vaters, da die 
Brüder gewissermaßen in Feindschaft lebten. Und dann 
pflegt ja jeder persönliche Kontakt abzubrechen. Armes, 
liebes Dinglein, das war ja ein richtiger Dornenweg, den du 
gehen mußtest bis auf den heutigen Tag. Aber laß nur, jetzt 
bin ich da. Ich werde alles nachholen, was andere dir 
schuldig geblieben sind. 
Doch zuerst einmal ins Hotel, damit du in trockene 

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Kleidung kommst. Und dieser hochmütigen, erbärmlichen 
Bande in Herrnhagen…« 

Ihre Stimme erstickte in Grimm und Groll. Der Wagen 
schoß davon und hielt vor dem ersten Hotel der Stadt, wo 
Regina Herme ran seit gestern zwei der besten Zimmer 
bewohnte. Sie sprach mit dem Portier, und ehe Hariet es 
sich so recht versah, stand sie in einem mollig warmen 
Zimmer. Sie zitterte so sehr vor Aufregung und Kälte, daß 
sie sich in den nächsten Sessel sinken lassen mußte, weil 
ihr die Beine einfach den Dienst versagten. Forschend 
betrachtete die Tante dieses »Häufchen Unglück«, dann 
sagte sie gütig: 
»So, mein Kind, jetzt gehst du erst einmal ins Bett und 
schläfst dich aus. Alles Weitere wird sich dann finden.« . 

Ohne Widerrede ließ sich das erschöpfte Mädchen von der 
Tante auskleiden und ins Bett bringen. 
»Eine Wärmflasche«, verlangte Regina von dem 
Zimmermädchen, das auf ihr Klingelzeichen herbeigeeilt 
war. »Und dann einen Glühwein, stark und heiß.« 
Eiligst war beides zur Stelle. Und während die Tante der 
Nichte das heiße Getränk einflößte, legte das Mädchen 
vorsichtig die Gummiflasche an die erstarrten Füße und 
lauschte dann erstaunt dem Gespräch, aus dem sie sich 
natürlich keinen Reim machen konnte. 
»Tante Regina, wie gut, daß es dich gibt. Dich hat mir der 
liebe Gott zum Geburtstag geschenkt.« 

»Ist der denn heute?« 
»Ja. Vor zweiundzwanzig Jahren wurde ich geboren, am 
dreizehnten November, zwei Minuten nach zwölf.« 
»Huch, wie gruselig, mein Herzchen«, schlug die Tante 
absichtlich einen leichten Ton an. »Den Geburtstag müssen 
wir feiern, aber erst, wenn du ausgeschlafen hast. Dann 
gibt’s für jedes Jahrein Glas Sekt.« 
»O wie schön, ich bin ja so glücklich«, tropften die Worte 
schon schlaftrunken von den Lippen. * Hariet Hermeran 
schlief, verlor sich in Träumen, nur der eine Traum war in 
ihrem Gedächtnis wie ausgelöscht. Mit einem Gefühl der. 

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Rührung sah Regina Hermeran auf die holde Schläferin 
nieder, die ihr das Schicksal heute so ungeahnt zuführte. 

Dann sagte sie zu dem Zimmermädchen, das unschlüssig 
am Bett verharrte: 
»Passen Sie mal auf, Kleine. Sie lassen meine Nichte 
schlafen, stören durch nichts diesen Schlaf, sehen nur 
öfters nach ihr. Sollte sie wider Erwarten erwachen, bevor 
ich wieder hier bin, servieren Sie ihr ein gutes, 
schmackhaftes Mahl.« 
»Sehr wohl, gnädige Frau«, knickste das Mädchen vor 
diesem vornehmen, einflußreichen Gast. Dann entfernte es 
sich, und Regina sah nach ihrer Armbanduhr. 
»Zwölf«, murmelte sie. »Also werde ich erst einmal in aller 
Gemütsruhe tafeln – und dann den zärtlichen Verwandten 

in ihr geruhsames Mittagsschläfchen platzen.« 
Hätte Hariet Hermeran nur eine Ahnung gehabt, was sich 
in dem feudalen Schloß zutrug, nachdem sie es verließ, 
wäre ihr Schlaf wohl nicht so tief und fest gewesen. 
Denn dort gab es zwischen zehn und elf Uhr eine harte 
Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn. 
Rücksichtslos drang dieser in das luxuriöse Schlafgemach 
ein und erklärte kurz und bündig, daß er Carol Droik 
zwingen würde, das Schloß zu verlassen. Er hätte es bereits 
getan, wenn der Mann aufnahmefähig gewesen wäre. Aber 
leider wäre er aus dem bleiernen Schlaf des total 
Betrunkenen nicht wachzurütteln. 

Das alles hörte Dolly mit an, welche die Mutter für diese 
Nacht auf den Diwan ihres Schlafzimmers verbannt hatte, 
damit dieses reine Kind um Gottes willen nicht mehr mit 
der ehrlosen Person Hariet Hermeran zusammen kam. 
Aber jetzt konnte der ergrimmte Mann auf seine jüngste 
Schwester keine Rücksicht nehmen – und wollte es auch 
nicht. Sie war ja jetzt schließlich sechzehn Jahre alt, und es 
konnte gar nichts schaden, wenn das wohlbehütete 
Baroneßchen zu hören bekam, daß das Leben kein Garten 
Eden für alle ist, daß es auch Menschen gab, die außerhalb 
des Paradieses lebten, aus dem sie teils mit, teils ohne 

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Schuld verbannt waren. 
Und nun saß Backfischchen in seinem reizenden 

Nachtkleidchen auf dem Diwan und sperrte Mündlein und 
öhrlein auf. 
»Ja, bist du denn plötzlich wahnsinnig geworden, mein 
Sohn?« fragte die Mutter, nachdem sie wieder frei atmen 
konnte. »Den Verlobten deiner Schwester willst du aus dem 
Haus weisen? Warum denn nur, um alles in der Welt?« 
»Weil er ein Schuft ist«, knirschte der ergrimmte Mann 
hervor. »Während er Martina umwarb, versuchte er bei 
Fräulein Hermeran im trüben zu fischen.« 
»Ach, um die geht’s«, höhnte die Baronin – und da schlug 
der sonst so rücksichtsvolle Sohn mit der Faust auf den 
Tisch, daß nicht nur die Mutter entsetzt zusammenfuhr, 

sondern auch ihre Jüngste, und auch die Älteste, die aus 
dem Nebenzimmer gelaufen kam, zur Mama ins Bett kroch 
und sich zitternd an sie schmiegte. 
»Ob diese junge Dame oder eine andere, das ist in diesem 
Fall gleich!« peitschte die Männerstimme auf. »Tatsache 
bleibt Tatsache. Und die ist, daß dieser Carol Droik 
Fräulein Hermeran im Park wie ein Wegelagerer überfiel. 
Und wäre Melchior nicht zur Zeit gekommen, dann hätte 
dieser gewissenlose Bursche das größte Unheil anrichten 
können.« 
»Das ist nicht wahr«, weinte Martina auf. »Carol ist ein 
Ehrenmann durch und durch. Die Person warf sich ihm an 

den Hals, das hat er mir doch selbst geschworen.« 
»Nun, diesem Schwur mußt du wohl glauben«, fand Ulf 
langsam seine Gelassenheit wieder. »Ich sehe, dir ist nicht 
mehr zu helfen, die du durch die Liebe verblendet bist. 
Nimm also deinen Ehrenmann Carol und ziehe mit ihm 
hin in Frieden.« 
Nach diesen ironischen Worten war es zuerst einmal still. 
Dann meinte die Mutter maliziös: 
»Und warum hast du diesen Schurken nicht schon gestern 
zum Haus hinausgejagt, nachdem er deine Heilige belästigt 
hatte?« 

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Es gab einen knirschenden Laut, so fest biß der Mann die 
Zähne zusammen. Man sah, wie er sich mit Aufbietung 

aller Kraft zur Ruhe zwang. 
»Weil Gäste erwartet wurden«, erwiderte er dann eisig. 
»Und den Leutchen eine Sensation zu bieten, untersagte 
mir mein guter, bisher unbescholtener Name. Denn 
Wespen sind leicht herangelockt – aber nur schwer 
vertrieben.« 
»Wunderbar ausgetüftelt, mein Sohn«, lachte die Mutter 
hysterisch auf. »Aber ich weile lieber in einem Nest von 
Wespen als in dem schleimiger Schlangen.« 
»Bitte sehr, steht dir frei, Mama. Und somit wäre jeder 
Kommentar überflüssig. Komm, Dolly.« 
»Das Kind bleibt hier!« kreischte die Mutter, nun aller 

Vornehmheit bar. »Ich wünsche es nicht, daß es immer 
weiter von dem unreinen Atem der lasterhaften Person 
berührt wird.« 
»Beruhige dich«, entgegnete der Mann jetzt müde. »Die 
>Lasterhafte< ist fort. Und zwar auf Grund deines 
Schreibens, das ich in ihrem Zimmer fand.« 
»Also hat mein Schreiben seinen Zweck erfüllt«, lächelte 
die >würdige< Dame so recht niederträchtig. »Du kannst 
jetzt in dein Zimmer gehen, Dolly. Wir jedoch, Martina 
und ich, werden in Begleitung des >Schurken< Carot Droik 
diese gastliche Stätte verlassen.« 
»Bitte«, entgegnete der Sohn eisig. »Aber dann gibt es 

hierher kein Zurück.« 
»Wollen wir auch gar nicht, mein Herzblatt, wie?« 
»Nein, Mamachen«, lächelte das Herzblatt selig. »Unsere 
Heimat wird fortan im Zuhause meines Liebsten sein.« 
Da wandte Ulf sich brüsk ab und ging hinaus. Er merkte 
nicht, daß Dolly ihm auf dem Fuß folgte. Erst als er sich in 
seinem Arbeitszimmer stöhnend in den Schreibtischsessel 
sinken ließ, fühlte er seine Schulter berührt, sah auf und 
mitten in das verstörte Gesichtchen seine* Schwesterleins 
hinein. 
»Nun. Dolly, wie ist’s?« fragte er bitter. »Zu welcher Partei 

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gehörst du?« 
»Zu deiner natürlich«, weinte die Kleine heiß auf. »Laß 

mich nicht allein, Ulf – bitte! Laß mich nicht allein!« 
»Na schön, dann zieh dich an und komm mit mir. Ich 
gedenke nämlich nach Prahlen zu fahren, wo mir noch ein 
Kampf gegen Verächtlichkeit und Mißtrauen bevorsteht.« 
Und das sollte ihm tatsächlich werden, als er mit der 
Schwester bei den Verwandten eintraf. Kühl nahm man sie 
auf. Selbst die junge Dietlind, die gleich Dolly heute vor 
Aufregung die Schule schwänzte. 
»Ja, so stehen wir denn vor euch, gewissermaßen nackt und 
bloß«, sprach Ulf bitter in das eisige Schweigen hinein. 
»Aber ich möchte euch zu bedenken geben, daß manchmal 
der Schein trügt.« 

»Hm«, meinte der Hausherr mit einem durchdringenden 
Blick in das Gesicht des Neffen, das hart und blaß war. 
»Doch zuerst einmal die Frage: Wo ist Hariet?« 
»Das weiß ich nicht«, kam es müde zurück. »Sie hat auf ein 
Schreiben meiner Mutter hin heute früh das Schloß 
verlassen.« 
»Na ja, geschehen ist geschehen, daran läßt sich nichts 
mehr ändern. Nehmt Platz und erzählt ausführlich.« 
Das tat zuerst einmal Dolly mit bitterlichem Weinen. 
»Glaubt mir doch, Tante und Onkel, ich hätte Hariet nicht 
fortgelassen. Aber die Mama hielt mich fest, schleifte mich 
sogar zur Nacht in ihr Zimmer, das sie abschloß. Wie sollte 

ich da wohl entkommen?« 
»Da hast du recht«, bestätigte der Onkel betroffen. »Und 
du, Ulf, warum warfst du diesen Lumpen nicht einfach 
zum Haus hinaus?« 
»Weil Gäste da waren, Onkel Ludwig. Darunter recht 
sensationslüsterne Leutchen, wie du ja selbst weißt. Ich 
wollte vermeiden, daß die traurigen Verhältnisse bei uns 
zum Gaudium an Biertischen und Damenkaffees werden.« 
»Da allerdings muß ich dir beipflichten. Und wie ist es 
jetzt? Gedenkst du diesen minderwertigen Carol Droik 
immer weiter zu hätscheln?« 

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»Das habe ich weiß Gott nicht getan«, kam es knapp 
zurück. »Der Mann wäre schon längst aus dem Haus, aber 

es war mir einfach nicht möglich, ihn wach zu kriegen. Er 
hat viel getrunken und sich in diesem Rausch mit Martina 
verlobt. Leider konnte ich das nicht verhindern, ohne eine 
widerliche Szene heraufzubeschwören. Denn Mama und 
Martina sind ja wie versessen auf diesen Menschen. Wollen 
sogar Herrnhagen aufgeben und mit ihm ziehen. Das 
haben sie mir noch vor einer Stunde erklärt.« 
»Dann laß sie laufen!« rief der Onkel erbost dazwischen. 
»Laß sie durch Schaden klug werden, diese hirnverbrannten 
Gemüter. Aber wehe, du nimmst sie wieder in Gnaden auf, 
wenn sie zu Kreuze kriechen!« 
»Keine Angst, jetzt gibt es kein Pardon mehr. Sollte Mama 

nach Herrnhagen zurückkehren, wird sie im Witwenhaus 
wohnen.« 
»Hoffentlich. Und was wird aus Dolly?« 
»Die bleibt bei mir, der ich auf Wunsch meines Vaters ihr 
Vormund bin.« 
»Na, Gott sei Dank! Dein Vater war ein kluger, 
weitschauender Mann, mein Junge, der ganz genau wußte, 
was für Scherereien deine liebe Mama dir noch bereiten 
würde. Daher der Köder mit dem Witwenhaus oder besser 
gesagt: Den Köder mit der Auszahlung. Hoffentlich bist du 
jetzt kuriert und nicht mehr so penibel auf den 
Sohnesrespekt bedacht.« 

»0 nein. Dafür ist die Medizin zu bitter, die ich jetzt 
schlucken muß.« 
Man nahm im Prahlener Herrenhaus nach dem 
Mittagessen gerade den Mokka ein, als plötzlich eine 
weibliche Gestalt auf der Schwelle stand – sehr schick, sehr 
apart, sehr verwegen. Ein Fluidum ausstrahlend von der 
Welt, die fern und geheimnisvoll ist. 
»Nun starrt mich nicht so entsetzt an«, sprach dieses 
geheimnisvolle Wesen ganz menschlich und amüsiert. »Ich 
bin es wirklich – nicht etwa mein Geist.« 
»Regina!« schrie Alice da auf wie in schwerster Not. »Wo 

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kommst du denn so plötzlich her?« 
»Auf ganz unabenteuerlichem Wege«, kam es trocken 

zurück. »Und zwar im Auto aus der Stadt.« 
Jetzt hatte sich auch Ludwig soweit gefaßt, daß er die 
unerwartete Base in leidlicher Haltung begrüßen konnte. 
Auch Dietlind drängte sich heran, entzückt, diese berühmte 
Tante von Angesicht zu schauen. 
»Was ist denn das für ein Firlefänzchen?« fragte Regina 
lachend. »Etwa eure Tochter?« 
»Jawohl«, gab Ludwig vergnügt zurück. »Wir haben auch 
noch einen um vier Jahre älteren Sohn, der aber im 
Internat ist. Eigentlich komisch, Gina, daß wir dir als 
Verwandte unsere Familienverhältnisse klarlegen müssen.« 
»Es ist vieles komisch im Leben«, versetzte sie ungerührt, 

und dann ging ihr Blick zu den Geschwistern hin, die sich 
im Hintergrund gehalten hatten. 
»Unsere Nichte, Baronesse von Eggeroth, unser Neffe, 
Baron von Eggeroth«, stellte Ludwig leicht verlegen vor – 
und da umgab die Angekommene etwas, das man mit 
einem Hauch eisiger Kälte bezeichnen konnte. Es war sehr 
still im Zimmer, bis dann die dunkle, melodische Stimme 
sprach: 
»Ach, Sie sind das – na ja.« Was sie damit meinte, ließ sich 
nicht ergründen – doch es wirkte wie eine Ohrfeige. 
»Komm, Gina, mach es dir gemütlich«, sagte Ludwig hastig. 
Geschäftig nahm er ihr den Mantel ab, placierte sie in 

einen Sessel. 
Und da saß sie nun, die ihrem Gatten Kameradin gewesen 
war durch dick und dünn. Hatte keine Gefahren gescheut, 
keine Strapazen, nicht Hunger und Durst, Hitze und Kälte. 
Die wochenlang im Zelt kampierte und dann wiederum in 
den Luxushotels aller fünf Erdteile die große Dame war. 
Was Wunder, wenn das einen Menschen kennzeichnete, 
ihm gewissermaßen den Stempel aufdrückte. Ihn zu einer 
Persönlichkeit werden ließ, die gewiß nicht alltäglich war. 
Sie war rassig, die Frau, rassig bis in die Fingerspitzen. 
Hoch und schmal die Gestalt, kühngeschnitten das Gesicht, 

