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Der Kampf mit dem 

Drachen 

von Ekkehart Reinke 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Volker vom Hohentwiel war der berühmteste 
Minnesänger! Sang er in weichen, herzbewegenden Tönen 
von Liebe und heißem Verlangen, dann wogten die Busen 
der Schönen, und den Rittern schwoll der Kamm. Kündete 
er mit metallischer Stimme von Schwerterkampf, 
Heldentat und tapferem Tod, so stockte den Damen der 
Atem, und in die Augen der Ritter trat kühner Funkelglanz. 

Doch hier auf Schloß Camelot, am Hofe des Königs 

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Artus, sang Volker ein anderes Lied, das allen kalte 
Schauer über den Rücken sandte. Vom gräßlichen 
Ungeheuer in den Tiefen des Odenwalds sang er, das 
feuerspeiend Menschen verschlang und selber 
unbesiegbar, sogar unverwundbar war. Volker sang die 
Ballade von Fasolt, dem Drachen. 

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Wie ein schwarzer Riese lauerte die Nacht vor Burg Tronde. Nur ab 
und zu lugte ein bleicher Mond durch einen Riß der Wolken und 
badete im Wasser des breiten Burggrabens. 

Unter der hochgeklappten Zugbrücke begegneten sich die beiden 

Wachposten. 

»Menschenskind«, sagte der Kleinere, »hast du mich erschreckt! 

Was mußt du dich denn so heranschleichen?« 

»Ich sah dich schon von weitem im Mondlicht«, versetzte der 

andere und lehnte seine kurze Pike an die Mauer. 

»Ich sah nichts«, meinte der Kleinere verdrossen. »Mir fielen ja 

dauernd vor Müdigkeit die Augen zu.« 

»Wenn ich das Ritter Beowulf melde, läßt er dich auspeitschen. 

Wir sollten doch, solange er fern bei der Jagd weilt, die Augen 
besonders scharf aufsperren. Ich habe seine ernste Mahnung jetzt 
noch im Ohr.« 

Und als wolle er Ritter Beowulf, dem Burgherrn von Tronde, einen 

persönlichen Gefallen tun, spähte der Große scharf über den 
Wassergraben zum jenseitigen Uferrand. Doch wieder schoben sich 
Wolken über den bleichsüchtigen Mond, und so entging ihm die 
schnelle Bewegung vor dem dunklen Tann. 

Eine schlanke schwarzgekleidete Gestalt löste sich vom Waldrand 

und huschte geduckt zum Graben hin. Wieder herrschte tiefe 
Finsternis. Seufzend nahm der große Wachposten seine Pike auf und 
sagte: »Nun ist es an dir, die Runde zu machen, Kleiner. Indessen 
bewache ich das Tor.« 

Mit äußerster Vorsicht ließ sich die dunkle Gestalt jenseits des 

Grabens geräuschlos ins Wasser gleiten. 

»Willst du mich umbringen?« fragte der Kleine empört. »Ich bin so 

schwach auf den Beinen, daß mich die Runde gewiß an den Rand des 
Todes bringen wird. Ich bitt' dich von Herzen, Großer, laß mich noch 
ein wenig hier verweilen, und spaziere du die Runde um die Mauer. 
Deine langen Beine mit den kraftvollen Waden sind viel besser zum 
Marschieren geeignet als meine kurzen. Andererseits verfüge ich 
über eine ungewöhnlich breite Hinterfläche, die mich selbst auf 

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hartem Stein wie auf weichem Polster sitzen läßt.« 

Auf dem Rücken liegend, trieb der Schwarze unsichtbar im 

Wassergraben. Nur seine Handflächen bewegten sich. Mit kleinen 
kreisenden Schlägen unter Wasser steuerte er auf das Ufer nahe der 
Burg zu. 

»Beowulf verzeihe mir«, murmelte der Große. »Es sei, wie du 

sagst. Noch einmal umrunde ich die Burg. Aber versprich mir, 
Kleiner, daß du munter bleibst!« 

»Bei meiner Ehre als Pikenträger«, versprach der Kleine. »Solange 

mein Hintern nicht frei in der Luft schwebt, bin ich wachsam und 
tüchtig zugleich. Mach's gut, Langer! Schwing deine unermeßlich 
langen Keulen, laß die Muskeln deiner kraftvollen Waden spielen! 
Niemand bedroht  - nebenbei gesagt  - Beowulfs feste Burg Tronde, 
solange ich das Tor bewache!« 

Gewichtig nahm er auf einem Rundstein vor dem benagelten Tor 

Platz. Der Lange setzte sich in Bewegung. 

Doch nach wenigen Schritten blieb er stehen und horchte. 
»Was ist?« fragte der Kleine. 
»Ich hörte ein Plätschern.« 
»Ich hörte nichts.« 
Tief sog der Schwarzgekleidete im Wassergraben die Luft ein, 

schloß den Mund und ließ sich bewegungslos nach unten fallen. Für 
wenige Augenblicke riß der pechschwarze Himmel auf. Matter 
Mondschein fiel wie fahler Schnee aufs Wasser. Auch das schärfste 
Späherauge war machtlos. 

»Du hast recht«, sagte der Große. »Das Wasser ist ruhig. Niemand 

bedroht den Frieden von Burg Tronde. Beowulf mag ruhig sein. Ich 
übernehme die Runde. Halt die Augen offen, Kleiner!« 

Lautlos schob der Auftrieb die schlanke Gestalt vom Grabenboden 

zur Oberfläche. Auf dem Rücken schwimmend, schaute der 
schweigsame Mann in den mond- und sternlosen Himmel. Wieder 
bewegte er unter Wasser die Handflächen. 

»Verlaß dich auf mich!« sagte der Kleine. Er saß auf hartem 

Rundstein wie auf lüsternem Kissen. Müdigkeit überwältigte ihn wie 

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eine schwere Welle. Schon nach dem Aufwachen am Morgen pflegte 
er eine halbe Metz Wein zu trinken. Beim Mittagessen schluckte er 
das meiste Bier. Die zweite Köchin, der er oft nachts zu Diensten 
war, konnte ihm nichts abschlagen. Sie verwaltete die berauschenden 
Getränke. 

Der Kleine schloß die Augen, als die Schritte seines Freundes 

verklangen. 

Er sollte sie nie wieder öffnen. 

Der schwarze Schwimmer erstach ihn, als er das Ufer gewonnen 
hatte. Der Kleine war bereits eingeschlummert, als der Stahl sein 
Herz traf. So wenig hatte er Beowulfs weisen Befehl beachtet  - nun 
mußte er leiden. 

Doch sein Leid war kurz. Der Schwarze traf ihn ins Herz. 
Er schüttelte sich wie ein Hund. Wasserperlen tropften von ihm ab. 

Den Toten stieß er zur Seite. 

So kam Collin an die Burg. 
Mit seinen 22 Jahren hatte Collin schon ein bewegtes Leben als 

fahrender Ritter hinter sich. 

Glücksritter nannten ihn viele. Und dem Glück jagte er nach. Doch 

tun das nicht alle  - mögen sie ihr Ziel auch Ehre heißen, Liebe oder 
Macht? 

Collins Glück hieß zu dieser Stunde Birke  - davon war er 

überzeugt. Birke, die blonde, gertenschlanke, bezaubernde Tochter 
des Burgherrn Beowulf! 

Die Schönheit der jungen Birke war auf viele Meilen im Umkreis 

bekannt und wurde von jung und alt gelobt. Drei Minnesänger hatten 
sich ihrem Dienst verschrieben. Sie wurden nicht müde, ihre Anmut, 
ihr liebes Wesen und ihre keusche Unerreichbarkeit in immer neuen 
Versen zu preisen. 

Collin stimmte durchaus mit dem Urteil der Liederdichter überein. 

Beim ersten Aufeinandertreffen verliebte sich der unstete Ritter auf 

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der Stelle in Birke. Doch beschloß er sogleich, daß er sie nicht nur 
von fern anhimmeln wollte. Sie durfte ihm nicht unerreichbar 
bleiben. Für platonische Liebe hatte der praktische und willensstarke 
Weltmann wenig übrig. 

Zu seiner Freude erwiderte Birke seine Gefühle. Sie gab sich auch 

keine Mühe, es zu verbergen. Heller strahlten ihre Augen in Collins 
Gegenwart. Und wenn er das Wort an sie richtete, tönte meist ein 
zartes Rot ihre weißen Wangen. 

So wäre Collin gar bald ans Ziel seiner Wünsche gelangt, wenn es 

den alten Beowulf nicht gegeben hätte. Er war seit einigen Jahren 
Witwer. Alle Liebe, die er für sein Weib gefühlt hatte, übertrug er 
auf Birke. 

Beowulf entschied, daß Collin kein passender Partner für seine 

Tochter sei. 

Er meinte, ihn durchschaut zu haben. »Dieser Habenichts!« 

brummelte er besorgt, »will nicht allein Birke. Zuvörderst geht es 
ihm um ihr Erbe!« 

Mit dieser Meinung traf er kaum daneben. Zwar liebte Collin die 

junge Schöne, aber der Gedanke an Beowulfs Reichtümer trug nicht 
gerade wenig zu seiner Neigung bei. Nirgends stand das Korn 
prächtiger als auf Beowulfs Äckern, wuchsen die Bäume höher als in 
seinen Wäldern, und nur wenige Burgen durften sich mit dem 
hochgemuten Tronde vergleichen. 

Beowulf war schon jenseits der Fünfzig, und Collin mutmaßte, daß 

er in nicht zu ferner Zukunft von der Erde abtreten würde. Dafür 
schien ihm Beowulfs gefährlicher Lebenswandel zu bürgen. Der 
urwüchsige Burgherr war ein bedenkenloser Draufgänger. 

Nur mit dem Stoßmesser bewaffnet, wagte er sich auf die 

Bärenhatz. Im Kampf gegen wilde Räuber verließ er sich allein auf 
einen starken Knüppel. Nie ließ er ein Turnier aus. Stets kämpfte er 
waghalsig. Auch kniff er vor keiner anderen Herausforderung. Er 
wäre einer hitzigen Wette wegen schnurstracks in schwerer Rüstung 
in den tiefsten Wasserstrudel gesprungen. 

Während Collin sich in seinen Träumen als Burgherrn auf Tronde 

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sah, hatte Beowulf längst beschlossen, den unbequemen Freier 
loszuwerden. Er versuchte es mit einer List. Für einen bestimmten 
Tag lud er Collin mit falscher Freundlichkeit nach Tronde ein. 

Der Glücksritter ließ sich nicht zweimal bitten. Er kam in eine 

unerwartet stille Burg. Wo sonst fröhliches Treiben herrschte, ließ 
sich diesmal kaum eine Menschenseele blicken. Nur der Hofnarr 
nahm Collin in Empfang und kredenzte ihm einen Begrüßungstrunk. 
Er sorgte auch dafür, daß der Krug des Gastes nie leer wurde. 

In Erwartung eines reichhaltigen Mahles auf Tronde hatte Collin 

vorher kaum einen Bissen zu sich genommen. Zu eilig hatte er es 
auch gehabt, Birke wiederzusehen. 

Nun bekam er  sie nicht zu Gesicht. Und es gab nichts zu essen. 

Auf Fragen antwortete der Narr mit albernen Späßen. 

Der Met tat schnell seine Wirkung. Collin begann, lärmend zu 

singen. Er torkelte umher und verursachte ungebührlichen Lärm. 

Das gab Beowulf den Vorwand,  Collin mit Schimpf und Schande 

davonzujagen. Einige Burgbewohner verfolgten ihn noch meilenweit 
und riefen ihm manch bitteres Schmähwort nach. Denn sein Besuch 
war  - was der Geprellte nicht wissen konnte  - auf den Todestag von 
Beowulfs Weib gefallen, an dem auf dessen strengen Befehl hin 
alljährlich auf Tronde gefastet und völlige Trauerstille eingehalten 
wurde. 

Gemeinsam hatten Beowulf und sein Narr das Manöver 

ausgeheckt. Danach glaubte der Ritter, Collin als möglichen Freier 
ein für allemal ausgeschaltet zu haben. 

Aber Birke durchschaute ihres Vaters arglistigen Trick und 

wechselte leidenschaftliche Briefe mit Collin. Ihr letzter Brief hatte 
diesen Wortlaut: 

»Mein edler Ritter und geliebter Freund, mein süßer Collin! 
Nicht länger mehr ertrage ich die erzwungene Trennung von Dir. 

Weinend liege ich stundenlang im höchsten Turmfenster und spähe 
mir vergeblich die Augen nach Dir aus. Keinen anderen Wunsch 
kennt meine Seele, als mit Dir zusammen zu sein. Ich bitte Dich von 
Herzen: 

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Komm! Errette Deine Birke von dieser verhaßten Pein! Wenn Du 

mich so heiß liebst, wie Du es mir oftmals mit bebenden Lippen 
schworst, dann entführe mich von Tronde! 

Die Gelegenheit ist günstig. In diesen Tagen rüstet mein Vater zur 

Reise. Fern von hier nimmt er an den großen Jagden  teil. Sein 
Mißtrauen würde, solange er hier weilt, jede Flucht unmöglich 
machen. Darum zögere nicht! 

Mein liebster Collin, ich erwarte Dich in der Nacht des 

Vollmondes. Gemeinsam mit Dir will ich fliehen, wohin Du mich 
führst, mir gilt es gleich. Überall  - nur nicht hier  - können wir uns 
trauen lassen und fortan wie Mann und Frau leben. Wo Du bist, ist 
Heimat für mich. 

Ich bin sicher, daß danach mein Vater sein Unrecht einsehen wird, 

so verblendet er jetzt auch sein mag. Dann wird er uns in Gnaden 
aufnehmen. 

Ich warte auf Dich, mein lieber Freund. Ich weiß, daß Du kommen 

wirst. Ich vertraue Dir völlig. Befreie mich! 

Deine treue Birke!« 

* 

Dies war die Vollmondnacht, und Birke hatte alles wohlbedacht. Nur 
eins konnte sie nicht wissen  - daß ihr Vater für die Zeit seiner 
Abwesenheit den Knechten und Knappen erhöhte Wachsamkeit 
anbefohlen hatte. So kam es, daß Collin einen  - wenn auch 
schlafenden - Posten am Burgtor vorfand. 

Er wußte sich keinen Rat, als den Mann zu töten. Ungern nur tat er 

es, wenn auch  ohne Reue. Wieviel länger würde es nun dauern, bis 
Beowulf ihm vergab! 

