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2

 

Dan Roberts 

Das wilde Rudel 

Apache Cochise 

Band Nr. 26 

Version 1.0 

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3

Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre. 

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5

Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen und auch makabren 
Hintergrund.
 

Ihr Martin KelterVerlag. 

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6

*** 

»Wenn das so weitergeht, müssen wir uns bald nach 'nem 
neuen Job umsehen«, sagte der Beifahrer auf der schweren 
Kutsche mißmutig zu seinem Partner. 

Der alte Mann, dessen schwielige Hände die Zügel des 

Sechsergespannes hielten, lachte leise. 

»Denkst du, die Rothäute schaffen es, Hank?« fragte er. 

»Glaubst du wirklich, die Apachen jagen die Weißen aus 
diesem Land jemals wieder hinaus?« 

»Keine Ahnung«, erwiderte der jüngere Begleiter, »ich weiß 

nur, daß jeder in Furcht vor den roten Teufeln lebt. Und in 
letzter Zeit sind sie wieder besonders wild geworden.« 

»Weiß der Geier, was in ihren Köpfen vorgeht«, sagte der 

Kutscher und spuckte einen Strahl Tabaksaft über das Geländer 
des Sitzes. 

Die Räder mahlten sich durch den Sand, der die 

Wagenspuren der letzten Tage bedeckte. Die Kutsche holperte 
und schwankte. Ab und zu drang ein lästerlicher Fluch aus dem 
Wagenkasten. 

»Nur zwei Passagiere«, fuhr der Beifahrer fort, »lange hält 

die Company das nicht mehr durch.« 

»Wird schon wieder besser«, brummelte der Alte. 
Er musterte die Umgebung, die Halbwüste, unter der Krempe 

seines Hutes hervor. Floyd Pearson lebte schon lange in 
Arizona. Bisher hatte er es verstanden, seinen Skalp zu 
behalten. Heute jedoch verspürte er ein Jucken in der 
Kopfhaut, das ihn warnte. Immer wenn dieses Gefühl auftrat, 
wurde es gefährlich. Floyd verließ sich darauf, konzentrierte 
seine Aufmerksamkeit auf die unwahrscheinlichsten 
Deckungen, hinter denen ein Neuling im Apachenland niemals 
einen Indianer vermuten würde. 

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7

All die Sandwellen, flachen Geröllhalden und umgestürzten 

Kakteen boten einem Krieger der Apachen hervorragende 
Deckung. Stürzten die Angreifer plötzlich hervor, fragten sich 
die Weißen in den letzten Sekunden ihres Lebens, warum sie 
die Krieger nur übersehen hatten. 

»Was ist mit dir los?« wollte der Beifahrer wissen, »du bist 

heute ziemlich faul im Reden.« 

Floyd antwortete nicht. Das Jucken verstärkte sich, 

veränderte sich fast zu einem Schmerz, und der 
faltengesichtige Kutscher zog das Gewehr aus der Halterung. 

Floyd besaß eine siebenschüssige Spencer. Die mächtigen 

Geschosse vom Kaliber 52 wurden von einer Pulverladung aus 
dem Lauf gejagt, die genaue Treffer auf fast zweihundert Yards 
zuließ. 

»Verdammt, was ist? Kommen die roten Hundesöhne?« 

fragte Hank aufgeregt. 

Er sah sich um. Nirgendwo entdeckte er einen 

Apachenkrieger. Natürlich wußte der Beifahrer, daß Floyd ein 
erfahrener Mann war. Jetzt hielt er ihn trotz seiner langen 
Erfahrung für überängstlich. 

Hank ließ den Lauf seines Gewehres los, grinste schwach 

und dachte, daß Floyd ihn nur erschrecken wollte, weil er keine 
Lust zum Reden hatte. 

Dies war Hanks letzter Gedanke. Er spürte nur einen 

dumpfen Hieb gegen den Oberkörper, den Schmerz nahm er 
schon nicht mehr wahr. 

Floyd fluchte laut und brüllte: »Apachen! Von allen Seiten!« 
Die kurze Kriegslanze wippte noch, als der Kutscher bereits 

feuerte. Die schwere Spencer wummerte auf, und der Krieger, 
der Hank getötet hatte, warf beide Arme in die Luft. 

Ein Pfeilhagel war die Vergeltung für den Tod des ersten 

Apachen. 

Floyd sprang vom Bock, nachdem er mit aller Kraft die 

Bremse herangerissen hatte. Die Pferde zerrten die Kutsche, 

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8

deren Rad blockiert war, noch mehr als zehn Yards weiter. 

Drei, vier Schüsse peitschten. Die vordersten Tiere brachen 

in den Geschirren zusammen. Grell wieherten die vier 
Gespannpferde, als der Blutgeruch in ihre Nüstern drang. 

»Unter den Wagen!« brüllte Floyd, »sonst haben wir keine 

Chance.« 

Zu beiden Seiten der Kutsche flogen die Türen zurück. Jeder 

der Passagiere ließ sich auf einer anderen Seite hinausfallen. 
Der ältere Mann reagierte zu langsam. Als er sich herumrollte, 
tackten ein halbes Dutzend Pfeile in das Holz der Kutsche. Ein 
Pfeil erwischte den Mann. Er war sofort tot. 

Der zweite Passagier handelte geschickter. Er berührte kaum 

den Boden, als er auch schon herumwirbelte und seinen 
Revolver leerfeuerte. Natürlich war gezieltes Schießen 
unmöglich. Doch der Kugelhagel, der flach über die 
Deckungen der Apachen sauste, zwang die Krieger für 
Sekunden mit den Gesichtern in den Sand. 

Diese kurze Zeitspanne genügte dem Fahrgast. Er drehte sich 

rasend schnell, gelangte unter den Boden des Wagens und stieß 
hervor »Mister, das ist aber kein feiner Spaß. Fehlt nur noch, 
daß die Butterfield später noch einen Zuschlag zum Fahrpreis 
für Unterhaltung verlangt!« 

Floyd lachte grimmig. Ihm fehlte die Zeit zu einer 

gebührenden Antwort. Statt dessen jagte der Kutscher Schuß 
um Schuß aus seiner Spencer. 

Drei, vier Krieger sprangen mit weiten Sätzen auf die Pferde 

zu. Messerklingen blitzten im grellen Schein der Sonne auf. 
Unter raschen Hieben fielen die Seile und Riemen. Die Pferde 
rasten davon. 

Der Passagier hatte seinen Revolver aufgeladen. Mit vier 

blitzschnell hingeworfenen Schüssen tötete er drei der Apachen 
vor der Kutsche. 

Wutgebrüll stieg plötzlich rundherum auf. Die Halbwüste 

schien rote Männer auszuspucken. Das gellende 

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Angriffsgeschrei ließ den kaltblütigen Fremden nun doch 
zusammenzucken. 

»Ja, das ist eine prächtige Unterhaltung, Mann«, rief der alte 

Floyd. »Kein Aas verlangt von dir 'nen Zuschlag dafür. Tote 
zahlen nämlich nicht mehr.« 

Der Passagier preßte die Lippen zusammen, daß sie wie 

dünne, blutleere Striche wirkten. Mit geschickten Bewegungen 
entledigte sich der Mann seines Waffengurtes und schob ihn 
vor sich so zurecht, daß er blitzschnell die Patronen erreichte, 
wenn es ums Nachladen ging. 

Ein Schwarm Brandpfeile sirrte durch die Luft. Von allen 

Seiten ließen die Krieger die Sehnen schnellen. Es dauerte nur 
Sekunden, bis die Polsterung der Sitze Feuer fing. 

»Rauchfleisch hält sich länger«, brüllte Floyd wütend und 

leerte in rasender Folge seine Spencer. 

Ein halbes Dutzend angreifender Apachen zwang dieser 

Kugelhagel zu Boden. Als das schwere Gewehr schwieg, 
standen nur zwei Krieger wieder auf. Sie fielen unter den 
Geschossen des Revolvermannes. 

Ein Reiter auf einem fahlgelben Mustang preschte heran, 

verhielt das Tier knapp außer Schußweite und brüllte ein paar 
Befehle in der Stammessprache. Sofort änderten die Angreifer 
ihre Taktik. Sie verwandelten sich in wild umherspringende 
Krieger. Es war unmöglich, auch nur einen gezielten Schuß 
abzugeben. 

Die beiden Weißen sparten ihre Patronen. Rannten die 

Apachen erst dicht um den Wagen herum, würden noch 
mindestens zehn oder zwölf in die ewigen Jagdgründe 
eingehen. Floyd und auch der Passagier wollten sich so teuer 
wie möglich verkaufen, riskierten die unmittelbare Nähe beim 
Kampf, denn sie hatten beide mit ihrem Leben abgeschlossen. 

Der brennende Kutschwagen war das große Risiko. Wenn 

die feurige Lohe die Verteidiger zu früh aus der Deckung trieb, 
sank die Chance, noch eine Menge Angreifer mitzunehmen, 

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auf Null. 

»Wir müssen raus oder braten!« brüllte Floyd, als glimmende 

Stücke aus dem Boden herabfielen. 

»Raus!« schrie der Fahrgast und drehte sich auch schon zur 

Seite. 

Schnell wie ein Apachenkrieger sprang er hoch und fächerte 

mit der Linken über den Hahnsporn. Drei, vier, fünf Kugeln 
brachte der Mann aus dem Lauf, ehe es ihn erwischte. Eine 
Kriegslanze riß ihm die Seite auf, prallte an einer Rippe ab und 
fiel zu Boden. Ächzend sank der Mann zusammen. In dieser 
Sekunde erwischte ihn eine Kugel an der rechten Schulter. 

Floyd Pearson erging es kaum besser. Er mußte zwei Kugeln 

einfangen, von denen ihm eine das rechte Schienbein 
zerschmetterte. Nochmals drückte der Oldtimer ab, sah mit 
Genugtuung einen Apachen zu Boden sinken, als er einen 
mörderischen Schlag gegen den Brustkorb spürte. 

Es wurde dunkel um Floyd. 
Er sah nicht, daß die Krieger plötzlich reglos standen, die 

Waffen sinken ließen. 

Der Anführer auf dem fahlgelben Pony hob die Linke 

senkrecht in die Höhe. Auf dieses Zeichen hin räumten die 
Angreifer das Feld. Sie schleppten ihre Toten und 
Verwundeten mit. Wie Schatten, wie ein Spuk verschwanden 
die roten Krieger in der Dornbuschwüste. 

Zwei Reiter trieben ihre Mustangs in den Galopp. Apachen 
saßen auf den nackten Pferderücken, hochgewachsene 
Gestalten, die sich deutlich von den Angreifern unterschieden. 

Cochise sprengte heran. Der große Jefe der Chiricahuas kam 

zu spät. Er und sein Sohn Naiche waren dem Klang der 
Schüsse gefolgt. Denn die beiden Führer wußten, daß 
Geronimos Bande in diesem Gebiet umherstreifte. 

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Das Gesicht des Chiefs wirkte unbewegt, als er vom Pferd 

glitt. Er war zu oft mit dem Tod in Berührung gekommen, um 
etwas dabei zu empfinden. Zudem war für einen Apachekrieger 
Tod und Sterben etwas vollkommen Natürliches. Und die 
Halbwüste und Wüste gehörte den Apachen. 

Cochises kluge Politik wurde jedoch immer wieder von 

ehrgeizigen Kriegern und Häuptlingen unterlaufen. 
Weißenhasser wie Victorio, der wilde Führer der Mimbrenjos, 
führte seine beutehungrigen Kämpfer selbst gegen die 
Bleichgesichter. 

Geronimo, einer der Unterführer, machte mit einer eigenen 

Bande das Gebiet zwischen den Chiricahua und Dragoon 
Mountains unsicher. 

»Sie leben noch«, sagte Cochise und richtete sich auf. »Wir 

bringen sie nach Tombstone, Sohn. Hellauge ist in der Stadt. 
Wir beobachteten ihn unterwegs.« 

Naiche starrte seinen Vater an und fragte: »Du willst zu den 

Bleichgesichtern? In die Ansiedlung mit den steinernen 
Hütten? Du wirfst dein Leben weg, mein Vater.« 

Lächelnd erwiderte Cochise »Nein, wir bringen sie an den 

Rand des Ortes. Irgend jemand wird uns sehen und die anderen 
alarmieren. Ich lege ein Zeichen für Hellauge.« 

So geschah es. Die beiden Chiricahuas, die für den Frieden 

im Südwesten kämpften, nahmen die Besinnungslosen vor sich 
auf die Pferde und schlugen den Weg zum Mule Paß ein, der 
am Südrand der Dragoons den Zugang nach Tombstone 
bildete. Nur hundert Pferdelängen vor dem östlichsten Haus 
der Stadt legten die beiden Apachen die Verletzten nieder. In 
der Ferne klang schon Geschrei auf. Die Bleichgesichter 
rechneten sicher mit einem Angriff und schlugen Alarm. 
Cochise legte einen abgebrochenen Pfeil auf die Brust des 
älteren Mannes, einen Pfeil mit dem Gefieder, wie es die 
Mimbrenjos verwendeten. 

»Welches wird dein Zeichen sein, mein Vater?« fragte 

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Naiche neugierig. 

Er wußte, daß zwischen Thomas Jeffords, den der Jefe 

Hellauge nannte, und den Chiricahuas keine besonderen 
Signale vereinbart waren. 

Lächelnd zog Cochise ein Lederstück unter seinem Hemd 

hervor. Der kleine Beutel war verschlossen. Was er enthielt, 
wußte nicht einmal der Häuptling. 

»Deine Schwester, Tla-ina, gab ihn mir«, sagte Cochise. »Ich 

soll ihn Falke geben, falls ich ihn treffe. Nun, Hellauge wird 
wissen, wer mit dieser Nachricht gemeint ist.« 

Der Häuptling legte den Beutel deutlich sichtbar in den Sand 

und zog mit der Fußspitze einen Kreis darum. 

»Wir reiten«, sagte der Chief zu seinem Sohn. 
Es wurde Zeit. Die ersten Weißen trieben ihre Pferde an und 

schwenkten Gewehre über den Köpfen. 

Cochise und Naiche ließen ihre Tiere im Trab davongehen. 

»Apachen!« 

Der gellende Warnschrei ließ die Menschen 

zusammenzucken. Sie wirbelten herum, starrten durch die 
Lücken zwischen den Häusern ins freie Land und entdeckten 
zwei Krieger, die sich in etwa hundertfünfzig Yards 
Entfernung zu schaffen machten. 

Welche Teufelei heckten die roten Halunken nun wieder aus? 
»Lauft zur Station, zum Postmeister!« brüllte ein Mann. 

»Jeffords ist in der Stadt. Er kennt die roten Dreckskerle am 
besten.« 

»Nehmt die Gewehre, los, los, schnell! Ihr wißt doch, daß die 

Kerle wie aus dem Nichts erscheinen.« 

Panik kam auf. Unsichtbare Wellen liefen vor den 

verängstigten Menschen her. Die Furcht verbreitete sich in 
Windeseile in der Stadt. 

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Jeffords hörte das Geschrei, die Laute, verstand aber kein 

deutliches Wort. Trotzdem stand er auf. Unruhig ging er zum 
Fenster der Station, das auf die Plaza hinausführte und starrte 
ins Freie. 

Von Osten her rannten Männer und Frauen auf das Zentrum 

zu. Wie gehetzt blickten sich die meisten Bürger immer wieder 
um. Kinder plärrten, als ihre Mütter sie unsanft mitrissen. 

Ein halbes Dutzend Männer hetzte mit langen Sprüngen in 

die entgegengesetzte Richtung. 

»Apachen!« gellte wieder der Angstschrei auf. 
Jeffords sprang zum Gewehrständer, riß eine Winchester 

heraus und stopfte sich eine Schachtel Munition unters Hemd. 

»Haltet auf jeden Fall die Station!« rief er seinen 

Mitarbeitern zu, ehe er wie ein wilder Brasada-Bulle 
hinausstürmte. 

Der Postmeister schloß sich den Bewaffneten an, die 

keuchend zum Ostteil Tombstones rannten. Keiner der Männer 
sprach ein Wort. Sie umklammerten die Waffen so fest, daß die 
Knöchel weiß hervortraten. Angst stand in den Gesichtern der 
Bürger, Furcht flackerte in ihrem Blick. 

Es war noch nicht lange her, daß die Apachen die Stadt 

angegriffen hatten. Nur durch die Waffen des Armeedepots, 
das der Marshal kurzerhand hatte aufbrechen lassen, war es 
gelungen, die Angreifer zurückzuschlagen. 

Jeffords lief mit langen Schritten an den Bürgern vorbei. Sie 

erkannten ihn, machten ihm bereitwillig den Weg frei, denn er 
galt als Freund der roten Teufel, und er sollte auch die erste 
Kugel, den ersten Pfeil erwischen. 

Als Jeffords den Stadtrand erreichte, sah er die beiden Reiter 

hinter einer Bodenwelle verschwinden. Sofort sah er im Geist 
Cochise und Naiche vor sich. Die hochgewachsenen Gestalten 
konnten nur die Führer der Chiricahuas gewesen sein. 

Was führte die beiden Männer so nahe an die Stadt heran? 

Spähten sie etwa selbst? Suchten sie nach schwachen Stellen in 

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der Verteidigung der Ansiedlung? Bereiteten die Chiricahuas 
trotz aller Versprechungen einen Angriff vor? 

Unruhig, mit Zweifel im Herzen, blickte sich Jeffords um. 
Er entdeckte die beiden Bündel im Sand und lief sofort los. 
»Mensch, sind Sie verrückt geworden?« schrie ein Mann 

gellend hinter dem Postmeister her. 

»Laß ihn«, sagte ein anderer gehässig, »es ist doch sein 

Skalp. Außerdem ist er ein Freund der roten Stinker. Und wer 
weiß, vielleicht erwischen wir ein paar, wenn sie gleich aus den 
Deckungen aufspringen.« 

Jeffords bremste seinen Lauf, sah die beiden Verwundeten, 

das verkrustete Blut und warf sein Gewehr einfach zu Boden. 
Der Postmeister sank auf die Knie, untersuchte die 
Besinnungslosen flüchtig und atmete auf, als er Lebenszeichen 
entdeckte. 

Er stand auf und schrie: »Los, schnell, ein paar Tragen, 

Leitern oder zwei Türen. Die Männer sind schwer verletzt. Sie 
müssen sofort zum Doc, wenn sie 'ne Chance haben sollen.« 

»Und die Rothäute?« gellte es angstvoll zurück. 
»Keiner in der Nähe, stellt euch nicht so an. Habt ihr die 

Hosen voll, ihr Narren? Wollt ihr lieber zwei Männer sterben 
lassen?« 

Jeffords starrte in das faltige Gesicht des alten Mannes und 

sog scharf die Luft ein. Das war ja Floyd Pearson. Einer seiner 
besten Kutscher. 

»Jetzt haben sie dich also doch erwischt, Floyd«, sagte 

Jeffords halblaut. »Scheint, als sei deine Glückssträhne zu 
Ende. Verdammt!« 

Der Postmeister nahm das Pfeilende, drehte es nachdenklich 

zwischen den Fingern und dachte: Mimbrenjos, eindeutig. 

Und dann entdeckte er den kleinen Lederbeutel, hob ihn auf 

und öffnete ihn. Eine Perle lag darin mit einer Schnur aus 
zusammengedrehtem schwarzem Haar. Sanft fuhr Jeffords mit 
der Fingerkuppe über die Strähne. Sie war weich, sehr weich. 

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Das ist für Haggerty, dachte der Postmeister lächelnd. Also 

waren es wirklich Cochise und Naiche, die uns die Verletzten 
brachten. 

Ehe die anderen Männer mit zwei Decken herangekommen 

waren, verstaute Thomas Jeffords den kleinen Beutel in seiner 
Hosentasche und verwischte den Kreis im Sand. Die Kerle aus 
der Stadt sollten sich nicht zu viele Gedanken über Haggerty, 
ihn selbst und die Apachen machen. 

Endlich breiteten die Städter die Decken aus. Behutsam 

hoben die Männer die Besinnungslosen auf die Tücher, faßten 
die Zipfel und trugen die Überlebenden vorsichtig in die Stadt. 

»Zur Station«, befahl Jeffords, blickte noch ein paar 

Sekunden in die wüstenhafte Landschaft und fragte sich, wann 
dieser endlose Kleinkrieg wohl endlich aufhörte. 

»Jemand soll den Doc holen«, sagte der Postmeister. »Es 

geht um Minuten, denke ich.« 

Mit langen Schritten eilte Jeffords an den Trägern vorbei zur 

Station. 

Als er eintrat, standen seine Männer mit schußbereiten 

Waffen an den Fenstern des Gebäudes. Jeffords wies sie an, die 
Gewehre in den Ständer zurückzustellen und alles für die 
Verletzten vorzubereiten. 

Innerhalb einer Minute glich die Station einem Hexenkessel. 

Der Doc stürmte herein, prallte gegen Jeffords und stieß eine 
Serie wüster Flüche aus. 

Der Postmeister wich ein wenig zurück, als er die 

Alkoholwolke in die Nase bekam, die von dem Arzt ausging. 
Gleichzeitig war Thomas beruhigt. Stand Doc Honester unter 
Alkohol, unterlief ihm niemals ein Fehler. Er operierte 
geschickt und sicher. War er dagegen nüchtern, hätte Jeffords 
Bedenken gehabt. Aber mit einer halben Flasche Whisky ließ 
sich auch dieses Problem lösen. 

»Her mit den Kerlen!« brüllte Honester, »wo ist mein 

Skalpell? Oder glaubt ihr, ich kann mit meinen Zähnen die 

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Kugeln rausholen?« 

Als der Arzt das Messer ansetzte, schwoll vor dem 

Stationshaus das Gemurmel der Bürger zu bedrohlichem 
Geschrei an. 

Jeffords seufzte und ging zur Tür. Er trat auf den Gehsteig 

hinaus und wartete, bis die Menschen endlich schwiegen. 

»Was bedeutet das, Jeffords?« fragte ein vierschrötiger Mann 

laut. »Was haben die roten Hurensöhne jetzt wieder vor?« 

»Woher soll ich das wissen«, antwortete der Postmeister. 

»Ich kenne die Gedanken der Apachen nicht. Ich weiß nur, daß 
ich wieder eine Kutsche verloren habe.« 

»Wann machen wir endlich ein Ende mit der roten Brut?« 

fragte ein anderer Mann. »Schwingen wir uns auf die Pferde, 
treiben wir die verfluchten Indsmen zusammen und bringen sie 
um.« 

Jeffords schüttelte den Kopf und rief: »Ihr wißt doch, daß ihr 

es nicht schafft. Sie verbergen sich in der Wüste, wochenlang, 
und wenn ihr auf dem Rückzug seid, erledigen sie einen nach 
dem anderen. Nein, so hat das doch keinen Sinn.« 

»Aber es hat Sinn, daß gute Männer und Frauen 

abgeschlachtet werden, wie?« schrie ein Mann. 

Jeffords blickte auf die Menschen. 
»Genauso, wie es unter uns Weißen Banditen und Gesindel 

gibt«, erwiderte Jeffords, »leben auch unter den Apachen 
verwegene Krieger, die sich nicht an die Befehle der Chiefs 
halten.« 

Das ging eindeutig an die Adresse des letzten Schreihalses. 

Denn der war schon mehr als einmal in zwielichtige Geschäfte 
verwickelt gewesen. 

Der junge Mann preßte die Lippen zusammen. Zorn wallte in 

ihm hoch. Wie kam dieser verdammte Briefträger dazu, ihm 
solch eine Vorhaltung zu machen? Es ging doch darum, die 
Apachen endlich in ihre Schranken zu verweisen oder 
niederzukämpfen. 

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»Sie sind doch der Indianerfreund!« rief der Mann. »Sorgen 

Sie dafür, daß die roten Kerle endlich Frieden halten, daß sie 
die Rebellen in ihren Stämmen unter Kontrolle bringen. Wozu 
lungern denn die Blauröcke in den Forts herum? Machen sich 
die Kerle nur einen guten Tag?« 

Bitter erwiderte Jeffords: »Halten Sie doch den Mund, Sie 

Narr. Sie wissen doch genauso gut wie ich, daß General 
Howard zuwenig Soldaten im Land hat. Ihr alle wißt, daß die 
Apachen den Männern der Army überlegen sind. Aber ich 
werde mit dem General sprechen.« 

Thomas Jeffords drehte sich um und betrat die Station der 

Kutschenlinie wieder. Es war sinnlos, mit diesen Menschen 
draußen zu reden. Sie alle begriffen nicht, daß die Apachen 
dieses Land, jeden Fußbreit, noch immer als ihr Eigentum 
ansahen. Die weißen Siedler und Digger verstanden nicht, daß 
immer wieder Zwischenfälle durch Weiße ausgelöst wurden. 
Denn für die meisten Menschen galt das Wort, daß nur ein toter 
Indianer ein guter Indianer war. Es schien unmöglich, die 
beiden Rassen zu einem dauerhaften Frieden zu bringen. 

»Ich muß zum Fort«, sagte der Postmeister. »Laßt hier alles 

so laufen, wie es läuft.« 

»Sehen Sie eine Chance, die Apachen zum Frieden zu 

zwingen?« fragte der Stationsleiter. 

Jeffords lachte bitter und erwiderte: »Wir haben Frieden, 

Mann!« 

»Das sieht aber eher nach Krieg aus«, entgegnete Anthony 

Grifford, einer der Clerks, und deutete auf die beiden 
Besinnungslosen. 

»Kein Krieg, rebellische Apachen«, sagte Jeffords nur. 

»Vielleicht bekommen wir diese Banden eines Tages unter 
Kontrolle. So richtig glaube ich allerdings nicht daran. Ich reite 
jetzt, Männer. Sorgt für Floyd und den Passagier.« 

Wenige Minuten später ließ der Postmeister sein Pferd nach 

Nordosten traben, dem Apache Paß zu. 

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 18

Cochise und sein Sohn Naiche hielten die geflochtenen 
Graszügel nur locker in den Händen. Die Krieger leiteten die 
Mustangs mit den Beinen nach Osten, in die Dragoon 
Mountains. Dort lag, versteckt in einem uneinnehmbaren 
Felsental, die Apacheria des Stammes. 

Späher und Wächter sicherten sämtliche Wege zum Versteck 

der Chiricahuas. Kein Fremder vermochte dort einzudringen, 
sich zu nähern, ohne bemerkt und gestellt zu werden. 

Kaum ein Weißer wußte von der Lage dieses Verstecks. Nur 

die beiden Freunde des großen Jefe, Thomas Jeffords und John 
Haggerty, kannten einen Weg in die Felsenfestung, aber auch 
nur einen. 

»Mein Vater«, sagte Naiche nach einer langen Weile, 

»Geronimo sammelt Krieger um sich. Als seine Rotte das 
rollende Jacale überfiel, folgten mehr als dreißig Mimbrenjos 
dem ›der gähnt‹.« 

Dies war der eigentliche Name des Kriegers Geronimo, der 

bis vor kurzer Zeit durch nichts aus den Reihen der anderen 
Mimbrenjos herausgeragt war. Erst nach einem Überfall in 
Mexiko, als der Mann wie ein wilder Teufel kämpfte, Angst 
und Tod über die Gelbhäutigen brachte, gaben ihm die 
Mexikaner den Namen Geronimo. 

»Naiche, er ist wild wie ein einsamer Bergwolf«, antwortete 

Cochise. »Nicht einmal Victorio vermag ihn aufzuhalten.« 

»Will er ihn denn aufhalten?« fragte Naiche. 
»Er muß, Sohn«, erwiderte Cochise ernst, »Geronimo strebt 

nach der Häuptlingswürde. Er haßt die Weißen erbarmungslos, 
genau wie Victorio.« 

Cochises Sohn überlegte eine Weile und machte eine 

Handbewegung, die seine Ratlosigkeit zeigte. 

»Vater, wie kann ein Krieger wie er Jefe werden? Erfahrene 

Männer stehen weit vor ihm. Nana und Loco sind gute Führer.« 

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»Nana liebt den Kampf«, antwortete der Chief der 

Chiricahuas. »Er besitzt ein heißes Herz und wildes Blut. Er 
wird immer wieder ausbrechen und kämpfen. Loco ist zu 
schwach, Geronimo Widerstand zu leisten. Nur Victorio kann 
ihn aufhalten. Er muß ihn aufhalten, denn übernimmt er die 
Führung der Mimbrenjos, brennt das gesamte Land.« 

»Und du, mein Vater?« fragte Naiche, »du gabst dem 

Einarmigen dein Wort. Kannst du zulassen, daß die 
Mimbrenjos dein Wort brechen?« 

Cochise sah seinen Sohn nicht an. Der Jefe blickte zu den 

zerklüfteten Felsen der Dragoon Mountains. 

Naiche hatte das Problem richtig erkannt. Eine einfache 

Lösung gab es nicht. Denn die Stämme beharrten auf ihrer 
eigenen Macht. Cochise galt zwar als der große Führer, 
vermochte jedoch nicht, die Rebellen zum Frieden zu zwingen. 
Vor allem dann nicht, wenn die Häuptlinge der anderen Sippen 
stillschweigend die Raubzüge ihrer Krieger duldeten oder sie 
gar selbst anführten. 

Für Cochise stand das Schicksal der Apachen seit langem 

fest. Die Weißen drangen immer weiter vor, fielen zahlreich 
wie ein Schwarm Heuschrecken in das heiße Land ein. Und je 
mehr Weiße die Apachen umbrachten, desto mehr würden 
kommen. 

