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Frank Callahan 

Cochises lange Jagd 

Apache Cochise 

Band Nr. 20 

Version 1.0 

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Prolog

 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

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Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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6

***

 

Der neue Tag erhob sich über die Range wie ein weißer 
Schwan mit ausgebreiteten Flügeln. Es wurde langsam Tag im 
Land der Chiricahuas, aber dieser Tag würde nicht anders sein 
als alle die anderen, die mit sengender Sonne über das 
ausgedörrte Land hinweggezogen waren. 

In den Canyons dagegen war es noch dunkel. Nur hier oben 

auf dem Höhenrücken, der den Canyon rechtsseitig flankierte 
und seinen Erosionsabraum in breiten Bahnen in die Tiefe 
schickte, brach der Tag an. 

Die hellgekleidete Gestalt, die die ganze Nacht über das rote 

Dämonenauge des Feuers tief unten in der Schlucht beobachtet 
hatte, stand auf und breitete die Arme dem gleißenden Licht 
entgegen. Betete der von Gestalt mächtige Indianer die 
aufgehende Sonne an oder sprach er mit seiner unsichtbaren 
Gottheit, die er mit dieser Geste verehrte? 

Cochise bewegte sich um keinen Zoll, während er tief in 

Andacht versunken mit den Geistern der Verstorbenen sprach 
und die der Lebenden beschwor, Recht über dem Volk der 
Apachen walten zu lassen und über ihrem Land. 

In dem Augenblick, als sich die Sonne mit ihrem äußersten 

Rand über die Gebirgskette der fernen Chiricahua Mountains 
erhob, brach Cochise seine Andacht ab. Er ging zu seinem 
Pferd in der Senke, gab ihm Futter aus einem mitgeführten 
Sack und tränkte es. Zuerst das Pferd, dachte der Jefe der 
Apachen. Ohne Pferd war er in dieser Einöde der Dragoon 
Mountains verloren. 

Anschließend bereitete er sich ein frugales Mahl, das aus 

Maiskörnern, Trockenfleisch und Wasser bestand. 

Gesättigt wandte er sich wieder dem Canyon zu. Auch dort 

unten wurde es langsam grau. Verschwommene Umrisse beim 

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Feuer ließen Bewegungen erkennen. Das Feuer flackerte 
wieder, genährt von aufgelegten Zweigen. 

Cochise legte sich auf den Fels und ließ seine dunklen Augen 

durch die Schlucht gleiten. Von Minute zu Minute erkannte er 
mehr. Einen Moment lang verspürte er den Drang, sein Pferd 
zu besteigen, damit es ihn so schnell wie möglich zu seiner 
Sippe brachte. 

Aber er gab dem Drang nicht nach. Viele Tage lang hatte er 

versucht, den düsteren Gedanken über die Geschehnisse der 
letzten Tage zu entkommen, indem er nicht mehr an die 
Vorfälle bei Fort Thomas dachte, aber es gelang ihm nur 
schwer. 

Viele Jahre lang war er bemüht gewesen, das Verhältnis der 

Apachen zu den Weißen zu verbessern. Vergeblich. Die 
vergangenen Tage und Nächte lagen immer noch so düster und 
genauso dunkel in seiner Erinnerung und unterschieden sich 
kein bißchen von der Zukunft, von der er nicht wußte, was sie 
ihm und seinem Stamm bringen würde. 

Sein Zögern im Salbei des Höhenzuges vor wenigen Minuten 

war nicht grundlos gewesen. Die Jahre hatten nichts geändert, 
weder der grausame Kampf gegen die Gelbgesichtigen und 
Weißen noch die Einstellung der Weißen gegen die Roten. 

Inzwischen war es auch in dem steinigen Canyon taghell 

geworden. Am Feuer bewegten sich vier Gestalten, die der 
Apache einwandfrei als Weiße erkannte. Sie bereiteten ein 
Frühstück und unterhielten sich lautstark über Dinge, die 
Cochise leider nicht verstehen konnte. 

Ein seltsames Kleeblatt hockte dort unten bei dem rauchlosen 

Feuer. Cochises Erinnerung belebte sich. Seine Gedanken 
suchten in weiter Ferne nach Bildern, die mit den Gesichtern 
dieser Hartgesottenen identisch waren. 

Sie erschienen, diese Bilder, wenn auch verschwommen und 

unklar, halb verdeckt von der vergangenen Zeit. Diese vier 
Weißen kannte er. Zuerst erschien ihm der schnurrbärtige 

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Sternträger Drew Marley, der als Vertreter des Gesetzes in 
dieses Land gekommen war, um Banditen zu fangen. 

Danach schälten sich blaß und farblos die Konturen aller 

jener Männer heraus, mit denen Marley es zu tun hatte. Dort 
unten saßen der Geierköpfige, der Bärtige, der schielte, der 
Dürre und der kleine Dicke, den sie Fatty genannt hatten. 

Cochises Gesicht wurde grimmig. Die Haut über seinen 

Wangenknochen wurde so straff wie ein zum Trocknen 
ausgespannter Skalp. Die vier Weißen machten keine 
Anstalten, ihr Lager nach dem Frühstück abzubrechen. 

Gedanken gingen durch Cochises Kopf. Es waren 

wohlüberlegte Gedanken, getragen von der Not seines Volkes 
und den stets zunehmenden Ausmaßen des Krieges zwischen 
der weißen und der roten Rasse. 

Er mußte hinunter in den Canyon, um die Männer zu 

belauschen. Daß sie etwas im Schilde führten, war klar. Nur 
was sie vorhatten, konnte er nur von ihnen selbst erfahren. 

Er kroch rückwärts, erhob sich und huschte zu seinem Pferd. 

Das Pony am Zügel führend, schritt er am Canyonrand entlang, 
nach einem Abstieg suchend und nach einem Versteck, wo er 
das Tier zurücklassen konnte. 

Den Abstieg fand er, schließlich auch ein Versteck für den 

Pinto. Ein Hohlweg schnitt tief in die Bergflanke und führte 
nach unten. Als er ihn halb durchschritten hatte, klaffte zu 
seiner Rechten ein breiter Spalt im gewachsenen Fels. 

Cochise stellte sein Pferd in die Klamm und band es an 

einem Felszacken fest. Gewandt wie eine Raubkatze glitt er in 
die Tiefe. Der Canyon tat sich vor ihm auf, er roch Holzfeuer 
und bratendes Fleisch. Ohne mit der Wimper zu zucken, eilte 
er durch den Canyon. Die Basen der Canyonwände waren mit 
hochstaudigem Unkraut bewachsen. Es kam ihm zustatten, sich 
ungesehen dem Lagerplatz zu nähern. 

Salbei und breitblättrige Unkrautpflanzen streckten sich wie 

eine Zunge bis nahe zum Feuer. Cochise glitt auf Händen und 

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Zehenspitzen durch den Wildbewuchs und verstand so 
geschickt sich zu verbergen, daß ihn die emsig schwatzenden 
Weißen nicht sehen konnten. 

Nur vor den Pferden mußte er sich in acht nehmen. Pferde, 

die unter Weißen aufgewachsen waren, mochten keine 
indianische Ausdünstung. Es gelang ihm, die angehalfterten 
Tiere in einem weiten Bogen zu umgehen, ohne daß sie 
überhaupt Notiz von ihm nahmen. 

Noch etwa zwanzig Yards. Steine, die die Erosion vom 

Schluchthang abgetrennt und in die Tiefe geschickt hatten, 
versperrten ihm den Weg. Wie eine Schlange wand er sich 
herum. 

Noch sieben Yards, nicht zu weit, um etwas zu verstehen, 

wenn sie laut genug sprachen. Weiße sprachen immer laut, so 
laut, als wollten sie mit ihren Reden und der Lautstärke eine 
innere Angst und Unruhe überwinden. 

Ein grimmiges Lächeln überflog das strenge Antlitz des 

Apachen. Cochises Hand glitt zum Messer in den hellen 
Leggins. Der Griff fühlte sich wie der Handschlag eines alten 
Freundes an, der seine eigene Hand wohltuend berührte. 

Cochise legte noch zwei weitere Meter zurück. Er verharrte, 

umgeben von Sagebusch und Yuccas. Zwei Schritte weiter, nur 
zwei kleine Schritte, wuchs eine Riege von Tamarisken, deren 
helle Blüten einen betäubenden Duft ausströmten. 

Jedoch konnten zwei Schritte zu zweihundert werden, wenn 

auf der anderen Seite die Gefahr lauerte, von vier bewaffneten 
Weißen überrascht zu werden. 

Der Häuptling blieb im Unkraut liegen und strengte sein 

Gehör an. Die krötigschleimige Stimme des Dicken tropfte 
monoton und irgendwie gedämpft zu dem Geierköpfigen über 
das Feuer hinweg. Cochise konnte deutlich den hüpfenden 
Adamsapfel des raubvogelnasigen Mannes sehen und den 
kalten Blick, mit dem er Fatty bedachte. 

»Seit Wochen irren wir in diesen verdammten Canyons 

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umher und kommen zu keinem Entschluß. Ich bin dafür, die 
Suche nach der Mine abzubrechen und nach Tombstone 
zurückzukehren.« 

»Bist du wahnsinnig?« fragten der Dürre und der Schieler 

wie aus einem Mund. 

»Nicht wahnsinnig, nur überlegend. Unser Proviant geht zu 

Ende, die Wasserflaschen sind leer, unsere Gäule abgetrieben 
und halb verhungert. Wie sollen wir uns noch länger in dieser 
höllischen Einöde aufhalten, wenn es am Notwendigsten 
fehlt?« 

»Wenn wir die Mine finden, werden unsere Mühen reichlich 

belohnt.« 

»Ja, wenn! Im Augenblick sieht's so aus, als würden wir sie 

nie finden. Möglicherweise stolpern wir in der 
entgegengesetzten Ecke dieses Landes herum, wie blinde 
Hühner, ihrem Glück vertrauend, irgendwann ein Korn zu 
finden.« 

»Du Hundesohn«, sagte der bärtige Schieler in die 

wiederkehrende Stille hinein. Und das war alles. Von da an 
hörte Cochise nur noch ein kurzes, rasch ersterbendes Flüstern 
beim niedergebrannten Feuer. 

Nach etwa zwanzig Sekunden, die ihm wie Stunden 

schienen, ertönte ein kurzes Schnaufen vor Cochise. Er 
blinzelte zu den Männern hinüber und wunderte sich über ihr 
Verhalten. Sie würfelten. Fatty hatte gerade den Lederbecher 
ergriffen und die drei Würfel gut gemischt auf die Decken 
rollen lassen. Er stieß einen gedämpften Jubelruf aus. 

Cochise hätte sich liebend gern ein weiteres Stück 

vorgewagt, konnte dies jedoch wegen der Gefahr gesehen zu 
werden nicht. Wenn sich einer erhob, mußte er unweigerlich 
den kauernden Apachen erblicken, und alle waren sie so 
schwer bewaffnet, daß Cochise dieses Risiko einfach nicht 
eingehen konnte. 

»Vierzehn«, sagte der Bärtige. »Laß sehen, Dicker.« 

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Cochise hörte die Würfel klappern, danach einen kurzen 

Ausruf: 

»Sechzehn! Na, was sagst du jetzt?« 
»Die anderen müssen auch noch, Hugh. Das Spielglück ist 

wetterwendisch, du wirst schon sehen.« 

Cochise sah, daß der Dürre nun an der Reihe war. Ein 

glucksendes Geräusch ertönte. 

»Dreimal die Sechs! Wir kehren nicht um, Jungs! Was 

meinst du, Hugh?« 

»Ganz deiner Meinung, Latte. Wir sind nicht die vielen 

Meilen geritten, um jetzt die Flinte ins Korn zu werfen. In einer 
Stunde reiten wir, basta!« 

»Und was willst du essen und trinken, wovon die Klepper 

wieder auf die Beine bringen?« 

Cochise wartete gespannt auf Antwort. Er wagte es sogar, ein 

wenig den Kopf zu heben, um die Galgenvögel zu mustern. Die 
sarkastische Entgegnung kam: 

»Vor rund einer Woche sahen wir in dem östlichen Tal eine 

nomadisierende Indianerfamilie. Die nehmen wir uns vor. 
Lieber auf einem halbwilden Bronco reiten als auf unseren 
verhungerten Zossen. Und Proviant haben die roten Kerle auch, 
verlaßt euch drauf!« 

»Du willst sie alle…?« Der Geierköpfige machte das Zeichen 

des Kehledurchschneidens . 

»Was liegt dir an ein paar dreckigen Rothäuten? Irgendwann 

müssen sie doch daran glauben. Ja, so!« Sein Finger glitt über 
seinen Hals. 

Cochises Wangenmuskeln spannten sich so an, daß die Haut 

wie Pergament wirkte. Langsam glitt er rückwärts. Er hatte 
genug gehört und war sich darüber klar, daß er die Sippe 
warnen mußte. Er kannte den Ältesten der Familie als einen 
tapferen Krieger und ausgezeichneten Chief. 

Er war weit genug vom Lager der Weißen entfernt, als diese 

aufbrachen. 

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Cochise huschte in den Hohlweg und eilte zu seinem Pferd. 

Eine halbe Stunde später war er bereits auf dem Plateau und ritt 
in östlicher Richtung davon. 

Das »Bird-Cage-Theatre« in Tombstone platzte aus allen 
Nähten. Tabakrauch quoll wie finstere Gewitterwolken unter 
der Decke und suchte verzweifelt nach einem Ausgang. 
Männer unbekannter Herkunft und zweifelhaften Berufs 
scharten sich um die Spieltische und an der Theke. Es waren 
harte Männer, Abenteurer, die ihr Glück in den Silberminen 
und am Spieltisch suchten. 

Und nicht nur im »Vogelkäfig-Saloon«. Sämtliche Kneipen 

in Tombstone erwachten bei Sonnenuntergang zu einem 
einseitigen hektischen Leben, das bis in die frühen 
Morgenstunden andauerte und zu keiner Minute zum Erliegen 
kam. Selbst die zahlreichen Freudenhäuser mit den 
traditionellen roten Lampen über den Türen und die 
Tingeltangels, die nach den ersten Silberfunden wie Pilze aus 
dem Boden geschossen waren, konnten sich nicht über 
mangelnden Zuspruch beklagen. 

An einem Ecktisch saßen drei wettergegerbte Gestalten mit 

einem vierten Mann beim Pokerspiel zusammen. Dollarnoten 
in der Mitte des runden Tisches mit dem grünen Filzbelag und 
dem mächtigen Aschenbecher aus getriebenem Silberblech 
stapelten sich. Ein Spiel ohne Limit schien sich anzubahnen. 

Der vierte Spieler, ein schlanker Mann mit blassem Gesicht, 

scharfen Augen und einem Schnurrbart nach neuester Mode 
unter der geraden Nase, konnte als Berufsspieler gelten, wenn 
man seine dunkle Kleidung als Maßstab für eine solche 
Vermutung annehmen durfte. Wyatt Earp war es auch. 

Berufsspieler, später Bordellbesitzer und noch später ein 

ausgekochter Revolvermann, der es mit der Waffe mit jedem 

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Kunstschützen dieses Landes aufnahm, ließ keinen der 
Minenarbeiter aus dem Blick. Obwohl er seinen Karten die 
nötige Aufmerksamkeit widmete, verließen seine kalten Augen 
keinen Augenblick lang die Mienen und Gesten der Mitspieler. 

Wyatt hatte dreimal hintereinander gewonnen und einen 

prächtigen Gewinn für sich verbuchen können. Aus Erfahrung 
wußte er, daß eine Glückssträhne bei den anderen Spielern 
Neid und Mißgunst auslöste. Besonders bei den Verlierern. 

Er kaufte zwei Karten, erhöhte um hundert und forderte. Sie 

legten geradezu widerwillig ihre Blätter auf den Tisch, und ihre 
gierigen Augen gingen rundum. Wyatt hatte schon wieder das 
bessere Blatt und wollte die gewonnenen Dollars nehmen. 

»Ihr Glück ist einfach sagenhaft, Fremder«, nörgelte ein 

hochgeschossener Miner und legte seine abgearbeitete Hand 
auf das Geld. 

»Ja?« 
»Ich meine es. Wäre es möglich, daß Sie dem Glück ein 

wenig nachgeholfen haben? Nur so, mit ein paar flinken 
Fingerbewegungen?« 

Earp sah auf. 
»Was wollen Sie damit sagen, Mann?« 
»Daß Sie ein Falschspieler sind.« 
Stühle wurden in aller Hast aus der Schußlinie gerückt. Zwei 

der Mitspieler sprangen auf und wichen bis an die 
nahegelegene Wand zurück. Eine tödliche Stille breitete sich 
im Lokal aus, eine Stille, die geradezu darauf zu warten schien, 
daß sie von detonierenden Revolvern unterbrochen wurde. 

Von der Theke herüber näherten sich die bulligen Gesichter 

zweier Rausschmeißer. 

Earp erwiderte: »Nehmen Sie das mit dem Ausdruck des 

Bedauerns zurück, oder…« 

»Oder?« 
Der Mann sprang auf und zog. Er hatte sein Schießeisen 

bereits aus dem Gürtel, als Earps Hand zur Hüfte glitt. Wyatt 

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machte nicht viel Umstände. Er drehte das Halfter so, daß sich 
die Öffnung auf den Fremden richtete und drückte ab. 

Erst danach zog er den Revolver aus dem Leder und ließ die 

anderen in die rauchende Mündung blicken. 

»Pfoten hoch, Leute! Sie haben gesehen, daß er zuerst zog?« 
»Wir haben nichts gesehen«, sagte einer der Mitspieler 

maulend und quängelnd. 

»So, Sie haben nichts gesehen. Wohl ein Kumpel von 

Ihnen?« 

Die beiden Gorillas waren in greifbare Nähe gerückt. Wyatt 

gab ihnen mit dem Colt einen Wink und dirigierte sie beide zu 
den Spielern an der Wand. Totenstille breitete sich im 
»Vogelkäfig« aus. Selbst das reizlose Kichern der 
Animiermädchen war verstummt, das Klirren der Gläser und 
das knisternde Geräusch sich mischender Karten zwischen 
geschickten Händen. 

Auch das gurgelnde Geräusch fließenden Fusels in 

schwammtrockene Kehlen war nicht mehr zu hören, etwas, was 
es im »Vogelkäfig« so gut wie nie gab. 

»Mach keinen Quatsch, Mann«, sagte der eine 

Rausschmeißer grollend. 

»Quatsch mache ich nie, aber ich wehre mich, wenn ich mit 

'nem Revolver bedroht werde. Oder soll ich mich von jedem, 
der nicht verlieren kann, erschießen lassen?« 

Wyatt gab einem der käsebleichen Mitspieler ein Zeichen mit 

dem Revolverlauf. 

»Nimm dein Halstuch, Freund, und lege das Geld da hinein. 

Danach trittst du wieder zurück. Kapiert?« 

»Bin nicht taub.« 
Der Mann tat, was Wyatt von ihm verlangte. Als das 

Halstuch verknüpft war, kam Earps nächster Befehl: 

»Schieb es rüber, schnell, bevor mein Finger zu jucken 

anfängt!« 

Mit der Linken griff er nach dem gewichtigen Säckchen, 

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seine Rechte mit der Waffe bedrohte alle Waffentragenden im 
Spielraum. Langsam setzte sich der Spieler zur Ausgangstür 
hin ab. Die Atmosphäre schien mit reiner Energie geladen zu 
sein, so still war es. Man hörte Fußgelenke knacken, wenn 
irgend jemand sein Gewicht verlagerte, und den stoßweisen 
Atem der bis zum Zerreißen angespannten Menschen. 

Wyatt erreichte unangefochten die Zwischentür. Niemand 

hielt einen berufsmäßigen Revolvermann auf, der so schießen 
konnte wie dieser Fremde. Seine Ellbogen durchstießen den 
Perlenvorhang. Dahinter war kein Widerstand. Earp glitt wie 
eine Raubkatze auf zwei Beinen hinaus und setzte sich in 
Bewegung. 

Mit langen Schritten durchmaß er den Vorraum und setzte 

mit einem langen Sprung durch die Eingangsöffnung. Nacht 
und Stille nahmen ihn auf. Wie ein gehetztes Wild rannte er zur 
Fremont Street, durchmaß die schmale Gasse zwischen Flys 
Photo Atelier und dem Harwood Haus, um auf die Third Street 
zu gelangen. 

Er schaffte es. Erregtes Gebrüll, durchsetzt mit wütenden 

Flüchen verebbte in seinem Rücken. Bis zum Mietstall waren 
es noch fünfzig Yards. Er ging langsam, um nicht zufälligen 
Passanten den genauen Weg seiner Flucht anzugeben. 

Die Situation war nicht neu für ihn. Schon oft hatte er vom 

Spieltisch und aus Städten fliehen müssen, wenn sein Colt 
mitgesprochen hatte. Die Routine, die er jedesmal hatte 
sammeln können, kam ihm dann beim nächsten Mal zustatten. 

Wyatt Earp lächelte breit und stieß die Seitentür in den 

Mietstall auf. Hier blieb er erst einmal stehen, um seine Augen 
an die trübe Stallfunzel zu gewöhnen. Er nahm das Bündel 
Scheine aus dem nach Schweiß riechenden Halstuch und 
verstaute sie in der Brusttasche. Das Hartgeld schob er in die 
Hosentasche und erfreute sich eine Weile am Klimpern der 
Geldstücke. 

Er hatte wieder Geld und fühlte sich als Mensch erster 

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Klasse, wobei er keine Minute lang an den Toten dachte, dem 
er es abgenommen hatte. 

Wyatt merkte auf. Schlurfende Schritte drangen aus dem 

Hintergrund und kamen durch den Mittelgang. Ein seltsames 
Individuum, das nach Ammoniak stank wie alles hier im Stall, 
blieb vor ihm stehen und wackelte mit den Ohren. 

Wyatt kannte den Stallmann. Er gab ihm eine Handvoll 

Kleingeld und befahl ihm, sein Pferd zu satteln und mit einem 
Futtersack auszurüsten. Schweigend machte sich der Mann an 
die Arbeit. 

Zehn Minuten später bestieg Earp sein Pferd und ritt aus dem 

Stall. Wohlweislich benutzte er die Seitentür. Aus dem 
Zentrum von Tombstone klangen laute Geräusche. Stimmen, 
Flüche und das Wiehern aufgeregter Pferde dröhnten, ebbten 
ab und kehrten wieder. 

Der Mann, der die Flucht aus der Stadt ergriff, wußte, was 

das Dröhnen zu bedeuten hatte. Der Sheriff stellte mit seinen 
Deputys ein Aufgebot zusammen, und das bedeutete nichts 
Gutes für einen Mann, der auf der Flucht war. 

Wyatt Earp ritt die Third Street hinunter und bog in die Allen 

Street ein. Die Straßen waren dunkel. Sein ausgeruhtes Pferd 
trug ihn rasch zur mexikanischen Siedlung, durch diese 
hindurch und zu den Minengebieten hinaus. Straßen gab es hier 
nicht mehr, und wenn man von Beleuchtung sprach, meinte 
man die Sterne und den Mond. 

Mit jeder Pferdelänge ließ er den Minen-Distrikt hinter sich 

liegen. Mannshohe Yuccas, Felsen und Kakteen umgaben ihn. 
Die Wüste hatte ihn aufgenommen. 

Das Aufgebot ritt nach Osten, um ihn zu fangen, er aber 

suchte seinen Fluchtweg im Westen. Von Minute zu Minute 
entfernten sie sich weiter voneinander. 

Im Morgengrauen wendete Earp sein Pferd. Er wollte nicht 

nach Westen, dort gab es für ihn nichts zu verdienen. Ein 
Spieler mußte unter Menschen sein, die er schröpfen konnte. 

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Wenn er an das Aufgebot dachte, amüsierte er sich. Da ritten 
zehn oder mehr ausgewachsene und schwer bewaffnete Männer 
einem Phantom nach, während das Wild stillvergnügt hinter 
ihnen ritt und sich ins Fäustchen lachte. 

Bei Sonnenaufgang war er schon wieder an Tombstone 

vorbei und legte in einem Canyon eine kurze Rast ein. Zuerst 
tränkte und fütterte er sein Pferd und rieb ihm mit einem 
Striegel den Alkalistaub aus dem Fell. 

Vor ihm lagen die südlichen Ausläufer der Dragoon 

Mountains. Südlich davon erstreckte sich die wasserlose Wüste 
bis nach Bisbee und weiter zur mexikanischen Grenze. Von 
ihm aus östlich gesehen kletterten die Chiricahua Berge mit 
ihrem Peak 9000 Fuß hoch in den azurblauen Himmel. 

Ein wildes, irres und tödliches Land, wenn man in ihm nicht 

Bescheid wußte. Im Augenblick hatte er keine Ahnung, wo 
sich die Posse aufhielt. In diesem Gewirr von Schluchten 
konnte man wochenlang nebeneinander reiten, ohne mehr als 
den Staub des anderen zu sehen. 

Nach dem kalten Frühstück, das er mit Wasser 

hinunterspülte, nahm er dem Pferd den Futtersack ab, tränkte 
es noch einmal aus der Feldflasche und stieg in den Sattel. 

Stunden vergingen. Es wurde drückend heiß und so schwül, 

daß ihm förmlich der Schweiß aus allen Poren floß. Er, ein 
wüstenerfahrener Mann, wußte genau, was er zu tun hatte, um 
nicht zuviel Körperwasser zu verlieren. 

Als die Sonne im Zenit stand, stieß er auf einen Salzstock. Er 

stieg ab, brach ein faustgroßes Stück ab und lutschte daran. 
Salz band Wasser im Körper und verhinderte 
Schweißausscheidungen. 

Am späten Nachmittag mußte er wieder eine Rast einlegen. 

In einem ruhigen Seitental, in dem sogar eine Quelle sprudelte, 
riskierte er ein Feuer und kochte sich eine warme Mahlzeit. 
Das Pferd graste die saftige Vegetation in der Quellennähe ab. 

Kein menschlicher Laut störte die Stille der Wildnis. Kojoten 

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heulten in der Ferne, das waren die einzigen Laute außer 
Vogelstimmen. Wyatt kochte Bohnen, briet ein Stück 
Trockenfleisch in viel Fett und würgte das zähe »Steak« 
schließlich mit Abscheu hinunter. 

Als er nach dem Essen mit dem Kochzeug zur Quelle ging, 

um es mit Wasser und Sand zu reinigen, glaubte er einen 
fremden Laut zu vernehmen. Er kniete still an dem Wasserloch 
und spannte alle seine Sinne an. 

Da war etwas in der Nähe, etwas, was vorher nicht 

dagewesen war. Sein erster Gedanke galt dem Aufgebot. Er 
schüttelte den Kopf, wußte er doch, daß es Weißen nie 
gelungen wäre, sich unsichtbar seinem Lager zu nähern. 

Also Indianer! 
In diesem Gebiet gab es nur Apachen, und sie waren so 

gefährlich, wie Hornissen im Schwarmflug. Langsam richtete 
er sich auf, das Geschirr in der Linken, die rechte Hand 
brauchte er notfalls, sich zu wehren. 

Während er zum Feuer zurückging, suchten seine Augen die 

Schlucht und ihre Ränder ab. Er sah nichts, hörte nichts mehr, 
aber sein wildniserfahrenes Gehör blieb geschärft. 

Er war nicht auf der Jagd, er wurde gejagt! 
Aber wer schlich sich an ihn heran? Das Aufgebot? Indianer? 

Eine dritte Gruppe, von deren Existenz er keine Ahnung hatte? 

Seine Sinne blieben scharf wie Messerklingen. Aus den 

Augenwinkeln beobachtete er sein Pferd. Es hatte zu grasen 
aufgehört, spielte mit den Ohren und hielt seinen Blick auf ein 
Tamariskengehölz gerichtet, das sich weiter oben in der 
Klamm ausbreitete. Ein paar Säulenkakteen wuchsen dort, und 
auch Yuccas, die in voller Blüte standen. 