Er nahm dem Toten den Schlüssel aus der Tasche, hob ihn mit 

starken Armen auf, schleppte ihn an den Grabenrand und ließ ihn ins 
Wasser gleiten. Dann schloß er das Tor auf und betrat vorsichtig die 
Burg. Nach kurzer Zeit fand er Birke. Sie wartete bereits in einem 
Winkel der Halle auf ihn, am Fußende der Wendeltreppe. Sie 

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umarmten sich voll Leidenschaft. Doch bald löste er sich sanft von 
ihr und mahnte zur Eile. Draußen folgte ihm Birke ohne Zögern ins 
Wasser des Burggrabens. Nebeneinander schwammen sie ans 
jenseitige Ufer. Von dem Toten hatte er ihr nichts gesagt, und er 
achtete darauf, daß sie ihn nicht zufällig erblickte. Collin würde ihr 
auch fernerhin verschweigen, daß er einen Mann Beowulfs erstochen 
hatte. Denn er hatte die Ahnung, daß sie eine solche Nachricht übel 
aufnehmen würde. Als der große Wachposten die Mauer zur Hälfte 
umrundet, bestiegen Collin und Birke bereits die beiden Pferde, die 
der Glücksritter im dunklen Tann verborgen hatte. Doch war ihre 
Flucht nicht geheim geblieben. Einen Menschen hatte Birke 
einweihen müssen: ihre Amme! Sie hatte die Amme drei heilige Eide 
schwören lassen, sie nicht zu verraten  - unter keinen Umständen! 
Deshalb wartete die Amme eine halbe Stunde ab, ehe sie Alarm 
schlug. Nach ihrer Ansicht hatten die Liebenden jetzt genügend 
Vorsprung für drei heilige Eide. Nun war es an der Zeit, den 
Treueschwur einzulösen, den sie Beowulf geleistet hatte, als er sie in 
den Dienst nahm. In kurzer Zeit erfüllte aufgeregtes Treiben die 
Burg. Birke verschwunden! Diese Nachricht scheuchte sie alle aus 
den Betten. Plötzlich erscholl lautes Wehklagen. Man hatte den 
ermordeten Wächter gefunden. Alles erlitt dadurch beträchtliche 
Verzögerung. Es dauerte geraume Zeit, bis die Leiche aus dem tiefen 
Wasser geborgen war. Mehrere Mägde stützten die zweite Köchin, 
die vor Kummer herzzerreißend weinte. Auch wenn die Amme sich 
hütete, Birkes Geheimnisse auszuplaudern, hatte niemand einen 
Zweifel, wer der Entführer war: Collin, der Glücksritter! Und jetzt: 
Collin, der Mörder! Alles war zur Verfolgung bereit  - aber wie sollte 
sie vor sich gehen? »Aufgesessen und ihnen nach! Sie können kaum 
länger als eine Stunde fort sein!« 

»Aber in welcher Richtung sollen wir reiten?« 
»Bestimmt sind sie nicht über die deckungslose Ebene geflohen, 

sondern durch den hügligen Tann!« 

»Im Tann ist es düster wie im Kohlensack. Dort finden wir jetzt 

keine Spur!« 

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»Wir sind unser zwanzig. Laßt uns von Mann zu Mann einen 

Zwischenraum von fünfzig Klaftern halten! So kämmen wir den 
Wald durch, und sie werden uns nicht entgehen.« 

»Es ist sinnlos, bei Nacht aufs Geratewohl loszureiten. Du siehst 

die Hand vor Augen nicht, geschweige denn einen, der sich vor dir 
verbirgt. Laßt uns lieber den Morgen abwarten! Beim ersten Licht 
brechen wir auf, und sie werden uns nicht entkommen!« 

Und dabei blieb es. 

Birke war eine glänzende Reiterin. Doch noch nie war ihr so leicht 
ums Herz gewesen wie in dieser Nacht. Während sie neben Collin 
zwischen den drohenden Stämmen einherritt, fühlte sie sich be-
schwingt wie ein Vogel. Immer wieder freute sie sich ihres kühnen 
Entschlusses. Nicht die Spur von Angst behelligte ihr Gemüt. Nun 
erst schien ihr eigentliches Leben zu beginnen. 

Wenn ihr Blick den verschwommenen Umriß des Begleiters 

erfaßte, war sie selig. Überallhin würde sie ihm folgen! 

Auch Collin fühlte sich von starker Erregung durchströmt. Schon 

Birkes Brief hatte ihn ungeheim beeindruckt. Er war wie ein Ruf, der 
sein Innerstes an sie band. Die kurze Umarmung in der Halle hatte 
seine Leidenschaft endgültig geweckt. Gern hätte er in einer Kuhle 
voll weichem Moos haltgemacht, um dort die Nacht zu verbringen  - 
eine wilde Nacht voll überschäumender Liebe! 

Doch da erreichten sie eine lichte Höhe und sahen rückblickend die 

vielen durcheinanderwogenden Fackeln vor Burg Tronde. Ihre Flucht 
war also schon entdeckt worden. An ein Haltmachen war nun nicht 
mehr zu denken. 

»Fürchtest du dich, Birke?« fragte er zärtlich. 
»Wie sollte ich mich fürchten, da du doch bei mir bist!« 
So ritten wie weiter. 

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Dann stieg Beowulf in den Sattel, schüttelte die Lanze und brüllte, 
kochend vor Wut: »Und wollte das Schicksal, daß mir Schwert und 
Speer entfielen, mir Schild und Rüstung zerschmölze, so werde ich 
diesen Verbrecher, gewappnet und  gerüstet, wie er ist, nackten 
Leibes anspringen und zu Boden schmettern, daß er das Aufstehen 
für immer vergißt!« 

Er gab dem Pferd die Sporen und flog davon wie ein Rachegott. 

Drei Stunden später traf er auf seine Männer und übernahm die 
Führung der Hauptgruppe. Mit finster verschlossenem Gesicht, 
dessen Anblick Furcht einflößte, folgte er den drei Kundschaftern, 
die von Zeit zu Zeit abgelöst wurden. 

Die vorgefundenen Spuren und die Aussagen der Landleute 

bewiesen einwandfrei, daß das flüchtige Paar den Odenwald zu 
gewinnen suchte. 

Der Vorsprung würde nicht ewig halten. 

Zwei Tage danach erhielt Beowulf, der am Mittagstisch seines 
Jagdfreundes saß, die böse Nachricht. Auf seiner Stirn schwoll die 
Zornesader an. Er ballte die Fäuste. Sein Gesicht zuckte vor unbän-
digem Zorn. 

Dann packte er den Teller mit der leckeren Bärentatze und warf ihn 

an die Wand, daß die Scherben nach allen Seiten spritzten. Auf 
sprang er, selber ein wütender Bär, und warf auf dem Weg ins Freie 
Stühle und Tische um. Jeder ging dem Tollwütigen aus dem Weg. 

Draußen rief er nach Pferd und Gewaffen. An das Burgtor gelehnt, 

schwor er: »Nicht eher wird ein Bissen über meine Lippen kommen, 
bis ich meine Tochter Birke aus den Armen des Frevlers gerissen und 
sicher nach Tronde zurückgeleitet habe!« 

Niemand wagte, ihn zu halten. Eilfertig sprangen die Knechte. 

Auch der Jagdfreund half. 

Mit kühl abschätzendem Blick musterte der Bauer den jungen 

Ritter und die schöne Frau, die auf seinen Hof am Fuße, des 

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Odenwaldes geritten kamen und Lebensmittel bei ihm zu kaufen 
begehrten. »Wir brauchen Brot, Fleisch, Quark und Milch!« 
verlangte der Mann. »Beeil dich! Wir bezahlen gut.« 

Vorsorglich hatte Birke die in ihrer Truhe verwahrten Goldstücke 

mit auf die verwegene Reise genommen. 

»Ich gebe Euch einen guten Rat, Ritter«, sagte der Bauer, indem er 

die verlangten Vorräte brachte. »Setzt Eure Flucht nicht weiter fort! 
Ihr kommt in des Teufels Küche. Und wenn nicht um Euch, so wäre 
es um das Fräulein schade. Im Odenwald ist es nicht geheuer.« 

Collin fuhr auf. »Wer spricht von Flucht?« 
»Man erfährt so manches. Und man denkt sich sein Teil. Nie 

würde Beowulf seine Tochter allein mit einem fremden Mann über 
Land reiten lassen. Doch hört meine Warnung! Keiner wagt sich so 
tief ins Gebirge hinein, wie Ihr es vorhabt. Dort lebt das Ungeheuer.« 

Birke blickte ihn an. »Welches Ungeheuer?« Sie erschauerte. 
»Man nennt es Fasolt. Niemand, der es je gesehen, kann Näheres 

erzählen. Denn keiner überlebte die Begegnung. Es scheint ein 
riesiger,  mit einem Schuppenpanzer besetzter Drache zu sein, den es 
nach Menschenfleisch gelüstet. Hütet Euch vor Fasolt, dem kein 
Sterblicher entkommen kann!« 

»Das sind Märchen, mit denen du kleine Kinder erschrecken 

magst, Bauer. Wir reiten weiter!« 

»Ihr könntet  auf meinen Hof bleiben«, fuhr der Bauer hartnäckig 

fort. »Hier gibt es viel Arbeit und immer satt zu essen. Scheint das 
Fräulein zwar zierlich, so erkennt ein erfahrenes Auge doch die 
Kraft, die sich in Muskeln und Gelenken verbirgt. Sie würde eine 
gute Magd abgeben.« 

»Schweigt, Bauer!« rief Collin verärgert. »Oder ich gebe dir eins 

aufs Maul!« 

»Ich würde Euch verbergen, wo Euch niemand findet, wenn die 

Verfolger eintreffen«, sagte der Bauer und sah Birke unverwandt mit 
geheimer Drohung ins Auge. »Bei mir seid Ihr sicher  - vor Fasolt 
und Beowulf!« 

Als Collin den verhaßten Namen zum zweitenmal hörte, gab er 

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dem Bauern einen heftigen Stoß, daß der sich mitten auf dem Hof auf 
seinen Hintern setzte. Ohne sich um ihn zu kümmern, verstaute 
Collin die Vorräte und saß auf. Zögernd folgte ihm Birke. 

»Bleibt doch hier!« rief der Bauer, noch immer im Dreck sitzend, 

ihnen nach. »Dann behaltet Ihr wenigstens das Leben und bekommt 
jeden Tag zu fressen!« 

Mit einem gemeinen Fluch stieß Collin dem Pferd die Sporen in 

die Weichen. Eine Stunde lang ging es im versammelten Galopp in 
der alten Richtung weiter. Dann wurde der Boden felsig, stieg an und 
erlaubte noch leichten Trab und schließlich nur Schritt. Immer steiler 
wurde es. Der Weg wand sich an hohen Bäumen entlang, durch 
bedenkliches Gestrüpp, tiefes Dickicht und an aufragenden 
Felsblöcken vorbei. 

Nur noch selten trafen sie einen einsamen Holz- oder 

Kräutersammler. Und keiner ließ sie ziehen, ohne sie nachdrücklich 
vor dem menschenfressenden Drachen Fasolt zu warnen. Unwillig 
wehrte Collin die gutgemeinten Ratschläge ab. Aber Birke fühlte, 
wie ihr der Mut sank. 

»Alle diese guten Leute können nicht irren«, sagte sie bang. »Mein 

Lieber, täten wir nicht besser daran, umzukehren?« Furchtsam 
musterte sie ein Felsgewölbe, das sich vor ihnen erhob. Ihr war, als 
lauerte der schreckliche Fasolt dahinter. 

»Umkehren?« rief Collin mit bitterem Spott. »Damit ich deinem 

Vater in die Hände falle und er mich um einen Kopf kürzer macht? 
Nimmermehr! Mit einem einzelnen Drachen nehme ich es auf, wie 
grimmig er auch sei. Doch gegen die Übermacht von Beowulfs 
Meute könnte ich mit aller Tapferkeit nichts bestellen.« 

Birke widersprach: »Mein Vater wird uns verzeihen. Wir haben 

nichts von ihm zu befürchten.« 

Doch Collin schüttelte in trotziger Abwehr den Kopf. »Du kennst 

den Alten schlecht. Er haßt mich und ist unversöhnlich.« Dabei 
dachte er an den Toten im Burggraben, von dem Birke nichts wußte. 
Ja, Beowulf würde ihn bis aufs Blut hassen!« 

»Nun, wenn er dich tötet«, sagte Birke hochgemut, »so werde ich 

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mit dir sterben!« Ihre Augen leuchteten. Staunend sah er sie an. 
Schöner war sie nie! 

»Meinst du, es stirbt sich angenehmer zu zweit als allein?« 
»Ich wünsche mir nichts Besseres vom Leben, als mit dir 

gemeinsam in Liebe vereint von der Erde zu gehen.« 

»Sterben ist das Bitterste, das es gibt. Darüber hilft mir keine Liebe 

hinweg. Sollen die Alten doch sterben, die sich mit zitternden 
Gliedern vom Bett in den Lehnsessel und zurück quälen! Aber auch 
sie hängen am Leben. Nein, Birke, ich kehre nicht um! Jede Gefahr 
ist mir lieber als der sichere Tod! Und lägst du blutend am Boden, 
zerfetzt der weiße herrliche Leib, der letzte Atem entflohen, ich 
würde jauchzen und jubeln, dürfte ich unversehrt entkommen!«. 

Sie schwiegen. 
Und da erhob sich über dem Rauschen der Eschen und Fichten, 

über dem Zwitschern der Vögel, dem Hämmern der Spechte ein 
neuer Ton, der nicht von dieser Welt zu stammen schien. Ein 
dumpfes, fast ohrenbetäubendes Grollen, ein Schreiten wie 
Schicksalsgang, dann ein  Klang, so laut wie hundert Trompeten, 
begleitet vom Zischen feuriger Lohe... 

Collin richtete sich mit wachsam spähendem Auge hoch auf. Er 

versammelte sein Pferd, stemmte den Lanzenschaft in den 
Bügelhandschuh und machte sich zum Angriff bereit. Einen Blick 
noch warf der junge Glücksritter auf Birke, die kreidebleich, vor 
Angst zitternd, auf tänzelndem Pferd sich hielt. Dann sagte er laut 
und stolz: »Fasolt kommt - und ich werde ihn töten!« 

Verstummt waren die Vögel. Entsetzt suchten sie auf den höchsten 

Baumwipfeln Schutz. Rehe, Hirsche, Luchse, Hasen und 
Wildschweine flohen in panischem Schrecken rudelweise davon. 
Birkes Pferd schloß sich der Flucht an, bis sie es nach hundert 
Klaftern herumriß. 

Es krachte. Bäume stürzten um. Unterholz wurde flachgewalzt. 
Und dann erschien ein gräßlich geformter Drachenkopf mit 

spähenden tückischen Augen - hoch, so hoch über dem Erdboden. 

Birke vergingen fast die Sinne, als der gewaltige, fast turmhohe, 

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schuppengepanzerte grüne Leib Fasolts auf der Lichtung erschien. 

Fassungslos sah sie, wie Collin sein Roß spornte, wie Fasolt das 

riesige Maul öffnete und sechs Reihen scharfgeschliffener Zähne 
entblößte. Collin ritt auf den Drachen zu, langsam zuerst, dann 
schneller, immer schneller, geradewegs auf ihn zu ... 

Es schien ihr unfaßlich, woher ein Mann diesen Mut nahm, als 

kleiner Sterblicher gegen solch ein Ungeheuer anzugehen. Doch 
Collin tat es vor ihren Augen, zwang sein sträubendes Pferd nahe an 
Fasolt heran, bog den Arm weit nach hinten, daß seine Muskeln sich 
herrlich spannten ... 

Und warf den Speer mit voller Kraft dem Drachenkopf mit den 

tückisch spähenden Augen entgegen. Und die schmale, vorn 
zugespitzte Stange flog in edel geformter Bahn durch die lichte Luft, 
beschrieb einen leichten Bogen, näherte sich Fasolts linkem Auge ... 

Dann machte der Drache brüllend eine unwillige Bewegung mit 

dem Haupte, und der gewaltig geschleuderte Speer prallte 
unschädlich vom Schuppenkleid ab und fiel, ein harmloser 
Weidenstock, lautlos zu Boden. 

Weit riß der Drache abermals das Maul auf, und das letzte, was 

Birke voll namenlosem Entsetzen sah, war der Augenblick, in dem 
Ritter Collin in dem gräßlichen Maul verschwand, samt Rüstung und 
Pferd, und von den sechs Reihen scharfgeschliffener Zähne zermalmt 
wurde. 

Sie schloß die Augen, und ihr erschrockenes Pferd raste mit ihr 

bergab, den Weg, den sie gekommen waren. Tränen strömten ihre 
Wangen hinab, und sie wußte, daß sie das schreckliche Bild Tag für 
Tag, Nacht für Nacht, solange sie auf der Erde wandelte, vor sich 
sehen würde, immer wieder mit gleichem Entsetzen! 

