background image
background image

 

Das Duell um die 

Grafentochter 

von Günther Herbst 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Als Ritter Roland die Jungfer erblickte, war er sofort 
hingerissen. Ihre Anmut und ihre Grazie ließen an eine 
Fee denken, die geradewegs aus dem Märchenland kam. 
Sie hatte das Gesicht eines Engels und lange blonde 
Haare, die wie gesponnenes Gold wirkten. Und was ihre 
Gestalt anging ... Roland konnte sich nicht erinnern, 
jemals vollendetere Formen gesehen zu haben. 

Sie sehen und auf sie zugehen, waren eins für den Ritter 

background image

mit dem Löwenherzen. Galant verbeugte er sich vor ihr 
und lächelte sein strahlendstes Lächeln. »Ist es 
erlaubt...?« 

Weiter kam er nicht. Eine schwere Hand legte sich auf 

seine Schulter, und eine dröhnende Stimme sagte: 
»Finger weg von meiner Braut, Hundsfott, oder ich 
schlage dir den Schädel ein!«
 

background image

Hundsfott! 

Für ein paar Augenblicke stand Roland ganz starr, ganz 

unbeweglich da. Dann drehte er sich langsam um. 

Ein riesiger, ungemein breitschultriger Mann stand vor ihm. 

Mächtige Muskeln spannten das Kettenhemd, das er trug. Ein dichter 
schwarzer Bart machte sein Gesicht fast unkenntlich. Böse funkelnde 
Augen blickten Roland unter buschigen Brauen an. 

Keine Frage, der Mann sah gefährlich aus. Er war die Gestalt 

gewordene Gewalt. Die meisten wären diesem Koloß tunlichst aus 
dem Wege gegangen und hätten sich gehütet, einen Zwist mit ihm zu 
beginnen. Nicht so jedoch Roland. Der Mann, der ihn einschüchtern 
wollte, mußte erst noch geboren werden. 

Furchtlos blickte er seinem Gegenüber in die Augen. »Habt Ihr 

soeben Hundsfott zu mir gesagt?« fragte er schleppend. 

»In der Tat«, grollte der Schwarzbärtige. »Hundsfott, das war es, 

was ich sagte!« 

Der Ritter mit dem Löwenherzen nickte langsam. »Ich dachte 

schon, ich hätte mich vielleicht verhört. Aber da dies nicht der Fall 
ist ...« Er holte aus, klatschte dem Mann seine flache Hand ins 
Gesicht. »Nehmt dies als meine Antwort, Bube!« 

Der Schwarzbärtige fuhr zurück, als habe ihn eine Natter gebissen. 

Es war wohl nicht so sehr die Wucht des Schlags, die ihn dazu 
veranlaßte. Vielmehr hatte ihn gewiß die Maulschelle an sich 
erschüttert. Für einen Mann vom Stande gab es nichts 
Schimpflicheres, als von einem anderen geohrfeigt zu werden. Noch 
dazu wenn Damen anwesend waren und Zeugen des Geschehens 
wurden. 

Und es war nicht nur das blonde Mädchen gegenwärtig, das er als 

seine Braut bezeichnet hatte. Im großen Festsaal von Schloß Camelot 
drängten sich die Herzöge, Grafen, Ritter und ihre Damen. Es gab 
sicherlich nicht wenige, die den Vorfall beobachtet hatten. Und 
inzwischen waren auch diejenigen aufmerksam geworden, die sich 
bisher anderweitig beschäftigt hatten. Es waren an die 200 Augen, 
die sich jetzt auf die beiden Widersacher richteten. Man hätte eine 

background image

Feder fallen hören können, so still war es im Festsaal geworden. 
Niemand sagte ein Wort. 

Auch der schwarzbärtige Riese sagte zunächst nichts mehr. 

Rolands Ohrfeige schien ihm regelrecht die Sprache verschlagen zu 
haben. Seine fleischigen Nasenflügel bebten, und in seinen Augen 
funkelte es geradezu mörderisch. 

Roland kannte den Mann nicht. Er hatte ihn noch nie auf Camelot 

oder sonst irgendwo gesehen. Aber es handelte sich zweifelsohne um 
einen Angehörigen des adligen Standes. Das Wappen auf seiner 
Brust, zwei gekreuzte Klingen über einem Aar, zeigten das ganz 
deutlich an. Aber adlig hin, adlig her, der Mann hatte ihn Hundsfott 
genannt. Und das durfte sich kein Ritter, kein Graf und auch kein 
König erlauben. 

Schließlich fand der Schwarzbärtige die Sprache wieder. »Du ... 

hast es gewagt, mich zu ohrfeigen, Bube«, stieß er hervor. Seine 
Stimme klang dabei so, als könne er immer noch nicht fassen, was 
ihm widerfahren war. 

Gleichmütig nickte Roland. »Und  wenn Ihr mich noch einmal 

Bube nennt, werde ich mich nicht scheuen, auch Eurer anderen 
Wange meine Hand zu spüren zu geben!« 

»Das würdest du wagen, Bube?« 
»Aber gewiß!« 
Und ehe sich der hünenhafte Mann versah, hatte Roland zwei 

Schritte nach vorne gemacht. Blitzschnell zuckte seine Linke nach 
oben. 

Klatsch! machte es. 
Jedermann im Festsaal hielt den Atem an. Die Blicke aller fraßen 

sich an dem Geohrfeigten fest. 

»Ich hatte Euch gewarnt, Freund«, sagte der Ritter mit dem 

Löwenherzen und trat wieder zurück. 

Er sah ganz kurz auf den Stein des Anstoßes  - die blonde Jungfer. 

Irrte er sich, oder konnte er in ihren Zügen tatsächlich so etwas wie 
Bewunderung lesen? Es wäre ihm eine große, eine sehr große Freude 
gewesen. 

background image

»Das ... ist ... zuviel!« 
Die Worte des Schwarzbärtigen fielen schwer wie Steine. Sein 

Gesicht war ausdruckslos wie eine Maske. Ruckartig fiel seine Hand 
auf den Knauf des Schwertes. 

»Diese Beleidigung kann nur mit Blut abgewaschen werden!« 
Im nächsten Augenblick hielt er das Schwert in der Faust. Es war 

ein mächtiges Schwert, breit und wuchtig. Die meisten Männer 
hätten Mühe gehabt, es mit ausgestreckter Hand zu halten, ohne es 
dabei ins Zittern geraten zu lassen. Dieser Mann jedoch handhabte es 
so leicht wie einen Hirschfänger. 

»Zieh deine Waffe, Bube!« grollte er. »Niemand soll Jean de 

Villiers nachsagen, er hätte einem Wehrlosen den Schädel vom 
Rumpf getrennt!« 

Jean de Villiers hieß der Hüne also. Das sagte Roland nichts. Dem 

Klang nach handelte es sich um einen welschen Namen. 
Wahrscheinlich kam der Hüne auch aus den welschen Landen, was 
der Grund dafür sein mochte, daß Roland ihm nie begegnet war. 

Wie dem auch war, der Tag, an dem Roland einer Forderung aus 

dem Wege ging, würde niemals kommen. Er zögerte keine Sekunde 
und zückte sein Schwert ebenfalls. 

»Wohlan denn, Freund«, sagte er lächelnd. »Mir scheint, es ist an 

der Zeit, Euch das große Maul zu stopfen!« 

Jetzt löste sich das große Schweigen im Festsaal. Ein Raunen und 

Flüstern hob an, und es wurde auch so mancher erstickte Aufschrei 
aus erschrockener Damenkehle laut. 

Auch das blonde Mädchen war sichtlich erschrocken. Sie blickte 

von einem zum anderen und schluckte. Ein paarmal setzte sie an, um 
etwas zu sagen, fand aber wohl nicht die richtigen Worte. 

»Ich ... bitte  Euch, Ihr Herren«, preßte sie schließlich hervor. »Ihr 

werdet Euch doch nicht wegen mir schlagen!« 

Es war nicht Rolands Art, einer Dame keine Beachtung zu 

schenken. Diesmal jedoch mußte er die Gebote der Höflichkeit 
mißachten. Er durfte seinen Widersacher nicht aus den Augen lassen, 
durfte sich nicht von ihm überraschen lassen. Jean de Villiers sah es 

background image

genauso. Auch er beachtete das Mädchen nicht, konzentrierte sich 
ganz auf den Ritter mit dem Löwenherzen. 

Dann aber griff eine andere Dame ein. Eine Dame, deren Wort sehr 

viel Gewicht hatte auf Schloß Camelot. 

»Halt!« 
Niemand anders als Ginevra, die Königin, war es, die den Kampf 

verhindern wollte. Majestätisch trat sie auf die beiden Widersacher 
zu, mit gebieterisch erhobener Hand. Die Umstehenden wichen  zur 
Seite, um ihr Platz zu machen. 

Aber der schwarzbärtige Hüne ließ sich auch durch sie nicht 

beeindrucken. Er bedachte die Königin mit einem finsteren Blick. 
»Bei allem Respekt, mischt Euch nicht ein. Dies ist eine 
Angelegenheit der Ehre!« 

Einmal mußte Roland de Villiers recht geben. Er nickte beifällig. 
Die Königin jedoch blieb hartnäckig. »In den Räumen von 

Camelot wird nicht gekämpft. Ich verbiete es!« 

»Doch!« widersprach der Schwarzbärtige unerschütterlich. »Dieser 

Hundsfott hat mich geohrfeigt und  mich dadurch unverzeihlichem 
Schimpf ausgesetzt. Dafür muß er sterben!« 

»Und er hat mich, wie Ihr selbst hören konntet, einen Hundsfott 

gescholten«, warf Roland ein. »Entweder nimmt er dies zurück und 
bittet mich in aller Form um Verzeihung oder ... « 

»Um Verzeihung bitten?« Der Hüne lachte röhrend. »Ein Jean de 

Villiers bittet nicht einmal Gott um Verzeihung!« 

Wieder wollte Ginevra etwas sagen, aber nun war es König Artus 

selbst, der ihr Einhalt gebot. »Laß den Dingen ihren Lauf, liebwerte 
Gemahlin«,  sagte er und legte ihr sacht eine Hand auf die Schulter. 
»Auch ich würde es höchst ungerne sehen, wenn sich für einen 
tapferen Mann das Schicksal erfüllt. Aber unter den obwaltenden 
Umständen muß in der Tat der Ehre Genüge getan werden.« Er 
nickte den beiden Widersachern zu. »So lasset denn die Waffen 
sprechen.« 

»Danke, Majestät«, sagte Roland. Es wäre ihm zuwider gewesen, 

gegen den Willen seines Gebieters handeln zu müssen. Nun jedoch 

background image

war er dieser Sorge enthoben. 

Dann begann der Kampf ... 
Jean de Villiers machte den Anfang. Ansatzlos ließ er seinen 

rechten Arm nach vorne fliegen. Aber Roland war auf der Hut. Sein 
Schwert zuckte hoch und blockte die Waffe des Gegners ab. Er 
wurde jedoch zwei Schritte zurückgetrieben, so mächtig war der 
Schlag des schwarzbärtigen Hünen gewesen. 

Sofort setzte de Villiers nach. Links, rechts, links, rechts  - seine 

Hiebe kamen schnell wie Blitze. Und auch ihre Wucht entsprach der 
Urgewalt eines mörderischen Unwetters. Roland mußte seine ganze 
Geschicklichkeit aufbieten, um nicht von vornherein entscheidend 
ins Hintertreffen zu geraten. Es gelang ihm mit Mühe und Not, die 
stürmischen Attacken seines Widersachers zu parieren. Er konnte 
allerdings nicht vermeiden, daß er weiter und weiter zurückweichen 
mußte. 

Die umstehenden Herrschaften beeilten sich, zur Seite zu springen. 

Auch König Artus und seine Gemahlin nahmen respektvoll Abstand. 

Wieder griff der schwarzbärtige Recke an. Ein grimmiges Lächeln 

lag auf seinen Zügen, während in seinen Augen der Haß brannte. 

»Gleich habe ich dich, Hundsfott!« stieß er hervor. 
Das schwere Schwert drang wie ein Rammbock auf den Ritter mit 

dem Löwenherzen ein. Und abermals kam Roland nur dazu, sich zu 
verteidigen. Bis jetzt hatte er noch keinen einzigen Angriffsschlag 
verteilen können. Den Knauf  seines Schwerts mit beiden Händen 
umspannend, wehrte er auch diesen Angriff ab. 

Dann spürte er in seinem Rücken die Wand. Noch weiter zurück 

konnte er nicht. 

Jetzt sah Jean de Villiers den Sieg dicht vor Augen. 
»Stirb, Hundsfott!« keuchte er und schlug zu. 
Aber er hatte sich zu früh gefreut. Roland parierte den 

mörderischen Schlag nicht mit seiner Klinge, sondern duckte sich 
geschwind. De Villiers Schwert schwirrte über ihn hinweg, so dicht, 
daß seine Haare ins Flattern gerieten. Putz- und Steinsplitter wurden 
hochgewirbelt, als der Stahl gegen die Wand krachte. 

background image

Roland tauchte unter dem Arm seines Gegners hindurch und stand 

im nächsten Augenblick seitlich neben ihm. 

Und nun ging er zum Angriff über. Mit einem wuchtigen Stoß 

zielte er auf die Brust des Schwarzbärtigen. In allerletzter Sekunde 
schaffte es Jean de Villiers, seine Waffe wieder in Position zu 
bringen und Rolands Schwert zur Seite zu schlagen. Aber der Ritter 
mit dem Löwenherzen war jetzt der Mann, der das Geschehen 
bestimmte. Er hatte die Rolle des Verteidigers abgelegt und war nicht 
gewillt, sich wieder in sie hineindrängen zu lassen. Nun deckte er 
seinen Gegner ein, mit Stößen, wuchtigen Hieben und gekonnten 
Finten, denen sofort wieder eine gekonnte Attacke folgte. 

Schnell geriet de Villiers in Schwierigkeiten. Er war ein 

vorzüglicher Schwertkämpfer. Er hatte das Auge eines Falken und 
die sichere Hand eines Bogenschützen. Und was die Kraft anging, 
hätte er es auch mit einem Bären aufnehmen können. Aber natürlich 
war er mit seinem riesigen,  schweren Körper nicht außergewöhnlich 
schnell auf den Beinen. Roland, ebenfalls groß und kräftig, aber bei 
weitem nicht so massig, war schneller, erheblich schneller als sein 
Widersacher. Leichtfüßig ging er nach vorne und trieb den 
Schwarzbärtigen vor sich her. 

De Villiers keuchte.  Schweißtropfen waren ihm auf die Stirn 

getreten. Sein Gesicht hatte sich verzerrt. Die Drohungen, die er noch 
vor wenigen Augenblicken von sich gegeben hatte, waren 
verstummt. Er hatte genug damit zu tun, am Leben zu bleiben. 

Es konnte eigentlich nicht mehr lange dauern, bis das Gefecht ent-

schieden war. Über den Sieger gab es unter den Zuschauern kaum 
Meinungsverschiedenheiten. Nur einige wenige hätten noch ein 
Goldstück auf den Schwarzbärtigen gesetzt. 

Da jedoch widerfuhr dem Ritter mit dem Löwenherzen ein 

Mißgeschick. Die Edelholzplatten des Festsaals waren von der 
Dienerschaft mit großer Sorgfalt geputzt und gewienert worden. An 
einer Stelle waren sie so glatt, daß Roland unglücklich darauf 
ausrutschte. Augenblicklich geriet er ins Straucheln. 

Das nutzte Jean de Villiers sofort. Zum ersten Mal kam er wieder 

background image

dazu, seinerseits einen Angriffsschlag zu führen. Und das tat er dann 
auch. Er führte ihn mit einer solchen Kraft, daß Roland ihn zwar 
abwehren konnte, dabei  aber noch mehr aus dem Gleichgewicht 
gebracht wurde. Fast wäre er zu Boden gestürzt. Im letzten Moment 
konnte er sich noch mit dem linken Knie abfangen. 

Seine Situation war jedoch nach wie vor überaus bedrohlich. Der 

Schwarzbart stand über ihm, sein Schwert mit beiden Fäusten 
umklammernd. Schon fuhr die Klinge auf Roland hinunter. 

Der Hieb wäre dazu angetan gewesen, den Stamm eines Baumes 

durchzuhauen. Wenn er getroffen hätte! Aber er traf nicht, weil sich 
Roland gedankenschnell zur Seite geworfen hatte. 

Jean de Villiers konnte den Schlag nicht mehr abbremsen. Die 

Klinge traf die Holzplatten des Fußbodens, traf sie mit einer 
derartigen Wucht, daß sie mehrere Zoll tief in das Holz eindrang. Der 
Schwarzbärtige wollte sein Schwert wieder hochreißen. Aber das 
gelang ihm nicht, so sehr er sich auch mühte. Der Fußboden gab die 
Waffe nicht frei, hielt sie unerbittlich fest. De Villiers mochte daran 
zerren und reißen, wie er wollte, er bekam sie nicht frei. 

Nun hatte Roland gewonnenes Spiel. Es wäre ihm ein Leichtes 

gewesen, seinen Gegner mit dem nächsten Schwerthieb in den Tod 
zu schicken. Aber das tat er nicht. Er wäre sich wie ein Schlächter 
vorgekommen. Deshalb beschränkte er sich darauf, dem 
Schwarzbärtigen die Schwertspitze auf die Brust zu setzen. 

De Villiers wußte, daß er verloren hatte. Er ließ den Knauf seiner 

steckengebliebenen Waffe los und machte ein ergebenes Gesicht. 

»Stoßt zu«, sagte er gepreßt. »Mein Leben gehört Euch.« 
Roland schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich will Euer Leben 

nicht. Aber ich will etwas anderes.« 

Roland warf einen Blick in das weite Rund. Die Blicke aller 

Anwesenden ruhten auf ihm. Auch die des blonden Mädchens, um 
das der ganze Zwist gegangen war. 

»Ihr habt mich einen Hundsfott genannt«, sagte Roland. 

»Entschuldigt Euch dafür!« 

»Ich entschuldige mich niemals ... Hundsfott!« Finster blickte ihn 

background image

der Schwarzbärtige an. »Und nun tötet mich endlich!« 

Erregtes Gemurmel erhob sich im Festsaal. Empörte Rufe wurden 

laut. Aber so manch einer war auch beeindruckt von der 
ungebrochenen Trotzigkeit des Mannes. 

Auch Roland gehörte zu denen, die beeindruckt waren. Angesichts 

des sicheren Todes noch immer seinen Stolz zu bewahren, verdiente 
Anerkennung. Aber Roland war es sich selbst schuldig, den 
Besiegten nicht gänzlich ungeschoren davonkommen zu lassen. 
Schließlich konnte er sich nicht ungestraft beleidigen lassen. 

Schnell zog er sein Schwert zurück, nahm es in die linke Hand und 

versetzte de Villiers abermals eine schallende Backpfeife. 

»Und nun geht!« sagte er ganz ruhig. 
Jean de Villiers ging. 
Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob ihm die blonde junge 

Frau folgen wollte. Aber das tat sie dann noch nicht. Statt dessen 
schenkte sie Roland ein unsicheres Lächeln. 

Und da wußte Roland, daß er einen seiner wertvollsten Siege 

errungen hatte. 

Übermütig gab Anja von Kronburg ihrem Pferd die Hacken zu 
spüren. Der Braune wieherte und ging folgsam in einen scharfen 
Galopp über. So schnell, daß Anjas Begleiter sofort den Anschluß 
verloren. 

Die Grafentochter lachte heiter. Es bereitete ihr diebisches 

Vergnügen, die Ritter ein wenig zu necken, die ihr Vater ihr als 
Begleitschutz mitgegeben hatte. Sie hielt diesen Begleitschutz für 
völlig überflüssig. Was sollte bei einem Ausritt in die burgnahen 
Wälder schon passieren? 

Aber das Lachen verging ihr. Urplötzlich brach eine wilde 

Reiterhorde aus dem Unterholz hervor. Augenblicklich war sie von 
allen Seiten umringt. 

Erschrocken schrie sie auf. Sie versuchte, eine Lücke in den 

background image

Reihen der Männer zu finden, aber das gelang ihr nicht. Einer der 
Kerle fiel ihr in die Zügel und brachte den Braunen mit einem 
kräftigen Ruck zum Stehen. 

Johlendes Lachen und kehlige Wortfetzen, von denen sie keinen 

einzigen verstehen konnte, drangen auf sie ein. Wohin sie auch 
blickte, sie sah in grinsende, lüsterne Männergesichter. Die Kerle 
hatten struppige Bärte und wüste Haare, und ihre Augen sahen 
irgendwie ganz seltsam aus. Bekleidet waren sie mit zottigen Pelzen 
und schreiend bunten Pluderhosen. Sie saßen auf kleinen, wild 
blickenden Pferden, mit denen sie förmlich verwachsen zu sein 
schienen. Anja von Kronburg wußte auf Anhieb, wen sie da vor sich 
hatte. 

Tataren! 
Mit Schaudern dachte sie daran, was sie von diesen wüsten 

Gesellen schon alles gehört hatte. Sie hackten zugefrorene Flüsse 
auf, um darin zu baden, aßen das Fleisch roh und tranken so viel 
Kartoffelbrand, daß ein Christenmensch davon erblindet wäre. Ihre 
größte Freude war es, Hütten und Häuser in Brand zu setzen, 
besiegten Feinden die Bäuche aufzuschlitzen oder die Kehle 
durchzuschneiden und unschuldige Mädchen zu schänden und 
anschließend grausam zu Tode zu quälen. 

Und nun war ausgerechnet sie, die wohlbehütete Tochter des 

Grafen der Grenzmark Kronburg, in die Klauen dieser Unmenschen 
geraten! 

Hilfesuchend blickte  sie sich nach den Getreuen ihres Vaters um, 

die sie schützen sollten. Wo blieben die Ritter nur? Eigentlich 
müßten sie inzwischen längst zur Stelle sein, denn so weit hatte sie 
sich doch gar nicht von ihnen entfernt. Ob die Männer die Gefahr 
gewittert und schnöde die Flucht ergriffen hatten? 

Nein, da kamen sie. Anja hörte das Hufgetrappel ihrer Pferde und 

ihre Rufe. Wenige Augenblicke später tauchten sie zwischen den 
Bäumen auf, die den Waldweg säumten. An der Spitze ritt der alte 
Kuno, ein in die Jahre gekommener Kämpe, dem ihr Vater vertraute 
wie einem leiblichen Bruder. 

background image

Jetzt wurden Kuno und die beiden anderen Ritter der Tatarenhorde 

ansichtig. Ruckartig zügelten sie ihre Reittiere. 

Die Barbaren aus dem Osten hatten die gräflichen Getreuen 

ebenfalls gesehen. Aber sie ließen sich dadurch nicht beunruhigen. 
Das Gegenteil war der Fall. Sie schleuderten den drei Rittern 
höhnische Zurufe entgegen und lachten gröhlend. Nein, sie hatten 
wahrlich keine Furcht vor den Begleitern der Grafentochter. 

Kuno und seine Gefährten zögerten. Sie waren sichtlich 

unschlüssig, was sie jetzt tun sollten. Schließlich faßte sich der 
Grauhaarige ein Herz und' lenkte sein Pferd ein paar Schritte nach 
vorne. 

»Gebt das Mädchen frei!« rief er mit lauter, fordernder Stimme. 
Rauhes, gemeines Gelächter war die Antwort. Der Tatar, der Anjas 

Reittier festhielt, beugte sich im Sattel vor und legte besitzergreifend 
seinen freien Arm um ihre Hüfte. 

Das ließ sich die Grafentochter nicht gefallen. Sie packte den 

Unterarm des Kerls und kratzte  ihn so kräftig, daß Blutstropfen 
hervortraten. 

Wütend ließ sie der Barbar los. Dann versetzte er ihr eine 

schallende Ohrfeige, die sie beinahe aus dem Sattel geschleudert 
hätte. Er begleitete seine rohe Tat mit einigen Zischlauten, die aus 
der Kehle eines wilden Tiers zu kommen schienen. 

Anja von Kronburg wimmerte laut. 
Ritter Kuno, der treue Alte, konnte es nicht mit ansehen. Er riß sein 

Schwert aus dem Gehenk und ließ sein Pferd vorwärts stürmen. Mit 
der erhobenen Waffe sprengte er auf die Barbarenbande los. 

Es war das Beginnen eines Mannes, der das Unmögliche wagte. 

Drei der Tataren lösten sich von den anderen, trieben ihre Reittiere 
dem Ritter entgegen. Gleichzeitig zückten auch sie ihre Schwerter. 
Mit einem tückischen Grinsen auf den abstoßenden Zügen erwarteten 
sie den mutigen Angreifer. 

Bevor er heran war, blickte sich Kuno noch einmal kurz nach den 

anderen beiden Rittern um. 

»Kommt und kämpft!« rief er ihnen zu. 

background image

Aber die beiden zauderten. Anja von Kronburg sah, wie sie einen 

Blick tauschten, einen Blick, der voller Angst und Zagen war. Sie 
blieben, wo sie waren. 

Feiglinge! dachte die Grafentochter. Wenn es ihr gelingen sollte, 

ihre Freiheit wiederzugewinnen, würde sie dafür sorgen, daß die 
beiden zur Rechenschaft gezogen wurden. Ehrlose Kerle wie sie 
verdienten es, von den Burgzinnen gestürzt zu werden. 

Der alte Kuno war jetzt nur noch wenige Pferdelängen von den 

drei Tataren entfernt. Wilde Entschlossenheit stand in seinem 
zerfurchten Gesicht geschrieben. Mit nerviger Faust umklammerte er 
den Knauf seines Schwerts. 