Earp sammelte die Lagergegenstände ein und verstaute sie in 

den Satteltaschen. Er schüttelte die lähmende Kälte seiner 
Gedanken ab und bewegte sich voller Furcht zu seinem Pferd. 
Das Feuer war heruntergebrannt und am Erlöschen. 

Nach ein paar Sekunden, die ihm wie die Ewigkeit 

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vorkamen, befand er sich bei seinem Pferd, das keinen Blick 
von den Tamarisken ließ. Er legte die Satteltasche auf die 
Pferdekruppe und befestigte sie. Ohne Übergang ertönte ein 
kurzes pochendes Geräusch links von ihm, das in einem 
kratzenden Schaben endete. 

Doch plötzlich wurde aus diesem seltsamen monotonen 

Geräusch ein schmetternder Trompetenstoß eines Hornisten, 
der hinter dem Kamm des nächsten Hügels zur Attacke blies. 
Wyatt warf sich herum, den blitzschnell gezogenen Revolver in 
der Hand. Diese verdammte Einbildung! 

Kavallerie gab es weit und breit nicht in dieser trostlosen 

Einöde, und einen blasenden Hornisten schon gar nicht. Was 
hatte ihn getrogen und seine Nerven derart gereizt, daß er den 
Anbruch des Jüngsten Gerichts erlebte? 

Wyatt spannte alle Muskeln, die wie Taue unter der Haut 

seiner Arme hervortraten Der Revolver wurde schwer wie Blei. 
Die Hand, die ihn hielt, zitterte und wurde gefühllos. 

Eine Weile blieb es still. Er wagte nicht, den Pferdesattel zu 

besteigen und orientierte sich nach dem Fächerspiel der 
Pferdeohren. Die Tamarisken waren es. Gewiß, nur dort konnte 
sich ein Mensch oder ein größeres Raubtier verbergen. 

Aber die Panik kam erst. 
Wyatt Earp vernahm ein seltsames Geräusch, das er kannte. 

Es war das Klatschen eines nassen Wischtuches auf einer 
Tischplatte aus Hickoryholz. Selbstverständlich kannte er 
dieses Geräusch sehr genau. Oft genug, wenn er zu schießen 
gezwungen worden war, hatte es es vernommen – den 
Einschlag einer Kugel in weiches Fleisch. 

Er krümmte sich zusammen, fiel in die Knie und wartete auf 

den Schuß, der jedoch ausblieb. Kein Pulverwölkchen stieg 
irgendwo auf, keine Detonation eines Abschusses erklang. 
Nichts! 

Sein Pferd wurde unruhig. Es spürte die Last des Sattels und 

wollte aus dieser Schlucht weg. Sein Reiter war aber anderer 

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Meinung. Aus Erfahrung wußte er, daß er dem vermeintlichen 
Feind nicht den Rücken zudrehen durfte, und das mußte er, 
wenn er den Tamarisken Lebewohl sagen und die Klamm 
verlassen wollte. 

Als immer noch nichts geschah, kein Angriff erfolgte, kein 

Schuß fiel, erhob sich Earp wieder von den Knien und ließ die 
Hand mit dem Revolver sinken. 

Langsam, Schritt für Schritt und zögernd, stahl er sich 

vorwärts, stets bereit, sich fallenzulassen und zu schießen. Das 
Gestrüpp lag dunkel, staubig und geradezu einladend vor ihm. 
Ein Vogel zwitscherte und flog auf, als Wyatt die ersten 
Zweige berührte und sie zur Seite bog. 

Nichts. 
Der Mann drang ein, schob Zweige und Ranken zur Seite 

und schlug ein paar Zecken tot, die ihm in die Hand bissen und 
sich festsaugen wollten. 

Gleich darauf stand er auf einer winzigen Lichtung. Er 

erkannte die Ursache des Klatschens. Vor ihm lag ein Indianer 
mit einem Pfeil in der Brust. Er war kein Apache, dieser tote 
Indianer. Aber es war ein Apachen-Pfeil, der ihn vom Leben 
zum Tod befördert hatte. 

Gehetzt blickte Wyatt Earp umher. Wo es Apachen-Pfeile 

gab, mußte es auch Apachen geben, die sie abschossen. Nichts 
rührte sich. Keine Bewegung erschütterte die Flora, kein 
Knirschen von einem Mokassin auf erdigem Grund war zu 
hören. 

Alles blieb still und nicht der leiseste Laut störte das 

andächtige Schweigen in dieser Natur-Kathedrale. Wyatts 
Revolver zirkelte in die Runde. Den Finger hielt er am Abzug 
des gespannten Colts. 

Die Nerven des einsamen Mannes signalisierten Gefahr, 

immer wieder Gefahr, aber er wußte nicht, woher die Gefahr 
kommen konnte. Wenn Apachen in der Nähe waren, würde er 
sie nicht eher sehen, bis sie gesehen werden wollten. Und dann, 

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das wußte er, war es zu spät. 

Lange musterte er den toten Indianer. Er war mit Leggins 

bekleidet. An den Füßen trug er hochschäftige 
Wüstenmokassins, deren Ränder eine geschickte Squaw mit 
Perlen und den Hauern von Ebern verziert hatte. Sein 
Oberkörper war nackt. Neben ihn lag ein kleiner Kriegsbogen 
und ein Köcher mit Pfeilen. In seinem Gürtel steckte ein 
Messer. In seinem aufgesteckten Haarknoten waren zwei 
Federn. 

Earp wußte, daß Apachen keine Federn als Schmuck trugen. 

Sie hätten sie beim Anschleichen in der zerklüfteten 
Bergwildnis nur gestört. Er konnte sich nicht erklären, von 
welchem Stamm der fremde Rote war und was er hier zu 
suchen hatte. 

Übergangslos zuckte Wyatt Earp zusammen und ließ sich 

fallen. Reaktion und Herumwerfen auf der Erde waren eins. 
Sein Colt ruckte hoch. Der Pfeil, der an seinem Kopf 
vorbeigezischt war, hatte ihn nur um die Stärke einer Hand 
verfehlt. 

Zwei weitere Pfeile drangen aus dem Dickicht und schlugen 

vor seinem Kopf in die Erde. Sie waren mit solch einer Wucht 
abgeschossen worden, daß sie sich bis zur Hälfte ihrer Länge in 
den Humusboden gruben. 

Nachdem der Anschlag auf ihn fehlgeschlagen war, sah er sie 

überraschend aus dem Dickicht auftauchen. Chiricahuas! Sechs 
an der Zahl, junge Krieger noch. Sie zogen die Pfeile auf ihren 
Bogen bis zu den Ohren durch. 

Die Entfernung betrug nicht mehr als fünf Meter. Die beiden 

ersten Roten erwischte er mit schnellen Kugeln. Der nächste 
Schuß ging daneben, und er brauchte eine vierte Kugel, um 
dem dritten Krieger einen schnurgeraden Scheitel zu ziehen. 
Der Mann war nur verwundet, als er zu Boden ging und ein 
wütendes Heulen ausstieß. Als sich Wyatt Earp den restlichen 
Kriegern zuwandte und sie aufs Korn nehmen wollte, stutzte 

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er. Ihre Bogen waren entspannt, locker lagen die Pfeile an den 
Sehnen, aber die scharfen Spitzen mit den Widerhaken waren 
zu Boden gerichtet. 

Alle starrten sie an ihm vorbei auf etwas, was sich in seinem 

Rücken befand. Mit Gewalt mußte er den Kopf so weit drehen, 
daß er die Quelle und sein Pferd erkennen konnte. 

Im nächsten Augenblick glaubte Wyatt Eis im Blut zu haben. 

Er fühlte seinen Herzschlag aussetzen. Als sein Blutdruck 
wieder einsetzte und den Lebenssaft zum Gehirn pumpte, 
wurde ihm schwindlig. 

Hinter ihm stand ein hochgewachsener Indianer mit einem 

mächtigen Brustkorb und einer Adlernase. Gebieterisch 
streckte der Indianer, ganz in weißes Leder gekleidet, seine 
Hand gegen die roten Krieger aus. 

Der kaltschnäuzige Revolvermann vergaß alles um sich 

herum. Die seltsame Kraft, die von dem Krieger ausging, 
schlug auch ihn in Bann. Wyatt wußte plötzlich, wen er vor 
sich hatte. Die legendäre Gestalt des mächtigen Chiricahua-
Häuptlings war noch zu gut in seinem Gedächtnis verankert, 
als daß er diese jemals hätte vergessen können. 

Earp hatte Cochise im Lager der Schollenbrecher gesehen, 

und Cochise ihn. Auf seinen strengen Zügen lag kein 
Wiedererkennen, aber Wyatt wußte, daß Cochise ihn erkannt 
hatte. 

Cochise stand immer noch reglos mit ausgestreckter Hand. 

Die befehlende Geste war zu deutlich, um mißverstanden zu 
werden. Der Chief würde nicht bis in die Ewigkeit in dieser 
Reglosigkeit dort stehen, stumm wie ein Fisch, und trotzdem 
mit unmißverständlicher Befehlsgewalt. Die Kraft, die dieser 
Mann ausströmte, übertraf alles, was der Revolvermann und 
Spieler bei einem anderen Mann gesehen hatte. 

»Du bist ein guter Schütze, Bleichgesicht. Stecke deinen 

Revolver ein, niemand wird dich belästigen.« 

Dann sagte er etwas zu den Apachen. Wyatt verstand kein 

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Wort. Aber als er wieder zu den Kriegern hinüberblickte, 
waren sie verschwunden. Ihre Toten und den Verwundeten 
hatten sie mitgenommen. Nur der fremde Indianer lag noch so 
auf der Erde, wie ihn Wyatt angetroffen hatte. 

»Du bist schuldlos am Tod meiner Krieger«, fuhr Cochise 

mit seiner sonoren Stimme fort. »Wer angegriffen wird, muß 
sich wehren. Sie waren noch zu jung, um zu erkennen, daß sie 
es mit einem großen weißen Jäger zu tun hatten.« 

»Du kennst mich, Chief?« fragte Earp mit belegter Stimme. 
»Ich sah dich, das genügt. Du reitest in das Land der 

Chiricahuas?« 

Wyatt steckte seinen Revolver ins Halfter zurück. 
»Eigentlich nur hindurch. Werden deine Krieger mich 

aufhalten?« 

»Nicht, wenn ich es nicht will.« 
»Willst du es?« 
Cochise wechselte mit Earp einen langen Blick. 
»Ich denke nicht«, sagte er mit tiefer Stimme. »Aber die da 

können dir den Weg versperren, wenn sie wollen.« Er deutete 
auf den toten Indianer. 

Wyatt Earp fragte: »Wer ist der Indianer? Kein Apache, 

wie?« 

Cochises Antlitz blieb ehern. 
»Ein abtrünniger Mohawk aus der Sierra Pinta. Sie kommen 

manchmal bis ins Land der Chiricahuas, um Frauen zu stehlen. 
Sein Schicksal war ihm vorgezeichnet.« 

»Nie davon gehört«, sagte Earp. »Ich kann also reiten, Jefe?« 
Mit würdevoller Geste deutete Cochise nach Nordosten. 
»Wir haben eine kurze Strecke den gleichen Weg. Komm!« 
Earp ging zu seinem Pferd. Der Häuptling pfiff auf zwei 

Fingern. Aus einem Dickicht brach ein braungescheckter Pinto 
mit einer weißen Bleß und weißen Strümpfen. Kein harter 
Sattel zierte den Pferderücken, kein ledernes Zaumzeug. Eine 
bescheidene Navajodecke diente dem Häuptling als Sitz, und 

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gelenkt wurde das Pferd mit Schenkeldruck und geflochtenen 
Grasseilen. 

Als die beiden Männer das Tal verließen, kreisten Bussarde 

am Himmel. Earp deutete hinauf und sagte mit belegter 
Stimme: 

»Wir hätten den roten Mann begraben sollen, wie es 

Christenpflicht ist, Jefe.« 

Cochises abweisende Antwort war: »Ich verstehe nicht, 

wovon du redest. Man begräbt seine eigenen Toten, nicht die 
des Feindes. Laß uns schneller reiten.« 

»Du hast es eilig, Häuptling?« 
»Sehr. Eine meiner Familien ist in Gefahr, von Weißen 

ausgelöscht zu werden. Von vier Weißen«, setzte er düster 
hinzu. 

Wyatt beschleunigte die Gangart seines Pferdes und starrte 

Cochise schweigend an. Ein gewisser Ton in der sonoren 
Stimme ließ ihn hellhörig werden. Eine Frage von hoher 
Bedeutung drängte sich ihm auf. Warum hatte Cochise seine 
Krieger nicht mitgenommen und sie ziehen lassen? War er sich 
seiner Stärke so sehr bewußt, es mit vier bewaffneten Weißen 
aufzunehmen, oder hatte er andere Beweggründe? 

Wyatt Earp konnte nicht wissen, daß dieser große 

Indianerhäuptling noch immer unter der verlorenen Schlacht 
gegen die California-Volunteers am Apachen-Paß litt. Sein 
indianischer Stolz hatte einen Stoß erhalten, den er nicht leicht 
überwinden konnte. Wenn er in Einzelhandlungen sein 
ramponiertes Ansehen bei seinem Stamm wiederherstellen 
wollte, so war das nur verständlich. 

Aber Cochise sprach nicht darüber, und Earp wußte nichts 

davon. Er wunderte sich lediglich, daß der Apache ständig die 
Geschwindigkeit seines Mustangs steigerte und dem Tier das 
Letztmögliche abverlangte. 

Sie gelangten tiefer in die Canyons und weiter nach Osten, 

aber ein Ende des mörderischen Rittes war nicht abzusehen. 

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Die Schlucht öffnete sich zu einem Kessel und verengte sich 
danach wieder. Ein Creek durchlief das Tal und bewässerte es 
bis an die Basen der steil aufsteigenden Hänge. Busch- und 
Bauminseln boten an heißen Tagen Schatten, saftiges Gras 
Nahrung für Pferde und Schlachttiere. In der Mitte des Tales, 
nahe beim Wasserlauf, erhob sich ein Jacale aus dem hohen 
Gras. Aber war das noch eine indianische Behausung? 

Rauch kräuselte zum Himmel, und wenn der Wind durch das 

Tal stieß, trieb er Asche und Funken mit sich fort. Cochise und 
Earp hielten bei Sonnenuntergang auf der Anhöhe und suchten 
nach einem Abstieg. 

Cochise knirschte mit den Zähnen. Er war zu spät 

gekommen, vielleicht nur um die Zeit, die die Weißen eine 
Stunde nannten. Der Jacale war abgebrannt, seine Bewohner 
getötet und die Pferde geraubt worden. 

Eine Sekunde lang dachte er an Te-kli-tan, den Schreienden 

Kriegsadler. 

Wenn er überlegend und zurückdenkend die Augen schloß, 

vermeinte er seinen Kriegsschrei in den Bergen widerhallen zu 
hören. Aber der Schreiende Kriegsadler war nicht mehr, und 
alles, was Cochise in diesem Augenblick erlebte, war 
Einbildung. 

»Sieht nicht gut aus, Jefe«, murmelte Earp mitfühlend. 

»Verdammt, wer hat das getan?« 

»Weiße.« 
Wyatt Earp, der absolut nichts gegen die indianische Rasse 

hatte, wenn sie ihn in Ruhe ließ, schüttelte den Kopf. 

»Unmöglich! Heiliger Affensteiß, Weiße sollen das getan 

haben?« 

Cochise nickte. Er ließ sich Zeit mit seiner Suche nach einem 

Abstieg. Hilfe kam sowieso zu spät, die Täter waren über alle 
Berge, und Tote konnte er nicht zum Leben erwecken. 

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»Ja, weiße Männer. Ich kenne sie. Vier.« Cochise hob wie 

zur Bekräftigung vier Finger. 

»Was, du kennst sie? Teufel«, knurrte Earp, »du wirst diese 

sinnlose Bluttat rächen, Chief?« 

Cochise gab keine Antwort. Er trieb sein Pony wieder an und 

lenkte es zu einem Spalt hinüber, der sich in zahlreichen 
Windungen in die Tiefe schlängelte. 

»Sie benötigten eine halbe Stunde, bis sie unten waren und 

ihren Pferden die Absätze in die Weichen gruben. Asche und 
grauer Rauch trieb ihnen mit dem Wind entgegen. Earp 
hustete. Seine Augen tränten und trübten seinen Blick. Er riß 
sich erst wieder zusammen, als sein Pferd scheute und 
zurückwich. Vor dem Tier lag ein verstümmelter Indianer, bei 
dem bereits Cochise kniete. Der Häuptling stand auf und 
schüttelte den Kopf. »Sie erschossen ihn und trieben ihre 
Pferde über den Toten hinweg. Gehen wir weiter!« 

Wyatt stieg aus dem Sattel, ließ sein Pferd stehen und folgte 

dem Häuptling der Apachen. Von der Hütte war nichts 
stehengeblieben. Hinter dem Aschehaufen stießen die beiden 
auf die Leichen dreier Frauen. Auch sie und ein Kind, das ein 
Stück weiter entfernt zusammengekrümmt am Boden lag, 
waren erbarmungslos niedergeschossen worden. 

Cochise knirschte hörbar mit den Zähnen. Wyatt, dem der 

Ekel den Magen umdrehte, konnte den Indianer verstehen. Wer 
in seinem Leben das Weinen verlernt hatte, konnte es wieder 
lernen. 

Wenigstens fünfzehn Tote, Männer, Frauen, Kinder und 

Greise, waren das Fazit eines scheußlichen Raubüberfalls. 

Es ist kein Wort davon dokumentarisch überliefert, aber es 

ist geschehen. 

Cochises strengem Gesicht war nichts davon anzusehen, was 

er dachte. 

Wyatt wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten 

Augen, und Cochise, der es sah, revidierte im stillen sein Urteil 

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über diesen zwielichtigen Mann. 

»Ich reite«, sagte er. 
»Großer Gott, wohin? Die Toten müssen beerdigt werden.« 
»Nein, nicht von uns. Sie haben ein Anrecht auf ein 

indianisches Begräbnis, Wyatt. Meine Krieger werden sich 
darum kümmern.« 

Er bestieg seinen Pinto und schlug den Weg zum Talausgang 

ein. Earp folgte ihm wortlos. Schluchten und Canyons nahmen 
die beiden Reiter wieder auf, der Weg ging weiter nach Osten, 
und so war es dem Revolvermann recht, mit Cochise zu reiten. 
Je weiter er sich von Tombstone und dem Aufgebot entfernte, 
desto sicherer konnte er sich fühlen. 

Die Nacht brach nach einem Abschied des Tages mit 

farbenprächtiger Lichtsinfonie herein. Schatten lösten den 
glasklaren Strahlenkranz im Westen ab, und dann versank 
alles, Berge, Täler und Reiter, in Dunkelheit. 

Koniferengeruch strömte von den Hängen in die Täler, und 

der Duft, den das Land ausströmte, befreite die Seele des 
Weißen von den ärgsten Ängsten. 

Höher und höher ging es hinauf. Wyatt hatte längst die 

Orientierung verloren und ritt hinter dem Häuptling her. Um 
Mitternacht hielt Cochise bei einer Quelle an. Er stieg ab, 
führte das Pferd zur Abkühlung im Kreis, und ließ es erst 
später saufen. 

Wyatts Blick saugte sich an der hochgewachsenen Gestalt 

fest. Sterne und ein halbvoller Mond leuchteten auf eine Szene 
herab, die der Weiße sich nie hätte vorstellen können. Er war in 
Gesellschaft des berühmtesten Mannes an der Indianergrenze. 
Eines Mannes, der zu Lebzeiten schon zur Legende geworden 
war. 

Sein gebleichter Jagdrock hatte Fransen aus Skalphaaren an 

den Nähten. Die langen Beine steckten in Leggins, die an den 
Nähten reichlich verziert und mit dünnen Tiersehnen vernäht 
waren. Um den Hals trug der Häuptling als einzigen Schmuck 

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eine Kette mit den Eckzähnen eines Grislys. 

Jeder Zoll ein Führer, so stand Cochise vor Earp und fixierte 

ihn aus dunklen Augen. 

»Du mußt nicht mit mir reiten, Hellauge. Mein Weg ist nicht 

dein Weg, meine Rache nicht deine. Reite, wenn du willst.« 

Wyatt schüttelte den Kopf. Er fühlte sich so im Bann dieses 

roten Mannes, daß es keiner weiteren Überlegung mehr 
bedurfte, um auf einen Weiterritt ohne den Jefe zu verzichten. 

Er drehte sich herum und suchte nach Brennmaterial. 

Cochise entzündete ein rauchloses Feuer und unterhielt es mit 
dem, was Wyatt an Holz heranschleppte. Schweigend packten 
beide ihren Proviant aus. Earp bot Cochise Speck an, den 
dieser mit einem Schütteln des Kopfes ablehnte. 

An seine eigene Kost gewöhnt, wollte sich Cochise mit dem 

begnügen, was ihm immer als Nahrung gedient hatte: 
Getrocknetes Fleisch mit den Früchten des 
Wildkirschenbaumes. Sie nannten dieses fette und gallenbittere 
Zeug Pammikan, sie, die Apachen. 

Earp backte in einer kleinen Pfanne Pfannkuchen und ließ 

Speck aus. Als er einen fragenden Blick auf Cochise warf, 
lehnte der auch diese Speise ab. 

»Müssen wir wachen?« fragte Earp. 
Cochise nickte. »Nicht wegen des roten Mannes, dem das 

Land gehört, mehr wegen der Weißen.« 

»Du glaubst sie noch in der Nähe?« 
»Sie können nicht weit gekommen sein. Mustangs sind keine 

zahmen Pferde und gehorchen den Bleichgesichtern nicht. Ich 
werde sie in meine Hände bekommen.« 

»Du wirst sie töten?« 
»Sie haben getötet und werden gerichtet werden.« 
Es blieb eine Weile still am Feuer. Nur das Knistern der 

Flammen unterbrach die Lautlosigkeit der Gebirgsnacht. Wyatt 
konnte förmlich erkennen, wie die ganzen Jahre des Kampfes 
und der Not an dem Indianer vorbeiglitten. Vor seinem inneren 

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Auge sah er alles wieder und fragte sich nun gewiß ganz still 
und stumm, was daran falsch gewesen war. Die Kämpfe in 
Sonora gegen die Mexikaner, die Kriege gegen die Armee der 
Weißen, gegen den einarmigen General Howard, gegen die 
»Falken« und gegen seinen Freund Thomas Jeffords. 

Alle defilierten an ihm vorbei, schemenhaft, aber ihre 

Körperlosigkeit störte den berühmten Häuptling nicht. Seine 
einzigen Freunde unter den Weißen waren Haggerty und 
Jeffords. General Howard konnte er bis zu einem gewissen 
Grad ebenfalls als seinen Freund betrachten, aber dem General 
waren Grenzen gesetzt, und das wußte Cochise. 

Unter den indianischen Führern hatte er nicht einen einzigen 

Freund. Geronimo und Victorio strebten die Macht über alle 
Stämme an. Nana wurde alt und gleichgültig. Chato, Ulzana 
und Chihuahua standen allem, was sich nicht auf Beute bezog, 
gleichgültig gegenüber. 

Alchesay, Eskaminzin, Loco und viele andere unterstützten 

ihn lediglich in seinem Kampf gegen die Weißen und die 
olivfarbigen Eroberer, aber sie waren ohne Herz bei der Sache. 

Verlassen konnte er sich nur auf Naiche, seinen 

Zweitältesten Sohn. Cochises Gedanken verloren sich in einem 
uferlosen Meer aus Erinnerungen, Gegenwartsvisionen und aus 
einer unerklärlichen Angst vor der Zukunft. 

Wyatt, der ihn beobachtete, konnte sich nahezu in das 

düstere Schweigen des Jefe einfühlen. Seine harten, 
nachdenklichen Linien glätteten sich schließlich wieder, und 
Cochise hob den Kopf. 

Mit deutlicher Stimme sagte er: »Sie kommen.« Mehr nicht, 

kein Hinweis darauf, wer kam. Aber Wyatt verstand ihn. Er 
stand vom Feuer auf und rückte den schweren Patronengürtel 
zurecht. 

»Sag mir, wo, Cochise. Ich werde sie in Empfang nehmen.« 
»Tief unten im Canyon. Sie reiten nach Osten wie wir.« 
»Erwarte mich zum Morgengrauen zurück, Cochise. Adios, 

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Häuptling!« 

»Halt!« 
Gebieterisch streckte Cochise seine Hand gegen Earp aus. 
»Ich werde die Strafe vollstrecken. Es ist mein Land, es 

waren meine Leute. Mir gehört die Rache, sonst niemandem!« 

Ulzana streifte mit vier Kriegern durch die Canyons der 
Dragoon Mountains. Der krummbeinige Ulzana hockte auf 
seinem Pinto wie ein gebeugter Affe auf einem Kamelhöcker. 
Der Tag versprach heiß zu werden, für Indianer gerade das 
richtige, um in Kampfstimmung zu geraten. 

Aber es gab nichts zu kämpfen. Die Schluchten des großen 

Gebirges waren so leer wie die Taschen eines Tramps. Bei 
einem Wassertümpel, der durch eine spärliche Quelle gespeist 
wurde, hielten die Chiricahuas ihre Pferde an und sprangen von 
den Reitdecken. 

Holz für ein rauchloses Feuer gab es genug. In der Nähe 

fristeten Kandelaberkakteen ein karges Leben mit Schwärmen 
von Fliegen, die in ihrer runzligen Außenhaut nisteten. Einer 
der Rothäute, Tal-bort genannt, ein älterer Krieger mit Rang 
und Namen, machte sich daran, die trockenen Seitenarme eines 
Kaktusses mit dem Tomahawk abzuschlagen. 

Gleich darauf knisterte das Feuer. Die Apachen zogen ihren 

Proviant aus den Fransengeschmückten und mit bunten Perlen 
bestickten Taschen und breiteten ihn auf einer Satteldecke aus. 

Der Proviant bestand im wesentlichen aus Maiskörnern und 

einem Kaninchen, das einer von ihnen mit einem Messerwurf 
getötet hatte. Als es über dem Feuer an einem Drehstock briet, 
breitete sich ein angenehmer Bratenduft in der Schlucht aus. 

Apachen redeten nie viel, diese hier waren aber besonders 

schweigsam. Wenn sie sich bewegten, geschah dies mit der 
bekannten katzenhaften Geschmeidigkeit und mit der 

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Lautlosigkeit eines Panthers. 

Ulzana wußte, worum es ging. Die anderen auch. Aber was 

sie wußten, behielten sie für sich und sprachen nicht einmal 
andeutungsweise am Feuer darüber. Alles jedoch wußte auch 
der schlaue Apache nicht. 

Zum Beispiel hatte er keine Ahnung, daß sich kaum drei 

Meilen von ihm entfernt vier Weiße in einem Canyon näherten, 
die von Cochise und einem weiteren Weißen verfolgt wurden. 

Und daß sich von Norden her ein einzelner Reiter näherte, 

konnte Ulzana auch nicht wissen. Dieser einzelne Weiße war 
John Haggerty, der Falke, wie ihn Tla-ina, Cochises Schwester, 
nannte, und ihr Bruder ebenfalls. 

John war auf dem Weg in die östlichen Dragoons. Er 

befolgte einen Befehl Howards, der zu erfahren versuchte, wo 
Cochise seine Apacheria nach dem Verlassen der Bergfeste in 
den Chiricahua-Mountains gesucht und gefunden hatte. 

Was Howard und Haggerty allerdings nicht einmal ahnen 

konnten, war, daß der schlaue Jefe inzwischen seinen 
Stützpunkt dreimal gewechselt hatte, weil ihm der Boden unter 
den Mokassins zu heiß geworden war. 

Der zentrale Teil des Muttergebirges bereitete sich darauf 

vor, eines der größten Abenteuer dieser Zeit zu erleben, und 
man konnte fast den Eindruck haben, daß sich die Berggipfel 
und die hochgelegenen Plateaus vornüberneigten, um die 
bevorstehende Auseinandersetzung mit anzusehen. 

