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2

Dan Roberts 

Der rote Agent 

Apache Cochise 

Band Nr. 35 

Version 1.0 

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3

Prolog 

Ihr Land war es, in das Mexikaner und Amerikaner 
eindrangen. Das Land ihrer Väter. Karstig und elend, 
wasserarm und unfruchtbar schmorte es unter heißer 
Arizonasonne. Wüste, bizarre Klippen, himmelansteigende 
Berge und Giftschlangen. Trotzdem verteidigten sie es mit der 
Stärke ihrer Seele und dem wilden Schlag ihrer Herzen. Zu 
diesem Zeitpunkt waren sie längst keine Athapasketi mehr, 
sondern deren Nachfahren: Apachen. 

Sie selbst nannten sich T'Inde – Volk, auch Naizhan – Unsere 

Rasse. Und sie besiedelten ein Land so groß wie Deutschland 
und Frankreich zusammen. In diesen ihren Jagdgründen 
leisteten sie Eindringlingen Widerstand und verteidigten jeden 
Fußbreit Boden mit ihrem Herzblut. 

Zur Zeit der Handlung unserer Geschichte APACHE 

COCHISE lebten 6000-7000 Apachen, die in Arizona und 
Neumexiko Angst und Schrecken verbreiteten, besonders im 
amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet und weit in Sonora, 
bis hinunter zur Sierra Madre Occidental. 

Ihren Haß gegen die Nachfahren der Spanier und den 

Erzfeind, die Comanchen, übertrugen sie auf ihre neuen 
Unterdrücker. Von ihnen ist die Rede in unserer Serie. Sie ist 
die historiengetreue Basis der Thematik APACHE COCHISE. 

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4

*** 

Nepatana schreckte hoch. Er kämpfte mit den Fetzen des 
Traumes, die in seinem Kopf umhergeisterten. 

Der Ruf einer Spottdrossel schallte durch die Dunkelheit. 

Geschmeidig glitt der Apache von seinem Lager und huschte 
zum Fenster. 

Da, ein Schatten vor der Hütte. Ein Mann auf einem Pony. 
Nepatana verzog die Lippen zu einem harten Lächeln. 

Bitterkeit quoll in ihm auf, wenn er daran dachte daß er in 
dieser Nacht wieder einen Mann seiner eigenen Rasse töten 
mußte. 

Langsam ging er zur Tür, öffnete sie und sagte halblaut: »Du 

bist mein Gast, Krieger.« 

Der Indianer saß ab, führte den Mustang zur Seite und lief 

ins Haus. 

Es war ein Mimbrenjo, und seine schwarzen Augen 

funkelten triumphierend. 

»Sieh, Träumer«, sagte er und schwenkte einen Stab, an dem 

zwei Skalps hingen, zwei frische Skalps. 

»Gut, sehr gut«, murmelte der Pinaleno Apache, der sich von 

seinem Volk losgesagt hatte und eine Farm betrieb. »Wo hast 
du sie getötet, Krieger?« 

»Im Süden, weit von hier«, erwiderte der Mimbrenjo. »Sie 

trugen Münzen aus dem gelben Metall bei sich. Hier, dafür 
bekommen wir zwei Kisten Patronen. Cochise weiß nicht, daß 
ein Teil der Krieger die Waffen der Bleichgesichter besitzt. 
Cochise ist ein altes Weib geworden. Er will Frieden mit den 
Landräubern. Victorio und Geronimo suchen den Kampf. Wir 
werden kämpfen, wir werden siegen, Träumer.« 

Nepatana nickte ernst und erwiderte: »Du bist ein großer 

Krieger, Mimbrenjo, ich will dich ehren. Kennst du das 

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5

brennende Wasser der Bleichgesichter?« 

Begehrlich funkelten die Augen des anderen Apachen, und 

das war für Nepatana Antwort genug. Er ging zu dem 
einfachen Schrank aus ungehobelten Brettern, öffnete die Tür, 
nahm mit der Linken die Whiskyflasche und mit der anderen 
Hand den Dolch heraus, den er geschickt unter seinem 
Lederhemd verbarg. 

»Trink, Mimbrenjo«, sagte Nepatana, und reichte dem 

Krieger die Flasche. 

Als er das Glas an die Lippen setzte, zuckte die Rechte des 

Träumers blitzschnell vor. Der kalte Stahl grub sich in den 
Oberkörper des Kriegers. 

Geschickt fing Nepatana mit der linken Hand die 

Whiskyflasche auf. Er hörte nicht auf die verzerrten, 
röchelnden Worte des Mimbrenjos, der den Pinaleno 
fassungslos anstierte. 

Der Blick des Kriegers ging weg, verschwamm. Der 

Kämpfer aus Victorios Stamm sank zusammen. Er war tot, 
getötet von Nepatana, dem Träumer, von dem Mann, der sich 
von seinem Stamm losgesagt hatte, und hier, östlich des 
Graham Peaks, eine Farm betrieb. 

Nepatana blickte auf den Toten, sah die Goldmünzen, die 

beiden Skalps. 

»Das darf nicht länger geschehen«, murmelte der Apache. 

»Meine eigenen Leute kämpfen und töten die Weißen. Die 
Mimbrenjos sind noch schlimmer. Victorio ist wie ein Teufel, 
von dem die Padres sprechen. Nein, es muß ein Ende haben, 
wenn wir Indianer überleben wollen.« 

Für Sekunden versank Nepatana in seinen Traum. 
Ja, in seinen Visionen sah er, wie Weiße und Apachen 

friedlich nebeneinander lebten. Und das war sein Ziel: den 
unaufhörlichen Kampf zwischen den beiden Rassen endgültig 
zu beenden. 

Mörder wie dieser Mimbrenjo mußten sterben. 

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6

Napatana leerte die Taschen des Kriegers, der allein auf 

Raubzug ausgeritten war. Die Waffen ließ er ihm, denn ein 
Mann sollte mit seinen Waffen begraben werden, damit er im 
jenseitigen Reich auf die Jagd gehen konnte, damit er den 
weißen Büffel hetzte, wie es in den Legenden der Uralten 
erzählt wurde. 

Der kräftige Farmer legte sich den Toten über die Schultern 

und löschte die Kerosinlampe. Als er die Tür öffnete, blieb er 
witternd stehen. Nichts warnte ihn, kein Feind lauerte in der 
Dunkelheit. 

Und doch spürte Nepatana, daß die friedliche Zeit auf dieser 

Farm dem Ende zuging. Er ahnte, witterte, daß eine andere 
Aufgabe auf ihn wartete, eine Aufgabe, die ihn seinem Ziel, 
dem Frieden zwischen Apachen und Bleichgesichtern, 
näherbrachte. Aber dieses Ziel war weit entfernt. Um es zu 
erreichen, mußten noch viele Menschen sterben. 

Der Pinaleno Apache trug den Leichnam ins Maisfeld. Die 

starken Pflanzen raschelten, zischend rieben die Blätter 
gegeneinander. Endlich erreichte der Träumer das freie Stück, 
legte den Toten zu Boden und zerrte die Schaufel unter den 
ausgedörrten Stengeln hervor, die auf einem Haufen lagen. 

Es dauerte nicht lange, bis Nepatana das Grab geschaufelt 

hatte und der tote Mimbrenjo in dieser flachen Grube lag. 
Düster blickte der Pinaleno auf den jungen Apachen hinab, ehe 
er die erste Schaufel Dreck in das Loch zurückwarf. Niemand 
würde den Krieger hier entdecken. Nepatana genoß das 
Vertrauen der Weißen genauso, wie das der roten Menschen, 
denn er war ein Träumer, der an eine Visionen glaubte. 

Im Osten glänzte der Horizont grau. Ein schmaler Streifen 

war es nur, der die Dunkelheit aufriß. Und doch kündete er 
vom neuen Tag, der in weniger als einer Stunde die Nacht 
verdrängen würde. 

Nepatana versteckte die Schaufel und stapfte zum Ranchhaus 

zurück. Er bewegte sich wie ein weißer Mann, achtete nicht 

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7

darauf, wohin er seine Füße setzte. Maisstroh knirschte und 
knackte unter den Lederstiefeln des indianischen Farmers, 
während er zurückging. 

Der Traum! 
Wieder zogen Gedankenfetzen, Bruchstücke, an Nepatanas 

Augen vorbei. Er lächelte und wußte, daß die Zeit nicht mehr 
fern war, von der er geträumt hatte. Ja, es war möglich, daß 
Bleichgesichter und Apachen friedlich zusammenlebten. Und 
er, Napatana, würde das Werkzeug sein, das der Große Geist 
ausersehen hatte. Im kleinen Stall muhten die drei Kühe. Sie 
mußten gemolken werden. Die Milch holte jeden Tag ein Bote, 
der von Fort Grant zur Farm ritt. Die Frauen der Soldaten 
hatten kleine Kinder. Sie brauchten diese Milch, und sie 
zahlten gut dafür. Der Zahlmeister des Forts kaufte dem 
indianischen Farmer Mais, Weizen, Schafe und Wolle ab. 
Nepatana war ein wohlhabender Mann, gemessen am 
Einkommen jener Zeit. Und er war ein Feind der wilden, 
blutrünstigen Krieger, die aus ihrer engen Welt ausbrachen und 
den Tod zu Weißen und Mexikanern brachten. 

Der Apachenfarmer setzte sich in den Schaukelstuhl, der auf 

der Veranda stand. Noch besiegte die Dämmerung nicht die 
Nacht. Und diese Stunde, die Zeit vor dem Sonnenaufgang, 
liebte Nepatana. Er blickte nach Osten. Dort erschien jeden 
Morgen die Sonne, die Spenderin jeglichen Lebens, und 
tauchte die Halbwüste in ihren Gluthauch. 

Nepatana sah den blutroten Streifen am Horizont. Der 

Apachenfarmer versank in seinen Traum. Zum erstenmal hatte 
er eine Vision von sterbenden Männern. Blut, überall rann es 
rot umher. Angst kroch in das Herz des Pinaleno. Würde er 
scheitern? War es nicht möglich, seinen Traum zu erfüllen? 

Irgendwo klapperten Hufeisen über Gestein. Abrupt 

erwachte Nepatana, starrte noch ein paar Sekunden auf den 
drohend verfärbten Horizont und stand schließlich auf. 

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8

John Haggerty lag am Ufer des Sees in den Dragoon 
Mountains. Der ehemalige Scout fühlte sich wieder gesund. 
Seine Füße schmerzten nicht mehr. Der Marsch durch das 
Indianerland verschwamm allmählich zur Erinnerung. 

Haggerty lächelte, als er an Tla-inas Worte dachte, nachdem 

sie seine zerschundenen Füße gesehen hatte. 

»Ein Falke fliegt«, hatte Cochises Schwester gesagt. »Ich 

weiß nichts davon, daß er durch den heißen Sand läuft.« 

Und Naiche, der Sohn des großen Häuptlings, hatte schallend 

dazu gelacht. Selbst die einfachen Krieger konnten ihren 
gutmütigen Spott nicht unterdrücken. 

John fühlte sich auf eine merkwürdige Art zu Hause in der 

Apacheria des Stammes. Er spürte, fühlte, daß er anerkannt 
wurde. Zwar galt er noch immer als Weißer, und daran würde 
sich nichts ändern im Laufe der Zeit. Aber die Apachen unter 
Cochise hatten erkannt, daß der Falke wirklich ein Mann war, 
der zu seinem Wort stand, der Frieden wünschte und den 
Menschen der roten Rasse nicht feindlich gegenüberstand. 

Haggerty blickte auf die blaue Wasserfläche. Sie war der 

kostbarste Besitz des Stammes. In den zerklüfteten Felsen der 
Dragoon Mountains bot dieses Wasser eine gute 
Überlebenschance. Das schmale, langgestreckte Tal konnte von 
den US-Truppen nicht eingenommen werden. Zwei Dutzend 
Krieger hingegen vermochten eine ganze Armee aufzuhalten. 
Um Cochises Schlupfwinkel zu stürmen mußte Artillerie 
eingesetzt werden. Bis die Batterien jedoch in Stellung standen, 
hätten zahllose Rotten von Apachen die Kanoniere getötet. 

Doch warum sollte General Howard diese Apacheria stürmen 

lassen? Er dachte gar nicht daran, war froh, daß der 
schwankende Friede im Südwesten durch Cochise und 
Haggerty immer wieder gerettet wurde. 

John schloß die Augen. Ein leichter Wind strich durch die 

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Zweige und Blätter der Büsche. Das Rascheln wirkte 
einschläfernd, und nach wenigen Minuten versank der 
ehemalige Scout in einen Dämmerschlummer. 

Auf einmal hörte er Schritte. Ein Mensch näherte sich, ging 

leichtfüßig, erreichte die Sträucher und wand sich hindurch. 

Tla-ina, dachte John mit geschlossenen Augen. Ja, das ist ihr 

Schritt. 

»Ich freue mich, daß du kommst, Sanfter Wind«, sagte 

Haggerty leise. »Setz dich zu mir und laß uns ein wenig 
träumen, Tla-ina.« 

Sie schwieg zu lange, fand John. Er richtete sich auf, öffnete 

die Augen und hörte Naiches Stimme. 

»Falke, Freund meines Vaters«, sagte der Sohn des 

Häuptlings. »Nicht nur deine Füße haben auf dem Marsch 
gelitten, auch deine Ohren. Oder geht die Schwester meines 
Vaters so wie ich?« 

Haggerty seufzte und erwiderte: »Naiche, ich war davon 

überzeugt, daß der Sanfte Wind kam. Du bist mir ebenso 
willkommen, wenn auch auf eine andere Weise.« 

Cochises Sohn lachte kurz und sagte: »Weißer Falke, es geht 

mich nichts an, was Tla-ina tut. Cochise ist damit 
einverstanden, und er ist der Führer des Stammes. Aber sage 
mir, Falke, was aus dir und dem Sanften Wind wird. Sage mir, 
ob du ganz, auch in deinem Denken, ein Apache werden 
kannst?« 

Naiche kauerte sich neben Haggerty ans Ufer des Sees. 
»Dies sind Dinge«, erwiderte John ernst, »die alle Gedanken 

zerstören können. Tla-ina sagte mir vor einiger Zeit, daß ich 
nicht an die Zukunft denken soll. Wir leben heute, jetzt, sagte 
sie, und danach richte ich mich. Wenn auch in meinem Herzen 
ein schwarzer Vogel fliegt, der auf den Tod wartet. Und dieser 
Vogel ist die Summe meiner Gefühle, Naiche.« 

Cochises Sohn schwieg. Er war beeindruckt. Der Falke hatte 

ihm klar und offen geantwortet, hatte seine Zweifel, seine 

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Furcht vor der Zukunft mit Tla-ina, nicht verborgen. 

»Mein Vater möchte dich sprechen«, sagte Naiche und stand 

auf. »Der Jefe möchte deine Meinung hören, Falke.« 

Haggerty zog die Socken an und schlüpfte in die 

Apachenstiefel. Sie waren weicher, bequemer als die der 
Weißen. Und doch schützten diese kniehohen Wildlederstiefel 
der Wüstenvölker genausogut vor Schlangenbissen, 
Speerdornen und Kakteenstacheln. 

John fragte nicht, was Cochise von ihm wollte. Das würde 

der Chief ihm selbst sagen. 

Schweigend gingen die beiden so verschiedenen Menschen 

zum eigentlichen Lager der Apachen. Die Feuer glommen 
rauchlos vor den Wicky-ups. Es roch nach Bratfleisch, aber 
John vermochte nicht zu unterscheiden, ob die Squaws Stücke 
vom Eselhasen, Weißschwanzhirsch, Gabelbock oder 
Maultierfleisch brieten. 

Ulzana, einer der bedeutendsten Unterhäuptlinge der 

Chiricahuas, saß Cochise gegenüber. Der knorrig wirkende 
Apache haßte die Weißen. Er war für den Kampf, würde mit 
Geronimo gegen die verhaßten Bleichgesichter ziehen, wenn 
nicht Cochises Worte ihn immer wieder zurückgehalten hätten. 

Haggerty setzte sich und sagte: »Jefe, ich bin gekommen. Du 

hast mich holen lassen.« 

»Du kennst Ulzana«, erwiderte Cochise. »Er ist nicht damit 

einverstanden, daß ich die weißen Wüstenwölfe 
niedergekämpft habe, Falke. Er denkt, daß Victorio Rachepläne 
ausbrütet, daß er die Mimbrenjos wieder einmal ausschickt und 
alle Weißen sterben sollen.« 

Aufmerksam betrachtete Haggerty den Unterhäuptling. Seine 

Augen wirkten kalt und leer, wie Kohlenstücke. 

John lachte leise und sagte: »Ulzana hofft, daß der Kampf 

ausbricht. Er will seine Krieger zu Ruhm und Ehre, zu Beute 
und Skalps führen.« 

Der Unterhäuptling verzog das Gesicht für einen Moment. Es 

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wirkte voller Hohn und Spott. 

»Victorio wird nicht hinnehmen, daß Cochise wieder als 

großer Kämpfer dasteht«, sagte der kleinwüchsige Apache. »Er 
ist anderer Meinung, Falke. Er vertritt die richtige Meinung, 
und die ist, daß alle Weißen aus diesem Land vertrieben 
werden müssen.« 

»Alle?« fragte John langsam und starrte dem Chiricahua in 

die Augen. 

»Ja, alle, auch du, Falke, der du dich Cochises Freund 

nennst«, erwiderte Ulzana heftig. »Ihr verderbt mit euren 
Gedanken den Geist der Apachen, lenkt die großen Führer in 
die falsche Richtung. Wir müssen kämpfen, Cochise. Das ist 
unsere einzige Hoffnung.« 

Haggerty schüttelte den Kopf und erwiderte: »Du vergißt die 

Macht meiner Rasse, Ulzana. Einzeln sind die meisten Weißen 
schwach und unfähig, in diesem heißen Wüstenland zu 
überleben. Das gebe ich zu. Aber vergiß nicht die 
Pferdesoldaten, die Hotchkiss-Kanonen und die Gatling-Guns. 
Und wenn diese Waffen feuern, ist es, als wären sie an einem 
Tag geladen worden, und würden drei Tage lang den bleiernen 
Tod ausspucken. Mit Kanonen aus dem Krieg zerstören die 
Blauröcke jede Apacheria. Und das wird geschehen, wenn 
unbedachte Menschen wie du oder Victorio zum großen Kampf 
aufrufen.« 

Ulzana preßte die Lippen zusammen. Er war fest davon 

überzeugt, daß die Apachen den Weißen überlegen sein 
würden, kam es zur großen, zur entscheidenden 
Auseinandersetzung. Denn die Krieger der Halbwüste 
verschmolzen mit ihr. Sie beherrschten alle Listen, sämtliche 
Tricks, die zum Überleben und für siegreiche Überfälle nötig 
waren. 

»Der Falke spricht wahr«, sagte Cochise müde. »Du selbst 

warst dabei, als wir den Bleichhäutigen unterlagen, vor langen 
Wintern, Ulzana. Und damals haben die Kanonen der Weißen 

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den Kampf entschieden. Erinnere dich daran.« 

Ulzana schwieg. Er war anderer Meinung, dachte, daß 

damals die Führung des Häuptlings an der Niederlage schuld 
war, denn der Unterhäuptling konnte nicht sehen, daß die 
Krieger der vereinigten Stämme durch die Überlegenheit der 
Bleichgesichter geschlagen worden waren. Haggerty verstand, 
warum ihn Cochise bei der Unterredung in der Nähe haben 
wollte. Ulzana war unzufrieden, war der Anführer der wilden 
Krieger, denen Skalps, Blut und Beute mehr bedeuteten, als 
Frieden oder das Überleben der Apachen. 

Es galt, den Unterhäuptling zu besänftigen, so zu beruhigen, 

daß kein offener Konflikt entstand, daß keine Rotte 
Chiricahuas aus der Apacheria ausbrach und auf Raubzug ging. 

Haggerty lächelte und sagte: »Jefe, dann sollen Ulzanas 

wilde junge Männer nach Norden ziehen. Als Späher werden 
sie schon entdecken, wenn Victorio den Krieg mit den Weißen 
wieder schüren will.« 

Cochise blickte zu den zerklüfteten Felsengipfeln der 

jenseitigen Talwand hinauf. Ein undeutbarer Ausdruck lag im 
Gesicht des Chiefs. Es schien, als mischten sich Trauer, 
Gewißheit und Zorn und Verzagtheit in diesem Gesicht des 
größten Führers der Apachen. Es schien, als wüßte Cochise 
etwas, das kein anderer auch nur ahnte. 

Ulzana hingegen vermochte seinen Triumph kaum zu 

unterdrücken. Er setzte zweimal zum Sprechen an, und erst 
beim zweiten Versuch gelang es. 

»Gut, Falke«, sagte der Unterhäuptling, »wenn dies dein Rat 

ist, so ist es ein kluger Rat. Wenn Cochise befiehlt, daß die 
Krieger spähen sollen, so werden sie reiten.« 

Erwartungsvoll blickte der kleinwüchsige Ulzana den Chief 

an. Cochise kehrte aus weiter Ferne zurück. Für eine Sekunde 
irrte sein Blick von John zu Ulzana. 

»Sie sind verloren, wenn sie nach Norden reiten«, sagte der 

Jefe ausdruckslos. »Ich warne dich, Ulzana, diese Krieger 

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kehren nie zurück. Ich weiß es.« 

»Sollen meine Männer die Mimbrenjos beobachten?« wollte 

der Unterhäuptling wissen. 

»Ich halte sie nicht zurück, auch dich nicht«, erwiderte 

Cochise ruhig. 

Ulzana stand auf und ging langsam davon. Deutlich sah ihm 

John an, daß er am liebsten gelaufen wäre. Hatte Ulzana doch 
einen Sieg über den großen Cochise errungen. 

»Was ist das, was du eben sagtest?« wollte Haggerty wissen. 

»Woher nimmst du die Gewißheit, mein Bruder?« 

Düster antwortete Cochise: »Frage mich nicht, Falke. So wie 

du bestimmte Dinge siehst und erkennst, was daraus entstehen 
mag, so weiß ich, daß Ulzanas Krieger in den Tod reiten.« 

Der Jefe starrte in die schwache Glut des Feuers. 
»Sollen wir den Kriegern folgen?« wollte John wissen. 

»Vielleicht können wir ihnen helfen, einige retten.« Es dauerte 
sehr lange, ehe Cochise erwiderte: »Nein, mein Bruder. Ulzana 
muß erkennen, daß er nicht der große Führer ist, für den er sich 
hält. Es zerschneidet mir das Herz, daß Kinder meines Volkes 
sterben müssen. Sterben deswegen, um einem Mann, dessen 
Herz durch Krieg und Feindschaft vergiftet ist, seine Fehler zu 
zeigen. Wir müssen warten, Falke. Erst wenn wir die Nachricht 
vom Tod der Krieger erhalten, brechen wir auf.« 

Haggerty sah, daß es sinnlos war, weiter auf Cochise 

einzureden. Er würde dem Drängen seines weißen Freundes 
nicht nachgeben. 

»Ich sehe mir die Krieger an, die Ulzana ausschickt«, sagte 

John und stand auf. 

Langsam ging er zu den Pferden. Zehn Chiricahuas legten 

ihren zähen, struppigen Mustangs die Graszügel auf, die 
Decken auf den Rücken. Die Augen der Krieger glänzten 
erwartungsvoll. Ulzana stand ein wenig abseits. Er hielt die 
Arme vor der Brust gekreuzt und blickte voller Stolz auf den 
Spähtrupp. 

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Die Männer waren gut bewaffnet. Sie trugen die 

Ulmenholzbögen, Lederköcher voller Pfeile, die Tomahawks, 
Dolche und moderne Gewehre. 

Spöttisch blickten die Krieger zu dem Falken hinüber. Ihr 

ganzes Gehabe ließ John fühlen, daß sie ihn für einen Feigling 
hielten. Warum ritt er nicht mit nach Norden? 

Minuten darauf trabten die Ponys über die Felsenwege, die 

aus der Apacheria hinausführten. 

Nepatana stand am Balkengeländer der kleinen Veranda. Seine 
Hände lagen auf dem Oberholz der Stützpfosten. 

Pferdesoldaten ritten heran. Es mußte eine ganze Schwadron 

sein. Die Fahne der Weißen flatterte im Wind. Vier Längen vor 
dem Unteroffizier trabte ein herrlicher Apfelschimmel. 

Nepatana verzog das Gesicht. Er kannte das Tier. Vor drei 

Monden hatte der Träumer das Pferd einem Offizier verkauft, 
der in Fort Grant stationiert war. Captain Hagman war ein 
Draufgänger. Er vertrat die Meinung, daß die Lösung des 
Apachenproblems ganz einfach war. 

»Wenn deine roten Brüder nicht friedliche Ackerbauern oder 

Schafzüchter werden«, hatte Hagman vor drei Monaten zu 
Nepatana gesagt, »müssen wir sie eben zur Hölle befördern. 
Egal wie, wir bringen sie um. Und danach herrscht Ruhe im 
Südwesten.« 

Nepatana hatte damals wenig gesagt, nur zugegeben, daß die 

jungen Krieger wild und verrückt nach Kämpfen waren. Er 
wußte, daß Victorio die Weißen haßte wie eine tödliche 
Krankheit, daß auch Geronimo die Meinung vertrat, die 
Hellhäutigen müßten erbarmungslos getötet und vertrieben 
werden. 

Und auf solche Männer hörten die Krieger. Denn sie waren 

Männer des Kampfes, dazu erzogen, zu rauben, Beute zu 

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machen und zu töten. Das friedliche, ja, unwürdige Leben im 
San Carlos Reservat ließ die Sehnsucht nach dem freien 
Umherschweifen in der Halbwüste immer stärker werden. Nur 
zu gern hörten die Krieger auf Victorio, der immer wieder den 
Kampf gegen die weißen Eindringlinge schürte. 

Joshua Hagman zügelte den Apfelschimmel eine Länge vor 

der Veranda. Der Sergeant hatte wohl schon vorher seine 
Befehle bekommen. Er ließ die Reiter einen Kreis bilden, der 
das Farmhaus einschloß. 

Für Sekunden verspürte Nepatana Furcht. Wollten sie seinen 

Besitz überrennen, ihn in Brand setzen? 

»Willkommen, Captain Hagman«, sagte der Träumer. 
Der Offizier grinste, saß ab und sprang mit einem Satz auf 

die Veranda. 

Er schaute sich um, blickte durch die geöffnete Tür in den 

Wohnraum und sagte beiläufig: »Schön hast du's hier, Mann. 
Wäre doch schade, wenn das alles zum Teufel ginge.« 

Hagmans Grinsen gefror, als er in die schwarzen Augen des 

Pinaleno-Apachen blickte. Der Captain wußte, daß dieser 
Stamm verdammt kriegerisch war und sich einen Dreck um die 
Gesetze der Weißen scherte. 

Für eine Sekunde empfand Hagman, eine Spur zu weit 

gegangen zu sein. Aber er mußte den eingeschlagenen Weg 
weitergehen. 

»Du hast keine Wahl, Apache«, fuhr der Offizier fort. 

»Entweder nimmst du meinen Vorschlag an, oder wir machen 
hier alles dem Erdboden gleich. Die Soldaten sind hier alles 
Sträflinge. Ich führe eine Strafschwadron. Jeder einzelne dieser 
Kerle hat gegen das Gesetz verstoßen. Sie führen jeden Befehl 
von mir aus, denn ich bin ihre einzige Chance, sich zu 
bewähren. Verstehst du das Jack?« 

Nepatana wußte genug von den Weißen, um begreifen zu 

können. In den hellen Augen des Offiziers entdeckte er das 
Versprechen, die Drohung wahrzumachen. 

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»Was willst du, weißer Mann?« fragte der Träumer kehlig. 

»Dies ist mein Land. Es gehört mir. Und alles was hier steht, 
habe ich mit meinen Händen aufgebaut. Ich befolgte die 
Befehle des einarmigen Generals. Ich bin ein friedlicher 
Ackerbauer.« 

»Jack, du bist ein Narr«, erwiderte Hagman. »Du weißt 

genau, daß kein Apache auch nur einen Fußbreit Boden 
besitzen darf. Wenn es mir paßt, jage ich dich davon und setze 
mich in dein Haus.« 

»Mein Name ist Nepatana, nicht Jack«, antwortete der 

Träumer. »Und wenn du mein Haus stiehlst, mein Land, dann 
nehme ich dir deinen Skalp.« 

Der Captain lachte halblaut und sagte: »Du bist also gar nicht 

so friedlich, wie du dich gibst. Genau das habe ich mir gedacht. 
Und Nepa-was-weiß-ich ist mir zu lang. Du heißt Jack. Und ich 
will dich auch nicht von hier vertreiben oder dir Schaden 
zufügen. Ich habe einiges über dich gehört, Jack, und mir so 
meine Gedanken gemacht.« 

Nepatana schwieg. Mit ausdruckslosem Gesicht starrte er den 

Weißen an, wartete auf dessen Vorschlag. 

