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John Montana 

Apachen kennen kein 

Erbarmen 

Apache Cochise 

Band Nr. 13 

Version 1.0 

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Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

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Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt. 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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*** 

Heißer Wind der Gila strich über den Hügel, fächelte das Grün 
der Blätter der Husache- und Zapotesträucher, die den Hang 
bedeckten, und umspielte den einsamen Mann, der hoch 
aufgerichtet, stolz und reglos auf seinem gescheckten Pony 
verharrend, in den Talkessel hinunterblickte, hinter dessen 
Umzäunung, nahe der Quelle, die flachen Bauten der JW-
Ranch lagen. 

Die Sonne brannte auf seiner dunklen Haut, ohne daß er ihre 

Kraft zu verspüren schien. Die schlanken Gerten des 
Gesträuchs, vom Wind getrieben, streiften seinen muskulösen 
Körper, als suchten sie dieses reglose Monument zum Leben zu 
erwecken. 

Cochise… 
Seit Stunden verharrte der Häuptling der Chiricahua-

Apachen dort oben. Nur in seinen dunklen Augen funkelte es. 
Sie nahmen jede Bewegung auf, die sich im Tal vollzog, 
registrierten sie und hielten sie in Gedanken fest. 

In grenzenloser Geduld, die weder Zeit noch Raum kannte, 

wartete der Jefe auf seine Chance. 

Seine Gedanken verweilten in der Vergangenheit, berührten 

Naretana, seinen Bruder, und seine Neffen Yadalanh und 
Giannahtah, deren schmählicher Tod John Ward, der Rancher, 
zu verantworten hatte. 

Der Zeitpunkt, eine Schmach zu tilgen, war gekommen, der 

Augenblick wohl kaum günstiger, wo Naiche und seine 
Krieger Captain Freemans Flynings Squadron, die Miliz, aus 
dem Paß ins Apachenland lockten, um mit ihnen ein 
gefährliches Spiel zu treiben. 

Ein unheimliches Glimmen trat in Cochises Augen, als er 

Jesusa Martinez erkannte, Wards mexikanische Gefährtin, die 

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leichtfüßig zum Gatter hinübereilte, eines der Pferde sattelte 
und es zum Haupthaus führte. 

Ohne Zweifel wollte der Rancher sein Anwesen verlassen, 

um zur Station oben im Apachen-Paß zu reiten oder dem 
Wagentreck entgegenzuziehen, der mit Vorräten und 
Gerätschaften bestückt, auf dem Wege zur Ranch war. 

Ein grimmiger Zug grub sich in Cochises Mundwinkel, als er 

John Ward unter dem flachen Vordach entdeckte, der, seine 
parfleche über dem Arm hängend, nun die wenigen Stufen 
hinunterschritt, wo Jesusa Martinez mit dem gesattelten Pinto 
wartete. 

Unbewußt berührte Cochises Rechte das breite Schlagbeil im 

Gurt, als sein Todfeind, wohl in melancholischer Anwandlung, 
die schlanke Taille des Weibes umfaßte und sie fest an sich 
drängte. 

Für Jesusa sollte es die letzte Berührung jenes Mannes sein, 

mit dem sie in familiären Verhältnissen lebte. 

John Ward löste sich nach wenigen Sekunden von der Frau, 

hing seine lederne Falttasche ans Sattelhorn und schob seinen 
Karabiner in den Scabbard. Er blickte über den weiten Hof zu 
den Stallungen hinüber, in deren Schatten zwei Männer mit 
kräftigen Axthieben Holz für den Wintervorrat schlugen, rief 
ihnen etwas zu und schwang sich in den Sattel. 

Ein drahtiger, muskulöser Typ, der sich wohl seiner Haut zu 

wehren wußte und sicher keine Auseinandersetzung mit dem 
Jefe zu scheuen brauchte. 

Cochises dunkle Augen blitzten, alles in ihm spannte sich. 

Das nun plötzlich maskenhaft wirkende Gesicht nahm einen 
grausamen Zug an, als der Rancher durch das offene Tor ins 
Tal ritt. 

Einige Minuten noch verharrte der Chiricahua-Häuptling wie 

eine Statue, und nur für den Bruchteil einer Sekunde 
verschwendete er einen Gedanken an Hellauge, seinen 
Blutsbruder Thomas Jeffords. 

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»Sheek-Asay wird mich verstehen«, murmelte er im 

Selbstgespräch, ehe er sein Pony wandte und durch das dichte 
Gebüsch lenkte. 

Das Tier trabte den wildbewachsenen Hügel hoch. Von der 

Kuppe aus sah Cochise den einzelnen Reiter, der ostwärts 
durch die sanften Dünen zog, die zum breiten Arroyo führten, 
an dessen Höhe die Poststation lag. 

Die Sonne stand im Zenit, als Häuptling Cochise einen Weg 

wählte, der ihn irgendwann an diesem Tag zu dem verhaßten 
Weißauge führte.  

»Was sucht der Tarahumari in der Stadt?« John Haggerty, 
Chiefscout General Howards, dem die militärische 
Befehlsgewalt im Südwest-Territorium unterstellt war, mit 
einer besonderen Order auf dem Weg zum Fort Buchanan, trat 
näher ans offene Fenster des Büros und betrachtete 
nachdenklich den Reiter auf scheckigem Mustang, der, sein 
übermüdetes Pferd an grober Zügel führend, die ausgefahrene 
Main Street von Tombstone heraufzog. 

Interessiert trat U.S. Deputy Marshal Andrew Marley an 

Haggertys Seite. Er bemerkte den stoischen Gleichmut des 
Indianers, den die Menschen am Straßenrand wenig 
interessierten. 

»Sie kennen ihn, John?« fragte Marley. Ihn beunruhigten die 

pöbelhaften Rufe einiger Leute auf der anderen Straßenseite. 

»Nicht persönlich.« Haggerty zuckte unbehaglich mit den 

Achseln. »Er ist ein Tarahumari, Scharfschütze von Colonel 
Cerraza aus Chihuahua.« John erinnerte sich an seine 
Begegnung mit dem mexikanischen Rauhbein vor längerer 
Zeit, und er wußte, daß Colonel Terraza seit Jahren wie der 
Teufel hinter Victorio her war, dem Mimbrenjo-Häuptling, 
ohne daß er ihn je hatte erwischen können. »Ich möchte wetten, 

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er ist geschickt worden, um den Mimbrenjo-Häuptling zu 
suchen.« 

»Victorio?« Marshal Drew Marley runzelte die Stirn. »Ich 

denke, der lebt in der San Carlos Reservation?« 

Haggerty lachte verbittert. 
»Er benutzt die Reservation als Zuflucht, wenn es ihm im 

Süden zu heiß wird, Marshal. Doch immer wieder zieht es ihn 
nach Mexiko. Victorio haßt nicht nur uns Weißaugen, seine 
Feindschaft richtet sich auch gegen die Greaser. Kommen Sie, 
Marshal.« 

John Haggerty trat durch die offenstehende Tür zum 

Treppenaufgang. 

Von der gegenüberliegenden Straßenseite flogen Steine, die 

den Pinto des Scharfschützen trafen, ohne daß es ihn aus der 
Ruhe brachte. Haggerty winkte ihm zu, und Marshal Marley 
kam die Stufen hinunter, überquerte die Fahrbahn, um die 
Störenfriede zur Raison zu bringen. 

Der Indianer führte sein Pferd näher. Er trug weichgegerbtes 

Lederzeug und um die Hüfte einen breiten Gurt mit einem 
hängenden Holster. 

Seine Beine waren mit Mokassinstiefel bekleidet, und über 

der Schulter trug er eine Sharps. Im breiten Gurt, nicht sichtbar 
für den Scout, steckte eine starke Klinge, die als Wurf- oder 
Schlagmesser geeignet war. Sein Stirnband zeichnete ihn als 
Tarahumari-Indianer aus. 

Seine Bewaffnung war wohl auch der Anlaß für den Ärger 

der Bürger von Tombstone. 

Der Indianer verharrte am Stepwalk. Haggerty sah dessen 

markant geschnittenes Gesicht und die kalten dunklen Augen, 
die nie einen Gedanken verrieten, und lauschte Marshal 
Marleys zornigem Baß, der weit über die Straße hallte. 

»Sehr kühn, in diesem Aufzug eine Stadt der Bleichgesichter 

zu betreten, Tarahumari«, begann John Haggerty das Palaver. 
»Du bist hier nicht in der mexikanischen Provinz und reitest 

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nicht im Schutze von Colonel Terrazas Armee.« 

Der Indianer blickte ihm gelassen entgegen. Er schien 

Haggerty zu mustern. 

Der Gesetzeshüter stand drüben am Straßenrand. Er hielt 

seinen mächtigen Langläufer in der Faust und schoß einige 
Kugeln über die Hitzköpfe hinweg in die Fassade einer 
Adobehütte und drohte mit lauter Stimme, jeden Aufwiegler, 
den er erkannte, mit einer Geldstrafe zu belegen. 

Irgendwie schien sein Donnerwetter gewirkt zu haben, denn 

murrend und schimpfend zogen sich die Leute in eine Gasse 
zurück. 

Marley kam mit wuchtigen Schritten heran. Sein Blick, der 

den Indianer traf, war voller Zorn. »Du bist die 
Herausforderung in Person, Rothaut. Dein Auftauchen bringt 
Unruhe in die Stadt. Gib mir dein Gewehr und deinen Gurt.« 

Der Tarahumari lächelte kühl. Es war eine Geste, die 

tatsächlich einer Herausforderung gleichkam und den Stolz 
bewies, der den Mann beherrschte. 

»Meine Waffen, mein Pferd und ich sind eins. Ich bin Bote 

meines Commandantore mit einer Botschaft für General 
Einarm. Niemand hat das Recht, meine Waffen zu fordern, 
auch nicht der Mann mit dem Blechschild auf der Brust.« 

»Enjo«, sagte Haggerty, um den aufkommenden Streit 

zwischen dem Marshal und dem Tarahumari zu schlichten, 
»ich heiße John Haggerty und bin ein Vertrauter General 
Howards. Vielleicht kann ich dir helfen.« 

Der Indianer nickte gelassen. 
»Ich kenne dich. Die Chiricahuas nennen dich Falke, und du 

bist ein Freund des Jefe. Wenn du mir helfen möchtest, führe 
mich zu General Einarm. Es ist eine wichtige Botschaft, die 
Colonel Terraza deinem General durch mich übermittelt.« 

John Haggerty dachte an seine eigene Mission, die ihn nach 

Fort Buchanan führte. 

Er schüttelte den Kopf. 

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»Ich werde dir eine Karte zeichnen, nach der du das 

Hauptquartier des einarmigen Generals finden wirst. Den Weg 
dorthin mußt du dir allein suchen. Komm ins Office.« 

Der Tarahumari band sein Pferd an den Hitchrack und folgte 

den beiden Männern. 

Haggerty zeichnete in kurzen Umrissen den Weg ins 

Headquarters und reichte das Papier dem Boten. 

»Wenn du dein Ziel erreichen möchtest, Mauricio«, sagte er 

nachdenklich, »dann solltest du Städte wie diese meiden. Man 
mag hier keine bewaffneten Indianer, schon gar keine 
mexikanischen. Das ist der gute Rat eines Freundes, Mauricio. 
Vergiß ihn niemals.« 

Zum erstenmal schien die Rothaut amüsiert zu lächeln. 
»Ich bin gewohnt, auf mein Leben zu achten. Ich werde es 

auch zu schützen wissen.« Seine Hand streifte das große 
Holster, aus dem ein abgegriffener Kolben ragte. 

Als Mauricio in Begleitung von Haggerty und Marshal 

Marley die Straße betrat, spielten ein paar Jungs am Gehsteig. 
Hinter den offenen Fenstern der gegenüberliegenden Häuser 
sah John Haggerty ein paar neugierige Gesichter. 

»Es ist verdammt ruhig hier, Marshal. Zu ruhig für eine 

Stadt, die Tombstone heißt.« 

Sein Blick streifte den Tarahumari, der seelenruhig sein 

Pferd bestieg, ohne Abschied den Fahrweg hochtrabte und 
hinter der Biegung verschwand. 

»Irgend etwas geht hier vor, Marley. Ihre Streithähne und 

Raufbolde lassen sich nicht sehen. Vielleicht suchen Sie Ihre 
Gehilfen, Marley, und geben dem Boten eine Wegstrecke 
Geleit.« 

»Er sagte, er wäre in der Lage, sich selbst zu schützen, Mr. 

Haggerty. Weshalb sollte ich mich ihm aufdrängen?« 

»Es muß eine wichtige Botschaft sein, die Colonel Terraza 

veranlaßte, einen Boten auf die lange Strecke von Chihuahua 
nach Arizona zu senden, denn Terraza ist kein Mann großer 

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Worte, Marshal Marley«, erwiderte der Chiefscout. »Denken 
Sie darüber nach, Marley.« 

Als John Haggerty kurze Zeit später aufbrach, sah er, daß der 

Sternträger einige seiner Deputys zusammengerufen hatte. 

Während er die Town hinter sich ließ, richtete er seinen 

Blick auf den mächtigen Gebirgszug der Chiricahua 
Mountains, in dessen jenseitigem Schatten Fort Buchanan am 
Apachen-Paß lag. Und er fragte sich immer wieder, was 
Colonel Terraza General Howard Wichtiges zu unterbreiten 
hatte.  

Lautlos wie ein langgestreckter Schatten löste sich der sehnige 
Körper aus der Spalte des Felsens, flog pfeilschnell zehn Yards 
durch die Luft, ehe er mit geschmeidiger Bewegung den Reiter 
anfiel und mit der Kraft eines Pumas den Mann aus dem Sattel 
riß. 

John Ward, der gemächlich durch die schmale Felsschlucht 

trabte, die zum Apachen-Paß führte, nahm die reflexhafte 
Bewegung wahr, und rein instinktiv zuckte seine Rechte zum 
Colt. Noch während des heftigen Zusammenpralls und des 
unweigerlichen Sturzes vom Pferd gelang es ihm, die Waffe zu 
ziehen und abzufeuern, ohne daß die Kugel ihr Ziel erreichte. 

Eng umschlungen stürzten sie auf den harten Fels. Nur den 

lähmenden Augenblick des Schmerzes spürend, wurde sich der 
Rancher der tödlichen Gefahr bewußt, in die er geraten war, 
denn nun, Auge in Auge mit dem Gegner, erkannte er in dem 
Angreifer Cochise, den Chiricahua-Häuptling, mit dem ihn 
unversöhnliche Feindschaft verband. 

»Bastard!« schrie Ward, während er alle Kraft sammelte, um 

sich vom sehnigen Körper des Apachen zu lösen, was 
schließlich gelang, weil der Häuptling urplötzlich 
hochschnellte und ihn auf die Beine riß. 

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Cochises Linke umspannte Wards rechte Revolverhand. 
Der Schuß krachte, hallte vielfach verstärkt als rollendes 

Echo durch die Schlucht, begleitet vom schrillen Diskant des 
Querschlägers, der über das rauhe Gestein ratschte und sich 
irgendwo verlor. 

Cochises blitzschnelle Körperdrehung schien den Schußarm 

des Farmers aus dem Gelenk zu drehen, denn der höllische 
Schmerz entlockte Ward einen gellenden Schrei. Seine Finger 
spreizten sich, und der Colt fiel klirrend auf den Fels. 

Noch während Cochise niedersank, um sich der Waffe zu 

bemächtigen, schnellte ihm Wards harte Stiefelspitze entgegen 
und traf den Jefe am Kinn. 

Wie ein Bogen, der sich spannt, riß Wards Fußtritt den 

Gegner hoch. Cochise schlug gegen die Felswand. 

»Du dreckiger Indianerbastard«, fauchte der Rancher zornig. 

Vielleicht dachte er einen Moment lang an Felix, Jesusas 
Indianermischling, den Pinalapachen geraubt hatten. Seine 
Hand erreichte den Colt, und noch im Hochrucken schoß er aus 
der Hüfte auf den Häuptling John Ward galt als zielsicherer 
Schütze, und wohl nur der Umstand, daß er voll ohnmächtigen 
Grimms steckte, nahm seiner Hand die Treffsicherheit. 

Die Rundkugel zerplatzte dicht neben Cochises Schädel auf 

einer Felsnabe. Einen zweiten Schuß verhinderte Wards Pinto, 
der nervös und unruhig tänzelnd zwischen beiden 
Kontrahenten trabte und mit dem Körper unbewußt den Jefe 
schützte. 

»Verdammt, hau ab, du Biest«, heulte der Rancher in 

höchsten Tönen und stieß dem struppigen Gaul die 
Stiefelspitze in die Flanke. 

Erschreckt von der unfreundlichen Haltung seines Herrn, 

stieg der Pinto wiehernd auf die Hinterhand und galoppierte 
den Schluchtweg entlang. 

Ward hielt grollend den gespannten Revolver in der Faust, 

um den Kampf unproblematisch zu beenden. Aber dort, wo 

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Cochise noch vor Sekunden gestanden hatte, gähnte ihn 
nackter Fels an. Nur seitlich schlugen Büsche, und das 
schwankende Geäst ließ erkennen, welchen Weg die Rothaut 
genommen hatte. 

Ward fuhr herum, und ohne an die Folgen zu denken, jagte er 

Schuß um Schuß ins Gesträuch, bis die Trommel leer war. 

Das häßliche Knacken des Hammers, der auf eine 

leergeschossene Patronenhülse schlug, machte dem Rancher 
klar, daß er einen Fehler begangen hatte, denn im gleichen 
Augenblick, als er den Colt senkte und die Trommel seitlich 
aus der Führung kippte, schälte sich der berühmte Häuptling in 
voller Größe aus dem Busch. 

Sehnig, mit kräftigen Schritten, wirbelte Cochise heran. Sein 

Tomahawk schwang über seinem Schädel. Sein Schrei war wie 
das Aufbrüllen eines angreifenden Pumas, und in Cochises 
Augen erkannte Ward den Willen zum Töten. 

Zornig schleuderte er die wertlos gewordene Waffe dem 

Apachen entgegen, ehe er sich zur Flucht wandte und mit weit 
ausgreifenden Schritten seinem Pferd folgte, das etwa 100 
Yards entfernt stehengeblieben war und den Weg hochblickte. 

Ward erkannte bald, daß Cochise schneller war. Unmittelbar 

darauf saß der Häuptling ihm im Nacken, während sein Atem 
kurz und stoßweise ging. Und zum erstenmal fürchtete John 
Ward, der sich im Töten stets hervorgetan hatte, den Tod, denn 
er wußte von der grausamen Erfüllung, die Cochise anstrebte, 
und einem langen schmerzhaften Ende, das er zu erwarten 
hatte. 

Noch während des Laufes gelang es dem Rancher, das 

schwere Messer aus dem Gurt zu ziehen. Es war zwar die 
unterlegene Waffe gegen Cochises scharfen Tomahawk, aber 
es gab ihm eine winzige Hoffnung, denn die Tatsache, daß der 
Apache kaum fünf Schritte in seinem Schlagschatten eilte, 
ohne das Kriegsbeil zu benutzen, ließ John Ward erkennen, daß 
Cochise ihn nicht von hinten, sondern von Angesicht zu 

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Angesicht töten wollte. 

Er ist es wohl seinem Bruder schuldig, dachte der Rancher in 

einem Anflug schwarzen Humors. 

Nun, wo alle Hoffnung schwand, seinen Pinto und den 

Stutzen im Scabbard zu erreichen, stellte Ward sich zum 
Kampf. 

Unvermutet bremste er die Schritte, wirbelte blitzschnell um 

die Achse und spannte den Arm zum Stoß. 

Doch Cochise beherrschte jeden Muskel seines Körpers. Fast 

aus dem Lauf heraus stand er, schob die Beine auseinander und 
fintete mit dem langstieligen Tomahawk. Seine Bizeps 
zuckten, und das kräftige Muskelspiel seiner Schultern und 
Beine ließ erkennen, welch ungewöhnliche Kraft in diesem 
Mann steckte. Er überragte Ward fast um Haupteslänge. 

»Zastee!« rief Cochise und meinte wohl, daß er nun seinen 

Gegner töten wollte. »Du wirst bezahlen, Weißauge – für 
meine Neffen Yadalanh und Giannahtah und für den Tod 
Naretanas, deren Seelen erst Eingang ins Reich des Großen 
Geistes finden, wenn dein Blut unsere Erde tränkt.« 

John Ward hielt die wuchtige Klinge abwehrbereit in der 

Faust. Nun, wo er dem Tode von Angesicht zu Angesicht 
gegenüberstand, wurde er frei von aller Furcht, und er sagte 
sich: einer von uns beiden wird es überleben, du oder ich, 
Apache. Das Schicksal soll es bestimmen. 

Dennoch war so viel Zynismus in Ward, daß er höhnisch 

erwiderte: 

»Nach dem Tod gibt es nur ein Dunkel, Cochise, und das ist 

die Hölle. Warum suchst du mich als Gegner? Warum nicht 
andere, die größere Schuld am Tod deiner Verwandten 
tragen?« 

Stolz warf der Jefe den Kopf in den Nacken, ehe er 

antwortete: 

»Nach dir werde ich Lieutenant Bascom finden. Mit deinem 

und seinem Tod verlöscht mein Haß, und die Seelen meiner 

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Verwandten werden Frieden im Reich der Glückseligkeit 
finden. Wehre dich, Weißauge!« 

Der Häuptling schnellte einen Schritt vor. Sein Tomahawk 

durchschnitt, einem Blitzschlag gleich, das Dämmerlicht und 
zerfetzte nur Wards leeres Holster, weil der Rancher diesen 
Angriff erwartet und durch eine Körperdrehung den tödlichen 
Schlag abgefangen hatte. Im gleichen Moment zuckte die 
bewehrte Hand des Ranchers Cochise entgegen, streifte dessen 
Schulter und riß eine tiefe Wunde in den Oberarm des Jefe. 

Der wich instinktiv zurück. Für einen Augenblick schien er 

überrascht zu sein von der Stärke seines Gegners, der aufs neue 
auf ihn eindrang und das schwere Schlagmesser wie eine Keule 
benutzte. 

Messer und Tomahawk schlugen klirrend gegeneinander, 

und für Sekundenbruchteile waren ihre Gesichter so dicht 
zusammen, daß sie den tödlichen Haß des jeweils anderen in 
den Augen lesen konnten. 

Ihre Muskeln spannten sich, und die Mordwerkzeuge bebten 

unter den Anstrengungen ihrer Körper. 

Da stieß Ward mit gemeinem Fußtritt die Stiefelspitze in 

Cochises Magen. Fast gleichzeitig drehte er sich aus der 
Richtung. 

Die Schneide des Beils zuckte über Wards Kopf hinweg, und 

noch in der Bewegung erwischte der Rancher die Waffe am 
Schaft. Alle Kraft zusammennehmend, entriß Ward Cochise 
das Kriegsbeil, das vier Yards weiter auf den nackten Fels fiel 
und sich kurz drehte. 

Der Jefe wich seitlich aus, als Wards Messer heranflog. Eine 

gewandte, blitzschnelle Drehung brachte ihn aus dem 
Stoßbereich der Klinge und verhinderte eine schwere 
Verletzung. 

Der Häuptling setzte zum Sprung an, um den Tomahawk zu 

erreichen, doch der Rancher war schneller. Mit einem 
gewaltigen Fußtritt beförderte er den Tomahawk tief ins 

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Gebüsch. 

Leicht vorgebeugt, mit glänzenden Augen, grinste Ward den 

Jefe an. Er fühlte sich stark und überlegen, als er den Gegner 
höhnisch anbrüllte: 

»Nun komm schon, du großer Häuptling, das Tor in die 

Ewigen Jagdgründe steht weit offen! Deine verdammten 
Verwandten erwarten dich mit offenen Armen.« 

Cochises rechte Hand zuckte zur Hüfte, wo sein leichtes 

Jagdmesser steckte. Doch ihm wurde klar, daß er es nicht 
schaffte. Sein gesunder Arm schoß vor, als Ward nahe genug 
heran war. Seine sehnige Faust umspannte Wards Handgelenk, 
während er gleichzeitig seinen linken Arm um die Taille des 
Angreifers schlang. 

Der Apache schien den Schmerz nicht zu spüren, den die 

klaffende Wunde in der Schulter verursachte. Er preßte den 
Gegner fest an seinen Körper, so daß er von dessem Atem 
gestreift wurde. 

»Zastee!« zischelte Cochise wütend, während sie gemeinsam 

stürzten und kämpfend über das Felsband rollten. »Zastee! Ich 
werde dich töten!« 

John Ward erkannte die körperliche Überlegenheit des 

Indianers, der wie eine eiserne Klammer seinen Arm 
umspannte, und zu seinem Entsetzen mußte Ward eingestehen, 
daß seine Kraft nachließ, obwohl er rittlings auf dem Apachen 
saß, wobei seine Schenkel Cochises Leib umspannten. Am 
wilden Feuer seiner Augen erkannte Ward, daß der Häuptling 
vom unlöschbaren Willen beseelt war, ihn zu töten. 

Du oder ich… 
Noch einmal dachte Ward, wie erschreckend nüchtern und 

klar das Ende sein konnte. 

Der Farmer stemmte den Oberkörper hoch, bekam mit 

beiden Händen das Messer zu fassen und schob die Schneide 
mit letzter Kraft auf seinen Gegner zu, ohne zu merken, daß die 
Schenkelklammer sich lockerte. 

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Unbewußt registrierte Ward, daß Cochises Widerstand zu 

erschlaffen schien. Er verlor den Halt, und mit einer 
wirbelnden Bewegung, einer zuckenden Schlange gleich, riß 
Cochise seinen Oberkörper beiseite, hob mit den Schenkeln die 
Last. 

John Ward fiel seitlich über die Schulter und verlor die 

Balance. Der Stoß seines Messers änderte die Richtung, so daß 
beim Aufprall seines Körpers auf den Fels die breite Klinge in 
seine Brust fuhr… 

Der gellende Schrei des Unglücklichen wehte wie 

Totengesang über die Bergwelt hinweg, kam als vielstimmiges 
Echo zurück. 

Röchelnd versuchte Ward sich aufzurichten. Und während 

Cochise, nun von der Last des Gegners befreit, wie eine Feder 
auf die Beine schnellte, durchlief den Rancher, der zum 
Mörder an Naratana, Yadalanh und Giannahtah geworden war, 
ein letztes Zucken. 

Ein seufzender Atemzug kam über seine Lippen, dann 

streckten sich seine Glieder. 

Unbeweglich, die Arme vor der Brust verschränkt, verfolgte 

Cochise den Todeskampf des verhaßten Mannes. 

Kein Ausdruck in seinem Gesicht verriet seine Gedanken, 

und dennoch war der Jefe innerlich bei seinen Verwandten. 

Er sah den Verräter, sah seinen Neffen Yadalanh und 

Giannahtah und seinen Bruder Nartana und dachte, daß sie sich 
bald im Reich der Toten begegnen würden. 

Im Wechselbild sah er einen jungen schneidigen Offizier in 

Leutnantsuniform, der ebenso wie Ward mit tiefer Schuld 
belastet war. 

