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Die Jagd nach dem 

Schwarzen Stein 

von Günther Herbst 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

»Ehrwürdiger Abt, kommt schnell!« 

Albian, gerade damit beschäftigt, eine Abschrift des 

Gleichnisses vom Büßer Johannes zu verfertigen, ließ den 
Federkiel sinken. Erneut gellte die Stimme Bruder 
Bertholds auf. Albian sprang von seinem Stuhl hoch und 
eilte hinaus in den Klosterhof. Mehrere  Mönche standen 
zusammen und diskutierten heftig. Sie alle machten 
erschrockene, angstvolle Gesichter. 

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»Was ist geschehen?« fragte Albian, der Abt. Bruder 

Berthold deutete mit zitternder Hand auf das Wach-
häuschen neben der Klosterpforte. »Graf Kasimir und 
seine Mannen nahen. Und es besteht kein Zweifel, daß die 
Raubritter Mord und Totschlag auf ihr Banner geschrieben 
haben ...« 

 

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Auch das Herz des Abts wurde von Furcht und Sorge erfaßt. 
Dennoch war er nicht überrascht. Er hatte geahnt, daß Graf Kasimirs 
Kommen nicht zu verhindern war. Daß es aber so bald sein würde, 
hatte er nicht gedacht. 

»Legt die Ketten und Riegel vor«, wies er die Mönche an. Dann 

ging er mit schnellen Schritten zum Wachhäuschen hinüber. 

Während die Brüder die Klosterpforte zu sichern begannen, trat er 

an die Seite des jungen Novizen Georg, der heute den Wachdienst an 
der Pforte versah. Aus dem erhöht liegenden Fenster konnte er den 
Zugang zum Kloster überblicken. 

Ja, da kamen sie. Ein gutes Dutzend Reiter, angeführt von einem 

Herold, der das trapezförmige Banner seines Herrn hochhielt. Das 
Bannertier, ein aufgerichteter Bär, der in seinen Tatzen Schwert und 
Keule trug, erschien Albian wie ein Symbol des Todes und der 
Vernichtung. Und die Tatsache, daß sich Graf Kasimir selbst unter 
den Reitern befand, ließ in der Tat das Schlimmste befürchten. 

Die Reiter sprengten heran, zügelten ihre Pferde vor der Pforte. 

Graf Kasimir blickte zum Fenster des Wachhäuschens hinauf. 

»Ah, der Herr Abt ist höchstpersönlich zu unserem Empfang 

erschienen«, sagte er. »Wir wissen die hohe Ehre zu schätzen.« 

Kasimir war ein schlanker, hochgewachsener Mann in der Blüte 

seines Lebens. Er hatte ein schmales Gesicht, dessen 
hervorstechendstes Merkmal das spitze Kinn war. Mehrere Narben 
und das Fehlen des rechten Ohrs zeigten an, daß er schon in so 
manchem Handgemenge seinen Mann gestanden hatte. 

»Was wollt Ihr, Graf?« fragte Albian ganz ruhig. 
»Laßt uns ein«, erwiderte Kasimir mit einem scheinheiligen 

Lächeln. »Dann sage ich es Euch.« 

Der Abt ließ sich durch das Lächeln nicht täuschen. Nur zu gut 

wußte er, daß es die wahren Absichten des Grafen nur übertünchen 
sollte. 

»Ich bin bereit, Euch einzulassen«, sagte er. »Aber nur Euch allein. 

Und natürlich müßt Ihr vorher Eure Waffen ablegen, wie es in 
unserem Kloster Sitte ist.« 

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»Wenn dies Euer Wunsch ist...« Kasimir zog sein Schwert aus dem 

Gehenk und übergab es einem seiner Getreuen. Dann blickte er 
wieder nach oben. »So, nun öffnet mir!« 

»Nicht bevor Ihr Euren Männern sagt, daß sie sich hundert Klafter 

von der Pforte zurückziehen sollen.« 

Das Lächeln des Grafen verflüchtigte sich. »Mißtraut Ihr mir, 

Abt?« fragte er mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. 

»Wenn Ihr mich so geradeheraus fragt - ja!« 
Ein paar Augenblicke lang sah es so aus, als ob Kasimir nun zu 

toben beginnen würde. Das tat er dann aber doch nicht. Statt dessen 
lächelte er wieder. Es war das Lächeln eines Wolfes, der sich mit 
gebleckten Zähnen über das Beutetier beugte. 

»Nun gut, Abt Albian«, sagte er, »schenken wir uns das Gefecht 

mit dem umwickelten Schwert. Ihr wißt, warum ich gekommen bin!« 

»Ihr wollt den Schwarzen Stein!« 
»So ist es«, bestätigte der Graf. »Also?« 
Albian schüttelte den Kopf. »Wie ich schon vor Tagen Eurem 

Sendboten sagte, sind wir nicht bereit, unser wundertätiges 
Heiligtum herauszugeben.« 

»Das ist sehr uneinsichtig und töricht von Euch, Abt. Der Stein ist 

innerhalb der Mauern meiner Trutzburg weitaus besser aufgehoben 
als hier im Kloster. Wie wollt Ihr und Eure Mönche das Heiligtum 
schützen, wenn sich die gierigen Hände nichtswürdiger Räuber 
danach ausstrecken?« 

»Der Einzige, der seit langen Jahren seine Hände nach dem Stein 

ausstreckt, seid Ihr, Graf Kasimir!« 

Sekundenlang schwieg der Bannerträger des aufgerichteten Bären. 

Dann lachte er kurz auf und legte die Maske der Scheinheiligkeit 
vollends ab. 

»Genug der leeren Worte, Abt«, sagte er und schob sein Kinn so 

weit vor, daß es wie die Spitze einer Lanze wirkte. »Es ist nun an der 
Zeit, Taten sprechen zu lassen, öffnet die Pforte!« 

»Nein!« 
»Ihr wißt, daß wir uns auch ohne Eure Einwilligung Zutritt 

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verschaffen können?« 

Sehr wohl wußte Albian dies. Das Kloster zum Schwarzen Stein 

war keine Burg, die durch Wehrtürme und trutzige Mauern geschützt 
wurde. Es lag auch nicht auf der Spitze eines steilen Berges, sondern 
unten im Tal, frei zugänglich von allen Seiten. 

Obzwar sich der Abt im Klaren darüber war, daß er die Absichten 

des Grafen mit Worten kaum mehr ändern konnte, unternahm er 
einen letzten Versuch, die Reiterschar fernzuhalten. 

»Ihr würdet es wirklich wagen, das Kloster zu stürmen?« fragte er 

mit grollender Stimme. »Wir stehen unter dem Schutz des Herrn!« 

»Nun, so möge der Herr Euch schützen, wenn es ihm beliebt.« 

Kasimir wandte sich seinen Getreuen zu. »Nikolaus, Jan, sorgt dafür, 
daß die Pforte auf getan wird!« 

Sogleich setzten zwei der Ritter ihre Pferde in Bewegung. Sie 

ritten ganz nahe an die Außenmauer des Wachhäuschens heran und 
machten unmittelbar unter dem Fenster halt. Geschickt wie Katzen 
lösten sie ihre Füße aus den Steigbügeln und kletterten auf den 
Rücken ihrer Reittiere. Schon streckte der eine seine Hände nach der 
Fensterbrüstung aus, um sich hochzuziehen. 

Georg, der die ganze Zeit über schweigend hinter dem Abt 

gestanden hatte, machte einen entschlossenen Schritt nach vorne. In 
der Hand hielt er das große Silberkreuz, das er von der Kette auf 
seiner Brust gelöst hatte. Die Hand war zum Schlag erhoben. 

»Georg«, sagte der Abt mahnend. »Wir sind Männer des Friedens, 

nicht des Krieges. Ein Mönch hebt nicht die Hand wider seinen 
Nächsten, selbst wenn dieser ihm Böses will!« 

»Ich bin kein Mönch, ich will erst noch einer werden«, sagte der 

Novize mit fester Stimme. Und dann hob er das Kreuz und hämmerte 
es dem Ritter auf die Hand. 

Der Getreue des Grafen stieß einen wilden Schmerzensschrei aus. 

Er konnte sich nicht länger an der Fensterbrüstung festhalten, mußte 
loslassen. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und stürzte vom 
Rücken seines Pferdes hinunter. 

Inzwischen hatte sich der zweite Gräfliche schon fast nach oben 

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gezogen. Kopf und Oberkörper tauchten bereits in der 
Fensteröffnung auf. Erneut hob Georg das Kreuz. 

Da surrte ein Pfeil durch die Luft. Tief bohrte sich die Spitze in die 

Brust des Novizen. Georg gab einen gurgelnden Laut von sich. Er 
schwankte hin und her wie ein Schilfrohr im Winde. Krampfhaft 
versuchte er, sich auf den Beinen zu halten. Aber es gelang ihm 
nicht. Das Silberkreuz glitt ihm aus den Fingern, und er stürzte 
schwer zu Boden. Reglos blieb er liegen. 

Mit eiskalter Hand griff das Entsetzen nach Albian. Solange er Abt 

war, hatte es im Kloster zum Schwarzen Stein niemals einen 
Menschen gegeben, der eines gewaltsamen Todes gestorben war. 
Nun aber lag der junge Novize entseelt vor ihm. Sekundenlang war 
Albian wie gelähmt. 

Der zweite gräfliche Getreue hatte es jetzt geschafft, sich ganz auf 

die Fensterbrüstung zu ziehen. Mit einem Satz sprang er in die 
Wachkammer hinein. Im nächsten Augenblick hatte er sein Schwert 
gezückt und hielt es dem Abt drohend entgegen. 

»Leistet keinen Widerstand, sonst...« 
Albian antwortete nicht. Sein Blick ruhte noch immer entsetzt auf 

dem Toten, der in verkrümmter Haltung auf dem Fußboden lag. 

Der Eindringling erkannte, daß ihm von Seiten des Abts keine 

Gefahr drohte. 

»Betet für seine  Seele«, sagte er mit unverhohlenem Hohn in der 

Stimme. Dann wandte er sich von Albian ab, eilte mit schnellen 
Schritten durch die Kammer und erreichte die Treppe, die zum 
Erdgeschoß des Wachhäuschens führte. Schon stürmte er sie 
hinunter. 

Albian gelang es  jetzt, die Lähmung abzuschütteln, die seine 

Glieder erfaßt hatte. Er wußte, daß der eingedrungene Gräfliche in 
wenigen Augenblicken unten auf dem Klosterhof die Pforte öffnen 
würde, um auch den Grafen und die anderen Männer einzulassen. 
Und dann konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Eindringlinge 
die Kapelle stürmten und den Schwarzen Stein in ihren Besitz 
brachten. Das jedoch durfte nicht geschehen! 

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Es war höchste Eile geboten. Auch Albian verließ jetzt die 

Wachkammer und hastete nach unten. Auf dem Hof traf er es so an, 
wie er es erwartet hatte. Der gräfliche Ritter machte sich bereits an 
der Pforte zu schaffen. Mit wuchtigen Schwertstreichen hieb er auf 
die von den Mönchen zur Sicherung angebrachten Ketten ein. Lange 
würden diese der Brachialgewalt nicht trotzen können. Und gewiß 
wußte der Getreue Kasimirs auch, wie er das Schloß der Pforte 
sprengen konnte. 

Händeringend standen die Brüder auf dem Hof und beobachteten 

das schändliche Tun des Mannes im Kettenhemd. Noch machte 
keiner von ihnen Anstalten, ihm in den Arm zu fallen. Aber der Abt 
erkannte, daß einige von ihnen diesen Gedanken allen Ernstes 
erwogen. Insbesondere der Novize Wenzel konnte kaum noch an 
sich halten. 

»Tu es nicht, Wenzel!« sagte Albian warnend. »Ein Toter ist mehr 

als genug.« 

Mit einer wilden Gebärde wandte sich der junge Mann ihm zu. 

»Ehrwürdiger Abt, sollen wir wirklich kampflos zulassen, daß diese 
Söhne des Bösen unser Heiligtum ...« 

»Es gibt noch eine andere Möglichkeit, den Schwarzen Stein zu 

schützen«, sagte Albian so leise, daß der Getreue Kasimirs es nicht 
hören konnte. »Komm mit mir, Wenzel.« Er winkte noch einem 
zweiten Mönch. »Und du auch, Berthold!« 

Er verlor keine weitere Zeit, überquerte statt dessen den Klosterhof 

und eilte auf die Kapelle zu. Wenzel und Berthold folgten ihm auf 
dem Fuße. Bevor er die Kapelle betrat, warf er noch einen Blick über 
die Schulter zurück. Der Ritter Kasimirs war ein geschickter Mann. 
Schon hatte er die Ketten zerschlagen. Jetzt machte er sich bereits 
daran, die Spitze seines Schwertes ins Schlüsselloch zu stecken, um 
das Schloß zu erbrechen. 

»Kommt, Brüder!« 
Albian hastete in die Kapelle und lenkte seine Schritte geradewegs 

zu dem kleinen goldenen Schrein, der rechts vom heiligen Altar auf 
einem Podest stand. In dem Schrein ruhte auf einem 

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scharlachfarbenen Samtkissen das weithin berühmte Heiligtum des 
Klosters, dem dieses auch seinen Namen zu verdanken hatte. 

Der Schwarze Stein! 
Auf den ersten Blick wirkte der Stein beinahe alltäglich  - kaum 

größer als ein Kinderkopf, mit ungeschliffenen Ecken und Kanten. 
Aber schon ein zweiter Blick offenbarte, daß die Reliquie mehr war, 
als sie schien. Der Stein war von einer Schwärze, wie sie selbst die 
finsterste Nacht nicht hervorzubringen vermochte. Und doch konnte 
man sich des Eindrucks nicht erwehren, als ginge ein geheimnisvol-
les Leuchten von seiner zernarbten Oberfläche aus. Die 
wundertätigen Kräfte, die in ihm schlummerten, ließen sich 
allerdings nur erahnen. 

»Schließt den Schrein und nehmt ihn hoch«, wies der Abt seine 

beiden Begleiter an. 

Wenzel und Berthold taten, was er verlangte. 
»Schnell, folgt mir«, sagte Albian drängend. Er rechnete jeden 

Augenblick damit, daß der Graf und seine Getreuen im 
Eingangsportal der Kapelle auftauchten. 

Er führte seine beiden Helfer hinter den Altar und stellte sich mit 

beiden Beinen auf eine ganz bestimmte Steinplatte des Fußbodens. 
Mit einem leisen Knarren schwang die Rückwand des Altars zurück 
und gab den Blick auf einen dunklen, fast mannshohen Gang frei. 

Wenzel stieß einen überraschten Laut aus. »Bei allen Heiligen, ich 

wußte gar nicht...« 

»Ein Novize muß nicht alles wissen«, sagte Albian mit einem 

feinen Lächeln. »Nun wollen wir nur hoffen, daß auch der Graf 
nichts von der Existenz dieses Ganges ahnt.« 

Allzu große Hoffnungen machte er sich in dieser Hinsicht 

allerdings nicht. Er mußte davon ausgehen, daß Kasimir seinen 
Handstreich von langer Hand vorbereitet und alle möglichen 
Erkundigungen eingezogen hatte. Und ein gar so großes Geheimnis 
war das Vorhandensein des Ganges nun auch wieder nicht. 

Es blieb keine Zeit, noch eine Fackel herbeizuschaffen. Aber das 

machte nicht viel aus. Der Abt fand sich auch in der Dunkelheit in 

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dem Geheimgang zurecht. 

»Bleibt immer dicht hinter mir«, sagte er zu seinen beiden Helfern. 
Einen Augenblick noch blieb  er lauschend stehen. Aber bis jetzt 

war von den Getreuen des Grafen nichts zu hören. Die Aussichten, 
unbemerkt fliehen zu können, standen also nicht einmal schlecht. 

Entschlossenen Schrittes trat Albian in den Gang hinein. Er war ein 

hochgewachsener Mann und mußte den Kopf einziehen, um nicht 
gegen die niedrige Decke zu stoßen. Wenzel und Berthold hatten 
damit weniger Schwierigkeiten als er. Das Gewicht des Schwarzen 
Steins zwang sie ohnehin, sich tief nach unten zu beugen. 

Als sich alle drei Mönche in  dem Gang befanden, schloß sich die 

Geheimtür in ihrem Rücken ganz von selbst wieder. Tiefe 
Dunkelheit umfing sie. Der Geruch von feuchter Erde und Moder lag 
in der Luft. Dies kam nicht von ungefähr, denn der Gang führte 
mitten durch den Hügel, an dessen Fuß das Kloster lag. 

Albian schritt voran, nicht allzu schnell, weil seine beiden 

Begleiter ihm nur langsam folgen konnten. Das Gewicht von Schrein 
und Stein machte ihnen schwer zu schaffen. Sehr bald schon kam ihr 
Atem keuchend und rasselnd. Mehrmals wurde es unterwegs 
erforderlich, eine kurze Rastpause einzulegen. 

Und noch immer war von den Getreuen Kasimirs nichts zu sehen 

und nichts zu hören. Albians Hoffnungen, das Heiligtum in 
Sicherheit bringen zu können, stiegen mit jedem Schritt, den sie 
zurücklegten. 

»Wie ... weit... ist es ... noch?« fragte Wenzel, der kaum noch Luft 

zu bekommen schien. 

»Nicht mehr weit«, beruhigte ihn der Abt. »Der Gang führt bis 

zum Fluß an der Ostseite des Hügels. »Wir werden es sehr bald 
geschafft haben.« 

Und schließlich war das Ende des Weges durch den Berg 

tatsächlich erreicht. Albians ausgestreckte Hand stieß gegen die Tür, 
die den Ausgang versperrte. Er tastete an der linken Wand entlang 
und fand den vorspringenden Felsbrocken, den die Erbauer des 
Geheimgangs in Brusthöhe angebracht hatten. Mit seiner ganzen 

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Kraft drückte er gegen den Fels. Und wieder öffnete sich knarrend 
die Tür. 

Helles Sonnenlicht fiel in den Gang. Vogelgezwitscher drang an 

die Ohren der drei Mönche. Und ein Geräusch, das Albian fast wie 
Musik empfand: das Rauschen des Flusses. 

Er trat nach draußen, gefolgt von Wenzel und Berthold. 
»Hier am Ufer liegt ein kleiner Kahn versteckt«, sagte er. »Wir 

werden den Schrein hineinladen und ...« 

»Diese Mühe könnt Ihr Euch sparen, ehrwürdiger Abt!« 
Aus dem Schatten eines unweiten Gesträuchs traten vier Männer 

hervor. Einer von ihnen war Graf Kasimir. Triumph leuchtete in 
seinen dunklen Augen. 

Albian war ein frommer Mann, dem niemals unheilige Worte über 

die Lippen kamen. Diesmal jedoch mußte er sich eisern beherrschen, 
um nicht einen gar gotteslästerlichen Fluch auszustoßen. 

Einen halben Mond später ... 

Ritter Roland und seine Begleiter ritten in zügigem Schritt auf das 

Kloster zum Schwarzen Stein zu. Eine wochenlange Wallfahrt voller 
Strapazen und Gefahren lag hinter den sieben Männern und zwei 
Frauen. Nun endlich waren sie am Ziel. 

Bis auf Roland und seine beiden Knappen Louis und Pierre, die im 

Auftrag von König Artus lediglich zum Schutz mitgeritten waren, 
litten alle Pilger an schweren, anscheinend unheilbaren Krankheiten 
und Gebrechen. Graf Eduard von Arlinghaus hatte sich im Kampf 
eine Armverletzung zugezogen, in der seit langen Monden der Brand 
tobte. Der Wandermönch Gotthilf wurde von schrecklichen 
Gliederschmerzen geplagt, während der fette Kaufmann Mehlsack so 
schlecht Luft bekam, daß er ständig fürchtete, ersticken zu müssen. 
Richard, der junge Ritter, wurde von einer schleichenden, inneren 
Krankheit verzehrt, die seinen Lebensfaden wahrscheinlich in Kürze 
abschneiden würde. Allein was das Leiden der schönen Jungfer 

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Eloise anging, die von ihrer drallen Zofe Marie begleitet wurde, 
tappte Roland im dunkeln. Sie hatte nie darüber gesprochen, hatte 
ihm lediglich anvertraut, daß sie durch ein Gelübde gebunden war. In 
jedem Fall aber suchte sie wie die anderen im Kloster Erlösung und 
Hilfe. Der Schwarze Stein, jene geheimnisvolle Reliquie 
unbekannten Ursprungs, deren bloße Berührung alle Gebrechen und 
Krankheiten heilen sollte, war die große Hoffnung, um derentwillen 
sie alle die mühselige Reise ins Riesengebirge unternommen hatten. 

Es dauerte nicht mehr lange, dann standen die Wallfahrer vor der 

eisernen Klosterpforte. Im Licht der untergehenden Sonne machten 
die Gebäude mit der kleinen Kapelle in der Mitte den Eindruck tiefen 
Friedens. Sie strahlten eine Atmosphäre der Ruhe und der 
Geborgenheit aus, die warme Gefühle in den Herzen der Ankömm-
linge hervorrief. Unwillkürlich war ihnen so, als seien sie nach einem 
endlos langen Aufenthalt in der Fremde endlich nach Hause 
zurückgekehrt. Daß in Wirklichkeit keiner von ihnen das Kloster 
zum Schwarzen Stein jemals gesehen hatte, war dabei ohne Belang. 

Neben der Pforte befand sich eine Glocke. Roland beugte sich im 

Sattel vor und brachte den Klöppel zum Schwingen. Das helle 
Läuten war Musik in den Ohren der Wallfahrer. 

Nur wenige Augenblicke vergingen, bis sich an einem Fenster des 

kleinen Hauses neben der Pforte das Gesicht eines jungen Mannes in 
Mönchstracht zeigte. 

»Grüß Gott«, sagte Roland und blickte lächelnd zu dem 

Ordensbruder empor. 

Der Mönch erwiderte den Gruß, gab aber das Lächeln des Ritters 

mit dem Löwenherzen nicht zurück. »Ihr seid gekommen, um Eure 
Gebrechen durch die wundertätige Kraft unseres Heiligtums heilen 
zu lassen?« fragte er. 

»Ja, so ist es.« 
Jetzt lächelte der Mönch. Aber es war ein Lächeln, das voller 

Schmerz und Trauer war. »Ich fürchte, Ihr habt Eure Wallfahrt 
vergebens gemacht.« 

»Was?« Roland glaubte nicht richtig zu hören. Ganz steif saß er im 

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Sattel. Und auch die anderen Angehörigen seiner Pilgergruppe waren 
wie versteinert. 

»Ich verstehe Eure Bestürzung«, fuhr der junge Mönch fort. 

»Dennoch kann ich Euch nichts Tröstlichers sagen. Wärt Ihr einen 
halben Mond früher gekommen ... Aber ich glaube, Ihr solltet alles 
weitere aus berufenerem Mund erfahren. Geduldet Euch noch einen 
Augenblick, dann wird die Pforte geöffnet.« 

Er zog sich vom Fenster“zurück und überließ die Wallfahrer ihrer 

Bestürzung. 

»Sollten wir wirklich  umsonst gekommen sein?« Graf Eduard, 

seinen verletzten Arm in einer Schlinge, schüttelte den Kopf. »Das 
verstehe ich nicht. Heißt es doch, daß die Brüder vom Schwarzen 
Stein noch nie einen Pilger abgewiesen haben.« 

»Welch schreckliches Unglück«, jammerte  Mehlsack, der fette 

Kaufmann. »Dann bin ich dem Tode geweiht.« 

Auch Bruder Gotthilf und dem Ritter Richard stand die bodenlose 

Enttäuschung im Gesicht geschrieben. Allein die Jungfer Eloise ließ 
sich nichts anmerken. Aber das wollte wenig besagen, denn ihr 
schönes, ebenmäßiges Gesicht wurde ohnehin ständig von stummer 
Traurigkeit geprägt. 

Wie der Mönch versprochen hatte, wurde die Pforte wenig später 

geöffnet. Sie war breit genug, um die Pilger gleich auf den 
Klosterhof reiten zu lassen. 

Dort hatten  sich mehrere Mönche versammelt. Sie grüßten die 

Ankömmlinge freundlich. Aber auch  ihr  Lächeln war schmerzlich 
und ... mitleidsvoll. 

Wenig später wußten Roland und seine Gefährten, was geschehen 

war: Ein räuberischer Graf hatte den wundertätigen Schwarzen Stein 
gewaltsam in seinen Besitz gebracht. Die Niedergeschlagenheit der 
kranken Wallfahrer kannte keine Grenzen. Die ganze lange Reise 
voller Mühsal und Gefahr ... umsonst. 

Nur eine ließ sich nicht von der tiefen Niedergeschlagenheit in den 

Bann schlagen: die schöne Eloise. Ein kurzes Gespräch mit einem 
der Mönche brachte in ihr ein wahres Wunder zuwege. Zum ersten 

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Mal seit Roland sie kannte, lachte sie, lachte sie aus vollem Herzen. 
Ihre Traurigkeit war verflogen wie eine Feder im Wind. Statt dessen 
strahlte sie vor Freude und Glück. Verblüfft blickten ihr Roland und 
die anderen nach, als sie schnell wie ein junges Reh über den Hof lief 
und in einem der Klostergebäude verschwand. 

Aber Roland hatte jetzt nicht die Zeit, dem erstaunlichen 

Stimmungswandel der jungen Frau auf den Grund zu gehen. Der 
Verbleib des Schwarzen Steins hatte Vorrang ... 

Rasselnd wurde die Zugbrücke der Schwarzenburg nach unten 
gelassen, bis sie den mit Wasser gefüllten Graben in seiner ganzen 
Breite überspannte. Die Personen, die geduldig auf der anderen Seite 
gewartet hatten, setzten sich mit langsamen Schritten in Bewegung. 
Sie brauchten eine ganze Weile, um das Ende der Brücke zu 
erreichen. Ein jüngerer Mann, der sich mit zwei Krücken behelfen 
mußte, humpelte mühsam hinüber. Ein anderer Mann, alt schon und 
vom Tode gezeichnet, wurde auf einer Trage von zwei Helfern 
transportiert. Und auch die vornehm gekleidete Frau, die den Schluß 
der kleinen Gruppe bildete, konnte sich nicht allein 
vorwärtsbewegen. Sie wurde von einer Dienerin gestützt. 

Vier Burgwächter nahmen die Ankömmlinge in Empfang. Sie 

hatten harte, kalte Gesichter, und in ihren Augen lag ein lauernder 
Ausdruck. 

Der jüngere Mann mit den Krücken räusperte sich. »Wir sind 

hergekommen, um ...« 

»Wir wissen, warum ihr gekommen seid«, fiel ihm einer der 

Wächter ins Wort. »Man braucht euch ja nur anzusehen, dann ist dies 
ganz offensichtlich.« 

»Dann dürfen wir nähertreten?« 
Die vier Wächter machten keine Anstalten, den Weg freizugeben. 

Das Gegenteil war der Fall. Sie standen da wie eine unüberwindliche 
Mauer aus Fleisch und Blut. 

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»Langsam, langsam«, sagte der Sprecher. »Wir wollen nichts über-

stürzen.« Er deutete auf die Krücken des jüngeren Mannes. »Ein 
lahmes Bein?« 

»Von Geburt an.« 
»Das Schicksal hat es also von Anfang an nicht gut mit dir 

gemeint. Dem läßt sich jedoch abhelfen. Erst gestern war ein 
Krüppel hier. Als er uns wieder verließ, konnte er hüpfen und 
springen wie ein junges Fohlen. Warum sollte es dir nicht ebenso 
ergehen?« 

Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über das Gesicht des 

jüngeren Mannes. »Es wäre mein sehnlichster Wunsch. Deshalb bin 
ich von weither gekommen.« 

»Nicht mit leeren Händen, hoffe ich«, erwiderte der Burgwächter. 
»Nein«, sagte der jüngere Mann eifrig. »Ich habe gehört, daß es 

Sitte ist, eine kleine Gabe ... Hier!« Er griff in eine Tasche seines 
Wamses und holte drei Goldstücke hervor, die er den Burgwächtern 
hinhielt. 