Daß es mit den Mördern zu einer Auseinandersetzung 

kommen würde, war sonnenklar. Nur der Zeitpunkt stand nicht 
fest. Cochise bestimmte diesen selbst und ließ ihn sich nicht 
aufnötigen. 

Nach einer Stunde hatten die Apachen ihr Mahl 

eingenommen. Sie löschten das Feuer mit Sand und wollten 
ihre Mustangs besteigen, als ihre scharfen Ohren Geräusche 
vernahmen. Ulzana knurrte wie ein Hund über seiner 
Futterschüssel, drehte sich um und starrte in den Canyon 

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hinein. 

Licht und Schatten wechselten zwischen den schroffen 

Klippen miteinander ab und boten zusammen mit der wild 
wuchernden Vegetation einen makabren Hintergrund. 

Aus diesem Höllenschlund heraus kamen vier Reiter. Sie 

machten einen gehetzten Eindruck und waren sich scheinbar 
der Gefahr bewußt, die sie von allen Seiten umgab. Als sie die 
Apachen bei der Quelle bemerkten, stießen sie gellende 
Schreie aus, rissen ihre Pferde herum und jagten den Weg 
zurück. 

Nicht nur Ulzana hatte bemerkt, daß sie Apachen-Ponys 

ritten und zwei weitere als Ersatzpferde am Zügel führten. Er 
stieß einen hetzenden Schrei aus, schwang sich im Lauf auf 
seinen Pinto und gab ihm die Fersen zu fühlen. Die anderen 
Chiricahuas schlossen sich ihm an. 

Als sie durch den Canyon stoben, als hätte sie der Teufel mit 

seinem Schwanz gepeitscht, hatten sie weder Augen für ihre 
Umgebung noch für die Canyonränder. Nur Ulzana, der alte 
Fuchs, warf dann und wann einen Blick in die Runde. 

Unvermittelt tauchte weit voraus die hellgekleidete Gestalt 

Cochises hoch oben auf einer Klippe auf. Er streckte 
abwehrend die Rechte gegen die Apachen aus. 

Ulzana zügelte sein Pferd und rief den anderen ein paar 

Worte zu. Sie hielten an und starrten auf den Häuptling der 
Apachen, der in der Zeichensprache zu ihnen redete. 

»Laßt sie in Ruhe«, sagten die Zeichen. »Ich bin derjenige, 

der sie zu Tode hetzen und töten wird.« 

Ulzana sank auf seinem Pferd zusammen wie eine leere 

Hülle, der man die Stütze entzogen hatte. 

»Der Häuptling will sie, laßt ab von der Jagd, Brüder!« 
»Zastee! Tötet!« schrie Ainy-ahi-ta wild. 
Ulzana streckte seine Hand gegen ihn aus und erwiderte 

murrend »Cochise ist der Jefe aller Stämme. Widersetzt euch 
nicht seinem Befehl.« 

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 33

»Wir wollen die Weißen«, entgegnete Ainy-ahi-ta 

widerspenstig. »Wir wollen Beute und Skalps, deswegen sind 
wir ausgezogen. Ein schneller Handstreich, ein Coup, und wir 
haben sie!« 

»Cochise will es nicht.« 
Als Ulzana einen zweiten Blick auf die Höhe warf, war 

Cochise verschwunden. Statt seiner stand ein Weißer dort oben 
und starrte hinab. 

Wyatt Earp konnte die haßglühenden Blicke der Chiricahuas 

zwar nicht erkennen, aber er ahnte sie. Die geballten Hände 
sprachen eine zu deutliche Sprache. 

Brüsk drehte er sich von der Felsplatte weg und verschwand. 

Sechzig Meter unter ihm murmelten zwei Lippenpaare: 

»Zastee! Wir kriegen auch dich, weißer Mann!« 
»Er gehört zu dem Häuptling«, entgegnete Ulzana. »Beim 

Ewigen Geist, laßt ihn in Ruhe!« 

»Was machen wir jetzt?« fragte Ascha, der dritte der Gruppe. 

»Keine Skalps, keine Beute. Sollen wir mit leeren Händen in 
unsere Jacales zurückkehren?« 

Ulzana wandte sich zu ihm um. 
»Wir waren nicht hinter den Weißen her«, erwiderte er 

streng. »Oder hat einer von uns gewußt, daß wir ihnen in 
diesem Canyon begegnen werden?« 

Sie schüttelten die Köpfe. 
»Also«, fuhr Ulzana fort, »können wir uns nicht darauf 

berufen, daß wir Jagd auf sie machten. Cochise wird es uns 
nicht glauben.« 

»Wir haben sie aber zuerst gesehen«, trumpfte Bapto auf. 
»Nein, nicht wir. Der Chief ist ihnen gefolgt, deshalb hat er 

die Erstrechte. Laßt uns nach Süden reiten.« 

»Und was wird unser Ziel sein, Ulzana?« 
»Wollten wir nicht zum Rio Bavispe?« 
»Das wollten wir«, sagten sie alle wie aus einem Mund. 

»Aber wenn wir das tun, dürfen wir in den Canyons nicht 

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einmal laut atmen.« 

»Was meinst du, Ascha?« Ulzana schüttelte nicht verstehend 

den Kopf. 

»Sie sind ebenfalls nach Süden geflohen, und sie haben vor 

uns Angst. Stimmt das, Brüder?« 

Ascha schaute jeden an, und sie nickten beipflichtend. 
»Sie werden sich irgendwo verstecken, weil sie nicht nach 

Süden, sondern nach Sonnenaufgang wollen. Wenn sie uns 
hören, ergreifen sie wieder die Flucht. Cochise will sie aber in 
diese Richtung treiben, habt ihr begriffen?« Er deutete mit der 
ausgestreckten Hand in nordöstliche Richtung. 

Ulzana runzelte seine Stirn. Langsam begriff er. Ascha, der 

Hecht, hatte recht. 

»Wir werden diesen Canyon verlassen und einen anderen 

nehmen, der auch zum Bavispe führt. Wenn wir bei der 
Gabelung den Weg nach Osten einschlagen und bei den drei 
Quellen wieder nach Süden reiten, weichen wir den Weißen 
aus. Wer weiß einen besseren Weg?« 

Alle vier Apachen schüttelten die Köpfe. Sie warfen 

unruhige Blicke in die Runde, als befürchteten sie, von irgend 
jemand beobachtet zu werden. 

Ulzana gab das Zeichen zum Anreiten und grub seinem Pinto 

die Absätze in die Weichen. Das Pferd blieb jedoch stehen. Es 
scheute nicht vor der aufgerichteten Gestalt in heller 
Wildlederkleidung, die die Hand gegen den Trupp ausstreckte. 
Es blieb einfach stehen und spielte mit den Ohren. 

Cochise machte das Zeichen des Friedens. Ulzana mit 

seinem Pulk Chiricahuas erwiderte das Zeichen. Sekundenlang 
herrschte Schweigen. Man wartete auf das Wort des 
Häuptlings, dem kein anderer zuvorkommen durfte. 

Cochise sprach nicht laut, aber was er sagte, drang bis in den 

letzten Winkel des Canyons. 

»Unrecht ist geschehen, Ulzana. Schreiender Kriegsadler 

wurde mit seiner Familie von vier weißen Männern getötet, 

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sein Jacale verbrannt, seine Pferde gestohlen. Selbst Kinder 
und Greise verschonten die weißen Mörder nicht. Das 
vergossene Blut schreit nach Rache.« 

»Zastee!« schrien die fünf Apachen wie aus einem Mund. 
Cochise nickte. »Zastee! Tötet! Wer Blut vergießt, dessen 

Blut wird selbst vergossen werden. Die bleichgesichtigen 
Mörder sind geflohen und verstecken sich in den Canyons. 
Meine Brüder werden sie finden und langsam in die Ebene vor 
Dos Cabezas treiben. Dort wird Cochise die Strafe 
vollstrecken.« 

»Zastee!« grunzte der Chor gutturaler Stimmen. 

Steingefrorene Wasserspeiergesichter hingen mit glühenden 
Augen an den Lippen des Jefe. 

Wieder nickte Cochise. Eine solche Treibjagd war ganz nach 

dem Herzen der Apachen. Unsichtbar bleiben, sich dann und 
wann mal kurz blicken lassen, lautlos, still wie die gefleckte 
Raubkatze im Süden, um dann plötzlich zuzuschlagen. Die 
Krieger verstanden ihren Häuptling, der wieder die Hand hob, 
um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. 

»Die Toten müssen nach Apachenbrauch den Ewigen 

Jagdgründen übergeben werden. Zwei deiner Krieger, Ulzana, 
reiten zur Festung in den Bergen und kehren mit zehn Kriegern 
in das Tal Tek-li-tans zurück. Du, Ulzana, bleibst auf der 
Fährte der Mörder.« 

Cochise machte eine abschließende Handbewegung, nickte 

den Kriegern kurz zu und verschwand so schnell und 
geräuschlos, wie er gekommen war. 

Wyatt Earp zuckte zusammen, als Cochise wie aus dem Nichts 
gezaubert vor ihm auftauchte. Er war plötzlich dort, wo vor 
einer Sekunde noch Luft gewesen war, und sein Erscheinen 
war so geräuschlos, als hätte ihn der Hauch des Großen Geistes 

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an jener Stelle erscheinen lassen, zu der Wyatt mit bleichem 
Gesicht herumschwang. 

»Die Jagd beginnt«, sagte Cochise einfach. 
Earp wußte, was er meinte. Er bedauerte die Weißen nicht, 

weil sie seiner Hautfarbe waren. Mord blieb Mord. Ein 
Revolvermann mordete nicht. Dazu war er viel zu stolz. Ein 
echter Revolvermann, der mit seiner Waffe seinen 
Lebensunterhalt verdiente, bewahrt einem anderen so viel 
Vorsprung, daß es gesetzlich und moralisch nicht als Mord 
ausgelegt werden kann, wenn die Revolver gesprochen hatten. 

Das war die haarscharfe Grenze des ungeschriebenen 

Gesetzes, und sie war Earp sehr deutlich bewußt. Nicht 
edelmütig war das, nur praktisch. Jeder Mann mit einem 
Revolver ist sein eigener Richter, wenn er ihn abdrückt. Wenn 
er es nicht ist, wird ein anderer Richter das Urteil über ihn 
sprechen. Und auf Mord stand immer der Tod am Galgen. 

»Eine schlimme Jagd«, sagte er, um überhaupt etwas zu 

sagen. »Wird sie lange dauern?« 

»Du kannst reiten, niemand hält dich.« 
»Wir haben den gleichen Weg«, sagte Earp lächelnd, ohne 

über die schroffen Worte Cochises beleidigt zu sein. »In deiner 
Gesellschaft bin ich wenigstens vor deinen Kriegern sicher.« 

Cochise antwortete nicht. Er ging zur Mulde hinüber und 

tränkte seinen Pinto aus einem Wasserschlauch. Wyatt tat es 
ihm nach. Wenn er bei dem Häuptling blieb, litt er keinen 
Wassermangel. Cochise fand selbst dort noch Wasser, wo ein 
Weißer nur harten Fels gesehen hätte. 

»Reiten wir«, sagte der Jefe und deutete mit ausgestreckter 

Hand über das weite Plateau. 

Cochise schien hier oben jeden Stein zu kennen, jeden 

Sumachstrauch und jede Yucca. Als in der Ferne eine Insel aus 
Speerdorn und Tamarisken auftauchte, hielt er darauf zu. Earp 
empfand das verstaubte Grün als wohltuend in der weiten 
Fläche aus erosiertem Gestein mit seinem monotonen Überzug 

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aus Wüstenlack. 

Hinter der spärlichen Flora fiel das Gelände steil in die Tiefe. 

Für Wyatt ein Beweis, daß der Canyon in fünfzig Meter Tiefe 
einen Knick beschrieb. 

Cochise ritt in einen Hohlweg mit himmelanstürmenden 

Wänden und einer bemerkenswerten Kühle, die Tiere wie 
Reiter erfrischte. Es ging nach unten. Schweigend verließen sie 
das mesaartige Tableau und drangen wieder in die Welt der 
Canyons und halbdunklen Schatten ein. 

»Jetzt sind wir wieder Jäger«, sagte Earp kopfschüttelnd. 
»Nein«, erwiderte der Häuptling, »die Gejagten.« 
»Verstehe ich nicht, Chief.« 
Cochise deutete mit dem Daumen über die Schulter. 
»Sie sind hinter uns.« 
»Und deine Krieger?« 
»Machen die Treiber.« 
»Verdammter Apachentrick!« 
Über Cochises strenges Gesicht flog ein Hauch von Glanz. 

Er verstand den Weißen und wußte, daß Hochachtung vor der 
indianischen Kriegsführung aus ihm sprach. 

Der Nachmittag verging. Unermüdlich legten die Pferde 

Meile um Meile, Kehre um Kehre, Strecke um Strecke zurück. 
Die Einöde menschenleerer Canyons umgab sie mit 
Schweigen, Fliegen und brütender Hitze. 

Die Fliegen wurden zur Plage, die Hitze zur Qual. 

Pfeilschnell schossen Pferdebremsen durch die Schluchten, und 
wenn sie stachen, war das wie der Biß einer Klapperschlange. 

Erste Schatten sanken wie dunkle Wolken in die Täler, 

rollten die Canyonwände herab und gruben sich in 
Gesteinsspalten. Cochise lenkte seinen müden Pinto zu einer 
klammartigen Schlucht, die im rechten Winkel vom Canyon 
abzweigte. 

Nach ein paar Metern verbreiterte sich der Spalt zu einem 

ovalen Kessel. Es gab eine Quelle, viel saftiges Gras und 

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trockenes Holz. Koniferen stiegen am Ende in die Höhe und 
wiegten ihre immergrünen Häupter im leichten Abendwind. 

Cochise stieg ab, führte sein Pferd zu einem Tümpel und ließ 

es saufen. Wyatt befreite sein Tier von der Last des Sattels und 
gab es mit einem Klaps auf die Hinterhand frei. 

Bevor sich die Dunkelheit ganz über das Land legte, brannte 

ein winziges Kochfeuer. Während sich der Häuptling mit einer 
einfachen Mahlzeit begnügte, briet Wyatt Speck und Bohnen 
und kochte Kaffee. Ein angenehmer Duft flutete durch das Tal 
und regte die Magensäfte des Weißen an. 

Sie hatten kaum gegessen, als Cochise den Kopf hob. Ein 

fremder Laut stand glashell in der Dunkelheit. Beschlagene 
Hufe stießen klirrend gegen Steine und erzeugten Töne wie in 
einer Kathedrale. 

Schweigend stand Cochise auf und neigte lauschend den 

Kopf. 

Earp wollte sich ebenfalls erheben, aber eine Handbewegung 

des Häuptlings hielt ihn davon ab. 

»Die Mörder?« fragte der Revolvermann. 
Cochise schüttelte den Kopf. 
»Ein fremder Reiter. Ich nehme ihn mir vor.« 
»Ich begleite dich, falls es mehr sind.« 
Verächtlich winkte Cochise ab. 
»Ein Reiter. Er kommt durch den Canyon. Ganz bestimmt 

wird er den Rauch unseres Feuers riechen und herkommen.« 

Wie ein Schatten verschwand der Häuptling. Wyatt Earp 

vernahm nicht das leiseste Geräusch. Da war nur ein Huschen 
und Gleiten, ein leichter Windhauch, wie vom Flug einer 
Libelle, mehr nicht. 

Banges Schweigen beim Feuer. Earp durchflog die nahe 

Vergangenheit und durchforstete sein Gehirn nach ähnlichen 
Begebenheiten. Er fand nichts, gar nichts. Cochise war absolut 
souverän und unnachahmlich als Häuptling der Apachen, und 
er war allen anderen weit überlegen. 

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Cochise hatte die mannsbreite Enge hinter sich gelassen und 

war in den finsteren Canyon hinausgeritten. Von Nordosten her 
näherte sich ein einzelner Reiter. 

Er saß locker und bequem, wie es Männer taten, die viel im 

Sattel saßen und große Strecken zurücklegen mußten. Sein 
Gesicht lag im Schatten einer herabhängenden Hutkrempe. 
Bekleidet war er mit Wildlederstiefeln und über dem Hemd 
trug er eine lederne Weste. Sein Halstuch flatterte rot im 
Reitwind. 

Dieser Weiße war gefährlich. Cochise sah es an seiner 

wachen Haltung und den flinken Augen, die alles zu bemerken 
schienen. Nur nicht den kauernden Apachen, der sich, so gut es 
möglich war, seiner Umgebung anpaßte. 

Cochise konnte den fremden Reiter nicht erkennen, dazu war 

es zu dunkel. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und 
Sterne waren nicht zu sehen. Am Canyonrand wuchsen 
Yuccas. Sie streckten ihre Faserstengel in die Höhe wie 
Comanchenspeere und standen so dicht und reglos wie 
Soldaten. 

Wie ein großer Wurm kroch Cochise hinter die verstaubte 

Vegetation und blieb bewegungslos liegen. Der Reiter mußte 
nahe an der Pflanzensammlung vorbeikommen und würde 
nicht eher etwas von der Anwesenheit eines Apachen wissen, 
bis dieser hinter ihm saß und ihm das scharfe Messer an die 
Kehle setzte. 

Er kam näher, der ahnungslose Fremde. Er pfiff nicht und 

sprach nicht mit sich selbst, wie das gern Männer taten, die 
lange Zeit mit ihrem Pferd allein durch die Wildnis ritten. 

Der Fremde kam lautlos heran. Cochise war es, als hätte sein 

Pferd Katzenpfoten anstatt beschlagener Hufe. In diesem 
Augenblick stieß es gegen einen Stein und hob sofort den Huf 
an. Cochise wunderte sich über so viel Verstand bei einem 
Pferd. 

Noch zehn Pferdelängen war der Reiter entfernt. Er ritt 

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locker und irgendwie gelöst. Der Häuptling bewunderte die 
Haltung des Fremden. Apachen ritten anders, mehr auf ihren 
eigenen Schutz bedacht. 

Das dunkelbraune Pferd näherte sich mit jedem Schritt mehr 

der Gefahrenstelle und nickte beim Gehen, als sei es mit allem 
einverstanden, was sein Reiter wollte. 

Noch drei Pferdelängen. 
Cochise spannte alle seine Muskeln an und machte sich fertig 

zum Sprung. 

Zwei Längen noch, eine. Da geschah es! 
Das Tier witterte den Indianer, der seinen Eigengeruch 

zwischen den stark duftenden Yuccas verborgen gehalten hatte, 
und stieg mit den Vorderbeinen schlagend in die Höhe. 

Cochise sprang auf. Mit zwei langen Schritten unterlief er die 

rotierenden Hufe und blickte in eine Revolvermündung. 
Cochise mußte keinen Bruchteil einer Sekunde überlegen, wie 
er zu handeln hatte. Seine Reaktion geschah blitzartig, viel zu 
schnell für den Weißen. 

Die Revolverhand wurde gepackt, zur Seite gedrückt und 

nach unten gezerrt. Der Mann kam Cochise entgegengeflogen 
und stürzte mit hartem Aufprall vor die Füße des Jefe. 

Sofort war dieser mit gezücktem Messer über ihm und setzte 

ihm die scharfe Klinge an die Kehle. 

»Jesus Christus! Cochise!« 
John Haggertys Schrei füllte den halben Canyon aus. 
»Falke!« 
Cochises Messer verschwand. Der Häuptling erhob sich, 

reichte seinem Freund die Hand und zog ihn auf die Beine. 
Johns Pferd hatte sich bis an die Basis der Felswand 
zurückgezogen und stand dort zitternd. 

Beide klopften sich den Staub aus der Kleidung und starrten 

sich dabei an. Haggerty grinste. 

»Eine Meisterleistung, roter Mann, mich derart zu 

überraschen!« 

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»Hellauge ließ mich in seinen Revolverlauf blicken. Das 

kann nur der Falke.« 

Sie empfanden mehr als Sympathie füreinander, das wurde 

deutlich, sie waren Freunde. Cochise wußte von Haggertys 
Aufgabe, der Armee als Scout zu dienen. Er wußte aber auch, 
daß er diesem Mann vertrauen konnte. Seine Schwester Tla-ina 
liebte den Falken mit der ganzen Faser ihres jungen Herzens, 
aber John Haggerty war Scout für die Armee und ständig 
unterwegs. 

»Du reitest auf rotem Land, Falke. Wohin führt dein Weg?« 
»Dorthin und dorthin«, sagte John und deutete nach 

Nordosten. 

»Zu den Jacales der Chiricahuas?« 
»Nicht unbedingt.« Haggerty sah dabei weg. 
Cochise wußte, daß er log. Zwecklügen waren keine Lügen, 

nur Taktik in einem immerwährenden Krieg zwischen Weiß 
und Rot. Er sagte nichts hierauf, starrte John nur an. 

Zwei wissende Augenpaare kreuzten sich, bis Haggerty von 

einer Bewegung in Cochises Rücken abgelenkt wurde. Sein 
Colt wirbelte hoch, der Hahn knackte, und der lange 
Revolverlauf reckte sich einem Weißen entgegen, der sich 
langsam und zögernd aus der dunklen Canyonnacht schob. 

Cochise, der die Bewegung in seinem Rücken gespürt hatte, 

schüttelte den Kopf. Haggerty ließ die Waffe sinken und trat 
zur Seite. Überraschen konnte man den Scout nur schwer. Das 
war bisher nur einem gelungen: Cochise. 

»Wer sind Sie? Bleiben Sie stehen und geben Sie sich zu 

erkennen!« 

»Hallo, Haggerty! Wie geht's?« 
John erkannte den anderen trotz der schlechten Sicht. 
»Hallo, Wyatt Earp! Immer zur nächtlichen Stunde 

unterwegs?« 

»Wie Sie, Haggerty, wie Sie!« Earp lachte, trat heran und 

reichte dem anderen die Hand. 

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»Gewiß, wie ich. Schlimm, wenn man nachts reiten muß, um 

sich sein Brot zu verdienen.« 

Earp lachte. Er wußte genau, worauf Haggerty anspielte und 

machte mit seinen folgenden Worten keinen Hehl daraus, daß 
er von einem Aufgebot verfolgt wurde. 

»Sie haben recht, John. Sie sind wieder einmal hinter mir 

her.« 

»Hoffentlich nicht Cochise mit seinen Chiricahuas?« 
Beide grinsten sich an. 
Der Scout fragte: »Wieder was ausgefressen, Wyatt?« 
»Ein Spielchen in Tombstone. Man nannte mich 

Falschspieler und griff zur Waffe. Ich mußte mich doch 
wehren.« 

»Klingt einfach, wie?« antwortete Haggerty und warf einen 

Blick in Cochises verschlossenes Gesicht. 

»Du bist auf der Jagd, Jefe, ich seh's dir an. Wer ist das 

Wild?« 

»Vier weiße Mörder.« 
Haggerty witterte sofort neue Komplikationen. Er wich 

zunächst dem Thema aus und drehte suchend den Kopf. 

»Ich rieche Rauch. Wo ist das Lager?« 
Cochise machte eine flüchtige Handbewegung und deutete 

auf den engen Spalt der Klamm. 

»Komm mit, Falke. Du wirst es sehen.« 
In der Nähe flatterte ein Ziegenmelker-Pärchen. Cochise 

beachtete die Geräusche nicht. Mit den Stimmen der Natur 
vertraut, wandte er sich an Haggerty und ignorierte das heftige 
Flügelschlagen zwischen den Surnachstauden. 

»Du bist den ganzen Tag unterwegs, Falke, du wirst Hunger 

haben. Der Mann mit dem schnellen Revolver wird dir zu 
essen machen.« 

»Ich habe keinen Hunger, Chief.« 
Er folgte Cochise zu dem Spalt, gleitend und mit erhobenem 

Kopf, wie er überall durch Türen und fremde Eingänge ging. 

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Er war glücklich, auf Cochise gestoßen zu sein, ersparte es ihm 
doch den Verrat an einem alten Freund. Doch er gestattete 
diesem neuen Gefühl nicht, den Blick seiner Augen zu trüben, 
noch seinen wolfsähnlichen Gang zu verzögern. 

Auch entfernte er nicht seine rechte Hand von den schwarzen 

Walnußholzschalen seines Revolvergriffes, wie er auch nicht 
vergaß, spähende Blicke in den ovalen Kessel zu schicken. Mit 
einem einzigen Blick erfaßte er alles, auch, daß Cochise ihm 
seine Ausrede nicht glaubte. 

Das alles, was John ständig wieder und wieder in die 

Waagschale werfen mußte, war der Preis, den das Überleben in 
dieser gnadenlosen Wildnis forderte: diese unbewußte 
Wachsamkeit, dieses ständige Auf-der-Hut-sein, besonders in 
Regionen wie dieser und während der dunklen Nacht. 

Earp beobachtete den Scout. Wyatt erkannte mit einem 

einzigen Blick, daß er einen Mann der Superklasse vor sich 
hatte, einen Mann, der in diesem Land Bescheid wußte und alle 
Schliche und Tricks kannte. 

Sie setzten sich. Cochise ließ das Feuer wieder aufflammen 

und sorgte mit Nachschub an trockenen Zweigen für Licht. Als 
Haggerty ihm Fragen stellte, beantwortete er sie alle 
wahrheitsgemäß. Er erzählte von dem Spiel in Tombstone, von 
seiner Flucht, später sprach er über seine Brüder, vergaß sein 
Leben nicht und das, was er erreichen wollte. 

Cochise und Haggerty hörten schweigend zu. John war sich 

darüber klar, daß Earp ein typisches Kind seiner Zeit war. 
Aufgewachsen mit einem Revolver, der Gewalt zugeneigt, ging 
er jeder Gefahr mit kühner Stirn entgegen und bot seine 
behaarte Brust jedem Pfeil und jeder Kugel dar. 

Cochise hatte ähnliche Gedanken. Sie bezogen sich jedoch 

mehr auf eine zu erwartende Gefahr durch diesen Mann. 

Ihm selbst konnte Earp nicht mehr gefährlich werden, weil er 

ihn kannte. Aber er konnte Unheil anrichten unter seinen 
Kriegern, die ihn nicht kannten. 

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Haggerty und Cochise wechselten einen Blick über das Feuer 

hinweg. Beide dachten gleich, wie Zwillinge, die einem 
einzigen Ei entstammten. Und doch waren die beiden Männer 
so verschieden wie Tag und Nacht. 

Earp hatte sich thematisch erschöpft. Er fing an, von dem zu 

berichten, was den schweigsamen Indianer betraf. Er erzählte 
Haggerty von dem Massaker an der indianischen Familie. Er 
sprach über alles, was dem Scout neu war. Wyatt hörte erst auf 
zu reden, als irgendwo in der Bergwildnis ein grausig 
anzuhörender Schrei ertönte, der sich mit zahlreichen Echos 
fortpflanzte, bis er sich anhörte, als würden sich die Seelen der 
Gemarterten und sinnlos Hingeschlachteten dieser Welt in 
diesem Landstrich ein klagendes Stelldichein geben. 

Noch einmal dieser furchtbare Schrei. Dann lag die 

monotone Stille wieder wie ein Leichentuch über dem 
schluchtenreichen Land. Earp und der Scout waren 
aufgesprungen. Nur Cochise war sitzengeblieben und regte 
kein Glied. 

Im Canyon dröhnten Hufe auf steinigem Grund, jagten in 

rasendem Stakkato an der Felsspalte vorbei, verfolgt vom 
Jagdschrei eines Timberwolfes. 

»Wölfe…? Hier…?« Haggertys Stimme wurde vom Zweifel 

befallen. 

Cochise winkte ab. 
»Menschliche Wölfe, Falke, Chiricahuas.« 
Earp verstand und setzte sich wieder. Haggerty jedoch blieb 

weiterhin stehen, die Hand am Revolver. 

»Ich verstehe nicht, Jefe.« 
Wyatt Earp erklärte es ihm. Nach und nach beruhigte sich 

der Scout und nahm am Feuer Platz. Es war kurz vor dem 
Erlöschen. Weder Cochise noch ein anderer legte 
Brennmaterial nach. Bodendunst erhob sich am Ende des 
Kessels. Über das flüchtige Lager hinweg strich Bu, die Eule, 
der Totenvogel für die Apachen. 