Erst Bascoms Tod vermochte Nartana und dessen Söhnen 

den Weg ins Reich der ewigen Sonne zu öffnen. 

Cochise wandte sich ab und suchte auf dem Fels im 

Gesträuch seinen Tomahawk. 

Ohne den Toten eines Blickes zu würdigen, schritt er das 

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Felsband hinunter zu dem Pinto, der mit hängenden Ohren 
dürftig wachsendes Gras zupfte. Der Häuptling löste Sattel und 
Zaumzeug und scheuchte mit einigen Schlägen auf die Kruppe 
das Tier davon. 

Noch einmal berührte Cochise Wards Weg, als er sein Pony 

suchte. Aber auch diesmal schritt der Apache mit verächtlicher 
Miene an dem Toten vorbei.  

Marshal Andrew Marley lauschte beunruhigt den belfernden 
Schüssen, deren Echo verzerrt über die fernen Hügel wehte. Er 
sah im Borstengras die breite, niedergetrampelte Spur, die 
direkt zu jener Hügelgruppe führte, in der die Schüsse fielen. 

Seine Gedanken waren bei dem Tarahumari, den nach 

eigenen Angaben eine wichtige Botschaft in das Zeltlager 
General Howards führte, als er wütend seinem Gaul die 
Absätze in die Flanken schlug. 

»Vorwärts!« rief er seinen vier Gehilfen zu. »Wenn Back 

und diese verdammten Heißsporne in der Stadt glauben, die 
Gesetze in die eigene Hand nehmen zu können, sollen sie das 
Fürchten lernen.« 

Drew Marley war ein harter Gesetzeshüter, vom eisernen 

Willen beherrscht, die bestehende Ordnung im Südwest-
Territorium aufrechtzuerhalten. Weit vornübergebeugt saß er 
im Sattel, und während er wachsam der Spur folgte, zog er 
seinen Karabiner aus dem Scabbard. 

Als sie die Senke vor dem Hügel erreichten, kam Shane, 

einer seiner Deputys, heran, und deutete nach Westen, wo eine 
dunkle Wolke aus dem Grasland wallte, die sich schnurstracks 
auf sie zu bewegte. 

»Wir bekommen Besuch, Marshal.« 
Marley wandte den Kopf, dann sah auch er die Staubfahne. 

»Chiricahuas«, brummte er, »oder Mimbrenjos.« 

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Dabei dachte er an diese verdammten Rothäute, die von Tag 

zu Tag dreister wurden, Ranches und Postkutschen überfielen 
und kleinere Settlements plünderten. 

Im Apachenland brodelte es sozusagen, und mancher Siedler 

in der Ebene suchte bereits Schutz in den befestigten Städten. 

Shane, der Mühe hatte, dem Marshal zu folgen, rief lautstark: 
»Es sind Captain ›Lion‹ und seine Miliz. Etwa dreißig Reiter 

kann ich erkennen.« 

»Freeman?« Marley schien mehr erschreckt als erfreut, als er 

an diesen Mann dachte, der in Tombstone die Bürgerwehr 
befehligte. 

Freeman und sein Frontier Bataillon, wie er es großspurig 

nannte, waren Indianerhasser, deren brutale Attacken dazu 
beitrugen, daß die Spannungen zwischen Weißen und dem 
roten Volk immer stärker wurden. 

Für den ehemaligen Offizier war ein toter Apache ein guter 

Apache. Obwohl seine Übersicht und der Schneid seiner Miliz 
manches Leben gerettet hatten, war er ein unruhiger Pol im 
Südwest-Territorium. 

Die Staubwolke bewegte sich in der Talsenke, als Marshal 

Marley den Hügel hochsprengte. 

Noch immer fielen Schüsse. 
Von der Höhe aus sah er die Schützen und Freemans 

Bataillon, die sich bei den langgestreckten Buschgürtel 
vereinten. Er erkannte den hageren Texaner an dessem langen 
braunen Haar. Ohne Zweifel ließ »Lion« Bill Freeman sich von 
Back den Grund des Gefechtes erklären, denn nach einer Weile 
waren die Befehle zu hören. Die Miliz stieg ab und verteilte 
sich. 

Marshal Marley trieb sein Pferd vorwärts, um Freeman zu 

erreichen, ehe ein Unheil geschah. Wenn der ehemalige 
Captain schon in einem toten Indianer einen guten Indianer 
sah, so erkannte er in einem bewaffneten Indianer eine 
Herausforderung. 

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»Captain!« schrie Marley von weitem, als Freeman seine 

Miliz ausschwärmen ließ. »Halten Sie um Gottes willen Ihre 
Leute zurück, ehe ein Unglück passiert! Es ist Wahnsinn, was 
Sie tun.« 

Captain »Lion« drehte sich um. Er erkannte den 

heranstiebenden Marshal, zwirbelte emsig die grauen Enden 
seines Schnurrbarts und wartete, bis der Sternträger aus dem 
Sattel sprang. Dabei grinste er. 

»Wollen Sie erleben, wie wir einen Indianerbastard vierteilen 

oder durchs Feuer ziehen, Marshal? Es wird kein netter 
Anblick für Sie sein.« 

»Der Mann, den Back jagt, steht unter dem Schutz des 

Militärs, Freeman«, erwiderte Marley heftig. »Colonel Terraza 
schickt ihn mit einer wichtigen Order zu General Howard. Ich 
hoffe, Sie widersetzen sich nicht militärischen Anordnungen.« 

Freeman rümpfte die Nase. Während seine Hand durch die 

Büsche zum nahen Felshang deutete, sagte er wütend: 

»Er ist ein dreckiger Indianer, der eine Waffe führt. Er hat 

zwei Bürger Ihrer Stadt erschossen. Dafür werden wir ihn 
hängen.« 

»Der Mann denkt an seine Aufgabe und wehrt sich seiner 

Haut.« 

Freeman winkte verächtlich ab, sog tief die Luft in die 

Lungen, ehe er lächelnd antwortete: 

»Wenn er eine wichtige Botschaft für Einarm mitführt, 

werden wir in der Lage sein, sie General Howard zu 
übermitteln.« Freeman wandte sich an seine Miliz. »Leute«, 
befahl er schnarrend, »aufsitzen! Wir rennen die Stellung des 
Bastards einfach nieder.« 

Marshal Andrew Marley hielt seinen schweren Colt in der 

Faust, mit dem er Freeman bedrohte. 

»Sie zwingen mich, Sie niederzuschießen, Captain, wenn Sie 

den Befehl nicht widerrufen«, sagte er grimmig. 

Freemans eisgraue Augen berührten Marley mit einem 

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spöttischen Blick. Ohne auf die Waffe zu achten, bestieg er 
sein Pferd. 

»Sie schaffen sich Feinde, Marley. Mich niederzuschießen, 

würde Ihren Tod bedeuten. – Vorwärts, Leute!« rief er im 
nächsten Moment mit befehlsgewohnter Stimme und zog den 
Säbel aus der Scheide. »Zur Attacke – Galopp!« 

Marley stand hilflos mit seinem Colt da, als die Reiter des 

Frontier Bataillons durch das Buschwerk brachen und mit 
lautem Geschrei den gegnerischen Standort angingen. Back, 
ein junger Taugenichts aus Tombstone, der den Tarahumari-
Indianer selbstsüchtig verfolgte, grinste unverschämt. 

»Captain ›Lion‹ wird Ihnen den Bastard vor die Füße werfen, 

Marshal. Er weiß mit diesem Gesindel umzugehen.« 

Der Gesetzeshüter preßte die Lippen zusammen und blickte 

über die Sträucher hinweg, wo die Reiterschar in breiter Front 
den Felsbuckel erreichte, ohne daß auch nur ein Schuß gefallen 
war. Er sah, daß die Reiter wild umherstrichen und Freeman 
schließlich ein Zeichen gab. 

Sie zogen den Hang hinunter und hoben zwei Tote aus dem 

Gras, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem 
Tarahumari-Scharfschützen zu weit vorgewagt hatten, und 
kehrten zum Ausgangspunkt zurück. 

»Er ist uns durch die Lappen gegangen«, sagte Freeman 

wütend, als seine Miliz die Toten ins Gras legte, »aber er wird 
uns nicht entkommen. Wir werden die Felsgruppe umstellen 
und ihn aushungern.« 

Marleys Blick wanderte von den Toten zu Freeman und dann 

wieder zum jenseitigen Berg hinüber. Hoch oben, am Ende des 
gewundenen Pfades, der über den Sattel führte, erkannte der 
Marshal Mauricio, der stolz wie eine Bronzestatue auf seinem 
Mustang saß und zu ihnen herunterstarrte. 

Andrew Marley lächelte Freeman an, während er auf den 

Indianer deutete. 

»Lassen Sie sich die Zeit nicht zu lang werden, Freeman. Ich 

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glaube, der Tarahumari ist schlauer als Ihr ganzes Bataillon.« 

Während er sein Pferd wandte, sah er den Taugenichts an. 
»Wir sprechen uns in Tombstone wieder, Back. Es wird eine 

harte Aussprache. Das verspreche ich dir.« 

Marley gab seinen Gehilfen ein Zeichen und zog den Hügel 

hinauf. Als er einmal zurückblickte, erkannte er, daß Freeman 
seine Miliz formierte. Dabei dachte er, daß Captain »Lion« ein 
verdammt harter Bursche war und Mauricio eine Botschaft bei 
sich hatte, die vielleicht für General Howard von Bedeutung 
sein konnte.  

Im Apachen-Paß stieß John Haggerty auf eine Patrouille, die 
den gewundenen Weg kontrollierte. Sie war auf dem 
Rückmarsch nach Fort Buchanan. Der Chiefscout schloß sich 
ihnen an. 

In der Dämmerung erreichten sie die Befestigung, und 

nachdem Haggerty sein Pferd einem jungen Soldaten 
übergeben hatte, suchte er das Headquarters auf. 

Colonel Brigham schien Johns Eintreffen bemerkt zu haben, 

denn als Haggerty die Diensträume betrat, füllte der Colonel 
gerade zwei Gläser. 

»Willkommen in Fort Buchanan, Lieutenant«, sagte 

Brigham, sprach Haggerty also mit seinem Dienstgrad an, den 
die Armee ihm wegen seiner Verdienste als Scout verliehen 
hatte. »Es ist gut, wieder mal einem Freund zu begegnen.« Er 
reichte Haggerty das Glas. »Kommen Sie zufällig durch den 
Paß, oder wollen Sie zu Cochise? Der scheint sein Versprechen 
zu halten, Haggerty, denn Butterfield-Überlandkutschen 
erreichen seit Wochen unbeschadet Tucson. Vielleicht fühlt er 
sich seinem Freund Jeffords gegenüber verpflichtet. Jeffords, 
so besagen die Gerüchte, soll der neue Postmeister der 
Butterfield Overland in Arizona sein und gleichzeitig seine 

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Ernennung zum U.S. Post-Inspektor erhalten haben. Eine große 
Ehre für den Mann aus New York.« 

John Haggerty lächelte, während er sich auf dem Sofa 

niedersetzte, der Aufforderung des Colonels folgend. »Man 
erinnert sich an höherer Stelle des Mannes, der sich um den 
Frieden in diesem Land bemüht, Colonel. Ich kenne 
niemanden, der die ihm gestellten Aufgaben besser lösen 
könnte.« 

»Thomas Jeffords träumt von dem großen Frieden, den es 

niemals geben wird, Lieutenant. Doch erzählen Sie mir, was 
Sie in diese Einsamkeit führt.« 

»Bascom«, antwortete John trokken. 
»Lieutenant Bascom?« Colonel Brigham gab sich erstaunt. 

»Spricht man von ihm in General Howards Zeltlager?« 

»Nicht gerade das Beste, Colonel.« Haggerty nahm einen 

tiefen Schluck. Während Colonel Brigham die Gläser 
nachfüllte, berichtete John von Bascoms Versagen während der 
Suche nach Felix, John Wards Jungen. Von seiner unerlaubten 
Härte, die zur Tötung angesehener Chiricahua-Häuptlinge 
geführt hatte. »Lieutenant Bascom fehlt jede Erfahrung im 
Umgang mit den Chiricahua-Apachen, Colonel. Das, was er in 
West Point gelernt hat, ist hier kaum von Bedeutung. 
Yadalanhs und Giannahtahs Tod wird Cochise nicht tatenlos 
hinnehmen. Es dürfte zu einer Tragweite führen, deren 
Konsequenzen nicht abzusehen sind. Wer weiß, vielleicht wird 
morgen oder übermorgen keine Postkutsche mehr Tucson 
erreichen, und in einer Woche schon kann es zum großen 
Blutvergießen kommen.« 

»Sie meinen, Lieutenant Bascom sei eine Gefahr für dieses 

Land?« 

Haggerty lächelte. 
»Das Leben im Apachengebiet bedeutet ständige Gefahr, 

Colonel. Bascom paßt nicht hierher. Dieser Meinung ist auch 
General Howard, mit dem ich lange über Bascom gesprochen 

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habe. Der General hält es für sinnvoll, den Lieutenant 
anderweitig einzusetzen, nämlich da, wo sein Eifer weniger 
Folgen hat.« 

»Ist das ein Befehl?« fragte der Kommandant verärgert. 
»Nein, ein Vorschlag des Generals. Schicken Sie Bascom 

unter irgendeinem Vorwand nach Fort Apache, Colonel. In der 
San Carlos Reservation kann er kein Unheil anrichten. 
Außerdem wäre der Lieutenant Cochises Zugriff entzogen.« 

Colonel Brigham war zum Fenster getreten. Er sah im 

Dämmerlicht eine Abteilung, die in die Bastion geritten kam. 
In der Platzmitte zog eine Gruppe Uniformierter auf, die sich 
vor dem Fahnenmast gruppierten. 

»Kommen Sie, Haggerty, draußen beginnt die abendliche 

Zeremonie.« 

Als sie durch die offene Tür auf die Veranda traten, blies der 

junge Hornist kräftig in sein Horn. Während lautstarke Befehle 
ertönten, wurde das Sternenbanner eingeholt. Lieutenant 
Bascom näherte sich in strammer und zackiger Haltung dem 
Kommandeur und erstattete Meldung. 

Colonel Brigham salutierte. 
»Bascom ist kein schlechter Offizier«, sagte der Colonel, als 

der Lieutenant sich entfernte. »Noch jung und unerfahren, 
doch…« 

»… stur nach militärischen Regeln handelnd«, unterbrach 

John Haggerty den Kommandanten. »Nicht beweglich, wenig 
selbständig, ohne klare Entscheidungsgewalt. Und nicht zuletzt 
wurde er im elterlichen Hause dazu erzogen, jede fremde 
Hautfarbe zu hassen. Alles dies trägt dazu bei, daß er ein Mann 
ohne Toleranz ist.« 

»Ein junger Mann.« 
»Sie sollten sich General Howards Vorschlag überlegen, 

Sir«, erinnerte Haggerty den Colonel. 

Als sie Brighams Dienstraum betraten, erschien Lieutenant 

Tapper, der die zuletzt eingerittene Patrouille geführt hatte, 

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zum Rapport. Er berichtete, daß es in der Ebene nichts 
Besonderes gegeben hatte und sie während des Rittes auf keine 
Apachen gestoßen waren. 

»Aber wir fanden einen Toten in der Primar-Schlucht, Sir. Es 

ist Farmer John Ward, dessen Anwesen zehn Meilen vom Fort 
entfernt liegt.« 

»Ward?« John Haggerty wechselte einen kurzen Blick mit 

Colonel Brigham, ehe er um Erlaubnis bat, den Toten sehen zu 
dürfen. 

Der Scout kam nach wenigen Minuten zurück. Er hielt das 

schwere Schlagmesser in der Faust, das Ward getötet hatte. 
Colonel Brigham merkte, daß der Scout ihn allein sprechen 
wollte. 

»Es ist gut, Tapper«, sagte er deshalb, »legen Sie Ihren 

Bericht schriftlich nieder.« 

Lieutenant Tapper grüßte, machte kehrt und verschwand. 
»Was gibt es?« wollte Brigham wissen. Er sah die Unruhe in 

Haggertys Gesicht, während er das blutverkrustete Messer auf 
den Schreibtisch legte. »Sie denken an etwas Bestimmtes, 
Lieutenant?« 

»Es sind die gleichen Gedanken, die auch Sie hegen, Sir. Es 

deutet nichts auf Wards Mörder hin, aber mein Gefühl sagt mir, 
daß Cochise den Verräter gerichtet hat.« 

»Das heiße im Klartext, Bascoms Leben ist in Gefahr.« 
»Im Augenblick wohl kaum. Cochise wird sich in die Berge 

zurückgezogen haben, bis Gras über die Sache gewachsen ist. 
Aber dann, Si…« 

»Ich werde Bascom in den nächsten Tagen in Marsch setzen, 

Lieutenant Haggerty. Aber es dürfte Bascoms Stolz 
empfindlich treffen.« 

Colonel Brigham durchquerte grübelnd den Raum. 
»Es wird zu seinem Wohle sein, Colonel. Vielleicht wird er 

es später verstehen.« 

»Wir wollen morgen darüber sprechen.« 

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Haggerty verabschiedete sich. Der Weg war lang gewesen 

und hatte ihn ermüdet. Im Offiziersheim fand er Unterkunft. Er 
sah Bascom, der an einem Tisch saß und fachliche Bücher 
studierte.  

Als Haggerty in der Nacht erwachte und durch das offene 
Fenster blickte, erkannte er Colonel Brigham, der unruhig 
hinter dem erleuchteten Fenster seines Dienstzimmers auf und 
ab lief. 

Am Morgen ließ der Kommandant ihn rufen. 
»Schreiner füllt gerade Bascoms Marschpapiere aus, 

Haggerty. Sie reiten nicht zufällig in die San Carlos 
Reservation?« 

John erahnte Brighams Sorgen, die ihm eine Nacht den 

Schlaf geraubt hatten. Er dachte an den weiten Ritt durch die 
Gila Desert und schüttelte den Kopf. 

»Ich habe eine traurige Mission in Santa Magdalena zu 

erfüllen, Sir. Millers Freundin Lily – Sie erinnern sich 
vielleicht an den gräßlichen Foltertod Millers – wartet auf eine 
Nachricht des Freundes. Miller war auch mein Freund, 
Colonel, ich bin es ihm schuldig.« 

Als Haggerty am Vormittag den Außenposten verließ, stand 

Lieutenant Bascom wütend am offenen Tor des Forts. 

»Meine Versetzung verdanke ich wohl Ihnen, Haggerty, und 

Ihrem Indianerfreund Jeffords. Ich konnte es mir fast denken, 
als Sie hier aufkreuzten. Aber diese Schweinerei werde ich 
Ihnen nicht vergessen.« 

John Haggerty lächelte über die Drohung. 
»In der San Carlos Reservation werden Sie die Not und das 

Elend erleben, mit dem diese Menschen leben, Bascom. 
Vielleicht finden Sie dort heraus, worauf der Haß der roten 
Rasse basiert.« 

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Der Chiefscout lockerte die Zügel und ritt an dem jungen 

Lieutenant vorbei auf die Paßstraße zu. 

Ein langer und nicht gerade angenehmer Weg lag vor ihm. 

Und wenn er an Lily, das Tanzmädchen in Santa Magdalena, 
dachte, hatte er es gar nicht eilig. Lily erfuhr noch früh genug, 
wie gräßlich ihr Freund gestorben war.  

Drei Tage und zwei Nächte lauerte Häuptling Cochise nahe der 
Quelle vor Fort Buchanan. Er erlebte John Haggertys Einzug 
ins Fort und den Tag, als der Falke nach Norden über die 
Paßstraße ritt. 

Er war von stoischem Gleichmut und grenzenloser Geduld, 

die seiner Rasse eigen war. Was bedeutete schon ein Tag, wo 
er der Rache so nahe war? 

Er lebte von Beeren und den bitteren Früchten des 

Mesquitestrauches, pflegte die tiefe Schnittwunde im Oberarm 
mit heilenden Kräutern und verbrachte viele Stunden im 
stummen Gebet mit seinen Göttern. 

Am dritten Tag, als holos, die Sonne, ihre Kraft in 

verschwenderischer Helle in die Weite des Tales warf, sah er, 
daß unten im Fort eine Patrouille ihre Vorbereitungen zum 
Ausritt traf. 

20 Reiter zählte Cochise, die durch das weite Tor in östlicher 

Richtung den Paß hinunter trabten. Offensichtlich war das 
offene Apachengebiet ihr Ziel. 

Trotz der Entfernung erkannte der Jefe Lieutenant Bascom, 

der auf einem starkknochigen Wallach an der Seite Lieutenant 
Tappers ritt. 

Cochises Augen leuchteten, als die Patrouille, in eine 

Staubwolke gehüllt, hinter der Wegbiegung verschwand. Mit 
einem letzten Blick zu den trutzigen Mauern Fort Buchanans, 
glitt er wieselflink durch das Dickicht zu seinem Mustang, der 

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abseits in einer schmalen Schlucht graste. 

Bascoms Weg war auch der seine, und irgendwann in den 

nächsten Tagen sollten sich ihre Fährten treffen. 

Der Apachen-Paß und das daran anschließende weite Land 

war Cochises Heimat. Seit seiner Jugend durchstreifte er 
jagend die weite Einsamkeit. So kannte er auf 100 Meilen im 
Umkreis jede Wasserstelle, jede Schlucht und jede Abkürzung, 
die aus dem Chiricahua-Bergmassiv in flache Gegenden führte. 

Cochise wählte die Schlucht, in der seit Tagen sein Pferd 

graste, legte dem Pinto ohne Eile Zaumzeug  und Decke auf 
und führte ihn südwärts durch die vielen Windungen des 
Arroyos. 

Mit stoischem Gleichmut zog er dahin. Einmal auf dem 

Rücken des Pintos sitzend, dann wieder das Pferd am losen 
Zügel führend, schonte er die Kraft seines Tieres, weil er nicht 
wußte, welche Strecke er noch vor sich hatte. 

Am späten Nachmittag stieß Cochise aus der schmalen 

Schlucht in den weiten Arroyo, der sich nach etwa 20 Meilen 
in den Plains verlor. 

Der Weg bestand aus losem Gestein und magerem 

Grasbewuchs. Tumbleweedsträucher, vom sanften Wind 
getrieben, rollten durch die Gegend. Skelettbäume ragten aus 
dem Boden. Organosfelder, Distelhaine und mächtige 
Kerzenkakteen veränderten ständig das landschaftliche Bild. 

Schroff ansteigende Felsgebilde, von Jahrtausenden geformt, 

gewaltigen Monumenten gleich, hoben sich vom diffusen Licht 
ab. Jedes von ihnen hatte für den Apachen eine eigene 
Bedeutung. Den Weißaugen wiesen sie den Weg. Den 
Indianern dagegen waren es diese gigantischen Formationen, 
die ihre Götter geschaffen hatten. 

Irgendwo dort draußen, wahrscheinlich an der Quelle des 

Lush, lagerten die Soldaten. Cochise konnte sie nicht erkennen, 
aber der Wind, der ihm den Rauch ihres Feuers entgegenwehte, 
bestimmte die Richtung. 

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Der Häuptling führte sein Pferd in eine flache Senke, setzte 

sich nieder und verfolgte den Lauf der Sonne, deren Schein die 
jenseitigen Bergkämme berührte und breite Schatten in die 
Ebene warf. 

Die Nacht kündigte sich an. 
Seine Gedanken waren bei den Göttern, und im Gebet suchte 

er Kraft und Stärke, Klugheit und Mut und ihr Wohlwollen für 
den bevorstehenden Kampf mit dem verhaßten Weißauge 
Bascom. Er erinnerte die Götter an die Verbrechen des 
Todfeindes und bat gleichzeitig um barmherzige Aufnahme der 
Seelen seiner ermordeten Neffen. 

So gestärkt vom Gebet, erhob sich Cochise, schob sein 

Kampfwerkzeug – Messer, Tomahawk und Rothautschleuder – 
hinter den Gurt und glitt mit lautlosen, federnden Schritten in 
die Dunkelheit. 

Nach einer Meile entdeckte er das flache Feuer in der Senke. 

Buschiges Grün umschloß die Quelle, an der die Soldaten sich 
niedergelassen hatten. Er sah ihre Pferde im Seilcorral und 
hörte ihr Gelächter. 

Cochise kroch, tief geduckt am Boden, näher, und ehe er im 

dichten Gebüsch untertauchte, klangen die Schritte des 
Wachtpostens auf, der ahnungslos, kaum eine Armlänge 
entfernt, nun langsam an ihm vorüberschritt. 

Wie leicht wäre es ihm gefallen, diesen Mann zu töten. Aber 

sein Besuch galt Lieutenant Bascom, der beim Feuer auf einer 
verrotteten Zebrachwurzel saß und mit Lieutenant Tapper eine 
erregte Unterhaltung führte. Cochise kroch näher heran. 

Kein Zweig bewegte sich, kein Laut verriet seine Gegenwart. 
Ihre Stimmen wurden deutlicher, so daß der Jefe jedes Wort 

verstand. Er hörte, daß Bascom auf dem Weg zur San Carlos 
Reservation war und die Patrouille ihn bis zur Basis der Gila-
Wüste begleiten sollte. 

Diese Informationen änderten Cochises Absichten, einfach in 

ihr Lager einzufallen, den Feind mit dem Messer zu erledigen 

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und anschließend zu fliehen. 

Die Gila ist groß und gnadenlos. 
In ihrer endlosen Weite wollte er Bascom begegnen und 

dessen Tod in jeder Phase erleben. 

»Haggerty hat meine Versetzung veranlaßt«, hörte der stille 

Lauscher Bascoms zornige Stimme. »Er füchtet, daß Cochise 
an mir Rache nimmt. Wie lächerlich ist doch die Vermutung, 
daß ich einen Wilden fürchten könnte. Ich bin Soldat und 
verstehe zu kämpfen. Was sucht ein Mann wie George N. 
Bascom in der Reservation zwischen stinkenden, faulenden 
Apachenbastarden? Erkläre mir das, Tapper, womit habe ich 
das verdient?« 

»Ein Befehl ist ein Befehl, Bascom«, erwiderte Tapper 

ausweichend. Er kannte die häßliche Geschichte von Bascom 
und Cochises Neffen. »Wir sind Soldaten und haben zu 
gehorchen. Letzten Endes ist es gleich, wo du deinen Mann 
stehst.« 

Bascom stocherte in der Glut, daß die Funken hochflogen. 
»Ich bin Frontier-Soldat, Tapper, und keiner dieser korrupten 

Reservationsagenten. Ich will kämpfen. Deshalb werde ich 
mich beim General zum Rapport melden und meine 
Rückversetzung nach Fort Buchanan anstreben. Bei dieser 
Gelegenheit werde ich General Howard meine Meinung über 
den Apachenfreund Haggerty darlegen, dem die Chiricahuas 
sogar mit einem ihrer Namen behangen haben: Falke. Daß ich 
nicht lache. Einen Geier würde ich ihn nennen, der sich im 
Hauptquartier einschmeichelt und es gleichzeitig mit 
Apachenweibern treibt.« 

Cochise lächelte in Gedanken, während er sich lautlos 

zurückzog. Er wußte nun, was den Falken nach Fort Buchanan 
getrieben hatte. Falke war ein kluger Mann, der der Zeit 
voraussah und die Seele der Chiricahuas kannte. Er wußte, daß 
Cochises Herz voller Haß und Trauer war und einen Weg 
suchte, den Tod seiner Verwandten zu rächen. 