Der Sprecher nahm die Goldstücke entgegen. »Ist das alles?« 
»Mehr besitze ich nicht.« 
Ein belustigtes Lächeln kräuselte die Lippen des Wächters. »Seine 

gesunden Glieder scheinen ihm nicht viel wert zu sein«, sagte er zu 
seinen Kumpanen. 

Die anderen drei lachten rauh. Der jüngere Mann zuckte 

zusammen, blickte irritiert von einem zum anderen. 

»Pack dich«, sagte der Sprecher der Burgwächter zu ihm. Er 

beachtete ihn nicht länger und wandte sich der vornehm gekleideten 
Frau zu, die sich schwer auf ihre Zofe stützte. Bevor er jedoch etwas 
zu ihr sagen konnte, machte der jüngere Mann einen Schritt nach 
vorne. 

»Wartet«, sagte er hastig. »Ich ...« 
Ruckartig wandte sich der Burgwächter zu ihm um. »Du bist ja 

immer noch da! Habe ich dir nicht gesagt, daß du verschwinden 
sollst?« 

»Aber...« 

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»Kein >Aber<! Deine drei lächerlichen Goldstücke kommen einer 

Beleidigung gleich. Und darum sage ich es noch einmal: Hinweg mit 
dir!« 

Der jüngere Mann fuchelte erregt mit einer seiner Krücken in der 

Luft herum. »Ich flehe Euch an, habt Mitleid ...« 

»Ah«, fuhr ihm der Burgwächter über den Mund, »du bedrohst 

mich mit dem Stock. Das soll dir übel bekommen, Bube!« Seine 
rechte Hand schoß nach vorne, packte den Krückstock und riß ihn 
seinem Besitzer aus der Hand. Dann hob er die Krücke und drosch 
sie dem Lahmen über den Kopf. »Nimm das als Lehre, 
unverschämter Krüppel!« Noch einmal schlug  er hart zu, dann warf 
er den Krückstock von der Zugbrücke in den Graben. 

Der junge Mann hatte eine Hand hochgerissen, um sich vor den 

Schlägen zu schützen. Als er sie jetzt wieder sinken ließ, klebte Blut 
daran, das aus einer klaffenden Wunde an der Schläfe floß. Tränen 
schössen ihm aus den Augen. Er stieß einen Laut aus, der an ein 
waidwundes Tier erinnerte, und wandte sich dann ab. Sich mühevoll 
auf die eine Krücke stützend, die ihm noch verblieben war, humpelte 
er den Weg zurück, den er gekommen war. 

»Nun, werte Dame?« wandte sich der Sprecher der Burgwächter 

wieder der vornehm gekleideten Frau zu. 

Angst nistete in den Augen der Kranken, die schreckliche Angst, 

ebenfalls abgewiesen zu werden. Sie wollte etwas sagen, brachte 
aber keinen Ton über die zitternden Lippen. 

»Meine Herrin leidet an einem Geschwulst«, sagte die Zofe an 

ihrer Stelle. »An einem Geschwulst, das wächst und wächst und ...« 

Die Frau, blaß wie der Tod selbst, streckte mit einer schwachen 

Geste eine Hand aus. Darin ruhte ein praller Beutel aus hellem 
Ziegenleder, der mit einer Goldschnur zugebunden war. »Bitte, 
nehmt... das«, sagte sie mit matter Stimme. 

Das ließ sich der Burgwächter nicht zweimal sagen. Schon hatte er 

den Beutel an sich gerafft und geöffnet. Kostbare Steine und 
goldenes Geschmeide blinkten ihm entgegen. Er stieß einen 
anerkennenden Pfiff aus und lächelte befriedigt. 

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»Ihr erweist unserem Heiligtum die Ehre, die ihm gebührt«, lobte 

er. »Allerdings ...« 

»Allerdings?« wiederholte die Frau mit einer Stimme, die ihr vor 

lauter Furcht kaum aus der Kehle wollte. 

Der Wächter zeigte auf das Haar der Frau, das durch eine große 

Spange aus purem Gold zusammengehalten wurde. »Dieses 
Schmuckstück könnte einen wesentlichen Beitrag zum angestrebten 
Heilungserfolg leisten«, sagte er unmißverständlich. 

Hastig griff die Frau in ihr Haar und nestelte die Spange aus den 

schwarzen Locken. 

»Und der Ring, den Ihr da am Finger tragt, ebenfalls«, fügte der 

Wächter hinzu. 

Auch der Ring wechselte sogleich den Besitzer. Mit traurigen 

Augen sah die Frau zu, wie das Schmuckstück zu den übrigen in den 
Lederbeutel wanderte und unter dem Waffenrock des Burgwächters 
verschwand. 

»Ihr dürft passieren«, sagte der Mann. »Und möge Euch das Glück 

lächeln, das Ihr hier zu finden hofft.« 

Die anderen drei Wächter traten zur Seite und gaben den beiden 

Frauen den Weg zum Burghof frei. 

Die ganze Zeit über hatten die beiden kräftigen Männer an der 

Trage im Hintergrund gestanden. Nun waren sie an der Reihe. Mit 
verkniffenem Gesicht ließ der Anführer der Burgwächter seine 
Blicke über die abgetragene, einfache Kleidung der beiden schwei-
fen. Bei ihnen gab es nicht viel zu holen, das erkannte er sofort. Sie 
waren arm wie die Kirchenmäuse. Aber das mußte noch nichts 
besagen. Es ging um den alten Mann auf der Trage. Viel war von 
ihm nicht zu erkennen. Sein Körper wurde von einer Decke verhüllt, 
die bis zum Hals hochgezogen war. Das Gesicht, hohlwangig, 
abgemagert und mit Augen, die tief in den Höhlen lagen, war vom 
Tode gezeichnet. Sein umflorter Blick schien auf Gefilde gerichtet zu 
sein, die schon nicht mehr in der diesseitigen Welt angesiedelt 
waren. 

»Was fehlt ihm?« fragte der Wächter, »Er stirbt«, antwortete einer 

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der Träger. 

»Wir müssen alle sterben«, sagte der Wächter und zuckte die 

Achseln. »Obgleich es natürlich Wunder gibt, die den Tod auf 
unbestimmte Zeit vertreiben können. Er ist euer Herr?« 

»Unser Vater.« 
»Euer Vater, so, so.« Der Burgwächter begriff, daß der Alte 

genauso ein armer Schlucker war wie die beiden Burschen. Er würde 
kaum in der Lage sein, den geforderten Mindesttribut zu zahlen. 

Die Bestätigung für diese Annahme ließ nicht lange auf sich 

warten. 

»Wir haben kein Gold und kein Geschmeide«, sagte der eine Sohn. 

»Wir haben nur unsere Hände, mit denen wir kräftig zupacken 
können. Diese unsere Hände stellen wir zur Verfügung.« 

»Ihr wollt eure Schuld... abarbeiten?« 
»Ja. Für das Leben unseres Vaters sind wir bereit, uns zu plagen 

und zu schinden, bis uns die Haut von den Knochen fällt.« 

Der Burgwächter lachte. »Wir verfügen über genügend Leibeigene, 

die ihren Frondienst leisten, ohne dreiste Forderungen zu stellen. 
Wenn ihr sonst nichts anzubieten habt... Macht gefälligst, daß ihr uns 
aus den Augen kommt!« 

»Ihr seht kalten Herzens zu, wie unser Vater stirbt?« 
»Was kümmert uns der Alte? Auch ihr solltet froh sein, wenn er 

endlich unter der Erde ist. Ein nutzloser Esser weniger!« 

In den Augen des jungen Burschen blitzte es auf. »Ihr seid keine 

Menschen. Ihr seid elende ...« 

Weiter kam er nicht. Der Burgwächter machte einen Schritt nach 

vorne und verabreichte ihm einen Faustschlag mitten ins Gesicht. 
Der Schlag war so wuchtig, daß der Bursche zurücktaumelte. Er war 
nicht länger in der Lage, die Trage zu halten. Sie glitt ihm aus den 
Händen und schlug mit dem einen Ende auf dem Holz der Brücke 
auf. Der alte Mann rutschte hinunter, und bevor der andere Sohn ihn 
packen konnte, lag er bereits schwer auf dem Boden. 

»Vater!« 
Die Stimme des Burschen war ein Aufschrei des Schmerzes und 

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des wild lodernden Zornes. Er ließ die leere Trage fallen und stürzte 
sich blind vor Wut auf den Burgwächter. 

Der war auf diesen Angriff nicht vorbereitet. Er konnte nicht 

verhindern, daß ihn der Bursche an der Kehle packte und mit sich zu 
Boden riß. 

»Du gnadenloser, mörderischer Schurke! Ich ... bringe dich um!« 
Wie die Backen eines Schraubstockes schlossen sich die Hände des 

Burschen um den Hals des Wächters und drückten zu. 

»Helft... mir«, röchelte dieser, während ihm bereits die Augen aus 

den Höhlen traten. 

In die drei anderen Wächter kam jetzt Bewegung. Wie ein Mann 

rückten sie gegen den Rasenden vor. 

Aber da war auch noch der andere Bursche. Er hatte den 

Faustschlag ins Gesicht inzwischen überwunden, war bereit, seinem 
Bruder zu Hilfe zu eilen. Aus Mund und Nase blutend, stellte er sich 
den drei Männern entgegen, mit geballten Fäusten und 
vorgeschobenem Kopf. 

Die Wächter zögerten, verhielten ihren Schritt. Die wilde 

Kampfentschlossenheit des Burschen gab ihnen zu denken. Aber ihr 
Zögern währte nicht lange. Der eine von ihnen riß sein Schwert aus 
dem Gehenk. Schon hob er die Klinge zum tödlichen Streich. 

»Weg da, sonst...« 
Der junge Bursche wagte das Unmögliche. Er machte einen 

mächtigen Satz, versuchte dem Gegner in den Arm zu fallen. Es 
gelang ihm nicht. Der Wächter wich dem stürmischen Angriff durch 
eine geschickte Körperdrehung aus. Dann wirbelte seine blitzende 
Klinge durch die Luft. Röchelnd brach der Bursche zusammen. Noch 
einmal bäumte er sich auf, fiel dann jedoch todesmatt zurück und 
rührte sich nicht mehr. 

Sein Bruder erkannte, daß es ihm nun an den Kragen ging. Er ließ 

den Wächter, den er am Hals gepackt hatte, los und sprang hoch. Zu 
einer weiteren Aktion kam er nicht. Abermals zuckte die 
Schwertklinge nach vorne und bohrte sich tief in seine Brust. Als der 
Wächter sein Schwert zurückzog, war er bereits tot. 

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Schweratmend kam der Anführer wieder auf die Füße. Er hielt sich 

seinen malträtierten Hals. 

»Elendes Gesindel«, stieß er krächzend hervor und versetzte dem 

Toten einen erbitterten Fußtritt. 

Der Wächter mit dem Schwert steckte seine Waffe in die Scheide 

zurück. »Mut hatten sie, das muß man ihnen lassen«, sagte er. »Was 
machen wir jetzt mit ihnen?« 

»Wir ziehen die Zugbrücke hoch, dann erledigt sich das Problem 

von selbst!« 

Als sich die Brücke nach vorne neigte, stürzten die beiden Toten in 

den Graben. Und ihr hilfloser Vater ebenfalls. 

»... und so entrissen mir die Getreuen des Grafen den Schrein mit 
dem Schwarzen Stein und schleppten ihn davon«, kam der Abt 
Albian zum Abschluß seiner Schilderung. 

Roland, Graf Eduard und der Ritter Richard saßen dem Oberhaupt 

des Klosters in dessen Zelle gegenüber. Es sprach für die 
Bescheidenheit des nicht mehr jungen, grauhaarigen Mannes, daß er 
seine herausragende Stellung als Abt des Klosters in keiner Weise zu 
seinem Vorteil nutzte. Seine Zelle war genauso karg und spartanisch 
eingerichtet wie die des niedrigsten Novizen. Der Grundsatz, daß vor 
dem Herrn alle Brüder gleich waren, wurde von ihm nicht nur als 
Lippenbekenntnis betrachtet. Er lebte auch danach. 

Graf Eduard war über all das, was er gehört hatte, besonders 

empört. Über die erste Enttäuschung, daß die Wunde an seinem Arm 
nun noch weiter schwären und ihn mit bösartigen Schmerzen plagen 
würde, war er mittlerweile halbwegs hinweg. Nicht verwunden hatte 
er jedoch, daß sich ausgerechnet ein Angehöriger seines eigenen 
hohen Standes für das Geschehene verantwortlich zeichnete. 

»Dieser Graf Kasimir«, fragte er wütend. »Was ist das für ein ... 

Kerl?« 

»Es steht mir nicht zu, über die weltlichen Herren zu richten«, 

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erwiderte Albian. »Aber was Graf Kasimir betrifft... Nun, es gibt 
wenig Grund, seiner Herrschaft Respekt zu zollen. Er ist und bleibt 
das, was er immer war: ein Raubritter, der es mit List und Tücke 
geschafft hat, vom Herzog mit einer Grafschaft belehnt zu werden.« 

»Der Kerl ist eine Schande für den gesamten Fürstenstand«, 

schnaubte Eduard. 

»Warum hat Kasimir Euer Heiligtum in seinen Besitz gebracht?« 

erkundigte sich Roland. 

»Diese Frage ist sehr einfach zu beantworten«, erwiderte der 

grauköpfige Abt. »Der Schwarze Stein ist für den Grafen eine 
Goldquelle, die niemals versiegt. Zu uns ins Kloster konnte 
jedermann kommen, der von Gebrechen und Krankheit geplagt 
wurde. Ein reines Herz und eine kleine Gabe zu Ehren des Herrn, 
mehr verlangten wir nicht. Wer reich war, gab mehr, wer arm war, 
gab weniger. Und derjenige, der gar keine irdischen Güter sein eigen 
nannte, konnte der Wundertätigkeit des Steins auch dann teilhaftig 
werden, wenn er gänzlich mit leeren Händen kam. Damit hat es nun 
jedoch ein Ende. Kasimir wird die Hilfesuchenden schröpfen, wie es 
tausend Blutegel nicht zuwege brächten.« 

»Der Schwarze Stein ist also auch weiterhin frei zugänglich?« 
»Für diejenigen, die dafür bezahlen können, ja. Kasimirs Burg ist 

der neue Wallfahrtsort.« 

»Habt Ihr nicht beim Herzog Klage gegen den dreisten Räuber 

geführt, ehrwürdiger Abt?« erkundigte sich Roland. 

»Gewiß. Einer unserer Brüder hat sich gleich nach dem Überfall 

auf den Weg zum herzoglichen Schloß gemacht. Aber ob er jemals 
dort angekommen ist?  Ich halte es durchaus für möglich, daß die 
Schergen Kasimirs unseren Sendboten abgefangen haben. Und selbst 
wenn das nicht der Fall ist, was soll der Herzog schon tun? Kasimirs 
Burg kann einer herzoglichen Belagerung für lange, lange Zeit 
trotzen.« 

Trotz  dieser bösen Nachrichten hatte sich die finstere Miene 

Herzog Eduards etwas aufgehellt. Und auch der Ritter Richard 
blickte wieder etwas hoffnungsvoller drein. Roland verstand die 

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beiden Männer, die natürlich in erster Linie an die Aussichten für die 
Heilung ihrer Leiden dachten. Und wie es aussah, waren diese 
Aussichten noch nicht gänzlich dahin. 

»Ihr meint, wir sollten unsere Wallfahrt bis zur Burg Kasimirs 

fortsetzen?« fragte Roland den Grafen, dessen Schutz ihm König 
Artus anbefohlen hatte. 

Eduard nickte langsam. »Auch wenn wir das Verbrechen des 

Kasimir dadurch unterstützen, bleibt uns wohl keine andere 
Möglichkeit. Oder seht Ihr eine solche, Roland?« 

»In der Tat sehe ich eine solche Möglichkeit«, erwiderte der Ritter 

mit dem Löwenherzen. 

Die  anderen drei Männer sahen ihn voller Spannung und 

Erwartung an. 

»Sprecht, Roland!« 
»Graf Kasimir hat den Schwarzen Stein geraubt. Sein Besitz des 

Heiligtums ist also ein schreiendes Unrecht.« 

»Das bedarf keiner Frage«, bestätigte der Abt. »Kasimir ist nicht 

nur ein Räuber, sondern auch ein Mörder. Einer unserer Brüder 
wurde von seinen Getreuen kaltblütig gemeuchelt.« 

»Dann wäre es nicht mehr als recht und billig, wenn man Gleiches 

mit Gleichem vergilt«, sagte Roland. 

»Ihr wollt...« 
»... dem Übeltäter den Schwarzen Stein wieder abjagen«, 

vervollständigte der Ritter mit dem Löwenherzen. »Und sei es mit 
Gewalt und nötigenfalls auch Blutvergießen!« 

Albian, der Abt, seufzte. »Laßt diese Absicht fallen, Ritter. Die 

Getreuen Kasimirs verstehen sich auf ihr kriegerisches Handwerk. 
Niemals wird es Euch gelingen, wider ihren Willen in des Grafen 
Burg einzudringen und ihm die Reliquie zu entreißen. Ein Versuch 
wäre Euer sicherer Tod.« 

Roland lächelte. »Ich bin anderer Ansicht. In der Tat wäre es 

töricht, Kasimirs Burg zu stürmen. Aber wenn ich als Pilger komme, 
der angeblich krank ist und die Hilfe des Steins in Anspruch nehmen 
will, wird man mich gewiß einlassen. Und wenn ich mich erst einmal 

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innerhalb der Burgmauern befinde und weiß, wo ich den Stein zu 
suchen habe ...« 

Der Abt war vom Gelingen des Planes keineswegs überzeugt. »Ihr 

unterschätzt den Grafen, Ritter. Gesetzt den Fall, Ihr schafft es 
tatsächlich, den Stein in Eure Hand zu bekommen ... Glaubt Ihr 
wirklich, Kasimir würde zulassen, daß Ihr damit entflieht? Niemals 
könntet Ihr die Burg wieder verlassen!« 

»Das laßt nur meine Sorge sein. Auch ich verstehe mich ein wenig 

auf das Kriegshandwerk.« 

»Ein wenig?« wiederholte Graf Eduard. »Ihr seid der formidabelste 

Kämpfer, der mir jemals begegnete. Ja, wenn es einem gelingen 
kann, den Schwarzen Stein zurückzubringen, dann Euch! Was meint 
Ihr, Ritter Richard?« 

Es war keine ritterliche Freundschaft, die Roland und Richard 

miteinander verband. Auf der langen Reise zum Kloster waren sie 
mehrmals heftig aneinandergeraten. Aber auch Richard wußte um die 
unvergleichliche Stärke und Kampfkraft seines Standesbruders. 

»Ja«, sagte er, »wenn es einem gelingen kann, dann Roland!« Er 

blickte den Ritter mit dem Löwenherzen an. »Sehe ich es recht, daß 
Ihr allein zu reiten gedenkt?« 

»Nur meine beiden Knappen werden mich begleiten, ja.« 
»Und wann wollt Ihr aufbrechen?« 
»Gleich morgen.« 
»Hm«, machte Richard und setzte eine nachdenkliche Miene auf. 

»Es kann Tage dauern, bis Ihr mit dem Stein zurück seid, nicht 
wahr?« 

Roland zuckte die Achseln. »Ich hoffe natürlich, mein Vorhaben so 

schnell wie möglich zu verwirklichen. Blinder Eifer aber schadet nur. 
Ich muß die günstigste Gelegenheit abpassen, um den Stein in 
meinen Besitz zu bringen. Und das kann in der Tat Tage dauern.« 

»So lange kann ich nicht warten«, sagte Richard. Er legte die 

rechte Hand auf sein Herz und verzog peinvoll das Gesicht. »Meine 
Schmerzen werden jetzt immer stärker. Ich muß damit rechnen, daß 
es stündlich mit mir zu Ende geht.« 

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Graf Eduard zog die Augenbrauen hoch. »Ihr habt uns nie gesagt, 

daß es so schlimm um Euch steht, Richard.« 

»Es ist nicht meine Art, zu jammern und zu klagen«, gab der junge 

Ritter zurück. 

»Was wollt Ihr denn jetzt tun?« 
»Ich werde unverzüglich zur Burg dieses Grafen Kasimir reiten. 

Vielleicht kann mich der Schwarze Stein noch retten.« 

»Unverzüglich?« 
»Noch heute abend!« 
Der Abt beugte sich vor. »Seid Ihr darauf vorbereitet, einen hohen 

Tribut zu zahlen, Ritter?« 

Richard nickte. »Ich bin kein armer Mann. Auch Euer Kloster hätte 

ich mit einem großzügigen Dankesgeschenk bedacht, ehrwürdiger 
Abt. Würdet Ihr mir den Weg zur Burg des Grafen beschreiben?« 

Schon eine Stunde später verließ der junge Ritter das Kloster zum 

Schwarzen Stein. 

Roland und Graf Eduard setzten die übrigen Wallfahrer in 

Kenntnis. Die tiefe Niedergeschlagenheit Bruder Gotthilfs und des 
Kaufmanns Mehlsack legte sich etwas. Sie hatten Roland als einen 
Mann kennengelernt, der seine Ziele mit Beharrlichkeit verfolgte und 
erreichte. Sie hofften nun darauf, daß es ihm gelingen würde, den 
wundertätigen Stein wieder herbeizuschaffen. So lange würden sie 
im Kloster bleiben und auf seine Rückkehr von der Schwarzenburg 
warten. 

Natürlich wollte Roland auch der schönen Eloise Bescheid sagen. 

Aber er fand die Jungfer nicht. 

»Was ist nur los mit ihr?« wunderte er sich. »Erst vorhin dieser 

unerklärliche Freudenausbruch, und nun scheint sie der Erdboden 
verschluckt zu haben!« 

Dem war aber doch nicht so. Der Mönch im Wachhäuschen wußte 

zu berichten, daß Eloise vor kurzer Zeit das Kloster verlassen hatte, 
um draußen einen Spaziergang zu machen. 

Kopfschüttelnd nahm es Roland zur Kenntnis. »Aber das ist doch 

viel zu gefährlich!« Er warf einen Blick zum Himmel, an dem die 

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Sonne längst untergegangen war. Es herrschte dämmriges Zwielicht, 
das sehr schnell der abendlichen Dunkelheit Platz machen würde. 
Obwohl die Wallfahrer inzwischen am Ziel ihrer langen Reise 
angekommen waren, und Roland seine Aufgabe damit eigentlich 
erfüllt hatte, fühlte er sich doch noch immer für das Wohl aller 
verantwortlich. Deshalb faßte er den Entschluß, das Mädchen zu 
suchen. 

Seine beiden treuen Knappen Pierre und Louis wollten ihn 

begleiten, aber das hielt Roland nicht für erforderlich. »Ruht euch 
aus und legt euch alsbald zum Schlafen nieder«,  wies er sie an. 
»Morgen in aller Herrgottsfrühe brechen wir zur Burg Graf Kasimirs 
auf.« 

Während der Wallfahrt war es ihm nicht erlaubt gewesen, eine 

Waffe zu tragen, weil Friedfertigkeit als erstes Gebot gegolten hatte. 
Nun aber war er der Verpflichtung  zur Waffenlosigkeit wieder 
entbunden. Die Klosterbrüder pflegten zwar nicht zu kämpfen, 
besaßen aber in ihren Lagerräumen doch einige Waffen. Dabei war 
auch ein Schwert, das sich Roland umgürten konnte. Als er die 
Waffe an seiner Hüfte spürte, fühlte er sich seit Wochen zum ersten 
Mal wieder wie ein richtiger Ritter. 

Kurz darauf ließ er sich die Klosterpforte öffnen und trat hinaus in 

die Dämmerung. Von dem Mönch im Wachhäuschen wußte er, daß 
sich Eloise nach rechts gewandt hatte. Auch er schlug diesen Weg 
ein. Kräftig schritt er aus. 

In einiger Entfernung sah er die schattenhaften Konturen eines 

kleinen Waldstücks. Sein Gefühl sagte ihm, daß er das gesuchte 
Mädchen dort finden würde. Er ließ den kleinen Berg, an dessen Fuß 
das Kloster lag, rechts liegen und wandte sich den Bäumen zu. 

Er war noch gar nicht weit gekommen, als ihm klar wurde, daß er 

sich geirrt hatte. Hinter sich hörte er eine Stimme. 

Eine Frauenstimme! 
Ruckartig blieb Roland stehen und fuhr herum. Mit fast 

zusammengekniffenen Augen versuchte er, das immer stärker 
werdende Dunkel zu durchdringen. Und er konnte jetzt auch etwas 

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erkennen. Ein Stück den Hügel hinauf, nahm er eine Bewegung 
wahr. Zwei Gestalten schienen es zu sein, zwei Gestalten, die ganz 
offenbar einen Kampf miteinander ausfochten. 

Roland zögerte keine Sekunde länger. Er setzte sich in Bewegung 

und lief, so schnell er nur konnte, den Abhang hinauf. Dabei griff er 
nach dem Schwert und zog es aus der Scheide. Innerhalb weniger 
Augenblicke war er heran. 

Ja, er hatte richtig gesehen. Da waren zwei Menschen in einer 

kleinen, mit Gras bewachsenen Mulde, ein Mann und eine Frau. Die 
Frau lag auf dem Rücken, und der Mann hockte über ihr. Und trotz 
der schlechten Sichtverhältnisse blieb Roland nicht verborgen, daß 
die Frau halb nackt war. Die Frage, was der Mann mit ihr vorhatte, 
beantwortete sich damit von selbst. 

Es war zu dunkel, um die Gesichter erkennen zu können. Aber 

Roland zweifelte nicht eine Sekunde daran, daß es sich bei der Frau 
um die schöne Eloise handelte. Ihr kleiner Spaziergang war zu einem 
schrecklichen Erlebnis geworden. Aber wie es schien, war er gerade 
noch rechtzeitg gekommen, um das Schlimmste zu verhindern. 

Die beiden hatten seine Annäherung anscheinend noch gar nicht 

bemerkt. Aber das sollte sich jetzt schnell ändern. Roland hätte den 
Wüstling sofort mit dem Schwert erledigen können. Es war jedoch 
nicht seine Art, jemanden von hinten mit der Waffe in der Hand 
anzugreifen. Deshalb versetzte er dem Mann nur einen derben Stoß, 
der diesen seitlich ins Gras stürzen ließ. 

Die Frau schrie auf, laut und durchdringend. Ja, es war Eloise. 

Roland erkannte ihre Stimme. Er wollte auf sie zutreten, kam aber 
gar nicht dazu. Der Wüstling war überraschend schnell wieder auf 
den Füßen. Er knurrte etwas Unverständliches und machte eine 
schnelle Handbewegung. Dann blinkte auch in seiner Hand ein 
Schwert auf. 

Roland war leicht überrascht. Anscheinend hatte er es mit einem 

Ritter zu tun. Dadurch wurde sein Zorn aber nicht geringer, ja, er 
steigerte sich sogar noch. Ein Kerl, der unschuldige Frauen überfiel 
und ihnen Gewalt antun wollte, verdiente die Ritterwürde nicht. 

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Da griff der schurkische Ritter an, wild und ungestüm. Mit einem 

mächtigen Hieb wollte er Roland den Garaus machen. Aber der 
Ritter mit dem Löwenherzen ließ sich nicht überraschen. Rechtzeitig 
riß er sein eigenes Schwert hoch und parierte die Attacke seines 
Widersachers. Er konnte jedoch nicht verhindern, daß er zwei, drei 
Schritte zurücktaumelte. 

Teufel auch, das Schwert, das man ihm im Kloster gegeben hatte, 

war viel leichter, als er es gewohnt war! Daran mußte er sich erst 
einmal gewöhnen. 

Sein Gegner sah sich offenbar bereits auf der Siegerstraße. Er 

lachte triumphierend und setzte sofort nach. Wieder mußte sich 
Roland seiner wuchtigen Hiebe erwehren. 