Jetzt war er heran ... 
Mit einem mächtigen Hieb drosch er auf den ersten der Barbaren 

ein. Aber der Reiter aus dem Osten hatte aufgepaßt. Im richtigen 
Augenblick war seine Klinge oben und parierte die Attacke des 
Ritters. 

Und schon war Kuno in Not. Die beiden anderen Tataren drangen 

auf ihn ein. Den Schwerthieb des einen konnte er in allerletzter 
Sekunde abducken. Der Stoß des zweiten jedoch kam durch. So 
wuchtig war der Angriff, daß Kunos Brünne aufgeschlitzt wurde. Die 
Klinge zog einen blutigen Streifen über die Brust des alten Ritters. 

Nur mit Mühe konnte sich Kuno im Sattel halten. Sein Gesicht war 

schmerzverzerrt, und er schwankte wie jemand, der zu tief in den 
Weinbecher geblickt hatte. 

Und wieder griffen die Tataren an. Heftig riß Kuno an den Zügeln, 

um ihnen auszuweichen. Schnaubend ging sein Pferd in der 
Hinterhand hoch. Das rettete ihn zunächst. Die wilden Schwerthiebe 
seiner barbarischen Gegner gingen fehl. 

Aber da war noch der dritte Tatar. Er hatte einen Bogen 

geschlagen, machte sich jetzt von hinten an Kuno heran. Ein 
mörderischer Schlag traf den alten Ritter in den Rücken. Seine 
Rüstung verhinderte, daß er in zwei Stücke gehauen wurde. Aber die 
Wucht des Hiebes war so groß, daß er sich nicht mehr auf dem 
Rücken seines Reittiers zu halten vermochte. Kopfüber stürzte er auf 

background image

den Boden. 

Das war sein Ende. Bevor er wieder auf die Füße kam, waren die 

Tataren über ihm. Ihre Schwerter wirbelten so schnell, daß Kuno 
keine Abwehrmöglichkeit mehr blieb. 

Der alte Ritter starb. Er starb als ein Mann, der seine Pflicht 

getreulich bis zum letzten Atemzug getan hatte. 

Anja von Kronburg stöhnte tief auf und wandte den Kopf zur Seite. 

Sie konnte den Anblick des Toten, der für sie sein Leben hingegeben 
hatte, nicht ertragen. 

Auch für die beiden ritterlichen Begleiter Kunos war der Anblick 

zu viel. Sie stießen einen heiseren Schrei aus und rissen ihre Pferde 
herum. Dann stoben sie in wilder Flucht davon. In Sekundenschnelle 
waren sie zwischen den Bäumen verschwunden. 

Die Tataren  lachten voller Hohn. Sie verfolgten die Fliehenden 

nicht, denn sie hatten ihr Ziel bereits erreicht. Anja von Kronburg, 
die Tochter des Markgrafen, war ihre Gefangene. 

»... kämpften wir wie die Löwen, aber die Übermacht war zu 
gewaltig. Fünf von ihnen konnten wir erschlagen. Dann jedoch 
mußten wir uns zurückziehen.« 

Mit böse funkelnden Augen blickte Graf Leander von Kronburg 

die beiden Ritter an, die abgehetzt und niedergeschlagen vor ihm 
standen. 

»Ihr habt es gewagt, meine Tochter im Stich zu lassen, die ich in 

eure Obhut gab?« stieß er hervor. »Dies also ist der Treueid, den ihr 
mir schwort.« 

Heftig schüttelte einer der beiden Ritter den Kopf. »Ihr tut uns 

bitter unrecht, Herr! Niemals wäre uns der Gedanke gekommen, aus 
freien Stücken das Weite zu suchen. Wir hätten weiter gekämpft, bis 
uns die Schwerter der Tataren ins Herz gefahren wären, aber... .« 

»Aber?« fragte der Graf scharf. Zornesfalten standen ihm auf der 

Stirn, während in seinen Augen gleichzeitig der Schmerz über den 

background image

Verlust seiner einzigen Tochter brannte. 

»Kuno hat uns befohlen, die Stätte des Kampfes zu verlassen«, 

sagte der Ritter. »Er wollte, daß die Kunde von dem schrecklichen 
Geschehen nicht verloren geht. Er wollte, daß wir Euch Bescheid 
sagen, Herr.« Mit gesenktem Kopf blickte der Ritter auf die grauen 
Steine des Burghofs zu seinen Füßen. 

Wie von selbst legte sich die rechte Hand des Grafen auf den Griff 

seines Schwerts. Er schien gewillt, den beiden Rittern jenes 
Schicksal zu bereiten, dem sie sich durch die Flucht vor den 
Barbaren aus dem Osten entzogen hatten. Bevor er die Waffe jedoch 
wirklich zog, fanden die beiden unglückseligen Ritter einen Fürspre-
cher. 

»Haltet ein, Graf Leander«, sagte Freiherr Helferich, der neben 

dem Burgherrn stand. »Mir scheint, der brave Kuno hat eine weise 
Entscheidung getroffen. Wenn auch diese beiden erschlagen worden 
wären ... Wie hätten wir jemals erfahren sollen, was aus Eurer holden 
Tochter geworden ist? Hättet Ihr geahnt, daß es Tataren waren, die 
sie in ihre Gewalt brachten, Graf?« 

Schweratmend ließ Graf Leander seine Rechte wieder sinken. 

Langsam nickte er. Er mußte sich selbst gegenüber eingestehen, daß 
der Schmerz wohl sein klares Urteilsvermögen etwas getrübt hatte. 
Es war einiges an dem, was die beiden Ritter und der Freiherr sagten. 
In der Tat wäre er kaum auf den Gedanken gekommen, daß Tataren 
seine Tochter geraubt hätten. Vor Jahren noch zogen die Horden des 
Khans sengend und plündernd durch die Mark Kronburg und die 
benachbarten Lande. Dann aber, nachdem es mehrere blutige 
Schlachten zwischen den wilden Reitern aus dem Osten und den 
Ritterheeren des Abendlandes gegeben hatte, war es zu einer Art 
stillen Einverständnisses gekommen. Die Tataren stellten ihre 
mörderischen Übergriffe ein, und die Krone nahm es hin, daß  der 
Khan jenseits der Grenzen sein erobertes Reich festigte. 

Nun jedoch? 
Nun hatten die Tataren das Stillhalteabkommen gebrochen. Und 

ausgerechnet Anja, seine heißgeliebte Tochter, mußte als erste 

background image

darunter leiden. 

Wie ein Lauffeuer hatte sich die böse Nachricht auf der Kronburg 

verbreitet. Überall standen die Bewohner, Edelleute und Gesinde 
gleichermaßen, zusammen und redeten mit betroffenen Mienen 
aufeinander ein. 

Besonders Marika, die Gräfin, war ganz außer sich. Die Jahre 

hatten ihr ihre einstige Schönheit genommen. Aber das Temperament 
ihrer magyarischen Ahnen war ungebrochen. 

»Unternimm etwas, Leander!« schrie sie mit blitzenden Augen und 

stampfte dabei mit den Füßen auf wie ein ungebärdiges Pußtapferd. 
»Bring mir meine Tochter zurück!« 

Grimmig sah der Graf sie an. »Was soll ich tun? Mich aufs Pferd 

setzen und den Entführern Anjas nachreiten?« 

»Warum nicht? Du verfügst über genug Getreue, um mit einem 

räuberischen Barbarentrupp fertig werden zu können!« 

»Glaubst du, die Kerle warten auf uns? Mit  Sicherheit haben sie 

längst wieder die Grenze überschritten und sind in ihr eigenes Reich 
zurückgekehrt. Und dort hätten wir es nicht mit einer kleinen Horde, 
sondern mit der geballten Macht des Khans zu tun.« 

»Ah, ich sehe schon«, sagte die Gräfin verächtlich. »Die Furcht 

verzehrt dich und hat dein Herz zu dem eines Hasen werden lassen!« 

Leander von Kronburg nahm seiner Gemahlin diese barschen 

Worte nicht übel. Der Schmerz sprach aus ihr, und das entschuldigte 
alles. Er sollte das Herz eines Hasen haben? Nein, gewiß nicht. Oft 
schon hatte er im harten Kampf seinen Mann gestanden und niemals 
war er einem Gegner aus dem Weg gegangen. Aber auch an ihm 
hatte der Zahn der Zeit unerbittlich genagt. Er war ein alter Mann 
geworden. Die Kraft war aus seinen Gliedern gewichen, und seine 
Sinne hatten sich im Lauf der Jahre getrübt. Es wäre ein 
aussichtsloses Unterfangen, wenn er selbst ins Tatarenreich ziehen 
würde. 

Wen sonst aber sollte er aussenden, um sein Kind zu retten, sofern 

es überhaupt noch zu retten war? Wenn er im Geiste die Reihen 
seiner Getreuen durchging, fiel ihm kein einziger ein, den er mit 

background image

dieser Aufgabe betrauen konnte. Es war ein Mann gefragt, der nicht 
nur Mut und Kampfkraft besaß, sondern auch über eine gehörige 
Portion Schläue verfügte. Eine offene Feldschlacht kam nicht in 
Frage. Dazu waren die Tataren in ihrem eigenen Reich viel zu 
mächtig. Nur mit listenreichem Vorgehen und einem überraschenden 
Handstreich mochte es gelingen, Anja wieder aus den Klauen der 
Barbaren zu befreien. 

Freiherr  Helferich schien seine Gedanken zu erraten. »Ihr fragt 

Euch, wer Eure Tochter retten könnte, Graf?« 

Der Burgherr nickte bedrückt. 
»Ich wüßte einen Mann, der das Wagnis auf sich nehmen würde«, 

sagte der Freiherr. 

»So, wen meint Ihr?« 
»Mich!« antwortete Helferich mit entschlossener Stimme. 
»Ihr wollt...« Graf Leander sah den breitschultrigen Mann mit den 

etwas klobigen Gesichtszügen mit gerunzelter Stirn an. 

»Ja«, bekräftigte der Freiherr. »Ihr wißt, welche Gefühle ich für 

Eure Tochter hege.  Um ihretwillen würde ich gar in die Hölle ziehen 
und es dort selbst mit dem Teufel höchstpersönlich aufnehmen!« 

Ein sinnender Ausdruck trat in die Züge des Grafen. Ja, er wußte in 

der Tat, daß Helferich ein Auge auf seine Tochter geworfen hatte. 
Seit längerer Zeit schon warb er um Anja. Es war seine erklärte 
Absicht, sie zur Frau zu gewinnen. Aber Leander hatte so seine 
Zweifel, ob dieses hartnäckige Werben aufrechter Liebe entsprang. 
Niemals war er den Gedanken los geworden, daß es dem Freiherrn 
mehr darum ging, durch eine Heirat mit Anja sein Nachfolger als 
Graf von Kronburg zu werden. Deshalb hatte er auch bisher 
Helferichs Anträge stets abschlägig beschieden. Jetzt jedoch wurde 
er in seiner Ansicht schwankend. 

Er bedachte den Freiherrn mit einem prüfenden Blick. Zweifellos 

war Helferich ein Mann, dem es an Mut und Kampfkraft nicht 
gebrach. Auf dem Turnierplatz hatte er sich stets als einer der Besten 
erwiesen. Beim Kampf gegen die aufständischen Slawen war er es 
gewesen, der den Anführer der Rebellen  im Zweikampf bezwungen 

background image

und die Erhebung dadurch beendet hatte. Und auch was die Schärfe 
seines Verstandes anging, konnte er sich mit jedem messen. 
Vielleicht war er wirklich der einzige in der Mark Kronburg, der 
etwas zur Rettung Anjas tun konnte. 

»Nun, was sagt Ihr, Graf?« Erwartungsvoll blickte Helferich den 

Burgherrn an. 

Aber noch zögerte der Graf. Er war sich völlig im klaren darüber, 

welche Folgen es nach sich ziehen würde, wenn es dem Freiherrn 
tatsächlich gelingen sollte, seine Mission erfolgreich abzuschließen. 
Es würde sich kaum vermeiden lassen, ihm Anja zur Frau zu geben, 
falls er sie den Händen der Tataren entrissen hatte. Das Gebot der 
Ehre verlangte es in einem solchen Fall, einem Mann den Lohn zu 
geben, den er sich unter Einsatz seines Lebens mehr als redlich 
verdient hatte. 

Dem Freiherrn entging sein Zögern nicht. Eine Falte des Unmuts 

erschien auf seiner Stirn. 

»Haltet Ihr mich nicht für würdig, die Aufgabe zu erfüllen, Graf 

Leander?« fragte er offen heraus. 

Der Burgherr verzog den Mund.  »Es ist keine Frage der Würde, 

Freiherr. Es ist ...« 

»Ja? Sprecht ganz offen mit mir, Graf!« 
Es war dem Grafen nicht möglich, das zu sagen, was er dachte. 

Niemand würde angesichts der trostlosen Situation Anjas 
Verständnis dafür aufbringen, wenn er nicht auf Helferichs 
Vorschlag einging. Schließlich wußte jedermann, daß der Freiherr 
wirklich derjenige war, dem man die Befreiung seiner Tochter 
zutrauen durfte. 

Langsam nickte er. »So sei es«, sagte er. »Wenn Ihr mir meine 

unglückliche Tochter zurückbringt, 

ist Euch meine ewige 

Dankbarkeit gewiß.« 

Alle Umstehenden begriffen sofort, wie diese Worte zu verstehen 

waren. Als erster natürlich der Freiherr selbst. Ein befriedigtes 
Lächeln huschte über seine groben Züge. 

»Ihr werdet nicht bereuen, mir Euer Vertrauen geschenkt zu haben, 

background image

Graf«, sagte er. »Ich bringe die holde Jungfer zurück. Es sei denn, 
ich finde vorher den Tod. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig 
ist!« 

»Wann werdet Ihr aufbrechen?« »Noch heute hefte ich mich an die 

Spuren der Barbaren«, versprach Helferich mit fester Stimme. 

Roland konnte getrost von sich behaupten, daß er einiges von der 
Minne verstand. Als fahrender Ritter war er durch viele Lande 
gekommen und hatte dabei Frauen aus allen Schichten 
kennengelernt. Hochgestellte Damen aus den vornehmsten 
Adelsgeschlechtern waren darunter gewesen, aber auch Töchter des 
einfachen Volkes. Sie alle hatten ihre Vorzüge gehabt. Von wild 
lodernder, unersättlicher Leidenschaft bis hin zur stillen Hingabe, 
Roland hatte die Liebe in allen ihren Spielarten erlebt und genossen. 

Eine Frau wie Mylene de Roncourt jedoch war ihm nur höchst 

selten begegnet. Sie war nicht nur schön wie eine prächtige Blume, 
die man sich zu pflücken scheute. Sie besaß auch Seele. Und nicht 
zuletzt das war es, was den Ritter mit dem Löwenherzen regelrecht 
gefangennahm. Bisher war es meistens so gewesen, daß er die 
Damen schnell wieder vergessen hatte, nachdem sie einmal sein 
geworden waren. Bei Mylene sah das jedoch ganz anders aus. Jeden 
Tag, den er mit ihr zusammen war, jede Nacht, die er mit ihr 
verbrachte, banden ihn nur noch fester an sie. Es führte kein Weg 
daran vorbei  - Roland hatte sich unsterblich in das Mädchen mit dem 
blonden Haar verliebt. 

Wie Jean de Villiers kam sie ebenfalls aus den welschen Landen. 

Sie war die Tochter eines Adligen, der es nie zu großem Ruhm und 
Vermögen gebracht hatte.  Gegen ihren Willen war sie von ihrem 
Vater mit dem reichen und in seiner Heimat hochangesehenen de 
Villiers verlobt worden. Als ihr Bräutigam dann als Gesandter seines 
Landesherrn an den Hof von König Artus gekommen war, hatte sie 
ihn begleitet. Und sie war auf Camelot zurückgeblieben, als Jean de 

background image

Villiers blamiert und gedemütigt wieder von dannen gezogen war. 
Selbstverständlich hatte Artus nichts gegen ihr Bleiben einzuwenden 
gehabt und sie in den Kreis seiner Hofdamen aufgenommen. 

Und der König schien sogar Vergnügen daran zu haben, daß sie 

seinem tapfersten Ritter den Kopf verdrehte. Eigentlich wäre es 
längst an der Zeit gewesen, daß Artus Roland einen neuen Auftrag 
gab. Fünfzig Aufgaben mußte er erfüllen, um sein großes Ziel, Ritter 
der berühmten Tafelrunde zu werden, erreichen zu können. Einen 
Teil dieser Aufgaben hatte er bereits erfolgreich hinter sich gebracht. 
Aber es fehlten noch ein paar Dutzend, um das halbe Hundert 
vollzumachen. Als Roland seinen Gebieter kürzlich darauf 
angesprochen hatte, war die Antwort des Königs nur ein 
vielsagendes Lächeln und eine launige Bemerkung über die 
Schönheit Mylenes gewesen. 

Aber dann waren die schönen Tage in der Gesellschaft des blonden 

Mädchens schließlich doch gezählt. König Artus ließ den Ritter mit 
dem Löwenherzen zu sich rufen. 

»Kennst du die Tataren, Roland?« erkundigte er sich. 
»Nur dem Namen nach«, antwortete der Ritter. »Begegnet bin ich 

bislang keinem einzigen von ihnen. Aber ich wäre durchaus begierig 
darauf, diesem Mangel abzuhelfen.« 

»Warum?« 
»Nun, man sagt, daß die Tataren die mutigsten Kämpfer der Welt 

sind. Ich hätte nichts dagegen, meine Kräfte mit dem Besten der 
Barbaren zu messen.« 

König Artus lächelte. »Ich könnte mir vorstellen, daß du dazu sehr 

bald Gelegenheit bekommst.« 

Roland hob die Brauen. »Sind neue Kämpfe mit den Horden des 

Khans ausgebrochen?« 

»Davon ist mir nichts bekannt«, gab der König zur Antwort. 

»Soweit ich weiß, haben die Tataren in der letzten Zeit die Grenzen 
zu unseren Landen nicht mehr überschritten.« 

»Aber Sie sagten doch ...« 
»Ich wollte dich aus einem anderen Grund zu den Männern von 

background image

Tugrik Khan schicken«, unterbrach ihn Artus. »Die Tataren sollen 
nicht nur die besten Kämpfer sein. Sie sollen auch die besten Pferde 
besitzen. Pferde, die ganz anders sind  als die unseren. Ich möchte, 
daß du eins dieser Pferde nach Camelot bringst.« 

Roland nickte entschlossen. »Ich werde Ihnen das beste Pferd 

bringen, das es im ganzen Tatarenreich gibt.« 

Artus lachte auf. »Und wenn dieses dem Khan selbst gehört?« 
»Dann muß sich der Tatarenfürst leider einen neuen Gaul 

besorgen. Ich würde mich nicht scheuen, ihm sein Reittier unter dem 
Hintern wegzuziehen!« 

Roland wußte, daß der König ein großer Pferdefreund war. Die 

Zucht von Camelot war weithin berühmt. Und er konnte sich sehr gut 
vorstellen, daß tatarisches Blut der Zucht zum Vorteil gereichen 
würde. 

»Eins möchte ich klarstellen«, sagte der König. »Es mag sein, daß 

du mit den Tataren in Handgemenge verwickelt wirst. Heißes Blut 
fließt in ihren Adern, und sie lieben uns Abendländer nicht 
sonderlich. Dennoch sollst du sie nicht herausfordern. Man muß ein 
Pferd nicht unbedingt gewaltsam in seinen Besitz bringen. Man kann 
es auch kaufen. Ich werde dir genug Geld mitgeben, um damit eine 
ganze Herde zu erwerben. Du verstehst, was  ich damit sagen will, 
Roland?« 

»Ja, mein König«, nickte Roland. 
Der König entließ ihn. 
Und Roland bereitete sich darauf vor, fürs erste Abschied von 

Mylene de Roncourt zu nehmen. 

»Ich wünsche Euch viel Glück, Helferich!« 

Graf Leander von Kronburg streckte dem Freiherrn seine Rechte 

entgegen. Helferich nahm sie und schüttelte sie kräftig. 

»Das Glück kann ich brauchen«, sagte er. »Ansonsten aber werde 

ich alles tun, was in meiner Macht steht.« 

background image

Er wandte sich der Gemahlin des Burgherrn zu, die wie alle 

anderen auf den Burghof gekommen war, um den Retter ihrer 
Tochter zu verabschieden. 

»Grämt euch nicht, Gräfin Marika«, sagte er zuversichtlich. »Bald 

werdet Ihr die Jungfer Anja wieder in Eure mütterlichen Arme 
schließen können.« 

Und nach einer kurzen Pause: »Und mich dazu, hoffe ich!« 
Die Gräfin nickte heftig. »Wenn Ihr Anja zurückbringt, seid Ihr 

mir als Schwiegersohn hochwillkommen. Nicht wahr, Leander?« 

»Ja«, sagte der Graf, »so soll es sein.« 
Nach wie vor war er wenig davon begeistert, den ehrgeizigen 

Freiherrn als seinen Nachfolger hinnehmen zu müssen. Aber er 
wußte, daß es nach Lage der Dinge keine andere Möglichkeit gab. 
Außer Helferich war niemand da, der etwas für Anja tun konnte. Der 
Freiherr hatte sich inzwischen die Stelle, an der es zu dem Überfall 
gekommen war, angesehen. Wie er sagte, hatte er auch schon Spuren 
gefunden, denen er folgen konnte. So blieb nur zu hoffen, daß seine 
Taten mit seinen Versprechungen Schritt halten würden. 

Nun waren der Worte genug gewechselt. Helferich schritt auf sein 

bereits gesatteltes Pferd zu und nahm die Zügel aus der Hand eines 
Knappen entgegen. Er winkte den Umstehenden noch einmal zu, 
schwang sich dann in den Sattel. 

Und stürzte im nächsten Augenblick schwer auf die Pflastersteine 

des Burghofs! 

Graf Leander und einige andere waren sofort an seiner Seite. 
»Was, bei allen Heiligen, war das?« 
Die Frage beantwortete sich schnell von selbst. Ein Blick auf 

Helferichs Pferd genügte, um zu erkennen, daß der  Sattel ganz schief 
hing. Offenbar war ein Gurt gerissen und hatte den Fall verursacht. 

Der Freiherr war sich der Peinlichkeit der Szene sehr bewußt. Ein 

Mann, der ausziehen wollte, um es mit den Tataren aufzunehmen, 
fiel ganz einfach nicht von seinem Pferd! Daß es sich um einen 
unglückseligen Zufall handelte, der letzten Endes jedem hätte 
widerfahren können, war nur ein schwacher Trost für ihn. 

background image

Er zwang sich zu einem Lächeln, wollte sich dann wieder auf die 

Füße stellen. Als er sich dabei mit dem rechten Arm abstützte, 
durchzuckte ihn ein wilder Schmerz. Der Arm knickte ihm weg, und 
er lag abermals flach auf den Steinen. 

Das erstaunte Murmeln der Umstehenden klang in seinen Ohren 

wie gellendes Hohngelächter. Unwillig wehrte er die beiden 
Knappen ab, die  ihm beim Aufstehen behilflich sein wollten. Er 
schaffte es auch aus eigener Kraft. Aber der rechte Arm ... 

Helferich konnte nicht vermeiden, daß ein schmerzhaftes Zucken 

über sein Gesicht huschte. 

Dieses Zucken entging dem Burgherrn nicht. »Was habt Ihr, 

Helferich? Ihr seid doch nicht etwa ... verletzt?« 

Der Freiherr betrachtete seinen Arm, der in einem seltsamen 

Winkel vom Körper abstand. Oberhalb des Ellenbogen spürte er 
einen dumpfen, scharfen Schmerz. 

»Ich befürchte das ... Schlimmste«, sagte er gepreßt. »Wenn mich 

nicht alles täuscht, dann ist der Arm gebrochen.« 

»Das darf doch nicht wahr sein!« rief Graf Leander erbittert. 

»Versucht, den Arm zu bewegen!« 

Helferich hob den Arm, schwenkte ihn hin und her. Der Schmerz 

brachte ein Stöhnen über seine Lippen. 

»Vielleicht nur ein bißchen verstaucht«, sagte der Graf hoffnungs-

voll. Wenn der Arm tatsächlich gebrochen war ... Teufel auch, mit 
einer solch schweren Behinderung konnte es der Freiherr unmöglich 
mit den Tataren aufnehmen. Und wenn er es nicht tat... 

Helferich wollte Gewißheit und fing an, Brünne und Kettenhemd 

abzulegen. Allein war er dazu nicht in der Lage. Er brauchte die 
Hilfe von zwei Knappen. 

Dann lag sein sehniger, kräftiger Arm frei. Und es bedurfte nicht 

der fachlichen Beurteilung durch  einen Heilkundigen, um zu 
erkennen, wie die Dinge standen. 

Der Arm war ohne jeden Zweifel gebrochen... 

background image

Roland unternahm die Reise in die östlichen Regionen nicht zum 
ersten Mal. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er eine Wallfahrt 
nach Böhmen begleitet und dortselbst einen harten Kampf gegen 
einen verbrecherischen Grafen geführt. 

Auch seine beiden Begleiter, die treuen Knappen Louis und Pierre, 

waren auf der Wallfahrt dabei gewesen. Und wie damals führte 
Pierre auch jetzt wieder fortwährend laute Klagen über die Mühsal 
und den Strapazenreichtum der langen Reise im Munde. Pierre war 
ein untersetzter, zur Fettleibigkeit neigender Bursche. Er besaß einen 
ausgeprägten Hang zur Gemütlichkeit und hätte am liebsten Schloß 
Camelot niemals verlassen. 

