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John Montana 

Ritt ins Inferno 

Apache Cochise 

Band Nr. 15 

Version 1.0 

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Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten. Man kann sagen, die damaligen Weißen und 
Mexikaner waren alles andere als weitblickend, eher nur von 
einer hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines 
Panthers glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der 
Indianer eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für 
einen Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«? Mitnichten. 
Zum Teil gab es vorausschauende und mitfühlende Männer in 
der Army, die aber wegen ihrer »Humanitätsduselei« nicht zu 
Wort gelangten, aber den Untergang der roten Rasse 
voraussagten und mit den Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 
vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 

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abgetan wird. 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 

Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 
Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre. Es hat nicht an 
klardenkenden und verantwortungsbewußten Leuten 
gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 

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Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen. Es ist nicht Aufgäbe dieser 
Einleitung, anzuklagen und zu richten, denn niemand von uns 
kann sagen, daß er es womöglich hätte besser machen können. 
Sie alle in der damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren 
Kinder einer harten und erbarmungslosen Epoche, und sie 
waren Bewohner einer rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde. Die guten und schlechten 
Weißen, die anständigen Apachen und die grausamen, tauchen 
namentlich in der Story auf und geben der Geschichte einen 
dramatischen, wenn auch makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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*** 

Tiefhängende Wolkenbänke zogen über die Dragoon 
Mountains hinweg und hüllten ihre Gipfel ein. Es war ein 
böses Orakel, das Cochise warnen sollte. Blitze und Donner 
zuckten zur Erde nieder und tauchten die Apacheria in grelles 
Licht, und das dumpfe, grollende Echo des Donners kehrte aus 
finsteren Schluchten wieder. 

Doch Cochise beachtete dieses Zeichen nicht. Er hatte seine 

Stammesbrüder gerufen, um mit den Häuptlingen seine Pläne 
zu besprechen. 

Sie waren seinem Ruf gefolgt, teils, um ihrem 

Kriegshäuptling ihre Achtung zu erweisen, teils aus Neugierde, 
denn in ihren Bergfesten hatte es sich herumgesprochen: 
Cochise besaß moderne Feuerrohre, wie sie die Soldaten in 
ihren bunten Röcken mitführten. 

Victorio, der Mimbrenjo-Häuptling, Nana und Loco, die 

jungen Unterhäuptlinge der Mimbrenjos. Ulzana, der 
Weißenhasser. Geronimo und Chato. 

Nach endloser Begutachtung der Springfield-Gewehre, 

einigen Kostproben ihrer Treffsicherheit, der ihre 
uneingeschränkte Bewunderung galt, und Cochises Bestreben, 
die Waffen zu besorgen, in vielen lobenden Tiraden 
erwähnend, versammelte man sich im weiten Rund vor dem 
Hauptzelt des Häuptlings, um des Jefes weisen Worten zu 
lauschen, zu beratschlagen und nach Apachenart zu 
diskutieren. 

Während der scharfe Nordwind, der Blue Northern, vom 

trockenen Gewitter begleitet, die Wolken peitschte und an den 
Lederzügen der fellbespannten Jacales rüttelte, füllte Chan-ank, 
der »stoßende Adler«, Ältester im Rat der Alten, das Kalumet 
mit Kinnikinnick, der nun rundum ging und den beißenden 

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Geruch von Sumachblättern, vom Bast des roten Hartriegels 
und aromatischen Kräutern verbreitete. 

Eine Zeremonie, die dem großen Palaver vorausging. Tiefes 

Schweigen herrschte, und ihre Gedanken verweilten bei ihren 
Göttern, bis Victorio, der Apachenwolf, seine Arme hob und 
rief: »Enju, es ist gut. Wir wollen nun über Dinge sprechen, mit 
denen sich unser Kriegshäuptling seit unserer Vereinigung im 
Canyon de los Embudos beschäftigt.« Sein Blick ruhte auf dem 
Stammesfürsten. »Du hast das Wort, Jefe.« 

Cochise nickte. Er schien Old Vics Gedankengänge zu 

erraten. »Für einen Krieg gegen die Blauröcke sind wir nicht 
ausgerüstet, für den Aufstand zu schwach. Sechzig Feuerrohre, 
die der verräterische Händler uns gebracht hat, sind nicht die 
Seligkeit, aber sie reichen, um in den Siedlungen Unruhe zu 
verbreiten. Wir werden ihre Farmen niederbrennen und ihre 
Niederlassungen angreifen. Wir werden uns weitere Waffen 
erobern und ein Heer ausrüsten, mit dem wir gegen die 
Soldaten kämpfen, sie töten oder aus unseren Jagdgründen über 
den Rio Grande del Northe treiben. Mein Sohn Naiche ist auf 
dem Wege zu den Yaguis. Ich hoffe, Tehueco wird unseren 
Freiheitskampf unterstützen und seine Krieger in unsere 
Bergfestungen entsenden.« 

Victorio schien enttäuscht. »Wir sollten in die Zeltstadt der 

Blauröcke reiten«, rief er zornig, »dort liegt das Übel. Ohne 
ihren Häuptling Einarm werden die Soldaten über die Grenze 
fliehen. Seinen Skalp können wir dem Weißen Häuptling in 
Washington senden.« 

Cochise schüttelte heftig den Kopf. »Würden deine 

Mimbrenjo-Krieger fliehen, wenn dich eine Kugel aus 
Feindeshand niederschmettert?« 

»Niemals«, schrie Old Vic und spürte im gleichen 

Augenblick, das der Jefe ihm eine Falle gestellt hatte. 

»Du siehst es, es hat keinen Zweck. Wir wollen Unruhe 

verbreiten, damit keine weiteren Siedler unser Land betreten. 

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Das käme einem Sieg gleich. Und jene Farmer, die sich auf 
unseren fruchtbaren Weiden breitgemacht haben, werden wir 
die Hölle zeigen, bis sie von selbst aufgeben. Und dann, aber 
dies nur, wenn die Aravaipas und die White Mountains 
Apachen unsere Kriegsmacht stärken, könnten wir die Zeltstadt 
bei Tubac angreifen und vielleicht vernichten.« 

Ulzana nickte. Er spürte Cochises Klugheit und wußte, nur 

ein Mann wie der Jefe konnte die Apachen in die Freiheit 
führen. 

Ein Blitz zuckte aus den pechschwarzen Wolken, fuhr 

oberhalb der Jacales in den Fels und spaltete ihn. Für Ulzana 
ein Zeichen der Götter, die seine Gedanken guthießen. 

»Wie werden wir vorgehen, Cochise?« fragte er nach einer 

Weile. 

»Wir teilen unsere Krieger in zwei Gruppen und gehen in die 

freie Mesa, brennen, plündern und töten, was uns an Feinden 
begegnet.« 

»Auch ihre Kutschen?« 
Einen Augenblick dachte Cochise an seinen Vertrag mit 

General Howard. 

Der Einarm hatte sein Wort, was soviel wie Frieden 

bedeutete. Aber Einarm hatte seinen Vertrag gebrochen, die 
Abmachung galt also nicht mehr. 

»Ihre Kutschen, ihre Militärpatrouillen, Männer, Frauen, 

Kinder. Wir wollen unsere Vorbereitungen in aller Stille 
treffen und dann zuschlagen. Ich weiß, daß der Falke die Berge 
durchstreift und einen Weg in die Apacheria sucht. Er wird 
erfahren wollen, mit welchen Plänen wir uns beschäftigen. Er 
mag kommen…« 

Victorios dunkle Augen sprühten Feuer. Der Wind fuhr wild 

durch sein langes schwarzes Haar. »Bevor er den Marterpfahl 
kennenlernt, werde ich mit ihm kämpfen.« 

Cochise lächelte. »Du bist ein mutiger Krieger, Victorio. 

Aber wir wollen nach Apachenart klug, listig und verschlagen 

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sein. Der Falke mag kommen, hören und gehen, denn er wird 
Dinge erfahren, die für uns von wenig Bedeutung sind, weil 
wir ihn und den General in Tubac auf die falsche Fährte 
setzen.« 

Cochise sprach nun lange und eingehend über seine Pläne, 

die General Howard, seine Infanterie und Dragoner weitab der 
eigentlichen Geschehnisse führen sollten, während sie, die 
Chiricahuas und Mimbrenjos, ungehindert die Plains 
durchstreiften. 

Beifälliges Gemurmel folgte seinen Ausführungen. Das 

Kalumet ging von einem zum anderen, selbst Victorio schien 
von Cochises Worten überzeugt. 

»Wie aber werden wir erfahren, daß der Falke die Apacheria 

betreten hat? Deine Krieger haben seine Spur verloren«, sagte 
er lauernd. 

»Apachen sind keine blinden Schneehasen. Was sie verloren 

haben, werden sie wiederfinden. Der Kreis, in dem sie suchen 
müssen, ist nur klein. Er bewegt sich in den Grenzen unserer 
Befestigung.« 

»Du bist verschlagen wie ein Schakal, Jefe«, rief Victorio 

anerkennend und zog an der langen Pfeife. 

Am Abend brachten Weiber gäriges Getränk, und ihr Palaver 

dauerte bis tief in die Nacht. Sie träumten von Siegen und 
Erfolgen und dem tödlichen Blizzard, mit dem Apachen-
Krieger durch die Mesa fuhren. 

Da nun viele entscheidende Dinge zu besprechen waren, 

wurde das Palaver am folgenden Morgen fortgesetzt. 

Am späten Nachmittag tauchte einer von Cochises Spähern 

am Ende der Schlucht auf. Mit großen federnden Schritten 
näherte er sich dem Rat der Häuptlinge. 

Cochise hatte sich erhoben. Er reichte dem Läufer, der sehr 

erschöpft war, die Wasserkelle und sagte ruhig: »Sprich, 
Athalee.« 

»Der Falke kommt«, sagte Athalee schwer atmend, während 

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er nach Osten wies. »Der Falke nimmt den Arroyo am Berg der 
vielen Höhlen.« 

Cochise nickte zufrieden. Am Berg der Höhlen lagen die 

Grabstätten ihrer Toten. 

»Wann wird er unser Lager erreichen?« fragte er weiter. 

»Der Falke ist mißtrauisch wie der scheue Bü. Er wird die 
Nacht abwarten.« 

»Dann haltet die Augen auf und gebt uns ein Zeichen, wenn 

der Falke das Lager betritt. Geronimo mag dich zu den 
Wächtern auf dem Hügel begleiten.« 

Geronimo packte seine geschmückte Kriegslanze und zog 

sich am Schaft hoch. 

Der Jefe mahnte lächelnd: »Der Falke mag kommen und 

gehen, ohne daß ihm ein Leid widerfährt. So hat es der Rat 
beschlossen. So soll es geschehen.« 

Cochise setzte sich auf die bunte Santillodecke nieder und 

sprach zu den Häuptlingen, während Geronimo und Athalee in 
die Felsenhöhle stiegen, von wo aus der Blick in das schmale 
Felsband offen war. 

Der Gewittersturm war längst weitergezogen ohne daß er im 

Dorf Schaden angerichtet hatte. Die Sonne verkroch sich hinter 
den Bergen. Es dämmerte und wurde dunkel. 

Plötzlich stand Geronimo im Kreise der Häuptlinge. Er ließ 

sich nieder und sagte triumphierend: »Der Falke verbirgt sich 
bei den töpfernen Urnen unserer Toten!« 

»Dann wird er bald in unserer Nähe sein.« Cochise nickte 

zufrieden. »Besprechen wir also die Dinge, die wir geplant 
haben.« 

»Lege dich nicht mit Rocky an, Sonnyboy«, warnte Nelly 
Michel, Mädchen amouröser Freuden aus Cammerons Tanzbar 
in Tucson. Dabei streifte sie mit einem fast zärtlichen Blick 

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den schlanken jungen Burschen, der in ihr angenehme 
Erinnerungen hinterlassen würde, wenn er die Stadt verließ. 

»Rocky ist gefährlich und hat ein Dutzend halbseidener 

Freunde. Geh ihn aus dem Wege, wenn er dich auf mich 
ansprechen sollte, denn der Narr glaubt, mich als 
Dauerfreundin gemietet zu haben.« 

Nelly stand am Fenster und blickte durch die Gardinen 

hinaus. Seit zwei Stunden, so lange, wie ihr Besucher ihr seine 
körperliche Kraft und Liebe schenkte, stand der bullige Rocky 
Sullivan am ausgefahrenen Fahrweg vor Timbers Drugstore 
und blickte unentwegt zum Obergeschoß des Saloons, dorthin, 
wo Nellys Amüsierzimmer lag. 

Wyatt Earp schlüpfte in die Hose und betrachtete Nellys 

beachtliche Flanke, die ihm selbst jetzt noch begehrenswert 
erschien, wo sein heißes Blut sich abkühlte. 

»Ich will es mir merken, mein Schatz«, lachte Earp und 

schlang den breiten Gurt um die Hüften. Sein Revolver hing 
tief auf dem rechten Schenkel der gegerbten Hirschlederhose, 
so wie ein Mann seine Waffe trug, der damit umgehen konnte. 
Noch während er den Stetson auf den Schädel setzte, zog er 
eine Zehndollarnote aus der Tasche und hielt sie Nelly hin. 

Nelly wandte sich um. Sie lächelte, und ihre Gedanken 

durcheilten noch einmal die Augenblicke zärtlicher Berührung. 

Wyatt war jung, vielleicht zweiundzwanzig, explosiver 

Sprengstoff, an den sie sich noch lange erinnern würde. Sie 
schob die Hand beiseite, umschlang Earps Hüfte und spitzte die 
Lippen. 

»Vergiß es, Cowboy, du hast mir mehr gegeben als diesen 

schnöden Mammon. Küß mich und verschwinde, ehe es mir 
schwerfällt, dich gehen zu lassen…« 

Nun, wo das einfallende Licht ihren nackten Körper traf, sah 

Earp die schroffen Falten um Mund und Augen, die ihr der 
Beruf eingebracht hatte und mit Schminke nicht zu verdecken 
waren. Dennoch war ihr Abschied von tiefer Zärtlichkeit. 

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Als Earp zurücktrat, hielt er ihr intimstes Dessous in der 

Hand und schob es lächelnd in den offenen Hemdausschnitt. 
»Ich nehme es als Erinnerung mit, Honneymoon, und werde es 
am Sattelhorn tragen, bis Wind, Sonne und Regen seine 
leuchtenden Farben verblassen lassen.« 

Mit einem Lächeln auf den Lippen, einem letzten Blick auf 

das zerwühlte Linnen, verließ Earp das kleine Zimmer und 
stieg, begleitet von Honeymoons Gedanken, und den 
rauschenden Akkorden des Orchestrions, die Treppe zum 
Saloon hinunter. 

Es war ein Tag nach seinem Herzen. Da ihm die Scheinchen 

in der Tasche knisterten und in der Ecke des Saloons 
Spieltische standen, an denen Faro und Black Jack gespielt 
wurde, ging er unbewußt in diese Richtung. Der Tag hatte ihm 
Freude geschenkt. Vielleicht brachte er ihm auch ein wenig 
Glück im Spiel. 

Wyatt Earp war trotz seiner Jugend mit allen Lastern und 

Untugenden dieser Welt vertraut. 

Er kam aus Kansas und wollte irgendwohin. Das war 

gleichbedeutend mit nirgendwohin. Einfach vom Wind treiben 
lassen, mal da und mal dort sein Glück versuchen. 

Earp war der Typ eines Glücksritters, der jede Arbeit mochte 

oder auch keine. Er wich keiner Herausforderung aus und sollte 
irgendwann – in einigen Jahren – einer der schillernsten 
Gestalten der westlichen Hemisphäre werden. Er und seine 
Brüder. 

Als Earp sich am Pokertisch niederließ, wobei er den Stuhl 

mit der Lehne zur Wand wählte, sah er Rocky, den kräftigen 
Burschen, vor dem Nelly ihn gewarnt hatte, durch die 
Pendeltür treten. Für einen Augenblick lang begegneten sich 
ihre Blicke, und Earp wußte sofort, was Rocky in die Kneipe 
geführt hatte. 

Von nun an ließ er ihn nicht mehr aus den Augen. Er gewann 

beim Spiel, bluffte seine Gegner mit der Erfahrenheit eines 

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professionellen Spielers und wartete kaltblütig auf den 
Moment, da der Stiernacken das Spektakel begann. 

Rocky Sullivan stand mit einigen Saufkumpanen an der 

Theke. Sie trugen die grobe Kleidung von Cowboys und 
arbeiteten sicher auf irgendeiner Bonanza in der Mesa. 

Rocky trank. 
Während seine Freunde ständig auf ihn einredeten, steigerte 

sich die Erregung des Mannes von Minute zu Minute. Als 
Nelly schließlich im aufreizenden Kleid an der oberen 
Treppenbrüstung erschien, schob Rocky sein Glas mit einem 
Ruck zurück und ging schnurgerade auf die Spielertische zu. 

Earp sah die muskulöse Gestalt und die mächtige Pranke, mit 

der er einen der Mitspieler vom Stuhl schob. 

»Der Fremde hat heute einen verdammten Glückstag«, 

knurrte er heiser und knallte eine Handvoll Silberdollar auf den 
Tisch. »Ich möchte sehen, ob es von Dauer ist.« 

Der junge Bursche, den Rocky vom Stuhl gefeuert hatte, 

rappelte sich eiligst vom Boden auf. 

»Er ist nicht zu schlagen«, sagte er, ohne irgendwelchen 

Ärger zu zeigen, »hinter seinem Kindergesicht verbirgt sich 
eine Spielernatur.« 

Da kam auch der Ärger schon von Rocky, der nach den 

Karten griff, über den Tisch grinste und provozierend sagte, 
daß es jeder im Saloon hören konnte: »Vielleicht hilft das 
Milchgesicht seinem Glück ja ein wenig nach. Das machen 
doch alle Professionellen…« 

Earp hatte bei Gott kein Milchgesicht, und es war sicher eine 

Anspielung auf sein Alter. Er dachte an Nellys Warnung und 
sagte freundlich: »Willst du Krach oder Karten spielen, 
Rocky?« 

Rocky lauschte seinem Namen, den der Fremde zu kennen 

schien. Sein mächtiger Daumen deutete über die Schulter. »Hat 
mein Mädchen ihn dir genannt, Stranger?« 

Wyatt Earp hob gelassen die Schultern. »Möchtest du mir 

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eine Geschichte erzählen oder einsteigen?« fragte er und sein 
Blick verlor sich in Rockys Augen, in denen ein böses Funkeln 
war. 

Er spürte, der Mann war gefährlich. 
Den gleichen Gedanken hatte wohl auch Rocky. Er zögerte 

noch einen kleinen Moment, dann schob er das Blatt über den 
Tisch. »Also gib schon.« 

Es war eine Art Waffenstillstand. Wyatt sah es an den 

warnenden Zeichen, die Nelly an der Theke machte. Er lächelte 
in Gedanken. Sie war ein nettes Ding, weit über ihre 
Mädchenjahre hinaus, aber nicht so verkommen wie die Dirnen 
in den Häusern auf den Trailstraßen. 

Nelly hatte noch Gefühl im Leibe und herz. 
Wyatt Earp blieb besonnen und war auf der Hut. Bis zu dem 

Augenblick, als Rockys mächtige Faust über den Tisch zuckte 
und Nellys buntes Seidenhöschen auf den Tisch flatterte. 

»Dies Miststück hat es dir wohl geschenkt, Milchgesicht? 

Als Erinnerung an ein paar nette Stunden? Was glaubst du 
wohl, wie viele Jungs Nellys Dessous am Sattel tragen, 
Falschspieler? Ich selbst…« 

Weiter kam er nicht. 
»Sagtest du, ich spiele falsch?« Earps Stimme klang 

messerscharf, daß es plötzlich ganz still im Saloon wurde. 
Selbst das Orchestrion setzte abrupt aus. 

Noch ehe Rocky eine weitere provozierende Äußerung von 

sich geben konnte, schnellte Earps Faust dem Mann entgegen. 
Hart und trocken, von solcher Wucht zum Kinn des Mannes 
geführt, daß die Anwesenden im Saloon das Knacken von 
Knochen zu hören glaubten. 

Rockys massiger Schädel flog zurück. Sein Körper rutschte 

im Stuhl zusammen, und für einen Augenblick suchte der Hüne 
Halt an der Lehne, dann kippte er rücklings mit dem Stuhl um 
und stürzte zu Boden. 

Earps Mitspieler hatten sich hastig erhoben. An den Tischen 

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zum Ausgang flüchteten die Zecher. Earp kannte dieses 
Zeichen, er wußte, der Bulle am Boden hatte seinen Revolver 
in der Faust. 

Zuerst hörte man einen unartikulierten dumpfen Aufschrei 

überschäumender Wut. 

Darum kam Rocky auf die Beine und schwang seinen alten 

Texas-Patterson in Earps Richtung. 

Aber der junge Mann war nicht unvorbereitet. Rockys erste 

und auch einzige Kugel, die er abfeuern konnte, schlug an Earp 
vorbei patschend in die Holzfassade, als Wyatt Earps 
Peacemaker unter dem Tisch aufbellte und Rocky Sullivan ein 
mächtiges Loch in den Leib riß. 

Rocky schrie, als hätte ein Apache ihm das glühende Feuer 

auf den Bauch gelegt. Seine Hände fuhren zum Leib, der 
Patterson flog in irgendeine Ecke. Wie eine morsche Zeder im 
Sturm wankte die mächtige Gestalt. Noch während er in die 
Knie brach, sah Wyatt Nellys warnendes Zeichen, das wohl 
bedeuten sollte, er möge aus dem Fenster springen. Zugleich 
spürte er, daß der Ärger erst recht losging. 

Rockys wilde Schreie gingen in ein röchelndes Keuchen 

über. Dann war der Kerl still. 

Irgend jemand beugte sich über die leblose Gestalt am Boden 

und brüllte los: »Rocky ist tot, der Bastard hat ihn umgelegt! 
Los, Jungs, wir hängen ihn an den Treppenpfosten.« 

Wyatt erkannte, daß Nelly zum Seitenausgang gelaufen war, 

wo der offene Pferdeschuppen lag. Er wußte nun, daß die 
Meute sich zusammenrottete. Sie taten so, als wären sie alle 
Rockys Freunde gewesen. Mit einer wilden Bewegung 
schleuderte Earp den Tisch um, so daß das Geld zwischen den 
Beinen der Männer über die Tanzfläche kollerte. 

Er schoß zwei Warnschüsse über ihren Köpfen ab und traf 

mit einer dritten Kugel einen Mann an der Schulter. 

Einen Augenblick lang geriet ihr Sturmlauf ins Wanken. 
Earp sprang in die freie Flanke, erreichte nach drei 

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Riesenschritten das offenstehende Fenster und hechtete in den 
Hof. Er schoß endgültig die Trommel leer, um die Kerle 
zurückzuhalten. 

Da sah er auch schon Nelly mit seiner gesattelten Fuchsstute 

heraneilen, ihr Gesicht war gezeichnet von Sorge. 

»Ich habe dich gewarnt«, rief sie ihm entgegen, »Rockys 

Freunde federn und teeren dich und spannen deinen Körper 
zwischen vier Zugochsen. Hau endlich ab, du lieber, blöder 
Kerl. Du bringst dich sonst noch um Kopf und Kragen!« 

Earp ergriff die Zügel, erfaßte das Sattelhorn und schwang 

sich in den Sattel. »Mein Dessous«, rief er Nelly zu, »es liegt 
unter dem Tisch, schick es mir nach Tombstone, damit die 
Erinnerung an mein Goldkind lebendig bleibt!« 

Schüsse peitschten auf, als Earp die Mainstreet erreichte. Er 

sah einen Strom Menschen aus dem Saloon herauslaufen. 
Einige hatten bereits ihre Pferde bestiegen, andere trugen 
Revolver in den Fäusten, und alle brüllten und schrien 
durcheinander. 

Wyatt rutschte seitlich aus dem Sattel, hing nun mit einem 

Stiefel im Lederbügel und mit der anderen Hand am Sattelhorn, 
so daß er den Männern kein Ziel bot. 

»Lauf, Mädchen«, rief er seiner Stute zu, »lauf, die ganze 

Stadt scheint auf den Beinen zu sein!« 

Earp erreichte den Ortseingang, glitt behend in den Sattel 

zurück, kitzelte die Fuchsstute mit den Sporen. In gestrecktem 
Galopp jagte das Tier davon. 

Hinter ihm folgte wildes Geschrei und eine wüste Kanonade, 

aber die Schüsse richteten nichts an, zu groß war die 
Entfernung. 

Unbewußt schwenkte Earp in die offenen Plains, den fernen 

Bergen entgegen, die wie dunkle Schatten am Horizont 
standen. 

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Nach einem langen und anstrengenden Weg an schwindelnden 
Abgründen und Felsbarrieren vorbei, nach vielen Irrwegen und 
Sackgassen, die ihn fast verzweifeln ließen, erreichte John 
Haggerty die Grabstätten der Apacheria und verbarg sich bis 
zur völligen Dunkelheit im Labyrinth der Berghöhlen. 

Nun, wo er kurz vor dem Ziel stand, schöpfte John wieder 

Kraft und Mut. Vielleicht war es auch die Hoffnung, Dinge zu 
erfahren, die für sie von größter Wichtigkeit sein konnten, denn 
ihm war klar, nun, da Cochise über eine größere Anzahl 
Waffen verfügte, würde er bald aus der Lethargie des Alltags 
ausbrechen und sich zum Kampfe stellen. 

Von Bedeutung war es zu erfahren, wie der Jefe sich die 

Zukunft vorstellte, um gegebenenfalls seinen Angriffen nicht 
unvorbereitet entgegentreten zu können. 

John wartete die völlige Dunkelheit ab, ehe er vorsichtig die 

Höhle verließ und den Hang hinunter in den Arroyo stieg, 
immer bemüht, kein Geräusch zu verursachen. 

Er sah den Schatten, der sich hoch oben vom Fels abhob, die 

Silhouette einer der Wächter. Er huschte tiefgeduckt, jede 
Deckung nutzend, den steinernen Pfad hinauf. 

Am Ende des Weges dehnte sich der flache Talkessel bis 

zum befestigten Steinwall hin. Haggerty erblickte einige offene 
Feuerstellen vor den Jacales. Männer und Frauen, die sich dort 
bewegten und ihrer Beschäftigung nachgingen. Aber er sah 
auch den Kreis Männer um das große Feuer am Beratungsplatz. 

Trotz der Dunkelheit erkannte John die kräftige, sehnige 

Gestalt Cochises, und John war, als sitze an seiner Seite 
Victorio, der Mimbrenjo. 

Sollte es wirklich Victorio sein, dann war diese Begegnung 

von Bedeutung, daran zweifelte Haggerty nicht. 

Flach auf dem Bauche liegend, jedes Geräusch vermeidend, 

glitt John durch die schmale Felsrinne, die zu der Buschhecke 
führte, in deren Schatten das Lager lag. 

Niemand schien ihn entdeckt zu haben. Immer wieder hielt er 

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inne und hob lauschend den Kopf. 

Als er ins wilde Gesträuch eindrang, hörte er undeutlich ihre 

murmelnden Stimmen, aber es war zu weit entfernt, um 
Einzelheiten erfahren zu können. 

John war sich seiner Lage durchaus bewußt. Cochise würde 

kein zweites Mal Großmut zeigen, denn mit seiner Freilassung 
vor einer Woche hatte der Häuptling seine Schuld beglichen, 
die er dem Falken für die Errettung seines Sohnes schuldete. 

Zoll für Zoll den Boden abtastend und trockenes Geäst 

beiseite räumend, näherte er sich dem Feuer. 

Durch die Zweige erkannte er Chato und Chan-ank, den alten 

Chiricahua, dessen Stimme im Rat der Häuptlinge von 
Bedeutung war. Und nun sah er auch Ulzana, von dem John 
wußte, wie tief verwurzelt sein Haß gegen die Weißen war. 

Ulzana stellte Cochise einige Fragen, und er hörte dessen 

klare Antwort. 

»Wir haben genügend Gewehre, um unseren Gegnern 

überlegen zu sein. Wir werden uns nicht mit Halbheiten 
zufriedengeben, sondern General Einarm zeigen, daß wir zu 
kämpfen verstehen. Der Rat hat einstimmig beschlossen, Fort 
Buchanan anzugreifen, seine Mauern niederzureißen und die 
Besatzung zu töten. Wir werden dort genügend Waffen und 
Munition erbeuten, um weitere Krieger mit guten Gewehren 
ausrüsten zu können. Zugleich zerstören wir die Poststation im 
Apachen-Paß, ziehen dann weiter nördlich und vernichten die 
Indianer-Agenturen im San Carlos Reservat. Damit tilgen wir 
eine Schmach, die der Weiße Häuptling in Washington unseren 
Familien angetan hat. Als nächstes Ziel wählen wir Fort 
Apache. Von dem toten Händler wissen wir, daß der Posten 
dort schwach besetzt ist. Wir werden unsere Jagdgründe vom 
Joch fremder Truppen befreien und unser eigenes Leben in 
Freiheit leben.« 

John erschrak vor der Vermessenheit Cochises, die 

unweigerlich den Tod einiger Hundert Menschen zur Folge 

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haben mußte. Seine Aufmerksamkeit wandte sich Victorio zu, 
der sich erhoben hatte und zu den Büschen herüberblickte, als 
könnte er den heimlichen Lauscher erkennen. 

