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Im Waffenzelt 

von Ekkehart Reinke 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Ritter Botho erwachte. Ihn plagte heftiger Durst. Das 
scharfgewürzte Schweinefleisch zum Abendessen hatte 
seine Zunge ausgetrocknet und seinen Gaumen gedörrt. 
Er richtete sich vom Lager auf, öffnete schwerfällig die 
Augen - und schloß sie gleich wieder. Es blieb sich gleich. 
Rings um ihn war es stockdunkel.
 

In seiner eigenen Burg hätte Botho nur den Arm 

auszustrecken brauchen. Da standen neben der Lagerstatt 
immer Krüge voll Wasser, Milch und Bier bereit, um 
nächtlichen Durst jeglicher Art zu löschen. Aber er war ja 
Gast auf Burg Adlerhorst! Fluchend stand Botho auf und 

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tappte barfüßig mit ausgestreckten Armen durch die 
Dunkelheit, um irgendwo in den fremden Räumen etwas 
Trinkbares zu finden. Er war zuversichtlich, denn er hielt 
sich viel auf seine trefflichen Ahnungen zugute.
 

Doch diesmal ließen sie ihn im Stich. Nicht die leiseste 

Ahnung warnte Botho, daß er bei seiner Suche dem Tod in 
die Arme laufen sollte. 

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Vom Durstgefühl getrieben, stolperte Botho blind durch 
nachtschwarze Flure, um gewundene Gänge und über schmale 
Steintreppen. Zuweilen ertasteten seine Finger eine Tür. Gern hätte 
er eine geöffnet, wäre eingetreten und hätte den Bewohner gefragt, 
ob er etwas zu trinken habe. Aber er scheute davor zurück. Wenn er 
nun zufällig in die Kemenate eines Burgfräuleins geriet! 

Bei diesem Gedanken begannen Bothos Knie zu zittern. Nichts 

fürchtete der Ritter mehr als den Klang von weiblichen 
Schreckensschreien und den Anblick von Frauentränen. 

Dabei wäre sein nächtlicher Besuch manchem der in der Burg 

ansässigen Frauenzimmer wahrscheinlich sogar angenehm gewesen. 
Botho erinnerte sich mehr als eines schmachtenden Blickes, der ihm 
beim Schmaus in der Halle von der Empore aus zugeworfen wurde. 
Doch hatte sich keine Möglichkeit ergeben, mit den Besitzerinnen 
feuriger Augenpaare auch nur ein Wörtlein zu wechseln. Burgherr 
Donald hatte ihn mit ausführlichen Schilderungen seiner 
Jagdabenteuer völlig mit Beschlag belegt. 

Leises Knurren drang an Bothos Ohr. Die Jagdhunde! Also näherte 

er sich der Halle, in der man vor Stunden getafelt hatte. Er riß die 
Augen auf und spähte in den schwarzen Schlund der Finsternis, die 
ihn umgab. In einiger Entfernung gewahrte er ein paar winzige 
Lichtpunkte. Da glosten wohl in eisernen Wandringen die letzten 
Fackelreste. 

Erleichtert schritt er schneller voran. Er hörte, wie einige Hunde 

sich erhoben, und beruhigte sie mit den vertrauten Lauten des 
Waldmanns. 

Nun war er in der Halle. Seine suchenden Hände stießen gegen 

hartes, gebeiztes Holz. Die Tafel! Er war jetzt so durstig, daß er den 
erstbesten Krug geleert hätte, der ihm in die Finger kam. Aber er 
fand nur leeres Geschirr. 

Ein Luftzug kräuselte Bothos blondes Haar. Kam jemand von 

draußen? Sein scharfes Ohr vernahm einen gedämpften, 
schleichenden Schritt. Doch das matte, fast ersterbende Fackellicht 
reichte nicht einmal aus, irgendeinen Umriß zu erkennen. 

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Plötzlich erstarrte Botho und stand stocksteif. Ihm fiel ein, daß er 

am nächsten Tag Ritter Roland begegnen sollte, um ihm wichtige 
Nachrichten zu überbringen. Er kannte Roland nicht von Ansehen, 
wußte nichts über seine Gewohnheiten, denn er war ihm noch nie 
begegnet. Nur daß er ein ungewöhnlicher Jüngling sei, war ihm vom 
Hörensagen bekannt. 

»Ist da wer?« fragte Botho halblaut, schwankend zwischen 

freudiger Erwartung und lauernder Vorsicht. Es hätte ihn nicht 
verwundert, wenn der andere, der die Halle betrat, Roland gewesen 
wäre. 

Zwei huschende Schritte in seinem Rücken! Und unterdrücktes 

Lachen. 

Es klang fast nach einer Frau. Unwillkürlich dachte er wieder an 

die flammenden Blicke auf der Empore. 

Und keine Vorahnung kam in ihm auf! 
Denn noch war Zeit zu fliehen. Aber er wußte es nicht. 

Vertrauensvoll wandte er sich um ... 

Kühl legte sich eine weiche und zarte Hand auf seine nackte Brust. 

Sie glitt zu seiner Schulter. 

Und dann spürte er den leichten Kitzel zwischen den Rippen. Mehr 

war zuerst nicht. Und wurde dann rasch ein heißer Schmerz. Wie 
nach einem tollen Lauf, wenn das Herz sticht und zu zerspringen 
droht. 

Da drang auch schon die lange, dünne Metallspitze tiefer in den 

Körper ein. Sie stach ihm mitten ins Herz, daß es für immer 
zersprang. 

Staub umhüllte sie ganz und gar. Der Staub der zahlreichen endlosen 
Landstraßen, die sie zum Brunnen nach Gent geführt hatten. In den 
Gelenken der Rüstungen knirschten Sand und Kiesel. Angetrockneter 
Lehm überzog die  Beine der Rösser bis zum Bauch. Kreidig 
leuchteten die verstaubten Gesichter. 

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Das eiskalte Wasser tat wohl. Ritter Roland fühlte sich nach 

wenigen Schlucken erholt. Doch sein Knappe Pierre war schlaff wie 
ein leerer Mehlsack. Er jammerte: »Hätte ich mich doch nie auf 
diesen Wahnsinnsritt eingelassen! Wie schön hatte ich es auf Schloß 
Camelot! Nie drückte ein harter Sattel mein armes Hinterteil wund 
und blutig. Immer saß ich auf schwellenden Kissen, die sich der 
Form des Hinterns angenehm anschmiegten und ein Blumenmuster 
trugen!« 

Roland achtete nicht der Klagen. Scharf spähte sein Auge über die 

Stadtleute von Gent, die in großer Anzahl den Platz um den Brunnen 
belebten. Hier waren sie mit Botho, dem Späher, verabredet. Dieser 
Ritter kannte sich gut im Küstenland aus, wo Sir Galahad eine 
geheime Feste hatte. 

Roland war Botho noch nie begegnet, aber man hatte ihm den 

Kundschafter genau beschrieben. Eine hochgewachsene, hagere, 
eckige Gestalt, dunkles, wuschliges Haar und eine eindrucksvolle 
Hakennase als  auffallendstes Merkmal  - der Mann war nicht zu 
verkennen. 

Plötzlich erhob sich Geschrei in ihrem Rücken. Pierre lag noch 

matt am Brunnenrand. Er hatte die Augen geschlossen und richtete 
sich nur langsam auf. Roland aber fuhr schnell herum und sah eine 
wilde Jagd die abfallende Hauptstraße heranstürmen. 

Vorneweg lief mit flatterndem schwarzem Haarschopf ein junges 

Weib. Es hatte die Röcke aufgeschürzt, und Roland gewahrte, daß es 
wohlgeformte, braungetönte Beine besaß, die es mit erstaunlicher 
Schnelligkeit vorwärts trugen. Nun erkannte er, daß es von einem 
Haufen Volks gehetzt wurde. 

Stadtsoldaten waren darunter, in grünem Wams mit langen, 

sperrigen Piken. Aber auch viele Bürger beteiligten sich an der 
Verfolgung. Unwillkürlich schlug Rolands Herz sofort für die Frau. 
Und er gedachte nicht, sie so gänzlich ohne männlichen Schutz ihrem 
Schicksal zu überlassen. Der Anblick tat ihm in der Seele weh. Was 
konnte ein armes, wehrloses Weib allein gegen einen Haufen 
Bewaffneter ausrichten? 

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Er sprang auf! 
Pierre ahnte seine Absicht und beschwor ihn, sich nicht 

einzumischen. 

»Was geht es Euch an, Roland? Wir sind Fremde hier und haben 

nichts mit den Händeln dieser Leute zu  schaffen! Ich denke, wir 
haben auf den Landstraßen genug gelitten, als daß wir uns hier 
leichtfertig in Schwierigkeiten begeben.« 

Aber da lief Roland bereits mit gezogenem Schwert den vordersten 

Verfolgern in die Quere. Überrascht, bestürzt hielten sie inne und 
brachten sich vorsichtig aus dem Bereich der scharfen und mit Kraft 
geschwungenen Klinge. 

Der kurze Aufenthalt verschaffte der Flüchtenden einen 

Vorsprung. Ehe die Verfolger sich aufrafften, hatte Roland sie schon 
wieder verlassen, sprang auf seinen Araberrappen Rih und jagte hin-
ter dem Weibe her. Nur einige Galoppsprünge, und schon war Rih, 
der eben noch aus der Tränke gesoffen hatte, neben der Frau. 

Tief neigte sich Roland aus dem Sattel und packte mit geschicktem 

Griff die geschwinde Läuferin. Sie schrie vor Schreck und 
Bestürzung laut auf. Offenbar glaubte sie, nun endgültig in die 
Hände der Meute gefallen zu sein. Aber da hob sie Rolands starker 
Arm schon vom Boden und setzte sie vor sich auf den Rücken des 
Hengstes. 

Doch war die weitere Flucht versperrt. Von allen Seiten näherten 

sich nun die geschickt umgruppierten Soldaten mit ihren Piken. 
Dahinter drängte sich mit großem Geschrei, Knüppel und andere 
rasch zusammengeraffte Waffen schwingend, das Volk. 

Wohin sich wenden? Die schmalen Gassen waren nach vier Seiten 

von Soldaten besetzt. Es hatte keinen Zweck, das edle Roß gegen 
einen Wald von Pikenspitzen anrennen zu lassen. 

Mit einem Blick verschaffte Roland sich Übersicht. Eine einzige 

Zuflucht bot sich noch an. Es war ein festgebautes zweistöckiges 
Bürgerhaus. Die Eingangstür stand auf. Der Lärm der Jagd hatte die 
Bewohner herausgelockt. Ein Mann und eine Frau standen in der 
offenen Tür. 

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Roland überlegte nicht länger. Sofort nahm er Kurs auf dieses 

Haus. Er ritt so ungestüm heran, daß der Mann und die Frau 
erschrocken ins Innere zurückwichen. 

Roland ließ die Frau vom Pferd herabgleiten und drängte sie 

ebenfalls in die Tür. Dann sprang er selber leichtfüßig ab. Vergessen 
war die lange Qual der Landstraßen bei Hitze und Kälte, wenigem 
Essen, faulig riechendem Trank. Vergessen die Anstrengung 
stunden- und tagelangen Reitens, immer niedriger gespannter 
Hoffnung. 

Einen Klaps gab er dem Rappen, dann drängte er sich durch die 

Tür. Keinen Augenblick zu früh. Die ersten der Verfolger hatten ihn 
erreicht. Drei kräftige Grünwämser waren allen voraus. Einer packte 
Roland mit mächtigem Griff von hinten am Kragen und hielt ihn fest. 
Die anderen stießen und pufften ihn seitlich und wollten sich an ihm 
vorbei ins Haus zwängen. 

»Nicht mit mir, ihr Lümmel!« rief Roland erbost. »So haben wir 

nicht gewettet!« Damit hatte er sich bereits losgerissen und hielt 
seinerseits den Vordersten an der Kehle und gab ihm dann mit der 
freien Hand einen so kräftigen Stoß vor die Brust, daß der 
Vorwitzige hilflos wie eine Kugel weit über die Straße dahinrollte. 

Im Hausflur erblickte Roland einen derben Knüttelstock, den der 

Hausherr oder seine Söhne wohl gern beim Wandern benutzten. Den 
ergriff der Ritter, wandte sich um und trieb mit einigen gutgezielten 
Streichen die vordersten Angreifer zurück. Dann warf er die Tür ins 
Schloß und schob einige stählerne Riegel vor. 

Als er sich jetzt ins Innere wandte, hatte er sofort den Eindruck, 

einen großen Fehler begangen zu haben. Er sah, wie der Hausherr ihn 
mit einem Gemisch aus Wut und Entsetzen anstarrte, und eine 
fürchterliche Ahnung beschlich sein Herz. 

Dann  sagte der Mann, und in seiner Stimme schwang tiefste 

Abscheu: »Wie konntet Ihr es wagen, Herr Ritter? Ihr bringt großes 
Unglück über mich und meine Familie! Seid Ihr des Teufels?« 

Noch immer begriff Roland nicht. Sein Sinn empörte sich gegen 

die mit großem Ernst vorgebrachten Vorwürfe. »Aber ich habe doch 

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nur ein hilfloses Weib vor der Wut des Pöbels beschützt«, verteidigte 
er sich, und sein Blick fiel auf die vorläufig Gerettete, die ihn voll 
Dankbarkeit ansah. Ihr bräunliches Gesicht unter den wallenden 
schwarzen Haarlocken dünkte ihn weit einnehmender als jedes 
Frauenantlitz, das er auf dem wochenlangen Ritt nach Gent gesehen 
hatte. Und dennoch ... 

»Pöbel! Was für ein Wort! Was erdreistet Ihr Euch, Herr Ritter? 

Dann zählt Ihr also auch mich zum Pöbel?« 

»Wie? Auch Ihr wünscht dieser armen, wehrlosen Frau Böses?« 
»Arme, hilflose Frau!« Der Mann warf wie in Verzweiflung die 

Arme in die Höhe, während die Verfolgte in eine Ecke wich und die 
Hände vors Gesicht schlug. 

»Nun, ist sie das etwa nicht?« fragte Roland. 
»Seid Ihr so unwissend, Herr? Diese Frau ist Svea, die Hexe!« 
Abergläubische Scheu befiel Roland. Noch nie war er einer Hexe 

leibhaftig begegnet, aber viel hatte er daheim in seiner Kindheit von 
Hexen gehört. Seine Mutter, die Köhlersfrau, schwelgte  in 
Erzählungen von Geistern, Gespenstern und Hexen. Doch bei ihr 
waren es immer ausnehmend häßliche, alte Weiber gewesen, die des 
Nachts auf dem Besen durch die Lüfte ritten. 

»Sie sieht mir nicht nach einer Hexe aus«, wandte Roland ein. 
»Das eben ist ihre teuflische Bosheit«, entgegnete der Mann. »Mit 

einer hübschen Larve versucht sie, den arglosen Bürger zu 
täuschen...« 

Hammerschläge erdröhnten von draußen gegen die feste Tür. Svea 

erbebte und brach in die Knie. Tränenströme rannen unter ihren 
Händen hervor. 

»Wir müssen ihnen öffnen!« rief der Mann. »Herr Ritter, leistet der 

Gerechtigkeit nicht länger Widerstand, ich bitte Euch!« 

»Aber wer ...«, stammelte Roland unschlüssig, »sagt denn, daß 

sie.... daß Svea eine Hexe sei?« 

»Bedeutende Männer sind sich darüber einig«, antwortete der 

Mann. 

»Und was soll mit ihr geschehen?« 

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»Ich hoffe, daß wir sie auf dem Scheiterhaufen brennen sehen, wie 

es ihr gebührt. Doch fürchtet nichts! Ihr wird volle Gerechtigkeit 
widerfahren. Übermorgen wird sie dem Hohen Gericht der Stadt 
Rede und Antwort stehen.« 

»Und sie wird Gelegenheit haben, sich zu verteidigen?« 
»Wie es der Brauch ist«, versetzte der Mann, aber seine Worte 

gingen fast in einem erneuten Gehämmer unter. 

Roland gab sich einen Ruck. Wenn sie wirklich eine Hexe war, wie 

hier alle zu glauben schienen ..., und wenn ihr volle Gerechtigkeit 
widerfahren sollte ..., so durfte er dem Vollzug der Obrigkeit nicht 
länger in den Arm fallen. Er schob die Riegel zurück,  öffnete die Tür 
und trat den Grünwämsern stolz entgegen. 

»Ergreift die Frau!« sagte er laut und ein wenig hochfahrend, »aber 

krümmt ihr kein Haar! Setzt sie in Gewahrsam, und wartet den 
Spruch des Gerichtes ab!« 

»Hört euch den an«, rief ein Stadtsoldat. »Er kommandiert uns 

nach Gefallen, als wäre er unser Hauptmann!« 

»Auf ihn!« schrien andere hinter ihm. »Werft euch auf den Ritter!« 

Und schon drangen sie gegen ihn vor. 

Roland zog sein Schwert. Es sah bedrohlich aus. 
»Zurück, sage ich euch!« ertönte da eine befehlsgewohnte Stimme. 

Die grünen Wämser wichen zur Seite, und ein Kerl mit goldenen 
Orden trat gewichtig vor. »Geht, fremder Ritter! Für diesmal sollt Ihr 
ungeschoren davonkommen. Aber macht, daß Ihr Land gewinnt! Ein 
zweites Mal kann ich Euch für nichts garantieren ... und will es auch 
gar nicht.« 

Vor Roland öffnete sich eine schmale Gasse, und von zornigem 

Gemurmel begleitet schritt er zum Brunnen, wo er neben dem 
angstvoll wartenden Pierre einen Neuankömmling gewahrte. Rih war 
bereits von selber zum Brunnen zurückgetrabt und beendete eben 
seine Erquickung an der Tränke. 

Pierres Blick war vorwurfsvoll. Auch der rittermäßig gekleidete 

Fremde neben ihm schaute Roland nicht gerade freundlich entgegen. 
Plötzlich fiel es Roland wie Schuppen von den Augen. Der Herr 

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mußte sein Späher Botho sein. Im Näherkommen musterte er ihn 
aufmerksam. 

Nun, so hochgewachsen wie er selber war der Fremde bei weitem 

nicht. Auch nicht gar so hager und eckig, wie man ihn beschrieben 
hatte. Das Haar war dunkel und wuschelig,  doch wiederum nicht so 
dunkel und wuschelig, wie Roland es sich vorgestellt hatte. Die 
Hakennase enttäuschte am meisten. Es war kein trotziger Haken, der 
die Nase kenntlich machte, sondern eher eine leichte Krümmung. 

Nun standen sie voreinander. Der Fremde streckte die Hand aus. 

»Ihr seid Roland  - das ist unverkennbar. Kühn, unbedacht und 
gewinnend.« 

Roland ergriff des anderen Hand. »Wenn Ihr Botho seid«, sagte er 

zurückhaltend, »dann heiße ich Euch willkommen.« 

»Ich bin Botho«, entgegnete der andere und kniff auf merkwürdig 

beunruhigende Art ein Auge zu. »Ich bringe Euch Nachricht von 
meiner Kundschafterfahrt. Doch rate ich, daß wir später darüber 
sprechen und schleunigst aus der Stadt reiten.« 

»Den Rat hörte ich eben schon einmal«, bemerkte Roland bitter. 
»Dann säumt nicht länger, edler Ritter, denn nie ward Euch 

besserer Rat gegeben. Ich führe Euch zu meinem guten Freund, dem 
Ritter Aar, auf dessen Burg Adlerhorst wir ein ehrliches Nachtmahl 
und ein gutes Lager finden werden. Leicht könnte Aar auch ein 
wichtiger Helfer unserer gemeinsamen Sache werden.« 

Pierre saß schon abmarschbereit auf seinem Klepper und schaute 

seinen Ritter bittend an. Rolands Augen wanderten zu dem 
zweistöckigen Haus hinüber. Eben zerrten die Stadtsoldaten Svea 
heraus. Sie hatte jeden Widerstand als nutzlos aufgegeben. Stumm 
ließ sie sich fortschleppen, dem Gefängnis zu. 

Noch immer waren die Röcke hochgeschürzt wie bei ihrer 

schnellen Flucht. Und wieder fiel es Roland auf, wie schöngeformt 
die braungetönten Beine waren, die  ihre Besitzerin vorhin so rasend 
schnell vorwärts getragen hatten. 

Eilig ritten sie von dannen. Als die Stadt hinter ihnen lag, fielen sie 

in Schritt. Roland mühte sich, Näheres über Sir Galahad zu erfahren. 

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Doch Botho schwieg. 

»Hört, warum ich diesen gewalttätigen Ritter aufspüren will«, 

erklärte Roland, »Er hat auf hinterlistige Weise meinen früheren 
Herrn, den edlen Sigurd, ermordet und später einen gefährlichen 
Aufstand auf Schloß Camelot entfesselt. Was mich betrifft, so will 
mich König Artus in seine berühmte Tafelrunde aufnehmen, sobald 
ich fünfzig tapfere Taten vollbracht habe. Ihr wißt, daß der König in 
seiner Tafelrunde die jeweils edelsten zwölf Ritter ihrer Zeit 
versammelt. Meine erste Tat aber sei nach Artus' Willen die 
Aufspürung und Bestrafung des Sir Galahad samt seiner 
verwünschten Helfershelfer.« 

»Dies alles ist mir wohlbekannt«, versetzte Botho. »Ihr werdet 

meinen ausführlichen Bericht auf Burg Adlerhorst vernehmen. 
Gerade jetzt aber bekümmert mich Euer unbedachtes Benehmen bei 
der Hexenjagd. Mich dünkt, Ihr seid noch zu unerfahren, um Sir 
Galahad zu besiegen und ein Ritter der Tafelrunde zu werden.« 

Roland wollte auffahren, bezwang sich aber. Er konnte sich 

wahrlich von Schuld nicht ganz freisprechen. Schließlich fragte er 
ziemlich kleinlaut: »Was wißt Ihr über Svea?« 

»Sie ist ohne Zweifel die gefährlichste Hexe der letzten 100 

Jahre«, berichtete Botho voll Eifer. »Sie ist vom Teufel besessen, 
und die Liste ihrer Schandtaten ist so dick wie das Alte Testament. 
Sie verführt und erpreßt und mordet  - alles mit geheimen 
Zauberkräften, die ihr vom Bösen verliehen wurden.« 

Und bei diesen Worten kniff er wieder ein Auge zusammen, als 

teilten er und Ritter Roland ein höchst unziemliches Geheimnis. 
Roland lief es kalt den Rücken hinunter. 

Dunkelheit brach herein. Mit gesenktem Kopf ritt Roland dahin. Er 
fühlte sich mutloser und unlustiger als zu irgendeiner Zeit während 
der langen, harten Ritte nach Gent. 

Wäre doch Volker vom Hohentwiel bei ihnen  - sein Freund, der 

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Minnesänger und fahrende Ritter! Doch dem war der Ritt vor zwei 
Tagen leid geworden. »Sei unbesorgt, Roland«, sagte er tröstend zum 
Abschied. »Wenn du mich brauchst, stehe ich an deiner Seite ...« 

Von Zeit zu Zeit vernahm Roland das Raunen von Bothos Stimme 

neben sich. Er sprach  über Sveas verwerfliche Untaten. Wie sie das 
Vieh der Bauern verzaubert habe. Wie die Kühe giftige Milch gaben, 
die Kälber mißgestaltet zur Welt kamen und kräftigen Stieren 
plötzlich alle Stärke verging, daß sie sich auf fetter Weide hinwarfen 
und starben. 

Wie die Hexe einsame Wanderer vom Wege lockte, daß sie in 

Schluchten stürzten und sich das Genick brachen. 

Wie sie überall Streit und Unfrieden säte. 
Wie sie Krankheit unter die Kinder brachte. 
Und wie jedesmal, wenn sie wieder ihre unheimlichen Wege 

beschritt, laut und furchteinflößend vom Wald her der Kauz schrie. 

Und unheimlich wurde nun auch Roland zumute. Schauer rührten 

ihn an. Sein Blut floß träge und kraftlos. Es war eine Sache, mit 
Menschen zu kämpfen, mit Menschen aus Fleisch und Blut. Doch es 
war ein ander Ding, sich mit den unangreifbaren Mächten der 
Finsternis einzulassen! 

Botho schwieg. 
So verging einige Zeit. Da schrie ganz in der Nähe ein Kauz! 
Roland zuckte zusammen, und Bothos Pferd tat einen erschreckten 

Sprung vorwärts. Auch Rih schnaufte ängstlich und warf den Kopf 
unruhig von einer Seite zur anderen. 

Das Schreien aber hörte nicht auf. Doch dann erkannte Roland, daß 

es gar kein Vogelschrei war, sondern der Angstschrei eines 
Menschen. Und nun vernahm er auch einige Worte: »Helft mir!  Zu 
Hilfe, ich bin überfallen worden! So helft mir doch!« 

Es war Pierre! 
Der Knappe war ein Stück zurückgeblieben, und Roland hatte ihn 

beinahe vergessen. Doch nun riß er den Rappen herum. Seine 
Bedrücktheit schwand. Zorn gewann die Oberhand. 

Rasch trug ihn Rih an den Ort des Überfalls. Roland sah nur 

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Schattengestalten, die umeinanderwogten. Am Schreien erkannte er 
Pierre, den fünf Männer umringten. Es mußten einige der 
Stadtsoldaten sein, denn sie schwangen ihre Piken. 

Roland zog sein Schwert und verdrosch dem Nächststehenden mit 

der stumpfen Seite gründlich den verlängerten Rücken. Nun lösten 
dessen Klagerufe das Geschrei Pierres ab. 

In wenigen Sekunden war der Überfall beendet. Die Soldaten, die 

sich hier in den Hinterhalt gelegt hatten, stürmten Hals  über Kopf 
davon. »Lauft, was ihr könnt!« schrie der, den Roland verbleut hatte. 
»Ein Dutzend Reiter sind hinter uns her!« 

Auch Pierre hatte viele Hiebe einstecken müssen. Sein Gesicht war 

blutüberströmt. Er war verwundet. »Auf Schloß Camelot«, wimmerte 
er leise, »wäre mir das nie passiert!« 

Zu allem Überfluß brach ein Gewitter los. Der Regen kam so 

urplötzlich, daß sie in Sekundenschnelle bis auf die Haut durchnäßt 
waren. Sie hätten einander verloren, wenn nicht die wild zuckenden 
Blitze immer wieder für Sekunden die Gegend erhellt hätten. 

So fand sie Botho. »Hier ganz in der Nähe weiß ich ein einsames 

Gasthaus«, sagte er. »Laßt uns dorthin reiten! Wir finden 
Unterschlupf, ein wärmendes Getränk und Behandlung für unseren 
tapferen Verwundeten.« 

Das Wort »tapfer« gewann ihm auf der Stelle Pierres ganze 

Zuneigung. 

Nach kurzer Zeit erreichten sie unter Bothos Führung das niedrige 

Blockhaus, das sich mit der Rückseite an eine kleine, steile Anhöhe 
schmiegte. Der Regen ließ spürbar nach. Aber der Donner rollte 
unaufhörlich, und die Blitze schienen genau über ihnen von Wolke 
zu Wolke zu springen. 

Sie begaben sich zunächst in den Angebauten Stall. Einige 

knochige Mähren verrieten die Anwesenheit anderer Reisender. Von 
einer Strohschütte erhob sich ein Junge und näherte sich schüchtern. 
Ängstlich blickte er auf das blutige Gesicht Pierres. 

Roland sprach ihn mit beruhigenden Worten an. Er bot ihm einen 

Groschen wenn er sich unverzüglich daranmache, ihre Rösser 

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trockenzuwischen und  gehörig zu füttern. Erfreut begann der Junge 
auf der Stelle die gewünschte Arbeit. 

Roland sah im Schein der Blitze, als sie zum Schankraum 

hinübergingen, Bothos leicht gekrümmte Nase. Und wiederum 
wunderte er sich, wie der unbedeutende Zinken in den Ruf einer 
auffälligen Hakennase gekommen war. 

Rund um die rohgezimmerten Holztische saßen in fast völligem 

Schweigen Gestalten des Waldes. Forstarbeiter, Holzfäller, Jäger, 
Viehheger, Köhler. Mit ruhigen, gemessenen Bewegungen füllten sie 
aus großen Krügen ihre Holzbecher, stützten schwer die Ellbogen auf 
die Tische, hielten die müden Häupter in der Schale ihrer gefalteten 
Hände und wechselten nur dann und wann ein Wort, wenn sie 
schlürfend den Becher bis auf den Grund leerten. Erschöpft von 
schwerer Tagesarbeit holten sie sich hier den angenehmen, leichten 
Rausch, der ihnen später erholsamen Schlaf spendete. 

Nur an einem Tisch ging es lebhafter zu. Dort tafelten die 

Reisenden: Kaufleute, Roßhändler, ein Gaukler, Boten. 

Hinter dem Schanktisch kein alter, vom Leben abgestoßener Wirt, 

sondern ein junger, beweglicher Kerl in abgewetztem Wildleder. 
Augen glühten wie feurige Kohlen im wilden, schwarzstruppigen 
Gesicht. Er wies Pierre den Weg in die Küche, wo sich eine Magd 
seiner annahm. Als sie das Blut abwusch, entdeckte man, daß er nur 
eine lange Platzwunde auf der Stirn davongetragen hatte. Die 
Knochen waren unbeschädigt. 

Die Ritter nahmen etwas abseits Platz. Botho bestellte heißen Met. 

Ihre nassen Kleider dampften. Die Blockhütte bebte, wenn der 
Donner grollte. Wenige neugierige Blicke wagten sich verdeckt zu 
ihnen hin. 

»Wie weit ist es noch bis zum Adlerhorst?« fragte Roland. Das 

heiße Getränk rötete seine bartstoppligen Wangen. 

»In einer Stunde reiten wir durch das Burgtor«, versprach Botho. 
Ein ungeschlachter Riese stand vor dem Schanktisch. Über der 

alten Hose trug er nur ein zerrissenes Hemd, das seine gewaltigen 
Oberarmmuskeln sehen ließ. Weit vorgebeugt starrte er den Wirt an 

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und fragte: »Ein erfolgreicher Abend, he? Zauberst du uns mal 
wieder die Münze aus den Taschen? Mußt doch schon einen dicken 
Geldsack unterm Bett zu stehen haben!« 

Der Wirt senkte den Kopf und polierte einen gläsernen Humpen. 
»Sprichst nicht mit jedem, he?« stichelte der Riese. »Bin dir nicht 

vornehm genug. Mag wohl sein. Ich kann dir aber, wenn du es gern 
möchtest, die Faust in die Rippen schmettern, daß du für eine Weile 
keinen Donner mehr hörst und keine Goldstücke mehr siehst.« 

»Noch was zu trinken?« fragte ihn der Wirt und stellte den 

Humpen beiseite. 

»Den Humpen voll!« verlangte der Riese. »Vom besten! Vom 

Ritterwein!« 

»Gern, wenn du bezahlen kannst.« 
»Ich sagte, du füllst den Humpen! Bezahlt wird später. Vielleicht 

am Nimmerleinstag. Oder ...« Er streckte einen Arm aus und hielt 
dem Wirt die mächtige Faust unter die Nase. 

»Er ist unser Allerstärkster«, sagte stolz ein selbst ziemlich kräftig 

gebauter Holzfäller zu der Runde an seinem Tisch. »Er heißt Vidal 
und schwingt auch die schwerste und längste Axt mit einer Hand. 
Dennoch schlägt er zwei Bäume in der Zeit, die unsereins für einen 
einzigen braucht.« 

»Nun, wird's bald?« fragte der Riese Vidal drohend am 

Stammtisch. 

Der Wirt schenkte einen Bierkrug voll. »Zuerst bezahle mir die 

sechs Groschen, die du heute bereits vertrunken hast!« 

Die beiden Ritter ließen sich den heißen Met schmecken. Er rann 

wie Feuer durch die Glieder. 