Daß er es dennoch immer wieder tat, sprach für die Treue und 

Ergebenheit, die er Roland entgegenbrachte. Was dies betraf, stand 
ihm Louis kein bißchen nach. Auch er wäre jederzeit bereit gewesen, 
sich für seinen Herrn in Stücke hauen zu lassen. Vom  Äußeren her 
war er das genaue Gegenteil von Piere. Schlank, dabei aber durchaus 
kräftig, drahtig, von heißblütigem, mitunter etwas über die Stränge 
schlagendem Temperament. Bevor er sich Roland als Knappe 
anschloß, war er der Anführer einer Räuberbande  gewesen. In dieser 
Eigenschaft hatte er alle Schliche des Kriegshandwerks gelernt. Und 
da es ihm weder an Mut noch an Schläue gebrach, hätte sich Roland 
kaum einen besseren Gefährten wünschen können. Das bedeutete 
aber keineswegs, daß er etwa mit Pierre unzufrieden gewesen wäre. 
Der dickliche Knappe hatte zwar den Mut nicht gepachtet, aber wenn 
es darauf ankam, stand er sehr wohl seinen Mann. Und was ihm an 
purer Kampfkraft vielleicht fehlen mochte, verstand er stets durch 
Listigkeit und überraschende Einfälle zu ersetzen. 

Trotz Pierres ständigen Lamentierens verlief die Reise ohne 

größere Probleme. Der Name >Roland< war mittlerweile in allen 
Landen bekannt, und so brauchten sich der Ritter mit dem 
Löwenherzen und seine Begleiter unterwegs über mangelnde 
Gastfreundschaft nicht zu beklagen. Fast immer fanden sie in einer 
Burg oder in einem Gasthof ein gutes Essen und ein weiches 
Nachtlager. Innerhalb einer Zeitspanne, die sie selbst überraschte, 

background image

erreichten sie die Grafschaft Kronburg. 

»Kronburg ist eine  der Grenzmarken, nicht war?« sagte Louis, der 

in seinem wildbewegten Leben schon weit herumgekommen war. 

Roland nickte. »Ja. Jenseits der Grenzen beginnt der 

Herrschaftsbereich der Tataren.« 

Unwillkürlich schüttelte sich Pierre. »Tataren! Schon wenn ich  das 

Wort höre, läuft es mir kalt den Rücken hinunter.« 

»Alter Angsthase«, sagte Louis verächtlich. Er lächelte, als er 

fortfuhr: »Obgleich mir an deiner Stelle im  Tatarenreich auch nicht 
allzu wohl wäre!« 

»Wieso?« Pierres Stimme klang alarmiert. 
»Nun«, sagte Louis gedehnt, »wenn ich richtig informiert bin, 

pflegen die Barbaren ihr Fleisch am Spieß zu rösten  - in ganzen 
Stücken! Ich könnte mir vorstellen, daß ihnen bei einem Mann von 
deinem Kaliber das Wasser im Munde zusammenläuft.« 

Der entrüstete Aufschrei Pierres veranlaßte Roland zu einem 

Grinsen. Er war es gewohnt, daß sich seine beiden Knappen 
fortwährend neckten, wobei sie manchmal recht grob zu Werke 
gingen. Er wollte nicht leugnen, daß er des öfteren seinen Spaß daran 
gehabt hatte. Die Hasenfüßigkeit Pierres forderte natürlich dazu 
heraus. 

Louis wurde wieder ernst. »Werden wir die Grenze heute noch 

überschreiten?« erkundigte er sich. 

Roland wiegte den Kopf hin und her, schüttelte ihn dann. »Ich 

glaube, wir sind gut beraten, wenn wir zuvor ein paar  Erkundigungen 
einholen. Die Menschen hier in der Grenzmark hatten gewiß schon 
des öfteren Kontakt mit den Barbaren und können uns nützliche 
Ratschläge geben.« 

»Warum suchen wir nicht die Burg des Markgrafen auf?« schlug 

Louis vor, der natürlich gleich wieder an ein weiches Lager dachte. 

Der Ritter mit dem Löwenherzen fand den Gedanken trotzdem gut. 

Der Markgraf mochte in der Tat der rechte Mann sein, ihnen mit Rat 
und Tat zur Seite zu stehen. 

Als sie wenig später an einem Feld vorbeikamen, auf dem fleißige 

background image

Bauern arbeiteten, erkundigten sie sich nach der Kronburg. Sie 
brachten in Erfahrung, daß der Sitz des Landesherrn nicht weiter als 
zwei gute Reitstunden entfernt war. Sie würden keine 
Schwierigkeiten haben, ihr Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit zu 
erreichen. Zügig ließen sie ihre Reittiere wieder ausschreiten. 

Anderthalb Stunden später lag die Kronburg vor ihnen. 

Die Gastfreundschaft des Markgrafen ließ nichts zu wünschen übrig. 
Während Pierre und Louis im Ritterhaus Aufnahme gefunden hatten, 
ließ es sich der Burgherr nicht nehmen, Roland an seine eigene 
Abendtafel zu bitten. 

Außer dem Grafen, einem nicht mehr jungen und schon recht 

gebrechlich wirkenden Mann, waren beim Mahl auch seine 
Gemahlin und ein paar ausgewählte Getreue. Aber obwohl sich alle 
Einheimischen Mühe gaben, ihrem Gast mit Freundlichkeit und 
Herzlichkeit zu begegnen, spürte Roland doch, daß ein Schatten über 
der Tafel lag. Irgend etwas schien Graf Leander und die Seinen 
schwer zu bedrücken. Die Höflichkeit gebot es Roland jedoch, keine 
aufdringlichen Fragen zu stellen. Auch die Kronburger wahrten die 
höfische Form. Niemand drang in Roland, um Ziel und Zweck seiner 
Reise in Erfahrung zu bringen. Sie warteten darauf, daß der Besucher 
von sich aus zu erzählen begann. 

Und das tat der Ritter mit dem Löwenherzen dann schließlich auch. 

Da er nicht das geringste zu verbergen hatte, berichtete er getreulich, 
mit welcher Weisung ihn sein Gebieter König Artus in den Osten 
geschickt hatte. 

Seine Worte erzielten eine etwas überraschende Wirkung. 

Sekundenlang sagte keiner der Anwesenden etwas. 

Roland runzelte die Stirn. »Ist es so außergewöhnlich, daß jemand 

ins Reich der Tataren ziehen will?« 

»In der Tat«, bestätigte Graf Leander. »Zwischen den Untertanen 

des Khans und uns herrschen nicht gerade freundschaftliche 

background image

Beziehungen. Insbesondere wir Kronenburger haben Anlaß ...« Er 
hielt inne und blickte Roland prüfend ins Gesicht. »Gestattet Ihr mir 
eine Frage, bevor ich weiterspreche?« 

»Gewiß doch!« 
»Seid Ihr der Ritter, den man den mit dem Löwenherzen nennt?« 
Roland nickte. »Diesen Beinamen hat man mir verliehen, ja.« 
»Derjenige, der den letzten Lindwurm bezwang, und der blutigen 

Gräfin das teuflische Handwerk legte?« 

»Nämlicher bin ich.« 
Die Gräfin Marika klatschte plötzlich in die Hände und lachte mit 

einer Fröhlichkeit, die so gar nicht zu ihrer bisherigen 
Leichenbittermiene passen wollte. 

»Dann seid Ihr ja ein echter Held!« 
Dazu konnte Roland nur die Achseln zucken. Als Held bezeichnet 

zu werden, machte ihn beinahe verlegen. Aber er wollte auch nicht 
ableugnen, daß ein Gefühl des Stolzes in ihm aufstieg. Welchen 
jungen Recken hätte es nicht gefreut, wenn seine Taten Ruhm und 
Achtung ernteten? 

»Ihr könnt es natürlich nicht wissen, Ritter Roland«, fuhr der Graf 

fort. »Aber wir haben derzeit hier auf der Kronburg einen echten 
Bedarf an Helden!« 

»Inwiefern?« Roland lachte. »Treibt auch hier noch ein Lindwurm 

sein Unwesen?« 

»Wenn es nur das wäre«, seufzte der Graf. »Ich und meine 

Gemahlin, wir haben ganz andere Sorgen.« 

Und dann erzählte er, erzählte von dem mörderischen Überfall der 

Tatarenhorde und der Verschleppung seiner Tochter, erzählte von 
dem Mißgeschick, das den einzigen möglichen Retter befallen hatte, 
und erzählte von dem  schier unerträglichen Kummer, der ihn und die 
Gräfin beinahe auffraß. 

Er kam zu dem Schluß: »... und da Ihr ohnehin zu den Tataren 

wollt, da dachte ich ...« 

»... daß ich mich ein wenig nach Eurer unglücklichen Tochter 

umsehe«, vervollständigte der Ritter mit dem Löwenherzen. 

background image

»Ja, ja, ja!« rief die Gräfin. Sie war von ihrem Stuhl 

aufgesprungen. »Werdet ihr es tun, Ritter?« 

Roland brauchte nicht eine einzige Sekunde zu überlegen. Für ihn 

war die Rettung des verschleppten Mädchens nicht nur eine 
Gefälligkeit, sondern auch eine Verpflichtung. 

»Ja«, sagte er mit fester Stimme, »ich werde es tun!« 
Gräfin Marika schien gewillt, ihm um den Hals zu fallen. Und 

wenn der mit Speisen vollgestellte Tisch nicht dazwischen gewesen 
wäre, hätte sie es wahrscheinlich auch getan. 

Da jedoch erhob sich überraschend Widerspruch am Tisch. 
»Ich weiß nicht, ob es weise ist, diesen jungen Mann mit der 

Rettung der Jungfer Anja zu betrauen«, sagte der etwas 
grobschlächtige Mann, der links von Graf Leander saß. 

Roland blickte den Sprecher mit leicht zusammengekniffenen 

Augen an. Er hatte vorhin, als ihm die anwesenden vorgestellt 
worden waren, seinen Namen nicht richtig verstanden. Aber er ahnte 
schon, um wen es sich handelte. Die Tatsache, daß der 
Grobschlächtige seinen rechten Arm in einer Binde trug, sagte 
eigentlich alles. 

Die Augen aller richteten sich auf den Mann. 
»Was meint Ihr, Freiherr Helferich?« fragte der Graf. Der 

befremdete Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. 

»Ich meine, daß das Abschlachten eines Lindwurms wenig über 

die wahren Fähigkeiten eines Mannes aussagt«, gab der 
Grobschlächtige zur Antwort. »Und die Unschädlichmachung einer 
blutgierigen Götzenpriesterin auch nicht!« 

Roland lächelte spöttisch. »Ich zweifle nicht daran, daß auch Ihr 

diese Taten leicht vollbracht hättet, mein Herr. Zumindest mit dem 
Munde!« 

Helferich fuhr hoch. »Was wollt Ihr damit sagen, Ritter?« 
»Daß es vielleicht angebracht wäre, wenn Ihr zunächst einmal 

lernt, wie man sich auf dem Rücken des eigenen Pferdes hält«, sagte 
Roland freundlich. 

Der Grobschlächtige lief rot an im Gesicht. »Wenn Ihr ein paar 

background image

Tage später gekommen wärt und ich meinen Arm wieder richtig 
gebrauchen könnte, dann würde ich Euch für diese Frechheit den 
Schädel spalten!« 

»Das hat mir kürzlich bereits ein anderer angekündigt«, erwiderte 

Roland, der sich noch lebhaft an den Zweikampf mit Jean de Villiers 
erinnerte. »Jetzt hat er sich in die Einöde zurückgezogen und 
versucht dort, seine Schmach zu vergessen. Schätzt Euch glücklich, 
daß Ihr Euren Arm in der Schlinge tragt.« 

Wütend wandte sich der Freiherr an den Grafen. »Ihr gestattet, daß 

mich dieser junge Flegel verhöhnt und beleidigt?« 

Graf Leander machte eine vieldeutige Handbewegung. »Mir 

scheint, daß Ihr der erste wart, der unhöfliche Worte sagte.« 

»Ich hatte nur Euer Bestes im Auge, Graf! Und das Beste Eurer 

unglücklichen Tochter! Glaubt Ihr wirklich, daß ein Pferdedieb der 
richtige Mann für Euch ist?« 

»Pferdedieb!« Roland holte tief Luft. 
»Wer ein Tatarenpferd in seinen Besitz bringen will, kann es nur 

stehlen«, sprach der Freiherr weiter. »Und wenn ihm dies gelungen 
sein sollte, dann hat er so viel damit zu tun, sich in Sicherheit zu 
bringen, daß ihm für alles übrige keine Zeit mehr bleibt. Wie sollte er 
sich da um Eure Tochter kümmern?« 

»Dies laßt gefälligst meine Sorge sein!« warf Roland mit wütender 

Stimme ein. 

Helferich ging nicht auf ihn ein, blickte unverwandt den Burgherrn 

an. »Glaubt mir, Graf Leander, es sind nur lautere Beweggründe, die 
mich veranlassen, so zu sprechen. Wartet  noch ein paar Tage. Dann 
ist mein Arm wieder so weit hergestellt, daß ich ein Schwert halten 
kann. Unverzüglich werde ich mich dann auf den Weg machen 
und...« 

»Nein!« fuhr Gräfin Marika mit schriller, aufgeregter Stimme 

dazwischen. »Wir haben ohnehin schon viel zuviel Zeit verloren. 
Jeder weitere Tag, der vergeht, macht eine Befreiung Anjas immer 
zweifelhafter. Und darum ...« 

»... sollte allerschnellstens etwas geschehen«, sagte Graf Leander. 

background image

Er blickte Roland an. »Ich kenne Euch zwar nicht näher, Ritter,  aber 
ich habe vollstes Vertrauen zu Euch. Ein Mann, der in den Diensten 
eines Herrschers wie König Artus steht und in jungen Jahren schon 
solchen Ruhm erworben hat wie Ihr, der sollte auch mit den Tataren 
fertig werden können.« 

»Ich danke Euch, Graf«, sagte Roland. Dann beschäftigte er sich 

wieder mit dem Hirschbraten auf seinem Teller, der leider schon kalt 
geworden war. 

Als er wenig später aufschaute, sah er, wie der Blick des Freiherrn 

voller Haß auf ihm ruhte. Unwillkürlich wurde er abermals an Jean 
de Villiers erinnert. Aber er ließ sich dadurch den Appetit nicht 
verderben und langte anschließend wieder kräftig zu. 

Während des Essens wurde nicht mehr allzuviel gesprochen. Alle 

Anwesenden hingen ihren eigenen Gedanken nach. Nachdem die 
Tafel aufgehoben war, gab es jedoch noch genug Gelegenheit für 
Roland, allerlei Erkundigungen einzuholen. 

Bei diesen Gesprächen war allerdings der Freiherr Helferich nicht 

mehr dabei. 

Der Freiherr Helferich war anderweitig beschäftigt. 

In dem Gemach, das ihm während seines Aufenthalts auf der 

Kronburg zugeteilt worden war, hatte er eine wichtige Unterredung 
mit seinem Knappen Eginolf. Eginolf war ein junger Bursche, der 
ärmlichsten Verhältnissen entstammte. Seine Ergebenheit gegenüber 
dem Freiherrn kannte keine Grenzen. Der Herr Helferich hatte ihn 
von der Fronarbeit im Erzbergwerk befreit und ihm versprochen, ihn 
eines Tages zum Ritter schlagen zu lassen. Um dieses große Ziel zu 
erreichen, war Eginolf bereit, alles zu tun, was sein Herr von ihm 
verlangte. Alles! Der Knappe wäre auch nicht zurückgeschreckt, 
wenn ihm Helferich befohlen hätte, den König selbst zu ermorden. 
Der Freiherr schätzte sich glücklich, einen so treuen Helfer zu haben, 
besonders wenn es um Dinge ging, die durchaus unehrenhaft waren. 

background image

Zwar lag  ihm wenig daran, den König umzubringen. Aber es gab da 
eine andere Person ... 

Eginolf ahnte schon, was sein Herr mit ihm in aller Heimlichkeit 

besprechen wollte. 

»Ich habe gehört, was an der Tafel des Grafen erörtert wurde«, 

sagte er. »Es ist ganz und gar nicht in Eurem Sinne, nicht wahr, 
Herr?« 

»Du hast es erfaßt«, knurrte Helferich böse. »Dieser unselige Ritter 

Roland ist genau zum falschen Zeitpunkt auf die Kronburg 
gekommen. Ein paar Tage früher oder später, und er hätte keine 
Gelegenheit bekommen, sich einzumischen. So jedoch...« Der 
Freiherr stieß einen Fluch aus, der einen Heiden erschreckt hätte. 

Eginolf nickte verständnisvoll. Er kannte das Spiel, das sein Herr 

spielte, nur allzu gut. Schließlich hatte er selbst seinen Teil dazu 
beigetragen. 

»Ist dieser Roland wirklich ein so großer Held, wie man sich 

erzählt?« wollte er wissen. 

Helferich nickte mit finsterer Miene. »Ich fürchte, ja! Er hat nicht 

nur den Drachen erschlagen und die Zauberin entlarvt, sondern noch 
andere Ruhmestaten an sein Banner geheftet. Er war es auch, der 
dem Kloster zum Schwarzen Stein sein geraubtes Heiligtum 
zurückbrachte. Mit diesem Roland scheint der Teufel 
höchstpersönlich im Bunde zu sein!« 

»Dann wird es nicht einfach werden, ihn daran zu hindern, die 

Wahrheit herauszufinden.« 

»Das darf nicht geschehen!« Helferich ballte die Fäuste. »Roland 

muß. sterben!« Vielsagend blickte er seinen Getreuen an. 

Eginolf begriff sofort, was der Blick zu bedeuten hatte. Er sollte 

der Mann sein, der den Ritter mit dem Löwenherzen beseitigte. Dazu 
war er auch durchaus bereit. Nur über das >Wie< war er sich ganz 
und gar nicht im klaren. 

»Es wird nicht einfach werden ...« 
»Das sagtest du schon einmal«, fiel ihm Helferich ärgerlich ins 

Wort. »Auch ich weiß, daß es sinnlos wäre, wenn du den Roland 

background image

irgendwie herausforderst und ihm im Kampfe gegenübertrittst. Er 
hätte dich besiegt, noch bevor du die Hand gegen ihn erheben 
könntest.« 

Der Knappe war etwas erleichtert. Er hatte schon befürchtet, daß 

sein Herr einen Zweikampf von ihm verlangen würde. Aus diesem 
bitteren Krug mußte er also nicht trinken. 

»Dann kommt nur ein ... Meuchelmord in Frage«, stellte er wie 

selbstverständlich fest. 

»So ist es«, pflichtete ihm der Freiherr bei. »Aber selbst dabei ist 

höchste Vorsicht geboten. Dieser Roland ist mit allen Hunden 
gehetzt. Wenn er den Braten riecht ...« 

Sinnend blickte Eginolf vor sich hin. »Besteht Ihr darauf, daß ich 

die Tat selbst begehe?« fragte er dann. 

»Ich dachte an dich, weil du ein zuverlässiger und geschickter 

Mann bist«, schmierte ihm sein Herr Honig ums Maul. 

»Ich weiß Euer Vertrauen zu schätzen«, erwiderte der Knappe. 

»Aber wenn auch jemand anders ...« 

»Kennst du jemanden?« 
Eginolf machte eine bejahende Kopfbewegung. »Ich kenne 

jemanden, der mir ebenso ergeben ist wie ich Euch, Herr. Und da 
dieser jemand weitaus eher Gelegenheit bekommen könnte, sich 
unauffällig an den Ritter heranzumachen ... Ihr versteht, was ich 
sagen will, Herr?« 

»Durchaus, mein Freund«, sagte Helferich. »Durchaus!« 

Roland war  mit den Gesprächen des Abends überaus zufrieden. Er 
wußte jetzt weitaus mehr über die Tataren und ihre Gewohnheiten als 
vorher. Diese neuen Kenntnisse würden ihm eine große Hilfe sein, 
wenn er erst mal im Reich der Barbaren war. Das hoffte er jedenfalls 
mit großer Zuversicht. 

Er hatte gut gegessen und auch einiges von dem guten Wein 

getrunken, den Graf Leander kredenzte. Und da auch der lange Ritt 

background image

nicht spurlos an ihm vorübergegangen war, fühlte er sich 
rechtschaffen müde. Er freute sich auf das Bett. 

Die  Gästekammer war groß und geräumig. Ein breites Lager, ein 

Bärenfell auf den Steinplatten des Fußbodens, eine große eherne 
Schüssel, bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Auf Camelot bot man 
den Besuchern zweifelsohne einiges mehr. Aber der Ritter mit dem 
Löwenherzen war nicht verwöhnt und stellte keine großen 
Ansprüche an die Dinge des alltäglichen Lebens. Er sah nicht den 
geringsten Grund zur Klage. 

Flugs legte er seine Oberkleidung ab und trat mit nackter Brust an 

die Waschschüssel heran. Während er den Kopf hineintauchte, war 
ihm so, als hätte er ein Geräusch gehört. Prustend hob er den Kopf 
aus der Schüssel. 

Ja, da war es wieder. Irgend jemand hatte an die Tür der 

Schlafkammer geklopft. 

»Wer ist da?« fragte Roland, während ihm das eiskalte Wasser 

über den Oberkörper rann. 

»Ich bin es«, antwortete eine Frauenstimme. »Maria Elena.« 
Roland kannte keine Maria Elena. Aber das machte nichts. Frauen 

gegenüber war er immer höflich und zuvorkommend. Und die 
Frauenstimme draußen auf dem Gang hatte sich sehr angenehm 
angehört. 

»Tretet ein«, rief er. 
Die Tür öffnete sich. Eine junge Frau trat über die Schwelle und 

machte die Tür hinter sich wieder zu. 

Roland hatte sie während seines kurzen Aufenthalts auf Kronburg 

noch nicht gesehen. Sie hatte ein rundliches Gesicht, 
kurzgeschnittene braune Haare und große dunkle Augen. Im 
landläufigen Sinne war sie recht hübsch. Auch ihren Körper brauchte 
sie nicht zu verstecken. Und das tat sie auch nicht, denn das leichte, 
dünne Kleid, das sie trug, zeigte eine ganze Menge davon. Der volle 
Busen quoll aus dem herzförmigen Ausschnitt beinahe heraus, und 
die drallen Beine lugten verlockend unter dem kurzen Saum hervor. 

Schnell war sich Roland im klaren darüber, daß das Mädchen nicht 

background image

zu den Frauen vom Stande zählte. Sie gehörte dem Gesinde an und 
war offenbar gekommen, um ihm irgend etwas zu bringen oder auch 
nur auszurichten. 

»Ja?« fragte er und lächelte. 
Das Mädchen antwortete nicht sofort. Sie stand immer noch an der 

Tür und starrte ihn mit großen Augen an. Mit offenkundiger 
Bewunderung glitten ihre Blicke über seinen hochgewachsenen, 
breitschultrigen Körper, über seine prallen Muskeln und seine 
starken, männlichen Sehnen. 

»Ihr seid fürwahr ein Held, Ritter Roland«, sagte sie nach einer 

ganzen Weile. 

»So, bin ich das?« Roland verstärkte sein Lächeln. »Woher willst 

du das denn so genau wissen, mein Kind?« 

»Nur Helden können so prächtig gebaut sein, wie Ihr es seid«, 

sagte das Mädchen und starrte ihn immer noch wie gebannt an. 

Diese ungeschminkte Verehrung wollte ihm gar nicht gefallen. Er 

kam sich beinahe so vor wie der Tanzbär einer Gauklertruppe, der 
von allen Seiten begafft wurde. 

»Was willst du, Maria Elena?« fragte er nicht mehr ganz so 

freundlich wie zuvor. 

»Könnt Ihr Euch das nicht denken, Herr Ritter?« Das Mädchen trat 

näher, wiegte sich dabei aufreizend in den Hüften. Ihre vollen Brüste 
wippten. 

Roland kniff die Augen leicht zusammen. 
»Es war schon immer mein sehnlichster Wunsch, mit einem echten 

Helden zu schlafen«, sagte das Mädchen. »Und nun kann  mein 
Wunsch endlich in Erfüllung gehen.« 

»So?« Roland konnte nicht verhehlen, daß er unangenehm berührt 

war. Üblicherweise suchte er sich die Frauen aus, mit denen er die 
Minne pflegen wollte. Dieses Mädchen hatte gewiß ihre Reize, aber 
er fühlte sich dennoch nicht sonderlich von ihr angesprochen. In 
Gedanken hatte er immer noch die herrliche Gestalt Mylene de 
Roncourts vor sich. Neben der prächtigen Blume verblaßte die junge 
Frau, die jetzt vor ihm stand, zu einem unscheinbaren Pflänzchen. 

background image

Zwar hatte er 

Mylene keineswegs unerschütterliche Treue 

geschworen, aber er wollte die süße Erinnerung an sie auch nicht 
durch ein überflüssiges, schales Abenteuer trüben. Außerdem wollte 
er, bevor er ins Reich der Tataren aufbrach, noch einmal ausgiebig 
schlafen. 

Das Mädchen war zwei Schritte vor Roland stehen geblieben. Sie 

sah ihm wohl an, daß seine Bereitschaft, sie mit in sein Bett zu 
nehmen, nicht allzu groß war. 