John Haggerty machte sich klein und rührte sich nicht, 

während »Old Vic« warnte: »Du vergißt die Truppen bei 
Tubac, Jefe. Sie werden dem bedrohten Fort zu Hilfe eilen.« 

»Tubac liegt fern«, Cochise lachte verschlagen. »Ehe ihre 

Dragoner Fort Buchanan erreichen, sind wir bereits auf dem 
Wege zum Reservat. Nein, Victorio, sie hinken uns immer um 
Tage hinterher. Die Chiricahuas und Mimbrenjos sind längst in 
den Dragoons untergetaucht, ehe die Blauröcke an ihrem Ziel 
angekommen sind. Sie werden nur Tote und verbranntes 
Mauerwerk vorfinden. Wir aber können in aller Ruhe den 
nächsten Anschlag vorbereiten.« 

John spürte, wie ihm bei Cochises Worten heiß wurde. 
Er wagte kaum zu atmen und dachte, der Häuptling der 

Chiricahuas war immer für den gemäßigten Weg gewesen. Die 
anderen müssen ihn überstimmt haben. 

»Du vergißt, daß der Falke unsere Bergfestung kennt, Jefe«, 

gab Victorio zu bedenken, während er sich auf die Büsche zu 
bewegte, in denen John verborgen lag. Der Redman stand nun 
keine fünf Schritte entfernt, und John hielt den Atem an. Seine 
Rechte tastete vorsichtig nach dem Bowie im Gurt. 

Klar und deutlich sah er Old Vics Silhouette vor der runden 

Scheibe des Mondes. 

Aber Victorio entrichtete nur seine Bedürfnisse, ehe er arglos 

ans Feuer zurückging. »Er wird die Truppen in deine 
Apacheria führen, Jefe, und dann ist es aus mit den ganzen 
Plänen.« 

Cochise schüttelte bedächtig den Kopf. »Naiche ist auf dem 

Wege, sichere Gründe für unser Volk zu suchen. Die Berge 
sind einsam, ihre Schluchten gute Verstecke. Sie können 
tausend Apachen vor den Augen Fremder verbergen. Wenn wir 
von unserem Kriegszug zurückkehren, wird Naiche das 

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gefunden haben, wonach die Apachenstämme suchen!« 

Victorio setzte sich wieder. Er schien zu überlegen, 

nachdenklich zog er an der Pfeife. 

»Wann werden sich unsere Krieger vereinen, Jefe?« fragte er 

schließlich. 

»In vier Tagen am Sand Rocks«, erwiderte Cochise. »Es liegt 

auf dem halben Wege nach Fort Buchanan.« 

Zufriedenes Murmeln im Kreis war die Antwort. 
John Haggerty plante den Rückzug. Er hatte wohl mehr und 

Erschreckenderes erfahren, als er zu hoffen wagte. Zoll für Zoll 
kroch er aus dem Gesträuch, lag flach in der Bodenrinne und 
bewegte sich zum Arroyo hinüber. 

Oben auf dem Hügel zwischen den Jacales sangen Stimmen 

ein trauriges Lied. Dumpfe Trommelschläge begleiteten den 
Gesang, der die Nacht erfüllte. 

Noch ehe John die Grabstätten erreicht hatte, von wo aus er 

den Weg zu seinem Begleiter antreten wollte, sagte oben am 
Lagerfeuer Victorio: »Der Falke kriecht wie eine giftige 
Peitschenspinne durch den Staub der Mountains. Ich war ihm 
so nahe, daß ich ihn mit den Hacken meiner Mokassins hätte 
zertreten können.« 

Leider hörte der Scout die zynischen Worte nicht. Sie hätten 

ihn nachdenklich gestimmt. So aber nahm das Verhängnis 
seinen Lauf. Die Verschlagenheit eines Apachenhäuptlings 
wies ihn in die falsche Richtung. 

Im Morgengrauen erreichte Haggerty das Lager. 
Critten, der einen Menschen näher kommen hörte, lag, den 

Revolver im Anschlag, mißtrauisch zwischen Geröll. Erst als er 
Haggertys Stimme hörte, richtete er sich auf. 

»Tritt näher, John«, rief er zurück, »es ist verdammt einsam 

in dieser Steinwüste. Ich glaubte schon, dich hätte der Teufel 
geholt, so lange warst du fort.« 

John setzte sich auf den Fels und nickte dankbar, als der 

Deserteur ihm die Canteen reichte. 

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»Dem Teufel bin ich begegnet, Sam. Es war eine böse 

Offenbarung, das kannst du mir glauben.« 

Er sprach nun sorgenvoll von den Dingen, die er oben in der 

Apacheria erlauscht hatte und endete mit den Worten: 
»Cochises Pläne kennen wir. Sie lassen sich nur vereiteln, 
wenn ich den Kommandanten in Fort Buchanan vor dem 
Überfall warne, damit er sich darauf einstellt und Widerstand 
leisten kann, bis General Howard ihm Truppen zum Einsatz 
sendet. Es wird ein langer Weg für mich nach Tubac, Sam. Dir 
verbleibt die Aufgabe, die Apacheria im Auge zu behalten, den 
Aufbruch der Rothäute zu überwachen und ihre neue 
Bergfestung zu erkunden. Irgendwo in der Mesa zwischen dem 
Apachen-Paß und Fort Apache werden wir wieder 
aufeinanderstoßen. Fühlst du dich der Aufgabe gewachsen, 
Sam?« 

Sam Critten verzog sein Gesicht. Die Bergwelt war ihm 

fremd und unheimlich. Er hatte einfach Angst vor der 
Einsamkeit und gab das auch zu. 

»Könnte ich nicht nach Tubac…?« begann er. 
Doch John winkte lächelnd ab. »Du bist für die Armee ein 

Deserteur, Sam. In Fort Buchanan würde Colonel Higgins dich 
auslachen, wenn du ihn diese Geschichte vorträgst. Er ließe 
dich in Ketten legen und nach Fort Thomas bringen. Das steht 
fest. Nein, Sam, hier oben bist du sicher.« 

Zwischen zweihundert oder dreihundert mordgierigen 

Apachen, dachte Critten resigniert. Wo lag da die Sicherheit 
für seine Person? Doch er schwieg. 

Aber er sah schließlich ein, daß der Scout recht hatte. 
»Beschreibe mir den Weg in ihre Festung. Ich will das Beste 

daraus machen.« 

Nach einer Stunde brach Haggerty auf. Er war voller Sorge 

und hoffte, rechtzeitig das Hauptquartier zu erreichen, damit 
General Howard seine Truppen in Bewegung setzen konnte, 
um zu retten, was vielleicht noch zu retten war. 

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Drei Tage schon waren Rocky Sullivans Kumpane auf seiner 
Fährte. Zwölf Reiter auf struppigen Gäulen, zäh und klebrig 
wie der Saft eines Gummibaumes, folgten sie Wyatt Earps 
Spur und gönnten sich keine Ruhe. 

Die Mesa hatte er bereits durchquert und ritt nun in den 

Schatten der Bergschluchten der Dragoon Mountains. Einmal 
waren die Verfolger ihm so nahe, daß er ihre Kugeln um die 
Ohren pfeifen hörte, welche die rachsüchtigen Bushhawkers 
hinter ihm her feuerten. Allerdings ohne Erfolg. 

Earp war klug und verwegen. Trotz seiner Jugend war er 

schon des öfteren in Situationen dieser Art geraten. Mal wegen 
ein paar Weibern, mal wegen einer Prügelei. Ein andermal, 
weil er ein paar Kühe hatte mitgehen lassen, die verlassen auf 
irgendeiner Weide standen. Earps Leben war vielseitig in 
seiner Art. Er war ein Vagabund und Satteltramp. Eine 
Spielernatur und ein Revolverschwinger. Heißblütig und 
leichtsinnig, ein Mann, der ohne Ziel dahintrieb und dem 
lieben Gott die Zeit stahl. 

Gegenwärtig saß er in der Klemme, denn in einem 

unbedachten Augenblick, als seine Wachsamkeit nachließ, und 
seine Gedanken sich mit Nelly, dem Tingeltangelmädchen aus 
Tucson beschäftigten, schlug – aus dem nahen Dickicht 
kommend – eine Kugel in den Schädel seiner Fuchsstute, und 
noch im Niederstürzen wußte Earp, daß diese Kugel ihm 
gegolten hatte. 

Instinktiv hatte er die Stiefel aus dem weiten Lederbügel 

gelöst, sein Körper spannte sich, wie eine Katze prallte er auf 
den harten Fels. Earp rollte seitlich ab, als die Fuchsstute 
niederbrach und der schwere Körper neben ihm aufschlug. 

Die Fesseln des Braunen zuckten noch einmal, dann lag er 

still. Das Tier war tot. 

Sein toter Gaul bot genügend Deckung, als der hinterhältige 

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Schütze im Dickicht noch einmal zu schießen begann. 

Earp drängte sich nahe an das schweißnasse Fell des 

Braunen. Seine Hand griff zum Scabbard, aus dem der Schaft 
seiner Sharps ragte. Er spürte die Einschläge im Körper des 
Pferdes und registrierte die Abschüsse. 

Er hatte es mit drei Gegnern zu tun. Aber eins stand fest: Wo 

diese drei Bastarde lauerten, war der Rest des Gesindels nicht 
mehr fern. Er mußte auf der Hut sein. 

Wyatt Earp hatte seine Sharps im Griff als drüben eine 

dunkle Baßstimme rief: »Verkrieche dich nicht feige im Fell 
deines Gaules, Hombre! Wirf deine Flinte weg und steh auf! 
Ich hätte dir die Kugel in den Schädel pflanzen können, die 
dein Gaul schlucken mußte. Aber Chuck Dyamond hat andere 
Pläne mit dir!« 

Wyatt Earp war eine Spielernatur. Er sah seine Chance im 

Widerstand. Deshalb schob er den Karabinerlauf über das 
braune Fell seiner Fuchsstute und schoß gleich zweimal in die 
Richtung, aus der die Schüsse kamen. 

Wüste Flüche und ein Stakkato belfernder Abschüsse waren 

die Antwort. 

Earp grinste in sich hinein. Wenn sie ihm schon den Garaus 

machen wollten, dann würde ihn der eine oder der andere auf 
den höllischen Pfad begleiten. 

Er blickte traurig zu den grauen Schatten der Dragoon 

Mountains hinüber. Er hatte es nicht geschafft, die schützenden 
Schluchten der Berge zu erreichen. 

Mitten in seine Gedanken hinein spürte Earp die kalte 

Mündung eines Karabiners im Genick. Mit dem Gefühl, daß er 
sich zu sehr um die drei Halunken gekümmert und die 
Umgebung vergessen zu haben schien, hörte er Dyamonds 
zynische Stimme. 

»Bleib schön im Dreck liegen, Hombre, bis meine Freunde 

da sind, sonst putze ich dein Gehirn in den Staub der Mesa. 
Streck die Arme weit von dir.« 

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Earp verfluchte innerlich seinen Leichtsinn. Er wußte doch, 

das ein Dutzend Reiter auf seiner Spur ritt. Und ausgerechnet 
die drei im Gesträuch, deren näher kommende Schritte er 
vernommen hatte, mußten ihn aufs Kreuz legen. 

»Gut gemacht, Ben«, lachte Dyamond und stieß einen 

schrillen Pfiff aus, der die Kumpane herbeirief. Er stieß Earp 
die Stiefel in die Seite und grinste, als der Gepeinigte auf den 
Rücken rollte und giftig hochblickte. 

»Du möchtest mir an die Kehle fahren oder mich voll Blei 

pumpen.« Er grinste höhnisch. »Aber wir sind zu viele, als daß 
du mit uns fertig werden könntest, Hombre.« 

Earp hörte am Hufschlag heransprengende Reiter, die Bande 

sammelte sich. Er kam mit dem Oberkörper hoch und stützte 
sich auf die Ellbogen. »Warum verfolgt ihr mich?« fragte er 
wütend. 

»Sullivan war unser Freund.« Dyamond grinste verschlagen. 
Earp schüttelte heftig den Kopf. »Das ist nicht der einzige 

Grund, Mann. Sullivan ist dir im Prinzip völlig gleichgültig. 
Was also willst du?« 

Dyamond runzelte die Stirn. »Du hast einen klaren Blick, 

Junge. Sullivans Tod interessiert mich in der Tat nur wenig. 
Aber er schuldete mir noch tausend Dollar, die er nun durch 
deine Schuld nicht mehr begleichen kann. Du wirst verstehen, 
daß ich mich irgendwie schadlos halten muß«, während 
Dyamond sprach, beugte er sich nieder und durchsuchte Earps 
Taschen. Nach einer Weile richtete er sich enttäuscht auf. 

»Zweihundert Dollar, Stranger. Das ist nicht viel. Ich werde 

dich wohl hängen müssen, mein Freund, um wenigstens für 
meine achthundert Dollar ein wenig Vergnügen zu haben.« 

Ein Fußtritt traf brutal Earps Flanke. »Steh auf, Jungchen. 

Wir lagern drüben bei den Korkeichen.« 

Während er sein Pferd bestieg, das seine Kumpane 

heranführten, fiel die grobe Lassoschlinge um Earps Hals. Ben 
Swatter schlang gelassen das Seilende ums Sattelhorn und 

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wandte sein Pferd. Earp war gezwungen, im Laufschritt zu 
folgen. 

Die Schüsse hatten John Haggerty angelockt. 

Er lag versteckt zwischen Mesquitesträuchern und erlebte, 

wie die Fremden, die reichlich in der Überzahl waren, den 
schlaksigen jungen Burschen überwältigten und zum Hang 
hinauf schleppten. 

Wieselflink, mit lautlosen Schritten, folgte John den 

Fremden, die schließlich einen versteckten Lagerplatz fanden 
und ihre Pferde abschirrten. Ihren Gefangenen hängten sie mit 
den Füßen nach oben an den ausladenden Ast einer Korkeiche. 

Diese brutale Handlungsweise zeigte John, von welcher Art 

Menschen die Fremden waren. Trotz seiner Zeitnot war er 
entschlossen, dem armen Burschen zu helfen. 

Eiskalt suchte der Scout seine Chance. Er kroch näher an das 

Lagerfeuer heran und hörte ihre zotigen Sprüche. Zwölf 
Männer zählte John. Sie schienen von sich selbst überzeugt. 

Zumindest aber fühlten sie sich ziemlich sicher, denn sie 

hatten nicht einmal eine Wache aufgestellt. 

Das wäre ein Fressen für Chiricahuas, dachte John grimmig, 

während er lautlos ins Dickicht zurückkroch. 

Außerhalb des Gesträuchs schlug John einen Bogen um ihr 

Lager und näherte sich den Pferden, die, unruhig mit den 
Hufen schlagend, in der Seilbespannung standen. Sein Plan war 
längst gefaßt. Aber er brauchte noch die Stunde bis zum 
Einbruch der Dämmerung, wenn er Erfolg haben wollte. 

John kroch zwischen Wacholderstauden und behielt den 

Lagerplatz im Auge. 

Langsam wuchsen die Bergschatten in die Talsenken. Ohne 

Übergang zerfloß der Tag und ging über ins trübe Licht der 
Dämmerung. 

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John erhob sich. Er hörte ihr schmutziges Lachen, als er die 

Verknotung des Seilkorrals löste. Als seine Vorbereitungen 
beendet waren, stieß er einige schrille Schreie aus, die er von 
räuberischen Apachen kannte, die nun die Pferde nervös 
machten, so daß sie in nördlicher Richtung ausbrachen. 

Johns wildes Geschrei brachte die Bande auf die Beine. 
»Apachen!« schrie jemand. »Die Bastarde klauen unsere 

Gäule«, heulte seine wütende Stimme, und John hatte gerade 
noch Zeit, sich unbemerkt ins Gesträuch zu werfen, als eine 
Horde Gauner an ihm vorbei über den Hügel stürmte, wohin 
ihre Pferde flohen. 

John erhob sich lächelnd und eilte dem Lager entgegen. Das 

Lagerfeuer flackerte gedämpft, wie ein Pendel schwankte die 
hängende Gestalt im sanften Abendwind, der aus der Mesa 
kam. 

Im letzten Augenblick erkannte John den vierschrötigen 

Burschen, der den Fremden überwältigt hatte und sich nicht an 
der Hetzjagd nach den Pferden beteiligte. 

Dyamond saß am Feuer, als John das Lager betrat. Seine 

Rechte fuhr wieselflink zur Hüfte, wo sein Vierundvierziger 
steckte, aber John Haggerty hielt Dyamond kompromißlos den 
Flintenlauf unter die Nase und deutete auf den Hängenden. 

»Mach ihn los, Feth. Ich halte nicht viel vom Hängen. Schon 

gar nicht auf diese gemeine Art.« 

Dyamond kniff ein Auge zu. Er erkannte den Mann, dem er 

schon einige Male in Tucson begegnet war. 

»Dann verdanken wir wohl dir dieses Indianertamtam, 

Haggerty? Ich hab' mir doch gleich gedacht, daß was faul an 
der Sache ist. Hier gibt's keine Apachen mehr. Die haben sich 
tief in den Bergen verkrochen.« 

»Du irrst, Feth.« erwiderte der Scout gelassen, »sie sind dir 

näher, als du glaubst. Binde ihn los, ich sage es nicht noch 
einmal. Los, mach schon.« 

In der Ferne klangen Schüsse auf. John grinste Dyamond 

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entgegen, der mit dem Messer zur Korkeiche trat und den 
Strick durchtrennte, auch wenn es ihm schwerfiel, aber er hatte 
keine Wahl. 

»Deine Leute werden mit dem Geballer wenig Erfolg haben, 

Feth. Sie werden höchstens ein paar Chiricahua-Späher auf 
euch aufmerksam machen. Stell den jungen Mann auf die 
Beine.« 

John sah, daß der Fremde dagegen ankämpfte, in Ohnmacht 

zu fallen. Die ungewohnte Hängeparty hatte seinen Schädel mit 
Blut gefüllt. Dyamond mußte Earp eine Weile stützen, ehe er 
wieder einigermaßen zurechtkam und nun grimmig seinem 
Befreier entgegengrinste. 

»Ich weiß nicht, wer Sie sind, Mister. Ich verdanke Ihnen 

trotzdem mein Leben«, sagte Wyatt Earp und versuchte ein 
Lächeln. »Ich werd's Ihnen nicht vergessen.« 

»Das ist ein verdammter Armeescout und Indianerfreund«, 

fluchte Dyamond zornig. »Er macht mit den Chiricahuas und 
den Mimbrenjo Apachen gemeinsame Sache.« 

»Stimmt das, Mister?« fragte Earp interessiert. Als John 

lächelnd den Kopf schüttelte, wandte Earp sich an Dyamond. 

»Ich stehe in seiner Schuld, Dyamond. Warum beleidigst du 

meinen Retter?« Dann hob Wyatt die Hand, und noch ehe 
Dyamond antworten konnte, krachte ihm eine mächtige Faust 
gegen den Schädel, so daß er taumelnd zu Boden ging. 

Earp beugte sich über den Bewußtlosen, durchsuchte dessen 

Taschen und hielt dann am Lagerplatz nach seinem Coltgürtel 
und der Sharps Ausschau. Als er sich aufrichtete, blickte er 
John ohne Erregung in die Augen, und John spürte, daß der 
junge Bursche verdammt gute Nerven hatte. 

»Wir sollten das Weite suchen, ehe die Drifter zurückkehren, 

Mister. Nicht, daß ich mich vor ihnen fürchte«, Earp ließ 
gekonnt den Colt über den Zeigefinger routieren, »aber zehn 
gegen zwei ist ein verdammt schlechtes Verhältnis. Ich hoffe, 
Sie haben im Hintergrund ein paar schnelle Gäule bereit.« 

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Der Sprecher schielte zu seinem Sattel. 
John bemerkte den Blick. »Den können Sie vergessen«, 

erwiderte er sarkastisch. »Ich habe einen Gaul. Der muß uns 
beide bis zur nächsten Ansiedlung tragen. Kommen Sie, 
Mister.« John verschwand in der Dunkelheit, und Wyatt Earp 
hatte Mühe, ihn zu folgen. 

Dreihundert Yard weiter trafen sie sich. John Haggerty saß 

bereits auf dem Rücken seines Wallachs und reichte seinem 
Begleiter auffordernd die Hand. »Steigen Sie hinter mir auf, 
Mister. Im Morgengrauen werden wir Steegers Farm 
erreichen.« 

Earp sprang federnd vom Boden ab, suchte festen Halt und 

schob die Arme um die Taille seines Retters. 

»Übrigens, ich heiße Earp. Freunde nennen mich Wyatt. 

Wollen Sie nach Tombstone?« fragte er. 

John lächelte in Gedanken, während er das Pferd in Trab 

setzte. Dieses kleine Abenteuer hatte ihn einige Zeit gekostet. 
Und die war knapp. Cochise würde nicht tatenlos die Zeit 
verstreichen lassen, sondern seine Kriegsvorbereitungen 
treffen. John kannte den Jefe als schnell entschlossenen Mann. 

»Mein Weg führt nach Tubac, Wyatt. Auf der direkten 

Route. Wenn Sie wollen, begleiten Sie mich dorthin.« 

Earp dachte an Tombstone, dieses aufstrebende Settlement 

im Südwest-Territorium. 

»Sie sind Armeescout?« fragte er vorsichtig. 
»Ja.« 
»John Haggerty?« fragte er weiter. Als John schwieg, nickte 

der andere. »Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Die 
Apachen nennen Sie Falke. Cochise soll Ihr Freund sein.« 

»Das liegt lange zurück«, erwiderte John, während er über 

die Schulter blickte. Der Mond war aufgegangen, und John 
konnte die klaren Gesichtszüge des jungen Burschen erkennen, 
der ihm gerade in die Augen sah. 

»Suchen Sie einen Job?« 

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»Als Armeescout?« Earp lächelte ironisch. 
Er war ein freier Mann in einem freien Land. Er lebte vom 

Kartenspiel und, wenn es mal schlechtging, von gestohlenen 
Pferden. In Silver Bell hatte der Town Marshal ihm einen 
Posten als Deputy angeboten, obwohl er wußte, daß gewisse 
Leute auf der Suche nach ihm waren. »Die Armee nimmt wohl 
jeden, was?« 

»Nicht jeden«, erwiderte Haggerty, »aber Männer, die 

kaltblütig einer Gefahr ins Auge sehen, die einen schnellen 
Colt führen und körperlich fit sind.« 

»Intelligenz ist wohl nicht gefragt?« spottete Wyatt. 
»Sie steht an zweiter Stelle. Instinkt ist wichtiger«, sagte 

John lachend. 

»Und mein Instinkt sagt, laß die Finger von der Armee, 

Wyatt. Diese Leute sind zu konservativ. Das ist nichts für 
mich. Trotzdem danke ich für Ihr Angebot.« 

John schwieg. Er spürte, daß der Bursche frei sein wollte. 

Vielleicht war er auch ein Ganove wie Dyamond. Woher sollte 
er das wissen? Ein offenes, sympathisches Gesicht besagte 
noch gar nichts. 

Von Zeit zu Zeit stiegen sie vom Pferd, um die Kräfte des 

Tieres zu schonen. 

Bis zum Morgengrauen hatten sie noch nichts von ihren 

Verfolgern bemerkt. 

John, darauf angesprochen, meinte: »So wie sie es anfangen, 

werden sie einen Tag brauchen, um die Pferde einzufangen.« 

»Warum haben Sie sich in die Sache eingemischt, John?« 

wollte Wyatt Earp wissen. 

Sie ritten über einen Hügel. Im sanften Tal lagen 

Morgennebel. Aber John erkannte die flachen Bauten von 
Steegers Farm. 

Als er den Praint in Bewegung setzte, meinte er gelassen: 

»Ich habe was gegen Selbstjustiz, besonders aber gegen das 
Hängen. Deshalb habe ich mich eingemischt.« 

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Sie kamen näher, erreichten die niedergetrampelten Zäune. 

Auf den ersten Blick erkannte John, daß Steegers Farm 
verlassen war. Nicht mal eine Henne hatte der Alte 
zurückgelassen. 

»Hier sieht es trostlos aus, John.« Earp rutschte vom Rücken 

des Pferdes und vertrat sich die Füße. »Der Farmer hat wohl 
aufgegeben und sich aus dem Staub gemacht.« 

»Es werden bald noch mehr ihre Existenz aufgeben, Wyatt«, 

erwiderte John ernst. Er lenkte den Gaul zur Hütte hinüber, ehe 
Earp etwas dazu bemerken konnte, und stieg ab. 

Die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Tal. Als John die Hütte 

betrat, erkannte er, das Steeger seine Farm für immer verlassen 
hatte. Selbst das Mobiliar hatte er mitgenommen. 

Wyatt, der ihm in die Hütte gefolgt war, fragte nun 

neugierig: »Warum geben die Farmer ihre Scholle auf? Man 
erzählt, daß sie mit ihrem Land stark verwurzelt seien.« 

John wandte sich um. Er lächelte sarkastisch. »Die Farmer 

lieben ihr Land. Aber sie lieben es nicht so stark, daß sie darauf 
begraben liegen möchten.« 

Earp lauschte der Stimme des Sprechers, in der eine gewisse 

Unruhe schwang. »Wird es bald Ärger geben?« 

»Ja«, gab John unumwunden zu. 
»Cochise rüstet zum Aufstand. Deshalb muß ich so schnell 

wie möglich zum Hauptquartier.« Er trat durch die Tür ins 
Freie und schwang sich in den Sattel. 

»Hier trennen sich unsere Wege, Wyatt. Nach Tombstone 

sind es noch fünfzehn Meilen. Die werden Sie bestimmte 
schaffen, auch ohne Gaul.« 

Fünfzehn Meilen, dachte Wyatt Earp und stellte sich vor, 

welch unermeßliche Strecke dies für einen Mann war, der sein 
Leben im Sattel verbracht hatte und kaum weiter als eine Meile 
gelaufen war. Seine guten Vorsätze gerieten ins Wanken, und 
plötzlich hielt er den Colt in der Faust. 

»Sie sollten den kleinen Umweg in Kauf nehmen, John«, 

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meinte er lächelnd, »fünfzehn Meilen sind kein Pappenstiel für 
einen Cowboy.« 

John runzelte die Brauen. »Ich denke, Sie sind ein Spieler?« 
»Der braucht auch sein Pferd, um sich vorwärts zu bewegen. 

Also schließen wir einen Kompromiß. Es wäre mir peinlich, 
meinen Retter gewaltsam überzeugen zu müssen.« 

»All right«, unterbrach John, »steigen Sie schon auf.« 
Earp schob grinsend den Colt ins Holster zurück und trat 

einen Schritt näher. Als er federnd zum Sprung ansetzte, hieb 
John seinem Gaul die Sporen in die Flanken. Earps Körper 
stieß ins Leere. Krachend stürzte er zu Boden. 

Als Wyatt sich wütend aufrappelte, hatte Haggerty bereits 

die niedergetrampelten Zäune erreicht und schwenkte lachend 
den Stetson in der Faust. 

»Viel Vergnügen, Wyatt«, rief er spöttisch und lockerte die 

Zügel. »Viel Spaß bei deinem Fußmarsch!« 

»Verdammter Bastard«, brüllte Earp mit sich 

überschlagender Stimme und riß seinen schweren Colt hoch. 
Aber er senkte dann doch die Waffe und begann breit zu 
grinsen. 

Man lernt nie aus, dachte er dabei, dieser Scout ist gerissen 

wie ein Schakal. Ich will es mir merken. 

Dabei blickte er nach Norden. Irgendwo draußen in den 

Plains ritten zwölf Strauchdiebe und Satteltramps, die ihm ans 
Leder wollten. Er mußte auf der Hut sein. 

Sam Critten spürte den kalten Nachtfrost in den Knochen. Drei 
Tage und Nächte, die kurzen Augenblicke, da der Schlaf ihn 
übermannt hatte, vergessend, lag er oberhalb der Bergfestung 
unter der überhängenden Plattform und beobachtete das 
Treiben in Cochises Dorf. Er spürte an der hektischen. 
Aktivität im Dorf, daß Cochise zum Aufbruch rüstete. 

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Kleinere Gruppen waren zum Hauptlager gestoßen und 

verteilten sich in den Jacales, nahe dem Grenzwall. Am letzten 
Abend vor Einbruch der Dunkelheit zählte der stille 
Beobachter achtzig Krieger, die der Jefe zusammengerufen und 
in Jagdgruppen eingeteilt und mit Karabinern versorgt hatte. 

Das sichere Zeichen eines nahen Aufbruches. 
Die Nacht war erfüllt von fremden Geräuschen. Am 

lodernden Feuer bewegten sich halbnackte Gestalten, die – 
beim dumpfen Klang der Baumtrommeln in rhythmischen 
Bewegungen tanzend – die Feuerstätte umsprangen, oder, 
begleitet von klatschenden Schlägen ihrer Hände, durch die 
Flammenwand sprangen. 

Critten ahnte, daß diese Handlung der Abschluß aller 

Vorbereitungen war und der Kriegstanz den Göttern geweiht 
war, bei denen sich die Krieger ihre Kraft und den Mut zum 
Kampf gegen den weißen Feind holten. Eine lautstarke 
Zeremonie. Das Edikt eines alten Glaubens. 

Die dumpfen Trommelwirbel nahmen an Gewalt zu, daß man 

glauben konnte, die Felsen bebten unter der Wucht der 
Schläge, und dann brandete der gewaltige Ruf ihrer Kehlen wie 
ein Echo über die Bergkuppen der Dragoon Mountains hinweg: 

»Zastee…, zastee…« 
Sam Crittens Körper löste sich vom Felsband. Lautlos 

rutschte er durch die abfallende Rinne in den Arroyo, der zur 
Schlucht der Toten führte, und hastete die schmale Schlucht 
entlang, die zum eigentlichen Lager führte. 