»Du wirst Träumer genannt«, fuhr Hagman fort. »Du träumst 

von Frieden zwischen den verdammten Apachen und uns 
Weißen. Das ist genau das, was wir alle wollen. Aber ich 
denke, wir haben den falschen Weg eingeschlagen. Wir müssen 
dort anfangen, wo alles wirklich beginnt: in den Jacales. Wenn 
wir die Krieger, die nicht im Reservat bleiben, erwischen, ist 
das Problem bald gelöst.« 

Nepatana hielt den Atem an. Seine schwarzen Augen 

funkelten erregt. Dieser weiße Offizier, er war die Chance des 
Träumers, seine große Vision zu verwirklichen. Denn er dachte 
genau das, was auch Nepatana sich überlegt hatte, nachdem er 
zum erstenmal seinen gewaltigen Traum vom friedlichen 
Miteinander der roten und weißen Menschen geträumt hatte. 

»Und was willst du von mir?« fragte der Träumer. 

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»Du sollst mein Scout sein«, antwortete Hagman sofort. »Du 

mußt uns führen, uns zeigen, wo die Ausbrecher aus der 
Reservation zu finden sind. Ich werbe dich ganz normal als 
Scout an. In Wahrheit jedoch arbeitest du mit mir an dem Plan, 
den Kampf zu beenden.« 

Nepatana schaute zum Horizont. Sein Blick wirkte verloren, 

in endlose Weiten gerichtet, die der Captain nicht wahrnehmen 
konnte. 

Er versuchte, seinen Traum mit dem Tod vieler Krieger in 

Einklang zu bringen. Denn er wußte, daß die unruhigen, 
abenteuerlustigen Kämpfer sterben würden. Sie gaben sich 
niemals geschlagen, kämpften bis zum Tod. 

»Ich habe mich entschieden, Captain«, sagte Nepatana nach 

einiger Zeit. »Ich werde dein Scout sein. Deine und meine 
Gedanken haben sich irgendwo getroffen. Unsere Gründe sind 
verschieden, aber wir wollen beide den Frieden. Erzähle mir, 
was du vorhast.« 

Hagman zügelte seinen Triumph. Er sah alles vor sich, 

wußte, daß er Erfolg haben würde, denn mit einem 
zuverlässigen Apachenscout war einer Schwadron fast nichts 
unmöglich. 

Der Captain entwickelte Nepatana seinen Plan. Der Späher 

sollte frei im Land umherstreifen, Kontakt zu den Horden 
aufnehmen und anschließend Hagman berichten. Weiterhin 
mußte Jack, wie ihn der Offizier einfach nannte, die Soldaten 
in Hinterhalte führen. 

»Wir müssen nach Apachenart kämpfen, Jack«, sagte 

Hagman. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« 

Nepatana sah zu den Soldaten hinüber und grinste flüchtig. 

Er deutete mit der Rechten auf die blinkenden Metallteile an 
den Sätteln und Geschirren und sagte: »Wie sollen diese 
Soldaten nach unserer Art kämpfen? Sie verratet sich schon 
durch den Geruch ihrer Pferde, des Leders, ja, durch ihren 
eigenen Geruch.« Der Captain winkte ab und erwiderte: »Es ist 

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deine Aufgabe, unsere Stellungen so auszuwählen, daß wir im 
Vorteil sind. Eine Rotte Krieger, die auf Raubzug reitet oder 
zurückkehrt, wendet doch nicht alle Listen an, benimmt sich 
nicht so, als ob sie auf Beute lauert.« 

»Gut, gib mir eine Medaille«, sagte Nepatana. »Wenn ich auf 

Pferdesoldaten stoße, muß ich ohne Gefahr weiterreiten 
können.« 

Hagman fingerte aus der Tasche des Uniformrockes eine 

Medaille heraus, wie sie die Apachenscouts trugen. Auf der 
einen Seite war das Bildnis des Präsidenten zu sehen, und auf 
der anderen standen die Worte »Indian Scout of Southwest 
Territory«. Diese Medaille diente den Apachenspähern als 
Ausweis gegenüber Soldaten und Zivilisten. 

»Was wird aus deiner Ernte? Was machst du mit deinem 

Vieh?« fragte Hagman scheinbar besorgt. 

»Laß die Ernte vertrocknen«, erwiderte der Träumer. »Das 

Vieh können deine Männer zum Fort treiben. Der Zahlmeister 
soll mir mein Geld aufbewahren. Ich brauche es jetzt nicht. Wo 
treffen wir uns, Captain?« 

Hagman wollte einen ständigen Posten auf Nepatanas Farm 

einrichten. Die Soldaten sollten sich selbst verpflegen und 
waren nur dazu da, um Meldungen an den Captain 
weiterzuleiten. 

Joshua Hagman war mit sich zufrieden. Er sah sich im Geiste 

bereits als strahlender Sieger, als den Mann, der den Südwesten 
befriedet hatte. Das mußte doch Orden und eine Beförderung 
einbringen. Immerhin war er keiner jener 
Bürgerkriegsoffiziere, 

die durch Tapferkeit und 

Draufgängertum ihre Sterne erhalten hatten. 

Nein, Joshua Hagman war Absolvent der Kriegsakademie, 

war Berufssoldat. Und er fand es an der Zeit, etwas für seinen 
Ruf zu tun. 

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Rabenführer ritt vor dem kleinen Trupp her. Er drehte sich 
nicht um. Hoch aufgerichtet saß er auf der bunten 
Schweißdecke seines Mustangs, war sich der großen Ehre 
bewußt, die ihm Ulzana erwiesen hatte. Denn der 
Unterhäuptling hatte ihn als Anführer des Spähtrupps 
eingeteilt. Und das bedeutete, daß weitere große Dinge auf ihn 
warteten. 

Neun der tapfersten Krieger folgten dem Rabenführer. Sie 

alle hatten sich in zahllosen Kämpfen und Überfällen bewährt, 
kannten alle Tricks und Listen der Apachen und waren auf der 
Hut. 

Rabenführer verhielt sein Pferd auf einer Hügelkuppe, 

blickte hinab auf das Gelände, das mit Speerdornbüschen und 
kleinen Kakteen übersät war. Ein mächtiger, uralter 
Joshuabaum streckte seine stachelbewehrten Zweige in alle 
Richtungen aus. 

Und plötzlich ritt hinter dieser Deckung ein Indianer hervor. 
Im leichten Trab kam sein Pony auf die Rotte Chiricahuas 

zu. 

Rabenführer zügelte seinen Mustang und spähte argwöhnisch 

zu dem fremden Apachen hinüber. 

»Es ist der Träumer«, sagte der Chiricahua nach einigen 

Sekunden. »Warum reitet er durch diese Gegend?« 

Die neun Krieger rissen an den Graszügeln. In weitem 

Halbkreis umgaben die Kämpfer ihren Anführer, schützten ihn. 

Nepatana lächelte, als er sein Tier zwei Längen vor dem 

Rabenführer zügelte. 

»Was suchen die Krieger der Chiricahuas so weit im 

Norden?« fragte der Scout des Captains. »Wollen Cochises 
Männer freiwillig in die Verbannung der Reservation gehen?« 

Rabenführer lag eine scharfe Antwort auf der Zunge. Er 

beherrschte sich mühsam und dachte daran, daß Nepatana viel 
mit den Bleichgesichtern zu tun hatte. Vielleicht konnte er 
ihnen einen Hinweis über Victorios Einfälle geben. Denn 

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genauso, wie der Träumer das Vertrauen der Bleichgesichter 
besaß, vertrauten ihm auch die Menschen der eigenen, der 
roten Rasse. 

»Träumer«, erwiderte Rabenführer, »wir streifen durch das 

Land. Wir suchen Männer, die Krieg führen wollen.« 

»Und wenn ihr sie findet?« fragte Nepatana. 
»Dann berichten wir Ulzana, und er berichtet Cochise«, 

erwiderte Rabenführer. »Der große Jefe will keinen Krieg mit 
den Bleichgesichtern. Er sagt, daß wir mit den Weißen leben 
sollen.« 

Der Träumer grinste listig und fragte: »Und was wollen 

Ulzanas Männer? Seid ihr Weiber oder seid ihr Krieger?« 

Die neun Begleiter des Anführers murmelten aufgeregt ihre 

Zustimmung. Denn keiner von ihnen wollte sich ein Weib 
schimpfen lassen. Sie alle gehörten dem Bund der fünfzig 
Tapfersten an. Und das bedeutete, daß sie selbst in 
aussichtslosen Situationen bis zum Tode kämpften. 

»Ich sehe, daß ihr Krieger seid«, sagte Nepatana 

salbungsvoll. »Nun, ich verrate euch ein Geheimnis.« 

Erwartungsvoll zerrten die Chiricahuas an den Zügeln, ließen 

ihre Ponys näher herangehen und blickten den Träumer der 
Pinaleno-Apachen auffordernd an. Er schien sich verwandelt 
zu haben, war nicht mehr der friedfertige Farmer, der den 
Boden bearbeitete, schien zum Kämpferischen zurückgekehrt 
zu sein. 

»Ein weißer Offizier kam zu mir«, begann Nepatana. »Er 

nannte mich Mörder, Tier und hinterlistiger Halunke.« 

Zorn, Vorwurf und gerechte Empörung schwang in der 

Stimme des Träumers mit. Er schien sich im Recht zu fühlen 
mit seiner Empörung. 

»Und dann«, fuhr er fort, »gab er seinen weißen Halunken 

den Befehl, mein festes Jacale niederzubrennen. Alle Pferde 
trieben die Diebe ab, metzelten meine Rinder und Schafe 
nieder, verbrannten den Mais auf den Feldern und leiteten den 

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Fluß um.« 

Der Träumer atmete schwer, starrte blicklos in die 

Halbwüste, als sehe er dort seine Farm, die Pflanzen, die kurz 
vor der Ernte standen. 

»Bei meinem Volk gelte ich als der Träumer«, sagte 

Nepatana. »Ich weiß, daß mir niemand helfen wird. Ich folgte 
allein der Spur der Bleichgesichter, und ich weiß, wo sie 
lagern. Wir alle sind Apachen, gehören zusammen, und wenn 
ein Krieger Ruhm und Ehre sucht, so kann er mir folgen. Ich 
erlaube ihm, an meiner Rache teilzunehmen. Ihr seid 
Chiricahuas, die besten und tapfersten Krieger unserer 
Stämme. Folgt ihr mir? Helft ihr mir, meine Rache zu 
vollenden?« 

Zwei Sekunden war es still, totenstill, und dann brüllten die 

zehn Krieger ihre Begeisterung heraus. 

Rabenführer gewann als erster die Beherrschung zurück. Er 

fragte halblaut: »Wo lagern die Blaubäuche, Nepatana? 
Können wir sie überraschen? Wieviel Männer sind es, die wir 
töten werden? Erhält jeder von uns Ruhm, Ehre und Skalps?« 

»Ihr werdet kämpfen wie Apachen«, erwiderte Nepatana 

würdevoll. »Mehr als hundert Blauhosen lagern am Wasser, 
das den Namen Blaues Gras hat. Wenn ihr mir folgt, führe ich 
euch. Einer mag mit mir reiten, um den weißen Pferdesoldaten 
den Rückweg abzuschneiden. Sie sitzen in einer Falle, in einem 
kleinen Tal, das nur zwei Ausgänge hat. Der Angriff von vorne 
wird ihre Aufmerksamkeit erregen. Ich und einer der Krieger 
greifen von hinten an, bringen Tod und Verwirrung in die 
Reihen der Bleichgesichter und zerstören sie. Wer reitet mit 
Nepatana, den seine Freunde den Träumer nennen, der aber 
nun ein erbarmungsloser Kämpfer sein wird, denn sein Traum 
wurde ihm von den Bleichhäutigen genommen und zerstört.« 

Rabenführers Augen glommen in unheilvollem Feuer. Er sah 

im Geiste die verkrümmten Körper der Soldaten vor sich, 
zählte bereits die Skalps und die Beute. Denn hundert 

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Pferdesoldaten waren keine Gegner für elf Apachen. 

Rabenführer selbst ritt mit Nepatana. Der Träumer leitete 

sein Pony durch zerklüftetes, unwegsames Gelände. Endlich 
verhielt er sein Tier auf einer Felsenklippe, wandte sich um 
und lächelte den Chiricahua an. 

»Dies ist das Ende deines Weges als Krieger«, sagte 

Nepatana ruhig. 

Ehe Ulzanas Kämpfer auch nur eine Bewegung der Abwehr 

machen konnte, grub sich die Klinge zwischen seine Rippen. 
Rabenführer verspürte einen grellen Schmerz, der alle anderen 
Empfindungen auslöschte. Und plötzlich wurde es dunkel vor 
seinen Augen. Er kippte vom Rücken des Mustangs. Als der 
Kämpfer auf dem Boden aufschlug, war er schon tot. 

Nepatana saß ab, holte seinen Dolch zurück und stand reglos 

wie eine Bildsäule am Abgrund. 

Unten galoppierten die übrigen neun Chiricahuas in die 

Falle, die der Träumer ihnen gestellt hatte. 

Die Karabiner der Soldaten peitschten scharf. Keiner der 

Apachen gab auch nur einen Schuß ab. Ein Hagel aus Blei 
löschte sie einfach aus. 

Nepatanas Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt, als er die 

tapferen Krieger sterben sah. Sie alle hatten den Kampf 
gesucht, die Beute, die Skalps. Und die Aufgabe des Träumers 
war, die wilden Kämpfer in den Tod zu führen. 

John Haggerty blickte zum Lager zurück. Tla-ina stand neben 
dem Jacale des großen Häuptlings. Sie sah dem Mann nach, 
den sie liebte. 

Cochise selbst saß am Feuer. Er schaute dem Falken nicht 

nach. John spürte, daß er reiten mußte. Er witterte, daß im 
Norden etwas vorging, das den schwankenden Frieden 
zwischen den Apachen und den Weißen gefährdete. Darum 

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verließ er die Apacheria. Cochise ließ ihn ziehen. Nichts im 
Verhalten des Häuptlings wies darauf hin, daß er Haggertys 
Befürchtungen teilte. 

Aber als der Falke, wie er von dem Jefe genannt wurde, 

zwischen den von Wind und Wetter zerfressenen Felsen 
verschwand, lief ein Krieger zu den Mustangs. Kurze Zeit 
später tackten die Hufe des Ponys über das Gestein. Doch 
davon wußte Haggerty nichts. 

Er ritt auf einsamen Wegen nach Norden, vermied sorgfältig 

jeden Kontakt zu anderen Weißen oder zu Soldaten und 
gelangte nach langer Zeit in das Gebiet zwischen den Pinaleno 
Mountains und den Galiuro-Bergen. 

Eureka Springs hieß die kleine Stadt, in der er Station 

machte. 

Die Ansiedlung lag am Aravaipa Creek. Von dort aus mußte 

Haggerty noch etwa dreißig Meilen reiten, ehe er die San 
Carlos Reservation erreichte. 

Als John in der Mitte des staubigen Fahrweges ritt, überkam 

ihn die Sehnsucht nach einem Bett. Er überlegte sich, daß er 
ruhig übernachten konnte. Es kam nicht auf einen Tag mehr 
oder weniger an. 

Die ersten Häuser wirkten wenig vertrauenerweckend. Sie 

standen windschief, aus Brettern erbaut, zu beiden Seiten der 
Straße. Ein Stück weiter entdeckte Haggerty das Hotel. Dieses 
Gebäude sah etwas besser aus. Direkt daneben stand der 
einzige Saloon, der nicht mal einen Namen trug. 

Zwei Dutzend Pferde waren am Hitchrack angebunden. Die 

schweren McClellan-Sättel verrieten dem ehemaligen Scout, 
daß es Tiere der Soldaten waren. 

Eine merkwürdige Warnung schwang in John auf. Seine 

Sinne signalisierten Gefahr, eine Drohung, die von diesen 
Pferden ausging. 

John leitete seinen Rappen an den Haltebalken und saß ab. 

Steifbeinig stapfte er auf den Sidewalk, erreichte die geteilte 

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Pendeltür und stieß die Hälften zurück. 

Niemand achtete auf den Fremden, der den Saloon betrat und 

langsam zum Tresen ging. 

Eine Menge Gäste stand an der Theke. Das Blau der 

Kavallerie überwog, aber dazwischen mischte sich die 
Kleidung der Zivilisten. 

Haggerty sah eine Lücke und drängte sich hinein. Der dürre 

Barkeeper, der einem halbverhungerten Geier glich, sah den 
neuen Gast fragend an. 

»Ein Bier«, bestellte John. 
Es dauerte nur Sekunden, bis das Glas vor ihm stand. 

Haggerty trank einen großen Schluck, wischte sich den 
Schaum von den Lippen und wollte das Glas auf den Tresen 
setzen, als der Soldat neben ihm plötzlich mit beiden Händen 
in der Luft herumfuchtelte. 

»Es war ganz einfach«, lallte der Uniformierte. »Der Kerl 

lockte sie in die Falle und brachte selbst einen um. Wir hatten 
prächtiges Büchsenlicht, und die roten Stinker fielen wie 
Hasen.« 

Die rechte Hand des Soldaten wischte Haggertys Glas zu 

Boden. Es zersplitterte, und das Bier sickerte in die Ritzen 
zwischen den Bodenbrettern. 

Der Kavallerist stieß hörbar auf, wandte den Kopf und starrte 

John unsicher an. 

»Mister, ich schulde Ihnen ein Bier«, murmelte der Mann, 

der sichtlich Mühe hatte, den Kopf über dem Whisky zu 
behalten. 

»Macht nichts, Soldat«, erwiderte Haggerty sanft. »Erzählen 

Sie nur weiter. Es interessiert mich, wie Sie die roten Kerle zur 
Hölle geschickt haben.« 

Der Soldat grinste erfreut. Er war bereit, den Kampf noch 

mal zu schildern. 

»Es war 'ne Rotte Chiricahuas, wie uns der rote Scout später 

sagte«, erklärte der Uniformierte. »Warum sie ausgerechnet 

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nach Norden ritten, werden wir wohl niemals herausfinden. Sie 
liefen uns ins offene Messer, Mann. Und wir werden noch 
mehr von diesen Kerlen zur Hölle schicken. Denn unser Scout 
ist wirklich ein As.« 

Haggerty verspürte die Gewißheit, daß er am Ziel war. Das 

Gefühl, das ihn nach Norden getrieben hatte, die schwache 
Ahnung, erhielt durch die Worte des Soldaten Bedeutung. Die 
Krieger des Weißenhassers Ulzana waren tot, niedergekämpft 
von einer Patrouille. Aber warum? 

Die Apachen hatten nur den Auftrag, die Mimbrenjo zu 

beobachten. Aus welchem Grund gerieten sie in einen Kampf 
mit den Unionssoldaten? 

Ehe der Uniformierte fortfahren konnte und Haggerty fragen 

konnte, drängten sich zwei andere Soldaten zwischen den 
Gästen am Tresen durch. Sie legten dem Betrunkenen die 
Hände auf die Schultern, zogen ihn langsam, aber beharrlich 
weg und führten ihn zur Tür. 

Haggerty verlangte ein neues Bier und bekam es. Scheinbar 

kümmerte er sich überhaupt nicht um die Uniformierten. Er 
bemerkte jedoch, daß sie alle den Saloon verließen. 

Die Soldaten wirkten auf John nicht wie einfache Reiter, 

sondern eher wie Verschwörer, die etwas zu verbergen hatten. 

Mit diesen Männern stimmte irgendwas nicht. Haggerty 

spürte das deutlich. Noch wußte er nicht genug, um nach Fort 
Grant reiten zu können. Sicherlich waren die Soldaten dort 
stationiert. Was hatten sie vor? Welcher indianische Scout 
hatte sie so geführt, daß sie die Chiricahuas in eine Falle locken 
konnten? 

Oder war es so, daß Ulzanas Männer einen Überfall 

begangen hatten, daß sie ihre Freiheit für einen Raubzug 
benutzten? 

Haggerty trank sein Bier, zahlte und wollte zur Tür gehen, 

als eine Frau aufschrie. 

John wandte den Kopf. An einem Tisch neben der Treppe 

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hielt sich eine Flitterlady beide Arme vor das Gesicht. Ein Kerl 
stand auf der anderen Seite des Tisches, halb darübergebeugt, 
und holte erneut aus. 

Blitzschnell sah sich Haggerty um. Die Gesichter der Gäste 

wirkten merkwürdig verlegen. Sie bemühten sich alle, nicht in 
die Ecke an der Treppe zu starren. 

John schüttelte den Kopf und marschierte hinüber. Es 

klatschte laut, als der Kerl dem Mädchen die flache Hand an 
den Kopf hieb. 

Sie wimmerte halblaut, versuchte, unter den Tisch zu 

kriechen, aber der angetrunkene Bursche riß an der Platte und 
warf das Möbel einfach zur Seite. 

»Du verfluchtes Miststück!« brüllte er. »Dich mache ich 

fertig. Ich werde dir helfen, mir die Dollars aus der Tasche zu 
angeln.« 

»Ich denke, es reicht jetzt«, sagte Haggerty scharf. 
Der Kerl fuhr hoch, stierte den Fremden wild an und sagte 

drohend: »Was willst du, Hombre? Warum mischst du dich 
ein? Oder bist du der Beschützer dieser Saloonschwalbe? Dann 
kommst du mir gerade recht.« 

»Mister, wenn Sie Ihre Dollars zurückhaben, sollten Sie die 

Lady in Ruhe lassen«, sagte John. »Es ist doch 'ne verdammte 
Schande, sich an einer Frau zu vergreifen.« 

Der Angetrunkene lachte höhnisch, trat einen Schritt zurück 

und brüllte: »Das ist keine Frau, Mann, das ist eine Drei-
Dollar-Hure, klar? Und sie wollte mich bestehlen. Nun 
bekommt sie die Quittung dafür. Und wenn du jetzt nicht 
verschwindest, mußt du deinen Colt ziehen, verstanden?« 

Haggerty grinste bitter und erwiderte: »Nur zu, Mann, 

versuch's doch.« 

Der andere krümmte sich nach Art der zweitklassigen 

Coltschwinger zusammen. Seine Rechte war nur einen halben 
Inch vom Griff des Revolvers entfernt. 

»Jetzt!« sagte der Kerl scharf und packte zu. 

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Als er die Waffe hochschwang, starrte er bereits in die 

Mündung von Haggertys Revolver. 

»Weiter, los, schieß doch«, peitschte Johns Stimme. 
Aber er hatte dem anderen den Mut abgekauft. Er sackte in 

sich zusammen, bewegte sich ganz langsam und vorsichtig, als 
er die Waffe wieder zurücksteckte. 

Unsicher ging er an Haggerty vorbei, warf der Frau noch 

einen haßvollen Blick zu und stürmte auf einmal zur Pendeltür. 
Wie ein Geschoß sauste er ins Freie. Die Türhälften klappten 
knarrend wieder zu. 

John steckte den Revolver weg und beugte sich zu der Frau 

hinab. Sie starrte ihn mit einer Mischung aus Verwunderung 
und Angst an, schien unsicher, konnte es nicht fassen, daß ein 
anständiger Mann ihr geholfen hatte. 

»Kommen Sie, Lady«, sagte Haggerty und half ihr auf. 

»Wohin kann ich Sie bringen? Sie wollen doch sicher nicht 
länger hierbleiben, oder?« 

Das Mädchen schüttelte den Kopf. John glaubte Angst in 

ihren Augen zu erkennen. 

»Ich heiße Lily«, murmelte sie und stützte sich schwer auf 

seinen Arm. »Ja, bring mich nach Hause, Mister. Ich wohne am 
Stadtrand, im Osten. Für heute reicht's mir wahrhaftig.« 

Niemand sprach ein Wort. Haggerty kam die Stille 

merkwürdig, fast feindselig vor. Er schaute sich nicht um, als 
er mit der Frau zur Tür ging. 

Die Saloonschwalbe wirkte angespannt, verkrampft. Und sie 

lockerte sich erst, als sie mehr als hundert Yards entfernt 
waren. John spürte, wie sie aufatmete. 

Und dann drängte sie sich eng an ihn, ließ Haggerty die 

Wärme ihres Körpers fühlen. 

»Ich möchte dir richtig danken«, murmelte Lily. »Du gehst 

mit rein, wenn ich zu Hause bin, ja? Ich habe einen guten 
Whisky. Den bekommen nur Freunde von mir, Mister. Und 
danach zeige ich dir, wie dankbar ein Mädchen sein kann.« 

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John schwieg. Irgend etwas störte ihn, aber er wußte nicht, 

was es war. 

»Hast du etwas gegen Girls mit meinem Beruf?« fragte Lily 

unsicher. 

»Absolut nicht«, erwiderte Haggerty freundlich. »Also gut, 

ich bringe dich nach Hause und du gibst mir einen Whisky, 
Lily.« 

Es dauerte nicht lange, bis sie ein flaches Holzhaus 

erreichten, das unmittelbar am Stadtrand stand. Lily sperrte 
auf, entzündete eine Kerosinlaterne und ließ Haggerty 
eintreten. 

Er sah sich um. Die Haustür führte direkt in die Küche. 

Gegenüber war eine Tür zu einem weiteren Zimmer. 

John setzte sich auf einen der Holzstühle am Küchentisch 

und schaute Lily zu, die eine Flasche und zwei Gläser aus 
einem Schrank holte. Sie schenkte ein, sie tranken, und danach 
verschwand das Girl durch die andere Tür. 

Haggerty konnte sich vorstellen, auf welche Weise Lily ihren 

Dank abstatten wollte. Er suchte verzweifelt nach einer 
Möglichkeit, dem zu entgehen. Denn er hatte keine Lust, mit 
dieser Schwalbe ins Bett zu hüpfen. 

Captain Hagman fluchte halblaut. Das Lagerfeuer warf 
seltsame Schatten und Lichtzungen auf das Gesicht des 
Offiziers. 

»Männer, so was darf einfach nicht geschehen«, sagte 

Hagman laut. »Gut, ihr sollt euren Whisky haben. Die 
Menschen hier in der Gegend können auch wissen, daß wir was 
gegen die verfluchten Apachen unternehmen. Aber ihr dürft 
euch nicht so besaufen, daß ihr völlig Fremden etwas erzählt.« 

Irgendwas an der Beschreibung des hochgewachsenen 

Mannes im Saloon kam dem Captain bekannt vor. Er konnte 

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sich nur nicht erinnern, wer dieser Kerl war. 

Nur gut, dachte Hagman, daß ich Sanders losgeschickt habe. 

Vielleicht bringt der Bursche was heraus. Er ist ein geschickter 
Mann, sobald er Zivil trägt. Als Soldat taugt er nicht viel. 

Einige Zeit verging. Der Captain saß am Feuer und starrte in 

die lodernden Flammen. Er hoffte, daß Jack ihm bald die 
Nachricht gab. Denn die Aktionen mußten Schlag auf Schlag 
erfolgen. Die roten Hunde sollten spüren, daß es für sie keine 
Gnade gab. 

Hagman hob den Kopf und lauschte in die Dunkelheit. Trotz 

des Feuers, der knackenden Äste in der Glut, hörte er 
Hufschlag. 

»Halt, Parole!« rief einer der Posten. 
»Mach dir nicht die Hose naß«, erwiderte ein Mann. »Ich 

bin's, Sanders.« 

Hagman preßte die Lippen zusammen und hätte am liebsten 

geflucht. Der Kerl lernte es nie. Er war furchtbar 
undiszipliniert, eine Schande für die ganze Kavallerie. 
Wahrscheinlich würde er seine gesamte Dienstzeit in einer 
Strafschwadron verbringen, wenn er sich nicht änderte. 

Ein paar Sekunden danach schwang Sanders ein Bein übers 

Sattelhorn und glitt zu Boden. Steifbeinig stiefelte er auf das 
Feuer zu und legte nachlässig die Rechte an den Stetsonrand. 

»Da bin ich wieder, Captain«, sagte Hugh Sanders. 
»Raus mit der Sprache, was ist das für ein Kerl, der sich für 

den Kampf mit den Chiricahuas interessierte?« fragte Hagman 
scharf. »Ich habe Sie in Zivil mitgeschickt, damit Sie 
beobachten. Berichten Sie, Sanders.« 

»Sieht nicht gut aus«, antwortete der Mann. 
Hagman holte tief Luft und hielt den Atem an. 
»Der Kerl ist jetzt bei Lily«, fuhr Hugh fort. »Ich habe mit 

ihr 'ne Show abgezogen, sie geschlagen, und prompt griff der 
Fremde ein. Ich ließ mich beim Ziehen schlagen, und er 
marschierte mit Lily davon. Sie weiß, was sie zu tun hat. In 

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einer Stunde oder so können wir den Burschen bei ihr 
abholen.« 

Pfeifend atmete Hagman aus und fragte gepreßt: »Warum 

direkt mit harten Mitteln, Sanders? Sie vergessen wohl, daß wir 
uns auf mächtig unsicherem Boden bewegen. Ein Fehler, und 
wir alle sind erledigt.« 

Hugh lachte hart und erwiderte: »Und wenn's gutgeht, wird 

uns allen die Strafe erlassen, und Sie bekommen die Streifen 
eines Majors, Cap. Nun, ich will Ihnen sagen, warum wir 
diesen Burschen aus dem Verkehr ziehen müssen. Ich habe ihn 
schon mal gesehen. Früher war ich in Fort Buchanan. Er kennt 
mich nicht, aber ich weiß, wer er ist.« 

Sanders schwieg, und Hagman hätte dem Kerl am liebsten 

ein brennendes Holzscheit über den Kopf gezogen. 

