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Dan Roberts 

Die Angst der Einsamen 

Apache Cochise 

Band Nr. 9 

Version 1.0 

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Prolog 

Als die weißen Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts den 
Südwesten der USA zu besiedeln begannen, stießen sie auf ein 
indianisches Volk, das bereits die Spanier und Mexikaner hatte 
teuer dafür bezahlen lassen, daß sie unbefugt in ihre 
Jagdgründe eingedrungen waren.
 

Die etwa ein Dutzend umfassenden Apachen-Gruppen und 

Großsippen, am gefürchtetsten die Chiricahua-Apachen, 
widersetzten sich der Niederwerfung durch die Weißen mit 
allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
 

Sie überfielen zunächst Postkutschen, Frachtwagenzüge, 

Armeepatrouillen, Farmen, abseits gelegene Ranches und 
kehrten anschließend wieder zu ihren Stützpunkten in den 
Bergen zurück, den sogenannten »Apacherias«, die bei den 
Weißen der damaligen Zeit als uneinnehmbar galten.
 

Der Widerstand flammte zum blutigsten und grausamsten 

Grenzkrieg der Indianergeschichte auf, als Cochise von 
Mangas Colorados die Führung der Stämme übernahm.
 

Cochises Weitblick ließ ihn letztlich erkennen, daß der 

Untergang der roten Rasse eine von den Weißen beschlossene 
Sache war, die Anspruch erhoben auf alles Land zwischen den 
Dragoon Mountains im Südosten, dem Mogollon-Rim im 
Westen und der Gran Desierto im Süden.
 

Cochises Chiricahuas, die Kerntruppe seiner Streitmacht, 

blieb im Angesicht der unaufhaltsamen Flut weißer Siedler, 
Goldgräber und Desperados nur noch eine Devise: Raube, 
ohne erwischt zu werden, töte, ohne getötet zu werden. Ein 
Kampf ohne Erbarmen entflammte in den Canyons, Tälern und 
Wüsten. Ein Kampf, dessen Schilderung in dieser Serie nicht 
die ganze Brutalität wiedergeben kann, wie sie uns die 
Geschichte überliefert hat.
 

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1871 gelang es Cochise, die meisten Stämme der Apachen zu 

einer einzigen Widerstandsfront gegen die Eindringlinge aus 
Nord und Süd, Weiße und Mexikaner, zu vereinen. Die 
blutigsten Massaker auf beiden Seiten waren die Folge.
 

Auf ihren flinken Ponys überfielen die Krieger in kleinen 

Gruppen Wagenzüge und Posthaltereien im Norden, um am 
nächsten Tag schon Farmer und Goldgräber im Süden oder 
eine Patrouille der Army im Westen anzugreifen.
 

Militär und Siedler waren macht- und hilflos und ohne eine 

Möglichkeit gezielten Widerstandes den ständigen 
Apachenangriffen ausgesetzt.
 

Wenn 1870 General Sherman nach Washington schrieb: 

»Wir führten einen Krieg gegen Mexiko, um Arizona zu 
bekommen, wir sollten jetzt einen Krieg führen, um dieses Land 
wieder loszuwerden«, so kennzeichnen diese Worte die 
verzweifelte Hilflosigkeit des Militärs.
 

Diese nach authentischen Überlieferungen verfaßte Serie soll 

dem größten aller indianischen Führer ein Denkmal setzen: 
Cochise.
 

Dem Wirken dieses Mannes und seinem Weitblick für 

politische Veränderungen ist es zu verdanken, daß diese Story 
mit ihrer ganzen Dramatik wahrheitsnah niedergeschrieben 
werden kann.
 

Unsere Autoren fühlen sich verpflichtet, neben der 

Herausstellung der abenteuerlichen Charaktere, die in jener 
Zeit Geschichte machten, auch der historischen Wahrheit die 
Ehre zu geben.
 

Nichts soll verschwiegen, nichts hinzugefügt oder entstellt 

werden. 

Ihr Martin Kelter Verlag 

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*** 

Slim Jackson rutschte nervös auf dem harten Sitzbrett der 
Kutsche hin und her. Der Begleiter fingerte an der Winchester 
herum, spannte den Hahn, ließ ihn wieder zurückgleiten und 
sah sich immer wieder unruhig um. Slims Haltung erinnerte an 
eine gespannte Bogensehne. Er war auf alles vorbereitet und 
wartete wohl nur darauf, daß es losging. 

»Was beißt dich, Partner?« fragte Biff Kelford grinsend. 

»Hast du dir in Lorrys Haus der roten Laterne Flöhe geholt?« 

Jackson schnaubte verächtlich. Allmählich reichten ihm die 

Anspielungen. Ein einziges Mal war er bei Lorry gewesen. 
Aber er hatte sich keines der Girls ausgesucht, um sich damit 
im Zimmer zu amüsieren. Nein, Biff wußte, daß es bei Lorry 
immer etwas zu essen gab. Doch sooft er seinen Bekannten 
erklärte, daß er nur wegen eines Stews dorthin gegangen war, 
weil die anderen Speisehäuser schon alle geschlossen waren, 
brachen die verdammten Kerle in brüllendes Gelächter aus. 

»Gestern habe ich bei McMurray gegessen«, sagte Slim 

wütend. »Und wenn sich Flöhe auf mir tummeln, dann 
stammen sie von dir, Mensch.« 

Biff merkte, daß sein Wächter keine Lust hatte, auf den Spaß 

einzugehen. 

»Was hast du denn?« fragte der Fahrer. 
»Indianer«, antwortete Jackson. »Ich spüre sie, Mann. Sie 

sind in der Nähe, Biff. Verdammt, wenn ich sie doch nur sehen 
könnte.« 

Kelford fuhr sich mit der flachen Hand über das stoppelige 

Kinn. 

»Du weißt ja«, sagte er, »wenn du 'nen Apachen siehst, rollt 

dir im nächsten Moment auch schon der Kopf vor die Füße. 
Die roten Brüder verstehen was von Tarnung.« 

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»Du machst mir richtig Mut«, sagte Jackson mißmutig. »Ich 

ahne, daß sie uns beobachten, und du redest von rollenden 
Köpfen.« 

»Wir haben nur noch die Steigung vor uns«, sagte Biff 

Kelford gelassen. »In einer halben Stunde stehen wir an 
Jeffords' Station. Thomas und seine Leute halten die Augen 
offen. Wenn Apachen angreifen, bekommen wir Hilfe.« 

Slim schwieg sich aus. Er beobachtete die Umgebung, 

musterte die Ausläufer der Chiricahua Mountains und glaubte, 
hinter jedem Felsbrocken Dutzende von Apachen zu sehen. 

Kelford hob die Peitsche. Das Schnurende knallte zwischen 

den beiden vorderen Deichseltieren. Sofort legten sich die 
Pferde stärker in die Geschirre. Die Concord rumpelte und 
ächzte. Noch verlief die Steigung sanft, und jeder Schwung 
erleichterte den Tieren den Weg nach oben. 

»Da sind sie!« stieß Jackson aufgeregt hervor und riß die 

Winchester an die Schulter. 

Biff fuhr herum und fluchte. 
Slim hatte recht. Zwischen den Felsbrocken und 

Geröllhalden galoppierten mindestens zehn Pferde heraus. 

»Fahr langsamer, dann erwische ich zwei oder drei«, sagte 

Slim. 

Aber Biff dachte nicht daran, die Geschwindigkeit zu 

verringern. Jede Wagenlänge mehr zur Paßstation brachte sie 
der Sicherheit und Hilfe näher. 

Ein Schrei drang aus der Kutsche. 
»Verdammt, sie haben die Burschen gesehen«, sagte Biff. 
»Indianer!« kreischte eine Frau. »Sie verfolgen uns. Wir 

werden alle sterben. Mein Gott…« 

»Halt den Mund!« rief Jackson. »Dreh bloß nicht durch, du 

dämliche alte Schachtel.« 

Das Geschrei steigerte sich zu einer wahren Flut von 

Schimpfworten, die selbst einen abgebrühten Maultiertreiber 
verblüfft hätten. 

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»Ich kann verstehen, daß der Kerl sich in die Büsche 

geschlagen hat«, sagte Biff leise zu Jackson. »Wenn diese Frau 
richtig loslegt, macht sie ganz allein eine harte Mannschaft 
fertig.« 

Die nicht mehr junge Frau war vor zwei Wochen nach 

Tombstone gekommen, weil sie ihren Mann suchte. Sie wußte 
nur, daß er irgendwo Gold schürfen wollte. Da sie von ihrem 
besten Stück schon seit einem halben Jahr nichts mehr gehört 
hatte, wollte sie selbst nach ihm sehen. 

Wie ein Ungewitter war die resolute Dame über Tombstone 

hereingebrochen. Sie hatte einen Riesenwirbel gemacht, aber 
irgendein wohlmeinender Zeitgenosse hatte ihrem Mann einen 
Tip gegeben. Der hielt sich wohlweislich in der Wildnis 
versteckt und wartete darauf, daß seine bessere Hälfte die 
Suche aufgab. 

Und nun transportierten Biff Kelford und Slim Jackson die 

streitbare, schwergewichtige Frau zurück nach Osten. 

»Sie halten den Abstand«, meldete Slim verwundert. »Was 

bedeutet das?« 

»Vielleicht wollen die Krieger uns erst kurz vor der Station 

die Haut abziehen«, antwortete Biff so laut, daß die Passagiere 
seine Worte hören mußten. 

Grinsend wartete Kelford auf die Reaktion aus dem Kasten. 
»Kutscher!« kreischte die Frau. »Ich verlange, daß Sie sofort 

etwas unternehmen! Ich habe meine Fahrkarte bezahlt. Sie sind 
dafür verantwortlich, daß ich heil und gesund ankomme.« 

»Wir schmeißen sie einfach raus, wenn die Apachen näher 

kommen«, schlug Slim vor. »Sie schafft bestimmt acht Krieger 
allein mit ihrem Mundwerk.« 

Kelford zog eine verächtliche Miene. Er hatte genug damit 

zu tun, die sechs Zugpferde so zu lenken, daß sie in den 
Kurven der Paßstraße keine Kraft verschwendeten. 

»Ich glaube, es sind Chiricahuas«, sagte Slim. »Verstehst du 

das, Partner? Hat der große Häuptling angeordnet, daß jede 

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Kutsche überwacht wird?« 

»Keine Ahnung«, erwiderte Biff Kelford. 
Er dachte daran, daß Cochise und seine Krieger erst vor 

wenigen Tagen eine Concord der Butterfield Line vor einem 
Schwarm Tonto-Apachen gerettet hatten. 

»Wie weit liegen sie zurück?« fragte der Fahrer. 
»Sie halten den Abstand«, antwortete Slim. »Ich glaube nicht 

mehr, daß sie es auf uns abgesehen haben. Sieht wirklich wie 
'ne Eskorte aus. Hoffentlich kann uns Jeffords erklären, was 
das bedeutet.« 

Jackson kniete auf dem Sitzbrett. Die Winchester lag auf den 

Gepäckstücken der Passagiere und tanzte im schwankenden 
Rhythmus der Kutsche. Es war unmöglich, auch nur einen 
Apachen zu verwunden, wenn Biff diese Geschwindigkeit 
beibehielt. 

Aber Slim Jackson brauchte sich nicht auf einen Kampf 

vorzubereiten. Inzwischen glaubte er selbst nicht mehr an einen 
Überfall, sondern eher an Begleitschutz durch die Krieger. 

Der Weg stieg steiler an. Immer langsamer wurden die 

Pferde. Nach weiteren 120 Yards fielen sie in Schritt zurück. 

Gespannt blickte Slim zu den Verfolgern. Sie trieben gerade 

ihre Ponys an. 

Slim preßte die Lippen zusammen und atmete tief durch. 

Nun entschied sich, ob sie weiterleben durften oder kämpfend 
sterben mußten. 

»Noch fünf Minuten ungefähr«, sagte Biff. 
Seine Finger krampften sich um die Zügel. Immer wieder 

hob er die Peitsche. Aber es war sinnlos, auf die Pferde 
einzuschlagen. Schneller konnten sie nicht werden. 

»He, Kutscher, wann holt ihr endlich ein paar der roten 

Stinker von den Pferden?« fragte ein Mann aus dem 
Wagenkasten. 

»Wenn sie angreifen«, erwiderte Jackson mit stahlhartem 

Unterton in der Stimme, »und keinen Moment früher, Mister. 

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Und wenn Sie feuern, ziehe ich Ihnen den Scheitel mit dem 
Coltlauf nach, kapiert?« 

»Ihr seid wahrhaftig verrückt«, rief der Mann. »In wenigen 

Minuten haben uns die Kerle eingeholt, und dann haben wir 
keine Chance mehr.« 

Slim kniff die Lider etwas zusammen. Der vorderste Reiter 

machte eine weit ausholende Handbewegung. 

»Cochise!« rief Jackson erleichtert. »Biff, der Jefe ist hinter 

uns. Fahr zur Seite, er will vorbei.« 

Sekunden später trabten die zähen Ponys neben der Concord. 

Der Häuptling hob kurz die Rechte. Biff und Slim legten die 
Hände an die Krempen ihrer Stetsons. 

Nur an den funkelnden Augen erkannten die beiden Männer 

auf dem Bock, daß der Jefe die furchtsamen Blicke der 
Passagiere genoß, als er mit seinem Sohn Naiche und zehn 
Kriegern vorbeizog. 

Jackson entspannte das Gewehr und stellte es in die 

Halterung zurück. 

»Mann, Mann«, seufzte der Wächter, »der große Chief hat 

'ne merkwürdige Ansicht von Humor. Er muß doch gewußt 
haben, daß uns allen die Kopfhaut juckte, als er die Verfolgung 
begann.« 

»Das wollte er sicher«, sagte Biff. »Er will zeigen, daß er 

immer noch der Boß in diesem Land ist, daß er uns Weiße nur 
duldet, Slim. Glaub mir, wenn er es will, lebt im Südwesten 
innerhalb von drei Tagen nicht mal mehr 'ne weiße Katze.« 

Slim krauste seine Stirn. Er wußte, daß Kelford recht hatte. 

Aber er wußte auch, daß Cochise inzwischen die Macht der 
Weißen kannte. Es war sinnlos, in einem großen Schlag alle 
Eindringlinge zu vernichten. Die Armee war in der Übermacht, 
und der Kampf flammte dann so heftig auf, daß er sich zu 
einem wilden Feuerbrand ausbreiten mußte, der alle Apachen 
in die ewigen Jagdgründe schickte. 

Cochise verhielt sein Pferd auf dem freien Platz vor der 

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Station. 

Thomas Jeffords ging auf den Häuptling zu. Walker und 

Kelly, die beiden Posthelfer, blickten den Chief mißtrauisch an. 
Sie musterten die Krieger, die mit ausdruckslosen Gesichtern 
auf den Pferden saßen. Die zehn Kämpfer bildeten die 
Ehrengarde des Jefe. 

»Hellauge, heute ist der Tag, an dem wir reiten werden«, 

sagte der Häuptling zu Jeffords. 

»Ja, Jefe«, sagte Thomas, »ich bin bereit. Vorher möchte ich 

nur gern die Kutsche noch abfertigen. War es nötig, den Leuten 
Angst zu machen?« 

Für Sekunden umspielte ein stolzes Lächeln die Lippen des 

Häuptlings. 

»Warum fürchten sie sich vor ein paar Apachen?« fragte 

Cochise. »Die Männer in der Kutsche besitzen doch Gewehre, 
die viele Male den Tod hintereinander ausspucken. Sie haben 
Revolver, die sechs Krieger töten können.« 

Jeffords hörte den Spott aus diesen Worten heraus, aber er 

war so klug, nicht darauf zu reagieren. Er ließ dem Jefe die 
kleine Genugtuung, daß die meisten Bleichgesichter vor der 
Macht der Apachen zitterten. 

Aber gerade diese Einstellung schürte immer wieder die 

Auseinandersetzungen zwischen den beiden Rassen. 
Mittlerweile war es so, daß die meisten Weißen sofort feuerten, 
sobald sie auch nur ein Stückchen roter Haut entdeckten. 

Die Concord rollte an den Indianern vorbei. Gleichmütig 

starrten die auf den Wagen. 

»Ladies and Gentlemen«, rief Biff lauthals, »Apache-Pass-

Station! Sie können sich die Füße vertreten, Kaffee oder 
härtere Sachen trinken und etwas essen.« 

»Ich bin doch nicht verrückt«, rief die Frau. »Da stehen die 

Rothäute. Sie warten doch nur darauf, daß wir rauskommen. 
Die ziehen uns sofort den Skalp ab. O nein, ich bleibe in der 
Kutsche.« 

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Thomas verdrehte die Augen und hob beide Hände halb 

hoch. So was fehlte ihm gerade noch, ausgerechnet in 
Gegenwart von Cochise. 

Aber der Jefe grinste nur. Sicher genoß er die Angst der 

Frau. 

»Madam, rücken Sie bitte ein wenig zur Seite«, sagte ein 

Mann. »Ich möchte raus und einen Kaffee trinken.« 

Die Concord schwankte leicht, aber schließlich öffnete sich 

die Tür, und ein schlanker Typ stieg aus. Er schaute sich nur 
kurz um, ehe er zum Stationsgebäude ging. 

Die anderen vier Passagiere stiegen ebenfalls aus. Und dann 

blickte die verängstigte Lady aus der Türöffnung. 

Thomas zwang sich, woanders hinzusehen, denn dieses 

weibliche Wesen wog sicher mehr als 200 Pfund und schien 
nicht größer als fünfeinhalb Fuß zu sein. Ächzend machte sich 
die letzte Passagierin daran, auszusteigen. Irgendwie ging das 
schief. Sie blieb mit den flammend roten Haaren an der 
Türklinke des Wagenschlags hängen und stieß einen spitzen 
Schrei aus. In der nächsten Sekunde vergaßen die Apachen 
ihren zur Schau gestellten Gleichmut. Verblüfft starrten sie auf 
die rote Perücke, die an der Klinke hing. 

Der Kopf der dicken Lady schimmerte wie eine polierte 

Kugel. Nur einige graue, dünne Haarsträhnen zierten das 
Haupt. 

Mit beiden Händen riß die Frau ihre Perücke an sich, stülpte 

sie auf den Schädel und rannte japsend zum Gebäude. 

»Welch ein Skalp«, sagte Cochise beeindruckt. Er sagte es 

auf Englisch und wußte genau, daß die Frau ihn hörte. 

Sie schrie, hüpfte wie ein Gummiball ins Haus und 

schmetterte die Tür hinter sich zu. 

Thomas Jeffords blickte den Chief lächelnd an und sagte: 

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»Reiten wir alle? Oder bleiben wir beide allein, Jefe?« 

Cochise löste seinen Blick von der Tür des Stationshauses 

und antwortete: »Wir reiten allein, Hellauge. Nur Naiche weiß, 
worum es geht. Er wird die Krieger während meiner 
Abwesenheit führen.« 

Cochises Sohn war seinem Vater wie aus dem Gesicht 

geschnitten. Wie der Häuptling besaß der zu dieser Zeit 
Achtzehnjährige einen mächtigen Oberkörper und die dunklen, 
funkelnden Augen und die Adlernase, die kühn vorsprang. Wie 
Cochise war Naiche groß, ein wahrer Riese unter den 
Apachenkriegern. 

Der Sohn des Jefe preßte seinem Pony die Fersen in die 

Seiten. Das Pferd kam bis auf einen Schritt an Jeffords heran. 

Thomas hielt dem ernsten, prüfenden Blick des jungen 

Mannes stand. Der Postmeister wußte, daß Naiche seinen Vater 
liebte und sich um ihn sorgte. Vielleicht war es ihm gar nicht 
recht, daß der Führer der Chiricahuas, der Oberhäuptling aller 
Apachenstämme, allein mit einem Bleichgesicht in die Wildnis 
der Dragoon Mountains eindringen wollte. Aber Naiche hatte 
schon mehrmals in der Vergangenheit bewiesen, daß er fair 
und gerecht war. 

»Ich wünsche mir, daß ihr dieses Gerücht aus der Welt 

schaffen könnt«, sagte der junge Krieger. »Unser Stamm wird 
sich gegen alle weißen Eindringlinge zur Wehr setzen. Kein 
Bleichgesicht hat in den Bergen der Chiricahuas etwas zu 
suchen. Der weiße Soldatenhäuptling gab sein Wort. Vergiß 
nicht dieses Wort, Thomas Jeffords.« 

Nach kurzem Überlegen entgegnete der Postmeister: »Genau 

darum reiten dein Vater und ich, Naiche. Ich will helfen, die 
Kämpfe zwischen unseren beiden Völkern zu beenden. Du 
weißt, daß ich eure Lebensweise respektiere. Aber leider 
denken nicht alle Weißen so.« 

Freimütig hatte Jeffords zugegeben, daß auch unter den 

Eindringlingen unterschiedliche Meinungen herrschten. 

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Genauso war es bei den Apachen. 

Victorio, der Anführer der Mimbrenjos, wollte gnadenlos 

jeden Weißen töten. Für ihn waren die Bleichgesichter nichts 
als Ungeziefer, das den Apachen Land und Nahrung stahl, das 
Wasser der Flüsse umleitete und so den wandernden Sippen die 
Lebensgrundlage entzog. Victorio war der wildeste Anführer 
aller Stämme. Er begriff nicht, daß die Zeit des freien 
Umherschweifens vorbei war. Er klammerte sich erbittert an 
die hergebrachte Lebensweise und brachte den 
Bleichgesichtern Brand und Tod, nur Unheil. 

Naiche blickte seinen Vater an. Cochise nickte und sagte in 

der Sprache der Chiricahuas: »Geht zurück, reitet voraus, wir 
folgen euch! Doch unser Weg ist nicht der eure.« 

Die Indianer zogen an den Zügeln, drehten ihre Pferde und 

ritten an. In langer Reihe verließen die Apachen den Paß der 
Quellen. Als letzter drückte Naiche seinem Pferd die Hacken in 
die Weichen. 

Thomas spürte, daß der junge Krieger mit dem Entschluß 

seines Vaters nicht einverstanden war. Fragend sah der 
Postmeister den Jefe an. 

Lächelnd sagte Cochise: »Naiche hat heißes Blut, Hellauge. 

Er ist wie alle jungen Männer. Zudem ist er mein Sohn und 
weiß, wie ich denke. Er kennt meine Entschlüsse und 
Vorstellungen. Er möchte mit uns reiten und die Taten eines 
Kriegers vollbringen.« 

Jeffords nickte. Er verstand, was in dem jungen Apachen 

vorging. Aber bei diesem Unternehmen waren Besonnenheit 
und Überlegung mehr wert als jeder kämpferische Einsatz. 

Es ging darum, die Legende über eine riesige Goldader, eine 

richtige Bonanza, zu zerstören. Denn diese Ader sollte mitten 
in den Dragoon Mountains liegen. Und dort lebten Cochise und 
seine Chiricahuas in ihrer Apacheria. 

Jeffords kannte die Gier der meisten Menschen nach dem 

gelben Metall. Er wußte, daß bei vielen von ihnen das 

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vernünftige Denken aussetzte, wenn es um Gold ging. 

Ein Run auf die Dragoons mußte in den 

Auseinandersetzungen im Südwesten wie eine Kanne Kerosin 
in einem Feuer wirken: explosiv. 

Norbert Walker, der Posthelfer, führte die Schimmelstute am 

Zügel heran. Er hielt respektvollen Abstand vom Maul des 
Tieres, achtete nicht auf Cochise und Jeffords, doch dafür 
blickte Norbert immer wieder zu den gelben, kräftigen Zähnen 
der Stute. 

Er kannte dieses Teufelsbiest inzwischen ganz gut. Vor dem 

Gebiß der Stute war kaum ein Kleidungsfetzen sicher. Sie fraß 
genußvoll Hemden, Armeeunterwäsche, Stetsons und sogar 
verschwitzte Halstücher. 

Biff Kelford und Slim Jackson bugsierten die letzten beiden 

Zugpferde vor die Kutsche und spannten sie in die Geschirre. 
Die beiden Fahrer hatten von Norbert gehört, daß Jeffords mit 
Cochise zu einem gefährlichen Abenteuer aufbrach und 
kümmerten sich selbst um den Pferdewechsel. 

Burt Kelly versorgte die Passagiere in der Station. Walker 

hoffte nur, daß die zahlenden Kunden der Butterfield Line erst 
dann Magenkrämpfe bekamen, wenn sie schon drei oder vier 
Wechselstationen weiter waren. Norbert hielt nicht viel von 
Kellys Kochkünsten und behauptete, Burt könnte sogar Wasser 
beim Kochen anbrennen lassen. 

Aber das war maßlos übertrieben. Doch die Tatsache blieb 

bestehen, daß Kelly einmal eine Kanne Kaffee auf die eiserne 
Herdplatte gesetzt und vergessen hatte. Die Schweinerei war 
groß gewesen. Die ganze Platte war mit verschmortem 
Kaffeemehl bedeckt gewesen, und der Gestank hatte sich erst 
nach tagelangem Lüften verflüchtigt. 

»Alle Passagiere einsteigen!« brüllte Biff Kelford und 

kletterte auf den Kutschbock. »Wir fahren in einer Minute.« 

Es dauerte nicht lange, bis die Reisenden aus dem 

Stationsgebäude kamen. Die sogenannten Gentlemen 

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benahmen sich wie vorher beim Aussteigen. Sie ließen der 
dicken Lady keine Chance. 

Und das beschwor die Katastrophe herauf. 
Schnaufend walzte die korpulente Frau auf die Concord zu. 

Sie starrte geradeaus. Cochises Mundwinkel zuckten, als er 
interessiert die flammend roten Haare beäugte, die inzwischen 
wieder den Kopf der Dicken bedeckten. 

Jeffords schwang sich in den Sattel. Norbert Walker reichte 

seinem Boß die Zügel, und für eine Sekunde spürte die 
Schimmelstute nicht den hemmenden Druck der Trense in den 
Winkeln ihres Maules. Sofort ging das Tier an, legte den Kopf 
schief und zog die Lippen zurück. 

Der Häuptling stieß einen lauten Ruf aus, aber da war es 

schon geschehen. 

Blitzschnell schnappte das Pferd zu und erwischte die roten 

Haare, zog den Kopf zurück und schlenkerte ihn hin und her. 
Das Gezeter der Lady schien das Tier überhaupt nicht zu 
kümmern. Und als die schwergewichtige Frau mit beiden 
Fäusten auf den Kopf der Schimmelstute einhieb, 
verschwanden gerade die letzten feurig schimmernden Reste 
der Perücke hinter den gelben Zähnen des Pferdes. 

»Los, wir reiten!« rief Jeffords und trieb die Stute mit lauten 

Zurufen an. 

Cochise folgte seinem weißen Freund sofort. 
»He, Boß, was sollen wir jetzt machen?« rief Walker und 

wich der Frau aus, die wild um sich schlug. 

»Gebt ihr ein Kopftuch«, antwortete Jeffords, »ersetzt den 

Schaden, zahlt, was sie verlangt. Klar?« 

»Okay, Thomas.« 
Jeffords atmete auf, als sein Pferd die erste Biegung der 

Paßstraße erreichte. Der Postmeister wandte sich im Sattel um. 
Von der Station konnte er nichts mehr erkennen. Dafür sah er 
Cochises breites Grinsen. 

»Hellauge, dein Pferd ist ein großer Skalpjäger«, sagte der 

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Häuptling und lachte amüsiert. »Warum trägt die weiße Frau 
fremde Haare auf ihrem Kopf, mein Freund?« 

Thomas tat sich einigermaßen schwer mit seiner Erklärung. 

Aber auch bei den Apachensquaws gab es vereinzelt Fälle von 
Eitelkeit, so daß Cochise die Antworten seines Freundes 
begriff. 

Bald hatten die Reiter die Paßstraße hinter sich gebracht. Der 

Weg führte durch flaches Land, das von der Sonne 
ausgetrocknet war. Der Wind trieb Staubwolken hoch und nach 
Südwesten. Vereinzelt wucherten Mesquitebüsche und 
Ocotillos, die ihre Blätter schon abgeworfen hatten. Seit dem 
letzten Regen waren Wochen vergangen. Diese Büsche warfen 
die Blätter ab, aber sie überlebten. 

Endlich erreichten Cochise und Jeffords die Dragoon 

Mountains. Der Jefe übernahm die Führung. Er ritt eine andere 
Strecke als Thomas vor kurzer Zeit. Links und rechts ragten 
brüchige Gesteinssäulen auf. Geröllberge versperrten wie 
massive Felswände den Trail, doch immer wieder fand Cochise 
einen Pfad hindurch. 

Nach mehr als einer Stunde zügelte der Häuptling sein Pferd 

und blickte zu einer Hochebene hinüber, die von zahllosen 
Gesteinstrümmern übersät war. 

Jeffords parierte seinen Schimmel neben Cochises Pony und 

kniff die Lider zusammen. Die Sonne blendete den 
Postmeister, trotzdem entdeckte er die vier Reiter, die quer 
über das Plateau kamen. 

»Ihre Pferde sind müde«, sagte Cochise. »Am Rand der 

Mesa gibt es Wasser. Selbst wenn die Männer die Quelle nicht 
finden, die Tiere wittern sie. Sie werden rasten, Hellauge.« 

Der Häuptling funkelte Thomas an und fragte: 
»Kommst du mit? Ich will hören, was die Bleichgesichter in 

meinem Land suchen.« 

Jeffords runzelte die Stirn. Er hielt Cochises Vorschlag für 

ein unnötiges Risiko. Ihr Weg lag doch klar vor ihnen, genauso 

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klar wie die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatten. 