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Cochise war zwar nicht frei von Aberglauben, aber die Eule 

erregte ihn nicht sonderlich. Für den wildniserfahrenen 
Indianer war sie ein Raubvogel und kein Götterbote. 

In den Canyons wurde es wieder still. Vorbei war die wilde 

Jagd, vorbei die Schreie in den Schluchten. Kein Laut störte 
mehr die Stille der verschlafenen Nacht. 

Sie hielten atemlos auf einem Hang. Das Geröll unter den 
Pferdehufen geriet ins Rutschen und kollerte polternd die 
schräge Ebene hinab. 

Dan Laurel, der Geierköpfige, gestikulierte wild mit den 

Händen. Bevor er sich erklären konnte, gewahrte Josuah 
Lemmon eine flüchtige Bewegung oben am Hang, stieß einen 
Warnruf aus und riß das Gewehr aus dem Scabbard. 

»Nicht schießen!« brüllte Fatty und wollte der Zaunlatte das 

Gewehr entreißen. 

Es blieb beim Wollen. Lemmon schoß zwar nicht, ließ sich 

aber auch nicht die Waffe wegnehmen. Vier Männer starrten 
aus entzündeten Augen den Hang hinauf, sahen aber keine 
Bewegung mehr, und sei sie noch so flüchtig. 

»Was war das?« 
»Ein Wolf.« 
»Hier? Nonsens!« 
»Doch, es war ein Wolf«, beharrte Dan Laurel auf seiner 

Meinung. 

»Und warum durfte ich dann nicht auf ihn schießen?« fragte 

Zaunlatte. 

»Wegen der Indianer, du armer Tropf«, erwiderte Hugh 

Bennet, der Schieler. 

Kaum hatte Hugh die Worte ausgesprochen, ertönte ein 

Wolfsschrei, der die Männer zusammenzucken ließ. Nicht der 
tierische Laut war es, der sie jäh in Entsetzen versetzte, 

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sondern die Ahnung, daß sich, hinter dem Schrei Indianer 
verbergen konnten, die sich gegenseitig signalisierten. Eine 
halbe Meile weiter stand nadelspitz und gefährlich anzuhören 
der Antwortschrei in der Luft. 

»Reiten wir fort«, sagte Lemmon angstbebend. 
Dan Laurel hob den Kopf wie ein witternder Hund und 

antwortete: »Wohin? Kannst du mir sagen, wohin, wenn es 
sich um Apachen handelt?« 

»Weg, nur weg!« 
»Dummer Kerl! Sind es Chiricahuas, kommen wir nicht weit. 

Sind's nur Wölfe, brauchen wir nicht zu fliehen.« 

»Aber wir müssen doch was tun!« 
Hugh Bennet drehte sich zu dem Dicken herum. Er runzelte 

die Stirn und strich sich bedächtig den brustlangen Bart. 

»Wir werden auch was tun, Dummkopf! Aber wir lassen uns 

nicht durch ein bißchen Geschrei in die Flucht jagen und dann 
irgendwo in einer dunklen Ecke des Gebirges abmurksen. 
Warten wir ab. Aber haltet die Gäule fest, daß sie uns nicht 
durchgehen.« 

Eine Weile geschah nichts. Stille lag über dem Hang. Fliegen 

schossen im Sonnenuntergang durch den Canyon, verfolgt von 
dunklen Gebirgsschwalben. Auf einer Klippe saß ein Dutzend 
Bussarde und spähte nach einem Abendessen aus. 

Es gab einfach nichts, was die abendliche Stille gestört hätte. 

Oder doch? Lautlos und geschmeidig zuckte ein grauer 
Schatten weiter oben in Kammnähe durch die dürftige 
Vegetation. Einmal war er kurz zu sehen, dann wieder einen 
langen Augenblick lang nicht. Weit hinten im Canyon bewegte 
sich ebenfalls etwas. 

Das Auge eines Weißen war nicht scharf genug, diese 

flüchtigen Bewegungen zu erkennen und als das zu 
identifizieren, was sie waren: Alles, nur keine Wölfe. 

Der folgende Wolfsschrei ließ die Pferde mit den 

Vorderbeinen in die Höhe gehen. Unter Angstgewieher warfen 

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sie sich herum und fegten in einem halsbrecherischen Tempo, 
den Hang wieder hinab in den Canyon. 

Fatty fluchte wie ein Bürstenbinder. Lemmon, der Dürre, 

schrie mörderisch und zeigte seine Angst mit aller 
Deutlichkeit. Eine Angst, die auch von den anderen geteilt 
wurde. 

Das waren keine Wölfe. Wölfe, die ihren Jagdschrei in den 

sinkenden Tag schickten, konnte man sehen. Wölfe verbargen 
sich nicht, wenn sie ein Wild zu hetzen begannen, selbst wenn 
dieses Wild Menschen waren. 

Im Canyon beruhigten sie die Pferde. Als sich die vier 

Outlaws wieder sammelten, wandte sich Hugh Bennet an Fatty: 

»Morg«, sagte er, »Morg, hast du in deinem Leben schon 

mal solche Wolfsschreie gehört?« 

Morg Burthe schüttelte heftig den Kopf. 
»Nein«, sagte er voll Argwohn, was jetzt wohl in dem 

langsamen Verstand des anderen vorgehen mochte. »Warum 
willst du das gerade von mir wissen?« 

»Es war nur so ein Gedanke, Junge. Vergiß es.« 
»Dir Bastard traue ich nicht weiter als ich dich sehe.« 
»So schlecht mußt du nicht von mir denken.« 
Morg Burthe konnte nicht mehr antworten. Von drei Seiten 

gleichzeitig dröhnte der Wolfsschrei, diesmal lauter und 
aggressiver als vorher. Unvermittelt setzten sich die Pferde aus 
dem Stand in Galopp in Bewegung und warfen fast die Reiter 
ab. 

In heller Panik stoben die Ponys durch die Schlucht, verfolgt 

von den wilden Schreien grauer Wölfe. Es gab kein Halten 
mehr. Hugh Bennet verschwand zuerst mit seinem Gaul hinter 
der nächsten Kehre, ihm folgten der Dicke, Zaunlatte und 
schließlich Dan Laurel, der Geierköpfige. 

Hinter Steindeckungen hervor kamen drei vergnügte Krieger 

in ihrer traditionellen Wüstenkleidung. Sie lachten, hieben sich 
auf die Schenkel und schwangen voller Triumph ihre 

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Kürbisrasseln. 

Es war ein mächtiges Spektakel, das hinter den flüchtenden 

Weißen herraste, und es war genau die gewünschte Richtung, 
in die die Outlaws ritten. 

Tal-bort warf sich in die Brust und rief den Kampfschrei der 

Chiricahuas in die herabsinkende Dunkelheit. Die beiden 
anderen stimmten ein, zerrten aus geschützten Verstecken ihre 
Ponys und folgten den Weißen. Von nun an durften sie nicht 
wieder zur Ruhe kommen. 

»Sollen wir unsere Taktik nicht ändern?« Kleiner Fisch 

wandte sich an Ulzana. 

»Wie ändern?« 
»Sie müssen bald merken, daß es keine Wölfe sind, die sie 

jagen. Ich meine, der Schrei eines Pumas tut's auch.« 

Ulzanas Augen suchten die Hänge des Canyons ab, die sich 

deutlich von den dunkler und dunkler werdenden Hängen 
abzeichneten. Kein Cochise war dort oben und sah ihnen zu. 

»Nein«, erwiderte er in seiner gutturalen Sprache. »Es 

genügt. Der Jefe wird sie am Ende der Canyonregion stellen 
und bestrafen. How!« 

Das abschließende Wort ließ die beiden anderen Apachen 

schweigen. Wenn Ulzana auch kein Häuptling war, so zählte 
sein Wort im Rat der Alten. Jüngere Krieger hatten danach in 
der Regel keine Stimme mehr. 

Lange nach Anbruch der Dunkelheit vernahmen die scharfen 

Ohren der Chiricahuas die Huftritte der verfolgten Pferde vor 
sich in der langen Schlucht. Sie trieben ihre Pintos an und ritten 
in einem leichten Galopp den anderen nach. 

Noch hielt Ulzana die Zeit für nicht gekommen, die Weißen 

wieder ein wenig anzuspornen. Auch Indianerpferde brauchten 
Ruhe und konnten nicht ständig im gestreckten Galopp rennen. 
Als die Weißen die Gabelung hinter sich gelassen hatten, 
schlugen sie ihren Weg in einen Canyon ein, der genau nach 
Osten führte und erst nach ein paar Meilen wieder in nördliche 

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Richtung verlief. 

Für Ulzana schien die Zeit gekommen, Cochises Befehl 

Nachdruck zu verleihen. Er drehte sein breitflächiges Gesicht 
Tal-bort zu und zischte: 

»Schrei wie der große Wolf, Kleiner Fisch, und schrei laut.« 
Tal-bort ließ ein lautes Heulen erklingen, das sich mit 

zahllosen Echos an den Hangwänden fortsetzte. Sofort darauf 
klapperten weit vor ihnen wieder unbeschlagene Hufe. 

Zwei Gruppen fegten durch die Schlucht, wirbelten Staub auf 

und ließen ihn zurück. Die eine Gruppe schrie begeistert, die 
andere angsterfüllt. Apachentaktik. 

Was sie noch hinter sich ließen – eine klammähnliche 

Seitenschlucht, in der ein Feuer brannte und zwei weiße 
Männer bangen Herzens der verklingenden wilden Jagd 
lauschten. 

Nur Cochises Gesicht blieb unbeweglich. Earp und Haggerty 

musterten ihn fragend, aber der Häuptling gab mit keinem 
Zeichen zu erkennen, daß er von der Verfolgungsjagd wußte. 

Nachdem alles in ihrer Umgebung ruhig geworden war, und 

die Stille der Nacht sich auf den Kessel senkte, nahmen sie ihre 
Decken und bereiteten sich ein Nachtlager. 

Kaum graute der Morgen im Osten, wurde Haggerty vom 

Rauch des Lagerfeuers geweckt. Er richtete sich auf und sah 
den Indianer bereits vor den Flammen sitzen. 

Earp schlief noch, als sich Haggerty von den Decken 

befreite, aufstand und zum Feuer ging. Er setzte sich wortlos, 
aber mit einem flüchtigen Kopfnicken, dem Jefe gegenüber. 

»Du bist früh auf den Beinen, Cochise.« 
»Es ist Tag«, erwiderte der Häuptling und deutete über die 

Schulter nach Osten. Seine Stimme klang lakonisch. 

»Wird ein schwerer Tag, wie?« 
Cochise nickte. »Ein heißer Tag, Falke, ein sehr heißer Tag.« 
Haggerty lächelte. Er erhob sich, ließ aus seiner Feldflasche 

Wasser in einen Henkeltopf laufen und stellte ihn auf die 

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Flammen. 

»Cochise ist auf der Jagd?« 
»Apachen sind immer auf der Jagd.« 
»Es fragt sich nur, wen sie jagen?« 
Cochise blickte über das Feuer hinweg auf den Weißen der 

sein Freund sein könnte, wenn die Gegensätze, für die sie sich 
beide einsetzten, nicht so groß gewesen wären. John hielt dem 
Blick stand. 

»Der Falke ist nicht in dieses Land gekommen, um zu jagen. 

Weder Tier noch Menschen. Tla-ina wird betrübt sein, wenn 
sie erfährt, daß ihr weißer Freund die letzte Bergfeste der 
Chiricahuas auskundschaften will, um es an die Soldaten zu 
verraten.« 

John Haggerty zuckte zusammen. Sein Blick irrte zur Seite, 

sah Wyatt Earp an, der zum Feuer kam und die letzten Worte 
Cochises vernahm. 

»Das werden Sie doch nicht tun, Scout, oder doch?« 
»So lautet mein Auftrag. Es bedeutet jedoch nicht, daß 

General Howard einen Angriff auf Cochises Lager führen will. 
Howard ist der Freund aller roten Männer.« 

»How!« 
Wyatt und Haggerty starrten Cochise an. Das How war die 

Bekräftigung dessen gewesen, was sie alle dachten. Wenn 
General Otis O. Howard nicht wäre, würde es an der 
Indianergrenze anders aussehen. Der Mann, der im 
amerikanischen Bürgerkrieg seinen rechten Arm verlor, war 
wirklich alles andere als ein Indianerfeind. 

John nahm das kochende Wasser vom Feuer und brühte 

Kaffeepulver auf. 

»Es ist schon schlimm«, sagte er, »wenn sich Freunde 

gegenübersitzen, die aus verschiedenen Gründen keine Freunde 
sein dürfen. Das ist sehr schlimm, Mr. Earp!« 

Cochise erwiderte kein Wort. Earp zuckte die Achseln. Von 

Freundschaften hatte der kaltschnäuzige Revolvermann und 

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Berufsspieler noch nie viel gehalten, ganz besonders nicht von 
Freundschaften solcher Art. 

Wenn er auch persönlich nichts gegen die Apachen hatte, 

wenn sie ihn in Ruhe ließen, so war es ihm doch völlig 
gleichgültig, was die Armee über Indianer dachte und warum 
sie einen Mann wie Haggerty in die Berge schickte. 

Er warf einen langen Blick auf den Scout, wie um seine 

Gedanken zu ergründen. Aber John sah man nicht an, was er 
dachte oder fühlte. Seine Gedanken waren irgendwo streifend 
in der Bergeinsamkeit, suchend nach Tla-ina, dem Mädchen, 
das er liebte und doch nicht besitzen durfte, weil in der Armee 
Squaw-Männer ohne Ansehen waren. 

Earp sah ein schmales Gesicht, braunes, gewelltes Haar, das 

lang in Haggertys Nacken floß. Der Scout hatte helle Augen, 
eine hohe Stirn und schmale Lippen über einem energischen 
Kinn. Dieser Mann wußte, was er wollte. Das dachte Wyatt 
Earp in diesem Augenblick. 

Dankbar nahm er den Becher mit kochend heißem Kaffee 

entgegen und setzte ihn an die Lippen. 

»Danke«, murmelte er und musterte nun den Häuptling. 

Cochise begnügte sich mit Wasser aus der Quelle. Dazu aß er 
knochentrockene Tortillas und eine Handvoll Beeren aus einem 
Lederbeutel. 

Earp setzte sich, blies lange in die dampfende braune Brühe 

und war sich bewußt, daß er mit dem Erscheinen des Scouts 
auf tiefgreifende Probleme gestoßen war, die nicht nur in den 
rassischen Unterschieden zu suchen waren. Zwischen Cochise 
und Haggerty gab es ein ganz tiefes Geheimnis, über das aber 
keiner in Gegenwart dritter sprach. 

Nach einer Weile vergaß Earp seine Gedanken und gab sich 

ganz dem Frühstück hin. Danach drehte er eine Zigarette und 
zündete sie mit einem brennenden Ast an. Er rauchte, studierte 
die Gesichter der seltsamen Weggenossen und wartete auf das 
Zeichen zum Aufbruch. 

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Es wurde von Cochise gegeben. Die drei Männer standen 

auf, löschten das Feuer, sattelten die Pferde und stiegen auf. 
Cochise übernahm die Spitze und verließ den Kessel durch die 
Klamm. 

Im Canyon brütete bereits die erste Morgenhitze. Ein 

Falkenpärchen tummelte sich über ihren Köpfen und stieß 
pfeifende Schreie aus. Wyatt ritt hinter Cochise und Haggerty. 
Die beiden unterhielten sich leise. Ein paar Worte konnte der 
Spieler verstehen. 

Cochise sagte: »Wir werden eine andere Wegstrecke 

einschlagen müssen, wenn wir ihre Spur nicht verlieren 
wollen.« 

»Weißt du eine, Häuptling?« 
»Es ist mein Land«, war die kurze Erwiderung. »Täler und 

Berge wurden mir von meinen Ahnen anvertraut, damit ich sie 
gut verwalte. Das habe ich getan, bis die Weißen vordrangen.« 

John Haggerty erwiderte nichts darauf. Er hätte auch nichts 

Entlastendes sagen können. Cochise fuhr fort: 

»Der Krieg wird erst beendet sein, wenn es keine Indianer 

mehr gibt, nicht hier, nicht anderswo. Irgendwann wird alles, 
was du siehst, Falke, den Weißen gehören. Und dann bleibt 
ihnen nichts weiter übrig, als sich gegenseitig zu bekämpfen.« 

»Du siehst zu schwarz, Jefe. Kein weißer Häuptling will den 

roten Mann aus seinem Stammesgebiet vertreiben.« 

Cochise drehte den Kopf herum und schaute Haggerty von 

der Seite her lange an. 

»Deine Worte sind Pfeile, Falke. Sie treffen mein Herz und 

lassen es bluten.« 

»Habe ich etwas Falsches gesagt?« 
»Die Weißen treffen nie die richtigen Worte, die Indianer 

verstehen könnten. Manchmal reden sie doppelzüngig, 
meistens aber unverständlich.« 

»Das ist die Verschiedenart der Sprachen.« 
Cochise schüttelte den Kopf, deutete voraus in den breiter 

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werdenden Canyon und zeigte auf einen abschüssigen Hang, 
der zu einer lichtlosen Schneise zwischen zwei Bergkuppen 
führte. 

»Dort ist unser Weg.« 
Earp in seinem Rücken berührte mit den Fingerspitzen seinen 

sonnenverbrannten Hals, und ein Grinsen breitete sich über 
sein Gesicht. 

»Donnerwetter«, sagte er, »dort hinauf, das will schon was 

heißen!« 

Sein Grinsen gehörte keinem Schwachsinnigen oder einem 

gefühllosen Mann. Es war das Grinsen des Spielers, der eine 
Karte ausspielte, von der er wußte, daß sie schlecht war. Wyatt 
Earp wußte genau, wo er war, woher er kam und wohin er 
gehen mußte. Es schreckte ihn nicht. Er würde grinsen, wenn 
er vor einem abschußbereiten Revolver stand oder wenn man 
ihm die Schlinge um den Kopf legte. Das war seine Art. Er 
würde sie weder verfluchen noch anspucken, und er würde 
nicht die Hände falten zu einem Gebet. Nicht laut jedenfalls. 

»Dort hinauf?« fragte er. »Ich denke, da sind wir mit unseren 

Gäulen schneller wieder unten als wir denken.« 

Weder Cochise noch Haggerty gaben Antwort. John hielt 

sein Pferd mit einem Zügelruck an. Cochise folgte seinem 
Beispiel. Sein markantes Gesicht mit den dunklen Augen war 
auf den sattelähnlichen Spalt dort oben gerichtet. 

Was sah er? Mehr als die Weißen? 
Earp schüttelte hinter seinem Rücken den Kopf. Dort oben in 

dieser Wildnis führte kein Weg mehr weiter. Keinem Weißen 
wäre es jemals eingefallen, hinaufzureiten, um nach einem 
Weg zu suchen. 

»Das ist eine Sackgasse.« 
Er straffte sich, als er das sagte, und seine Augen saugten 

sich an einer Bresche in der hinteren Felswand fest, die den 
schräggeneigten Hang abschloß. 

Cochises Hand zuckte vorwärts. 

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»Reiten wir«, sagte er lakonisch. 
Er trieb sein Pferd tatsächlich den Hang empor und 

verschwand hinter aufragenden Basaltfelsen. 

Morg Burthe wischte sich immerfort Schweiß und Staub aus 
dem Gesicht. Die Hitze in den engen Canyons war infernalisch, 
und nicht nur die Hitze. Der Wind wehte Staub und Sand von 
den Hängen und trieb beides in die Abgründe. 

Hugh Bennet und Dan Laurel ritten an der Spitze des Trupps. 

Josuah Lemmon und Laurel befanden sich in einem Zustand 
erbarmungswürdiger Hilflosigkeit und Angst. Die Angst um 
das Leben war es, die ihnen überall Wölfe und Apachen 
suggerierten, wo nur nackter Fels war. Ihre Phantasie spiegelte 
ihnen Trugbilder vor, die unter normalen Umständen einem 
kranken Gehirn entsprangen. Sie sahen bewaffnete Krieger auf 
grauen Wölfen reiten, und diese Wölfe hielten 
scharfgeschliffene Messer in den Fängen. 

Hugh Bennet, der schielende Bärtige, war aus einem anderen 

Holz geschnitzt. Er sah keine Phantombilder und fürchtete sich 
weder vor den Apachen noch vor den eingebildeten Wölfen. So 
lange er ein geladenes Gewehr und seinen Colt hatte, fürchtete 
er nichts auf dieser Welt. Morg Burthe fürchtete die Hitze, den 
Staub und die Berge mehr als die Apachen. Auch er vertraute 
seinen Waffen und seiner eingebildeten Schießkunst. 

So ritten sie schnaufend, fluchend und keuchend durch den 

Canyon, der kein Ende nehmen wollte. Einmal war er schmal, 
sehr schmal, dann wurde er breit wie ein Tal. Aber in allen 
Fällen waren die Hänge schroff und unbesteigbar. Nicht einmal 
wilde Bergziegen hätten sie bezwingen können, geschweige ein 
unbeschlagenes Pferd mit einem Reiter auf dem Rücken. 

Als die Sonne im Zenit stand und ihre glühenden Pfeile 

senkrecht in die Schlucht schickte, war der Dicke nahe am 

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Aufgeben. Auch die anderen hingen auf den Pferderücken wie 
trunkene Affen auf einem Schleifstein. 

Ein gewaltiger Schrei in ihrem Rücken riß sie gemeinsam 

hoch. Noch einmal klang der Wolfsschrei an einer anderen 
Stelle auf. Die gestohlenen Indianerpferde waren zu 
abgetrieben, um noch spontan auf die Rufe der Wildnis zu 
reagieren. Sie ließen die Ohren hängen und trotteten weiter 
ihren Weg. 

Hugh Bennet riß das Gewehr aus dem Scabbard und schickte 

mit schnellem Hebelgriff eine Patrone in die Kammer. Der 
Schuß, wahl- und ziellos abgefeuert, donnerte durch die 
Schlucht, und die Kette von Echos ließ Sand und Steine von 
den Steilhängen regnen. 

»Idiot!« sagte Josuah Lemmon erregt. »Mußt du auch noch 

die Apachen auf uns aufmerksam machen?« 

Bennet tippte sich an die Stirn. 
»Selber Idiot! Was glaubst du, du Einfaltspinsel, wer die 

verdammten Schreie ausstößt?« 

Schweigen legte sich wieder wie eine Wolke aus grauem 

Staub über die Reiter. Sie waren ausgepumpt, müde und 
verzweifelt. Dan Laurel rang mit seinem Gewissen und hätte 
den Überfall auf die Apachensippe gern ungeschehen gemacht. 
Gebete aus seiner Kindheit fielen ihm ein, er stammelte sie mit 
aufgesprungenen Lippen und zundertrockener Zunge. 

Sie hatten längst kein Wasser mehr und würden auch keins in 

dieser Einöde finden, das wußten sie alle, ohne daß ein Wort 
darüber verloren wurde. Ihr eigener Wille war durch die 
Apachen ausgeschaltet worden. Sie unterlagen fremdem 
Denken und Wollen und wurden gelenkt. 

Sie wurden zur Schlachtbank geführt, ohne daß sie sich 

wehren konnten. Jeder wußte es, ohne darüber zu reden. Alle 
hofften sie auf ihr sprichwörtliches Banditenglück, das ihnen 
rechtzeitig einen Ausweg aus dieser mißlichen Lage zeigen 
würde. 

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Als die Pferde auf die Wolfsschreie nicht mehr oder nur 

schwach reagierten, wandten die Chiricahuas eine andere 
Taktik an. Geröll prasselte ohne erkennbare Ursache von den 
Canyonhängen zwischen die steifen Pferdebeine. 

Die gepeinigten Tiere stießen seltsam anzuhörende 

Angstschreie aus, die geradezu menschlich klangen. Noch 
einmal rafften sie alle Kräfte zusammen und stoben in langen 
Sätzen einige hundert Meter tiefer in den endlosen Canyon. 

»Wenn wir kein Wasser finden, sind wir noch vor 

Sonnenuntergang erledigt«, grunzte Bennet hitzetrunken. 

»Mein Schinder macht's keine Meile mehr«, gab Morg 

Burthe zurück. 

Die Zaunlatte und der Geierköpfige verzichteten auf einen 

Dialog. Jedes Wort bedeutete Anstrengung und Qual, und wer 
quälte sich schon ohne Notwendigkeit. 

Nach einem leichten Galopp fielen die Tiere wieder in einen 

gleichgültigen Zuckeltrab. Er wischte sich den Schweiß aus 
dem Gesicht, und das fortwährend. Es war heiß, und die Hitze 
würde noch zunehmen. 

»Pferd«, sagte er, »sie treiben uns, sie, die Brüder deines 

roten Herrn. Sie wollen es jetzt schaffen. Das können sie auch, 
denn sie kennen das Land, wir nicht. Oder weißt du, Pferd, was 
vor uns liegt?« 

Das Pferd schnaubte nicht einmal. Es wackelte ein wenig mit 

den Ohren, aber das war eine Reaktion auf die Fliegen, die sich 
bei ihm festsetzten und seinen Schweiß tranken. 

»Na, dann eben nicht«, murmelte Bennet und blinzelte gegen 

die Sonne. Übergangslos hatte er den Eindruck, als ritten sie in 
eine völlig falsche Richtung. War es das beginnende Wüsten-
Koma, der totale Blackout, hervorgerufen durch Hitze und 
Wassermangel, oder spielte ihm die Sonne lediglich einen 
Streich? 

Der Gedanke entlockte ihm ein fades Grinsen, das kaum 

seine Bartspitzen in Bewegung brachte. Für ihn und die 

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anderen war es völlig gleich, ob die Sonne, die Hitze oder der 
Durst ihnen Wahnvorstellungen vorgaukelte. 

Es gab keinen anderen Weg für sie. Weder über die Hänge 

noch rückwärts. Weiter mußten sie, immer geradeaus, einmal 
nach Osten, dann nach Norden und schließlich in die von den 
Roten gewünschte Richtung Nordosten. 

»Ich kann nicht mehr«, keuchte der Dicke. 
Hugh Bennet sah in dem sich wieder einmal verbreiternden 

Tal eine grüne Buschinsel. Er hielt darauf zu und streckte die 
Hand aus. 

»Wir legen dort drüben eine Rast ein, Jungs. Und wenn der 

Teufel selbst uns zu vertreiben versucht, diesmal hat er kein 
Glück.« 

Ein dumpfes Ächzen in seinem Rücken war die ganze 

Antwort. 

»Hier führt kein Weg mehr weiter.« 

Haggerty hielt sein Pferd an und schwang sich aus dem 

Sattel. Wyatt Earp sah die Barriere, nickte und tat es John 
gleich. Cochise war ein Stück weitergeritten und drehte sich 
nun um. Earp bewunderte das Pony des Apachen. Es kletterte 
wie eine Gemse, obwohl es unbeschlagen war, und es schien 
kein bißchen ermüdet zu sein. 

»Die weißen Männer mögen mir folgen, es geht weiter.« 
»Zum Teufel, dort vorn ist Schluß!« 
Cochise schüttelte den Kopf und wies mit der Hand auf die 

Bresche in der Felswand ganz links. Erodiertes Gestein 
bedeckte den langen und sehr breiten Hang bis zur Basis der 
emporkletternden Felsen. 

Haggerty und Earp folgten der weisenden Hand, sahen aber 

nicht mehr, als sie von unten auch gesehen hatten. 

»Kommt!« forderte sie der Apache auf. »Dort oben ist 

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Wasser.« 

»Wir können dort bestenfalls einen Milcheimer unter einen 

Bullen stellen und warten, bis Milch kommt«, knurrte Earp 
wütend. 