»Gefalle ich Euch nicht, Ritter Roland?« fragte sie und ließ die 

Mundwinkel dabei leicht nach unten sinken. 

Es lag nicht in Rolands Natur, grob und unhöflich zu den 

Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu sein. Und schon gar nicht 
wollte er sie vorsätzlich verletzen, gleichgültig ob sie nun von 
vornehmen Geblüt waren oder im Gesindehaus lebten. 

»Doch, doch«, sagte er, »du bist ein sehr hübsches Mädchen. Es ist 

nur...« 

»Ja?« 
»Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir und einen noch 

anstrengenderen vor mir. Ich bin ganz einfach müde!« 

Da tat das Mädchen etwas Unerwartetes. Mit beiden Händen 

packte sie den Ausschnitt ihres Kleides und riß heftig daran. Der 
Stoff zerriß wie Pergament und hing in losen Fetzen herunter. Unter 
dem Kleid trug sie kein Leibchen, kein Mieder, nur ihren blanken 
Busen. Einen sehr ansehnlichen Busen, wie Roland zugeben mußte. 
Die Spitzen waren aufgerichtet und schimmerten wie Rosenknospen. 

»Nun, Herr Ritter, seid Ihr immer noch müde?« Siegessicher 

lächelte ihn das Mädchen an. 

Fast wäre Roland schwankend geworden. So viel geballte 

Weiblichkeit  - da fiel es einem echten Mann schwer, nicht auf die 
Stimme seines Bluts zu hören. Aber der Ritter mit dem Löwenherzen 
gewann den Kampf gegen sich selbst. Der Teufel sollte ihn holen, 
wenn er sich auf diese Weise von einem Weib unterkriegen ließ. 

»Es ist besser für dich, wenn du gehst, mein Kind«, sagte er mit 

abweisender Stimme. Dann tat er so, als ob das Mädchen gar nicht 

background image

mehr da sei und tauchte den Kopf wieder in die Schüssel. 

Als er wieder hochkam, war ihm Wasser in die Augen getreten. Er 

sah seine Umgebung nur leicht verschwommen. Die junge Magd war 
immer noch da. Und sie hielt jetzt etwas in der Hand. Was es war, 
konnte er allerdings auf Anhieb nicht erkennen. Als ihre Hand 
plötzlich auf  ihn zuschoß, war es mehr ein Reflex, der ihn zur Seite 
weichen ließ. 

Das war sein Glück! 
Der Gegenstand, den das Mädchen in der Hand hielt, streifte ihn 

lediglich. Aber dieses Streifen genügte, um ihn einen jähen Schmerz 
an der linken Schulter spüren zu lassen. 

Und wieder drang das Mädchen auf ihn ein. Ein heiserer Laut kam 

dabei über ihre Lippen, der Roland unwillkürlich an eine Wölfin 
erinnerte, die für ihre Jungen kämpfte. 

Noch immer konnte der Ritter mit dem Löwenherzen nicht richtig 

sehen. Als er zugriff, um die Hand des Mädchens zu packen, griff er 
glatt daneben. Aber er wurde wenigstens nicht abermals getroffen. 
Die Hand der jungen Frau fuhr an ihm vorbei. 

Nun aber reichte es Roland. Der Schmerz an der Schulter hatte ihn 

wütend gemacht. Blitzschnell wischte er sich das Wasser aus den 
Augen. Sein Blick wurde wieder klar. 

Und als das Mädchen zum dritten Mal auf ihn losging, war er auf 

der Hut. Er sah jetzt auch, was sie da in der Hand hielt. Es war ein 
Messer, ein langes und sehr, sehr spitzes Messer. Kein Wunder, daß 
der Kratzer an seiner Schulter brannte wie Feuer. 

Wieder kam das Messer. Das Mädchen meinte es ernst, zielte 

genau auf sein Herz. Aber sie hatte jetzt nicht mehr den Hauch einer 
Chance, ihm gefährlich zu werden. Roland fing ihren Arm ab. Dann 
ein leichtes Verdrehen des Handgelenks, und das Messer polterte 
scheppernd auf den Fußboden. 

Trotzdem gab sich das Mädchen noch nicht geschlagen. Ihre freie 

Hand flog ihm mitten ins Gesicht. Mit den Fingernägeln fuhr sie ihm 
schmerzhaft über die Wange. Zornig spürte Roland, wie die Haut 
aufgerissen wurde. 

background image

Jetzt langte es ihm endgültig. Er packte auch die andere Hand des 

Mädchens, das immer noch heisere Wolfstöne von sich gab. Voller 
Wut schüttelte er sie wie eine Ährengarbe. Dann gab er ihr einen 
Stoß, der sie auf das breite Bett schleuderte. 

Breitbeinig baute er sich vor dem Lager auf und stemmte die Arme 

in die Hüften. 

»Warum tust du das, unglückseliges Weib?« fuhr er sie an. »Bist 

du von Sinnen?« 

Mit blitzenden Augen sah das Mädchen zu ihm hoch. Ihre nackten 

Brüste wogten, so schwer ging ihr Atem. Eine hektische Röte 
überzog Gesicht und Teile des Oberkörpers. 

»Ihr ... Ihr habt mich verschmäht«, zischte sie. »Ihr habt mich 

verschmäht, nur weil ich eine Niedriggeborene bin! Wäre die Jungfer 
Anja  zu Euch gekommen, hättet ihr sie längst wie ein geiler Bock 
bestiegen!« 

Die Ausdrucksweise des Mädchens gefiel ihm nicht. Besonders 

mißbilligte er, daß sie die unglückliche Grafentochter ins Spiel 
brachte. 

»Du solltest dich schämen«, sagte er. »Deine Herrin auf diese 

häßliche Art und Weise zu schmähen ...« 

»Ich hasse sie!« zischte Maria Elena böse. »Anja hier, Anja da  - 

alle sprechen nur von ihr, als sei sie der wichtigste Mensch in der 
ganzen Mark. Dabei ist sie hochmütig und grausam! Wenn die 
Tataren eine wie mich verschleppt hätten, würde niemand ein Wort 
darüber verlieren. Aber ich bin ja auch nur eine erbärmliche 
Dienstmagd, die man behandeln kann wie ein Stück Dreck!« 

Plötzlich fing sie an zu schluchzen. Tränen flossen ihr über die 

geröteten Wangen. 

»Ich ... bin verloren«, flüsterte sie. »Wenn Ihr dem Grafen sagt, 

was ich getan habe ... Er wird mich auspeitschen und anschließend 
hinrichten lassen.« 

Ein Weinkrampf schüttelte sie, als sie den Kopf in den Händen 

verbarg und sich auf dem Bett zusammenkrümmte wie ein krankes 
Tier. 

background image

Plötzlich tat sie Roland leid. Gut, sie hatte versucht, ihn 

umzubringen. Aber in gewisser Weise verstand er sie sogar. Er kam 
selbst aus kleinen Verhältnissen und wußte wie es war, wenn man 
verschmäht und zurückgestoßen wurde. Daß er sie nicht 
zurückgewiesen hatte, weil er sie verachtete, sondern andere Gründe 
gehabt hatte, konnte sie nicht wissen. Sie fühlte sich verletzt, und in 
einer solchen Verfassung tat man manchmal Dinge, die man später 
bedauerte. 

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Roland beruhigend. »Ich werde 

dem Grafen nichts sagen. Ihm nicht und auch keinem anderen.« 

Aus tränenverhangenen Augen sah sie zu ihm hoch. »Wirklich 

nicht? Ihr versprecht es?« 

»Ich verspreche es!« 
Sekundenlang blieb sie fast reglos auf dem Bett liegen, wischte 

sich nur schluchzend die Tränen aus den Augen. Dann sprang sie 
plötzlich auf und stürzte auf ihn zu. 

Schon dachte Roland, daß sie einen neuerlichen Anschlag im Sinne 

führte. Aber das lag nicht in ihrer Absicht. Sie ergriff nur seine Hand 
und drückte ihr einen Kuß auf. 

»Ich danke Euch, Herr Ritter«, hauchte sie. »Ich danke Euch von 

ganzem Herzen. Dann huschte sie auf schnellen Füßen zur Tür und 
hatte den Raum Augenblicke später verlassen. Kopfschüttelnd 
blickte Roland ihr nach. Der Zorn, der ihn gerade noch erfüllt hatte, 
war verflogen. Und da auch der kleine Schnitt an der Schulter nicht 
mehr blutete, beschloß er bei sich, den Zwischenfall schnell zu 
vergessen. Wenig später lag er auf dem Nachtlager und schlief 
alsbald ein.  

Gähnend wälzte sich der Knappe Eginolf im Heu. Er überlegte, ob 

er sich nicht auf die Seite rollen und ein bißchen schlafen sollte. Es 
würde wohl noch eine Weile dauern, bis Maria Elena kam. 
Üblicherweise traf er sich hier in der Futterkammer mit der 

background image

Küchenmagd, um sich an ihrem drallen Körper zu erfreuen. In dieser 
Nacht jedoch ging es ihm um etwas anderes. Er erwartete eine 
Vollzugsmeldung von dem Mädchen. Und Gott mochte ihr gnädig 
sein, wenn sie ihn enttäuschte. Daß Maria Elena ihr Bestes tun 
würde, um seinen Auftrag auszuführen, bezweifelte er eigentlich 
nicht. Sie machte alles, was er sagte, denn sie liebte ihn und war fest 
davon überzeugt, daß er sie eines Tages heiraten und aus ihrem 
kläglichen Dienstbotendasein befreien würde. Das hatte er ihr 
versprochen, aber er dachte nicht im Traum daran, sein Versprechen 
zu halten. Bald würde Freiherr Helferich dafür sorgen, daß er zum 
Ritter geschlagen wurde. Und was sollte er dann mit einer 
Küchenmagd als Eheweib? Einem Ritter gebührte schließlich eine 
Gemahlin, die aus edlerem Geblüt stammte. Eginolf war nahe daran, 
einzunicken, als er das leise Quietschen der Kammertür hörte. Sofort 
war er wieder hellwach. Kam Maria Elena bereits  - so schnell schon? 
»Eginolf?« 

Ja, sie war es. Der Knappe meldete sich, und wenig später war das 

Mädchen an seiner Seite. Wie immer drängte sich Maria Elena gleich 
in seine Arme, denn sie war ganz wild darauf, von ihm berührt zu 
werden. 

Gleich stellte er fest, daß ihr Kleid in Fetzen am Leibe hing und sie 

halb nackt war. 

Eginolf lachte auf. »Der Herr Ritter war wohl noch sehr 

leidenschaftlich, bevor ihn das Schicksal ereilte, was?« 

Maria Elena antwortete nicht. 
»Nun?« drängte der Knappe. 
»Der Ritter Roland lebt noch«, sagte das Mädchen leise. 
Gepreßt atmete Eginolf die Luft aus. »Du hast also nicht 

versucht...« 

»Doch, doch, ich habe es versucht, aber ...»Maria Elena berichtete, 

wie der Ritter Roland sie zunächst zurückgestoßen und ihr dann das 
Messer aus der Hand gewunden hatte. Zorn wallte in Eginolf hoch. 
Mit der linken Hand packte er das Haar des Mädchens und versetzte 
ihr mit der anderen mehrere schallende Ohrfeigen, die ihren Kopf hin 

background image

und her fliegen ließen. »Du miese kleine Schlampe«, zischte er. »Bist 
du zu dämlich, einen Mann ins Bett zu kriegen? Wenn dir das 
gelungen wäre, hättest du bestimmt keine Schwierigkeiten gehabt, 
ihm im passenden Augenblick das Messer in die Rippen zu jagen!« 

Das Mädchen fing an, herzzerreißend zu weinen. Aber das rührte 

Eginolf nicht im mindesten. Er zog ihr roh den Kopf in den Nacken. 
»Hast du ihm gesagt, daß ich dir aufgetragen habe, ihn zu töten?« 

»Nein, nein!« 
»Sondern?« 
»Ich habe ihm etwas vorgespielt«, antwortete Maria Elena 

schluchzend. »Ich habe so getan, als habe er mich furchtbar gekränkt. 
Und dafür wollte ich mich angeblich rächen.« 

»Und diesen Unsinn hat er geglaubt?« 
»Ja, wirklich!« 
Eginolf fühlte sich ein bißchen erleichtert. Wenigstens wußte der 

Ritter Roland noch nicht, daß er der Anstifter des Mordanschlages 
war. Noch nicht! Wenn Graf Leander Maria Elena aber erst einmal 
einer hochnotpeinlichen Befragung unterzog, würde sie gewiß mit 
der Wahrheit herausrücken. Das durfte natürlich unter gar keinen 
Umständen geschehen. 

Das Mädchen schien seine Gedanken zu ahnen. »Du brauchst 

wirklich nicht zu befürchten, daß der Schatten eines Verdachts auf 
dich fällt, Geliebter«, sagte sie. »Der Ritter Roland hat mir 
versprochen, zu niemandem über das Geschehen in seiner 
Schlafkammer zu sprechen.« 

»Versprochen«, wiederholte der Knappe verächtlich. »Was sind 

schon Versprechen? Wenn du wüßtest, was ich schon alles ...« Er 
merkte, daß er im Begriff war, etwas Unbedachtes zu sagen, und 
machte schleunigst den Mund zu. 

Aber Maria Elena war auf einmal hellhörig geworden. »Du... du 

glaubst nicht an die Heiligkeit des Versprechens, Eginolf?« 

»Doch, doch, natürlich«, antwortete erschnell. 
»Ich glaube dir nicht. Du hast mir auch versprochen, mich zur Frau 

zu nehmen. In Wirklichkeit aber denkst du gar nicht daran!« 

background image

Eginolf biß sich auf die Lippen. Verdammt, sie war drauf und dran, 

ihn zu durchschauen. Und wenn sie erst einmal diesen Punkt erreicht 
hatte, war es auch mit ihrer Ergebenheit vorbei. Dann würde sie 
wahrscheinlich wirklich zeigen, zu was eine enttäuschte und 
gekränkte Frau fähig war. Nach dem Geschehen der heutigen Nacht 
hatte sie ihn in der Hand. Er mußte etwas tun, um die Gefahr 
abzuwenden. 

»Aber, aber«, sagte er begütigend, »wie kannst du nur so reden, 

meine Liebe?« Er legte zärtlich den Arm um sie und zog sie an sich. 
»Natürlich werde ich dich heiraten. Ich liebe dich doch!« Er 
liebkoste ihren Busen, weil er wußte, daß sie das besonders gern 
hatte. 

Viel erreichte er damit jedoch nicht. Maria Elena versuchte sogar, 

sich aus seiner Umarmung zu befreien. 

»Nein, du liebst mich nicht«, meinte sie beinahe tonlos. »Wenn ein 

Mann eine Frau wirklich liebt, dann schlägt er sie nicht. Du aber hast 
mich gerade geschlagen. Laß mich los!« 

So hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Er begriff, daß in ihrem 

Herzen etwas gerissen  war  - das Band, das ihn mit ihr verband. Und 
er begriff auch, daß es ihm nur schwerlich gelingen würde, dieses 
Band wieder zu knoten. So gab es denn nur noch eine einzige 
Möglichkeit, aus der fatalen Lage wieder herauszukommen. 

»Nein«, sagte er gedehnt, »ich werde dich nicht loslassen, Maria 

Elena.« Er nahm auch noch den anderen Arm zu Hilfe und hielt sie 
ganz fest. »Eginolf ...« 

Seine Hände glitten über ihre vollen Brüste, krochen zu den 

Schultern hinauf. 

Schade, dachte er, sie war ein Mädchen gewesen, an dem ein Mann 

wirklich seinen Spaß haben konnte. Schon jetzt wußte er, daß er sie 
vermissen würde. Aber nach Lage der Dinge ... 

Seine Hände legten sich jetzt um ihren Hals, verharrten dort. 
»Eginolf, was ... tust. .. du?« 
Der Knappe antwortete nicht. Mit starren Augen blickte er in die 

Dunkelheit, während sich seine Finger verhärteten und zudrückten. 

background image

»Egi ...•« 
Die Stimme des Mädchens brach ab, ging in ein ersticktes, 

qualvolles Röcheln über. Verzweifelt versuchte sie, sich seinem 
gnadenlosen Griff zu entziehen. Aber es gelang ihr nicht. Ihre 
Bewegungen wurden schwächer und schwächer, die Töne, die über 
ihre Lippen kamen, leiser und leiser. 

Schließlich war nichts mehr. Ganz still, ganz lautlos lag Maria 

Elena in den Armen ihres Mörders. Eginolf wartete  noch ein paar 
Augenblicke. Langsam wich die Starre aus seinen Augen. Er ließ das 
Mädchen aus seinen Händen gleiten und stand auf. Dann klaubte er 
mehrere Heubündel zusammen und begrub die Tote darunter. 
Irgendeinem Stallknecht stand in den nächsten Tagen 

eine 

unangenehme Überraschung bevor. 

Aber auch ihm stand noch etwas äußerst Unangenehmes bevor. Er 

mußte seinem Herrn eingestehen, daß er einen bedauerlichen 
Mißerfolg erzielt hatte... 

Am anderen Morgen erwartete Roland eine Überraschung. Als er an 
die gräfliche Tafel trat, an der er natürlich auch jetzt wieder zu Gast 
war, trat ihm lächelnd ein Mann entgegen. Das Lächeln war etwas 
bemüht, ja, sogar etwas gequält, aber es war da. 

»Auf ein Wort, Ritter Roland!« 
Der Ritter mit dem Löwenherzen verhielt seinen Schritt, lächelte 

ebenfalls. 

»Ja, Freiherr Helferich?« 
»Ich wollte Euch sagen, daß mir meine unfreundlichen Worte von 

gestern abend leid tun.« 

Rolands Lächeln verstärkte sich. »Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr 

Euch bei mir entschuldigt?« 

Die Mundwinkel des Freiherrn zuckten. Deutlich war ihm 

anzusehen, wie schwer es ihm fiel, gute Miene zum bösen Spiel zu 
machen. 

background image

»Wenn Ihr Wert darauf legt, dann ... entschuldige ich mich«, sagte 

er leicht stockend. 

Roland nickte. »Gut denn, vergessen wir unsere kleine 

Meinungsverschiedenheit.« Er nickte dem grobschlächtigen Mann 
zu, verbeugte sich vor dem Grafen und seiner Gemahlin und nahm 
am Tisch Platz. 

Er konnte nicht sagen, daß ihm Helferich durch seine 

Entschuldigung wesentlich angenehmer geworden war. Nicht einen 
Augenblick zweifelte er daran, daß diese Entschuldigung keineswegs 
der Überzeugung des Freiherrn entsprach. Er hatte sich dazu zwingen 
müssen. Wahrscheinlich deshalb, weil es ihm von Graf Leander 
nahegelegt worden war. Aus freien Stücken hätte sich dieser trotzige 
Mann bestimmt nicht selbst derartig erniedrigt. 

»Habt Dir wohl geruht, Ritter Roland?« erkundigte sich die Gräfin 

Marika. 

»Gewiß, ich habe ganz ausgezeichnet geschlafen.« 
Er sagte nichts von der Attacke des Mädchens Maria Elena. 

Schließlich hatte er versprochen, Stillschweigen zu bewahren. Und 
den Kratzer an seiner Wange würde wohl niemand zur Kenntnis 
nehmen. 

»Freut mich, dies zu hören«, lächelte die Burgherrin. Sie schob 

Roland einen Laib Brot und ein großes Stück Schinken hinüber. 
»Langt kräftig zu. Damit ihr groß und stark bleibt!« 

Der Graf bedachte seine Gemahlin mit einem mißbilligenden 

Seitenblick. Zu offensichtlich waren ihre Gründe, aus denen sie sich 
um das Wohlergehen des Ritters kümmerte. Er sah Roland an. 

»Wann gedenkt Ihr, aufzubrechen?« fragte er. 
»Noch in dieser Stunde«, sagte der Ritter mit dem Löwenherzen. 

»Meine beiden Knappen sind bereits dabei, die letzten 
Vorbereitungen zu treffen.« 

Leander nickte. »Ich habe heute morgen noch einmal mit Freiherr 

Helferich über Euren Ritt ins Tatarenreich gesprochen.« 

»Ach, ja?« Roland biß herzhaft in den Schinken. Er war ganz 

hervorragend. Offenbar hatte die Gräfin das beste Stück für ihn 

background image

aufbewahrt. Ihm war das durchaus recht. 

»Ich würde alles dafür geben, wenn ich Euch begleiten könnte«, 

ergriff Helferich jetzt das Wort. »Aber leider ...»Er schwieg mit 
verbissener Miene. »Ich weiß«, sagte Roland. »Der Arm, der Arm.« 

»Ich könnte sehr zum Gelingen der Mission beitragen«, fuhr der 

Freiherr fort. »Mein Wohnturm liegt unmittelbar an der Grenze zum 
Tatarenreich, und es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ich die 
Grenze auch überschritten habe. Ich kenne mich also ein bißchen im 
Reich der Barbaren aus.« 

»Tja«, machte Roland. »Jemand, der über gewisse Kenntnisse des 

Landes verfügt, wäre mir schon willkommen, aber ...« Er machte 
eine bedauernde Handbewegung,. die allerdings nicht unbedingt 
aufrichtig war. Er konnte sehr gut auf die Begleitung Helferichs 
verzichten. Seine Wertschätzung von dem grobschlächtigen Mann 
war nur gering. 

»Dennoch könnte ich Euch helfen«, sprach Helferich weiter. »Ich 

habe einen Knappen, der mich stets ins Tatarenreich begleitete. Auch 
er ist mit Land und Leuten ein bißchen vertraut. Wenn Ihr seine 
Dienste in Anspruch nehmen wollt...« 

»Danke, das wird nicht nötig sein«, wehrte Roland ab. »Ich komme 

schon allein zurecht.« Er dachte an die alte Weisheit, daß das 
Gescherr nicht besser war als der Herr. 

Eine Unmutsfalte erschien auf Helferichs Stirn, als er dem Grafen 

einen stummen Blick zuwarf. 

»Ich finde den Vorschlag des Freiherrn eigentlich recht gut«, sagte 

der Burgherr auch gleich. »Der Knappe Eginolf ist ein braver 
Bursche. Ich bin ganz sicher, daß er Euch sehr nützlich sein könnte.« 

»Zumal er auch gewisse Kenntnisse von der Sprache der Tataren 

hat«, warf Helferich noch ein. 

Roland überlegte. In der Tat, über diesen Punkt hatte er sich 

eigentlich noch gar keine ernsthaften Gedanken gemacht. Er selbst 
kannte kein einziges Wort der Tatarensprache, so daß es 
zwangsläufig zu Verständigungsschwierigkeiten kommen mußte. 
Jemand, der diesem Mangel abhelfen konnte, war unter Umständen 

background image

wirklich Gold wert. 

»Nun, was meint Ihr, Ritter Roland?« Warum eigentlich nicht? 

dachte der Ritter mit dem Löwenherzen. Wenn dieser Knappe sich 
als unbotmäßig erweisen sollte, konnte er ihn jederzeit zum Teufel 
schicken. Und außerdem waren da ja auch noch Pierre und Louis, um 
dem Burschen notfalls die Flötentöne beizubringen. 

»Einverstanden«, nickte er nach einer kurzen Weile. »Der Knappe 

soll mir recht sein.« 

»Ich freue mich sehr, daß es mir vergönnt ist, Euch hilfreich zu 

sein«, sagte der Freiherr Helferich und lächelte. 

»Dort drüben beginnt das Reich der Tataren!« 

Der Knappe Eginolf hielt sein Reittier am Ufer des Flusses an und 

deutete zur anderen Seite hinüber. 

Viel war nicht zu sehen. Eine Kette dicht stehender Bäume, die 

unweit vom Wasser standen, säumte das gegenüberliegende Ufer. 
Die grelle Mittagssonne stand über der Landschaft und tauchte sie in 
flimmerndes Licht. Bewegung war kaum auszumachen. Lediglich ein 
paar Vögel kreisten über dem schmalen Streifen, der zwischen Fluß 
und Wald lag. Es war ein Bild tiefen Friedens, das in nichts darauf 
hindeutete, daß das Land von blutrünstigen Barbaren bewohnt 
wurde. 

»Gibt es irgendwo eine Brücke?« erkundigte sich der Ritter mit 

dem Löwenherzen. 

Eginolf schüttelte den Kopf. Er war ein mittelgroßer, stämmiger 

Bursche mit widerspenstigem, dunklen Lockenhaar. Sein Gesicht 
war recht grob geschnitten und erinnerte in gewisser Weise an seinen 
Herrn. Die Augen standen dicht beieinander und riefen den Eindruck 
hervor, als würden sie ständig einen ganz bestimmten Punkt in der 
Ferne fixieren. Insgesamt sah er nicht wie ein Mann aus, dem man 
unbedingtes Vertrauen entgegenbringen konnte. Bisher jedoch hatte 
er sich durchaus als  geschickt und umsichtig erwiesen. Und auch an 

background image

dem erforderlichen Respekt Roland gegenüber ließ er es nicht fehlen. 

Pierre stöhnte auf wie ein gequältes Tier. »Wenn keine Brücke da 

ist... Soll das etwa bedeuten, daß wir den Fluß schwimmend 
überqueren müssen, Eginolf?« 

»Ganz so anstrengend wird es nicht werden«, gab der Knappe des 

Freiherrn Helferich Auskunft. »Es gibt hier ganz in der Nähe eine 
Furt, die uns den Übergang ermöglicht.« 

»Dem Himmel sei Dank«, freute sich Pierre. »Ich habe nämlich 

schon immer Schwierigkeiten mit dem Schwimmen gehabt.« 

»Das hätte ich nicht gedacht«, sagte Eginolf und machte ein betont 

erstauntes Gesicht. 

