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Wittich – der Schrecken 

vom Hotzenwald 

von Joachim Honnef 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Sebastian Müller fluchte. Ein Baumstamm blockierte den 
Waldweg hinter der Biegung. Sebastian war ein erfahrener 
Fuhrmann. Er handelte schnell und besonnen. Während er 
das Gespann zügelte, warnte er den Fahrer des nächsten 
Wagens mit einem Alarmschrei, damit der nicht auffuhr. 
Es gelang Sebastian, den Wagen gerade noch vor der 
hohen Barriere anzuhalten. 

Die Begleitreiter des Transports hatten sofort bei 

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Sebastians Alarmschrei die Schwerter gezückt. 
»Überfall!« schrie einer. 

 

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Die Blicke der Männer tasteten angespannt über die Hänge des 
Hohlwegs. 

Kein Räuber war zu sehen. 
Eines der Gespannpferde wieherte. Dann herrschte plötzlich 

gespenstische Stille. Staub senkte sich. 

»Zurück!« rief Klaus Petereit, der Führer der vierköpfigen Eskorte. 
»Und wie?« brüllte Sebastian, und er fügte ganz leise hinzu:  »Du 

Hornochse!« 

Sein Ärger war berechtigt. Es gab keine Möglichkeit zum Wenden. 
Sie steckten in der Falle. 

Immer noch ließ sich niemand blicken. Nichts geschah. 

Die Stille hatte etwas Unheimliches. 
»Vielleicht ist das nur ein Zufall«, sagte Klaus Petereit mit rauher 

Stimme. »Ein vom Blitz gefällter Baum ...« 

Dummbeutel! dachte Sebastian. 
»Habt Ihr schon mal erlebt, daß der Blitz einen Baum sauber 

absägt?« rief er. 

Sein Blick tastete nervös und angespannt über die Hänge. Nichts 

rührte sich zwischen den Büschen und Bäumen. 

Plötzlich ertönte ein Lachen. Ein seltsam schrilles Lachen. 
Die Männer des Transports starrten nach rechts empor. Von dort 

oben zwischen den Buchen war das Lachen erklungen. 

Doch niemand war zu sehen. - Klaus Petereit fluchte lästerlich. 
»Aber, aber«, erklang dann eine Stimme zwischen den Buchen. 

»Wer wird denn so etwas Böses von sich geben!« Wieder war das 
schrille Lachen zu hören. 

Klaus Petereit verlor die Nerven. Oder er wollte allen seine 

Tapferkeit beweisen. 

»Attacke!« schrie er seinen Männern zu, trieb sein Roß wild an 

und jagte mit hocherhobenem Schwert zwischen die Büsche am 
Wegesrand. Tollkühn wollte er den Hang hinauf, geradenwegs zu 

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den Buchen, wo er den Wegelagerer wußte. 

Er kam nicht weit. 
Sein Pferd  brach, von einem Pfeil getroffen, zusammen. Wiehernd 

stürzte es den Hang hinunter. Wild zuckten die Hufe. 

Klaus Petereit flog in hohem Bogen aus dem Sattel, überschlug 

sich im Sturz und prallte gegen das Vorderrad von Sebastians 
Wagen. Er schrie auf, als er sich den Kopf stieß. 

Dann verstummte der Schrei wie abgeschnitten. Ein Pfeil ragte 

plötzlich aus seiner Brust. 

Klaus Petereit, der längst das Schwert verloren hatte, umklammerte 

unbewußt den Pfeilschaft mit beiden Händen. Ein Zittern durchlief 
seinen Körper. Er bäumte sich noch einmal auf, dann sank er mit 
einem röchelnden Laut in den Staub. 

Sebastian starrte entsetzt. Ebenso die anderen Fahrer und die 

Männer der Eskorte, die sofort ihre Rösser pariert hatten. 

Klaus Petereit hatte sich während der langen Fahrt als großer 

Meister und Besserwisser aufgespielt, der mit seinem ständigen 
Herumkommandieren allen Kutschern und Begleitreitern auf die 
Nerven gegangen war. Doch ein solches Ende hatte er gewiß nicht 
verdient. 

»Werft eure Schwerter und Messer weg, oder ihr seid alle des 

Todes!« ertönte die Stimme von den Buchen her. 

Als wollte der Mann seinen Worten Nachdruck verleihen, flogen 

jetzt weitere Pfeile heran. Von allen Seiten, wie es schien. Jenseits 
des Baumstamms tauchte eine Gestalt auf, zu beiden Seiten des 
Hohlwegs und sogar hinter dem letzten Wagen war ein Bogenschütze 
zu sehen. 

Pfeile schwirrten heran. Sebastian zuckte zusammen und erschrak 

bis ins Mark, als ihm ein Pfeil den Schlapphut löcherte. 

Zögernd ließen die Männer der Eskorte ihre Waffen fallen. 

Sebastian dachte an Frau, Geliebte und Kinder und hob 
unaufgefordert die Hände. Andere Fahrer folgten seinem Beispiel. 

Der Räuber oben bei den Buchen lachte. 
»So ist's brav, Leute. So dürft ihr noch ein bißchen am Leben 

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bleiben. Nicht lange, aber ein bißchen ist besser als gar nichts.« 

Abermals erklang das seltsam schrille Lachen. 
Den Männern des Transports lief ein kalter Schauer über den 

Rücken. Trotz der schwülen Sommerhitze, die ihnen an diesem Tag 
so sehr zu schaffen gemacht hatte ... 

Sie hieß Helga Altenmayer, und sie war das bezauberndste Geschöpf, 
das Ritter Roland auf dem langen Ritt in den Schwarzwald 
kennengelernt hatte. Nun, er war nicht unterwegs, um sich die 
Schönen dieser Gegend anzusehen. Die Zeit drängte. Die Knappen 
Louis und Pierre erwarteten ihn in Peterzell. Sie hatten eine heiße 
Spur im Fall der vielen verschollenen Menschen und ebenso spurlos 
verschwundenen Frachtwagen. 

Doch daran dachte Roland im Augenblick nicht. 
Helga nahm ihn mit ihrem Liebreiz gefangen. 
Sie war von anmutiger Gestalt, klein und grazil, und wenn sie 

lächelte, funkelten ihre graublauen Augen, und um die Winkel ihrer 
sinnlich geschwungenen Lippen bildeten sich lustige Grübchen. 

So wie jetzt. 
Roland hatte sie am Ufer des Wildbaches weinend angetroffen, 

einsam und verloren wie ein verirrtes Täubchen. Natürlich gebot es 
Roland die Ritterpflicht, die arme Maid zu trösten. 

Sie war voller Scheu, ja Furcht gewesen, verständlich nach dem, 

was ihr widerfahren war. Irgendein Haderlump hatte ihr Roß 
gestohlen, während sie Pilze gesammelt hatte. Nun, ihre Tränen 
waren schnell versiegt, als Roland ihr galant angeboten hatte, sie auf 
seinem Roß bis nach Peterzell mitzunehmen. 

Und ebenso schnell hatte sie ihre Scheu verloren. 
Nie hätte Ritter Roland die betrübliche Lage dieser Maid 

ausgenutzt. Nie hätte er Hand an diesen zarten Mädchenkörper gelegt 
- wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, daß sie ihn dazu ermunterte. 

»Ein Ritter seid Ihr?« Sie musterte ihn prüfend, als er sich 

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vorgestellt hatte. Ihm waren die Zweifel in ihrem Blick und Tonfall 
nicht entgangen. 

»So ist es, schöne Frau.« 
Erst jetzt fiel ihm ein, daß er sich in Peterzell eigentlich als 

Händler hatte ausgeben wollen, und er ärgerte sich. Helga hatte ihn 
verwirrt. Er nahm sich vor, sie unterwegs um Stillschweigen zu 
bitten. 

Ihre Wangen röteten sich leicht ob seines Kompliments. Ein kurzes 

Auf und Ab der langen Wimpern, und dann senkte sie den Blick. 

Ritter Roland hatte Gelegenheit, einen weiteren Blick auf ihre 

Gestalt zu werfen, auf die kleinen, lockenden  Hügel unter ihrer 
dünnen Leinenbluse, auf den Schwung ihrer Hüften, um die sich der 
lange braune Rock spannte. 

Als sie aufblickte, kam er sich wie ein ertappter Sünder vor, denn 

sie hatte noch seinen Blick aufgefangen. 

»Mich dünkt, Ihr seid ein Mannsbild wie jedes andere«, sagte sie, 

und es klang leicht tadelnd. »Ritter reiten in blitzender Rüstung, mit 
Schild und Schwert und Knappen im Gefolge ...« 

»Nicht immer«, erwiderte Roland lächelnd. »Ich werde Euch 

unterwegs erzählen, weshalb ich wie ein Krämer gekleidet bin.« 

Dann wollte er ihr galant auf sein Roß helfen, und dabei geschah es 

dann. 

Als er sie hochhob, sank sie ihm gegen die Brust. Fast hatte Ritter 

Roland das Gefühl, sie werde in seinen Armen ohnmächtig. Sie 
zitterte wie ein frierendes Vögelchen, obwohl es heiß und schwül an 
diesem Sommertag war. Er nahm den Duft ihres Haares wahr, spürte 
ihren geschmeidigen Körper, und ein prickelndes Gefühl stieg in ihm 
auf. 

Er wußte nicht, was über ihn kam. Vielleicht wollte er ihr die 

Angst nehmen, das Zittern. 

Jedenfalls küßte er diese weichen, schwellenden Lippen. 
Zunächst wurde sie stocksteif. Doch das Zittern hörte auf. Dann 

erwiderte sie den Kuß. Heftig atmend bog sie dann den Kopf zurück. 

»Ein Mannsbild wie jedes andere«, seufzte sie. 

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Ihr Blick verwirrte ihn. Es lag etwas Wissendes in diesen Augen, 

etwas Erfahrenes, obwohl sie doch noch recht jung war. 

»Verzeiht, ich bitte Euch ...« 
»Oh, Ihr bittet?« In ihren Augen schienen plötzlich Funken zu 

tanzen. 

Er vermochte sich keinen Reim auf ihre Worte und ihre Miene zu 

machen. Erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er sie immer noch auf den 
Armen hielt. Sie war leicht wie eine Feder  - wie die Poeten zu 
übertreiben pflegten. 

»Ja ... ich wollte nicht...« Ritter Roland ärgerte sich über seine 

Verlegenheit. Dieser Blick! Er schien bis in die Tiefen seiner Seele 
zu dringen und seine geheimen Gedanken zu erraten. 

Ihr Gesäß, das er mit einer Hand untergefaßt hatte, bewegte sich. 

Dann streckte sie die Beine aus und stellte sich auf den Boden. 

Sie spielte  mit dem obersten Knopf ihrer Bluse. Leise sagte sie: 

»Ihr seid verschwitzt und staubig vom Ritt. Ihr solltet Euch im Bache 
baden, bevor wir ... reiten.« 

Sie errötete von neuem und senkte den Blick. 
»Ich werde derweil meinen Korb mit Pilzen holen, den ich im 

Walde zurückließ«, fügte sie hinzu. 

Und flugs eilte sie mit anmutigem Gang davon. 
Ritter Roland blickte ihr ein wenig benommen nach. 
Mit heftig pochendem Herzen fragte er sich, wie sie ihre Worte 

gemeint hatte. Er glaubte noch, ihre weichen warmen Lippen auf 
seinem Mund zu spüren. Ihr Blick, ihr Lächeln waren fast einladend 
gewesen. Oder hatte sie ihn zum Bade aufgefordert, weil er nach 
Schweiß und Pferd roch und ihr das nicht gefiel, wenn sie mit ihm 
auf einem Roß saß? 

Er blickte an sich hinab. Er war  in der Tat staubig und verschwitzt. 

Ein langer Ritt lag hinter ihm. Er hatte ebenso wie die Knappen eine 
Spur verfolgt  - allerdings ohne Erfolg. Nur kurz dachte er daran, daß 
Louis und Pierre ihn erwarteten. Aber er mußte seinem Roß ohnehin 
noch eine Pause gönnen. Warum nicht hier? Und ein Bad konnte 
gewiß nicht schaden. 

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Gedacht, getan. 
Er genoß das erfrischende klare Wasser des Baches, als Helga 

zurückkehrte. Sie trug einen Korb aus geflochtener Weide. 

Lächelnd blickte sie zu ihm herüber. Roland tauchte schnell etwas 

tiefer ins Wasser. Noch war er sich nicht ganz im klaren, wie sie ihre 
Worte gemeint hatte. Noch geziemte es sich nicht, den nackten Ritter 
zu zeigen. 

Doch im nächsten Augenblick verloren sich seine Zweifel. 
»Ich komme gleich zu dir«, rief sie, während sie mit leicht 

schwingenden Hüften zu Rolands Roß schritt. 

Ritter Roland frohlockte. 
Seine Haut kabbelte im kühlen Naß, und sein Puls beschleunigte 

sich. Der Zufall hat es gut gemeint, dachte er voller Vorfreude. 

Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne. In der Ferne war ein 

dumpfes Grollen zu vernehmen. Ein Gewitter zog herauf. Es würde 
Abkühlung nach der drückenden Schwüle bringen. 

Ritter Roland lächelte. 
Dann erstarb sein Lächeln von einem Augenblick zum anderen. 
Er sah, wie Helga behende auf sein Roß stieg, das tänzelnde Tier 

mit hartem Zügeldruck parierte und dann zum Galopp trieb. 

»He, was ...«, begann er. 
»Bade wohl, du Schmutzfink!« rief Helga. 
Und lachend galoppierte sie davon. 
Zurück blieb nur der Korb mit ein paar Pilzen. 
Und Ritter Roland, der sich in diesem Augenblick reichlich dumm 

vorkam. 

Die ersten Regentropfen fielen. 

»Das gibt ein Gewitter«, murmelte der Knappe Pierre mit einem 
Blick zum wolkenverhangenen Himmel. 

»Wurde auch Zeit nach diesen Hundstagen«, brummte Louis und 

wischte sich über die schweißnasse Stirn. »Diese Affenhitze ist ja 

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nicht auszuhalten.« 

»Die Affen müßten sich darin doch wohlfühlen«, bemerkte Pierre 

mit einem anzüglichen Grinsen. 

Louis kratzte sich am schwarzen Bart. »Freut mich, daß es dir 

gutgeht«, brummte er. »Ich schwitze jedenfalls.« 

Der Himmel weinte die ersten Regentropfen. 
»Möchte wissen, wo Roland bleibt«, sagte Pierre. »Ob er unsere 

Botschaft nicht erhalten hat?« 

Louis zuckte mit den breiten Schultern. »Vielleicht hat er selbst 

eine heiße Spur gefunden. Wir können nur warten.« 

In der Ferne, im Norden, grollte Donner. 
»Der Regen wird alle Spuren auslöschen«, murmelte Pierre. 
»Wir wissen immerhin, wo der letzte Transport verschwand«, 

sagte Louis. »Wenn Roland eintrifft, suchen wir von  dort aus 
weiter.« 

Pierre erhob sich vom Rand des Brunnens auf dem Marktplatz. 
»Ich schlage vor, wir nehmen in der Schenke einen zur Brust«, 

sagte er. 

»Gute Idee«, brummte Louis. Dann fiel ihm ein, daß er sich mit der 

drallen blonden Krämerstochter Almuth  verabredet hatte. Um drei 
Uhr bei der Brücke am Bach. Außerhalb des Ortes. Diskret. Auf 
einen Spaziergang in allen Ehren  - so hatte Louis gesagt, doch 
Almuths Blick und ihr Lächeln hatten ihn mehr erhoffen lassen. 

Hoffentlich fällt das Stelldichein nicht  ins Wasser, dachte Louis 

mit einem besorgten Blick zum Himmel. 

»Geh nur schon zur Schenke, Pierre«, sagte Louis. »Ich komme 

nach.« Und als er Pierres fragenden Blick auffing, fügte er hinzu: 
»Ich will mich noch ein wenig beim Krämer umhören. Ich vergaß ihn 
zu fragen, wer von dem Transport wußte, der auf dem Weg hierhin 
spurlos verschwand.« 

Der Vorwand klang reichlich dünn, doch Pierre schien es nicht zu 

bemerken. 

»Soll ich mitkommen?« fragte Pierre. 
»Nein, nein«, sagte Louis hastig. »Ich schaff das schon alleine. 

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Geh nur und nimm dir einen Schoppen Wein zur Brust.« 

Ich nehme mir derweil etwas anderes zur Brust, dachte er 

vergnügt. 

»Du bist sehr pflichtbewußt«, sagte Pierre mit anerkennendem 

Blick. 

»Nun ja, man tut, was man kann, lieber Pierre.« Louis grinste. 

»Und mach dir keine Sorgen, wenn es etwas länger dauert.« 

»Nimm dir nur Zeit«, sagte Pierre lächelnd. Er schlenderte zur 

Schenke hinüber. »Und grüß mir Almuth«, rief er über die Schulter, 
bevor er die Schenke betrat. »Ihr solltet einen Schirm mitnehmen.« 

Louis blickte verdutzt. 
»Woher weiß er ...?« murmelte er und kratzte sich am Bart. 
Er konnte nicht wissen, daß Pierre durch Zufall den Flirt der 

beiden in der Kammer hinter dem Krämerladen belauscht hatte, als 
sie bei dem Krämer Erkundigungen über den verschwundenen 
Warentransport eingeholt hatten. Der Krämer war in seine Wohnung 
gegangen, um die Liste der bestellten Waren zu holen. Pierre hatte 
sich müßig im Laden umgesehen und dabei gehört, wie Louis und 
die Krämerstochter die ersten zarten Bande geknüpft hatten ... 

Louis zuckte mit den Schultern und ging über die Straße. 
Er ahnte nicht, daß er Pierre so bald nicht wiedersehen sollte. 

Vier Männer hielten sich in »Wöhrles Gasthof« auf. Sie waren 
schäbig gekleidet und wirkten wie wilde Gesellen. Vermutlich 
Holzfäller, dachte Pierre. 

Ihr Gespräch verstummte bei Pierres Eintreten, und sie musterten 

ihn mit finsteren Blicken. 

Pierre sah zum Schanktisch. Von Wöhrle, dem Wirt mit dem 

rosigen Mondgesicht, war nichts zu sehen. 

Pierre setzte sich an einen der blankgescheuderten Eichentische 

unter die Galerie der Hirschgeweihe, die die Wand zierten. Zwei 
Hirschköpfe blickten irgendwie vorwurfsvoll auf Pierre hinab. Den 

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Eindruck hatte Pierre schon gehabt, als er zusammen mit Louis zum 
ersten Mal diese kleine gemütliche Schenke besucht hatte. 

»Na klar blicken die ärgerlich«, hatte Louis lachend gesagt, als 

Pierre ihm von seinem Eindruck erzählt hatte. »So würdest du auch 
glotzen, wenn, sie deinen Schädel an die Wand nageln.« 

Pierre schreckte aus seinen Gedanken und blickte auf. Ein Mann 

war an seinen Tisch getreten. Nicht der Wirt, sondern einer der 
Holzfäller. 

Ein graubärtiger Riese mit rotgeäderter Knollennase und kleinen 

grünen Augen. 

»Wo ist der andere?« fragte der Hüne mit rauher Stimme. 
»Welcher andere ...?« begann Pierre. Dann blieb ihm das Wort im 

Halse stecken. 

Der Graubart hielt plötzlich wie durch Zauberei einen Dolch in der 

Faust. 

»Quatsch nicht«, zischte er. »Wo ist der Schwarzbart, mit dem du 

hier herumschnüffelst?« 

Pierre starrte auf den Dolch, den ihm der Kerl drohend vor die 

Brust hielt und schluckte. 

Schlagartig wurde ihm klar, daß der Mann kein Holzfäller war und 

daß er auf sie gewartet hatte. Schließlich hatten er und Louis in 
diesem Gasthof eine Kammer genommen, und früher oder später 
hätten sie sich dort ohnehin blicken lassen müssen. 

Angst stieg in Pierre auf. 
Sie hatten vorsichtig Ermittlungen angestellt, doch irgend jemand 

mußte geplaudert haben. Oder sie hatten gar in Unkenntnis einem 
Mitglied der Räuberbande Fragen nach den verschwundenen 
Menschen und Transporten gestellt. Oder die Bande hatte Spitzel im 
Ort. Oder ... 

Pierres Gedanken jagten sich. 
»Ich weiß nicht ...«, begann er. Dann wurde er stocksteif. 
Der Graubart hielt ihm jetzt den Dolch an die Kehle! 
Aus den Augenwinkeln heraus sah Pierre, wie sich die anderen drei 

Kerle grinsend erhoben, und schlagartig erkannte er, daß von ihnen 

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keine Hilfe zu erwarten war: Es mußten Kumpane des graubärtigen 
Hünen sein. 

Grüne, kalte Augen starrten Pierre drohend an. Pierre verspürte ein 

flaues Gefühl im Magen. Als krabbelten Ameisen darin herum. 

»Ich frage nicht noch einmal«, zischte der Mann, und die 

Dolchspitze ritzte Pierres Haut. 

»Alfons, beeil dich«, sagte einer der anderen. »Der Wirt könnte 

aufwachen.« 

»Dann verpaß ihm noch eine!« sagte Alfons gereizt. 
»Es könnten auch Gäste kommen«, sagte einer der Männer, der 

sich bei der Tür postiert hatte und hinausspähte. »Am besten nehmen 
wir ihn mit und kitzeln ihn, bis er ...« 

Alfons wandte sich ärgerlich dem Mann  zu, der ihn zur Eile 

gemahnt hatte. Unbewußt hatte er dabei die Hand mit dem Dolch 
herumgeschwenkt, fort von Pierres Kehle. 

Und in diesem Moment handelte Pierre mit dem Mute der 

Verzweiflung. 

Er konnte sich vorstellen, was der Kerl mit »Kitzeln« meinte. Und 

er war kitzlig. Deshalb setzte er alles auf eine Karte. 

Er ließ sich mitsamt dem Stuhl hintenüber fallen und riß dabei die 

Stiefelspitze hoch. 

Er traf Alfons am Handgelenk. Brüllend ließ der Kerl den Dolch 

fallen. 

Pierre prallte zu Boden, rollte sich herum und sprang auf. 
Der Knappe wollte weg, nichts wie weg. 
Doch da schnellte Alfons schon auf ihn zu. Im Hechtsprung wollte 

er sich auf Pierre werfen. 

Der Knappe wich gedankenschnell aus. Alfons konnte seinen 

Schwung nicht mehr abfangen. Er konnte nur noch schützend die 
Arme vor den Kopf reißen, dann krachte er auch schon auf die 
Dielen der Schenke. Er schrammte ein Stück über den Boden und 
schlug gegen ein Tischbein. Benommen blieb er liegen und überlegte 
wohl, wie er dort hingekommen war. 

Pierre blieb keine Zeit zum Aufatmen. Er konnte weder flüchten, 

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noch sein Messer ziehen. Denn indessen waren die anderen drei 
Kerle heran. 

Einer hatte einen Stuhl hochgerissen und schwang ihn jetzt wie 

eine Keule. Instinktiv riß Pierre noch seinen Kopf zur Seite. Doch 
ganz schaffte er es nicht mehr. Ein Stuhlbein streifte ihn an der 
Wange und brach ab. Pierre schwankte und war sekundenlang vor 
Schmerzen wie betäubt. 

Ein Fußtritt schleuderte ihn zu Boden. 
Pierre riß in seiner Verzweiflung das Messer aus der Lederscheide 

am Gürtel. Ein Stiefel traf ihn am Arm. Das Messer entglitt ihm. 
Einer der Angreifer riß es an sich. 

Wie durch einen blutigen Schleier nahm Pierre das verzerrte 

Gesicht des Kerls über sich wahr. Er sah, wie der Mann mit dem 
Messer ausholte. 

»Nein!« 
Er wußte nicht, daß er es in Todesangst schrie. 
Die Messerklinge stieß auf ihn zu. 
Aus! durchfuhr es den Knappen. 
Dann schienen Blitz und Donner seinen Schädel zu sprengen, und 

Messer und Mann verschwammen vor seinen Augen und gingen in 
tiefe Finsternis über. 

»Haaar, ihr vierbeinigen Schnecken! Schneller, ihr lahmen 
Mistviecher! Schneller, sonst geraten wir mitten in das Gewitter!« 

Paul Ockenfels trieb das Gespann mit der Peitsche an. 
Paul ließ  seinen Blick durch das grüne Tal gleiten. Der Fahrweg 

führte am Ufer des plätschernden Baches entlang und wand sich 
durch einen Kiefernwald. Es war ein idyllischer Anblick, doch Paul 
hatte keinen Blick für die Schönheiten der Natur. Besorgt schaute er 
zurück. Dunkle Wolken zogen heran. In der Ferne grollte Donner. 
Wind war aufgekommen. Paul bezweifelte, es bis Peterzell zu 
schaffen, bevor das Unwetter losbrach. 

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Die Gespannpferde streckten sich. Die Kutsche schlingerte über 

den ausgefahrenen Weg. Ein Reh brach voraus aus seiner 
Waldschneise, äugte zu dem herandonnernden Etwas hin und sprang 
flugs in die Sicherheit des Waldes zurück. 

Paul ließ von neuem die Peitsche knallen. 
Die Passagiere werden ganz schön durchgerüttelt, dachte er, und 

sein faltiges Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. 

Dann sah er die Passagiere vor seinem geistigen Auge, und sein 

Grinsen wurde noch breiter. 

In der Kutsche saßen drei Damen. 
Und was für welche. 
Nun, der Begriff »Dame« paßte nicht so ganz genau. Sagen wir 

eher Weiber! dachte Paul schmunzelnd. Eine Hellblonde, eine 
Schwarze und eine Rothaarige  - wenn man nur mal nach der 
Haarfarbe ging. Eine war groß und schlank, eine klein und mollig 
und eine war besonders vollbusig - das war die Blonde. 

Sie alle trugen Nonnenkleidung, doch Paul wußte, daß sie keine 

Nonnen waren. Schließlich hatte er sie abgeholt, und das Haus, in 
dem sie lebten, war gewiß kein Kloster. Und auch ihre Herrin, die sie 
als »Mutter« bezeichneten, war alles andere als eine Schwester 
Oberin. 

Sie hatten die Verkleidung aus Sicherheitsgründen gewählt. In 

letzter Zeit war es gefährlich, im Schwarzwald zu reisen. Kutschen 
verschwanden spurlos mitsamt den Passagieren. Wagen 
verschwanden mit Fahrern und Fracht als hätte sie der Erdboden 
verschlungen. Manch abergläubische Seele dachte an bösen Zauber 
und Übernatürliches. Andere Leute vermuteten, daß eine 
Räuberbande ihr Unwesen trieb. Doch auch sie konnten sich nicht 
erklären, weshalb die Menschen spurlos verschwanden. Niemals 
hatte es irgendeine Lösegeldforderung gegeben. Arm und Reich, 
Jung und Alt waren verschwunden, überwiegend Männer, doch in 
letzter Zeit auch einige Frauen. 

Die Angst ging um im Schwarzwald. 
Deshalb hatten sich die drei Damen als Nonnen verkleidet. Selbst 

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die hartgesottensten Räuber würden eine Dienerin des Herrgotts 
verschonen - oder? 

Die Blonde gefiel Paul am besten. Vielleicht lag das auch daran, 

daß sie ihm bei der Abfahrt einen Zusatzlohn versprochen hatte. Und 
das war ein gar nicht nonnenhafter Vorschlag: Er durfte eine Nacht 
lang ihr Gast sein ... 

Paul dachte an die üppige Blondine in der Nonnentracht  - 

Roswitha hieß sie - und freute sich auf das Ende der Fahrt. 

Dann traf ihn der Pfeil, und er freute sich nicht mehr. 
Der Pfeil ratschte ihm nur über die Schulter, riß eine blutige 

Furche und knallte hinter ihm in den Sitz. Doch Pauls Schreck war 
groß, und als er die finsteren Gestalten zwischen den Bäumen am 
Wegesrand hervorspringen sah, erkannte er jäh, daß aus der Nacht 
mit Roswitha wohl nichts mehr werden würde. 

Er sah, wie einer der Kerle, die vielleicht fünfzig Klafter voraus 

aufgetaucht waren, von neuem einen Pfeil auf die Sehne legte und 
den Bogen spannte. Außerdem funkelten Schwerter im Schein der 
grellen, stechenden Sonne, die für einen Augenblick zwischen 
düsteren Gewitterwolken hervorbrach, als wollte sie einen schnellen 
Blick auf das erhaschen, was sich dort auf Erden tat. 

Paul beeilte sich, das erschreckte Gespann zu zügeln. 
»Gnade!« rief er. Und noch flehender: »Gnade!« 
Mit einem Ruck hielt die Kutsche. 
Paul drehte die Bremse fest und reckte die Arme in die Höhe. 
»Gnade!« flehte er von neuem. »Ich bin nur ein armer Fuhrmann 

mit Weib und Kindern und fahre drei Nonnen zum Kloster.« 

Im Nu war die Kutsche von wilden Gesellen umringt. Einer von 

ihnen, ein hagerer Bursche mit einem wuchernden braunen Vollbart 
und einer auffällig spitzen, leicht gekrümmten Nase, lachte schrill 
und rief: 

»Nonnen, äh?« 
Paul nickte und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, daß die Kerle 

auf die Verkleidung hereinfielen und sie verschonten. 

»Na, dann steigt mal aus, ihr scharfen Nönnchen, auf daß wir euch 

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begutachten können!« 

Wieder lachte der Mann schrill. 
Trotz der Schwüle vor dem nahenden Gewitter überlief es Paul 

kalt. Das hatte ja gerade geklungen, als wüßte der Haderlump bereits 
Bescheid! 

Paul wandte den Kopf und schaute bangen Herzens zu, wie die drei 

vermeintlichen Nonnen aus der Kutsche stiegen, nachdem der 
Räuber den Schlag geöffnet und sie zum Aussteigen aufgefordert 
hatte. 

Roswitha kletterte als erste aus der Kutsche. Die  schwarze 

Nonnentracht verbarg zwar ihre Formen, doch es war nicht zu 
übersehen, daß sie von üppiger Gestalt war. Ihr Busen hob und 
senkte sich unter aufgeregten Atemzügen. Auf ihren Wangen waren 
hektische rote Flecke. 

Zornig blickte sie die Räuber an. Sie  ignorierte die Blicke der 

Männer, die sie grinsend anstarrten. 

»Der Herr sei mit euch«, sagte sie. »Auch wenn ihr verirrte Kinder 

Gottes seid, so werden wir für euch beten.« 

Die Kerle lachten. 
Roswitha schluckte. »Wir sind arme Schwestern des Herrn ...« 
Der Bandit mit dem braunen Bart lachte wieder, so gräßlich und 

schrill, daß Roswitha und ihre beiden Gefährtinnen 
zusammenzuckten. 

»He, Schwester, so ärmlich siehst du mir nicht aus. Eher mächtig 

reich, wenn ich mir das so ansehe.« 

Und dann tat er etwas, das bis auf ihn alle auf dem Waldweg 

überraschte. Seine Hand schoß vor, krallte sich in den schwarzen 
Stoff, und bevor Roswitha zu einer Regung fähig war, riß der Räuber 
den Stoff vom Kragen bis zum Bauchnabel herunter. 

Grinsend starrte er auf Roswithas entblößten Oberkörper. 
Einer der Räuber, ein noch recht junger Bursche mit hungrigem 

Blick, rief: »He, Paul, sollen wir gleich mal eine kleine Kostprobe...« 

»Halt's Maul, du Nonnenschänder. Alles zu seiner Zeit.« 
Er stieß wieder sein seltsam schrilles Lachen aus. 

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Da habe ich aber einen verdammten Namensvetter, dachte Paul 

Ockenfels, der Kutscher. 

Roswitha raffte die zerfetzte Nonnentracht zusammen, um ihren 

Busen zu bedecken. Sie blickte hilfesuchend und voller Angst zu 
Paul Ockenfels. 

Paul zuckte mit den Schultern. Er konnte nichts tun. In 

ohnmächtiger Wut ballte er die Hände. 

»Ihr lustigen Nönnchen könnt wieder einsteigen«, sagte der Räuber 

Paul, nachdem er alle drei der Reihe nach gemustert hatte. 

Wie ein Viehhändler Kühe auf einem Markt ansieht, dachte Paul 

Ockenfels angewidert. 

Sein übler Namensvetter drängte Roswitha und ihre Freundinnen 

in die Kutsche zurück. Roswitha schrie auf, als er sie hart am Arm 
packte. 

Der Räuber lachte nur. 
»So zimperlich warst du doch nicht in dem Kloster, in dem du bis 

jetzt gearbeitet hast«, sagte er spöttisch. »Falls du mich nicht mehr 
wiedererkennst, ich hab' mal vor Monaten bei dir gebetet. Hat mich 
meine ganze Barschaft gekostet. Und als ich von deiner Reise erfuhr, 
dachte ich mir, daß mir für damals noch eine Entschädigung 
zusteht.« Er stieg hinter Roswitha in die Kutsche. 