Hinter ihm war ein Aufgebot her, und er kraxelte mit einem 

verrückten Scout und einem noch verrückteren Chiricahua in 
der Einöde herum, ohne überhaupt zu wissen warum. Mürrisch 
schwang er sich wieder auf seine durchgewetzten Stiefelsohlen 
und zerrte sein Pferd hinter sich her. John Haggerty folgte. 

Sie gelangten auf eine Plattform und blieben wieder stehen. 

Klettern bei dieser abscheulichen Hitze war Schwerstarbeit, 
aber keiner der beiden Weißen wollte das zugeben und hinter 
dem Indianer zurückbleiben. 

Mit einiger Mühe konnte man bis zu jener Lücke in der 

abschließenden Wand hinaufgelangen. Der Geröllschutt und 
die Fächerhalde aus Bruchsteinen, die sich unter der Felslücke 
ausbreitete und mit dornigem Gestrüpp durchsetzt war, würde 
sogar einem Pferd den Aufstieg erlauben. 

»Ich nehme meine Behauptung zurück«, sagte Earp. »Man 

kann tatsächlich die Wand erreichen. Vielleicht finden wir 
sogar einen Weg nach drüben, mehr kann man wirklich nicht 
verlangen.« 

Cochise gab keine Erklärung und keine Zustimmung. 

Unmittelbar vor ihm breitete sich eine flache Mulde aus, in der 
Stachelzeug und Cholla-Kakteen wuchsen. Stechpalmen aller 
Zwerggattungen gaben sich hier oben ein verlorenes 
Stelldichein. 

Cochise gab das Zeichen zum Weitergehen. Sie führten ihre 

Pferde beim Zügel, um ihnen den Aufstieg zu erleichtern. Die 
Sonne glitt auf ihrer lautlosen Bahn nach Westen und ließ den 
späten Nachmittag ahnen. 

Haggerty blieb stehen und sah einem Gecko zu, der sich auf 

einem Stein sonnte und träge auf die Reiter blinzelte. Als die 
Echse merkte, daß der Mensch sie beobachtete, glitt sie von 

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ihrem Sonnenplatz und verschwand. 

Meter für Meter gelangten sie höher hinauf. Als Wyatt Earp 

einmal kurz nach links blickte, sah er die dunkle Mündung 
einer mächtigen Höhle. Er machte Haggerty und Cochise 
darauf aufmerksam. John nickte gleichgültig, Cochise reagierte 
überhaupt nicht. 

Merkwürdig war nur, daß er nach weiteren hundert Metern 

die Richtung änderte und die Höhle ansteuerte. Earp sagte kein 
Wort mehr. So war er nun einmal. Ein Mann in diesem rauhen 
Land lebte nicht nur mit seinem Pferd und seinem Revolver 
zusammen, er hatte sich auch eine auf ihn passende 
Weltanschauung zurechtgelegt. Wyatts Weltanschauung hieß: 
mach dir niemals Gedanken über Dinge, die dich nichts 
angehen. 

Sie keuchten weiter, rieben sich den brennenden Schweiß aus 

den Augen und spuckten Sand und Staub zur Seite. Sie hatten 
die größte Strecke bewältigt und näherten sich dem 
Höhlenmund. Cochise verschwand zuerst in dem tunnelartigen 
Gewölbe. 

Earp näherte sich zögernd. Cochise hatte Wasser 

versprochen, aber diese kostbare Flüssigkeit war nirgendwo zu 
sehen. John Haggerty zerrte sein Pferd an Wyatt vorbei und 
verschwand in der zunehmenden Dämmerung der mächtigen 
Höhle. 

Die Pferde drängten auf einmal vorwärts und zogen nach 

rechts. Wyatt Earp, der inzwischen den beiden Gefährten 
gefolgt war, ließ dem Tier seinen Willen. Wasser plätscherte. 
Stagmiten glänzten in einem fluoreszierenden Licht. Gelb, grün 
und rosa war vorherrschend. 

Earp blieb stehen. Wo waren sie? In einer Zauberwelt? Seine 

Augen kreisten und suchten nach Anhaltspunkten. Haggerty 
rief ihm zu: 

»Kommen Sie herüber, Wyatt. Köstliches Wasser!« 
Earp stolperte hin. Zu seinen Füßen lag ein Steinbecken. 

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Wasser tropfte von den Wänden und der Höhlendecke. Es war 
kühl hier unter der Erdoberfläche, und sehr still. Wenn das 
plätschernde Tropfen nicht gewesen wäre, hätte man meinen 
können, in einer verwunschenen Welt zu sein. Wyatt hörte das 
laute Schlürfen der Pferde und das gluckernde Geräusch sich 
füllender Feldflaschen. Neben ihm kniete der Scout und 
tauchte seine Flaschen in das Becken. 

Von Cochise sah er im Augenblick nichts. Der Häuptling 

hatte sich in den absolut dunklen Teil der Höhle verzogen. 
Wyatt hörte ihn irgendwo herumrumoren und wunderte sich. 
Apachen bewegten sich sonst mit einer katzenhaften 
Lautlosigkeit, die nachzuahmen jedem Weißen schwerfiel. 

Haggerty hatte seine Flaschen gefüllt und reichte sie Earp, 

der ihm seine leeren gab. Cochise tauchte wie ein Geist aus der 
Tiefe der Grotte auf und hielt Pechfackeln in den Händen. Earp 
und Haggerty wunderten sich, wo Cochise die Fackeln 
gefunden hatte. 

Mit dieser Höhle mußte es eine besondere Bewandtnis 

haben, wenn der Häuptling so genau in ihr Bescheid wußte. 
Gleich darauf brannte einer der Leuchtstäbe und schickte ein 
gelbes Licht in den Hintergrund. 

»Es wird Zeit«, sagte der Jefe und nahm sein Pferd beim 

Zügel. 

Die beiden Weißen folgten schweigend und staunend. Je 

tiefer sie in die Höhlengewölbe eindrangen, desto 
gespenstischer wurde es um sie herum. Gigantische 
Stalagmiten und Stalagtiten wuchsen von oben und unten in die 
Höhe, und manche hatten sich bereits in der Mitte gefunden. 

Die Säulen schillerten in allen Farben und sandten das 

aufgenommene Licht von den Fackeln wieder in alle 
Richtungen aus, so daß die Grotte wie beleuchtet schien. 

»Wohin wenden wir uns?« fragte der Scout. 
»Auf die andere Seite der Bergkette. Wir sparen dreißig 

Meilen Sonnenglut.« 

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Haggerty zuckte die Achseln und stapfte hinter Cochise her, 

der zielgenau seinen Weg fand. In dieser unterirdischen Pracht 
blieb Wyatt Earp plötzlich stehen. Er starrte zu einer 
Nischengalerie hinüber und zuckte zusammen, dabei wurden 
seine Augen groß wie Untertassen. 

»Allmächtiger!« 
»Was ist, Wyatt?« Haggerty hielt ebenfalls an und sah in die 

gleiche Richtung wie Wyatt. 

»Und? Was sehen Sie? Den Geist Ihrer Großmutter?« 
»Wenn's nur das wäre, Mann. Sind Sie denn blind?« 
»Kaum. Ich weiß seit einer Stunde, daß wir uns in einer 

geheimen Begräbnisstätte der indianischen Bewohner dieses 
Landes bewegen.« 

»Mumien«, sagte Wyatt. »Das sind doch Mumien, oder 

nicht?« 

Cochise hatte ebenfalls angehalten. Er legte seinen Arm um 

den Hals des geduldigen Pintos und folgte Earps weisender 
Hand. 

»Schon die Hohokams begruben ihre Toten in dieser Höhle«, 

sagte er. 

»Beim Satan, wer sind die Hohokams?« 
»Die Uralten, die vor uns hier lebten.« 
»Apachen? Chiricahuas?« 
»Keine Chiricahuas, weißer Mann, Hohokams.« 
»Na gut, Hohokams. Wer waren sie, woher kamen sie, wo 

sind sie geblieben?« 

Cochise schüttelte den Kopf und ging weiter. Earp wandte 

sich an Haggerty: 

»Ist er plötzlich taub geworden? Mr. Haggerty, sagen Sie 

selbst, daß einen so was interessiert. Bitte sagen Sie es!« 

»Schon, Wyatt. Aber im Augenblick haben wir anderes zu 

tun. Ich rate Ihnen jedoch, nie allein hierher zurückzukehren, 
um die Ruhe der Toten zu stören. Apachen verstehen in 
solchen Dingen keinen Spaß.« 

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»Ich denke nicht mal im Traum daran. Großer Gott, was 

sollte ich in diesem Gewölbe? Mumien zählen, oder was?« 

»Gold könnte Sie vielleicht locken. Ich gebe Ihnen zu diesem 

magischen Wort die Erklärung, daß die Uralten kein Gold 
kannten. Sie wußten vielleicht von seiner Existenz als Metall, 
hatten aber keine Ahnung von dem Wert des Edelmetalls. 
Lassen Sie ja die Finger von solchen Expeditionen!« 

Cochise drehte sich um und warf Haggerty einen dankbaren 

Blick zu. Er ahnte, was in der Spielernatur Earps vorging und 
war dem Scout dankbar für seine Worte. 

Vor ihnen wurde es heller. Ein riesiges graues Oval stand am 

Ende der Höhle und ließ Sonnenlicht durch. 

»Wir haben es geschafft«, sagte Haggerty befreit, während 

Cochise still blieb. 

Earp rief fast jubelnd: »Endlich wieder aus den Katakomben 

heraus! Dem Himmel sei Dank! Unter all den Mumien wurde 
es mir richtig unheimlich und…« 

»Tote tun den Lebenden nichts, Wyatt.« 
Sie stolperten mit ihren Pferden ins Freie und standen auf 

einem Plateau, von dem aus sie weit über den Abgrund und die 
Ebene blicken konnten. 

Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und schenkte dem 

verbrannten Land lange Schatten. Über den Berggipfeln im 
Westen und Osten flammten Lichter, als würden Zinnen und 
Grate brennen. Kiefern und Föhren wuchsen an den Abhängen 
und gingen weiter unten in Laubwald über. 

Ein märchenhaftes Land. Wyatt deutete zu dem links 

gelegenen Hangteil und stieß einen leisen Pfiff aus. Ein Hirsch 
mit einem Rudel trat aus dem Unterholz und streckte der roten 
Sonne sein mächtiges Geweih entgegen. 

»Unser Abendessen erwartet uns bereits«, sagte er und 

grinste in Erwartungsfreude. 

Cochise winkte ab. »Wir dürfen nicht schießen, Hellauge.« 

Er deutete auf einen tiefen Einschnitt und fuhr fort: »Dort sind 

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die weißen Männer, die ich verfolge. Bei Tagesanbruch sehen 
wir sie.« 

Wyatt sah etwas anderes. Von Westen her drang ein Trupp 

Berittener in die Ebene vor und stieß bei einem alleinstehenden 
Salzstock auf einen Trupp Kavallerie. Unbehagen erfüllte den 
Revolvermann. Er ließ sich von dem Scout dessen Fernrohr 
reichen und stellte es auf die gewünschte Entfernung ein. 

Haggerty grinste, als er Wyatts betroffenes Gesicht 

bemerkte. Cochise, der sich seinen Teil dachte, sagte nichts. 
Unbeweglichen Gesichts musterte er das Land zu seinen 
Füßen. 

Jedes einzelne Gesicht studierte Earp über vier Meilen 

Entfernung, und die grimmigen Gesichter der Zivilisten sowie 
ihre Abzeichen auf den Jackenaufschlägen gaben ihm zu 
denken. 

Sheriff Hallifax unterhielt sich mit einem Lieutenant, der 

emsig mit den Händen redete und ständig nach Westen wies. 
Was sie sich zu sagen hatten, konnte Earp natürlich nicht 
herausfinden. Nach einer Weile trennten sich die beiden 
Reitertrupps und nahmen ihre unterbrochene Richtung wieder 
auf. 

Die Schatten wurden bereits grau und undurchsichtig, als 

beide Trupps hinter Hügeln und Bodenfalten verschwanden. 
Stille kehrte ein und legte sich wie eine Decke über die Einöde. 

»Wir bleiben am besten hier oben«, sagte Haggerty zu 

Cochise. 

Der Häuptling nickte. 
»Ein Feuer leuchtet von hier aus weit über das Land. Ich 

wünsche nicht, daß irgend jemand unser Feuer sieht. Kehren 
wir in die Höhle zurück.« 

Er wendete sein Pferd, saß auf und ritt auf den Höhlenmund 

zu. 

»Schon wieder in diese Gruft. Verdammt, fällt der Rothaut 

denn nichts Besseres ein?« 

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»Seien Sie still, Wyatt. Seien Sie um Gottes willen still! In 

diesen Dingen verstehen Apachen keinen Spaß.« 

»Ich mache auch keinen Spaß, Scout. Verdammt will ich 

sein, wenn mir zum Spaßen ist!« 

»Kommen Sie, Mann, und halten Sie den Mund. Wir müssen 

Cochise nicht unbedingt verärgern.« 

»Glauben Sie, ich fürchte mich vor ihm?« 
Wyatt Earp fuhr auf und griff zum Revolverkolben. 
»Sie sind ein Narr, Wyatt, ein blutiger Narr und ein 

verdammtes Greenhorn! Dort unten in der Ebene lauert ein 
Aufgebot auf Sie, die Armee ist auf Sie aufmerksam gemacht 
worden, und Sie blöder Hund spielen den starken Mann. Sie 
sind nicht nur ein Greenhorn, sondern auch ein ausgemachter 
Dummkopf. Meinen Sie, es hätte dem Häuptling keine 
Überwindung gekostet, Weiße durch ein indianisches 
Heiligtum zu führen?« 

»Mierda!« Earp spuckte zur Seite. Er zwang sich aber dazu, 

die Zügel seines Pferdes zu ergreifen und das Tier in den 
dunklen Mund des Berges zurückzuführen. 

Silbrig und lichtgetönt standen die Stalagmiten im 

Hintergrund wie Wächter vieler vor Jahrhunderten 
Verstorbener. Cochise hatte sein Pferd in einer Nische 
untergebracht, die groß genug war, auch die Reittiere der 
Weißen aufzunehmen. 

Keine halbe Stunde später brannte ein Feuer aus den Resten 

der Kienfackeln. 

Von der Höhe des Plateaus aus sahen Cochise und seine 
Begleiter das Aufgebot und die Kavallerie-Patrouille. Daß sie 
selbst gesehen werden könnten, kam ihnen nicht in den Sinn. 
Aber sie wurden gesehen. Und dieser Umstand machte 
Cochises Plan, die vier Mörder am Ausgang des Canyons zu 

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stellen, zunichte. 

Der Apache, der in der Höhle am Feuer saß und sinnend in 

die Flammen starrte, wußte das alles nicht. Den neuen Tag 
hatte er dazu auserkoren, das Gesetz der Apachen zu 
vollstrecken. Earp und Haggerty saßen in seiner Nähe und 
verzehrten ein frugales Mahl. Alle drei blieben sie schweigsam 
und in sich gekehrt. 

Wyatt Earp hatte besondere Grunde für sein Schweigen, und 

diese Gründe verstand der Scout nur allzugut. Deswegen blieb 
auch er stumm und beschäftigte sich mit Dingen aus seiner 
Umwelt. 

Cochise war von Natur aus schweigsam. Hinzu kam ein 

unruhiges Gefühl in seinem Innern, das er sich nicht erklären 
konnte. Ihm lag es nicht, sich einem Weißen anzuvertrauen, 
auch nicht dem Falken, von dem er sehr viel hielt. Schließlich 
war es John Haggerty gewesen, der sich immer wieder für die 
Belange der Chiricahuas eingesetzt hatte und das Militär von 
gewaltsamen Aktionen zurückhielt. 

Lange nach Anbruch der Dunkelheit verließ Cochise die 

Höhle und verschwand hinter dem Plateau. Außer dem 
Knistern verbrennender Kienspäne war kein Laut zu hören. 
Dann und wann stampfte eines der Pferde mit dem Huf oder 
klirrte mit der Gebißstange. 

Die Minuten vertickten im Becken der Zeit und ließen keine 

Frage offen. Etwas störte John Haggerty. Er hob den Kopf und 
lauschte. Ein kaum hörbares Klingen oder Singen wehte wie 
ein Hauch durch die mächtige Felsenhöhle. Einmal ertönten 
schwache Harfenklänge, dann waren es Schalmeien und 
Geigen. 

Nun vernahm auch Wyatt Earp die Geräusche. Er zuckte 

zusammen und verfärbte sich. Wie erstarrt blieb er vor dem 
Feuer sitzen und wagte kein Glied zu rühren. Nur seine Augen 
glitten einmal hierhin und dahin, sie waren ständig unterwegs, 
ohne jedoch auf den Grund der seltsamen Musik zu stoßen. 

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»Hören Sie das, John?« 
Haggerty nickte. »Klar, bin nicht schwerhörig.« 
»Was ist es?« 
»Weiß ich nicht. Vielleicht der Wind?« 
»Draußen ist es windstill, also kann's der Wind nicht sein.« 
»Machen Sie sich keine Gedanken. In der Höhle sind Sie 

sicher.« 

»Sie auch?« 
»Auch ich. Jeder. Niemand kennt sie, nur die Apachen.« 
»Genügt das nicht?« 
»Was meinen Sie damit, Wyatt?« 
»Ach – nichts!« Wyatt stand auf und ging vor dem Feuer auf 

und ab. Gleich darauf blieb er wieder stehen und wandte sein 
blasses Gesicht Haggerty zu. 

»Es wird besser sein, wenn ich mich auf den Weg mache. 

Hier ist's unheimlich. Hören Sie nur diese Töne! Sphärische 
Musik nennt man so was. Stimmt doch, wie?« 

Haggerty zuckte die Achseln. 
»Keine Ahnung, Mann. Jedenfalls sind die Töne kein Grund 

zur Beunruhigung, weil sie natürlicher Art sind und nicht von 
Menschen erzeugt werden.« 

»Klingt gut, aber nicht gut genug. Es gibt zwischen dieser 

Erde und dem Himmel Dinge, die wir uns nur ungenügend 
erklären können. Indianischer Hokuspokus soll sehr nachhaltig 
sein, habe ich mir sagen lassen.« 

»Reden Sie doch keinen Unsinn, Mann. Die Töne werden 

vom Wind erzeugt und nicht von Menschen. Weder von 
lebenden noch von toten. Fragen Sie Cochise, der kann Ihnen 
das Phänomen erklären.« 

»Wo ist Cochise? Wie kann ich ihn fragen, wenn er nicht da 

ist?« 

»Cochise jagt.« 
»Beim Henker! Mitten in der Nacht?« 
Haggerty grinste und neigte zustimmend den Kopf. Düster 

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erwiderte er: »Menschen.« 

Earp ließ den Kopf sinken. Er verstand, was der Scout 

meinte. Er selbst wurde ja auch gejagt. Die Töne im 
Hintergrund der Höhle schwollen zu einer gewaltigen Sinfonie 
in Dur und Moll an. Orgeltöne im tiefsten Baß füllten die 
Übergänge der einzelnen Tonlagen aus und erweckten ein 
staunendes Unglauben in den Zuhörern. 

Als Earp den Stalagmiten einen längeren Blick schenkte, 

glaubte er huschende Schatten zu sehen, die sich im Reigen 
wiegten. Totentanz? Er schüttelte den lähmenden Gedanken ab 
und konzentrierte sich ganz auf den Höhlenausgang und das 
Feuer. Nach einer Weile drehte er sich eine Zigarette und 
zündete den Glimmstengel mit einem brennenden Kienast an. 

Der erste Zug schon beruhigte seine Nerven. Mit einer 

ärgerlichen Bewegung wischte er sich den kalten Schweiß vom 
Gesicht und verfolgte mit wachen Augen jede Bewegung 
Haggertys. 

Ein Schatten stand plötzlich im Höhleneingang und hob sich 

scharf von der hinter ihm liegenden Dunkelheit ab. Er kam 
herein und setzte sich schweigend ans Feuer. 

»Erfolg gehabt, Häuptling?« fragte Haggerty. 
Cochise schüttelte den Kopf. Seine Miene zeigte den 

Ausdruck eines verkrampften Hasses, gepaart mit einer 
konsequenten Drohung und dem Willen zum Töten. 

John Haggerty verstand den Apachen. Trotzdem versuchte 

er, Cochise umzustimmen. 

»Überlaß die Mörder dem Gesetz oder der Army, Chief. Ich 

sorge dafür, daß Recht und Gesetz der Weißen sie wegen der 
Morde an deiner Sippe zur Rechenschaft ziehen. Sie landen 
alle vier auf dem Schafott, das verspreche ich dir.« 

Cochises Antwort war kurz und eindeutig: 
»In meinem Land bin ich Recht und Gesetz.« 
John Haggerty schwieg lange. Nach dieser Abfuhr fehlten 

ihm die Worte, einen vernünftigen Dialog fortzusetzen. Viele 

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Dinge fielen ihm ein, aber sie alle hatten keinen Bestand im 
Angesicht der kalten Drohung, die aus dem Apachen sprach. 

Um überhaupt was zu sagen, bemerkte er: 
»Du warst unterwegs, Häuptling. Hast du sie gesehen?« 
Cochise richtete den Blick in die Höhe und murmelte fast 

unhörbar: 

»Ich belauschte sie an ihrem Feuer. Sie wissen, wo wir sind.« 
»Hast du etwas von der Posse gesehen, Rothaut?« fragte 

Earp respektlos. 

Cochise gab ihm keine Antwort, richtete seinen Blick auf 

Haggerty und fuhr fort: 

»Ich bestrafe sie bei Tagesanbruch für das, was sie Tek-li-

tans Sippe antaten. Mein großer weißer Freund kann mich nicht 
davon abhalten. How!« 

Haggerty war überrascht. Zum erstenmal nannte ihn Cochise 

seinen weißen Freund. John wußte, wie spärlich und 
zurückhaltend Apachen mit solchen Beteuerungen waren, und 
er ahnte, daß in dem Häuptling etwas vorging, was ihn 
verwirrte. 

So sehr John darüber nachdachte, was es sein könnte, er fand 

es nicht heraus. Ganz unerwartet erhob sich der Häuptling 
wieder. Einen kurzen Augenblick lang stand er unschlüssig und 
wie ratlos beim Feuer, angestrahlt von rötlichen und gelben 
Flammen, dann wandte er sich spontan um und verließ die 
Höhle. Über die Schulter rief er zurück: 

»Sie kommen!« 
Das war alles, so gut wie nichts, und Haggerty und Wyatt 

Earp nahmen die flüchtig hingeworfenen Worte zur Kenntnis, 
mehr nicht. 

Stockfinstere Nacht. Die Sterne standen wie glimmende Punkte 
hinter dem dichten Dunst, der von der Erde aufstieg. Der Mond 

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ging erst zwei Stunden nach Mitternacht auf und würde selbst, 
wenn er am Himmel gestanden hätte, Cochise auf seiner 
einsamen Pirsch wenig genutzt haben. 

Er glitt wie ein Schemen auf einem unsichtbaren Pfad die 

Geröllhalde hinauf und verschwand lautlos wie ein Wolf hinter 
mächtigen Klippen aus Basalt und Porphyr. Weit vor ihm, wo 
ein schmales Rinnsal als Sprühregen-Wasserfall in den 
Hauptcanyon hinunterfiel, kamen vier Gestalten in gebückter 
Haltung die Felsleiste herauf. 

Sie näherten sich der Höhle, waren aber noch gut und gern 

eine halbe Meile entfernt. Cochise wand sich kriechend über 
die kaum zwei Fuß breite Leiste und gelangte schließlich in 
eine Mondlandschaft aus Klippen, zerborstenen Felsen und mit 
Wüstenlack bedecktes erodiertes Gestein. 

Disteln und Zwergkakteen gaben sich hier oben ein einsames 

Stelldichein, gelegentlich bewässert von einem bißchen Tau 
und den geringen Niederschlägen, die hier oben fielen. 

Am Ende der Leiste blieb er liegen, um seine Muskeln zu 

entspannen und zu überlegen. 

Er würde nicht bei jener Stelle haltmachen, die nach unten 

führte, und die Stelle verteidigen, die genügend Platz für einen 
Zweikampf bot. 

Die Mörder, die den Berghang heraufkraxelten, waren mit 

Revolvern und ihren Messern bewaffnet, also in der Überzahl, 
dazu noch besser bewaffnet als der Apache. Cochise trug nur 
sein Messer und seinen Tomahawk, aber dieser Waffen war er 
sicher und von Kindesbeinen an gewöhnt. 

Er kroch weiter. Die Leiste, waagerecht wie mit einem 

Messer durchgeschnitten, wurde schmaler. Ein Stück weiter 
war sie kaum noch einen Fuß breit. Links und rechts drohten 
schauerliche Abgründe, die sich tief unten im Dunkel der 
Schluchten verloren. 

Cochise wußte nicht, wie es weiter oben aussah, und 

fürchtete, es würde in zwanzig oder dreißig Meter Höhe 

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weitere Felsleisten geben, die ein Vorgehen seines Standortes 
möglich machten. Das würde bedeuten, daß die Mörder in 
seinen Rücken gelangten und bis zur Höhle vordringen 
konnten. 

Möglicherweise gab es auf der anderen Seite der nach 

Norden führenden Berglehne einen dritten Zugang zur Höhle, 
durch den die Weißen einsickern und seinen beiden Begleitern 
in den Rücken fallen konnten. Das durfte er nicht riskieren, 
weil Haggerty und Earp nicht gewarnt waren und keine 
Ahnung von dem hatten, was hier draußen vorging. 

Cochise wollte der Leiste so weit wie möglich folgen, bis er 

vielleicht eine Stelle fand, wo er die Schulter gegen die Wand 
pressen, kämpfen und sich den Rücken gegen die Übermacht 
freihalten konnte. 

Schießen konnten sie nicht. Sie wußten, daß er nicht allein 

war. Sie hatten von ihrem Versteck aus gesehen, wie Cochise 
mit seinen weißen Begleitern aus der Höhle getreten war und 
die Posse sowie die Patrouille beobachteten. 

Ein einziger Revolverschuß war in der Stille der Bergwelt 

weithin zu hören und würde sofort seine Gefährten auf den 
Plan rufen. Weiter kroch er wie ein Reptil, das ein Ziel hatte 
und sich auf dieses Ziel konzentrierte. 

Eine weitere Schwierigkeit tauchte für Cochise auf. Das 

schmale Felsband, auf dem er sich vorwärtsbewegte, stieg an. 
Es war glatt, wie poliert, und während er Meter für Meter 
zurücklegte und dabei spähende Blicke in die Tiefe warf, sah er 
rechts unten Dämme oder Mauern aus Stein. 

Er traute seinen Augen nicht und fragte sich, was diese 

Dämme, die sich über die schrumpfende Sohle der Schlucht 
legten, zu bedeuten hatten. Wer sie angelegt, ahnte er: Die 
Hohokams, die Urvorderen, die niemand von den Chiricahuas 
mehr gekannt hatte. Aber zu welchem Zweck waren die 
Dämme angelegt worden? 

Cochise mußte sich wieder auf seine Kriech- und 

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Klettertätigkeit konzentrieren und vergaß schließlich die 
Bauwerke. Die Felsleiste umspannte eine mächtige Klippe, 
wurde breiter und stieg noch weiter an. 

Hinter dem gigantischen Haifischzahn blieb Cochise 

überrascht stehen. Ihm war plötzlich, als griffe eine kalte Hand 
nach seinem Herzen. 

Links unter ihm keuchten vier Männer den langgezogenen 

Basalthang hinab. Rechts lag der Canyon mit den seltsamen 
Steindämmen. Voraus aber gab es etwas, das seinen Blick 
geradezu bannte. Er stand da wie versteinert und starrte auf das 
imposante Bauwerk aus der Vorzeit indianischen Lebens, ein 
Bauwerk, das man in einen hohen und breiten Felsspalt 
hineingebaut hatte und das mit Stockwerken, Fenstern und 
Türen versehen war. 

Dunkel glotzten die Fensteröffnungen zu ihm herüber. Nur 

die Schlucht trennte ihn und die Wohnburg der Urahnen, und 
in dieser Schlucht zog sich Damm an Damm quer über den 
felsigen Boden. 