»Wieso nicht?« 
»Ich dachte immer, Fett schwimmt von selbst oben.« 
Pierre prustete vor Entrüstung. »Was fällt dir ein, du häßlicher 

Querschädel? Ich habe es nicht nötig, mich von einem wie dir 
beleidigen zu lassen. Wenn du glaubst...« 

»Schluß mit dem Gezeter«, griff Roland ein. »Wir haben Besseres 

zu tun, als hier alberne Händel auszutragen. Wo ist die Furt, 
Eginolf?« 

»Ich reite voran, Ritter Roland!« 
Der Knappe setzte sein Pferd wieder in Bewegung, und die 

anderen folgten ihm. Es ging etwa noch eine halbe Meile am Fluß 
entlang. Dann machte Eginolf wieder halt. 

»Hier ist es!« 
Auf den ersten Blick war zu erkennen, daß der Fluß  an dieser 

Stelle keine große Tiefe erreichte. Deutlich schimmerte der sandige 
Grund durch das Wasser hindurch. Roland machte den Anfang und 
lenkte seinen Samum in den Fluß hinein. Louis und Eginolf kamen 
direkt hinter ihm. Nur Pierre zögerte ein bißchen, schloß sich dann 
aber auch an. 

Ganz so leicht ging der Übergang allerdings doch nicht vonstatten. 

Nach wenigen Schritten schon reichte der Wasserspiegel den Pferden 
bis über den Bauch. Auch machte sich die Strömung sehr 
unangenehm bemerkbar. Etwa in der Mitte des Flusses verlor 

background image

Samum den Kontakt mit dem Boden vollkommen. Sofort machte das 
Tier Schwimmbewegungen. Und wenig später fanden die Hufe 
wieder festen Halt. Von da an wurde es einfacher. Die Strömung ließ 
nach, und der Fluß wurde zusehends flacher. Es dauerte nicht mehr 
lange, bis Roland das andere Ufer erreichte. Die anderen drei 
brauchten ein wenig länger, schafften es aber ebenfalls. Die 
Gefahrenstelle in der Flußmitte hatte auch ihnen nichts anhaben 
können. 

»So sind wir also im Tatarenland«, sagte Louis und blickte sich 

nach allen Seiten um. »Sieht auch nicht anders aus als bei uns.« 

Roland lachte auf. »Was hast du erwartet  - Leichen, die mit 

aufgeschlitzten Bäuchen am Flußufer liegen?« 

»Nein, das wohl nicht. Aber ich hätte nicht gedacht, daß wir  so 

ohne weiteres hier eindringen könnten.« 

»Das Reich der Tataren ist groß, sehr groß sogar«, warf Eginolf 

ein. »Es erstreckt sich über eine gewaltige Fläche. Die Barbaren 
können nicht überall gleichzeitig sein. Wir werden ihre 
Bekanntschaft noch früh genug machen.« 

Roland nickte und lenkte sein Pferd dem Waldrand entgegen. 

Seit Stunden ritten Roland und seine drei Begleiter nun durch das 
Land der Tataren, und bisher war ihnen noch keine Menschenseele 
begegnet. Wenn Tataren überhaupt Seelen besaßen, hieß das. 

Sie hatten den Wald durchquert, der sich am Fluß hinzog, und 

hatten dann flacheres Gelände erreicht. Eine schier endlose Ebene 
dehnte sich vor ihnen. Fußhohes Gras, so weit das Auge reichte, nur 
gelegentlich unterbrochen von kleineren Baumgruppen, die 
überwiegend aus Pappeln und Akazien bestanden. 

Die Ortskenntnisse des Knappen Eginolf hatten sich mittlerweile 

als recht bescheiden entpuppt. Jedenfalls war es ihm bisher nicht 
gelungen, sie zu einem Tatarenlager zu führen. Und er schien auch 
nicht die geringste Ahnung zu haben, wo ein solches zu finden war. 

background image

»Ihr müßt das verstehen, Ritter Roland«, sagte er entschuldigend. 

»Die Landschaft sieht hier überall gleich aus. Da ist es nahezu 
unmöglich, sich eine markante Stelle zu merken. Und selbst wenn 
ich ganz genau wüßte, wo wir uns hier befinden, würde es uns kaum 
etwas nützen.« 

»Wieso nicht?« 
»Die Tataren sind kein seßhaftes Volk. Sie bauen keine Städte und 

Dörfer, wie wir das tun. Ackerbau ist ihnen nahezu unbekannt. Sie 
ziehen mit ihren Viehherden ruhelos umher und sind mal hier, mal 
dort. Für ein paar Tage schlagen sie ihr Zeltlager auf, und dann 
machen sie sich bereits wieder auf ihren ziellosen Weg. Sagt selbst, 
woher soll ich wissen, wo sich gerade eine ihrer Horden aufhält?« 

»Ich weiß gar nicht, warum wir dich überhaupt mitgenommen 

haben«, knurrte Pierre unfreundlich. »Du bist nur dafür gut, uns 
unsere Vorräte wegzufressen.« 

»Das ist deine einzige Sorge, was?« Eginolf blickte ihn böse an. 

»Wenn du dir nur ständig den Wanst vollschlagen kannst, dann ist 
alles in bester Ordnung.« 

»Ich habe dir schon einmal gesagt ...« 
Roland hörte nicht länger zu, ließ sein Pferd ausschreiten. Das 

ständige Streiten zwischen Pierre und dem Knappen Helferichs 
konnte er langsam nicht mehr hören. Pierre hatte schon immer ein 
großes und auch ziemlich loses Mundwerk gehabt und pflegte sich 
auch mit Louis oft herumzuzanken. Zwischen ihm und Louis war es 
jedoch nie zu einem echten Zerwürfnis gekommen, denn ihr Gezerre 
hatte stets einen freundschaftlichen Hintergrund. Mit Eginolf aber 
stritt er sich ernsthaft. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die 
beiden handgreiflich gegeneinander wurden. Mehr und mehr sah er 
ein, daß es wohl doch ein Fehler gewesen war, Eginolf nicht auf der 
Kronburg gelassen zu haben. 

Weiter und weiter ritten die vier Männer. Langsam neigte sich der 

Tag seinem Ende entgegen. Die Sonne, ein riesiger roter Ball, 
schickte sich an, bald hinter dem Horizont zu versinken. Ein leichter 
Wind war aufgekommen und brachte das hohe Gras allerorts zum 

background image

Schwanken. 

Louis, der unmittelbar neben Roland ritt, griff plötzlich in die 

Zügel seines Reittiers. 

»Was ist los?« fragte Roland. Er wußte, daß der ehemalige 

Räuberhauptmann die Augen eines Luchses hatte. Oft schon war es 
so gewesen, daß er etwas erspäht hatte, von dessen Gegenwart die 
anderen noch gar nichts ahnten. 

»Dort vor uns scheint eine Ansiedlung zu liegen«, gab der Knappe 

zur Antwort. 

Roland legte eine Hand vor die Augen, um besser sehen zu 

können. Und er erkannte tatsächlich etwas. Noch ziemlich weit 
entfernt drängten sich einige größere dunkle Punkte zusammen, bei 
denen es sich sehr wohl um Häuser handeln mochte. 

Oder um Zelte! 
Roland winkte den Knappen Helferichs an seine Seite. »Kennst du 

diese Ansiedlung dort?« 

Eginolf blickte angestrengt in die Richtung der dunklen Punkte, 

schüttelte dann den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Aber wir 
können nicht ausschließen, daß es sich um ein Tatarenlager handelt. 
Wenn wir noch ein Stück näher heranreiten würden ...« 

»Zu nichts zu gebrauchen«, murmelte Pierre anzüglich. 
Die vier Männer setzten ihre Pferde wieder in Bewegung. Langsam 

und vorsichtig ritten sie weiter. 

Bald war mehr zu erkennen. Ja, es handelte sich ohne Zweifel um 

Häuser. 

Um eine ganze Reihe von Häusern sogar. Es schien ein Dorf zu 

sein, das sich praktisch nicht von denen auf der anderen Seite der 
Grenze unterschied. Nur eins fehlte offensichtlich: die Kirche, die in 
jedem christlichen Dorf den Mittelpunkt bildete. 

»Immer noch keine Erinnerung?« fragte Roland den Getreuen des 

Freiherrn Helferich. 

Der schüttelte abermals den Kopf. 
»Hast du nicht gesagt, daß die Barbaren keine Häuser bauen?« 

wunderte sich Louis. »Wenn das keine sind, dann will ich ab sofort 

background image

Adelheid heißen!« 

Noch vorsichtiger als zuvor schoben sich die vier Männer der 

Ansiedlung entgegen. Ein Grund für diese Vorsicht war bisher 
allerdings nicht ersichtlich. Nichts rührte sich in dem Dorf vor ihnen. 
Und bis auf das Zirpen der Insekten und das leichte Trappern der 
Pferdehufe war auch kein Laut zu vernehmen. 

Dann schließlich waren sie so nahe heran, daß sie Einzelheiten 

wahrnehmen konnten. Die Häuser, auf die sie freies Blickfeld hatten, 
waren samt und sonders zerstört. Große Löcher klafften in den 
Wänden, und die Spuren von Feuer ließen sich überall erkennen. In 
diesen Häusern konnte niemand mehr wohnen. 

»Jetzt begreife ich«, sagte Eginolf. »Wir haben hier ein Dorf vor 

uns, das erbaut wurde, längst bevor die Tataren kamen. Die Barbaren 
haben es erobert und niedergebrannt. Die Bewohner  sind entweder 
geflüchtet oder niedergemetzelt worden. Ich bin sicher, daß wir 
zwischen den Trümmern nicht einmal mehr einen räudigen Köter 
finden werden.« 

Die Worte Eginolfs stellten sich bald als wahr heraus. Als Roland 

und seine Gefährten in das Dorf ritten, schlug ihnen eine tiefe 
Totenstille entgegen. Lebende Menschen gab es hier gewiß nicht. 
Aber es gab auch keine Toten. Sehr bald war klar, daß die Zerstörung 
des Dorfes schon eine recht lange Zeit zurückliegen mußte. Nicht nur 
Feuer und Keule hatten ihre schrecklichen Spuren hinterlassen, 
sondern auch die Zeit. Unkraut, Pilze und Moose hatten sich überall 
auf und zwischen den Trümmern ausgebreitet. Wind und Wetter 
hatten ein übriges getan und den Verfall beschleunigt. Wenn es 
Leichen gegeben hatte, woran man nicht zweifeln konnte, dann 
waren sie längst vermodert. Selbst die Ratten, bei derartigen 
Anlässen immer sogleich zur Stelle, hatten längst wieder das Weite 
gesucht. 

»Also immer noch keine Tataren«, sagte Roland. 
»Was sehr bedauerlich ist«, warf Louis knurrend ein. »Ich würde 

diesen Unmenschen wirklich gerne zeigen, was ich von ihnen halte. 
Wenn ich an die Greueltaten denke, die sie hier begangen haben 

background image

müssen ... Seht euch nur die Kirche an. Fast kein Stein steht mehr auf 
dem anderen.« 

In der Tat hatten die Eroberer besonders dem Gotteshaus übel 

mitgespielt. Es war fast völlig dem Boden gleichgemacht worden. 
Kein Wunder, daß man den Turm aus der Ferne nicht mehr hatte 
sehen können. 

Roland blickte zum Himmel, der sich mittlerweile mit immer 

dunkler werdenden Rosatönen überzogen hatte. In kurzer Zeit würde 
die Sonne untergehen. 

»Ich würde sagen, wir schlagen hier unser Nachtlager auf«, meinte 

er. »Wir suchen uns ein Haus, das noch halbwegs bewohnbar ist. 
Dort sind wir jedenfalls besser aufgehoben als in der offenen Ebene.« 

Pierre schüttelte sich. »Auf diesem riesigen Friedhof hier schlafen? 

Muß das denn sein?« 

»Warum nicht?« lachte Louis. »Oder hast du Angst vor den 

Geistern der Toten?« 

»Unsinn! Es ist ja nur...« Der dickliche Knappe druckste herum, 

zuckte dann mit den Schultern. »Meinetwegen, bleiben wir also hier. 
An mir soll es nicht liegen.« 

Ein Haus zu finden, das der Zerstörungswut der Tataren halbwegs 

getrotzt hatte, war gar nicht so einfach. Schließlich aber fanden die 
Männer doch ein Gemäuer, bei dem nicht die Gefahr bestand, das es 
über Nacht vollends einstürzen würde. Sie befreiten es von überall 
herumliegenden Trümmerstücken und verstopften eine klaffende 
Lücke im Dach. Dann hatten sie einen trockenen, windgeschützten 
Raum zur Verfügung, der sich gar prächtig zur Nachtruhe eignete. 

Bevor sie sich jedoch zum Schlafen niederlegten, entzündeten sie 

mitten im Raum ein Feuer und bereiteten aus dem mitgeführten 
Proviant das Abendessen vor. 

Zum Verzehren der Mahlzeit kamen sie nicht mehr. Gänzlich 

unerwartet hörten sie draußen Geräusche. Und ehe sie es sich 
versahen, standen mehrere bärtige, wüst aussehende Männer vor 
ihnen. 

Nicht sie hatten die Tataren, sondern die Tataren hatten sie 

background image

gefunden. 

Schnell wurde ersichtlich, daß es mindestens zehn Tataren waren, die 
vor dem halb zerstörten Haus standen. Es handelte sich ausnahmslos 
um kräftige, sehnige Männer, was auch ihre Pelzkleidung nicht 
verbergen konnte. In den dunklen Gesichtern mit den leicht 
geschlitzten Augen lag ein wilder Ausdruck, der  auf sofortige 
Kampfbereitschaft hindeutete. Und daß sie in einem solchen Kampf 
überaus ernste Gegner sein würden, verrieten allein schon die 
Waffen, die sie bei sich trugen: Keulen, lange Messer, Schwerter, die 
zum Teil eine bösartige Krümmung aufwiesen  und mörderische 
Wunden verursachen konnten. 

Als Louis der Tataren ansichtig wurde, fuhr seine Rechte wie von 

selbst zum Gürtel, wo sein Hirschfänger steckte. Er verstand es auch 
vorzüglich, mit einem, Schwert umzugehen. Aber dieses schwere 
Jagdmesser verwendete er im Kampf am liebsten. 

Roland sah seine Bewegung und stieß ihm unverzüglich seinen 

Ellenbogen in die Rippen. 

»Laß die Waffe, wo sie ist«, zischte er. »Vergiß nicht, daß wir 

hergekommen sind, um mit ihnen zu sprechen.« 

»Außerdem würden sie uns schneller niedermachen, als ein Rabe 

dreimal krähen kann«, bemerkte Eginolf mit verkniffenem Gesicht. 

Pierre sagte gar nichts. Er blickte die Barbaren nur mit Augen an, 

die keineswegs von Furcht frei waren. 

Zögernd ließ Louis seine rechte Hand wieder nach unten sinken. Er 

tat es sichtlich ungern, aber das Wort seines Herrn war ihm 
unabdingbarer Befehl. 

Sekundenlang standen sich die Männer schweigend gegenüber, 

hier die Männer des Abendlands, dort die Krieger aus den Tiefen des 
barbarischen Ostens. 

Einer der Tataren, ein Stück größer und breitschultriger als seine 

Gefährten, war es schließlich, der als erster das anhaltende 

background image

Schweigen brach. Er tat es mit lauter, dröhnender Stimme, deren 
Worte allerdings völlig unverständlich blieben. 

»Was sagt er?« fragend blickte Roland den Knappen des Freiherrn 

Helferich an. 

Ein angestrengter Ausdruck war in Eginolfs Gesicht getreten. Er 

hielt den Kopf ein bißchen schief, um besser hören zu können. Viel 
kam dabei jedoch nicht heraus. 

»Ich kann den Mann nicht verstehen«, gab er schließlich zu. »Er 

muß einen Tatarendialekt sprechen, der ganz anders ist als der, mit 
dem ich vertraut bin.« 

»Ich sage es ja immer«, raunte Pierre seinem Herrn zu. »Dieser 

Bursche ist wirklich zu nichts zu gebrauchen!« 

Diesmal mußte ihm der Ritter mit dem Löwenherzen unbedingt 

recht geben. Dieser Eginolf war wirklich eine ziemlich taube Nuß. 

Der Sprecher der Tataren hatte jetzt aufgehört zu reden. Deutlich 

sah man ihm an, daß er eine Antwort erwartete. 

»Sag  ihm, daß wir als Freunde gekommen sind«, forderte Roland 

Eginolf auf. »Das wirst du doch wohl noch fertig bringen, oder?« 

»Ich ... will es versuchen.« 
Eginolf wandte sich dem breitschultrigen Tataren zu. Mehrmals 

setzte er zum Sprechen an. Dann stieß er  ein paar Laute aus, die ganz 
eigenartig klangen, aber keine erkennbare Ähnlichkeit mit den Tönen 
des Barbaren hatten. 

Dennoch antwortete der Tatar. Die Worte sprudelten nur so aus 

ihm heraus, kehlig und hart. 

»Was?« fragte Roland. 
Eginolf s Mundwinkel zuckten. »Ich habe den Eindruck, daß der 

Kerl mich nicht verstanden hat.« 

»Diesen Eindruck habe ich allerdings auch«, erwiderte der Ritter 

mit dem Löwenherzen ärgerlich. 

»Zu nichts zu gebrauchen«, warf Pierre ein. 
Roland nahm die Dinge jetzt selbst in die Hand. Er trat einen 

Schritt auf den Breitschultrigen zu. 

»Freund«, sagte er und lächelte breit. »Wir Freunde! Du 

background image

verstehen?« 

Der Tatar glotzte ihn nur an. 
Blöder Hund, dachte Roland. Aber er ließ sich seine Gedanken 

nicht anmerken, sondern behielt sein breites Grinsen bei. Wenigstens 
das Grinsen mußte der Wilde doch verstehen. 

»Freund«, wiederholte er. Dann nahm er seine linke und seine 

rechte Hand, legte sie ineinander und schüttelte sie. »Freund! 
Begreifst du endlich, du verdammter Mädchenschänder?« 

»Ugu?« sagte der Tatar fragend. 
»Ugu, ganz recht«, bestätigte Roland in der Hoffnung, daß der 

Tatar mit >Ugu< dasselbe meinte wie er. 

Jetzt grinste der Barbar ebenfalls. 
Er kam auf Roland zu und donnerte ihm seine Rechte auf die 

Schulter. 

»Ugu!« 
Roland war ein kräftiger Mann, der schon einiges vertragen 

konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Hieb des Tataren 
jedoch hätte ihn beinahe zum Winseln gebracht. Außerdem mußte er 
sich zusammenreißen, um nicht in die Knie zu gehen. 

Na warte, Freundchen, dachte er. 
Dann hob er seinerseits die Hand und ließ sie dem breitschultrigen 

Mann auf die Schulter krachen. 

»Ugu!« sagte er. 
Und weil es so schön war, schlug er gleich noch einmal zu, einmal, 

zweimal, dreimal. 

»Ugu! Ugu! Ugu!« 
Der Tatar verzog den Mund. Zwei Tränen traten ihm in die Augen. 

Mit Genugtuung stellte Roland fest, daß auch sein Gegenüber alle 
Mühe hatte, die Beine gerade zu halten. Dann lachte der Tatar, lachte 
so laut, daß die Befürchtung aufkam, die noch verbliebenen Wände 
des Hauses könnten doch einstürzen. 

Und Roland lachte ebenfalls. Nicht ganz so dröhnend wie der 

Barbar, aber doch so kräftig, daß einem die Ohren davon weh tun 
konnten. Wenig später fielen auch die anderen Tataren in das 

background image

Gelächter ein. Louis, Pierre und Eginolf blieb nichts anderes übrig, 
als schließlich auch noch mitzumachen. Es dauerte fast eine Minute, 
bis sich alle Anwesenden wieder beruhigt hatten. 

Dann machte der Breitschultrige ein paar Handbewegungen, die 

auch ohne Worte für jeden verständlich waren. 

Kommt mit uns! 
»Mir scheint, wir haben gerade eine Einladung bekommen«, sagte 

Roland zu seinen drei Knappen. »Und ich glaube, wir sind gut 
beraten, wenn wir dieser Einladung Folge leisten.« 

Der Weg zum Lager der Tataren war nicht weit. Keine halbe Stunde 
dauerte es, bis im Dämmerlicht die Umrisse des kleinen Zeltdorfs 
auftauchten. 

Nicht nur dem Knappen Pierre wurde es mulmig in der 

Magengegend. Auch Roland mußte zugeben, daß er sich in seinem 
Leben schon wesentlich wohler gefühlt hatte. 

Der Ritt war weitgehend schweigend verlaufen. Was sollten 

Christen und Barbaren auch miteinander reden? Sie verstanden ja 
ohnehin kein Wort von dem, was die anderen sagten. Eginolf hatte 
noch einmal versucht, eine Verständigung herbeizuführen, war dabei 
jedoch kläglich gescheitert.. Mehr und mehr kam Roland zu der 
Überzeugung, daß der Bursche überhaupt keines Dialekts der 
Tatarensprache mächtig war. Er fragte sich nur, warum der Freiherr 
Helferich so großen Wert darauf gelegt hatte, ihm seinen Knappen 
mitzugeben. Aber das war gegenwärtig ohne Belang. Jetzt ging es 
um ganz andere Dinge. 

Hatten die Tataren sie wirklich nur mit in ihr Lager genommen, 

weil sie freundlich sein wollten? Oder lag es vielmehr in ihrer 
Absicht, sie lediglich in Sicherheit zu wiegen, um dann ganz 
überraschend über sie herzufallen und sie niederzumachen? 

Nach allem, was Roland über die Barbaren gehört hatte, sprach 

alles für die zweite Möglichkeit. Die Tataren waren hinterhältig, 

background image

grausam und mörderisch, das hatte man ihm erzählt. Von 
Freundschaft und Gastlichkeit war niemals die Rede gewesen. So 
etwas paßte ganz einfach nicht zu Männern, die am liebsten 
Jungfrauen vergewaltigten und Bäuche aufschlitzten. Roland war 
sich im klaren darüber, daß er wachsam sein mußte, sehr, sehr 
wachsam. 

Immerhin, die Tataren hatten ihm und seinen Gefährten nicht die 

Waffen abgenommen. Das war vielleicht doch ein gutes Zeichen und 
verlieh Roland zudem ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Ein Ritter, 
der sein Schwert besaß, war noch lange nicht verloren. 

Wenig später war das Lager erreicht. Es war doch größer, als es 

aus der Ferne ausgesehen hatte. Mindestens fünfzig, zum Teil recht 
große Zelte ließen sich zählen. Sie bildeten ein großes Viereck und 
waren mit Pflöcken und Stricken solide im Grasboden verankert 
worden. Neben den Zelten befand sich eine Koppel, in der die 
berühmten Pferde der Tataren untergebracht waren. Noch weiter im 
Hintergrund, ziemlich verstreut, waren weitere Tiere auszumachen. 
Das Vieh der Tataren offenbar, das sie bei ihren Zügen durch das 
Land ständig begleitete. Ganz augenscheinlich war das Zeltlager 
nicht nur für eine Nacht, sondern für eine längere Zeit errichtet 
worden. 

Sehr schnell lernten Roland und die Knappen auch die anderen 

Bewohner des Lagers kennen. Es waren ein ganzer Schwarm von 
Männern, Frauen und Kindern in allen Altersklassen. Als die 
Ankömmlinge in der Mitte des Lagers haltmachten, kamen sie von 
allen Seiten und starrten die vier Fremden an. 

Leicht überrascht nahm Roland zur Kenntnis, daß die Blicke vor 

allem Neugier und Erstaunen ausdrückten. Mißtrauen, Feindschaft 
oder gar Mordlust konnte er nicht feststellen. Langsam begann er 
sich zu fragen, ob all das, was man ihm so über die wilden 
Reiterhorden aus dem Osten erzählt hatte, wirklich den Tatsachen 
entsprach. Wenn er sich die Bewohner dieses Zeltdorfs so ansah, 
hatte er diesen Eindruck ganz  und gar nicht. Aber, sagte er zu sich 
selbst, man soll sich nicht durch den bloßen Augenschein täuschen 

background image

lassen. Schließlich durfte er nicht vergessen, daß es Tataren gewesen 
waren, die erst kürzlich die Grafentochter Anja von Kronburg 
geraubt und einen tapferen Ritter skrupellos hingemeuchelt hatten. Er 
mußte auch weiterhin auf der Hut sein und durfte zu keiner Zeit 
leichtsinnig werden. 

Ugu  - in Ermangelung der Kenntnis eines anderen Namens nannte 

Roland bei sich den Breitschultrigen so  - saß als erster ab. Sofort 
eilte ein junger Bursche herbei und führte sein Pferd weg. Auch die 
anderen Tataren sprangen vom Rücken ihrer Pferde. Ugu bedeutete 
Roland und den Knappen mit einer Handbewegung, es ihnen gleich 
zu tun. 

Was blieb den Abendländern übrig? Sie kamen der Aufforderung 

umgehend nach. 

Ugu rief etwas. Im nächsten Augenblick waren ein paar andere 

junge Stammesmitglieder zur Stelle, um sich ihrer Pferde 
anzunehmen. 