Es gab nur eine Möglichkeit: gemeinsam mit den 

Eindringlingen die Lebensweise der Apachen behutsam zu 
ändern. Doch dem stand der wilde Sinn der Wüstenkrieger 
entgegen. Seit Jahrhunderten lebten sie in diesem Gebiet, 
waren sie die Herren über Halbwüste und Wüste und versteckte 
Wasserstellen, die nach und nach von den Weißen entdeckt 
wurden. 

Jeder Apache betrachtete ein jedes Lebewesen in diesem 

Land als seine Beute. 

Und wenn die Rebellen die Oberhand gewannen, wenn sie 

alle Stämme in einen Krieg gegen die Bleichgesichter führten, 

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stand für Cochise der Untergang seiner Rasse fest. 

Denn trotz moderner Waffen blieben die Krieger den 

Soldaten mit ihren Kanonen und Gatling Guns unterlegen. Eine 
offene Schlacht war undenkbar. 

»Viele unserer Krieger sind unzufrieden, mein Vater«, fuhr 

Naiche fort. »Sie folgen Geronimo. Er verspricht ihnen Skalps, 
Kampf und Beute.« 

»Laß sie ziehen«, antwortete Cochise lächelnd. »Sie kommen 

zurück, wenn sie Chiricahuas sind.« 

»Aber sie erzählen von den großen Kämpfen«, erwiderte 

Naiche erregt. »Andere spüren ihr Blut heißer wallen und 
mißachten ebenfalls deine Befehle.« 

Cochise nickte und sagte: »Ich darf nicht wagen, einen Streit 

zwischen den Stämmen heraufzubeschwören. Setzen sich die 
anderen Chiefs über mein Wort hinweg, so ist Cochise nichts 
als ein kleiner Häuptling. Ich muß behutsam und geschickt 
vorgehen, mein Sohn. Dies ist der Grund, warum wir immer 
wieder dieses Land durchstreifen. Du hast erlebt, wie schnell 
Geronimo aufgab und verschwand.« 

Nachdenklich nickte Naiche. Ja, sein Vater hatte recht. 

Allein das persönliche Erscheinen des großen Häuptlings 
brachte die rebellischen Krieger zum Aufgeben. Denn sie 
wußten genau, daß sie gegen seine Befehle verstießen, sein 
Wort brachen, das alle Stämme band. 

Was aber geschieht, dachte Naiche, wenn die wilden Krieger 

eines Tages nicht zurückweichen? Wenn wir auftauchen, 
erkannt werden und die Männer kämpfen weiter? 

Sekunden später gab sich Naiche selbst die Antwort: dann 

war sein Vater nicht mehr Cochise, nicht mehr der Führer. In 
diesem Moment begann der endgültige Untergang der 
Apachen. 

»Welches sind deine Pläne, mein Vater?« fragte Naiche nach 

langer Zeit. 

»Wir müssen erfahren, was Hellauge plant«, antwortete der 

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Jefe. »Holt er die Pferdesoldaten zur Hilfe, wird kein 
Mimbrenjo mehr eine Kutsche angreifen. Die Krieger brennen 
dann die Häuser der weißen Siedler nieder.« 

»So dumm ist Hellauge nicht«, erwiderte Naiche überzeugt. 

»Er wird sich etwas anderes ausdenken.« 

»Reiten wir zu den Quellen«, sagte Cochise. »Hellauge wird 

bereits unterwegs sein.« 

Naiche kannte das Land, wußte, was ein gutes Pferd zu 

leisten vermochte und wußte auch, daß Jeffords mindestens 
sechs Stunden unterwegs sein würde, ehe er den Apache Paß 
erreichte. 

Cochise und sein Sohn verfügten über genügend Zeit. 

Thomas Jeffords war ein furchtloser Mann. Einst hatte er 
Cochise überrascht, indem er in die Bergfestung, in die 
Apacheria, eingedrungen war. Beeindruckt von so viel Mut 
hatte der Jefe seine Erlaubnis zum Bau der Relaisstation auf 
der Paßhöhe gegeben. Denn nur dort sprudelten Quellen aus 
dem Felsen, die selbst im heißesten Sommer nicht versiegten. 
Dieser Ort war wichtig für die Butterfield Overland Company, 
war der einzige Ort, an dem die Pferde und Reisenden Wasser 
bekamen. 

Jeffords ritt auf einem struppigen, zähen Pferd nordostwärts. 

Überall bemerkte der erfahrene Mann die Spuren von Apachen, 
spürte, daß er beobachtet wurde, witterte jedoch noch keine 
Gefahr. 

Die Sonne versank bereits im Westen, als der Postmeister 

sein zerzaust wirkendes Pferd vor den Steinmauern von Fort 
Buchanan zügelte. 

Das mächtige Tor war geschlossen. Auf den Laufgängen 

hinter den Mauern patrouillierten die Posten. Die meisten 
Männer kannten den Postmeister. 

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Es dauerte nicht lange, bis Jeffords mit dem Wachhabenden 

sprechen konnte. Thomas wollte zu John Haggerty, dem 
Chiefscout des gesamten Südwestens. 

»Mr. Jeffords, sorry, Lieutenant Haggerty sitzt beim 

General«, sagte der junge Captain, der das Kommando führte. 
»Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Gentlemen 
fertig sind.« 

Jeffords verspürte Unruhe. Alles, was hier im Fort 

besprochen wurde, war wichtig, berührte auch die 
Kutschenlinie und die Sicherheit der Fahrer und Passagiere. 

»Wissen Sie, worum es geht?« fragte der Postmeister. 
»Bedaure, Sir, ich habe keine Ahnung.« 
»Ich muß Haggerty sprechen«, fuhr der Postmeister fort. 

»Richten Sie ihm bitte aus, daß er in das Tal der Steine 
kommen soll. Dort erwarte ich ihn. Es ist wichtig, Captain. 
Heute habe ich wieder eine Kutsche verloren. Ich brauche 
Haggertys Hilfe.« 

Der Offizier versprach, den Chiefscout sofort loszuschicken, 

sobald die Besprechung bei Howard beendet war. 

Jeffords verließ das Fort, ritt zur Paßhöhe hinauf und wurde 

von seinen Freunden lautstark begrüßt. 

»Buck und Larry sind hier«, sagte Burt Kelly, »sie lungern 

im Stationsraum herum und fallen Walker auf den Geist. Er ist 
ganz verrückt nach ihren dämlichen Spielchen mit den Colts.« 

Kelly schüttelte den Kopf und murmelte etwas von 

verdammten Revolvermännern, die gerade noch gefehlt hätten, 
um den Topf zum Überkochen zu bringen. 

Jeffords warf dem knorrigen Burt die Zügel zu und stapfte 

zum Haus. Als er die Tür öffnete, starrte er in zwei 
Revolvermündungen. Buck Tinatra und Larry Osborne hatten 
blitzschnell ihre Colts aus den Halftern gezaubert, als Jeffords 
eintrat. Norbert Walker stand ein paar Schritte neben den 
beiden und beobachtete sie genau. 

»So macht man das, Norbert«, sagte der blonde Larry. 

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»Schnell fest zupacken, den Daumen auf dem Hahnsporn«, 

fügte Buck hinzu. 

Walker packte zu, umklammerte den Griff seines Revolvers 

wie einen Hammerstiel und zerrte die Waffe aus dem Halfter. 

Jeffords lachte laut und rief: 
»Das sieht ja prächtig aus, Norbert! Wenn du so 

weitermachst, hast du Weihnachten die Mündung oben!« 

Beleidigt stopfte der Posthelfer die Waffe ins Halfter zurück 

und erwiderte: 

»Ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich möchte 

diese beiden Revolverhelden mal sehen, wenn sie Hufeisen 
aufnageln.« 

Larry lachte und erwiderte: »An so 'nen schwierigen Job 

trauen wir uns nicht ran, Norbert. Dazu müßten wir erst mal 
üben, so wie du mit dem Colt.« 

Jeffords betrachtete seinen Helfer nachdenklich. Norbert 

Walker war ein guter Mann, ein ausgezeichneter Schütze. Nur 
haperte es mit dem blitzschnellen Ziehen des Revolvers. 

»Hör mal«, sagte der Postmeister bedächtig, »warum wirfst 

du nicht mit Hufeisen? Damit kannst du einem Gegner auch 
Wunden beibringen, vielleicht sogar den Schädel einschlagen. 
Und wenn du nicht triffst, ist er zumindest so verblüfft, daß du 
ihn niederschlagen kannst.« 

Walker schnaubte verächtlich und verließ den Stationsraum. 
»Jetzt hast du ihn beleidigt«, stellte Buck Tinatra fest und 

fuhr sich mit der Linken über die schwarzen Haare. »Was treibt 
dich überhaupt hierher zum Paß?« 

Jeffords zog einen Stuhl heran und setzte sich. 
»Geronimo«, erwiderte der Postmeister, »wir haben wieder 

eine Kutsche verloren. Hank wird tot sein. Floyd ist schwer 
verletzt. Er und ein Passagier verdanken Cochise ihr Leben. 
Der Jefe und Naiche müssen die beiden dicht zu den ersten 
Häusern Tombstones gebracht haben.« 

Buck und Larry wirkten auf einmal sehr hart und wachsam. 

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Weder in ihren Augen noch in den Gesichtern war etwas von 
der Fröhlichkeit zurückgeblieben, die sie vor ein paar Minuten 
noch verspürt hatten. 

»Was hast du vor?« fragte Buck. »Wir waren unterwegs. 

Alles schien friedlich.« 

»Ich weiß es noch nicht genau«, erwiderte Jeffords mit 

müder Stimme. »Zuerst möchte ich mit Haggerty reden. Er war 
bei Howard in einer Besprechung. Wir treffen uns im Tal der 
Steine.« 

»Wann?« fragte Larry. 
»Sicher nicht vor morgen. Wir reiten bei Sonnenaufgang los. 

Ihr seid meine Patrouillen auf den Strecken. Vielleicht habt ihr 
doch was bemerkt. Warten wir ab, was Haggerty sagt.« 

Die Nacht verlief ungestört. Thomas Jeffords erwachte, als 

im Osten der erste grau schimmernde Lichtstreifen über den 
Horizont zog. Larry und Buck waren schon auf den Beinen. 
Aus der Küche drang verlockender Duft nach gebratenem 
Schinken, Eiern und Kaffee. 

Burt Kelly trug eine blaue Schürze, die bis auf die Stiefel 

hinabhing. 

Walker kümmerte sich im Stall um die Pferde, überprüfte die 

Eisen, das Lederzeug und die Sättel, bevor er sie auflegte. 

Als Jeffords und seine beiden Streckenreiter  die Station 

verließen, war alles für sie bereit. Sie saßen auf, nickten 
Walker zu und preßten den Tieren die Absätze in die Flanken. 

»Laßt euch nicht von Geronimos Kriegern erwischen«, rief 

Walker ihnen nach. »Würde mir leid tun.« 

Es dauerte nicht lange, bis die Reiter das Tal der Steine 

erreichten. Der Einschnitt in den Felsen hieß bei den Apachen 
so, weil der Boden mit kopfgroßen Geröllbrocken übersät war, 
die eine fast vollkommene Kugelform besaßen. Woher diese 
Steine stammten, vermochte niemand zu sagen. 

Büsche wucherten aus Felsspalten, in die der Wind Erde 

geweht hatte. Bergwacholder reckte seine Zweige nach oben, 

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 25

der Sonne zu. Und Katzenklauenakazien standen dicht an den 
Felswänden des Tales. Dort sammelte sich die Feuchtigkeit 
und bot den Gewächsen genügend Nahrung. 

»Haggerty ist schon da«, sagte Jeffords und deutete nach 

vorn. 

Ja, der Chiefscout saß im Sattel seines Falben. Das Pferd 

stand inmitten hüfthoher Geröllbrocken. Hinter dem Tier ragte 
die Steilwand hoch auf. Schmale, kaum handbreite Schrunden 
und Risse vermochten höchstens einer Bergziege Halt zu 
bieten, oder einem Apachen. 

»Haggerty, ich brauche Hilfe«, sagte der Postmeister, 

nachdem sie sich begrüßt hatten, und berichtete, was am 
vergangenen Tag geschehen war. 

Ernst nickte der Scout, als Jeffords schwieg. 
»Geronimo ist Gift für dieses Land und für die Krieger«, 

sagte der Chiefscout. 

Er war Cochises Freund, genau wie Thomas Jeffords. Falke 

nannte der große Häuptling den Fährtensucher. 

»Ich fand bei den Verwundeten etwas, das auf Cochise 

hinweist«, fuhr Jeffords fort. »Es ist nicht für mich bestimmt.« 

Er zog den kleinen Lederbeutel aus der Hemdtasche und 

reichte ihn Haggerty. Der Scout wog ihn ein paar Sekunden in 
der Hand, ehe er die Schnur löste und die Perle herausholte. 

Jeffords bemerkte die Veränderung, die in dem Scout 

vorging. Haggerty starrte die Perle an, fuhr mit der 
Fingerkuppe über die glänzende Oberfläche und streichelte die 
Haarschnur, während er in unendliche Fernen zu starren schien. 

Der Blick des Scouts wirkte irgendwie verloren, als er an 

Tla-ina dachte, Cochises Schwester. 

Haggerty wußte nicht, ob je die Zeit kommen würde, in der 

er dieses Mädchen zu sich holen durfte. Sie liebte ihn, den 
Weißen, den Eindringling. Und er spürte sie in seinem Blut, 
wußte, daß er nicht auf die Schwester des großen Jefes 
verzichten konnte. 

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Alles sprach gegen eine solche Verbindung. Es gab für John 

Haggerty nur eine Möglichkeit: er mußte selbst zum Apachen 
werden. Wurde er von Cochise in den Stamm der Chiricahuas 
aufgenommen, stand der Verbindung zu Tla-ina nichts mehr im 
Wege. Doch dann war John kein Weißer mehr. Noch 
vermochte er nicht, diese Entscheidung zu treffen. Niemand 
wußte, nicht einmal er selbst, ob es je dazu kommen würde. 

Er fing sich wieder, verbarg die Perle sorgfältig in dem 

Lederbeutel und steckte diesen in die Innentasche seiner Jacke. 

»Ja, Geronimo ist Gift, wütendes Feuer und ein tollwütiger 

Wolf«, fuhr Haggerty fort, als sei nichts gewesen. »Wir wissen 
nicht, wie wir den Krieger aufhalten sollen. Ich sprach gestern 
mit Howard. Ich bin Chiefscout, gut. Ich kenne mich mit den 
Apachen besser als jeder andere aus, auch gut. Und was nutzt 
uns das? Nichts, Jeffords, überhaupt nichts. Meine 
Freundschaft mit Cochise bewahrte uns bisher vor einem 
offenen Krieg. Das ist auch alles. Wir müssen neue Wege 
einschlagen.« 

Larry Osborne zog die Brauen hoch. 
»Welche Wege?« fragte der blonde Kämpfer. 
»Ich habe eine Idee«, erwiderte Haggerty, »aber das ist alles 

noch nicht soweit, daß ich mich entscheiden kann.« 

»Reden Sie doch, vielleicht können wir helfen, etwas dazu 

beisteuern«, forderte Jefford den Scout auf. 

Aufmerksam musterte Haggerty die drei Männer. Er kannte 

sie gut genug, um ihnen vertrauen zu können. 

»Ich verlasse mich darauf, daß ihr schweigt«, sagte er. »Ich 

habe General Howard vorgeschlagen, mich aus der Army zu 
entlassen. Natürlich arbeite ich weiterhin für ihn. Das Land 
muß endlich zur Ruhe kommen. Solange ich aber von 
Vorschriften und Befehlen eingeengt bin, vermag ich nicht 
genug zu tun. Ich will als freier Mann durch den Südwesten 
reiten, dort eingreifen, wo es nötig ist. Ich möchte mit Cochise 
ständig unterwegs sein, alles beobachten und zupacken, wo der 

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Friede gebrochen wird. Dabei ist es gleichgültig, wer für Ärger 
sorgt, Indianer oder Weiße oder Mexikaner.« 

Jeffords überlegte kurz und erwiderte: »Ein verwegener, ein 

guter Plan. Wie stellt sich Howard dazu?« 

»Das ist es ja«, rief Haggerty, »er zaudert, windet sich, 

kommt einfach zu keiner Entscheidung.« 

Der Scout schwieg, hob den Kopf, als wittere er und 

beobachtete die Steilhänge der Talwände. 

»Wir sind nicht allein«, behauptete Haggerty plötzlich. 
Langsam zog er seine Winchester aus dem Scabbard und 

legte den Hahn mit dem Daumen zurück. Jeffords und seine 
Freunde hielten innerhalb einer Sekunde ihre Gewehre 
ebenfalls schußbereit in den Fäusten. Buck und Larry ließen 
die Pferde angehen, ritten zwei Längen zur Seite und bildeten 
so mit Haggerty und Jeffords gemeinsam einen Halbkreis vor 
der Felswand. 

»Dort oben, auf der anderen Seite«, sagte der Scout. »Neben 

der Sommerzypresse.« 

Zwei braunhäutige Männer glitten wie Schemen über die 

schmalen Vorsprünge. Metall glänzte im Sonnenlicht auf. Die 
Krieger trugen moderne Gewehre. Geschmeidig turnten die 
Apachen höher, erreichten die Steilkante und verschwanden. 

»Chiricahuas?« fragte Buck Tinatra. 
»Nein, sicher nicht«, antwortete Haggerty, »ich glaube, es 

waren Mimbrenjos. Geronimo heckt eine neue Teufelei aus, 
Jeffords. Wie kann ich Ihnen helfen? Ihre Kutschen sind nicht 
mehr sicher.« 

Der Postmeister preßte die Lippen zusammen. Am liebsten 

würde er Cochise um Hilfe bitten und sagte das auch. 

»Er wird nicht helfen«, erwiderte der Scout. »Der Jefe ist ein 

kluger Politiker. Er kann seine Macht nicht gefährden. Stellt er 
sich ganz offen auf unsere Seite, übernimmt Victorio die 
Führung. Und dann überzieht er den Südwesten mit Mord und 
Feuerbrand.« 

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Jeffords nickte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als jede 

Kutsche durch bewaffnete Begleiter zu sichern. 

»Buck und Larry, ihr fahrt mit dem nächsten Wagen nach 

Tombstone. Nehmt Gewehre und genügend Munition mit. Es 
geht nicht mehr anders. Ich bin für das Leben der Passagiere, 
der Kutscher und die Fracht verantwortlich. Wir müssen 
Geronimo zeigen, daß wir es auf eine große 
Auseinandersetzung ankommen lassen.« 

»Und die Strecken?« fragte Larry, »wie sollen wir 

beobachten und Nachrichten bringen, was sich unterwegs 
ereignet?« 

»Das ist jetzt unnötig«, sagte der Scout. »Jeffords hat recht. 

Der Mimbrenjo muß erkennen, daß der Spaß zu Ende ist, daß 
wir zurückschlagen.« 

»Wir?« fragte Buck gedehnt. 
»Ja, wir«, erwiderte Haggerty nachdrücklich, »ich fahre 

ebenfalls mit. Jede Waffe mehr ist von Vorteil.« 

Er hob abermals den Kopf, blickte zum jenseitigen Zugang 

des Tales und kniff die Augen ein wenig zusammen. 

»Wir bekommen Besuch«, sagte er. »Hufschlag, zwei 

Pferde.« 

Nun hörte auch Jeffords die Tiere. Es mußten Indianerponys 

sein, denn kein Klingen von Eisen war zu vernehmen, nur das 
leise Tacken der Hufe auf dem felsigen Untergrund. 

»Cochise«, sagte Larry Osborne erstaunt, als er die beiden 

hochgewachsenen Reiter erkannte. 

Wenig später verhielten der Jefe und Naiche ihre Mustangs 

vor den Weißen. 

»Falke, Hellauge«, sagte der Häuptling, »und zwei der besten 

Krieger treffen sich hier. Ihr seid unvorsichtig, wißt ihr das 
nicht?« 

»Als wir die beiden Späher entdeckten, gaben sie auf«, 

erwiderte der Scout lächelnd. »Geronimo erfährt nicht, was wir 
planen.« 

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»Sie gaben auf, weil wir in der Nähe waren«, erwiderte 

Naiche lächelnd. »Werden wir eure Pläne kennenlernen?« 

Jeffords hielt die Gelegenheit für günstig. Vielleicht half der 

Chief doch, wenn er ihn darum bat. Denn immerhin lag auch 
Cochise der Friede am Herzen. 

»Cochise, die Mimbrenjos lauern meinen Kutschen auf«, 

sagte der Postmeister. »Gestern verlor ich wieder einen Wagen. 
Du weißt es. Ihr wart in der Nähe. Nur dir und Naiche haben 
die beiden Manner ihr Leben zu verdanken. Ich bitte dich um 
deine Hilfe, Cochise.« 

Der Häuptling sah Jeffords lange an. Die schwarzen Augen 

in dem reglosen Gesicht wirkten ausdruckslos, verrieten nichts 
von dem, was gerade in Cochises Kopf vorging. 

»Wie soll die Hilfe der Chiricahuas aussehen, Hellauge?« 

fragte der Häuptling aufmerksam. 

»Wenn ein paar Rotten deiner Krieger jede Kutsche 

begleiten«, sagte Jeffords langsam, »schreckt das die 
Mimbrenjos ab. Sie werden doch sicher keinen Kampf mit 
deinem Stamm beginnen. Und die Kutschen sind sicher.« 

Naiche starrte den Postmeister an und verzog das Gesicht. 
»Weißer Mann, Hellauge, warum sollten die Apachen euch 

schützen?« fragte Cochises Sohn. »Dies ist unser Land. 
Beschützt du den Feind, der in dein Haus eindringt! Hilfst du 
deinem Feind, der dir dein Haus stehlen will, gegen deine 
Brüder, die sich wehren? Nein, Hellauge, das darf nicht sein.« 

Jeffords blickte den großen Häuptling an und wartete. Der 

Postmeister verspürte die Hoffnung, daß Cochise auf seinen 
Vorschlag einging. 

Endlich antwortete der Häuptling. Er blickte in weite Ferne, 

während er sprach. 

»Du willst den Frieden, Hellauge«, sagte er, »ich auch. Aber 

deine rollenden Jacales bringen immer Menschen deiner Rasse 
in unser Land. Und jedes Bleichgesicht, das seinen Fuß 
hierhersetzt, will bleiben. Jeden Tag stehlen uns die Weißen 

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ein Stück Land. Ich habe nur wenig gute Menschen unter euch 
gefunden. Du verstehst mich, ich weiß es. Ich kann nicht für 
wenige viel opfern. Die rollenden Jacales sind dein Problem, 
Hellauge, nicht das meine. Ich kann meinen Kriegern nicht 
befehlen, gegen ihre Brüder zu kämpfen. Denn dann zerbricht 
der Friede, und die Apachen führen untereinander Krieg.« 

Die Antwort lautete also nein. Jeffords senkte den Kopf. Er 

verstand Cochise. Der Häuptling wollte die Stämme geeint 
halten. Noch wog sein Wort schwer, sehr schwer in den 
Ratsversammlungen der Alten. Stellte er sich jedoch gegen die 
eigene Rasse, schwand Cochises Macht wie Schnee im 
Sonnenglast. 

»Es bleibt also dabei, daß Larry, Buck und ich die Kutschen 

durch die Ebene begleiten«, sagte Haggerty. 

Er lächelte hart. Ein gefährlicher Funke tanzte in seinen 

Augen. 

»Wir wehren uns gegen alle Angreifer, Jefe«, sagte er laut. 

»Auch gegen Krieger deines Stammes, sollten sie gemeinsame 
Sache mit den Mimbrenjos machen.« 

»Ich habe nichts dagegen«, erwiderte Cochise. »Ich reite 

jetzt. Wir sehen uns wieder.« 

Naiche und der große Häuptling zogen ihre Pferde herum. 

Die Mustangs trabten an. Wenige Minuten später 
verschwanden die Tiere in der engen Schlucht des 
Talausganges. 

»Also los, zum Paß hinauf«, sagte Jeffords. »Ihr wartet auf 

die Kutsche nach Tombstone und fahrt sofort mit. Ich bleibe in 
der Station. Sie ist gefährdet, wenn Geronimo mit seiner Horde 
umherstreift.« 

Einige Stunden später drang wüstes Fluchen an die Ohren der 
Männer, die in der Station warteten. Räder knarrten, und ein 

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Pferd wieherte laut. 

»Na endlich«, sagte Burt Kelly, »wurde aber auch Zeit.« 
Der Posthelfer lief ins Freie. Auf dem Bock der schweren 

Kutsche saßen Ted Riley als Fahrer und Jack Vance als 
Begleiter. 

»Apache Paß, eine halbe Stunde Aufenthalt!« brüllte Ted 

und riß den Bremshebel zurück, nachdem er das 
Sechsergespann gezügelt hatte. 

Er kletterte steifbeinig vom Bock herab und baute sich vor 

Burt Kelly drohend auf und sagte: »Wenn du mir hier solche 
Mistviecher wie diese elenden Klepper einspannst, Burt, ziehst 
du bei der Rückfahrt selbst im Geschirr. Das verspreche ich dir. 
Diese Böcke sind ja selbst zum Schlafen zu lahm. Wie sollen 
wir den Apachen davonsausen, he?« 

»Reg dich nicht auf, Schwachkopf«, antwortete Burt. »Du 

solltest erst mal lernen, wie man mit so einen Pferdchen 
umgeht. Ein schlechter Kutscher ruiniert das beste Gespann. 
Weißt du das nicht?« 

Ted lief knallrot im Gesicht an. Er gehörte zu den besten 

Fahrern der Gesellschaft und wußte das auch. Ehe er jedoch 
Burt Kelly drei Dutzend Flüche und Beleidigungen an den 
Kopf werfen konnte, trat Norbert Walker näher. 

»Mann, wer hat dir denn diese Klepper angedreht, Ted?« 

fragte er. 

Riley grinste plötzlich, deutete auf Burt und rief: »Und der 

Narr da will mir erzählen, daß es gute Deichselpferde sind!« 

»Er hat doch keine Ahnung«, sagte Walker lässig. »Wie viele 

Plätze sind noch frei?« 

»Bekomme ich hier neue Passagiere?« fragte Ted erstaunt. 
Er zog die buschigen Brauen dicht zusammen. Riley wußte, 

was das zu bedeuten hatte. Und dabei war ihnen während der 
ganzen Fahrt kein Apache über den Weg gelaufen. 

»Drei Männer fahren mit«, fuhr Walker fort. »Larry, Buck 

und John Haggerty.« 

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Ted pfiff schrill durch die Zähne. Wenn der Chiefscout selbst 

mitwollte, stank es meilenweit nach Verdruß. 

»Ich fahre nur zwei Männer durch die Gegend«, sagte Riley. 

»Es scheinen Goldsucher zu sein.« 

Jeffords ging zur Kutsche, nickte Fahrer und Begleiter zu, 

öffnete den Wagenschlag und stieg auf den Eisenbügel, der als 
Stufe diente. 

»Wir wollen nicht raus«, sagte ein älterer Mann, dessen 

Gesicht faltig und verwittert aussah. 

»Gentlemen«, antwortete Jeffords ernst, »es wäre besser, Sie 

blieben hier in der Station. Die Apachen machen die Gegend 
unsicher. Ich rechne mit einem Angriff auf diese Kutsche.« 

Der Ältere grinste und hielt plötzlich einen Revolver in der 

Rechten. 

»Die sollen nur kommen«, sagte der Passagier grimmig, »wir 

werden ihnen das rote Fell voll Blei pumpen.« 

Jeffords sah sich den jüngeren Mann eingehend an. Er saß 

gegenüber auf der gepolsterten Bank und hörte gleichgültig zu. 

»Was ist mit Ihnen, Mister?« fragte der Stationsleiter. 
»Mein Sohn bleibt ebenfalls«, erwiderte der Alte. »Er schießt 

genauso gut wie ich.« 

»Wie Sie wollen. Ich habe Sie gewarnt.« 
Jeffords ließ die Tür offen und ging davon. Die beiden 

Fahrgäste erweckten wirklich den Eindruck, sie könnten ihr 
Leben erfolgreich verteidigen. 

Haggerty, Buck und Larry marschierten zum Wagen. Außer 

den Gewehren trugen die drei Männer kaum Gepäck. Sie 
wollten durch nichts behindert werden, wenn es zum Kampf 
kam. Lediglich einen flachen Beutel mit Munition, ein paar 
Streifen Trockenfleisch und Wasserflaschen führten sie mit. 

»Gibt's 'nen Krieg, Leute?« fragte der faltige Alte, als die 

neuen Fahrgäste einstiegen. 

»Verlaß dich drauf«, erwiderte Larry Osborne, »und ihr 

werdet dann dienstverpflichtet.« 

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»Hihihi, für die Army habe ich nicht viel übrig«, erwiderte 

der Alte. 

»Auch nicht für deinen Skalp?« erkundigte sich Buck 

freundlich. »Um den geht's nämlich, Mister.« 

Statt einer Antwort holten die beiden zahlenden Fahrgäste 

ihre Colts aus den Halftern und überprüften die Waffen. 

Endlich standen neue, ausgeruhte und kräftige Pferde in den 

Geschirren. 

Ted Riley schwang sich auf den Bock, wartete auf Jack 

Vance, den Begleiter und brüllte: »Es geht weiter Leute, in die 
Ebene hinab, zu den Apachen. Bereitet euch darauf vor, gegen 
eine Meute blutgieriger Teufel zu kämpfen. Hoooo, zieht an, 
ihr Böcke!« 

Die Kutsche rollte zum westlichen Hang des Passes. 