Er hatte Mühe dabei, denn das viel zu leichte Schwert lag ihm 

nicht richtig in der Hand. Und er konnte auch nicht leugnen, daß der 
fremde Ritter eine vorzügliche Klinge schlug. Ganz wieder Willen 
wurde er immer weiter den Abhang hinuntergetrieben. 

»Ich ... spalte dir den Schädel, du Spitzbube!« stieß sein 

Widersacher keuchend hervor. 

Aber dazu wollte es Roland ganz gewiß nicht kommen lassen. 

Langsam bekam er ein gewisses Gefühl für das ungewohnte Schwert. 
Und sofort sah er besser aus. Er brauchte sich nicht mehr nur auf die 
Verteidigung zu beschränken, konnte seinerseits ein paar 
Angriffschläge austeilen. Der andere Ritter verstand sich jedoch auch 
auf die Verteidigung. Rolands erste Attacken führten zu nichts, 
wurden samt und sonders abgewehrt. 

Weiter und weiter ging der Kampf. Die Funken stoben, als Stahl 

gegen Stahl geschmettert wurde. Grasbüschel wurden in die Luft 
gewirbelt, als die Füße der Männer vor- und zurückstampften. 

Langsam, aber sicher gewann Roland die Oberhand. Er wich jetzt 

nicht weiter zurück, sondern schaffte es, den verlorenen Boden 
wieder gut zu machen. Schlagend und stechend trieb er seinen 
Gegner den Hügel wieder hinauf. 

Verbissen wehrte sich der andere Ritter. Aber es war ihm deutlich 

anzumerken, daß nun er große Mühe hatte, den Kampf halbwegs 

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offen zu gestalten. Sein Keuchen wurde lauter und heftiger. Und von 
seinem anfänglichen triumphierenden Lachen war nichts mehr zu 
hören. 

Jetzt waren die beiden Männer fast wieder bei der Mulde 

angelangt. Roland hatte gedacht, daß die schöne Eloise inzwischen 
davongelaufen wäre, um Zuflucht im Kloster zu suchen. Aber das 
war nicht so. Die junge Frau hatte sich erhoben und ihre Blößen 
bedeckt, harrte jedoch an Ort und Stelle aus. Ihr Anblick spornte 
Roland an, den Kampf nun endlich siegreich zu beenden, der 
ohnehin für seinen Geschmack schon viel zu lange dauerte. 

Er holte tief Luft und deckte seinen Gegner dann mit einem 

solchen Schlaghagel ein, daß diesem Hören und Sehen verging. Für 
den fremden Ritter gab es jetzt nur noch eine Losung: zurück, 
zurück, zurück ... 

Und dann gab es kein weiteres Zurück mehr. Rolands Gegner 

geriet ins Stolpern, torkelte, ruderte mit den Armen in der Luft. Aber 
er schaffte es nicht, sich auf den Beinen zu halten. Rücklings stürzte 
er in die Mulde  - genau vor die Füße der schönen Eloise. 
Erschrocken schrie das Mädchen auf. 

Mit erhobenem Schwert trat Roland an den Rand der Mulde. 

»Habe ich dich, Wüstling«, sagte er grimmig. 

Der Besiegte lag flach auf dem Rücken und atmete schwer. Er 

wußte, daß er geschlagen war und machte keine Anstalten, 
aufzuspringen. 

Eloise schlug die Hand vor den Mund. »Ritter Roland, seid ... ihr 

das? Erst jetzt erkenne ich Euch!« 

»Ja, mein Fräulein«, erwiderte Roland und richtet die Spitze seines 

Schwerts auf die Brust des Niedergestreckten. 

»Nein!« gellte die Stimme des Mädchens in seinen Ohren. »Um 

des Himmels Willen, tötet ihn nicht!« 

Das hatte Roland ohnehin nicht vorgehabt. Niemals wäre es ihm 

eingefallen, einem Wehrlosen kaltblütig die Klinge ins Herz zu 
stoßen. Dennoch überraschte ihn die Aufregung des Mädchens. 

»Ihr habt Mitleid mit diesem Wüstling, der Euch aufgelauert hat, 

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um Euch Eure Ehre zu rauben?« wunderte er sich. 

»Er hat mir nicht aufgelauert und wollte mich auch keineswegs 

vergewaltigen, wie Ihr zu denken scheint«, erwiderte das Mädchen. 
»Ich habe mich hier mit ihm getroffen und wollte mich ihm durchaus 
freiwillig hingeben.« 

»Ihr wolltet...« Roland versagte die Sprache. 
»Der Mann, den Ihr beinahe getötet hättet, ist mein Bräutigam«, 

sagte die schöne Eloise. 

Vor Erstaunen wäre Roland beinahe das Schwert aus der Hand 

gefallen. 

Richard gönnte seinem Pferd keine Ruhepause. Er ritt die ganze 
Nacht hindurch, und als der Morgen graute, konnte er seiner 
Schätzung nach dem Ziel nicht mehr allzu fern sein. 

Ein Bauer auf dem Felde bestätigte ihm die Richtigkeit seiner 

Annahme. Zwar war er in der Dunkelheit ein Stück vom Wege 
abgekommen. Aber das ließ sich leicht verkraften. Mehr als zwei 
Stunden hatte er kaum verloren. Sein Vorsprung vor Roland war 
noch immer so groß, daß er bestimmt keine Schwierigkeiten haben 
würde, seinen Plan rechtzeitig zu verwirklichen. 

Die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch lange nicht erreicht, als 

er die Schwarzenburg vor sich liegen sah. Ein Mann wie er, der das 
prächtige Camelot kannte, war von dem Besitz des Grafen Kasimir 
nicht sonderlich beeindruckt. Die Schwarzenburg bestand aus einem 
großen Donjon, der von zwei Wachtürmen flankiert wurde. 
Umgeben wurde die ganze Anlage von einer hohen Mauer aus 
dunklem Felsgestein. Rundum lief ein sehr breiter Graben, der mit 
schmutzigem, schlammigen Wasser angefüllt war. Große Ehre 
konnte der Graf mit seiner Burg nicht einlegen. Aber das mochte sich 
bald ändern. Die Reichtümer, die ihm der Schwarze Stein 
höchstwahrscheinlich einbrachte, würden seine Ansprüche gewiß 
steigen lassen. 

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Richard lenkte sein Pferd den kleinen, künstlich angelegten Hügel 

hinauf, der dem Burgtor mit der Zugbrücke gegenüberlag, und 
machte halt. 

Natürlich waren die Burgwächter längst auf ihn aufmerksam 

geworden. Richard grüßte hinüber und bat, eingelassen zu werden. 

Zunächst wurde seiner Bitte ein abschlägiger Bescheid beschieden. 
»Geduldet Euch noch so lange, bis sich andere einfinden«, wurde 

ihm zugerufen. »Wir lassen nicht für jeden einzelnen Bittsteller die 
Brücke herunter.« 

Richard begriff. Die Burgwächter hielten ihn für einen Leidenden, 

der gekommen war, um die Hilfe des Schwarzen Steins zu erflehen. 
Mit einer gewissen Belustigung fragte er sich, ob er wirklich so 
schlecht aussah, daß man ihn für einen Kranken hielt. Wenn dem so 
war, dann brauchte er sich nicht zu wundern, daß Roland und die 
anderen Wallfahrer seiner Gruppe bisher keinen Argwohn geschöpft 
hatten und ihm seine vorgespielte Todesnähe nach wie vor 
abnahmen. 

»Ich bin kein Bittsteller«, rief er zur Burg hinüber. 
»Nicht? Was wollt Ihr denn?« 
»Ich muß mit Graf Kasimir sprechen!« 
»Über was?« 
»Das sage ich ihm lieber selbst«, antwortete Richard. »Nur so viel: 

es geht um den Schwarzen Stein!« 

Die Burgwächter berieten sich miteinander. Wie es aussah, hatten 

Richards Worte Eindruck auf sie gemacht. Es dauerte nicht lange, 
dann wurde die Zugbrücke tatsächlich heruntergelassen. 

Richard lächelte befriedigt und ritt zur Schwarzenburg hinüber. 

Die Wächter wollten jetzt Näheres von ihm erfahren. Aber er 
weigerte sich standhaft, ihnen Auskunft zu geben. Und als sie ihm 
daraufhin nicht zum Burgherren vorlassen wollten, sah er sich 
gezwungen, einen außerordentlich scharfen Ton anzuschlagen. 

»Euer Herr würde es Euch nie verzeihen, wenn Ihr mich nicht mit 

ihm reden laßt, Ihr Narren. Es geht nicht nur um den Schwarzen 
Stein, es geht auch um sein Leben!« 

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Das genügte. Wenig später wurde Richard von zwei gräflichen 

Getreuen zu Kasimir gebracht. 

Der Burgherr war gerade dabei, sich einem kühlen Trunk zu 

widmen. Eine junge Frau mit prallem Busen, der fast ganz aus ihrem 
tief ausgeschnittenen Kleid gerutscht war, leistete ihm dabei 
Gesellschaft. Augenscheinlich war sie nicht die Gemahlin des 
Grafen, sondern ein wohlfeile Gespielin, die sich die derben 
Liebkosungen ihres Herrn kichernd gefallen ließ. 

Auch als Richard schon im Raum stand und die beiden Getreuen 

wieder gegangen waren, hörte Kasimir nicht auf, an der Frau 
herumzutätscheln. Richard dachte sich bei diesem unziemlichen 
Verhalten sein Teil. Dieser Kasimir mochte es zum Grafen gebracht 
haben, aber er war gewiß nicht von noblem Geblüt. Er konnte seine 
Vergangenheit als Strauchritter nicht verbergen. 

Der Burgherr deutete auf einen Schemel und ließ Richard darauf 

Platz nehmen. 

»Ihr wolltet dringend  mit mir sprechen, Ritter... Wie lautete doch 

gleich Euer Name?« 

»Richard.« 
»Gut, Richard, so sprecht!« 
Richard bedachte die dralle Maid mit einem unwilligen Blick. »Es 

wäre mir lieber, wenn ich unter vier Augen mit Euch sprechen 
könnte, Herr Graf.« 

»So?«  Kasimir nahm die Hand von der Brust des Mädchens. »Geh, 

Jolanka!« 

Die junge Frau machte ein enttäuschtes Gesicht. Sicher hatte sie 

gehofft, Zeuge des anscheinend so bedeutsamen Gesprächs werden 
zu können. Aber das Wort ihres Gebieters war ihr Befehl. Sie  trollte 
sich, dabei hastig das Kleid vor dem Busen schließend. 

»Nun, Ritter Richard, seid Ihr jetzt zufrieden?« fragte der Graf, 

während er den Weinkrug an den Mund setzte. Er machte keine 
Anstalten, seinem Gast ebenfalls einen Trunk anzubieten. Auch das 
sprach dafür, daß sein fürstliches Benehmen manches zu wünschen 
übrig ließ. 

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»Ich komme geradewegs aus dem Kloster zum Schwarzen Stein«, 

eröffnete Richard das Gespräch. 

»Und wenn?« 
»Die Mönche sind nicht gewillt, den Raub ihres Heiligtums ...« 
»Raub?« fuhr der Graf dazwischen. »Wie könnt Ihr Euch 

erdreisten ...« 

Richard lächelte. »Ihr braucht mir nichts vorzumachen, Herr Graf. 

Aber ich bin gewiß nicht gekommen, um Euch anzuklagen. Vielmehr 
möchte ich Euch warnen!« 

Diese Worte beantwortete der Burgherr mit einem lauten Lachen. 

»Warnen wollt Ihr mich? Doch nicht etwa vor dem heiligen Zorn des 
Abts und seiner lächerlichen Betbrüder?« 

»Nicht die Mönche habt Ihr zu fürchten, Herr Graf. Wohl aber 

einen anderen Mann!« 

»Ich fürchte niemanden. Nicht einmal den Herzog!« 
»Habt Ihr jemals von einem Mann namens Roland gehört?« 

erkundigte sich Richard. 

»Roland, Roland ...« 
»Ritter Roland!« 
»Doch nicht jener, der den Drachen Fasolt erschlug und die blutige 

Gräfin zähmte?« 

»Nämlicher.« 
Graf Kasimir nickte langsam. »Von diesem Roland habe ich 

gehört. Er soll der mächtigste und mutigste Kämpfer sein, den man 
sich vorstellen kann.« 

»Ja«, bestätigte Richard. »Und eben dieser Roland wird im Auftrag 

der Mönche des Klosters zum Schwarzen Stein hierher kommen, um 
das Heiligtum zurückzuholen. Und um Euch zur Rechenschaft zu 
ziehen, Graf Kasimir!« 

Erneut setzte der Burgherr den Weinkrug an und trank hastig. Auf 

einmal war es um seine Ruhe und Gelassenheit geschehen. Er blickte 
hoch. »Warum habt Ihr mich gewarnt, Ritter Richard? Erhofft Ihr 
Euch eine Belohnung dafür?« 

»Ich erwarte mir nur eine Belohnung«, erwiderte der junge Ritter. 

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»Den Tod Rolands!« 

»So sehr haßt Ihr ihn? Warum?« 
»Haß?»echote Richard. »Nein, ich hasse ihn nicht. Aber ich habe 

andere Gründe, seinen Tod zu wünschen.« 

Richard nannte die Gründe nicht. Es ging diesen Raubgrafen nichts 

an, daß er von dem so edlen, würdigen Wilhelmus, seines Zeichens 
Ritter der Tafelrunde, den Auftrag bekommen hatte, Roland zu töten. 
Und noch viel weniger ging ihn an, daß er, Richard, die Wallfahrt ins 
Riesengebirge nur mitgemacht hatte, um eine günstige Gelegenheit 
zur Ermordung Rolands abzupassen. Alle Versuche jedoch, die er in 
dieser Richtung unternommen hatte, waren gescheitert. Nun jedoch, 
da die Wallfahrt praktisch schon zu Ende war, sah er doch noch eine 
Möglichkeit, den Ritter mit dem Löwenherzen aus dem Weg zu 
räumen. Und Graf Kasimir sollte dabei sein Werkzeug sein. 

Er erzählte dem Grafen, daß sich Roland als angeblich Todkranker 

in die Schwarzenburg einschleusen wollte. 

»Ihr werdet keine Schwierigkeiten haben, ihn zu überwältigen, 

Herr Graf«, sagte er anschließend. »Roland ahnt nichts davon, daß 
ich ihn verraten habe. Und es wäre mir sehr lieb, daß Ihr es ihm auch 
nicht sagt, wenn er sich in Eurer Gewalt befindet.« 

Kasimir lächelte. »Ihr fürchtet den Roland, nicht wahr?« 
Richard gab dies unumwunden zu. »Wenn er über mich Bescheid 

wüßte, würde er mir, ohne zu zögern den Schädel spalten!« 

»Keine Bange, Ritter Richard«, sagte der Burgherr immer noch 

lächelnd. »Dazu wird er keine Gelegenheit mehr bekommen!« 

Im Anschluß an dieses Versprechen bot der Graf seinem Besucher 

doch einen Becher Wein an. 

Während des Ritts zur Schwarzenburg, der so ereignislos verlief wie 
ein langer, traumloser Schlaf, hatte Roland ausgiebig Gelegenheit, 
über die Doppelbödigkeit des weiblichen Wesens nachzudenken. 
Eloise, die schöne junge Frau, die er schon von Anfang der Wallfahrt 

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an leidenschaftlich begehrt hatte, war für ihn und die anderen Pilger 
auch eine große Überraschung. Das schwere Leiden, von dem sie 
angeblich verzehrt wurde, war kein Gebrechen und keine Krankheit. 
Es war nichts anderes als - Liebeskummer. 

Nicht sie war krank gewesen, sondern ihr Bräutigam Ganelon, der 

Sohn eines provenzalischen Barons. Dieser Ganelon hatte auf den 
Tod danieder gelegen und sich schließlich entschlossen, zum Kloster 
zum Schwarzen Stein zu pilgern. Eloise war zu Hause geblieben, um 
auf seine Rückkehr zu warten. Und sie hatte ein heiliges Gelübde 
abgelegt, daß sie niemals einem anderen Mann angehören wollte, 
wenn Ganelon wieder gesund werden würde. Lange Monde waren 
vergangen, ohne daß sie eine Nachricht vom weiteren Schicksal ihres 
Bräutigams bekommen hatte. Dann war die Sehnsucht nach ihm in 
Eloise übermächtig geworden, und sie hatte sich Graf Eduards 
Wallfahrt angeschlossen, um selbst nach seinem Verbleib zu 
forschen. Wie groß war nun ihre Freude gewesen, als sie ihn im 
Kloster angetroffen hatte - fast gesundet. 

Es erfüllte Roland mit Bedauern, daß sie dadurch für ihn vollends 

unerreichbar geworden war. Andererseits jedoch besaß er ein großes 
Herz und freute sich mit ihr darüber, daß sie nun doch ihr Glück 
gefunden zu haben schien. Trotzdem, zu gerne hätte er mit Eloise die 
Minne gepflegt. 

»So nachdenklich, Ritter Roland?« riß ihn der Knappe Louis aus 

seinen Gedanken. »Denkt Ihr schon darüber nach, wie wir den 
Grafen Kasimir am besten überlisten können?« 

»Äh, ja, daran dachte ich«, antwortete der Ritter mit dem 

Löwenherzen. Louis, der glutäugige ehemalige Räuberhauptmann, 
war ein treuer Bursche, vor dem er normalerweise keine 
Geheimnisse hatte. Aber seine geheimsten Wünsche brauchte der 
Knappe auch nicht unbedingt zu erfahren. 

Aber Louis hatte recht. Es wurde in der Tat langsam Zeit, sich über 

das Vorgehen auf der Schwarzenburg ernsthafte Gedanken zu 
machen. Lange konnte es jetzt nicht mehr dauern, bis er, Louis und 
Pierre den Sitz des räuberischen Grafen erreicht haben würden. Früh 

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am Morgen waren sie vom Kloster aufgebrochen. Und nun, da sich 
der Tag langsam dem Ende zuneigte, waren sie ihrem Ziel nicht 
mehr fern. 

Über eins war sich Roland im klaren: Es würde nicht leicht 

werden, Kasimir den Schwarzen Stein abzujagen. Weder er noch 
seine beiden Knappen trugen Waffen bei sich, denn dies war Pilgern, 
die sich Hilfe von der Reliquie erwarteten, nicht gestattet. Die 
Kranken mußten sich dem Stein vollkommen reinen Herzens nähern, 
womit sich Waffenbesitz unter gar keinen Umständen vertrug. Louis 
hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, als er fragte, welche List 
Roland anzuwenden gedachte. List war der Schlüssel zum Erfolg, 
nicht Gewalt. 

In einem Rasthaus am Wegesrande machten die drei Gefährten ein 

letztes Mal halt. Vom Schankwirt erfuhren sie, daß sie bis zur 
Schwarzenburg nicht einmal mehr fünf Meilen zurückzulegen hatten. 
Noch vor Anbruch der Dämmerung also würden sie da sein. 

Inzwischen hatte Roland einige Überlegungen angestellt. Das 

Rasthaus war der geeignete Ort, die nötigen Vorbereitungen zu 
treffen. Roland  ließ sich von dem Wirt eine Blase mit frischem 
Ochsenblut und ein paar Leinentücher geben. Dann durchtränkte er 
eins der Tücher mit dem Blut und schlang es sich um den Kopf. 

Louis ahnte, auf was er hinaus wollte. »Ihr wollt Graf Kasimir 

erzählen, daß Ihr eine schwere Kopfverletzung erlitten habt?« 

»Eine Verletzung ganz besonderer Art«, nickte Roland. »Der 

Blutfluß ist nicht zu stillen, verstehst du? Die Wunde schließt sich 
nicht, und das Blut fließt und fließt... Ein gar schreckliches Leiden, 
das mich schon des öfteren ganz nah an den Rand des Todes geführt 
hat.« 

»Ich kenne diese Krankheit«, warf der dickliche Pierre ein. »Auf 

Camelot gab es einen Mann, der daran litt. Wenn er sich in den 
Finger schnitt, blutete die lächerliche kleine Wunde drei Tage lang. 
Eines Tages fiel er vom Pferd und riß sich dabei das ganze Bein auf. 
Er ist daran gestorben. Verblutet!« 

»Auch ich habe schon davongehört«, sagte Louis. »Man nennt es 

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Bluterkrankheit, nicht wahr?« 

»Egal, wie man es nennt«, erwiderte Roland. »In jedem Fall leide 

ich daran. Und wenn mir der Schwarze Stein nicht hilft, bin ich dem 
Tode geweiht.« 

Die drei Gefährten setzten ihren Ritt fort. Der Wirt hatte sich sogar 

noch verschätzt. Bis zur Burg Graf Kasimirs waren gerade noch 
knapp drei Meilen zurückzulegen. Als Roland und die beiden 
Knappen sie bewältigt hatten, sahen sie die auf einem Hügel 
gelegenen Trutzgebäude vor sich. 

Sofort als sie ins Blickfeld der Burg kamen, setzte Roland eine 

leidende Miene auf. Er ließ sich im Sattel zusammensinken und 
schwankte hin und her, ganz so, als könne er sich kaum noch auf 
dem Rücken seines Pferdes halten. 

»Wirke ich überzeugend?« fragte er. 
»Wenn Ihr meine Meinung hören wollt, Ritter Roland«, antwortete 

Louis. »Ich glaube kaum, daß Ihr die heutige Nacht überleben 
werdet!« 

»Gut so!« 
Die drei Männer ritten der Schwarzenburg entgegen. 

»Warum, zum Teufel, lassen sie nicht endlich die Zugbrücke 
herunter?« schimpfte Louis. »Unser Herr stirbt!« 

Der alte, unendlich müde aussehende Mann, der zusammen mit 

den Gefährten auf der künstlichen Anhöhe gegenüber dem Burgturm 
wartete, verzog das Gesicht. 

»Was ist ein Sterbender für Graf Kasimir?« sagte er. »Ein Nichts! 

Und wenn wir hier alle tot umfallen, würde er uns das Tor keinen 
Augenblick früher öffnen lassen, als es ihm beliebt.« 

Außer dem alten Mann warteten noch ein paar andere Personen auf 

das Herunterlassen der Brücke. Ein Aussätziger, der sich ganz abseits 
hielt, ein Mann vom Stande in Begleitung seines Dieners und ein 
junges, ärmlich gekleidetes Pärchen, das einen Säugling bei sich 

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hatte. 

Endlich hatten die Gräflichen ein Einsehen. Die Zugbrücke senkte 

sich nach unten. 

Der Adlige und sein Diener ritten zuerst hinüber, dann Roland mit 

seinen Knappen. Es folgten der alte Mann und das Pärchen, während 
der Aussätzige den Abschluß bildete. 

Vier Burgwächter erwarteten die Ankömmlinge am Ende der 

Zugbrücke. Scharf musterten sie jeden einzelnen von ihnen. An 
Roland blieben ihre Blicke besonders lange haften. Der Ritter mit 
dem Löwenherzen tat so, als nähme er davon kaum Notiz. Wie ein 
Häufchen Unglück hockte er im Sattel. Louis ging geschickt auf das 
Spiel ein, indem er ihn mit einer Hand stützte. 

Dann ging es zu wie auf einem Viktualienmarkt. Wer in die Burg 

eingelassen werden wollte, um zu dem Schwarzen Stein zu gelangen, 
mußte eine Tributzahlung leisten. Der Adlige war zuerst nicht bereit, 
sich den dreisten Forderungen der Gräflichen zu beugen. Ein 
schäbiges Feilschen und Handeln hob an, das schließlich mit einem 
zähneknirschenden Nachgeben des Bittstellers endete. Er und sein 
Diener durften auf den Burghof reiten. 

Danach waren Roland und seine Knappen an der Reihe. Die 

Gräflichen wollten wissen, an welchem Gebrechen der Ritter litt. 
Roland, ganz leidender Mann, überließ es seinen Knappen, die Frage 
zu beantworten. 

»Blutfluß, so, so«, sagte der Anführer der Wächter, nachdem ihn 

Louis ins Bild gesetzt hatte. »Eine seltene Krankheit. Und eine sehr 
schwer zu heilende Krankheit. Was ist deinem Herrn denn die 
Gesundung wert?« 

Louis feilschte nicht lange. Graf Eduard und die Klosterbrüder 

hatten Roland reichlich mit Geld und Gold ausgestattet. Niemand 
wollte riskieren, daß der Ritter mit dem Löwenherzen abgewiesen 
wurde. Die Summe, die Louis den Männern Graf Kasimirs zahlte, 
war zwar unverschämt, ebnete den Gefährten aber den Weg. 

Nicht so glücklich war das junge Paar mit dem Säugling. Als 

Roland und seine Knappen die Rampe zum Burghof hinunterritten, 

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hörten sie in ihrem Rücken das laute Schimpfen der Wächter und das 
herzerreißende Schluchzen der jungen Frau. Kein Zweifel, die Gaben 
des Paares hatten nicht ausgereicht, die gestrengen Gräflichen gnädig 
zu stimmen. Ihr krankes Kind würde nicht die Möglichkeit 
bekommen, die wundertätige Kraft des Schwarzen Steins auf sich 
einwirken zu lassen. Roland biß sich auf die Unterlippe. Diese 
Willkür, diese ausbeuterische Menschenverachtung mußte aufhören! 

Auf dem Burghof standen weitere Getreue des Grafen bereit, um 

die Ankömmlinge in Empfang zu nehmen. Louis war Roland 
behilflich, aus dem Sattel zu klettern, und dann nahmen sich zwei 
Pferdeknechte der Reittiere an. 

»Wollt Ihr Euch zunächst noch etwas ausruhen, bevor Ihr zu 

unserem wundertätigen Stein geht?« wurde Roland gefragt. 

»Es wäre mir lieber, wenn ich mich anschließend ausruhen 

könnte«, antwortete der Ritter mit dem Löwenherzen. Leid und Pein 
standen ihm dabei im Gesicht geschrieben. 

»Ganz wie es Euch beliebt, Ritter ... Mit wem haben wir die 

Ehre?« 

»Mein Name ist... äh ... Hugo«, sagte Roland. 
»Gut denn, Ritter Hugo. Wenn Ihr uns bitte folgen würdet...« Mit 

einer einladenden Handbewegung deutete der Sprecher der 
Gräflichen auf den Turm neben dem Hauptgebäude. 

Als sich Roland in Bewegung setzte, wollte Louis an seiner Seite 

bleiben, um ihn zu stützen. Das jedoch trachteten die Getreuen 
Kasimirs zu vereiteln. 

»Mit Verlaub, Ritter Hugo, Eure Knappen können Euch nun nicht 

weiter begleiten. Nur der Kranke selbst darf sich dem Schwarzen 
Stein nähern.« 

»Mein Herr ist schwach«, begehrte Louis auf. »Seht Ihr nicht, daß 

er sich kaum auf den Beinen halten kann? Er bedarf meiner Hilfe!« 

»Macht Euch dieserhalb keine Sorgen, Knappe. Wir bemühen uns 

schon um ihn.« 

Und das taten sie dann auch. Zwei der Männer des Grafen nahmen 

Roland in die Mitte und stützten ihn unter den Achseln. Louis und 

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Pierre blieb nichts anderes übrig, als ihren Herrn sich selbst zu 
überlassen. Das war gewiß auch das Klügste, denn letzten Endes 
wollten sie ja keinen Argwohn aufkommen lassen. Sie blieben 
zurück. 

Als Roland mit seiner Eskorte neben den beiden, die ihn stützten, 

folgten noch vier weitere Gräfliche am Hauptturm der Burg 
vorbeikam, sah er dort einen schlanken Mann mit auffällig spitzem 
Kinn und zernarbtem Gesicht stehen. Nach den Beschreibungen, die 
er im Kloster bekommen hatte, mußte es sich um Kasimir handeln. 
Der Graf blickte zu ihm hinüber, wobei ein dünnes Lächeln seine 
schmalen Lippen umspielte. 

»Möge Euch der Segen des Schwarzen Steines gnädig sein, 

Ritter«, rief er Roland zu. 

Irrte sich Roland, oder hatte da wirklich ein spöttischer Unterton in 

seiner Stimme mitgeschwungen? 

