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2

Alexander Calhoun 

So long, Cochise 

Apache Cochise 

Band Nr. 36 

Version 1.0 

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3

Prolog 

Ihr Land war es, in das Mexikaner und Amerikaner 
eindrangen. Das Land ihrer Väter. Karstig und elend, 
wasserarm und unfruchtbar schmorte es unter heißer 
Arizonasonne. Wüste, bizarre Klippen, himmelansteigende 
Berge und Giftschlangen. Trotzdem verteidigten sie es mit der 
Stärke ihrer Seele und dem wilden Schlag ihrer Herzen. Zu 
diesem Zeitpunkt waren sie längst keine Athapasken mehr, 
sondern deren Nachfahren: Apachen.
 

Sie selbst nannten sich T'Inde ++ Volk, auch Naizhan ++ 

Unsere Rasse. Und sie besiedelten ein Land so groß wie 
Deutschland und Frankreich zusammen. In diesen ihren 
Jagdgründen leisteten sie Eindringlingen Widerstand und 
verteidigten jeden Fußbreit Boden mit ihrem Herzblut.
 

Zur Zeit der Handlung unserer Geschichte APACHE 

COCHISE lebten 6000-7000 Apachen, die in Arizona und 
Neumexiko Angst und Schrecken verbreiteten, besonders im 
amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet und weit in Sonora, 
bis hinunter zur Sierra Madre Occidental.
 

Ihren Haß gegen die Nachfahren der Spanier und den 

Erzfeind, die Comanchen, übertrugen sie auf ihre neuen 
Unterdrücker. Von ihnen ist die Rede in unserer Serie. Sie ist 
die historiengetreue Basis der Thematik APACHE COCHISE.
 

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4

*** 

»Wer gibt hier die Befehle? Ihr oder ich?« 

»Ich sage dir, Sam, das können wir nicht machen!« 
»Und warum nicht, Casy?« 
Casy Carradine reckte seine schmächtige Brust und 

schleuderte einen wütenden Blick durch die Dunkelheit zu 
Samuel High. Die anderen schwiegen. 

»Weil wir dann den ganzen Stamm auf den Fersen haben. 

Hunderte von Chiricahuas werden auf unserer Spur kleben und 
den Tod ihres Häuptlings rächen. Wir hätten nicht die geringste 
Chance.« 

»Memmen! Angst vor einer Rothaut! Hat die Welt so was 

schon gesehen?« 

»Wie du es auch auslegst, laß Cochise in Ruhe«, erwiderte 

Casy ruhig. »Ich hole den Teufel aus der Hölle, wenn es sein 
muß, aber mit den Apachen lege ich mich nicht an. Basta!« 

Samuel High ließ die Zügel seines Pferdes los, setzte sich auf 

einen Stein und starrte düster auf die Banditengruppe. Sie 
waren acht, ihn eingerechnet. Dort unten beim Feuer saßen nur 
vier Rothäute: Cochise und weitere drei Chiricahuas. 

High spürte die Ablehnung seiner Leute. Aus ihren Mienen 

sprach Starrsinn und Angst. Eine so günstige Gelegenheit, sich 
ihre Verfolger vom Hals zu schaffen, würde sich nie wieder 
bieten. 

»Den Teufel holst du aus der Hölle, Casy? So, den Teufel? 

Dort unten sitzt er. Du brauchst nur hinunterzugehen und ihn 
festzunehmen. Kleinigkeit, wie?« 

»Du bist schlechthin ein Narr, Samuel, und du scheinst nicht 

zu wissen, wie die Stämme reagieren, wenn wir ihren Jefe 
umlegen«, wehrte sich der kaltgesichtige Revolvermann. 
»Cochise ist nicht einfach ein Indianer, den man abschießt wie 

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5

eine Klapperschlange. Cochise ist eben Cochise, nicht mehr 
und nicht weniger.« 

Samuel High lachte gehässig. 
»Du gehörst zu jenen Leuten, die sich mit dem Hintern auf 

'ne Kreissäge setzen und danach genau sagen, welcher Zacken 
sie geritzt hat. Blöder Hund!« 

»Das nimmst du zurück, Sam!« Casy Carradine fuhr hoch. 

»Von dir lasse ich mich noch lange nicht blöder Hund nennen. 
Los. Nimm's zurück!« 

High stand auf, spreizte die Beine und beugte sich ein wenig 

vor. Es war die typische Haltung von Männern, die ihre 
Streitigkeiten mit einem Revolver austrugen. Carradine lachte 
nur. ++ »Das kannst du gar nicht riskieren, du Angeber. Ein 
Schuß würde sofort unsere Anwesenheit verraten und die 
Apachen auf die Beine bringen. Hier oben im Badsland sind sie 
uns haushoch überlegen und …« 

»Halte deine verdammte Klappe!« unterbrach ihn High. »Ich 

gebe die Befehle und niemand anders, verstanden? Eine Stunde 
vor Sonnenaufgang greifen wir an. Das ist mein letztes Wort!« 

Carradine schaute den anderen in die Gesichter, einen nach 

dem anderen. Was er in der Dunkelheit sah, war nicht viel. 
Jedenfalls nicht genug, ihre Gedanken zu erraten. Aber ihre 
stimmungsbedingte Ablehnung spürte er deutlich. Niemand 
rannte blinden Auges in ein offenes Messer, und wie die 
Apachen ihre Klingen zu benutzen verstanden, wußte jeder. 

High entspannte sich, setzte sich aber nicht wieder. Er ging 

auf leisen Sohlen zum Ausgang des engen Spalts im Felsen und 
stierte in den Canyon hinab. 

Das Feuer war herabgebrannt. Das dämonische Auge der 

Glut beleuchtete geisterhaft die vier Indianer. Alles, auch ihre 
Umgebung, war wie in rote Farbe getaucht. 

Schweigend studierte High die Umgebung beim Lagerfeuer. 

Die linke Seite des Canyons war frei von Vegetation. An der 
rechten zogen sich Streifen von Yuccas, Speerdom und Disteln 

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6

bis zu jenem Punkt, den sein Augen gerade noch erreichen 
konnte. Sogar ein Palo Verde-Baum stand einsam und wie 
vergessen dort unten. 

Samuel High ging den kurzen Weg in die Schatten der 

Klamm zurück und setzte sich wieder auf den Stein. Wer ihn 
näher betrachtete, mußte von diesem Mann enttäuscht sein. 
Unter einem Desperado stellte man sich in diesem Land etwas 
ganz anderes vor. Hochgewachsen und hart mußte ein Bandit 
sein. Sein Äußeres mußte abgerissen und schmutzstarrend 
wirken und sein Auftreten herrisch und jeder Lage gewachsen. 

Nichts von alledem. High wirkte zwar körperlich nicht klein, 

aber den Idealvorstellungen der in jenem Raum lebenden 
Menschen entsprach er nicht. Zwar bedeckte ein tagealter 
Stoppelbart sein Gesicht und seine Lippen waren schmal, aber 
seine Kleidung war makellos, im Gegensatz zu der seiner 
Kumpane. 

Helle Augen musterten die schweigsamen Gestalten. Und als 

er sprach, klang seine Stimme durchaus nicht wie die eines 
Outlaws, gemessen an der Vorstellung der breiten Masse. 

»Wir überwältigen sie im Morgengrauen, Jungs. Wer Angst 

hat, trete rechts raus. Wir können es uns bei unseren 
bevorstehenden Geschäften nicht leisten, einen Trupp 
Chiricahuas wie einen Kometenschweif hinter uns herzuziehen. 
Nun?« 

Niemand bewegte sich. Auch Casy Carradine wechselte nicht 

seinen Standort. Der kaltgesichtige Revolvermann blieb wie 
ein Bolzen stehen, gab aber seiner Meinung mit einer gewissen 
Lautstärke Ausdruck. 

»Das hast du zu verantworten, Sam. Hättest du die 

Indianerfamilie in Ruhe gelassen, könnten wir uns nun in 
Sicherheit wiegen. Du hast deine Weisheit vom verkehrten 
Baum der Erkenntnis geschüttelt, aber du siehst das nicht ein 
und gehst stur deinen Weg.« 

»Warum nörgelst du ständig an mir herum, Casy? Kannst du 

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7

es besser als ich? Ich meine, willst du die Bande führen?« 

»Ich will sie nicht führen«, orgelte Carradine. »Eine gesunde 

Kritik muß jedoch erlaubt sein. Wir sind nicht deine Sklaven, 
Sam, und wir lassen uns nicht herumhetzen und unsere Haut 
schinden.« 

»Noch ist keiner von uns geschunden worden.« High erhob 

seine Stimme. »Im Gegenteil! Ich glaube, wir haben alle ganz 
gut bei unseren Geschäften verdient. Ist jemand anderer 
Meinung?« 

Schweigen, verstimmt und zurückhaltend, aber anhaltendes 

Schweigen. 

Samuel High fuhr fort: »Die Apachen müssen getötet 

werden, das sind wir unserer Sicherheit schuldig. Tun wir's 
nicht, werden unsere Skalps bald vor einigen Wicki-ups 
trocknen.« 

»Du willst Cochise umbringen«, erwiderte ein anderer mit 

dem Namen Elias Quant. »Weißt du, was du da tust? Die 
Indianer sind sich untereinander nicht grün, das gebe ich zu. 
Aber wenn es um den Chief geht, sind alle Streitigkeiten unter 
den Stämmen vergessen. Vereint werden sie sich erheben und 
ihr Kriegsgeschrei ausstoßen. Hast du ihren Kampfruf schon 
einmal gehört, Boß? Ich sage dir, das geht unter die Haut, 
durch Mark und Knochen. Das ist so, als seien auf einmal 
sämtliche Teufel der Hölle losgelassen.« 

Elias schrie die letzten Worte fast, so erregte er sich bei dem 

Gedanken an das Kriegsgeschrei der Chiricahuas. 

High antwortete wegwerfend: »Du übertreibst, Eli. Sie sind 

Wilde, nichts weiter. Barbaren!« setzte er im Brustton der 
Überzeugung hinzu. Und als Abschluß: »Mordbestien!« 

Sein Atem ging stoßweise, als er jedem der Outlaws ins 

Gesicht blickte und eine drohende Miene aufsetzte. Am 
längsten blieben seine Augen auf Casy Carradine hängen. In 
ihm sah er seinen eigentlichen Widersacher, außerdem 
fürchtete er Casys Revolver. 

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8

»Sattelt die Pferde ab und ruht euch aus«, befahl er nach 

einer Weile drückenden Schweigens. »Wenn wir das dort unten 
erledigt haben, verschwinden wir aus der Gegend. Burt, du 
übernimmst die erste Wache.« 

»Klar, Boß.« 
Die enge Klamm war kalt und feucht, aber ein 

ausgezeichnetes Versteck für Leute, die das Tageslicht scheuen 
mußten. Zwei Outlaws trieben die Pferde nach hinten und 
nahmen ihnen die Lasten ab. Auf ein Feuer mußten sie 
während der Nacht verzichten, weil es ihre Anwesenheit 
todsicher an die Apachen verraten hätte. 

Chiricahuas rochen Rauch auf eine Meile, und ihre Augen 

waren schärfer als die von Nachtfalken. Ihre unmittelbare Nähe 
verunsicherte die Weißen, aber sie mußten sich damit abfinden, 
wenn sie ihren Coup am frühen Morgen starten wollten. 

Apachen auf der eigenen Fährte war immer eine Gefahr, die 

man nicht ignorieren durfte. Man entledigte sich ihrer am 
besten, wenn man kurz entschlossen reinen Tisch machte und 
die Indianer in die Ewigen Jagdgründe schickte. 

In den meisten Fällen war dies jedoch leichter gesagt als 

getan. Apachen waren sehr geschickt und im Nahkampf selbst 
den gutbewaffneten Weißen überlegen. 

Beunruhigt durch die Lautlosigkeit der umgebenden Wildnis 

stand Samuel High wieder auf und wanderte zum Ausgang des 
Spaltes. Das Feuer glühte noch, schwacher Rauch kräuselte wie 
ein Faden zum Himmel und verteilte sich in höheren 
Luftschichten. 

Um das erlöschende Feuer buckelten vier Pakete, lang und 

wahllos hingestreckt. Daß eins dieser Packen nur eine leere 
Hülle war, konnte der Bandit nicht wissen. Apachen ließen ein 
Lager, und sei es noch so klein, nie unbeaufsichtigt. 

Aber den Krieger, der die Wache übernommen hatte, sah 

man nicht. 

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Der einzelne Reiter näherte sich dem langen Hang, der mit 
Geröll und Erosionsschutt bedeckt war. Der Mann, ganz in 
Wildleder gekleidet, ritt ein Pferd von dunkelbrauner Farbe, 
das das Brandzeichen der Armee trug. Sein rötlich gewelltes 
Haar wurde von einem grauen Feldhut bedeckt. 

John Haggerty war mit jeder Phase der Wildnis in diesem 

Landesbereich vertraut. Hinter ihm lag Fort Bowie, vor ihm der 
Apachen Paß. 

Die Sonne prallte mit voller Stärke auf die lange, unendlich 

lange Steigung, die sich in Windungen hinaufzog zum 
eigentlichen Paßsattel. Nicht der kleinste Strauch wuchs auf 
dem karstigen Boden, kein Grashalm, kein Baum. Nackt und in 
der Sonne gleißend wie flüssiges Silber lag das tote Gestein 
steril wie eine Mondlandschaft vor dem einsamen Reiter. 

Einsam? 
Kaum. Haggerty wußte, daß jeder Schritt seines Pferdes von 

scharfen Indianeraugen beobachtet wurde. Er befand sich auf 
Cochises Territorium, auf dem angestammten Land der 
Chiricahuas, und keinem lebenden Wesen würde es jemals 
gelingen, es ungesehen zu durchqueren. 

Kurz nach Mittag tauchten Roß und Reiter in die kühlen 

Schatten zwischen den steil aufragenden Hängen beim Sattel 
ein. Jeder Meter Boden war hier erdgebundene Tradition und 
vom Blut gefallener Weißer und Apachen getränkt. 

Hier oben hatte Victorio, der Mimbrenjo, seine größte 

Demütigung erfahren. Hier war Cochise mit seinem größten 
Apachenaufgebot, das die Geschichte in Südwest kennt, von 
den Haubitzen des Captain Thomas Roberts mit seinen 126 
California Volunteers geschlagen worden, und hier, nicht weit 
entfernt, rottete der übereifrige Lieutenant George N. Bascom 
Cochises Sippe fast aus. 

Am Apachen Paß war Geschichte gemacht worden, eine 

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traurige Geschichte, die sich mit blutigen Lettern in das Buch 
der Ewigkeit eingeschrieben hatte, und hier oben würde die 
Geschichte der Apachen irgendwie zu Ende gehen. Früher oder 
später. 

John warf einen traurigen Blick auf die braunen und grauen 

Hänge, auf die Seitencanyons und Spalten, und seine Gedanken 
waren dabei so leer wie das Land. 

Sein Pferd trabte um die Kehre. Der Reiter setzte sich im 

Sattel zurecht und kaschierte seinen gedankenvollen 
Gesichtsausdruck mit einem leichten Lächeln. 

Übergangslos wurde das Land grün. Zahlreiche Quellen 

speisten den dürftigen Humusboden und garantierten eine fette 
Weide für Pferde und Maultiere der Butterfield Mail. 

Die Station tauchte auf, Ställe, Schuppen, die Schmiede. 

Sämtliche Bauten trugen noch die Spuren eines Brandes und 
sahen aus wie geräucherte Schinken. John Haggerty ritt durch 
das Tor. Ein Mann in derber Kleidung kam ihm entgegen und 
grüßte mit der Hand. 

»Hallo, Mr. Haggerty, wie geht's?« 
»Hallo, Buck!« rief John freundlich. »Wie geht's immer hier 

oben?« 

»Ruhig, sehr ruhig. Was bringt Sie so hoch herauf? 

Hoffentlich nicht ein neues Ungewitter?« 

Haggerty schwang sich aus dem Sattel und begrüßte den 

schwarzhaarigen Revolvermann mit Handschlag. Über den 
Platz zwischen Stationshaus und Stall kam der blondhaarige 
Larry Osborne und stieß lachend einen Ruf hervor. 

Die Männer schüttelten sich die Hände, klopften sich aus 

Wiedersehensfreude auf die Schultern und tauschten 
Witzeleien aus. 

»Um Ihre Frage zu beantworten, Mr. Tinatra: Kein 

Ungewitter ist im Anzug. Die Sonne wird weiter scheinen und 
ungetrübten Glanz auf die Hütten werfen. Wie geht es Thomas 
Jeffords?« 

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»Er ist im Haus«, antwortete Larry Osborne. »Gehen Sie 

doch hinein, Haggerty.« 

»Das werde ich tun. Kommen Sie mit?« 
»Geht nicht, Sir. Eine Postkutsche ist angemeldet. Sie bringt 

einen schrägen Vogel, den wir nicht aus den Augen lassen 
wollen.« 

Haggerty lachte und ging auf das große Haus zu. In dem 

Augenblick, als er die Steintreppe betrat und das Podest 
erreichte, ertönte aus dem Haus ein brüllender Ruf. Die Tür 
wurde aufgerissen und schlug donnernd gegen die Wand. 

Thomas Jeffords stand auf der Schwelle und streckte John 

beide Hände entgegen. 

»Willkommen, John Haggerty! Willkommen in der 

bescheidenen Festung der Butterfield Mail!« 

John blieb stehen und grinste. Er musterte Thomas eine 

ganze Weile, wie das damals in diesem Land üblich war, wenn 
man sich eine geraume Weile nicht mehr gesehen hatte. 

Stämmig, breitschultrig, grinste ihn Jeffords an. Sein 

rötlicher Bart glänzte wie Katzengold und ringelte sich um das 
willensstarke Kinn, ohne dabei seine Züge zu verändern. An 
diesem Mann wirkte alles stark, freundlich und ehrlich. 

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, drückten sie, 

schüttelten immer wieder. Es lag etwas Kraftvolles in diesem 
Händeschütteln und -drücken, das Zuneigung und Vertrauen 
ausdrückte. 

»Kommen Sie herein«, sagte Jeffords. »Sie werden Hunger 

haben und durstig sein. Alles für einen alten Freund vorhanden, 
alles. Und noch mehr.« 

John lachte. Dieses Ungestüme kannte er bei dem sonst so 

ruhigen Jeffords nicht. Er trat über die Schwelle und ließ sich 
von Jeffords in dessen Büro begleiten. Kühl und dämmerig war 
es in dem mittelgroßen Raum. John blieb stehen. 

»Ich will erst mein Pferd absatteln und in den Stall bringen 

…« 

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»Keine Sorge, das hat Burt Kelly schon getan. Wir sind doch 

keine Barbaren hier oben, wo denken Sie hin?« 

Sie lachten, rückten sich Stühle zurecht und nahmen Platz. 

Thomas Jeffords sagte: 

»Wir essen zusammen mit den Reisenden, die erwartet 

werden. Einverstanden?« 

»Natürlich«, antwortete John. »Noch bin ich nicht 

verhungert. Sie erwarten einen schrägen Vogel, wie mir Larry 
sagte. Um wen handelt es sich?« 

»Das wissen wir leider nicht. Ein Reiter des Pony Express 

brachte uns die Nachricht vom Sheriff aus San Simon. Sie 
wissen, daß jeder über den Paß muß, wenn er nach Süden oder 
umgekehrt nach Norden will. Und wir konnten bisher so 
manchen Galgenstrick an das Gesetz ausliefern oder 
entsprechende Hinweise geben.« 

Thomas Jeffords nahm eine Flasche und zwei Gläser aus 

dem Schrank und goß ein. John Haggerty, der ehemalige 
Chiefscout, hob sein Glas und trank Jeffords zu. 

»Was führt Sie zu uns Hinterwäldlern, John? Wenn es ein 

militärisches Geheimnis ist, vergessen Sie meine Frage.« 

»Durchaus nicht. Ich brauche Ihren Rat, Mr. Jeffords. 

General Howard ist der Meinung, daß Sie der Armee helfen 
und einen Dienst erweisen können.« 

»Wenn es in meiner Macht steht ++ natürlich!« 
Haggerty trank noch einmal einen kleinen Schluck. Er 

machte sich nicht viel aus Hochprozentigem, ging aber zu 
Ehren Jeffords von der Regel ab. 

»Sie haben von der Western Union gehört, oder? Wie dem 

auch sei, die Gesellschaft baut eine Telegrafenlinie bis in den 
Südwestzipfel von Arizona. Die Sache wird vom Kongreß 
unterstützt und steht unter der Schirmherrschaft des 
Präsidenten.« 

»Ich weiß«, sagte Jeffords. »Details sind bekannt. Aber was 

hat das mit Ihrer Anwesenheit beim Paß zu tun?« 

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»Das wollte ich Ihnen gerade erklären.« 
John senkte die Stimme und gab Jeffords einen ausführlichen 

Bericht zur Lage. Er schloß mit den Worten: 

»Howard bittet Sie, sich mit mir bei Cochise stark dafür zu 

machen, daß er sich nicht an den Überfällen auf die 
Streckenbauer beteiligt. Der General ist der Meinung, daß wir 
beide, weil wir mit Cochise befreundet sind, ihm die Worte ins 
richtige Ohr flüstern können.« 

Thomas Jeffords lachte. 
»Ob wir noch Freunde von Cochise sind, weiß man nicht so 

genau.« 

»Auf Cochise kann ich mich verlassen«, erwiderte John. 
»Cochise vergißt aber nie, das kann ich sagen. Dieser Mann 

ist zwar ein indianischer Gentleman, aber leider auch Indianer. 
Ein Fürst wie er hat es nicht nötig, einem Weißen auch nur den 
geringsten Gefallen zu tun. Sie wollen also, daß ich mit Ihnen 
zusammen Cochise aufsuche?« 

»Es ist der Wunsch des Generals.« 
Jeffords überlegte kurz. Nach einer Weile sagte er: 
»Okay, wir reiten morgen früh. Bis dahin sind Sie Gast der 

Butterfield. Hören Sie! Die Kutsche kommt! Wir warten noch 
ein paar Minuten und gehen dann in den Speisesaal. 
Einverstanden?« 

John war es. Er wußte genau, warum ihn Jeffords zu den 

Reisenden schleppte. 

Zwei Tage später hielten sie Steigbügel an Steigbügel auf 
einem Hügel hoch über dem Osthang der Dragoon Mountains. 
John Haggerty kannte Cochises Versteck und getraute sich, den 
Weg dorthin zu finden. 

Je mehr sie sich der Apacheria näherten, desto höher schlug 

sein Herz. Das mulmige Gefühl, beobachtet zu werden, hatte 

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sie schon gestern den ganzen Tag nicht verlassen. 

Apachenspäher hatten scharfe Augen und die Ankunft des 

»Falken« bereits weitergemeldet. Das war sicher. Sie wären 
sonst niemals so weit gekommen. 

Thomas Jeffords stieß einen Grunzlaut aus und zeigte mit der 

ausgestreckten Hand auf einen nahen Hügel. Wie eine Statue 
aus braunem Lehm hob sich dort ein Indianer gegen den hellen 
Himmel ab. 

»Sie beobachten uns«, sagte John. »Haben Sie aber keine 

Furcht, sie sind uns friedlich gesonnen.« 

»Woher wissen Sie das? Können Sie hellsehen?« 
John lachte. »Das nicht, ich kenne aber ihre Sitten und 

Gebräuche. Apachen können Sie nur sehen, wenn sie gesehen 
werden wollen. Die Rothaut dort auf der Klippe will uns nur 
sagen, daß wir auf dem richtigen Weg und willkommen sind. 
Reiten wir weiter!« 

Vor Sonnenuntergang gelangten sie in die Nähe von 

Cochises Lager. Die Apacheria lag eingebettet zwischen zwei 
Klippenzügen und wurde von mächtigen Brocken 
glattgeschliffenen Felsens eingeschlossen, die die letzte Eiszeit 
zurückgelassen hatte. 

John und Thomas ritten in die rote Sonne hinein und 

schlossen geblendet die Augen. Die Pferde fanden den Weg 
allein, es gab nur den einen. Wer über die Felsbarrieren wollte, 
mußte Saugnäpfe an den Fußsohlen haben. 

Unvermittelt blieben beide Pferde stehen. John öffnete die 

Augen einen Spalt und blinzelte gegen die Feuerlohe. Gestalten 
standen vor ihren Pferden, wilde Gestalten, die zur Umgebung 
paßten, als wären sie ein Stück von ihr. 

Sie waren zu dritt angetreten, und einer von ihnen, ein älterer 

Apache, hob die flache Hand. John erwiderte den Gruß und 
war zufrieden. 

»Der Falke will zu Cochise?« 
»Ist der Jefe in seinem Jacale?« 

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»Er ist nicht bei seiner Familie. Cochise ist auf dem Weg der 

Rache und hat den Pfad des Krieges beschritten.« 

John Haggerty erschrak. Cochise auf dem Kriegspfad, das 

hatte nichts Gutes zu bedeuten. 

»Wird mein roter Freund mir mitteilen, wohin sich der Jefe 

begeben hat? Ist sein Kriegsbeil gegen die Weißen gerichtet 
oder gegen Indianer eines anderen Stammes?« 

»Desperados töteten eine Sippe der Chiricahuas … Weiße.« 
Haggerty und Jeffords wechselten einen Blick. Thomas 

Jeffords wandte sich an den Chiricahua. 

»Cochise ist mein Freund, du weißt es?« Als der Rote 

würdevoll nickte, fuhr er fort: »Ich muß dringend zu dem Jefe. 
Wirst du mir sagen, welchen Weg er geritten ist?« 

Der Krieger drehte sich herum, während die beiden anderen 

mit ausdruckslosen Gesichtern die Weißen musterten. »Diesen 
Weg, Hellauge.« Das war Norden. John und Thomas 
überlegten fieberhaft, wie sie Cochise so schnell wie möglich 
erreichten, ohne weite Umwege durch Suchen machen zu 
müssen. 

»Wie viele Krieger hat Cochise mitgenommen?« 
»Wieviel Tatzen braucht ein Bär, um ein Kitz zu schlagen?« 
»Eine«, sagte John überzeugungsgemäß. »Aber die Weißen 

sind in der Überzahl, wie?« 

Der Apache nickte. Nach einigem Zögern bequemte er sich 

dazu, ein wenig mehr aus sich herauszugehen. 

»Cochise hat Naiche und zwei Krieger dabei. Du wirst seine 

Spur nicht finden, Falke. Cochise ist wie der Wind und schlau 
wie der Wüstenfuchs.« 

»Für heute ist es sowieso zu spät«, murmelte Jeffords. Er 

hatte Hunger und Durst, und er war müde. 

So leise er gesprochen hatte, der Indianer hatte es gehört. 
»Cochises Jacale steht seinen Freunden zur Verfügung. 

Kommt!« 

Ohne Antwort abzuwarten, stürmte er wie eine Gazelle 

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davon. Die beiden Chiricahuas folgten ihm. Ein paar Minuten 
lang ging es durch ein Labyrinth von Felsgiganten und 
Barrieren. Während John sein Pferd unter Kontrolle hielt, 
dachte er darüber nach, wie es sein würde, wenn die Armee 
diese natürliche Festung angriff. Ein Regiment wäre 
notwendig, Cochises Bastion zu erobern. 