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Aber Haggerty kam zu spät. 
Bascoms Schicksal war besiegelt. 
Lautlos wie ein Schatten bewegte sich Cochise durch die 

Nacht, und als er sein Lager erreichte, drängte er zum 
sofortigen Aufbruch. Er brauchte nicht mehr der Patrouille zu 
folgen, er kannte den einsamen Trail, der durch die Gila-Wüste 
zur San Carlos Reservation führte.  

»Leute«, rief Captain Freeman vom Podium herunter, das seine 
Helfer auf dem Parktplatz vor der Kirche aufgebaut hatten, 
»wie soll das weitergehen? Das Militär spricht von 
Friedensbestrebungen zwischen Regierung und den 
Apachenstämmen. Sie schicken Boten hin und Boten her, 
halten großes Palaver und trennen sich ohne Ergebnis. 
Tatsache aber ist, daß dieses Land immer wilder und mit jedem 
Tag gefährlicher wird. Chiricahuas und Mimbrenjos überfallen 
Handelskonvois, Postkutschen, Farmen und Ansiedlungen. 
Indianerbastarde reiten bewaffnet wie Soldaten in unsere Stadt, 
als wären sie die Herren im Lande. Der Rothaut ist es verboten, 
Waffen zu tragen, so bestimmte es das Gesetz. Doch was 
geschieht, Leute, offen vor unseren Augen? Das Gesetz schützt 
Kannibalen wie diesen Tarahumari, der zwei unserer besten 
Freunde erschossen hat. Und die Folge? Der Marshal steckt 
unbescholtene Bürger von Tombstone wegen 
Landfriedensbruchs oder ähnlicher Vergehen ins Jail. Sollen 
wir weiter all diese Auswüchse dulden, als wären wir 
Memmen?« 

»Tod den Chiricahuas!« brüllte jemand. »Tod den 

Mimbrenjos!« rief ein anderer geiernd. 

Die Meute, die das Pult umstand, geriet in Bewegung. »Tod 

allen Apachen!« schrien sie nun im Chor, und Freeman rieb 
sich zufrieden die Hände. 

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»Männer von Tombstone«, rief er, als der Lärm abebbte und 

seine Stimme Gehör fand, »worauf warten wir also? Nehmt 
eure Pferde, eure Waffen und verproviantiert euch ausreichend! 
Wenn das Militär unsere Städte, die Verbindungswege und 
unsere Siedler nicht beschützen kann, werden wir es selbst in 
die Hand nehmen.« Sein Arm deutete auf die Reiter, die am 
Straßenrand mit ihren Pferden standen. 

»Die Männer des Frontier Bataillons haben in mehreren 

Schlachten bewiesen, daß die Apachen zu besiegen sind. Aber 
wir sind nicht genügend ausgerüstet, um ihre Apacherias 
niederzubrennen, sie mit Blei und Feuer hinunter nach Mexiko 
zu treiben, um endlich den ersehnten Frieden zu finden. Wer 
also einen Karabiner bedienen kann und den nötigen Mut 
aufbringt, der möge sich in einer Stunde auf dem Marktplatz 
einfinden. Wir reiten tief in die Plains und zeigen es den roten 
Teufeln…« 

Wieder tobte die Menge, aufgestachelt von Captain »Lions« 

feurigen Reden. 

Dann verteilten sie sich. 
Marshal Marley, der die Geschehnisse vom Office aus 

verfolgte, war sich über die ungeheure Tragweite von 
Freemans Handeln im klaren, denn wenn es dem gelang, die 
Miliz zu verstärken und in weiteren Towns neue Anhänger zu 
gewinnen, so daß sein wilder Haufen zu Kompaniestärke 
anwuchs, würde Arizona bald von grausamen 
Auseinandersetzungen heimgesucht, und kein Siedler war mehr 
seines Lebens sicher. 

Andrew Marley löste sich aus dem Schatten des 

Vorbaudaches, ging mit weit ausgreifenden Schritten Freeman 
entgegen, der mit grimmiger Miene vom Pult gestiegen war 
und unterwegs zu seinen Leuten war. 

»Mr. Freeman«, sagte Marley scharf, als sie sich begegneten, 

»Ihr Kriegsgeschrei führt zur offenen Auseinandersetzung 
zwischen Rothäuten und den Weißen. Sie erkennen wohl nicht 

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die Folgen Ihrer Absichten, die dahin führen, daß sich die 
verfeindeten Apachenstämme vereinen und mordend und 
brandschatzend durchs Land ziehen werden. Warten Sie's ab, 
keine Siedlung wird mehr vor ihren Übergriffen sicher sein. 
Kein Reisender wird ungeschoren das Apachenland 
durchqueren können. Und das nur, weil Ihre Arroganz und 
Selbstverherrlichung nach dem Glorienschein verlangt.« 

Captain Freeman betrachtete den Sternträger mit 

verächtlichem Blick. »Es ist nicht das erste Mal, daß wir gegen 
das Gesindel ziehen, Marshal Marley«, entgegnete er dann 
scharf, »und es ist nicht der erste Sieg, den wir erringen.« 

»Bisher trat Ihre Miliz nur in Aktion, wenn weiße Siedler 

gefährdet waren. Nun sind Sie der Angreifer.« 

»Wo liegt da der Unterschied, Marshal? Sie oder wir, einer 

ist immer der Angreifer. Aber Sie werden sich dieses Tages 
erinnern, wenn wir das rote Pack über die Südgrenze getrieben 
haben und Arizona aufblühen wird.« 

»Ich werde General Howard von Ihren Absichten 

orientieren.« 

»Das ist Ihre Sache…« 
Freeman sah nun, daß aus allen Straßenzügen Männer zum 

Marktplatz geritten kamen, um mit Freemans Miliz auf »Jagd« 
zu gehen. Alte und junge Leute, manche kaum vierzehn Jahre 
alt und noch schulpflichtig. Der ehemalige Captain stand am 
langen Tisch, den man aus der nahen Kneipe geholt hatte, und 
überprüfte die Rekrutierung der Neuen. Nach einer Stunde war 
die Aktion abgeschlossen. Freeman bereitete den Aufbruch 
vor. 

Da sie längere Zeit unterwegs sein würden, brauchten sie 

Handpferde und Vorräte für wenigstens eine Woche. Das alles 
ließ er zusammentragen, und am späten Nachmittag brach das 
Frontier Bataillon in einer Stärke von 30 Reitern auf. 

Marshal Marley stand am Stepwalk und blickte schweigend 

hinter der Truppe her. Böse Ahnungen beschlichen ihn, denn er 

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wußte, daß Freemans eigenmächtiger Feldzug endgültig den 
Bruch zwischen Cochise und den Weißen bedeutete. 

»Johns«, sagte er zu seinem Deputy, der vom Fenster aus 

ebenfalls den Abmarsch der Miliz beobachtete, »sattle dir ein 
schnelles Pferd und reite in General Howards Zeltlager! 
Berichte, welche Absichten Freeman hat. General Howard ist 
der einzige, der den verrückten Captain stoppen kann, ehe es 
zur Eskalation kommt. Verdammt«, fluchte er plötzlich los, 
»dieser Narr glaubt, mit dreißig Mann die Apachen aus ihrem 
Land vertreiben zu können.«  

Lieutenant George N. Bascom hatte plötzlich das Gefühl, nicht 
mehr allein durch diesen heißen Wüstenstreifen zu reiten. 

Tags zuvor, als er einmal unwillkürlich zurückgeblickt hatte, 

glaubte er in der schillernden und flimmernden Luft einen 
Reiter auf einem der flachen Hügel gesehen zu haben. Für 
einen Augenblick nur, dann war dieses Bild wieder 
verschwunden gewesen. Der Offizier hatte es als Halluzination, 
als ein Zerrbild hingenommen, das die glühende Sonne und die 
kochende Erde hervorrief und schon manchen Wanderer in 
dieser Region getäuscht hatte. 

Dennoch unterließ er es, in der Nacht ein Feuer zu 

entzünden, dessen weithin leuchtender Schein ungebetene 
Besucher hätte anlocken können. 

Vor einer Woche hatte er sich von Lieutenant Tapper und 

dessen Patrouille getrennt und war allein weitergezogen. Seit 
diesem Zeitpunkt war ihm keine Menschenseele begegnet. 

Nur einmal war er auf einige ausgebrannte Murphy-

Frachtwagen gestoßen, die Mark Billing geführt hatte, ehe 
Apachen den Treck überfallen und ausgeplündert hatten und 
erst später Hilfe aus Tombstone gekommen war. Der feine 
Sand hatte bereits Teile der Wracks verdeckt. 

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Am Morgen hatte er am Wasserloch ein verlassenes Lager 

einer Apachengruppe passiert, die einige Zeit in der Wüste 
gelebt hatte, wie die zurückgelassenen Zeltstangen ihrer 
Wickiups bewiesen, doch der Wind hatte alle Spuren 
verwischt. 

Daraus hatte Bascom geschlossen, daß die nomadisierenden 

Apachen etwa vor zwei Wochen weitergezogen waren. 

All diese Dinge beschäftigten ihn, als er entschlossen einem 

der Monumentfelsen entgegenstrebte, von deren Höhe das 
Land weithin zu überblicken war. 

Lieutenant Bascom wollte sich Klarheit verschaffen, ob sich 

noch Fremde in der Gegend aufhielten. 

Er sah nichts, er hörte nichts, aber er spürte instinktiv, daß 

etwas um ihn vorging, dessen Folgen er nicht erkannte. Die 
Vision, die er tags zuvor hatte, verwarf Bascom, an ein Irrbild 
wollte er nicht mehr glauben. 

Irgendwer war ihm auf den Fersen. 
Ein einzelner Reiter? Ein Späher einer jagenden 

Apachengruppe? 

Vielleicht. 
Lieutenant Bascom führte das Handpferd in ein hohes 

Organosfeld, wo er es zurückließ, weil das Tier auf dem 
beschwerlichen Weg in die Höhe nur ein Hindernis war, und 
wagte den Aufstieg zum Bergmassiv. 

Eine Stunde lang bewegte er sich den Steilhang hinauf, bis er 

die senkrecht abfallenden Felshänge erreichte, deren 
Besteigung selbst für einen geübten Kletterer unmöglich war. 

Doch von hier aus hatte er einen Weitblick über den 

östlichen und südlichen Teil der Gila. Umständlich zog er 
seinen Feldstecher aus der Satteltasche und musterte die 
Umgebung. 

Bascom war peinlich genau und gewissenhaft, so, wie er es 

auf der Kadettenschule in West Point gelernt hatte. Aber sosehr 
er sich auch bemühte, etwas zu entdecken, das seine 

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Vermutung bestätigte, die Gila war eine leere, ausgebrannte 
Wüste, über der das Flimmern einer Hitzeglocke hing. Nur im 
Südwesten sah er das glitzernde Band des Santa Cruz. 

Am Nachmittag stieg er mit ziemlich gemischten Gefühlen 

talwärts und schrieb den schnöden Verdacht der Einsamkeit zu, 
die ihn belastete. Er war es gewohnt, mit Menschen zu leben, 
und nun ritt er bereits vier Tage allein, die gleiche Zeit etwa, 
die er noch brauchte, um die Grenze der Reservation zu 
erreichen. 

Als er das Kakteenfeld erreichte, blieb er überrascht stehen. 

Sein Handpferd war verschwunden. Es mußte sich losgerissen 
haben, wie die Spuren im tiefen Sand zeigten. 

Bascom nahm es gelassen hin, weil er glaubte, den Bastard 

von einem Gaul bald einholen zu können. 

Doch dann fand er andere Spuren im Sand. Flache Abdrücke, 

die ohne Zweifel von weichen Indianerstiefeln stammten. Sie 
verliefen an der Seite des Tragtieres nach Westen, direkt ins 
wellige Hügelland. 

Dann hatte er doch recht behalten. Irgendeine Rothaut war 

ihm nachgeschlichen und hatte den günstigen Augenblick 
genutzt, sein Versorgungspferd zu stehlen. 

Diesem räuberischen Apachenpack werde ich Beine machen, 

dachte Bascom zornig und trieb dem Wallach die Sporen in die 
Flanken. 

Der Dieb hatte etwa drei Stunden Vorsprung, den Bascom 

bald aufzuholen gedachte. Er schonte weder sich noch den 
Wallach, der im gestreckten Galopp durch die Wüste preschte. 

Im Dämmerlicht sah er einen Reiter, weit voraus auf einem 

Hügel verharrend, so, als wollte er den Verfolger verhöhnen. 
Für einen Moment bremste er die schnelle Gangart seines 
Pferdes, blickte durch den Feldstecher und musterte den 
einsamen Mann, der sein – Bascoms – Handpferd mitführte. 

Es war ein großer stattlicher Typ, den er auf die Entfernung 

hin nicht erkennen konnte. Aber er erinnerte ihn an Cochise. 

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Ein Gedanke, den Bascom jedoch sofort wieder verwarf. 

Der Häuptling hatte sich nach dem Mord an Rancher Ward in 

die Berge zurückgezogen und weilte wohl in seiner Apacheria, 
bis Gras über die Sache gewachsen war. 

Lieutenant Bascom verstaute sein Fernglas und lockerte die 

Zügel. Er war entschlossen, den Dieb nicht entkommen zu 
lassen. 

Das Land wurde unübersichtlich. Der Boden zeigte tiefe 

Risse. Distelwerk und die Kugelbüsche, Tumbleweeds, 
bedeckten die Erde. Mächtige Organoskakteen reckten sich, 
Orgelpfeifen gleich, gen Himmel. Dazwischen ragten, ihre 
grünen Arme angewinkelt, gewaltige Kerzenkakteen. Eine 
Insel niederer Vegetation, die in Bascom die Vermutung 
aufkommen ließ, daß hier, versteckt im Grün, eine Wasserstelle 
verborgen sein mußte. 

Sengende Hitze und brennender Durst verminderten seine 

Aufmerksamkeit, als er in den weiten Kessel des 
Organosbewuchses ritt, hoffend, eine Quelle zu finden. 

Und für Sekunden vergaß Lieutenant Bascom seine 

eigentliche Aufgabe: den Apachendieb zu erwischen. 

Um so überraschter war der junge Offizier, als er am Ende 

des Feldes einen Reiter entdeckte. Groß und stattlich war er, 
und seine dunkle Haut schillerte im Widerspiel der 
untergehenden Sonne. 

Trotz der Entfernung erkannte er den Dieb: Cochise, der 

Häuptling der Chiricahua- Apachen. 

Im gleichen Atemzug begriff er, daß es kein gewöhnlicher 

Pferdedieb war. Cochise hatte ihn bewußt in eine Falle gelockt. 

Bascom zog sein Gewehr aus dem Scabbard, und eine Serie 

Kugeln sirrte durch die Orgelpfeifen der Organos, dorthin, wo 
der Häuptling noch kurz zuvor gestanden hatte. 

Er traf nur das saftige Fleisch der Kakteen, denn der Indianer 

hatte irgendwo im Grün Deckung gefunden. 

»Cochise!« rief Bascom gellend vor Zorn und schob den 

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leergeschossenen Karabiner in den Scabbard zurück. »Zeige 
dich, du verdammter Bastard! Verkrieche dich nicht wie ein 
feiger Kojote, sondern kämpfe wie ein Mann!« 

Als die Antwort ausblieb, nahm Lieutenant Bascom einen 

neuen Anlauf, um Cochise herauszufordern. 

»Du wirst wissen, daß ich deine Neffen und deinen Bruder 

habe hängen lassen, Cochise. Ich werde auch dich aufknüpfen, 
an den höchsten Arm einer Kerzenkaktee. Die Geier werden 
bestimmt ihre Freude an dir haben.« 

Bascom horchte. Er registrierte die ständig wachsende 

Erregung, ohne daß sie hätte als Angst bezeichnet werden 
können. 

Schwacher Wind war aufgekommen, fächelte durch das 

Distelgesträuch und streifte die Organos. Diese fremdartigen 
Geräusche verschluckten den flachen Hufschlag von Cochises 
Mustang, der in westlicher Richtung das Gestrüpp umging und 
unvermutet hinter dem Offizier auftauchte. 

Bascom hörte nun das Stakkato tackender Hufe. Seine 

Rechte zuckte zur Revolvertasche, als der legendäre Häuptling 
auf wenige Schritte heran war und ihn niederzurennen 
versuchte. 

Der Anprall ihrer Pferde war von brutaler Härte und ließ 

Bascom im Sattel schwanken. Dabei verlor er den 
Armeerevolver, der in den lockeren Sand fiel. Fast gleichzeitig 
spürte er den höllischen Schmerz, den Cochises 
niedersausender Tomahawk an seiner Schulter verursachte. 
Eine unbedeutende Wunde nur, aber das warme Blut rann unter 
der Uniform. Bascom griff in seiner unbändigen Wut zum 
Kavalleriesäbel. 

Cochise riß etwa zehn Yards weiter mit hartem Ruck seinen 

Pinto herum. Wiehernd steilte das Pferd und drehte sich im 
Kreis. 

Wie angegossen saß der Jefe auf dem Mustang. In der 

erhobenen Faust blitzte die blutige Schneide des Tomahawks. 

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Seine Augen funkelten vor Haß, der Bascom klar zu erkennen 
gab, daß Cochise keine Gnade walten lassen würde und 
gekommen war, um seine Verwandten zu rächen. 

Der wilde Ausdruck im Gesicht des hünenhaften Häuptlings 

beeindruckte Bascom nicht. Auch er wollte kein Pardon geben. 
Und so schwang er den schweren Säbel hoch, lockerte die 
Zügel und ritt Attacke. 

Bascom war ein guter Reiter, und der harte Drill der 

Militärakademie hatte ihn zu einem starken Kämpfer geformt, 
doch schon der erste Zusammenprall zwischen Tomahawk und 
Breitsäbel machte dem Offizier klar, daß Cochises Kriegsbeil 
die vorteilhaftere Waffe war. Bascoms blinkende Klinge bog 
sich wie eine Feder, die singend zurückkatapultierte. 

Der erste Schlagwechsel ließ den Ausgang des Kampfes 

offen. Fast gleichzeitig zogen sie die Pferde herum, 
galoppierten mit unverminderter Heftigkeit aufeinander los. 

In Cochises Faust wirbelte das Beil. Bascoms Säbelspitze 

zielte zum Stoß auf den bronzefarbenen Brustkorb des 
Häuptlings. 

Jetzt, dachte der Lieutenant im stillen Triumph, und sein 

Stoßarm wurde starr wie eine Säule. Für Bruchteile von 
Sekunden sahen sie sich in die Augen, dann duckte sich der 
Chiricahua längs der Flanke seines Mustangs. 

Bascoms Stoß ging ins Leere, dafür spürte er den harten 

Aufprall des Tomahawks, das das Leder seines Sattels 
schlitzte, und schon war der Pinto an ihm vorbei. 

Der Wallach des Offiziers lahmte plötzlich. Er stieg 

schmerzhaft wiehernd auf die Hinterhand und drehte sich in 
wahnsinniger Schnelligkeit um die Achse. Der Lieutenant 
erkannte, daß Cochises wuchtiger Axtschlag den Sattel übel 
zugerichtet hatte und in die Flanke des Pferdes gefahren war, 
wo er eine tiefe Wunde hinterlassen hatte. 

Der Wallach war in seinem Schmerz nicht mehr zu bändigen. 

Er bockte, sprang und keilte nach allen Seiten aus. Er mußte 

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jeden Moment zusammenbrechen. Deshalb zog er die Füße aus 
dem Steigbügel und ließ sich einfach in den weichen Sand 
fallen. 

In diesem Augenblick knickte der Wallach ein, schlug 

seitlich nieder und strampelte hilflos mit den Läufen. 

Cochise sprengte heran. Ein wilder Schrei wehte über seine 

Lippen, das Kriegsbeil wirbelte in der Faust. Instinktiv rollte 
sich der Lieutenant in die Flanke seines Pferdes. So, im toten 
Winkel liegend, preschte der Gegner an ihm vorbei. 

Bascom griff nach dem entfallenen Kavalleriesäbel, sprang 

wütend auf die Beine und sah, daß der Häuptling vom Pferd 
geglitten war und mit federnden Schritten näher kam. Ein 
hünenhafter Bursche von fünfeinhalb Zoll Größe, breitbrüstig, 
muskulös, sehnig. Ein Bündel geballter Kraft dem Lieutenant 
Bascom nur seinen eigenen Mut entgegenzusetzen hatte. 
Cochises Adlernase erinnerte an den Schnabel eines Kondors, 
und die starken Zähne, die im Dämmerlicht leuchteten, wirkten 
furchterregend. 

»Holos (die Sonne) verdeckt ihr Gesicht und schickt die 

Geister der Nacht, die dich ins Totenreich führen, Weißauge«, 
rief Cochise triumphierend. »Die Stunde der Abrechnung ist 
gekommen!« 

Lieutenant Bascom wich einige Schritte zurück, als der Jefe 

ihn ansprang. Die Klinge seines Säbels prallte mit schrillem 
Ton gegen Cochises Tomahawk. Ein heller Klang, der an eine 
Totenglocke erinnerte. Der Schlag des Apachen war von 
solcher Wucht, daß es Bascom fast den Arm ausriß. Die Waffe 
prallte aus seiner Hand und steckte wippend im heißen Sand. 

Eine klaffende Wunde, von Cochises Kriegsbeil geschlagen, 

führte von der Schulter hinunter zur Elle. 

George N. Bascom spürte nicht den brennenden Schmerz. Er 

hörte nur Cochises wilden Schrei und dachte, daß irgendwo in 
der Nähe sein Armeerevolver liegen mußte. Instinktiv wandte 
er sich zur Flucht. 

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Der Chiricahua-Häuptling folgte ihm. 
Schnell, leichtfüßig, berührten seine Füße kaum den Boden. 
Bascom entdeckte den grauen Schatten im Sand. 
Sein Colt! 
Er quälte sich mit letzter Kraft vorwärts, bückte sich, hob mit 

der unverletzten Linken die Waffe hoch und wirbelte um die 
Achse. Der triumphierende Funke in seinen Augen erlosch, 
denn noch ehe er die Waffe in Anschlag bringen konnte, 
durchzuckte ein grauer Schatten die Dämmerung. Einer Lanze 
gleich durchstieß sein eigener Säbel, von Cochises Hand 
geführt, seine Brust. 

Nur einen Augenblick lang stand der Sterbende auf 

wankenden Beinen. Seine Fäuste umklammerten den glatten 
Stahl, und sein erlöschender Blick streifte noch einmal den 
Häuptling, der – keine drei Schritte entfernt – breitbeinig im 
Sand stand und an seine Neffen Yadalanh und Giannahtah und 
an seinen Bruder Naretana dachte, für die der Weg ins Große 
Reich der Götter nun offenstand. 

Ihr Tod war gerächt. 
Mit diesem Gedanken verlor sein Antlitz an Wildheit. Ruhe 

und Frieden kehrten ein, und als Lieutenant Bascom tot 
niederfiel, trat Cochise näher und nahm den breiten Säbel. 

Er wollte den Mörder seiner Neffen und des Bruders an den 

Uferhängen des Santa Cruz begraben und den Säbel als 
Zeichen seines Triumphes auf Bascoms Hügel pflanzen.  

Während Freemans Frontier Bataillon einen Straffeldzug 
ohnegleichen führte, Rancherias und kleinere Apachendörfer in 
Tälern und auf Bergen niederbrannte und erbarmungslos jeden 
roten Mann jagte, suchte John Haggerty in Santa Magdalena 
tröstende Worte für Lily, das Barmädchen im »Galiuro Inn«. 
Es fiel ihm schwer, von Millers schrecklichem Tod zu 

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sprechen, weil er wußte, wie sehr die beiden Menschen 
miteinander verbunden gewesen waren. Seine tröstenden 
Worte klangen fade, drückten Hilflosigkeit aus und konnten 
Lilys Tränenströme nicht aufhalten. 

»Seine letzten Gedanken waren sicher bei Ihnen, Lily«, sagte 

Haggerty nach einer Weile tiefen Schweigens. Er reichte Lily 
sein Taschentuch. »Das hat sein Sterben erleichtert.« 

Wie leer seine Worte klangen. Er sah es an Lilys 

verzweifeltem Gesicht. 

Breite Tränenbäche zogen über die Haut und gruben tiefe 

Furchen in die Schminke. Ihre Achseln zuckten unablässig, als 
sie schluchzend sagte: 

»Tröstende Worte bringen ihn nicht ins Leben zurück. Ich 

kenne den Schmerz der Apachenmarter und glaube, er hat mehr 
an einen schnellen Tod gedacht als an ein Tanzmädchen in 
Santa Magdalena. Sprechen wir nicht mehr darüber, John. Das 
Leben geht weiter.« 

Sie erhob sich hastig und eilte die breite Treppe zum 

Obergeschoß hoch. 

Als sie nach einer Stunde zurückkehrte, wirkte sie 

beherrscht, fast gelassen. Sie bediente ihre Gäste, lachte und 
scherzte und schien das tragische Geschick ihres Freundes 
vergessen zu haben. 

Aber John Haggerty sah hinter ihre künstlich aufgebaute 

Fassade und wußte, daß Lily Miller so schnell nicht vergessen 
konnte. 

Nachdenklich verließ er den Saloon. 
Erst als er gemächlich durch die Town schlenderte, fiel ihm 

das hektische Treiben in den Straßen auf. Menschen hasteten 
hin und her, und als John die letzten Häuser erreichte, stellte er 
fest, daß Männer dabei waren, ihre Stadt zu befestigen, als 
erwarteten sie einen Angriff. 

Hier traf er auch Sam Taplin, den Bürgermeister von Santa 

Magdalena, der sich an den Ausbauarbeiten beteiligte. Sie 

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beide kannten sich von früheren Besuchen Haggertys her. 

»Sie rüsten, als wäre Santa Magdalena in akuter Gefahr, Mr. 

Taplin«, begann General Howards Chiefscout die 
Unterhaltung. »Erwarten Sie vielleicht einen Angriff?« 

Sam Taplin, der von Haggertys Diensten in der Armee 

wußte, lächelte verlegen. 

»Die Befestigung dient reinem Selbstzweck, Mr. Haggerty. 

Dieses verdammte Land steckt voller Überraschungen, und 
wenn nicht bald jemand Captain ›Lion‹ zurückpfeift, wird es 
mächtigen Ärger mit den Apachen geben.« 

»Freeman?« John Haggerty war sichtlich überrascht. »Ich 

denke, der verrückte Kerl sitzt friedlich in Tombstone und drillt 
seine Miliz?« 

Der Bürgermeister schüttelte heftig den Kopf. 
»Sie wissen nicht, daß Freeman mit seinem Frontier 

Bataillon durch das Südwest-Territorium reitet und den 
Apachen ihre Seelen aus dem Hals hetzt? Man sagt, er habe 
beträchtliche Erfolge. Einige Rancherias am Santa Cruz haben 
sie niedergebrannt und Häuptling Chatos Apacheria in der 
Sierra Madre angegriffen. Es soll viele Tote gegeben haben – 
Männer, Frauen, Kinder.« 

»Das sind Gerüchte, Mr. Taplin, denen man keine Bedeutung 

beimessen sollte«, sagte Haggerty. 