Aber nein, machte sich der Ritter mit dem Löwenherzen klar. 

Kasimir hatte keinerlei Anlaß zum Spott. Er konnte nicht wissen, daß 
der Ritter »Hugo« keinesweges so krank und leidend war, wie er den 
Anschein erweckte. 

Oder? 
Roland konnte nicht verhindern, daß ihn plötzlich ein ganz 

eigenartiges Gefühl beschlich. Unwillkürlich verlangsamte er seinen 
ohnehin schon schleppenden Schritt noch etwas mehr. 

Die beiden Männer, die ihn beim Gehen behilflich waren, deuteten 

sein Verhalten falsch. 

»Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Ritter Hugo?« erkundigte sich der eine 

beinahe teilnahmsvoll. 

»Es ... geht schon«, preßte Roland hervor. Dann schritt er, wieder 

etwas zügiger, weiter. 

Wenig später war der seitliche Turm erreicht. Ein paar Stufen 

führten zum Eingangsportal hinauf. Roland täuschte Kraftlosigkeit 
vor und ließ sich die kleine Treppe regelrecht hochziehen. 

»Gleich sind wir am Ziel Eurer Wünsche, Ritter Hugo«, wurde ihm 

versichert. 

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Das stimmte jedoch nicht so ganz. Durch die Vorhalle des Turms 

brachten ihn die Getreuen des Grafen zu einem Treppenabgang, der 
zu einem unterirdisch gelegenen Geschoß hinabührte. Der Abgang 
war düster, wurde nur durch eine blakende Fackel beleuchtet, die 
man mit Hilfe eines eisernen Rings an der Wand angebracht hatte. 
Die Wandsteine waren roh behauen und schimmerten feucht. 

Roland runzelte die Stirn. Er wunderte sich darüber, daß man den 

Schwarzen Stein ausgerechnet dort unten aufgestellt hatte. Der Weg 
über die recht beschwerliche Wendeltreppe mußte für alle Kranken 
und Gebrechlichen doch eine wahre Qual sein. 

Die Getreuen Kasimirs schienen seine Gedankengänge erraten zu 

haben. 

»Ihr fragt Euch, warum wir das Heiligtum nicht an einem leichter 

zugänglichen Ort aufbewahren, Ritter Hugo?« 

»In der Tat!« 
»Nun«, sagte der Mann zu seiner Rechten, »Ihr seid fremd  in 

unserem Land. Es gibt hier viele Räuber, Diebe und sonstiges 
Gelichter. Wir müssen sehr vorsichtig sein und dürfen keine 
Schutzmaßnahmen außer acht lassen.« 

»Natürlich«, murmelte Roland, »natürlich.« 
Die Treppe war zu schmal, um drei Männer nebeneinander gehen 

zu lassen. Der eine von Rolands Helfern ging deshalb vor, während 
ihn der andere nach wie vor stützte. Die restliche Eskorte folgte. 

Ziemlich tief ging es hinunter. Ein leicht modriger Geruch stieg 

Roland in die Nase, der ihm gar nicht gefallen wollte. Abermals 
fragte er sich, ob das hier unten der richtige Platz war, um eine 
wundertätige Reliquie aufzubewahren. 

Dann war das Ende der Wendeltreppe erreicht. Links und rechts 

bog ein Gang ab, der sich irgendwo im Dunkel verlor. Auch hier 
unten gab  es nur eine Fackel, die flackernde Lichtmuster auf die 
nackten Wände warf. 

»Hier entlang, Ritter Hugo!« 
Mit einem ausgesprochen unguten Gefühl in der Magengegend ließ 

sich Roland den nach rechts führenden Gang entlang geleiten. Vor 

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einer schweren Bohlentür machte seine Eskorte halt. 

»Nun seid Ihr am Ziel all Eurer Hoffnungen, Ritter Hugo!« 
Einer der Getreuen Kasimirs öffnete die Tür, die dabei ein 

quietschendes Geräusch von sich gab. Vor Roland lag ein in 
Dunkelheit getauchter Raum, in den kein Lichtstrahl einfiel. Der 
Geruch von Moder und Fäulnis schlug ihm entgegen. 

Das ungute Gefühl, das Roland die ganze Zeit über gehabt hatte, 

wurde übermächtig. 

Eine Falle! durchzuckte es ihn. 
Im gleichen Augenblick, in dem er das dachte, bekam er einen 

wuchtigen Stoß in den Rücken, der ihn geradezu in den dunklen 
Raum hineinkatapultierte. Höhnisches Gelächter schlug über ihm 
zusammen. 

»Ein großer Held mögt Ihr sein, Ritter Roland, aber auch ein 

großer Dummkopf!« 

Ritter Roland! 
Die Getreuen des Grafen wußten also, wer er tatsächlich war. Sie 

hatten ihn durchschaut  - von Anfang an. Und natürlich befand sich 
hier unten nicht der Aufbewahrungsort des Schwarzen Steins, 
sondern ein finsteres Verlies, in das man ihn einsperren wollte. 

Blitzartig gingen Roland diese Überlegungen durch den Kopf. Der 

Schock der Erkenntnis saß tief, aber Roland schaffte es, ihn 
innerhalb einer Zeitspanne von wenigen Herzschlägen zu 
überwinden. Mit Mühe und Not brachte er es fertig, nicht zu Boden 
zu stürzen. Er fing sich, wirbelte herum. 

Und sah, wie die Verliestür gerade im Begriff war, sich zu 

schließen. 

Mit einem mächtigen Satz, der jeder Wildkatze zur Ehre gereicht 

hätte, sprang er nach vorne. Er erreichte die Tür, als diese gerade 
noch einen Spalt breit offen stand. Wohl wissend, daß er verloren 
war, wenn sie ganz zuschlug, stemmte er sich dagegen. 

Ein böser Fluch wurde auf der anderen Seite laut. Aber auch ein 

kehliges Lachen. 

»Gebt Euch keine Mühe, großer Held! Unseren gemeinsamen 

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Kräften habt Ihr nichts entgegenzusetzen!« 

Und schon stemmten sich auch die Gräflichen gegen die klobigen 

Bohlen der Tür. Sechs gegen einen  - die Frage, wo sich die größeren 
Kräfte freisetzen ließen, stellte sich eigentlich gar nicht. 

Aber dieser eine war Roland, den man den Ritter mit dem 

Löwenherzen nannte. Und Roland hatte nicht nur das Herz eines 
Löwen, er verfügte auch über die urwüchsige Kraft des Königs der 
Wüste. Mit aller Macht kämpfte er gegen das drohende Verhängnis 
an. Breitbeinig stand er da, die Füße fest auf den Boden gepreßt, die 
Arme von sich gestreckt. So versuchte er, dem vereinbarten Druck, 
den die Gräflichen ausübten, standzuhalten. 

Die Adern schwollen ihm auf der Stirn, und die Muskeln seiner 

Arme gerieten in Gefahr, zu zerreißen wie Seile, die zu sehr 
beansprucht wurden. In Strömen floß ihm der Schweiß die Stirn 
hinunter. Er hielt den Atem an, bis seine Lungen fast zerplatzten. 

Und noch gelang es ihm, die Tür offen zu halten. Nicht um ein 

einziges Zoll hatte sich der Spalt verkleinert. 

Erstaunen und Verwunderung wurden auf der anderen Seite laut. 

So etwas hatten die Gräflichen noch nicht erlebt. Sechs gegen einen, 
und diese sechs mußten sich gewaltig anstrengen, um nicht ins 
Hintertreffen zu geraten. Es war einfach unglaublich. Langsam 
erkannten die Männer, daß die Wunderdinge, die man sich von 
Roland erzählte, nicht den wild wuchernden Fantasien der fahrenden 
Sänger entsprangen. 

Die Gräflichen keuchten, versuchten, sich durch ermunternde 

Zurufe gegenseitig anzuspornen. Aber es half ihnen nichts. Roland 
ließ sich nicht unterkriegen, leistete so vehement Widerstand, daß 
seine Gegner an sich selbst zu zweifeln begannen. 

Und diese Zweifel hatten ihre Auswirkungen. Die Getreuen 

Kasimirs setzten ihre Kräfte nicht konzentriert ein und behinderten 
sich auch gegenseitig. Sie wurden unsicher. 

Roland spürte ihre Unsicherheit, spürte ihren nachlassenden Druck. 

Er mobilisierte die letzten Kräfte, die in ihm steckten, und stemmte 
sich mit dem ganzen Körper gegen die Tür. 

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Und das schier Unmögliche geschah. Die Tür flog zurück, wurde 

gegen die Gräflichen geschleudert und ließ diese rückwärts taumeln. 
Roland, durch den eigenen Schwung nach vorne gerissen, stürzte aus 
dem Verlies hinaus und wäre dabei fast zu Boden gegangen. Mit 
einiger Mühe gelang es ihm, das Gleichgewicht zu bewahren und 
sich auf den Füßen zu halten. 

Im nächsten Augenblick hatten sich auch seine Gegner wieder 

gefaßt. Wutschreie brachen sich Bahn. Und drei der Männer gingen 
sofort auf Roland los. 

Aber der Ritter mit dem Löwenherzen war nicht bereit, seine 

wiedergewonnene Bewegungsfreiheit so schnell wieder 
preiszugeben. Er riß die Fäuste hoch, stellte sich in Positur. 

Da war der erste Gräfliche bereits heran, wollte mit beiden Händen 

nach Roland greifen. 

Der Versuch war zum Scheitern verurteilt. Rolands rechte Faust 

schoß nach vorne, traf den Mann mit der Gewalt eines Rammbocks 
mitten im Gesicht. So mächtig war der Hieb, daß der Kopf des 
Getroffenen in den Nacken gerissen wurde. Roland setzte sofort 
nach, schlug nach der rechten nun auch mit der linken Faust zu. 
Diesmal traf der Schlug die Herzgrube seines Widersachers. Und 
obwohl dieser eine Brünne trug, die seinen Körper schützte, 
entfaltete der Hieb doch seine ganze Kraft. Dem Gräflichen blieb die 
Luft weg, und er stürzte schwer zu Boden. Er würde in absehbarer 
Zeit nicht mehr in den Kampf eingreifen können. 

Nun aber waren die anderen beiden ganz nahe herangerückt. 

Gleichzeitig sprangen sie den Ritter mit dem Löwenherzen an, 
wütend knurrend wie zwei Raubtiere. Sie klammerten sich an seine 
Arme, versuchten, ihm diese auf den Rücken zu drehen oder doch 
wenigstens festzuhalten. 

Sie waren stark, diese beiden Männer. Aber nicht stark genug für 

einen Recken wie Roland. Er schüttelte sie ab wie lästige Insekten, 
die den Honig umschwirrten. Dann griff er seinerseits zu. Er packte 
die Köpfe der beiden und schlug sie gegeneinander. Es gab ein 
dumpfes Geräusch. Der eine wurde gleich schlaff in seiner Hand, 

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hatte offenbar das Bewußtsein verloren. Der andere gab einen 
stöhnenden Laut von sich, fand jedoch nicht die Kraft, sich 
loszureißen. 

Aber da waren immer noch die drei übrigen Getreuen Kasimirs. 

Sie hatten bisher nicht in das Handgemenge eingegriffen, weil der 
Gang zu eng war und sie nicht alle gleichzeitig an Roland 
herankommen konnten. Jetzt gab es mehr Raum, und den nutzten die 
Männer. Aber sie gingen nicht mit bloßen Fäusten auf den Ritter mit 
dem Löwenherzen los. Sie hatten erkannt, daß sie auf diese Weise 
nicht viel ausrichten konnten. Da Roland jedoch unbewaffnet war, 
und sie ihre Schwerter bei sich trugen ... Schon blitzten die Klingen 
in ihren Fäusten. 

»Ergebt Euch, Ritter Roland«, forderte ihn der eine auf. »Oder 

wollt Ihr, daß wir Euch in Stücke hauen?« 

Roland hielt sich nicht damit auf, darauf eine Antwort zu geben. Er 

schleuderte die beiden, die er noch immer gepackt hatte, gegen die 
anderen drei. Ein wildes Durcheinander von ineinander 
verschlungenen Armen, Beinen und Leibern entstand. Die Gräflichen 
mußten aufpassen, daß sie sich nicht gegenseitig mit ihren 
Schwertern verletzten. 

Für ein paar Augenblicke hatte Roland Luft. Und er nutzte diese 

Augenblicke. Schnell beugte er sich zu dem Mann hinunter, den er 
zu Beginn des Kampfes zu Boden geschlagen hatte. Dem Mann war 
es bisher noch nicht gelungen, sich von den Fausthieben zu erholen. 
Er konnte Roland keinen Widerstand entgegensetzen, mußte zulas-
sen, daß ihm der Ritter mit dem Löwenherzen das Schwert aus dem 
Gehenk zog. Wenige Herzschläge später stand Roland wieder 
aufgerichtet da, nun ebenfalls eine scharfe Klinge in der Hand. 

Grimmig lachte er auf. »Kommt nur, ihr Haderlumpen! Dann 

werden wir sehen, wer wen in Stücke haut!« 

»Ja, das wollen wir sehen!« 
Zu dritt fühlten sie sich stark, fühlten sie sich überlegen. Und dies 

nicht von ungefähr. Es war eine Sache, drei Männer mit den bloßen 
Händen zu besiegen. Gegen drei Gegner mit Schwertern 

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anzukommen aber, war eine andere. 

Und sie gingen sehr geschickt vor. Zwei von ihnen griffen an, der 

dritte beschränkte sich allein auf die Verteidigung. Roland mußte 
sehr auf der Hut sein, um nicht gleich entscheidend ins Hintertreffen 
zu gelangen. Die ersten Schwertstreiche konnte er parieren. 

Aber als er dann selbst die Gelegenheit zu einem Angriff nutzte, 

war gleich die Klinge des dritten Mannes da, der die seine blockierte. 

Noch ungestümer drangen die Getreuen Kasimirs jetzt auf ihn ein, 

der eine von links, der andere von rechts. Rolands Schwertarm 
wirbelte wie der Flügel einer Windmühle, um die Hiebe und Stiche 
abwehren zu können. Und als dann auch der dritte Mann noch eine 
Attacke wagte, konnte er der gegnerischen Klinge nur durch einen 
schnellen Sprung rückwärts gerade noch so entgehen. 

Alsbald wurde ihm klar, daß er auf Dauer den kürzeren ziehen 

würde, zumal jetzt auch noch einer der bereits ausgeschalteten 
Gräflichen wieder so weit hergestellt war, daß er wieder in die 
Auseinandersetzung eingreifen konnte. 

Aber der Ritter mit dem Löwenherzen wußte sich zu helfen. Er 

machte einen blitzartigen Ausfall und schlug mit dem Schwert nach 
der blakenden Fackel, die an der Wand hing. Diese löste sich aus 
ihrer Verankerung und fiel auf den Boden. Schlagartig veränderten 
sich die Lichtverhältnisse, obwohl die Fackel auf den Steinplatten 
des Bodens weiterbrannte. 

Für einen Augenblick waren die Gräflichen verwirrt. Roland nutzte 

diesen Umstand, um mit beiden Füßen auf die Fackel zu springen 
und sie auszulöschen. 

Dunkelheit breitete sich in dem Verliesgang aus. Das Licht der 

Fackel am Treppenabgang reichte nicht bis hierher. Es war so finster 
geworden, daß man die Hand nicht mehr vor den Augen erkennen 
konnte. 

Und dieser Umstand gereichte Roland zum Vorteil. Er war allein 

und brauchte nicht aufzupassen, wohin er mit dem Schwert schlug. 
Seine Gegner jedoch liefen große Gefahr, sich gegenseitig zu treffen 
und schwer zu verletzten. 

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Sogleich  ging der Ritter mit dem Löwenherzen zum Angriff über. 

Er sah keinen seiner Widersacher, aber er hörte ihre Atemzüge. 
Wieder verwandelte sich sein Schwert in einen Windmühlenflügel, 
als es sausend durch die Luft wirbelte. 

Und die Klinge traf. Ein gellender Schrei wurde laut, im nächsten 

Augenblick noch einer. Gegen das Schwert, das aus der Dunkelheit 
kam, hatten die Gräflichen kaum eine Abwehrmöglichkeit. 

Wieder ließ Roland seine Klinge kreisen. Er hatte kein bestimmtes 

Ziel, drosch einfach in die Dunkelheit hinein. Diesmal traf er 
niemanden. Seine Widersacher hatten sich anscheinend fest an die 
Wände gepreßt oder auf den Boden geworfen, um sich vor seinen 
mörderischen Streichen in Sicherheit zu bringen. Roland war das nur 
recht. Der Gang, der zur Treppe führte, wurde dadurch frei. 

Seine Rechnung ging voll und ganz auf. Als er sich in Bewegung 

setzte und losrannte, stieß er auf keinen menschlichen Gegner. Er 
hatte sich nur in der Richtung etwas verschätzt und wäre beinahe voll 
gegen eine der Wände gelaufen. Im letzten Augenblick konnte er den 
Zusammenprall mit dem harten Mauergestein vermeiden. Dann aber 
war er auf dem richtigen Weg und hetzte mit langen, federnden 
Schritten den finsteren Gang entlang. 

Flüche erschallten hinter ihm. Die Gräflichen merkten jetzt, was er 

vorhatte. Diejenigen von ihnen, die noch dazu fähig waren, setzten 
ihm nach, um seine Flucht zu verhindern. 

Kurz darauf hatte Roland die Treppe erreicht. Ohne sich nach 

seinen Verfolgern umzusehen, stürmte er sie hinauf, immer zwei, 
drei Stufen auf einmal nehmend. Aber als er schon fast glaubte, es 
geschafft zu haben, mußte er alle seine Hoffnungen jäh aufgeben. 

Oben am Treppenabgang hatte ein weiteres halbes Dutzend 

Männer Stellung bezogen. Jeder einzelne von ihnen hielt eine Waffe 
in der Hand, und in ihren Augen stand die eiserne Entschlossenheit, 
ihn nicht vorbeizulassen. 

Auch Graf Kasimir selbst befand sich unter ihnen. Der Burgherr 

lächelte dünn. 

»Fürwahr, Ritter Roland, ihr seid wirklich ein Held«, sagte er 

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anerkennend. »Aber auch Helden können sterben!« 

Roland warf sein Schwert weg und senkte das Haupt. 

Von einem erhöht liegenden Fenster des Hauptturms aus hatte der 
Ritter Richard das Kommen Rolands und seiner Knappen beobachtet. 
Ohne selbst bemerkt zu werden, hatte er gesehen, wie der Ritter mit 
dem Löwenherzen ahnungslos in die Falle ging und kurz darauf auch 
Louis und Pierre von den Getreuen Kasimirs überwältigt und 
gefangengenommen wurden. Als er dann gehört hatte, daß es Roland 
beinahe gelungen wäre, die sorgsam vorbereitete Falle zu sprengen, 
war ihm der Schrecken mit Macht in die Glieder gefahren. Zum 
Glück hatte sich dann doch noch alles zum Guten gewendet, als der 
Burgherr höchstpersönlich die Dinge in die Hand nahm. Jetzt 
jedenfalls saßen Roland und seine Knappen in einem finsteren 
Verlies und warteten auf ihren Tod. 

Das dachte Richard jedenfalls. Aber schon kurz nach der 

Gefangennahme des Ritters mit dem Löwenherzen wurde er eines 
Besseren belehrt. Kasimir schickte nach ihm, und Richard beeilte 
sich, dem Ruf des Grafen unverzüglich Folge zu leisten. 

Der Burgherr war wieder einmal bei seiner 

Lieblingsbeschäftigung. Er soff den Wein wie Wasser und ließ sich 
dabei von ein paar Hetzen sowie einigen seiner Getreuen 
Gesellschaft leisten. Als Richard den  Rittersaal betrat, war das 
Gelage schon im vollen Gange. Er nahm an, daß ihn Kasimir gerufen 
hatte, um ihn daran teilhaben zu lassen. Schließlich war es ja nur ihm 
zu verdanken, daß Roland keine Gelegenheit bekommen hatte, den 
Schwarzen Stein zu stehlen. 

Der Graf ließ ihn auch an seiner Seite Platz nehmen und ihm einen 

Becher bringen. Aber schon sehr schnell rückte er damit heraus, was 
er tatsächlich wollte. 

»Wie war das doch, Ritter Richard?« begann er. »Sagtet Ihr nicht, 

daß dieser Roland am Hofe von König Artus hoch angesehen ist?« 

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»Das sagte ich«, bestätigte Richard, während er sich einen Schluck 

Wein zu Gemüte führte. 

»Nicht nur die Ritter der Tafelrunde schätzen ihn, sondern auch der 

König selbst, richtig?« 

»Man sagt, daß Artus den Roland fast wie seinen eigenen Sohn 

ansieht«, gab Richard Auskunft. 

»Sehr schön, sehr schön!« Kasimir grinste und rieb sich dabei 

befriedigt die Hände. »Was meint Ihr, Richard«, fuhr er dann fort. 
»Wieviel wäre Artus das Leben des Roland wert?« 

»Nun, ich könnte mir vorstellen ...« Richard unterbrach sich, als 

ihm die Zielrichtung der Frage richtig aufging. »Was habt Ihr vor, 
Graf Kasimir?« 

»Beantwortet zunächst meine Frage!« 
»Rolands Leben wäre ihm gewiß sehr viel wert, aber ...« 
»Ein paar pralle Beutel Gold vielleicht? Oder gar noch mehr? 

Wenn er ihn als seinen eigenen Sohn ansieht ...« 

»Darf ich nun erfahren, was Ihr plant, Graf Kasimir?« fragte 

Richard mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. 

»Ist das so schwer zu erraten? Ich möchte Artus ein kleines 

Lösegeld abpressen, was sonst?« 

»Ein ... Lösegeld?« 
»Und zwar ein saftiges, ja!« Kasimir leerte seinen Becher und 

rülpste rüpelhaft. 

Richard holte tief Luft. »Ihr wollt den Roland also nicht töten, 

sondern ihn gegen Zahlung eines Lösegelds freilassen?« 

»Gewiß. Es wäre doch töricht, einen leibhaftigen Goldesel zu 

schlachten, statt ihn Milch geben zu lassen, nicht wahr?« 

Die Getreuen des Grafen lachten, als sie das gelungene Gleichnis 

ihres Herrn hörten. Richard hingegen sah zum Lachen wahrlich nicht 
den geringsten Anlaß. 

»Ihr habt mir versprochen, ihn zu töten, Graf Kasimir«, erinnerte er 

den Burgherrn. 

»So, habe ich das?« 
»Ja!« Zur Bekräftigung schlug Richard mit der Faust auf den 

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Tisch, so daß die Weinbecher tanzten. 

»Nun«, sagte der Graf, »dann habe ich meine Meinung eben 

geändert.« 

»Das könnt Ihr nicht! Der Ritter Roland muß sterben!« 
Mit Grauen dachte Richard daran, was passieren würde, wenn 

Roland freikam und erfuhr, wer ihn in die Falle gelockt hatte. Sein 
Leben war dann nicht mehr wert als der Dreck  unter den 
Fingernägeln. Außerdem mußte Roland auch sterben, weil der Ritter 
Wilhelmus seinen Tod verlangte. Und Wilhelmus hatte ihn und seine 
Familie in der Hand und war in der Lage, seine ganze Sippe ins 
Verderben zu stürzen. Nein, der Tod des Roland war beschlossene 
Sache, und dabei mußte es auch bleiben - unter allen Umständen!« 

»Ich verlange, daß Ihr Roland töten laßt, Graf Kasimir!« sagte er 

ganz entschieden. 

»Ihr... verlangt es, Ritter Richard?« 
»Ja!« 
Der Burgherr lachte. »Ihr spuckt sehr dicke Töne, Ritter! 

Anscheinend wißt Ihr nicht, wo Ihr Euch befindet und mit wem Ihr 
sprecht. Hier geschieht das, was ich sage, sonst gar nichts. Schreibt 
Euch das hinter die Ohren!« 

Beifälliges Gemurmel wurde unter den Getreuen des Grafen laut. 

Unfreundliche Blicke gingen zu Richard hinüber. 

Geldgieriges Gesindel, dachte der junge Ritter. Statt sich damit zu 

begnügen, das Volk mit Hilfe des Schwarzen Steins auszusaugen, 
gehen sie nun auch noch hin und erpressen Lösegelder. Aber er hatte 
es ja schon immer gewußt: einmal Raubritter, immer Raubritter. 

Dennoch wollte er sich noch nicht geschlagen geben. »Ihr habt mir 

Euer Wort gegeben, Graf Kasimir«, sagte er. »Bedeutet dies nicht 
mehr als Fliegengesumm?« 

Unmutsfalten entstanden auf der Stirn des Burgherrn. »Eure 

Dreistigkeiten beginnen, mich zu erzürnen, Ritter. Eigentlich hättet 
Ihr es längst verdient, in den Kerker geworfen zu werden.« 

Richard verkniff die Lippen, sagte aber nichts. Diesem 

schurkischen Grafen war alles Üble zuzutrauen. Er brachte es 

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wirklich fertig, ihn ins Verlies zu stecken. 

»Aber ich will großzügig darüber hinwegsehen, wenn Ihr Euch mir 

gefällig erweist«, fuhr Kasimir fort. 

»Welchen Gefallen soll ich Euch erweisen?« 
»Ihr sollt nach Camelot reiten und König Artus meine 

Lösegeldforderung unterbreiten.« 

Es hielt Richard nicht länger auf seinem Schemel. Mit einer 

heftigen Bewegung sprang er auf. 

»Niemals!« 
Der Graf schob sein spitzes Kinn vor. »Ihr verweigert Euch?« 
»Ja! Ein solches Schurkenstück mache ich nicht mit!« 
»Es ist kein Schurkenstück, den Tod eines Nebenbuhlers zu 

verlangen, Ritter?« 

»Das ist... etwas anderes.« Richard hatte nicht die geringste 

Neigung, den Grafen wissen zu lassen, aus welchem Grund er 
Rolands Tod erstrebte. Aber ihm war jetzt klar geworden, daß sich 
Kasimir nicht davon abbringen lassen würde, König Artus eine 
Lösegeldforderung zu übermitteln, gleichgültig ob er nun die Rolle 
des Sendboten übernahm oder irgendein anderer. 

Er schritt zur Tür. 
»Wartet!« donnerte der Burgherr in seinem Rücken. 
Richard blieb stehen, wandte den Kopf. 
»Wo wollt Ihr hin?« 
»Ich gehe«, sagte Richard. »Nichts hält mich mehr an einem Ort, 

an dem man nicht zu seinem Worte steht!« 

Er schritt weiter, das ärgerliche Gemurmel der gräflichen Getreuen 

im Ohr. Aber er erreichte die Tür nicht. 

»Packt ihn!« schrie Kasimir. »Der Kerl soll nicht denken, er könne 

uns wie tumbes Bauernpack behandeln.« 

Schemel wurden gerückt, polterten zu Boden. Richard wußte, daß 

er nicht entfliehen konnte. Dennoch begann er unwillkürlich zu 
laufen. Aber da waren sie schon bei ihm. Rohe Fäuste griffen nach 
ihm, zerrten ihn von der Tür weg. Richard versuchte sich zu wehren, 
versuchte, sich loszureißen. Es war vergebene Liebesmüh. Zwar 

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gelang es ihm, einem der Gräflichen seinen Ellenbogen in den 
Magen zu stoßen. Aber das war auch schon alles. Er bekam einen 
Schlag ins Gesicht, der ihm das Blut aus der Nase schießen ließ. Die 
Arme wurden ihm auf den Rücken gedreht, so daß er sich kaum noch 
bewegen konnte. Dann schleiften ihn die Getreuen des Grafen zu 
ihrem Gebieter zurück. 

Der Burgherr grinste übers ganze Gesicht. Er hob seinen 

Weinbecher und prostete Richard höhnisch zu. 

»Auf Euer Wohl, Ritter!« 
Er leerte den Becher und stellte ihn auf die Tischplatte zurück. Als 

er Richard wieder anblickte, lag ein lauernder Ausdruck in seinen 
Augen. 