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was noch das Monokel und der kurze, glatte Haarschnitt 
hervorhob. Klug und geistreich, schlagfertig und ironisch, 

liebenswürdig und charmant, immer frohgemut und guter 
Dinge, niemals schlecht gelaunt, so vital Spottete sie ihrer 
fünfzig Jahre. 
Also konnte man von dieser fast einmaligen Frau nicht 
verlangen, daß sie sich mit langen Erklärungen abgab. Daß 
sie das zu tun pflegte, was man mit der Tür ins Haus fallen 
nennt. Ergo sagte sie, was die andern vor Überraschung 
zuerst einmal fassungslos werden ließ: 
»Ich habe Hariet bei mir. Ganz zufällig traf ich sie auf der 
Chaussee, als sie, von diesem famosen Gärtner Melchior 
‘geführt’ – zum Bahnhof wollte – vom Regen durchnäßt, 
am Leben verzweifelt, arm, verlassen, wie ein getretener 

herrenloser Hund. Kennt ihr denn hier überhaupt kein 
menschliches Erbarmen?!« 
Da weinte Dolly heiß auf, und auch die andern schauten 
verstört drein. Des Freiherrn Antlitz war hart und blaß. 
»Ein Skandal ist das!« fuhr die Stimme unbarmherzig fort. 
»Aber jetzt bin ich da. Und wehe demjenigen, der diesem 
bedauernswerten Geschöpf, das bisher immer nur im 
Schatten des Lebens stand, auch nur ein Härchen zu 
krümmen versucht!« 
»Das wollen wir ja gar nicht«, begütigte der Vetter. »Hariet 
hat das bestimmt alles falsch aufgefaßt, was sie dir 
wahrscheinlich erzählte.« 

»Natürlich«, höhnte sie dazwischen. »Es ist ja so hübsch 
bequem, seine Schuld auf andere abzuwälzen. Wenn die in 
Herrnhagen so, schändlich versagten, hättest du dich der 
Kleinen annehmen müssen, Ludwig. Denn wie sie mir 
erzählte, warst du und die Deinen so ganz lieb zu ihr. Ein 
sanftsäuselndes Gefühlchen, das gleich bei der ersten Probe 
vollständig versagte – schämt euch!« 
»Aber Gina, so ist es doch nicht! Her mich doch erst einmal 
an.« 
»Nein!« unterbrach sie den Vetter schroff. 
»Entschuldigungen laß ich nicht gelten, ich halte mich an 

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die Tatsachen. Und eine davon ist, daß du mich schwer 
enttäuscht hast, Ludwig. Du warst doch früher ein so 

warmherziger Mensch.« 
»Und ist es auch heute noch«, fuhr jetzt Alice der Base 
gewissermaßen in die Parade. »Ich muß schon sagen, daß 
du recht einseitig urteilst, Regina.« 
»Ach so, dann hat mich Hariet also angelogen.« 
»Gina, sei doch nicht so entsetzlich ironisch. Von Lügen 
kann natürlich nicht die Rede sein, das traue ich Hariet 
nicht zu. Aber diese weiß ja gar nicht, was sich, nachdem 
Melchior sie in ihr Zimmer brachte, unten zutrug.« 
»O ja, das wußte sie wohl. Man feierte unten herrlich und 
in Freuden Verlobung. Willst du das etwa auch abstreiten?« 
»Nein.« 

»Also! Übrigens soll diese Schurkerei des Salonbürschchens 
Carol Droik nicht ungeahndet bleiben. Ich kenne ihn 
zufällig und auch seinen Vater. Ein anständiger, biederer 
Mann, der an seinem Sohn nicht viel Freude hat. Und der 
fackelt nicht lange, dessen bin ich gewiß. Ergo: Wird nach 
meinem Schreiben ein hartes Strafgericht erfolgen!« 
»Herrlich!« rief da Dietlind begeistert, die mit Dolly in 
einem Sessel saß und gleich ihr dickverweinte Augen hatte. 
»Besorge diesem Lumpen nur eine gehörige Tracht Prügel, 
Tante Regina.« 
Da mußte diese denn doch lachen – und somit war der 
Bann gebrochen. Impulsiv sprang Dietlind auf, setzte sich 

zur Tante auf die Sessellehne und sah sie treuherzig an. 
»So unbarmherzig, wie du annimmst, sind wir alle nicht«, 
erklärte sie eifrig. »Wir haben die Hariet sogar lieb.« 
»Das habt ihr ja auch bewiesen«, kam es trocken zurück. 
»Na, Schwamm drüber, an Geschehenem läßt sich nichts 
mehr ändern. Gib mir einen Mokka, Alice, damit ich meine 
geengte Kehle anfeuchten kann. Ich bin weiß Gott nicht 
rührselig. Aber der Anblick dieses kleinen Elendbündels auf 
der Chaussee hat mich denn doch gepackt.« 
Mit Genuß nippte sie den Mokka und wurde fortan 
friedlicher. Daher wagte auch der Vetter die Frage: 

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»Wo ist Hariet jetzt?« 
»In's Hotel Kaiserhof eurer Kreisstadt, wo ich abgestiegen 

bin. Ich habe dort das erbärmlich frierende, erschöpfte 
Menschlein zu Bett gebracht und hoffe, daß es nicht krank 
werden wird. Und ich muß schon sagen, daß Gottes Wege 
doch wunderbar sind. 
Denn wie hätte es sonst wohl geschehen können, daß ich 
ausgerechnet auf der Chaussee meiner Nichte begegne, von 
deren Existenz ich überhaupt keine Ahnung hatte? Es gab 
mir direkt einen Stich ins Herz, als dieses liebe Dinglein 
kurz vor 4em Einschlafen so rührend sagte: Tante Regina, 
wie gut, daß es dich gibt. Dich hat mir der liebe Gott zum 
Geburtstag geschenkt.« 
»Also hat sie heute sogar noch Geburtstag?« fragte Ludwig 

betroffen. 
»Jawohl – auch das noch.« 
»Willst du sie jetzt bei dir behalten?« fragte Alice leise, und 
die Base sah sie verwundert an. 
»Na, was denn sonst? Glaubst du etwa, ich ließ dieses vom 
Schicksal getretene Häuflein Mensch noch jemals von mir? 
Dem soll jetzt werden, was ihm das unbarmherzige Leben 
bisher versagte: Mutterliebe^imd ein trautes Zuhause. 
Schade, daß ich diesen verbohrten Bruder meines Mannes 
nicht mehr zur Rechenschaft ziehen kann, der seinem Kind 
alles schuldig blieb. Es einfach aus Bequemlichkeit dieser 
engstirnigen, geizigen Tante übergab. Hätten Edwin und 

ich nur eine Ahnung gehabt, wäre 4as Leben der Kleinen 
anders verlaufen. Aber dieser fanatische Gelehrte brach ja 
brüsk jede Verbindung mit uns ab und nur aus Berufsneid. 
Na ja, jetzt ist er tot.« 
Danach war es erst einmal still, bis Ludwig fragte: 
»Willst du jetzt in der Heimat bleiben, Gina?« 
»Ja. Es zieht mich nun nichts mehr in die Feme, seitdem 
ich meinen prächtigen Lebenskameraden verlor.« 
Die Stimme schwankte, ein heißer Schmerz brannte in den 
Augen der Frau. Doch schon hatte sie sich wieder gefaßt 
und fuhr ruhig fort: 

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»Ich habe ihn unter Afrikas heißer Sonne lassen müssen, 
wie es sein Wunsch war. Aber sein Werk will ich 

weiterführen vom Schreibtisch aus, wozu mir die 
wertvollen Aufzeichnungen verhelfen werden. Ich hoffe, 
dabei in Hariet einen Famulus zu finden, wie sie es ja 
schon bei ihrem Vater war. Und der verstand eine ganze 
Menge. Schade, daß er so verbohrt war und sich nicht mit 
seinem Bruder zusammentat.« 
»Wo gedenkst du dich nun niederzulassen, Gina?« 
»Irgendwo – nur schön muß es da sein, Ludwig. Schön und 
friedlich.« 
»Da weiß ich guten Rat«, wurde der Mann jetzt lebhaft. 
»Auf unserem Weg zur Stadt, ungefähr drei Kilometer von 
dieser entfernt, liegt ein Schlößchen, das sich vor Jahren 

mal ein regierender Fürst als Buen Retiro und als Gefängnis 
seiner jeweiligen Kurtisane erbauen ließ. Bis dann diese 
Zeit der >Galanterie< aufhörte, da stand es immer wieder 
zum Verkauf, wie auch jetzt. Das kleine Anwesen ist 
wirklich idyllisch gelegen, allerdings etwas verwahrlost. 
Um es zu renovieren, dazu gehört Geld. Aber das hast du ja 
wohl, Regina?« 
»Daran ist kein Mangel. Willst du den Kauf vermitteln, 
Ludwig?« 
»Gern, Gina. Aber zuerst wirst du dir das Schlößchen wohl 
ansehen müssen. Denn man pflegt, wie man so sagt, nicht 
die Katze im Sack zu kaufen.« 

»Da hast du recht. Leite bitte schon alles in die Wege.« 
»Schön. Wo willst du bis dahin wohnen?« 
»Im Hotel.« 
»Das ist ungemütlich, Regina. Unser Haus steht dir offen.« 
»Herzlichen Dank. Sehr lieb von dir gemeint, aber vergiß 
bitte nicht, daß ich Hariet bei mir habe – und daß diese 
Hariet verbittert und mißtrauisch geworden ist infolge 
böser Erfahrungen. Zwar kenne ich das Mädchen so gut wie 
gar nicht, aber ich glaube, es besitzt – Stolz. Also wird es 
nicht leicht sein, das Vertrauen, das sie in bitterer Not zu 
euch verlor, aufs neue wiederzufinden.« 

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»Regina, was bist du doch für eine prächtige Frau«, 
erwiderte der Vetter warm. »Und welch eine gute 

Menschenkennerin.« 
»Das wird man bei so einem Zigeunerleben, das ich bisher 
führte«, entgegnete sie lachend. »Und jetzt muß ich ins 
Hotel zurück, damit ich zur Stelle bin, wenn mein Kind, 
das mir so ohne mein Zutun in den Schoß fiel, erwacht. 
Bleibt es nun dabei, daß du den Kauf des Schlößchens für 
mich vermittelst, Ludwig?« 
»Worauf du dich verlassen kannst, Regina.« 
»Verflixte Geschichte«, brummte er, als die Base abgefahren 
war. »Gina hat recht. Wir haben in bezug auf Hariet 
allesamt schmählich versagt.« 
Es war schon gegen Abend, als Hariet aus tiefem Schlaf 

erwachte. Sie mußte sich zuerst besinnen, wo sie überhaupt 
war. Und als sie das erfaßt hatte, glaubte sie dennoch an 
einen wundersamen Traum. 
Denn es konnte doch wohl kaum Wirklichkeit sein, daß 
diese Tante, von der sie immer nur gehört, plötzlich da 
war, als sie sich in Not befand, sie in dem feudalen Auto 
mitnahm und sie in einem mollig warmen Hotelzimmer 
zu Bett brachte? So was gab es doch gar nicht, höchstens 
nur in Märchen. 
Allein, es schien wahr zu werden, das Märchen vom 
Aschenputtelchen. Und wenn es auch kein Prinz war, der 
sich zeigte, so immerhin eine gute Fee, die vor ihrem Bett 

stand und lachend sagte: 
»Du hast aber einen gottgesegneten Schlaf, Kleines. 
Hunger?« 
»Nicht sehr. Ich frühstückte ja bei Melchior.« 
»Das ist schon lange her, mein Kind. Also wollen wir mal 
gemütlich tafeln.« 
Und da die arme, bisher vom Leben so arg vernachlässigte 
Hariet Hermeran weiter in Märchenstimmung bleiben 
sollte, stand dann auch wie hingezaubert ein 
Tischleindeckdich vor dem Bett, auf dessen Rand die 
märchenhafte Tante Regina saß und mit der Nichte um die 

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Wette schmauste. Bis dieser dann etwas einfiel. 
»Bitte, Tante Regina, willst du wohl so lieb sein und mir 

meinen Handkoffer reichen?« bat sie schüchtern die Tante, 
die ihr noch immer so unwirklich vorkam. Denn Tanten 
pflegen ja eigentlich nicht vom Himmel zu fallen. Schon 
gar nicht so charmante und so Respekt einflößende. 
Als der gewünschte Koffer vor Hariet stand, klappte der 
Deckel hoch und zwei Päckchen, hübsch säuberlich von 
Pergamentpapier umhüllt, lagen den Augen frei. 
»Das ist mein Proviant, den Melchior mir mitgab«, erklärte 
die Nichte der amüsiert lächelnden Tante. »Denn ich sollte 
ja erst am Nachmittag in dem Pfarrhaus ankommen.« 
»Sag, Kleine, dieser Melchior ist wohl so eine Art 
Hellseher?« 

»Man hält ihn jedenfalls dafür«,’ mußte Hariet zugeben. 
»Aber er sagt, daß Gott nur allein allmächtig ist. Wollen wir 
nicht die Brote essen? Es ist doch zu schade, daß sie 
umkommen.« 
»Denn man zu. Vor Brot darf man nie die Ehrfurcht 
verlieren, das habe ich bei meinem Zigeunerleben 
erkennen gelernt. Brot ist und bleibt nun mal eine 
Gottesgabe.« 
»Ja«, bestätigte Hariet. »Und Kartoffeln. Wenn man das hat, 
kann man nie verhungern, sagte Tante Berta immer. Alles 
andere ist Schlemmerei.« 
Regina hätte in diesem Fall viel antworten können, doch 

sie schwieg und sah interessiert zu, wie Hariet die 
Pergamentpapierhülle löste. Was dann zum Vorschein 
kam, war nicht Brot, sondern ein grüner Umschlag, wie 
man ihn für Geschäftsbriefe zu verwenden pflegt. Und was 
die zitternden Mädchenhände dann aus dem Umschlag 
zogen, waren fünf Hundertmarkscheine. 
»O Gott«, sagte Hariet entsetzt. »Wo kommen die denn 
her! Soll denn das Märchen gar kein Ende’ nehmen?« 
»Nun, an diesem Geld finde ich durchaus nichts 
Märchenhaftes«, lachte Regina amüsiert. »Das hat dir dein 
Beschützer Melchior ganz einfach ins Brotpäckchen 

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geschmuggelt.« 
»Und hat damit bestimmt seine Ersparnisse geopfert«, fiel 

Hariet erregt ein. »Er verdient doch nicht viel an barem 
Geld und muß daher lange sparen, bis er so eine Summe 
zusammen hat. Ob ich sie ihm zurückgebe?« 
»Nein, mein Kind«, sprach die Tante jetzt tiefernst. »Du 
würdest damit den Mann bitter kränken – und das willst 
du doch nicht?« 
»Um alles nicht! Das hat er wahrlich nicht um mich 
verdient.« 
»Na also. Steck das Geld nur ruhig ein. Es wird sich mit der 
Zeit schon etwas finden, womit wir dem Mann seine Güte 
vergelten können. Vor allen Dingen werben wir ihn 
morgen aufsuchen, um ihn über dein Geschick zu 

beruhigen.« 
»Bitte, Tante Regina, ich möchte den Herrnhagener Park 
nicht mehr betreten. Und das muß man, wenn man zu 
Melchior gelangen will.« 
»Das kann ich verstehen, mein Kind. Dann schreib deinem 
Melchior. Oder soll ich das tun?« 
»O ja, Tante Regina, Du kannst das bestimmt viel besser als 
ich.« 
Also erhielt der Gärtner Melchior einen Brief, den er mit 
tiefer Befriedigung, las und ihn dann in den Kasten tat, der 
das barg, was dem Mann lieb und teuer war. 
Hariet jedoch geriet in einen Wirbel von Geschehnissen 

hinein, der sie kaum zur Besinnung kommen ließ. Man 
zählte bereits vier Tage vor Weihnachten, als man endlich 
in dem renovierten Schlößchen saß, das fortan 
Aschenputtelchens Heimat sein sollte. 
Aschenputteichen? Nun, davon konnte jetzt wirklich keine 
Rede mehr sein. Denn Aschenputtelchen war in den fünf 
Wochen eine Dame geworden, elegant und bezaubernd 
schön. Hariet staunte selbst darüber – und die Tante freute 
sich. 
Gerade so hatte sie sich immer ein Töchterlein gewünscht, 
das sie sich jedoch in ihrem unruhigen Leben nicht leisten 

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konnte – nicht leisten durfte, wenn das kleine Wesen nicht 
bei fremden Menschen aufwachsen sollte. Und ihren so 

leidenschaftlich geliebten Mann allein in die Ferne 
schweifen lassen – unmöglicher Gedanke! Da verzichtete 
sie lieber auf Mutterfreuden und blieb dem Gatten geliebte 
Kameradin durch dick und dünn. 
Doch jetzt war er tot. War mit siebzig Jahren mitten aus der 
Arbeit gerissen worden. 
Ein schöner Tod – aber äußerst schmerzvoll für die Gattin, 
die dieses plötzliche Dahinscheiden zuerst gar nicht fassen 
konnte. Alles, woran sie mit treuem Herzen hing, war 
vorbei und entschwunden. Sie stand jetzt allein. 
Aber nicht lange. Dann ließ das Schicksal die allzeit tapfere 
Frau eine Nichte finden, für die zu leben es sich lohnte. 

Das Vertrauen beglückte sie, das dieses schöne, scheue 
Menschenkind nach und nach zu ihr fand. Und da sie ein 
Mensch von raschen Entschlüssen war, fackelte sie nicht 
lange, sondern erschien nach einer herzbewegenden 
Unterredung mit Hariet an maßgebender Stelle und 
erklärte kurz und bündig: 
»Ich möchte die Nichte meines verstorbenen Mannes 
adoptieren. Also bitte, meine Herren, lassen Sie mal Ihren 
Amtsschimmel ausnahmsweise munter traben. Denn – ich 
möchte noch zu Weihnachten Mutter werden.« 
Lachend versprach man der charmanten Witwe des 
berühmten Forschers, sogar die Peitsche zu gebrauchen, 

und da alle erforderlichen Unterlagen vorhanden waren, 
traf tatsächlich gerade am Heiligabend die Bestätigung der 
Adoption ein, die dann Regina dem Mädchen unter die 
Nase hielt, im Schein der brennenden Kerzen. 
»So, mein Kind, damit ich dich fest habe für alle Zeit. Ich 
bin jetzt deine Mutter, also liebe und ehrfürchte mich. Und 
schau nicht so begriffsstutzig drein, so was gefällt mir an 
meiner Tochter nicht.« 
Und dann brach die Freude bei Hariet durch. Sie war so 
herzrührend, daß Regina die Tränen kamen, weswegen sie 
sich aber gleich hinterher schämte. 