»Offenbar wollten sich die Stadtsoldaten an mir rächen«, überlegte 

Roland. »Aber sie überfielen meinen Knappen! Das gefällt mir 
überhaupt nicht. Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen.« 

»Ihr werdet derlei Dinge unterlassen«, fauchte der Mann, der sich 

Botho nannte, »oder ich müßte Euch jede Hilfe verweigern.« 

Der Riese Vidal stand breitbeinig vor dem Schanktisch und 

stemmte die Hände in die Hüften. »Den möchte ich sehen, der mir 

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sechs Groschen abnimmt!« sagte er mit einschüchternder Stimme. 

Der Wirt antwortete nicht. Er griff nach dem Krug und kam hinter 

dem Schanktisch hervor, um ihn zum Tisch der Reisenden zu 
bringen, die inzwischen aufmerksam geworden waren. 

»Er kann der beste Kamerad sein«, fuhr der Holzfäller am Tisch 

fort. »Aber Widerspruch verträgt unser Vidal nicht. Wer seine 
Meinung anzweifelt, fängt sich leicht ein paar fürchterliche Schellen 
ein und muß eine Woche das Bett hüten. Wir haben uns angewöhnt, 
ihm immer recht zu geben, und wenn er noch so ungereimtes Zeug 
von sich gibt. Dem Wirt scheint das nicht bewußt zu sein. Wenn er 
nicht einlenkt, wird er das Ende des heutigen Abends nicht mehr 
erleben. Nicht bewußt, meine ich.« 

Der Wirt war jetzt auf der Kundenseite des Schanktisches. Mit 

beiden Händen trug er den vollen tönernen Krug vor sich her. Roland 
blickte zufällig zu ihm hinüber, und irgend etwas an ihm kam ihm 
bekannt vor. Zu Botho sagte er: »Vielleicht habt Ihr recht. Jedenfalls 
unterwerfe  ich mich Eurem Urteil. Da Pierres Wunde zudem 
unbedeutend ist, will ich es die Stadtsoldaten nicht entgelten lassen. 
Ich habe wichtigere Aufgaben.« 

Vidal lehnte mit dem Rücken gegen den Schanktisch und 

beobachtete jede Bewegung des schwarzbärtigen jungen Wirtes 
genau. 

Der Wirt vermied es, an dem riesigen Holzfäller vorbeizugehen. 

Lieber beschrieb er einen großen Halbkreis, um ihm nicht zu nahe zu 
kommen. 

Er näherte sich jetzt dem Tisch der Reisenden. Da streckte Vidal 

ruckartig eins seiner unendlich langen Beine aus, verhakte seine 
Stiefelspitze unvermutet im rechten Fuß des Wirtes und zog ihm roh 
den Fuß nach hinten weg. 

Der Wirt verlor das Gleichgewicht. Er stürzte vornüber zu Boden. 

Mit großem Lärm polterte der Krug auf die Diele und zersprang in 
viele Stücke. Das Bier floß in schäumendem Schwall über den lie-
genden Mann. 

Die Reisenden sprangen auf die Füße. Die Holzarbeiter stierten auf 

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den gestürzten Mann. Auch die Ritter wurden durch den Krach 
aufmerksam. 

Aber nur einer handelte. Mit einem Sprung war Vidal bei dem 

Gestürzten. Unter dem Vorwand, ihm in die Höhe helfen zu wollen, 
packte er ihn am schwarzen Haarschopf und wischte sein Gesicht mit 
schwerer Hand über die Bierlachen am Boden. Dabei setzte er ihm 
wie zufällig einen seiner Riesenfüße auf den Rücken. 

»Das kommt davon, wenn man so geldgierig ist«, erklärte er 

scheinheilig. »Ihr habt es alle gesehen: Der arme Kerl kann nicht 
mehr geradeaus laufen, weil ihn das Gewicht des Geldes in seinen 
Taschen unweigerlich nach unten zieht!« Noch einmal beugte er sich 
hinab und tunkte des Wirts Gesicht unsanft in das verschüttete Bier. 

Einige Männer, die regelmäßig ihren Lohn hier vertranken, lachten 

schadenfroh. Die Reisenden setzten sich und berieten laut. Roland 
schaute auf Botho. Der bedeutete ihm, ruhig sitzenzubleiben, und 
kniff wieder auf seine unangenehme Weise ein Auge zu. 

Vidal lehnte bereits am Schanktisch und fragte in die Runde: »Ob 

man in diesem Gasthaus noch mal etwas zu trinken bekommt? 
Freilich, wenn der Wirt das Bier lieber auf den Boden kippt, als es 
seinen Gästen zu servieren, ist wenig Hoffnung.« 

Dröhnendes Gelächter antwortete ihm von den Tischen seiner 

Freunde. 

Langsam richtete der Wirt sich auf. Sein Gesicht war eine 

schmutzverschmierte Maske. Feuchte Sägespäne klebten an  seinen 
Wangen. Die nassen, bierverklebten Locken hingen wirr nach unten. 
Als bereite ihm jede Bewegung Schmerzen, stand er zögernd auf. 
Seine Augen gingen blicklos in die Ferne. Schwerfällig wandte er 
sich um und schlurfte auf den Schanktisch zu. 

Als der Wirt noch etwa zwei Schritte von Vidal entfernt war, 

streckte der Riese das andere Bein vor, um ihn erneut zu Fall zu 
bringen. Aber diesmal blieb ihm das Hohngelächter in der Kehle 
stecken. Der Wirt war mit elegantem Satz darüber gesprungen und 
stand nun unmittelbar vor Vidal. 

»Zum letzten Mal«, sagte der Wirt in äußerst ruhigem Ton, »die 

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sechs Groschen  - oder du verläßt meine Wirtschaft ein für allemal 
und läßt dich nie mehr hier blicken!« 

»Widerspruch verträgt unser Vidal nicht«, hatte der Holzfäller-

Kollege am Tisch berichtet. Nein, er vertrug ihn wirklich nicht. Rot 
vor Zorn feuerte der Riese einen Faustschlag auf den Wirt ab. Der 
Hieb hätte einem Ochsen das Weiterleben verleiden können. 

Doch der Wirt nahm nur den Kopf ein wenig beiseite, und der 

Schlag fuhr ins Leere. Vidal wurde mitgerissen und drohte nach vorn 
auf den Wirt zu fallen. Doch im nächsten Augenblick krümmte er 
sich und sank in die Knie. Keines Menschen Auge vermochte zu 
entscheiden, wo der Wirt ihn getroffen hatte. Seine Faust war 
schneller herausgezuckt, als irgend jemand es verfolgen konnte. 

Den nächsten Schlag sahen alle. Der Wirt zielte mit Bedacht. Er 

traf ihn am Kinn. Und dann prasselten noch ein Dutzend Hiebe 
gegen den Kopf des Riesen, der sich kaum noch wehrte. 

Der Wirt trat zurück. Vidal fiel der Länge nach zu Boden und blieb 

reglos liegen. Die meisten Gäste waren aufgesprungen. Auch Roland. 
Denn jetzt hatte er den Wirt wiedererkannt! 

Indessen begann der Wirt, die Scherben des Kruges aufzusammeln. 

Eine Handvoll nach der anderen  klaubte er hoch und steckte sie dem 
Bewußtlosen vorn unter das alte, halbzerrissene Hemd. Er holte 
einen Lappen, wischte den Boden sauber, warf einen Blick auf seine 
Gäste, die das Geschehen immer noch nicht recht begriffen, und 
fragte höflich: »Wer wünscht noch etwas zu trinken?« 

»Wissen Sie, wer dieser erstaunliche Wirt ist?« wandte sich 

Roland eifrig an Botho. 

Der zuckte nur die Achseln. 
»Es ist Louis!« rief Roland. 
Louis  - das war einmal der Hauptmann einer Räuberbande in den 

Wäldern um Xanten gewesen,  die den Knappen Roland zweimal 
überwältigt hatte. Zweimal war Roland ihr wieder entkommen  - und 
fast wider Willen hatte sich in ihm etwas wie Sympathie für den 
hochgemuten begabten Anführer entwickelt. 

Doch der Name Louis sagte dem Mann, der den Namen Botho 

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führte, gar nichts. Hochmütig kniff er ein Auge zu und hob wie 
abwehrend die auffallend kleinen weißen Hände! 

Im nächsten Augenblick stand Louis, der Wirt, an ihrem Tisch. 

»Ihr seid vorangekommen in der Welt seit unserer letzten 
Begegnung, Herr Ritter  Roland! Ich bitte Euch, folgt mir ins 
Hinterzimmer - auf ein Wort!« 

Zu Beginn ihrer geheimen Unterredung beglückwünschte Roland den 
ehemaligen Räuberhauptmann zu seinem unglaublichen Sieg über 
Vidal. »Noch nie sah ich eine ähnliche Gewandtheit im Faustkampf«, 
gestand er. »Du warst so schnell, daß man weder Abschuß noch 
Einschlag deiner Faust beobachten konnte.« 

»Es war Keine sonderliche Ruhmestat, den großen Kerl 

flachzulegen«, antwortete Louis mit ungewohnter Bescheidenheit. 
»Sicherlich ist er so stark wie ein junger Bär, aber dafür auch 
täppisch und von langsamem Denken. Schließlich behindert ihn seine 
Überheblichkeit. Gerade das Bewußtsein von seiner scheinbar 
unbezwingbaren Stärke macht ihn verletzlich. Im übrigen kam mir 
der kleine Zwischenfall zupaß. Es ereignet sich immer wieder, daß 
einige Gäste, sobald sie betrunken sind, zu randalieren anfangen. Das 
wird diese Gemüter für einige Zeit dämpfen, denke ich. Wenn Vidal 
wieder aufwacht, werden ihn Kopfschmerzen daran erinnern, daß 
man mir in meiner Gastwirtschaft nicht ungestraft ein Bein stellt.« 

»Deine Erklärung leuchtet mir ein, Louis. Dennoch frage ich mich, 

wo du diese Art des waffenlosen Kämpfens so hervorragend gelernt 
hast.« 

»Nun, das geht auf meine Räuberzeit zurück. Damals überfielen 

wir eines Tages eine Reisekutsche. Da die Insassen nur wenig Geld 
und gar keine Wertsachen mit sich führten, hielten wir sie in der 
Hoffnung auf Lösegeld ihrer Verwandten eine Zeitlang im Wald 
gefangen.. Es befand sich aber ein Fechtmeister und Boxlehrer unter 
ihnen. Ich nahm bei ihm Unterricht, und wir hatten beide unseren 

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Vorteil davon. Zum Dank ließen wir ihn nämlich als ersten frei, ohne 
daß Geld dafür hinterlegt werden mußte. Später besuchte ich ihn 
sogar noch einige Male heimlich in der Stadt, um mich unter seiner 
Aufsicht zu vervollkommnen. Ich durfte Vertrauen zu ihm haben. Er 
verriet mich mit keinem Wort.« 

Ein plötzlicher Einfall schoß Roland durch den Kopf. Doch bevor 

er ihn äußern konnte, nahm Louis wieder das Wort. Der Wirt hatte es 
eilig, zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen. 

»Ritter Roland«, begann er, »Ihr habt mir von allen Männern, die 

mir in meiner wilden Zeit im Wald begegneten, am meisten Respekt 
eingeflößt. Deshalb schenke ich Euch reinen Wein ein. Ich bin in 
einer furchtbaren Lage, und Ihr seid meine einzige Hoffnung!« 

Roland sah ihn gespannt an. Was würde er zu hören bekommen? 
»Es handelt sich um eine junge Frau«,  fuhr Louis fort.  Seine 

Stimme nahm mehr  und mehr einen unüberhörbaren Ton der 
Verzweiflung an, der Roland ans Herz griff. »Wir lieben uns. Sie ist 
der eigentliche Grund, warum ich dem wilden Leben ade gesagt und 
eine neue ehrliche Existenz begonnen habe. Ihr macht Euch keinen 
Begriff davon, welch ein edelmütiger, gutherziger und zartfühlender 
Charakter sie ist.« 

Des Wirtes Augen nahmen einen Ausdruck an, der von 

unbeschreiblicher Qual sprach. 

»Alles schien zum besten zu stehen«, fuhr er mit einem tiefen 

Seufzer fort. »Im nächsten Monat sollte  sich unser Glück erfüllen. 
Wir wollten heiraten. Doch heute ... Heute ging alles zu Ende. Unser 
Glück stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. Denn man hat... Man 
hat sie als Hexe verhaftet...« Seine Stimme brach. 

»Du sprichst von Svea?« rief Roland überrascht. 
Louis nickte traurig. »Ihr kennt Svea?« 
In kurzen Sätzen schilderte ihm Roland seine Begegnung mit dem 

schwarzhaarigen jungen Weib. 

»Nun, da Ihr sie mit eigenen Augen gesehen habt, werdet Ihr 

meine Verzweiflung verstehen«, sagte Louis. »Sie ist alles, was ein 
Mann sich vom Schicksal erhoffen kann. Und nun schwebt sie 

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unschuldig in höchster Gefahr! Die Anklage  - so widersinnig und 
lächerlich sie ist  - kann sie das Leben kosten. Denn die Leute in 
dieser Gegend hängen dem schlimmsten Aberglauben an. Und sie 
fühlen sich befreit, wenn sie all ihr Ungemach  - als da sind 
Krankheit, Not, Mißgeschick  - auf einen anderen abwälzen können, 
den sie für schuldig halten.« 

»Wie?« fuhr Roland auf. »Du hältst es für möglich, daß man Svea 

trotz ihrer offenbaren Unschuld verurteilen wird?« 

»Möglich?« antwortete Louis mit dumpfer Stimme. »Ich rechne 

fest damit.« 

»Aber wie geriet sie überhaupt in diesen ungeheuerlichen 

Verdacht? Es scheint so ungerecht, so unangebracht. Ihr klares 
Gesicht, ihr ganzes Wesen wirkten einnehmend auf mich. Nichts an 
ihr kann im entferntesten an eine böse Hexe erinnern. Wie du sagst, 
ist Svea obendrein voll reinster Herzensgüte. Wer ist ihr Feind? Wer 
hat sie verleumdet?« 

»Ich kann es nur ahnen«, antwortete Louis. »Vor einigen Wochen 

erzählte sie mir von einem geheimnisvollen Besucher. Bei 
Dunkelheit verschaffte er sich unter einem Vorwand Eintritt in ihr 
Haus. Er war kostbar gekleidet wie ein Mann von adliger Herkunft.« 

»Kannte Svea den Mann?« 
»Nein. Er trug eine Halbmaske, die sein Gesicht verbarg, und 

nannte nie seinen Namen.« 

»Was verlangte er von ihr?« 
»Er behauptete, eine tiefe Neigung zu ihr gefaßt zu haben. Dann 

forderte er sie auf, seine Geliebte zu werden. Er bedrängte sie hart 
und wiederholte seinen Besuch mehrere Male. Eine Weigerung, so 
erklärte er schließlich, werde er unter keinen Umständen anerkennen. 
Immer leidenschaftlicher, immer ungestümer setzte er dem 
verwirrten Mädchen zu. Doch was immer er ihr versprach, standhaft 
lehnte sie sein Ansinnen Mal für Mal ab. Zuletzt verlor er die 
Geduld, tobte wie ein Rasender und verwünschte die Frau, die er 
doch angeblich von Herzen liebte und verehrte, mit den übelsten 
Worten. Er nannte sie eine Hexe und schwor, daß sie auf 

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schreckliche Weise für ihre Weigerung büßen werde.« 

»Du siehst mich betroffen, Louis. Und dennoch! Nehmen wir an, 

daß er bei der Verleumdung und der folgenden Verhaftung wirklich 
seine Hand im Spiel hatte. Doch versicherte man mir in der Stadt, 
daß sie jede Möglichkeit erhalten werde, sich reinzuwaschen. Ein 
faires Gerichtsverfahren erwartet sie.« 

»So fair wie Vidals hinterlistiger Angriff auf mich!« rief Louis in 

schmerzlicher Erregung. »So redlich wie der Betrug durch falsche 
Münze! So gerecht wie der Verrat des Judas! Wie soll sie sich gegen 
die Vorwürfe so vieler engstirniger, verhetzter Menschen wehren, die 
nur darauf aus sind, ein schwarzes Schaf für ihre eigenen 
Unzulänglichkeiten zu finden? Wie gegen einen geheim-
nisumwitterten, mächtigen Adligen, der sie mit unzähmbarem Haß 
verfolgt? Nein, Svea  ist verurteilt, bevor sie die Schwelle des 
Gerichts überschreitet! Sie ist verloren.« 

Erschüttert schaute Roland den Sprecher an. 
Und während der Ritter noch nach Worten suchte, warf sich ganz 

unerwartet Louis vor ihm auf die Knie. »Ihr, Ritter mit dem 
Löwenherzen, seid der einzige, der Svea retten kann. Ihr seid kühn 
und gerecht. Aus tiefstem Herzensgrund flehe ich Euch an: Versucht 
es! Und wüchsen meine Knie durch den Boden ins Erdreich, so 
wollte ich mich doch nicht eher von diesem Fleck rühren, als bis Ihr 
mir Eure Hilfe versprochen habt!« 

Roland beugte sich hinab, faßte den Knienden brüderlich bei den 

Armen und zog ihn zu sich empor. »Bei meiner Ritterehre, die mir 
das Höchste ist«, sagte er leise, aber mit feierlichem Ernst, »du sollst 
nicht eine Sekunde länger flehen. Heute zieht mich ein dringendes 
Geschäft zur Burg Adlerhorst. Übermorgen jedoch, wenn das Gericht 
in der Stadt zusammentritt, werde ich zur Stelle sein und mit allen 
meinen Kräften jeglichem Unrecht wehren - des sei gewiß.« 

Während Roland seiner Rührung Herr zu werden trachtete, kam 

ihm nicht einen Augenblick lang der Gedanke, Louis könnte ihn auch 
nur mit einem einzigen Wort belogen haben. 

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Sobald Svea den Richter erblickte, wurde ihr leichter ums Herz, und 
sie schöpfte Hoffnung. Mit seinem gepflegten weißen Haar, den 
schmalen, pfiffigen Äuglein und den rosafarbenen Pausbäckchen sah 
er gütig aus und erweckte ihr Vertrauen. 

Aber die weißen Haare waren in Wirklichkeit eine Perücke, die er 

über einen Kopf von fast furchterregender Kahlheit gestülpt hatte. 
Die Äuglein waren nur deshalb so verschmitzt schmal, weil sie ihm 
vor Müdigkeit zuzufallen drohten. Und die freundlichen 
Pausbäckchen hatte er sich auf langen, nächtlichen Sitzungen 
erworben, bei denen er große Mengen von Braten, Soße und 
Kartoffeln zu vertilgen und mit fantastischen Bierstürzen 
nachzuspülen pflegte. 

Daher war Richter Lennart, ungeachtet seiner feierlich würdigen 

Erscheinung des Morgens, besonders bei Gerichtsterminen, stets 
übellaunig. Die Größe seines Alkoholkonsums ließ sich unschwer am 
Strafmaß ablesen, das er dem Angeklagten verpaßte. Sowie er jedoch 
einem armen Sünder seine zehn bis fünfzehn Jahre Kerker mit 
Zwangsarbeit zudiktierte, besserte sich seine Stimmung schlagartig, 
und man sah ihn, nun wieder in  erschreckender Kahlköpfigkeit, 
einem reichlichen Mittagsmahl im Ratskeller zustreben. 

Svea kam während ihres Prozesses dank Lennarts Gepflogenheiten 

kaum zu Wort. Mit wachsendem Entsetzen lauschte sie den 
Aussagen der ihr meist unbekannten Zeugen. 

Da trat ein altes Mütterchen vor die Schranken und berichtete mit 

brüchiger Stimme: »Im Mondlicht sah ich die böse Hexe zum 
Schornstein meines Häuschens hereinfahren. Als sie nach einiger 
Zeit wieder hinausfuhr, zog sie einen Schweif aus Schwefel hinter 
sich her. Es krachte wie beim Feuerwerk und stank nach 
Teufelsdreck. Drei Tage später starb mein Sohn an Koliken, und alle 
meine Hühner gingen ein, und das war ihr Werk.« 

Unter atemloser Spannung fragte der Richter das gramgebeugte 

alte Mütterchen: »Erkennst du die Hexe von damals hier im 

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Gerichtssaal wieder?« 

»Ja«, rief die Greisin und richtete einen bebenden Zeigefinger auf 

die hübsche, junge Angeklagte, »da sitzt die Verworfene!« 

»Gelogen!« schrie Svea empört. Aber das Wort ging unter im 

allgemeinen Krach, den die Verwünschungen der Zuhörer, die 
Glocke des Richters und die Rufe der Büttel verursachten. 

Als die Ruhe wiederhergestellt war, verkündete Lennart: »Damit 

ist auch dieser Punkt der Anklage bewiesen worden.« Dann rief er 
den nächsten Zeugen auf. 

Getröstet schlurfte das alte Mütterchen davon. Mit der einen Hand 

stützte es sich schwer auf seinen Krückstock. Die andere spielte in 
der Tasche seines weiten Rockes mit den fünf Dukatenstücken, die 
ihm am Abend zuvor heimlich ein Beauftragter jenes Adligen über-
bracht hatte. Der Bote hatte die Greisin eine volle Stunde lang darin 
unterwiesen, was sie vor dem Hohen Gericht der guten Stadt Gent 
auszusagen habe, und sie hatte es alsdann geduldig eingeübt, bis sie 
es mühelos auswendig hersagen konnte. 

Übrigens konnte sich die Greisin nicht lange des Besitzes der fünf 

Dukaten erfreuen. Denn vor den Pforten des Gerichts erwartete sie 
ihr angeblich an Koliken verstorbener Sohn und nahm ihr sehr 
lebendig vier der Goldmünzen ab, von denen er eine neue stramme 
Milchkuh und einen kräftigen Esel zu kaufen gedachte. 

Nachdem zwölf Zeugen unter Anrufung Gottes falsches Zeugnis 

wider Svea abgelegt hatten, fragte Richter Lennart die Geschworenen 
in leierndem Tonfall: »Ist die Jury zu einem Urteilsspruch gelangt?« 

Der Obmann erhob sich und erwiderte nach einer demütigen 

Verbeugung: »Jawohl, Euer Gnaden.« 

»Und wie lautet der Spruch?« 
Der Obmann hielt es nicht einmal für nötig, sich auch nur durch 

einen einzigen Blick mit den übrigen Geschworenen zu verständigen. 
Denn auch in seiner Hosentasche ruhten einige Goldstücke, die er 
zuvor nicht besessen hatte. So antwortete er unverzüglich im 
Brustton freudig erfüllter Pflicht: »Schuldig, Euer Gnaden.« 

Dann setzte er sich wieder, und seine Kollegen nickten beifällig im 

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Bewußtsein, der guten Sache gedient und der Hölle und ihrem 
Fürsten einen derben Streich versetzt zu haben. So sehr hatte sie das 
geschenkte Gold verblendet. 

Richter Lennart setzte sein schmieriges Barett auf, heftete einen 

niederschmetternden Blick auf die verängstigte Svea und verkündete, 
indem er die schnapszerfressene Stimme ein wenig erhob: »So 
verurteile ich die Angeklagte wegen zahlreicher Untaten und Morde 
durch das verruchte Hexenwesen zum Tode durch das Feuer. Das 
Urteil wird am dritten Tage von heute um zehn Uhr vormittags im 
Angesicht des gerechten Volkes von Gent auf dem Marktplatz 
vollstreckt. Sie wird auf dem Scheiterhaufen sterben!« 

Svea stieß einen markerschütternden Schrei aus. Aber schon 

stürzten sich drei Büttel auf sie und zerrten sie aus dem Saal. Wenige 
Augenblicke später fand sie sich in dem Kerker wieder, in dem sie 
die Nacht verbracht hatte. Furchtbare Qualen zerrissen ihr das Herz. 
Ihre junge Seele bäumte sich gegen den Gedanken auf, so bald eines 
unverdienten, schrecklichen Todes sterben zu müssen. Sie warf sich 
mit nackten Knien auf den harten Steinboden, zerzauste sich das 
schöne schwarze Haar  und rief mit klagender Stimme verzweifelt 
nach Louis und wußte doch zugleich, daß ihr Geliebter nichts zu 
ihrer Rettung unternehmen konnte, daß sie verloren war. 

Einmal erinnerte sie sich des fremden Ritters, der sie für kurze Zeit 

vor der Wut des Volkes geschützt hatte. Wohin mochte er 
inzwischen gezogen sein? Sicherlich hatte er sie längst vergessen! 
Was ging ihr Schicksal schließlich den stattlichen fremden Jüngling 
an? 

Doch menschliches Mitgefühl war nicht so fern, wie Svea meinte. 

Einer der drei Büttel, dessen Name Bob war, faßte eine spontane 
Zuneigung zu ihr. Als er ihr Jammern sah, begab er sich zur Küche 
der Stadtsoldaten und besorgte  einen Krug mit heißer Hühnersuppe. 
Den brachte er Svea und zwang sie, davon zu trinken. 

Ihre Blicke trafen sich. 
Sveas schwarze Augen tauchten in das leuchtende Blau Bobs. 
Ob sie eine Hexe ist? dachte er. Und wenn  - so hat es noch nie eine 

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schönere Hexe gegeben! Sie ist wunderbar. In der ganzen Stadt sah 
ich nie ein schöneres Mädchen. Kann soviel Schönheit wirklich so 
verrucht sein, wie der alte, häßliche Ritter Lennart verkündet hatte? 

Bob machte sich keine Illusionen über den hochgeachteten 

Vorsitzenden des Hohen und Peinlichen Halsgerichts der guten Stadt 
Gent. Er wäre längst davongejagt worden, wenn sein Vetter nicht 
Bürgermeister gewesen wäre. Erst vor einigen Nächten hatte Bob 
Lennart sturzbetrunken auf halbem Wege zwischen Ratskeller und 
seinem Haus aufgefunden. 

Bob hob den stöhnenden, seiner Sinne kaum mächtigen Mann auf 

und schleppte ihn eine halbe Meile weit. Er stützte ihn, als er 
pochend um Einlaß bat. Die garstige Frau des Richters öffnete 
schlaftrunken. Bob trug den Besoffenen über eine Stiege in sein 
Schlafgemach und legte ihn fürsorglich aufs Bett. Sein Lohn bestand 
in einem Fußtritt ins Hinterteil. Denn des Richters aufgebrachtes 
Weib hielt ihn für einen Zechkumpan ihres Mannes. 

»Gelt«, sagte der mitleidige Bob, »nun geht es dir besser, 

Schwesterlein? So ein kerniges Hühnersüppchen hält Leib und Seele 
beisammen!« 

Diese wenigen, gutgemeinten Worte richteten die Todgeweihte 

auf. Sie ergriff Bobs Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Junger 
Mann, wer du auch bist«, schluchzte sie, »erbarme dich meiner! 
Willst du ruhigen Blutes mitansehen, wie ein junges Weib, das  dein 
Weib sein könnte, grausam hingerichtet wird? In deine Hände ist 
mein Schicksal gelegt. Du brauchst mir nur die Tür zu öffnen und 
eine kurze Zeit beide Augen zu schließen...« 

»Ich habe großes Mitleid mit dir, Weib«, antwortete der Büttel 

schwankend, »aber das darf ich nicht tun. Man würde es mir nie 
verzeihen. Doch ich möchte dich gern trösten. Wein doch nicht! Du 
mußt ja heute noch nicht sterben. Und morgen auch nicht. Zwei 
schöne Tage liegen noch vor dir.« 

»Schöne Tage!« schluchzte Svea, »mit der Aussicht auf den 

Scheiterhaufen!« 

»Ja, eine schöne Aussicht ist das nicht«, murmelte der junge Büttel 

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erschrocken. »Aber wie konntest du auch so schreckliche Dinge tun? 
Schließlich hast du dich ja wirklich als Hexe umhergetrieben und 
über viele Familien Unheil gebracht!« 

»Kein Wort davon ist wahr! Die Zeugen logen!« 
Ungläubig blickte Bob sie an. »Alle logen? Und du meinst, du bist 

gar keine Hexe?« 

»Ich bin nie eine gewesen. Denn wenn ich eine wäre, so wär's mir 

doch ein leichtes, den Kerker zu verlassen und zum Schornstein 
hinaus durch die Lüfte hohnlachend davonzureiten!« 

»Das ist allerdings richtig. Ich hatte es noch gar nicht bedacht. 

Wenn du eine Hexe wärst, könnten keine Fesseln dich halten. Ich 
weiß nicht mehr, was ich davon halten soll. Das übersteigt mein 
Begriffsvermögen. Es ist zuviel für meinen Kopf. Ich werde mich 
mit meinen Kameraden beraten.« 

»Oh, hab Erbarmen!« flehte Svea herzzerreißend. Aber da riefen 

die beiden anderen auch schon nach Bob. 

Es gefiel ihnen nicht, daß er sich so lange mit der Gefangenen 

unterhielt. Sie hatten Verdacht geschöpft. »Läßt du dich etwa von ihr 
umgarnen?« fragte der eine vorwurfsvoll. 

»Keineswegs«, widersprach Bob. »Sie hat mich nur gebeten, sie 

entwischen zu lassen ...« 

»Da haben wir's! Mann, willst du uns alle drei in Teufels Küche 

bringen? Weißt du denn nicht, was geschieht, wenn sie uns wirklich 
entwischt? Dann landen wir an ihrer Statt auf dem Scheiterhaufen!« 

Bob bekam fast einen Herzanfall, als er das hörte! Worauf hatte er 

sich da eingelassen? Sie schien doch eine Hexe zu sein. Sie hatte ihn 
fast um den kleinen Finger gewickelt. 

Von diesem Augenblick an betrachtete auch Bob Svea mit kalten, 

mitleidlosen Blicken und hütete sich, ihr noch einmal 
nahezukommen. Das Weib, dachte er, ist ja gefährlicher als eine 
Horde verzweifelter Strauchdiebe! 

Gegenüber verließ zu dieser Zeit ein Bote den Ratskeller. Richter 

Lennart hatte ihn mit einem Auftrag zu einem Mann namens Ortwin 
geschickt. 

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Dieser Ortwin war ein hochgewachsener, wohlgestalteter Mann 

mit einem feuerroten Haarschopf, der ein ziemlich einsames Leben 
führt

0

. Die Nachbarn gingen ihm nach Möglichkeit aus dem Weg. Er 

stand sehr niedrig in der allgemeinen Achtung, obwohl er einen 
guten Verdienst in einem ziemlich krisensicheren Handwerk hatte. 

Ortwin war der Henker von Gent, und des Richters Auftrag an ihn 

lautete, den Scheiterhaufen für die Verbrennung der Hexe Svea 
vorzubereiten. 

Bankett auf Burg Adlerhorst! 

Die große Halle wimmelte von Menschen und Hunden. Am 

Kopfende der langen, mit Schüsseln überladenen Tafel saß der 
Hausherr, Ritter Aar, ein Mann von düsterer Gesichtsfarbe und 
derber Figur. Er kannte nur ein Gesprächsthema  - die Jagd. Während 
er Roland, seinem Ehrengast, stark gewürzte Leckerbissen vom 
Wildschwein vorlegte, schwelgte er in Jagderinnerungen. Es schien 
kein wildes Tier zu geben, das er nicht schon verfolgt, gejagt, gehetzt 
hatte, zu Fuß und zu Pferde, im Anschleichen und vom Ansitz, bei 
hellem Tage und tiefer Nacht, bei Regen, Schnee, Kälte und Hitze, 
mit Lanze, Schwert, Hirschfänger und Netz  - ja, zuweilen gar mit 
bloßen Händen. 

Roland war bald gelangweilt. Als Sohn eines Köhlers hatte er von 

klein auf im Wald gelebt und wußte weit mehr über die  wilden Tiere 
als der große Jäger Aar. So merkte er bald, daß der Burgherr 
gewaltig aufschnitt und prahlte. 