Plötzlich standen sie in einem langgestreckten Tal, das von 

steilen Hängen flankenartig eingeschnürt wurde. Es mußte hier 
oben reichlich Wasser geben. Gutes Gras und Büsche wuchsen, 
und weiter hinten im Canyon weideten Ponys. 

In diesem Augenblick ging die Sonne unter. Dämmerung 

legte sich wie ein schützender Mantel um die Apachenfestung. 
Aus einem Wicki-up trat eine schlanke Gestalt und blieb drei 
Schritte vor den Weißen stehen. 

John schwang sich aus dem Sattel und begrüßte Tla-ina mit 

ausgestreckter Hand. Eine Sekunde lang sah es aus, als wollte 
sich das Mädchen an seine Brust werfen und seine Arme um 
den Hals des Weißen schlingen. 

Aber Tla-ina hielt sich zurück. Die Begrüßung bei den 

Apachen geschah streng zeremoniell und zurückhaltend. 
Gefühle wurden nicht gezeigt, und wenn doch, dann nur 
zwischen Mann und Frau. 

»Der Falke hielt Wort. Er ist gekommen.« 
Eine logische Feststellung oder mehr? Tla-inas Gesicht blieb 

ausdruckslos, nur ihre dunklen Rehaugen leuchteten und 
deuteten an, was das Mädchen für John empfand. 

»Ich halte immer Wort, Tla-ina. Manchmal aber treten 

Umstände ein, die ein Wiedersehen zwischen uns 
hinauszögern. Die Zeit ist stärker als wir Menschen.« 

»Ich weiß es. Der Falke mag mit Cochises Freund in dessen 

Hütte treten. Das Essen steht bereit.« 

Als sie hinter dem Mädchen den Jacale betraten, kam ihnen 

Nahlekadeya, Cochises zweite Frau, entgegen. Ein stilles 
Lächeln überflog die Züge der schönen Nedni-Apachin und 

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Tochter des Häuptlings Yuh. 

»Willkommen in der Hütte des Jefe«, sagte sie. »Das Essen 

ist angerichtet. Bitte, nehmt Platz.« 

Beide folgten ihrer Einladung und setzten sich mit 

untergeschlagenen Beinen auf die Sitzkissen aus Fell und 
grobem Stoff. Aus den flachen Schüsseln in Feuernähe duftete 
es lieblich. Aus braunem Ton gebrannt, standen sie auf flachen 
Steinen, angestrahlt von der Wärme der Asche. 

Sie aßen aus muldenförmig vertieften Holzbrettern und 

bedienten sich eines hölzernen Löffels, die gebratenen 
Fleischstücke, Wildgemüse und die röstfrischen Tortillas zu 
verzehren. Zum Essen wurde klares Quellwasser, mit 
Fruchtsaft angereichert, gereicht. 

Nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, reichte Tla-ina 

eine Tonschüssel mit warmem Wasser und ein Tuch aus Bast. 
Nach Apachenart wurde während des Essens nicht gesprochen. 
Nun begann die Unterhaltung in Fluß zu kommen. 

Haggerty interessierte sich am meisten für den derzeitigen 

Aufenthaltsort Cochises und richtete eine entsprechende Frage 
an seine Frau. Nahlekadeya antwortete mit einem freundlichen 
Kopfschütteln. 

»Krieger pflegen ihren Frauen nicht zu sagen, wohin sie auf 

den Kriegspfad ziehen und gegen wen. Es sind weiße Männer, 
mehr kann ich dir nicht sagen, Falke.« 

Tla-ina setzte hinzu: »Weiße Desperados. Sie töteten eine 

Sippe unseres Volkes. Sie werden ihre Untat am Marterpfahl 
bereuen oder unter Cochises Kriegsbeil ihr verruchtes Leben 
aushauchen.« 

»Das ist schlimm«, erwiderte John. »Ich hatte gehofft, daß 

der Friede an der Grenze halten würde, jedenfalls länger als nur 
ein paar Wochen.« 

Cochises schöne Schwester übernahm die Antwort und wies 

mit aller Deutlichkeit darauf hin, daß die Weißen und nicht die 
Chiricahuas den Frieden brachen. Beinahe kalt fügte sie hinzu: 

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»Es sind die Weißen, die unsere Dörfer verbrennen, Kinder 

und Frauen töten. Müssen sich die Indianer, denen alles Land 
ringsum gehört, Mord und Totschlag ohne Gegenwehr gefallen 
lassen?« 

John schwieg. Er kannte die Situation an der Grenze und den 

Landhunger seiner Rasse. Jeffords senkte betreten den Kopf 
und hütete sich, die schöne Indianerin zu unterbrechen, oder ihr 
gar ins Wort zu fallen. Tla-ina erhob sich vom Feuer und 
entfernte sich. Beim Hütteneingang blieb sie stehen und warf 
einen Blick zu Haggerty. 

»Es ist sehr warm hier drin. Kommst du mit nach draußen, 

Falke?« 

Warm war es nicht im Wicki-up, aber John begriff. Alle 

Evastöchter, ob braun oder weiß, sie hatten eins gemeinsam: 
die List. John lächelte und stand auf. 

Als sie Seite an Seite ins Freie traten, standen Sterne am 

Himmel. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Wolken 
zogen träge über die hohen Berggipfel hinweg und jagten ihren 
Schatten auf der Erde nach. 

Im Tal brannten mehrere Feuer. Ihre Flammen loderten an 

den Felswänden empor und gaben den Büschen ein eigenes 
Leben. Tla-ina ging nicht etwa zu den Feuern hinüber, sondern 
in die entgegengesetzte Richtung. Sie wollte mit John allein 
sein und machte keinen Hehl daraus. 

»Du wirst dem Jefe folgen?« fragte sie. 
»Ich muß. Wenn möglich, bin ich gezwungen, ein weiteres 

Blutvergießen zu verhindern. Der Jefe muß endlich einsehen, 
daß das sinnlose Töten an der Grenze ein Ende haben muß.« 

»Die Mörder sollen straffrei ausgehen?« 
»Nein, Mädchen, und noch einmal nein. Sie werden ihre 

gerechte Strafe durch die Armee erhalten. Tod durch Hängen!« 

Unwillkürlich griff sich die Indianerin an den Hals. 
»Ein schrecklicher Tod«, sagte sie leise. 
»Unser Gesetz wird die Mörder deines Volkes so richten, wie 

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sie es verdienen. Das Recht der Weißen macht keine 
Ausnahme.« 

»Cochise wird damit nicht einverstanden sein. Wir Indianer 

haben auch ein Gesetz. Das Gesetz der Wildnis, der Berge und 
Flüsse, ein Gesetz, das wir aus dem Salz der Erde schöpfen und 
…« 

Haggerty blieb stehen und unterbrach Tla-ina. 
»Es gibt nur ein Gesetz, das wurde von Gott und den 

Menschen gemeinsam gemacht.« 

Sie wandte sich zu ihm um, blieb vor ihm stehen. Ihre Hände 

hoben sich in einer hilflos anmutenden Geste, schlangen sich 
um seinen Hals. So standen sie eine Weile und hörten ihre 
Herzen pochen. Mit besonderer Anmut hob Tla-ina dem Mann, 
den sie verehrte, ihr Gesicht empor. John fühlte, wie die 
Spannung ihre Glieder zittern ließ. 

»Dieses Gesetz«, sagte sie, »das Gesetz der Weißen, ist nur 

für die Bleichgesichter gemacht und schützt den roten Mann 
nicht. Das ist doch so, Falke?« 

»Unsere Gesetze sind für alle Menschen gleichermaßen 

gültig. Es faßt und verurteilt jeden, der gegen seine Buchstaben 
verstoßen hat. Mord bleibt nun einmal Mord, Tla-ina. Und ob 
der Mord an einem Indianer oder einem Weißen begangen 
wurde, spielt keine Rolle.« 

»Du wirst dem Jefe also nicht beistehen?« 
»Ich werde für Cochise alles tun, was in meiner Macht steht, 

das bin ich ihm schuldig. Er muß sich aber an die Auslegung 
unseres Gesetzes halten und die Gefangenen der Armee 
übergeben.« 

Tla-ina legte ihren Kopf gegen Johns Brust und senkte den 

Blick. Einen Moment lang war der Mann versucht, seinen 
Gefühlen nachzugeben und sie ganz fest an sich zu reißen. 

Sanft streichelte er das blauschwarze Haar des Mädchens. Er 

spürte, wie ihre Spannung erlahmte, wie sie nachgab und sich 
von ihm löste. Ihre Lippen blieben stumm, nur ihre Augen und 

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ihre Gesten sprachen. Aber was sie zum Ausdruck brachten, 
durfte John nicht verstehen. 

»Gehen wir«, sagte sie und setzte sich in Bewegung. 
In beiden brannte Leere und Enttäuschung, aber sie ließen es 

nicht deutlich werden und schnürten ihre Gefühle ein. Dumpfe 
Benommenheit befiel die beiden Menschen mit der 
unterschiedlichen Hautfarbe. Sie waren sich ihrer Liebe 
zueinander sicher, durften sich aber dieser Liebe nicht 
hingeben, weil Vorurteile und Weltanschauungen 
dazwischenstanden und wie eine unübersteigbare Mauer Weiß 
und Rot trennte. 

»Du reitest im Morgengrauen, Falke?« 
»Ich werde Cochise beistehen«, antwortete John schlicht. 
»Cochise braucht keine Hilfe«, erwiderte sie stolz. Dann 

besann sie sich und schwächte ihre Worte ab: »Mein Bruder 
benötigt deine Freundschaft mehr als Hilfe, Falke.« 

»Ja«, sagte er leise. »Meine Freundschaft ist ihm sicher. 

Trotzdem: ich werde ihm folgen und ihm beistehen, bei allem, 
was sein mag.« 

John Haggerty hielt das Fell am Jacaleeingang hoch und ließ 

Tla-ina eintreten. 

»Bewegt euch wie Katzen!« zischte Samuel High. »Kämpft 
wie Katzen, wenn es sein muß und tötet wie Katzen! Schnell, 
sicher und lautlos!« 

High bewegte die Arme wie Windflügel und stieß die Fäuste 

in den Canyon, als wollte er ihn zertrümmern. 

»Greifen wir sie frontal an?« fragte Murry Gutman. 
»Wir kreisen sie ein«, antwortete High aus der Dunkelheit. 
Im Osten kroch ein fahler Streifen über den Horizont und 

breitete sich aus. Der neue Tag brach an und schickte seinen 
Boten. Die Banditen verließen einer hinter dem anderen die 

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klammähnliche Seitenschlucht und kletterten über den 
geröllbedeckten Hang nach unten. 

Beim Lagerfeuer war alles ruhig. High deutete stumm auf 

den Vegetationsgürtel und schickte Casy Carradine und  Elias 
Quant los. Nach zwei Minuten folgten Burt Spencer und Ray 
Ewing. 

Wieder wartete Samuel High eine geraume Zeit, bevor er 

sich mit Lester Davis und Jim Joad nach der anderen Seite hin 
in Bewegung setzte und im Grüngürtel untertauchte. Der achte 
Mann war zurückgeblieben und bewachte die Pferde. Bei 
Chiricahuas konnte man nie wissen. 

Nach zehn Minuten war das Apachenlager eingekreist. Highs 

Leute zogen den Gürtel enger und bewegten sich nur noch 
kriechend. Würde ihr Vorhaben glücken? 

Mit Sicherheit wußten sie es nicht. Apachen hatten auch im 

Schlaf Ohren und vernahmen das leiseste Geräusch. Ein 
Steinkauz schickte seinen klagenden Ruf über das Lager 
hinweg. Ein Abschiedsruf an die Nacht und an die erfolgreich 
gewesene Jagd. 

Die Weißen verharrten wie erstarrt, wagten sich nicht zu 

rühren. Der Ruf verklang und ließ nackte Furcht und bebende 
Herzen zurück. Als nichts geschah, beruhigten sich die 
Outlaws und setzten ihren Weg kriechend fort. 

Der Schrei überraschte sie völlig. 
Es war ein seltsamer Schrei. Tierisch menschlich und doch 

so animalisch durchdringend in der Leblosigkeit und Stille der 
weichenden Nacht. 

Das Sirren des Pfeils überhörten die Weißen, aber nicht den 

Aufschrei eines ihrer Kumpane. Im Nu waren die Apachen auf 
den Beinen, Waffen in den nervigen Fäusten. 

»Auf sie!« brüllte High, der schnell begriffen hatte, daß das 

vierte Bündel beim Feuer nichts weiter als eine Attrappe war 
und ihr Inhalt zwischen Felstrümmern und stacheliger Flora 
versteckt lag. 

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Ein zweiter Pfeil schwirrte und traf Ray Ewing in den Arm. 

Der Rest der Banditen stürmte und stürzte sich mit 
geschwungenen Waffen auf die Indianer. 

Ein wildes Handgemenge entstand. Durch die Yuccas glitt 

ein Indianer, warf sein Messer in Quants Oberschenkel und 
stürzte sich in das Kampfgetümmel. 

High war an Cochise geraten, Carradine an Naiche. Der 

hochgewachsene Apache überragte den Revolvermann um 
einen ganzen Kopf. Der Nahkampf wogte hin und her. 
Verzweifelt wehrten sich die Chiricahuas, konnten sich aber 
der tödlichen Umklammerung und der Übermacht der Weißen 
nicht entziehen. 

Unter den Kolbenhieben brachen sie einer nach dem anderen 

zusammen. Cochise kämpfte mit dem Mut eines Löwen und 
stand bis zuletzt auf den Beinen. 

Als auch er unter einem Hieb zusammenbrach, gab es für die 

Outlaws kein Halten mehr. Sie stießen ein infernalisches 
Geheul aus. 

High gebot nach einer Weile Ruhe. 
Niemand von ihnen war ohne eine Blessur davongekommen. 

Sie verbanden ihre Wunden so gut es ging. 

Das Feuer flackerte wieder, genährt von trockenem Holz, 

und beleuchtete eine Szene wilder Geschäftigkeit. 

»Was machen wir mit ihnen?« fragte Carradine. »Töten wir 

sie?« 

»Dummkopf. Das hätten wir einfacher haben können. Wir 

hängen sie auf, mit dem Kopf nach unten und rund um den 
Stamm des Palo Verde dort drüben. Macht euch an die 
Arbeit!« 

Als Cochise und die übrigen Apachen wieder aus ihrer 

schweren Betäubung erwachten, hingen sie mit dem Kopf nach 
unten an dem rauhen Stamm des Palo Verde und sahen ihre 
Welt auf den Kopf gestellt. Am Feuer bewegten sich acht 
lädierte Weiße und stießen wilde Verwünschungen gegen die 

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Apachen aus. 

»Wir sind in ihrer Hand, Cochise, was können wir tun?« 
»Im Augenblick nichts weiter als warten, Naiche.« 
»Das Blut wird uns in den Kopf dringen und uns wieder 

bewußtlos machen.« 

»Sind die Krieger der Chiricahuas plötzlich alte Weiber 

geworden, die sich vor einer Ohnmacht fürchten?« 

Mehr sagte der Häuptling nicht. Naiche verstand den Vater 

und blieb still. Die beiden Krieger, die auf der anderen 
Baumseite hingen, schwiegen ebenfalls. In Gegenwart des 
Häuptlings hatten sie keine Stimme. 

Es wurde hell, der neue Tag brach mit mächtiger Lichtflut 

und erbarmungsloser Hitze an. Schweiß lief den Apachen in 
die Augen und blendete sie. Ihre einfache Wüstenkleidung troff 
nur so von Schweiß. 

Samuel High kam vom ersterbenden Feuer herüber, Casy 

Carradine im Schlepp und einen weiteren Mann, der seinen 
Arm in einer Schlinge trug. Ray Ewing litt unter der 
Pfeilwunde, und er mußte seine ganze Kraft aufbieten, um 
nicht laut zu fluchen und dem Jefe bösartig ins Gesicht zu 
treten. 

»Wie gefällt euch die Welt aus dieser Sicht, ihr roten 

Halunken?« fragte Sam High zynisch. 

Keine Antwort. High fuhr fort: 
»Fleht zu eurem Manitu, daß er euch von den Qualen erlöst. 

Wir tun es erst, wenn die Sonne am höchsten steht. Ein bißchen 
was sollt ihr noch von den Freuden dieser schönen Erde mit 
hinübernehmen in die Ewigen Jagdgründe, ihr rotes 
Geschmeiß!« 

Unter Hohngelächter und obszönen Worten entfernten sich 

die rüden Männer wieder. 

»Banditos!« zischte Naiche wütend und spuckte aus. Er 

spürte ruckartige Bewegungen am Seil, das ihn hielt. Cochise 
versuchte die Knoten durch Zerren und Rucken zu lockern. Es 

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mißlang. 

Stunde um Stunde verging. Die Sonne war nicht mehr weit 

vom Zenit entfernt und näherte sich schnell ihrem 
Scheitelpunkt. Cochise sah umher und suchte verzweifelt und 
ebenso vergeblich nach einer Rettungsmöglichkeit. 

Ein paar Nager huschten auf Futtersuche vorbei, eine 

Klapperschlange wand sich raschelnd durch das 
zundertrockene Unterholz. 

Von der Lagerstätte herüber toste das zynische Gelächter der 

entmenschten Banditen, und ihr Lachen, von den 
Vorstellungen über ihre Rache ausgelöst, hallte weit durch den 
Canyon. 

Knistern und kaum hörbares Knacken war in der Nähe des 

Baumes zu vernehmen. Die Chiricahuas hatten es gehört und 
verhielten sich still. Sie hielten sogar die Luft an, damit ihr 
keuchender Laut kein Geräusch verdeckte. 

»Cochise«, flüsterte es kaum hörbar. »Ich bin's, Cochise, der 

Falke.« 

»John«, hauchte Cochise. »Du bist es wirklich, John?« 
»Thomas Jeffords ist bei mir. Habt Geduld, wir befreien 

euch. Habt nur eine Sekunde Geduld.« 

»Warum wartest du und verlängerst unsere Qual, Falke?« 
»Nur eine Sekunde, eine winzige Sekunde«, erwiderte 

Haggerty zwischen den Yucca- und Diestelstauden. »Du wirst 
mich gleich verstehen.« 

Die Stimme war noch nicht verklungen, als ein mächtiges 

Getöse den Canyon erschütterte. Felsbrocken stürzten vom 
Canyonrand, hüllten das Lager in Staub und platzten am 
Canyonboden wie Granaten einer Feldhaubitze. 

Kreischendes Wiehern der Pferde, schrill vor Angst und 

Entsetzen, füllte den Canyon und löste ein Chaos unter den 
Banditen aus. Kopflos rannten sie umher, wichen rollenden 
Felsen aus und verloren die Orientierung völlig im wogenden 
Staub. 

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Neben Cochise tauchte John Haggerty auf. Ein Messer 

zuckte zu den Fesseln, Körper glitten zu Boden, blieben nach 
Atem ringend liegen. 

Das Donnern und Prasseln stürzenden Gesteins nahm 

gleichermaßen zu, wie das Schreien der Pferde und Brüllen der 
Banditen in höchster Qual. 

Und als schließlich der Steinschlag aussetzte und dafür 

Schüsse von oben fielen, gab es für die Desperados kein Halten 
mehr. Zu Pferd, zu Fuß oder kriechend, verließen sie den 
Kampfplatz und versuchten so schnell wie es nur ging den 
Canyonausgang zu gewinnen. 

John Haggerty kauerte neben dem Häuptling der Apachen, 

der unermüdlich seine Hand- und Fußgelenke rieb, um das 
gestaute Blut in Bewegung zu bringen. 

Cochise deutete nach oben. Der Staub hatte sich gelichtet. 

Man konnte deutlich den Canyonrand sehen und die Gestalt, 
die armschwenkend dort oben stand und Cochise zuwinkte. 

»Thomas Jeffords«, sagte Cochise. »Er handelte klug und 

weise.« 

Zusammen gingen sie zu der erkalteten Asche des 

Lagerfeuers und setzten sich wartend auf die Steine. Jeffords 
erschien nach kurzer Zeit und wurde von dem Häuptling mit 
Handschlag begrüßt. Kein Wort des Dankes, kein Lob floß 
über Cochises Lippen, als er sich neben Jeffords auf die 
flachen Steine setzte. 

John Haggerty eröffnete das Palaver nach Indianerart, das 

sich mehr in Gesten als in Worten ausdrückte. Er fragte: 

»Cochise ist auf der Jagd?« 
Cochise nickte, streckte seine Hand aus und schlug einen 

großen Bogen. 

»Ich jage Mörder und ging ihnen in die Falle. Der Falke und 

du, Thomas, habt mich gerettet. Cochise vergißt das nicht.« 

Einfach und schlicht klang Cochises Dank. Er sprach ohne 

Pathos, wie das sonst bei seiner Rasse üblich war. 

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»Was taten die weißen Banditen?« 
»Sie töteten Männer, Frauen und Kinder meines Volkes. Sie 

werden durch meine Hand sterben und den Frevel sühnen. 
How!« 

Haggerty sah eine Chance, mit seinem Anliegen 

herauszurücken. Sie konnte zu keinem anderen Augenblick 
besser sein. Cochise litt noch unter der Schmach seiner 
Gefangennahme und würde bereit sein, John geduldig 
zuzuhören. Außerdem hatte er Jeffords zur Unterstützung an 
seiner Seite. 

»Diese Mörder sind es auch, die den Telegraf und einsame 

Gehöfte überfallen, die Menschen massakrieren und die Schuld 
den Apachen in die Schuhe schieben. Aufruhr droht an der 
Grenze!« 

Cochise löste seinen Blick von der erkalteten Asche und sah 

John Haggerty an. 

»Dich schickt der einarmige General, Falke?« 
»Ich bin sein Bote«, antwortete John schlicht. 
Er wechselte einen Blick mit Jeffords, der Haggertys Zeichen 

verstand und sich in das Gespräch einschaltete. 

»Der Telegraf liegt auch mir am Herzen, Häuptling. Das 

Land braucht ihn, die Armee hat ihn dringend nötig, um Ruhe 
und Ordnung an der Grenze aufrechtzuerhalten, und ich 
brauche ihn ebenfalls dort oben am Paß.« 

Cochise lauschte dem Klang der Stimme und nahm die 

Worte in sich auf, ohne sich zu äußern. Er wartete, wartete auf 
das, was John Haggerty hinzusetzen  und ergänzen würde. John 
war aber der bessere Taktiker und schwieg. Er wollte sich nach 
dem orientieren, was der Häuptling Jeffords antwortete und in 
welcher Form er seine Gedanken bloßlegte. Doch er sah sich 
getäuscht. 

Cochise schwieg und blieb auch stumm wie ein Fisch, als er 

begriff, wie der Falke taktierte. Tiefe Niedergeschlagenheit 
ergriff diesen großartigen Indianerhäuptling, der sich in diesem 

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Augenblick über den Charakter des Telegrafs klar wurde. 

Die neue Taktik würde die Indianer in seinem Gebiet weiter 

eingrenzen und in die wilden Berge zurückdrängen, wo ihnen 
der gewohnte Lebensraum fehlte. 

Cochise sah die Dinge aus seiner Sicht und erkannte die 

andere Seite der Medaille nicht, die ihm von den Weißen 
angeboten wurde. Er fürchtete für seinen Stamm, für alle 
Indianer gemeinhin, und er war klug und weitschauend genug 
zu erkennen, daß der Telegraf den Untergang der roten Rasse 
beschleunigte. John Haggerty, dem das Schweigen bereits 
peinlich wurde, machte eine vage Geste mit der Hand und 
setzte seine Erklärung fort. 

»Der Telegraf kommt allen Menschen in diesem Territorium 

zugute«, erklärte er mit ruhiger, sachlich betonter Stimme. »Er 
wird seine Tätigkeit nicht nur in den Dienst der Armee stellen, 
sondern auch für Zivilisten und sogar für Indianer da sein. 
Erkennst du die Vorteile für das ganze Land, Cochise?« 

»Ich sehe die Vorteile für die Langmesser, Falke. Sie können 

sich über weite Räume hinweg verständigen, Unterstützung 
anfordern und einen Kampf für sich entscheiden, während den 
Apachen nur ihre eigene Nachrichtenübermittlung bleibt.« 

Thomas Jeffords fühlte den Kloß in seinem Hals und seinen 

belastenden Druck auf den Kehlkopf. Er würgte und schluckte, 
und er wunderte sich, wie glatt Haggertys Worte über dessen 
Lippen flossen. John war ein Freund der Apachen. Wie 
Cochise sah er den Untergang der roten Rasse. Stets hatte er 
sich für die Indianer eingesetzt und für ihre Interessen 
gekämpft. War das plötzlich anders geworden? 

Haggerty riß sich zu einer Antwort zusammen, obwohl er die 

augenblickliche tiefe Verstimmung des Jefe fühlte. Er sagte: 

»Das mag aus deiner Sicht gelten, Cochise. Wir wollen im 

Augenblick nicht darüber diskutieren, wer den größeren 
Nutzen durch den Telegraf hat. Ich kann dir aber versichern, 
daß den Stämmen der Apachen durch den Telegraf kein 

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größerer Schaden erwachsen wird.« 

John biß sich auf die Lippen und schwieg. Seine Antwort 

war taktisch unklug gewesen. Von Schaden hätte er nicht reden 
dürfen. Der hellhörige Indianer würde sofort einhaken und 
seine Argumente in die Waagschale werfen. 

Er hatte sich nicht geirrt. John sah es an dem mißtrauischen 

Augenausdruck Cochises, und in diesem Augenblick verfluchte 
er seinen Auftrag mitsamt dem General und dessem 
Sorgenkind: der Telegraf. 

Cochise, ein Kind der Natur und nur oberflächlich mit den 

zivilisatorischen Errungenschaften der Weißen behaftet, zog 
seine Weisheiten und Erkenntnisse aus den elementaren 
Naturgesetzen und handelte entsprechend. 

»Schaden«, sagte er gedrückt. »Hatten die Apachen nicht 

schon genug Schaden durch das ständige Vordringen der 
Weißen, die so vielzählig wie die Sandkörner in den Flüssen 
sind?« 

Bevor sich Haggerty auf Cochises Worte eine Antwort 

zurechtlegen konnte, wurde er abgelenkt. Ein Warnschrei gellte 
durch den Canyon. John stand auf und bedeckte die Augen mit 
der Hand, um die grellen Sonnenstrahlen zu mildern. Naiche 
kam zu Fuß den Canyon heraufgejagt und winkte warnend. 

»Sie sind nicht fortgeritten«, schrie er, »sie sammeln sich!« 
John fragte: »Was haben die Kerle vor?« 
»Rache für die Niederlage wollen sie«, antwortete Naiche, 

dabei ging sein Atem nach dem schnellen Lauf ruhig wie 
vorher. 

Johns zweite Frage traf den Kern. 
»Greifen sie uns an?« 
Naiche deutete auf den Canyonrand. 
»Sie kommen über den Höhenrücken.« 
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, fiel von oben ein 

Schuß. Thomas Jeffords zuckte zusammen und stürzte aufs 
Gesicht. Mit einem weiten Sprung war Haggerty bei ihm und 

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drehte ihn auf den Rücken. Der Schock hatte Jeffords in tiefe 
Ohnmacht sinken lassen. 

Cochise übertrug die Abwehr seinem Sohn, der sich mit den 

beiden Kriegern auf den Weg machte, Deckung hinter einer 
Felsbarriere zu suchen und die Weißen mit ihren Gewehren 
unter Feuer zu nehmen. 