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Und dann stahl sich der Muttername über die Lippen des 
jungen Menschenkindes, das ihn ja nie hatte aussprechen 

dürfen. Und dann wurde aus dem scheuen, zaghaften 
Mutter, das zärtliche Mutz. 
»Na also«, lachte Regina. »Das paßt am besten zu mir. Aber 
was klemmst du da so fest unter den Arm?« 
»Meine Weihnachtsgabe für dich. Und zwar sind es 
Aufzeichnungen meines Vaters. Ich glaube, daß sie dich 
interessieren werden.« 
»Kind, die sind ja ein Vermögen wert«, sagte Regina 
betroffen, nachdem sie das Buch durchgeblättert hatte. 
»Und wie mich das interessiert, da hupft sogar mein Herz 
vor Freude. Das beuten wir aus – und zwar unter dem 
Namen deines Vaters.« 

»O ja, das tun wir, Mutz. Aber jetzt habe ich keine Zeit, 
jetzt muß ich mich erst über meinen Gabentisch freuen. 
Aber nein, ich kann mich ja doch nicht freuen – ich bin ja 
eigentlich betrübt.« 
»Ein komisches Kuddelmuddel von Empfindungen«, 
schmunzelte Regina. »Woher denn diese plötzliche 
Betrübnis?« 
»Wegen Melchior. Ob wir ihn herbitten und mit ihm 
zusammen feiern?« 
»Nein, du Dummes, damit täten wir diesem Mann keinen 
Gefallen. Der fühlt sich in seiner Einsamkeit am wohlsten. 
Aber vergessen ist er nicht. Ich habe mir nämlich erlaubt, 

ihm in deinem Namen ein kleines Paket zu schicken, in 
dem sich auch Samen von Orchideen befindet. Das wird 
dem Blumenzüchter bestimmt die größte 
Weihnachtsfreude sein.« 
Und das stimmte. Mit einem Schmunzeln ließ Melchior 
den Samen behutsam durch seine braunen Finger gleiten. 
Sein Gärtnerherz feierte Weihnacht wie kaum im Leben 
zuvor. 
Aber nicht jedem ward so ein beglückendes, besinnliches 
Weihnachtsfest beschieden. Und dazu gehörten erst einmal 
die Baronin Klarissa und ihre Tochter Martina. Ganz anders 

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hatten sie sich diese Weihnacht gedacht und zwar im Kreise 
der Familie Droik. Aber ach, mit diesem Carol hatten sie 

alles auf eine Karte gesetzt – und somit alles verloren. 
Denn als sie an dem denkwürdigen dreizehnten 
November, nach der scharfen Auseinandersetzung mit 
Sohn und Bruder zu dem so ungerecht Beschuldigten 
flüchten wollten, fanden sie ihn nicht mehr vor. Er hatte 
sein Heil in der Flucht gesucht. 
Das war für die Damen ein harter Schlag. Und der bald 
darauf folgende war nicht weniger hart, als Ulf aus Prahlen 
zurückkehrte und zwischen sich und der Mutter 
gewissermaßen das Tischtuch zerschnitt. 
Fort wäre der vielgeliebte Carol? Das war ja nun wirklich 
die beste Lösung. Denn die Verlobung, die ein Betrunkener 

proklamierte, wäre immerhin leichter zu lösen als die Ehe 
mit so einem zweifelhaften Ehemann. 
»Ulf, kennst du denn kein menschliches Erbarmen?!« 
schrie die Mutter, nachdem der Sohn ihr eiskalt diesen 
Unterschied zwischen Verlobung und Ehe klargemacht 
hatte. »Siehst du denn gar nicht, wie deine arme Schwester 
leidet?« 
»Nein«, kam es ungerührt zurück. »Wäre sie ein 
unerfahrenes Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, 
würde ich diesen Reinfall bedauern. Aber sie ist acht Jahre 
älter und hat außerdem eine Mutter, die sie leitet.« 
»Ulf, du bist erbarmungslos!« 

»Habe ich schon einmal gehört. Geh jetzt erst einmal auf 
Reisen, bis Gras über die blamable Angelegenheit 
gewachsen ist. Wenn ihr zurückkommt, ist das Witwenhaus 
instandgesetzt, in dem du dann leben wirst, Mama. Das 
Geld, das dir testamentarisch zusteht, liegt bereit. Martina 
jedoch bleibt es überlassen, ob sie bei dir wohnen will oder 
hier.« 
»Bei mir natürlich, du entarteter Sohn und Bruder!« schrie 
die Mutter wütend, rauschte hocherhobenen Hauptes ab – 
und ihr Liebling hinterdrein. 
So ging man denn auf Reisen und lebte herrlich und in 

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Freuden. Warum auch nicht? Man hatte ja Geld, viel Geld 
sogar. Allein, auch der tiefste Brunnen schöpft sich aus. 

Doch vorläufig konnte man noch lustig schöpfen, feierte 
Weihnacht ganz groß – und war doch nicht so ganz 
zufrieden. Je mehr der Mensch hat, je mehr er eben will. 
Das traf bei Dolly nun allerdings nicht zu. Sie war nicht 
unzufrieden, sie war traurig, als sie mit dem Bruder so ganz 
allein Weihnacht feierte. Man hatte sich beschenkt, 
reichlich sogar, aber das Herz blieb leer. 
»Ach, Ulf, warum müssen wir so verlassen sein«, klagte die 
Kleine. »Komm, laß uns nach Prahlen fahren. Da kann ich 
mich wenigstens mit Lutz zanken.« 
»Immerhin etwas«, lachte er amüsiert. »Zieh dich aber 
warm an, denn draußen weht ein kühles Lüftchen.« 

Nicht lange danach saß man im Schlitten und fuhr Prahlen 
zu. Es war bitterkalt draußen, doch umso wärmer war es im 
trauten Wohngemach, wo die Familie Warring bei der 
Weihnachtsbowle saß. Mit Hallo wurden die 
Ankommenden begrüßt. 
»Sehr vernünftig von euch, herzukommen und nicht zu 
Hause Trübsal zu blasen«, lärmte der Onkel aufgeräumt. 
»Reiht euch ein in unsere gemütliche Runde.« 
Man tat’s, und Dolly seufzte tief auf. 
»Schön ist das hier. Und Bowle gibt es auch, herrlich! Na 
denn Prosit allerseits!« 
Man trank sich zu und starrte dann verblüfft auf den 

Weihnachtsmann, der plötzlich in der Tür stand und gar 
grimmig mit der Rute drohte. 
»Die gebührt euch, ihr Ungezogenen!« brummte eine tiefe 
Stimme. »Aber ich will diesmal noch Gnade walten lassen.« 
»Regina!« rief der Vetter lachend dazwischen. »Nun gib 
man hier nicht so an. Runter mit dem Sack vom Rücken, 
ausgeschüttet die Gaben!« 
Im Nu war der prächtige Weihnachtsmann umringt, 
jubelnd wurde der Sack entleert. Vier Pakete kamen zum 
Vorschein, alle fein säuberlich mit Namen versehen. 
Neugierig packte man aus – und fand gerade das darin, was 

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man sich gewünscht hatte. 
»Nun sag mal, Ludwig, woran hast du mich eigentlich 

erkannt?« fragte Regina enttäuscht. »Ich glaubte mich so 
wunderbar getarnt.« 
»Und dennoch tatest du es nicht gründlich genug«, kam es 
schmunzelnd zurück. »Denn ein Weihnachtsmann pflegt 
keine Damenpumps zu tragen.« 
Da brandete ein Gelächter auf, das kein Ende nehmen 
wollte. Es ebbte erst ab, als Hariet näher trat, die sich auf 
Reginas Geheiß verborgen gehalten hatte, um durch ihre 
Anwesenheit den Weihnachtsmann nicht zu verraten. 
Es war das erste Mal seit Hariets Fortgang aus Herrnhagen, 
daß sie wieder unter die Menschen trat, die ihr so weh 
getan. Regina hatte ihre ganze Überredungskunst 

anwenden müssen, um das Mädchen nach Prahlen zu 
bekommen. 
Und nun stand eine ganz andere Hariet Hermeran da. Eine, 
die fremd wirkte in ihrer eleganten Kleidung und dem 
leicht spöttischen Lächeln. Man begrüßte sich auch fast wie 
Fremde, und es war der Gewandtheit der Weltdame Regina 
zu danken, daß es zu keiner peinlichen Situation kam. Sie 
schälte sich mit so drolligen Bemerkungen aus ihrer 
Verkleidung, daß man Tränen lachte. 
»Bist doch ein charmantes Frauenzimmerchen«, meinte der 
Vetter anerkennend, und sie sah ihn verschmitzt an. 
»Bitte sehr, mir gebührt jetzt Ehre.« 

»Die gebührt dir schon immer, Tante Regina«, meldete sich 
der Sohn des Hauses, der von dieser Tante sofort hell 
begeistert war. »Du bist nicht nur charmant, du bist einfach 
phänomenal.« 
»Du hast den Sinn erfaßt, mein junger Held«, betrachtete 
sie vergnügt den hübschen Krauskopf, den sie jetzt erst 
kennenlernte. Und er gefiel ihr, genauso wie die anderen 
Warrings. 
Als man dann später der vorzüglichen Bowle zusprach, 
sagte Regina etwas, das die andern nicht wenig verblüffte – 
und zwar: 

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»Ich habe ein Kind gekriegt.« 
»Huuuch!« schrie Dietlind erschrocken auf, was die andern 

auch beinahe getan hätten. Und Regina lachte, ihr 
Monokel blitzte. . 
»Ja, ja, meine Herrschaften, es geschehen ja doch noch 
Zeichen und Wunder. Betrachtet nur mein Kind genau – 
gefällt es euch?« 
Eine neckische Kopfbewegung zu Hariet hin, dann eine 
großartige Handbewegung. 
»Darf ich vorstellen: Hariet Hermeran-Hermeran. Seit heute 
meine amtlich besiegelte Adoptivtochter.« 
Augenblicklang noch ein Wie-nicht-begreifen – dann 
herzliches, befreiendes Gelächter. 
»Ich sage ja, Tante Regina ist phänomenal!« rief Lutz der 

Begeisterung voll. 
»Lassen wir hochleben Mutter und Kind!« 
Nachdem das geschehen war, fragte Ludwig schmunzelnd: 
»Nun sag mal, Gina, wie hast du diese Adoption so schnell 
bewerkstelligen können? So was braucht bei den Behörden 
doch seine gute Weile.« 
»Ich habe den maßgebenden Herren gesagt, ich müßte 
Weihnachten unbedingt Mutter werden, daher möchten sie 
ihren Amtsschimmel in Trab setzen. Man versprach mir, 
sogar die Peitsche zu benutzen – und bitte sehr, der Erfolg 
ist da.« 
O ja, er war da – und zwar ein zauberhafter. Denn anders 

konnte man das junge Menschenkind nicht bezeichnen, 
das da so lässig im Sessel lehnte. Es hatte in den sechs 
Wochen schon viel von seiner jetzigen Pflegemutter 
gelernt. Von der Angestellten Hariet Hermeran war nichts 
übriggeblieben, schon gar nichts von dem 
Aschenputtelchen, das bei der Frau Baronin nebst gnädiger 
Tochter Zofendienste verrichten mußte. 
Jetzt hatte sie selbst eine Zofe mit ihrer Mutz gemeinsam. 
Aus dem Aschenputtelchen war tatsächlich über Nacht ein 
Prinzeßlein geworden – und der Prinz würde bei dieser 
Erbtochter wohl nicht lange auf sich warten lassen. 

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Obwohl Hariet mit den andern scherzte und lackte, ging 
doch ein gewisses Etwas von ihr aus, das zu warnen schien: 

Bitte nicht zu intim – denn ich habe den zwölften 
November nicht vergessen. 
Das empfand wohl am schmerzlichsten die kleine Dolly. 
Sie mußte immer wieder die Tränen zurückdrängen, die 
aus dem betrübten Herzchen hinauf wollten. Was sollte sie 
Hariet wohl sagen, wie sich rechtfertigen? Erstens wagte sie 
es bei diesem so wundersam veränderten Mädchen nicht, 
und dann würde es ihr auch nicht glauben. 
Am unbefangensten von allen war Lutz. Denn er kannte 
das Geschehnis nur durch die Erzählung der Eltern. Und 
das ist immer anders, als wenn man etwas direkt miterlebt. 
»Hör mal, Hariet, ich habe eben von Tante Regina gehört, 

daß du so wunderbar Klavier spielen und singen kannst. 
Willst du das jetzt nicht tun?« 
»Nein«, kam es freundlich lächelnd zurück. »Ich bin hier 
Gast. Aber ich höre andere sehr gern musizieren.« 
»Bist du aber unfreundlich.« 
»Nicht wahr?« 
»Ja, ja, meine Kleine hat Stacheln«, lachte Regina amüsiert. 
»Dann stutze sie ihr doch.« 
»Ich denke gar nicht daran. Aber wie wäre es, wenn ihr uns 
morgen allesamt besuchtet? Dann ist Hariet nämlich 
Gastgeberin und wird sich den Wünschen der Gäste fügen 
müssen.« 

»Einfach großartig!« strahlte der frische Junge. »Wann 
sollen wir kommen, Tante Regina?« 
»Nicht vor dem Aufstehen, mein Sohn.« 
»Junge, hast du es eilig«, lachte der Vater. »Wir kommen 
gern, Gina. Bist du nun aber auch schon komplett 
eingerichtet?« 
»Ja, seit einigen Tagen. Ich bin neugierig, wie euch unser 
Eldorado gefallen wird. Wir dürfen doch auch auf Ihren 
und des Schwesterleins Besuch rechnen, Herr Baron?« 
»Verbindlichsten Dank, gnädige Frau. Wir werden uns 
erlauben.« 

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Es waren die ersten Worte, die der Mann in Gegenwart der 
Damen Hermeran sprach, was nicht aufgefallen war bei der 

regen Unterhaltung. Da merkte ihm wenigstens niemand 
an, wie wenig wohl er sich in seiner Haut fühlte. 
Das Schlößchen war ein Bau aus dem vorigen Jahrhundert, 
und es war an ihm nicht gespart worden. Erker und 
Türmchen, Altane und Balkons, alles so richtig kokett, 
galant und verspielt. 
Reizend sah es aus mit seinem schneeweißen Anstrich, den 
grünen Jalousien, dem schmucken Portal und der nach 
dem Park zu gelegenen weiten Terrasse. Der Park war nicht 
groß, aber sehr hübsch angelegt. Er umschloß das Haus, 
wurde nur von einem breiten Gang unterbrochen, der 
gleichzeitig als Auffahrt diente. Ein kunstvoll 

geschmiedetes Tor versperrte jedem Unbefugten den 
Eintritt. 
Etwas abseits stand ein Gebäude, das unten Stallungen und 
oben zwei kleine Wohnungen barg. Die eine bewohnte 
jetzt der Chauffeur mit seiner Frau und die andere das 
Faktotum des Anwesens mit seiner gemütlichen 
Eheliebsten, die das Zepter über Küche und Keller schwang. 
Darin waltete außerdem noch die Chauffeurgattin, in den 
Zimmern tat es der Diener, wobei ihm das Zöfchen gern 
half. Alles erstklassige Kräfte, auserwählt mit dem 
erprobten Kennerblick der weitgereisten Weltdame Regina 
Hermeran. 

Unten barg das Schlößchen zwei große Räume, die durch 
eine Portiere getrennt werden konnten. Sie dienten als 
Speisezimmer und Wohngemach. Ferner gab es noch einen 
lauschigen kleinen Salon, ein mäßig großes Arbeitszimmer, 
eine entzückende Diele und die Wirtschaftsräume. 
Im oberen Geschoß lagen die Schlafzimmer der beiden 
Damen mit Ankleidezimmer und Bad, zwei 
Fremdenzimmer und etwas abseits die Räume der 
Bediensteten. Alles war so eingerichtet, daß es selbst den 
verwöhntesten Ansprüchen genügen mußte. 
Das fanden auch die Gäste, die zur Kaffeezeit eintrafen und 

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zwar in zwei Schlitten. Im ersten saß die Familie Warring, 
im zweiten der Freiherr mit seiner Schwester. 