»Seid Ihr eigentlich reich, Ritter?« Richard antwortete nicht, starrte 

nur verbissen vor sich hin. 

»Antwortet gefälligst«, sagte einer der Männer, die ihn festhielten. 

Er unterstützte seine Aufforderung, indem er Richards rechten Arm 
noch ein bißchen mehr verdrehte. 

Richard stöhnte vor Schmerz auf. »Ich ... ich bin nicht reich«, 

preßte er hervor. 

»Schade«, sagte Kasimir bedauernd. »Aber vielleicht ist König 

Artus bereit, auch für Euch ein kleines Lösegeld zu zahlen.« Er 
machte eine brüske Handbewegung. »Werft ihn in den Kerker!« Und 
mit einem tückischen Lächeln fügte er noch hinzu: »Sperrt ihn 
zusammen mit Roland und seinen Knappen. Ich könnte mir 
vorstellen, daß sich die Herren Ritter einiges zu erzählen haben!« 

Während sich der Graf noch vor Lachen ausschüttelte, wurde 

Richard aus dem Saal geschleppt. 

Eloise wollte den Arm um ihren Bräutigam legen, aber Ganelon wies 
sie zurück. 

»Nicht hier«, sagte er beinahe unwirsch. »Wir befinden uns in 

einem Kloster, und die Mönche würden es als höchst unziemlich 

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ansehen, wenn wir uns innerhalb ihrer Mauern der Minne hingeben.« 

Die junge Frau war nahe daran, in Tränen auszubrechen. »Warum 

bist du so garstig zu mir, Ganelon? Ich kenne dich gar nicht wieder! 
Seit wir uns vor Monden trennten, bist du ... ein anderer geworden. 
Warum denn nur?« 

»Das fragst du? Glaubst du, es geht spurlos an einem Menschen 

vorüber, wenn er den Tod ständig vor sich sieht?« 

»Aber das stimmt doch nicht«, widersprach ihm Eloise heftig. »Du 

bist so gesund wie eh und je! Der Schwarze Stein hat dich geheilt 
und den Keim des Todes in dir vernichtet.« 

»Woher willst du das wissen?« 
Eloise saß neben ihrem Bräutigam auf der schmalen Pritsche, die 

neben einem kleinen Tisch, einem rohen Schemel und einem 
schmucklosen Schrank das einzige Möbelstück der kleinen 
Mönchszelle war, in der Ganelon während seines Aufenthalts im 
Kloster wohnte. Sie blickte ihn von der Seite an. 

»Du siehst aus wie das blühende Leben«, stellte sie fest. »Als du 

von zu Hause fortgingst war das ganz anders. Du hattest ein 
totenbleiches Gesicht, fiebrige Augen, die tief in den Höhlen lagen, 
eingefallene Wangen. Und du warst am ganzen Körper so 
abgemagert, daß dich selbst ein Hungerleider bedauert hätte. Und 
nun? Nichts mehr von alledem!« 

Ganelon lächelte bitter. »Der äußere Schein trügt. Gewiß, ich habe 

mich erholt. Aber schon jetzt spüre ich, daß der Keim, des Todes 
erneut in mir Fuß gefaßt hat. Und wenn ich nicht bald wieder die 
wundertätige Kraft des Steins auf mich einwirken lassen kann, dann 
geht es unwiderruflich mit  mir zu Ende. Ich brauche den ständigen 
Kontakt mit der Reliquie, verstehst du? Wenn ich nicht alle paar 
Tage in der Lage bin, ihn zu berühren ...« Tief seufzte er auf. 

»Ist das der Grund, aus dem du nun schon seit längerer Zeit hier im 

Kloster weilst und nicht zu mir zurückgekommen bist?« erkundigte 
sich das Mädchen. 

»So ist es. Ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, als 

Novize in das Kloster einzutreten. Dann könnte ich dem Schwarzen 

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Stein immer ganz nahe sein.« 

Eloise machte ein betroffenes  Gesicht. »Und ich? Denkst du gar 

nicht an mich? Was soll aus mir werden, wenn du ... ein Mönch bist? 
Liebst du mich denn nicht mehr?« 

»Natürlich liebe ich dich, nur ...« 
»Nur?« 
»Herrgott, ist das so schwer zu begreifen? Jeder Mensch hat nur 

ein Leben!« 

Traurig nickte Eloise. »Ich verstehe schon. In erster Linie denkst 

du an dich selbst. Erst dann komme ich.« 

Sie erhob sich von der Pritsche und fing an, gedankenverloren in 

der engen Zelle umherzuwandern. In ihren Träumen hatte sie sich 
das Wiedersehen mit Ganelon ganz anders vorgestellt. Sie hatte 
geglaubt, daß ihr Bräutigam außer sich vor Glück sein würde, sie 
endlich wieder in die Arme schließen zu können. Aber davon konnte 
leider keine Rede sein. Fast hatte sie das Gefühl, als sei ihm ihr 
Kommen geradezu ... lästig. 

Während sie so düsterer Stimmung durch die Zelle schritt, fiel ihr 

Blick zufällig unter die Pritsche. Und dort sah sie etwas ganz 
Eigenartiges: einen unregelmäßig geformten, schwarzen 
Felsbrocken. 

»Was ist das, Ganelon?« fragte sie. 
»Was?« 
»Das hier.« Eloise bückte sich und zog den unter der Pritsche 

versteckten Stein hervor. 

Ihr Bräutigam fuhr hoch und beförderte den Gesteinsbrocken mit 

einem Fußtritt wieder ganz unter die Pritsche. 

»Geh!« sagte er. »Geh sofort hinaus!« 
Sein Gesicht war zu einer Grimasse geworden, zu einer Grimasse, 

vor der Eloise geradezu Furcht bekam. Fast fluchtartig verließ sie die 
Zelle. 

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Wie vom Huf eines durchgehenden Pferdes getroffen, kam der 
Gefangene durch die Türöffnung geflogen und schlug schwer zu 
Boden. Krachend schloß sich die Tür wieder. 

Abgrundtiefe Dunkelheit herrschte in dem Verlies. Roland, der auf 

einem stinkenden Strohballen saß und sich mit dem Rücken gegen 
die feuchte Wand lehnte, konnte seinen neuen Leidensgenossen nicht 
sehen. Aber sein Gefühl sagte ihm, daß es dem Mann nicht gutging. 

»Kümmert euch um ihn«, wies er seine beiden Knappen an, die mit 

ihm das finstere Mauergeviert teilten. 

Louis und Pierre gingen zu dem neuen Gefangenen hinüber und 

beugten sich hilfsbereit über ihn. 

»Seid Ihr verletzt?« erkundigte sich Pierre. 
»Nur ein paar oberflächliche Hautabschürfungen«, antwortete der 

Leidensgenosse. »Und eine blutende Nase.« 

Roland spitzte die Ohren. Diese Stimme ... 
»Seid Ihr das, Richard?« 
»Ja, Roland, ich bin es. Daß wir uns hier wiedertreffen, hätte ich 

auch nicht gedacht.« 

»Warum hat man Euch eingesperrt?« wollte der Ritter mit dem 

Löwenherzen wissen. 

Bitter lachte Richard auf. »Weil ich versucht habe, mich für Euch 

einzusetzen! Ich sah, wie man Eure Knappen packte, und hörte, daß 
es Euch selbst nicht besser ergangen war. Als ich lautstark dagegen 
aufbegehrte und den Grafen einen üblen Leuteschinder nannte  - nun, 
Kasimir ist ein hartherziger, rachsüchtiger Mann.« 

Einige Augenblicke lang schwieg Roland. Dann sagte er: »Wißt 

Ihr, daß ich Euch im Verdacht hatte, uns verraten zu haben?« 

Richard atmete schwer. »Wie kommt Ihr auf diesen 

ungeheuerlichen Gedanken?« 

»Die Gräflichen wußten von Anfang an, wer ich bin. Sie kannten 

sogar meinen Namen. Woher, frage ich Euch? Jemand muß es Ihnen 
gesagt haben. Und da niemand außer Euch wußte, daß ich mit 
meinen Knappen hierherkommen wollte ...« 

»Ihr stellt Euer Licht unter den Scheffel Roland! Ihr seid ein Mann, 

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dessen Namen man in allen Landen rühmt!« 

Es war etwas Wahres an dem, was Richard sagte. Rolands 

Ruhmestaten waren inzwischen weit verbreitet. Dafür hatte schon 
sein Freund, der gefeierte Minnesänger Volker vom Hohentwiel, 
gesorgt, dessen Balladen überall nachgesungen wurden. 

»Mag sein, daß mein Name selbst hier im fernen Riesengebirge 

nicht gänzlich unbekannt ist«, gestand Roland ihm zu. »Aber ich bin 
niemals hier gewesen. Wie sollte also jemand wissen, wie ich 
aussehe?« 

»Diese Frage kann ich Euch auch nicht beantworten. Aber daß Ihr 

ausgerechnet mich verdächtigt... Warum sollte ich Euch denn 
verraten haben? »Ihr mögt mich nicht besonders, Richard! Oder 
wollt Ihr dies bestreiten?« 

»Gewiß«, gab der junge Ritter zu. »Wir hatten während der 

Wallfahrt unsere Meinungsverschiedenheiten. Aber daß ich 
deswegen zum Verräter an Euch werden sollte? Ihr beleidigt mich, 
Roland! Und sagt selbst, wenn ich Euch bei Kasimir angeschwärzt 
hätte, wäre ich dann hier im Verlies?« 

»Da habt Ihr auch wieder recht«, sagte Roland langsam. »Nun, wie 

dem auch sei, Ihr wißt, was dieser schurkische Graf mit uns vorhat? 
Warum setzt er uns hier fest und schlägt uns nicht die Köpfe ab, wie 
es bei Männern seines Schlages üblich ist?« 

»Ja, ich weiß, was er plant.« 
»So sprecht«, forderte Roland ungeduldig. 
Wenig später wußte er über Kasimirs Lösegeldabsichten Bescheid. 

Die Nachricht stimmte ihn nicht gerade glücklich. Aber sie hatte 
doch etwas Tröstliches an sich. Wie es aussah, war ihr aller Leben 
nicht in unmittelbarer Gefahr. Und wer lebte, der konnte immer noch 
hoffen, daß sich die Dinge zum Besseren wendeten. 

Eine Woche war vergangen, seit der Ritter Roland mit seinen 
Knappen das Kloster verlassen hatte, um Graf Kasimir den 

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Schwarzen Stein wieder zu entreißen. Aber wie es schien, war ihm 
der angestrebte Erfolg versagt geblieben. Jedenfalls hatte er sich 
nicht wieder blicken lassen und auch keine Nachricht übermittelt. 

Für Ganelon stand fest, was geschehen war. Die Getreuen des 

Grafen hatten den Ritter überwältigt und wahrscheinlich längst einen 
Kopf kürzer gemacht. Das wundertätige Heiligtum befand sich nach 
wie vor im Besitz des Burgherrn und würde dort auch bleiben. Noch 
länger im Kloster zu warten, war reine Zeitverschwendung. Und er, 
Ganelon, hatte keine Zeit zu verschenken. Schon spürte er, wie die 
Schmerzen in seinem Unterleib wieder stärker wurden. Der Keim des 
Todes, den er bereits gebannt zu haben glaubte, wuchs und gedieh. 
Es gab für ihn nur eine Möglichkeit: Er mußte zur Schwarzenburg. 
Und zwar sofort. Jeder weitere Tag, den er verlor, konnte sein letzter 
sein. 

Aber Ganelon gab sich keinen Illusionen hin. Nur zu gut wußte er, 

daß er nicht mit leeren Händen vor den Grafen Kasimir hintreten 
konnte. Er mußte dem habgierigen Schurken etwas bieten, sonst 
würde ihn der nicht an den Schwarzen Stein heranlassen. Die große 
Frage war nur, woher nehmen und nicht stehlen? Ganelon war trotz 
seiner noblen Herkunft nicht mit irdischen Gütern gesegnet. Er besaß 
nichts, was Gnade vor Kasimirs Augen finden würde. 

Zwei Tage lang noch überlegte Ganelon hin und her. Dann stand 

sein Entschluß fest. Er würde tatsächlich stehlen müssen. Und er 
wußte auch schon, was und wo. 

Er wartete des Nachts, bis alle Bewohner des Klosters, Mönche 

und Gäste gleichermaßen, eingeschlafen waren. Dann schlüpfte er 
lautlos aus seiner Zelle und schlich auf den Klosterhof. Drüben im 
Wachhäuschen, das wußte er, hielt einer der Klosterbrüder die 
Nachtwache. Aber er durfte davon ausgehen, daß die 
Aufmerksamkeit des Mönchs nach draußen gerichtet war. Nicht im 
Traum würde er daran denken, daß es auch im Inneren des Klosters 
etwas gab, was es zu bewachen galt. 

Geduckt huschte Ganelon über den Hof, verschmolz dabei 

weitgehend mit der Dunkelheit, die durch das schwache Mondlicht 

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kaum aufgehellt wurde, Schnell erreichte er sein Ziel: die Kapelle. 

Mit angehaltenem Atem blieb er für ein paar Augenblicke im 

Eingang stehen und blickte zum Wachhäuschen hinüber. Hatte der 
wachhabende Mönch etwas bemerkt? 

Nein, es sah nicht danach aus. In dem kleinen Anbau neben der 

Pforte blieb alles ruhig. Wahrscheinlich döste  der Klosterbruder 
ohnehin vor sich hin und erging sich in frommen Gedanken an das 
Leben nach dem Tode. Ganelon hatte für solche Gedanken nicht viel 
übrig. Er wollte im Diesseits leben. Was später im Jenseits geschah, 
kümmerte ihn gegenwärtig keinen Deut. 

Er trat in die Kapelle, huschte am Altar vorbei und schlüpfte dann 

in die Sakristei. Trotz der Dunkelheit fand er sich einigermaßen 
zurecht, denn er war nicht zum ersten Mal hier. Der Abt, dieser alte 
Narr, war stolz darauf gewesen, Dankesgeschenke zeigen  zu kennen, 
die Pilger dem Kloster zur Verfügung gestellt hatten. Ein Teil dieser 
Gaben wurde hier in der Sakristei aufbewahrt. 

Ganelon brauchte nicht lange, um fündig zu werden. Zwar konnte 

er die einzelnen Gegenstände nicht erkennen. Aber was er da 
ertastete, fand durchaus sein Wohlgefallen. Mochte auch einiger 
wertloser Tand darunter sein, er war fest davon überzeugt, daß er 
auch Utensilien von echtem Wert in die Hände bekommen hatte. 
Hastig stopfte er die Beute in den mitgebrachten Sack. Dann verließ 
er die Sakristei wieder und eilte zurück zum Klosterhof. 

Und dort verließ ihn das Glück dann. Als er die Kapelle gerade 

verlassen wollte, löste sich aus dem Schatten des Nebengebäudes 
eine dunkle Gestalt und vertrat ihm den Weg. 

»Wer...« 
Weiter kam der Mann nicht. Ganelon handelte, ohne lange 

nachzudenken. Er riß den rechten Arm zurück und ließ ihn dann 
wieder nach vorne schnellen. Der Mann, der ihm entgegengetreten 
war, wurde voll von dem Sack am Kopf getroffen. 

Der Mann  - Ganelon konnte in der Dunkelheit nicht erkennen, wer 

es war  - stöhnte schmerzerfüllt auf. Bevor er laut loszuschreien 
vermochte, drosch Ganelon erneut zu. Es gab ein häßliches, 

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schepperndes Geräusch, als die Gegenstände in dem Sack 
gegeneinander schlugen. Ansonsten aber konnte er mit seiner Aktion 
voll und ganz zufrieden sein. Sein Widersacher war so schwer 
getroffen worden, daß er, ohne einen weiteren Ton von sich zu 
geben, zusammenbrach und reglos auf den Steinen des Klosterhofs 
liegen blieb. 

Ganelon kniete nieder, blickte dem Bewußtlosen aus allernächster 

Nähe ins Gesicht. Es war Bruder Leopold, der Mönch, der in dieser 
Nacht den Dienst im Wachhäuschen zu versehen hatte. Ganelon stieß 
einen unterdrückten Fluch aus. Sein Eindringen in die Kapelle war 
also doch nicht so unbemerkt vonstatten gegangen, wie er das 
gedacht hatte. 

Hastig sah er sich nach allen Seiten um. Erleichtert nahm er zur 

Kenntnis, daß nach wie vor überall tiefe Ruhe herrschte. Nirgendwo 
flackerte ein Licht auf, niemand ließ sich blicken. Wie es schien, war 
der Zwischenfall mit Bruder Lepold noch keinem aufgefallen. 

Bisher... 
Ganelon stellte seinen Beutesack ab, griff statt dessen nach dem 

Bewußtlosen. Er packte ihn unter den Achseln und zerrte ihn in die 
Kapelle hinein. Dabei hatte er Schwerstarbeit zu leisten, denn der 
Mönch verfügte über eine mächtige Körperfülle. Den Klosterbrüdern 
geht es zu gut, dachte Ganelon flüchtig, sie fressen zu viel! 

Dennoch schaffte er  es  ziemlich schnell, den Niedergeschlagenen 

in den Altarraum zu befördern. Ganz kurz überlegte er, ob es nicht 
besser war, ihn in die Sakristei zu bringen. Aber er kam zu der 
Überzeugung, daß er sich diese Mühe sparen konnte. Eigentlich war 
es seine Absicht gewesen, erst am nächsten Morgen in aller Frühe 
aufzubrechen. An diesem Plan konnte er jedoch jetzt kaum noch 
festhalten. Er würde das Kloster gleich verlassen müssen. Und dann 
spielte es auch keine Rolle, ob man Bruder Leopold nun etwas früher 
oder später fand. 

Diesen Überlegungen folgend, ließ er den Mönch einfach hinter 

der Tür liegen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß es noch 
eine ganz Weile dauern würde, bis der fette Bruder wieder zu sich 

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kam, trat er wieder auf den Klosterhof hinaus. 

Und noch immer war alles ruhig. Das Kloster war ein Hort des 

Friedens und ... der Schlafmützigkeit. 

Jetzt, da im Wachhäuschen niemand mehr war, dessen 

Wachsamkeit er zu fürchten hatte, stieß er auf keine weiteren 
Schwierigkeiten. Er eilte noch einmal zu seiner Zelle hinüber und 
packte alles zusammen, was er mitnehmen mußte. Anschließend 
öffnete er lautlos die Klosterpforte. Als letztes ging er in den Stall 
und holte sein Pferd. 

Als er vom Klosterhof ritt, dachte er mit einem gewissen Bedauern 

an Eloise. Es war eigentlich nicht seine Absicht gewesen, sich so 
grußlos  von ihr zu verabschieden. Aber nach Lage der Dinge gab es 
keine andere Möglichkeit. Sie liebte ihn, gewiß. Dennoch würde sie 
für seine Handlungsweise kaum Verständnis aufbringen. 

Achselzuckend ließ er seine Gedanken in andere Richtungen 

wandern. Es gab Wichtigeres im Leben eines Mannes als Frauen. 
Zügig ritt er der Schwarzenburg entgegen. 

»Todeskeim im Unterleib?« Der Burgwächter machte ein 
bedenkliches Gesicht. »Hm, das ist gewiß ein schwerer 
Schicksalsschlag, Junker. Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß Ihr 
alles geben würdet, um wieder gesund zu werden!« Lauernd blickte 
er den noblen Bittsteller an. 

Ganelon griff in den Sack, in dem er die gestohlenen 

Klosterschätze aufbewahrte, und holte einen silbrig glänzenden 
Becher hervor. Er reichte ihn dem Gräflichen hin. 

Der nahm ihn entgegen und musterte ihn eingehend. Seine Prüfung 

war sehr genau. So verzichtete er auch nicht darauf, mit dem 
Fingernagel über die Oberfläche zu kratzen und sogar mit den 
Zähnen in den Becherrand hineinzubeißen. Unwillig verzog er das 
Gesicht. »Dieses Ding ist nichts wert«, stellte er fest. »Wenn Ihr 
nichts Besseres anzubieten habt, Junker ...« 

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Der Mann war nicht dumm. Er hatte erkannt, daß die Silberschicht 

des Bechers nur ganz dünn aufgetragen war. Schnell griff Ganelon 
erneut in seinen Sack. 

»Hieran dürftet Ihr kaum etwas auszusetzen haben«, sagte er und 

übergab dem Burgwächter ein goldenes Kreuz, das mit mehreren 
prächtigen Edelsteinen verziert war. 

»Schon besser«, lobte der Getreue Kasimirs. »Habt Ihr noch 

mehr?« 

»Ist das nicht schon genug?« fragte Ganelon unwirsch. 
Die nackte Gier stand in den Augen des Burgwächters geschrieben. 

»Ich fürchte, es ist nicht genug«, sagte er. »Wißt Ihr was? Am besten 
dürfte es sein, Ihr gebt mir alles, was Ihr bei Euch habt.« 

Und ehe es  sich Ganelon versah, hatte er bereits zugelangt und den 

ganzen Sack in seinen Besitz gebracht. 

»Das ist doch ...« Ganelon war so empört, daß er den Mann am 

liebsten in den Burggraben gestoßen hätte. Nur mit großer Mühe 
gelang es ihm, seinen Zorn zu zügeln. 

Der Gräfliche grinste. »Es steht Euch natürlich frei, Eure 

Besitztümer zurückzuverlangen. Ohne jeden Zweifel würden wir 
Eurer Bitte sofort entsprechen. Schließlich sind wir keine Räuber. 
Nur müßtet Ihr dann leider darauf verzichten, den Schwarzen 
Stein...« 

»Schon gut, schon gut«, unterbrach Ganelon sein scheinheiliges 

Gerede. »Behaltet Eure Beute. Kann ich nun ...« 

»Aber gewiß doch, Herr Junker.« Der Burgwächter trat einen 

Schritt zur Seite und deutete eine ergebene Verbeugung an, bei der es 
sich vermutlich um puren Hohn handelte. »Männer wie Ihr seid uns 
jederzeit herzlich willkommen.« 

Unten auf dem Burghof standen andere Gräfliche bereit. Zwei 

Pferdeknechte nahmen sich seines Pferdes an. Drei Männer des 
Ritterstandes erkundigten sich, ob er gleich zu der wundertätigen 
Reliquie gebracht werden wollte. 

Und ob Ganelon das wollte! Sein ganzes Sinnen und Trachten war 

auf nichts anderes gerichtet. 

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»Dann folgt uns, Junker!« 
Die Männer führten ihn zum Donjon, dem großen Hauptturm der 

Schwarzenburg. Durch die Eingangshalle ging es einen breiten 
Korridor entlang, der schließlich vor einer eisernen Tür endete. Dort 
standen weitere Getreue des Grafen Wache. Sie waren schwer 
bewaffnet, trugen nicht nur ihre Schwerter, sondern hatten gleich-
zeitig auch noch Streitäxte in ihren Waffengürteln hängen. Selbst 
einem Ahnungslosen wäre nicht verborgen geblieben, daß hinter der 
Tür ein Schatz ruhen mußte, der all diese Sicherheitsvorkehrungen 
verdiente. 

Die Tür wurde geöffnet. 
Ein recht kleiner Raum lag vor Ganelon, ein Raum, der nicht 

möbliert war. Er enthielt nur eins: den goldenen Schrein aus dem 
Kloster und den Schwarzen Stein. 

Genalons Augen begannen zu glänzen, als er der einzigartigen 

Reliquie ansichtig wurde. Mehrere Wochen waren es nun her, seit er 
den Stein zuletzt berührt hatte. Eine lange Zeitspanne, eine viel zu 
lange Zeitspanne. 

Es gab jetzt kein Halten mehr für den provenzalischen Junker. 

Ohne sich weiter um seine gräflichen Begleiter zu kümmern, eilte er 
auf den Stein zu. Die Männer hinderten ihn nicht daran, blieben 
jedoch an der Tür stehen, wachsam und jederzeit bereit, einzugreifen, 
wenn er etwas Unerlaubtes tat. 

Vor dem goldenen Schrein lag ein Kissen auf dem Boden. Ganelon 

kniete darauf nieder. Dann streckte er wie ein Ertrinkender, der den 
letzten Strohhalm vor sich sah, seine Arme aus. Seine Hände 
zitterten wie Espenlaub, als sie den Schwarzen Stein von beiden 
Seiten umfaßten. 

Der Schwarze Stein! 
Seine Herkunft lag im Dunkel einer Ungewissen Vergangenheit. 

Die einen sagten, daß er eines Tages vom Himmel gefallen war. 
Andere widerum meinten, daß ihn ein Heiliger aus den Gefilden der 
Seligen auf die Erde gebracht hatte, um jenen Menschen zu helfen, 
die reinen Herzens waren. Ganelon wußte nicht, was richtig war, 

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wenn er auch an die Geschichte von dem  gütigen Heiligen nicht so 
recht zu glauben vermochte. Im Grunde genommen war ihm dies 
aber auch alles herzlich gleichgültig. Für ihn zählte nur eins. Im 
Kloster hatte der Stein seine Schuldigkeit getan und ihm tatsächlich 
geholfen. Und nun hoffte er natürlich darauf, daß dies auch jetzt 
wieder der Fall sein würde. 

Er schloß die Augen und bemühte sich, seinen Kopf freizumachen 

von allen überflüssigen Gedanken. Gedanken, die aus der Reinheit 
des Herzens kamen, waren jetzt bedeutsam. Ganelon dachte an den 
aussätzigen Bettler auf dem Marktplatz von Goujon, dem er einen 
ganzen Silberdenar geschenkt hatte. Er dachte an das kleine 
Mädchen, das er vor dem Ertrinken gerettet hatte, als es in den 
Mühlbach gefallen war. Und er dachte an den  alten, räudigen Hund, 
dem er das Gnadenbrot gegeben hatte. All dies waren Taten, auf die 
er stolz sein konnte. Taten, die ein Beweis für die Reinheit seines 
Herzens waren. 

Er konzentrierte sich auf den Schwarzen Stein. Bei seinen 

Kontakten im Kloster hatte er stets das Gefühl gehabt, als würde die 
Reliquie eine Art Wärme ausstrahlen, eine Wärme, die seinen ganzen 
Körper durchrieselte. Jetzt jedoch spürte er davon nichts. Der Stein 
war kühl, beinahe kalt. 

Alarmgefühle stiegen in Ganelon auf. Hatte der Stein seine Kraft 

verloren?  Nein, das durfte einfach nicht wahr sein! Ohne seine 
wundertätige Wirkung war er verloren. Der Keim des Todes würde 
ungehindert weiter in ihm wuchern und ... 

Ganelon verdrängte diesen entsetzlichen Gedanken. Fast 

gewaltsam preßte er seine Hände gegen die  unregelmäßigen Seiten 
des Steins. Mit aller Kraft wünschte er sich die wohlige Wärme 
herbei, die er gewohnt war. Aber sie stellte sich nicht ein. Der Stein 
blieb kalt, kalt, kalt... 

Und die Stiche in seinem Unterleib ließen nicht nach. Ja, er glaubte 

fast, daß sie sich noch verstärkten! 

Der Graf war schuld! 
Ja, so mußte es sein. Kasimir hatte den Stein geraubt, hatte dabei 

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sogar einen Menschen getötet. Dadurch hatte er gegen das Gebot der 
Friedfertigkeit verstoßen. Kein Wunder, daß der Schwarze Stein nun 
seine Wundertätigkeit nicht mehr offenbarte! 

Eine ganze Weile noch harrte er vor dem Schrein kniend aus. So 

lange, bis die Gräflichen an der Tür langsam ungeduldig wurden. 

»Kommt zum Ende, Junker«, rief der eine, »gewiß seid Ihr längst 

geheilt!« 

Ganelon  kam der unmißverständlichen Aufforderung nicht sofort 

nach. Schließlich aber mußte er einsehen, daß längeres Ausharren 
keinen Sinn hatte. Der Stein entfaltete seine Kraft nicht. Und der 
Keim des Todes wütete weiterhin in seinem Leib. Müde, unendlich 
müde erhob er sich und kehrte zu den Getreuen des Grafen zurück. 