Einen letzten Akkord griff Volker von Hohentwiel. Einen letzten 
schwebenden Ton von unermeßlicher Trauer ließ er verhauchend 
hören. Dann schwiegen der Sänger und sein Instrument. 

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Wie gebannt saßen die Ritter und Frauen in der weiten herrlichen 

Halle auf Schloß Camelot. Volker musterte sie alle mit langem, 
rundum gleitenden Blick. Er sah manche Träne in hellem 
Mädchenauge, manch mahlenden Kiefer eines betroffenen Ritters, 
las das reine Mitleid im  schönen Antlitz der Königsgattin Ginevra. Er 
sah, wie die Hand des Wilhelmus, eines Ritters der Tafelrunde, 
langsam über seinen herrlichen weißen Rauschebart strich, als 
überlege er, wie Collin gerächt und Fasolt vernichtet werden könne. 

Zuletzt blieb Volkers Blick auf der ehrwürdigen Gestalt des 

Königs Artus haften, dessen kluge graue Augen ihn immer wieder in 
ihren Bann zogen. 

Der König hob beide Arme und begann in die Hände zu klatschen. 

Ringsum folgten alle seinem Beispiel. Viele sprangen auf und zollten 
dem Sänger stehend ihre Hochachtung. Minutenlang rauschte der 
mächtige Beifall durch den Saal. Die Spannung löste sich. Laute 
Rufe des Lobs schallten von allen Seiten. 

Der Beifall wollte kein Ende nehmen. 
Gerührt erhob sich Volker und dankte. Der dunkle Lockenkopf 

neigte sich vor seinen Bewunderern. Am tiefsten verbeugte er sich 
vor den Damen. 

Volker war große Erfolge gewöhnt. Fast jedes seiner Lieder hatte 

bisher die Menschen begeistert. Kaum hatte er sie einige Male 
vorgetragen, so verbreiteten sich Melodie und Worte mit 
staunenswerter Geschwindigkeit im Königreich. Überall hörte man 
dann arm und reich, hoch und niedrig seine Weisen trällern. 

Aber noch nie hatte eine seiner Balladen die Menschen so bis ins 

Innerste aufgewühlt wie das Lied vom schrecklichen Fasolt, von 
Collins Glück und schauerlichem Ende, von Birkes Seligkeit und 
Entsetzen, von Beowulfs tiefem Schmerz. 

Wohl eine halbe Stunde verging, bis Volkers Zuhörer sich 

beruhigten, ihre Plätze wieder einnahmen und ihre Gespräche 
fortsetzen. Doch das Thema blieb fast ausschließlich Volkers neue 
Ballade. 

Artus hatte ihn mit einem huldvollen Wink an seine Seite befohlen 

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und schenkte ihm mit eigener Hand edlen Wein in einen goldenen 
Becher  - eine sehr seltene Auszeichnung. Und der König sprach aus, 
was alle empfanden: »Dies war das bewegendste Lied, was ich je aus 
Eurem Munde vernommen. Sagt, wie kam Euch die Idee zu diesem 
Meisterwerk?« 

Aufatmend setzte Volker den Becher von den Lippen ab. Es war 

ein herrliches Getränk. Knapp, wie der König es liebte, antwortete er: 
»Ich formte es nach einem wahren Ereignis, Majestät.« 

Diese Mitteilung schlug ein wie ein Schwerthieb. Ringsum 

verstummten die Gespräche. »Ihr meint«, begann Artus zögernd, 
»daß alles, was Ihr sangt, wahr ist? Es gibt eine Burg Tronde, auf der 
eine verstörte Birke lebt  - und ein heißsporniger Ritter Beowulf, der 
sich jetzt wahrscheinlich mit Selbstvorwürfen plagt, weil er durch 
unbeugsamen Sinn seiner Tochter unermeßlichen Schmerz bereitet 
hat?« 

»Ja«, bestätigte Volker mit klingender  Stimme. »Und es gibt den 

Drachen Fasolt im Odenwald, dem Tag für Tag weitere nichts Böses 
ahnende Menschen zum Opfer fallen!« 

»Das«, sagte der König mit großem Ernst, »ist in der Tat eine 

erstaunliche Nachricht. Doch mindert sie nicht den Rang Eurer 
Ballade als Kunstwerk.« Er versank einige Augenblicke in 
Nachdenken. Dann fragte er: »Roland ist Euer Freund, Sänger. Wißt 
Ihr, wo der Ritter sich gegenwärtig befindet?« 

»Wenn die Sonne sich, von heute an gerechnet, zum fünftenmal im 

Osten erhebt, werde ich ihm  bei Einhart dem Lächler auf Burg 
Gimlet begegnen.« 

»Das trifft sich gut. Wollt Ihr mein Bote sein, Volker?« 
»Gern, Majestät.« 
Artus erhob ein wenig die Stimme, so daß er überall zu verstehen 

war. »Dann übermittelt ihm in meinem Auftrag die zweite der 
Probetaten, mit denen er sich den Eintritt in die Tafelrunde 
erkämpfen möge. Sie lautet: >Ritter mit dem Löwenherzen, befreit 
das Land von Fasolt, dem Drachen !<« 

Nach diesen Worten lastete schwer wie ein Felsblock die Stille in 

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der weiten Halle. Dann wiederholte klingend der Sänger: »Ritter mit 
dem Löwenherzen, befreit das Land von Fasolt, dem Drachen!« 

Alle spürten die hohe Bedeutung des feierlichen Auftrags. Denn 

nie zuvor wurde einem einzelnen Manne eine so gewaltige Aufgabe 
gestellt. Überstieg sie nicht die Kräfte eines Sterblichen? So dachte 
manche Dame mit Bedauern, manch Ritter mit heimlichem Grauen. 

Da erhob sich ein Ritter, dessen weißer Bart bis zum Gürtel wallte 

- Wilhelmus, einer der Ältesten der Tafelrunde. Er reichte Volker die 
Hand und sagte mit seiner orgelgleichen Stimme: »Sänger, 
übermittelt Eurem Freund, daß Wilhelmus von der Wilhelmsburg 
ihm für sein neues Abenteuer alles Glück der Erde wünscht!« 

Doch mehrere Stunden später, als die Schloßbewohner zur Ruhe 

gegangen, empfing Wilhelmus in der Abgeschiedenheit seines 
Gästezimmers einen seiner Knappen und trug ihm eine geheime 
Botschaft an einen Mann in Burg Gimlet auf, der nicht Roland hieß. 

Danach mahnte er ihn: »Schone dein Roß nicht, sondern reite wie 

die Windsbraut! Bricht es unter dir zusammen, beschaff dir ein 
zweites! Ehe die Sonne morgen ihren höchsten Punkt erreicht, mußt 
du an Ort und Stelle sein. Such dort den Mann, dessen Namen ich dir 
nannte und dessen Wesen ich dir beschrieb! Sprich aber nur unter 
vier Augen mit ihm! Niemand außer ihm darf im mindesten erahnen, 
was ich dir auftrug. Selbst auf der Folter sei dein Mund versiegelt, 
wenn ein anderer dir das böse Geheimnis entreißen wollte.« 

Er drückte ihm einen Geldbeutel in die Hand. »Das gibst du dem 

Manne zugleich mit der Nachricht! Hast du alles verstanden, 
Knappe?« 

»Jedes Wort, Ritter. Ich werde ausführen, was Ihr verlangt.« 
»Damit tätest du dir selber den größten Gefallen. Denn wisse: mit 

deinem Leben bürgst du mir dafür!« 

Burg Gimlet dünkte Roland das irdische Paradies! 

Drei Tage weilte er auf dem Rittersitz. Sie kamen ihm vor wie ein 

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einziger Wirbel aus Frohsinn, Wohllaut und Lachen. Nie hatte er 
unter so unbeschwerten Menschen gelebt. 

Wie freundlich sie alle waren, wie warmherzig, wie kurzweilig! 

Sie klopften ihm auf die Schulter, umarmten ihn und überboten sich 
darin, ihm den Aufenthalt angenehm zu machen. 

Aber sie hatten ja auch die vier Zwerge! Kurz nach Roland waren 

sie eingetroffen. Er konnte sie nicht auseinanderhalten, so ähnlich 
war ein Zwerg dem anderen. Sie reichten ihm knapp bis zur Hüfte, 
trugen bunte Zipfelmützen, hatten pausbäckige, rote Gesichter, graue 
Zauselbärte, ein rotes Wams und weiße Kniehosen, die ihre dicken 
krummen Beine freiließen. 

Als Musikanten hatten sie sich bei Einhart verdingt. Und wahrlich, 

im Musizieren waren sie unermüdlich. Da ihre Namen lang, schwer 
zu behalten und zungenzerbrechend auszusprechen waren, nannte sie 
jeder nur nach ihren Instrumenten. 

Zwerg Harfe. Zwerg Waldhorn. Zwerg Laute. Zwerg Pauke. 
Um eine Idee schien Zwerg Harfe seine Gefährten zu überragen. 

Jedenfalls sah man in ihm den Chef der Kapelle. Gab er nicht immer 
den Ton an? Überall machten die Wichte sich nützlich. Sie 
schmierten sogar die Zugbrücke, so daß sie nicht mehr knarrte und 
quietschte. 

Oh, es lebte sich gut und fröhlich bei Einhart den Lächler, dessen 

Beiname ja auch nicht von ungefähr kam. Schon freute sich Roland 
auf den Tag von Volkers Ankunft. Wenn er sich mit den vier 
Zwergen zusammentat, was mußte das für ein großartiges, 
melodienschönes Orchester ergeben! 

Trotz seiner fröhlichen Stimmung war Roland unruhig. Ziellos 

wanderte er durch die Burg. In einem behaglichen Turmzimmer sah 
er drei Ritter beim Würfelspiel. Als er vorüberging, blickte der eine 
flüchtig auf und grüßte ihn freundlich. Roland wußte, daß er Gorm 
hieß und ein Gelübde getan hatte, nie vor Mitternacht einen Schluck 
Wein, Met oder Bier zu trinken. 

Es mußte irgendein schweres Erlebnis dahinterstecken. Roland 

hätte Gorm gern danach gefragt. Aber er traute sich nicht. Vielleicht 

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würde er damit an alte Wunden rühren. 

Doch konnte er es nicht verhindern, daß seine Gedanken oft um 

dieses rätselhafte Gelübde kreisten. Wahrscheinlich hatte Gorm 
irgendwann einen verhängnisvollen Fehler begangen, weil er schon 
am hellen Tage berauscht war statt erst nach Sonnenuntergang wie 
andere. Vielleicht hatte er geschlafen, während Feinde seine Burg 
anzündeten? Vielleicht war ein lieber Mensch getötet worden, 
während er, Gorm, vom Trunk benebelt, ihn nicht schützen konnte? 

Oder vielleicht hatte er trotz seines schwankenden Zustands zu den 

Waffen gegriffen und war auf schmähliche Weise unterlegen? Rührte 
daher die tiefe Narbe im braungebrannten Gesicht unter dem mit 
grauen Strähnen vermischten dunklen Haar? 

Voll Mitleid betrachtete Roland im Vorübergehen das freundliche 

Antlitz Gorms. Seine Mitspieler waren Dankwart, ein forscher junger 
Mann mit blitz blanken blauen Augen, und Hasso, ein baumlanger 
Kerl mit Erfahrung aus allen vier Windecken. 

Bei Würfelspiel ging es laut zu. Jeden Wurf begleiteten laute 

Sprüche. Der Werfer versuchte, die Würfel zu seinen Gunsten zu 
beschwören. Seine Gegner höhnten und verspotteten ihn. Doch alles 
hatte einen freundlichen Unterton. Man merkte, daß sie einander 
nicht böse waren. Nur das Wechselglück des Spiels machte sie 
vorübergehend zu Gegnern. 

Einen Augenblick verspürte Roland Lust mitzuspielen. Er hatte die 

Würfel noch nie versucht. Es mußte Spaß machen. Seine Hand 
berührte die 33 Goldstücke, die er sein eigen nannte.  Vielleicht 
würden sie Junge bekommen, wenn er sein Glück versuchte. 

Und doch ging Roland weiter und verließ das Spielzimmer. 

Unruhe trieb ihn. 

Ein Monat war vergangen, seitdem er mit einer Frau im Bett 

gelegen hatte. Eine zu lange Fastenzeit für die wachen und scharfen 
Sinne eines kräftigen Jünglings. 

Auf seinem Weg durch die Burg begegnete Roland manch keckem 

Blick aus lockenden Mädchenaugen, sah begehrliche Münder und 
angenehme Formen. Doch keine ließ sein Herz höher schlagen. 

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Bald wurde ihm klar, daß er nur eine suchte: das Fräulein Gudrun 

mit dem kastanienbraunen Haar, das im Sonnenschein einen 
verwegen kupferroten Ton annahm. Er hielt eine Küchenmagd an 
und fragte nach Gudrun. Sie glotzte ihn halb verlegen, halb blöde an 
und brachte keine Antwort heraus. 

So wiederholte er die Frage. Jetzt wurde sie über und über rot, 

begann dann prustend zu lachen und lief davon. 

Ärgerlich verließ Roland die Burg und wanderte über die Fluren. 

Bald gelangte er an einen verschwiegenen See. Dem Blick von der 
Straße entzogen, lag er versteckt in einer Mulde. Dickicht umgab ihn, 
aber Roland fand nach einiger Zeit einen Durchschlupf. 

Dann blieb er überrascht stehen. 
Er war nicht der einzige, der diesen stillen Ort aufgesucht hatte. 
Ein Häuflein ordentlich am Wiesenufer abgelegter Frauenkleider 

und ein leises Plätschern belehrten ihn, daß er unversehens auf eine 
Badende gestoßen war. Sein Blick glitt über den blauen Kreis des 
Sees. Er erkannte das kupferrote Haar und die nackten weißen 
Schultern. Fräulein Gudrun! 

Mit einem wohligen Schauer wurde ihm klar, daß sie nackt ins 

Wasser gestiegen war. So sehr ihn der Gedanke erregte, so wenig lag 
es ihm, den heimlichen Beobachter zu spielen. Schon wandte er sich 
um, als er einen erschrockenen Schrei und lauteres Plätschern 
vernahm. Und da sah er: 

Gudrun war in eine tiefere Stelle abgerutscht. Wild schlug sie mit 

den Armen um sich. Aber es war deutlich zu sehen, daß sie nicht 
schwimmen konnte. Wieder und wieder tauchte ihr Kopf unter 
Wasser. 

Roland zögerte nicht. So wie er war, in Hemd, Wams, Hose und 

leichten Stiefeln, warf er sich kopfüber in den See. Es gab kein 
Wildgewässer in seiner Heimat, das er als Kind nicht unzählige Male 
durchschwommen hätte. Mit wenigen Zügen erreichte er die 
Ertrinkende, packte sie an der Schulter und brachte sie an Land. 

Sie hatte nur wenig Wasser geschluckt, war aber vom Schreck 

noch ohnmächtig, als Roland sie vorsichtig auf die Wiese bettete. 

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Er hatte sich vorhin nicht getäuscht  - sie war völlig nackt! Welch 

ein Anblick! Da nutzten alle guten Vorsätze nichts. Rolands Augen 
glitten begeistert über den herrlichen Körper, der sich ihm darbot. 
Von der Haarpracht über das kühn geschnittene, jetzt blasse Gesicht, 
den zarten Hals, die elfenbeinfarbenen Schultern, die festen 
anmutigen Brüste mit den rosigen Knospen zum erneuten Kupferrot 
zwischen den Schenkeln ... 