»Das ist der ehemalige Chiefscout John Haggerty«, sagte 

Hugh gelassen. Es dauerte eine Weile, ehe Captain Joshua 
Hagman wie ein Maultiertreiber fluchte. 

»Ausgerechnet Haggerty«, stieß er hervor, »dieser verfluchte 

Apachenfreund. Was hat er hier zu suchen? Soll er doch mit 
seinem Cochise in eine Hütte kriechen. Sollen sie sich 
gegenseitig versichern, daß sie alle nette und friedliche 
Menschen sind und nicht an Krieg denken. Dieser verdammte 
Hurensohn!« 

Hugh hatte den Flüchen interessiert gelauscht. Der Captain 

schien ein Experte auf diesem Gebiet zu sein, denn ungefähr 
ein halbes Dutzend Ausdrücke waren Sanders neu. 

»Was fangen wir mit Haggerty an, Sir?« wollte er wissen. 

»Lily wird ihn nicht die ganze Nacht bei sich haben wollen. Sie 
muß Geld verdienen.« 

»Bringt ihn her!« befahl Hagman langsam. »Er darf nicht 

merken, wo er ist. Ich denke mir was aus, wo wir ihn sicher 
unterbringen können.« 

Sanders nickte, drehte sich um und hatte eine Idee. 
»Captain«, sagte er gedehnt, »was ist mit unserem Scout? 

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Der kennt die Gegend doch wie seine Westentasche. Soll er 
doch diesen Apachenfreund umlegen oder verstecken.« 

Joshua Hagman starrte den Soldaten in Zivil an und rief: 

»Bei Gott, Mann, das ist die richtige Idee. Ja, Jack soll ihn 
wegschaffen. Wir wissen von nichts, kennen das Versteck 
nicht, in dem er liegt. Aber töten soll er ihn nicht. Das bringt 
uns General Howard in den Nacken. Ich habe den Eindruck, 
daß Haggerty noch immer mit Einarm in Verbindung steht, 
obwohl er seinen Abschied als Chiefscout nahm. Los, holt ihn 
her, sorgt dafür, daß er bewußtlos ist. Ich muß versuchen, mit 
Jack Verbindung aufzunehmen.« 

Sanders marschierte davon, suchte sich zwei Soldaten aus, 

die murrend ihre Pferde sattelten und Hugh folgten. 

Die Strecke nach Eureka Springs konnten sie in einer halben 

Stunde zurücklegen. 

John verspürte einen seltsamen Geschmack im Mund. 
Mißtrauisch starrte er die Whiskyflasche an. Nein, dachte er, 
das ist nicht möglich. Lily hat ebenfalls getrunken. 

Die Tür des anderen Zimmers öffnete sich. Das Mädchen trat 

einen Schritt vor. Es war nackt. Die weiße Haut glänzte im 
Schein der Kerosinlampe verlockend. 

»Komm, mein Freund«, sagte Lily lockend. »Ich zeige dir, 

wie dankbar ich bin.« 

Sie streckte beide Arme aus, stand kerzengerade vor 

Haggerty und ließ ihn alles sehen, was er nur sehen wollte. 

Zögernd stand er auf. Er schien Lily nicht entkommen zu 

können. Verdammt, warum war er nach dem Whisky nicht 
einfach verschwunden? 

»Bring die Flasche mit«, sagte das Girl. 
John tastete nach dem Whisky, den Gläsern, und für einen 

Moment verschwamm der Tisch vor seinen Augen. Die 

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Kerosinlaterne schien zwei Flammen zu haben. 

Was ist mit mir? dachte John überrascht. Irgendwas stimmt 

nicht, paßt nicht zusammen. Ist der Schnaps doch vergiftet? 

Lily schritt mit wiegenden Hüften auf den Tisch zu, lachte 

auffordernd und sagte: »Bist du überrascht, Mister? Wann hast 
du zum letztenmal eine Frau gehabt? Es gibt nur wenige in 
diesem Land, nicht wahr?« 

Sie nahm die beiden Gläser, als Haggerty endlich den 

Flaschenhals erwischt hatte. Lily ging in das dunkle Zimmer 
zurück. John starrte ihr nach. Das Weiß der Haut schimmerte 
schwach, beleuchtet durch die Lichtfinger der Kerosinlampe. 

Zwei Gläser klirrten leise, und eine Sekunde darauf 

raschelten Decken. 

»Komm, ich warte auf dich«, sagte Lily halblaut. »Bring den 

Whisky mit.« 

Abermals verschwamm die Einrichtung der Küche vor Johns 

Augen. Die Tür ins Schlafzimmer verschob sich, glitt 
auseinander und wirkte gewölbt wie ein riesiger Schild. 

Unsicher tappte Haggerty in den Nebenraum, stieß mit den 

Knien gegen das Bett und verlor das Gleichgewicht. Er landete 
auf Lilys festem, geschmeidigem Leib. 

»Langsam, mein Freund«, sagte das Girl lachend. »Zuerst 

will ich noch einen Schluck trinken. Gib mir die Flasche.« 

Sie tastete nach dem Whisky, drehte sich unter John weg und 

hob die beiden Gläser vom Boden auf. 

Haggerty hatte das Gefühl, das Bett wollte ihn umklammern. 

Plötzlich rutschte es zur Seite, schien den Mann abzuschütteln, 
und John krallte sich in den Decken fest. Endlich wurde die 
Welt wieder normal. Er richtete sich auf, setzte sich und nahm 
das Glas, das Lily ihm reichte. 

»Trink, es tut dir gut«, murmelte das Mädchen. »Du hättest 

vorhin beinahe einen Mann erschossen. Ich weiß, daß dir deine 
Nerven nun einen Streich spielen. Das geht jedem so, wenn er 
nicht gerade ein abgebrühter Killer ist. Trink das, Mann, und 

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gleich geht's dir besser.« 

Unsinn, wollte John rufen, das ist Quatsch. Aber er brachte 

keinen Laut heraus. Zum Teufel, dachte er, ich trinke den 
Whisky, und danach schlafe ich ein. So komme ich wenigstens 
um dieses Abenteuer herum. 

Er leerte das Glas mit einem Schluck. Ein merkwürdiger 

Nachgeschmack blieb in seinem Mund zurück, ein Aroma, das 
er nicht kannte. 

Er spürte, daß er schwächer wurde. Alle seine Glieder 

fühlten sich schwer wie Blei an. Und in seinem Kopf tobte ein 
Wirbelsturm, der alle Gedanken durcheinanderfetzte, die 
Bruchstücke zu sinnlosen Ketten zusammenfügte. 

Er spürte Lilys Hände an seiner Kleidung. Sie durchsuchte 

ihn gründlich. 

Das also ist ihr Trick, dachte Haggerty in den letzten 

Sekunden seines klaren Bewußtseins. Sie hat die Gläser mit 
einem Mittel präpariert und raubt ihre Opfer aus. 

Und dann versank er in tiefe Bewußtlosigkeit. 
Lily zerrte Papiere hervor und ging in die Küche. Im Schein 

der Lampe las sie und holte tief Luft. 

»Hoffentlich gibt das keinen gewaltigen Ärger«, murmelte 

das Girl. »Der Bursche ist John Haggerty und reitet im Auftrag 
von General Howard durch das Land.« 

Lily überlegte sich, was Hugh wohl mit dem bewußtlosen 

Mann vorhatte. Sie wußte genug über die Schwadron des 
Captain Hagman, hatte genug erfahren, aber sie war zu klug, 
um darüber zu sprechen. Die Männer dieser Strafabteilung 
brauchten Erfolge, um wieder normale Soldaten zu werden. 
Darum gingen sie hart und grausam gegen alle Apachen vor, 
die sie erwischten. 

Wenn dieser Haggerty jedoch im Auftrag des Kommandeurs 

durch den Südwesten trailte, wirbelte sein Tod gewaltigen 
Staub auf. Und dann kam Cochise mit seinen wilden 
Chiricahuas über die Weißen. Denn Haggerty war ein guter 

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Freund des Chiefs. Und diesen Horden hatte Captain Hagman 
nichts entgegenzusetzen. 

Ein paar Minuten starrte die junge Frau die Papiere an und 

überlegte. Fand Sanders diese Unterlagen, mußte er Haggerty 
töten. Denn der Scout würde alles daransetzen, Hagmans Pläne 
zu vereiteln. 

»Ich verstecke die Sachen«, murmelte Lily. 
Sie schob John nur die Entlassungsurkunde der Kavallerie in 

die Tasche zurück und hoffte, daß die Soldaten den Mann nicht 
sofort umbrachten. Die übrigen Papiere schob sie hinter den 
einfachen Küchenschrank. 

Hufschläge klangen draußen auf. Lily lauschte und 

unterschied drei Pferde. Sekunden später klopfte es an der Tür. 

»Ich bin's, Hugh«, rief der Mann draußen. »Bist du fertig? 

Hast du Haggerty unter Laudanum gesetzt?« 

Das Girl öffnete die Tür und trat zur Seite. Sanders kam 

herein, gefolgt von zwei Soldaten, die Lily grinsend musterten. 
Sie kannte beide gut genug, um keine Scheu zu haben. Sie 
hatten schon manchen Dollar bei ihr gelassen. 

»Auf dem Bett«, sagte sie, »er ist vollkommen hinüber. Ich 

habe ihm eine Portion verabreicht, die sogar einen Bison in 
Schlaf versetzt hätte. Vor morgen nachmittag wacht er nicht 
auf.« 

»Gut gemacht«, erwiderte Sanders grinsend. »Was hat er in 

den Taschen?« 

»Nur die Entlassungsurkunde der Army«, antwortete das 

Girl. »Dazu den üblichen Kram, den ihr Männer immer 
mitschleppt.« 

»Keine anderen Papiere?« fragte Hugh verwundert. »Na, soll 

sich der Captain darüber den Kopf zerbrechen.« 

Er wandte sich den beiden Soldaten zu und sagte: »Los, 

nehmt ihn mit. Ich komme gleich nach. Reitet nicht zu schnell, 
damit ich euch einhole.« 

Grinsend stiefelten die Uniformierten ins Schlafzimmer, 

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hoben den bewußtlosen Haggerty an Armen und Füßen hoch 
und trugen ihn hinaus. 

»Einen Whisky?« fragte Lily und winkte Sanders zum Bett. 
»Sicher, aber nicht von der gefährlichen Sorte«, antwortete 

der Mann lachend. 

»Du Narr«, sagte Lily, »doch nicht für dich.« 
Wenig später verließ auch Hugh Sanders das kleine Haus. 

Lily lag auf dem Bett und dachte nach. Sie verspürte 
Unbehagen, ja, beinahe Angst. Aber nun war es zu spät. Sie 
konnte nur abwarten und hoffen, daß Hagman den Scout nicht 
töten ließ. 

Aber der dachte gar nicht daran. 
Er hatte außerhalb des Camps drei kleine Feuer entzündet, 

deren Glutaugen durch die Nacht leuchteten. Dies war das 
Zeichen, mit dem er den Pinaleno-Apachen herbeirufen konnte. 

Erst drei Stunden vor dem Morgengrauen glitt Nepatana wie 

ein Schatten an den Posten vorbei und hockte sich vor das Zelt 
des Offiziers. 

»Ich bin hier, Captain«, sagte der Indianer ruhig. 
Hagman hatte einen leichten Schlaf. Er fuhr sofort hoch und 

huschte ins Freie. 

»Verdammt, schlafen die Posten?« fragte er ärgerlich. 
Nepatana lächelte und erwiderte: »Sie sind keine Apachen, 

Pferdesoldaten. Wie könnten sie mich hören? Was willst du? 
Ich war auf dem Weg zu Victorios Männern, als ich dein 
Zeichen sah.« 

Hagman sagte: »Ich habe John Haggerty gefangen, Jack.« 
»Den Falken!« stieß Nepatana hervor. »Er ist Cochises 

Freund. Es gibt Krieg, wenn der Falke stirbt, Captain. Was hast 
du vor?« 

»Du bringst Haggerty weg, in Sicherheit«, antwortete 

Hagman. »Er soll nicht sterben, wenigstens noch nicht. Du 
mußt ihn sicher unterbringen, Jack. Er darf auf keinen Fall 
entkommen, denn er ahnt irgendwas. Wenn uns Cochise in die 

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Quere kommt, müssen wir aufgeben. Unser Plan ist dann zum 
Scheitern verurteilt.« 

Nepatana dachte lange nach. Ihm war es nicht recht, daß der 

Falke aufgetaucht war. Er gehörte zu den wenigen Weißen, die 
fast so gut wie ein erfahrener Apachenkrieger waren. Zudem 
kämpfte er gemeinsam mit dem großen Jefe für den Frieden, 
verfolgte also das Ziel, das auch Nepatana sich gesetzt hatte. 

Allerdings hatten Cochise und der Falke nicht gut genug 

nachgedacht – so glaubte Nepatana. Denn er war davon 
überzeugt, daß nur er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. 
Die aufsässigen Krieger, denen das Blut vor Kampfeslust heiß 
durch die Adern jagte, mußten vernichtet werden. Das war die 
einzige Lösung. 

»Gut, ich nehme ihn mit«, sagte der Pinaleno. »Wo ist sein 

Pferd?« 

Hagman starrte den mittelgroßen Apachen an und fluchte. 
»Nicht hier«, fuhr Nepatana fort, »auch gut. Wo endet seine 

Spur?« 

»In der Stadt, in Eureka Springs«, erwiderte Hagman. »Dort 

steht auch Haggertys Gaul. Die Fährte in der Stadt ist tot, Jack. 
Mach dir keine Sorgen. Wohin bringst du diesen Spinner?« 

Nepatana lächelte geheimnisvoll und erwiderte: »An einen 

Ort, von dem selbst der Falke nicht entkommen wird. Er müßte 
schon Flügel besitzen wie das Tier, dem er seinen Narnen 
verdankt.« 

»Wo ist das?« drängte Hagman. »Vielleicht brauchen wir 

den Kerl mal und ich muß ihn holen lassen.« 

»Nein«, sagte Nepatana entschieden, »dieser Ort bleibt mein 

Geheimnis. Wenn du den Falken brauchst, so mußt du mich 
holen, Captain Hagman. Ich sage dir nur so viel: es ist im 
Berggipfel der Felsen, in denen meine Heimat liegt.« 

Hagman gab auf. Er spürte, daß er nicht mehr aus dem 

Apachen herausholen würde. 

Nepatana lud Haggerty vor sich auf den Rücken des 

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Mustangs und ritt in die Nacht. 

Erleichtert blickte der Offizier seinem Scout nach. Eine 

große Gefahr war beseitigt. Hoffentlich kam Cochise nicht auf 
den Gedanken, nach Haggerty zu suchen. Dann schwärmten 
die Krieger der Chiricahuas aus und drehten jeden Stein um. 

Niemand sah ihn, kein Mensch hörte ihn. Lautlos wie eine 
Schlange war der Krieger nahe genug gekrochen, um die Worte 
Nepatanas und die des Weißen hören zu können. 

Wolfsbruder verharrte regungslos, als der Träumer mit seiner 

Last davonritt. Besorgt dachte der Chiricahua über das 
Versteck nach, von dem Nepatana gesprochen hatte. Wenn 
dem Falken etwas zustieß, würde Cochise unberechenbar sein. 
Aber Wolfsbruder durfte dem Träumer nicht folgen. Denn er 
ritt in das Land seines Stammes. Und dort war ein einzelner 
Chiricahua verloren. Zudem überlegte sich der Späher, daß der 
Häuptling selbst diese Sache sicher aufklären wollte. 

Wolfsbruder wußte nur, daß schlimme Dinge vorgingen. 

Nepatana arbeitete mit den Pferdesoldaten zusammen, gab sich 
als Scout her. Das mußte der große Chief erfahren. Nichts, 
außer dem Leben des Falken vielleicht, war wichtiger. Und 
dessen Leben war nicht gefährdet, wenigstens vorerst nicht. 

Alles im Camp der Soldaten blieb ruhig. Der Offizier kroch 

wieder in sein Zelt. Einige Minuten später verrieten 
gleichmäßige Atemzüge, daß der Weiße eingeschlafen war. 

Wolfsbruder zog sich zurück. Geschickt kroch er über den 

Boden, verursachte kein Geräusch und glitt so dicht an einem 
Posten vorbei, daß er ihn hätte berühren können, wenn er 
gewollt hätte. 

Dem Chiricahua stand nicht der Sinn nach einem Skalp, 

obwohl er eigentlich gerne sein Jacale mit den Haaren eines 
Bleichgesichtes geschmückt hätte. 

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Wichtiger war nun, daß er nach Süden ritt. Sein Mustang 

mußte so schnell sein, wie ein Pfeil flog. Denn niemand konnte 
voraussagen, wie lange der Falke am Leben blieb! 

Der Chiricahua erreichte sein Pony, sprang auf und preßte 

dem zähen Tier die Hacken in die Flanken. Das Pferd hetzte 
los. Unermüdlich stampften seine Hufe über Wege, die jedem 
Weißen zu gefährlich gewesen wären. Aber diese Trails führten 
direkt nach Süden, vermieden die guten Fahrstraßen der 
Bleichgesichter und lagen immer in Deckung. 

Als im Osten die Sonne über den Horizont kletterte, erreichte 

der Späher eine Wasserstelle der Apachen. Zuerst ließ er sein 
Tier saufen, bevor er selbst vier Schlucke Wasser nahm. 

Danach hetzte das Pony weiter. Noch immer ging sein Atem 

ruhig und gleichmäßig. Es gehorchte willig dem Druck der 
Schenkel seines Reiters und zeigte keine 
Ermüdungserscheinungen. Die Mustangs der Apachen waren 
genauso zäh, wie die Krieger selbst. 

Wolfsbruder sah in der Ferne die zerklüfteten Felsen der 

Dragoon Mountains. Er wußte, daß ihn die Späher schon 
gesehen hatten und war sicher, daß Cochise bereits über seine 
Rückkehr informiert wurde. 

Der Krieger trieb sein Pony noch einmal an. Geschickt 

kletterte es über Pfade, die nach Meinung der Weißen gerade 
für Bergziegen ausreichten. 

»Der Jefe erwartet dich, Bruder«, sagte ein Wächter zu 

Wolfsbruder, als sein Mustang ein ebenes Gelände erreichte. 

Wie ein Schemen verschwand der Posten wieder im Schatten 

einiger Gesteinssäulen, die wie Finger aufragten. Von einer 
Felskanzel aus vermochte der Wächter weit in die Halbwüste 
zu blicken. Kein Gegner konnte sich unerkannt 
heranschleichen, selbst kein Apachenkrieger. Denn die Männer 
der Chiricahuas kannten alle Tricks und Listen, waren 
tausendfach im Kampf bewährt und wußten die Zeichen der 
Natur zu deuten. 

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Wolfsbruder ritt weiter, achtete nicht auf die Umgebung. 

Hier war er sicher vor jeglichen Feinden, denn die 
Apachenfestung in den Dragoon Mountains war gut geschützt. 

Der Späher erreichte das Grasland. Er roch den Rauch der 

Kochfeuer. Die Squaws bereiteten ein köstliches Mahl, stellte 
Wolfsbruder fest. Er witterte Maultierfleisch, und das gehörte 
zu den Delikatessen. 

Noch einmal trieb der Späher seinen Mustang an. Er sollte 

schnell zu Cochises Jacale gelangen, damit sein Reiter noch 
etwas von diesem wundervollen Essen bekam. 

Der Jefe hockte mit untergeschlagenen Beinen vor dem 

Eingang seines Wicky-ups. Tla-ina, seine Schwester, briet 
Fleisch an einem Spieß aus Hartholz über den Flammen. 

Wolfsbruder saß ab, grüßte den Chief und setzte sich auf die 

andere Seite des Feuers. 

»Sprich, Krieger«, sagte Cochise sanft. »Berichte, was du 

über den Falken zu erzählen hast. Ich weiß, daß schlechte 
Dinge aus deinem Mund kommen werden, aber es ist nicht 
deine Schuld, Wolfsbruder.« 

Der Späher holte tief Luft und sagte: »Der Falke ist 

gefangen, Jefe. Nepatana, der Träumer der Pinalenos, bringt 
ihn in ein Versteck. Nepatana scheint gemeinsame Sache mit 
den Bleichgesichtern zu machen. Eine Gruppe Pferdesoldaten, 
es sind zwölf mal zehn Finger, lauert im Norden vor der San 
Carlos Reservation. Der Anführer ist ein Captain. Mehr weiß 
ich nicht, Chief. Von Ulzanas Kriegern habe ich nichts gesehen 
und nichts gehört. Aber ich glaube, ihre Seelen sind von Bù ins 
Reich des Todes gebracht worden. Der Falke ritt in eine Stadt, 
blieb eine Weile in einem Jacale aus Holz und kam mit einer 
weißen Squaw heraus. Danach folgte er ihr in ihr Jacale. Es 
dauerte eine Weile, bis Pferdesoldaten kamen und den Falken 
wegschleppten. Sein Geist war nicht auf dieser Welt. Die 
Blauhosen brachten ihn in das Lager der Soldaten. Dort holte 
ihn der Pinaleno und versprach, ihn sicher zu verstecken. Der 

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Ort liegt in den Heimatbergen des Stammes, am höchsten 
Gipfel. Mehr kann ich dir nicht sagen, Jefe.« 

Cochise entließ den Späher mit einer Handbewegung und 

blickte seine Schwester an. Tla-ina, der sanfte Wind, vergaß 
den Bratspieß zu drehen. Es roch nach verbranntem 
Mulifleisch. Das Gesicht der schönen Apachin war eine Maske 
der Furcht. 

»Meine Schwester«, sagte Cochise lächelnd, »willst du, daß 

ich hungrig dem Falken folge und ihn befreie?« 

Erschrocken sog die Squaw die Luft ein, roch das verbrannte 

Fleisch und schnitt schnell mit ihrem Messer die verkohlten 
Stücke ab. 

Gleichmäßig drehte sie den Bratspieß. Sie sah Naiche an, 

ihren Neffen, der hinter der Hütte hervortrat und ein düsteres 
Gesicht zog. 

»Mein Vater«, sagte Cochises Sohn bedrückt, »ich sehe, daß 

du reiten wirst. Dein Leben setzt du für den Falken ein. Was 
ist, wenn du in das Totenreich eingehst? Was wird aus unserem 
Stamm, aus dem Frieden?« 

Lächelnd erwiderte der große Häuptling: »Naiche, mein 

Sohn, du wirst die Chiricahuas führen. Sei unbesorgt, noch 
habe ich Bus Ruf nicht vernommen. Der Falke ist mein Bruder. 
Du weißt es. Und du weißt auch, daß es meine Pflicht ist, 
meinem Bruder zu helfen. Ich reite, wenn ich gegessen habe.« 

Tla-ina nahm den Hartholzspieß vom Feuer und stach die 

Klinge ihres Messers prüfend ins Fleisch. Es war gar. 

Nahlekadeya, Cochises zweite Frau, brachte aus dem Jacale 

eine große Holzschale voller Wildgemüse. Schweigend setzten 
sich der Jefe, sein Sohn Naiche, der zweite Sohn Nachise, der 
zu dieser Zeit noch keine zehn Winter zählte, und Tla-ina und 
Nahlekadeya vor das Jacale und aßen. 

Sanfter Wind war zuerst fertig. Tla-ina sah auf, blickte in die 

dunklen Augen ihres Bruders und sagte halblaut: »Ich reite mit 
dir. Mein Herz ist schwer, denn der Falke ist in Gefahr. Ein 

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Krieger unseres Volkes bringt ihn in ein Versteck. Und das 
bedeutet, daß der Falke dem Tod gegenübersteht, sollte dieser 
Krieger zurückkehren.« 

Cochises Gesicht blieb unbewegt, als er antwortete: »So sei 

es, Schwester. Ich weiß, daß du wie ein Tiger kämpfst, wenn es 
nötig ist. Und ich weiß, daß du eine echte Tochter unseres 
Stammes bist.« 

Naiche wollte etwas einwenden, aber ein Blick seines Vaters 

ließ ihn schweigen. Der athletische Sohn des Jefe befolgte auch 
die unausgesprochenen Befehle seines Vaters. 

Er stand auf und ging zu den Pferden. Tla-ina und 

Nahlekadeya richteten Proviant her. Cochise überprüfte seine 
Waffen und sah zu, wie seine Schwester einen Dolch und einen 
Revolver nahm und Ersatzpatronen einpackte. 

Naiche führte den Pinto des Chiefs am Graszügel heran. 

Daneben schritt eine prachtvolle Fuchsstute, die für Tla-ina 
war. 

Ernst sahen Cochises Frau und seine beiden Söhne zu, wie 

der Häuptling der Chiricahuas und seine Schwester 
davonritten. Sie wollten nach Norden, dem Falken helfen, 
jenem Weißen, den der Häuptling Bruder nannte, und den seine 
Schwester liebte. 

Haggerty wußte nicht, wo er war. Er schlug die Augen auf, sah 
aber nichts. Obwohl er bis in sein Innerstes erschrak, blieben 
seine Gefühle gedämpft. 

War er blind geworden? Was war geschehen? Er erinnerte 

sich nur an die nackte Lily, an das Glas Whisky, das er auf 
ihrem Bett getrunken hatte. Und danach war es dunkel um ihn 
geworden. 

Ein dumpfer Schmerz umklammerte seinen Kopf. Behutsam 

tastete John sein Gesicht ab. Es fühlte sich kalt und fremd an, 

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als ob es einer steinernen Figur gehörte und nicht ihm selbst. 

Langsam schloß Haggerty die Augen wieder, versank in 

einen Dämmerschlaf, den er sich nicht erklären konnte. 

Als er abermals erwachte, ging es ihm etwas besser. Er 

spürte die Wärme der Sonne, den hellen Schein und atmete 
kräftig durch. Der dumpfe Druck in seinem Kopf war einem 
stechenden Schmerz gewichen. Übelkeit quoll vom Magen her 
auf, ließ Haggerty würgen. Er schluckte krampfhaft, um dieses 
widerwärtige Gefühl zu unterdrücken. Als er den Brechreiz 
überwunden hatte, verspürte er gewaltigen Hunger. 

Zuerst muß ich herausfinden, was geschehen ist, wo ich bin, 

dachte John und schlug erneut die Augen auf. 

Er atmete auf. Mit seinen Augen war nichts geschehen. Als 

er zum erstenmal erwachte, war Nacht gewesen. Dazu lag er in 
einem Talkessel, dessen Grund tief zwischen Felsen eingebettet 
war. Die Wände ragten so hoch empor, daß nur für wenige 
Stunden die Sonne herabschien. 

»Zum Teufel, ich weiß überhaupt nichts«, sagte Haggerty 

halblaut und wunderte sich über seine rauhe Stimme. 

Hatte er die ganze Flasche Whisky bei Lily ausgetrunken? 

Nein, das war unmöglich. Auf jeden Fall endete seine 
Erinnerung im Schlafzimmer der Saloonschwalbe, die er vor 
einem zudringlichen Kerl bewahrt hatte. Oder war das alles 
gespielt gewesen? 

Ein ungeheurer Gedanke stieg in Haggerty auf. 
Wenn dieses alles eine abgekarterte Sache war? Wenn Lily 

gar nicht in Gefahr geraten war, wenn sie und dieser andere 
Kerl das nur gespielt hatten? 

Aber warum? 
Dumpf ahnte John, daß alles irgendwie zusammenhing. Er 

brachte es nur nicht fertig, die Teile des Ganzen 
zusammenzusetzen. Dazu wußte er zu wenig. 

»Zuerst muß ich was gegen meinen knurrenden Magen 

unternehmen«, murmelte Haggerty. 

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Er stand auf, musterte seine Umgebung, und entdeckte zwei 

Dutzend Yard entfernt einen handbreiten Wasserlauf, der aus 
einem Loch in den Felsen rann und nach einigen Yards im 
Boden versickerte. 

Dicht neben dem schmalen Bach lag ein Proviantpacken. 

Eine bunte Decke war mit einigen rohledernen Riemen 
verschnürt. Und zwischen diesen Riemen steckte ein Messer, 
dessen Klinge im Sonnenlicht aufblinkte. 

John lachte grimmig auf. Er sollte weder verhungern, noch 

verdursten. Aber er war ein Gefangener. Ehe er sich 
daranmachte, diesem Talkessel zu entfliehen, mußte er essen 
und trinken. 

Sorgfältig knotete er die Riemen auf, denn er wußte nicht, ob 

er die zähen Lederseile noch gebrauchen konnte. Die Decke 
fiel herab. Trockenfleisch und eine Art Pemmikan waren in der 
Umhüllung, weiter nichts. Die Menge reichte für mindestens 
zwei Wochen, sogar für drei, wenn er sparsam aß. 

Nachdenklich schnitt Haggerty ein Stück von der 

Fleischpastete ab. Sie enthielt Kräuter, Beeren, getrocknete 
Fleischfasern und Tierfett und schmeckte wunderbar. 