Roland zögerte, die Zügel freizugeben. Ein Ritter, sein Schwert 

und sein Pferd gehörten zusammen. Ihm fehlte etwas, wenn er 
Samum nicht in unmittelbarer Nähe wußte. 

Louis war zwar noch kein Ritter, aber er dachte genauso wie sein 

Herr. Auch er hielt die Zügel seines Reittiers nach wie vor in der 
Hand und bedachte den jungen Tataren, der nach ihnen greifen 
wollte, mit einem finsteren Blick. 

Ugu erkannte, wie es den beiden Männern widerstrebte, sich von 

ihren Pferden zu trennen. Wahrscheinlich verstand er ihre 
Beweggründe sogar, denn es hieß ja, daß auch die Tataren ihre 
Pferde sehr liebten und förmlich mit ihnen verwachsen waren. Er 
lächelte und deutete zu der Koppel hinüber. 

Louis wechselte einen Blick mit seinem Herrn, zuckte dann die 

Achseln und ließ die Zügel los. Auch Roland gab seinen Samum in 
die Obhut des Jünglings, der neben ihm stand. 

Inzwischen hatten andere Dorfbewohner einen regelrechten Ring 

um die Fremden gezogen. Es waren fast ausschließlich Kinder und 
Frauen, die sie anstarrten wie Wesen aus dem Märchenland. 

background image

Offenbar hatten sie noch nie Menschen mit weißer Haut gesehen. 
Vor allem erregte auch Rolands blondes Haar einiges Aufsehen. Eine 
junge Frau löste sich sogar aus den Reihen der anderen und trat auf 
den Ritter mit dem Löwenherzen zu. Ohne Scheu streckte sie die 
Hand aus und fuhr ihm damit durch die Haare. Sie befühlte ein paar 
Strähnen und war auch keck genug, ihm ein paar Haare auszureißen. 

Roland nahm es geduldig hin. Augenscheinlich war derlei Tun bei 

den Barbaren Sitte. Außerdem gefiel ihm das Mädchen. Sie war noch 
sehr jung, siebzehn Jahre höchstens, und ausgesprochen  hübsch. Im 
Gegensatz zu ihren Stammesgenossinnen war die eigenartige 
Tatarenfalte an den Augen kaum wahrzunehmen. Und obwohl sie ein 
zwar sehr buntes, aber auch sehr grob gewebtes, dickes 
Kleidungsstück am Körper hatte, war nicht zu verkennen, daß sich 
darunter sehr wohlgerundete Formen verbargen. 

Ein paar grobe Worte von Seiten Ugus verscheuchten sie 

schließlich. Aber sie ging nicht, ohne Roland noch einen heißen, 
vielversprechenden Blick zuzuwerfen. 

Auch die übrigen Gaffer wichen ein Stück zurück. Ugu besaß 

offenbar großen Respekt bei seinen Leuten. 

Jetzt bedeutete ihnen der Breitschultrige, der wohl der Anführer 

dieser Tatarenhorde war, ihm zu folgen. Roland und seine drei 
Knappen taten es. Er führte sie zu einer Zeltreihe hinüber, sprach 
dabei fortwährend auf sie ein. Roland antwortete auch, aber leider 
kam dabei keine Verständigung zustande. Aber der Ton war 
unbedingt freundlich, vielleicht auch deshalb, weil der Ritter mit dem 
Löwenherzen ein paarmal das Wort >Ugu< einflocht. 

Wenig später hatte ihnen der Tatarenführer zwei Zelte zugeteilt, in 

der sie wohl die Nacht verbringen sollten. Roland bedankte sich 
gestenreich. Der Dank war um so angebrachter, als ein paar Tataren 
die Zelte vorher räumen und bei irgendwelchen Stammesgenossen 
unterkriechen mußten. 

Grausam und mordlustig sollten die Tataren sein? Vielleicht. In 

jedem Fall aber waren sie gastfreundlich. Der Gedanke, daß Ugu dies 
alles nur tat, um sie in eine Falle zu locken, geriet immer mehr in den 

background image

Hintergrund. Wenn die Tataren etwas Böses im Schilde führen 
würden, dann hätten sie längst über die Gefährten herfallen können. 
Ihre zahlenmäßige Überlegenheit war so groß, daß Roland und die 
Knappen kaum in der Lage gewesen wären, mehr als recht 
aussichtslosen Widerstand zu leisten. 

Die Gastfreundschaft war noch längst nicht erschöpft. Ganz im 

Gegenteil, sie fing jetzt erst richtig an. Der Himmel war schwarz 
geworden, und der Mond versteckte sich hinter den Wolken. 
Dennoch war es hell im Lager. Mehrere große Feuer brannten im 
Mittelkreis zwischen den Zelten. Und über diesen Feuern ... 

Halbe Ochsen! 
Gleich mehrere waren es, die sich an riesigen Bratspießen drehten. 

Roland war ein Ritter und gehörte darob dem gehobenen Stand an. 
Während das einfache Volk vielleicht zwei oder dreimal im ganzen 
Leben einen saftigen Braten zwischen die Zähne bekam, waren er 
und seine Knappen wesentlich besser dran. In den Fürstenburgen gab 
es meistens reichlich und gut zu essen. Aber Fleisch war auch dort 
sehr oft Mangelware oder wurde nur bei besonderen Anlässen auf die 
Tafel gebracht. Die Tataren aber konnten es sich an einem ganz 
normalen Abend leisten, aus dem vollen zu schöpfen. 

Das nannte man Lebensart! 
Roland warf einen schnellen Seitenblick zu seinem treuen Pierre 

hinüber. Dem dicklichen Knappen fielen fast die Augen aus dem 
Kopf. Und er sabberte. Roland konnte es nicht sehen, aber er 
zweifelte nicht daran, daß Pierres Hände vor Freßlust zitterten. 

Und diese Freßlust konnte er sehr bald mit Herzenslust 

befriedigen. Ugu führte sie an eins der Feuer, wo bereits ein paar 
Sitzdecken auf sie warteten. Andere Tataren, unter ihnen natürlich 
auch Ugu selbst, gesellten sich dazu. Und dann begann das große 
Fressen, das für die Barbaren wohl alltäglich, für die Abendländer 
jedoch etwas Besonderes war. Mit dem Messer schnitten die Tataren 
große Stücke von dem Ochsen ab und hieben ihre Zähne ein, so daß 
ihnen der Saft über das ganze Gesicht spritzte. Dabei schmatzten sie, 
daß es eine wahre Pracht war. Und sie  rülpsten zum Zeichen, wie 

background image

sehr es ihnen schmeckte. 

Roland und die Seinen ließen sich nicht lange nötigen. Sie langten 

genauso zu wie ihre Gastgeber. Daß die wüste Fresserei mit 
höfischen Eßsitten nichts, aber auch gar nichts gemein hatte, 
kümmerte sie nicht im mindesten. Roland ertappte sich dabei, daß es 
ihm sogar ein besonderes Vergnügen bereitete, noch lauter zu 
rülpsen als die Tataren. Das wiederum bereitete Ugu großes 
Vergnügen. Er drückte es aus, indem er dem Ritter mit dem 
Löwenherzen wieder seine  Pranke auf die Schulter krachen ließ. Da 
Roland in diesem Augenblick gerade einen dicken Fleischbrocken im 
Mund hatte, verschluckte er sich. Auch daran hatten die Tataren, 
insbesondere Ugu, großen Spaß. Sie lachten brüllend und hielten sich 
dabei die Bäuche. 

Es blieb aber nicht allein beim Essen. Auch das Trinken kam nicht 

zu kurz. Ganz und gar nicht! Ein paar junge Tataren schafften große 
Krüge heran, die bis zum Rand mit einer wasserhellen Flüssigkeit 
gefüllt waren. Handgroße Becher wurden ausgeteilt, und dann ging 
es los. 

Als sich Roland den ersten kräftigen Schluck in den Hals schüttete, 

glaubte er, pures Feuer getrunken zu haben, so sehr brannte das 
Zeug. Ein scharfer Haferbrand war dagegen so zart wie Ziegenmilch. 
Dabei schmeckte das Gesöff eigentlich nach ... nichts. 

Roland verkniff es sich, den Mund zu verziehen oder gar zu 

husten. Sehr wohl war er sich bewußt, daß ihn die Tataren 
beobachteten. Besonders Ugu hatte ihn ganz scharf im Auge. 
Mannhaft leerte er den ganzen Becher und tat dabei so, als habe es 
ihm ganz vorzüglich gemundet. 

»Kuruk?« sagte Ugu in fragendem Ton. 
»Kuruk!« antwortete Roland. »Sehr, sehr kuruk!« 
Der Tatarenführer sagte noch etwas, winkte dann eins der 

Schankmädchen herbei und ließ seinen und Rolands Becher abermals 
bis  zum Rand vollgießen. Auch Louis und Eginolf ließen sich 
nachschenken, während Pierre seinen Becher noch nicht bewältigt 
hatte. 

background image

»Mach schon«, raunte ihm Louis zu. »Oder willst du, daß uns diese 

Burschen für Memmen halten?« 

Tapfer leerte auch der dickliche Knappe seinen Becher, wobei er 

nicht verhindern konnte, daß ihm ein paar Schweißtropfen auf die 
Stirn traten. Auch er bekam Nachschub. 

»Botok«, sagte Ugu und hob grinsend seinen Becher. 
»Botok!« 
Roland setzte den Becher an die Lippen und stürzte den Inhalt mit 

Todesverachtung hinunter. Mit Befriedigung stellte er fest, daß er 
sogar etwas schneller fertig war als Ugu. Auch Ugu selbst stellte es 
fest. Ein anerkennender Blick traf Roland. 

»Kuruk?« 
»Kuruk!« 
Louis und die anderen Tataren am Tisch hinkten ein  wenig 

hinterher, hatten es jetzt aber auch geschafft. Das gleiche galt für 
Eginolf, der seinen Becher hin und her drehte, um anzuzeigen, daß 
sich kein einziger Tropfen mehr darin befand. Allein Pierre mühte 
sich noch. 

»Ob ich nicht statt dieser Teufelssuppe einen Humpen süffigen 

Weins haben kann?« flüsterte er hoffnungsvoll, »Sauf!« zischte 
Louis böse. 

Mit einer Miene, die zum Gotterbarmen war, tat der dickliche 

Knappe seine Trinkpflicht. 

Erneut wurden die Becher gefüllt. Erst jetzt bemerkte Roland, daß 

das Schankmädchen die Kleine war, die vorhin an seinen Haaren 
herumgespielt hatte. Sie blinzelte ihm zu, als wolle sie ihm Mut 
zusprechen. Aber Roland war sich nicht sicher. Vielleicht meinte sie 
mit ihrem Blinzeln auch etwas anderes. 

»Botok!« sagte Ugu. 
»Botok!« 
Zu seiner eigenen Überraschung merkte Roland, daß das Zeug 

anfing, ihm zu schmecken. Es brannte zwar nach wie vor wie Feuer, 
aber daran gewöhnten sich Gaumen und Kehle langsam. 

»Kuruk«, sagte er, bevor Ugu dazu kam, ihm das Wort 

background image

vorzusprechen.  Er streckte verlangend die Hand mit dem leeren 
Becher aus. 

Sein Arm zitterte kein bißchen. 

Wieder gelang es Eginolf, den Inhalt seines Bechers unauffällig 
neben sich zu schütten. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er sich 
auch nur noch einen Schluck von dem höllischen Gebräu durch die 
Kehle jagte. Wenn er all das tatsächlich getrunken hätte, was er 
angeblich getrunken hatte, wäre er längst stockbesoffen. Das aber 
konnte er sich nicht leisten, denn er hatte in dieser Nacht noch etwas 
vor. 

Während er vorgab, schon schwer angeschlagen zu sein, 

beobachtete er seine Mitzecher scharf und aufmerksam. Der Knappe 
Pierre war bereits erledigt. Er hing mehr auf seiner Decke, als daß er 
darauf saß, und er sabbelte irgend etwas vor sich hin. Louis hielt  sich 
noch ganz gut, aber auch er zeigte schon ziemliche Wirkung. 
Dasselbe galt auch für einige der Tataren. Allein der breitschultrige 
Anführer der Barbaren und der Ritter Roland machten noch den 
Eindruck, einigermaßen klar im Kopf zu sein. Aber auch bei ihnen 
konnte es nicht mehr lange dauern, bis sich der Höllenbrand deutlich 
bemerkbar machte. 

Die Lage sah nicht gut aus für ihn und seinen Herrn, den Freiherrn 

Helferich. Roland war drauf und dran, echte Freundschaft mit diesem 
Tatarenführer zu schließen. Und wenn sich dann noch jemand fand, 
der die Sprachschwierigkeiten zwischen ihnen überbrücken konnte, 
würde die Wahrheit vermutlich sehr schnell ans Tageslicht kommen. 
Das aber durfte nicht geschehen. 

Eginolf hatte auch schon einen Plan geschmiedet, wie er das 

Verhängnis abwenden konnte. Zuerst war es seine Absicht gewesen, 
abzuwarten, bis Roland völlig betrunken war, und ihn dann mit 
einem schnellen Messerstich zu erledigen. Diesen Gedanken hatte er 
jedoch inzwischen wieder fallen gelassen. Leute, die so saufen 

background image

konnten wie der Ritter, wurden selbst dann im Handumdrehen 
wieder nüchtern, wenn sie voll wie eine Jauchengrube waren. Und 
wenn er mit dem ersten Messerstich nicht ganz genau ins Ziel traf ... 
Nein, er würde nicht selbst gegen Roland vorgehen. Das war ihm zu 
gefährlich. Viel besser würde es sein, wenn ihm die Tataren die 
Arbeit abnahmen. 

Weiter und weiter ging das wüste Gelage am Feuer. Und nun 

waren sehr schnell Opfer zu beklagen. Das erste war der Knappe 
Pierre. Er kippte nach hinten über und blieb in verkrümmter Haltung 
liegen, die Augen fest geschlossen und laut schnarchend. Eine Weile 
später machten auch die ersten Tataren schlapp. Sie mühten sich 
schwerfällig auf die Füße und torkelten davon, um in irgendwelchen 
Zelten zu verschwinden. Bald waren nur noch wenige Zecher übrig 
geblieben: Der Anführer, zwei seiner Stammesgenossen, Louis, der 
schnarchende Pierre und er selbst, Eginolf. 

Die anderen Feuer waren längst erloschen. Die Tataren, die an 

ihnen gesessen hatten, lagen längst auf ihren Schlaflagern. Nur das 
Mädchen, das Roland und den anderen Männern die Becher füllte, 
hatte sich noch nicht zurückgezogen. 

Und gerade dieses Mädchen war es, auf das sich Eginolfs Plan 

stützte. Er hatte die Kleine ganz genau beobachtet, hatte gesehen, daß 
sie nur Augen für Roland hatte. Begehrliche Augen, die einen ganz 
bestimmten Wunsch erkennen ließen. Und auch die Augen des 
Ritters hatten immer wieder mit großem Wohlgefallen auf dem 
Mädchen geruht. Eginolf war sich ganz sicher, daß nicht nur er diese 
gegenseitigen Blicke bemerkt hatte. Wenn sich also zwischen den 
beiden etwas abspielte, würden die Tataren bestimmt nicht 
überrascht sein. Alles andere ergab sich daraus nahezu zwangsläufig. 
Er, Eginolf, brauchte nur den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. 

Dann würde er handeln. 

»Bo ... tok!« 

background image

Roland merkte, daß seine Zunge nicht mehr so richtig wollte. Aber 

das spielte keine Fiedel. Hauptsache war, daß er noch den Mund 
aufbekam, um neuen Fusel hineinzuschütten. 

»Bo ... tok!« 
Auch Ugus Stimme war nur noch ein Lallen. Die Augen des 

Tatarenführers standen ziemlich schräg, und wenn er den Becher 
zum Mund führte, verschüttete er regelmäßig die oberste Lage. Aber 
auch sein Schluckvermögen hatte die Grenze noch nicht erreicht. 

Roland kippte seinen Becher hinunter und rülpste anschließend aus 

tiefster Seele. Mit glasigen Augen blickte er auf Ugu, der unmittelbar 
neben ihm saß. 

»Na, alter ... alter Bauch ... Bauchaufschlitzer, schaffst. .. schaffst 

du es nicht... nicht mehr?« 

Natürlich verstand der Tatarenführer kein  Wort. Aber er ahnte 

wohl, was sein Zechkumpan gesagt hatte. Er grinste schief und 
machte den Trinkbecher leer. 

»Ku ... ruk?« 
»Ku ... ruk!« 
Roland blickte mit krampfhaft aufgerissenen Augen in die Runde. 

Nur noch »Leichen« waren um das Feuer versammelt. Pierre 
schnarchte wie ein Murmeltier, Louis war in sich 
zusammengesunken und rührte sich kein bißchen und Eginolf starrte 
mit leeren Augen ins Feuer, den umgekippten, noch halb gefüllten 
Becher neben sich im Gras. Von den Tataren war überhaupt keiner 
mehr da. Nur Ugu natürlich. 

Der Tatarenführer stammelte irgend etwas und machte eine vage 

Handbewegung, wobei er seinen Becher umstülpte, so daß die 
Öffnung nach unten zeigte. 

Dieser Geste entnahm Roland die Frage, ob er aufhören wolle, zu 

trinken. Grinsend schüttelte er den Kopf und hob seinen Becher. »Ku 
... ruk!« 

Wenn Ugu dachte, daß er aufgeben würde, sah er sich getäuscht. 

Ihn trank niemand unter den Tisch. Auch kein Tatar! 

Ugu grinste ebenfalls und winkte dem Schankmädchen. Die Kleine 

background image

war sofort zur Stelle und füllte die Becher der beiden Männer erneut. 
Dabei kniete sie sich neben Roland und ließ wie unbeabsichtigt ihren 
Busen über seinen Arm gleiten. 

Roland war diese Berührung alles andere als unangenehm. Er 

streckte die freie Hand aus und tätschelte den reizvoll gerundeten Po 
der jungen Tatarin. Das Mädchen zuckte keineswegs zurück, sondern 
lächelte ihn nur schelmisch an. 

Der Tatarenführer sah es und lächelte dazu. Dann aber hob er 

schon wieder seinen Becher. 

»Botok!« 
»Bo ... tok!« 
Runter mit dem Zeug! 
Roland spürte, wie ihm der Fusel in der Kehle steckenzubleiben 

drohte. Er mußte echt würgen, um wieder richtig atmen zu können. 

Sein Zechkumpan hatte dieselben Schwierigkeiten. Um ein Haar 

hätte er sich erbrochen. Ein paar Augenblicke später jedoch hatte er 
den Übelkeitsanflug wieder überwunden. 

Er beugte sich zur Seite und legte Roland einen Arm und die 

Schulter. Dann sagte er etwas, das Roland zwar unverständlich blieb, 
aber sehr freundschaftlich klang. 

»Ich ... kann ... dich auch ver ... verdammt gut lei ... leiden, alter 

Wit... Wit... alter Witwenmörder«, antwortete er und erwiderte die 
Umarmung des Tataren. 

Die beiden Männer klopften sich gegenseitig auf die Schulter und 

lösten sich dann wieder voneinander. 

Roland hob den Becher hoch in die Luft  - mit der Öffnung nach 

oben. Das Mädchen verstand und goß ein. Auch Ugu bekam seine 
Ration. 

»Bo ... tok!« 
»Botok!« 
Roland fing an, Sterne zu sehen. Sie tanzten flimmernd vor seinen 

Augen und machten ihn ganz schwindlig. Er mußte die Augen 
zukneifen, um sie wieder loszuwerden. 

Ugu rülpste und würgte. Und diesmal wurde er seiner 

background image

Schwierigkeiten nicht Herr. Er übergab sich und sah danach aus, als 
würde er jeden Augenblick sterben. Mit einer kraftlosen Bewegung 
hielt er den  Becher in der zitternden Hand. Die Öffnung zeigte nach 
unten. Fast bittend blickte er Roland an. 

Er dauerte den Ritter mit dem Löwenherzen. Aber es hieß, daß die 

Tataren unbesiegbar waren. Und an diesem Abend hatte sich Roland 
vorgenommen, dieser Unbesiegbarkeit ein Ende zu setzen. Wenn 
nicht mit dem Schwert, dann wenigstens mit dem Trinkbecher. Er 
streckte die Hand mit dem Gefäß aus - Öffnung nach oben. 

Das Mädchen bedurfte keiner Aufforderung. Sie füllte die Becher 

ganz von selbst. 

»Bo ... tok!« 
»Bo ... Bo ... tok!« 
Und wieder runter mit dem Fusel! 
Diesmal waren es keine Sterne, die Roland sah. Die Sonne selbst 

schien vor seinen Augen zu zerplatzen. Und es dauerte verdammt 
lange, bis sie endlich damit fertig war. 

Ugu sah keine grell leuchtende Sonne. Bei ihm war die absolute 

Finsternis eingekehrt. Er fiel um wie ein naß gewordener Mehlsack 
und blieb regungslos auf seiner Decke liegen. 

Sofort ließ Roland seinen Becher fallen. Jetzt lag kein Grund mehr 

vor, sich an dem Ding festzuhalten. Er hatte gewonnen. Er hatte die 
Tataren besiegt! 

Das war unbedingt einen Triumphschrei wert. Roland öffnete den 

Mund, um ihn auszustoßen. Aber es kam nur ein kraftloses, unsagbar 
gequältes Röcheln über seine Lippen. 

Das Mädchen, das dicht neben ihm hockte, lachte. Vielleicht ahnte 

sie, was in ihm vorging. Sie legte die Hände unter seine Achseln und 
bedeutete ihm, daß er aufstehen sollte. Dabei deutete sie mit dem 
Kopf zu den Zelten hinüber. 

Roland nickte schwerfällig. Ins  Zelt, ja. Das war genau der Ort, zu 

dem er wollte. 

Mit großer Mühe kam er auf die Füße. Wenn ihm das Mädchen 

nicht geholfen hätte, wäre er dazu wahrscheinlich gar nicht in der 

background image

Lage gewesen. Und alleine gehen konnte er auch nicht. Wieder war 
er auf die Unterstützung der Tatarin angewiesen. Das Mädchen 
offenbarte dabei erstaunliche Kräfte. Schwer lastete sein 
beträchtliches Körpergewicht auf ihr, aber das machte ihr nicht viel 
aus. Sie schleppte ihn in das Zelt, das ihm Ugu Stunden zuvor 
zugewiesen hatte. 

Schwer ließ sich Roland auf das Fellager fallen. Schlafen  - das war 

sein einziger Gedanke. 

Das Mädchen jedoch hatte ganz andere Gedanken. Schließlich 

hatte sie nicht eine halbe Ewigkeit bei den Zechern ausgeharrt, um 
sich jetzt etwas vorschnarchen zu lassen. Sie kniete neben dem Ritter 
nieder und fing an, ihn seiner Kleidung zu entledigen. 

Roland ließ es geschehen. Nicht einmal ungerne, denn die sanften 

Berührungen ließen einen angenehmen Schauder in ihm aufsteigen, 
der stärker war als seine Trunkenheit. Schlafen? 

Gewiß, aber vielleicht doch nicht sofort. Denn zunächst... 
Er griff nach der jungen Tatarin, die inzwischen mit ihrer 

Entkleidungstätigkeit fertig geworden war. Bereitwillig drängte sie 
sich ihm entgegen, als seine Finger nach den Schnüren  und Knöpfen 
ihres Umhangs suchten. Er stellte sich dabei sehr ungeschickt an. 
Einmal weil er das fremde Kleidungsstück nicht kannte. Und 
natürlich auch, weil seine Finger nicht ganz so wollten, wie er das 
gerne gehabt hätte. Aber das machte alles nichts.  Die junge Tatarin 
wußte mit ihren eigenen Schnüren um so besser Bescheid und hatte 
sie in wenigen Augenblicken selbst gelöst. Mit Leichtigkeit konnte 
ihr Roland nun die Kleidung vom Körper ziehen, so daß sie genauso 
nackt war wie er. 

Es war stockdunkel im  Zelt, aber Roland und das Mädchen 

brauchten auch kein Licht. Der Ritter mit dem Löwenherzen 
erkundete die Körperlandschaft der Tatarin mit seinen Händen und 
stellte dabei fest, daß es eine gar prächtige Landschaft war. Herrlich 
geformte Hügel, die steil in die Höhe ragten, ein sanft bemoostes Tal, 
das eine einzige lockende Versprechung war. 

Und auch das Mädchen fand alles, was sie suchte. Hochbefriedigt 

background image

nahm sie zur Kenntnis, daß der abendländische Ritter zu jenen 
Männern gehörte, die nach einem wüsten Saufgelage immer noch 
Männer waren. Das lange Warten hatte sich für sie gelohnt. 

Ein befriedigtes Lächeln huschte über Eginolfs Züge, als der Ritter 
Roland mit der jungen Tatarin davonwankte. Er hatte sie alle 
erfolgreich getäuscht. Jedermann hielt ihn für betrunken. Niemand 
ahnte, daß er so nüchtern und klar im Kopf war wie selten. 

Hellwachen Auges blickte er dem Ritter und dem Mädchen nach. 

Die beiden brauchten eine Weile, bis sie den freien Platz zwischen 
den Zelten überquert hatten. Schließlich aber waren sie am Ziel. Sie 
verschwanden in Rolands Zelt. 