Dennoch war er beunruhigt, denn hinter jedem Gerücht stand 

erfahrungsgemäß auch ein Funken Wahrheit. 

Bill Freeman hatte in letzter Zeit sehr oft in 

Bürgerversammlungen gefordert, die Apachen alle 
umzubringen. Ein unbeherrschter Mann, ein Draufgänger, der 
glaubte, in Bürgerkriegsmanier gegen Apachen kämpfen zu 
können. 

Er, John Haggerty, hatte seine Erfahrungen mit Chiricahuas 

und Mimbrenjos. Er kannte ihre Kriegsführung, ihre 
Verschlagenheit. In offener Schlachtordnung war ihnen nicht 
beizukommen. 

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Aber wer redete vom Krieg? 
General Howard war im Südwest-Territorium, um einen 

Frieden mit den Apachen auszuhandeln. Nicht als Feldherr, 
sondern als ihr Freund und Berater. Mit Thomas Jeffords' 
Hilfe, der Cochises Freund und Blutsbruder war, bestand 
begründete Hoffnung auf eine friedliche Einigung aller 
Probleme. 

Und nun sollte Captain Freeman eigenmächtig handeln? 
»Gerüchte?« hörte John den Bürgermeister sagen. »Na, dann 

kommen Sie mal mit, Mr. Haggerty.« 

Der Townmayor legte sein Werkzeug ab und führte den 

Scout die Straße hoch zum Postoffice, das gleichzeitig die 
Telegraphenstation in Santa Magdalena war. Er machte ihn mit 
dem Posthalter bekannt. 

»Und nun, Jeff«, sagte der Bürgermeister zu dem Mann, 

»erzähle Mr. Haggerty, was dein Telegraph so täglich flüstert.« 
Er sah, daß der Postmaster zögerte. »Du verrätst kein 
Geheimnis, Jeff. Mr. Haggerty ist Lieutenant der Armee und 
zugleich General Howards Chiefscout. Außerdem ist er Mr. 
Jeffords' Freund, und der ist dein oberster Boß, Jeff. Eigentlich 
müßte Mr. Haggerty über alles informiert sein, aber er scheint 
blind zu sein wie Hamiltons Grubenesel in Pinos Altos.« 

Jeff Moran grinste. 
»Die alten oder die neuen Geschichten, Sam?« 
Nach kurzem Zögern antwortete Taplin: 
»Na, einfach alles, Jeff.« 
Er setzte sich auf einen Stuhl, weil es wohl eine langatmige 

Sache werden sollte. 

John Haggerty erfuhr nun aus berufenem Munde Dinge, die 

ihn zutiefst erschreckten. Freeman bewegte sich mit seiner 
Miliz südwärts auf Sonora zu. Es war eine böse Saat, die bald 
aufgehen mußte. 

»Captain Freeman ist wütend, seitdem er erfahren hatte, daß 

John Ward von Cochise umgebracht wurde. Und er tobte wie 

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wild, als er erfuhr, daß der Jefe einen Offizier aus Fort 
Buchanan ermordet hat.« 

»Seinen Namen?« fragte der Scout, und eine dunkle Ahnung 

beschlich ihn. 

»Basom oder so ähnlich«, berichtete der Postmaster 

bereitwillig. »Eine Militärpatrouille fand ihn am Ufer des Santa 
Cruz.« 

»George N. Bascom«, murmelte John Haggerty. »Cochise 

war also schneller gewesen.« 

»Sie kennen den Offizier?« fragte Taplin. 
»Habe ihn gekannt, ja. – Entschuldigung, Mr. Moran.« 
»Je weiter sich Captain Freemans Bataillon nach Süden 

bewegt, um so unsicherer wird es im Santa Cruz County. 
Cochises Chiricahuas überfallen nun ihrerseits vereinzelt 
stehende Farmen. Die Butterfield Company erwägt, den 
Postkutschenverkehr nach Tucson einzustellen, weil ihre 
Wagen mehrmals angegriffen wurden. Ein Gerücht besagt, 
Victorio, der Mimbrenjo-Häuptling, habe Cochise zu einem 
Palaver eingeladen. Sie werden sich denken können, worauf 
das hinausläuft.« 

John Haggerty überlegte. Cochise und Victorio waren 

miteinander uneins. Victorio lebte in der San Carlos 
Reservation, und seine gelegentlichen Raubzüge führten ihn 
fast ausschließlich nach Sonora oder Chihuahua. 

Aber da war dieser Tarahumari-Scharfschütze, dem er in 

Tombstone begegnet war und der behauptet hatte, eine 
wichtige Botschaft vom mexikanischen Colonel Terraza für 
General Howard mitzuführen. 

Lag etwa hier ein Zusammenhang zwischen Cochise und 

Victorio vor? Entschlossen wandte er sich an den Postmann. 

»Versuchen Sie, das Hauptquartier Süd-West zu erreichen. 

Fragen Sie an, ob General Howard anwesend ist. Erwähnen Sie 
meinen Namen. Wie lange wird es dauern, bis die Depesche 
beantwortet wird?« 

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»Vier Stunden, Mr. Haggerty. Mein Bericht hat Sie wohl aus 

der Hose gehauen?« Moran grinste, während er dem Scout 
Papier und Feder zuschob. »Schreiben Sie Ihren Text, Mister.« 

Als Haggerty einige Fragen aufgeschrieben hatte, verließ er 

das Postoffice. 

Jeff Moran pfiff leise durch die Zähne, als er den Text las. 
»Dein John Haggerty hat beachtliche Verbindungen, Sam 

Taplin. Er möchte auch wissen, wo sich gegenwärtig der 
Postinspektor aufhält.« 

Der Townmayor erhob sich umständlich. 
»Ich sagte dir ja, daß Jeffords sein Freund ist.« 
John betrat noch einmal den »Galiuro Inn«. Es war 

Spätnachmittag, und Lily war sehr beschäftigt. Sie trug eine 
bunte Schleife in ihrem brandroten Haar, und sie lächelte 
müde. 

Sie fanden kaum Zeit, miteinander zu sprechen. Als sie sich 

dann doch noch trafen, sagte Lily: 

»Sie werden die Stadt bald verlassen, John. Ich sehe es Ihnen 

an.« 

»Vielleicht, Lily. Es kommt auf die Order an, die man mir 

geben wird.« 

John verließ bald danach die Schänke. 
Die Straße herauf zogen ein paar hochbepackte Buckboard-

Wagen, auf denen einige verschüchterte Frauen und Kinder 
saßen. Männer gingen nebenher und führten die Gespanne. Sie 
sprachen heftig auf Sam Taplin ein. 

Als der Bürgermeister Haggerty erkannte, löste er sich aus 

der Gruppe und kam mit langen Schritten auf den Scout zu. 

»Das sind Siedler vom Santa Cruz, Mr. Haggerty. 

Mimbrenjo-Horden haben sie gestern nacht überfallen, ihre 
Häuser niedergebrannt und das Vieh fortgetrieben. Sie suchen 
Schutz in Santa Magdalena. Verstehen Sie nun, warum wir 
unsere Stadt befestigen?« 

Haggerty nickte stirnrunzelnd. Er dachte an Freemans 

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Vigilanten, die Unruhen ausgelöst hatten. In seine Gedanken 
hinein eilte Moran atemlos die Straße hoch. 

Er schwenkte ein Papier in der Hand. 
»Mr. Haggerty«, rief er schon von weitem, »Mr. Haggerty! 

Ich bekomme keine Verbindung nach außen. Der Telegraph ist 
tot. Irgendwelche Dreckskerle haben die Leitung 
durchgeschnitten.« 

John Haggerty blickte dem Wagenzug nach. 
»Sie sollten Ihre Befestigungsanlage weiter vorantreiben, 

Bürgermeister. Es sieht nicht gut aus im Territorium.« 

»Und Sie, Mr. Haggerty?« fragte Sam Taplin ängstlich, 

»werden Sie für Hilfe sorgen?« 

Der Chiefscout lächelte. 
»Meine Macht ist nicht so groß, daß ich Ihnen Militär zum 

Schutz anbieten kann. Aber ich werde zum Hauptquartier 
reiten und General Howard bitten, daß er Freemans Treiben ein 
Ende setzt. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.« 

Während John zum Mietstall eilte, um sein Pferd zu holen, 

dachte er an die Unruhen, die immer wieder im Apachenland 
aufflackerten und dennoch zu kontrollieren waren. Dieses Mal 
jedoch schien es ernster zu werden, denn sollten Cochise und 
Victorio sich vereinen, wurde aus ihren Stämmen eine nicht zu 
unterschätzende Streitmacht, die eine tödliche Bedrohung aller 
Weißen im Südwest-Territorium bedeutete. 

Als John Haggerty Santa Magdalena verließ, sah er am 

fernen Horizont dunkle Wolken über das Land ziehen. 

Rauchwolken. 
Plündernde Mimbrenjokrieger hatten wohl die blühenden 

Maisfelder der Siedler in Brand gesteckt. Wie eine mächtige 
Brandfackel zog das Feuer über die Hügel am Santa Cruz und 
näherte sich der Stadt…  

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Cochise hielt es nicht lange in seiner Berg-Apacheria. Seine 
Späher berichteten vom grausamen Treiben der Vigilanten und 
ihrer willkürlichen Vernichtung kleiner Apachendörfer, wie 
auch von der Treibjagd auf den roten Mann. 

Erzürnt über diese schlechten Nachrichten brach Cochise mit 

50 seiner besten Krieger auf, operierte kurze Zeit nahe des 
Apachen-Passes, brach sein Versprechen, das er seinem 
Blutsbruder Thomas Jeffords gegeben hatte, und griff die 
Überlandkutschen der Butterfield Line an. Es kam zu heftigen 
Gefechten mit dem Begleitpersonal und patrouillierenden 
Einheiten aus Fort Buchanan. 

Wegen der Übermacht des Militärs wandte er sich nach 

Süden und folgte der blutigen Spur, die Freemans Miliz 
hinterlassen hatte, stieß auf niedergebrannte Zeltdörfer und 
Hügel, unter denen ganze Dorfgemeinschaften begraben lagen, 
und wurde mit jedem Tag, den er Freemans Vigilanten näher 
kam, zorniger. 

An einem Abend kehrten seine ausgesandten Späher zurück. 

Sie wußten von einer Ansammlung Bewaffneter zu berichten, 
die nahe dem Santa Cruz ihr Lager aufgeschlagen hatten. 

Der Jefe hörte mit leuchtenden Augen ihre Worte, nahm sein 

schnellstes Pferd und ließ sich von seinen Spähern zum 
angegebenen Ort führen. 

Weithin sichtbar leuchtete das Feuer zwischen den Hügeln, 

so, als fürchtete die Miliz nichts und niemanden. 

Cochise betrachtete es als eine Herausforderung. Er und 

Lobo, einer seiner Begleiter, ließen ihre Pferde zurück und 
glitten lautlos durch das flache Gras auf das geschützt 
zwischen Husache- und Zapotesträuchern gelegene Camp zu. 

Die Nacht bedeckte wie ein dunkles Tuch ihre Körper, als sie 

ins Dickicht eindrangen. Sie vernahmen Stimmengewirr und 
sahen viele Männer, die am offenen Feuer saßen oder in dessen 
Nähe unter ihren Decken schliefen. 

Lobo, der an Cochises Seite lag, deutete auf den hageren 

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Mann in dem Kreis, der lose einen dunklen Militärmantel über 
der Schulter trug. 

»Captain ›Lion‹«, flüsterte der junge Krieger, der Freeman 

von früheren Begegnungen her kannte. 

Der Jefe nickte. In seinen Augen glühte fanatischer Haß. Es 

wäre kein Problem gewesen, einfach aufzuspringen, die 
wenigen Schritte zum Feuer zu rennen, um Freeman mit dem 
Jagdmesser auszuschalten und wieder in der Dunkelheit zu 
verschwinden. 

Aber der Apachen-Häuptling dachte an die vielen toten 

Brüder, die auf Freemans Trail lagen, und er war entschlossen, 
sie alle, die mitschuldig an ihrem Tod waren, zu bestrafen. 

In der Nähe stampften Pferde. Einige wieherten nervös. 

Captain Freeman blickte in die Richtung. 

»Sieh nach, Roger, was los ist!« rief er einem seiner Männer 

zu, worauf Roger Pinx seinen Karabiner nahm und zum 
Seilcorral stiefelte. 

Er schien mit den Tieren zu sprechen, denn sie beruhigten 

sich schnell. Als er zurückkam und sich am Feuer niederließ, 
machte er eine wegwerfende Handbewegung. »Ein Puma oder 
ein Kojote wird sie erregt haben, Captain«, sagte Pinx. »Aber 
die trauen sich nicht heran, solange das Feuer brennt.« Dabei 
warf er einen trockenen Ast in die Glut. 

Cochise zählte ihre Stärke. Es waren 28 Männer, die nur 

leichte Bewaffnung, Gewehre und Revolver trugen und keine 
der gefürchteten Feldhaubitzen mitführten, deren Kugelblitze 
ein Dutzend Krieger töten konnten. 

Cochise stieß Lobo in die Seite, damit er folgen sollte, und 

robbte geräuschlos aus dem Busch. 

»Sie haben keine Wache aufgestellt, Lobo«, sagte der Jefe, 

während sie den Weg zurückeilten. »Wir werden sie beim 
Morgengrauen angreifen und töten. Du und Akana werden 
unsere Krieger heranführen. In der Nacht werden wir ihr Lager 
umstellen.« 

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Während Lobo und Akana zum Gros der Gruppe hasteten, 

kniete der Jefe nieder. Seine Hände berührten das kleine 
Lederstück, das am Band seinen Hals umschloß – sein Taime, 
ein Glücksfetisch, der ein geheiligtes Symbol darstellte –, und 
sein Blick verlor sich in der Tiefe des Alls. Cochises Gedanken 
suchten den Weg zu den fernen Göttern, und er erbat Kraft und 
Hilfe, ihren Beistand für den Kampf im Morgengrauen. 

Der Häuptling straffte sich, als seine Krieger eintrafen. Sie 

gruppierten sich um den Jefe, und der entwarf mit besonnenen 
Worten, die im Gegensatz zu seinen Gefühlen standen, einen 
Schlachtplan, der die verhaßten Bleichgesichter ins Jenseits 
befördern sollte. 

»Verschont Captain ›Lion‹«, sagte er abschließend, als alle 

Rollen verteilt waren, und zum ersten Male verspürte man die 
wilde Leidenschaft, die Cochise beherrschte. »Für ihn habe ich 
eine besondere Todesart bestimmt.« 

Die Schatten der Nacht ließen nichts erkennen. Lautlos 

schloß sich der Kreis um Freemans Miliztruppe, und nur das 
ferne Heulen des Schakals kündete den nahen Tod an.  

Die Nacht lichtete ihre Schatten. 

Die fernen Grate der Berge leuchteten im goldenen Schein 

der aufgehenden Sonne, deren Strahlen wie ein spiegelndes 
Kaleidoskop in die Dämmerung schossen und die Nacht 
aufzulösen begannen. 

Captain »Lion« Bill Freeman lag mit geschlossenen Augen 

unter der Pferdedecke und lauschte dem zirpenden Ruf der 
Nachtschwalben. Er merkte, das hinter Ruf und Rückruf ein 
bestimmtes System steckte. Seine Hand berührte den 
Karabiner, und mit gedämpfter Stimme flüsterte er seinem 
Nachbarn zu: »Sag's den anderen, Back Tenner, wir bekommen 
Besuch!« 

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Kein Anzeichen von Erregung, nur eine nüchterne 

Feststellung des Captains, der im eigenen Ermessen seinen 
Privatkrieg führte. 

Was hatte er zu befürchten? Diese kleinen »kopf- und 

führerlosen Wilden« waren nicht in der Lage, seine militärisch 
gedrillte Miliz ernsthaft zu gefährden. Sie würden in gezieltes 
Feuer rennen und sich blutige Köpfe holen. 

Freeman, der seine Augen geöffnet hatte und den Lagerplatz 

sorgsam abschätzte, ob er für eine Auseinandersetzung 
geeignet war, erkannte, daß seine Miliz wach war und auf sein 
Zeichen wartete. 

Er lächelte hart. 
Noch lagen graue Schatten der Morgendämmerung auf den 

taufeuchten Blättern des Buschwerks, aber sie würden bald 
angreifen. 

Die Pferde wurden unruhig, und das Laub raschelte, als 

bewegte es sich im Spiel des Windes. 

Freeman roch ihre Nähe, wie der Puma sein Wild wittert. Der 

Captain nickte dem Nachbarn unmerklich zu. 

»Auf mein Zeichen schickt ihr eine Ladung Blei ins 

Gebüsch. Ich schätze, daß es vielleicht fünf oder sechs 
Raubapachen sind, die auf Beute aus sind. Fertig, Jungs?« 

Freeman hatte den Kopf leicht angehoben und wollte gerade 

aufspringen, als aus dem Laub der Sträucher ein Hagel Pfeile 
schnellte, die einige seiner Leute töteten. 

»Feuer!« befahl der Captain zornig, schnellte mit 

jugendlichem Elan hoch und jagte die ersten Kugeln in die 
grüne Mauer. 

Helles, angriffswütendes Geschrei hallte in den erwachenden 

Tag. Aber es ging unter im Stakkato peitschender Abschüsse, 
die den grünen Laubmantel belegten. 

»Mehr zusammenschließen!« war Freemans neuer Befehl. 

Drei, vier nackte Gestalten sprangen aus dem Busch, liefen mit 
schwingenden Keulen zum niedergebrannten Feuer und 

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stürzten, ehe sie ihr Ziel erreichten, von Kugeln tödlich 
getroffen zu Boden. 

Die Erde dröhnte. Und nun war es Apachengeschrei, das 

allen Lärm übertönte. 

Durch die Lücken in den Büschen erkannten sie halbnackte 

Indianer auf flinken Ponys, die von allen Seiten ihr Lager 
anrannten. 

Eine derartige Ansammlung von Chiricahua-Apachen hatte 

Freeman lange nicht mehr erlebt. 

»Es sind wenigstens hundert Bastarde«, krächzte Back 

Tenner entsetzt und bemühte sich, den Pfeilschaft aus seinem 
Oberarm zu ziehen »Es sind keine fünfzig«, gab der Captain 
zurück. »Sie haben kaum Gewehre.« Er spürte die Unruhe 
unter seinen Leuten. 

»Näher zusammenrücken und im Karree Aufstellung 

nehmen!« 

Im Buschgürtel wurde es lebendig. Auf ihren gescheckten 

Ponys, die Keulen schwingend, durchstießen ungefähr 15 
Rothäute den gedrängten Kordon der Männer, teilten ihn und 
schufen Verwirrung. Ihre Keulen trafen so manchen von der 
Miliz, und noch ehe Freeman einen weiteren Befehl erteilen 
konnte, waren die Indianer wieder verschwunden. 

Kalt und routiniert, wie der Captain war, zählte er 12 Tote, 

die von Pfeilen, Lanzen und Kriegskeulen niedergestreckt am 
Boden lagen. 

»Ladet die Waffen auf!« Er sah, daß Tenner sich noch immer 

mit dem Pfeil abmühte. Er ging zu ihm, brach den Schaft ab 
und stieß die Pfeilspitze durch die Wunde. »Daran wirst du 
nicht krepieren, Tenner. Vorwärts, wir brauchen jeden Mann!« 

»Es ist Cochise«, keuchte Tenner unter Schmerzen. »Er hat 

eine kleine Armee Krieger auf die Beine gestellt.« 

»Und das macht ihn gefährlich.« 
Freeman dachte an die Kampfhandlungen der letzten 

Wochen, wo viele Apachen auf der Strecke geblieben waren. 

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Sein Feldzug hatte den Jefe wohl mobilisiert und aus der 
Apacheria gelockt. Es konnte nicht besser sein. 

»Mit Cochises Tod ist die halbe Ernte eingebracht«, rief er 

aufmunternd. »Ohne ihren Kopf sind die Chiricahuas ein 
haltloser Haufen. Konzentriert euch auf die Ostflanke!« 

Freeman sah den Trupp, der aus der Sonne direkt auf ihr 

Lager zuritt. Hochaufgerichtet und stolz, ihre Bogen gespannt 
und ihre Kriegskeulen schwingend, galoppierten die Indianer 
dem Feind entgegen. Ihr zermürbendes Angriffsgeschrei hörte 
sich unheimlich an. 

Cochise ist verrückt. Der Captain war enttäuscht. Während er 

weitere Befehle gab, er rennt ins offene Feuer. 

Freeman dachte an frühere Begegnungen mit Cochise und 

dessen Ruf als qualifizierten Kämpfer, der ebenso klug wie 
listig war und noch nie das Leben seiner Krieger so leichtfertig 
aufs Spiel setzte wie bei diesem Angriff. Er mußte blind vor 
Haß sein, der ihn ins Verderben führte. 

Nur einen Augenblick lang empfand Freeman Mitleid mit 

dem Gegner. Doch dann erinnerte er sich, daß Cochise der 
Häuptling war, der Kopf der Chiricahua-Apachen, ohne den 
sein Stamm nur noch ein Torso gewesen wäre. Naiche, 
Cochises Zweitältester Sohn, hatte nicht die kämpferischen 
Qualitäten seines Vaters. 

»Wir lassen sie auf dreißig Yards herankommen und 

eröffnen das Feuer. Kein Erbarmen, Leute. Und denkt daran: 
nur ein toter Apache ist ein guter Apache!« rief er anfeuernd 
und hob seinen Karabiner. 

Unvermutet schwenkte der Angriffspulk nach Süden zur 

offenen Ebene, so, als wollten die Indianer dem direkten 
Kampf ausweichen. 

Ehe Captain Freeman begriff, was das bedeutete, war hinter 

ihm der Teufel los. 

Die Pferde wieherten, stampften mit den Hufen. Im 

aufwallenden Staub sah Freeman schemenhafte Gestalten, die 

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die Leinen kappten und mit lautem Schreien die Tiere durch 
die Büsche trieben. 

»Unsere Pferde«, brüllte der Captain, »sie nehmen unsere 

Pferde!« 

Das war also Cochises hinterhältiges Spiel. Er ließ seine 

Hauptmacht aufmarschieren, um die Miliz abzulenken, 
während gleichzeitig eine kleine Gruppe den Versuch machen 
sollte, die Pferde der Gegner zu entführen. 

Freeman schoß in schneller Reihenfolge den Karabiner leer 

und griff nach dem schweren Armeerevolver, ohne zu 
erkennen, ob er überhaupt ein Ziel getroffen hatte. Gleich ihm 
stürmten etliche seiner Männer feuernd auf die Staubwolke zu. 

Aber Cochises taktisch guter Plan war gelungen. Vier junge 

Krieger entführten die Pferde über die flachen Hügel. Zurück 
blieb nur eine riesige Staubwolke, die sich in den Plains 
niedersenkte. 

Auch Cochise mit der Hauptgruppe war plötzlich 

verschwunden. 

»Unsere Gäule«, keuchte Black Tenner. 
»Hör auf mit dem Gejammer«, rief Freeman heiser. Er setzte 

sich wütend auf einen faulen Baumstamm. »Und laß dir die 
Wunde verbinden. Bis Tubac sind es keine vier Tagesmärsche. 
Wir haben genügend Wasser und Vorräte, um die Stadt zu 
erreichen.« Er blickte nachdenklich seine Männer an. »Nur 
Cochise macht mir Sorgen. Der Häuptling wird sich nicht mit 
den Beutepferden zufriedengeben. Also heißt es Tag und Nacht 
mit entsicherten Karabinern auf der Lauer zu liegen. Begrabt 
unsere toten Freunde. Wir brechen dann in einer Stunde auf.« 

Zwischen berechtigtem Zorn und eiskalter Überlegung 

beschäftigte Captain Freeman die Sorge um seine Leute. Tubac 
lag in greifbarer Nähe, doch dazwischen befanden sich die 
tiefen Steilschluchten der Sierra Madre mit den idealen 
Gelegenheiten eines Hinterhalts. 

Unwillig revidierte er seine Meinung über Cochise, der seine 

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List und Verschlagenheit offenbart hatte. Ohne Zweifel war der 
Jefe hinter dem Frontier Bataillon her, um fürchterliche Rache 
zu nehmen. 

Freeman blickte zu seinen Leuten hinüber, die flache Gruben 

für die Toten aushoben. 19 Mann waren ihm geblieben. Elf 
hatten den überraschenden Ansturm der Apachen nicht 
überlebt. Diese Neunzehn mußte er lebend nach Tubac führen, 
wollte er sein Gesicht nicht verlieren. 

Captain Freeman erhob sich. Er stellte sich an den Fuß des 

breiten Hügels, nahm den grauen Hut vom Kopf und sprach 
mit fester Stimme ein Gebet. 

Seine Gedanken eilten der Zeit voraus, und er versuchte, sich 

in Cochises Lage zu versetzen. 

Wo und wann wird der Häuptling den zweiten Ansturm 

wagen?  

Der Apache Cochise mied die offene Auseinandersetzung mit 
der Miliz, aber er ritt wie ein unsichtbarer Schatten in ihrer 
Flanke. Seine Späher waren über jeden Schritt Freemans 
unterrichtet. Er wußte, daß die des Laufens ungewohnten 
Männer nur schwerlich vorwärtskamen und schon am zweiten 
Tag eine gewisse Aufruhr in ihren Reihen herrschte. Die straffe 
Disziplin, mit der »Lion« seine Miliz zusammenhielt, drohte 
verlorenzugehen. 

Am Canyon Umbano, dessen Felswände fast senkrecht ins 

Tal fielen, stießen Cochises Späher, die in Tuchfühlung mit 
den Verfolgten ritten, auf drei Männer, die Captain Freeman 
als Kundschafter vorausgesandt hatte, um das Terrain zu 
sondieren. Mit dem Instinkt eines umsichtigen Feldherrn mußte 
der ehemalige Captain erkannt haben, daß der Canyon Umbano 
der ideale Ort eines Hinterhalts sein konnte. 

Der Jefe befahl ohne Zögern, die drei Milizangehörigen zu 

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überfallen und gefangenzunehmen. 

Ohne einen Schuß und ohne die Möglichkeit eines 

Widerstandes überwältigten Cochises Krieger die Vorhut und 
schleppten sie zur Hauptmacht. 

Der Häuptling sah, daß die Weißaugen nur geringfügige 

Verletzungen hatten. Mit einer stummen Geste ließ er sie auf 
drei Pferde binden und ritt tief in den Arroyo. An einer 
günstigen Stelle, dort, wo der Canyon zu einem engen 
Talkessel wurde, schlug er das Lager auf, begann die 
Gefangenen zu befragen und hielt Kriegsrat über die 
angemessene Bestrafung der Kundschafter. 