Immer wieder versuchte Roland, das Gespräch auf Sir Galahad zu 

lenken. Inzwischen hatte er erfahren, daß sein Todfeind sich in einer 
Feste auf einem  Felsen der Meeresküste verbarg. Der Mann, der sich 
Botho nannte, hatte versprochen, ihn dorthin zu führen. Mit seinen 
schmalen weißen Händen malte er den Weg auf der Tafel nach und 
kniff verschwörerisch ein Auge zu. 

Würde Aar ihm Unterstützung zukommen lassen? 

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»Soviel Ihr wollt, Roland«, versprach Aar leichthin. »Ich gebe 

Euch eine ganze Schwadron mit, wenn's denn sein muß. Aber um auf 
diesen kapitalen Hirsch zurückzukommen, von dem ich Euch erzählt 
habe ... Es war ein Sechzehnender, und er hatte schon zwei 
Wildheger mit seinem gewaltig ausladenden Geweih erstochen. 
Eines Morgens ...« Mitleidlos dröhnte die eintönige Stimme des 
Burgherrn weiter, unentwegt. 

Roland gab sich nur noch oberflächlich den Anschein, als höre er 

ihm zu. Seine Blicke schweiften über den Damenflor auf der Empore 
und verfingen sich immer wieder in einem allerliebsten Paar blauer 
Samtaugen. Durch geschickte Fragen erfuhr er, daß die Samtäugige 
Fräulein Reinhild hieß und eine Verwandte von Aars Frau war. Aar 
selber würdigte sie keines Blickes. Von ihm erzählte man sich in der 
Burg, daß er zahlreiche Liebschaften mit den Mädchen des Gesindes, 
mit Bauerntöchtern und einfachen Bürgerinnen unterhielt. 

Endlich hob Aar die Tafel auf, und alle zogen sich müde auf ihre 

Zimmer zurück. Roland ließ Reinhild nicht mehr aus den Augen und 
merkte sich, hinter welcher Kemenatentür sie verschwand. Zuletzt 
schenkte sie ihm noch ein keckes Lächeln, das sein Blut in Wallung 
brachte. 

Schlaf fand Roland lange Zeit nicht. Wenn er die Augen schloß, 

erschien Reinhilds feines blondes Köpfchen vor seinem geistigen 
Auge. Bald kam etwas anderes hinzu. Heftiger Durst plagte ihn und 
wurde allmählich fast unerträglich. 

Das scharfgewürzte Fleisch an Ritter Aars Tafel! Roland fragte 

sich, ob es wohl allen jetzt so ging, die dort geschmaust hatten. Doch 
dann fiel ihm ein, daß er ja fast nur von Aar persönlich ausgewählte 
Stücke gekostet hatte. 

Hatte Aar ihn etwa absichtlich mit besonders scharfem Fleisch 

gefüttert? Steckte ein geheimer Sinn dahinter? 

Mißtrauen beschlich ihn. 
Doch der Durst war nicht mehr auszuhalten. Roland wußte, daß 

drunten in der Halle noch manche Kanne köstlichen Mets ungeleert 
geblieben war. Der Gedanke trieb ihn von der Lagerstätte, durch 

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nachtdunkle Flure, um gewundene Gänge und über schmale 
Steintreppen. Er seufzte voll Sehnsucht, als er an Reinhilds Tür 
vorbeikam. Da gewahrte er auch schon an der nächsten Biegung die 
winzigen Lichtpunkte glosender Fackelreste und hörte das leise 
Japsen der Jagdhunde. 

Doch das war nicht der einzige Laut! 
Gedämpfte, schleichende Schritte waren in seinem Rücken zu 

vernehmen. »Ist da wer?« fragte Roland halblaut. 

Er meinte, ein Leidensgenosse suche wie er nach einem kühlenden 

Trunk. 

Da huschte der andere näher. Eine weiche, kleine Hand legte sich 

auf seine Schulter. Zwischen den Rippen spürte er einen leichten 
Kitzel. 

Ein unterdrücktes Lachen im Dunkel... 
Und mit einer heftigen Anstrengung riß Roland sich los. Irgend 

etwas hatte ihn gewarnt. Das war keine freundliche Berührung! Das 
war eine stählerne Spitze - ein Stachel, gezielt auf sein Herz. 

Er wich zurück. Er spürte die Gegenwart des Mörders und hörte 

seinen enttäuschten, leisen Fluch. 

Die Hunde erhoben sich und schlichen zwischen den Beinen der 

Männer umher. Wo stand der Feind? Vergebens mühte sich Roland, 
die Finsternis der Halle mit den Augen zu durchdringen. 

Dann schlugen Türen im weiten Bau. Aus einem der oberen 

Stockwerke schallte Aars Stimme: »Hast du ihn erwischt?« 

Und die Antwort aus der Halle: »Er ist mir entkommen! Ich sehe 

ihn nicht!« 

Roland erkannte den Rufer. Es war der Mann, der sich Botho 

nannte, der sein Kundschafter gewesen sein wollte. Ein Verräter! 
Vielleicht ein Spitzel Sir Galahads, mindestens aber sein 
Parteigänger. Im Geist sah Roland wieder das falsch wirkende, 
unangenehm vertrauliche Zukneifen des einen Auges und die kleinen 
weißen Hände, die so geschickt das tückische Messer zu führen 
wußten. 

Und im gleichen Augenblick ahnte er, daß der wirkliche Botho, der 

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mit der echten Hakennase, wohl der Mörderklinge bereits zum Opfer 
gefallen war. 

»Heraus, ihr Männer!« rief Aar von oben. Nachdem der Anschlag 

des falschen Botho mißglückt war, hielt er es nicht mehr für nötig, 
seine bösen Absichten zu verschleiern. »Heraus, alle! Spürt ihn auf, 
den Lakaien des Königs! Ergreift Roland! Laßt ihn nicht entfliehen! 
fünfzig Dukaten dem, der ihn mir bringt, tot oder lebendig!« 

Roland sträubten sich in der düsteren Halle die Haare. Zum 

erstenmal im Leben hörte er, wie eine Prämie auf seinen Kopf 
ausgesetzt wurde. Es war ein bedrückendes, ein unheimliches Er-
lebnis. 

Und nun zögerte er nicht länger. Die Außentür war mit Sicherheit 

verschlossen. Er mußte ein Fenster finden und von dort den 
unsicheren Sprung in die Freiheit wagen. Nur rasch! Eile war 
geboten! Er lief ins Innere der Burg. 

Überall wurden Türen geöffnet. Männer kamen auf die Gänge. 

Manch einer trug eine brennende Kerze. Die zitternden Schatten 
huschten überlang an den Wänden hin und her. Roland mischte sich 
unter die Männer. Er tat, als sei er einer von ihnen. In dem 
Ungewissen Spiel der Schatten war es sehr schwer, jemanden zu 
erkennen. Auf federleichten Sohlen strebte er den Weg zurück, den 
er gekommen war. 

Doch sein Zimmer, in dem er sich verbarrikadieren wollte, 

erreichte er nicht mehr. Hinter einer Biegung öffnete sich eine 
wohlbekannte Tür einen Spaltbreit. Ein Frauenarm schob sich 
hindurch. Eine Hand winkte. Er schlüpfte hinein. 

»Reinhild«, flüsterte er hingerissen. »Ihr seid sehr kühn.« 
Er ahnte sie mehr, als daß er sie sah. Wie eine schmale Silhouette, 

wie eine liebliche Verheißung, stand sie vor dem grauen Umriß des 
Fensters. Die Berührung ihrer Hand fuhr ihm bis in die Zehenspitzen. 

»Was geht da draußen vor?« wollte sie wissen. 
»Die ganze Burg ist in Aufruhr«, antwortete er.  »Sie suchen einen 

Mann.« 

»Sonderbar«, sagte sie. 

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Roland breitete die Arme aus, ergriff ihre Ellbogen und zog sie 

langsam zu sich heran. Ihre Nähe war zu verlockend. Doch sie 
entwand sich ihm und sagte tadelnd: »Herr Ritter!« 

»Verzeiht«, antwortete er, ließ aber ihre Hände nicht los. »Glaubt 

nicht, daß ich es an Respekt Euch gegenüber vermissen ließe. Aber 
die seltsamen Umstände unserer Begegnung ...« 

»Ich glaubte Euch in Gefahr«, erklärte sie einfach. »Ich wollte 

verhindern, daß ein Unbesonnener das heilige Gastrecht verletzen 
könnte - unter dem Dach meines Verwandten Aar!« 

»Es ist wahr«, gab er zu. »Jemand unternahm einen Mordanschlag 

auf mich, als mich quälender Durst auf der Suche nach Trinkbarem 
in die Halle trieb.« 

»Einen Mordanschlag! Täuscht Ihr Euch nicht?« 
»Ein Zweifel ist nicht möglich. Oh, Reinhild, habt Ihr einen 

Tropfen Wasser für einen Verdurstenden?« 

Es fanden sich Krug und Becher. Roland trank, ohne abzusetzen. 

Der Brand in der ausgetrockneten Kehle ließ nach. Sie blieb an 
seiner Seite. Er roch ihr feines, angenehm duftendes Parfüm. 

Wieder zog er sie an sich. Seine Hände strichen über ihre nackten 

Schultern. Er spürte ihr wohliges Erschauern. Sie drängte sich an ihn. 
Ihr hauchzartes Nachtgewand war wie eine zweite Haut. 

Ein leidenschaftlicher Rausch erfaßte den Ritter. Er vergaß alle 

Gefahr. Während er ihr Gesicht mit Küssen bedeckte, streifte er ihr 
das Gewand vom Leib. Nicht nur ihre Augen, auch ihre Haut war 
wie Samt. 

Sekunden später lagen sie auf ihrem Bett. Sie ließ ihn nicht mehr 

von sich. Auch Roland war jetzt nackt. Mondlicht fiel ins Zimmer 
und verging. Seufzer und wonnevolles Stöhnen erfüllten den Raum. 

In der Stunde höchster Gefahr liebten sich Roland und Reinhild 

mit letzter Hingabe. Ihre Körper schienen untrennbar verschmolzen. 
Als sie den Höhepunkt nahen fühlte, stieß sie kleine Schreie aus. Das 
erregte Roland zu höchster Glut. In einem rasenden Stakkato 
rauschhafter Bewegungen gelangten sie gemeinsam zum Gipfel der 
Liebeswonne. 

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Mund an Mund blieben sie liegen, während der Sturm der Gefühle 

allmählich verebbte. 

Da hasteten Schritte schwer über den Gang vor der Tür. Rufe 

wurden laut. 

»Ich darf nicht mehr lange bei dir bleiben, Reinhild«, flüsterte 

Roland, während er sich erhob und in Windeseile seine Kleider 
anlegte. »Flucht ist das einzige, was mir bleibt. Sag, war unlängst ein 
Mann namens Botho hier zu Gast?« 

»Ja, vor wenigen Tagen. Es war ein großer, freundlicher Mann mit 

einer lustigen Hakennase. Er tafelte mit Aar und seinen Männern und 
verbrachte die Nacht in der Burg. Ich sah ihn nicht wieder. Es hieß, 
er sei dringender Geschäfte wegen in aller Herrgottsfrühe 
davongeritten.« 

»Ich vermute, daß er in aller Herrgottsfrühe in der Burg ermordet 

wurde.« 

»Roland!« 
»Ja, es scheint, daß er das gleiche Schicksal erlitt,  was mir heute 

nacht zugedacht war.« 

»Aber warum, Roland, warum?« 
»Ich weiß es auch nicht. Ich durchschaue es nicht. Beim Bankett 

hat Aar mir noch jede Unterstützung gegen Sir Galahad zugesagt. 
Und jetzt will er mich töten lassen!« 

»Meinst du wirklich, daß Aar dahintersteckt?« 
»Ich hörte, wie er demjenigen fünfzig Dukaten versprach, der mich 

ihm tot oder lebendig bringt.« 

»Das ist unmöglich! Du mußt dich verhört haben, Roland. Nie 

würde Aar das Gastrecht verletzen. Er ist ein Langweiler und 
Prahlhans, aber das Gastrecht ist ihm so heilig wie ... wie seine 
Jagdhunde.« 

Da pochte es von draußen heftig gegen die Tür. Männerstimmen 

forderten Reinhild auf zu öffnen. Sie tat, als sei sie eben erst erwacht. 
Mit schlaftrunkener Stimme hielt sie die ungeduldigen  Männer auf. 
Sie müsse erst aufstehen, sich etwas überwerfen, eine Kerze 
anzünden ... 

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»Es eilt, Reinhild!« tönte es ungeduldig. 
Indessen war Roland ans Fenster geeilt. Er öffnete es und schaute 

in die Tiefe. »Sobald du die Tür aufmachst«, sagte er, »springe ich 
hinunter - in die Freiheit.« 

»Um Gottes willen, tu das nicht! Es ist viel zu hoch. Es wäre dein 

sicherer Tod.« 

»Weit gewisser wäre mein Tod, wenn Aars Männer mich hier 

fänden. Kann man sich irgendwo verstecken?« 

»Unmöglich. Sie würden dich immer finden. Doch warte ... Mein 

Roland, mir fällt etwas ein. Vor einiger Zeit habe ich, ich weiß selbst 
nicht warum, aus geheimem Antrieb eine seidene Strickleiter 
genäht.« 

»Das ist die Rettung! Du bist wunderbar, Reinhild! Wo ist die 

Strickleiter?« 

Und wieder  dröhnten Schläge gegen die Tür. Ernster jetzt, 

nachdrücklicher, von gebieterischer Forderung. Während das 
Fräulein die Strickleiter aus einem Wäschekorb fischte, rief es: »So 
geduldet Euch doch noch einen Augenblick, ihr Herren, ich fliege ja 
schon ...!« 

Hastig eilte sie zum Fenster, und gemeinsam verknüpften sie das 

obere Ende der Strickleiter am Rahmen. Roland zögerte keinen 
Herzschlag länger. Er schwang sich zum Fenster hinaus, schien einen 
Augenblick frei in der Luft zu schweben und trat dann mit sicherem 
Fuß in das feste, seidene Gespinst. 

Reinhild war zumute, als müßten ihr die Sinne vergehen. So 

schnell verschwand Roland also aus ihrem Leben! Sie griff nach ihm, 
drückte ihm einen Kuß auf die Stirn und flüsterte: »Mein Roland, 
werde ich dich je wiedersehen?« 

»Gewiß, Reinhild«, war seine Antwort. »Kein Mordstahl ist so 

scharf geschliffen, kein Gebirge so hoch getürmt, keine Schlucht so 
unergründlich tief, kein Schrecken so furchtbar, als daß ich nicht zu 
dir strebte mit all meiner Seele!« 

Schon kletterte er abwärts. Nur sein helles Haar leuchtete noch in 

der Nacht. »Roland«, rief sie ihm mit erstickter Stimme nach, »wie 

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lange werde ich auf dich warten müssen?« 

»Solange Regen rinnt«, sagte er inbrünstig, »und Wolken ziehen, 

solange der Vogel singt und  die Sonne unsere Herzen und Körper 
wärmt, so lange darfst du hoffen, daß Roland auf dem Weg zu dir ist 
und keine Hindernisse kennt!« 

Es war das letzte, was sie von ihm hörte. Mit einem tiefen Seufzer 

schloß sie rasch das Fenster, entzündete eine Kerze, preßte den 
Morgenmantel enger um die schlanke Gestalt und schob den 
Türriegel zurück. Draußen standen im Ungewissen Fackellicht 
mehrere Bewaffnete. 

»Wen sucht Ihr, Herren?« fragte sie ungehalten. »Ihr seht mich 

allein! Wer gab Befehl, die Damen bei der Nachtruhe so roh zu 
stören?« 

»Es sind Feinde in der Burg«, erwiderte einer. »Sie bedrohen auch 

Euch, Fräulein. Gefährliche Männer, die sich im Schutz des 
Gastrechts eingeschlichen haben, um uns allen Böses zuzufügen. Wir 
fürchteten, daß einer, der Rädelsführer, sich zu Euch in die Kemenate 
geschlichen habe.« 

Reinhild stampfte mit dem Fuß auf und gab sich den Anschein 

großer Entrüstung. Die Männer stürmten an ihr vorbei und suchten in 
Schränken und hinter Truhen  - ohne Erfolg. Indessen begab sich 
Reinhild kaltblütig ans Fenster, knüpfte schnell die Strickleiter los 
und warf sie nach unten. So konnte ihr niemand auf die Schliche 
kommen. 

Vorsichtig kroch Roland aus dem Burggraben, in den ihn die 

nächtliche Kletterpartie geführt hatte. Wie mochte es seinem 
Knappen Pierre ergangen sein? Ob er überhaupt noch am Leben war? 

Vom Ende des Grabens hörte er Geschrei und Waffengeklirr. Er 

rannte darauf zu. Gerade brach der Mond durch einen Wolkenturm 
und beleuchtete eine gespenstische Szene. Zwei Männer kämpften 
mit hochgeschwungenen Schwertern. Als Roland nahe heran war, 
erkannte er in ihnen Pierre und den falschen Botho. 

Der Knappe, im Waffenhandwerk ungeübt, befand sich in 

schwerer Bedrängnis. Nur  mit Mühe erwehrte er sich der immer 

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gefährlicher werdenden Streiche des Gegners. Seine Kräfte 
schwanden. Kaum konnte er noch die Waffe heben. Die Arme 
versagten ihm beinahe den Dienst. 

Da sprang aus den schwarzen Schatten der Burgmauer Roland 

hervor. 

Pierre sank gerade in die Knie und stöhnte: »Heiliger Himmel, 

hilf!« Dann stürzte er aufs Gesicht, schloß die Augen und erwartete 
den Todesstoß. 

Doch statt dessen fühlte er, wie ihm sein Schwert entrissen wurde. 

Dann klang wieder Stahl auf Stahl hell durch die Nacht. Doch das 
war eine andere Musik als vorher! Ein schnellerer, härterer Takt. 
Zehn Herzschläge lang horchte er, ohne sich zu rühren. Dann setzte 
die stählerne Melodie aus, und wie das Ende der Welt drang der 
hohle Todesseufzer des Verräters Botho an sein banges Ohr. 

Vorsichtig hob er den Kopf. 
Eine hohe Gestalt erhob sich vor ihm und verdeckte den Mond. 
»Auf, Pierre«, rief Rolands wohlbekannte Stimme. »Wir reiten!« 

Die Bürger der Stadt Gent versammelten sich in ihrem Sonntagsstaat 
auf dem Marktplatz. Es war keine Sensationslust, die sie dorthin 
lockte. Sie glaubten ehrlichen Herzens, ein gottgefälliges Werk zu 
tun, wenn sie der Verbrennung einer bösen, schädlichen Hexe 
zusahen. 

Was wußten sie von den Seelenqualen Sveas, die ja keine Hexe, 

sondern ein normales Menschenkind war? Von einem abgewiesenen 
Freier war sie verleumdet worden. Ein Freier, der mit seinem Geld 
die bestechlichen Gemüter für seine niederträchtigen Rachegelüste 
gewann. 

Die Nacht vor ihrem Tode hatte Svea in einem fürchterlichen 

Zustand verbracht. Abwechselnd fluchte und betete sie, zerraufte 
sich die Haare, wälzte sich auf der blanken Erde und weinte 
hemmungslos. Es war nicht allein der Gedanke an so frühen, 

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unwürdigen und unverdienten Tod. Es war auch die Furcht vor den 
unmenschlichen Schmerzen, die das Feuer ihr bereiten würde. 

Am Morgen kam noch einmal Bob, der Büttel zu ihr. 
»Svea, weine nicht mehr!« sagte er ruhig. »Du brauchst keine 

Angst vor dem Scheiterhaufen zu haben. Ich sprach mit dem Henker. 
Er ist eine gutmütige Seele und will dir nicht weh tun. Er versprach 
mir, das Feuer so zu schüren, daß du in Windeseile vom Qualm 
ohnmächtig wirst und danach nichts mehr spürst. Dein Tod wird so 
sanft sein wie das Einschlafen nach ermattendem Spiel.« 

Kein Wort davon war wahr. Und doch übten sie eine gewisse 

Wirkung aus, die beschwichtigenden Worte, die ihm sein gutes Herz 
eingegeben hatte. Als man Svea zum Scheiterhaufen führte, war alles 
Gefühl in ihr erloschen. Wie eine von schwerem Rausch Betäubte 
wankte sie dahin und nahm nichts mehr wahr. 

Das erste, was ihr wieder zu Bewußtsein kam, war die hohe, fast 

edle Gestalt des Henkers, mit dem doch kein Bürger menschlichen 
Kontakt pflegen wollte. Sein häßliches rotes Haar war wie sein 
Gesicht unter einer schwarzen Kapuze verborgen. Auch seine beiden 
Henkersknechte  - ein dicker und ein stämmiger  - hatten ihre 
Gesichter auf gleiche Weise verhüllt. So wollte es das Gesetz. 

In atemloser Spannung harrte das Publikum. 
Da ging ein Schrei der Erregung durch die Menge. Der Henker 

hatte den Holzstoß entzündet! 

Inmitten der aufzüngelnden Flamme hing Svea gefesselt an einem 

Pfahl! 

Rot züngelten die Flammen zum Saum ihres einfachen Gewandes. 

Qualm brodelte auf. Aber er nahm ihr nicht, wie Bob verheißen, das 
Bewußtsein. 

Plötzlich sah Svea alles in grauenhafter Schärfe. Obwohl sie nichts 

verbrochen hatte, mußte sie die schlimmsten, ehrlosesten und 
hoffnungslosesten Qualen erleiden. 

Da bäumte sich ihr letzter Lebenswille auf. Sie schrie. 
»Der Schrei der Hexe«, sagte ein Spießbürger und verspürte ein 

angenehmes Kribbeln. 

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Doch im gleichen Augenblick hörte Svea eine männliche Stimme 

raunen: »Fürchte nichts«, sagte die Stimme. »Ich rette dich  - ich, 
dein Henker!« 

Rote, gelbe, violette, orangefarbene Flammen flackerten vor Sveas 

Augen. Hitze brandete gegen sie. Sie schloß die Augen. Ihr war, als 
stünde ihre ganze Haut in Flammen. Die Hitze war unerträglich. Sie 
rüttelte an ihren Fesseln. Doch die Stricke gaben nicht nach. 

In ihrer Not fiel ihr die fremde Stimme ein: »Fürchte nichts«, hatte 

sie geraunt. »Ich rette dich - ich, dein Henker!« 

Die beiden Henkersknechte  - der dicke und der stämmige  - liefen 

plötzlich mit brennenden Fackeln vom Hinrichtungsplatz weg. Der 
eine wandte sich nach links, der andere nach rechts. Sie schwenkten 
ihr Feuer und riefen: »Lauft davon, Leute, der Teufel ist hinter euch 
her!« 

Verwirrung fuhr unter die Bürger der Stadt Gent. Sie sahen, wie 

die Henkersknechte verrückt umeinanderrannten, hörten ihre 
angsterregenden Rufe und glaubten wirklich, der Teufel sei unter sie 
gefahren. 

Pierre und Louis  - denn sie waren die Henkersknechte  - erledigten 

ihre Aufgabe gut. In kurzer Zeit hatten sie so viel Furcht unters Volk 
gebracht, daß aus der festlichen Versammlung ein totales Chaos 
geworden war. 

Svea merkte, wie die Fesseln um ihre Handgelenke fielen. Sie war 

frei! Ein unbeschreibliches Gefühl! Doch wohin sollte sie fliehen? 
Ringsum wogten Feuer und Qualm. Jeder Fluchtweg schien ver-
sperrt. Die Hitze wurde mit jedem Atemzug bedrängender, war 
immer schwerer zu ertragen. 

Wie Dolche fuhren ihr die wabernden Luftströme in die Lunge. 

Svea wurde plötzlich von Panik übermannt. Sie öffnete den Mund. 
Ein neuer heißer Dolchstoß ... Sie begann zu schreien. Verzweiflung 
hielt sie umfangen. 

Dann sah sie, wie der Henker schnell auf sie zutrat. Glutschein 

zuckte über die schwarze Maske, die sein Gesicht verbarg. Sie 
streckte eine zitternde Hand nach ihm aus. War es Abwehr oder 

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Annäherung? Sie wußte es selber nicht. Gedanken wirbelten in ihr 
durcheinander. 

Ihre Hand traf auf Nässe, erfrischende, fast kühle Nässe. Das 

Kostüm des Henkers fühlte sich an wie in Wasser getaucht. Und da 
brachte er eine Wolldecke, die vorher unter seinen Utensilien 
gelegen hatte. Und diese Wolldecke triefte vor Nässe. Wassertropfen 
hingen an den Säumen. Wassertropfen quollen aus den Stoffasern 
und fielen herab. Herrliche, wohltuende Feuchtigkeit! 

Und der Henker warf ihr die nasse Decke über den Kopf, umhüllte 

ihre ganze Gestalt damit und schloß die bedrohlichen, quälenden 
Flammen aus. Sie fühlte sich hochgehoben. Ihre Füße schwebten 
über den Boden. Er trug sie fort. 

Mit einem Sprung durchquerte der Henker, Svea in den Armen, die 

lodernde Feuerwand. Dann ließ er, ohne den Griff um die junge Frau 
zu lockern, sich vom Podest herab. 

Und noch einmal die  metallisch klingende Stimme an ihrem Ohr  - 

die Stimme, die sie von nun an nie im Leben mehr vergessen würde - 
sie raunte: »Die Hinrichtung ist vorbei, meine Liebe! Die Flammen 
können uns nicht mehr erreichen. Jetzt wird wieder gelebt!« 

Täuschte sie sich, oder lachte der Mann, der wie ein Henker 

gekleidet war, wirklich? 

Ja, Roland lachte laut, befreit, ansteckend, mitreißend! Roland 

lachte im Kostüm des Henkers über die fassungslos hin und her 
stiebende Menschenmenge. Die guten Bürger der Stadt Gent waren 
von dem unerwarteten, blitzschnell sich abrollenden Befreiungsakt 
so überwältigt, daß sie keine Anstalten machten, sich den Flüchtigen 
in den Weg zu werfen und sie aufzuhalten. Noch begriff, noch ahnte 
keiner, was sich da vor ihren Augen abgespielt hatte. Die wild 
umherrasenden »Henkersknechte« mit ihren rasend geschwungenen 
Fackeln taten ein übriges, um sie völlig zu verwirren. 

Unangefochten erreichte Roland mit Svea in seinen Armen die 

verschwiegene Gasse, wo er Rih angeleint hatte. Drei Herzschläge 
später saß er im Sattel, hielt Svea vor sich, preßte sie mit der Linken 
an seine Brust, hatte den Zügel in der Rechten und trieb den Rappen 

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zum Galopp. 

Weiter hinten warfen sich auch Pierre und Louis auf ihre Pferde. 

Alle drei hatten ihre Kapuzen abgezogen, als sie jetzt durch die 
Straßen der Stadt sprengten, von niemandem aufgehalten, nur von 
einigen staunenden Blicken verfolgt. 

Nun erst erkannte Svea ihren Retter. Es war der fremde Ritter, der 

sie schon einmal vor dem tobenden Mob beschützt und an den sie 
sehnsüchtig im Gefängnis gedacht hatte! 

»Mein Name ist Roland«, sagte er, während sie sich den Grenzen 

der Stadt näherten. »Ich bin ein fahrender Ritter in Diensten des 
Königs Artus von Schloß Camelot.« 

Sie lehnte sich gegen seine Brust und überließ sich wohlig den 

tiefen Gefühlen der Dankbarkeit und Zuneigung, die ihr Herz 
durchzogen. Der ungewohnte Ritt ohne Sattel, nur gehalten vom 
starken Arm des jungen Ritters, bereitete ihr keinerlei 
Unannehmlichkeit. Sie hätte ewig so lehnen können, an den Mann 
geschmiegt, den sie mehr verehrte als alles andere auf der Welt. 

Und so in diesem zärtlichen Gefühl lauschte sie seiner 

wohlvertrauten Stimme, die immer wieder eine bestimmte Saite ihrer 
Seele zum Schwingen brachte. 

»Ich hatte ein kleines Abenteuer auf Burg  Adlerhorst zu bestehen«, 

erzählte er so ruhig, als hätten sie nicht eben gemeinsam Minuten 
größter Pein und höchster Todesnot bestanden. »Ritter Aar wollte 
mir und meinem Knappen Pierre unter Bruch des heiligen Gastrechts 
den Garaus machen. Ich rettete mich über eine Strickleiter aus der 
Burg. Pierre war nicht so glücklich. Er mußte aus einem hohen 
Fenster springen. Er kann sein Schicksal noch preisen, daß er nicht 
auf harten Steinen, sondern auf dem weichen Misthaufen landete. So 
blieb er unverletzt, stinkt aber jetzt drei Meilen gegen den Wind. Du 
wirst es bald bemerken, Svea.« 

Und wieder lachte Roland das unbekümmerte Lachen tapferer, 

unerschrockener Jugend. 

»Auf dem Weg nach Gent trafen wir Louis. Durch ihn erfuhren wir 

von deiner schändlichen Verurteilung. Ich kam auf die Idee, den 

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Henker und seine beiden Gehilfen zu überfallen. Es klappte gut. Nur 
Pierres Gestank hätte sie im letzten Augenblick fast noch mißtrauisch 
gemacht. Jedenfalls wurden sie in des Henkers eigenem Haus, wo sie 
die letzten Vorbereitungen trafen, überfallen, ausgezogen und 
gefesselt, ehe einer auch nur Piep sagen konnte.« 

Die Stadt lag hinter ihnen. Vor ihnen dehnten sich Felder mit 

wogenden Ähren. Am Horizont schimmerte ein Waldstück. 

»Wir brauchten ihre Henkerskleidung. Es war das einzige, was mir 

einfiel. Sonst wären wir nie an dich herangekommen, Svea. Wir 
tauchten die Kleider in Wasser, bevor wir sie anzogen, stellten die 
Pferde versteckt in der Nähe unter und vergaßen auch eine nasse 
Wolldecke nicht. Ohne diese Vorsichtsmaßnahmen wären wir beide 
wohl nicht ohne ein paar schmerzhafte Brandstellen 
davongekommen, Svea.« 

Sie schauderte und drängte sich enger an den großen, 

unbekümmerten Ritter. »Wohin reiten wir?« fragte sie. 

»Nach Süden«, gab er zur Antwort. »Aber nur für kurze Zeit. Nur 

um die Verfolger  - und verfolgen wird man uns bestimmt  - auf eine 
falsche Spur zu locken. Dann geht es nach Norden, zur Meeresküste. 
Dort wartet das Abenteuer auf mich, die Aufgabe, um derentwillen 
ich  überhaupt in diese Gegend kam. Aber natürlich kannst du dich 
jederzeit von uns trennen, Svea, wenn du glaubst, in Sicherheit zu 
sein.« 

»Ich gehe, wohin Ihr geht«, sagte sie träumerisch. »Und sei es bis 

ans Meer und darüber hinweg und bis an den Rand der Welt. Ihr habt 
mir das Leben wiedergeschenkt, und jetzt gehört mein Leben Euch.« 

»Oh«, erwiderte Roland leichthin. »Pierre und Louis haben 

mindestens soviel Anteil an deiner Befreiung wie ich.« 

Doch Svea schüttelte nur stumm den Kopf. Sie glaubte, es besser 

zu wissen. 

Roland, Pierre und Louis hatten für den Fall ihrer Trennung einen 

Treffpunkt außerhalb der Stadt vereinbart. Es war Louis' einsam 
gelegenes Gasthaus. 

Der Ritter hatte keine Mühe, es wiederzufinden. Von Kindheit an 

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mit dem Leben unter freiem Himmel wohlvertraut, war sein Sinn für 
Richtungen, Spuren und Verstecke aufs schärfste entwickelt. Doch 
ließ er den größten Teil des Weges Rih im Schritt gehen. Verfolger 
waren noch nicht zu erblicken, und das Tier trug ja doppelte Last. 

Endlich sah er in der Ferne die kleine, steile Anhöhe, an die das 

niedrige Blockhaus gebaut war. Doch als sie näher kamen, suchten 
sie vergeblich nach dem anspruchslosen Gebäude. Dann erblickten 
sie schwache Rauchfäden, Asche, halbverkohlte Balken und 
verbogene, rußgeschwärzte Metallstücke, die einmal zur Ausrüstung 
der Gaststätte gehört hatten. 