»Warum zögerst du, Hellauge?« fragte der Jefe mit Spott in 

der Stimme. »Ich zeige dir, wie sich ein Apache anschleicht. 
Du brauchst mir nur zu folgen und dich so zu bewegen wie 
ich.« Jeffords wiegte seinen Kopf. »Ich komme mit«, 
antwortete er schließlich, »aber ich halte es trotzdem für 
gefährlich.« 

Cochise winkte verächtlich ab und sagte: »Dies ist mein 

Land, dies sind meine Berge, und kein Bleichgesicht darf hier 
ohne meine Erlaubnis umherziehen.« 

Wenn ich dabei bin, und wir werden entdeckt, dachte 

Thomas, kann ich vielleicht das Schlimmste verhindern. Denn 
wenn die Weißen einen Indianer allein erwischen, fließt Blut. 

Zwei Pferde drängten nach links. Die Reiter ließen den 

Tieren ihren Willen. Wenig später warfen die beiden Männer 
ihre Hüte hoch in die Luft und sprangen aus den Sätteln, die 
anderen Weißen kurz darauf. Einige große Felsen, die wie die 
Fingereiner Hand in die Luft zeigten, versperrten Cochise und 
Jeffords die Sicht. 

»Sie haben das Wasser gefunden«, stellte der Häuptling fest. 
Er glitt vom Pferd und führte es am Zügel. Thomas saß 

ebenfalls ab und folgte dem Jefe. Hinter einer flachen 
Anhäufung von Steinen tat sich ein fast runder Kessel auf. Eine 
Rampe, gerade so breit, daß ein Pferd darauf gehen konnte, war 
dem Loch zugeneigt. 

Nach wenigen Minuten standen Cochise und Jeffords wieder 

auf der Mesa. 

»Binde deinen Revolver fest«, forderte der Jefe. 
Thomas legte die Lederschlaufe um den Hahn. Die Waffe 

saß unverrückbar im Halfter. 

Cochise duckte sich. Wie ein geschmeidiges Raubtier glitt er 

vorwärts. Thomas wartete, bis der Häuptling hinter einem 
Felskegel verharrte. Nachdenklich blickte der Postmeister auf 
seine Reiterstiefel. Die hohen Absätze, die den Füßen in den 

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Steigbügeln Halt gaben, behinderten ihn diesmal. 

Entschlossen zog Thomas die Stiefel aus und legte sie neben 

eine flache Gesteinsplatte an den Rand des Kessels. Erst 
danach folgte Jeffords dem Chief der Chiricahuas. 

»Du solltest Klapperschlangen aus dem Weg gehen«, riet 

Cochise und deutete auf die Socken des Postmeisters. 

Der verzog das Gesicht und winkte ab. »Los, geh schon. Mit 

den Stiefeln hätte ich uns verraten.« 

Der Jefe glitt wieder vor. Nach ungefähr 100 Yards lagen die 

Deckungen weiter voneinander entfernt. Cochise machte sich 
flach. Geschickt wie eine Schlange wand er sich voran. 
Thomas blickte ihm nach. Der Rücken des Häuptlings ragte 
zwei Inches über den schützenden Stein hinaus. Aber das 
hirschlederne Hemd besaß fast die gleiche graue Farbe wie der 
Fels. Nur ein Indianer hätte den Unterschied bemerkt. 

Langsam folgte Thomas dem Häuptling. Cochise legte zwei 

Finger auf die Lippen, als der Weiße neben ihm zu Boden ging. 
Jeffords nickte. Er spürte den Gluthauch im Nacken. Sie 
durften nicht einmal mehr flüstern, denn der Wind trug jedes 
Geräusch mit sich zum Rand der Mesa, dorthin, wo die vier 
Weißen lagerten. 

Stück für Stück arbeiteten sich Jeffords und Cochise an die 

Gruppe heran. Sie waren den Männern schon so nahe 
gekommen, daß sie die Stimmen unterscheiden konnten. Aber 
noch vernahmen Thomas und der Häuptling die Worte der 
Fremden nur als verschwommene Geräusche. 

Cochise kroch zur Seite und winkte mit der Hand. Lautlos 

schob sich Thomas an seine Seite. Er begriff sofort, was der 
Apache erklären wollte. Ein schmales, ausgetrocknetes 
Bachbett gabelte sich ungefähr drei Längen vor ihnen. Cochise 
deutete auf Jeffords und auf den rechten Arroyo. 

Vorsichtig kroch Thomas weiter, tastete mit den 

Fingerspitzen den Boden vor sich ab und warf etwas Staub auf. 
Fasziniert sah Thomas zu, wie der Wind den pulverfeinen 

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Dreck mitnahm und als graue Fahne vor sich hertrieb. 

Jeffords wandte den Kopf, aber der Jefe war bereits 

verschwunden. Thomas holte tief Luft und bewegte sich nur 
ganz langsam vorwärts. Es gelang ihm, kaum Staub 
aufzuwirbeln. Heiß brannte die Sonne auf seinen Rücken. 
Schweiß rann ihm vom ungeschützten Nacken zu beiden Seiten 
des Halses herab, und das Hemd klebte ihm am Leib. 

Aber Thomas Jeffords gab nicht auf. Er arbeitete sich 

robbend weiter. Aber plötzlich blieb er reglos liegen und starrte 
die Spuren im Sand vor sich an. Im Bruchteil einer Sekunde 
blitzte der richtige Gedanke in seinem Kopf auf. 

Ohne lange zu überlegen wußte Thomas, was die 

spiralförmigen Spuren bedeuteten. 

Hier hatten sich Klapperschlangen gesonnt. Im heißen Sand 

ließen sie die Wärme auf sich einwirken und harrten der Beute. 

Unwillkürlich verstärkte sich Jeffords Schweißausbruch. 

Zögernd fingerte Thomas nach dem Colt. Mit einem Seufzer 
löste er die Hand vom Griff der Waffe. 

Ein Schuß hätte ihn und Cochise unweigerlich verraten. 
Hoffentlich kommt das Biest nicht gerade jetzt zurück, 

dachte Jeffords besorgt und setzte sich wieder in Bewegung. 

Doch als er mit dem Oberkörper auf der Spur lag, hörte er 

das durchdringende Rasseln der Klapperschlange. Wie erstarrt 
blieb Thomas liegen. 

Behutsam wandte er den Kopf. Links von ihm glitt das Reptil 

heran, richtete sich etwas auf und ließ die gespaltene Zunge im 
Wind spielen. 

Eine einzige Bewegung genügte, und die Schlange konnte 

ihren armdicken Leib nach vorn schnellen und zustoßen. 

Schweiß perlte Thomas in die Augen, brannte und ließ ihn 

blinzeln. Er hoffte, daß der Schlange die winzigen 
Bewegungen entgingen. 

Da, was war das? Der Kopf des Tieres zuckte herum, 

pendelte heftiger, und das Rasseln verstärkte sich noch. 

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Thomas sah eine verwischte Bewegung, eine Fächer aus 

Federn, der plötzlich in die Luft steilte und erkannte, was da 
heransauste: ein Rennkuckuck. Und der aufgestellte Schwanz 
diente als Bremse. Dicht neben dem Kopf der Klapperschlange 
kam der Vogel zum Stehen. 

Als das Reptil vorschnellen wollte, hieb der Rennkuckuck 

mit seinem starken Schnabel zu. Die Klapperschlange war tot, 
lag zusammengerollt vor ihrem Feind, der sich über seine 
Beute hermachte. Argwöhnisch hob der Vogel den Kopf hoch, 
legte ihn schräg und beobachtete den Menschen, der in kurzer 
Entfernung weiterkroch. Erst als Thomas mehr als drei Längen 
zwischen sich und das Tier gebracht hatte, setzte es seine 
Mahlzeit fort. 

Es kam Jeffords so vor, als wäre die Luft feuchter geworden. 

Flach atmete er dicht über dem Boden ein, bohrte einen Finger 
in den Sand und stellte fest, daß er nicht mehr aufstob. 

Jeffords war in die Nähe der Quelle gelangt. Nun unterschied 

er auch die Stimmen der Goldsucher. 

»Hoffentlich finden wir das Tal«, sagte ein Mann mit altem, 

brüchig klingendem Organ. »Ich ziehe seit über zehn Jahren 
durch diese Wildnis, aber von dem Canyon habe ich nie zuvor 
was gehört.« 

»Mann, Old Smoky«, sagte ein anderer, »du kannst doch 

nicht jeden Stein kennen. Glaubst du, daß die Geschichte nicht 
stimmt?« 

»Es wird viel erzählt, wenn es um Gold geht«, antwortete der 

Alte. 

»Und es wird auch 'ne Menge Gold und Silber im Südwesten 

gefunden«, mischte sich ein dritter Mann ein. »Wir müssen nur 
aufpassen, daß uns niemand folgt. Sobald wir das versteckte 
Tal gefunden haben, müssen zwei nach Tombstone reiten und 
die Claims anmelden. Die beiden anderen bewachen das 
Gebiet.« 

»Du hast ja große Pläne«, sagte der vierte Mann, »noch 

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wissen wir nicht, ob das Ganze nicht doch nur ein Sattelgerücht 
ist. Warum hat der alte Trapper denn niemals Gold 
eingetauscht, he? Alle kennen ihn nur mit seinen Fellen. Da 
stimmt doch was nicht.« 

»Mike, der Schwarzseher«, spottete die helle Stimme eines 

jungen Mannes. »Ich wette, du glaubst selbst dann nicht daran, 
wenn wir den gelben Reichtum in den Händen halten.« 

»Kannst schon recht haben, Kleiner. Immerhin müssen wir 

anschließend noch heil und gesund nach Tombstone kommen, 
um das Gold in Dollars zu verwandeln. Dabei kann uns 'ne 
Menge zustoßen.« 

»Indianer?« fragte ein anderer nach einer Weile. 
»Die auch, aber ich denke eher an weißes Gesindel. Sobald 

die Brüder Gold riechen, heften sie sich an unsere Fersen. Und 
das bringt die Besitzer dieses Landes auf die Pferde. Dies hier 
ist Apachenland, Freunde, vergeßt das nicht.« 

Einen Moment schwiegen die Männer. 
»Haben wir bisher nur Glück gehabt«, fragte der Oldtimer, 

»oder sitzen uns die Rothäute schon im Nacken?« 

»Das weiß kein Aas«, sagte der Bedächtige. »Soviel ich von 

Apachen verstehe, können sie uns jetzt schon umzingelt haben 
und warten nur darauf, uns die Skalps abzuziehen.« 

Drei Revolver- oder Gewehrhähne klickten. 
»Ihr Narren«, sagte der Mann, der vor Apachen gewarnt 

hatte, »das nutzt euch einen feuchten Dreck. Einen Apachen 
seht ihr erst, wenn er sich sehen lassen will. Und dann habt ihr 
nicht viel Zeit, ihn zu studieren, denn in der nächsten Sekunde 
seid ihr mausetot.« 

»Verdammt, du machst uns richtig Mut«, höhnte der jüngere 

Mann mit nervösem Unterton in der Stimme. »Ich sehe 
überhaupt nichts, nur Steine und wabernde Hitzeschleier über 
der Mesa. Warum sollten ausgerechnet hierher Apachen 
kommen?« 

»Wasser«, antwortete der erfahrene Goldsucher. »In dieser 

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Gegend ist das nasse Zeug sehr knapp. Und wo es Wasser gibt, 
tauchen über kurz oder lang auch Apachen auf. Wir sollten hier 
möglichst schnell abhauen. Laßt die Pferde noch mal trinken 
und füllt alle Flaschen und Schläuche.« 

Thomas hörte unterschiedliche Geräusche. Es dauerte nicht 

lange, bis die Goldsucher zum Aufbruch bereit waren. 

»Wohin jetzt?« fragte jemand. 
»Wir halten uns westlich«, antwortete der Anführer der 

Gruppe. »Dort durchziehen viele Canyons die Berge. Wir 
können jahrelang suchen, so viele Schluchten gibt's hier. 
Warum habe ich mich bloß auf diesen verrückten Ritt 
eingelassen?« 

Die Pferde gingen an. Deutlich hörte Thomas das Klirren der 

Hufeisen auf dem Gestein. Er riskierte es und richtete sich 
etwas auf. 

Die vier Reiter waren schon ungefähr 15 Yards entfernt. Ihre 

Pferde sahen kräftig und zäh aus, und die Ausrüstung war die 
von erfahrenen Goldsuchern. 

Langsam sank Jeffords in das trockene Bachbett zurück und 

drehte sich vorsichtig um. 

Verblüfft blickte er in Cochises dunkle Augen. Thomas hatte 

nicht das Kommen gehört. 

Der Apachenhäuptling stand auf und setzte sich auf den 

Rand des Bachbetts. 

»Sie suchen das Tal, Hellauge«, sagte der Jefe. 
»Ich glaube nicht, daß sie es finden. Und wenn, so ist uns 

eigentlich geholfen. Denn es gibt dort sicher kein Gold.« 

Nun war es der Chief, der den Freund ermahnte: »Hast du 

nicht selbst gesagt, daß ein Gerücht genügt, um die Gier der 
Weißen anzustacheln? Wir müssen dorthin und suchen, 
Hellauge. Wir müssen uns davon überzeugen, daß da kein 
gelbes Metall zu finden ist. Erst dann kannst du diese 
Bleichgesichter davon überzeugen. Wenn du erzählst, du 
habest mit eigenen Augen gesehen, daß es kein Gold gibt, 

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glauben sie dir.« 

»Ja, du hast recht, Cochise«, sagte Thomas. »Wir müssen zu 

den Pferden zurück und weiterreiten. Wann erreichen wir den 
Canyon der Seufzer?« 

Der Jefe blickte zur Sonne und antwortete: »In zwei Stunden, 

mein Freund. Und in noch einmal zwei Stunden wird es 
dunkel.« 

Cochise schritt aufrecht zu dem Felskessel, in dem ihre 

Pferde standen. Wenige Minuten später saßen die Männer auf 
den Tieren und ritten zur Quelle. Es war ein dünnes Rinnsal, 
das in ein wannenförmiges Felsbecken mündete. Von dort floß 
das Wasser langsam ab und sickerte dicht am Rand der Mesa in 
den Boden. 

Thomas beugte sich vor und sah saftige Kräuter und das 

weißrindige Fettholz. 

»Wir folgen einem anderen Weg«, sagte Cochise und deutete 

nach Süden. »Dort zweigt ein Felsenpfad ab, der uns direkt in 
den Canyon der Seufzer führt.« 

Die Pferde trabten an. Der Häuptling warf einen Blick auf 

die Überreste der toten Klapperschlange und schaute zu 
Jeffords. Zufrieden registrierte der Jefe, daß der Postmeister 
keine Miene verzog. 

Jeffords saß entspannt im Sattel. Die Schimmelstute folgte 
Cochises Hengst mit kleinen Schritten. Obwohl der Feisenpfad 
schmal war, setzte das Pferd die Hufe traumwandlerisch sicher. 

Thomas ließ die grandiose Umgebung auf sich einwirken. 

Zahllose winzige, enge Schluchten, die kaum einem Menschen 
Raum boten, durchzogen die Felsen der Dragoon Mountains. 
Hier und da wucherten Kakteen, und zähe Büsche klammerten 
sich mit ihren Wurzeln in Spalten fest, in die der Wind Erde 
geweht hatte. 

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Gesteinssäulen ragten himmelhoch auf, warfen ihre Schatten 

weit in die Schluchten und wirkten wie drohende, mahnende 
Finger. 

Endlich erreichten Cochise und Jeffords den Canyon der 

Seufzer. Thomas lenkte sein Pferd neben das des Jefe. 
Forschend blickte Jeffords den Häuptling der Chiricahuas an. 
Er wirkte auffallend ernst. Cochise sah zur Seite und sagte: »Es 
klingt in meiner Seele, Freund Hellauge. Dieses Tal ist nicht 
gut für mich.« 

Thomas dachte an die beiden Jesuitenpadres, die vor mehr 

als 100 Jahren hier von Cochises Vorfahren grausam zu Tode 
gemartert worden waren. Jeffords spürte, wie ihn Unbehagen 
beschlich. Er wandte den Kopf, musterte jeden Felsen, jeden 
Einschnitt und jeden Quadratyard des Bodens und rief sich 
energisch zur Ordnung. 

Er durfte sich nicht vom Aberglauben der Apachen anstecken 

lassen. Selbst Cochise kämpfte gegen die mysteriösen Kräfte 
seines Innern an, die auch in dem weitsichtigen, klardenkenden 
Häuptling alles beherrschten, was mit dem Tod und dem 
jenseitigen Reich zu tun hatte. 

Cochise zügelte seinen Hengst vor der steilen Granitwand, 

die Thomas bereits kannte und sprang zu Boden. Verwundert 
sah der Jefe seinen weißen Freund an und fragte: »Warum 
willst du gehen? Bleib im Sattel, der Hohlweg bietet Raum 
genug.« 

Stirnrunzelnd beobachtete Jeffords, wie sich Cochise etwas 

nach vorn beugte und sein Pferd in den engen Spalt lenkte, der 
links hinter der Felswand in das versteckte Tal führte. 

Thomas saß wieder auf und klopfte der Stute den Hals. Sie 

schnaubte leise und ging los. Instinktiv zog Thomas den Kopf 
ein, als er durch den Hohlweg ritt. Aber Cochise hatte recht. Es 
war nicht nötig, zu Fuß zu gehen. 

Der Jefe erreichte den Ausgang und lenkte den Hengst zur 

Seite. Thomas verhielt seinen Schimmel und blickte in das Tal. 

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»Wir sind allein«, sagte Cochise. »Reiten wir zur Hütte. Ich 

kam von dort, als ich den Trapper fand.« 

Der Häuptling deutete nach Nordwesten. 
»Ich nahm den kürzesten Weg zu meinem Volk«, fuhr er 

fort. »Aber ich stieß auf Bü, den Boten der Götterwelt. Und 
zugleich vernahm ich das Klagen und Wimmern, mein 
Freund.« 

Cochise saß ruhig auf seinem Pferd. Aber Thomas spürte 

deutlich, daß der Apache innerlich stark bewegt war. 

»Ich entdeckte etwas Helles. Als ich näher gekommen war, 

sah ich, daß dort ein Weißer lag. Seine Arme und Beine waren 
weit zu den Seiten hin ausgestreckt. Hände und Füße des 
Weißen hatten seine Feinde an Pflöcken befestigt. Ich befreite 
den Mann und gab ihm Wasser. Er kam zu sich und sagte, daß 
ihn fünf Mimbrenjos überfallen hatten. Ich brachte ihm aus 
seiner Hütte Kleidung, aber er war zu schwach. Der 
Fallensteller kannte mich. Sein Name ist Bill Mader. Er sagte, 
die Mimbrenjos hätten mich kommen sehen und die Flucht 
ergriffen. Sie fürchteten meinen Zorn, weil sie in meinen 
Bergen gejagt hatten. Ich brachte Bill Mader in seine Hütte, 
erlaubte ihm, weiterhin hier Fallen zu stellen. Als ich davonritt, 
lebte er noch.« 

Jeffords nickte bedächtig. Er glaubte Cochise, hatte keinen 

Grund, an dessen Worten zu zweifeln. Und doch hatten 
Thomas und der Rote Elch nur ein Skelett gefunden. Weder an 
den Knochen noch am Schädel waren Verletzungen zu 
erkennen gewesen. 

»Wer hat ihn getötet?« fragte Jeffords. »Sind die Mimbrenjos 

vielleicht zurückgekommen?« 

Cochise schüttelte den Kopf und antwortete: »Bestimmt 

nicht. Sie wußten, daß ich in der Nähe war.« 

»Dann ist der Trapper an seinen Verletzungen gestorben«, 

sagte Thomas. 

Abermals schüttelte der Jefe den Kopf. 

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»Er war verletzt und geschwächt«, sagte Cochise. »Doch er 

hätte es schaffen müssen, Hellauge. Ich glaube nicht, daß er an 
den Verletzungen durch die Pflöcke starb.« 

Thomas sah den Chief nachdenklich an und sagte: 

»Natürlich, du hast recht. Nach dir hat der Alte noch mehr 
Besuch gehabt. Wie sonst konnte es zu dem Gerücht der 
großen Bonanza kommen?« 

Der Häuptling überlegte und fragte: »Du glaubst, Weiße 

haben Bill Mader gemartert, bis er von Gold redete?« 

Jeffords lächelte grimmig. Seine hellen Augen wirkten auf 

einmal kalt und hart. 

»Weiße sind zu allem fähig, wenn sie Gold wittern«, 

erwiderte er verächtlich. »Sie benehmen sich schlimmer als 
wilde Tiere. Sie sehen nur noch den gelben Dreck, die ganz 
große Chance vor sich, Cochise. Und nichts, gar nichts soll sie 
von ihrem Ziel abhalten.« 

»Suchen wir das Tal ab«, schlug der Apache vor. »Vielleicht 

finden wir noch eine Spur.« 

Der Anführer der Chiricahuas ritt nach links. Er ließ seinen 

ungesattelten Hengst im Schritt weite Bögen gehen und suchte 
den Boden ab. 

Jeffords nahm sich die rechte Hälfte des fruchtbaren Tales 

vor. Aber als sie wieder bei der Hütte zusammentrafen, hatten 
sie nichts entdeckt. 

»Merkwürdig«, überlegte Thomas laut, »als ich hier war, 

fand ich noch eine Menge Felle. Sie lagen zum Abtransport 
bereit. Warum haben die Kerle, die Bill Mader ermordeten, 
diese Beute nicht mitgehen lassen?« 

Cochise wußte keine Antwort. Er musterte die Felswände 

und überlegte, wo es hier das begehrte Metall geben konnte. 

»Suchen wir die Goldader«, sagte der Jefe dann. »Vielleicht 

hatte der Fallensteller wirklich Glück, Hellauge.« 

Jeffords war skeptisch. Soviel er von der Sache verstand, gab 

es hier kein Geld. Die Felsenüberhänge sahen anders als die 

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Formationen aus, in denen Gold geschürft wurde. 

Aber Thomas ritt seine Seite des Tales langsam ab und 

suchte aufmerksam nach Spuren von Hämmern, Meißeln oder 
Sprengungen. 

»Nichts«, sagte er zu Cochise, als sie nach einer halben 

Stunde wieder die Hütte erreichten. »Überhaupt nichts, 
Cochise. Hier gibt es weder Gold noch Schürfspuren. Die 
Legende von der reichen Ader ist wirklich nur eine Legende.« 

Der Häuptling runzelte die Stirn. 
»Aber dieses Gerücht lockt die Weißen an«, sagte er. »Sie 

streifen durch meine Berge, Hellauge. Wie begegnen wir den 
Eindringlingen?« 

Thomas lächelte und antwortete: »Ich setze ein weiteres 

Gerücht in die Welt. Das heißt, ich sage die Wahrheit. Ich 
verbreite, daß ich den sagenhaften Canyon gefunden habe, was 
ja auch stimmt. Und ich erzähle haargenau, was ich hier fand: 
ein Skelett, eine halb verfallene Hütte mit kärglicher 
Einrichtung und ein paar Stapel Felle und Fangeisen. Aber 
keine Spur von Gold. Du wirst sehen, in zwei, drei Wochen 
läßt das Interesse der goldhungrigen Weißen an diesem Tal 
nach.« 

»Hoffentlich«, sagte Cochise, »vielleicht glauben dir die 

Männer nicht. Du sagst selbst, daß sie nicht mehr klar denken 
können, wenn Gold im Spiel ist. Vielleicht wollen sie sich 
selbst davon überzeugen, daß hier wirklich nichts ist.« 

Thomas blickte den Jefe lange an. 
»Das ist dein Land, Häuptling«, sagte der Postmeister, »das 

Gebiet der Chiricahuas. General Howard hat euch garantiert, 
daß ihr hier unbehelligt bleibt und nach der Art eurer 
Vorfahren leben dürft.« 

Mehr sagte Thomas nicht. Er wußte, daß Cochise ihn 

verstand. Und Jeffords wußte auch, daß die Krieger jeden 
Eindringling töten würden. 

»Reiten wir zurück, Hellauge«, sagte der Häuptling. »Hier 

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finden wir nichts.« 

Sie lenkten ihre Pferde in den Hohlweg und gelangten in das 

Tal der Seufzer. Der große Canyon bot zahllose Verstecke und 
Schlupfwinkel, denn das Gestein war verwittert und zerklüftet. 

Plötzlich zügelte Cochise seinen Hengst. Sofort parierte auch 

Jeffords seinen Schimmel und lauschte. Hufschlag näherte 
sich. 

»Wir sind weit genug weg vom kleinen Tal«, sagte Thomas. 

»Außerdem gibt es hier viele Wege, die hinein und hinaus 
führen. Was soll's also?« 

Im Schritt ließen sie die Pferde weitergehen. 
Sie ritten genau in der Mitte des Weges, der nach etwa 40 

Yards eine Biegung beschrieb. 

Thomas tastete nach seinem Revolver und löste die Schlinge 

vom Hahnsporn. Der Hufschlag wurde lauter. 

Fünf Reiter rissen zugleich an den Zügeln, als sie den 

Weißen und den Indianer sahen. Auch Jeffords und Cochise 
verhielten ihre Pferde. Die beiden Gruppen standen sich nicht 
mehr als zehn Yards gegenüber. 

Die Fremden wirkten nicht vertrauenerweckend. Sie waren 
unrasiert, und ihre Kleidung hatte schon bessere Zeiten 
gesehen. 

Thomas blickte unauffällig zu den Waffen. Soweit er 

feststellen konnte, waren Revolver und Gewehre gut gepflegt. 
Aber auch das war noch kein Beweis dafür, daß die fünf 
Männer auf der anderen Seite des Zaunes standen. 

Denn dies war Apachenland, und jeder hielt seine Waffen in 

Ordnung. Sie konnten ihm das Leben retten. Wasser diente 
zuerst für Mensch und Tier als Durstlöscher. Ungepflegtes 
Äußeres war in der Wildnis die Regel. 

Doch Jeffords gefielen die Visagen der fünf nicht. Die Kerle 

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blickten sich an, schienen sich wortlos zu verständigen und 
fingerten an den Colts herum. 

»Na so was«, sagte einer von ihnen nach langen Sekunden 

des Schweigens, »da denkt man, man ist ganz allein, und schon 
trifft man einen Reiter.« 

»He, Mister«, fragte ein untersetzter Typ heiser, »hast du 

Schwierigkeiten mit der Rothaut? Hat er dich in der Klemme? 
Ein Wort genügt, verstehst du?« 

Jeffords drängte den Zorn, der plötzlich in ihm aufstieg, 

zurück. Er zwang sich zu einem Lächeln, als er antwortete: 
»Hallo, Gentlemen, ich bin genauso überrascht wie Sie. Mein 
Fährtensucher scheint 'nen schlechten Tag zu haben. Wir 
bekamen rein gar nichts vor die Mündung. Das Wild scheint 
uns gewittert zu haben.« 

»Ah, auf der Jagd?« fragte einer der fünf. 
»Ja, Sie nicht?« antwortete Thomas gleichmütig. 
Abermals sahen sich die Burschen an, als verständigten sie 

sich. 

»Sicher, Mann, sicher«, sagte der Stämmige. »Habt ihr 

wirklich nichts gefunden?« 

»Leider nicht«, erwiderte Jeffords. 
Er bemerkte deutlich die mißtrauischen Blicke, die dem 

Apachen Cochise galten. 

»Vielleicht haben wir mehr Glück«, sagte einer der 

Rauhbeinigen. »Wenn wir uns auch keine Rothaut als 
Fährtensucher erlauben können, so sind wir doch entschlossen, 
Beute zu machen.« 

»He, Big Sloop«, rief der Reiter, der ganz links auf einem 

Rappen saß, »was ist mit dem Indsman? Sieht mir verdammt 
nach Apache aus. Aber er ist zu groß, denke ich. Machen wir 
uns 'nen Spaß?« 

Jeffords umklammerte den Griff seines Revolvers. 
»Was soll das heißen?« fragte er lauernd. 
Der Rothaarige kicherte. »Nur ein toter Indianer ist ein guter 

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Indianer. Kennst du den Spruch nicht?« 

Aus den Augenwinkeln beobachtete Thomas den Jefe. Kein 

Muskel regte sich in Cochises Gesicht. Er verstand die Sprache 
der Weißen genausogut, wie er Spanisch und die 
Stammessprache beherrschte. 

»Mann, laßt meinen Scout in Ruhe«, sagte Thomas. »So 

einen finde ich so schnell nicht wieder. Er kennt eine Menge 
Wasserstellen. Der Mann ist nicht mit Gold aufzuwiegen.« 

Drei der Fremden lachten laut und gemein auf. 
»Mann?« echote einer. »Mister, das sind doch Tiere, rote 

Stinker, für die 'ne Kugel schon zu teuer ist.« 

»Tim, das ist nicht unsere Sache«, wies der Anführer der 

Gruppe den Großmäuligen zurecht. »Wenn der Mister Spaß 
daran hat, sich 'ne Rothaut zu halten, so ist das seine Sache, 
klar?« 

Die anderen nickten und machten verdrossene Gesichter. 

Wahrscheinlich stand ein Indianer bei ihnen noch unter einem 
Chinesen. Sie gehörten zu jener Sorte, die nur weiße Haut 
akzeptierten, gleichgültig wie schlecht oder verdorben sie war. 