John kaute langsam. Er wollte seinem hüpfenden Magen 

nicht zuviel zumuten. Aber nachdem er dreimal geschluckt 
hatte, spürte er wohlige Erleichterung. 

Einige Zeit später packte er die Vorräte wieder sorgfältig in 

die Decke. Nur der Teufel wußte, wie lange er hier aushalten 
mußte. Er ging zu dem schmalen Bachlauf, legte sich auf den 
Bauch und trank. Das eiskalte Wasser vertrieb den letzten Rest 
Nebel aus seinem Kopf. 

So, dachte Haggerty, nun will ich mir mal mein Gefängnis 

ansehen. Es müßte doch mit dem Satan zugehen, wenn ich 
nicht rauskomme. 

Nun, es ging mit dem Satan zu. Nur, daß der Satan in diesem 

Fall aus einem halben Dutzend armdicker Klapperschlangen 
bestand. 

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John entdeckte eine Art Leiter in der nördlichen Felswand. 

Löcher in regelmäßigen Abständen boten sich geradezu an, 
dort hinaufzuklettern. Aber er war mißtrauisch. Er suchte sich 
ein paar lange Zweige und stocherte in diesen Öffnungen. Die 
ersten vier waren in Ordnung. Aber schon in dem fünften Loch 
klang plötzlich das scharfe Rasseln von Hornklappern auf. 

Ein handgroßer Kopf schnellte aus dem Loch. Die gespaltene 

Zunge zuckte blitzschnell hin und her. 

Obwohl sich das Reptil nur zu einem Drittel seiner 

Körperlänge aus dem Loch gleiten lassen konnte, wich John 
zurück. Verlor die Schlange den Halt, rutschte sie herab, so 
besaß Haggerty nur das Messer, um sich gegen den giftigen 
Wurm zu verteidigen. 

Das Halfter war leer, und nirgendwo entdeckte er seine 

Winchester. 

Es dauerte Minuten, ehe sich das gereizte Tier wieder 

zurückzog. 

Nachdenklich betrachtete John den Zweig, entdeckte das 

grüngelblich schillernde Gift vorne am Holz und unterdrückte 
ein Schaudern. 

Vielleicht gelang es ihm, überlegte sich Haggerty, dieses 

Loch zu vermeiden, wenn er hinaufkletterte. Vorsichtig hob er 
den Ast und stieß ihn in die sechste Öffnung, die wesentlich 
größer war. 

Er hatte den Urgroßvater aller Klapperschlangen 

aufgescheucht! 

Das Biest war dicker als Johns gespannter Bizeps. Ein solch 

mächtiges Vieh hatte der erfahrene Westmann in seinem 
ganzen Leben bisher noch nicht gesehen. Die Giftzähne 
stachen aus dem weit geöffneten Maul hervor. Die Schlange 
machte sich gar nicht erst die Mühe, die Zunge vorzuschnellen. 
Für sie war alles, was in die Höhlung eindrang, ein Feind. 

»Das war es also!« dachte Haggerty laut. »Diese einladende 

Leiter ist für Idioten gedacht. Aber die haben's auch nicht 

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besser verdient.« 

Yard für Yard suchte er die Steilwände ab. Er fand keine 

Möglichkeit, die mächtigen Felsbarrieren zu überwinden und 
fragte sich, wie er hierhergekommen war. 

Es mußte doch eine Möglichkeit geben, den Kessel zu 

betreten. Und wenn er daran dachte, daß er selbst 
besinnungslos gewesen war, so mußte einfach ein sicherer 
Einstieg vorhanden sein. 

Geistesabwesend kratzte sich John unter den Armen. 

Irgendwas scheuerte in seinen Achselhöhlen. Auf einmal 
wurde er ziemlich nachdenklich und zog sein Hemd aus. 
Haggerty mußte den Kopf verdrehen, um die roten, 
wundgescheuerten Stellen zu sehen. 

Sie haben mich an einem Seil herabgelassen, dachte er 

enttäuscht. Es gibt also keinen Weg nach oben. Es sei denn, 
man dreht jeder verdammten Klapperschlange den Hals um. 
Das ist ein perfektes Gefängnis. Nur ein Apache kann sich so 
was ausdenken. 

Haggerty wußte, daß es müßig war, darüber nachzudenken. 

Er brachte einfach keine Verbindung zwischen der Drei-Dollar-
Hure Lily und den roten Wüstenkämpfern zustande. 

Dagegen war es wichtig, daß er sich die Nahrung einteilte. Er 

wußte nicht, wann sich seine Gefängniswärter wieder sehen 
ließen. Und er hatte ganz sicher nicht die Absicht, zu dieser 
Zeit tot zu sein. 

Einige Zeit verging, bis John den Pemmikan und das 

Trockenfleisch in fünfzehn Portionen geteilt hatte. Es war 
gerade so viel, daß er halbwegs bei Kräften blieb. Was nach 
dieser Zeit geschah, konnte er jetzt noch nicht sagen. 

Dämmerlicht lag im Felskessel, als Haggerty fertig war. Er 

sah zur Sonne hoch und entdeckte, daß nur noch der obere 
Rand der gleißenden Scheibe über die Felskanten leuchtete. 

Der Kessel lag also sehr tief in einer Gesteinsformation 

eingegraben. Sein Grund war so tief, daß die untergehende 

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Sonne bereits am Nachmittag verschwand. 

Haggerty konnte sich auf sein Zeitgefühl verlassen. Er wußte 

zwar nicht, wie lange er ohne Besinnung gewesen war, aber im 
Tagesablauf kannte er zumindest ungefähr die Stunde. Nach 
Einbruch der Dunkelheit konnte er sich Gewißheit verschaffen. 
Denn wie die meisten Menschen, die überwiegend im Freien 
lebten, orientierte er sich an den Sternen. 

John suchte abermals den Talboden ab. Er mußte wissen, ob 

die Klapperschlangen auch den Grund selbst als ihren Besitz 
ansahen, ob es Gilatiere oder Giftspinnen gab, die ihn beißen 
und töten konnten. 

Aber der Boden war sauber. Lediglich zwei Chuckawallas 

entdeckte Haggerty. Die Echsen zwängten sich in Erdspalten 
und bliesen sich derart auf, daß keine Gewalt der Welt sie 
herauszerren konnte, ohne die harmlosen Eidechsen zu 
zerreißen. 

Halbwegs beruhigt legte sich John neben seine Vorräte in das 

weiche Gras und zog die Decke über sich. Sie war bunt gefärbt 
und bestand aus verschiedenen Wollstreifen. Plötzlich wußte 
er, daß ein Pinaleno-Apache mit der Sache zu tun hatte. Denn 
die Farbabstufungen waren charakteristisch für diesen Stamm. 

Auch die Federn der Pfeile waren in diesen Farben getönt 

und wiesen den Kundigen auf den Apachenstamm hin, der sie 
angefertigt hatte. 

Was nutzt mir das, dachte John. Was kann ich mit dem 

verdammten Messer gegen eine Horde Pinalenos unternehmen, 
wenn sie an den Talrändern auftauchen? 

Tla-ina kannte die Wüsten und die Berge, die Natur, das 
Wasser und die Pferde. Und sie vermochte sich am Stand der 
Sonne und der Sterne zu orientieren. 

Lange, stundenlang, schwieg Cochises Schwester, während 

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der Chief neben ihr ritt. 

Endlich brach es aus ihr heraus: »Bruder, wohin führst du 

mich? Wir reiten nicht in Richtung Winter, nicht dorthin, wo 
der Falke in Not ist.« 

Der Jefe lächelte und erwiderte: »Schwester, willst du in die 

Stadt der Bleichgesichter reiten und nach Haggerty fragen? 
Willst du zu der weißen Squaw gehen und forschen, was aus 
dem Falken geworden ist? Glaubst du wirklich, daß die 
Bleichgesichter uns wieder ziehen lassen, wenn wir unsere 
Fragen gestellt haben? Glaubst du, daß sie uns antworten?« 

Tla-ina starrte ihren Bruder an, erkannte seine Belustigung 

und wußte, daß er recht hatte. Sie war so voller Sorge um den 
Mann, den sie liebte, daß sie nicht richtig denken konnte. Aber 
ein solcher Fehler vermochte leicht tödlich zu sein in der 
Wildnis. 

»Was hast du vor, Bruder?« fragte Sanfter Wind leise. 
»Wir reiten zu Hellauge«, erwiderte Cochise. »Er wird uns 

helfen, denn Falke ist auch sein Freund. Und stehen sich 
Freunde in der Zeit der Not nicht bei?« 

Die schöne Apachin konnte sich vorstellen, was ihr Bruder 

vorhatte. Er würde einen Weißen losschicken, der sich nach 
dem Mann erkundigte, den seine Rassegenossen John Haggerty 
nannten. Und Cochise und Tla-ina würden lauschen, denn sie 
verstanden die Sprache der Weißen gut genug, um auch die 
Zwischentöne aufzunehmen, jene Dinge zu erkennen, die nicht 
gesagt wurden. 

»Vergiß nicht, Schwester«, sagte der Häuptling bedächtig, 

»daß Pferdesoldaten an der Sache beteiligt sind. Wolfsbruder 
hat den Falken zuletzt im Lager der Blauhosen gesehen. Ich 
fühle, daß etwas Schlimmes geschieht. Etwas, das den Krieg 
wieder aufflammen lassen kann. Und dann sterben unsere 
Brüder und Schwestern zu Hunderten. Die Kinder werden 
getötet, damit sie nicht eines Tages zu Kriegern heranwachsen 
und Rache nehmen. So denken die Bleichgesichter, Tla-ina.« 

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Die junge Frau hörte die Worte ihres Bruders und fühlte 

Angst in ihrem Herzen. Sie wußte genau, daß der Frieden 
schwach war. Daß wenige Ereignisse genügten, um den 
erbarmungslosen Kampf zwischen Rot und Weiß wieder 
aufflammen zu lassen. 

Unter den Kriegern gärte es. Viele waren nicht damit 

einverstanden, im Reservat zu leben, sich unter den Befehlen 
der Bleichgesichter zu ducken. Waren sie denn nicht die 
Herren der Wüste? Die Krieger, die alle Listen beherrschten? 
Hatten sie denn nicht seit ungezählten Monden den 
Gelbhäutigen aus dem Süden, den Texanern, den Comanchen 
standgehalten? 

Sollten sie vor den blassen Menschen zurückweichen, die mit 

aller Macht in den heißen, trockenen Südwesten eindrangen? 

In der Ferne kam der Apachen-Paß in Sicht. Er war die 

wichtigste Verbindung zwischen dem Osten und dem Südwest-
Territorium. Städte wie Tucson und Tombstone waren auf 
diese Paßstraße angewiesen. Thomas Jeffords, der Postmeister, 
hatte Cochise die Erlaubnis abgerungen, dort oben, bei den drei 
Quellen, eine Station errichten zu dürfen. Dort gab es das 
einzige Wasser weit und breit. Die Kutschen der Butterfield 
Overland Mail legten auf der Höhe eine Rast ein. Pferde 
wurden gewechselt, Tiere getränkt, ehe es in die Ebene 
zwischen den beiden Bergketten hinabging. 

Und dieses Gebiet zwischen den Dragoon und den 

Chiricahua Mountains war Cochises Land. Hier lag die Heimat 
seines Stammes. Er hatte sich nie gebeugt, vielmehr durch 
kluge Verhandlungen vermieden, in eine Reservation gepfercht 
zu werden. 

Die Ponys trabten unermüdlich weiter. Tla-ina hob den Kopf. 

Sie hörte fremde Geräusche. Holz knarrte, und Metall kreischte 
auf. Eine der schweren Kutschen rollte die Straße herab. Der 
Fahrer hatte die Bremse angezogen, und der Kloben radierte 
über die Eisenreifen der Räder. 

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Cochise leitete seinen Mustang zur Seite, verharrte neben 

dem Fahrweg. Tla-ina zügelte ihren Fuchs neben dem Pinto. 
Stolz sahen die beiden Apachen auf den Wagen. 

Sie wußten wohl, welche Angst sie hervorriefen, doch das 

kümmerte sie nicht. 

Der Kutscher griff zur Winchester, als er die Indianer sah. 

Mißtrauisch blickte er hinüber. Seine weißen Brauen schienen 
sich zu sträuben, und der Texasschnurrbart zitterte. 

Und dann erkannte der Fahrer den Häuptling. 
Floyd Pearson zog die Bremse an, ließ das Gewehr in die 

Halterung zurückrutschen und zügelte das Sechsergespann. 
Knarrend kam der Wagen zum Stehen. Der Beifahrer starrte 
Floyd an, als sei der Alte verrückt geworden. 

Sah man in diesen Zeiten Apachen, gab es nur zwei 

Möglichkeiten: entweder zuerst und besser schießen, oder aber 
so schnell davonjagen, wie die Pferde nur konnten. 

»Was ist los?« gellte eine Frauenstimme aus dem 

Wagenkasten. 

»Apachen!« brüllte ein Mann, »los, die Colts raus, Leute, die 

Rothäute greifen an!« 

Pearson schwang sich vom Bock, zerrte die alte Hose hoch 

und stiefelte auf Cochise zu. 

»Macht nur keinen Unsinn, ihr verdammten Narren!« brüllte 

der Fahrer über die Schulter zurück. »Das ist Cochise. Und er 
hat mir vor einigen Wochen das Leben gerettet. Wenn einer 
von euch auch nur spuckt, treibe ich ihm seinen Schädel mit 
drei Hieben in den Magen.« 

Der Jefe unterdrückte ein Lächeln. Er hatte den Kutscher 

sofort erkannt. Vor Wochen hatten Naiche und der Häuptling 
den alten Mann und einen Passagier vor einem Mimbrenjo-
Angriff gerettet und bis an den Stadtrand von Tucson gebracht, 
obwohl sie schwer verwundet waren. 

»Häuptling«, sagte Floyd Pearson schwerfällig. »Ich schulde 

dir mein Leben. Ich kann keine großen Worte machen. Aber du 

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sollst wissen, daß ich dir dafür danke.« 

Und damit war auch der Dank des alten Fahrers erschöpft. 
Cochise lächelte und erwiderte: »Weißer Mann, Worte sagen 

nichts. Aber ich sehe dein Herz, und das sagt mir mehr. Du bist 
kein Feind der roten Menschen, wie so viele andere. Und das 
hat nichts damit zu tun, daß ich dir das Leben gerettet habe. Du 
warst auch vorher kein Feind. Doch genug davon. Ist mein 
Freund Hellauge auf dem Paß? Ich brauche ihn.« 

Pearson fluchte kräftig und erwiderte: 
»Nein, Häuptling. Jeffords ist heute mit der Gegenkutsche 

nach Osten gefahren, nach Sonnenaufgang, meine ich. Auf der 
Station sind nur Burt Kelly, Norbert Walker und die beiden 
Revolverschwinger. Tinatra und Osborne langweilen sich. In 
den letzten Wochen ist es ziemlich ruhig geworden, und sie 
reiten nicht mehr regelmäßig die Strecken ab.« 

»Ich danke dir«, sagte Cochise. »Meine Schwester und ich 

reiten zum Paß.« 

Floyd starrte die schöne Frau an und schluckte. Sie sah 

wahrhaftig nicht wie eine Apachensquaw aus, glich eher einer 
schönen weißen Frau, die nur zufällig bronzefarbene Haut 
hatte. 

Pearson riß sich den alten Deckel vom Kopf und vollführte 

eine ungelenke Verbeugung. Tla-ina wußte genug über die 
Sitten der Weißen, um richtig zu reagieren. Sie lächelte 
freundlich und neigte den Kopf ein wenig, als sie vorbeiritt. 

Floyd glaubte die beiden außer Hörweite, als er sagte: 

»Heiliger Jason, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, und ich 
das Geld hätte, mir ein Rasiermesser zu kaufen, dann würde ich 
mich glatt auf 'nen Gaul schwingen und Haggerty diese schöne 
Frau ausspannen.« 

Tla-ina lachte so leise, daß nur ihr Bruder es hörte. Auch 

Cochise grinste breit, vor allem, als er die Antwort des 
Beifahrers hörte. 

»Wenn du zwanzig Jahre jünger wärest, du alter Narr, hättest 

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du immer noch sechzig Sommer auf dem Buckel. Und das 
Rasieren nutzt deinem Gesicht nichts. Besser, du läßt es 
bleiben. Es sei denn, du ziehst dir das Messer quer über den 
Hals, aber kräftig.« 

Floyd starrte den jungen Hüpfer grimmig an und mußte ein 

paar Sekunden darauf selbst lachen. 

»Fahren wir, Mann«, rief der Kutscher. »Aber eines sage ich 

dir, sobald wir in Tombstone sind, überquere ich die Allan 
Street und gehe zu den süßen Flittergirls.« 

Cochise wandte sich nicht um, als die Räder wieder knarrten. 

Der Jefe dachte an die beiden jungen Kämpfer, die für Jeffords 
die Strecken absicherten. Buck Tinatra und Larry Osborne 
waren gute Kämpfer, schnell mit den Revolvern und 
treffsicher. Einer von beiden würde dem Jefe folgen, wenn er 
darum bat. War doch Haggerty, der Falke, in Gefahr. Und nur 
seine und Hellauges Freundschaft zu Cochise garantierten den 
Frieden im Südwesten. 

Die Mustangs trabten die Straße hinauf, als wären sie heute 

noch nicht gefordert worden. Die ersten Gebäude waren zu 
sehen. Alles blieb still. Cochise lächelte, denn er kannte die 
Weißen. Sie lauerten in guter Deckung und warteten ab. 

Aber nun schwang die Tür des Stationshauses zurück. 

Tinatra und Osborne kamen ins Freie und begrüßten den 
Häuptling, verbeugten sich ebenfalls vor Tla-ina und blickten 
sie bewundernd an. 

»Meine Schwester, die den Namen Sanfter Wind trägt«, 

sagte Cochise, »ist besorgt. Der Falke ist gefangen. Und Tla-
ina will ihm helfen. Und da John Haggerty mein Bruder ist, 
reite ich mit ihr.« 

Schlagartig verwandelten sich die beiden jungen Weißen in 

lauernde Revolverkämpfer. 

»Willkommen, Jefe«, sagte Osborne ruhig. »Berichte, was 

geschah. Jeffords ist nicht hier. Du weißt es schon, denke ich. 
Können wir euch helfen? Wir wissen, was wir alle John 

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Haggerty zu verdanken haben.« 

Cochise saß ab. Tla-ina glitt geschmeidig vom Pferderücken 

und unterdrückte ein Lächeln, als sie Buck Tinatras 
verträumten Blick sah. 

Kelly und Walker kamen aus dem Stall, begrüßten die 

Apachen und führten die Pferde zur Tränke. 

Der Häuptling berichtete mit wenigen Sätzen, was er wußte. 
»Die verfluchten Soldaten«, sagte Buck Tinatra grimmig. 

»Jetzt ist einer von den Blauröcken übergeschnappt. Ich wette, 
da ist 'ne ganz große Schweinerei im Gange.« 

»Paß auf, Partner«, erwiderte Osborne. »Du bleibst hier, paßt 

auf die beiden alten Narren auf. Und ich reite mit dem Jefe und 
seiner Schwester. Wenn Haggerty in der Falle sitzt, holen wir 
ihn raus.« 

»Wieso du?« erwiderte Buck hitzig, »ich reite mit, klar?« 
Entschieden schüttelte Larry den Kopf und antwortete: »Du 

nicht, mein Freund. Du bringst es fertig und machst dem Jefe 
einen Heiratsantrag.« 

Verblüfft starrte Buck seinen Freund an und erwiderte: 

»Wieso ihm? Höchstens seiner Schwester, du Dummkopf.« 

Grinsend erwiderte Osborne: »Siehst du, eben darum bleibst 

du hier.« 

Larry holte sein Pferd von der Koppel, die Deckenrolle aus 

dem Stationsgebäude und war wenige Minuten später fertig. 

»Wir können reiten, Chief«, sagte der Revolverkämpfer. 

Nepatana verhielt sein Pony. Lauschend wandte der Träumer 
den Kopf. 

Er stand mitten in den Quartsite Mountains, nicht weit von 

der Grenze der San Carlos Reservation entfernt. 

Zahllose Wege führten durch diesen Gebirgszug. Mit den 

Sinnen eines Marines, der sich fast vollkommen der Natur 

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angepaßt hatte, witterte Nepatana, daß er nicht allein war. 

Er saß ab, blieb neben dem Kopf des Mustangs stehen und 

lächelte. 

Auf einmal sah er die Schatten von Pferden zwischen den 

Bäumen. Eine starke Horde beobachtete den Träumer. 

»Kennt ihr mich nicht, Brüder?« fragte Nepatana laut. 
Ein Mimbrenjo trieb seinen Mustang an, ritt bis auf zwei 

Längen heran und erwiderte: »Wir kennen dich, Träumer. Und 
wir fragen uns, was du hier suchst. Du bist doch ein Mann mit 
dem Herz eines Bleichgesichtes geworden. Warum bist du 
nicht auf deinem Land und zählst Maiskörner?« 

Nepatana holte Luft und erwiderte: »Pferdesoldaten kamen 

und vertrieben mich, Vetter. Sie behaupteten, daß kein Apache 
auch nur so viel Land besitzen dürfte, wie sein Fuß bedeckt.« 

Der Träumer hatte die blauen und schwarzen Streifen im 

Gesicht des Mimbrenjos gesehen und wußte, daß die Krieger 
auf Raubzug gingen. 

»So bist du wieder Apache?« fragte der Mimbrenjo. 
»Du sprichst wahr«, antwortete Nepatana, »ich suche mein 

Volk, denn ich will kämpfen, die Pferdesoldaten töten und die 
anderen Bleichgesichter vertreiben.« 

Die Augen des Mimbrenjos funkelten, als er erwiderte: 

»Cochise hat Frieden geboten, weißt du das nicht?« 

»Der große Häuptling weiß nicht, daß Apachen vertrieben 

werden«, sagte der Träumer bitter. »Cochise und seine 
Chiricahuas streifen frei im Land umher. Keiner von ihnen 
weiß, was uns die Bleichgesichter antun, Vetter. Nein, das 
Wort des Jefe stört mich nicht. Ich will die Sklaps von 
Pferdesoldaten an meinen Gürtel binden.« 

Der Mimbrenjo grinste derart, daß die Farbstreifen seinem 

Gesicht etwas Furchterregendes verliehen. 

»Und wo findet der Träumer die Blauhosen?« erkundigte 

sich der Krieger aus Victorios Stamm. 

»Nicht weit von hier«, erwiderte Nepatana. »Das ist der 

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Grund, warum ich die Männer meines Stammes suche. Sie 
sollen wissen, daß der Träumer wieder kämpft. Sie sollen 
teilhaben an der Beute.« 

»Deine Brüder sind in Richtung Winter geritten«, sagte der 

Mimbrenjo gelassen, obwohl das eine Lüge war. »Teilst du die 
Beute auch mit uns?« 

Scheinbar besorgt antwortete Nepatana: »Vetter, dein Stamm 

lebt im Reservat der Bleichgesichter. Finden sie heraus, daß 
Mimbrenjos wieder getötet haben, so müssen deine Brüder 
darunter leiden.« 

Verächtlich erwiderte der Anführer der Rotte: »Nur Victorio 

weiß, daß Schneller Hirsch mit seinen Kriegern nicht mehr im 
Land der Gefangenen reitet. Wir sind Männer, Krieger, und wir 
wollen leben, wie unsere Ahnen. Dies ist unser Land, Vetter. 
Der Boden verdirbt, setzt ein Bleichgesicht seinen Fuß darauf. 
Wir sorgen dafür, daß die Weißen nicht viel Boden verderben.« 

Der Mimbrenjo gab seinen Männern ein Zeichen. Sie ritten 

aus den Deckungen. Nepatana sah, daß zwanzig junge Krieger 
den Anführer folgten. Die Männer wirkten kräftig und gesund 
und schienen förmlich einem Kampf entgegenzufiebern. 

Nepatana wußte, daß es genau diese Krieger waren, die 

immer wieder Unruhe in die Reihen der Apachen trugen. 

Schneller Hirsch saß ab und kauerte sich vor eine kleine, 

glatte Fläche. Der Träumer ging vor, nahm einen Zweig und 
zeichnete auf dem Boden die Umrisse der Pinaleno Mountains. 

»Hier, in diesem Tal lagern die Blauhosen«, sagte er. »Es 

sind fünfmal zehn Männer. Vier habe ich getötet. Darum 
bleiben sie dort, warten auf mich, denn ihre Herzen sind heiß 
vor Rache.« 

Der Mimbrenjo kannte das Gebiet gut genug. Nachdenklich 

blickte er auf die einfache Zeichnung und sagte: »Wenn die 
Blauröcke im Tal lagern, finden sie keinen Weg zum 
Entkommen. Wir müssen spähen, Vetter. Ich selbst reite mit 
dir. Meine Krieger folgen uns langsam. Sie warten dort am 

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schlechten Wasser.« 

Dieses war ein Ort, an dem ein flacher See mitten in den 

Bergen lag. Der Boden sonderte Mineralien ab, die das Wasser 
für Mensch und Tier bitter und ungenießbar machten. 

Nepatana war einverstanden und stand auf. 
»Reiten wir, Vetter«, sagte er und saß auf. 
Schneller Hirsch gab seine Befehle, schwang sich auf sein 

Pony, und die beiden Männer ritten davon. Erregt sprachen die 
zwanzig Krieger aufeinander ein. Fünfzig Blauröcke, das 
versprach reiche Beute an Waffen und Pferden. Wenn auch die 
Tiere der Soldaten lange nicht so gut wie die Mustangs der 
Apachen waren, so boten sie doch dem Stamm für einige Zeit 
ausreichend Fleisch. 

Nepatana und Schneller Hirsch leiteten ihre Ponys über die 

kaum erkennbaren Pfade der Apachen nach Süden. Der 
Träumer hoffte, daß der weiße Offizier mit seinen Soldaten 
bereits die Berge erreicht hatte. Es war besprochen, daß die 
Schwadron dort lagern sollte, bis Nepatana neue Nachricht gab. 

Am Rand der Pinalenos marschierten die Mustangs über 

grasbewachsene Felsbänder, auf die der Wind Erde und Samen 
abgelagert hatte. Bergkräuter glänzten mattgrün, und ihr 
Geruch wurde stärker, wenn die Hufe der Pferde sie zertraten. 

Endlich führte der Weg abwärts. In weiten Biegungen 

schlängelte er sich entlang des Hanges in ein breites Tal. 
Nepatana zügelte sein Pony auf einer Felsplatte und deutete mit 
der Rechten hinab. 

»Sieh, Vetter, dort lagern unsere Skalps«, sagte der Pinaleno-

Apache. 

Schneller Hirsch trieb sein Pferd ein paar Schritte vor, spähte 

hinab und erwiderte: »Das sind mehr als fünf mal zehn 
Soldaten. Sie haben Verstärkung geholt, Vetter.« 

Schneller Hirsch zählte mehr als hundert Bleichgesichter. Als 

er sich zu dem Träumer umwandte, hielt der seinen 
Schädelbrecher in der Rechten. 

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Der Mimbrenjo starrte Nepatana an und sagte langsam: »Du 

bist ein Verräter, Träumer. Du kämpfst für die Bleichgesichter. 
Warum willst du uns Krieger in den Tod führen?« 

Nepatana erwiderte gelassen: »Die Männer mit dem heißen, 

wilden Blut müssen sterben. Wenn die Stämme erst ruhiger 
werden, ist der Kampf schnell vorbei, Vetter. Solange ihr aber 
immer wieder auszieht, um Weiße zu berauben und zu töten, 
werden die Bleichgesichter Jagd auf alle Apachen machen.« 

»Du Mörder!« schrie Schneller Hirsch und riß die Linke 

hoch. 

Grell reflektierte die Sonne auf der Klinge seines Messers. Er 

holte aus, wollte werfen, aber in diesem Moment grub sich 
Nepatanas Dolch in seinen Oberkörper. 

Der Mimbrenjo war sofort tot. Er fiel von seinem Pony und 

schlug schwer auf den Boden auf. 

Der Träumer schleppte den Toten in eine Felsspalte und trieb 

den Mustang ins Tal. Die Soldaten beobachteten den Apachen 
mißtrauisch. Er kümmerte sich nicht um die Blicke der 
Weißen, sondern ritt zum Zelt des Captains. 

Joshua Hagman stand nicht auf, als er seinen Scout sah. Der 

Pinaleno ließ die Graszügel des zweiten Pferdes los und sagte: 
»Zwanzig Krieger folgen mir. Du hast zwei Stunden Zeit, 
Captain. Deine Männer sollen sich nicht sehen lassen. Die 
Waffen müssen schußbereit sein, wenn wir noch weit entfernt 
sind. Ich führe die Mimbrenjos in dieses Tal.« 

Hagman nickte erfreut. Endlich ging es weiter. Obwohl er 

sich wegen John Haggerty Sorgen machte, ließ der Offizier 
nicht von seinem verrückten Plan ab. Er sah wirklich nur diese 
eine Chance für seine Männer, für sich und für den Frieden im 
Südwesten. Hagman kam überhaupt nicht auf den Gedanken, 
daß er nicht den Überblick besaß, um eine solche Entscheidung 
zu treffen. Er war sicher, allein den Ruhm davonzutragen, 
wenn er seine Idee verwirklichen konnte. 