Inzwischen kniete Cochise neben Jeffords und riß ihm das 

Hemd über der Brust auf. Die Wunde blutete heftig. Die Kugel 
war unterhalb des rechten Brustbeins eingetreten und im 
Rücken wieder ausgetreten, ohne einen Knochen oder die 
Lunge zu verletzen. 

»Wir müssen den Canyon verlassen, sonst stirbt er«, sagte 

Cochise zu Haggerty. »Ich nehme ihn auf mein Pferd.« 

»Er wird zuviel Blut verlieren«, erwiderte John und machte 

ein besorgtes Gesicht. »Wohin willst du ihn bringen?« 

»Er muß zu einem Medizinmann der Weißen gebracht 

werden«, antwortete Cochise. 

»Die nächste Stadt ist Pearce, Häuptling. In dem 

Schlammstraßen-Kaff wird es einen Doc geben. Ich weiß es 
aber nicht genau. Tombstone wäre besser, ist aber zu weit. Wir 
verbinden ihn erst einmal.« 

Minuten später waren Jeffords Wunden mit Kompressen 

versorgt. Eine breite Binde schlang sich um seine Brust und 
hielt das Blut zurück. 

Gemeinsam hoben sie den Ohnmächtigen zu Cochise aufs 

Pferd. Der Jefe steckte zwei Finger in den Mund und stieß 
einen schrillen Pfiff aus. Seine indianischen Begleiter deckten 
seinen Rückzug und feuerten pausenlos ihre Gewehre auf den 
rechten Canyonrand ab. 

John schwang sich auf sein Pferd und ritt im Galopp neben 

dem Häuptling her. Sie durchmaßen den Canyon und gelangten 
auf die Ebene zwischen den Dragoon- und den Chiricahua 
Mountains. Pearce lag genau im Osten, und wenn Jeffords die 
Strapaze des Rittes durchhielt, konnten sie die Ansiedlung in 

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weniger als einer Stunde erreichen. 

Als der Schlund der Main Street in Sicht kam, zügelte John 
seinen Dunkelbraunen. Er deutete auf die Stadt. Reger Verkehr 
floß durch ihre Straßen und staute sich in deren Zentrum. 

»Soll ich Thomas nicht allein zum Doc bringen? Ich könnte 

mir vorstellen, daß die Weißen an einen Überfall glauben und 
zu den Waffen greifen, wenn sie dich und deine Apachen 
sehen.« 

»Cochise bringt seinen Freund persönlich zu dem weißen 

Medizinmann«? antwortete Cochise bestimmt. Er gab dem 
hinter ihm reitenden Naiche Befehle und spornte sein Pferd 
wieder an. 

Die Apachen blieben zurück und machten sich unsichtbar, 

während John Haggerty damit rechnete, wegen Cochise mit 
den Stadtbewohnern Schwierigkeiten zu bekommen. 

Sie blieben auf der Straßenmitte und beobachteten die 

Menschen auf den Gehsteigen. Sie blieben mit offenen 
Mündern stehen und glotzten schweigend auf den seltsamen 
Reitertrupp. 

Nicht der Weiße und der Verwundete interessierte sie, das 

sahen sie alle Tage. Der hochgewachsene Indianer mit seiner 
majestätischen Haltung tat es ihnen an, und sie fragten sich im 
stillen, wer die Rothaut wohl war. 

An der Hauptstraße erkannte John das Türschild des Arztes. 

Er lenkte sein Pferd zum Halfterbalken und stieg aus dem 
Sattel. Zusammen trugen Cochise und Haggerty den 
bewußtlosen und vom Blutverlust geschwächten Jeffords ins 
Haus. 

Doc Keith Hampton kam ihnen im Korridor entgegen und riß 

die Tür zu seinem Ordinationsraum auf. Er brauchte eine 
geraume Weile, um den Schock über den Anblick des Apachen 

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zu überwinden. 

John machte nicht viel Umstände. Er wies sich aus und 

berichtete dem Arzt, was passiert war. Doc Hampton nickte, 
deutete auf den Operationstisch und sagte: 

»Legen wir ihn hier drauf, Mr. Haggerty. Hmhmm … Hätten 

Sie den Indianer nicht draußen lassen können? Sein Anblick 
macht mich ganz nervös.« 

»Sie brauchen keine Angst zu haben«, erwiderte Haggerty. 

»Cochise, der Häuptling der Apachen, tut Ihnen gewiß nichts 
zuleide.« 

»Oh, das ist Cochise?« 
Hampton setzte seinen Kneifer zurecht und starrte den Jefe 

wie ein Fabelwesen an. Als ihn Cochise fixierte, senkte er den 
Blick und machte sich an der durchbluteten Kleidung Jeffords 
zu schaffen. 

Als er die Wunde freilegte, pfiff er leise durch die Zähne. 

Cochise stand mit einem einzigen langen Schritt bei ihm und 
umklammerte seinen Arm. Seine Stimme kam tief aus der 
mächtigen Brust und grollte: 

»Wie steht es um meinen Freund Thomas? Wie schlimm ist 

es?« 

»Wenn wir eine Blutvergiftung abwenden können, wird er 

überleben. Aber die Wunde sieht gefährlich aus, Sir.« 

Cochise kannte die Anrede der Weißen, wenn sie einen 

anderen ehren wollten. Er zuckte mit keinem Lid und tat so, als 
sei er es gewohnt, mit Sir angeredet zu werden. 

Er hielt dem Doc die Faust unter die Nase. 
»Heile meinen Freund, Medizinmann. Du wirst von dem 

Häuptling der Apachen reich belohnt werden. Stirbt er, wirst 
du durch diese Hand sterben. Adios!« 

Er drehte sich herum und verließ lautlos das Zimmer. Doc 

Hampton warf Haggerty einen verstörten Blick zu und 
murmelte mit gerungenen Händen: 

»Ich kann nicht dafür garantieren, Mr. Haggerty, daß ich ihn 

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über die Runde kriege. Der Schußkanal sieht nach einem 
einsetzenden Wundbrand aus. Nein, ich kann nicht für die 
Erhaltung seines Lebens garantieren. Wird die Armee mich vor 
diesem Wilden beschützen, wenn er mir unter den Händen 
stirbt?« 

So makaber die Worte des Arztes in seinen Ohren klangen, 

John mußte lächeln. Dieser Wilde hatte Keith Hampton gesagt, 
und die nackte Angst hatte aus ihm gesprochen. Wenn Cochise 
ein Wilder war, dann mußte Haggerty sich selbst als 
Urzeitmensch betrachten. 

»Fangen Sie an!« befahl er barsch, um einer weiteren 

Diskussion um Leben oder Tod zu entgehen. Er ging zu einem 
Stuhl an der Wand und setzte sich. 

Der Arzt desinfizierte den Wundkanal. Durch den scharfen 

Schmerz klappte Thomas Jeffords die Augen auf und stieß ein 
schmerzgeplagtes Stöhnen aus. Aber sofort danach fiel er 
wieder in Ohnmacht. 

Doc Hampton verband den Durchschuß und wusch sich die 

Hände. Mehr konnte er nicht tun. 

»Wenn er über die Schwelle geht, bringt mich der Apache 

um«, sagte er mürrisch. »Das hat man nun davon, wenn man 
den Menschen hilft.« 

John winkte ab. Er stand auf und ging zum Tisch. Thomas 

hielt die Augen geschlossen, atmete aber tief und ruhig. 

»Sie sagen nichts«, jammerte der Arzt weiter, und sein 

Tonfall klang nun nörgelnd. »Ich kann nicht mehr für ihn tun 
als die Wunde zu reinigen und zu verbinden. Warum haben Sie 
den Verletzten nicht zu einem Medizinmann der Apachen 
gebracht?« 

»Weil er ein Weißer ist«, antwortete Haggerty. »Trauen Sie 

den Medizinmännern der Wilden, wie Sie sagten, mehr zu als 
Ihrer ärztlichen Kunst?« 

Doc Keith Hampton schnappte nach Luft und senkte 

beschämt die Augen. 

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 33

»Tut mir leid, Sir. Das war selbstverständlich nicht so 

gemeint.« 

»Was fangen wir mit dem Verwundeten an?« lenkte John 

vom Thema ab. »Können Sie ihn hier in Ihrem Haus 
behalten?« 

Hampton zögerte kurz, schließlich nickte er. John Haggerty 

ahnte, was den Arzt zu dem Zögern veranlaßt hatte. 

»Um das Honorar brauchen Sie sich keine Sorgen zu 

machen. Die Butterfield Mail kommt für alle Kosten auf, 
darauf können Sie sich verlassen. Außerdem machte Cochise 
Ihnen ein Angebot, das sich sehen lassen kann.« 

»Cochise? Die Apachen haben doch kein Geld.« 
»Aber Gold«, sagte John schnell. »Sie haben davon so viel, 

daß sie das ganze verdammte Drecksnest hier mit Nuggets 
kaufen könnten, die Bewohner eingeschlossen.« 

Dr. Keith Hampton warf John einen unsicheren Blick zu und 

schüttelte den grauhaarigen Kopf. 

»Es geht mir nicht um Geld, Sir, sondern um die Vorurteile, 

die die Leute meinem Verhalten gegenüber an den Tag legen 
werden. Ein Apache in meinem Haus … Das ist ungefähr so, 
als hätte ich Aussätzige hier beköstigt.« 

John Haggerty wandte sich angewidert ab. An der Tür drehte 

er sich noch einmal um. 

»Cochise und ich kommen heute abend wieder. Pflegen Sie 

diesen Mann gut, Doc, oder der Jefe macht seine Drohung 
wahr.« 

Er verließ das Zimmer und schloß leise die Tür hinter sich. 

Als er aus der Haustür trat, stieß er auf Cochise, der an der 
Wand lehnte und mit untergeschlagenen Armen auf die 
Menschenmenge starrte. 

Wohlweislich hielten sich die Gaffer auf dem 

gegenüberliegenden Gehsteig auf und kamen aus Furcht vor 
dem Apachen nicht über die Straße. 

»Reiten wir«, sagte Haggerty und ging zu seinem Pferd. 

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In der Abenddämmerung war die ganze Stadt auf den Beinen. 
Die Menschen bevölkerten die Gehsteige und die obere 
Straßenhälfte, und sie stierten und gafften, als gäbe es ein 
Weltwunder zu sehen. 

Es war dunkel geworden, als Haggerty und der Apache in die 

Stadt ritten. John machte nicht viel Umstände und trat ohne 
anzuklopfen ein. Thomas Jeffords lag mit offenen Augen auf 
der Pritsche und sah ihnen entgegen. 

John stellte sich links vom Operationstisch auf, Cochise 

rechts. Beide ergriffen die Hände des Verwundeten. 

»Du wirst wieder gesund werden, Rotbart«, sagte Cochise 

mit Freundlichkeit in der Stimme. 

Jeffords Gesicht hatte wieder Farbe und sah nicht mehr 

krankhaft gelb aus wie am Nachmittag. Er nickte. 

»Klar werde ich. Der Doc tut für mich alles, was in seiner 

Macht steht. Eine Infektion ist nicht mehr zu befürchten. Du 
willst hinter den Mördern her, Cochise, ich weiß es. Reite, ich 
komme schon zurecht.« 

Abrupt ließ der Apache Jeffords Hand los und ballte grimmig 

die Hände. 

»Ich werde sie zermalmen, Rotbart! Das verspreche ich 

dir…« 

»Jefe«, unterbrach ihn Jeffords mit ruhiger Stimme. »Jefe, 

hast du darüber nachgedacht, was der Falke dir über den 
Telegraf sagte? Das Land braucht den Draht. Beschütze ihn mit 
deinem Herzblut und halte alle Störungen von ihm fern. Ich, 
dein Freund, bitte um dein Verständnis …« 

Thomas Jeffords schloß die Augen und schlief ein. Cochise 

und Haggerty wechselten einen Blick und gingen schweigend 
hinaus. Im Korridor begegnete ihnen der Arzt. 

»Er wird durchkommen«, sagte er hastig, als er einen Blick 

in das grimmige Gesicht des Chiricahua warf. »Ganz bestimmt, 

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er wird es schaffen, das Fieber ist zurückgegangen.« 

Cochise trat nahe an den Arzt heran und legte ihm seine 

Hand auf die Schulter. Mit sonorer Stimme sagte er: 

»Mache ihn gesund, Bleichgesicht, ich werde dich belohnen, 

wie noch kein Weißer von mir belohnt wurde. Cochise wird 
tief und ewig in deiner Schuld stehen.« 

Er ließ den verblüfften Arzt stehen und verließ das Haus. 

John folgte ihm mit einem Augenzwinkern. Ohne die 
Menschentrauben zu beachten, stiegen sie auf ihre Pferde und 
ritten aus der Stadt. 

Draußen im Badland stießen sie auf Naiche mit den beiden 

Kriegern. Cochise wandte sich sofort an seinen Sohn. 

»Du hast die Spuren der bleichgesichtigen Mörder verfolgt. 

Wohin sind sie geritten, Naiche?« 

Naiche deutete nach Süden. 
»Sie sind in der Stadt, die die Weißen Gleeson nennen.« 
»Wir reiten hin«, sagte John Haggerty sofort. 
Cochise gab keine Antwort. Er wendete sein Pferd nach 

Süden und ritt wortlos an. Als sich die Sonne dem Großen 
Ozean zuneigte, sahen sie die Ansiedlung in der Ebene liegen. 

Auf einem Hügel zügelte Cochise seinen Pinto und starrte 

finsteren Blickes auf die Häuser, die von hier oben aus wie 
Bausätze aus einem Spielkasten wirkten. Dort unten war kein 
ständiges Kommen und Gehen wie in Pearce. Die Ansiedlung 
wirkte verschlafen und menschenleer. Die scharfen Augen der 
Apachen sahen Pferde vor den Hitchrails einiger Saloons und 
einen hochbeladenen Frachtwagen, der von sechs stämmigen 
Pferden aus der Stadt nach Norden rollte. 

»Wenn es dunkelt, reiten wir hinab«, sagte der Häuptling zu 

John Haggerty. 

John runzelte die Stirn. 
»Wie denkst du dir die Sache, Jefe? Du kannst keine weißen 

Männer in einer Stadt festnehmen, die von Weißen bewohnt 
wird. Die Einwohner werden sich auf die Seite der Banditen 

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schlagen und ihnen helfen.« 

Cochise neigte den Kopf mit dem breiten Apachenstirnband. 

Wortlos stieg er vom Pferd und zerrte es in die Deckung hinter 
dem Hügel. 

»Auch Krieger müssen essen, Falke. Du und ich, wir beide 

werden hinuntergehen.« 

Sie packten ihre Proviantbeutel aus und begnügten sich mit 

einer kalten Mahlzeit. Ein Feuer zu entfachen, konnten sie 
nicht wagen, weil sie der Rauch wahrscheinlich verraten hätte. 

So saßen sie im Kreis und warteten auf den 

Sonnenuntergang. Naiche hielt sich mit den Kriegern im 
Hintergrund auf. Wenn er auch ein Häuptlingssohn war, so 
konnte ihm durch den Stammesführer immer nur eine 
kurzzeitige Rolle übertragen werden. 

John las trotz der anbrechenden Dunkelheit Sorgen und 

Kummer in Cochises Gesicht. Machte sich der Chief Gedanken 
um Thomas Jeffords? Er kannte die Verbundenheit und die 
Freundschaft zwischen den beiden Männern und achtete sie 
deswegen um so mehr. 

Die ersten Sterne erschienen blaß und ohne Leuchtkraft am 

Firmament. Cochise stand unvermittelt auf und legte die Hand 
um den Messergriff. 

»Falke, bist du bereit?« 
»Ich bin es«, antwortete Haggerty und stand auf. 
»Wir gehen bewaffnet«, fuhr Cochise in seiner schlichten Art 

fort, die nur wenig Pathos kannte. »Und wir lassen die Pferde 
hier.« 

»Einverstanden, Jefe.« 
Lautlos versackten sie in der Dunkelheit, die wie ein 

schwarzer Teppich den Hügelhang heraufkroch. Fledermäuse 
taumelten zirpend durch die Nacht, verfolgt von Nachtfalken, 
die sich mit schrillen Schreien Signale gaben. Das Karussell 
des Jagens und Gejagtwerdens hatte begonnen. 

Sie brauchten mehr als eine halbe Stunde, um in Stadtnähe 

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zu gelangen. Wie schleichende Panther pirschten sie sich an. 
Von der Main Street her dröhnten die Orchestrions, Lachen 
geschminkter Frauen und das satte, röhrende Brüllen 
betrunkener Männer. 

John und Cochise begingen nicht den Fehler, über die 

Hauptstraße in die Stadt einzudringen und Kneipe für Kneipe 
abzukämmen. Sie orientierten sich nach dem lautesten 
Geschrei und schlichen an der Rückfront der Häuserzeile 
entlang zu dem lautesten Tingeltangel. 

Lautlos überquerten sie Baulücken und Seitenstraßen, die ins 

Freie führten, und sie hielten sich stets im Schlagschatten der 
Häuser und verständigten sich gegenseitig mit Gesten. 

Der Saloon, den sie ansteuerten, mußte bis auf den letzten 

Platz besetzt sein. Der Musikautomat hämmerte den neuesten 
Gassenhauer in die Nacht und übertönte die geringfügigen 
Geräusche, die die beiden Freunde machten, wenn sie im 
Dunkeln gegen Flaschen und Büchsen stießen. 

Neben einem Holzstapel blieben sie stehen und beobachteten 

die Hinterfront des zweigeschossigen Hauses. Es hatte zwei 
Fenster und eine Hintertür, aber vor den Fenstern lagen 
schwere Läden mit Innenverriegelung. 

»Wir müssen auf die Straße«, hauchte John. »Nur von dort 

aus ist was zu erkennen.« 

»Was erkennen?« 
»Den Saloon, in dem sie sich aufhalten.« 
»Du willst die Schnapsbude betreten?« 
»Ich will herausfinden, wo sie sind.« 
»Das kannst du nur, wenn du hineingehst.« 
»Nicht unbedingt. Sie sind zu acht, also müssen 

logischerweise acht Pferde am Hitchrail stehen. Sehen wir acht 
Pferde, dazu staubbedeckt, haben wir die Kerle gefunden.« 

Cochise wiegte den Kopf. 
»Zu gefährlich«, flüsterte er. »Wenn wir entdeckt werden, 

haben wir die ganze Stadt auf dem Hals.« 

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»Ohne Risiko kein Erfolg. Du bleibst hier und deckst mir den 

Rücken.« 

»Cochise wird mitkommen. Es ist zu gefährlich für einen 

einzelnen Mann. Diese Mörder sind keine Kämpfer, sondern 
Heckenschützen. Cochise kommt mit!« 

Die letzten Worte hatte er grimmig und laut hervorgestoßen, 

für Haggertys Geschmack zu laut. Er erschrak und ergriff den 
Häuptling beim Arm. 

»Pst«, sagte er eindringlich. »Nicht so laut, Jefe, irgendwer 

könnte uns hören.« 

»Gehen wir.« 
Bevor John begriff, was der Häuptling wollte, war er schon 

fort. Die Seitenstraße, durch die sie eilten, war mit Unrat 
knöcheltief bedeckt. Es knirschte, schepperte und klirrte bei 
jedem Schritt. Unbemerkt gelangten sie auf die Hauptstraße. 
Eine Straßenbeleuchtung gab es nicht. Vor einigen Häusern 
brannten gelbe und rote Lampen und warfen farbige 
Lichtpunkte auf die Gehsteige, das war die ganze Beleuchtung. 
Im übrigen verließ man sich während der Nacht auf das 
Sternenlicht. 

Im Dachschatten eines Vorbaues blieben John und Cochise 

stehen. Mit brennenden Augen starrten sie in die Dunkelheit 
und wunderten sich über die Leblosigkeit der Main Street. 

»Dort drüben«, flüsterte John heiser. Seine Hand deutete auf 

eine Stelle vor der falschen Fassade eines zweistöckigen 
Hauses. 

Cochise hatte die Pferdegruppe längst gesehen und nickte. Es 

war das gleiche Gebäude, dessen Hinterfront sie belauert 
hatten. Beide wurden von den harten Schritten eines Mannes 
abgelenkt, der den Gehsteig heraufkam und Blicke nach allen 
Seiten warf. Auf seiner Brust funkelte ein metallisch 
glänzender Stern. 

John Haggerty neigte sein Gesicht zu Cochise und flüsterte: 

»Der Town-Marshal, er macht seine Abendrunde. Sei still.«

 

Ein 

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flüchtiges Lächeln glitt über die braunen Züge des Apachen. 
Als wenn er das nicht selbst gewußt hätte. Der Marshal 
verschwand weiter unten in einem Saloon und kam in den 
nächsten Minuten nicht wieder zum Vorschein. 

»Ich husche hinüber, Chief. Gib auf meinen Rücken acht.« 
Fort war er. Sekundenschnell überquerte er die Straße und 

duckte sich in den Schlagschatten einer Veranda. Als er den 
Kopf vorsichtig anhob, las er das Schild: BEAN & BROTHER. 
STORE AND HARDWARE. 

Bean und Bruder schliefen jedenfalls selig, denn alles war 

dunkel und still im Store. John huschte wie eine riesige Kröte 
weiter, Licht und Lärm entgegen. Bei den Pferden 
angekommen, richtete er sich auf und sprach halblaut zu den 
Tieren. Einem stämmigen Braunen strich er über die Kruppe. 
Staub haftete an seiner Hand. Staub mit dem Schweiß des 
Tieres verklebt, bildete eine dicke Schmutzschicht auf dem 
Tierfell. 

»Armer Kerl«, murmelte der tierliebende Haggerty. »Nicht 

mal zu saufen haben sie euch gegeben.« 

Das Pferd blickte ihn aus großen, feuchten Augen an, als 

verstünde es das Mitgefühl des Mannes. 

John kam nicht dazu, zur Saloontür zu huschen und einen 

Blick über die geschweiften Eselsbrücken der Pendeltüren zu 
werfen. Weiter unten auf dem Gehsteig wurde es turbulent. Der 
Marshal war es, der die lautstarke Unruhe auslöste. Er schob 
einen Betrunkenen durch die Tür des Saloons und hielt ihn an 
der Wand fest. 

Ununterbrochen beschwerte sich der Mann und beteuerte 

seine Unschuld. Was er getan oder nicht getan haben sollte, 
verstand John nicht. In diesem Augenblick fing der Betrunkene 
wieder laut an zu zedern. 

»Marshal, was fällt dir ein? Ich hab' nichts getan, weswegen 

du mich den Genüssen des Lebens fernhalten könntest. Gar 
nichts habe ich getan! Mann, Blechstern, ich habe hundert 

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grünschimmelnde Eintrittskarten zu den Freuden und 
Annehmlichkeiten dieser sündigen freien Welt in der Tasche 
und möchte sie in Whisky umsetzen. Laß mich los, du 
hirnverbrannter Trottel!« 

»Halt's Maul!« brüllte der Marshal wütend. »Du hast dem 

Rancher Billings das Geld geklaut.« 

Die Stimmen wurden deswegen leiser, weil sie sich 

entfernten. Der wütende Marshal zerrte den Betrunkenen am 
Kragen seiner Jacke in Richtung Gefängnis und verschwand 
mit ihm hinter einer massiven Eichenholztür. Es wurde wieder 
still. 

Nun wagte es John Haggerty. Er glitt unter einem Pferdehals 

hindurch, stieg hinter dem Halfterbalken wieder zur vollen 
Höhe empor und war mit einem einzigen Sprung auf der 
Veranda. Die Schwingtür erreichte er mit einem weiteren 
Schritt. 

Wie er gedacht hatte, der Saloon war randvoll. Blauer 

Tabakqualm drang durch die Tür und gleichzeitig ätzend in 
seine Lungen. Mit Mühe unterdrückte er ein Husten. Nach 
einem schnellen Blick zog er seinen Kopf wieder zurück und 
wartete Sekundenbruchteile. 

Ein zweiter Blick zeigte ihm den Standort der Gesuchten, die 

an der Theke standen und gewaltige Reden schwangen. 
Besonders ein Mann tat sich hervor: Samuel High. 

High gestikulierte gerade mit beiden Händen, stieß seinen 

Stetson aus der Stirn und rief im Befehlston: 

»Noch ein Bier und einen Schnaps für jeden, dann geht's 

weiter nach Tombstone! Männer, warum sollen wir in diesem 
elenden Kaff versauern, wenn wir in Tombstone alles kriegen, 
was wir haben wollen?« 

Seine Männer johlten und klopften sich gegenseitig auf die 

Schultern vor Begeisterung. 

»Auf nach Tombstone!« heulten sie im Chor. 
John Haggerty hatte genug gehört. Wie ein Wiesel huschte er 

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über die silberglänzende Straße und tauchte neben Cochise in 
den Schatten. 

»Sie reiten in etwa einer Stunde weiter nach Tombstone«, 

erklärte er Cochise. »Was tun wir? Sie hier in der Stadt 
anzugreifen, rate ich nicht.« 

»Warum nicht?« 
»Es sind immerhin acht Männer, und sie haben eine Menge 

Freunde in Gleeson. Das würde für uns gar nicht gut aussehen, 
Jefe.« 

Härte war in Cochises Augen zu sehen. Seine Hand 

umklammerte den Messergriff. John bemerkte, daß er sich nur 
mühsam beherrschte. So nahe war er den Mördern seiner 
Sippe, und sie waren dennoch so weit entfernt und unerreichbar 
für ihn. 

»Ich würde auch gern wissen, welche Schandtaten sie für die 

nächste Zeit planen. Deine Rache ist dir sicher, Chief. Sie läuft 
nicht davon, und wenn du dich ein wenig geduldest, bis wir 
alles wissen, wäre ich dir sehr dankbar.« 

Stumm neigte der Apache den Kopf und bekundete seine 

Zustimmung. Sie brauchten nicht lange zu warten. Tombstone 
zog die Banditen an wie ein Magnet Nägel. Tobend kamen sie 
aus dem Saloon und schwangen sich in die Sättel. Als sie im 
Galopp über die Main Street nach Westen preschten, zählte 
John Haggerty sieben Reiter. Ein Pferd stand noch beim 
Hitchrail. Sein Reiter, es war Murry Gutman, löste den 
Zügelknoten und wollte das Tier besteigen. 

Er hatte jedoch Schwierigkeiten durch den vielen Alkohol, 

den er in sich hineingeschüttet hatte. Als er endlich seinen Fuß 
in den Steigbügel brachte und sich hochziehen wollte, war es 
für ihn schon zu spät. 

Der Häuptling der Chiricahuas stürzte sich auf ihn und riß 

ihn zu Boden. Bevor Murry auch nur ahnte, was mit ihm 
geschah, traf ihn ein knallharter Schlag gegen die Schläfe und 
trieb ihn einen Zoll tiefer in den Straßenschmutz. Murry 

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Gutman verdrehte die Augen und wurde ohnmächtig. 

Was noch folgte, ging schnell. Cochise hob ihn hoch und 

legte den Bewußtlosen quer über den Sattel. Mit Murrys 
eigenem Lasso band er ihm Hände und Füße zusammen. 

John hatte Cochise nicht zurückhalten können. Selbst wenn 

er es vorgehabt hätte, wäre es ihm nicht mehr gelungen. Der 
Häuptling war schneller weg als ein Blitz und mit ein paar 
langen Sprüngen auf der anderen Straßenseite gewesen. 