»Bleiben Sie in der Gegend?« fragte der Anführer der 

Gruppe etwas zu gleichgültig, wie Thomas fand. 

»Wenn wir eine gute Fährte finden, vielleicht«, antwortete 

der Postmeister. »Aber wahrscheinlich ist das Wild auf und 
davon.« 

Der Rothaarige ließ sein Pferd einen Schritt weitergehen. 

Zornig starrte er Jeffords an. 

»Willst du damit sagen, daß wir das Wild verjagt haben?« 

fragte der Kerl wütend. 

Thomas kannte die Sorte, zu der dieser Bursche gehörte. Er 

war auf einen Streit aus. Und wenn er sich genügend in Rage 
gebracht hatte, hielt ihn nicht mal mehr sein Anführer zurück. 
Dann knallte es, dann floß Blut. Und das alles nur, weil dieser 
rothaarige Narr verrückt nach einem Kampf war. 

Jeffords schüttelte den Kopf und zwang sich ein Lächeln ab. 

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»Mister, wir sind schon seit Tagesanbruch unterwegs. Bisher 
haben wir nicht mal 'ne Klapperschlange zu sehen bekommen.« 

»Red, zurück!« befahl der Stämmige scharf. »Wir sind nicht 

hier, um Ärger zu suchen. Das weißt du genau.« 

Thomas war klar, daß die fünf Kerle den Jefe nicht 

erkannten. Vielleicht war das gut so. Denn Burschen von ihrer 
Art hätten bestimmt zu den Colts gegriffen, wenn sie gewußt 
hätten, daß sie vor Cochise standen. 

»Walt, mir gefallen die beiden nicht«, hetzte Red. »Wie kann 

sich ein weißer Mann nur mit 'ne Rothaut abgeben? Da stimmt 
doch was nicht. Ich will wissen, woher sie kommen, was sie 
hier suchen.« 

Cochises dunkle Augen funkelten zornig. Thomas erkannte, 

daß der Stolz des Jefe bald stärker als die Beherrschung wurde. 

In der Sprache der Chiricahuas sagte Thomas leise: »Ich bitte 

dich, laß dich zu nichts hinreißen, Freund. Ich möchte 
feststellen, was die Kerle hier suchen.« 

Der Häuptling nickte. Er verstand, was Jeffords wollte. 
»He, Red, hör zu«, sagte der Postmeister mit einem harten 

Unterton in der Stimme, »es geht dich einen Dreck an, was ich 
hier mache. Es geht dich noch weniger an, warum ich den 
Indianer bei mir habe. Begreifst du das, Freundchen?« 

Der Rothaarige grinste breit. In seinem Gesicht stand die 

Genugtuung geschrieben, daß er nun einen Grund hatte, diesen 
fremden Kerl herauszufordern. 

Aber bevor der Schießer loslegen konnte, drängte der 

Stämmige sein Pferd hinüber. Als Red zum Revolver griff, 
packte der Anführer des Rudels blitzschnell zu. 

»Verdammt, Big Sloop, was soll das? Glaubst du, ich ließe 

mich von 'nem hergelaufenen Indianerfreund beleidigen? 
Nimm die Hand weg, los! Ich verpasse dem Kerl 'ne Kugel.« 

Thomas zog ganz gemächlich seinen Revolver und spannte 

den Hahn. 

»In Ordnung, Mister, laß ihn nur los«, sagte Jeffords kalt. 

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»Na, wo ist dein großes Maul jetzt, Red?« 

Der Rothaarige kochte vor Wut. Aber er hatte den Hahn noch 

nicht gespannt, und zum anderen hielt Big Sloop Reds 
Handgelenk in eisernem Griff. 

Der Stämmige sagte zu Thomas: »Mister, er ist ziemlich 

hitzig. Wir sind schon 'ne ganze Weile unterwegs, und Red ist 
immer sehr nervös, wenn ihm was begegnet, mit dem er nicht 
gerechnet hat. Ich möchte keinen Ärger, wahrhaftig nicht, und 
ich will Ihnen auch keinen Befehl geben. Aber ich denke, Sie 
sollten jetzt besser weiterreiten. Sie verstehen mich?« 

Jefford nickte. O ja, er verstand sehr gut. Er begriff sogar 

mehr, als der Stämmige ahnte. Denn diese fünf Burschen 
hatten einen besonderen Auftrag, sonst hätten sie sich nicht so 
benommen. Und wenn es kein Auftrag war, so folgten sie doch 
einem bestimmten Plan. Der Anführer wollte keinen Stunk. 
Sicher dachte er an den Indianer. Wenn der entkam, konnte es 
für die fünf Weißen schlimm werden. 

»Sie sollten ihn am kurzen Zügel halten«, sagte Jeffords. 

»Sonst stopft ihm eines Tages jemand sein großes Maul mit 
Blei.« 

Thomas preßte seiner Stute die Hacken in die Flanken. 

Cochises Hengst ging zur gleichen Zeit an. Die beiden Pferde 
fielen in Trab. Jeffords spürte, daß Schweiß in seinen Nacken 
lief. Der Postmeister wartete auf das Krachen eines Schusses, 
doch nichts geschah. Die Fremden ließen ihn und Cochise 
ungehindert weiterreiten. 

Sie erreichten die Biegung, umrundeten sie und blickten kurz 

zurück. Kein Reiter folgte ihnen. Aber die fünf Männer hatten 
ihren Tieren ebenfalls die Zügel freigegeben. 

»Ich möchte wissen, wohin die Halunken wollen«, sagte 

Thomas zu Cochise. »Am liebsten würde ich sie verfolgen.« 

Der Jefe lächelte und wiegte den Kopf: »Du glaubst, daß sie 

Bill Maders Mörder sind?« 

»Ja.« 

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»Du willst wissen, ob sie das kleine Tal kennen«, sagte 

Cochise. »Gut, folge mir, Hellauge. Der Canyon der Seufzer 
hat viele Verstecke. Wir können die Pferde nicht mitnehmen.« 

Der Jefe lenkte seinen Hengst zwischen halbhohe 

Felsklippen und war wie vom Erboden verschwunden. Thomas 
zupfte am Zügel. Die Stute folgte willig. Nach etwa 20 Yards 
parierte der Postmeister den Schimmel, denn Cochise war 
abgesessen. 

»Wir müssen die Pferde führen«, erklärte der Häuptling. 

»Wir bringen sie in ein Versteck, das nur die Apachen 
kennen.« 

Cochise sah Thomas ernst an. 
»Ich respektiere eure Geheimnisse«, sagte Jeffords. »Ich 

werde sie nur ausnutzen, wenn es nicht anders geht. Das 
verspreche ich dir.« 

Der Jefe nickte, setzte sich in Bewegung und hielt seinen 

Hengst kurz am Zügel. Der Pfad war so schmal, daß eigentlich 
nur Bergziegen sicheren Halt finden konnten. Thomas blickte 
nicht nach rechts. Dort gähnte der Abgrund. 

Ein einziger Fehltritt des Pferdes, und es war um das Tier 

geschehen. Und dann riß es auch seinen Herrn mit in die Tiefe. 
Doch die Schimmelstute setzte sicher Huf vor Huf. 

Cochise bog auf einmal scharf nach links ab. Beinahe wäre 

Thomas weitergegangen, denn die Felsspalte war kaum zu 
sehen. Er führte sein Pferd hinein. Die Luft war feucht. 

Im Halbdunkel schimmerte ein Teich. Tropfen fielen von der 

Decke der Höhle, und an der Rückwand rann Wasser herab. 

»Hier sind die Tiere sicher«, sagte Cochise. »Sie haben 

genug zu trinken. Allein werden sie nicht hinausgehen. Komm, 
Hellauge, ich führe dich durch den Canyon der Seufzer, aber 
auf den Pfaden der Chiricahuas. Laß dein Gewehr hier. Es 
behindert dich nur.« 

Thomas klopfte seiner Stute den Hals, warf ihr die Zügel 

über den Kopf und folgte Cochise, der lautlos zum Ausgang 

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glitt. 

Der Häuptling ging den Felspfad weiter bergauf, der vor mehr 
als einer mannshohen Geröllbarriere kaum fußbreit endete. 
Zweifelnd blickte Thomas den Jefe an, als der zielsicher auf 
die Sperre zuging. 

Nach dem ersten Schritt rutscht das Gestein nach und 

verschüttet uns, dachte Jeffords. 

Cochise kletterte ohne Zögern über die Halde, und nicht mal 

ein Felssplitter löste sich unter seinen Füßen. Als der Jefe auf 
dem Kamm stehenblieb und zurückblickte, lächelte er über 
Jeffords verblüfften Gesichtsausdruck. 

»Komm, Hellauge, aber weiche nicht von dem Weg ab, den 

ich nahm«, sagte der Häuptling. 

Nur unwillig kam Thomas der Aufforderung nach. Einmal 

wankte ein Stein unter ihm, aber als der Postmeister behutsam 
sein Gewicht verlagerte, gewann er festen Halt. 

»Das ist unglaublich«, sagte er, als er auf der Kuppe der 

Barriere neben Cochise war. »Niemand vermutet einen 
sicheren Weg in diesem steinigen Gelände. Für einen Verfolger 
verschwindest du spurlos, wenn du einen kleinen Vorsprung 
hast.« 

Cochise lächelte, als er sagte: »Wir nutzen nur das aus, was 

die Natur geschaffen hat. Aber die Bleichgesichter sind blind 
und taub, die meisten wenigstens. Mein Freund Falke sieht 
mehr als die übrigen Bleichgesichter, aber auch er ist noch 
lange kein Apache.« 

Falke – so nannte Cochise den Scout John Haggerty. General 

Oliver O. Howard hatte ihn zum Lieutenant gemacht und neben 
Al Sieber zum Chiefscout ernannt. Nur Haggerty war es zu 
verdanken gewesen, daß Cochise in einer elftägigen 
Verhandlung mit Howard sechs Monate Frieden zugesichert 

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hatte. 

Aber obwohl der große Jefe als oberster Führer aller 

Apachen galt, hielten sich doch nur seine Chiricahuas an die 
Befehle. Die anderen Jefes, Victorio von den Mimbrenjos und 
Santana von den Tontos, blieben erbitterte Feinde aller Weißen 
im Südwesten. Zudem war Victorio der größte Rivale im 
Machtkampf um die Oberherrschaft. Cochises Vorgänger 
Mangas Coloradas war ein Mimbrenjo gewesen. Und Victorio 
vertrat die Ansicht, daß wieder ein Mimbrenjo alle Stämme 
führen sollte. 

Aber Cochise kannte die Macht der Weißen. Ihm war längst 

klargeworden, daß die Apachen einen verzweifelten Kampf 
führten. Er ahnte, daß der Untergang seines Volkes nur noch 
eine Frage der Zeit war. 

Oft sagte Cochise: »Wir töten hundert Bleichgesichter, aber 

tausend folgen ihnen in dieses Land, das uns gehört.« 

Die angestammte Lebensweise der Apachen war dem 

Untergang geweiht. 

Cochise wollte nur, daß die Stämme mit möglichst wenig 

Verlusten diese Vertreibung überstanden. Vielleicht träumte er 
davon, daß der Große Geist eines Tages alle Weißen 
hinwegfegte und das weite Land seinen roten Kindern 
zurückgab. Wer wußte das schon. 

»Siehst du den Pfad?« fragte der Jefe. 
Jeffords kniff die Lider etwas zusammen. Sie standen hoch in 

den zerklüfteten Randfelsen des Canyons. Wie ein gewaltiger 
Buckel wölbte sich ein blanker Felsrücken und versperrte die 
Sicht in das Tal der Seufzer. 

Thomas deutete zu diesem Rücken und sagte: »Dort, am 

Fuße der Wölbung, denke ich.« 

Cochise nickte zufrieden. Auch Hellauge gehörte zu den 

Weißen, die mit offenen Augen durch die Welt zogen. 

Mit federnden Schritten ging der Häuptling voran. Als er 

plötzlich verschwand, runzelte Jeffords die Stirn. Aber er 

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kannte inzwischen die Tricks und hielt nach einer Felsspalte 
Ausschau. Er fand eine glatte, wie poliert wirkende Rinne, die 
sich durch den gewölbten Gesteinsrücken wie eine tiefe Furche 
zog. Cochise lag auf dem Bauch und wartete. 

Als er hörte, daß sein weißer Freund hinter ihm zu Boden 

ging, kroch der Jefe los. Er bewegte sich geschmeidig wie eine 
Schlange voran und hob sich nie so weit vom Boden, daß Kopf 
oder Schultern über die Ränder der Rinne ragten. 

Thomas' Muskeln verkrampften sich, als er die halbe Strecke 

zurückgelegt hatte. Er zischelte. Sofort blieb Cochise reglos 
liegen. 

»Du kannst sprechen, aber leise«, raunte er. 
»Ich muß ein paar Minuten warten«, sagte Jeffords und 

verwünschte seine Schwäche. 

Aber es war nicht jedermanns Sache, sich wie eine Schlange 

oder Schildkröte kriechend zu bewegen. 

Cochise gab Thomas etwa fünf Minuten, ehe er weiterglitt. 

Thomas holte tief Luft und folgte dem Häuptling. 

Endlich hatten sie das Felsengebiet durchquert und gelangten 

in eine Steinformation, die unüberwindlich schien. 
Nadelscharfe Felsspitzen ragten wie die Splitter einer Flasche 
dicht nebeneinander auf. Einzelne Kegel erreichten die Höhe 
eines ausgewachsenen Mannes. 

Cochise wartete, bis Thomas hinter ihm stehenblieb und 

sagte: »Du mußt deine Füße genau in meine Spur setzen, 
Hellauge, sonst bist du verloren.« 

Langsam ging der Apache voran. Jeffords war froh, nicht 

mehr auf dem Bauch kriechen zu müssen. Er blieb dicht hinter 
Cochise. Obwohl er sich bemühte, genau auf dieselben Stellen 
wie der Jefe zu treten, spürte er doch ab und zu, daß sich die 
scharfen Spitzen in seine Stiefelsohlen bohrten. 

»Jetzt wird es leichter«, raunte der Häuptling, als sie das 

Hindernis hinter sich gebracht hatten. 

Vorbei an hausgroßen Felsen arbeiteten sich die beiden 

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Männer weiter vor. Thomas wandte sich um und erkannte, daß 
sie dicht am Rand des Tales sein mußten. 

»Dort hinten, siehst du die drei Steinsäulen?« fragte Cochise 

und wies mit der Hand auf eine Gruppe hoch aufragender 
Felsen. »Dort ist das Ende des Tales.« 

Minuten später sank der Jefe zu Boden und schob sich dicht 

an den Rand des Abgrundes. Thomas rutschte neben Cochise 
und hielt sekundenlang den Atem an. Von seinem Standort aus 
überblickte er fast das ganze letzte Drittel des Canyons der 
Seufzer. Die steile Felsplatte, die scheinbar den Abschluß des 
Tales bildete, schien zum Greifen nahe zusein. 

»Die Bleichgesichter sind noch nicht vorbeigeritten«, sagte 

Cochise. 

Sie brauchten nicht lange zu warten. Nach wenigen Minuten 

hörten sie Hufschlag. Im Schritt gingen die Pferde der fünf 
Kerle genau in der Mitte des Tales. 

»Ich denke, das sind die Mörder des Trappers«, flüsterte 

Thomas Cochise zu. »Was suchen die Burschen hier?« 

Der Jefe antwortete nicht. 
Gespannt beobachteten er und Jeffords, wie die Reiter ihre 

Pferde auf die linke Seite der Felsspalte zulenkten und in dem 
Hohlweg verschwanden, der im kleineren Tal des Trappers 
endete. 

»Du hast recht, Hellauge«, sagte Cochise. »Komm, folgen 

wir den Männern. Oder willst du nicht wissen, was sie zu 
finden hoffen?« 

Thomas runzelte die Stirn und sah sich um. Nirgendwo 

entdeckte er einen gangbaren Weg, über den sie in das 
fruchtbare Tal hätten gelangen können. 

Aber der Jefe glitt bereits im rechten Winkel vom Rand des 

Canyons und kletterte zwischen den Felsen umher. Als Thomas 
ihn eingeholt hatte, fragte er: »Ich denke, der Hohlweg ist der 
einzige Zugang, mein Freund?« 

»Der einzige, der Platz genug für ein Pferd bietet«, 

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antwortete der Häuptling. »Für einen Apachen gibt es zahllose 
andere Wege.« 

Hoffentlich vergißt er nicht, daß ich kein Apache bin, dachte 

Thomas besorgt und fürchtete ein erneutes Kriechen. 

Aber Cochise führte seinen weißen Freund über halbwegs 

gute Pfade zum Ziel. Als der Jefe irgendwann stehenblieb, 
deutete er mit der Rechten nach unten und fragte: »Noch näher, 
Hellauge?« 

Thomas schob sich vor und blickte in das grüne Tal hinab, 

das Bill Maders Heimat gewesen war. 

»Wir sollten versuchen, runterzukommen«, sagte Jeffords 

nachdenklich. »Die Halunken haben den Eingang gekannt, 
Cochise. Sie sind schnurstracks hinter die Felsplatte geritten. 
Ich möchte rausfinden, was sie hier suchen.« 

Der Häuptling winkte kurz und ging auf eine Kerbe im 

Gestein zu. Als Thomas neben den Jefe trat, bekam er 
unwillkürlich eine Gänsehaut. Die Kerbe war eine schmale und 
sehr tiefe Spalte. Beinahe senkrecht fielen die Wände bis fast 
zum Talgrund ab. 

Cochise lächelte, als er in den Schacht kletterte. Der Apache 

stemmte sich mit Rücken und Füßen gegen die Wände und 
arbeitete sich so langsam abwärts. Jeffords ließ Cochise 
genügend Vorsprung, bis er selbst auf die gleiche Art hinterher 
kletterte. 

Unten schlich der Jefe lautlos zur Seite. Thomas folgte ihm 

und gelangte in eine Höhle, die so groß wie ein Tanzsaal in 
Tombstone war. Unbehagen befiel Thomas Jeffords, als er sich 
aufrichten wollte und mit dem Kopf an die Decke stieß. 

Durch einen Spalt fiel so viel Licht in die Höhle, daß Thomas 

den gewachsenen Fels erkennen konnte. Er kämpfte seine 
Platzangst nieder und ging dicht neben dem Jefe zu Boden. 

Sie konnten das ganze Tal übersehen. 
Die fünf Reiter stiegen neben der halb verfallenen Blockhütte 

aus den Sätteln und lösten die Gurte. Kurz darauf brannte ein 

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rauchloses Feuer. Einer der Männer holte Wasser von der 
Quelle hinter dem Haus, ein anderer stapelte Steine im offenen 
Viereck und setzte die Pfanne über die Flammen. 

Kein Zweifel, die Leute kannten sich aus. 
»Bill Mader starb nicht an den Folgen der Folterung«, sagte 

Thomas zu Cochise. »Da siehst du seine Mörder, Jefe. Ich muß 
feststellen, was sie hier wollen. Sobald es dunkel genug ist, 
schleiche ich mich an und werde sie belauschen. Vielleicht 
erfahre ich genug, um handeln zu können.« 

Der Apachen-Häuptling legte Jeffords eine Hand auf den 

Unterarm und lächelte: »Laß mich gehen, Hellauge. Ich kenne 
mich aus. Du begibst dich in unnötige Gefahr.« 

Thomas winkte ab. »Nein, Freund, das ist meine Sache. 

Wenn die Sache schiefgeht und du geschnappt wirst, schneiden 
die Lumpen dir die Kehle durch. Vergiß nicht, du bist für sie 
nur ein Indianer. Du hast doch vorhin gemerkt, wie sie darauf 
reagieren. Ich dagegen kann mich rausreden, wenn sie mich 
erwischen.« 

Cochise schwieg. Er hatte seinen Vorschlag gemacht und 

drang nicht weiter in Jeffords, obwohl er eine böse Vorahnung 
hatte. Doch er akzeptierte die Entscheidung seines Freundes. 

Die Sonne versank im Westen. Für Minuten tauchte sie den 
Rand des kleinen Tales in rotgoldenes Licht. Zwielicht 
verzerrte im Canyon alle Dinge zu grotesken Gebilden. 

Die Flammen in der Feuerstelle loderten höher auf. 

Unbekümmert lagen die Kerle im hellen Schein, als gäbe es 
keine Apachen. Die fünf fühlten sich sicher. 

Thomas machte sich bereit. 
Lautlos kroch er durch die Spalte, glitt die zwei Yards über 

die schräge Steinfläche und gelangte in das saftige Gras, das 
kniehoch wuchs. Unendlich vorsichtig arbeitete sich Thomas 

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vor. Während seiner Zeit als Scout im Bürgerkrieg hatte er 
gelernt, wie man sich einem Feind nähert. 

Immer wieder verharrte er und lauschte. Die Stimmen 

wurden deutlicher, aber noch konnte Thomas die Worte nicht 
unterscheiden. Er mußte näher heran. Ein dicht wucherndes 
Gebüsch war sein nächstes Ziel. Ungesehen erreichte er die 
belaubten Zweige und wartete. Ab und zu verstand Jeffords 
Bruchstücke, einen halben Satz. Nicht genug, um 
Zusammenhänge herauszufinden. 

Thomas schaute zum Himmel. Der Widerschein der Sonne 

tauchte das weite Firmament in ein Rotgold. Schaudernd 
dachte Jeffords, daß dieser Schein ein Omen sein konnte. 

Er umrundete den Busch, kroch weg von der Feuerstelle und 

näherte sich in weitem Bogen dem zerfallenen Blockhaus. 
Links von der Hütte, neben dem Pfad, der zur Quelle führte, 
blieb Thomas liegen. 

»Hoffentlich kommt der Boß bald«, sagte einer der Männer. 
»Er kommt, verlaß dich drauf«, behauptete Big Sloop mit 

rauher Stimme. 

»He, hat keiner 'nen Schluck Whisky?« fragte ein anderer. 
Jeffords erkannte den Rothaarigen an der Stimme. 
»Laß das Saufen, Red«, sagte jemand. »Wer weiß, was uns 

heute nacht noch bevorsteht. Du solltest einen klaren Kopf 
behalten. Vergiß nicht, wir sind mitten im Apachenland.« 

»Pah, rote Stinker«, entgegnete Red verächtlich, »laß sie nur 

kommen. Wir schicken sie mit blutigen Köpfen zurück. Und 
ich schieße mit Whisky im Bauch immer noch besser als ihr 
nüchtern.« 

Die Kumpane lachten lauthals, und einer rief: »Dein Maul 

müssen wir noch extra totschlagen, wenn du mal zur Hölle 
fährst, Red. Ich wette, du machst des Teufels Großmutter mit 
deinem Gequatsche besoffen.« 

»Mann, hör auf«, sagte Red, »rück lieber 'ne Flasche raus.« 
»Okay, okay, aber dafür holst du Wasser. Ich habe Durst auf 

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Kaffee.« 

»Pfui Teufel! Das Zeug kann ich nur trinken, wenn es mit 

Schnaps gemixt ist.« 

Zwei Männer standen auf. Ihre Konturen hoben sich deutlich 

im Feuerschein vom dunklen Hintergrund des Tales ab. Einer 
der Kerle ging zu den Pferden, die etwas abseits standen. Als er 
zurückkam, schimmerte das Glas einer flachen Flasche im 
Licht der Flammen. 

Sekunden später hörte Jeffords, wie der Korken gezogen 

wurde und sah, wie Red die Flasche an die Lippen setzte. 

»He, wie ist das mit meinem Wasser?« fragte der andere 

Bursche. 

»Okay, ich gehe ja schon«, murrte Red und verschloß die 

Flasche sorgfältig. 

Er nahm die Kanne und latschte zum Blockhaus. 
Jeffords duckte sich tiefer, schmiegte sich ins Gras und 

hoffte, von Red nicht gesehen zu werden. 

Doch entweder war es der Whisky oder der Instinkt des 

Revolverhelden, denn der Kerl blieb genau neben Thomas 
stehen. Nach unendlich lang erscheinenden Sekunden rülpste 
Red gewaltig. Der Alkohol wirkte schon. Als der Bursche sich 
wieder in Bewegung setzte, trat er vom Weg nach links und 
stolperte über Jeffords. 

»He, verdammt, was ist das denn?« entfuhr es Red. 
Thomas schnellte hoch, riß den Revolver aus dem Halfter 

und schlug zu. Katzengewandt drehte sich der Rothaarige zur 
Seite, pendelte vor und ließ von unten die Blechkanne 
hochsausen. Sie traf mit hellem, metallischen Klang den Colt. 

»Was ist los?« rief einer seiner Kumpane. 
Jeffords' Chance war so dünn wie die eines Schneeballes in 

der Hölle. 

Er sprang zurück, zielte, wollte abdrücken, aber Red 

schnellte sich panthergleich vor, ließ die Kanne fallen, 
umklammerte Jeffords mit beiden Armen und riß ihn zu Boden. 

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Schmerzhaft prallte Thomas mit dem Handgelenk auf einen 
Stein und ließ den Revolvergriff los. 

Red schickte einen Schwinger auf die Reise. Im letzten 

Moment drehte der Postmeister den Kopf zur Seite. Aber der 
Schlag erwischte ihn doch noch an der Schläfe und ließ tausend 
bunte Sterne vor seinen Augen explodieren. 

Undeutlich vernahm Thomas Schritte, fühlte sich 

hochgerissen und davongezerrt. Die züngelnden Flammen 
tanzten zwischen den bunten Lichtem, und ein dumpfer 
Schmerz breitete sich von der Schläfe her über den ganzen 
Kopf aus. 

»Na so was, der Jäger«, höhnte ein Mann. »Hast du uns etwa 

mit 'nem fetten Bock verwechselt?« 

»Oder denkst du, wir wären ein Rudel Wölfe?« fragte ein 

anderer. »Da könntest du nämlich richtig liegen, Mister.« 

»Schluß damit!« fauchte der untersetzte Big Sloop. »Fesselt 

ihn, aber richtig! Hände auf den Rücken, Beine binden und ein 
Strick zu den Füßen. Zieht ihn so straff an, daß er krumm liegt 
und keinen Unsinn machen kann.« 

Jeffords wurde herumgedreht, und das Mühlrad in seinem 

Kopf knirschte und dröhnte immer unerträglicher. 

Ein jäher Schmerz zuckte von seinen Rippen quer durch den 

Leib, als ihn die Halunken unweit vom Feuer zu Boden warfen. 

»Laß ihn mir, Big Sloop«, rief Red aufgeregt, »ich mache ihn 

fertig. Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Dieser 
großmäulige Hundesohn, ich zahle ihm seine Beleidigungen 
heim.« 

»Mann, was suchst du hier?« fragte Big Sloop, der turmhoch 

neben dem Gefangenen aufragte. »Warum bist du uns gefolgt, 
he?« 

Jeffords preßte die Lippen zusammen und schwieg. 
Er stöhnte qualvoll, als ihn die Stiefelspitze des Halunken in 

die Seite traf. 

»Los, mach das Maul auf, wir können auch anders!« drohte 

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Big Sloop. 

»Verdammt, ich wollte nur wissen, was ihr hier sucht«, stieß 

Thomas mühsam hervor, »weiter nichts.« 

»Neugierig bist du gar nicht, wie?« fragte einer von ihnen 

spöttisch. »Wolltest du sehen, ob wir mehr Glück auf der Jagd 
haben als du?« 

Seine Gefährten lachten gemein und scheppernd. 
»Wo hast du denn deine Rothaut gelassen?« wollte Big 

Sloop wissen. »Hockt der Bastard irgendwo in der Nähe? Hat 
er uns vor dem Lauf? Los, rück schon mit der Sprache raus!« 

Jeffords sagte kein Wort. Er ging gegen den Schmerz an, und 

abermals traf ihn ein Tritt zwischen die Rippen. 

»Mann, spiel nur nicht den Helden«, krächzte Red. »Wir 

holen alles aus dir raus, was wir wissen wollen. Wir können 
genauso freundlich wie die Apachen sein.« 

Thomas preßte die Zähne zusammen, daß sie schmerzten. 

Cochise war seine einzige Hoffnung. Der Jefe befreite ihn 
bestimmt, sobald sich eine günstige Gelegenheit ergab, dessen 
war sich Thomas sicher. Aber wenn er verriet, daß der Apache 
in der Nähe war, mußte Thomas mit dem Schlimmsten 
rechnen. 

»Was ist das überhaupt für ein Wesen?« wollte Red wissen. 

»Für 'nen Apachen ist der Kerl doch zu groß. Wie kommt es, 
daß ihn die Rothäute nicht schon erwischt haben?« 

»Hat keinen Sinn«, sagte einer der anderen, »der Bursche 

hält sich für besonders hart. Nimm ihn dir richtig vor, Big 
Sloop.« 

»He, ich will mir endlich mal wieder 'nen Spaß gönnen«, 

maulte Red. 

»Nein, du nicht«, rief der andere, »du schlägst ihn tot. Dann 

erfahren wir nichts mehr. Big Sloop weiß, wann er aufhören 
muß.« 

Thomas blinzelte und sah hoch. Der stämmige Typ grinste 

satanisch. In seinem Gesicht stand die Vorfreude, und er ließ 

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Jeffords wieder die Stiefelspitze spüren. Er stöhnte laut und 
versuchte, sich herumzuwälzen, aber die Stricke ließen keine 
Bewegungen seines gekrümmten Körpers zu. 

»Sieh mal, wie ein Skorpion im Feuerring«, hetzte einer der 

Halunken. 