Roland beugte sich über Gudrun und küßte ihre vollen Lippen. 
Sie begann zu zittern. Ihre Lider flatterten. 
Noch ein Kuß  - und noch einer. Oh, wie süß schmeckten ihre 

Lippen! 

Da schlug sie die Augen auf. Sie waren grün wie die einer Katze. 
Zuerst blickte sie erstaunt, verständnislos, nicht begreifend. Dann 

erkannte sie den jungen Ritter. Begreifen, Schrecken und Zorn waren 
fast eins. 

Plötzlich sprühten sengende Blitze aus den achatgrünen Augen. Sie 

wurde sich ihrer Nacktheit bewußt. 

»Schurke!« rief sie. Ihre kleinen Fäuste zuckten aufwärts und 

trafen sein Gesicht. »Wie könnt Ihr es wagen...? Meine Schwäche so 
schmählich auszunutzen! Kein anständiger Ritter würde je so 
verwerflich handeln!« 

Roland erhob sich und stand mit abgewandtem Kopf vor ihr. »Aber 

ich versichere Euch, Gudrun, ich tat Eurer Ehre nichts an. Erinnert 
Ihr Euch nicht? Ihr wart in Gefahr zu ertrinken. Ich sprang in den See 
und ...« 

»... um Eure Gier zu stillen, Elender!« rief sie flammend. 
»Keiner Schuld bin ich mir bewußt«, stammelte Roland, während 

das Blut ihm in die Wangen schoß. »Dreimal nur berührte ich sanft 
Eure Lippen, um Euch aus der Ohnmacht zu wecken!« 

Mit gesenkten Augen reichte er ihr ein Unterkleid. Sie streifte es 

mit fliegender Hast über den Kopf. Dann schäumte sie: »Diese 
ehrlose Tat, Roland, vergeß ich Euch nie! Pfui über Euch! Doch, 
Roland, eins schwöre ich Euch ...« 

Endlich fand er Gelegenheit, sie zu unterbrechen, da sie erschöpft 

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nach Atem rang. »Schenkt mir einen Augenblick Gehör, schöne 
Dame, bevor Ihr mich verdammt! Ich hatte nie die Absicht, Eure 
Ehre anzutasten. Euch das Leben zu retten, war mein Ziel. Ich tat es 
auf die einzig mögliche Weise. Wenn Euch der Vorfall kränkt, so 
will ich gegen niemand ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Ich 
empfinde größte Hochachtung vor Euch. Um die Wahrheit zu sagen, 
wollte ich meinen Aufenthalt auf Burg Gimlet verlängern  - um Eurer 
Bekanntschaft willen ...« 

»Schweigt doch, Roland! Jedes Eurer Worte beleidigt  mich. Doch 

wisset, daß ich mit einem Ritter verlobt bin. Ein Wort von mir zu 
ihm  - und Euer letztes Stündlein hat geschlagen. Blutig wird er mich 
rächen. Und jetzt aus meinen Augen! Euer Anblick ist mir verhaßt!« 

Mit einem bitteren Auflachen schritt Roland davon, der Burg zu. 

Er hatte schon mancherlei Unannehmlichkeit durch frauliche Launen 
erlebt. Aber Fräulein Gudruns ungerechter Zornesausbruch dünkte 
ihn das Schlimmste, was ihm je angetan wurde. 

Nicht viel später hielt Roland zum erstenmal im Leben die drei 
beinernen Würfel in der Hand. Einen Dukaten hatte er gegen die drei 
Ritter gesetzt. Er ließ die Würfel in den großen ledernen Becher 
fallen, schüttelte ihn kräftig in der Rechten und wollte ihn eben auf 
dem Tisch umstülpen, als Gorm ihn stoppte. 

»So mögen bartlose Knappen spielen«, sagte der Ritter vom 

Gelübde, »aber keine Männer des Schwertes. Paßt genau auf, wie 
man es macht, wenn man gewinnen will  - und das wollt Ihr doch, 
oder?« 

Er hob den Becher hoch über den Kopf und schüttelte ihn. Dazu 

sprach er in beschwörendem Singsang: 

»Ich behexe die Hexe - Jetzt komme die Sechse!« 
In Brusthöhe wiederholte er das Manöver und fuhr fort: 
»Der Zauber wirkt rasch - Jetzt zeigt sich ein Pasch!« 
Schließlich schüttelte er den Becher geraume Zeit unter allem 

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möglichen Hokuspokus zwischen den gespreizten Beinen und sagte 
in feierlichem Ton: 

»Die Geister ruf ich ein letztesmal  - sie würfeln für mich die 

dreifache Zahl!« 

Dann stülpte er mit großmächtigem Schwung den Becher um. 

Doch seine Zaubersprüche hatten keine  Wirkung. Es kam keine 
Sechse, es zeigte sich kein Pasch und keine dreifache Zahl. 

Der Wurf war erbärmlich. 5, 2 und die 1. 
Gorm verzog, unangenehm überrascht, den Mund zu einer 

säuerlichen Miene. Die anderen lachten laut. 

Danach würfelte Dankwart. Er hatte zweimal die 4 und einmal die 

5. »Viererpasch mit 5«, rief er und schaute sich befriedigt im Kreise 
um. Seine blauen Augen blickten klar und unschuldig wie der 
verschwiegene See, von dem Roland kam. 

Nächster im Rund war der baumlange Hasso. Er würfelte eine 4, 

eine 5 und eine 2. Das zählte genausowenig wie Gorms Wurf. 

Als Roland zum Becher griff, spürte er die Erregung des 

Anfängers. Obwohl ihn der Verlust des Dukaten empfindlich 
schmerzen würde, gab er sich den Anschein abgebrühter Ruhe. Mit 
einem Blick auf Gorm wiederholte er dessen dreimaliges 
Becherschütteln über Kopf, in Brusthöhe und tief unter dem Gürtel. 
In Gedanken sagte er dabei sogar die dazu passenden Verse auf, die 
er gut behalten hatte. 

Dann stülpte er den Becher auf den Tisch und hob ihn hoch. 
Wie eine heiße Welle schäumte die Freude in ihm auf. Hatten ihm 

die lautlos aufgesagten Zaubersprüche wirklich geholfen? 

Die Würfel zeigten 5, 5 und 2. Ein Fünferpasch mit 2 also! Der 

beste Wurf in dieser Runde. Er konnte sich gar nicht sattsehen an der 
lieblichen Verteilung der Augen. 

Der stieß Gorm ihn an. »Nehmt die Einsätze! Sie gehören Euch!« 
Zögernd strich Roland die Dukaten der anderen ein. Drei Dukaten 

war er nun reicher. Jetzt besaß er 36. Die Enttäuschung über Gudruns 
Verhalten verblaßte rasch. Sollte dies sein Glückstag werden? 

Hasso sah ihn lauernd an. »Spielt Ihr weiter, Ritter?« 

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»Selbstverständlich«, rief Roland und deutete auf seinen 

stehengebliebenen Einsatz. 

Im Verlauf der nächsten Stunde, die ihm wie im Fluge verging, 

gewann er 14 von 29 Runden. Er besaß jetzt die unvorstellbare 
Summe von 63 Dukaten. Seine Augen glühten wie im Fieber. 63 
Dukaten! Unermeßlicher Reichtum! Sagenhafter Luxus! 

Plötzlich gähnte Hasso und machte keinen weiteren Einsatz. »Puh, 

wird das langweilig! Beenden wir das Spiel und holen die Zwerge! 
Sie sollen uns aufspielen.« 

Roland sah ihn erschrocken an. Mitten in seiner Glückssträhne 

sollte er das Spiel beenden? 

Da fiel ein Schatten über den Tisch. Einhart der Lächler war 

unbemerkt ins Turmzimmer getreten. »Erlaubt Ihr, Freunde, daß ich 
mitmache?« 

Erleichtert nickte Roland. Gorm und Dankwart waren ebenfalls 

einverstanden. »Der Einsatz von nur einem Dukaten«, fügte 
Dankwart hinzu, »ziemt sich für Feiglinge und Knauser. Ich schlage 
vor, daß wir auf fünf Dukaten erhöhen.« 

Roland fühlte das Blut in den Ohren sausen. Fünf Dukaten! Bei 

diesem Einsatz hätte er jetzt bereits das Fünffache gewonnen  - ein 
fürstliches Vermögen! Konnte man wirklich auf solche Weise ein 
schwerreicher Mann werden? 

»Bei fünf Dukaten halte ich mit«, ließ sich Hasso vernehmen. »Der 

Anblick so vieler leckerer Goldstücke läßt meine Langeweile 
dahinschmelzen wie die Frühlingssonne den Bergschnee.« 

Roland griff in den Beutel und warf, als hätte er nie anderes getan, 

mit schwungvoller Gebärde die verlangten fünf Goldkatzen auf den 
Tisch. 

Sie spielten, und Roland gewann dreimal hintereinander. Die 

Goldstücke stapelten sich vor ihm. Hasso fluchte laut. Gorm sah 
verdrießlich drein und trank, da eben die Sonne untergegangen, einen 
Humpen Met, ohne abzusetzen. Danach war sein Blick zwar umflort, 
aber fröhlicher. Dankwart murmelte Unverständliches vor sich hin. 
Und Einhart lächelte. 

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Mit allgemeiner Zustimmung wurde der Einsatz auf zehn Dukaten 

erhöht! 

Danach verlor Roland fünfmal hintereinander. Die Goldstücke 

flohen vor ihm, als sei er ihr persönlicher Feind. Er mußte 
Nachschub aus dem eigenen Beutel holen. Hasso, der jetzt im 
Gewinnen war, sang froh grölend vor sich hin. 

Gerade als Roland beschließen wollte aufzuhören, gewann er mit 

drei Einsern. Zum erstenmal hatte er die dreifache Zahl geworfen, 
des Würflers Sehnsucht! 

Sie erhöhten den Einsatz auf zwanzig Dukaten. 
Wieder gewann Roland. Und verlor. Und gewann. Und verlor. Der 

Stapel Goldstücke vor ihm wuchs und nahm ab, wuchs und nahm ab, 
wuchs wieder, wuchs und wuchs und wuchs ... 

Als der Gong zum Abendessen rief und die Herren widerwillig 

Schluß machten, war Roland ein schwerreicher Mann. Er hatte an die 
1000 Dukaten gewonnen. Und war dem Spiel verfallen. 

Am meisten verloren hatte Einhart. Doch er trug den Verlust mit 

Würde, wenngleich ihm das Lächeln vergangen war. Er griff nach 
Rolands rechter Hand, betrachtete sie kopfschüttelnd von allen Seiten 
und meinte dann: »Sagt mir, was Ihr vor dem Spiel mit dieser Hand 
angefaßt habt - es muß ein Glücksbringer seltener Art gewesen sein.« 

Roland errötete ein wenig. Denn ihm fiel ein, daß er wenige 

Stunden zuvor mit der Rechten Gudruns nackte Brust berührt hatte, 
als er sie aus dem Wasser hob. 

Stammte daher sein Glück? 

Der Knappe des Wilhelmus war bereits auf dem Rückweg. Sein 
weißbärtiger Herr von der Tafelrunde würde mit ihm zufrieden sein. 
Er hatte den geheimen Auftrag so mustergültig erfüllt, wie der 
würdige Ritter es nur wünschen konnte. 

Der Knappe hieß Stock und war von hohem Ehrgeiz besessen. In 

seinem Eifer hatte er sich so wenig geschont wie seine Reittiere. 

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Unbarmherzig prügelte er sie mit der Peitsche. Kaum einen 
Augenblick lang verließen die sporenbewehrten Fersen die Weichen 
der Pferde. Nicht einen Gaul nur ritt er zuschanden, sondern deren 
drei! 

Auf Gimlet hatte Stock wenig Mühe, den Empfänger der Botschaft 

ausfindig zu machen, der nicht Roland hieß. An einem Ort, wo 
niemand sie sah noch hörte, wiederholte er wörtlich, was Wilhelmus 
ihm aufgetragen und fügte aus eigenem hinzu, es sei dringlich. Er 
übergab ihm auch die kleine, ihm anvertraute Kasse. 

Stock nahm den Eindruck mit auf den Rückweg, daß sein Herr den 

richtigen Mann ausgewählt hatte. Einen Mann, der auf eine 
besondere Weise in das bewegte Leben der Zeit paßte: entschlossen, 
waghalsig und rücksichtslos. Einen Mann, den er, Stock, sich gern 
zum Vorbild nehmen würde. 

Jetzt hatte Stock es eilig, Wilhelmus den reibungslosen Vollzug 

seines Auftrags zu melden. Er erwartete hohes Lob - und mehr. 

»Du bürgst mir mit deinem Leben für glatten Verlauf«, hatte der 

Herr ihn vorher gemahnt. Nun wußte er auch, warum er es zu einer 
Sache auf Tod und Leben gemacht hatte. Es handelte sich um eine 
äußerst gefährliche Botschaft. Käme sie je zu Ohren eines anderen 
Ritters der Tafelrunde oder gar des Königs  - so könnte es leicht 
Wilhelmus selber unrühmlich das Leben kosten. 

Deshalb witterte Stock Morgenluft. 
Als er Schloß Camelot erreichte, zitterten auch diesem seinem 

vierten Pferd die müden Flanken. Doch Stocks Begehren, Wilhelmus 
sofort zu sprechen, ging nicht in Erfüllung. Der Ritter befand sich in 
einer Sitzung der Tafelrunde. 

Stock wappnete sich mit Geduld. 
Stunde um Stunde verrann. Schon zwanzigmal mochte sich der 

Knappe die Unterredung mit Ritter Wilhelmus mit immer neuen 
Einzelheiten ausgemalt haben, als er endlich vorgelassen wurde. 

Aber sie verlief trotzdem ganz anders. 
Der Raum war düster. Weiß schimmerte nur der Bart des alten 

Ritters, der in einem hohen steifen Sessel Platz genommen hatte. In 

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geziemendem Abstand vor dem Alten fühlte sich Stock allmählich 
wie ein armer Sünder. 

»Alles erledigt?« fragte die Orgelstimme in gedämpftem Ton. 
Stock mußte schlucken, bevor er antworten konnte. »Alles, Herr, 

und weit schneller, als Ihr befahlt.« 

»Der Mann wurde gefunden?« 
»Ja. Und ich habe ihm alles mitgeteilt. Er übernahm den Befehl 

und versprach, er werde es tun.« 

»Gut. Du kannst gehen.« 
So groß war die Macht der befehlsgewohnten Stimme, daß Stock 

beinahe umgekehrt und gehorsam hinausmarschiert wäre. Aber dann 
straffte er sich, nahm allen Mut zusammen und sagte: »Moment, 
Herr! Ich dachte, Ihr würdet mich belohnen.«  

»Belohnen?« Der Orgelklang vereiste. 
»Indem Ihr mir zum Ritterschlag verhelft und obendrein fünfzig 

Dukaten zur Ausstattung schenkt.« 

»Wieviel?« 
Erschrocken berichtigte sich Stock: »Dreißig Dukaten, Herr.« 
Kurze Pause. Dann sagte Wilhelmus knapp: »Hier haben die 

Wände Ohren. Erwarte mich in einer Viertelstunde auf dem 
Südaltan! Dort können wir ungestört miteinander sprechen.« 

Aufatmend verließ Stock das Zimmer, in dem es ihm todesangst 

geworden war. In der folgenden Viertelstunde gewann er, der 
machtvollen Persönlichkeit des Wilhelmus fern, all seine Frechheit 
zurück. 

Milde wehte die Luft über dem Südaltan. Die Nacht aber war 

schwarz. Wartend beugte sich Stock über die niedrige Balustrade und 
schaute in die Tiefe. Kein Licht grüßte ihn. Unter ihm war es 
unermeßlich und grausig wie im Höllenschlund. 