Sie wissen also Bescheid! dachte Paul Ockenfels. 
Ein anderer Räuber kletterte zu ihm auf den Kutschbock. 
Er drückte Paul sein Schwert in die Seite. 
Paul schrie schmerzerfüllt auf. 
»Nun wein mal nicht, du Nonnenfahrer«, sagte der Kerl grinsend. 

»Fahr zu!« 

»Aber - wohin?« fragte Paul benommen. 
»In die Hölle, mein Freundchen. In die Hölle! Aber erst mal 

geradeaus. Ich sag dir dann schon, wo's langgeht.« 

In diesem Augenblick schrie Roswitha gellend in der Kutsche. 
Das schrille Lachen des Räubers folgte. 
Und Paul Ockenfels lief ein Schauer über die Wirbelsäule. 
Voller Angst löste er die Bremse und trieb das Gespann mit den 

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Zügelenden an. 

Die ersten Regentropfen fielen. 

Louis hielt derweil Almuth in den Armen. Sie war ein heißblütiges 
Frauenzimmerchen, voller Lebenslust und origineller Einfälle. 

Es war ihr Vorschlag gewesen, auf den Hochsitz am Rande der 

Waldlichtung zu steigen, um Schutz vor dem Gewitter zu haben. 

Nur zu gerne war Louis auf die Anregung eingegangen. Es hatte 

ihn von Anfang an nicht sonderlich interessiert, mit Almuth nur 
spazierenzugehen, und schon gar nicht im strömenden Regen. 

Auf dem Hochsitz war es recht eng, doch sie brauchten nicht viel 

Platz. Der Wind peitschte Regentropfen hinein, und Almuth drängte 
sich dicht an den großen Knappen, um nicht vom Regen naß zu 
werden. 

Sie war eine dralle Zwanzigjährige, hellblond und blauäugig und 

langbeinig. Letzteres sah Louis, als er ihr aus dem Rock half  - 
höflich, wie es sich für einen galanten Kavalier geziemt. 

»Damit er nicht zerknittert und schmutzig auf dem Hochsitz wird«, 

wie Almuth nach Louis' ersten Küssen gesagt hatte. 

Nun, Almuth war eine recht offene Maid, und sie zierte sich nicht 

lange. 

»Du hast mir gleich gefallen, als du in den Laden kamst«, seufzte 

sie in Louis Armen, und ihr Blick wurde ob Louis' Zärtlichkeiten ein 
wenig verschleiert. 

»Du hast so etwas Wildes ... Abenteuerliches ... Fast wie ein 

Räuber«, sagte Almuth. 

Darauf erwiderte Louis nichts. Sie brauchte nicht zu wissen, daß er 

in der Tat sogar ein Räuberhauptmann gewesen war, bevor er Ritter 
Rolands Knappe geworden war. 

Louis lenkte sie mit gekonntem Liebesspiel von diesem Thema ab, 

und die Wonnen, die er Almuth bereitete, brachten ihr heißes Blut so 
in Wallung, daß sie sich und alles andere vergaß. 

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Diese Almuth war voller Feuer. Doch bevor Louis es löschen 

konnte, brach der Hochsitz zusammen. 

Almuths Ekstase war wohl zuviel für ihn gewesen. 
Ein Bersten und Krachen als hätte der Blitz eingeschlagen  - und 

pardautz knallte das wackelige Ding zu Boden. 

Das trübte ein wenig die lustvolle Stimmung. 
Zwischen den Trümmern des Hochsitzes fanden sich Louis und 

Almuth immer noch in tiefer Umarmung im nassen Grase wieder. Es 
war alles so schnell gegangen und sie waren so heftig miteinander 
beschäftigt gewesen, daß sie wie von einer rosaroten Wolke zur Erde 
gestürzt waren. 

Nun, es gab keine rosarote, sondern nur dunkel dräuende Wolken 

am finsteren Himmel, und der Regen prasselte auf ihre nackte Haut. 

»Oh Gott«, seufzte Almuth auf Louis' Schoß und barg die Wange 

an seinem Bart. »Hab' ich mich erschrocken!« 

Ein Blitz zuckte über den Himmel. 
»Hast du dir wehgetan?« fragte Louis besorgt. 
Almuth lachte leise. »Nein, ich bin ja weich gefallen, aber es war 

halt doch ein mächtiger Stoß, als wir zu Boden plumpsten.« 

Louis grinste leicht säuerlich und rieb sich über den Hintern, mit 

dem er im nassen Gras gelandet war. 

»Und du?« fragte Almuth und musterte ihn voller Zärtlichkeit. 
»Es geht«, sagte er und küßte sie. »Dieser verdammte Hochsitz! 

Komm, laß uns in den Wald gehen. Hier im Regen holen wir uns 
noch einen Hexenschuß.« 

Er packte sie an den Po-Backen und hob sie von seinem Schoß. 
Sie klaubten ihre Kleidungsstücke zwischen den Trümmern des 

Hochsitzes hervor. Almuths Rock war nun doch schmutzig 
geworden, und ihre Bluse war sogar eingerissen. Auch Louis Hose 
sah nicht zum Besten aus. 

Als sie dann unter einer mächtigen Fichte im Moos lagen, waren 

sie klatschnaß vom Regen. Doch bald verdampften die Regentropfen 
auf ihren Körpern unter der Glut ihrer Leidenschaft. 

Ein Eber, der sich nur ein paar Dutzend Klafter entfernt unter eine 

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andere Fichte gestellt hatte, um Schutz vor dem Regen zu haben, 
spähte neugierig zu den Zweibeinern hinüber. Sein Herz begann zu 
hämmern, und er grunzte erregt bei diesem Anblick. Vortreffliche 
Position! dachte er. Und flugs lief er durch den Wald davon  - heim 
zu seiner Sau. 

Louis und Almuth hörten es nicht einmal. 
Sie hörten weder den Gewitterdonner, noch das Rauschen des 

Regens. 

Irgendwann hörte Louis dann doch etwas. Zunächst einmal 

Almuths von Wonne erfüllte Stimme: 

»Oh ... mein Louis ... oh ...« 
Und dann war da noch etwas anderes zu vernehmen. Ein 

Trommeln, das nichts mit dem Gewitterdonner zu tun hatte. 

Louis verharrte. 
»Louis«, seufzte Almuth und umklammerte ihn fester. »Bitte ...« 
Dann erkannte Louis das Geräusch. 
Hufschlag von Norden. 
Er spähte über die Lichtung. 
Da sah er den Reiter. Nein, es war eine Reiterin, wie er an den 

fliegenden langen Haaren erkannte. Tief über den Pferdehals gebeugt 
jagte die Reiterin in gestrecktem Galopp über die Lichtung, vom 
Regen gepeitscht. Das Pferd flog förmlich über einen niedrigen 
Busch hinweg. Die Reiterin hatte ihm kein Kommando gegeben. Der 
Sprung überraschte sie offensichtlich. Sie ruckte hoch, schwankte 
leicht im Sattel und fing sich wieder. Louis sah, daß ihre völlig 
durchnäßte dünne Bluse wie durchsichtig auf ihrem Busen klebte. 

Doch nicht dieser Anblick ließ ihm den Atem stocken. 
Das Pferd! 
Es gab keinen Zweifel: Es war Ritter Rolands prächtiges Roß! 
Die Reiterin preschte nur ein Dutzend Klafter entfernt an ihnen 

vorbei und hielt auf den Waldweg zu, der zum nahen Ort führte. 

»Louis, was ist...?« Verlangend preßte sich Almuth gegen ihn. Er 

löste sich mit sanfter Gewalt von ihr und sprang auf. 

»Halt!»brüllte Louis und hetzte auf die Lichtung. Erschrocken 

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setzte sich Almuth auf. Sie hatte den Hufschlag zuvor gar nicht 
wahrgenommen. Jetzt sah sie die Reiterin und blickte verwundert zu 
Louis, der ihr nachschrie und heftig gestikulierte. Die Reiterin warf 
einen Blick zurück, zuckte zusammen, warf den Kopf wieder herum 
und trieb Ritter Rolands Roß heftig an. Im Grunde war ihre Reaktion 
verständlich. Welche anständige Reiterin würde schon anhalten, 
wenn ein bärtiger nackter und nasser Mann in einsamem Wald sie 
brüllend und wie der Leibhaftige gestikulierend dazu auffordert? 
Allerdings kann sie nicht ganz so anständig sein, wenn sie ein Pferd 
reitet, das ihr nicht gehört, dachte Louis und knurrte seinen wildesten 
Fluch. Zum Glück hörte Almuth es nicht, weil es just donnerte und 
irgendwo der Blitz einschlug. Der Hufschlag verklang im Rauschen 
des Regens. Louis kehrte zu Almuth zurück. »Hast du mit mir nicht 
genug?« sagte sie schmollend. 

Er blickte auf sie hinab. Sein Zorn verrauchte schnell. 
»Doch«, versicherte er ihr. 
»Dann komm«, sagte sie mit einem verliebten, lockenden Lächeln 

und breitete die Arme aus, um ihn zu empfangen. 

Louis kämpfte mit sich. Ritter Roland hätte längst eintreffen 

müssen. Doch jemand anders ritt sein Roß. Was war da passiert? 
Sein Gefühl sagte ihm, daß irgend etwas geschehen sein mußte. Die 
Reiterin war völlig durchnäßt. Vielleicht rastete sie im Ort. Wenn er 
sich beeilte, konnte er sie vielleicht noch erwischen und ihr ein paar 
harte Fragen stellen ... 

»Es - es geht jetzt nicht«, sagte Louis mit belegter Stimme. 
Almuths Lächeln erlosch. Ihr Blick glitt prüfend an seinem Körper 

hinunter. 

»Wieso nicht?« fragte sie erstaunt. In ihren Augen blitzte es auf, 

oder vielleicht war das auch nur der Widerschein eines wahren 
Blitzes, der am Himmel aufzuckte. 

»Wer war diese Reiterin?«  fragte sie mißtrauisch. »Was hast du 

mit ihr?« Sie schluchzte auf. 

Louis nahm Almuth in die Arme. »Ich habe ein Hühnchen mit ihr 

zu rupfen«, sagte er. Und dann erklärte er ihr kurz, weshalb er sich 

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beeilen mußte. 

Das besänftigte sie. Sie war zwar ein bißchen enttäuscht, weil er 

sie verlassen wollte, doch er versprach ihr, sie in der Nacht, wenn 
alle sonst im Haus des Krämers schliefen, in ihrer Kammer zu 
besuchen. 

Da leuchteten ihre schönen Augen wieder, und sie lächelte voller 

Vorfreude. 

Sie ahnte nicht, daß sie eine schlaflose einsame Nacht verbringen 

würde, weil Louis sein Versprechen nicht halten konnte... 

Sie kann doch nicht einfach verschwunden sein! dachte Thomas 
Himperich verzweifelt. 

Seit vier Tagen suchte er seine Tochter Edeltraut. Sie war mit drei 

Begleitern auf dem Weg nach Peterzell gewesen, wo er sie bei 
Verwandten erwartet hatte. Der Kommandant der Stadtgarde zu 
Freiburg hatte seine dienstfreien Tage wie fast jedes Jahr in Peterzell 
verbringen wollen. Dort war er geboren, dort lebten seine 
Verwandten. 

Voller Freude hatte er auf seine einzige Tochter gewartet. 
Sie war nicht gekommen. 
Nach zwei Tagen des Wartens hatte Thomas Himperich es nicht 

mehr in Peterzell gehalten. Voller Sorge war er nach Freudenstadt 
geritten, wo seine Tochter im Hause eines Arztehepaares arbeitete. 
Dort hatte er erfahren, daß Edeltraut wie abgesprochen von den drei 
jungen Freunden abgeholt worden war, und daß sie pünktlich von 
dort losgeritten waren. 

Thomas Himperich ahnte Schlimmes. 
Voller Sorge ritt er über den Weg nach Peterzell zurück. 
Einer der Begleiter war Himperichs Neffe, und auch die beiden 

anderen kannte er gut genug, um ihnen zu vertrauen. Dennoch 
machte sich der Kommandant der Stadtgarde jetzt Vorwürfe, daß er 
seine Tochter nicht selbst abgeholt hatte. In diesen Zeiten war es 

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gefährlich, im Schwarzwald zu reisen. 

Aber er hatte erst verspätet in die Sommerfrische fahren können. 

Zweimal hatte er den Termin verschieben müssen. Der 
stellvertretende Kommandant, Briegel, war erkrankt 

Lungenentzündung  - und dann auch noch der Stellvertreter des 
Stellvertreters  - er war beim Apfelpflücken vom Baum gefallen und 
hatte sich ein Bein gebrochen, diese Pfeife! So war Thomas 
Himperich im Amt geblieben. Er war ein pflichtbewußter Mann ... 

Bei einem Köhler, etwa zwanzig Meilen nördlich von Peterzell, 

erfuhr Thomas Himperich, daß seine Tochter und ihre Begleiter dort 
die Pferde getränkt und gerastet hatten. Irgendwo auf den letzten 
zwanzig Meilen bis Peterzell mußten sie verschwunden sein. 

Voller Sorge ritt Thomas zurück gen Peterzell. 
Etwa acht Meilen von dem Ort entfernt fand er dann die Brosche 

seiner Tochter. Es war Zufall, daß er sie entdeckte. 

Sie lag am Rande des Weges, halb vom Sand verdeckt, und er hätte 

sie gewiß übersehen wie alle anderen Leute bisher, die des Weges 
gekommen waren, wenn er nicht ausgerechnet ein paar Schritte 
entfernt zu einer Rast angehalten hätte, um ein Schmalzbrot zu essen 
und kalten Pfefferminztee aus der Flasche zu trinken. 

Sofort vergaß er sein Schmalzbrot. Kein Zweifel, das war die 

Brosche seiner Tochter. Eine feine Arbeit. Ein güldenes Herz mit 
einer Rose darüber. Die kunstvolle Arbeit eines Goldschmiedes. Er 
hatte sie ihr zum 20. Geburtstag geschenkt. Edeltraut war nach dem 
Tode ihrer Mutter für Thomas Himperich ein und alles. 

Er schaute sich genauer um. Dann entdeckte er die Spuren, die 

vom Weg fort in ein Waldstück hineinführten. Sieben oder acht 
Reiter waren dort vom Weg abgebogen, genau war das nicht zu 
erkennen. Ihre Rösser hatten tiefe Hufabdrücke im weichen Boden 
hinterlassen. 

Thomas wurde immer unruhiger. Er wußte, daß in den letzten 

Wochen einige Reisende spurlos verschwunden und Warentransporte 
nie an ihrem Ziel eingetroffen waren. 

Edeltrauts Brosche und die Fährte der Reiter! 

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Es wurde Thomas heiß und kalt zugleich. Er spürte, daß er einem 

Geheimnis auf der Spur war. 

Er folgte der Fährte. 
Sie führte über einen Waldweg, dann aus dem Waldstück  hinaus 

und durch eine tiefe Schlucht, in der ein Wildbach rauschte. Bei einer 
Weggabelung fand er dann einen Schuh von Edeltraut. 

Allmächtiger! dachte er. Was ist mit meinem Kind passiert? 
Einen Augenblick lang zögerte er. Er mußte sich zwingen, den Ritt 

fortzusetzen. Er befürchtete, am Ende der Fährte etwas Grauenvolles 
zu finden. 

Edeltraut war ein schönes Mädchen. Wenn sie Räubern in die 

Hände gefallen war ... Er wagte kaum, den Gedanken fortzusetzen. 

Nach einer halben Stunde verloren sich die Spuren. Er war so mit 

seinen quälenden Gedanken beschäftig gewesen, daß er gar nicht 
bemerkt hatte, wann die Fährte aufgehört hatte. Er überlegte, ob er 
zurückreiten sollte. Möglicherweise waren die Reiter irgendwo 
abgebogen. 

Dann sah er auf einem Busch etwas Rosafarbenes. Er ritt hin. Es 

war Edeltrauts Seidentüchlein. Ihre Initialen waren aufgestickt. 

Es gab keinen Zweifel mehr für Thomas: Edeltraut war in der 

Gewalt dieser Reiter, und sie hatte Brosche, Schuh und Seidentuch 
nicht verloren. Sie hatte damit den  Weg markieren wollen, den ihre 
Entführer eingeschlagen hatten. 

Ungeduld und Sorge trieben Thomas weiter. Schon lange war er 

bis auf die Haut vom Gewitterregen durchnäßt. Es kümmerte ihn 
nicht. Er gönnte sich keine Pause. Der Regen würde die Spuren 
auslöschen, und dann war alles aus. 

Dann konnte er Edeltraut niemals wiederfinden  - oder ihre 

Leiche... 

Er erschauerte bei diesem Gedanken. 
Er fand wieder Spuren, doch bald waren sie zu Ende. Sie hörten in 

einem Gestrüpp zwischen mächtigen Felsen auf. 

Thomas zügelte das erschöpfte Roß und saß ab. Er untersuchte den 

Boden. Er umrundete das Gestrüpp, sein Blick tastete über den 

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Felsen und suchte nach einer Fortsetzung der Fährte. Doch er konnte 
keine finden. 

Es war, als wären die Reiter davongeflogen. 
Unfug! dachte Thomas. Er war ein, in langen Jahren Dienstzeit als 

Kommandant der Stadtgarde, erfahrener Mann. Er glaubte nicht an 
Hexerei. Des Rätsels Lösung mußte irgendwo zwischen diesen 
Felsen liegen, irgendeine versteckte Spalte, der verborgene Zugang 
zu einer Schlucht oder einem Tal. 

Dann entdeckte er einen abgeknickten Zweig im wuchernden 

Gestrüpp. Der Zweig war noch nicht lange geknickt. Der Knick war 
noch grün. Sein Blick tastete den Boden ab. Dann entdeckte er einen 
Fußabdruck. Regenwasser sammelte sich darin, doch der Abdruck 
war deutlich zu erkennen. 

Er wischte sich unbewußt eine triefendnasse Haarsträhne aus der 

Stirn. 

Erregung erfaßte ihn. 
Zugleich warnte ihn eine innere Stimme. 
Er lauschte und blickte angespannt in die Runde. Er glaubte im 

Rauschen des Regens einen Kuckucksschrei vernommen zu haben, 
doch er war sich nicht ganz sicher. Sein Roß schnaubte und 
schüttelte den Kopf, als wollte es sich darüber beschweren, daß er es 
im Regen, stehenließ. 

Ein Blitz zuckte über den Himmel und tauchte alles in grelles, 

gespenstisches Licht. Donner hallte zwischen den Bergen wider. 

Thomas zögerte. Unbewußt griff er in die Hosentasche, und seine 

Hand schloß sich um das Taschenmesser. Für einen Augenblick 
bedauerte er, daß er sein Schwert bei den Verwandten in Peterzell 
gelassen hatte. Aus Sorge um seine Tochter war er übereilt 
aufgebrochen. Er hatte nicht mal bedacht, daß der Ritt durch die 
Einsamkeit der Wälder auch für ihn, einen einzelnen Reiter, 
gefährlich sein konnte. 

Dann schalt er sich einen Narren. 
Wenn seine Tochter von einer Räuberbande entführt worden war, 

dann hatte er allein auch mit noch so vielen Schwertern keine Chance 

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gegen die Übermacht. Er mußte Hilfe holen. Das Versteck der Bande 
finden, die Kerle beobachten und dann Verstärkung holen. Vielleicht 
gab es im Schutz der Dunkelheit sogar eine Möglichkeit, Edeltraut 
heimlich zu befreien. Wenn sie noch lebte ... 

Von neuem schluckte er hart. 
Dann gab er sich einen Ruck und bahnte sich entschlossen einen 

Weg durch das nasse Gestrüpp. 

Er kam genau fünf Schritte weit. 
Er nahm noch ein schemenhafte Bewegung zu seiner Rechten wahr 

und zuckte herum, dann traf ihn das Schwert in die Brust. 

Thomas Himperich taumelte zurück und war schon tot, bevor er zu 

Boden stürzte. Die Wasserlache unter ihm färbte sich mit seinem 
Blut... 

Der Mörder schritt heran. Ein großer, breitschultriger Mann in 

einem ledernen Umhang und einem schwarzen Schlapphut, von dem 
der Regen tropfte. 

»Der ist hin, Franz«, rief er. 
Eine zweite Gestalt tauchte hinter ihm auf. 
Der Mörder zog das Schwert aus der Brust des Toten und wischte 

die blutige Klinge an der nassen Hose der Leiche ab. 

»W-wwer ist dddas, Heinrich?« stammelte Franz. Er stotterte, 

wenn er aufgeregt war. Er sah auf die gebrochenen Augen des 
Mannes, die weit aufgerissen waren und blicklos in den Regen 
starrten. 

»W-wweiß iich doch nicht«, äffte Heinrich ihm nach. 
Franz machte sich nichts daraus. Er war es gewohnt, von den 

Kumpanen verspottet zu werden. Von diesen üblen Kerlen war kein 
Verständnis und Mitgefühl zu erwarten. 

»Sieh dich mal in der Nähe um«, sagte Franz im Kommandoton 

und untersuchte die Taschen des Toten. 

»Du meinst, es kö-könnten noch mehr in der Näh-Näh- ... Gegend 

sein?« fragte Franz verdattert. 

»Papperlapapp. Wir haben doch nur einen Reiter gesehen. Hol sein 

Roß.« 

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Franz nickte eifrig und eilte davon. 
Nach fünf Minuten kehrte er zurück. 
»Kein Gaul zu finden«, meldete er und wischte sich Regen aus 

dem Gesicht. »Muß weggelaufen sein.« 

Heinrich zuckte nur mit den Schultern. Das Roß des Toten 

interessierte ihn herzlich wenig. Sie hatten genügend Pferde in letzter 
Zeit erbeutet. Er hatte Franz nur weggeschickt, um in Ruhe die 
Leiche fleddern zu können. Er teilte nicht gern mit Kumpanen ... 

Louis betrat den Stall neben der Schmiede. Wenn die Reiterin in 
Peterzell eine Rast einlegte, ließ sie das Pferd vielleicht im Stall 
versorgen. 

Eine Lampe verbreitete schwaches Licht. Die Kerze in dem 

verrußten Glas war fast heruntergebrannt und flackerte. 

Ein Pferd wieherte, als ein Blitz den Stall für einen 

Sekundenbruchteil in Licht tauchte. 

Louis hielt vergebens nach dem Stallburschen Ausschau, der sonst 

hier seinen Dienst versah. Er nahm die Lampe vom Haken am 
Pfosten und leuchtete damit in die Boxen. 

Er sah Pierres Roß und dann sein eigenes. Sie hatten die Pferde bei 

ihrer Ankunft der Obhut des Stallburschen übergeben. 

Drei andere Tiere standen in den Boxen, doch Louis hielt 

vergebens nach Ritter Rolands prächtigem und unverkennbaren Roß 
Ausschau. 

Er wandte sich ab. Am besten fragte er Pierre, ob er die Reiterin 

gesehen hatte. 

In diesem Moment ging das Stalltor auf. Vier Männer betraten den 

Stall. Louis sah an der Spitze der vier den fuchsgesichtigen 
Stallburschen. 

»Da ist er ja«, sagte der Stallbursche und bliebt abrupt stehen. Er 

wirkte erschrocken. Einer der anderen schob ihn zur Seite. 

Louis blickte verwundert. 

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»Sucht ihr mich?« Er musterte die Männer kurz. Finstere 

Gestalten. Einer von ihnen, ein Graubart, trat näher. 

»Grüß Gott«, sagte er höflich. »Wir sollen Euch Grüße von Eurem 

Freund bestellen.« 

Louis entspannte sich. »Pierre ...?« 
Dann verstummte er. 
Denn der Graubart zog blitzschnell einen Dolch hervor. Sein 

Bartgestrüpp klaffte auf, und er zeigte grinsend eine Zahnlücke und 
einen braunen Zahnstummel. 

Doch Louis sah es nicht. Es war nicht das erste Mal, daß er in 

Gefahr war, und in seiner Zeit als Räuberhauptmann hatte er so 
einiges gelernt, was ihm auch später als Knappe zugute gekommen 
war. 

Er war fast so schnell wie der Blitz, der gerade am Himmel 

aufzuckte. 

Fast ansatzlos warf er dem Graubart die Lampe ins grinsende 

Gesicht. Die Lampe traf den Kerl an der Nase. Glas klirrte, ein 
Schrei ertönte, und zugleich hallte Donner durch das Prasseln des 
Regens auf dem Stalldach. 

Der Graubart, der sich wieder einmal überschätzt hatte, taumelte 

zurück, Blut schoß aus seiner Nase. Die Reste der Lampe waren zu 
Boden gefallen, die Kerze drohte zu erlöschen, doch dann fand die 
Flamme Nahrung im Streu und züngelte auf. 

Louis war mit einem Satz bei dem Graubart, packte das 

Handgelenk des immer noch überraschten Mannes und verdrehte es. 
Zum zweiten Mal jaulte der Kerl auf und ließ den Dolch fallen. Und 
bevor er wußte, wie ihm geschah, packte Louis ihn am Kragen und 
schleuderte ihn gegen seine Kumpane, die angreifen wollten. Der 
Graubart prallte gegen einen Mann und riß ihn mit sich zu Boden. 
Der andere wich geschickt aus. 

Louis sah noch, wie der Kerl ein Messer aus der Lederscheide am 

Gürtel riß. Dann hatte der Stallbursche das Feuer ausgetreten, und es 
war völlig dunkel im Stall. 

Louis schnellte sich zur Seite. 

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Gerade noch in letzter Sekunde. Er hörte etwas zischen und 

vernahm dann einen dumpfen Einschlag. Der Kerl hatte sein Messer 
geworfen. 

Ein Blitz erhellte den Stall, und Louis sah huschende Gestalten. 

Das Dumme war, daß sie ihn ebenfalls sahen. 

Louis wich einem heranstürmenden Schatten aus und packte zu. Er 

erwischte den Kerl, riß ihn hoch und schleuderte ihn aus der Drehung 
heraus von sich. Etwas klirrte, und Louis erkannte, daß er den Mann 
aus dem Fenster geworfen hatte. 

Pferde wieherten erschreckt und stampften mit den Hufen. 
Mit einem Schrei sprang Louis auf die nächste Gestalt zu, die er 

nur schemenhaft im Dunkel ausmachen konnte. 

Wilder Zorn erfüllte den Knappen. 
Wer immer diese  Haderlumpen auch sein mochten und was auch 

immer sie vorgehabt hatten, sie sollten sich verrechnet haben! 

Der Mann vor ihm bewegte sich, und dann traf etwas Hartes des 

Knappen Schulter. Ein Besen, über den der Kerl gestolpert war und 
den er flugs hochgerissen hatte. Doch das sah Louis erst, als wieder 
das Licht eines Blitzes den Stall kurz erhellte. 

Louis strauchelte. Seine Stiefel waren naß und schlammig nach 

seinem Ausflug mit Almuth. Er rutschte aus. 

Sofort war einer der Kerle über ihm. Hände krallten sich um des 

Knappen Hals. Er packte die Handgelenke und befreite sich mit 
einem heftigen Ruck aus der Umklammerung. 

Der andere schlug mit dem Besen auf ihn ein. 
Kurz dachte Louis mit Groll daran, daß er ebenso wie Pierre das 

Schwertgehenk im Gasthof gelassen hatte. Mit seinem Schwert hätte 
er den Kampf schnell beendet. Doch sie hatten sich als die Burschen 
eines Händlers ausgegeben, um ohne Aufsehen ermitteln zu können. 
Fremde mit Schwertern fielen in einem kleinen Ort auf. Auch Roland 
würde nicht in Kettenhemd, mit Schild und Schwert kommen, 
sondern sich als Händler ausgeben, auf den sie warteten. Es galt das 
Verschwinden der Menschen und Transporte aufzuklären und die 
Nachforschungen unauffällig zu betreiben, auf daß der oder die 

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Missetäter nicht gewarnt wurden. 

Doch man hatte offenbar den Braten gerochen. 
Louis warf den Mann von sich, der ihn von neuem umklammern 

wollte. Wieder streifte ihn ein Besenhieb. Louis sprang auf. Er 
dachte keine Sekunde lang an Flucht. Zornig wollte er sich den Kerl 
schnappen und ihm den Besen um die Ohren schlagen. 

Doch dazu kam es nicht mehr. 
Etwas Spitzes bohrte sich schmerzhaft zwischen seine 

Schulterblätter, und ein scharfe Stimme zischte ihm in den Nacken: 

»Wenn du auch nur laut atmest, hast du das Messer im Kreuz, du 

Hundsfott!« 

Zum Teufel mit Helga! Das hatte Ritter Roland oft genug auf seinem 
langen Fußmarsch gedacht. Das Gewitter hatte ihn überrascht. Bevor 
er sich irgendwo hätte unterstellen können, war er bis auf die Haut 
durchnäßt gewesen. Da hatte er  darauf verzichtet, irgendwo das Ende 
des Gewitters abzuwarten. Seit zwei Stunden marschierte er 
klatschnaß gen Peterzell, und er war von wildem Grimm erfüllt. 

Oh, wie sie ihn hereingelegt hatte! Ihn, den berühmten Ritter mit 

dem Löwenherzen. Eine kleine Pilzsammlerin. Es nagte an seinem 
Stolz, daß er auf ihren simplen Trick hereingefallen war. 

»Wenn ich dieses Luder wiederfinde...« knurrte er. 
Dann blieb er stehen und blinzelte durch den Regenschleier. 
Ein Roß stand dort am Wegesrand und drehte schnaubend den 

Kopf, als es ihn witterte. 

Ein schönes Tier, dunkelbraun mit einer schneeweißen Stirnblesse 

und vier, fast gleichmäßigen weißen Strümpfen. 

Wo war der Reiter? 
Roland näherte sich dem Tier. Das Roß lief ein Stück zwischen das 

Farnkraut und die Büsche. Roland redete mit sanften, dunklen 
Worten beruhigend auf den Braunen ein und hatte Erfolg. Das Roß 
blieb stehen, und Roland konnte die Zügel ergreifen. Er tätschelte 

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das nasse Fell am Hals und band das Tier an den Stamm einer Birke. 

Dann hielt er Ausschau nach dem Besitzer. 
Er fand niemand in der näheren Umgebung. Er rief und lauschte, 

doch nur Donnergrollen und das Rauschen des Regens antworteten 
ihm. 

Er hockte sich unter eine Blutbuche, wo er vor Wind und Regen 

geschützt war und wartete unschlüssig. 

Wo mochte der Reiter sein? Wenn er im Gewitter abgeworfen 

worden war und jetzt irgendwo verletzt und hilflos im Regen lag ... 

Der Gedanke ließ Ritter Roland keine Ruhe. Von neuem begab er 

sich auf die Suche. Fast eine Stunde lang durchstreifte er die 
Umgebung, doch er fand nichts. 

Vielleicht war der Braune entlaufen? Roland kramte in den 

Satteltaschen. Er fand ein angebissenes Schmalzbrot, eine Flasche 
mit Tee, Verbandszeug, eine Kerze und Schwefelhölzer. Nichts, was 
auf den Besitzer Aufschluß gegeben hätte. 

Im Grunde war es Ritter Roland ganz recht, daß kein 

Pferdebesitzer da war. So brauchte er nicht lange zu bitten, daß man 
ihn bis Peterzell mitnahm, ein Ansinnen, das leicht ausgeschlagen 
werden konnte. Doch andererseits widerstrebte es Roland, sich das 
Roß einfach zu nehmen. Er war ein Ritter und kein Pferdedieb. 

Er wartete noch eine Weile, doch dann war sein Entschluß gefällt. 

Er hinterließ einen Zettel an der Birke am Wegesrand, genau an der 
Stelle, an der er das Roß gefunden hatte. Sollte der Besitzer  das Tier 
suchen, würde er erfahren, daß er es im Stall von Peterzell gut 
versorgt wiederfinden würde. 

So saß Ritter Roland auf und ritt zu dem Ort. 
Als er dort eintraf, war es Abend. Das Gewitter war vorüber 

gezogen, und der Schein der Lampen erhellte die Fenster der Häuser. 
Es war ein Anblick, der Behaglichkeit versprach. Roland war 
hungrig. Bis auf das halbe Schmalzbrot hatte er seit dem Frühstück 
nichts mehr gegessen. Er freute sich auf trockene Kleidung, eine 
warme Mahlzeit und ein Bier im Dorfkrug. Und er war gespannt 
darauf zu erfahren, was die Knappen zu berichten wußten. 

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Ein Mann trat aus einem der Häuser und starrte ihn an wie einen 

Geist. Ritter Roland blickte an sich hinab und lächelte. Er sah in 
seiner durchnäßten und vom Ritt verschmutzten Kleidung und den 
schlammbedeckten Stiefeln gewiß nicht sehr vertrauenerweckend 
aus. 

Roland grüßte den Mann höflich und fragte ihn nach dem Stall. 