»Er krümmt sich gleich noch mehr«, versprach Big Sloop. 
Langsam beugte sich der Untersetzte hinab, zeigte Jeffords 

die mächtigen Hände und spreizte die Finger. 

»Es macht mir überhaupt nichts aus, dir den Hals 

zuzuhalten«, drohte der Bandit mit gleichmütiger Stimme. »Ich 
kann dir auch die Zähne einzeln herausholen, bis du wie eine 
Memme aussiehst. Und da gibt es noch ein paar feine Sachen, 
die ich mit deinen Armen und Beinen anstellen kann. Na, wie 
ist es, willst du nicht doch lieber reden?« 

»Was habe ich davon?« fragte Thomas zurück und kämpfte 

gegen die Übelkeit an. »Ihr bringt mich so oder so um. Warum 
sollte ich vorher reden?« 

Big Sloop lachte verkrampft. »Dann lasse ich dich vielleicht 

schneller zur Hölle fahren, Mensch. Du bekommst 'ne Kugel in 
den Wanst und hast deine Ruhe.« 

Jeffords antwortete nicht. Er schloß die Augen, sehnte die 

Ohnmacht herbei, aber instinktiv kämpfte er gleichzeitig 
dagegen an. 

Abermals bekam er einen Tritt in die Seite. Trotz der Fesseln 

bäumte sich Thomas auf, während er den nächsten Tritt spürte 
und übergab sich würgend. 

»So ein Schwein«, meckerte einer der Halunken, »kotzt 

unser Lager voll.« 

»Sei ruhig, Elmer«, sagte Big Sloop, »ich wische den Dreck 

mit dem Kerl auf, wenn ich fertig bin.« 

Thomas atmete ganz flach. Von seiner linken Niere aus jagte 

der peinigende Schmerz in Wellen durch seinen Leib. 

Auf einmal roch Jeffords Alkohol. Er öffnete die Augen und 

sah Reds Visage über sich. 

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»Mach's Maul auf, du sollst einen Schluck haben«, sagte der 

Rothaarige. 

»Laß das«, befahl Big Sloop, »er wird blau und spürt nichts 

mehr.« 

»Ach was, er ist so kaputt, daß ihn der Whisky richtig 

fertigmacht. Laß mich nur, ich bringe ihn schon zum Reden.« 

Thomas drehte den Kopf weg, aber Red packte seine Haare, 

riß den Kopf wieder herum und drückte Jeffords den 
Flaschenhals zwischen Lippen und Zähne. 

Er schluckte schnell und fühlte, wie der scharfe Schnaps 

seinen leeren Magen zu verbrennen schien. 

Big Sloop hat recht, dachte Thomas verschwommen. Ich 

habe lange nichts mehr gegessen. Noch zwei Schluck, und ich 
bin sternhagelvoll. 

Sein geschwächter Körper reagierte sofort auf den Alkohol. 

Jeffords merkte nicht mehr, daß ihm der Whisky aus den 
Mundwinkeln rann, als er die Augen schloß und in eine tiefe 
Ohnmacht versank. 

»Du verdammter Narr«, brüllte Big Sloop. »Du und dein 

Scheißwhisky!« 

Er riß Red die Flasche aus der Hand und warf sie im hohen 

Bogen in die Dunkelheit. Irgendwo zerklirrte das Glas, und 
Red schlich aus dem Lichtkreis des Feuers. 

»Du hältst Wache. Verstanden?« herrschte Big Sloop ihn an. 

»Die ganze Nacht. Und wenn du in Zukunft meine Befehle 
wieder nicht befolgst, prügele ich dich durch. Bis der Boß da 
ist, hört ihr auf mich.« 

Red murmelte etwas Unverständliches, zog seine Winchester 

aus dem Scabbard und baute sich seitlich vom Blockhaus auf. 

Allmählich wurden die Banditen müde. Sie hatten das 

Erscheinen des Fremden durchgesprochen und keine Erklärung 
gefunden. Sie konnten nur abwarten, bis der wieder zu sich 
kam. 

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Cochises Gesicht war unbewegt, als er die Mißhandlungen sah. 
Für einen Chiricahua gehörten Schmerz und 
Selbstbeherrschung zum Dasein. Natürlich bedauerte der Jefe, 
Hellauge in der Gewalt der fünf Outlaws zu wissen. 
Andererseits waren nun die Fronten geklärt. 

Die Banditen kannten dieses Tal. Ein ganz bestimmter Grund 

hatte sie hergeführt. Und sie fürchteten, daß Thomas Jeffords 
diesen Grund ebenfalls kannte. 

Der Häuptling wartete mit der Geduld, die seiner Rasse zu 

eigen war. Aufmerksam beobachtete er die Männer, die ihre 
Decken ausbreiteten und dicht an das verglommene Lagerfeuer 
heranrückten. Eine Schnapsflasche machte die Runde. Ab und 
zu kam der Rothaarige heran und blickte neidvoll seine 
Kumpane an, wenn sie tranken. 

Stunden vergingen. Thomas Jeffords lag noch immer reglos 

am Boden. Die Kerle zogen sich die Decken fester um die 
Schultern und benutzten die Sättel als Kopfstütze. Zwei 
Banditen schnarchten laut. 

Cochise beobachtete seinen Freund, der noch immer reglos 

dalag. Der Jefe wartete auf ein Lebenszeichen, denn es war 
sinnlos, Jeffords zu befreien, wenn er ihn tragen mußte. 

Der Rothaarige marschierte in unregelmäßigen Abständen 

um das Feuer, die Pferde und die Hütte. Anschließend lehnte er 
sich jeweils an die Seitenwand des Blockhauses und rauchte. 
Cochise staunte über so viel Unvernunft und Leichtsinn. Jeder 
Apache konnte sich allein am Tabakrauch orientieren und den 
sogenannten Wächter ausfindig machen. 

Endlich bewegte sich Jeffords. Er wälzte sich etwas herum, 

ließ sich jedoch sofort wieder in die alte Stellung sinken, als er 
die Schritte des Postens hörte. 

Red beugte sich über den Gefangenen und musterte ihn. 
Cochise glitt wie eine Schlange aus dem Felsspalt. Yard für 

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Yard näherte er sich seinem gefesselten Freund. Geschickt 
nutzte der Häuptling jeden Schatten, jedes Grasbüschel und 
jeden Strauch als Deckung aus. 

Als er nur noch vier Yards von Thomas entfernt war, begann 

Red seine nächste Runde. 

Cochise robbte weiter, erreichte die Hüttenwand und erhob 

sich lautlos, drängte sich dicht an die Balken. Red kam zurück, 
stellte die Winchester gegen die Wand und zog ein Päckchen 
Tabak aus der Tasche. 

Diesen Moment nutzte Cochise. Mit einem einzigen Hieb 

gegen die Schläfe schickte er den Banditen ins Land der 
Träume. 

Als Red zusammenbrach, packte der Jefe zu und fing ihn auf. 

Behutsam ließ der den schweren Körper zu Boden gleiten. 
Sekunden später holte der Apache die leere Whiskyflasche, die 
zwischen den Schläfern am Feuer lag. Der Jefe drehte sich um. 
Jeffords blickte ihn grinsend an. Cochise huschte wie ein 
Schatten zur Quelle und füllte die Flasche, denn sicherlich 
hatte Thomas nach seinem unfreiwilligen Rausch großen Durst. 

Einer der Outlaws murmelte im Schlaf, fuchtelte mit den 

Händen in der Luft herum und rief gepreßt: »Dolores, nein, 
nicht zu ihm.« 

Cochise kauerte neben Jeffords. Der Apache war bereit, im 

Bruchteil einer Sekunde aufzuspringen und den Kerl ins 
Jenseits zu befördern. Aber der beruhigte sich wieder. Er 
drehte sich zur Seite und stimmte in das Schnarchkonzert der 
anderen mit ein. 

Der Häuptling der Chiricahuas zerschnitt die Stricke. 

Thomas preßte die Lippen zusammen, als das Blut wieder in 
die bisher abgeschnürten Glieder schoß und wie tausend Feuer 
brannte. 

Er rieb sich die Handgelenke und die Füße und stand 

taumelnd auf. Cochise packte zu, sonst wäre sein Freund 
gefallen. 

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»Geht schon«, hauchte Thomas dicht am Ohr des Jefe. 
Cochise nahm die Flasche auf und wartete, bis sich Jeffords 

in Bewegung setzte. Mit jedem Schritt ging es besser. Als er 
die halbe Strecke zum Versteck geschafft hatte, lief Thomas 
wieder sicher und lautlos. 

Er schlüpfte in die Höhle, rollte sich herum und blieb flach 

ausgestreckt auf dem Rücken liegen. 

»Schmerzen, Hellauge?« fragte Cochise leise, als er ebenfalls 

ins Versteck glitt. 

»Ein wenig«, antwortete Thomas, »aber mein Hals ist wie 

ein Reibeisen. Das war kein Whisky, sondern 
Klapperschlangengift, das reinste Lampenöl.« 

Der Jefe drückte seinem weißen Freund die Flasche in die 

Hand. Thomas trank einen Schluck, füllte den Mund und ließ 
die kühle Feuchtigkeit überall eindringen. Wenig später war 
das Gefühl der Trockenheit fast völlig geschwunden, und 
Thomas trank in langen Zügen. 

»Schaffst du den Aufstieg?« fragte Cochise. »Sonst warten 

wir noch, wenn du dich zu schwach fühlst.« 

Mit einem Ruck richtete sich Thomas auf, knallte mit dem 

Kopf an die Höhlendecke und fluchte unterdrückt. 

»Bist du verrückt?« fragte er Cochise. »Wir bleiben hier. Ich 

möchte wissen, was die Lumpen wirklich suchen. Ich will 
ihren Boß sehen.« 

»Was nützt es?« fragte der Häuptling. »Wir wissen, daß es 

hier kein Gold gibt. Du streust die entsprechenden Gerüchte 
aus, und alles erledigt sich von selbst.« 

»O nein, so geht das nicht«, wehrte Jeffords ab. »Freund, die 

Kerle sind Halunken der übelsten Sorte. Sie gehören zum 
Grenzgesindel. Ich wette, in den letzten Jahren hat keiner 
dieser Brüder auch nur eine Stunde ehrliche Arbeit geleistet. 
Das ist der Abschaum der Menschheit, Jefe.« 

»Und was kümmert das die Chiricahuas?« fragte der Chief 

neugierig. 

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Jeffords seufzte. 
»Mann, sie rauben und morden, begehen Überfälle, und alles 

wird auf das Konto der Apachen gerechnet. Die Dreckskerle 
schmuggeln, machen jede Art von dunklem Geschäft, und die 
Indianer sind wieder mal schuld. Was passiert? Die Feindschaft 
zwischen Weißen und Roten wird erneut angeheizt, und jeder 
Weiße macht Jagd auf euch. Ihr setzt euch zur Wehr, und dann 
ist der Krieg da.« 

Cochise wußte, daß sein Freund recht hatte. Aber wenige 

Minuten nach der Rückkehr des Jefe in die Apacheria konnten 
sich Krieger auf den Weg machen, um die Halunken in die 
Hölle zu schicken. 

Doch der Häuptling wußte, daß Thomas nicht viel von dieser 

Art hielt. Da Weiße – wenn auch Gesindel – mit im Spiel 
waren, hätte der Postmeister nicht aufgegeben. 

»Gut, wir bleiben«, entschied der Jefe. »Sie finden uns nicht. 

Wir haben keine Spuren hinterlassen.« 

»Wie tief ist die Höhle?« fragte Thomas. 
»Sie führt weit in den Berg hinein«, antwortete der Chief. 

»Wenn die Männer reinkommen, ziehen wir uns zurück. Sie 
geben schnell auf. Denn auch hier finden sie keine Spuren.« 

Jeffords war zufrieden. Er kroch zum Ausgang und legte sich 

auf den Bauch, denn er wollte um keinen Preis versäumen, 
wenn der Rothaarige erwachte. 

Wenige Minuten später war es soweit. 
Lautes Stöhnen, gefolgt von einem wüsten Fluch. 
Red taumelte auf die Feuerstelle zu. Er hielt sich den Kopf 

mit beiden Händen. Der Bandit stolperte über einen der 
Schläfer, fiel und prallte auf zwei andere. Innerhalb von zwei 
Sekunden entwickelte sich eine Schlägerei. 

»Aufhören, verdammt, ich bin's, Red.« 
Die Männer ließen voneinander ab. Sie standen auf, hielten 

die Revolver in den Händen und sahen sich um. 

»Verdammt, der Kerl ist weg!« brüllte Big Sloop und rannte 

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zu den zerschnittenen Stricken. »Red, du bist ja ein schöner 
Posten. Verdammt, bald reicht es mir.« 

»Hör bloß auf«, wehrte der Rothaarige ab. »Irgend jemand 

hat mich niedergeschlagen. Ich wette, der verdammte Indianer 
war in der Nähe und hat den Hurensohn rausgeholt.« 

Die Banditen liefen hin und her. Einer fachte das Feuer an, 

daß die Flammen hochschlugen und prasselten. 

»Bist du übergeschnappt?« fauchte Big Sloop. »Tim, weg 

vom Licht. Wir stehen wie die Zielscheiben hier.« 

»Reg dich doch nicht auf. Wenn der Indianer sich 

anschleichen konnte, hätte er uns auch die Hälse abschneiden 
können.« 

Der Anführer des wilden Rudels knurrte etwas 

Unverständliches. 

Gereizt sagte er: »Wir bleiben wach. Jeder bezieht woanders 

Posten. Beim geringsten Geräusch schießt ihr, klar? Und 
sobald es hell ist, suchen wir das Tal ab. Der Kerl kann doch 
nicht verschwunden sein.« 

»Sind unsere Gäule alle da?« fragte Tim Wheeler. 
Sofort rannte Big Sloop hinter die Hütte und lachte 

zufrieden, als er ihre Pferde vollzählig sah. 

»Okay, einer geht zum Hohlweg«, befahl der Untersetzte und 

teilte die anderen ein. 

Cochise und Thomas behielten die Banditen im Auge. In der 

Nähe des Felsspalts ließ sich niemand sehen. 

»Ich schlafe eine Runde«, sagte Jeffords und rollte sich 

zusammen. 

Der Häuptling lehnte sich in der Nähe der Höhlenmündung 

an die Wand und schloß die Augen. Das geringste fremde 
Geräusch hätte ihn hellwach gemacht. Er war eben ein Mann 
der Wildnis. 

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Als im Osten der graue Schein der Dämmerung über die Berge 
zog, versammelten sich die fünf Banditen an der Feuerstelle. 

»Okay, wir suchen das ganze Tal ab, jeden einzelnen 

Quadradyard. Die Kerle können sich nicht in Luft aufgelöst 
haben. Laßt sie nicht entwischen, wenn ihr sie seht. Kapiert?« 

Die Burschen sattelten, und Big Sloop bezog Posten nahe 

dem Zugang zum großen Canyon. Seine Männer ritten kreuz 
und quer durch das Tal. Die Pferde trampelten Grasbüschel, 
Sträucher und kleine Bäume nieder. Die Reiter beugten sich 
aus den Sätteln, krochen unter vorragende Felsplatten und 
kletterten in Spalten hinein. 

Aber sie fanden keine Spur von ihrem Gefangenen und 

seinem Befreier. 

Cochise und Jeffords sahen interessiert zu. 
»Sie sind blind wie eine Eule am Tag«, sagte der Jefe 

verwundert. »Keiner von ihnen ist auch nur in die Nähe dieser 
Höhle gekommen.« 

Thomas sagte lächelnd: »Der Spalt liegt dicht über dem 

Boden. Da keine Fährte vorhanden ist, glauben die Männer 
einfach nicht daran, daß hier zwei Menschen reingekrochen 
sind.« 

»Da«, sagte Cochise und deutete auf Big Sloop. 
Der Anführer der Banditen trieb sein Pferd zur Seite, verhielt 

es neben der Mündung des Hohlweges und hob die Rechte mit 
dem Colt. Matt schimmerte das Metall der Waffe im Schein 
der ersten Sonnenstrahlen. 

»Der Boß kommt«, flüsterte Thomas. 
Er fieberte vor Erwartung, obwohl er den eigentlichen 

Anführer der Halunken doch sicher nicht kannte. 

Aber als der Mann den Stollen verlassen hatte und im hellen 

Licht sein Pferd zügelte, stieß Jeffords den Atem aus. 
Unwillkürlich hatte er die Luft angehalten. 

»Claude Atkins!« stieß der Postmeister hervor, »der Mörder, 

der während der Fiesta in Tombstone aus dem Jail geflohen 

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ist.« 

Cochise musterte den Killer gelassen. Für den Apachen war 

Atkins nur ein weiterer weißer Halunke. 

»He, Boß, endlich!« rief Big Sloop und steckte seine Waffe 

weg. 

»Was ist los?« fragte Atkins scharf. »Was treibt ihr für 

Spielchen?« 

Big Sloop verzog das Gesicht und sah an dem Revolverheld 

vorbei. 

»Boß, wir erwischten einen Kerl, der uns belauschte«, sagte 

der Untersetzte. »Am Nachmittag trafen wir den Burschen im 
großen Canyon. Er hatte einen Indianer bei sich, einen großen 
Typ mit 'nem Brustkasten, so mächtig wie ein Faß. Der 
Bursche erzählte, daß er auf der Jagd gewesen wäre, aber 
nichts geschossen hätte.« 

»Moment«, sagte Atkins und hob die Rechte. »Wie sah der 

Weiße aus?« 

»Vielleicht knapp sechs Fuß groß, kräftig, stämmig, Boß«, 

antwortete Big Sloop, »blonde Haare und blaue Augen.« 

»Jeffords!« entfuhr es Atkins. »Dieser verfluchte Bastard von 

einem Briefträger treibt sich hier rum. Und wenn er 'nen 
riesigen Apachen mit 'ner Adlernase bei sich hatte, war das 
Cochise. Und ihr Idioten habt den Dreckskerl laufen lassen. Ich 
könnte euch zur Hölle schicken, ihr verdammten Narren.« 

Thomas überlegte sich, wie Atkins in dieses Tal gekommen 

war. Woher wußte der Outlaw überhaupt von der Existenz des 
Canyons? Sorgfältig rief sich Thomas ins Gedächtnis zurück, 
was er in der Paßstation gesagt hatte, als er Atkins in der 
Kutsche entdeckt hatte. Vielleicht war es dem Mörder 
gelungen, Jeffords und den Roten Elch zu belauschen, als sie 
über das Tal und den Skelettfund gesprochen hatten. 

Thomas schüttelte den Kopf. Nein, das war nicht möglich. 

Denn nachdem er Atkins erkannt hatte, war er überhaupt nicht 
mehr mit dem Ute zusammengetroffen. Außerdem war der 

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Trapper schon lange tot gewesen, als Atkins im Südwesten 
aufgetaucht war. 

Aber es konnte sein, daß er nur wegen dieses Tales in diese 

Gegend gekommen war. 

»Los, sucht noch mal!« befahl der Mörder. »Dreht jeden 

Stein um, nehmt euch Fackeln, leuchtet in jeden Felsspalt, und 
wenn ihr das Ende nicht sehen könnt, werft den Feuerbrand 
hinein. Ich will Jeffords. Und wenn wir noch Cochise 
erwischen, gehört das Land uns, Leute.« 

Die Banditen ritten zum Feuer, warfen harzige Äste in die 

Glut und warteten, bis sie aufflammten. Mit den lodernden 
Fackeln galoppierten die Kerle los. Zuerst suchten sie die 
Einschnitte und Risse in den Felsen auf, leuchteten in die 
Spalten hinein und warfen die brennenden Äste mit aller Kraft, 
als sie nichts entdeckten. 

»Zurück, Hellauge!« sagte der Jefe. »Dieser Mann übersieht 

den Spalt nicht. Wir gehen bis hinter den Riß, der nach oben 
führt. Dort zieht der Rauch der Fackel ab, und wir bekommen 
Luft genug.« 

Atkins trieb sein Pferd an, lenkte es direkt auf die Öffnung 

zu, die zu Cochise und Jeffords führte. 

»Was ist hiermit?« rief der Killer laut. »Wo bleibt eine 

Fackel? Der Spalt ist für einen Menschen groß genug.« 

»Boß, das ist was für Kaninchen«, gab Big Sloop zurück, 

aber er eilte zum Feuer und brachte zwei brennende Äste. 
Atkins stieg ab, ging geschmeidig auf den Spalt zu, zog den 
Revolver, streckte die Linke aus, und Big Sloop legte ihm die 
erste Fackel in die Hand. 

Der Mörder ließ sich auf die Knie nieder. Sorgfältig leuchtete 

er den Boden ab. Aber da es weder Staub noch lose Steine gab, 
entdeckte er keine Spur. 

»Die Flasche«, raunte Thomas entsetzt in Cochises Ohr. 

»Wir haben die Whiskyflasche mit dem Rest Wasser 
vergessen!« 

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Der Apache drückte ihm das Glas in die Finger. Erleichtert 

atmete Jeffords auf. Cochises Umsicht hatte sie vor der 
unmittelbaren Entdeckung gerettet. 

Die Fackel loderte auf, als Atkins sie weit in die Höhle 

schleuderte. 

»Das ist ein verdammt tiefes Loch«, klang seine Stimme 

dumpf auf. »Ich möchte wissen, ob es irgendwo einen zweiten 
Ausgang gibt.« 

Aber als die zweite Fackel weit hinter der ersten aufprallte 

und mit ruhiger Flamme abbrannte, zog sich Atkins zurück. 

Cochise und Thomas warteten, bis auch der letzte Rauch 

verweht und das Glimmen erloschen war, ehe sie vorsichtig 
zurückkrochen. Der Häuptling schob sich Stück für Stück vor. 
Langsam hob er den Kopf und blickte ins Tal. 

Die Banditen hockten am Feuer. Eine Blechkanne stand in 

der Glut, und einer der Burschen hantierte mit der Pfanne. 

Mit knurrendem Magen sah Jeffords zu, wie die Burschen 

aßen und Kaffee tranken. 

»Ich hole Proviant«, sagte der Apache nach einer Weile. 

»Warte hier und beobachtete. Laß dich nicht wieder erwischen, 
Hellauge.« 

Bevor Thomas antworten konnte, war der Jefe 

verschwunden. Erbost dachte Jeffords an Cochises Spott, 
mußte aber schließlich grinsen. Denn der Apache hatte 
eigentlich recht. Es war dumm von Thomas gewesen, sich so 
nahe an die Kerle heranzuschleichen. In angemessener 
Entfernung hätte er genausoviel erfahren. 

Nachdem die Banditen gegessen hatten, teilte Atkins seine 

fünf Leute ein. Auch Big Sloop mußte ein Stück des Tales 
absuchen. Kopfschüttelnd verfolgte Jeffords die erneute 
Aktion. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Sie achteten nicht auf 
Spuren, sondern nahmen das Gestein unter die Lupe und 
hieben hier und da mit den Revolvergriffen lockere Brocken 
aus den Felswänden. 

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Sie suchen die Goldader, dachte Thomas. 
Aber sosehr die Banditen auch jedes Stück Felsen musterten 

und den Boden umwühlten, ihre Suche war ergebnislos. 

Atkins redete auf die Kumpane ein, gestikulierte wild und 

zeigte auf die Gesteinsschichten in halber Höhe. Zögernd 
machten sich seine Leute an die Arbeit. Sie fertigten aus Seilen 
Strickleitern und kletterten in die Felsen. Hammerschläge 
dröhnten durch das kleine Tal, als die Burschen Haken im 
Gestein verankerten und wie übergroße Käfer oder Spinnen mit 
Hilfe der Seile die Steilwände und Überhänge absuchten. 

Jeffords drehte sich um und kroch zurück, als zwei der Kerle 

vor der Felsspalte stehenblieben und sich unterhielten. 

»Mensch, Elmer, der Boß spinnt wohl«, sagte einer der 

Banditen. »Jagt uns die Wände hoch, als wären wir 
Eidechsen.« 

»Tim, wenn es wirklich 'ne große Ader gibt, haben wir für 

alle Zeiten ausgesorgt«, gab Elmer zu bedenken. »Wir stopfen 
uns die Taschen voll, beladen die Gäule und verschwinden. 
Irgendwo in Kalifornien oder Montana gibt es auch für uns 'ne 
Chance, ein vernünftiges Leben anzufangen.« 

Elmer lachte spöttisch und fragte: »Sag bloß, dort hängen 

deine Steckbriefe noch nicht aus?« 

Tim Wheeler antwortete mit einem Fluch, lachte dann 

ebenfalls und erwiderte: »Dann eben Kanada, was soll's. Mit 
einem Haufen Dollars in den Taschen sind wir sicher. Kein 
Hahn kräht danach, daß wir irgendwo gesucht werden.« 

Elmer hämmerte einen Haken ins Gestein, schnaufte und 

sagte: »Ich kenne mich doch. In ein paar Monaten habe ich den 
ganzen Reichtum auf den Kopf gehauen. Mensch, Tim, weißt 
du überhaupt, wie langweilig so ein ordentliches Leben ist? 
Am Ende heiratest du noch und gehst jeden Sonntag in die 
Kirche.« 

»Man muß alles mal ausprobieren«, sagte Tim gelassen. 

»Wenn's mir nicht paßt, reite ich wieder auf dem rauchigen 

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Trail.« 

Thomas kroch vorsichtig rückwärts. Als er den senkrechten 

Schacht erreichte, hörte er die Stimmen der zwei Banditen nur 
noch als schwaches Gemurmel. 

Er blickte nach oben und blinzelte. Die grellblaue Helligkeit 

des Himmels stach in seine ans Dämmerlicht gewöhnten 
Augen. Aber Thomas hatte Cochise gesehen, der sich langsam 
herabarbeitete. 

Als er unten ankam, reichte er seinem Freund getrocknetes 

Fleisch und eine Wasserflasche. 

Jeffords berichtete über die Suche der Kerle nach einer 

Goldader, während er langsam das Fleisch kaute und mit einem 
Schluck aus der Canteen nachspülte. 

»Gut, warten wir hier, bis es dunkel ist«, sagte Cochise. 

»Und dann belausche ich die weißen Halunken. Vergiß nicht, 
mich loszuschneiden, wenn sie mich fangen, Hellauge.« 

Thomas unterdrückte eine bissige Antwort und sagte: »Ich 

glaube nicht, daß Atkins und dessen Strolche einen Apachen 
fangen. Deshalb werde ich ganz ruhig schlafen, wenn du 
unterwegs bist.« 

Cochise und Jeffords schlossen die Augen und schliefen. Als 

die Abenddämmerung über das Land glitt, erwachten die 
Freunde und krochen wieder zum Ausgang der Höhle. 

»Noch nicht«, sagte der Häuptling. »Atkins hat zwei Wächter 

eingeteilt.« 

Die beiden gingen ihre Runden um das Lager. Dicht neben 

der Hüttenwand brannte ein Feuer. Atkins saß im Lichtschein. 
Er ließ sich von den Kumpanen bedienen und nahm einen 
Blechteller und einen Löffel an. 

»Etwas später, wenn sie Kaffee und Whisky trinken«, sagte 

der Jefe, »schleiche ich hinaus. Sie sind müde, haben den 
ganzen Tag gearbeitet und achten nicht mehr auf ihre 
Umgebung, wenn sie satt am Feuer liegen.« 

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis auch die Posten 

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abgelöst waren und gegessen hatten. 

Atkins genehmigte eine Flasche Whisky und schenkte sich 

zuerst die Blechtasse voll. 

Aufmerksam beobachtete Jeffords die Szenerie. Die 

Banditen gaben sich entspannt und sicher, als hockten sie in 
Tombstone im Saloon und nicht inmitten der Dragoon 
Mountains, dem Stammesgebiet der Chiricahuas. 

Als Thomas zur Seite sah, war Cochise bereits weg. 

Vollkommen lautlos hatte sich der Häuptling entfernt. 

Cochise schmiegte sich dicht an den Boden. Da Cochise nicht 
auf einen langsamen Weißen wie Jeffords warten mußte, glitt 
er schnell wie eine von der Sonne aufgewärmte 
Klapperschlange voran. 

Der Häuptling blieb weit genug vom Feuer weg und 

beobachtete die beiden Wächter. Sie patrouillierten in zwei 
Kreisen um ein unterschiedlich großes Gebiet. Aber beide 
Männer umrundeten jeweils die Hütte, das Feuer und die 
Quelle hinter dem Blockhaus. Der Kerl, der den Innenkreis 
abging, hielt ungefähr zehn Yards Abstand von der Hütte. 

Cochise wartete, bis der Mann drei Längen entfernt war, und 

schob sich zwischen das Wasser und die Rückwand des halb 
zusammengefallenen Hauses. Nun hörte der Apache jedes 
Wort, das am Feuer fiel. 

»Wo ist Walt O'Nions?« fragte Atkins. 
»Er geht die äußere Runde«, antwortete Elmer. 
»Lös ihn ab«, befahl Atkins, »ich will mit ihm reden.« 
Widerwillig latschte der Bandit davon. Wenig später kam 

Walt zum Camp, setzte sich nach Cowboyart auf die Hacken 
und fragte: »Was ist los, Claude?« 

»Wir haben den ganzen verdammten Tag nach der Goldader 

gesucht«, antwortete Atkins, »und nichts entdeckt. Walt, ich 

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will, daß du mir Wort für Wort wiederholst, was der alte 
Knacker erzählte, als du ihn gefunden hattest. Vielleicht hast 
du was vergessen, einen Hinweis, einen Tip. Wie bist du 
überhaupt hierhergekommen? Fang doch noch mal ganz am 
Anfang an.« 

Cochise ließ sich kein Wort entgehen. Nun konnte er 

erfahren, was Thomas Jeffords in der letzten Nacht mißlungen 
war. 