Knirschend drehten sich die Eisenreifen auf dem felsigen 
Boden. 

Larry sah Jeffords' sorgenvolles Gesicht. 
»Thomas steckt mächtig in der Klemme«, sagte Osborne zu 

seinem Freund. 

Sie kannten sich schon lange, auch den Postmeister. In 

Kansas waren sie vor Jahren zum erstenmal 
zusammengetroffen. Die beiden Revolverkämpfer blieben 
unzertrennlich. Und als Jeffords Hilfe benötigte, holte er seine 
beiden verwegenen Freunde, die er als ausgezeichnete Kämpfer 
in Erinnerung behalten hatte. 

Gleichmütig saß Haggerty in der Ecke. Er spürte förmlich, 

daß diese Fahrt ungewiß enden würde, daß ein harter Kampf 
auf sie wartete. Wie alle Männer der Wildnis verfügte der 
Scout über einen feinen Instinkt für Gefahr, für Situationen, die 
ihm das Leben kosten konnten. 

Und seine Ahnungen ließen ihn nie im Stich, täuschten ihn 

niemals. Daher war er sicher, daß die Apachen bereits auf der 
Lauer lagen, die Beute erwarteten. 

Langsam rollte der Wagen die Straße zur großen Ebene 

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hinab. Immer wieder zügelte Ted Riley die Pferde, die 
voranstürmen wollten, denn nun fuhr die Last hinter ihnen fast 
von allein. 

Aber der Kutscher wußte, daß die Kraft der Tiere unten 

gebraucht wurde. Wenn es darum ging, den Angreifern 
davonzufahren, benötigten die Deichselgäule jede Menge 
Energie. 

Die Butterfield-Kutsche erreichte das flache Land, das im 

grellen, heißen Schein der Mittagssonne lag. Überall blitzten 
Sandkristalle auf, waberten Hitzeschleier über den 
festgebackenen Boden und gaukelten den Männern auf dem 
Bock Trugbilder vor. 

Riley und Vance kannten sich in diesem Gebiet aus. Sie 

fielen nicht mehr auf die Visionen von weiten, flachen 
Lagunen herein, die so manchem Greenhorn zum Verhängnis 
wurden. 

»Wann kommen die roten Brüder?« fragte der mundfaule 

Jack. 

»Bald, wenn sie kommen«, antwortete Ted und packte die 

Zügelriemen fester. 

Es sollte nicht mehr lange dauern. 
Der Hang des Passes lag vielleicht fünf oder sechs Meilen 

hinter der Kutsche, als es geschah. 

Ein Dutzend mächtige Orgelpfeifenkakteen erweckte Jacks 

Aufmerksamkeit. Als er letzte Woche diese Strecke gefahren 
war, standen diese Gewächse noch nicht hier. Und es war 
unmöglich, daß ein Kaktus innerhalb von sieben Tagen 
derartige Ausmaße erreichte. 

»Es geht los«, sagte Jack Vance in normaler Lautstärke. »Die 

Kakteen, Ted. Sie waren vor 'ner Woche noch nicht hier.« 

Durch das Knarren der Räder und Schnauben der Pferde 

hörten die Männer auf dem Bock, daß die Passagiere ihre 
Waffen schußbereit machten. Das metallische Schnappen der 
Gewehrhähne drang durch die kleine Öffnung, die mit Glas 

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verschlossen gewesen war, als die Kutsche neu aus der 
Stellmacherei gekommen war. Inzwischen hatte eine 
Kriegslanze der Apachen das kleine Fenster zertrümmert. 

»Fahren wir weiter oder stellen wir uns?« wollte Ted Riley 

wissen. 

»Wir warten ab«, erwiderte Haggerty. »Wenn's zu wild wird, 

werft ihr euch unter den Wagen, klar?« 

»Okay, mach dir mal keine Sorgen um uns, Scout«, erwiderte 

Ted. 

Und dann kamen sie! 
Die Wüste spuckte eine Horde roter Männer aus. Sie fuhren 

aus dem Sand hoch wie Kistenteufel, über die sich Kinder auf 
dem Jahrmarkt amüsierten. 

Aber dies hier war kein Spaß. Dies war tödlicher Ernst. 
Mehr als vier Dutzend Apachen stürmten vor. Hinter einer 

Bodenwelle tauchten Mustangs auf. Noch mehr Indianer 
griffen an. 

Schrille Kriegsschreie erschütterten die Luft. Immer wieder 

gellte der Ruf auf: »Zastee! Tötet!« 

»Ich nach hinten«, rief Haggerty und stieß das Glas des 

Heckfensters mit dem Gewehrlauf aus dem Rahmen. 

Schüsse peitschten scharf und grell. Die Kugeln schlugen in 

den Wagenkasten, fetzten Holzsplitter heraus und prallten 
jaulend von den eisernen Reifen der Räder ab. 

»Noch nicht schießen«, befahl Buck den beiden Passagieren, 

die ihre Revolver aus den Fenstern hielten. »Sie müssen noch 
näher rankommen. Wir wollen ihnen einen Bleihagel 
servieren.« 

Pfeile zischten durch die Luft. Dumpf pochten die Geschosse 

ins Holz. Ein Pfeil sauste durch das Fenster der linken 
Wagentür, dicht am Gesicht des Alten vorbei, wischte dem 
jüngeren Mann durch die Haare und sirrte durch die andere Tür 
wieder ins Freie. 

»Rote Hurensöhne«, brüllte der Alte und drückte ab. 

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Ein Apache fiel zu Boden, als habe ihn eine gewaltige Faust 

niedergestreckt. Das Kriegsgeschrei verstärkte sich. Wutgeheul 
klang auf, als der erste Krieger sein Leben verlor. 

»Los, drauf!« brüllte John Haggerty. 
In rasender Folge jagte er Kugel um Kugel aus dem Lauf. 

Immer wieder pumpte er mit dem Unterhebel frische Patronen 
ins Lager. 

Verschossen! 
»Anhalten!« brüllte der Scout, als die Apachen nicht 

aufgaben. 

Kreischend radierte der Bremsklotz über den Eisenreifen und 

gab eine Funkenspur frei, die dicht vor Larrys Gesicht 
entlangfegte. 

Haggerty lud seine Winchester auf. Als er die Waffe wieder 

schußbereit in den Fäusten hielt, entdeckte er Geronimo. Der 
Mimbrenjo saß auf einem gelben Pferd, das ein Stück abseits 
der Krieger stand. 

»Verdammt, Old Vic ist auch dabei«, sagte der Scout. 
»Was heißt das?« rief der jüngere Passagier durch das 

Krachen der Schüsse. 

»Daß nicht nur Rebellen in diesem Trupp sind« antwortete 

Haggerty. »Victorio beteiligt sich ganz offen an dem Kampf. 
Er legt es wohl drauf an, den Krieg wieder richtig aufflammen 
zu lassen.« 

Unter dem Wagen donnerte eine Schrotflinte, als sei ein 

Feldgeschütz abgefeuert worden. Die Ladung gehackter Nägel 
prasselte zwischen eine Rotte von einem halben Dutzend 
angreifender Apachen, deren Mustangs grell wiehernd 
ausbrachen. 

»Hufnägel, jawohl!« brüllte Jack Vance, »kleingehackte 

Hufnägel gebe ich euch zu fressen, ihr verfluchten Hunde!« 

Buck und Larry hatten sich ebenfalls verschossen. Ehe sie 

die Gewehre aufladen konnten, jagte ein weiterer Reitertrupp 
heran. Die beiden Kämpfer zogen die Colts und belegten die 

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Angreifer mit rasend schnellem Feuer. Jede Kugel forderte ein 
Opfer. Krieger fielen aus den Sätteln, tot oder verwundet, 
Pferde brachen zusammen, steilten auf, jagten grell wiehernd 
davon, und die Luft wurde von einem dumpfen Geruch nach 
Blut und Schweiß durchzogen. 

Noch eine Salve benötigten die Männer in der Kutsche. 

Unter dem Wagen dröhnte die Flinte des Beifahrers, und die 
Spencer des Kutschers hämmerte in gleichmäßigem Takt. 

»Sie ziehen sich zurück!« brüllte der Alte. »Die haben 

einstweilen genug. Ha, wenn wir so weitermachen, gibt's bei 
den Roten bald nur noch Squaws und Kinder.« 

Haggerty lud seine Waffen auf. Die Finger verrichteten ihre 

Arbeit automatisch, wahrend der Scout hinter den Apachen 
herspähte, die sich in jagendem Galopp entfernten. Tote und 
Verwundete ließen sie einstweilen liegen. 

Die Apachen wußten, daß die Bleichgesichter den Ort des 

Überfalls so schnell wie möglich verlassen würden. Dann 
hatten sie Zeit genug, ihre Gefallenen und Verletzten zu 
bergen. 

»Diese Kerle sind verdammt schlau«, sagte Haggerty zu den 

beiden Fahrgästen. »Vielleicht probieren sie noch ein- oder 
zweimal einen Überfall. Werden sie wiederum abgeschlagen, 
ändern sie ihre Methode. Dann geht's Farmern und Ranchern 
an den Kragen. So ist das hier, Mister.« 

Ted und Jack krochen unter dem Wagen hervor, öffneten die 

Türen und blickten in den Passsagierraum. 

»Na, alles okay?« fragte der Fahrer. 
»Keiner verletzt«, erwiderte Buck Tinatra, »wollt ihr hier 

Wurzeln schlagen? Fahrt doch endlich weiter. Oder haben die 
Gäule was abbekommen?« 

Sofort knallten die Fahrer die Türen zu und liefen zu den 

Pferden. Zwei der Tiere hatten Streifschüsse davongetragen. 
Die flachen Wunden verkrusteten bereits und bedurften keiner 
Behandlung. 

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Kaum eine Minute später zogen die Pferde wieder an. Die 

Kutsche rollte weiter, auf Tombstone zu. 

Geronimo und sein Häuptling Victorio hingegen zogen sich 

in ihr Bergversteck zurück, um die Wunden zu lecken. Die 
Toten mußten bestattet, die Lieder mußten gesungen werden, 
ehe die Rotte erneut auf Raubzug ausgehen durfte. 

Cochise und Naiche saßen noch lange auf ihren Pferden. 

Hoch oben in den Bergen, durch die der Apache Paß als 
einzige Verbindung für Kutschen führte, vermochten die 
beiden Chiricahuas die weite Ebene zu übersehen. 

»Sie sind zurückgeschlagen«, sagte Cochise gelassen. 

»Vielleicht ist ihnen das eine Warnung. Vielleicht erkennen 
sie, daß ein Krieg gegen die Bleichgesichter bereits verloren 
ist, ehe er richtig begonnen hat.« 

»Wir müssen wie die Schlange zuschlagen, mein Vater«, 

sagte Naiche, der dem Kampf mit innerer Erregung gefolgt 
war. »Wir sind Apachen, uns gehört die Wüste. Und wir 
müssen kämpfen wie seit Jahrhunderten, dann besiegen wir die 
Bleichgesichter.« 

Lächelnd schüttelte der Jefe den Kopf, eine Geste, die er den 

Weißen abgeschaut hatte. 

Naiche war noch zu jung, besaß zu wildes Blut. Für jedes 

Bleichgesicht, das starb, drangen drei neue in den heißen 
Südwesten vor. Aber die Apachen vermochten ihre toten 
Krieger nicht so einfach zu ersetzen. 

»Ich bin gespannt, ob die Kutsche durchkommt«, sagte der 
hochgewachsene Wyatt Earp zu seinem Bruder Virgil. 

Der antwortete nicht. Seinem runden Gesicht war nicht 

anzumerken, ob ihn die Kutsche der Linie überhaupt 
interessierte. Kaum jemand vermochte die Augen der Männer 
zu sehen. Sie lagen tief in den Höhlen, und die Knochen unter 

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den Brauen beschatteten sie. 

Die beiden Earps lehnten neben der Station der Overland 

Mail an zwei Pfosten, die das Dach des Gehsteiges trugen. 

»Mach dir lieber Gedanken darüber, wie wir 

weiterkommen«, sagte Virgil träge. »Allmählich betrachten uns 
die Burschen hier mit Mißtrauen.« 

Wyatt grinste verwegen und erwiderte: »Verstehe ich gar 

nicht. Weil wir ab und zu mal Glück im Spiel haben, mehr 
Glück als andere, sehen uns die Narren schief an.« 

»Das ist es nicht allein«, sagte Virgil. »Uns sind in letzter 

Zeit ein paar Sachen fehlgeschlagen. Denk an unseren Ruf. Wir 
sind hart und verwegen, kämpfen für die Menschen hier. Mann, 
wir brauchen doch irgendwas Festes, eine Basis. Wir können 
doch nicht bis ans Ende unserer Tage von den Karten leben.« 

Wyatt antwortete nicht. Er war davon überzeugt, daß die 

Glücksgöttin auf ihrer Seite stand. Bisher war sie eben noch 
nicht aus dem Schatten hervorgetreten. Aber sie würde 
erscheinen, dessen war sich der junge Wyatt Earp gewiß. 

»Da, die Kutsche!« sagte er laut und deutete mit dem Kinn 

nach Osten. »Sie sind wahrhaftig durchgekommen.« 

Er fuhr sich prüfend über das zurückgekämmte braune Haar 

und betastete mit den Fingerspitzen den Schnurrbart. 

»Erwartest du 'ne schöne Lady?« fragte Virgil spottend. 
»Wer weiß«, erwiderte Wyatt, »vielleicht rollt dort ein 

Goldvögelchen heran, das nur auf mich gewartet hat.« 

Virgil lachte glucksend. »Die haben's aber dick bekommen«, 

sagte er, als er die Kutsche genauer sah. 

Hell glänzten die Spuren der Kugeln im Holz. Splitter 

stachen halb abgebrochen nach außen, und mindestens ein 
Dutzend Pfeile steckten noch im Wagen. 

Menschen liefen zusammen und starrten zu dem Wagen der 

Butterfield Line. Der Fahrer brachte ihn vor dem Depot zum 
Stehen, indem er die Deichseltiere zügelte und gleichzeitig die 
Bremse anzog. 

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»Tombstone, alles aussteigen«, brüllte Ted Riley, »der Spaß 

ist zu Ende, Gentlemen. Sie sind im wildesten Nest des 
Südwestens angelangt. Für Dollars können Sie hier alles 
bekommen, was sich ein Mensch nur auszudenken vermag.« 

»Gentlemen, hast du gehört?« fragte Virgil seinen Bruder. 

»Keine schöne Lady für uns, Wyatt.« 

Der jüngere Earp zog nur die Schultern hoch. 
Die Wagentür flog zurück. Haggerty sprang in den Staub der 

Straße. Larry Osborne und Buck Tinatra folgten ihm. Alle drei 
Männer trugen Gewehre in den Händen. 

»Sieh dir mal diese nachgemachten Heldensöhne an«, rief 

Wyatt Earp laut seinem Bruder zu. »Der mit dem schwarzen 
Haar denkt, er könnte mit dem Colt umgehen.« 

»Die anderen sind auch nicht besser«, sagte Virgil 

geringschätzig. »Der Wüstenwolf findet sich vielleicht im Sand 
zurecht und kann damit werfen, ansonsten ist doch nicht viel 
mit ihm los.« 

»Er ist aber ein Indianerfreund, Bruder, weißt du das nicht?« 

sagte Wyatt noch lauter. »Wer weiß, vielleicht bekommen die 
verdammten Rothäute von ihm die guten Tips, wo es was zu 
holen gibt.« 

Larry Osborne wandte sich den Earps zu, denen sie bereits 

mehrmals begegnet waren. Fast immer hatten die Männer auf 
verschiedenen Seiten gestanden. Alle Aktionen der beiden 
Brüder waren fehlgeschlagen. Sie hatten sich zwar einen 
Namen gemacht, aber keinen Ruf dabei erworben. Sie hatten 
sich in letzter Zeit zu ihrem Nachteil verändert. 

»Du Maulheld«, sagte Larry verächtlich, »alles, was du 

kannst, ist, die Lippen zu bewegen und dumm zu krächzen. 
Verschwinde doch in einem Saloon, Wyatt Earp.« 

Der hochgewachsene Mann spannte sich, machte einen 

kurzen Schritt und stand am Rande des Gehsteiges. Wyatts 
Rechte schwebte dicht über dem Griff des Revolvers. 

»Sieh mal, Buck, er versucht sich als Revolvermann«, rief 

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Larry und lachte verächtlich auf. »Er steht da, wie einer, der 
gerade in die Hose gemacht hat.« 

Earp preßte die Lippen zusammen. Das reichte. Diesem 

großmäuligen Kerl wollte er eine Lektion erteilen. 

»Er ist doch nur ein Coltschwinger, zweitklassig«, sagte 

Buck Tinatra. »Vielleicht kann er mit den Karten tricksen, aber 
das ist auch alles. Er ist doch nur ein Betrüger und Kartenhai 
Larry. Laß ihn doch spinnen.« 

»Halt!« rief Wyatt scharf. »So kommt ihr mir nicht davon.« 
Virgil glitt einen Schritt zur Seite. Von der Trägheit seiner 

sonstigen Bewegungen war nichts mehr zu sehen. 

Die beiden Passagiere kletterten aus der Kutsche, 

betrachteten die Situation und wichen seitlich aus. Eine 
Schießerei schien unvermeidlich zu sein. 

»Los jetzt«, sagte Wyatt Earp scharf, »ich will es wissen, ihr 

nachgemachten Revolvermänner.« 

»Das sieht dir ähnlich«, erwiderte Larry. »Warum fährst du 

denn nicht mal in einer Kutsche mit? Dann hast du Gelegenheit 
genug, dich abzukühlen und deine Schießkünste zu zeigen.« 

»Die besitzt er doch nicht«, warf Buck ein. 
John Haggerty griff ein. Er wußte, daß sich Tinatra und 

Osborne nicht mit den Earps vertrugen. Diese Männer waren 
wie Feuer und Wasser. Obwohl sie alle über Mut und 
Verwegenheit verfügten und vielleicht ausgezeichnete Kämpfer 
waren, bestand gegenseitig eine merkwürdige Abneigung. 

So war das eben in diesen Zeiten: Männer trafen sich, 

spürten, daß sie zueinander paßten und trailten gemeinsam 
Monate oder Jahre durch das wilde Land. 

Verspürten sie aber Abneigung, gingen sie sich aus dem 

Weg. Nur war das hier nicht möglich. Denn immer wieder 
stießen Osborne und Tinatra auf die Earps. 

John Haggerty marschierte einfach vorwärts, stellte sich 

genau in die Schußlinie und zog die Winchester an die Hüfte. 

»Verschwinde, du Wüstenratte«, sagte Virgil laut, »oder du 

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bekommst auch Blei zu schmecken.« 

»Schluß damit«, befahl der Scout scharf. »Ihr seid wohl 

übergeschnappt. Wir haben unterwegs gegen vier Dutzend 
blutgierige Apachen gekämpft, und ihr fangt hier einen 
sinnlosen Streit an. Wenn ihr Abkühlung braucht, reitet doch in 
die Ebene hinaus. Ich bin sicher, daß ihr eine Menge Spaß 
bekommt. Vor allem jetzt, da die Apachen ihre Wunden 
lecken. Zwei Skalps wie eure kommen ihnen gerade recht.« 

Larry und Buck nickten sich zu. Sie drehten sich um und 

stapften zum Eingang des Depots. Sie ließen die Earps einfach 
stehen. Wenn die Brüder jetzt feuerten, war das Mord. Und das 
würden sie nicht wagen, denn zu viele Menschen warteten auf 
den Ausgang des Streites. 

Als Tinatra und Osborne im Depot verschwunden waren, 

wandten sich Wyatt und Virgil ab. Langsam gingen sie davon 
Die Zuschauer zerstreuten sich. Eigentlich waren sie alle 
gekommen, um die zerschossene, beschädigte Kutsche 
anzustarren. Doch dann war ihnen noch bessere Unterhaltung 
geboten worden. 

Haggerty wartete, bis die kampflustigen Earps in einem Saloon 
verschwanden, ehe er in die Station ging. 

Larry und Buck berichteten bereits, was geschehen war. Die 

Kutsche sollte erst ausgebessert werden, bevor sie weiterfuhr. 
Bei ihrer Rückkehr nach Tombstone würden Haggerty und die 
beiden Streckenreiter der Linie wieder bis zum Apache Paß 
mitfahren. 

Denn John glaubte, daß der gefährlichste Abschnitt die große 

Ebene zwischen den Chiricahua Mountains und der Minenstadt 
war. 

Die Männer überprüften ihre Waffen, ergänzten die 

Munitionsvorräte aus dem Lager der Kutschenlinie und 

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beratschlagten, wie sie den Abend verbringen sollten. 

»Wir nehmen ein paar Whiskys in einem Saloon«, schlug 

Larry vor. »Wird sicher Spaß machen, mal wieder Musik zu 
hören und zu sehen, wie die Goldsucher die Saloonschwalben 
über die Tanzfläche schwenken.« 

»Wie sie ihnen auf die Füße treten, meinst du wohl«, 

erwiderte Buck. 

Auch Haggerty war einverstanden. Schlafen würden sie im 

Depot. Das Hotelzimmer konnten sie sich sparen. 

Am frühen Abend, nachdem sich die drei Männer den Staub 

aus den Kleidern geklopft hatten, gingen sie auf die Allen 
Street. 

»Norden oder Süden?« fragte Buck Tinatra grinsend. 
»Süden? Du mußt übergeschnappt sein«, erwiderte Larry. 

»Denkst du, ich will vertrockneten Ladies beim Einkaufen von 
Nähgarn zuschauen? Zur Nordseite, Partner. Dort ist was los!« 

So war es wahrhaftig. Die Allen Street bildete die Grenze 

zwischen den sogenannten ordentlichen, ehrbaren Bürgern und 
dem Teil der Stadt, in dem zügelloses Leben herrschte. 

Südlich gingen die Pfeffersäcke ihren täglichen Geschäften 

nach. Aber auf der anderen Seite der Straße standen Saloons, 
Spielhöllen und Tanzhallen dicht an dicht, denen sich das 
Viertel der willigen Girls anschloß. 

In Tombstone war wirklich für Geld alles zu haben, was ein 

Mensch nur begehren konnte. 

Larry steuerte auf Billy Kings Saloon zu. Er gehörte zu den 

etwas besseren Amüsierpalästen, besaß sogar eine erste Etage, 
in dem King wohnte. Seine Angestellten und Tanzgirls lebten 
ebenfalls dort oben in kleinen Zimmern, die er ihnen 
vermietete. 

Die eleganteste Gestalt im Saloon war ohne Zweifel Charley 

Recanzone. Er vereinigte die Fähigkeiten eines großartigen 
Barkeepers mit denen eines gerissenen Spielers. 

Als Larry, Buck und Haggerty eintraten, ein paar Sekunden 

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lang bewundernd die prachtvolle Einrichtung musterten, spielte 
Charley gerade Bankhalter an einem mit grünem Filz 
bezogenen Kartentisch. 

»Auch das noch, die Earps«, sagte Larry, als er die 

Pokerpartner am Tisch gemustert hatte. »Ich wette, es gibt 
wieder Ärger.« 

»Aber nicht mit uns, Freunde«, sagte Haggerty entschlossen. 

»Wir halten uns raus. Immerhin ist unser Job wichtiger als alles 
andere.« 

Recanzone zwirbelte seine Schnurrbartenden, ehe er die 

Karten zusammenfegte und in rasendem Tempo mischte. In 
gleichmäßigem Takt flogen die Kartonstückchen über den Filz 
und landeten genau eine Handbreit vor den Spielern. 

Es ging um eine Menge Dollars, stellte Buck fest, der vom 

Tresen aus immer wieder zum Pokertisch hinüberschielte. 

Das Orchestrion hämmerte plötzlich los. Sofort stürzten sich 

zwanzig schmutzige Digger auf die Tanzgirls. Sekunden später 
stampften die vergnügungssüchtigen Goldsucher über die 
Tanzfläche. Die Mädchen kreischten, wenn ihre Partner ihnen 
auf die Zehen traten oder dorthin kniffen, wo sich die 
Rundungen besonders angenehm anfühlten. 

Recanzone gewann die Partie für die Bank und strich die 

Dollars ein. Immer mehr Betrieb herrschte an der Theke. 
Charleys Geschick wurde erforderlich, die übrigen Keeper so 
zu leiten, daß sie alle Wünsche der Gäste erfüllten. Er 
verabschiedete sich von seinen Pokergegnern und ging zum 
Tresen. 

Die Earps hatten verloren, ziemlich viel sogar. Verdrossen 

hantierte Wyatt mit den Karten, ließ sie von der linken in die 
rechte Hand flirren und blickte sich um. 

Unter dem Tisch stieß er gegen den Fuß seines Bruders. 

Virgil blickte auf und schien sofort zu wissen, was Wyatt 
vorhatte. Ein zerlumpt gekleideter Digger schaute geradezu 
gierig auf die Karten. 

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Larry, Buck und Haggerty verstanden nicht, was am 

Spieltisch gesagt wurde. Der Lärm des Orchestrions übertönte 
auf diese Entfernung die Worte der Männer. 

Der Zerlumpte setzte sich, nachdem er einen prall gefüllten 

Lederbeutel gezeigt hatte. Ein weiterer Goldsucher holte vom 
Tresen die Waage, die in dieser Zeit in jedem Saloon der 
Boomtown Tombstone zu finden war. Oft genug bezahlten die 
Digger ihre Drinks mit Goldstaub oder Silberbrocken. Und 
manch ein Barkeeper hatte die Grundlage zu seiner weiteren 
Existenz damit gelegt, daß er seine Fingernägel besonders lang 
wachsen ließ, damit immer etwas Staub oder Goldflitter 
hängenblieb, wenn er eine Prise zum Wiegen aus den Beuteln 
der Prospektoren nahm. 

Außer den Earps saßen weitere drei Männer am Kartentisch. 
Wyatt mischte fast so geschickt und schnell wie vorhin 

Charley Recanzone und teilte die Karten aus. Eine Weile 
wanderten die Gewinne hin und her. Plötzlich aber steigerte 
Virgil immer höher, drückte selbst seinen Bruder aus dem Spiel 
und saß schließlich nur noch einem Spieler gegenüber, der 
eisern mithielt. 

Endlich lagen die Karten auf dem Tisch. Virgil Earp deckte 

vier Könige und ein As auf. 

Unendlich langsam stand der zerlumpte Goldgräber auf, 

schlug seine hüftlange Jacke zurück, die eigentlich nur noch 
aus Löchern bestand, und riß den Colt aus dem Halfter. 

»Du verdammter Betrüger!« brüllte der Digger, »wie kannst 

du ein As auf der Hand halten, wenn ich alle vier Asse habe?« 

Virgil Earp saß reglos. Seine Hände lagen auf dem Filztuch. 

Dies war Wyatts Sache. Er mußte eingreifen, denn bewegte 
Virgil auch nur eine Fingerspitze, drückte der wütende Digger 
sicher ab. 

»Diese verdammten Falschspieler«, sagte Larry Osborne 

zornig und verächtlich zugleich. »Sie bringen die Hölle über 
Tombstone.« 

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»Dabei passiert hier doch schon genug«, warf Buck Tinatra 

ein, »Mensch, was regst du dich so auf?« fragte Wyatt Earp 
laut und lenkte den Digger für den Bruchteil einer Sekunde ab. 

Virgil warf sich zur Seite. Auf eine solche Gelegenheit hatte 

er gewartet und nutzte seine winzige Chance. 

Der Prospektor drückte ab. Dumpf wummerte der Colt. Die 

Kugel durchschlug die Rücklehne des Stuhles. Beißender 
Pulvergestank wölkte auf, überdeckte den Geruch von Bier, 
Whisky und Schweiß. 

Charley Recanzone hielt es nicht mehr hinter dem Tresen. 

Der Keeper und Spieler eilte mit langen Schritten zum 
Kartentisch. 

»Misch dich nicht ein«, brüllte der Digger. »Als du die 

Karten gabst, ging alles mit rechten Dingen zu. Dieser 
verfluchte Falschspieler aber versucht es mit dreckigen 
Tricks.« 

»Das ist vielleicht ein Narr«, murmelte Larry Osborne. »Als 

ob auch nur ein einziger Gambler fair spielt. Kein Mensch hat 
'ne Chance gegen die Kartenhaie.« 

Wyatt hielt plötzlich seinen Colt in der Rechten. 
»Wenn du spannst, Maulwurf«, sagte der schnurrbärtige 

Mann, »bekommst du die Kugel. Verstanden?« 

Der Daumen des Diggers lag auf dem Hahnsporn des alten 

Schwarzpulvercolts. Unsicher blickte der Goldsucher die 
Brüder Earp an. Er entdeckte in ihren Blicken eine Gewißheit, 
die ihn zögern ließ. 

»Ihr seid Betrüger«, sagte er laut. »Jemand soll den Marshal 

holen.« 

Virgil glitt etwas schwerfällig zur Seite, gelangte neben den 

Prospektor und zog seinen Revolver. 

Die Unruhe im Gesicht des Mannes wich dem Ausdruck der 

Furcht. 

»He, ihr alle spielt doch Poker!« rief der Digger. »Zeigt den 

Burschen eure Colts. Wir sind doch kein Freiwild für die 

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Gambler.« 

Haggerty kam die Situation etwas merkwürdig vor. Er traute 

den Earps nicht. Aber war der Digger besser? Er benahm sich 
überhaupt nicht siegessicher, als sei er seiner Sache gewiß. 
Genausogut konnte der Goldsucher ein paar Karten zuviel ins 
Spiel geschmuggelt haben und versuchte nun, den Earps die 
Schuld aufzuladen. 