Immer noch starrte ihn der Mann offenen Mundes an. Stumm wies er 
dann mit zitternder Hand die Straße entlang. 

Bevor sich Roland bedanken konnte, warf sich der Mann herum 

und verschwand im Haus. Die Tür knallte zu. 

Seltsamer Kauz, dachte Roland und ritt weiter. Er passierte die 

Schenke, die einladend erhellt war. Er  wäre gern gleich dort 
eingekehrt, doch erst wollte er das Pferd abliefern. 

Flüchtig dachte er an sein prächtiges Roß und Helga. Natürlich 

würde er nichts unversucht lassen, um seinen Hengst 
wiederzufinden. Gleich wollte er dem Stallmann Roß und Reiterin 
beschreiben und fragen, ob man sie in Peterzell gesehen hatte. 

Roland ritt in den dunklen Stall und rief nach dem Pferdepfleger. 

Nur durch das scheibenlose Fenster fiel ein Streifen schwachen 
Lichts von einer Laterne herein. In den Winkeln des Stalls nistete die 
Dunkelheit. 

Rolands Ruf war noch nicht verklungen, als aus dem Dunkel rechts 

von ihm eine aufgeregte Stimme sagte: »Keine Bewegung, oder du 
bist des Todes!« 

Roland zuckte zusammen. Er blieb stocksteif im Sattel sitzen, doch 

dann drehte er den Kopf,  langsam, ganz langsam, denn er wollte 
nicht des Todes sein. 

Er sah einen großen, stämmigen Mann, der ein Schwert in der 

vorgereckten Hand hielt. 

»Nimm die Hände hoch, du Lump!« sagte der Mann. Seine 

Stimme klang angespannt. 

Ein nervöser Mann mit einem Schwert in der Hand war eine 

Gefahr, die nicht unterschätzt werden durfte. Roland gehorchte. 
Gewiß handelte es sich um ein Mißverständnis, und der Bursche 

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würde sich bald entschuldigen müssen. 

Während Roland langsam die Hände hob, zog er die Füße aus den 

Steigbügeln. 

»Begrüßt du immer so deine Kunden?« fragte Roland. 
»Solche Kunden wie dich sollte man auf der Stelle aufhängen«, 

sagte die Stimme aus dem Dunkel. 

Langsam stieg Unmut in Ritter Roland auf. 
»Mäßige deine Worte«, sagte er ruhig. »Was immer dieses 

Spielchen zu bedeuten hat  - es gefällt mir nicht. Nun nimm das 
Schwert weg und erkläre mir, was dein garstiges Betragen zu 
bedeuten hat.« 

»Der Mann trat einen Schritt näher. »Runter mit dir!« 
Der unfreundliche Gesell beging einen Fehler, indem er das Roß 

umrunden wollte, um den Reiter beim Absitzen im Auge behalten zu 
können. 

Roland handelte schnell und entschlossen. 
Er stieß dem Roß die Hacken in die Flanken. Das Tier machte 

einen Satz und rammte den völlig überraschten Mann. 

Mit einem Aufschrei stürzte er zu Boden. 
Und jetzt saß Roland ab. Doch anders, als der Mann es sich 

gedacht hatte. Roland schnellte sich aus dem Sattel, flog auf den 
benommenen Mann zu und fegte ihm mit einem Hieb aufs 
Handgelenk das Schwert aus der Hand. Bevor der Mann wußte, wie 
ihm geschah, hielt Roland das Schwert in der Hand und tippte ihm 
die Klinge auf die Brust. 

Der Mann schrie, als hätte Roland bereits zugestoßen. Doch das 

wäre dem Ritter nie in den Sinn gekommen. Es verstieß gegen die 
Ritterehre, einem wehrlosen Gegner den Todesstoß zu versetzen. 

»Hör mit dem Gebrüll auf und erkläre mir ...« 
Roland wirbelte herum, denn er vernahm ein Geräusch bei der Tür. 

Ein Schatten sprang in den Stall, holte mit einem Arm aus. Roland 
duckte sich geistesgegenwärtig. Die Keule streifte ihn dennoch an 
der Schläfe. Roland taumelte zurück. Der Mann am Boden vergaß 
seine Angst und sprang Roland von hinten an. Roland stürzte zu 

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Boden. 

Aus der Drehung heraus schlug er mit dem Schwert zu. Der 

Gegner gab einen röchelnden Laut von sich und erschlaffte auf 
Roland. Roland stieß ihn mit dem Ellenbogen von sich und sprang 
auf. 

Der andere Angreifer stürmte heran. Vermutlich sah er im Dunkel 

das Schwert in Rolands Faust nicht. Denn sonst hätte er lebensmüde 
sein müssen. Fast wäre er in die Klinge hineingerannt. Er verdankte 
es dem Großmut des Ritters, daß sein Bauch nicht aufgeschlitzt 
wurde. Blitzschnell drehte Roland die Klinge zur Seite, und der Kerl 
prallte nicht gegen das Schwert sondern gegen Roland. 

Roland hatte keine Lust, lange mit dem Angreifer herumzutändeln. 

Er schlug den Mann mit der Breitseite der Klinge nieder. 

Dann atmete er auf. Die Gefahr war gebannt. Ein unerfreulicher 

Empfang, der ihm da zuteil geworden war. 

Der Mann, der Roland mit dem  Schwert so unfreundlich begrüßt 

hatte, regte sich. Roland piekte ihm die Schwertspitze in die rechte 
Gesäßbacke. 

»Steh auf!« 
Schwankend richtete sich der Mann auf. 
»Gibt es in diesem Stall eine Lampe?« fragte Roland. 
Der Mann wies wortlos zur Seite. 
»Na los, worauf wartest du? Zünde sie an!« 
Der Mann gehorchte. 
Schließlich fiel der Schein der Lampe auf sein Gesicht. Es war ein 

rundes Gesicht mit Pausbacken, einem Doppelkinn, einer breiten 
Nase und wulstigen Lippen. Angst flackerte in den Augen des 
Mannes,  die auf das Schwert in Rolands Hand gerichtet waren. Dann 
irrte sein Blick an Roland vorbei zu der reglosen Gestalt des zweiten 
Mannes. 

»Erbarmen!« sagte er voller Furcht und wich von Roland fort. 
»Darüber können wir reden«, sagte Roland. »Aber erst wirst  du 

mir einige Fragen beantworten. Wer bist du?« 

»Ich bin der Besitzer dieses Stalles.« 

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»Hast du auch einen Namen?« 
»Waldemar Esch.« 
»Gut, Waldemar. Und wer ist der andere unfreundliche Patron?« 

Roland wies mit dem Schwert zu dem Bewußtlosen. 

»Das ist Hohkeppel - der Polizist.« 
Roland blickte verblüfft. 
»Und was wollte er? Weshalb ging er wie ein Räuber auf mich los? 

Weshalb empfingst du mich mit dem Schwert?« 

»Das fragst du noch?« 
»So ist es. Und jetzt will ich endlich eine Erklärung.« 
In diesem Augenblick regte sich der Polizist. Stöhnend setzte er 

sich auf und betastete seinen Kopf. Dann setzte wohl seine 
Erinnerung ein. Krächzend fragte er: 

»Waldemar, hast du dem Hundsfott einen über den Latz geknallt: 

»Nein«, bekannte Waldemar bekümmert. »Er ließ mich nicht.« 

Der Polizist wandte den Kopf, und erst jetzt sah er anscheinend 

wieder ganz klar. Er fluchte. 

Dann besann er sich offenbar auf sein Amt, setzte eine grimmige 

Miene auf und erklärte mit einem wütenden Blick von unten herauf: 

»Du bist verhaftet!« 
Roland mußte lächeln. »Und warum?« 
Der Polizist blinzelte mit seinen kleinen schwarzen Äuglein. 
»Warum? Das fragst du noch? Was hast du mit Thomas Himperich 

gemacht?« 

»Wer ist Thomas Himperich?« fragte Roland. 
»Der Besitzer des Pferdes, das du gestohlen hast.« 
Jetzt fiel es Roland wie Schuppen von den Augen. 
Bald klärte sich alles auf. Das auffällige Pferd war in Peterzell 

ebenso bekannt wie der Kommandant der Stadtgarde zu Freiburg. 
Sofort bei Rolands Eintreffen hatte man den Polizisten und den 
Stallbesitzer alarmiert. Noch bevor er nach dem Stall gefragt hatte. 
Man wußte, daß Himperich voller Sorge um seine Tochter losgeritten 
war, und jetzt kam ein Fremder auf seinem Pferd in den Ort! Der 
Fremde mußte ein Pferdedieb sein, wenn nicht gar schlimmeres. 

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Roland erklärte, daß er das Pferd reiterlos gefunden hatte. Er 

erzählte, daß man ihm das eigene Roß gestohlen hatte und beschrieb 
Pferd und Reiterin. Nein, beide waren nicht in Peterzell gesehen 
worden. 

Das Mißtrauen der beiden Männer verschwand offensichtlich. Sie 

glaubten Roland, Jedenfalls hatte es den Anschein. Sie überlegten 
mit bangen Mienen, was mit Himperich geschehen sein könnte. 
Roland beteuerte, daß er nach dem Besitzer des Pferdes gesucht 
hatte. Er beschrieb die Stelle, an der er das Pferd gefunden hatte und 
bot sich an, den Polizisten dorthin zu führen. 

Nachdem alles geklärt war, fragte Roland nach Louis und Pierre. 

Er gab sich als Händler aus, der seine zwei Burschen vorausgeschickt 
hatte. 

Ja, die beiden waren in Peterzell bekannt. 
»Sie haben Peterzell mit einem Wagen verlassen«, sagte 

Waldemar. 

»Mit einem Wagen?« fragte Roland verwundert. 
»Ja, so hörte ich in der Wirtschaft.« 
Roland nagte an der Unterlippe. Es war fest abgemacht, daß die 

Knappen auf ihn warteten und nichts auf eigene Faust unternahmen, 
wenn sie eine Spur finden sollten. Sie mußten schon einen triftigen 
Grund gehabt haben, mit einem Wagen wegzufahren. Gewiß hatten 
sie beim Wirt des Gasthofes eine Nachricht für ihn hinterlassen. Er 
wollte sogleich dorthin gehen. 

Hohkeppel, der übrigens wie ein Landmann gekleidet war, streckte 

die Hand aus. 

»Jetzt, da alles aufgeklärt ist, braucht Ihr das Schwert nicht mehr«, 

sagte er höflich und mit einem freundlichen Lächeln. 

Roland nickte und reichte ihm das Schwert ohne Argwohn. 
Das hätte er besser nicht getan. 
Denn schlagartig veränderte sich die freundliche Miene des 

Mannes. Er drückte Roland die Schwertspitze gegen die Brust, in 
Höhe des Herzens, und sagte mit boshaftem Grinsen: 

»Ha, hab ich dich reingelegt, du Lump! Du Dieb und Mörder!  Am 

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Galgen sollst du hängen und in der Hölle für deine Untaten büßen!« 

Hohkeppel war kein Polizist. Es gab gar keinen in dem kleinen Ort. 
Doch das erfuhr Ritter Roland erst viel später. 

Auf einen Pfiff Hohkeppels hin tauchten ein halbes Dutzend 

Männer auf. Sie schlugen Roland nieder, fesselten ihn an Händen 
und Füßen und schleppten ihn aus dem Stall. 

Sie sperrten ihn in irgendeinen Keller. Als er zu sich kam, 

umgaben ihn tiefe Finsternis und modriger Geruch. Etwas huschte 
über sein Bein. Eine Maus? Eine Ratte? Er bäumte sich in den 
Fesseln auf. Vergebens. Sie hatten ihn so fest verschnürt, daß ihm die 
Stricke in die Haut schnitten. 

Lange lag er dort auf dem Steinboden und hing seinen Gedanken 

nach. 

Mit Helga hatte alles angefangen. Vermutlich war  sie jetzt mit 

seinem Roß über alle Berge. 

Vermutlich würde er das Roß auch nicht mehr brauchen ... 
Sie wollten ihn aufhängen! 
Man hielt ihn für einen Pferdedieb und Mörder. Er konnte nur 

hoffen, daß der Besitzer des auffälligen Pferdes bald auftauchte und 
sich alles aufklärte. Natürlich konnte man ihm keinen Mord 
beweisen. Im Grunde nicht mal einen Pferdediebstahl. Er hatte das 
reiterlose Roß, das durch die Wälder irrte, mitgenommen, um es im 
nächsten Ort abzuliefern. 

Dennoch hatte Roland ein äußerst unbehagliches Gefühl. Die 

Männer waren aufgeregt und voller Feindschaft gewesen, eine 
wütende Horde, die offenbar nur einen Schuldigen suchte ... 

Und wo waren die Knappen? Wie anders wäre alles verlaufen, 

wenn sie zur Stelle gewesen wären! 

Schließlich fielen Roland doch die Augen zu. Alpträume quälten 

ihn in unruhigem Schlaf. 

Irgendwann weckten ihn Geräusche. 

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Etwas knirschte und quietschte, dann fiel eine Tür zu. 
Blinzelnd öffnete er die Augen und drehte den Kopf. 

Lampenschein näherte sich und geisterte über kahle Wände. Schritte 
hallten dumpf über den Gang bis zum Keller. 

Es war Hohkeppel mit vier anderen Männern. 
Hohkeppel blieb drei Schritte von Rolands Stiefelspitzen entfernt 

stehen und hob die Hand mit der Lampe. 

»Willst du ein Geständnis ablegen?« fragte er. »Wo hast du die 

Leiche verscharrt?« 

Roland bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. Er schilderte noch 

einmal, was er im großen und ganzen schon gesagt hatte. Stumm 
hörten Hohkeppel und die anderen zu. Roland sah Hohkeppel an den 
Augen an, daß ihm der Mann kein Wort glaubte. Und einer der 
anderen sprach aus, was gewiß auch Hohkeppel dachte: 

»Er lügt das Blaue vom Himmel herunter. Thomas ist ebenso 

verschwunden wie seine Tochter. Er war auf der Suche nach ihr und 
ist gewiß in eine Falle geraten. Der Kerl da ist einer der Räuber. Er 
hat Thomas umgebracht und sich sein Roß genommen. Wir sollten 
ihn auf der Stelle aufknüpfen!« 

»Dann erfahren wir nichts«, wandte Hohkeppel besonnen ein, 

schien aber grundsätzlich nichts gegen das Aufknüpfen zu haben. 

»Ich könnte schon dafür sorgen, daß er wie eine Nachtigall singt«, 

sagte einer der Männer, tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit 
den anderen und putzte sich mit einem Messer die Fingernägel. Dann 
sah er Hohkeppel erwartungsvoll an. 

Hohkeppel starrte nachdenklich auf Roland nieder. 
»Du hast es gehört. Also mach das Maul auf, oder Philipp 

bearbeitet dich mit dem Messer.« 

»Das würdest du zulassen?« fragte Roland. Und bitter fügte er 

voller Verachtung hinzu: »Feiner Polizist!« 

»Ich bin kein Polizist«, sagte Hohkeppel, hakte die Daumen hinter 

die Hosenträger und wippte auf den Zehenspitzen. »Das hat 
Waldemar nur gesagt, um dich zu täuschen. Er dachte sich, du 
würdest geschwind das Weite suchen, wenn du etwas von Polizei 

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hörst. Ich bin ein Schwager von Himperich, den du ermordet hast, 
um dir sein schönes Pferd zu nehmen oder weil er hinter dir her war. 
Denn er ist Polizist. Wo sind übrigens die ändern?« 

»Welche anderen?« 
»Deine Räuberkumpane. Du willst uns doch wohl nicht 

weismachen, du treibst dich allein hier in den Wäldern herum?« 
Hohkeppels kleine Augen blickten lauernd. »Vielleicht lassen wir 
dich am Leben, wenn du uns euer Versteck verrätst.« 

»Ich bin kein Räuber, ich bin ...« Roland verstummte. Es hatte 

keinen Sinn. Er spürte, daß er diese Männer nicht überzeugen konnte. 

Hohkeppel gab Philipp einen Wink. 
Philipp näherte sich. Die Messerklinge funkelte im Schein der 

Lampe. 

»Wer nicht reden will, muß fühlen«, sagte Philipp. 
Rolands Gedanken jagten sich, Verzweiflung erfaßte ihn. Kurz 

spielte er  mit dem Gedanken, seine Rolle als Händler aufzugeben 
und preiszugeben, daß er Ritter Roland war. Doch hätte ihm das 
etwas genützt? Das konnte schließlich jeder behaupten. Erst vor zwei 
Monaten hatte man einen Zechpreller und seine beiden Kumpane 
entlarvt,  die durch die Lande gezogen waren und sich als Ritter 
Roland und seine Knappen ausgegeben hatten. Obwohl sie gar nicht 
mal so ähnlich ausgesehen hatten, waren sie in abgelegenen 
Ortschaften reich bewirtet worden, bevor sie sich aus dem Staub 
gemacht hatten ... 

»Fangen wir mit dem kleinen Finger an«, sagte Philipp in Rolands 

Gedanken hinein, und Roland spürte, wie der Kerl die Messerklinge 
ansetzte. 

»Ich sage euch alles, was ich weiß«, erklärte Roland hastig. 
Hohkeppel atmete hörbar auf. Auch Philipp wirkte  erleichtert. 

Roland spürte, daß die Männer ihn nur einschüchtern und ihre 
Drohung vielleicht gar nicht wahrmachen wollten. 

Es waren Bürger des Ortes und keine Verbrecher. Ihr 

ungesetzliches Vorgehen war nicht zu entschuldigen, doch Roland 
spürte, daß sie in Sorge um einen der ihren handelten. Und wenn er 

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gerecht war, mußte er zugeben, daß es schon sonderbar war, daß ein 
Fremder auf einem Pferd in den Ort ritt, dessen Besitzer auf der 
Suche nach seiner verschollenen Tochter ebenfalls verschwunden 
war. Dazu das spurlose Verschwinden von vielen Menschen und 
Transporten, das die Leute im Schwarzwald in Angst und Schrecken 
versetzte ... 

Roland tat, was er versprochen hatte. Er sagte alles, was er wußte. 

Das war natürlich so gut wie nichts, aber dabei versuchte er noch 
einmal, die Männer zu überzeugen. 

»Wenn ich ein Pferdedieb wäre, dann hätte ich mich doch über alle 

Berge gemacht. Dann wäre ich doch nicht hergeritten. Ich hätte doch 
damit rechnen müssen, daß jemand das auffällige Pferd und dessen 
Besitzer kennt.« 

»Da ist was dran«, murmelte Hohkeppel. 
»Ach was. Ich sage euch, der Kerl will uns einen Bären 

aufbinden!« Philipp schnitt seine finsterste Miene und fuchtelte mit 
dem Messer herum. 

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Schritte polterten über 

die Kellertreppe heran. 

»Hohkeppel?« rief eine aufgeregte Stimme. 
»Ja?« 
Ein kleiner, schmächtiger Mann eilte so hastig die Treppe herunter, 

daß er fast gestolpert wäre. 

»Wir haben ihn gefunden«, sagte er atemlos. 
»Wen?« fragte Hohkeppel. 
»Euren Schwager.« 
Roland atmete auf. Der Besitzer des Pferdes war gefunden worden. 

Jetzt würde sich alles aufklären. 

Doch da sagte der kleine Mann in die erwartungsvolle Stille: 
»Er lag tot in der Nähe der Stelle, wo der Kerl angeblich das Pferd 

reiterlos gefunden hat.« 

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Wittich spießte eine Scheibe des saftigen Wildschweinbratens mit 
der Gabel auf und schob sie in den Mund. Eine Weile kaute er 
schmatzend und trank dazu Wein aus einem silbernen Becher. 

Der Schein des Lagerfeuers zuckte über sein Gesicht. Es war einst 

ein  gutaussehendes Gesicht gewesen. Jetzt war es von Brandnarben 
entstellt. Doch von den Narben war so gut wie nichts zu sehen, denn 
ein dichter schwarzer Bart bedeckte Wangen und Kinn, und dazu 
trug er die schwarzen Haare lang wie eine Frau. Bis auf die Schultern 
fielen die Haare und umrahmten sein scharfgeschnittenes Gesicht, 
das von grünen Augen beherrscht wurde. 

Es waren schöne, weiche, glänzende Haare. Frauenhaare. Wittich 

trug eine Perücke auf dem kahlen Schädel, der mit roten, wulstigen 
Narben bedeckt  war. Der Bart war ebenfalls nicht sein eigener. Er 
war unter der Perücke befestigt und verdeckte die Brandnarben an 
den Wangen, auf denen keine Haare mehr wuchsen. 

Auch am Körper hatte Wittich Narben davongetragen. Fast wäre er 

damals bei lebendigem Leibe verbrannt. Damals, in jener 
schrecklichen Nacht, in der das Feuer all seine Träume und sein 
Glück zerstört hatte ... 

»Was ist, Liebling, schmeckt es dir nicht?« fragte er und sah kurz 

zu dem Mädchen, das bei ihm auf einer Decke beim Feuer saß. Das 
Mädchen hatte keinen Bissen gegessen. »Gefällt es dir nicht in 
meiner Gesellschaft? Möchtest du lieber für meine Männer tanzen 
wie Roswitha?« 

Sein Blick glitt durch das Lager zu den anderen Feuern, an denen 

finstere Gestalten hockten und die Frau anstarrten, die zum Klang 
einer Laute tanzte. 

Die Frau war in zerfetzter Nonnentracht in das Versteck der 

Räuberbande gebracht worden. 

Jetzt mußte sie nackt tanzen. 
Das Mädchen, das abseits von den anderen mit Wittich allein am 

Lagerfeuer saß, folgte Wittichs Blick und schluckte. 

»Es gefällt mir in Eurer Gesellschaft«, versicherte sie hastig. »Ich 

möchte nicht tanzen.« 

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Wittich lächelte. »Dachte ich mir. Du bist keine Hure wie die da. 

Du bist zu schade für diese ungehobelten Kerle. Du bist genau die 
Richtige für mich.« 

Wohlgefällig tastete sein Blick über Edeltrauts Körper, und ihr 

Anblick erregte ihn mehr als die nackte Roswitha. 

Denn sie ähnelte Beatrix. 
Beatrix, die einzige Frau, die er jemals von Herzen geliebt hatte. 
Beatrix, die damals bei dem Feuer ums Leben gekommen war. 
Edeltraut hatte das gleiche madonnenhafte Gesicht mit großen 

haselnußbraunen Augen, die so seelenvoll blickten, die gleichen 
feingeschwungenen Lippen, das gleiche blonde Haar und den 
schlanken, doch wohlgerundeten Körper. 

Bald würde sie ihm gehören. Bald ... 
Er hätte sie mit Gewalt nehmen können, doch das widerstrebte 

ihm. Er hätte das Gefühl gehabt, Beatrix etwas Böses zu tun, der 
sanften Beatrix, um derentwillen er damals ein anständiges Leben 
begonnen hatte. Ja, er war glücklich mit ihr gewesen, hatte geglaubt, 
nach der dunklen Vergangenheit eine selige Zukunft vor sich zu 
haben. Bis die Feuersbrunst alles vernichtet hatte. 

Es war ihm, als lebte Beatrix in Edeltraut weiter ... 
Edeltraut hatte ihm ihr Wort gegeben, ihn zu ehelichen, wenn dies 

hier alles vorüber sein würde. Vielleicht hatte sie es aus Angst getan, 
er könnte ihr Gewalt antun oder sie seinen wilden Mordgesellen 
überlassen wie die drei falschen Nonnen und die vier anderen 
Mädchen, die seine Männer nebenbei entführt hatten, um eine 
Abwechslung in der Einsamkeit dieses Verstecks zu haben. 

Sein Blick glitt zu den Feuern, in dessen Schein Roswitha unter 

Zwang tanzte. Die Männer johlten und hatten ihren Spaß. Sollten sie. 
Geld, Weiber und Saufen  - mehr kannten sie nicht. Was wußten diese 
verkommenen Kerle schon von wahrer Liebe! Die konnten keine 
echte Perle von einer falschen unterscheiden. Hätte er Edeltraut 
ihnen überlassen, so wäre das Perlen vor die Säue geworfen ... 

Diese Männer Waren für Wittich Pöbel, dessen er sich bediente, 

solange er es noch brauchte. 

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Wenn erst der Schatz gehoben war ... 
Er schaute über die Feuer hinaus zu dem dunkel gähnenden 

Schlund in der Felswand. Dort, oberhalb des Lagers gab es eine 
große Höhle. Wie ein Kerker der Natur. Darin waren die 
Gefangenen. Vierunddreißig Männer, die tagsüber den Staudamm 
bauten. Es konnte allenfalls noch zwei Wochen dauern, bis der 
Damm fertig war, bis der sagenhafte Schatz im dann trockengelegten 
See aus dem Schlick ausgegraben werden konnte... 

In seinen Augen leuchtete es auf. 
Dann kehrte sein Blick zu Edeltraut zurück. Ja, sie würde ihm 

gehören. Er würde ihre Bedingung erfüllen und alle Gefangenen 
freilassen, bevor er sich mit ihr für immer davonmachen und irgend-
wo weit fort ein neues Leben beginnen würde, reich wie ein König ... 

»Du wirst meine Königin sein«, sagte er mit belegter Stimme. 
Edeltraut hielt seinem Blick stand. 
»Ja, ich werde Eure Königin.« 
»Wir werden reich und glücklich sein«, fügte er hinzu wie so oft, 

in einem beschwörenden Tonfall, als müßte er nicht nur sie, sondern 
auch sich selbst überzeugen. 

Er blickte sie durchdringend an, als sie schwieg. 
»Ja, wir werden reich sein ...« sagte sie hastig. 
»Und glücklich. Du wirst mich lieben wie ...« 
Wie Beatrix hatte er sagen wollen, doch er unterbrach sich schnell. 

Davon durfte sie nichts wissen. Das war sein Geheimnis für alle 
Zeiten. 

Um Edeltrauts Mundwinkel zuckte es kaum merklich. Furcht war 

in ihren Augen aufgeflackert, als er von »lieben« gesprochen hatte. 

»Ich bitte Euch«, sagte sie beschwörend, »laßt mir noch Zeit, auf 

daß sich meine Gefühle entwickeln können. Noch kenne ich Euch 
erst eine Woche.« 

Er ergriff ihre feingliedrige Hand und drückte sie leicht. Die 

Berührung weckte ein prickelndes Gefühl  in ihm. Seit Beatrix hatte 
es keine andere Frau mehr für ihn gegeben. 

»Nenn mich Wittich und sprich nicht so förmlich«, sagte er und 

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drückte ihre Hand fester. 

»Ja, Wittich.« 
Sie senkte scheinbar demütig den Kopf. 
Er streichelte über ihr blondes Haar, das rötlich im Schein des 

Feuers schimmerte. Unmerklich zog sie den Kopf zurück. 

Scheu wie damals Beatrix, als ich sie kennenlernte, dachte er. 
Sie war jung, und er mußte ihr Zeit lassen, sie weiterhin 

umwerben. Sie hatte ja recht. Liebe auf den ersten Blick  konnte er 
nicht verlangen. Er mußte sie nach und nach für sich gewinnen. Und 
wenn sie erst den Schatz sah ... Nichts erobert das Herz einer Frau 
leichter als Reichtum, dachte er. 

»Du sollst nicht mehr bei diesen verkommenen Weibern in der 

Hütte schlafen«, sagte er mit belegter Stimme und zog seine Hand 
von ihrem Haar. »Du wirst fortan mit mir die Hütte teilen, wie es 
sich für eine zukünftige Herrin geziemt.« 

Sie blickte auf, überrascht, aber auch ein bißchen erschrocken, wie 

er fand. 

Er lächelte sie beruhigend an. »Ich werde dich nicht drängen. Mein 

Wort gilt.« 

Ein Lächeln huschte über ihre schönen Züge. 
Ein zärtliches Lächeln, dachte er, doch es war ein Lächeln der 

Erleichterung. 

»Sag mir noch einmal, daß auch dein Wort gilt«, forderte er, und 

seine Stimme klang voll angespannter Erwartung. 

»Mein Wort gilt, wenn Ihr ... du ... deines hältst«, beteuerte sie 

schnell. 

»Du wirst mir gehören, sobald ich den Schatz habe.« 
»Ja«, sagte sie. »Sobald du den Schatz hast.« 
Sie lächelte dabei, doch es kostete sie unsagbare Beherrschung, 

nicht in Tränen auszubrechen. 

Sie betete des Nachts, daß es noch lange dauern würde, bis der 

Staudamm fertig sein würde. Sie betete, daß ihr Vater auf der Suche 
nach ihr die Zeichen finden würde, die sie hinterlassen hatte. Daß er 
mit einem ganzen Reiterheer kommen und sie und ihre ebenfalls 

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entführten Begleiter und all die anderen Gefangenen befreien würde. 

Sie konnte nicht wissen, daß ihr Vater tot war, ermordet von einem 

der Wachtposten am unteren Zugang zur Schlucht. Sie war nicht 
dabei gewesen, als der Räuber Wittich von dem Eindringling 
berichtet und gefragt hatte, was mit dem Toten geschehen solle ... 

Wittich hatte befohlen, die Leiche in die Schlucht zu bringen und 

damit allen Gefangenen zu zeigen, daß niemand lebend in das 
Versteck hinein oder heraus kam. Doch dann hatte Heinrich die Habe 
des Toten gezeigt  - abzüglich der unterschlagenen Dinge. Es war so 
üblich, daß die Beute abgeliefert wurde und daß Wittich dann einen 
Teil an seine Räuber abgab.  Sie ordneten sich ihm widerspruchslos 
unter. Es waren Kerle, von denen die meisten weder lesen noch 
schreiben konnten, und sie kuschten, solange er sie gut entlohnte. Sie 
waren wie Wölfe, die sich dem Leitwolf unterordneten. Und in 
früheren Zeiten hatte  er bewiesen, daß er kampfstark und gerissen 
war und zu führen wußte. 

Wittich hatte den Wachen großzügig die paar Dinge von Wert 

überlassen, die Heinrich nicht unterschlagen hatte. Nur flüchtig hatte 
er den Brief angeschaut, den Heinrich bei der Leiche gefunden hatte. 
Dann war sein Blick auf den Namen Edeltraut gefallen. Er kannte 
ihre Schrift. Sie hatte für ihn ein Gedicht aufgeschrieben, das er ihr 
diktiert hatte. 

Es gab keinen Zweifel: Der Tote war ihr Vater. 
Sie durfte nicht erfahren, daß seine Räuber ihn umgebracht hatten. 

Sie würde ihn hassen, wenn sie die Wahrheit erfuhr ... 

Wittich hatte Heinrich den Auftrag gegeben, die Leiche irgendwo 

außerhalb der Schlucht zu begraben. Für Wittich war Edeltrauts 
Vater für immer verschwunden ...  

Von alledem konnte Edeltraut nichts ahnen. 
Sie hatte diesem Verbrecher, der ihr mit seinem sonderbaren Getue 

und Gerede wie ein Wahnsinniger vorkam, nur ihr Wort gegeben, um 
ihn hinzuhalten. Sie hatte in ihm die Hoffnung genährt, sich mit 
einem Schatz kaufen zu lassen. 

Eher wollte sie sterben, als diesem widerwärtigen Kerl zu Willen 

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zu sein. Sein Gerede von wahrer Liebe! Er verachtete die üblen 
Burschen, die seine Befehle ausführten, und hielt sich für etwas 
Besseres. Dabei war er der Schlimmste von allen. 

Sie erschauerte unter seinen Berührungen, und der Gedanke, mit 

ihm die Hütte teilen zu müssen, erfüllte sie mit Übelkeit. 

Aber sie mußte alles tun, um diesen Verbrecher in seiner fixen Idee 

zu bestärken. Nur so gab es vielleicht die Rettung für sie und die 
anderen Gefangenen ... 

Er hob den Becher mit dem Wein, prostete ihr zu und sagte mit 

theatralischer Gebärde: 

Glücklich preise sich der Mann, der, ohne daß er's lang besann ein 

liebend Weib für sich gewann. 

Beifallheischend blickte er sie an. Sie zwang sich zu einem 

Lächeln. 

»Ihr seid ... du bist ein wahrer Dichter«, sagte sie in gespielter 

Anerkennung. Sie wußte, daß er Anerkennung wollte, wenn er 
irgendwelche Verse zum Besten gab. 

Wittich nickte geschmeichelt. Und er nahm sich vor, den alten 

Sigismund nach weiteren galanten Versen zu fragen. Sigismund war 
einer der Gefangenen. Ein echter Poet. Von ihm stammten die Verse, 
die Wittich bei Edeltraut als seine eigenen ausgab. 

Der gute alte Sigi, dachte Wittich, der Mann aus dem 

Südschwarzwald, den man auch Hotzenwald nannte. 

Ihm verdankte er praktisch alles. Ohne ihn hätte er nie von dem 

gewaltigen Schatz aus dem Morgenland erfahren, der auf dem 
Grunde des Sees nur darauf wartete, geborgen zu werden ... 