»Na ja, Boß, ich sah aus der Ferne den Indianer«, begann 

Walt O'Nions. »Er schien aus dem Nichts gekommen zu sein. 
Ich wartete, bis der Kerl verschwunden war und folgte seiner 
Spur. So kam ich an die Felsplatte. Es ging nicht weiter, 
anscheinend, aber als ich absaß und suchte, fand ich den 
Tunnel.« 

»Hier, schmier dir die Kehle«, sagte Atkins und reichte Walt 

die Whiskyflasche. 

»Danke, das tut gut«, sagte Walt, als er getrunken hatte. 

»Hm, ich packte meinen Gaul am Zügel und kroch in das Loch. 
Denn wo eine Rothaut durchpaßte, war auch für mich Platz 
genug. So kam ich in das Tal. Ich fand die Hütte nicht gleich. 
Aber als ich lange genug gesucht hatte, stand ich plötzlich 
davor. Ich hörte jemanden stöhnen. Natürlich dachte ich, daß 
die Rothaut einen skalpiert hätte, doch dann fand ich die 
angespitzten Pflöcke, und da wurde mir alles klar. Mit 
gezogenem Colt schlich ich in die Hütte. Der Kerl auf dem 
Fellhaufen konnte mir nicht gefährlich werden. Er hatte Fieber. 
Der Schweiß rann ihm die Stirn runter. Und seine Hände und 
Füße waren ziemlich übel zugerichtet. Die Indianer hatten ihn 
mit den Pflöcken am Boden befestigt. Warum der andere 
Indsman ihn befreit hatte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall redete 
ich mit dem alten Knacker.« 

»Langsam«, warf Atkins ein, »jetzt kommt's drauf an, Walt. 

Jedes Wort kann wichtig sein. Wer redete zuerst, du oder der 
Alte?« 

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»Ich«, antwortete O'Nions. »Ich fragte ihn, was er den 

Indsmen denn getan hätte. >Nichts<, stöhnte er, >sie kamen 
wie die Teufel über mich, Mister. Es waren fünf Mimbrenjos. 
Aber Cochise hat mich befreit. Ich kann hier weiter Fallen 
stellen. Der Jefe hat's versprochenen<. 

Mann, du lebst doch nicht vom Fallenstellen, sagte ich. 

Davon wirst du doch nicht reich. 

>Ich komme aus<, antwortete der Alte. Er beobachtete mich 

mißtrauisch, aber ich blieb ruhig neben seinem Lager stehen 
und sah, daß ihn das Fieber immer stärker packte. 

>Wasser, Mister, gib mir Wassers< sagte er. >Wenn du mir 

Wasser holst, verrate ich dir ein Geheimnis.< 

Ich war natürlich neugierig und holte ihm in einem Topf 

Wasser. Er trank wie ein Muli, das vier Wochen durch den 
Llano geirrt war. 

>Gut, Mann, danke<, sagte er, >ich habe die Ader gesehen. 

Es ist 'ne mächtige, eine richtige Bonanza, verstehst du. Wenn 
ich wieder auf den Beinen bin, zeige sich sie dir. Du siehst sie 
nur, wenn am Morgen die Sonne draufscheint, wenn sie gerade 
im Osten über die Berge kommt. Fünf Minuten später ist es 
wieder vorbei.<« 

Walt O'Nions nahm noch einen Schluck aus der 

Whiskyflasche und fuhr fort: »Okay, ich hatte also einiges 
erfahren. Viele Möglichkeiten blieben ja nicht. Die Ader 
konnte nur im Westen liegen. Also schleifte ich den Alten raus, 
mitten zwischen die Büsche. Als er am Boden lag, merkte ich, 
daß er seinen Geist aufgegeben hatte.« 

Die Männer am Feuer grinsten hämisch. Sie gehörten nun 

mal nicht zur Sorte, die zart besaitet war. 

»Weiter, Walt! Wie lange hast du gesucht?« wollte Atkins 

wissen. 

»Vier lange Tage, Boß«, antwortete O'Nions, »aber ich fand 

keine verdammte Spur von dieser Ader. Jeden Morgen stierte 
ich mir die Augen aus dem Kopf. Es war noch dunkel, da stand 

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ich schon auf dem Posten. Mit dem Fernglas suchte ich alles 
ab, ohne Erfolg. Den Rest weißt du. Ich gab dir Nachricht, und 
du schicktest die Jungs voraus. Dich schnappte der dämliche 
Postmeister. Aber jetzt bist du frei und es geht richtig zur 
Sache.« 

Walt trank noch einen Schluck und stellte die Flasche zu 

Boden, um sich eine Zigarette zu drehen. 

»Wäre der Alte nur am Leben geblieben«, sagte Tim 

Wheeler. »Mit ihm hättest du nur durch zwei zu teilen 
brauchen. Jetzt sieht es anders aus. Oder glaubst du, wir geben 
uns mit 'nem Cowboylohn zufrieden?« 

Walt lachte und antwortete: »Das ist doch schon ausgemacht, 

Leute. Claude und ich bekommen je zwei Teile, und ihr jeder 
einen. Wenn das wirklich 'ne armdicke Ader ist, haben wir bis 
an unser Lebensende ausgesorgt.« 

Claude Atkins räusperte sich, nahm die Flasche und trank. 

Nachdenklich blickte der Boß der Bande Walt O'Nions an. 

»Glaubst du«, fragte Atkins, »daß der Alte nur im Fieber 

geschwafelt oder es ernst gemeint hat?« 

»Dafür sprach er mir zu sicher«, warf Walt sofort ein. »Ja, 

das Fieber hatte ihn ordentlich gepackt, aber er wußte, was er 
sagte, meine ich.« 

»Da sind 'ne Menge Kerle unterwegs, die nach einem 

versteckten Tal mit einer mächtigen Goldader suchen«, sagte 
Atkins nachdenklich. »Vielleicht beweist das etwas. 
Möglicherweise hat der Alte auch noch zu anderen von seinem 
Fund gesprochen.« 

»Kann genausogut sein, daß mich jemand belauscht hat, als 

ich mit Tim darüber redete«, sagte Walt. »Ist auch drin, daß 
irgend jemand meinen Brief an dich aufgemacht und gelesen 
hat. Du weißt selbst, wie schnell sich Gerüchte um Gold 
bilden, und plötzlich weiß es jeder.« 

Atkins überlegte eine Weile und kam zu dem Schluß, daß sie 

mit ihren Mitteln versagen mußten. 

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»Vielleicht ist irgendwo 'ne Felsplatte abgerutscht und 

verdeckt die Ader«, sagte er. »Wir brauchen Dynamit, Leute. 
Dann sprengen wir Stück für Stück die Überhänge. Und es 
müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir das Gold nicht 
finden.« 

»Mann, Boß, das zieht uns die lausigen Apachen auf den 

Pelz«, wandte Big Sloop ein. »Die Sprengungen sind 
meilenweit zu hören. Und 'ne Stunde später wimmelt es hier 
von Rothäuten.« 

»Dann empfangen wir sie mit heißem Blei«, sagte Atkins 

gepreßt. »Meinst du, mich interessieren ein paar Dutzend rote 
Stinker, wenn es um Hunderttausende, vielleicht sogar 
Millionen geht? Wir schmeißen ein paar Stangen Dynamit 
zwischen sie. Du wirst sehen, wie die Kerle laufen werden, Big 
Sloop.« 

Die Banditen lachten gezwungen. Sicher, mit ihren 

modernen Waffen bildeten sie sich ein, den primitiven 
Apachen überlegen zu sein. Und gegen Sprengstoff kamen die 
Indsmen nicht an. Trotzdem blieb ein Rest Unbehagen bei den 
Outlaws zurück. Sie hatten zuviel über die Apachen gehört, um 
die Gefahr so leicht wie Atkins zu nehmen. 

»Okay, Boys, Elmer Slade und Tim Wheeler machen sich im 

Morgengrauen auf den Weg. Ihr reitet nach Santa Magdalena 
und besorgt Dynamit und Proviant. Kommt nicht auf den 
Gedanken, einen Abstecher nach Tombstone zu machen. Die 
Stadt ist für uns im Moment zu heiß. Und noch was: bezahlt 
den Kram, den ihr kauft, klar? Ich will nicht, daß euch hundert 
goldhungrige Kerle oder ein wütender Storehalter folgen. Dies 
hier ist unser Job.« 

Der Häuptling hatte genug gehört. Lautlos kroch er im 

rechten Winkel von der Hüttenwand weg, blieb reglos liegen, 
um den Wächter passieren zu lassen, und glitt weiter. 

Keiner der sechs Banditen ahnte, daß all ihre Pläne verraten 

waren und Cochise, der Herr der Chiricahua Mountains, ihren 

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Tod beschlossen hatte. 

Der Apache nutzte jeden Strauch, jeden Felsbrocken als 
Deckung. Inzwischen stand der Mond hoch am Himmel und 
beleuchtete schwach das kleine Tal. Wie ein Schatten glitt der 
Jefe in die Stollenmündung, schob sich weiter und huschte 
gebückt in die Finsternis. 

»Du warst lange weg«, sagte Thomas Jeffords. »Hast du 

mehr Erfolg als ich gestern gehabt?« 

Cochise sog tief die Luft ein und stellte so fest, wo der 

Weiße saß. Sekunden später hockte sich der Chief neben seinen 
Freund, den er Hellauge nannte. 

»Ein Mann Walt O'Nions hat den Fallensteller 

wahrscheinlich umgebracht«, begann der Häuptling seinen 
Bericht. 

Er wiederholte alles, was er gehört hatte. 
Jeffords wünschte Atkins und den Handlangern die Pest an 

den Hals. Aber dieser unfromme Wunsch änderte nichts an der 
Lage. 

Ehe Thomas einen Vorschlag machen konnte, sprach 

Cochise. 

»Ich gehe, Hellauge«, sagte der Jefe ernst. »Morgen töten 

meine Krieger die beiden Lumpen, die nach Santa Magdalena 
reiten. In der Abenddämmerung werden die Bleichgesichter 
hier im Tal sterben. Niemand wird sie finden. Meine Krieger 
verbergen die Toten.« 

Thomas schüttelte verzweifelt den Kopf und sagte: »Nein, 

nein, Cochise, das ist der falsche Weg. Wie stehst du vor 
deinen Männern, wenn du heute den Tod aller Weißen in 
deinen Bergen befiehlst und morgen andere Weiße ziehen 
läßt?« 

»Ich bin Cochise«, entgegnete der Häuptling. »Mein Wort ist 

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Gesetz bei den Chiricahuas.« 

»Es ist falsch«, beharrte Thomas auf seinem Standpunkt. 

»Du hast auf der einen Seite recht: die Dragoons müssen frei 
von Weißen bleiben. Nur solche, die deine Erlaubnis besitzen, 
dürfen hier leben oder durchziehen. Aber andererseits gibst du 
wieder die Jagd auf Menschen meiner Hautfarbe frei. Es 
kommt zum großen Krieg, Cochise. Und du ahnst, du weißt, 
daß du ihn verlieren wirst.« 

»Wenn wir jedes Bleichgesicht töten, das unser Gebiet 

betritt, ziehen die anderen bald weit entfernt vorbei«, sagte der 
Jefe. 

Thomas überlegte, wie er dem Häuptling das Denken der 

Weißen verständlich machen konnte. Aber es fiel ihm schwer, 
ein Beispiel zu finden. Doch plötzlich wußte er die Lösung. 

»Hör mir zu, Jefe«, begann er. »Wenn deine Krieger von 

einem Dutzend wunderschöner Pferde weit unten im Süden 
hören, während sie das Land durchstreifen, was tun sie dann?« 

Cochise lachte leise und erwiderte: »Sie reiten zu diesem Ort, 

wo die Pferde sein sollen und suchen sie.« 

»Gut, die Krieger finden die Pferde dort. Wie geht es 

weiter?« 

»Sie versuchen, sie zu stehlen«, antwortete der Häuptling, 

»und sie werden es schaffen.« 

»Wenn Weiße von Gold hören, daß in den Dragoon 

Mountains zu finden sein soll, handeln sie wie deine Krieger, 
die von ausgezeichneten Pferden erfahren, Cochise. Und verlaß 
dich drauf, daß mehr goldgierige Weiße kommen, als es 
Apachen gibt.« 

»Wir töten sie alle«, versprach der Jefe grimmig. 
»Dann holen sich die Goldsucher Hilfe«, sagte Thomas. »Sie 

rufen nach der Armee, und General Howard kann sein Wort dir 
gegenüber nicht mehr halten. Denn sein Befehl lautet, für Ruhe 
und Ordnung in diesem Land zu sorgen. Er muß gegen dich 
und dein Land marschieren, auch wenn er sein Wort gab, dies 

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nicht zu tun.« 

Cochise lächelte. Sicher stellte er sich vor, wie die 

schwitzenden Pferdesoldaten durch das karge Land ritten und 
ihren General verfluchten. 

»Wir töten auch die Soldaten, Hellauge«, erklärte der Chief. 

»Dies ist unser Land, und es bleibt unser Land.« 

»Es gibt eine Waffe, die hat sechs Gewehrläufe«, fuhr 

Jeffords fort. »Ein Mann dreht an einer Kurbel, und diese sechs 
Läufe spucken heißes Blei aus, solange der Mann dreht. Was 
richten deine Pfeile gegen ein Dutzend solcher Gatling Guns 
aus? Die Soldaten brauchen nicht mal zu zielen. Es genügt, 
wenn sie einen Bleiregen auf euch niedergehen lassen, Jefe.« 

»Wah«, sagte der Häuptling ungläubig, »so eine Maschine 

muß sehr groß und schwer sein. Wie wollen die Pferdesoldaten 
sie in die Dragoons tragen?« 

»Es genügt, wenn sie hier sind«, antwortete Thomas Jeffords, 

»an einem halben Dutzend Orte aufgebaut, ersetzen diese 
Dinger ganze Schwadronen. Aber das will ich nicht, Cochise. 
Ich will nicht, daß Chiricahuas sterben müssen. Ich will nicht, 
daß Weiße umgebracht werden. Es ist wichtig, daß euer 
Heimatgebiet frei von weißen Herumtreibern bleibt. Und das 
gelingt nur, wenn es kein großes Gerede um das angebliche 
Gold hier gibt. Denn wenn alle Weißen sterben, die 
herkommen, glauben die anderen, daß an den Gerüchten etwas 
Wahres ist und machen sich zu Tausenden auf den Weg.« 

»Laß mich nachdenken, Hellauge«, bat Cochise. »Du 

überfällst mich mit einem Schwall von Worten. Ich fühle deine 
Besorgnis. Und ich glaube dir, daß du uns helfen willst. Aber 
ich muß erst über deine Worte nachdenken.« 

Thomas verdrängte seine Erregung. Die Apachen kannten 

seit uralten Zeiten nur ein Mittel, um sich zu wehren, 
Eindringlinge zu vertreiben: deren Tod. Doch die U.S.-
Soldaten waren andere Gegner als Mexikaner, Desperados oder 
gar die Ritter der Spanischen Krone in der Vergangenheit. 

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Jeffords sah genau vor sich, wie der Krieg ablaufen würde, 

wenn der Jefe wirklich jeden Weißen mit Gewalt aus seinen 
Bergen vertreiben wollte: es mußte mit einer vernichtenden 
Niederlage der Apachen enden. Und dann waren sie nicht mehr 
in der Lage, gleichberechtigt zu verhandeln. 

Cochise wußte genau, daß er gegenüber Victorio an Boden 

verlor, wenn die Chiricahuas die sechs Banditen im kleinen Tal 
umbrachten. 

Der Häuptling der Mimbrenjos würde den Jefe beschuldigen, 

mit zwei Zungen zu sprechen und flammende Reden gegen alle 
Weißen halten. Hellauge hatte recht, der Krieg war dann 
unvermeidlich. 

Es blieb nur ein Ausweg. 
»Wir müssen dafür sorgen, daß die Lage des Tals nicht 

bekannt wird«, sagte Cochise. »Du und ich, Hellauge. Eines 
Tages spricht niemand mehr von dem angeblichen Gold, und 
die übrigen Weißen ziehen sich zurück.« 

Erleichtert atmete Thomas auf. Der Jefe hatte die richtige 

Schlußfolgerung gezogen. 

Allerdings war dem Postmeister nicht ganz wohl bei der 

Sache. Immerhin waren es doch Weiße, gegen die er kämpfen 
mußte. Doch er sagte sich, daß solche Typen alle vom Gesetz 
gesucht wurden. Es waren Banditen. Sie brachten für Dollars 
Menschen um und verfluchten die Toten, weil sie nicht mehr 
Geld bei sich gehabt hatten. 

Thomas sah sich gezwungen, das Gesetz des Handelns in die 

eigenen Hände zu nehmen, und das behagte ihm nicht. Denn 
entkam einer der Hundesöhne, trieb er sofort andere Kumpane 
auf, um erneut die geheimnisvolle Goldader zu suchen, die 
überhaupt nicht existierte. 

»Du hast richtig entschieden, Cochise«, sagte Jeffords. 
»Warten wir, bis die beiden Männer nach Santa Magdalena 

geritten sind?« fragte der Jefe. 

Aber Thomas hatte eine andere Idee. 

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»Warten wir, bis die Kerle wieder zurück sind«, sagte er. 

»Vielleicht hantieren sie so leichtfertig mit dem Dynamit, daß 
sie sich selbst in die Luft jagen.« 

Er ahnte nicht, wie nahe er mit seinem Wunsch dem 

tatsächlichen Ende der Bande gekommen war. 

Cochise war einverstanden. Er spürte Jeffords aufrichtigen 

Wunsch, den Apachen zu helfen und für Frieden, für lang 
andauernden Frieden, zu sorgen. Aber der Häuptling ahnte, daß 
all diese Versuche zum Scheitern verurteilt waren. Denn auf 
Männer wie Thomas Jeffords und John Haggerty, die das 
Leben, die Riten und Sitten der Apachen respektierten, kamen 
zehntausend andere, die in den Ureinwohnern nur lästige 
Kreaturen sahen. 

Unter den verschiedenen Stämmen war es genauso. Nicht nur 

bei den Weißen gab es gute und böse Menschen, sondern auch 
bei den Indianern. 

So war Victorio, Cochises ewiger Gegenspieler, ein 

erbarmungsloser Weißenhasser. Immer wieder umging der 
Chief der Mimbrenjos die ausgehandelten Verträge und ließ 
Weiße grausam martern und töten. 

Cochise starrte in die Dunkelheit der Höhle. Er sah das Ende 

vor seinem geistigen Auge. 

Die Apachen würden zusammengepfercht in einer 

Reservation leben, die schlechte Nahrung der Weißen essen 
und all die überlieferten Tugenden vergessen. Der Häuptling 
zweifelte daran, daß es in zwei oder drei Generationen noch 
frei herumschweifende Apachen geben würde. 

Und deshalb kämpfte er um so zäher um seine Heimat, die 

Dragoon-Berge. Denn hier konnten die Kinder noch lernen, 
was ein Apache zu wissen und zu können hatte. 

Vielleicht fiel gerade mit dieser Generation die 

Entscheidung, wer wußte das schon. 

Thomas legte sich auf den Felsboden und fiel in unruhigen 

Schlaf. Er träumte vom Ende allen Streites. Er sah im Traum, 

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daß nur noch solche Menschen in den Südwesten durften, die 
John Haggerty und er ausgewählt hatten. 

Aber das waren eben nur Träume. 

Als die Morgendämmerung die Schwärze der Nacht zerfaserte, 
sattelten Tim Wheeler und Elmer Slade bereits ihre Pferde. Die 
Männer tranken heißen, starken Kaffee, den Big Sloop ihnen 
gekocht hatte. 

»Macht's gut, Jungs«, sagte der massige Unterführer der 

Horde, »und laßt in Santa Magdalena die Finger von den Girls. 
Wir warten auf euch, vergeßt das nicht.« 

Tim und Elmer saßen auf, rückten sich die Waffengurte 

zurecht und gaben ihren Pferden die Zügel frei. Sie trabten zum 
Tunnel, der in den großen Canyon, ins Tal der Seufzer, führte. 

»Hoffentlich denken die Burschen an ein paar Hacken und 

Schaufeln«, sagte Big Sloop. »Es ist verdammt mühselig, 
gesprengtes Geröll mit den Händen wegzuschaffen.« 

Doch er brauchte sich keine Sorgen zu machen. Tim und 

Elrner wußten, was nötig war. Vor allem dachten sie an 
Whisky, der ganz oben auf ihrer Proviantliste stand. 

Nachdem die beiden Reiter den Tunnel hinter sich gelassen 

hatten, ließen sie die Pferde durch das große Tal galoppieren. 
Sie ritten in Richtung Westen, auf den San Pedro River zu, an 
dessen Ufer die Minenstadt Santa Magdalena lag. Die Siedlung 
bot den schwer schuftenden Bergarbeitern jede nur erdenkliche 
Abwechslung. Und wie überall in ähnlichen Situationen, 
machten die Saloonbesitzer und Kartenhaie das meiste Geld. 
Sie lockten den zumeist simplen Gemütern mit schlechtem 
Schnaps, Falschspiel und raffinierten Flittergirls die letzten 
Cents aus den Taschen. 

Kurz bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, ritten 

die Banditen in Santa Magdalena ein. Sie saßen vorgebeugt in 

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den Sätteln, als wären sie wochenlang unterwegs gewesen. 
Aber ein erfahrener Mann erkannte am Zustand der Pferde, daß 
sie höchstens vier oder fünf Stunden in normalem Tempo 
geritten worden waren. 

Aus zwei Saloons drang lautes Gelächter, das sogar die 

schrillen Töne der Orchestrions übertönte. 

»He, nehmen wir 'nen Drink, Partner?« fragte Elmer. 
»Später vielleicht«, antwortete Tim, »erst sollten wir zum 

Store und einkaufen. Unsere Pferde stellen wir dann neben den 
Saloon in den Schatten. So sehen wir gleich, ob sich jemand 
für uns interessiert.« 

»Was machen wir mit dem?« fragte Elmer Slade. 
Tim Wheeler lachte hämisch und antwortete: »Du kannst 

aber dämliche Fragen stellen.« 

Elmer war zufrieden. Er hatte sich nur vergewissern wollen. 

Denn immerhin befanden sie sich hier in einer richtigen Stadt. 
Und vielleicht gab es sogar einen Sternträger. 

Die Outlaws zügelten ihre Pferde vor dem Brettergebäude, 

vor dessen Gehsteigdach ein Schild mit der Aufschrift 
»General Store« pendelte. Die Bretter des Hauses waren 
irgendwann mal weiß gestrichen gewesen. Doch im Laufe der 
Zeit hatte die gnadenlose Hitze das Holz ausgedörrt, und die 
Farbschicht war abgeblättert. Vereinzelt zogen sich noch 
unregelmäßige Streifen weißer Farbe über die rissigen Planken. 

»Leer«, stellte Tim lächelnd fest, als er über die Pendeltür in 

den Laden blickte. »Also los, Partner.« 

Wheeler stieß eine Türhälfte auf, machte einen Schritt vor – 

und zuckte zusammen, als mit metallischem Scheppern ein 
kleiner Stapel leerer Konservendosen umfiel. 

»Großer Jason, was soll das denn?« fragte er entsetzt. 
»Hihihi«, kicherte ein runzelgesichtiger Oldtimer, der 

zwischen den Regalen auftauchte, »feine Sache, was? Ich lege 
mich hin und schlafe 'ne Runde, wenn nichts los ist. Bei dem 
Radau komme ich sofort auf die Beine, wenn sich ein Kunde in 

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den Laden verirrt.« 

Elmer kreiselte mit dem Zeigefinger in der Nähe seiner Stirn 

und sah Wheeler grinsend an. 

»Nein, du junger Hüpfer«, krächzte der Alte entrüstet, »ich 

bin noch lange nicht übergeschnappt.« 

»Mann, du mußt doch jedesmal die Dosen wieder aufbauen«, 

sagte Elmer. »Oder läßt du das deine Kunden machen, die 
deine Ruhe zu stören wagten?« 

Wieder kicherte der kauzige Alte. »Das dauert keine fünf 

Sekunden. Paßt mal auf, ihr Grünschnäbel.« 

Der Oldtimer zog an einem Seil. Auf einmal schwebten die 

Dosen in der Luft. Sie waren alle mit Schnüren an diesem Seil 
befestigt. Drei, vier Sekunden pendelten sie, und dann ließ der 
Alte mit einem Ruck los. Die merkwürdige »Ladenklingel« 
stand für den nächsten Kunden bereit. 

»Das geht natürlich nur, wenn die Dosen nicht ganz leer 

sind«, setzte der Alte zu einer weitschweifenden Erklärung an, 
aber Tim unterbrach ihn. 

»Schon gut, Mann, aber wir wollen dir deine Idee bestimmt 

nicht abkaufen. Wo wir herkommen, können wir so was nicht 
brauchen. Die Apachen fallen auf solche Dinge nicht herein.« 

»Was soll's denn sein, Mister?« fragte der Alte und blinzelte 

seine Kunden listig an. 

»Zwei Kisten Dynamit, eine Rolle Zündschnur, ein Paket 

Schwefelhölzer und fünf Schaufeln mit kurzen Stielen. Du 
weißt schon, welche ich meine. Die, die man hinter den Sattel 
schnallen kann. Dazu drei Pickel, wie sie die Bergleute 
benutzen.« 

Staunend blickte der Alte die beiden an und fragte: »Und das 

alles soll gegen die Apachen gut sein?« 

»Kommt drauf an, wie ihr hier über die Rothäute denkt«, 

antwortete Tim. »Uns machen sie das Leben zur Hölle, Mister. 
Wir haben inzwischen drei ihrer Verstecke gefunden. Die 
sprengen wir zu.« 

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Der Alte schlurfte zwischen seine Regale und schleppte die 

gewünschten Dinge ächzend zum Tresen. Mißtrauisch blickte 
der Oldtimer auf die tief geschnallten Revolver. Sicher fragte 
er sich, ob die Kerle mit Dollars oder Blei zahlten. Sie gehörten 
nämlich zur ganz harten, zur falkengesichtigen Sorte, wie der 
Storekeeper feststellte. 

»So, jetzt Proviant«, sagte Tim. »Wir nehmen für acht Leute 

Futter mit. Dazu fünf Pfund Kaffee und zehn Flaschen Whisky, 
aber keine Pumaspucke, und zehn Päckchen Bull Durham 
Tabak und genug Papier.« 

Ein ansehnlicher Berg türmte sich auf dem Tresen. Von dem 

kleinwüchsigen Alten war nichts mehr zu sehen. 

»Alles, Gentlemen?« fragte er mit seiner kratzenden Stimme. 
»Alles, Mister«, antwortete Tim. »Du kannst 

zusammenrechnen, während mein Partner die Sachen schon 
mal rausbringt.« 

Ohne zu zögern zahlte Wheeler und nahm die 30 Cents 

Wechselgeld in Empfang. 

Der zerknitterte Storekeeper atmete erst auf, als die beiden 

hartgesichtigen Fremden ihre Waren auf den Pferden verstaut 
hatten und davonritten. 

Ha, Apachen in die Luft sprengen, dachte der Oldtimer. Ich 

wette, ihr habt 'ne Goldader entdeckt und rückt ihr nun mit 
Dynamit zu Leibe. Aber mir soll's egal sein. Ich bin zu alt für 
solche Spielchen. 

Er war jedenfalls vorsichtiger als zwei andere Bürger der 

Town. 

Tim und Elmer lehnten im Saloon an der rechten Seite des 
Tresens. Von hier aus hielten sie den gesamten Raum, den 
Eingang und ihre Pferde unter Beobachtung, die sie durch ein 
kleines Seitenfenster sahen. 

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Zwei abgerissen wirkende Typen gingen auf die Pferde zu. 

Die beiden Zerlumpten berührten die Tiere nicht, aber sie 
musterten eingehend die Lasten, die hinter den Sätteln 
aufgeschnallt waren. 

Deutlich sahen Elmer und Tim, daß die Burschen sich 

grinsend zunickten und davongingen. 

Wheeler knallte das Geld für die Drinks auf die Theke und 

eilte mit langen Schritten zur Tür. Elmer folgte Sekunden 
später. Er hatte nicht nur sein, sondern auch noch Tims Glas 
ausgetrunken. 

Wheeler deutete mit dem Kinn zur anderen Straßenseite. 

Sofort stapfte Slade vom Gehsteig in den fußtiefen Staub und 
überquerte das, was Santa Magdalenas Bürger stolz die Main 
Street nannten. 

Die beiden Zerlumpten wollten ganz schlau sein. Sie hatten 

ihre Mulis nicht im Mietstall untergebracht, sondern auf einer 
trockenen Weide am Nordostende der Ansiedlung. Die zwei 
Maultiere waren angepflockt. Sie bockten, als ihre Reiter die 
Sättel auflegten, doch nach einigen Flüchen und Hieben auf die 
Kruppen wurden die Biester friedlich. 

Slade und Wheeler blickten sich um. Das nächste Haus lag 

weit hinter ihnen. Eine halb zusammengefallene Hütte stand 
links von der dürren Weide. 

Tim hatte eine großartige Idee. 
»Hallo, Mister!« rief er und winkte. 
Die beiden zerlumpten Kerle wirbelten herum und griffen zu 

den Colts. 