Sie verließen die Stadt, das fremde Pferd am Zügel. Der 

Rückweg dauerte diesmal länger, weil sie auf die Banditen 
achten mußten, die irgendwann ihren Kumpan vermissen und 
nach ihm suchen würden. 

Fast nach einer Stunde Fußmarsch stießen sie auf die 

Apachengruppe. Naiche trat ihnen in der Dunkelheit entgegen, 
das Gewehr in der Armbeuge. Er sagte nur ein einziges Wort, 
aus dem seine tiefe Befriedigung klang. »How!« 

Cochise übergab Pferd und Reiter den Kriegern. Er sah sich 

von der Hügelkuppe aus um, warf einen langen Blick nach 
Westen und nickte befriedigt. 

»Zuviel Tizwin, nun betrunken«, sagte er. »Sie merken nicht 

einmal, daß einer fehlt.« 

John lachte und setzte sich auf einen Stein. 
»Was willst du mit dem Gefangenen anfangen, Häuptling?« 
»Er kommt an den Marterpfahl.« 
»Was? Willst du den Kerl töten?« Aus Johns Stimme drang 

Unglauben. 

»Meine Krieger martern ihn, bis sein Geist den häßlichen 

Körper verläßt.« John schickte einen Blick zu dem 
Gefangenen. Der Mann war inzwischen wieder bei Bewußtsein 
und hielt seinen Kopf erhoben. 

Cochises sonore Stimme kam kalt wie Eis aus der 

Dunkelheit. 

»Ich reiße ihm den Skalp bei lebendigem Leib vom Schädel, 

Falke, und seine Stücke werfen wir den Bussarden zum Fraß 

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vor.« 

John konnte ein Lachen kaum noch unterdrücken. Cochise 

spielte den blutdürstigen Wilden, um den Kerl einzuschüchtern 
und willfähig zu machen. Er stieß Drohungen aus, die ihm 
sonst nie über die Lippen gekommen wären. 

Im hinteren Teil eines Hügeltales flackerte ein von Naiche 

entfachtes Feuer. Von der Stadt aus konnte man es nicht sehen, 
weil sich ein schmaler Streifen von Tamarisken 
dazwischenschob. 

John Haggerty erhob sich. Er ging zu der Lichtquelle. Der 

Gefesselte warf ihm einen verzweifelten Blick zu und sprach 
ihn an. 

»Sir! Ich hörte, was die verdammte Rothaut sagte. Dulden 

Sie die Marterung eines Weißen? Ich bitte Sie um alles in der 
Welt, retten Sie mich!« 

John gab keine Antwort und ging seelenruhig weiter. 

Cochise war ihm gefolgt und ließ sich auf eine ausgebreitete 
Decke nieder. Mit untergeschlagenen Beinen saß er geraume 
Zeit bewegungslos. Schließlich hob er den Kopf und sagte laut: 

»Wenn der Mond aufgeht, kommt der Mörder an den 

Marterpfahl!« 

Keiner der sieben Banditen merkte, daß das achte 
Bandenmitglied fehlte. Im Morgengrauen ritten sie in 
Tombstone ein und verteilten sich auf ihre Quartiere. Samuel 
High brachte sein Pferd persönlich in den Mietstall, rieb es ab 
und gab ihm Wasser und Futter. 

Sattellahm ging er anschließend über die Allen Street zum 

Black Devil Saloon. Er war an der Fremont Street etabliert, in 
der die meisten Geschäftsbetriebe und die 
Handelsniederlassungen lagen. 

Sam High wechselte die Richtung, ging die Fourth Street 

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entlang und bog in der Fremont Street rechts ab. Er fluchte 
mürrisch über den Unrat und den Staub auf der Straße. 

Als im Papago Cash Store in seinem Rücken die ersten 

Lichter angingen und vor Bauers Union Market ein 
Frachtwagen vorfuhr, der beladen werden sollte, öffnete Sam 
die Schwingtür zum Black Devil und tauchte in der 
Halbdämmerung des Saloons unter. 

Es roch schal nach Bier, Fusel, billigem Parfüm und Tabak. 

Hinter der Bar brannte eine einsame Ölfunzel. Sam ging 
breitbeinig zum Tresen, hieb mit der flachen Hand auf die 
Glocke, daß der Ton wimmernd durch das Haus fuhr. 
Schlurfende Schritte wurden laut. 

»Gottverdammich, hat man nicht mal am frühen Morgen 

Ruhe vor euch versoffenen Lumpen?« 

Ein Vorhang teilte sich. Aus einem Nebenraum kroch wie 

eine riesige Kröte ein Mann heran, der nicht nur so aussah wie 
eine Amphibie, sondern auch ganz die Art dieser schleichenden 
Wesen angenommen hatte. 

Sein finsteres Gesicht bekam Glanz wie durch Sonnenschein, 

als er Samuel High erkannte. 

»Du, Sam? Dich hätte ich bestimmt nicht am frühen Morgen 

erwartet. Wie geht's, altes Haus?« 

»Es macht sich, Lester. Mühselig ernährt sich ein 

Eichhörnchen. Bin ich in deinem Haus nicht willkommen?« 

»Bist du. Bist du immer, Sam. Drink?« 
»Whisky und ein Bier. Bin so trocken wie die Wüste, aus der 

ich komme. Gibt's was Neues in der Town?« 

»Wie lange warst du weg?« 
»Zwei Wochen. Zwei beschissene Wochen, Bucko, das kann 

ich dir sagen.« 

»Was sollte sich in zwei Wochen in diesem miesen Kaff 

schon ereignen? Jede Nacht dasselbe. Sie besaufen sich, 
bekommen Streit, und dann schlagen sie mir alles kurz und 
klein. Ein Hundeleben ist das, sage ich dir. Wenn nicht hin und 

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wieder mal ein paar Blaubäuche hereinkämen und für 
Volksbelustigung sorgten, wäre es hier nicht zum Aushalten.« 

»Blaubäuche? Wie kommen die hierher?« 
»Zwei Züge Dragoner sind neuerdings in Tombstone 

stationiert. Sie sollen die Western Union bewachen und die 
fertiggestellte Telegrafenleitung sichern. Ich mag sie nicht. 
Aber was soll ich tun? Bevor ich vor Wut ständig in Stuhlbeine 
beiße, gebe ich ihnen, was sie haben wollen.« 

»Verständlich«, sagte Sam. »Die Jungs können nichts dafür, 

daß sie in der Wüste von Arizona stationiert sind. Ich bin 
müde, hast du ein Zimmer frei?« 

Sam nahm einen langen Schluck aus dem Bierglas und 

kippte den Whisky hinterher. Lester Bone machte eine 
abwehrende Geste. 

»Ich habe nur vier, Sam, das weißt du doch. Und alle vier 

Räume im Obergeschoß sind von den Girls belegt. Wenn du 
bei einer schlafen willst, ist das deine und ihre Sache.« 

»Okay, Bucko. Ist Isabell y Gama noch bei dir?« 
»Zweites Zimmer rechts. Aber vorsichtig, die beißt.« 
High lachte, winkte ab, warf zwei Quarter auf die 

Nickelplatte und ging durch die Hintertür zum Korridor und 
zur Treppe nach oben. Der Gang war um diese Stunde 
unbeleuchtet. Samuel High machte nicht viel Umstände, stieß 
die Tür mit einem Ruck auf und trat ins Zimmer. 

Es war dunkel, roch nach Parfüm und Puder und sah nicht 

sehr geräumig aus. Das Bett seitlich neben dem Fenster stellte 
neben einem schmalen Schrank, Tisch und zwei Stühlen, fast 
das ganze Mobiliar dar. Es gab noch einen Waschständer aus 
emailliertem Eisen und eine Wäschekommode. 

Sam tastete sich zur Lampe auf dem Tisch. Ein metallisches 

Klicken ließ seinen Fuß stocken. 

»Wer bist du, Bastard, und was willst du?« 
»Schlafen, nichts als schlafen. Amüsieren können wir uns 

während der nächsten Nacht.« 

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»Samuel High! Großer Gott, du bist wieder im Lande? Laß 

das Licht aus, ich habe nichts an.« 

High lachte. »Das hast du doch nie im Geschäft. Außerdem: 

so sehe ich die Mädchen am liebsten. Nackt, wie Gott sie 
erschaffen hat, ein Tablett mit Whisky in den Händen und 
einem freundlichen Lächeln unter der Puderschicht.« 

»Sam, du bist ein Zyniker. Pfui, wie du stinkst. Wie ein alter 

Ziegenbock in der Brunft. Du kannst dort auf dem Teppich 
schlafen, wenn's dir nichts ausmacht. Ins Bett kommst du erst 
nach einem ausgiebigen Vollbad. Gute Nacht, ich bin 
todmüde.« 

High lachte, legte seinen Revolvergurt ab und die Kleidung. 

In seiner roten Unterwäsche legte er sich auf den 
Navahoteppich und schlief sofort ein. 

Die helle Sonne des Vormittags weckte ihn, und der Lärm, der 
von der Straße und aus dem Saloon drang. Isabell schlief noch. 
High stand auf, kleidete sich an und verließ das Zimmer. Der 
Schankraum war halb gefüllt mit Durstigen. 

An einem Tisch saßen sechs Dragoner, die sich die Bäuche 

mit Bier füllten. Junge Kerle noch, denen die Uniform 
ausgezeichnet stand. Einer davon, ein Corporal, führte das 
große Wort. 

High stellte sich an den Tresen und bestellte bei Lester ein 

ausgiebiges Frühstück. Bone deutete auf einen freien Tisch und 
brummelte durch seine Zahnlücke: 

»Kommt gleich, Bucko. Setz dich so lange auf deinen 

Hintern.« 

»Kennt ihr schon den neuesten Gag von Rich Barton, dem 

Jüngsten unserer Schwadron?« 

»Nein, nichts gehört«, erwiderte ein Dragoner und feixte. 

Anscheinend wußte er, was kam, »Erzähle, Cop!« 

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Der Corporal setzte sich in Positur und machte es recht 

spannend. Er streckte die Brust heraus, die staubigen 
Dragonerstiefel weit unter den Tisch. 

»Hört zu, Boys, was sich dieser Affensteiß von einem 

Helden der U.S. Army einfallen ließ … Geht der Kerl doch 
zum Feldscher und meldet sich krank wegen seiner tierischen 
Eigenschaften. ›Doc, sagt er, ich muß krank sein. Am Morgen 
bin ich müde wie ein Hund, am Mittag gefräßig wie ein Wolf 
und am Abend munter wie ein Fisch. Was ist mit mir los?‹« 

»Und?« klang es im Chor. »Weiter!« 
»Der Doc untersuchte ihn, schüttelt den Kopf und antwortet: 

›Das sind nur drei tierische Eigenschaften, die Sie aufzählten, 
mein Lieber. Ich erkenne aber fünf‹.« 

»Mensch, Cop, mach doch weiter! Spanne uns nicht zu sehr 

auf die Folter!« 

Unter dem Gelächter der Soldaten fuhr der Corporal fort: 
»›Davon weiß ich noch nichts, Doc‹«, sagt dieser dämliche 

Holzkopf von einem Pferdeschinder. ›Was ist es denn? Was 
Schlimmes?‹« 

»Weiter, Mann!« 
»Also, der Feldarzt zuckt mit den Achseln und erklärt: 

›Morgens müde wie ein Hund, mittags gefräßig wie ein Wolf 
und abends munter wie ein Fisch, dazu sind Sie noch dreckig 
wie ein Schwein und stinken wie ein Fuchs in der Regenzeit. 
Hauen Sie schnell ab, bevor ich Ihnen Beine mache!‹« 

Das einsetzende frenetische Gebrüll ließ die Fensterscheiben 

zittern und erstickte jeden anderen Laut. Das Gelächter wollte 
nicht aufhören und riß selbst die anwesenden Zivilisten mit. 
Selbst Sam konnte sich ein schwaches Grinsen nicht 
verkneifen. 

Sein Essen kam, dazu ein volles Glas Bier. Lester Bone kam 

nach einer Weile herangeschlürft und setzte sich ungefragt an 
den Tisch. 

»Erfolgreich gewesen, Sam?« 

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»Mäßig, kaum der Rede wert. Ist in Tombstone nichts zu 

machen?« 

»Scheint mir im Augenblick nicht ratsam. Die Armee ist 

überall. Die ständigen Überfälle auf die Telegrafenlinie wirbeln 
viel Staub auf. Laß die Finger von der Bank, das ist der beste 
Rat, den ich dir geben kann.« 

»Danke, ich werde auf dich hören.« 
»Was machst du nach dem Frühstück, Sam?« 
»Ein Bad nehmen, mich neu ankleiden und im Anschluß 

daran einer Dame namens Isabell y Gama meine Aufwartung 
machen. Damit ist der Tag und auch die Nacht ausgefüllt.« 

»Okay, wir reden heute abend weiter. Kommst du zu einem 

Spielchen herunter?« 

»Werd's mir überlegen.« Er stand auf, schob den leeren 

Teller zurück und verließ den Saloon. 

Der Mond stand eine Handbreit über den Höhenrücken und 
machte die Nacht zum hellen Tag. Rund und voll blickte er mit 
seinem mildesten Lächeln auf den Baum, an dessen Stamm ein 
Mann stand und seine Angst laut und gellend herausschrie: 

»Mister, Sie sind doch ein Weißer wie ich! Können Sie es 

zulassen, daß mich Ihre roten Freunde hier eiskalt 
abmurksen?« 

John Haggerty gab keine Antwort und beschäftigte sich mit 

dem Verzehr eines mächtigen Stück Bratenfleisches, das an 
einem Holzspieß über der offenen Flamme gegart worden war. 
Er tat so, als ginge ihn das alles nichts an. 

Cochise stand auf und gab einen Befehl an die Krieger, der 

sie rasch auf die Beine brachte. Sie stellten sich zehn Schritte 
vor dem Palo Verde entfernt auf, ihre Messer in den Händen. 
Naiche wartete abseits und gesellte sich schließlich zu 
Haggerty. 

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»Nagelt ihm die Ohren fest!« befahl Cochise mit lauter 

Stimme. 

Die Krieger warfen ihre Klingen haarscharf neben Gutmans 

Kopf in den Stamm. Sofort hatten sie neue Messer zwischen 
Daumen und Zeigefinger. 

Gutman brüllte, als sei er bereits zu Tode getroffen, dabei 

hatten die Wurfmesser seine Haut nicht mal berührt. 

»Die Schultern ++ hier und hier!« Cochise deutete die 

Stellen mit ausgestreckter Hand an. 

Wirbelnder Tanz der Messer im hellen Mondlicht. Sie 

nagelten Gutmans Jacke und Hemd über die Schultern in den 
Stamm, verletzten ihn aber wieder nicht dabei. Apachen waren 
absolute Könner mit der langen Klinge und konnten damit 
meisterlich umgehen. 

»Aufhören!« heulte Gutman im schrillsten Diskant. 

»Aufhören, ich will alles sagen! Nur aufhören mit der 
Marterung!« 

Bis jetzt war er noch nicht gemartert worden. Für die Krieger 

war das nur ein Spiel, das sie so recht erfreute. Cochise deutete 
auf eine dritte Stelle und ließ sich durch das Geschrei des 
Weißen kaum beeindrucken. 

Zwei blitzende, wirbelnde Klingen flogen, von kundiger 

Hand geschleudert. Sie gruben sich links und rechts der Hüften 
in den Stamm. 

»Großer Gott, kannst du dieser Qual kein Ende bereiten? 

Aufhören! Aufhören, ich will alles sagen!« 

Cochise gab durch ein Kopfnicken ein Zeichen zu den 

Kriegern. Er ging zum Baum und zog die Messer aus dem 
Stamm. 

»Rede!« sagte er scharf. »Redest du aber mit doppelter 

Zunge, schneide ich dir bei lebendigem Leib den Skalp vom 
Kopf. Los, und zögere keine Sekunde!« 

John stand auf und ging mit Naiche zu dem Palo Verde. 

Murry Gutman wirkte leichenblaß und verstört. Er zitterte an 

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allen Gliedern. Die Augen weit aufgerissen, blickte er 
Haggerty angsterfüllt an. 

»Sir, ich will alles sagen, wenn Sie mir die Indianer vom 

Leib halten!« 

»Reden Sie«, antwortete Haggerty. »Schnell und 

wahrheitsgemäß. Keine Pause. Kein Atemholen. Kapiert? 
Wenn ich den Eindruck habe, daß Sie nicht lügen, will ich ein 
gutes Wort bei den Apachen einlegen. Verschweigen Sie uns 
aber etwas … Well, Sie hörten, was der Häuptling mit Ihnen 
anstellen wird.« 

»Ja, natürlich. Fragen Sie, Sir!« 
John Haggerty übernahm das Verhör. 
»Wie heißt der Anführer der Bande?« 
»High, Sir. Samuel High.« 
»Wieviel Leute habt ihr?« 
»Acht. Manchmal mehr, wenn wir einen Coup vorbereiten.« 
»Sehr schön. Ihr habt Cochises Sippe niedergemetzelt. 

Warum?« 

»Das war Highs Idee. Er vermutete Gold bei den Roten und 

Informationen über den Telegrafenbau.« 

»Chiricahuas interessieren sich nicht für Gold. Für sie ist das 

gelbe Metall wertlos«, sagte John. »Warum gerade 
Informationen über den Telegraf?« 

»Sir, jeder weiß, daß die Apachen die Streckenabschnitte 

überfallen und die Leitung wieder einreißen. Das ist jedem 
Kind in Cochises County bekannt.« 

»Soso, jedem Kind? Komisch, nur die Apachen wissen nichts 

davon. Sagten Sie soeben die Wahrheit, Freundchen?« 

»Die reine Wahrheit!« stieß der Bandit lauthals heraus. »Was 

bleibt mir denn anderes übrig? Sehen Sie nicht, daß die Kerle 
nur darauf warten, mir den Garaus zu machen? Ich sage Ihnen 
doch alles, und erinnere Sie an Ihr Versprechen, mich laufen zu 
lassen. Das tun Sie doch, nicht wahr?« 

»Darüber befindet der Häuptling. Sie sind sein Gefangener. 

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Ich sagte, daß ich mich für Sie verwenden will, wenn Sie offen 
und ehrlich zu uns sind. Nicht mehr. Bis jetzt sieht es aber 
nicht so aus, daß Sie nach ehrlichen Grundsätzen handeln. So 
kommen Sie nicht mit Ihren Haaren davon, geschweige mit 
Ihrem Leben.« 

»Ich sagte doch alles wahrheitsgemäß!« heulte Gutman in die 

Nacht. »Was wollen Sie denn noch wissen?« 

Haggerty gab Cochise einen Wink. Der Häuptling senkte den 

Arm wieder, den er schon erhoben hatte, um das Messerwerfen 
fortzusetzen. 

»Wir möchten einiges über die Pläne dieses Samuel High 

erfahren«, erklärte er dem zitternden Outlaw. »Wir möchten 
hören, was er in der nächsten Zeit vorhat, welche Bank er 
auszurauben gedenkt und wieviel Schandtaten er noch 
bereithält, um das Land zu terrorisieren. Also, mein Bester, 
reden oder sterben. Für die Krieger wird es ein besonderes 
Vergnügen sein, Sie in Stücke zu schneiden und Ihre Teile den 
Bussarden vorzuwerfen.« 

»Allmächtiger Gott, rette mich aus den Händen dieser 

Wilden!« 

Cochise trat wuterfüllt vor und schrie dem Outlaw ins 

Gesicht: »Nimm den Namen des gütigen Großen Geistes aus 
deinem Mund oder ich zerschmettere dich, Wurm!« 

Der Jefe hielt den Arm wie zum Schlag erhoben, aber 

Haggerty trat dazwischen und drängte den Häuptling zurück. 

»Sie sollten den Chiricahua nicht reizen, Gutman. Ich warne 

Sie. Kommen Sie jetzt etwas schneller zur Sache, wenn Ihnen 
etwas an Ihrem Leben liegt. Was hat Samuel High in der 
nächsten Zeit vor?« 

»Eine Pferderanch in den Swisshelm Mountains soll 

überfallen werden und die Bank in Pearce, mehr weiß ich nicht. 
Glauben Sie mir, Sir, daß Sam den anderen nicht alle 
Weisheiten mitteilt, die er mit dem Auftraggeber ausheckt.« 

Haggerty wurde hellhörig. 

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»Wer ist der Mann, den Sie Auftraggeber nennen?« 
»Niemand kennt ihn, nicht einmal High. Sie treffen sich 

irgendwo in Tombstone, und der geheimnisvolle Boß erscheint 
stets vermummt.« 

Haggerty wechselte das Thema. Sein Gefühl sagte ihm, daß 

Murry Gutman die Wahrheit erzählte. 

»Das sind sicher nicht die ganzen Pläne dieser 

Halsabschneider, Gutman. Weiter! Reden, immer reden, keine 
Sekunde unterbrechen und die volle Wahrheit. Denken Sie an 
Ihren Skalp!« 

»Was soll ich denn noch sagen, ich weiß nichts mehr!« 
Haggerty hatte plötzlich so eine Ahnung, daß High sich nach 

allen Richtungen hin absicherte und weitere Eisen im Feuer 
hatte. Mit einer drohenden Gebärde fragte er: 

»High arbeitet mit Indianerbanden zusammen. Lügen Sie 

mich nicht an, ich weiß es. Die Namen der Führer, los, schnell, 
die Namen!« 

Gutman erblaßte. 
»Sind Sie allwissend, Sir? Ja, es stimmt. High unterhält 

Verbindungen zu Geronimo und Victorio. Sie begehen die 
Untaten, die Cochise und seinem Stamm angelastet werden.« 

»Geronimo und Old Vic sind in der San Carlos-

Reservation«, versuchte John den Desperado zu bluffen. 

»Hin und wieder, ja. Aber immer nur dann, wenn es 

Proviantzuteilungen gibt, meistens ziehen sie raubend und 
plündernd durch das Land.« 

»Bis nach Sonora hinein?« 
Gutman nickte. »Noch weiter, Sir. In der Sierra Madre 

besitzen sie Stützpunkte, die mit Proviant und Munition 
angefüllt sind und die niemand kennt.« 

»Sie kennen sie?« 
Gutman lachte bitter und schüttelte den Kopf. 
»Ich sagte, niemand kennt sie oder ihre Lage. Selbst die 

Armee und die Federales in Mexiko wissen nichts von ihrer 

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Existenz.« 

Cochise hatte jedes Wort verstanden. In seinen sonst wie 

versteinert wirkenden Gesichtszügen wetterleuchtete es. Eine 
lange währende Ahnung wurde ihm bestätigt. Er beschloß, 
sofort Ulzana und seine Leute nach Sonora zu schicken, um die 
Apacherias der Rebellen auszukundschaften. 

»Well, so weit, so gut, Gutman. Eine letzte Frage noch: Wer 

zerstört die Telegrafenlinie der Western Union?« 

»Wenn ich Ihnen das sage, bin ich dann frei?« 
»Das entscheidet Cochise«, antwortete John drängend. 

»Mensch, reden Sie! Verärgern Sie den Häuptling nicht, wenn 
Ihnen was an Ihrem Leben liegt!« 

Gutman verdrehte die Augen wie ein Kalb, das zur 

Schlachtbank geführt wird. Mit schwerer Zunge antwortete er: 

»Das sind Geronimos Rebellen, Sir. Mehr kann ich nicht 

sagen, weil wir von der Bande niemals an solchen 
Unternehmungen teilnehmen.« 

»Das befiehlt alles High? Oder erhält er die Befehle von dem 

unbekannten Boß?« 

Gutman nickte und schielte dabei an Haggerty vorbei zu 

Cochise, dessen grimmiges Gesicht ihn irritierte. John hatte 
keine weiteren Fragen mehr. Er trat zurück und sandte einen 
Blick, der mehr sagte als Worte, zu Cochise. 

»Läßt du ihn frei, Häuptling? Ich glaube, er sagte alles, was 

er weiß.« 

»Er bleibt am Marterstamm bis zum Morgengrauen. Dann 

mag er laufen, wohin er will. Treffe ich ihn wieder bei einem 
Verbrechen, ist es um sein Leben geschehen.« 

»Laufen?« heulte Gutman lauthals. »Laufen? Hat der 

Indianer laufen gesagt?« 

Haggerty antwortete: »Du hast es gehört. Du kamst mit dem 

Leben davon, und dafür solltest du dich bei dem Chief 
bedanken und…« 

»Ich kann doch nicht bis nach Tombstone zu Fuß gehen. 

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Wann und wie komme ich da an?« 

»Schnee von gestern«, sagte Haggerty kalt. »Danken Sie 

Ihrem Schöpfer, der Ihnen Ihren Skalp gelassen hat. Und nun 
will ich kein Wort mehr von Ihnen hören, verstanden?« 

Als High gebadet und in frischer Kleidung in den Saloon 
zurückkehrte, empfing ihn wüstes Geschrei und schallendes 
Gelächter. Die Jungs in Blau waren beim zehnten Bier 
angelangt und bei ebenso vielen Schnäpsen. 

Isabell y Gama kam ihm entgegen, das süßeste Lächeln unter 

ihrer dicken Puderschicht. Auf den verwelkten Lippen trug sie 
Lippenstift, und sie duftete nach Parfüm wie die 
Kosmetikabteilung im Drugstore. 

»Da bist du ja wieder, Liebster. Gibst du einen für deine 

Liebste aus?« 

»Heute nacht kannst du bekommen, was du willst, jetzt hau 

ab! Im Augenblick hab' ich Besseres zu tun«, erwiderte High 
unwirsch. 

Ein paar Soldaten begannen ihn in ihre Witzeleien 

einzubeziehen. Sam High drehte sich auf den Absätzen herum. 

»Hört zu, Jungs! Amüsiert euch und macht eure Spaße, aber 

laßt mich in Ruhe. Kapiert?« 

»Oho!« knurrte ein irischer Riese mit Schultern so breit wie 

ein Kleiderschrank und Augen wie Kieselsteine. »Du fühlst 
dich wohl heute morgen außergewöhnlich stark, wie? Mit 
einem Bastard von einem Zivilisten werden wir allemal fertig. 
Komm her, wenn du was willst!« 

Lester Bone witterte Unheil und kam hinter dem Tresen 

hervor, ein nasses Wischtuch in den Händen. High ging 
sporenklirrend zum Tisch der Dragoner und baute sich vor dem 
Riesen auf. 

»Na, dann komm!« sagte er kalt. 

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Bevor sich der Uniformierte erheben und seine 

schwankenden Beinsäulen fest mit dem Erdboden verankern 
konnte, schlug High zu. Er traf den Mann mit einem Uppercut 
voll am Kinn und riß ihn vom Stuhl. Zwei seiner Kameraden 
stürzten mit zu Boden. 

Die anderen sprangen auf und wollten sich auf den Zivilisten 

werfen. Aber High war schneller. Als sie sich vor ihm 
aufbauten, starrten sie wie hypnotisiert in die Mündung von 
Highs Revolver. 

»Noch einen Schritt, ihr Hundesöhne, und ich blase euch die 

Gehirne aus euren Holzköpfen! Zurück!« 

Schnappend rastete der Hahn ein. Das metallische Geräusch 

war deutlich in der plötzlich auftretenden Stille des Black 
Devil zu hören. Isabell stieß einen spitzen Schrei aus. Lester 
Bone murrte und drohte, das Lokal zu räumen. Von der Erde 
rappelten sich die Gestürzten auf und glotzten den Mann mit 
dem Revolver tückisch an. 