Virgil bewegte sich plötzlich sehr schnell. Sein Arm zuckte 

hoch, wieder herab und der Digger sank zusammen, als er den 
Lauf an den Kopf geschmettert bekam. 

»Damit ist das wohl erledigt«, sagte Virgil kalt. 
Wyatt bedrohte die übrigen Gäste mit seinem Revolver, 

schien nur darauf zu lauern, daß sich jemand einmischte. 

Und dann sah er Osborne, Tinatra und Haggerty. 
»Ihr hockt einfach da rum«, schrie Wyatt, »ihr denkt gar 

nicht dran, irgendwas zu unternehmen, wie?« 

Buck Tinatra wollte hitzig aufbegehren. Er versteifte sich, 

seine Finger klammerten die Tischplatte, aber Haggerty hielt 
Buck zurück. 

»Warum sollen wir uns in eure Angelegenheiten mischen?« 

fragte der Scout ruhig. »Vor ein paar Stunden habt ihr beide 
uns noch beschimpft. Und jetzt erwartet ihr Hilfe von uns?« 

Wyatt atmete ein paarmal tief und erwiderte: »Das ist doch 

was anderes. Ihr kennt mich doch so gut, daß ihr wißt: wir 
betrügen nicht.« 

Haggerty lächelte bitter und antwortete: »Was ich von dir 

kenne, Wyatt Earp, hilft dir nicht. Du bist nicht gut für dieses 
Land und für die Indianergrenze im Südwesten. Etwas anderes 
weiß ich nicht.« 

Virgil Earp schien sich nicht für das Gespräch zu 

interessieren. Der kräftige Mann bückte sich und durchsuchte 
die Taschen des bewußtlosen Goldsuchers. 

»Da!« rief Virgil, »und hier auch noch mal! Seht euch das 

an. Und dieser verdammte Bursche wollte uns Betrug 

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unterschieben.« 

Der ältere Earp warf ungefähr ein Dutzend Karten auf den 

Spieltisch, die er dem zerlumpt gekleideten Prospektor aus den 
Taschen gezogen hatte, oder war es nicht so gewesen? 

Niemand vermochte das zu sagen. Denn jeder Gast und die 

Keeper waren dem Gespräch zwischen Wyatt und Haggerty 
gefolgt, niemand hatte Virgil beobachtet. 

»Geht uns aus dem Weg«, sagte Larry Osborne, »wir haben 

einen Job. Ihr dagegen setzt auf das Glück. Das verträgt sich 
nicht.« 

»Hast du was dagegen?« wollte Wyatt grinsend wissen. 
»Nein, aber es paßt nicht zu uns«, erwiderte Larry. »Wir sind 

hier, um die Strecken zu sichern. Ihr treibt euch herum wie 
Satteltramps, lauert auf 'ne Chance, damit ihr endlich Fuß 
fassen könnt. Das ist nicht unsere Art.« 

»Du bist ein Pfeffersack!« rief Wyatt, »ja, im Grunde deines 

Herzens bist du nichts anderes als ein Krämer oder 
Tintenkleckser. Und Kerle wie du wollen die Kutschen 
schützen? Da lache ich aber drei Monate lang.« 

»Paß nur auf, daß dir die Luft dabei nicht ausgeht«, erwiderte 

Buck grinsend. »Nicht, daß es um dich schade wäre, aber du 
drehst doch sicher durch, wenn du um Atem ringst.« 

Wyatt lief rot an, schien kurz vorm Platzen zu stehen. Diese 

verdammten Coltschwinger bildeten sich wahrhaftig zuviel ein. 
Vielleicht waren sie wirklich gut, vielleicht sogar 
hervorragende Schützen. Aber genau das machte Wyatt 
mächtig zu schaffen. Er vertrug keine Konkurrenz, wollte 
zeigen, daß er der Beste, der Größte war. 

»Gehen wir«, sagte John Haggerty ruhig. 
Er warf ein paar Münzen auf den Tisch und stand auf. 
»Natürlich, es wird haarig, und der Scout verschwindet«, 

hetzte Wyatt. »Was bist du eigentlich, Haggerty, ein Scout, ein 
Kämpfer oder 'ne Wüstenratte, die sich feige verkriecht, wenn 
es Verdruß gibt?« 

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Lächelnd wandte sich der Chiefscout dem jungen Earp zu 

und erwiderte: »Ich bin ein Mann, Jungchen. Das willst du erst 
werden. Und ich prophezeie dir, daß du mal ein guter Mann 
wirst. Alles, was du jetzt erlebst, wird dich formen und prägen. 
Du darfst nur nicht zulassen, daß du auf die andere Seite des 
Zaunes gerätst. Das wäre dein Untergang.« 

Wyatt Earp starrte den mehr als sechs Fuß großen Scout 

unsicher an. Der junge Kämpfer spürte, daß John seine Worte 
ernst gemeint hatte. Aber Wyatt wußte nichts damit 
anzufangen. 

Wie sollte er auch ahnen, daß er in wenigen Jahren schon in 

Tombstone das Gesetz vertreten würde? Daß die zwielichtigen 
Gestalten, zu denen er heute eigentlich selbst noch gehörte, 
ihm mit großem Respekt aus dem Weg gehen würden? 

Larry Osborne und Buck Tinatra, die beiden 

Revolverkämpfer aus Kansas, standen ebenfalls auf. Ihnen war 
der Spaß am Abend verdorben. Den Earps waren sie sowieso 
nicht grün, und der Zwischenfall in Billy Kings Saloon rief 
keine freundlicheren Gefühle in ihnen für die Earps wach. 

Buck, Larry und John Haggerty warteten auf die Kutsche. 

Auf der Rückfahrt in Richtung Apache Paß würden sie wieder 
die Begleiter sein. Denn Geronimo und sein Chief Victorio 
lauerten in der weiten Ebene zwischen den Dragoon und den 
Chiricahua Mountains, im Gebiet also, über das eigentlich 
Cochise herrschte, das seine engere Heimat war. 

Die Sonne stand als blutroter Ball über dem westlichen 
Horizont. Feuer glühten wie lodernde Augen durch die 
schmalen Hochtäler der Gebirgsketten. Männer mit braunroter 
Haut kauerten vor den Flammen, rösteten Fleisch, legten 
erbeutete Maiskolben in die Glut und warteten darauf, daß sie 
essen konnten. 

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Unruhe entstand im Kreis der Krieger, waberte wie eine 

Flammenlohe durch die Reihen der Kämpfer. Das Gemurmel 
schwoll an. Unmut brach aus den Kriegern heraus. Sie wagten 
offene Kritik an ihren Führern. 

Ein untersetzter Apache, ein Mimbrenjo, stand auf. Er 

verneigte sich gegen alle vier Himmelsrichtungen, grüßte 
Himmel und Erde, ehe er sprach. 

»Geronimo«, rief er laut, »du hast uns Beute, Skalps und 

heißen Kampf gegen die Bleichgesichter versprochen. Allein 
der Kampf blieb von deinem Versprechen. Kein Skalp weht im 
Rauch der Hütten, keine Beute liegt neben den Feuern. Aber 
Bu, der Bote des Todes, fliegt eifrig von unserem Leben in das 
jenseitige Land und kündet dort von den Männern, die ihr 
Leben ließen.« 

Der untersetzte Krieger schwieg. Er vermochte nichts mehr 

zu sagen, seine Anklage gegen den selbsterwählten Führer 
nicht weiterhin in Worte zu fassen. 

Ein zweiter Krieger stand auf. Er wirkte verwegen, wild. 

Obwohl er die meisten Apachen um mehr als Haupteslänge 
überragte, klang zustimmendes Gemurmel auf, als er seine 
Rede begann. 

»Ich bin ein Mimbrenjo«, sagte der Krieger, »ich weiß, daß 

ich früher ein Sklave des Stammes war, daß die Krieger mich 
als kleines Kind im Land der Gelbhäutigen raubten. Jetzt bin 
ich ein Mimbrenjo. Ihr alle kennt meinen Namen. Doppelwolf 
heiße ich, weil ich zwei Wölfe sah, die aus einem entstanden, 
als ich in der Wüste hungerte. Und wie zwei Wölfe möchte ich 
zuschlagen, wenn es gegen die Bleichgesichter geht. Und wie 
die anderen Krieger glaube ich, daß wir reiche Beute machen 
können. Aber nicht, wenn wir die rollenden Jacales überfallen. 
Die Männer der Wagenlinie sind mißtrauisch. Heute bezahlten 
wir mit Blut dieses Mißtrauen, Geronimo. Morgen sterben wir, 
wenn wir weiterhin die rollenden Hütten angreifen. Das ist es, 
was ich sagen wollte. Es ist gut so, denn ich weiß, daß unsere 

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Führer uns zu reicher Beute und zu Skalps führen werden.« 

Victorio, der wilde Führer der Mimbrenjos, triumphierte 

innerlich. Sein Widersacher Geronimo, der ehrgeizig nach der 
Macht strebte, bekam seine Schranken gezeigt. 

Geronimo hob beide Hände, wartete, bis die Krieger 

schwiegen und rief in merkwürdigem Singsang: »Unsere 
Götter sind uns wohlgesonnen. Ich hörte ihre Stimmen. Wenn 
die Sonne stirbt, entdecken wir die Götter, welches unser 
nächstes Ziel sein muß. Krieger, ihr habt tapfer gekämpft. All 
unsere Freunde jagen nun im besseren Land auf goldenen 
Mustangs über die Halbwüste, verbringen ihre Zeit mit Jagd 
und Spiel und sind glücklich, obwohl sie keine Beute zu ihren 
Jacales brachten, obwohl die Squaws die Totenlieder singen. 
Aber wir sind Apachen. Uns gehört dieses Land, die 
Halbwüste. Und wir werden Beute machen, wie sie kein 
Krieger zuvor errang. Das verspreche ich euch, ich, 
Geronimo.« 

Der Krieger hatte geschickt Zeit herausgeschunden. Er 

blickte den Jefe an. Victorio, der ein gnadenloser Weißenhasser 
war, lächelte leicht. Er wußte genau, daß Geronimo jetzt Hilfe 
erwartete. 

Einerseits sorgte Geronimo für die jungen wilden Krieger, 

deren Blut heiß durch die Adern wallte. Andererseits strebte er 
die Würde des Häuptlings an, die Führung der Mimbrenjos. 

Und genau dies war der Zeitpunkt, an dem Victorio sein 

Wissen und Können in die Waagschale warf. 

»Hört mich an, ihr Krieger«, begann Victorio, »hört meine 

Worte, denn ich bin der Chief des Stammes der Mimbrenjos. 
Der große Geist, Usen, hat mir eingegeben, wie wir Beute 
erreichen werden.« 

Der wild aussehende Häuptling schwieg, blickte sich um und 

stellte fest, daß er immer noch die Krieger in Bann zu schlagen 
vermochte. Sie lauschten angespannt, erwartungsvoll, ja, 
geradezu begierig. 

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»Wir vollbringen zwei Dinge«, führte Victorio aus. »Einmal 

tragen wir Unruhe und Kampf in das Land, das Cochise 
beherrscht. Zum anderen stillen wir unseren Rachedurst und 
machen die bleichgesichtigen Eindringlinge nieder. Gegen 
Sonnenaufgang, zwei Reitstunden von den Bergen entfernt, in 
denen Cochises Apacheria liegt, graben weiße Männer nach 
Gold. Ihr alle kennt die Jacales dort.« 

Abermals schwieg der Jefe der Mimbrenjos, beobachtete 

seine Krieger und Geronimo. Der ehrgeizige Führer ließ sich 
nichts anmerken. Und doch entdeckte Victorio in den dunklen 
Augen des anderen Zorn. Zorn darüber, daß Geronimo nicht in 
diese Siedlung eingefallen war, die wie auf dem 
Präsentierteller lag wie eine Frucht, die sich jedermann nehmen 
konnte. 

»Schickt Späher aus«, befahl Victorio, »wir müssen wissen, 

ob Maultiertrecks unterwegs sind, ob die Bleichgesichter 
Verstärkung bekommen. Zählt die Männer und Frauen, die dort 
leben, zählt die Donnerstöcke, die sie besitzen, damit wir die 
Stärke unserer Gegner kennen. Und wenn wir dies alles wissen, 
wollen wir angreifen. Angreifen und siegen, mit Skalps und 
Beute in unsere Jacales zurückkehren.« 

Die Krieger riefen ihre Begeisterung heraus. Ein paar 

Männer improvisierten einen Gesang, der Victorio als den 
größten aller Kriegsführer rühmte. 

Geronimo saß mit untergeschlagenen Beinen reglos vor 

einem Feuer. Dem Gesicht des Mimbrenjos war keine Regung 
anzumerken. Und doch wußte der Jefe, daß der Zorn in dem 
ehrgeizigen Krieger loderte. 

Darum schoß Victorio gerade jetzt seinen zweiten Pfeil ab. 
»Wir brauchen Krieger«, rief er, »Krieger und Weiber. Also 

nehmen wir die weißen Squaws gefangen, treiben sie 
zusammen wie Mustangs in den Tälern der Berge. Die Kinder 
sollen Brüder unserer Kinder werden, sollen lernen, wie 
Apachen zu leben, zu kämpfen und zu sterben. Unser Stamm 

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muß stark werden, stärker als alle anderen Sippen. Nur wenn 
wir mehr Köpfe vereinigen als die anderen, können wir die 
Führung übernehmen und endlich zum großen Krieg gegen die 
Weißen aufrufen und diesen Krieg gewinnen.« 

Die Begeisterung riß Victorios Krieger zu schrillen Schreien 

hin. Dumpfer Trommelschlag dröhnte plötzlich auf. 
Getrocknete Kürbisse schlugen gegeneinander, und die Rasseln 
zischten scharf. Das Jaulen einer Apachenfiedel fiel ein, und 
ein Dutzend der roten Wüstenkämpfer stampfte im Takt der 
Musik um die Feuer. 

Doppelwolf, der Mexikaner, der als Kleinkind zu den 

Mimbrenjos gekommen war, verspürte sein Blut schnell und 
heiß pochen. Seine geheimsten Träume standen vor ihrer 
Erfüllung. Denn Doppelwolf dachte zwar wie ein Apache, 
kämpfte wie seine Brüder, vermochte jedoch den Frauen dieser 
Rasse nichts abzugewinnen. 

Wie oft schon hatte er bei den Kriegszügen nach Mexiko 

gehofft, eine der schönen Senoritas zu erbeuten, sie in seine 
Hütte zu führen und zur Frau zu nehmen. 

Bisher war Doppelwolfs Wunsch nicht in Erfüllung 

gegangen. Denn gerieten die Krieger in den Rausch des Tötens, 
machten sie selbst vor Frauen und Kindern nicht halt. 

Jetzt aber, da Victorio selbst von der Notwendigkeit 

gesprochen hatte, den Stamm zu verstärken, witterte 
Doppelwolf seine Chance. Und er würde sie zu nutzen wissen. 

»Dieser verdammte Maulwurf spielte falsch«, sagte Wyatt Earp 
zu seinem Bruder Virgil. »Er hatte Karten im Ärmel stecken. 
Und uns wollten die Kerle nicht helfen.« 

Virgil hob langsam die Schultern. Er wußte, daß es für sie 

irgendwie falsch lief. Was sie auch anpackten, endete mit 
einem Mißerfolg. 

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»Hat keinen Sinn, noch länger zu bleiben«, sagte Virgil 

gedehnt. »Die Burschen hier sind mißtrauisch.« 

»Natürlich, aber warum laufen sie in die Saloons, in die 

Spielhöllen?« fragte Wyatt erbittert. »Sie können doch nicht so 
blöd sein. Sie müssen doch wissen, daß Charley Recanzone, 
Dick Clark, Bones Brannon und all die anderen bekannten 
Gambier bei fast jedem Spiel betrügen.« 

Virgil lachte halblaut. Sicher, sein jüngerer Bruder hatte 

schon recht. Aber er vergaß etwas bei seinen Überlegungen, in 
seinem Zorn gegen die Pokerpartner im Minendistrikt. 

»Sie sind bekannt hier, Bruder«, sagte Virgil, »sie gelten als 

ehrenwerte Männer. Sie tragen feine Anzüge, Schleifen und 
weiße Hemden. Sie gehen ins Badehaus und zum Barbier. Wir 
dagegen sind nur Satteltramps, Wyatt. Wir lassen uns auf jedes 
windige Geschäft ein, wenn wir 'ne Chance wittern. Die 
Lösung ist ganz einfach, denk mal nach.« 

Wyatt Earp dachte nach und gelangte zu einer 

überraschenden Entdeckung. 

»Wir kamen zu spät hierher«, sagte er. »Ja, das ist es. Die 

anderen sind schon seit Beginn des Booms im Silber- und 
Goldland. Und Dick Clark besaß bereits einen Haufen Dollars, 
als er hier anfing. Das muß es sein, oder meinst du was 
anderes?« 

»Das ist es, Bruder«, erwiderte Virgil. »Und darum ist unsere 

Chance hier verschwindend klein.« 

Die beiden Earps erreichten die Plaza. Wie mächtige 

Sonnenschirme wirkten die dichten Laubkronen der mächtigen 
Bäume gegen den Nachthimmel. Sterne funkelten am 
Firmament, und die Kerosinlaternen warfen gelbliche 
Lichtkreise auf die Plaza. 

Überall herrschte Betrieb, klangen die mechanischen 

Klaviere und Orchestrions. Das Gekreische der Tanzmädchen 
drang aus den Amüsierpalästen. Saloonschwalben schleppten 
ihre allzu willigen Opfer in das Viertel der roten Laternen. 

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Irgendwo feierten einige Dutzend Mexikaner eines ihrer 

zahllosen Feste. Das Lärmen der Musikkapelle schwoll an, 
übertönte alle anderen Geräusche und wurde wieder leiser. 

»Aber nur hier finden wir unsere Chance«, sagte Wyatt Earp 

nachdrücklich. »Das übrige Land ist tot, trocken und wird von 
den Apachen beherrscht. Wo liegt unsere Möglichkeit? Hier, 
Virgil, denn hier kommen die meisten Menschen zusammen. In 
Tombstone rollt der Dollar.« 

Virgil nickte. Er wußte wohl, daß sein Bruder recht hatte. 

Doch ehe sie wirklich anerkannt wurden, benötigten sie einen 
Ruf. 

»Nicht nur der Dollar rollt hier«, sagte Virgil ruhig. »Auch 

eine Menge Blei fliegt durch die Luft. In jeder Nacht stirbt 
mindestens ein Mann, wird ausgeraubt oder beim Spiel getötet. 
Der Sternträger schafft es nicht mehr. Und wir werden von 
diesem Strudel mitgewirbelt.« 

Der ältere Earp schwieg ein paar Minuten nachdenklich. Er 

lehnte neben Wyatt mit dem Rücken an einem der mächtigen 
Stämme auf der Plaza. 

»Wir sollten eine Weile aus Tombstone verschwinden«, fuhr 

Virgil nach einiger Zeit fort. »Gelingt es uns, an einem anderen 
Ort eine Menge Dollars zu machen, fassen wir hier wieder 
leichter Fuß. Vielleicht schaffen wir es, uns in eine Spielhalle 
einzukaufen oder in einen Saloon. Das wäre der beste Start für 
uns.« 

»Wohin sollen wir reiten?« fragte Wyatt matt. »Das Land ist 

mehr als unsicher. Die Rothäute metzeln jeden nieder, den sie 
erwischen.« 

Virgil lachte humorlos auf und erwiderte: »Dorthin, wo es 

Dollars zu ernten gibt. Was hältst du von Pearce? Wir hörten 
immer wieder in den letzten Wochen, daß dort 'ne Menge Gold 
aus dem Boden gekratzt wird.« 

Wyatt ging der Name Dick Clark nicht aus dem Kopf. Der 

Besitzer des Alhambra Saloons galt als einer der besten Spieler 

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aller Zeiten. 

»Ja, das ist es«, sagte Wyatt, »wir ziehen den Kerlen in 

Pearce die Hosen aus. Anschließend reiten wir weiter nach Fort 
Buchanan. Soldaten brauchen keine Dollars. Was sollen sie 
damit anfangen? Mit etwas Pech werden die Blauröcke doch 
von den Apachen umgebracht, und das schöne Geld fällt 
irgendwelchen Leuten zu. Wir machen es wie Dick Clark. Der 
trailte auch durch den ganzen Westen und spielte sich sein 
Kapital zusammen, ehe er hier in Tombstone das Alhambra 
eröffnete.« 

Virgil war mit seinem Bruder zufrieden. Der Kleine hatte den 

Gedanken richtig aufgenommen und weitergesponnen. Es war 
wirklich verrückt, hier in der Boomtown weiterhin zu 
versauern und sich den Anfeindungen der Pokerpartner 
auszusetzen. 

»Aber wie gelangen wir nach Pearce?« fragte Wyatt. »Okay, 

die Dragoon Mountains sind einigermaßen sicher. Cochise hält 
seine Chiricahuas im Zaum. Aber Victorio mit seinen 
Mimbrenjos macht die große Ebene unsicher.« 

Träge erwiderte Virgil: »Morgen trifft die Kutsche wieder 

hier ein. Warum sollen wir reiten? Drei bewaffnete Männer, 
alle drei gute Schützen, begleiten die Stage. Wir kommen noch 
dazu. Ich wette einen Dollar gegen fünfzig, daß wir sicher nach 
Pearce gelangen.« 

Wyatt verzog das Gesicht. Er dachte an Osborne, Tinatra und 

den Scout. Diese Burschen würde der jüngere Earp am liebsten 
von hinten betrachten. Welche Wahl blieb ihnen? Die Kutsche 
der Butterfield Overland war die einzige Möglichkeit, das Land 
halbwegs sicher zu durchqueren. Erreichten sie ungeschoren 
die Diggersiedlung Pearce, mußte der große Schlag gelingen. 

»Anschließend fahren wir weiter nach Fort Buchanan«, 

verkündete Wyatt siegessicher. »Die Soldaten bekommen zwar 
nur dreizehn Dollar Sold im Monat, aber sie können ruhig 
zehn, oder sagen wir elf Bucks davon an uns verlieren.« 

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Virgil nickte. Für eine Sekunde geriet die untere Hälfte 

seines rundlichen Gesichtes in den Lichtkreis einer Laterne und 
schimmerte hell auf. 

»Es gibt noch mehr Forts im Südwesten«, sagte der ältere 

Earp. »Wenn wir geschickt vorgehen, besitzen wir in zwei oder 
drei Monaten so viel Geld, daß wir einen prächtigen Saloon 
bauen können. Und dann rollen die Dollars fast von selbst in 
unsere Taschen.« 

Sie waren sich wieder einmal einig. Gemeinsam stiefelten 

die Brüder Earp zu ihrem Quartier. Jetzt wollten sie nicht mehr 
auffallen. 

Der Marshal begegnete ihnen auf der Allen Street. 

Mißtrauisch beobachtete der Gesetzeshüter die beiden Männer, 
die er als Störenfriede und Unruhestifter einschätzte. 

»Frohe Botschaft, ehrenwerter Ordensträger«, sagte Wyatt, 

als sie kaum noch drei Schritte voreinander entfernt waren. 
»Wir verlassen für eine Weile diese ungastliche Stadt. Wir 
begeben uns an einen anderen Ort.« 

»Endlich mal 'ne gute Nachricht«, erwiderte der Marshal. 

»Wenigstens zwei Kartenhaie und Coltschwinger weniger. 
Auch ohne euch schäumt die Stadt bald über. Wen werdet ihr 
mit eurer Anwesenheit unglücklich machen?« 

»Irgendeine Town«, erwiderte Virgil würdevoll, »in der die 

Menschen noch ehrlichen Poker zu schätzen wissen, in der die 
Leute nicht so mißtrauisch sind wie hier.« 

Der Marshal lachte sarkastisch auf und rief: »Drei Tage nach 

eurem Erscheinen bleibt den Menschen dort nichts anderes 
übrig, als mißtrauisch zu sein. Aber das ist mir gleichgültig. 
Hauptsache, ich brauche mich nicht länger mit euch 
rumzustreiten.« 

Pearce, knapp ein Dutzend Meilen von den zerklüfteten 

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Felsmassiven der Dragoon Mountains entfernt. Weites 
Hügelland umgab die schäbige Ansiedlung, die an einem Creek 
entstanden war, dessen Namen nur die Apachen wußten. 

Außer Gold und Silber gab es in diesem Land nichts, was 

einen Weißen anzulocken vermochte. 

Die eigentliche Stadt bestand aus einem Dutzend 

Adobehäuser, ein paar Zelten und einigen Holzhütten, die den 
Girls vom leichten Gewerbe als Unterkunft dienten. 

Denn die Schwalben stellten sich innerhalb von zwei 

Wochen ein, wurde die Lage eines neuen Goldfeldes bekannt. 
Sie zogen mit den Betrügern, Saloonern und Kartenhaien 
immer dem leichten Geld nach, dem schnell verdienten Dollar. 

Was brauchte der einsame Goldsucher, Unterhaltung, Musik, 

Schnaps und heiße Poker- oder Würfelschlachten. Daß er dabei 
meistens um den letzten Cent gebracht wurde, interessierte ihn 
nicht mal selbst. Dort draußen im Sand lag noch genügend 
Gold. 

Das Feld der Digger hörte wie abgeschnitten hundert Yards 

vor der Town auf. Gräben durchzogen das Erdreich, zeugten 
von den vergeblichen Versuchen, hier an das begehrte gelbe 
Metall zu gelangen, das einen merkwürdigen Glanz, ja, Gier in 
den Augen der meisten Menschen hervorrief. 

Pearce war ein Tombstone in kleiner Ausführung. Die 

einzige Ordnung, die hier herrschte, betraf das Wasser. Es war 
verboten, oberhalb des Goldfeldes Abfälle oder Unrat in den 
breiten, flachen Creek zu schütten. Also bauten die 
dollarhungrigen Geldhaie ihre Hütten und Adobehäuser ein 
Stück weiter unterhalb. Und noch während bezahlte Arbeiter 
bei der Errichtung der Häuser schufteten, zogen die 
Auftraggeber den Diggern schon die Nuggets aus der Tasche. 

Das kostbare Wasser wurde umgeleitet, ins Goldfeld. Und 

nach strengen Regeln erhielten die Goldsucher ihre Rationen 
zugeteilt, damit sie die Erde in den Pfannen und Schüsseln 
auswaschen konnten. 

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Natürlich floß das Wasser anschließend wieder zurück in den 

Creek. 

Etliche der älteren Digger träumten von den Goldfeldern in 

Colorado, am Cripple Creek. Dort gab es so viel Wasser, daß 
neben jedem Claim ein long Tom gestanden hatte. Die Schürfer 
brauchten die Erde nur in die geriffelte Rinne zu schaufeln, und 
die Strömung des Wassers übernahm die Arbeit des 
Auswaschens. 

Um wieviel mühevoller war doch hier die Suche nach dem 

großen Fund. Cripple Creek lag lange zurück, Jahre war es her, 
daß dort in Colorado der Goldrausch die Menschen beherrscht 
hatte. 

Und je schwieriger die Arbeit wurde, desto mehr 

Unterhaltung und Abwechslung benötigten die Digger. 

Jeder Fund löste eine wilde Feier aus, der Whisky floß in 

Strömen, und die Kartenhaie rieben sich insgeheim die Hände. 
Denn sie waren die eigentlichen Gewinner bei diesem 
Goldrausch. 

Es war heller Vormittag. Die Sonne stach erbarmungslos auf 

die Menschen hinab und erhitzte den Sand, daß er förmlich zu 
glühen schien. 

Da brüllte ein Mann sein Glück heraus. 
»Gold!« gellte der alte Ruf über die Claims, »ich hab's! Das 

ist die Bonanza! Gold, Männer!« 

Überall fielen Hacken, Schaufeln und Waschpfannen zu 

Boden. Die Digger kletterten aus ihren Löchern und Gräben 
und rannten zu dem Claim, in dem der Glückliche wie ein 
Drehkreisel umhersprang. 

In beiden Händen hielt der Mann dicke Klumpen, die 

metallisch im Sonnenlicht aufblitzten. Es schien pures Gold zu 
sein. Vielleicht der Anfang einer mächtigen Ader? 

Die Nachbarn des Diggers tauchten in ihre Claims hinab und 

legten die Waffen zurecht. Drehten andere, erfolglose 
Goldsucher durch, wollten sie die Nachbarclaims besetzen, so 

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schlug ihnen heißes Blei entgegen. 

»Wieviel ist es denn, Harry?« fragte ein alter Goldsucher, der 

sein Leben lang auf allen Goldfeldern Amerikas verbracht 
hatte. 

Er beugte sich weit über den Rand des fast quadratischen 

Loches und spähte hinab. »Eine Tasche, vermute ich«, sagte 
der Alte. »Mach weiter, hol alles raus, ehe ein Schurke sich an 
deinem Eigentum vergreift.« 

Der glückliche Digger wühlte wie besessen. Erde und Sand 

flogen in wildem Wirbel zur Seite. Mit der Hacke hebelte der 
Mann die Brocken heraus, schabte mit der Handkante sorgsam 
alles in die Waschpfanne und stand schließlich eine Stunde 
später vor einem kleinen Berg Gold, der sicherlich mehr als 
zweitausend Dollar einbringen würde. Und das war eine 
Menge Geld in dieser Zeit. 