»Mann, seid ihr aber schreckhaft«, rief Elmer, »wir haben 

nur 'ne Frage.« 

Nun war Elmer Slade am Ende. Tim mußte wieder 

übernehmen. Er äugte über die Schulter zurück, als wollte er 
sich vergewissern, daß ihnen niemand gefolgt war. 

»Diese Hütte da«, fragte Wheeler leise, »wissen Sie 

vielleicht, wem sie gehört?« 

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Die zerlumpten Pilger sahen sich an und wandten zugleich 

ihre Gesichter den Fremden zu. 

»Warum?« fragte einer von ihnen zurück und zeigte 

schwarzgelb verfärbte Zahnstummel. 

»Wir brauchen für einige Tage einen Unterschlupf«, 

antwortete Wheeler. 

»Das geht in Ordnung«, sagte der andere Zerlumpte. »Die 

Hütte gehört uns. Wir haben sie selbst gebaut. Für zwei Dollar 
pro Mann und Tag, dann können Sie bleiben. Das ist nicht 
zuviel, wenn Sie daran denken, daß Sie ungestört sind.« 

»Mensch, Elmer, da haben wir aber mal Schwein gehabt«, 

sagte Tim mit gespielter Begeisterung. »Komm, sehen wir uns 
den Palast an.« 

Wheeler wandte den Kopf und fragte: »Gehen Sie mit? Sie 

haben doch sicher ein paar Sachen, die Sie wegräumen wollen, 
oder?« 

Es wirkte alles ganz natürlich. Die zerlumpten Typen gingen 

grinsend hinter den dämlichen Fremden her, die für eine Art 
Hühnerstall vier Dollar pro Tag ausgeben wollten und sicher 
waren, eine Glücksträhne erwischt zu haben. Nun brauchten sie 
nur noch den beiden Männern zu folgen, denen die schwer 
bepackten Pferde am Saloon gehörten. He, sie würden es schon 
schaffen, wieder zu Dollars zu kommen. 

Tim marschierte mit eingezogenem Kopf unter dem schief 

hängenden Türbalken durch und trat sofort zur Seite. Elmer 
ließ den Besitzern dieses Stalles den Vortritt. 

Aber das hatte weniger mit Höflichkeit zu tun, als mit seiner 

Absicht, den zweiten Mann sofort und wirkungsvoll 
unschädlich zu machen. 

Tim hielt den Revolver in der Rechten und schlug zu. Slade 

schickte den zweiten Mann mit dem Messer ins Jenseits. 

»Das habt ihr euch so gedacht«, zischelte Wheeler böse. 

»Hinter uns herreiten und abstauben oder uns die verdammten 
Apachen auf den Hals hetzen.« 

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Elmer säuberte sein Messer, warf einen Blick auf den Toten 

und fühlte nach dem Puls des anderen Mannes. 

»Du hast fest zugeschlagen, Tim«, sagte er, »der Kerl atmet 

nicht mehr.« 

»Egal, los, hauen wir ab«, brummte Wheeler und steckte den 

Kopf um den Türpfosten. 

Alles lag genauso leer vor ihnen wie vor wenigen Sekunden. 
Die beiden Mörder gingen, als wäre nichts geschehen, zu 

ihren Pferden zurück und saßen auf. Um weitere Beobachter 
irrezuführen, ritten sie genau südwärts. Immer wieder 
verhielten die beiden Banditen ihre Pferde und blickten lange 
auf die eigene Spur zurück. 

Am späten Nachmittag waren sie sicher, daß ihnen niemand 

folgte und bogen nach Osten ab. An diesem Tag erreichten sie 
die Dragoon Mountains nicht mehr. Aber am folgenden 
Nachmittag waren sie vermutlich wieder bei ihren Kumpanen 
im kleinen Tal und konnten die ersten Sprengungen 
vorbereiten. Es mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie 
nicht endlich die Goldader fanden, von der Walt erfahren hatte. 

Etwa eine Stunde vor der Dämmerung parierte Elmer Slade 

sein Pferd auf einer mit Sträuchern überwucherten Kuppe. 

»Lagern wir?« fragte er seinen Partner. 
Tim Wheeler nickte und stieg aus dem Sattel. Steifbeinig 

führte der Bandit sein Pferd zwischen die Büsche und musterte 
die Umgebung. Der Lagerplatz war ideal. Niemand entdeckte 
sie hier, wenn sie kein Feuer machten, und kein Mensch hörte 
sie, wenn nicht gerade ein Apache unterwegs war. 

Wenig später hatten Tim und Slade abgesattelt. Sie wollten 

auch den Pferden Erleichterung gönnen. Denn es lag noch eine 
lange Strecke vor ihnen. 

Eine halbe Stunde später lagen die Outlaws im Gras, 

rauchten und blickten zum Himmel. Sie waren sicher, bald in 
Gold und Dollars baden zu können. Denn sie hatten alles bei 
sich, was sie im Tal brauchten. 

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Die Männer starrten auf die sinkende Sonne und dachten 

darüber nach, was sie mit ihrem Reichtum anfangen konnten. 

Um so unangenehmer wirkte das Knacken zweier 

Revolverhähne, die metallisch einschnappten. 

Jäh zuckten Tim Wheeler und Elmer Slade zusammen. Sie 

griffen zu den Colts, aber jemand sagte in hart klingedem 
Englisch: 

»Amigos, ihr werdet doch nicht so dumm sein, oder?« 

»Oh, verdammter Mist«, flüsterte Elmer voller Wut, während 
er die Rechte vom Revolver löste. 

Auch Wheeler hielt die Hände sorgfältig von seiner Waffe 

weg. Gegen zwei Gegner, die in den Büschen hockten, hatten 
die Outlaws keine Chance. 

»Ihr seid brave Americanos«, lobte der Mexikaner. 
Die Büsche rauschten. Ein mittelgroßer, pockennarbiger Typ 

trat auf die Lichtung. Ein gewaltiger schwarzer Schnauzbart 
verdeckte die Lippen des Desperados. Auf dem Kopf trug der 
Mann einen Sombrero, der die Ausmaße eines Wagenrades zu 
haben schien. 

»Pepe, Jose, kommt raus!« rief der Anführer der drei 

Wegelagerer mit seinem selbstgefälligen Unterton in der 
Stimme. 

Elmer und Tim wandten die Köpfe. Sie hatten es also mit 

drei Gegnern zu tun, nicht nur mit zweien. 

»Fesselt sie!« befahl der Schnauzbart. »Sie sollen nicht auf 

dumme Gedanken kommen. Nehmt ihnen die Colts ab! Sie 
brauchen keine Waffen mehr. Wir beschützen unsere zwei 
Freunde vor allem, was ihnen zustoßen könnte.« 

Pepe und Jose lachten roh. Geschickt traten sie hinter Slade 

und Wheeler und zogen die Revolver aus den Halftern. 

»Hände nach hinten«, sagte Pepe, »und keine Tricks, sonst 

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ziehe ich euch den Colt über den Schädel!« 

Elmer verfügte über kräftige Unterarme und Gelenke. Er 

spannte seine Muskeln mit aller Kraft an und drängte sich vor, 
um als erster gefesselt zu werden. 

Hoffentlich entdecken sie nicht mein Messer im 

Stiefelschaft, dachte er. 

Aber er hatte Pech. Als auch Tims Handgelenke 

zusammengeschnürt waren, durchsuchten die Mexikaner ihre 
Gefangenen gründlich und förderten die beiden Messer zutage. 

»Na so was«, sagte der Pockennarbige erstaunt. »Was macht 

ihr denn mit diesen Dingern, Amigos?« 

Die Banditen antworteten nicht. Es hatte keinen Sinn, sich 

mit diesen wilden Pistoleros zu streiten. Gefesselt und 
unbewaffnet zogen die Gefangenen auf jeden Fall den 
kürzeren. 

Der Boß der Bande betrachtete die Vorräte, pfiff schrill 

durch die Zähne, als er die Schaufeln, das Dynamit und die 
Hacken sah, und wandte sich grinsend seinen Gefangenen zu. 

»Jose hatte die besten Augen«, sagte er. »Er sah euch und 

erzählte uns, was ihr für schöne Sachen hinter die Sättel 
geschnallt habt. Das sieht ja ganz so aus, als wolltet ihr Gold 
suchen. Stimmt das, Amigo?« 

Der Pockennarbige stand einen halben Schritt von Slade 

entfernt. Der starrte auf seine Stiefelspitzen. 

Ansatzlos schlug der Mexikaner zu. Slade wurde völlig von 

dem Hieb überrascht und verlor das Gleichgewicht. Schwer 
prallte er zu Boden. 

»Steh auf!« herrschte der Pistolero seinen Gefangenen an. 

»Sieh mich an und antworte, wenn ich dich was frage, 
Capito?« 

Elmer rappelte sich hoch und sagte etwas, das nur äußerst 

selten als Aufforderung verstanden wurde. Aber dafür kassierte 
Slade einen zweiten Schlag. Diesmal war der Mörder 
vorbereitet und pendelte mit dem Oberkörper die Wirkung des 

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Hiebes etwas aus. 

»Paßt mal auf, ihr beiden Spaßmacher«, sagte der 

Pockennarbige zischelnd. »Ich bin Alvarez, und so redet ihr 
mich auch an. Klar? Wir holen schon aus euch raus, wo die 
Goldmine liegt. So eine Bonanza kommt uns gerade recht.« 

Wheeler sah Alvarez tückisch an. 
»Du glaubst es wohl nicht, Amigo?« fragte der Kerl beinahe 

sanft. »Du irrst dich. Jose, sieh ihn dir genau an. Er ist das 
Andenken an einen Yaqui-Überfall auf ein mexikanisches 
Dorf. Als er vier war, holten ihn die Yaquis in die Berge. Erst 
mit vierzehn gelang ihm die Flucht. Aber da war er schon 
versaut. Er kennt eine Menge feiner Tricks, die euch um 
Erbarmen winseln lassen. Ihr werdet froh sein, wenn ich euch 
zu sprechen erlaube. Glaubt mir ruhig, aber ihr könnt euch das 
ersparen. Na, wie ist es?« 

Elmer und Tim antworteten nicht. 
Alvarez hob beide Arme zum Himmel und rief: »Die 

Heiligen sind meine Zeugen, daß ich alles versucht habe. Aber 
jetzt will ich erst essen. Euer Geschrei verdirbt mir sonst den 
Appetit. Ihr bekommt keine weitere Chance von Alvarez.« 

Eilfertig liefen Pepe und Jose zwischen die Büsche. Wenig 

später kamen die Mexikaner mit drei unbeschlagenen Pferden 
zurück, die prächtige, reich mit Silber verzierte Sättel trugen. 

Den Outlaws quollen fast die Augen aus den Höhlen, als 

Pepe und Jose ein helles Tuch auf dem Gras ausbreiteten und 
aus den Satteltaschen drei Porzellanteller nahmen. 

Kalter Braten, gekochte Eier, drei Stücke Kuchen und eine 

Flasche Wein waren eine großartige Mahlzeit. 

»Ihr habt eben keine Lebensart«, behauptete Alvarez. »Ihr 

Americanos seid Barbaren, weiter nichts. Warum soll ich in der 
Wildnis nicht die guten Seiten der Zivilisation genießen? Die 
schlechten habe ich oft genug kennengelernt.« 

Während der Anführer der Mexikaner genüßlich schmatzte 

und sich das ehemals weiße Hemd mit Rotwein bespritzte, kam 

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er auf Jose zurück. 

»Erzähl uns doch von deinen Künsten, Amigo«, sagte er. 
Der Halbindianer blickte die Weißen aus kohlschwarzen 

Augen an. Sie wirkten kalt und erbarmungslos. 

»Ich fange mit den einfachen Sachen an«, sagte Jose 

gelassen. »Zuerst schiebe ich euch angespitzte Holzspäne unter 
die Fingernägel. Wahrscheinlich redet ihr dann schon. Kaum 
ein Gringo hält das aus.« 

Jose schwieg sekundenlang und studierte die Wirkung seiner 

Worte auf die Americanos. Er registrierte zufrieden ihr 
Zusammenzucken. 

»Nutzt das nichts, mache ich mit den Ameisen weiter«, fuhr 

das Halbblut fort. »Ich binde euch die Hosenbeine in der Mitte 
der Oberschenkel fest zu und schütte ein paar Hände voll 
Ameisen hinein. Allerdings werde ich euch vorher knebeln, 
denn das Geschrei könnte ungebetene Zuschauer anlocken, 
meine entfernten Vettern, die Chiricahuas.« 

Tim lief es bei dem Gedanken daran kalt über den Rücken. 

Er fragte lauernd: »Welche andere Möglichkeit haben wir?« 

Erstaunt blickte Alvarez auf und antwortete: »Keine, ich 

habe das doch schon gesagt.« 

»Wir kannten Ihr ganzes Angebot aber noch nicht«, 

protestierte Elmer wütend. 

»Das ist mein Erfolgsgeheimnis«, prahlte der Boß. »Nur so 

kommen wir zu etwas. Mach weiter, Jose!« 

»Nutzt das mit den Ameisen auch nichts, bringen wir euch 

Hautschnitte bei und reiben Salz hinein. Anschließend breche 
ich ein paar Patronen auf, streue das Pulver über die Wunden 
und zünde es an. Aber das erlebt ihr schon nicht mehr. Ihr seid 
Americanos. Ihr schreit schon bei den angespitzten 
Holzstäbchen euer Geheimnis hinaus.« 

Alvarez lachte gemein und sagte: »Hoffentlich nicht, Jose. 

Ich möchte wirklich sehen, wie sie sich über den Boden 
wälzen, wenn ihnen die Ameisen …« 

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»Reden könnt ihr schwingen«, unterbrach Elmer Slade ihn. 

»Wann fangt ihr endlich an?« 

Verblüfft fixierten die Mexikaner den Gefangenen. Alvarez 

sah zu Tim und fragte: »Sag mal, ist dein Freund nicht ganz 
richtig im Kopf?« 

Wheeler grinste, als er erwiderte: »Das nicht, aber er mag 

Ameisen.« 

»Schluß, ihr Narren!« fauchte der Anführer der Mexikaner. 

»Jose, Pepe, knebelt sie und bindet ihnen die Fußgelenke 
zusammen! Ich will heute nacht meine Ruhe haben. Und ihr 
schlaft auch. Sobald die Sonne aufgeht, macht sich Jose an die 
Arbeit.« 

Wenige Minuten später lagen Tim und Elmer kunstgerecht 

verschnürt und geknebelt weit voneinander entfernt. 

Die Mexikaner lagen schnarchend mit den Köpfen auf ihren 

Sätteln und dachten überhaupt nicht daran, einen Mann auf 
Wache zu schicken. 

Elmer dehnte mit aller Kraft die Stricke, die locker um seine 

Gelenke hingen. Nach einem halben Dutzend Versuchen 
rutschten die Fesseln weiter, so daß Slade mit den 
Fingerspitzen den Knoten erreichte. Er brach sich die 
Fingernägel ab, aber er schaffte es und löste den Knoten. 

Behutsam schnürte Elmer die Beinfesseln auf und zog den 

Knebel aus dem Mund. Lautlos erhob sich der Bandit, machte 
einen Schritt, verharrte und sank wieder zu Boden. Sekunden 
später hatte er die Stiefel von den Füßen gezogen und schlich 
auf seinen löcherigen Socken zu den Mexen hinüber. 

Jose trug einen unterarmlangen Dolch in einer Lederscheide. 

Ganz vorsichtig zog Slade das Messer heraus und führte die 
Klinge auf den Hals des Schlafenden zu. 

Wenige Sekunden später befreite Elmer seinen Kumpan und 

flüsterte: »Glück gehabt, was, Tim? Mach die Pferde fertig. Ich 
durchsuche mal die Taschen und das Gepäck der 
Lumpenhunde.« 

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Tim Wheeler machte sich an die Arbeit. Als beide Tiere 

gesattelt und bepackt waren, kam Slade mit drei Leinenbeuteln, 
in denen es verheißungsvoll klimperte. 

Staunend betrachteten die Banditen die goldenen Pesos, 

bevor sie teilten und anschließend aufsaßen. 

»Wir müssen weiter«, sagte Tim, »und wenn wir über 

Apachen fallen. Aber ich hoffe, sie kümmern sich zuerst um 
die leichte Beute hier. Drei erstklassige Pferde, Sättel, Silber 
und Waffen das ist doch schon was für eine Kriegerhorde. Los, 
komm, Elmer!« 

Die Banditen ritten an. 
Der Mond erhellte die Nacht mit seinem kalten Licht und 

beleuchtete den Weg zu den Dragoon Mountains. 

Ab und zu segelte eine Eule als fast lautloser Schatten am 
Nachthimmel vorbei. Tiere der Dunkelheit huschten zwischen 
den Steinen hin und her und verursachten leise Geräusche, die 
den beiden Weißen den Angstschweiß auf die Stirn trieben. 

Sie vermuteten hinter jedem Busch, hinter jedem 

Felsbrocken einen Apachen, der nur auf sie wartete. 

Tatsächlich beobachtete ein Späher die zwei Weißen. Er 

verhielt sein Pony schräg neben dem Weg der Pferde. Die 
beschlagenen Hufe der anderen Tiere verursachten für die 
Ohren des Indianers einen Heidenlärm in der Nacht. 

Er hielt etwa 20 Yards Abstand und ritt parallel zu den 

Bleichgesichtern, die es offensichtlich sehr eilig hatten. 

Also besaßen die Hellaugen etwas, das wertvoll war, schloß 

der Apache, denn sonst wären sie nicht derart durch die Nacht 
gejagt. 

Aber ob die Beute für einen Indianer einen Wert besaß, 

wußte der Tonto noch nicht. Doch zwei gute Pferde, die 
Ausrüstung und Waffen der Bleichgesichter waren schon eine 

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beachtliche Beute für einen einzelnen Krieger. 

Der Tonto hatte keinerlei Bedenken, die Weißen allein 

anzugreifen. Denn er befand sich in seinem Element und im 
Gebiet der Apachen. Er kannte hier jeden Stein, jeden Strauch 
und jede Wasserstelle. 

Wie sollten ihm die Bleichgesichter entkommen? 
Der Krieger beugte sich vor, flüsterte seinem Pferd etwas in 

die aufgestellten Ohren, und es fiel plötzlich in Galopp. Mit 
weit ausgreifenden Sätzen flog es förmlich dahin. Sanft 
korrigierte der Tonto die Richtung, näherte sich dem Ort, an 
dem er sich in den Hinterhalt legen wollte, und brachte sein 
Pony zum Stehen. 

Geschmeidig wie ein Raubtier glitt der Indianer vom 

Pferderücken. Sekundenlang stand er reglos und lauschte. In 
der Ferne klangen die metallbeschlagenen Hufe der Pferde auf, 
die von den Bleichgesichtern geritten wurden. 

Der Tonto lächelte, als er das alte Schrotgewehr aus den 

Lederschlaufen löste. Die Flinte war seine erste Beute als 
Krieger gewesen. Immer hatte er dafür gesorgt, daß genügend 
Patronen für die alte Donnerbüchse vorhanden waren. Diesmal 
sollte sie ihm zu weitaus größerer Beute verhelfen. 

Geschickt wie ein Wiesel kletterte der Apache einen steil 

aufragenden Felsen hoch. Seine Finger krallten sich in winzige 
Spalten, und die Zehen in den geschmeidigen kniehohen 
Mokassins stützten sich an kleinsten Vorsprüngen ab. 

Mit dem letzten Schwung gelangte der Krieger auf das 

brettflache Oberteil der mehr als mannshohen Säule. Er schob 
die Flinte vor und spannte beide Hähne. Nun brauchten die 
Bleichgesichter nur noch zu kommen. Es genügte, wenn er sie 
aus den Sätteln holte. Die Pferde sollten nicht verwundet 
werden. Hatten sie erst einmal die Metalleisen verloren, konnte 
der Krieger vielleicht zwei gute Squaw-Pferde aus ihnen 
machen. 

Immer lauter tackten die metallenen Hufe auf dem Gestein 

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des Weges. Gelassen hob der Tonto die Flinte etwas an. Er 
ahnte nicht, daß er damit seinen Tod besiegelte. Denn Elmer 
Slade und Tim Wheeler hatten jenen Zustand der erregten 
Aufmerksamkeit erreicht, in dem sie eine Schnecke hätten 
husten hören können. 

Jetzt! 
Der Indianer zielte bedächtig. Er wußte, daß er nach dem 

ersten harten Schlag gegen seine Schulter erneut zielen mußte. 
Der linke Reiter war voll im Ziel. 

Langsam krümmte der Tonto den Finger. 
Zwei Feuerblumen blühten vor ihm orangerot auf. Zwei harte 

Schläge warfen den Apachen zurück. Heiße Glut schien seinen 
Oberkörper zu durchströmen. Er riß beide Abzüge durch. 
Donnernd entlud sich die Flinte. Die Schrote jagten beinahe 
senkrecht in den Nachthimmel, als sollten sie Mond und Sterne 
vom Firmament holen. 

»Wir haben ihn erwischt!« stieß Elmer begeistert hervor. 

»Mann, Tim, jetzt kann uns nichts mehr passieren. Wir haben 
einen verdammten Apachen zu Manitu geschickt.« 

Wheeler hob die Linke. Mit der anderen Hand zügelte er das 

Pferd. Eine Weile lauschte er. Schließlich nickte Tim und 
sagte: »Er scheint in die Apachenhölle gefahren zu sein. 
Machen wir, daß wir wegkommen, ehe seine Freunde 
auftauchen und uns das Fell über die Ohren ziehen, Elmer.« 

Ernüchtert lud Slade den Colt auf und rammte ihn ins 

Halfter. 

Anschließend preschten die beiden Banditen davon. 
Sie blickten nicht zurück, entdeckten nicht den Krieger, der 

sich mit beiden Händen aufstützte und seinen Todfeinden 
nachsah. 

Schwer fiel der Tonto auf den Felsen. In seiner Brust wühlte 

ein wilder Schmerz, fraß sich weiter, tiefer, drohte das Leben 
zu verscheuchen. 

Der Krieger mußte seine Stammesbrüder auf die Fährte der 

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Bleichgesichter hetzen. Sie sollten sterben, die tausend Tode 
erleiden, die Apachen für ihre Feinde bereithielten. 

Der Tonto mißachtete den glühenden Schmerz, als er sich zur 

Kante der Steinsäule schob. Er berührte das Gewehr. 
Verächtlich stieß er die Waffe der Weißen, deren metallisches 
Blinken ihn verraten hatte, über den Rand. Der Kolben der 
Flinte zersplitterte, als die Waffe aufschlug. 

Nur noch eine Chance sah der Krieger. Mit Todesverachtung 

ließ er sich ebenfalls hinabfallen. Er schlug schwer auf und 
verlor die Besinnung. 

Als er wieder zu sich kam, streifte warmer Atem sein 

Gesicht. Das Pony war zu seinem Herrn gekommen und 
betastete ihn mit dem Maul. 

Mit der flachen Hand wischte sich der Indianer über die 

blutfeuchte Brust und verteilte sein verrinnendes Leben im Fell 
des Pferdes. 

Der Tonto wollte sprechen, aber nur ein heiseres Flüstern 

kam über seine Lippen. Noch einmal nahm er alle Kraft 
zusammen. Wie ein letzter Ausbruch gellte das Wort heraus. 

Für eine Sekunde stand das Pony reglos wie aus Stein 

gehauen. Aber dann warf es sich herum und jagte davon. 

Der Tonto lächelte zufrieden. Das Pferd würde zu den 

Stammesbrüdern galoppieren, und sie rochen den Tod in 
seinem Haar. 

Plötzlich fühlte sich der Apache leicht wie eine Feder. Der 

Schmerz hatte auf wunderbare Weise nachgelassen. Langsam 
holte der Indianer tief Luft. Klar und deutlich klangen die 
Worte seines Sterbegesanges durch die Nacht. 

Nach den letzten Worten brach der Krieger zusammen. Er 

war tot. Aber er hatte bis zur letzten Sekunde seines Lebens für 
den Stamm, für die Sache der Apachen gekämpft. 

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Takona richtete sich neben dem borkigen Stamm auf und 
blickte in die Nacht. Seine Krieger lagen in guter Deckung. 
Takona war ein erfahrener Unterführer der Tontos. Er machte 
sich Hoffnungen, eines Tages vom Rat der Alten zum 
Unterhäuptling gewählt zu werden. Wenn es nach seinen 
Erfolgen bei den Kriegszügen ging, hätte er schon längst Jefe 
sein müssen. Aber die Vertreter Santanas vergötterten den 
Anführer der Tontos. Und Santana hörte zumeist auf Victorio, 
den Mimbrenjo. Er war ein unversöhnlicher Weißenhasser und 
hätte die Bleichgesichter am liebsten ausgerottet. 

Zudem versuchte er ständig, Cochises Einfluß bei den 

Stämmen zu untergraben. Das brachte ihm viele Sympathien 
ein, denn den Kriegern ging es um Kampf und Beute. 

Der Ruf eine Wüstenspottdrossel klang durch die Nacht. 

Aufmerksam horchte Takona. Sekunden später wiederholte 
sich der imitierte Ruf. Nur jeweils einmal schrie der Tagvogel, 
also näherte sich ein Pferd. 

Die Wüstenspottdrossel schlief nachts in ihren Verstecken. 

Aber ihr Schrei war das Zeichen der Tontos, mit dem sie sich 
verständigten. 

Takona antwortete mit dem heiseren Fauchen des 

Rotluchses. 

Der Tonto trat drei Schritte vor. Er wollte sehen, wie seine 

Männer mit dem Fremden fertig wurden. 

Dann kam Hufschlag auf. Takona runzelte die Stirn. Das 

Pferd schien keinen Reiter zu tragen. 

Plötzlich ritten unterhalb des Anführers der Rotte vier 

Krieger aus schmalen Einschnitten, die sich wie Kerben durch 
die Felsenwildnis zogen. Die Apachen fingen den Mustang ab. 

»Ein Apachenpony!« rief einer der Krieger. 
»Es gehört Ratana«, sagte ein anderer. »Es riecht nach Blut, 

Takona.« 

Der Jefe der Gruppe kletterte geschickt wie ein Wiesel hinab. 

Als er neben dem Mustang stand, sog Takona tief die Luft ein. 

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Ja, es roch nach Tod, nach Blut. Sorgfältig untersuchten die 
Krieger das Pony, aber sie fanden keine Verletzungen. 

»Wir folgen seiner Fährte zurück«, befahl der Anführer. 

»Ratana ist im Land der endlosen Jagd. Und wir holen uns 
seine Mörder.« 

In diesem Augenblick löste sich vom höchsten Felsen eine 

große Eule. Mit weit ausgebreiteten Schwingen segelte das 
Tier über die Schlucht. 

Bü, die Eule, war der Bote der Götter, der die Seelen der 

Verstorbenen in die Ewigen Jagdgründe geleitete. In der 
abergläubischen Vorstellungswelt der Apachen nahm dieser 
Vogel einen ganz besonderen Platz ein. 

Takona stieß dreimal den Pfiff einer Taschenratte aus. 

Innerhalb weniger Sekunden versammelten sich die 30 Krieger 
hinter ihrem Anführer. Einer brachte Takonas Pony. Er saß auf 
und ritt voraus. 

Im silbrigen Licht des Mondes folgte er der Fährte, die für 

seine Augen deutlich vor ihm lag. 

Nach einer Weile bog die Spur in einen breiteren Weg ein. 

Ungeduldig drängte das blutbefleckte Pony an Takona vorbei 
und trabte zu einer Steinsäule, vor der es verharrte. 

Die Krieger rochen das Blut. Sie saßen ab, fanden Retanas 

Leichnam und trugen ihn zu einer hochgelegenen Felsspalte. 
Vorsichtig betteten sie ihren toten Stammesbruder in die 
Öffnung und machten sich daran, sie mit Steinen und Geröll 
fest zu verschließen. 

Dumpfer Gesang schwang durch die Nacht, und einer der 

Tontos hämmerte mit den Handballen auf eine kleine 
Trommel, die mit der Haut getöteter Tiere bespannt war. 

Als die Riten erfüllt waren, suchten vier Apachen den Boden 

ab. 

Wenig später kamen sie zu Takona und meldeten: »Zwei 

Reiter mit beschlagenen Pferden kamen von dort und ritten im 
breiten Tal weiter. Die Mustangs trugen schwere Last.« 

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Takona überlegte. Schließlich entschied er: »Wir folgen der 

Spur in die Richtung, aus der die Bleichgesichter kamen.« 

Sofort sprangen die Indianer auf die ungesattelten Ponys. Sie 

wunderten sich nicht über diesen Befehl. Takona war der 
Anführer. Er mußte wissen, was er tat. 

In Wirklichkeit hatte der Apache nur ein vages Gefühl. Er 

verließ sich auf seine Instinkte, die in langen Jahren immer 
ausgeprägter geworden waren. Er witterte förmlich, daß sie 
Beute finden würden. Und die beiden Bleichgesichter liefen 
ihnen nicht davon. Denn sie hielten auf den Canyon der 
Seufzer zu. Und die Tontos kannten andere Wege, die sie in 
der halben Zeit in das weite Tal brachten. 

Nach einer Weile zügelte Takona sein Pony und lauschte in 

die Nacht. 

»Pferde«, sagte er. »Sie sind unruhig. Dort, wir kreisen sie 

ein.« 

Der Tonto deutete mit der Hand nach links. Er wartete, bis 

sich seine Krieger verteilt hatten und ließ ihnen einen 
Vorsprung, bevor er selbst seinem Pony die Hacken in die 
Flanken preßte. 