Ein Apache beherrschte die Technik vieler Arten grausamer 

Folterungen, und nach einem langen Palaver, das sich um 
Stunden hinzog, wurde man sich einig. 

Die Männer starben einen entsetzlichen Tod, der sich bis in 

die Nacht hineinzog und die Wände des Canyons mit den 
Schreien der Gemarterten füllte. 

Zu irgendeinem Zeitpunkt erlöste die Barmherzigkeit die 

armen Menschen von ihren Qualen. 

Dies war auch der Zeitpunkt des Aufbruchs, und Cochise 

bestimmte: 

»Wir lassen drei Pferde zurück und riegeln den Arroyo zu 

beiden Seiten des Tales ab.« Er nahm einen der erbeuteten 
Karabiner und reichte die beiden anderen Lobo und Akana, die 
die zweite Gruppe Krieger führen sollten. Die Revolver und die 
Munition verteilte er ebenso an seine erfahrensten Krieger. 

Noch einmal besprach er den Schlachtplan, ergriff eine 

Fackel und trat vor die Toten. Ihre entstellten Gesichter 
berührten ihn kaum. Er nahm sein Jagdmesser und trennte ihr 
Kopfhaar von der Haut. Stolz hob er die Trophäen, so daß jeder 
seiner Krieger die Skalps erkennen konnte, und rief: 

»Morgen ist der Zeitpunkt gekommen, wo das Leid, das 

unseren Brüdern beschert wurde, Vergeltung findet. Zastee – 
tötet sie alle!« 

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In der folgenden Stunde herrschte im Canyon Umbano ein 

geschäftiges Treiben, und als es zwischen den Steilhängen 
dämmerte, traf das diffuse Licht drei übel zugerichtete 
Menschen, die ihren Mut mit dem Leben hatten bezahlen 
müssen.  

Etwa zur gleichen Zeit rüstete Freemans Miliz zum Aufbruch. 
Die Todesschreie ihrer Kameraden, die stundenlang die Nacht 
füllten, saßen ihnen tief in den Knochen. 

Back Tenner war dafür, den Arroyo in südlicher Richtung zu 

umgehen. 

»Bass, Lynn und Albrecht wurden von unseren Feinden 

massakriert. Wir wissen, das Cochise dort in der Schlucht 
lauert und genügend Zeit zur Vorbereitung hat«, rief er mit 
heiserer Stimme. »Keiner von uns wird den Canyon mehr 
lebend verlassen können. Damit muß sich jeder abfinden.« 

Captain Bill Freeman las die Unschlüssigkeit in den 

Gesichtern seiner Leute. Er stieg auf einen Felsblock und rief 
mit markiger Stimme: 

»Durch den Canyon Umbano führt der einzige Weg nach 

Tubac, Männer. Unsere Vorräte reichen kaum noch für zwei 
Tage. Es gibt also kein Zurück. Wenn der Häuptling sich zum 
Kampf stellt, soll es recht sein. Unsere Erfahrungen und unsere 
Waffen sind unsere Stärke. Mit ihnen werden wir die 
Entscheidung einfach erzwingen.« 

Knorrig und zackig bis ins Mark wirkte Captain Bill 

Freeman, und trotz seiner zerrissenen Uniform hatte er seinen 
Stolz nicht verloren. 

»Wir sind Soldaten des Territoriums. Wir werden kämpfen 

und siegen.« 

»Oder sterben«, warf der verwundete Tenner bissig ein. 
Er war nicht mehr der Held siegreicher Tage, die hinter ihnen 

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lagen. Er hatte Angst vor dem Tod. 

Und sicher wäre es zum erstenmal seit Bestehen des Frontier 

Bataillons zur offenen Meuterei gekommen, hätte Sam Roggers 
nicht die Bewegung am Eingang zur Felsschlucht bemerkt. 

»Pferde!« stieß er hervor. »Dort laufen unsere Gäule, 

Captain! Sie scheinen sich losgerissen zu haben.« 

Noch ehe jemand es verhindern konnte, rannte er mit 

Riesenschritten dem Schluchteingang entgegen. 

»Zurück!« rief Freeman hinter dem Mann her. »Zurück, es 

kann eine Falle sein, Roggers.« 

Als der sich aber nicht aufhalten ließ, befahl Freeman seiner 

Miliz, in Stellung zu gehen und Roggers Feuerschutz zu geben. 

Minuten vergingen. Roggers hatte die Pferde erreicht und 

schwang sich in einen Sattel. Triumphierend hielt er den 
Karabiner über den Kopf und deutete in den Arroyo, der wie 
eine Offenbarung vor ihm lag. 

Captain Freeman hielt das Fernglas vor die Augen. Er zählte 

drei Pferde und betrachtete die Felswände. 

»Das Gesindel hat sich verzogen, Männer«, verkündete er 

spürbar erleichtert und schob das Glas in die Tasche. »Wir 
formieren uns zu zwei Gruppen und beobachten die Felsen.« 

»Und wenn es dennoch eine Falle ist?« fragte Tenner 

unsicher. 

»Dann werden wir uns zurückziehen. Vorwärts, Freunde! 

Mit ein wenig Gott- und Selbstvertrauen werden wir dieses 
Abenteuer schon überstehen.« 

Während Freeman an der Spitze seiner Gruppe schritt, dachte 

er bereits an die Zukunft. 

Er wollte durch das Land ziehen und für die Miliz Kämpfer 

suchen. 

In einigen Monaten mußte sein Frontier Bataillon in 

Regimentsstärke stehen, und dann sollten die Chiricahuas und 
Mimbrenjos wie bei einer Feuersbrunst aus ihren Apacherias in 
die Wüste gejagt werden. 

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Mit diesen Gedanken erreichte er Roggers, der zwei Gäule an 

der Zügel führte. Freeman erkannte seinen Schecken und 
bestimmte, daß Roggers und Tenner vorerst die Pferde ritten. 
Er bestieg seinen Schecken, zwirbelte die langen Enden seines 
Schnurrbarts und ritt ohne Scheu in den Canyon hinein. 

Seine Furchtlosigkeit gab den anderen Auftrieb, so daß 

Roggers rief: 

»Ich bin nicht weniger mutig als der Captain.« Dabei lenkte 

er sein Pferd herum. 

Nun folgte auch die Truppe. Schweigend, jeden Schritt 

vorwärtstastend und die Felsbarriere beobachtend, bereit, die 
Waffen zu benutzen, sowie etwas Verdächtiges auftauchte. 

Nach einer Stunde stießen sie auf den Captain, der aus dem 

Sattel gestiegen war und zu den Toten trat, die gekreuzt, von 
Pfählen gehalten, auf der Schluchtsohle lagen. 

Der entsetzliche Anblick beunruhigte sie, und Roggers 

drängte mit belegter Stimme auf weiteren Vormarsch. 

»Wir sollten uns nicht länger aufhalten, Captain. Vor uns 

liegt ein langer, unsicherer Weg. Wenn…« 

Roggers verstummte abrupt, zuckte zusammen, streckte sich 

in den Steigbügeln. Zwischen seinen Schultern steckte ein 
gefiederter Apachenpfeil. Und während er lautlos aus dem 
Sattel rutschte, schlug ein Pfeilregen eine Bresche in ihre 
Reihen. 

Vier Männer wurden getroffen. 
Captain Freemans Stimme hallte durch die Schlucht. 
»Zu den Felsen, Leute!« rief er und rannte in den Schatten 

der überhängenden Steilwand, wo er sich niederwarf und den 
Karabiner in Anschlag brachte. 

Neun seiner Leute erreichten den Felsen. Brodder und 

Honney stürzten verwundet zu Boden. Während ihre 
Hilfeschreie durch den Arroyo drangen, wurden sie von 
weiteren Pfeilen getroffen. Es war so, als wollte Cochise 
demonstrieren, wie tödlich ihre Begegnung und wie 

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unversöhnlich sein Haß auf die Weißen war. 

»Eine Falle«, flüsterte Back Tenner in ihrer Angst. »Ich 

wußte, daß der verdammte Apache auf uns warten würde.« 
Sein Körper bebte. »Die Pferde waren nur ein Lockmittel. Sie 
werden uns alle massakrieren.« 

»Halt's Maul!« unterbrach Captain Freeman barsch das 

Gezeter. 

Tenners Gejammere gefährdete die Disziplin. Und dennoch 

mußte Freeman sich eingestehen, daß ihre Lage bedrohlich, 
wenn nicht sogar hoffnungslos war. 

Es fielen noch einige Schüsse, ohne einen Mann zu treffen. 

Harmlos klatschten die Kugeln gegen die Felsen. 

»Sie haben Gewehre.« 
Back Tenner war am Ende. 
»Drei Karabiner und drei Colts«, sagte der Captain gelassen. 

»Sie bedeuten keine Bedrohung für uns. Apachen sind 
unerfahren im Umgang mit Feuerwaffen, außerdem wird ihnen 
bald die Munition ausgehen.« 

Von nun an wurde es still. Häuptling Cochise, der ebenso 

klug wie unbeugsam war – schließlich ging es um die Existenz 
seines Volkes –, schien sich auf eine Belagerung einzurichten, 
denn bis zum Nachmittag geschah nichts. 

Doch dann hörten sie dumpfes Poltern und Grollen am Fels. 

Mächtige Steinquader stürzten senkrecht in die Tiefe und 
zerplatzten mit der Gefährlichkeit von Kartätschen auf der 
Schluchtsohle. 

Ein Steinhagel fegte über die karge Deckung der Verteidiger 

und verletzte einen Mann tödlich. 

Keiner von ihnen bemerkte McKenneys Tod, weil jeder mit 

sich selbst beschäftigt war. 

Die Nacht brach herein und verdrängte die letzten Spuren des 

Tages aus dem Fels. 

Freeman war sich darüber im klaren, daß mit der Finsternis 

die Gefahr wuchs. Bisher hielten ihre Gegner sich im 

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Verborgenen, aber im Schutze der Nacht mußte es 
zwangsläufig zur letzten und tödlichen Auseinandersetzung 
kommen. 

»McKenney ist tot«, sagte irgendwer. 
Aber sie hatten sich an den Tod gewöhnt, sie waren 

apathisch geworden. Selbst Tenner sagte nichts mehr. 

Neun also noch, dachte Captain Freeman verbittert. 
Neun von 30 Reitern. 
Wie tief war der Fall vom Siegesrausch in eine Niederlage. 

Die wechselhaften Launen des Kriegsglücks machten den alten 
Haudegen bekümmert. Der Canyon Umbano war die große 
Totengruft des Frontier Bataillons, auf dessen Kampfkraft und 
Verwegenheit Freeman einst so stolz gewesen war. 

»Sie kommen!« 
Andrews, ein junger Bursche, der in Tombstone zur Miliz 

gestoßen war und sich tapfer gehalten hatte, kroch dicht neben 
den Kommandanten, als erwartete er Schutz und Hilfe vom 
Captain. 

Von Ost nach West, so wie der Canyon den Berg 

durchschnitt, hallte Hufschlag auf. Von solcher Heftigkeit, daß 
man glauben konnte, es wären 1000 Apachen zum Angriff 
angetreten. Aber der Widerhall des Echos täuschte über die 
wahre Stärke hinweg. 

»Haltet die Waffen zum Nahkampf bereit!« befahl Freeman. 

Er griff zum Colt und dem schweren Schlagmesser im Gurt. 

Der Lärm erreichte seinen Höhepunkt und verflachte dann 

wieder. 

»Was bedeutet das?« flüsterte Back Tenner. 
Captain Freeman wußte von der Verschlagenheit kämpfender 

Apachen. Cochise führte seine Hauptmacht, um die 
Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, durch den Arroyo. 
Irgendwo in der Finsternis waren Jäger mit Keulen und 
Jagdmessern unterwegs. 

»Vorsicht!« schrie er im nächsten Augenblick. 

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Ein Schatten, kaum erkennbar in der Dunkelheit, tauchte auf. 

Ein zweiter, dritter, vierter… 

Freeman schoß blind drauflos. Er hörte das pfeifende 

Geräusch einer Wurflanze, die an seinem Kopf vorbeisauste, 
und den erbärmlichen Schrei wie aus einem Kindermund. 

Andrews, dachte er grimmig, warf den leergeschossenen 

Armeecolt weg, und umfaßte seinen Karabiner am Lauf. Mit 
einem wuchtigen Schlag schaltete er einen Angreifer aus. 

Keuchender Atem und jankendes Leder ließ Freeman 

erkennen, daß der Todfeind die Bastion überwunden hatte und 
das Ringen mit dem Tod begann. Freund und Feind hatten sich 
regelrecht ineinander verkeilt. 

Auch Freeman war bemüht, die Nacht zu überleben. Vier 

seiner Gegner hatte er mit dem Karabinerkolben 
niedergestreckt. 

Langsam ebbte der Kampfeslärm ab. 
Es wurde still. Jene Stille, die an eine Totengruft erinnerte. 

Und Freemans rauhe flüsternde Stimme, die wie eine 
gesprungene Glocke klang, rief Namen. 

»Edgars…« 
Stille… 
»Hamilton…« 
Stille… 
»Masters…« 
Keine Antwort… 
»Lebt überhaupt noch einer?« fragte Freeman wütend. Er 

spürte warmes Blut über seinen Körper laufen, aber ihm wurde 
nicht bewußt, daß er verletzt war. »Hört mich denn niemand?« 

»Doch, Captain, ich bin's, Lorgan«, klang es in der Nähe auf. 

»Tenner?« 

»Ich lebe noch, Captain.« 
»Sonst noch wer?« 
Keine Antwort. 
Drei von 30 kampfkräftigen Männern waren geblieben. 

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Captain Freeman hätte es am liebsten im Schmerz 

herausgeschrien, aber seine Lippen blieben stumm. Er lauschte 
dem dumpfen Stakkato trommelnder Hufe, das durch den 
Arroyo klang, und wußte, was das zu bedeuten hatte. 

»Wir müssen hier raus und die andere Schluchtseite 

erreichen, ehe Cochises Krieger wieder angreifen.« 

Tenner stand dicht vor dem Captain. Sein Atem rasselte. 
»Wir brauchen Pferde.« 
»Dort kommen sie in der Überzahl.« Freeman lachte 

sarkastisch. »Wir brauchen nur zuzugreifen. Kommt und haltet 
euch dicht an meiner Seite!« 

Der Hufschlag wurde immer lauter. Er kam von zwei Seiten 

und näherte sich dem schmalen Taleinschnitt. Und dieses Mal 
würde Cochise nicht vorbeireiten, sondern die kleine Gruppe 
angreifen. 

Tief geduckt am rauhen Fels lauerten drei Männer, die ihre 

letzte Chance suchten. Und dann brach das Inferno los, das die 
Legende zerstörte, ein Apache griff in der Nacht keinen Gegner 
an. 

Das unheimliche Grölen erinnerte an ein Rudel Kojoten, 

hallte von den Felswänden wider. Dicht gedrängt, die Lanzen 
gesenkt, ihre Bogen gespannt, übertönte Cochises Ruf die 
Schreie seiner Krieger. 

»Zastee, zastee – tötet, tötet!« 
Der Pulk drängte ungestüm vorwärts. 
»Das ist unsere Chance!« rief Captain Freeman in den Lärm, 

sprang wie von einer Sehne geschnellt den nächsten Krieger an 
und holte mit dem Schlagmesser aus. Mit kräftiger Bewegung 
stieß er den Apachen vom Pferd, erfaßte die Zügel und folgte 
in östlicher Richtung dem Canyon. 

Wohl eine Stunde mochte er geritten sein, als er Hufschlag 

hörte, der ihm folgte. 

Lorgan und Tenner, dachte er mit bitterem Nachgeschmack, 

der Rest des Frontier Bataillons. 

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Zwei Tage lang trieben sie die erbeuteten Pintos nach Osten. 

Freeman glaubte nicht daran, daß Cochise die Jagd schon 
aufgegeben hatte, denn der Häuptling war nicht der Typ, der 
seine Rache nicht stillte. Bestimmt lauerte er vor Tubac auf den 
erbärmlichen Rest der Miliz, die einst mit großen Zielen und 
Hoffnungen angetreten war. 

Captain Freemans Sorge fand vorzeitig ein Ende, denn am 

späten Nachmittag tauchte überraschend eine Schwadron 
Dragoner auf, die ihre Fährte kreuzte und offenbar auch nach 
Tubac unterwegs war. 

Eine Weile später stieß Lorgan erfreut hervor: 
»Ich will tot vom Pferd fallen, wenn nicht Thomas Jeffords 

an der Spitze reitet.« 

Und Tenner rief im gleichen Atemzug: 
»Die Blindheit soll mich schlagen, wenn nicht in seinem 

Schlagschatten der verdammte Tarahumari-Bastard aus 
Tombstone reitet.« 

Captain Freeman strich über den blutgetränkten Verband an 

seiner Hüfte und fragte sich, was Thomas Jeffords so tief nach 
Süden geführt haben mochte.  

Die Unruhen im Südwest-Territorium eskalierten, als John 
Haggerty nach einem langen einsamen Ritt das Headquarters 
erreichte und beim kommandierenden General vorstellig 
wurde. 

Der Scout ahnte nicht, was zwischenzeitlich geschehen war, 

als er dem einarmigen Offizier gegenübertrat, um Bericht zu 
erstatten und von seinen Sorgen zu sprechen. 

General Oliver O. Howard verband ein fast 

freundschaftliches Verhältnis mit seinem Chiefscout, was wohl 
darauf zurückzuführen war, daß die Jahre gemeinsamer 
Zusammenarbeit sie menschlich näher gebracht hatte. 

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Haggerty erzählte von den Unruhen am Apachen-Paß, dem 

Tod des Siedlers Ward, den Gerüchten, wonach man 
Lieutenant Bascom am Rande der San Carlos Reservation tot 
aufgefunden hatte. 

»Häuptling Cochise hat seinen Vertrag gebrochen, Sir«, 

sagte er schließlich eindringlich. »Er bedrängt die Farmer am 
Paß, greift die kontinentalen Postkutschen der Butterfield 
Overland Line an und zeigt sich auch sonst von einer 
aggressiven Seite. Diese kriegerischen Züge, die Cochise sein 
Wort vergessen lassen, sind wohl auf Captain Freemans 
eigenmächtige Strafexpedition zurückzuführen. Freeman und 
seine Miliz treiben ein böses Spiel mit den Chiricahuas, dessen 
Folgen zwangsläufig nicht ausbleiben.«. 

John dankte, als der General ihm einen Becher Kaffee 

reichte. »Sir, versuchen Sie dieses Problem aus der Welt zu 
schaffen, und pfeifen Sie Freemans Frontier Bataillon zurück, 
ehe er größeres Unheil verursacht.« 

General Howard, der die Ausführungen seines Scouts bis 

dahin aufmerksam verfolgt hatte, lächelte müde. »Es gibt 
schwerwiegendere Probleme als Freeman, Mr. Haggerty«, 
begann er sachlich, »denn die Miliz wurde bei Tubac fast 
völlig aufgerieben, Cochise ließ ihnen nicht den Hauch einer 
Chance. Nur Freeman und zwei seiner Legionäre konnten dem 
Gemetzel entkommen.« 

Er sah Haggertys zweifelnde Miene und fuhr fort: 
»Thomas Jeffords hat es mir telegraphisch aus Tubac 

mitgeteilt. Cochise reitet auf dem Kriegspfad. Er überfällt 
Siedler, Prospektoren, läßt die Leute massakrieren. Fast täglich 
erhalte ich derartige Hiobsbotschaften. Aber es sind 
Einzelaktionen kleinerer Gruppen. Weit größere Sorgen macht 
mir eine Botschaft aus Mexiko. Colonel Terraza hat mir einen 
Boten gesandt.« 

»Den Tarahumari-Scharfschützen.« John Haggerty erinnerte 

sich der Begegnung mit dem Indianer. »Ich habe ihn in 

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Tombstone getroffen.« 

»Der Colonel hat um ein Treffen mit mir gebeten. Der 

Grund? Terrazas Kundschafter brachten Nachrichten, die die 
Vermutung aufkommen lassen, daß sich Victorio und Cochise 
zusammentun wollen. Die beiden und noch andere Stämme in 
Arizona, Sonora und Chihuahua. Hier liegt die große Gefahr 
einer Ausweitung der Kämpfe.« 

»Ich kann es nicht glauben«, sagte Haggerty, beunruhigt über 

diese Nachricht. »Cochise und Victorio sind verfeindet, da die 
Mimbrenjos immer wieder aus der Reservation plündernd ins 
Chiricahua-Territorium einfallen.« 

Howard lächelte. 
»Es ist nur ein Verdacht, den der mexikanische Colonel hegt. 

Aber ein Verdacht ist wie ein Gerücht, in dem immer ein 
Funken Wahrheit steckt.« 

»Dann werden Sie sich mit dem Colonel treffen?« John 

Haggerty blickte durch den offenstehenden Zelteingang, wo 
eine mit zwei Gebirgshaubitzen bestückte Kavallerieschwadron 
vorbeizog. 

»Die Unruhen zwingen mich, im Hauptquartier zu bleiben, 

Mr. Haggerty. Thomas Jeffords als mein persönlicher 
Beauftragter ist auf dem Weg nach Janos. Obwohl…« Der 
General machte eine lange Pause, und zum erstenmal trat 
Unmut in sein Gesicht. »Jeffords wird hier gegenwärtig 
dringender gebraucht als in Mexiko. Sie wissen, was ich 
meine?« 

Der Scout nickte. 
»Jeffords ist Cochises Freund und der einzige Mann, dessem 

Wort der Jefe vertraut.« 

»So ist es, Mr. Haggerty.« 
General Howard war aufgestanden und schloß die Zeltluke, 

durch die der Staub der ziehenden Truppen in den Raum 
wehte. 

»Ich befinde mich in einer Zwangslage, lieber Freund. Zum 

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einen soll Jeffords sich Gewißheit bei Colonel Terraza 
verschaffen, zum anderen sollte er Cochise suchen und von 
größeren Unbedachtheiten abhalten. Vielleicht wird es ihm 
gelingen, den Häuptling an den Verhandlungstisch zu führen.« 

Haggerty lächelte bitter. 
»Mit neuen Versprechungen, die wieder von irgend 

jemandem gebrochen werden, Sir? Wie oft, glauben Sie, wird 
der Jefe dem Wort eines Weißen noch trauen?« 

»Es gibt Dinge, die auch ich nicht verhindern kann.« General 

Howard trat zum Wandregal, schob eine Brandyflasche unter 
den Armstumpf, ergriff zwei Gläser, stellte sie auf die rauhe 
Tischplatte und forderte Haggerty auf, einzuschenken. 

»Trinken wir einen guten Schluck, wie alte Freunde es tun, 

wenn sie etwas auf dem Herzen haben, John.« 

Howards plötzliche Vertrautheit erweckte Mißtrauen in 

Haggerty. Während er die Gläser füllte, betrachtete er 
eingehend Howards verwittertes Gesicht. Der General hatte 
echte Sorgen, denn die Entwicklungen im Territorium 
entsprachen nicht seinen Friedensbemühungen. Vielleicht 
fehlte ihm auch Thomas Jeffords, der als einziger Einfluß auf 
Häuptling Cochise hatte. 

»Sie vergießen den kostbaren Tropfen.« Howard lächelte. 
»Entschuldigen Sie, Sir.« John stellte die Flasche ab und 

wischte mit dem Rockärmel über die Whiskypfütze. Seine 
Unruhe verstärkte sich. Mit dem Instinkt des Jägers spürte er, 
daß General Howard etwas Bestimmtes auf dem Herzen hatte. 
Er schnurrte wie eine Katze. 

Der General trank sein Glas in einem Zuge leer. Während er 

über den kräftigen Bart wischte, fragte er unvermutet: 

»In welchem Verhältnis stehen Sie zu Cochise?« 
Da war es heraus, was John Haggerty befürchtet hatte. 
»Ich bin nicht Cochises Blutsbruder, Sir.« 
»Aber die Chiricahuas nennen Sie Falke, John. Das ist eine 

große Ehre für einen weißen Mann«, sagte der General und 

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stieß im gleichen Atemzug nach. »Wäre es denn eine Gefahr 
für Sie, dem Häuptling zu begegnen?« 

»Sir?« Haggerty stieß brüsk sein Glas zurück. 
»Antworten Sie!« 
John Haggerty ließ sich Zeit. Er bemühte sich seit Jahren um 

ein gutes Einvernehmen zwischen der Armee und den 
Chiricahuas. Cochise wußte es, aber die ständigen 
Enttäuschungen, die der Jefe hinnehmen mußte, hatten sich 
auch auf ihr Verhältnis ausgewirkt. 

»Ich kann darauf keine klare Antwort geben, Sir. Cochises 

gegenwärtige Verfassung, seine innere und äußere Unruhe, 
lassen darauf schließen, daß er keinem Weißen mehr vertraut. 
Thomas Jeffords braucht nichts zu befürchten, weil ihn und den 
Häuptling das Band der Brüderschaft verbindet. Aber ich…?« 

General Howard war aufgestanden und bewegte sich mit 

kurzen Schritten im Quadrat des Zeltes. Menschlich stand er 
John Haggerty sehr nahe, aber als Soldat war der Scout sein 
Untergebener. Die Aufgabe, die er Haggerty stellen wollte, 
konnte zu seinem Tod führen. 

»Besteht eine vage Hoffnung, daß Sie ein Zusammentreffen 

überleben, John?« 

Auch Haggerty hatte sich erhoben. Er sah den General offen 

an. 

»Was bedeutet es schon, Sir? Sie haben sich längst 

entschieden.« 

»Sie können ablehnen.« 
»Sie wissen, daß ich es nicht tun werde.« 
»Sie gehen freiwillig.« 
John Haggerty grinste respektlos. General Howard übersah 

es. 

»Gezwungenermaßen freiwillig, Sir. Wo finde ich Cochise?« 
»Irgendwo zwischen den Dragoon und den Chiricahua 

Mountains. Eine Schwadron mit schwerem Besatz ist auf dem 
Weg zum Unruheherd. Schließen Sie sich der Einheit an. Und 

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noch eins, John«, der General trat näher und reichte seinem 
Scout die Hand, »es hängt viel von Ihrer Aufgabe ab. Vielleicht 
der Frieden im ganzen Lande.«  

Eingedenk seines Sieges über die Miliz gewann Häuptling 
Cochise an Zuversicht und Stärke. Seine Streifzüge führten von 
Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Ständig waren er 
und seine Jagdtruppen in Bewegung, durchquerten plündernd 
das Territorium, überfielen einzelne Farmen in den Tälern, 
goldsuchende Prospektoren und Handlungsreisende auf 
einsamen Trails. 

Der nahende Herbst konnte seine Aktivität weder hemmen 

noch beeinflussen. Seine Apacheria hatte er tiefer in die Berge 
verlegt, um sie vor den Angriffen der Soldaten zu schützen. 
Frei jeder Sorge um die Familien konnte er seine Kriegszüge 
beliebig ausdehnen. 