»Das  riecht  ja  hier  förmlich  nach Geld«, lachte der Vetter, 
als er die Base begrüßte. »Hast du viel davon, Gina?« 
»Mir langt’s«, fiel sie fröhlich in sein Lachen ein. »Also, 
meine Herrschaften, treten Sie ein und bringen Sie Glück 
herein.« 
Das galt in erster Linie dem Freiherrn, der sich artig über 
die ihm gereichte Frauenhand neigte und dann die Tochter 
des Hauses mit stummer Verneigung begrüßte. Das fiel 
nicht weiter auf, da die anderen so vieles zu bestaunen 
hatten. 
Dolly wurde von Hariet zwar mit Handschlag begrüßt, wie 
ja auch die Verwandten, aber das geschah so kühl, fast ein 

wenig hochmütig, daß die betrübte Kleine am liebsten 
geweint hätte. 
Dann folgte zuerst einmalein gemütliches Kaffeestündchen, 
bei dem man sich lebhaft unterhielt. Außer den 
Geschwistern Eggeroth. Die saßen zumeist schweigend da, 
und man war taktvoll genug, dieses nicht zu bemerken. 
Lutz hingegen war obenauf, und auch sein Schwesterlein 
fand allmählich die gewohnte Keckheit wieder. 
»So – jetzt wirst du aber musizieren, meine liebe 
Gastgeberintochter«, verlangte Lutz, als man im 
Wohngemach beisammensaß, wo ein Blüthnerflügel 
schwarzglänzend stand. »Auf diesen Moment habe ich 

mich immerzu gefreut. Zuerst spielst du alle 
Weihnachtslieder, die es gibt.« 
»Dabei geht ihr bestimmt die Puste aus«, amüsierte sich 
Regina, der dieser hübsche, frische Junge Spaß machte. 
»Vielleicht dürften sich da auch Liebeslieder 
dazwischenschmuggeln, mein Herr Oberprimaner?« 
»Quatsch«, kam es pomadig zurück. »Die überlasse ich 
gebrochenen Herzen.« 
»Pfui, Junge, du bist abscheulich!« entrüstete sich die 
Mutter, während die anderen lachten. »Warte bloß ab, bis 
es bei dir soweit ist.« 

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»Dann leime ich es wieder zusammen, geliebte Mutz.« 
Was dann kam, war einfach scheußlich. Denn Hariet 

musizierte – aber wie. Da stimmte kein Ton, und die 
Stimme zeterte dazwischen. 
»Mädchen, hör auf, ich kann nicht mehr!« wollte Regina 
sich ausschütten vor Lachen. »Katzenmusik ist ja noch 
melodisch dagegen!« 
»Leider kann ich es nicht besser«, zuckte der Schalk 
bedauernd die Achseln. Entzückend war er anzuschauen 
mit den blitzenden Augen und dem verschmitzten Lächeln. 
Auch eine neue Errungenschaft bei dem einst so 
verschüchterten Aschenputtelchen, dem der Baron von 
Eggeroth wie ein höheres Wesen erschienen war. 
Und heute? Heute imponierte der Mann der verhätschelten 

Erbtochter kein bißchen mehr – jawohl! 
Regina, die in der Seele dieses jungen Menschenkindes 
lesen konnte wie in einem aufgeschlagenen Buch, lachte in 
sich hinein. So wollte sie ihr Töchterlein haben – genauso. 
Sie war ihm eine geschickte Lehrmeisterin gewesen und 
würde es auch weiter bleiben. 
»Hariet, weißt du, was du bist?« fragte der Herr 
Oberprimaner nach dem schaurig-schönen Spiel, doch 
schon rief die Mutter dazwischen: 
»Junge, benimm dich!« 
»Ja, was hast du denn?« fragte er scheinheilig. »Ich will 
doch nur sagen, daß Hariet bedauernswert unmusikalisch 

ist. Mit deren Katzenmusik kann höchstens noch der 
Rundfunk konkurrieren. Nicht wahr, Dolly-Dolly?« 
»Um Himmels willen, laß die jetzt bloß in Frieden!« 
wehrte die Mutter entsetzt, und das Söhnchen meinte 
resigniert: »Na ja, man wird immer verkannt wie eine 
unverstandene Frau.« 
Danach gab der übermütige Schlingel erst einmal Ruhe 
und nur, weil der Diener Halbgefrorenes servierte. 
Genießerisch sog der Herr Oberprimaner am Strohhalm 
und schielte dabei zu Dolly hin, die ihm aber auch gar 
nicht gefiel. Sie war ja von einer direkt schauderhaften 

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Artigkeit. 
Und Ulf? Der saß da wie der steinerne Gast. 

Und Hariet? Die war jetzt ein ganz verwöhntes, 
hochmütiges Balg. 
Derselben Ansicht war auch sein Vater. 
Denn als man später nach Hause fuhr, brummelte er: 
»Scheußlich ist so was! Das kleine hochnäsige Balg macht 
es einem verflixt schwer, wieder den vertrauten Ton zu ihm 
zu finden. Ich meine, so arg war unser Vergehen nun auch 
wieder nicht, um dafür womöglich ein Leben lang scheel 
angesehen zu werden.« 
»Das tut sie doch gar nicht, Ludwig. Sie ist doch recht 
liebenswürdig und artig.« 
»Eben, zu sehr. Von einer Artigkeit, bei der man friert.« 

In dem anderen Schlitten saß man auch nicht gerade 
leichten Herzens da. Dolly weinte sogar ein bißchen und 
klagte: 
»Ach, Ulf, warum mußte die Mama mich damals 
festhalten. Nun läßt Hariet mich das entgelten.« 
»Nanu, Kleines, sie war doch ganz freundlich zu dir.« 
»Ja, von einer farblosen Freundlichkeit, die schlimmer sein 
kann als Schroffheit. Und sie kann doch so lieb, so herzlich 
sein, das habe gerade ich immer wieder erfahren können.« 
»Da war sie auch noch ein armes Mädchen, das schon 
dankbar war, wenn man ihm freundlich begegnete. Doch 
heute ist diese Hariet Hermeran eine reiche Erbin, ein 

verhätscheltes Töchterchen, das es sich erlauben darf, 
Gnade und Ungnade mit Nonchalance zu erteilen. Und wir 
sind nun eben mal bei ihr in Ungnade gefallen, 
Schwesterchen. 
Der einzige, der sich nach wie vor ihrer Gunst erfreut, ist 
Melchior. Und warum? Weil er da für sie eintrat, wo wir 
anderen versagten.« 
»Aber doch nicht mit Absicht!« rief die Kleine aufgeregt 
dazwischen. »Das muß ihr nur richtig klargemacht 
werden.« 
»Willst du das tun, Schwesterchen?« 

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»Nein, ich wage es nicht. Aber du könntest es doch 
wenigstens versuchen.« 

»Ich werde mich hüten!« 
»Mein Gott, Ulf, was soll das’ denn bloß werden! Am 
besten ist, wir geben den Verkehr mit dem Schlößchen 
auf.« 
»Das können wir nicht, Dolly, das hieße sich der 
Gesellschaft ausschließen und somit als Außenseiter 
behandelt zu werden. Denn die interessanten Damen aus 
dem Schlößchen werden in der Gesellschaft bald 
tonangebend sein. Also heißt es für uns: Mitgefangen, 
mitgehangen.« 
Und damit sollte der Freiherr recht behalten; das 
Schlößchen wurde in der Umgegend bald ein Begriff. 

„Man drängte sich an die beiden Damen heran, wetteiferte 
förmlich, sich bei ihnen Liebkind zu machen. 
Und warum? 
Weil die Besitzerin des Schlößchens einen berühmten 
Namen hatte und Geld. Zwei große Hauptfaktoren in der 
Gesellschaft. 
Dazu hatte diese einflußreiche Dame auch noch eine 
zauberschöne Tochter. Was Wunder, wenn die 
heiratsfähigen Herren gewissermaßen ihre Westen glatt 
zogen und forsch taten. 
Nur der Baron von Eggeroth tat das nicht, der blieb stets 
von einer kühlen Reserviertheit. 

Und die kluge, weit- und menschenkundige Regina 
Hermeran amüsierte sich köstlich. Mochte das 
Aschenputtelchen, das so über Nacht ein Prinzeßlein’ 
geworden war, nur seine Triumphe feiern. Das machte 
selbstischer und steifte das immer noch ein wenig zu 
weiche Rückgrat. 
Jedenfalls geriet Hariet in einen Wirbel hinein, in dem sie 
sich immer mehr behaupten lernte. Überall wurde sie 
hofiert, überall öffneten sich ihr die Türen weit. Ein 
Lächeln von ihr beglückte, eine hochmütige Geste machte 
betroffen. 

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Und die fand sie überall da, wo sie auf Aufdringlichkeit 
stieß. Dann war das hochmütige Schnutchen da, wie die 

vielgeliebte Mutz es zu bezeichnen pflegte. 
Doch als Hariet es auch für Dolly hatte, als diese sich ihr 
zaghaft zu nähern wagte, sagte Regina ernst: 
»Nun mach Feierabend mit deinem Groll, mein Kleines. 
Dolly ist längst nicht so schuldig, wie du es annimmst.« 
»Doch – es hat mich genauso im Stich gelassen wie alle 
anderen. Und auch schon vorher war sie längst nicht mehr 
so lieb zu mir wie früher. Sie hing diesem Blender ebenso 
an wie alle in Herrnhagen.« 
»Blender. – damit hast du die richtige Bezeichnung 
getroffen, mein liebes Böckchen. Und ein sechzehnjähriges 
Kind darf sich schon noch blenden lassen, will ich meinen. 

Und dieser Blender war lustig und fidel, so was zieht ein 
Backfischchen immer an.« 
»Na schön. Aber als mich alle im Stich ließen?« 
»Da hätte es die warmherzige Dolly bestimmt nicht getan«, 
fiel Regina ruhig der Erregten ins Wort. »Aber sie wurde 
von ihrer Mutter festgehalten, mußte sogar die Nacht auf 
dem Diwan in deren Schlafzimmer verbringen. Sogar der 
Schlüssel wurde aus der verschlossenen Tür gezogen. Was 
sagst du nun?« 
»Woher weißt du denn das?« 
»Von den Prahlenern. Und was die betrifft, hatten sie sich 
fest vorgenommen, dich am nächsten Tag zu sich ins Haus 

zu holen. Sie konnten ja nicht ahnen, daß diese 
niederträchtige Baronin dir noch am Abend den üblen 
Wisch zugehen lassen würde. Und der Baron…« 
»Um Himmels willen, laß mich mit dem in Ruhe!« hielt 
sich das Mädchen nervös die Ohren zu. 
»Hariet, du wirst ja ungezogen.« 
»Mutz, liebe Mutz.« 
»Na ja, mein Herzchen, ist ja schon gut. Ich will dich ja 
nicht länger quälen. Dir nur zu bedenken geben, daß 
manchmal der Schein trügt.« 
Diese ernsten Worte sollten nicht umsonst gesprochen 

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sein. Schon gar nicht, weil die geliebte Mutz sie sprach. 
Also begrub Hariet langsam ihren Groll, worüber keiner so 

glücklich war wie Dolly. Sie war jetzt kaum noch zu Hause, 
verbrachte manchmal sogar die Nacht im Schlößchen, so 
daß Regina schmunzelnd sagte, sie hätte jetzt plötzlich 
zwei Töchter. 
Und der Bruder ließ das Schwesterlein gewähren – es sollte 
nicht so einsam sein wie er. 
Was übrigens gar nicht so lange der Fall war. Denn an 
einem Abend im Februar erschienen die Baronin und 
Martina. Ganz plötzlich tauchten sie auf, als die 
Geschwister mit der Hausdame, die Ulf vor einigen 
Wochen eingestellt hatte, nach dem Abendessen im 
Wohngemach saßen. 

Ach, was war das bloß für eine Freude, als die Frau Mama 
ihre beiden »geliebten Kinder«, nach denen sie sich so 
»schmerzlich gesehnt«, in die Arme schließen konnte. Auch 
Martina war sehr erfreut – und bei der schien es sogar echt 
zu sein. 
»Ach, Kinder, zu Hause ist doch zu Hause«, bekannte die 
Mama, nachdem sich ihre >Freude< gelegt hatte und sie im 
Sessel saß. »Sag mal, mein Sohn, was war das für eine Frau, 
die hier war und sich nun zurückzog?« 
»Das ist die Hausdame«,’ erklärte Ulf gelassen. 
»Hausdame?« dehnte die Mutter. »Wozu brauchst du die 
denn?« 

»Als Repräsentantin.« 
»Das dürfte ich doch wohl sein«, wurde die Stimme schon 
wieder spitz. »Und ich werde mir mein Recht bestimmt 
nicht nehmen lassen.« 
»Darüber wollen wir jetzt nicht reden, Mama.« 
»Ich wüßte auch nicht, was darüber zu reden wäre. Aber 
lassen wir das jetzt wirklich. Ich möchte mich nicht gleich 
nach der Rückkehr in mein Schloß wieder ärgern müssen, 
mein Sohn, daß du so selten und dann so kurz und bündig 
an mich schriebst. Daß ich von anderer Seite erfahren 
mußte, welch sensationelles Geschehen sich in unserer 

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nächsten Nähe zutrug. Ist es wirklich wahr, daß die Gattin 
des berühmten Forschers Hermeran das Schlößchen 

gekauft und diese minderwertige Person Hariet adoptiert 
hat?« 
»Ja.« 
»Welch ein Mißgriff – aber hochinteressant. Das Wunder 
muß ich mir doch persönlich ansehen. Schon morgen 
mache ich im Schlößchen meinen Besuch.« 
»Davon möchte ich dir entschieden abraten, Mama.« 
»Warum denn?« 
»Weil man dich wahrscheinlich gar nicht vorlassen wird.« 
Die Flecke auf den Backenknochen zeigten sich, die Augen 
>spickten<, der Mund kniff sich zusammen. 
»Na, das wäre denn doch die Höhe! Mich soll man nicht 

vorlassen – mich, die Baronin Eggeroth! – die erste Dame 
der Gesellschaft?« 
»Meine liebe Mama«, entgegnete der Sohn ungerührt. 
»Diese Weltdame dürfte in ihrem bewegten Reiseleben mit 
allerlei Persönlichkeiten zusammengekommen sein. Und 
ich glaube nicht, daß diese ihr besonders imponiert hätten. 
Schon gar nicht eine Baronin Eggeroth, die nichts weiter als 
eine Landadelige ist.« 
»Du wirst impertinent, mein Sohn! Und wie ich dieser 
Forschersfrau imponieren werde!« 
»Na schön, werde denn durch Schaden klug. Ich möchte 
dich nur noch darauf aufmerksam machen, daß Frau 

Herme ran ihre Adoptivtochter innig liebt – und daß du 
diese am zwölften November aus dem Haus jagtest wie 
eine Ehrlose.« 
»Ach, was«, tat sie verächtlich ab. »Damals war diese Hariet 
hier nur ein Dienstbote. Wäre sie allerdings das gewesen, 
was sie heute ist…« 
Nun schwieg sie doch unter dem sarkastischen Lächeln des 
Sohnes. 
»Na eben«, war alles, was der Mann sagte. Doch es wirkte 
wie ein Schlag ins Gesicht. 
Und der zweite, natürlich bildlich genommen, traf Mutter 

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und Tochter, als sie sich durch den Diener des Schlößchens 
der Herrin melden ließen und den Bescheid kriegten, daß 

diese leider nicht zu sprechen wäre. 
Da quollen der Frau Baronin fast die Augen aus dem Kopf 
– das ihr! – Und: 
»Das mir!« schrie sie dem Sohn entgegen, als sie ins 
Wohnzimmer platzte, mit Wut geladen bis zur Halskrause. 
»Mich abweisen zu lassen – mich! Aber ich werde 
Vergeltung üben. Vergeltung! Unmöglich werde ich diese 
anmaßende Forschersfrau in der Gesellschaft machen!« 
»Dann viel Vergnügen«, achselzuckte der Sohn. »Wenn du 
an dieser Abfuhr noch nicht genug hast.« 
»Schweige, du entarteter Sohn! Ich ziehe noch heute ins 
Witwenhaus! Ist es zu meinem Empfang bereit?« 

»Ja. Die Räume sind gelüftet und geheizt.« 
»Das würde ich dir auch geraten haben. Fortan scheiden 
sich unsere Wege.« 
Damit rauschte sie ab, und Dolly, die auch im 
Wohnzimmer zugegen war, sagte kläglich: 
»Wie in einem schlechten Film.« 
Da mußte der Bruder denn doch lachen. 
»Hast recht, Kleine. Aber wie du siehst, kann so was auch 
im Leben passieren.« 
Und tatsächlich zog Klarissa mit Martina ins Witwenhaus, 
was sie jedoch schon bald bereute. Sie fühlte sich dort gar 
nicht wohl. Aber ein Zurück ins Schloß gab es nun nicht 

mehr, das wußte sie genau. 
Und da der Mensch ja nur zu gern seine Schuld auf andere 
schiebt, so war eben diese Forschersfrau daran schuld, daß 
sie, die Frau Baronin von Eggeroth, jetzt in der Verbannung 
leben mußte. 
Und schon begann sie mit Einflüsterungen bei 
ihresgleichen, mußte jedoch zu ihrer Bestürzung erkennen, 
daß sich keiner etwas einflüstern ließ. Man stand 
sozusagen wie eine Garde hinter dem Schlößchen. 
»Die Klarissa macht sich einfach unmöglich und uns alle 
mit!« schalt Ludwig aufgebracht, als er an einem Tag aus 

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der Stadt zurückkam, wo er so mancherlei gehört hatte. 
»Wenn sie Grips im Kopf hätte, müßte sie sich doch sagen 

können, daß sie mit ihren Intrigen gegen die Damen im 
Schlößchen in der Gesellschaft anrennt wie gegen einen 
Fels. Man kann sich ja kaum noch irgendwo blicken lassen, 
ohne sich dieser Verwandten schämen zu müssen. Und wie 
muß es erst Ulf und Dolly zumute sein. Es ist, um auf die 
Akazien zu klettern!« 
»Tu’s nicht, mein lieber Alter«, lachte Alice, die den Gatten 
kaum  jemals  so  ergrimmt  gesehen  hatte.  »Die  verbohrte 
Klarissa ist es gewiß nicht wert, daß du dich auf so 
stachelige Dinger schwingst. Warte lieber ab, bis sie an 
ihrem Gift ersticken wird.« 
So ähnlich drückte sich auch Regina aus, als sie von einem 

Weg in die Stadt nach Hause kam, wo Hariet saß und sich 
abmühte, die schwierige Handschrift ihres Vaters zu 
entziffern. 
»Na, die Baronin Eggeroth erstickt bestimmt noch einmal 
an ihrem Gift, wenn sie es nicht mehr verspritzen kann,« 
lachte sie, sich dabei behaglich in den Sessel schmiegend. 
»Ich glaube, sie hat bereits die Gelbsucht, so sieht sie 
nämlich aus.« 
»Hast du etwa einen Zusammenstoß gehabt, Mutzilein?« 
erkundigte Hariet sich gleichfalls lachend, doch die andere 
winkte großartig ab. 
»Wo denkst du hin, mein Kind, das kann mir doch nicht 

passieren. Im Gegenteil, die Frau Baronin schenkte mir 
sogar ihre gnädige Beachtung, als sie auf den Parkplatz 
rauschte, wo ich gerade mit dem Geheimrat Wendt sprach. 
Sie schenkte mir ihr süßestes Lächeln und bedauerte… 
Nun ich bedauerte auch, nämlich, es sehr eilig zu haben, 
hüpfte ins Auto und entschwand. Im Spiegel bemerkte ich 
noch, wie der nette Geheimrat über das ganze Gesicht 
lachte und wie die Frau Baronin mir sozusagen 
dolchgespickte Blicke nachschickte. 
Du lieber Himmel, wo hat die Frau bloß ihre netten Kinder 
her. Denn auch die ältere Tochter ist gar nicht mal so übel, 