Wenig später parierte Takona sein Pferd vor den Büschen. Er 

kannte die Stelle und wußte von der Lichtung. 

Takona schnupperte. Auch hier roch es nach Blut und Tod. 

Ohne auf das Rauschen der Sträucher zu achten, trieb er seinen 
Mustang hindurch. 

Das Mondlicht blinkte auf den Silberbeschlägen der Sättel. 

Die Pferde standen weit von den drei Toten entfernt. 

»Gelbhäutige«, sagte Takona und glitt von seinem Pony. 
Er ging dicht an den Büschen vorbei und betrachtete 

aufmerksam den Boden. Immer näher kam der Apache den 
Toten und dem erloschenen Feuer. Als er neben den 
Mexikanern stehenblieb, wußte er, was geschehen war. Zwei 
andere Männer waren von den Gelbhäutigen 
gefangengenommen worden. Aber diese beiden konnten sich 

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befreien und die Mexikaner umbringen. 

Und diese zwei waren jene, die Retana getötet hatten. 
»Akina, du bringst die Beute zu Santana!« befahl Takona. 

»Nimm auch die Sättel mit. Im San Carlos-Reservat zahlen die 
Bleichgesichter blankes Metall für einen solchen Sattel. Wir 
anderen folgen den Weißen.« 

Takona lenkte seinen Mustang herum, richtete sich steil auf 

und rief plötzlich: »Zastee! Tötet!« 

»Zastee!« gellten hinter ihm die Stimmen seiner Krieger. 
Neidisch blickte Akina seinen Stammesbrüdern nach. Sie 

folgten den Weißen, die ihre Pferde schwer bepackt hatten. 
Vielleicht brachten sie Proviant zu anderen Bleichgesichtern. 
Dies mußte für die Tontos unter Takona eine gute Nacht 
werden, dachte Akina. 

Die Ponys der anderen brachen durch die Büsche. Im Galopp 

trieben die Krieger ihre Mustangs hinter den Feinden her. 

Cochise und Thomas Jeffords schliefen unruhig. Die Pferde der 
Atkins-Bande waren nervös und wieherten und zerrten an den 
Halteseilen. 

»Irgendwas geht vor«, flüsterte Thomas. »Ich möchte nur 

wissen, was.« 

Der Apachen-Häuptling kroch zum Ausgang der Höhle und 

spähte zum Feuer der Banditen hinüber. Holz zerplatzte 
knackend in der Glut, als einer der Kerle neue Äste ins Feuer 
schob. Die Flammen schlugen hoch. 

»Was ist los, Walt?« fragte Atkins. 
Er lag neben der Hüttenwand in seine Decke gewickelt. 
»Keine Ahnung, Boß«, antwortete der Kumpan, »aber ich 

fühle mich verdammt unwohl in meiner Haut. Und ich habe 
gelernt, daß ich mich auf dieses Gefühl verlassen kann.« 

»Mach dir nicht in die Hose«, sagte der Revolverschwinger 

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spöttisch. »Was kann uns hier schon passieren? Das Tal ist wie 
'ne Festung. Der einzige Zugang ist der Tunnel. Und den 
können wir abriegeln. Dann kommt keine Maus mehr rein.« 

Walt O'Nions schien Zweifel zu haben. 
»Vielleicht kennen die Apachen noch einen anderen Weg«, 

sagte er stirnrunzelnd. »Ich habe keine Lust, meinen Skalp an 
die Rothäute zu verlieren.« 

»Nur nicht nervös werden«, riet der Boß, »das Warten macht 

dich verrückt. Ich wette, daß du dauernd an das Dynamit 
denkst und daran, daß wir morgen die Goldader finden. Ist es 
nicht so?« 

Walt grinste und erwiderte: »Das wird's sein, Claude. Ich 

kann es kaum erwarten, das gelbe Glitzern zu sehen.« 

»Hol dir 'ne Flasche, Partner«, sagte Atkins großzügig, »trink 

einen ordentlichen Schluck, dann wird dir besser.« 

Cochise tippte an den Arm seines Freundes. Sie krochen 

zurück, weit genug, daß ihre Worte in der stillen Nacht nicht 
im Tal zu hören waren. 

»Sie sind unruhig«, sagte der Jefe, »und spüren, daß es bald 

zu Ende ist. Hellauge, wie gehen wir vor, wenn die anderen 
beiden Männer wieder hier sind? Warum greifen wir nicht im 
Morgengrauen an? Jetzt stehen wir nur vier Feinden 
gegenüber. Kommen die anderen zurück, sind es sechs.« 

Thomas schwieg. Er konnte dem Jefe einfach nicht 

begreiflich machen, daß die Halunken eine Chance verdienten. 
Sicher, sie waren gemeine Mörder. Sie gehörten zum 
Abschaum der Menschheit, doch Thomas konnte sich nicht 
dazu entschließen, sie einfach niederzuknallen. Er war zu 
anständig, zu ehrenhaft und hatte das Gefühl, nicht besser als 
die Killer zu sein, wenn er einfach drauflosfeuerte. Außerdem 
wäre es Lynchjustiz gewesen. 

Der Häuptling verstand den Weißen. Auch Cochise wußte, 

daß kein Mensch aus seiner Haut konnte und respektierte die 
Einstellung seines Freundes. 

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Natürlich erwartete er von Jeffords, daß auch er sich mit den 

Sitten der Apachen abfand, mochten sie ihm noch so grausam 
erscheinen. 

»Ich kann nicht mehr schlafen«, sagte Thomas nach einer 

Weile. »Ich lege mich vorn hin und beobachte.« 

»Ich klettere hinauf und hole die Gewehre«, raunte Cochise. 

»Wenn wir kämpfen, sind wir den Banditen sonst unterlegen.« 

Thomas war einverstanden. Bis zur Dämmerung vergingen 

noch zwei Stunden. Diese Zeit konnten sie nutzen. 

»Ich gehe mit«, sagte er entschlossen. »Etwas Bewegung tut 

mir gut. Ich bin schon steif vom Liegen und Hocken in der 
Höhle.« 

Cochise ließ seinem Freund den Vortritt. Der Postmeister 

stemmte Rücken und Füße gegen die Wandung des Schachtes 
und arbeitete sich in die Höhe. Es ging besser, als Thomas 
gedacht hatte. Aber er hatte sich ja auch lange genug ausgeruht. 
Erleichtert schwang er sich über die Kante und rollte zur Seite. 

Cochise folgte wenige Sekunden später. Geschmeidig sprang 

er auf die Füße und lief mit federnden Schritten los. Jeffords 
folgte dem Häuptling und atmete tief durch. 

Nach kurzer Zeit bog der Apache vom schmalen Felsweg ab 

und huschte zwischen eine Ansammlung aus Steinsäulen und 
einer fast senkrechten Felsplatte durch. 

Thomas wurde schneller, holte den Jefe ein und fragte: »Das 

ist doch nicht der richtige Weg, Cochise. Unsere Pferde stehen 
viel weiter weg.« 

Der Häuptling der Chiricahuas blieb stehen und sah Thomas 

lächelnd an. 

»Du kennst nicht alle Geheimnisse meiner Berge«, sagte 

Cochise. »Ich habe die Pferde hierher gebracht, als ich die 
Wasserflaschen holte.« 

Verwundert sah sich Thomas um. Im silbernen Mondschein 

sah er nur zerklüftete Gesteinsformationen, aufgetürmtes 
Geröll und keinen Pfad, der Pferdehufen Halt gegeben hätte. 

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Cochise lächelte wieder. »Du findest den Pfad jetzt nicht, 

Hellauge. Wenn wir reiten, wirst du ihn sehen. Er führt nicht in 
den Canyon der Seufzer, sondern quer durch die Dragoons 
nach Osten.« 

Nach 30 Yards hörte Thomas Jeffords die Tiere. Sie witterten 

die Menschen und schnaubten. Ein dünnes Rinnsal floß vor den 
Pferden aus einer Steinspalte und versickerte kurz darauf im 
Boden. Ein Grasfleck von ungefähr vier Yards Durchmesser, 
durchsetzt mit Bergkräutern, bot den Pferden genügend 
Nahrung. 

Cochise nahm seinen Bogen, den Köcher, die Schleuder und 

sein modernes Winchestergewehr. Thomas zog seine Büchse 
aus dem Scabbard und holte aus der Satteltasche ein Päckchen 
Patronen. 

»Das reicht für einen Krieg«, sagte Cochise lächelnd. »Wenn 

wir feuern, Hellauge, dann um zu treffen und zu töten. Oder 
willst du, daß einer der weißen Banditen entkommt und die 
Geschichte von der Goldader weiter verbreitet? Willst du, daß 
er mit neuen Bleichgesichtern zurückkommt und wieder 
Unruhe in meine Berge bringt?« 

Ehe Jeffords antworten konnte, wandte der Häuptling den 

Kopf. Lange lauschte er in die Dunkelheit. Als er Thomas 
wieder ansah, war das Gesicht des Apachen ernst. 

»Was ist?« fragte Jeffords. »Ich habe nichts gehört.« 
»Der Ruf einer Wüstenspottdrossel«, erklärte Cochise. 

»Apachen sind unterwegs. Komm, Hellauge, wir legen uns auf 
die Lauer! Ich glaube, sie kommen durch den Canyon der 
Seufzer.« 

Thomas Jeffords wußte nicht, was er davon halten sollte. 

Warum interessierte sich der Jefe plötzlich für seine 
Stammesbrüder, die durch die Nacht ritten? 

Jeffords fielen dann plötzlich die beiden Banditen ein, die 

aus Santa Magdalena Vorräte und Sprengstoff holen sollten, 
und nannte sich innerlich einen Narren. Wenn den Kerlen eine 

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Rotte Krieger auf den Fersen war, änderte sich alles. Denn 
Jeffords wollte abwarten, wie die Outlaws mit dem Dynamit 
umgingen. Einmal interessierte ihn, ob sie wirklich eine 
Goldader fanden. Zum anderen hoffte er immer noch, nicht 
töten zu müssen, hoffte, daß sich die Banditen beim Hantieren 
mit dem Sprengstoff selbst in die Hölle beförderten. 

Cochise war schon 20 Yards entfernt, als Thomas ihm folgte. 

Lautlos wie zwei Pumas liefen die beiden Männer über Kanten 
und Abhänge an der Seite des großen Canyons. 

Der Jefe blieb stehen, als sie ungefähr eine Meile 

zurückgelegt hatten. 

»Hier ist der beste Platz«, sagte Cochise und deutete über 

eine Art natürliche Brustwehr, die wie die Zinnen einer Burg 
wirkten. Die Lücken waren breit genug, daß die Beobachter 
ihre Köpfe hindurchstecken konnten. 

Fast eine Stunde warteten der Jefe und sein weißer Freund. 

Im Osten kroch ein grauer Streifen über den Horizont, wurde 
allmählich heller und tauchte die Ränder des Canyons in 
Zwielicht. Aber bald schob sich die Sonnenscheibe hoch. Die 
Gipfel der Dragoon Mountains lagen im Schein des Morgens. 
Der Canyon der Seufzer lag wie ein langer, dunkler Streifen 
unter den Beobachtern. 

»Hufschlag.« Cochise zeigte nach links. »Zwei Pferde mit 

Eisen kommen näher.« 

Sekunden später flüsterte der Jefe: »Sie werden verfolgt. 

Mehr als zwanzig Indianerponys sind hinter ihnen. Aber noch 
halten die Krieger ihre Tiere zurück.« 

Thomas konnte sich vorstellen, wie die Apachen dachten. Sie 

kannten den Canyon der Seufzer und wußten, daß er an der 
großen Felsplatte endete. Dort wollten sie ihr Wild stellen, den 
Bleichgesichtern zeigen, daß sie in der Falle saßen und 
zuschlagen. 

Die Dunkelheit im Tal lichtete sich allmählich. Lauter klang 

der Hufschlag zum Rand des Canyons hinauf. 

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Deutlich erkannte Jeffords die zwei Banditen Slade und 

Wheeler. Die hatten bemerkt, daß ihnen Apachen auf den 
Fersen waren. Sie hieben ihren Pferden die Sporen in die 
Seiten. Grell wieherten die Tiere auf, wollten dem peinigenden 
Schmerz entkommen und galoppierten. 

Elmer und Tim rissen die Revolver aus den Halftern. Hinter 

den Weißen hämmerten die Hufe der Apachenmustangs auf 
den steinigen Boden. Und dann bog der Schwarm um die 
Kurve. 

»Mindestens dreißig«, sagte Thomas Jeffords. »Die beiden 

haben kaum eine Chance.« 

»Tontos!« stieß Cochise hervor. 
Seine schwarzen Augen glommen in zornigem Feuer, und 

das Gesicht des Jefe wirkte wie aus Stein gemeißelt. 

Die Tontos wagten es, im Herzen von Cochises Gebiet, 

Weiße zu jagen. 

Thomas blickte seinen Freund von der Seite her an und 

schwieg. Er wußte, daß diese Sache ein Nachspiel haben 
würde, doch das war nicht seine Angelegenheit. Dieses 
Problem mußten die Apachen unter sich lösen. 

Die Krieger stießen schrille Schreie aus, als sie ihre Beute so 

nahe vor sich sahen. Drei, vier Tontos richteten sich steil auf 
und schwangen die Ulmenholzbogen hoch. Als die Pfeile von 
den Sehnen schnellten, wandten sich Slade und Wheeler gerade 
um. Sofort rissen sie an den Zügeln. Die Pferde stürmten nach 
rechts und links. Die Pfeile schwirrten ins Leere, rutschten über 
den Fels. 

Revolverschüsse wummerten dumpf im Canyon. Die 

Detonationen brachen sich an den Steinwänden und hallten als 
Echos zurück. Es hörte sich an, als feuerte dort unten eine 
halbe Schwadron. 

Es war verdammt schwierig, vom Sattel eines 

galoppierenden Pferdes aus bewegliche Ziele zu treffen. Aber 
der dichte Pulk der Tontos machte es den Banditen leicht. 

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Drei Apachen schwankten auf ihren Mustangs. Sofort brach 

die Formation der Indianer auseinander. Sie lenkten ihre Pferde 
zu den Seiten, und die restlichen Kugeln prallten auf Gestein 
und jaulten davon. 

Die kurze Atempause hatte den Banditen genügt. Sie 

zügelten ihre Pferde vor der Felsplatte. Tim lenkte sein Pferd 
nach links, zum Rand des großen Steins. Triumphierend 
brüllten die Tontos auf. Sie sahen ihr »Wild« in der perfekten 
Falle. 

Aber Elmer hielt seine Winchester in der Hand und jagte 

Kugel um Kugel aus dem Lauf. Ihm kam es nicht darauf an, die 
Rothäute zu erwischen, er wollte sie wohl nur ein paar 
Sekunden zurückdrängen. 

Sein Pferd ging an, verschwand hinter der Platte, und die 

Tontos saßen wie erstarrt auf ihren Ponys. Wutschreie waren 
zu hören. Ein halbes Dutzend Krieger trieb die Mustangs an. 
Ungeachtet der Gefahr sprangen die Apachen von den Pferden, 
rollten sich dicht an die linke Seite der Felsplatte und 
schnellten hoch. 

Krachende Gewehrschüsse schlug die Krieger zurück. 
Sie liefen zu ihren Mustangs, saßen auf und galoppierten zu 

ihren Gefährten. 

Ein langes Palaver begann. 
»Komm, Hellauge«, sagte Cochise, »ich muß unsere Pferde 

in Sicherheit bringen. Die Tontos geben nicht auf. Sie ahnen, 
daß hinter der Sperre noch mehr Skalps zu erbeuten sind. Sie 
werden wie wir durch die Berge laufen und angreifen. Aber 
zuerst dürften sie versuchen, den Tunnel als Eingang zu 
benutzen.« 

Thomas lief hinter dem Häuptling her. Als sie die Pferde 

erreicht hatten, gab Cochise seinem weißen Freund die Waffen 
und führte die Tiere an den Zügeln weg. Es dauerte fast eine 
halbe Stunde, bis er zurückkam. 

»Die Tontos werden unsere Pferde auf jeden Fall finden«, 

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sagte Thomas düster. »Und wir marschieren dann zu Fuß durch 
die Dragoons, wenn alles vorbei ist.« 

»Nein, dieses Versteck betreten sie nicht«, entgegnete 

Cochise. »Es ist ein heiliger Ort, der den Jefes und 
Medizinmännern vorbehalten ist. Auch du darfst ihn nicht 
sehen oder kennen, Hellauge. Doch komm jetzt. Wir klettern in 
unser Versteck.« 

Die Sonne brannte schon heiß am Himmel, als Thomas und 

der Apache endlich den Schacht hinabstiegen und die niedrige 
Höhle wieder erreichten. Vorsichtig krochen sie zum Ausgang 
und blickten auf die wild durcheinanderbrüllenden Banditen. 

»Big Sloop«, schrie Atkins, »schnapp dir 'ne Winchester und 
bau dich am Tunnel auf! Knall jede Rothaut ab, die du siehst! 
Los, lauf schon!« 

»Boß, hier sind sechs Mann«, rief der Untersetzte. »Warum 

soll ich allein die Stellung halten?« 

»Weil ein Mann dafür genügt, du Trottel«, antwortete 

Atkins. »Du kannst den Tunnel gegen 'ne ganze Armee halten, 
wenn du genug Patronen hast.« 

Big Sloop lief los. Er suchte sich eine Position 15 Yards von 

der Mündung des Stollens entfernt und warf sich hinter ein 
Büschel kniehohen Grases. Die Winchester legte er schußbereit 
zwischen die Halme. Die Mündung deutete auf das Loch in den 
Felsen. 

Elmer Slade und Tim Wheeler luden ab, was sie in Santa 

Magdalena eingekauft hatten. Atkins sah ihnen zu. Er schaute 
auf die flachen Kisten mit den Dynamitpatronen, auf die Rolle 
Zündschnur und grinste hämisch. Der Banditenboß glaubte 
plötzlich die rettende Idee zu haben. 

Auf einmal brüllte Big Sloop entsetzt. Er sah ein helles 

Etwas im Stollen, das sich rasend schnell näherte. 

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Ein weißer Mustang preschte heran. Die Hufe hämmerten 

über das glatte Gestein. Big Sloop schlug sein Gewehr an und 
zielte zwei Handbreit über den Kopf des Pferdes. 

Aber kein Indianer hockte auf dem Rücken des Tieres. 

Verblüfft richtete sich der Bandit etwas auf. Ein brauner 
Schatten schwang sich hoch, krallte sich an der Mähne des 
Pferdes fest und stieß einen gellenden Kriegsschrei aus. 

Der Tonto hatte sich am Schweif seines Mustangs durch den 

Stollen schleifen lassen und war mit einem gewaltigen Satz auf 
den Pferderücken gesprungen, als er das Tal sah. 

Big Sloop feuerte. Der Apache wurde wie von einer 

gewaltigen Faust nach hinten gestoßen und landete tot am 
Boden. Der Mustang steilte, wieherte grell und ließ die 
Vorderhufe wirbeln. 

Big Sloop drückte ab. Er traf das Tier tödlich. Wie vom Blitz 

gefällt brach es zusammen. 

Aber der Bandit hatte keine Zeit, sich über seinen Erfolg zu 

freuen. Die Apachen griffen an. Sie wußten, daß am Ende des 
Stollens weiße Skalps zu erbeuten waren. Und die Tontos 
wollten diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. 

Ein zweites Pferd galoppierte heran. Big Sloop begriff, was 

auf ihn zukam. Ruhig zielte und feuerte er. Zehn Yards vom 
Eingang des Tunnels entfernt lagen Mustang und Krieger tot 
am Boden. 

Atkins lief zu seinem Kumpan und rief: »Denen werden wir's 

geben.« 

Big Sloop lachte laut und gemein. »Das ist wie beim Militär, 

wenn sie den Rekruten das Schießen beibringen. Ich brauche 
nicht mal hinzusehen. Es genügt, wenn ich abdrücke.« 

»Laß noch zwei oder drei Rothäute durch«, befahl Atkins. 

»Den nächsten mußt du dann im Tunnel erwischen. Die Kerle 
machen uns zuviel Ärger. Wenn ein toter Gaul den Stollen 
blockiert, kommen sie nicht mehr durch.« 

Big Sloop riß die Augen weit auf. Donnerwetter, Atkins 

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besaß eine Menge Gehirnschmalz. Auf diese Weise schnitten 
sie den Indianern den Zugang ab. 

Aber die Tontos opferten keinen Mann mehr. Sie hatten 

eingesehen, daß sie auf diese Weise nicht in das Tal gelangten. 

Enttäuscht lag der Bandit hinter dem Grasbüschel und preßte 

Patronen in die Ladeklappe der Winchester. 

Er sah erst auf, als Atkins, Walt und Red ihn passierten. 
»He, wollt ihr raus?« fragte Big Sloop und lachte verkrampft. 

»Paßt nur schön auf eure Skalps auf. Da draußen lauern 
nämlich zwei Dutzend Apachen.« 

Atkins hob die Linke. Erstaunt blickte der Untersetzte auf 

das Bündel Dynamitpatronen, das der Boß trug. Bald darauf 
wurde Big Sloop einiges klar, und er lachte glucksend. 

»Das wird ihnen den Appetit auf uns verderben«, sagte er. 

»Ha, wenn Atkins den Zugang sprengt, werden die Rothäute 
vor Wut platzen.« 

Red und Walt O'Nions legten die Lunte aus. Atkins verband 

die Dynamitstangen mit der Zündschnur und rollte sie bis zu 
Big Sloop. 

»Hast du ein Streichholz?« fragte der Boß grinsend seinen 

Unterführer. 

Sloop fingerte eins aus der Tasche, riß es am Gewehrlauf an 

und hielt die kleine Flamme an die Lunte. Knisternd brannte 
die mit Schwarzpulver durchsetzte Baumwolle ab. 

»Lauf, sonst bekommst du 'ne Ladung Gestein auf den 

Schädel!« rief Atkins und rannte los. 

Big Sloop sprang wie von einer Tarantel gebissen auf und 

sauste hinter seinem Boß her. Red und Walt standen bereits bei 
den Pferden. Gespannt starrten die Halunken zum Tunnel 
hinüber. 

»Und wie kommen wir wieder raus?« wollte Elmer Slade 

wissen. 

Ehe Atkins antworten konnte, krachte es ohrenbetäubend. Es 

donnerte, als drohte der Himmel einzustürzen. Eine mächtige 

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Staubwolke und Gesteinssplitter wurden aus dem Stollen 
geschleudert. Ein Riß bildete sich im Felsen über der 
Tunnelmündung, verbreiterte sich, klaffte schließlich weiter 
auseinander und dann schien die Welt unterzugehen. 

Unter gewaltigem Krachen und Getose rutschte ein Teil der 

Steilwand nach hinten in das Tal. 

Fasziniert verfolgte Big Sloop, wie sich eine mannshohe 

Platte löste und über das Grasbüschel glitt, hinter dem Sloop 
vor Minuten noch gelegen hatte. 

Die letzte Sprengstoffpatrone detonierte inmitten der 

rutschenden Felsen. Die Wolke, die zum Himmel aufwallte, 
erinnerte an einen Vulkanausbruch. Sekunden später regnete es 
Staub und Steine. 

»Ich wünsche mir nur«, sagte Elmer Slade, »daß die 

verdammten Rothäute zur Hölle gefahren sind.« 

»Wenn sie nahe genug am anderen Ende des Stollens 

gestanden haben, sind sie hin«, sagte Atkins. »Stell dir doch 
mal vor, wie die Felsplatte auf der anderen Seite jetzt 
aussieht.« 

Aber der Bandenboß hatte Pech. Die Explosion hatte das 

ganze Gefüge der Felsformation erschüttert und verändert. 
Minuten nachdem sich der Staub gelegt hatte, grollte es 
abermals. 

»Was ist das?« fragte Tim. »Haben die Apachen auch 

Dynamit?« 

Niemand antwortete, aber alle starrten dorthin, wo vor kurzer 

Zeit noch der Tunnel den einzigen Zugang zum Tal gebildet 
hatte. 

Felsbrocken rutschten, verschwanden auf einmal, als wären 

sie vom Erdboden verschlungen worden, und die Barriere aus 
massivem Gestein veränderte sich zu einem sanft verlaufenden 
Hang. 

Deutlich hörten die Banditen die gellenden Schreie der 

Tontos. Da erreichten auch schon die ersten Ponys die Kuppe 

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der Sperre. Ohne die Tiere zu verhalten, oder das Gelände zu 
betrachten, trieben die Apachen ihre Mustangs in das kleine 
Tal. 

Sekunden später bildeten die Angreifer einen weiten 

Halbkreis und trieben die halbwilden Pferde auf die Banditen 
zu. 

»Nehmt das Dynamit!« brüllte Atkins. »Kurze Lunten. 

Anzünden, los, macht schon! Mit den Gewehren halten wir sie 
nie auf.« 

In fieberhafter Eile fingerten die Männer an dem Sprengstoff 

herum. Zündhölzer flammten auf, und dann flogen die ersten 
Stangen durch die Luft. Mitten zwischen den Pferden der 
Angreifer detonierten die Dynamitpatronen und warfen 
gewaltige Dreckfontänen hoch, die beiden Parteien die Sicht 
versperrte. 

»Zurück, zum Ende des Tals!« schrie Atkins. 
Er bückte sich, raffte Sprengstoff, Lunten und Vorräte 

zusammen und schnürte alles mit schnellen Bewegungen hinter 
den Sattel seines Pferdes. Er war schon aufgesessen, als die 
anderen erst begriffen, was er gerufen hatte. Sie waren 
abgebrühte, eiskalte Typen und wußten, daß ihr Boß recht 
hatte. Hier, mitten im freien Tal, waren ihre Chancen gegen die 
Apachen so groß wie die eines Fisches in der Sandwüste. 

Aber die Dreckwolken senkten sich bereits. In wenigen 

Sekunden hatten die Krieger wieder freie Sicht. 

Atkins schnitt mit dem Messer kurze Stücke von der 

Zündschnur ab und preßte sie in ein paar Dynamitstangen. Eine 
weitere lange Lunte klemmte er zwischen die Zähne und 
zündete sie an. Mit den Schenkeln dirigierte er sein Pferd 
genau auf die Apachen zu. Als er die ersten Krieger sah, 
brannte er das kurze Schnurstück einer Patrone an dem Ende 
an, das zwischen seinen Zähnen sprühte, und warf den 
Sprengstoff. 

Wie ein rasender Teufel jagte Atkins an der Linie der Tontos 

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vorbei und warf Dynamit. Abermals nahm der aufgewirbelte 
Staub den Kriegern die Sicht. Sie zögerten, in die Wolke 
hineinzureiten, denn sie erwarteten wohl, hinter der Sperre 
erneut mit Sprengstoff aufgehalten zu werden. 

Aber Atkins und seine Kumpane trieben die Pferde an und 

galoppierten davon. An der linken Seite des Tales boten einige 
Felsspalten ausreichend Deckung. Auch die Pferde waren dort 
in Sicherheit. Dutzende von großen Felstrümmern waren 
irgendwann einmal aus der überhängenden Wand gebrochen 
und bildeten eine Art natürliche Sperre gegen jeden Angreifer. 

Zwei Einschnitte, die dicht nebeneinander lagen, nahmen die 

Banditen auf. 

Die Tontos zogen sich zum anderen Ende des Tales zurück 

und hielten ein Palaver ab. Sicher überlegten sie, wie sie die 
weißen Halunken überraschen konnten, ohne selbst allzu große 
Verluste zu erleiden. Der Lage nach blieb den Apachen nur der 
Frontalangriff. Aber dann gerieten sie in das mörderische Feuer 
von sechs Winchestergewehren. In der Hand eines geübten 
Schützen verwandelte sich ein solcher Unterhebelrepetierer in 
eine kleine Todesfabrik, die pausenlos heißes Blei ausspuckte. 

»Was nun, Boß?« fragte Big Sloop, der zusammen mit 

Atkins und Walt in der linken Felsspalte hockte. 

»Abwarten, mir fällt schon was ein«, antwortete Atkins. 

»Erst muß ich wissen, was die Rothäute unternehmen. Danach 
richtet sich alles andere.« 

Cochise blickte angestrengt zum Eingang des kleinen Tales. 

»Jetzt haben die weißen Hunde leichtes Spiel«, sagte der Jefe 

grollend. »Jeder, der die Barriere sieht, reitet hinauf. Und von 
oben entdeckt er das fruchtbare Tal.« 

Thomas lächelte. »Laß sie doch. Dann sehen sie sich hier um 

und stellen fest, daß es kein Gold gibt. Nach kurzer Zeit läßt 

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sich kein Mensch mehr hier blicken.« 

Jeffords war mit der Situation ganz zufrieden. Bisher hatte er 

auf keinen der Banditen zu feuern brauchen. Und vielleicht 
nahmen ihm die Tontos sogar die ganze Arbeit ab. 