»Los, kommt mit!« rief Harry, »heute darf jeder so viel 

trinken, bis ihm der Schnaps an den Ohren wieder rausläuft.« 

Das ließen sich die Goldsucher nicht zweimal sagen. Sie 

hoben ihren spendablen Kameraden aus dem Loch und trugen 
ihn zu den Adobehäusern. Vor den Hütten fingerten die 
leichten Mädchen schon an ihren dünnen Kleidern herum. Sie 
mußten die anderen ausstechen, so viel Aufreizendes zeigen, 
daß die Männer gerade zu ihnen kamen. 

Nur ein graubärtiger Bursche blieb dem Zug der Digger fehl. 

Er schüttelte den Kopf und murmelte: »Das geht schief. Ich 
spüre es.« 

»Was spürst du, Alter?« fragte ein blutjunger Abenteurer. 
»Die Apachen«, erwiderte der Oldtimer. »Ich habe so ein 

merkwürdiges Jucken unter der Kopfhaut. Ich verschwinde 
lieber, ehe die roten Teufel über uns alle herfallen.« 

Für ein paar Sekunden schaute sich der junge Bursche um, 

spähte zu den Hügeln hinüber und lachte danach laut auf. 

»Mensch, die zeigen sich nicht«, rief er übermütig. »Laß sie 

doch kommen. Wir schicken sie mit blutigen Köpfen wieder in 

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ihre stinkigen Hütten zurück.« 

»Wenn du dich nur nicht täuschst«, murmelte der Alte. 
Seine Worte gingen im Gebrüll der Digger unter. 
Es dauerte nicht lange, bis der Whisky in Strömen floß, bis 

die Flittergirls auf den Knien der Männer umherrutschten und 
die Klaviere hämmerten. 

Auch ohne diesen Lärm hätte niemand die Mimbrenjos 

bemerkt, die in den Hügeln lauerten. 

Geronimos dunkle Augen glühten förmlich. Zorn und 

Beutegier beherrschten den Krieger. Nicht nur, daß Victorio 
diesen Vorschlag zum Überfall auf Pearce gemacht hatte, nein, 
nun wurde es noch ein leichter Kampf. Denn die 
Bleichgesichter dort unten tranken das brennende Wasser und 
wurden trunken davon wie ein Apache, der bei den Tänzen den 
Tizwin in sich hineinlaufen ließ. 

Ein Mann dort unten, ein einziger Mann, schien das Unheil 

zu spüren, das in den Hügeln lauerte. Aufmerksam beobachtete 
Geronimo den Graubärtigen, der ein Muli sattelte, ein Packtier 
belud und sich auf den Trail machte, ohne auch nur einen Blick 
zurückzuwerfen. 

Geronimo glitt wie eine Schlange von Deckung zu Deckung. 

Er gelangte hinter den mächtigen Stamm eines Seguarokaktus 
und lag reglos. Änderte der Weiße seine Richtung nicht, mußte 
er eine Mannslänge neben dem Versteck des Mimbrenjo 
vorbeireiten. 

Geronimo hatte Glück. Lautlos stand er auf, hielt die 

Kriegskeule in der Rechten, den Messergriff mit der Linken 
gepackt. 

Jetzt! 
Der Mimbrenjo schnellte hinter dem Kaktus hervor. Lautlos 

huschte der Apache über den Sand. Im letzten Moment seines 
Lebens schien ein Gefühl den graubärtigen Digger gewarnt zu 
haben. 

Er riß den Kopf herum, wollte zum Colt greifen, einen 

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Warnschuß abgeben, doch der geschmeidige Körper des 
Mimbrenjos bog sich. Die Kriegskeule traf, und der alte 
Prospektor war bereits tot, als er aus dem Sattel fiel. 

Geronimo stieß den Ruf der Zwergeule aus. Sekunden später 

tauchten zwei Krieger auf. Sie führten die beiden Mulis davon, 
während ihr Unterführer den Toten ausplünderte. Vor allem der 
Revolver hatte es Geronimo angetan. Eine solche Waffe 
vermochte beim Nahkampf unschätzbare Dienste zu leisten, 
wenn sie auch nicht lautlos wirkte. 

Ein anderer Mimbrenjo, einst Sklave, nun Krieger, schob 

sich immer näher an die Goldfelder heran. Doppelwolf starrte 
zu den Frauen hinüber. Dort wartete seine Beute auf ihn. Er 
mußte nur schnell genug sein, wenn Victorio den Angriff 
befahl. Denn die Frau mit dem strohgelben Haar mußte 
Doppelwolf in sein Jacale führen. 

Das Rufen des Rennkuckucks klang auf, wurde von jenseits 

der Siedlung erwidert, und die Apachen glitten näher an die 
Siedlung heran. Ein Glücksfall hatte die Claims menschenleer 
werden lassen. 

Der Kampf, der auf die Krieger wartete, ließ den 

Bleichgesichtern nicht die geringste Überlebenschance. 

»Hey, Harry, wie sieht's mit 'ner Partie Poker aus?« fragte der 
hochgewachsene, schlanke Spieler den Digger. 

Harry blickte auf, musterte prüfend das Gesicht, die ehrlich 

wirkenden Augen und nickte. 

Sie setzten sich an den rohen Tisch. Ein Girl brachte die 

Goldwaage vom Tresen, und gemeinsam machten sie sich 
daran, das gelbe Metall zu wiegen, seinen Wert festzusetzen. 

Minuten später flogen die Karten über den Tisch. Harry 

flohlockte. Er hielt ein Full House auf der Hand und gewann 
hundert Dollar. Auch die nächsten beiden Spiele überzeugten 

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den Digger davon, daß der Gambler ehrlich pokerte. 

Bei der dritten Runde verlor Harry fünfzig Bucks, blieb aber 

fröhlich und dachte nicht im Traum daran, daß der Kartenhai 
nun anfing, ihm das letzte Gram Gold abzunehmen. 

Soweit sollte es auch nicht kommen. 
Denn als der schlanke Spieler aufsah, durch das zerfetzte 

Ölpapier der Fensteröffnung sah, ließ er die Karten fallen. Er 
hatte drei braunhäutige Männer entdeckt, die moderne 
Gewehre in den Fäusten hielten. 

»Apachen«, stieß der Gambler hervor, »Apachen. Zu den 

Waffen, Männer!« 

Der Klavierspieler brach mit einem Mißton ab. Kreidebleich 

verfärbte sich das Gesicht des rundlichen Mannes. Er sprang 
auf, griff in die Ecke, in der sein altes Gewehr stand, und in 
diesem Moment sirrte ein Pfeil in die Cantina und traf den 
Spieler tödlich. Er fiel schräg auf die Tasten seines Klaviers. 
Eine quälend grelle Tonfolge klang auf, eine Melodie des 
Todes. 

Sekunden später hämmerten die Gewehre der Angreifer. In 

das Peitschen der Winchester, in das dumpfe Dröhnen der 
Colts mischten sich die Angstschreie der Frauen und die 
grellen Kriegsrufe der Apachen. 

Aus den Fenstern und Türen stürzten Männer ins Freie, 

feuerten wild um sich, schickten einen Bleihagel zu den 
Mimbrenjos, die mühelos diesem kopflosen Ausbruch 
auswichen und ihre Kugeln und Pfeile zielsicher abschossen. 

Doppelwolf, der große Mimbrenjo, der von allen des 

Stammes als einer der ihren angesehen wurde, kämpfte sich 
rücksichtslos vor. In nichts unterschied er sich von den übrigen 
Kriegern. Seine Haut war von der Sonne gebräunt, die 
schwarzen Augen glommen in wilder Kampfeslust, und der 
gellende Kriegsschrei ließ den Weißen das Blut in den Adern 
förmlich gefrieren. 

In der Linken hielt Doppelwolf den Schädelbrecher. Mit der 

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Rechten umklammerte er einen Revolver, eine alte 
Schwarzpulverwaffe, die bei jedem Schuß erbärmlich stank 
und große Wolken neben der Kugel ausspie. 

Ein brennendheißer Hieb streifte Doppelwolfs Schulter. Er 

zuckte herum, sah einen schwarz gekleideten Mann hinter dem 
Loch in der Mauer und feuerte sofort. 

Der Kartenhai, der vor Minuten noch den Digger Harry um 

sein Gold bringen wollte, sank tot zurück, prallte auf den 
Kartentisch. Die Schöße der schwarzen Jacke öffneten sich, 
gaben die geheimen Bänder und Taschen frei, aus denen fast 
ein ganzes Kartenspiel hervorrutschte und so den Betrüger 
bloßstellte. 

Niemand interessierte sich dafür. Es ging nicht um Gold oder 

Dollar. Es ging um das nackte Leben. 

Der Vorhang am Eingang der Cantina wurde zur Seite 

gezogen. Drei, vier Krieger schnellten in den Raum jagten 
auseinander und brachen wie Wölfe zwischen die Verteidiger 
ein. 

Ein Girl kreischte gellend, als sie in das wilde Gesicht eines 

Kriegers blickte, den Tod in den Augen sah. Im letzten 
Moment veränderte, der Mimbrenjo den Abwärtsschwung 
seines Armes. Haarscharf am Gesicht der Frau blitzte die 
Messerklinge vorbei. 

Die Saloonschwalbe brach ohnmächtig zusammen. 
Hinter dem Tresen brannte der Barkeeper eine Schrotflinte 

ab. Die Ladung gehacktes Blei richtete unter den Verteidigern 
mehr Schaden an als unter den Apachen. 

Ehe der Barmann die zweite Flinte hochzureißen vermochte, 

wirbelte ein Schädelbrecher durch die Luft und setzte seinem 
Leben ein Ende. 

Immer noch grellten die Angriffsrufe der Apachen auf, 

trommelten die Hufe der Mustangs über den Boden, dröhnten 
die Waffen. 

Doppelwolf rannte weiter. Ein blonder Haarschopf 

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verschwand ein Stück weiter vor ihm in einer Bretterhütte, aus 
der angstvolles Kreischen aufklang. Der Krieger erreichte das 
Haus, warf sich gegen die Tür und landete in einem Wirbel aus 
Splittern im Innern. 

»Du kommst mit mir«, sagte der Mimbrenjo kehlig in 

verständlichem Englisch und deutete mit dem Dolch auf die 
Blonde. 

Ihm war es leichter als den Stammesbrüdern gefallen, die 

Sprache der Bleichgesichter zu erlernen. 

»Zastee! Tötet!« gellte der Ruf der Apachen draußen auf. 
Noch immer krachten Schüsse, zischten Pfeile von den 

Sehnen. 

Die blonde Frau trat einen Schritt zurück, sah sich 

verzweifelt um, suchte ein Versteck und wußte tief in ihrem 
Inneren doch, daß es kein Versteck gab, das sie vor einem 
Apachenkrieger schützte. 

Die letzten Schüsse wummerten. Außer den Freudentrillern 

der Krieger war nichts mehr zu hören. 

Irgendwo klirrte Glas. Die Mimbrenjos sammelten die 

Schnapsvorräte ein. Schon während des Rückzuges ins 
Versteck würden die Krieger mit dem Trinken beginnen. 

Doppelwolf winkte mit dem Colt. Die drei Frauen ergaben 

sich in ihr Schicksal. Langsam gingen sie an dem großen 
Krieger vorbei ins Freie. Als der Mann die Blonde berührte, 
zuckte sie wie unter einem Peitschenhieb zusammen. 

»Du bist meine Beute«, sagte Doppelwolf. 
Angst zeichnete das Gesicht der Frau. 
»Sag mir deinen Namen«, forderte der Indianer. 
»Myriam«, erwiderte die Frau schwach, »was hast du mit mir 

vor? Ich werde dich töten. Ja, sobald ich die Chance bekomme, 
bringe ich dich um!« 

»Eine Wildkatze«, sagte Doppelwolf bewundernd, »ich habe 

mir eine Wildkatze gefangen.« 

Draußen warteten einige Krieger. Sie trieben die Frauen und 

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Mädchen zusammen, wachten über sie und ließen nicht zu, daß 
sich auch nur eine von ihnen einen halben Schritt entfernte. 

Die wenigen Häuser und Zelte waren schnell geplündert. Vor 

allem die Waffen, Schnapsflaschen und Messer erregten die 
Gier der Mimbrenjos. 

Myriam schien es, als sei sie in einem entsetzlichen Traum 

gefangen, schaffte es nicht, einfach aufzuwachen und 
erleichtert das Grauen abzuschütteln, das sie beherrschte. 

Als sie die toten Goldsucher, die Barkeeper und Spieler sah, 

mußte sie sich übergeben. Sie war nicht die einzige, die den 
Anblick der skalpierten Männer nicht ertragen konnte. 

Das Entsetzen steigerte sich sogar noch. Denn all diese 

Frauen und Mädchen wurden von den Gedanken geschüttelt, 
was sie wohl weiterhin erwartete. Voller Angst mußten sie hier 
verharren, wußten nicht, ob sie das Ende dieses Tages noch 
erlebten. 

Victorio erkannten sie sofort. Sein wildes Gesicht mit den 

schulterlangen Haaren war oft genug in den Zeitungen 
abgebildet gewesen, die auch in den Südwesten gelangten. Er 
galt als der grausamste Apachenführer. 

»Reiche Beute«, rief der Jefe der Mimbrenjos, »wir sind 

Krieger, und keine Weiber wie die Chiricahuas. Nehmt das 
gelbe Metall mit, die Münzen, wir brauchen das wertlose Zeug, 
damit wir von anderen Bleichgesichtern Munition kaufen 
können. Fangt die Pferde und Mulis ein, sie werden unsere 
Bäuche füllen, wenn wir in unserem Lager den Sieg feiern.« 

Die Aussicht auf gebratenes Mulifleisch ließ manchem 

Krieger das Wasser im Mund zusammenlaufen. Galt das 
Fleisch doch bei allen Apachen als ausgesprochene 
Delikatesse. 

Die grausame Arbeit war getan. Für die Apachen bedeutete 

dieser Überfall jedoch etwas ganz Natürliches. Denn gehörte 
nicht alles, was in diesem Land existierte seit Urzeiten ihnen? 
Waren sie denn nicht die Herren der Halbwüste und der 

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Wüste? Und Kampf und Tod gehörten zu einem Krieger wie 
Sand zur Wüste und die Sterne zum Himmel. 

Die Packtiere waren beladen. Alle Schnapsflaschen lagen so, 

daß sie nicht klirren konnten. Jedes Metallteil war umwickelt. 
Gold und Münzen und bedruckte Papierscheine trugen 
Geronimo und Victorio in Beuteln mit sich. An den 
Ledergürteln der Krieger hingen frische Skalps, auf die der 
Rauch der Feuer wartete. 

Steil hob der Chief der Mimbrenjos den linken Arm in die 

Luft. Das Zeichen zum Aufbruch. 

Zehn Krieger bewachten abwechselnd die Frauen und 

Mädchen, trieben sie mit den Schäften der Kriegslanzen und 
den Enden der Bögen an. Langsam marschierten die Frauen 
los. Nach wenigen Schritten drang die Gluthitze des Sandes 
durch die Schuhsohlen, stach die grelle Sonne auf die 
ungeschützten Köpfe. 

Und alle dachten das gleiche: dies war erst der Anfang des 

Marsches ins Ungewisse. Welche Schrecknisse warteten noch 
auf sie? 

In Tombstone wurde die Kutsche beladen. Pferdehelfer führten 
kräftige Deichseltiere aus dem Corral. Ted Riley, der Fahrer, 
befestigte den Postsack und warf Jack Vance, dem Begleiter, 
Frachtstücke hoch, die er auf dem Dach der Stage verstaute. 

Ein dicker Mann wartete unter dem Vordach der Station. Er 

trug städtische Kleidung in kräftigem Braun. Neben ihm stand 
eine große geblümte Tasche auf den Brettern des Sidewalks. 

Randolph Glandon war zufrieden mit seinen Geschäften, sehr 

zufrieden sogar. Gelang es ihm, weiterhin in Tombstone 
Aufträge zu erhalten, konnte er zum reichen Mann werden. 

Glandon war ein Whiskyvertreter. In der geblümten Tasche 

führte er Dutzende von Proben mit, die alle unterschiedlich 

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schmeckten und auch unterschiedlich teuer waren. 

In die Zufriedenheit des dicken Mannes mischte sich ein 

Anflug von Furcht. Die beiden Revolvermänner traten aus dem 
Stationshaus. Ihnen folgte der hochgewachsene Scout, der 
nicht minder gefährlich auf Glandon wirkte. 

Sie hatten ihn gewarnt. Die Apachen streiften durch die 

große Ebene. Auf der Fahrt nach Tucson hatten diese drei 
Männer einen Angriff abgeschlagen. Sie würden auch jetzt 
wieder die Stage begleiten. 

Randolph Glandon hielt sich für den einzigen Passagier. Er 

fragte sich, wie die Gesellschaft das nur finanziell durchhielt. 
Denn von Geld verstand Glandon eine Menge. 

»Stage nach Duncan über Pearce, Fort Buchanan und Apache 

Paß!« brüllte einer der Clerks. »Die Kutsche fährt pünktlich 
ab.« 

Larry Osborne öffnete den Wagenschlag und hielt ihn höflich 

für den einzigen zahlenden Passagier auf. Ächzend und 
schnaufend kletterte der dicke Whiskyvertreter in den Wagen. 
Die Federn kreischten und knackten, als der schwergewichtige 
Mann sich zurechtsetzte. 

»Danke, der Service wird immer besser auf dieser Strecke«, 

sagte Buck Tinatra, als er an Larry vorbeiging und seinem 
Freund ein Zehn-Cent-Stück in die freie Hand drückte. 

Verblüfft starrte Osborne auf die Münze, auf seinen Freund 

und fragte: »He, was soll das denn?« 

»Ich bin es gewohnt, Trinkgelder zu geben, wenn jemand 

besonders höflich zu mir ist«, erwiderte Buck grinsend. 

Larry schnaubte und verstaute den Dime sorgfältig in seiner 

Jackentasche. 

Haggerty stieg ebenfalls ein und sagte: »Ich habe leider kein 

Kleingeld, Portier. Einen halben Dollar kann ich Ihnen nicht 
geben. Sie werden sonst übermütig und mieten sich eine 
Extrakutsche.« 

»Ihr seid wohl übergeschnappt!« rief Larry und kletterte in 

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das Innere der Stage. 

»Natürlich«, erwiderte Buck Tinatra, »nur Verrückte fahren 

durchs Apachenland.« 

Der Whiskyvertreter rutschte unbehaglich auf dem 

Lederpolster hin und her. Er brachte den Wagenkasten zum 
Schwanken. 

»Hören Sie«, stieß er hervor, »ist es wirklich so gefährlich? 

Werden wir vielleicht sogar angegriffen?« 

Furcht schwang in seiner Stimme mit. Haggerty dachte 

darüber nach, daß diese Burschen für jeden Dollar Gewinn die 
unglaublichsten Strapazen und Gefahren auf sich nahmen. 
Wußten sie aber vorher schon, daß es Verdruß geben konnte, 
waren sie nervöser als ein Senator vor der Wahl. 

»Wir beschützen Ihre kostbaren Proben«, versprach Larry 

ernsthaft. 

»Natürlich auch Ihr Leben, Mister«, fügte Buck hinzu und 

blickte seinen Freund strafend an. 

»Gentlemen, äh, wenn mir etwas zustoßen sollte«, sagte der 

Dicke. »In der Tasche hier steckt mein Auftragsbuch. Die 
Anschrift meiner Firma steht auf dem Umschlag. Ich flehe Sie 
an, schicken Sie das Buch weg. Wenn mir was zustößt, braucht 
meine Familie jeden Cent. Und hier in Tombstone habe ich viel 
verdient.« 

Larry Osborne beruhigte den Mann und versprach ihm 

ernsthaft, zuerst dessen Auftragsbuch zu schützen und dann 
sein Leben. Das war natürlich nicht dazu angetan, den Mann zu 
beruhigen. 

»Bekommen Sie noch Verstärkung?« fragte er nach ein paar 

Sekunden. 

Buck stand auf, blickte aus dem Türfenster, sah aber 

niemanden mehr. 

»Zwei Gentlemen mit tiefgeschnallten Revolvern gingen in 

die Station?« erklärte der Dicke und stellte sich bei der 
Gelegenheit vor. 

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Es dauerte nicht lange, bis der Wagenschlag aufgerissen 

wurde. 

»Die Kartenhaie«, sagte Buck giftig, »wird euch der Boden 

in Tombstone zu heiß unter den Füßen?« 

»Halt's Maul, Tinatra«, erwiderte Wyatt Earp. »Wir haben 

unsere Fahrkarten bezahlt. Seid höflich zu uns, sonst 
beschweren wir uns bei der Gesellschaft.« 

»Wenn's nach mir ginge«, sagte Larry Osborne, »dürften an 

Kerle wie euch überhaupt keine Karten verkauft werden.« 

Virgil sagte nichts. Er setzte sich neben Haggerty auf das 

Polster und starrte zum Fenster hinaus. 

Draußen warf der Beifahrer das Gepäck der Earps aufs Dach 

der Kutsche. Wenig später zogen die Deichselpferde an. Die 
Kutsche rollte über die Plaza, verließ Tombstone zu der 
gefährlichen Fahrt nach Osten. 

Die ersten Meilen schwiegen die Passagiere. Randolph 

Glandon hatte das ungemütliche Gefühl zwischen zwei 
verfeindeten Gruppen zu sitzen. Ihm schien, daß ein wüster 
Streit jeden Augenblick losbrechen konnte. Und darum dachte 
er sich etwas aus, um die gespannte Atmosphäre zu entladen. 

Daß er dabei vollkommen falsch griff, merkte er nach 

einigen Sekunden. 

»Was wird eigentlich gegen die Überfälle der Apachen 

unternommen?« fragte er unschuldig. »Es geht doch nicht an, 
daß diese Wilden immer wieder angreifen, morden und 
sengend und brennend durch das Land ziehen.« 

Wyatt Earp lachte sarkastisch auf und rief: »Das haben wir 

diesem Mann da zu verdanken!« 

Er zeigte auf John Haggerty, dessen Gesicht wie aus Stein 

gemeißelt wirkte. 

»Das ist der Chiefscout der Army im Südwesten«, fuhr 

Wyatt Earp fort. »Er ist mit Cochise befreundet. Die beiden 
haben einen angeblichen Frieden ausgehandelt. Aber Sie haben 
sicher schon gehört, wie dieser Friede aussieht, Mister.« 

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»Glandon, Randolph Glandon«, sagte der Dicke und 

verbeugte sich ein wenig im Sitzen. 

»Earp, eines Tages schlägt dir jemand dein vorlautes Maul 

mit der Faust zu«, sagte Larry Osborne beinahe freundlich. 

»Und zwar so, daß du einen Monat keinen verständlichen 

Ton mehr hervorbringen wirst«, fügte Buck Tinatra bei. »Du 
weißt ganz genau, was im Südwesten los ist. Warum setzt du 
solche Lügen in die Welt?« 

»Was ist 'ne Lüge?« fuhr Wyatt hitzig auf. »Es stimmt doch, 

daß die Rothäute immer wieder Ranches und Farmen 
überfallen, daß sie Diggercamps ausplündern und 
niederbrennen. Wo ist denn der Friede, von dem Cochise und 
General Howard immer reden, he?« 

Haggerty fuhr sich mit den Fingern der Linken durch das 

braune, gewellte Haar. Er musterte prüfend den 
Whiskyvertreter, lächelte und sagte freundlich: »Es gibt immer 
zwei Arten, eine Sache zu betrachten, Mr. Glandon. Das 
werden Sie wissen, denke ich. Und Wyatt Earp ist ein 
hitzköpfiger junger Mann, der sicher über Qualitäten verfügt. 
Ihm fehlt nur die Erfahrung, das ist alles. Ich werde Ihnen 
erzählen, was wirklich in diesem heißen Land vorgeht. 
Vielleicht lernt Mr. Earp etwas draus.« 

Wyatt schnaubte verächtlich und lehnte sich zurück. Er sah 

seinen älteren Bruder an, bemerkte dessen verstecktes Grinsen 
und fragte sich, ob er wirklich so falsch dachte, wie selbst 
Virgil anzunehmen schien. 

»Der Frieden ist mit Cochise ausgehandelt«, begann 

Haggerty. »Er ist der oberste Führer aller Apachenstämme. Die 
Chiricahuas halten sich an Cochises Wort. Die Aravaipas, 
Mescaleros und White Mountains halten ebenfalls Frieden. 
Lediglich Victorio, der Führer der Mimbrenjos, läßt seine 
Krieger am langen Zügel laufen. Sie brechen immer wieder aus 
der San Carlos Reservation aus. Victorio haßt uns Weiße wie 
eine schlimme Krankheit. Und das sind wir ja wohl auch für 

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die Apachen. Sie verteidigen nur ihr Land, das sie seit 
Jahrhunderten besitzen. Cochise ist klug. Er weiß, daß sein 
Stamm untergeht, stellt er sich gegen die Macht der Weißen. 
Victorio muß dies erst noch lernen. Cochise hingegen kann 
nicht offen gegen seinen Widersacher vorgehen. Dann 
zerbräche jeglicher Zusammenhalt der Stämme, und der 
Südwesten verwandelt sich in ein Meer aus Blut und Feuer.« 

Wyatt Earp hatte beeindruckt zugehört. Trotzdem lachte er 

jetzt verächtlich und rief: »Warum machen wir die Kerle nicht 
einfach nieder? Warum schnappt sich die Kavallerie nicht 
jeden Apachen und sperrt ihn ein?« 

»Er ist noch dümmer, als ich bisher dachte«, sagte Buck 

Tinatra darauf. 

Wyatts Unterkiefer mahlte. Am liebsten würde er diesem 

schwarzhaarigen Kerl die Faust mitten ins grinsende Gesicht 
pflanzen. 

»Weil die Soldaten eben nur Soldaten sind«, erwiderte 

Haggerty sanft. »Sie schaffen es einfach nicht, sich der 
Kampfesweise der Apachen anzupassen. Seit ungezählten 
Jahrhunderten wachsen die jungen Krieger in der Wüste auf. 
Sie sind jedem Weißen überlegen. Wenn sie nach ihrer Art 
kämpfen, müßten hunderttausend Männer Schulter an Schulter 
das gesamte Land durchkämmen, in jedes Kaninchenloch 
hineinkriechen, jeden Felsbrocken umdrehen. Und selbst 
danach wären nicht mehr als die Hälfte der Apachen gefangen, 
Mr. Earp. So sieht das aus. Und ich denke, daß Sie eigentlich in 
den letzten Wochen und Monaten etwas darüber gelernt haben 
müßten.« 

Wyatt schwieg. Der Scout hatte ihm den Wind aus den 

Segeln genommen. Denn allzu geschickt hatte sich Wyatt bei 
seinen Unternehmen in letzter Zeit nicht angestellt. 

Randolph Glandon blickte immer wieder unruhig von einem 

Gesicht zum anderen, spähte lange zum Seitenfenster hinaus 
und erwartete jede Sekunde, eine Horde Apachenkrieger 

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auftauchen zu sehen. 

Die Furcht kroch dem dicken Mann in alle Glieder, lähmte 

sein Denken, und schließlich erschienen ihm nicht einmal mehr 
die fünf verwegenen Mitfahrer als ausreichenden Schutz. 

Mit zitternden Fingern öffnete Glandon seine geblümte 

Tasche, die er zwischen den Beinen festgeklemmt hielt. Er 
tastete eine Weile in dem großen Innenraum umher und nahm 
schließlich eine kleine Flasche Whisky heraus. Der Korken 
schnappte aus dem Hals. Glandon setzte die winzige Bottle an 
den Hals und trank die beiden Schlucke. 

Ächzend fingerte er die nächste Probenflasche hervor. 
Er achtete nicht auf die interessierten Blicke der anderen 

Fahrgäste, während er nach und nach vier der kleinen Flaschen 
leerte. 

»Wie lange fahren wir durch dieses gefährliche Gebiet?« 

fragte er endlich und klappte die Tasche zu. 

»In einer Stunde ungefähr erreichen wir Pearce«, antwortete 

Buck Tinatra. »Dort gibt's ein paar Kaschemmen. Die 
Diggersiedlung ist ziemlich sicher, denke ich. Sie liegt zu nahe 
an den Dragoon Mountains, als daß Victorio oder Geronimo 
angreifen würden. Cochise würde sie vertreiben. Und das 
riskieren sie wohl nicht.« 

Randolph Glandon verdrehte die Augen, bückte sich und 

holte eine weitere kleine Flasche heraus. Als er sie 
leergetrunken hatte, besann er sich und gab jedem der anderen 
Passagiere ebenfalls eine Probe. 

»Das ist bester Whisky, Bourbon«, erklärte der Dicke. »Der 

Maisanteil der Maische beträgt mehr als fünfzig Prozent. 
Bestes Kalksteinwasser aus Kentucky ist eine weitere Garantie 
für die Qualität dieses Produktes.« 

Larry Osborne betrachtete den Dicken mit schiefgelegtem 

Kopf, öffnete die Flasche und trank. 

»Na, wie schmeckt es?« fragte Glandon erwartungsvoll. 
»Nach mehr«, erwiderte Larry und leckte sich mit der Zunge 

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über die Lippen. 

Er ließ sich eine zweite und dritte Probeflasche geben und 

leerte sie. 