Seine Erfahrungen nach der schrecklichen Niederlage gegen 

das Militär hatten ihn gelehrt, sich auf Massenunternehmen 
nicht mehr einzulassen, sondern sich auf Einzelaktionen zu 
beschränken. Seine Erfolge führten ihm immer mehr Krieger 
zu, die er in gleicher Stärke seinem Sohn Naiche, Geronimo 
und anderen erfahrenen Kriegshäuptlingen unterstellte. 

Sie trugen zum Teil Waffen, die sie erbeutet hatten, und 

legten an einsamen Plätzen Vorratskammern an, auf die sie 
immer wieder zurückgreifen konnten. 

Als sie in Pinos Altos, der kleinen Minenstadt in New 

Mexico, einfielen, dachte Cochise wohl an Mangas Coloradas, 
den stolzen Mimbrenjo-Häuptling, der einst aus freiem 
Entschluß und gutem Glauben nach Janos geritten und durch 
vier Schüsse getötet worden war. Der schmachvolle Tod des 
Häuptlings, den Soldaten skalpiert und übel zugerichtet hatten, 
steigerte Cochises Zorn. 

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Sich an Geronimos stolze Worte erinnernd, der einmal gesagt 

hat: Tote Mexikaner sind nicht wert, gezählt zu werden, man 
zählt sie wie Steine, rief er die Losung aus: »Tod unseren 
Feinden! Wir zählen nur die Beute, nicht ihre Leiber.« 

Von zwei Hügeln aus ritten sie auf die Stadt zu. Von Osten, 

aus der offenen Ebene kommend, Geronimo mit 30 Kriegern, 
von Westen, aus den Steilhängen des Gebirges preschend, 
Cochise mit derselben Anzahl. 

Sie trafen sich zwischen Zelten und flachen Lehmhütten und 

folgten den entsetzt fliehenden Menschen bis zur Mine 
hinüber, wo sie heftiges Gewehrfeuer empfing. 

»Steckt ihre Tipis in Brand und sucht in den Hütten nach 

Beute!« rief Cochise, als er Geronimo begegnete, der zwei 
frische Skalps an seinem Gürtel baumeln hatte. »Wir werden 
uns nehmen, was sie uns gestohlen haben, und verwandeln die 
Stadt in rauchende Trümmer, noch ehe sie sich der Feuerkraft 
ihrer Gewehre erinnern.« 

»Keine Gnade!« forderte Geronimo mit zornbebender 

Stimme und drängte sein Pony durch die Auslagen eines 
Geschäftes. »Hierher!« 

Er stand zwischen den Trümmern und winkte seine Krieger 

heran. 

»Hier finden wir Waffen und Munition, um einen großen 

Krieg zu führen.« 

Und während Geronimos Leute plündernd in den Drugstore 

eindrangen, sprengten Cochises Krieger mit lauten 
Siegesschreien die Straße hinunter zur Mine, wo der 
Widerstand wuchs und die Männer sich zu Gruppen 
zusammenschlossen, um den Gegner mit heißem Blei zu 
empfangen. 

Fast eine Stunde dauerte die mörderische 

Auseinandersetzung. Es gab Tote und Verwundete auf beiden 
Seiten. Erst als Geronimo das Zeichen setzte und aus Häusern 
und Zelten zuckende Flammen in den wolkenbedeckten 

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Himmel loderten, befahl auch Cochise den Rückzug. 

Sie trieben ihre mit Beute hochbeladenen Mustangs in die 

unübersichtlichen Felsbarrieren im Westen. 

Am Abend, als Cochise einen guten Lagerplatz gefunden 

hatte und die Beute verteilt wurde, deutete er in den 
prasselnden Regen und sagte zufrieden: 

»Das Wasser wird unsere Fährte verwischen, Geronimo. 

Niemand wird uns folgen können.« 

Geronimo nickte voller Stolz, während er auf die erbeuteten 

Waffen deutete. 

»Die Götter haben uns einen erfolgreichen Tag geschenkt, 

wir wollen ihnen dafür danken.« 

Cochises Raubzüge führten in der Folgezeit nach Sonora und 

tief nach Chihuahua hinein, ehe er, an den Winter denkend, 
sich ins Herz seiner Feste zwischen den Chiricahua und 
Dragoon Mountains zurückzog.  

Cochise war allgegenwärtig, und die Kunde von seiner 
Verwegenheit lief wie ein Präriebrand durch die Frontiers und 
verbreitete Schrecken, Entsetzen und Wut unter den Siedlern. 
Ihre Ranches gingen in Flammen auf, ihr Vieh wurde 
weggetrieben, ohne daß das Militär entscheidende Erfolge 
erzielen konnte. 

Er war ein listiger Schakal, der witternd die Fährte sicherte, 

ehe er zuschlug. 

Militärpatrouillen  und jagender Miliz, die nun – aus der 

Verzweiflung geboren – in allen größeren Ansiedlungen 
entstanden, wich er ohne Kampfberührung aus und führte sie in 
die Irre. 

An einem Wintertag stiegen Häuptling Cochise und seine 

Kriegergruppen über die steilen Felsbarrieren des Apachen-
Passes zur Apacheria hoch. Blizzardartige Stürme begleiteten 

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sie auf einsamen, vereisten Pfaden, und es bedurfte ihrer aller 
Kraft, ihr Ziel zu erreichen. 

Sein Dorf, umschlossen von hohen Steilhängen und nur 

durch einen schmalen Durchschlupf erreichbar, bereitete den 
Kriegern einen freudigen Empfang, und die Alten des Stammes 
blickten voller Bewunderung auf ihren Jefe, der reichlich Beute 
und Vorräte ins Lager brachte, und ihnen die Sorgen des harten 
Winters nahm. 

Obwohl Cochise an die Wärme seines Tipis dachte und seine 

Schwester Tla-ina ihm vom Zelteingang zuwinkte, lauschte er 
Akias Worten. 

Der Alte, der zum Rat der Weisen gehörte, deutete zum 

Eingang der nahen Höhle, vor dem zwei junge Lanzenträger 
standen, und zum Hauptzelt auf der Mitte des Platzes. 

»Unsere jungen Krieger haben einen Gefangenen zu 

bewachen, den sie vor drei Monden in unserer verlassenen 
Apacheria überwältigten. Sie töteten ihn nicht, weil er ein 
Freund Hellauges ist. Du wirst den Rat zusammenrufen und 
über sein Schicksal entscheiden.« 

»Wer ist er?« fragte Cochise, während er sich in Bewegung 

setzte. 

»Der Falke«, hörte er Akias rufen, der dem Häuptling kaum 

folgen konnte. 

Cochises Gesicht zeigte keine Regung, als er das Fell vor 

dem Höhleneingang zurückschlug und den bärtigen Mann 
entdeckte, der langgestreckt auf einer Matte lag und nun 
freudig aufsprang. 

»Mein Gott, Häuptling, wie lange habe ich schon auf dich 

gewartet«, stieß John Haggerty erleichtert hervor. 

Cochise hob kurz eine Hand. Sein Blick wirkte abweisend. 

Vielleicht dachte er an die Vendetta (Blutrache), die ihn auf 
den Kriegspfad führte. 

»Wir sprechen später vor dem Rat«, sagte er nur und schlug 

die Decke zurück. 

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Akias hatte ihn erreicht. Ein weißhaariger Alter mit tausend 

schrumpeligen Falten im verwitterten Gesicht. Er mochte 80 
Jahre alt sein, hundert oder mehr. 

Cochise betrachtete das pergamenthäutige Antlitz, das ihn 

daran erinnerte, wie kraftlos und verbraucht er in vielen Jahren 
sein würde. 

»Wer lebt im Zelt des Rates, Akias?« 
»Ein Bote der Mimbrenjos. Nana, der Unterhäuptling 

Victorios.« 

»Nana?« Cochise schien überrascht zu sein. Ihn verbanden 

nicht gerade freundschaftliche Gefühle mit Victorio, der, als er 
– Cochise – noch für einen Frieden mit den Weißen stimmte, 
gegen seinen Willen die Poststation im Apachen-Paß 
niedergebrannt und somit den Frieden gebrochen hatte. 

Aber er dachte auch an die Zeit, die vieles geändert hatte. 

Mit gleichmäßigen Schritten überquerte er den Platz und betrat 
gelassen das große Tipi. 

Nana saß aufrecht auf den Felldecken und blickte dem 

Chiricahua-Führer abwartend entgegen. 

»Ich grüße dich, Großer Jefe«, sagte Nana und führte die 

Hand vor die Brust. 

»Sei willkommen im Dorf der Apachen«, sagte Häuptling 

Cochise und setzte sich nieder. 

Nana lächelte dünn. 
»Ich genieße die Freundschaft der Chiricahuas, seit die 

starken Winde die Wüste beleben.« 

»Zwei Monde also«, sagte der Häuptling ruhig. Er atmete 

den Duft würziger Kräuter ein, die aus einer kleinen Schale 
hochstiegen. »Schickt Victorio dich, Nana?« 

Der nickte bedächtig. 
»Er sucht die Freundschaft des größten Kriegers der 

Apachen. Dein Ruf ist weit nach Süden gedrungen, Cochise. 
Dein Name verbreitet unter den Bleichgesichtern Schrecken, 
unter deinen Brüdern aber großen Stolz und Freude. Victorio 

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bietet dir seine Hand zum Zeichen der Versöhnung.« 

Cochise nahm drei tiefe Züge aus dem Kalumet, das Nana 

ihm reichte. Er schloß die Augen, und seine Gedanken 
wanderten in die Vergangenheit. 

Victorio führte seit vielen Jahren Krieg mit den Weißen. Er 

haßte die Eindringlinge, das Militär und die Regierung, die sein 
Land nahmen und ihn aus fruchtbaren Jagdgründen in die 
Wüste am Gila verbannten. Seit vielen Monden erinnerte sich 
Cochise des starken Kämpfers, und in all dieser Zeit trug auch 
er den Wunsch im Herzen, sich mit dem Mimbrenjo-Häuptling 
auszusöhnen. Denn nun, wo er die Herausforderung der weißen 
Eindringlinge angenommen hatte, war Victorio ein 
nennenswerter Verbündeter, mit dessen Hilfe er vielleicht in 
der Lage war, die Siedler und das Militär über die Grenzen 
ihres Landes zu treiben. 

»Victorios Friedensbotschaft läßt meinen Groll verlöschen«, 

sagte Cochise. »Es gibt viele Dinge, über die es zu sprechen 
lohnt.« 

Nana sah ihn lauernd an. 
»Wann, Jefe?« 
»Wenn die Zeit gekommen ist, Nana.« Cochise erhob sich. 

»Meine Brüder bereiten ein Fest vor, denn wir möchten dem 
Großen Geist für seine Güte danken.« 

Das mächtige Feuer loderte zum Himmel. Frauen tanzten in 

rhythmischen Bewegungen zum Klang der Trommeln und 
Flöten. Krieger tranken gärisches Gebräu, bis sie betrunken in 
ihre Tipis taumelten. 

Zwei Tage und zwei Nächte dauerte das Fest zu Ehren des 

Großen Geistes der glücklichen Welt, dann kehrte der Alltag 
wieder ein. 

Der Winter zeigte ein eisiges Gesicht. 
John Haggerty war noch immer Cochises Gefangener. Man 

verpflegte ihn mit Fleisch und Bohnen, ließ ihm begrenzte 
Freiheit, ohne daß er dem berühmten Häuptling noch einmal 

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begegnete. 

Die frostigen Tage nahmen zu, und nach Haggertys 

Rechnung ging das alte Jahr zu Ende. 

An einem dieser Tage trat der Große Rat zusammen. Ein 

Dutzend alter und verdienter Veteranen des Stammes, der Jefe 
Cochise und Nana. 

In zwei Tagen und Nächten entschieden sie über John 

Haggertys Schicksal. Es war eine schwere Entscheidung, denn 
die Alten waren für einen langen Tod, und nur Cochise 
stimmte für das Leben des Falken. Der war ein Freund 
Hellauges, dessen Adern das Blut seines Blutes berührt hatten. 

Cochise zählte viele Taten auf, die für Thomas Jeffords und 

den Falken sprachen. Aber er spürte den tiefen Groll des alten 
Rates, der ihn schließlich einen Kompromiß schließen ließ. 

»Die Götter mögen die Entscheidung über Falkes Leben 

treffen«, sagte er nach langem Palaver. »Der Rat mag ihn in 
den Winter ziehen lassen, ohne Pferd und ohne Waffen, nur mit 
dem bekleidet, was er trägt, und mit einem Messer, mit dem er 
sich des hungrigen Wolfes erwehren kann.« 

Der Rat stimmte nach langer Beratung zu, denn er entnahm 

Cochises klugen Worten, daß ein Weg durch den klirrenden 
Frost des Winters ein Weg ohne Hoffnung war. 

Somit war die Entscheidung gefallen. 
Cochise sprach aus, was der Rat beschlossen hatte, und warf 

Haggerty das Bündel vor die Füße. 

Der Chiefscout dachte an seine leichte Sommerkleidung. 
»Du weißt, Cochise, es ist mein Tod.« Ohne daß der Jefe ein 

Gefühl zeigte, schlug er das Fell des Eingangs beiseite. 

»Der Weg ist frei, Falke, du kannst ziehen.« 
John nahm das Bündel auf und ging langsam durch die 

Felsöffnung. Nach einer Weile blieb er stehen und blickte in 
das unbewegliche Gesicht des Häuptlings. 

»Ich war gekommen, um dir die Botschaft des einarmigen 

Generals zu übermitteln. Er wünscht den Frieden zwischen 

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unseren Völkern. Rote Jäger und weiße Siedler sollen in 
Eintracht nebeneinander leben. Das ist General Howards 
Wunsch.« 

»Es war auch unser Wunsch, als ihr in unsere Täler 

eindrangt«, entgegnete Cochise ruhig. »Und es war ein 
Versprechen des Einarms. Aber es waren Worte einer 
gespaltenen Zunge. Geh, Falke, und versuche dein Glück!« 

»Du führst dein Volk in den Tod, Jefe, denn wo du zehn 

Siedler tötest, werden hundert nachkommen«, mahnte John 
Haggerty, ehe er sich trotzig abwandte. 

Bittere Kälte schlug ihm entgegen. 
Cochise blickte zum schmalen Felsspalt, durch den man aus 

der Apacheria gelangte. 

Falkes Worte waren auch seine Worte. Aber es war lange 

her, daß er sie gesprochen hatte. Er wartete, bis der Chiefscout 
verschwunden war, dann kehrte er zum Ratsplatz zurück.  

Tage und Wochen vergingen. 

Als das Wetter milder wurde, führte Cochise seinen Stamm 

hoch zu den Gipfeln der Berge. Von dort rüstete er zu neuem 
Aufbruch ins Tal. Auf verschwiegenen Pfaden zogen seine 
Krieger hinunter in die Ebene, und als sie die Gila-Wüste 
erreicht hatten, wandte Cochise sich an Nana, der sie 
begleitete. 

»Wenn die Tage am längsten sind, Nana, will ich Victorio 

die Hand reichen und den Platz an seinem Feuer teilen. Wir 
treffen uns im Canyon de los Embudos.« 

Nanas Augen blitzten freudig auf. 
»Du wirst Victorio begegnen, Loco, Chato und Nana. Wir 

werden uns zu einem großen Volk vereinen, die Chiricahuas 
und die Mimbrenjos.«  

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Den Spätsommer, den Herbst und den Winter zogen Captain 
Bill Freeman und seine Werber durch Siedlungen und 
Minencamps. Mit zündenden Worten hielt Freeman 
Ansprachen, verdammte die roten Bastarde und versprach den 
Siedlern Sicherheit auf ihrem Land und den Frieden im 
Territorium. 

Es war erstaunlich, wie groß der Zulauf war. In Tucson, 

Tubac und anderen Städten schrieben sich Farmer, deren Land 
verwüstet war, arbeitslose Cowboys, glücklose Goldgräber und 
gestrauchelte Existenzen in Freemans Söldnerlisten ein. 

Auf dem Weg nach Tombstone, das Freeman als Standort 

und Ausgangspunkt künftiger Unternehmen gewählt hatte, kam 
er an General Howards Headquarters vorbei. 

Und Howard, der den verlumpten und zerzausten 

Milizhaufen inspizierte, sagte zu Bill Freeman: 

»Sie haben eine Armee von biederen Bauern und 

Strauchdieben aufgetrieben, Captain. Damit läßt sich keine 
Schlacht gewinnen.« 

Freeman, den das geringschätzige Urteil des 

kommandierenden Generals wenig berührte, warf stolz den 
Kopf in den Nacken. 

»Wir sind Männer, die nichts zu verlieren, aber alles zu 

gewinnen haben, Sir. Meine Miliz wird den Chiricahuas 
innerhalb eines Jahres das Fürchten lehren. Und keine Rothaut 
wird es wagen, die Hand gegen den weißen Mann zu erheben. 
Wir werden die Rebellen in die San Carlos Reservation treiben 
und unter die Kontrolle der U.S.-Armee oder des Office of 
Indian Affairs stellen, so daß das Department jederzeit in der 
Lage ist, Rebellion im Keim zu ersticken.« 

Freemans Miliz zog weiter. 
General Howard, dessen Aufgabe es war, den Frieden im 

Südwest-Territorium zu sichern, ging sorgenvoll ins Lager 

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zurück. Die Entwicklung der Dinge und seine kürzliche 
Inspektion in der San Carlos Reservation hatten ihm gezeigt, 
daß dort Korruption und Betrug zum Tagesgeschehen gehörten. 
Die Täler an beiden Ufern des Gila River, die den Indianern 
durch Beschluß der obersten Bundesbehörde vertraglich 
zugesichert waren, wurden Zug um Zug von weißen Siedlern in 
Besitz genommen. Im Südwesten waren es Mormonen, die sich 
widerrechtlich die Indianerfarmen aneigneten. Im Westen und 
Osten verkleinerten Kupferminen die Reservationen, und die 
Entdeckung von Kohle und Silberminen im Süden würden das 
Indianerland bald weiter zusammenschrumpfen lassen. 

Und nun noch Freemans Miliz, die einen gewissen 

Unruheherd bildete. 

»Wir haben für Arizona einen Krieg geführt und sollten 

dafür kämpfen, es wieder zu verlieren«, sagte der einarmige 
General am Abend verbittert zu seinem Adjutanten und dachte 
an Thomas Jeffords, der im Spätherbst mit Terrazas 
Informationen zurückgekehrt war, die besagten, daß sich 
Victorio mit Nana, Loco und Chato verbündet hatte. Seither 
war Thomas Jeffords auf der Suche nach seinem Freund John 
Haggerty. 

Während bei General Howard die ersten Zweifel auftauchten, 

ob sein Chiefscout überhaupt noch lebte, ritt Captain »Lion« 
Bill Freeman mit seinem Frontier Bataillon in südwestlicher 
Richtung durch das Land, warb neue Söldner für seine Truppe 
an und erreichte an einem linden Frühlingstag Tombstone. 

Der Empfang war überwältigend. Die stattliche Zahl seiner 

Kämpfer ließ in jenen Bürgern Hoffnung aufkeimen, die im 
letzten Herbst Brüder und Freunde im Kampf gegen Cochise 
verloren hatten. Und jene Siedler, die in diesen Tagen auf der 
Flucht vor raubenden Chiricahuas ihren Besitz verlassen 
hatten, sahen in Freemans starker Miliz die beste Lösung der 
Probleme und folgten freudigen Herzens seinem Aufruf. 

Der Townmayor ließ ein Fest ausrichten, das drei Tage und 

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drei Nächte dauerte. Man tanzte, trank und redete von der 
Zukunft. 

Doch Spreu und Weizen vertrugen sich schlecht. 
Biedere Bürger und Grenzgelichter, die ihre Stärke im 

Revolver sahen, gerieten sich in die Haare. Diebstähle und 
andere Delikte waren an der Tagesordnung. 

Captain Freeman, der um den Ruf seiner Miliz fürchtete, 

griff deshalb hart durch. 

Er ließ die Übeltäter arrestieren und die Urheber der 

Unruhen, die zwei Bürger erschossen und mehrere Frauen 
vergewaltigt hatten, vor ein in aller Eile zusammengerufenes 
Gericht stellen und ein Exempel statuieren. 

Als Terence Horby und Horace Hill, zwei Grenzbanditen, auf 

dem Marktplatz an der Korkeiche baumelten und ihr 
verbrecherisches Leben aushauchten, schallte Bill Freemans 
lautstarke Stimme über die Versammelten hinweg. 

»Jeder, der das Ansehen der Miliz zu schädigen versucht 

oder aus niederen Trieben heraus die Gemeinschaft verletzt, 
wird ihr Schicksal teilen.« Dabei deutete sein rechter Arm 
mahnend zu den Gehenkten. 

Freemans Mahnung ließ auch den größten Gauner, der sich 

im Schutze der Miliz bewegte, erkennen, daß mit diesem 
harten Mann gerechnet werden mußte. 

In den nächsten Wochen, als Freeman seinem wilden Haufen 

die Begriffe militärischer Gehorsamkeit beibrachte, um so eine 
kampfstarke Truppe zu formieren, zogen immer neue 
Siedlerkarawanen in Tombstone ein, die fürchterliche Dinge zu 
berichten wußten. 

An einem Tag, als Freeman dachte, daß es der geeignete 

Zeitpunkt war, ließ er vier Buckboard-Wagen mit Furage, 
Munition und Waffen bestücken und zog mit 120 
Frontierkämpfern zum San Carlos Lake, wo nach letzten 
Berichten flüchtender Siedler Cochise sein Unwesen treiben 
sollte. 

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Ein Ungewisser Weg in eine Ungewisse Zukunft.  

Mountainmen fanden den ausgezehrten Chiefscout John 
Haggerty in den Ausläufern der Chiricahua-Berge und brachten 
ihn in ihr Lager. Wochenlang kämpften sie aufopfernd um sein 
Leben. 

Als Haggerty sich erstmals von den Felldecken erhob, 

kündigte sich das Frühjahr an. Die ersten Blumen sprossen aus 
frischem Gras, die Arizonawinde vertrieben Frost und Kälte. 

Slim Whooler und Buck Kainon stellten keine Fragen nach 

seinem Woher, und Haggerty wäre – trotz seiner großen 
Dankbarkeit, die er für seine Samariter empfand – auch nicht 
gewillt gewesen, darüber zu sprechen. 

Von ihnen erfuhr er, daß Fort Buchanan etwa 40 Meilen 

entfernt lag und sie bereit waren, ihn dorthin zu führen. 

»Es ist gefährlich geworden in den Bergen«, sagte Whooler 

und strich sein eisgraues, verwildertes Bartgeflecht. »Vor einer 
Woche begegneten wir einer Gruppe Rothäute, die aus den 
Steilhängen zu Tale zogen. Seit dieser Zeit beobachten wir 
mehrere Feuer im Siedlerland, und die dünne Luft trug uns 
Kampfeslärm zu. Die Apachen fallen über die Farmer her, 
plündern, rauben und massakrieren alles, was ihnen in die 
Quere kommt.« 

Cochise, dachte Haggerty verbittert. Er ist aus den Bergen 

zurückgekehrt, um seinen Kampf fortzusetzen. Ein zorniger 
Mann, der vom Wege des Friedens abgeglitten war. 

»Wann könnten wir aufbrechen, Freunde?« fragte er seine 

Begleiter. 

»Wenn du dich stark genug fühlst, Freund«, erwiderte Buck 

Kainon. Er schien unruhig zu sein und Angst zu haben. »Am 
liebsten schon heute.« 

Whooler lächelte und erklärte: 

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»In Fort Buchanan erhoffen wir uns Sicherheit, bis der Ärger 

sich gelegt hat.« 

»Worauf warten wir dann noch?« 
Haggerty spannte seine Muskeln und spürte, daß sie stark 

und kräftig geworden waren. Vor ihm lag ein langer Weg, denn 
General Howard wartete seit einem halben Jahr auf eine 
Nachricht. 

Am Morgen brachen sie auf. Im Schutze der Dunkelheit 

erreichten sie die offene Plains, die zum Apachen-Paß 
hochführte. Haggerty ritt im weiten Holzsattel eines störrischen 
Maultieres, der zu Whooler und Kainons Ausrüstung gehörte. 

Whooler hatte die Führung übernommen, und sie schafften 

fast 15 Meilen. 

In der Nacht riet John, kein Feuer zu machen. Sie schliefen 

zwischen flachem Buschwerk. 

Am folgenden Tag, während sie durch das Hügelland zogen, 

passierten sie eine niedergebrannte Farm. Das Vieh war 
fortgetrieben worden, die Bewohner waren geflüchtet. 

»Seltsam, daß uns keiner dieser Rotschwänze begegnet«, 

sagte Whooler am Abend nachdenklich, als er sich in die 
Decken rollte und die entsicherte Sharps im Arm bettete. 

»Sie werden nach Süden gezogen sein«, sagte der Scout. Er 

dachte an Nana, den er in Cochises Lager gesehen hatte, und 
dessen Stamm in der San Carlos Reservation lebte. 

»Uns soll es recht sein«, brummte der Alte im Halbschlaf. 

»Einer von euch kann mich um Mitternacht wecken.«  

Gegen Mittag des nächsten Tages näherten sie sich Wards 
Farm. Sie schien unbeschädigt zu sein, doch als sie näher 
ritten, erkannten sie, daß das Anwesen verlassen war. 

Noch bevor der Dunst des Abends niederfiel, erreichten sie 

hoch im Paß Butterfields Poststation. Die Relaisstation war 

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aufgegeben worden. 

»Cochises Kriegshorden leeren das Land«, bemerkte 

Whooler düster. »Es grassiert die Angst vor des Teufels 
Horde.« 

Endlich sahen sie die trutzige Felsenburg des Forts, und als 

sie durch das weite Tor ritten, dachte John Haggerty grimmig: 
ohne Wards Verrat und Lieutenant Bascoms Hängeparty mit 
Cochises Verwandten hätte der Häuptling den Frieden niemals 
gebrochen, denn Cochise zeigte immer wieder seinen Willen 
zum Frieden ihrer Völker. 

Bascom und Ward hatten große Schuld auf sich geladen. Sie 

waren tot. 

Lieutenant Tanner war dabei, eine Wagenkolonne 

zusammenzustellen, die er auf einer Teilstrecke nach 
Tombstone begleiten sollte. 

Als er den Scout erkannte, trat er schnell heran. 
»Mr. Haggerty!« rief der Offizier erstaunt. »Wir dachten, Sie 

wären längst tot.« 

»Unkraut vergeht nicht, Lieutenant.« John kletterte steif aus 

dem Holzsattel. 

Tanner deutete zum Office. 
»Gehen Sie rein, Sie werden bestimmt eine Überraschung 

erleben, Sir.« 

Haggerty nickte. Colonel Brigham würde ihn mit großem 

Hallo begrüßen und eine Flasche Brandy zur Begrüßung 
spendieren. 

Slim Whooler blickte hinter dem Mann her, ehe er sich an 

Tanner wandte. 

»Er scheint hier gut bekannt zu sein.« 
Tanner lächelte. 
»Er ist General Howards Chiefscout.« 
»Oh«, sagte Whooler überrascht und wechselte mit dem 

Partner einen schnellen Blick, »der Falke.« 

»Richtig.« 

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Als Haggerty den Dienstraum betrat, saß Colonel Brigham 

hinter seinem Schreibtisch. Er war gerade dabei, eine Flasche 
zu entkorken. John erkannte auch den zweiten Mann auf dem 
Sofa. 