»Wir sehen uns wieder«, drohte der Ire. »Wir zwei sehen uns 

bestimmt wieder, verlaß dich drauf, du gottverdammter 
Revolverschwinger!« 

High drehte sich um, ergriff Bone am Ärmel seines ehemals 

weißen Hemdes und zerrte ihn mit zur Bar. 

»Laß sie, sie sind nur ausgelassen«, sagte er laut. »Und wenn 

ich zu hart war, gebe ich eine Runde für die Gentlemen aus.« 

»Eine Runde?« schallte es von hinten. 
»Mann, Bucko, du willst eine Runde ausgeben?« 
»Warum nicht?« fragte High den Corporal. »Ich sagte doch, 

ihr seid nicht bösartig, nur ein bißchen wild. Eine kleine 
Meinungsverschiedenscheit muß nicht in einer blutigen 
Schlägerei ausarten, oder seid ihr anderer Meinung, Jungs?« 

Als sie ihm begeistert zustimmten, bestellte Samuel bei 

Lester eine Runde und gab ihm ein Zeichen, auch Isabell nicht 
zu vergessen. Die Ruhe war wieder hergestellt. Der Ire saß am 
Tisch und hielt sich den Kopf. 

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Der Nachmittag verging wie im Fluge. Nach der dritten 

Lage, die High den Soldaten spendierte, wurden sie ruhiger. 
Mancher schwere Kopf lag auf der Tischplatte, und das 
Schnarchen der Schnapsmüden ertönte im Chor. 

Gegen Abend füllte sich der Saloon mit den Zwielichtigen 

aus Tombstone und dem Nahbereich, dazu gehörte auch Highs 
Mannschaft. Die Banditen hatten sich wie Pfaue herausgeputzt. 

Mit Einbruch der Dunkelheit verschwanden die Dragoner, 

dafür kamen immer mehr Hartgesottene und Kaltäugige, die 
ihre Revolver bemerkenswert tief an der Hüfte trugen. 

High wurde lebhaft begrüßt. Man kannte ihn, und er kannte 

die Männer und ihre Qualitäten mit dem Schießeisen. Der 
Black Devil füllte sich überraschend schnell. 

Lagen wurden lautstark ausgegeben. Schnaps und Bier 

flossen in Strömen. High sonnte sich im Glanz des Spendierers 
und schaffte sich mit seiner Freizügigkeit weitere Freunde. An 
einem Hintertisch wurde ein Spielchen arrangiert. Samuel High 
beteiligte sich mit Casy Carradine und Ray Ewing. 

Man ging gleich in die Vollen und verschaffte so dem Spiel 

einen dreifachen Kreis interessierter Kibitze. Sam High gefiel 
das nicht. Er vermied es stets, Aufmerksamkeit auf sich zu 
ziehen. 

Das Spiel ging bis Mitternacht. Gewinn und Verlust hielten 

sich in Grenzen. Carradine wandte sich an High und fragte ihn 
nach seinen Plänen für die kommenden Tage. 

High antwortete: »Kann ich noch nicht sagen, Casy. Warum 

willst du das wissen?« 

»Ein paar Jungs und ich wollen uns im Vogelkäfig ein paar 

schöne Stunden machen. Steht uns doch zu, oder?« 

Carradines Stimme klang kühl und herausfordernd. 
»Ich habe euch dieses Lokal aus Sicherheitsgründen 

verboten, Casy. Warum forderst du mich stets wieder damit 
heraus?« 

»Befehlen kannst du, Sam, aber nichts verbieten. Nicht mir. 

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Ist das endlich in deinen Hirnkasten eingedrungen, oder muß 
ich demnächst mal nachhelfen?« 

In High kochte der letzte Blutstropfen. Carradine legte es 

darauf an, ihn zu brüskieren und herauszufordern. Wie schon 
so oft, gab der Bandit nach und mimte den Huld- und 
Verständnisvollen. Casy war schnell mit dem Eisen, das wußte 
High nur zu gut, und ob er den kaltschnäuzigen Revolvermann 
im Ziehen übertrumpfen konnte, war fraglich. Er setzte sein 
schönstes Lächeln auf und entgegnete aalglatt: 

»Okay, ich sehe ein, daß die Jungs ein wenig Abwechslung 

brauchen. Bone hat außer seinem gepantschten Schnaps ja 
nichts zu bieten. Wie sieht's aus? Braucht ihr Geld?« 

»Hundert reichen für diesen Abend.« 
High griff in die Innentasche seines Jacketts, nahm ein 

Bündel Geldscheine heraus, zählte zehn Zehner ab und schmiß 
sie vor Carradine auf den Tisch. Casy steckte sie gelassen ein. 

»Nehmt euch vor Johnny Ringo in acht. Der Mann ist 

verdammt schnell und ein richtiger Feuerfresser. Kennst du 
Ringo?« 

Carradine machte eine wegwerfende Handbewegung. 
»Wer ist schon Ringo? Mann, frage ich dich, wer ist schon 

John Ringo? Mit dem nehme ich's besoffen auf. Wenn er sich 
mausig macht, lege ich ihn um.« 

»Laß das«, antwortete High drängend. »Laß es sein, Casy. 

Mir liegt daran, so wenig wie möglich aufzufallen. Wenn er 
angibt, ignoriere ihn.« 

Carradine stand auf, warf einen nachlässig-spöttischen Blick 

zu High, winkte zwei Kumpane auf die Füße und verließ 
grußlos den Saloon. 

Isabell y Gama sah ihre Zeit gekommen und näherte sich 

hüftewackelnd dem Spieltisch. Eine Hand legte sie auf die 
Schulter des Mannes, ihre Wange an seine. 

»Heute nacht ist nichts mehr los, Darling. Lester kann mich 

entbehren. Kommst du mit, Süßer?« 

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»Mit Vergnügen, Honey! Wir nehmen uns 'ne Pulle mit nach 

oben. Gläser brauchen wir sicher nicht.« 

Er stand auf, ein wenig schwankend und unsicher, und 

bezahlte seine Zeche. 

Nach einer unbequemen Nacht erwachte Gutman und befreite 
sich von seinen gelockerten Fesseln. Von den Apachen war 
weit und breit nichts zu sehen. 

Zwanzig Meilen weiter im Westen glühten zwei erlöschende 

Feuer wie Katzenaugen in einer breiten Schlucht ohne 
Vegetation. Wasser gab es nicht, dafür Apachen. Jede Menge 
Apachen. Sie kauerten bei den Feuern, eingehüllt in Decken. 

Träge zog der Holzrauch wie ein dünner grauer Faden durch 

das Tal und drang in die hügelige Ebene, aus der sich ein 
Reitertrupp näherte. 

Unvermittelt hielt Cochise sein Pferd an und schnüffelte in 

den Wind. 

»Rauch«, sagte er mit sonorer Stimme. »Er kommt aus dem 

Canyon. Viel Rauch. Böser Rauch.« 

Warum Cochise den Rauch als böse bezeichnete, verstand 

Haggerty nicht. Er ließ es gelten, weil Cochise bei solchen 
Ankündigungen stets recht behielt. Der Jefe wechselte mit 
Naiche, seinem Sohn, einen sprechenden Blick. Nur Indianer 
hatten die besondere Gabe, sich ohne großen Wortaufwand zu 
unterhalten. 

Naiche hob die Hand, gab seinem Pinto die Absätze zu 

fühlen und verschwand im erblassenden Mondlicht. Die beiden 
Krieger blieben zurück und sondierten mit ihren Ohren und 
Augen die Nacht. Nichts regte sich. So kurz vor Tagesanbruch 
hatte das Jagen und Töten in der Wildnis aufgehört. Die 
Beutejäger waren satt, die Nager, die den Klauen und Zähnen 
ihrer Jäger entgangen waren, müde. 

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Naiche kam bereits nach einer halben Stunde zurück. Sein 

Gesicht wirkte ernst und verschlossen. Wer in diesem 
Augenblick sein Profil sah, stellte die große Ähnlichkeit des 
jungen Kriegers mit dem Häuptling der Apachen fest. 

Naiche redete mit Cochise. Die Krieger und John Haggerty 

hörten zu und äußerten sich in keiner Weise. Das hier war 
Chiricahualand, Cochises ureigenster Besitz, sein Reich. Hier 
bestimmte der Häuptling aller Apachenstämme, sonst niemand. 

Trotzdem kam John ein kaltes Grausen, als die Namen 

Geronimo und Victorio fielen. Naiche drehte sich auf seiner 
Satteldecke herum und deutete in den Canyon. Er hob beide 
Hände zweimal und sagte: 

»Zwanzig Krieger, Cochise. Sie sind auf einem Beutezug.« 
»Böses Feuer«, sagte Cochise und wiegte den Kopf. 

»Geronimo und Victorio, kein gutes Gespann. Es wird Blut 
fließen im Land der Chiricahuas, und für die Schuld, die 
erwächst, wird mein Volk wieder herhalten.« 

Naiche riß sein Kriegsbeil aus dem Gürtel, schwang es über 

dem Kopf und schrie zündend: 

»Greifen wir sie an, Cochise. Der Mimbrenjo muß für seine 

Frevel bestraft werden!« 

»Goghlayeh«, sagte Cochise leise, aber drohend. Mit harter 

Stimme fuhr er fort: »Wir greifen nicht an und warten bis zum 
Morgen. Ich fordere Rechenschaft von Geronimo und seinem 
neuen Bundesgenossen Victorio.« 

Er deutete zu einer flachen Mulde in der Wüstenlandschaft 

und sagte: 

»Ein geeigneter Lagerplatz und gut beschützt gegen die 

kalten Winde vor Sonnenaufgang. Laßt uns hinreiten.« 

Im Osten graute erstes Frühlicht, als sie mit ihren Pferden in 

die Mulde ritten und sie anpflockten. Cochise und die anderen 
Apachen setzten sich ins dürre Gras und warteten stoisch auf 
das Aufgehen des Tagesgestirns. Kein Wort wurde gesprochen, 
kein Gestenzeichen fiel. 

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John sattelte seinen Dunkelbraunen ab und legte sich mit 

unter den Kopf geschobenen Armen auf seine Deckenrolle. 
Müde sah er das Verblassen der Sterne und den heller 
werdenden Himmel im Osten. 

Unaufhörlich kreisten seine Gedanken um Dinge, die ihm 

von der Armee aufgetragen worden waren, um sie zu klären 
und zu bereinigen. Kein leichter Job in diesem Land, das aus 
Wildnis bestand und immer mehr in Armut und Chaos verfiel. 
Das Banditenunwesen nahm von Tag zu Tag mehr zu und 
Ausmaße an, denen Recht und Gesetz nur noch mühsam Herr 
werden konnte. 

Endlich wurde es hell. Bekassinen und Haubenlerchen 

überflogen mit jubelnden Klängen das Ödland und strichen ab, 
als sie die Menschen in der Mulde gewahrten. 

Kaum hatte sich die Sonne über den Horizont erhoben, 

wurde es heiß. Wie glühende Pfeile schossen die Strahlen des 
Muttergestirns über das Land und trieben jedes Leben in den 
Schatten. 

Cochise stand auf und verließ die Mulde. Haggerty sah ihn 

oben auf dem Rand stehen und nach Westen blicken. Kurz 
darauf wandte sich der Häuptling um. Er breitete die Arme der 
Sonne entgegen und stand so viele Minuten regungslos. Betete 
er? 

Als Cochise zurückkehrte, wirkte sein kupferfarbenes 

Gesicht ernst und reglos, starrer als sonst. Was ging in dem 
Häuptling der Chiricahuas vor? 

Vor John blieb er stehen und schaute ihn nachdenklich an. 
»Der Falke ist mutig wie ein Puma und schnell und stark wie 

der Adler, und er ist ehrlich und dem roten Mann 
wohlgesonnen. Cochise will ihn fragen, wie er über den 
›Singenden Draht‹ denkt, der die Weißen im Norden mit denen 
im Süden verbindet?« 

Haggerty war überrascht, daß der Häuptling gerade an 

diesem Morgen auf den Telegraf zu sprechen kam und machte 

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sich seine Gedanken über Cochises Verhalten. Ausweichend 
sagte er zunächst: 

»Der Telegraf ist für unser Land lebensnotwendig, Jefe.« 
Sofort bereute er  seine Worte. Nach der Gewohnheit aller 

Weißen in den Staaten hatte er die Worte »unser Land« 
gebraucht und nicht Chiricahualand gesagt. Das Echo kam 
prompt: 

»Unser Land? Wessen Land, Falke?« 
Ein wenig widerstrebend bequemte sich Haggerty zu einer 

Antwort, die ihm nicht flüssig von der Zunge ging und Cochise 
wenig befriedigte. Er erkannte es am Zittern der Nasenflügel 
und an der jähen Versteinerung der Gesichtszüge. 

»Das Land der Indianer im Südwesten, meine ich.« 
Übergangslos brach der Häuptling das Thema ab. Er richtete 

sich auf und streckte seine Hand befehlend gegen die 
Lagerstelle seiner Krieger aus. 

»Wir reiten weiter!« befahl er. 
Eine halbe Stunde später gelangten sie an die Mündung des 

Canyons und spürten die glutheißen Winde, die seine Wände 
abstrahlten. Bevor der Reitertrupp in die Schlucht eindringen 
konnte, wurde er aufgehalten. 

Zwei Krieger auf zottigen Ponys erschienen und blockierten 

den Weg. Sie hielten Gewehre in den Armbeugen und 
musterten jeden einzelnen Indianer um Cochise. Wenn sie auch 
genau wußten, wer vor ihnen auf dem Pferd hielt, ließen sie 
jedoch nicht erkennen, daß sie den Häuptling aller Apachen 
respektierten. 

Das bedeutete nichts Gutes, und Cochise wußte es. 
»Gebt den Weg frei!« befahl er. 
Die Apachen reagierten nicht und blieben stoisch auf ihren 

Ponys sitzen. 

»Ich bin Cochise, der Häuptling aller Stämme, haltet mich 

nicht auf!« 

Staub und Hufgetrappel drangen aus dem Canyon. Eine 

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große Kriegerschar kam um die Biegung und hielt hinter den 
beiden Wachtposten. Cochise erkannte Geronimo und Victorio. 
Geronimo schien das Wort zu führen. Seine stechenden Augen 
saugten sich an Cochise fest und musterten den Jefe. 

»Du kannst dir keinen Durchgang erzwingen, ich habe mehr 

Krieger als du!« schrie er über, die Distanz hinweg. »Hier 
stehen zwanzig Mimbrenjos, Cochise, und diese zwanzig 
Krieger sind die besten ihres Stammes!« 

»Nur Mimbrenjos«, Cochise winkte ab. »Hier steht Cochise, 

ein Chiricahua, der es mit deinen Mimbrenjos aufnimmt!« 

Ein dumpfes Murren ging durch die Reihen der Krieger. John 

Haggerty stand fast das Herz still. Wollte es der Chief mit dem 
halben Stamm der Mimbrenjos aufnehmen? Geronimo nahm 
die Herausforderung nicht an. Das bewies John, daß der Rebell 
anderes im Auge hatte als einen Stammeskrieg zu entfesseln. 

Ein junger, hünenhafter und bärenstarker Krieger drängte 

sein Pony vor die Front. Sein grimmiges Gesicht richtete sich 
abfällig auf Cochise. Mit beiden Fäusten trommelte er auf 
seiner nackten Brust, und er schrie: 

»Ich bin ein Aravaipa, Cochise, willst du mit mir kämpfen?« 
»Du bist ein Hund von einem Pima. Wie kannst du es wagen, 

einen Chiricahua herauszufordern? Kehre in deinen Erdbau 
zurück und höre auf zu kläffen, wenn Chiricahua-Krieger 
reden!« 

Das war nicht nur eine grobe Beleidigung, sondern auch eine 

herausfordernde Mißachtung, die ein Indianer jener Zeit nicht 
ohne Gesichtsverlust hinnehmen konnte. 

»Ich bin Saguaro, ein Aravaipa, und ich fordere die brüllende 

Kröte von einem Chiricahua zum Zweikampf heraus! Leben 
oder Tod! Du kannst wählen, Tizwintrinker, du kannst auch 
deinen Schwanz einziehen und jaulend davonziehen. Hier steht 
Saguaro, der beste Messerkämpfer der Aravaipas!« 

»Dort steht Saguaro, der größte Maulheld der Aravaipas«, 

höhnte Cochise abfällig. »Komm und stell dich, damit ich dir 

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dein großes Maul stopfe!« 

Geronimo drängte sein Pferd zwischen Cochise und den 

Aravaipa. Ihm war an einem Zweikampf nicht gelegen. 
Cochise jedoch war schneller, sprang von seinem Reittier und 
drängte Geronimos Pferd mit seiner Schulter zurück. Seine 
Augen flammten, als er die Hand gegen Geronimo ausstreckte 
und kalt befahl: 

»Du hältst dich heraus, Nedni-Rebell! Hier befehle ich!« 
Geronimo wich tatsächlich zurück. Seine Augen funkelten 

tückisch auf Cochise, und sein breiter, grausamer Mund warf 
sich auf wie bei einem fletschenden Wolf. 

»Er wird dich mit seinem Messer aufschlitzen wie einen 

Kadaver, er wird dich in Stücke schneiden und deine 
Eingeweide den Bussarden und Coyoten vorwerfen und deine 
Ohren an einen Baum nageln.« 

Cochise warf sich zu ihm herum. Seine Hand schnellte vor 

und streckte sich anklagend gegen Geronimo vor. 

»Zurück, Ratte! Wenn ich Saguaro besiegt habe, bist du an 

der Reihe! Weiche zurück, schielender Bastard von einem 
Hundefresser!« 

In Geronimo kochte der Grimm. Seine Hand zuckte zum 

Kriegsbeil, aber er zog es nicht, weil er sich vor den 
flammenden Augen des Chiricahua fürchtete. 

Die Krieger hinter ihm verhielten sich ruhig. Ihnen ging der 

Streit der Häuptlinge nichts an. Victorio fühlte sich durch die 
kalte Gelassenheit Cochises mehr zu ihm hingezogen als zu 
Geronimo. Aber er hielt sich aus dem Spiel und mimte den 
Unbeteiligten. Cochise hatte ihn schon einmal besiegt, oben am 
Apachen Paß. Und Victorio hatte diese Niederlage bis heute 
nicht vergessen. 

Saguaro sprang wutentbrannt aus dem Sattel und riß sein 

Messer aus der Scheide. 

»Dich schlage ich mit einem Knüppel tot, dazu braucht ein 

Aravaipa kein Messer!« 

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 64

»Geifernder Coyote, komm her, daß ich dich züchtige!« 
Die Apachen stiegen von den Ponys und bildeten einen Ring. 
John Haggerty blieb auf seinem Dunkelbraunen, den Henry-

Stutzen in der Armbeuge, und seine Augen glitten wachsam 
über den Kreis der mit gespannter Erwartung erfüllten 
Indianer. 

Apachenduell! 
Ein Duell zwischen Giganten mit Messern und unter 

Ausnutzung ihrer physischen Kräfte … das war etwas für die 
Rothäute, worüber sie noch in Jahren in ihren Wicki-ups und 
an den nächtlichen Lagerfeuern erzählen würden. 

Wer würde den Zweikampf gewinnen? Stand der Sieger 

bereits von vornherein fest oder mußte der Kampf bis zum 
bitteren Ende eines der beiden Kämpfer ausgetragen werden? 

Stolz und Haß, Neid und Mißgunst prallten hier aufeinander 

und suchten nach einem Ventil, das seine Öffnung nach der 
Häuptlingswürde ausrichtete. Legende wurde Wirklichkeit, 
eine Legende, die von der Wildnis bestimmt wurde und 
animalische Instinkte in den Menschen jener Region weckte. 

Die beiden Duellanten gingen aufeinander zu. Beide, 

hochgewachsen und breitschultrig, hatten ihre Kalikohemden 
ausgezogen und zeigten ihre nackten Oberkörper. 

Haggerty musterte den fremden Indianer, der Cochise 

herausgefordert hatte. Saguaro war stämmig und sehnig wie ein 
Bison. Aber Cochise verriet mehr Geschmeidigkeit und 
Wendigkeit. Unzweifelhaft verfügte er auch über eine größere 
Körperstärke, die von seinen muskulösen Armen und von der 
gewaltigen Brust ausging. 

Ihre Wüstenmokassins reichten ihnen bis zu den Knien und 

wurden von Lederriemen gehalten. Katzengewandt umkreisten 
sie sich mit stoßbereiten Klingen. 

Der erste Ausfall kam von Saguaro. Cochise parierte mit der 

Messerhand und stieß dem jungen Krieger die freie Hand ins 
Gesicht. Eine Regel gab es nicht. Jeder kämpfte so, wie es ihm 

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 65

sein Instinkt eingab. 

Aber beide waren sie Taktiker und geübte Kämpfer. Der 

Kampf wogte hin und her, vor und zurück. Keiner der Kämpfer 
erlangte einen Vorteil oder konnte den anderen in die Enge 
treiben. 

John Haggerty beobachtete die beiden Indianer. Nach zehn 

Minuten ließ die Energie Saguaros nach, während Cochise 
noch so frisch wie zur ersten Minute wirkte. Auf der 
dunkelbraunen Haut des Aravaipa erschienen Schweißtropfen. 
Seine Muskeln bewegten sich langsamer und wirkten 
verkrampft. 

Cochise legte es scheinbar darauf an, den Gegner zu 

zermürben, ohne sich selbst der Gefahr einer Verwundung 
auszusetzen. Wieder drang Saguaro wütend auf den Häuptling 
ein. Cochise machte eine halbe Drehung, ließ den Aravaipa ins 
Leere rennen und stellte ihm ein Bein. 

Mit einem brüllenden Wutschrei stürzte der Indianer, warf 

sich noch im Fallen katzengewandt herum und hob sein Messer 
zum Stoß. Cochise sprang ihm nach, trat ihm die Klinge aus 
der Hand und warf sich auf ihn. 

Der Ringkampf entfaltete sich am Boden mit äußerster 

Wildheit. Die Zuschauer erkannten die Überlegenheit des 
Häuptlings von Sekunde zu Sekunde besser. Einmal war der 
Jefe oben, ein anderes Mal Saguaro. 

Das Ende des Kampfes war nahe. Man sah es an den 

verzerrten Gesichtszügen des Aravaipa und an Cochises 
grimmigem Ausdruck. Der Chief legte seinen Arm um 
Saguaros Hals und riß ihn neben sich zu Boden. Sein Kopf 
schleifte im Staub und wurde von dem Chiricahua kräftig 
geschüttelt. 

Cochise warf sein rechtes Bein in die Höhe und schwang sich 

aus dem Sattel. Hell glitzerte sein Messer über Saguaros Kopf. 
Der Aravaipa erschlaffte. 

Stieß Cochise zu oder würde er zögern? 

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 66

Nach dem Gesetz der Apachen hatte der Herausforderer sein 

Leben verwirkt und mußte sterben. John Haggerty kannte 
Cochise zu gut und ahnte, daß er das Leben des Besiegten 
schonen würde. Dem Jefe lag nichts an Blutvergießen und 
Töten. Ihm kam es darauf an, die Stämme der Apachen zu 
einen, zu stärken im Kampf gegen ihre Feinde aus dem Norden 
und Süden und sich selbst als Häuptling aller Stämme zu 
manifestieren. 

»Bist du besiegt?« hallte seine Stimme über den Kampfplatz. 
Saguaro antwortete mit geschlossenen Augen: 
»Ich bin es. Stoß zu!« 
Alle hatten es gehört. Darauf kam es Cochise an. Er erhob 

sich von dem liegenden Körper des Besiegten, steckte sein 
Messer in die Scheide und schritt würdevoll zu seinem Pferd. 
Gemächlich und majestätisch schwang er sich auf den Rücken 
des Ponys und lenkte es zu Geronimo. 

»Goghlayeh, du hast es gehört und gesehen! Ich besiegte 

diesen Aravaipa. Ich besiege auch dich, wenn ich dazu 
gezwungen werde. Fordere mich niemals heraus, denn dein 
Leben werde ich nicht schonen!« 

Langsam und mit drohender Gebärde zerrte er sein Pferd 

herum und ritt durch den Kreis der Apachen zu Victorio auf die 
andere Seite. 

Vor Old Vic zügelte er den Pinto. Er tat nichts, sagte nichts, 

starrte den wilden Mimbrenjo nur an. Nicht haßerfüllt und 
demütigend, sondern schweigend und mahnend. 

Victorios Hand glitt zum Messer. In Cochises Gesicht 

wetterleuchtete es, aber er sagte kein Wort und bezwang den 
stolzen Krieger mit seinem Blick. 

Victorio senkte die Augen und nahm die Hand vom 

Skalpmesser. Cochise entspannte sich, und der Triumph, Herr 
über die wilde Horde geworden zu sein, spiegelte sich in 
seinem stolzen Antlitz. 

Als er sein Pferd herumzog, nickte er John und Naiche zu. 

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 67

Gemeinsam ritten sie nach Westen, Steigbügel an Steigbügel. 

Tombstone am Spätnachmittag. Das Bird Cage Theatre flutete 
über. In Dreierreihe umstanden die Besucher Spieltische und 
Theke. Nicht nur Bier und Whisky flossen. Gott bewahre! In 
den Zimmern knallten die Champagnerpfropfen um die Wette, 
füllte französischer Wein geschliffene Gläser. 

Dazu unterhielten Artisten und Tänzerinnen die pokermüden 

Gäste, und Heerscharen leichtbekleideter Mädchen sorgten für 
Stimmung und Umsatz. 

An einem Ecktisch kam ein Spiel ohne Limit zusammen. 

Kibitze drängten und schoben mit den Ellbogen, um einen 
Blick auf die Karten zu erhaschen. Casy Carradine eröffnete 
mit fünfzig Dollar und forderte zwei Karten. 

Ray Ewing und Elias beteiligten sich nicht an dem Spiel, sie 

standen wie leblos im Kreis der Zuschauer und ließen ihre 
kalten Augen wachsam umhergleiten. In dieser Domäne der 
Männer waren Tumult und rauhe Artikulation von heiseren 
Stimmen an der Tagesordnung. 

Symptomatisch dazu auch die anderen Nebengeräusche wie 

das Klappern der Chips, das Rollen der Roulettekugel, die 
knisternde Spannung und das verführerische Flüstern der 
Animiermädchen. Niemand dämpfte seine Stimme. Wozu 
auch? Man war in einem freien Land, im Land der 
unbegrenzten Möglichkeiten. 

»Ich eröffne mit hundert«, ertönte die monotone Stimme des 

Bankhalters. »Karten, Gentlemen?« 

Man spielte Vierhandpoker, alle gegen die Bank, und doch 

jeder für sich allein. Die kleine Musikkapelle neben dem 
Podium intonierte einen Cancan. Seide und Rüschen rauschten 
und knisterten, und die Damenbeine schlugen und trommelten 
auf dem holprigen Bretterboden einen unreinen Takt. 

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 68

Die Truppe trat ab, der Cancan verklang und wurde von 

frenetischem Beifall und langgezogenen Pfiffen begleitet. Casy 
Carradine konzentrierte sich auf sein Blatt. Nach kurzer 
Überlegung nickte er. 