»Du bist ein verdammter Narr«, sagte Wyatt Earp auf 

einmal. »Jetzt trinkst du dir 'nen Rausch an. Und wenn die 
Apachen angreifen, kannst du nicht mehr geradeaus schießen.« 

Buck Tinatra lachte glucksend und erwiderte: »Dann halten 

wir ihm ein Schwefelholz vor den Mund. Wenn er ausatmet, 
werden die Mimbrenjos von der Stichflamme versengt und 
sausen nach Hause.« 

Tinatra benötigte keine Ermahnung. 
Das sagte er auch sehr deutlich und ließ sich über Wyatt Earp 

derart aus, daß Handgreiflichkeiten in der Luft lagen. 

Virgil griff ein. Träge sagte er »Hört doch mit dem Mist auf, 

Männer. Ich setze zwei gegen fünfzig, daß wir noch alle Kraft 
brauchen werden.« 

Lediglich der Whiskyvertreter hielt sich nicht an die Worte 

des älteren Earp. Glandon leerte ab und zu eine der kleinen 
Flaschen. Er hatte inzwischen eine erstaunliche Menge vertilgt 
und war trotzdem noch nüchtern. 

Die Pferde legten sich in die Geschirre. Noch führte der Weg 

bergauf. 

Bald jedoch war die Höhe erreicht, ging es hinab in die weite 

Ebene, die doch von zahllosen Hügeln übersät war. Bald 
erreichten die Reisenden Pearce, die Diggersiedlung, die um 
diese Zeit bereits vernichtet war. 

Myriam verspürte das Gefühl, mit ganzem Körper in flüssiger 
Glut zu stecken, durch Feuer zu marschieren und feurige Luft 
einzuatmen. 

Die Beine gaben unter ihr nach. Schwer fiel die junge Frau in 

den heißen Sand. 

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Sie spürte kaum den Stoß mit dem Schaft der Kriegslanze, 

der sie in die Seite traf. 

»Weiter, weiße Frau, laufen«, sagte ein Apache guttural. 
»Ich kann nicht mehr«, stöhnte Myriam, »Wasser, um 

Himmels willen, ich brauche Wasser.« 

»Wenn die Sonne stirbt«, erwiderte der Krieger und hieb 

erneut mit dem Holzschaft zu. 

Geronimo bemerkte die Stockung, zog sein fahlgelbes Pferd 

am geflochtenen Graszügel herum und leitete es zu dem Zug 
der Gefangenen. 

Ausdruckslos starrte der Krieger auf die Frau mit dem gelben 

Haar hinab. In seinen Augen war sie ziemlich häßlich, aber 
Geronimo war auch ein reinblütiger Apache. 

»Du stirbst, wenn du nicht weitergehst«, sagte er 

schwerfällig. »Du stirbst sofort.« 

Warum sollten sie sich mit diesem schwachen Geschöpf 

abgeben, dachte der Krieger. Sie würde dem Stamm keine 
starken Söhne schenken, die später einmal gegen die Weißen 
kämpfen konnten. 

Doppelwolf sah sich um. Wo war die weiße Frau, die er als 

seine Beute beanspruchte? Der Krieger entdeckte das Glänzen 
des Blondhaares auf dem hellen Sand und riß seinen Mustang 
herum. 

»Nein!« rief Doppelwolf, als Geronimo die Kriegslanze zum 

tödlichen Stich erhob. »Sie gehört mir.« 

Der Anführer der Rebellen sah den Krieger verblüfft an. Was 

wollte Doppelwolf mit dieser Squaw? 

»Sie ist schwach«, erwiderte Geronimo kalt, »du siehst es, 

Krieger. Sie wird das Leben in den Jacales nicht aushalten. Die 
anderen Weiber quälen sie zu Tode. Sie wird eine Last für dich 
sein, Doppelwolf.« 

»Meine Beute, Geronimo«, erwiderte der Krieger gefährlich 

leise, »du machst mir meine Beute streitig? Dann mußt du mit 
mir kämpfen.« 

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Geronimo dachte daran, daß Doppelwolf einst ein Sklave, ein 

geraubter Mexikaner war. Sicher befahl ihm das Blut der 
anderen Rasse, diese Frau zu schützen, für sich zu nehmen. 
Aber dieses Blut gehörte auch dem Stamm, dessen erfahrene 
Krieger aus dem Mexikanerkind einen vollwertigen Apachen 
geformt hatte. Einen Krieger, der so dachte und fühlte und 
haßte wie Bewohner der Halbwüste. Es würde schwer sein, 
Doppelwolf zu besiegen. Vor allem deshalb, weil es um nichts 
ging, nur um eine erbeutete Squaw, die nichts taugte. 

»Nimm sie mit, Krieger«, sagte Geronimo kalt. »Vergiß nie, 

daß du ein Mimbrenjo bist. Braucht sie Wasser, gib ihr dein 
Wasser. Der Stamm sorgt erst für sie, wenn wir in der 
Apacheria angelangt sind.« 

Hart riß Geronimo am Graszügel. Sein gelber Mustang warf 

sich herum und preschte davon. 

Doppelwolf saß ab, richtete Myriam zu sitzender Stellung 

auf und hielt ihr den dünnen Fellschlauch vor den Mund. 

Der Geruch des Felles ließ die junge Frau würgen. Sie wußte, 

spürte jedoch, daß Wasser wichtig für sie war und schluckte. 

»Mehr«, bettelte sie, »ich vertrockne, mehr Wasser.« 
»Nein«, erwiderte der Krieger, »später, viel später. Du mußt 

jetzt laufen, Squaw, laufen oder sterben.« 

Er bückte sich, suchte im Sand, bis er ein paar glatte Steine 

fand und steckte sie ihr in den Mund. 

»Es hilft, weiße Frau«, sagte Doppelwolf, »wenn die Sonne 

stirbt, erreichen wir die Jacales. Dort kannst du ausruhen. Dort 
gibt es Wasser.« 

Myriam stand mühsam auf. Die Welt schien unter ihren 

Füßen zu schwanken, und die Sonne schaukelte irgendwo hin 
und her. 

»Weiter, du mußt!« rief der Krieger. 
Die junge Frau, die sich in Pearce ein Stück von dem 

goldenen Kuchen hatte abschneiden wollen, egal auf welche 
Weise, spürte die Kiesel im Mund, spürte, daß sich Speichel 

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sammelte und erkannte, daß der Durst nachließ. Sie nahm sich 
zusammen, beruhigte ihren rasenden Herzschlag, setzte Fuß 
vor Fuß und stapfte weiter. 

Nach ein paar Dutzend Schritten nahm die Welt wieder ihre 

gewohnte Gestalt an. Es gab nichts zu sehen, nichts außer 
Sand, ab und zu eine glänzende Eidechse, die sich unter der 
Erschütterung des Bodens in Spalten zurückzog. 

Einmal, wie lange später vermochte Myriam nicht zu sagen, 

verschwand ein scharfkantiger Stein mit schlängelnden 
Bewegungen im heißen Sand. Myriam hatte nie zuvor von 
einer Krötenechse gehört, geschweige denn, ein solches Tier 
gesehen. Die wüstenhafte Umgebung schien doch mehr 
Wunder bereitzuhalten, als ein weißer Mensch ahnen konnte. 

Die junge Frau wußte, daß sie bei Verstand bleiben mußte. 

Sie fand nur einen Weg, nicht zu verzweifeln, und darum 
beobachtete sie so genau wie möglich ihre Umgebung. 

Da sie alles eingehend betrachtete, entging ihr auch nicht das 

Verhalten der meisten Krieger. Immer wieder tranken die 
Apachen aus den Whisky- und Tequilaflaschen, die sie erbeutet 
hatten. 

Die beiden Anführer, der wildgesichtige Victorio und der 

Mann, der sie vorhin niederstechen wollte, schienen unruhig zu 
werden. Sie leiteten ihre Pferde immer wieder entlang der 
Krieger, achteten auf jede Kleinigkeit und trieben die Kämpfer 
zur Eile an. 

Der Boden stieg steiler an. Myriam blickte auf. Wild 

zerklüftete Felsmassen türmten sich himmelhoch. Wenigstens 
erschienen sie der jungen Frau so gewaltig. Ab und zu 
entdeckten ihre von der Sonne geblendeten Augen einen 
grünen Fleck im Schwarz des Basaltes und dem Glitzern des 
Prophyrs. 

Also gab es dort in den zerrissenen Felsengebieten Wasser. 

Gleichzeitig wußte Myriam, daß ihr Schicksal besiegelt war, 
erreichten sie erst das Versteck der Horde. Noch kein Weißer 

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war je den Apachen lebend entkommen. 

Verzweifelt schaute sich die blonde Frau um. Nicht weit von 

ihr lief ein Maultier ein Stück neben dem Zug der Gefangenen. 
War das ihre Chance? Sie mußte es wagen. Vielleicht 
verfolgten die Krieger sie nicht, denn ihr Ziel mußte dicht vor 
ihnen liegen. 

Myriam nahm allen Mut und alle Kraft zusammen. Sie ging 

langsamer, schritt allmählich zur Seite, auf das Muli zu. Und 
als sie ihre Gelegenheit gekommen sah, lief sie los. 

Mit beiden Händen umklammerte Myriam den Hals des 

Tieres, schwang sich auf den Rücken und hieb ihm die Absätze 
der weichen Stiefel in die Seiten. Das Muli trabte los. Aber es 
lief mit den übrigen Tieren auf die Felsen zu. Vergeblich zerrte 
die blonde Frau an der Mähne, ohne Erfolg schlug sie dem 
störrischen Biest die geballte Faust zwischen die Ohren, das 
Muli ließ sich nicht beirren. 

Ein paar Krieger lachten laut, deuteten mit halbleeren 

Schnapsflaschen auf die häßliche Weiße, die vor Wut und 
Mutlosigkeit weinte und so kostbare Körperflüssigkeit 
verschwendete. 

Doppelwolf galoppierte heran. Er grinste breit und sagte: 

»Gut so, Goldhaar, wenn wir in der Apacheria ankommen, bist 
du für mich ausgeruht. Wer weiß, vielleicht empfängst du 
schon heute den Sohn von mir, den Jungen, der einst als Mann 
gegen Menschen deiner Hautfarbe kämpfen wird. Geronimo 
hat unrecht. Du bist nicht schwach. Du bist listig und mutig. 
Und unser Sohn wird ein großer Krieger werden.« 

Er ließ seinen Mustang zwei Längen neben dem Muli auf 

gleicher Höhe traben. Myriam wußte, daß ihr Fluchtversuch 
kläglich gescheitert war. Eine weitere Chance erhielt sie nicht. 
Warum hatte sie das Maultier genommen? Warum kein Pferd? 
Sicher hätte ein richtiges Reitpferd gehorcht und sie 
davongetragen. 

Ein Schauder, ein Frösteln überlief die junge Frau, wenn sie 

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an die Nacht dachte, die vor ihr lag. Sie wollte nicht willenlos 
bleiben, wenn ihr dieser hochgewachsene Krieger Gewalt 
antat. Sie wollte keine Beute sein und spürte doch tief in ihrem 
Denken, daß es keinen Ausweg mehr für sie gab – es sei denn 
den Tod. 

Schmale Felsenpfade führten in schwindelnde Höhen hinauf. 

Die Tiere setzten sicher Huf vor Huf. Einschnitte, kaum so 
breit wie ein Pferd, verschluckten förmlich die Menschen und 
Pferde und Mulis. 

Durch grün bewachsene Täler, vorbei an Steinbrocken 

gewaltiger Größe, über Geröllawinen und durch 
messerscharfes Gras führte der Weg der Horde zu ihrem 
Versteck. 

Endlich war der erschöpfende Marsch zu Ende. 

Freudenschreie der halb betrunkenen Krieger zeugten davon, 
daß sie ihr Ziel erreicht hatten. 

Die Apachen saßen ab, liefen zu den Jacales, den 

Zweighütten und entfachten Feuer. 

Myriam wandte den Kopf ab, als die Krieger über zwei 

Mulis herfielen und die Tiere innerhalb von Minuten 
schlachteten und zerlegten. 

Zwei der übrigen Frauen erbrachen sich, würgten nichts als 

ein wenig Flüssigkeit heraus und sanken matt zusammen. 

»Die Weiber in die große Hütte dort«, befahl Victorio hart 

und deutete auf ein Wickiup, das mehr als doppelt so groß wie 
die anderen war. Zustimmendes Gemurmel klang auf. 
Lediglich Doppelwolf verzog sein Gesicht zu einer finsteren 
Maske. 

»Warum stecken sie uns zusammen!« fragte ein Mädchen, 

das in Pearce eine Menge Kunden gehabt hatte. »Wollen sie 
uns nacheinander rauszerren, wenn sie betrunken sind? Wollen 
sie alle über uns herfallen?« 

Weder sie noch Myriam wußte, daß diese Hütte zu einem 

ganz bestimmten Zweck erbaut war. Die Apachen glaubten 

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nämlich, daß weiße Frauen – und auch Mexikanerinnen – böse 
Geister verborgen in sich herumtrügen. Und diese Hütte war 
mit allerlei Zauber  ausgestattet, der die bösen Geister der 
andersfarbigen Squaws während der Nacht vernichten sollte. 

Willenlos ließen sich die Frauen in die Zweighütte treiben. 

Zwei mußten draußen warten. Ein älterer Krieger zeigte ihnen 
die verborgene Quelle und gab ihnen Fellbeutel und 
Tierblasen. Endlich durften die Gefangenen ihren quälenden 
Durst löschen. Später am Abend würden sie auch Essen 
bekommen, einen geringen Anteil des gebratenen 
Mulifleisches. 

Wer nicht aß, mußte eben hungern. 
Der Geruch des bratenden Fleisches zog durch den Talkessel 

und ließ selbst den Gefangenen das Wasser im Mund 
zusammenlaufen. Ein paar Frauen wuschen ihre blutenden 
Füße mit Kleiderfetzen ab. 

Als die Sonne im Westen versunken war, hämmerten die 

ersten Trommeln. Steine rasselten in ausgehöhlten Kürbissen 
im gleichen Rhythmus. Die Krieger feierten ihren Sieg, die 
überreiche Beute, die ihnen Ehre und Ansehen beim Stamm 
einbringen würde. 

Der schrille Klang der einsaitigen Fiedel mischte sich in das 

Dröhnen der Trommeln und Rasseln. 

Schaudernd drängten sich die Frauen, die am vergangenen 

Tag noch erbitterte Rivalinnen um die Gunst der Goldgräber 
gewesen waren, zusammen. 

Wilder Gesang klang auf, schallte über die Steingebilde 

hinweg und kündete vom großen Sieg. 

Lauter hämmerten die Trommeln, schneller wurde der 

Gesang, schneller kreisten die Flaschen, und die ersten 
Apachen sanken berauscht zu Boden. 

Geronimo und Vicotrio ließen ihre Krieger gewähren. Sie 

wagten nicht, den Unmut der Rebellen herauszufordern, 
wagten nicht, diese traditionelle Siegesfeier zu verbieten. Denn 

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sie benötigten diese aufrührerischen Kämpfer für ihren Feldzug 
gegen die verhaßten Weißen. Offen durften sie nicht vorgehen. 
Dagegen stand Cochises Wort, das alle anderen Stämme band. 
Insgeheim jedoch wußte Victorio immer einen Weg, den 
Kampf gegen die Eindringlinge fortzusetzen. 

Doppelwolf spürte flüssiges Feuer in seinen Adern kreisen. 

Sein Kopf fühlte sich seltsam leicht an. Die Sterne rutschten 
über den Nachthimmel, wenn der Krieger sich zu schnell 
bewegte. 

Er sah die blonde Squaw vor sich. Plötzlich war ihm 

gleichgültig, welche furchtbaren fremden Geister ihn verderben 
konnten. Er wollte diese Frau jetzt, heute nacht noch, besitzen. 

Langsam zog sich Doppelwolf zurück. Er trank die 

viereckige Flasche mit dem brennenden Wasser aus, ließ sie in 
den Sand fallen und schlich hinter das große Jacale. 

Er vermochte kaum, sich weiterhin zu beherrschen. Mit 

beiden Händen fetzte er die Zweige zur Seite, achtete nicht auf 
die ängstlichen, schrillen Schreie, die ihm entgegendrangen 
und erweiterte die Öffnung so, daß er in wenigen Augenblicken 
hineinschlüpfen konnte. 

Noch einmal holte der Krieger tief Luft, gab dem fordernden 

Pochen seines Blutes nach und hob ein Bein über die Reste der 
Bodenbefestigung. 

Die Pferde zogen die schwere Overlandkutsche die Steigung 
hinauf. Der Weg verlief flach, ehe er sich im Osten der 
Dragoon Mountains wieder hinabneigte. 

»Endlich, ihr lahmen Böcke!« brüllte der Kutscher und ließ 

die Peitsche zwischen die vordersten Tiere des 
Sechsergespannes zischen. 

Er straffte die Zügel, denn nun schob der Wagen gegen die 

Seile und Geschirre. Knapp ein Dutzend Meilen noch bis 

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Pearce, dachte Haggerty. Er verspürte eine merkwürdige 
Ahnung in sich. Als Mann der Wildnis gab er diesen Gefühlen 
nach, handelte oft instinktiv und wußte, daß er immer richtig 
handelte. 

»Hoffentlich ist in Pearce noch alles beim alten«, sagte 

Haggerty leise zu Larry Osborne. 

Doch der dicke Whiskyvertreter hatte die Worte gehört. 

Seine Augen weiteten sich, und das Fett des Dreifachkinns 
zitterte beängstigend. 

Wyatt Earp musterte den Scout interessiert. Sein Bruder 

Virgil blickte Haggerty nur kurz an. Virgil wußte von den 
Ahnungen der Männer, die überwiegend auf sich allein gestellt 
das wilde Land durchtrailten. 

Niemand sprach während der nächsten Stunde. Ab und zu 

gluckerte es in der Ecke des Dicken, wenn er wieder eines 
seiner Probenfläschchen leerte. 

Sooft Larry und Buck auch hinausspähten, sie blickten 

immer gegen die zerfressenen, bizarren Felsgebilde der 
Dragoon Mountains. Noch umschlossen die Ausläufer der 
Berge den Kutschweg, den einzigen, den es in dieser Zeit für 
die Fahrt nach Osten und Westen gab. 

Doch dann rollte die Kutsche in die Ebene hinab. 
»Rauchwolken, im Nordosten«, rief Ted Riley vom Bock. 

»Freunde, ich glaube, Pearce steht nicht mehr.« 

Wyatt Earp stieß einen Fluch aus und preßte anschließend 

die Lippen eng zusammen. 

»Laß sie laufen, Ted«, rief Buck zum Seitenfenster hinaus. 
Knallend fuhr die Peitsche zwischen die Zugpferde. Sie 

legten sich mit aller Kraft in die Riemen und rissen die schwere 
Kutsche über den Fahrweg. Im Galopp preschten die 
Deichseltiere voran. Der Geruch nach Feuer, Brand und Rauch 
drang bis in den Wagen. 

»Alles ist verbrannt!« brüllte Jack Vance, der Begleiter. 
Er umklammerte die Winchester so fest, daß seine 

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Fingerknöchel weiß hervortraten. Jack war bereit, es mit den 
roten Mordbrennern aufzunehmen, ihnen heißes Blei um die 
Ohren fliegen zu lassen, sollten sie noch in der Nähe auf 
weitere Beute lauern. 

»Sie sind weg«, sagte Haggerty im Wagen ruhig. »Wenn sie 

Pearce wahrhaftig gestürmt haben, fanden sie reiche Beute. Die 
Apachen bringen erst diese Beute in Sicherheit.« 

Die Pferde scheuten, als ihnen der Blutgeruch in die Nüstern 

drang. Nur mit all seinem Können hinderte Ted Riley die Tiere 
am Ausbrechen. Endlich zog er die Bremse an, hielt die Zügel 
immer noch straff gespannt, bis sich die Gäule beruhigten. 

Larry, Haggerty und Buck rissen die Türen auf und sprangen 

hinaus. 

Ein Bild des Grauens erwartete sie. 
Die Holzhäuser waren niedergebrannt. Einzelne Bretter und 

Balken, verkohlt, teilweise noch glimmend, ragten wie 
mahnende Finger aus den Aschehaufen. Die Strohdächer der 
Adobehäuser waren vernichtet. Und überall lagen Tote ohne 
Skalps. 

Der Wagenkasten knirschte, als der dicke Randolph Glandon 

ausstieg. 

»Herr im Himmel«, sagte der Whiskyvertreter gepreßt, »das 

ist ja unmenschlich. Das können doch nur Tiere vollbracht 
haben.« 

Er wandte den Blick ab, vermochte nicht, dieses Bild des 

Schreckens länger anzusehen. 

Er stieß gegen Wyatts Stiefel, als er nach seiner Tasche griff, 

um sich mit weiterem Whisky zu stärken. Geschickt sprang der 
schlanke Earp über den Dicken hinweg und landete sicher auf 
den Füßen. 

Virgil wartete, bis sich Glandon abgewandt hatte, ehe er 

ausstieg. 

Grimmig sagte der schnauzbärtige Wyatt: »Das sind also Ihre 

Freunde, Chiefscout. Schöne Freunde haben Sie, wirklich.« 

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Haggerty verspürte hilflosen Zorn in sich. Obwohl Earp es 

doch besser wußte, hörte er nicht mit seinen Sticheleien auf. 

»Sehen wir uns um«, sagte Larry mit kalter Stimme. 
»Denkst du, einer hat das überstanden?« fragte Buck und 

deutete auf einen Mann, der skalpiert worden war. 

Osborne antwortete nicht. Wie von selbst gingen die vier 

Männer auseinander, marschierten mit einigen Yards Abstand 
zwischen sich durch die rauchenden Trümmer der kleinen 
Siedlung zum Goldfeld. 

Nichts Lebendes fand sich. 
Die Kutscher blieben wachsam auf dem Bock, suchten die 

Umgebung mit ihren Blicken ab, vermuteten hinter jedem 
Dornbusch, hinter jedem Stein einen Apachen und vermochten 
sich kaum zurückzuhalten. Am liebsten hätten sie die gesamte 
Umgebung mit heißem Blei bepflastert. 

Haggerty drang in die Trümmer ein. Suchend zog er seine 

Spur, beugte sich hin und wieder hinab und kehrte schließlich 
zu den anderen zurück. 

»Was unternehmen wir?« fragte Waytt. 
»Wir fahren so schnell wie möglich weiter«, entschied der 

Chiefscout. »Das ist ein Job für die Kavallerie.« 

»Wieso?« wollte Virgil wissen. 
»Die Apachen nahmen alles von Wert mit«, erwiderte 

Haggerty. »Sie schleppten eine Menge Schnaps fort, denke ich 
mir. Und noch etwas fehlt: die Frauen!« 

Entsetzt blickten sich die Männer an. 
»Haggerty hat recht«, stieß Buck hervor, »nirgendwo haben 

wir eine tote Frau gefunden. Heiliger Jason.« 

»Die Army muß die Bande verfolgen und stellen«, sagte der 

Scout. »Unter Druck sind die Krieger sicher zu Verhandlungen 
bereit. Wir dürfen nicht zulassen, daß sie die Frauen 
mitschleppen. Sie werden in den Dörfern oder Apacherias wie 
der letzte Dreck behandelt, vielleicht sogar zu Tode gequält.« 

Buck und Larry schoben die Hüte entschlossen nach hinten. 

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»Kommt nicht in Frage«, sagte Osborne entschlossen, »das 

ist keine Sache für die Idioten in den blauen Uniformen. Die 
verderben doch alles nur. Wir setzen uns auf die Fährte der 
Apachen. Und Sie führen uns, John. So wird's gemacht, und 
nicht anders.« 

Wyatt Earp sah Larry verblüfft an. 
»Du hast recht, Gunslinger«, sagte er, »die Hohlköpfe von 

der Army galoppieren mit Gesang und Trompetengeschmetter 
in die Berge. Den nächsten Monat brauchen diese Narren, um 
selbst wieder rauszufinden. Bis die Blauröcke die Horde 
erwischen, sind die mitsamt den Frauen längst in Sicherheit.« 

Haggerty schüttelte den Kopf. Sicher, auch die Earps waren 

gute Kämpfer. Aber hier ging es darum, die Macht der Weißen 
zu zeigen. Den Apachen klarzumachen, daß sich die 
Bleichgesichter nicht alles gefallen ließen. 

Zudem fand der Scout ein gutes Argument, wie er dachte. 
»Und ihr wollt also zu Fuß hinter der berittenen Horde 

hermarschieren?« fragte Haggerty. »Ihr wollt ihnen in jede 
Falle laufen, die sie für uns aufstellen?« 

Entgeistert sahen sich die vier Männer an. Schließlich sagte 

Buck Tinatra grinsend: 

»Um ein Haar hättest du uns reingelegt, Scout. Aber wirklich 

nur um ein Haar.« 

»Wie weit ist es bis Fort Buchanan?« fragte Larry Osborne. 
»Länger als fünf Stunden«, erwiderte Haggerty. 
»Also, Mister, in etwa zwei Stunden schaffen wir die Strecke 

zurück nach Tombstone. Dort klemmen wir uns gute Pferde 
zwischen die Beine und reiten los. Rechnen Sie doch mal nach: 
fünf Stunden mit der Kutsche zum Fort. Eine Stunde, um den 
Offizieren alles klarzumachen. Frühestens in sechs Stunden 
kann die Truppe unterwegs sein, kommt also erst bei Einbruch 
der Dunkelheit hier an. Wir schaffen den Weg bis hierher 
zurück in höchstens vier bis fünf Stunden, haben also noch den 
ganzen Spätnachmittag Zeit, in die Dragoons einzudringen.« 

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»Du bist zwar überhaupt nicht mein Fall«, sagte Wyatt Earp, 

»aber du hast recht. Nur ohne Haggerty geht's nicht. Oder traut 
ihr euch zu, die Fährte der Rothäute aufzunehmen und zu 
halten?« 

»Das nicht, aber die Spur der gefangenen Frauen«, erwiderte 

Buck lässig. »Ich wette, sie müssen laufen. Die Apachen 
wollen sie fertigmachen, ihre Widerstandskraft schwächen. 
Denn die Krieger feiern doch bestimmt ihren großen Sieg. 
Oder nicht, Haggerty?« 

Der Scout nickte. Ja, die roten Kämpfer würden tanzen, 

trinken und die reiche Beute aufteilen. 

Vielleicht hatten die anderen Männer sogar recht. Jede 

Minute Vorsprung für die Apachen brachte die gefangenen, 
mitgeschleppten Frauen ihrem erbarmungslosen Schicksal 
näher. 

»Also gut, ich bin einverstanden«, sagte der Chiefscout 

schließlich. »Wir  fahren so schnell wie möglich zurück nach 
Tombstone.« 

»Und das hier? Die Toten alle?« wollte Virgil wissen. 
»Das hat Zeit«, erwiderte Haggerty, »wenn wir Erfolg haben, 

schicken wir die Kavallerie raus. Die sollen die Toten 
begraben.« 

Sie liefen zur Kutsche zurück. 
»Also, ab in die Dragoons«, sagte Larry Osborne zu den 

Fahrern. 

»Zurück nach Tombstone?« fragte Ted Riley ungläubig. 
»Ja, aber schnell«, erwiderte Buck Tinatra, »egal, ob die 

Pferde dabei draufgehen. Sie müssen nur bis zur Station 
durchhalten, klar?« 

»Warum? Ist das ein Befehl der Streckenreiter?« 
»Das ist ein Befehl, vergiß deinen Fahrplan«, sagte Larry 

hart. »Die Apachen haben sämtliche Frauen mitgeschleppt. Wir 
brauchen gute Pferde, wenn wir die Horde erwischen wollen.« 

»Allmächtiger«, sagte Ted Riley und ächzte. 

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Er löste die Bremse, ließ die Peitsche knallen und wendete 

den schweren Wagen. Erbarmungslos trieb der Fahrer die Tiere 
an. Sie wieherten empört, stemmten sich jedoch in die 
Geschirre. 

Die Kutsche erreichte Tombstone in nur anderthalb Stunden. 

Dort kümmerte sich keiner der Fahrgäste um die Neugierigen, 
die zusammenliefen und aufgeregt einen Schwall von Fragen 
losließen. 

Buck und Larry stürmten ins Office der Company, gaben 

eine Reihe von Befehlen, und sofort wirbelten die Männer 
durcheinander. 

Es dauerte nur zehn Minuten, bis jeder mit einem 

ausgezeichneten Reitpferd, einer vollen Wasserflasche und 
ausreichend Munition versehen war. 

Erst als die fünf Männer im Galopp die Minenstadt wieder 

verließen, versuchte der dicke Whiskyvertreter aus der Kutsche 
zu klettern. Er schaffte es nicht, stolperte, fiel zu Boden und 
schlief sofort ein. 

Wie ein zitternder Fleischberg lag er dort, verbreitete einen 

Schnapsgestank, der einen wenig trinkfesten Mann 
umgeworfen hätte. 

Drei Pferdehelfer waren nötig, den Dicken in den Stall zu 

schleppen, in dem er seinen Rausch in einer leeren Box 
ausschlafen durfte. 

Weitere zwei Stunden später nahm John Haggerty die Spur der 
Horde auf. Die Mimbrenjos waren genau nach Westen 
gezogen, auf die Dragoon Mountains zu. In den zerklüfteten 
Felsentälern fanden die Krieger genügend Verstecke, die wie 
Festungen kaum zu erobern sein würden. 

Noch war die Fährte deutlich zu erkennen. Haggerty wußte, 

daß sich das ändern würde. Marschierten die Tiere erst über 

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felsigen Untergrund, mußte der Scout seine ganzen Fähigkeiten 
einsetzen, um die Spur nicht zu verlieren. 

»Hört mal zu, ihr beiden Komiker«, sagte Larry Osborne, der 

sein Pferd zwischen die Tiere der Earps leitete. 