Diese blickten ihm etwas erstaunt entgegen. »Ihr seht nicht sehr 

glücklich aus«, stellte einer von ihnen fest. »Aber warum nicht? 
Spürt Ihr denn nicht, wie sich die gesundende Kraft des Heiligtums 
in Eurem Innersten ausbreitet?« 

»Nichts spüre ich! Ich bin so krank wie zuvor!« 
»Das ist äußerst verwunderlich. Wenige nur kehren dem Stein den 

Rücken, ohne daß ihnen das Glück in den Augen geschrieben steht. 
Ihr müßt ein arger Sünder sein!« 

»Ich muß ...« Ganelon verschlug es die Sprache. 
»Gewiß«, sprach der Gräfliche weiter. »Wußtet Ihr denn nicht, daß 

nur denen Hilfe zuteil wird, deren Herz ohne Makel ist?« 

»Nicht an mir haftet der Makel«, sagte Ganelon empört. »Ihr seid 

schuld. Hättet Ihr den Stein nicht mit Gewalt in Euren Besitz 
gebracht...« Er unterbrach sich, wohl wissend, daß es nicht gut war, 
die Männer Kasimirs zu erzürnen. Er hatte mit eigenen Augen 
gesehen, wie skruppellos die Kerle vorgingen. 

Aber die Gräflichen waren überraschenderweise nicht verärgert. 

Sie lachten nur. 

»Geht in Euch, Junker, und tut Gutes«, sagte der Mann, der ihn 

schon als argen Sünder bezeichnet hatte. »Und dann kommt zurück 
und versucht Euer Glück erneut. Wie ich hörte, wart Ihr mit Euren 
Geschenken recht großzügig. Ihr habt eine zweite Gelegenheit 

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verdient.« 

Niedergeschlagen verließ Ganelon den Reliquienraum. 
Und die Stiche in seinem Leib wurden stärker und stärker. 

Man hatte Ganelon einen Raum ganz oben im Donjon zugewiesen. 
Es war ein schäbiger, schmutziger Raum, den der provenzalische 
Junker normalerweise entrüstet von sich gewiesen hätte. Aber hier 
auf der Schwarzenburg durfte er nicht wählerisch sein. Er konnte 
sich schon glücklich  schätzen, daß man ihn nicht unverzüglich wie-
der weggeschickt hatte. 

Er hatte nachgedacht, lange und ausgiebig. Mehr denn je war er 

davon überzeugt, daß der gewaltsame Raub für die erloschene Kraft 
des Schwarzen Steins verantwortlich gemacht werden mußte. Und er 
zweifelte eigentlich nicht daran, daß sich diese Kraft wieder 
offenbaren würde, wenn die Reliquie nur aus der Verfügungsgewalt 
des schurkischen Grafen entfernt wurde. 

Er war sich im klaren darüber, daß er allein nicht in der Lage sein 

würde, den Gräflichen den Stein zu entreißen. Dazu wurde er viel zu 
gut bewacht. Wenn es ihm jedoch gelang, schlagkräftige 
Bundesgenossen zu gewinnen, dann sah die Sache schon etwas 
anders aus. 

Und er wußte auch, wo er diese Bundesgenossen gewinnen konnte. 

Während  der Stunden, die er nun schon in der Schwarzenburg weilte, 
war er nicht untätig gewesen. Er hatte sich umgehört, und es war ihm 
zu Ohren gekommen, daß in den Verliesen der Burg ein Mann 
gefangengehalten wurde, der zu allem möglichen fähig war. 

Der Ritter Roland! 
Zwar hatte er dem Roland keineswegs vergessen, daß er ihn vor 

den Augen Eloises im Schwertkampf besiegt hatte. Aber er war jetzt 
bereit, seine Rachegefühle in den Hintergrund treten zu lassen. 
Roland war der Mann, der ihm helfen konnte, den Schwarzen Stein 
in Sicherheit zu bringen. Schließlich war der Ritter mit dem 

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Löwenherzen ja auch aus eben diesem Grunde zur Schwarzenburg 
gekommen. Und daß er und seine Knappen jetzt noch im Verlies 
schmachteten ... Nun, Ganelon sah eine Möglichkeit, die Gefangenen 
zu befreien. Sein Plan war gewagt und auch etwas verrückt. Dennoch 
kam er nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluß, ihn in die Tat 
umzusetzen. Was hatte er schon zu verlieren? Wenn ihm die Männer 
Kasimirs auf die Schliche kamen, würde er höchstwahrscheinlich mit 
seinem Leben dafür büßen müssen. Aber sein Leben war auch 
verwirkt, wenn der Schwarze Stein in der Obhut des Grafen blieb. 

Genalon traf seine Vorbereitungen in den Abendstunden. Und als 

sich die Burgbewohner langsam anschickten, sich zur Nachtruhe zu 
begeben, schritt er zu Tat. 

Er verließ seinen Raum, die Waffe, die er zum Gelingen seines 

Planes benötigte, in der Hand. Bei dieser Waffe handelte es sich um 
kein Schwert, kein Messer, keine Axt, sondern um einen ... gefüllten 
Weinkrug. Aber Ganelon hoffte zuversichtlich, damit mehr 
ausrichten zu können als mit der schärfsten Klinge. 

Während er zum Hof hinunterschritt, begegneten ihm mehrere 

Burgbewohner. Niemand hielt ihn auf. Und auch dem Krug schenkte 
niemand sonderliche Beachtung. Offenbar fand man es hier nicht so 
verwunderlich, daß jemand Wein durch die Gegend trug. 

Unten auf dem Hof schritt Ganelon zielbewußt zu dem Turm 

hinüber, in dem die Verliese untergebracht waren. Und noch immer 
stellte sich ihm niemand in den Weg. Die Burgbewohner wußten, 
daß er Gast in der Schwarzenburg war und sich frei bewegen durfte. 
Am Eingang zu dem Nebenturm sah das jedoch anders aus. Hier 
stand ein Bewaffneter. Der Mann, das wußte Ganelon, war eigentlich 
nicht zur Bewachung der Gefangenen da. In dem Turm lagerten 
jedoch auch Proviant und sonstige Vorräte, die es vor zudringlichen 
Händen zu schützen galt. Trotzdem hielt ihm der Bewaffnete den 
Arm entgegen, als er wie selbstverständlich den Turm betreten 
wollte. 

»Halt, Junker. Wo wollt Ihr hin?« 
»Zu den Gefangenen.« 

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»Zu welchem Behufe?« 
»Ich möchte ihnen das hier zum Geschenk machen«, sagte 

Ganelon und hielt dem Wächter den Krug hin. 

Mit gerunzelter Stirn beugte sich der Mann nieder und roch daran. 

»Wein«, stellte er fest. 

»So ist es«, nickte Ganelon. Verständnislos schüttelte der Posten 

den Kopf. »Ich verstehe nicht...« 

»Ihr wißt, daß ich ein todkranker Mann bin, den der Schwarze 

Stein nicht heilen konnte?« fragte Ganelon. 

»Ich habe davon gehört. Ihr sollt ein sündiger Mensch sein, der der 

wundertätigen Kraft des Heiligtums nicht für würdig erachtet 
wurde.« 

»Ja«, sagte Ganelon und tat ganz zerknirscht, »mein Herz ist nicht 

frei von manchem Makel. Und deshalb will ich gute Werke 
verrichten, um den Makel von mir zu nehmen.« 

»Ich verstehe immer noch nicht...« 
»Ist es kein gutes Werk, einen schmachtenden Gefangenen mit 

einem Krug Wein zu beglücken?« 

Der Posten lachte. »Wenn es so einfach wäre, sich seiner Sünden 

zu entledigen, dann brauchte ich mir um die ewige Seligkeit keine 
Gedanken zu  machen. Aber ob sich der Schwarze Stein so leicht 
hinters Licht führen läßt »Spottet nicht«, sagte Ganelon entrüstet. 
»Meine Absichten entspringen einem reinen Herzen. Darf ich nun 
passieren?« 

Einen Augenblick zögerte der Gräfliche. Dann lachte er wieder 

und sagte: »Meinetwegen, die Gefangenen unterstehen nicht meiner 
Obhut. Aber ob die Verlieswächter Eure gute Tat billigen werden, 
wage ich zu bezweifeln.« 

So gelang Ganelon der Zutritt zum Turm. Dort stieg er die 

Wendeltreppe hinab, die zu den Verliesen führte. Mit dem Weinkrug 
in der ausgestreckten Hand ereichte er das unterirdische Geschoß. 
Und sogleich sah er sich den Verlieswächtern gegenüber, die bei 
seiner Annäherung aus ihrer Wachkammer herauskamen. Drei 
Bewaffnete waren es, die ihn ausgesprochen finster und unfreundlich 

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musterten und zum Stehenbleiben aufforderten. 

Ganelon widerholte die Geschichte von der guten Tat, die er 

bereits oben zum besten gegeben hatte. Hatte der Wächter am 
Toreingang aber noch gelacht, so bleiben diese drei todernst. 

»Mir scheint, Ihr wollt uns veralbern, Junker«, sagte der eine von 

ihnen grimmig. »Gefangene mit edlem Wein zu beköstigen  - hat man 
jemals einen solchen Unsinn gehört?« 

»Ihr schlagt mir meine Bitte ab?« stellte Ganelon fest, während 

Trübsal seine Miene überschattete. »Ich flehe Euch an, habt 
Erbarmen mit meinem Seelenheil!« 

»Was kümmert uns Euer Seelenheil? Hebt Euch von hinnen!« 
Ganelon schämte sich nicht, fast in gar unmännliche Tränen 

auszubrechen. »Schickt mich nicht fort! Sagt mir lieber statt dessen, 
welche andere Möglichkeit es in der Schwarzenburg für mich gibt, 
die Reinheit meines Herzens zu bekunden.« 

Die Männer tauschten Blicke, brachen dann doch in Lachen aus. 

Gar zu jämmerlich war der Anblick, den Ganelon mit seinem Kruge 
bot. Seine Hand zitterte so stark, daß der Wein überschwappte und 
auf den steinernen Boden tropfte. 

»Ich wüßte schon eine gute Tat, die Ihr verrichten könnt«, sagte ein 

anderer der drei. »Gebt uns Euren Wein, und wir legen im Himmel 
ein gutes Wort für Euch ein.« Der Mann lachte noch immer und 
schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. 

Ein Gefühl des Triumphes durchrieselte Ganelon. Genau auf 

diesen Vorschlag hatte er gewartet! Allerdings hatte er nicht zu 
hoffen gewagt, daß ihn die Wächter so schnell machen würden. Er 
ließ  sich seine Gedanken jedoch nicht anmerken, tat vielmehr so, als 
müsse er sich das Verlangen des Wächters erst einmal durch den 
Kopf gehen lassen. 

»Glaubt Ihr wirklich, daß es ein Zeichen meines guten Herzens 

wäre, wenn ich Euch den Wein gebe?« fragte er mit gespieltem 
Zweifel. 

»Aber gewiß doch«, bekam er grinsend zur Antwort. »Schließlich 

könntet Ihr den Wein auch selbst trinken. Wenn Ihr ihn jedoch uns 

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überlaßt, spricht dies für Eure Selbstlosigkeit. Heißt es denn nicht 
schon in der Schrift, daß Geben seliger denn Nehmen ist?« 

»Vielleicht habt Ihr recht«, sagte Ganelon langsam. »So nehmt den 

Wein denn!« 

Wenig später ließen die drei Männer den Krug kreisen. Sie luden 

Ganelon ein, selbst einen kräftigen Schluck mitzutrinken. Das jedoch 
lehnte der Junker ab. 

Seine Gründe dafür waren jedoch andere, als die Gräflichen wohl 

vermuteten ... 

Roland hatte sich bereits auf sein fauliges Stohlager gelegt, um die 
Nacht wie gewohnt in einem unruhigen, von bösen Träumen 
geplagtem Schlaf zu verbringen. Die wievielte Nacht das sein würde, 
wußte er nicht so genau. In der ständigen Dunkelheit des Verlieses 
verlor man das Gefühl für die Zeit. Wenn es nicht die in halbwegs 
regelmäßigen Abständen verabreichten Mahlzeiten gegeben hätte, 
wäre es nicht einmal möglich gewesen, zwischen Tag und Nacht zu 
unterscheiden. 

Die Stimme seines Knappen Louis riß ihn aus dem 

Dämmerzustand wieder hoch. 

»Ritter Roland!« 
»Was ... ist los?« 
»Da draußen auf dem Gang ... Hört Ihr es?« 
Roland richtete sich in eine sitzende Stellung auf und hielt den 

Kopf schief. 

Und er hörte etwas. 
Schmerzensschreie und ... Kampfgeräusche. 
Auch der Ritter Richard und Pierre waren jetzt hellwach geworden. 
»Was, glaubt Ihr, geht da vor, Roland?« In Richards Stimme 

schwang gespannte Erregung mit. »Ob dort Männer gekommen sind, 
um uns zu befreien?« 

»Wer sollte das sein? Wir sind Fremde im Riesengebirge. Ich 

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wüßte niemanden, der sich um unseretwillen mit Graf Kasimir 
anlegen würde.« 

»Die Mönche ...« 
»... sind Männer des Friedens. Ihr Glaube verbietet es Ihnen, eine 

Waffe in die Hand zu nehmen.« 

»Wahrscheinlich haben die Verlieswächter beim Würfelspiel Streit 

miteinander bekommen«, vermutete Pierre. »Selbst wenn sie sich 
dabei die Schädel einschlagen, haben wir keinen Vorteil davon.« 

Aber der dickliche Knappe irrte sich. Schritte wurden jetzt draußen 

auf dem Gang hörbar, die genau vor der Verliestür endeten. 

»Ritter Roland, seid Ihr hier drinnen?« ertönte eine halblaute 

Männerstimme. 

Roland war längst von seinem Strohlager hochgesprungen und zur 

Tür geeilt. 

»Wer seid Ihr?« 
Der Mann dort draußen hatte die Ruhe eines Bären. Sein 

Auflachen bestätigte es. 

»Ihr erkennt mich nicht, Roland?« 
Der Ritter mit dem Löwenherzen strengte seine Ohren an, aber die 

Stimme blieb ihm fremd. 

»Dabei haben wir doch erst unlängst die Klingen gekreuzt«, sprach 

der Mann vor der Tür weiter. 

Jetzt begriff Roland. »Ganelon!« 
»Ja«, sagte der provenzalische Junker, »ich bin es. Wartet, ich hole 

Euch heraus.« 

Roland konnte es noch gar nicht richtig fassen. Daß ausgerechnet 

Ganelon, ein Mann, in dessen Augen er den Haß leuchten gesehen 
hatte, zu seiner Befreiung gekommen war, verblüffte ihn über alle 
Maßen. Aber er konnte wohl davon ausgehen, daß der Junker seine 
Gründe noch darlegen würde. 

Er hörte, wie sich Ganelon am Schloß zu schaffen machte, nicht 

mit Gewalt, sondern mit Hilfe eines Schlüssels, den er 
wahrscheinlich den Wächtern abgenommen hatte. Offenbar fand er 
nicht auf Anhieb den richtigen, denn er benutzte mehrere. 

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Dann jedoch hatte er die rechte Wahl getroffen. Der Schlüssel 

drehte sich im Schloß, traf auf keinen Widerstand mehr. 

Die Tür öffnete sich. 
Und da stand Ganelon, eine brennende Fackel in der linken Hand, 

ein Lächeln auf den Lippen. 

»Seid mir gegrüßt!« 
Roland trat aus dem Verlies hinaus und blickte gleich nach rechts 

den Gang hinunter, wo er die Wachkammer wußte. 

Ganelon erahnte seine Gedanken. »Macht Euch wegen der 

Wächter keine Sorgen«, sagte er. »Sie brauchen wir gewiß nicht 
mehr zu fürchten.« 

»Habt Ihr sie ...« 
»Ja.« 
Auch Richard und die beiden Knappen kamen jetzt eilig aus dem 

Verlies heraus. Im flackernden Lichtschein der Fackel sahen sie aus 
wie die heruntergekommensten Strauchdiebe, die man sich denken 
konnte. Abgerissen, schmutzig und mit wild wucherndem 
Bartwuchs, dem seit einer schieren Ewigkeit keine Klinge mehr 
Einhalt geboten hatte. Roland war sich im klaren darüber, daß sich 
sein eigener Anblick um keinen Deut von dem ihren unterschied. 
Aber das spielte jetzt wahrlich keine Rolle. Nur eins zählte jetzt: Sie 
konnten sich wieder bewegen, ohne von den Wänden ihres Verlieses 
behindert zu werden. Wie lange sie ihre wiedergewonnene 
Bewegungsfreiheit allerdings behaupten konnten, mußte sich noch 
erweisen. Die Verlieswächter hatte Ganelon außer Gefecht gesetzt. 
Aber damit war natürlich nur der Anfang gemacht. Der Weg zur 
vollkommenen Freiheit mußte noch erkämpft werden. 

Die drei Verlies Wächter lagen in verkrümmter Haltung auf dem 
Boden. 

Ihre Gesichter waren verzerrt, die Glieder  verkrampft, ganz  so,  als 

ob sie vor ihrem Tod noch schreckliche Schmerzen erlitten hatten. 

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Überall an ihnen war Blut. 

Fragend blickte Roland den provenzalischen Junker an. »Wie habt 

Ihr es geschafft, mit Ihnen fertig zu werden? Drei gegen einen, das 
war gewiß kein Kinderspiel.« 

Der hochgewachsene Mann mit den etwas düsteren Gesichtszügen 

schob eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. »Ich hatte mir einen 
Helfer mitgebracht«, sagte er und deutete auf die Scherben eines 
tönernen Krugs, die neben einem der Gräflichen auf den Steinplatten 
lagen. 

Erst jetzt wurde sich Roland des durchdringenden Geruchs bewußt, 

der in der Luft lag. Es roch intensiv nach Wein. »Ihr habt sie 
betrunken gemacht und dann ...« 

»Das allein hätte wohl nicht ausgereicht«, gab Ganelon zurück. 

»Ich habe ein bißchen nachgeholfen - mit Teufelswurz!« 

Teufelswurz ... 
Roland kannte dieses unscheinbare Kraut, das im Schatten feuchter 

Mauern wuchs und angeblich nur blühte, wenn der Mond am 
Himmel stand. Sein Genuß führte zu furchtbarem Bauchgrimmen 
und konnte sogar den Tod hervorrufen. Ganz offensichtlich hatte 
Ganelon die Wächter überwältigt, als sie sich vor Schmerzen wanden 
und kaum zur Gegenwehr fähig waren. 

Er warf einen besorgten Blick zu der Treppe hinüber, die nach 

oben führte. »Hat denn niemand etwas gehört?« 

Ganelon zuckte die Achseln. »Die Mauern hier unten sind dick. 

Aber der Turmwächter weiß, daß ich Euch einen Besuch abstatten 
wollte. Über kurz oder lang dürfte er nachsehen kommen, wo ich 
denn bleibe.« 

»Er soll nur kommen!« stieß Louis grimmig hervor. Er hatte einem 

der Getreuen Kasimirs das Schwert abgenommen und hielt es mit 
einer entschlossenen Gebärde in die Luft. 

Auch Roland bewaffnete sich. »Uns steht noch harte Arbeit bevor. 

Um aus der Trutzenburg herauszukommen, müssen wir die 
Torwächter überwältigen und ...« 

»Nicht nur die«, warf Ganelon ein. »Auch die Gräflichen, die den 

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Schwarzen Stein bewachen!« 

Roland sah ihn an. »Habt Ihr uns aus diesem Grund aus dem 

Verlies befreit?« 

Der Provenzale lächelte dünn. »Wenn Ihr es genau wissen wollt, 

ja! Meine ritterliche Bruderliebe zu Euch hält sich in Grenzen.« 

Roland nickte langsam. Das waren offene Worte, die Ganelon da 

gesprochen hatte. Sie waren nicht gerade freundlich gewesen, dafür 
aber ehrlich. Und das ehrte  den Junker. Ebenso ehrte es ihn, daß er 
sich für den Schwarzen Stein einsetzte. Es wäre bestimmt einfacher 
für ihn gewesen, dem gierigen Grafen seinen Tribut zu entrichten 
und die wundertätige Reliquie an Ort und Stelle aufzusuchen. 

»Gut«, sagte Roland, »wir werden ...« 
Er hielt ein, als eine fremde Stimme hörbar wurde. 
»Andreas? Gotho?« 
Die Stimme kam von oben, und wem sie gehörte, war nicht 

sonderlich schwer zu erraten. 

»Der Turmwächter«, flüsterte Ganelon. 
Louis packte sein Schwert fester und setzte eine noch 

entschlossenere Miene auf. »Ich werde den Kerl...« 

»Halt!« zischte der Ritter mit dem Löwenherzen. »Willst du, daß 

der Mann Alarm schlägt?« 

»Andreas? Warum bei allen Heiligen, meldet ihr euch nicht?« 
Unentschlossen blickten sich die Männer an. Da  war es der Knappe 

Pierre, der die Situation rettete. Gänzlich unvermutet hob er an zu 
singen: 

Drei tapfere, wackere Ritter waren wir, 
Wir labten uns an Wein, Met und Bier, 
Und wenn wir genug getrunken hatten, 
Legten wir uns und schliefen wie die Ratten. 
Laut, grölend und mißtönend war sein Gesang, gar schrecklich 

anzuhören. Aber er erfüllte seinen Zweck. 

»Besoffene Kerle!« entrüstete sich der Turmwächter. »Wenn das 

der Graf erfährt...« 

Pierre grinste über das ganze dickliche Gesicht und ließ die nächste 

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Strophe erschallen: 

Drei tapfere, wackere Ritter waren wir, 
Wir galten als des noblen Standes große Zier, 
Denn wenn uns der feige Feind erkannte, 
Er sofort voll Furcht von dannen rannte. 
Der Turmwächter stieß eine Verwünschung aus. Im nächsten 

Augenblick waren seinen schweren Schritte auf der Treppe zu hören. 

Drei tapfere, wackere Ritter waren wir, 
Wir jagten stets das wildeste Getier, 
Und wenn wir mal das Wild nicht trafen, 
Dann legten wir uns einfach wieder schlafen. 
Jetzt hatte der Turmwächter den Fuß der Treppe erreicht. Im 

nächsten Augenblick bog er um die Ecke des Ganges. 

Roland stand bereits bereit, um ihn gebührend in Empfang zu 

nehmen. Der Gräfliche prallte zurück, als er des Ritters mit dem 
Löwenherzen ansichtig wurde. Seine Rechte fuhr zum Waffengürtel, 
der Mund öffnete sich zum Schrei. Aber da schlug Roland schon mit 
der Breitseite des Schwertes zu. Der Getreue Kasimirs wurde am 
Kopf getroffen, schwankte wie ein wahrhaft Betrunkener. Rolands 
zweiter Hieb streckte ihn endgültig zu Boden. 

»Gut gemacht, Roland«, lobte der Ritter Richard. »Niemand hat 

eine so sichere Hand wie Ihr!« 

Ganelon zog ob dieser Worte die Lippen schief. Auch Roland 

selbst ließ sich durch die Schmeichelei nicht beeindrucken. Er ließ 
das Schwert sinken und blickte den Junker an. 

»Wird man den Wächter oben nicht vermissen?« fragte er äußerst 

nachdenklich. 

»Das steht zu befürchten. Hier unten wird kaum jemand 

erscheinen, um nach dem Rechten zu schauen. Aber oben vor dem 
Vorratsturm ...« 

Roland betrachtete den Niedergeschlagenen, maß dann mit den 

Blicken Richards Gestalt. 

»Euer Äußeres gleicht dem seinen, Richard«, sagte er zu seinem 

Standesbruder. »Tauscht die Kleidung mit ihm!« 

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Der junge Ritter bekam große Augen. »Ich soll...« 
»Wenn Ihr das gräfliche Wappen auf der Brust tragt und an seiner 

Stelle Posten steht, schöpft vielleicht niemand Verdacht. Macht 
schon, Richard. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« 

Richard erhob keinen Widerspruch, fing sofort damit, seine 

Oberkleidung abzulegen. Wenig später hatte er sich in einen 
Getreuen Kasimirs verwandelt, der an Glaubhaftigkeit kaum etwas 
zu wünschen übrig ließ. 

»Prächtig seht Ihr aus«, stellte Roland fest. »Vielleicht solltet Ihr 

den Grafen fragen, ob Ihr in seine Dienste treten dürft.« 

Mit säuerlichem Gesichtsausdruck nahm Richard die spöttische 

Bemerkung entgegen, entgegnete aber nichts. 

Vier Gräfliche waren jetzt überwältigt worden. Somit standen auch 

vier Schwerter zur Verfügung. Nach Louis und Roland bewaffneten 
sich auch Ganelon und Richard. Allein für Pierre blieb keine Klinge 
übrig. Der dickliche Knappe behalf sich, indem er eine handgroße 
Scherbe des zerbrochenen Krugs aufklaubte. In der Hand eines 
geschickten Mannes konnte auch dieser Notbehelf zu einer tödlichen 
Waffe werden. Und wenn Pierre auch etwas behäbig war, als 
ungeschickt konnte man ihn ganz gewiß nicht bezeichnen. 

Richard schritt als erster die Treppe hinauf, die anderen folgten ein 

paar Schritte hinter ihm. Der junge Ritter öffnete die schwere Tür, 
die auf den Burghof führte, und blickte zunächst vorsichtig nach 
draußen. Dann schlüpfte er hindurch. 

»Wartet noch«, raunte er. »Ich will erst sehen, ob die Luft wirklich 

rein ist.« 

Nach kurzer Zeit meldete er sich wieder. »Inzwischen scheinen 

sich alle Burgbewohner zur Ruhe begeben zu haben. Ich sehe 
niemanden!« 

»Wir wollen trotzdem kein Risiko eingehen«, flüsterte Roland. 

»Ganelon, Ihr könnt Euch doch frei bewegen, nicht wahr?« 

»Ja. Ich habe die große Ehre, die Gastfreundschaft Graf Kasimirs 

zu genießen.« 

»Dann geht als erster zum Donjon hinüber. Gebt Richard ein 

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Zeichen, wenn wir nachfolgen können.« 

»Gemacht!« 
Der provenzalische Junker trat nun ebenfalls nach draußen. Ganz 

offen schritt er über den Burghof auf den Hauptturm zu. Keiner 
begegnete ihm, keiner hielt ihn auf. Am Portal des Donjon 
angekommen, wartete er noch ein Weilchen. Dann ahmte er 
täuschend echt den Ruf eines Käuzchens nach. 

»Ihr könnt kommen«, sagte Richard leise. 
Auch Roland und seine beiden Knappen kamen nun aus dem 

Verliesturm heraus. Die Dunkelheit der Nacht nahm sie in Empfang. 
Nirgendwo konnten sie Fackellicht entdecken. Allein auf der 
Burgmauer war ein schwacher, rötlicher Schein auszumachen. Das 
Feuer selbst blieb jedoch unsichtbar, weil es durch die Brustwehr des 
Wehrgangs verborgen wurde. Eine tiefe Stille, die an die ewige Ruhe 
eines Gottesackers gemahnte, lag über der gesamten Schwarzenburg. 

»Los«, raunte der Ritter mit dem Löwenherzen seinen beiden 

Getreuen zu. 

Er setzte sich in Bewegung. Es wäre  zweifelsohne zu riskant 

gewesen, Ganelons Beispiel zu folgen und quer über den Burghof zu 
gehen. Deshalb hielt er sich dicht an die Gebäudemauern, mit denen 
er in der Dunkelheit geradezu verschmolz. Pierre und Louis folgten 
ihm auf dem Fuße. Unbeschadet  erreichten die drei Männer das 
Portal des Donjons, wo der Provenzale ihrer harrte. Nach ein paar 
schnellen, prüfenden Blicken über den Hof schlüpften sie alle ins 
Innere des Wohnturms und gelangten in die Eingangshalle. 