»Ich gehe mit und erweitere um einen Greenback.« 
Er spielte seit dem frühen Nachmittag und hatte bereits eine 

beträchtliche Summe gewonnen, die ihm ein weiteres Risiko 
erlaubte. Carradine gewann immer. Nicht, daß er dem Glück 
nachgeholfen und die Karten manipuliert hätte. Nein, daran 
dachte der stolze und von sich eingenommene Revolvermann 
nicht. Seine eiskalte Ruhe und sein präzise funktionierendes 
Gehirn gepaart mit fundierten Kenntnissen über 
Kartenkonstellationen machte es ihm möglich. 

Er gewann immer wieder und strich das Geld gelassen ein, 

als seien es nicht dreihundert runde Dollar, sondern nur 
Knöpfe. Im Aufblicken gewahrte er ein Paar frostblaue Augen, 
die ihn glitzernd musterten. Der Mann lehnte wie gelangweilt 
an einer Säule und starrte zu ihm herüber. 

Carradine schätzte den Fremden ab. Tiefhängender Revolver, 

landesübliche Kleidung, Stiefel und alles, was zu einem 
Revolverschützen gehörte, der etwas auf sich und seinen 
Nimbus hielt. Eine, erloschene Zigarette klebte im rechten 
Mundwinkel des Burschen, der ihn unverwandt anstarrte. 

»Ladys und Gentlemen!« tönte es laut und ein wenig 

kreischend von der Bühne. »Ladies and Gentlemen! Sie sehen 
vor sich Mike Allan Brescott aus Kansas City, den einzigen 
Mann, dem es gelingt, eine abgefeuerte Kugel mit den Zähnen 
aufzufangen!« 

»Hohoho!« brüllte es im Chor. 
»Jawohl, der einzige Mann auf der Welt, dem das Kunststück 

gelingt!« Brescott holte Atem und füllte seine Lungen mit Luft. 
Im schrillsten Diskant fuhr er fort: 

»Ich spreche die Mutigen unter Ihnen an, Gentlemen! Wer 

will es gleich mir versuchen, wer ist so kühn und wer will 

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einhundert Dollar für das Wagnis verdienen?« 

Stille. Niemand meldete sich. Keiner der Anwesenden hob 

die Hand oder trat vor. 

»Nun, meine Herren, ist niemand da, der hundert Dollar 

verdienen will?« 

Eine Stimme brüllte: »Vorzeigen, Bleifresser!« 
Mike Allan Brescott hielt einen Schein hoch und wedelte 

damit. 

»Niemand will sich das Geld verdienen«, sagte er zu seinem 

Gehilfen, der einen Revolver vom Tisch nahm und die 
Trommel rotieren ließ. 

»Schreiten wir zur Tat.« 
Casy Carradine hätte gern das Spiel fortgesetzt, aber seine 

Mitspieler hingen mit den Augen an der Bühne und waren ganz 
gespannter Erwartung. Aus den Augenwinkeln heraus 
beobachtete er den Fremden, der wie eine Statue am 
Säulenschaft lehnte. Der Mann ließ ihn nicht aus den Augen. 

Casy drehte den Kopf. »Ray, geh mal rüber und frag' den 

Kerl, was er will und wer er ist?« 

»Soll ich ihm gleich mal auf die Zehen treten?« 
»Nein. Wenn er Hopp sagt, nehme ich mir den Pilger vor. 

Hau ab!« 

Ewing setzte sich in Bewegung, während auf der Bühne der 

Hokuspokus unter den neugierigen Blicken der Gäste 
weiterlief. 

Ray tippte dem Mann auf die Schulter. Wenn er geglaubt 

hatte, daß der so unsanft Angerempelte nun herumfahren und 
protestieren würde, so sah er sich getäuscht. 

»Was willst du?« kam es kalt und gelassen. 
»Mit dir reden.« 
»Bin ganz Aufmerksamkeit. Quatsch dich aus und verdufte 

wieder, und etwas plötzlich, wenn's beliebt.« 

»Es beliebt nicht. Weshalb glotzt du ständig Carradine an?« 
»So, glotze ich? Carradine heißt der Hombre? Meinetwegen. 

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 70

Hau ab!« 

Ray Ewing gingen die Gäule durch. Er gab dem anderen 

einen kräftigen Stoß gegen die Schulter und ++ starrte in eine 
kreisrunde Coltmündung. 

»Lebensmüde, was?« 
»Wer bist du? Glaub' ja nicht, daß ich Angst vor deinem 

Schießeisen habe. Also, wer bist du und weshalb provozierst 
du meinen Freund?« 

»Tue ich das?« Der Revolver verschwand so schnell wie er 

hochgezaubert worden war. 

»Weiche nicht aus, du lahmer Pilger.« 
Der Fremde stieß sich mit der Schulter von der Säule ab, 

wirbelte herum und hieb Ray die Faust genau auf den Punkt. 
Der Bandit wurde halb um seine Achse gerissen und stürzte 
schwer zwischen die Tische. Halb benommen von dem Schlag 
richtete er sich halb in die Höhe und sackte mit glasigen Augen 
erneut zusammen. 

Carradine hatte jede Phase der Auseinandersetzung verfolgt. 

Seine Brauen schoben sich zu einem Strich zusammen, und 
seine hellen Augen funkelten ebenso grausam wie tückisch. 
Mit einer sanften Bewegung legte er den Kartenfächer auf den 
Tisch und stand auf. 

Wie schon gesagt, Carradine wirkte eher schmächtig als 

kräftig. Aber von seiner Körperhaltung und seinem Gangwerk 
ging eine solche Geschmeidigkeit und Straffheit aus, daß der 
Fremde einen zweiten Blick an ihn verschwendete. 

Drei Schritte vor dem Mann blieb Carradine stehen. Der 

Fremde überragte ihn um einen ganzen Kopf und grinste ihn 
hohnlächelnd an. 

»Sag, wie wirst du dich fühlen, wenn ich dir ein paar Zähne 

in deinen ungewaschenen Schlund hämmere, Bucko?« 

»Wahrscheinlich wird mich das ärgerlich machen, so 

ärgerlich, daß ich deinen mageren Wanst mit Blei fülle. 
Versuch's mal!« 

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Carradine zog die Oberlippe hoch. Sein Gesicht bekam etwas 

Wölfisches, Gemeines. 

»Wer bist du? Ich möchte wissen, wen ich gleich zu 

Hackfleisch verarbeite.« 

»Ich bin Johnny Ringo, Zwerg. Verzupf dich! Los, 

verdufte!« 

Carradines Hand glitt zum Halfter. Das Aufbrüllen eines 

Schusses ließ ihn auf halbem Weg innehalten. Ringo hatte 
nicht geschossen. Von dort kam kein Rauchwölkchen und kein 
heißes Blei. 

Beide Männer schickten verblüffte Blicke zur Bühne, wo 

sich Pulverrauch zur Decke kräuselte. In diesem Augenblick 
spuckte Mr. Mike Allen Brescott aus Kansas City unter 
brüllendem Beifall der Zuschauer die erste aufgefangene Kugel 
auf den Bretterboden. 

Sein machiavellistisches Gelächter gackerte wie ein ganzer 

Hühnerhof durch den Saal. 

»Gentlemen, macht es mir jemand nach?« 
»Donnerwetter!« sagte Ringo anerkennend. »Das kann er 

wirklich!« 

»Bluff«, grunzte Carradine wegwerfend, 

»Taschenspielertricks.« 

»Sein Gehilfe schoß doch aus 'nem Colt?« 
»Platzpatronen. Die Kugel, die er ausspuckte, hielt er 

zwischen den Zähnen. Kunststück!« 

»Trotzdem …« 
Ein paar Oldtimer, voll wie Haubitzen und wilder als 

Katzenflieger, rankten sich in die Höhe und wedelten begeistert 
mit den Händen. Einer aus ihrem Kreis, ein bärtiger Geselle 
mit hervorquellenden Augen und schadhaftem Pferdegebiß riß 
einen uralten Perkussionsrevolver aus dem Gürtel, nahm Maß 
und legte auf den Bleifänger an. 

»Ho, Kansas City, fängst du auch die?« 
Sein Nachbar schlug ihm den Lauf herunter. Brüllend fuhr 

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der Schuß in den Boden. 

»Hohlkopf! Willst du den Spaßmacher umbringen?« 
»Wer ist hier ein Hohlkopf? Ich zahle ihm zweihundert 

Dollar, wenn er in meine Kugel beißt.« 

»Und anschließend hängen sie dich wegen Mordes. Setz dich 

hin, du Pavian mit einem Flohgehirn.« 

Die Digger beruhigten sich, nahmen ihre Plätze ein und 

vergaßen den Zwischenfall. Das Programm wechselte und 
nahm an Farbe und Beweglichkeit zu. Langsam, als müßte er 
seine Bewegungen sehr knapp bemessen, drehte sich Ringo zu 
Carradine herum. Die Kippe wanderte vom rechten in den 
linken Mundwinkel, und während er sprach, kniff er ein Auge 
zu: 

»Okay, Hombre, entscheide dich. Einen Whisky oder 'ne 

Schießerei?« 

»Mir gleich. Wenn es dich danach gelüstet, Blei 

aufzufangen, dann greif zum Eisen!« 

Johnny Ringo spuckte den Zigarettenstummel zu Boden und 

grinste. 

»So toll wird's wohl nicht sein, oder? Ein Dreck und ein 

hübsches Mädchen wären mir allerdings lieber als 
Pulverdampf. Wie wär's?« 

»Okay, läßt sich hören. Komm mit, ich gebe einen aus.« 
Seite an Seite schlenderten sie zur Bar. Zwei gleiche Typen, 

zäh, kalt und absolut tödlich mit dem Revolver. 

»Wir werden verfolgt.« 

Cochise sagte es ruhig und so belanglos, als rede er über das 

Wetter. John Haggerty, der Steigbügel an Steigbügel mit ihm 
ritt, war von der Ankündigung so überrascht, daß er rasch den 
Kopf wandte und das hügelige Land in seinem Rücken 
musterte. 

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Er fragte: »Wer?« 
Cochise, kein Freund von langen Reden, schüttelte 

verweisend den Kopf. Hinter ihnen ritten Naiche und die 
beiden Krieger. Ihre Gesichter waren verschlossen und wirkten 
wie zugeknöpft in Gegenwart des legendären Häuptlings. 

»Lagern«, sagte der Chief und deutete auf eine dichte 

Buschinsel. 

Der Weiße an seiner Seite begriff und wunderte sich stets 

wieder über den vorausschauenden Weitblick des Apachen. Er 
nickte und lenkte sein Pferd zu dem Dornengestrüpp hinüber. 
Was seinen Augen entgangen war, Cochise hatte den Durchlaß 
im Dickicht mit Adlerblick erkannt. 

Auf der Lichtung stiegen sie von den Pferden und spannten 

einen Lasso-Corral. Naiche entzündete ein Feuer und packte 
Proviant aus einer Wildledertasche. 

Inzwischen versank die Sonne blutrot hinter dem Papago 

Indian Stripe und ließ ein Meer von purpurnem Dunst und die 
Ahnung einer sternklaren, kalten Nacht zurück. 

John und Cochise saßen beim Feuer und unterhielten sich 

leise. Trotz der Unterhaltung waren ihre Sinne aufs Äußerste 
angespannt. 

»Hast du sie gesehen, Jefe?« 
»Einer«, antwortete Cochise. »Cochise schmeckt den Staub.« 
John schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Die 

Urinstinkte der Indianer waren denen der weißen Rasse weit 
überlegen, wie der Apachen-Chief immer wieder unter Beweis 
stellte. 

Erste Schatten krochen durch die Büsche, eine gute 

Gelegenheit für einen Späher, sich an das Lager zu schleichen. 
Bevor es ganz dunkel wurde, nahmen sie ihre Abendmahlzeit 
ein. Nach dem Essen entfernten sich die beiden Krieger auf 
Holzsuche. 

Cochise senkte den Kopf bis fast auf die Brust. Leise sagte 

er: 

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»Ich gehe, Falke. Verhalte dich ruhig!« 
John nahm einen Zweig und stocherte im Feuer. Ebenso leise 

antwortete er: 

»Laß es mich tun, Cochise. Es ist unauffälliger, falls noch ein 

paar andere Späher in der Nähe sind.« 

Ohne eine Antwort abzuwarten stand Haggerty auf. Er tat so, 

als müsse er abseits gehen und entfernte sich zur Lücke im 
Dickicht hin. Als er sie erreichte, zuckten die letzten 
Lichtbündel über das Land und hinterließen Dunkelheit. 

John Haggerty hatte keine Ahnung, wo er den Späher finden 

würde. Auf jeden Fall mußte er sich zunächst einmal 
unsichtbar machen und durch die zähen Ranken 
hindurchkriechen. Wenn es zu einem Kampf zwischen ihm und 
der feindlichen Rothaut kam, war er im Unterholz gegenüber 
dem gewandten Indianer im Nachteil. Dieses Risiko mußte er 
aber eingehen, weil es keine andere Möglichkeit gab, sich des 
Spähers zu bemächtigen. 

John kroch auf Händen und Füßen, weiter. Staub stieg ihm in 

die Nase und reizte seine Schleimhäute. Hier unter den Ranken 
war es so dunkel, daß er die Hand nicht vor Augen sah. Und es 
war still. 

Johns Hand tastete sich vor. Wenn sie auf kein Hindernis 

stieß, glitt sie weiter und zog den Körper nach. Meter um 
Meter schaffte der schweißtriefende Mann und näherte sich 
dem inneren Dickichtgürtel. Durch die dünnen Stämme der 
meterhohen Speerdornpflanzen sah er das Feuer flackern. 

Absolute Lautlosigkeit herrschte dort. Als er einmal in seinen 

Bewegungen innehielt und Atem schöpfte, sah er Cochise 
unbeweglich wie eine Statue bei den Flammen sitzen. Der 
Häuptling hielt den Kopf gesenkt, als seien seine Gedanken 
weit entrückt. 

Weiter! 
Ein knisterndes Geräusch ließ Haggerty zusammenzucken. 

Er verhielt, lauschte atemlos nach allen Seiten und wagte nicht, 

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sich zu bewegen. Woher war das Geräusch gekommen? 

Seine Augen spähten unter dem aufgestützten Kopf hervor in 

alle Richtungen, aber die absolute Finsternis unter dem 
stacheligen Blätterdach ließ nichts erkennen. 

Da, wieder! 
Knirschen und Knistern. Schließlich brach unkontrolliert ein 

dürrer Ast. John zuckte zusammen und hielt die Hand vor den 
Mund, damit ihn sein keuchender Atem nicht verriet. Rechts 
von ihm lag ein formloser Klumpen unter dem Stacheldach, 
und dieser Klumpen bewegte sich Zentimeter um Zentimeter 
dem Lichtschein am Feuer entgegen. 

Haggerty lächelte grimmig. Warte, Bürschchen, dachte er. 

Gleich werde ich dich liebevoll in die Arme schließen. 

Er blieb liegen, beobachtete und ließ seinen Atem zur Ruhe 

kommen. Der Mann vor ihm kroch weiter und mußte seinen 
Weg schneiden, wenn er die Richtung beibehielt. Und wenn 
Johns Augen ihn nicht trogen, war der Anschleicher ein 
Indianer. 

Cochise hatte wieder einmal recht gehabt. 
Minuten vergingen. Eine Viertelstunde, eine halbe. Der 

Späher war John so nahe gekommen, daß er bereits seine 
Ausdünstung riechen konnte. So gut es möglich war, preßte 
sich der Weiße gegen den harten Boden und verhielt sich 
bewegungslos. 

Am Feuer bewegte sich etwas. Einer der Krieger war 

aufgestanden und schlug sich seitwärts in die Büsche. Gott sei 
Dank nahm er die andere Richtung und entfernte sich. 

Der Flügelschlag eines Nachtbeuters war über John. Er 

wagte nicht, den Kopf zu heben und hochzublicken. Der Fleck 
seines hellen Gesichtes hätte ihn bestimmt verraten. Vor ihm 
entstand wieder Bewegung. Geräuschlos kroch der Indianer 
wie eine große Echse näher. 

John behielt ihn im Auge und verfolgte jede seiner 

Bewegungen. Drei Meter mochten sie noch trennen. John hatte 

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das Glück, vor seinem Kopf ein paar Grasbüschel zu haben, die 
unter dem lichtlosen Blätterdach ein armseliges Dasein 
fristeten. 

Wieder Geräusche beim Feuer. Der Späher erstarrte und 

preßte seinen Körper wie auch John gegen die Erde. Der 
Apache war zurückgekehrt und rollte sich neben den Flammen 
wie ein Igel zusammen. 

Schweigen. Nur das Feuer knisterte und schickte dann und 

wann einen Funkenregen in seine Nachbarschaft. Im Corral 
stampften die Pferde mit den Hufen und durchdrangen die 
Nacht mit ihrem tiefen Schnauben. 

John sah, wie der Späher seine Richtung etwas änderte und 

ihm dadurch schneller näherkam. Nur noch Sekunden, wenige 
Sekunden, und er würde sich auf die Rothaut stürzen und ihm 
die Faust gegen den Schädel donnern. 

John Haggerty rechnete mit dem Überraschungsmoment und 

auch mit Kampf. Wie in derartigen Fällen würde der 
Überfallene erst einmal sekundenlang dem Schock unterliegen 
und sich dann mit Zähnen und Klauen wehren. 

Daß es ganz einfach werden würde, konnte er nicht ahnen. 
Die permanente Nähe des potentiellen indianischen Gegners 

trieb John Haggerty den Schweiß in wahren Sturzbächen über 
den Körper. Dazu kam die gestaute Hitze unter dem verfilzten 
Blätterdach, die Angst vor der Dunkelheit und die Zecken, die 
sich herabfallen ließen und in seine ungeschützte Haut bohrten. 

Zwei Meter, ganze zwei Meter, und er würde den fremden 

Indianer mit der Hand berühren können. John lauerte und 
wartete auf seine Chance. Er streckte vorsichtig die Hand aus, 
öffnete sie wie im Spiel und schloß sie zur Faust, um die 
Finger geschmeidig zu halten. 

Raschelndes Knistern, das leise Knacken eines 

Pflanzenstengels und das schleifende Geräusch zur Seite 
geschobener Zweige ließen den Weißen angespannt erstarren. 

Er hielt erneut den Atem an und spannte die Muskeln. Mit 

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einem Sprung wollte er sich auf die Rothaut werfen und ihr 
sein Messer an die Kehle setzen. 

Der Mann lag vor ihm, fast greifbar. 
John verlagerte sein Körpergewicht auf Knie und Ellbogen 

und setzte zum Sprung aus seiner liegenden Position an. 

Jetzt! 
Wie ein abgeschossener Pfeil schnellte er in die Höhe und … 
»Das Bleichgesicht muß keine Angst vor Saguaro haben. 

Saguaro hat nichts Böses im Sinn.« 

Ein wehrloser Indianer lag unter John, der ihm die Spitze 

seines Messers in den Nacken setzte. Als hätte Cochise mit 
seinen Chiricahuas nur auf diesen Augenblick gewartet, 
sprangen sie wie auf ein Kommando auf und stürzten sich 
zwischen die Büsche. 

»By Jason, der Bastard spielt falsch! Und das so ungeschickt, 
daß es jeder merken kann.« 

Johnny Ringo nickte. Er und Carradine lehnten am Tresen, 

brennende Zigaretten im Mundwinkel, die Augen verkniffen, 
Whisky und Bier vor sich auf der Nickelplatte. 

»Wie kann man nur so lange am Leben bleiben, wenn man so 

blöd ist und in die verkehrte Tasche spielt?« 

»Yeah«, knurrte Carradine gelangweilt. »In dieser Town gibt 

es noch blödere Heinis. Mach dir nichts draus, John. 
Hauptsache, uns beißen die Schweine nicht.« 

Er warf einen abschätzenden Blick auf den Revolvermann 

und fuhr fort: 

»Was treibst du in diesem Sündenbabel? Rausschmeißer?« 
»Käse! Ich und Rausschmeißer…? Sieh dir die beiden 

Gorillas dort drüben an. Die besorgen das viel gründlicher als 
ich. Das Rausschmeißen.« 

»Von was lebst du?« 

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»Von diesem und jenem«, sagte Ringo ausweichend. »In 

dieser beschissenen Stadt gibt es wenig 
Entfaltungsmöglichkeiten für einen Mann wie mich.« 

Am ersten Spieltisch entstand Turbulenz. Sie hatten einen 

Falschspieler bei einer Mogelei erwischt. Carradine wurde 
abgelenkt und vergaß seine Frage. Sein schmales Grinsen 
überflog seine Züge, als es drüben krachte und polterte. Die 
Männer hatten das Problem auf ihre Art gelöst. 

Einer der beiden Rausschmeißer kam mit eingestemmten 

Armen herüber, packte den Bewußtlosen am Kragen und zerrte 
ihn zur Tür. Mit einem gezielten Tritt beförderte er ihn in die 
Nacht. Schweigend kehrte er zurück. 

»Ich könnte einen Job gebrauchen«, sagte Casy Carradine 

leise und kniff die Augen noch mehr zusammen, wenn das 
überhaupt möglich war. 

Johnny Ringo schüttelte den Kopf. Achselzuckend 

antwortete er: »Einen Job suchst du? Was kannst du denn?« 

»Schießen.« 
»Das können Millionen andere auch.« Ringo winkte lässig 

ab. 

»Tresore knacken. Banken berauben.« 
»Nicht mein Fachgebiet.« Er schüttelte den Kopf. »Nichts zu 

machen, Sonny. Geh zu Juan Moreno, wenn du Geld machen 
willst.« 

»Ich arbeite für keinen Greaser.« 
»Er hat ein paar tüchtige Jungs in seiner Bande. Du solltest 

ihn dir wenigstens einmal anhören. Schnelle Eisen kann Juan 
immer gebrauchen. Für wen hast du bis jetzt gearbeitet?« 

»Samuel High.« 
Zuckte Johnny Ringo zusammen? Oder täuschte sich 

Carradine? Straffte er seinen sehnigen Körper nicht bei der 
Namensnennung? 

»So, für High«, dehnte Ringo lahm und uninteressiert. Er 

deutete auf die leeren Gläser. »Ich bin dran. Whisky?« 

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 79

»Warum nicht? Kannst du noch mehr als nur deinen 

Ballermann bedienen?« 

»Kommt drauf an. Worauf zielst du?« 
»Eigentlich auf nichts Bestimmtes. War nur so'n Gedanke.« 
»Spinn ihn doch mal zu Ende. Ich bin tatsächlich bis auf die 

Haut abgebrannt und brauche …« 

»Stimmt nicht. Ich beobachtete dich am Pokertisch. Du hast 

ganz schön abgesahnt.« 

Carradine verkniff sich ein Grinsen und winkte ab. 
»Nicht der Rede wert, Bucko. Also, dann nicht.« Er hob sein 

Glas und trank Ringo zu. Johnny musterte ihn aus verkniffenen 
Augen. Noch wußte er nicht, was dieser eiskalte Bursche 
eigentlich wollte. Nicht von ihm persönlich, nur so im 
allgemeinen. 

Hörbar setzten sie ihre Gläser auf den Schanktisch. Der Lärm 

im Saloon nahm zu. Man verstand sein eigenes Wort nicht 
mehr. Eines der Tingeltangelmädchen im kurzen Rock und mit 
seidenbestrumpften Beinen trippelte heran und legte Carradine 
die Hand auf die Schulter. 

»Gibst du einen aus, Darling?« flötete sie mit silberheller 

Stimme. »Wenn du die Spendierhosen anhast, darf es auch 
Champagner sein.« 

Casy schüttelte, mit einer Seitwärtsdrehung die Hand ab. 
»Verdufte, Vogelscheuche! Los, dalli, alte Schraube!« 
Fäuste trommelten auf Carradine ein, und das Geschrei des 

Mädchens, laut, gellend, ordinär, zog die Blicke aller 
Anwesenden auf sich. 

Um nicht ins Handgemenge zu geraten, zog sich Ringo ein 

ganzes Stück an der Theke zurück, trat dabei einem anderen 
auf die Füße, entschuldigte sich, dabei lachte er schallend. 

Es sah zu komisch aus. Das Flittermädchen stieß, trat und 

kratzte Carradine, und der mußte sich nach hinten absetzen, um 
den wütenden Angriffen zu entgehen. 

»Geh weg, du Biest!« 

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»Wer ist hier ein Biest? George! Lefty! Her mit euch! Der 

Bastard beleidigt mich!« 

Schaukelnd kamen die Gorillas durch den Mittelgang. 

Carradine wurde wütend, als ihn ein Hieb von zarter Hand auf 
die Nase traf. Er sprang vor, packte die empörte Megäre bei der 
Hüfte, hob sie auf und schleuderte die Zappelnde und 
Kreischende dem ersten Rausschmeißer in den Arm. 

Ein allgemeiner Tumult brach aus. Männer sprangen von den 

Stühlen und schwangen die Fäuste. Schnapsheisere Stimmen 
stießen wüste Drohungen aus, die im Androhen von Skalpieren 
bis zur Kastration alles beinhalteten, was sich Volltrunkene so 
einfallen ließen. 

Lefty, ein bullig wirkender Mann mit breitgeschlagener Nase 

und Blumenkohlohren, stieß das kreischende Weibsbild zur 
Seite und stürzte sich wie ein wütender Bison auf Carradine. 

Es kam, wie es kommen mußte. 
Casy Carradine zog und ließ den Goliath in den Schlag mit 

dem Revolverlauf laufen. Der Mann krachte wie von einer Axt 
gefällt zu Boden. 

George war schon da. Es gehörte zu seinem Prestige, diese 

Laus von einem Zwerg zu züchtigen und ihm einmal so richtig 
und aus Herzenslust Manieren beizubringen. Gewitzt durch den 
schnellen Revolver verlegte er sich zunächst auf Fußtritte, 
denen Carradine aber mühelos auswich. 

Die beiden Kämpfer gerieten nach zwei, drei Minuten richtig 

in Stimmung. Colt und Faust, Colt oder Faust, darauf kam es 
jetzt an. Casy wich einem gewaltigen Schwinger durch 
Abducken aus und ließ den langen Lauf seines Revolvers nach 
oben fliegen. 

Der Schlag genügte, den Hünen nach hinten kippen zu 

lassen. Wie ein fallender Gigant stürzte er Tische und Stühle 
um, riß ein paar Männer mit zu Boden und wälzte sich mit 
ihnen eng umschlungen in den schmutzigen Sägespänen. 

Der Kampf war aus. Der gespannte Revolver kühlte den Mut 

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der anderen ab, die sich lediglich aus Lust am Kampf beteiligt 
hatten. Rückwärtsgehend verließ Casy den Saloon. Sein letzter 
Blick galt dem grinsenden Johnny Ringo. 

»Du hast dich an unser Lager herangeschlichen und wolltest 
einen von uns töten«, eröffnete Haggerty das Verhör in einer 
unbestimmten Ahnung von Gefahr. 

Saguaro hob den Kopf und schaute Cochise ins Gesicht. In 

seinen Augen lag so viel Offenheit und Ehrlichkeit, daß der 
Häuptling sofort anderen Sinnes wurde. 

»Ich wollte nicht töten«, erwiderte der Aravaipa. 
»Du hattest einen Mordanschlag auf Cochise vor«, 

behauptete John mit einem Bluff. 

Saguaro stand auf und breitete die Arme aus. Naiche, der 

hinter ihm stand, setzte sofort sein Messer an den Nacken des 
Indianers. 

»Mit was hätte ich töten sollen? Seht ihr eine Waffe bei 

mir?« 

Saguaro war tatsächlich waffenlos. Nicht einmal ein Messer 

steckte in seinem Gürtel. 