Cochise mußte seinen Blick von dem Bauwerk lösen und 

sich seinen Feinden zuwenden. Sie waren inzwischen 
verdammt nahe. Noch sahen sie ihn nicht und konnten nicht 
wissen, daß er über ihnen war. Aber es war nur eine Frage von 
Minuten, bis sie ihn sehen mußten Der Häuptling entschloß 
sich, einen besseren Standort für den bevorstehenden Kampf zu 
wählen und schob sich an der aufsteigenden Felswand der 
Klippe weiter. 

Sein Glück hielt an. Vor ihm führte ein recht brauchbarer 

Pfad an dieser gut und gern zwanzig Meter hohen Felswand 
hinauf. Es war ein Wildpfad, breit und sicher genug für 
Bergschafe, Ziegen und Schwarzschwanz-Antilopen. Kein 
Pferd aber wäre jemals hinaufgekommen, stellte der Häuptling 
mit Befriedigung fest, als er bemerkte, daß sich der Pfad über 
die Leiste hinaus nach unten fortsetzte. 

Cochise beugte sich vor und verfolgte den Pfad, bis er tief 

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unter ihm zwischen den Wällen verschwand. Er hatte immer 
geglaubt, jeden Abschnitt seines Landes zu kennen wie den 
letzten Winkel seines Jacale, sah sich aber getäuscht. Apachen 
kamen so gut wie nie in diese abgeschiedene Wildnis, wo es 
für sie weder etwas zu jagen noch zu finden gab. 

Unter ihm am Hang wurde es laut. Mörderisches Fluchen 

tönte zu ihm herauf. 

»Blöder Hund, mußt du mir unbedingt auf die Finger 

treten?« 

»Selber blöder Hund! Zieh sie doch weg!« 
Zwei Stimmen schnauften im erbitterten Widerstreit. Eine 

dritte fiel mit Kichern ein und eine vierte fluchte wegen des 
Lärms, den die vorderen Männer machten. 

Sie kamen höher, das war unbestreitbar, und wenn sich 

Cochise seine Chance ausrechnete, stand sie gut. Immer nur 
einer konnte sich auf die Felsleiste schwingen, und dieser eine 
würde in sein geschwungenes Kriegsbeil oder in sein Messer 
laufen. 

Hier an dem Pfad würde er die Kerle erwarten. Die Kreuzung 

Pfad/Leiste war breit genug, einem kämpfenden und 
ausweichenden Krieger Stand zu bieten. 

Mochten sie kommen! 
Sie kamen. Der Mann mit dem Geierkopf und dem 

springenden Kehlkopf war höchstens noch zwei Meter unter 
der Leiste, als er den Pfad und das Bauwerk der Hohokams 
sah. Er zuckte zusammen und hielt in seiner Kletterei inne. 

»Warum gehst du nicht weiter?« ertönte eine bissige Stimme 

von weiter unten. 

»Halt die Klappe, Josuah, und brülle nicht wie ein Affe am 

Spieß! Seht mal nach links, Jungs!« 

Sie sahen und staunten. Niemand sagte ein Wort. Der Pfad 

war weniger interessant für sie, es sei, sie hätten ihn früher 
entdeckt und mühelos zum Emporklimmen benutzen können. 

Jedoch fesselte sie das imposante Bauwerk auf der 

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gegenüberliegenden Seite der Schlucht. Dunkle Fensterhöhlen 
gähnten sie an und schienen höhnisch herüberzulächeln. 

»So was hier…? Nicht zu fassen! Haben das die Apachen 

gebaut?« fragte Dan Laurel nach unten. 

»Quatsch! Dazu sind sie viel zu dämlich. Irgendwer… Ich 

weiß auch nicht, wer die Baumeister waren.« 

»Sieh zu, daß du weiterkommst!« rief Fatty von ganz unten. 

»Mir werden bereits die Hände gefühllos!« 

Cochise hörte es an der Wand kratzen und knirschen. Kurz 

darauf erschien eine Hand, die auf die Leiste übergriff. Eine 
zweite Hand und ein Kopf erschienen. 

Dan Laurel sah Cochise nicht, noch nicht. Als er seinen 

Körper auf das Band aus gewachsenem Fels schwang, fiel wie 
hergezaubert ein großer Schatten über ihn. Laurel schielte von 
unten in die Höhe und stieß einen gewaltigen Schrei aus. 

Die Streitaxt sauste auf ihn herab und schleuderte ihn zur 

Seite. Einen zweiten Schrei ausstoßend kippte er über die 
Leiste und stürzte mit rudernden Händen an seinen Genossen 
vorbei in die Tiefe. 

Aufschlag und Todesschrei verebbten in der stillen 

Bergnacht. Im gleichen Moment wußte Cochise, daß er einen 
großen Fehler gemacht hatte. Er hätte sie alle die Felsleiste 
betreten lassen und danach erst angreifen dürfen. 

Ein Schrei, ganze fünf Meter unter ihm, sagte ihm mit aller 

Deutlichkeit, daß die Jagd vorbei war, kaum daß sie begonnen. 
Hugh Bennets volltönende Stimme schrie: 

»Zurück, Jungs! Schnell zurück, die Rothaut ist dort oben!« 
Steine polterten in die Tiefe, Sand rieselte nach, und die 

Flüche der drei Männer tönten so klar zu Cochise herauf, als 
stünden sie vor ihm. Nach einer Viertelstunde verklangen alle 
Geräusche auf der Canyonsohle. 

Still wandte sich der Häuptling der Felsleiste zu und trat den 

Rückweg an. 

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»Dieser mörderische Bastard! Wer hätte gedacht, daß die 
verdammte Rothaut dort oben auf uns lauert?« 

Josuah Lemmon stieß es voller Erbitterung heraus und schob 

mit der Stiefelsohle Holz in die Flammen nach. 

»Den hat's erwischt«, sagte Hugh Bennet und schüttelte sich. 

»Wenn's hell wird, suchen wir nach ihm.« 

»Willst du Tote wieder lebendig machen?« fragte Fatty 

gehässig. 

»Das kann niemand, aber er war unser Kumpel und verdient 

ein anständiges Begräbnis, oder bist du anderer Meinung, 
Dicker?« 

Fatty spuckte aus und griff nach der Kaffeekanne, die auf 

einem Stein neben dem Feuer stand. 

»Wäre es nicht besser, die Gäule zu satteln und das Weite zu 

suchen, bevor die Jagd auf uns wieder beginnt?« 

»Klar wäre das besser. Aber wohin? Wir wollen zu der Mine, 

die aber liegt im Südosten. Wir haben uns viel zu weit nach 
Nordosten treiben lassen. Wißt ihr, wo wir überhaupt sind?« 

Morg Burthe, der Dicke, stellte die leere Kanne zurück und 

beschrieb mit der Hand einen Bogen um den halben 
Himmelskreis. 

»Vor uns liegt die Durststrecke zwischen den beiden 

Gebirgen. Es gibt zwei Wege, die Mine zu erreichen: Der erste 
führt über den Apachen-Paß nach Norden. Von Fort Bowie aus 
dann stramm nach Osten bis zu den Peloncillo-Mountains, und 
von da aus direkt nach Süden. Der zweite Weg nach Südosten 
führt durch die Swisshelm-Mountains und die Pedregosa-Berge 
nach Osten. Wasserarmes Land. Kein Grashalm wächst dort 
unten, kein Baum und kein Strauch. Welchen Weg nehmen 
wir, Hugh?« 

Der bärtige Schieler strich sich den verfilzten Bart und 

zuckte die Achseln. 

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»Den sichersten«, sagte er. »Mit sicher meine ich den Weg, 

der am wenigsten von Apachen flankiert wird.« 

»Dann über den Paß nach Fort Bowie, klar.« 
»In zwei Stunden wird's Tag, Jungs«, fuhr Bennet fort. »Die 

Gäule haben sich erholt, also brechen wir auf.« 

»Und Dan? Habt ihr ihn schon vergessen?« 
»Dan ist nebensächlich. Einem Toten können wir nicht 

helfen, nur uns Lebenden. Noch Einwände?« 

Niemand hatte sie. Morg Burthe ging zu den Pferden, die 

abseits vom Lager in einem verfilzten Speerdorndickicht 
standen. Sie waren am frühen Abend abgesattelt, gefüttert und 
getränkt worden. Die vier Tiere machten einen ausgeruhten 
Eindruck. Morg wußte aber, daß der Schein trog. Nach zehn 
Meilen würden sie genauso schlapp sein wie tags zuvor. Den 
Tieren fehlte Wasser und besseres Futter. Beides hatten sie 
nicht. Wenn auch Indianerpferde genügsam waren und mit 
wenig Wasser auskamen, so wurden sie doch scharf geritten 
und strapaziert. 

Der Dicke kehrte um und setzte sich in Feuernähe auf einen 

Stein. Mit flinken Wurstfingern drehte er sich eine Zigarette 
und zündete sie mit einem Streichholz an. Seine Gedanken 
flogen zurück in jenes einsame Gebirgstal, das einer Apachen-
Sippe als Lebensraum gedient hatte. Längst hatten sie alle 
bereut, was sie getan hatten und nicht mehr rückgängig 
gemacht werden konnte. 

Dan Laurel hatte die rächende Nemesis durch Cochises 

Tomahawk erreicht, wer würde ihm folgen? Gab es für sie 
überhaupt ein Entkommen aus dieser Berg- und Schlucht-
Wildnis? Ein kühner Gedanke schlich sich bei Fatty ein, ein 
Gedanke, der mit den vier Pferden und dem freien Fluchtweg 
zusammenhing. 

Mit den Gäulen konnte er weit kommen und schneller als die 

Apachen sein, wenn er sie Meile für Meile wechselte. Konnte 
eines der Ponys nicht mehr weiter, brauchte er es nur zu 

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wechseln und das Tier zurückzulassen, so einfach war das. 

Gedacht, getan. Der Dicke sprang lebhaft wie ein Gummiball 

auf die Füße und verschwand in der Dunkelheit. 

»Wohin willst du?« rief ihm Lemmon nach. Die Zaunlatte 

blieb aber ruhig am Feuer sitzen und drehte nicht einmal den 
Kopf. 

»Die Hosen wenden, wohin sonst?« 
»Entferne dich nicht so weit vom Lager, Fatty, das kann 

gefährlich werden.« 

»Für euch«, murmelte der Dicke genüßlich. »Nur für euch, 

ihr Dummköpfe.« 

Er legte seinem eigenen Pony den Sattel auf und führte es 

aus dem Dickicht. Draußen halfterte er das Tier an. Auf diese 
Art brachte er alle Pferde heraus und band sie zu einer Tropa 
zusammen. 

Morg Burthe hatte drei volle Wasserflaschen und einen 

halben Schlauch für die Tiere, sowie Proviant für mindestens 
eine Woche. Es mußte gehen. 

Die beiden anderen besaßen nichts mehr, weder Wasser noch 

Proviant, und der tote Laurel brauchte beides nicht mehr. 
Langsam schwang sich der Dicke in den Sattel seines Ponys. 
Das Tier, nur kurz an einen Sattel gewöhnt, versuchte 
auszubrechen. Aber Morg hielt es an der Kandare. 

Der lange Zug setzte sich in Bewegung und gewann den 

Canyon. Still war es ringsum, lautlos still. Es war, als hielte die 
Natur den Atem wegen des Verrats des Weißen an. 

Wenn auch nicht der leiseste Laut ertönte, drei Augenpaare 

beobachteten die Flucht des einen Weißen. Aber Blicke waren 
lautlos und töteten nicht. Ulzana war sofort klar, was dort 
vorging. Haß rumorte in ihm, blinder, tödlicher Haß. Kein 
Apache hätte das je getan und seine Brüder im Stich gelassen. 
Seine Hand tastete nach dem kleinen Kriegsbogen und dem 
Köcher mit Pfeilen. 

Sie zuckte wieder zurück, denn dieser Mann dort unten im 

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Canyon gehörte dem Häuptling aller Apachen und nicht ihm. 

»Gehen wir, how!« sagte er mit seiner gutturalen Stimme. 

»Die grauen Bergwölfe werden ihn treiben und jagen, bis er 
zusammenbricht. Zastee! Tötet!« 

»Zastee!« grunzten die anderen Antwort. 
Gleich darauf war der Platz zwischen den Klippen leer. 

Schatten verschmolzen mit anderen Schatten natürlichen 
Ursprungs und lösten sich schließlich auf. 

Fatty hatte den Canyonausgang fast erreicht und sah die 

sternenglitzernde Wüste vor sich, als ihn der erste Wolfsschrei 
erreichte. Mit satanischer Wildheit und täuschend echt brandete 
er in Wellen durch die Schlucht. Ein zweiter und dritter folgte. 

Aus dem Trab heraus gingen die Ponys in wilden Galopp 

über und fegten durch das letzte Stück der schattenerfüllten 
Schlucht. Auf dem quecksilbergebadeten Sand der Ebene 
würden die Schatten der Pferde länger und dann wieder kürzer, 
wenn die wilde Jagd durch eine Mulde ging. 

Nur mit Mühe gelang es Morg Burthe, das durchgehende 

Pony zu zügeln und die drei anderen Tiere zu beruhigen. Er 
hielt an, um sich den Angstschweiß aus dem Gesicht zu 
wischen. Ringsum Wüste, kalt glitzernde Steine und stachelige 
Flora: Von einer nächtlichen Fauna war weit und breit nichts 
zu sehen. 

»Ich hab's geschafft!« sagte Morg laut und feixend. »In der 

Wüste können sie mich nicht einholen. Jetzt müssen sie sich 
schon an die anderen halten, diese verdammten 
Skalpabschneider!« 

Wie sehr er sich irrte, merkte er sofort. Ein helles Singen 

kam mit Windeseile näher. Drei klatschende Schläge, als wenn 
man mit einem nassen Handtuch auf eine Tischplatte schlägt, 
drei tierische Aufschreie, Stöhnen, ersterbendes Wiehern und 
drei Stürze von tödlich getroffenen Ponys. 

Entsetzt riß Fatty sein Gewehr aus dem Scabbard und feuerte 

blindlings in die Gegend. Ein Ziel hatte er nicht, und wenn er 

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einen der Apachen gesehen hätte, wäre der huschende Schatten 
für ihn kein Ziel gewesen. 

Morg Burthe schnitt die Verbindungsleine zu den toten 

Pferden los und trieb sein Pony mit einem schrillen 
Angstschrei an. Sein Ziel war eine Hügelgruppe vor ihm, die 
ihm Sicherheit versprach, aber er erreichte die Hügel nicht. 

Aus einer Bodenwelle ritt ein Krieger mit wehenden Haaren 

und aufgelegtem Pfeil. Das Geschoß schwirrte heran und grub 
sich mit einem unheimlichen Laut vor ihm in den Sattel. Mit 
einem grellen Angstschrei riß Morg das ängstlich schnaubende 
Pferd herum und preschte in einem stumpfen Winkel wieder zu 
den Gebirgsausläufern zurück. 

Auf einer Erhebung rechts von ihm stand plötzlich ebenfalls 

ein berittener Apache. Ganz deutlich strahlte sein Stirnband ein 
helles Licht aus, das es von den Sternen empfing. 

Ein Pfeil zischte heran und trieb den Mörder geradewegs 

nach Osten. Weiter draußen bellte ein Wüstenfuchs. Eine 
Füchsin gab schmalzend Antwort, und schließlich lockte das 
heisere Bellen eines dritten Fuchses. 

Morg Burthe wußte, daß es keine Füchse waren, die ihr 

Frühkonzert anstimmten. Sein Gesicht verzog sich in tödlicher 
Angst. Herz und Pulse flogen, sein Blut gerann zu Eis. Und 
wenn er daran dachte, was man sich über die Greueltaten der 
Apachen erzählte, wurde ihm übel. 

Zu allem Unglück, das ihn mit mächtiger Faust traf, wurde es 

auch noch hell. Im Osten trieb eine Wand aus Licht über die 
Berge und vergoldete die schneeigen Zinnen der Gipfel. 

Sein Pferd stolperte weiter in eine Senke. Sie wurde von 

haushohen, runden Hügelkuppen eingeschlossen. Als das volle 
Licht des heraufziehenden neuen Tages die vegetationslosen 
Hügel streichelte, ahnte Fatty, daß sein Verrat an den Freunden 
umsonst gewesen war. 

Auf jedem der drei Hügel hielt ein Apache auf seinem Pony, 

den gespannten Pfeil auf den Weißen in der Senke gerichtet. 

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Gehetzt flog Morg Burthes Blick in die Runde. An der Basis 
des dritten Hügels türmten sich Felsblöcke und eine stachelige 
Flora. Ein Mann brauchte sich nur hinter einem dieser Blöcke 
zu verstecken, die den Hügelrand säumten, und er beherrschte 
mit seinem Gewehr die gesamte Senke und den steinernen 
Wall. 

Der Bandit holte tief Luft, sprang von seinem erschöpften 

Pferd, lief taumelnd durch die Senke, immer gewärtig, von 
einem Pfeil getroffen zu werden. Aber nichts geschah. 

Als er den sicheren Hort hinter den Felsen erreichte und sich 

auf die Erde warf und keuchend auf seine Fährte 
zurückschaute, sah er, wo er hingeraten war. 

Die gewaltige Sinfonie der Orgel- und Schalmeientöne wurde 
leiser mit dem Scheiden der Nacht. Der Wind hatte sich 
gedreht und strich an den Pfeifen der Stalagmiten vorbei wie 
ein schleichendes Nachtgetier, das dem Tag ausweicht. 

Wyatt Earp hatte seine Angst verloren. Er saß am Feuer und 

legte Holz nach. Neben ihm hockte schweigend John Haggerty. 
Eine Art Lethargie hatte den harten Mann befallen, der sich in 
hundert Kämpfen mit den Indianern bewährt hatte. 

Beide sprachen nicht miteinander, sie warteten stumm und 

nachdenklich auf das Erscheinen Cochises. Jeder hatte seine 
eigenen Gedanken über sein Fernbleiben und seine Absicht. 
Earp war es egal, was der Häuptling mit den weißen Mördern 
anstellte. Er hatte keine Bezugspunkte zu den Indianern und 
ihrem Verhältnis zu den Weißen. 

Haggerty dachte anders darüber. Er hätte es lieber gesehen, 

wenn Cochise seine persönliche Rache zurückgestellt und die 
Mörder an den Mitgliedern seines Volkes dem Gesetz der 
Weißen überantwortet hätte. John Haggerty ahnte spätere 
Verwicklungen mit der Armee, die sich für alle Weißen in 

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diesem Land verantwortlich fühlte, für die guten wie auch für 
die bösen. 

Abwechselnd starrten die beiden so charakterlich 

verschiedenen Männer in den Höhlenmund und warteten. Der 
Osten schickte die ersten schüchternen Strahlen über das 
Gebirgsmassiv und legte einen Teppich aus gesponnenem Gold 
und Silber auf das Plateau. Vögel begannen ihre ersten 
Lockrufe und verkündeten einen verheißungsvollen Tag. 

Ein breiter Schatten fiel in den Eingang. Haggerty schaute 

auf und sah Cochise. Die hochgewachsene Gestalt in der 
traditionellen Häuptlingskleidung der Apachen kam stumm 
näher und setzte sich ans Feuer. Weder Haggerty noch Earp 
stellten Fragen. Ihre hellen Augen studierten aufmerksam die 
Gesichtszüge des Indianers, während sich die Reflexe des 
Feuers in Johns Haar spiegelten. 

»Einer«, sagte der Apache. »Die anderen werden ihm 

folgen.« 

Was sich inzwischen in der öden Bergwelt alles abgespielt 

hatte, darüber sprach Cochise nicht. Ein Jefe brüstete sich nicht 
mit Heldentaten und sprach nie über sich selbst. 

Haggerty verzichtete darauf, den Häuptling erneut zu bitten, 

die Bestrafung der Mörder der Armee zu überlassen. Es würde 
vergeblich sein. Verbrechen, die an Apachen begangen worden 
waren, wurden von dem Häuptling aller Apachen abgeurteilt. 
So wollte es das Gesetz dieses wilden Volkes. 

Draußen wurde es von Minute zu Minute heller. Wyatt Earp 

ließ das Feuer ausgehen. Später ging er zu den Pferden und 
hing ihnen die Futtersäcke um. Als alles getan war, kam er 
gemächlich zu der erkalteten Feuerstelle zurück. 

Mit seinen Gedanken war er weder bei Cochise noch bei dem 

Scout. Sie drehten sich einzig und allein um das Aufgebot, das 
er tags zuvor gesichtet hatte. In welcher Richtung war die 
Posse weitergeritten? 

Earp beabsichtigte sich von Cochise und Haggerty zu 

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trennen, und nur das Aufgebot hielt ihn von diesem Schritt ab. 
Seine Gedanken brachen wie abgeschnitten ab, als weit 
entfernt ein gedämpfter Wolfsruf ertönte. Cochise stand auf 
und wandte sich Haggerty zu. 

»Meine Krieger haben den zweiten Mörder gestellt. Der 

Falke weiß es?« Als John nur nickte und nichts erwiderte, fuhr 
der Häuptling fort: »Auch dieses Urteil wird vollstreckt werden 
– von meiner Hand.« 

Der Scout sagte wiederum nichts. Er hob nicht einmal den 

Blick. Verstand Cochise, was in dem Scout vorging, was er in 
diesem Augenblick dachte, fühlte und verhindern wollte? 
Niemand sah es ihm an. Hochgewachsen, breitschultrig, mit 
adlerartigem Ausdruck im Gesicht stand der Jefe vor den 
beiden Weißen. In seiner Gestalt und in seinem Gebahren lag 
etwas so Majestätisches, daß weder Haggerty noch Earp eine 
Antwort riskierten, die der Häuptling der Apachen 
mißverstehen könnte. 

»Der dicke Mann wird sterben«, fuhr Cochise fort. »Von 

dieser Hand.« Er hielt die Rechte mit dem Kriegsbeil in die 
Höhe und setzte kalt hinzu: »How!« 

Nach dieser Beteuerung verschwand er lautlos. Was 

zurückblieb war ein bitterer Geschmack auf Haggertys Zunge 
und die Erinnerung an Cochises How. 

»Was kommt jetzt?« fragte Earp ein wenig zerstreut. 
»Was soll kommen? Der zweite Mörder wird sein Leben 

unter Cochises Kriegsbeil aushauchen. Er holt sie sich einen 
nach dem anderen. Verdient haben sie es, zugegeben. Aber mir 
wäre es lieber gewesen, der Häuptling hätte die Kerle einem 
ordentlichen Militärgericht übergeben.« 

Wyatt Earp zuckte die Achseln und setzte sich wieder auf 

den Stein beim Feuer, der ihm vorher schon als Sitzplatz 
gedient hatte. 

»Apachenart, dagegen gibt's kein Rezept, John. Da kann man 

auch nichts machen. Worte jedenfalls helfen nichts. Außerdem 

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müssen auch Sie zugeben, daß Cochise im Recht ist.« 

Haggerty nickte und stand auf. Er schlenderte zum 

Höhlenmund und trat auf das Geröllplateau hinaus. Die Sonne 
hing wie ein messingfarbener Gong über dem Chiricahua-
Gebirge im Osten und beleuchtete eine so wilde Szenerie, wie 
sie der erfahrene Scout noch nie gesehen hatte. Er stand da und 
dachte an das Land zu seinen Füßen und seinen Auftrag. 

Cochise wußte, was ihn in die Dragoon getrieben hatte. Er 

hatte mit keinem Wort erwähnt, daß Haggertys Tun falsch war. 
John dagegen ahnte, daß Cochises Apacheria so gut in diesem 
Klippengebirge versteckt war, daß kein Weißer, und sei er ein 
noch so guter Scout, die Festung je finden würde. 

Als John Haggerty nach Westen blickte und seine Augen 

über die Welt der Canyons und Felsenriffe gleiten ließ, sah er 
eine dünne Staubwolke aus einem Canyon hochsteigen. Die 
Staubsäule war so schwach zu erkennen, daß sie kaum von 
Reitern herrühren konnte. Der Staub faszinierte den immer 
wachen und mit seiner Umwelt vertrauten Scout. 

Er drehte den Kopf nach hinten und rief: 
»Bleiben Sie bei den Pferden, Wyatt, ich bin gleich zurück.« 
»Wohin gehen Sie?« 
»In den Canyons drüben weht Staub. Ich will wissen, wer ihn 

aufwühlt. Es dauert keine halbe Stunde.« 

Wenn er gewußt hätte, daß seine Erkundung bis lange nach 

Mittag dauern würde, wäre er vielleicht nicht gegangen und 
hätte Staub Staub sein lassen. Er wußte es aber nicht und 
machte sich auf den Weg. 

Um neun Uhr vormittags stahl sich die Sonne aus einer 

Seitenschlucht in den Hauptcanyon. Haggerty konnte ihr Licht 
noch auf dem gegenüberliegenden Hang des breiten Canyons 
sehen, doch in der Seitenschlucht herrschte Halbschatten und 
eine erstickte Hitze. Trotz der frühen Stunde strahlten die 
Felsen eine Wärme wider, daß dem Scout der Schweiß aus 
allen Poren brach. 

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Kein Windhauch strich über die Landschaft und kühlte das 

Gestein. Als Haggerty in den Seitencanyon eintauchte, 
orientierte er sich nach der Staubsäule. Sie wanderte langsam, 
aber sie wanderte. Der erfahrene Scout wußte mit beinahe 
absoluter Sicherheit, daß es sich dort drüben um Fußgänger 
handelte, die den Staub aufwirbelten. Aber wer ging in diesem 
Land schon zu Fuß? 

Er benötigte etwa eine halbe Stunde, die schmale Schlucht zu 

durchmessen. Fast ohne Übergang öffnete sich der 
Canyonmund in den großen Hauptcanyon. John suchte nach 
einem Versteck. Er fand es zwischen einigen Klippen, die von 
Dornenhecken umgeben wurden. Es war ein nahezu ideales 
Versteck, das er sich ausgesucht hatte. Als er zwischen die 
Felsen eindrang, schnüffelte er lange und anhaltend. Kein 
Staub hing hier in der Luft. 

Je tiefer er in das Dornenzeug eindrang, desto mehr gab er 

acht auf Schlangen und andere Tiere, die ihm gefährlich 
werden konnten. Gerade die Klapperschlangen und die überaus 
giftigen roten Sandvipern waren es, vor denen er sich in acht 
nehmen mußte. Ein Biß von ihnen hätte genügt, ihn 
mattzusetzen. 

Unangefochten gelangte er bis zur Mitte der Steinanhäufung 

und legte sich in eine Bucht von Sand und Geröll. Niemand 
konnte ihn von außen sehen. 

Er hatte kaum seinen Platz gefunden, als er die ersten 

Geräusche vernahm. Ein zeterndes Fluchen und Murren drang 
durch den hitzeglühenden Canyon, das in einem wilden und 
gereizten Dialog auslief. 

John grinste. Beinahe ahnte er, was seine Augen sehen 

würden. Aber als er die beiden heruntergekommenen Outlaws 
durch die Schlucht wanken sah, staunte er doch. Der Zufall 
wollte es, daß Zaunlatte Josuah Lemmon bei den Klippen nicht 
mehr weiter konnte. Stöhnend ließ er sich auf einen Stein 
nieder und zog die Stiefel aus. 

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Hugh Bennet, der ein Stück weitergegangen war, kehrte 

wieder um und ließ sich neben seinem Spießgesellen in den 
heißen Sand sinken. 