Der Kuckucksruf riß ihn aus seinen Gedanken. 
Er blickte zum südlichen Zugang zur Schlucht. Hufschlag klang 

auf. Der Schatten eines Reiters schälte sich aus dem Dunkel. Dann 
folgten weitere berittene Männer. 

Sie brachten zwei Gefangene. 
Die Gefangenen hockten mit verbundenen Augen gefesselt auf 

abgetriebenen Pferden. 

Wittich erhob sich und blickte ihnen entgegen. 

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Der kleine Trupp hielt beim Feuer. 
»Weitere Arbeiter, Alfons?« fragte Wittich den graubärtigen 

Anführer des Trupps. 

Der Graubart blickte grinsend zu den anderen Feuern. Roswitha 

beendete dort ihren Tanz, weil die Laute verstummt war. Einige 
Getalten erhoben sich und schlenderten herbei. 

»He, wo habt ihr denn diese Vögel her?« fragte einer und lachte 

schrill. Es war Paul, neben Alfons der zweite Unterführer der Bande, 
die insgesamt außer Wittich siebzehn Räuber zählte. 

»Spann mich nicht auf die Folter«, sagte Wittich grollend. »Wer 

sind die beiden?« 

Alfons kratzte sich am Bart. »Sie schnüffelten in Peterzell herum. 

Der Blonde da heißt Pierre, der mit dem schwarzen Bart schimpft 
sich Louis. Sie gaben sich als Mitarbeiter eines Händlers aus, der 
Sorge um seine Fracht hat. Doch wir belauschten einige Fragen, die 
sie im Ort stellten. Für mich gibt es keinen Zweifel  - sie wollten 
herausfinden, wer die Leute und die Warentransporte gekapert hat.« 

»Verdammte Brut!« rief Paul. Er trat an einen der Gefangenen 

heran, packte ihn und riß ihn vom Roß. Es war Pierre, der unsanft auf 
dem Boden aufschlug. Obwohl Pierres Hände hinter dem Rücken 
gefesselt waren, rollte er sich geschickt von den Hufen des 
scheuenden Pferdes fort. 

Wieder ertönte Pauls schrilles Lachen, das manchem der 

Gefangenen einen Schauer über den Rücken gejagt hatte, als sie 
überfallen worden waren. 

Zwei andere Männer warfen Louis vom Pferd. 
Dann schauten alle  abwartend zu Wittich  - bis auf einen, der nur 

Augen für Edeltraut hatte, die wie erstarrt am Feuer saß und auf die 
beiden neuen Gefangenen starrte. 

»Erzähle genauer«, forderte Wittich den Graubart auf. 
Alfons zuckte mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel zu 

erzählen. Wir haben die Schnüffler flachgelegt, unauffällig in einen 
Wagen verfrachtet, und einer von uns hat im Wirthaus erzählt, die 
beiden Fremden seien abgereist. Wir sind dann zu unserem Freund 

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Rainald gefahren. Er war es übrigens, der uns informierte, daß sich 
zwei Fremde in Peterzell herumtreiben und Fragen stellen. Auf 
Rainalds Hof haben wir den Wagen zurückgelassen, sind auf Pferde 
umgestiegen, und hier sind wir.« 

»Habt ihr alle Spuren beseitigt?« fragte Wittich. 
»Wie immer, Herr«, versicherte Alfons unterwürfig. 
Wittich nagte an seiner Unterlippe. »Habt ihr sie schon  - befragt?« 

erkundigte er sich lauernd. 

Alfons grinste. »Sie behaupten stur und steif, sie arbeiteten nur für 

einen Händler. Ich hielt es für das Beste, Sie verschwinden zu 
lassen.« 

»Ja, das war in der Tat das Beste«, sagte Wittich nachdenklich und 

blickte finster zu den beiden Männern, die am Boden lagen. 

»Sie werden uns schon erzählen, wer sie geschickt hat.« Paul 

lachte schrill. »Ich schlage vor, wir unterhalten uns ein bißchen mit 
ihnen.« Er zog sein Messer aus der Scheide am Gurt. 

Wittichs Blick glitt zu Edeltraut, die eine Hand auf den Mund 

preßte. 

»Geh in meine Hütte«, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln. 
Sie erhob sich zögernd. Mit einem besorgten Blick zu den beiden 

Gefangenen raffte sie ihr Kleid und schritt davon. 

Wittich blickte ihr immer noch nach, und diesmal war sein Lächeln 

echter. 

Dann gewahrte er, daß auch die anderen dem Mädchen mit 

funkelnden, begehrlich glitzernden Augen nachschauten, und seine 
Miene verfinsterte sich. 

»Steht nicht herum und haltet Maulaffen feil!« fuhr er sie an. 

»Werft die beiden ins Feuer, bis sie uns sagen, wer sie geschickt hat 
und was sich da gegen uns zusammenbraut!« 

Derweil lag Ritter Roland in einem Kastenwagen, der gen Freiburg 
rollte. Er war gefesselt und lag im Dunkel allein mit seinen 

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quälenden Gedanken. 

Eigentlich konnte er von Glück sagen, daß man ihn nicht auf der 

Stelle in Peterzell am nächstbesten Baum aufgehängt hatte. 

Er glaubte noch das Toben der aufgebrachten Bürger zu hören: 
»Mörder! Mörder!« 
»Hängt ihn auf!« 
Wie ein Lauffeuer hatte sich in dem Ort und in der Umgebung die 

Kunde verbreitet, daß der Fremde den angesehenen Sohn des Ortes 
ermordet hatte:  Thomas von Himperich, den Kommandanten der 
Stadtgarde zu Freiburg, der in Peterzell wie fast jedes Jahr zur 
Sommerfrische geweilt hatte, bevor er sich auf die Suche nach seiner 
Tochter begeben hatte. Für die empörten Verwandten und die 
meisten Einwohner  des Ortes gab es keinen Zweifel: Der Fremde 
war ein Mörder und Pferdedieb. Vermutlich sogar ein Mitglied der 
Bande, die für die Überfälle und das spurlose Verschwinden von 
Menschen in der letzten Zeit verantwortlich war. 

Die Volksseele hatte gekocht, und man hatte kurzen Prozeß mit 

Roland machen wollen. Und Ritter Roland wäre wohl des Todes 
gewesen, wenn sich nicht zwei Menschen für ihn eingesetzt hätten: 
Almuth und der Pater. 

Almuth, voller Enttäuschung darüber, daß Louis sein Versprechen 

nicht eingehalten hatte, hatte für den Gefangenen gesprochen. Sie 
hatte zwar nichts von dem Hochsitz-Abenteuer mit Louis erzählt  - 
die Tochter des Krämers galt in Peterzell als wohlbehütete keusche 
Jungfer  - doch sie hatte sich an das erinnert, was Louis ihr außer 
Liebesworten geflüstert hatte. Außerdem hatte sie berichtet, daß sie 
beim Spaziergang im Walde eine Reiterin wilder Jagd gesehen hatte, 
auf dem Pferd, das dem Gefangenen gehörte. Louis hatte ihr ja die 
Zusammenhänge in groben Zügen erklärt. 

Ihre Worte lösten zumindest bei einigen besonneneren Bürgern 

leichte Zweifel an der Schuld des Fremden aus. Doch die 
Scharfmacher hätten sich gewiß durchgesetzt, wenn nicht der Pater 
mit der Heiligen Schrift in der Hand und Worten daraus im Munde 
zur Vernunft gemahnt hätte. Die meisten der Einwohner von 

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Peterzell waren sehr fromm, und plötzlich hatte sich keiner mehr 
gefunden, der gegen das Gebot verstoßen wollte: Du sollst nicht 
töten. 

»Dann lassen wir das eben andere erledigen«, hatte Wöhrle, der 

Wirt, in der allgemeinen Ratlosigkeit, pfiffig gesagt. »So geschieht 
Gerechtigkeit, und wir waschen unsere Hände in Unschuld.« 

Damit war auch der Pater einverstanden gewesen, und so hatte man 

flugs beschlossen, den fremden Hundsfott nach Freiburg zu bringen 
und dem Gesetz zu übergeben. 

Bevor Roland in den Wagen geworfen worden war, hatte er noch 

einen Reiter in den Ort traben sehen. Ein großer Mann auf Rolands 
prächtigem Hengst. 

Doch Roland war es versagt geblieben, sein Roß auch nur länger 

als drei Sekunden zu sehen. Bevor er etwas hatte sagen können, hatte 
man die Tür des Wagens zugeknallt, der Wagen war losgefahren, 
und keiner hatte sich um Rolands Rufe gekümmert. 

Roland dachte an die Knappen. Wo mochten sie jetzt sein? 
Der. Weg nach Freiburg war lang, und wenn Louis und  Pierre nach 

Peterzell zurückkehrten und erfuhren, was inzwischen geschehen 
war, würden die wackeren Knappen gewiß alles Menschenmögliehe 
tun, um ihn zu befreien oder seine Unschuld zu beweisen. 

In Freiburg würde man ihn nicht gleich aufhängen. Das Gesetz 

würde ihm die Rechte gewähren, die man jedem armen Teufel 
zubilligte. Man würde ihn zumindest anhören und nicht so voller 
Vorurteile sein wie die wütenden Leute von Peterzell... 

Bei diesen Gedanken wurde Ritter Roland von neuer Zuversicht 

erfüllt. 

Wie konnte er auch ahnen, daß sich des Satans Mächte gegen ihn 

verschworen hatten! 

Pierres Hosenboden war angesengt. Flammen züngelten über das 
Hosenbein. Es roch verbrannt. Verzweifelt wollte sich Pierre aus der 

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Glut des Lagerfeuers fortwälzen, doch zwei Räuber hielten ihn fest. 

Louis erging es nicht besser. Ihn mußten allerdings drei Kerle 

bändigen, obwohl seine Hände gefesselt waren. Der ehemalige 
Räuberhauptmann war in seinem Zorn kaum zu halten. 

Die Knappen mußten die Zähne zusammenbeißen, um nicht 

aufzuschreien. 

Die Räuber weideten sich mit kaltem Grinsen an ihrer Qual. Es 

waren völlig verrohte Burschen, die kein Mitleid kannten. 

»Wer hat euch geschickt?« wiederholte Wittich mit drohender 

Stimme und starrte finster auf Louis hinab. 

»Fahr zur Hölle!« brüllte Louis und bäumte sich auf. 
Wittich zuckte zusammen, als Louis ihm ins Gesicht spuckte. 
»Feuer nachlegen!« brüllte Wittich. 
»Nein!« Der helle Schrei hallte durch die Schlucht. 
Wittich und die Räuber wandten die Köpfe. 
Edeltraut lief aus der Hütte des Räuberhauptmanns. Sie hatte vom 

Fenster aus alles gesehen und konnte den schrecklichen Anblick der 
gepeinigten Gefangenen nicht länger ertragen. Ihr blondes Haar flog, 
als sie zum Feuer lief. 

»Habt Gnade mit diesen Männern!« flehte sie. »Ihr könnt sie doch 

nicht bei lebendigem Leibe ...»Sie verstummte schluchzend. Wittich 
nagte an der Unterlippe. Er stellte sich vor sie und verdeckte die 
Sicht auf die Gefangenen. »Geh wieder in die Hütte. Das ist kein 
Anblick für dich«, sagte er mit rauher  Stimme. »Zieh den Vorhang 
vors Fenster!« 

»Es ist grausam, das darfst du nicht tun!« Voller Empörung 

funkelte sie ihn an. »Du bist ein ...« 

Fast hätte sie in der Erregung hinausgeschrien, was sie von ihm 

hielt. Vielleicht warnte sie das Aufblitzen in seinen Augen. Oder ihr 
weibliches Gespür. 

»... König«, fuhr sie jedenfalls nach kurzem Zögern fort. »Und das 

ist eines großmütigen Königs nicht würdig.« 

Der ärgerliche Ausdruck verschwand sofort aus seinen Augen. 
»Diese Männer wollen nicht zugeben, daß sie im  Auftrag von 

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jemanden herumschnüffeln«, sagte er. »Und dieser Jemand könnte 
möglicherweise zu einer Gefahr für mich werden  - und für dich. 
Deshalb gilt es, Vorkehrungen zu treffen ...« 

»Ich bitte, ich flehe ...»Und Edeltraut fiel auf die Knie, ohne daran 

zu denken, daß das Gras abseits des Feuers noch feucht vom 
Gewitterregen war. Sie war voller Menschlichkeit und wollte einfach 
helfen. Wittich schaute auf sie hinab, und es gefiel ihm, wie sie 
demütig vor ihm verharrte wie eine Dienerin.  Seine  Dienerin. »Ein 
paar kleine Brandwunden sind nicht so schlimm«, sagte er mit 
plötzlich weicherer Stimme, und er dachte an seine Narben. Bald 
würde Edeltraut sie sehen und vielleicht erschrecken. Es war gut, 
wenn er sie schon ein wenig darauf vorbereitete. Die Situation 
forderte geradezu dazu heraus. 

»Auch ich habe einige Brandmale davongetragen, als ich eine arme 

Frau aus tobender Feuersbrunst errettete. Du wirst sie sehen, diese 
Male der Tapferkeit und Barmherzigkeit!« 

Es war eine Lüge, doch das wußte nur er. Er war im Vollrausch 

gewesen, als das Feuer vom Wind gepeitscht im Wald getobt hatte, 
als die Hütte lichterloh in Flammen gestanden hatte. Er hatte nicht 
daran gedacht, Beatrix zu retten. Er war zu betrunken gewesen, um 
überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Da waren nur 
das tobende Feuer gewesen, die Hitze, der Rauch. Er wußte nicht 
mehr, wie er sich auf die Lichtung geschleppt hatte. Irgendwann war 
er halbtot von einem Kräutersammler gefunden worden. Ihm hatte er 
sein Leben zu verdanken. Doch Beatrix war nicht mehr zu retten 
gewesen. Bei ihrem Anblick war etwas in ihm zerbrochen. Früher 
war er ein kaltberechnender Räuber gewesen, der um der Beute 
willen zu jeder Schandtat bereit gewesen war, sofern sie nicht mit zu 
großem Risiko behaftet war. Doch seit Beatrix' Tod hatte er sich 
verändert. Er schreckte zwar nicht vor Schandtaten zurück, doch das 
Risiko war ihm im Grunde genommen gleichgültig. Sein ganzes 
Denken galt allein Beatrix, seinem Traum. Und jetzt war Beatrix für 
ihn in Edeltraut wieder auferstanden. Für ihn war es kein Zufall, daß 
seine Männer sie gefangengenommen hatten. Nein, sie war nicht 

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gefangengenommen worden. Sie war aus dem Jenseits 
zurückgekommen ... 

All das ging ihm in sekundenschnelle durch den Kopf. Es war ein 

verwirrter Kopf, doch ihm selbst war das gar nicht klar. 
Ebensowenig den abgestumpften Räubern. Sie wunderten sich 
gelegentlich über das sonderbare Verhalten ihres Anführers, doch sie 
wußten nichts von Beatrix. Sie dachten, Wittich hätte einfach die 
seiner Meinung nach schönste der Weiber für sich ausgesucht, wie es 
einem Anführer zustand ... 

Einer der Gefangenen schrie. Es war Pierre, aus dessen Hose 

Flammen schlugen. 

»Ich habe damals nicht geheult wie diese Jammerlappen«, sagte 

Wittich verächtlich, und das war eine weitere Lüge. »Ich habe ...« 

Er wollte sich noch ein wenig brüsten, doch da sprang Edeltraut 

auf und warf sich ihm an die Brust. Sie umklammerte ihn, und er 
spürte ihren Körper und glaubte Beatrix in den Armen zu halten. 

»Gebiete Einhalt!« Edeltraut schrie es fast. 
Da gab Wittich seinen Männern einen schroffen Wink. Sie zogen 

die Gefangenen aus dem Feuer. 

Wittich drückte Edeltraut fest an sich und küßte sie. 
Sie spürte seinen seltsam weichen Bart, roch seinen Atem, und ihr 

wurde fast übel, als er seine Lippen auf ihren Mund preßte. 

Doch es ging vorüber. 
Die Männer hatten die Gefangenen vom Feuer weggezerrt. Auf 

einen Befehl Wittichs hin klopften sie die Flammen an der Kleidung 
aus. Sie machten sich einen Spaß daraus, recht heftig zu klopfen, und 
die Knappen trugen außer Brandwunden auch noch blaue Flecke 
davon. Doch das Feuer war gelöscht. 

»Schafft sie mir aus den Augen«, sagte Wittich mit einer 

herrischen Geste. »Arnold soll ihnen Salbe auf den Hintern 
schmieren, und morgen früh werden sie mit den anderen am 
Staudamm arbeiten.« 

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Gunzelin von der Traube war an diesem Morgen mürrischer Laune. 
Er war der Stellvertreter des Stellvertreters von Kommandant 
Himperich, und er mußte mit geschientem Bein Dienst versehen, 
weil der gerade von der Lungenentzündung genesene Briegel von 
neuem erkrankt war. Der Bader konnte noch nichts Genaues sagen, 
außer daß Briegel hohes Fieber hatte und das Bett hüten mußte. 
Deshalb mußte Gunzelin ihn jetzt vertreten, zwar nur bei unerledigter 
Schreibarbeit, doch gerade das war Gunzelin verhaßt. 

Die Pest wünschte er Briegel an den Hals! 
Ärgerlich saß Gunzelin hinter dem Sekretär aus Eiche und quälte 

sich mit Amtsgeschreibe. Jeden Mann der Garde, der sich blicken 
ließ, hatte er schon  angeschnauzt. Das Resultat war, daß sich keiner 
mehr in die Amtsstube wagte ... 

Gunzelins Laune besserte sich dann etwas, als gegen Mittag die 

Kunde eintraf, daß Kommandant Himperich Opfer eines 
Raubmordes geworden sei. Der Wagen mit dem Mörder sei auf dem 
Wege nach Freiburg; ein Bote war ihm vorausgaloppiert. 

Gunzelin trauerte nicht lange um Himperichs Tod. Der Vorgesetzte 

war ihm nie sympathisch gewesen. Gunzelin dachte vielmehr daran, 
daß der Posten jetzt frei war und daß Briegel nach 
Lungenentzündung und neuer Krankheit gewiß noch einige Zeit 
dienstuntauglich sein würde. Zeit, in der es galt, genügend Ansehen 
zu sammeln, um sich als Himperichs Nachfolger zu empfehlen. 
Briegel war schon älter und in den letzten zwei Jahre kränklich. 
Außerdem waren ihm einige Fehler passiert. Vielleicht raffte ihn gar 
das Fieber dahin ... 

Gunzelin sah sich mit einem Schlag ganz oben auf der Leiter des 

Erfolges ... 

Dann dachte er an die verdammte Leiter, deren oberste Sprosse 

unter seinen Füßen zusammengebrochen war, als er auf dem 
Apfelbaum gewesen war, und seine Miene wurde säuerlich als hätte 
er zum Frühstück statt des Hagebuttentees Essig getrunken. 

Flugs wandte er sich erfreulicheren Gedanken zu. 
Im Grunde konnte er sich jetzt schon als stellvertretender 

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Kommandant fühlen - derzeit sogar als Kommandant! 

Eigentlich konnte er dem Schicksal  – sprich Himperichs Mörder  - 

recht dankbar sein. Aber es würde keinen Pardon für diesen 
nichtswürdigen Kerl geben! Gut, daß man ihn gleich erwischt hatte. 
Jetzt brauchte er, Gunzelin, nur noch dafür zu sorgen, daß genügend 
Ruhm für ihn abfiel, wenn er den Mordfall so schnell zu einem 
Abschluß bringen konnte. 

Ganz Freiburg würde bei der Hinrichtung zugegen sein, und er 

konnte sich gut dem Volke und den Oberen bekannt machen, bevor 
Briegel die Chance zu nutzen vermochte. 

Bei diesem Gedanken lächelte Gunzelin von der Traube vergnügt 

vor sich hin und zwirbelte seinen dünnen Schnauzbart. 

Er sah sich schon als neuer Kommandant ... 

Der Reiter kam am frühen Nachmittag in die Schlucht. Es war einer 
der Räuber, die sich ständig in der weiteren Umgebung des Verstecks 
und in den umliegenden Ortschaften herumtrieben und unauffällig 
Erkundigungen einholten. 

Diesmal brachte der Mann Wittich keine erfreuliche Kunde von 

einem Warentransport, der leicht überfallen werden konnte. Dabei 
mußten die Vorräte für all die vielen Esser ergänzt werden. Beim 
letzten Überfall hatten die Räuber zwar zwei Wagen mit Salz 
erbeutet  - eine äußerst kostbare Beute  - doch von Salz allein ließ sich 
nicht leben.  Die Gefangenen arbeiteten hart und brauchten kräftige 
Nahrung. Es wurde Zeit, daß wieder für Proviant gesorgt wurde. 

Doch in dieser Hinsicht brachte der Mann keine Neuigkeiten. Er 

berichtete, daß man Thomas Himperichs Leiche unweit des 
Verstecks der Bande gefunden hatte. 

Voller Zorn ließ Wittich den Räuber Heinrich zu sich kommen, der 

den Auftrag gehabt hatte, den Toten zu begraben. 

»Du solltest die Leiche für immer verschwinden lassen«, grollte 

Wittich. 

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»Jaja«, stammelte Heinrich, dem Schlimmes schwante. 
»Und wie erklärst du dir, daß man die Leiche doch gefunden hat?« 
»Das war so. Ich ...« 
Fast ansatzlos schlug Wittich mit dem Handrücken zu. Mit einem 

Aufschrei taumelte Heinrich zurück. 

Wittich schlug die weite Tuchjacke zurück. Langsam, fast 

bedächtig zog er die Peitsche hervor, die um seine Hüfte gewickelt 
war. Er rollte die Peitsche aus. Die lange, geflochtene Lederschnur 
ringelte über den Boden wie eine Schlange. 

Heinrich starrte voller Furcht darauf. 
»Du solltest dir schnell eine Entschuldigung einfallen lassen!« 

zischte Wittich. 

»Das war so. Ich ...« 
Die Peitsche knallte dicht vor Heinrichs Nasenspitze, und 

erschrocken sprang er zurück. 

»Eine knappe, vernünftige Antwort, die mich vielleicht versöhnlich 

stimmen könnte!« sagte Wittich und holte drohend mit der Peitsche 
aus. 

Und Heinrich sprudelte die Worte förmlich hervor: 
»Ich wollte tun, was mir befohlen, Herr. Doch da tauchten Reiter 

auf. Aus Peterzell. Ich habe den Schmied erkannt. Sie suchten nach 
der Leiche. Da versteckte ich mich schnell. Mir blieb keine Zeit 
mehr, um auch die Leiche zu verstecken. Sie hätten mich erwischt 
und dann ...« Er griff sich an den Hals, als schnürte ihm ein 
unsichtbarer Galgenstrick die Luft ab. 

»Wie konnten sie in der Nähe unseres Verstecks nach der Leiche 

suchen?« fragte Wittich zweifelnd. 

Heinrich wußte keine Erklärung darauf. Doch sein Kumpan 

Wenzel kam ihm zu Hilfe. 

Er berichtete, was er in Peterzell erfahren hatte. »Der Mann, der 

den Gaul mitnahm, hat ihnen die Stelle beschrieben, wo er ihn fand.« 

Und er erzählte, daß man den Fremden des Pferdediebstahls und 

Mordes verdächtigte und nach Freiburg brachte, auf daß er dort am 
Galgen hänge. 

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Wittichs Augen hatten einen nachdenklichen Ausdruck 

angenommen. »Sagten nicht die beiden Schnüffler, sie hätten in 
Peterzell auf einen dritten Mann gewartet, angeblich auf einen 
Händler?« 

Sowohl Wenzel als auch Heinrich nickten. 
»Und der dritte Mann fragte in Peterzell nach seinen beiden 

Burschen, wie ich hörte«, sagte Wenzel. 

In  Wittichs Augen leuchtete es auf. »Dann ist dieser dritte 

höchstwahrscheinlich ebenfalls ein Schnüffler. Jedenfalls gehört er 
zu den beiden. Und man will ihn hängen?« 

Wenzel nickte. »In Freiburg, wenn die Beweise reichen, sagte der 

Pater in Peterzell.« 

Wittich überlegte kurz, dann klaffte sein falscher Bart auf, und er 

zeigte grinsend ein kräftiges Gebiß, dessen Schneidezähne ein wenig 
schiefgewachsen, doch sehr weiß waren. 

»Wir werden dafür sorgen, daß die Beweise reichen«, murmelte er. 

»Der Schnüffler wird als Mörder baumeln. So vermeiden wir, daß 
hier noch jemand nach Spuren oder sonstwas herumsucht. Es ist 
immer gut, wenn man einen Sündenbock präsentieren kann.« 

Er dachte an Edeltraut, seine neue Beatrix. Irgendwann konnte sie 

erfahren, daß ihr Vater  in der Nähe der Schlucht ermordet worden 
war. Da war es gut, wenn man damit aufwarten konnte, daß der Täter 
ein fremder Pferdedieb gewesen war, der am Galgen gestorben war. 
So würde sie nie den Mord mit ihm oder seinen Männern in 
Zusammenhang bringen ... 

»Ja, wir werden dafür sorgen, daß der Mann aufgehängt wird«, 

murmelte Wittich. 

»Aber wie?« fragte Wenzel neugierig. 
»Das laß mal meine Sorge sein«, erklärte Wittich. »Ich habe schon 

einen Plan.« 

Dann heftete er seinen Blick auf Heinrich, und seine Miene 

verfinsterte sich wieder. 

»Auf jeden Fall hast du Fehler begangen. Du hättest das Roß des 

Eindringlings suchen müssen.« 

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Heinrich wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Er vergaß 

in seiner Aufregung, seinem Kumpan Franz in diesem Punkt die 
Schuld zu geben. 

»Und du hast die Leiche nicht verschwinden lassen«, fuhr Wittich 

mit dumpfer Stimme fort. 

Er wandte sich um und gab einigen Räubern, die müßig um ein 

Feuer saßen und herüberblickten, einen Wink. Sofort eilten sie 
herbei. 

Wittich faßte einen Hünen mit blondem Bart ins Auge. »Josef, 

beklagtest du dich nicht, daß Heinrich dich neulich beim Würfeln um 
sieben Dukaten betrog? Wolltest du ihm nicht den Schädel 
einschlagen, was ich verbot, weil ich bei den vielen Gefangenen auf 
keinen Mann verzichten kann?« 

Der Hüne warf einen wütenden Blick zu Heinrich und nickte ein 

paarmal. 

»Nun, du kannst dich mit Heinrich beschäftigen«, sagte Wittich. 

»Er hat Patzer begangen, die uns in Schwierigkeiten hätten bringen 
können. Und du weißt, was ich von Versagern halte.« 

Josef grinste erfreut, ballte die massigen Hände zu Kürbisfäusten 

und rieb sich über die Knöchel. Er blickte zu Heinrich, als wolle er 
schon Maß nehmen. 

Wittich hielt ihm die Peitsche hin. »Du darfst ihm dreißig Hiebe 

verpassen.« 

Josef nahm die Peitsche. Er wußte nichts Rechtes damit 

anzufangen, und der kurze Stiel verschwand fast in seiner 
Kürbisfaust. Unschlüssig blickte er auf die Lederschnur. Man sah 
ihm an, daß er sein Mütchen an Heinrich lieber mit den Fäusten 
gekühlt hätte. 

»Schafft Heini weg«, sagte Wittich zu den anderen. »Hinten zum 

Staudamm, damit Josef ungestört seines Amtes walten kann.« 

Er wollte vermeiden, daß Edeltraut zusah. Sie lag ihm ständig in 

den Ohren und bettelte, er möge auf Gewalt verzichten. Die sanfte 
liebe Edeltraut. Sie hatte ein gutes Herz wie Beatrix . ., Zwei Männer 
packten Heinrich. Er ließ sich widerstandslos von seinen eigenen 

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Kumpanen wegführen, denn der Hüne Josef drohte, ihn sonst 
zusammenzuschlagen. 

»Josef?« rief Wittich ihm nach. 
»Ja, Herr?« 
Wittich grinste kalt. »Heinis Schädel sollst du dranlassen, doch 

sonst brauchst du dich nicht in Zurückhaltung zu üben.« 

Josef nickte und folgte mit der Peitsche in der Hand den anderen. 

Er ließ die Peitsche ein paarmal knallen, um ein bißchen zu üben. 

Wittich wandte sich derweil an Wenzel. »Hör zu, ich will dir 

erklären, was wir tun werden ... « 

Louis und Pierre sahen bei der Arbeit am Staudamm auf. Sie 

hörten einen gräßlichen Schrei und ein Klatschen. Dann sahen sie, 
wie einer der Räuber einen anderen  auspeitschte, hörten die 
grauenvollen Schreie und beobachteten dann, wie der gepeinigte 
Mann zusammensank und verstummte. »Mein Gott, der schlägt ihn 
tot«, flüsterte Pierre und starrte entsetzt hin. 

Louis zuckte mit den Schultern. »Es ist einer der Räuber. So leid er 

einem auch tun kann, es wäre das Beste für uns, wenn sich die 
Dreckskerle gegenseitig totschlagen. Besonders diesen Wittich, der 
uns hier wie Sklaven schuften läßt.« 

Er hatte so leise gesprochen, daß nur Pierre und einer der anderen 

Gefangenen ihn hatte hören können. 

»Ganz meine Meinung«, raunte der andere Gefangene neben 

Louis. Es war Paul, der Kutscher, der mit den drei als Nonnen 
verkleideten Mädchen den Räubern in die Hände gefallen war. 

Auch er hatte leise gesprochen, doch einer der Aufseher, die mit 

vorgereckten Lanzen dastanden, die Gefangenen bewachten und 
ständig zur Arbeit antrieben, wurde aufmerksam. 

»Was ist, wollt ihr auch die Peitsche spüren?« rief er. 

»Weiterarbeiten und Schnauze halten, oder ihr seid reif!« 

Die Knappen und Paul arbeiteten weiter. Sie hatten erlebt, was mit 

Gefangenen geschah, die aufmuckten. Das wollten sie sich ersparen. 

Pierre tastete einmal über sein schmerzendes Hinterteil. Die Salbe 

hatte die Schmerzen gelindert, doch es brauchte noch einige Zeit bis 

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zur Heilung. 

Während der Arbeit dachte er mit Wehmut an seine Zeit als Page 

auf Schloß Camelot. Wie so oft bedauerte er, die seidenen Sessel bei 
Hofe gegen das harte Handwerk des Knappen eingetauscht zu haben, 
das ihn schon in viele Gefahren geführt hatte. Und er dachte 
schweren Herzens an Ritter Roland. 

Wie sollte Roland sie hier finden? Gewiß war er längst in Peterzell 

eingetroffen und wartete auf sie. 

Daß es anders war, erfuhr Pierre später. 
Louis hatte einen Aufseher gefragt, weshalb einer der Räuber 

ausgepeitscht worden war. 

Grinsend erzählte der Mann, was er inzwischen erfahren hatte. Und 

er hatte hinzugefügt: »Euren Freund, den Händler könnt ihr übrigens 
vergessen. Der liegt in Freiburg im Kerker und wartet auf seine 
Hinrichtung. In spätestens drei Tagen wird er baumeln, euer 
Freund!« 

Rolands Hoffnung, daß sich alles aufklären würde, hatte sich in 
Nichts aufgelöst wie Morgennebel in der Sonne. 

Gunzelin von der Traube hatte all seine Aussagen pedantisch 

genau zu Papier gebracht, obwohl er von Anfang an keinen Hehl 
daraus gemacht hatte, daß er von Rolands Schuld überzeugt war. Aus 
seinen Äußerungen hatte Roland erkannt, daß der ehrgeizige Mann 
nur zu gerne die Lorbeeren anderer eingeheimst hätte, die eigentlich 
gar keine waren. Ein aufsehenerregender Mordfall, eine prompte 
Aufklärung und eine prächtige Hinrichtung für das Volk, das gerne 
ein Schauspiel genoß  - all das konnte ihm von Nutzen in seinem Amt 
sein. 

»Ein Ritter wollt Ihr sein«,  hatte er spöttisch gefragt und die 

höflichere Anrede gewählt, obwohl er zuvor Roland wie einen 
Strolch herablassend geduzt hatte. »Nun, ich bin bereit, das zu 
überprüfen. Derweil biete ich Euch meine Gastfreundschaft. Leider 

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kann ich nicht mit einem Schlosse dienen. Ihr müßt schon mit dem 
Kerker vorlieb nehmen.« 

Das tat Roland nun seit zwei Tagen. 
Dann brachte ihm Gunzelin die niederschmetternde Kunde: »Zwei 

völlig untadelige Herren haben gegen dich ausgesagt, Ritter.« Das 
hatte er genüßlich und spöttisch betont. »Sie haben dich beobachtet, 
wie du Thomas Himperich heimtückisch auflauertest und ihn 
ermordetest. Sie haben die Schwurhand gehoben und den heiligen 
Eid auf ihre Aussage geschworen. Du wirst hängen, Ritter.« Und im 
Selbstgespräch hatte er hinzugefügt: »Vielleicht wäre es ganz gut, 
wenn er wirklich ein Ritter wäre. So erhielte das dumme Volk einen 
Beweis, daß vor dem Gesetz alle gleich sind ...« 

Dann war Roland allein mit der Dunkelheit, bei Wasser und Brot 

in einem kahlen Verlies der Kommandantur. 