Wilhelmus ließ auf sich warten. Als er erschien, fuhr seine Stimme 

wie eine Peitsche über den Knappen, »also?« 

Stock flog erschrocken herum. In seiner Verwirrung schrie er 

zwischen Anmaßung und Beklemmung: »Ich verlange den 
Ritterschlag und 100 Dukaten dazu!« 

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»So sei es«, erwiderte Wilhelmus zu Stocks Überraschung mit 

ruhiger Stimme. »Nimm gleich die Anzahlung! Nimm dies!« 

Erwartungsvoll streckte Stock die Hand aus. Dabei glitt sein Blick 

zum nachtschwarzen Himmel. Hoch über der silberfarbenen, 
schmalen Mondsichel glitzerte golden ein Stern.  Mein Glücksstern, 
dachte Stock. 

Es war sein letzter Gedanke. Denn Wilhelmus hob den hinter 

seinem Rücken verborgenen furchtbaren Knüttel in die Höhe, ließ 
ihn mit aller Macht auf Stocks Schädel niedersausen und löschte das 
Leben des Knappen von einer Sekunde zur anderen aus. Ehe der 
zusammenbrach, trat Wilhelmus auf ihn zu, packte den leblosen 
Körper und warf ihn über die Balustrade in die dunkle Tiefe. 

Kühler Wind strich dem alten Ritter über die Stirn. 
Es war besser, dachte er, ihn so zum Schweigen zu bringen. Lebend 

hätte der gierige Narr nie Ruhe gegeben. Morgen wird man ihn 
finden und annehmen, er sei bei einer seiner gewagten 
Liebesexpeditionen abgestürzt.
 

Niemand wird seinen Tod mit mir in Verbindung bringen,  dachte 

Wilhelmus.  Seit langem ist es bekannt, daß der Knappe Stock viele 
Nächte lang wie ein geiler Kater durchs Schloß streicht.
 

Unter diesen Gedanken verließ Wilhelmus den Altan: ein 

hochgewachsener rüstiger Greis, der väterliche Würde und Güte 
ausstrahlte ... 

»Roland!« Einhart der Lächler hatte über Nacht sein berühmtes 
Lächeln wiedergefunden. »Seid Ihr mir für eine Revanche gut?« 

»Ihr denkt an ein neues Würfelspiel?« 
Einhart nickte. 
»Ich bin dabei!« Rolands Augen nahmen einen fiebrigen Glanz an. 

In Gedanken sah er sich bereits weitere 1000 Dukaten gewinnen. 
Keine Grenze schien seinem Glück gesetzt. Eine ganze Burg würde 
er sich bald bei weiterem Glück kaufen können. »Ich hoffe«, 

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vergewisserte er sich, »Ihr habt noch genügend Geld?« 

»Sonst würde ich es nicht wagen, mich mit einem Würfler Eurer 

Klasse an einen Tisch zu setzen.« 

Rasch verbreitete sich die Kunde auf Burg Gimlet. Dankwart, 

Gorm und Hasso eilten herbei. Auch sie brannten darauf, die Runde 
fortzusetzen und die gestrigen Verluste wiedergutzumachen. 

Diesmal ließen sie alle Bescheidenheit beiseite und begannen 

gleich mit zehn Dukaten Einsatz. Dennoch hatte Roland nach einer 
vollen Stunde nur zwanzig Dukaten gewonnen. Tags zuvor war das 
für ihn eine Menge Geld gewesen. Jetzt erschien es ihm kaum der 
Rede wert. Deshalb schlug er vor, gleich auf hundert Dukaten 
Einsatz zu gehen. 

Dankwart schien die Luft wegzubleiben. Seine blitzblanken blauen 

Augen klappten wie Schubfächer auf. 

Hasso neigte den langen Oberkörper vor, als habe er nicht recht 

gehört. 

Gorms weiches Gesicht wurde tiefernst. 
Einhart aber lächelte wie stets, klopfte Roland auf die Schulter und 

sagte: »Großartig! Ihr seid ein Mann nach meinem Herzen. Alle 
Wetter, ein echter Weltmann!« 

Und von jetzt an rollten die Dukaten hunderterweise über den 

Tisch! 

Hektischer wurde das Spiel, leidenschaftlicher die Gesten der 

Ritter, beschwörender ihre Sprüche. 

»Ich beschwöre die Hexe ...« 
Roland fand es schwierig, dem Verlauf des Spiels zu folgen. 

Verlor er? Gewann er? Er wußte es kaum. Er verlor jedes Maß. Zu 
seiner eigenen Verwunderung hörte er sich laut raunen: 

»Der Zauber wirkt rasch - Jetzt zeigt sich ein Pasch!« 
Doch die Paschs erschienen nicht. Verzweifelt murmelte er: 
»Die Geister ruf ich zum letztenmal  - Sie würfeln für mich die 

dreifache Zahl!« 

Vergeblich. Die Sechsen, die Paschs und die dreifachen Zahlen 

machten sich rar bei ihm. Mit brennenden Augen sah er, wie seine 

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Partner Runde für Runde die Einsätze an sich rissen. 

War eine Stunde vergangen? Waren es zwei oder drei? Zog schon 

ein halber Tag ins Land? Gleichviel... 

Plötzlich waren die großen Münzenstapel, die zu Spielbeginn wie 

unbesiegbare Türme vor Rolands Platz gestanden hatten, bis auf 
wacklige Fundamente zusammengeschmolzen. 

Auch die Fundamente hielten nicht stand. 
Es kam der schreckliche Augenblick, da Roland in seinen Beutel 

fassen mußte, um goldenen Nachschub herauszuholen. 

Wie eine glühendheiße Nadel durchzuckte ihn der Schreck vom 

Scheitel bis zur Ferse! 

Der Beutel war leer! 
Mit fahrigen Gesten tastete er seine Kleider ab. Nichts. Nirgends 

fand sich ein Dukaten. Nicht einer ... 

Kein einziger anstelle von 1000! 
Das konnte doch nicht sein! Er mußte doch noch Gold haben! Mit 

mehr als 1000 Dukaten hatte er vor wenigen Stunden ... vor einer 
Stunde ... vor kurzer Zeit... gerade eben begonnen! 

Die konnten doch nicht alle verloren sein! 
Erregt sprang Roland auf. Er schaute unter den Tisch. Vielleicht 

waren sie nach unten geglitten. 

Doch unter dem Tisch war nichts. Nichts außer den Fliesen des 

Estrichs und acht schweren Ritterfüßen. Sollte sich unter den 
genagelten Sohlen sein Goldschatz verbergen? 

Roland zitterte vor Erregung bei diesem Gedanken. Zum erstenmal 

kam ihm die Idee vom Betrug. Zum erstenmal hielt er es für möglich, 
daß seine Spielpartner  - oder einer von ihnen  - keine reinen Hände 
hatte. Sollte er diesen Verdacht laut äußern? Es widerstrebte ihm 
sehr. Denn wenn er sich irrte, so hatte er ihnen unverdient Leid 
zugefügt. Das ließ ihn zögern. 

In diesem Augenblick ging etwas vor sich, was Rolands hilflos 

starrende Augen vollends verblüffte. Sämtliche acht Füße hoben sich 
wie auf Kommando. Und darunter ... der blanke Estrich! 

Roland tauchte empor. Er war tief beschämt. Er wagte es kaum, 

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seinen Partnern ins Auge zu blicken. Doch dann ermannte er sich 
und sprach: »Ihr Herren, ich ziehe mich zurück.« 

»Warum?« fragte Dankwart atemlos. 
»Weil«, die Worte kosteten den Ritter mit dem Löwenherzen 

unendliche Mühe, »ich keinen Einsatz mehr bringen kann.« 

»Ihr scherzet«, warf Einhart ein. »Ein Mann wie Ihr, dessen Ruhm 

trotz seiner Jugend das Land durcheilt, sollte keines Einsatzes mehr 
fähig  sein? Ritter, besinnt Euch! Setzt gegen unsere eitlen Dukaten 
Euer heißblütiges Pferd - und es soll uns recht sein.« 

»Mein Pferd?« stammelte Roland verwirrt. »Kann man auch um 

lebendes Fleisch wetten?« 

»Das ist allgemein der Brauch«, erwiderte der lange Hasso. 
Und Gorm fügte hinzu: »Fünfzehn Dukaten setze ich gegen Euer 

Pferd, Roland.« 

»Nur fünfzehn?« rief Roland erschrocken. 
»Ein guter Wert«, entgegnete Dankwart blauäugig. »Bedenkt, daß 

Ihr nicht mehr Sigurds edlen Araber Rih reitet. Der wäre uns fünfzig, 
vielleicht gar hundert Golddukaten wert gewesen.« 

»Gebt Eure Rüstung drein«, schlug Gorm arglistig vor. »Dann 

setze ich fünfzig Dukaten dagegen.« 

Roland rieselte es kalt übers Rückgrat. Er hatte das bestimmte 

Gefühl, sich in eine aussichtslose Lage zu verrennen. Wie sollte er 
jemals wieder kämpfen, wenn er Roß und Rüstung verlor? 
Andererseits lockte ihn das Gold. Schon einmal hatte er es  - wie 
wenige Stunden war das her!  - zu hohem Reichtum gebracht. Hatte 
nicht gestern abend erst Einhart der Lächler,  gewiß ein erfahrener 
und erfolgreicher Mann, seine rechte Hand und ihr Glück 
bewundert? Oh, wenn er noch einmal über Gudruns nackte Brust 
streichen dürfte! 

»Nun?« fragte Hasso der Lange. 
Noch immer zögerte Roland. Nie zuvor war er so unsicher 

gewesen. Ein Teil seines Wesens neigte dazu, das Spiel aufzugeben. 
Aber ein anderer Teil schalt ihn einen Feigling! 

Das Turmzimmer hatte sich gefüllt. Zahlreiche Zuschauer 

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verfolgten das Spiel. Fast hilfesuchend glitt Rolands Blick an den 
Männern entlang. Sein Knappe  Pierre gab ihm durch heftiges 
Kopfschütteln zu verstehen, daß er auf keinen Fall weiterspielen 
solle. Aber sein Knappe Louis, der schwarzbärtige frühere Räuber, 
schüttelte die Faust mit sichtbar aufwärts gestrecktem Daumen. 
Macht weiter!  hieß dieses Signal.  Macht weiter, und der Sieg wird 
Euer sein.
 

Immer noch unschlüssig war Roland, als sein Blick auf die vier 

Zwerge fiel. Sie sollen entscheiden, dachte er und forschte in den 
zerknitterten Gesichtern über den grauen Zauselbärten nach einer 
Antwort. 

Zwerg Laute bemerkte seinen fragenden Blick und zuckte, selber 

unschlüssig, die Achseln. 

Zwerg Waldhorn wiegte den Kopf - auch er wußte keine Antwort. 
Zwerg Pauke schlug die Augen zu Boden. 
Nur Zwerg Harfe schüttelte heftig den Kopf. 
Da nahm Einhart das Wort.  »Ich wundere mich sehr über Euch, 

Roland. Warum zaudert Ihr? Man sagt Euch Löwenmut nach. Wenn 
ein minderer Mann als Ihr zögerte und sich bedächte, so würde ich es 
ihm nachsehen. Aber Ihr seid ein Jüngling, dem schon der Ruhm 
nachläuft, und wollt Euch besinnen wie ein Weib?« 

Das Blut schoß Roland ins Gesicht. 
Verlegen schaute er dem Burgherrn auf den spöttisch lächelnden 

Mund. 

»Vernehmt, Roland, was mir begegnete, da ich jung war wie Ihr!« 
Alle spitzten die Ohren. Die Spieler machten es sich bequem. 
»Mein wohlhabender Vater, der früh verstarb, hinterließ mir ein 

beträchtliches Erbteil. In wenigen Monden brachte ich es durch. 
Nach einem lustigen, eine Woche währenden Würfelspiel besaß ich 
nichts mehr außer dem, was ich auf dem Leibe trug. Geradezu 
ausgeplündert hatten mich meine lustigen Freunde. Sie lachten, und 
lachend nahm ich es hin. Die Taschen leer, Pferd, Rüstung und 
Gewaffen fort, und dennoch bekümmerte es mich wenig. Hatte ich 
nicht kraftvolle Beine, die Welt zu durchwandern, so groß sie ist? 

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Und verfügte ich nicht über ein Paar starker Arme, mir zu erobern, 
was immer ich brauchte?« 

Während alle gebannt an des Erzählers Lippen hingen, biß Roland 

sich verlegen auf die Unterlippe und rutschte unruhig auf seinem Sitz 
hin und her. 

»Doch ich vergaß: ich hatte noch einen Besitz, der mir lieb und 

teuer war. Ein feuriges, mir treu ergebenes Weib, mit dem ich zu 
jener Zeit flammende Liebesnächte verlebte. Hilke hieß sie, und 
Hilke bot ich den Freunden als Wetteinsatz. Sie lachte nur: >Frisch 
drauf, Einhart, ich fürchte mich nicht.< So spielten wir also um 
Hilke. Als wäre ihr Liebreiz ein Ansporn für die Würfel gewesen, 
von diesem Augenblick an wendete sich das Spielglück. Ich begann 
zu gewinnen. Und als der Abend über dem Tage graute, besaß ich 
wieder  Pferd und Ausrüstung, und meine Taschen waren prall 
gefüllt. Und zu Hilke hatte ich noch drei hübsche Frauen 
hinzugewonnen, also daß ich, wenn ich nur wollte, mir einen Harem 
hätte halten können, wie es bei den Morgenländern Sitte!« 

Ringsum erhob sich Gelächter. 
»Seitdem bin ich ein gut Stück in der Welt umhergekommen und 

weiß, daß ein Spiel keinen rechten Mann umwirft. Zwar habe ich 
keinen Harem mehr, dafür aber eine Burg, die sich sehen lassen 
kann. Wie immer das Spiel ausgehen mag, Roland, ich kann es mir 
erlauben, Euch so lange kostenlos zu beherbergen und zu beköstigen, 
wie es Euch gefällt.« 

In diesem Augenblick faßte Roland einen Entschluß, der ihn gar 

bald gereuen sollte. »Wohlan, Einhart, ich will hinter Eurem Beispiel 
nicht zurückstehen. Ich setze mein Pferd gegen Eure fünfzehn 
Dukaten. Verliere ich, so werde ich eben fortan zu Fuß gehen oder 
wieder ein Maultier satteln oder bei einem meiner Knappen mit 
aufsitzen.« 

»Gut gesprochen, Roland! Und damit ihr nicht wähnt, ich wollte 

aus Eurer augenblicklichen Bedrängnis unbillig Kapital schlagen, 
setze ich freiwillig dreißig Gulden gegen Euer Roß, obwohl es nicht 
die Hälfte wert ist. Keine Widerrede!« sagte er schnell und scharf, als 

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er bemerkte, daß Roland protestieren wollte. »Und jetzt laßt uns auf 
die Sprache der Würfel hören!« 

Nach der Reihenfolge begann Hasso. Alle reckten die Hälse, als er 

den Becher hob. Der Wurf war nicht schlecht und nicht gut: ein 
Zweierpasch mit einer schlanken Eins dazu. »Für meine langen 
Beine«, bemerkte Hasso mit Humor, »ist Rolands Gaul ohnehin nicht 
hochstämmig genug.« 

Dann würfelte Einhart. Sein Ergebnis übertraf Hassos. Ein 

Fünferpasch mit der 3! »Sollte Euer Pferd mein werden«, sagte er 
vergnügt, »so verspreche ich Euch, daß Ihr an jedem 
Sonntagmorgen, den der Herrgott werden läßt, eine Stunde auf ihm 
ausreiten dürft.« 

Gorm war der Nächste. Er erzielte keinen Pasch. 
Roland mußte an sich halten. Er spürte Einharts bitteren Spott tief. 