»Thomas Jeffords!« stieß er hervor. »Welch eine Freude!« 
Er ging auf den Freund zu und umarmte ihn. »Was treibt dich 

nach Fort Buchanan?« 

»Du, John«, erwiderte Jeffords die Frage und erklärte, was 

ihn in den Apachenpaß geführt hatte. »Ich bin seit Beginn des 
Winters hier und in dieser Zeit einige hundert Meilen geritten, 
um dich zu finden. Ich war bis oben in Cochises Apacheria, 
fand sie jedoch verlassen.« 

»Cochise hat sein Dorf tiefer in die Berge verlegt«, sagte der 

Scout und berichtete, was sich in den letzten Monaten 
zugetragen hatte. »Trapper fanden mich und retteten mir das 
Leben.« 

Das Gesicht des Postmeisters verfinsterte sich bei Haggertys 

Bericht. Er dachte an die Unterredung mit dem mexikanischen 
Colonel im letzten Herbst in Janos und dessen Befürchtungen. 

»Du sagtest, Nana verbrachte den Winter in Cochises 

Apacheria?« 

»Er wird sie inzwischen mit Cochise verlassen haben.« John 

Haggerty nahm dankend das Glas entgegen, das der Colonel 
ihm lächelnd reichte. »Der erste Tropfen seit einem halben Jahr 
– Prost!« 

Thomas Jeffords war ans Fenster getreten. Die Karawane 

setzte sich in Bewegung und führte nun ein Dutzend Siedler, 
die ihre Heimstätten aus Furcht vor Cochise aufgegeben hatten, 
in die Ebene. Cochises Geist beherrschte das Land. Butterfields 
Linienverkehr war eingestellt, die Station im Paß auf seine 
Anordnung hin geschlossen worden. Die einzige Verbindung 
zwischen Tucson und dem Osten bestand nicht mehr. Dieses 
Land trieb in ein Chaos, seine Ordnung begann sich 
aufzulösen. 

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»Könnte Nana Kontakt zu Cochise und Victorio suchen?« 

fragte Jeffords, ohne den Blick zu wenden. 

Das große Tor stand weit offen, die einzelnen Plainswagen, 

Buckboards, Conestogas, von kräftigen Pferden und Ochsen 
gezogen, verließen das Fort, um in der sicheren Stadt 
Tombstone die Zeit abzuwarten. Bestimmt waren auch Farmer 
dabei, die die Zukunft dunkel sahen und in den Osten 
zurückzogen. 

Doch was bedeutete das schon. Neue Siedlertrecks folgten, 

um in Arizona und New Mexico ansässig zu werden. 

»Die Frage überrascht mich nicht, Thomas«, sagte John, der 

sich an Colonel Brighams Brandy gütlich tat. »Denn was soll 
ein Mimbrenjo sonst wohl im Lager der Chiricahuas wollen?« 

Jeffords drehte sich um. Er krauste seine Stirn und sah 

besorgt aus. 

»Wir werden Cochises Fährte suchen, John.« 
»Das dürfte nicht schwer sein. Du brauchst nur der 

verbrannten Erde zu folgen, die der Jefe hinterlassen hat.« 
Haggerty wankte leicht. Der schnelle Genuß des Brandys hatte 
seine Wangen gerötet. »Der verdammte Fusel geht in die 
Knie.« 

»Dann besaufe dich kräftig, John«, ermunterte Thomas den 

Freund lächelnd, »morgen früh brechen wir auf.« 

»Du willst zum Jefe?« 
Jeffords nickte. Es war die einzige Möglichkeit, einen Krieg 

zu vermeiden. 

Haggerty lachte blechern. 
»Er schickt dich in die Wüste, wie er mich in den Winter 

geschickt hat, Thomas. Cochise hat keine Freunde mehr, denen 
er vertraut.« 

Dann fiel John Haggerty um wie ein morscher Baum. 
Colonel Brigham ließ die Ordonanz rufen und den Scout ins 

Quartier tragen. 

Thomas Jeffords wanderte über den Hof und stieg die starken 

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Mauern hoch. Sein Blick fiel auf die nahegelegenen 
Wasserquellen und verlor sich in der Weite des Landes. 

Es war ein wildes, grausames Land von ungebrochener 

Schönheit, und dennoch reich an Leben. Groß genug, zwei 
Völker zu ernähren. 

Warum nur dieser Haß und die Zwietracht zwischen 

Menschen, die verschiedene Hautfarben trugen? 

Am Morgen ritten Jeffords und Haggerty ins Tal. Sie stießen 

auf verbrannte Erde und niedergerissene Hütten, auf einen 
ausgebrannten Wagentreck, und begruben die massakrierten 
Begleiter. 

Am dritten Tag entdeckten sie Cochises Fährte, die nach 

Süden führte. Siebzig und mehr Krieger schienen den 
Häuptling zu begleiten. Eine Ansammlung, an deren 
Größenordnung sich Thomas Jeffords vergleichsweise nicht 
erinnern konnte. 

Sein Blick folgte den schwachen Spuren, die über Sanddünen 

und Steinhalden führten. 

John Haggerty schien die Gedanken seines Freundes zu 

erahnen. 

»Du denkst an den Treck, der unterwegs nach Tombstone 

ist?« 

»So ist es, John. Wir wollen keine Zeit verlieren.« 
Thomas Jeffords lockerte die Zügel und ließ seinem Pferd 

freien Lauf.  

Am Donars Ground war Lieutenant Tanners Aufgabe beendet. 
Er und seine Schwadron schwenkten nach Westen, um nach 
Fort Buchanan zurückzureiten. 

Am Abend dieses Tages lagerte der Konvoi, geschützt vor 

dem scharfen Südwind, in einer Senke. 

Jesse Crofford, ein alter Texaner, der schon einige Jahre im 

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Land lebte, hatte die Führung übernommen. Er ließ die Wagen 
zur Burg auffahren, die Wachen postieren und Lebensmittel 
ausgeben. 

In der Nacht wachte er vom Ruf der Bu auf, jener Eule, die 

der alten indianischen Sage nach Botin des Todes war. 

Noch ehe Crofford recht begriff, schlugen Brandpfeile in die 

Planen der Conestogas. Ein vielfältiger durchdringender Schrei 
füllte die Dunkelheit, aus der dumpfer Hufschlag die Erde 
dröhnen ließ. 

Schatten tauchten zwischen lodernden Flammen auf, Schüsse 

fielen, und die ersten Männer, aus tiefstem Schlaf gerissen, 
wurden tödlich getroffen. 

Der alte Texaner griff nach seinem Gewehr und schlug den 

Lauf wie wild gegen die Triangel. 

Die Männer des Trecks formierten sich zum Widerstand, 

stürzten schießend den Indianern entgegen und schlugen eine 
Bresche zwischen die Eindringlinge. Ein unerbittlicher Kampf, 
Mann gegen Mann, der eine Stunde dauern sollte, begann. Ihr 
Mut und die Erfahrung der Grenzer trieb den Gegner aus der 
Burg zurück. 

Tote lagen zwischen lodernden Flammen, die mutige Frauen 

zu löschen versuchten. Verletzte jammerten um Hilfe, Männer 
krochen zwischen Deichsel und Fahrwerk, um den nächsten 
Ansturm abzuwehren. 

Ein Kampf auf Leben und Tod begann, denn – vom 

unerbittlichen Haß auf die Bleichgesichter getrieben, von ihren 
früheren Erfolgen beflügelt – die Chiricahuas griffen 
unablässig die Wagenburg an. 

Zastee, zastee! 
Der Wunsch zu töten beherrschte ihre Gedanken, trieb sie 

vorwärts. 

In der Morgendämmerung waren drei schwere Planwagen 

samt Ladung ausgebrannt. Croffords Leute bemühten sich, die 
entstandene Lücke zu schließen. 

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»Ohne Hilfe werden sie uns niederreiten und umbringen«, 

rief jemand in panischer Angst. 

Frauen weinten und drückten ihre verstörten Kinder fest an 

sich. 

Der Druck von außen blieb unverändert. Sie kamen nun, mit 

der aufgehenden Sonne im Rücken, weit auseinandergezogen 
zur Kampfordnung formiert, einer alles hinwegschwemmenden 
Woge gleich. Ihre Waffen blitzten im Widerspiel des 
gleißenden Lichtes, ihr wildes Geschrei drang durch Mark und 
Bein. 

Ein Pfeilhagel spickte die hölzernen Planken der schützenden 

Wagenfassade. 

»Feuer!« brüllte der alte Texaner überflüssigerweise, denn 

die Angst vor dem Ende ließ die Männer ihre Gewehre 
abfeuern, ohne daß es eines Befehls bedurft hätte. 

Ihre Frauen krochen heran, luden die leergeschossenen 

Karabiner und zeigten angesichts der Todesgefahr Kraft und 
Stärke, die den Siedlern eigen war, um in diesem wilden Land 
überleben zu können. 

Zu dem Zeitpunkt, als ihr Widerstand zusammenzubrechen 

drohte, wandten die Rothäute ihre flinken Pferde und jagten 
geduckt auf nackten Pferderücken zwischen die Hügel. 

Jesse Crofford, rauchgeschwärzt vom Pulverdampf und 

außer Atem, begriff dieses Wunder zunächst nicht, bis er und 
sie alle die fernen Trompetensignale vernahmen und eine 
Armada Reiter aus der Senke auftauchte, die, ihre Karabiner 
abfeuernd, den flüchtenden Feind verfolgten. 

»Kavallerie«, krächzte Dan Huggens, dem der gefiederte 

Schaft eines Apachenpfeils aus der Schulter ragte, ehe er 
zusammenbrach. 

Jesse Crofford sah den wilden Haufen in der verwitterten 

Kleidung. Unbändige Freude erfüllte ihn, während er auf die 
Barrikade kletterte und seine Büchse schwenkte. 

»Das ist Captain Freeman und die Miliz!« jubelte der 

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Texaner. »Freunde, wir sind gerettet.« 

Ein donnernder Ruf kündete die Erlösung an, und manch 

einem tapferen Mann rannen Tränen über die Wangen. 

Eine kleine Gruppe löste sich aus der Staffel, sprengte im 

Galopp heran. Crofford rief mit sich überschlagender Stimme: 

»Das war in letzter Minute, Captain Freeman. Gott schütze 

Sie und ihre Teufelskerle!« 

Fernes Gewehrfeuer deutete an, daß die Jagd noch nicht zu 

Ende war. 

Captain Freeman versprach mit Entschlossenheit, den 

Rothäuten zu folgen und nicht eher zurückzukehren, bis das 
Blut des letzten Apachen die Erde tränkte. 

Als er geendet hatte, galoppierten von Norden her zwei 

einzelne Reiter auf die Wagenburg zu. Freeman verzog 
mißmutig sein Gesicht, als er die Männer erkannte. 

Jeffords und Haggerty zügelten ihre Pferde. Mit einem Blick 

übersahen sie den Schaden. 

Während sie aus den Sätteln glitten, rief Freeman hämisch: 
»Die Regierungsbeauftragten kommen zu spät zum 

Verhandeln. Meine Miliz hat das Thema Cochise bald 
abgeschlossen.« Dabei lenkte er sein Pferd herum und folgte 
seinen Leuten. 

Noch immer hallte über die Prärie heftiges Gewehrfeuer. 
»Verluste?« fragte Thomas Jeffords, als er die Wagenburg 

betrat. 

»Zum Glück nicht allzu große«, erwiderte der Texaner. »Drei 

Tote und einige Verletzte.« Dabei deutete er nach draußen, wo 
John Haggerty zwischen den toten Indians einherschritt, um 
Cochise zu suchen. »Die Rothäute hat es stärker erwischt.« 

Haggerty kehrte bald zurück. Er deutete Thomas' Blick 

richtig, als er den Kopf schüttelte. 

»Der Jefe ist nicht unter den Toten.« 
Die Frauen hatten inzwischen ein Feuer entzündet und 

kochten Kaffee. Einige von ihnen bemühten sich um die 

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Verwundeten, andere führten die weinenden Kinder zu einem 
bestimmten Platz. 

Jeffords und Haggerty erlebten eine Stunde Gastfreundschaft 

der Siedler, ehe sie die Unruhe aufbrechen ließ. 

Als sie Freemans Spuren folgten, formierte der Texaner 

Crofford seine Wagenkolonne. 

»Für den Treck besteht keine Gefahr mehr«, sagte Thomas 

Jeffords, der in der Ferne jagende Reiter sah, die ihr Wild zu 
den Bergen trieben und versuchten, ihnen den Weg 
abzuschneiden. »Aber wenn Freeman Cochise erwischt, läßt er 
ihn hängen, vierteilen oder aufs Rad binden und zu Tode 
foltern.« 

»Scheißkrieg«, brummte Haggerty, während er die Zügel 

locker führte. 

Sein Freund nickte. 
»In Cochises Herz schlummern verdeckt Friedensgefühle. 

Sein Zorn läßt sie ihn nicht erkennen. Aber irgendwann dürfte 
ihm seine Klugheit sagen, daß sein Kampf ein Kampf gegen 
den Wind sein wird. Sollte aber Victorio Kriegshäuptling der 
Mimbrenjos, der Chiricahuas und der White-Mountain-
Apachen werden, wird dieses Land in unserem Blut ertrinken. 
Victorio brennt voller Haß auf Weiße und Mexikaner seit dem 
Tod von Mangas Coloradas. Der Jefe ist der einzige, der ihn in 
die Schranken verweisen kann.« 

»Aber ich denke, Cochise sucht Verbindung zu Victorio«, 

wandte John Haggerty ein. 

»Der mexikanische Colonel vermutet es. Deshalb wollen wir 

mal Schicksal spielen und Cochise finden, ehe dieses Treffen 
stattfindet.« 

Sie folgten der breiten Fährte und stießen auf getötete 

Apachen, denen blutrünstige Burschen den Skalp vom Schädel 
getrennt hatten, denn noch immer bestand die Unsitte, daß die 
Regierung Prämien für eine indianische Kopfhaut zahlte. 

Am Abend erreichten sie die Caps der Chiricahua Mountains 

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und stießen auf die Lagerfeuer der Miliz. 

Captain Freeman war ungehalten und dennoch voller 

Zuversicht. 

»Sie haben sich in die Steilschluchten zurückgezogen. Aber 

wir holen uns jeden Mann. Der Zeitpunkt war noch nie so 
günstig, um mit Cochise abzurechnen.« 

Jeffords und Haggerty schwiegen. Sie sattelten ihre Pferde 

ab, lösten die Bettrollen und suchten sich abseits ein 
verschwiegenes Plätzchen. 

»Apachen-Ponys sind wie Gemsen, John«, sagte Thomas, 

während er sich gähnend in die Decken rollte. »Wenn Freeman 
erwacht, werden sie längst auf dem Hochplateau reiten und für 
eine Weile untertauchen. Wir trennen uns beim Sonnenaufgang 
von Freeman und suchen weiter südlich einen Weg zum 
Plateau.«  

Unbemerkt waren der Häuptling und seine Krieger in der 
Nacht aufs Hochplateau gestiegen. 

Als der Tag graute, waren sie meilenweit vom Gegner 

entfernt, und zwischen ihnen lagen tiefe Felsschluchten. Bis 
zum Mittag ritten sie im schnellen Tempo ihrem Ziel entgegen, 
und als sie die verdeckte Quelle erreichten, die aus dem Fels 
sprudelte und im Fels verschwand, gab der Jefe das Zeichen 
zur Rast. 

Sie umlagerten die Quelle, und Cochise hatte nun 

Gelegenheit, die Verluste seiner Krieger zu ermitteln. 

Nachdenklich führte er seine Unterführer Naiche und 

Geronimo zur nahen Felsplatte, wo sie ungestört ihren Palaver 
führen konnten. Dort setzten sie sich nieder. 

»Dreißg der besten Krieger haben wir verloren«, begann der 

Häuptling zu sprechen, »und vielleicht ein Dutzend unserer 
Feinde erlegt. Wir besitzen Gewehre, aber wir sind ihnen 

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unterlegen. Wir haben keine Krieger, die unsere Toten 
ersetzen, und die weißen Siedler überschwemmen wie ein 
reißender Strom unsere Jagdgründe.« 

»Wir sind auf dem Weg zum Canyon de los Embudos, 

Cochise«, widersprach Geronimo, »Victorio, Nana, Loco und 
Chato warten auf dich. Vielleicht wird auch Alchesay vom 
Stamm der White-Mountain-Apachen und Eskaminzin, der 
Häuptling der Aravaipa, der Verhandlung beiwohnen. 
Bedenke, alle Apachen-Häuptlinge unter dir vereint, Cochise, 
das würde eine Kriegsmacht bedeuten, mit der wir die 
Eindringlinge aus dem Land jagen könnten. Wir haben unsere 
eigenen Gesetze und brauchen nicht die erniedrigenden 
Gesetze einer fremden Regierung, die dem Sklaventum 
gleichkommt – oder dem Tod.« 

»Mein Wunsch, in Frieden zu leben, ist tot, Geronimo.« 

Cochise blickte in den blauen Himmel, dem er sich im 
Augenblick so nahe fühlte, daß er mit den mächtigen Göttern 
zu sprechen glaubte. »Aber sie dort oben schicken ein 
mahnendes Zeichen, das unser Übermut eines schnellen Sieges 
nicht das Ende des Kampfes bedeutet. Viele unserer Brüder 
sind auf dem Weg in ihr Reich. Viele werden folgen. Aber was 
dann, wenn es keine Apachenkrieger mehr gibt?« 

»Die Götter stehen auf unserer Seite. Ihrer Kraft verdanken 

wir unseren Sieg. Sie werden nicht dulden, daß ihr Volk 
ausstirbt«, sagte Geronimo mit großer Inbrunst. 

In Cochises Augen – wie die eines Adlers – schimmerte es 

traurig. Er dachte an den großen Weißen Häuptling in 
Washington, der schon viele Male sein Wort gebrochen hatte 
und bald Soldaten und Kanonen schicken würde, gegen deren 
Stärke ihr Volk zu schwach war. 

»Bist du kriegsmüde?« hörte er Geronimo vorwurfsvoll 

fragen. 

»Nein«, erwiderte der Jefe nach einer Weile. »Wir ziehen 

morgen weiter nach Süden und erledigen die Aufgaben, die 

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unsere Götter uns gestellt haben.« 

An der Quelle entstand plötzlich Bewegung. Einige Krieger 

eilten zu den steil abfallenden Felsen. Einer kam Cochise 
entgegen, der sich erhoben hatte. 

Geronimos Hand berührte den Tomahawk im Gürtel, als 

Tomie erregt rief: 

»Zwei Reiter, Jefe! Sie befinden sich auf dem unteren 

Felsband.« 

Cochise schritt nachdenklich an dem Krieger vorbei und rief 

seine Leute zurück. 

Weit beugte er sich über die Felsbrüstung und beobachtete 

minutenlang die Fremden. 

Seine scharfen Augen erkannten schließlich Thomas Jeffords 

und John Haggerty, die bemüht waren, einen Pfad zum 
Hochplateau zu finden. 

»Es sind mein Bruder Hellauge und der Falke«, verkündete 

Cochise, während er sich aufrichtete. 

In Geronimos Augen stand flammender Zorn. 
»Du hast keinen Blutsbruder mehr, Jefe, und der Falke ist 

schon längst tot.« 

Cochise spürte den Aufruhr des jungen Unterhäuptlings, der 

irgendwann an seine Stelle treten sollte. 

»Das Band unseres Blutes wird nie zerreißen, Geronimo. Der 

Falke aber lebt. Seine Götter waren ihm wohlgesinnt.« 

»Dann werde ich den Falken töten, um dir zu beweisen, daß 

ihre Götter unseren Pfeilen nicht widerstehen.« 

Cochise merkte, daß sein Unterhäuptling ihn herausforderte. 

Dieser Eindruck wurde verstärkt durch das Schweigen seiner 
Krieger. Es gab kein Gesetz, dem Geronimo sich hätte beugen 
müssen. Deshalb sagte er weise: 

»Von Hellauge und dem Falken haben wir nichts zu 

befürchten. Es führt kein Weg aus dem Canyon Iluda auf das 
Plateau der Singenden Winde. Sie werden bald umkehren. Wir 
aber werden ihnen Tage voraus sein, und der Wind wird unsere 

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Spuren verwischen. Wo könnten sie uns wohl suchen?«  

Vier Tage lang durchstreifte Freemans Miliz das felsige Tal, 
bis der Captain erkannte, daß Cochise ihn genarrt hatte und 
über alle Berge verschwunden war. Freeman hielt es für 
unmöglich, daß ein berittener Apache diese Steilbarrieren 
überwinden konnte, aber die Tatsache überzeugte ihn. 

»Cochise hat uns geleimt. Wir werden nach Süden reiten und 

das Cap umgehen«, sagte Freeman verärgert zu Tenner, der 
den Rang eines Unterführers hatte. »Irgendwann werden wir 
ihre Fährte wiederfinden, denn fünfzig Reiter können sich nicht 
in Luft auflösen.« 

In der folgenden Woche kamen sie an kleineren 

Ansiedlungen vorbei, die im Schutze fruchtbarer Bergtäler 
lagen. Captain Freeman hörte von der verdächtigen Ruhe, die 
seit einiger Zeit herrschte. 

»Mitunter sahen wir täglich Mimbrenjos, die plündernd von 

Süden heraufzogen, und wir hatten alle Mühe, sie uns vom 
Hals zu halten«, erklärte ein Kleinrancher, auf dessen Land das 
Frontier Bataillon einen Tag rastete. »Aber seit vielen Tagen ist 
die Range wie leergefegt. Das bedeutet nichts Gutes.« 

Auch Freeman war diese Tatsache aufgefallen, denn seitdem 

er Cochises Spur verloren hatte, ging es ihnen wie Potter, dem 
Farmer. 

Der ehemalige Captain antwortete auf die Frage, warum sie 

so tief im Süden ritten, daß sie hinter Chiricahua-Apachen her 
seien und Cochise fast erwischt hätten. 

Potter schüttelte den Kopf. Die Erwähnung des Jefe sorgte 

für einige Unruhe, aber dann sagte der Farmer: 

»Wenn Cochise im Tal der Farmer wäre, hätte mich einer 

meiner Nachbarn gewarnt. Wir unterhalten untereinander ein 
Nachrichtennetz um in der Stunde der Gefahr uns gegenseitig 

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helfen zu können.« Dabei erklärte er, wie das funktionierte. 
Am Tage waren sie mit Spiegelsignalen verbunden und in der 
Nacht durch Leuchtfeuer. 

»Auf diese Weise versuchen wir uns gegenseitig zu schützen, 

Captain.« 

Die Miliz blieb über Nacht. Am anderen Morgen, mit 

frischen Vorräten der Farmer versorgt, zog sie weiter. 

Freeman spürte die Ungeduld seiner Leute. Sie wollten 

kämpfen und nicht hinter einem Phantom herjagen. Und etliche 
von ihnen quälte das Heimweh. Viele Wochen waren sie 
unterwegs, und das Geplänkel mit Cochises Kriegern war nur 
ein Lichtblick in der Eintönigkeit der Tage. 

Nahe der Felsen bleibend, hatten sie das Cap umgangen. 

Freeman schickte Späher aus, in der Hoffnung, nun endlich 
eine Fährte zu finden. Doch als sie in der Nacht ins Lager 
zurückkehrten, brachte nur Tenner eine Neuigkeit. 

»Ich habe am Abend Spuren zweier beschlagener Pferde 

entdeckt. Sie führen direkt nach Süden.« 

»Jeffords und Haggerty.« Bill Freeman nickte bedächtig. 

»Wie alt war die Fährte?« 

»Einige Stunden.« 
Freeman wunderte sich, denn nach seinen Schätzungen 

mußten die beiden vier Tage Vorsprung haben. 

»Wir werden ihnen morgen folgen. Vielleicht weiß Jeffords 

mehr.«  

Am Vormittag stießen sie auf ein niedergebranntes Feuer, und 
als die Sonne hinter den Bergen versank, entdeckten sie 
Jeffords und Haggerty, die einen Lagerplatz am Seitenarm des 
Gila gefunden hatten. 

Freeman schlug in ihrer unmittelbaren Nähe das Biwak auf 

und ritt dann hinüber. 

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»Sie wissen mehr als ich, Mr. Jeffords. Sie haben Cochises 

Fährte gefunden«, sagte er und setzte sich an ihr Feuer. 

Thomas Jeffords lächelte. 
»Wenn ich wüßte, wo sich Cochise gegenwärtig befindet, 

Captain, würde ich es Ihnen nicht auf die Nase binden. Sie sind 
scharf auf den Skalp des Häuptlings, wir aber reiten in einer 
Friedensmission. Vielleicht würde es mir gelingen, den Jefe 
vor übereifrigen Entschlüssen zu bewahren und zu einer 
Unterredung mit General Howard überreden zu können.« 

»Cochise kennt nur eine Sprache, die der Waffen, Mr. 

Jeffords«, brauste der Captain auf. »Er zeigt es uns seit einem 
Jahr. Nein, Cochise wünscht keinen Frieden.« 

»Daran tragen Leute wie Sie die Schuld, Freeman, oder 

unbesonnene Männer wie Ward und Lieutenant Bascom, die 
ihren Verrat mit dem Tode bezahlen mußten«, entgegnete 
Jeffords scharf. »Zähmen Sie ihren Zorn, Captain, und reiten 
Sie mit der Miliz nach Hause.« 

»Und Sie?« Freeman hatte sich erhoben. Ihm war klar, daß 

man seine Anwesenheit nun wohl nicht mehr wünschte. 

»Unser Ziel ist Mexiko.« 
»Im letzten Herbst waren sie schon einmal in Mexiko, 

Jeffords. Welche Verbindung sucht General Howard zu 
Colonel Terraza?« 

»Jede mögliche, die zum Frieden unserer Völker führen 

kann.« 

Captain Freeman stampfte davon. Er dachte, welch ein Narr 

Jeffords war, der noch an einen Frieden glaubte. 

Am Morgen stellte er fest, daß der Postmeister und der 

Chiefscout ihr Lager verlassen hatten. 

»Wir reiten in Richtung San Carlos«, befahl Freeman und 

dachte an Victorio, dessen Stamm in der Reservation lebte. 

Aber in Carlos, im Office of Indian Affairs, erfuhr Captain 

Freeman, daß Victorio und dessen Familien vor einem Monat 
das Reservat verlassen hatten und spurlos in den Bergen 

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untergetaucht waren. 

»Was mag das bedeuten?« fragte Freeman den Inspektor. 
Der deutete lächelnd über das kahle und vegetationsarme 

Wüstenland längs des Gila River. 

»Sie leben hier auf engstem Raum, Captain. Selbst ihre 

Feinde sind ihre Nachbarn. Sie sind Jäger und keine Bauern. 
Bemühungen, aus ihnen Farmer zu machen, haben wir 
aufgegeben.« 

»Und niemand holt die Mimbrenjos zurück?« 
»Es ist Militär unterwegs, Captain. Aber das wird wohl auch 

nichts nützen.« 

Freeman verabschiedete sich betroffen. Inspektor Raggen 

hatte ihm eine Erklärung, aber keine rechte Antwort auf seine 
Frage gegeben. Und dafür war er eine Woche geritten. 