»Du hast dein Gewehr im Dickicht versteckt.« 
Saguaro schüttelte den Kopf. »Sucht danach, ihr werdet keins 

finden.« 

»Weshalb hast du dich dann angeschlichen?« 
»Aus Dankbarkeit.« 
»Dankbarkeit?« fragte Haggerty und staunte. 
»Ich wollte Cochise dafür danken, daß er mir das Leben 

schenkte.« 

»Deswegen brauchst du dich doch nicht an uns 

heranzuschleichen?« 

»Wußte ich, ob ich willkommen war?« 
Cochise stand vom Feuer auf, legte Holz nach und entfernte 

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sich. An der Lichtgrenze ging er auf und ab. Seinen stolzen 
Adlerkopf hielt der Häuptling bis auf die Brust gesenkt. Bei 
ihm ein Zeichen, daß er nachdachte. Schon kurz darauf gab er 
Naiche ein Zeichen. 

»Saguaro ist ein freier Mann, ich glaube ihm.« 
Sofort verschwand das Messer. Naiche setzte sich zu den 

anderen und verfolgte die kurzstreckige Wanderung seines 
Vaters mit stoischem Gleichmut. John Haggerty war noch nicht 
ganz befriedigt. Konnte aber Cochise nicht widersprechen? 

Der Jefe erkannte, was in dem Weißen vorging. Er trat 

wieder zum Feuer und setzte sich Saguaro gegenüber. 

»Du bist mit den Rebellenhäuptlingen geritten, roter Krieger. 

Was hast du gesehen und gehört?« 

»Will Cochise etwas Bestimmtes wissen?« 
»Der Häuptling will alles wissen, und ich auch«, schaltete 

sich John ein. »Rede, Rothaut!« 

Cochise bedachte Haggerty mit einem vorwurfsvollen Blick 

und machte eine abschwächende Handbewegung. Er wandte 
sich an Saguaro und sagte im ruhigen Ton: 

»Wie stehen Geronimo und Victorio zueinander? Haben sie 

gemeinsame Pläne, und wer ist der tonangebende Krieger?« 

Der Aravaipa überlegte. Schließlich hob er den Kopf und 

antwortete: »Sie ziehen raubend und mordend durch das Land. 
Einmal befiehlt Geronimo, ein andermal Victoria« 

»Die beiden sind es, die den Telegrafenbau angreifen und 

zerstören?« 

Saguaro nickte. »Geronimo. Victorio interessiert sich nur für 

Beute. Der Häuptling ist…« 

»Halt!« befahl Cochise streng. »Weder Victorio noch 

Geronimo ist ein Häuptling. Ich bin der gewählte Führer aller 
Stämme!« 

»Ich weiß es«, antwortete Saguaro schlicht. 
»Sprich weiter«, Cochise wechselte einen Blick mit John. 

»Warum zerstört der Mimbrenjo den Sprechenden Draht?« 

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»Er bekommt Gewehre, Decken und Proviant dafür.« 
Cochise und Haggerty gab es einen Ruck. John sagte schnell: 
»Gewehre? Von wem? Ist es ein Weißer?« 
Saguaros Hand wies nach Westen. Er nickte und warf einen 

Blick zu Naiche hinüber, der ihn unverwandt anstarrte. 

»Ein weißer Mann«, bestätigte der Indianer. »Das 

Bleichgesicht will den Sprechenden Draht nicht und bekämpft 
ihn. Mehr kann ich nicht sagen.« 

»Weißt du seinen Namen? Kennst du sein Aussehen, 

Krieger?« 

Saguaro zögerte. Nach einer Weile antwortete er: 
»Geronimo nennt ihn Bussy Blaki. Gesehen habe ich ihn 

nicht. Geronimo und Victorio reiten stets zu ihm, wenn er sie 
ruft.« 

»Und wohin geht der Ritt?« 
»In die Nähe der Stadt, die die Helläugigen Tombstone 

nennen.« Saguaro deutete noch einmal nach Westen. 

»Die Stelle dieses Treffpunktes kennst du nicht?« 
»Nein, Jefe.« 
»Es ist gut«, sagte Cochise. »Du kannst bei uns bleiben, 

wenn du willst.« 

»Ich will«, antwortete Saguaro einfach. 
Zunächst herrschte für eine Weile Schweigen am Feuer. 

Jeder hing seinen Gedanken nach und versuchte sie zunächst 
einmal zu ordnen. Es gab Lücken in Johns und Cochises 
Überlegungen, die aufgefüllt werden mußten. Klaffende 
Lücken. 

Wer war Bussy Blaki? War er jener unbekannte 

Banditenchef, der nicht nur eine Bande weißer Rowdys 
befehligte, sondern auch wilde Apachenhorden aus den 
Reservaten San Carlos und Fort Apache? 

John Haggerty nahm sich vor, der Sache in Tombstone auf 

den Grund zu gehen. Endlich hatte er eine Spur. Wenn sie auch 
noch kalt und kaum erkennbar war, so konnte sie durch 

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Ermittlungen belebt und sichtbar gemacht werden. 

Tombstone hieß der Schlüssel. 
Cochise sah ihn an, nickte. John nickte zurück. Sie 

verstanden sich ohne viele Worte. 

»Ich reite bei Tagesanbruch nach Tombstone«, sagte John 

und richtete seine Augen auf den Aravaipa. 

»Cochise begleitet dich.« 
John wehrte ab. »Zu gefährlich«, antwortete er. »Indianer 

sind in einer Stadt wie Tombstone nicht gern gesehen.« 

»Wir alle kommen mit und warten in einem Versteck«, 

entschied der Häuptling mit Bestimmtheit, die keinen 
Widerspruch duldete. »Saguaro ist ein freier Mann und kann 
sich uns anschließen oder Geronimo folgen. Wie er will.« 

»Ich reite mit Cochise.« 
»Du bist willkommen.« 

Die Sonne stand im Zenit. Das Land stöhnte unter der Hitze 
und unter dem Wassermangel. So weit das Auge reichte: nichts 
grünte und keine Pflanze stand in Blüte. 

Vor dem Büro der Western Union gleich neben dem Oriental 

Saloon standen ein paar Pferde mit hängenden Köpfen vor dem 
Hitchrail, willkommene Opfer der Pferdebremsen, die wie ein 
Ungewitter in mächtigen Schwärmen durch die Stadt 
schwirrten und sich auf die wehrlosen Tiere stürzten. 

Ein Mexikaner lehnte an der Hauswand. Er hielt den Kopf 

mit dem riesigen Wagenradsombrero gesenkt, als schliefe er im 
Stehen. Seine weiße Leinenkleidung wurde von einem bunten 
Poncho verdeckt, ebenso seine Waffen. 

Zwei Fußgänger näherten sich dem in der Hitze dösenden 

Mann. Der eine kam aus der Richtung Allen Street, der andere 
vom Mietstall. Der aus der Allen Street Kommende trug die 
übliche verwahrloste Kleidung der Frontierleute, der andere 

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Wildlederbekleidung und einen grauen Militärhut. 

Beide waren mit Revolvern bewaffnet. Der 

Wildlederbekleidete trug zusätzlich ein langes Bowiemesser im 
Gürtel. Der Allen Street-Mann blieb einen Schritt hinter dem 
Mexikaner stehen und drehte sich eine Zigarette. Der 
hochgewachsene Hombre in Wildleder sah deutlich, wie der 
Amerikaner bei seiner Tätigkeit die Lippen bewegte und eine 
Nachricht an den Mexikaner weitergab. 

Er blieb stehen und lehnte sich gegen die schattige 

Hauswand eines Lehmziegelhauses mit grüngestrichenen 
Klappläden. Seinen Feldhut trug er in die Stirn gezogen, so daß 
sein Gesicht im Schatten lag. 

In diesem Augenblick zündete der Amerikaner seine 

Zigarette an und ging weiter. John Haggerty, dieser war es, 
blieb nach wie vor stehen und beobachtete weiter. Die 
Entfernung bis zu dem Mexikaner betrug gut und gern dreißig 
Yards, diagonal über die Straßenbreite gemessen. 

Es dauerte nicht lange, da tauchte ein zweiter Mann auf, der 

im Aussehen viel Ähnlichkeit mit dem ersten hatte. Das Spiel 
wiederholte sich. Nachrichten wurden ausgetauscht, Befehle 
weitergegeben. 

Auch dieser Mann verschwand in Richtung des ersten. John 

nahm Tabakbeutel und braunes Papier aus der Hemdtasche und 
drehte sich selbst eine Zigarette. Sein Gehirn überschlug sich. 
War er rein zufällig auf etwas gestoßen, das ihn weiterbringen 
konnte? 

Eine Bedeutung hatte das Verhalten dieser Männer, und John 

würde sich nicht wundern, wenn weitere kämen, um ebenfalls 
Nachrichten oder Befehle zu empfangen. 

Wer gab die Befehle? Was wurde überhaupt hier gespielt? 
Johns Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück und somit 

in die Wirklichkeit. Von Westen her trabten drei Reiter in die 
Stadt. Gegen Reiter war in diesem Land nichts einzuwenden, 
denn die einzige sichere Fortbewegung war das Reiten auf 

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 86

einem Pferd. 

Bemerkenswert war aber, daß die drei rüde aussehenden 

Kerle genau dort ihre Pferde kurz anhielten, wo der Mexikaner 
an der Wand des Hauses lehnte. Und alles spielte sich in 
unmittelbarer Nähe des Büros der Western Union ab. 

Wenn man noch in Betracht zog, daß sich einige Häuser 

weiter auch noch der Pony Express etabliert hatte, der mit dem 
Telegraf Hand in Hand arbeitete, so war das nicht nur 
bemerkenswert, sondern auch geradezu auffällig. 

Die Reiter trieben ihre schweißbedeckten Pferde an und 

verschwanden aus Johns Gesichtskreis. Der Mex stand immer 
noch dort drüben und schien nun fest zu schlafen. Niemand 
kam mehr. Haggerty hielt es an der Zeit, weiterzugehen und 
nicht aufzufallen. Er warf seine aufgerauchte Zigarette zu 
Boden und verfolgte die Straße weiter nach Westen. 

Er war kaum hundert Yards gegangen, als ihm blitzartig 

bewußt wurde, daß er im Begriff war, einen Fehler zu begehen. 
Er wirbelte herum und drückte sich gegen die Hausecke bei 
einer Seitengasse. 

Der Mexikaner war verschwunden. 
Diese Tatsache elektrisierte Haggerty förmlich. Er setzte sich 

in Bewegung und lief mit weit ausholenden Schritten den Weg 
zurück. So sehr er auch nach dem Mexikaner Ausschau hielt, er 
war nirgendwo zu sehen. 

John schalt sich im stillen einen Narren und hätte sich am 

liebsten selbst in die Kehrseite getreten. Alles Fluchen half 
nichts. Der Greaser war in einer der unzähligen Kneipen 
untergetaucht und hielt sich verborgen. 

John blieb stehen und schnappte hörbar nach Luft. Irgendwie 

ließ er sich von den lauten Klängen, die aus dem Vogelkäfig 
Saloon drangen, inspirieren. Wo versteckte sich am besten ein 
Mensch, wenn er anonym und unentdeckt bleiben wollte? 
Selbstverständlich in einer Versammlung anderer Menschen. 

Mit langen Schritten ging Haggerty kurz entschlossen über 

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die Straße und betrat das großräumige Haus. Frenetischer 
Höllenlärm schlug ihm wie eine Woge, trotz der frühen Stunde, 
entgegen. Er blieb stehen, um sich zu orientieren und wurde 
das Ziel einer geschminkten Schönen, die ihm ihren Ellbogen 
in die Rippen stieß, dabei die Lippen spitzte und flötete: 

»Hallo, mein Süßer, hast du Durst?« 
Als John nicht antwortete, sie nur groß anstarrte, fuhr sie 

fort: 

»Komm, Darling, gerade eben ist eine Balkon-Loge 

freigeworden. Spendierst du 'ne Pulle Schampus?« 

»Jetzt nicht, keine Zeit«, sagte Haggerty schnell und dachte 

dabei an die klare Sauberkeit Tla-inas, dem jungen 
Apachenmädchen. Er wollte sich schon brüsk entfernen, als 
ihm der zweite gute Gedanke dieses Tages kam. Mit einem 
freundlichen Lächeln auf den braunen Gesichtszügen wandte er 
sich an das Änimiermädchen. 

»Sag, Honey, ist vor mir ein Mexikaner mit einem Poncho 

und einem Riesenhut hereingekommen? Du kannst für eine 
richtige Auskunft zwanzig Dollar verdienen.« 

»Ich heiße Bemadette«, sagte sie und verzog die Lippen zum 

Schmollmund. »Ein Greaser?« fragte sie. »Weißt du, Hombre, 
von den braunen Affen halten wir hier nicht viel. Wer achtet 
schon auf einen Spie?« 

»Dreißig Dollar«, erwiderte John mit Nachdruck. 
»Hat er dich beklaut?« 
John Haggerty nickte. »Und nicht zu knapp. Also?« 
»Hmm, dreißig? Läßt sich hören. Beschreibe ihn noch mal.« 
John tat es. Mit den Händen deutete er Höhe und Breite an, 

die ungefähre Größe und das Aussehen. Bernadette nickte, 
faßte nach Johns Hand und zog ihn aus dem Strom der Spiel- 
und Trinkfreudigen. Der Weg führte über eine Treppe in einen 
langen Korridor, von dem zahlreiche Türen abzweigten. 

Als sie in die intime Welt aus Samt und Plüsch traten, 

deutete Bemadotte auf den schmalen Spalt im Vorhang. John 

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trat näher und warf einen Blick hindurch. Kurz zuckte er mit 
den Achseln und sagte: 

»Was ist? Ich sehe nichts.« 
Sie trat neben ihn, zerrte den schweren Plüsch zur Seite. Ihre 

Hand zeigte über den Saal hinweg auf eine gegenüberliegende 
Nische. 

»Ist das der Spie, den du suchst?« 
John fixierte die goldverzierte Brüstung. Sein Blick glitt 

hoch. Zwei Männer unterhielten sich mit vielen Gesten. Den 
Mexikaner erkannte er, den Amerikaner nicht. Trotzdem hatte 
er das Gefühl, dieses nichtssagende Gesicht schon einmal 
gesehen zu haben. 

»Der Greaser ist La Rocco, ein bekannter Messerheld an der 

Grenze.« 

»Und wer ist der andere?« 
»Kenne ich nicht. Bekomme ich die Belohnung?« 
John fischte ein Bündel Dollarnoten aus der Tasche, zählte 

drei Scheine je zehn Dollar ab und gab sie dem Mädchen. 

»Hör zu, Kleine. Wie kann ich erfahren, was die beiden 

miteinander sprechen?« 

Bernadette zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf. John 

zog einen Fünfziger aus dem Geldbündel und wedelte damit 
vor ihren Augen. 

»Bleib hier«, sagte sie hastig. »Ich bin gleich wieder 

zurück.« 

Fort war sie. Haggerty nahm auf dem weichen Plüschstuhl 

Platz und ließ kein Auge von der Loge. Die Minuten 
vergingen. La Rocco unterhielt sich immer noch mit dem 
Amerikaner. Plötzlich stand der Mexikaner auf und ging. Der 
Amerikaner blieb sitzen und starrte zur Bühne. 

Wenig später huschte Bernadette in die Loge und ließ sich 

auf einem zweiten Stuhl nieder. Ihr Gesicht wirkte bleich, 
dabei hektisch gerötet. Kreisrunde Flecken zirkelten auf ihrem 
Gesicht. 

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»Warum so aufgeregt?« fragte John lächelnd. »Du bekommst 

den Schein, auch wenn du nichts gehört hast. Du hast 
gelauscht, oder irre ich?« 

Bernadette schüttelte den Kopf. 
»Das ist es nicht, Hombre«, erwiderte sie mit harten Lauten. 

»Wenn ich dir sage, was ich gehört habe, legst du noch 'ne 
Kußhand zu.« 

»Ja?« John wedelte mit dem Schein. 
»Sie wollen dich umbringen!« fuhr es aus ihr heraus. »Ja, ja, 

von dir war die Rede, Mann. Der Mex soll dich draußen mit 
dem Messer erledigen. Und falls das nicht klappt, steht ein 
Bursche namens Carradine mit 'nem gezogenen Revolver 
hinter ihm.« 

»So?« fragte Haggerty. 
Der Geldschein wechselte den Besitzer und wurde 

fachgerecht im Kleidausschnitt verstaut. 

»Ist das alles, was du zu sagen hast?« 
John machte eine vage Bewegung und starrte noch einmal 

über den Raum hinweg auf die Nische. Der Amerikaner bekam 
Besuch. Eines der Mädchen brachte einen Sektkübel und 
Gläser. Sie blieb gleich in der Nische und setzte sich. 

»Erwarten die Kerle mich draußen auf der Straße?« 
Bernadette streckte John die flachen Hände entgegen. 
»Wo sonst? Irgendwo. Hast du einen Revolver?« 
John Haggerty nahm die Wildlederjacke zur Seite und 

klopfte auf das Halfter. 

»Soll ich Hilfe für dich organisieren? Das kostet aber eine 

Kleinigkeit.« 

»Nein, laß nur. Mit denen werde ich schon allein fertig.« 
»Wir haben einen Mann im Vogelkäfig, der es mit diesem 

Carradine aufnimmt, wenn du ihm ein paar Scheine zeigst.« 

»Wie heißt er?« 
»Johnny Ringo.« 
»Der Revolvermann? Nein, danke. Ich schaffs schon allein.« 

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John stand auf, klopfte dem Mädchen freundlich auf die 

Schulter und verließ die Liebesnische. Im Saloon drang er 
durch die blaue Rauchwolke wie ein Schiff durch die Flut, 
steuerte die Bar an und stützte die Ellbogen auf die 
Nickelstahlplatte. 

»Whisky?« fragte der Keeper. 
»Ja«, bestätigte er nickend. »Schätze, der ist jetzt 

goldrichtig.« 

John trank seinen Whisky und zeigte sich kaum beeindruckt 

von seiner beißenden Schärfe. Langsam drehte er den Kopf und 
musterte die vielen Männer aller Altersklassen und 
Hautschattierungen. 

Geächtete Revolverhelden zogen Arm in Arm mit 

Tanzhallen-Mädchen in die oberen Stockwerke. Cowboys, 
Gold- und Silberschürfer, Farmer und solche Männer, die für 
gewöhnlich das Licht des Tages zu scheuen hatten, saßen 
vereint an den Spieltischen oder verschränkten die zitternden 
Hände über schmutzigen Schnapsgläsern. 

Es war nicht der Whisky bei John Haggerty. Es war die 

Ahnung von etwas Unangenehmem, von dem Kommenden, 
das ihn weiter verharren ließ. Nach dem ersten Drink blieb der 
zweite unangetastet. John blickte im Saloon umher und nahm 
die Eindrücke wie verspätetes Wissen in sich auf. 

Er starrte nur, John Haggerty, und er störte sich nicht an dem 

Lärm und der Gemeinheit, die ihn umgab. Er vergaß, wer und 
wo er war, welche Aufgabe er zu erfüllen hatte. Er pflückte 
lediglich neue Erkenntnisse vom Baum des Lebens und 
versuchte sie mit seinem eigenen einfachen in Einklang zu 
bringen. 

Nicht das Aroma des billigen Whiskys, der beizende Rauch 

schlechten Tabaks, der Mief ungewaschener Männer und 
schwitzender, süßlich parfümierter Frauen war es, was ihn 
abstieß, sondern die Gemeinheit und die kalte Mordlust in den 
Augen der Männer, denen man ihr Gewerbe auf eine Meile 

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ansah. 

Es war kein Traum, auch nicht die Angst vor dem 

Unabwendbaren, das ihn auf der Straße erwartete. Nur die 
Frage, wer war der Fremde in der Nische, beschäftigte ihn und 
ließ ihn zaudern. Ein Mann, der einen Unbekannten umbringen 
lassen wollte, verdiente Beachtung in diesem Land. 

Er zuckte zusammen vor der Stimme, die über seine Schulter 

hinweg sagte: 

»Du hast Schiß? Sag's doch! Dort drüben steht Johnny 

Ringo. Soll ich ihn auf einen Drink herbitten?« Haggerty 
schüttelte den Kopf, drehte sich auf den Absätzen herum. 

»Nein, Mädchen«, antwortete er. »Nimmst du einen Drink? 

Das wenigstens bin ich dir für deine Informationen schuldig.« 

Bemadette stellte sich neben ihn. Sie war einen Kopf kleiner, 

geradezu zierlich. Ihre hellen Augen gaben dem Keeper einen 
Wink. Als sie das Glas hatte, hob sie es hoch. 

»Wenn du kein Geld mehr hast, für mich macht es Johnny 

umsonst.« 

»Laß es, ich brauche ihn nicht.« 
»Nicht dort oben«, sie zeigte lachend zur Decke. »Aber hier 

auf Erden. Cheers!« 

Sie tranken sich zu. Hart stießen die Gläser aneinander. Er 

sah den Mexikaner einen Augenblick früher als dieser ihn. Und 
auch die anderen Hombres, die ihn begleiteten. Und er 
bemerkte den kleinen, kaltgesichtigen Mann im Hintergrund, 
der ihn anstarrte. 

»Geh fort, Mädchen«, sagte er und gab ihr einen sanften 

Stoß. »Verschwinde, es geht los!« 

Er hätte ziehen und La Rocco sofort töten können, und das 

wäre richtig gewesen. Kein Hahn hätte nach drei Mexikanern 
gekräht. Nicht im Tombstone. Aber ein Mann wie John 
Haggerty legte andere Männer nicht einfach um. Selbst dann 
nicht, wenn sie in der Überzahl waren. 

Auf Bemadettes Gesicht erschienen die hektischen Flecken 

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wieder. Sie erkannte die Gefahr, gab dem Keeper ein hastiges 
Zeichen und versank im Hintergrund. 

Zehn Schritte waren die Mexikaner entfernt. Genau zehn. 

John schlug die Jacke zurück und löste die Schlinge am 
Revolverhahn. 

Acht Schritte. Gewiß, es waren noch acht Schritte. Aber was 

waren schon acht oder mehr Schritte, wenn Revolver oder 
fliegende Messer das Wort hatten? 

Die Mexe blieben stehen. Sie starrten John Haggerty drohend 

an und versuchten ihn wahrscheinlich mit ihren Blicken 
einzuschüchtern. John lächelte geringschätzig. Der Mann im 
Hintergrund, der sich Carradine nannte, rührte sich nicht von 
der Stelle. Er brauchte es auch nicht. Für seinen Revolver 
waren zwanzig Yard die ideale Entfernung. 

»Haben wir dich endlich, du Bastard!« 
»Was wollt ihr?« 
»Das Geld, das du uns im Falschspiel abgeluchst hast!« 
Bemadette lief auf den Mexikaner zu und schrie: 
»Lüge! Alles Lüge! Sie wollen ihn umbringen, Männer! Seht 

ihr nicht, daß sie ihn ermorden wollen? Helft, Freunde! So helft 
ihm doch!« 

La Rocca war mit einem Sprung bei ihr und schlug ihr die 

flache Hand ins Gesicht. Bemadette stürzte und blieb 
benommen liegen. 

John stieß sich vom Tresen ab und spreizte die Beine. Sein 

Revolverkolben stand mehr als einen Zoll von der Hüfte ab. 
Seine Stimme hallte durch den großen Raum, in dem es still 
geworden war. 

»Dem Mann, der eine Frau schlägt, soll die Hand am Stumpf 

verfaulen!« 

»He!« 
La Rocca zog die Oberlippe hoch, grinste gemein und rief 

zurück: 

»Gib das ergaunerte Geld heraus, Bastard, und du kannst 

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gehen!« 

»Verdammter Spie! Welches Geld?« 
»Gringoschwein! Ich rede von dem Geld, das du uns im 

Poker abgegaunert hast!« 

»Es ist nicht wahr!« schrie Bemadette und erhob sich vom 

Boden. »Der Gentleman war die ganze Zeit bei mir!« 

»Das glaube ich auch«, sagte eine kalte Stimme in die eisige 

Stille hinein. »Laß dein Messer stecken, Spie, oder du 
bekommst etwas Heißes in die Nieren!« 

Ringo war herangetreten und stellte sich hinter die 

Mexikaner, die sich nicht zu bewegen wagten. Die Situation 
überstürzte sich. Carradine riß seinen Colt heraus und bedrohte 
Ringo. 

»Du hältst dich heraus«, sagte er mit leiser, aber 

durchdringender Stimme. »Die Mexe sind Freunde von mir, 
und meinen Freunden stehe ich in jeder Lage bei. Laß die 
Knarre stecken!« 

Die Lage wurde für John brenzlig. Carradine und Ringo 

standen sich gegenüber und grinsten sich kalt und drohend an. 
Zwischen ihnen gab es hur einen Unterschied: Carradine hielt 
den Colt bereits in der Hand. 

In diesem Augenblick wurde das Flüstern der wie gebannt 

auf die Szene starrenden Männer wieder überlaut. John 
Haggerty hatte nur Augen für die Mexikaner. Er kannte ihre 
Art. Sie trugen ihre Wurfmesser selten offen, sondern mehrere 
zugleich in einer Scheide im Nacken. 

Mit einem Griff über die Schulter konnten sie die 

gefährlichen Messer ziehen. Ziehen und Werfen war dann eins. 
John achtete auf ihre Hände und näherte seine Rechte dem 
Revolvergriff. 

»Rückst du das Geld heraus oder nicht?« 
»Geh zum Teufel, Spie!« 
John sah La Rocco zusammenzucken und wußte, daß der 

Mex das Schimpfwort als Kriegserklärung aufnahm. Starr 

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beobachtete er seine Messerhand. John ließ sich von dem 
Gebrüll und den anfeuernden Rufen der Gäste nicht ablenken. 
Er wartete, lauerte auf den bewußten Moment und 
konzentrierte sich auf den schnellen Zug seines Revolvers. 

Eine böse Minute lang befürchtete Haggerty, dieser 

Augenblick würde nie kommen, statt dessen aber ein 
geschleudertes Messer oder eine Kugel in seinen ungeschützten 
Rücken. 

Die abrupt eintretende Stille frappierte ihn zunächst. Es 

wurde so still, daß man ein Streichholz hätte fallen hören 
können. Aber das Streichholz fiel nicht. Alle Anwesenden 
starrten auf eine Stelle hinter seinem Rücken, und sie machten 
Augen so groß wie Kaffeetassen. 

La Rocca machte eine Bewegung zur Schulter, hielt aber so 

plötzlich in seiner Bewegung inne, als hätte er nach dem Kopf 
einer Klapperschlange gegriffen. 

»Halt, Gelbhäutiger!« ertönte eine sonore Stimme. 
John war es, als hätte er beim Klang der Stimme einen 

Schlag mit einer Keule erhalten. Er stand momentan wie 
erstarrt. Kein Glied hätte er in diesem Augenblick rühren 
können. Jemand aus den Zuschauern schrie: 

»Indianer! Allmächtiger, das sind doch Apachen!« 

Samuel High hatte viel getrunken und sich noch besser 
amüsiert. Er zog die Vorhänge auf und schickte das 
Tingeltangel-Mädchen mit einem größeren Geldschein fort. 
Eine Weile wunderte er sich über die Stille in den 
weitverzweigten Räumen des Bird Cage Theatre, aber er dachte 
sich nichts dabei und verließ die Nische. 