Er dachte an die Knappen. Wo blieben sie nur? Aber was konnten 

sie überhaupt tun, wenn sie in Peterzell von den Ereignissen erfahren 
hatten? Sie konnten nichts gegen den Schwur zweier untadeliger 
Herren tun, wie Gunzelin sie bezeichnet hatte. 

Weshalb hatten die Kerle einen Meineid geleistet? Vermutlich 

hatten sie das im Auftrag der Bande getan, die Menschen und 
Frachttransporte verschwinden ließ. Sie mußten herausgefunden 
haben, daß man Nachforschungen anstellt, was ja nur zu erwarten 
war, aber vor allem, wer versuchte, ihnen auf die Schliche zu 
kommen. Und sie hatten schnell gehandelt, bevor die 
Nachforschungen überhaupt zu einem Resultat geführt hatten ... 

Die Knappen! Sie hatten eine Spur gefunden, wie sie ihm 

mitgeteilt hatten. Dann waren sie mit  einem Wagen aus Peterzell 
fortgefahren. Ob sie in eine Falle getappt waren? 

Roland überlegte, ob es einen Zusammenhang zwischen dem 

Diebstahl seines Hengstes und den anderen Ereignissen geben 
konnte. Helga hatte ihn raffiniert hereingelegt. Im Auftrag der 
Bande? Damit sie ihm ein anders Pferd förmlich aufdrängen konnten, 
das auffällige Roß eines hohen Polizisten, der ermordet worden war? 
Damit sie ihm zum Mörder stempeln konnten? 

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Er glaubte Helga vor sich zu sehen, und seine Gefühle waren 

zwiespältig. 

Die  Überlegungen führten zu nichts. Selbst wenn er eine Erklärung 

für alles fand, konnte er nichts tun. Er lag zwar nicht in Ketten 
gefesselt, doch es gab kein Entrinnen aus dem Kerker. 

Er konnte nur noch hoffen. 

Nun, Wunder sind recht rar, und auch auf eine gute Fee kann man oft 
recht lange warten, selbst wenn man fest davon überzeugt ist, daß es 
sie gibt. 

In Ritter Rolands Fall gab es eine. Und sie war schon emsig damit 

beschäftigt, für das Wunder zu sorgen. 

Gunzelin betrachtete wohlgefällig die hübsche, grazile Maid. 

Rotblonde Locken lugten unter dem buntkarierten Kopftuch hervor. 
Gunzelins Blick streifte kurz die kleinen, neckisch spitzen Hügel, die 
sich unter der dünnen Bluse abzeichneten. Nicht allzuviel, dachte er, 
doch fest und knackig. 

Sie lächelte, und um ihre Mundwinkel bildeten sich lustige 

Grübchen. 

Das Lächeln gefiel Gunzelin. Er war Junggeselle, und wenn ihn 

eine Maid anlächelte, noch dazu eine solch hübsche, dann überlegte 
er manchmal, ob er immer einer bleiben mußte. Nicht, daß er auf alle 
Freuden des Lebens verzichtet hätte  - im Gegenteil, er kaufte sich so 
einige leibliche Genüsse. Doch meist blieben dann nicht genug 
Dukaten übrig, um auch die Plagen des Lebens aus der Welt zu 
schaffen: Zum Beispiel Kochen, Putzen, Flicken, Aufräumen und all 
die anderen Unannehmlichkeiten, die einen sonst recht zufriedenen 
Junggesellen auf den Gedanken bringen konnten, das Angenehme 
mit dem Nützlichen zu verbinden. Ja, bisweilen spielte er mit dem 
Gedanken, in den Hafen der Ehe zu segeln, wie die Seefahrer zu 
sagen pflegten. 

Gunzelin war also ob des Lächelns der Maid recht angetan und 

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ihren Wünschen aufgeschlossen. 

»Was kann ich für Euch tun, schöne Dame?« fragte er galant und 

lächelte ebenfalls. 

»Ich habe einen Wunsch, Kommandant.« Die langen Wimpern 

flatterten scheu. 

Der »Kommandant« ging Gunzelin herunter wie Bienenhonig von 

süßesten Waldblumen. Er verzichtete darauf, zu erklären, daß es 
noch nicht ganz soweit war und sagte statt dessen mit einem tiefen 
Blick in ihre Augen: 

»Aber jeder Wunsch von Euch ist mir Befehl, schöne Dame!« 
»Dann laßt mich bitte zu dem Gefangenen.« 
Ihre Hand spielte nervös mit dem Zipfel des blauweißkarierten 

Tuchs, das den Korb aus Weidenrute abdeckte, den sie auf den 
Schreibtisch gestellt hatte. 

Gunzelin blinzelte ein wenig enttäuscht. Er zwirbelte seinen 

Schnauzbart. 

»Zu welchem Gefangenen? Wir haben derzeit drei Haderlumpen, 

die ...« 

»Zu dem Mann, der als Mörder und Pferdedieb aufgehängt werden 

soll. Roland heißt er.« 

Sie lächelte zaghaft, doch diesmal freute sich Gunzelin nicht so 

sehr darüber. Das war es also! Deshalb hatte sie ihn so flammend 
angeschaut. Aus purer Berechnung! Diese Weiber! Womöglich war 
sie gar ein Liebchen von diesem Kerl... 

Gunzelin bereute, so voreilig versichert zu haben, ihr Wunsch sei 

ihm Befehl. 

»Wie gerne würde ich Eure Bitte erfüllen«, sagte er mit einem 

säuerlichen Lächeln. »Jedoch, mir sind die Hände gebunden. 
Vorschriften, versteht Ihr? Niemand darf mit dem Gefangenen 
sprechen, es sei denn ...« 

»Es sei denn?« hakte sie hoffnungsvoll nach. 
Abermals bereute Gunzelin seine Voreiligkeit. 
»Es sei denn, Ihr wärt eine nahe Verwandte.« 
»Das bin ich ... eine sehr nahe Bekannte ...«  Und als  sie Gunzelins 

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bedauerndes Kopfschütteln sah, fügte sie hastig hinzu: 

»Ich bin seine Braut.« 
Gunzelin unterdrückte ein Seufzen. Die miesesten Kerle haben so 

oft die nettesten Weiber, dachte er mißmutig und ein wenig neidisch. 

»Ihr hättet gewiß einen Besseren verdient«, sagte er. »Ich rate 

Euch, schöne Dame, vergeßt diesen Mann. Es gibt genügend gute 
und anständige Männer in Freiburg.« Er reckte sich in Positur. 
»Wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch helfen, diesen Unwürdigen zu

 

vergessen ...« 

Sie errötete leicht. »Ja, ich werde sehr einsam sein nach seinem 

Tode. Ich werde in meiner Kammer in der Hubergasse sitzen und mir 
die Augen ausweinen. Und ich werde ewig mit dem Schicksal 
hadern, weil ich ihn nicht ein letztes Mal sehen konnte...« Sie 
verstummte schluchzend. 

»Gemach, gemach«, sagte Gunzelin hastig, und er notierte im 

Geiste »Hubergasse«. »Wenn Ihr seine Braut seid, kann ich vielleicht 
eine Ausnahme machen. Schließlich führe ich hier das Kommando.« 

»Oh, das würdet Ihr tun? Ihr würdet mich seine letzte Nacht mit 

ihm teilen lassen?« 

»Nun, keine ganze Nacht«, schwächte Gunzelin ab. Das gönnte er 

dem Kerl nicht. »Aber ich werde Euch genügend Zeit lassen, von 
ihm Abschied zu nehmen.« 

»Oh, ich danke Euch für Euer gutes Herz! Das werde ich Euch nie 

vergessen.« 

Hoffen wir es, dachte Gunzelin. 
»Führt Ihr mich jetzt zu ihm?« fragte sie. 
»Ich kann schlecht gehen mit meinem geschienten Bein«, sagte er. 

»Mein Adjutant wird Euch begleiten.« 

Er erhob sich schwerfällig und rief nach einem gewissen 

Mühlberger. 

Die junge Frau nahm den Korb vom Schreibtisch. Es entging 

Gunzelin nicht, daß sie wiederum nervös mit dem Zipfel des Tuches 
spielte, das den Inhalt des Korbes abdeckte. 

Da ist doch was faul! dachte Gunzelin. 

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Er humpelte zu ihr. Er ergriff ihre feingliedrige Hand und zog sie 

von dem Tuch fort. Dabei hielt er die Hand länger, als es nötig 
gewesen wäre und schaute ihr tief in die Augen. 

Sie lächelte, doch sie wirkte sichtlich angespannt. Die Hand zitterte 

leicht in seiner. 

Er nahm ihr den Korb ab und stellte ihn auf die Schreibtischplatte. 
»Was ist denn da drin?« fragte er wie beiläufig. 
Sie erschrak. 
»Oh, nur etwas zu essen und trinken«, sagte sie schnell. »Die  - 

Henkersmahlzeit, wenn Ihr so wollt.« 

Er schüttelte den Kopf. »Es ist verboten, etwas zu den Arrestierten 

mitzunehmen.« Während er sich sorgfältig den Inhalt des Korbes 
ansah, fügte  er im Tonfall eines Vaters, der einer dummen Tochter 
etwas erklären möchte, hinzu: »Man könnte ihm eine Waffe 
einschmuggeln oder...« 

»Eine Waffe?« Es klang bestürzt. 
Ein Mann betrat die Amtsstube. 
In diesem Augenblick zog Gunzelin einen Dolch aus dem Korb. 

Die Krümel von Sandkuchen klebten an der Klinge. 

Triumphierend hielt er den Dolch hoch. 
»Nun, was haben wir denn da?« fragte er mit einem breiten 

Grinsen. 

»Ein Dolch!« Die junge Frau schlug die Hand vor den Mund. Es 

sollte wohl überrascht klingen, doch Gunzelin sah ihr das schlechte 
Gewissen an. 

»Ein Dolch!« sagte fast gleichzeitig Mühlberger, der Adjutant. 
»Erraten.« Es war Gunzelin anzumerken, daß er die Situation und 

seine Überlegenheit genoß. 

»Diese Dame wollte ihn zu dem Gefangenen schmuggeln«, 

erklärte er seinem Adjutanten, der verwundert vom Dolch in 
Gunzelins Hand zu der jungen Frau blickte. 

»Nie hätte ich ...« begann die Maid, doch sie erkannte wohl selbst, 

daß das reichlich schwach klang und verstummte. 

Tadelnd schüttelte Gunzelin den Kopf. »Ihr werdet mich gewiß 

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nicht für dumm gehalten haben, schöne Dame.« 

»Aber gewiß nicht!« 
»Nun, dann will ich zu Euren Gunsten annehmen, daß jemand den 

Dolch ohne Euer Wissen in den Kuchen gesteckt hat. Ich will noch 
einmal gnädig sein. Ihr sollt Eurem Bräutigam Lebewohl sagen 
dürfen. Wie lautete noch Eure Wohnadresse, schöne Dame?« 

»Hubergasse, neben der Spenglerei, Kommandant... wieso?« 
»Nun, es könnte ja sein, daß ich mal zufällig hereinschaue bei 

Euch  - um zu kondolieren. Vielleicht erinnert Ihr Euch dann meiner 
Großherzigkeit.« 

Sie nickte benommen. Sie ließ die Schultern hängen, senkte den 

Kopf und schien den Tränen nahe zu sein. 

Gunzelin trat zwei Schritte zur Seite und winkte seinen Adjutanten 

zu sich. 

Im Flüsterton sagte er: »Bring sie zu dem Gefangenen, der morgen 

hängen soll. Sie ist seine Braut. Beobachte die beiden durch den 
verborgenen Sehschlitz und erzähle mir, was sie so getrieben haben.« 

»Jawohl, beob ...« 
Mit ärgerlichem Wink und Blick schnitt Gunzelin seinem 

Adjutanten das Wort ab. 

»Ich gewähre der Dame zwei Stunden«, sagte er und warf einen 

Blick zu ihr. »Das müßte doch reichen oder?« 

Sie senkte erneut den Kopf. Sie wirkte immer noch wie eine 

ertappte Sünderin. 

Gunzelin blickte ihr dann lächelnd nach, als sie mit Mühlberger 

hinausging. Er pickte eine Rosine aus dem Kuchen und schob sie 
sich in den Mund. 

Du kleines Dummerchen, dachte er. Mit einem simplen Trick 

wolltest du mich hereinlegen!« 

Er schüttelte grinsend den Kopf. Er war sehr stolz auf sich. 

Schritte näherten sich auf den Gang. Ein Schlüssel rasselte. 

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Roland öffnete blinzelnd die Augen und blickte zur dicken 

Eisentür des Kerkers, die er in der Dunkelheit nur an den Geräuschen 
erahnen konnte. 

Der Schlüssel drehte sich im Schloß. 
Kamen sie, um ihn abzuholen? Um ihn zum Galgen zu schleppen? 
Er hatte jedes Zeitgefühl in der Dunkelheit und Stille verloren. 
Mit leisem Quietschen schwang die Tür auf. Einer von Gunzelins 

Männern tauchte in der Tür auf. In einer Hand hielt er ein Schwert, in 
der anderen eine Lampe. Roland war aufgesprungen. Doch er wußte, 
daß er keine Chance hatte. Und selbst wenn es ihm gelang, den Mann 
zu überwältigen, gab es keine Entkommen für ihn. Es gab weitere 
Wachen. 

Mühlberger grinste ihn an. 
»Da will sich jemand verabschieden«, sagte er und gab jemand auf 

dem Gang einen Wink. Dann sah Roland die Maid, die den Kerker 
betrat. 

»Helga!« entfuhr es ihm überrascht. 
Und dann war er noch überraschter. Denn Helga lief auf ihn zu und 

umarmte ihn stürmisch. 

»Geliebter!« rief sie dabei. 
Sie küßte und herzte ihn. 
Bevor Ritter Roland einen klaren Gedanken fassen konnte, sagte 

Mühlberger mit anzüglichem Grinsen: »Dann viel Spaß.« 

Er stellte die Lampe ab und zog die Tür zu. Der Schlüssel drehte 

sich im Schloß. Schritte entfernten sich, verstummten aber 
erstaunlich schnell. 

Sofort löste sich Helga von Roland. 
»Wir werden beobachtet, wisperte sie. »Ich erkläre Euch gleich 

alles. Küßt mich!« 

Nun, das tat Ritter Roland. Er war aber so verwirrt, daß er gar 

keinen rechten Genuß dabei fand, obwohl Helga sich voller 
Leidenschaft gebärdete. 

Schließlich bog Helga den Kopf zurück, hielt immer noch die 

Arme um seinen Nacken und blickte zu ihm auf. 

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»Es hat leider nicht geklappt, Liebling«, sagte sie laut, zwinkerte 

ihm dabei beschwörend zu und schickte ein trockenes Schluchzen 
hinterher. »Er  - hat den Dolch gefunden, den ich dir bringen wollte. 
Jetzt kann ich dir nichts als meine Liebe geben.« 

Sie löste sich von ihm. Sie streifte das Kopftuch ab und schüttelte 

ihr Haar aus. 

Dann zog sie die Bluse aus! 
Roland blickte verdutzt. 
Und sie knöpfte den Rock auf! Sie zog ihn langsam an den Hüften 

hinunter! 

»Sagt kein Wort«, wisperte sie kaum hörbar. 
Es hatte ihm ohnehin die Sprache verschlagen. Er starrte sie 

gebannt an, nahm ihre Schönheit in sich auf  - und dann sah er noch 
etwas anders: Der Knauf eines Messers ragte aus ihrem seidenen 
Unterhöschen! 

»Nimm mich in die Arme«, sagte sie laut und schmiegte sich an 

ihn. 

Das tat Roland nur zu gerne. 
Er hatte zwar keine Vorliebe für Damen mit Messern im Schlüpfer, 

doch in diesem Fall hatte er das Gefühl, Helga sei ihm samt Messer 
vom Himmel geschickt worden. 

Mit einer Waffe konnte er sich eine Chance erhoffen. Zum 

Beispiel, wenn sie ihm die Henkersmahlzeit brachten ... 

Er nahm Helga in die Arme. Ihr Körper war weich und warm und 

anschmiegsam, doch das Messer drückte gegen seinen Schoß. 

Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Ritter Roland, daß 

Helga mit dem Rücken zur Tür stand und somit die Sicht auf ihn 
verdeckte. Wir werden beobachtet, hatte sie gesagt. Es galt also, 
vorsichtig zu sein. Aber allzuviel war im schwachen Schein der 
Lampe ohnehin nicht zu erkennen, erst recht nicht, wenn man sie in 
inniger Umarmung sah. 

Mit geschickten Fingern zog er das Messer aus ihrem Höschen, 

langsam und tastend, damit er ihr nicht mit der scharfen Klinge die 
seidene Haut verletzte, und schob es unauffällig in seinen 

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Stiefelschaft. 

»Danke«, flüsterte er. »Ihr kommt mir vor wie eine gute Fee.« 
»Ich hörte, was Euch widerfahren ist  - gewissermaßen durch meine 

Schuld. Mein Bruder, den ich mit Eurem Roß zum nächsten Ort 
schickte, berichtete mir alles.« Sie blickte ihn verlegen an, doch 
offenbar genierte sie sich nicht wegen ihres entblößten Busens, denn 
sie traf keinerlei Anstalten, die Bluse zuzuknöpfen. 

»Ich dachte mir, wenn Euch etwas an dem Roß liegt, spaziert Ihr 

zum nächsten Ort. Aber ich getraute mich nicht selbst dorthin. So 
schickte ich meinen Bruder. Es tut mir alles so leid. Nicht 
auszudenken, wenn Ihr durch meine Schuld am Galgen geendet 
hättet! Deshalb ritt ich mit meinem Bruder sofort nach hier um das 
Schreckliche zu verhindern.« 

»Ihr glaubt mir also, daß ich kein Mörder bin«, stellte Roland fest, 

und ein warmes Gefühl durchflutete ihn. Es tat gut, Vertrauen zu 
spüren, nachdem er Feindseligkeit und Mißtrauen, ja gar Haß 
ausgesetzt gewesen war. »Ich danke Euch für Euer Vertrauen.« 

»Ich Weiß, daß Ihr unschuldig seid«, bekräftigte sie. 
»Aber woher?« Roland war verblüfft. Diese Helga wartete doch 

immer wieder mit Überraschungen auf. »Niemand war dabei, als ich 
das reiterlose Pferd fand. Ich habe es nicht getan, aber rein 
theoretisch hätte ich den Besitzer töten können, um mir sein Pferd 
anzueignen.« 

»Laßt uns nicht untätig herumstehen«, flüsterte sie. »Ich sagte 

schon, wir werden beobachtet. Deshalb mußte ich auch mein frivoles 
Spiel treiben.« Jetzt war sie wirklich verlegen, das spürte er. Sie 
blickte wieder auf. »Aber es geht um Euer Leben.« 

Er nahm sie in die Arme, und wie von selbst sanken sie zu Boden. 

Roland hielt sie in den Armen. 

»Ihr seid der ruhmreiche Ritter Roland«, flüsterte Helga. »Nie 

hätte ich gedacht, Euch jemals kennenzulernen. Aber es ist so. Und 
Ihr haltet mich in Euren starken Armen ...« 

Nun, so stark fühlte sich Ritter Roland im Kerker nicht,  obwohl er 

im Augenblick das Gefühl hatte, die Mauern des Verlieses mit 

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bloßen Händen einreißen zu können. 

»Ihr seid hier, um das Verschwinden der Menschen und Frachten 

aufzuklären«, fuhr Helga fort. 

»Hat sich das herumgesprochen?« fragte Roland verdutzt. 
»Nein. Doch die beiden Männer, die in Peterzell waren und sich als 

die Burschen eines Händlers ausgaben, sind Eure Knappen. Mein 
Bruder hat mal mit Ihnen gezecht, damals, als er sich im Bayerischen 
Wald als Holzfäller verdingt hatte, während Ihr dem Schrecken vom 
Höllensteinsee das Handwerk legtet. Eure Knappen kamen zu uns 
auf den Hof und sprachen mit meinem Bruder. Er versprach ihnen, 
nichts zu verraten. Und dann sah er in Peterzell, wie man Euch mit 
einem Wagen wegbrachte. Er erkannte Euch wieder. Doch er konnte 
nichts für Euch tun. Zudem verlor er viel Zeit, weil er nach Euren 
Knappen suchte.« 

»Hat er sie informiert?« fragte Roland angespannt. 
Sie schüttelte den Kopf. Ihr Haar streifte seine Wange. 
»Sie waren nirgends zu finden. Aber ich habe einen von ihnen 

gesehen. Ich erkannte ihn wieder, denn ich sah die beiden zuvor, als 
sie auf unserem Hof mit Albert sprachen  - Albert ist mein Bruder. 
Erst später, als er mir alles berichtete, sagte er: >Die Knappen waren 
die beiden, die auf unserem Hof waren<. Da wurde mir klar, daß ich 
einen von ihnen im Wald gesehen hatte, als ich vor Euch flüchtete.« 

»Im Wald? Was taten die Knappen denn da? Sie sollten doch in 

Peterzell auf mich warten.« 

»Es war nur einer, der Große mit dem schwarzen Vollbart.« 

»Louis.« 

»Ich weiß nicht, wie sie heißen« erwiderte Helga. »Aber es war 

zweifellos einer der Männer, die mit Albert gesprochen hatten und 
die er hinterher als Eure Knappen bezeichnete ... Und was er tat? 
Nun, er war völlig nackt...« 

»Dann wird er keine Pilze gesammelt haben«, bemerkte Roland, 

und er verspürte einen leichten Groll auf Louis, der sich offenbar im 
Walde vergnügt hatte, anstatt auf ihn zu warten wie verabredet. 

»Vermutlich nicht«, sagte Helga mit einem leisen Lachen. »Er 

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wollte mich aufhalten. Sicherlich hat er Euer Pferd erkannt. Doch zu 
diesem Zeitpunkt wußte ich ja nicht, daß er Euer Knappe ist, nicht 
einmal, daß es einen Zusammenhang zwischen Euch und ihm gibt. 
Mir fuhr der Schreck in alle Glieder, als ich so ein großes, nacktes 
Mannsbild auftauchen sah.« 

»Ja, Louis ist ziemlich kräftig gebaut«, sagte Roland und lächelte 

das grazile Mädchen an. 

»Ihr sagtet, Ihr seid vor mir geflüchtet, warum eigentlich?« 
»Ich  - hielt Euch für einen Räuber. Für genauso einen Kerl wie 

den, der mir das Pferd stahl. Er wollte mir Gewalt antun, doch ich 
überredete ihn zu einem Bade, bevor es zum Schlimmsten kommen 
Sonnte, und ich konnte ihm mit knapper Not entkommen. Dann 
tauchtet Ihr auf. Ihr habt zwar erst galant geredet, doch das Getue 
kennt man ja. Oh, ich habe gemerkt, wie ihr mich begehrlich ange-
starrt habt. Und als Ihr mich dann einfach auf die Arme genommen 
und geküßt habt, da dachte ich, ihr seid genauso wie der andere. Ich 
hielt Euch für einen, der nur auf andere Weise zum Ziel kommen 
will, der sich nur verstellte, um mich zu täuschen und dann über 
mich herfallen wollte, wenn ich nicht Willens sein sollte ...« Sie 
lächelte entschuldigend. »Ich konnte doch nicht wissen, daß Ihr 
wirklich ein Ritter seid und mich ohne Hintergedanken mitnehmen 
wolltet. So wandte ich zum zweiten Mal meine List an und machte 
Euch Hoffnung, um mich retten zu können.« 

»Ja, ein wenig Hoffnung hatte ich«, bekannte Roland. 
Immer noch hielt er sie in den Armen, und er hatte in den letzten 

Minuten der geflüsterten Unterhaltung ganz vergessen, daß er sich in 
einem Kerker befand und daß nach wie vor der Galgen auf ihn 
wartete. 

»Wie habt Ihr erreicht, daß man Euch zu mir ließ?« fragte er. 
»Das war ganz leicht.« Helga lachte leise. »Dieser Möchtegern-

Kommandant ist ein eitler Affe, der mir versteckte Angebote machte. 
Ein schmieriger Kerl. Er will mich nach Eurem Tod trösten, deutete 
er an. Wie ein verliebter Gockel benahm er sich  - aber wesentlich 
verschlagener. Aber er fiel prompt darauf herein, als ich ihm den 

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Dolch in dem Kuchen präsentierte. Er war so stolz auf seinen 
vermeintlichen Scharfsinn, daß er ganz vergaß, mich nach einem 
zweiten Messer abzutasten.« 

»Gute Idee«, sagte Roland. »Ich muß schon sagen, Ihr habt 

originelle Einfälle, Helga.« 

Sie lächelte, und um ihre Mundwinkel bildeten sich neckische 

Grübchen. »Es war eine Idee von Albert. Auch, daß ich mich als 
Eure Braut ausgeben sollte, damit man mich zu Euch ließ.« 

Täuschte er sich, oder schoß ihr jetzt das Blut in die Wangen? 

Genau war es im schwachen Schein der Lampe nicht zu erkennen, 
zumal sie mit dem Rücken zum Licht an ihn geschmiegt war. 

»Ein raffinierter Einfall«, sagte Roland. 
»Ich  - mußte Euch küssen und alles ...« Sie bedachte ihn mit einem 

schnellen, verlegenen Blick. »Man darf keinen Verdacht schöpfen. 
Wir müssen so tun, als ob wir uns liebten.« 

»Das ist die beste aller Ideen«, sagte Roland, zog sie fester an sich 

und küßte sie auf die lockenden Lippen. 

»Fast zwei Stunden lang«, hauchte sie, und es klang wie ein 

Seufzen. 

Roland, war recht erregt, doch nie hätte er diese Situation schamlos 

ausgenutzt. Helga war als gute Fee gekommen, um ihm zu helfen. 
Und wenn auch die Umstände dieses pikante Spiel erforderlich 
machten, so mußte er sich zur Ordnung mahnen. Helga tat alles nur, 
um sein Leben zu retten ... 

»Ich danke Euch«, sagte er mit belegter Stimme. »Verzeiht mir, 

daß ich Euch in den Armen halte ...« 

»Es muß echt wirken«, seufzte sie und schmiegte sich an ihn. 
»Und daß ich euch küßte ...« 
»Man könnte sonst argwöhnisch werden.« 
Jetzt küßte sie ihn auf die Lippen und schloß dabei die Augen. 
Sein Herz pochte noch heftiger, und er spürte, wie ihr Kuß 

Verlangen in ihm weckte. 

Doch es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein! 
Sanft schob er sie von sich, so schwer es ihm auch fiel. Auch sie 

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war erregt. Er erkannte es an ihren Augen, an ihrem heftigen Atem. 
Es war, als sei ein Funke zwischen ihnen übergesprungen und hätte 
erst ein zartes Flämmchen und dann ein Feuer entfacht. Es war süß 
und prickelnd  - doch zugleich empfand er  es als grausam. Denn es 
war nur ein Spiel, zu dem sie gezwungen waren. Ein Spiel, das Helga 
nur trieb, um ihn vor dem Galgen zu retten. Seine Ritterehre gebot 
ihm Zurückhaltung. 

Er dachte an das Messer im Stiefelschaft. Die Wachen waren 

äußerst aufmerksam gewesen. Doch mit dem Messer gab es 
vielleicht eine Möglichkeit, wenn man Helga hinausließ ... 

Helga berührte mit sanfter Hand seine Wange und riß ihn aus 

seinen Gedanken. Es war, als flatterte ein Schmetterling über seine 
Haut. Ihr Blick tauchte tief in seinen. 

»Und ich hielt dich für einen Räuber«, wisperte sie. 
»Und ich wünschte dich zum Teufel«, murmelte er leise, und es 

fiel keinem von beiden auf, daß sie zum vertrauten Du übergegangen 
waren. 

»Aber  - ich hatte gar nicht mal so unrecht...« fuhr Helga  versonnen 

fort. »Du scheinst mir wirklich ein Räuber zu sein. Ein Ritter, der mir 
das Herz raubt...« 

»Ich wollte nicht... ich würde niemals ...« begann Roland verwirrt 

und fühlte sich gemüßigt, ihr zu beteuern, daß er die Situation nicht 
auszunutzen gedachte. 

Zärtlich strich sie ihm mit einem Finger über die Lippen. »Sag 

nichts, Roland. Sag nichts und versprich nichts, was wir beide nicht 
mehr halten können. Es ist zu spät dazu. Mach lieber die Lampe aus. 
Oder willst du, daß man uns von jetzt an noch zuschaut?« 

»Schläfst du?« flüsterte Pierre in der dunklen Höhle. 

»Wie könnte ich das«, brummte Louis leise. »Erstens tut mir 

verdammt der Hintern weh, und auf dem Bauch kann ich schlecht 
schlafen, es sei denn, ich habe eine weiche, warme Unterlage.« Er 

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lachte leise. »Und zweitens muß ich dauernd an Roland denken«, 
fügte er mit schwerer Stimme hinzu. 

»Ich auch«, seufzte Pierre. 
»Nie hätte ich gedacht, daß ich mal so an ihm hängen würde«, fuhr 

Louis leise fort. 

»Ich auch nicht.« 
Eine Weile herrschte Schweigen. Einige der anderen Gefangenen 

schnarchten. Einer schien im Traum die Arbeit des Tages 
fortzusetzen und dicke Buchenstämme durchzusägen. 

Die Knappen hingen ihren Gedanken nach. Sie wußten, daß auf 

Ritter Roland der Galgen wartete, und sie wußten, daß sie nichts zu 
seiner Rettung unternehmen konnten. Sie waren selbst Gefangene 
und vermutlich ebenso zum Tode verurteilt wie Roland. 

Es gab kein Entkommen aus der Schlucht. Im Gegensatz zu den 

Räubern waren sie waffenlos. Des Tags wurden sie streng bewacht, 
und selbst wenn einer flüchten würde, liefe er nur den Wachen an 
den Zugängen der Schlucht in die Arme. Nach der Schufterei am 
Staudamm bekamen sie Essen und mußten über die Strickleiter in die 
Höhle hinaufsteigen, die hoch in der Felswand als ihr Gefängnis 
diente. Zwei Räuber hielten unten am Fuß der steilen Wand Wache. 
Ein Abstieg war unmöglich, und jedes Geräusch würde zudem von 
den Wachen gehört werden. Einer hatte versucht, dennoch den 
Abstieg zu wagen. Er war abgestürzt und hatte sich das Genick 
gebrochen. 

Wittich, der Mann vom Hotzenwald hatte sich abgesichert. 
Und es war kaum damit zu rechnen, daß Hilfe von außen kam. Das 

Versteck der Bande lag fernab von allen Pfaden, und jeder 
Eindringling würde früh genug bemerkt  werden. Die anderen 
Gefangenen hatten den Knappen erzählt, wie sorgfältig die Räuber 
ihre Spuren zum Versteck verwischt hatten. Sie hatten sogar die 
gekaperten Wagen weit genug entfernt verbrannt und die 
nichtbrennenden Teile in einer tiefen Felsspalte versteckt, bevor sie 
die Gefangenen und die Beute ins Versteck gebracht hatten. Die 
Zugänge zu der großen Schlucht, die nach Norden zu steil anstieg 

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und von einem tosenden Wasserfall begrenzt wurde, waren für 
Wagen unpassierbar. Es waren schmale, gewundene Felsspalten, gut 
getarnt von Gestrüpp, die gerade ein Pferd aufnehmen konnten. 

Aber der Bau des Staudammes muß doch bemerkt werden«, hatte 

Louis verständnislos eingewandt. »Das Hämmern, das Bäumefällen, 
das Sägen und die anderen Geräusche aus der Schlucht. Wir sind hier 
doch nicht auf dem Mond!« 

»Man könnte es aber meinen«, hatte einer der Gefangenen erklärt. 

»Keiner hat uns bisher hier entdeckt. Und wenn einer die Axtschläge 
des Tags von irgendeinem der weit entfernten Wege vernimmt oder 
ein Pilz-  oder Beerensammler sie hört, wird er denken, Holzfäller 
seien an der Arbeit und sich nicht weiter darum kümmern. Zumal die 
Zugänge zur Schlucht so versteckt sind, daß nur ein Eingeweihter sie 
finden kann. Außerdem verschluckt das Rauschen des Wasserfalls 
die meisten Geräusche, und zudem behaupten die Einheimischen, 
hier hausten böse Geister, und kaum jemand wagt sich deswegen 
her.« 

Und der Mann hatte sich mit furchtsamem Blick bekreuzigt, 

obwohl er doch wußte, daß die bösen Geister aus Fleisch und Blut 
waren. Außer Wittich und seinen Spießgesellen hatte sich bisher 
jedenfalls niemand blicken lassen. 