»Blasen, nichts als Blasen«, stöhnte der Dürre. »Den Hund 

könnte ich in Stücke schneiden, daß er uns das angetan hat.« 

»Fluchen und verwünschen hilft nicht, Josuah. Wir müssen 

weiter. Wenn wir in diesem Zustand den Apachen in die Hände 
fallen, können wir gleich unseren Geist aufgeben.« 

»Schweinehund!« 
»Was, ich?« 
»Quatsch! Fatty meine ich. Er hat die Gäule geklaut und sich 

aus dem Staub gemacht. Wir haben kein Wasser und keinen 
Proviant, und dieses Miststück sitzt vielleicht schon irgendwo 
in einer kühlen Kneipe und läßt sich ein kaltes Bier in den 
Schlund laufen. Verdammt sei seine schmutzige Seele!« 

John Haggertys Grinsen wurde breiter, geradezu triumphal 

und triefend vor Schadenfreude. Ihm wurde langsam heiß in 
seinem Versteck, aber er konnte sich nicht zurückziehen, weil 
dies ohne Geräusche nicht abgegangen wäre. 

»Die Mine können wir auch in den Schornstein schreiben«, 

fuhr der schielende Bärtige fort. »Ohne Pferde und Proviant 
kommen wir nie dorthin.« 

»Haben wir alles dem Dicken zu verdanken«, knurrte 

Lemmon finster. »Wenn ich ihn erwische, reiße ich ihm die 
Därme bei lebendigem Leib heraus.« 

»Du wirst ihn nicht erwischen«, antwortete Hugh Bennet 

zynisch. »Der ist längst über alle Berge.« 

»Wenn wir heil hier aus diesem Labyrinth von Schluchten 

herauskommen, nehmen wir seine Spur auf. Irgendwo kriegen 
wir ihn. Verdammt will ich sein, wenn ich den Verrat an 
unserer Sache ruhig hinnehme.« 

»Well, machen wir! Wie ist's, trampeln wir weiter?« 
»Meine Füße«, jammerte Lemmon. »Sieh doch, alles voller 

Blasen. In diesem Zustand kann ich keine hundert Schritte 

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mehr gehen. Ein Pferd, ein Pferd – ein Königreich für ein 
Pferd!« 

»Ach, halt die Klappe, Mann! Hier gibt's kein Pferd und du 

hast kein Königreich zu verschenken. Armleuchter!« 

»Werd ja nicht frech, Mann. Selber Armleuchter, dazu der 

größte Dummkopf von ganz Amerika.« 

Haggerty wurde es langsam zu dumm zwischen den 

hitzeglühenden Felsen. Die Mittagszeit schlich vorüber und 
keiner der beiden Kerle machte Anstalten zu verschwinden. 
Die Hitze brodelte förmlich zwischen den Canyonwänden. 
Schwärme von Bremsen flitzten wie abgeschossene Pfeile 
hierhin und dorthin und bissen wie gereizte Klapperschlangen. 
Sie raubten dem still Daliegenden fast den Verstand. Er 
bekämpfte sie mit bloßen Händen, aber sie peinigten ihn so, 
daß er beinahe den Verstand verlor und am liebsten 
wutbrüllend aufgesprungen wäre. 

Aber die Situation änderte sich schlagartig. Der Wolfsschrei 

hallte von allen Canyonwänden zurück und pflanzte sich in 
dürftigen Echos fort. 

Hugh Bennet sprang wie elektrisiert auf die Füße, und 

Lemmon hatte noch nie in seinem Leben so schnell die Stiefel 
angezogen wie an diesem Mittag. Beide rissen ihre Revolver 
aus den Halftern und sicherten nach allen Seiten. Nichts 
geschah. Kein Wolf und kein Apache ließ sich sehen. 

»Dieses Schwein haut mit den Pferden ab und überläßt uns 

hier den Rothäuten! Verdammt«, heulte Lemmon 
wutentbrannt, »das zahle ich ihm heim, und wenn ich ihm rund 
um den Erdball folgen müßte!« 

Daß zu diesem Zeitpunkt Morg Burthe gar nicht mehr lebte, 

konnte der Bandit allerdings nicht wissen. 

Die beiden Kerle machten so viel Lärm, daß es Haggerty 

wagen konnte, sich aus dem Gefahrenbereich zu bringen. 
Kriechend zog er sich zurück und tauchte unhörbar in den 
gewundenen Canyon ein, der ihn über gewundene Pfade 

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wieder zurück auf das Hochplateau brachte. 

Er mußte sich beeilen, obwohl Eile bei dieser infernalischen 

Hitze geradezu eine Qual war. Wyatt Earp war ein 
ungeduldiger Mann und konnte einen nicht mehr 
gutzumachenden Fehler begehen, wenn er auf der Suche nach 
dem Scout die Höhle verließ. 

Morg Burthe erlebte einen Sonnenaufgang mit wenig 
Begeisterung. Er konnte seinen Kopf drehen, wohin er wollte, 
auf jedem Hügel hielt ein Apachen-Krieger auf seinem Pony, 
in den Händen den gespannten Bogen. 

Fatty ahnte, daß seine Flucht mißlungen war. Selbst sein 

Verrat an den Spießgesellen hatte nicht dazu beitragen können, 
der Rache der Chiricahuas zu entgehen. In seiner Angst 
versuchte er sich alle nur möglichen Vorstellungen zu machen, 
wie er den Rothäuten entkommen könnte. Aber es war nur 
Gaukelspiel, mehr nicht. Selbst die Todesangst beflügelte seine 
Inspiration nicht mehr, und die heraufziehende Hitze tat ein 
übriges, ihn mutlos zu machen. 

Gewiß, er hätte einen der Indianer aus seiner Deckung heraus 

vom Pony schießen können. Aber nur einen. Die beiden 
anderen hätten ihm anschließend mit ihren Pfeilen den Garaus 
gemacht, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Er verstand nicht, warum sie ihn nicht längst erledigt, mit 

ihren Pfeilen wie ein Stachelschwein gespickt und skalpiert 
hatten. Worauf warteten sie? 

Die Angst um sein Leben drang mit jeder Minute tiefer in 

seine Blutbahnen. Sie kroch wie ein unendlich langer Wurm 
zum Herzen und ließ ihn in Angstschweiß ausbrechen. Morg 
Burthe hatte Durst, er fühlte seinen Magen vor Hunger 
rebellieren. Aber sein Pony stand viele Meter von ihm entfernt 
und ließ geduldig den Kopf in der Sonnenglut hängen. Für ihn 

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waren es Meilen. 

Minuten tropften wie flüssiges Blei in das unermeßliche 

große Becken der Zeit. Kostbare Minuten. Die Sonne kletterte 
höher und sandte glühende Pfeile auf die verbrannte Erde. Es 
war, als wollte sie den Mörder bei lebendigem Leib rösten. 

Der Dicke schloß die Augen und legte die heiße Stirn auf den 

Unterarm. Ergab er sich ohne weiteren Widerstand seinem 
Schicksal? Konnte er außer dem Tod noch etwas anderes 
erwarten? Nein, er gab auf. Trotzdem riß er den bleischweren 
Kopf noch einmal in die Höhe, als der laute Ruf »Zastee!« aus 
drei rauhen Kehlen über die Mulde schallte. 

»Töte!« schrie einer, ein anderer: »Cochise!« Diese Stimme 

drang wie ein Jubelton in sein ausgetrocknetes Gehirn. 

Morg folgte der Blickrichtung der Krieger, und im nächsten 

Augenblick glaubte er, sein Herzschlag setze aus. Auf einem 
vorstehenden Felszacken, genau über ihm, stand ein weiterer 
Indianer. Er war von imposanter Gestalt und ganz in weißes 
Wildleder gekleidet. 

Eine Kette aus den Reißzähnen des mächtigen Grislys der 

Berge zierte seine mächtige Brust. Die Rothaut breitete die 
Arme aus und begrüßte die Krieger, die ein gellendes Geheul 
anstimmten. 

Es folgten Handzeichen in indianischer Zeichensprache, und 

wie weggezaubert verschwanden die Krieger. Still und 
verlassen lag das Land ringsum, und glühend heiß. 

Morg warf einen ängstlich spähenden Blick zu dem Zacken 

hinauf. Der Indianer stand noch immer dort und beobachtete 
den Mann unter ihm zwischen den Gesteinsbrocken. 

»Wer bist du, Rothaut?« krächzte Fatty. 
Die Antwort grub sich tief in die Seele des Weißen und ließ 

sein Herz beben: 

»Cochise, der Häuptling der Apachen!« 
Morgs Kopf fiel wieder auf den angewinkelten Unterarm. 

Irgend etwas, ein vager Gedanke vielleicht, ließ ihn noch 

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einmal zu Cochise hinaufstarren. 

»Du bist gekommen, mich zu töten?« 
»Ich bestrafe dich für den Mord an der Sippe aus dem Stamm 

der Chiricahuas.« 

Es klang wie beiläufig, und Morg empfand die Worte wie 

einen Richterspruch aus berufenem Mund. Morg wagte eine 
weitere Frage: 

»Wo sind deine Krieger? Ich sehe sie nicht mehr.« 
»Ich befahl ihnen, weiter auf der Fährte der anderen Mörder 

zu reiten. Zwei von euch sind noch am Leben. Sie werden 
genauso bestraft werden wie du.« 

»Sie haben deine Leute umgebracht, nicht ich!« schrie Morg 

Burthe flehend. »Töte mich nicht, Cochise! Ich kann dir sagen, 
wo sie sich versteckt halten, ich kenne den Weg!« brach es laut 
und gellend aus der gequälten Brust. Todesangst ließ den 
dicken Körper fünf Meter unter Cochise zittern. 

»Ich brauche deine Hilfe nicht, Mörder. Ich weiß immer, wer 

sich auf meinem Land in diesen Bergen aufhält. Du wirst 
sterben und den gemordeten Kriegern in den Ewigen 
Jagdgründen dienen, Kojote!« 

»Nein!« gellte es aus dem Mann heraus. Er warf sich herum, 

riß das Gewehr an die Schulter und gab einen Schuß auf den 
Indianerhäuptling ab. 

Seine Kugel traf nur Luft und schwirrte davon. 
»Ich bin hier«, sagte Cochises Stimme ganz nahe bei dem 

Weißen. 

Fatty wirbelte herum, riß wieder das Gewehr in 

Hüftanschlag. Er sah aber niemanden und fragte dann ganz 
naiv: 

»Wo? Wo bist du, Rothaut?« 
»Hier!« 
Noch einmal drehte sich der Weiße um seine Achse. Zu 

sehen war niemand, nur Steine, Sand und Disteln. 

»Zeige dich, damit ich dir deinen roten Wanst voll Blei 

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pumpen kann!« brüllte Morg Burthe mit sich überschlagender 
Stimme. »Verdammter roter Bastard!« 

Neben Morg fiel ein Stein zu Boden. Er wirbelte zur Seite, 

stolperte und stürzte. Das Gewehr entfiel seiner Hand und 
rollte zur Seite. Bevor sich der Weiße wieder aufrichten und 
nach seiner Flinte greifen konnte, fiel ein Schatten über ihn. 

»Kämpfe, weißer Mann, oder stirb!« 
Fatty blieb erschöpft und verängstigt liegen. Vor ihm stand 

Cochise mit gespreizten Beinen, das Kriegsbeil in der Faust. 

Morg Burthe riß sich hoch und ließ sich wieder fallen. Er 

machte seinen Rücken hohl und warf sich zur Seite, dabei 
kreischte er in höchster Todesangst: 

»Ich will nicht kämpfen! Nicht gegen dich, Apache!« 
»Feigling, komm hoch! Du wirst kämpfen und von meiner 

Hand fallen, gemäß dem Gesetz der Apachen!« 

»Nein! Nein! Nein!« 
Wie ein Tier versuchte Morg auf Händen und Füßen 

davonzukriechen. Während er sich abmühte, dem 
unerbittlichen Häuptling zu entkommen, fiel ihm der Revolver 
im Gürtel ein. Er warf sich mit letzter Kraft auf den Rücken 
und riß die Waffe heraus. Zum Spannen des Hahnes kam er 
nicht mehr. 

Kaum hatte er den schweren Colt in der Hand, da hob 

Cochise den Arm und ließ das Kriegbeil fliegen. Die scharfe 
Schneide traf den Weißen am Kopf. Mit einem Schrei und 
einem verklingenden Ächzen fiel Morg Burthe tot zurück. 

Cochise verzichtete auf den Skalp des Feiglings, nahm sein 

Tomahawk vom Boden auf und wischte die Schneide an der 
Kleidung des Toten ab. Eine lange Weile blieb Cochise stehen, 
das adlerartige Gesicht der Sonne zugewandt. Er sprach nicht 
mit sich selbst, er stieß keinen Jubelruf aus, denn einen 
Feigling zu töten war keine Heldentat. 

Er drehte sich um und verließ die Stätte des Todes. Kurz 

darauf verschwand er zwischen den Klippen. 

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Haggerty erreichte atemlos und schwitzend die Höhle. Earp saß 
beim erloschenen Feuer und stocherte mit einem Zweig in der 
Asche. 

»Eine halbe Stunde, mehr nicht«, sagte er mit beißender 

Ironie. 

»Tut mir leid«, erwiderte John Haggerty und strich sich mit 

der Hand über das bräunliche Haar. »Beinahe hätten sie mich 
erwischt.« 

»Wer?« 
»Zwei von den weißen Mördern.« 
»Sonst noch jemand in der Mondlandschaft dort unten?« 
»Wenn Sie das Aufgebot meinen, nein. Die sind weit weg.« 
»Woher wissen Sie das?« 
»Läßt sich doch denken, oder nicht?« 
»Ich kann mir viel denken, Mann, aber dabei kommt nie 

etwas heraus.« 

Haggerty grinste, Wyatt grinste zurück. Alles war wieder in 

bester Ordnung. 

»Wo nur Cochise bleibt?« fragte Earp nachdenklich. »Er ist 

doch nicht etwa abgehauen?« 

»Ohne Pferd? Unsinn! Der Jefe weiß, was er tut.« 
»Ich traue einfach keiner Rothaut, ob sie nun Cochise heißt 

oder nicht.« 

»Sie haben aber auch nichts gegen die Indianer?« 
»Nein, habe ich nicht, solange sie mich in Ruhe lassen. Und 

Sie?« 

Haggerty schüttelte den Kopf, griff nach einer 

Wasserflasche, nahm einen tüchtigen Schluck und spülte sich 
den Mund aus. Erst danach trank er in kleinen Schlucken. 

»Sie sind stets die Dummen, was sie auch anfangen«, setzte 

der Scout das Gespräch fort. »In zehn bis zwanzig Jahren wird 
es in Arizona keine wild lebenden Indianer mehr geben.« 

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»Apachen?« 
»Alle Stämme.« 
»Sie meinen, man bringt sie in Reservationen unter?« 
»Zuerst. Später wird man sie deportieren. Ich weiß nicht 

genau, was die Regierung mit den Roten vorhat, aber etwas 
Gutes ist es auf keinen Fall.« 

»Das gefällt Ihnen nicht? Dabei helfen Sie doch der Armee, 

die Indianer auszurotten. Wie steht's damit, he?« 

Haggerty gab keine Antwort. Er wußte, daß er sich 

mitschuldig am Untergang der Apachen machte, und dieses 
Wissen machte ihn krank, wenn er an Tla-ina, Cochises schöne 
Schwester, dachte. Er trank noch einen Schluck von der 
warmen Brühe und stellte die Flasche zur Seite. 

»Warum geben Sie keine Antwort, John? Cochise scheint 

große Stücke von Ihnen zu halten, wie ich bemerkt habe. Er 
nennt Sie Falke.« 

Haggerty erwiderte: »Ich habe ihm mal geholfen, er ist mein 

Freund. Ich kann mich auf ihn verlassen und er sich auch auf 
mich.« 

»Soso«, sagte Wyatt abfällig. »Ein guter Freund der Roten.« 
»Sie haben keinen Grund, auf Ihre weiße Haut besonders 

stolz zu sein.« 

In Johns Stimme lag offener Hohn. 
»Wie kommen Sie gerade auf mich?« 
»Weil Sie keinen Deut besser sind als ein roter Barbar. Sie 

machen es mit Ihrem Schießeisen, wozu ein Indianer lediglich 
sein Messer zur Verfügung hat.« 

»Dumme Sprüche, Mann, ich habe noch keinen skalpiert.« 
»Das nicht, aber erschossen. Selbstverständlich hatten Sie 

immer den Notwehrparagraphen auf Ihrer Seite, klar, Sie 
würden sonst nicht hier sitzen.« 

Earp stand auf und ging zum Höhleneingang. 
»Lassen wir das«, erwiderte er. »Jeder eben auf seine Art. 

Ich bin ein Spieler, Sie ein braver Scout, der kein Wässerchen 

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im Apachenland trübt. Ich weiß Bescheid, Haggerty.« 

»Darf ich erfahren, was Sie wissen?« 
»Ich sagte, lassen wir das. Bei einem Streit können wir beide 

keinen Profit machen, uns aber eine Menge Ärger einhandeln.« 

John Haggerty trat einen langen Schritt auf Wyatt zu. Er riß 

ihn an der Schulter zu sich herum und trat ganz nahe an ihn 
heran. 

»Hören Sie, Wyatt, so können Sie nicht mit mir reden! Wenn 

Sie schon Andeutungen über meine Person machen, dann reden 
Sie auch gefälligst weiter. Und noch etwas: Wenn Sie jetzt 
ziehen, knalle ich Ihnen meine Faust aufs Kinn, daß Sie die 
Engel im Himmel singen hören.« 

»Lassen Sie mich los, Sie dämlicher Squaw-Mann!« 
Aus Wyatt Earp sprach unvermittelt eine kalte Drohung. Er 

schüttelte Haggertys Hand ab und wich zurück. Seine Hand 
war in der Nähe der rechten Hüfte, aber er zog nicht. 

»Squaw-Mann? Sind Sie denn von allen guten Geistern 

verlassen?« 

»Durchaus nicht, Freundchen. Die ganze Indianergrenze 

spricht davon. Ich habe mir sagen lassen, sie soll recht hübsch 
sein. Ihre Sache, Haggerty, die mich keinen Deut angeht. Nur 
wird mir so verständlich, wieso es dazu kam, daß Cochise zu 
Ihnen so freundlich ist. Das ist sonst nicht die Art der 
Rothäute.« 

»Ich weiß immer noch nicht, was Sie eigentlich mit einem 

Squaw-Mann sagen wollen? Ich bin nicht verheiratet, weder 
mit einer Weißen noch mit einer Roten. Und was Cochise 
damit zu tun haben soll, ist sowieso unerfindlich.« 

»Sie haben's doch mit seiner Schwester, oder stimmt das 

etwa nicht?« drang Earps höhnische Stimme in Haggertys 
Bewußtsein. »Mann, ich sagte, mir ist das völlig egal, Sie 
sollten aber dann nicht so tun, als hätten Sie das Schießpulver 
erfunden.« 

Der Scout wurde fahl wie ein frisch bestaubtes Nudelbrett. 

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Seine Hand zuckte zum Revolver, hielt aber auf halbem Weg. 

»Sie sind ein gottverdammter Lügner, Earp! Los, ziehen Sie 

Ihre Kanone! Ziehen Sie! Wir werden sehen, wer von uns 
beiden der Schnellere ist!« 

Wyatt Earp grinste nur süffisant, griff aber nicht zum Halfter. 

Brüsk drehte er sich herum und verließ die Höhle. Langsam 
wurde John Haggerty wieder ruhig. Grimmig ballte er die 
Hände und schüttelte sie hinter dem Spieler her. 

Trotz allem war er dankbar, daß Cochise diese gehässigen 

Worte nicht gehört hatte. Für Earps Leben hätte er keinen 
Nickel mehr gegeben. Er nahm sich vor, mit keinem Wort mit 
dem Häuptling darüber zu reden. Wyatt wäre es sonst schlecht 
ergangen. 

John Haggerty setzte sich auf einen der Feuersteine und 

dachte über Earps Worte nach. Irgendwoher mußte der Spieler 
das Gerücht haben, und daß es sich nicht weiter ausdehnte, 
dafür würde er sorgen. Am Nachmittag würde er mit Wyatt 
reden… 

Die Sonne, groß und rund wie ein kupferner Gong, warf am 
Nachmittag glühende Hitze über das ausgebrannte Land. Aus 
dem breiten Canyon taumelten zwei völlig verwahrloste 
Männer und brachen ein Stück außerhalb der Schlucht in die 
Knie. 

Längst hatten die Wolfsschreie ihren Schrecken für Hugh 

Bennet und Josuah Lemmon verloren. Selbst die gelegentlich 
abgeschossenen Pfeile der verfolgenden Apachen konnten sie 
zu keinen schnelleren Bewegungen mehr veranlassen. 

Die beiden Outlaws waren am Ende ihrer Kräfte, und die 

wahnsinnige Hitze tat ein übriges, sie restlos auszupumpen. 
Wasser hatten sie schon lange nicht mehr, Proviant fehlte 
ebenfalls. Ihre Gesichter wirkten eingefallen und bleich, und 

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selbst die tagealten Bartstoppeln konnten das schreckliche 
Schicksal dieser beiden Weißen nicht mildern. 

Die Apachen sahen sie nicht. Krieger der Apachen sah man 

nur, wenn diese gesehen werden wollten. Dafür wurden sie 
gesehen. Auf einer die Schlucht überragenden Klippe stand ein 
einzelner hochgewachsener Indianer mit mächtigem Brustkorb 
und einer Adlernase, die diesen Mann geradezu profilierte. 

Er beobachtete die beiden Weißen, sah mit handverdeckten 

Augen zur Sonne und dann in die Wüste hinaus. Was er weit 
draußen sehen konnte, gefiel ihm nicht. Eine Staubwolke glitt 
wie eine Windhose über das karge Land. Sie kam näher. 

Josuah Lemmon und Hugh Bennet sahen sie ebenfalls und 

diskutierten heftig. Cochise sah deutlich, wie sie sich erregt 
unterhielten und nach Norden deuteten. 

Schon bald darauf schälten sich Reiter aus dem Staub. Sie 

führten Packpferde mit sich und ein paar unbeladene Maulesel. 
Die Männer mit den hellen Feldhüten trugen blaue Uniformen 
und wurden von einem Captain angeführt. 

Josuah Lemmon, der Mann, der so dürr und aufgeschossen 

wie eine Zaunlatte war, richtete sich auf und winkte mit dem 
Hut. Voller Grimm mußte Cochise mit ansehen, wie der Trupp 
einschwenkte und auf seine sichere Beute zuhielt. 

Nach wenigen Minuten hatte die Patrouille die beiden 

Banditen erreicht. Soldaten sprangen von den Pferden, 
versorgten die Verdurstenden mit Wasser. Cochise beobachtete 
jede Bewegung dort unten mit Argusaugen. 

Als die beiden nach etwa einer Stunde von den Soldaten auf 

freie Maultiere gehoben wurden und mit dem Trupp nach 
Osten ritten, wußte der Häuptling der Apachen, daß sie vorerst 
seinem Zugriff entzogen waren. 

Lange verfolgten dunkle Falkenaugen den Ritt der Patrouille. 

Die Soldaten konnten aus Fort Buchanan im Südwesten des 
Apachen-Passes sein, aber auch aus Fort Bowie im Nordosten 
von Thomas Jeffords Bastion. 

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Wenn Cochise an diesen rotbärtigen Postmeister dachte, glitt 

ein mildes Lächeln über seine Züge. Thomas war der zweite 
Weiße, den er seinen Freund nannte. John Haggerty war ein 
Kämpfer und Scout der Armee. Notgedrungen mußten sich alle 
seine dienstlichen Maßnahmen gegen die Interessen der 
Apachen richten, das verstand der Häuptling. 

Jeffords dagegen hatte mit dem Militär nichts zu tun. Als 

Postmeister der Butterfield Overland wollte er stets als Zivilist 
verstanden werden, der sich wegen seiner exponierten Stellung 
beim Paß mit den Chiricahuas, die das Land dort oben 
kontrollierten, vertragen mußte. Außerdem war Thomas 
Jeffords ein wirklicher Freund der Indianer, genau wie John 
Haggerty. 

Cochise warf einen letzten Blick nach Osten und suchte auch 

den nördlichen Horizont ab. Von einer Sekunde zur anderen 
war der Platz auf der Klippe leer. 

Am Spätnachmittag kletterte der Häuptling wie eine Gemse 

den Hang zur Höhle hinauf und traf Wyatt Earp sitzend auf 
dem Plateau an. Er ahnte sofort, daß zwischen den beiden so 
verschiedenartigen Männern etwas vorgefallen sein mußte. 

Cochise stellte keine Fragen, betrat die Höhle mit einem 

kurzen Kopfnicken zu Earp hin und setzte sich an die kalte 
Feuerstelle. Während er aus einer Feldflasche seinen Durst 
löschte, studierte er die finstere Miene Haggertys. Eine steile 
Falte stand wie eine eingemeißelte Kerbe auf Johns 
Nasenwurzel. 

Mit wenigen Worten berichtete Cochise, daß ihm zwei der 

Mörder entkommen waren. Haggerty blickte ihn nur kurz und 
wortlos an. 

»Die Jagd ist zu Ende, Jefe.« 
»Sie beginnt, wenn die Mörder das feste Haus der Weißen 

verlassen.« 

»Du bist unerbittlich.« 
Cochises Hand bewegte sich in einem Halbkreis. 

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»Alles Land gehört den Apachen. Es ist unfruchtbar und hat 

nur wenig Wasser. Und doch gönnen es die Weißen dem roten 
Mann nicht. Wenn eine Sippe von Weideplatz zu Weideplatz 
zieht, wird sie verfolgt und getötet. Die Frauen der Chiricahuas 
werden geschändet und entführt. Ist es denn nicht das vererbte 
Recht des roten Mannes, sein Land, das ihn ernährt, zu 
verteidigen und seine Toten zu rächen?« 

John Haggerty gab keine Antwort. Er konnte keine geben, 

weil er sehr wohl wußte, wie sehr der Häuptling recht hatte. 
Das Unrecht, das man den Apachen angetan hatte, sprengte 
immer wieder die freundschaftlichen Bande zwischen 
einzelnen Weißen und Roten. 

»Du verfolgst die Patrouille, Cochise?« 
»Nicht sie, aber die Mörder.« 
»Ich werde dich verlassen, Jefe. Man erwartet mich im 

Hauptquartier.« 

»Du sollst berichten, wo sich die Bergfeste der Chiricahuas 

befinden?« 

»Ich kenne sie nicht und kann nichts berichten.« 
»Wollten uns die Soldaten angreifen?« 
»Nein, Cochise. Der einarmige weiße Häuptling ist dein 

Freund.« 

»Warum will er dann wissen, wo wir leben?« 
»Nur so. Man nennt das bei den Weißen strategische 

Kriegsführung.« 

»Die Soldaten des weißen Häuptlings werden uns niemals 

finden, Falke. Was wirst du über uns berichten?« 

»Ich werde lügen müssen, Cochise.« 
»Du bist ein aufrechter Krieger, Falke, du kannst nicht lügen. 

Was wirst du dem weißen Häuptling sagen?« 

Die Kerbe auf Haggertys Nasenwurzel wurde tiefer und 

länger. John machte ein sorgenvolles Gesicht und drückte 
seinen Kummer in fahrigen Handbewegungen aus. 

Cochise bohrte weiter: »Tla-ina befindet sich in meinem 

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Jacale. Wirst du sie den Weißen ausliefern?« 

»Niemals!« 
»Ist das ein Versprechen?« 
»Ein heiliges, wenn du willst. Ich werde über den Paß reiten 

und mit Thomas Jeffords über die Sache sprechen. Vielleicht 
weiß er Rat?« 

Cochise schüttelte den Kopf. 
»Thomas ist kein Krieger. Er kann uns beiden nicht helfen. 

Soll ich dir sagen, was du tun sollst?« 

Cochise fühlte, daß sich der Scout in einem inneren 

Zwiespalt befand und keinen Ausweg aus seiner nahezu 
verzweifelten Situation sah. Er nahm ein dünnes Stück Holz, 
ritzte Linien und Kreise in den Aschenstaub des Felsbodens. 

»Wenn sie von dir fordern, sie in die Berge zu führen, dann 

führe sie dorthin. Hier«, er deutete mit dem Stock auf einen 
bestimmten Punkt, »leben wir in einem zerklüfteten Tal mitten 
in den hohen Bergen, die ihr Weißen Dragoon-Gebirge nennt. 
Führe sie dorthin. Willst du?« 

Haggerty hob seinen Kopf. Er musterte Cochise lange und 

eindringlich. Dann schüttelte er den Kopf. 