Für ihn war es klar, er mußte die hochliegende Region der 

Dragoons verlassen haben und die Kaps erreicht, ehe Cochise 
seine Kriegsmacht über die Bergserpentine talwärts führte. 

Er würde ihm am Fuße des Massivs auflauern und sein 

weiteres Vordringen beobachten. Es erschien Critten wichtiger, 
Cochises Schritte zu kennen, als auf den Abbruch der 
Bergfestung zu warten, denn diesbezüglich tat sich nichts in 
der Apacheria. Und Critten schien es, als habe Cochise nicht 

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vor, sein schützendes Domizil zu verlegen. 

Sein Pferd begrüßte ihn mit freudigem Wiehern. Er sattelte 

den Praint, packte die wenige Habe zusammen und schwang 
sich in den Sattel. 

Die Zeit lief ihm davon, denn der Weg, der vor ihm lag, war 

weit länger als die Strecke, die aus der Apacheria in die Plains 
führte. Er mußte sich beeilen. 

Obwohl Critten in den letzten Tagen nur wenig Schlaf gehabt 

hatte, fühlte er sich fit. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt und 
verdrängte jegliches Verlangen nach Ruhe. 

Im Morgengrauen bewegte er sich in der breiten Schlucht, 

die, nach Süden führend, in den Paß mündete, der in vielen 
Windungen zu Tale führte. 

Nur selten gönnte er seinem Pferd eine kurze Rastpause und 

begnügte sich damit, dem treuen Gefährten mit einigen 
Wassertropfen Stärkung zu geben. 

Am Abend lagerte er zwischen Krüppeleichen und wartete 

den Übergang vom Tag zur Nacht ab, bis Mondlicht die 
einsame, zerklüftete Bergwelt erhellte und ihm das weitere 
Vordringen gefahrlos gestattete. 

Der Bergpaß wurde spürbar flacher. Ein Zeichen, daß Critten 

in seinen Ausläufern ritt. Im Morgengrauen zogen Frühnebel 
auf, aber Critten erkannte den breiten Talkessel wieder, wo er 
und der Scout vor einer Woche den Aufstieg begonnen hatten. 

Sam war zufrieden, denn nun, da ihm die Umgebung vertraut 

erschien, schwanden endlich seine Zweifel, daß er sich in 
dieser verdammten Bergwelt verirrt haben könnte. 

Pinien und der wilde Mescalwuchs an den Seitenhängen der 

Schlucht wiesen ihm den Weg zu der kleinen versteckten 
Wasserquelle, auf die Haggerty ihn einmal aufmerksam 
gemacht hatte. 

Zugleich aber, während er sein Ziel suchte, hörte er fernes 

Getrappel von Pferdehufen, dessen Stärke darauf schließen 
ließ, daß auch Cochises Streitmacht den Fuß der Berge erreicht 

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hatte. 

Sam Critten stieg aus dem Sattel und führte sein Pferd in 

einen Felsspalt. Er selbst folgte, das schützende Dickicht als 
Deckung nutzend, den verräterischen Geräuschen. Und als sie 
endlich verstummten, wußte Sam Critten, daß Cochise an der 
Felsquelle lagerte! 

Noch deckten ihn die Nebel, die allmählich unter der Kraft 

der aufsteigenden Sonne zerflatterten und den Blick in den 
engen Talkessel freigaben. 

Aus sicherer Entfernung, versteckt inmitten einer gewaltigen 

Steinmoräne, sah Sam die Krieger, welche an der Quelle ihre 
Wasservorräte ergänzten, und er erschrak vor dem mächtigen 
Heer, das Cochise um sich versammelt hatte. 

Irgendwann in der Nacht mußte eine Mimbrenjo-Gruppe zu 

den Chiricahuas gestoßen sein, denn Sam glaubte, an Cochises 
Seite Victorio zu erkennen. 

Sam zählte weit über hundert Krieger und wußte, wenn diese 

zu allem entschlossenen Teufel Fort Buchanan angriffen, 
würde es zu einem tödlichen Gemetzel kommen. 

Nur einen Augenblick lang dachte er an John Haggerty, der 

auf dem Wege nach Tubac war, um dem kommandierenden 
General von Cochises Angriffsplänen zu berichten. 

Howards Infanterie und Dragoner würden um Tage zu spät 

kommen, um Fort Buchanan zu schützen. 

Cochise formierte seine Jagdtruppe. Die Körper der Krieger 

glänzten bronzen im aufsteigenden Sonnenlicht, in ihren 
Haaren glitzerten bunte Amulette. 

Ihre Waffen, Karabiner, Lanzen, Keulen funkelten im 

Widerspiel der Sonne. 

Cochise und Victorio führten wohl nur ihre mutigsten 

Krieger zum Angriff, Kämpfer, die sich in früheren Schlachten 
bereits bewährt hatten. 

Sam wartete, bis die Horde abgezogen war, dann eilte er zum 

Versteck seines Pferdes und führte es vorsichtig zur Quelle, 

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immer darauf bedacht, auf eine Rothaut zu treffen. 

Aber Cochise glaubte wohl kaum, daß ihm jemand in der 

Einöde folgen könnte, denn er ließ keine Nachhut zurück. 

Critten versorgte sich mit Wasser aus der Quelle, ließ seinen 

Gaul sich satt saufen und schwang sich dann in den Sattel. Die 
breite Spur der Apachen-Krieger war deutlich sichtbar. Es war 
nicht schwer, ihr zu folgen. 

Doch seltsam, als die Fährte in die offenen Plains führte, 

erkannte Sam, daß sie nicht, wie erwartet, nach Nordosten 
verlief, wo nach zehn Meilen der Apachen-Paß begann, 
sondern schnurgerade nach Süden, mitten in die Plains hinein. 

Dort lag nicht Fort Buchanan, sondern offenes Land, in dem 

Siedler und Farmer lebten, und ein ungeheurer Verdacht stieg 
in dem erfahrenen Soldaten auf. 

Cochise hatte zu einer Kriegslist gegriffen und John 

Haggerty auf die falsche Fährte gesetzt. Er und seine Apachen 
zogen nicht gegen den Militärposten, ihr Krieg richtete sich 
gegen wehrlose Siedler in den Plains. 

Tausend wirre Gedanken durchliefen in Blitzesschnelle sein 

Hirn. Doch einer brannte sich in seinem Schädel fest: Cochise 
mußte von Haggertys Besuch in seinem Lager gewußt haben. 
Wie sonst konnte es ihm gelingen, John Haggerty in die Irre zu 
führen!? 

Ihm wurde kochend heiß bei dem Gedanken, daß sie 

vielleicht auch ihn auf seinem einsamen Wachposten 
beobachtet hatten. Er wurde nun sehr vorsichtig. 

Fast den ganzen Tag führte der Weg durch unübersichtliches 

Hügelgelände. Distelgesträuch, Chollasstauden und Agaven 
säumten den Pfad. Sam Critten wußte von vielen Patroullien, 
die er von Fort Thomas nach Norden begleitet hatte, daß 
irgendwo dort draußen in den schützenden Tälern Farmer 
lebten, die Ackerbau und Viehzucht betrieben und den kargen 
Boden bestellten. Dorthin führte Cochise seine Krieger. 

Mitten in den Gedanken hinein sah er sie plötzlich vor sich. 

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Drei, vier halbnackte Gestalten, nur mit dem Lendenschurz und 
hohen Mokassinstiefel bekleidet, trieben ihre struppigen Ponys 
aus der Bodensenke. Sie feuerten im wilden Galopp ihre 
Karabiner ab und schwangen nun Lanzen und Keulen. 

Cochises Nachhut… 
Noch während Sam Critten zu seinem Armeecolt griff und 

kaltblütig dem markigen, an die Nieren gehenden Geschrei 
lauschte, trug das Echo ihm den vielfachen Hall von Schüssen 
entgegen. 

Sam Critten blieb keine Zeit zum Nachdenken. Die ersten 

beiden Gegner waren auf zwanzig Schritte heran. Wie auf dem 
Übungsplatz faßte er den schweren Whiteneyville-Walker 
zwischen beide Fäuste, visierte kurz und drückte ab. 

Wie von einer unsichtbaren Faust getroffen, flog die 

angreifende Rothaut seitlich vom Pferd in den trockenen Staub 
der Mesa. Critten hatte ganze Arbeit geleistet. Ein gellender 
Schrei erfüllte die Luft. 

Sam reagierte instinktiv. Er schwenkte den Lauf und drückte 

ab. Er sah das klaffende Loch, das sein Armeerevolver in die 
nackte Brust des Kriegers geschlagen hatte, und die zum 
Schlag erhobene Keule, die nun kraftlos aus der Hand des 
Getroffenen fiel. 

Der Chiricahua schwankte im Sattel, rutschte zur Seite über 

die bunte Navajodecke. Sein Fuß verfing sich in den 
Bastschlaufen seiner Fußbügel. Der Bronco jagte in wildem 
Tempo an Critten vorbei, den Toten wie eine Puppe inter sich 
her schleifend. 

Sam nahm automatisch alles wahr. 
Unbewußt beugte er sich aus dem Sattel zur Seite, als der 

dritte Reiter auf Armlänge heran war und seine Keule 
niederfahren ließ. 

Sam spürte den wilden Schmerz, der ihn zu lähmen schien, 

als die Keule an seiner Hüfte entlangfuhr und den 
Patronenköcher am Gurt zerschmetterte. Im nächsten 

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Augenblick war der Reiter auch schon vorbei. 

Dafür tauchte nun die vierte Rothaut neben Critten auf. Die 

blitzende Lanze wurde niedergestoßen traf den Rippenbogen 
und hinterließ eine klaffende Wunde. Trotz der furchtbaren 
Schmerzen gelang es Critten, durch eine Drehbewegung dem 
Angreifer die Waffe zu entreißen, und für einen Moment sah 
der Kämpfer den wilden Mordblick des Chiricahuas. Da schoß 
er aus nächster Nähe eine Kugel mitten in die haßlodernde 
Fratze. 

Trommelnder Hufschlag erinnerte Sam an den letzten 

Angreifer, dessen Keule er mit knapper Not hatte ausweichen 
können. Den Schmerz verbeißend, warf Sam sein Pferd herum 
und jagte drei Kugeln aus dem Lauf, ohne daß eine davon ihr 
Ziel erreichte, denn der Angreifer hing auf der ihm 
abgewandten Seite am Pferd und schwang sich nun, als die 
schwere Waffe leergeschossen war, behende hoch. 

Sam schleuderte ihm den nutzlos gewordenen Revolver 

entgegen, griff nach dem Scabbard, in dem sein Karabiner 
steckte. Er riß die Langwaffe über den Kopf, als die Keule auf 
ihn niederfuhr. Der dumpfe Aufprall der Schlagwaffe klang 
wie der schrille Diskant einer gesprungene Glocke. 

Der vorbeipreschende Reiter riß sein Pony herum, das nun 

tänzelnd um die eigene Achse routierte und zu einem neuen 
Angriff angespornt wurde. 

Es war ein Kampf ohne Erbarmen, wild und leidenschaftlich, 

erfüllt von dem Gedanken zu töten, denn nur einer durfte 
überleben, nur einer konnte Sieger sein. 

»Zastee«, schrie der Chiricahua, seine Keule schwingend und 

das Gesicht verzerrt. 

»Verdammter Bastard«, fluchte der Soldat, und da ihm die 

Zeit fehlte, die Waffe durchzuladen, erfaßte er seine 
Springfield an der Mündung und schmetterte die Waffe 
wuchtig dem Angreifer entgegen. 

Des Apachen Kriegsgeschrei verstummte. Dafür hörte Sam 

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deutlich das Geräusch, als der Karabinerkolben auf den 
Schädel der Rothaut niedersauste. Die Wucht riß den Apachen 
aus dem Sattel und schleuderte ihn gegen den Fels, wo er mit 
verrenkten Gliedern zusammensackte. 

Nun, da die Gefahr erst mal gebannt war, spürte Sam den 

Schmerz um so heftiger. Als seine Linke über den 
Rippenbogen fuhr, fühlte er das warme Blut, das an seinem 
Körper abwärts in den Stiefel lief. 

Wütend riß Sam Critten das Hemd auf, bis er die klaffende 

Wunde sah, die von einer Lanzenspitze in sein Fell geritzt 
worden war. Nicht lebensgefährlich, das erkannte Sam auf den 
ersten Blick, dennoch behandlungsbedürftig. Zunächst aber 
mußte er versuchen, das Blut zu stillen. Gelang ihm das nicht, 
sah es übel für ihn aus. 

Während Sam nun sein Hemd vollends in Fetzen riß und 

einen Preßverband um den Brustkorb legte, erinnerten ihn 
vereinzelte Schüsse daran, daß irgendwo draußen in den Plains 
ein paar arme Teufel ihre Haut verteidigten. 

Sie würden dem Angriff der Apachen nicht lange 

widerstehen können, daran zweifelte Sam nicht. 

Fast giftig ruhte Crittens Blick auf den toten roten Teufeln, 

die, von seiner Hand zerschmettert, im braunen Sand der Mesa 
lagen und keinen Schaden mehr anrichten konnten. 

Der ferne Gefechtslärm war längst verklungen, als Critten 

sich mühsam durch die Hügel schleppte. Sein Körper brannte, 
und mehr als einmal war er versucht, sich einfach aus dem 
Sattel fallen zu lassen, im Sand auszustrecken, der glühenden 
Sonne entgegenzustarren und auf die Erlösung zu warten. 

Aber dann sah Sam wieder die dunkle Rauchwolke am 

südlichen Himmel, das Brandzeichen Cochises, dem er folgte, 
und er spürte neue Energie. Vielleicht konnte er doch noch 
helfen, vielleicht doch noch ein Leben retten. 

Aber diese Hoffnung schwand, als er sich dem schwelenden 

Trümmerhaufen in der Senke näherte, umgeben von 

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blühendem Salbei und duftenden Mesquitesträuchern. 

Schon auf die Entfernung erkannte er die beiden reglosen 

Gestalten am Ziehbrunnen, denen Skalpiermesser die Kopfhaut 
vom Schädel getrennt hatten. Zwei weitere Männer, von 
gefiederten Pfeilen durchbohrt, standen aufrecht an den Zaun 
gespießt. Ihre Qual, ihr Entsetzen hatte sich unlöschbar in ihre 
toten Gesichter eingegraben. 

Ihr Anblick ließ Sam Critten den eigenen Schmerz 

vergessen. Die Zäune waren niedergetrampelt, die 
Gemüsebeete von Pferdehufen umgepflügt. Die einstmals 
blühenden Maisfelder, die sich über die Hügel zogen, bildeten 
eine schwarze, verbrannte, völlig verkohlte Fläche. 

Cochise hatte gründlich gearbeitet. 
Sam stieg mühsam vom Pferd, die Schmerzen setzten ihm 

kräftig zu. Er trug den verwaschenen Callico eines der von ihm 
getöteten Apachen, und er sah an der roten Färbung im 
Waschleder, daß seine Wunde noch immer heftig blutete. 

Er brauchte einen Doc. Das hieß, daß er eine Stadt betreten 

mußte. Das war gefährlich. Seine Gedanken beschäftigten sich 
mit seiner eigenen Lage. Er war noch immer ein Deserteur, 
obwohl er offiziell für die Armee arbeitete. Aber das wußte nur 
John Haggerty und vielleicht inzwischen auch General 
Howard. 

Zum Teufel, es war eine verzwickte Situation, in der er sich 

befand. 

Sam beugte sich nieder und untersuchte die Spuren. Sie 

führten in südwestlicher Richtung über die Hügel. Irgendwo 
dort unten lag Fort Thomas. Oder auch Tombstone, Huachuca, 
Sierra Viesta. 

Eine dieser wilden Städte würde er wohl betreten müssen, er 

hatte leider keine andere Wahl. 

In seine Gedanken hinein fiel ein einzelner Schuß. Sam hörte 

das helle Summen des Geschosses, als es an seinem Schädel 
vorbeisauste, und instinktiv warf er sich am Brunnen nieder. Er 

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lag nun ganz nahe bei den skalpierten Leichen und konnte 
erkennen, daß einer der Toten eine Frau war. Wohl das 
Ehepaar, das diese Farm bewirtschaftet hatte. 

Sam riß seinen Colt aus dem Holster. Eine Whiteneyville-

Walker, die zur Standardausrüstung der Kavalleristen gehörte. 
Ein mächtiges Ding, eine Handkanone für sechs Personen, die 
ihm ans Herz gewachsen war wie ein alter guter Freund, dem 
man vertrauen konnte. 

Critten sah den blaßblauen Rauchkringel über dem 

aufgestapelten Holz. Ihm war, als sähe er dort eine Bewegung. 
Die Vierundvierziger hämmerte einmal. Holzsplitter flogen 
durch die Gegend, eine helle Stimme stieß fürchterliche Flüche 
aus, die Sam erkennen ließen, daß er es nicht etwa mit 
rothäutigen Bastarden, sondern mit einer Frau zu tun hatte. 
Vermutlich die einzige überlebende Person auf dem Siedlerhof. 

»He, Miß«, schrie er im nächsten Augenblick wütend, »der 

Teufel mag Sie holen, wenn Sie noch einmal auf einen 
erwachsenen Menschen schießen.« 

»Auch Apachen sind erwachsen«, schrie die Mädchenstimme 

zornig zurück, »und ich habe erlebt, wie grausam diese Bestien 
sein können. Wer sind Sie, Mister, daß Sie zu einem Zeitpunkt 
auf unserem Hof auftauchen, wo alle Hilfe zu spät kommt?« 

»Ich bin Soldat der dritten Armee, Miß, in Fort Thomas 

stationiert«, rief Critten. 

»In Fort Thomas«, vorsichtig lugte ein blondgelockter 

Frauenkopf über den Holzstapel. »Wo sind Ihre Soldaten 
gewesen, Mister, als Apachen meine Eltern umbrachten? 
Wohin verkriechen sie sich, wenn diese Teufel auftauchen? 
Geben Sie mir eine Antwort darauf, Mister!« 

»Sie kämpfen wie Männer, wenn es nötig ist«, rief Sam 

hitzig, »und ich habe manchen als Helden sterben sehen. Ein 
Jahr lang war es ruhig im Lande. Zum Teufel, und nun schürt 
Cochise den Aufruhr…« Sam Critten spürte eine plötzlich 
aufkommende Schwäche. Sein Arm wurde kraftlos, die Hand 

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konnte die Waffe nicht mehr halten. Die lange Mündung kippte 
vornüber in den Sand. Die Sonne tanzte vor seinen Augen, und 
aus weiter Ferne hörte er die Frauenstimme. 

»He, Mister Soldat, warum reden Sie nicht mehr weiter?« 

rief die helle Stimme. 

Dunkle Nebelschwaden wechselten mit glühenden 

Rauchwolken. Sein Blut rauschte im Schädel mit der Stärke 
eines Wasserfalles. Sam spürte zwei Arme, und ihm schien, als 
berühre ihn ein Engel. Weit, weit entfernt hörte er eine 
erschreckte Stimme: »Mein Gott, Mister Soldat. Sie sind ja 
schwer verletzt. Ich werde Sie nach Fort Thomas bringen. Dort 
können Ihnen Ihre Freunde helfen.« 

Noch immer schien Sam in den Armen des Engels zu 

schweben. – So leicht und schwerelos. Ohne Schmerzen. 
Dennoch erfaßte er instinktiv den Sinn ihrer Worte. Gewaltsam 
suchte er, den Schwächeanfall zu überwinden und nicht in 
Bewußtlosigkeit zu sinken. Die wallenden Feuerbälle vor den 
Augen erloschen, und aus dem Dunkel heraus sah er ein 
liebreizendes Gesicht mit traurigen blauen Augen… 

»Nicht nach Fort Thomas«, flüsterten seine Lippen, »bringen 

Sie mich nach Tombstone.« 

Ihr Bild versank. Dumpfes Dröhnen schien seinen Schädel zu 

sprengen. Es wurde dunkel um ihn. Sam Critten sank in einen 
tiefen, endlos erscheinenden Abgrund. 

Der trockene heiße Wind der Gila wehte John Haggerty 
entgegen, als er seinen erschöpften Wallach zwischen den 
flachen Mannschaftszelten hindurch zum Wachzelt führte. 

Sergeant Noll, der in der offenen Zelttür stand, erkannte den 

Neuankömmling. 

Er rief einen der jungen Rekruten heran, die vor zwei 

Wochen als Ersatz aus dem Osten gekommen waren, und 

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befahl ihm, das Pferd des Reiters zu versorgen. 

Noll selbst eilte zum Kommandeur, um ihm Haggertys 

Ankunft zu melden. 

General Howard war voll brennender Ungeduld, denn es 

waren nun schon Wochen her, daß er seinen Chiefscout als 
Späher in die Dragoon Mountains gesandt hatte, mit der 
Aufgabe, Cochises verborgene Apacheria ausfindig zu machen, 
und Cochise selbst zu Verhandlungen mit ihm zu bewegen. 

John Haggerty begab sich sofort zu Howards Zelt. 
Der einarmige General sah auf den ersten Blick Haggertys 

Erschöpfung, und als alter Soldat kannte er die Mittel, um 
einen Mann wieder aufzurichten. 

Er begrüßte seinen Scout mit einer Flasche hochprozentigem 

Brandy und bot ihm den Feldstuhl an. »Nun schießen Sie schon 
los, Mr. Haggerty. Ich spüre, Sie bringen wichtige Nachrichten. 
Sie sind auf Cochises Apacheria gestoßen. Habe ich recht?« 

John nickte und füllte unaufgefordert zwei Gläser und reichte 

dem General eins. 

»Und Cochise selbst? Hat er Sie empfangen, John?« 
John lachte bitter. »Ja, Sir, ich war sein Gefangener.« 
Er hob sein Glas und leerte es in einem Zug. 
»Sie sind sein Freund«, brummte der General überrascht. 

»Wie soll ich das verstehen?« 

»Ich war sein Freund«, widersprach Haggerty. »Cochise traut 

keinem Weißen mehr. Mehr noch, Cochise rüstet zum 
Aufstand. Ein Händler aus Nogales hat ihn mit Springfield-
Gewehren versorgt. Waffen aus Armeebeständen.« 

»Aus Fort Huachuca«, unterbrach General Howard und pfiff 

durch die Zähne. »Nun kennen wir auch das Motiv dieses 
Verbrechens. Sprechen Sie weiter, John, mit diesem Händler 
beschäftigen wir uns später.« 

John lächelte kühl. »Sinclair und seine Helfer sind tot. Sie 

fielen Cochises Rache zum Opfer, als sie den Jefe betrügen 
wollten. Der Häuptling besitzt nun sechzig moderne Karabiner 

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und tausend Schuß Munition. Diese Waffen und der Haß, den 
seine Unterhäuptlinge schüren, lassen Cochise 
größenwahnsinnig werden. Er ist im Begriff, Fort Buchanan 
anzugreifen. Er will die Mauern des Forts niederbrennen und 
die Besatzung töten.« 

»So vermessen kann selbst Cochise nicht sein.« General 

Howard schüttelte heftig den Kopf. »Fort Buchanan ist ein 
Bollwerk, auf massivem Fels gebaut.« 

»Aber abhängig von den Quellen im Paß. Wer sie hält, hat 

die Macht in der Hand. Cochise, der verschlagene Fuchs, weiß 
es. Er wird auch danach handeln.« 

General Howard hatte sich erhoben und begann unruhig auf 

und ab zu laufen. Für einen Strategen wie ihn war es barer 
Unsinn, was sein Scout ihm vortrug. 

Fort Buchanan war eine Bastion. Zwar unterbesetzt, doch 

uneinnehmbar. Die Quellen wurden Tag und Nacht von 
Soldaten bewacht. Da kam keine Rothaut heran. Und wenn es 
Cochise dennoch gelingen sollte, das lebenswichtige 
Wasserreservoir zu besetzen, so lagen die Quellen im Beschuß 
der Kartätschen des Forts. Nein, was Haggerty da erzählte, war 
ungereimtes Zeug. 

»Sie stützen sich auf Vermutungen, John«, Howard stand an 

der Fensterluke, durch die der heiße Wind in den Zeltraum 
wehte. 

»Ich stütze mich auf meine Ohren, Sir«, John schüttelte 

ungehalten den Kopf. »Ich habe unter Einsatz meines Lebens 
Cochises Bergfestung betreten und das Gespräch zwischen 
Cochise, Victorio, Ulzana, Geronimo und Chato belauscht. Erst 
werden sie Fort Buchanan brandschatzen und anschließend 
Fort Apache niederbrennen. Häuptling Cochise setzt somit 
einen ganzen Landstrich in Flammen, General. Wir sollten 
versuchen, den Aufstand im Keime zu ersticken. Gelingt 
Cochise ein strategisch wichtiger Erfolg, so werden ihm die 
Apachenstämme aus allen Himmelsrichtungen zulaufen, um 

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seine Streitmacht zu stärken und so einen Teil des 
Ruhmesglanzes zu erwerben. Beordern Sie eine schnelle 
Einheit in den Apachen-Paß, Sir. Fort Buchanan ist ein 
Wendepunkt in der Geschichte des Territoriums Arizona.« 

General Howard schwieg betroffen über Haggertys erregte 

Worte. Seit gut zwei Jahren bemühte er sich, mit Cochise 
Frieden zu schließen. Sie hatten Verhandlungen geführt, tage- 
und nächtelang am gleichen Feuer mit dem Häuptling palavert, 
um jeden Vorteil gerungen. Es war ihm gelungen, den Jefe zu 
gewissen Zugeständnissen zu bewegen. Ja, es gab eine Zeit, da 
die Postkutschen und die Siedlertrecks ungehindert 
Apachenland durchqueren konnten. Keine Chiricahua-Lanze 
versperrte ihnen den Weg. 

Der Ärger kam wohl erst mit Bascom, dem jungen 

Lieutenant aus Fort Buchanan, der in seinem Eifer Cochises 
Verwandte aufhängen ließ. Vielleicht aber auch schon früher. 

»Besteht wirklich keine Möglichkeit, ihn an den 

Verhandlungstisch zu bringen, John?« fragte General Howard 
verzweifelt. 

»Nein, Sir, er hat den Pfeil der Freundschaft zerbrochen«, 

sagte John mit Nachdruck. 

General Howard hob die Schultern. 
»Dann mögen ihn unsere Berghaubitzen zur Vernunft 

bringen.« 

Der Kommandierende verließ das Zelt. Durch den 

Sergeanten ließ er seine Offiziere zusammenrufen, und John 
Haggerty hörte bald darauf den Alarmruf des Trompeters. 

Keine Stunde war nach diesem Gespräch vergangen, als 

berittene Dragoner, Kavalleristen mit Protzen, Munitionswagen 
und Geschützen in geordneter Formation durch das offene Tor 
in Richtung Osten zogen. Und John bemerkte auch, daß zwei 
Abteilungen Infanterie die Vorbereitungen zum Abmarsch 
trafen. 

General Howard schätzte sicher die Situation richtig ein. 

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Howard kehrte schließlich zurück. »Hauen Sie sich aufs Ohr, 

John, und schlafen Sie aus. Sie werden morgen früh nach Fort 
Thomas und Huachuca reiten. Die Offiziere sollen in ihren 
Forts die notwendigen Vorkehrungen treffen und genügend 
Leute abstellen, die unsere Dragoner im Kampf gegen die 
Indianerhorden unterstützen sollen. Gott gebe, daß Higgins in 
Fort Buchanan nicht schläft.« 

Der einarmige General, der wirklich um den Frieden mit dem 

einheimischen Volk bemüht war, schien zu resignieren. War 
denn alle Mühe umsonst gewesen? 

»Scout«, sagte er, hob sein Glas und trank es mit einem Zug 

leer. Er wischte sich über den Schnauzbart und deutete zum 
Feldbett in der Zeltecke. »Hauen Sie sich aufs Ohr, John. Die 
Nacht ist kurz, und die Tage werden lang sein. Ich werde 
sowieso keinen Schlaf finden.« 

Er nahm die Flasche, klemmte sie unter den Armstumpf und 

wanderte schweigend aus dem Zelt. 

Seine Füße brannten wie glühende Kohlen, die hohen Hacken 
seiner Texasstiefel knickten im losen Geröll bei jedem Schritt 
um. 

Aber weit mehr brannte in Wyatt Earp der Gedanke, daß 

diese verdammten Bushhawker aus Tucson ihn in den offenen 
Plains erwischen könnten. Tausendmal schon hatte er diesen 
gerissenen Armeescout verflucht, der ihn ohne Pferd in der 
Mesa zurückgelassen hatte. Aber was nützte es ihm? 

Am zweiten Tag tauchte in der Senke ein kleines Settlement 

auf, dessen Blech- und Strohdächer in der Sonne glänzten. Es 
mußte Tombstone sein, von dem er wußte, daß es im Schatten 
der San Pedro Hügel lag. 

Die letzte Meile Weg lag vor ihm. Als er einmal 

zurückblickte, sah er die graue Reiterschar, die zielsicher seiner 

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Spur folgte. 

Chuck Dyamond und seine Strolche. 
Wyatt nahm noch einmal all seine Kraft zusammen, und es 

gelang ihm, den Hügel im Laufschritt zu nehmen. Als die 
ersten Hütten vor ihm auftauchten, war er enttäuscht von 
diesem Nest, auf das er seine ganze Hoffnung als Spieler 
gesetzt hatte. Er ahnte nicht, daß Tombstone in einigen Jahren 
an Menschen und Häusern aus den Nähten platzen würde und 
ihm sowie seinen Brüdern Virgil, James, Morgan und Warren 
einen Stempel aufsetzen sollte, der seinen Namen als 
Revolverheld in den Annalen der amerikanischen Geschichte 
für alle Zeiten erhalten würde. Aber noch vermutete niemand 
in Tombstone die Silbervorkommen, die ein gewisser 
Schiefelin bald auf den San Pedro Hügeln finden sollte, die 
Tombstone dann in ein Sodom und Gomorrha verwandeln 
sollten. 