Nur kurz schüttelte er den Becher, stülpte ihn um und hob ab. Er 
wollte es schnell hinter sich haben. 

Rufe der Überraschung wurden laut. Roland hatte dreimal die 5 

geworfen! 

»Der Sieg ist Euch sicher, Ritter!« rief Louis begeistert. 
»Nicht ganz«, flüsterte Dankwart und nahm als letzter den Becher 

zur Hand. 

Doch einzig und allein eine dreifache 6 konnte Roland noch 

übertreffen. 

Die vier Zwerge standen auf den Zehenspitzen, als der Becher 

aufgehoben wurde. Ein einziger Schrei aus vielen Kehlen! Roland 
verlor sein Pferd, denn Dankwart hatte die dreifache 6 geworfen! 

»Da hat ihm der Teufel geholfen«, murmelte verdrießlich Rolands 

rundlicher Knappe Pierre. 

Roland saß wie vom Donner gerührt. 
Einhart ließ ihm keine Zeit zum Überlegen. »Dreißig Dukaten 

gegen Eure Rüstung samt Helm und Schild!« 

»Tut's nicht!« beschwor Pierre ängstlich. 
Zu seiner eigenen Verwunderung aber hörte Roland sich sagen: 

»Die Wette gilt!« 

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Und dann sprachen erneut die Würfel. Pierre und Louis wurden 

bleich. Einhart lächelte überlegen. Hasso stieß einen Fluch aus, denn 
auch sein nächster Wurf gab ihm keine Chance. 

Auch Einhart und Gorm gelang diesmal kein Pasch. 
Dann würfelte Roland. Das Schicksal war ihm gnädig. Der 

Falkenblick von Louis erspähte es als erster. »Dreimal die 4!« rief er 
mit sich überschlagender Stimme. 

Er stieß Pierre triumphierend den Ellbogen in die Rippen, und der 

kreuzte abergläubisch Zeige- und Mittelfinger. 

Nun griff Dankwart zum Becher. Roland wandte die Augen ab. Er 

mochte nicht mehr hinsehen. Aber sein Herz schlug ruhig. Nicht 
nochmal konnte Dankwart so viel Glück haben! Denn nichts im 
Leben wiederholt sich. Roland würde seine Ausrüstung behalten und 
120 Dukaten gewinnen - mehr als das edelste Pferd der Welt kostete. 

Dann warf Dankwart. Ein Augenblick völliger Stille. Dann brüllten 

sie alle laut und erregt durcheinander. Zufrieden schaute Roland in 
die Runde. Da begegnete er einem grünen Augenpaar, das er nicht 
vergessen konnte. Unbemerkt war Gudrun ins Zimmer getreten. 

Und laut sagte sie mit einer Stimme, die tiefe Leidenschaft verriet: 

»Ritter Roland hat alles verloren!« 

Was für einen Unsinn redet das Weib!  dachte er ärgerlich. Er 

lachte laut und verächtlich. Und streckte den Arm aus, um die 
Dukaten der Partner an sich zu ziehen. 

Da legte sich Einharts Hand auf seinen Arm. »Tut mir leid um 

Euch, Roland, aber Fräulein Gudrun hat recht! Eure drei Vieren sind 
aller Ehren wert, aber gegen Dankwarts Wurf reichen sie nicht aus.« 

Erschrocken ließ Roland den Blick zu den Würfeln wandern, vor 

denen Dankwart, geblendet von Glück, still saß. 

Er hatte wiederum dreimal die 6 geworfen! 

Am Morgen danach traf Volker auf Burg Gimlet ein, von allen 
freudig begrüßt. Die Zwerge betrachteten den berühmten Musikanten 

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wie einen Wundermann. 

Unter vier Augen berichtete er seinem Freund vom neuen Auftrag 

des König Artus. Betroffen hörte Roland zu. Dann gestand er ihm 
seine völlige Niederlage am Spieltisch. Nichts mehr besaß er außer 
Lanze und Schwert. Schwerlich konnte er so gegen den 
schrecklichen Drachen kämpfen. 

Volker horchte auf und ließ sich den Verlauf des Spiels in allen 

Einzelheiten schildern. »Das ging nicht mit rechten Dingen zu«, 
entschied er ernst. 

Am liebsten hätte Roland den Ort seiner Niederlage sofort 

verlassen, um ihn nie wiederzusehen. Aber Volker überredete ihn 
zum Bleiben. »Es ist noch nicht aller Tage Abend«, deutete er 
geheimnisvoll an, »und so mancher Dukaten kommt auf seiner 
Wanderung viel herum.« 

Die beiden Freunde verbrachten den Abend in ihrem Gästezimmer. 

Mit leiser Stimme sang Volker seine Ballade vom Glücksritter 
Collin, der trauerschönen Birke, dem rasenden Beowulf und dem 
schrecklichen Fasolt. Das dramatische Geschehen überwältigte 
Roland. Er verwunderte sich sehr über die ungeheure, alles 
menschliche Maß übersteigende Größe und Kraft des Drachens. 

Nachts wälzte er sich ruhelos auf seinem Lager. Er war tief betrübt, 

ja verstört und machte sich unablässig Vorwürfe wegen seines 
Leichtsinns mit den Würfeln. Was sollte König Artus von einem 
Kandidaten der Tafelrunde halten, der leichtfertig alles verspielte und 
nicht mehr imstande war, seinen Ritterpflichten nachzukommen? 

Gegen Morgen fuhr er mit einem gräßlichen Schrei aus unruhigem 

Schlummer auf. Er hatte geträumt, der Drache verschlinge ihn ... 

Ein schöner Herbsttag zog herauf, milder Abglanz erfüllter 

Sommerfreuden. Mit Nachdruck wiederholte Roland im Gespräch 
mit Volker seinen Wunsch, unverzüglich zum Odenwald 
aufzubrechen  - gleichviel, ob zu Fuß oder auf dem Karren eines 
Bauern. Aber Volker hielt ihn mit den Worten zurück: »Uns bleibt 
hier noch Wichtiges zu tun.« 

»Du sprichst in Rätseln. Ich verstehe dich nicht. Was meinst du?« 

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»Warte es ab!« 
Dann rief Volker die beiden Knappen zu sich, beriet sich kurz mit 

ihnen und schickte sie mit unbekanntem Auftrag in verschiedene 
Richtungen davon. 

Nicht weit von der Burg hörte man munteres Waffengeklirr. Auf 

einer weiten Lichtung mit gestampftem Boden übten sich Einhart der 
Lächler und seine Gäste beim Schilderspiel, einer beliebten 
Vorübung für das Ritterturnier. An einem Ende des Feldes ward ein 
Schild am stärksten Ast eines Baumes befestigt. Dann ritt einer nach 
dem anderen mit eingelegter Lanze auf das Ziel los und versuchte, 
den Schild im Mittelpunkt zu treffen und ihn durch äußerste 
Kraftentfaltung samt splitterndem Ast vom Baum herabzustoßen. 

Von einer Burgzinne aus beobachtete Roland das fröhliche 

Treiben. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er sah, daß die 
Ritter sich einen Spaß daraus gemacht hatten, seinen Schild in den 
Baum zu hängen. Da er noch kein Wappen führte, hatten sie in 
übermütiger Laune einen Würfel darauf gemalt  - mit einem einzigen 
Augen. Auch Einharts ältester Sohn Erhard war unter ihnen. 

Voll Wut ballte Roland die Fäuste. 
Dann sah er Dankwart. Der Ritter mit den blitzend blauen Augen 

trug Rolands Rüstung und Helm, die einstmals dem gewaltigen Sir 
Galahad gehört hatten, und er ritt auf Rolands verlorenem Pferd! 

Das war schwer zu ertragen. Rolands Zähne mahlten vor Ingrimm. 
Dennoch überwand er sich, mit gleichmütigem Gesichtsausdruck 

zu dem Turnierplatz hinunterzuschlendern. Sie erwarteten ihn mit 
schlecht verhohlenem Spott. 

»Nun, Roland«, stichelte Gorm, »besitzt Ihr nicht noch Eure 

Lanze? Habt Ihr nicht Lust mitzumachen? Statt auf vier Beinen 
könntet Ihr ja auf zweien anreiten!« 

Stumm wandte Roland sich ab. Und sah sich plötzlich Gudrun 

gegenüber! Sie trug ein türkisfarbenes Kleid, das sich faltenlos an 
ihren verführerischen Körper schmiegte. Wieder erregte ihn ihr 
Anblick. 

Beider Augen tauchten ineinander und ließen sich lange Zeit nicht 

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los. Kein Haß war mehr in den grünen Sternen Gudruns zu  lesen, 
eher eine tiefe, bohrende Frage. Aber Roland wußte sie nicht zu 
deuten. Er wollte ein Wort des Grußes sagen, wollte ihr zeigen, daß 
er ihr nichts nachtrug, keinen Groll mehr hegte ... aber die Worte 
versagten sich ihm. 

Plötzlich wandte sie sich beinahe brüsk von ihm ab. Gerade 

sprengte Dankwart auf seinem Roß gegen seinen Schild heran! Es 
war eine gute, eine erfolgreiche Attacke. Klirrend traf die 
Lanzenspitze die Mitte des Würfelschilds, und der polterte mitsamt 
dem abgerissenen Ast zu Boden. Dankwart parierte das Pferd. Es 
gehorchte ihm, als habe es nie einen anderen Herrn gehabt. 

»Bravo, Dankwart!« rief Gudrun jubelnd. »Gut getroffen!« Und sie 

warf ihm verliebt Kußhände zu. 

Nun wußte Roland endlich, mit wem die Schöne verlobt war. Die 

Sonne verlor ihren Glanz für ihn, und ein bitterer Geschmack füllte 
seinen Mund. Er wandte dem Turnierplatz und Gudrun den Rücken 
und schritt eilig davon. 

Am Burgtor traf er seine Knappen. Sie machten mißmutige 

Gesichter. Wie er erfuhr, hatte Volker sie ausgeschickt, um in der 
Umgebung ein neues Roß für Roland aufzuspüren. Sie hatten auch 
einige geeignete Tiere entdeckt. Aber deren Besitzer hatten sich 
unter allen möglichen Ausflüchten strikt geweigert zu verkaufen. 

Volker kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Dahinter  steckt eine 

abgekartete Teufelei«, sagte er. »Irgend jemand will unter allen 
Umständen verhindern, daß du beim Kampf mit dem Drachen neuen 
Ruhm gewinnst.« 

»Daran habe ich auch schon gedacht«, stimmte Roland zu. Er war 

niedergeschlagen, der Verzweiflung nahe. »Aber wer sollte das 
sein?« 

»Wahrscheinlich eine einflußreiche Persönlichkeit auf Camelot«, 

vermutete der Minnesänger. 

»Auf Camelot?« wiederholte Roland verblüfft. 
»Ja  - und er muß auf Burg Gimlet einen Verbündeten haben. Aber 

verlaß dich drauf, ich komme der Verschwörung, so geheim sie sei, 

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auf die Spur!« 

Bevor das gemeinsame Mittagsmahl in der Halle eingenommen 
wurde, drängte Volker seinem Freund trotz dessen Widerstrebens 
100 Dukaten auf. 

Kaum war das Essen beendet, da erhob sich Roland und verlangte 

feierlich Revanche von seinen gestrigen Würfelgegnern. Dankwart 
zog die Brauen hoch. Gorm und Hasso tauschten einen erstaunten 
Blick. Einhart lächelte geringschätzig. Doch keiner machte eine 
Bemerkung über den Umstand, daß Roland so schnell wieder  zu 
Geld gekommen war. 

Mit bescheidenen Einsätzen fing es an. Die Würfel begünstigten 

mal diesen, mal jenen. Doch wie üblich, schnellten die Einsätze bald 
in die Höhe. Mit einem Fünferpasch nebst 4 stand Roland plötzlich 
vor der Möglichkeit, achtzig Dukaten auf einen Schlag zu gewinnen. 

Doch dazu kam es nicht. Denn Dankwart würfelte, wie schon 

zweimal am Vortag, die dreifache 6! 

Volker, der sich als stummer Zuschauer im Hintergrund gehalten 

hatte, gab Roland das verabredete  - Zeichen. Der fuhr hoch, sprang 
mit einem Satz über den Tisch, ergriff mit einer Hand Dankwarts 
Würfel und fuhr dem vom Glück begünstigten Spieler mit der 
anderen Hand an die Kehle. »Verflucht seist du, Dankwart, und deine 
schwarze Seele! Ein Falschspieler bist du, bedienst dich getürkter 
Würfel!« 

Während Dankwart machtlos in Rolands Würgegriff hing, 

sprangen seine Freunde auf wie ein Mann! 

»Laß ihn los, Unseliger!« rief Einhart, und wie fortgewischt war 

das Lächeln von dem kantigen Gesicht. 

»Die Hand von Dankwarts Kehle!« rief Gorm, »oder Ihr verlaßt 

diesen Saal nicht lebend!« 

Hasso hatte bereits den Degen gezogen. 
Mit einem Fußtritt schleuderte Volker die Waffe aus Hassos Hand 

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durch den Saal.  »Roland spricht wahr!« rief er. »Überzeugt Euch mit 
eigenen Augen, werte Ritter!« 

Und er ließ sich die von Dankwart benutzten Würfel aushändigen. 

Unter atemloser Spannung warf Volker die Würfel in den Becher, 
schüttelte eine Weile und kippte sie dann auf den Tisch. 

Es folgte ein Schrei der Überraschung aus mehreren Mündern! 
Denn wieder lagen die drei 6 obenauf! 
»Merkt Ihr nun, edle Ritter, wie Dankwart meinen Freund betrog? 

Genügt Euch das Beispiel, oder soll ich weitermachen? Kommt, 
sperrt Eure Augen auf! Das ist ein Schauspiel, desgleichen Ihr noch 
nicht erlebt!« 

Und wiederum schwang er den Becher. Wieder und wieder. Mal 

stülpte er ihn kurz und hart. Drei 6! Mal neigte er ihn schräg zur 
Seite und ließ die Würfel gemächlich hinausrollen. Dann kullerten 
sie eine Weile durcheinander. Aber sowie sie zur Ruhe kamen und 
still liegenblieben, waren stets die drei 6 obenauf! 

Staunend traten die anderen an den Tisch und erprobten 

nacheinander die gefälschten Würfel. Aber wie sie auch rüttelten und 
schüttelten, schwenkten und lenkten, warfen, kippten oder rollen 
ließen  - es gab keinen Unterschied. Stets zeigte sich die 6, die 6 und 
die 6! 

Nun konnte auch der Ungläubigste nicht mehr zweifeln, daß 

Dankwart betrogen hatte. Die eingeschmuggelten Würfel waren so 
angefertigt, daß ihr Benutzer immer siegen mußte  - vermutlich durch 
die Einarbeitung kleiner Gewichte. 

Rolands Gesicht war eine Gebärde des Abscheus, als er Dankwart 

heftig von sich stieß. »Mich ekelt vor diesem Mistkerl, der den 
Boden nicht wert ist, auf dem  er steht! Mich um mein Hab und Gut 
auf solche Art zu betrügen! Das, Schurke, sollt Ihr mir büßen!« Seine 
Empörung brach sich Bahn: »Sprecht, wie habt Ihr die Würfel 
vertauscht? Zeigt uns Eure Taschenspielertricks, die eines Ritters 
unwürdig! Wo habt Ihr die echten Würfel gelassen? Heraus mit 
Euren schändlichen Geheimnissen, ehe ich Euch niederschlage!« 

Auch Dankwarts Freunde zeigten sich betroffen. 