Die ganz große Gefahr, die eines allgemeinen Aufstandes, 

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zog der Captain gar nicht erst in Erwägung. 

Nepatana trieb seinen Mustang an und galoppierte davon. 

Hagman rief Sergeant Kenny und gab seine Befehle. 

Innerhalb weniger Minuten saßen die Kavalleristen in den 

unbequemen McClellan-Sätteln und ritten weiter in die Berge 
hinein. 

Der Träumer ließ sein Pony im Galopp laufen. Es dauerte 

etwa eine Stunde, ehe er auf die Rotte Mimbrenjos stieß. 
Mißtrauisch blickten ihn die Krieger an. 

»Schneller Hirsch beobachtet die Bleichgesichter«, erklärte 

Nepatana. »Es sah so aus, als wollten sie aufbrechen. Ich soll 
euch zum Tal führen. Hören wir nichts von Schneller Hirsch, 
folgen wir den Weißen durch das Tal.« 

Die Krieger waren einverstanden. Nepatana spürte ihre 

Kampfeslust fast körperlich. Er setzte sich an die Spitze des 
Trupps und ließ sein Pony traben. Endlich erreichten sie das 
Tal, das die Berge durchschnitt. Lange verharrten die Apachen, 
lauschten, musterten die Umgebung, und witterten Unheil, 
ohne jedoch einen Grund für dieses Gefühl zu erkennen. Es 
war so, daß ihre Kämpferinstinkte sie warnten. 

Der Träumer trieb schließlich sein Pferd an und rief halblaut: 

»Ich reite voraus, Krieger. Folgt mir in zehn Längen Abstand.« 

Argwöhnisch blickten die Mimbrenjos hinter dem Mann her, 

der so lange Zeit in der Nähe der Weißen verbracht hatte. 
Führte er sie in eine Falle? Wenn ja, warum tat er das? 

Nepatana spürte, wie die Stimmung unter den Kriegern 

umschlug. Sie waren nicht mehr bereit, ihm einfach zu folgen. 
Darum hieb er seinem Pony die Hacken in die Flanken, trieb es 
in Galopp. 

Der Träumer hörte die Hufe hinter sich und war zufrieden. 
Und auf einmal schimmerten blaue Tuchfetzen auf. Die 

Mimbrenjos stießen ihre Kriegsschreie aus und brüllten: 
»Zastee! Tötet!« 

Aber keiner der Männer kam zum Schuß. Eine verheerende 

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Salve mähte die Kämpfer aus der San Carlos Reservation 
nieder. 

Nepatana wandte sich nicht um. Er ließ sein Pferd 

weitergaloppieren und suchte Captain Hagman. Der Offizier 
hockte auf einem Felsband und hielt die Doppelröhre des 
Fernglases vor die Augen. Als er den Hufschlag hörte, blickte 
er hinab. Geschickt kletterte Hagman ins Tal und wartete auf 
Nepatana. 

»Sie sind alle tot, alle«, sagte der Captain. »Wenn das so 

weitergeht, wagt sich bald kein Mimbrenjo mehr auf den 
Kriegspfad, Träumer. Ich muß meine Schwadron zum Fort 
führen. Ich weiß nur nicht, ob ich über die beiden Kämpfe 
Bericht erstatten soll.« 

Nepatana dachte nach und erwiderte: »Wenn du unseren Plan 

nicht in Gefahr bringst, dann berichte. Bleiben Männer von dir 
auf meiner Farm?« 

»Ja, ich lasse eine halbe Abteilung zurück. Hugh Sanders ist 

bei ihnen. Er wird ab und zu nach Eureka Springs reiten. Ich 
habe ein mächtig übles Gefühl, wenn ich an Haggerty denke.« 

Nepatana lächelte flüchtig und sagte: »Er ist sicher, weißer 

Mann. Ich suche meinen Stamm. Folgen mir Krieger in den 
Kampf, so gebe ich dir Nachricht.« 

Plötzlich peitschten Schüsse. 
Pferdehufe trommelten über den Boden. Nepatana riß sein 

Pony herum und starrte einem Mimbrenjo nach, der 
zusammengesunken auf einem Pony hockte. 

»Verflucht«, stieß Hagman heraus, »das fehlt uns noch. 

Hoffentlich verreckt der Kerl, ehe er in die Reservation 
gelangt.« 

Nepatana untersuchte die Spuren und meldete: »Er hat viel 

Blut verloren. Der Mann ist schwer getroffen, mindestens 
zweimal. Er kommt nicht lebend zu Victorio.« 

Hagman atmete auf. Diese Gefahr war beseitigt. Er ließ zum 

Sammeln blasen, und wenige Minuten später formierte sich die 

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Strafschwadron. 

Der Träumer leitete seinen Mustang in die Schluchten der 

Pinaleno Mountains, die den Namen seines Stammes trugen. 

»Chief, warum willst du in Eureka Springs Nachforschungen 
anstellen?« fragte Larry Osborne, als sie die Pferde unweit der 
Ansiedlung zügelten. 

Cochise blickte aus leicht zusammengekniffenen Augen zu 

den Gebäuden hinüber. Sein Gesicht wirkte trotz aller 
Verschlossenheit kühn und mutig. 

»Soldaten haben mit der Sache zu tun«, erwiderte der Jefe. 

»John ist General Howards Mann. Das weißt du, Larry 
Osborne. Selbst, wenn es der Offizier dieser Soldaten hier nicht 
weiß, so kennt er doch Haggerty. Er ist ein Freund der 
Apachen. Und das macht ihn zum Feind des Soldaten, wenn ihr 
Anführer üble Dinge vorhat.« 

Osborne nickte nachdenklich. Sicher, der Jefe wußte nicht 

viel, nur das, was sein Späher herausgefunden hatte. Aber diese 
Nachrichten reichten völlig aus, um den Chief zu beunruhigen. 

»Gut, ich reite in die Stadt«, sagte Larry. »Ich gebe mich als 

Revolvermann aus, der John Haggerty sucht. Mal sehen, was 
dann passiert.« 

Als Osborne anreiten wollte, rief Cochise leise hinter ihm 

her: »Vergiß nicht, daß wir dem Falken helfen müssen. Es 
nutzt nichts, wenn du getötet wirst.« 

Larry hockte etwas zusammengesunken im Sattel. Er ließ 

sein Pferd genau auf der Straßenmitte gehen. Fast körperlich 
spürte der junge Mann die argwöhnischen Blicke der Städter. 
Sie kannten Männer seiner Art wohl und waren vorsichtig. 

Vor dem Saloon zügelte Osborne sein Tier und glitt aus dem 

Sattel. Mit einer gewohnheitsmäßig wirkenden Bewegung 
rückte sich der Kämpfer den Coltgurt zurecht, ehe er mit der 

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Linken gegen die Hälfte der Pendeltür stieß und sich geschickt 
durch die Öffnung drehte. 

Larry überblickte den Raum, musterte die Ecken, die 

wenigen Gäste an den Tischen und die beiden Männer am 
Tresen. 

Neben der Treppe, die ins obere Stockwerk führte, stand ein 

Tisch. Dort saß eine Frau, angemalt wie ein Apachenkrieger, 
neben einem Mann, der sofort Larrys Aufmerksamkeit 
gefangen nahm. 

Instinktiv wußte Osborne, daß diese Frau Lily sein mußte. 
Mit geschmeidigen Schritten ging Larry zum Tresen, warf 

eine Münze auf die Platte und sagte: »Whisky.« 

Der Keeper sah angestrengt an dem Burschen vorbei und 

wünschte den neuen Gast zum Teufel. Er gehörte zu den 
Kerlen, die Verdruß bereiteten. Fingen sie nicht selbst Streit an, 
so wurden sie doch zumeist in eine Auseinandersetzung 
hineingezogen. 

Larry trank sein Glas aus, warf eine weitere Münze daneben 

und schob das Glas zum Keeper. 

Als der Mann eingeschenkt hatte, sagte Osborne: »Ich suche 

einen Mann. Er ist sechs Fuß groß, schlank und hat breite 
Schultern. Sein Haar ist braun und gewellt, und er trägt eine 
Lederjacke nach Art der Spurenleser. Haben Sie diesen Mann 
hier gesehen?« 

Der Keeper verfehlte mit dem Korken die Flaschenöffnung. 

Interessiert sah Larry auf die zitternden Hände des Mannes und 
war seiner Sache sicher. 

»Was wollen Sie denn von ihm?« brachte der Bartender 

schließlich heraus, nachdem er den Korken in die Flasche 
gefingert hatte. 

»Ich werde diesen Mann töten«, erwiderte Osborne 

gleichgültig. »Warum er sterben muß, geht Sie nichts an. 
Haben Sie ihn gesehen?« 

Die letzten vier Worte wirkten irgendwie scharf, schneidend, 

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obwohl sie nicht laut gesprochen worden waren. 

»Er war hier, gestern oder vorgestern«, murmelte der Keeper 

und umkrampfte die Flasche mit beiden Händen. »Er trank ein 
Bier und ging wieder. Seitdem habe ich ihn nicht mehr 
gesehen.« 

Larry nickte, nahm einen Schluck Whisky und fragte: »Ging 

er allein? Oder war er in Begleitung?« 

Ehe der Barmann antworten konnte, scharrte ein Stuhl. Aus 

den Augenwinkeln blickte Osborne zum Tisch an der Treppe 
hinüber. Das Gesicht der Frau war bleich wie ein Laken. Der 
Mann glitt um den Tisch herum und kam mit katzenhaften 
Schritten näher. 

»Jetzt reicht's uns aber«, sagte er scharf, als würde er für alle 

Gäste sprechen. »Kerle von deiner Sorte brauchen wir hier 
nicht, Mister. Was geht's dich an, wer hier war und wer nicht? 
Trink aus und verschwinde.« 

Larry lächelte schmal und freudlos, als er fragte: »Was 

sonst?« 

»Sonst packe ich dich und werfe dich hinaus, du 

Coltschwinger«, brüllte der andere. 

»Nein«, erwiderte Larry nur und nahm einen weiteren 

kleinen Schluck. 

Hugh Sanders blieb stehen, als wäre er vor eine Mauer 

geprallt. Diese ruhige Gewißheit in diesem einen Wort machte 
den Soldaten unsicher. Er fing sich wieder, dachte an sein 
Trumpf-As und wußte auf einmal, daß er diesen fremden 
Revolvermann schlagen konnte. 

»Nein? Du Narr, ich habe schon ganz andere Kerle 

fertiggemacht, als dich«, erwiderte Hugh. 

Er mußte auf diesem Weg weitergehen. Es war wichtig, daß 

der Fremde nicht erfuhr, wer mit Haggerty losgezogen war. 
Denn Lily würde sicher nicht den Mund halten, wenn dieser 
hartgesichtige Pilger sie bedrohte. 

»Gut, dann versuch es doch«, sagte Osborne kalt. 

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Er wußte, daß er sich mit dem Kerl schießen mußte. Und 

Larry rechnete mit einem hinterhältigen Trick. Denn dieser 
Mann sah nicht so aus, als wäre er ein gleichwertiger Schütze. 

»Wie du willst«, erwiderte Hugh Sanders. 
Er griff zum Revolver, und als er die Holzschalen berührte, 

hielt er plötzlich ein Bowie-Messer in der Linken und warf die 
schwere Klinge aus dem Handgelenk heraus. 

Larry steppte blitzschnell zur Seite, zog flüssig und glatt und 

drückte ab, als der andere seine Waffe gerade hochschwang. 

Sanders war sofort tot. 
Wie gelähmt blickten die übrigen Gäste den blonden 

Fremden an, der scheinbar eiskalt die Hülse aus der Trommel 
stieß und eine neue Patrone hineinschob. 

Nachdem Osborne den Colt gehalftert hatte, ging er zum 

Tisch neben der Treppe. Lily stand auf, trat zurück, versuchte, 
sich in der dunklen Ecke zu verkriechen, aber es gab keinen 
Fluchtweg für sie. 

Larry lächelte und sagte: »Du bist Lily, nicht wahr?« 
Das Girl nickte nur. Seine Augen schimmerten, zeigten die 

Angst, die das Mädchen empfand. 

»Gehen wir, Lily, ich heiße Larry. Ist doch nett, oder? Lily 

und Larry, ja, das hört sich gut an. Komm jetzt.« 

Die junge Frau blickte zu Boden, als sie langsam um den 

Tisch herumging. Osborne wartete, bis sie neben ihm stand und 
begleitete sie zur Tür, deren Flügel er höflich aufhielt. 

Ohne daß sie ein Wort wechselten, führte das Mädchen den 

fremden Coltmann zu ihrem kleinen Haus am Stadtrand. 

Mit zitternden Fingern sperrte Lily auf. Sie hatte Angst. 

Angst vor diesem eiskalten, harten Burschen. Er würde sicher 
nicht zögern, aus ihr herauszuprügeln, was sie wußte. 

Lily ging in die Küche, stützte sich mit einer Hand auf den 

einfachen Tisch und atmete schwer. 

Osborne trat hinter ihr ein und schloß die Tür. 
»Warum«, fragte das Girl krächzend und schluckte. »Warum 

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wollen Sie Haggerty umbringen, Mister? Er ist doch ein guter 
Mann.« 

Larry lächelte und erwiderte: »Du weißt also, wer der 

Bursche war. Ich wette, du weißt noch eine Menge mehr, Lady. 
Rück schon raus damit.« 

»Ich habe ihm Laudanum in den Whisky gegeben«, 

murmelte Lily. 

»Hugh Sanders wollte das so. Er hatte im Saloon den Scout 

erkannt. Und die Soldaten prahlten am Tresen damit, wie sie 
die Apachen niedergemacht hatten. Hugh gehörte auch zu 
ihnen, aber er tauchte immer ohne Uniform in Eureka Springs 
auf. Er war so was wie ein Spion für seinen Captain. Und 
Haggerty könnte ihnen alles durcheinanderbringen, sagte 
Hugh.« 

Larry dachte angestrengt nach. Tatsache war, daß die 

Soldaten den ehemaligen Chiefscout weggeschleppt hatten. 
Aber fanden sie auch seine Papiere? Wußten sie, daß John 
Haggerty direkt im Auftrag des Generals handelte? 

»Los, weiter, da ist doch noch was«, sagte Osborne hart. 
Lily stieß sich von der Tischkante ab und zerrte am Schrank. 

Knirschend rutschte er ein Stück nach vorn. Argwöhnisch sah 
Larry zu, wie das Girl in die Lücke griff. Und als sie die Hand 
zurückzog, hielt Osborne seinen Colt schußbereit in der 
Rechten. 

»Keine Waffe«, sagte Lily, »nur Papiere. Haggertys Papiere. 

Ich fand sie, ehe die Soldaten mit Hugh kamen. Ich ließ dem 
Mann nur seine Entlassungsurkunde.« 

Larry starrte das Mädchen an und fragte: »Warum hast du 

das getan?« 

»Ich weiß nicht«, murmelte sie. »Ich weiß überhaupt nicht 

viel, nur, daß Sanders mit seinem Captain eine schmutzige 
Sache unternimmt. Und ich wollte nicht am Tod eines 
Menschen schuldig sein. Darum versteckte ich diese 
Unterlagen.« 

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Osborne halfterte den Colt und nahm die Papiere entgegen. 

Dabei verlor der junge Kämpfer nichts von seiner 
Wachsamkeit. Er blätterte in den Unterlagen und war 
beeindruckt. 

»Lady«, sagte er, »du hast Haggerty wahrscheinlich das 

Leben gerettet. Und wenn alles so ist, wie Cochise denkt, hängt 
es an einem Haar, ob die Apachen jeden Weißen umbringen 
oder nicht.« 

Entsetzt fragte Lily: »Cochise? Der oberste Häuptling aller 

Apachen?« 

Statt zu antworten ging Osborne zur Tür, öffnete sie und 

sagte laut: »Kommt herein. Es ist alles in Ordnung, denke ich.« 

Wie aus dem Boden gewachsen tauchten zwei Gestalten auf. 

Ein geradezu riesiger Indianer trat zuerst ein. Seine schwarzen 
Augen musterten Lily prüfend. 

Hinter dem muskulösen Mann schritt die schönste Frau, die 

Lily jemals gesehen hatte, in ihr kleines Blockhaus. Das 
Flittergirl konnte keinen Blick von Tla-ina abwenden, und es 
machte überhaupt nichts, daß sie eine Indianerin war. 

»Wir haben gehört«, sagte der Jefe. »Der Falke ist noch nicht 

in Gefahr. Gut. Ich muß nachdenken. Wo ist das Pferd des 
Falken?« 

»Im Mietstall«, flüsterte Lily und sah zu Boden. »Mir fällt 

noch etwas ein. Hugh Sanders sagte einmal, daß alle Männer 
der Schwadron Sträflinge seien. Mehr weiß ich aber wirklich 
nicht.« 

Larry pfiff schrill und sagte anschließend: »Das ist die 

Erklärung, Chief.« 

Cochise sah den Revolverkämpfer verwundert an. 
»Die Soldaten sind zu einer Strafschwadron 

zusammengestellt«, erklärte Larry. »Sie bekommen die 
schwersten Aufgaben, müssen ständig ihr Leben aufs Spiel 
setzen, um sich so zu bewähren, damit sie wieder ihre Ehre 
zurückerlangen.« 

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Der Häuptling begriff nach diesen Worten sofort. 
Grimmig sagte er: »Und ihr Captain will ihnen diese 

Möglichkeit geben. Er läßt Apachenkrieger in die Falle locken, 
die Männer töten und prahlt vor seinem Chief mit diesen Taten. 
Weiß der Mann denn nicht, daß er einen Krieg damit auslöst? 
Der Große Geist muß sein Gehirn verwirrt haben.« 

Tla-ina sah sich neugierig um. Sie kannte kaum die 

Behausungen der Bleichgesichter, und alles erschien 
unzweckmäßig. Wo konnte man denn einem Hasen, das Fell 
abziehen? Wo warf man die Federn hin, wenn die Krieger ein 
Wermuthuhn brachten? 

Nein, ein solches Jacale war nicht nach dem Geschmack der 

Apachen-Squaw. 

»Schwester, du bleibst hier«, befahl Cochise. »Larry 

Osborne, du bist als Kämpfer bekannt geworden.« 

Der Jefe lächelte als er das sagte und nickte dem 

Revolvermann zu. 

»Du hast richtig gehandelt, Larry Osborne«, fuhr der Chief 

fort. »Denn der tote Mann ist dieser Sanders. Wenn er seinem 
Captain Nachrichten gebracht hätte, wäre das Leben des Falken 
nichts mehr wert. Du bleibst auch hier, Larry Osborne. Meine 
Schwester ist zwar so gut wie jeder Krieger der Chiricahuas, 
aber es ist besser, daß ein weißer Mann in der Nähe wacht. 
Zuvor möchte ich der weißen Squaw danken. Sie hat umsichtig 
gehandelt, und ich bitte sie, meiner Schwester und dir 
Gastfreundschaft zu gewähren.« 

Lily wußte nicht, wie ihr geschah. 
Dieser mächtige Indianer sprach wie ein großer Mann, ein 

Senator oder ein Fürst aus dem weit entfernten Europa. Er 
strahlte Würde und Sicherheit aus. Er schien alles zu wissen 
und zu erkennen. 

»Selbstverständlich, Häuptling«, stammelte das Flittergirl. 

»Deine Schwester und Mr. Osborne sind willkommen.« 

Cochise lächelte, nahm Larry die Papiere aus der Hand und 

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schritt zur Tür. 

»Moment mal, Chief«, sagte Osborne. »Wie geht's jetzt 

weiter? Was hast du vor? Ich will helfen, John Haggerty zu 
befreien. Ich kämpfe dafür, daß kein Krieg zwischen uns 
ausbricht, wenn es sein muß.« 

Cochise sah Larry ernst an und sagte langsam: »Du gehörst 

zu den wenigen weißen Männern, die gerecht denken und 
gerecht handeln. Du bist so wie Hellauge, wie der Falke. Und 
ich bin froh, daß es Männer wie dich gibt. Denn nur sie helfen, 
das Blutvergießen zu vermeiden. Ich reite jetzt, Larry Osborne. 
Ich befreie den Falken. Gemeinsam werden wir den Verräter 
stellen und nach dem Gesetz der Apachen bestrafen. 
Anschließend muß der Falke mit den Jefes der Pferdesoldaten 
sprechen. Und ich glaube, daß dies eine schwere Aufgabe sein 
wird. Wir kehren zurück, sobald der Zwist beigelegt ist. 
Beschütze die Squaws, Larry Osborne. Und vergiß nicht, daß 
die eine das Leben des Falken rettete und die andere meine 
Schwester ist, die den Falken liebt.« 

Das war eine lange Rede für Cochise. 
Er glitt aus dem Haus, verschwand, als hätte ihn die 

zerrissene, ausgetrocknete Erde verschluckt. 

Scheu blickte Lily die Apachin an. Tla-ina lächelte, trat 

neben die Weiße und sagte stockend in der fremden Sprache: 
»Zeig mir, was eine weiße Frau tut.« 

Tla-ina verstand nicht, warum Larry Osborne sarkastisch 

lachte. Aber auch er wunderte sich in den nächsten Stunden. 
Denn Lily erwies sich als Mensch, der sich mit den Dingen des 
täglichen Lebens genausogut auskannte, wie mit den Männern, 
denen sie ihre Dollars verdankte. 

Captain Joshua Hagman ritt drei Längen vor seiner Schwadron. 
Der Offizier brütete über den Worten, die er in seine Berichte 

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schreiben wollte. Die Situation war schwierig. Einmal mußte 
jetzt schon erscheinen, daß sich die Strafabteilung 
hervorragend geschlagen hatte, und zum zweiten durfte nichts 
darauf hinweisen, daß die Gefechte provoziert waren. Ja, daß 
sie von Nepatana geradezu herbeigeführt worden waren. 

Sergeant Kenney trieb sein grobschlächtiges Pferd an, bis er 

neben dem Captain ritt. Weder Hagman noch Kenney waren 
strafversetzt. Sie hatten die schwierige Aufgabe übernommen, 
die Strafschwadron zu leiten. 

»Sir«, sagte Kenney respektvoll, »wenn ich einen Vorschlag 

machen dürfte?« 

Hagman sah den Unteroffizier an und stellte bei sich fest, 

daß er mehr denn je einem gereizten Bullen glich. 

»Los, raus mit der Sprache, Kenney«, forderte der Captain 

seinen Sergeanten auf. 

»Sir, es erscheint mir sinnvoll, wenn Sie in Ihren Berichten 

schildern, daß uns die Apachen überraschend angriffen. Mir ist 
klar, Sir, was Sie vorhaben. Die meisten Männer in der 
Schwadron sind gute Soldaten, die einmal über die Stränge 
schlugen. Sie müssen sich bewähren, um wieder normalen 
Dienst tun zu dürfen. Und darum denke ich, daß die Kämpfe 
mit den roten Kriegern so geschildert werden sollten. 
Entschuldigen Sie bitte, wenn ich meine Meinung so offen 
vortrage, Captain.« 

Hagman atmete auf. Sergeant Kenneys Worte bestärkten ihn 

in seinem Entschluß, die Kämpfe mit den beiden 
Apachenhorden so zu schildern, wie der Unteroffizier 
vorschlug. 

Natürlich hatte Hagman keine Ahnung von der Tatsache, daß 

Kenney vom Kommandanten des Fort Grant eine ganz 
besondere Aufgabe erhalten hatte. 

Richard Kenney sollte ein privates Tagebuch führen, das er 

auf Anforderung des Colonels vorlegen mußte. Und der Befehl 
lautete, daß der Unteroffizier sorgfältig jegliche Tatsachen 

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aufzeichnen sollte. 

Captain Hagman saß gelassen im Sattel und führte die 

Strafschwadron zum Fort zurück. 

Endlich sah er die Palisaden in der Ferne. Das Sternenbanner 

flatterte im leichten Nachmittagswind. 

In vorbildlicher Haltung ritten die Kavalleristen in 

Doppelreihe auf das Tor zu. Der Posten gab sein 
Trompetensignal. Die schweren Flügel schwangen auf, aber 
niemand stand auf dem Appellplatz, um die zurückkehrende 
Schwadron zu begrüßen. 

Hagman preßte die Lippen zusammen. Diese Situation störte 

ihn ungeheuer. Als freiwilliger Führer der Ausgestoßenen 
nahm er wenigstens für sich in Anspruch, den normalen 
militärischen Regeln unterworfen zu sein. Aber das sah das 
Reglement nicht vor. 

»Absitzen!« befahl der Captain. »Die Tiere sind zuerst zu 

versorgen. Anschließend kann sich die Mannschaft 
zurückziehen. Die Alarmbereitschaft bleibt bestehen. Vergeßt 
nicht, wo ihr seid!« 

Schweigend saßen die Männer der Strafschwadron ab. Sie 

kümmerten sich um ihre Gäule, blickten nicht nach links und 
rechts, wußten, daß sie unter den normalen Soldaten Geächtete 
waren, die nur zu Besuch in Fort Grant verweilen durften. 

Denn bewährten sich die Sträflinge, die alle gegen das 

Militärgesetz verstoßen hatten und verurteilt waren, durften sie 
in den normalen Dienst der Kavallerie zurückkehren. 

Eine Ordonnanz rannte über den Appellplatz, baute sich vor 

Hagman auf, salutierte, und der junge Korporal sagte: »Sir, der 
Kommandant wünscht Sie zu sprechen.« 

»In Ordnung«, erwiderte Joshua Hagman. »Ich wasche mich, 

ziehe eine saubere Uniform an und melde mich beim Colonel.« 

Verwundert blickte der Captain den Korporal an, der noch 

immer vor ihm stand und steif salutierte. 

»Was ist denn, Mann, verschwinden Sie, zittern Sie ab!« 

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sagte Hagman. 

»Verzeihung, Sir, der Kommandant möchte Sie sofort 

sprechen«, preßte der Korporal heraus. 

Hagman staunte und fragte: »Ist das der ausdrückliche Befehl 

des Colonels?« 

»Jawohl, Sir!« schmetterte der Korporal. 
»Gut, gehen Sie voraus!« befahl Hagman und verbarg seine 

Unruhe. 

Was wollte Colonel Kilgore von ihm? Sicher, Hagman war 

zum erstenmal länger als einen Tag mit der Strafschwadron 
unterwegs gewesen. Aber konnte das ein Grund sein, sich 
unverzüglich beim Kommandanten des Forts zu melden? 

Der Korporal hielt dem Captain die Tür zur Kommandantur 

auf. Hagman marschierte ins Allerheiligste und salutierte. 

»Ihre Meldung, Captain«, forderte der Colonel. »Immerhin 

waren sie länger als drei Tage mit diesem Verbrecherhaufen 
unterwegs. Ich bin immer noch der Meinung, daß diese Horde 
nichts in unserem Krisengebiet zu suchen hat.« 

»Sir, keine besonderen Vorkommnisse«, erwiderte Hagman. 

»Ich habe einen Scout angeworben für meine Schwadron. Es 
ist der Pinaleno-Farmer, der bisher das Fort mit Mais, Getreide 
und Fleisch belieferte.« 

»Ah, Nepatana, der Träumer«, sagte Colonel Kilgore. »Wie 

haben Sie das geschafft?« 

Hagman lächelte und antwortete: »Ich habe ihm erzählt, daß 

meine Männer sehr schnell in Zorn geraten und seine Farm 
abbrennen könnten. Er war sofort bereit, für mich als 
Kundschafter zu reiten. Und wir waren froh, daß der Kerl für 
uns spähte.« 

Kilgore beherrschte sich. Diese Methoden mochte er nicht. 

Eigentlich müßte er dem Hauptmann einen gewaltigen Rüffel 
erteilen. Aber der letzte Satz hatte den Kommandeur neugierig 
gemacht. 

»Los, erzählen Sie«, sagte er. 

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»Wir wurden zweimal in Kämpfe verwickelt«, sagte 

Hagman. »Zuerst stießen wir auf eine Rotte von Chiricahuas, 
zehn Krieger. Sie griffen sofort an und brüllten ihr Zastee, als 
ob sie im Rausch wären. Einen Tag später rannten zwanzig 
Mimbrenjos gegen uns an. Ich weiß wirklich nicht, was in den 
Köpfen dieser Spinner vorgeht, Sir. Mit zehn oder zwanzig 
Kriegern gegen eine ganze  Schwadron vorzugehen, ist doch 
verrückt.« 

Colonel Kilgores Gesicht blieb unbewegt. Auf einmal hatte 

er jedoch das Gefühl, fürchterliche Kopfschmerzen zu 
bekommen. Irgendwas stimmte an dem Bericht des Captains 
nicht. Und Kilgore würde auch herausfinden, was der 
Schwadronführer verschieg. Immerhin war da noch Sergeant 
Richard Kenney. 

»In Ordnung, Captain, ich denke, Sie haben richtig 

gehandelt«, sagte der Kommandeur. »Niemand kann von 
unseren Reitern verlangen, daß sie sich von den Apachen 
abschlachten lassen.« 

Kilgore starrte ein paar Sekunden auf die Tischplatte und 

überlegte. 