Pierre und Louis waren vor ihnen eingetroffen. Der Knappe stand 

gesenkten Hauptes abseits und reinigte mit Span und Messer seine 
Kleidung, mit der er auf den Misthaufen gefallen  war. Louis jedoch 
gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. 

Er stapfte mit grotesken Sprüngen in den Überresten seines 

Blockhauses umher. Er stieß Schmerzenslaute wie ein verwundetes 
Tier aus. Dann wieder warf er sich der Länge nach auf den Boden 
und hämmerte  mit den Fäusten auf das Erdreich. Oder er sprang auf 
und reckte drohend die Arme gegen den grauen Himmel. 

Schließlich lehnte er sich gegen eine Buche, die unweit des 

niedergebrannten Hauses stand, und sprach mit einer Stimme, die 
den atemlosen Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren ließ: »Wer 
dies getan, der sei verflucht für immer! Er soll keine Ruhe mehr 
haben, ob bei Tag oder Nacht. Keine Reue soll ihm helfen, kein 
Gebet ihn erlösen. Ich aber werde rächend seinen Spuren folgen, und 
er soll zittern vor  mir. Und flüchtet er auf eine ferne Insel, an deren 
Gestaden die Wellen haushoch sich brechen und alle Schiffe 
zerschellen  - oder stiege er auf den höchsten Berg des Landes, dessen 
Gipfel ewig in den Wolken thront und über dessen Hänge immer von 
neuem tosende Eislawinen zu Tal donnern  - ich werde ihn doch 
erwischen! Mit dieser Hand werde ich ihn so lange bei der Kehle 
packen, bis jedes Leben aus ihm entwichen sein wird. Und es wird 
sein, als hätte er nie gelebt, als wäre er nie über die Erde gewandelt, 
und sein Name wird von Stund an vergessen sein und getilgt vom 

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Antlitz des Landes!« 

Roland ließ Svea fürsorglich vom Pferd herab und sprang dann 

selber aus dem Sattel. Er ging zu Louis, legte ihm die Hand auf die 
Schulter und sagte ruhig: »Soweit es in meiner Macht steht, werde 
ich dir dabei helfen.« 

»So sei es«, versprach Louis. »Deshalb werde ich mich Euch 

anschließen, Ritter Roland, wenn es Euch gefällt.« 

Bei einem verschüchtert wirkenden Bauern der Gegend kaufte 
Roland für drei Dukaten ein struppiges, kleines Pferd, auf dem Svea 
fortan reiten sollte. 

Er ließ sich von dem Mann die Wege, die nach Süden führten, 

beschreiben. So bereitete er seinen Plan vor, die Verfolger zu 
täuschen, um unbehelligt Sir Galahads Feste zu erreichen. Falls der 
Bauer später von den Stadtsoldaten ausgefragt wurde, konnte er nur 
berichten, daß die Flüchtigen offenbar südlichere Gefilde aufsuchen 
wollten. 

Während dieses Gesprächs hing Svea mit glänzenden Augen an 

Rolands Lippen. Jedes Wort, das er sprach, schien sie für den 
Inbegriff der Weisheit zu halten. Es war leicht zu sehen, daß sie den 
Jüngling vergötterte. 

Er selber und Pierre nahmen davon keine Notiz. Aber Louis 

verfolgte die Entwicklung mit steigendem Unbehagen, das sich in 
den folgenden Tagen zu kaum verhaltenem Grimm steigerte. 

Nun war es für Ritter und ihr Gefolge, die sich auf 

abenteuerreicher Fahrt befanden, schon immer ein mißlich Ding, 
wenn sie dabei, aus welchem Grund auch immer, von einer Frau 
begleitet wurden. Die Frauen waren nicht dazu erzogen, lange Ritte 
oder Märsche mit behelfsmäßigen Nachtlagern ohne ein festes Dach 
über dem Kopf durchzuhalten. Gar bald litten sie unter den 
verschiedensten Beschwerden, und ihre Anwesenheit wuchs sich 
mehr und mehr zur Plage und Belastung aus. 

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Immer wieder ergaben sich  Probleme. Die Männer mußten in jeder 

Hinsicht Rücksicht nehmen, oder die Frau hätte schon nach kurzer 
Zeit nicht mehr mithalten können. 

Mit Svea war es nicht viel anders. Zwar ertrug sie mehr Strapazen 

als ein zartes Ritterfräulein, das zeitlebens verwöhnt wurde. 
Außerdem half ihr die schwärmerische Liebe zum Ritter, alle 
Anstrengungen besser zu überwinden. 

Doch leider gab sie ihrer Liebe allzu deutlichen Ausdruck. Sie war 

so davon erfüllt, daß noch ihre kleinste Bewegung, ihre harmloseste 
Bemerkung ihre Gefühle verrieten. 

Ständig wollte sie auf dem stämmigen, kleinen Pferdchen an der 

Seite des Ritters reiten. Sie erbot sich, ihm sogar beim Anlegen der 
Rüstung behilflich zu sein. Sie teilte ihm jeden Gedanken, der ihr 
kam, mit zärtlichen Worten mit. Richteten Pierre oder Louis das 
Wort an sie oder Roland, wurde sie unwirsch und schien beleidigt. 

Roland merkte es selber zuletzt. Er behandelte die gutaussehende 

Bürgerin mit dem wallenden schwarzen Haarschopf und den schönen 
Waden zuvorkommend, ehrerbietig und stets höflich, wie er jedes 
weibliche Wesen zu behandeln pflegte. Vielleicht war er noch eine 
Spur freundlicher. Aber das geschah nicht aus besonderer 
Zuneigung, sondern aus dem Gefühl, daß sie seinem Schutz 
anvertraut war und sich ganz auf ihn verließ. 

Denn zärtliche Gedanken hegte er nur für Reinhild. Für die Blonde 

von Burg Adlerhorst, die gegen ihren Verwandten Aar und für ihn 
Partei ergriffen hatte. Immer wieder dachte er voll Rührung an den 
Augenblick, als sie  zu  seinem Entkommen gleichsam aus dem Nichts 
die rettende seidene Strickleiter hervorgezaubert hatte! In solchen 
Augenblicken zog ein Abglanz der Liebe über sein Gesicht. 

Svea aber, die ihn nie aus den Augen ließ, bezog solche 

Gefühlsäußerungen unweigerlich auf sich. Sie war von Tag zu Tag 
mehr davon überzeugt, daß Roland sie wiederliebte. Und das 
wiederum steigerte ihre eigenen Gefühle für ihn. 

Die Situation wurde nach wenigen Tagen völlig unerträglich für 

Louis. Und er beschloß, sie zu ändern. 

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An der Spitze eines starken Heerhaufens von Stadtsoldaten und 
eigenen Söldnern zog Aar durchs Land. Die nach Süden führende 
Spur der Flüchtlinge war nicht zu verfehlen. Sie befragten jeden 
Siedler und erhielten überall erschöpfende Auskunft. Die Leute 
dieser Gegend hüteten sich, irgendwie den  Zorn des Aar zu erregen, 
der ebenso großzügig wie jähzornig war. 

»Die Gruppe, die Ihr schildert«, sagte unterwürfig ein Bauer, »ist 

bei mir durchgezogen. Drei junge Männer und eine schwarzhaarige 
Frau. Sie kauften mir ein Pferd ab, einen niedrigen Braunen.« 

Aar wurde puterrot vor Wut, holte mit der Rechten aus und 

versetzte dem unglücklichen Bauern eine mächtige Maulschelle. 
»Wie kannst du Schelm mit Verbrechern Geschäfte machen? 
Möchtest du, daß ich dich zur Strafe von Haus und Hof verjage?« 

Der Bauer hatte Tränen des Schmerzes in den Augen, als er sich 

kleinlaut rechtfertigte: »Schonet meiner, Herr Ritter! Ich lebe weitab 
vom Getriebe der Welt und konnte nicht ahnen, daß es sich um 
Verbrecher handelte. Sonst hätte ich ihnen nicht mal ein Stück 
verfaulten Käse verkauft, des könnt Ihr gewiß sein.« 

Sogar der grimmige Aar sah das ein. In milderem Ton fragte er: 

»Haben Sie irgend etwas darüber verlauten lassen, wohin sie reiten 
wollten?« 

»Ihr Anführer«, antwortete der Bauer eifrig, »hat mich des 

längeren und breiteren nach allen Straßen und Wegen ausgefragt, die 
in den Süden führen ...« 

»Das genügt!« unterbrach ihn Aar und klopfte dem Bauern 

leutselig auf die Schulter. »Auf in den Süden also!« 

Doch der Bauer hielt ihn zurück. Immer noch fürchtete er um 

seinen  kleinen Hof und wollte deshalb keinen Fehler begehen, der 
Aar abermals erzürnen würde. »Was willst du noch?« fragte Aar. Er 
hatte es eilig. 

»Verzeiht, edler Herr, aber ich hatte den bestimmten Eindruck, die 

Fragen nach dem Süden des Landes waren eine Finte. Es war wie 

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beim Handel nach der Ernte, wo unsereins auch den Weizen über 
Gebühr lobt, um davon abzulenken, daß er in diesem Jahr nicht so 
gut ausgefallen ist wie sonst. Zudem bemerkte ich, wie sich die 
beiden anderen Herren  - ich meine, die beiden anderen Verbrecher  - 
mehrmals verstohlen zulächelten.« 

»Gut aufgepaßt, Bäuerlein«, murmelte Aar. Er begriff auf der 

Stelle, daß Roland nur eine falsche Spur legen wollte. »Wenn sich 
deine Worte bewahrheiten, mache ich dir bei der Rückkehr ein 
Geschenk. Du sollst von mir noch einmal ebenso viele Dukaten 
bekommen, wie du von den Verbrechern bekommen hast.« 

»Also zehn  - ich danke Euch, Herr!« rief der Bauer ohne Zögern. 

Ungeachtet seiner geringen Bildung und seines einsamen Wohnsitzes 
fernab von den Stätten der Menschen war er wirklich nicht auf den 
Kopf gefallen und verstand sich auf seinen Vorteil, wo immer er ihn 
sah. 

Aar aber zog mit seiner Hauptmacht nach Norden und schickte nur 

wenige Männer auf Streife in die anderen Richtungen. So kam es, 
daß er Roland  weit näher auf den Fersen war, als der es sich träumen 
ließ. 

Sie nächtigten auf einer Wiese. Sie waren erschöpft und 
ausgehungert. Svea war vom Pferd gesunken, hatte sich am Bachrand 
niedergelegt und war fast augenblicklich fest eingeschlafen. 

Seit zwei Tagen hatten sie keine Ortschaft mehr gesehen. Als 

Nahrung hatten sie ein armseliges Wildkaninchen gehabt, das Louis 
mit dem Pfeil erlegt hatte. Roland, der aus den kleinsten Spuren 
Schlüsse zu ziehen verstand, fürchtete, daß sie kreuz und quer, 
vielleicht sogar im Kreis geritten waren. 

Grauer Himmel und stundenlanger Regen erschwerten die 

Orientierung in dem flachen Land. Keine Sonne am Tage keine 
Sterne bei Nacht. Keine Kirchtürme, keine Häuser. Dann und wann 
eine einsame Weide an einem trübseligen Bach. Und vom Wind 

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zerzauste Sträucher. 

Pierre ließ trübselig den Kopf hängen. Er war sogar zu müde, um 

noch zu nörgeln. 

In Louis' Augen stand ein böser Glanz. Seit Tagen wartete er auf 

seine Gelegenheit. Langsam näherte er sich Roland, der darüber 
nachgrübelte, was zu tun sei, um aus ihrer mißlichen Lage 
herauszukommen. 

Roland schaute auf, als Louis vor ihm stand. 
»Habt Ihr es auch gesehen, Herr Ritter?« begann Louis. 
»Wovon sprichst du?« 
»Von dem Licht voraus. Mir scheint, einige Meilen am Bach 

entlang gibt es eine Siedlung.« 

Roland reckte sich und schaute lange Zeit in die angegebene 

Richtung. Er legte sogar die Hände um die Augen, um störende 
Einflüsse auszuschalten. Dann sagte er: »Tut mir leid, Louis, ich sehe 
nichts.« 

»Und doch erkenne ich immer noch ein ganz schwaches Leuchten. 

Ich irre mich bestimmt nicht, Ritter. Glaubt mir, ich habe schärfere 
Augen als ein Falke. Schon oft erkannte ich auf weite Entfernungen 
Dinge, die anderen Menschen verborgen blieben. Und immer erwies 
sich, wenn wir näher kamen, meine Wahrnehmung als richtig.« 

Roland schaute ihn prüfend an. Aber Louis hielt dem Blick ruhig 

stand. In seinem wechselvollen Leben, auf dem Schlängelpfad 
zwischen Gut und Böse, war es Louis immer leichtgefallen, jeden zu 
täuschen, wenn es ihm darauf ankam. 

Roland kam zu dem Schluß, daß Louis recht hatte. »Nun wohl, 

dann will ich dorthin reiten, wo du Behausungen vermutest. Proviant, 
Decken und ein Zelt könnten uns jetzt nur guttun. Vielleicht kann ich 
etwas davon auftreiben. Svea schläft bereits. Auch ihr beide seid, wie 
ich vermute, todmüde. Ich reite also allein. Ruht euch so lange aus! 
Nach meiner Rückkehr können wir hoffentlich essen. Danach teilen 
wir die Wachen ein.« 

Doch als Roland zu Rih hinüberging, schloß sich ihm zu  seiner 

Überraschung der Knappe Pierre an. Die Aussicht, etwas Eßbares 

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aufzutreiben und es an Ort und Stelle zu verschlingen, überwog sogar 
seine Erschöpfung. 

Langsam setzten sich die Pferde in Bewegung, zu langsam für 

Rolands Ungeduld. Aber auch sie waren am Ende ihrer Kräfte. Und 
als der Ritter den Rappen durch Schenkeldruck zum Angaloppieren 
aufforderte, verweigerte Rih den Gehorsam. Roland resignierte, und 
so schlichen sie trübselig über die dunkle Wiese dahin. 

Sehnsüchtig murmelte Pierre: »Oh, gäbe es doch für uns mal 

wieder eine dicke Hirsesuppe, in der der Löffel steckenbleibt! Schön 
dampfen müßte sie, heiß auf der Zunge und heiß im Magen sein, mit 
kernigem Gemüse und dicken Fleischbrocken. Und danach mit 
vollem Bauch endlich mal wieder in ein richtiges Bett sinken, statt 
auf ein hartes Lager am Wegesrand  - das wäre ein Fest! Wie sehne 
ich mich nach etwas Weicherem unterm Kopf als dem verfluchten 
Helm ...« 

Seine Stimme war immer leiser geworden und verstummte 

schließlich. Nur die Lippen bewegten sich noch im Takt seiner 
Fantasie. 

Im Schleichschritt gingen mühsam die Pferde. Ihr Atem dampfte. 

Von Zeit zu Zeit hob Roland sich in den Steigbügeln, um nach dem 
versprochenen Lichtschein auszuspähen. Aber die Ortschaft war 
wohl doch weiter entfernt, als sie gehofft hatten. 

Louis wartete, bis die Hufschläge in der Dunkelheit verhallten. Dann 
hob er behutsam Svea vom Boden auf und trug sie zu ihrem Braunen. 
Unterwegs wachte sie auf. Schlaftrunken wie ein Kind fragte sie: 
»Seid Ihr's, Ritter?« 

Es gab Louis einen Stich ins Herz. Doch er ließ sich nichts 

anmerken, sondern erwiderte ruhig: »Ich bin's, Louis.« 

Sie bemühte sich, den Kopf zu heben. »Was ist geschehen? Warum 

läßt du mich nicht ruhen? Wohin trägst du mich?« 

Da setzte er sie schon auf das stämmige Pferdchen, dem die 

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Strapazen erstaunlich wenig ausgemacht hatten. »Der Ritter hat 
Nachricht gesandt, er habe ein gutes Nachtquartier für uns in einem 
reichen Dorf gefunden«, log Louis dem Mädchen vor. »Wir reiten 
gleich hin. Es ist nicht weit. Kannst du dich auf dem Gaul halten, 
wenn ich dicht bei dir bleibe, oder soll ich dich festbinden?« 

Für den Augenblick schien Svea hellwach. »Ist das wirklich 

wahr?« fragte sie mißtrauisch. »Ein gutes Nachtquartier? Ein reiches 
Dorf?« 

»Bei allem, was mir heilig ist«, schwor Louis  - und dachte 

schmerzlich: Mir ist ja schon lange nichts mehr heilig ... 

So machte sich auch dieses Paar eng beieinander auf einen 

nächtlichen Weg, jedoch in ganz anderer Richtung. Louis hielt die 
Zügel beider Pferde, damit sie einander nicht verloren. Er hatte kein 
besonderes Ziel. Nur weg von Roland  - dachte er mit brennender 
Seele  -, sonst geht mir Svea verloren, und nie kann ich sie 
wiedergewinnen! 

Einigermaßen beruhigt schloß sie die müden Augen und überließ 

sich willenlos seiner Führung. Nicht im Traum wäre es ihr 
eingefallen, welchen Weg Louis eingeschlagen hatte  - den Weg 
zurück! 

Als Louis dem Ritter gegenüber behauptete, er besäße die scharfen 

Augen eines Falken, hatte er nicht gelogen. Die besaß er wirklich, 
und er hatte schon manche Probe davon geliefert. Den fernen 
Lichtschimmer aber - den hatte er arglistig erfunden. 

Denn ihm war jedes Mittel recht, Svea an sich zu ketten. Vor 

rasender Eifersucht hielt er es nicht mehr aus. Er hätte selbst einen 
Lehenseid gebrochen  - um ihretwillen. Und er glaubte sich im Recht. 
Waren sie nicht seit Monaten verlobt? Hatten sie nicht heiraten 
wollen? Wollte ihm nicht der Ritter die Frau seines Herzens 
entreißen? 

Doch in dieser Nacht nutzten Louis auch seine falkengleichen 

Augen nichts. Denn die Lider fielen ihm immer wieder zu. Nur drei 
Atemzüge lang, dann will ich sie wieder öffnen, gelobte er sich. Aber 
die Müdigkeit überwältigte ihn. Bald waren beide im Sattel 

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eingeschlummert. Sie wären nach kurzer Zeit heruntergefallen  - aber 
da blieben die Pferde stehen. Sie fühlten, daß ihre Reiter sie nicht 
mehr vorwärts nötigten, und aus freien Stücken mochten sie kein 
Bein vor das andere setzen. 

Da knackte ein Zweig im niedrigen Buschwerk. 
Die Pferde stellten die Ohren auf. 
Eine Männerstimme rief: »Wer da?« 
Sie erhielt keine Antwort. 
Die Stimme wiederholte ihre Frage. Sie kam jetzt aus größerer 

Nähe. Der Sprecher hatte sich herangeschlichen. 

Diesmal erwachte Louis. Mit einem schreckhaften Ruck fuhr er 

auf. Noch traumbefangen äußerte er instinktiv die uralte Beteuerung: 
»Gut Freund!« 

Da fühlte er schon Hände an seinen Armen und Beinen zerren. An 

Gegenwehr war nicht zu denken. 

Wenig später führte ein Trupp von Stadtsoldaten Louis und Svea 

vor Ritter Aar, der eine Viertelstunde entfernt in einer halb 
verfallenen Bretterhütte saß und inmitten einiger Vertrauter von Burg 
Adlerhorst ein frischgebratenes Hühnchen verzehrte. Kienspäne 
beleuchteten die struppigen Gesichter der Männer. 

Unsanft stießen die Grünwämser Louis in den kleinen Raum. 
Aar blickte schmatzend  auf. »Wen bringt ihr da? Wer ist dieser 

Strolch, der des Nachts herumschleicht?« 

Einer antwortete für alle: »Das ist der Schankwirt Louis, hoher 

Herr, dessen Gasthaus wir auf Euer Geheiß niedergebrannt haben! 
Das ist der eine der beiden falschen Henkersknechte, die an der 
Befreiung der Hexe Svea mitgewirkt haben!« 

Da fiel es Louis wie Schuppen von den Augen. Einen Moment 

meinte er, die grausige Erkenntnis würde ihn wie ein Schwertstreich 
zu Boden strecken. Doch dann richtete er sich stolz auf und warf Aar 
einen Blick unversöhnlichen Hasses entgegen. Dabei dachte er an 
den Racheschwur, den er in den brennenden Resten seiner Wirtschaft 
geleistet hatte. 

Aar hatte das Hühnerbein abgenagt und warf es Louis heftig ins 

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Gesicht »Du wagst es, mir stehend entgegenzutreten, elender 
Verbrecher? Warum liegst du nicht auf den Knien und winselst wie 
der Hund, der du bist, um Gnade?« 

Gleich darauf lag Louis wirklich vor ihm auf den Knien. Die 

Stadtsoldaten hatten den stolzen Rücken gekrümmt und ihn mit 
gemeinen Hebelgriffen niedergezwungen. Louis stöhnte. Aber trotz 
des Schmerzes empfand er keinerlei Mitleid mit sich. Nein, in 
diesem Augenblick haßte er sich fast ebenso wie den Zerstörer seines 
Hauses, den Ritter Aar. 

Ihm geschah es ja recht. Wie hatte er nur Roland, der ihm so 

großherzig vertraute, betrügen und belügen können? 

Da vernahm er einen Schrei hinter sich, der ihm wie ein Messer ins 

Innere fuhr. Mit brutaler Gewalt schleppten sie Svea herein und 
stießen sie neben ihm auf die Erde. 

Aar brach in höhnisches Gelächter aus. »Die Hexe ist wieder 

eingefangen!« triumphierte er. »Dieser Anblick tut mir wohl. Wie 
widerborstig, ungehorsam und hexenhaft hast du dich aufgeführt, 
Bürgerin, und wie sehr wird sich das rächen!« 

Da begriff Svea, wer Ritter Aar wirklich war. Schwindel erfaßte 

sie. Die Galle kam ihr hoch. Mit einer Halbmaske getarnt hatte er sie 
unziemlich bedrängt, seine Geliebte zu werden. Und als sie sich 
standhaft weigerte, hatte er sie bei allem Volk als Hexe verleumdet! 

»Nun, schöne Svea«, fuhr Aar mit grausamer Lust fort, »ein 

zweitesmal wirst du dem Scheiterhaufen schwerlich entgehen!« 

Voller Wut bäumte Louis sich auf. Doch nur einen Augenblick 

lang. Dann traf ihn ein Schlag auf den Hinterkopf und ließ ihn 
zusammensinken. 

Aars wildes Hohngelächter hörte er schon nicht mehr. 
Noch während man Svea Stricke um Arme und Beine wand, 

vergingen auch ihr die Sinne. Nach den ungewöhnlichen 
Entbehrungen und Anforderungen der letzten Tage forderte die Natur 
ihr Recht. Und die Natur war gnädig  - sie schenkte ihr einen fast 
todesähnlichen Schlaf. 

Mit verächtlichem Grinsen übertrug Aar den Stadtsoldaten die 

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Bewachung der Gefangenen und begab sich zu dem Zelt, das seine 
Bediensteten ein paar Wegminuten entfernt unterhalb einer niedrigen 
Hügelkuppe errichtet hatten. Der Boden war mit abgewetzten 
fleckigen Teppichen ausgelegt. Fellüberzogene Hocker umgaben 
einen niedrigen Tisch, auf dem mehrere gebratene Hühner und 
zahlreiche Schläuche voll Met lagen. Aars Männer hatten vor zwei 
Tagen ein Bauerndorf gefunden und  sich mit gezückten Waffen von 
den erschrockenen Einwohnern »Geschenke« übergeben lassen. 

In Hochstimmung setzte sich jetzt Aar mit seinen Vertrauten von 

Burg Adlerhorst zum Zechen nieder. »Freunde«, rief er, »morgen 
wird uns auch Ritter Roland in die Falle laufen!« 

Zustimmendes Grölen antwortete ihm. Ein rotgesichtiger Mann mit 

dicken Ohrläppchen schrie: »Wir werden ihn niederstechen wie 
einen wilden Wolf!« 

Auch er erntete lauten Beifall. 
Doch Aar hob abwehrend die Hand. 
»Das kann ich nicht zulassen. Ihr sollt ihn jagen und fangen, aber 

nicht abstechen. Ein solches Vorgehen würde gegen meine Ritterehre 
verstoßen. Niemand soll dem Aar vom Adlerhorst nachsagen, er habe 
einen seiner Feinde von seinen Vasallen abschlachten lassen. Nein, 
sobald wir ihn im Lager haben, fordere ich ihn zum ehrlichen 
Zweikampf auf. Allein will ich ihm auf freiem Feld gegenüberstehen, 
ihm die Kraft meines berühmten Armes und die tödliche Schärfe 
meiner unfehlbaren Lanze zeigen!« 

Ehrfurchtsvolle  Stille trat ein. Mit leuchtenden Augen betrachteten 

die zechenden Burgleute ihren Ritter. Und sie sparten nicht mit 
anerkennenden Worten über seinen Mut, seine Stärke und seine 
Weisheit. Aar schwelgte in ihren Schmeicheleien. 

»Nach meinem Sieg über Roland«, fuhr der Ritter fort, »ziehen wir 

zur Feste des edlen Sir Galahad, dem ich melden werde, daß ich ihn 
von seinem Todfeind befreit habe. Dann wird er mich zum Landgraf 
machen. Und sobald ich Landgraf bin, schlage ich Euch alle zu 
Rittern!« 

Diesmal erhob  sich ohrenbetäubender Jubel. Nach einer Weile 

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gebot Aar abermals mit gebieterischer Handbewegung Schweigen. 
»Natürlich gilt mein Versprechen auch für den Fall, daß es dem 
Ritter Roland nicht vergönnt sein sollte, im Zweikampf von meiner 
Hand zu sterben.  Es könnte ja sein, daß schon vorher irgendeiner von 
euch Getreuen ihm im Handgemenge bei seiner Ergreifung  - 
natürlich unabsichtlich - eine tödliche Verletzung beibringt...« 

Und dabei kniff er, für alle deutlich zu sehen, ein Auge auf die 

nämliche Art zu, die der falsche Botho an sich gehabt hatte. 

»Ich hoffe allerdings«, schloß Aar scheinheilig, »daß es nicht zu 

einem solchen bedauerlichen Unfall kommen wird. Doch ihn 
auszuschließen und zu verhindern, steht leider nicht in unserer 
Macht. Es geschähe dann  ja wohl aus Rolands eigener Schuld. 
Jedenfalls werde ich den Unglückseligen, der Roland den tödlichen 
Streich versetzt, nicht entgelten lassen, daß er mich um den ersehnten 
Zweikampf bringt. Vielmehr werde ich ihn für sein Mißgeschick 
angemessen zu trösten wissen!« 

Bei diesen Worten warf Aar mit bedeutungsvollem Grinsen ein 

paar Goldstücke in die Luft und fing sie spielerisch wieder auf. Unter 
dem lauten Beifall seiner Vertrauten, die den bösen Doppelsinn 
seiner Rede sehr wohl begriffen hatten, setzte er sich zufrieden und 
griff zum Metbecher. 

In diesem Augenblick brachten drei Männer Louis herein. Der 

Gefangene war eben erst aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht und 
wirkte noch halb betäubt. Man stieß ihn so heftig ins Zelt, daß er 
vornüber auf den Teppich stürzte. 

»Na, Louis«, sagte Aar in lauerndem, scheinbar leutseligem Ton, 

»du kommst doch sicherlich nur deshalb zu mir, um mir den 
Aufenthaltsort des Ritters Roland zu nennen?« 

Zur Antwort konnte Louis nur den Kopf ein wenig erheben, denn 

die Männer knieten ihm auf Schultern und Rücken. Knirschend 
stellte er die Gegenfrage: »Und wenn ich es nicht tue?« 

»Das wäre höchst unklug von dir. Denn wenn du nicht freiwillig 

mit deinem Wissen herausrückst, werde ich dich dazu zwingen.« 

»Darauf möchte ich es nicht ankommen lassen«, bekannte Louis. 

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»Ich lasse mich ungern zwingen.« 

»Sehr vernünftig«, lobte ihn Aar. »Dieser Entschluß rettet dir das 

Leben.« Und zu den drei Männern: »Laßt ihn aufstehen!« 

Die Männer erhoben sich. Louis sprang auf die Beine. Stumm 

stand er vor Aar. 

»Nun?« fragte der Ritter erwartungsvoll. 
Louis verzog den Mund zu einer Grimasse. »Mir sind die Lippen 

versiegelt solange sie nicht vom Met genetzt sind. Frei heraus: Ich 
sterbe vor Durst Seit vielen Stunden hatte ich nichts zu trinken.« 

»Du  hast recht«, sagte Aar und drückte ihm einen vollen Becher in 

die Hand. »Ein guter Tropfen macht die Zunge geschmeidig. Trink!« 

Louis hob den Becher an den Mund und nahm einen langen, 

langen Zug. Als er ihn endlich absetzte, war der Becher leer. Doch er 
behielt, unbemerkt von den anderen, alles im Munde trat rasch zwei 
Schritte vor und spritzte Aar die volle Ladung ins Gesicht. 

Dann rief er mit wildem Frohlocken: »Zum Verräter  an Roland, 

dem Ritter mit dem Löwenherzen, werde ich erst, wenn Tag und 
Nacht aufeinanderfallen und die Lanzen mit dem Schaft voraus zum 
Feinde fliegen! Niemals, hört Ihr, Aar, mache ich gemeinsame Sache 
mit Euch!« 

Der Ritter vom Adlerhorst brüllte auf wie ein Stier. Mit beiden 

Händen wischte er sich die Flüssigkeit erregt aus den Augen und 
schrie in höchster Wut: »Hinaus mit diesem Lumpen! Grabt ihn 
lebendig ein!« 

Der Morgen dämmerte golden. Zum erstenmal seit Tagen erschien 
die Sonne über dem Horizont. Federweiße Wolken eilten von einem 
Himmelsrand zum anderen. 

Im Zelt lagen Aar und seine Mannen, so, wie der Met sie vor zwei, 

drei oder vier Stunden überwältigt hatte. Quer über dem Tisch, halb 
auf einem Hocker, lang hingestreckt auf den Teppichen. Es herrschte 
Stille bis auf gelegentliches mißtönendes Schnarchen oder einen 

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qualligen Rülpser. 

Mit betretenen Gesichtern versammelten sich die Stadtsoldaten 

etwas abseits um die zerfallene Bretterhütte. Der Pfahl, an den sie 
abends zuvor die »Hexe« Svea gebunden hatten, war verlassen. Die 
Stricke hingen schlaff herab. 

Abergläubische Furcht erfüllte die einfachen Gemüter. 
»Sie muß tatsächlich eine Hexe sein«, flüsterte einer. »Obwohl sie 

ständig von uns bewacht war, hat sie sich der Fesseln entledigt und 
ist entflohen.« 

Beifällig nickten die anderen. »Ich wette«, meinte ein zweiter, »sie 

ist durch die Luft davongeritten! Zum zweitenmal dem 
Scheiterhaufen entronnen! Das kann wahrlich nur mit dem Teufel zu-
gehen ...« 

»Und der Teufel wird sich an Aar rächen«, flüsterte erbleichend 

ein dritter, »und er wird auch die nicht verschonen, die in seinem 
Gefolge ziehen.« 

Angstvolles Gemurmel ging um. »Macht, was ihr wollt«, sagte 

entschlossen ihr Korporal, »ich bleibe keinen Augenblick länger. 
Dieser Platz ist verwünscht. Ich reite, so schnell mein Pferd mich 
trägt, zur Stadt zurück, bevor Ritter Aar erwacht. Er wird uns nicht 
glauben, daß die Hexe vom Teufel befreit wurde, und uns in seiner 
Wut von seinen Mannen niedermachen lassen.« 

»Ich komme mit!« riefen zwei unterdrückt, und dann einer, und 

dann wieder drei, und dann auch die letzten, die noch zögerten. In 
Windeseile stoben sie zu ihren Pferden. 