Vor ihnen lag zwielichtiges Halbdunkel. Zwei an den Wänden 

angebrachte Fackeln warfen ihren flackernden Lichtschein ins weite 
Rund, der sich jedoch in der ausgedehnten Halle weitgehend verlor. 
Ferne Stimmen drangen an die Ohren der Männer, aber es war kaum 
festzustellen, wo diese ihren Ursprung hatten. 

»Wo wird der Stein aufbewahrt?« fragte der Ritter mit dem 

Löwenherzen im Flüsterton. 

»Hier entlang«, antwortete Ganelon ebenso tonlos. 
Auf leisen Sohlen ging er an der breiten, zu den oberen 

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Stockwerken führenden Treppe vorbei und betrat einen dunklen 
Korridor, dessen Ende nicht zu erkennen war. Roland und seine 
beiden Knappen blieben dicht hinter ihm. Nach einem guten Dutzend 
Schritte machte der Gang einen Bogen nach links. Ganelon blieb 
stehen, so abrupt, daß Roland beinahe gegen ihn gelaufen wäre. Der 
Ritter mit dem Löwenherzen zerbiß eine Verwünschung zwischen 
den Lippen. 

Aber das plötzliche Stehenbleiben des Provenzalen war durchaus 

angebracht gewesen. Matter Lichtschein fiel den vier Männern 
entgegen. Und die Stimmen, die sie schon zuvor gehört hatten, waren 
lauter geworden. 

»Wir sind gleich da«, raunte Ganelon. 
Louis hob sein Schwert. »Sturmangriff?« 
Roland legte die Stirn in Falten, dachte angestrengt nach. Aber der 

provenzalische Junker hatte einen besseren Gedanken. 

»Mich kennen die Wächter«, flüsterte er. »Ich gehe ganz offen hin 

und verlange, zum Schwarzen Stein gelassen zu werden. Und wenn 
sie dadurch abgelenkt sind ...« 

»... greifen wir an!« vervollständigte Roland. 
Ganelon betrachtete sinnend sein Schwert, gab es dann an den 

Knappen Pierre weiter. 

»Jemand, der den Segen der Reliquie erflehen will, darf keine 

Waffe bei sich tragen« , sagte er. Nach diesen Worten marschierte er 
los, ohne sich dabei Mühe zu geben, seine Annäherung zu verbergen. 

»Seid Ihr toll, Junker? Schert Euch weg und kommt gefälligst 
morgen wieder!« 

Der Getreue Kasimirs machte ein ausgesprochen wütendes 

Gesicht. Und auch die anderen beiden Wächter blickten Ganelon 
nicht gerade freundlich an. Wie ernst die drei Männer ihren 
Wachdienst nahmen, war schon daran zu erkennen, daß sie sich nicht 
mit einem Würfelspiel beschäftigten, sondern ihre ganze 

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Aufmerksamkeit der Tür widmeten, hinter der das Heiligtum aus 
dem Kloster ruhte. 

Ganelon ließ sich durch die schroffe Ablehnung 

nicht 

beeindrucken. Er preßte eine Hand gegen den Unterleib und gab ein 
Stöhnen von sich. »Ich ... leide Höllenqualen«, sagte er, wobei er 
nicht einmal die Unwahrheit sprach. »Laßt mich hinein, ich flehe 
Euch an!« 

»Nicht mitten in der Nacht, morgen! Und nun ...« 
»Elender Leuteschinder!« schimpfte Ganelon. Und dann ging er 

mit ausgestreckten Händen auf den Sprecher der Wachposten los und 
packte ihn am Hals. 

Der Mann war von dieser Attacke vollkommen überrascht, kam 

gar nicht dazu, sich zur Wehr zu setzen. Er mußte es hinnehmen, daß 
ihn Ganelon gar kräftig würgte. 

»Öffnet die Tür, sonst drehe ich Euch den Hals herum!« 
Da griffen die beiden anderen Gräflichen ein. Sie langten nach 

Ganelon, wollten ihn wegzerren. Aber der Junker ließ das nicht so 
einfach mit sich machen, lockerte seinen Würgegriff nicht. Die 
Geräusche des Handgemenges und das laute Keuchen der Männer 
erfüllte den Korridor. 

Darauf hatten Roland und seine beiden Knappen gewartet. Es 

wurde Zeit für sie ... 

»Kommt!« zischte der Ritter »mit dem Löwenherzen. Und dann 

lief er bereits los, das Schwert in der erhobenen Faust. Louis und 
Pierre eilten hinter ihm her. Nur wenige Augenblicke brauchten die 
drei Gefährten, um den Schauplatz des Handgemenges zu erreichen. 
Es sah nicht gut aus für Ganelon. Die drei Gräflichen waren dabei, 
ihm gehörig die Fideltöne beizubringen. Aber sie taten das nur mit 
den Fäusten, nicht mit der blanken Waffe. Und sie waren so in ihre 
Beschäftigung vertieft, daß sie Roland und die Knappen erst 
bemerkten, als diese unmittelbar vor ihnen standen. »Ritter ... Ro...« 
stieß der eine entgeistert hervor. 

Weiter kam er nicht. Roland hätte ihm das Schwert mitten in den 

Leib jagen können. Aber das tat er nicht, weil es ihm wie das 

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Abschlachten eines Stück Viehs vorgekommen wäre. Statt dessen 
setzte er wieder die Breitseite des Schwertes ein. Der Schlag riß dem 
Mann den Kopf in den Nacken. Er bekam sofort glasige Augen und 
kippte um wie ein übervoller Hafersack. 

Gleichzeitig wollte sich Louis den zweiten Wächter vornehmen. 

Aber dieser Gräfliche ließ sich nicht so einfach überrumpeln. Er 
wußte sich zu helfen. Er hielt Ganelon von hinten umklammert. Als 
der glutäugige Knappe mit dem Schwert auf ihn eindrang, gab er 
dem Junker einen Stoß. Mit Vehemenz wurde Ganelon gegen Louis 
geschleudert. Und dem wäre um ein Haar das arge Mißgeschick 
unterlaufen, den eigenen Kampfgenossen mit der Klinge zu 
entleiben. 

Auch Pierre sah sich Schwierigkeiten gegenüber. Der dritte Mann 

hatte Ganelon unverzüglich losgelassen und sein Schwert 
hervorgerissen. Als der dickliche Knappe den ersten Streich führte, 
parierte der Gräfliche den Hieb. Und schon ging er seinerseits zum 
Angriff über. 

Aber mittlerweile hatte Roland die Hand wieder frei. Er stoppte die 

Gegenattacke des Gräflichen und gab Pierre dadurch Gelegenheit, 
den zweiten Streich zu führen. Und diesmal bewies der Knappe, daß 
er sehr wohl mit dem Schwert umzugehen verstand. Mit einem 
gurgelnden Aufschrei brach der Getreue Kasimirs zusammen. 

Damit stand nur noch ein Wächter auf den Beinen. Und auch seine 

Zeit war gezählt. Ganelon sprang zur Seite, um Louis nicht weiter zu 
behindern. Und der nutzte seine Bewegungsfreiheit. Der Gräfliche 
unternahm den verzweifelten Versuch, noch rechtzeitig nach seiner 
Streitaxt zu greifen,  aber er schaffte es nicht mehr. Louis' Klinge war 
schneller. Roland brauchte nicht mehr einzugreifen. 

Befriedigt blickten sich die Kampfgefährten an. Die 

Auseinandersetzung mit den Wächtern hatte nur wenige Augenblicke 
gedauert, und keiner von ihnen hatte eine Blessur davongetragen. 
Nun konnten sie nur noch hoffen, daß niemand im Turm etwas 
gehört hatte. 

Ganelon machte sich gleich daran, einen der am Boden Liegenden 

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abzutasten. Fast auf Anhieb wurde er fündig. 

»Wußte ich doch, daß  dieser Kerl ihn hatte!« Triumphierend hielt 

er einen Schlüssel hoch in die Luft. 

Ein paar Herzschläge später hatte er den Schlüssel ins Schloß 

gesteckt und herumgedreht. Dann stieß er die schwere Eisentür auf. 

Dunkelheit lag vor den vier Männern. Aber dem ließ sich leicht 

abhelfen. Roland nahm die an der Außenwand befestigte Fackel aus 
ihrer Halterung und ging dann als erster in den Reliquienraum. 

Er sah den Schwarzen Stein sofort. 
Und war bitter enttäuscht. 
Er wußte nicht genau, was er eigentlich erwartet hatte. Dieser 

schwärzliche, unregelmäßig geformte Gesteinsbrocken, der da in 
einem goldenen Schrein lag, sah so alltäglich, so gewöhnlich aus, 
daß er ihm unter normalen Umständen keinen zweiten Blick 
geschenkt hätte. 

Ganelon hingegen sah das ganz anders. Im Licht der Fackel 

erkannte Roland, wie ein Leuchten in seine Augen trat. Geradezu 
hastig drängte sich der Provenzale an ihm vorbei und eilte mit 
schnellen Schritten auf den Schrein zu. Schon hatte er 
hineingegriffen und den Stein in seinen Besitz gebracht. Etwas 
überrascht nahm Roland zur Kenntnis, daß er dabei leicht schwankte. 
Er schien schwächlicher zu sein, als es bisher geschienen hatte. 

Während Louis draußen vor der Tür stehengeblieben war, hatte 

auch Pierre den Raum betreten. Blicke, aus denen die pure Neugier 
sprach, gingen zu Ganelon hinüber. 

»Und?« fragte er gespannt. »Spürt Ihr schon, wie alle Leiden von 

Euch abfallen?« 

»Nein, mein Freund«, antwortete der Junker. »Ich fürchte, daß 

meine Gedanken gegenwärtig nicht von der Milch der frommen 
Denkungsart genährt werden. Man muß reinen Herzens sein, um ...« 

»Hört auf, mit dem überflüssigen Gerede«, fuhr Roland 

dazwischen. »Wir haben jetzt wahrlich Besseres zu tun!« 

»Recht habt Ihr«, stimmte ihm Ganelon zu. »Für uns ist jetzt nur 

eins wichtig: die Schwarzenburg so schnell wie möglich zu 

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verlassen!« 

»Dann kommt!« 
Wenig später standen die Gefährten wieder am Portal des Donjon. 

Noch immer war im Wohnturm alles ruhig. Und auch auf dem 
Burghof ließ sich niemand blicken. Alles sprach dafür, daß die 
Burgbewohner nach wie vor nicht die geringste Ahnung davon hat-
ten, was in der Zwischenzeit geschehen war. 

Angestrengt blickte Roland zur Burgmauer hinüber. Er konnte die 

Torwächter nicht sehen, aber er wußte, daß sie da waren. Keine 
Frage, das schwerste Stück Arbeit lag noch vor ihnen. 

»Wißt Ihr, wo die Stallungen liegen?« fragte er den Provenzalen. 

Als er die Burg betreten hatte, war alles so schnell gegangen, daß er 
sich gar nicht dafür interessiert hatte. 

»Ja. Sie sind in dem flachen Anbau neben dem dritten Turm 

untergebracht.« 

»Gibt es Wächter?« 
»Ich weiß nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, daß es einen oder 

auch mehrere Stallknechte gibt.« 

»Mit denen sollten wir ohne viel Federlesens fertig werden.« 

Roland wandte sich an seine Knappen. »Louis, Pierre, schleicht euch 
zum Stall hinüber und besorgt fünf Pferde. Und wenn ihr seht, daß 
die Zugbrücke heruntergelassen ist, dann kommt damit zum Tor.« 

»Ja, Ritter Roland.« 
Louis und Pierre wollten schon in der Dunkelheit verschwinden, da 

hielt Roland sie noch einmal zurück. 

»Nehmt den Schwarzen Stein mit«, sagte er. »Junker Ganelon 

braucht seine Hände für die Torwächter.« 

Der Provenzale preßte die Reliquie an sich wie eine treue sorgende 

Mutter ihren Säugling. 

»Nein!« 
Roland zog die Augenbrauen hoch. »Wie meint Ihr?« 
»Um nichts in der Welt trenne ich mich von dem Stein! Euer 

Knappe Louis soll mit Euch zur Brücke gehen. Er versteht sich drauf, 
mit dem Schwert zu kämpfen. Ich und Pierre holen die Pferde!« 

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»Gut, wenn Ihr meint...« Roland fand es müßig, jetzt einen Streit 

vom Zaume zu brechen. Außerdem war ihm Louis als Kampfgenosse 
im Grund genommen auch lieber als der Junker. 

Pierre und Ganelon huschten, eng an die Turmwand gedrückt, mit 

dem Stein davon. 

Einen hätte Roland beinahe vergessen: den Ritter Richard, der vor 

dem Verliesturm die Rolle eines gräflichen Wächters übernommen 
hatte. Diese Rolle konnte er jetzt ablegen, denn er wurde an der 
Brücke nötiger gebraucht. 

Er ließ den Klageruf des Käuzchens erschallen. 

Roland, Louis und Richard standen geduckt am Fuß der schiefen 
Ebene, die zu dem erhöht liegenden Burgtor hinaufführte. Den Hof 
unbemerkt zu überqueren, war ihnen gelungen. Aber ob ihnen das 
Glück auch weiterhin treu bleiben würde, mußte sich noch 
herausstellen. Die Wächter saßen irgendwo auf der Mauer, die links 
und rechts vom Tor in die Höhe wuchs. Und wenn sie ihre 
Aufmerksamkeit nicht nur der Nacht jenseits des Grabens 
widmeten... 

Aber es half nichts. Nur der Weg über die Rampe führte letzten 

Endes in die Freiheit. 

»Wohlan denn!« 
Immer noch in geduckter Haltung betraten die drei Männer die 

Rampe und hasteten nach oben. 

Und da geschah es schon ... 
»Halt!« kam eine scharfe Stimme von oben. 
Unwillkürlich verhielten Roland und seine beiden Gefährten den 

Schritt. Sie konnten den Anrufer nicht sehen, weil er durch die 
Mauerbrüstung verdeckt wurde. Aber sie waren sich ziemlich sicher, 
daß er rechts vom Tor steckte. 

»Was wollt Ihr? Und wer ... « 
»Der Ritter Roland!« ertönte eine zweite Stimme. 

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Damit waren die Würfel gefallen. Jetzt halfen keine 

Spiegelfechtereien mehr, keine Vorwände. Jetzt half nur noch die Tat 
an sich. 

»Weiter!« zischte Roland und begann wieder zu laufen. 
Mit langen Schritten hetzte er die schiefe Ebene empor, stand ein 

paar Augenblicke später vor dem Tor, das durch die hochgezogene 
Zugbrücke versperrt wurde. Aber er hatte keine Ahnung, wo sich die 
Winde befand, mit der die Brücke heruntergelassen werden konnte. 
Wahrscheinlich oben auf der Mauer. 

Was kommen mußte, trat ein. Die Wächter erhoben ein lautes 

Geschrei. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die ganze Burg aus 
dem Schlaf erwacht war. 

Wild blickte sich Roland um. Ein paar Schritte weiter rechts nahm 

er die schattenhaften Umrisse einer schmalen Steintreppe wahr, die 
zur Mauerkrone hochführten. Das war der Weg, den er nehmen 
mußte. Schon stürmte er weiter, die steinernen Stufen hinauf. 

Eine dunkle Gestalt tauchte am oberen Ende der Treppe auf. Ein 

surrendes Geräusch wurde hörbar. 

Aus dem Lauf heraus ließ sich der Ritter mit dem Löwenherzen 

nach vorne fallen, machte dabei unliebsame Bekanntschaft mit dem 
kantigen, harten Stein. Aber dies war gewiß nur das kleinere Übel. 
Der Pfeil, den der Torwächter auf ihn abgeschossen hatte, pfiff so 
dicht über seinen Haarschopf hinweg, daß er den Luftzug spürte. 

Bevor der Gräfliche einen zweiten Pfeil auf die Sehne legen 

konnte, stand Roland schon wieder auf den Füßen und hetzte weiter 
nach oben. Er hatte keine Zeit, sich nach Louis und Richard 
umzusehen. Aber er hörte an den Fußtritten der beiden, daß sie dicht 
hinter ihm waren. 

Zwei weitere Burgwächter erschienen jetzt neben dem 

Bogenschützen. Matt glänzten die Klingen ihrer Schwerter im 
schwachen Mondlicht. 

Roland ließ sich dadurch nicht beirren. Er hielt sein eigenes 

Schwert längst in der Hand und war zum Kampfe bereit. Noch drei, 
vier Stufen ... 

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Gleichzeitig hieben die beiden Gräflichen mit dem Schwert auf ihn 

ein. Damit hatte Roland jedoch gerechnet. 

Er riß seine Klinge rechtzeitig hoch und parierte die 

Doppelattacke. Aber die Wucht der Schläge brachte ihn dennoch in 
Verlegenheit. Auf der schmalen Treppe mußte man sorgsam darauf 
achten, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Und das war jetzt bei 
Roland gestört. Beinahe wäre er nach rechts getorkelt, was seinen 
Absturz bedeutet hätte, weil es kein Geländer gab. Mit Mühe und 
Not schaffte er es, sein Körpergewicht auf den anderen Fuß zu 
verlagern und dadurch den Fall zu vermeiden. 

Erneut zuckten die Schwerter der Torwächter auf ihn zu.  Diesmal 

hielt der Ritter mit dem Löwenherzen nicht mit der Waffe dagegen, 
sondern duckte die Schläge ab, indem er blitzschnell in die Knie 
ging. Dann sprang er, aus der Hocke wieder hockommend, nach 
vorne. Mit Kopf und Schultern prallte er gegen die Beine der 
Gräflichen. 

Auf diese Aktion waren die beiden Schwertschwinger nicht gefaßt. 

Jetzt hatten sie Schwierigkeiten, sich auf den Füßen zu halten. Aber 
da war auch noch der Mann mit dem Bogen. Er hatte seine Waffe 
inzwischen wieder gespannt, legte auf Roland an. 

Rolands Schwert zuckte von unten nach oben und traf den Bogen. 

Der Pfeil löste sich von der Sehne, stieg aber harmlos zum dunklen 
Nachthimmel empor. 

Im nächsten Augenblick hatten auch Richard und Louis die Treppe 

bewältigt. Sofort warfen sie sich den beiden anderen Wächtern 
entgegen. Ihre Schwerter fuhren durch die Luft wie die Schwingen 
eines Beute schlagenden Raubvogels. 

Roland konnte seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit jetzt dem 

Bogenschützen widmen. Und der war kein Gegner für ihn. Der Mann 
hatte seinen nutzlosen Bogen weggeworfen und griff nun nach 
seinem Schwert. Roland streckte ihn nieder, bevor er es auch nur 
halb aus dem Gehenk gezogen hatte. 

Schnell blickte sich der Ritter mit dem Löwenherzen nach allen 

Seiten um. Drüben im Hauptturm flackerte an verschiedenen Stellen 

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Lichtschein auf. Laute Stimmen drangen herüber. Die Alarmrufe der 
Torwächter hatten ihren Zweck erfüllt. Die Schwarzenburg 
erwachte... 

Gehetzt hielt Roland Ausschau nach der Brückenwinde. Irgendwo 

hier oben mußte die Vorrichtung angebracht sein. 

Und dann sah er sie  - unterhalb der Mauerbrüstung, nur wenige 

Schritte von der Treppe entfernt. 

Richard und Louis kämpften unterdessen wie die Löwen, kämpften 

mit dem Mut der Verzweiflung. Und dieser Kampfeswille trug seine 
Früchte. Sie gewannen die Oberhand. Louis hatte seinen Gegner an 
den Treppendurchgang gedrängt. Eine Finte, auf die der Gräfliche 
hineinfiel, dann der Stoß. Mit einem gellenden Schrei stürzte der 
Burgwächter rücklings die Stufen hinunter. Auch Richard wurde 
seines Widersachers Herr. Der Gräfliche blutete aus einer 
Handwunde, konnte sein Schwert kaum noch halten. Es konnte nur 
noch wenige Augenblicke dauern, bis er den Attacken des jungen 
Ritters endgültig erlag. 

Der unmittelbaren Sorge um seine Kampfgenossen ledig, 

kümmerte sich Roland um die Brückenwinde. Bei den herrschenden 
Lichtverhältnissen war es schwierig, sich auf Anhieb mit dem 
Mechanismus vertraut zu machen. Es gab mehrere Möglichkeiten, 
eine Zugbrücke zu bedienen. Welche hier zum Tragen kam, mußte er 
erst noch herausfinden. 

»Vorsicht, Ritter Roland!« riß ihn Louis' Alarmschrei aus seinen 

Überlegungen. 

Roland dachte nicht lange über Sinn und Zweck des Rufes nach. 

Sicherheitshalber ließ er sich, wo er gerade stand, zu Boden fallen. 

Das war sein Glück ... und Richards Unglück. 
Wieder kam ein Pfeil herangeflogen, der ganz dicht über Roland 

hinwegsurrte. Richard hingegen konnte nicht mehr ausweichen. Das 
gefiederte Geschoß traf ihn in den Rücken, gerade als er seinem 
gräflichen Gegner den letzten Streich verabreichen wollte. 

Roland fuhr wieder hoch und erkannte, daß der Pfeil auf der Mauer 

abgeschossen war. Drüben auf der anderen Seite, durch die 

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hochgezogene Brücke von ihnen getrennt, sah er die dunkle Gestalt 
des Schützen, der sich gerade anschickte, nach einem zweiten Pfeil 
zu greifen. Die Entfernung betrug nur wenige Klafter, war gering 
genug, einen gut gezielten Schuß anzubringen. 

Aber dazu wollte es der Ritter mit dem Löwenherzen nicht 

kommen lassen. Der Gräfliche fühlte sich sicher, weil er wußte, daß 
Roland und seine Gefährten über keine Bogen verfügten. Zu sicher 
fühlte er sich, so daß er gar nicht daran dachte, sich um Deckung zu 
bemühen. Das wurde ihm zum Verhängnis. Roland packte sein 
Schwert wie eine Lanze. Und dann schleuderte er die  Waffe mit aller 
Kraft zur anderen Seite der Burgmauer hinüber. Mit einem erstickten 
Aufschrei verschwand der Getreue des Grafen aus seinem Blickfeld. 

Louis hatte unterdessen den Mann, mit dem Richard im Kampf 

gewesen war, übernommen. Schnell war er auf der Siegerstraße, 
denn der am Arm Verletzte hatte dem wütenden Ungestüm des 
Knappen nicht mehr viel entgegenzusetzen. 

»Ro ... land!« 
Richards Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Der junge Ritter 

lag seitlich auf dem Boden, den Kopf weit im Nacken, die Arme 
kraftlos neben sich. Roland beugte sich über ihn. 

»Richard! Wie steht es um Euch?« 
»Es ... ist aus mit mir.« 
Roland wußte, daß es unsinnig gewesen wäre, jetzt begütigende 

Worte von sich zu geben. Er hatte einen Sterbenden vor sich, das  war 
ganz offensichtlich. Und auch Richard selbst gab sich keinen 
trügerischen Hoffnungen hin. 

»Hört... zu, Roland«, preßte er hervor. »Ich ... ich muß Euch noch 

etwas ... sagen.« 

»Sprecht, Richard.« Roland war sich im klaren darüber, daß ihm 

die Zeit davonrannte. Und wenn er auch mit dem jungen Ritter nicht 
auf bestem Fuß gestanden hatte, so war er es ihm doch schuldig, ihn 
in seinen letzten Augenblicken nicht im Stich zu lassen. 

»Ich ... ich habe an der Wallfahrt nicht teilgenommen, weil ich ein 

todkranker Mann war. Der Grund war vielmehr der, daß ... daß ich 

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Euch töten wollte.« 

Roland glaubte nicht recht zu hören. »Ihr wolltet mich 

umbringen?« 

»Ja.« 
»Aber warum, um des Himmels willen?« 
»Man hat mich dazu ... gezwungen. Ihr habt einen Feind, Roland. 

Einen  unversöhnlichen ...« Die Stimme des Sterbenden war so leise 
geworden, daß Roland kaum noch ein Wort verstehen konnte. Er 
beugte sich noch tiefer zu Richard hinunter. 

»Wer ist dieser Feind, Richard? Sagt es mir!« 
»Es ist ...« 
Richard konnte nichts mehr sagen. Seine gebrochenen Augen 

starrten zum Nachthimmel empor. 

Zwei, drei Sekunden blieb Roland unbeweglich neben ihm hocken. 

Er mußte die letzten Worte des jungen Ritters erst einmal richtig 
verdauen. Aber dazu blieb ihm jetzt keine Zeit. Es war laut geworden 
in der Schwarzenburg. Unten auf dem Burghof schwirrten Stimmen 
hin und her. Hastende Schrittgeräusche drangen zur Mauer empor. 
Fackelschein geisterte durch die Nacht. 

»Ritter Roland!« 
Louis drängende Stimme ließ Roland hochfahren. Der Knappe 

hatte seinen Gegner inzwischen niedergestreckt und war an die 
Winde herangetreten. Roland trat an seine Seite, nicht ohne vorher 
Richards Schwert an sich zu nehmen. 

»Eine Wippbaumvorrichtung«, stellte Louis sachverständig fest. 

»Wenn wir die Kette abrollen lassen ...« 

»Dazu fehlt uns die Zeit«, erwiderte der Ritter mit dem 

Löwenherzen. »Tritt zur Seite!« 

Der Knappe tat wie geheißen. Roland hob sein Schwert und ließ es 

mit aller Macht auf das obere Ende der Kette krachen. Es war nicht 
seine Absicht, die Glieder zu durchtrennen, was ihm auch kaum 
gelungen wäre. Vielmehr wollte er die Kette aus ihrer Verankerung 
lösen, wodurch derselbe Effekt eintreten würde. Wieder und wieder 
schlug er zu. Die Funken stoben, als Metall auf Metall traf, und 

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Roland fürchtete schon, daß das Schwert jeden Augenblick durch-
brach. Aber die Klinge hielt, und ein knirschendes Geräusch verriet 
ihm, daß sich die Kette langsam löste. Noch zwei weitere wuchtige 
Schläge, und dann ... 

Die Winde drehte sich mit wahnsinniger Geschwindigkeit, als das 

ganze Gewicht der Zugbrücke an der gelösten Kette riß. Im nächsten 
Augenblick war es so, als würde sich ein ganzes Gewitter in einem 
einzigen gewaltigen Donnerschlag entladen. Die Brücke krachte 
nach unten. »Komm, Louis!« 

Roland hastete zu der schmalen Treppe, die zum nun geöffneten 

Tor führte. Er flog die Stufen förmlich hinunter, und sein Knappe tat 
es ihm gleich. Ein paar Herzschläge später lag die Freiheit lockend 
vor den beiden Männern. Aber noch konnten sie den Weg über den 
Burggraben nicht beschreiten. 

»Wo, beim Beelzebub, bleiben Pierre und dieser Ganelon?« stieß 

Louis hervor. 

Nichts war zu sehen von den beiden Kampfgenossen. Aber es 

kamen andere. Das Herunterkrachen der Zugbrücke hätte auch dem 
einfältigsten Toren klargemacht, was gespielt wurde. Und die 
Getreuen Graf Kasimirs waren keine Toren. Schon stürmten die 
ersten von ihnen die schiefe Ebene hoch. 

Roland und Louis stellten sich in Positur. Nur zu gut wußten sie, 

daß sie der Übermacht der Gräflichen nicht lange standhalten 
konnten. Eine Flucht über die Brücke jedoch wäre ihnen wie ein 
schnöder Verrat an Pierre und Ganelon vorgekommen. 

Nur noch wenige Klafter, dann würden die Getreuen Kasimirs 

heran sein. Sechs, sieben Männer waren es. Und jeder einzelne von 
ihnen trug eine Waffe in der Hand. 

Dann jedoch wandelte sich das Bild ... 
Hufschläge wurden laut, jagende Hufschläge. Und schon preschten 

sie heran, zwei Reiter und fünf Pferde. Sie erreichten die Rampe, 
galoppierten sie hinauf. 