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Als erster nahm Einhart gegen ihn Partei. »Verflucht der Tag, an 

dem ich dir Obdach bot und Freundeshand! Nie  zuvor geschah solch 
Frevel unter meinem Dach! Wie einen räudigen Hund sollte ich dich 
aus der Burg jagen!« 

Und wie in aufwallendem Schmerz barg Einhart das Gesicht in den 

Händen. 

Entgeistert schüttelte Gorm den Kopf und trat mehrere Schritte von 

Dankwart weg. Hasso spuckte Dankwart vor die Füße. Voll Ekel 
klagte der Baumlange: »Und mit so einem Mann habe ich an einem 
Tisch gesessen und aus einem Krug getrunken!« 

Leichenblaß war Dankwart, als er entsetzt an die Wand 

zurückwich. Gehetzt flatterte seine jetzt fahl wirkenden blauen 
Augen durch den Raum. Doch vermied er es, den Freunden ins 
Gesicht zu schauen. Um seinen Mund zuckte es, als wolle er etwas 
erwidern. Aber kein Wort kam ihm über die Lippen. 

Er sah aus wie das verkörperte schlechte Gewissen. 
Ganz allein stand er im Kreuzfeuer wütender, vorwurfsvoller und 

verächtlicher Blicke. 

Da ertönte hinter ihnen eine Mädchenstimme. »Schämt Euch doch 

alle!« sagte Gudrun. »Wer von Euch Dankwart schmäht, begeht 
einen schweren Irrtum. Ich kenne ihn seit zwei Jahren  und bin mit 
ihm verlobt. Mein Herz flog ihm nicht deshalb zu, weil er der größte 
Held und Abgott aller Frauen wäre. Ich gewann ihn lieb, weil kein 
Fehl und kein Falsch an seiner Seele ist. Er spricht aus, was er denkt. 
Und er tut, was recht ist. Nie werde ich glauben, was Ihr ihm 
vorwerft.« 

Dankwart trat an Gudruns Seite. Er hatte sich wieder in der 

Gewalt. »Laß gut sein, Gudrun! Ich danke dir für dein mutiges Wort. 
Aber ich bin Manns genug, mich selber zu verteidigen. Und ich sage 
Euch: was hier gespielt wurde, muß ein Blendwerk der Hölle sein. 
Ich weiß nicht, wie die falschen Würfel in meine Hand gerieten ...« 

»Die Tatsachen sprechen gegen dich«, unterbrach ihn Einhart 

schroff. 

Verzweifelt entgegnete Dankwart: »Ein böser Spuk muß hier 

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herrschen!« 

»Mir macht Ihr nichts vor«, sagte Gorm. »Ich kenne den Urheber 

des bösen Spuks.« Und er sah Dankwart vernichtend an. 

»So verlange ich ein Gottesurteil«, forderte Dankwart erregt. 
Alle horchten auf, und keinem fiel es ein, dagegen zu  sprechen. Oft 

wurde ein Gottesurteil angerufen, um ritterlichen Zwist zu 
entscheiden. 

»Morgen bei gutem Vormittagslicht«, fuhr Dankwart fort, als 

niemand ihm widersprach, »fordere ich Roland zum heiligen 
Zweikampf, um zu beweisen, daß ich nicht schuldig bin. Auf jener 
Lichtung,  wo wir heute fröhliche Kurzweil trieben, wollen wir ernste 
Männerschläge führen. Seine Rüstung, sein Pferd und die 300 
Dukaten, die ich ihm abgewann, gebe ich ihm vorderhand zurück. 
Wer von der Lanze des anderen in den Sand geschmettert wird, der 
soll des Unrechts überführt sein!« 

»Und wenn Ihr beide zu Boden geworfen werdet?« gab der 

praktische Hasso zu bedenken. 

»Dann kämpfen mir mit den Schwertern so lange, bis einer den 

Todesstreich empfängt.« 

Roland holte tief Atem. »Wenn die Morgensonne sich über  die 

höchsten Zinnen von Burg Gimlet hebt, Dankwart, erwarte ich Euch 
auf dem Turnierplatz. Bis dahin, ich rate Euch gut, verschwendet 
Eure Zeit nicht mit Schlafen. Denn der Schlaf, den ich Euch morgen 
schenke, wird ohne Ende sein!« 

Stille folgte. 
Doch kurz darauf erfüllten melodische Klänge die Burg. Die vier 

Zwerge hatten ihre Instrumente wohl gestimmt und spielten den 
Abend ein. 

In stolzer Haltung führte Dankwart Gudrun aus dem Zimmer, in 

dem der Streit entbrannt war. Einen langen, langen Blick warf 
Roland ihm nach. 

Und dieser Blick war nicht frei von Neid. 

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Sobald die vier Zwerge ihr gemeinsames Zimmer erreicht hatten, 
legten sie die Tünche guter Manieren ab, überließen sich 
hemmungslos ihren Instinkten und trieben koboldhaften 
Schabernack. Jeder versuchte, dem anderen die Zipfelmütze über die 
Ohren zu ziehen, und kicherte schrill, wenn es ihm gelang und der 
Kamerad blind herumstand. Sie zerrten einander grob an den grauen 
Zauselbärten, traten sich gegenseitig in den Hintern und bewarfen 
sich mit Kieselsteinen, die sie tagsüber eifrig gesammelt und 
eingesteckt hatten. 

Schließlich kamen sie zu ihrem Lieblingsspiel, dem Wettfurzen. 

Da knatterten sie und ballerten sie und ließen lärmende Winde 
fahren, daß es nur so rauschte. Sie waren stolz auf ihre  Kunst. Kein 
normal gewachsener Mensch hätte es so gut gekonnt. Wie so oft 
gewann Zwerg Pauke. Er konnte hinterrücks ganze Melodien 
hervorbringen. 

Von all den Anstrengungen ermüdet, sanken sie bald aufs Bett, das 

für alle vier ausreichte. Jeweils zu zweit lagen sie nebeneinander, 
und die Füße begegneten sich in der Mitte. Nur die Stiefel hatten sie 
ausgezogen, die Kleider nicht. Sie mußten jederzeit in der Lage sein, 
plötzlich aufzuspringen und zu handeln. Sie wußten ja nicht, in 
welcher Nacht Caliban kommen würde. 

Das Fenster hatten sie vorher geöffnet, weil es nach dem Wettspiel 

ziemlich stank. 

Als Sieger durfte Pauke die erste, die angenehmste Wache halten. 

Er hielt im Liegen die Augen offen, schaute durch die runde 
Maueröffnung in den düsteren Himmel und lauschte auf die 
Geräusche der Nacht. 

Wildschweine grunzten. Zweige brachen unter dem leichten Tritt 

eines Fuchses. Eine Eule krächzte. Rehe fiepten. Fern schrie ein 
Hirsch. 

Pauke erkannte jedes Tier. Denn die Zwerge verbrachten die 

meisten Nächte ihres Lebens nicht in weichen Betten, sondern im 
knorrigen Wurzelgewirr alter Waldbäume. 

Und dann flötete ein Pirol! 

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Ein Ruck ging durch Paukes kleine Gestalt. Kein Pirol flötet zur 

Nachtzeit! 

Wieder erklang die süße einschmeichelnde Tonfolge. Pauke erhob 

sich und ging ans Fenster. Unterwegs nahm er die brennende Kerze 
vom Fußboden, stellte sie auf den Söller und begann zu zählen. 

Er zählte, so weit er zählen konnte. Also bis acht. 
Dann nahm er die Kerze vom Söller und stellte sie auf den 

Fußboden. Wieder zählte er bis acht. 

Dieses Manöver wiederholte sich dreimal. Jedesmal, wenn das 

Licht im Fenster erschien, sang der Pirol. 

Es war also Caliban ... 
Befriedigt nickte Pauke, nahm die Kerze fort und weckte die 

Kameraden. Sie stellten keine Fragen, sondern standen wortlos auf 
und schlüpften in die leichten Stiefelchen. 

Auf diesen Augenblick hatten sie seit Tagen gewartet. 

Jede Nacht zogen vier Knappen am Burgtor von Gimlet auf Wache. 
Der älteste stellte einen Mann als Posten vors Tor, schloß hinter ihm 
ab und legte sich mit den beiden anderen in der Wachkammer auf 
Strohschütten zum Schlafen nieder. Draußen achtete indessen der 
Posten, an seine Hellebarde gelehnt, auf verdächtige Vorkommnisse. 

Immer wenn der älteste Knappe im Verlauf der Nacht aufwachte, 

ließ er den Posten am Tor ablösen. Dazu stand er ebenfalls auf, um 
auf- und zuzuschließen. Es kam vor, daß ein Posten die halbe Nacht 
wachte, während ein anderer schon nach einer knappen Stunde abge-
löst wurde. 

Sonderlich ernst nahm ohnehin niemand den Wachdienst. Solange 

man zurückdenken konnte, hatte kein feindliches Heer sich Burg 
Gimlet genähert. Schon gar nicht bei Nacht. Nur selten mußte der 
Posten in Aktion treten, wenn ein verspäteter Gast Einlaß begehrte 
oder ein Verirrter um Hilfe bat. 

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Wie körperlose Schemen huschten die vier Zwerge auf Zehenspitzen 
bis ans Tor der Burg. Einmal knarrte ein Brett und sie erstarrten zu 
winzigen Standbildern. Dann setzten sie noch vorsichtiger ihren Weg 
fort. Zwerg Waldhorn schlich bis an die Tür der Wachkammer und 
schien mit ihr zu verschmelzen. Die anderen blieben mit 
angehaltenem Atem wenige Schritte hinter ihm stehen. Wenn es 
möglich gewesen wäre, hätten sie auch den Herzschlag angehalten  - 
so laut dröhnte er in ihren Ohren. Unendlich langsam drückte 
Waldhorn die Tür nach innen auf. Er hatte einmal irgendwann bei 
einem Zimmermann geringe Handlangerdienste verrichtet und galt 
seitdem unter den Kameraden als Spezialist im Umgang mit Türen 
und Fenstern. Schließlich war die Tür soweit geöffnet, daß Waldhorn 
leicht hindurchschlüpfen konnte. Er tat es, und zwei Zwerge folgten 
ihm. Lautlos schlichen sie zu den drei schlafenden Knappen und 
banden ihnen mit raschen, oft geübten Bewegungen Arme und Beine. 
Zwei wurden nicht einmal wach. Nur der älteste Knappe schlug die 
Augen auf, konnte aber nichts erspähen. Doch spürte er den 
federleichten Hauch eines Luftzugs", den geheimnisvolle 
Bewegungen im Raum verursachten. Was ging hier vor? Er richtete 
sich erschrocken auf, fiel aber sofort wieder zurück, weil er die Arme 
nicht rühren konnte. Abergläubische Furcht überkam ihn. Er öffnete 
den Mund zum Warnschrei  - da preßte ihm Zwerg Laute einen 
Strohbüschel zwischen die Zähne. Die beiden anderen Knappen 
schlummerten weiter. Selig schnarchte es aus den offenen Mündern. 
Das gleichmäßige Geräusch übertönte alle fremden Laute. Waldhorn 
und Pauke verschlossen auch ihnen die Mäuler mit Stroh. Einer 
nahm dem ältesten Knappen den Schlüssel vom Hals, und alle 
schlüpften sie auf den Gang, wo Zwerg Harfe ihrer wartete. Harfe 
nahm den Schlüssel an sich. Dann packten Pauke und Waldhorn 
ihren Kameraden Laute an den kräftigen Oberschenkeln und stellten 
ihn auf Harfes Schultern. Nochmals verschwand Waldhorn in der 
Wachkammer, um mit einem Mantel zurückzukehren. Den reichten 

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sie dem sich niederbeugenden Laute hinauf. Der legte ihn sich so um 
die Schultern, daß er ihn und seinen Untermann völlig einhüllte. 
Harfe schloß das Tor auf. Mit Laute auf der Schulter trat er nach 
draußen. Der Posten wandte sich um. Er sah den gewohnten Umriß 
eines normalgewachsenen Mannes. »Was ist?« fragte er leise. 

»Ablösung«, flüsterte Laute. 
Ein schöneres Wort kannte der Posten nicht in seinem 

Sprachschatz. Rasch trat er durch das offene Tor in die Burg. In der 
Eile vergaß er sogar, seine draußen an der Mauer lehnende 
Hellebarde mitzunehmen. Er war also ganz waffenlos, als die Zwerge 
Pauke und Waldhorn ihn wie die Wildkatzen anfielen. 

Dennoch war es ein kritischer Augenblick für die verräterischen 

Zwerge. Hätte der Posten nur etwas mehr Mut besessen, so wären die 
Burgbewohner noch durch einen Warnruf alarmiert worden. Ob er 
sie gerettet hätte, wäre allerdings trotzdem fraglich geblieben. 

Aber der Knappe war ein Hasenfuß und Trottel, der es nach 

allgemeinem Urteil sowieso nie zum Ritter bringen würde. Er liebte 
es, Rüstungen und Schilde so lange zu polieren, bis sie in der Sonne 
wie Silber glitzerten. Nächtliche Wachen waren ihm ein Greuel. Und 
einen ernsthaften Waffengang fürchtete er wie die Pest. Er pries sich 
glücklich, noch nie in einen Kampf verwickelt worden zu sein, in 
dem Blut geflossen wäre. 

So war er jetzt vor Bestürzung, Angst und Schreck wie gelähmt. 

Ein einziges Wörtlein brachte er ächzend heraus. Es lautete: 
»Gnade!« 

Pauke und Waldhorn hatten leichtes Spiel mit ihm. Sie legten ihn, 

stramm gefesselt und mit Stroh im Mund, zu den übrigen. 

Draußen hatten ihre beiden Kameraden inzwischen damit 

begonnen, die Zugbrücke hinunterzukurbeln. Jetzt zahlte sich ihre 
Arbeit vor drei Tagen aus. Sie hatten die Gelenke der Brücke 
wirklich erstklassig geschmiert. Es gab kein Knirschen, kein 
Stöhnen, kein Quietschen. Geräuschlos senkte sich die Brücke, wie 
von Geisterhand bewegt, über den Graben. 

Als sie eingerastet war, stemmten die Zwerge zufrieden die Arme 

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in die Hüften und warteten auf Caliban. Wieder einmal war es ihnen 
gelungen, ihrem Herrn und Meister eine Burg durch List und Tücke 
kampflos zur Plünderung zu übergeben. Sie kannten jeden Winkel 
auf Burg Gimlet. Sie wußten, wo die Golddukaten verwahrt wurden, 
wo die Damen ihren Schmuck versteckt hielten, wo es andere 
Schätze gab, die des Mitnehmens wert waren. 

Die Zwerge warteten auf Caliban, den man den Schrecklichen 

nannte! 

Es waren übrigens nur noch drei Zwerge. 

Es ist eine Stunde nach Mitternacht. 

Im Wald schreit ein Kauz. Ein Reh bricht hastig durchs Gehölz, 

auf atemloser Flucht vor einem Wolf. Kein Stern blinkt am leeren 
Himmel. Schwere Flügel schwingt der Wind. Die Äste beben. 

Und Caliban schreitet über die Brücke! 
Mit Lappen hat er die nackten Füße umhüllt. So ist sein Schritt 

leiser als der des scheuesten Marders. Erst auf zwei Klafter kann ein 
scharfes Auge eine Bewegung erkennen. Denn er hat Gesicht und 
Hände mit Ruß geschwärzt. 

Eine abgewetzte Hose und ein zerfetztes Hemd bilden Calibans 

Kleidung. Und doch ist er einer der reichsten Männer des Landes. 
Acht Burgen hat er bisher überfallen. Jedesmal mit Hilfe der Zwerge. 
Und nun besitzt er riesige Schätze. 