»Wenn sich die Männer bewähren«, fuhr er fort, »befürworte 

ich ihre Überstellung in normale Kompanien. Sagen Sie ihnen 
das, Hagman.« 

Der Hauptmann konnte seinen Triumph nicht unterdrücken. 

Genau das wollte er erreichen. Diese Worte hatte er erwartet. 

Er bemerkte nicht, daß ihn der Colonel aus den 

Augenwinkeln genau beobachtete und deutlich den Triumph 
sah. 

Hagman salutierte und vollführte eine exakte Kehrtwendung 

wie auf dem Exerzierplatz und marschierte davon. 

Der Korporal hielt ihm die Tür auf. Also hatte der Bursche 

gelauscht. Nicht nur das. Er trat unaufgefordert in das Zimmer 
des Colonels und setzte sich auf den Besucherstuhl. 

»Ihre Vermutung trifft offenbar zu«, sagte der Korporal und 

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zündete sich eine Zigarette an. 

»Sieht so aus, Brent«, murmelte Kilgore. »Es war eine 

verdammte Idee von Sherman, gerade uns im Südwesten die 
verfluchte Strafabteilung in den Pelz zu setzen. Das paßt doch 
alles zusammen, Mann. Hundertzwanzig Reiter, die Dreck am 
Hosenboden haben, verurteilt sind, die sich bewähren müssen. 
Dazu ein ehrgeiziger Kerl wie Hagman, den ich bisher ruhig 
halten konnte. Das gibt gewaltigen Ärger, Brent.« 

»Was ist mit Sergeant Kenney, Sir?« fragte der Korporal, der 

in Wirklichkeit ein Lieutenant aus dem Hauptquartier General 
Shermans war. 

Die Verlegung einer kompletten Strafschwadron in den 

Südwesten war eine Idee des Indianerhassers gewesen. Er 
glaubte, daß die Verurteilten wie die Teufel gegen die Apachen 
vorgehen würden. 

Kilgore kritzelte etwas auf ein Stück Papier und reichte es 

über die Tischplatte. 

»Suchen Sie Kenney«, befahl der Colonel. »Er soll Ihnen 

berichten. Ich will alles wissen, die Tatsachen, Brent!« 

Und als der junge Lieutenant, der in Fort Grant Ordonnanz 

und Schreiber des Colonels spielte, nach einer Stunde 
berichtete, hieb Kilgore seine rechte Faust auf den 
Schreibtisch. 

»Dieser Idiot!« brüllte der Oberst, »ich lasse ihn an die Wand 

stellen! Wissen Sie, was das bedeutet? Krieg, Brent, einen 
dreckigen, gemeinen Krieg, der voller Grausamkeiten sein 
wird. Was glauben Sie, unternimmt Old Vic, wenn der 
entkommene Mimbrenjo ihm erzählt, daß die Pferde Soldaten 
Apachentrupps in die Falle locken und niedermachen?« 

Lieutenant Brent war mehr als besorgt. Er kannte die 

Situation im Südwesten genau und wußte, daß diese beiden 
Gemetzel an Apachen den schwelenden Konflikt wieder 
auflodern lassen konnten. 

»Wir müssen Haggerty finden«, drängte Brent. »Nur er kann 

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helfen. Wenn er Cochise holt, vermeiden wir vielleicht den 
Krieg.« 

Kilgore lachte hart auf und erwiderte: 
»Eines Tages hat auch der große Cochise die Nase von uns 

voll. Er kann doch nicht immer nur nachgeben. Er verliert sein 
Gesicht vor den anderen Stämmen. Und wie sollen wir den 
Exscout finden? Sie haben doch selbst berichtet, daß Nepatana 
den Mann an sicherer Stelle untergebracht hat. Oh, Mann, 
welch eine riesige Schweinerei. Wie sollen wir da bloß wieder 
rauskommen?« 

Der Krieger hing mehr auf dem Mustang, als daß er saß. 
Schlangentöter spürte, wie das Leben, wie seine Kraft aus ihm 
herausrann. Er wußte, daß er niemals seinen eigenen Stamm 
erreichte. Victorio würde nicht erfahren, daß der Träumer sich 
gegen die eigenen Rassegefährten gewandt hatte. 

Nepatana hatte schon vor Jahren merkwürdige Worte 

gepredigt, davon gefaselt, daß sie mit den Weißen in Frieden 
zusammenleben müßten. Die meisten Krieger hatten 
verständnislos diesen Worten gelauscht und den Träumer 
anschließend als Verrückten betrachtet. 

Er verließ endlich seinen Stamm und lebte wie ein Weißer 

als Farmer und Viehzüchter. Er machte sogar Geschäfte mit 
den Eroberern. 

Schlangentöter wußte, daß die Pinaleno-Apachen in diesen 

Bergen lagerten. Dies war ihre Heimat, und vor einigen 
Wintern war er im Dorf der Vettern gewesen. 

Er mußte sie erreichen. Denn bis zu Victorio und den 

Mimbrenjos war der Weg zu weit. Der schwer verwundete 
Krieger wußte, daß Bù, der Bote, der die Seele eines Apachen 
ins jenseitige Land brachte, bereits unsichtbar über seinem 
Kopf schwebte. Es dauerte nicht mehr lange, bis der 

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schreckliche Vogel sichtbar wurde. 

Schlangentöter zupfte am Graszügel. Der Mustang blieb 

stehen. Angestrengt lauschte der Apache auf das keuchende 
Atmen des Pferdes. Als er sich zur Seite beugte, wäre er 
beinahe vom Rücken des Tieres geglitten. Zwei breite, 
blutverkrustete Streifen zogen sich über die Flanke des Ponys. 
Es schien viel Blut verloren zu haben. 

Der Mimbrenjo überlegte, ob er ein Signalfeuer anzünden 

sollte. Aber dann fiel ihm Nepatana ein, und Schlangentöter 
verzichtete auf den Notruf. Denn der Träumer würde zuerst in 
die Nähe kommen. Und das wäre das Ende des sterbenden 
Apachen. Er hätte keine Chance mehr, die Pinalenos vor dem 
Verräter zu warnen. 

Langsam stapfte der Mustang weiter, als er den schwachen 

Druck der Hacken in seinen Seiten spürte. 

Dichte Kiefernkronen beschatteten den Boden. Vereinzelt 

schimmerten die braunen herabgefallenen Nadeln in goldenen 
Sonnenflecken, die durch die Kronen der Bäume drangen. 

Zerklüftete Felsen ragten über einen Windbruch. Die 

Stämme lagen wirr durcheinander. Ein Wintersturm hatte sie 
entwurzelt und wie dünne Späne geknickt. 

Als Flügel aufrauschten, hob der Mimbrenjo den Kopf. Die 

Umgebung verschwamm vor seinen Augen. Aber er entdeckte 
doch die große Eule, die aus dem Gewirr der Äste aufgestiegen 
war. 

Bù, der Todesbote, flog langsam vor dem Krieger her. 
Schlangentöter wußte, daß es an der Zeit war. Er holte tief 

Luft und sang mit spröder Stimme die ersten Worte seines 
Sterbegesangs. Allmählich wurde seine Stimme fester, 
sicherer. Aus irgendeiner verborgenen Quelle strömte noch 
einmal Kraft in den Körper des Apachen. Er fühlte sich leicht 
und merkwürdig stark, und wußte doch, daß dies der Tod war, 
der in ihm kroch. 

Bald ritt er im jenseitigen Land auf einem prachtvollen 

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Mustang hinter den weißen Hirschen her und erlegte sie mit 
neuen, kostbaren Waffen. 

Das Pony hörte die Worte seines Reiters, spürte keinen 

Schenkeldruck mehr und suchte sich selbst seinen Weg. 

Zwischen Beerensträuchern und Maulbeerbäumen 

marschierte das Tier durch, durchquerte noch einen 
Kiefernwald und knickte zwischen den letzten Bäumen mit 
beiden Vorderbeinen ein. 

Ein klägliches Wiehern durchbrach die Stille. Der Atem ging 

schnarchend rauh, und Schlangentöter prallte zu Boden, ohne 
daß er einen Schmerz verspürte. 

Die Eule segelte mit lautlosem Flügelschlag über den 

sterbenden Krieger, kreiste und stieß einen schaurigen Ruf aus. 

Der Mimbrenjo sang weiter. Er wußte, daß Usen, der große 

Geist der Apachen, nicht zuließ, daß die Pinalenos gewarnt 
wurden. 

Plötzlich klatschten die Flügel des Vogels laut. Er wurde 

schneller, und verschwand zwischen einigen dichten 
Kiefernkronen. 

Drei rote Männer glitten aus dem Unterholz. Schweigend 

verharrten sie vor dem sterbenden Rassegenossen, 
respektierten sein Todeslied. 

Und als Schlangentöter endlich die letzten Worte gesungen 

hatte, sah er die Pinalenos. 

Lächelnd flüsterte er: »Brüder, Usen ist gerecht. Ich bin 

verraten worden. Ein Mann eures Stammes steht im Dienst der 
Bleichgesichter. Euer Jefe soll ihn jagen und töten, wie es das 
Gesetz verlangt. Sein Name ist Nepatana, und er will seinen 
Traum wahrmachen. Er führte zwanzig Krieger der 
Mimbrenjos vor die Gewehre der Pferdesoldaten. Und alle 
zwanzig Seelen werden bald im Land des Todes sein.« 

Die Pinalenos starrten den Sterbenden an, und der Anführer 

der drei Männer sagte: »Brüder, wir bringen dich zu unseren 
Jacales. Du mußt deine Worte vor unserem Jefe wiederholen.« 

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Schlangentöter schüttelte leicht den Kopf und antwortete: 

»Ich gehe ins Land der Seelen ein, ehe wir euer Dorf erreichen. 
Bù wartet bereits in den Kiefern, Freunde. Ich bin zufrieden. 
Mein Sterbegesang ist gesungen, und Usen weiß, daß ich ein 
tapferer Krieger war.« 

Schlangentöter lag reglos. Die Kraft hatte ihn verlassen. Alle 

drei Pinalenos zuckten zusammen, als die Eule aufstieg, über 
die Lichtung segelte und mit kräftigen Flügelschlägen nach 
Westen flog. 

Der Mimbrenjo war tot. 
»Wir nehmen ihn mit«, entschied einer der drei. »Er soll 

nach den Gebräuchen der Apachen begraben werden.« 

»Nepatana«, sagte ein anderer grimmig. »Er ist wie der Zahn 

einer Giftschlange. Kommt, Brüder. Der Chief muß erfahren, 
was der Mimbrenjo gesagt hat. Und wenn es stimmt, dann wird 
der Träumer unter Martern sterben.« 

Cochise streifte durch die Bergwälder. Die unbeschlagenen 
Hufe des Pintos verursachten kein Geräusch auf den Moosen 
und Kiefernnadeln. Aufmerksam spannte der Jefe all seine 
Sinne an, lauschte auf die Geräusche der Natur, roch in den 
leichten Wind und musterte jeden Felsen, jeden Baum und 
jeden Strauch. 

Plötzlich zügelte er den Schecken und blickte zu Boden. 

Kaum sichtbar zeichneten sich im feuchten Moos Hufspuren 
ab. Eine Rotte Krieger war hier vorbeigezogen. Cochise 
schätzte die Horde auf ungefähr zwanzig Männer. Die Fährte 
war einige Stunden alt, lag für ihn aber genauso da, als wären 
die Apachen erst vor Minuten vorbeigeritten. 

Der Chief zupfte am Graszügel, leitete seinen Mustang in die 

neue Richtung und folgte der Spur. Nach einer Weile erreichte 
Cochise das Tal, in dem die Soldaten die Mimbrenjos 

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niedergemetzelt hatten. 

Forschend blickte der hochgewachsene Häuptling zu den 

Bäumen an den Hängen, sog prüfend die Luft ein und roch den 
Tod, der in diesem Tal seine blutige Ernte eingebracht hatte. 

Unbewegten Gesichtes ritt Cochise weiter. Er sah die 

Mimbrenjos, zählte achtzehn Krieger und starrte ausdruckslos 
auf die Toten. Eine Fährte führte aus dem Tal hinaus. Das Pony 
war galoppiert. Blutspuren bewiesen dem Chiricahua-
Häuptling, daß entweder das Pferd oder der Reiter verwundet 
war. 

Ein Mimbrenjo war also dem grausamen Abschlachten 

entkommen. Denn anders konnte man die Vernichtung der 
Kriegerhorde nicht nennen. Cochise störte nicht die Art, wie 
die Kämpfer zu Tode gekommen waren. Er trauerte vielmehr 
um die Männer seiner Rasse. Es wurden ständig weniger. Und 
gerade die Mimbrenjos unter Victorio wollten nicht nachgeben, 
konnten nicht mit den Weißen in Frieden leben. 

Der Jefe trieb seinen Pinto an, ritt durch das Tal. Ein 

Dutzend Ponys graste zwischen den Büschen. Cochise fing 
eines der Tiere ein. Wenn er Haggerty fand, brauchte der Falke 
ein Pferd. 

Der Apachenführer stieß auf die Spur eines einzelnen 

Reiters. Der Mann hatte sich keine Mühe gegeben, seine Fährte 
zu verbergen. Ein sicherer Instinkt leitete den Häuptling zum 
Graham Peak, dem höchsten Gipfel der Pinaleno Mountains, 
der über zehntausend Fuß hoch aufragte. 

Und dort fand er die gleiche Fährte wieder. Das Pony hatte 

eine große Last getragen, zwei Reiter vielleicht? 

Besorgt blickte Cochise auf die Hufabdrücke. Wenn der 

Falke tot war, wenn sein Körper in irgendeiner Felsspalte lag, 
war es um den Frieden geschehen. Denn so, wie der große 
Chief die Apachen halbwegs ruhig hielt, so arbeitete Haggerty 
bei den Weißen. Es gab unter Offizieren der Pferdesoldaten 
erbarmungslose Indianerhasser, die am liebsten mit Kanonen 

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und Gatling Guns die gesamte Bergwelt in Trümmer 
geschossen hätten. 

Langsam marschierte der Pinto auf der Fährte des einzelnen 

Indianers. Der Weg führte bergauf. Die Kiefern wuchsen nicht 
mehr so hoch, hörten ganz auf und machten Krüppelgewächsen 
Platz, die wie ein kniehoher Strauchwall den Boden bedeckten. 

Ein Gesteinsband führte fast waagerecht nach Westen. Ohne 

Zögern ließ Cochise seinen Mustang auf diesem Felsenweg 
reiten, der plötzlich endete. 

Geschmeidig saß der Häuptling ab, trat an die Kante und 

blickte in den Talkessel. 

Gras wucherte unten. Ein kleiner Wasserlauf ließ alle 

möglichen Kräuter wuchern. Und dort unten saß der Falke! 

Er blickte auf ein Bündel Trockenfleisch und Pemmikan. 
Warum hatte der einzelne Krieger den weißen Mann nicht 

getötet, sondern in dieses natürliche Gefängnis gebracht? 

Der Jefe entdeckte zahlreiche Löcher in den Wänden des 

Felskessels. Und er sah auch die winzigen Spuren der 
Klapperschlangen. Der Falke saß in der Falle. Er konnte nicht 
wie sein Namenstier die Flügel ausbreiten und hinauffliegen. 

»Sage mir, mein Bruder«, fragte Cochise laut und etwas 

spöttisch, »warum du dich dort unten versteckst? Ist dir meine 
Freundschaft nicht mehr genug, Falke?« 

Haggerty sprang nach den ersten beiden Worten bereits auf 

und starrte zu den Talkanten hinauf. Cochises mächtige Gestalt 
hob sich gegen den hellen Hintergrund ab. 

Erleichtert antwortete John: »Jefe, steige die Löcher herab, 

und du spürst, warum ich mich nicht selbst befreit habe.« 

»Ich weiß, daß du nicht mit den Giftwürmern sprechen 

kannst«, antwortete der Häuptling. »Aber sie sind auch so 
gereizt. Warte ein wenig, Falke, ich ziehe dich hoch.« 

Innerhalb weniger Minuten hatte der Chiricahua ein paar 

lange Lederriemen zusammengeknotet und ließ sie hinab. 
Haggerty knüpfte die Schlinge, die er sich um den Oberkörper 

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 78

legte. 

Fast mühelos zog Cochise seinen weißen Freund Hand über 

Hand hoch. Endlich schwang sich John über die Felskante, 
stand auf und legte dem Jefe die Linke auf die Schulter. 

»Du bist mein Bruder«, sagte Haggerty, »mein Leben gehört 

dir. Erzähle, was geschieht hier eigentlich?« 

Cochise saß auf, und auch Haggerty schwang sich auf das 

Pony, das der Chief mitgebracht hatte. Es scheute etwas, denn 
der Geruch des Weißen störte das Tier. 

Während die Freunde zurückritten, berichtete der Häuptling. 
»Eine Strafschwadron, so eine Verrücktheit«, stieß John 

hervor. »Nur ein Narr kann auf solch eine Idee kommen.« 

»Oder ein Weißer, der die Apachen mit den Banditen seiner 

Rasse bekämpfen will«, erwiderte Cochise ernst. 

Widerwillig nickte Haggerty. Ja, auch das war möglich. Und 

wenn der Indianerfresser Sherman dahintersteckte, bekam die 
Strafschwadron im Südwesten einen Sinn. 

»Lily«, sagte John grimmig, »sie hat mir etwas in den 

Whisky gekippt. Die ganze Geschichte ist abgekartet. Als der 
Kerl bei ihr hörte, wie der Soldat mit den toten Chiricahuas 
prahlte, als er mich erkannte, handelte er sofort. Gar nicht so 
ungeschickt, der Bursche. Aber wie ich in dieses Felsenloch 
kam, weiß ich nicht.« 

»Lily hat dir trotzdem das Leben gerettet«, sagte der Jefe und 

zog unter seinem Rehlederhemd Johns Papiere heraus. »Sie 
war so klug, diese sprechenden Blätter zu verstecken.« 

Haggerty sah die Unterlagen flüchtig durch und verstaute sie 

in seiner Jacke. Wenn er doch nur wüßte, was hinter dieser 
merkwürdigen Geschichte steckte? Eine Rotte Mimbrenjos in 
die Falle geführt und niedergemacht. Die zehn Chiricahuas, die 
auf Ulzanas Befehl gehört hatten, was bedeutete dies alles? Die 
Krieger ließen sich doch nicht von weißen Soldaten in eine 
Falle locken? Und sie waren auch nicht so verrückt, gegen eine 
ganze Schwadron offen anzukämpfen. 

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»Laß deine Gedanken, Falke«, riet der Häuptling. »Wir 

reiten zurück zu den festen Jacales. Tla-ina wartet, und Larry 
Osborne wollte auch für dich kämpfen. Dein Pferd hat der 
Coltmann inzwischen sicher geholt. Wir reiten zum Fort Grant. 
Der Offizier dort muß wissen, was vorgeht.« 

Je weiter sie nach Westen kamen, desto stärker verspürte 

Haggerty eine merkwürdige Unruhe in sich. Auch der Jefe 
blickte ständig in Richtung Sonnenuntergang und wirkte nicht 
sonderlich gelassen, obwohl er dies zu verbergen suchte. 

Auf einmal zügelte Cochise seinen Mustang und wandte den 

Kopf. Haggerty brachte sein Pony zum Stehen und lauschte 
ebenfalls, konnte jedoch nichts hören. 

»Schüsse, Falke«, sagte der Jefe. »Sie fallen im Westen.« 
Nach wenigen Schritten jagten die Mustangs in wilder 

Karriere auf Eureka Springs zu. Denn Cochise und John 
vermuteten, daß Larry Osborne, Tla-ina und Lily bis zum Hals 
in Schwierigkeiten steckten. 

Der Häuptling und Haggerty verhielten ihre Tiere auf einem 

Hügel. Von der Kuppe aus konnten sie die Stadt erkennen. Alle 
Straßen waren wie leergefegt. Nirgendwo regte sich etwas. Nur 
aus dem Haus am Stadtrand flammten Mündungslichter auf. 

Von drei Stellen aus wurde das Feuer erwidert. Haggerty sah 

den Chief an, der mit dem Kinn nach Norden deutete und 
seinem Schecken die Hacken in die Flanken hieb. 

John würde von Süden angreifen. 
Eine Winchester hämmerte in rasender Folge. Die Tür des 

Hauses flog auf. Osborne hetzte im Zickzack ins Freie, rollte 
sich zusammen und kugelte über den Boden. 

Er stach den Colt vor, feuerte dreimal und sprang hinter zwei 

große Fässer, die ihm als Deckung ausreichten. Sicher 
versuchte der Kämpfer der Postlinie, sein Pferd zu erreichen 
und die Halunken vom Sattel aus zu erwischen. 

Haggertys Hut tanzte an der Windschnur im Nacken, als er 

das Pony im Galopp zur Deckung des Angreifers trieb. Der 

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Kerl wurde durch den Hufschlag gewarnt, schnellte hoch und 
drehte sich wie eine Pantherkatze in der Luft. 

Seine Winchester spuckte Feuer und heißes Blei. Haggerty 

riß am Graszügel. Der Mustang stemmte die Vorderhufe in den 
Boden und pflügte drei Yard weit die Erde auf, ehe er 
stillstand. 

John hielt das Gewehr an der Schulter und feuerte. Eine 

Kugel genügte. Der Kerl, der die blaue Uniform der 
Yankeesoldaten trug, brach zusammen. 

Von Norden her peitschte Cochises Winchester zweimal. Ein 

gellender Schrei bewies, daß der Häuptling einen der Angreifer 
nur verwundet hatte. 

Sofort trieb Haggerty seinen Mustang an. John wollte den 

Verwundeten lebend, wollte aus ihm rausholen, aus welchem 
Grund sie die Hütte von Lily angriffen. 

Cochise verhielt seinen Pinto bereits neben dem schwer 

verletzten Soldaten. Der Kerl lag am Boden, starrte angstvoll in 
das maskenhaft starre Gesicht des großen Apachen und zitterte, 
daß die Zähne aufeinanderschlugen. 

Haggerty glitt von der Decke des Pferdes, kniete sich neben 

den Sterbenden und fragte eindringlich: »Mann, du gehst 
gleich über den Jordan. Warum habt ihr angegriffen?« 

Der Kerl holte schwer Luft und sagte undeutlich: »Wir haben 

schon lange auf Sanders gewartet. Als er nicht kam, machten 
wir uns auf den Weg. Nur Ed ist auf der Farm des Indianers 
zurückgeblieben.« 

Schweiß rann über das Gesicht des Soldaten. Die Lippen 

zuckten unkontrolliert, verzerrten sich derart, daß sie wie eine 
offene Wunde wirkten. 

»Gehört ihr zur Strafschwadron?« fragte John. 
»Sicher, was denn sonst«, keuchte der Sterbende. »Sanders 

gehörte auch dazu. Er sollte in Zivil auftreten, hier in der Stadt. 
Wir hörten von seinem Tod und kamen zu Lily. Und auf 
einmal wußten wir, was los war. Die verdammte Drei-Dollar-

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Hure Lily hat uns verraten. Die Squaw wehrte sich, als Jack 
nach ihr greifen wollte. Und dann tauchte der verfluchte 
Revolvermann auf…« 

Der Soldat bäumte sich auf, sein Körper spannte sich wie das 

Holz eines Bogens und fiel schlaff zurück. 

Der Mann war tot. 
»Nun wissen wir mehr, Falke«, sagte Cochise unbewegt. 

»Die bestraften Soldaten haben einen Plan. Reden wir mit 
Larry Osborne.« 

Der Revolverkämpfer kam hinter den Fässern hervor, grinste 
schief und lud seinen Colt auf, ehe er die Waffe halfterte. 

»Ihr seid genau zur richtigen Minute gekommen«, sagte 

Larry. »Die verdammten Halunken hätten es beinahe geschafft. 
Ohne Tla-inas Deckungsfeuer wäre ich niemals ins Freie 
gekommen.« 

John saß ab, führte das Pony hinter das Haus und begrüßte 

seinen Rappen, der freudig schnaubte. Erstaunt bemerkte 
Haggerty, daß sich der Indianermustang zwischen den Rappen 
und John drängte. Das Tier hatte Vertrauen zu dem Fremden 
mit dem unvertrauten Geruch gefaßt. 

»Gehen wir ins Haus«, sagte Haggerty. »Sind Tla-ina und 

Lily in Ordnung, Larry?« 

»Keine Sorge, Boß«, erwiderte Osborne grinsend, »Sie haben 

sich verdammt gut gehalten, sogar Lily, obwohl sie mächtig 
Angst hatte.« 

»Jeffords ist Ihr Boß, Larry«, erwiderte John lächelnd. 
»Im Moment nicht«, sagte Osborne trocken. »Jetzt sind 

entweder Sie oder Cochise der Mann, der die Befehle gibt. Und 
wer die gibt, ist mein Boß, Ist doch klar, oder?« 

Sie gingen ins Haus. Lily blickte verlegen an Haggerty 

vorbei. Er aber ging auf sie zu und sagte: »Schon gut, Lily, ich 

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trage dir nichts nach. Immerhin hast du meine Papiere in 
Sicherheit gebracht. Ich bitte dich nur darum, daß du nicht über 
meine Vollmachten sprichst. Zu keinem Menschen.« 

Tla-ina trat vor den Falken, legte ihm ohne Scheu die Arme 

um den Hals und küßte ihn, ehe sie sich eng an ihn schmiegte. 

Cochise lachte auf einmal laut und bekam dafür von Lily 

einen empörten Blick. Denn sie war immer gerührt, wenn sie 
richtige Liebe entdeckte. 

Aber der Jefe erzählte mit einigen Sätzen die Begegnung mit 

dem Kutscher Floyd Pearson und schloß: »Du siehst also, 
Falke, daß Tla-ina auch auf andere weiße Männer Eindruck 
macht. Du solltest vorsichtig sein.« 

Sekunden später war der Spaß vergessen. Sie unterhielten 

sich über die drei toten Soldaten, die der Strafschwadron 
angehört hatten. 

»Ich muß nach Fort Grant«, sagte Haggerty entschlossen. 

»Wenn überhaupt, erfahre ich nur dort etwas. Was ist mit 
diesem Indianer, der eine Farm haben soll, wie der Sterbende 
erzählte? Weiß einer von euch etwas darüber?« 

»Ein Krieger der Pinalenos«, erwiderte Cochise, »trennte 

sich von seinem Stamm. Er wollte mit den Bleichgesichtern in 
Frieden leben. Sein Name ist Nepatana, und das heißt: der 
Träumer. Sein Traum ist, daß rote und weiße Menschen keinen 
Krieg mehr gegeneinander führen. Er hat sich als Farmer 
niedergelassen und handelt mit den Soldaten aus Fort Grant. 
Falke, mein Bruder, mir kommt ein schrecklicher Gedanke: 
Wenn nun Nepatana mit Gewalt versucht, den Frieden zu 
bringen. Wenn er mit dem Offizier der bestraften Soldaten 
gemeinsam gegen die kriegerischen Apachen vorgeht?« 

Haggerty verspürte ein Frösteln zwischen den 

Schulterblättern. Nein, das war doch zu weit hergeholt. 

Aber hatte der Häuptling mit seinen kühnen Überlegungen 

nicht oft genug recht behalten? War er vielleicht besser als 
John in der Lage, die Gedanken der roten und weißen 

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Menschen miteinander zu verknüpfen? 

Haggerty dachte gradlinig. Er vermochte sich zwar in die 

Gedanken anderer hineinzuversetzen, aber seine Anständigkeit 
hinderte ihn oft daran, die schurkischen Pläne der Weißen mit 
den Listen und Tricks der Apachen zu verbinden. 

»Eine Antwort«, sagte John darum, »bekommen wir nur in 

Fort Grant. Also reiten wir hin, Jefe.« 

Sofort stand der Häuptling auf. Er war bereit. 
»He, und ich, und wir?« fragte Larry Osborne. »Sollen wir 

hier abwarten, bis wir die Meldung von eurem Tod 
bekommen?« 

Grinsend erwiderte John: »Dazu wird es nicht kommen. Oder 

mein Bruder Cochise hätte Vorahnungen. Nein, Larry, Sie 
bleiben hier. Ich habe so das Gefühl, daß hier irgendwas 
passieren wird. Und ein guter Coltschütze ist nicht mit etwas 
anderem aufzuwiegen.« 

Larry Osborne grinste matt. Er wußte, daß Haggerty seine 

Fähigkeit als Kämpfer schätzte. Und er wußte auch, warum der 
ehemalige Scout ihn hier in diesem Haus lassen wollte. Es ging 
um Tla-ina. Sie sollte geschützt werden. Dabei hatte Osborne 
den Eindruck, daß sich Sanfter Wind verdammt gut selbst 
helfen konnte. Denn mit der Winchester war sie eine 
Meisterschützin. 

»Okay, Boß, reitet nur«, sagte Osborne. »Laßt den armen 

Larry allein mit zwei gefährlichen Frauen zurück. Alles was 
passiert, habt ihr euch selbst zuzuschreiben.« 

Cochise grinste breit und erwiderte: »Wenn dir die weiße 

Squaw zu nahe tritt, Larry Osborne, wird dir Tla-ina helfen.« 

Lily wurde trotz ihrer Erfahrung, trotz ihres Berufes, rot. Und 

Cochises Schwester lächelte. 