Die Gräflichen blieben stehen, fuhren herum. Aber sie konnten die 

wilde Jagd nicht aufhalten. Ganelon und Pierre hetzten die Pferde 

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geradewegs auf sie los. Zwei, drei konnten im letzten Augenblick zur 
Seite springen, die anderen waren nicht in der Lage, dem Verhängnis 
zu entgehen. Sie wurden regelrecht über den Haufen geritten, bevor 
sie ihre Waffen heben konnten. 

Vor der Brücke ließen es Ganelon und Pierre langsamer angehen, 

um den beiden wartenden Männern Gelegenheit zu geben, 
aufzuspringen. Dann donnerten die Hufe der Pferde über die Brücke. 

Das Wutgeheul der Getreuen Kasimirs begleitete die Flüchtenden 

in die lang ersehnte Freiheit. 

Eine ganze Zeit lang ließen Roland und seine Gefährten die Pferde 
galoppieren. Erst als sie sich ganz sicher waren, daß sie nicht verfolgt 
wurden, gingen sie zum Schrittempo über. Schließlich wollten sie 
ihre Reittiere nicht überfordern. Der Weg zum Kloster war noch 
weit. 

Die Dunkelheit lag wie ein schwarzer Mantel über der  nächtlichen 

Landschaft. Es war weitgehend hügeliges Gelände, das die Männer 
durchzogen. Baumgruppen und zusammenhängende kleinere 
Waldstücke säumten den Weg, der auch bei den herrschenden 
Lichtverhältnissen recht gut begehbar war. Roland, der zum ersten 
Mal in dieser Gegend war, hätte sich das Riesengebirge wilder und 
unzugänglicher vorgestellt. 

»Reiten wir die ganze Nacht hindurch, Ritter Roland?« erkundigte 

sich Pierre. 

»Ja. Wir müssen davon ausgehen, daß Graf Kasimir sich spätestens 

bei Anbruch der Morgendämmerung an die Hufe unserer Pferde 
heften wird. Bis dahin sollten wir zusehen, daß wir das Kloster 
erreicht haben.« 

»Ihr glaubt, Kasimir kommt ebenfalls zum Kloster?« 
»Gewiß. Er wird sich leicht ausrechnen können, daß wir  den 

Schwarzen Stein nur im Auftrag der Mönche zurückgeholt haben.« 

»Aber dann ist der Stein im Kloster doch nicht sicher!« 

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»Du hast recht, Pierre. Abt Albian und seine Klosterbrüder werden 

sich etwas einfallen lassen müssen, um ihr Heiligtum dauerhaft zu 
schützen. Was meint Ihr, Ganelon?« Roland wandte sich im Sattel 
um, aber er sah den Provenzalen nicht. »Ganelon?« 

Es kam keine Antwort. 
Roland runzelte die Stirn und zügelte seinen Samum. »Wo, bei 

allen Heiligen, ist er geblieben? Er war doch soeben noch dicht 
hinter uns!« 

Auch Pierre und Louis hielten an. Letzterer legte den Kopf schief 

und lauschte angestrengt. 

»Ich höre seinen Hufschlag«, sagte er. »Aber er kommt nicht 

näher, sondern ... entfernt sich von uns!« 

Auch Roland hörte den fernen Hufschlag, wenn auch sicher nicht 

so deutlich wie sein Knappe. Louis hatte die Ohren eines Luchses. 
Scherzhaft hatte er schon mal gesagt, daß er in der Lage sei, selbst 
das Gras wachsen zu hören. 

»Bist du ganz sicher, daß sich Ganelon von uns entfernt, Louis?« 
»Ganz  sicher«, bestätigte der Knappe. »Er ist... dort!« Mit 

ausgestreckter Hand deutete er nach Nordosten, während die 
Gefährten genau aus östlicher Richtung gekommen waren. 

»Warum tut er es?« sinnierte Pierre. »Ob er vielleicht vom Weg 

abgekommen ist?« 

»Das kann ich mir kaum vorstellen«, erwiderte Roland. »Er war 

unmittelbar hinter uns, konnte sich also gar nicht verirren. Aber wir 
werden es bald genau wissen. Wartet hier auf mich!« 

Er wendete seinen Hengst auf der Hinterhand und sprengte den 

Weg zurück, den er gekommen war. Zunächst war ihm das Abbiegen 
nach Nordosten nicht möglich, weil eine mit Fichten bewachsene 
Felswand als Hindernis im Wege stand. Am Ende der Felsen jedoch 
konnte er sich nach links orientieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
hatte sich auch Ganelon an dieser Stelle abgesondert. 

Das Gelände, über das er jetzt ritt, war uneben und mit Geröll 

übersät. Dennoch hatte Samum kaum Schwierigkeiten. Leichtfüßig 
huschten die Hufe des edlen Tieres über den Untergrund hinweg. 

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Viel leichtfüßiger als das Pferd des provenzalischen Junkers, dessen 
Hufschlag Roland jetzt schon recht deutlich hörte. 

»Ganelon, wartet doch!« 
Entweder hatte der Junker seinen Ruf nicht gehört, oder er wollte 

ihn nicht hören. Er gab jedenfalls keine Antwort, ritt ungerührt 
weiter. Allzu weit konnte er jedoch nicht mehr entfernt sein, auch 
wenn er mit den Augen noch nicht auszumachen war. 

Roland schnalzte mit der Zunge. Samum verstand sofort, ließ seine 

kräftigen Beine noch weiter ausgreifen. Fraglos konnte es nicht mehr 
lange dauern, bis Ganelon in Sichtweite kommen mußte. 

Dann allerdings verklangen die Hufschläge vor Roland plötzlich. 

War der Junker doch stehengeblieben? 

»Ganelon?« 
Wieder kam keine Antwort. Achselzuckend setzte der Ritter mit 

dem Löwenherzen seinen Ritt fort. 

Wenig später wußte er, warum er Ganelon nicht mehr hören 

konnte. Der steinige Untergrund hörte auf, wich weichem Boden, der 
mit Fichtennadeln übersät war, so daß er einem Teppich ähnelte. 
Trotzdem lief Roland kaum Gefahr, den Anschluß zu verlieren. Es 
war eine Art Hohlweg, durch den er jetzt ritt. Die Felsen links und 
rechts erschienen ihm nicht passierbar. 

Der neue Boden behagte Samum sehr. Wie ein Pfeil flog der 

Hengst jetzt dahin. 

Und dann sah Roland vor sich schattenhafte Bewegung. Ein 

Kiefernast, der vom Nachtwind geschüttelt wurde? Nein, es handelte 
sich unzweifelhaft um ein Pferd mit Reiter. 

»Ganelon!« 
Obwohl ihn der Junker diesmal unbedingt gehört haben mußte, 

setzte er seinen Ritt auch jetzt noch fort. 

»Warte, Bube«, sagte Roland zu sich selbst. Abermals schnalzte er 

mit der Zunge, und sein Hengst wurde noch schneller. Länge um 
Länge holte er auf. Sehr bald schon war er so nahe heran, daß er 
Ganelon eindeutig erkennen konnte. 

Er ersparte es sich, den Provenzalen nochmals anzurufen. Statt 

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dessen beugte er sich ganz dicht über den Hals seines Reittiers und 
feuerte es mit weiteren Schnalzlauten an. 

Augenblicke später war Ganelon zum Greifen nahe. Noch ein 

paarmal griff Samum kräftig aus, dann waren die beiden Reiter auf 
einer Höhe. 

»Ganelon, seid Ihr ...« 
Weiter kam Roland nicht. Der Provenzale machte unvermutet eine 

ruckartige Bewegung im Sattel und riß den rechten Arm hoch. Eine 
Schwertklinge blinkte. Und schon schnitt die Waffe durch die Luft. 

Im letzten Augenblick sah Roland sie kommen. Blitzschnell warf 

er seinen Körper nach links. Ganelons Klinge pfiff so dicht über 
seinen Kopf, daß einige Haarspitzen glatt abgetrennt wurden. 

Sein Ausweichmanöver war äußerst heftig gewesen. Beinahe wäre 

er aus dem Sattel gestürzt. Mit Mühe und Not gelang es ihm, sich am 
Zaumzeug festzuklammern und sich auf dem Rücken Samums zu 
halten. 

Im Handumdrehen hatte Ganelon wieder einen Vorsprung von 

mehreren Pferdelängen. 

Aber das half ihm nicht viel. Roland richtete sich wieder im Sattel 

auf. 

»Heimtückischer Schurke!« rief er wütend. »Aber das büßt Ihr 

mir!« 

Mit grimmigem Gesichtsausdruck zog er sein eigenes Schwert aus 

dem Gehenk. Dann setzte er dem Provenzalen nach. 

Schnell hatte er den Abstand wieder verkürzt. Noch zwei Längen, 

eine Länge ... Er hob das Schwert. 

Da tat Ganelon etwas Überraschendes. Er riß vehement an den 

Zügeln, so daß sein Pferd aus dem Galopp beinahe zum Stillstand 
kam. Auf dieses Manöver war Roland nicht vorbereitet, er jagte an 
seinem Widersacher vorbei. 

Und wandte ihm für einen Augenblick den Rücken zu. 
Diesen Augenblick nutzte Ganelon. Sein Schwertarm fuhr heraus, 

und die mörderische Klinge zuckte auf Roland hernieder. 

Es war sein Pferd, das ihn rettete. Als ob das brave Tier geahnt 

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hätte, daß sein Herr in tödlicher Gefahr war, bockte es plötzlich. 
Dadurch wurde Rolands Körper in die Höhe gerissen. Ganelons 
tückischer Schlag ging fehl. 

Höllischer Zorn durchfuhr den Ritter mit dem Löwenherzen. 

Zweimal hatte ihn der Provenzale mit hinterlistigen Attacken 
überrascht. Ein drittes Mal würde es nicht geben. 

Er riß Samum herum, so daß sich die beiden Pferde 

gegenüberstanden. Ein Schenkeldruck und sein Hengst jagte auf 
Ganelon zu. Oft schon hatte Roland so im Turnierring gekämpft. 
Jetzt jedoch ging es nicht um den Sieg im ritterlichen Wettstreit, jetzt 
ging es um Leben und Tod. Auch Ganelon wußte das. Aufgerichtet 
saß er im Sattel, das Schwert zum Kampf bereit. 

Roland war heran. Sein Schwert wirbelte durch die Luft und 

krachte dann auf den Provenzalen herunter. Ganelon  schaffte es, den 
mächtigen Hieb, der seinen Körper zweifellos in zwei Hälften 
gespalten hätte, zu parieren. Aber es saß eine solche Wucht hinter 
dem Schlag, daß er aus dem Sattel geschleudert wurde. Er fiel so 
unglücklich auf sein Schwert, daß er sich selbst die Kehle 
durchschnitt. Als sich Roland über ihn beugte, war er bereits tot. 

Im Kloster zum Schwarzen Stein wurden Roland und seine beiden 
Knappen wie Helden empfangen. Der Abt Albian und seine Brüder 
waren außer sich vor Freude, daß sie ihr Heiligtum wieder Innerhalb 
ihrer Klostermauern wußten. Und Graf Eduard, der dicke Kaufmann 
Mehlsack und Bruder Gotthilf waren nicht weniger froh. Mit Macht 
drängte es sie danach, die wundertätigen Kräfte des Schwarzen 
Steins unverzüglich in Anspruch zu nehmen. 

Überall herrschte eitel Freude und Sonnenschein. Nur in ein Herz, 

das fürchtete Roland, würde die Trauer einziehen  - in das Herz der 
schönen Eloise. 

Er fand das Mädchen in der kleinen Mönchszelle, die ihr während 

des Aufenthalts im Kloster als Wohnstatt diente. Sie saß auf der 

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schmalen Pritsche und blickte ihm mit einem nur schwer deutbaren 
Gesichtsausdruck entgegen. Nie war sie dem Ritter mit dem 
Löwenherzen schöner erschienen als jetzt. 

»Ich wußte, daß Ihr zu mir kommen würdet, Roland«, sagte sie. 

»Deshalb habe ich mich auch nicht an der allgemeinen Begrüßung 
draußen auf dem Hof beteiligt.« 

Roland trat näher und blieb etwas unschlüssig vor der Pritsche 

stehen. Er wußte nicht so recht, wie er mit dem, was er sagen mußte, 
beginnen sollte. »Setzt Euch doch,  Roland.« Roland nahm neben ihr 
auf der Pritsche Platz. Ihre Nähe erregte ihn, obwohl er sehr wohl 
wußte, daß dies wahrlich nicht der rechte Augenblick war, um 
Gedanken der Sinneslust zu hegen. 

»Ich ... muß Euch etwas mitteilen, Jungfer Eloise«, sagte er 

schleppend. »Über Euren ... Bräutigam...« 

»Ich habe keinen Bräutigam«, antwortete Eloise zu seiner nicht 

gelinden Überraschung. 

Er zog die Augenbrauen hoch. »Ganelon ...« 
»... war mein Bräutigam«, fuhr das Mädchen fort. »Ich liebte ihn 

von ganzem Herzen und wäre mit Freuden für ihn gestorben  - bis ich 
mir bewußt wurde, daß er meine Liebe nicht verdiente. Bis ich 
merkte, daß er nur an sich selbst dachte und ein Herz aus Stein hat. 
Bis ich hörte, daß er ein Dieb und Mörder ist.« 

Bis jetzt war Roland nicht bekannt gewesen, daß Ganelon die 

Klosterkapelle ausgeraubt und dabei einen Mönch so schwer verletzt 
hatte, daß er am nächsten Morgen gestorben war. 

Und noch etwas erfuhr er jetzt. Eloise stand auf, trat an den kleinen 

Wandschrank und holte etwas hervor. 

Den Schwarzen Stein! 
Aber nein, wurde sich Roland sofort klar. Er hatte die Reliquie in 

die Obhut des Abts gegeben. Der Stein, den das Mädchen da jetzt in 
den Händen hielt, mußte also eine Nachahmung sein. 

Eloise bestätigte seine Vermutung. »Ganelon hatte diesen Stein 

hier unter seiner Pritsche versteckt. Es ist ein normaler Felsbrocken, 
mit Pech geschwärzt. Ganz offensichtlich war es Ganelons 

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betrügerische Absicht gewesen, den falschen gegen den echten Stein 
auszutauschen und letzteren in seinen Alleinbesitz  zu bringen. 
Allerdings war ihm Graf Kasimir zuvorgekommen!« 

Das Mädchen legte den Stein wieder in den Schrank und kehrte zur 

Pritsche zurück. 

»Wie ich schon sagte«, fuhr sie fort. »Ganelon dachte nur an sich. 

Er wollte das Heiligtum mit niemandem teilen, wollte ihn für sich 
ganz allein haben.« 

Roland nickte langsam. »Deshalb hat er auch den Versuch 

unternommen, mit dem Stein zu fliehen. Und diese Selbstsucht 
wurde ihm dann auch zum Verhängnis.« 

Eloise sah ihn an. »Er ist... tot?« 
»Ja. Er hat sich sozusagen selbst gerichtet. Seid Ihr nun... traurig, 

Jungfer Eloise?« 

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ganelon war bereits für mich 

gestorben, als er nach dem Kapellenraub das Kloster verlassen hatte. 
Sein tatsächlicher Tod kann also in  meinem Innersten nichts mehr 
ändern.« 

Roland blickte ihr in die Augen, die so tief waren, daß man sich 

darin verlieren könne. »Und Euer Gelübde?« fragte er leise. 

»Mein Gelübde, daß ich keinem anderen Mann mehr angehören 

werde?« 

»Das meine ich, ja.« 
Eloise lächelte. »Dieses Gelübde ist erloschen, Roland!« 
In ihrem Lächeln lag mehr, als Worte auszudrücken vermochten. 

Es war ein lockendes Versprechen, drückte geheime Wünsche aus. 

Roland wagte es, sanft den Arm um ihre Schultern zu legen. »Wißt 

Ihr, daß ich Euch von dem Tag an, an dem ich Euch zum ersten Mal 
sah, von ganzem Herzen begehre, Eloise?« fragte er leise. 

Das Mädchen wich seinem Arm nicht aus. »So, tut Ihr dies?« 

hauchte sie, während ein leichter Schauder durch ihren Körper lief, 
bei dem es sich ganz gewiß nicht um einen Schauder des Entsetzens 
handelte. 

Roland zog sie näher an sich, was sie sich anschmiegsam gefallen 

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ließ. Er streichelte ihren Arm, wurde dann mutiger und ließ seine 
Hand zu ihrem Busen hinüberwandern, dessen köstliche Rundungen 
sein Blut heiß werden ließen. 

Und noch immer leistete Eloise keinen Widerstand. Das Gegenteil 

war der Fall. Auch ihre Hand löste sich aus dem Schoß, streckte sich 
nach ihm aus. Sie fuhr über seine schwellenden Armmuskeln, seine 
breite, starke Männerbrust und glitt tiefer und tiefer. 

Wohlig stöhnte Roland auf und gab sich ganz dem kunstvollen 

Spiel ihrer weichen Hand hin. Dabei geriet sein Blut so in Wallung, 
daß er glaubte, es kaum noch ertragen zu können. 

»Komm«, flüstere er heiser. 
Sein Atem ging schneller und schneller, als er ihr Kleid und 

Unterkleid öffnete und vom Körper streifte. Was darunter an 
prächtiger, nackter Weiblichkeit zum Vorschein kam, überstieg seine 
kühnsten Erwartungen. 

»Oh, Eloise, endlich«, stieß er schweratmend hervor. 
Wenige Augenblicke später hatte auch er sich seiner Kleidung 

entledigt. Wie von selbst fanden sich die beiden auf der Pritsche. 
Und Roland konnte feststellen, daß es zu schade gewesen wäre, 
wenn sich Eloise auch weiterhin an ihr Gelübde gebunden gefühlt 
hätte. 

Das was geschehen mußte, geschah. Graf Kasimir kam ... 

Es war eigentlich von vornherein klar gewesen, daß der Raubgraf 

den Verlust seines wertvollsten Beuteguts nicht tatenlos hinnehmen 
würde. Und wie wertvoll der Schwarze Stein war,  hatte er an diesem 
Tage bereits bewiesen. Graf Eduard, Mehlsack und Bruder Gotthilf 
befanden sich schon auf dem Weg der Besserung. Ihre Aussichten, 
bald ganz gesundet zu sein, waren gut. Besonders die Genesung 
Eduards erfüllte Roland mit großer Befriedigung. Nun konnte er mit 
Fug und Recht sagen, daß er den Auftrag König Artus ausgeführt 
hatte. Aber das bedeutete natürlich nicht, daß er jetzt die Hände in 

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den Schoß legte. Daß die Reliquie auch in Zukunft ihren Segen 
entfalten konnte, war ihm ein echtes Herzensbedürfnis. Deshalb 
mußte der Stein vor den gierigen Händen des schurkischen Grafen 
geschützt werden. 

Vom Wachhäuschen des Klosters aus, in das Roland und der Abt 

Albian sofort nach dem Alarmruf des Wachbruders geeilt waren, 
konnte man weit in die  Ferne blicken. Im Licht der goldenen 
Nachmittagssonne waren die nahenden Reiter bereits auszumachen, 
als sie noch eine runde Meile zurückzulegen hatten. 

»Vielleicht sind es ganz normale Pilger«, sagte der Klosterherr 

hoffnungsvoll., Roland schüttelte den Kopf. »Gebt Euch keinen 
trügerischen Hoffnungen hin, ehrwürdiger Abt. Es ist Kasimir!« 

Näher und näher kam die Reiterschar. Genau war es noch nicht zu 

erkennen, aber Roland schätzte, daß es sich um mindestens fünfzig 
Männer handelte. Der Graf ging kein Risiko ein. Wenn er wollte, 
konnte er das Kloster schleifen und jeden, der sich darin aufhielt, 
niedermachen. Selbst der heldenhafteste Kampf Rolands und seiner 
Gefährten würden daran nichts ändern können. Aber es war nicht 
beabsichtigt, es zu diesem sinnlosen Kampf kommen zu lassen. 

»Es wird Zeit«, sagte der Ritter mit dem Löwenherzen. »Kommt, 

ehrwürdiger Abt.« 

Die beiden Männer verließen das Wachhäuschen und eilten zur 

Kapelle hinüber. Unverzüglich begaben sie sich zum Altar, hinter 
den Altar, genauer gesagt. Albian öffnete die Geheimtür, die in den 
Klosterberg hineinführte. 

»Ich wünsche Euch viel Glück, Ritter Roland«, sagte er. »Möge 

Gott Euch beschützen. Und wenn Euch etwas zustoßen sollte ... Nie 
werden wir vergessen, was Ihr für uns getan habt!« 

Darauf gab es nichts mehr zu sagen. Roland bückte sich, nahm den 

Schwarzen Stein auf, der dort bereit lag, und tauchte in die 
Dunkelheit des Geheimgangs ein. 

Trotz der völligen Finsternis fand er sich zurecht, denn er hatte 

bereits vor Stunden einen Probegang hinter sich gebracht. Den Stein 
gegen die Brust gepreßt, bewegte er sich vorwärts. Und es dauerte 

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auch nicht lange, bis er das Ende des unterirdischen Wegs erreicht 
hatte. Der versteckte Öffnungsmechanismus war ihm bekannt. Er 
hatte keine Schwierigkeiten, ihn zu bedienen. Mit einem 
knirschenden Laut öffnete sich die Tür. 

Roland schlüpfte nach draußen. Jeden Augenblick mußten Kasimir 

und seine Männer jetzt vor der Klosterpforte ankommen. Und da sie 
über den Geheimgang im Bilde waren, konnte man mit ziemlicher 
Sicherheit davon ausgehen, daß sie sich auch hier blicken lassen 
würden. 

Und dann kamen sie auch schon. Roland hörte sie, bevor er sie sah. 

Es wurde Zeit für ihn, seine Wartestellung aufzugeben. 

Er lief los, ohne sich dabei auch nur im geringsten Mühe zu geben, 

lautlos zu wirken. Wie ein Bär stampfte er durch das Gesträuch, das 
bis zum Fluß hinunterreichte. Äste und Zweige zerbrachen mit 
lautem Knacken, Steine rollten polternd den Abhang hinunter. Selbst 
einem Tauben wäre seine Gegenwart nicht verborgen geblieben. 

Und die Männer Graf Kasimirs waren nicht taub. Sie wurden sofort 

auf ihn aufmerksam. 

»Da ist einer!« gellte eine Stimme auf. 
Roland warf einen schnellen Blick in die Richtung, aus der die 

Stimmen gekommen war. Er sah die Gräflichen, ein halbes Dutzend 
mindestens, wenn nicht gar mehr. 

Er lief, lief weiter zum Flußufer hinunter. 
»Packt ihn!« brüllte es hinter ihm. »Laßt ihn nicht entkommen!« 
Aber Roland hatte seine Flucht zeitlich gut geplant. Er erreichte 

den Uferstreifen mit einem beruhigenden Vorsprung vor den 
Getreuen Kasimirs. Ja, fast war sein Vorsprung schon zu groß. 

Da war das Boot, vertäut an einem Baumstumpf. Roland löste die 

Leine, wobei er es ausgesprochen langsam angehen ließ. Er wollte 
die Gräflichen ruhig noch näher herankommen lassen. 

Und dann waren sie fast heran. Im Sturmschritt kamen sie den 

Uferabhang heruntergestürmt. 

»Bleib, wo du bist, Kerl!« 
Roland beeilte sich jetzt, schob das Boot ins Wasser  - mit einer 

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Hand. In der anderen hielt er den Schwarzen Stein, deutlich sichtbar 
für die Gräflichen. 

Die Männer sahen den Stein. Ihr Geschrei wurde lauter, wurde 

hektischer. 

»Bleib, Kerl, sonst...« 
Roland sprang in das Boot, wandte den Getreuen Kasimirs dabei 

sein Gesicht zu. 

»Der Ritter Roland ist es!« 
Roland lachte laut. »Ihr kommt zu spät, Haderlumpen!« 
Dann ließ er den Stein ins Boot fallen, griff nach dem Ruder und 

stieß sich vom Ufer ab. Zwei der Gräflichen stürmten noch ins 
seichte Wasser hinein, erreichten das Boot jedoch nicht mehr. Von 
Rolands kräftigen Ruderschlägen gepeitscht trieb das hölzerne 
Gefährt der Flußmitte entgegen, wo es von der Strömung erfaßt und 
flußabwärts gezerrt wurde. 

Die Getreuen Kasimirs liefen am Ufer neben dem Boot her, 

begleiteten Roland mit Flüchen, wüsten Beschimpfungen und 
Drohungen. 

»Kommt zurück, Roland, sonst machen wir euch den Garaus!« 
Die Drohung war ernst zu nehmen. Zwei der Männer hatten Pfeil 

und Bogen bei sich. 

Dennoch beherzigte der Ritter mit dem Löwenherzen die Warnung 

nicht. Er tauchte das Ruder ins Wasser und tat so, als versuche er, 
das gegenüberliegende Ufer zu erreichen. Dabei behielt er die 
Gräflichen jedoch scharf im Auge. 

Und so sah er, wie die beiden Schützen Pfeile auf ihre Bogensehne 

legten und die Geschosse auf ihn richteten. 

»Zum letzten Mal, Roland, kommt zurück ...« 
»Der Teufel hole euch, Grafenpack!« 
Da surrten die Pfeile durch die Luft, jagten wie Todesboten auf 

Roland zu. 

Der Ritter mit dem Löwenherzen machte eine schnelle 

Ausweichbewegung. Eine sehr heftige Bewegung, die ihn das 
Gleichgewicht verlieren und ... über Bord stürzen ließ. 

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Das Boot kenterte. 
Bevor die Wellen über Roland zusammenschlugen, hörte er die 

Entsetzensschreie der Gräflichen. 

»Der Stein! Der Stein ist ins Wasser gefallen!« 
Roland tauchte unter, ließ sich ein paar Körperlängen von der 

Strömung mitziehen, tauchte dann wieder auf. Er machte ein 
angstverzerrtes Gesicht und ruderte wie wild mit einem Arm in der 
Luft herum. 

»Hilfe!« brüllte er. »Ich kann nicht schwimmen! Ich ...« 
Er ging wieder nach unten, kam noch einmal hoch. »Zu Hilfe! 

Hil...« 

Und wieder tauchte er. Und diesmal ließ er sich nicht mehr an der 

Oberfläche blicken. Statt dessen schwamm er mit kräftigen Stößen 
unter Wasser zum anderen Ufer hinüber. Er tauchte erst wieder auf, 
als er sich im  Uferröhricht vor den Blicken der Getreuen Kasimirs 
sicher wußte. 

Noch vor Anbruch der Dunkelheit zogen Graf Kasimir und seine 
Männer wieder ab. Sie gingen davon aus, daß Roland ertrunken und 
der Schwarze Stein für immer im Fluß begraben war. Nicht im 
mindesten ahnten sie, daß nur der von Ganelon gefälschte Stein auf 
dem Grund des Flusses ruhte, der echte Stein jedoch nach wie vor im 
Kloster vorhanden war. 

Und in diesem Glauben sollten sie auch bleiben ... 

ENDE 

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Räuberhauptmann Wittich, der Schrecken vom  Hotzenwald, will 
einen sagenhaften Schatz heben, der auf dem Grunde eines 
tiefen Bergsees liegen soll.  - Herzog von Eberstein und seine 
Mannen hatten den Schatz bei einem Kreuzzug erbeutet. Auf 
dem Heimweg kamen sie bei einem  Unwetter in den Fluten um, 
und durch einen Erdrutsch bildete sich ein See.  Um den Schatz zu 
bergen, entführt Wittich Männer, die ihm einen  Staudamm bauen 
müssen.  - Der See wird von einem Wasserfall und einem  Bach 
gespeist, und die Wasserzufuhr soll abgeschnitten werden, damit 
der See durch seinen natürlichen Abfluß ausläuft und der Schatz 
aus dem Schlamm geborgen werden kann. 
Ritter Roland und seine Knappen haben den Auftrag, das 
Verschwinden der vielen Menschen und Frachttransporte 
aufzuklären. Das wird kein Zuckerschlecken, denn 

Wittich - der 

Schrecken vom 

Hotzenwald 

ist ein mit allen Wassern gewaschener Räuber, der seinem 
Namen alle Ehre macht. 

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