Eginolf triumphierte innerlich. Besser hätten sich die Dinge gar 

nicht entwickeln können. Roland und die junge Tatarin befanden sich 
allein im Zelt. Louis und Pierre waren so besoffen, daß sie in dieser 
Nacht bestimmt nicht mehr zu sich kommen würden. Genau wie der 
Tatarenführer, der letzten Endes auch noch völlig zusammen-
gebrochen war, würden sie mit Sicherheit neben dem langsam 
niederglimmenden Feuer liegen bleiben und frühestens bei 
Sonnenaufgang wieder erwachen. Es war also nicht zu befürchten, 
daß einer der beiden Knappen zwischenzeitlich in Rolands Zelt 
hineinging. Die Voraussetzungen für das Gelingen seines Plans 
wurden immer idealer. 

Zunächst behielt er seine scheinbar schlafende Stellung  bei und 

beobachtete weiterhin seine Umgebung. Die beiden Knappen und der 
Tatarenführer rührten sich nicht. Diese drei Männer konnte er 
wirklich vollkommen vergessen. Aber auch sonst war in dem ganzen 
Zeltdorf nirgendwo eine Bewegung festzustellen. Alle  Dorfbewohner 
schienen in tiefem Schlaf zu liegen. Mit Ausnahme der beiden in 
Rolands Zelt, verstand sich, denn daß sich Roland und das Mädchen 
zum Schlafen hingelegt hatten, glaubte er wahrhaftig nicht. Und zum 
Vorschein gekommen, war die junge Tatarin auch noch nicht wieder. 

background image

Was sich also im Zelt abspielte... Eginolf grinste bei diesem 
Gedanken und war neidisch auf den Ritter mit dem Löwenherzen. 
Aber dieser Neid legte sich schnell, wenn er an den morgigen Tag 
dachte. 

Nach einer Weile kam Bewegung in den  Knappen. Vorsichtig 

setzte er sich aufrecht. Pierre, Louis und der Tatarenführer nahmen 
keine Notiz von ihm. Sie röchelten und schnarchten weiter. Und auch 
als Eginolf in geduckter Haltung vom erlöschenden Feuer 
wegschlich, hob keiner von ihnen den Kopf. 

Wenig später hatte der Knappe Helferichs das Zelt erreicht, in dem 

er. Roland und die Tatarin wußte. Niemand hatte ihn unterwegs 
gesehen, da war er sich ganz sicher. 

Niederkauernd legte Eginolf den Kopf an die Eingangsplane. Die 

Geräusche, die er aus  dem Inneren hörte, waren ganz eindeutig. Er 
hatte den Ritter mit dem Löwenherzen genau richtig eingeschätzt. 
Roland mochte zwar stockbesoffen sein. Handlungsunfähig war er 
deswegen jedoch nicht. Ganz und gar nicht, wie er im Augenblick 
gerade deutlich bewies. 

Geduldig wartete der Knappe. Dann endlich, nach einer ganzen 

Weile, wurde es ruhiger im Zelt. Und schließlich kam der 
Augenblick, dem er entgegengefiebert hatte. Der Zelteingang wurde 
zurückgeschlagen, und die junge Tatarin kam zum Vorschein. 

Als  sie des Knappen ansichtig wurde, war es bereits zu spät für sie. 

Sie hatte bei Roland nicht versagt. Das war aber auch der einzige 
Unterschied, den es zwischen ihr und Maria Elena gab. 

»Laß ... mich!« 

Unwillig schüttelte Ritter Roland die Hand ab, die ihn rüttelte und 

schüttelte. Er wollte weiterschlafen, sonst gar nichts. Aber derjenige, 
der da vor ihm stand, gab nicht nach. Schließlich blieb Roland gar 
nichts anderes übrig, als hochzufahren. Er stieß einen bösen  Fluch 
aus, als er seinen Knappen Louis erkannte. 

background image

»Was fällt dir ein?« fuhr er seinen Getreuen an. »Siehst du nicht, 

wie müde ich noch bin?« 

Louis beachtete seinen Einwand gar nicht. Mit großen, entsetzten 

Augen blickte er seinen Herrn an. 

»Um des Himmels willen, Ritter Roland, wie konntet Ihr nur so 

etwas Entsetzliches tun?« 

»Was?« Roland verstand überhaupt nicht, was der Knappe von ihm 

wollte. Die Gedanken huschten nur ganz träge, ganz langsam durch 
seinen Kopf. Er fühlte sich noch vollkommen benebelt. Hinter seiner 
Stirn schien ein bösartiger Zwerg zu sitzen, der ihm immer wieder 
mit einem spitzen Schuh ins Gehirn trat. 

»Das Mädchen«, flüsterte Louis. »Wie konntet Ihr nur?« 
Roland verstand seinen Knappen noch immer nicht. »Was, zum 

Teufel, war denn dabei? Die Tatarentochter war sicherlich alt genug, 
um ...« 

»Gewiß«, fiel ihm Louis ins Wort. »Aber warum mußtet Ihr sie 

anschließend umbringen?« 

Umbringen? 
Das Wort wischte mit einem Mal die Nebel zur Seite, die durch 

Rolands Kopf gaukelten. 

»Was sagst du da?« 
Der Knappe sagte gar nichts, deutete nur mit einer stummen 

Gebärde neben seinen Herrn. 

Und dann sah der Ritter mit dem Löwenherzen die junge Tatarin. 

Verkrümmt und reglos lag sie da, die Kleidung zerfetzt, mit 
gebrochenen Augen an die Decke des Zeltes starrend. 

Roland war wie vom Donner gerührt. Das ... durfte doch ganz 

einfach nicht wahr sein! 

Er sprang auf die Füße, starrte fassungslos auf das Mädchen 

hinunter. Er wischte sich über die Augen, aber das schreckliche Bild 
blieb. Seine Minnegefährtin der Nacht war ohne jeden Zweifel tot. 

»Ihr habt sie in Eurer Trunkenheit erwürgt«, sagte Louis. »Deutlich 

sieht man noch die Male Eurer Finger am Hals des Mädchens.« 

»Unsinn!« entrüstete sich der Ritter Roland. »Wie kannst du mir so 

background image

etwas Ungeheuerliches unterstellen?« 

»Ihr ... wart es nicht?« 
»Natürlich nicht! Warum sollte ich eine derartig entsetzliche Tat 

begehen?« 

»Dieser Fusel, den Ihr wie Wasser getrunken habt...« 
»Ich habe schon oft sehr viel Fusel getrunken, ohne dabei den 

Verstand zu verlieren. Und ich habe ihn auch in dieser Nacht nicht 
verloren. Ganz genau kann ich mich an jede Einzelheit erinnern. Als 
ich mich zum Schlafen niederlegte, war das Mädchen noch von 
blühendem Leben erfüllt.« 

»Aber wie ist es dann möglich ...« 
»Das weiß  ich nicht. Aber ich weiß etwas anderes: ich habe sie 

ganz bestimmt nicht umgebracht.« Roland blickte seinen Knappen 
mit verengten Augen an. »Oder glaubst du mir etwa nicht?« 

Louis antwortete nicht sogleich. »Doch«, sagte er nach einer 

ganzen Weile des stillen Überlegens. »Wenn Ihr es mir sagt, dann 
glaube ich es in jedem Fall.« 

Seine Worte waren kein bloßes Lippenbekenntnis. Er war jetzt 

wirklich davon überzeugt, daß sein Herr die Wahrheit sprach. Eine 
solch schreckliche Tat... Sie paßte auch ganz und gar nicht zu einem 
so aufrechten Mann wie Roland. Aber es hatte trotzdem keinen 
Zweck, sich Sand in die Augen zu streuen. 

»Machen wir uns nichts vor, Ritter Roland«, sagte er mit ernster 

Stimme. »Außer mir  - und wahrscheinlich auch Pierre  - wird Euch 
niemand Glauben schenken.« 

Das dämmerte Roland auch langsam. Teufel auch, was für eine 

irrsinnige Situation! 

»Wir müssen das Mädchen wegschaffen«, sagte Louis. 

»Anderenfalls ...« 

Bedeutungsschwer ließ er die Worte in der Luft hängen. 
Roland wußte nicht, wie er sich entscheiden sollte. Und daran 

trugen nicht einmal die Nachwirkungen des Fusels Schuld. Wenn er 
die Tote heimlich wegschaffte, bedeutete das soviel wie ein 
Schuldeingeständnis. Das widerstrebte ihm zutiefst. Wenn man die 

background image

Tote jedoch in seinem Zelt fand, würde jeder darin einen 
unumstößlichen Schuldbeweis sehen. Was sollte er also tun? 

Er blickte zum Zelteingang hinüber, der einen Spaltbreit 

offenstand. Helles Morgenlicht drang herein. Das Lager war 
anscheinend längst erwacht. Die Stimm- und Geräuschkulisse 
außerhalb des Zeltes wurde immer lauter. 

»Wo sind die anderen?« wollte Roland von seinem Knappen 

wissen. 

»Eginolf und Pierre haben mit mir zusammen den Rest der Nacht 

am Feuer verbracht«, gab Louis Auskunft. »Die beiden liegen auch 
jetzt noch wie tot auf ihren Decken.« 

»Und Ugu?« 
»Ugu?« 
»Den Anführer der Tataren meine ich.« 
»Er hat es auch nicht bis zu seinem Zelt geschafft und ist am Feuer 

eingeschlafen. Als ich aufstand, wurde er allerdings auch gerade 
wach.« 

»Und wo ist er ...« 
Den Rest der Frage konnte sich Roland sparen, denn genau in 

diesem Augenblick wurde die Zeltplane zurückgeschlagen, und Ugu 
stand im Rahmen. Damit erübrigte sich auch eine Antwort auf die 
Frage, was mit der Toten geschehen sollte. 

Das breite Lächeln des Tataren gefror zu einer Grimasse, als sein 
Blick auf das tote Mädchen fiel. Sekundenlang stand er schweigend 
da. Dann kam ein böses Grollen aus seiner Kehle. Mit Augen, in 
denen ein Gewitter zu toben schien, sah er Roland an. Die Worte, die 
er dann sagte, klangen wie Peitschenhiebe. 

»Ich war es nicht«, sagte Roland klar und deutlich. »Das mußt du 

mir glauben, Ugu!« 

»Ugu?« wiederholte der Tatar. Es folgte ein böses Lachen und 

weitere harte, peitschenartige Worte. Ganz schnell machte er zwei, 

background image

drei Schritte nach vorne. Dann zuckte ansatzlos seine geballte Faust 
nach vorne und krachte in Rolands Gesicht. 

Die Wucht des Schlages ließ Roland zurücktaumeln. Er spürte, wie 

ihm das Blut aus der Nase schoß. Nur mit großer  Mühe gelang es 
ihm, sich auf den Beinen zu halten. 

Der Tatar spuckte ihm vor die Füße und machte ein angewidertes, 

haßerfülltes Gesicht. 

Louis' Hand legte sich auf den Knauf seines Hirschfängers. Aber er 

zögerte, das schwere Messer aus der Scheide zu ziehen. Natürlich 
verstand er den aufrechten Zorn des Barbaren. Andererseits galt es, 
seinen Herrn zu verteidigen. 

Der Tatarenführer nahm ihm die Entscheidung ab, indem er sich 

umdrehte und wortlos das Zelt verließ. 

Roland wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Auch er sagte kein 

einziges Wort. 

»Er wird wiederkommen«, sagte Louis leise. »Oder aber seine 

Leute schicken.« 

»Ja«, nickte Roland. »Es wäre vielleicht ratsam, wenn Ihr Euch 

ankleiden würdet«, schlug der Knappe anschließend vor. 

Erst jetzt merkte der Ritter mit dem Löwenherzen, daß er fast nackt 

war. Die kleine Tatarin hatte ihn zwar ausgezogen, sich aber nicht 
die Mühe gemacht, ihm die Kleidung wieder anzulegen. Der 
Gedanke an das Mädchen und die Nacht versetzte Roland einen 
Stich. Schmerzvoll blickte er auf die Tote hinab. Dann gab er sich 
einen Ruck und tat, was ihm Louis gesagt hatte. Es wäre würdelos 
gewesen, nackt zu sterben. Und daß das Sterben kurz bevorstand, 
bezweifelte er kaum. Aber er war nicht gewillt, sich so ohne weiteres 
in sein Schicksal zu ergeben. Ugu und die Seinen mochten nicht 
ohne eine gewisse Berechtigung denken, daß er ein feiger, von 
finsteren Trieben beherrschter Mädchenmörder war. Er aber wußte, 
daß dies nicht stimmte. Und deshalb ... 

Da kamen sie bereits. Fünf Tataren waren es, die den Zeltvorhang 

zurückrissen und sich drohend im Eingang aufbauten. Jeder einzelne 
von ihnen hielt ein Schwert in der Hand. 

background image

Einer von ihnen stieß in barschem Befehlston ein paar gutturale 

Worte aus, deren Sinn auch ohne Sprachkenntnisse ganz 
unmißverständlich war. 

Komm raus, du Schwein! So oder so ähnlich mußte man die 

Aufforderung wohl deuten. 

»Wenn ihr etwas von mir wollt, dann müßt ihr mich schon holen«, 

sagte Roland und zog gleichzeitig sein Schwert. 

Auch sein treuer Knappe Louis war zum Kampf bereit, den 

Hirschfänger in der Faust. 

Dann griffen die Tataren an. Gleichzeitig stürmten sie in das Zelt 

hinein, so heftig, daß sie sich gegenseitig behinderten. Das brachte 
Roland und Pierre zunächst einen kleinen Vorteil. Fast spielerisch 
konnten sie die erste Attacke der Tataren abwehren. Die Klingen der 
Barbaren fanden keine Lücke in ihrer Verteidigung. Ja, Roland hätte 
sogar Gelegenheit gehabt, seinerseits einen tödlichen Stoß zu führen. 
Für einen kurzen Augenblick wandte ihm einer der Barbaren seine 
ungeschützte linke Seite zu. Normalerweise hätte der Ritter mit dem 
Löwenherzen diese Chance genutzt. Aber dies war keine normale 
Situation. Roland konnte sich nicht entschließen, dem Widersacher 
seinen kalten Stahl in die Rippen zu bohren. 

Die Tataren sprangen zurück. So etwas wie widerwillige 

Anerkennung war in ihren Augen zu lesen. Gewiß waren sie es 
gewohnt, daß bei einem Kampf fünf gegen zwei schon der erste 
Angriff die Entscheidung zu ihren Gunsten brachte. 

Ihre zweite Attacke trugen sie weniger ungestüm, dafür aber mehr 

mit aufeinander abgestimmten Aktionen vor. Das Zelt war zwar 
außerordentlich groß, für einen solchen Kampf jedoch war es 
dennoch viel zu eng. Die Möglichkeiten, sich durch einen schnellen 
Sprung vor gegnerischen Hieben und Stößen in Sicherheit zu 
bringen, blieben gering. Dieser Umstand wirkte sich vor allem für 
die Verteidiger aus. Roland und Louis mußten die Klingen ihrer 
Gegner an Ort und Stelle parieren, ohne ausweichen oder 
zurückgehen zu können. Und so brauchten sie ihre ganze 
Geschicklichkeit, um auch dem zweiten Ansturm trotzen zu können. 

background image

Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ihr Schicksal erfüllte. 

Auf Dauer konnten sie dieses Gefecht nur als Verlierer beenden. 

Wieder kamen die Tataren gleichzeitig, von vorne, von links und 

von rechts. Rolands Schwert brauchte die Schnelligkeit eines Blitzes, 
um alle Blößen abdecken zu können. Ohne Louis tatkräftige Hilfe 
wäre er längst ein toter Mann gewesen. 

Aber auch so konnte er nicht vermeiden, daß er und sein treuer 

Knappe die ersten Blessuren abbekamen. Die Spitze eines 
Krummschwerts streifte Roland am Hals und ließ Blutstropfen 
hervortreten. Und Louis zog sich eine leichte Stichwunde an der 
Hüfte zu, die zwar nicht fatal war, ihn aber doch schon schwer 
behinderte. Als die Tataren zum nächsten gemeinsamen Angriff 
rüsteten, stand das Ende der beiden Abendländler unmittelbar bevor. 

Bevor die Barbaren kamen, tat Roland deshalb etwas gänzlich 

Unerwartetes. Sein Schwert hieb nach links, hieb nach rechts. Die 
beiden Pflöcke, die die rückwärtige Hälfte des Zeltes stützten, 
wurden glatt durchgehauen. Das Zelt stürzte ein und begrub 
Angreifer und Verteidiger unter sich. 

Ein wildes Durcheinander entstand. Keiner der Kämpfenden 

konnte mehr etwas sehen. Sie alle hatten mit der Zeltdecke zu tun, 
die schwer auf ihnen lastete und ihre Bewegungsfreiheit 
einschränkte. 

Wieder wäre es Roland möglich gewesen, dem Kampf eine Wende 

zu seinen Gunsten zu geben. Er wußte ganz genau, wo sich Louis 
befand. Wenn er also mit dem Schwert wild um sich gehauen hätte, 
wären zwangsläufig einer oder gar mehrere der Tataren getroffen 
worden. Aber Roland wußte, daß die Tataren fest davon überzeugt 
waren,  für eine gerechte Sache zu kämpfen. Deshalb brachte er es 
nicht über sich, ihnen eine Wunde zuzufügen. 

Statt dessen packte er in der Dunkelheit den Arm seines Knappen 

und zog ihn mit sich. 

»Komm!« zischte er. 
Er hatte sich seinen Standort ganz genau gemerkt, war deshalb der 

Orientierung nicht verlustig gegangen. So bereitete es ihm wenig 

background image

Schwierigkeiten, sich unter der Zeltplane hindurchzuwinden und ins 
Freie zu gelangen. Louis schaffte es ebenfalls. 

Aber das Freie war nicht die Freiheit. Sämtliche Tatarenkrieger, 

die im Lager anwesend waren, hatten einen Ring um das 
zusammengebrochene Zelt gezogen. Und jeder einzelne von ihnen 
hielt eine Waffe in der Hand. Der Ring war lückenlos. Es konnte 
kein Entkommen für Roland und seinen treuen Knappen geben. 

Auch Ugu war dabei. Er trat einen Schritt nach vorne, ein 

grimmiges Lächeln auf den Lippen. 

Der Tatarenführer deutete auf Pierre und Eginolf, die Roland erst 

jetzt sah. Die beiden Knappen wurden von mehreren Tataren 
festgehalten, die ihnen ein Messer an die  Kehle hielten. Dann zeigte 
Ugu auch auf Louis und machte eine Handbewegung, die klar zu 
erkennen gab, daß ihr Leben geschont werden sollte. Darauf deutete 
er auf Roland selbst. Die anschließende Bewegung war ebenfalls 
eindeutig. Es war die allgemein bekannte Bewegung des 
Halsabschneidens. 

Auch Louis hatte verstanden, was der Tatarenführer sagen wollte. 
»Laßt Euch nicht beeindrucken, Ritter Roland«, sagte er wild 

entschlossen. »Ich kämpfe an Eurer Seite bis zum letzten Atemzug.« 

»Nein«, sagte Roland. 
Er wollte nicht, daß Louis seinen letzten Atemzug tat. Und 

dasselbe galt auch für Pierre und Eginolf. 

Mit einer müden Bewegung ließ er sein Schwert ins Gras fallen 

und ging gesenkten Hauptes auf Ugu zu. 

Genau an der Stelle, an der in der vergangenen Nacht das große 
Gelage stattgefunden hatte, spielte sich das Geschehen auch jetzt ab. 
Die ganze Tatarenhorde war versammelt, Männer, Frauen und 
Kinder. Auch die drei Knappen waren anwesend, ohne allerdings in 
das Geschehen eingreifen zu können. Sie wurden von mehreren 
Männern umringt, die sie mit vorgehaltenem Schwert zur 

background image

Tatenlosigkeit verurteilten. Und da man ihnen ihre eigenen Waffen 
abgenommen hatte, konnten sie sich nicht dagegen auflehnen. 

Im Mittelpunkt des Geschehens stand der Ritter Roland. Die 

Tataren hatten ihm die Hände auf den Rücken gebunden und sahen 
ihn von allen Seiten mit haßerfüllten Blicken an. Aus ihrer Sicht war 
dieser Haß wohl verständlich. Der feige, gemeine Mord an ihrer 
Stammesschwester mußte solche Gefühle hervorrufen. 

Es war ein  Palaver vorangegangen, in dem der breitschultrige 

Stammesführer die bestimmende Rolle gespielt hatte. Obwohl die 
Knappen von all dem Gerede nichts verstanden hatten, war ihnen 
doch klar geworden, um was es ging: Der Stammesführer hatte eine 
Art Urteil über den Ritter mit dem Löwenherzen gesprochen. Und 
wie dieses Urteil ausgefallen war, stand außerhalb jeden Zweifels. 
Roland war ein todgeweihter Mann. Den Knappen blieb nichts 
anderes übrig, als mit knirschenden Zähnen zuzusehen, wie das 
Urteil vollstreckt wurde. 

»Was ... haben sie mit ihm vor?« fragte Pierre mit stockender, fast 

tonloser Stimme. 

Louis, der unmittelbar neben ihm stand, zuckte mit den Schultern. 

»Ich weiß es noch nicht. Aber ich fürchte, wir werden jetzt erfahren, 
warum man die Tataren überall als blutrünstig und grausam 
bezeichnet.« 

Ein paar junge Burschen führten jetzt vier Pferde in den Kreis. 

Keine besonders großen, aber doch sehr kräftige, etwas zottige 
Pferde, denen man Ungestüm und Wildheit auf den ersten Blick 
ansah. Die jungen Burschen hatten Mühe, die Tiere ruhig zu halten. 

Dann wurden Stricke gebracht, vier an der Zahl. Die Männer, die 

Roland festhielten, fingen an, ihm ein Ende jedes Stricks um Arme 
und Beine zu schlingen. 

Der Knappe Louis stöhnte unterdrückt auf. Er ahnte jetzt, was die 

Tataren mit seinem Herrn vorhatten. 

Und seine bösen Ahnungen waren nur allzu berechtigt... 
Die Tataren legten Roland jetzt auf den Boden. Da auch seine Füße 

zusammengebunden waren, konnte er sich praktisch überhaupt nicht 

background image

bewegen, geschweige denn Widerstand leisten. Hilflos mußte er alles 
über sich ergehen lassen. 

Das erste Pferd wurde herangeführt. Dann befestigte einer der 

Tataren den Strick, der sich um Rolands rechtes Bein schlang, am 
Hals des Tieres. Schon kam das zweite Pferd. 

»Gütiger Himmel«, ächzte Pierre. 
Der Strick an Rolands rechtem Arm wurde am Hals des zweiten 

Pferds festgemacht. 

»Louis!« zischte Pierre. 
»Ja, Pierre?« 
»Weißt du, was diese Teufel da beabsichtigen?« 
»Ja«, antwortete Louis gepreßt. »Gleich werden sie unseren Herrn 

auch mit den übrigen beiden Pferden verbunden haben. Dann werden 
sie die vier Tiere in verschiedene Richtungen davonjagen, und der 
Körper Ritter Rolands ...« 

»... wird in vier Teile zerrissen!« beendete Pierre den 

angefangenen Satz. 

Louis nickte bebend. 
»Aber das können wir doch nicht zulassen?« Pierre war rot im 

Gesicht angelaufen und machte eine hastige Bewegung. 

Sofort spürte er die Spitze eines Krummschwerts an seiner Kehle. 

Der Tatar, der ihm das Schwert an den Hals gesetzt hatte, knurrte ein 
paar böse, unmißverständliche Worte. 

Der Strick an Rolands linkem Bein wurde inzwischen um den Hals 

des dritten Pferds geschlungen. Nur noch wenige Augenblicke, dann 
würde sich sein Schicksal erfüllen. 

Pierre wollte sich nicht damit  abfinden. Wild blickte er sich nach 

dem Knappen des Freiherrn Helferich um. 

»Eginolf, versuche noch mal, mit den Barbaren zu reden. Sag 

ihnen, daß Roland dieses Mädchen nicht getötet ...« 

Er brach ab, als er das Gesicht des untersetzten Mannes sah. Der 

Anflug eines Grinsens war darin zu erkennen. Und in seinen Augen 
leuchtete es triumphierend. 

Da wußte Pierre auf einmal Bescheid. 

background image

»Louis!« 
»Ja?« 
»Er ist der Mörder!« schrie Pierre. »Dieses Dreckschwein hat das 

Mädchen umgebracht und den Verdacht ganz bewußt auf den Ritter 
Roland gelenkt!« 

Louis fuhr herum und blickte den Knappen des Freiherrn an. Das 

Grinsen auf den Zügen des Mannes war verschwunden. Aber die 
Befriedigung, die in seinen Augen stand, war noch immer ganz 
deutlich wahrzunehmen. 

»Ja«, stieß Louis hervor. »Er war es!« 
Eginolf schüttelte den Kopf. »Was erzählt ihr denn da? Warum 

sollte ich denn so etwas getan haben?« 

»Das weiß ich nicht«, gab Louis scharf zurück. 
Er wollte auf den untersetzten Knappen losgehen, kam aber nicht 

dazu. Die Tataren neben ihm hielten ihn fest. Einer von ihnen hielt 
ihm das Schwert vor die Augen. 

»Ihr Narren!« brüllte Louis in ohnmächtiger Wut. »Merkt ihr denn 

nicht, was hier gespielt wird? Er ist der Mörder, nicht Ritter 
Roland!« 

Natürlich verstanden die Krieger kein  einziges Wort von dem, was 

er sagte. Und deshalb dachten sie auch gar nicht daran, ihn aus ihrer 
Umklammerung freizugeben. 