Über den teppichbelegten Korridor kam er in den Spielsalon. 

Was sich hier seinen Augen bot, verschlug ihm den Atem. Er 
blieb stehen, lehnte sich an die tapezierte Wand und schlang 

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seine Finger um den Hals. 

In der Nähe der Bar stand jener Mann, den er dem Tod 

überantwortet hatte. Vor ihm La Rocco und zwei Mexikaner. 
Carradine bedrohte Johnny Ringo mit dem Revolver und 
fletschte die Zähne wie ein Wolf. 

Sämtliche Saloonbesucher hatten sich von ihren Stühlen 

erhoben und glotzten mit hervorquellenden Augen auf eine 
Szene, die so unwirklich war, daß Sam zu träumen glaubte. 

Die Sekunden schlichen so langsam vorüber, daß man 

förmlich hören konnte, wie sie in der Lautlosigkeit vertickten. 
Der riesige Raum schien bis unter die Decke mit purer 
Elektrizität geladen, die nur darauf wartete, sich zu entladen. 

Samuel High wartete nicht auf diesen Moment. Er überwand 

seine Lähmung und ließ sich fallen. Dabei hingen seine Augen 
an der ganz in weißgegerbtem Hirschleder gekleideten Gestalt, 
die gebieterisch den Arm gegen La Rocco ausstreckte. 

Aber nicht die Kleidung war es, die High beeindruckte, auch 

nicht die präparierte Klapperschlangenhaut, die der Indianer 
anstelle des Apachenkopftuches um die Stirn geschlungen trug. 

Es war die mächtige Gestalt und das gutgeschnittene Gesicht, 

es war die königliche Haltung, die den Outlaw so sehr 
beeindruckte. 

Cochise hob seine Stimme und sagte laut in die Stille: 
»Laß dein Messer stecken, Gelbhäutiger! Gegen den Falken 

kommst du doch zu spät. Hinter mir stehen drei Krieger der 
Chiricahuas mit angeschlagenen Gewehren. Wer sich bewegt 
oder eine Waffe hebt, wird erschossen! Niemandem geschieht 
ein Leid, wenn die Bleichgesichter vernünftig sind. Komm, 
Falke, wir verlassen dieses böse Haus!« 

Wie in Trance drehte sich Haggerty herum. Hinter ihm stand 

Cochise, und in seinem Rücken bewegte sich Naiche mit den 
Kriegern, Gewehre in den Händen. 

Träumte er? Cochise in einem Saloon der Weißen? 
»Verdammt!« schrie Carradine wild. »So nicht! Auf ihn, La 

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Rocco!« 

Er wirbelte herum, bot seinen ungeschützten Rücken Johnny 

Ringo dar und hob den Colt. Johns Lähmung war mit einem 
Schlag weggewischt. Er riß den Revolver aus dem Halfter und 
schoß von der Hüfte aus. 

Casy Carradine wurde die Waffe durch Johns Kugel aus der 

Hand geprellt. Gleichzeitig spürte er Johnny Ringos 
Coltmündung in den Nieren. 

Mit einem zweiten Blick sah John den Outlaw Samuel High 

im Flur verschwinden. Er fegte herum, schrie zu Cochise 
hinüber: 

»Fort! Fort aus diesem Höllenpfuhl! Wenn die Kerle ihre 

Überraschung überwinden, schießen sie euch in Fetzen!« 

John spurtete los, tauchte in den matt erleuchteten Gang ein 

und sah ganz an seinem Ende High hinter einer Tür 
verschwinden. Mit langen Sätzen war er dort. Als er sie aufriß, 
sah er Dunkelheit und Nacht. 

High rannte wie gehetzt durch die Third Street. John 

hinterher. Dort hinten war irgendwo der Mietstall, gleich hinter 
einem Store. High rannte durch eine Baulücke, stürzte, raffte 
sich fluchend wieder auf und sprintete weiter. 

Die Fremont Street lag dunkel, unbeleuchtet und gefährlich 

vor ihm. Er raste weiter, bog in die Fourth Street ein und ließ 
den O.K. Corral rechts liegen. 

Nebel zog von den Banks herüber. In dünnen Schwaden 

schob er sich zwischen Flüchtenden und Verfolger. Von einer 
Sekunde zur anderen verschwand High. John blieb keuchend 
stehen und preßte seinen Körper gegen die Hauswand. 

Er sah sich um. Über ihm prangte das holzgemalte Schild der 

Western Union. Das Haus war dunkel. Ein Stück weiter hatte 
man einen Schuppen angebaut, auf dessem Tür die rote 
Warnung prangte: Danger! Dynamit! 

Unvermittelt wirbelte John Haggerty herum. Aus einer Gasse 

quollen Gestalten und rannten geduckt näher. Weit hinter ihnen 

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wurden Schüsse abgegeben, die aber nur den ziehenden Nebel 
trafen. 

John setzte sich ohne weiter zu überlegen in Bewegung und 

rannte die Straße hinunter. Staub wirbelte unter seinen Sohlen 
auf. Stetig holten die Apachen auf und überholten schließlich 
den Weißen. Sie waren die besseren Läufer, das war 
unbestreitbar, und sie waren den Weißen unendlich überlegen. 

Cochise mäßigte das Tempo. Die Stadtgrenze lag vor ihnen. 

An einer Hickory standen fünf angebundene Pferde. Cochise 
hatte wieder einmal an alles gedacht. Diesmal aber war er von 
seiner Gewohnheit abgewichen, den Tieren eine Wache 
beizustellen. Bestimmt hatte er mit Widerstand gerechnet und 
alle seine Krieger mit in den Saloon genommen, um John 
herauszupauken. 

Ständig warf John Haggerty bewundernde Blicke auf seinen 

indianischen Freund. Vor ihm war das Bild eines edlen 
Menschen, der eine bronzene Hautfarbe besaß, langes 
schwarzes Haar trug und seine majestätische Gestalt in weißes 
Wildleder gekleidet hatte. 

Cochise bemerkte den Blick und lächelte. Er kam John 

entgegen und reichte ihm nach der Sitte der Weißen die Hand. 

»Der Falke mag nicht fragen, was Cochise bewog, in die 

Belange seines weißen Freundes einzugreifen. Es war die 
Sorge.« 

Wie warm das klang, wie freundlich und zuneigend. John 

drückte die dargebotene Hand mit aller Inbrunst. 

»Jefe, ich danke dir. Du hast mein Leben gerettet.« 
Cochise schüttelte den Kopf. 
»Der Falke ist zu klug, um sein Leben in einer solchen 

Schnapsbude zu riskieren. Der Mann, den du suchst, ist dir 
entkommen?« 

John gab es zähneknirschend zu. 
»Ich folge ihm, Cochise, und ich werde ihn stellen. Samuel 

High führt mich zu diesem Bussy Blaki, so oder so. Wann und 

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wo sehen wir uns wieder?« 

Cochise schwang sich auf seinen Pinto, deutete zum Himmel, 

zur Erde und antwortete: 

»Beim vollen Mond in der Ebene von Dos Cabezas.« 
John hob die Hand. »So long, Cochise!« 
»Der gütige Große Geist möge dich beschützen, Falke!« 
John Haggerty war allein. 

Im Schein der dünnen Mondsichel ritt ein einzelner Reiter 
durch die wüstenartige Schüssel vor der kleinen Stadt Sierra 
Vista. Fort Huachuca lag in seinem Rücken, die Spur führte 
weiter nach Süden. 

John Haggerty hing seitlich im Sattel und ließ keinen Blick 

von der Fährte eines beschlagenen Pferdes, das die Richtung 
auf Sierra Vista beibehielt. Das Tier war am Ende seiner 
Kräfte. John erkannte es an den breiten, verschwimmenden 
Abdrücken im Sand und an den tiefer eingegrabenen 
Vorderhufen. Das Pferd ging bereits stelzbeinig und zog die 
Hinterbeine nach. 

Lichter tauchten aus dem Wüstendunst auf, und trotz der 

frühen Morgenstunde wurden sie mehr und mehr, je näher er 
der Frontiertown kam. 

Highs Spur würde in Sierra Vista enden. John war sich 

absolut sicher. Und wenn er Glück hatte, konnte er zwei 
Fliegen mit einer Klappe schlagen und auch Bussy Blaki 
festnehmen. 

Auf seinem Ritt hatte er festzustellen versucht, wie der große 

Unbekannte aussehen könnte und in welchem Verhältnis er zu 
Sam High stand. Es war ihm nicht gelungen. 

Sein Dunkelbrauner griff wacker aus und zeigte nicht die 

geringsten Ermüdungserscheinungen. Die Lichter kamen 
schnell näher und manifestierten sich als improvisierte 

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Straßenbeleuchtung. John staunte. Das gab es nicht einmal in 
Phoenix oder Flagstaff. 

Haggerty hielt es nicht für gut, hoch zu Roß um fünf Uhr 

morgens in die fremde Stadt einzureiten. Er ritt zu einer 
Baumgruppe, band sein Pferd an, gab ihm zu saufen und hing 
ihm den Futterbeutel um. 

Kurze Zeit später erreichte er die menschenleere Main Street. 

Nicht einmal Gehsteige gab es in dem Schlammstreifen-Kaff. 
Dafür trockneten Landesfrüchte unter jeder Traufe und unter 
den Dächern der Veranden. 

Von dem fremden Reiter und dessem Pferd sah er nichts. Er 

suchte den Mietstall und brauchte nur dem strengen 
Ammoniakgeruch nachzugehen, den alle Mietställe im Westen 
verbreiteten. 

Er fand ihn und öffnete die Seitentür. Dunkelheit empfing 

ihn. 

Ganz hinten im Boxengang brannte eine einsame Lampe. 

Feuchte und glänzende Augen sahen ihn an. Die Tiere, fünf an 
der Zahl, standen in den Boxen und sahen gepflegt aus. Highs 
Pferd war nicht hier. 

John verließ den Stall, überquerte die Straße und ging in das 

Hotel. Auch hier im Empfang Stille und abgenutzter Glanz. 
Niemand war zu sehen. Nun wurde das Ganze zu einem 
Lotteriespiel. 

Zu einem gefahrvollen Spiel ohne Limit. 
Das Hotel grenzte an die Briscoe Street und an Hartmanns 

Store. Vermutlich hatte High nicht vor, sich lange in der Stadt 
aufzuhalten. Oder doch? Konnte der Bandit so kaltblütig und 
kühn sein, sich mitten in diesem kleinen Grenznest zu 
verstecken? John verwarf diese Möglichkeit, als er seine 
Erinnerung an Outlaws kritisch prüfte. High war skrupellos, 
aber ohne Phantasie. Er würde seine Geschäfte abwickeln und 
wieder verschwinden. 

Plötzlich huschte ein Mann vor ihm über die Straße. John 

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stand noch im Eingang und sah ihn deutlich. Er verfolgte den 
Huschenden mit seinen Augen. Zwischen dem Büro der 
Overland Mail und dem Golden Nugget blieb der Mann stehen 
und starrte in eine finstere Gasse. Als er darin verschwand, 
setzte sich John Haggerty in Bewegung. 

Als er die Gasse erreichte, trennten ihn nur noch hundert 

Yards trübes Sternenlicht und zwanzig Sekunden von dem 
Mann. High stand vor einer Tür und klopfte. John machte sich 
klein und unsichtbar. 

Die Tür ging auf. Es blieb dunkel in der Gasse und 

geräuschlos, bis auf ein geheimnisvolles Wispern. Stand John 
kurz vor seinem Ziel? War High nun bei diesem Bussy, dem 
Mann mit dem seltsamen Namen? 

Dieser Gedanke konnte einem Mann den Nerv rauben. 
Die Häuser in dieser Gasse hatten viele Jahre nach der 

Anwanderung zahlreicher Mexikaner leergestanden und nur 
Mäuse, Ratten, Fledermäuse, Schlangen und Skorpione zur 
Miete gehabt. Doch nun hatte eins dieser baufälligen 
Bruchbuden aus Lehmziegel einen noch gefährlicheren 
Quartiergast ++ oder Gäste ++, wenn Johns Vermutung zutraf. 
Seine Unruhe wuchs mit jeder Sekunde der verstreichenden 
Zeit. 

Er mußte sich förmlich einen Ruck geben, um die Gasse zu 

betreten. Unrat, Müll, wohin er trat. Es knirschte und knackte, 
quiekte und pfiff. Ratten, wohin er auch schaute. 

Als er sich dem Haus näherte, schoß die Erinnerung an 

ähnliche Abenteuer schwarz und fürchterlich aus dem Dunkeln 
auf ihn zu. Die Gefahr, die ihm drohte, spürte er fast 
körperlich. 

Er hielt einen Moment an, verspürte den Drang, aus der Stadt 

zu flüchten und alles hinter sich zu lassen. Aber er gab dem 
Drang nicht nach. Der Griff zum Revolver beruhigte ihn 
wieder. Kühl und wie ein guter Freund spürte er den Druck des 
Kolbens in seiner Handfläche. 

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Sein Fuß pflügte Salbei und anderes Unkraut. Aber er stand 

vor der Tür, legte sein Ohr an das dünne Bretterholz und 
lauschte. Murmeln wie das sanfte Plätschern eines Baches, 
einmal ein Husten und Räuspern, ein unterdrückter Fluch, ein 
hämisches Gelächter. 

Ein Stuhl wurde gerückt. Jemand lachte rücksichtslos und 

schadenfroh. Das leise Knarren des Fensterladens in seinem 
Rücken überhörte John Haggerty. 

Er sah nicht die Hand, nicht den Knüppel, der sich nach ihm 

ausstreckte. Er fühlte aber den dröhnenden Schlag und brach in 
die Knie. Ein zweiter Hieb traf ihn mit furchtbarer Gewalt und 
warf ihn den Kot der Straße. 

Lichter hingen in der Dunkelheit wie Lampions. Die Lichter 
waren Sterne. 

Taumelnd kam John auf die Beine. Sein Gesicht, sein 

Oberkörper, seine Kleidung war mit Blut beschmiert und 
starrte vor Schmutz. Ächzend lehnte er sich mit dem Rücken 
an die Wand. Kreise tanzten vor seinen Augen, und schließlich 
übergab er sich. 

Nach Minuten wurde er ruhiger. Sein Gehirn befaßte sich mit 

der Frage, was mit ihm geschehen war. Sie hatten ihn aus dem 
Fenster heraus niedergeschlagen und für tot gehalten. So, wie 
er aussah, mußten sie das geglaubt haben. 

John hob seine Hand und befühlte seinen Kopf. Eine 

faustgroße Beule schmerzte wie Höllenbrand und war 
aufgeplatzt. Blut sickerte über seine Kleidung. 

John Haggerty war High auf den Leim gegangen, das konnte 

nicht bestritten werden. Nach ein paar tiefen Atemzügen wurde 
er ruhiger. Er überlegte schärfer. 

Waren sie noch in dem Haus? Oder hatten sie es nur als Falle 

für den Verfolger benutzt? Alles war möglich und denkbar. Die 

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Nacht verabschiedete sich mit aufkommendem Wind, der 
wenigstens die scheußlichen Ratten verjagte. Im Osten wurde 
es hell. 

Schwankend hielt sich John Haggerty an der Wand fest. Er 

hörte das Rieseln des sich auflösenden Außenputzes und 
vernahm ein Geräusch bei der Dachtraufe. Eine Katze auf der 
Jagd. 

Obwohl sich alles vor ihm drehte, überlegte John Haggerty 

lange und gründlich, wie er gegen die Leute im Haus vorgehen 
konnte. Als er die hilfreiche Stütze der Wand verließ, fiel er 
erst einmal auf die Knie. Mühselig richtete er sich wieder auf 
und streckte seinen Oberkörper. 

Nun ging es auf einmal. Das Schwindelgefühl ließ nach und 

wich einer beschwingten Leichtigkeit, die von der leichten 
Gehirnerschütterung ausgelöst wurde. Er stand. Über Johns 
blutiges Gesicht glitt ein grimmiges Lächeln. 

Im Zeitlupentempo wandte er sich der Tür zu, legte sein Ohr 

an die Bretter, vernahm nichts und nickte. Sie hatten ihn 
geleimt und konnten nun schon meilenweit entfernt sein. 

Und doch, etwas ließ ihn verharren. Ein Gedanke kam ihm so 

schnell wie ein Blitz. Flüchtig fiel ihm ein, daß sich High gar 
nicht in dem Haus aufgehalten haben mußte. Es konnte sein, 
daß er zufällig an den Schlupfwinkel kleiner Desperados aus 
diesem Landesteil geraten war. 

Dann erinnerte er sich an den huschenden Schatten, der in 

die Gasse eingedrungen war. Zeitlich paßte es zusammen, und 
die Wahrscheinlichkeit, daß er es doch mit dem Banditen aus 
Tombstone zu tun gehabt hatte, war riesengroß. 

Er neigte den Kopf und lauschte wieder. Knistern, als würde 

Stoff bewegt. 

Spannungen im Holzwerk lösten sich mit Knacken und 

reißendem Poltern. 

Sonst war nichts zu hören. Nichts? 
War da nicht der unterdrückte Atem eines Menschen gleich 

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hinter der Tür? Knackten nicht Fußgelenke, als wenn ein 
schweres Körpergewicht verlagert wurde? 

John hielt den Atem an. Er vernahm nichts mehr, so sehr er 

seine Sinne auch anstrengte. Sinnestäuschungen? 
Halluzinationen aufgrund der Kopfverletzung? 

Wut packte den einsamen Mann in der düsteren Gasse. 

Namenlose Wut, die er mühsam zurückhielt, um sich nicht zu 
verraten. Erneut verraten. 

Das krachende Splittern des Türriegels, der aus dem 

morschen Türholz brach, hallte in der verbrauchten Luft des 
zweiräumigen Hauses wider wie ein Gewehrschuß. John, der 
sich trotz seiner Schmerzen durch die eingetretene Tür warf, 
jagte seine erste Kugel zu einer brennenden Lampe auf einem 
Tisch mit drei Beinen. Das vierte hatte man durch eine Kiste 
ersetzt. 

Seine Geschicklichkeit im Schießen begünstigte ihn. Die 

44er Kugel traf den Kerosinbehälter, löschte die Flamme durch 
den Luftzug und ließ das Öl nach allen Seiten spritzen. 

Dann, in die jäh aufsteigende Schwärze und das laute 

Tropfen des leckenden Öls drang ein Laut, der John motivierte, 
sich sofort hinzuwerfen. Mit dem Laut kam das Bild der 
brennenden Lampe zu John zurück. Brennende Lampe! 

Wo eine Lampe brannte, gab es Menschen; die sie entzündet 

hatten. John hob den gespannten Colt, aber es gab kein Ziel. 
Rasch gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis, die an 
seinen Nerven zerrte. 

An der anderen Seite des mittelgroßen Raumes hing eine Tür 

lose und verdreht in ihren Angeln. Der Spalt war groß genug, 
einen Mann durchzulassen. John kroch hin, legte den Kopf auf 
den angewinkelten Unterarm und lauschte. 

Schnaufende Atemzüge in der blindmachenden Dunkelheit. 

John ließ sich nicht täuschen. Er blieb liegen, den Colt im 
Anschlag. Stöhnen. Es klang, als sei ein Tier am Verenden. 

John überlegte. Er mußte ins Zimmer nebenan und die beiden 

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Kerle überwältigen. Die absolute Finsternis störte ihn. 
Trotzdem: wenn er sich durch die Tür fallen ließ und den 
beiden Outlaws sein Spiel aufzwingen konnte, besaß er eine 
relativ gute Chance. 

Das Problem vor ihm hing nicht mehr von seiner 

Entscheidung ab. Die waren erfolgt, und was nun geschah, war 
abhängig davon, wie die anderen reagierten. Gelangte er zum 
ersten Schuß, war er gerettet. Wenn nicht, nun dann … 

Er wartete, zählte die verrinnenden Augenblicke und besaß 

die Nervenkraft, still zu lauschen. Wieder ein Stöhnen. 
Seltsam. Kein Mensch stöhnte ohne Grund, und schon gar 
nicht, wenn er gesund und lebenstüchtig war. 

John zischte: »Kommen Sie heraus, Samuel High!« 
Eisige Stille, drohend und herausfordernd. Schließlich wieder 

das beklemmende Ächzen. John Haggerty verließ die Geduld. 
Wenn er dieses Spiel auf diese Art fortsetzte, lag er in einer 
Woche noch in dem muffigen Raum. 

Mit einem Satz war er auf den Beinen und stürmte vorwärts. 

Die Tür krachte zurück und zersplitterte mit einem 
kreischenden Bersten. Späne flogen. 

Im Nebenraum ließ er sich sofort wieder fallen und wälzte 

sich um seine Achse, um dem Gegner Zielen und Schießen zu 
erschweren. Kein Schuß fiel. Kein Dröhnen von 
Revolverdetonationen belastete sein Gehör. 

John war es, als sei er in ein Grabgewölbe eingedrungen, so 

still war es. Er wagte einen Blick nach oben, zur Seite, auf die 
schäbige Bettstatt in der Ecke. Ein formloses Bündel hob sich 
dort ab. 

Lag dort ein Toter? John schüttelte die lähmende Kälte 

dieses Gedankens ab. Er preßte die Zähne zusammen, um den 
Atem anzuhalten. Schließlich schüttelte er den Kopf. Tote 
stöhnten nicht mehr. 

Seine Augen kreisten. Auf einer Holzkiste stand eine Kerze, 

durch das tropfende Wachs wie angeleimt. Er kroch hin, 

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richtete sich auf. Neben der Kerze lagen Zündhölzer. Er riß ein 
Hölzchen an und entzündete die Kerze. Licht flutete flackernd 
im Luftzug. Das Fenster stand offen und ließ den Morgenwind 
herein. 

Ängstliches Stöhnen. John wirbelte herum, eilte zu dem 

schmutzigen Lager. Ein älter Mann lag dort, gefesselt und 
geknebelt. Er zog sein Messer, kappte den Strick und riß dem 
Mexikaner den stinkenden Knebel aus dem Mund. 

Der Alte streckte sich erst einmal und schickte Blicke voller 

Angst zu dem Amerikaner. Er zitterte. Sein zahnloser Mund 
formulierte unartikulierte Laute. 

John rüttelte ihn an der Schulter. 
»Wer bist du, Hombre?« 
»Pedro, Senor. Bitte, tun Sie mir nichts …« 
John unterbrach ihn hastig: »Du bist allein?« 
Der Peon deutete auf das Fenster und nickte. 
»Wer hat dich gefesselt?« 
»Ein Americano, Senor. Er kam herein, bedrohte mich mit 

einem Revolver und ich mußte mich setzen. Auf seinen Befehl 
mußte ich sprechen, lachen und immer wieder sprechen. Auf 
einmal schlug er mich nieder. Mehr weiß ich nicht.« 

»Nur ein Amerikaner?« fragte John ungläubig. Pedro nickte. 
»Es müssen zwei gewesen sein«, sagte John drängend. 

»Zwei!« Er hob zwei Finger und rüttelte den Greis wieder an 
der Schulter. Pedro schüttelte den Kopf, hob einen Finger und 
antwortete: 

»Einer, Senor, ich schwöre es bei den Heiligen.« 
John Haggerty stand bewegungslos wie eine Salzsäule. Im 

ersten Augenblick glaubte er, Eis im Blut zu haben, so 
geschockt war er. Samuel High hatte ihn geleimt und ihn von 
seiner Fährte abgeschüttelt. Mit einem einfachen Trick hatte er 
seinen Verfolger in dieser primitiven Hütte festgenagelt. 

John hatte sich die ganze Zeit dem Trugschluß hingegeben, 

High wisse nicht, daß er verfolgt wurde. High hatte es sehr 

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wohl gewußt und gehandelt. 

Hier war jedenfalls kein Bussy Blaki, nicht in diesem Haus 

und zu keiner Zeit. High war entkommen, daran gab es keinen 
Zweifel. Das geöffnete Fenster sagte genug. 

»Steh auf, Alter«, sagte er. »Gehört dir dieses Haus?« 
Pedro nickte und schickte einen ängstlichen Blick aus 

dunklen Augen zu dem bewaffneten Mann. Ein Gedanke glitt 
flüchtig durch Johns Gehirn und setzte sich fest. 

»Wie sah der Mann, der dich so mißhandelte, aus? Kannst du 

dich erinnern?« 

Pedro beschrieb High so deutlich, als stünde er vor ihnen. 

John gab sich endgültig geschlagen, aber er resignierte nicht. 

»Es ist gut«, sagte er. »Du bist frei. Niemand tut dir was. 

Adios, Hombre!« 

»Adios, Senor.« 

Strahlendes Himmelslicht flutete in die verwinkelten Gassen 
von Sierra Vista und vertrieb die Ratten. Die elende 
Frontiertown, gegründet in der spanischen Kolonialzeit, 
erwachte und regte sich wie ein Bär nach dem Winterschlaf. 

John Haggerty schlurfte müde und verstimmt durch die Calle 

Royal und suchte nach einem Saloon, wo er ein ausgiebiges 
Frühstück einnehmen konnte. 

Während er so durch den Staub pilgerte, fühlte er sich 

ständig beobachtet und höhnisch belächelt. Sicher, er war für 
heute ein geschlagener Mann. Aber gab es nicht auch noch ein 
Morgen? Ein Übermorgen? 

Gab es nicht noch tausend Möglichkeiten, dem Gesetz zum 

Sieg zu verhelfen? John nickte mit zusammengekniffenen 
Augenwinkeln. 

Ich habe es nie auf die billige Art gemacht, sagte er zu sich 

selbst. Nicht mit Hurra- und Kriegsgeschrei. Auch Gefühle und 

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Anstand zahlen sich letztlich aus. 

Er grinste, erwärmte die letzten Worte mit einem neuen 

Gedanken: Manchmal werden sogar Verbrecher sentimental. 
Es geschehen immer wieder Zeichen von Wunder. 

Ein Mexikaner kam ihm entgegen. Er trug Poncho und 

Spitzhut, Leinenkleidung und Strohsandalen. John hielt ihn an. 

»He, Amigo, ich suche ein Frühstück mit viel Kaffee in 

einem ruhigen Lokal. Ist da was zu machen?« 

Der Mann deutete auf ein flaches Haus mit einem 

Verandavorbau und mächtig viel Zwiebeln und Knoblauch 
unter der Traufe. 

»Si, Senor, in der Cantina bekommen Sie, was Ihr Herz 

begehrt.« 

John bedankte sich und ging weiter. Noch in der Nacht hatte 

er sein Pferd versorgt. Er konnte sich Zeit lassen und sich ein 
anständiges Frühstück leisten, das seine Müdigkeit 
hinunterspülte und den Schlaf aus seinen Knochen vertrieb. 

Schwer und wuchtig betrat er die Veranda. Seine Schritte 

dröhnten auf dem sandbedeckten Holz. Bei jedem 
ausgreifenden Schritt klatschte das schwere Halfter gegen 
seinen Schenkel. 

Er betrat die Cantina und starrte in die kühle Dämmerung. 

Als er sich setzte und bei dem herbeieilenden Cantiniero ein 
Frühstück bestellte, verblaßten für John Haggerty die 
Erlebnisse dieser Nacht. 

Er streckte die langen Beine unter den Tisch und schloß 

schläfrig die Augen. Dabei murmelte er. 

»Morgen … Ja, morgen schnappe ich ihn mir.« 

ENDE