Wo steckte Cochise mit seinen Kriegern? 
Wo Victorio mit seinen Familien? 
Fragen, auf die er keine Antwort fand. 
Unwillkürlich erinnerte sich Captain Freeman der Gerüchte, 

die seit Monaten in den weiten Tälern Arizonas im Umlauf 
waren. 

Sollten Cochise und Victorio Kontakt miteinander suchen? 
Ein Gedanke, bei dem es Captain Freeman eiskalt über den 

Rücken lief und seinen Entschluß bestärkte, die Jagd nicht 
aufzugeben.  

Die Sonnenglast lag wie eine Hitzeglocke über Chihuahua, als 
die Freunde Colonel Terrazas Hauptquartier entdeckten. 

Es war Hochsommer, die Sonne stand im Zenit, und bald 

wurden die Tage kürzer. 

Colonel Terraza war trotz seines Alters ein aktiver Mensch, 

agil, beweglich – der Typ einer Führernatur. Zugleich aber von 
mexikanischer Behäbigkeit, wenn es um die Siesta ging. 

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Die Ankunft der Amerikaner oder Gringos, wie er sie 

heimlich zu nennen pflegte, brachte ihn nicht aus der Ruhe, 
konnte auch seine Siesta nicht stören. Come Mexico, no hay 
dos. Man brauchte bei der mörderischen Hitze seine Erholung. 

Am späten Nachmittag erschien er in seinem Büro und 

begrüßte seine Gäste mit überschwenglicher Herzlichkeit. Er 
ließ Früchte, Fleisch und Getränke auffahren und langte selbst 
kräftig zu. Fast zwei Stunden dauerte die kleine Fiesta, ehe 
Thomas Jeffords zum eigentlichen Zweck seines Besuches kam 
und seine Befürchtungen zum Ausdruck brachte. 

»Cochise ist unterwegs nach Süden, und aus San Carlos 

kommen Gerüchte, daß Victorio sich aus der Reservation 
abgesetzt hat. Ihre Befürchtungen, Colonel, daß Cochise und 
Victorio sich einigen könnten, sind nicht mehr von der Hand zu 
weisen.« 

Colonel Terraza füllte die Gläser mit eiskaltem Tequila, 

schob den Salztopf über den Tisch und nahm einen tiefen 
Schluck. 

»Meine Tarahumari-Scouts meldeten in den letzten Wochen 

starke Bewegungen in der Sierra Madre, meine Herren. Sie 
entdeckten einzelne Mimbrenjo-Gruppen, die wie Diebe 
heimlich in die Berge eindringen, in denen doch nur Steine und 
Sand zu holen sind. Nur die Ärmsten der Armen leben auf dem 
Hochplateau – Peons, die sich kaum ernähren können, weil die 
Kargheit des Bodens nur eine dürftige Ernte erbringt. Auch 
Chiricahuas sind gesichtet worden, die jeder Siedlung 
auswichen und einzelne Reisende kaum beachteten. Irgendwo 
mitten in der Sierra Madre braut sich etwas zusammen, das für 
unser beider Länder schicksalhafte Bedeutung hat.« 

»Und was haben Sie unternommen, Colonel?« 
»Sie wissen, daß Apachen und Mexikaner seit zweihundert 

Jahren in Feindschaft leben, Mr. Jeffords. Sie sollten mir 
deshalb glauben, daß wir die Entwicklung der Dinge sehr 
aufmerksam verfolgen. Fast fünfzehn meiner besten 

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Tarahumari-Späher sind ständig unterwegs, um ihren 
Treffpunkt ausfindig zu machen. Wir müssen Geduld haben 
und gewissenhaft unsere Vorbereitungen treffen.« 

Colonel Terraza war ein aufmerksamer Gastgeber, der ihnen 

die schönsten Seiten seiner Stadt und die Kampfstärke seiner 
Truppen zeigte, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. 
Dennoch wurden die Freunde auf eine harte Probe gestellt. 

Nach einer Woche endlich ließ der Kommandant sie rufen, 

und als sie dessen Dienstzimmer betraten, erkannte Jeffords 
Mauricio, den Tarahumari-Indianer-Scharfschützen, der ihn im 
letzten Sommer nach Süden begleitet hatte. 

Mauricios weiche Hirschlederkleidung war über und über 

mit Staub bedeckt und sehr schmutzig, und man roch am 
Schweiß seines Körpers, daß ein harter, anstrengender Ritt 
hinter ihm lag. 

»Mein bester Kundschafter«, erklärte Terraza. »Sie haben 

ihn schon kennengelernt. Mauricio bringt gute Nachrichten aus 
der Sierra Madre. – Berichte.« 

Der Tarahumari erzählte, daß er durch Zufall auf eine 

Gruppe Mimbrenjos gestoßen war, die von Loco geführt 
wurde. Er war ihnen in respektvollem Abstand durch die 
Felsschlünde der Sierra Madre gefolgt, bis Loco den großen 
Canyon erreicht hatte, in dem sich Hunderte von Apachen 
aufhielten. Auf dem Rückweg waren ihm weitere Familien mit 
Kriegern, Greisen, Frauen und Kindern begegnet, die ihre Habe 
mit sich führten. 

Colonel Terraza folgte den Ausführungen mit leuchtenden 

Augen und sagte abschließend: 

»Die Rothäute treffen sich zum großen Kriegsrat im Canyon 

der Gauner. Wir  werden den Canyon de los Embudos zum 
großen Friedhof der Apachen machen. Keiner wird es 
überleben.« 

Das klang wie eine Grabrede, nur das Amen fehlte. Jeffords 

und Haggerty hörten aus Terrazas Worten den 

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unüberwindlichen Haß eines stolzen Mexikaners heraus, und 
der Gedanke, daß 1000 oder vielleicht mehr Chiricahuas und 
Mimbrenjos diesem angeborenen Haß zum Opfer fallen 
konnten, erschreckte sie. 

Colonel Terraza ließ seinen Worten Taten folgen. Er berief 

seinen Stab ein und setzte seine Truppen in Alarmbereitschaft. 

Jeffords sprach noch eine Weile mit Mauricio, und als die 

Freunde sich später in der Taverne trafen, sagte Thomas: 

»Terraza bereitet einen hinterhältigen Kriegszug vor, John. 

Wir werden dieses Nest heute nacht verlassen und zum Canyon 
der Gauner reiten. Ich möchte Cochise warnen und so sein 
Vertrauen wiedergewinnen. Vielleicht ist er, wenn er meine 
Aufrichtigkeit erkennt, bereit, mit dem General ein 
Friedensgespräch zu führen.« 

John Haggerty trank mißmutig seinen Aquadiente. »Wird es 

nicht zu spät sein, Thomas?« 

»Vielleicht kommen wir rechtzeitig, ehe sie Verträge 

abschließen. Wir werden heimlich unseren Abzug vorbereiten 
und in der Dunkelheit ohne Abschied verschwinden.« 

Haggerty zahlte sein Getränk. Gemeinsam verließen sie die 

Schenke. 

Als sie die Straße hochwanderten, herrschte im Armeelager 

reges Treiben. Planwagen wurden mit Furage, Munition und 
Waffen beladen. Die Feldhaubitzen wurden gerichtet, und 
neben Kartätschen sahen die Freunde etliche Kisten mit 
Preßpulver, was erkennen ließ, auf welche Weise Terraza seine 
Urfeinde vernichten wollte. 

»Der Colonel wird merken, daß wir wie Diebe aus seiner 

Stadt geschlichen sind und daraus Folgerungen ziehen.« 

Thomas Jeffords lächelte ironisch. 
»Welche wohl? Daß wir vielleicht Bammel vor dem Feldzug 

haben? Daß wir uns einfach aus dem Staub gemacht haben, um 
die Verantwortung nicht mittragen zu müssen? Es gibt viele 
Arten von Folgerungen, John, doch niemals käme Terraza auf 

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den Gedanken, daß wir schnurstracks in die Höhle des Löwen 
marschieren.« 

John Haggerty hatte ein ungutes Gefühl, als sie nach 

Einbruch der Dunkelheit den Mietstall betraten und heimlich 
ihre Pferde ins nahe Gebüsch führten. 

Er erinnerte sich seiner letzten Begegnung mit dem Jefe, die 

fast zu seinem Tod geführt hätte.  

Der Canyon de los Embudos, wo ihre Stämme sich vereinigen 
wollten, war mit Leben erfüllt. 

Immer neue Gruppen zogen durch die tiefen Steilschluchten 

in den weiten Arroyo, suchten ihren Platz in der Tiefe des 
Tales und warteten geduldig auf das große Palaver, das der 
Mimbrenjo-Häuptling angekündigt hatte. 

Am zweiten Tag nach Cochises Ankunft erschienen Loco 

und Chato. Nach einer kurzen, wenig freundlichen Begrüßung 
der Parteien flammten Feuer auf, an denen die Stämme sich 
niederließen, um den Tag und die Nacht mit Gesängen zu 
füllen, die nach strengem Ablauf des Rituals bis zum 
Morgengrauen dauerten. Zu der Monotonie der dumpfen 
Trommel und Neiflöten tanzten Krieger in wilder Verzückung 
um die Feuer, und jeder Stamm zeigte auf seine Art die 
verschiedensten Möglichkeiten, wie sie den Gegner töten 
konnten. 

Im Morgengrauen war der Tanz zu Ende. Männer und Frauen 

fielen in tiefe Erschöpfung. 

Inmitten des Felskessels versammelten sich nun die 

Häuptlinge. 

Stumm, die Beine verschränkt, wanderte das Kalumet ums 

Feuer. Jeder nahm drei tiefe Züge als Zeichen der 
Verbrüderung. Als die Zeremonie beendet war, sprach 
Häuptling Cochise von der Größe ihres Volkes und der 

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Freiheit, über die ihre Großväter zu berichten wußten, die nun 
aber in der Ära weißer Eindringlinge unterzugehen drohte. 

Victorio sprach von dem entwürdigenden Leben in der 

Reservation, das den Apachen zum Sklaven machte und ihm 
die Jagd in ihren Bergen versagte. 

Viele Stunden der Klagen vergingen. 
Auch Nana, Chato und Loco redeten, bis Cochise wieder das 

Wort ergriff und sagte: 

»Wir Apachen sind hier zusammengekommen, um dies alles 

zu ändern. Verrat und Betrug haben unserer Stämme gespalten, 
ihre Kampfkraft geschwächt. Militär nimmt unser Land in 
Besitz, und die Treckleute besiedeln unsere Jagdgründe. Es ist 
so eng in unserer Heimat, daß der Apache wirklich keinen 
Platz mehr findet.« 

Dumpfes Gemurmel bestätigte Cochises Aussage. Ihre 

Blicke wanderten voller Zorn über die Bergkuppen. Nur der 
Himmel war ihnen geblieben und holos, die Sonne. 

Beherrscht, dennoch sein Ziel suchend, erwähnte Cochise 

ihre nun 200 Jahre dauernde Feindschaft mit dem 
mexikanischen Volk, zu dem nun ein zweiter, weitaus 
gefährlicher Feind gekommen war. 

»Der Unfriede unserer Stämme schwächt uns am meisten. 

Unsere Väter haben uns auf das Leben vorbereitet, aber ihre 
Unterweisungen im Kriegshandwerk haben wir verlernt. Dies 
alles soll nun anders werden. Wir werden unsere Stämme 
zusammenschmieden wie glühendes Eisen und in vereinter 
Stärke mutig dem Feind entgegentreten und ihn über unsere 
Grenzen treiben.« 

»Und wer wird unser gemeinsamer Anführer sein?« fragte 

Victorio lauernd. 

»Cochise soll unser oberster Kriegshäuptling werden«, rief 

Chato mit leuchtenden Augen, »er ist klug und voller List. Der 
Wind, der über das Land weht, hat seine Ruhmestaten bis in 
unser Lager getragen. Er kennt die weißen Soldaten und ihre 

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Kampfart. Er ist verschlagen genug, sie zu besiegen.« 

Loco nickte. 
»Er wird uns in ein freies Apachenland führen.« 
Auch Geronimo und Nana gaben ihre Zustimmung. Nur 

Victorio zögerte. Er fürchtete um seine Stellung als 
Mimbrenjo-Häuptling und brachte es zum Ausdruck. 

Der Jefe versicherte: 
»Jeder bleibt seines Stammes Fürst, doch in Zeiten der 

Kriegshandlungen soll nur einer befehlen.« 

»Cochise!« riefen sie wie im Chor, und nun, wo Victorio 

überstimmt war, willigte er auch ein. 

»Wohlan, dann wollen wir unseren Bund beschließen.« 
Cochise griff zum Kalumet, füllte es mit Kinnikinnick, dem 

scharfen Tabak aus Sumachblättern und dem Bast des roten 
Hartriegels, nahm drei tiefe Züge und reichte die Pfeife 
Victorio. 

Nun, nachdem sie die geheiligte Handlung abgeschlossen 

hatten, zeigte sich Victorios List und Schläue, indem er dem 
obersten Kriegshäuptling das Angebot machte, mit all ihren 
Kriegern nach Janos zu ziehen, wo Terraza, der Teufel und 
Erzfeind der Mimbrenjos, sein Unwesen trieb. 

»In Janos finden wir Waffen und Kriegsgerät im Überfluß, so 

daß wir unsere Streitmacht mit Flinten und Munition ausrüsten 
können. Für unsere Weiber und Kinder werden wir Vorräte 
erbeuten, womit sie den nächsten Winter überstehen.« 

Geronimo stimmte diesem Vorschlag sofort zu. 
Doch Cochise, der Victorios Eigenschaft vom Vater erlernt 

hatte, spürte, daß der Vorschlag des Mimbrenjos dem 
Eigennutz diente. In Janos wollte er Mangas Coloradas' 
schmählichen Tod rächen. 

Geronimos Begeisterung bewegte sich auf gleicher Basis, 

denn er hatte nie vergessen, daß in Janos viele seiner 
Verwandten von mexikanischen Soldaten heimtückisch 
erschlagen worden waren. 

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Hier, in der Übermacht mehrerer Stämme, erkannten die 

listigen Schakale die Chance, eine alte Schmach zu begleichen, 
um das Nützliche mit dem Nötigen zu paaren. 

Cochise aber dachte an seine gestellte Aufgabe: den weißen 

Feind zu besiegen und zu vertreiben. 

»Janos werden wir nicht vergessen, Victorio, doch unsere 

neue Gemeinschaft muß erst zu einem Block 
zusammenwachsen. Ihre Freundschaft soll ohne Eigennutz und 
Falschheit der Zukunft entgegensehen. Wir werden erst lernen 
müssen, daß unsere Stämme ein großes Volk sind, stolze 
Apachen. Deshalb ist es mein Wunsch, daß wir gemeinsam 
durch die große Wüste nach Norden ziehen und in Eintracht 
mit unseren Völkern in den Chiricahua-Bergen leben, bis der 
Tag kommt, wo wir, einem großen Sturm gleich, unsere Feinde 
über die Grenzen jagen.« 

Victorio zeigte seinen Großmut, indem er zustimmte. 
Am Ende des Canyons entstand Bewegung. 

Mimbrenjospäher ritten auf scheckigen Ponys laut schreiend 
ins Tal. Sie schwangen ihre Lanzen und führten fünf 
Gefangene mit sich, die sie den Hang hinauf zum Feuer trieben 
und vor ihrem Häuptling vom Pferd stießen. 

Victorio erkannte an ihrer Kleidung, daß sie Tarahumaris 

waren und im mexikanischen Dienst standen. Seinem 
Versprechen folgend, suchten seine Augen Rat bei Cochise. 

Der spürte des Häuptlings Zorn und Haß und gab ihm zu 

verstehen, daß Victorio seine eigenen Entscheidungen treffen 
konnte. 

»Es sind deine Gefangenen, mein Bruder. Du bestimmst über 

ihr Leben. Aber bedenke, die Zahl ihrer Kundschafter zeigt, 
daß der Teufel in Janos von unserer Zusammenkunft erfahren 
hat.« 

»Wir werden bald mehr wissen«, sagte Victorio und befahl, 

die Gefangenen zu den Hügeln zu führen. 

Während Cochise den Aufbruch forderte und die Stämme 

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zueinander fanden, klang von der Höhe herab Victorios zornige 
Stimme. 

Als der Treck sich schwerfällig in Bewegung setzte, tauchte 

der Mimbrenjo-Häuptling an der Spitze aller Reiter auf. 

Cochise erkannte Victorios Unzufriedenheit, aber er schwieg, 

bis der Häuptling von selbst sprach. 

»Sie starben stumm und stolz, wie Apachen. Kein Wort kam 

über ihre Lippen.« 

Der Jefe sah die dunklen Skalps an Victorios breitem 

Leibgurt und nickte nur. Die Nähe mexikanischer Späher 
erfüllte ihn mit Sorgen, und er dachte an den endlosen Weg, 
der vor ihnen lag.  

»Es sind einige hundert Spuren zu sehen, aber keine Apachen«, 
sagte John Haggerty unzufrieden, als sie durch die 
Steilschluchten der Sierra Madre ritten, die hinauf zum Canyon 
de los Embudos führten. »Sie haben sich wie Diebe 
verkrochen.« 

Thomas Jeffords folgte aufmerksam den schwachen Spuren 

auf felsigem Untergrund. Er erkannte, daß die Fährten sowohl 
in den Canyon hinein und wieder heraus führten, ohne daß er 
den Zeitpunkt des Wechsels bestimmen konnte. 

Sie befürchteten, zu spät zu kommen. Cochise und seine 

Häuptlinge waren sicher gewarnt und auf der Flucht. Dennoch 
blieb er wachsam, dem Leitspruch getreu: traue keinem 
Indianer, auch wenn du ihn nicht siehst. 

Seit Stunden kletterten sie durch das Felsmassiv, ohne einer 

Menschenseele begegnet zu sein. Nur der Hufschlag der 
Pferde, dessen Echo schwach von den Steilhängen abprallte, 
begleitete sie. 

Am späten Nachmittag dehnten sich die Felsauswüchse, 

erweiterten sich zu einem breiten Kessel, an dessen Hängen sie 

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auf erloschene Feuerstellen stießen. 

»Sie waren hier.« Zum erstenmal sprach Thomas Jeffords, 

aber es klang wie eine tiefe Enttäuschung. »An die fünfhundert 
Menschen haben hier gelagert.« 

John Haggerty erkannte es an den vielen Feuerstellen, die 

überall im Tal zu sehen waren. 

»Und wo sind sie geblieben, Thomas? Eine solche 

Ansammlung kann sich nicht in Luft auflösen.« 

Jeffords ritt zur Talmitte, wo die kahlen Gerüste vieler 

Wickiups standen, und stieg dann vom Pferd. Er prüfte die 
Asche der Feuerstelle und richtete sich zögernd auf. 

»Die sind mindestens eine Woche alt, John. Irgend etwas hat 

sie vertrieben.« 

Haggerty blickte den Hügel hinauf, an dessen Ende eine 

Felsplatte lag. Er lenkte sein Pferd herum und stieg den Hang 
hinauf. 

Jeffords blickte hinter ihm her. 
Als sein Freund nach einiger Zeit winkte, nahm er sein Pferd 

am Zügel und folgte. Schon bald roch er den süßlichen 
Gestank. 

Als er John erreichte, stand der mit entblößtem Haupt vor 

den massakrierten Tarahumari-Spähern, deren Uniformen von 
unzähligen Lanzenstichen durchbohrt waren. 

»Sie sind der Grund«, sagte Jeffords. »Apachen haben sie 

entdeckt, Cochise hat daraus seine Schlüsse gezogen und eine 
schnelle Flucht bestimmt. Er ist ein schlauer Fuchs.« 

»Wohin?« fragte John Haggerty, während er begann, die 

entstellten Leichen mit Steinen zu bedecken. »Wohin können 
sich wohl tausend und mehr Menschen bewegen, ohne entdeckt 
zu werden, Thomas?« 

»Wir werden bald die Antwort wissen«, erwiderte Jeffords 

besorgt. Er dachte an Cochise, an Victorio und die anderen 
Häuptlinge, die in diesem Land geboren waren und aus ihrer 
Jagdzeit jeden Schlupfwinkel in den Bergen kannten. Es würde 

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schwerfallen, sie aufzuspüren. Selbst dann, wenn sie durch ihre 
Familien behindert waren. 

Jeffords half die Tarahumari-Späher zu begraben und sprach 

ein stummes Gebet, das den armen Teufeln wenig nutzte, aber 
seinem Glauben entsprach. 

Dann drängte er, weiterzureiten. 
»Ich möchte Terraza nicht begegnen, John. Wer weiß, ob er 

uns den schnellen Aufbruch in Janos übelnimmt. Sicher aber 
würde Terraza viele dumme Fragen stellen, wenn er merkt, daß 
seine Feinde sich in Nichts aufgelöst haben. Du kennst 
mexikanische Mentalität.« 

Haggerty nickte. 
Sie ritten durch die Schluchten. Als es allmählich dunkel 

wurde, machten sie Rast. 

In dieser Nacht arbeiteten Thomas Jeffords' Gedanken 

fieberhaft. Sorgenvoll dachte er an die Zukunft des Landes, 
denn nach allem, was er bisher ermittelt hatte, schienen 
Chiricahuas und Mimbrenjos ihre Feindschaft begraben zu 
haben und zu einem mächtigen Stamm zusammengewachsen 
zu sein. Cochise strebte eine gewaltsame Auseinandersetzung 
an, die Arizona, New Mexico und die mexikanischen Staaten 
Sonora und Chihuahua einen blutigen Krieg aufzwang. 

Am Nachmittag des folgenden Tages – sie ritten noch tief in 

den Schlünden der Sierra Madre – hörten sie den fernen Klang 
von Hufschlag und Schritten, und noch ehe die Sonne das Bild 
verdeckte, erkannten die Freunde vom Sattel eines Felsens aus 
den endlosen Strom Reiter und Fußvolk, die ihre schweren 
Waffen und Bagage über die Schluchtsohle führten. 

Ihnen voran, mit vielen goldenen Tressen und 

Schulterstücken dekoriert, ritt Colonel Terraza, in schneidiger 
Haltung, wohl von einem sicheren Sieg träumend. 

»Die Enttäuschung wird ihn aus dem Sattel werfen«, flüsterte 

Haggerty überflüssigerweise, denn der Lärm dröhnte wie 
Donnerhall in seinen Ohren. 

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»Er macht einen Radau, als ritte er zu einer Parade.« 
Fast zwei Stunden dauerte der Vorbeimarsch. Thomas 

Jeffords schätzte, daß der Colonel wenigstens 400 Mann 
mitführte, und sicher bestieg um diese Zeit eine stattliche Zahl 
seiner Infanterie die Osthänge der Schlucht, um dem Feind in 
den Rücken zu fallen. 

In der Dämmerung verließen die Freunde ihr Versteck. 
Als es dunkel wurde, sagte Jeffords: »Wir warten, bis der 

Mond aufgeht, und ziehen weiter. Ich möchte das Flachland 
erreichen, bevor es dämmert. Dann reiten wir nordwärts. 
Vielleicht stoßen wir auf Cochises Fährte, ehe der Wind sie 
endgültig verwischt.« 

»Eine Woche Vorsprung hat der Jefe«, wandte Haggerty ein. 

»Wie willst du seine Fährte finden?« 

»Cochise braucht Zeit, es ist ein langer Weg, John. Du 

vergißt, daß er auf Frauen, Kinder und Greise Rücksicht 
nehmen muß. Ich habe noch Hoffnungen.« 

Nach zwei Tagen erreichten sie die Ausläufer des Gebirges, 

und ohne Zögern wandte sich Jeffords nach Norden. Er glaubte 
das Ziel des Häuptlings zu kennen, denn nirgendwo waren die 
Stämme sicherer als im Herzen von Cochises Feste zwischen 
den Dragoon und Chiricahua Mountains. 

Fünf Tagesritte nordwärts stießen sie überraschend auf 

Freemans Miliz, die einer Fährte von zehn Apachenpferden 
folgten. Freeman steckte voller Neugierde, und er wollte von 
Gerüchten wissen, daß mexikanische Truppen Stämme der 
Chiricahua und Mimbrenjo-Apachen gestellt und vernichtend 
geschlagen hatten. 

Der Zufall wollte es, daß an diesem Tag die Fährte der 

kleinen Apachengruppe eine zweite Fährte berührte, deren 
Größe und Breite selbst einen abgeklärten Soldaten wie 
Freeman erschrecken ließ. 

Thomas Jeffords deutete nach Nordost, wo die gewaltigen 

Monumente der Dragoon- und Chiricahua-Bergmassive im 

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rötlichen Schein der sinkenden Sonne lagen. 

»Dort haben Sie Ihre Antwort, Captain.« Er sagte es mit 

einer gewissen Ironie, die Freeman nicht überhören konnte. 
»Da zieht Cochise mit den vereinten Stämmen der Mimbrenjos 
in seine Bergfesten. Der Tag rückt näher, wo ein mächtiger 
Kriegshäuptling uns alle das Fürchten lehren wird. Reiten Sie 
mit Ihrer Miliz nach Hause, Captain, und bereiten Sie sich auf 
diese Stunden vor.« 

Thomas Jeffords gab dem Freund ein Zeichen, und sie ritten 

schweigend an Freeman und seiner Miliz vorbei ins weite Tal. 

»Wirst du deinen Blutsbruder aufsuchen, Thomas?« fragte 

John Haggerty am Abend, als sie in einem Dickicht lagerten. 

Thomas Jeffords dachte lange nach, die Antwort schien ihm 

schwerzufallen. 

»Das Land hat sich verändert, John. Selbst Cochise ist ein 

anderer geworden. Sollte er mich jedoch rufen und nach 
meinem Rat verlangen, werde ich keine Sekunde zögern, seine 
Apacheria zu betreten.«  

Die niedergehende Sonne tauchte das weite Land in ein 
blutiges Rot. Schillernder Gluthauch eines spätsommerlichen 
Tages belebte die Plains. 

Hoch aufgerichtet und stolz stand Cochise auf der Kuppe 

eines mächtigen Bergrückens. Seine Gedanken verirrten sich in 
der endlosen Weite, die einst ein freies Apachenland war, in 
der Jäger Büffel und andere Tiere jagten und Familien ihre 
Biwaks aufschlugen. 

All das hatten fremde Soldaten und fremde Eindringlinge 

ihnen genommen. 

Nur ihr Stolz war nicht zu brechen. 
Der Stolz eines freien Apachen. 
Bald, dachte der legendäre Häuptling, und ein grimmiges 

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Lächeln spielte um seine Lippen. Bald wird das Land zwischen 
Chiricahua, den Dragoon Mountains und der Sierra Madre frei 
sein, und unsere Väter werden stolz auf uns niederblicken, 
denn die Stämme der Chiricahuas und der Mimbrenjos waren 
sich nahegekommen… 

Drohend hob Cochise die Faust… 

ENDE