Der Chief und John verließen das Blockhaus. Der 

Mimbrenjo-Mustang prustete empört, als der Weiße auf den 
Rappen kletterte. 

Cochise und Haggerty trieben die Tiere an. Die Freunde 

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hatten das Gefühl, daß sie keine Zeit verlieren durften. 
Irgendwie drängte alles zusammen. Und ein winziger Funke 
genügte, um den gesamten Südwesten in Aufruhr zu versetzen. 

Die Pferde galoppierten nach Osten. Fort Grant lag südlich 

der Pinaleno Mountains. Haggerty kannte den Namen des 
Kommandanten und hoffte, daß er mit diesem Mann vernünftig 
reden konnte. 

Cochise sollte ihn begleiten. Der Jefe trat für den Frieden ein. 

Selbst Victorio, der die Weißen haßte wie die Pest, schickte 
seine Krieger nicht mehr in offene Kämpfe mit den 
Bleichgesichtern. 

Cochises Einfluß war groß. General Howard hatte das 

erkannt. Und in Haggerty hatte der Oberbefehlshaber des 
Southwest-Territoriums einen ausgezeichneten Unterhändler. 

Die beiden Reiter durchquerten die Ausläufer der Pinalenos. 

Felsige Hügel ragten auf. Das kahle Gestein schimmerte 
stumpf in der Sonne. Vereinzelt wuchsen Kiefern, denen der 
kärgliche Boden genügend Nahrung bot. 

Und die Pinaleno-Apachen nannten sich selbst: Volk-aus-

der-Kiefernschonung. 

Die Pferde erreichten eine sandige Grasfläche, die den Hügel 

vorgelagert war. Cochise hob witternd den Kopf. Auch 
Haggerty verspürte das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. 

Hinter einer Biegung zügelten sie die Pferde. 
Neben einem umgestürzten, kahlen Baum verhielten sieben 

Indianer ihre Ponys. Der vorderste Reiter saß auf einem 
braunweiß gescheckten Mustang. Der rote Krieger trug 
kniehohe Wüstenstiefel und einen großen Federkopfschmuck. 
In der Rechten hielt er eine gefiederte Lanze. 

Cochise trieb seinen Pinto ohne Zögern zu den Indianern 

herüber. John folgte mit einer Länge Abstand. 

»Ich grüße dich, Häuptling der Pinalenos«, sagte der Chief 

mit volltönender Stimme. 

»Cochise kommt zur richtigen Zeit«, erwiderte der 

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Apachenführer grimmig. »Wir kämpfen nicht gegen die 
Bleichgesichter. Wir sind auf dem Kriegspfad, um einen 
Verräter zu bestrafen.« 

Der Pinaleno blickte Haggerty argwöhnisch an. 
»Das ist Falke, mein Bruder«, sagte Cochise. »Er denkt sehr 

oft wie ein Apache, Gelber Adler.« 

Haggerty ließ sein Pferd etwas vorgehen und verhielt es auf 

gleicher Höhe mit Cochises Tier. 

»Ich grüße dich, Gelber Adler«, sagte John in der Sprache 

der Apachen. »Mein Herz ist schwer, und ein Schmerz lebt in 
meinen Eingeweiden. Denn in deinem Gebiet geschieht etwas, 
das den Frieden zwischen unseren Rassen zerstören kann.« 

Cochise machte eine kaum merkliche Handbewegung, und 

Haggerty schwieg. 

»Wir fanden tote Chiricahuas«, sagte der große Jefe. »Wir 

fanden Mimbrenjokrieger, die von den Kugeln weißer Soldaten 
zerfetzt wurden. Sprich, Gelber Adler, der Falke wird die 
weißen, Pferdesoldaten bestrafen. Und ich bin hier, um die 
Stämme vom Kriegspfad abzuhalten.« 

Der Pinaleno lächelte verzerrt. Es schien ihm schwerzufallen, 

seine Worte zu wählen. 

»Ein Mimbrenjo kam in unser Gebiet«, sagte er schließlich. 

»Er berichtete von einem Überfall der Soldaten. Die Blauhosen 
wurden von einem Abtrünnigen meines Stammes geführt. Du 
kennst seinen Namen. Er ist Nepatana, und die Gedanken des 
Träumers sind bei allen Stämmen bekannt.« 

»Also doch«, entfuhr es Haggerty. »Mein Bruder hat besser 

und genauer gedacht als ich.« 

Gelber Adler begriff nicht, und Cochise erklärte mit wenigen 

Worten seine Vermutung, die nun zur Tatsache geworden war. 

»Nepatana wird sterben«, versprach der Chief der Pinalenos 

grimmig. »Er ist ein Verräter und dem Gesetz des Stammes 
verfallen.« 

Cochise hob die Linke und erklärte: »Der Falke und ich 

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reiten zu den Blauhosen im Fort. Wir werden herausfinden, 
was eigentlich geschieht. Später kehren wir zurück. Wir helfen 
dir, daß der Träumer gefaßt und bestraft wird. Das Gesetz der 
Apachen ist richtig und gut für uns. Und kein weißer Mann 
wird Gewalt über den Verräter bekommen.« 

Gelber Adler war zufrieden. Seine Macht, seine Ehre wurde 

durch den großen Chief der Chiricahuas nicht angetastet. 

Weder Cochise noch die Pinalenos ahnten, daß sie von dem 
Mann beobachtet wurden, den sie jagten. 

Nepatana hatte seinen Mustang weit zurückgelassen, als er 

die Rotte Krieger unter Führung des Gelben Adlers entdeckte. 
Nur mit den Waffen der Apachen versehen, war der Träumer 
zu Fuß aufgebrochen. Im Wolfstrab hatte er die Ausläufer der 
Berge durchquert, und nur die Tiere hatten ihn gesehen. 

Nepatana lag unter dem Wurzelballen einer halb 

umgestürzten Pinie. Die Deckung war hervorragend, denn ein 
Berg abgefallener brauner Nadeln verbarg den Scout, der im 
Sold der Weißen stand. 

Der Träumer verstand jedes Wort, das die Männer 

wechselten. Und er zog seine Schlüsse daraus, wußte, daß er 
kaum Zeit hatte. Trotzdem wartete er lange. Die Pinalenos 
verschwanden wie Schatten. Es schien, als ob sie sich der 
Umgebung anpaßten, mit ihr förmlich verschmolzen. 

Cochise und Haggerty gerieten außer Sicht. Da erst kroch 

Nepatana aus seinem Versteck und starrte blicklos in die weite 
Ebene hinab. 

Sekunden nur trauerte der Verräter seinem Traum nach, der 

ihm – seiner Meinung nach – direkt von Usen geschickt 
worden war. Nepatana wußte, daß er nur eine Möglichkeit 
besaß: er mußte völlig zu den Bleichgesichtern überlaufen. 

Und das bedeutete, daß er vor Cochise und dem Weißen in 

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Fort Grant ankommen mußte. 

Nepatana war nicht schlaff geworden in den Jahren, in denen 

er die Farm bewirtschaftete. Noch immer waren seine Muskeln 
geschmeidig, und das zähe Durchhalten der Apachen war seine 
Natur. 

So rannte er unter Einsatz seiner ganzen Kraft zu den Bergen 

zurück. Das Pony graste auf der Lichtung zwischen den 
Kiefern. Mit einem Sprung gelangte der Träumer auf den 
Rücken des Tieres, hieb ihm die Fersen in die Weichen und 
packte den Graszügel fester. 

Der Mustang stürmte los, als wollte er ein Rennen gewinnen. 

Sicher galoppierte er über die schmalen Felsenwege, sprang 
über Schluchten, Abgründe und durchquerte eiskalte Creeks, 
die aus den Pinaleno Mountains rannen. 

Es war, als ob der Gedanke an die letzte große Tat den 

Träumer beflügelte. Denn er wollte nicht einfach hinnehmen, 
daß er gescheitert war. 

Den großen Plan, die Vernichtung aller kämpferischen 

Apachen, konnte Nepatana nicht mehr weiterführen. Das war 
ihm klar. Aber ihm blieb noch die Rache an seinem Stamm. 
Die Vergeltung gegenüber jenen Kriegern, die ihn verlacht 
hatten, als er vor langen Jahren zum erstenmal von seinem 
Traum gesprochen hatte. 

Und das Werkzeug dieser Vergeltung würde die 

Strafschwadron unter Captain Hagman sein. 

Es dunkelte bereits, als der Träumer in der Ferne die 

Palisaden des Forts sah. Lange Zeit verharrte Nepatana in der 
Deckung einiger Hügel und beobachtete das Fort. 

Er wollte die Dunkelheit abwarten, ehe er die letzten 

achthundert Yards zurücklegte. Niemand sollte sehen, daß der 
Träumer zu den Blauhosen ritt. Denn wurden die Pinalenos 
gewarnt, konnten sie ihre Fallen aufstellen, und Nepatanas 
Rache blieb unvollendet. 

Der Apache hockte zusammengesunken auf seinem Pony. Im 

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Trab hielt das Tier auf das mächtige Balkentor zu. Die Posten 
waren aufmerksam. Nepatana hörte ihre Stimmen. Ein Wächter 
rief nach dem Sergeanten. 

»Was willst du, Mann? Wer bist du?« fragte eine irisch 

gefärbte Stimme. 

»Ich bin Scout Nepatana«, erwiderte der Träumer. »Ich muß 

zu Captain Hagman. Es ist wichtig.« 

Sekundenlang blieb es still. 
»Miller, mit einem Halbzug hinter das Tor«, befahl der 

Unteroffizier. »Die Waffen schußbereit halten. Wenn das ein 
Trick ist, feuert ihr ohne Befehl, klar?« 

Stiefel trampelten über die Planken des Laufganges. 

Gewehrschlösser rasselten metallisch. Und dann schwangen 
die Flügel des Tores gerade so weit zurück, daß ein Reiter 
durch die Öffnung auf den Appellplatz gelangen konnte. 

Nepatana ließ sein Pony im Schritt gehen. Deutlich sichtbar 

hielt er die Zügel mit beiden Händen hoch. Keiner der 
Blauröcke sollten annehmen, daß der Krieger eine List 
versuchte. 

»Tor schließen«, rief der Sergeant. »Sicherungsbalken 

vorlegen.« 

Der Träumer zupfte am Zügel. Willig marschierte der 

Mustang nach links, auf die Unterkünfte der Offiziere zu. 

»Halt, Scout!« befahl der Anführer des Halbzuges. »Zuerst 

will ich deine Medaille sehen. Oder hältst du uns für komplette 
Narren?« 

Nepatana zügelte sein Tier und fingerte das Metallstück aus 

seinem Lederhemd und reichte es dem Soldaten. 

»In Ordnung«, sagte der Mann. »Zwei meiner Leute 

begleiten dich bis zu Captain Hagmans Unterkunft.« 

Die Soldaten marschierten vor dem Träumer her, klopften an 

eine Tür und warteten, bis der Captain öffnete. 

»Nepatana«, sagte Hagman erstaunt, »was führt dich zu mir? 

Komm rein, berichte.« 

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Die beiden Soldaten vollführten eine exakte Kehrtwendung, 

nachdem sie salutiert hatten, und stampften davon. 

Der Pinaleno glitt vom Pferd und verschwand mit Hagman in 

dessen Räume. 

»Was ist geschehen?« fragte der Captain ahnungsvoll. 
Er war schon den ganzen Nachmittag unruhig gewesen, hatte 

gespürt, gewittert, daß etwas schiefgegangen war. Und jetzt 
tauchte der Träumer im Fort auf. 

»Cochise reitet durch die Berge«, sagte Nepatana schwer. 

»Er wird herkommen und mit deinem Chief reden, Kapitän. 
Der große Jefe hat Haggerty befreit. Mein eigenes Volk jagt 
mich inzwischen. Unser Plan ist gescheitert, Joshua Hagman.« 

Der Captain preßte die Lippen zusammen, daß sie wie zwei 

blasse Striche wirkten. Damit hatte er nicht gerechnet. Warum 
zum Teufel mußte sich Cochise gerade jetzt hier im Norden 
herumtreiben? 

»Noch ist nicht alles verloren«, murmelte der Apache, und 

seine dunklen Augen funkelten im Schein der Kerosinlampe. 

»Sprich«, forderte Hagman ihn scharf auf. »Ein einziger 

Erfolg bringt uns vielleicht doch noch weiter.« 

»Mein Volk jagt mich«, sagte der Träumer. »Laß deine 

Soldaten sofort reiten. Ich habe dir gemeldet, daß die Pinalenos 
auf dem Kriegspfad sind. Du willst sie vernichten.« 

Hagman grinste wölfisch und fuhr selbst fort: »Und in 

Wirklichkeit beschäftigen wir uns mit Cochise und Haggerty. 
Sind die beiden erst mal tot, sieht's für uns wieder besser aus. 
Denn deine Leute, Jack, werden sich bestimmt nicht hier 
beschweren.« 

Nepatana nickte zufrieden. Hagman hatte sofort begriffen. 

Nun kam es darauf an, daß die Schwadron schnellstens das 
Fort verließ. 

Der Captain rannte zur Tür, riß sie auf und stürmte zu den 

Unterkünften der Strafschwadron. 

»Sergeant, Alarm«, brüllte Hagman. »Wir rücken sofort aus. 

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Mein Scout bringt mir gerade die Nachricht, daß die Pinalenos 
auf dem Kriegspfad sind. Sie wollen in die San Carlos 
Reservation einfallen und gegen die Mimbrenjos vorgehen.« 

Innerhalb einer Minute wirbelte in den Bretterbaracken alles 

durcheinander. Es dauerte nicht lange, bis die Soldaten 
antraten. Hagman scheuchte sie zu den Stallungen, und nach 
insgesamt fünfzehn Minuten stand die Strafschwadron 
abmarschbereit. 

Colonel Kilgore trat aus der Kommandantur, ging auf 

Hagman zu und fragte scharf: »Captain, was hat das zu 
bedeuten? Können Sie mir keine Meldung machen, ehe Sie den 
Befehl zum Aufbruch geben? Ich denke, noch bin ich der 
Kommandant dieses Forts.« 

Hagman entschuldigte sich wortreich und sagte: »Sir, ich 

wollte erst die Schwadron in den Sätteln haben. Die Pinalenos 
sind auf einem Kriegspfad gegen die Mimbrenjos. Wir müssen 
sie aufhalten, bevor sie die San Carlos Reservation erreichen. 
Sonst bricht die Hölle aus. Denn Victorio wird sich grausam 
wehren.« 

»Reiten Sie«, erwiderte Kilgore und drehte sich um, ging in 

die Kommandantur zurück. 

Er fühlte, daß irgendwas nicht stimmte. Er hatte jedoch keine 

Möglichkeit, Hagmans Angaben jetzt nachzuprüfen. 

Besorgt horchte der Colonel auf den Hufschlag der Pferde, 

als die Strafschwadron das Fort verließ. 

Nepatana ritt an der Spitze. Er führte die Blauhosen zu seiner 
Farm. Natürlich war ihm klar, daß die mehr als hundert Reiter 
nicht unbemerkt das Land durchqueren konnten. Irgendwo 
lagerten die Späher der Pinalenos. 

Sollten sie doch. Sie mußten erst ihrem Chief und Cochise 

melden, was sie gesehen hatten. Die Zeit reichte aus, um in die 

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Berge einzudringen und das Dorf zu vernichten. 

Aber zuerst wollte Hagman die fünf Männer holen, die er auf 

Nepatanas Farm zurückgelassen hatte. Die Schwadron mußte 
jetzt zusammenbleiben. Außerdem nutzten die Soldaten im 
Blockhaus des Indianers nichts mehr. Sie gerieten höchstens in 
Gefahr, von Pinalenos umgebracht zu werden. 

Der Captain spielte eine Weile mit diesem Gedanken. 

Eigentlich war es doch gar nicht so schlecht, wenn die 
Apachen ein paar Soldaten töteten. Das gab seiner Aktion doch 
erst die richtige Farbe. 

Hagman kam von dieser Überlegung wieder ab. Solange 

Cochise und Haggerty frei waren, mußte er alles daransetzen, 
diese beiden Männer auszuschalten. Sie würden die Wahrheit 
herausfinden, und dann war die Karriere des Captains 
schlagartig zu Ende. 

Nepatana trieb sein Pony an. Der Apache wollte so weit von 

der Schwadron wegreiten, daß ihn die Geräusche nicht mehr 
störten. Die Bleichgesichter umgaben sich mit Metallteilen, 
knarrendem Lederzeug und hatten die Tiere selbst nicht in der 
Gewalt. 

Obwohl die Soldaten der Meinung waren, daß sie sich fast 

lautlos weiterbewegten, klang es für einen Apachen so, als 
rattere eine Maschine durch die Halbwüste. 

Der Träumer verhielt sein Tier zwischen einigen 

grasbewachsenen Hügeln, und lauschte angespannt. Er spürte, 
daß die Späher seines Stammes unterwegs waren, daß sie die 
Blauhosen beobachteten, aber er vermochte nicht festzustellen, 
wo sich die Pinaleno-Krieger verbargen. 

Es war gleichgültig, entschied Nepatana. Sobald das Dorf des 

Stammes brannte, die Pferde getötet und Frauen und Kinder 
niedergemacht worden waren, würden sich die Krieger schon 
stellen. Und vielleicht gelang es, Cochise und Haggerty in dem 
Kampfgetümmel ebenfalls zu töten. 

Nepatana spürte nicht, daß sich sein Geist verwirrte. Er 

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dachte nicht mehr an den Traum, an sein Ziel. Er brannte vor 
Rache, denn dies war das einzige, das er noch erreichen 
konnte. 

Lange dauerte es nicht mehr, bis die Schwadron seine Farm 

erreichte. Die fünf Soldaten schlossen sich dann an, und er 
würde Hagman vorschlagen, nach Norden vorzustoßen und aus 
Richtung Winter in die Pinalenos einzudringen. 

Denn das erwartete der Stamm sicherlich am wenigsten, 

einen Überfall von Norden. Natürlich galt es vorher, die 
meisten Späher des Gelben Adlers zu töten. 

Nepatana starrte mit ausdruckslosem Gesicht in die 

Dunkelheit. Die Sterne schimmerten silbrig und kalt am 
Himmel. Im Herzen des Träumers aber loderte ein Feuer, 
dessen Gluthauch jede normale Regung verschlang. 

Er trieb seinen Mustang an, jagte zurück zur Truppe und 

meldete Joshua Hagman: »Sie beobachten uns, aber sie werden 
nicht angreifen, Captain.« 

Hagman war zufrieden. Er lauschte dem Vorschlag des 

Scouts, den Stamm von Norden anzugreifen, nachdem die 
Schwadron die Berge umgangen hatte. 

Der Offizier war beeindruckt. Dieser Apache hätte ein guter 

Heerführer werden können. Denn diese Überlegung, diese 
Taktik würde die Späher in Sicherheit wiegen. Sie mußten 
annehmen, daß die Blauhosen in die San Carlos Reservation 
zogen. Der plötzliche Schwenk nach Süden und der schnelle 
Vorstoß in die Pinaleno Mountains würde die Krieger 
überraschen. Wenn dazu Nepatana noch die Späher des 
Stammes abfing und tötete, mußte der Schachzug erfolgreich 
sein. 

Die Gebäude der Farm waren nicht mehr weit entfernt. 

Nirgendwo schimmerte Licht. Hagman war zufrieden. Seine 
Männer lagen auf der Lauer. 

Auf seinen Befehl hin ließen die Soldaten die Pferde traben. 

Das Sattelzeug jankte, und die Gewehre klirrten gegen eiserne 

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Ringe und Haken. 

»Sanders, Miller«, rief der Offizier, als er nur noch ein 

halbes Dutzend Pferdelängen vom Haus entfernt war. »Ich 
bin's, Captain Hagman. Machen Sie sich zum Abritt fertig.« 

Die Tür schwang zurück. Zwei Männer traten auf die 

Veranda. Hagman erkannte keinen der beiden. Das Sternenlicht 
war zu schwach. 

»Meldung«, forderte Hagman. »Wo sind die anderen?« 
»Sir, Reiter Jones und Reiter Bolton«, sagte einer der beiden. 

»Sanders war nach Eureka Springs geritten. Als er nicht 
zurückkam, ritten Miller, Archer und Nash ihm nach. Aber 
auch sie sind seit heute morgen überfällig.« 

Der Captain saß reglos im Sattel. Was bedeutete das? 

Nepatana hatte gemeldet, daß Haggerty frei war. Er und 
Cochise mußten über die Vorgänge in der Stadt etwas erfahren 
haben. 

Woher sollte Hagman auch wissen, daß John Haggerty zuerst 

allein nach Norden geritten war, daß der große Jefe ihm einen 
Späher der Chiricahuas auf die Fährte gesetzt hatte, weil er sich 
Sorgen um den Falken machte? 

»Wir reiten nach Eureka Springs«, befahl der Captain. 

»Zuerst muß ich wissen, ob wir den Rücken frei haben. 
Anschließend umgehen wir die Berge und greifen die Pinaleno-
Apachen an.« 

Minuten später jagten die Soldaten nach Westen. Weder sie 

noch Nepatana sahen, daß sich drei Krieger aus der 
Vorratsscheune stahlen. Wie Schatten huschten die Apachen 
geduckt davon, rannten im Wolfstrab in das Maisfeld des 
abtrünnigen Stammesgenossen. und schwangen sich auf die 
Ponys, die zwischen den hohen Stauden gestanden hatten. 

Im Galopp jagten die Reiter auf die Berge zu. Dort warteten 

Gelber Adler, Cochise und der Falke auf die Nachricht der 
Späher. 

Es dauerte nicht lange, bis die Krieger das Versteck 

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erreichten. Sie sprangen von den Pferden, liefen in die Senke, 
in der die Führer lagerten und berichteten. 

Gelber Adler stand auf, als seine Krieger alles erzählt hatten. 
»Der Große Geist ist mit uns«, rief der Häuptling der 

Pinalenos zufrieden. »Wir werden die Pferdesoldaten 
vernichten und große Beute machen. In unseren Jacales werden 
die Skalps der Blauhosen trocknen, und noch in hundert 
Wintern erzählen die Alten von den Taten unserer Krieger.« 

Haggerty stand auf, trat zu Cochise, der mit vor der Brust 

verschränkten Armen an einem Felsen lehnte. 

»Bruder, das darf ich nicht zulassen«, murmelte John. 

»Sicher, es ist eine Strafschwadron. Und ihr Anführer heckte 
einen hinterhältigen Plan aus. Aber Gelber Adler wird 
vernichtet, wenn er angreift. Wenn nicht von diesen Soldaten, 
dann von anderen. Warne ihn, Cochise!« 

Der Chief trat vor, hob beide Hände und sagte laut: »Meine 

Brüder, hört mich an. Es ist richtig, daß wir uns wehren, 
greifen uns die Bleichgesichter an. Aber ich habe Frieden 
geschworen, und jeder Apache weiß das. Wollt ihr jetzt 
Cochises Wort brechen? Zieht nach Süden, geht zu den 
Gelbhäutigen, die unsere alten Feinde sind. Ich sage euch, was 
geschieht. Mit Usens Wille werdet ihr die Pferdesoldaten 
vernichten. Doch in zwei oder drei Sonnen kommen die 
anderen Blauhosen mit ihren Kanonen und den Gewehren, die 
ohne Pause feuern. Sie durchkämmen die Berge, töten Frauen 
und Kinder und junge Männer, die an der Schwelle zum 
Krieger stehen. Und dann sind die Apachen wieder einmal 
geschwächt.« 

Der Häuptling machte eine Pause und lauschte. Die 

Pinalenos schwiegen. Cochise verspürte keine Feindschaft, die 
von den Kriegern ausging. Natürlich wollten sie Beute machen 
und Skalps nehmen. Aber in dieser Lage war ein solches 
Vorhaben zu gefährlich. 

»Es ist wichtig, daß unsere starken Krieger überleben«, rief 

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der oberste Führer der Stämme. »Es ist wichtig, daß in hundert 
Wintern noch immer Apachen hier leben. Und ein sinnloser 
Kampf tötet unser ganzes Volk. Ich will, daß meine Kinder 
leben. Geht es nicht darum, einen Verräter nach den Gesetzen 
des Stammes zu bestrafen? Reitet ihr nicht aus diesem Grund, 
meine Brüder? So beschränkt euch darauf und führt das Leben, 
wie wir es seit ungezählten Wintern führen. Ich habe 
gesprochen.« 

Gelber Adler lachte kaum hörbar. Der große Jefe hatte sehr 

geschickt gesprochen. Er bewahrte die Pinalenos vor Verlusten 
und wies sie an, nach der Art ihrer Väter zu leben. Das hieß, 
listig und trickreich gegen alle Eindringlinge zu kämpfen, 
Beute zu machen, Skalps zu nehmen, wo es nur ging. 

John Haggerty preßte die Lippen zusammen. Auch der Scout 

verstand Cochises Absicht genau. Aber vielleicht gab es 
wirklich keine andere Möglichkeit, die kriegerischen Pinaleno-
Apachen vor dem Überfall auf die Strafschwadron abzuhalten. 

»Mein Bruder«, sagte der Jefe, »wir trennen uns hier. Ich 

ziehe mit Gelber Adler und seinen tapferen Kämpfern hinter 
den Soldaten her. Du mußt nach Fort Grant reiten und den 
Vater der Pferdesoldaten holen. Es ist besser, wenn sich die 
Blauhosen gegenseitig bekämpfen, als daß Apachen töten.« 

Gelber Adler lachte laut auf. Diese List gefiel ihm 

ausnehmend gut. Haggerty grinste. Cochise war ein gerissener 
Fuchs. Wehrten sich die Männer der Strafschwadron, so 
mußten die anderen Soldaten auf sie schießen. Und die 
Apachen brauchten nur zuzusehen, wie sich ihre Feinde 
gegenseitig niedermachten. 

»Ich reite sofort los«, sagte John und lief zu seinem Rappen. 
Mit einem Satz gelangte der ehemalige Chiefscout in den 

Sattel. Er jagte los, nach Südosten, in Richtung Fort Grant. 

Cochise und Gelber Adler würden die Pinaleno-Apachen 

nach Eureka Springs führen. Haggerty machte sich mächtige 
Sorgen um Tla-ina, Larry Osborne und auch Lily. Wenn der 

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Kommandant der Schwadron verrückt genug war, konnte er die 
drei als Druckmittel benutzen. Und Cochise würde nicht mal 
auf seine Schwester Rücksicht nehmen, wenn es galt, die Ruhe 
herzustellen. 

Die Hufe des Rappen hämmerten über den Boden. Wie eine 

Maschine jagte das Pferd in gleichmäßigem Galopp voran. Ein 
Blick zu den Sternen sagte John, daß in etwa drei Stunden die 
Morgendämmerung über den Horizont kriechen würde. 

Hoffentlich war der Kommandant des Forts kein Sturkopf! 

Sonst würde Gelber Adler doch noch mit seinen Kriegern die 
Strafschwadron angreifen. 

Wie ein dunkler Klumpen wirkten die Palisaden und die 

Wachtürme des Forts gegen den helleren Sternenhimmel. 

Haggerty ritt auf das Tor zu. 
»Halt! Parole!« brüllte ein Posten, und John hörte das 

metallische Knacken von Gewehrhähnen. 

»Ich muß zu Colonel Kilgore«, erwiderte Haggerty. »Ich bin 

John Haggerty. Ich komme im Auftrag von General Howard. 
Öffnen Sie, Soldat!« 

John verwünschte den Kerl auf dem Laufgang, denn er ließ 

sich eine Menge Zeit. Endlich schwangen die Torflügel zurück, 
gaben so viel Raum frei, daß der Rappe gerade hindurchpaßte. 

»Absitzen!« befahl ein Mann, »legen Sie die Waffen ab und 

kommen Sie mit zur Kommandantur. Der diensthabende 
Offizier wird sich mit Ihnen beschäftigen.« 

Haggerty holte tief Luft und brüllte plötzlich los: »Sind Sie 

verrückt, Mann? Ich will sofort zu Kilgore. Und Sie sorgen 
dafür, daß in spätestens zehn Minuten Alarm gegeben werden 
kann. Die gesamte Besatzung wird aufbrechen.« 

Haggerty war früher schon in Fort Grant gewesen. Er trieb 

den Rappen an, auf das Gebäude zu, in dem der Colonel 
residierte. 

»Stehenbleiben, oder ich schieße Sie aus dem Sattel!« brüllte 

der Mann hinter John. 

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»Sie sind ein Narr«, erwiderte Haggerty. »Kerle wie Sie 

sollte man in West Point zum Säubern der Latrinen einsetzen. 
Im Indianerland haben Sie nichts zu suchen, Sie 
Paragraphenreiter!« 

Die Tür der Kommandantur flog auf. Im Lichtviereck stand 

Colonel Kilgore. Hinter ihm sah John einen jungen Lieutenant, 
den er nicht kannte. 

»Erledigt, Redford«, sagte der Colonel scharf. »Kommen Sie 

rein, Haggerty. Wie sind Sie der Falle entkommen?« 

John atmete auf. Der Colonel schien also zumindest etwas zu 

wissen, und Haggerty brauchte nicht alles zu erzählen. 