Niemand kümmerte sich um Louis, den sie gestern nacht auf Aars 

Befehl unweit des Zeltes bis zum Hals eingegraben hatten  und der 
dort in stoischer Ruhe seinen Tod erwartete. Mit weit aufgerissenen 
Augen verfolgte er verständnislos, wie die Grünwämser 
davonstoben. 

Nur einer kannte das Geheimnis um Sveas Flucht. Und dieser eine 

schwieg. Es war Bob, der Büttel. Von Mitleid überwältigt hatte er 
Svea nachts heimlich die Fesseln gelöst, als der Wachtposten 
eingeschlafen war. Er hatte sie stumm zu ihrem Pferd geführt, ihr in 

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den Sattel geholfen und ihr zugeflüstert: »Reite aus diesem Land! 
Laß dich nie mehr in Gent blicken! Suche dir freundliche Leute, bei 
denen du wohnen kannst! Ich wünsche dir alles Gute, denn du hast 
unschuldig viel gelitten.« 

Wie in Trance ritt Svea davon. Mit leerem Ausdruck blickten die 

Augen in eine Ungewisse, bedrohliche Zukunft. Es war nicht mehr 
die scharfe, reißende Qual des Schmerzes, die sie fühlte. Nur eine 
dumpfe, ausweglos erscheinende Trauer hüllte sie ein. 

Was galt denn noch auf dieser Welt, wenn ein Herz so voll Liebe 

wie ihres keine Heimat fand? 

Es ist Mitternacht, als Roland und sein Knappe  von erfolglosem 
Erkundungsritt zurückkehren. Sie haben noch nicht mal eine 
verlassene Scheune gefunden, geschweige denn einen bewohnten 
Ort. 

Louis muß sich getäuscht haben, denkt Roland, als er mit 

bleischweren Gliedern aus dem Sattel steigt. 

Er sieht sich nach allen Seiten um. Von Svea und Louis keine 

Spur! 

Sind er und Pierre überhaupt wieder an der alten Lagerstätte? 
In der mond- und sternenlosen Nacht sind kaum irgendwelche 

Umrisse zu erkennen. Auch Falkenaugen können hier nichts 
ausrichten. Katzenaugen müßte man haben! 

Laut ruft er ihre Namen. Er lauscht angespannt. Keine Antwort. 
Und er sagt zu Pierre: »Ich fürchte, mein Lieber, wir haben uns 

verirrt. Nach den beiden zu suchen, ist jetzt aber zwecklos. Legen 
wir  uns ins Gras und warten den Morgen ab! Dann finden wir sie 
bestimmt wieder.« 

Aber von Pierre kommt keine Silbe. Er schläft schon wie ein 

Murmeltier. 

Bei Tagesanbruch ist Roland wach. Er läßt Pierre weiterschlafen 

und marschiert zu Fuß los. Die Lanze nimmt er mit. In einiger 

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Entfernung grasen die beiden Pferde. Wo stecken nur Svea und 
Louis? Unruhe befällt den Ritter. Er fühlt sich für die beiden 
verantwortlich. 

Dann erstarrt Roland. Ein Rudel Rehe, verfolgt von einem Wolf, 

rast unweit von ihm über die offene Wiese. Im nächsten Augenblick 
wirft er die Lanze in das Rudel. Ein Bock bleibt getroffen liegen. Der 
Wolf stutzt und sichert. Mit langen Sprüngen hetzt Roland heran. 

Der Wolf nimmt Reißaus. Weit hinten entschwindet das Rehrudel. 

Dem Wolf ist die Jagd verdorben. 

Roland zieht das Hirschmesser und versetzt dem gefallenen Tier 

den Gnadenstoß. Endlich haben sie Fleisch! 

Gerade will er mit dem Ausweiden beginnen, da sieht er in der 

Ferne das Zelt. Schwarz hebt es sich gegen den lichten 
Morgenhimmel ab. Sonst  hätte er es wohl gar nicht bemerkt. Und als 
er, die Hand über den Augen, hinüberspäht, erhebt sich nicht weit 
vom Zelt eine größer und größer werdende Staubwolke, als 
galoppiere dort ein ganzer Reitertrupp davon. 

Eine Ahnung beschleicht Roland. Und nun zögert er nicht länger, 

Pierre mit Nachdruck zu wecken. Mit kurzen Worten unterrichtet er 
ihn über die neue Lage. Und dann marschieren sie, die Pferde am 
Zügel, auf das Zelt los. 

Die Staubwolke ist in sich zusammengesunken. Was immer sie 

verursachte, ist fort. 

Die Sonne steht zwei Spannen über dem Horizont, als sie am Zelt 

sind. Roland reicht dem Knappen Rihs Zügel. »Ich gehe jetzt 
hinein«, flüstert er ihm zu. 

»Tut das nicht, ich flehe Euch an«, jammert Pierre. »Wie kann ein 

Ritter nur so unbesonnen sein! Ihr tretet mitten in die Höhle des 
Löwen. Sobald Ihr den ersten Schritt hinein tut, metzeln sie Euch 
nieder, und ich stehe allein auf der Welt! Viel klüger wäre es, wenn 
wir uns ein gutes, ein sicheres Versteck suchen und warten, bis sie 
herauskommen. Und wenn es mehr als zwei Männer sind, riete ich 
Euch weiterzufliehen.« 

»Wir sind lange genug geflohen. Es bringt nichts ein, dem Feind 

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ewig den Rücken zu zeigen. Bleib standhaft, wackerer Pierre! Dann 
verspreche ich dir, ehe die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, eine 
saftige Rehkeule.« 

Pierre verdreht wollüstig die Augen, ergreift Rihs Zügel und erhebt 

keinen weiteren Widerspruch. 

Festen Schrittes betritt Roland das Zelt. 
Im Innern hat sich nicht das mindeste verändert. Fassungslos 

schaut der Ritter auf das Bild der im Schlaf wie erstarrten 
Zechkumpane. 

Und dann sieht er ihn, und sein Herz tut einen Sprung. Aar ist in 

seine Hand gegeben! 

Aar, der das heilige Gastrecht brach. Aar, der Botho ermordete. 

Aar, der ihn heimtückisch in den Tod befördern wollte. 

Da liegt er vor ihm mit dem Oberkörper über dem Tisch und 

schnarcht. Liegt da, hilflos, wehrlos. 

Und den Tod hat er tausendmal verdient. 
Roland braucht nur den Hirschfänger zu ziehen. Der gewaltige 

Mann, der gefürchtete Herr vom Adlerhorst, vor dem die Stadt Gent 
zittert, ist in seine Hand gegeben! Ein Gnadenstoß  - und so viele 
würden es ihm danken. 

Auf der Stelle wendet sich Roland, öffnet den Eingang und winkt 

Pierre heran, wobei er einen Finger warnend an die Lippen legt. Als 
der Knappe bei ihm ist, flüstert er ihm ein paar Worte ins Ohr. 

Pierre erbleicht. Aber tapfer folgt er Rolands Befehl. Und so 

wandern sie beide fast lautlos von einem der Schläfer zum anderen, 
nehmen dem einen sacht eine Lanze aus der schlaffen Hand, ziehen 
diesem ein Kurzschwert aus der Scheide, befreien einen anderen von 
der Bürde seines Bogens und Köchers und stiebitzen jenem den 
Morgenstern unterm Leib weg. 

In einer schmalen Bodensenke unweit des Zeltes legen sie alle die 

Waffen ab. Auch Aars fahnengeschmückte Lanze, sein mit 
Edelsteinen am Griff geschmücktes Langschwert, seinen silbern 
eingelegten Hirschfänger. 

Pierre wirft einen Blick darauf und schüttelt voll Staunen den 

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Kopf. Soviel Stahl ward also geschmiedet, nur um seine junge Brust 
zu durchbohren! Und liegt nun reglos, ungefährlich zu seinen Füßen. 
Seine Brust wölbt sich nach vorn. 

»Seht Ihr, Ritter«, sagt Pierre ergriffen. »Das bestätigt, was ich 

Euch immer wieder sage. Sobald man die Höhle des Löwen erblickt, 
zage man nicht, sondern trete mutig hinein! So stark kann kein Löwe 
sein, daß er uns beiden widersteht!« 

Roland nickt ihm freundlich zu und bedeutet ihm, bei den Waffen 

zu bleiben. 

Dann begibt er sich zum drittenmal ins Zelt. 
Seine Stimme ist wie ein Gong, als er ruft: »Auf, Aar, jetzt 

erwachet! Ich bin es, Roland, der Ritter des Königs Artus von 
Camelot! Ich fordere Euch zum Zweikampf auf Tod und Leben, hier 
auf ebener Wiese, wie es die Regeln der Ritterschaft gebieten.  - Noch 
einmal rufe ich Euch: Aar vom Adlerhorst! Tretet vors Zelt, wo Ihr 
zum letztenmal in Eurem verruchten Leben den Anblick der Sonne 
erleben werdet!« 

Sie fahren in die Höhe, Aar und seine neun Burgmänner. Sie 

glauben, ihren Augen nicht zu trauen, als sie Roland vor sich sehen. 
Die Hände greifen nach Lanze, Kurzschwert, Bogen, Köcher, 
Morgenstern und Langschwert, um den Verhaßten niederzumetzeln. 

Und alle Hände bleiben leer. 
Wie schnell die neun, vor Stunden noch so prahlerischen, so 

jubelnden Burgmänner mutlos werden! Wie sie die Blicke vor 
Roland senken! Wie sie die Rücken beugen und wie sich einer hinter 
dem anderen verkriechen möchte! 

Nur Aar nicht. Nein, nicht der Herr vom Adlerhorst! 
Er mag ein Ausbeuter, ein Lüstling, ein Treuebrüchiger, ein 

Verleumder und arglistiger Mörder sein  - ein Feigling ist er 
jedenfalls nicht. 

Aar springt auf. Sein pechschwarzer Spitzbart sticht quer in die 

Luft: »Seid mir willkommen, Roland! Schon lange habe ich diesen 
Augenblick ersehnt! Man sagt, daß Ihr ein kühner Ritter seid! Ich 
frage: Welche Taten habt Ihr denn vollbracht, als Aar die Brabanter 

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vor sich hertrieb? Man sagt, daß Ihr ein Löwenherz besitzt. Wo habt 
Ihr es je bewiesen? Ich sage Euch, was Ihr wirklich seid: ein 
Milchbart, den es nach leichtem Ruhm gelüstet, mit dem Ihr vor 
Eurem Gönner Artus prahlen könnt. Gebt mir meine Waffen, die Ihr 
wie ein schleichender Wildkater gestohlen habt, und ich zeige Euch, 
Ritter mit dem Löwenherzen, wie es tut, mit dem Löwen selber 
anzubändeln!« 

Seine Männer horchen auf. Aar hat recht! Versprach er ihnen nicht 

vor wenigen Stunden, vor aller Augen Roland im ritterlichen 
Zweikampf in den Staub zu schicken? Einige haben nicht übel Lust, 
aufzuspringen und sich auf Roland zu stürzen. 

Doch dessen Stimme bannt sie noch einmal. »Ihr nehmt also meine 

Herausforderung an, Aar vom Adlerhorst. So hört denn meinen 
Beschluß: In einer Stunde erhaltet Ihr und Eure Männer die Waffen 
zurück. Bis dahin geduldet Euch in Eurem Zelt! Und wenn die Sonne 
am höchsten steht, soll der Zweikampf beginnen!« 

Ruhig wendet er sich und geht hinaus. Niemand wagt es, ihm zu 

folgen. Er kann sicher sein, daß sich Aars Männer in der nächsten 
Stunde nicht vom Fleck rühren werden. 

In dieser Stunde geschieht viel. Pierre entdeckt den bis zum Hals 

im Wiesenboden eingegrabenen Louis. Sie schaufeln ihn frei. 

Louis fällt ihnen lachend und weinend um den Hals. In fliegenden 

Sätzen berichtet er von seiner und Sveas Gefangennahme durch die 
Stadtsoldaten. Von Sveas rätselhafter nächtlicher Flucht. Und vom 
Abzug der Grünwämse. 

Nur einen Umstand verschweigt Louis wohlweislich. Daß er sich 

mit Svea von der Lagerstätte wegbegeben hat, um das Mädchen 
Rolands Einfluß zu entziehen. Er stellt es so dar, als hätten die 
Soldaten die beiden im Schlaf überrascht. Denn er schämt sich zu 
sehr seines Verrates an Ritter Roland. 

Und niemand hat Grund, seine Worte zu bezweifeln. 

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Der Tag ist auf seinem Höhepunkt, als die beiden Ritter, gewappnet 
und gerüstet, auf ihren Pferden im gemessenen Schritt zu den 
Ausgangspunkten an beiden Enden der ebenen Wiese ziehen. 
Stumm, aber mit klopfendem Herzen, schauen ihnen die übrigen elf 
Männer nach: Aars Mannen und die beiden Getreuen Rolands. 

Kein glanzvoll besetztes Turnier mit buntgekleideten Herolden, 

feurigen Trompetern und Tausenden von Zuschauern kann feierlicher 
sein als dieser stille Auftakt. 

Roland ist angekommen, wendet den Rappen und verharrt reglos 

auf der Stelle. Mit ruhigem Blick überschaut er den weiten Platz. Er 
nimmt den Gegner wahr, eine winzige Figur, genießt die Sonne 
streichelnd auf der Haut und fühlt sich von einem pulsierenden 
Siegesahnen bis ins Innerste durchdrungen. Ihm ist, als sei er 
unverwundbar. Er spürt nicht den Hauch einer Gefahr. Sein Herz 
klopft so ruhig, als ginge es zum Ballspiel oder auf die Fuchsjagd. 

Er bietet auch ein eindrucksvolles Bild. Sein feuriger Araber  hat 

sich völlig erholt und tänzelt bereits ungeduldig. Roland trägt 
Sigurds Lanze im Arm, die so viele Gegner in den Sand katapultiert 
hat. Um den Leib gegürtet ist ihm das neugeschmiedete herrliche 
Schwert, auch ein Erbstück Sigurds. 

Sein silberheller Schild funkelt in der Sonne mit der blanken 

Helmzier um die Wette. Noch ist der Schild leer. Kein Wappen 
schmückt die leere Fläche. Denn Roland ist erst seit so kurzer Zeit 
Ritter, so daß er auf seiner abenteuerlichen Fahrt nicht dazu kam, 
sich mit einem Wappenfachmann zu beraten. 

Ja, er bietet ein Bild der Jugend, des Stolzes, der Kraft! 
Aber warum beben seine Lippen? Warum zuckt sein helles Auge? 

Warum schwankt die Lanze in seiner Hand? 

Wie ein unverhoffter Blitz dringt plötzlich die Erkenntnis in ihn 

ein, daß dies sein erster ritterlicher Zweikampf sein wird. Wohl hat er 
vielen fremden Rittern beim Turnier von Xanten zugeschaut. Er 
kennt die Regeln, weiß um jede Technik, die dem Kämpfer Vorteile 
bringt, und erinnert sich an Fehler, die man vermeiden muß, um 
siegreich im Sattel zu bleiben. 

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Und das soll ausreichen? überlegt er. Denn er selber hat diese 

Kampfart noch nie erprobt! Wer bürgt ihm dafür, daß seine Lanze 
sicher ihr Ziel findet? Daß er im machtvollen Anprall der feindlichen 
Lanze so fest im Sattel sitzen bleibt, als wäre er angeschmiedet? 

Zudem wird kein Herold heute Einhalt gebieten, wenn einer vom 

Pferd stürzt, eine Verwundung davonträgt oder die Lanze zersplittert. 
Heute geht es bis zum bitteren Letzten. Auf Tod oder Leben! Nur 
einer von ihnen beiden wird dieses Feld lebend verlassen  - vielleicht 
keiner... 

Ach, hätte er doch zuvor auf kleineren, unblutigen Turnieren seine 

Künste erprobt, seine Hand geübt, seine Technik verfeinert! 

In diesem Augenblick schmilzt Rolands Selbstbewußtsein schnell 

dahin. Der eben noch so kühne Blick zum Gegner wird trüb und 
schwankend. 

Denn dieser Gegner ist zwar ein eitler Prahler, aber kein 

hergelaufener Streitmacher oder Raufbold. Aar gilt als alter erprobter 
Turnierrecke. Wie verwachsen mit seinem Streitroß, unfehlbar im 
Stoß und gefürchtet im Schwerterkampf. Mehr als 100 
Turnierkämpfe hat er hinter sich, und die weitaus meisten sahen ihn 
als gefeierten Sieger. Er kennt sich aus in den feinsten Schlichen und 
durchschaut die Entschlüsse des Gegners, fast ehe der sie selber 
gefaßt. 

Aar überstand Stürze, Wunden und Prellungen. Auf der Jagd und 

dem Turnierplatz blieb ihm nichts fremd, und nichts mehr kann ihn 
überraschen. Noch heute erzählt man sich von dem großen 
Endkampf des unvergeßlichen Turniers von Worms, wo er auf einen 
Ritter der Tafelrunde traf und nur knapp und ehrenvoll unterlag, 
nachdem er den anderen an den Rand der Niederlage gebracht hatte. 

Und gegen diesen Gegner will Roland, ein blutiger Anfänger, 

bestehen? 

Aar reitet einen hochbeinigen Fuchs, auch der aus arabischem 

Geblüt. An seiner wuchtigen Lanze flattert das Fähnlein mit seinen 
Hausfarben Schwarz und Gelb. Sie wiederholen sich auf dem 
Wappen des Schilds: Ein prächtiger schwarzer Adler breitet die 

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riesigen Schwingen und hebt drohend die gelben Krallen des rechten 
Fußes. 

Da fährt Roland zusammen. Eine machtvolle Stimme, eine Stimme 

wie aus dem Himmel über ihm, schlägt an sein Ohr. »Seid Ihr 
bereit?« fragt ihn Aar. »Seid Ihr bereit - zu sterben?« 

Roland rieselt es kalt den Rücken hinunter. Dieses arrogante 

Organ! Es strömt über von Selbstbewußtsein und Siegessicherheit. 
Auf welches aussichtslose Unternehmen hat er sich hier eingelassen! 

Er öffnet den Mund, um zu antworten, doch nur ein kläglicher, 

krächzender Ton kommt heraus. Das Blut schießt ihm jäh zu Kopf. 
Er errötet unter dem Helm. Verzweifelt ballt er die rechte Faust, als 
wolle er den Lanzenschaft zerdrücken. 

So gewinnt er seine Fassung wieder. 
Und nun klingt seine Antwort hell und markig über den weiten 

Platz: »Ja, ich bin bereit, Euch den Todesstreich zu versetzen!« 

Einen Wutschrei stößt der vom Adlerhorst aus. Das Wort traf ihn 

wie eine Beleidigung. Unbeherrscht treibt er seinem hochbeinigen 
Renner die Eisenferse in die Weichen, und das Tier springt 
erschrocken an. Dann streckt es sich zu den ersten Galoppsprüngen. 

Fast unwillkürlich setzt auch Roland seinen Rih in Bewegung. Er 

sieht mit Schrecken, wie der Fuchs und sein Reiter mit unfaßbarer 
Schnelligkeit auf ihn zugejagt kommen. Wie sie rasend zu 
furchterregenden Riesengestalten anwachsen. Einen Augenblick lang 
denkt er an Flucht. Aber auch die erscheint hoffnungslos. Zu 
unentrinnbar ist der Gegner. 

Nun nimmt er schon jede Einzelheit des Duellpartners wahr. Der 

reitet unbeirrbar auf ihn zu. Nichts und niemand kann ihn aufhalten. 
Er ist übermächtig, ist unbesiegbar! Die Rüstung Aars scheint im 
Sonnenlicht wie in gleißendes Feuer getaucht. Ganz nahe flattert 
schon, ein unheilverkündendes Omen, das schwarzgelbe 
Lanzenfähnlein ... 

Und da prallen die beiden aufeinander! 
Der Stoß, den Roland von Aars Lanze erhält, übersteigt alles an 

Wucht, was menschliche Vorstellung sich auszumalen vermag. Ihm 

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ist zumute, als zerbrächen ihm sämtliche Rippen, als zerrissen ihm 
die Eingeweide. Er ist wie gelähmt. 

Schwäche breitet sich in ihm aus. Er möchte die Augen schließen, 

seitwärts vom Pferd gleiten, das Gesicht in den Rasen betten und 
schlafen, schlafen, nie mehr kämpfen ... 

Auch Aar ist von Rolands Lanzenstoß durchgerüttelt worden. Die 

jugendliche Kraft des Ritters mit dem Löwenherzen hat den Mann 
vom Adlerhorst zur Vorsicht gemahnt. Seine Erfahrung rettet ihn. Er 
läßt durch eine geschickte Drehung im letzten Augenblick die Waffe 
an seiner Rüstung abgleiten. So übersteht er den ersten 
Zusammenstoß besser als der ungeübte Roland. 

Es ist eigentlich nur das Temperament Rihs, das Roland befähigt, 

ein zweites Mal gegen Aar anzureiten. Die heftigen Galoppsprünge 
des Arabers wecken ihn aus seiner gefährlichen Betäubung auf. Ehe 
er es sich versieht, trägt ihn das wunderbare Tier erneut dem Feind 
entgegen. 

Und wieder fängt Roland des Feindes Lanze mit voller Macht auf. 

Im Abdrehen hört er schmutziges Lachen. 

Aar triumphiert! 
Todesmatt bricht Roland zusammen. Des Ritters Kopf sinkt auf 

den Hals seines stolzen Pferdes. In Rihs schwarzer Mähne ruht 
Rolands Blondschädel, als der dritte Gang des Zweikampfes anhebt. 

Der Ausgang ist nicht mehr ungewiß. 
Aar hat seinen Gegner müde gemacht. 
Der dritte Gang des Zweikampfes scheint nicht mehr zweifelhaft. 
Aar wird Roland aus dem Sattel heben und mit dem Schwert um 

einen Kopf kürzer machen. Mit Rolands abgeschnittenem Kopf in 
der Hand wird er stolz vor Sir Galahad treten, um zum Landgraf 
erhoben zu werden. 

Rih nimmt einen waghalsig engen Bogen. Hoch rumpelt Roland im 

Sattel und reißt die Augen auf: 

Ein Weib, nackt unter leichtem Flor, verführerisch und unschuldig 

zugleich, tanzt plötzlich auf der Wiese. Es ist barfüßig, zierlich  - ein 
zauberhaftes Wesen. 

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So tanzt es, hingegeben an schwereloses Gleiten, mit verlockenden 

Bewegungen - und doch unfaßbar, unirdisch ... 

Da weiß Roland: Es ist kein Menschenkind, es ist eine Elfe! 
Und die Elfe singt beschwörend, nur ihm vernehmbar: 
»Leicht ist's, die Waffen zu strecken. Schwerer des Kämpfers Los. 

Doch selbst im schrecklichsten Schrecken. Zeig du dich mannhaft 
und groß!« 

Wer Louis oder Pierre später fragt, wird erfahren, daß sie die Elfe 

nie gesehen haben. Nie gehört ihren betörenden, beschwörenden 
Gesang. Auch Aar sah und hörte sie nicht, die singende, tanzende 
Elfe. Nur Roland erschien ihre Zaubergestalt. 

»... zeig du dich mannhaft und groß!« 
Denn nur auserlesenen, begnadeten Menschen erschließt sich 

bisweilen die Zauberwelt der Elfen. Und nun schießt ihm machtvoll 
das Blut in die Glieder. Kräftig schließen sich  seine Beine um den 
Leib des Pferdes. Wer die Elfe sah, ist unbesiegbar  - sagt der 
Volksglauben. 

Und so reiten sie aufeinander los ... 
Ein Ruck ist durch Rolands Gestalt gegangen. Der Schwächeanfall 

ist überwunden  - ja, schon fast vergessen. Alles Zagen fällt von ihm 
ab wie ein zerschnittener Mantel. 

Staunend bemerken Pierre und Louis, daß ihr Ritter im Sattel auf 

einmal zu wachsen scheint. Das ist ein ganz anderer Roland als der in 
den ersten Treffen! 

Mit ungeheurer Entschlossenheit steuert er den rassigen Rih 

vorwärts. Es gibt kein vorsichtiges Antraben mehr. Aus dem Stand 
zwingt er das hochgezüchtete Pferd in einen wahnsinnigen Galopp. 

Da sperren die Burgleute Aars Mund und Nase auf. Noch nie hat 

einer vor ihnen ein Pferd mit solcher Geschwindigkeit über die Erde 
galoppieren sehen. Die Hufe scheinen den Wiesenboden kaum noch 
zu berühren. Der Rappe streckt sich und fliegt dahin wie ein Pfeil. 
Und sein Reiter verschmilzt mit dem wunderbaren Tier zu einer 
untrennbaren Einheit. 

So donnert Roland auf Aar zu, dessen Pferd im Vergleich mit Rih 

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jetzt wie ein braver Ackergaul wirkt, obwohl es doch auch ein edler 
Araber ist. 

Roland hat die Lanze diesmal anders gefaßt, mehr am hinteren 

Ende des Schafts. Jetzt ragt die Spitze weit über den Kopf seines 
Pferdes nach vorn. Den wappenlosen Schild über den linken 
Oberarm gestreift, sitzt er nicht mehr frontal zum Gegner, sondern 
mit einer leichten seitlichen Verdrehung, so daß er ein schmaleres 
Ziel bietet. 

Doch all diese Veränderungen nimmt der siegessichere, von seiner 

Stärke restlos überzeugte Aar nicht wahr. Er reitet noch geruhsam 
dahin, als ihn der berserkerhafte Ansturm Rolands jäh aus seinen 
Siegesträumen reißt. Die Lanze des jungen Ritters trifft ihn mit 
höllischer Wucht an der Brust, dort, wo das Herz sitzt, lange ehe 
seine eigene Waffe eingesetzt werden kann. 

Wie unter einem unwiderstehlichen Zwang kippt Aar mit dem 

Oberkörper nach hinten. Einen Augenblick lang ragt seine Lanze 
steil gegen den Himmel, und nie mehr wird sie Roland treffen. 

Und wie ein Geisterreiter fliegt der junge Ritter an dem schwer 

getroffenen Gegner vorbei. Aar schwankt im Sattel, pendelt hilflos 
und gleitet über die Kruppe des Fuchses zu Boden. 

Pierre und Louis stoßen laute Jubelrufe aus. Die Burgleute aber 

verstummen wie gelähmt. 

Mit gewagtem Schwung reißt Roland den Rappen aus vollem Lauf 

auf der Hinterhand herum, läßt ihn noch ein paar Galoppsprünge tun 
und schnellt dann gelenkig zu Boden. Mit drei Schritten ist er bei 
dem reglosen Aar, und messerscharf erklingt seine junge Stimme: 
»Nun ergib dich, Ritter vom Adlerhorst! Auf die Knie  - und schwöre 
dem König Artus, meinem Herrn, unverbrüchliche Vasallen treue! 
Verweigerst du den Eid, dann tust du auf dieser Stelle deinen letzten 
Atemzug!« 

Es ist die vorgeschriebene Formel bei ernsthaften Zweikämpfen 

fahrender Ritter. 

Doch da springt Louis auf und schreit: »Haltet ein, Ritter Roland!« 
Der blickt sich erstaunt um. 

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»Aar gehört mir«, schreit Louis blaß vor Zorn. »Er hat mein Haus 

zerstört und meine Braut ins Unglück gestürzt. Ich habe es 
geschworen: Der Unselige stirbt von meiner Hand.« 

Langsam wendet sich Roland vollends zu ihm um. Hell blitzen 

seine Augen, als er erwidert: »Du kommst zu spät, Louis. Dein 
Todfeind hat seiner Verbrechen Strafe bereits im vollen Umfang 
erhalten. Aar atmet nicht mehr. Er ist tot.« 

Ja, die Lanzenspitze hat Aars Rüstung gespalten und ist mitten 

durch sein Herz gefahren. 

Der nimmermüde Jäger und Turnierer, der reiche und habgierige 

Burgherr, der listenreiche und skrupellose Tyrann der kleinen Leute, 
lebt nicht mehr. 

Auch die Burgleute haben es jetzt begriffen. Was werden sie tun? 

Noch zögern sie. Und gar manchen fröstelt es in der warmen 
Mittagssonne. Gar zu unheimlich erscheint ihnen das unerwartete 
Ende. 

Dann ermannt sich der älteste Gefolgsmann. »Ergreift Roland und 

seine beiden Männer! Rächt den schmählichen Tod unseres Herrn!« 

Doch seine Stimme klingt unsicher und findet kein Echo bei den 

übrigen. Die Männer senken betreten die Blicke zu Boden und rühren 
sich nicht vom Platz. 

»Feiglinge!«  ruft der Älteste, aber alle sehen, daß auch seine 

Hände beben. 

Doch wenn er auch zittert, zieht er trotzdem sein Kurzschwert und 

rückt langsam gegen Roland vor, bei dem jetzt bereits seine 
Kameraden sind. Die übrigen Burgleute folgen unsicheren Schritts 
ihrem Vormann. Nach einiger Zeit aber bleiben alle neun in 
achtungsvoller Entfernung stehen. 

Zu einem Angriff scheint es nicht mehr zu kommen. Dazu fehlt 

ihnen jetzt der Mut. Der Älteste räuspert sich. Dann verlangt er: 
»Gebt uns den Ritter Aar heraus!« 

»Gemach«, gebietet ihm Roland und hebt abwehrend den Arm. 

»Ihr alle kennt das Gesetz. Danach gehören dem Sieger Waffen, 
Pferd und Gold des Besiegten. Doch ich verzichte freiwillig auf seine 

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Lanze und seine Rüstung.  Wer möchte eine Lanze besitzen, die ihr 
Ziel nicht findet, oder einen Panzer, der seinen Träger nicht 
schützt?« 

Mit rascher Bewegung ergreift Roland das Schwert des Toten, 

reicht es Louis und sagt feierlich: »Es sei dein!« 

Indessen nimmt Pierre den schweißnassen scheuen Fuchs am 

Zügel und führt ihn fort. Doch als Roland die Satteltaschen öffnet, 
um Aars Reisekasse zu übernehmen, wie es der Brauch in dieser Zeit 
ist, überwindet die Gier nach Gold bei den Burgmännern ihr 
ängstliches Zögern. Sie greifen an! 

»Das Gold gehört uns!« ruft der Älteste mit Nachdruck. Und sie 

schwingen die kurzen Schwerter. 

Roland wendet sich um. Mit dem gepanzerten Fuß stößt er nach 

dem Waffenarm des Vordersten, und schreiend läßt der das Schwert 
fallen. Schon schwingt Roland den  Speer in einem Tod verheißenden 
Halbkreis. Niemand wagt sich näher heran. 

Im Gegenteil, vier der Burgleute lösen sich vorsichtig aus dem 

Haufen, gehen rückwärts, erst langsam, dann drehen sie sich und 
rennen nun ohne Scham zu ihren Pferden. Sie haben genug, sie 
wollen weg. Zu gefahrvoll erscheint ihnen weiteres Standhalten. 

»Her mit dem Gold!« ruft noch einmal der Vormann. »Die 

Dukaten sind uns von Aar versprochen.« Aber überzeugend wirkt 
sein Ton auf niemanden mehr. Und wieder verlassen ihn zwei der 
Männer. 

Als gar Louis an Rolands Seite tritt und grimmig Aars Schwert, 

das nun ihm gehört, gegen sie zückt, wird der Rückzug der 
Burgmänner zur Flucht. Der Älteste läuft am schnellsten, wirft sich 
aufs nächststehende Pferd und ist bald ihren Blicken entschwunden. 

Roland und Louis setzen den anderen nach. Drei Männer können 

sie einfangen. Ohne Gegenwehr lassen sich die drei entwaffnen. Mit 
finsteren Mienen verfolgen sie, wie ihre Kameraden auf den Pferden 
entkommen. Louis schickt den Fliehenden noch ein paar Pfeile nach, 
und das beschleunigt ihre Flucht. 