Erst als Wyatt den Staub der Straße unter den wunden Füßen 

spürte und die vielen Menschen sah, wurden seine Schritte 
bedächtiger. Dyamond und sein Clan würden es nicht wagen, 
ihn hier vor aller Augen anzugreifen. 

Wyatt erkannte ein halbes Dutzend Kneipen, die ihr Essen 

ebenso lobend auf Schildern anpriesen wie das Faro- und 
Montespiel. Aber sein Ziel war das Tonziegelhaus auf dem 
breiten Platz inmitten der einzigen Straße, die durch das 
Sattlement führte, das Office des Town Marshals. 

Wyatt blickte grinsend den Weg zurück. Er sah die 

Staubfahnen, die am unteren Ende der Straße in die Stadt 
einschwenkten, ehe er die Treppe zum Office hinaufstieg und 
sich im breiten Eingang niederließ. 

Zum erstenmal an diesem Tag fand das Schlitzohr Earp Zeit, 

sich eine Zigarette zu drehen. Er steckte sie genüßlich in 
Brand, als neben ihm ein kräftiger Mann auftauchte, auf dessen 
Brust ein Blechstern glänzte. 

Als Earp den Blick hob, sah er das breite grinsende Gesicht 

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Deputy-Marshal Marleys, der die Straße hinunter deutete und 
lakonisch feststellte »Sie suchen dich, Stranger.« 

Earp blies eine Rauchwolke in den blauen Alltag. »Es sind 

Lobos, Marshal, Satteltramps. Sie haben mir den Gaul unter 
dem Hintern weggeschossen und versuchten mich 
auszurauben. Mein Freund Haggerty wußte es zu verhindern. 
Aber sie geben nicht auf, wie man sieht.« 

Wyatt sah das Zucken in Marleys Antlitz und wußte, daß er 

recht getan hatte, John Haggertys Namen zu erwähnen, denn 
ein Mann wie John Haggerty, der als Scout überall herumkam, 
war auch in Tombstone sicher kein Fremder. 

»Der Armee-Scout ist dein Freund?« Marleys Stimme klang 

bedeutend freundlicher. 

»So ist es, Marshal«, Wyatt nickte ernst. »Ich arbeite hin und 

wieder unter General Howards Kommando.« Wyatt war selbst 
ein Lobo. Er konnte mitunter so gekonnt lügen, daß er seine 
Märchen zuweilen selbst glaubte. 

»All right«, erwiderte Marley, »dann wollen wir ihr Mütchen 

kühlen, sie sollen nur kommen.« 

Marley verschwand im Haus, und Wyatt hörte, daß er mit 

zwei Männern sprach. Zufrieden lehnte sich Earp an die 
Hauswand, als der Marshal mit einer Buckshotflinte 
zurückkehrte. Grinsend blickte er der Staubwolke entgegen. 

Draußen auf der Straße formierte sich Dyamonds 

Mannschaft zu einem Halbkreis um das Office, und Chuck 
Dyamond ritt auf schweißtriefendem Gaul mit wütendem 
Gesicht näher. 

»Der Marshal wird dir auch nicht helfen können, Earp. Wir 

kriegen dich so oder so!« 

Marley trat langsam an den Rand der obersten Treppenstufe. 

Seine Büchse hatte er lose unter den Arm geklemmt, doch der 
Daumen lag fest am Abzug. 

»Ich würde das Maul nicht so weit aufreißen, Hombre«, 

sagte der Marshal gedehnt. Er war von wuchtiger Gestalt und 

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schon vom Aussehen her eine Respektsperson. »Zeigt mir die 
Schwänze eurer Pferde und verschwindet. Tombstone ist eine 
friedliche Stadt. Sie beherbergt keine Raufbolde.« 

Dyamond glühte wie eine Tomate, und weniger der Respekt 

vor Marleys Blechstern als vor den Doppelläufen seiner Harper 
bremste seine Aggressivität. »Aber die Stadt beschützt einen 
Mörder.« 

»Ah«, sagte der Marshal. 
Dyamond legte gleich los. Er erzählte, was in Tucson 

geschehen war und weshalb sie Earp verfolgten. 

Als er geendet hatte, lächelte Marley überlegen. »Gibt es 

einen Haftbefehl gegen Earp? Seid ihr Gehilfen des Marshals 
aus Tucson, oder reitet ihr im Auftrage des Sheriffs von 
Cochise?« 

»Sie sind Richter aus eigenen Gnaden«, warf Wyatt ein. Im 

Schutze des Gesetzes, das er doch wohl schon einige Dutzend 
Male mit den Füßen getreten hatte, fühlte sich Wyatt Earp 
geborgen. »Es stimmt, daß ich Rocky Sullivan erschossen 
habe. Aber er hat mich beim Spiel betrogen und als erster die 
Waffe gezogen. Das war Notwehr. Nur seine Freunde sehen es 
anders, aber sie irren sich.« 

Marley nickte. »Solange kein Haftbefehl gegen dich vorliegt, 

Earp, bist du in Tombstone sicher.« 

Chuck Dyamond rutschte nervös auf seinem Gaul hin und 

her. Er spürte, daß er gegen diesen Sternträger wenig 
ausrichten konnte, zumal die Straße sich mit Neugierigen 
füllte. Er warf Earp einen drohenden Blick zu und zog wortlos 
seinen Gaul herum. Mit der Linken gab Chuck seinen 
Begleitern ein Zeichen, und sie ritten die Straße hinunter zu 
Morgans Kneipe. »Sie werden Ihnen Arger machen, Marshal«, 
meinte Earp und schnippte die Kippe auf den ausgefahrenen 
Fahrweg. 

Marley lächelte kalt. Zwei seiner Gehilfen tauchten an seiner 

Seite auf. Wie er trugen auch sie mächtige Schrotspucker und 

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machten einen unerschrockenen Eindruck. 

»An Ärger sind wir gewohnt«, Marley lächelte, »aber den 

größeren Ärger hast du, denn es gibt nichts Fataleres, als jung 
zu sterben. Wie lange wirst du in der Stadt bleiben?« 

Wyatt Earp hob die Schultern. In der Stadt war er sicher, 

doch wenn er Tombstone verließ, würden diese Bastarde sich 
wie Kletten an seine Fersen heften, um ihn zu vernichten. 

»Ich habe kein bestimmtes Ziel, Marshal.« 
»Dann versuche es bei Captain Freeman. Sein Camp liegt 

außerhalb der Stadt. Er sucht immer Leute für sein Frontier-
Bataillon. Dort könntest du auch zu einem guten Praint 
kommen.« 

Marley erklärte Wyatt den Weg zu Freemans Lager, und 

Wyatt, der von Freemans Miliz schon vernommen hatte, 
dachte, vielleicht bist du dort so lange gut aufgehoben, bis 
Dyamond die Nase voll hat und nach Tucson zurückkehrt. 

Earp machte sich auf den Weg. 
Am Stadtrand war eine kleine Zeltstadt aufgebaut: Captain 

Louis Freemans Hauptquartier. 

Irgend jemand führte ihn zu Freeman, und dieser musterte 

den jungen und kräftigen Burschen, ehe er bedauernd die 
Schultern hob. 

»Vor einem Jahr noch, Earp«, sagte Freeman lächelnd, »hätte 

ich dich für deinen Entschluß freudig in die Arme genommen. 
Aber seit einem Jahr ist es ruhig geworden in Arizona. Die 
Siedler bebauen friedlich ihre Scholle. Keine Bonanza wird 
mehr von Rothäuten belästigt. Cochise und seine Apachen 
haben sich in ihren Berghöhlen verkrochen.« 

Ein wenig stolz hob Freeman die Brust. »Mein Frontier-

Bataillon hat ihnen wohl die Lust am Kriegsspiel verdorben. 
Versuche es in Fort Thomas, Earp. Die Armee halftert jeden 
an, der ein paar stramme Marschierbeine hat und einen 
Zeigefinger für den Abzug ihrer Karabiner.« 

Wyatt Earp kehrte mit gemischten Gefühlen in die Stadt 

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zurück. Vor Chuck Dyamond allein hatte er wenig Angst, denn 
er vertraute seinem schnellen Revolver. Auch das Großmaul 
Swatter würde er mit der Linken erledigen. Aber Dyamond trat 
nur zusammen mit seinen Begleitern auf, und in seinem Watts-
Revolver steckten nur sechs Bleikugeln. 

Er suchte im entferntesten Winkel der Stadt eine Bleibe und 

verhielt sich merklich ruhig. Vom Fenster aus sah er, daß 
Dyamond und seine Männer heimlich die Stadt durchstreifen. 
Wohl auf der Suche nach ihm. 

Fast täglich waren die Kerle auf den Beinen. Zäh und 

ausdauernd, als wollten sie eine Goldmine aufreißen. Doch 
immer wieder waren Marley und seine Gehilfen in der Nähe. 

Am dritten Morgen nach Wyatts Ankunft in der Stadt wurde 

es unruhig auf der Straße. Was war geschehen? 

Wyatt stellte sich ans Fenster und sah den Menschenauflauf. 

Irgend etwas war passiert, was den Alltag der Menschen in 
Tombstone verändert hatte. Ein Dutzend Männer umringte die 
junge hübsche Frau, die einen halbtoten Mann vor sich im 
Sattel sitzen hatte, und drang mit unzähligen Fragen auf sie ein. 

Selbst Captain Freeman kam die Straße heraufgestürmt und 

folgte der Frau und dem Verletzten, die vor Doc Flemmers 
grüngestrichener Holzhütte aus dem Sattel stiegen. 

Bleich und ausgelaugt lag Sam Critten auf dem weißen Linnen. 
Ein breiter schneeweißer Verband umschloß seinen 
Oberkörper, und die junge Frau an seiner Seite machte aus 
ihrem Herzen keine Mördergrube, als sie die Menschen im 
Krankenzimmer sah, die neugierig den Verwundeten 
umlagerten. 

»Können Sie die Leute nicht entfernen, Marshal?« fragte sie 

verärgert. »Der arme Teufel hier ist fast verblutet. Er braucht 
dringend die Ruhe, die Doc Flemmers ihm verordnet hat, wenn 

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er wieder auf die Beine kommen soll.« 

Marley drängte die protestierenden Bürger seiner Stadt aus 

dem Raum. Nur Freeman blieb zurück. Er saß geduldig im 
Schaukelstuhl und wartete, bis der Sturm sich gelegt hatte. 

»Mary Lynn«, begann Freeman schließlich, als nur noch er 

und der Deputy-Marshal im Zimmer waren. »Ich kenne dich, 
seit du auf der Welt bist, und deine Eltern etliche Jahre länger. 
Ich achte deine Trauer, aber es ist nun an der Zeit, daß deine 
Andeutungen ihre Erklärung finden. Wer waren die Banditen, 
die eure Farm überfallen haben, und an welchem Tag geschah 
diese ungeheuerliche Tat?« 

Mary Lynn preßte die Lippen aufeinander. Freemans Worte 

erinnerten sie an den Tod ihrer Eltern, an den schrecklichsten 
Tag ihres Lebens. Sie war hart erzogen, eben wie man im 
Frontierland erzogen wurde, ohne Sentimentalität, nur 
Tatsachen ins Auge sehend. 

»Apachen«, sagte sie mit leiser Stimme. »Sie kamen vor fünf 

Tagen und fielen wie eine Horde Bestien über die Farm her. 
Sie töteten meine Eltern, unsere beiden Helps, brandschatzten 
und plünderten die Farm. Ich konnte mich unter dem 
Schlagholz verbergen und mußte all dem schrecklichen 
Morden tatenlos zusehen. Mein Gott, ich wünschte, ich wäre 
auch tot…« Tränen liefen über ihre Wangen, Zeichen der 
Trauer, die sie mühsam zu verbergen suchte. 

»So spricht man nicht, Mary Lynn«, rügte Louis Freeman. 

Seine Augen blitzten. »Das Leben ist ein kostbares Geschenk 
Gottes. Sag mir, wie viele es waren. Drei, fünf, zehn rote 
Banditen? Und wer ist der Verletzte? Gehört er zur Farm?« 

»Nein, er kam, als alles vorüber war, und er war selbst 

schwer verletzt. Doc Flemmer meint, seine gräßliche Wunde 
käme von einem Hieb mit einer Apachenlanze.« 

»Also ist auch er mit ihnen zusammengestoßen«, konstatierte 

der Captain. »Du bist mir noch eine Frage schuldig. Waren es 
mehr als zehn Apachen?« 

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Mary Lynn hob den Kopf, und ihre blauen Augen schienen 

den Fragesteller zu durchbohren. »Zehn?« rief sie mit 
zynischer Offenheit aus. »Es war eine ganze Armee! Ihre 
Anzahl läßt sich schlecht schätzen, es dürften aber weit über 
hundert roter Teufel gewesen sein.« 

Freeman dachte nach. Mary Lynns Worte beunruhigten ihn, 

denn seit einem Jahr gab es im Cochise County keine 
Übergriffe der Roten mehr. Die verständliche Erregung ließ 
Mary Lynn wohl mehr Plünderer sehen, als es tatsächlich 
gewesen waren. 

»Du übertreibst.« 
Mary Lynn schüttelte den Kopf. 
»Ich übertreibe nicht, Mr. Freeman. Ich habe Cochise 

gesehen und den schwarzhaarigen Teufel Victorio, der nun 
Mutters blonden Skalp am Gürtel trägt. Sie schossen mit 
Springfield-Gewehren und konnten damit verdammt gut 
umgehen.« 

Freeman erinnerte sich des Überfalles auf Fort Huachuca, 

das Banditen in die Luft gejagt und dabei sechzig Springfield-
Karabiner erbeutet hatten. Sollte Cochise für diesen Überfall 
verantwortlich sein? 

Eine ungeheure Erregung bemächtigte sich Freemans, und er 

beschloß, einige seiner Leute zu Lynns Farm zu schicken, um 
die Vorgänge aufzuklären. Er mußte wissen, ob Mary Lynn 
übertrieben oder die Wahrheit gesprochen hatte. 

Schweigend erhob sich Freeman und verließ das Haus. Auf 

dem Fahrweg, zwischen neugierigen Weibern, stand der 
hochaufgeschossene junge Bursche, der vor einigen Tagen bei 
ihm vorgesprochen und nach Arbeit gefragt hatte. Er winkte 
ihm im Vorübergehen zu und sah, daß Earp sein Zeichen 
verstanden und bemerkt hatte. 

Als er die Straße zum Camp hinaufeilte, tauchte Wyatt an 

seiner Seite auf. 

»Du suchst einen Job, Earp?« kam Freeman gleich zur 

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Sache. »Ich hätte eine Aufgabe. Einen Dollar pro Tag und für 
jeden Indianerskalp zehn. Ist das ein Wort.« 

Wyatt grinste säuerlich. »Also geht es gegen Indianer?« 
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Erst einmal möchte ich das 

Terrain sondieren. Wie steht es, Earp? Du brauchst Geld, du 
brauchst ein Pferd. Beides findest du im Bataillon.« 

Wyatt Earp dachte an sein lästiges Anhängsel, das ihm 

unbedingt eine Kugel verpassen wollte. Er nickte zustimmend. 
»Ich will's versuchen.« 

Sie erreichten das Camp. Freeman deutete zur Pferdekoppel 

hinüber. 

»Such dir einen flinken Gaul, Earp, du kannst ihn später von 

deinem Lohn bezahlen.« 

Wyatt nickte und entfernte sich. 
Als Earp sich einen Gaul eingefangen und gesattelt hatte, war 

Freeman dabei, eine Patrouille aufzustellen. Wyatt, der näher 
ritt, erkannte, daß Freeman acht Leute mit dieser Aufgabe 
betraute. 

»Wopper wird euch führen«, bestimmte der Captain, »ich 

erwarte euch in fünf Tagen zurück.« 

Ein tiefes Stöhnen kündete an, daß Sam Critten langsam ins 
Leben zurückfand. 

Mary Lynn beugte sich über den Verletzten, und Marshal 

Marley trat rasch näher. 

Draußen zog Freemans Miliz die Straße hoch. 
Critten hielt die Augen zwar noch geschlossen, doch seine 

Lider zuckten. 

Seine Lippen bewegten sich mühsam, als suche er nach 

Worten. 

»Er will uns was sagen«, flüsterte Marley heiser und beugte 

sich tief über den Verletzten, daß er die Atemzüge des 

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Fremden deutlich vernahm. 

»John«, hörte Marley aus dem Mund des Fremden. 

»Cochise…Verrat…« Dann Stille. 

Marleys Gedanken rasten. John und Cochise. Das war eine 

Verbindung, die der Marshal begriff. Und irgendwie war 
Verrat in der Sache. 

Er schüttelte Critten an der Schulter. »Weiter, Junge, erzähle 

weiter…« 

Doch Mary Lynn drängte ihn zornig beiseite. »Sie sehen 

doch, wie es um ihn steht, Marshal. Warum quälen Sie den 
Mann?« 

»Er will uns etwas sagen, Mary Lynn«, fluchte der 

Sternträger wütend. »Es muß sehr wichtig sein.« 

»Colonel Higgins…«, hauchte der Verletzte, und Marley sah, 

wie der Mann unruhig wurde, den Kopf hin und her warf, als 
suche er mit aller Kraft der Dunkelheit zu entfliehen. Dann lag 
Critten plötzlich ganz still. Er sackte förmlich zusammen, und 
sein Atem schien nicht mehr zu gehen. 

»Ist er tot?« Mary Lynn preßte die Fäuste an die Lippen. 

»Mein Gott im Himmel, ist er tot?« 

»Hör auf zu beten«, fluchte der Marshal. »Er ist nur ohne 

Bewußtsein. Er schläft sich gesund. Deshalb brauchst du doch 
nicht so ein Theater zu machen.« 

Dann stakste er wütend nach draußen. 
Freemans Patrouille ritt nun weit vor der Stadt am Fuß der 

San Pedro Hügel. 

Marley kehrte ins Office zurück, setzte sich hinter seinen 

Schreibtisch und begann zu überlegen. Was hatte den armen 
Teufel so erregt, daß er Colonel Higgins Namen nannte? 

Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Aber was? 
Aus Fort Thomas war ihm vor einiger Zeit ein Vorfall 

gemeldet worden. Automatisch, ohne zu denken, begann 
Marley in den Papieren auf dem Schreibtisch zu kramen, bis er 
eine Depesche fand. 

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Eine Fahndung aus Fort Thomas nach einem 

fahnenflüchtigen Soldaten. 

Marley vertiefte sich in den Inhalt, und je länger er die 

Fahndung las, wurde ihm bewußt, der Fremde in der 
Krankenstube von Doc Flemmers konnte nur dieser Corporal 
sein, der Critten hieß. 

Ins Krankenrevier zurückzukehren, brachte sicher keinen 

Aufschluß. Der Mann war fertig und sicher noch eine Weile 
ohne Bewußtsein Und Mary Lynn, dieses resolute Biest, würde 
ihn kurzerhand hinauswerfen, dessen war er sicher. 

Marshal Marley schob das Schreiben in die Tasche, nahm 

den Revolvergurt vom Wandhaken und sattelte sein Pferd. Als 
er seinen Praint auf die Straße führte, kam gerade einer seiner 
Gehilfen aus dem Drugstore. 

»Stive«, rief Marley, während er in den Sattel stieg. »Ich bin 

in ein paar Tagen wieder zurück. Wenn jemand fragen sollte, 
ich reite nach Fort Thomas.« 

Stive gab ein Zeichen, daß er verstanden hatte. 
»Und halte ein Auge auf den jungen Earp und diese Hengste 

aus Tucson«, fuhr der Marshal fort. »Wenn sie euch Ärger 
machen, zeigt's ihnen mit Buckshot!« Marley riß sein Pferd 
herum und gab ihm die Sporen zu fühlen. 

In eine Staubwolke gehüllt, ritt er den Fahrweg hoch und 

schwenkte außerhalb der Stadt in östliche Richtung. 

Marshal Marley hatte es verdammt eilig. 

Ein Gerücht ist schneller als der Wind, sagt ein altes 
indianisches Sprichwort. 

Tex Huskin, dessen Bonanza in einem kleinen Seitental des 

Green Valleys lag, wußte seit drei Tagen von dem Überfall auf 
Lynns Farm. Einer seiner Cowboys, die in der Mesa nach 
verlaufenem Vieh suchten, war auf das niedergebrannte Gehöft 

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gestoßen und hatte die Hiobsbotschaft gebracht. 

Huskin war vom alten Schlag. Ein Grenzer, der sich früher 

schon mit mexikanischem Raugesindel herumgeschlagen hatte. 
Er ließ die Herden näher an die Ranch heranführen und begann 
das Haupthaus in eine Festung zu verwandeln. Die Grube unter 
der guten Stube hatte er vor drei Jahren, als er ins Valley 
gezogen war, ins Hausgefüge eingebaut und einen 
Verbindungstunnel zum Brunnen schaffen lassen. 

Als Brend ihm am Vormittag meldete, daß er in den nahen 

Hügeln auf Spuren unbeschlagener Pferde gestoßen war, 
wußten der alte Tex, daß bald Besuch zu erwarten war. 

Huskin war also gewappnet, als am frühen Nachmittag ein 

Dutzend halbnackter Reiter in bunter Kriegsbemalung auf den 
flachen Hügeln auftauchte und unverwandt zur Ranch 
hinunterstarrte. 

Reglos, wie aus Bronze gegossen, saßen sie auf ihren 

ungesattelten Ponys und blickten regungslos ins Tal hinunter. 
Roß und Mann ein Guß. 

Huskin rief seine Leute ins Haus, schloß die schweren 

Blenden an den Fenstern und verteilte die Waffen. 

»Wir werden ihnen eine Abfuhr erteilen, daß ihnen für alle 

Zeiten der Geschmack nach weißen Skalps vergeht«, sagte der 
Texaner optimistisch. »Wäre doch gelacht, wenn wir die nicht 
schaffen.« 

Sein Vormann, der an einer der schmalen Schlitze am 

Fenster stand, bemerkte lakonisch: »Sie werden sich an den 
Rindern schadlos halten und die Longhorns in die Mesa 
treiben.« 

Worauf der alte Texaner lachte. »Sollen sie, ich denke, daß 

auf die Vorkommnisse auf Lynns Farm hin Soldaten unterwegs 
sind oder Freemans starke Miliz. Mit der Herde kommen die 
verdammten Rothäute nicht weit, denn Freeman ist scharf auf 
Chiricahua Skalps.« 

»Tut sich was draußen?« Huskin hatte den Arm um die 

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drallen Hüften seines Weibes gelegt. Sicher wollte er so 
demonstrieren, daß Abigail nichts zu befürchten hatte. 

»Sie stehen wie die Salzsäulen in den Salinen der Desert, 

Boß«, antwortete Brend. 

»Sie warten die Nacht ab«, erklärte Huskin. Er kannte die 

Taktik der Roten. »Abigail, mach uns eine kräftige Mahlzeit, 
und sollte es ernst werden, binde die Kinder an den Betten fest. 
Ich möchte nicht, daß sie uns in ihrer Angst womöglich 
zwischen den Füßen herumlaufen.« 

Abigail war eine starke Frau. Sie zeigte keine Furcht, 

sondern trat zum Herd und bereitete das Essen wie jeden Tag. 
Sie sprach beruhigend auf ihre beiden Kinder ein und schickte 
sie ins Nebenzimmer, wo Cliff Bauer und Hugh Welch durch 
die Sichtschlitze aufmerksam das Terrain absuchten. Sie waren 
nervös, aber das würde sich legen, wenn es ernst würde. 

Die Sonne kroch hinter die nahen Berge. Dämmerlicht 

breitete sich im Tal aus. 

Die Reiter auf dem Hügel waren nur noch als Schatten zu 

erkennen. 

Tödliche Stille lag über dem Tal, und nur das leise Weinen 

der Kinder war zu hören. Abigail zog sie in den Schoß und 
sprach mit ruhiger Stimme auf sie ein. 

Huskin kontrollierte die Posten im Haus, als die ersten 

Schüsse fielen. Die Erde begann zu dröhnen, und der Texaner 
nickte stumm. 

Er wußte, daß das räuberische Apachenpack die Herde aus 

der Koppel trieb. 

»Es geht bald los«, sagte Brend in die beklemmende Stille im 

Raum, »ich rieche es förmlich.« 

Und dann war plötzlich der Teufel los. Pferdehufe 

klapperten, infernalisches Geschrei erfüllte das Tal, 
Gewehrkugeln schlugen in die Fassaden. Wuchtige 
Lanzenstöße trieben gegen die feste Bohlentür. 

Die Kinder schrien. 

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Tex Huskin sprang mit zwei Sätzen an die Eingangstür, 

schob die schwere Luke zurück, die kurze Mündung der 
Schrotflinte in die Öffnung und feuerte…« 

Dem Echo beider Abschüsse folgte wildes 

Schmerzensgeschrei und der dumpfe Fall von menschlichen 
Körpern. Leichtfüßige Schritte entfernten sich. Huskin schloß 
grinsend die Luke. 

»Buckshot schmeckt ihnen nicht«, knurrte er und zu seinem 

Weibe gewandt fuhr er fort: »Schaffe die Kinder nach unten, 
Abigail, es wird eine heiße Nacht.« 

Abigail schob wortlos die Luke auf, nahm eine der 

Talglampen und stieg mit den verängstigten Kindern in den 
dunklen Schacht hinunter. 

Es war still. Nur das ferne Stampfen der entführten Herde 

war schwach zu vernehmen. 

»Vielleicht haben wir sie verscheucht«, flüsterte Harris, der 

blutjunge Cowboy, und umklammerte mit diesem 
hoffnungsvollen Gedanken seinen Karabiner. Es war sein erster 
Zusammenstoß mit räuberischen Apachen. 

Brend, der alte Vormann, der wachsam auf seinem Posten 

stand, lachte trocken. »Jetzt geht der Tanz richtig los, Boß. Sie 
schießen mit Brandpfeilen.« 

In seine Worte hinein schlugen patschend feurige Garben in 

die Fassade und das Dach, und Huskin rief gelassen: Haltet die 
Wasserbottiche bereit. Wenn das Feuer durchbricht, werden 
wir es löschen.« 

Er hatte am Morgen noch die Grasnarben des Daches mit 

Brunnenwasser getränkt und wußte, daß sie den Brandpfeilen 
der Apachen eine Weile widerstehen konnten. 

Trotzdem züngelten Flammen an der Hausfassade hoch und 

erhellten schwach den Hof. Schatten bewegten sich wieselflink 
über die freie Fläche. Brend schoß seinen Karabiner leer, und 
aus dem Kinderzimmer klangen die scharfen Abschüsse von 
Welchs und Bauers Büchsen. 

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Sie waren sechs aufrechte, tapfere Männer, an deren Mut 

wahrhaftig nicht zu zweifeln war, aber keiner von ihnen wußte, 
daß dort draußen Victorio mit achtzig Apachen zum Angriff 
ansetzte, entschlossen, die weißen Eindringlinge aus ihrem 
Land mit Feuer und Schwefel zu vertreiben. 

Rauch drang durch die mit Lehm verschmierten Ritzen. Hier 

und dort züngelten Flammen ins Innere der Räume. Zwei 
Männer waren ständig mit Wassereimern in Bewegung, um das 
Feuer zu löschen. 

Aufs neue dröhnte die Erde. Infernalisches Geheul ließ das 

Haus erzittern, und der junge Harris, der durch die 
Schießscharte das schwarze Meer angreifender Apachen sah, 
rief erbleichend: »Es sind wenigstens hundert Indianer, Boß!« 

»Blödsinn«, fluchte Huskin, »so viele Krieger bringt kein 

Apachenhäuptling auf die Beine.« 

Der junge Harris streckte sich. Er stand eine Weile aufrecht 

an der schmalen Schießleiste, ehe er steif wie eine Säule 
rücklings zu Boden fiel. Mitten zwischen seinen Augen federte 
der kurze Schaft eines Pfeils. 

Brend kroch heran, aber Huskin rief ihn mit scharfer Stimme 

zurück. »Bleibe auf deinem Posten, Brend, dem armen Teufel 
ist nicht mehr zu helfen.« Der Texaner schulterte die 
Buckshotflinte und hangelte sich an der Strebe des Gebälks zur 
Decke hoch. Über ihm auf dem Hüttendach rumorte es. Flinke 
Tritte waren trotz des höllischen Lärms zu hören, und Huskin 
wußte, sie rissen die schützenden Grassoden auf, um auf dem 
Dach Feuer zu legen. 

Wütend feuerte er die Waffe ab, lud noch einmal nach und 

schoß dann wieder. 

Auch Brend und Bauer, Welch und Dickens kämpften wie 

die Teufel und schossen wie wild. 

Abigail schob die Kellerluke auf. Sie hielt die Funzel in der 

Hand. Bleich und gefaßt fragte sie: »Soll ich helfen, Tex? Ich 
kann kämpfen wie ein Mann.« 

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»Bleibe unten, verdammtes Weib, und kümmere dich um 

deine Kinder«, fluchte der Rancher wütend. Schweiß stand auf 
seiner Stirn. Die Kerle waren immer noch auf dem Dach. 

Harte Schläge von Streitäxten trommelten gegen die 

Eingangstür. Ihre Angreifer mußten erkannt haben, daß dort 
der Schwachpunkt der Verteidigung lag. 