Jetzt aber handelte Pierre. Er erkannte, daß die Tataren so mit 

Louis beschäftigt waren, daß sie kaum auf ihn achteten. Diese 
Gelegenheit nutzte er. Noch ehe es sich die Männer versahen, war er 
unter ihnen durchgetaucht und lief los. Aber er kümmerte sich nicht 
um Eginolf, sondern rannte zu dem Stammesführer hinüber, der mit 
finsterem Gesicht die Hinrichtungsvorbereitungen beobachtete. 

Alle waren so überrascht, so daß Pierre sein Ziel erreichte, ohne 

aufgehalten zu werden. 

Der dickliche Knappe war kein Dummkopf. Er wußte nur zu gut, 

daß er nur etwas erreichen konnte, wenn er sich friedlich verhielt. 
Deshalb warf der sich vor dem Führer auf die Knie und gab dadurch 
zu erkennen, daß er keine Gewalttätigkeit im Sinne hatte. 

background image

Zwei Krieger stürmten auf ihn zu, wollten ihn wegzerren. Aber 

Pierre zeigte jetzt, daß er kein Schwächling war. Er schüttelte die 
beiden ab und hob mit einer untertänigen Geste die Hände zu dem 
Mann empor, den Roland Ugu genannt hatte. 

Und sein Tun verfehlte die Wirkung nicht. Als sich die Krieger 

abermals auf ihn stürzen wollten, wies Ugu sie mit einer herrischen 
Handbewegung zurück. Er hatte erkannt, daß ihm Pierre etwas 
Bedeutsames mitteilen wollte. 

Ein Schwall von Worten kam aus Pierres Mund, begleitet von 

wilden Handbewegungen. Er deutete auf Roland, neigte den Kopf 
zur Seite und legte die zusammengefalteten Hände darunter. 

»Er hat geschlafen, verstehst du? Er konnte das Mädchen 

überhaupt nicht umbringen!« 

Dann richtete er einen anklagenden Finger auf den Knappen des 

Freiherrn Eginolf. 

»Er war es! Er hat das Mädchen getötet!« 
Er machte die Bewegung des Halsabschneidens, zeigte dabei 

immer wieder auf Eginolf . 

»Er war es! Nicht Roland, sondern er!« 
Eginolf machte ein betroffenes Gesicht und fing an, lautstark 

Widerspruch zu erheben. Er tat es mit schriller, scheinbar entrüsteter 
Stimme, der jedoch die falschen Töne nur allzu deutlich anzuhören 
waren. 

Der Stammesführer verstand kein einziges Wort. Aber er hatte 

ganz offenbar sehr wohl begriffen, um was es ging. Und er schien ein 
guter Menschenkenner zu sein, der das Falsche und das Wahre zu 
unterscheiden vermochte. In jedem Fall standen ihm plötzlich 
aufkommende Zweifel deutlich im Gesicht geschrieben. 

Er zögerte, dachte nach. Sein Blick ging zu dem gefesselten 

Roland hinüber, dann zu Eginolf, schließlich wieder zu Pierre. Und 
immer noch sagte er kein Wort. 

Unterdessen war auch der Strick am linken Arm des Ritters mit 

dem Löwenherzen um den Hals eines Pferdes geschlungen worden. 
Die vier Tiere standen bereit. Ein Hieb auf die Hinterhand, und sie 

background image

würden losjagen und den Mann in ihrer Mitte zerreißen. 

Händeringend kniete Pierre vor dem Stammesführer. 
»Ich bitte um Gande für meinen Herrn«, sagte er flehentlich. 

»Roland ist unschuldig!« 

Und dann kam der breitschultrige Tatar zu einer Entscheidung. Er 

bedeutete seinen Männern, Roland loszubinden ... 

Stunden waren vergangen. Die Tataren hatten Roland gefesselt in ein 
Zelt gebracht und ihn dort liegengelassen. Zwei bewaffnete Krieger 
standen vor dem Zelt auf Wachtposten und verhinderten, daß jemand 
zu ihm hereinkam. So wußte Roland noch immer nicht, welchem 
Umstand er es zu verdanken hatte, daß er noch immer lebte. Er hatte 
nur mitbekommen, daß Pierre dem Stammesführer irgend etwas 
klargemacht hatte, wobei auch Eginolf eine Rolle spielte. Was das 
gewesen war, wußte er nicht, denn er hatte mit dem Gesicht nach 
unten im Gras gelegen und nichts von dem gesehen, was um ihn 
herum vorgegangen war. 

Wie nun alles weitergehen würde  - auch davon hatte er nicht die 

geringste Ahnung. Er konnte nur hoffen. 

Und schließlich gerieten die Dinge in Bewegung. Ugu betrat das 

Zelt, in Begleitung einer Frau. 

Einer weißen Frau! 
Roland war überrascht. Die Frau trug die bunte Kleidung der 

Tataren, war aber ohne Zweifel eine Angehörige seines eigenen 
Volkes. Eine Gefangene? Diesen Eindruck hatte er nicht. 

Wenig später wußte er mehr. Während Ugu hinter ihr stehen blieb, 

ging die junge Frau neben ihm auf die Knie. Jetzt, da er ihr Gesicht 
unmittelbar vor sich hatte, sah er, daß sie nicht mehr ganz jung war, 
sich aber noch einen großen Teil einstiger Schönheit bewahrt hatte. 
Mit ernsten Augen sah sie ihn an. 

»Wer seid Ihr?« 
»Mein Name ist Roland«, sagte der Ritter mit dem Löwenherzen. 

background image

»Ritter Roland. Und wer seid ... Ihr?« 

Die Frau lächelte. »Ich heiße jetzt Ugra. Aber einst hörte ich auf 

den Namen Sighield.« 

»Das ... verstehe ich nicht.« 
»Nun, das ist gar nicht so schwer zu verstehen. Es sind einige Jahre 

her, da wurde ich bei einem Tatarenüberfall auf die Burg Steinfurt 
geraubt. Seitdem lebe ich bei den Tataren  - als Eheweib eines 
Kriegers.« 

»Welch schreckliches Schicksal«, sagte Roland.  »Ich bedaure Euch 

zutiefst.« 

Wieder lächelte die Frau. »Dazu liegt kein Grund vor. Das Leben 

bei den Tataren gefällt mir sehr. Es ist ein herrlich freies Leben, in 
dem es mir an nichts fehlt. Ich weiß, daß man in Euren Landen nur 
Greuelmärchen über die Tataren verbreitet. Aber sagt selbst, hattet 
Ihr den Eindruck, daß sie wirklich die Unmenschen sind, als die man 
sie hinstellt?« 

Roland atmete tief. »Zunächst hatte ich diesen Eindruck nicht. Als 

man mich jedoch zwischen die vier Pferde spannte ...« 

»Das habt Ihr Euch selbst zuzuschreiben. 

Wer eine 

Stammesschwester hinmeuchelt...« 

»Ich habe sie nicht gemeuchelt!« schrie Roland leidenschaftlich. 
»Das sagt Ihr! Timur hat mir anderes berichtet.« 
»Timur? Wer ist Timur?« 
»Er steht vor euch.« Sie deutete auf den Tatarenführer, den Roland 

bisher stets Ugu genannt hatte. »Timur, der Sohn des großen Tugrik 
Khan.« 

»Der Sohn des ... Großkhans?« 
»Ja. Timur wurde von seinem Vater mit dem Befehl über die 

Grenzregionen betraut.« 

»Ah, dann ist er also für die blutigen Überfälle auf die Mark 

Kronburg verantwortlich!« 

Die Frau runzelte die Stirn. »Überfälle? Es ist, wie ich schon sagte, 

eine Reihe von Jahren her, seit ich bei einem Überfall geraubt wurde. 
Seitdem herrscht Frieden an der Grenze. Timur hat sich dem 

background image

Großkhan dafür verbürgt.« 

»So? Und wie erklärt Ihr Euch dann den Raub der Grafentochter 

Anja von Kronburg?« 

»Davon weiß ich nichts. Erzählt mir davon!« 
Roland ließ sich nicht lange bitten und berichtete. Sichtlich 

erstaunt hörte ihm die Frau zu. Als er zu Ende  gekommen war, sagte 
sie: »Wartet, dies werde ich sofort an Timur weitergeben.« 

»Ihr sprecht die Sprache der Tataren?« 
»Gewiß. Warum, glaubt Ihr, hat mich Timur hierher holen lassen?« 

Sie wandte sich an den Tataren und redete mit ihm. Das finstere 
Gesicht  Timurs wurde noch finsterer, als es ohnehin schon war. 
Mehrmals gab er der Frau in bösem Tonfall eine Antwort. 

Nach einer Weile wandte sich diese wieder Roland zu. »Timur 

sagt, daß Ihr schmutzige Lügen erzählt, Ritter! Seit langer Zeit hat 
kein Tatar mehr  die Grenzen überschritten. Dieses Mädchen, Anja 
von Kronburg, kann also gar nicht von den Tataren verschleppt 
worden sein!« 

»Ich weiß es anders!« 
»Woher?« 
»Fragt Eginolf, einen meiner Begleiter. Er ist der Knappe des 

Mannes, der als Bräutigam der Verschleppten auserkoren wurde.« 

Die Frau sprach wieder mit Timur, der danach wild den Kopf 

schüttelte und wütende Worte hervorstieß. 

»Wenn dieser Eginolf derartiges behauptet, dann lügt er«, 

übersetzte die Frau. »Und Timur sagte noch: Wer einmal lügt, der 
lügt immer! Vielleicht habt Ihr das Mädchen tatsächlich nicht 
getötet, Ritter Roland.« 

Timur war unterdessen an den Eingang des Zeltes getreten und 

brüllte etwas nach draußen. Dann kehrte er zu Roland und der Frau 
zurück und sprach wieder auf sie ein. 

»Timur  will wissen, was Ihr getan habt, nachdem Ihr das 

Lagerfeuer verlassen hattet.« forderte die Frau Roland anschließend 
auf. 

Der Ritter mit dem Löwenherzen erzählte es ihr. »Wenn es bei den 

background image

Tataren ein todeswürdiges Verbrechen ist, sich mit einer Tochter des 
Stammes der Minne hinzugeben, dann ist mein Leben wohl 
verwirkt«, sagte er zum Schluß. »Dies hab ich getan, und es dauert 
mich nicht. Aber das Mädchen getötet... Nein!« 

»Wenn dies alles ist, was Ihr getan habt, dann habt Ihr kein 

Unrecht begangen«, antwortete die Frau. »Die Tataren sind ein 
sinnenfrohes Volk. Sie würden es als sehr töricht empfinden, wenn 
jemand nicht auf die Stimme seines Blutes hört. Ihr braucht also ...« 

Die Frau brach ab, denn in diesem Augenblick erschienen mehrere 

Männer im Eingang des Zeltes. Mehrere Tataren und ... Eginolf. Der 
Knappe des Freiherrn Helferich machte ein ängstliches Gesicht und 
blickte verwirrt von einem zum anderen. 

Timur trat sofort auf ihn zu und packte ihn am Hals. Dann schrie er 

ihn mit dröhnender Stimme an. 

»Ich ... verstehe nicht, was du sagst, schlitzäugiger Hund«, preßte 

er hervor. 

»Schlitzäugiger Hund?« wiederholte die Frau. »Ich weiß nicht, ob 

Timur solche Worte gefallen werden!« 

Erst jetzt wurde der Knappe auf die Frau aufmerksam. Mit großen 

Augen blickte er sie an und erkannte, daß es sich um eine 
Abendländerin handelte. 

»Ihr... sprecht die Tatarensprache?« 
»So ist es, Knappe! Es werden schwere Vorwürfe gegen dich 

erhoben. Du hast behauptet, daß die Tataren die Braut deines Herrn 
geraubt haben?« 

»Ab....« Eginolf gab keine klare Antwort, blinzelte nur irritiert mit 

den Augen. 

»Ich höre, was du zu sagen hast«, drängte die Frau. 
»Ich ... äh ...« 
Timur schüttelte ihn, so daß sein Kopf hin und her flog. 
»Ja«, sagte Eginolf schnell, »es waren Tataren, die Anja von 

Kronburg überfallen haben!« 

Die Frau übersetzte dem Sohn des Großkhans seine Worte. Timur 

brüllte daraufhin wie ein Bär. Er versetzte Eginolf einen Faustschlag, 

background image

der ihn zu Boden schleuderte. 

Timur sagte etwas zu den Männern, die Eginolf hergebracht hatten. 

Zwei von ihnen zerrten Eginolf vom Boden hoch und fingen an, ihm 
die Kleider vom Leib zu fetzen. Der dritte hatte plötzlich ein Messer 
in der Hand und trat damit auf den Knappen zu. 

»Timur will die Wahrheit wissen«, sagte die Frau. »Deine 

Behauptung ist eine Lüge. Und wer lügt, hat etwas zu verbergen.« 

Das nackte Entsetzen stand im Gesicht Eginolfs. »Was ... was 

haben sie mit mir vor?« 

Die Frau hob und senkte die Schultern. »Wenn du weiter bei deiner 

falschen Behauptung bleibst, werden sie dich zwingen, mit der 
Wahrheit herauszurücken.« 

»Nein!« schrie Eginolf gellend. 
Der Mann mit dem Messer setzte dem Knappen die Klinge auf die 

Brust, blickte zu Timur hinüber. 

Der Stammesführer nickte. 
»Wartet!« brüllte der Knappe. »Ich ... ich will alles sagen!« 
Die Frau übersetzte, und Timur gebot seinem Stammesbruder mit 

einer Handbewegung Einhalt. 

Eginolf war völlig am Ende. Das Geständnis sprudelte förmlich 

aus ihm heraus. Nein, es waren nicht die Tataren gewesen, die den 
Überfall auf Anja von Kronburg und ihre Begleiter unternommen 
hatten. Der Freiherr Helferich war der wahre Schuldige. Er hatte 
mehrere seiner Männer in Tatarenkleidung gesteckt und die 
Grafentochter rauben lassen. Seine Absicht war es gewesen, 
anschließend als der große Retter aufzutreten und dadurch die Hand 
Anja von Kronsburgs zu erringen. Das Mädchen steckte jetzt in 
einem Verlies seines Wohnturms und wähnte sich bei den Tataren. 

Und Eginolf gestand noch mehr. Er gab auch zu, daß nicht Roland 

der Mörder der jungen Tatarin war, sondern er. Er hatte in der Tat 
den Verdacht auf den Ritter mit dem Löwenherzen gelenkt, um ihn 
im Auftrag seines Herrn zu verderben und somit am Herausfinden 
der Wahrheit zu hindern. 

Nachdem die Frau seine Worte übersetzt hatte, herrschte 

background image

sekundenlang tiefes Schweigen im Zelt. Dann trat Timur auf den 
Knappen des Freiherrn Helferich zu. Er sagte kein einziges Wort, 
hob nur die blanke Faust und schlug zu. 

Eginolf starb, ohne auch nur noch einen einzigen Laut von sich zu 

geben. 

Dann beugte sich der Sohn des Khans zu Roland nieder. 

Eigenhändig löste er seine Fesseln. 

Die Stricke hatten das Blut in Armen und Beinen des Ritters mit 

dem Löwenherzen gestaut. Er war nicht in der Lage, sich sofort aus 
eigener Kraft zu erheben. Aber das machte nichts, denn Timur half 
ihm auf die Füße. Er umarmte Roland und klopfte ihm auf die 
Schultern, nicht wuchtig und krachend wie gewohnt, sondern 
beinahe sanft und liebevoll. 

»Ugu«, sagte er. 

Zum ersten Mal seit Jahren überquerte wieder ein Tatarentrupp den 
Fluß, der das Reich des Großkhans von den christlichen Ländern 
trennte. Aber es waren nicht nur Untertanen des Khans, die dem 
Wohnturm des Freiherrn Helferich entgegensprengten. Auch drei 
Männer aus dem Abendland waren dabei: der Ritter Roland  und 
seine beiden Knappen Louis und Pierre. Und auch die einzige Frau, 
die die Männer begleitete, hatte das Licht der Sonne zum ersten Mal 
auf dieser Seite des Flusses erblickt. 

Roland fühlte sich so zufrieden wie selten in seinem Leben. Für 

einen Mann, der bereits mit seinem Leben abgeschlossen hatte, 
konnte es nichts Schöneres geben, als auf dem Rücken seines Pferdes 
zu sitzen und frei durch das Land zu reiten. 

Wenn Roland gewollt hätte, hätte er auch auf einem anderen Pferd 

reiten können. Timur, den er jetzt mit Fug und Recht als seinen 
Freund bezeichnen konnte, hatte ihm das beste Tatarenpferd 
geschenkt, das es in seinem Zeltdorf gab. König Artus würde seine 
helle Freude daran haben. 

background image

Und Timur hatte noch ein übriges getan. Er hatte Roland 

eingeladen, alsbald zurückzukommen. Dann würde er ihn mit an den 
Hof des Großkhans, seines Vaters, nehmen, und dort zu seinen Ehren 
ein Saufgelage veranstalten. Wie es das Tatarenreich noch niemals 
erlebt hatte. 

Der Ritter mit dem Löwenherzen blickte diesem Ereignis schon 

jetzt mit großer Freude entgegen. Aber noch war es nicht soweit. 
Zunächst galt es, die Grafentochter Anja von Kronburg zu befreien 
und den Freiherrn Helferich zur Rechenschaft zu ziehen. 

Und dann tauchte der Wohnturm des schurkischen Adligen am 

Horizont auf. Er lag auf einem kleinen Hügel und wurde ringsum 
von einem Wassergraben gesäumt. Der Turm hielt keinen Vergleich 
mit der Burg des Grafen von Kronburg aus. Er bestand nur aus einem 
einzigen massiven Gebäude, das jedoch trutzig genug war, um auch 
einer längeren Belagerung erfolgreich zu widerstehen. 

Aber Timur und seine Krieger dachten gar nicht daran, eine 

längere Belagerung vorzunehmen. Sie waren ein Reitervolk und 
hatten eine ganz besondere Angriffstaktik. 

Die Abenddämmerung senkte sich über den Turm Helferichs. 

Roland und die Tataren lagerten am Rande des Hügels, weit genug 
entfernt, um vor Pfeilschüssen geschützt zu sein. Natürlich war man 
im Turm längst auf die Reiterschar aufmerksam geworden. Und der 
Freiherr war sicherlich nicht einfältig genug, um die drohende 
Gefahr nicht auf Anhieb zu erkennen. 

Länger und länger wurden die Schatten. Und als die Dämmerung 

dann in den Abend überging, war der Zeitpunkt des Angriffs 
gekommen. 

In mehreren Gruppen sprengten die Belagerer auf den Turm zu. 

Ein Pfeilhagel jagte ihnen entgegen. Aber die Geschosse konnten 
keinen Schaden anrichten. Bei den herrschenden Lichtverhältnissen 
war es nicht möglich, einen gezielten Schuß abzugeben. 

Ganz nahe waren die Reiter jetzt an das Gemäuer herangekommen. 

Steinern und scheinbar uneinnehmbar stand der Turm da. Aber er 
besaß eine Schwachstelle. Das Turmtor bestand aus Holz. Und dieser 

background image

Umstand sollte Helferich und den Seinen zum Verhängnis werden. 

Die Tataren bildeten einen Kreis, der jederzeit in  Bewegung war. 

So schnell die Füße ihrer Pferde sie tragen konnten, jagten die 
Krieger um den Turm herum. Und jedesmal, wenn einer von ihnen 
an dem Tor vorbeikam, schleuderte er mit aller Kraft einen Speer 
gegen die massiven Bohlen, aus denen das Tor bestand. 

Und die wilden Reiter aus dem Reich des Großkhans verstanden 

ihr Handwerk. Speer um Speer blieb im Holz haften. Bald schon war 
das Tor mit Spießen nur so gespickt. 

Die Verteidiger, die über dem Tor in ihren Schußscharten saßen, 

konnten nichts dagegen unternehmen. Bald schon waren die Speere 
im Holz so zahlreich, daß sie bequem als Leitern benutzt werden 
konnten. 

Und dann kam der eigentliche Angriff. Die Tataren sprangen aus 

den Sätteln und stürmten auf das Tor zu. 

Roland und seine Knappen waren mitten unter ihnen. 
Schon hatten die ersten von ihnen das Ziel erreicht. Katzengewandt 

kletterten sie an den Speeren hoch und strebten den Schußscharten 
der Verteidiger entgegen. 

Roland hatte eine Burg bisher nie auf diese Weise erstürmt. Aber 

das nahm ihm nichts von seinem Angriffsmut. Er hatte keine 
Schwierigkeiten, sich mit Hilfe der Speere schnell nach oben zu 
arbeiten. 

Helferich und seine Getreuen verteidigten ihre Stellung so gut, wie 

sie nur konnten. Sie schleuderten Gesteinsbrocken und siedendes 
Pech auf die Angreifer hinab. Nicht ohne Erfolg, denn so manch 
gellender Schrei verriet, daß einige der Tataren getroffen wurden und 
in die Tiefe stürzten. Aber die Lücken, die dadurch gerissen wurden, 
waren schnell wieder geschlossen. 

Roland war einer der ersten, die die Schießscharten erreichten. Mit 

der Linken hielt er sich an der »Leiter« fest, mit der Rechten 
schwang er sein Schwert. 

Zwei Männer verteidigten die Luke, die er sich ausgesucht hatte. 

Der eine versuchte, ihn mit einer Lanze zurückzustoßen. Aber 

background image

Roland gab ihm keine Chance. Mit einem wuchtigen Schwerthieb 
hieb er die Lanze in zwei Stücke. Der zweite Mann stellte sich ihm 
mit dem Schwert entgegen. Aber auch er konnte nichts gegen den 
Ritter mit dem Löwenherzen ausrichten. Roland parierte seine 
Schläge, ging dann selbst zum Angriff über. Mit kräftigen Hieben 
drang er auf den Getreuen Helferichs ein. Und sehr bald gelang es 
ihm, die Deckung des Mannes zu durchbrechen. Ein Stoß, der so 
schnell war wie der Blitz, und der Mann brach entseelt zusammen. 

Der Weg war frei! 
In Sekundenschnelle war Roland in die Schießscharte geklettert. 

Und schon im nächsten Augenblick befand er sich im Wehrgang des 
Turms. 

Mehrere Tataren hatten schon vor ihm das Ziel erreicht. Überall 

waren heftige Kämpfe im Gange. Kämpfe, die die Getreuen des 
Freiherrn nicht gewinnen konnten, denn sie waren schnell in der 
Minderheit. 

Roland beteiligte sich nicht an dem Handgemenge. Er suchte nur 

einen: Helferich. 

Er sah den schurkischen Freiherrn nirgendwo. Aber er konnte sich 

schon denken, wo der Halunke war. Mit zusammengepreßten Zähnen 
stürmte er den Wehrgang entlang und erreichte die Treppe, die weiter 
nach oben, aber auch nach unten führte. 

Immer mehrere Stufen auf einmal nehmend, jagte Roland die 

Treppe hinunter, dorthin, wo die Verliese des Wohntums liegen 
mußten. Fackeln, die in die Wände eingelassen waren, erhellten sein 
Weg. 

Und er hatte richtig vermutet. Auf einmal hörte er Schritte vor sich. 

Keine Frage, da versuchte noch jemand, hastig nach unten  zu 
gelangen. 

Roland flog jetzt die Stufen förmlich hinunter. Und wenig später 

sah er den Mann vor sich. 

Helferich! 
Die Absicht des Freiherrn war klar. Jetzt, da er wußte, daß sein 

Spiel verloren war, wollte er sich retten, in dem er die gefangene 

background image

Grafentochter als Geisel nahm. Aber dazu sollte er nicht mehr 
kommen. Mit einem gewaltigen Satz schloß Roland zu ihm auf. 

Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Helferich zu ihm um. Er sah die 

Härte in Rolands Augen und wußte, daß er kämpfen mußte. Da er 
den rechten Arm noch in .der Schlinge trug, blieb ihm nichts anderes 
übrig, als sich mit der linken Hand zu verteidigen. 

Es wurde der leichteste Zweikampf, den Roland jemals geführt 

hatte. Helferichs Gegenwehr war kläglich. Roland brauchte nur drei 
Schwerthiebe, um den Freiherrn zu entwaffnen. Hilflos stand der 
Schurke vor seinem Bezwinger. 

Aber er bewies eine Mannhaftigkeit, die ihm Roland gar nicht 

zugetraut hatte. 

»Tötet mich!« sagte er und neigte ergeben den Kopf. 
Aber diesen Gefallen tat ihm Roland nicht. Er wollte der 

Grafentochter nicht die Befriedigung nehmen, ihren Peiniger auf dem 
Richtblock sterben zu sehen. 

 

ENDE 

background image

In 14 Tagen ist es soweit. Der erste Band von Ekkehart Reinkes 
großer und langerwarteter Trilogie kommt auf den Markt. Er 
heißt:
 

Roland und der 

Meuchelmörder

 

Haggan vom Hörn, so hieß König Artus' gefährlichster Feind. Er 
war der Anführer einer Raubritter-Bande und kannte nur ein Ziel: 
Er  wollte König Artus töten.  - Für ein paar Stunden konnten die 
königliche Familie sowie die Bediensteten aufatmen, doch ein 
Haggan vom Hörn fand immer einen Trick, seine Gegner zu 
überrumpeln, und dann trumpfte er bei einem neuen Angriff nur um 
so gefährlicher und brutaler auf. . .  Camelot ist verloren! 

Liebe Leser, holen Sie sich in 14 Tagen den Band 28 der Ritter-
Roland-Reihe! Er ist der erste Teil einer Trilogie. DM 1,60.