In der Reisekasse Aars findet Roland mehr als fünfzig 

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Golddukaten. Fast ehrfürchtig betrachtet und zählt er sie. So reich 
war er noch nie! Ja, einen solchen Reichtum je zu erringen, hätte er 
bis heute nicht für möglich gehalten. 

Den drei Gefangenen obliegt es, ihren toten Herrn zu bestatten. 
»Wenn sie fertig sind«, verheißt Roland seinen beiden Getreuen, 

»werden sie uns zu Sir Galahads Feste führen!« 

Auch im glänzenden Triumph hat er nie das eigentliche Ziel aus 

dem Auge gelassen! 

Schon fünf Tage später erreichten die flüchtigen Männer Aars 
abgehetzt und mit angstgesträubten Haaren die Feste Sir Galahads im 
Norden. Sie machten den Eindruck, als sei der Teufel hinter ihnen 
her. 

Dabei war es ihnen unterwegs nicht schlecht ergangen. In den 

Dörfern entlang der Route hatten sie sich nach der Art ihres toten 
Meisters von den Bauern reichlich verpflegen lassen und, sooft es 
ging, die Pferde gewechselt. 

Nun erstatteten sie Sir Galahad  Bericht. Der Überbringer böser 

Kunde ist niemals gern gesehen. Aber Galahads Unmut überstieg das 
gewöhnliche Maß. Er beschimpfte die verängstigten Männer als 
feiges, räudiges Pack, gab ihnen die ganze Schuld an Aars 
Niederlage, ließ sie von seinem Büttel auspeitschen und steckte sie 
unter sein niedrigstes Gesinde. 

Statt mit ihren Kurzschwertern dukatenbelohnt in der Stadt Gent 

und Umgebung den großen Herrn zu spielen, wie sie es gewöhnt 
waren, mußten sie jetzt von früh bis spät, in Lumpen gekleidet, die 
unbeliebtesten, stinkendsten und anstrengendsten Arbeiten ausführen 
und durften von jedermann nach Herzenslust angetrieben, verhöhnt 
und in den Hintern getreten werden. 

Übrigens hätten sie sich gar nicht so zu beeilen brauchen, um ins 

Elend zu kommen.  Denn Roland saß ihnen keineswegs dicht auf den 
Fersen, wie sie es sich in ihrer panischen Fluchtangst ausgemalt 

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hatten. Rolands Trupp kam nur langsam voran. 

Das lag an den drei Gefangenen. 
Sobald sie nämlich merkten, daß es ihnen nicht mehr an Leib und 

Leben ging, wurden sie aufsässig. Sie fanden immer neue 
Möglichkeiten, die Fahrt zu verlangsamen. Mal behaupteten sie, den 
richtigen Weg verloren zu haben. Dann wies jeder der drei  - doch das 
war unter ihnen wohl verabredet  - eine andere Richtung. Dann 
wieder klagten sie über Erschöpfung. Und mehr als einmal 
versuchten sie, sich des Nachts davonzustehlen. Rolands Gesellen 
mußten höllisch auf sie aufpassen. 

Endlich aber nahm Pierre den Ritter beiseite. »Ich glaube jetzt zu 

wissen, was diesen Kerlen fehlt«, meinte er. »Lange genug 
belauschte ich ihre Gespräche. Wenn sie unter sich sind, klagen sie 
am meisten, daß es bei Euch nicht wie früher Branntwein zu trinken 
gäbe. Für Branntwein, nehme ich an, verkaufen sie ihre Seele  - und 
noch viel Wertvolleres.« 

Roland  nickte. Das leuchtete ihm ein. Und so kaufte er im nächsten 

Ort, wo es eine Brennerei gab, für einen halben Dukaten ein Fäßchen 
Branntwein. Mit leuchtenden Augen beobachteten die drei 
Gefangenen diesen Vorgang. Das Fäßchen hing tagsüber auf dem 
Rücken des  Tragtiers, Pierres altem Gaul. Der Knappe ritt jetzt stolz 
Aars Araberfuchs. 

Abends schenkte Louis, der sich als ehemaliger Wirt darauf 

verstand, jedem der drei Gefangenen ein Maß aus, das ihn 
zufriedenstellte, also daß er am nächsten Tage in der Hoffnung  auf 
erneute abendliche Labung willig seinen Pflichten nachkam. 

Sehr schlau war die Ration Branntwein bemessen. Sie schenkte 

den Trinkern einen gesegneten Schlaf, so daß sie nie mehr fähig 
waren, nachts einen Fluchtversuch zu unternehmen. Andererseits war 
sie nicht so groß, daß sie am nächsten Tag unter einem 
Brummschädel zu leiden hatten. 

Sich selber gönnte Louis, an das teuflische scharfe Getränk 

gewöhnt, etwa die doppelte Ration. Roland und Pierre tranken nicht. 

So näherten sie sich unaufhaltsam der Feste. 

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»Die Bären rumoren wieder«, bemerkte der feine Herr mit dem 
feisten Leib und den rosigen Wangen. 

»Wie sollten sie auch nicht?« antwortete Sir Galahad lachend. 

»Sind sie doch seit einer Woche auf halbe Kost gesetzt und haben 
seit vorgestern überhaupt nichts mehr zu fressen bekommen! Ich 
möchte wissen, wie du randalieren würdest, wenn dir Ähnliches 
geschähe, mein Henry!« 

Der dicke Ritter hob abwehrend die Arme. »Beruft es nicht, Sir 

Galahad! Ohne meine fünf reichlichen Mahlzeiten am Tag wäre ich 
ein toter Mann.« 

Ein Mann mit langer Nase mischte sich ein. Sein Name war Iwein. 

Zusammen mit Sir Galahad und Lester hatte er vor nicht langer Zeit 
auf nächtlicher Heide den legendären Ritter Sigurd ermordet, dem 
Roland damals als Knappe diente. Lester hatte inzwischen sein 
Schicksal ereilt. Beim Aufstand gegen König Artus hatte ihn Roland 
mit der Hellebarde getötet. Für seinen großen Einsatz um das Wohl 
des Königs war Roland zum Ritter geschlagen worden. 

»Auch ich wüßte gern, warum Ihr Eure Bären hungern laßt, 

Galahad, die Ihr doch sonst zu verhätscheln pflegtet. Oder ist es ein 
Geheimnis, das Ihr für Euch bewahren wollt?« 

Ein vierter, jüngerer Ritter namens Waldemar nickte zustimmend. 
Selbst durch die geschlossenen Fenster des hohen Turmgemachs, 

das ringsum mit orientalischen Teppichen feinster Webart ausgelegt 
und behängt war, hörten sie deutlich die wütenden Laute der beiden 
Bären. Es waren starke schwarze Gesellen. Seit Monaten hielt 
Galahad sie in einem großen Käfig im Burghof, und allgemein galten 
sie als seine Lieblinge. Sie waren ihm teurer als seine engsten 
Freunde Iwein, Waldemar und Henry. 

Es hieß, Galahad habe sie mit eigener Hand im Ardennerwald 

gefangen. Aber Genaues wußte man nicht. Niemand konnte sich für 
ihre Herkunft verbürgen. Nur daß sie  wilde und ungewöhnlich große 
Exemplare waren, davon konnte sich jeder täglich im Hof 

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überzeugen. 

Galahad schlug ein Gelächter an. Der lange Ritter, dem viel Land 

und zahlreiche Ortschaften entlang der Küste gehörten, lag nach dem 
Bad, das er eben genommen hatte, gesalbt und entspannt auf einem 
Ruhelager. Von Zeit zu Zeit griff er nach einer Schale voll erlesener 
Weintrauben und bediente sich daraus. 

»Ich will eure Neugier nicht mehr allzu lange auf die Folter 

spannen«, sagte er, immer noch lachend. »Vielleicht wird einer von 
euch den Sinn meines Vorgehens sogar erraten. Doch zuvor etwas 
anderes«, fuhr er, ernst werdend, fort. »Ihr kennt das schmale Tal 
Broncevalle, das sich zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen nicht 
weit von hier im Süden erstreckt?« 

Alle nickten eifrig. Keiner, der dort nicht schon gejagt oder ein 

Liebesabenteuer erlebt hatte! Es war ein schöner Platz mit raunenden 
Bächlein, anmutigen Birken und zwitschernden Vögeln, wo es sich 
zur Sommerszeit besonders wohl sein ließ. Der Weg zu Galahads 
Feste führte durch Broncevalle. Und doch war das Tal oft einsam 
und menschenleer, denn außer seinen Rittern hatte der Lehensherr 
allen streng verboten, es zu betreten. 

»Meine Späher meldeten mir, daß Roland näher rückt. Er hat fünf 

Männer bei sich und reitet stracks auf die hohe Feste Meerburg zu. 
Morgen wird er Broncevalle erreichen. Ich will, daß ihr drei ihn dort 
erwartet.« 

»Um ihm das Ehrengeleit zur Meerburg zu geben?« fragte Henry. 

»Ihr plant sicherlich, ein Turnier zu veranstalten, bei dem Ihr ihn in 
den Staub werfen und so den Tod Eurer Freunde Lester und Aar 
rächen werdet - wenn ich es richtig sehe.« 

»Du bist ein Esel, Henry«, entgegnete Galahad verächtlich, und der 

Dicke wurde puterrot vor Beschämung. »Ich soll mich mit einem 
hergelaufenen Köhlerssohn messen? Nächstens schlage ich mich 
dann mit einem Bauernknecht um seine Dirne! Du hast eine 
merkwürdige Vorstellung von Ritterwürde!« 

»Ich dachte ja nur«, verteidigte sich Henry lahm, »weil Roland nun 

zum Ritter geschlagen ist und, wie wir erfuhren, Aar im Zweikampf 

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besiegt hat...« 

»Schweig, du fetter Schwätzer!« Mit eiskalter Stimme fiel ihm 

Galahad ins Wort. »Der Ritterschlag war die unbedachte Handlung 
eines senilen Königs, dem noch die Hände vor Angst zitterten, weil 
man ihn beinahe seines Throns beraubt hätte. Und was besagt es, daß 
Aar gegen Roland unterlag?« 

»Ganz recht«, unterstützte ihn Iwein. »Vielerlei Zufälligkeit 

entscheidet oft ein Duell. Ein strauchelndes oder scheuendes Pferd. 
Ein Sonnenstrahl, der dich zur Unzeit blendet. Die Pfuscherei eines 
Waffenschmiedes. Und solcher Möglichkeiten sollte Sir Galahad 
sich ohne Not aussetzen?« 

Waldemar fügte hinzu: »Nach allem, was wir von den 

erbärmlichen Flüchtlingen erfuhren, verlor Aar sein Leben durch 
seinen blöden Leichtsinn. Er ging in einer papierdünnen Rüstung 
zum Kampf. Er starb also nicht durch ritterliche Tugenden Rolands!« 

»Wahr und klug sprecht ihr, meine Freunde«, lobte Galahad die 

beiden letzten Redner. »Ihr werdet also, als Kaufleute verkleidet, 
Roland in Broncevalle erwarten. So verlockendes Waffenspielzeug 
werdet ihr ihm vorlegen und mit billigen Preisen locken, daß weder 
Roland noch seine Männer die Blicke von dem Glitzerkram wenden 
können. Niemand wird auf euch, meine Freunde, niemand auf die 
Umgebung achten.« 

»Aber wenn Roland mich wiedererkennt?« gab Henry zu 

bedenken. »Mich oder Iwein? Er hat uns in Xanten gesehen.« 

»Haben wir nicht von unseren Festen Kostüme und Masken, 

Gesichtssalben, falsche Bärte und falsche Nasen in der Kammer?« 
rief Galahad. Und dann entwickelte er den hingerissen lauschenden 
Rittern seinen teuflischen Plan. 

Nach manchem Tagesritt über eintönige Ebenen unter grauem 
Herbsthimmel bei pfeifendem Wind brach die Sonne durchs Gewölk. 
Hügelketten erhoben beiderseits des Weges ihre grünwaldigen 

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Häupter. Saftige Wiesen und schnelle Wasserläufe wechselten mit 
schattigen Hainen, verlockenden Hohlwegen und stillversonnenen 
Teichen ab. Rolands Gemüt war voller Heiterkeit. Seine fünf Männer 
waren ein Herz und eine Seele. 

Viel hätte nicht gefehlt, und der kleine Reitertrupp hätte ein 

fröhliches Lied angestimmt. Manches zu dieser Harmonie trug das 
Branntweinfäßlein auf dem Tragtier bei. Zuerst freundeten sich die 
drei Gefangenen mit ihrem Schankwirt Louis an. Dann entdeckten 
sie ihr Herz für den friedlichen Pierre. Und schließlich anerkannten 
sie Roland als ihren Führer. Imponiert hatte er ihnen schon vorher, 
als er den großen Aar überwand. 

Also vertraute Roland ihnen bald so weit, daß er ihnen ihre 

Kurzschwerter wieder aushändigte. Sie versprachen, ihm treu zu 
folgen, seinen Befehlen zu gehorchen und ihr Leben, wenn es not tat, 
für ihn in die Schanze zu schlagen. Sie ahnten nicht, wie bald es dazu 
kommen sollte. 

Sie waren mitten im Tal, lauschten verzückt dem Gesang der 

Vögel, atmeten die balsamische Luft und weideten ihre Augen auf 
den lieblichen Bildern ringsum, als sich vor ihnen ein seltsames 
Schauspiel auftat. 

Unter einer mächtigen Platane lagerten drei fremd aussehende 

Gestalten in weiten weißen Burnussen. Drei prächtige weiße Zelter 
weideten friedlich in der Nähe. Ein rosafarbenes Zelt war aufge-
schlagen, und durch den weit offenen Eingang erspähte das Auge ein 
großes Warenlager. 

Beim Anblick der kriegerischen Reiter um Roland erhoben sich die 

Männer in den wallenden Gewändern, legten eine Hand aufs Herz 
und die andere flach auf die Stirn und sagten mehrmals ehrerbietig: 
»Salaam!« 

»Es sind orientalische  Händler«, flüsterte Louis, der von allen am 

meisten in der Welt herumgekommen war. »Ich hörte seit Jahren, 
daß sie neuerdings bis in den Norden reisen, um ihre Waren 
anzubieten. In meiner Räuberzeit sah ich einmal einen aus der Ferne, 
wagte aber nicht, ihn zu überfallen. Sie sollen unter dem Schutz aller 

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Fürsten stehen.« 

Indessen hatte Roland den Gruß der Händler erwidert, war 

abgestiegen und folgte den einladenden Gesten. Aus der Nähe sah 
man, daß es sich bei den Morgenländern um Greise handelte. Ihre 
Gesichter waren tiefbraun  - wie angemalt, dachte Roland, der noch 
nie einem Orientalen begegnet war. Wie Gräben zogen sich noch 
dunklere Linien faltenreich über die offenbar steinalten Gesichter. 
Die Augen hielten sie meist demütig zu Boden gerichtet. 

»Tretet ein, edler Ritter«, sagte der eine, und sein Akzent klang 

fremd, so, als verstellte man zum Scherz seine Stimme. »Wir sind 
Kaufleute und gern bereit, Euch etwas von unseren Schätzen gegen 
geringes Gold zu verkaufen.« 

»Ihr kommt von weit her«, stellte Roland staunend fest. 
»Wir segelten drei Monate, ehe wir hier an der Küste das Land 

betraten. Unser zwanzig ziehen durch die Gegend, und wir treffen 
uns nach einem Mond wieder, um in die Heimat zurückzusegeln. Bis 
dahin hoffen wir, unsere Waren abzusetzen. Sie sind von bester 
Qualität, wie Ihr Euch sofort überzeugen werdet.« 

Roland winkte seinen Männern, ihm ins Zelt zu folgen. Mit 

Ausrufen des Entzückens und der Bewunderung betrachteten sie die 
ausgestellte Warenpracht. Da hingen glitzernde Krummdolche, breite 
Kurzschwerter wie aus purem Silber, kurze, stämmige Lanzen mit 
nadelscharfer Spitze. Es gab funkelnde Helme, feingearbeitete 
Brustpanzer und kreisrunde, wuchtige Schilde. 

Immer begehrlicher wurden die Blicke von Rolands Männern. Sie 

machten einander auf die schönsten Stücke aufmerksam. Am liebsten 
hätten sie ihre alten Waffen weggeworfen und sich mit den neuen 
geschmückt. 

Und dann prasselte ein Hagel von Fragen auf die Kaufleute nieder. 

Jeder wollte als erster wissen, was dieses oder jenes Stück koste. 
Kaum konnten die Männer aus dem Morgenland so schnell 
antworten. 

Doch immer wieder erstaunlich war, wie niedrig ihre Preise sich 

anhörten! Ein bittender Blick Pierres streifte Roland. Der fing ihn auf 

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und wunderte sich ein wenig: Sogar der bequeme Pierre war 
plötzlich von diesem Waffenrausch erfaßt! 

Roland faßte einen schnellen Entschluß. Er gab jedem seiner 

Männer fünf Dukaten. Sie jubelten ob seiner Großzügigkeit. Bei den 
niedrigen Preisen konnte sich so jeder sein Lieblingsstück erstehen. 
Sie drängelten sich um den glitzernden Stahl, und zwischen zwei 
ehemaligen Aarmännern entwickelte sich sogar ein Streit. 

»Der Dolch gehört mir!« 
»Nein, mir. Ich habe ihn zuerst erblickt!« 
»Aber ich habe ihn zuerst angefaßt!« 
»Das gilt nicht. Ich zog ihn als erster aus der Scheide!« 
»Dann würfeln wir darum!« 
»Meinetwegen ... Obwohl es unrecht ist. Denn ich habe ihn als 

erster erblickt!« 

»Fang nicht schon wieder an! Hier sind die Würfel. Ich beginne!« 
»Warum du? Ich beginne ...« 
Die Männer waren außer Rand und Band. Im allgemeinen Lärm 

übersah Roland, daß ihm einer der Kaufleute geheime Zeichen 
machte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Blick war auf ein 
Seidenkissen mit Schals, Broschen, Ketten, Armbändern und Ringen 
gefallen, und diesen Geschenken für Damen wandte er sich nun zu. 

Für die Waffen hatte Roland keinen Blick übrig. Sosehr sie auch 

funkelten, glaubte er doch nicht, daß sie einen Vergleich mit den 
seinen aushielten. Schon gar nicht mit dem Schwert, das ein 
berühmter Schmied für Sigurd geschaffen und das der sterbende 
Held ihm, Roland, übergeben hatte. 

Aber seltsam war es schon, daß der Ritter sich so ganz von dem 

Schmuck der Damen angezogen fühlte. Und doch wiederum gar 
nicht seltsam. Denn er hatte in den letzten Tagen nach dem Tode 
Aars oft und oft an die schöne blonde Reinhild denken müssen, die 
ihm auf Burg Adlerhorst die rettende Strickleiter in die Hände 
gespielt hatte. Und jedesmal tat sein Herz einen freudigen und 
zugleich wehmütigen Sprung. 

Würde er sie noch einmal wiedersehen?  Und wann? Und wo? 

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Bange Fragen wechselten mit frohen Vorahnungen. Darum also 
schaute er prüfend über das Seidenkissen mit seinen Schätzen an 
gehämmertem Gold und geschliffenem Edelstein. 

Was paßte am besten zu ihrem zarten Hals? 
»Der Ritter sucht einen Schmuck für die Dame seines Herzens?« 

klang eine Stimme an sein Ohr. Unwillig wandte er den Kopf. Ein 
Orientale hatte sich händereibend an ihn herangemacht. Mehr denn je 
erschien Roland die dunkle Gesichtsfarbe des Mannes künstlich, und 
die tiefen Falten wirkten wie aufgemalt. Doch im Ungewissen Licht 
des Zeltinneren war das nicht zu entscheiden. Dennoch empfand 
Roland plötzlich eine Abscheu vor dem Ausländer, eine Art 
Besorgnis. 

Und näher drängte sich der an ihn heran, berührte ihn zu seinem 

Ärger fast. Unter auffälligen Handbewegungen näherte der Mann 
sein Gesicht Rolands Ohr und flüsterte plötzlich und jetzt ohne den 
auffälligen fremdländischen Akzent: »Seht Euch vor, Roland! 
Höchste Gefahr!« 

Roland fuhr zurück, starrte den anderen ärgerlich an und fragte 

unwillig: »Was wollt Ihr von mir, Fremder?« 

Der legte nach einem hastigen Blick auf die beiden anderen 

Händler beschwörend den Zeigefinger auf die Lippen und raunte: 
»Vorsicht, Roland, dieses Waffenzelt ist eine Falle!« 

Rolands Augen wurden zu Blitzen. Doch noch hielt er an sich und 

fragte leise zurück, so daß außer dem anderen niemand ihn hören 
konnte: »Wer bist du, Schurke? Sprich!« 

»Ich bin nicht der, der ich scheine ... Und auch die beiden anderen 

Händler...« 

»... sind keine Händler aus dem Morgenland«, zischte Roland 

ungeduldig. »Soviel habe ich schon begriffen. Heraus mit der 
Sprache! Seid ihr Späher Sir Galahads?« 

»Ihr habt es erraten«, stammelte der Braunbemalte im weißen 

Burnus. »Ich bin Henry, ihr kennt mich. In Galahads  Auftrag bot ich 
Sigurd Geld, damit er sich im Turnierkampf von Xanten freiwillig 
besiegen lasse. Er lehnte ab. Wie schämte ich mich da! Aber ich 

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blieb bei Galahad und nahm auch diesen Auftrag an ... Doch gestern 
beleidigte er mich. Er nannte mich einen Esel und einen fetten 
Schwätzer ... Ungeheuerlich! Darum meine Warnung an Euch, 
Roland ...« 

»Sprichst du jetzt auch wahr, verfluchter Lakai eines Schurken?« 
»Ja, ja, ja! Und hätte ich mein Leben lang gelogen  - dies ist von 

Grund auf wahr. Hört, Roland: Diese herrlichen Waffen  - nehmt sie 
nicht! Sie sind hohl, die Klingen stumpf, die Griffe nur schwach 
aneinandergefügt. Die Lanzenspitzen brechen ab, wenn man zu-
stößt... Und auf den Höhen ringsum warten Galahads Krieger ...!« 

Roland hatte genug gehört. Er packte Henry und riß ihm den 

weißen Burnus vom Körper. Darunter kam ein ritterliches 
Kettenhemd zum Vorschein. 

Ein Blick durchs  ganze Zelt  ließ Roland erkennen, daß die beiden 

anderen falschen Morgenländer sich aus dem Staub gemacht hatten. 
Seine eigenen Männer stritten sich noch mit kindlicher Freude um 
die trügerischen Waffen. Keine Sekunde war mehr zu verlieren. 

Da, die Zeltstange wankte! Die Wände bogen sich nach innen. 
»Raus aus dem Zelt, Männer!« brüllte Roland mit tönender 

Stimme. »Raus aus dem Zelt!  Verrat, Verrat! Und laßt die Hände von 
den fremden Waffen! Sie sind eitel Trug! Verlaßt euch nur auf eure 
eigenen Schwerter! Raus, raus!« 

Und allen voran stürmte er durch den Eingang ins Freie. Ihm nach 

drängten die anderen, mitten darunter Henry. Hinter ihm stürzte das 
Zelt in sich zusammen. Iwein und Waldemar  - denn das waren die 
beiden anderen »Morgenländer«  - hatten  es  von außen durch das 
Kappen der Haltestricke in sich zusammenfallen lassen. 

Nur wenige Augenblicke später, und Roland wäre mit seinen 

Männern darunter begraben gewesen. Sie hätten sich bei ihren 
Befreiungsversuchen wie zappelnde Fische in Leinwand und 
Schnüren verhaspelt  - und wären eine leichte Beute des Feindes 
geworden. 

Denn da brachen schon von den Höhen ringsum Galahads Krieger 

herab. Schwergewichtige Küstenmänner mit Morgensternen, Sensen 

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und vereinzelten Krummsäbeln. Im Tal entstanden die ersten 
Einzelgefechte mit den Burnusträgern. 

Als erster fiel der wackere Henry, der seine Verfehlungen hatte 

wiedergutmachen wollen. Ihm stieß Iwein den Dolch von hinten ins 
Herz. »Stirb, Verräter!« rief er zornentbrannt. Dann wandte er sich 
gegen Louis. 

Im gleichen Augenblick brandete eine zweite Welle von 

Angreifern die Hügel herab. Es waren Galahads Burgscharen  - hier 
und da ein Ritter, in der Mehrzahl leichtgerüstete Knappen. 

Louis hätte sie gern mit einem Pfeilhagel empfangen. Doch er 

mußte sich gegen den zornigen Iwein wehren. 

Iwein war sofort dank seines viel längeren Schwertes und seiner 

reichen Erfahrung im Vorteil. Doch führte er seine kraftvollen Hiebe 
so langsam, daß der flinke Louis sich durch behende Sprünge immer 
rechtzeitig außer Reichweite der niedersausenden Klinge brachte. 

Iwein kochte vor Zorn. Alles war  dazu angetan, sein Blut zum 

Sieden zu bringen. Eigentlich hatte ihm nämlich Sir Galahads 
Auftrag ebensowenig gepaßt wie Henry. Die listige Fallenstellerei 
widerstrebte seinem geradlinigen Wesen. Er war von Natur aus ein 
Draufgänger und kein Ränkeschmied. 

Aber er stimmte trotzdem zu  - aus Verehrung für Galahad und weil 

er als sein Lehensmann von ihm abhängig war. Um so mehr ärgerte 
ihn das Mißlingen des teuflischen Planes. Galahad würde 
möglicherweise ihm die Schuld geben - ausgerechnet ihm! 

In seiner grenzenlosen Wut schlug er immer aufgeregter nach dem 

tanzenden Louis und traf nun erst recht nicht. 

Plötzlich fuhr sein Schwert in den Stamm der großen Platane. So 

tief bohrte sich die Klinge in das feuchte Holz, daß er sich vergeblich 
mühte, sie wieder herauszuziehen. Während er noch mit aller Kraft 
zerrte, stolperte er über einen losen Zipfel seines Burnus. 

Er fiel genau in das von Louis zur Abwehr erhobene Kurzschwert. 
Pierre, den es wenig nach Schwertstreichen gelüstete, nach 

fremden noch weniger als nach eigenen, hatte inzwischen 
umsichtigerweise die Pferde herangeholt. Denn auf die Dauer 

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konnten sie sich im Tal natürlich nicht halten. Immer näher kamen 
die Horden der Ritter, Knappen und Knechte, die Galahad 
ausgesandt hatte. 

Auf einen Wink Rolands saßen die Überfallenen auf und 

galoppierten den Weg zurück, den sie gekommen waren. Nur an 
dieser Seite war der Ring der Angreifer noch nicht geschlossen. 

Roland wollte ihnen folgen, sah sich aber unversehens in ein 

Handgemenge mit vier Gegnern verwickelt. Der Vorderste schwang 
einen Morgenstern. 

Mit einem einzigen Schlag zertrennte Roland die mit Stahlnägeln 

gespickte Holzkeule in zwei Teile. Verblüfft schaute der Mann auf 
das kurze Griffstück, das ihm noch in der Hand verblieben war. Dann 
wurde er blaß und rannte davon, so schnell ihn seine Füße trugen. 

Da sauste auch schon eine scharf geschliffene Sense rauschend 

durch die Luft. Im letzten Augenblick sah Roland den blitzenden 
Stahl. Gedankenschnell duckte er sich  - sonst hätte sie ihn regelrecht 
geköpft. 

Der Fehlschlag brachte den Sensenschwinger aus dem 

Gleichgewicht. Roland entriß ihm das gefährliche Gerät und warf es 
weit fort. Mit leeren Händen stand der Angreifer wie angewurzelt da. 

Doch Waldemar, der junge Ritter Galahads, schob ihn einfach 

beiseite. Jetzt griff er an, und nun erging es Roland schlecht. Denn 
der Gefolgsmann von der Meerburg war bei guten Lehrern in die 
Schule gegangen, während Roland in dieser Kampfart völlig ungeübt 
war. 

Wie sirrende Strahlen zuckte die Klinge in Waldemars geschickter 

Hand. Nur Rolands rasche Reaktionen bewahrten ihm zunächst die 
heile Haut unter dem leichten Kettenpanzer. 

Im Rhythmus der Hiebe sprang Roland wie ein Besessener vor und 

zurück. Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit, und das Eisen hätte 
ihn erwischt. Er selber kam kaum zum Schlag. 

So verlief das Gefecht, bis Roland allmählich langsamer wurde. 

Immer knapper vermied er den heißen Stahl. Waldemar sah das 
wohl. Und er gedachte, ein Ende zu machen. Denn auch ihm wurde 

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das Atmen schwer und die Luft knapp. 

Sein nächster Stoß war auf Rolands Hüfte gezielt. Doch das war 

nur eine schlaue Finte. Danach wollte er blitzschnell den Degen 
hochreißen und den tödlichen Schlag führen. 

Nur sein Blick verriet die Absicht. Roland war sofort im Bilde. 

Deshalb reagierte er gar nicht erst auf die Finte. Statt dessen führte er 
von oben her einen Stoß auf den in diesem Augenblick ungedeckten 
Ritter. 

Mit einem Schmerzenslaut brach Waldemar zusammen. Blut färbte 

seine Schulter. Roland wollte sich zu dem Verwundeten 
niederbeugen. Aber da verriet ihm ein Blick, daß er schleunigst den 
Rückzug antreten mußte. Galahads Krieger in einer Stärke von etwa 
fünfzig Männern waren bereits in bedrohlicher Nähe. 

Ein lauter Schnalzer rief den klugen Rih herbei. Roland sprang in 

den Sattel und ritt seinen Männern nach. Hinter ihm gellte das 
Wutgeheul der enttäuschten Krieger. 

Rih galoppierte an, leichtfüßig und elegant wie immer. Ein paar 

Pfeile flogen ihnen nach, verfehlten sie aber. 

Bald waren sie außer jeder Gefahr. 
Da wurde Roland jäh nach vorn gerissen! 
Mit dem Kopf schlug er hart auf die Mähne des Rappen. Erst jetzt 

sah er zu seinem Schrecken, daß das Tier mit einem Vorderfuß in ein 
Fuchsloch geraten war. Ohne Zögern glitt Roland aus dem Sattel. 

Rih schwankte. Der herrliche Pferdekörper spannte voll 

Verzweiflung alle Muskeln, um sich aus der Falle zu befreien. 

Dann lief ein krampfhaftes Zucken durch den schlanken Rumpf. 

Mit einem Wiehern, das wie der Wehschrei eines Menschen klang, 
fiel Rih zur Seite. 

Nie mehr würde das schöne Tier mit unerhörter Schnelligkeit über 

die Erde dahinfliegen. 

Roland ließ sich neben ihm auf ein Knie nieder. Nun sah er, was 

geschehen war. Rih hatte sich den eingeklemmten Vorderfuß 
gebrochen. 

Mit einem Blick unsäglicher Trauer schaute das von Schmerzen 

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gepeinigte Tier Roland an. Der Ritter klopfte ihm zärtlich den Hals. 

»Du sollst nicht leiden, mein Treuer«, sagte er mit erstickter 

Stimme. »Leb wohl, lieber Freund.« Er zog den Hirschfänger. 

Dann erlöste er Rih mit dem Gnadenstoß von seinen Qualen. 
Roland erhob sich. 
Und wurde im nächsten Augenblick wieder zu Boden gerissen. 
Zehn schwerbewaffnete Männer hatten sich gleichzeitig über ihn 

geworfen ... 

In einer Sänftenkutsche näherten sich auf der Küstenstraße zwei 
junge Damen Sir Galahads Meerburg, die stolz auf den Klippen 
thronte. Die eine war blond, zierlich und von großer Schönheit, die 
andere ihr vollkommener Gegensatz: schwarzlockig, von derberer 
Gestalt, aber fast ebenso anziehend. Zusammen bildeten die Damen 
einen Anblick, der jedes Männerauge entzücken mußte. 