»Sie verlangen es nicht von mir, jetzt noch nicht. Wie ich 

sagte, ist das Strategie. General Howard soll in den Norden 
versetzt werden, davon redet man jedenfalls im Hauptquartier. 
Ein anderer General wird kommen, der die Befehlsgewalt an 
der Arizonafront übernimmt. Für ihn sind diese Angaben 
wahrscheinlich gedacht.« 

»Der neue General wird den Krieg wieder beginnen?« 
»Das glaube ich nicht, Cochise. Er bestimmt das auch nicht. 

Seine Befehle erhält er aus Washington, und du weißt das recht 
gut, wir sprachen einmal darüber.« 

Cochise nickte. Er stand auf und reckte seinen sehnigen 

Körper. 

»Merke dir die Skizze, Falke, und wenn der Tag kommt, der 

für die Chiricahuas ein entscheidender Tag sein wird, dann 

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führe die Soldaten zu jener Bergfeste, die ich dir aufzeichnete. 
Wirst du das tun?« 

John Haggerty stand ebenfalls auf. Er schüttelte den Kopf. 
»Ich kann es nicht und werde es nicht tun können, Jefe. Viele 

Jahre kämpfte ich für den Frieden zwischen unseren Rassen 
und will jetzt nicht an der Sache zum Verräter werden.« 

»Führe die Langmesser zu jenem Punkt«, sagte Cochise noch 

einmal eindringlich. »Führe sie, Scout, sie werden nicht einen 
einzigen Chiricahua antreffen.« 

Haggerty ahnte, was in dem Häuptling vorging. Er schien zu 

wissen, daß ein Scout Erfolge mit ins Lager zurückbringen 
mußte, wenn man ihm weiterhin Vertrauen schenken wollte. 
Nach einer längeren Pause intensiven Nachdenkens nickte er 
schließlich. 

»Gut, ich werde es so machen, wie es dein Wunsch ist, 

Chief. Denke aber daran, daß sie Kanonen mitbringen werden, 
wenn dieser Tag Wirklichkeit werden sollte.« 

»Sie werden nur Steine treffen, und Steine bluten nicht.« 
Nach diesen Worten drehte sich Cochise um und ging ein 

Stück tiefer in die Höhle hinein. Bei seinem Pinto blieb er 
stehen und musterte das Tier. Alles war unverändert, wie er 
den Platz verlassen hatte. 

Als er aufstieg und die Höhle verließ, stand Haggerty noch 

an der gleichen Stelle und hob die Hand zum Gruß. Cochise 
grüßte zurück. Auf dem Plateau wurde Cochise von Wyatt 
Earp angehalten. 

»Du reitest, Häuptling?« 
»Mein Weg führt mich nach Norden.« 
»Darf ich mit dir reiten, Chief?« 
»Du behinderst mich.« 
Earp grinste. »Ich mache mich unsichtbar, Chief. Nur bis 

Fort Bowie, wenn es deine Richtung ist.« 

Cochise nickte. »Komm«, sagte er, mehr nicht. 

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John Haggerty blieb in der Höhle, bis die Hufschläge draußen 
verklangen. Nach Cochises Bitte fühlte er sich leer und wie 
blutlos. Seine Befehlsgeber verlangten von ihm einen Verrat an 
den Apachen. Cochise erwartete von ihm eine Täuschung 
seiner eigenen Rasse. Johns Zwiespalt dämmerte mit seinem 
Pulsschlag bis in die Abendkühle, und so oft er sich fragte, was 
recht und unrecht war, geriet er in einen neuen Zwiespalt, der 
sich beklemmend um Herz und Seele legte. 

Wind kam draußen auf und brachte die unsichtbaren 

Orgelpfeifen wieder zum Klingen. Ein seltsamer Wind. Er 
befreite John nicht von seinem inneren Druck und gab auch 
keine Antwort auf alle seine Fragen. 

Müde ging er zu seinem Pferd. Er fütterte und tränkte das 

Tier ausreichend und legte ihm schließlich den Sattel auf. 

Als er es aus der Höhle führte, brach die Dämmerung über 

das Land. Die Sonne war noch eben als schmaler 
Kreisabschnitt über dem Horizont zu sehen und versank 
schließlich ganz in einem Meer aus Dunst. Es wurde schnell 
dunkel. 

Haggerty wußte nicht, wie er von dieser Stelle aus in die 

Ebene gelangen konnte. Den Geröllabhang wollte er nicht 
benutzen, weil er keine Ahnung hatte, wie weit die 
Verwitterung schon fortgeschritten war. Er kannte solche 
Halden und wußte, daß es für ein Pferd ganz gefährlich war, sie 
zu betreten. 

John suchte nach Spuren, fand sie und führte das Tier am 

Zügel auf der gut sichtbaren Fährte weiter. Auf einem 
gewundenen Weg ging es an einer Felswand entlang nach 
unten. Der Weg war allerdings nicht die Leiste, auf der Cochise 
gegen die Mörder einer Apachen-Sippe ausgezogen war. Es 
war aber auch nicht das schmale Band, das er benutzt hatte, die 
Outlaws zu belauschen. 

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Die Chiricahuas kannten ihr Land, jeden Steg und Weg, das 

mußte er ihnen zugestehen. Und doch wunderte er sich, 
weshalb Cochise eine so gut sichtbare Spur hinterlassen hatte, 
der ein Blinder mit einem Stecken hätte folgen können. 

Ein Verdacht kam Haggerty. Wollte ihm Cochise etwas ganz 

Bestimmtes zeigen? Wollte er ihm einen Hinweis auf etwas 
geben, das beiden nutzen konnte? 

Sein Pferd in seinem Rücken schnaubte kurz und unwillig. 

John, gewohnt auf die Stimmen und Veränderungen in seiner 
unmittelbaren Umgebung genau zu achten, blieb sofort stehen. 

Seine hellen Augen glitten in die Runde, suchten, forschten 

und fanden außer der Felsenlandschaft nichts, was auf eine 
Gefahr hingewiesen hätte. 

Heilige Stille lag über dem Land und drang in die tiefsten 

Schluchten, sich ausbreitend wie eine dämpfende Decke. Doch 
dann bemerkte der Scout etwas: dunkle Punkte in der grauen 
Dunkelheit vor sich. 

John Haggerty starrte, bis ihm die Augen tränten. Er rieb sie 

trocken und blickte immer wieder auf das seltsame Gebilde, 
das sich in der Schlucht wie ein Baudenkmal vergangener Zeit 
erhob. Langsam ging er abwärts. Sein Pferd gab keine 
Warnzeichen mehr von sich und klapperte mit harten Hufen 
hinter ihm her. 

Als er die Talsohle erreicht hatte, blieb er erst einmal 

witternd und sichtend wie ein Raubtier stehen. Es war 
tatsächlich ein Gebäude mit Fensteröffnungen und Türen. Aber 
sie starrten blind und unbelebt in die Nacht, als seien sie müde, 
stets das gleiche Bild anzustarren. 

John fielen Berichte von Männern ein, die eine solche 

Wohnsiedlung der Urbevölkerung schon gesehen hatten. 
Niemand wußte, wer sie erbaut hatte und wie ihre Erbauer 
ausgesehen hatten, auch die Apachen nicht. Die Weißen 
allerdings ergingen sich in Vermutungen oder taten Fragen 
nach solchen Bauten mit Achselzucken ab. 

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John setzte sich wieder in Bewegung. Die helle, 

hochaufragende Wand mit den dunklen Fensteraugen sah 
gefährlich aus. Wenn der Scout auch so gut wie keine Furcht 
kannte und manchmal alles auf eine Karte setzte, um sein Ziel 
zu erreichen, so erweckte doch der Anblick dieses 
prähistorischen Bauwerks eine tiefe Niedergeschlagenheit in 
ihm. Er konnte nicht sagen, was ihn bedrückte. Waren es die 
dunklen Fensterhöhlen, der Hauch vergangener Jahrhunderte, 
der aus den Fensterhöhlen strömte, oder war es die 
unterschwellige Ahnung von der endgültigen Auflösung der so 
stolzen und mächtigen roten Rasse? 

Trotz aller Fragen, die sich ihm aufdrängten, verstand er nun, 

weshalb Cochise die gut sichtbaren Spuren gelegt hatte. Das 
hier hatte er ihm zeigen wollen. 

Und was noch? 
Haggerty blieb stehen und schüttelte sich wie im Fieber. Sein 

Pferd berührte ihn mit seiner feuchten Schnauze und blies ihm 
warme Atemluft in den Nacken. 

Was, um Himmels willen, hatte ihm Cochise noch sagen 

wollen? 

John stand wie erstarrt, sah auf das Bauwerk, das seine 

Geheimnisse für sich behielt. Und dann durchfuhr es den Scout 
wie ein elektrischer Schlag. 

So abweisend waren die dunklen Fensterhöhlen gar nicht. Im 

Gegenteil. Plötzlich wirkten sie einladend und fordernd auf den 
einsamen Mann. Das Pferd stieß ihn wieder an, absichtlich 
oder unabsichtlich. Wer wollte das bei einem Pferd schon 
wissen? 

»Hör auf, Brauner«, sagte Haggerty murmelnd. »Siehst du 

nicht, daß der Jefe uns was sagen wollte? Natürlich auch dir, 
du dummes Pferd!« 

Nichts rührte sich bei dem Bauwerk. Es erhob sich auf einem 

Sockel aus rotem Sandstein und glitt schlank und glatt weit 
hinauf in den dunklen Nachthimmel, an dem die ersten 

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blinkenden Sterne wie auf einem Samttuch aufgereiht 
erschienen. 

»Komm, Pferd, wir sehen uns das an.« Er marschierte los, 

zerrte das Tier am Zügel. Aber der braune Wallach rührte sich 
nicht vom Fleck. 

»Pferd, was ist los? Hast du Angst? Die dort drüben tun dir 

nichts, sie sind lange nicht mehr unter den Lebenden. Komm, 
du brauchst keine Angst zu haben.« 

Das Tier trottete hinter dem Scout her, als hätten es seine 

gemurmelten Worte beruhigt. Vor der aufragenden Wand des 
Bauwerks blieb Haggerty stehen und starrte bis zu seinem 
höchsten Punkt hinauf. Die unbekannten Baumeister hatten es 
in eine mächtige Felsnische gebaut und die Stockwerke 
stufenartig angeordnet. 

John fragte sich, wer oder welche Rasse in jener fernen Zeit 

über so viel Bauverständnis verfügte, die statischen Belange 
einer solchen Wehrburg zu beachten. 

Endlich fand er ganz hinten an der linken Seite den Eingang. 

Hier mußte sich einmal eine Tür befunden haben, aber sie war 
verwittert oder von nachfolgenden Generationen zu Brennholz 
benutzt worden. 

John band sein Pferd an einen hochstämmigen Kaktus und 

betrat eine Art Halle, die sich terrassenartig um den Kern des 
Gebäudes wand. Die Geschosse wurden untereinander durch 
Schrägen verbunden. Größere Absätze hatte man 
wahrscheinlich mittels Leitern oder Kerbbalken überbrückt. 

Überall lag Staub und Kot von Fledermäusen und Eulen. 

Fuß- oder andere Abdrücke waren nirgendwo zu sehen. Kein 
größeres Tier oder gar Menschen hatten seit undenkbarer Zeit 
die Festung der Hohokams betreten. 

John Haggerty studierte aufmerksam seine Umgebung. 

Warum hatte Cochise ihn hierhergeführt, und was hatte er ihm 
sagen wollen? John grübelte, kehrte gedanklich noch einmal zu 
dem Gespräch zurück, das er mit dem Häuptling der Apachen 

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geführt hatte. 

Cochise hatte ihn an seine Pflicht als weißer Scout erinnert 

und sich selbst als den Mann bezeichnet, der seine eigenen 
Pflichten ernst nimmt. Das war kein oberflächlicher 
Gedankenaustausch zwischen den beiden so verschiedenartigen 
Männern gewesen, aber er, Haggerty, hatte Cochises Angebot 
gar nicht erst ernsthaft in Erwägung gezogen. Der Jefe hatte 
das gespürt und entschloß sich, John einen weiteren gangbaren 
Weg zu zeigen. Aber welchen? 

Sinnloses Grübeln brachte Haggerty nichts ein, außerdem 

störte ihn die Stille in diesem Haus und die Umgebung, die 
vom Mythos einer längst vergangenen Rasse geprägt worden 
war. War es das, was ihm Cochise hatte sagen wollen? 

Der Scout schüttelte in Gedanken den Kopf. Er bezweifelte, 

ob der Apache überhaupt jemals ein solches Gebäude der 
Urvorderen betreten hatte. Wie  alle Indianer war auch der 
Häuptling der Apachen nicht ganz frei von den 
Urvorstellungen des Götter- und Dämonenglaubens seines 
Volkes. 

Aber was war es? Wo ließen sich Zeichen Cochises 

erkennen, wie ließen sie sich deuten? 

John wandte sich ab und ging durch den Ausgang. Er sah 

sein Pferd draußen stehen, spürte die warme Luft im Canyon, 
der seine aufgenommene Sonnenhitze an die kühle Nacht 
abgab. Er hörte das laute Knacken von Gesteinsspannungen, 
das Rascheln von Sand, der von den Hängen rieselte. 

John Haggerty kannte die Geräusche alle und ließ sich nicht 

aufhalten. Bei seinem Wallach blieb er stehen und streichelte 
seinen Hals. 

»Ich weiß es nicht, Pferd. Weißt du es? Nein, du kannst es 

gar nicht wissen, mit dir sprach der Jefe ja nicht. Laß es gut 
sein, ich komme noch dahinter. Zunächst bringst du mich ins 
Hauptquartier, damit ich meinen Bericht loswerde. Verdammt, 
wie soll der Bericht aussehen?« 

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Nach diesem Gedankengang spürte er plötzlich, wie etwas 

anderes infiltrierte, wie sich seine Überlegungen plötzlich von 
dem abwandten, worüber er bisher nachgedacht hatte. Die 
geistige Verkrampfung löste sich, und er sah Cochise am Feuer 
sitzen und Striche und Punkte in den Staub zeichnen. 

Wie ein Hammerschlag brach es bei ihm durch. 

Übergangslos wußte er, was ihm der Häuptling hatte sagen 
wollen. Der erfahrene Indianer hatte sehr wohl gewußt, daß 
Haggerty nicht der einzige Scout war, der im Auftrag des 
Generals in den Bergen nach Cochises Bergversteck suchte. 

Keinem Apachen-Scout wären die zahlreichen Spuren 

entgangen, die die Chiricahuas bei Besuchen in ihrer Apacheria 
hinterließen. Sie führten jeden halbwegs intelligenten Scout 
genau dahin, wo sich das Gros des Stammes aufhielt. 

John Haggerty atmete befreit auf, bestieg sein Pferd und ritt 

an. Um ihn nicht in einen inneren Zwiespalt zu treiben, hatte 
ihm Cochise nicht mit Worten gesagt, wie sie beide das 
Dilemma beseitigen konnten. 

Aber John war alles klar. Er lachte so laut und glücklich, daß 

sein Pferd unwillig die Ohren schwenkte. Noch einmal lachte 
Haggerty schallend. Das Gesichtsfeld, das sich bei ihm 
plötzlich erweitert hatte, ließ sogar deutlich die Perspektiven 
von Cochises Plan erkennen. 

Seine Späher würden ihm rechtzeitig berichten, wann die 

Weißen heranrückten, und wenn ihre Haubitzen sich auf die 
Bergfeste richteten, würden sie tatsächlich nur Steine treffen. 

Cochise würde schon vorher mit seinen Sippen und dem 

Gros des Familienverbandes die Feste verlassen und ungesehen 
Zuflucht in dem Bau seiner Ahnen gefunden haben. 

Auf alle Fälle deckten sich Johns Angaben mit denen anderer 

Scouts, die auf Mokassins durch die Berge schlichen und mit 
wachen Augen alles beobachteten. 

Er, John Haggerty, Chef-Scout der Army in Arizona, würde 

nicht einmal lügen müssen, um die Chiricahuas vom Untergang 

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zu bewahren. Das jetzige Lager der Apachen war tatsächlich 
dort, wo es Cochise in seiner Zeichnung angegeben hatte. 

John ritt weiter und gelangte durch eine enge Klamm in den 

großen Canyon und von dort aus auf die Ebene. 

Das erodierte Gestein lag hinter ihnen, vor ihnen die Ebene 
zwischen den Dragoons und den Chiricahua Mountains. Im 
Süden standen die Pilonen der Swisshelm-Berge wie Kerzen 
im Sonnenglast. Ihre wenigen sehr hohen Gipfel glänzten wie 
die Helme der alten Spanier, die vor zweihundert Jahren dieses 
Land eroberten und dann doch nicht halten konnten. 

Cochise ritt vor Wyatt Earp. Er blickte weder über die 

Schulter zurück noch schaute er seitwärts. Seine dunklen 
Adleraugen lagen mit einem seltsamen Ausdruck auf der 
hügeligen Ebene im Nordosten. 

Kein Halm wuchs auf dem von der Sonne verbrannten 

Felsboden, kein Grün erfreute das Auge, nichts regte sich. 
Unter Gottes gütiger Hand schien dieses Land bei der 
Verteilung von Wasser und Vegetation zu kurz gekommen zu 
sein. 

Earp ritt eine halbe Pferdelänge hinter dem Häuptling. Wie 

Cochise ließ er sein Pferd im Schritt gehen und versuchte auch 
nicht, den Indianer zu überholen. 

Am frühen Vormittag sahen sie voraus die bewaldeten 

Höhen der nördlichen Chiricahua Mountains und später den 
tiefen Einschnitt des Passes an der Flanke des Gebirgsstocks in 
die Höhe klettern. Was hatte diese Paßstraße in den letzten 
Monaten nicht schon alles gesehen und erlebt? Hier oben 
verlor Cochise seinen erbitterten Kampf gegen die California-
Volonteers. An der gleichen Stelle wurde Victorio, der 
Mimbrenjo, zutiefst gedemütigt und im Zweikampf gegen 
Cochise besiegt. 

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Cochise blickte ausdruckslos hinauf. Was ging in diesem 

Augenblick in seinem Kopf vor? Bedauerte er so manche Tat 
und manche Fehlentscheidung, oder dachte er in diesem 
Augenblick an Thomas Jeffords, seinen Freund? 

Wyatt Earp, der von diesen Taten hier oben beim Paß nichts 

wußte, trieb sein Pferd an und ritt an Cochises Seite. 

»Reiten wir hinauf?« fragte er und deutete auf den Paßsattel. 
Cochise schüttelte den Kopf. 
»Der Weg ist näher, aber auch gefährlicher. Ich verfolge 

Soldaten, von denen ich nicht weiß, was ihnen die weißen 
Mörder erzählt haben.« 

Wyatt nickte gleichgültig. Ihm war es schließlich egal, wohin 

er ritt und wo er landete. Hauptsache für ihn war, dem 
Aufgebot aus Tombstone auszuweichen und in keinen 
Hinterhalt zu geraten. 

»Was ist das dort drüben am Hang?« fragte er und deutete 

auf eine sich aus dem Dunst abzeichnende Erhebung. 

»Ein festes Haus der Weißen. Ihr nennt es Fort Buchanan.« 
Südlich davon ragte der Giebel eines Ranchhauses in die 

Höhe. Auch diese Ranch hatte ihre Vergangenheit, wenn sie im 
Augenblick auch von einer Mexikanerin namens Martinez 
schlecht verwaltet wurde. Der Rancher selbst war tot. Jeder 
Fußbreit Boden hätte lange Berichte liefern können, wenn er 
gekonnt hätte. Und jeder Meter dieser Landschaft hatte Blut 
geleckt. Blut von Weißen und Apachen. 

Das alles ging dem Häuptling der Apachen durch den Kopf, 

während er seine Augen umherschweifen ließ. Schon sein 
Schwiegervater Mangas Coloradas wollte die Versöhnung mit 
den Weißen. Lange Jahre strebte er Freundschaft an und den 
Frieden. Aber solange noch eine Rothaut auf dem Land der 
Väter weilte, konnte es keinen Frieden geben. 

Cochises scharfes Auge verfolgte die dünne Linie der 

Paßstraße und die Staubwolke, die den Krümmungen folgte. 
Sie resultierte aus einem großen Reitertrupp, der sich 

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paßaufwärts bewegte. Ihm war klargeworden, daß die 
Patrouille nicht nach Fort Buchanan ritt, sondern den kürzesten 
Weg nach Fort Bowie benutzte. 

Seinem Adlergesicht waren seine düsteren Gedanken nicht 

abzulesen. Er wußte, daß sich die Mörder seiner Sippe mit 
jeder Minute weiter von ihm entfernten. Spielten aber 
Entfernungen bei einem Chiricahua eine Rolle? 

Der Weiterritt wurde zur Monotonie. Wyatt Earp fielen die 

Augen zu, doch die stoßende Gangart seines Pferdes 
verhinderte ein Einschlafen im Sattel. Die Tageshitze tat ein 
übriges, ihn gegen seine Umwelt abzustumpfen. 

Nicht so Cochise. Als Kind dieses Landes ertrug er Hitze und 

Strapazen mit Leichtigkeit. Wyatt hatte sich in den 
vergangenen Tagen oft gewundert, wie es der Häuptling fertig 
brachte, immer frisch und sauber auszusehen. Nicht der 
kleinste Schmutzfleck verunzierte seine Kleidung. Während er 
selbst unangenehm nach Schweiß und Pferd roch, gelang es 
dem Häuptling mit undefinierbaren Mitteln, sich absolut rein 
zu halten. 

»Legen wir heute keine Rast ein, Cochise?« 
Der Häuptling gab keine Antwort. Er lenkte sein Pferd zu 

einer Insel aus losen Steinen und Buschwerk und schwang sich 
dort vom Pferd. 

»Kein Feuer«, sagte er. »Sie können es von Fort Buchanan 

aus sehen.« 

»Auch das noch«, murrte der Weiße, »ich habe mich so auf 

einen starken Kaffee gefreut.« 

Cochise drang in das Dickicht aus Speerdorn, Yuccas und 

dünnstämmigen Kakteen ein und zerrte sein Pferd hinter sich 
her. Wyatt blieb noch draußen und schickte seine Blicke in die 
Runde. 

Mitten in der Felsenansammlung hielt das Schweigen zwei 

gedehnte Minuten an. Dann rief der Häuptling mit gedämpfter 
Stimme. 

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»Komm herein, Helläugiger, sie können dich mit ihren 

Ferngläsern sehen.« 

Wyatt Earp raffte sich auf und folgte dem gebahnten Weg bis 

zu Cochises Lagerplatz. Steine und dichtes Buschwerk umgab 
ihn. Nur der Bussard hoch in der Luft konnte sehen, daß sich 
hier Menschen aufhielten. Earp sattelte ab und tränkte zuerst 
das Pferd aus der Wasserflasche. Er ließ die warme Brühe 
einfach in seine Hutkrone laufen und hielt dem Tier den Hut 
hin. 

Irgend etwas störte den Spieler jedoch bei seiner Tätigkeit. 

War es der penetrante Geruch in seiner Umgebung oder das 
leise Rascheln zwischen den Steinen? Er sah sich um, zuckte 
zurück und verhielt sich stocksteif. 

Eine Diamantklapperschlange ringelte sich zwei Schritte von 

ihm entfernt auf einer flachen Steinkruppe und rasselte 
aufgeregt mit dem Schwanzende. 

Wyatt wollte sich herumdrehen und fliehen, das Weite 

suchen. Nur fort von dieser gottverdammten Schlange, deren 
Biß töten konnte. 

Sein erlernter Wildnisinstinkt sagte ihm jedoch, daß die 

Schlange schneller als er sein würde. Schweißgetränkt starrte 
er das Reptil an, das ihn im Auge behielt, und so verharrten 
beide lange Minuten. 

»Leicht bewegen«, flüsterte die Stimme Cochises. 
»Wie bewegen?« Wyatt bewegte kaum die Lippen. Angst 

schnürte ihm die Kehle wie mit einem gestrafften Lasso zu. 

»Nur den Kopf oder eine Hand.« 
Wyatt verstand den Indianer nicht. Die Schlange lag 

zusammengeringelt auf der Steinplatte, wo sie sich gesonnt 
hatte. Sie behielt ihn genau im Auge, und wenn er auch nur die 
geringste Bewegung machte, würde sie vorschnellen und 
zustoßen. 

Der Spieler wagte auch nicht, den Kopf etwas zu drehen, um 

nachzusehen, was Cochise vorhatte. Er stand da wie Lots 

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Weib, förmlich zur Statue erstarrt. Er überlegte, ob er den 
Revolver ziehen und versuchen sollte, den häßlichen kleinen 
Schlangenkopf mit ein paar schnellen Schüssen zu treffen. 

Aber Cochises Flüstern riß seine Gedanken wie mit einem 

Messerschnitt ab. 

»Hand bewegen«, kam es wie ein Hauch seitlich von Wyatt 

Earp. 

Er zwang sich dazu, Cochises Befehl zu folgen. Sofort 

richtete die Diamantklapperschlange den Oberkörper auf und 
ließ die beiden Giftzähne blitzen, dabei rasselte sie drohend mit 
dem Schwanzende. 

Ein leises Zischen glitt wie ein Lufthauch an Wyatt Earp 

vorbei. Die Schlange bäumte sich auf und fiel dann unter 
konvulsivischem Zucken in sich zusammen. Der lange, 
unterarmstarke Körper streckte sich. Cochises Messer hatte der 
Klapperschlange glatt den Kopf vom Rumpf getrennt. 

»Allmächtiger!« stöhnte Wyatt Earp. Farbe kehrte in sein 

Gesicht zurück, aber seine Hände flatterten noch wie die Flügel 
einer Fledermaus. »Das vergesse ich dir nie, Chief!« 

Cochise kam herüber, nahm sein Messer vom Boden auf, 

reinigte es und schob es in die eingenähte Scheide in den 
Leggins zurück. Sein Blick streifte den Spieler. 

»Du wirst es schon morgen vergessen haben, Hellauge.« 
»Nein, nie! Du kannst von mir verlangen, was du willst, und 

du wirst es bekommen, wenn ich's besitze.« 

Cochise winkte ab. 
»Ruhe dich aus, weißer Mann, in einer Stunde reiten wir 

weiter.« 

»Warum so schnell?« 
»Die Zeit drängt.« 
»Wir holen sie sowieso nicht vor Fort Bowie ein.« 
»Nicht deswegen, Bleichgesicht. Die Mörder des roten 

Mannes entkommen mir nicht. Was sie auch anfangen, ich bin 
immer in ihrer Nähe.« 

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»Zum Teufel, weshalb dann?« 
Cochises Hand glitt im Norden um die halbe Himmelsrose. 
»Deswegen, weißer Mann. Rauch-Signale des Todes, die 

dem Häuptling der Apachen gelten. Wir haben keine Zeit zu 
verlieren.« 

Wyatt Earp sah die Rauchzeichen von den Hügeln und 

Gipfeln aufsteigen und fragte sich in diesem Augenblick, wie 
sicher er noch in der Gesellschaft der Rothaut war. 

Ja, wie sicher? Er hatte sich dem Häuptling angeschlossen, 

um vor seinen Kriegern Ruhe zu haben. Ihm genügte es, wenn 
er sich auf die Posse aus Tombstone konzentrieren mußte und 
auf andere Indianerstämme, deren Krieger im Land der 
Chiricahuas streiften. 

Trotz der Gefahr, die von allen Hügeln hinter dem Paß 

sichtbar wurde, traf er die Entscheidung, noch ein Stück mit 
dem Jefe zu reiten, bis er sicher sein konnte, dem Aufgebot 
nicht mehr zu begegnen. 

»Okay«, sagte er, »eine Stunde Rast, das wird meinem Pferd 

genügen.« 

Er setzte sich auf einen flachen Stein und nahm seinen 

Proviant aus der Satteltasche. 

ENDE