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steht nur vollständig unter der Fuchtel der despotischen 
Frau Mama. Mit ihr zusammen kann sie sich behaupten, 

doch ohne sie ist sie ein Nichts.« 
Sie konnte nicht weitersprechen, weil Dolly und Dietlind 
ins Zimmer wirbelten. 
»Wir bleiben zu Tisch, Mutz«, erklärte erstere kurz und 
bündig. »Haben nämlich am Nachmittag eine Probe für 
das Theaterstück, das wir zum Wohltätigkeitsfest aufführen 
sollen. Und für die paar Stunden lohnt es erst gar nicht, 
nach Hause zu fahren. Gibst du uns also etwas zu essen?« 
»Ist das nun eine Bitte oder ein Befehl?« 
»Eine Bitte natürlich.« 
»Dann bin ich beruhigt.« 
Es wurde ein gemütliches Mahl. Die beiden Backfischchen 

lachten und schwatzten, fühlten sich ganz wie zu Hause. 
»Wußtest du schon von dem Fest, Mutz?« fragte Hariet 
befremdet. 
»Natürlich, mein Kind. Wir beide stehen schon längst auf 
der Liste. Ich als Hebe, die all die Göttergatten mit Sekt 
besäuselt, du als Schützenliesel, die ihr Herz den 
Göttlichen entgegenhält. Wer ins Schwarze trifft, hat 
gewonnen. Jeder Schuß eine Mark.« 
»Herrlich, Mutzilein!« jubelte Dolly. »Darf ich da 
mitmachen?« 
»Jawohl. Du sammelst die Pfeile ein, die von den forschen 
Schützen verschossen werden und scheffelst außerdem 

noch das Geld.« 
»Und ich, Tante Gina?« 
»Du reichst mir die Sektgläser zu, kleine Dietz. Denn ich 
fürchte, daß es an meinem Stand so turbulent zugehen 
wird, daß mir keine Zeit bleibt, selbst nach den Gläsern zu 
greifen.« 
Und so war es tatsächlich. Denn der Stand war stets 
belagert, an dem die charmante Frau das prickelnde Naß 
ausschenkte, so charmant, wie sie das ganze Leben 
anpackte. 
Sie trug beileibe kein phantastisches Gewand, sondern ein 

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schlichtes Kleid und wirkte gerade deshalb so raffiniert 
elegant. Das dunkle Haar war wie stets glatt 

zurückgekämmt, das Monokel blitzte. 
Tatsächlich, diese Frau war bestimmt nur einmalig in ihrer 
Art. Sie bezauberte immer noch, trotz ihrer fünfzig Jahre. 
Und der kleine Boy, der ihr zur Hand ging, war einfach süß 
in dem hellroten Anzug mit den blanken Knöpfen. Keck 
saß die runde Mütze auf dem Lockenköpfchen, die 
dunklen Augen strahlten, wenn man dem reizenden 
Bengelchen schmunzelnd ein Trinkgeld in sein Händchen 
drückte. 
Gleichfalls tat es das Nebenstück, das einige Stände weiter 
dem Schützenliesel zur Hand ging. Zwar pflegt eine solche 
immer schmuck zu sein, doch kaum eines hatte bisher so 

einen Zauber ausgestrahlt wie dieses Lieselchen. 
Die Tracht war durchaus schlicht, wie es unter der Regie der 
Mutz auch nicht anders sein konnte – aber sie hatte es in 
sich. 
»Der Balg ist einfach traust«, schmunzelte ein weißhaariger 
Herr, der an der Seite des Barons von Eggeroth langsam 
durch den Saal bummelte. »Da so dreißig Jahre jünger sein! 
Den Deubel noch eins, da würde man die Weste 
glattziehen und forsch tun.« 
»Das besorgen schon andere genug, Exzellenz«, entgegnete 
Ulf trocken. »Der Stand ist ja so belagert, daß man schon 
Schlange stehen muß, um zum Schuß zu kommen.« 

»Ulf!« rief da eine helle Stimme von dem Stand her. »Ulf, 
geh doch nicht vorüber! Bitte, meine Herren, machen Sie 
meinem Bruder Platz – er schießt doch so gut!« 
Lachend kam man dem Wunsch des reizenden Boys nach, 
und energisch wurde der Zögernde von seinem 
schmunzelnden Begleiter an den Stand geschoben. 
»Sie  wollen  also  schießen,  mein  Herr?«  fragte 
Schützenliesel in geschäftsmäßigem Ton. »Jeder Schuß eine 
Mark. Wenn Sie jedoch dreimal hintereinander ins 
Schwarze treffen, brauchen Sie nichts zu zahlen und 
erhalten noch als Hauptpreis dieses rotleuchtende Herz.« 

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»Der entzückende Racker versteht sein Geschäft«, raunte 
Exzellenz dem Mann zu, der in aller Gelassenheit das 

Gewehr nahm, das eine zarte Hand ihm reichte. Dann 
nahm sein scharfes Jägerauge erst einmal Korn auf das 
große Herz, das rotleuchtend inmitten der Bude hing, mit 
schwarzen Kreisen und dem runden Zentrum versehen. 
Und schwarz waren auch die Lettern, die direkt aufreizend 
forderten: Schieß Schützenliesel dreimal mitten ins Herz! 
»Gemacht«, lächelte der Freiherr da sein aufreizendes 
Lächeln, das nicht jeder vertragen konnte. »Also schießen 
wir.« 
»Na, na, man nicht so großspurig, Herr Baron«, meinte 
einer der Herren spöttisch. »Ich bin gewiß ein geschickter 
Schütze, habe es aber immer nur auf einen Schuß ins 

Schwarze gebracht. Das Herz wackelt nämlich ganz 
gewaltig!« 
»Ruhig wackeln lassen, Herr Forstassessor«, kam es 
seelenruhig zurück. »Man ist ja schließlich an wackelnde 
Herzen gewöhnt.« 
Damit hob er langsam das Gewehr an die Backe, prüfte 
scharf Kimme und Korn – und päng, saß der Schuß mitten 
im Schwarzen. 
»Herrlich!« rief das Schwesterlein des geschickten Schützen. 
»Noch zwei Schuß, Ulf, blamier uns bitte nicht!« 
Und es saß der zweite Schuß – und auch der dritte. 
Bejubelt von den Gönnern, süßsauer hingenommen von 

den Neidern. 
Deubel noch eins, dieser arrogante Baron verstand 
tatsächlich zu schießen. Schützenliesel schenkte ihm dafür 
ein gnädiges Lächeln, während Exzellenz, die gefürchtete 
und maßgebende Persönlichkeit der Gesellschaft, begeistert 
rief: 
»Jetzt herausgerückt mit dem Herzen, Schützenliesel! Es hat 
seinen Meister gefunden!« 
Er war auch derjenige, der das rote, stanniolglitzernde Herz 
dem sich sträubenden Freiherrn um den Hals hängte. Dann 
las er schmunzelnd, was da schwarz auf weiß geschrieben 

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stand: »O Mägdelein, nimm dich in acht, ein Meisterschuß 
nie Freude macht. Ob er da kommt aus dem Gewehr, aus 

Amors Pfeil – es hat sein Teil… 
Huch, gnädiges Fräulein, wie grausig! Finden Sie nicht 
auch?« 
»Warum denn, Exzellenz?« hob sich hochmütig das feine 
Naschen. »Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig, 
sagt Schiller.« 
»Donnerwetter, Kleine, Sie verstehen zu verblüffen«, strich 
Exzellenz schmunzelnd das weiße Bärtchen. »Also kann in 
einem schönen Körper auch ein schöner Geist stecken.« 
Nun brandete ein kaum endenwollender Jubel los, der bis 
zu dem Stand drang, wo Hebe Regina augenblicklich eine 
kurze Atempause beschieden war. Aufgeregt fragte der 

niedliche Boy: 
»Was mag denn da los sein, Tante Gina?« 
»Daß da ein guter Schütze dreimal hintereinander ins 
Schwarze getroffen hat«, kam es trocken zurück. »Denn er 
trägt ja das Herz am Bande.« 
»Meinst du, Ulf, Tantchen?« 
»Ja, den meine ich.« 
Diejenigen, die alles das verkauft hatten, was im Stand 
gelagert war, hatten damit ihre Ehrenpflicht erfüllt und 
konnten sozusagen auf den Lorbeeren ausruhen. Zu denen 
gehörten mal in erster Linie Regina und ihre Tochter – 
denn die Sektflaschen standen leer, die Pfeile waren 

verschossen. Und der Erlös? Eine erkleckliche Summe, die 
man dem Vorstand des Komitees abliefern konnte. 
Es waren sogar Hundertmärkscheine darunter, die sich in 
der Kasse Reginas sowie in der Hariets vorfanden. Und 
einen von denen hatte der Baron von Eggeroth gestiftet. 
Einen für ein Glas Sekt, den anderen für die drei Schüsse 
ins Schwarze, die von Rechts wegen frei waren. Aber der 
Mann war nun so, was man mit noblesse oblige 
bezeichnen konnte. Er ließ sich nichts schenken, er gab 
lieber. 
»Meine Damen, ich muß schon sagen, daß Sie selbst meine 

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hochgeschraubten Erwartungen übertroffen haben«, lobte 
die würdige Präsidentin des Komitees, nachdem sie das 

abgelieferte Geld gezählt hatte. »Ich glaube, alle anderen 
Stände zusammengenommen haben nicht soviel 
eingebracht, wie einer von Ihnen. Ich danke Ihnen im 
Namen der Bedürftigen, denen der Erlös zukommen soll.« 
»Huh, das war feierlich«, lachte Regina, als sie das 
Töchterlein mit sich zog, dorthin, wo ein Tisch hinter 
Blattpflanzen verdeckt stand. »Nun wollen wir uns mal 
diese Flasche Sekt zu Gemüte führen. Sie ist nicht etwa aus 
dem Bestand geklaut, den ich zu verwalten hatte, sondern 
beim Ober bestellt und ehrlich bezahlt.« 
Wie auf ein Stichwort erschien dieser, ließ mit dem 
Geschick des Vielgeübten den Pfropfen knallen und 

schenkte das perlende Naß in die Gläser. 
»Wohl bekomm’s den Damen.« 
Weg war der Eilige, und Regina trank zuerst einmal das 
Glas in einem Zug leer. 
»Oh, das tut gut, das frischt die erlahmten Kräfte auf. Man 
ist eben schon zu alt für solche Mätzchen.« 
»Mach dich doch nicht niedlich, Mutz«, lachte Hariet 
hellauf. »Du und alt, da lachen ja alle Hühner.« 
»Wenn sie dabei viel Eier legen, dann laß sie ruhig lachen. 
Prosit, mein Herzblatt, trinke dir getrost einen Schwips an. 
Aber sag dann nicht etwa die Wahrheit, ich rate dir gut. 
Sonst müßtest du ja der Frau Baronin von Eggeroth sagen, 

daß man um ihren Stand herumging wie die Katze um den 
heißen Brei.« 
»Was verkaufte sie denn, Mutz?« 
»Konfitüren.« 
»O weh!« 
»Sag ich auch.« 
»Und die Baronesse Martina?« 
»Rosen, mein Kind, Rosen.« 
»Hat sie diese wenigstens verkauft?« 
»Kein Gedanke. Die Blumen der Liebe stehen’ da und 
klagen wie die Rosen in Freiligraths Gedicht >Der Blumen 

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Rache<: Daß wir in der bunten Scherbe welken, 
schmachten, sterben müssen.« 

»Oh, Mutz, du hast ja schon einen Schwips!« wollte das 
Töchterlein sich ausschütten vor Lachen – und verriet mit 
diesem hellklingenden, köstlich frohen Lachen das 
Versteck. Denn schon lugte über die Blätterwand ein 
reizendes Gesichtchen, und dann wurde auch das ganze 
Menschlein sichtbar, das den sich sträubenden Bruder mit 
sich zog. 
»Ulf, sei doch nicht so störrisch!« 
»Finde ich auch«, bestätigte Onkel Ludwig, der mit Gattin 
und Töchterlein auftauchte, hinterher Exzellenz mit der 
feinen, zarten Gattin und dann – o Schreck laß nach, die 
gnädige Baronin mit der verlegen lächelnden Martina. 

Nun, was sollte man machen? Am besten gute Miene zum 
bösen Spiel. Und da elf Personen an dem Tisch nicht Platz 
hatten, wurde ein zweiter herangestellt, und man placierte 
sich vergnügt. 
»Herr Ober, Sekt!« kommandierte Exzellenz, als stände sie 
vor einem Regiment Soldaten. »Aber nicht nur eine Flasche, 
dann bekäme ja jeder nur einen Fingerhut voll. Sagen wir 
mal zuerst vier!« 
Der Herr Ober enteilte – und Exzellenz strich sich 
unternehmungslustig das weiße Bärtchen. 
»Na, denn wollen wir mal vergnügt in die Kanne steigen. 
Doch wie ich sehe, hat unsere charmante Frau Hermeran 

nebst Töchterlein schon eine Flasche Sekt intus. Natürlich 
macht ‘das den Damen nichts aus – so wie sie gebaut sind.« 
»Soll das etwa eine Schmeichelei sein, Exzellenz?« 
»Doch nur, gnädige Frau. Ich bin immer galant und – 
verliebt. Denn, um mit unserem guten Wagner zu 
sprechen: Der Frost hat mir bereifet des Hauses Dach, doch 
warm ist’s mir geblieben im Wohngemach«, zeigte er auf 
Kopf und Herz, was allgemeines Schmunzeln hervorrief. 
Nur die Frau Baronin, die schmunzelte nie, die lächelte nur 
in allen Nuancen – von der verbindlichsten 
Liebenswürdigkeit, der Scheinheiligkeit, bis zur Bosheit 

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und Niedertracht. 
Doch jetzt war das Lächeln entschieden pikiert. Was fiel 

denn diesen Exzellenzen ein, die in der 
Gesellschaftsordnung gleich hinter ihr rangierten, diese 
Forschersfrau so zu becouren! Sie waren doch sonst so 
wählerisch in ihrem Verkehr, schlossen sich nur schwer an 
jemand an. Und taten nun hier mit den beiden Frauen so 
vertraut, während man sie, die erste Dame der Gesellschaft, 
gar nicht beachtete. Impertinent, einfach impertinent! Es 
gab eben keine wohlerzogenen Menschen mehr in der 
heutigen Zeit. 
Und diese Hariet, was bildete die sich eigentlich ein. Am 
liebsten hätte die Frau Baronin diese arrogante Person an 
die Zeit erinnert, als sie noch Zofendienste bei ihr 

verrichtete. 
Aber das wagte sie denn doch nicht. Denn die Zunge dieser 
Forschersfrau konnte verflixt spitz und scharf sein – ebenso 
wie die Zunge der in der Gesellschaft gefürchteten 
Exzellenz. 
Allein, etwas mußte doch geschehen. Die Frau Baronin 
konnte doch nicht dasitzen und sich behandeln lassen, als 
wäre sie ein Nichts. Mußte sich unbedingt in den 
Vordergrund drängen. 
Und das glaubte sie zu tun, indem sie mal zuerst ihre 
Tochter Dolly, die sich ja am wenigsten wehren konnte von 
allen, sozusagen aufs Korn nahm. 

»Dolly, ich verbiete dir, Sekt zu trinken«, drang die 
unangenehme Stimme scharf und vernehmlich in das frohe 
Lachen hinein. »Du gehst noch zur Schule, vergiß das 
nicht. Wie siehst du überhaupt aus in diesem 
geschmacklosen Anzug, und was hast du denn da auf der 
Brust hängen?« 
»Das ist ein Herz, Mama«, sprach die Kleine verlegen in die 
jetzt so peinlich anmutende Stille hinein. »Ulf schenkte es 
mir.« 
»Und woher hat er es?« 
»Sich als Preis erschossen.« 

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»Ja, kannst du denn überhaupt schießen, mein Sohn?« 
fragte die Frau Mama so erstaunt, als wäre sie dahinter 

gekommen, daß er Seil tanzte. Sie machte sich so lächerlich 
mit dieser Frage, daß selbst Martina vor Verlegenheit 
errötete, während die anderen heldenhaft mit dem Lachen 
kämpften. Das Monokel in Reginas Auge blitzte nur so. 
Es blieb dem Freiherrn erspart, eine Antwort zu geben, weil 
jetzt die Musik einsetzte und zum Tanz rief. Und da sich 
vor Regina Exzellenz verneigte, Ludwig vor dessen Gattin, 
tat Ulf es bei der Mutter, so daß Alice mit den vier 
Mädchen zurückblieb, doch auch sie wurden weggeholt, 
bis auf Martina. 
»Ja ist denn das die Möglichkeit?« empörte sich die Frau 
Mama, als sie in Begleitung des Sohnes an den Tisch 

zurückkehrte. »Du sitzt, mein Liebes? Wo sind denn die 
anderen?« 
»Sie wurden zum Tanz geholt.« 
»Auch Dolly?« 
»Ja.« 
»Das grüne Ding?! Na, da werde ich doch wohl.« 
»Mama, ich bitte dich, laß Dolly gewähren«, fiel der Sohn 
hastig ein. »Es tanzen heute noch mehr so blutjunge 
Mädchen, alle, die beim Theaterspiel mitwirkten.« 
»Lax, mein Sohn, durchaus lax ist deine Auffassung. Kein 
Wunder bei dem Umgang mit diesen Banausen…« 
»Ich höre immer Banausen«, lachte Regina, die am Arm der 

Exzellenz plötzlich auftauchte und die Bemerkung der 
Baronin gehört hatte, ebenso wie Ludwig mit seiner Dame. 
»Wo gibt’s denn hier Banausen, meine Herrschaften?« 
»Oh, die gibt’s überall, meine Gnädigste«, erwiderte 
Exzellenz trocken. »Selbst in eine illustre Gesellschaft 
können sich so unangenehme Menschen einschleichen – 
und das ist schade.« 
Nun, diese Abfuhr mußte selbst die nicht sehr feinfühlige 
Baronin verstehen. Und da es ihr ungemütlich zu werden 
begann unter diesen Menschen, die so etwas wie ein eisiger 
Hauch umwehte, wandte sie sich an Martina, die wie 

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gewöhnlich stumm und steif dasaß. 
»Du siehst so blaß aus, mein Kind. Ist dir nicht gut?« 

»Nein, mir ist tatsächlich nicht gut«, kam die Antwort so, 
wie Mamachen sie erwartete. 
»Dann komm, mein Liebling, es ist hier wirklich sehr heiß. 
Suchen wir uns ein kühleres Plätzchen. Die Herrschaften 
entschuldigen.« 
O ja, sie entschuldigten – und zwar sehr gern. Ihnen tat nur 
der Sohn dieser impertinenten Dame leid, der so den 
Eindruck machte, als ob er sich seiner Mutter – schämte. 
Und als Dolly den Bruder zum Tanz mit sich zog, sprach 
Exzellenz in die peinliche Stille hinein: 
»Armer Kerl! Er kann einen tatsächlich bis in die Seele 
hinein erbarmen.« 

»Das kann er«, bestätigte Ludwig. »Er ist ein durchaus 
vornehmer Charakter, und ihm ist daher nicht gegeben, 
seiner Mutter gegenüber so aufzutreten, wie sie es 
verdiente. Aber auch Martina tut mir leid, die unter der 
Fuchtel dieser despotischen Frau ja gar nicht anders werden 
konnte, als sie ist. Die darf ja gar keinen eigenen Willen 
haben. Da müßte sich ein Mann finden, der sich der 
Unterdrückten annimmt und die Schwiegermutter zum 
roten Kuckuck jagt.« 
»Der Mann müßte aber Mut haben«, lachte Regina, konnte 
jedoch nicht weitersprechen, weil die Geschwister an den 
Tisch traten. 