Huskin gab seinem Vormann ein Zeichen. Brend sprang mit 

zwei langen Schritten zur Tür, schob die Klappe zurück und 
feuerte mit seiner Patterson, bis keine Kugel mehr im Lauf war. 
Mit einem letzten Blick schob Brend die Klappe in den Riegel. 

»Harris hatte recht, es sind wenigstens achtzig Apachen, Tex. 

Zuviel für uns fünf«, rief er blaß. »Gegen die haben wir keine 
Chance, Tex!« 

Huskin erinnerte sich, was mit den Lynns geschehen war und 

schrie wütend zurück: »Wir kämpfen bis zur letzten Patrone, 
kapiert? Dann stecken wir die Hütte in Brand und ziehen uns in 
den Stollen zurück. Vielleicht haben wir Glück und sie geben 
sich mit dem hier zufrieden.« Er sprang von dem Gebälk 
herunter in den Raum, trat zum Tisch und stopfte sich eine 
Handvoll Buckshotpatronen in die Tasche. Tödliche 
Entschlossenheit stand in seinem pulvergeschwärzten Antlitz, 
und er schwor im stillen, Abigail und die Kinder zu töten, als 
sie in die Hände der Apachen fallen zu lassen. 

Aber ihre letzte Attacke schien Erfolg zu haben. Noch immer 

ihr schrilles Geheul ausstoßend, entfernten sich die Reiter. 

»Sie geben auf«, jubelte im Nachbarzimmer Welch. Er 

taumelte in die Stube. Ein breiter blutiger Striemen lief über 
seine linke Wange, und ein dunkler Fleck zeichnete sich auf 
der linken Seite seines karierten Hemdes ab. 

»Sie kommen wieder«, grollte der Rancher. »Freut euch 

nicht zu früh.« Er ging zu Welch und führte ihn zum Hocker. 
»Setz dich hin, Cowboy.« 

Huskin zog die Lampe näher und riß das blutbeschmierte 

Hemd auf. Er sah den Einschuß oberhalb des Herzens und 

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wußte, daß Welch nicht mehr zu helfen war. Dennoch griff er 
lächelnd zum Wandregal und entkorkte die Brandyflasche. 
»Nimm einen tiefen Schluck, Welch. Es ist alles halb so 
schlimm. Die Kugel schneide ich dir raus, wenn alles vorbei 
ist.« 

Der Cowboy nickte dankbar, als der Boß ihm die Flasche an 

die Lippen setzte. Er nippte am Flaschenrand und sackte dann 
plötzlich zusammen. Huskin fing ihn auf. Brend trat mit 
wenigen Schritten näher, und sie trugen den Bewußtlosen auf 
die Liege. 

»Ist es schlimm?« fragte der Vormann. 
Huskin nickte. »Er wird die Nacht nicht überstehen.« 
Glücklicher Welch, dachte der Vormann und spürte heißes 

Kribbeln unter der Kopfhaut, so, als fühle er dort die scharfe 
Klinge eines Apachenmessers. 

Er kehrte auf seinen Posten zurück, aber von den Angreifern 

war nichts mehr zu sehen. 

Huskin kniete neben dem Bewußtlosen, als Cliff Bauer aus 

der Kinderkammer trat. Er sah den riesigen Blutfleck auf 
Welchs Brust und schrie plötzlich los: »Welch ist tot! Harris ist 
tot! Die Schweine haben sie umgebracht und werden auch uns 
alle töten. Ich will hier raus!« Wild mit den Armen um sich 
schlagend, taumelte er zum Ausgang. 

Brend versperrte ihm den Weg. Er sah Bauers irren Blick 

und schlug ihm die Faust gegen den Schädel, daß der Tobende 
wie ein morscher Baum auf die Dielen fiel. Bedauernd blickte 
er zum Boß hinüber, der die Schultern hob und ihm zunickte. 

»Es war das beste so«, meinte Huskin. »Wenn er aufwacht, 

wird er wieder vernünftig sein. Versuche das Feuer unter 
Kontrolle zu halten.« 

Es knisterte und schwelte an der Außenwand, aber das Holz 

hatte inzwischen so viel Wasser aufgesogen, daß die Flammen 
kaum noch Nahrung fanden. 

Finsternis hüllte das Tal ein, und die plötzliche Stille ließ sie 

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frösteln. 

Dickens kauerte am Boden und starrte zu dem sterbenden 

Welch auf der Pritsche. Der Cowboy schien zu beten, aber er 
dachte an sein blühendes Virginia, das er verlassen hatte, um in 
dieser verdammten Einöde Arizonas zu krepieren. Fernweh 
hatte ihn damals getrieben. 

Auch Brend stand stumm an der schmalen Schießscharte, 

lauschte den röchelnden Atemzügen des Sterbenden, blickte 
starr in die reglose schwarze Nacht, und sein Leben zog wie 
eine Vision vorüber. 

Er und der Boß hatten die Hälfte ihres Lebens gemeinsam 

verbracht. Sie hatten in Texas gegen Rebellen und Viehdiebe 
gekämpft. Sie waren als Texasreiter in den amerikanisch-
mexikanischen Krieg gezogen. Als junge Burschen, voller 
Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft. Und wo waren sie nun 
gelandet? 

In einem Territorium, das wohl ewig Frontierland bleiben, 

niemals zur Ruhe kommen sollte. 

Das Schwarz der Nacht verblaßte. Fast gelassen nahm er die 

grauen Schatten wahr, die von den niedergerissenen Zäunen 
her lautlos näher huschten. 

Zögernd, als fehle ihn die Kraft, hob Brend seinen Karabiner 

und schoß zwei dieser Schatten nieder. 

Der dritte Schatten zerfloß in der Nacht. 
Huskin hob den Kopf Brend sah seinen fragenden Blick. 
»Geplänkel«, sagte Brend ruhig, »sie versuchen es mit ein 

paar Einzelaktionen. Wir werden den Tag wohl überstehen. 
Aber dann, Tex? Was wird dann?« 

Brend wandte sich wieder seinem Posten zu. 
Tex Huskin schwieg. Seine Gedanken waren eine Weile bei 

seinem Weib und seinen Kindern. Auch er sah keine Zukunft. 
Erst in diesem Moment bemerkte er, daß er immer noch vor 
Welch kniete. Dabei mußte sein Cowboy schon vor Stunden 
gestorben sein. 

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»Beim nächsten Angriff ziehen wir uns in den Schacht 

zurück«, sagte Tex Huskin leise. »Und vorher brennen wir 
diese verdammte Bude nieder…« 

Der Schacht, der Weg zum Brunnen…, die Freiheit, die 

letzte Hoffnung… 

Das waren Tex Huskins hoffnungsvolle Gedanken, als eine 

gewaltige Explosion das Dach der Hütte anhob und die Wände 
auseinanderfetzte. 

Ein flammender Feuerstrahl schoß in den Himmel, und die 

Detonation zerriß ihre Lungen. Niederstürzendes Gebälk 
zerschmetterte ihre Körper. 

Cochise erlebte seinen Triumph im Morgengrauen. Mit 
leuchtenden Augen folgte er dem blitzenden Feuer, das seine 
Krieger in der Nacht an der Hütte gelegt hatten, und während 
die Flammen langsam erloschen, eine schwarze Wolke den 
Himmel verdunkelte und von der Hütte nur noch Staub und 
zerbrochenes Gebälk zurückblieb, sagte Cochise zu Victorio, 
der auf seinem gescheckten Gaul an der Seite des Jefes fast 
erschreckt das Schauspiel erlebte: 

»Dieses schwarze Pulver öffnet uns die Tore zu den 

Holzfestungen der Hellaugen. Es bewegt Berge und schließt 
Schluchten. Es ist eines der Geheimnisse des einarmigen 
Blaurocks. Es kommt der Tag, an dem wir mit diesem 
schwarzen Pulver die Zeltstadt des Bastards von den Hängen 
Tubacs fegen werden. Dieser Tag ist dann der Tag unserer 
Freiheit. Doch zuvor wollen wir unsere Abrechnung mit 
unserem größten Feind, dem Hellauge aus Tombstone, 
vorbereiten. Captain Freeman soll für all die toten Krieger, 
Frauen und Kinder unserer Stämme bezahlen und die Folter der 
Apachen in tausendfacher Art kennenlernen.« 

Victorios dunkle Augen leuchteten voller Hoffnung, denn 

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das Inferno, das er gerade erleben konnte, ließ erkennen, daß 
der Jefe den richtigen Weg beschritt. 

Über den Hügel sprengte ein Reiter. Seine Haut glänzte 

bronzen in der aufgehenden Sonne. Er wechselte die Richtung, 
als er seinen Häuptling sah und jagte heran. Vor Cochise 
zügelte er seinen Bronco. 

Erregt deutete der Chiricahua mit der Lanze nach Osten. »Es 

kommen Reiter, Jefe, aus der Richtung der Farm, die wir vor 
vier Tagen niedergebrannt haben.« 

In Cochises Augen stand eine stumme Frage, die der 

Sprecher verstand. »Es sind acht Weißaugen auf gesattelten 
Pferden. Sie sind keine zwei Meilen entfernt.« 

Victorios Augen füllte wilder Glanz. Unruhig rutschte er auf 

dem Pferderücken hin und her und faßte den 
federgeschmückten Karabiner fester. Seine kräftigen Muskeln 
zuckten. 

»Zastee«, rief Victorio heiser, »ihr Leben ist das gnädige 

Geschenk unserer Götter. Wir werden sie töten, und ihre 
Skalps sollen die Gürtel unserer Toten schmücken.« Fast 
herrisch deutete er zu den gescheckten Ponys hinüber, die von 
Kriegern den Hügel herauf geführt wurden. Quer über ihre 
Rücken lagen die im Kampf gefallenen Apachen. 

»Unsere Brüder sollen nicht umsonst gestorben sein.« 
Cochise kannte den Hitzkopf Victorio. Aber er, der Jefe, 

hatte andere Pläne. Er blickte zu der zerstörten Bonanza 
hinunter, in deren Trümmern seine Krieger nach Beute suchten, 
und schüttelte heftig den Kopf. 

»Es sind keine Blauröcke aus den hölzernen Forts, Victorio. 

Es sind Späher unseres ärgsten Feindes. Sie mögen kommen 
und uns sehen. Sie mögen gehen und ihren Häuptlingen von 
unseren Siegen berichten. Ihre Skalps werden wir im Canyon 
des Aqua wiedertreffen.« 

Victorio hatte als Apache das Recht, dem Jefe zu 

widersprechen, aber er spürte die Klugheit und Verschlagenheit 

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seines Kriegshäuptlings und war zufrieden mit den Plänen, die 
zur Vernichtung Louis Freemans führen. 

»So soll es sein«, sagte er einsichtig, führte die Hand zum 

Munde und ahmte den gurrenden Ruf der Wildtaube nach. 

Sofort lösten sich die Plünderer aus dem Trümmerfeld, 

schwangen sich behend auf die Rücken ihrer Ponys und 
verschwanden seitlich im welligen Hügelland. 

Cochise nahm es zufrieden wahr und nickte. Ehe er sein 

Pferd wandte, sprach er zu dem Mimbrenjo-Häuptling: »Wähle 
vier Späher, die sie begleiten sollen. Ich möchte, daß sie 
unbeschadet ihr Ziel erreichen.« 

Colonel Higgins durchwanderte unruhig wie ein gefangener 
Puma den Raum. Haggertys Order aus dem Hauptquartier 
machte ihn nervös. 

Er sagte es denn auch offen heraus. 
»Fort Thomas ist unterbesetzt, John. Wenn ich die halbe 

Truppe nun auch noch abziehe, dürfte es für einen Gegner ein 
Kinderspiel sein, die Palisaden zu stürmen und das Fort in 
Schutt und Asche zu legen. Ich kann eines nicht begreifen: 
Was zieht Cochise nach Fort Buchanan? Dort liegt der stärkste 
Vorposten unseres Militärs in Arizona. Eine Befestigung aus 
massivem Fels, umgeben von den natürlichen Schutzwällen der 
Mountains. Cochise kann sich dort nur die Zähne ausbeißen 
und sich eine blutige Abfuhr holen. Also, ich verstehe beim 
besten Willen nicht, warum er so ein Unternehmen plant.« 

John Haggerty lächelte über Colonel Higgins' Einwand. 

»Cochise wird wissen, daß der Posten in Buchanan keine 
hundert Soldaten beherbergt. Wer schaut schon hinter die Stirn 
einer Rothaut? Vielleicht geht es ihm um das Prestige, und eine 
Zerstörung des Forts würde ihm natürlich Ruhm und Ehre 
unter den Apachenstämmen einbringen.« 

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»Und Fort Thomas?« warf der Colonel bissig ein, »soll es 

dafür geopfert werden?« 

»Fort Thomas liegt hundert Meilen vom Apachen-Paß 

entfernt, Colonel. Ich habe Cochises Pläne mit eigenen Ohren 
gehört. Es besteht also kein Zweifel über seine Absichten. Hier, 
so tief im Süden, ist mit keiner Indianerseele zu rechnen. 
Vielleicht ein paar Yaquis, die über die Grenze wechseln. Aber 
selbst daran zweifle ich…« 

»Trotzdem kann ich es nicht begreifen.« Colonel Higgins 

knöpfte gewissenhaft die Knöpfe seiner Uniform zu, nahm die 
Handschuhe. Er war ein Stratege, und ehe er als Kommandant 
Fort Thomas übernommen hatte, war er ein Jahr in Fort 
Buchanan stationiert gewesen. Er kannte die örtlichen 
Verhältnisse dieser natürlichen Bergfestung ganz genau. Und 
die Wasserstelle im Paß, der einzige Schwachpunkt des Forts, 
war jederzeit mit Feldhaubitzen zu belegen. Nein, er konnte 
Cochise nicht begreifen. 

»Warten Sie, John«, bat der Colonel und verließ die Baracke. 
John trat ans Fenster. Er sah, daß der Colonel mit einigen 

Offizieren redete und daß sich das Gespräch schon nach 
kürzester Zeit zu einer heftigen Debatte entwickelte. 

Es dauerte fast eine Stunde, ehe der Offizier zu Haggerty in 

die Baracke zurückkehrte. »Meine Offiziere teilen meine 
Meinung, John«, meinte Higgins achselzuckend, »aber Befehl 
ist Befehl.« 

Draußen herrschte hektisches Treiben. Befehle hallten auf, 

Soldaten formierten sich in Gruppen, und die Offiziere gaben 
Anweisungen. Die Vorbereitungen zum Aufbruch begannen. 

Etwa um diese Zeit preschte ein Reiter auf abgetriebenem 

Gaul durch das Haupttor, schwenkte zum Hauptquartier ein 
und rutschte erschöpft aus dem Sattel. 

John erkannte das schweißglänzende Gesicht des Reiters. 

Leicht erstaunt runzelte er die Stirn. »Was sucht Marshal 
Marley aus Tombstone im Fort?« fragte er beunruhigt. 

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»Wir werden es bald erfahren«, erklärte Colonel Higgins. 
Draußen polterten Schritte. Die Ordonnanz trat ein, und 

hinter ihr stürmte der Marshal in den Kartenraum. 

»Marshal Marley«, rügte der Sergeant über die Mißachtung 

der Dienstvorschrift, »ich muß Sie anmelden. Sie können nicht 
einfach hier so hereinplatzen.« 

»Es ist in Ordnung«, winkte der Colonel ab, ehe er sich an 

den Marshal wandte. »Was führt Sie zu mir, Mr. Marley?« 

»Im County ist der Teufel los, Colonel Higgins. Eine Farm 

wurde von Apachen überfallen und vollständig zerstört. Die 
einzige Überlebende der Lynn-Familie ist Tochter Mary Lynn, 
und außerdem hat noch ein Fremder das Massaker überstanden, 
vielleicht ist er inzwischen schon abgekratzt. Oh…« 

Marley erkannte Haggerty, der aus dem Schatten des Raumes 

trat. »Das trifft sich gut, John. Dieser arme Teufel, den Mary 
Lynn halbtot und fast verblutet in die Stadt gebracht hat, faselte 
in seinen Fieberträumen dummes Zeug. Er nannte Ihren 
Namen, sprach von Verrat und dem Rebellen Cochise. Sein 
Unterbewußtsein war stark aufgewühlt…« 

»Sam Critten«, entfuhr es Haggerty. Er deutete auf einen 

Stuhl. »Setzen Sie sich, Marshal. Der Colonel wird Ihnen einen 
Drink zur Stärkung geben, und dann überlegen Sie ganz ruhig, 
was der Mann gesagt hat.« 

Haggerty war innerlich sehr beunruhigt. Er wähnte Critten in 

den Dragoons nahe des Lagers der Apachen. Also weit oben im 
Norden. Er hatte die Aufgabe, Cochises Festung zu beobachten 
und einen eventuellen Lagerwechsel zu überwachen. Und nun 
sollte der Bursche in Tombstone aufgetaucht sein? 

Was mochte das bedeuten? 
Colonel Higgins reichte dem erschöpften Marshal Flasche 

und Glas. Sein fragender Blick berührte den Armeescout. »Was 
wissen Sie über den Deserteur Critten, Mr. Haggerty? Der 
Mann ist seit Wochen verschwunden«, rief Higgins heftig. 

John spürte das Mißtrauen, welches der Colonel ihm 

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entgegenbrachte. Er schien nicht zu verstehen, daß ein 
Armeescout mit einem Deserteur in Verbindung stehen konnte. 

Draußen hallten lautstarke Befehle. Protzen und Haubitzen 

wurden aus den offenen Schuppen gezogen. Der Proviantchuck 
stand bereits vor dem Vorratsdepot. 

»Ich warte auf Ihre Antwort, Mr. Haggerty«, rief der Colonel 

ungeduldig. 

John lächelte. »Corporal Sam Critten reitet als Scout fürs 

Hauptquartier, Colonel. Er war in den letzten Wochen mein 
ständiger Begleiter.« 

»Ein Deserteur, ein Mann, der die Disziplin der Truppe 

untergräbt, indem er einen Offizier der Vereinigten Staaten 
niederschlägt? Einen solchen Mann…« 

»Er ist ein guter Soldat«, unterbrach John den Wortschwall 

Higgins, »und ein zuverlässiger Kamerad.« 

»Den ich vor das Kriegsgericht stellen muß, wo er 

wahrscheinlich vor den Mündungen eines 
Exekutionskommandos landet. Obwohl«, der Sprecher zupfte 
nachdenklich an seinem Schnauzbart, »obwohl ich Lieutenant 
Brahams Handlungsweise den Soldaten gegenüber mißbillige 
und ihm einen Verweis erteilen mußte. Aber«, Higgins reckte 
sich. Er war Soldat mit Leib und Seele. »Das wird Corporal 
Crittens Lage nicht ändern, denn Disziplin, besonders im 
Kampfgebiet, muß gewahrt, Verfehlungen müssen strengstens 
geahndet werden.« 

»Sie reden vielleicht schon von einem Toten, Colonel…« 

Marley grinste ihn über den Kartentisch hinweg an, »aber im 
Augenblick geht es wohl um andere Dinge.« 

»Sprechen Sie, Marshal«, forderte John. Eine ebenso dumme 

wie schreckliche Ahnung stieg in ihm auf. 

Sollte dieser schlitzohrige Häuptling ihn etwa aufs Kreuz 

gelegt haben, sollte er ihm die falschen Informationen 
zugespielt haben, um seine wahren Absichten zu verbergen? 

Dann, John lief es eiskalt über den Rücken, mußte der Jefe 

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von seiner Anwesenheit in der Apacheria gewußt haben. Eine 
andere Erklärung gab es nicht. 

»Mary Lynn spricht von achtzig bis hundert Apachen, die die 

Farm überfallen haben«, drang Marleys Stimme in seine 
Gedanken, »das wird übertrieben sein, denn ich kann mir 
vorstellen, welche Angst das arme Mädchen ausgestanden hat 
und wie entsetzlich es für sie war, als ihre Eltern umgebracht 
wurden.« 

Hundert Apachen? Die Gedanken wirbelten in Haggertys 

Schädel, das war die Zahl, die Cochise an Kriegern aufbringen 
konnte. Er trieb sich tief im südlichen Grenzgebiet herum, 
während Truppen von Tubac zum Apachen-Paß unterwegs 
waren. Und die Besatzung von Fort Thomas sollte nun auch 
noch geteilt werden… 

»Er ist ein Halunke«, stieß John heftig hervor, »ein 

durchtriebener stinkender Chiricahua-Geier. Marley«, er faßte 
den Marshal hart an der Schulter, »wären Sie fit genug, mit mir 
nach Tombstone zu reiten? Ich möchte an Ort und Stelle 
erfahren, was geschehen ist.« 

»Sicher, John.« 
»Glauben Sie den Worten eines verwirrten Mädchens?« 

Colonel Higgins schüttelte verblüfft den Kopf. 

»Ich glaube noch viel mehr, Colonel«, rief Haggerty hitzig, 

»mein Gott, wie recht Sie doch hatten. Cochise hatte nie die 
Absicht, Fort Buchanan und Fort Apache anzugreifen. Er denkt 
wie ein Weißer und wußte, daß die mir zugespielten 
Informationen die halbe Armee in Bewegung setzen würden. 
Cochise hat die Brandfackel des Aufruhrs gesetzt. Blasen Sie 
den Alarm ab, Colonel, und schicken Sie einen Melder nach 
Norden. Die Truppenbewegungen nach Fort Buchanan müssen 
schnellstens gestoppt und ins Grenzland umgeleitet werden.« 

»Können Sie das vor dem kommandierenden General 

verantworten?« Higgins schien über Johns Anweisungen 
befremdet. 

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John Haggerty biß sich auf die Unterlippe. »Ich werde es vor 

General Howard verantworten. Kommen Sie, Marley!« 

John Haggerty war voller Unruhe. Er wußte, Critten hatte 

eine wichtige Nachricht für ihn. Hoffentlich kam er nicht zu 
spät. 

Staub und Trümmer, das war von Huskins Ranch geblieben. 

Ted Wopper führte sein Pferd im Kreis, während seine 

Begleiter aus dem Sattel stiegen und zwischen den Trümmern 
nach möglichen Überlebenden zu suchen begannen. Es dauerte 
fast eine Stunde, ehe er am Brunnen hielt. 

»Tausend Hufspuren. Es ist wie auf Lynns Farm«, sagte er 

wütend, »hier haben wenigstens hundert Apachen gehaust.« 

Wyatt Earp kletterte über die Trümmer und kam heran. »Das 

Haus ist förmlich explodiert. Das erklärt auch den Feuerball, 
den wir in der Nacht gesehen haben. Die Apachen haben 
irgendwo Sprengstoff erbeutet und machen nun ein Feuerwerk 
nach dem anderen damit«, der junge Mann lachte trocken. »Die 
Apachen werden zivilisiert und bedienen sich der Erkenntnisse 
der Armee. Wir sollten lieber verschwinden«, unmerklich 
deutete der Sprecher zum nahen Hügel. 

Als Wopper sich umwandte, sah er für kurze Augenblicke 

die Rothaut, die blitzschnell im filzigen Gesträuch 
untertauchte. 

Wopper war ein erfahrener Indianerkämpfer, der schon im 

letzten Jahr in Captain Freemans Kommando Apachen gejagt 
hatte. Er kannte ihre heimtückische Kampfesart, aber das hier 
war ihm neu. »Der Bronco wird nicht allein sein, macht euch 
fertig, wir verschwinden, so schnell es geht.« 

Seine Begleiter nickten. Sie fühlten, daß der Teufel Cochise 

ihnen im Nacken saß. Die Vielzahl der Spuren beunruhigte die 
Männer sehr. 

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Wyatt Earp nahm seine Feldflasche und beugte sich über den 

durch die Explosion teilweise zerstörten Brunnenkranz. Ihm 
war plötzlich, als höre er eine weinerliche Kinderstimme. 

»Still«, rief er über die Schulter, beugte sich erneut über den 

Brunnenrand und lauschte angespannt. Nun hörte er deutlich 
schluchzende, wimmernde Stimmen, die aus der Tiefe zu 
kommen schienen. Er richtete sich auf. »Dort unten steckt ein 
Kind«, rief er überrascht. 

Many Slop, erfahren in Indianerkämpfen wie Wopper, 

deutete zum Hügel. »Jetzt sind schon vier dort oben. Die roten 
Bastarde vermehren sich wie Ratten. Noch hätten wir eine 
Chance, zu entkommen. Wir sollten reiten.« 

Aber Earp hing bereits am Zugseil und hangelte sich fünf 

Fuß tief in den Brunnen hinab. Er sah den flachen, versteckten 
Spalt im Gestein. »Hallo«, rief er vorsichtig hinunter, »Junge, 
wo steckst du?« 

Keine Antwort. 
Er pendelte am Seil in die Öffnung, fand festen Boden unter 

den Füßen und ließ das Seil fahren. Die Öffnung war brusthoch 
und führte in die Dunkelheit. Gepreßte Laute hallten ihm 
entgegen, so, als ob jemand einen Menschen am Sprechen 
hindern wolle. 

»Hallo«, rief Wyatt noch einmal, »mach dich bemerkbar, 

Junge, ich will dir doch nur helfen!« 

Da war ihm, als streife ein Gegenstand seine Schulter. 

Instinktiv faßte er zu und erwischte einen Arm. Im Nachtasten 
umfaßte seine Faust eine kräftige Hüfte. 

Ein Mensch, der sich unter seinem Griff wand. Im gleichen 

Augenblick fuhr ihm ein Stahl glühend heiß in die Schulter. 
Wildes Keuchen begleitete seinen Schmerz. Fäuste schlugen 
nach seinem Gesicht. 

Nun wimmerten ängstlich zwei Kinderstimmen. 
»Verdammter Bastard«, schrie Wyatt Earp wütend. Er schlug 

mit den Fäusten in die Dunkelheit, bis er auf Widerstand stieß. 

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Sein Angreifer löste sich, und er hörte ein Geräusch, als sei 
jemand gefallen. 

»Earp, wo steckst du?« kam es hohl, doch ungeduldig aus der 

Brunnenröhre. 

Wyatt Earp riß an der Stiefelsohle ein Zündholz an. Vor 

seinen Füßen, lang ausgestreckt, lag eine Frau und rührte sich 
nicht. Im Hintergrund drängten sich zwei verängstigte Kinder 
mit entsetzten Augen an die Trümmer des Tunnels. 

Earp sprach ruhig auf sie ein. Aber sie schrien unablässig, als 

stünden sie unter einem Schock. 

Huskins Kinder, dachte er, das können nur Huskins Kinder 

sein. Er leuchtete die Decke ab, und ehe das Zündholz 
verlöschte, sah er die Umrisse einer Bohlenluke, durch die man 
nach oben kommen mußte. Er stemmte sich hoch und drückte 
die Schulter kräftig gegen die Luke. 

Er hörte von draußen dumpfe Flüche. »Wopper! Slop!« 

schrie er wütend und rüttelte heftig an dem Holz, »irgendwo ist 
hier ein Ausgang. Verdammt, packt endlich zu!« 

Wopper und Slop schienen seinen Ruf zu hören, denn es 

rumpelte eine Weile über ihm, als räumten sie Holzscheite 
beiseite. Als Earp schließlich noch einmal alle Kraft 
zusammennahm und sich gegen die Luke preßte, flog sie 
zurück, und mattes Licht fiel herab in den Tunnel. 

Earp schaute in die verblüfften Gesichter seiner Begleiter. 
»Was bedeutet das?« fragte Wopper. Sein Gesicht drückte 

maßlose Verwunderung aus. 

»Ich habe Huskins Frau gefunden und seine Kinder. Helft 

mir mal!« 

Earp packte die reglose Gestalt der Frau und richtete sie auf. 

Hilfreiche Hände zogen Abigail aus dem Stollen. Die Kinder 
wehrten sich noch immer heftig. Aber nach fünf Minuten 
standen auch sie im Freien. 

Abigail Huskin war aufgewacht. Verstört starrte sie auf die 

Fremden, die sie umstanden. Ängstlich riß die Frau ihre 

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verarbeiteten Hände vor das Gesicht. »Nein«, stammelte sie 
hilflos. »Nein, tötet mich nicht… Nein…« 

»Sie ist vor Angst verrückt geworden«, sagte Wopper 

erschüttert. 

»Es ist der Schock. Vielleicht erholt sie sich wieder.« 
»Es sind jetzt sechs Broncos auf dem Hügel«, fluchte Many 

Slop, »wollt ihr auf den Rest warten?« 

Ted Wopper hatte sich aufgerichtet. Er sah die Burschen auf 

dem Hang Die Sonne umspielte ihre nackten dunklen Körper. 
An ihren Lanzen wehte Federschmuck. Sie trugen geflochtene 
Haarzöpfe und farbige Streifen im Gesicht. Aber auch ohne 
diese Wahrnehmung wußte Wopper, die Apachen waren auf 
dem Kriegspfad. 

»Earp, du nimmst die Frau zu dir aufs Pferd. Slop und 

Holten, jeder eines der Kinder«, bestimmte er. »Ihr reitet 
schnurgerade auf den Kegelfelsen zu. Slim, John und ich 
werden uns um die Bastarde kümmern.« 

»Willst du sie angreifen? Vielleicht lauert hinter dem Hügel 

die gesamte Brut«, fluchte Slop, nahm eines der Kinder auf den 
Arm und schwang sich in den Sattel. 