Pierre bewegte sich auf dem harten Boden und stöhnte leise auf. 

Auch sein Hinterteil schmerzte noch, und er lag wie Louis auf dem 
Bauch. Zudem hatte er von der harten Arbeit Schwielen und Risse an 
den Händen, die mit Harz verklebt waren. 

»Woran denkst du, Louis?« fragte Pierre nach einer Weile. 
»An den Schatz«, murmelte Louis. 
»Almuth?« 
»Quatscht«, brummte Louis, obwohl Pierre ihn ertappt hatte, als 

könnte er Gedanken lesen. »An den Schatz aus Gold und 
Edelsteinen, den dieser Schweinehund Wittich heben will«, sagte er 
schnell. 

Auch Pierres Gedanken beschäftigten sich jetzt mit diesem Schatz 

aus dem Morgenland. Herzog von Wittgenstein sollte ihn mit seinen 

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Mannen auf einem Kreuzzug im Morgenland erbeutet haben. Dreißig 
Packpferde hatte man benötigt, um diesen unermeßlichen Reichtum 
zu befördern. Auf dem Heimweg war der Herzog mit seinen Mannen 
in ein Unwetter geraten. Der Wildbach war zu einem reißenden 
Strom  angeschwollen und hatte die schwergerüsteten Männer erfaßt. 
Ein Erdrutsch hatte den Reitern den Rückweg abgeschnitten. Bei 
Donner und Blitz waren der Herzog und seine Reiter mit Mann und 
Maus - sprich Schatz - von den Fluten verschlungen worden. 

Auch oberhalb der Schlucht hatte die Erde gebebt. Niederstürzende 

Felsen und entwurzelte Bäume hatten eine Barrikade errichtet, und 
davor war ein See entstanden. Der See wurde von Wasserfall und 
Wildbach gespeist und hatte nur einen schmalen Abfluß, ein  ruhiges 
Bächlein, das sich fast durch die gesamte Schlucht schlängelte, dann 
unterirdisch weiterfloß und irgendwo südlich des Berges wieder zu 
Tage trat. Diesen tiefen Bergsee wollte Wittich trockenlegen lassen, 
indem er mit einem Damm die Zufuhr, den Wildbach, staute und die 
vom Wasserfall schnell anschwellenden Wassermassen um die 
Schlucht herumleitete oder in einem weiteren höher gelegenen See 
sammelte. Dann brauchte er nur noch den Abfluß des tiefer 
gelegenen Sees zu vergrößern, damit das Wasser schneller abfloß, 
und da der See nicht mehr gespeist wurde, würde er bald zumindest 
so flach werden, daß gute Schwimmer tauchen und den Grund 
absuchen konnten. 

»Glaubst du, daß der Schatz tatsächlich in dem See liegt?« fragte 

Pierre aus seinen Gedanken heraus. 

»Sigismund, der Poet, der mit uns schuften muß, hat die 

Aufzeichnungen des Herzogs mit eigenen Augen gesehen. Daraus 
geht genau hervor, mit welcher Kriegsbeute und auf welchem Weg 
der Herzog und seine Mannen unterwegs waren. Bis zum letzten Tag 
ist alles beschrieben, bis zur letzten Etappe, die hier zu Ende ging. 
Der Herzog schrieb sogar von einem heraufziehenden Unwetter in 
seinem Tagebuch.« 

»Was glaubst du, wird Wittich mit uns machen, wenn er den 

Schatz hat?« fragte Pierre sorgenvoll. »Meinst du, er läßt uns 

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wirklich frei, wie er behauptet?« 

»Ich traue diesem Dreckskerl alles zu«, murmelte Louis. »Aber 

noch ist es nicht soweit. Es kann gut und gerne noch eine Woche 
dauern, bis der Damm fertig ist. Und bis dahin läuft noch viel Wasser 
in den See.« 

Wieder herrschte eine Weile Schweigen in der finsteren Höhle. 

Einer der Schnarcher schien die Säge gewechselt und einen anderen 
Baumstamm in Angriff genommen zu haben. Es klang jetzt, als 
rasselte er eine mitteldicke knorrige Eiche durch. 

»Vielleicht ist Roland jetzt schon tot«, murmelte Pierre schließlich 

dumpf. »Wenn wir doch wenigstens etwas tun könnten!« 

»Vielleicht können wir etwas tun«, sagte eine leise Stimme aus 

dem Dunkel. 

Louis und Pierre erschraken. Einer der Gefangenen mußte sie 

belauscht haben. 

»Wer bist du?« fragte Louis raunend. 
»Ich bin Sebastian Müller. Nur ein alter Kutscher, den diese 

Hundesöhne entführt haben. Ich habe mein Leben lang nur Wagen 
und Kutschen gefahren, doch ich bin dabei nicht verblödet.« 

»Hat ja auch keiner behauptet«, murmelte Louis. 
Ein leises Lachen ertönte. »Ich will damit nur sagen, daß ich noch 

zwei und zwei zusammenzählen und ein bißchen denken kann.« 

»Freut mich für dich«, erwiderte Louis schlechtgelaunt. 
»Sprich nicht so laut. Du könntest die Schläfer wecken. Ich komme 

zu euch.« 

Ein Scharren war zu hören. Dann fluchte Pierre unterdrückt. 
»Paß auf, wo du hinfaßt!« 
Eine tastende Hand hatte ihn am schmerzenden Hintern berührt. 
»Entschuldige.« 
Dann lag der Mann zwischen Louis und Pierre. 
»Hört zu, was ich mir so gedacht habe«, flüsterte Sebastian Müller. 

»Ich gehe schon geraume Zeit mit der Idee schwanger, doch ich 
wagte nicht, mich jemand anzuvertrauen. Man weiß nicht, ob es 
Verräter unter uns gibt oder Spitzel der Bande. Aber bei euch beiden 

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bin ich unbesorgt. Schließlich habe ich belauscht, daß ihr hier raus 
wollt, richtig?« 

»Richtig«, gab Louis zurück. 
»Wir drei könnten es schaffen«, sagte Sebastian Müller. 
»Und wie?« fragte Pierre zweifelnd. »Wir haben doch schon alles 

überlegt.« 

»Um diesen See trockenzulegen, bauen wir einen Staudamm, 

richtig?« 

»Richtig.« 
»Und dieser Staudamm schafft einen neuen, höhergelegenen See, 

der vom Wasserfall und Bach gespeist wird und schnell ansteigt, weil 
nicht so viel Wasser in den See abläuft wie zufließt, richtig?« 

»Komm zur Sache«, drängte Louis. 
»Was glaubt ihr, was passiert, wenn dieser Damm bricht und sich 

all die gewaltigen Wassermassen in den See ergießen?« 

»Dann wird der See anschwellen, über den Abfluß hinaus ...« 
»Richtig. Und wenn diese Bresche in der Barriere noch vergrößert 

wird?« 

»Dann wird es eine kleine Überschwemmung in der Schlucht 

geben«, antwortete Pierre. 

»Kleine Überschwemmung?« Sebastian Müller kicherte leise. »Die 

Fluten werden die ganze Schlucht überschwemmen und die Ratten 
ersäufen, die sich darin aufhalten, richtig?« 

»Und uns mit, richtig?« Louis äffte den Tonfall des Mannes nach, 

dessen Gedanken ihn interessierten, dessen dauerndes »richtig« ihm 
jedoch auf die Nerven ging. 

»Hier in der Höhle sind wir sicher, wenn die Fluten wie eine 

Lawine in die Schlucht hinabdonnern«, erklärte Sebastian Müller. 

»Nur ein alter Kutscher«, murmelte Louis nach verblüfftem 

Schweigen. »Mich dünkt, du bist ein richtiger Fuchs, Sebastian.« 
Und grinsend fügte er hinzu: »Richtig?« 

Sebastian kicherte leise. 
»Richtig. Natürlich gibt es noch viele Wenn und Aber und manche 

Unwägbarkeit bei der Sache. Doch hört mal zu, wie ich mir die 

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Höllenfahrt dieser verdammten Bande vorstelle ...« 

Der Schüssel drehte sich im Schloß. Mit leichtem Quietschen 
schwang die schwere Tür auf.  Das grinsende Gesicht von 
Mühlberber tauchte im Lichtstreifen auf, der hinter ihm vom Gang 
her in das Verlies fiel. Mühlberger hielt eine brennende Fackel in der 
Linken und sein Schwert in der Rechten. 

»Die Zeit ist um«, erklärte er und tat überrascht. »Oh, Verzeihung, 

schöne Maid. Wußte nicht, daß Ihr nackt...« 

Weiter kam er nicht mehr. Sekundenlang hatte er Helga angestarrt, 

die in der Tat in ihrem Naturkleid war, und als ihm dann auffiel, daß 
der Gefangene nicht zu sehen war, war es zu spät. 

Roland sprang hinter der Tür hervor und hielt ihm das Messer an 

die Kehle. 

»Keinen Laut!« zischte er, während er dem überraschten Mann das 

Schwert abnahm. 

Mühlberger erholte sich erstaunlich schnell von seinem Schreck. 

Vielleicht bemerkte er in der Aufregung das Messer nicht, vielleicht 
handelte er auch aus Panik, denn er wollte schreien. 

»Hil...« 
Roland schlug mit dem Schwert zu. Der Schrei verstummte im 

Ansatz, und Mühlberger brach zusammen. Roland fing die schlaffe 
Gestalt auf und ließ sie zu Boden gleiten. Er schob die brennende 
Fackel, die dem Mann aus der Hand geglitten war, mit der 
Stiefelspitze zur Seite, damit nicht die Kleidung des Bewußtlosen in 
Brand geriet. 

Helga kleidete sich bereits an. 
»Du hast ihn gut abgelenkt«, lobte Roland. »Schade, daß der 

Bursche nicht vernünftig war. Jetzt müssen wir warten, bis er zu sich 
kommt.« 

Helga lächelte Roland an. Ein glückliches Leuchten war in ihren 

Augen. 

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Roland wollte Gunzelins Adjutant als Geisel mitnehmen. Es gab ja 

die anderen Wachen, und nur mit Mühlbergers Hilfe konnte es ihnen 
gelingen, sie zu täuschen. 

Helgas Bruder Albert wartete draußen mit einem Wagen. Dieser 

Albert mußte ein findiger Bursche sein. Er hatte alles sorgsam 
bedacht. Er war sogar so klug gewesen, die beiden »untadeligen 
Herrn« zu beobachten, die einen falschen Schwur geleistet hatten. 
Zwei Dukaten hatte es ihn gekostet, um von einem Gardisten alle 
Einzelheiten zu erfahren; die würde er doppelt und dreifach 
zurückbekommen. Roland hoffte, daß Albert ihm sagen konnte, wo 
die beiden Lumpenkerle zu finden waren. Von ihnen konnte er 
vielleicht etwas erfahren, was ihm weiterhelfen würde ... 

Doch zunächst galt es, erst einmal in Freiheit zu gelangen. Und 

dazu mußte Mühlberger mitspielen. Roland tätschelte die Wangen 
des Mannes. Wenn es  zu lange dauerte, konnten die Wachen 
Verdacht schöpfen. 

Mühlberger kam zum Glück rasch zu sich. Und erspielte mit. Er 

hatte Weib und Kind, und als Roland ihm mit grimmiger Miene 
erklärte, daß er zu allem entschlossen sei, schlotterte Mühlberger vor 
Angst und tat, was Roland verlangte. 

Den beiden Wachtposten hinter der Tür am Ende des Ganges fiel 

nicht auf, daß Mühlbergers Stimme seltsam gepreßt klang, als er 
behauptete, alles sei in Ordnung, er bringe die Dame zurück zu 
Gunzelin, sie sollten öffnen. 

Roland überrumpelte die beiden Posten. Keiner sonst begegnete 

ihnen auf dem Weg zur Amtsstube. 

Gunzelin saß hinter dem Schreibtisch und tauchte gerade die Feder 

ins Tintenfaß, als die Tür aufging. 

Er wandte den Kopf und sah seinen Adjutanten in der Tür 

auftauchen, hinter der der Gang zum Gefängnis führte. Die »Braut« 
folgte. 

Im schwachen Licht der Lampe, die auf dem Schreibtisch brannte 

und deren Schein nicht ganz bis zur Tür reichte, sah Gunzelin nicht, 
daß sein Adjutant bleich und verstört war und sich wie eine 

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Marionette bewegte. 

Gunzelin schrieb den Satz zu Ende und blickte lächelnd auf. 
»Nun, schöne Dame ...« 
Er verstummte jäh. 
Roland fegte Mühlberger zur Seite, daß er gegen die Wand 

taumelte und daran herabsank. Mit vorgerecktem Schwert stürmte 
Roland auf Gunzelin zu. 

Gunzelin riß sein Schwert aus dem Gehenk. Er war erstaunlich 

schnell und geistesgegenwärtig, das mußte man ihm lassen. Doch er 
überschätzte sich, als er mit Roland die Klinge kreuzen wollte. 

Roland mochte nicht mit einem Mann kämpfen, der mit dem 

geschienten Bein behindert war. Außerdem durfte er keine Zeit 
verlieren. Er schlug Gunzelin mit einem wuchtigen Hieb das Schwert 
aus der Hand und förderte es mit einem schnellen Tritt weit fort. 
Gunzelin war unbeholfen mit seinem geschienten Bein. Bei Rolands 
Hieb verlor er das Gleichgewicht und fiel zu Boden. 

Der Weg war frei. Sie brauchten nur noch durch die Tür oder falls 

sie verschlossen war, durchs Fenster der Amtsstube hinaus in die 
Gasse, in der der Wagen warten mußte, wenn alles, wie von Albert 
geplant, abgelaufen war. 

»Nichts wie weg«, rief Roland Helga zu. Doch Helga verharrte 

noch bei Gunzelin, der am Boden lag und sich abmühte, mit dem 
geschienten Bein aufzustehen. 

»Schmutzfink«, sagte sie verächtlich. Dann riß sie das Tintenfaß 

vom Tisch und kippte Gunzelin den Inhalt ins Gesicht. 

Von einem Augenblick zum anderen verfärbte sich Gunzelin blau, 

und weil er gerade den Mund zu einem Alarmschrei aufgerissen 
hatte, schluckte er ein wenig Tinte. Statt des Schreies kam nur ein 
würgender Laut hervor, der wie »Haaaaahr« oder so klang. Als 
Gunzelin den Mund zum zweiten Mal aufriß, wohl mehr um nach 
Luft zu schnappen, warf Helga das Tintenfäßchen hinterher. Und sie 
hatte gut gezielt. Das kleine Faß flog Gunzelin in den Mund. 

»Du Schmierlappen, der im Amt einer Dame zweideutige 

Angebote macht, wirst niemals Kommandant«, rief Helga. Dann 

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folgte sie Roland, der die Tür unverschlossen fand und sie aufriß. 

Helga sollte mit ihren Worten Recht behalten. Gunzelin, der in 

diesem Augenblick noch an dem Tintenfaß schluckte, sollte später an 
dem Verweis schlucken, den ihm Briegel, der neue Kommandant der 
Stadtgarde, ob seines jämmerlichen Versagens gab. Schnell sprach 
sich bei den Oberen herum, daß Gunzelin ein schlechter 
Stellvertreter des Stellvertreters gewesen war, und sein 
Karrieretraum war ausgeträumt. Und wiederum später machte man 
ihm gar den Vorwurf, völlig unfähig zu sein, weil er einen 
unschuldigen Ritter an den Galgen hatte bringen wollen. Daß dabei 
auch andere Beamtete mitgewirkt hatten, übersah man geflissentlich. 
Ein Sündenbock kam gerade richtig ... 

Indessen hetzte Roland mit Helga durch die dunkle Gasse. Der 

Wagen war da. 

»Albert?« rief Roland gedämpft, als er ihn erreicht hatte. 
»Ja«, erwiderte der Schatten auf dem Kutschbock mit Baßstimme. 

»Unter die Plane mit euch beiden. Schnell!« 

Eile war in der Tat geboten. Denn aus der Amtstube stürmte 

Mühlberger auf die Gasse hinaus und schrie auf Geheiß seines Noch-
Vorgesetzten Alarm. 

Roland kletterte auf die Ladefläche des flachen Wagens. Er half 

Helga hinauf. Sie hatten noch nicht die Plane über sich gezogen, als 
der Wagen schon losfuhr. Wild trieb Albert die beiden 
Gespannpferde an. 

Der Wagen rumpelte aus der Gasse hinaus und bog in eine breitere 

Straße ein. 

»Der Wagen! Sie flüchten mit dem Wagen!« 
Mühlberger schrie aus Leibeskräften, unterstützt von dem tintigen 

Gunzelin, der sich des Tintenfäßchens entledigt hatte, zur Tür 
gehumpelt war und blauen Kopfes seinen Zorn hinausschrie. 

»Mörder! Mörder!« brüllte er und wandte gleich die Mehrzahl an. 

»Faßt sie!« 

Und bald darauf war der Teufel los. 
»Der Wagen, da ist der Wagen!« schrie ein Bürger aufgeregt. 

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»Mörder, Mörder!« 
So machte es alsbald die Runde, und schnell war die Jagd in 

vollem Gang. 

Albert raste in halsbrecherischer Fahrt durch die Stadt und tat sein 

Bestes, um die Verfolger abzuschütteln. Doch Reiter hatten die 
Verfolgung aufgenommen. Es schien auf einmal in der Stadt von 
Gardisten nur so zu wimmeln. Es war nur noch eine Frage der Zeit, 
wann man den Wagen stellte. 

Albert donnerte durch eine Seitengasse. An deren Ende tauchten 

Schatten auf. 

»Halt! Halt!« brüllte einer der Männer und stieß seine Lanze vor. 
»Wir haben sie!« schrie ein anderer triumphierend. »Hierher, 

Männer!« 

Dann schrien alle vier oder fünf Männer am Ende der Gasse 

gleichzeitig auf, denn Albert dachte nicht daran, anzuhalten. Er 
donnerte mitten durch die kleine Schar, die geradezu akrobatisches 
Talent bewies, als sich die Männer im Hechtsprung aus der Bahn 
warfen. 

Albert lachte dröhnend auf dem Kutschbock. Doch Roland, der die 

Plane von sich gezogen hatte und umherspähte, wußte, daß es keinen 
Grund zur Freude gab. Er sah, wie sich die Schatten links und rechts 
der Gasseneinmündung aufrappelten, als der Wagen vorbeigerast 
war,  und er hörte Schreie und Hufschlag. Die Verfolger schienen 
überall zu sein. 

Blieb nur eines: Aussteigen! 
Auch Albert hatte wohl die Gefahr erkannt. 
»Ihr müßt weg, Ritter!« rief er über die Schulter. »Ich versuche, 

die Kerle noch eine Weile zu beschäftigen. Hier in der dunklen 
Gasse solltet Ihr abspringen. Wir treffen uns beim Gasthaus zum 
Goldenen Pflug am Südrand der Stadt.« 

»Und was wird aus euch beiden?« 
»Das laßt mal meine Sorge sein. Los jetzt! Sie dürfen nicht sehen, 

wo Ihr den Wagen verlaßt.« 

Helga tastete im Dunkeln  nach Roland. Im nächsten Augenblick 

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spürte er ihre Lippen auf seinem Mund. 

»Paß auf dich auf«, sagte sie. 
»Los jetzt!« drängte Albert. 
Und Ritter Roland löste sich von Helga. 
»Wenn wir uns wiedersehen ...« hörte er Helga noch sagen. Dann 

warf er das Schwert, das er Mühlberger abgenommen hatte, vom 
Wagen und sprang nach einem schnellen Blick und einem 
Abschätzen des Tempos vom Wagen ab. 

Fast hätte er sich verschätzt. Er landete zwar gut und konnte sich 

über die Schulter abrollen, doch sein Schwung war zu groß und die 
Gasse zu schmal, und so prallte er gegen die Wand. Obwohl der 
Himmel von einer dichten Wolkendecke überzogen war, sah Ritter 
Roland einen Augenblick lang Sternchen. Er überlegte einen 
Moment lang, wo er war und weshalb ihm Schulter, Knie und 
Schädel schmerzten. 

Dann hörte er Hufschlag und entfernte Rufe. 
Sofort setzte die Erinnerung ein. 
Er rappelte sich auf und schob sich in einen Spalt zwischen zwei 

Häusern. Da stank es, als hätte dort jemand seine Notdurft verrichtet, 
doch das kümmerte Roland im Augenblick nicht. Er lauschte mit 
angehaltenem Atem dem Klappern der Hufe, das sich rasch näherte. 
Reiter galoppierten heran und sprengten dicht an ihm vorbei. 

»Da vorn ist der Wagen abgebogen!« schrie  einer von ihnen. 

»Gleich haben wir ihn!« 

Roland wartete, bis der letzte Reiter vorbei war und sich der 

Hufschlag entfernte. Dann spähte er vorsichtig in die Gasse. 
Niemand mehr zu sehen. 

Er huschte aus dem Spalt zwischen den Häusern und lief zu seinem 

Schwert. Es mußte vielleicht ein Dutzend Klafter tiefer in der Gasse 
liegen. Zum Glück hatte es in der Dunkelheit keiner der Reiter 
bemerkt. 

Er fand es erst ein gutes Stück weiter als angenommen und 

erkannte daran, in welch höllischem Tempo Albert gefahren war, 
während er - Roland - vom Wagen gesprungen war. 

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Roland bückte sich nach dem Schwert. Da gewahrte er eine 

Bewegung zu seiner Rechten. Er wirbelte herum. Ein Schatten 
sprang aus dem Dunkel einer halb offenstehenden Haustür. 

Ein Keulenhieb schleuderte Roland zur Seite. Er stürzte neben sein 

Schwert. Benommen streckte er die Hand danach aus. Doch bevor er 
es ergreifen konnte, stieß der Schatten das Schwert mit einem 
Stiefeltritt aus seiner Reichweite. 

»Hab ich dich, du Lump!« sagte die dunkle Gestalt triumphierend. 

»Ich hab genau beobachtet, wie du vom Wagen sprangst. Da 
brauchte ich nur noch zu warten, bis du dein Schwert holtest. Das 
habe ich eigens als Köder liegenlassen. Und prompt hast du 
angebissen. Ich wette, es gibt eine hübsche Belohnung, wenn ich 
dich abliefere, du Galgenvogel!« 

Er fühlte sich siegessicher und war offenbar ein Mann der vielen 

Worte. Während er bedächtig mit der Keule ausholte, erklärte er, was 
er vorhatte: 

»Ich werde dir jetzt ein bißchen den Schädel plätten und dich dann 

der Stadtgarde ...»Dann schrie er auf und wankte zurück. Ritter 
Roland hatte nicht vor, sich den Schädel plätten zu lassen. Er wollte 
auch nicht der Stadtgarde ausgeliefert werden. Dann würde der 
Galgen auf ihn warten. Ritter Roland kämpfte um sein Leben. 
Während der triumphierenden Worte des schwatzhaften Mannes 
hatte er in der Dunkelheit unauffällig das Messer gezogen, das noch 
nach Helgas Schlüpfer duftete. Fast ansatzlos hatte er das Messer 
geschleudert. Es traf den Mann irgendwo am Oberarm und die Keule 
fiel ihm aus der zum Schlag erhobenen Hand. Der Kerl brüllte aus 
Leibeskräften. »Hierher! Hier ist der Mörder! Hilfe!« 

Und schon näherten sich aufgeregte Rufe, Hufschlag, die Schritte 

von rennenden Männern. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu 
sein, um einen vermeintlichen Mörder zu jagen. 

Roland nahm sich nicht mal mehr die Zeit, das Schwert 

aufzuheben. Es hätte ihm gegen diese Übermacht ohnehin nichts 
genutzt. Und es kam auf jede Sekunde an. Hinten in der Gasse 
tauchten die Silhouetten von Männern auf. Fackelschein war zu 

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sehen. Blieb nur der Fluchtweg in die andere Richtung. 

Roland hetzte los. 
Hinter ihm blieb der schreiende Mann zurück. Er hatte sich eine 

Belohnung verdienen wollen, und jetzt mußte er mit dem Messer im 
Arm vorlieb nehmen. 

Roland erreichte das Ende der Gasse und hetzte nach links um die 

Hausecke. Niemand war in der breiteren Gasse zu sehen. Licht fiel 
aus einigen Fenstern. 

Roland bemühte sich, im Schatten zu bleiben. 
Dann tauchte vor ihm aus einer Seitengasse eine Gestalt auf. 

Zugleich sah Roland am Ende der breiteren Gasse einen laufenden 
Mann, der offenbar an der Jagd teilnahm und von falschem Alarm in 
eine andere Richtung gelockt worden war oder sich noch an der Jagd 
nach dem Wagen beteiligte. 

»Da läuft  er!« brüllte Roland und wies auf den Mann. »Schnell 

ihm nach!« 

Der Mann blickte in die angewiesene Richtung rannte sofort los. Er 

merkte gar nicht, daß Roland in die Seitengasse einbog, aus der er 
gerade gekommen war. 

Schon stürmten Rolands Verfolger heran, und alle folgten dem 

Mann, der aufgeregt Rolands Worte aufnahm: »Da läuft er! Da läuft 
er!« 

Roland lächelte schwach. Eine Zeitlang würde man einen anderen 

jagen, bis sich das Mißverständnis aufklärte. Er drückte sich an die 
Hauswand neben den Lichtschein eines Fensters und lauschte den 
Schritten, die sich eilig entfernten. 

Dann zuckte er zusammen. Das Fenster wurde aufgestoßen, und 

eine junge Frau tauchte im Lichtschein auf. Sie neigte sich mit einer 
brennenden Kerze in der Hand aus dem Fenster und blickte in die 
Gasse. Gähnend murmelte sie: »Möchte wissen, was der Lärm zu 
bedeuten hat.« Dann erfaßte ihr Blick Roland, und ihre Stimme 
verlor alle Schläfrigkeit. 

»Huch!« stieß sie hervor und ließ vor Schreck die Kerze fallen. 

»Ein Mann!« 

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Es klang zwar erschrocken, doch keineswegs entsetzt, und vor 

allem war es leise, fast geseufzt. Die Maid trug ein Nachthemd und 
eine weiße Schlafhaube. Offenbar hatte sie geschlafen und wußte 
noch nicht, was in der Stadt los war. 

»Was tut Ihr da?« fragte sie mißtrauisch. 
Noch schrie sie nicht Zeter und Mordio. Und Roland mußte 

versuchen, es zu verhindern. Denn er hörte bereits weitere Männer 
nahen. 

»Ihr müßt mir helfen  - bitte!« sagte er schnell mit sanfter Stimme. 

Er hob die Kerze auf und reichte sie ihr mit einer Verbeugung. 

»Was ist denn los? Was hat der Lärm zu bedeuten? Ist ein Feuer 

ausgebrochen?« 

»Kein Feuer«, sagte Roland. »Räuber sind unterwegs.« 
»Oh Gott! Und ich bin ganz allein im Haus.« 
»Ich werde Euch beschützen«, sagte Roland. »Geht vom Fenster 

fort, damit man Euch nicht sieht.« 

Sie tat es, ohne nachzudenken, ohne sich klarzumachen, daß der 

fremde Mann eine Gefahr hätte bedeuten können. Sie war jetzt nicht 
mehr schläfrig, und sie mußte schon recht einfältig sein, einen 
fremden Mann ohne Protest und Hilfeschreie durch ihr Fenster 
einsteigen zu lassen. 

Sie schloß das Fenster sogar eifrig hinter ihm und zog den Vorhang 

zu. 

Dann schritt sie mit der Kerze zu einem kleinen Tisch und steckte 

sie in einen Halfter. Sie wandte sich um und musterte Roland von 
Kopf bis  Fuß und wieder zurück. Seine Statur und sein Lächeln 
schienen ihr zu gefallen. Sie lächelte ebenfalls. 

»Ich träumte gerade«, sagt sie und wies zu dem Bett in der 

Kammer. »Ein großer starker Prinz drang bei mir ein.« 

Vermutlich ein Wunschtraum, dachte Roland, und er sah, daß die 

Maid recht prall, doch nicht gerade die schönste war. 

»Nun, groß und stark seht Ihr aus, und eingestiegen seid Ihr auch, 

doch wie ein Prinz seht Ihr mir nicht gerade aus.« 

»Ich bin auch keiner«, sagte Roland und bedachte sie mit einem 

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charmanten Lächeln. »Ich bin ein Ritter, und eine wilde Bande ist 
hinter mir her. Sie suchen nach mir. Ich bitte Euch, mich nicht zu 
verraten.« 

Ihre Kulleraugen blickten interessiert. »Fast wie in meinem 

Traum«, sagte sie. Sie schritt zu dem Bett und setzte sich auf die 
Kante. Dann wies sie neben sich und forderte ihn auf: »Kommt zu 
mir und erzählt mir das ganze Abenteuer. Gewiß werde ich Euch 
nicht verraten.« 

Mit etwas gemischten Gefühlen nahm Roland neben ihr Platz. Sie 

legte eine Hand auf seinen Arm und rückte etwas näher an ihn heran. 

»Ihr müßt wissen, daß ich seit Wochen allein bin«, sagte sie mit 

einem Seufzer des Selbstmitleids. »Da ist man empfänglich für jedes 
Abenteuer.« 

Ihre Worte und ihr Lächeln sagten ihm alles. Vermutlich hätte 

diese Maid in ihrer Not sogar einen üblen Räuber in ihrer Kammer 
versteckt, um nicht so einsam zu sein. 

Roland horchte kurz in sich hinein und kam zu dem Schluß, daß sie 

ihm nicht gefiel. Aber er mußte noch eine Weile bei ihr bleiben und 
mit einem kleinen Abenteuer aufwarten, um sich dann in 
Freundschaft zu verabschieden, wenn die Jagd nach ihm beendet sein 
würde  - wenn man zumindest nicht mehr in der Nähe nach ihm 
suchte. 

Er wollte gerade eine abenteuerliche Geschichte einleiten, die sie 

sicherlich befriedigt hätte, als die Tür zum Nebenraum aufflog. Ein 
großer rotgesichtiger Mann tauchte in ihrem Rahmen auf. Mit allen 
Anzeichen von Zorn. 

Roland sprang auf. Unbewußt tastete er zu der Lederscheide an 

seinem Gurt, doch sein Messer war ja weg. 

Doch er brauchte auch keine Waffe. Der Mann beachtete ihn gar 

nicht. 

»Hab ich dich erwischt, mein Weib!« röhrte er. »Du treulose 

Schlampe!« zornig sprang er auf die erschrockene abenteuerlustige 
Frau zu. »Ich wußte, daß du mich betrügst!« 

Und schon gab er ihr eine Ohrfeige. 

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»Kaum ist man auf Reisen, da holst du dir schon irgendeinen Kerl 

ins Bett!« Klatsch. 

»Aber - er ist bei mir eingestiegen!« schluchzte sie. 
»Lüg nicht!« Klatsch. »Ich habe dich nebenan belauscht!« Klatsch. 

»Du hast wohl nicht damit gerechnet, daß ich eher zurückkomme, 
was? Du hast dir den Kerl von der Straße geholt!« 

Er riß den Schürhaken aus dem Holzkorb neben dem Ofen und 

fuhr herum. »Und jetzt zu dir, du verdammter ...« 

Doch Ritter Roland hatte sich grußlos aus dem Fenster entfernt, 

nachdem er die Familien Verhältnisse erfahren hatte. Er gedachte 
nicht, sich in einen Kampf verwickeln zu lassen. Noch waren die 
beiden miteinander beschäftigt. Noch brüllten sie nicht die Stadt 
zusammen. 

Doch das geschah kurz darauf. Zu schnell. 
Der eifersüchtige Mann schrie röhrend in die Gasse hinein: 
»Haltet den Lump!« 
Und verschiedene Leute, die bereits die Lust an der ergebnislosen 

Suche aufgegeben hatten, wurden von neuem Jagdfieber erfaßt. 

»Ich hole meinen Hund«, rief einer. »Der wird ihn fassen!« 
Roland hetzte davon, fort von den Schreien, den Männern, die 

durch die Gassen rannten. 

Atemlos verharrte er in einem Durchgang zwischen zwei Häusern. 

Er spähte um die Ecke. Die Verfolger näherten sich. Fackelschein 
geisterte durch die Gasse. 

»Er muß hier irgendwo sein!« rief eine rauhe Stimme. »Riegelt die 

Straßen ringsum ab!« 

Roland zog sich tiefer in den Durchgang zurück. Am Ende der 

Passage sah er Lichtschein. Roland verharrte. Eine Tür klappte. 

»Wir fahren gleich los«, sagte eine näselnde Stimme. »Sonst wird 

es zu spät, um die Sachen zu liefern.« 

Roland schob sich weiter durch den Durchgang und riskierte einen 

Blick.  Ein Hof. Ein Wagen mit eingeschirrtem Pferd. Etwas 
Viereckiges war auf der Ladefläche festgebunden. Keine 
Menschenseele war zu sehen. 