Wyatt kniff die Augen zusammen. Seine Augen waren nicht 

zu sehen. Die vorgewölbten Stirnknochen beschatteten sie. 

»Was willst du, Halbwilder?« fragte Wyatt und übersah das 

tadelnde Kopfschütteln seines Bruders. 

»Wißt ihr, worauf ihr euch eingelassen habt?« erkundigte 

sich Larry Osborne ernst. »Die Apachen sind wilde Teufel. 
Stoßen wir auf sie, wenn sie noch betrunken sind, kämpfen sie 
noch rücksichtsloser als sonst.« 

»Er hat die Hosen schon voll«, spottete Wyatt. »Da sind wir 

doch aus anderem Holz geschnitzt, nicht wahr, Virgil?« 

»Du solltest dich nicht wie ein Narr benehmen«, warf Buck 

ein. 

»Genau das ist es«, sagte Larry friedlich. »Wir folgen einer 

Horde blutgieriger Teufel. Diese Rebellen sind die wildesten 
Krieger. Sie nehmen jede Gelegenheit wahr, auf Raubzug zu 
gehen, lassen sich nicht von ihren Häuptlingen bändigen. Was 
ich sagen will, ist dies: wir sind aufeinander angewiesen. Daß 
wir uns gegenseitig nicht ausstehen können, muß vergessen 
sein, klar?« 

Wyatt nickte nachdenklich. Dieser Revolverschwinger hatte 

recht. Obwohl Buck Tinatra und Larry Osborne überhaupt 
nicht nach Wyatts Geschmack waren, blieben sie doch 
gefährliche Kämpfer. Und nun, da sie zusammen ritten, mußte 
sich einer auf den anderen bedingungslos verlassen können. 

»In Ordnung, schließen wir Frieden«, sagte Wyatt Earp, 

»wenigstens so lange, bis wir die Frauen befreit haben.« 

Virgil nickte nur. Er wußte ohnehin, daß jegliche Streiterei 

untereinander nur zu lebensgefährlichen Situationen führen 
würde, vor allem in ihrer Lage. 

»Was ist mit dem Scout?« fragte Virgil plötzlich und richtete 

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sich im Sattel auf. 

John Haggerty hatte sein Pferd gezügelt und blickte zu 

Boden. 

Als die vier Reiter ihre Tiere hinter John verhielten, sagte der 

Fährtensuchen »Aus, hier endet die Spur. Die Felsenwege 
beginnen.« 

Wyatt fluchte zornig und fragte: »War alles umsonst? Oder 

findest du die Fährte wieder?« 

Haggerty lächelte und erwiderte: 
»Wir haben einen Vorteil. Die gestohlenen Pferde und Mulis 

tragen Hufeisen. Ich entdecke schon irgendeinen Kratzer, der 
uns weiterhilft. Es dauert eben nur etwas länger.« 

Ungeduld brannte in den Verfolgern. Larry und Buck hatten 

mittlerweile bei ihren einsamen Patrouillenritten gelernt, daß 
Geduld die wichtigste Eigenschaft im Apachenland war. Sie 
sahen Haggerty zu, der sein Pferd langsam hin und her leitete. 
Endlich verhielt er vor einem Felsband, das sich, kaum einen 
halben Yard breit, entlang einer zerklüfteten Steilwand nach 
oben erstreckte. 

»Los, das ist der Trail«, sagte Buck und trieb sein Tier an. 
»Mann, bist du sicher?« fragte Wyatt Earp erstaunt. »Das ist 

doch ein Weg für 'ne Bergziege und keiner für einen Gaul.« 

Haggerty leitete sein Pferd ohne Zögern auf das schmale 

Band zu. Langsam setzte das Tier Huf vor Huf. Selbst an den 
engsten Spalten verhielt John, musterte den Boden und suchte 
nach Spuren. 

Immerhin war es möglich, daß die Apachen einen Krieger 

zurückgelassen hatten, der die eigene Fährte beobachten sollte. 
Dies war eine uralte Gewohnheit der Wüstenkrieger. Sie 
unterbrachen ihren Trail und starrten stundenlang auf die 
eigene Spur, um einen eventuellen Verfolger zu entdecken und 
in die Falle laufen zu lassen. 

Es ging nur langsam weiter. 
Endlich fand Haggerty die Abzweigung. Sie war so eng, daß 

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die Weißen die Füße aus den Steigbügeln ziehen und die Bügel 
selbst hochnehmen mußten. 

»Zwei Längen Abstand halten«, befahl Haggerty halblaut. 
Warum das, wollte Wyatt fragen. Als er hochsah, wußte er 

die Antwort. Auf den Zacken und Vorsprüngen lagen kleine 
Berge lockeren Gerölls. Ein Krieger vermochte leicht, eine 
Steinlawine auszulösen. Hielten die Reiter genügend Abstand, 
erwischte es nur einen Mann. 

Innerlich fluchte der jüngere Earp. Diese Felsen waren von 

Spalten durchsetzt, die irgendwo begannen und irgendwo 
endeten. Für einen Weißen stellten sie einen Irrgarten dar, in 
dem er hoffnungslos verloren war, fand er die eigene Fährte 
zurück nicht mehr. 

Irgendwo sickerte Wasser. Aus einer kaum handbreiten 

Öffnung wehte es kühl heraus. 

Ab und zu wucherten Grasbüschel aus Spalten, in die der 

Wind Erde abgelagert hatte. Weiter vorn stand ein 
Bergwacholder niedrig geduckt gegen die Geröllbrocken 
geschmiegt. 

Ein totes Land, dachte Wyatt Earp. Und doch verbergen sich 

die roten Krieger hier. Also muß es genügend große Täler 
geben, in denen Gras für die Mustangs wächst. Gras und 
Wasser benötigten die Tiere. Allein mit Wasser kamen die 
Krieger aus. Aber alle Apachen wußten von geheimen Quellen, 
die wohl nie ein Weißer zu Gesicht bekam. 

Haggerty verhielt sein Pferd und beugte sich aus dem Sattel. 

Endlich, nach langen Minuten, deutete der Scout auf ein noch 
schmaleres Felsband, das in einen dunkel gähnenden Tunnel 
hineinführte. 

»Was, da sollen wir durch?« fragte Wyatt den blonden 

Osborne. »Am Ende lauert doch schon ein Apache, um uns die 
Köpfe abzuschneiden.« 

Larry grinste und fragte: »Was willst du sonst machen? 

Drüberfliegen?« 

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Zweifelnd blickte Wyatt hoch und schüttelte den Kopf. 
»Geht nicht, zu hoch«, erwiderte er. 
Glatt wuchs die Felswand vor ihnen auf. Nicht der geringste 

Vorsprung war zu entdecken. Sie mußten in den dunklen 
Stollen eindringen, wollten sie den Apachen weiterhin auf der 
Spur bleiben. 

Das Unbehagen wich erst von den Männern, als der etwa 

dreißig Yards lange Gang einige Pferdelängen hinter ihnen lag. 
Der Weg verbreiterte sich so, daß zwei Mann nebeneinander 
reiten konnten. Im Trab liefen die Pferde voran. 

Doch nach etwa einer halben Meile zügelte Haggerty sein 

Tier und saß ab. Er suchte gebeugt den Boden ab. 
Kopfschüttelnd blieb er schließlich vor einem keilförmigen 
Einschnitt stehen und deutete mit der Hand auf die Öffnung. 

»Sie sind dort durch«, sagte der Scout. »Ich weiß zwar nicht, 

wie sie das geschafft haben, aber die Spuren führen durch diese 
Spalte.« 

»Eine falsche Spur vielleicht«, vermutete Virgil Earp, der 

während des ganzen Rittes noch kein Wort gesprochen hatte. 

»Unmöglich«, erwiderte Haggerty sofort. 
Er wandte sich ab, schlug die Steigbügel über den Sattel und 

glitt in die Felsspalte. Unwillig folgte das Pferd dem 
fordernden Druck der Zügel, setzte tastend Huf vor Huf und 
kletterte schließlich in die Öffnung, indem es sich drehte und 
wand. Endlich hatte das Tier die Engstelle passiert. 

»Hier wird's besser«, sagte John halblaut. »Beeilt euch, wir 

haben nur noch zwei Stunden Tageslicht. In diesen Schluchten 
wird's schneller dunkler als draußen.« 

Es dauerte einige Zeit, bis die vier übrigen Pferde die 

schmale Öffnung bezwungen hatten. Aber anschließend 
konnten die Reiter ihre Tiere wieder traben lassen. 

Andauernd blickte John Haggerty zu den Gipfeln der 

Felswände hinauf, suchte jede nur mögliche Deckung mit 
seinen Blicken ab. Er verspürte ein merkwürdiges Gefühl. So, 

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als würde er beobachtet, aber nicht von einem Feind. 

»Was ist mit ihm los? Juckt der Skalp?« fragte Wyatt den 

dunkelhaarigen Larry Osborne. 

»Spürst du es nicht?« fragte er zurück. »Ich merke es 

ebenfalls. Wir werden beobachtet. Fragt sich nur, wer in einer 
guten Deckung lauert.« 

Wyatt lachte kurz und freudlos und erwiderte: »Die Frage ist 

doch nicht schwer zu beantworten. Die Späher der 
Apachenhorde hocken da oben. In ein paar Minuten decken sie 
uns mit heißem Blei ein.« 

Osborne schüttelte den Kopf. Nein, es waren keine Gegner, 

die auf sie warteten. Denn in diesem Fall hätte Larrys Instinkt 
längst Alarm gegeben. 

Der breite Weg wand sich wie eine Schlange durch die 

Felsen der Dragoon Mountains. Hinter jeder Biegung konnte 
das Verderben warten, konnten rote Krieger auftauchen, wie 
vom Felsen ausgespuckt. 

Und als sich der Trail noch mehr verbreiterte, entdeckten die 

fünf Weißen die Indianer. 

Zwei Krieger ritten auf sie zu. 
»Verdammt, jetzt wird's ernst«, zischte Wyatt und wollte die 

Winchester aus dem Scabbard reißen. 

»Nicht, es ist Cochise mit seinem Sohn Naiche«, warnte 

Buck Tinatra. 

Ruhelos durchstreifte der Jefe der Chiricahuas das weite 
Gebiet. Begleitet wurde er nur von Naiche, seinem Sohn. Am 
frühen Mittag entdeckten die Indianer die Rauchwolken. 

Naiches dunkle Augen glommen unheilvoll, als er sich 

seinem Vater zuwandte und sagte: »In unserem eigenen Land, 
mein Vater. Der einarmige General wird sagen, daß dein Wort 
weniger wert ist als eine tote Klapperschlange.« 

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Der Chief unterdrückte mühsam seinen Zorn. Geronimo ging 

zu weit. Der ehrgeizige Krieger brachte es mit seinem Drang 
zur Häuptlingswürde noch fertig, daß der gesamte Südwesten, 
das Apachenland, von Weißen und Indianern zu einer Hölle 
gemacht wurde. 

»Wir reiten dorthin«, sagte der Jefe nur und trieb seinen 

Mustang an. 

Ihnen bot sich das gleiche Bild wie vor wenigen Stunden den 

Männern der Kutsche nach Duncan. 

Tod, verkohlte Balken, skalpierte Männer, waren das 

Ergebnis von Geronimos Raubzug. Cochise und Naiche saßen 
ab, suchten die gesamte Siedlung nach Spuren ab und 
entdeckten sofort die Stiefelabdrücke weißer Männer, die 
ebenfalls durch die Trümmer gestreift waren. 

»Hier, ein rollendes Jacale hat gewendet«, sagte Naiche und 

deutete auf die tief eingegrabenen Radfurchen. 

»Wenn sie davonfahren und die Pferdesoldaten holen, 

stürmen die Blauröcke unsere Berge«, fuhr Naiche mit 
schwerer Stimme fort. 

Er wußte, daß die Apacheria des Stammes kaum 

einzunehmen war. Brachten die Bleichgesichter jedoch 
Kanonen und jene Gewehre mit, die ohne Pause feuerten, stand 
es um die Chiricahuas schlecht. 

Cochises Gedanken führten in eine andere Richtung. Der 

Chief kannte die Zeiten der Kutschen. Er erinnerte sich daran, 
daß der Falke und die beiden Streckenreiter mitfuhren, daß sie 
schon einen Angriff Geronimos abgeschlagen hatten. 

»Es ist Falke«, sagte Cochise. »Sie fuhren zurück, um in 

Tombstone Pferde zu holen. Nur er wagt es, eine Rotte Krieger 
zu verfolgen.« 

»Warum aber?« wollte Naiche wissen, »wegen der Beute? 

Aus Rache für die toten Weißen?« 

Der Jefe schüttelte nach Art der Bleichgesichter den Kopf 

und erwiderte: »Du hast oft genug diese Menschen hier 

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beobachtet, Sohn. Berichte, überlege, was du dabei erspähtest.« 

Naiche atmete nach wenigen Augenblicken scharf aus und 

rief: »Sie haben die Squaws mitgeschleppt. Das ist ihre wahre 
Beute.« 

Sofort entstand vor den Augen des jüngeren Chiricahuas das 

Bild einer neuen Sippe, die sich zu einem Stamm entwickelte. 
Wenn die Rebellen unter Geronimo sich irgendwo in der 
Felsenwildnis verbargen, konnten sie in einem Dutzend Jahren 
gefährliche Feinde werden. 

Naiche teilte seinem Vater diesen Verdacht mit. Cochise 

jedoch wehrte ab und sagte: »Das genügt Geronimo nicht. Er 
will die Führung übernehmen, will wie ich werden. Glaube 
mir, dies ist sein Ziel: größer zu sein als Victorio. Nein, er 
gründet keine neue Sippe. Er wird die Squaws mit in die 
Reservation schleppen und dort verstecken.« 

»Und das bedeutet«, sagte Naiche, »daß die Pferdesoldaten 

jeden Fußbreit Boden absuchen, jeden Apachen wie einen 
Eselshasenjagen. Es gibt Krieg, den du nicht willst, mein 
Vater.« 

Grimmig nickte der große Häuptling. Ja, diesmal hatte sein 

Sohn recht. Geronimo wurde zu einer großen Gefahr für das 
Gebiet der Indianer. Der ehrgeizige Krieger vermochte alles zu 
zerstören, was Cochise mühsam erhielt. Der Frieden, dem er 
zugestimmt hatte, war wieder einmal gefährdet. Verbündete 
sich Geronimo mit Victorio, gab es keinen Frieden mehr, dann 
überzog sich das Land der Apachen mit Krieg. 

Und dieser Konflikt würde das Ende der Wüstenkämpfer 

bedeuten. 

Cochise war entschlossen, durch kluge Politik seiner Rasse, 

den Stämmen der Apachen zumindest das Leben zu erhalten. 

Einige wenige Weiße dachten wie er. Aber diese Absichten 

wurden von Menschen beider Hautfarbe immer wieder 
durchkreuzt. Auf der einen Seite lockten Kampf und Beute. 

Die Weißen wollten Gold, Land und Wasser. Ein 

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Zusammenleben schien unmöglich, wenn nicht beide Gruppen 
gewisse Regeln respektierten. 

»Wir folgen den Rebellen«, entschied Cochise. »Es ist nötig, 

daß die Krieger um Geronimo die weißen Frauen herausgeben. 
Führen wir die Squaws zu Falke, wird er die Verfolgung 
aufgeben und erkennen, daß auf Cochises Wort kein Verrat 
folgt. Und Falke berät den einarmigen General. Er vermag ihn 
von der Entsendung der Blaubäuche abzuhalten.« 

Naiche folgte seinem Vater, der den Mustang herumzog. Sie 

ritten direkt auf die Berge zu, die ihre Heimat waren, in der die 
uneinnehmbare Felsenfestung, die Apacheria der Chiricahuas, 
lag. 

Nach etwa einer Stunde vermutete Cochise bereits, welches 

Versteck Geronimo ausgesucht hatte. 

»Er lagert in dem Felsental«, sagte der Chief zu seinem 

Sohn, »in dem das Wasser im Boden verschwindet.« 

Die beiden Chiricahuas ließen die Pferde in einem Versteck 

zurück und glitten zu Fuß weiter. Nach langer Zeit erreichten 
sie eine vorspringende Klippe, von deren Ende aus sie den 
Talkessel überblicken konnten. 

Cochise und Naiche sanken zu Boden, schoben sich weiter 

und spähten schließlich in die Tiefe. 

Feuer loderten auf. Zwei Mulis starben unter den Beilhieben. 

Wenig später zog der Duft bratenden Fleisches in die Höhe. 

Die Frauen wurden zu einer großen Rundhütte getrieben, 

dem Jacale, das die bösen Geister vernichtete. 

»Zurück«, raunte Cochise, »sie bleiben hier.« 
Als die Männer wieder ihre Pferde erreichten, fragte Naiche: 

»Hast du die Flaschen gesehen?« 

Cochise nickte nur. Grimm fraß in ihm. Die Krieger ließen 

sich viel zu leicht verleiten, das brennende Wasser der Weißen 
zu trinken. Diese ätzende Flüssigkeit, die zuerst den Geist 
verwirrte, dann den Mut und die Verwegenheit anstachelte und 
zum Schluß die Glieder schwer machte und einen Mann zu 

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Boden schlug. 

Dumpf ahnte der große Häuptling, daß dieses brennende 

Wasser eine mächtige Waffe in den Händen der 
Bleichgesichter war. Denn Cochise kannte Apachen, die 
diesem Trank des bösen Geistes verfallen waren, die alles 
hergaben, um nur eine Flasche davon zu erhalten. 

»Vater, was unternehmen wir?« fragte Naiche, als sie 

zurückritten. 

»Wir halten Falke und seine Männer auf«, erwiderte Cochise 

entschlossen. »Er findet die Fährte der Horde. Die Krieger sind 
berauscht. Es gibt ein furchtbares Gemetzel, greift Falke an. 
Die Rebellen werden die Squaws nicht schonen. Und das wäre 
unser Ende.« 

»Willst du ihnen die Beute überlassen?« fragte Naiche. 
»Nein, mein Sohn, ich, Cochise, handele«, erwiderte der 

Jefe. »Dies sind meine Berge. Weder ein Weißer noch 
Mimbrenjos haben hier etwas zu suchen, wenn ich sie nicht 
gebeten habe, herzukommen. Reiten wir Falke entgegen.« 

Ein halbes Dutzend Pferdelängen trennten Haggerty von 
seinem Freund, dem großen Häuptling. 

Cochise zügelte seinen Mustang, streckte in einer 

gebieterischen Geste die Linke aus und sagte laut: »Halt, Falke, 
dies ist mein Land. Und du bist jetzt nicht willkommen.« 

Haggerty saß reglos im Sattel. Seine Gedanken jagten sich. 

Fieberhaft suchte John nach einer Erklärung für das Verhalten 
des Jefes. Er zeigte seine Macht als Häuptling des größten 
Stammes, als Chief der Apachen. 

Warum verwehrte er John den Zugang zu den Dragoon 

Mountains? 

Machte er etwa gemeinsame Sache mit Geronimo? 
Etwas von diesen Gedanken oder Gefühlen mußte sich auf 

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Haggertys Gesicht widergespiegelt haben. Denn Cochise 
lächelte flüchtig und rief: »Es ist meine Sache, abtrünnige 
Apachen zu bestrafen. In diesen Bergen gilt Cochises Gesetz, 
und dieses Gesetz ist das unserer Stämme.« 

Haggerty zögerte mit seiner Antwort. Er befürchtete, den 

Chief zu verletzen. Und John wollte auf keinen Fall, daß die 
Freundschaft zwischen ihnen einen Riß erhielt. 

»Ich sage Freund zu dir, Cochise«, erwiderte John langsam. 

»Und ich frage dich, ob ich als Freund hier willkommen bin, 
hier an diesem Ort.« 

Der Chiefscout wartete die Antwort nicht ab, sondern 

schwang sich nach dem letzten Wort aus dem Sattel. Mit 
gemessenen Schritten ging er auf den Jefe zu, der ebenfalls 
absaß. 

Er reichte seinem weißen Freund die Hand nach Sitte der 

Bleichgesichter. 

»Ich sehe, Falke, wir müssen ein Palaver abhalten«, sagte 

Cochise. 

Er setzte sich ohne Zögern nieder. Haggerty folgte seinem 

Beispiel und wartete höflich, bis der Häuptling das Gespräch 
eröffnete. 

»Höre, Falke«, begann Cochise, »ich fand die Toten, die 

niedergebrannten Jacales der Siedlung. Ich fand die Spuren des 
rollenden Wagens. Und ich wußte, daß du in Tombstone Pferde 
holen würdest. Ich entdeckte, daß die Horde alle Squaws 
verschleppt hat.« 

Der Chief schwieg einen Moment. Seinem Gesicht waren die 

Sorgen, die ihn bedrängten, nicht anzumerken. 

»Die Mimbrenjos erbeuteten Schnaps, Falke«, fuhr Cochise 

fort. »Wenn du angreifst, werden die weißen Frauen sterben. 
Zusammen mit deinen Männern vermagst du nicht jeden 
Apachen zu töten. Vergiß nicht: Geronimo führt die Horde. Er 
hat viele Anhänger. Seine Freunde werden einen Rachefeldzug 
unternehmen und Weiße töten.« 

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Haggerty schwieg eisern. Zuerst sollte der Häuptling seine 

Pläne mitteilen. Danach würde John antworten. 

»Ich werde die Krieger bestrafen, nach unserem Gesetz«, 

fuhr Cochise fort. »Vergiß nicht, Falke: sie brachen mein 
Wort.« 

Haggerty überlegte kurz und schauderte innerlich zusammen. 

Er sah die Folgen deutlich vor sich. 

Die Mimbrenjos unter Victorio begaben sich auf den 

Kriegspfad gegen ihre Brüder, die Chiricahuas. Die lockere 
Allianz zwischen den Stämmen, die widerwillig Cochises 
Frieden einhielt, mußte zerbrechen. Ein grausamer Krieg war 
die Folge, ein Krieg, der den Südwesten in eine wabernde 
Feuerlohe versetzte. 

Denn die Apachen aller Stämme beschränkten sich nicht 

darauf, gegen die Chiricahuas zu ziehen. Sie griffen in diesem 
Fall jeden Weißen an, würden mit Hilfe ihrer Listen die Forts 
stürmen und die Patrouillen der Kavallerie niedermachen. 

»Jefe«, erwiderte Haggerty schwer, »dies ist dein Land. Dein 

Gesetz gilt hier. Doch ich frage mich, ob es klug ist, die 
Rebellen streng nach diesem Gesetz zu strafen. Denn die Strafe 
ist der Tod, wie ich weiß. Sterben die Krieger, richtet sich der 
Zorn aller Apachen gegen dich. Wenn du dich so offen auf die 
Seite der Weißen stellst, bricht dein Handeln den Frieden. Ich 
möchte die Frauen befreien, ja. Sie sterben, müssen sie bei den 
Squaws der Stämme leben. Ich möchte den Kriegern jedoch die 
Möglichkeit zum Rückzug lassen. Vergiß nicht, daß nur 
wenige Apachen immer wieder Raubzüge unternehmen, daß 
eigentlich Frieden im Land herrscht.« 

Cochise starrte nachdenklich zu Boden. Er schien zu spüren, 

daß Falke auf seiner Einstellung beharren würde. 

»Mann, was reden die da herum?« fragte Wyatt Earp leise. 

»Wenn Cochise auf unserer Seite steht, können wir doch 
gemeinsam angreifen!« 

Buck und Larry schüttelten gleichzeitig die Köpfe. 

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»Wir dürfen Cochise nicht zu sehr reizen«, erklärte Buck. 

»General Howard hat ihm zugesichert, daß die Chiricahuas die 
Dragoon Mountains als ihr Eigentum behalten und in der 
Ebene jagen dürfen. Wir stehen auf Cochises ureigenstem 
Gebiet.« 

Wyatt bewegte die Lippen in lautlosen Flüchen. Einerseits 

kam ihm die Verstärkung durch den Häuptling und seinen 
Sohn gerade recht. Andererseits würde er am liebsten mitten 
zwischen die verdammten roten Banditen springen und sie 
niedermachen. 

John Haggerty dachte an Tla-ina, die Schwester des Chiefs. 

Für ein paar Sekunden erwog der Scout, ob er den Häuptling 
nach dem Mädchen fragen sollte. Das entspannte die Situation 
vielleicht. 

Falke kam davon ab. Es war nicht Brauch bei den Apachen, 

sich nach einer Squaw zu erkundigen. Selbst dann nicht, wenn 
sie durch ihren Bruder dem weißen Mann, den sie liebte, ein 
Geschenk geschickt hatte. 

»Ich höre, mein Freund«, sagte der Scout darum so gelassen 

wie möglich. »Drei Dinge bewegen mein Herz. Das Schicksal 
der geraubten Frauen, der Friede in diesem Land und meine 
Freundschaft zu dir.« 

Das mußte doch ein harter Brocken sein, dachte John. 

Gleichzeitig befürchtete er, zu weit gegangen zu sein. Denn 
wenn er die Freundschaft zu Cochise in die Waagschale warf, 
mochte der Jefe dies als zu gering für eine Erprobung dieser 
Freundschaft ansehen. 

»Falke, auch diese Dinge brennen in meinem Herzen«, 

erwiderte der Häuptling langsam. »Ich kenne die Apacheria der 
Rebellen.« 

Haggerty blickte auf. Eine neue Situation ergab sich. Der 

Chief war in der Lage, den fünf Weißen den Zugang zu 
versperren. Andererseits konnte er ihnen helfen, ungesehen an 
das Lager anzuschleichen und den Versuch zur Befreiung der 

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Frauen zu wagen. 

»Wir begleiten euch«, sagte Cochise, »wir bleiben außer 

Hörweite der Apacheria. Im Morgengrauen befreien wir 
gemeinsam die weißen Squaws. Ihr bringt sie in Sicherheit. 
Was weiter geschieht, ist meine Sache.« 

Haggerty überlegte und sagte drängend: »Töte die Männer 

nicht, mein Freund. Die Rache ihrer Sippen würde die Hölle 
aufbrechen lassen.« 

»Du hast mein Wort, Falke«, erwiderte der Häuptling und 

stand auf. 

Er ging zu seinem Pferd, saß geschmeidig auf und übernahm 

mit Naiche die Führung des Reitertrupps. 

»Da marschieren wir wie Schafe hinter dem gefährlichsten 

Apachen her, der überhaupt lebt«, sagte Wyatt Earp. »Wenn er 
uns nun in eine Falle führt? Wenn er gemeinsame Sache mit 
den Rebellen macht?« 

Larry Osborne lachte kurz und erwiderte: »Dann ist dies das 

Signal zu einem mächtigen Aufstand. Und wir würden so oder 
so sterben. Denn wir reiten durch die Dragoon Mountains.« 

Haggerty erkannte an den Spuren, daß sie die Fährte der 

räuberischen Mimbrenjos verließen. Ein Felsenweg zweigte 
scharf nach rechts ab, führte weg vom vermuteten Lager der 
Krieger. 

Der Scout schwieg, bis Cochise sie in ein langgestrecktes Tal 

führte, das nur diesen einen Zugang zu besitzen schien. 

Es roch nach Wasser und Gras. 
Haggerty leitete sein Pferd neben den Mustang des Chiefs 

und fragte: »Ist dies der Ort, an dem wir den Morgen 
abwarten?« 

»So ist es, Falke«, bestätigte Cochise lächelnd. »Wir können 

Feuer entfachen und uns ungestört unterhalten. Niemand hört 
auch nur ein Wort.« 

Unbehaglich fuhr John fort: »Ich habe das Gefühl, in einer 

Falle zu stecken. Gibt es noch einen anderen Ausgang?« 

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»Komm mit, Falke«, forderte der Chief seinen Freund auf. 
Sie saßen ab. Cochise ging leichtfüßig zu einigen großen 

Geröllbrocken, die scheinbar den Weiterritt verhinderten. Der 
Jefe wich seitlich aus, deutete mit der Rechten auf einen Weg, 
der breit genug für ein Pferd war, und sagte: »Folgst du diesem 
Pfad, gelangst du direkt zum Paß durch die Dragoons. Ein 
langsames Tier marschiert zwei Stunden, nicht länger.« 

Verblüfft blickte Haggerty den Apachenhäuptling an. Der 

Scout glaubte, die Gegend um den Mule Paß wie seine 
Hosentasche zu kennen. Aber in dieser zerklüfteten 
Felsenwildnis gab es immer mehr Wege und Wunder zu 
entdecken. 

»Verdammt, warum greifen wir nicht jetzt an?« fragte Wyatt 

Earp aufsässig, als er den Bauchgurt seines Pferdes lockerte. 
»Kostbare Zeit geht verloren. Und das nur deshalb, weil sich 
Haggerty und Cochise immer wieder erzählen, wie sehr sie 
befreundet sind.« 

Naiche sah den jungen Weißen an. Lächelnd sagte der 

Häuptlingssohn: »Komm mit, ich zeige dir Wasser und Gras.« 

Wyatt preßte die Zähne zusammen. Er witterte Verrat. 

Trotzdem stapfte er, sein Pferd am Zügel, hinter dem 
hochgewachsenen Chiricahua her. 

»Wir kämpfen nicht in der Dunkelheit«, erklärte Naiche auf 

dem Weg zur Quelle. »Unsere Seelen finden dann nicht den 
Weg ins Totenreich. Bu, der Bote des Todes, verfehlt sie und 
sie irren für alle Zeiten umher.« 

Wyatt Earp verkniff sich ein paar bissige Bemerkungen über 

diesen verdammten Aberglauben. 