»Wenn es so wäre, hätten wir längst unseren Skalp 

verloren«, grollte Wopper, »es ist ihre Nachhut. Der Teufel 
mag wissen, für welchen Zweck sie zurückgeblieben sind.« 

Er und John David hoben Abigail Huskin vor Earp in den 

Sattel und bestiegen dann selbst ihre Pferde. »Reitet wie die 
Teufel, Jungs, und kümmert euch nicht um uns. Los jetzt!« 

Fast gleichzeitig setzten sie ihre Pferde in Bewegung. 

Während Slop, Holten und Earp ihre Praints in östlicher 
Richtung davonsprengen ließen, griffen Wopper und seine 
Begleiter die Nachhut der Apachen an. Sie führten ihre Pferde 
mit den Schenkeln und hielten ihre schweren Revolver in der 
Faust. Trotz der beträchtlichen Entfernung eröffneten sie das 
Feuer. 

Die Apachen wandten sich sofort zur Flucht, verstreuten sich 

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in verschiedene Richtungen. Dennoch erwischte Ted Wopper 
einen der Teufel und skalpierte ihn. 

»Es wird mir eine Genugtuung sein, seinen Skalp eine Weile 

herumzutragen«, sagte Wopper, als er den Haarschopf ans 
Sattelhorn hängte, »und ich hoffe, es werden einige 
hinzukommen.« 

Drohend blickte Wopper hinter den flüchtenden Apachen 

her, die wie feige Kojoten, nicht eines Kriegers würdig, weit 
auseinanderstrebend in südlicher Richtung flohen. 

Irgendwo dort, erinnerte sich Ted Wopper, nahe dem 

Whitewaiter, lag eine kleine Mormonen-Siedlung… 

»Reiten wir nach Hause. Der Captain wartet auf unseren 

Bericht«, bestimmte er und warf zornig seinen Braunen herum. 

»Hey«, grüßte John Haggerty, als er das Krankenzimmer 
betrat. Er sah das junge hübsche Ding mit den großen blauen 
Augen am Krankenlager und dachte, es ist Mary Lynn, die sich 
um Sam Critten kümmert. Ein offenes Gesicht, ein starker 
Charakter, der den eigenen Schmerz, den Verlust ihrer Familie, 
tapfer zu verbergen wußte. 

Bleich, mit eingefallenen Zügen, lag Sam Critten im weißen 

Linnen. Er versuchte den Oberkörper anzuheben, als er den 
Freund erkannte, doch Mary Lynn drängte ihn behutsam, fast 
zärtlich, wieder nieder. 

»Sie dürfen sich nicht bewegen, Sam«, sagte sie leise, »der 

Doc hat es Ihnen verboten. Vor allen Dingen dürfte Aufregung 
Gift für Ihre Genesung sein.« Ein mißmutiger Blick ihrer 
Augen traf den Fremden, der leise näher getreten war. »Wenn 
er Ihr Freund ist, schonen Sie ihn mit Fragen und verschwinden 
Sie.« 

Gern, dachte John, aber es ging hier nicht um ein 

Menschenleben, sondern um mehr, denn was er in den wenigen 

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Minuten nach seiner Ankunft in Tombstone erfahren hatte, war 
nicht gerade ermutigend. Marshal Marley war deshalb auch 
gleich in Captain Freemans Camp geritten. 

»Hallo, Junge«, sagte John ruhig. »Du machst mir Sorgen. 

Da glaubte ich, dich sicher in den Bergen zu wissen – und nun 
das hier… Du machst vielleicht Sachen.« 

»Cochise –«, murmelte Sam Critten schwach. 
»Ich weiß es bereits, Sam«, John zog sich einen Stuhl heran 

und setzte sich ans Krankenlager, trotz Mary Lynns 
abweisender Geste. 

»Wollen Sie sich hier häuslich niederlassen, Mister?« rief 

Mary Lynn mißmutig. Es lag echte Sorge um Sam in ihrer 
Stimme. 

John lächelte. »Nur solange es nötig ist, Miß«, erwiderte er. 

Er beugte sich über den Verletzten. 

»Der Häuptling hat uns aufs Kreuz gelegt, Sam. Und ich bin 

wie ein Greenhorn darauf hereingefallen. Er kämpft nicht 
gegen das Militär, weil er trotz seiner Stärke nicht mächtig 
genug ist, sich mit der Armee einzulassen.« 

Sam nickte schwach. »Er lockt unsere Blauröcke nach 

Norden, um im Süden freie Jagdbahn zu haben. Sein Terror 
richtet sich gegen die Siedler.« 

»Er hat den Schwachpunkt im Besiedlungswesen des 

Territoriums erkannt. Die ständig wachsende Siedlerzahl in 
Arizona war Cochise schon immer ein Dorn im Auge. Mit 
seinem mörderischen und brandschatzenden Sturmlauf durch 
sein Land will er sich von dieser Geißel befreien. Seine 
Grausamkeiten sind gezielt und haben nur einen Sinn, er hofft, 
dadurch die Siedler zu erschrecken und zu vertreiben. Wir 
müssen dieser Situation ins Auge schauen. Wie viele Krieger 
sind Cochise aus den Bergen gefolgt?« 

»Etwa achtzig«, beantwortete Critten mit schwacher Stimme 

Johns Frage. Er dachte an den unerbittlichen Kampf mit den 
vier Apachen, die ihm diese schreckliche Wunde beigebracht 

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hatten, die ihn nun aufs Krankenlager zwang. »Weitere vierzig 
Apachen stießen bei der versteckten Quelle am Fuße der 
Mountains zu ihn.« 

»Begleitet Victorio ihn?« 
Sam Critten nickte kaum merklich. »Auch Nana und 

Ulzana.« 

»Also Chiricahuas und Mimbrenjos. Womöglich wird er 

noch Verstärkung durch die Aravaipas bekommen.« John 
dachte an Eskaminzin, dessen Sippen im Süden Arizonas 
verwurzelt waren und als Freunde der Chiricahuas galten. Er 
erkannte, daß Sam ziemlich erschöpft war. 

»Es kommen bald Truppen aus Fort Thomas, Sam. Sie sind 

als Schutz für die Stadt bestimmt. Wenn ich Cochise 
aufgespürt habe, werden sie die Verfolgung aufnehmen.« 

Sams Lippen zuckten, aber er brachte kein Wort heraus. John 

verstand ihn auch so. 

»Mach dir keine Gedanken um Colonel Higgins, Sam. Er 

weiß, daß du General Howard unterstellt bist. Für deine eigene 
Angelegenheit werden wir sicher eine Lösung finden.« John 
erhob sich. 

Er sah Mary Lynns erleichtertes Lächeln. »Sorgen Sie gut für 

ihn, Miß. Sam ist ein prächtiger Junge.« Dabei übersah er Mary 
Lynns Erröten, das ihm zeigte, wie es um sie stand. Er 
verabschiedete sich. 

Auf dem Flur hörte John eine erregte Frauenstimme, die aus 

einem der Nebenzimmer kam. Als er an der offenstehenden 
Tür vorbeischritt, beschäftigte sich der Doc mit einer Frau, die 
mit verstörtem Blick reglos auf einem Stuhl saß. Einige Frauen 
kümmerten sich um zwei kleine Kinder. 

Das ist Mrs. Huskin, dachte er zornig, die Bestien haben ihr 

Leben zerstört. 

Er verließ das Haus, bestieg seinen Wallach und ritt die 

Straße hoch zu Freemans Camp. Er mochte Freeman nicht, der 
für seine Spontanität bekannt war. Aber was bedeuteten schon 

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persönliche Gefühle, wenn es um Menschenleben ging? 

Captain Freeman hatte eine stattliche Macht von weit über 

hundertfünfzig kräftigen, kampferprobten Burschen in seinem 
Frontier Bataillon vereint. Er stand auf der Plattform eines 
Wagens und hielt eine feurige Rede. 

»Wieder einmal ist der rote Teufel aus seinem Rattenloch 

gekrochen. Und wieder einmal hallt sein Kriegsgeschrei durch 
das Land. Das Blut unserer weißen Freunde tränkt die Erde. 
Die Flüsse färben sich rot unter den Lanzen und Streitäxten der 
Unmenschen. Ihr Blut schreit nach Rache. Wir werden 
Cochises Herausforderung annehmen und die roten Teufel 
durch das Land hetzen, bis der letzte Apache getötet ist…« 

Wildes Hurrageschrei aus fast hundertfünfzig Kehlen folgte 

seinem Aufruf, und einige schossen begeistert mit ihren 
Karabinern in die Luft. 

John lächelte verächtlich, während er sein Pferd zu dem 

Schuppen lenkte, wo er den jungen Weggefährten weniger 
Tage entdeckte. Ihre Begeisterung wird bei der ersten 
Konfrontation eine kalte Dusche erhalten, dachte er, und sie 
werden sehr nüchtern dem Tod in die Augen sehen. 

Er erreichte den Schuppen und stieg vom Gaul. 
Wyatt Earp maß ihn mit wütendem Blick, denn die 

Erinnerung an ihre letzte Begegnung war noch nicht verblaßt. 
»Daß Sie sich noch in meine Nähe trauen, Scout!« knurrte er, 
und John sah, daß Earp ein offenes Holster trug. 

»Wir ziehen am selben Strick, junger Freund«, sagte John 

gelassen. »Sie sehen an der Entwicklung der Dinge, daß ich es 
damals wirklich eilig hatte, ins Hauptquartier zu kommen. Ich 
hoffe, Sie verzeihen mir den langen Fußweg nach Tombstone, 
Wyatt.« 

»Ich darf nicht daran denken, dann kommt mir das letzte 

Essen hoch«, fluchte der junge Earp wütend. 

»Aber Sie haben es überstanden«, meinte John lachend und 

deutete auf die kleine Gruppe, die aufmerksam Freemans 

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feurigen Reden folgte, »und leben nun in friedlicher 
Koexistenz mit Chuck Dyamond und Konsorten. Mir scheint, 
aus Gaunern werden Patrioten.« 

Wyatt war Johns Blick gefolgt. Seine Miene verfinsterte sich. 

»Dyamond hofft auf reiche Kriegsbeute, die der Captain den 
Leuten verspricht, und sinnt auf eine Gelegenheit, mit mir 
abzurechnen. Er behauptet, ich habe noch ein paar seiner 
Freunde auf dem Gewissen. Darunter seinen besten Freund 
Barabas.« 

Barabas, erinnerte sich John, das war der Bursche, den der 

verbrecherische Händler Sinclair mit seinem Donnerrohr 
getötet hatte. 

»Ich schätze Sie als cleveren Burschen ein, Wyatt, der ihnen 

nie den Rücken zeigt«, sagte John lachend. 

Freeman hatte seine Rede beendet, die Männer eilten zu 

ihren Pferden. Captain Freeman stieg vom Wagen herunter und 
näherte sich John, dessen Ankunft ihm nicht entgangen war. 

»General Howards beste Spürnase«, sagte Freeman ironisch, 

als er vor John stand. »Was könnte uns noch passieren? Sie 
wittern Cochise, noch ehe wir seine Fährte sehen. Sie wollen 
uns begleiten, Mr. Haggerty?« Freeman stemmte 
herausfordernd die Fäuste in die Hüften. Sein Gesicht 
offenbarte, wie wenig er den Scout mochte. 

»Das kommt auf die Entwicklung an, Captain«, erwiderte 

John ausweichend. Er betrachtete den rüden Haufen, den 
Freeman für seine Armee gewonnen hatte. Satteltramps und 
Strauchdiebe, die sich gewiß vor dem Gesetz verbergen 
mußten. Hasadeure und Glücksspieler. Ein Haufen arbeitsloser 
blutjunger Cowboys, die die Not zur Tugend machten. So war 
Freeman auch im letzten Jahr ausgezogen und hatte von 
Apachen eine blutige Abfuhr bezogen. 

»Wir reiten zum Whiteriver«, erwiderte Freeman bestimmt, 

»von Huskins Bonanza führt Cochises breite Spur in diese 
Richtung zum Fluß. Also, wie steht's, Scout? Wollen Sie uns 

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begleiten?« 

Es schien John, als könnte Freeman einen guten Fährtenleser 

brauchen. »Ich will es mir überlegen«, erwiderte er 
ausweichend und wandte sein Pferd. 

»Wyatt«, sagte er im Vorbeireiten zu dem jungen Burschen, 

»wenn es zu brenzlig riecht, machen Sie sich rechtzeitig aus 
dem Staub. Cochise ist gefährlich wie eine Sandviper.« 

Er erreichte das Tor und trabte die Straße hinunter, um sich 

in Tumbers Drugstore mit Vorräten einzudecken. 

An einem trüben Abend erreichte der Jefe den träge fließenden 
Fluß. Er spürte den aufkommenden Wüstensturm, der den 
Himmel verdunkelte und mit gewaltigem Brausen die Gila 
abwärts nach Süden zog. Er führte seine Kriegsmannschaft 
zwischen hohem Mescal und der Mauer aus Organos, die den 
wuchtigen Aufprall des Sturmes dämpfen sollten. Er befahl, 
Pferden und Begleittieren Beinfesseln anzulegen, damit die 
Tiere im Sturm nicht blindwütig davonrennen konnten. 

Cochise bestimmte trotz des heranrückenden Unwetters zwei 

Späher, den Flußlauf nach der fremden Ansiedlung 
abzusuchen. Dann rief er seine Unterhäuptlinge. 

Sie saßen lange schweigend im Kreise und lauschten 

dröhnendem Lärm, der einem Tornado gleich die heißen 
Winde des Blue Northern nach Süden trieb. Nichts schien sie 
zu erregen, als der Sturm mit mächtigem Brausen über ihre 
Häupter hinwegfegte, Staub und Sand wie Peitschenhiebe ihre 
Körper trafen, und, Büsche und Bäume ausreißend, über den 
Fluß zog. 

Es waren die mächtigen Stimmen ihrer Götter, die sie 

begleiteten, und sie wußten, daß sie den rechten Weg 
beschritten. Als der Sturm nachließ, begann Cochise zu 
sprechen. 

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»Wir werden das Dorf niederbrennen, bis nur der schwarze 

Staub übrig ist. Wir werden ihre Männer töten und ihre Weiber 
und Kinder im Wasser des Whiteriver ertränken. Ich hoffe, ihre 
Klageschreie werden in die Wickiups der Weißen eindringen 
und sie erleuchten, daß dieses Land, von dem sie Besitz 
ergriffen haben, Apachenland ist, das ihnen kein Glück, 
sondern nur den Tod bringen wird.« 

»How«, sagte Victorio und gab so seine Zustimmung. 
Ulzana nickte nur. 
»Der Tod der Siedler wird unseren ärgsten Feind aus 

Tombstone auf den Plan rufen. Er wird uns jagen und zum 
Kampf stellen wollen. Wir werden uns jagen lassen und auf 
unsere Art kämpfen, denn in einer offenen Feldschlacht sind 
wir dem Weißauge unterlegen.« 

Cochise sah die fragenden Blicke seiner Unterhäuptlinge. Ein 

scharfes Lächeln umspielte seinen Mund. »Wir werden ihre 
Streitmacht zersplittern, indem wir unsere Gruppe teilen. Je 
öfter dies geschieht, je schwächer wird unser Feind, denn Täler 
und Berge, Sonne und Mond, Wüste und Sturm sind unsere 
Verbündeten und Helfer.« 

»How«, sagte Victorio noch einmal. »Es wird eine lange 

Vendetta.« 

Das ferne Brausen des Sturmes verstummte. Die grauen 

Wolken zerflossen. Strahlend standen in dem Dunkel des 
Zenits Mond und Sterne. 

Um Mitternacht, sie saßen noch immer beim Palaver, 

tauchten überraschend die beiden Späher auf. Ihre Nachrichten 
ließen Cochise hoffen, und er bestimmte das Morgengrauen 
zum Aufbruch. 

Mit Sonnenaufgang fielen sie in zwei Wellen in die kleine 

Ansiedlung am Whitewaiter ein. Die erste Welle riß die 
schwachen Außenbarrikaden des Dorfes nieder, die zweite 
Gruppe sprengte mit wildem Geheul durch die Straßen. Was 
ihren Weg versperrte, machten ihre Keulen und Schlagbeile 

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nieder. 

Kein Widerstand wurde ihnen entgegengesetzt. Die kräftigen 

Männer in dunklen langen Röcken und schwarzen steifen 
Hüten schützten mit ihren Körpern ihre Frauen und Kinder und 
gebrauchten nur ihre Fäuste, um Schaden von ihnen 
abzuwenden. Ein Dutzend vor ihnen lagen erschlagen am 
Wegrand, der Rest hatte im hohen Holzturm, ihrem Tempel, 
Zuflucht gefunden und die breite Eingangstür mit starken 
Pfosten und Bohlen verbarrikadiert. 

Victorio, der, die blutige Lanze schwingend, an Cochises 

Seite, vorbei an brennenden Hütten und Häusern ritt, schrie 
enttäuscht: »Was sind das für Hellaugen, Jefe? Sie nehmen ihre 
Fäuste als Waffen und sind feige wie Kojoten. Sie laufen wie 
die Hasen. Haben sie das Kämpfen verlernt?« 

Der Häuptling war enttäuscht, denn nichts wertete den Sieg 

des Apachen höher auf, als daß er erbittert darum kämpfen 
mußte. Aber dies war ein Stall mit aufgescheuchten Hühnern, 
die ihre Brut zu schützen suchten. Kein Apache würde diesen 
Kampf als Ruhmestat am Lagerfeuer besingen. Ein Sieg über 
Feiglinge zählte nicht. 

»Zündet ihre Häuser an und ihren Tempel«, befahl Cochise 

mit heiserer Stimme, und ein verächtlicher Blick streifte die 
getöteten Menschen auf der Straße, die sich einfach 
niedermetzeln ließen, ohne daß sie ihren Feinden mit der Waffe 
entgegentraten und sich wehrten. 

Während Victorio und ein halbes Dutzend Krieger, mit 

Fackeln bewaffnet, den Fahrweg zur Mormonen-Kapelle 
hochsprengten, jagte Cochise zornig am Ufer des Whitewaiters 
entlang zum nahen Hügel. 

Er hatte gegen Lämmer gekämpft. Das traf einen stolzen 

Apachen und versetzte ihn in Zorn. 

Unvermutet tauchte aus dem filzigen Gesträuch, das den 

Hügel bedeckte, ein Reiter auf. Groß und stark, mit hartem 
Gesicht und klaren Augen. 

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Mit wilder Bewegung riß Cochise seinen Bronco zurück, und 

seine Hand fuhr zur Keule am Gürtel. Als er erkannte, daß der 
Mann keine Waffe in der Faust trug, zog auch er die Hand 
zurück. 

»Der Falke«, rief er sichtlich überrascht. 
John Haggerty, der den plötzlichen Angriff der Chiricahuas 

aus einem Versteck erleben mußte, deutete zornig zum 
Mormonen-Dorf, dessen Schindeldächer der rote Hahn 
beleckte, und auch an den Kirchenwänden züngelten Flammen 
hoch. 

»Warum tust du das?« fragte Haggerty zornig. »Es sind 

redliche Bauern, die in Eintracht mit ihrem Gott leben und 
Gewalt nicht kennen. Sie wären bereit, die Früchte ihrer Arbeit 
mit den Apachen zu teilen. Weshalb also schickst du ihnen den 
grausamen Feuertod?« 

Cochise warf stolz den Kopf in den Nacken. Sein Blick 

streifte kühn den Falken. »Sie sind Weißaugen, die mit ihren 
Karawanen unser Land überschwemmen und den Apachen den 
Raum zum Leben nehmen. Wir haben sie nicht gerufen. Sie 
haben einfach von unserem Land Besitz ergriffen. Zastee, wir 
werden sie alle töten!« 

John Haggerty blickte an dem Jefe vorbei. Seine wilde Horde 

sprengte mit hellem Geheul um die kleine Kapelle der 
Mormonen herum, die wie eine Brandfackel in den Himmel 
wuchs. Er dachte an die Qual, die diese Menschen erleiden 
mußten. Frauen, Kinder, Männer, nichts wurde in diesem 
grausamen Krieg verschont. Sein Herz krampfte sich 
zusammen, weil er hilflos die Schrecken mit ansehen mußte, 
ohne den Menschen helfen zu können. 

Wie weit war General Howard doch von seiner Mission 

entfernt, Frieden zwischen den weißen und roten Völkern zu 
stiften. 

Krachend brach das Gebälk von Hütten und Scheunen 

zusammen. Die Horde sprengte nun aus der verwüsteten Oase 

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hinunter zum Fluß und schwenkte zum Hügel ein, auf dem sie 
ihren Kriegshäuptling entdeckten. 

»Du solltest fliehen, Falke«, sprach Cochise mahnend. 

»Victorio wird dich töten.« 

Aber John verharrte stumm im Sattel. Er sah unbewegt, wie 

der brennende Turm der Kapelle funkenstiebend zusammenfiel 
und vereinzelte Menschen als brennende Fackeln aus dem 
geborstenen Portal zum Fluß hinunterstürzten. Und er sah, wie 
Victorio und seine Mimbrenjos ihre Pferde herumrissen, und 
diese hilflosen Leute aufs neue attackierten, bis das klare 
Wasser des Whitewaiters sich rot zu färben begann. 

»Bist du stolz auf deinen Sieg, Jefe?« fragte Haggerty und 

musterte den Jefe düster. 

Cochise spie verächtlich in den Staub der Mesa. »Sie sind 

Ungeziefer, das man vernichten muß. Die Apachen haben sie 
nicht gerufen. Verschwinde endlich, Weißauge.« 

Die Horde bewegte sich nun endgültig den Hügel hinauf. Sie 

schwenkten langhaarige Skalps in den Fäusten und schleppten 
wertloses Beutegut mit. Von der anderen Seite führte eine 
kleinere Gruppe einige Maultiere heran, und John wußte, daß 
auch diese Tiere den Tag nicht überstehen würden und bald als 
Siegesschmaus am Spieß über dem Feuer der Apachen hängen 
würden. 

Nun, auf kürzere Distanz, erkannte Victorio seinen Feind. Er 

senkte die blutbefleckte Lanze, die er bisher als Siegeszeichen 
über dem Kopf geschwungen hatte, faßte den Schaft fester und 
stürmte mit infernalischem Geheul heran. 

Cochises Blick streifte den Falken. Schweigend hob er die 

Schultern. Er hatte keinen Einfluß mehr auf die Geschehnisse, 
die unausweichlich kamen. 

Der Scout sah den wilden, leidenschaftlichen Blick Victorios. 

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Fast reglos saß er im Sattel, so, als erwarte er den Todesstoß. 
Als der Mimbrenjo ihn fast erreicht hatte, stieß er dem Wallach 
den Stiefelsporn in die Flanke, worauf das Tier mit einem Satz 
zur Seite auswich. 

Victorios gezielter Lanzenstoß fuhr ins Leere. Doch Johns 

Fäuste flogen schon. Sie erwischten den vorderen Teil des 
Lanzenschaftes. Kraftvoll stemmte John den Körper hoch, und 
für den Bruchteil einer Sekunde hing Victorio frei in der Luft. 
Ungestüm jagte sein Bronco davon. 

Ein wilder Aufschrei tiefster Enttäuschung wehte über die 

Plains, als Victorio nun zu Boden stürzte. John schleuderte die 
Lanze Cochise vor die Füße, fuhr behend aus dem Sattel, und 
als der Mimbrenjo taumelnd auf die Beine kam, schlug er 
kräftig zu. Zwei-, dreimal fuhren seine Fäuste in Victorios 
buntgestreifte Visage und in den nackten Leib. Grenzenloser 
Zorn hatte den Scout ergriffen. Er dachte an die armen 
Menschen dort unten, deren Leben erloschen war, und an die 
Sinnlosigkeit, mit der sie gestorben waren. 

Victorio ging abermals zu Boden. Aber er war stark und 

schnell wie ein junger Puma. Er rollte seitwärts aus, federte 
hoch, und in der Faust blitzte sein Jagdmesser. Ein weiter Kreis 
hatte sich um die Kämpfenden gebildet, und John wußte, 
diesen Wall konnte er nur durchbrechen, wenn er Victorio 
besiegte. 

Und plötzlich kämpfte John um sein Leben. Er griff zum 

Messer. Der Mimbrenjo sprang wie ein von der Sehne 
schnellender Pfeil durch die Luft. Seine Beine waren 
gegrätscht, das Messer glänzte in der Sonne. Blitzschnell 
zuckte die Klinge nieder, prallte mit schrillem Diskant an Johns 
breitem Bowie ab. Seine Stiefel zuckten vor, trafen mit 
empfindlicher Härte Johns Brustkorb und brachten den 
kräftigen Mann zu Fall. Instinktiv schnellten Johns Hände vor, 
als er den Aufprall von Victorios Körper spürte, der nun 
rittlings auf ihm saß und versuchte, die Schneide seines 

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Jagdmessers dem verhaßten Falken in die Kehle zu stoßen. 

John erwischte Old Vics kräftiges Handgelenk. Ein 

Aufbäumen seines Körpers, zugleich eine überraschende 
Drehung, lockerte Victorios Beinklammer. 
Aneinandergeklammert, jeder seinen Vorteil suchend, rollten 
sie den Hang hinunter. Die Mauer aus Reitern wich den 
Kämpfenden aus, um ihnen den nötigen Spielraum zu lassen 
und sie nicht zu behindern. 

Mit unbeweglicher Miene verfolgte Cochise die tödliche 

Auseinandersetzung, und er dachte, Victorio wird das einzige 
Hellauge töten, dem er einmal Vertrauen geschenkt hatte. 

Ein Knäuel, Arme und Beine in ständiger Bewegung, so 

suchten die verbissen streitenden Männer den Kampf für sich 
zu entscheiden. Mal gelang es John, leichte Vorteile zu 
erringen, mal war es der Mimbrenjo, dessen wildes Geheul das 
einzige war, was die Stille unterbrach. 

Sie erreichten das flache Ufer des Whitewaiter Rivers, 

tauchten ins dahinfließende Wasser, das unter ihren Schlägen 
aufspritzte. Längst waren ihre Waffen den Fäusten entglitten. 
Sie suchten die Entscheidung in der Muskelkraft ihrer Körper. 

Auf und ab wogte die tödliche Auseinandersetzung. Mitunter 

waren sie unter der Wasseroberfläche verschwunden. Nur der 
weiße hochpeitschende Gischtschaum des Wassers ließ 
erkennen, daß die Entscheidung noch nicht gefallen war. 

Ulzana trieb sein Pony an Cochises Seite. Stumm deutete er 

nach Osten, wo in der Mesa eine mächtige braune Staubfackel 
stand. 

Der Jefe nickte schweigend und folgte, reglos auf dem 

gescheckten Pony sitzend, der Auseinandersetzung im Creek. 

Die Bewegungen der Kämpfer waren müde geworden, ihre 

Kraft schien zu erlahmen. John Haggerty stand taumelnd in den 
Fluten. Mit verzweifelten, schwerfällig gewordenen 
Bewegungen drückte er Victorios Körper unter Wasser, bis 
dessen wilde Bewegungen allmählich nachließen. 

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Nun, da der Kampf zu Ende war, zerrte John die schlaffe 

Gestalt des Häuptlings ans seichte Ufer, packte dessen 
Wüstenstiefel und schleifte die leblose Gestalt den Hügel 
hinauf, in den stummen Kreis zurückweichender Apachen. 

Keuchend, aus mehreren Stichwunden blutend, ließ John den 

geschlagenen Gegner vor Cochise in den Sand fallen. 

Der Häuptling blickte starr auf die reglose Gestalt. Keinen 

seiner Gedanken verratend, schaute er in Victorios Gesicht und 
sagte ungerührt: »Er ist dein Feind, Falke, warum tötest du ihn 
nicht?« 

Dies waren ungeschriebene Gesetze der Apachen, der 

Comanchen, der Kiowas, und John wußte, wenn er Victorios 
Lanze aufnähme und damit den Körper des Häuptlings 
durchbohrte, würde der Kreis der Krieger sich öffnen und der 
Weg war frei. 

Niemand würde ihn daran hindern zu gehen. 
»Sein Leben für dein Wort, Cochise. Für dein Wort, daß du 

in deine Bergfestung zurückkehrst und auf ein Zeichen des 
Generals wartest. Er ist noch immer bereit, über die 
Friedensbedingungen unserer Völker zu verhandeln«, sagte 
Haggerty hart. 

Der Jefe saß reglos auf seinem Bronco. Er dachte an die 

dunkle Staubwolke, die durch die Mesa zog, und wußte, dort 
kam sein ärgster Feind aus Tombstone. Der Mann, dessen Haß 
unsagbares Leid in ihre Dörfer getragen hatte. Er, Cochise, 
hatte Freeman herausgefordert, der Captain hatte diese 
Herausforderung angenommen. 

Er würde ihm blindwütig folgen. 
»Ein Apache wird dir nie für sein Leben danken, Falke. 

Victorio wird dich bei der nächsten Gelegenheit töten, weil du 
sein Selbstbewußtsein und seinen Stolz getroffen hast. Das 
vergißt er dir nie.« 

»Ich will es trotzdem darauf ankommen lassen, Häuptling.« 

John hob stolz den Kopf in den Nacken. 

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»So soll es denn sein«, erwiderte Cochise listig und 

verschlagen, so wie er es von seinen Ahnen ererbt hatte. Er 
würde in die Dragoons zurückkehren und eine Spur 
hinterlassen, die Freemans wilde Reiter nicht übersehen 
konnten. »Du hast mein Wort, Falke.« 

Cochise hob den Arm und gab einige Zeichen. Ulzana trat 

neben den Bewußtlosen Victorio, einer der Krieger führte 
dessen Pony heran. Gemeinsam legten sie den Bewußtlosen 
über den Pferderücken. Ulzana schwang sich auf seinen Gaul 
und erfaßte die Zügel des Gescheckten. 