Während die Blonde höchst vergnügt plauderte, wirkte die Dunkle 

verschlossen. Sie gab nur einsilbige Antworten, was ihr die Gefährtin 
jedoch nicht übelnahm. 

Dem Fahrzeug folgten vier bewaffnete Knechte zu Pferde als 

Bedeckung. Von dem Staub, den die Kutschenräder aufwirbelten, 
waren ihre Gesichter wie mit weißem Puder überzogen. Und fast 
ebenso staubbedeckt war die braune Kutte des Mönches, den das 
Gefährt etwa fünf Meilen vor der Meerburg einholte. Mühselig 
schleppte er sich und sein Bündel die Straße entlang. 

»Aus dem Weg, heiliger Bettler!« rief der Kutscher übermütig, 

obwohl der Mönch bereits bis an den Straßenrand zurückgewichen 
war. Doch die schöne Blonde bedeutete ihm anzuhalten. Sie winkte 
den Mönch ans Kutschenfenster heran. 

»Wohin des Wegs, frommer Mann?« fragte sie liebenswürdig. 
»Zur Meerburg, wo ich hoffe, ein Stück Brot als Zehrung, einen 

Schluck Wasser als Labe und eine Schütte Stroh als Nachtlager zu 
erhalten«, antwortete der bärtige Mönch mit überraschend 

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wohlklingender und jugendlicher Stimme. 

»Ihr seht erschöpft aus«, sagte die Blonde mitleidig. »Da wir 

denselben Weg haben, mögt Ihr ebensogut mit uns fahren. Steigt ein! 
Im Notfall mag uns Eure Kutte mehr Schutz gewähren als die 
Waffen unserer Begleiter.« 

Der Mönch dankte mit artiger Höflichkeit und erfuhr auf der 

Weiterfahrt, daß die Schöne ein Burgfräulein namens Reinhild war 
und einer Einladung ihres weitläufigen Verwandten Galahad folgte. 
Die Schwarzhaarige war ihre Dienerin Svea. »Wundert Euch nicht, 
wenn sie kein Wort zu unserer Unterhaltung beiträgt.« 

»Hat sie ein Schweigegelübde abgelegt?« fragte der Mönch. 
»Das nicht, aber sie hängt meist trübseligen Gedanken nach. Sie 

hat ein schweres Schicksal hinter sich und verlor ihren Liebsten. 
Wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen.« 

»Oh, das ist hart. Ich werde für sie beten. Und Ihr, Fräulein«, fragte 

der Mönch kecker, als es seinem Stande geziemte, »wie steht es mit 
Eurem Liebsten?« 

Sie lachte hell auf. »Das hat noch gute Weile. Ich bin keine 

zwanzig Jahre alt. Übrigens habe ich die Vermutung, daß Galahad 
mich nur eingeladen hat, um mir den Hof zu machen. Vielleicht lasse 
ich mir's gefallen, vielleicht nicht. Um mein Herz zu gewinnen, 
müßte er schon einen prächtigen fahrenden Ritter ausstechen, den ich 
vor einigen Wochen kennengelernt habe. Leider hatte er große Eile 
und empfahl sich, ehe unsere Bekanntschaft zehn Minuten gewährt 
hatte.« 

»Ein sonderbarer Gesell«, verwunderte sich der Kuttenträger. 

»Man sollte meinen, er hätte sich gar nicht mehr losreißen können 
von Euch.« 

»Nun, er hatte guten Grund zur Eile«, versetzte Reinhild ernst. 

»Vielleicht kennt Ihr ihn gar, da Ihr ja viel auf den Straßen des 
Landes herumkommt. Sein Name ist...« Und nach einem 
verstohlenen Blick auf Svea, die geistesabwesend aus dem Fenster 
blickte, flüsterte sie dem Mönch ins Ohr: »Roland!« 

Dann sah sie ihn erwartungsvoll an. 

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Der Mönch war unmerklich zusammengezuckt. In seinen braunen 

Augen glomm ein Funke auf. Doch dann senkte er die Lider, 
schüttelte den Kopf und murmelte: »Nein, den kenne ich nicht.« 

Reinhild war noch keine drei Stunden auf der Meerburg, als sie 
Roland im Triumphzug anbrachten. Aber sie erfuhr es nicht mehr. 
Denn zu dieser Zeit schlief sie schon tief und fest in einer Kemenate. 
Nach den Reiseanstrengungen würde sie wohl bis zum nächsten 
Mittag durchschlafen. 

Gleich nach ihrer Ankunft hatte Galahad ihr einen Besuch 

abgestattet. Der große Mann bewies geschliffene Höflichkeit, gepaart 
mit überschäumender Anteilnahme. Da er zudem ein Bild von einem 
Mann war, empfing Reinhild einen höchst angenehmen Eindruck von 
ihm. 

Dennoch schien sie Rolands Nähe im Unterbewußtsein zu spüren. 

Denn wieder und wieder träumte sie von ihm ... 

Sie  träumte, Roland klettere an einer seidenen Strickleiter zum 

Fenster herein, beuge sich über sie und bedecke ihren Körper mit 
feurigen Küssen. 

Sie träumte, er nähme sie bei der Hand und ritte mit ihr weit fort 

auf ein fernes Schloß. 

Sie träumte manchen Traum. Aber immer war Roland der Held 

darin, und immer schwelgten sie beide in dem Glück 
beieinanderzusein. 

Doch nicht einmal träumte sie, daß Roland gefangen war und, ehe 

die Sonne zum drittenmal gesunken war, sterben sollte! 

Auf Fürsprache Reinhilds war der Mönch in Gnade vom Burgherrn 
aufgenommen worden. Widerwillig nur ließ man ihm zukommen, 
worum er bat: Wasser, Brot und Stroh. Strenger Befehl ward 

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gegeben, daß niemand ihm mehr  reichen dürfe. So hoffte man, den 
frommen Bruder,  der als Schmarotzer angesehen wurde, am 
schnellsten loszuwerden. 

In der Gesindestube wählte der Mönch demütig den niedrigsten 

Hocker, setzte sich drauf und begann bedächtig mit 
niedergeschlagenen Augen seine Mahlzeit. Die wenigen, die von ihm 
Notiz nahmen, versuchten, ihn zu hänseln, wobei sie ihren ganzen 
Witz entfalteten. 

»Ist es wahr«, fragte einer, »daß dich sofort der Teufel holt, wenn 

du eine Frau berührst?« 

»Selbstverständlich«, antworte er in größter Ruhe. »Aber so 

manchem Ehemann, den ich kannte, geht es weit schlechter, weil er 
glauben muß, mit des Teufels Großmutter vermählt zu sein, so 
garstig ist sein Weib!« 

Die Leute lachten. Sie begannen, an dem spaßhaften Mönch 

Gefallen zu finden. 

Eine Magd fragte ihn, wobei sie vor unterdrückter Lachlust 

prustete: »Hast du etwa ein Gelübde getan, dich nur von Wasser und 
Brot zu ernähren?« 

»Du hast mich durchschaut, wertes Fräulein«, versetzte der Mönch 

in bescheidenem Ton. »Ich habe in der Tat ein heiliges Gelübde 
darauf abgelegt, und ich gelobe es täglich von neuem, mich 
ausschließlich von Wasser und Brot zu ernähren...« Er machte eine 
kleine Kunstpause, um dann mit Nachdruck fortzufahren: »...Solange 
ich nichts Besseres zu beißen und zu saufen habe!« 

Diesmal war das Gelächter allgemein. Einige Knechte schlugen 

dem Mönch auf die Schulter und versicherten ihm, daß er ein prima 
Kerl sei, nicht so ein Hosenscheißer wie die anderen Mönche, die 
hier genächtigt hatten. Die Mägde beeilten sich inzwischen, ihm 
Buchweizengrütze, Schweineschmalz und leichtes Bier zu bringen. 

Der Mönch speiste und trank mit sichtlichem Vergnügen. Auch an 

Schmatzen, Rülpsen und Ärgerem ließ er es nicht fehlen. So konnte 
jeder deutlich hören, wie gut es ihm schmeckte. 

Alsdann entnahm er zum Erstaunen aller seinem Bündel eine 

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Fiedel und spielte darauf zum Tanz, besser, als ein echter Musiker es 
fertiggebracht hätte. 

Sie tanzten und schmausten bis kurz vor Mitternacht. Wieder und 

wieder versicherten die Paare dem Mönch ihre Dankbarkeit. 
Mancher drückte die Hoffnung aus, er werde noch eine lange Zeit in 
der Burg Sir Galahads verweilen. Vor dem Schlafengehen räumte 
man eilfertig die Strohschütte weg und bereitete ihm ein richtiges 
Lager aus Decken und Bettuch. 

Eine dralle Magd wollte sich gar zu ihm legen. Da aber verlor der 

Mönch die Geduld und wies sie mit barschen Worten davon. »Willst 
du, daß uns beide der Teufel holt?« 

Die Magd wurde schreckensbleich und zog sich eilends zurück. 

Als sie Roland vor Sir Galahad stießen, war er mehr tot als lebendig, 
so viele Stöße und Schläge hatte er unterwegs erdulden müssen! 
Zudem hatten sie ihn in eiserne Ketten gelegt, deren Gewicht nur mit 
äußerster Mühe zu tragen war. Dennoch trat er in aufrechter Haltung 
vor den Mörder Sigurds. 

»Willkommen auf Burg Meerburg!« begrüßte ihn Sir Galahad mit 

beißendem Spott. »Ich wußte, daß du früher oder später mein Gast 
sein würdest, Roland. Vielleicht hast du dir deinen Einzug etwas 
anders vorgestellt...« 

»Euer Spott ist läppisch, Galahad«, unterbrach ihn Roland in 

aufwallendem Ärger. Seine Ketten klirrten bei jeder Bewegung. 
»Gebt sofort Befehl, daß man mir die Ketten abnehme! Dann 
wappnet Euch! Denn im Namen des Königs Artus fordere ich Euch 
zum Zweikampf. Ihr werdet den Tod des edlen Sigurd sühnen.« 

»Hat dir die Todesangst den Sinn verwirrt?« höhnte Galahad. 

»Was habe ich mit Sigurd zu schaffen? Ich weiß nicht einmal etwas 
davon, daß er tot sein soll. Wenn ich mich nicht irre, sah ich ihn 
zuletzt noch bei bester Gesundheit. Allerdings kannte ich ihn nur 
flüchtig. Nannte man ihn nicht verächtlich den >armen Ritter<?« 

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»Arm an Geld war er wohl, dafür reich an Ehre!« 
»Was verstehst du Tölpel von Ehre? Roland, der Köhlerssohn! 

Weißt du, wie wir dich hier nennen? >Den falschen Ritter<! Ein 
erbärmlicher Betrüger bist du! Ich werde dich auspeitschen lassen 
und dich zu Fuß zu deinem rußbeschmierten Vater im tiefsten Wald 
zurückschicken. Und du wirst mir auf den Knien dafür danken, daß 
ich so gnädig mit dir verfahre!« 

Am Eingang der Halle, in der Galahad auf hohem, geschmücktem 

Sessel saß, entstanden Bewegung und Lärm. Ein paar Männer 
versuchten einzudringen. Die Türwache widersetzte sich. Fäuste 
hoben sich. Erst ein Machtwort des Burgherrn verschaffte den 
Männern den verlangten Zutritt. 

Es waren ihrer drei in zerlumpten, verdreckten Kleidern. Sie 

stanken nach Schweinekot, Jauche und Fäulnis, viel schlimmer als 
Pierre nach seinem Sturz auf den Misthaufen. Schwerbeinig 
schlurften sie herein wie Leute, die viele Stunden tagsüber harte 
körperliche Arbeit leisteten, und warfen sich vor Galahad zu Boden. 

Diese Sitte hatte Galahad im Morgenland kennengelernt, und der 

machthungrige Mann hatte sie auf seiner Burg eingeführt, weil es 
ihm wohlgefiel, auf gebeugte Rücken hinunterzuschauen. 

Roland staunte. Wie kam es, daß der Herr von der Meerburg diese 

stinkenden Landarbeiter  überhaupt in seine reich ausgestattete Halle 
ließ? Was ging hier vor? 

Und in diesem Augenblick erkannte er einen der Männer. Es war 

der grauhaarige Älteste von Aars Gefolgsleuten. Eben antwortete er 
auf Galahads Frage, ob er den Mann in Ketten kenne. 

Ohne Roland eines Blickes zu würdigen, antwortete der Gefragte: 

»Ja, Hochedler, es ist Roland, der falsche Ritter.« 

Und seine Begleiter murmelten ihm nach: »Ja, Hochedler, es ist 

Roland, der falsche Ritter.« Auch sie sahen Roland nicht an. 

»Was soll dieser unwürdige Auftritt?« rief Roland ungeduldig. 
Unbeirrt durch den Einwurf fragte Galahad den Grauhaarigen: 

»Warst du beim Tode Aars, meines liebsten Freundes, dabei?« 

»Ja, Hochedler, ich war in nächster Nähe und merkte mir alles, was 

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geschah.« 

Und abermals  wiederholten die beiden anderen murmelnd diesen 

Satz. 

»Dann schildere deine Wahrnehmungen, Alter! Aber ich warne 

dich: Bleib bei der Wahrheit! Sonst ergeht es dir übel.« 

Der Grauhaarige holte tief Atem und begann mit brüchiger 

Stimme: »Der falsche Ritter  forderte Aar zum Zweikampf heraus. 
Großmütig gewährte ihm der vom Adlerhorst die Bitte, weil er 
fälschlich vermeinte, Roland sei wirklich ein Ritter. Wie es Aars 
fromme Art war, betete er, bevor er die Rüstung anlegte, daß der 
Herr dem besseren Kämpfer den Sieg schenken möge. Diesen 
Augenblick benutzte der falsche Ritter, um sich mit seinen 
Spießgesellen, einem üblen Verbrecherpack, heimtückisch an Aar 
heranzuschleichen. Und dann ...« Ihm versagte die Stimme. 

Von draußen klangen rätselhafte, wilde Laute in die hohe Halle. Es 

war jetzt der vierte Tag, an dem die Bären keine Nahrung mehr 
erhalten hatten. 

»Sprich weiter!« forderte Galahad den Grauhaarigen auf. 
»Wie leibhaftige Teufel schlugen und stachen sie auf den 

Wehrlosen ein, bis er entseelt zu Boden  sank  - mitten im Gebet!« 
keuchte der Alte, wobei die Worte einander in viel schnellerem 
Rhythmus folgten, als es seiner üblichen Sprechweise entsprach. 

Roland verstand, warum er das tat. Er wollte die ungeheuerliche 

Lüge herauswürgen, ehe er an ihr erstickte. 

Und doch, dachte Roland, wie konnte jemand, der Zeuge des 

wirklichen Vorgangs gewesen war, sich zu solcher Lüge erniedrigen? 
Ein Blick auf die Lumpen des Mannes erklärte vieles. 

Galahad ließ also Aars ehemalige Männer, die sich zu ihm 

geflüchtet hatten, Sklavendienste verrichten. Wahrscheinlich 
behandelte er sie absichtlich schlecht. Durch ihre erbärmlichen 
falschen Zeugenaussagen hofften sie, wenigstens einen matten 
Abglanz seiner Gnadensonne zu erringen. Sie sprachen aus, was er 
gern hören wollte. Sie redeten ihm strikt nach dem Mund. 

Murmelnd bestätigten die beiden anderen wie vorher die Aussage 

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des Alten. 

Roland wurde es beinahe übel vor Ekel. Was waren das für 

Menschen! Sein Widerstandswille schmolz unter dem Andrang von 
soviel Niedrigkeit dahin. 

Und wieder rumorten draußen die Bären. Es hörte sich wie ein 

heraufziehendes Gewitter an. 

Auf einen Wink Galahads zogen sich die drei stinkenden Lügner 

zurück. 

»Damit bist du entlarvt, du grundfalscher Ritter«, sagte der 

Burgherr mit hohntriefender  Stimme. »Ich schäme mich, daß es in 
unserem Land Kreaturen wie dich gibt. Diese drei ehrenwerten 
Männer, die weder Lug noch Trug kennen, haben dir die Maske 
endgültig und völlig von der Fratze gerissen. Du bist nicht nur ein 
schändlicher Betrüger, sondern auch ein feiger Meuchelmörder!« 

Roland hörte ihm kaum noch zu. Die schmutzige Posse war ihm so 

widerwärtig, daß er sogar auf einen Einspruch verzichtete. 

Aber Galahad war nun in seinem Fahrwasser. Er begeisterte sich 

an der eigenen erheuchelten Rechtschaffenheit. »Eigentlich sollte ich 
dich aufs Rad flechten«, sagte er in schulmeisterlichem Ton. »So 
jedenfalls würden andere Herren mit Verbrechern wie dir verfahren. 
Weh mir, daß ich ein so weiches Herz habe! Selbst solchem 
Abschaum der Menschheit kann ich kein unbarmherziger Richter 
sein!« 

Er sprang auf und lief in großem Bogen um den wie versteinert 

dastehenden Roland herum. »Andererseits kann ich es nun nicht 
mehr wagen, dich zu deinen Eltern heimzuschicken. Wer weiß denn, 
ob deine Blutgier vor ihnen  haltmacht? Vor dir scheint ja kein 
Mensch mehr sicher zu sein.« 

Er hielt inne und lauschte aufmerksam dem tiefen, 

durchdringenden Brummen der vor Hunger fast tollwütigen Bären. 

Dann stellte er sich genau vor Roland auf und sagte: »Sei es drum! 

Auch wenn du ein Teufel in Menschengestalt bist, sei dir gnädig dein 
Wunsch erfüllt. Du sollst um dein Leben kämpfen dürfen! Und zwar 
mit deinesgleichen! Siegst du, so bist du auf der Stelle frei!« 

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Roland horchte auf. Das war ein neuer Ton. Ein ganz leiser 

Hoffnungsfunken regte sich in seiner Brust. 

»Weil du aber eine Bestie bist«, fuhr Galahad in erhöhtem Ton 

fort, »weil du wie ein wildes Tier durch unser Land gezogen bist, so 
sollst du deine Kräfte auch mit Bestien und wilden Tieren messen!« 

Schaurig klangen die Hungerschreie der beiden Bären  - und 

Roland begriff endlich, welche Gegner Galahad ihm zugedacht 
hatte... 

Am Morgen ihres fünften Hungertages tobten die beiden Bären, als 
wollten sie die eisernen Käfigstangen niederreißen. Die fremdartigen, 
erschreckenden Geräusche rissen bald auch Reinhild aus dem Schlaf. 

Kurze Zeit später holte sie Sir Galahad zu einem Rundgang durch 

die Burg ab. Die Bären hatten sich inzwischen beruhigt. 

Dies war ein anderer, reicherer Bau als der alte, leicht verwahrloste 

Adlerhorst! In jedem Raum spürte man den Reichtum, die 
Weitläufigkeit und den guten Geschmack des Burgherrn. Auch heute 
behandelte er Reinhild mit erlesener Höflichkeit und unverkennbarer 
Sympathie. Seine bewundernden Blicke entgingen ihr nicht und 
schmeichelten ihrer weiblichen Eitelkeit. 

Wenn er beim Ersteigen einer Treppe oder beim Eintritt in einen 

Raum ihren Ellbogen oder Oberarm leicht berührte, durchrieselte sie 
ein wohliger Schauer. Im Gespräch ließ er durchblicken, daß er nach 
langen  Jahren voller Abenteuer des Junggesellenlebens herzlich 
müde sei. 

»Sicherlich wäre ich schon vermählt, hätte eins unserer 

Burgfräulein mir wirkliche Liebe eingeflößt«, gestand er mit einem 
schiefen Lächeln, das ihm sonderbar gut stand. »Doch das mag sich 
rasch ändern. Ich verhehle Euch nicht, daß eine gewisse junge Dame 
seit einiger Zeit unaufhörlich durch meine Gedanken spukt.« 

»Und wie heißt das glückliche Mädchen?« fragte sie lächelnd. 
Er sah ihr vielsagend tief in die Augen. »Solltet Ihr das wirklich 

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nicht erraten, Reinhild?« fragte er langsam. 

Verwirrt schwieg sie. 
»Wie dem auch sei«, fuhr er nach einer Pause fort, »ich bin in der 

Lage, Euch morgen ein Schauspiel zu bieten, desgleichen Ihr 
bestimmt noch nie gesehen habt. Ich lasse einen Mann gegen zwei 
ausgehungerte wilde Bären kämpfen, und wir alle können behaglich 
dabei zusehen, Met schlürfen und Süßigkeiten knabbern. Ihr werdet 
den besten Platz vor dem Zwinger erhalten  - an meiner Seite. Wenn 
der Mann nicht zu schnell unterliegt, verspreche ich uns ein äußerst 
unterhaltsames Erlebnis. Und danach ...« 

Es war Reinhild, als wehe sie plötzlich ein eiskalter Hauch an. 

Hatte sie richtig gehört? War dieser lächelnde, immer galante 
Kavalier in Wirklichkeit ein unberechenbarer Barbar? Sie wollte 
Fragen stellen, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. 

Ihm fiel ihr Stimmungsumschwung nicht auf. »Nicht wahr, da freut 

Ihr Euch auch? Schwerlich kann irgendein anderer Burgherr Euch 
derlei Genüsse bieten. Es handelt sich übrigens um einen Mann, der 
unbedingt den Tod verdient. Ein Raubritter, der sengend, mordend 
und plündernd durch die Lande zieht. Überall hinterläßt er Witwen 
und bittere Tränen. Eine Handvoll meiner tapferen Krieger haben ihn 
gestern gefangen.« 

Es fröstelte Reinhild immer mehr. »Wie schrecklich«, seufzte sie 

leise. »Aber müßt Ihr ihn wilden Tieren ausliefern? Ist das nicht... 
barbarisch?« 

»Ach was«, lachte er unbekümmert. »Ein köstlicher Spaß wird das! 

Es sei denn, Ihr seid eine jener verzärtelten Tränensusen, die 
ohnmächtig werden, wenn sie nur  Blut sehen. Aber danach seht Ihr 
mir nicht aus!« 

Ärgerlich stampfte Reinhild mit dem Fuß auf. Ihr Gesicht flammte. 

»Ihr werdet mich auch in gefährlichen Lagen nicht ohnmächtig 
werden sehen, Sir Galahad! Dennoch hasse ich den Gedanken, daß 
Ihr einen Menschen, was immer er auch verbrochen haben mag, 
Bestien zum Fräße vorwerft!« 

»Hahaha, Jungfer Reinhild, so gefallt Ihr mir! Ihr seht bezaubernd 

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aus, wenn Erregung Eure Wangen rötet und Ihr das Blondhaar trotzig 
in den Nacken werft. Genießt das Schauspiel oder nicht, mir gilt es 
gleich. Doch rate ich Euch, beleidigt mich nicht! Es ist mein 
Gefangener, und es sind meine Bären  - und folglich ist es meine 
Sache zu entscheiden, was ich mit meinem Eigentum tue ...« 

Sie wandte ihm stumm den Rücken. Er hielt inne und überlegte, ob 

er zu heftig gewesen sei. Ach was, er kannte diese Dämchen! Immer 
zieren sie sich, ob es zur Liebe geht oder zu einem derben Schauspiel 
- und später können sie nicht genug davon bekommen! Er überlegte, 
ob er sie rasch in die Arme nehmen und  unwiderstehlich küssen 
solle. Der Gedanke, in ihrem üppigen Haar zu spielen, gab den 
Ausschlag. Er trat auf sie zu. 

Doch im gleichen Augenblick huschte sie aus der Tür und ließ ihn 

allein. 

Sich mit Svea zu beraten, kam Reinhild nicht in den Sinn. Das 
Gemüt der Schwarzhaarigen, die sie unterwegs in bitterer Not bei der 
Rast in einem Ort kennengelernt und aus Mitleid als Zofe 
mitgenommen hatte, war verdüstert und durfte nicht mit neuerlichen 
Scheußlichkeiten belastet werden. 

Aber an wen sollte sie sich wenden? Wen ins Vertrauen ziehen? 

Bis auf Galahad waren ihr alle fremd. Da fiel ihr der Mönch in der 
staubbedeckten Kutte ein. 

Sie zog Erkundigungen über ihn ein und erfuhr, daß er noch auf 

der Burg weilte. Einen Diener, der ihr am wenigsten geschwätzig 
erschien, schickte sie los, ihn zu holen. 

Wenig später pochte es verstohlen an der Tür ihrer Kemenate, und 

der Mönch schlüpfte herein. Sein Gesicht war sauber und die Kutte 
gereinigt. Sie erzählte ihm, was sie bedrückte. 

»Auch ich hörte davon«, sagte der Mönch ernst. »Ich stellte einige 

Nachforschungen an. Dabei fand ich heraus, daß Sir Galahad, mit 
Verlaub zu sagen, der Wahrheit einen eigenartigen Dreh verleiht, 

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wenn er behauptet, sein Gefangener sei ein Raubritter und 
Meuchelmörder. Vielmehr handelt es sich bei dem Unglücklichen 
um einen Mann, dessen Ehrenschild so rein ist wie frischgefallener 
Schnee am Wintermorgen. Es ist...« Er stockte. 

»Nun?« forschte Reinhild. 
Der Mönch suchte nach Worten. »Ihr spracht mir gestern von 

einem Ritter, der trotz kurzer Bekanntschaft freundschaftliche 
Gefühle in Euch erweckt habe...« 

Ihre Augen leuchteten. Sie gedachte der Träume der Nacht. 

»Roland ...«, flüsterte sie. »Ach, wäre er hier! Er wüßte Rat! Er 
würde helfen.« 

»Er ist hier«, sagte der Mönch. 
Sie wollte aufjubeln, da fiel ihr des Mönches düsterer Ton auf. 

»Roland ... Was ist mit ihm?« 

Der Mönch hob die sanften braunen Augen zu ihr auf. »Roland«, 

flüsterte er, »ist der Gefangene, von dem Galahad sprach.« 

Ihr war, als spalte ein Messer ihr Herz. Für Augenblicke verschlug 

es ihr den Atem. Panik überschwemmte sie. 

Doch das verging schnell. Ihr wurde eiskalt zumute, und die große 

Erregung schwand. Wunderbare Klarheit breitete sich in ihrem Kopf 
aus. 

Der Schleier, der sich vor ihre Augen gelegt hatte, wich. Mit einer 

stolzen Bewegung straffte sie den Nacken, und ihr Haar schien in 
goldenen Wellen über die Schulter herabzurieseln. 

Mit fester Stimme fragte sie: »Was rätst du, Mönch?« 
Er hatte die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war, wohl 

bemerkt und fühlte aufrichtige Bewunderung. 

»Einer der Knechte«, berichtete er knapp, »ist mir treu ergeben. Er 

heißt Bill, und er versorgt die Bären. Ein glücklicher Zufall 
vielleicht. Nur Wasser darf er ihnen zur Zeit bringen, doch  - bei 
Strafe des Todes  - keine Nahrung. Denkt nach, Fräulein! Wie 
könnten wir die Bekanntschaft für uns nutzen? Was könnte Bill für 
uns tun?« 

Der Mönch übertrieb nicht. Sein abendliches Gefiedel hatte eine 

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vollbusige Magd dazu verführt, vom Tanz erregt Bills Lager zu teilen 
- ein Ansinnen,  das sie bis dahin stets spröde von sich gewiesen. 
Seitdem brannte Bill darauf, dem Mönch das unverhofft empfangene 
Glück durch eine Wohltat zu vergelten. 

Indessen kam Reinhild zu einem Entschluß. Sie öffnete ihre Truhe 

und entnahm ihr einen Beutel mit einem hellen Pulver. Auf einen 
Wink von ihr verließ der Mönch das Gemach und kehrte binnen 
kurzem mit dem Bärenpfleger Bill zurück, der in Gestalt und 
Bewegung selber einem tapsigen, grollenden Bären glich. Doch 
dieser Klotz von Mann war auch so schüchtern,  daß der Mönch ihn 
mit rauher Gewalt in die Kemenate stoßen mußte. Sonst hätte er sich 
nicht hineingetraut. Dann schloß der Kuttenträger die Tür. 

»Ich möchte, daß du mir eine kleine Freundlichkeit erweist, Bill«, 

begann Reinhild in einem Ton, als handle es sich um eine 
Belanglosigkeit. »Wenn du das nächstemal die Bären tränkst... Wie 
heißen sie übrigens?« 

Die freundliche Frage riß den Knecht, der seine beiden Bären 

weidlich haßte, aus aller Befangenheit. Eifrig erklärte er: »Der 
Schwarze  - es ist ein wahrer Teufel  - heißt Würger. Und der 
Dunkelbraune, den Gott verderben möge, heißt Monster!« 

Würger ... Monster ... 
Wieder bohrte ein Dolch in Reinhilds Herzen. Wieder wogte ein 

Schleier vor ihren Augen. Doch diesmal gewann sie ihre Fassung 
noch schneller zurück. 

»Komm her, Bill«, sagte sie. »Nimm das!« Und sie warf ihm einen 

Dukaten zu, den er leuchtenden Auges mit geschickter Hand fing. Es 
war der erste eigene Dukaten seines Lebens. 

Als sie ihm das Pulver aushändigte, war ihre Stimme hart 

geworden. »Dies ist für Würger und Monster bestimmt. Mische es 
morgen früh in ihr Trinkwasser, Bill! Niemand wird es bemerken, sei 
ohne Furcht! Denn es riecht nicht, es schmeckt nach nichts, und es 
färbt nicht. Aber es wird Würgers und Monsters Krallen schärfen und 
ihre Kräfte vervielfachen, damit sie diesen schändlichen Verbrecher, 
den Sir Galahad gefangen hat, auch wirklich töten!« 

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Den biederen Bärenwärter schauderte es. Aber er wollte dem 

Mönch ja einen Gefallen tun! Und den Dukaten mochte  er auch 
allzugern behalten. So überwand Gier alle seine Bedenken. »Ich 
werde tun, was Ihr verlangt«, versprach er demütig und entfernte 
sich. 

»Was für ein Pulver habt Ihr ihm gegeben?« fragte der Mönch, als 

er mit Reinhild allein war. 

»Ein starkes Schlafmittel. Mit diesem Trank im Leibe werden die 

Bären nicht eine Tatze gegen meinen Roland erheben können.« 

Der Mönch stieß einen tiefen Seufzer aus. »Gebe Gott, daß Euer 

Plan gelingt.« 

Beschwingt trabte indessen Bill den Gesinderäumen zu. Der 

goldene Dukaten  in seiner Tasche vermittelte ihm das Gefühl, ein 
reicher Mann zu sein. 

Doch während er so dahinschritt, wurde ihm bange vor der 

Grausamkeit dieser schönen goldblonden Frau. Was für ein kaltes 
Herz sie haben mußte! Was für ein niederträchtiger Gedanke, die 
Tatzen von Würger und Monster durch ein Zauberpulver noch zu 
schärfen! Wie konnte eine Frau, eine so hinreißend schöne Frau, so 
gemein sein ...? 

Wie Bill Würger und Monster kannte, würden sie auch ohne 

schärfendes Pulver mit dem »schändlichen Verbrecher« fertig 
werden. 

Bill hatte den Dreckskerl einmal zu Gesicht bekommen. Er sah wie 

ein Milchbart aus edlem Geschlecht aus. Bill konnte nicht glauben, 
daß er all die Verbrechen wirklich begangen, die man ihm nachsagte. 
Er wirkte wie ein aufrechter Ritter. 

Und deshalb beschloß Bill im geheimen, das scharfe Pulver am 

nächsten Morgen nicht den Bären, die er von Herzen verabscheute, 
sondern dem armen Dreckskerl in eisernen Ketten einzuflößen. 
Vielleicht stärkte es seine Kräfte derart, daß er wider alle Vernunft 
Würger und Monster besiegte ... 

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Louis fluchte. 

Keiner hatte einen solchen Vorrat an Flüchen wie er. Sein 

Gedächtnis hatte alle Flüche treulich bewahrt, die er von widerlichen 
Räubern und deren armen Opfern sowie später von erbosten, halb 
oder ganz besoffenen Gästen vernommen hatte. Aus diesem 
unerschöpflichen Vorrat bediente er sich jetzt. 