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»Ich seh mal nach, ob er hier zwischen den Häusern durch ist«, rief 

jemand von der Gasse her. Eine Hand mit einer Fackel reckte sich in 
den Durchgang. 

Roland zögerte keine Sekunde. Er schob sich um die Hausecke in 

den Hof und huschte auf Zehenspitzen zum Wagen. Hinter ihm im 
Durchgang erklangen Schritte. Und jeden Augenblick konnte der 
Besitzer des Wagens auftauchen und losfahren, wie er gesagt hatte. 

Aber vielleicht war das die Chance, den Häschern zu entkommen... 
Roland schlich hinter den Wagen und kletterte schnell hinauf. Die 

Laterne im Hof spendete nur wenig Licht, doch jetzt erkannte 
Roland, daß die längliche schwarze Kiste auf dem Wagen ein 
schmaler Schrank oder so etwas war. Er tastete darüber. Ein 
Schlüssel steckte in der Tür. 

Wieder klappte irgendwo eine Tür. Ein Mann in Tischlerkleidung 

tauchte im hellen Viereck der Tür auf. 

»Hilf mir, die Kommode zum Wagen zu tragen«, rief er und schritt 

auf einen Anbau des Hauses zu. 

Roland überlegte schnell. Sie mußten ihn unweigerlich entdecken, 

wenn sie eine Kommode auf den Wagen luden. Er mußte sich 
verstecken, warten, bis sie losfuhren und dann auf den Wagen 
springen ... 

Stimmen näherten sich dem Hof. Irgendwo kläffte ein Hund. 
»Frag mal Friedhelm, ob er den Kerl gesehen hat«, rief jemand von 

der Gasse her. 

Rolands Blick fiel auf den Schrank. Er war mit einem Strick 

befestigt, damit er während der Fahrt nicht auf der Ladefläche hin 
und herrutschte. 

Mit fliegenden Fingern löste Roland den Strick. Er drehte den 

Schlüssel und zog die Tür auf. 

Schritte ertönten vom Anbau her. 
Flugs stieg Roland in den Schrank und zog die Tür über sich zu. 

Gerade noch rechtzeitig, denn er hörte jetzt die seltsam gedämpfte 
Stimme eines Mannes dicht neben dem Wagen. 

»Verdammt schwer, die Kommode.« 

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»Dafür wird Meininger auch schwer bezahlen«, erwiderte die 

näselnde Stimme, und ein Kichern war zu hören. 

Roland lauschte mit angehaltenem Atem. Sie luden die Kommode 

auf den Wagen. 

»Du hast den Schrank nicht richtig festgebunden«, sagte die 

näselnde Stimme vorwurfsvoll. 

Roland stockte der Atem. Hoffentlich banden sie den Schrank und 

damit ihn nicht zu fest! 

Schritte entfernten sich nach vorne zum Wagen. 
»Der wird doch durch die Kommode an Ort und Stelle gehalten«, 

sagte eine Stimme neben dem Wagen. 

Roland hätte jubeln mögen. Jetzt brauchte er nur noch unterwegs 

auszusteigen und ... 

In diesem Augenblick hörte er ein knirschendes Geräusch. 
Der Schlüssel drehte sich im Schloß der Schranktür! 
Es war ein Geräusch, das Roland das Blut in den Adern erstarren 

ließ. 

Er war in dem Schrank gefangen! 

Der Fluchtversuch mißlang. Sieben Gefangene hatten ihre Bewacher 
angefallen, bevor man sie nach der Tagesarbeit in die Höhle 
hinaufsteigen ließ, und waren durch die Schlucht geflüchtet. 

Es waren Männer, die von Sebastian Müller und den Knappen ins 

Vertrauen gezogen worden waren. Sie spielten eine wichtige Rolle in 
dem Plan. 

Fast eine halbe Stunde hielten die vermeintlichen Ausbrecher die 

Räuber in Atem. Sie lockten sie zum Südende der Schlucht, und 
einige flüchteten im allgemeinen Durcheinander auch in Richtung 
Staudamm. Sie wußten, daß sie nicht entkommen konnten, doch das 
war auch nicht der Sinn dieser Aktion. Schließlich waren sie allesamt 
wieder gefaßt. 

»Ihr könnt von Glück sagen, daß ich euch noch für die Arbeit 

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brauche«, sagte Wittich  - wie erwartet  - als seine Räuber die sieben 
Männer zur »Bestrafung« brachten. Jeder bekam Peitschenhiebe. 
Doch sie nahmen sie erstaunlich gelassen hin, obwohl sie dabei zum 
Steinerweichen brüllten. 

Louis und Sebastian Müller hatten ihnen mit einem Zwinkern zu 

verstehen gegeben, daß das Ablenkungsmanöver gelungen war. 

Während alle Räuber in der Schlucht mit der Jagd auf die 

vermeintlichen Ausbrecher beschäftigt gewesen waren, hatten Louis 
und Sebastian unbemerkt ihre Vorbereitungen treffen können. 
Sebastian hatte sich wohlüberlegt am Staudamm zu schaffen 
gemacht. Pierre hatte ein langes Stück Seil des behelfsmäßigen 
Pferchs erbeutet, in dem die Räuber die Pferde hielten. Ein 
überflüssiges Stück Seil, das die Räuber einfach um einen Pfosten 
geschlungen hatten, weil es zu lang gewesen war. 

Sebastian Müller hatte ein gutes Beobachtungsvermögen. 
Jetzt galt es, nur noch auf einen günstigen Zeitpunkt zu warten. 
Dann sollten Wittich und seine Räuber von den Fluten 

verschlungen werden ... 

Derweil war Alberts Wagen von Reitern umringt. Sie hatten ihn 
südlich der Stadt gestellt. 

Der Anführer des Reitertrupps gab stimmgewaltig Befehle. Die 

Reiter reckten ihre Lanzen vor. 

»Runter vom Wagen, du Hundsfott!« befahl der Stadtgardist. Er 

war äußerst schlecht gelaunt. Denn der Fahrer des Wagens hatte ihn 
und seine Männer fast eine halbe Stunde lang  genarrt. Immer wieder 
war er durch Sperren gebrochen und hatte den Verfolgern ein 
Schnippchen geschlagen. Drei Männer waren bei der wilden Jagd 
verletzt worden. 

Der Führer des Trupps gab zweien seiner Männer einen Wink. Sie 

saßen ab, kletterten auf den Wagen und suchten. Sie fanden nur eine 
Plane auf der Ladefläche. Sie sprangen vom Wagen und schritten zu 

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dem Fahrer, der in einem weiten schwarzen Umhang neben dem 
Wagen stand. 

Einer der Männer schlug die Gestalt. 
»Wo ist der Mörder, dem du zur Flucht verhalfst?« 
Ein heller Aufschrei und ein Schluchzen waren die Antwort. 
»Eine Frau?« entfuhr es dem Mann, der geschlagen hatte. 
Die beiden Gardisten tauschten einen Blick und sahen dann 

ratsuchend zu ihrem Vorgesetzten. 

»Ihr seid eine Frau?« rief der Mann und parierte sein nervös 

tänzelndes Pferd. »Zieht mal den Mantel aus, damit ich Euch besser 
sehen kann.« 

Helga nahm den schwarzen Umhang ab. Und jetzt sahen es alle im 

silberfarbenen Schein des Mondes, der eine Wolke zur Seite boxte 
und vergnügt auf Helga niederspähte: Sie hatten eine Frau gestellt. 

Gevatter Mond hatte das meiste der wilden Jagd gesehen und sich 

darüber amüsiert, wie Helga und ihr Bruder die Meute zum Besten 
gehalten hatte. Er wußte ja, daß es einem guten Zweck diente ... 

»Ob wir den falschen Wagen ...?« überlegte einer der Reiter und 

kratzte sich am Kinn. 

»Papperlapapp!« unterbrach ihn der Vorgesetzte gereizt. »Es ist 

der richtige Wagen, so wahr ich Gotthilf Burger heiße.« 

Burger heftete seinen Blick auf Helga. 
»Wie kommt Ihr auf den Wagen?« 
»Ich bin hinaufgestiegen«, sagte Helga ehrlich. 
Einer der Gardisten kicherte, doch ein wütender Blick von Burger 

ließ ihn schnell verstummen. 

»Ihr habt einem Mörder zur Flucht verholfen«, sagte Burger 

barsch. »Ihr solltet den Ernst der Lage  erkennen und keine Scherze 
mit mir treiben! Also, wo ist der Kerl?« 

Da begann Helga herzzerreißend zu schluchzen. Sie weinte so 

gekonnt, daß einige der Reiter ihren Vorgesetzten bereits mit 
tadelnden Blicken betrachteten und fast alle voller Mitleid mit der 
Maid waren. 

»So beruhigt Euch doch«, bat Burger. 

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Der Mann, der Helga zuvor einen Schlag versetzt hatte, weil er sie 

für einen »Hundsfott« gehalten hatte, hob jetzt den Umhang auf, den 
Helga wie unabsichtlich fallen gelassen hatte. 

Er wollte ihn ihr um die schmalen Schultern legen, doch sie wich 

in gespielter Furcht vor ihm zurück. »Nein  - nicht schlagen! Nicht 
schlagen!« stammelte sie. 

Der Mann blieb mit dem Umhang in der Hand bekümmert stehen. 
»Es tut mir leid«, murmelte er. »Ich wußte ja nicht ... « 
»Genug des Palavers!« rief Burger gereizt. »Ich verlange eine 

Erklärung!« 

Die gab Helga ihm, von Schluchzern untermalt. 
Demnach war sie nichtsahnend mit dem Wagen auf dem 

Nachhauseweg gewesen, als sie Lärm in der Kommandantur gehört 
hatte. Sie hatte angehalten, und dann waren ein Mann und eine Frau 
auf den Wagen gesprungen. Der Mann hatte sie mit einem Schwert 
bedroht und gezwungen, loszufahren. Unterwegs sei das Paar vom 
Wagen gesprungen. 

»Wo?« fragte Burger angespannt. 
»Im Norden der Stadt. Ich mußte kreuz und quer fahren, wie man 

verlangte ...« 

»Schon gut. Wo im Norden der Stadt?« 
»Da war eine Herberge mit einer grünen Lampe ...« 
»Die Grüne Laterne«, murmelte einer der Reiter. 
»Haben die beiden etwas gesagt?« fragte Burger. »Ich meine 

irgend etwas, was Aufschluß über ihre Fluchtpläne geben könnte?« 

»Nein, das heißt...« Helga tat, als überlegte sie angestrengt. »Ja, 

doch. Die Frau und der Mann stritten sich. Die Frau wollte sich in 
der Herberge verstecken und dort nächtigen, doch der Mann meinte, 
sie sollten dort nur bleiben, bis die Stadt schläft und noch in der 
Nacht nach Westen weiter flüchten, über den Rhein.« 

»Da schnappen wir sie!« frohlockte Burger. »Aber Eile ist 

geboten!« Er gab seinen Männern einen Wink. »Vorwärts!« 

Um Helga kümmerte sich keiner mehr. 
Sie sah dann dem Reitertrupp nach, der von neuem Jagdfieber 

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erfaßt davonsprengte. Sie würden zur Grünen Laterne und von dort 
aus vermutlich zum Rhein reiten. Ein langer, vergeblicher Ritt. 

So konnten sich Roland und Albert, der schon bald nach Roland 

vorn Wagen gesprungen war, nachdem er seiner Schwester den 
Umhang und die Zügel übergeben hatte, ungestört beim Goldenen 
Pflug treffen ... 

Doch Roland lag noch in dem Schrank. Er kam sich vor wie in einem 
Sarg. Die Luft wurde ihm knapp. All seine Versuche, die Tür 
hochzustemmen, waren fehlgeschlagen. Es war eine solide Hand-
werksarbeit mit einem schweren Schloß, das sich nicht sprengen ließ. 

Es war bedrückend eng in dem schmalen Schrank, der nach 

frischer Farbe roch. Bald war Roland schweißgebadet. Panik erfaßte 
ihn in der völligen Dunkelheit und Enge. Er glaubte, ersticken zu 
müssen. 

Und genau das würde geschehen, wenn die Fahrt lange währte. 
Er schrie, so laut er konnte. Nichts geschah. Auch sein 

verzweifeltes Pochen gegen die Schrankwand, sein Treten gegen den 
Fuß des Schrankes wurden nicht gehört. Die Geräusche gingen im 
Rasseln der Räder und im Hufschlag und Fahrtwind unter. 

Bald war Ritter Roland heiser vom Schreien. Sein Herz hämmerte, 

und in seinem Kopf war eine seltsame Leere. Er preßte die Zähne 
aufeinander. Er durfte nicht ohnmächtig werden. Vielleicht hielt der 
Schreiner bald, vielleicht wurden seine Rufe und sein Pochen doch 
noch gehört! Schleier schienen vor seinen Augen zu wogen, obwohl 
es völlig dunkel war. Panische Angst erfaßte ihn, die Angst zu 
ersticken. 

Nie hatte er sich so hilflos und verzweifelt gefühlt. 
Ritter Roland erlitt Höllenqualen. 
Da hielt der Wagen. Obwohl Roland es herbeigesehnt hatte, 

brauchte er einen Augenblick, um zu erkennen, daß die 
Fahrgeräusche verstummt waren. Mit einem Ruck blieb der Wagen 

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stehen. Ein Pferd wieherte. Dann herrschte einen Moment lang 
Totenstille. 

Roland lauschte angespannt. »Macht auf!« flehte er, und seine 

Stimme kam ihm selbst fremd vor. 

Dann vernahm er Schritte und gedämpfte Stimmen wie aus weiter 

Ferne. Eine Tür klappte. 

»Schönen Abend, Herr Meininger«, sagte die näselnde Stimme. 

»Wir bringen den Schrank und die Kornmode.« 

»Reichlich spät kommt ihr«, antwortete eine tiefe Stimme. 

»Friedhelm, Luitpold, helft beim Abladen!« 

Jemand kletterte auf den Wagen. Roland setzte zu einem Schrei an. 

Jetzt mußten sie ihn hören! Selbst wenn sie ihm Schwerter an die 
Kehle setzten, wenn er ausstieg  - er wollte lieber gefangengenommen 
werden als elendiglich ersticken. 

»Mensch, ist das Ding schwer«, sagte eine Stimme. 
»Solide Eiche«, antwortete die näselnde Stimme des Schreiners. 

»Und das zu Vorzugspreisen. Und das beste Schloß ohne Aufpreis.« 

Jemand drehte den Schlüssel, und Roland verzichtete noch auf den 

Schrei, denn jemand sagte: »Erst die Kommode, dann kommen wir 
besser an den Schrank ran!« 

Roland schöpfte neue Hoffnung. Zumindest zwei der Männer 

würden mit der Kommode beschäftigt sein. Vielleicht konnte er 
sogar das Unerhoffte schaffen und unbemerkt aus dem Schrank 
klettern, wenn die anderen mit der Kommode im Haus waren. 

Er hörte, wie die Kommode über die Ladefläche geschoben und 

abgeladen wurde. 

»Wartet, ich zeige euch, wo sie aufgestellt werden soll«, ertönte 

eine Frauenstimme. Schritte entfernten sich. 

Es kostete Roland Überwindung, noch einen Augenblick zu 

warten. Dann drückte er die Schranktür hoch, langsam, vorsichtig. 

Nichts tat sich. 
Aber der Schreiner hatte doch wieder aufgeschlossen, oder? 
Roland bemühte sich heftiger. 
Ohne Erfolg. Entweder war noch abgeschlossen, oder die Tür 

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klemmte! 

Eine letzte verzweifelte Anstrengung. Mit all seiner Kraft stemmte 

sich Roland gegen die Schranktür hoch. Ein Ruck, und aus dem 
langsamen, vorsichtigen wurde nichts mehr. Die Tür flog förmlich 
empor und knallte zur Seite gegen das Wagenbrett. 

Mit dem wilden Hochstemmen war Roland in den Schrank 

zurückgefallen, doch als er jetzt den schrillen Schrei des Entsetzens 
hörte, sprang er auf. 

Wie der Teufel aus der Kiste. 
Sein Gesicht war krebsrot, seine Haare hingen in wirren Strähnen 

in die schweißnasse Stirn, er hatte eine blutige Schramme an der 
Wange und seine Kleidung war nach allem, was er durchgemacht 
hatte, schmutzig und verschwitzt. Alles in allem mußte er in diesem 
Augenblick tatsächlich wie der Leibhaftige ausgesehen haben. 

Während er gierig nach Luft schnappte, erfaßte er die Situation mit 

einem Blick. Der Mann in der Tischlerkleidung stand neben dem 
Wagen. Er starrte ihn mit geöffneten Mund an wie einen Geist. 
Verständlich, denn er hatte keinen Mann in seinen schönen, soliden 
Schrank eingebaut. Eine Frau schrie auf und bekreuzigte sich. Die 
Männer, die keuchend die Kommode trugen, waren bei dem Schrei 
stehengeblieben. Ihre Köpfe ruckten herum. Sie sahen einen Mann 
aus dem Schrank springen und ließen vor Schreck die Kommode 
fallen. Dann brüllte auch einer von ihnen los, doch nicht vor Schreck, 
sondern vor Schmerz  - die Kante der Kommode war auf seinen 
dicken Zeh gefallen. 

Ein älterer Mann tauchte in der offenstehenden Tür der Kate auf. 

Offenen Mundes starrte er Roland an, und er befürchtete schon, den 
Alten würde der Schlag treffen. Doch wie von Furien gehetzt, warf 
sich der Mann herum und verschwand im Haus. 

Es tat Roland leid, diese Leute zu erschrecken, doch es ging 

schließlich um sein Leben. Vermutlich hätte er es keine Sekunde 
länger in dem Schrank ausgehalten, ohne ohnmächtig zu werden. 

Er wollte gerade eine Erklärung abgeben und die Gemüter 

besänftigen, doch da kreischte der Schreiner beim Wagen: 

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»Der Mörder! Der entsprungene Mörder!« 
Und aus der Kate stürmte der Alte, der sich trotz seiner Jahre als 

äußerst kampffreudig erwies. Vermutlich hatte er in seinem Leben 
manche Schlacht geschlagen. Er schwang ein großes 
Schlachtermesser, das er wohl flugs aus der Küche geholt hatte. 

»Ein Mörder?« rief er, und sein Blick zuckte zu Roland. 
»Sie suchen ihn in der Stadt«, schrie der Gehilfe des Schreiners. 
Sofort setzte sich der Alte mit dem Schlachtermesser in Bewegung. 

Und die beiden anderen rannten ins Haus, entweder um sich in 
Sicherheit zu bringen oder um sich mit irgend etwas zu bewaffnen. 

Da verzichtete Roland auf eine Erklärung. 
Mit drei langen Sätzen sprang er über die Ladefläche, warf sich  auf 

den Wagenbock, ergriff die Zügel und trieb das Pferd mit einem 
wilden Schrei und Zügelschlägen an. 

Das Roß war offenbar ebenso erschrocken wie alle anderen. Sofort 

jagte es los. 

Der Schreiner sprang zur Seite wie zwei Hühner, die bisher 

gackernd auf  dem Hof gepickt hatten und sich von der Aufregung der 
Menschen nicht hatten stören lassen. 

Der Alte mit dem Schlachtermesser war zwar finster entschlossen, 

doch nicht mehr schnell genug. Zudem wirbelten ihm die Räder 
Staub ins Gesicht. Er blieb stehen und rieb sich mit der freien Hand 
über die Augen. 

Roland warf einen schnellen Blick zurück. Er sah durch den 

Staubschleier die Gestalten, die wie erstarrt verharrten und ihm 
offenen Mundes nachstarrten. Dann reckte der Schreiner drohend die 
geballte Faust in die Luft und begann zu fluchen. 

Roland fuhr nicht weit mit dem Wagen. Die Stadt war auch nicht 

so fern, wie er während der scheinbaren Ewigkeit der 
Gefangenschaft im Schrank angenommen hatte. Er konnte schon die 
Lichter sehen. 

Am Stadtrand ließ er den Wagen zurück und setzte den Weg zu 

Fuß fort. Er hielt sich im Schatten und wählte Schleichwege. 

Nach einiger Suche fand er dann den Goldenen Pflug. 

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Helga wartete bei der Tür. Sie entdeckte ihn, bevor er sie sah. Sie 

umarmte und küßte ihn. Sie hatte schon bangen Herzens gewartet 
und befürchtet, er sei doch noch geschnappt worden. 

Helga führte ihn dann zu ihrem Bruder Albert, der sich ein Zimmer 

in dem Gasthof genommen hatte. 

Im Schein der Lampe sah Roland dann Helgas Bruder zum ersten 

Mal richtig. In der Dunkelheit hatte er ihn ja nur schemenhaft auf 
dem Wagenbock gesehen. 

Albert ähnelte Helga nicht sehr, und das war gewiß gut so für 

Helga. Albert sah zum Fürchten aus, was man von Helga weiß Gott 
nicht behaupten konnte. Seine Nase war enorm breit und vermutlich 
mal gebrochen gewesen. Dichte schwarze Koteletten bedeckten seine 
Wangen. Der schwarze Schnurrbart hing über die Mundwinkel 
hinab. Am wuchtigen, bartlosen Kinn hatte Albert eine rote Narbe 
von einem Schwert oder Messerhieb zurückbehalten. 

Albert drückte Roland die Hand, und Roland ging fast in die Knie. 

Er mochte einen festen Händedruck, doch bei dem bulligen Albert 
mit den Holzfällerhänden mußte man hinterher nachschauen, ob noch 
alle Finger an der Hand oder ob der eine oder andere zermalmt 
worden war. 

Albert zeigte grinsend sein Gebiß, das gewisse Ähnlichkeit mit 

dem eines Pferdes hatte, als er sah, wie Roland seine Hand rieb. 

»Grüß Euch Gott, Ritter«, sagte er mit seiner Baßstimme. 
Und dann wartete er mit einer Überraschung auf. 
Albert hatte sich die beiden falschen Zeugen geschnappt, die 

Männer, die in Wittichs Auftrag mit ihrem Meineid Ritter Roland an 
den Galgen bringen sollten. 

Albert hatte sich ein wenig mit ihnen »unterhalten«  - wie er es 

nannte, und die beiden waren äußerst gesprächig geworden. 

Vermutlich waren sie von seinem Händedruck so beeindruckt 

gewesen ... 

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»Wenzel und Otto kommen zurück«, sagte einer der Wachtposten am 
nördlichen Zugang der Schlucht, nachdem er die beiden Reiter an der 
Kleidung und den Rössern erkannt hatte. 

Dann würfelte er weiter mit seinem Kumpan. Die beiden blickten 

nur noch einmal kurz auf, als einer der beiden Reiter einen 
dreifachen Kuckucksschrei ausstieß. Es war die Parole. Sie würfelten 
weiter, und einer freute sich über sein Wurfglück, während der 
andere ärgerlich furzte. 

Für die beiden war klar, daß die beiden Reiter ihre Kumpane 

waren. Alles stimmte: Kleidung, Rösser und das vereinbarte Signal. 

Doch die beiden Reiter waren keine Räuber. 
Es waren Roland und Albert. 
Sie hätten glatt an den Wachtposten vorbeireiten können, ohne daß 

man Verdacht geschöpft hätte. 

Doch sie ritten nicht vorbei. 
Sie warfen sich von den geliehenen Pferden auf die würfelnden 

Räuber und schlugen die völlig überraschten Männer nieder, bevor 
sie einen Laut von sich geben konnten. 

Albert nahm dann den Würfelbecher und würfelte. Zwei Sechser 

und eine Eins. Er drehte die Eins herum und sagte grinsend: 

»Drei Sechser. Na, hab ich's nicht gesagt: Frechheit siegt!« 
Ritter Roland war keineswegs pessimistischer Natur, doch er hatte 

große Zweifel gehabt, daß ihr Plan gelingen konnte. Es war schon ein 
dreistes Stück, einfach in die Höhle des Löwen zu reiten. Sicher, sie 
trugen die Kleidung der beiden Räuber  - übrigens recht vornehme 
Sachen, da die Kerle als »Zeugen« einen guten Eindruck hatten 
machen wollen  - und sie ritten ihre Rösser, einen Muskatschimmel 
und einen Rappen mit weißer Stirnblesse. Zudem hatten sie die Hüte 
tief in die Stirn gezogen, und ihre Gesichter waren in der 
Abenddämmerung gewiß nur aus nächster Nähe zu erkennen. Doch 
wenn die Posten aufmerksamer gewesen wären, hätte der Streich 
kaum so glatt gelingen können. 

Doch es war gutgegangen. Jetzt galt es, den nächsten Teil des 

Plans zu erledigen. Sie entkleideten die bewußtlosen Räuber bis auf 

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das Unterzeug und fesselten und knebelten sie. Dann versteckten sie 
die Männer in einer Felsspalte. Anschließend zogen Roland und 
Albert sich um. Die Kluft der Räuber paßte nicht ganz, doch in der 
Dunkelheit würde das nicht so auffallen. 

Albert führte die Pferde aus der Schlucht und band sie im Wald am 

Fuße der Felswand an. Er kehrte mit sieben Männern zurück. Es 
waren Freunde von Albert, die sich bereit erklärt hatten, bei dem 
gewagten Spiel mitzumachen. Roland hatte überlegt, ob er Gardisten 
um Hilfe bitten sollte, sich dann jedoch dagegen entschieden. Die 
beiden Räuber brauchten ihr Geständnis nur zu widerrufen, und 
schon wäre Roland wieder ein Gefangener gewesen ... 

Roland erklärte noch einmal seinen Plan.  Es sollte alles lautlos 

ablaufen. Schließlich hatten Wittich und seine Räuber jede Menge 
Geiseln. Es galt zuallererst die Gefangenen zu befreien. Erst wenn 
sie in Sicherheit waren, sollten die anderen Männer in die Schlucht 
eindringen und die Räuber im Schlaf überraschen. 

»Viel Glück«, murmelte einer der Männer, als Roland und Albert 

sich in der Dunkelheit auf den Weg begaben. 

»Können wir brauchen«, murmelte Albert. »Hoffentlich stimmen 

die Angaben der beiden Haderlumpen.« 

Die Angaben stimmten. In ihrer Todesfurcht hatten die beiden jede 

Einzelheit ausgeplaudert. Sie hatten sogar eine Skizze angefertigt, 
auf der alle Örtlichkeiten angegeben waren. 

Roland und Albert wußten, in welcher Hütte Wittich schlief, wo 

die männlichen und weiblichen Gefangenen waren, wie viele 
Wachen es gab und wann sie abgelöst wurden und eine Fülle 
weiterer Einzelheiten. 

Nur eines konnten sie nicht wissen: Daß bereits andere einen 

anderen Plan in die Tat umsetzten. Ein Plan, der vorsah, daß die 
Schlucht zu einem nassen Grab für  Wittich und die meisten seiner 
Räuber werden sollten. 

Und diese Männer konnten wiederum nicht wissen, daß zwei 

andere Männer zu ihrer Rettung in die Schlucht eingedrungen waren. 

So nahm das Verhängnis seinen Lauf... 

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»Vorsicht«, flüsterte Louis und duckte sich hinter einen Felsbrocken 
oberhalb des Staudammes, zu dem nur ein schmaler Pfad an der 
Felswand entlang aus dem Grund der Schlucht hinaufführte. »Die 
Wachen kommen runter.« 

»Die Ablösung müßte doch erst später sein«, wisperte Sebastian 

Müller. »Na, ihr Pech. Dann ersaufen sie mit.« 

»Geht schneller, ihr Haderlumpen«, flehte Louis leise. 
Die Zeit drängte. Jeden Augenblick konnte Wittich Edeltrauts 

Verschwinden bemerken, nach ihr Ausschau halten und feststellen, 
daß es keine Wachen mehr unten an der Felswand unter der Höhle 
gab. 

Das war einer der schwächsten Punkte des Plans. Doch sie konnten 

Edeltraut nicht in den Fluten umkommen lassen. 

Sie war jetzt wie die anderen weiblichen Gefangenen bei den 

Männern in der Höhle hoch oben in der Felswand. 

Bisher hatte alles gut geklappt. 
Wie jeden Abend nach getaner Arbeit hatten die Gefangenen über 

die Strickleiter hinauf zur Höhle klettern müssen. Die Strickleiter 
war fest verankert am Zugang der Höhle. Irgendeiner der Räuber 
mußte sich von hoch oben einmal abgeseilt haben und die Leiter 
befestigt haben, damit die Höhle als Versteck und später als 
natürlicher Kerker genutzt werden konnte. Wie jedes Mal hatten es 
sich dann die beiden Wachtposten unten neben der Strickleiter 
bequem gemacht. Es war unmöglich, daß einer der Gefangenen nach 
unten oder oben floh. Selbst wenn Hilfe von oben gekommen wäre, 
wenn sich jemand abgeseilt hätte, wären die Geräusche bemerkt 
worden. 

Die beiden Wachtposten hatten später auch etwas gehört, doch 

alles war zu schnell gegangen. Ein  Felsbrocken war an einem Seil 
herabgesaust, und beide Männer waren zu Boden gesunken, ohne zu 
wissen, was sie da getroffen hatte. Es war ein Felsbrocken, der oben 
in der Höhle aus dem Gestein gebrochen war und den die 

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Gefangenen an dem Seil befestigt hatten, das Louis zuvor besorgt 
hatte. 

Louis war dann in die Schlucht hinabgeklettert. Er hatte ein Messer 

und ein Schwert der bewußtlosen Wachtposten genommen. Zwei 
weitere Männer waren über die Strickleiter hinabgeklettert um die 
bewußtlosen Räuber nach oben zu befördern. Sebastian Müller hatte 
gemeint, sie sollten ruhig mit ertrinken, doch Louis hielt es für 
besser, sie als Gefangene in der Höhle zu halten  - falls der Plan nicht 
gelingen sollte. 

Louis war dann an der dunklen Felswand entlang in die Schlucht 

hinab zu den drei Hütten geschlichen. Der Posten vor der Hütte, in 
der die weiblichen Gefangenen waren, hatte vor sich hingedöst. 
Diese Wache hielten die Räuber für überflüssig. Die Hütte war des 
Nachts verriegelt, und selbst  wenn die Mädchen hinausgelangten, 
konnten sie nicht aus der Schlucht entkommen. Louis hatte dem 
dösenden Kerl auf den Schlapphut geklopft und die Mädchen aus der 
Hütte geholt. Edeltraut war planmäßig zur Stelle gewesen und mit 
den anderen Mädchen bis zur Strickleiter unter der Höhle 
geschlichen und hinaufgeklettert. Edeltraut war im Laufe des Tages 
bei der Essensausgabe von Pierre in den Plan eingeweiht worden. Sie 
hatte dafür gesorgt, daß Wittich an diesem Abend besonders viel 
Wein getrunken hatte, und sie hatte sich zum verabredeten Zeitpunkt 
aus der Hütte geschlichen. Sie wartete jetzt wie die anderen Mädchen 
und das Gros der männlichen Gefangenen oben in der Höhle und 
hoffte, daß Wittich tatsächlich eingeschlafen war und ihr 
Verschwinden nicht bemerkt hatte. 

Louis und Sebastian Müller schauten den beiden Schatten nach, die 

sie für Räuber hielten. Es waren Roland und Albert, die jetzt mit der 
Dunkelheit am Fuße der Felswand verschmolzen. 

»Schnell jetzt«, raunte Sebastian. 
Louis legte einen Pfeil auf die  Sehne des Bogens, den er einem der 

Wachtposten abgenommen hatte. Er bedauerte, was er tun mußte, 
doch es blieb ihm keine Wahl. 

Das Leben vieler Menschen stand auf dem Spiel. 

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Wittich hatte sich zu einer unbedachten Äußerung hinreißen lassen. 

Der Kerl dachte höchstwahrscheinlich nicht daran, die Gefangenen 
freizulassen, wenn er den Schatz gehoben hatte. Aus seinen 
Andeutungen war hervorgegangen, daß er die Gefangenen zwar nicht 
töten wollte, sie jedoch dort oben in der Höhle lassen wollte  - ohne 
Strickleiter! Damit er einen genügend großen Vorsprung haben 
würde, um mit dem Schatz auf Nimmerwiedersehen zu 
verschwinden. Und das konnte genausogut ihr Todesurteil sein. 
Wenn niemand sie fand, würden sie dort oben in der Höhle 
verhungern. 

Louis zielte sorgfältig auf die Kruppe des Pferdes. Es tat ihm um 

die Rösser leid, die eine Rolle in ihrem Plan spielen mußten, doch es 
waren Tiere. Er mußte an das Leben der vielen Menschen denken. 

Er schoß den Pfeil ab. Das Pferd machte einen erschrockenen Satz 

und wieherte. Es wollte durchgehen, doch es war mit einem soliden 
Strick an einen Stamm des Staudammes angebunden. Den Stamm 
hatte Louis angesägt, während der vermeintliche Ausbruch der 
sieben Gefangenen die Räuber abgelenkt hatte... 