Die Krieger formierten sich und sprengten in nordöstlicher 

Richtung davonjagten durch das Hügelland zu den fernen 
dunklen Schatten des Bergmassivs am Horizont, den Dragoon 
Mountains. 

Erst nun, da die Reiter in einer Staubwolke verschwunden 

waren, spürte Haggerty aufkommende Schwäche. Feurige 
Kreise tanzten vor seinen Augen, taumelnd sank er zu Boden. 
Einen Augenblick lang dachte John hoffnungsvoll, daß sich 
vielleicht die Dinge doch noch zum Guten wenden konnten. 
Dann wurde es dunkel um ihn. 

Als John Haggerty die Augen aufschlug, sah er Freemans 
verwaschene Uniform und hörte vom niedergebrannten Dorf 
erregte Rufe. Dem Stand der Sonne nach mußte er mindestens 
drei Stunden ohne Bewußtsein im Gras gelegen haben. 

Freeman flößte John einige Tropfen lauwarmen Wassers ein, 

die den Scout endgültig in die Gegenwart zurückbrachten. 

John versuchte sich aufzurichten, doch Freeman meinte: 

»Bleiben Sie liegen, Mister Haggerty. Ich weiß, daß wir zu spät 
gekommen sind. Die Satansbrut wird uns nicht entwischen. 
Meine Späher sind ihnen schon auf den Fersen. Wir wollen nur 
das, was von den armen Leuten geblieben ist, nach Christenart 

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begraben, dann brechen wir auf.« 

Captain Freeman erhob sich. Er blickte drohend nach 

Nordosten und bestieg sein Pferd, um ins zerstörte Dorf 
hinunterzureiten. 

John lag mit geschlossenen Augen und zerschundenem 

Körper auf dem Rücken. Er dachte an Cochises Wort und 
fühlte das trockene Blut am Leder seines Chaparajos, das bei 
seinem Kampfe mit Victorio in Fetzen gegangen war. Freeman 
hatte ihn verarztet. 

Er hoffte, Cochise würde sein Wort halten und in die Berge 

zurückkehren. Die Dragoon Mountains waren ja die einzige 
sichere Zuflucht der Apachen geblieben. Wie aber würde der 
Jefe reagieren, wenn er bemerkte, daß ihn die Miliz aus 
Tombstone auf den Fersen saß, Cochises Todfeinde? 

Nur langsam spürte John Haggerty, wie die alte Spannkraft 

in seinen Körper zurückkehrte. Als der Captain mit seinem 
mächtigen Milizheer den Hügel hochtrabte, stand John 
wankend auf den Beinen. Auf den ersten Blick erkannte 
Haggerty, daß die Abteilung mit Waffen vorzüglich ausgerüstet 
war. Vorräte und Munition auf den Packpferden ließen ihn 
erkennen, daß Freeman sich für die lange Jagd gewissenhaft 
vorbereitet hatte. 

Als nun die Gruppe herankam und Freeman Johns Wallach 

mitführte, sah John ein Dutzend bekannter Gesichter aus 
Tombstone. Doch das Gros seiner Mannschaft war ihm fremd. 

»Steigen Sie auf, Mr. Haggerty«, sagte Freeman und warf 

John die Zügel zu. »Es ist vielleicht besser, wenn Sie mich 
begleiten. Was meinen Sie?« 

John nickte schweigend. Der Kampf mit Victorio saß ihm 

noch in den Knochen. Schwerfällig stieg er in die Bügel. 

Sie ritten eine Weile auf der breiten Fährte, die Cochise 

hinterlassen hatte, ehe John sich Captain Freeman zuwandte. Er 
berichtete von seiner Begegnung mit Cochise und dem 
Zweikampf, den Victorio ihn aufgezwungen hatte. Freeman 

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blickte erstaunt auf den Sprecher, als John erwähnte, daß er 
Victorios Leben geschont hatte, um Cochise seine Bereitschaft 
zu Verhandlungen zu demonstrieren. 

»Sie sind ein Narr, Haggerty«, erwiderte Freeman unmutig, 

»Sie kennen die ungeschriebenen Gesetze der Apachen. 
Cochise hätte Ihnen die Freiheit geschenkt, auch wenn Sie den 
Mimbrenjo-Häuptling getötet hätten. Cochises Wort ist das 
Wort eines Kojoten. Er hält sich niemals an sein Versprechen.« 

»Die Apachen ziehen in ihre Festung«, bemerkte John. 
»Wohin sie auch ziehen, wir werden das Gesindel erwischen 

und so behandeln, wie sie es mit den armen Leuten im Dorf 
getan haben.« 

John lächelte schwach. Er konnte Freemans Zorn verstehen. 

Aber wenn Cochise erst in die Dragoons eingedrungen war, 
gab es niemand, der die Chiricahuas und Mimbrenjos 
aufspüren konnte. Die Dragoon und die Chiricahua Mountains 
waren ihre Heimat. Die letzte Bastion, die sie beherrschten. 

John schwieg. Aber er spürte, daß Freeman das Jagdfieber 

gepackt hatte, denn Freeman forcierte das Tempo. 

Als die Nacht anbrach, waren sie kaum zwölf Meilen vom 

Mormonen-Dorf entfernt. Auch seine ausgesandten Späher 
waren noch nicht zurück. 

»Die Jungs bleiben am Ball«, meinte der Captain 

zuversichtlich und wählte einen geschützten Talkessel als 
Nachtlager. 

Die Nähe der Apachen machte den alten Armeefuchs 

vorsichtig. Er ließ gleich vier Doppelposten aufziehen, die 
stündlich abgelöst wurden. Feuer vermied er, um den Standort 
seiner Truppe nicht zu verraten, Mit den ersten Sonnenstrahlen, 
die über die mächtigen Peaks der Dragoon Mountains ins Tal 
fielen, saßen sie bereits wieder im Sattel. 

Gegen Mittag sah John einige kreisende Geier am Himmel, 

und einer Ahnung folgend, trieb er sein Pferd in ihre Richtung. 
Auch Freeman hatte die dunklen Schatten bemerkt. 

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»Folgen«, rief er seinen Leuten zu und sprengte hinter dem 

Scout her. 

Nachdem sie drei Hügel überschritten hatten, erreichte 

Freeman Haggerty, der vom Pferd gestiegen war und den 
Stetson in der Faust drehte. Er hatte Freemans ausgesandte 
Späher gefunden. 

Freeman galt als hartgesottener Mann, der Höhen und Tiefen 

eines Krieges kannte. Doch er schauderte, als er die nackten, 
gepflockten Männer seiner Vorhut wiedererkannte, die, von 
einem halben Dutzend Lanzenstichen und Pfeilen durchbohrt, 
ermordet im Sand lagen. Auf ihren Leibern brannte noch das 
Feuer aus glimmendem Hanf. Die Haarschöpfe hatte man den 
Toten vom Kopf gerissen. Sie hingen an den Schäften der 
Lanzen, die Cochise als mahnende Zeichen in die Erde 
gestoßen hatte. 

»Glauben Sie noch immer daran, daß Cochise den Frieden 

will, Mr. Haggerty?« stieß der Captain hervor. 

John schwieg. Er begann das Feuer zu löschen und schnitt 

die Lederbänder von den Gelenken der Toten. Er legte sie dicht 
nebeneinander, löste den Klappspaten vom Sattel und begann, 
die entstellten Körper mit Sand zu bedecken. Als das Gros der 
Truppe eintraf, legte er gerade grobe Steinbrocken auf den 
Sandhügel. 

»Ich will ihnen den Anblick ersparen, Captain«, sagte John 

und schwang sich auf seinen Wallach. 

Freeman nickte und murmelte ein Dankeschön. 
»Sie sollten seine Warnung ernst nehmen und umkehren, 

Captain Freeman. Cochise will nicht den Kampf, sondern 
freien Abzug in die Berge.« Und er dachte, daß Cochises 
Grausamkeiten genügend Wirbel machten, daß die Regierung 
sicher bereit war, ihm mehr Zugeständnisse zu machen. 
Vielleicht war dies auch der Zweck seines Raubzuges. 

Freeman stieg steil im Sattel hoch. »Sie vergessen die Leute 

auf Lynns Farm, die Toten auf Huskins Bonanza und die 

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Mormonen-Siedler am Fluß. Glauben Sie, ich könnte meine 
Leute zur Umkehr bewegen?« 

John blickte den Hügel hoch, wo sich Freemans Frontier 

Bataillon drängte. In ihren Gesichtern las er, daß sie ahnten, 
was mit der Patrouille geschehen war. Es waren kalte, wilde 
und verschlagene Gesichter. Raufbolde, Abenteurer, Halunken 
und Revolverhelden, und es wunderte John, woher Freeman die 
Stärke nahm, diesen Dreckshaufen zusammenzuhalten. 

»Sie sind gewarnt, Captain Freeman«, sagte er hart und 

wandte sein Pferd. 

Noch immer glaubte er an Cochises gegebenes Wort. Er 

folgte seiner Spur bis zum Mittag, dann teilte sich die Fährte. 
Die Rothäute waren in zwei Gruppen weitergeritten. 
Unübersehbar selbst für ein unterfahrenes Auge. 

Eine Gruppe Apachen ritt in der gleichen Richtung wie am 

Vortag, die zweite Gruppe hatte sich nach Norden gewandt, wo 
irgendwo im zerklüfteten Felsland der Pedro River floß. Ein 
wilder, undurchsichtiger Landstrich. 

John wurde mißtrauisch. Er konnte nicht glauben, daß 

Cochise seine Streitmacht ohne Grund in zwei Gruppen 
aufteilte. Irgendeinen Grund gab es dafür, denn Cochise 
schwächte nicht aus einer Laune heraus seine Kampfstärke. 

Er blickte den Weg zurück. 
Freemans Bataillon war keine zwei Meilen entfernt. Er sah 

die Staubwolke, die seine Truppe hinterließ. John beschloß zu 
warten, denn er war plötzlich selbst unsicher geworden über 
Cochises wahre Absichten. 

Captain Freeman ritt seiner Truppe weit voraus. Als er den 

wartenden Scout entdeckte, spornte er sein Pferd an und trabte 
näher. 

Er zügelte seinen Gaul. John deutete auf die Spur, die 

schnurgerade nach Norden führte. Vergeblich hatte er versucht, 
sich mit Cochises Gedanken vertraut zu machen. 

»Was halten Sie davon, Sir«, fragte er mißtrauisch. 

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»Es sieht nach Flucht aus«, antwortete Freeman im Brustton 

tiefster Überzeugung. »Die zweite Fährte hat Cochise gelegt, 
um uns zu verwirren.« 

»Könnte sie nicht auch in einen Hinterhalt führen? Könnte es 

nicht sein, daß Cochise hofft, daß Sie Ihre Miliz teilen?« 

»Er hat seine Streitmacht auch geteilt. Warum sollte ich es 

nicht ebenfalls tun? Wir sind ihnen in jedem Fall überlegen.« 
Freeman wandte sich im Sattel um und rief seinen Adjudanten 
Wopper. 

»Sie nehmen vierzig Reiter, Mr. Wopper, und folgen der 

Spur nach Norden«, und er fügte hinzu, noch immer von seiner 
Strategie überzeugt: »Irgendwann werden wir wieder 
aufeinanderstoßen.« 

Während Wopper seine Abteilung aus der Formation 

schwenkte, sagte Freeman lächelnd: »Sie können sich 
entscheiden, Mr. Haggerty. Nach Norden oder Osten? Beide 
Wege führen zum Ziel.« 

John deutete nach kurzer Überlegung nach Osten. Die 

Dragoons standen klar in der Sonne. Man konnte die 
schneebedeckten Gipfel der Peaks erkennen. Dort lag Cochises 
Sicherheit. Seine Bergfestung. »Ich wähle diesen Weg.« 

»All right, Mr. Haggerty.« 
Wopper und seine Gruppe zogen bereits in nördlicher 

Richtung davon. 

Stunden vergingen in ermüdender Eintönigkeit. Aber John 

bemerkte am Alter der Spuren, daß Cochise es mächtig eilig zu 
haben schien, daß er ein atemberaubendes Tempo 
eingeschlagen hatte, daß er bereits einen Vorsprung von sechs 
Stunden haben mußte. 

Auf seine Bemerkung hin lachte Freeman zufrieden. »Er hat 

Angst. Das ist alles. Aber wir erwischen den Teufel noch, 
darauf können Sie sich verlassen.« 

Die Nacht zwang sie zum Biwak, und es zeigten sich erste 

Entbehrungen eines strapaziösen Marsches. Einzelne dieser 

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zusammengewürfelten Gesellschaft meuterten und schlossen 
sich zu Gruppen zusammen, um Freeman den Gehorsam zu 
verweigern. 

Doch Freeman, die Mehrzahl seiner Leute im Rücken, stellte 

die Meuterer vor die Alternative weiterzumachen, oder in der 
Wüste zu krepieren. Als Demonstration seiner Stärke ließ er 
seine Männer mit geladenen Karabinern Aufstellung, nehmen. 
Ein Druckmittel, das Erfolg zeigte, und John, der dies alles 
miterleben mußte, dachte, Freemans Frontier Bataillon ist nach 
außen hin ein Machtkomplex, doch innen faul wie ein 
morscher Baum. 

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang wechselte plötzlich die 

Fährte der Apachen. In einem Winkel von neunzig Grad führte 
sie nun nach Westen, und John Haggerty sah seinen Verdacht 
bestätigt. 

»Sie haben sechs Stunden Vorsprung, Captain Freeman«, 

sagte John, von düsteren Ahnungen befallen, und deutete zu 
dem fernen flachen Gebirgszug am San Pedro River hin, »die 
Zeit reichte Cochise, um sich mit der zweiten Gruppe zu 
vereinen.« 

John sah, daß Freeman sich verfärbte und nach Worten 

suchte. Doch dann war er wieder der alte. »Dann werden wir 
das Tempo eben forcieren und Wopper zu Hilfe eilen. Soweit 
dies überhaupt nötig ist.« 

John schwieg. Ihre Pferde waren von der Nachtruhe frisch. 

Aber er bezweifelte, daß Freemans Truppe rechtzeitig ihr Ziel 
erreichen konnte. 

Freeman selbst lief blindlings wie ein Huhn in Cochises 

Hinterhalt. Er erinnerte sich der Truppen aus dem 
Hauptquartier in Tubac, die Fort Buchanan entsetzen sollten 
und nun wohl auf dem Wege nach Fort Thomas sein mußten 
und irgendwo zwischen den Ausläufern der Dragoons ritten. 

Er wandte sich an Captain Freeman. »Unsere Wege werden 

sich trennen, Captain«, sagte er ruhig, worauf Freeman sehr 

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ungehalten reagierte. 

»Wollen Sie desertieren, Mr. Haggerty?« Aber dann lachte er 

zynisch. »Wir brauchen nicht General Howards besten Scout. 
Wir finden unseren Weg allein.« 

Freemans Befehle hallten in den jungen Tag, als John seinen 

Wallach herumzog und in östlicher Richtung durch die Mesa 
sprengte. 

Sie lagerten im Canyon, der in vielen Windungen die San 
Pedro-Kette durchzog. Fast senkrecht ragten die Steilhänge in 
den blauen Zenit, und Wopper war berechtigter Hoffnung, die 
flüchtenden Apachen vor dem Pedro River zu stellen. 

Während Wopper die Wachen einteilte und ihnen schärfste 

Wachsamkeit einflößte, stand Wyatt Earp, der zu diesem 
Kommando gewählt wurde, Chuck Dyamond gegenüber. 

»Gehen wir spazieren, Earp«, sagte der Halunke grinsend, 

und sein mächtiger Revolver bedrohte den jungen Mann, 
»hinter der nächsten Felsnase warten ein paar ungeduldige 
Freunde, die unseren gemeinsamen Ärger endlich beenden 
wollen.« 

Earps Hand fuhr reaktionsschnell zur Hüfte, aber Dyamond 

stieß ihm hart die Revolvermündung in den Leib und drohte: 
»Noch solch eine Dummheit und ich schieße dir eine Kugel in 
die Därme. Wopper werde ich erklären, daß ich dich erwischt 
habe, als du verduften wolltest. Feigheit vor dem Feinde oder 
Fahnenflucht. Du kennst diese Sprüche. Das wird Wopper 
imponieren«, dabei hob Dyamond den Colt und bedeutete ihm, 
zu gehen. 

Earp preßte die Lippen aufeinander und schritt stumm vor 

seinem Henker her, denn ihm war klar, was ihn hinter der 
Felsbiegung erwartete. 

»Ich weiß nicht, warum du so wild bist, mich zu erschießen, 

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Dyamond. Die Sache mit deinem Freund in Tucson war eine 
faire Angelegenheit. Du hast es selbst erlebt. Ich hatte keine 
Wahl. Du weißt es genau.« 

»Es geht nicht allein um Sullivan, Earp«, klärte der Gauner 

Wyatt zynisch auf, »du hast vor drei Monaten meine beiden 
besten Freunde Barabas und Juncton erschossen, als sie dem 
verdammten Pedler auflauerten. Barabas war Swatters Bruder. 
Er bestimmt, wie du ins Jenseits segelst.« 

Nach wenigen Schritten erreichten sie den Vorsprung, der 

vom Lager nicht einzusehen war. Fahles Mondlicht erhellte die 
Fläche. Swatter und seine Kumpane standen abwartend im 
Schatten des Felsens. 

»Man wird mich morgen vermissen«, sagte Wyatt. Er suchte 

einen Ausweg aus der Situation, doch Swatter, Greene und 
Lomes traten aus dem Schatten und versperrten ihm den 
Rückweg. 

Er sah Dyamonds breites Grinsen und hörte seine Worte. 

»Wopper wird niemanden vermissen, Earp, denn die Nacht 
wird uns manchen Ärger bringen. Ich habe eine Nase für rote 
Haut. Und hier stinkt es mächtig. Wir werden die Sache mit dir 
bereinigen und dann verduften. Ich möchte nicht, daß mein 
Kopf als Trophäe auf der Lanzenspitze eines stinkenden 
Apachen steckt. Ben, der Bursche gehört dir.« 

Trotz des fahlen Lichtes sah Wyatt die breite Klinge in 

Swatters Faust, die, von einem kraftvollen Hieb geführt, in der 
Lage war, ihm ohne weiteres den Schädel zu spalten. 

Swatter trat zwei Schritte vor. 
Wyatt rief: »Verdammt, Swatter, ich kenne deinen Bruder 

nicht. Ich kam direkt von Norden nach Tucson geritten und 
hatte zwischendurch keinerlei Ärger. Der letzte Mann, den ich 
erschoß, lebte in Suprior. Und das liegt ein halbes Jahr 
zurück.« 

»Jeder Mensch hat das Recht zu lügen«, lachte Swatter. Er 

stand nun einen Schritt vor Earp. »In Anbetracht deiner 

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Situation sei dir dies gestattet.« 

Von irgendwoher drang der Ruf einer Bergammer, der 

abgehackte Ruf eines Bus antwortete. 

Dyamond zog unmutig den Kopf ein. 
Er roch förmlich den kalten Schweiß der roten Bastarde. 

»Warum hältst du so viel Reden? Es wird Zeit, daß wir 
verschwinden.« 

In seine Worte hinein hörte er das helle Surren eines Pfeiles. 

Swatter stand seltsam starr auf der Stelle. Aus seiner Kehle 
ragte der kurze Schaft eines Apachen-Pfeiles. 

»Verdammt«, schrie Dyamond erschreckt, als Swatter, ohne 

ein Wort zu sagen, umkippte. Blitzschnell warf er sich nieder. 
Da stürzten auch Green und Lomes, vom lautlosen Tod 
getroffen, zu Boden. 

Mit einem gewaltigen Satz rannte Wyatt Chuck Dyamond 

an, ruckte wie eine Feder hoch, stieß ihm die Stiefelsohlen ins 
Gesicht und jagte hinter dem Fels hervor. 

»Überfall«, schrie er mit sich überschlagender Stimme, 

»Wopper, die Schlucht steckt voller Apachen!« 

Ein Pfeilhagel zuckte hernieder. Earp warf sich zu Boden, 

rollte zwischen lockeres Geröll. 

Die Männer im Lager fuhren schlaftrunken aus ihren 

Decken. Überall in den Steilwänden blitzte es auf. Die 
Abschüsse von Karabinern rollten dumpf wie das Echo von 
Haubitzen durch den Arroyo. 

Aus der Dunkelheit sprangen Schatten, bewegten sich 

wieselflink zwischen den Felsen, glitten behend über den 
glatten Stein des Arroyos. 

»Zastee«, der wilde Schrei vielstimmiger Kehlen brandete 

auf, wuchs zum Donnerhall, dessen Echo an den Felswänden 
hochstieg und in der Ewigkeit verhallte. 

Zastee… Das Kämpfen war ihnen angeboren, und sie 

beherrschten dieses Handwerk meisterhaft. Keulen und 
Kriegslanzen fuhren erbarmungslos auf die Männer nieder, die 

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nicht begriffen, was ihnen geschah, sondern tot waren, ehe sie 
den Gegner erkannten. 

Zastee…, die Wildheit eines kriegerischen Volksstammes 

kam zur vollen Entfaltung und offenbarte die Grausamkeit 
einer unterdrückten Rasse. 

Mein Gott, dachte Wyatt Earp entsetzt, der das blutige 

Kriegshandwerk der Apachen zum ersten Male aus nächster 
Nähe erlebte. Er grub seinen Körper ins Geröll, bis es ihn 
verdeckte. 

Er sah nichts. Aber er hörte ihr wildes Gebrüll und die 

Todesschreie sterbender Menschen. Als ihr Klagelied verebbte 
und plötzliche Stille eintrat, ahnte Wyatt, daß Freemans Legion 
bis auf den letzten Mann niedergemacht worden war. 

Es erschien Wyatt, als hätte sich das ganze grausame 

Geschehen Stunden hingezogen, dabei waren es nur Minuten, 
die das Schicksal von Wopper und seiner Mannschaft 
bestimmten. 

In der Nähe klangen Stimmen auf. 
Wyatt wagte nicht zu atmen, als irgend jemand sagte: »Du 

bist zur rechten Zeit gekommen, Jefe, um das Sterben unserer 
Feinde zu erleben.« 

Worauf die zweite Stimme antwortete: »Es war nur ein 

Anfang, Victorio. Der Blaurock aus Tombstone hat die Fährte 
gewechselt. Er läuft blind wie der Bü am Tage in die Falle. Wir 
können ihn bei Sonnenaufgang erwarten. Legt die toten 
Weißaugen unter ihre Decken, damit es aussieht, als ob sie 
schlafen.« 

Wyatt hörte dumpfes Stimmengemurmel, das sich entfernte. 

Noch immer wagte er nicht, sich zu rühren. Das 
Niedergemetzel war wie ein übler Traum, der ihn in den Felsen 
bannte und ihm seinen Mut nahm. 

Aber der Wille zum Leben wurde in Wyatt übermächtig. 

Langsam löste sich die Starre aus seinem Körper. Vorsichtig 
schlich er sich, jedes Geräusch vermeidend, aus dem Geröll. 

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Mondlicht füllte die Westhänge des Arroyos. Wohl hundert 

nackte Teufel waren in Bewegung und damit beschäftigt, das 
Lager in seiner ursprünglichen Form wieder herzurichten. 
Wyatt sah eine winzige Chance, dem Inferno zu entkommen. 
Er mußte noch vor Tagesanbruch den Arroyo verlassen haben. 

Wyatt kroch aus seinem schützenden Versteck. Dicht an den 

im Schatten liegenden Felsen gedrängt, rutschte er durch das 
Geröll. Zoll um Zoll. Jedes verdächtige Geräusch, wie etwa das 
Kollern eines Steines, konnte ihn verraten. Und er hatte nicht 
einmal eine Waffe, um sich zu verteidigen. 

Er mußte es riskieren, es war seine einzige Chance. 
Bastarde, dachte Wyatt, und seine Gedanken galten 

Dyamond. Aber ihn und seine Brut hatte wohl ebenfalls der 
Teufel geholt. 

Wyatt kroch weiter. Die Felsnase, die den Blick zum Lager 

verdeckte, war greifbar nahe. Einige Yards noch und er konnte 
sich aufrichten. 

Nun sah er den Burschen, dessen Kopfband in der 

Dunkelheit leuchtete, und er hörte das Geräusch, das es gab, als 
der Bursche sich über einem Gefallenen beugte und ihn 
umdrehte. 

Drei Schritte Distanz lagen zwischen ihm und dem Apachen, 

der sich nun langsam aufrichtete und seine Trophäe zum 
Himmel reckte: einen Skalp. 

Zurück konnte Wyatt nicht mehr, und den Weg in die 

Freiheit versperrte die rote Bestie. Fast unbewußt spürte er den 
groben Steinbrocken in der Faust, den er instinktiv als Waffe 
ergriffen hatte. 

Earp verharrte reglos. 
Der Apache wandte sich ahnungslos um, als ein Schatten vor 

ihm auftauchte. Er ließ überrascht den Skalp fahren, und seine 
Faust griff zum Lendenschurz. Da holte Wyatt aus und, alle 
Kraft in den Schlag legend, zerschmetterte er der Rothaut den 
Schädel. 

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Behend sprang er hinzu, um den fallenden Körper 

aufzufangen. Als Wyatt ihn niederlegte, war ihm, als höre er 
ein Geräusch in der Finsternis. Er erfaßte das Skalpbeil der 
toten Rothaut und beugte sich angriffswütig vor, als ein 
zischendes Geräusch aus dem Dunkel kam. 

»Earp«, hörte er eine Stimme wispern, die er längst in der 

Hölle glaubte, »komm näher.« 

Wyatt zögerte. Sein Blick glitt über die dunklen Schatten am 

Boden, tote Männer, die zu Dyamonds Bande gehörten. Er ging 
in die Knie und folgte dem leisen Ruf, nicht ohne vorher einem 
der Toten den Colt aus dem Gürtel zu ziehen. 

»Du Bastard hast es überstanden«, fluchte Wyatt zornig, als 

er Dyamonds Umrisse erkannte. »Die Hölle muß sich mit dir 
verschworen haben, Dyamond.« 

Der andere lachte heiser. »Der Satan steht auch auf deiner 

Seite, Earp. Wir müssen aus dem Canyon heraus, bevor sie ihn 
dort vermissen.« Dyamond deutete auf die Gestalt des 
Apachen, den Wyatt gerade erschlagen hatte. »Aber ohne 
Pferde kommen wir nicht weit.« 

»Captain Freeman ist, auf dem Wege zum Arroyo«, 

erwiderte der junge Bursche leise und erzählte, was er aus 
Cochises Mund erfahren hatte. »Er rennt wie Wopper in den 
Hinterhalt.« 

»Dann wollen wir versuchen, wenigstens unsere Haut zu 

retten.« Dyamond löste sich aus der Dunkelheit. Er trug zwei 
Revolver im breiten Gurt und eine Waffe in der Faust und trat 
auf Wyatt Earp zu. 

Wyatt hob unmißverständlich den Revolver. Dyamond war 

ein Schakal, dem man keine Sekunde trauen konnte. 

Doch Dyamond zischte nur: »Idiot. Glaubst du, ich will dich 

hier umlegen? Das kommt später.« Dann war er an Wyatt 
vorbei und lief den ansteigenden Arroyo hoch, so schnell ihn 
seine Füße tragen konnten. 

Wyatt lauschte einige Sekunden dem dumpfen Gemurmel, 

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das vom Lager der Apachen herkam, und setzte sich dann auch 
in Bewegung. Nach hundert Yard hatte er Dyamond bereits 
eingeholt. 

Für einen Augenblick war Dyamond nicht sein Feind, 

sondern ein Mann, der wie er ganz schön in der Klemme saß. 
Was zwischen ihnen beiden zu bereinigen war, mußte 
aufgeschoben werden. Dyamond hatte es schon erwähnt. 

Sie kamen gut voran und glaubten sich in Sicherheit, als 

plötzlich Hufklang gegen die Felsen schlug und Reiter 
ankündigte. Dyamond reagierte blitzschnell. 

Er warf sich zwischen die kümmerlichen Sträucher, die nahe 

der Felswand wuchsen, und er spürte den harten Aufprall auf 
dem Körper, als Earp auf ihn niederstürzte. Schon sprengte 
eine starke Reitergruppe an ihnen vorbei in nördlicher 
Richtung durch den Canyon. 

»Es sind wenigstens fünfzig Reiter«, flüsterte Dyamond 

heiser. Ihm saß die Angst in den Knochen, das entging Wyatt 
nicht. Auch er mußte sich eingestehen, daß er Furcht hatte. 

»Die Hälfte von Cochises Krieger. Sie riegeln den Arroyo 

von beiden Seiten ab. Sie werden Freemans Kommando 
hereinlassen, aber nicht wieder heraus. Sie bauen ihm hier eine 
wunderhübsche Falle. Verdammt, wie sollen wir ihn nur 
warnen?« Wyatt richtete sich vorsichtig auf und lauschte. 

Der Hufschlag war nur noch schwach zu vernehmen, und 

auch im Innern des Canyons blieb es verdächtig still. 

»Warnen«, fluchte Dyamond heiser, »du scheinst dir deiner 

Lage nicht bewußt zu sein. Es geht um unsere eigene Haut, und 
die steht mir näher als Freemans Pelle. Wir müssen höher in 
die Berge hinauf, dorthin, wo uns kein Apache vermutet. 
Freeman und seine Leute können mir gestohlen bleiben. 
Freeman interessiert mich nicht. Ich bin mitgezogen, weil ich 
dich haben wollte.« 

Wyatt lächelte über die Offenheit des Rustlers. Er nickte. 
»Ich weiß es, Dyamond, und wir werden die Sache wohl bald 

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bereinigen müssen.« Der Sprecher wandte seinem Gegner den 
Rücken zu, denn es gab im Augenblick nichts, was Dyamond 
veranlassen könnte, ihm eine Kugel zwischen die Schultern zu 
jagen. 