Denn Louis war der Verzweiflung nahe. 
Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Roland zu befreien. Das war 

er ihm schuldig. Nie konnte er vergessen, wie Roland ihn todesmutig 
aus Aars Banden erlöst hatte. 

Bis zum Hals in der Erde eingegraben, hatte er bereits mit dem 

Leben abgeschlossen gehabt. Wie ein Engel war ihm Roland damals 
erschienen. Und das sollte unvergolten bleiben? 

Auf Schleichwegen hatte Louis seinen kleinen Trupp, das Tal 

Broncevalle umgehend, in die Nähe der auf steiler Felsklippe hoch 
über dem Meer thronenden Burg geführt. Doch hier mußte er nach 
genauer Erkundung einsehen, was vor ihm so mancher Feind des 
jeweiligen Burgherrn eingesehen hatte. 

Meerburg war uneinnehmbar. 
Louis, Pierre und ihre drei neugewonnenen Kameraden nahmen 

fünf Meilen von Meerburg entfernt im Dorf Malo Quartier. Die 
Fischer waren nicht gut auf Sir Galahad zu sprechen. Oftmals hatte 
seine harte Hand empfindlich auf ihnen geruht. Als ihnen Louis 
seinen Plan offenbarte, versprachen sie ihm jede Unterstützung, 
Zunächst verwandelte sich Louis aus einem Ritterknappen in einen 
waghalsigen jungen Fischer. Und nie hat jemand an dieser Küste 
waghalsiger und fischermäßiger ausgesehen als Louis. Mit einem 
Korb voll frischer Makrelen machte er sich zu Fuß auf zur Meerburg. 
Doch er kam nicht weit. Nach zwei Meilen wurde er, wie die Fischer 
ihm vorausgesagt hatten, angehalten. 

Ein großer Anger bildete hier die Begegnungsstätte zwischen 

Burgleuten und Dorfmenschen. Hier wickelten sie ihre Geschäfte ab. 
Hier hielten die gelegentlichen Kutschen. Hier zeigten die reisenden 
Händler ihre Waren. Wachen, die tags und nachts um die Burg 

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streiften, verhinderten jedes weitere Vordringen. 

Louis führte einige abtastende Gespräche. Ohne Ergebnis. Dann 

verkaufte er, um keinen Verdacht auf sich zu lenken, seine Makrelen. 
Zähneknirschend wollte er sich auf den Rückweg machen, als er 
plötzlich, wie vom Blitz getroffen, innehielt. 

Am Rande des Angers ging langsamen Schrittes die Frau, die er 

mehr als alles auf der Welt liebte. Die Frau, für die er alles vollbracht 
hätte, sei es Heldentat oder Untat. 

Ihr reiches schwarzes Haar war ungebärdig wie eh und je. Sie trug 

neue Kleider von höfischem Schnitt. Sie ging zögernd, doch 
unbeirrbar. Ihr Haupt war geneigt, und sie schien sich um niemanden 
zu kümmern. 

Klopfenden Herzens folgte er ihr. Die unerwartete Begegnung 

löschte jeden anderen Vorsatz in ihm aus. 

Svea! 
Welch ein Name! Lautlos formten ihn seine Lippen. 
Wohnte sie auf der Burg? Viele Gäste von Meerburg gingen an 

schönen Tagen gern auf dem Anger spazieren, wo es immer etwas 
Neues zu sehen und zu hören gab. 

Louis hielt es nicht länger aus. Rasch überholte er Svea, drehte sich 

um und blieb vor ihr stehen. Auch sie hielt an, hob aber kaum den 
Kopf. 

»Svea!« sagte er, und seine ganze Seele lag in dem einen 

herrlichen Wort. 

Sie machte eine fahrige Bewegung mit der Hand, als scheuche sie 

ein Insekt fort, und begann zu zittern. »Was wollt Ihr?« fragte sie mit 
einer Stimme, die seltsam leer klang. »Gebt bitte den Weg frei! Ich 
habe Euch nichts getan. Und ich habe nichts mit Euch zu schaffen.« 

»Svea, erkennst du mich nicht? Ich bin Louis!« 
Sie zitterte stärker. »Ich kenne keinen, der Louis heißt.« Ihre 

Stimme war wie erloschen. »Rührt mich bitte nicht an, und laßt mich 
meines Weges gehen! Reinhild, meine Herrin, erwartet mich.« 

Er trat nah an sie heran. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er 

berührte ihr Kinn und hob ihr Gesicht an, so daß sie ihn ansehen 

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mußte. 

Sveas Augen! Wie oft war er von ihrem leidenschaftlichen Feuer 

bezaubert worden! Auf hundert Schritte hatte er sonst ihren Blick 
gespürt. Doch jetzt schaute er in zwei kalte, dunkle Steine. 

Weinerlich sagte sie: »Wenn der Herr nun weggehen würde ...« 
Seine Arme sanken herab. Die Sonne schien sich zu verfinstern. 

Svea ... Was hat man aus dir gemacht...? 

Hastig wandte sie sich ab und ging auf die Wachen zu, die sie nach 

kurzer Befragung passieren ließen. 

Lange Zeit stand Louis wie betäubt auf dem gleichen Fleck. Er 

begriff, daß Svea ihm für immer verloren war. Nicht, weil ein 
anderer ihr Herz erobert hätte. 

Die furchtbaren Schicksalsschläge hatten ihren Geist verwirrt und 

umnachtet. 

Maßlose Verzweiflung packte Louis. Er merkte kaum, daß ihm 

Tränen über die Wangen liefen. Wie im Traum ging er zurück ins 
Fischerdorf. 

Langsam, unsicher schritt Svea der Meerburg zu. Sie hatte die 

Begegnung schon wieder vergessen. Nur ein Name klang in ihr nach: 
Louis. Doch er weckte keine Erinnerung. Er war ihr fremd und 
unheimlich. 

Während sie zögernd Schritt vor Schritt setzte, stimmte sie ein 

trauriges Lied an. 

Svea sang: 
»Wüst ist die Welt, das Dasein Wahn. Abschüssig ist des 

Menschen Bahn. Sie pflückten eine Rose in der Früh. Den Abend sah 
die Rose nie. Wüst ist die Welt, das Dasein Wahn  - Was hab' ich 
armes Weib getan!« 

Mit einem Schluchzen, über dessen Grund sie sich keine 

Rechenschaft gab, brach sie ab. 

Der nächste Tag. 

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Sie führen Roland ins Freie. Milde Herbstsonne wärmt ihm das 

bleiche Gesicht. Die Ketten zerren an seinen Armen. 

Im Hof sind rund um den vergitterten Bärenzwinger Sessel 

aufgestellt. Im Halbkreis haben Sir Galahad, seine Ritterfreunde, 
seine Knappen und eingeladene Besucher Platz genommen. Etwas 
abseits, von niemandem bemerkt, hockt in brauner Kutte ein Mönch. 
Er hat ein Bündel zu seinen Füßen. 

Verachtungsvoll blickt Roland auf die Menschen, die sich 

versammelt haben, um seinen Todeskampf mitzuerleben. Denn 
natürlich kann er unbewaffnet kaum etwas gegen zwei riesige Bären 
ausrichten, die der Hunger zu reißenden Bestien gemacht hat. Ein 
goldblonder Haarschopf fällt ihm ins Auge, und plötzlich denkt er an 
Reinhild. Wo mag sie jetzt sein? Wie gut, daß ihr sein schmähliches 
Ende verborgen bleiben wird! 

Sie stoßen ihn in ein Laufgitter, aus dem er nicht mehr entfliehen 

kann. Von außen lösen sie die Schlösser. Die Ketten fallen. Roland 
reckt die Arme, dehnt die Brust, neigt den Körper nach rechts und 
nach links, beugt die Knie - und fühlt sich großartig! 

Von der Last der Ketten befreit, ist ihm, als könne er Bäume 

ausreißen. 

Die Bären gebärden sich wie rasend. Brüllend werfen sie sich mit 

den Tatzen gegen die dünne Trennwand zum Laufgitter. Mit einer 
Eisenstange, die  er von außen in den Zwinger schiebt, treibt Bill die 
Tiere zurück. 

Roland sieht, daß der Mönch sich näher herangeschlichen hat. Er 

schaut genauer hin und bemerkt, daß der Braune ihm verstohlen 
zuwinkt. Aus dem jetzt geöffneten Beutel ragt der Griff einer Fiedel. 

Tief atmet Roland ein. Er wischt sich die Augen. Nein, er hat sich 

nicht getäuscht. 

Der Mönch ist  - sein Freund! Der Minnesänger und fahrende Ritter 

Volker von Hohentwiel. 

Die Worte fallen ihm ein, mit denen Volker Abschied von ihm 

nahm. 

»Sei unbesorgt, Roland! Wenn du mich brauchst, stehe ich an 

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deiner Seite.« 

Zum Zeichen des Erkennens spreizt Roland den Daumen der 

rechten Hand in die Höhe. Dann tritt er mit entschlossenem Schritt in 
den Zwinger. 

Ein plötzlicher Krampf zwingt ihn, den Mund aufzureißen. Unter 

den Zuschauern entsteht Bewegung. Sie machen sich gegenseitig auf 
den unglaublichen Vorgang aufmerksam. 

Da steht Roland vor zwei mordgierigen Bestien ... und gähnt! 
Gähnt, als könne er niemals mehr aufhören zu gähnen. Gähnt so 

herzhaft, so unbekümmert, so zwanglos, als langweile er sich über 
alle Maßen. 

Verblüffung überall! 
Galahad wird unruhig. Er hat ein angstschlotterndes Opfer erwartet 

und keinen selbstsicheren, gelangweilten Mann, der Herr der Lage zu 
sein scheint. 

Nur Reinhild beschleicht ein schrecklicher Verdacht. Wenn dieser 

Bärenpfleger das Schlafpulver vertauschte  - oder mit Bedacht in 
Rolands Trinkwasser vermischt hat - statt in das der Bären ...! 

Sie sucht den ungeschlachten Bill mit den Augen. Aber dessen 

Blick fängt sie nicht. Er ist unverwandt auf seine ungeliebten Tiere 
gerichtet. Nichts an ihm verrät ein schlechtes Gewissen. 

Da greift Würger an! Der schwarze Bär erhebt sich, reckt sich auf 

die Hinterbeine und setzt sich in Bewegung. Die Vorderbeine hält er 
weit ausgebreitet. Nach Bärenart will er Roland in die tödliche 
Umarmung spannen. 

Etwas verspätet folgt ihm Monster. Mit den Vordertatzen führt der 

Dunkelbraune gewaltige Schläge in der Luft aus. 

Und wiederum gähnt Roland ausgiebig. Aufs äußerste gelangweilt 

sieht er den Bestien entgegen. 

Der Mönch legt die Fiedel unters Kinn und setzt den Bogen an. 
Würger kommt näher und näher. 
Reinhild ruft: »Wach auf, Roland, die Bären!« 
Unwillig schaut Galahad sie an. 
Monster taucht neben Würger auf. 

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Noch fünf Schritte ... 
Der Mönch führt den ersten Bogenstrich. 
»Roland, wehr dich!« ruft Reinhild verzweifelt. »Halte aus!« 
Die ersten Takte einer Tanzmelodie klingen durch den Burghof. 
Monster und Würger, die beiden wilden Bären, recken die Schädel 

und stellen die kurzen Ohren auf. Der Mönch fiedelt wie besessen  - 
eine Melodie, die in die Beine fährt, nach der abends Knechte und 
Mägde tanzten, bis ihnen der Atem wegblieb. 

Und dann geschieht das Unerwartete. Die beiden Bären drehen 

sich im Takt des Liedes. Aufrecht stampfen sie um die eigene Achse, 
wiegen sich nach rechts und nach links und bewegen ausdrucksvoll 
die Vorderbeine hoch in der Luft. 

Dabei nähern sie sich einander immer mehr. Nun fassen sie sich 

wie ein menschliches Paar an den Vorderbeinen und drehen sich 
gemeinsam. So enthüllt der kühne Mönch das Geheimnis ihrer 
Herkunft: Es sind Tanzbären! 

Wirklich hat Galahad sie nicht im Ardennerwald in gefahrvoller 

Hatz mit eigenen Händen gefangen, sondern sie vor einigen Monden 
einem fahrenden Schausteller  abgekauft, dem seine Tanzkünstler mit 
der Zeit zu groß und gefährlich wurden. 

Das Bild der sich im Takt herumschwingenden Kolosse wirkt 

unwiderstehlich auf die im Halbkreis versammelten Zuschauer. 
Zuerst kichert einer, bricht aber, wie erschreckt, wieder ab. Dann 
kichern sie, mehr oder weniger verstohlen, überall. 

Wie ein ansteckendes Fieber läuft das Lachen durch die Reihen. 

Ritter werden davon ebenso erfaßt wie die Knappen und die Damen. 
Immer lauter wird es, immer ungehemmter. Sie meckern mit 
hochgeworfenem Kopf, sie prusten, daß die Backen sich aufblasen, 
sie lachen aus dem Zwerchfell, sie kichern hoch und spitz, sie brüllen 
mit Urgewalt. 

Das Gelächter ergreift alle, fährt über sie 'dahin wie ein Sturm, läßt 

keinen ungeschoren, macht sie halb besinngungslos und läßt nicht 
von ihnen ab  - stoßweise klickert das Hahaha, das Hähähä, das 
Hihihi aus den weit offenen Mündern und will nicht wieder aufhören. 

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Nur zwei Menschen werden nicht davon erfaßt. Sie werden so 

wenig davon berührt, als gehörten sie zu einer anderen Welt. 

Der eine ist Roland. An die Gitterstäbe gelehnt, kämpft er 

mühselig darum, die Augen aufzuhalten. Doch es gelingt ihm nicht. 
Der Kopf fällt ihm auf die Brust, und die Lider senken sich 
unwiderstehlich über die Augen. 

Der andere ist Sir Galahad. Von kalter Wut entbrannt, verläßt er 

seinen Sitz ohne ein Wort und stapft sprachlos vor Erbitterung in die 
Burg. In der Halle ergreift er das größte Methorn, setzt es an den 
Mund und trinkt, trinkt, trinkt ohne Absetzen in einem Schluck. 

Louis gibt nicht auf! 

»Und wenn sie ihn ans Erz des Felsens geschmiedet haben, ich 

hole Roland doch heraus!« knirscht er zwischen den Zähnen hervor. 

Immer wieder überdenkt er die Lage. Wachen, Wälle und Gräben 

beschützen die Burg auf drei Seiten. Hier gibt es kein 
Durchschlüpfen. Nur die vierte Seite ist frei. 

Die Seite zum Meer hin. Hier darf Galahad sich sicher fühlen. 

Wohl achtzig Klafter tief fällt die Felswand steil von der Meerburg 
zum fißschmalen Strand herab, der bei Flut tief unter dem Was-
serspiegel verschwindet. 

Einen ganzen Tag verbringt Louis in einem kleinen Boot auf dem 

Wasser und beobachtet unablässig diese steile Wand, mustert Klafter 
um Klafter und prägt sich den Verlauf der Rinnen und Absätze genau 
ein. Denn sie ist ja nicht völlig glatt, diese Wand. 

Da klaffen Spalten, da ziehen sich Risse schräg nach oben, da gibt 

es schmale Kamine und zahlreiche vorstehende Griffe für Fuß oder 
Hand. Aus schmalen Augen schätzt Louis die Möglichkeiten ab. Und 
er sucht sich einen Weg. 

Aber immer wieder schwindelt ihn auch ob der Tollkühnheit seines 

geplanten Unternehmens. Selbst wenn er sich genau an den Weg 
hält, den er für den einzig möglichen hält, wird jeder kleinste Fehler, 

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jedes Abrutschen, jedes Muskelversagen ihn unweigerlich das Leben 
kosten. 

Da trifft es sich gut, daß er nach der Rückkehr einem Mann im 

Dorf Malo begegnet, der ihm anvertraut, er habe das angestrebte 
Wagstück im vergangenen Jahr bereits einmal unternommen. Er 
heißt Jan, trägt eine schmale, krause rote Bartfräse um Kinn und 
Wangen, ist gelenkig wie eine Gemse und hat Hände, die Steine 
zerdrücken können. 

Ihn trieb damals die Liebe zu einem gewissen Burgfräulein in 

mondheller Nacht die Wand hinauf. Und als er von diesem 
Abenteuer erzählt, erkennt Louis zu seiner Freude,  daß Jan damals 
fast den gleichen Aufstiegsweg benutzte, den er sich vom Boot aus 
eben ausgekundschaftet hat. 

»Die letzten fünf Klafter allerdings hätte ich aus eigener Kraft nie 

bewältigt«, gesteht Jan mit breitem Lächeln. »Da traf ich auf 
überhängendes  Gestein. Doch hatte ich mich mit dem Fräulein durch 
geheime Botschaft vorher ins Benehmen gesetzt. Sie erwartete mich 
also um Mitternacht am oberen Rand. Ich höre ihr silberhelles 
Stimmchen angstvoll fragen: >Bist du da, Jan?<  - >Ja<, gebe ich 
leise zur  Antwort, daß meine Stimme gerade noch ihr Ohr erreicht, 
aber nicht das einer Wache. >Doch ich komme nicht weiter, Liebes.< 
Da wirft sie mir ein Seilende herab, das sie oben am Fels fest 
verknüpft. Ich erhasche es im Flug, stemme die Füße gegen den Fels, 
lehne mich gegen das Seil und klettere Hand über Hand flugs zu ihr 
hinauf. O Kamerad, was für eine Liebesnacht wurde das!« 

»Und würdest du es noch einmal wagen  - mit mir zusammen 

hinaufzusteigen?« fragt Louis. 

»Höchst ungern. Mir graut noch jetzt, wenn ich mein Abenteuer 

nachträglich bedenke. Einmal bin ich mit heilen Knochen 
davongekommen. Wäre es nicht Frevel, das Glück ein zweitesmal zu 
versuchen? Auch wüßte ich nicht, warum. Mein Burgfräulein ist 
längst standesgemäß vermählt und würde mit keinem 
Wimpernzucken verraten, daß sie mich je gekannt hat... Oh, so gut 
gekannt hat!« 

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»Würden fünf Dukaten dich umstimmen?« fragt Louis. 
»Fünf Dukaten? Ist das dein Ernst? Gibt es auf der ganzen Welt 

soviel Gold?« 

»In meiner Tasche hab' ich den Schatz.« 
»Hier meine Hand - ich bin dabei.« 
»Gut. Einen Dukaten bekommst du jetzt. Den Rest, wenn wir den 

Aufstieg vollbracht haben.« 

»Gib mir lieber gleich alle fünf! Wenn du abstürzt, bin ich um den 

Rest betrogen.« 

»Darum sorge dich nicht! Wenn einer von uns abstürzt, bin ich es 

sicher nicht.« 

Schon in dieser Nacht, zur Zeit der Ebbe, schleichen sie, mit einem 

Seil, einigen Dörrpflaumen als Nahrung, mit scharfen 
Fischermessern und anschmiegsamen Fellschuhen ausgerüstet, am 
fußschmalen Strand entlang zu der Wand, auf der, im  Sternenlicht 
knapp erkennbar, hoch oben die Burg thront. 

Dann steigen sie in die Wand ein. Jan geht vornweg. Er kennt ja 

den Weg am besten. Louis folgt dichtauf. Es geht besser, als er 
gedacht hat. Der Fels ist kühl und wie ein verläßlicher Freund. Die 
Griffe sind fest. Keine Sorge, sie brechen nicht ab. Die ersten 
zwanzig Klafter sind schnell bezwungen. 

Louis atmet auf und wirft einen Blick hinunter. Wie tief die 

Wasseroberfläche schon liegt! Er sieht das Weiß der Brandung. 
Plötzlich wird ihm so merkwürdig. Vor seinen Augen dreht sich 
alles. Ihm ist, als müsse er abstürzen ... Kopfüber. Mit aller Kraft 
hängt er sich an den Fels. 

Und er ruft kläglich: »Jan ...« 
»Was ist, mein Freund?« 
»Mir schwindelt!« 
»Du darfst nicht in die Tiefe schauen  - nur nach oben,  mein 

Freund!« 

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Dem großen Gelächter ist bedrückende Stille gefolgt. Auf der 
Meerburg geht einer dem anderen aus dem Weg. Niemand wagt sich 
in die Halle, wo Sir Galahad einsam brütet. Gelegentlich nimmt er 
einen Schluck Met. Aber auch der macht ihm heute keine Freude. 

Für Reinhild hat Galahad nur noch mißtrauische Blicke. Zu 

deutlich hat sie sich gegen ihn gestellt, als sie dem schläfrigen 
Roland aufmunternde Worte zurief. 

Ritter, Knappen und Gäste begeben sich früh zur Ruhe. 
Gedämpfte Stimmung auch beim Gesinde. Ihr Freund, der Mönch, 

ist mit Roland ins Verlies geworfen worden. Nie wird ihm Galahad 
vergeben, daß er Würger und Monster nach seiner Fiedel tanzen ließ. 

Die Bären schlafen auch. Bill hat sie endlich füttern dürfen. Nun 

sind sie satt und zufrieden. 

Tief unten im Burgverlies denkt Volker vom Hohentwiel nach. Als 

er die Nachricht von Rolands Gefangennahme bekam, wußte er 
sofort, daß er in seiner wahren Gestalt nie Zutritt  zur Meerburg 
erhalten würde. Darum verkleidete er sich als Mönch. 

Nun hat seine Fiedel Roland vor einem schrecklichen Tod bewahrt. 

Aber gefangen sind sie jetzt beide. 

Draußen wird die Wache abgelöst. Die neuen Posten ziehen auf. 

Der Wachhabende öffnet die Tür, flankiert von zwei 
Hellebardenträgern. Er will nach dem Rechten sehen. 

In einer Ecke liegt Roland und schläft wie ein Toter. 
An der Wand gegenüber greift der Mönch in die Saiten seiner 

Fiedel und singt mit ergreifendem Ausdruck und einer Stimme, die 
auch die Bewaffneten bezaubert: 

»Gefangen schmachtet der Ritter. Dahin schwindet all sein Mut. 

Gefangenschaft schmeckt ja so bitter. Wem ist seine Liebste jetzt 
gut?« 

Mitleidige Blicke treffen Volker. »Armer Teufel«, spricht ihn der 

Wachhabende an. »Da hast du dir aber eine scharfe Pfeffersuppe 
eingebrockt! Man wird dich sehr vermissen, wenn's wieder zum Tanz 
geht, Mönchlein. Wie ich hörte, hat kein fahrender Musikant je so 
gut aufgespielt wie du. Was mußtest du den Burgherrn aber auch so 

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erzürnen? Was ging dich denn der da an?« Und er zeigt auf Roland, 
der unbeweglich auf dem nackten Boden liegt. 

Einer der Posten beugt sich über den Reglosen. »Er schläft wie ein 

Toter«, meldet er. 

»Mir scheint, er ist tot«, sagt Volker. »Schaut lieber genau nach!« 
Die beiden Posten treten dicht an den Liegenden heran und neigen 

sich über ihn. Da schießt der vermeintliche Schläfer wie ein 
gezündeter Funken in die Höhe, packt die beiden Hellebarden und 
reißt sie an sich. Die Posten sind überrascht; lassen aber nicht los.  So 
fallen sie nach vorn aufs Gesicht. 

Da ist auch Volker wie eine Katze auf den Beinen, hebt seine 

Fiedel in die Höhe und läßt sie schwungvoll auf den Schädel des 
Wachhabenden krachen. Laut zersplittert das Holz  - ihre letzte 
Melodie! 

Wie ein steifer Kragen hängt dem Mann die zertrümmerte Fiedel 

um den Hals. Er stolpert rückwärts gegen die Wand. 

Indessen hat Roland den Posten die Hellebarden entwunden. Eine 

reicht er dem Freund. Ehe noch der Wachhabende sein Kurzschwert 
zücken kann, stürmen sie aus dem Verlies und verriegeln es 
sorgfältig von außen. Nur einen triumphierenden Blick wechseln die 
Ritter  - dann eilen sie weiter. Über Treppen, durch Gänge, an 
verschlossenen Türen vorbei... 

So gelangen sie in die hell erleuchtete Halle, wo einsam an langer 

Tafel Sir Galahad sitzt. Nachdenklich, wütend. Der Burgherr springt 
auf, als die Freunde hereinstürmen. Narrt ihn ein Spuk? Er weicht 
fassungslos zurück. 

»Deine Stunde ist gekommen«, spricht Volker, und seine Stimme 

ist wie eine federnde Klinge. »Die Stunde der Abrechnung ist da. 
Abermals fordert dich Roland zum Zweikampf, und diesmal wirst du 
dich nicht feige entziehen.« 

Roland nimmt zwei Schwerter von den waffenbehängten Wänden 

und wirft eins dem überrumpelten Burgherrn zu. »Wohlan denn, laßt 
uns die Schwerter kreuzen!« 

Er hat nicht ausgewählt, sondern genommen, was sich seinen 

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Händen bot. Dabei hat er besonders große und schwere Waffen 
erwischt, die man nur mit beiden Händen schwingen kan. So hat 
Galahad keinen Vorteil, denn mit erlernter Fechtkunst ist hier nichts 
auszurichten. Nun entscheidet die Kraft. 

Aber wenn es um Kraft geht, steht Roland hinter keinem zurück. 

Seine unverbrauchte Jugend setzt sich nach wenigen Streichen durch. 
Sein sechster Schlag ist unwiderstehlich. Unter der Wucht löst sich 
Sir Galahads verkrampfter Griff, und polternd fällt sein Schwert auf 
den Boden. Waffenlos steht er Roland gegenüber. Entsetzen flackert 
über sein Gesicht. 

Aber Roland hält mitten im nächsten Schlag inne. »So soll der 

Zweikampf nicht enden!« ruft er und bückt sich bebend nach 
Galahads Schwert, um es ihm nochmals zu reichen. 

Doch der Burgherr wartet nicht ab. In diesem Duell sieht er keine 

Hoffnung mehr für sich. Bevor Roland sich aufrichtet, flieht er zur 
Halle hinaus in die Nacht. 

Verblüfft starren Roland und Volker ihm nach. 

Jan packt Louis bei der Hand und zieht ihn kraftvoll auf ein breites 
Felsband hinauf. Nun sind sie vorerst in Sicherheit. Es ist der erste 
nahezu bequeme Platz auf ihrer tollkühnen Klettertour. 
Schweratmend lehnen sie sich mit dem Rücken gegen das Gestein. 

Louis vermeidet ängstlich jeden Blick in die Tiefe. Starr schaut er 

geradeaus auf einen hellen Stern über dem Horizont. 

»Hör zu, Kamerad«, sagt Jan leise. »Laß uns eine Weile ausruhen! 

Hier können wir uns sogar setzen.« 

Sie tun es. Dann bindet er sich und Louis vorsichtshalber mit 

Stricken an zwei Felsnadeln fest. 

Louis atmet auf. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er spürt die 

Anstrengung schmerzhaft in allen Gliedern. Wieviel leichter fällt da 
tagelanges Reiten! Er braucht die Pause notwendig. 

»Von hier aus bis zum oberen Rand ist es nicht mehr weit«, sagt 

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Jan nach einer Weile. »Noch fünf Klafter  - mehr nicht. Aber jetzt 
kommt die gefährlichste Stelle, von der ich dir sprach. Wenn es nicht 
um die vier Dukaten ginge  - weißt du, Kamerad, ich würde jetzt noch 
umkehren . ..« 

Im Burghof holt Roland den fliehenden Galahad ein. Er packt ihn am 
Kragen und dreht ihn um. »Wohin des Weges, Galahad? Eurem 
Schicksal entgeht Ihr nimmermehr. Auch wenn Ihr alle Eure Mannen 
zu Hilfe riefet, ich bezweifle, ob sie Eurem Befehl noch gehorchten, 
Elender!« 

Da zieht Galahad unvermutet einen Hirschfänger aus verborgener 

Brusttasche. Die scharfe Klinge blitzt im Sternenlicht. Von unten 
herauf schnellt sie in Galahads Hand. 

Roland biegt sich zur Seite, und um Haaresbreite zischt die 

nadelscharfe Spitze an seinem Leib vorbei. Dann wirft sich Roland 
todesverachtend auf den Gegner. 

Gemeinsam fallen sie auf das Hofpflaster. Am Boden ringen sie 

mit aller Macht. Dabei geraten sie gefährlich nahe an den 
Felsabsturz... 

Galahad rangelt seine Rechte frei, hebt den Hirschfänger und stößt 

zu. 

Keine Daumenbreite vor seiner Kehle fängt Roland den tödlichen 

Stich ab. Während Roland ihm die Waffe entreißt, gelingt es 
Galahad, den Knienden umzustoßen. Engumschlungen rollen die 
beiden Ritter über die Felswand! 

Entsetzt sieht Volker die dunklen Schatten verschwinden. 
Noch im Fall befreit sich Roland von dem Gegner und versucht, 

sich an der Wand festzuhalten. Seine Finger krallen sich in eine 
Rille.  Doch er kann den Griff nicht halten. Unaufhaltsam gleitet er, 
langsam erst, dann schneller abwärts. 

Dort ragt ein toter Ast aus dem Gestein! Roland packt zu! Wird der 

Ast halten? Jeden Augenblick erwartet er ein Knacken ... 

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Da packen ihn vier Hände von unten und heben ihn auf das breite 

Felsband herab. Er erkennt Louis und einen Fremden  - Jan. Tief 
unter ihnen hallt der Entsetzensschrei Galahads ... 

Ihm folgt langes Schweigen. Dann tönt ein silberhelles Stimmchen 

von oben: »Bist du da, Roland?« 

Jan faßt sich entgeistert an den Kopf. Träumt er? Es ist wie damals, 

als ein Burgfräulein ihn erwartete ... 

Roland gibt Antwort, und zum zweitenmal läßt Reinhild die 

rettende seidene Strickleiter herab. 

Zwei Stunden später. Eine Kemenatentür öffnet sich. Eine Hand 
winkt. Roland schlüpft hinein. 

»Reinhild«, flüstert er hingerissen, »du bist sehr schön!« Er breitet 

die Arme aus und zieht sie langsam zu sich heran. Ihre Nähe ist zu 
verlockend. Und diesmal entwindet sie sich ihm nicht, sondern 
schmiegt sich so eng an ihn, wie es nur geht. 

»Weißt du, was ich beschlossen habe, Reinhild?« flüstert der Ritter 

mit dem Löwenherzen dicht an ihrem Mund. »In dieser Kemenate 
werde ich drei Tage bleiben!« 

»Ich würde dich«, flüstert Reinhild, »auch nicht eher 

hinauslassen!« 

ENDE 

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Volker vom Hohentwiel war der berühmteste Minnesänger! 
Sang er in weichen, herzbewegenden Tönen von Liebe 
und heißem  Verlangen, dann wogten die Busen der Schönen, 
und den Rittern schwoll  der Kamm. Kündete er mit 
metallischer Stimme von Schwerterkampf,  Heldentat und 
tapferem Tod, so stockte den Damen der Atem, und in die 
Augen der Ritter trat kühner Funkelglanz. 

Doch hier auf Schloß Camelot, am Hofe des Königs Artus, sang 
Volker ein  anderes Lied, das allen kalte Schauer über den 
Rücken sandte. Vom  gräßlichen  Ungeheuer in den Tiefen 
des Odenwalds sang er, das  feuerspeiend  Menschen 
verschlang  und selber unbesiegbar, sogar  unverwundbar 
war. 

Volker sang die Ballade von Fasolt, dem Drachen. 

Liebe Leser, in 14 Tagen lesen Sie im Band 3 unserer 
neuen Ritter-Serie, wie das feierspeiende Ungeheuer die 
Menschen in Angst und  Schrecken versetzt, wie es 
schreckliches Unheil anrichtet und tötend  durch die 
Wälder zieht.
 

Der Kampf mit dem 

Drachen

 

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