»Herrlich ist das!« zappelte Dolly vor Aufregung. »Tanzen 
möchte ich, immerzu tanzen, mit wem, ist mir egal. 
Komm, Onkel Ludwig.« 
»Na, das ist nach deiner letzten Beteuerung gerade kein 
Kompliment für mich«, schmunzelte der Mann und ließ 
sich gutwillig von der tanzlustigen Nichte mitziehen. Vor 
Hariet jedoch verneigte sich der Baron. 
»Ein Elitepaar«, zwinkerte Exzellenz ihnen nach. »Meinen 
Sie nicht auch, gnädige Frau?« 
»Ich meine gar nichts«, versetzte Regina trocken und folgte 
dann dem Herrn, der sie zum Tanz holte. Es war ein Tango, 

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der gespielt wurde, und der elegant wirken kann, wenn er 
richtig getanzt wird. Und Hariet Hermeran tanzte ihn mit 

Grazie. Denn es war ein guter Tanzlehrer, den Regina ins 
Haus kommen ließ, damit er ihrem Töchterlein, das ja 
bisher noch nie getanzt, die Kunst Terpsichores erschloß. 
Und es hatte sich gelohnt. Die in jeder Beziehung so 
wundersam veränderte Hariet beherrschte jetzt auch mit 
Sicherheit das Parkett. 
Aber auch ihr Partner galt überall als eleganter Tänzer. Bei 
dem Paar saß jeder Schritt, jeder Takt. Der Mann spürte 
seine grazile Partnerin kaum im Arm, hielt ganz korrekt die 
vorgeschriebene Distanz. 
Und dabei sang die Geige doch so süß, das Cello klagte. 
Wenn Hariet einmal rasch den Blick hob, sah sie dicht über 

sich das harte, rassige Männerantlitz. Die Augen glitzerten 
darin wie bläuliches Eis, die schmalen Lippen lagen fest 
aufeinander. 
Denn es fiel dem Mann gar nicht ein, seine Partnerin zu 
unterhalten. Was sollte er auch sprechen? Sie hätte ja doch 
nur hochmütig geantwortet, wie das so ihm gegenüber ihre 
Art war. Mochten andere Männer um die schöne Erbtochter 
herumscharwenzeln, ihm war das nicht gegeben. Er konnte 
wohl in zarter, ritterlicher Weise um eine Frau werben – 
aber niemals ihre Gunst erbetteln. 
Die Baronin von Eggeroth mußte endlich einsehen, daß sie 
sich in der Gesellschaft nicht mehr behaupten konnte. Man 

lud sie zwar ein, begegnete ihr aber so kühl, daß sie sich 
empört dagegen wehrte und damit einen Fauxpas nach 
dem anderen beging. 
Ihr größter Groll jedoch war, daß die beiden Damen aus 
dem Schlößchen in der Gesellschaft direkt Furore machten, 
daß die heiratslustigen Herren wie toll hinter der jüngeren 
her waren. 
Gott ja, sie sah wohl ganz nett aus, war aber keineswegs 
mit Martina zu vergleichen. 
Und damit hatte die Baronin einmal recht. Denn Martina, 
nie eine Schönheit gewesen, begann bereits zu altern, 

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mehr, als ihre siebenundzwanzig Jahre bedingten. Das lag 
daran, weil sie stets verdrießlich war und sich in der 

Abgeschlossenheit des Witwenhauses langweilte. Daß man 
bei den Geselligkeiten gewissermaßen im Bogen um sie 
herumging. An einen Freier war überhaupt nicht zu 
denken, und danach sehnte sich schließlich jedes 
Mädchen. Hauptsächlich dann, wenn es sich langsam den 
Dreißig nähert. 
»Mama, ich halte es hier nicht mehr aus«, klagte Martina 
weinend, als man nach einem Ball nach Hause 
zurückkehrte. »Ich bin doch überall nur Mauerblümchen. 
Laß uns auf Reisen gehen, vielleicht finde ich da endlich 
einen Mann.« 
Das leuchtete der Frau Mama ein. Einen Mann fand ihr 

>liebes schönes Kind< unter den >Banausen< hier wirklich 
nicht, für die war es allemal zu schade. 
Außerdem behagte ihr das Leben im Witwenhaus absolut 
nicht, zumal man sich allein bedienen mußte. Denn die 
alte, halbtaube Frau, die man mit Geld und guten Worten 
herbekam, verrichtete nur die notwendigsten Arbeiten in 
Küche und Haus. 
Wenn man zur Stadt fahren wollte – und das wollte man 
oft – mußte man immer wegen des Autos im Schloß 
anrufen. Und dann waren sie noch nicht einmal immer da, 
selbst nicht der kleine Wagen. Ach, man führte schon ein 
elendes Leben in der Verbannung. 

Daß sie allein die Schuld an dieser Verbannung trug, fiel 
der selbstherrlichen Dame natürlich nicht ein. Sie hätte 
schön warm und weich im Schloß sitzen können, geachtet 
und geliebt von ihren Kindern – wenn sie nicht so 
hochfahrend und herrschsüchtig gewesen wäre. Aber das 
war sie doch nicht, Gott bewahre! Das war nur ihr 
»entarteter« Sohn. 
Also packte man im Witwenhaus die Koffer, reiste ab – und 
tat keinem damit weh. Im Gegenteil, die »mißratene« 
Jüngste und der »entartete« Sohn atmeten wie erlöst auf, 
und in der Gesellschaft vermißte niemand die impertinente 

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Dame und ihren »Schatten«, wie man Martina bezeichnete. 
Indes sauste rastlos die Zeit dahin – und die Menschen 

sausten mit. In der Gesellschaft hatte man den Winter gut 
überstanden, hatte Feste gefeiert, bei denen die Damen aus 
dem Schlößchen niemals fehlten. 
Und auch Baron von Eggeroth fehlte nicht. Er dachte gar 
nicht daran* zum Einsiedler zu werden, weil er einer 
hochmütigen jungen Dame auf Schritt und Tritt begegnete. 
Ob es da im Ballsaal war, auf Gesellschaften, Konzert, 
Theater und Kino, Ski, Schlittschuhlauf, vergnüglichen 
Schlittenfahrten und anderes mehr, immer und überall traf 
man zusammen. 
Selbst später bei den Ritten konnte eine Begegnung nicht 
ausbleiben, weil das Schlößchen ja nur zwei Kilometer von 

Herrnhagen entfernt lag und so nur eine Enklave bildete in 
dem Bereich des Barons von Eggeroth. 
Reiten hatte Hariet Hermeran auch erst lernen müssen wie 
alles andere, wobei ihr die Mutz, die ja sozusagen auf dem 
Sattel geboren war, dem Töchterlein eine unnachsichtige 
Lehrmeisterin wurde. Folge davon war, daß dieses 
Töchterlein sich bald mit Nonchalance im Sattel 
behauptete, den ein rassiges Pferd nicht gerade sanftmütig 
trug. Hariet ritt auch selten ohne die geliebte Mutz, der sie 
wie eine Klette anhing. Doch wenn es einmal geschah, 
konnte sie versichert sein, daß sie dem Baron von Eggeroth 
begegnete. Zuerst ärgerte sie sich darüber, doch dann 

betrachtete sie es ganz einfach als einen Witz des Zufalls. 
Es war an einem heißen Tag im Juli. Ha riet befand sich auf 
der Terrasse des Schlößchens ausnahmsweise allein; denn 
die Mutz war zum Zahnarzt gegangen. 
Gar nicht schön ist das hier ohne meine Mutz – dachte das 
Mädchen Hariet, dabei im Schaukelstuhl wippend. Ohne 
sie ist das Schlößchen öd und leer. Sie ist die Seele vom 
Ganzen, ein Stern, um den sich die Trabanten scharen, der 
Pol, um den sich alles dreht. Du bist eben du, meine liebe 
geliebte Mutz, nichts weniger und nichts mehr. 
Verträumt ließ Hariet ihre Augen über die Rasenfläche 

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schweifen, die nicht groß aber peinlichst gepflegt war. 
Blumen blühten auf den Rabatten in verschwenderischer 

Fülle. Verströmten ihren süßen Duft mit dem der 
Lindenblüten zusammen. In den Bäumen rauschte es leise, 
Vöglein zwitscherten darin, und über allem lag tiefer 
Friede. 
Und inmitten all dieser Herrlichkeit ringsum ertappte die 
jetzt so verwöhnte Hariet sich bei dem Gedanken: 
Bin ich eigentlich glücklich? 
Doch kaum hatte sie das gedacht, als sie auch schon 
entsetzt auffuhr. Nicht weiter denken, um Gottes willen! 
Das wäre ja eine schreiende Ungerechtigkeit gegen ihre 
Mutz und gegen das Schicksal, das es jetzt doch so gnädig 
mit ihr meinte. 

»Pfui, Hariet, schäme dich!« schalt sie sich selber aus, 
während sie aufsprang. Das kam davon, wenn man so vor 
sich hin döste. Dann kam man auf die verrücktesten 
Gedanken. Also sich aufs Pferd geklemmt und bei einem 
frisch-fröhlichen Ritt die Flausen verjagt. 
Nicht lange danach ritt sie ab und zwar den Feldrain 
entlang, der hinter dem Schlößchen begann und zum Wald 
führte. Da hinein wollte sie nicht, weil die Mutz es ihr 
verboten hatte, allein durch den Wald zu reiten. Und 
Hariet wäre es nie eingefallen, ein Gebot dieser so 
schwärmerisch geliebten Frau jemals zu übertreten. Also 
ritt sie erst einmal den Rain entlang, wo rechts und links 

Korn wogte. Somit befand sie sich auf Herrnhagener 
Gelände, dessen Betreten Unbefugten streng verboten war. 
Aber sie war nicht unbefugt, da der Freiherr den beiden 
Damen aus dem Schlößchen gestattete, sich auf seinem 
Grund und Boden frei zu bewegen. 
Es war heiß auf dem Feld, unbarmherzig brannte die 
Julisonne darauf nieder. So leicht Hariet auch gekleidet 
war, spürte sie dennoch die Hitze und war froh, als sie den 
Waldrand erreicht hatte, wo die hohen, alten Bäume 
wenigstens von einer Seite Schatten spendeten. An der 
anderen hüpfte ein Bach geschwätzig seine Bahn, und 

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jenseits des Ufers zog sich eine weite Wiese hin, auf der 
Kühe weideten. 

Und siehe da, ein Reiter kam der Reiterin entgegen, 
worüber diese sich gar nicht einmal wunderte. Und da man 
sich ja nicht so fremd war, daß man mit kurzem Gruß 
aneinander vorüberreiten konnte, hielt man eben an und 
grüßte sich. 
»Es ist heiß«, eröffnete Hariet nicht gerade geistreich die 
Unterhaltung, und bestätigend kam es zurück: 
»Ja, es ist heiß.« 
»Dafür haben wir aber auch Sommer.« 
»Ja, wir haben Sommer.« 
Schien es Hariet nur so, oder blitzte es wirklich humorvoll 
in den Augen des Mannes auf? Darüber nachzudenken 

blieb ihr jetzt keine Zeit, weil ein brennender Schmerz sie 
zusammenzucken ließ – und dann noch einer. Erschrocken 
griff ihre Hand zur Lippe – und da flog sie auf, die böse 
Wespe, die ja bekanntlich beim Stich den Stachel nicht 
verliert, sondern lustig drauf losstechen darf. 
Nun, Hariet war bestimmt nicht zimperlich, das hätte ihre 
verwegene Mutz sich auch ernstlich verbeten. Aber zwei 
Wespenstiche hintereinander in die empfindliche Lippe 
sind immerhin keine Kleinigkeit. Es wurde ihr schwarz vor 
den Augen, sie schwankte im Sattel – und hörte dann wie 
aus weiter Ferne eine erschrockene Stimme sagen: 
»Um Gott, gnädiges Fräulein, was ist Ihnen denn 

geschehen?« 
»Eine – Wespe – stach – mich.« 
Schon fühlte sie sich vom Pferd gehoben ‘ und am. 
Waldesrand in weiches Moos gebettet. Der Mann zog die 
Jacke aus, rollte sie zusammen und schob sie behutsam 
unter das eigenwillige Köpfchen, das jetzt so matt dalag. 
Dann nahm er aus der Satteltasche eine kleine Rasche 
Kognak, die er immer für alle Fälle mitführte, schraubte das 
Becherchen ab, füllte es mit der belebenden Flüssigkeit und 
flößte sie dem Mädchen ein, dessen Unterlippe bereits eine 
deutliche Schwellung zeigte. 

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»Trinken Sie nur, gnädiges Fräulein – so ist es recht. Und da 
man auf einem Beinchen nicht stehen kann, gleich noch so 

ein Tränklein hinterher.« 
Nachdem er dieses Samariterwerk vollbracht, begann er mit 
dem zweiten, indem er zum Bach schritt, sein Taschentuch 
in die kühle Flut tauchte und dann das nasse Tuch 
behutsam gegen die geschwollene Lippe drückte. Es war 
eine ungemein zärtliche Hand, die das tat. Die Augen 
blickten gar nicht so kühl wie sonst. 
Und da wußte Hariet plötzlich, warum sie in ihrem jetzt so 
schönen, verwöhnten Leben nicht so ganz und gar 
glücklich sein konnte, so aus tiefstem Herzen heraus 
glücklich. 
Sie stöhnte auf, und schon war ihr das rassige 

Männerantlitz ganz nahe. 
»Tut es denn so arg weh, gnädiges Fräulein?« 
»Das ist es doch nicht«, winkte sie verächtlich ab. »Das tut 
schon längst nicht mehr weh. Und im übrigen bin ich eine 
Zimperliese!« fuhr sie, zornig über sich selbst, in die Höhe. 
Und ehe er sie daran hindern konnte, stand sie schon, auf 
den Beinen. 
»Nun, geht’s?« fragte er jetzt in gewohnt kühlem Ton. 
»Danke, Herr Baron. Es tut mir leid, daß ich Sie bemühen 
mußte.« 
»Bitte sehr, nicht der Rede wert.« 
Da war es wieder, dieses Lächeln, das sie durchaus nicht 

leiden konnte, und das sie wiederum so liebte – ach, sie 
war närrisch! 
Brüsk wandte sie sich ab, schwang sich in den Sattel, senkte 
die Gerte zum Gruß und ritt davon, dem Schlößchen zu. 
Wie erstaunt war sie jedoch, als der Mann sich in aller 
Seelenruhe an ihrer Seite hielt, als könnte es gar nicht 
anders sein. Es war ein sehr ungnädiger Blick, der ihn traf, 
und den er mit einem spöttischen Lächeln quittierte. 
»Bitte, Herr Baron, ich wünsche nicht, daß Sie sich weiter 
um mich bemühen«, sagte sie in einem Ton, der direkt 
beleidigend wirkte. 