Er murrte nun »Inzwischen lassen sich die Halunken mit 

Schnaps vollaufen und machen sich über die Frauen her.« 

Auf einmal stand Cochise vor ihm. Im Mondlicht sah der 

Häuptling noch ehrfurchtgebietender als am Tage aus. Er 
schien von einer silbernen Aura eingehüllt, die wie ein Mantel 
wirkte. 

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Selbst der hitzige Wyatt Earp war beeindruckt und hielt sein 

loses Mundwerk im Zaum. 

Buck und Larry entfachten ein Feuer. Der mitgeführte 

Proviant reichte für ein karges Mahl, das mit ein paar 
Schlucken Wasser abgerundet wurde. Als die Zigaretten 
brannten, sagte Naiche: »Ich wache. Legt euch nieder.« 

Cochise streckte sich dicht neben seinem Pferd aus, schloß 

die Augen und atmete regelmäßig. 

Buck und Larry löschten das Feuer. Die Earps unterhielten 

sich leise. Sie trauten dem Frieden nicht, sagten das auch, und 
abermals wies John Haggerty sie zurecht. 

»Wir müssen uns schon nach Cochise richten«, raunte der 

Scout. »Wir sollten dankbar sein, daß er uns hilft. Gelangen 
wir morgen mit den befreiten Frauen ungeschoren nach 
Tombstone, ist unser Ziel erreicht.« 

Endlich gaben auch die Earps Ruhe. Sie dachten noch eine 

Weile über ihr Pech nach. Denn Pearce wäre für sie sicher eine 
Goldgrube gewesen. So trailten sie am anderen Tag nach 
Tombstone zurück, in die Stadt, die ihnen kaum eine Chance 
gab. 

Mitten in der Nacht erwachte Wyatt. Er richtete sich auf, 

lauschte argwöhnisch und zuckte zusammen, als er das Rufen 
eines Kaktuskauzes vernahm. Der junge Mann sah zu Cochises 
Pferd. Der Pinto stand noch an seinem Platz. Aber von Cochise 
war keine Spur zu entdecken. 

Wyatt sprang auf, wollte Haggerty anstoßen, aber der Scout 

erwachte durch die Störung von selbst. 

»Was ist los?« fragte John hellwach. 
»Der Häuptling ist verschwunden«, erwiderte Wyatt zornig. 

»Ich hab's doch gerochen. Wir sind in eine Falle gelaufen. 
Vielleicht rösten uns die Apachen morgen früh schon über 
kleinem Feuer.« 

»Wartet, ich sehe mich um«, sagte Haggerty und stand auf. 
Wie ein Schatten verschwand er in der Dunkelheit. Es 

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dauerte lange, zu lange, bis er zurückkehrte, dachte Wyatt, der 
nervös am Griff seines Revolvers herumfingerte. 

»Sie sind beide fort«, berichtete Haggerty halblaut. 
»Was haben sie vor?« fragte Virgil, der ebenfalls erwacht 

war. »Ich denke, Apachen kämpfen nicht in der Dunkelheit.« 

Larry und Buck standen auf. 
»Frauen befreien ist kein Kampf«, sagte der Scout 

nachdenklich. »Vielleicht holen sie schon die Gefangenen.« 

»Und was wird aus den verdammten Bastarden, die Pearce 

niedergebrannt und die Männer dort umgebracht haben?« 
fragte Wyatt Earp hitzig. 

»Das ist ohnehin Cochises Angelegenheit«, erwiderte 

Haggerty. »Machen wir uns lieber Gedanken darüber, wie wir 
die Frauen nach Tombstone bringen. Wir können sie nur 
marschieren lassen, nicht wahr?« 

Wyatt fluchte halblaut vor sich hin. Darüber hatte er noch 

nicht nachgedacht. 

Die Mitte der Nacht war erreicht. Cochise richtete sich auf. Er 
hatte keinen Moment geschlafen. Es war ihm gelungen, die 
Bleichgesichter zu täuschen. Lautlos gelangte der Jefe auf die 
Füße und glitt davon, ohne ein Geräusch zu verursachen. 

Naiche erwartete seinen Vater bereits. Gemeinsam schlichen 

sie durch die Felswildnis, die vom kalten Silberlicht des 
Mondes erhellt wurde. Die fußbreiten Gesteinsbänder, die 
kleinen Vorsprünge, die den beiden Chiricahuas als Halt 
dienten, waren kaum zu erkennen. Trotzdem fanden sie ihren 
Weg mit nachtwandlerischer Sicherheit. 

Endlich verharrten sie. Langsamer Trommelschlag klang 

durch die Nacht. Ein paar trunkene Stimmen sangen 
Bruchstücke eines Siegesliedes. 

Frauenstimmen kreischten angstvoll auf. 

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Cochise vollführte eine komplizierte Handbewegung. Naiche 

glitt davon. Er mußte die Wachtposten auf der linken Seite 
ausschalten. Sein Vater übernahm die rechte Hälfte des 
Kessels. 

Unhörbar glitt der Chief der Chiricahuas über Sand, kleine 

Steine und Grasbüschel. Er ahnte den Standort des Kriegers. 
Und als er näher gekommen war, roch er ihn. Der Alkohol 
verbreitete einen Gestank, der dem Chief unangenehm war. 

Hinter dem Posten, der sich schwer auf den Lauf seines 

Gewehres stützte, schnellte der Häuptling hoch. Ein Schlag mit 
der Faust genügte, und der Mimbrenjo sank zusammen. 

Mit der Linken packte der bärenstarke Chief den Krieger um 

den Oberkörper, während er mit der Rechten das kippende 
Gewehr auffing. Behutsam ließ Cochise seine Last zu Boden 
gleiten und sank in die Hocke. Auf dieser Seite mußte ein 
weiterer Posten stehen. 

Schlangengleich glitt der Apache weiter. Eine winzige 

Bewegung verriet den zweiten Wächter. Dieser Mann hatte 
nichts von dem brennenden Wasser getrunken. Lange Minuten 
wartete Cochise ab. Erst als weiter hinten Holz splitterte, als 
der Posten für den Bruchteil einer Sekunde abgelenkt wurde 
und den Kopf wandte, schnellte Cochise hoch. Er legte seinen 
Unterarm um den Hals des Mannes und drückte mit aller Kraft 
zu. Nur ein Atemzug drang lauter durch die Nacht, ehe der 
Mimbrenjo schlaff zusammenfiel. 

Vorsichtig legte der Häuptling auch diesen Mann auf den 

Felsenboden und horchte. Abermals splitterte es. 

Cochise vermutete, daß einer der Krieger in seiner 

Trunkenheit die Angst vor den fremden Geistern überwunden 
hatte und in die Hütte der gefangenen weißen Squaws 
eindrang. 

Mit weiten Sprüngen überquerte der Häuptling die 

Entfernung zu der großen Hütte. 

»Packt ihn, wenn er reinkommt«, sagte eine Frau leise. »Ich 

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werfe mich gegen seine Beine. Er ist doch betrunken. Wir 
müssen das schaffen. Hört ihr. Wir müssen!« 

Cochise glitt dicht an der Zweigwand des Jacales entlang, 

erreichte die Rückseite und sah den hochgewachsenen Krieger, 
der etwa so groß wie Naiche sein mußte. 

Ein Bein hatte der Mimbrenjo bereits über den Rest der 

Flechtwand geschwungen. Mit beiden Händen stützte sich der 
Betrunkene ab, als er das zweite Bein nachziehen wollte. 

Cochise zog lautlos den Dolch aus der Lederscheide. Eine 

andere Waffe hatte der Jefe in dieser Nacht nicht. Die scharfe 
Klinge lag sicher in der Hand des Chiricahuas. Ein 
blitzschneller Hieb genügte. Der massive Griff traf den 
Hinterkopf des Mimbrenjo. Ohne einen Laut von sich zu 
geben, brach der Mann zusammen. 

Cochise hob ihn mühelos auf und trug ihn zur Seite. 
Naiche hetzte heran und flüsterte kaum hörbar am Ohr seines 

Vaters: »Wir sind sicher. Weißt du, daß Victorio in einem 
Jacale schläft?« 

Heiß wallte der Zorn in Cochise auf. Der Mimbrenjo machte 

gemeinsame Sache mit dem ehrgeizigen, machthungrigen 
Geronimo. Beide haßten die Weißen, beide lehnten sich immer 
wieder gegen den Frieden auf. 

Hätte der Chief bereits am Nachmittag Victorio gesehen, 

wäre es nicht zur Begegnung mit Falke gekommen. Denn dann 
wäre der Mimbrenjo-Häuptling gestorben. Cochise hätte ihn 
zum Zweikampf herausgefordert, nach den Bräuchen der 
Apachen. Und nach eben diesen Bräuchen die gesamte Beute 
der Kriegerhorde erhalten. 

»Sie haben was gemerkt«, sagte eine Frauenstimme in der 

Sprache der Weißen leise. »Mein Gott, jetzt überlegen sie sich 
eine wilde Teufelei.« 

»Höre, weiße Frau«, sagte Cochise gedämpft »ich bin hier, 

um euch zu holen.« 

»Das kann ich mir denken«, antwortete eine der Gefangenen 

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schrill. 

»Leise, leise«, warnte der Jefe, »wenn die Krieger erwachen, 

schlägt mein Plan fehl.« 

»Vielleicht haben wir dann noch eine Galgenfrist«, sagte 

eine andere Frau. »Also los, schreien wir. Ich zähle bis drei. 
Eins…« 

»Halt, ihr dummen Weiber«, sagte Cochise scharf, »mein 

Freund Falke, den die Weißen John Haggerty nennen, schickt 
mich. Er wartet auf euch, will euch in Sicherheit bringen.« 

»Falke?« klang eine Stimme auf. »Haggerty ist doch der 

Scout aus Fort Buchanan«, sagte eine andere Frau. »Wie soll 
der hierher kommen?« 

Cochise seufzte tief. Es war fast unmöglich, einem Weißen 

was klarzumachen, ihn zu schnellem Handeln zu bringen. Bei 
einer weißen Squaw schien das tatsächlich unmöglich zu sein. 

»Haggerty ist der Freund von Cochise«, sagte eine dritte Frau 

nachdenklich. »Und der Häuptling will Frieden mit den 
Weißen halten.« 

»Du meinst, er hat sich angeschlichen und will uns hier 

rausholen?« fragte eine andere ungläubig. 

»Es ist so«, sagte Cochise scharf, »wenn ihr noch länger 

zögert, muß ich gehen. Nicht alle Mimbrenjos sind betrunken. 
Ich bin in Gefahr, genau wie ihr.« 

Ein paar Sekunden war es still im großen Jacale. 
Entschlossenheit klang in der Stimme der Frau mit, die jetzt 

sagte: 

»Ich riskiere es. Cochise ist ein Chiricahua. Wenn uns 

Mimbrenjos überfallen und verschleppt haben, wird er uns 
helfen.« 

»Wenn es Cochise ist«, warnte eine andere ängstlich. »Es 

kann auch ein Trick sein.« 

»Egal, ob es heute oder morgen passiert«, erwiderte die 

entschlossene Frau. »Geschieht es jetzt, habe ich es hinter 
mir.« 

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Sie trat an die Öffnung, die Doppelwolf gerissen hatte, und 

blickte hinaus. Deutlich sah sie den Chief, der im vollen 
Mondlicht stand. 

»Heilige Madonna von Guadeloupe, es ist wahrhaftig 

Cochise«, sagte die Frau erleichtert und kletterte ins Freie. 

Sie erschrak, als Naiche ihr die Hand reichte und vor einem 

Sturz bewahrte. Sofort legte der Chief seine Hand auf ihren 
Mund und raunte: »Das ist mein Sohn Naiche. Er wird euch 
gleich zu Falke führen. Bewegt euch leise. Es ist wichtig, 
obwohl die meisten Mimbrenjos trunken vom brennenden 
Wasser sind.« 

Die Frau nickte, und der Häuptling löste seine Hand von 

ihren Lippen. 

Cochise half den anderen Gefangenen ins Freie und zählte 

fünfzehn Frauen. Besorgnis erfüllte ihn. Hoffentlich gelang es, 
so viele Pferde oder Mulis zu stehlen. Denn er hatte 
beschlossen, den Weißen zu zeigen, daß er seine Versprechen 
nicht nur erfüllte, sondern sogar mehr tat. 

»Der Weg ist schmal und gefährlich«, raunte Cochise. 

»Wenn Naiche es sagt, faßt ihr euch an den Händen. Ihr geht 
durch den Berg. Kein Licht erhellt den Stollen. Schweigt auch, 
wenn ihr bei Haggerty ankommt.« 

Eine Frau trat vor, deren Haar im Mondlicht golden 

aufglänzte. Sie blickte Cochise an, sah zu ihm auf, denn er war 
mehr als einen ganzen Kopf größer als sie. 

»Ich danke dir«, sagte die Blonde, »ich habe etwas gelernt, 

das ich nie vergessen werde.« 

»Und was hast du gelernt, weiße Squaw?« fragte der Chief 

leise. 

»Daß nicht alle Indianer schlecht sind«, antwortete sie 

schlicht und wandte sich ab, um hinter Naiche zu treten. 

Lächelnd blickte Cochise der Gruppe nach, die natürlich eine 

Menge Geräusche verursachte. 

Ein winziger Schritt, dachte der Häuptling, tausend solcher 

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Schritte ergeben bei einigen Menschen Verständnis für andere. 
Tausend solcher Menschen vermögen vielleicht andere zu 
überzeugen. Aber das ist etwas, das tausend Mondzeiten 
dauert. Es kommt zu spät. 

Er schüttelte die Gedanken ab und glitt in die Schatten der 

Felswände. 

Unruhig schnaubten die Pferde und Mulis, als sie den Geruch 

des Indianers in die Nüstern bekamen. Beruhigend sprach 
Cochise leise auf die Tiere ein. Im Schein des Mondes sonderte 
er sofort einige Pferde aus, die ihm schwach und wenig zäh 
erschienen. 

Dreizehn Tiere standen schließlich eng zusammengedrängt 

vor den Felsbrocken, mit denen die Mimbrenjos das kleine 
Seitental versperrt hatten, das vom großen Kessel abzweigte. 

Cochise wand sich zwischen den Steinen durch, fand 

Graszügel und befestigte sie. Er vertraute darauf, daß die 
übrigen zwölf Pferde dem ersten Tier folgten, das er führte. 

Er stemmte sich gegen einen Steinbrocken, wuchtete ihn mit 

seiner gewaltigen Kraft zur Seite und machte so den Weg frei. 
Langsam marschierten die Pferde durch die Lücke. 

Ehe der Häuptling sich mit den Tieren auf den Weg machte, 

verschloß er die Öffnung wieder. Nichts sollte vorzeitig das 
Mißtrauen der rebellischen Mimbrenjohorde erwecken. 

Dies war der Moment der größten Gefahr für den Chief der 

Chiricahuas. Denn die Pferde der Weißen trugen metallene 
Hufeisen, die auf dem Felsboden klirrten. 

Trotz dieser Geräusche gelang es Cochise, die Apacheria der 

Horde unangefochten zu verlassen. Auf Wegen, die nur den 
Indianern bekannt waren, leitete er die gestohlenen Pferde zum 
Lager seines Freundes Falke. 

Naiche traf zuerst mit den befreiten Frauen ein. 

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»Es ist besser so«, sagte der hünenhafte Sohn des großen 

Häuptlings zu John Haggerty. »Victorio begleitet die Horde. 
Sieht er euch, kämpfen seine Krieger bis zum Tod.« 

Nachdenklich stimmte Haggerty zu. Damit hatte er nicht 

gerechnet, daß der Chief der Mimbrenjos seinen ehrgeizigen 
Widersacher Geronimo auf einem Raubzug begleitete. 

»Wo ist dein Vater, Naiche?« fragte der Scout. 
Er blickte zu Wyatt Earp hinüber, der sich mit einer blonden 

Frau unterhielt und sie sogar zum Lachen brachte. Es war gut, 
daß die befreiten Frauen ihren Lebensmut wiederfanden. Denn 
der Marsch nach Tombstone würde ihnen noch einiges 
abverlangen. 

»Er kommt bald, Falke«, antwortete Naiche. »Setz dich, ich 

will dir berichten.« 

Ein paar Sekunden war Haggerty verwundert. Als er jedoch 

Naiches Lächeln sah, dachte er sofort an Tla-ina. 

»Der Sanfte Wind trägt Trauer im Herzen«, sagte Cochises 

Sohn in der Sprache der Chiricahuas, damit ihn die übrigen 
Weißen nicht verstanden. »Sie ist unsicher, gehört nicht mehr 
ganz zu ihrem Volk. Genauso, wie du nicht mehr ganz zu 
deinem Volk gehörst. Und doch weiß sie, daß sie dir nicht 
folgen kann. Sie weiß, daß ihr in diesem Land niemals 
glücklich sein werdet.« 

Haggerty schwieg. Er dachte an das Mädchen. Es gehörte 

einfach nicht zu ihm und war doch ein Mensch, wie jeder 
andere. Aber gerade diese Erkenntnis fehlte vielen Männern 
und Frauen beider Rassen. Sie trugen nur Haß in den Herzen 
und spürten nicht, daß der andere Weg der bessere war. 

»Grüße sie von mir«, sagte John Haggerty schwerfällig. 

»Sage ihr meinen Dank für ihr Geschenk, das mir Hellauge 
brachte. Sobald ich kann, sende ich ihr etwas von mir.« 

Der Scout überlegte, was Tla-ina wohl erfreuen würde. 

Schmuckstücke waren bei den Apachen nicht beliebt und auch 
nicht üblich. Trotzdem hatte sie sorgsam ihr Haar zu einer 

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Schnur geflochten und sie durch die Perle gezogen, die 
sicherlich von einem Raubzug der Krieger in Mexiko stammte. 

Haggerty kam zu keinem Entschluß. Er wagte nicht, Naiche 

zu fragen. Denn das hätte das Eingeständnis einer Schwäche 
bedeutet. 

»Vielleicht kommt der Tag«, murmelte Haggerty, »an dem 

wir friedlich irgendwo zusammenleben können.« 

Wyatt Earp näherte sich den beiden Männern. 
»Ein tolles Bravourstück«, sagte der junge Mann 

bewundernd. »Myriam erzählte mir gerade, daß Cochise auch 
noch Pferde besorgen will. Ehrlich gesagt, Haggerty, 
allmählich komme ich dahinter, wieso die Army mit den 
Apachen nicht fertig wird. Das macht ihnen keiner nach: mitten 
in der Nacht ins feindliche Lager schleichen, Gefangene 
befreien und dann auch noch Pferde stehlen.« 

Ehe der Scout antworten konnte, hörte er den Klang von 

Hufeisen auf Gestein. Cochise brachte die Reittiere. 

Die Frauen jubelten, als sie die Pferde sahen. 
»Still!« sagte Haggerty scharf, »wir dürfen die Mimbrenjos 

nicht auf unsere Spur locken. Sättel gibt es nicht, wie ihr seht. 
Ihr schafft es auch ohne.« 

»Nur dreizehn Tiere waren gut und ausgeruht«, sagte 

Cochise bedauernd. 

Wyatt Earp grinste, drehte sich um und lief zu der Blonden 

zurück. Er packte sie mit beiden Händen und setzte sie auf sein 
Pferd, bevor er selbst in den Sattel stieg. 

Sein Bruder Virgil zog eine dunkelhaarige Frau hoch, die 

sich sofort an ihn lehnte. 

»Wie du siehst, mein Bruder«, sagte Haggerty zu Cochise, 

»gibt es keine Probleme.« 

Zögernd blickte der Chief seinen Freund an. 
»Naiche berichtete mir bereits, daß Victorio die Horde 

führt«, sagte der Scout gelassen. »Ich vertraue dir, Jefe. Wende 
eure Gesetze weise an. Laß es nicht zu einem Aufstand 

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kommen. Wir beide sind zu schwach, um ihm Einhalt gebieten 
zu können.« 

Cochise drückte dem Falken die Hand und raunte: »Wir 

sehen uns bald schon wieder, mein Freund. Reitet nun, wir 
wachen hier, bis der Hase die Sonne über den Horizont schiebt. 
Es ist nicht nötig, daß ihr leise auf dem Ritt seid.« 

Lächelnd antwortete John: »Sie sollen trotzdem schweigen. 

Das Geschwätz der Weiber ist von Zeit zu Zeit angenehm. 
Aber zu viele von ihnen auf einem Haufen machen einen Mann 
nervös.« 

Der Scout verabschiedete sich von Naiche und saß auf. Er 

leitete sein Pferd zu dem Weg, den ihm der große Jefe vor 
Stunden gezeigt hatte. Der Mond schien hell genug, um den 
Pfad zu erkennen. 

Die blonde Myriam winkte Cochise zu, als Wyatt Earp sein 

Tier an ihm vorbeitraben ließ. Und der Häuptling hob grüßend 
die Rechte. 

Innerhalb weniger Minuten verschwanden die Tiere, 

verklang der Schall der Eisen auf dem Felsen. 

Naiche kauerte sich auf den Boden, blickte zu seinem Vater 

hoch und fragte: »Welche Strafe erlegst du den Abtrünnigen 
auf?« 

Der Jefe blickte zum Mond hinauf, lächelte grausam und 

antwortete: »Sie müssen in der Reservation bleiben, zwei 
Monde lang. Trifft sie ein anderer Krieger außerhalb des 
Gebietes, ist er verpflichtet, sie sofort zu töten. Wagen sie 
jedoch den Todessprung, sind sie frei.« 

Naiche dachte über die Worte seines Vaters nach und kam zu 

dem Schluß, daß er ein wahrhaft weises Urteil gefällt hatte. 

Geronimo und Victorio würden sicherlich den Sprung über 

den Abgrund wagen. Denn sie galten als die mutigsten Krieger 
und Führer. Allein um ihren Einfluß zu erhalten, mußten sie 
springen. Aber Geronimos Anhänger würden ihr Leben dafür 
nicht aufs Spiel setzen. Und einige der Rebellen wurden 

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wenigstens für die nächste Zeit von Raubzügen ferngehalten. 

»Was geschieht, wenn sich der Stamm der Mimbrenjos 

gegen dieses Urteil auflehnt?« fragte Naiche. 

»Sie sind zweifach schuldig« erwiderte Cochise ernst. 

»Einmal brachen sie mein Wort. Zum zweiten brachen sie es 
im Gebiet der Chiricahuas. Sie müssen das Urteil anerkennen, 
wie es die Sitten der Apachen verlangen. Sonst wird sie der Rat 
der Stämme ausstoßen.« 

Cochise und Naiche machten sich auf den Weg zur 

Felsenfestung der aufrührerischen Mimbrenjos. Noch lagen die 
Krieger berauscht wie tot am Boden. Aber wenn die Sonne 
über die Felsen schien, würden sie den Verlust der weißen 
Squaws bemerken. Und dieses war Cochises Augenblick. 

Victorio erwachte wie immer im Morgengrauen. Der Häuptling 
der Mimbrenjos glitt aus seinem Jacale und sah sich um. Wie 
leblos lagen die meisten seiner Krieger, vom Schnaps der 
Weißen niedergestreckt, nicht von einem Feind im Kampf. 

In der großen Rundhütte blieb es seltsam still. Langsam 

schlich der Anführer, der die Weißen so haßte, auf die 
Geisterhütte zu. Lauschend verharrte er neben dem Geflecht 
aus Zweigen. Nichts rührte sich. Kein noch so geringes 
Geräusch drang heraus. 

Ein langgezogener Eulenruf ließ Victorio zusammenzucken. 

Ungläubig starrte er zum grauen Himmel und verfolgte voller 
Schrecken den mächtigen Nachtvogel, der mit lautlosem 
Flügelschlag zwischen die Klippen glitt. 

Für Sekunden war Victorio verunsichert. 
Hatte der Todesbote wahrhaftig die Geister der weißen 

Frauen ins jenseitige Reich geleitet? Waren sie von den 
Schutzgöttern der Apachen vernichtet worden? 

Entschlossen überwand Victorio seine Furcht und riß den 

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Eingang auf. 

Sein Wutgeschrei gellte über die schlafenden Krieger und riß 

selbst diejenigen aus der halben Besinnungslosigkeit, die noch 
halb berauscht waren. 

»Die weißen Squaws sind verschwunden!« brüllte der 

Häuptling der Mimbrenjos. »Wer das gewagt hat, soll den Zorn 
meines Stammes zu spüren bekommen. Wir werden ihn jagen, 
bis er tot vor uns liegt.« 

Die Krieger umzingelten die Hütte, fanden Doppelwolf, der 

sich gerade stöhnend aufrichtete und die mächtige Beule 
betastete. 

»Die Frau mit dem Goldhaar«, stieß der Krieger hervor und 

lief unsicher auf die Hütte zu. 

Er spähte durch das Loch, das er in die Rückwand gerissen 

hatte und verspürte wilden, zügellosen Zorn in sich aufsteigen, 
als er gegenüber im Eingang Geronimo erkannte. 

Doppelwolf schwor in dieser Sekunde Rache. Er war 

entschlossen, sich die Squaw mit dem Goldhaar abermals zu 
erobern und in sein Jacale zu bringen. Sie gehörte ihm. 

Ein paar Krieger sahen auf, als die Sonne, die Spenderin des 

Lebens, im Osten über die Felsenformationen stieg. 

In diesem Augenblick trat eine große, muskulöse Gestalt auf 

die Klippe. 

»Cochise!« gellten die Rufe der Mimbrenjos auf. 
Vicotorio empfand für eine Sekunde Schrecken, zügelte ihn 

und wartete resignierend ab. Er wußte, daß er im Unrecht war. 

»Hört mich an, Mimbrenjos«, rief der oberste Häuptling mit 

donnernder Stimme. »Ihr habt mein Wort gebrochen, den 
Frieden gebrochen. Wenn euer Herz Kampf fordert, so reitet 
ins Land der Gelbhäutigen. Ich habe Frieden gelobt, und Friede 
herrscht in diesem Land. Ihr habt mein Wort mißachtet. Ihr 
habt in meinem Land getötet und Skalps genommen. Ich 
befreite allein mit meinem Sohn Naiche in der Nacht die 
weißen Squaws und nahm euch dreizehn Pferde. Die Squaws 

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sind in Sicherheit. Weiße Männer brachten sie in die Stadt 
Tombstone. Ihr seht sie nie wieder.« 

Cochise schwieg ein paar Sekunden lang. 
Mit verbissenem Gesichtsausdruck erwartete Victorio das 

Urteil des obersten Führers der Stämme. 

»Ihr dürft zwei Monde die Reservation nicht verlassen«, rief 

der große Jefe, der vom Licht der Sonne umflossen auf der 
Klippe stand. »Trifft euch ein Apache außerhalb des Gebietes 
an, wird er euch ohne Gnade töten. Wer es wagt, vollbringt den 
Todessprung in diesen Bergen. Ihr kennt die Schlucht. Ihr wißt, 
was euch erwartet. Entscheidet euch, Mimbrenjos!« 

Victorio zögerte keine Sekunde und rief: »Ich springe, 

Cochise. Und du weißt, daß ich damit dein Urteil aufhebe.« 

Herausforderung hatte in der Stimme des Häuptlings 

gelegen. 

»Ich springe ebenfalls«, brüllte Geronimo zur Klippe hinauf. 
Doppelwolf fühlte den brennenden Haß in seinem Herzen, 

einen Haß, wie ihn nur ein Apache empfinden konnte. 

Der sechs Fuß große Krieger trat vor und rief laut: »Ich wage 

den Sprung, Cochise. Ich will frei sein, nicht deinem Urteil 
unterworfen. Und ist dieses erst aufgehoben, erkenne ich dich 
nicht länger als obersten Führer der Stämme an. Ich, 
Doppelwolf, schlage meinen eigenen Weg ein.« 

Verwundert sprachen die übrigen Krieger aufeinander ein. 

Lediglich Geronimo schien zu ahnen, was den ehemaligen 
Sklaven bewegte. Und ganz sicher überlegte er bereits, wie er 
den mächtigen Krieger benutzen, zu seinen – Geronimos 
Zielen – lenken konnte. 

Keiner der anderen wagte es, Cochises Angebot 

anzunehmen. Sie alle wußten von dem Sprung über den 
Abgrund, auf dessen Sohle außer nadelscharfen Felszacken 
mehr als hundert Klapperschlangen lauerten. 

»Ihr reitet sofort«, befahl Cochise. 
»Jeder von euch weiß, wo meine Apacheria liegt. Ich gebe 

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euch einen Sonnenumlauf Zeit. Morgen um diese Zeit müßt ihr 
euer Leben wagen, wenn ihr frei sein wollt.« 

Cochise verschwand von der Klippe. Er war klug genug, 

nicht auch noch die übrige Beute der Rebellen zu fordern. 
Denn das hätte den Sitten widersprochen und mehr als böses 
Blut gegeben. 

Zudem wußte der Chief um die besonderen Windverhältnisse 

an der Klippe. 

Morgen um diese Zeit wehte ein kräftiger Luftzug den 

Springern entgegen. Entschloß sich doch noch der eine oder 
andere Krieger, das Wagnis einzugehen, würde er sicher 
zurücktreten, spürte er den Wind. 

Der große, kräftige Doppelwolf, den er vergangene Nacht 

niedergeschlagen hatte, vermochte es zu schaffen. 

Cochise verspürte Unruhe, wenn er an den Mann dachte. Er 

ahnte dumpf, daß dieser Krieger noch Anlaß zu harten 
Kämpfen geben würde. 

ENDE