Cochise seufzte und sagte: »Ich weiß doch, wie verrückt die 

Bleichgesichter sind. Eines Tages kommt ein Mann hierher, 
schaut sich um, und es gefällt ihm. Er holt seine Squaw, einen 
großen Karren voll unnützen Krempel und baut das Blockhaus 
wieder auf.« 

»Mitten in deinen Bergen?« fragte Thomas ungläubig. »Jefe, 

so verrückt ist nicht mal ein Weißer. Jedem in Arizona ist 
bekannt, daß die Dragoons Chriricahua-Gebiet sind. Niemand 
wird es wagen, hier zu siedeln.« 

Der Häuptling wies mit einer Hand auf die Tontos. 
»Sie wissen es ganz genau«, sagte er, »und trotzdem jagen 

sie hier. Ich werde Santana zum Zweikampf herausfordern, 
wenn er seine Krieger nicht im Zaum hält.« 

Thomas zweifelte keinen Moment daran, daß Cochise der 

Sieger eines solchen Kampfes bleiben würde, aber er hielt 
trotzdem nichts von diesem Einfall. 

»Wenn bekannt wird, daß sich die Apachen untereinander 

nicht einig sind«, sagte er, »so geht ihr innerhalb der nächsten 
zwei Jahre vollkommen unter. Immer mehr Menschen kommen 
in dieses Land. Sie vertrauen darauf, daß ihr gegeneinander 
Krieg führt. Und vergiß nicht, daß Victorio in diesem Moment 
die Macht an sich reißen würde. Wenn die anderen Stämme auf 
den Mimbrenjo hören, dann brennt Arizona.« 

Cochise schwieg, schob sich ein kleines Stück weiter vor. 
»Die Tontos greifen an«, sagte er dann gelassen. »Sie holen 

sich blutige Köpfe, Hellauge.« 

Sekunden später kamen die Mustangs herangeprescht. 

Geduckt hockten die Krieger auf den Pferden, um ein 
möglichst kleines Ziel zu bieten. 

Als die Pferde die Mitte des Tales erreicht hatten, schossen 

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die Banditen aus allen Rohren. Sechs Angreifer rissen ihre 
Ponys nach rechts. Die übrigen verteilten sich, trieben die 
Pferde kreuz und quer durch den Talkessel und stürmten 
urplötzlich wieder zurück. Die sechs Krieger, die zur Seite hin 
ausgebrochen waren, erreichten unverletzt das Blockhaus und 
brachten ihre Mustangs hinter den Balkenwänden in Sicherheit. 

Grinsend sah Cochise seinen weißen Freund an und sagte: 

»Sie haben die einzige Wasserstelle im Tal besetzt. Entweder 
verdursten die Weißen, oder sie kämpfen um das Wasser, 
Hellauge.« 

Jeffords war beeindruckt. Mit einer einfachen Aktion, die 

Atkins und seinen Lumpen nur Munition gekostet hatte, 
brachten die Apachen die Banditen in die Klemme. 

»Jetzt ist der Killer am Zug«, murmelte Thomas Jeffords. 

»Ich möchte wissen, was er vorhat. Hoffentlich spielt er nicht 
zuviel mit dem Sprengstoff herum.« 

»Warum nicht?« fragte der Häuptling. »Wenn die Mörder 

sich selbst töten, ist unser Problem gelöst.« 

»Du siehst die Felsspalten, in denen die Halunken hocken?« 

fragte Jeffords. 

Cochise nickte. 
»Schau nach oben«, sagte Thomas, »die Felsen hängen weit 

über das Tal. Eine Sprengung löst wahrscheinlich eine 
Katastrophe aus. Die vorspringende Platte sitzt in einer 
Gesteinsschlucht, die nicht fest miteinander verbunden ist. Du 
siehst die unterschiedlichen Farben. Jede Farbe bedeutet, daß 
dieses Stück weicher oder härter als das andere ist. Und wenn 
der Überhang abbricht, reißt er mindestens vier oder fünf Yards 
der lockeren Schichten mit. Bei einer starken Explosion rutscht 
der gesamte Hang in die Tiefe.« 

Verwundert betrachtete Cochise das unterschiedlich gefärbte 

Gestein und fragte nach einer Weile: »Woher weißt du das, 
Hellauge? Lernt man das in den Schulen der Weißen?« 

»Dort nicht gerade, aber wenn ein Junge gut in der Schule 

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war, kann er weiterlernen, in einer Universität. Dort werden 
begabte Menschen zu Ärzten und Ingenieuren ausgebildet.« 

Beide Berufe kannte der Apachen-Häuptling und konnte sich 

etwas darunter vorstellen. 

»Und manche lernen, wie man Felsen unterscheidet?« fragte 

der Jefe. »Warum das, Hellauge? Welchen Nutzen, welchen 
Sinn hat dies?« 

Thomas überlegte, wie er es dem indianischen Freund 

erklären sollte. 

Schließlich hatte er einen Einfall und sagte: »Du kennst die 

Ingenieure, die Eisenbahnen bauen. Nun will jemand die 
Schienen über eine bestimmte Strecke im Gebirge führen oder 
muß eine Brücke über eine Schlucht bauen. Aber der Geologe, 
so heißt der Mann, der alles vom Gestein und dem Boden weiß, 
sagt nein. Denn er kann nachweisen, daß der Untergrund nicht 
fest genug ist und die Schienen oder Brücke zerstört würden.« 

»Wah«, stieß Cochise hervor, »die Bleichgesichter 

beschäftigen sich mit Dingen, die keinen Wert haben. Wenn du 
deinen Fuß auf lockeres Gestein setzt, spürst du, wie es 
nachgibt, und springst zurück. Warum mußt du dafür lange 
Jahre lernen?« 

»Auch ein Apachenkind muß dies erst lernen«, erwiderte 

Jeffords gelassen. »Wenn es laufen kann, und der Boden gibt 
über ihm nach, wird das Kind dies für ein Spiel halten. Ist es 
so?« 

Cochise gab Thomas recht, war aber nicht von der 

Nutzlosigkeit einer Brücke abzubringen. 

»Du kannst so lange gehen oder reiten«, sagte er, »bis du die 

Schlucht hinter dir hast. Danach wendest du dein Pferd und 
reitest dorthin, wohin du wolltest. Warum eine Brücke? Warum 
Eisenbahnen? Unsere Brüder im Norden klagen, daß die 
Bisonherden von Weißen aus den Waggons abgeschossen 
werden. Die Kadaver verpesten die Luft, und in zwei oder drei 
Wintern haben unsere Brüder im Norden keine Nahrung mehr. 

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Du siehst, daß eine Eisenbahn nicht nur nutzlos, sondern auch 
gefährlich ist.« 

Jeffords sagte: »Ja, sicher. Für die Indianer sind solche Dinge 

vollkommen nutzlos. Aber die Weißen wollen immer weiter, 
wollen wissen, wie das Land hinter dem nächsten Berg, am 
anderen Ufer des Flusses aussieht. Und wenn sie das ganze 
Land kennen, machen sie es urbar, pflanzen und ernten und 
brauchen die Bahn, um die Ernte verfrachten zu können.« 

»Warum bauen sie mehr an, als sie essen?« wollte der Jefe 

wissen. 

»Im Osten leben viele Menschen«, erklärte Thomas. »Sie 

leben in Häusern, die größer als hundert Jacales sind. Dort gibt 
es kaum noch Land, auf dem sie etwas anbauen können. Sie 
kaufen die Ernten der Menschen im Westen.« 

Cochise dachte nach und fragte listig: »Womit bezahlen sie 

die Ernte? Was haben die Weißen im Osten, das die anderen 
brauchen?« 

»Gewehre, Munition, Wasserflaschen«, zählte Jeffords auf, 

»Geräte für die Landarbeit und viele Dinge mehr. Du siehst, 
die beiden Gruppen sind aufeinander angewiesen.« 

»Ihr seid ein verrücktes Volk«, sagte der Häuptling. »Die 

Indianer nehmen das, was die Natur ihnen schenkt. Damit 
kommen sie aus und leben zufrieden. Ihr dagegen zerstört die 
Natur und den Boden. Es gibt zu viele von euch. Müßtet ihr 
euch beschränken wie wir, wäret ihr sicher nicht so zahlreich.« 

Jeffords schwieg. Es hatte keinen Sinn, dem Häuptling zu 

erklären, daß eigentlich hinter allem, was die Weißen taten, der 
Wunsch nach Sicherheit und Geld stand. Daß einzelne so gierig 
nach Dollars und Macht waren, daß sie an nichts anderes mehr 
denken konnten. 

»Da, die Tontos«, stieß Cochise hervor, »jetzt greifen sie 

wirklich an!« 

Aber es war nur eine Scheinattacke. Ein Dutzend Krieger 

jagte die Mustangs bis über die Mitte des Tales und bog sofort 

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wieder ab. 

»Sie wollen herausfinden, in welchen Spalten die Banditen 

hocken«, vermutete Jeffords. »Und das wissen sie jetzt genau, 
denn aus beiden Deckungen fielen Schüsse.« 

Das Feuer ließ nicht nach. Die Outlaws schickten Kugel um 

Kugel zu den wartenden Apachen hinüber. 

Was hatte Atkins vor? 
Wenn die Krieger ihre Pferde ständig in Bewegung hielten, 

konnten sie höchstens durch Zufall getroffen werden. 

»Also noch mal, paßt auf«, sagte der Anführer der Banditen. 

»Ich verschwinde in Richtung Hütte und nehme genügend 
Sprengstoff mit, um die sechs Krieger zur Hölle zu pusten. 
Sobald es am Haus kracht, stellt ihr das Feuer ein.« 

»Warum?« wollte Big Sloop wissen. 
»Damit sie angreifen, du Narr«, antwortete Atkins gereizt. 

»Sie sollen nachsehen, was passiert ist. Und wenn ihr nicht 
feuert, wittern sie ihre Chance. Wartet, bis sie ganz nahe sind. 
Dann werft ihr das Dynamit. Was sich nachher noch rührt, 
erledigt ihr mit den Gewehren. Ich wette, daß sie aufgeben.« 

»Wir dürfen keinen entkommen lassen«, sagte Walt O'Nions 

nervös. »Sonst saust der rote Stinker zu seinem Chief und holt 
Verstärkung. Das können wir nicht brauchen.« 

»Ihr müßt eben gut zielen«, sagte Atkins. »Los jetzt! Feuert 

aus den Läufen, was nur rausgeht.« 

Er hatte laut genug gesprochen, daß auch die anderen in der 

zweiten Spalte alles verstanden. 

Die Schüsse peitschten. Claude Atkins schob sich, flach an 

den Boden gepreßt, aus der Deckung. 

»Nur weiter, Boß«, rief Walt, »die Kerle wissen nicht, was 

sie davon halten sollen. Sie reiten kreuz und quer, um uns das 
Zielen zu erschweren.« 

Atkins kroch, erreichte einen dichten Strauch und blieb einen 

Moment liegen. Vorsichtig richtete er sich etwas auf und bog 
behutsam die Zweige auseinander. Von hier aus sah er die 

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Außenwand der Blockhütte, konnte aber weder einen Apachen 
noch eines der Pferde entdecken. 

Langsam robbte der Bandit weiter. Er blickte nicht zurück, 

denn er wußte, daß seine Männer solange feuerten, bis sie die 
Explosion hörten. Natürlich war es möglich, daß ein Teil der 
Apachen zur Hütte stürmte, nachdem ihre Brüder in der Hölle 
gelandet waren, aber für den Fall wollte Atkins ein paar 
Stangen Dynamit aufbewahren. 

Yard um Yard gelangte er näher an die grob zugerichteten 

Balken, die halb zusammengefallen waren. Endlich spürte er 
das rauhe, ausgedörrte Holz unter seinen Fingerspitzen und 
richtete sich auf. 

Das Krachen der Gewehrschüsse übertönte fast jedes andere 

Geräusch. Atkins zog die zusammengeschnürten fünf 
Dynamitpatronen aus dem Gürtel und fingerte mit der anderen 
Hand ein Schwefelholz hervor. Es ratschte, als er den 
Phosphorkopf über die rauhen Balken rieb. Zischend flammte 
das Holz auf. Das Feuer fraß sich in die Lunte. 

Atkins wartete bis zum letzten Moment. Dann holte er aus, 

beugte sich nach hinten und warf das Bündel mit aller Kraft 
über das Dach der Hütte. 

Claude zog den Revolver und behielt den Daumen auf dem 

Hahnsporn. Wenn einer der Apachen etwas gemerkt hatte, war 
der Killer bereit, sofort zu feuern. 

Plötzlich hörte er die erregten Stimmen von der anderen 

Seite der Blockhütte und spannte den Hahn. Aber in diesem 
Moment detonierte die Ladung bereits. 

Ein bronzefarbener Körper flog um die Ecke. Der Krieger 

prallte hart zu Boden, stemmte sich nach einigen Sekunden mit 
den Händen hoch und schüttelte den Kopf, als wollte er wieder 
klar denken können. 

Er sah den Weißen, öffnete den Mund, doch da flammte es 

auch schon orangerot vor der Coltmündung auf. Das Geschoß 
tötete den Tonto sofort. 

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Der Killer lief mit langen Sätzen durch die Büsche zur 

Quelle an der Rückseite und sah sich um. In weitem Bogen 
hastete er um die andere Ecke der Hütte und blieb mit 
schußbereitem Revolver stehen. Ein gemeines Grinsen verzog 
das Gesicht des Banditen, als er die fünf toten Apachen sah. 
Atkins ersetzte die verschossene Patrone, mit der er den 
sechsten Mann erwischt hatte, und halfterte den Colt. 

Mit beiden Händen umfaßte er den Rand des halb 

eingebrochenen Dachs und zog sich hoch. Erst blieb er flach 
liegen, um kein Ziel zu bieten, aber dann sah er, daß die 
übrigen Krieger alle zur Felswand starrten. 

Atkins schaute sich um und entdeckte die Pferde der toten 

Tontos hinter der Quelle. Zufrieden rutschte er wieder herunter 
und näherte sich den Tieren. Sie scheuten, wichen zurück vor 
dem fremden Geruch des weißen Mannes. Aber ihre Reiter 
hatten sie mit den Zügeln festgebunden. 

Atkins prüfte die Knoten. Sie waren fest. Als er wieder zur 

Hütte ging, stieß er mit dem Fuß gegen drei Canteens. Sie 
ließen sich nur schwer aus dem Weg räumen. Also waren die 
Blechflaschen mit Wasser gefüllt. 

Claude Atkins zog sich wieder auf das Dach und bedauerte, 

daß er keine Winchester bei sich hatte. Von dort aus hätte er 
den Rothäuten in die Flanke fallen können, wenn sie auf die 
Felsnischen zustürmten. 

Hoffentlich kommen sie bald, dachte der Banditenboß und 

legte sich bequem hin. 

Nur wenige Sekunden waren vergangen, als die Apachen 

angriffen. Sie schmiegten sich auf die Rücken ihrer Pferde und 
stießen das Kriegsgeschrei aus, das auf die meisten Menschen 
unheimlich wirkte. Aber die Kerle, die Atkins um sich 
versammelt hatte, waren abgebrühte Burschen. Die hätten 
selbst dem Teufel die Hörner verbogen, wenn es nötig gewesen 
wäre. 

»Wenn nur keiner nervös wird und zu früh schießt«, sagte 

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der Banditenboß, »dann schaffen wir's nicht. Aber auf jeden 
Fall haben wir jetzt wieder Wasser.« 

Er war sich darüber klar, daß ein Mann die Quelle um jeden 

Preis halten mußte, wenn sein Plan nicht aufging. Doch 
vorläufig brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn seine 
Männer warteten noch immer. Die Apachen ließen ihre Pferde 
in vollem Galopp auf die Felsen zustürmen. 

Walt richtete sich auf, fuhr mit der Linken über das Gestein, 

und Atkins bildete sich ein, die kleine Flamme des 
Schwefelholzes zu sehen. 

Dann bewegte sich Walt wieder, ging zwei Schritte weiter 

vor. 

Verdammt, was macht der Narr? Noch einen halben Schritt, 

und er steht ohne jede Deckung da. 

Und Walt O'Nions ging noch weiter. Sicher wollte er genau 

sehen, wohin er den Sprengstoff werfen mußte. Er holte aus, 
bog den Oberkörper nach hinten, wollte werfen, aber er kam 
nicht mehr dazu. 

Einer der Tontos hatte sich aufgerichtet, den 

Maulbeerholzbogen gespannt und einen Pfeil von der Sehne 
schnellen lassen. 

Entsetzt starrte Big Sloop auf die eiserne Spitze, die aus dem 

Rücken seines Kumpans ragte. 

Walt flog zurück. Instinktiv wich Big Sloop aus. Mit weit 

aufgerissenen Augen starrte er auf das winzige Stück Lunte, 
auf den glimmenden Funken, der gerade in der roten Papphülse 
verschwand. 

Und das war das letzte, was der stämmige Mörder in seinem 

Leben wahrnahm. Denn die Dynamitpatrone landete genau in 
der Kiste, aus der Walt sie vor ein paar Minuten 
rausgenommen hatte. 

Eine ungeheure Detonation erschütterte die Felswand des 

kleinen Tales. Steine flogen wie Kanonenkugeln aus der 
Spalte. Von den beiden Männern und den Pferden konnte 

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nichts übriggeblieben sein. 

Die Tontos rissen ihre Ponys herum und galoppierten zurück. 

Aus sicherer Entfernung beobachteten sie, wie die trennende 
Wand zwischen den beiden Spalten zusammenbrach und 
zersplitterte. 

Zwei Pferde galoppierten aus der anderen Deckung heraus. 

Die Männer duckten sich hinter die Hälse der Tiere. Sie 
wußten, daß sie eine winzige Chance hatten, wenn sie das 
Blockhaus erreichten. 

Doch ihre schnelle Reaktion nützte ihnen nichts. 
Die Tontos brüllten auf und deuteten mit ausgestreckten 

Armen nach oben. 

Was Thomas Jeffords befürchtet hatte, trat ein. Die 

überhängende Felsplatte löste sich. Unendlich langsam löste sie 
sich aus ihrer Verankerung, neigte sich und rutschte schräg 
nach unten. Immer schneller glitt das mächtige Stück Gestein 
herab, polterte über Vorsprünge, zermalmte weiches Gestein 
und zerquetschte Pflanzen und Kräuter zu schmierigem grünem 
Brei. 

Das Schichtgestein an der Oberkante gab nach. Brocken 

brachen heraus, sausten wie riesige Bälle in das Tal und 
zerplatzten, als sie gegen härtere Formationen prallten, in 
tausend Stücke. 

Schicht um Schicht brach ab. Kurz nach der Explosion 

rutschte der halbe Hang in die Tiefe und vernichtete alles, was 
im Weg war. 

Die beiden Reiter entkamen der mächtigen Felsplatte, aber 

die Steinlawine holte sie ein, riß die Pferde von den Beinen. 

Die Angstschreie der beiden Männer klangen dünn und 

kläglich, obwohl sie sicher mit aller Kraft ihre Todesfurcht 
herausbrüllten. 

Claude Atkins lag reglos auf dem Dach des Blockhauses. Er 

starrte die zerstörte Seitenwand des Tales an und war nun 
sicher, daß dort keine Goldader zu finden war. 

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Der Tod seiner Kumpane ließ ihn kalt. Für ihn war es kein 

Problem, in jeder Stadt des Südwestens beinharte Burschen 
anzuwerben, die für einen halben Dollar jeden Auftrag 
bedenkenlos ausführten. 

Endlich ließ das Donnergrollen nach. Nur vereinzelt 

polterten noch Steine ins Tal. 

Atkins sprang vom Dach und ging auf den mächtigen 

Geröllhaufen zu. 

»Boß«, röchelte jemand, »hilf mir! Ich sitze fest.« 
Der Killer sah genauer hin und entdeckte Reds Kopf hinter 

einem Stein. Das Gesicht des Rothaarigen war eine einzige 
Grimasse des Schmerzes. 

Atkins betrachtete den Geröllberg und wußte, daß er 

mindestens einen Tag wie ein Verrückter schuften mußte, 
wollte er Red rausholen. Denn wenn der Banditenboß an der 
falschen Stelle Steine wegnahm, kam der gesamte Haufen 
wieder ins Rutschen und begrub auch ihn. 

»Ich kann mich kaum noch bewegen«, jammerte Red. »Die 

Beine sind ganz taub. Mann, Claude, hol mich raus!« 

Er hat das Rückgrat gebrochen, dachte Atkins, sonst wären 

seine Beine nicht taub. Was soll ich mit diesem Krüppel 
anfangen? 

»Sicher, ich helfe dir«, sagte Atkins hämisch und ging 

weiter. Er wollte und konnte dem Mann auch nicht helfen. 
Außerdem war er dem Tod schon sehr nahe. 

Atkins war ein vollkommen gefühlloser Mensch. Ein Leben 

bedeutete ihm nichts. 

Er musterte das Tal. Die Apachen hatten die Flucht ergriffen. 

Sie glaubten wohl, die Bleichgesichter hätten den Zorn der 
Götter heraufbeschworen und wären darum vernichtet worden. 

Als der Killer mit seinen Blicken die übrige Geröllbarriere 

absuchte, entdeckte er noch ein Lebenszeichen. Ein Unterarm 
ragte ein Stück zwischen kleinem Gestein heraus, und die 
Finger der Hand krümmten sich, als wollten sie etwas packen 

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und nie wieder loslassen. Aber zwei Sekunden später pendelte 
die Hand schlaff herab. 

Glück gehabt, alter Junge, gratulierte sich Claude Atkins. Du 

mußt doch einen besonderen Schutzengel haben. Erst schaffst 
du es, in Tombstone aus dem Jail zu verschwinden, dann 
entkommst du diesem verdammten Postmeister in der Wüste. 
Und jetzt hast du es wieder mal geschafft. Also, weg von hier. 
Ich brauche neue Leute. Und dann suche ich Walts Goldader. 

Atkins lief zu den Indianerpferden und schwang sich auf den 

Rücken eines starkknochigen Ponys, nachdem er die drei 
Wasserflaschen vom Boden aufgenommen hatte. Denn Wasser 
war für ihn nun wichtiger als alles andere. 

Mit einem Ruck öffnete Atkins den Knoten und drückte dem 

Mustang die Stiefelabsätze in die Flanken. Das Pferd fiel in 
Galopp und preschte in wilder Karriere durch das Tal. 

»Jetzt!« sagte Cochise und riß das Gewehr an die Schulter. 

Aber Jeffords schoß eine Sekunde früher. Seine Kugel sirrte 

über Atkins' Schulter und riß einen Streifen Hemdenstoff ab, 
der im Reitwind hochwirbelte. 

Thomas stieß einen Wutschrei aus. Cochise drückte ab, aber 

da hatte der Bandit das Pferd schon gezwungen, im Zickzack 
zu laufen. Auch die Kugel des Jefe richtete nur geringen 
Schaden an. Sie nahm einen Streifen Haare aus dem Fell des 
Ponys mit. 

»Hol die anderen Pferde!« sagte Jeffords aufgeregt. »Wir 

müssen hinter dem Halunken her. Er darf nicht entkommen.« 

Cochise rutschte aus dem Spalt, kam auf die Beine und 

rannte zur Hütte. Wenig später galoppierte er auf dem Rücken 
eines Mustangs zu Jeffords, der mit den Waffen vor der Höhle 
wartete. 

Das zweite Pferd scheute, als es den Weißen roch. Es war 

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kaum zu bändigen. Thomas verfluchte alle Apachenmustangs, 
aber es half nichts. Er mußte Geduld haben und dem Tier Zeit 
geben, sich an ihn zu gewöhnen. 

Eigentlich ging es schnell. Es konnte kaum fünf Minuten 

gedauert haben, bis das Pony nur noch die Augen wild rollte 
und zuließ, daß Thomas auf seinen Rükken stieg. 

Jeffords warf Cochise den Bogen, den Pfeilköcher und das 

Gewehr zu. 

»Fertig? Kommst du zurecht ohne Sattel?« fragte der Jefe 

besorgt. 

»Ich muß«, antwortete Jeffords. »Los, der Killer darf nicht 

schon wieder entwischen. Schieß ihn aus dem Sattel, sobald du 
ihn siehst, Jefe!« 

Cochise trieb seinen Mustang an, drehte sich etwas und 

erwiderte grinsend: »Atkins hat auch keinen Sattel, Hellauge.« 

Thomas fluchte, und seine Verwünschungen steigerten sich 

noch, als sein Sitzfleisch auf dem Pferderücken im Rhythmus 
des Galopps hin und her rutschte. 

Er umklammerte mit den Beinen den Leib des Pferdes, legte 

seine ganze Kraft in diesen einzigen Halt, doch es war 
vergebens. 

Nachdem das Tier die schräge Barriere überwunden hatte, 

die nunmehr die Sperre zum Canyon der Seufzer bildete, 
preschte es in voller Karriere durch das Tal. 

Cochises Vorsprung wurde immer größer. Der Jefe saß wie 

angeschmiedet auf dem Mustang und machte jede Bewegung 
des Pferdes mit, um ihm den Galopp zu erleichtern. 

Jeffords preßte die Zähne zusammen und ließ sein Pferd 

laufen. 

Wenn das noch ein paar Meilen so geht, dachte er, kann ich 

meinen Hintern wegwerfen. 

Wir könnten Atkins erwischen, wenn die Tontos noch in der 

Nähe sind, schoß es Thomas durch den Kopf. Aber die 
Apachen haben sich bestimmt irgendwo verkrochen und zittern 

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davor, daß ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. 

Das Pony bog so scharf um einen herausragenden Felsen, 

daß Jeffords die Winchester aus der Hand geschleudert wurde. 
Er riß mit aller Gewalt an den einfachen Seilzügeln und brachte 
das Pferd tatsächlich zum Stehen. Nach einigen vergeblichen 
Versuchen drehte es und ging im Schritt zurück. 

Thomas saß ab und rieb sich den schmerzenden 

Allerwertesten. Als er sich bückte, um die Winchester 
aufzuheben, mußte er die Seilzügel loslassen. Sofort stürmte 
der Mustang davon. 

Jeffords rannte hinter dem Pferd her, aber das fiel in Galopp 

und zeigte dem Weißen die Hufe. Sicherlich war es froh, den 
Reiter mit dem unangenehmen Geruch endlich los zu sein. 

Thomas fluchte wie ein Maultierabhäuter und marschierte 

durch den Canyon der Seufzer. Cochise war nun die einzige 
Hoffnung des Postmeisters. Wenn der Jefe den Killer nicht 
erwischte, ging alles wieder von vorn los. Denn Atkins gab 
sicher nicht auf, solange er noch frei war. Er würde ein neues 
Halunkenrudel um sich sammeln und sich wieder auf die Suche 
nach der geheimnisvollen Goldader machen, die 
wahrscheinlich nur in den Fieberphantasien des verwundeten 
Trappers bestanden hatte. 

Denn daß es in dem kleinen Tal hinter dem Canyon der 

Seufzer Gold gab, erschien Thomas mehr als zweifelhaft. Die 
Gesteinsschichten, in denen der gelbe Dreck zu finden war, 
sahen ganz anders aus. 

Thomas Jeffords blieb stehen und lauschte. Vor ihm klang 

Hufschlag auf. Blitzschnell blickte sich Thomas um. In gut 
sechs Fuß Höhe wuchs ein belaubter Strauch auf einem 
schmalen Felsband. 

Jeffords warf das Gewehr hinauf und zog sich hoch. 

Langsam spannte er den Hahn und hielt die Mündung auf die 
Mitte des Weges gerichtet. 

Die Biegung war weit entfernt, und Thomas hatte Zeit genug 

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zum gründlichen Zielen, wenn Atkins dort kommen sollte. 

Aber es war der Jefe, der seinen Mustang im Schritt gehen 

ließ. Das Tier hinkte auf der linken Hinterhand und kam nur 
langsam vorwärts. 

Unmittelbar unter dem Strauch zügelte Cochise das Pferd, 

bog den Kopf nach hinten und fragte grinsend: »Wo hast du 
denn dein Pony versteckt, Hellauge? Auch dort oben? Sag mal, 
wolltest du wirklich auf mich schießen?« 

»Oh, verdammt«, stöhnte Thomas und sprang auf den Weg, 

»das ging aber total daneben.« 

Der Häuptling sagte nichts. Er erinnerte seinen Freund nicht 

daran, daß Cochise schon vor zwei Tagen die Banditen töten 
wollte. Dann hätte das Problem Atkins nicht mehr bestanden. 
Aber der Chiricahua wußte, daß Hellauge nicht aufgab, wenn 
es darum ging, dem Stamm die Dragoon Mountains als Heimat 
zu erhalten. 

»Ich weise alle Kutscher an, die Augen offenzuhalten«, 

versprach der Postmeister. »Solange Atkins nicht tot oder 
geschnappt ist, bleibt das Problem der Weißen in deinen 
Bergen bestehen, Jefe.« 

Cochise nickte. 
»Gehen wir zu unseren Pferden«, sagte er. »Ich zeige dir 

einen Weg, der dich schnell aus den Dragoons hinausführt.« 

Forschend sah Jeffords den Apachenführer an und fragte: 

»Und was machst du, Jefe?« 

Cochise lächelte freudlos und hart, als er antwortete: »Vergiß 

nicht, daß ich mit Santana von den Tontos noch etwas zu 
besprechen habe. Keine Angst, Hellauge, ich fordere ihn nicht 
zum Zweikampf heraus. Aber er soll noch lange daran denken, 
daß seine Krieger im Gebiet der Chiricahuas Weiße gejagt 
haben.« 

Zwei Stunden später trennten sich die Freunde. 
Jeffords blickte dem hochgewachsenen Häuptling nach, der 

sein Pony in eine breite Lücke zwischen zwei Felsen lenkte 

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und zu seiner Apacheria ritt. 

Der Postmeister mußte zur Station. Nur der Teufel wußte, 

was inzwischen alles passiert sein mochte, denn er war länger 
weggeblieben, als er vorgehabt hatte. 

ENDE