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Es blitzte gefährlich in den Männeraugen auf, die Zähne 
bissen sich zusammen, daß die Wangenmuskeln spielten, 

doch er blieb an ihrer Seite und sagte gelassen: 
»Ob Sie mich nun bemühen oder nicht, mein ungnädiges 
Fräulein, darf jetzt keine Rolle spielen. Was ich jetzt tue, ist 
nichts weiter als – Menschenpflicht.« 
Sie zuckte zusammen wie unter einem Hieb. Aber es 
geschah ihr ganz recht, warum wurde sie so beleidigend. 
Sie wußte doch schon längst, daß dieser Mann sich so 
etwas nicht bieten ließ, daß er immer mit gleicher Münze 
heimzahlte. 
Scheu war der Blick, der zu ihm hinging. Kein Muskel regte 
sich in dem stolzgeschnittenen Antlitz. Wie harte, blanke 
Kiesel blitzten die Augen unter den zusammengezogenen 

Brauen. Das blonde, leichtgewellte Haar lag zwanglos 
geordnet um den schmalen Kopf, zwischen den 
prachtvollen Zähnen klemmte die gradlinige Pfeife – es war 
ein Bild kraftstrotzender, kühner Männlichkeit. 
Also war dieser erfreuliche Anblick mehr zum Lachen als 
zum Weinen, und Hariet begriff sich selbst nicht, warum 
ihr die Tränen kamen, die dieser arrogante Mensch 
natürlich nicht sehen durfte. 
Ein leichter Schlag mit der Gerte, das erschrockene Pferd 
preschte ab – und lustig trabte das andere nebenher. Es 
waren zwei schneidige Reiter, die vor dem Schlößchen 
hielten. Schmunzelnd sah Regina, die gerade am Portal 

stand, ihnen entgegen. 
Ein Druck auf den Knopf – und langsam öffnete sich das 
schmiedeeiserne Tor, durch das jedoch nur die Reiterin ritt, 
während der Reiter seinen Weg fortsetzen wollte. 
»Hallo, Herr Baron, warum so stolz?« rief Regina ihm nach. 
»Wollen Sie etwa das Schlößchen mit Nichtachtung 
strafen?« 
»Meine Mission ist erfüllt«, kam es knapp zurück. 
»Mission? Das müssen Sie mir näher erklären. Ergo 
bemühen Sie sich hierher.« 
Also blieb dem Mann nichts anderes übrig, als Order zu 

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parieren. 
Nachdem Regina ihn begrüßt hatte, fiel ihr Blick auf 

Hariet, die gerade dem herbeieilenden Faktotum das Pferd 
übergab. 
»Ja, was ist denn mit dir geschehen?« fragte sie, entsetzt auf 
die arg geschwollenen Lippen starrend. 
»Eine Wespe stach mich.« 
»Aha«, nickte die Frau, die ja durch ihr bewegtes Reiseleben 
daran gewöhnt war, blitzschnell zu kombinieren und einen 
Schreck in Sekundenschnelle zu überwinden. »Da machtest 
du schlapp und der Herr Baron tauchte als Retter in der 
Not auf. Stimmt’s?« 
»Ja.« 
»Hm. Na, denn komm schon, du kleine Prise, sonst kippst 

du mir noch aus den Schlorrchen.« 
Damit umfaßte sie das Mädchen und wandte sich dann 
dem Mann zu, der, das eine Pferd am Zügel, unschlüssig 
dastand. 
»Nehmen Sie das Pferd des Herrn Baron mit, Thimm.« 
»Verzeihung, gnädige Frau, ich muß leider fort.« 
»Sie müssen gar nichts, mein lieber Freund. Höchstens sich 
eine Erfrischung gefallen lassen, als kleinen Dank für Ihren 
Ritterdienst.« 
Das klang wie ein Befehl, dem der guterzogene Mann sich 
nicht widersetzen durfte. So folgte er denn den beiden 
Damen durch das Haus nach der Terrasse, wo die Mutz ihr 

Töchterlein im Liegestuhl unterbrachte. Der Diener wurde 
beordert, eine Schüssel mit Wasser, Tonerde und ein 
weiches Tuch zu bringen. Als das zur Stelle war, erhielt der 
Mann den Auftrag, für eine Erfrischung zu sorgen. 
»So, mein. Kind, jetzt werde ich dich mal verarzten«, lachte 
Regina. »Siehst reizend aus mit dem Lippchen.« 
Geschickt mixte sie Wasser und Tonerde, stellte die 
Schüssel auf einen Hocker, den sie an den Liegestuhl 
schob, durchfeuchtete das Tuch und legte es auf die Lippen 
des Mädchens. 
»Das ist alles, was sich in diesem Fall tun läßt. Mach nicht 

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so ein klägliches Gesichtchen, du Dummes. Was meinst du 
wohl, wovon ich in meinem Leben schon gestochen 

worden bin, doch nie ist es mir dabei an den Kragen 
gegangen. 
So – und wir wollen uns mal stärken nach dem Schreck, 
Herr Baron. Denn was unser guter Jan da bringt, ist ein 
Zaubertrank für heiße Tage.« 
Das war es wirklich, dieses eisgekühlte Getränk. Es 
erfrischte und stillte vorzüglich den Durst. Da man es aus 
dem Strohhalm sog, konnte Hariet trotz ihrer arg 
geschwollenen Lippe mithalten. 
»Und nun erzählen Sie mal, Herr Baron, wie, wo und was?« 
Er tat’s, und dann bat er, sich verabschieden zu dürfen; 
denn in der Landwirtschaft wäre jetzt Hochsaison. 

Als er gegangen war^ weinte Hariet heiß auf. Doch davon 
ließ sich die erfahrene Frau nicht aus der Fassung bringen. 
Sie streichelte zärtlich das gleißende Köpfchen und sagte 
leise: 
»Das ist die Reaktion, mein Kind.« 
Was sie damit meinte, blieb ungeklärt. 
Im September erhielt Baron von Eggeroth einen Brief, der 
ihn teils freute, teils beunruhigte. Denn seine Schwester 
Martina schrieb ihm, daß sie in einer Woche zu heiraten 
gedächte. Der Bruder möchte schon das ihr zustehende 
Geld bereithalten. Wenn er Lust hätte, könnte er an ihrer 
Hochzeit teilnehmen, die allerdings nur klein gefeiert 

würde. 
»Du zahlst ihr das Geld natürlich erst dann aus, wenn sie 
verheiratet ist«, erklärte Onkel Ludwig, den der Neffe um 
Rat fragte. »Am besten ist, du fährst zu der angekündigten 
Hochzeit hin, damit du weißt, was überhaupt los ist.« 
Das tat Ulf denn auch, Dolly, die er mitnehmen wollte, 
weigerte sich so entschieden, daß auch hier der Onkel 
eingriff. 
»Laß sie hier, Junge, vielleicht ist das ganz gut. Ich kann mir 
nicht helfen, mir kommt da etwas mulmig vor. Schon daß 
Martina an dich schrieb und nicht deine Mutter, gibt mir 

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zu denken.« 
»Mir auch, Onkel Ludwig, nun, ich werde ja sehen.« 

Und er sah – und staunte. Nicht über seinen Schwager, der 
gefiel ihm eigentlich ganz gut, sondern über seine 
Schwester. Die erklärte ihm nämlich kurz und bündig, daß 
sie keine Lust mehr hätte, sich immer weiter von der Mama 
gängeln zu lassen. Sie hätte schließlich wie jedes andere 
Mädchen Anspruch auf ein Eheglück. Doch das würde ihr 
nie werden, solange die Mama sie unter ihrer Fuchtel hätte. 
Damit zog sie ab – und der Bruder schaute nicht gerade 
geistreich hinter ihr drein. 
»Ja, mein lieber Baron, so ist das nun einmal«, lachte Herr 
Franz Frischling, in dessen Arbeitszimmer man saß. »Die 
Martina mußte sich nun mal entschließen, entweder für 

ihre Mutter oder für mich. Wie Sie sehen, hat sie letzteres 
getan. Sonst könnte ich sie ja gar nicht heiraten. Denn Ihre 
Mutter – darf ich offen sprechen, Herr Baron?« 
»Bitte.« 
»Danke. Ihre Mutter ist nämlich ein Frauentyp, vor dem die 
Männer Reißaus nehmen. Und sich so was auf den Hals 
laden, hieße dem Teufel Quartier geben. Und das kann ich 
nicht, weil ich viel unterwegs bin. Da muß ich mein Haus 
immer gut bestellt wissen. Und das wird die Martina tun, 
sie hat das Zeug dazu. Sie hat einen guten Namen – und 
den muß die Repräsentantin meines Hauses haben. Denn 
auf so was sieht die Menschheit auch heute noch. 

Schauen Sie, Herr Baron, mein Vater war ein einfacher 
Schlosser, und wenn Sie das Werk ansehen, das er 
geschaffen hat, werden Sie bestimmt sagen: Hut ab vor 
dem Mann! Und daß er seinem Milchen treu blieb, das er 
als armer Schlucker heiratete, ist bestimmt aller Ehren wert. 
Aber das Milchen war keine Repräsentantin – muß ich 
noch weiter sprechen?« 
»Nein, Herr Frischling, ich bin durchaus im Bilde. Aber 
eines möchte ich Ihnen zu bedenken geben: Meine 
Schwester Martina ist nie von dem Rockzipfel der sie völlig 
beherrschenden Mutter losgekommen. Ob sie sich nun 

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ohne diese behaupten kann, ist fraglich.« 
»Na ja, wagen wir eben dieses Experiment. Wenn es 

schiefgehen sollte, ist es ja kein Hals- und Beinbruch, dann 
geht man eben wieder auseinander.« 
Auch eine Auffassung – dachte Ulf, dabei den Mann 
betrachtend, der von der Ehe sprach wie von einem 
Geschäft. Er war groß und breit, mit einem frischen, ein 
wenig derben Gesicht, sehr hellen blauen Augen und 
mittelblonden, ziemlich kurz geschnittenem Haar, dazu 
gut angezogen. 
Und was der Baron jetzt dachte, sprach sein Gegenüber 
offen aus: 
»Sie werden sich sicherlich wundern, Herr Baron, daß ich 
gerade Ihre Schwester zur Frau begehre. Aber wie schon 

gesagt, ich brauche für mein Haus eine Repräsentantin mit 
einem guten Namen. Und dann muß mir meine Frau mit 
den Kinkerlitzchen vom Hals bleiben, auf die die Weibsen 
ja so versessen sind. Immer so mit Schnuckichen und 
Puckichen, mit hundert Küßchen in der Stunde und allerlei 
süßem Gesäusel mehr, nein, dafür bin ich nicht zu haben. 
Und ich glaube, daß Martina mich damit verschonen wird. 
Oder sind Sie anderer Ansicht, Herr Baron?« 
»Ja, Herr Frischling, da muß ich Ihnen zu meiner 
Beschämung gestehen, daß ich gar keine rechte Meinung 
über meine Schwester habe. Denn sie war von jeher so sehr 
das Geschöpf meiner Mutter, daß man nun wirklich nicht 

sagen kann, wie sie sich ohne diese Gängelei benehmen 
wird. Wie lange kennen Sie Martina denn schon?« 
»So ungefähr sechs Wochen. Ich war überarbeitet und 
mußte ausspannen, und ausgerechnet hielt der Arzt so ein 
mondänes Dings von Bad für das Gegebene. Na ja, da 
lernte ich eben Martina kennen. Zuerst gefiel sie mir gar 
nicht. Aber als ich sie einige Male ohne die Frau Mama 
erwischte, mußte ich erkennen, daß sie gar nicht so übel 
ist. Wir sprachen uns aus, und als Sie immer wieder 
betonte, wie über ihr die Gängelei der Mutter wäre, 
entschloß ich mich, sie zu heiraten ohne Schwiegermütter, 

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das war die Bedingung, die ich stellte.« 
»Nun, dann wäre ja alles geklärt, Herr Frischling. Wie 

stehen Sie sonst zu meiner Mutter?« 
»Gar nicht. Ich halte sie mir vom Hals.« 
»Weiß sie, daß Sie ihr nach der Hochzeit das Haus 
verschließen werden?« 
»Nein, die Zeterei wollte ich mir ersparen. Ich werde sie 
einfach vor die vollendete Tatsache stellen.« 
So geschah es denn auch. Was sich dabei abgespielt hatte, 
wußte Ulf nicht, weil er gleich nach der Trauung des 
jungen Paares abgereist war: Er erhielt nur einen Brief von 
der Mutter, in dem diese erklärte, daß sie jetzt keine 
Tochter Martina mehr hätte. Sie wäre das undankbarste, 
gefühlloseste Geschöpf unter der Sonne und ihr Mann, 

dieser Schlosser, ein ganz ordinärer Flegel. Sie weile jetzt in 
einem Bad, um ihre vollständig zerrütteten Nerven 
auszukurieren. 
»Na, da muß es ja ziemlich heiß hergegangen sein«, 
schmunzelte Onkel Ludwig, der durch den Neffen 
vollkommen im Bilde war. »Denn so wie du mir den Mann 
geschildert hast, fackelt der nicht viel. Hoffentlich wird 
Martina sich mit ihm verstehen.« 
O doch, sie tat es. Führte mit ihm sogar eine ganz gute Ehe. 
Ihr war ja die Hauptsache, daß sie sich alles das leisten 
konnte, was ihr Herz begehrte, und er war zufrieden, daß 
sie ihn mit Gefühlsduseleien in -Ruhe ließ. 

Und eines Tages tauchte dann auch wieder die Frau 
Baronin in Herrnhagen auf und zwar in Gesellschaft 
gleichgesinnter Seelen. Zwei Damen, die sich freuten, im 
Witwenhaus ein gutes Unterkommen zu finden, denn ihre 
Rente betrug nicht gerade viel. Aber soviel immerhin, daß 
sie der Baronin nicht auf der Tasche zu liegen brauchten, 
diese altjüngferlichen Schwestern, bei denen ein Mensch 
ohne Titel ein untergeordnetes Wesen war. 
Es fand sich sogar ein Ehepaar, das die drei Damen 
betreute. Und da der Mann den Führerschein besaß, wurde 
ein Auto angeschafft, von dem man ausgiebigst Gebrauch 

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machte. 
Jedenfalls war die Frau Baronin jetzt bestens untergebracht, 

worüber ihre beiden Kinder im Schloß nicht wenig froh 
waren. 
Unentwegt raste die Zeit dahin, und es kam wieder einmal 
der zwölfte November. Draußen regnete es und stürmte, 
doch im Schlößchen war es mollig warm. Einsilbig und 
verträumt saß Hariet da und merkte gar nicht, daß die 
Augen der Mutz sie immer wieder aufmerksam forschend 
streiften. 
Das Mädchen gefiel ihr nicht. Aber nicht etwa, weil es sich 
irgend etwas zuschulden kommen ließ. Im Gegenteil, die 
Kleine war reizend in ihrer Art, immer zärtlich bemüht um 
die Mutz, heiter und vergnügt. 

Und doch… 
»Gehen wir schlafen«, sprach Regina in die Stille hinein. 
»Denn morgen geht es heiß her, wozu wir Kräfte sammeln 
müssen. So viele Menschen abfüttern und vergnügen zu 
müssen, strengt die Gastgeber immer an.« 
»Muß das überhaupt sein, Mutz? Können wir meinen 
Geburtstag nicht in beschaulicher Ruhe verleben?« 
»Nein, mein Kind, das können wir nicht. Wir leben nun 
mal in dieser Gesellschaft und müssen dem Rechnung 
tragen. Außerdem solltest du dich schämen, mit deinen 
dreiundzwanzig Jahren, die du morgen feiern wirst, schon 
zu resignieren. Sieh mich an, die ich fast dreißig Jahre älter 

bin als du. Ich finde mich in jeder Wirbelei zurecht, weil 
ich eben mitwirbele.« 
»Dafür bist du ja auch einmalig, mein Mutzilein«, kam es 
stolz und sehr zärtlich zurück. »Du bist mein Vorbild, mein 
Ideal.« 
»Erbarm dich, Madchen, und hör auf!« hob Regina 
beschwörend die Hände. »Sentimentalitäten stehen dir 
nicht – und mir schon gar nicht. Geh lieber schlafen und 
sei morgen wieder mein herzfrohes Vögelein.« 
»Nein, Mutz, ich möchte musizieren.« 
»Dann tu’s, mein Herz, aber verliere dich nicht gar zu sehr 

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in Liebesliedern.« 
»Liebeslieder? Wie kommst du denn darauf?« 

»Nun, ich meinte nur so. Denn: Lieb ist Wunder, Lieb ist 
Gnade, die wie der Tau vom Himmel fällt – sagt Geibel in 
seinem Minnelied. Daher spiel mir eins vor.« 
»Also doch«, lachte Hariet, aber das Lachen klang nicht 
ganz echt. »Jetzt gerade laß ich die Minne sausen, du liebste 
aller Spottdrosseln und spiele Frühlingslieder…« 
»Die von der Minne nicht zu trennen sind.« 
»Ach, Mutz, du bist mir ja doch über.« 
Damit setzte Hariet sich an den Flügel, spielte und sang, 
was ihr gerade in den Sinn kam. Aber was sie auch 
beginnen mochte, es sprach alles von Liebe – ob es da eine 
Arie war oder ein Volkslied. Es war eine Lust, diesem 

kleinen Musikgenie zuzuhören. Vergnügt brummte Regina 
die Weisen mit – bis sie dann aufhorchte und verschmitzt 
in sich hineinlachte. Denn jetzt klang etwas auf, ganz süß 
und leise, fast wie ein Gebet: 
 
Ich trage meine Minne, vor Wonne stumm,  
im Herzen und im Sinne, mit mir herum. 
Ach, daß ich dich gefunden, du mein liebes Kind, 
das freut mich alle Tage, die mir beschieden sind. 
 
Klopften da nicht Tränen in der herzwarmen Stimme mit? 
Die Menschenkennerin Regina hörte sie jedenfalls heraus 

und unterbrach die holde Sängerin absichtlich burschikos: 
»Laß es genug sein des grausamen Spiels, Kleines. Mein 
Bettzipfel Winkt ganz gewaltig.« 
So trennte man sich herzlich zur guten Nacht. Und da zog 
die Mutz, die so viel Herz und Gemüt besaß wie selten eine 
Frau, das Mädchen in die Arme, das sie mehr liebte als alles 
auf der Welt. 
»Hör zu, mein Ettekind, es tut nicht gut, seine Minne vor 
Wonne stumm in sich zu tragen. Sie darf ruhig ein bißchen 
Krach machen.« 
Damit schob sie das verdutzte Mädchen ab, das sich erst 

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gar nicht Mühe gab, über diese seltsamen Worte 
nachzudenken. 