Louis legte bereits den nächsten Pfeil auf die Sehne. Schnell 

spannte er den Bogen abermals, zielte auf das zweite Pferd und 
schoß den Pfeil ab. Auch dieses Roß traf er, gerade so, daß es in 
Schrecken versetzt wurde, wie er hoffte. Die Männer selbst konnten 
diesen Teil des Plans nicht erledigen. Natürlich fehlte ihnen die 
Kraft, aber es wäre auch zu riskant für sie gewesen. Sie hätten sich 
nicht so schnell in Sicherheit bringen können. Wenn die Tiere die 
angesägten Stämme einrissen, konnten sie den Strick losreißen und 
über den Pfad entkommen, der am See vorbei an der Felswand 
entlang in die Schlucht hinabführte. Unten in der Schlucht hatten die 
Rösser dann eine Überlebenschance, wenn ihr Instinkt sie zum 
südlichen Zugang der Schlucht trieb und wenn sie schnell genug 
waren. 

Beide Rösser zerrten an den angesägten Streben des Staudammes. 
»Es klappt nicht!« fluchte Louis leise. »Der Damm hält!« 
Sein Gefühl sagte ihm, daß Sebastians Plan irgendeinen 

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entscheidenden Fehler enthielt. Allen Beteiligten war klar, daß es 
viele Unwägbarkeiten gab und  daß sie eine Menge Glück haben 
mußten. Wenn es Louis und Sebastian zum Beispiel nicht gelang, die 
Wachen am Nordende der Schlucht zu überwältigen, dann brauchten 
die Kerle nur zu warten, bis das Wasser abgeflossen war, und sie 
hatten nach wie vor die Gefangenen in der Höhle. Ebenso war der 
Plan gefährdet, wenn die ausgesuchten Männer nicht schnell genug 
zum südlichen Zugang der Schlucht schwimmen konnten, wo 
ebenfalls zwei Räuber Wache hielten. Sebastian hatte zwar 
behauptet, die beiden würden wie der Rest der Brut ertrinken oder 
aus der Schlucht geschwemmt werden, doch Louis fand das alles ein 
bißchen zu optimistisch. 

Immer wieder hatten sie überlegt, ob der Plan gelingen konnte. 

Und schließlich hatten sie sich entschlossen, es  zu versuchen. Dies 
war eine dunkle Nacht, und der Staudamm war fast fertig. Wittich 
konnte auf die Idee kommen, alles zu beschleunigen, indem er den 
Abfluß des Sees einfach vergrößern ließ. Bei der gedrosselten 
Wasserzufuhr würde der See dann schnell flach genug sein, so daß 
gute Schwimmer nach dem Schatz tauchen konnten. 

In diesem Augenblick bezweifelte Louis, daß alles so ausgehen 

würde, wie Sebastian fest glaubte und wie er, Louis hoffte. 

Immer noch zerrten die Rösser an den Stricken. Plötzlich war ein 

knirschendes Geräusch zu vernehmen. Dann ein Bersten und Reißen, 
als neigte sich ein gefällter Baum. Eines der Pferde riß sich los und 
jagte über den Pfad zwischen See und Felswand schluchtabwärts. 

Das andere Roß bäumte sich auf. Dann knickte der Stamm ein, an 

der Schnittstelle, wo es angebunden war. Das Tier riß sich mit einem 
gewaltigen Ruck los und preschte hinter seinem Artgenossen her. 
Der Pfeilschaft wippte in der Kruppe auf und ab. Louis hoffte, daß 
der Pfeil nicht tief eingedrungen war. 

Gutes Pferd! dachte er. Du schaffst es wie das andere! Ihr werdet 

das beste Futter bekommen, das je ... 

Seine Augen weiteten sich. In seiner Panik rutschte das Roß vom 

Pfad ab und stürzte in den See. Wasser spritzte hoch auf, dann 

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schwamm das Roß. 

In diesem Augenblick hielt der Damm dem Druck des gestauten 

Wassers nicht mehr stand. Es war nur eine schmale Bresche, die von 
den Pferden gerissen worden war, doch das genügte. Ein gewaltiges 
Bersten und Gurgeln war zu hören. Stämme senkten sich wie 
umgeknickte Streichölzer, und die Bresche riß auseinander. Mit 
ohrenbetäubendem Rauschen schoß das gestaute Wasser durch den 
aufgerissenen Damm und toste in den tiefergelegenen See hinab. Ein 
Schrei hallte durch die Schlucht, doch er ging in dem Tosen und 
Branden fast unter. Stämme brachen und  klatschten in den See hinab 
und wurden wie von einer gigantischen Faust durch das wirbelnde 
Wasser gefegt. Der See schwoll schnell an. 

Das Pferd, das im See schwamm, wurde von der Strömung rasch 

auf den Überlauf zugetrieben. Es prallte gegen den Abfluß in dem 
Staudamm der Natur, der damals bei dem Unwetter und dem 
Erdrutsch entstanden war, wodurch sich der See gebildet hatte. 

Hoffentlich stimmen Sebastians Schätzungen, und dieser natürliche 

Damm wird schnell genug überflutet! dachte Louis. 

Seine Hoffnung erfüllte sich. Das Roß half dabei mit, was 

Sebastian gar nicht bedacht hatte. Er war überzeugt davon, daß der 
Druck der herabstürzenden Wassermassen groß genug war, um den 
Abfluß des Sees aufzureißen oder zumindest zu vergrößern. 
Zusammen mit dem Wasser, das über den natürlichen Damm 
schießen würde, mußte sich der Bach dann in einen reißenden Strom 
verwandeln und wie eine Lawine in den unteren Teil der Schlucht 
donnern. 

Das Roß half mit. Es prallte in seiner Panik mehrmals gegen die 

Barriere beim Abfluß des Sees, auf den es die Strömung zugetrieben 
hatte. Dann wurde es von einem enormen Wasserstrudel erfaßt und 
von einer Sturzflut aus dem See geschleudert. 

Wiederum erfüllte ein Bersten und Krachen die Schlucht. Hoch 

gichtete das Wasser an dem einst schmalen Ablauf des Sees, der jetzt 
zu einer breiten Bresche geworden war. Schlamm und Geröll wurden 
von den Fluten erfaßt, die durch die Öffnung schössen. Ein halb 

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vermoderter Baumstamm wurde emporgewirbelt und brach in viele 
Stücke. Eine schäumende, quirlende  Wassermasse ergoß sich tosend 
in den tiefergelegenen Teil der Schlucht. 

Louis legte einen Pfeil auf die Bogensehne und wartete 

angespannt. Jeden Augenblick konnten die Wachen vom Pfad 
oberhalb des eingebrochenen Staudammes auftauchen, um 
nachzusehen, was geschehen war. Dann mußten Sebastian und er sie 
ausschalten. Doch keiner ließ sich blicken. Besorgt sah Louis zu den 
beiden Felsschultern links und rechts des Staudammes empor. Dort 
waren tagsüber zwei Bogenschützen postiert, die mit Argusaugen 
darüber wachten, daß keiner der Gefangenen in den Stausee sprang 
und schwimmend das Weite suchte. Wenn die Wachen nicht wie 
erhofft in die Schlucht liefen, sondern statt dessen dort oben 
hinaufstiegen ... 

Louis wurde aus seinen Gedanken gerissen. Ein Schatten tauchte 

auf dem Pfad auf, der durch den schmalen Zugang nach Norden aus 
der Schlucht hinab, beziehungsweise hinaufführte. 

Louis konnte nicht ahnen, daß es keiner der Räuber, sondern einer 

der Männer war, die zu ihrer Rettung gekommen waren. 

Er traf den Mann, der mit seinen Gefährten vom Krachen und 

Bersten und Tosen alarmiert worden war. Brüllend taumelte der 
Mann mit einem Pfeil in der Schulter zurück. Die anderen zogen ihn 
schnell in die Felsspalte in Sicherheit. 

»Mein Gott«, murmelte einer entsetzt. »Der Damm ist gebrochen. 

Und Albert und Roland sind in der Schlucht!« 

Roland und Albert waren überrascht, keine Wachtposten unterhalb 
der Höhle zu finden. 

»Vielleicht haben uns die beiden Vögel einen Bären aufgebunden«, 

raunte Albert. »Soll  ich rauf klettern und mit den Gefangenen 
reden?« 

Roland blickte auf den Felsbrocken, an den ein Seil gebunden war. 

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Sein Gefühl warnte ihn. »Warte lieber. Ich sehe mich bei den drei 
Hütten um.« Er glitt lautlos in der Dunkelheit davon. 

Bei der Hütte, in der die weiblichen Gefangenen sein mußten, 

wenn die beiden Räuber die Wahrheit gesagt hatten, rechnete Roland 
mit einem Wachtposten. Er verharrte hinter der Hütte im Dunkel und 
lauschte. Irgendwo am Nordende der Schlucht wieherte ein Pferd, 
dann herrschte wieder Stille. Roland schlich an der Hüttenwand nach 
vorne. Kein Wachposten, nichts. Dann sah Roland, daß die Tür der 
Hütte nur angelehnt war. Er riskierte einen schnellen Blick hinein. 
Keine Atemzüge, kein Schemen im Dunkel  - die Hütte mußte leer 
sein. 

Hatten die beiden Räuber, Wenzel und Otto, gelogen? 
In diesem Augenblick ging die Tür der zweiten Hütte auf. Ein 

Mann mit einer Laterne tauchte auf. Roland erkannte ihn im Schein 
der Laterne sofort nach der Beschreibung: 

Wittich! 
Der Räuberhauptmann verharrte und hielt die Laterne hoch. 
»Edeltraut?« rief er fragend. »Wo bist...« 
Er verstummte jäh. Er hatte die dunkle Gestalt aus der Hütte 

huschen sehen. 

»Was machst du bei den Weibern?« rief er grollend. 
Roland gab keine Antwort. Er zwang sich langsam weiterzugehen. 
»Antworte!« 
Noch sechs Schritte bis zu Wittich. Noch hielt der Kerl ihn für 

einen seiner Räuber. 

Roland nuschelte etwas Unverständliches. 
Geräusche drangen vom Nordende der Schlucht heran, ein Bersten 

und Hufschlag. 

Wittichs Blick zuckte an Roland vorbei. 
»Alaaarm!« schrie er dann mit sich überschlagender Stimme. 
Roland glaubte, der Räuberhauptmann hätte trotz der Verkleidung 

erkannt, daß er keiner der Räuber war. Das war nicht der Fall, doch 
es änderte nichts. 

Der Plan war gescheitert. Jetzt saßen zumindest er und Albert in 

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der Falle. Und Roland überlegte nicht lange. Tollkühn setzte er alles 
auf eine Karte. Er mußte Wittich schnappen, ihm das Schwert an die 
Kehle setzen, bevor die anderen Räuber zur Stelle waren, und freien 
Abzug verlangen. 

Er riß das Schwert hoch und hetzte auf Wittich zu. 
Der Räuberhauptmann wirkte für einen Augenblick wie erstarrt. 
Er reagierte erst, als Roland nur noch zwei Schritte von ihm 

entfernt war. Mit einem wilden Schrei schleuderte er die Lampe und 
sprang vor Rolands vorstoßendem Schwert zurück. Roland duckte 
sich mitten im Lauf, doch es war zu spät. Die massiv eingefaßte 
Laterne traf Roland an der Schläfe, und er hatte das Gefühl, von 
einem auskeilenden Pferdehuf getroffen worden zu sein. 

In seinen Ohren rauschte und krachte und toste es, seltsam 

gedämpft, und alles verschwamm vor seinen Augen. Er stürzte. 

Er fiel fast vor Wittichs Füße. 
Er hörte Schreie, immer noch das seltsam entfernte Brausen und 

dazwischen ein Hämmern wie Hufschlag und ein Tosen, als 
peitschten Fluten durch die Schlucht. 

»Ein Schwert!« 
Wittich rief es einem der Räuber zu, die aus ihrer Hütte stürmten. 

Einer der Männer warf es ihm zu. Wittich wollte es auffangen, um 
damit dem Eindringling, der benommen am Boden lag, den Todes-
stoß zu versetzen. Doch im letzten Augenblick zuckte sein Kopf 
herum, und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Das Schwert 
fiel neben ihm zu Boden. 

Wittich sah Pferde auf sich zurasen und erkannte erst jetzt, daß 

eine Sturzflut in die Schlucht schoß. Zuvor hatte er im Dunkel nicht 
viel erkannt, und nur aus dem Hufschlag und den anderen 
Geräuschen geschlossen, daß jemand in die Schlucht eingedrungen 
sein mußte. 

Jetzt vergaß er die Gestalt am Boden und wirbelte herum. Gehetzt 

blickte er um sich. Seine Männer starrten ebenso voller Entsetzen zu 
der herandonnernden Lawine. 

Zuerst drohte die Gefahr von den Pferden. In ihrer Panik rasten die 

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Tiere geradenwegs auf die Räuber zu. Ein Pferd preschte keine 
Handbreit an der Gestalt vorbei, die noch benommen am Boden lag. 
Die Räuber sprangen vor den herandonnernden Pferden zur Seite, in 
Deckung ihrer Hütte. Einer schaffte es nicht mehr. Er geriet unter die 
wirbelnden Hufe. 

»Weg!« brüllte Wittich gegen das Tosen an, das die Schlucht 

erfüllte. Er hatte erkannt, daß nur die Flucht durch den südlichen 
Zugang der Schlucht die Rettung bringen konnte. Und er handelte 
wie ein in die Enge getriebenes Wild  - instinktiv und schnell Das 
Pferd, das einen der Räuber gerammt hatte, scheute bei dem 
gellenden Schrei des Mannes, drehte ab und stieg auf die Hinterhand. 
Mit zwei langen Sätzen war Wittich bei dem Tier. Als das Roß 
wieder weiterrasen wollte, warf sich Wittich mit einem wahren 
Panthersatz auf den ungesattelten Rücken des Pferdes. Fast wäre er 
auf der anderen Seite wieder hinuntergefallen, doch er krallte sich in 
der Mähne fest, zog sich hoch und blieb auf dem Pferd. 

Das Tier preschte mit reiterlosen Rössern auf den Zugang der 

Schlucht zu. 

Wittich warf einen schnellen Blick zurück. Die Wasserlawine 

wälzte heran. Rasend schnell. Nur noch Sekunden, dann mußte sie 
den Mann erreichen, der sich gerade am Boden aufstemmte. Der 
verdammte Kerl, der mit dem Schwert auf ihn losgegangen war, 
sollte ersaufen wie eine Ratte! Es grenzte schon an ein Wunder, daß 
er nicht von den Pferden niedergetrampelt worden war. 

Wittichs Kopf ruckte wieder herum. 
Er schätzte die Entfernung ab. Das Pferd flog förmlich auf den 

Zugang der Schlucht zu. Das war die Rettung! Nur noch etwa 
zwanzig Klafter. 

Ein reiterloses Pferd war vor Wittich an der trichterförmigen 

Öffnung, die sich nach einer Weile zu einer schmalen Felsspalte 
verengte. 

Wittich prallte mit dem Roß aus voller Karriere gegen das 

reiterlose Pferd, dem ein anderes Tier in der Felsspalte den Weg 
blockierte. Wittich flog wie von einem Katapult geschleudert über 

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den Pferdehals. 

Beatrix! schrie eine Stimme in ihm. 
Dann krachte er gegen die Felswand und verlor das Bewußtsein. 

Roland kämpfte sich auf die Beine. Die Benommenheit ließ nach. 
Das Rauschen hinter ihm schwoll an. Ein Roß galoppierte an ihm 
vorbei. Rolands Blick suchte Wittich. Von dem Räuberhauptmann 
war nichts mehr zu sehen. Pferde, im Dunkel nur schemenhaft zu 
erkennen, jagten auf den Ausgang der Schlucht zu. Schreie gellten 
durch das Rauschen, das Roland immer noch nicht zu deuten wußte. 
Dann sah  er es. Doch bevor er etwas tun konnte, riß ihn schäumendes 
Wasser von den Beinen. Er hatte das Gefühl, der Boden würde ihm 
unter den Füßen weggespült. Er fiel, schluckte Wasser, überschlug 
sich und wurde im gurgelnden gischtenden Naß weitergewirbelt. Er 
versuchte zu schwimmen, doch es gelang ihm nicht. Eine Woge 
erfaßte ihn und schleuderte ihn hoch. Er landete hart und glaubte, 
von der Flutwelle zu Boden geschmettert zu sein. Doch das war nicht 
der Fall. 

Er sah unter sich das Dach einer Hütte, und die Hütte wurde gerade 

umgerissen. Die nördliche Wand senkte sich nach Süden unter dem 
Anprall eines gewaltigen Brechers, und die Hütte krachte zusammen 
wie ein Kartenhaus. Hoch spritzte das Wasser auf, silbrig im 
Schwarz der Schlucht. Roland wurde über das Dach gespült. 
Verzweifelt klammerte er sich am Rand fest und zog sich wieder 
hoch. Ein Schwall schmutzigen Wassers peitschte ihm ins Gesicht 
und warf ihn wieder an den Rand des Daches, das aus Planken 
bestand, die auf zwei Streben genagelt waren. Abermals schluckte 
Roland Wasser. Teile der Hütte trieben auf dem schäumenden 
Wasser. Eine Woge, die sich an einem stehengebliebenen Eckpfosten 
brach, spülte über Roland hinweg. Die Bretter unter ihm wurden 
hinabgedrückt und wieder emporgehoben. Etwas krachte durch das 
Gurgeln und Rauschen. Das Dach war gegen irgendein Hindernis 

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geknallt. Ein Teil brach ab. Eine Woge erfaßte Roland und 
schleuderte ihn mitsamt dem halben Dach weiter. Ein Schrei neben 
ihm ging im Tosen unter. Roland sah eine hochgereckte Hand, die in 
einem Wasserwirbel verschwand. Ein Schatten trieb vorbei. Ein 
schwimmendes Pferd rammte gegen das Stück des Daches, auf dem 
er sich festklammerte. Irgendein Pfahl oder Pfosten wirbelte hoch 
und schlug neben Roland ein. 

Er fühlte sich auf dem Stück Dach wie auf einem winzigen Floß 

inmitten einer sturmgepeitschten See. Und dann ging ein gewaltiger 
Stoß durch das Floß. Roland wurde emporgewirbelt. Er sah eine 
dunkle Wand förmlich auf sich zurasen und riß im Reflex noch die 
Arme vors Gesicht. Dann prallte er auf, und schlagartig wurde es 
noch dunkler um ihn. Totenstille umgab ihn. 

Er spürte nicht mehr, wie er auf das Stück Dach zurückfiel, das 

gegen die Felswand gekracht war und jetzt nur noch halb so groß 
war... 

Ein Plätschern und Rauschen. Wasser. 

Roland überlegte, wo er sein mochte. Vermutlich auf See. Er 

dachte nach, wie er dahin gekommen sein mochte. Irgendwo lachte 
eine helle Stimme. Roland öffnete blinzelnd die Augen. Er glaubte 
eine Nixe zu sehen. Eine lächelnde Nixe mit Grübchen in den 
Mundwinkeln. Dann erschrak Roland. Ein furchterregendes Gesicht 
tauchte über ihm auf. Ein Seeungeheuer? Ein Klabautermann? 

»Na also«, sagte der Klabautermann zufrieden. »Er ist wieder auf 

der Erde.« 

Erde? Roland öffnete die Augen weit. Das Schwindelgefühl ließ 

nach. Jetzt verspürte er Schmerzen. Unbewußt tastete er zum Kopf. 
Eine große Beule an der Stirn. Auch Arme und Schultern 
schmerzten. 

Was war geschehen? 
Er blickte sich um. Der Klabautermann grinste. Die Nixe strahlte 

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ihn an. Und da waren noch zwei Seefahrer, die ihm irgendwie 
bekannt vorkamen. Einer trug einen weißen Turban, auf dem sich ein 
rötlicher Fleck abzeichnete  - Blut. Doch der schwarzbärtige Kerl 
feixte auf Teufelkommraus. Und der andere, der mollige Blonde, sah 
ihn an wie ein Kind, das gerade ein besonders schönes 
Geburtstagsgeschenk bekommen hat  - halb hingerissen zwischen 
Lachen und Freudentränen. 

Das Gesicht kannte er. Das war doch  - »Pierre!« murmelte Roland 

und wunderte sich, daß seine Stimme so krächzend klang. 

»Ich bin auch da«, brummte der Schwarzbart Louis. 
Und der Klabautermann zauberte von irgendwoher eine Flasche 

und setzte sie Roland an die Lippen. Roland schluckte und mußte 
husten. Das war kein Wasser, sondern ein scharfer Obstschnaps. 
Rolands Augen füllten sich mit Tränen ob des starken Gebräus. 

»Ritter heulen nicht«, sagte der Klabautermann grinsend, und jetzt 

fiel Roland ein, daß es Albert war. Und die Nixe ... 

Helga kniete sich neben ihn und legte eine sanfte Hand auf seine 

Stirn. 

»Ich dachte  - wir dachten  - du seist  - tot«, stammelte sie. Ihr Kopf 

sank auf seine Brust, und ihre Schultern zuckten. 

Jetzt fühlte sich Roland auf einmal recht lebendig. 
Seine Erinnerung setzte ein. 
»Nun erdrück ihn nicht noch«, sagte Albert, umfaßte seine 

zierliche Schwester und zog sie von Roland fort. »Laß ihn lieber 
noch einen hiervon zur Brust nehmen.« 

Er setzte Roland wieder die Flasche an die Lippen. Diesmal war 

Roland gewarnt. Er trank einen tiefen Schluck. Eine wohlige Wärme 
durchflutete ihn. Erst jetzt merkte er, daß seine Kleidung naß war 
und auch die anderen aussahen, als seien sie in voller Montur baden 
gegangen. 

Er stemmte sich auf, als Albert die Flasche zurückzog. 
»Wer hat mich aufgefischt?« fragte er. 
»Ich«, erklärte Albert grinsend. »Du hattest eine Menge Wasser 

geschluckt und warst ziemlich lädiert.« 

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»Danke«, sagte Roland. 
Er fühlte sich noch schwach auf den Beinen. 
»Und Wittich?« fragte er. 
»Tot«, sagte Albert. »Nicht genau zu sagen, ob er sich den Schädel 

einschlug oder ertrank. Vermutlich beides. Du kannst ihn dir 
ansehen, wenn du willst.« Er wies aus der Höhle. 

Erst jetzt bemerkte Roland, daß es draußen hell und längst Tag 

war. 

»Ich habe lange hier gelegen«, stellte er fest. 
»Ein paar Stunden schon«, sagte Albert. »Aber mein 

Schwesterherz war bei dir. Sie hat uns sofort gerufen, als du dich 
regtest. »Erzähle«, forderte Roland Albert auf. 

»Dieser Anblick spricht wohl für sich«, sagte Albert und wies aus 

der Höhle. »Es ist alles vorbei.« Er gab Louis und Pierre einen Wink. 
»Laßt euren Ritter mal gucken.« 

Roland war noch wacklig auf den Beinen. Louis und Pierre 

stützten ihn. Sie führten ihn bis zum Rand der Höhle. 

Der Anblick sprach in der Tat für sich. 
Ein glatter ruhiger See füllte die gesamte Schlucht aus. Er wurde 

von Wasserfall  und Bach gespeist und floß durch den südlichen 
Zugang der Schlucht ab. Auf der Wasseroberfläche schwammen 
Baumstämme. Auf die Stämme waren Männer gefesselt. Die Räuber. 
Sie lagen mit dem Rücken auf den Stämmen und blickten gen 
Himmel. 

»Unsere besten Schwimmer haben sie aufgefischt«, erklärte Albert. 

»Es gab keinen Kampf mehr. Die Kerle waren von der Sturzflut zu 
sehr durcheinandergewirbelt. Wir wollten dich nicht in der Höhle 
stören, deshalb lagerten wir sie erst einmal hier. Sie werden gleich 
abgeholt. Meine Freunde werden sie bei der Polizei abliefern, auf 
daß sie für ihre Missetaten büßen.« 

Rolands Augen weiteten sich, als sein Blick auf einen der Männer 

fiel. Der kahle Schädel des Mannes war voller blutroter wulstiger 
Narben. Als sei der Mann im Feuer  umgekommen. Eingetrocknetes 
Blut bedeckte sein Gesicht, das eine verformte Masse mit kaum noch 

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erkennbaren Zügen war. 

»Das ist  - beziehungsweise war  Wittich«, erklärte Albert, der 

Rolands Blick gefolgt war. »Sieht schlimm aus, nicht wahr? Als ich 
ihn aus  dem Wasser zog, hielt ich plötzlich seine Perücke und einen 
falschen Bart in der Hand. Noch einen Schluck? Er hielt Roland die 
Flasche hin. Roland trank. Er fühlte sich unsagbar erleichtert. Das 
Grauen war vorüber.  

In Peterzell, in Wöhrles Gasthof, gab es ein rauschendes Fest mit 

bestem Speis und Trank und Tanz. Ganz Peterzell nahm an der Feier 
teil, und man war froh, daß Ritter Roland nicht nachtragend war und 
allen verzieh, wie übel man ihm mitgespielt hatte. Zu vorgerückter 
Stunde, nach Spätzle vom Brett und gefüllten Kalbsröllchen mit 
Pfifferlingen, nach Zwiebelkuchen, badischem Wein und Bier und 
Met, nach viel Musik und Tanz und Frohsinn, ergriff plötzlich der 
Kutscher Paul das Wort. Er hatte den ganzen Abend über mit 
Roswitha geschäkert, die wie ihre Gefährtinnen diesmal keine 
Nonnentracht trug und sich auch nicht wie eine Betschwester 
benahm. In weinseliger Laune hielt Paul eine kleine Ansprache. Es 
war fast wie eine Ballade von Volker vom Hohentwiel, dem 
berührten Minnesänger. Doch Paul sang sie nicht zum Klang einer 
Fiedel oder Laute. Er konnte weder singen noch fiedeln, und seine 
Schilderungen waren recht derb in der Sprache. Doch die gebannt 
lauschenden Zuhörer sahen großzügig darüber hinweg. Zu spannend 
und unfreiwillig komisch war Pauls Schilderung. Er berichtete von 
falschen Nonnen und richtigen Räubern, von Wittich und seinen 
Missetaten und von allem, was ihnen in der Gefangenschaft 
widerfahren war. Dann dankte er den Rettern, was Hochrufe zur 
Folge hatte, fügte scherzend hinzu, daß die  Retter durch ihr 
unerwartetes Auftauchen beinahe alles vermasselt hätten, was 
Buhrufe zur Folge hatte, und sagte anschließend mit vom Wein 
schwerer Zunge: »Und jetzt, Freunde, brauchen wir uns nur noch den 

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Schatz zu holen.« 

Es wurde so still, daß man einen der Zecher furzen hören konnte, 

der ganz leise und heimlich einen Wind hatte ablassen wollen. 
Empört blickte der Furzer seinen Nebenmann an, auf den sich darob 
die tadelnden Blicke konzentrierten. 

Dann starrten alle Paul an, und er grinste in die Runde wie ein 

Hahn, der sich gerade als der Neue auf einem Hühnerhof vorgestellt 
hat. 

Ein Heidenspektakel entstand. Alle redeten aufgeregt 

durcheinander. Die Aufregung drehte sich um den sagenhaften 
Schatz aus dem Morgenland. Mancher der Gefangenen hatte ob der 
Freude, frei zu sein, gar nicht mehr an den Schatz gedacht  - ein 
Beweis dafür, daß das Leben wichtiger ist als alle Schätze der Welt. 
Und die Bewohner von Peterzell wußten noch gar nichts davon. Alle 
wurden wie von einem  Fieber erfaßt. Man schmiedete Pläne, wie der 
Schatz zu heben sei. Man wollte einen neuen Staudamm bauen, und 
man teilte bereits den Reichtum auf, was manchen Streit vom Zaun 
brach. 

Schließlich verschaffte sich ein Mann Gehör. Er trat hervor und 

hob eine Hand, bis alle verstummten. 

»Hört, was euch Sigismund, der Poet, zu sagen hat!« rief er. 
Er war ein mittelgroßer, lustig aussehender Mann. Er hatte einen 

roten Vollbart, der von weißen Haaren durchzogen war. Im 
Gegensatz zu seiner Bartfülle war das dünne  Haupthaar schon ein 
wenig gelichtet, und an einigen Stellen schimmerte die Kopfhaut 
rosig hervor. Die grünbraunen Augen funkelten listig. 

Er lächelte, schwieg noch einen Augenblick, wohl um die 

Spannung zu steigern, und sagte dann in die erwartungsvolle Stille: 

»Es gibt keinen Schatz.« 
Verblüffung, Betroffenheit, Ungläubigkeit. 
»Woher wollt Ihr das denn wissen?« fragte Roswitha. 
»Weil ich den Schatz nur erfunden habe«, sagte Sigismund. 
Stille. 
»Nun werdet ihr euch alle fragen, warum ich das getan habe«, fuhr 

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Sigismund heiter fort »Ich will es euch sagen. Zum einen habe ich 
den Schatz erfunden weil ich ein Dichter bin, und Dichter erfinden 
nun mal die tollsten Dinge.« 

Einige der Zuhörer lachten. 
»Und zum anderen...«, fuhr Sigismund fort, und seine Miene 

wurde ernst, »...weil ich nicht sterben wollte.« 

Er legte eine wohlberechnete Pause ein, bevor er weitersprach. 
»Ich war einer der ersten Gefangenen Wittichs. Genau gesagt der 

dritte. Wittichs Räuber schnappten mich beim Beerensammeln und 
schleppten mich  zu ihrem Anführer. Er wollte gerade zwei Männer 
umbringen lassen, zwei Kutscher, deren Wagen mit der Fracht von 
seinen Haderlumpen erbeutet worden war. Und mich hätte er dazu 
getötet, weil ich sein Versteck kannte. Da erzählte ich ihm das 
Märchen, das ich zu Papier gebracht hatte  - die Geschichte vom 
Schatz aus dem Morgenland. Ich tat zerknirscht und behauptete, ich 
sei auf der Suche nach diesem Schatz gewesen. Ich bot ihm die 
Aufzeichnungen gegen mein Leben. Wittich konnte lesen, und er las, 
was ich erfunden hatte. Er ließ mich und die beiden Kutscher am 
Leben und schickte seine Mannen fortan aus, um Gefangene zu 
machen, die den Staudamm errichten sollten. So hatte ich mir das in 
meiner Not natürlich nicht gedacht, doch es ließ sich nicht 
rückgängig machen. Ich konnte nur hoffen, daß uns irgendwann 
jemand befreite  - bevor Wittich und seine Räuber zwangsläufig 
festgestellt hätten, daß ich sie hereingelegt hatte.« 

Er zog einige gefaltete Papiere aus seinem Wams und hielt sie 

hoch. »Dies ist die Geschichte, die ich zu Papier brachte. Für einen 
Dukaten schreibe ich sie jedem ab, der sich dafür interessiert.« 

Die allgemeine Spannung löste sich. Die beiden ersten Gefangenen 

Wittichs drückten dem Dichter bewegt die Hand. »Ich zahle fünf 
Dukaten für die Geschichte«, rief einer. Und bald wurde Sigismund 
mit Bestellungen nur so überhäuft. 

»Das erste Mal, daß jemand für meine Dichtung anständig 

bezahlt«, sagte Sigi grinsend. 

»Der wird noch ein berühmter Mann«, brummte Louis und 

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zwinkerte Almuth zu. Sie hatten sich für später im Walde verabredet. 

»Einfallsreich ist er«, murmelte Pierre und lächelte Edeltraut an. Er 

hatte sich angeboten, sie später nach Hause zu begleiten, und zum 
ersten Mal seit sie vom Tode ihres Vaters erfahren hatte, hatte sie 
wieder gelächelt. 

»Und auch geschäftstüchtig«, sagte Ritter Roland zu Helga. 

»Möchtest du, daß ich ein Exemplar bestelle und dir schenke?« 

»Danke, Roland. Lieber jedoch möchte ich, daß du mich gleich 

zum Hof begleitest und mir etwas anders schenkst.« 

Und ihr Lächeln ließ keinen Zweifel daran, an welches Exemplar 

sie dachte. 

ENDE 

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Die Blutbestie 

war ein übergroßer Aar, der im Frankenland sein Unwesen trieb. 
Er  raubte Schafe und andere Tiere und wagte sich auch an 
Menschen  heran. Mütter ließen in dem fränkischen Bergdorf 
Mainsfeld ihre  Kinder nicht mehr nach draußen zum Spielen, die 
Gefahr war für die Halbwüchsigen zu groß. 
Als König Artus von der mörderischen Blutbestie erfuhr, schickte er 
sofort den berühmten Ritter Roland ins Frankenland. Er sollte der 
Bedrohung durch den übergroßen Aar ein Ende setzen. 
Gemeinsam mit seinen Knappen Pierre und Louis machte 
sich Ritter Roland auf die Jagd nach der Blutbestie. 

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