Lautlos eilten sie die Schluchtsohle entlang und behielten die 

aufsteigende Westflanke des Arroyos im Auge, die im fahlen 
Licht des Mondes wie eine glatte Silberplatte glänzte. Immer 
auf der Hut, Cochises Spähern zu begegnen, bemühten sie sich, 
nicht das geringste Geräusch zu verursachen. 

Nach einer halben Meile etwa erkannte Wyatt den schmalen 

Felsspalt, der im ansteigenden Winkel die Steilwand durchzog. 
Er verhielt den Schritt und deutete hinüber. 

»Dort könnte uns der Aufstieg gelingen«, sagte er schwer 

atmend vom schnellen Lauf. »Es ist wohl die einzige Chance.« 
Wyatt prüfte bereits die Griffigkeit des Felsens. Der Einstieg 
war kaum einen Fuß breit, aber aus gesundem Gestein. Als er 
den Stiefel in die Rille stemmte und, mit den Händen Halt 
suchend, den ersten Schritt wagte, rief er grinsend über die 
Schulter: »Ich hoffe, du bist schwindelfrei, Dyamond, und 
kannst klettern wie eine Gemse, sonst brichst du dir das 
Genick.« 

»Ich darf nicht daran denken«, fluchte der Bandit und wagte 

seinerseits den ersten Schritt in die Rille. 

John Haggerty sah die flachen Feuer im Schatten der 
ausladenden Berghänge. Schnurgerade zielte er darauf zu. Als 
er auf fünfzig Schritte heran war, rief ihn ein Militärposten aus 
der Dunkelheit an. »Halt, wer da? Parole…« 

Worte, die John schon hundertmal gehört hatte, die ihn jetzt 

dennoch erschreckte. 

Er riß sein Pferd zurück, hob die Arme, damit der 

Wachtposten erkennen konnte, daß er sich in friedlicher 

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Absicht ihrem Biwak näherte. 

»Die Parole kenne ich nicht, Soldat, wohl aber deine Einheit. 

Du gehörst zur Siebten Dragoner und dein Kommandeur ist 
Major Hecker. Ihr wart auf dem Wege von Tubac nach Fort 
Buchanan, und ein Melder aus Fort Thomas führt euch nun 
nach Tombstone.« John Haggerty schwieg. 

»Stimmt«, schallte es aus der Dunkelheit. »Ihr Name, Sir?« 
»John Haggerty.« 
»General Howards Scout?« 
»Genau der.« 
»Reiten Sie langsam näher, Sir, und halten Sie die Hände 

über dem Kopf. Ich kenne Mr. Haggerty persönlich«, rief der 
Posten mißtrauisch. Er traute der Sache wohl nicht. 

John führte seinen Wallach in die Richtung, aus der die 

Stimme kam. Plötzlich tauchte der Mann neben ihm auf. John 
sah im matten Mondlicht die blaue Uniform und die 
orangefarbenen Streifen der Dragoner. 

»All right, Soldat?« fragte er nun. 
»All right, Mr. Haggerty. Reiten Sie zum mittleren 

Feuerplatz. Dort finden Sie den Major.« 

John führte den Wallach mit den Schenkeln an den flachen 

Zelten vorbei. Er sah Soldaten am Feuer. Einige sprachen 
miteinander, andere lagen erschöpft auf ihren Decken. John 
dachte lächelnd, sie werden bald auf den Beinen sein und ihn 
zum Teufel wünschen. 

Major Hecker lag faul in der geflochtenen Hängematte und 

schien den frischen Nachtwind zu genießen, der aus den 
Bergtälern in die Mesa wehte. 

Als John in den Lichtkegel der Laterne ritt, richtete der 

Offizier sich überrascht auf. »Mr. Haggerty«, rief er 
verwundert. »Ich denke, Sie erwarten uns in Tombstone?« 

John stieg vom Pferd und reichte der herbeieilenden 

Ordonnanz die Zügel und bat den Mann, daß er sich um sein 
Pferd kümmern möge. Nun setzte er sich auf den kleinen 

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Feldstuhl und nickte dankbar, als Major Hecker ihm Flasche 
und Glas reichte. Er füllte sich das Glas und setzte es sich an 
die Lippen. 

»Es hat sich vieles in den letzten Tagen ereignet, Sir«, 

begann John nach einem zweiten kräftigen Schluck. »Cochise 
spielt den Buhmann. Er und seine Apachen haben einige 
Siedler niedergemacht, ein Mormonen-Dorf überfallen und 
dem Erdboden gleichgemacht. Cochise führt Krieg gegen 
Zivilisten, und ich glaube, nun endlich auch hinter seine 
wahren Absichten gekommen zu sein. Sein blutiger Feldzug 
zielt darauf hin, Captain Freeman herauszufordern.« 

»Freeman ist ein alter Fuchs.« Major Hecker lächelte, »er 

wird auf Cochises Herausforderung die Antwort kennen.« 

»Stimmt«, John füllte sein Glas noch einmal und blickte zum 

Feuer hinüber. »Nur fürchte ich, der Fuchs rennt gegenwärtig 
in einen Abgrund, in einen prächtigen Hinterhalt.« 

Nun sprach John von dem Überfall auf das Mormonen-Dorf 

und den daraus zu ziehenden Konsequenzen. 

»Sein Jagdfieber macht ihn blind. Freeman hat seine 

Jagdtruppe geteilt, weil Cochises Spur sich auch teilte. Vor vier 
Stunden stießen wir auf den Punkt, wo der Jefe seine Fährte 
wechselte und schnurgerade nach Westen zog. Ich machte 
Freeman darauf aufmerksam, daß Cochise sich mit seiner 
zweiten Gruppe treffen wird, um Freemans zweite Gruppe 
anzugreifen. Cochise hat nur ein Ziel: Er will Freeman 
vernichten. Viele Gründe sprechen dafür. Deshalb möchte ich 
Sie bitten, Ihre Truppe in Bewegung zu setzen, Major, um 
Freemans Bataillon zu Hilfe zu eilen.« 

Major Hecker war ein aufmerksamer Zuhörer. Doch nun 

lächelte er. »Ist Ihre Angst nicht übertrieben, Mr. Haggerty? 
Freeman befehligt fast hundertfünfzig kampferprobte Männer. 
Er müßte mit dem lächerlichen Haufen Apachen fertig 
werden.« 

John stellte Flasche und Glas mit einem Ruck ab. »Ein 

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Drittel seiner Einheit kämpft vielleicht nun schon erbittert um 
sein Leben, wenn die Leute nicht gar schon tot sind. Cochise 
hat ein ganzes Arsenal moderner Springfields geraubt in Fort 
Huachuca, und Munition, um eine halbe Armee zu töten. Er 
macht Woppers Gruppe nieder und stellt Freeman einen 
Hinterhalt. Freeman ist sein ärgster Feind, ich weiß es. Der Jefe 
hat nicht vergessen, daß der Captain im letzten Jahr ein halbes 
Dutzend seiner Dörfer überfallen und viele seiner 
Stammesbrüder getötet hat. Begreifen Sie nun, wie groß die 
Gefahr ist? Schlägt der Jefe seinen Erzfeind, steigen sein 
Ansehen und sein Ruhm ins Unermeßliche. Die Stämme aus 
dem Süden und aus dem Norden werden Cochise zulaufen, um 
in seinem Glanz ihren eigenen Ruhm zu suchen. Die 
Schlagkraft seines Kriegsheeres könnte auf dreihundert oder 
weit mehr Kämpfer anwachsen. Und das gilt es zu 
verhindern!« 

Major Hecker war aus seiner Hängematte gestiegen. Er 

ergriff den blauen Rock und schlüpfte hinein. Er lächelte hart. 
»Meine müden Helden werden Sie in die Hölle wünschen, 
John, wenn sie erfahren, wer sie auf die Beine bringt.« 

Er rief seine Ordonnanz heran, die offensichtlich einen Teil 

der Unterhaltung mitbekommen hatte. »Corporal Nagant«, 
befahl Hecker, »der Hornist soll zum Alarm blasen. Kommen 
Sie, John, ich stelle Sie meinen Offizieren vor.« 

Es war bereits Mitternacht und Cochises erster Akt im 

großen Drama entschieden, als Major Hecker an seiner Truppe 
entlang zur Spitze ritt. 

Und John sah, daß Hecker fünfhundert Soldaten mitführte, 

zwei Haubitzen und genügend Munition. Das dürfte reichen, 
um Cochise in seine Schranken zu weisen, dachte er. 

Wenn, eine düstere Ahnung begleitete Johns Gedanken, 

wenn es noch nicht zu spät war… 

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Grausame Genugtuung spiegelte sich in Cochises Antlitz 
wider, als der metallische Hufschlag vieler Pferde von den 
Wänden des Arroyos widerhallte. 

Die Stunde der Abrechnung war gekommen. 
Sein Blick glitt hinunter zur Schluchtsohle, die das 

aufgehende Sonnenlicht noch nicht erreichen konnte, wanderte 
prüfend über die zerklüfteten Steilwände, in denen seine 
Krieger – meisterhaft verborgen – sein Zeichen zum Angriff 
erwarteten, und noch einmal ging er in Gedanken jede Position 
durch, die seine Krieger besetzt hielten. 

Der Ring war geschlossen, ein Entrinnen unmöglich. Sobald 

die Weißaugen in der Schlucht waren, würde sie nach beiden 
Seiten hermetisch abgeriegelt sein, und auf sein Zeichen hin 
sollten seine Krieger aus dem Verborgenen heraus das Feuer 
auf den Todfeind eröffnen, der wie eine Maus in der Falle saß. 

Ulzana stand mit leuchtenden Augen an der Seite des Jefes, 

der dem immer näher kommenden Klang der Pferdehufe 
lauschte. Er trug eines der erbeuteten Springfield-Gewehre in 
der Faust, um die Schulter einen Patronengurt. In seinem Gurt 
steckten Jagdmesser und Tomahawks für den Nahkampf. 
Wohlgerüstet sah er dem Ende der Weißaugen entgegen. 

»Wenn die Sonne keinen Schatten wirft, wird Koh-Cheez der 

größte Häuptling aller roten Stämme sein. Selbst Ta-kan-ka I-
yo-ta-ke, der Häuptling der Hunkpapa-Sioux (Name Sitting 
Bulls), dessen Kriegstaten an den Feuern vieler unserer Brüder 
besungen werden, wird am Glanze deines Ruhmes verblassen.« 

Cochise hob die Hand zum Zeichen, daß Ulzana schweigen 

möge. Das Muskelspiel seines Körpers ließ erkennen, daß 
unerschöpfliche Kraft in dem Kriegshäuptling steckte. 

Die ersten Reiter sprengten hinter der Biegung hervor. Ihnen 

voran ritt in seiner verschlissenen Uniform sein Todfeind: 
Captain Louis Freeman. 

Wachsam und lauernd bewegte sich Freeman, als spüre er die 

tödliche Gefahr, die der Canyon barg. 

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»Er ist ein kluger Fuchs«, flüsterte Cochise, und die dunklen 

Farblinien seines bemalten Gesichtes zuckten bei seinem 
düsteren Lächeln, »der der Stille mißtraut. Aber er wird nicht 
umkehren, weil er seine Hellaugen vermißt.« Der Häuptling 
schwenkte kraftvoll die Faust mit der Flinte nach Norden, wo 
Victorio auf dem Felsband stand und nun verschwand, um des 
Jefes Befehle auszuführen und die Schlucht zu verriegeln. 

Victorios Aufgabe war es, die erste Angriffswelle zu führen, 

wenn das Gewehrfeuer in den Steilhängen zu Ende war. So 
wollte es der Mimbrenjo. 

Die Reiter hatten nun jenen Punkt erreicht, wo die Toten am 

erloschenen Lagerfeuer lagen. Freeman zügelte sein Pferd. Er 
rief die nächsten beiden Reiter heran und deutete ins Grau des 
Canyons. Er gab irgendwelche Befehle, worauf die Reiter der 
Truppe die Pferde herumzogen und für einige Augenblicke aus 
dem Blickfeld des Häuptlings verschwanden. 

»Wie ein Fuchs, der vor dem eigenen Bau mißtrauisch wird«, 

Cochise lächelte böse. 

Weit über dem Kopf schwenkte er seine Waffe, das 

verabredete Zeichen, das Chato galt, der weiter südlich den 
Geschehnissen folgte. Chato winkte zurück. Cochise wußte 
nun, daß die Mausefalle geschlossen war, durch die selbst eine 
Haselmaus keine Lücken mehr finden konnte. 

Cochise gab den ersten Schuß ab, als Freemans Reiter den 

Weg zurückpreschten und wild mit den Armen gestikulierten 
und heisere Worte schrien. 

Im gleichen Augenblick bebten die Felsen unter dem 

heftigen Gewehrfeuer der Apachen, das Krachen der Schüsse 
brach sich an den Wänden und rollte in vielfältigem Echo 
durch die Schlucht. 

Eine Gruppe Reiter stürzte getroffen aus den Sätteln, 

Freemans Befehle gingen in einem tödlichen Inferno unter. 

Die Pferde stoben auseinander und verweigerten in panischer 

Angst den Gehorsam. Einige Reiter wurden abgeschüttelt, 

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andere sprangen von ihren Pferden und suchten verzweifelt 
Deckung im Schatten der Steilwände. 

Noch immer schlug der tödliche Bleiatem in den Arroyo. 

Von Norden kommend, bebte die Erde unter den Hufen der 
angreifenden Mimbrenjo-Krieger. 

»Beim Teufel«, brüllte Freeman, »das ist die Hölle!« 

Zwischen Geröll hatte der Captain dürftigen Schutz gefunden. 
Seine augenblickliche Lage erinnerte ihn an eine ähnliche 
Situation im Canyon de Imbano im vergangenen Jahr, als er bei 
einem Rachefeldzug gegen Apachen fast seine gesamte 
Mannschaft einbüßte. »Wo steckt Wopper?« 

Einer seiner Späher kroch leicht verletzt heran. »Wopper und 

die Crew ist tot«, schrie der Mann entsetzt. »Sie liegen tot 
unter ihren Decken, ohne Haarschopf, ohne Leben…« 

»Alle?« würgte Freeman fassungslos hervor und wußte, daß 

er nicht nur zu spät gekommen war, um Woppers Abteilung zu 
helfen, sondern selbst in einer tödlichen Falle saß. 

»All right«, schrie er im nächsten Moment, »setzt euch im 

toten Winkel der Felswände fest. Wir werden das rote Gesindel 
mit Pulver und Blei in die Hölle befördern.« 

Er hob seinen Karabiner und schoß die Rothaut vom Felsen, 

die sich zu weit über den Abgrund gebeugt hatte. 

Lautlos fiel der Krieger in die Tiefe. 
Auch seine Leute begannen nun zu schießen. Stumm und 

verzweifelt wehrten sie sich gegen den übermächtigen Feind, 
der grausam und erbarmungslos gegen ihre provisorische 
Stellungen anrannte. 

Keiner der verbissen Kämpfenden hörte in dem Lärm den 

donnernden Hufschlag, der rasch näher kam. Freeman erkannte 
die Mimbrenjos erst, als sie, geführt von dem Fanatiker 
Victorio, aus der Kehre schwenkten, ihre Waffen abfeuerten 
und nach Lanzen, Bogen und Keulen griffen. 

Wie ein tödlicher Moloch fielen die Krieger in Freemans 

kleine Truppe ein. Erbarmungslos, den Feind vor Augen, vom 

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Töten besessen, bahnten ihre Keulen den Weg durch ihre 
Reihen. Ihr wildes Geheul übertönte den Gefechtslärm. 

Zur gleichen Zeit verließen weitere Gruppen von Apachen-

Kriegern die Hänge, hangelten sich an straffen Lederseilen in 
die Tiefe und griffen in das Kampf geschehen ein. Auch von 
Süden her stürmten berittene Krieger heran. 

Was Freeman ahnte, wurde nun Offenbarung: Cochise hatte 

sich mit der zweiten Gruppe seiner Krieger vereint und 
versetzte nun dem Frontier Bataillon den Todesstoß. 

Wild und verbissen kämpfte Freemans Miliz ums Überleben. 

Aus vielen Wunden blutend, schlugen sie sich zu dem 
schmalen Hügelband durch, das Freeman gerade noch 
erreichen konnte, ehe das tödliche Dilemma über sie 
hereinbrach. 

Wie junge Küken suchten sie die Nähe ihres Anführers, 

hoffend, daß der erfahrene Indianerkämpfer sie aus der 
tödlichen Umklammerung führte. 

Dreißig bis vierzig erfahrene Kämpfer lagen erschlagen oder 

aus vielen Wunden blutend auf nacktem Fels. Immer wieder 
griffen die Apachen mit einer Leidenschaft an, als gelte es für 
sie, das ganze Territorium von weißen Menschen zu befreien. 

Dampf und Pulverrauch zog wie ein breites Band aus der 

Schlucht. 

Freemans Befehle übertönten diesen Lärm. Und es gelang 

ihnen mit vereinten Kräften, den zweiten Angriff 
abzuschlagen. 

Noch ehe sich die Apachen zum dritten Ansturm sammelten, 

sah Freeman, daß die berittenen Krieger nach Süden durch den 
Arroyo sprengten, während das Fußvolk in den zerklüfteten 
Felswänden untertauchte. Cochise hatte eine neue Gemeinheit 
im Sinn, denn als erfahrener Indianerkämpfer wußte Freeman, 
daß Cochise – so dicht vor seinem Ziel – den Kampf niemals 
beenden würde. Der Bastard würde seine Krieger neu 
formieren, um zum tödlichen und letzten Streich auszuholen. 

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»Wenn sie kommen, schießt, was eure Flinten hergeben, 

Jungs, und wenn ihr die Waffen leergeschossen habt und nicht 
mehr gebrauchen könnt, nehmt sie als Keulen und knüppelt 
nieder, was euch in die Quere kommt! Verdammt, diesen roten 
Schakalen ist doch beizukommen…« 

In diesem Augenblick sah Freeman den Häuptling. Cochise, 

unverkennbar an der großen kräftigen Gestalt, stand auf einem 
Felsband und dirigierte seine Krieger. Aufs neue dröhnte die 
Schlucht unter trampelnden Pferdehufen. Es schienen 
Hunderte, nein, Tausende reitende rote Teufel zu sein, die sich 
ins Kampfgeschehen stürzten, aber es waren wohl Freemans 
überspannte Nerven, die ihn narrten. Dort kämpften vielleicht 
neunzig Apachen. Aber mit dem Mut einer Legion! 

Von zwei Seiten trieben sie ihre Ponys den Hügel hoch, 

schwangen sich federnd von ihren Rücken. Ihre farbigen 
Gesichter wirkten wie häßliche Fratzen oder ein Gaukelspiel 
des Teufels. An ihren Keulen und Lanzen glänzte das Blut der 
Getöteten. 

Ein heftiger Kampf, Mann gegen Mann, entspann sich. 

Karabinerkolben gegen Lanzen, der leergefeuerte Revolver als 
Schlagwaffe gegen ihre Tomahawks. 

Auch Freeman stand im harten Kampf mit zwei jungen und 

kräftigen Kriegern, die einfach die Barrikade übersprungen 
hatten und ihn angriffen. 

Sein Karabinerkolben zerschmetterte ein junges Leben, und 

während er zum zweiten Schlag ausholte, mußte er an den 
verdammten Scout denken, der so recht hatte und vor dem 
gefährlichen Schritt, Cochise zu folgen, so eindringlich 
gewarnt hatte. 

Kraftvoll schlug der Captain zu. Und während er sich dem 

nächsten Gegner zuwandte, war ihm, als klängen ferne 
Trompetensignale auf. Ein Gedanke wohl, der sich von dem 
Wunsche nährte, der Himmel möge ihn und seine Leute vor 
dem Untergang bewahren. Wunschträume und Phantasien 

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eines Verzweifelten. 

Die scharfe Schneide einer Lanze streifte Freemans Gesicht 

und riß eine tiefe Wunde. Der Captain schmetterte dem 
Mimbrenjo den harten Gewehrkolben ins Gesicht, ehe er 
erschöpft in die Knie sank. Sein Atem ging schwer, und er 
schien am Ende. 

Da waren wieder Hornsignale, deren Echo durch den Arroyo 

wehte und Freeman, am Boden liegend, erkannte, daß die roten 
Angreifer sich plötzlich vom Feinde lösten, den Hang 
hinuntereilten und sich auf ihre schnellen Pferde warfen und 
nach Süden durch den Arroyo sprengten. 

Der alte Haudegen rappelte sich wieder auf, kam 

schwankend auf die Beine. Blut sickerte aus seiner Wunde. 
Sein taumelnder Gang zeigte die starke Erschöpfung des 
Mannes, der sich kaum noch aufrechthalten konnte. 

Aufgerichtet im Fels stand Häuptling Cochise. Er hielt die 

Büchse an der Schulter, und Freeman spürte im Peitschenden 
Abschuß der Springeid den brennenden Schmerz in der Brust. 

Wie ein Stein stürzte der Captain zu Boden. Sein Blick 

verschwamm. Aber er hörte nun deutlich die Signale eines 
Horns, den donnernden Hufschlag eisenbeschlagener Pferde. 
Fernes Krachen, an Schüsse erinnernd, begleiteten »Lion« 
Louis Freeman ins Dunkel der Nacht, die ihn von seinen 
Schmerzen erlöste. 

Der Anblick, der sich ihnen bot, erinnerte Major Hecker an die 
Schlachthäuser in Chicago. Vom Grauen gepackt, hob er die 
Schultern und dachte: Mein Gott, es sieht aus wie nach einer 
großen Schlacht. Doch dann erinnerte er sich, daß er Soldat 
war und diesen Anblick gewohnt sein mußte. Er rief seine 
Offiziere heran und befahl mit unbewegter Stimme: 

»Lieutenant Conner und Lieutenant Flash, Sie nehmen mit 

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Ihren Abteilungen sofort die Verfolgung der Apachen auf. Ich 
möchte den Teufel Cochise haben. Ich will ihn lebend, um ihn 
in Tubac vor das Kriegsgericht stellen zu lassen. Der Rest des 
Regiments sucht nach Überlebenden des Gemetzels.« 

John Haggerty, der sich um Freemans schwere Verletzung 

kümmerte, hob den Kopf. 

»Es ist ein sinnloser Versuch, Major Hecker«, sagte er ruhig. 

»Diese Berge sind Cochises Heimat. Ihre Leute werden nicht 
den Pferdeschwanz eines Apachen-Ponys ausmachen. 
Versuchen wir lieber hier an Leben zu retten, was noch zu 
retten ist.« 

»Soll ich diesen Teufel ungestraft laufenlassen?« 
John schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich kenne Cochises 

Fluchtweg und weiß, wo er zu finden ist. Ich glaube, er hat sein 
Ziel erreicht und wird vorerst seine Apacherien nicht mehr 
verlassen.« John schwieg einen Moment und fuhr dann fort: 

»Der Jefe hat Freeman bewußt in einen Hinterhalt gejagt, um 

seinem Todfeind eine vernichtende Lektion zu erteilen. Er hat 
Farmen, Bonanzas und Siedlungen angegriffen, niedergebrannt 
und Leben vernichtet. Das letzte Aufbäumen eines Mannes, der 
beweisen will, wie gefährlich ein weidwunder Berglöwe sein 
kann. Ich glaube, er will General Howard zu erkennen geben, 
daß es besser sei, ehrlich und aufrichtig zu verhandeln und 
keine Verträge zu schließen, die er wieder bricht. Brechen 
muß, weil hinter dem General Leute stehen, die Apachen als 
wilde Tiere bezeichnen, die man in einen Käfig oder in die 
Vegetationslosigkeit einer Wüstenreservation stecken müßte – 
und so Howards Bestrebungen nach Frieden boykottieren.« 

Major Heckers Hand deutete in die Runde. »Sie 

sympathisieren mit dem roten Teufel, Mr. Haggerty, obwohl so 
viele weiße Männer ihr Leben lassen mußten?« 

»Nein«, bestimmt schüttelte John seinen Kopf. »Ich 

verurteile dieses Gemetzel. Ich verurteile alle Verbrechen, die 
Cochise in den letzten Wochen begangen hat. Aber ich kann 

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ihn verstehen, kann seine Beweggründe begreifen. Es ist der 
verzweifelte Aufschrei eines seiner Freiheit beraubten 
Stammesfürsten, der ohnmächtig zusehen muß, wie sein Land 
Stück für Stück an weiße Eindringlinge gegeben wird, die 
zwangsläufig seine Feinde sein müssen, weil sie seinen Besitz 
stehlen.« 

John Haggerty richtete sich auf. 
»Helfen Sie mir, Major. Wir wollen Captain Freeman nach 

unten tragen. Ich fürchte, er wird den Tag nicht überleben.« 

Doch Freeman war von der zähen Natur einer Katze. 
Nachdem die Getöteten in einem gemeinsamen Grab im 

Canyon begraben waren und Major Heckers Abteilungen von 
der vergeblichen Jagd nach Cochises Kriegern zurückgekehrt 
waren, bestimmte der Offizier den Aufbruch. 

Vierzig Männer aus Freemans wilder Miliz erreichten, zum 

Teil auf Traivois liegend, zum Teil verwundet im Sattel 
sitzend, sechs Tage später Tombstone. Der Arzt der Stadt war 
tagelang damit beschäftigt, die Verwundeten zu pflegen. Und 
nur langsam legte sich das Grauen der Menschen in der Stadt. 

Major Heckers Einheit war auf dem Wege nach Fort 

Thomas, um von dort im Eilmarsch nach Tubac 
zurückzukehren. 

John Haggerty blieb in Tombstone, um Sam Crittens 

Genesung abzuwarten, denn er hatte dem jungen Mann 
versprochen, seine Angelegenheit in Tubac zu klären. Er 
wußte, daß nur General Howards Entscheidung Critten vor 
dem Kriegsgericht bewahren konnte. John stand zu seinem 
Wort. 

An einem dieser langweiligen Nachmittage saß er mit dem 

jungen Earp, der noch in der Schlucht zu ihnen gestoßen war, 
in Summers Schenke bei einem Glas Bier. Er hatte bemerkt, 
daß Earps Praint gesattelt vor dem Lokal stand. 

»Ich dachte, Sie wollten das Glück in Tombstone suchen«, 

sagte John lächelnd, während er an seinem Bier nippte. 

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»Tombstone ist ein Drecknest, John«, erwiderte Wyatt 

grinsend. »Was ich hier vorgefunden habe, hat nur Ärger 
gebracht. Was ich suche, sind ein paar gute Faro- oder 
Montetische, klimpernde Münzen zwischen den Fingern und 
ein paar Scheinchen in der Tasche. Ein paar Huren, die es auch 
mal mit Liebe versuchen, wie Nelly Mitchel aus Tucson. Das 
nenne ich das wahre Leben.« 

Wyatt Earp nahm einen kräftigen Schluck und setzte sein 

Glas geräuschvoll ab. »Das nenne ich das wahre Leben, nicht 
diese verdammte Einöde oder Mary Lynn, die ihrem kranken 
Freund feurige Blicke schenkt und wohl am Ende ihres Zieles 
nüchtern, hausbacken und trocken ist wie der Fladen eines 
Büffels.« 

John lachte ob der leidenschaftlichen Ergüsse des jungen 

Burschen. 

»Sie wollen nach Tucson?« fragte er nach einer Weile. 
»Zu Nelly Mitchel. Sie gibt mir, was ich brauche.« Wyatt 

lachte. 

»In Tucson erwartet Sie noch etwas anderes, Wyatt«, es lag 

eine Warnung in Johns Stimme, die Earp mit einer 
Handbewegung wegwischte. 

»Chuck Dyamond? Mit dem bin ich verabredet, John. Er hat 

keine Freunde mehr. Er ist also genauso stark oder schwach, 
wie ich es bin.« 

»Sie wollen sich mit ihm schießen?« 
Wyatt Earp nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas und 

begann zu grinsen. 

»Soll ich mein Leben lang mit dem Gefühl durch die Gegend 

laufen, daß der Bastard mir eine Kugel in den Rücken pflanzt, 
sobald ich ihn ihm zukehre? Ich trage es auf dem geraden 
Wege aus. Dann ist die Sache aus der Welt und vergessen. Für 
ihn – für mich…, vielleicht auch für uns beide.« Earp machte 
eine vage Handbewegung und sagte: »Verabschieden wir uns, 
John.« 

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Wyatt reichte dem Scout über den Tisch die Hand. »Es war 

nicht schön mit uns beiden – und auch nicht schlecht. Es war 
einfach eine Begegnung.« 

Earp stand auf, rückte seinen Gurt und seinen Revolver 

zurecht, warf einen Silberdollar auf den Tisch und wandte sich 
gelassen um. »Die Runde geht auf meine Kosten, John. 
Vielleicht treffen wir uns irgendwo und irgendwann mal 
wieder. Dann können Sie sich revanchieren.« 

Jung, federnd, mit elastischen Schritten, verließ Wyatt Earp 

die Schenke. 

John sah, daß Earp sich draußen auf seinen Gaul schwang, er 

grüßte noch einmal durch das offene Fenster und ritt davon. 

Ein harter Junge, dachte John Haggerty, man wird noch von 

ihm hören… 

ENDE