Als sie später in ihrem luxuriösen Bett lag, sah sie nach der 
Uhr. Fünf Minuten noch, dann wurde sie dreiundzwanzig 
Jahre. 
Und was hatten sie ihr gebracht? Einundzwanzig Jahre lang 
ein echtes Aschenputteldasein voll Einsamkeit und 
Entbehrung. Danach ein Jahr in einem Dienstverhältnis 
voller Demütigungen aller Art – und dann ein Jahr voller 
Glanz und Verwöhnung, voll echter, wahrer Mutterliebe. 
Und doch, etwas fehlte in diesem Leben. Etwas, das wie der 
Ton einer Äolsharfe war, so zart und süß. 
Vom Turm des Schlößchens schlug die Uhr, klangvoll und 
tief. Da falteten sich zwei zarte Hände, und ein junger 

Mund flehte inbrünstig: 
»Lieber Gott, sei mir nicht böse, daß ich so undankbar bin. 
Strafe mich nicht dafür – bitte! – obwohl ich es verdient 
hätte. Sei mir gnädig – so ganz gnädig und laß mich so 
ganz aus tiefstem Herzen glücklich sein.« 
Das Gebet verstummte, es war genau zwei Minuten nach 
zwölf. 
Und zum dritten Male trat die Fee in den Traum des jungen 
Menschenkindes. Sie lächelte lieb und mild. 
»Auch dein dritter Wunsch sei dir gewährt, kleine Hariet. 
Du sollst glücklich werden – so ganz von Herzen glücklich. 
Danke Gott dafür, daß er dich so gütig geführt. Werde nie 

hoffärtig in deinem Glück, bleibe Gott demütig für alle 
Zeit. Dann wird dein Leben ein köstliches sein, gesegnet 
durch die Güte des Höchsten.« 
Als Hariet am nächsten Morgen erwachte, war sie nicht so 
einsam und arm wie vor zwei Jahren, nicht so verzweifelt 
und gehetzt wie vor einem Jahr, sondern konnte sich im 
weichen Bett dehnen und strecken, als verhätscheltes 
Töchterlein des Hauses. Hätte also Muße gehabt über den 
seltsamen Traum nachzudenken  –  aber  er  war  fort  aus 
ihrem Gedächtnis, einfach ausgelöscht. Die drei Wünsche, 
die ihr das Schicksal freigab, waren ausgesprochen. Nun 

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würde sie beweisen müssen, ob sie dieser Gnade wert war, 
ohne jeden Einfluß einer höheren Macht. 

Unten zog die vielgeliebte Mutz sie herzlich in die Arme 
und sagte weich: 
»Mein Wunsch für dich, mein Herzenskind, ist, daß du so 
ganz aus tiefstem Herzen heraus glücklich werden mögest.« 
Damit schob sie das Mädchen an den Geburtstagstisch, wo 
es mal für eine Weile gut untergebracht war. Denn alles, 
was darauflag, mußte gebührend bestaunt und bejubelt 
werden. Hariet freute sich und lachte. 
Aber auch die Mutz lachte und zwar sich ins Fäustchen. 
Denn als sie am Vormittag zur Stadt fuhr und den Wagen 
auf einem Platz parkte, stand da der Baron von Eggeroth 
und schloß gerade seinen Wagen auf. 

Wie schon gesagt, diese Frau verstand blitzschnell zu 
kombinieren – was sie denn jetzt auch tat. 
Charmant, wie sie nun einmal war, trat sie auf den Mann 
zu und sagte harmlos: 
»Guten Tag, Herr Baron! Fahren Sie nach Hause?« 
»Ganz recht, gnädige Frau.« 
»Dann tun Sie mir bitte einen Gefallen, ja?« 
»Mit dem größten Vergnügen.« 
»Also! Da Sie ja sowieso am Schlößchen vorbeifahren 
müssen, wird es Ihnen wohl nichts ausmachen dort 
vorzusprechen und meiner Tochter zu bestellen, daß sie 
nicht mehr die Minne verstecken soll.« 

»Wie bitte?« fragte er verdutzt, und sie lachte. 
»Das kann ich Ihnen leider nicht erklären, weil mir die Zeit 
dazu fehlt. Aber meine Tochter wird Bescheid wissen. 
Hoffentlich treffe ich Sie noch im Schlößchen an, wenn ich 
zurückkomme.« 
Ihn lieb anlächelnd ging sie davon – und er sah ihr 
kopfschüttelnd nach. 
Und da das Schicksal schon längst auf der Lauer lag, um 
sich an zwei liebeheißen Herzen zu erfüllen, fand es auch 
einen Weg dazu. Denn gerade als der Diener dem gnädigen 
Fräulein den Besuch des Herrn Baron von Eggeroth 

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meldete, saß diese am Flügel, spielte und sang so recht von 
Herzen traurig: 

»Ich trage meine Minne, vor Wonne stumm, im Herzen 
und im Sinne, mit mir herum.« 
Mit einem Mißton riß das Spiel ab – und was dann vor 
dem Mann stand, war ein vor Schreck erblaßtes Mägdlein, 
das seine Augen jetzt gar nicht in Gewalt hatte – aber auch 
gar nicht. Und da ja nach weisem Ausspruch das Auge der 
Spiegel der Seele sein soll, lag diese Seele denn sozusagen 
nackt und bloß da. 
Und es war bestimmt nicht schön von dem Mann, daß er 
nun lachte – ein übermütiges, so recht glückhaftes Lachen. 
Es verwirrte das arme Mädchen so sehr, daß es nicht dazu 
fähig war, die gewohnt hochmütige Miene aufzustecken. 

»Verzeihung, gnädiges Fräulein«, wurde er gleich wieder 
ernst, konnte jedoch den lachenden Augen nicht gebieten. 
»Darf ich Ihnen sagen, daß Sie die prächtigste Frau der Welt 
Mutter nennen dürfen?« 
»Das weiß ich doch schon längst«, fand nun das Mädchen 
seine Sicherheit wieder. »Aber was hat das damit zu tun, 
daß Sie herkommen und mich auslachen?« 
»Alles!« blitzte es in den Männeraugen auf. »Denn die 
charmante Frau Mama schickt mich her, um Ihnen durch 
mich sagen zu lassen, daß Sie nicht mehr die Minne 
verstecken sollen. Wollen Sie ihr gehorchen – Hariet?« 
Entzückt betrachtete er dann, wie heißes Rot das 

Mädchenantlitz überflutete. Wie seine wundersamen 
Augen zuerst entsetzt blickten – und sich dann langsam 
mit Tränen füllten. 
Und da fackelte der Mann nicht länger, der so lange seine 
heiße Liebe zu dem bezaubernden Geschöpf hinter 
Gleichgültigkeit und kühler Gelassenheit hatte verstecken 
müssen. Der seine Minne nicht mit Wonne trug, sondern 
mit qualvoller Sehnsucht. 
Und dann sollte Hariet erfahren, wie weich die herrische 
Männerstimme kl in* gen konnte, wie es aus den kühlen 
Augen brechen konnte, gleich einem blauen, blitzenden 

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Strahl – den Strahl heißer Liebe.  
»Oh«, sagte das Mädchen da überwältigt vor seligem 

Schreck. Und das war mal zuerst alles, was sie sagen 
konnte, weil ein anderer Mund den ihren verschloß. 
Bis eine lachende Stimme die Liebenden aus ihrer 
Versunkenheit riß: 
»So ähnlich habe ich es mir gedacht. Kommt her, ihr 
Dickköpfe, die vor lautet Hemmungen nicht zueinander 
finden konnten. Da mußte erst eine alte Frau Kopf gegen 
Köpfchen stoßen.« 
»Oh, Mutz!« jubelte Hariet, sich glücklich an sie 
schmiegend. »Er hat mir ja noch nicht mal einen 
Heiratsantrag gemacht. Er lachte mich zuerst aus und nahm 
mich dann einfach in die Arme.« 

»So gehört sich das auch für einen echten Kerl«, kam es 
ungerührt zurück. »Warum da erst viele Worte machen? Er 
ist gekommen im Sturm und Regen, er hat genommen 
mein Herz verwegen – und damit holla! Und nun wenden 
wir Sekt trinken.« 
»Aber Mutz, am Vormittag?« 
»Warum denn nicht, du Dummchen. Den habe ich mir 
doch wohl redlich verdient.« 
Das erkannte man ohne weiteres an und begoß die 
Verlobung, die heute abend bestimmt Furore machen 
würde. 
»Wer wird denn alles hier erscheinen, Mutz?« erkundigte 

sich der neugebackene Schwiegersohn, und sie lachte. 
»Der Name ist dir ja bereits geläufig, mein Sohn. Wie alt 
bist du überhaupt?« 
»Dreißig.« 
»Und ich bald einundfünfzig. Da kann ich dir also mit 
ruhigem Gewissen Mutter sein. Und wer erscheinen wird? 
Natürlich die Elite, mein Jungchen – wozu wir nun auch 
deine liebe Mutter mit ihren verwandten Seelen werden 
zählen müssen. Denn übergehen können wir sie jetzt nicht 
mehr – hoffentlich sagen sie ab.« 
Aber sie dachten gar nicht daran. Erschienen mit einer 

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Miene, als ob man sie mit der Einladung beleidigt hätte. 
Die Verlobung sollte erst bei Tisch bekanntgegeben 

werden, und die Mutz mußte immer wieder mahnen: 
»Kinder, werft euch nicht so verliebte Blicke zu. Ihr verpatzt 
mir dabei die Überraschung, auf die ich mich wie ein 
Spitzbube freue.« Und als alle Ermahnungen nichts 
nützten, sperrte sie die verliebten Leutchen einfach in ein 
separates Zimmer. 
»So, ihr Nichtsnutze, hier bleibt ihr bis zum Essen.« 
»Geliebte Mutz, was besseres konntest du uns gar nicht 
antun!« 
»Sei still, du Bengel! Daß du noch einmal so närrisch sein 
könntest, hätte ich nie geglaubt.« 
Lachend entschwand sie und holte das Paar erst zu Beginn 

der Tafel wieder, an der aller Glanz entfaltet wurde, den 
diese Frau sich leisten konnte. Sehr apart sah sie wieder 
einmal aus in ihrem raffiniert einfachen Kleid. Die sehr 
gepflegten, glatt zurückgekämmten Haare gaben ihr eine 
besondere Note, das Monokel blitzte. 
Und das Töchterlein? Nun, das war bezaubernder denn je. 
Es war dem Verlobten nicht zu verdenken, daß er dieses 
zaubersüße Menschenkind trunkenen Blickes betrachtete. 
Und dann war der Moment da, wo er seine Verlobung 
bekanntgeben konnte. Zuerst Stille – doch dann brach ein 
kaum enden wollender Jubel los. Hauptsächlich die beiden 
Backfischchen benahmen sich halb irrsinnig vor Freude. 

Aber auch das Ehepaar Warring war beglückt, gleichfalls 
Exzellenz nebst der feinen Gattin. Sie hatten nun mal die 
beiden Damen aus dem Schlößchen ins Herz geschlossen, 
gleichfalls den Baron von Eggeroth samt seiner kleinen 
Schwester. Mit den lieben Menschen Kontakt zu behalten 
für alle Zeit, war der Wunsch des kinderlosen Ehepaares. 
Bei den anderen Gästen war die Freude gemäßigter – und 
schon gar keine zeigte sich bei den Herren, die sich 
Hoffnungen auf das Goldfischchen gemacht hatten. 
»Was dieser arrogante Baron für einen Dusel hat, das steht 
wohl einzig da«, sagte einer dieser enttäuschten Herren zu 

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einem anderen, der auch nicht gerade vergnügt 
dreinschaute. »Nicht nur daß das Balg zauberhaft aussieht, 

hat es auch noch Köpfchen, das dazu fähig ist, die 
Aufzeichnungen des Vaters richtig auszubeuten, die allein 
schon ein Vermögen wert sind. Natürlich zusammen mit 
der Mutz, die ja nun wirklich in allen Sätteln gerecht ist. 
Über die Schwiegermutter kann der Baron sich noch extra 
freuen.« 
»Das kann er auch wirklich, mein Herr«, ließ eine lachende 
Stimme die beiden herumfahren. »Ich freue mich sogar 
über mich.« 
Weg war sie – und die Herren machten ein langes Gesicht. 
Und ein noch längeres machte die Frau Baronin – zuerst. 
Denn sie faßte sich rasch und knöpfte sich den 

glückstrahlenden Bräutigam vor. 
»Mein Sohn, wie kommst du dazu, dich ohne die Erlaubnis 
deiner Mutter zu verloben?« machte sie ihrer Empörung 
Luft, die ihr jedoch gleich wieder wegblieb, als dieser 
entartete Sohn freundlich erwiderte: 
»Weil ich schon längst von deinem Rockzipfel weg bin, 
Mama.« 
Damit ließ er sie stehen, die mit Wut geladen war bis zur 
Halskrause. Und diese Wut konnte sie noch nicht einmal 
entladen. Denn diese impertinente Forschersfrau bekam es 
fertig, sie aus dem Haus zu weisen – wie sie dieser 
Schlosser, der sich stolz ihr Schwiegersohn nennen durfte, 

hinausgewiesen – oder richtiger gesagt: hinausgeworfen 
hatte. Und Martina, ihr Glück, ihr Augentrost, sah dem mit 
eiskaltem Lächeln zu. 
Nun ja, tragisch war das alles schon. Aber jeder kann eben 
nur das ernten, was er säte. Und diese Mutter hatte keine 
gute Saat ausgestreut. 
Anders die Mutz. Die liebte man, die verehrte man. Die 
gehörte einfach mit zum Glück der Verlobten. Für sie war 
sie höchste Instanz und würde es auch imitier bleiben. 
Ebenso wie das Ehepaar Warring bei seinen Kindern. Denn 
auch es hatte immer nur Liebe gesät. 

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»Eigentlich kann die Frau einem leid tun«, sagte die Mutz, 
als die Gäste fort waren und man im Kreise der 

Verschworenen noch gemütliche Nachfeier hielt. »Denn 
kein Mensch kann schließlich aus seiner Haut heraus. Im 
Grunde genommen kann sie sich nämlich selbst nicht 
leiden. Warum schmunzeln Sie denn so, Exzellenz?« 
»Weil Sie wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen 
haben, gnädige Frau.« 
»Oja, Mutz, das hast du«, kroch Dolly ihr vor Begeisterung 
halb auf den Schoß. »Wir haben dich ja alle so lieb und 
sind so stolz auf dich. Und verlassen wirst du nicht sein, 
wenn Hariet heiratet. Dann zieh ich zu dir und bin dein 
Kind.« 
»Äußerst beruhigend für die Mutz«, lachte Onkel Ludwig. 

»Hast du eine Ahnung, Marjellchen! Die Mutz wird nie 
allein sein, weil sie für uns alle der ruhende Pol ist.« 
»Das war ein gutes Wort, Onkel Ludwig«, sagte Ulf warm, 
und die anderen stimmten aus tiefstem Herzen zu. 
»Nun macht mich mal hier nicht verlegen, ihr 
überschwenglichen Gemüter. So geht es mir nun. Die ich 
nach dem Tode meines liebsten Edwin allein zu stehen 
glaubte, habe jetzt eine große Familie am Hals.« 
»Bravo, Mutz, darauf müssen wir einen trinken!« rief 
Exzellenz begeistert. »Auf die Frau, die sich durch niemand 
und nichts verblüffen läßt!« 
Und das stimmte. Denn sie war nicht einmal verblüfft, als 

sie mit den Verschworenen am nächsten Vormittag beim 
Katerfrühstück saß und ein Mann hereinkam, den die 
anderen wie einen Geist anstarrten. Mutz jedoch tat es 
nicht, sie rief lachend: 
»Man immer hereinspaziert, Herr Melchior. Denn ohne. 
Ihren Glückwunsch kann das junge Paar doch unmöglich 
glücklich werden.«  
»Melchior!« rief jetzt auch Ulf gleichfalls lachend: »Soll ich 
denn meinen Augen trauen? Du Einsiedler machst einen 
Besuch?« 
»Na Ehrensache«, schmunzelte der Mann, der in seinem 

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altmodischen Bratenrock sehr würdig aussah. »Wenn so ein 
feines Prinzeßlein sich verlobt, da sitzt selbst unser lieber 

Herrgott zu Gast.« Damit überreichte er der 
freudestrahlenden Hariet fünf seiner so ängstlich gehüteten 
»Königinnen«. 
»Die sind zur Verlobung, gnädiges Fräulein«, verneigte er 
sich galant. »Zur Hochzeit gibt es etwas ganz Apartes.« 
»Kommt ihr auch zu«, meinte die Mutz seelenruhig. »Und 
nun reihen Sie sich ein in unsere Runde, Sie lieber Gast. 
Dudeln Sie sich ruhig einen an, das ist die Sache schon 
wert.« 
Und schon war es aus mit der feierlichen Stimmung. Sie 
wurde fröhlich wie zuvor, und dieser Ehrengast wurde 
allgemein becourt. Schmunzelnd ließ er es sich gefallen. 

Sagte bedächtig, nachdem er den ersten Schluck auf das 
Glück des Brautpaares getrunken hatte: 
»Es ist nun einmal was eigenes um unser Prinzeßlein, das 
spürte ich sofort, nachdem ich es sah. Wir sind glücklich, 
eine solche Herrin zu bekommen, die Mamsell, der Lorenz, 
der August und ich. Die sind halb närrisch vor Freude.« 
»Noch mehr als ich, Melchior?« Da ging ein Lachen über 
das faltige Männerantlitz. 
»Nein, wohl kaum. Denn so närrisch wie der Herr Baron 
sich benahm, als er gestern zu mir hereinplatzte und 
Blumen holte, das war schon der Höhepunkt von 
Närrischsein.« 

Da brach ein kaum endenwollender Jubel los. Als der sich 
gelegt hatte, fragte die Mutz mit spitzbübischem Lächeln: 
»Und was wird dem jungen Paar beschieden sein, Sie 
Hellseher?« 
»Hat sich was mit der Hellseherei, gnädige Frau«, kam es 
schmunzelnd zurück. »Denn so hell wie ich, dürften wir 
alle hier sehen, nämlich: Daß da immer daß Glück ist, wo 
die Liebe haust. Und daran wird es im Schloß niemals 
mangeln.« 
Und damit sollte er recht behalten. Denn die junge 
Baronin erfüllte das, was die Fee ihr riet: Sie dankte Gott 

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für ihr Glück immer wieder aufs neu, wurde nicht hoffärtig 
dabei – und so wurde denn ihr Leben ein köstliches und 

ein gesegnetes. 
ENDE