Etwa zehn Minuten später fluchte Kilgore schauderhaft und 

ließ Alarm geben. Innerhalb einer Viertelstunde waren 
anderthalb Schwadronen angetreten. 

Kilgore baute sich auf der Veranda der Kommandantur auf 

und rief: »Soldaten, wir haben eine üble Aufgabe. Die 
Strafschwadron unter Führung von Captain Hagman hat 
versucht, einen Krieg anzuzetteln. Die Pinaleno-Apachen sind 
schon unterwegs. Es wird ein fürchterliches Gemetzel geben, 
wenn wir nicht für Ruhe und Ordnung sorgen. Trompeter, 
Signal zum Abmarsch! Wir reiten nach Westen, nach Eureka 
Springs.« 

Haggerty und Lieutenant Brent, der sich nicht länger als 

Korporal ausgab, übernahmen die Spitze der langen Reihe von 
Reitern. 

Und Brent berichtete, daß er als Beobachter im Auftrag des 

Oberkommandos hier war. General Sherman hielt den Versuch 
mit der Strafschwadron im Apachenland für lohnenswert. 

»Nicht einmal General Howard weiß, daß diese Männer 

Verurteilte sind«, sagte Brent. »Er hat sich nur gefreut, daß er 
endlich von Sherman wenigstens eine Schwadron mehr 
bekam.« 

Haggerty schwieg lange, aber dann erwiderte er: »Sherman 

mag vielleicht ein hervorragender Offizier sein. Meiner 

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Meinung nach ist sein Indianerhaß aber noch größer als seine 
militärischen Fähigkeiten. Es ist Irrsinn, so etwas zu 
versuchen.« 

Das Hügelland im Osten der Stadt bot den Soldaten 
ausreichend Deckung. Hagman selbst führte eine Patrouille an. 
Nepatana ritt voraus. Zwischen einigen halbhohen 
Speerdornsträuchern verhielt er sein Pony und sagte zu dem 
Captain: »Warte hier, Soldat. Ich spähe. Ich komme bald 
zurück.« 

Der Pinaleno glitt vom Pferd und schien mit dem Boden zu 

verschmelzen. Nach zwei Sekunden konnte Hagman den 
Indianer nicht mehr sehen. Der Offizier hob das Fernglas vor 
die Augen, stellte es scharf ein und suchte langsam die Häuser 
ab. Endlich erschien ein Blockhaus in der Optik, das ziemlich 
abseits stand. Bis zu den nächsten Gebäuden lagen mehr als 
hundert Yard freies Gelände zwischen den Häusern. 

Hagman fühlte, daß in dieser Hütte etwas vorging, das mit 

ihm zu tun hatte. Aufmerksam beobachtete er das vordere 
Fenster. Er entdeckte ein Gesicht. 

Ein Indianer steckte im Blockhaus! 
Hagman holte tief Luft. Plötzlich hatte er das Gefühl, in eine 

riesige Falle zu laufen. Er wußte noch nicht, wie recht er mit 
diesem Eindruck hatte. 

Der Indianer bewegte sich zur Seite. Das war ja eine Frau. 

Eine Squaw. Widerwillig gestand sich der Offizier ein, daß 
diese Rothaut selbst nach den Begriffen der Weißen eine 
Schönheit war. 

Nun sah er einen Mann, einen jungen Burschen, dessen 

Gesicht hart wirkte. Ein Kämpfer vielleicht? 

Das mußte die Hütte des Freudenmädchens sein, dachte 

Hagman, die Behausung dieser Lily, die Sanders geholfen 

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hatte. Wer war die Squaw? Welcher Weiße hatte sich dort 
einquartiert? 

Für den Bruchteil einer Sekunde entdeckte der Captain in der 

Optik Nepatana. Er wieselte von dem kleinen Stall zum Haus 
hinüber und preßte sich an die Seitenwand. 

Aufatmend setzte Hagman das Glas ab. Der Apache würde 

schon herausfinden, wer im Blockhaus hockte. Vielleicht 
nutzten ihm die drei Menschen sogar etwas, wenn er sie 
geschickt in seine Pläne einbaute. 

Scheinbar endlos dehnten sich die Minuten. Immer wieder 

spähte der Offizier zur Hütte hinüber. Plötzlich richtete sich 
Neptana zwei Schritte neben ihm auf, als würde er aus dem 
Boden wachsen. 

»Was hast du erfahren?« fragte Hagman mühsam beherrscht. 

»Wer ist die Squaw?« 

Der Pinaleno lächelte grausam und erwiderte: »Captain, 

vielleicht haben wir doch noch nicht verloren. Die Squaw ist 
Tla-ina. Das heißt in deiner Sprache Sanfter Wind. Und sie ist 
Cochises Schwester.« 

Hagman atmete tief durch. Unglaubliche Erleichterung 

wallte in ihm auf. Cochises Schwester. Mit ihr als Druckmittel 
konnte er die Apachen in die Knie zwingen. 

»Der Mann, wer ist das?« fragte der Captain. 
»Die weiße Frau ist Lily«, fuhr Neptana fort. »Und der 

Weiße Larry Osborne. Er ist ein Wächterreiter der Postlinie. 
Was unternimmst du, Captain Hagman?« 

Er lachte grimmig auf und rief: »Wir holen uns die drei. Was 

denn sonst? Cochise wird seine Schwester nicht gefährden. 
Wenn er die Pinalenos anführt, muß er zurückweichen. Jack, 
wir werden Glück haben. Die Kämpfer deines Stammes 
sterben. Ich fühle das ganz sicher.« 

Der Captain gab seine Befehle. Sofort ritten vier 

Soldatengruppen an. Sie trennten sich nach wenigen Yards, 
schwenkten ein und umzingelten das kleine Blockhaus. Die 

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fünfte Abteilung bildete eine Sperre gegen die eigentliche 
Stadt. Aber dort ließ sich kein Bürger sehen. 

Vier Männer ritten offen vor die Hütte. 
»Rauskommen!« brüllte einer der Soldaten. »Hände über die 

Köpfe und nacheinander rauskommen!« 

Nichts rührte sich. 
Der Kavallerist zog den Revolver und feuerte auf das 

Fenster. Die Glasscheibe zersplitterte in tausend Stücke. Im 
Haus wummerte ein Colt. Der Soldat brüllte auf, wurde vom 
Einschlag der Kugel rücklings aus dem Sattel geworfen und 
rappelte sich mühsam wieder hoch. 

Seine rechte Schulter war rot vor Blut. 
»Das werdet ihr bereuen«, rief einer der anderen. 
Sie hielten die Gewehre schußbereit. 
»Wieso?« fragte Larry Osborne. »Ihr marschiert hier auf, 

bedroht uns, jagt 'ne Kugel durchs Fenster und benehmt euch 
wie Strauchdiebe. Was sollte uns denn passieren?« 

»Wir wissen, daß sich eine Apachenrebellin hier versteckt«, 

behauptete einer der Kavalleristen. »Und wenn ihr euch mit 
den roten Stinkern so gut versteht, habt ihr auch Dreck am 
Stecken. Entweder kommt ihr jetzt freiwillig raus, oder wir 
zünden euch das Dach über dem Kopf an.« 

Larry beriet sich mit den beiden Frauen. Lily wollte natürlich 

ihr Blockhaus nicht zerstören lassen. Und auch Tla-ina wußte, 
daß sie sich nicht lange gegen eine ganze Schwadron Soldaten 
verteidigen konnten. 

»Also gut«, rief Osborne. »Wir kommen raus. Aber eine 

Minute später will ich euren Kommandeur vor mir sehen.« 

»Keine Sorge, der kommt schon«, erwiderte der Soldat 

grinsend. 

Wachsam belauerten die Uniformierten die Tür. Als erste trat 

Lily ins Freie, ging ein paar Schritte zur Seite und machte Tla-
ina Platz. 

»Da ist ja die verdammte Rothaut«, grölte einer der Reiter. 

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»Am besten hängen wir sie direkt an, den nächsten Ast.« 

Larry Osborne glitt mit geschmeidigen Schritten aus der 

Hütte. Die Soldaten schwiegen und musterten den gefährlich 
wirkenden Kämpfer aus zusammengekniffenen Augen. 

Joshua Hagman trieb sein Pferd an. 
Eine Länge vor seinen Gefangenen verhielt der Captain das 

Tier und blickte die beiden Frauen und Larry verächtlich an. 

»So sieht also ein Mann aus, der mit den Rothäuten 

gemeinsame Sache macht«, sagte Hagman. »Ein Verräter an 
unserer Rasse.« 

Larry lachte belustigt und erwiderte: »So sieht also ein 

kompletter Narr aus, der einen Krieg anzetteln will.« 

Der Captain beherrschte sich nur mühsam. Am liebsten hätte 

er diesen überheblichen jungen Kerl einfach niedergeknallt. 

Aber es gab noch eine andere Möglichkeiten! 
»Slicker, Potts, Culbert«, rief Hagman. »Entwaffnet den 

Kerl. Wir übergeben ihn bei nächster Gelegenheit einem 
Richter.« 

Larry spürte eine dumpfe Vorahnung kommenden Unheils, 

besaß aber nicht die Spur einer Chance. Denn mehr als ein 
halbes Dutzend Mündungen waren auf seinen Oberkörper 
gerichtet. 

Die drei Soldaten saßen ab, stiefelten um ihn herum und 

zogen den Colt aus dem Halfter. Zwei rissen Larrys Arme hart 
nach hinten und fesselten die Handgelenke. 

Auf einen Wink des Captains hin bauten sich zwei weitere 

Uniformierte neben Osborne auf. 

»Wo ist Haggerty?« fragte Hagman. »Wo treibt sich Cochise 

herum? Raus mit der Sprache, Mister.« 

»Was denn?« fragte Larry spöttisch. »Wollen Sie mich etwa 

durchprügeln lassen, wenn ich schweige? Und so ein Schwein 
durfte Offizier werden!« 

Joshua Hagman grinste höhnisch. 
»Schnappt euch die Weiber«, befahl er. »Zieht ihnen die 

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Sachen aus, aber schön langsam. Und dann soll einer der 
Männer, der mit 'ner Peitsche umgehen kann, anfangen.« 

Osborne wurde kreidebleich. Nein, das durfte nicht 

geschehen! 

Die drei Kerle marschierten grinsend auf die Frauen zu. 

Stolz, unbewegten Gesichtes stand die Indianerin neben der 
Weißen. Lily konnte ihre Furcht nicht unterdrücken. Sie zitterte 
am ganzen Körper. Die Apachin legte der Weißen den Arm um 
die Schultern und sprach leise auf sie ein. 

»Los, fangt schon an«, rief Hagman. »Wie ist es, Mister, 

willst du nicht doch reden?« 

Aber Osborne grub die Zähne in die Unterlippe und schwieg. 
Als die drei Kerle die Hände ausstreckten, grinsend nach der 

Kleidung der Frauen faßten, geschah es. 

Der vierte Mann, der mit einer Peitsche in der Rechten heran 

stiefelte, hob den Riemen, ließ ihn durch die Luft sausen und 
scharf knallen. 

In diesen Knall mischte sich das Krachen einer Winchester. 
Der Kerl mit der Peitsche stand reglos. Zwischen seinen 

Augen war plötzlich ein häßliches Loch zu sehen. Und dann 
kippte der Bursche langsam nach vorne. 

Etwas schwirrte durch die Luft, sauste mit zischendem 

Geräusch heran, und drei dumpfe Schläge klangen auf. Die drei 
Soldaten vor den Frauen brachen zusammen. Jeder hatte einen 
gefiederten Pfeil genau ins Herz bekommen. 

»Apachen!« gellte eine Stimme auf. »Die Roten greifen an! 

In Deckung, Männer, ehe sie uns das Fell abziehen!« 

Hagman behielt die Nerven. Er hieb seinem Pferd die 

Absätze in die Weichen. Es sprang aus dem Stand wie eine 
Katze vor, rammte mit der Brust die Frauen, die zu Boden 
taumelten. 

»Schnappt sie euch!« brüllte Hagman. »Haltet sie vor euch!« 
Er ritt ein paar Schritte zur Seite, blickte forschend in das 

Hügelland, entdeckte jedoch keinen einzigen Krieger. 

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»Hört zu!« brüllte der Captain. »Die Squaw ist Cochises 

Schwester. Sie stirbt, wenn ihr weiterhin angreift. Was der 
Häuptling später mit euch anstellt, weiß ich nicht. Überlegt 
euch die Sache gut!« 

Hagman zog den Spencer-Karabiner aus der Sattelschlinge 

und lud durch. 

Nun stand die Partie ausgeglichen, dachte der Captain. Aber 

er kannte eben die Apachen noch nicht gut genug. 

Cochise saß auf seinem Pinto und blickte mit steinernem 
Gesicht zu den Gefangenen hinüber. Gelber Adler befahl 
seinen Kriegern, vorläufig nicht mehr zu feuern. 

»Jefe«, sagte der Pinaleno, »wie lange willst du warten, bis 

wir die Blaujacken töten?« 

Für ihn war klar, daß Cochise weder seine Schwester noch 

die beiden Weißen schonte. Apachen ließen sich nicht auf diese 
Art zurückdrängen. Für jeden Menschen kam eines Tages der 
Tod. Und es war wichtig, daß ein Krieger im Kampf starb, 
seine Ehre nicht verlor. 

Auch Cochise wollte weiter angreifen, dachte jedoch an eine 

List. Es war sinnlos, und gefährlich, die Pferdesoldaten der 
Reihe nach niederzumachen. Vielleicht gab es doch eine 
Möglichkeit, Tla-ina, Larry Osborne und der weißen Squaw zu 
helfen, sie zu retten. 

»Höre, Gelber Adler«, sagte der Jefe bedächtig. »Vielleicht 

weißt du, daß Tla-ina und Falke ein Jacale bauen möchten.« 

Der Pinaleno verzog das Gesicht zu einer Grimasse und 

murmelte: »Ich habe davon gehört. Aber es geht nicht, 
Cochise.« 

»Ich möchte nicht, daß der Falke meine Schwester tot findet, 

wenn er hier eintrifft«, fuhr Cochise fort. »Ich möchte nicht, 
daß die anderen Pferdesoldaten auf deine Krieger feuern, wenn 

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sie erscheinen. Denn das müssen sie, wie du weißt. Schick 
zwei Späher los. Sie sollen in Richtung Sonnenaufgang reiten 
und nach den Soldaten Ausschau halten.« 

Gelber Adler nickte und gab seinen Befehl. Der kriegerische 

Chief der Pinaleno-Apachen wußte, daß Cochise recht hatte. 
Und es war auch richtig, daß sich die Blaujacken untereinander 
bekämpften. 

»Na, was habt ihr euch überlegt?« rief Hagman höhnisch. 

»Verschwindet, gebt auf, aber vorher will ich Cochise hier 
sehen. Ich wette, daß er bei euch ist. Los, zeig dich, großer 
Häuptling. Schau dir deine Schwester noch einmal an. Sobald 
ihr angreift, ist sie tot!« 

Der Jefe preßte dem Schecken die Absätze in die Flanken. 
»Zwei Adlerschreie, wenn die Blauhosen in der Nähe sind«, 

sagte der Anführer der Pinalenos schnell, und Cochise nickte 
nur. 

Im Schritt marschierte der Pinto aus der Deckung heraus. 

Innerhalb Gewehrschußweite verhielt der Jefe seinen Mustang 
und blickte zu den Soldaten hinüber. 

»Da ist er ja«, brüllte Hagman. »Na, wie hast du dich 

entschieden?« 

»Kämpfe, mein Bruder!« rief Tla-ina. »Töte diese 

Bleichgesichter. Sie müssen sterben. Unser Leben ist 
gleichgültig. Töte sie, Bruder!« 

Cochise lächelte ein wenig, als auch Osborne schrie: »Los, 

macht sie nieder. Das sind keine Soldaten, das ist Abschaum, 
Jefe. Diese Kerle geben niemals Ruhe in diesem Land!« 

Da! Zwei durchdringende Adlerschreie klangen auf! 
Der Falke kam mit der übrigen Truppe. Cochise brauchte 

nicht zu entscheiden. Und er war dankbar dafür. 

Captain Hagman schien zu wittern, daß sich etwas veränderte. 

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Er ließ sein Pferd tänzeln, gab eine Reihe von Befehlen, und 
zwei Dutzend seiner Soldaten trieben ihre Tiere an, 
galoppierten zwischen die Hügel, um Ausschau zu halten. 

Es dauerte nur Sekunden, bis einer der Kavalleristen 

heranpreschte, das Pferd hart vor dem Captain zügelte und 
meldete: »Sir, anderthalb Schwadronen sind im Anmarsch.« 

Cochise legte den Kopf in den Nacken und rief dreimal wie 

ein Jagdfalke. Haggerty mußte dieses Zeichen hören und 
wissen, daß größte Gefahr bestand. 

Kurz nach dem dritten Falkenschrei schmetterte eine 

Trompete das Angriffssignal der Kavallerie. 

Pferdehufe dröhnten plötzlich auf, trommelten über den 

Boden, und eine gewaltige Staubwolke wirbelte zwischen den 
Hügeln hoch. 

»Einen Kessel bilden!« brüllte Hagman. »Um die 

Gefangenen herum. Eine Abteilung auf die Stadt zu. Ihr fallt 
den Angreifern in die Flanke. Eine zweite Abteilung nach 
Süden, los, schnell, wenn wir eine Chance haben wollen!« 

Fassungslos sah der Captain, daß die Soldaten nur zögernd 

gehorchten. 

Was war mit den Kerlen auf einmal los? Sie mußten doch 

wissen, daß es keine andere Möglichkeit mehr gab, als die 
Truppen aus Fort Grant niederzukämpfen. Sie alle waren doch 
verurteilte Verbrecher, die zur Bewährung in eine 
Strafschwadron gesteckt worden waren. 

Gaben sie jetzt auf, würden neue Verhandlungen stattfinden, 

und die meisten Soldaten mußten befürchten, daß ihre Strafen 
verlängert wurden. 

»Los, schneller!« brüllte Hagman. »Wenn sie uns 

einschließen, ist es aus. Dann haben wir keine Chance mehr. 
Zeigt ihnen, wie stark wir sind, daß wir kämpfen werden. Dann 
verhandeln sie vielleicht mit uns. Und wenn geschossen wird, 
knallt Cochise ab.« 

Die Abteilung, die auf die Stadt zuritt, vollführte eine 

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Wendung. Die Pferde trabten zum Blockhaus, wurden 
gezügelt, und was dann geschah, ließ Hagman die Augen aus 
den Höhlen treten. 

Die Soldaten saßen ab und legten ihre Waffen auf einen 

Haufen, ehe sie sich auf die Stufen der Veranda setzten. 

»Diese Narren«, stöhnte der Captain, »diese elenden 

Narren.« 

Verbittert sah er, wie sich die übrigen Uniformierten 

zurückzogen. Er stand allein. 

Wieder schmetterte die Trompete. In Schlachtordnung 

preschten die Pferde der Angreifer aus den Hügeln heraus. 
Hagman glaubte, ab und zu einen kleineren Mustang zu 
erkennen, auf dem eine rotbraune Gestalt hockte. 

Verbündeten sich die Pinalenos, die doch harte Gegner der 

Weißen waren, hier mit den Bleichgesichtern? 

Er erkannte Haggerty auf seinem Rappen und stieß einen 

gemeinen Fluch aus. Dieser verdammte Indianerfreund hatte 
alles ruiniert. 

Nepatana trieb sein Pony an, bis er das Tier neben Hagmans 

Pferd verhielt und sagte: »Es ist vorbei, Captain. Unser großer 
Plan ist gescheitert. Wir bringen keinen Frieden in dieses Land. 
Und dein Wunsch nach mehr Sternen auf deiner blauen Jacke 
bleibt für immer unerfüllt.« 

»Und was machen wir jetzt?« fragte Flagman böse. 
»Wir werden sterben wie Männer, wie Krieger«, erwiderte 

Nepatana gleichmütig. »Usen wird unsere Seelen aufnehmen, 
denn wir haben gekämpft wie Krieger und sterben wie sie.« 

Captain Hagman erkannte Colonel Kilgore. Er trieb sein 

Pferd an, galoppierte zwischen Hagman und die Gefangenen 
und versperrte dem Offizier das Schußfeld. 

»Hagman, geben Sie auf«, rief Kilgore. »Was haben Sie sich 

eigentlich bei der Geschichte gedacht? Sind Sie auf einmal 
übergeschnappt?« 

Joshua mußte es einfach noch mal versuchen. 

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»Nein«, schrie er zurück. »Aber ihr seid alle verrückt. Die 

Apachen können wir nur befrieden, wenn wir ihre Kämpfer 
töten. Sonst nehmen die Aufstände nie ein Ende. Mein Scout 
hatte den gleichen Plan. Wir wollten die kriegerischen 
Rothäute nach und nach in Fallen locken und vernichten. In 
spätestens einem Jahr würde kein Apache mehr die Waffen 
gegen uns erheben. Begreifen Sie das denn nicht?« 

Colonel Kilgore schwieg lange. Bedauern lag in seiner 

Stimme, als er endlich antwortete. 

»Hagman, mit Ihnen ist irgendwas nicht in Ordnung«, sagte 

er laut. »Ich bringe Sie ins Fort zurück. Ihre Männer haben 
aufgegeben. Sie sind ein Stück schlauer als Sie. Ich schicke Sie 
nach Osten, Hagman. Die Ärzte werden sich mit Ihnen 
beschäftigen.« Hagman riß die Spencer hoch und feuerte. Dicht 
an Kilgore vorbei sauste das Blei und schlug irgendwo in den 
Hügel ein. 

Cochise wandte sich im Sattel um. Gelber Adler verhielt sein 

Pony eine halbe Länge hinter ihm. Ein Dutzend Krieger hielt 
die schweren Maulbeerholzbögen bereit. Die Pfeile lagen auf 
den Sehnen. 

»Der erste Krieger tötet Hagman«, sagte Cochise, und eine 

Sehne schnalzte gegen das Handgelenk eines Pinaleno-
Kriegers. 

Hagman kam nicht zum zweiten Schuß. Plötzlich erstarrte er 

im Sattel. Als er aus dem Sattel kippte, war er bereits tot. Ein 
Pfeil hatte sein Herz getroffen. 

Kilgores Kopf zuckte herum. Argwöhnisch musterte der 

Oberst die Apachen, die sich langsam zusammenfanden. 
Gelber Adler blieb hinter Cochise, erkannte so den Oberbefehl 
des großen Häuptlings an. 

Colonel Kilgore blickte zu den Männern der Strafschwadron. 

Keiner der Soldaten hielt eine Waffe in den Händen. 
Abwartend standen sie da, starrten zu Boden und erwarteten 
das Strafgericht. 

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Haggerty preschte an dem Kommandanten vorbei, er sprang 

aus dem Sattel, zog das Messer aus dem Stiefelschaft und 
befreite zuerst Tla-ina, die ihm für einen Moment ihre Lippen 
bot. 

Lilys Zittern verebbte allmählich. Unsicher ging sie zu ihrem 

Haus hinüber, sah furchtsam die Soldaten an, die beiseite 
rückten, als die Frau kam und in der Blockhütte verschwand. 

Larry Osborne grinste und sagte: »Nun, John, es ist ganz gut, 

daß Sie nicht eine Stunde später kamen, denke ich.« 

Er holte sich seinen Colt, der auf dem Boden lag und 

überprüfte die Trommel, ehe er die Waffe halfterte. 

Kilgore ritt zu den wartenden Sträflingen in Uniform. 
»Männer«, sagte der Colonel ruhig, »ich habe gesehen, daß 

ihr Befehle ausgeführt habt. Das ist die Pflicht eines Soldaten. 
Aber es wäre auch eure Pflicht gewesen, mich über die 
verrückte Absicht des Captains zu unterrichten. Ich weiß 
wahrhaftig nicht, was ich mit euch machen soll.« 

Haggerty ritt heran, musterte die Uniformierten und faßte 

einen Entschluß. 

»Colonel«, sagte er laut. »Sie kennen die Vollmachten, die 

mir General Howard gab?« 

»Sicher, Mr. Haggerty«, erwiderte der Kommandeur. 
»Dann empfehle ich, diese Männer nicht weiter zu 

bestrafen«, sagte John laut. »Sie sollen ihren Dienst 
weitermachen. Und Sie und Lieutenant Brent sorgen dafür, daß 
die Strafschwadron entweder nach Osten verlegt oder aber 
aufgelöst wird. Wir haben hier im Südwesten wahrhaftig genug 
Probleme und können nicht auch noch eine solche Abteilung 
beaufsichtigen.« 

»Einverstanden«, erwiderte Kilgore, blickte die Soldaten 

scharf an und ließ aufsitzen. 

»Lieutenant Brent übernimmt das Kommando über die 

Schwadron«, rief der Colonel. 

Die Männer sammelten sich, nahmen ihre Waffen wieder auf 

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und saßen auf. In exakter Doppelreihe warteten sie auf den 
Lieutenant. 

»Zurück zum Fort!« befahl Kilgore. »Wir kommen bald 

nach. Wenn wir mit den Pinalenos keinen Ärger bekommen.« 

»Keine Sorge, Colonel«, sagte Haggerty. »Cochise hat die 

Führung übernommen. Und Gelber Adler ist nicht so verrückt, 
mit seinen Kriegern eine kampfbereite Schwadron 
anzugreifen.« 

»Wer hat den Befehl gegeben, Captain Hagman zu töten?« 

wollte Kilgore leise wissen. 

»Cochise«, murmelte John, »und ich denke, es war richtig, 

Sir.« 

»Was fangen wir mit dem Träumer an?« fragte der Colonel. 
»Das ist nicht unsere Sache«, wehrte Hagman ab. »Er wird 

nach dem Gesetz der Apachen bestraft. Mischen Sie sich um 
Gottes willen nicht ein. Das könnte einen Aufstand auslösen, 
Sir.« 

Cochise redete mit dem Gelben Adler. Der hochgewachsene 
Häuptling nickte schließlich, nahm etwas vom Führer der 
Pinalenos entgegen und betrachtete es ein paar Sekunden lang. 

Nun saß der Chief ab. Mit gemessenen Schritten ging er auf 

Nepatana zu, der reglos auf seinem Pony saß. 

Cochise blieb stehen und sagte in der Sprache der Apachen: 

»Du bist kein Krieger mehr, Nepatana. Dein Stamm stößt dich 
aus. Gelber Adler hat erklärt, daß du den Gesetzen der Pinaleno 
verfallen bist.« 

Langsam hob Nepatana das Bein über den Rist des Pferdes 

und glitt an der Seite des Tieres herab. Der Mann sah so aus, 
als wäre er schon tot. Er bewegte sich unendlich langsam, als 
müßte er sich zu jeder Bewegung zwingen. 

»Was geschieht jetzt?« fragte Colonel Kilgore leise. 

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»Sie erleben das Urteil und seine Vollstreckung«, erwiderte 

Haggerty. 

Cochise reichte dem Träumer den Gegenstand, den der Jefe 

vorhin vom Führer der Pinaleno-Apachen bekommen hatte. 

Nepatana hielt den Gegenstand einige Zeit in der Hand. 

Schließlich öffnete er den Tuchfetzen, betrachtete mit 
ausdruckslosem Gesicht, was er enthielt und kauerte sich fünf 
Schritte neben seinem Mustang auf die Fersen. 

Mit beiden Händen bedeckte Nepatana die Augen. 
»Was bedeutet das?« fragte Kilgore flüsternd. 
Haggerty deutete auf den Gelben Adler, der langsam näher 

glitt. Lautlos schritt der Häuptling über den Sand. 

»Nepatana hat einen kleinen Tomahawk bekommen«, 

erklärte John leise. »Er ist das Zeichen des Todes. Entweder 
nimmt er das Urteil an, oder er flieht. Dadurch verlängert sich 
sein Leben höchstens um Stunden. Denn jeder Apache wird ihn 
sofort töten, wenn er ihn sieht. Aber Nepatana hat das Urteil 
angenommen.« 

Gelber Adler trat seitlich neben den Träumer, hob den 

Schädelbrecher, der aus einem lederbezogenen Ulmenholzstab 
bestand, an dessen vorderem Ende ein fast runder Stein 
befestigt war, der ebenfalls mit Leder umhüllt war. 

Und dann schlug Gelber Adler zu. Der Verräter war tot. 
Die Pinalenos ritten heran, hoben den Leichnam auf und 

galoppierten in die Hügelketten. Minuten später erinnerte nur 
noch etwas Blut auf dem Sand an den Tod des Träumers, der 
eben diesem Traum sein Ende verdankte. 

Haggerty, Cochise, Tla-ina und Larry Osborne wollten zu 

den Mimbrenjos weiterreiten. Victorio sollte vom Tod seiner 
zwanzig Krieger erfahren, sollte wissen, daß sie gerächt waren. 

Denn in seinem Zorn über diese Tatsache könnte der 

Weißenhasser sonst zu einem neuen Feldzug gegen die 
Bleichgesichter aufrufen. Und sicher würden ihm viele Krieger 
folgen. 

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Und gerade das versuchten Cochise und sein weißer Freund 

Falke zu verhindern. 

ENDE