Nur wenig davon hat er an seine winzigen Helfer verteilt. Und 

noch weniger an die zwanzig reuelosen Räuber, die ihm auf Gedeih 
und Verderb folgen. 

Den Großteil der Beute hat er an einen sicheren Ort verbracht, wo 

niemand ihn finden - ja, wo niemand ihn suchen wird. 

Aber es genügt ihm nicht. Er ist unersättlich. Er will immer noch 

mehr. 

In langgezogener Reihe schreitet hinter Caliban, gekleidet und 

rußgeschwärzt wie er, seine gefürchtete Garde, die zwanzig Räuber. 

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Es sind Gesetzlose, die wegen schwerer Verbrechen aus ihrer Heimat 
haben flüchten müssen. Fast jeder hatte schon einen Mord auf dem 
Gewissen, als er in Calibans Dienste trat. Liebe, Mitleid und 
Erbarmen sind ihnen fremd. Dafür brennen sie vor Mordlust und 
Habgier. 

Auf ihren Raubzügen stiebitzt jeder, was er nur kann. Aber keiner 

wagt es, wirklich wertvolle Beute vor Caliban zu verbergen. Denn 
vor dem »Schrecklichen« haben selbst diese rohen und gefühllosen 
Mörder panische Angst. 

Einst war Caliban ein Ritter. In seiner Jugend weckten seine 

Gewandtheit und Stärke große Hoffnungen. Doch es scheint, als sei 
er vom Teufel besessen. 

Statt den Armen zu helfen und die Schwachen zu beschützen,  wie 

es Ritterpflicht, beutete er sie aus und prügelte sie auf seinen wüsten 
Streifzügen. Im Zorn erschlug er einen Bauern, vergewaltigte dessen 
drei Töchter und raubte ihnen, da sie laut klagten, mit drei 
Schwertstreichen das Leben. 

Die Ritterschaft wandte sich angeekelt von Caliban ab. König 

Artus forderte ihn auf, vor Gericht zu erscheinen. Er aber zog es vor, 
seine Burg zu verlassen und unter die Räuber zu gehen. 

Er diente nacheinander unter drei Räuberhauptleuten. Gegen jeden 

lehnte er sich nach einiger Zeit auf. Alle drei starben von seiner 
Hand. Ihre Männer vereinigte er zu einer einzigen Bande. 

Einstmals spürte ihn der tapfere Ritter Detmar auf und zwang ihn 

zum Zweikampf. Eine Stunde lang tanzten die Schwerter. Dann lag 
Detmar sterbend im Gras, und blutüberströmt schleppte sich Caliban 
schwerverletzt in den Wald. Es dauerte drei Monate, bis er genas. 
Aber die Spuren von Detmars Streichen sollten nie vergehen. 
Einäugig, mit tiefen Gesichtsnarben, bietet Caliban einen furchtbaren 
Anblick. 

Der Kampf mit Detmar hat seinen Charakter noch schlimmer, noch 

grausamer gemacht. Endgültig wird er jetzt zum Schrecken vieler 
Burgen. 

Nur noch nachts, wenn alles schläft, überfällt er die Ritter. Und 

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immer öffnen ihm die verräterischen vier Zwerge Tür und Tor. Wenn 
die armen Opfer endlich das Doppelspiel der kleinen Musikanten 
durchschauen, ist es auch schon für sie zu spät. 

»Geh noch nicht von mir, Geliebter«, flüstert Gudrun. Tränen 
schimmern in ihren seegrünen Augen. 

»Es ist schon spät«, wehrt Dankwart ab. »Ich  gedenke, noch ein 

wenig zu ruhen. Zwar fürchte ich diesen Maulhelden Roland nicht. 
Doch werde ich all meine Kraft brauchen, um ihn mit der blanken 
Waffe als gemeinen Verleumder zu entlarven.« 

»Mir ist so bang«, sagt Gudrun kläglich. »Ich wünschte, wir wären 

weit fort und diesem Roland nie begegnet.« 

»Nach dem Duell wirst du anders denken«, tröstete Dankwart. 

»Dann kennt alle Welt Roland als das, was er in Wahrheit ist: ein 
Aufschneider und Hohlkopf.« 

Doch Gudrun verharrt in ihrer traurigen Stimmung. Die  Trostworte 

verfangen nicht. Mit verschleiertem Blick schaut sie Dankwart nach, 
der sich entschlossen umwendet. 

In diesem Augenblick wird die Tür aufgestoßen. Auf der Schwelle 

erscheint Zwerg Laute. Seine Hände umfassen die Hellebarde des 
Postens, die er, unbemerkt von den anderen, an sich gerissen hat. 

»Was willst du hier?« faucht Dankwart ihn an. »Verschwinde, 

Kleiner!« 

Das Wort erregt den Zwerg aufs äußerste. Er betrachtet es als 

Schimpf. Und so richtet er die Spitze der Hellebarde gegen 
Dankwarts Brust, als er hitzig erwidert: »Ihr habt ausgespielt, 
verfluchte Ritter! In diesem Augenblick betritt Caliban die Burg. Ich, 
Zwerg Laute, habe ihm den Weg geebnet. Und jetzt hole ich mir den 
Lohn, die schöne Gudrun. Aus dem Weg, Ritter, oder ich steche 
Euch nieder!« 

Dankwart schlägt mit der flachen Hand gegen den Schaft der 

Hellebarde, daß sie Zwerg Laute fast entgleitet. Der Zwerg taumelt 

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und schreit: »Seid Ihr wahnsinnig? Habt ihr nicht verstanden? 
Caliban ist in der Burg!« 

Mit einem Schritt ist Dankwart bei ihm und packt ihn am grauen 

Zauselbart, daß Laute vor Schmerz aufschreit. »Sprichst du wahr? 
Wie sollte Caliban ...« 

»Wir Zwerge«, schreit Laute trotzig  und stolz, obwohl er hilflos in 

Dankwarts Griff hängt, »wir Zwerge haben für ihn die Wache 
überwältigt und die Zugbrücke heruntergelassen ...« 

Jetzt dröhnt von unten bereits das zügellose Geschrei der Räuber 

herauf. 

Gudrun gefriert das Blut in den Adern. 
»Hört Ihr?« schreit Laute triumphierend. »Wenn Euch Euer Leben 

lieb ist, Ritter, dann verlaßt Eure Geliebte, die ich mir als Beute 
ausgesucht habe, und gebt Euch mir zum Gefangenen! Ich werde 
dann bei Caliban dem Schrecklichen ein gutes Wort für Euch 
einlegen, und mein Wort wiegt schwer, merkt Euch das!« 

Dankwart packte den Zwerg, entwindet ihm die Hellebarde und 

schleudert ihn auf den Korridor. Er bedeutet Gudrun, sich im 
Zimmer zu verbergen und tritt hinaus. Sekunden später weckt seine 
Stimme die Schläfer in vielen Räumen der Burg. 

»Wacht auf, Ihr Ritter! Überfall! Caliban ist in der Burg! Überfall! 

Wacht auf! Zu den Waffen, Ritter!« 

Schon beim ersten Ton springt Roland von seinem Lager. Im 

Nachtgewand greift er zum Schwert und eilt ans Fenster. Es liegt 
ziemlich genau über dem Burgtor. Zwei Fackeln beleuchten die 
beängstigende Szene. In langer Reihe ziehen zerlumpte Gestalten 
über die Zugbrücke und verschwinden in der Burg. Das Tor ist weit 
offen! 

Der Name Caliban ist auch für Roland ein Begriff. Er kennt seine 

Geschichte. Er weiß um seine Grausamkeit. 

Nicht ein Augenblick ist zu verlieren. Mit Grauen denkt Roland an 

das Geschick, das den Frauen in der Burg droht, wenn die wilde 
Meute der Gesetzlosen über sie herfällt. 

Roland schwingt sich auf den Söller. Etwa fünf Klafter unter ihm 

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bewegt sich der Zug der Räuber aus dem Odenwald. Ohne Besinnen 
stößt er sich mit den Füßen ab und schwingt sich im Nachtgewand 
hinaus. Rasend schnell geht der Fall in die Tiefe. Schon glaubt er mit 
den Füßen den Boden zu berühren. Doch da landet er genau auf Kopf 
und Schultern eines Räubers. 

Mit einem Schrei des Entsetzens bricht der Mann unter dem 

Anprall zusammen, um nie wieder aufzustehen. Roland ist mitten 
unter den Räubern! 

Sie sind mit gefährlichen Eisenstangen bewaffnet, vorn zugespitzt, 

so daß sie auch als Stichwaffe zu verwenden sind. Sie sind kurz, 
diese Stangen, denn in den engen Gängen und Räumen vieler Burgen 
erweisen sich lange Speere als ungeeignet. 

Zum Glück ist Roland nicht hingefallen. Er springt vom Rücken 

des niedergestreckten Räubers auf den Boden und greift sofort die 
zunächststehenden Verbrecher an. Wie ein Wahnsinniger schlägt er 
mit dem Schwert in schneller Folge nach allen Seiten um sich. 

Und die Räuber weichen zurück. Sie sind schockiert. Es ist, als sei 

da ein Gegner vom Himmel gefallen. Sie glaubten, leichtes Spiel zu 
haben und die Besatzung im Schlaf zu überraschen. Jetzt werden sie 
noch vor dem Burgtor zum Kampf gestellt. 

Nur Caliban und seine beiden Unterführer haben bereits das 

Burgtor durchschritten. Sie ahnen nichts von dem, was sich in ihrem 
Rücken abspielt. 

Allmählich gewinnen die Räuber Übersicht und kühlen Kopf. Sie 

sehen, daß Roland ganz allein ist. Sie bilden einen Kreis um ihn. Ein 
vierschrötiger Kerl macht sich bereit, ihm die  Eisenstange in den 
Rücken zu bohren, sobald ein Helfershelfer Roland von vorn an-
greift. 

Und da ist es soweit! Drei Gesetzlose rücken gleichzeitig gegen 

Roland vor. Der sieht sich einem verwirrenden Gitterwerk von durch 
die Luft sausenden Stangen gegenüber. Ein Schlag verfehlt ihn nur 
um Haaresbreite. Er paßt auf wie ein Luchs. Denn er trägt ja 
keinerlei Rüstung. Ein einziger Treffer könnte ihn lahmen oder töten. 

Ein Meister im Fechten ist Roland noch lange nicht, aber den 

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Räubern hierin doch weit überlegen. Sein Schwert zuckt wie eine 
Flamme durch die Nacht und scheint die plumpen Stangen zu 
verzehren. 

Dem einen Räuber wird die Stange aus der Hand geschlagen. Der 

zweite sieht erschrocken, wie Rolands Schwert seine Stange 
zerschneidet, so daß ihm nur noch  ein kurzes Ende verbleibt. Der 
dritte, von Angst erfaßt, nimmt Reißaus. 

Roland wirbelt herum und sieht den Vierschrötigen auf sich 

einstürmen. So kann er im letzten Augenblick dessen hinterlistigen 
Angriff entgehen. Rolands Schwert ist schneller. Mit einem Seufzer 
fällt der Mann zu Boden. Er wird nie mehr an einem Überfall 
teilnehmen. 

»Verrat!« schreit der fliehende Räuber. »Wir sind verraten! Flieht, 

Brüder, flieht! Rettet euch, solange die Zugbrücke noch unten ist!« 

Aber niemand folgt dem Feigling. So leicht sind diese 

hartgesottenen Verbrecher nicht in die Flucht zu schlagen. Die ersten 
Opfer schüchtern sie nicht ein. Sie sind Mord und Totschlag 
gewöhnt. Traf es gestern ihre Feinde, so trifft es heute vielleicht sie. 
Darauf sind sie eingestellt. Und das macht sie zu so gefährlichen 
Gegnern. 

Und bisher haben sie noch immer gesiegt. So dringen sie an 

Roland vorbei in die Burg. Er muß achtgeben, daß er nicht 
ausgeschlossen wird. Denn sie werfen ihm das Tor vor der Nase zu. 

Dankwarts Schrei hat auch die anderen Ritter und Knappen geweckt. 
Sogar Gorm, der nach seiner Gewohnheit zum Sonnenuntergang 
viele Humpen geleert hat, bewegt sich  - aber wie matt! Mit 
geschlossenen Augen hebt er sich auf und fällt sofort wieder zurück. 
War da nicht etwas? Ein Schrei? 

Er wird geträumt haben. Schon schläft er wieder. 
Hasso ist blitzschnell vom Lager. Auch sein Knappe ist flink. 

Schon bringt er ihm die Rüstung und hilft, sie ihm anzulegen. Alles 

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muß an der richtigen Stelle sitzen. Harnisch, Helm, Armschienen und 
Beinmetall. Oh, wieviel Zeit verschlingt es, dem baumlangen Hasso 
die vielen Panzer anzupassen! 

Vergeblich suchen Pierre und Louis nach Roland. Sein Zimmer ist 

leer. Verstört laufen sie zu Volker hinüber. Der trägt schon Hosen 
und Helm. Eben greift er nach dem Schwert. Zu dritt eilen sie in die 
Halle hinunter. 

Indessen hat sich Einhart der Lächler, einen grimmigen Ausdruck 

im Gesicht, bis an die Zähne bewaffnet, vor seiner Rüstkammer 
aufgestellt, die seine Dukaten und andere Wertsachen birgt. »Geh du 
zu den anderen«, befiehlt er seinem Sohn Erhard, dessen 
hochgemuter Sinn diese Aufforderung allerdings kaum braucht, »und 
verteidige die Burg! Wenn ihr unterliegt, dann wird sich die Bande 
an mir die Zähne ausbeißen! Hier in diesem engen  Gang kann nur 
immer einer an mich heran, und ich werde sie Mann für Mann 
erledigen.« 

»Keine Sorge, Vater«, ruft Erhard, »so weit lasse ich es nicht 

kommen!« 

In der Halle ist die Schlacht im Gange. Seite an Seite fechten die 

Ritter, ob auch grimmiger Streit sie vorher fast zu Todfeinden 
gemacht hat. Da erschlägt Volker einen Räuber, der sich an 
Dankwart herangemacht hat, um ihm die Eisenstange über den 
Schädel zu schlagen. Da rettet Dankwart den lieben dicken Knappen 
Pierre, den der Wirbel geschwungenen  Eisens in große Verwirrung 
bringt. Zu seinem eigenen Erstaunen fühlt Pierre überhaupt keine 
Angst. Er hat auch gar keine Zeit dazu. Nach allen Seiten, so kommt 
es ihm vor, muß man sich wehren. 

Aber er kann die Augen nicht überall haben, und so kommt er in 

Bedrängnis. Im letzten Augenblick reißt Dankwart ihn aus der Not, 
indem er ihn am Kragen packt und an sich zieht. 

Atemlos trifft Erhard ein. Ohne Zögern wirft er sich gegen die 

Räuber. Aber er ficht zu hitzig, und sein Schwert landet nur wenige 
Treffer. 

Louis ist wie ein leibhaftiger Teufel unter die Eindringlinge 

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gefahren. In dem ehemaligen edlen Räuber ist das wilde Blut 
erwacht. Während er gewichtige Schläge austeilt, schreit er, daß es 
schaurig im Saal widerhallt. Wären die Gegner nicht so verzweifelt 
hartgesottene Kämpfer, allein Louis Kampfgebrüll müßte ihnen 
lähmend ins Gebein fahren. 

Plötzlich bricht das Geschrei des schwarzbärtigen Knappen ab. 

Von einer Stange an der Schläfe getroffen, taumelt er, läßt seine 
Waffe fallen, reißt beide Hände an die Wunde und bricht vor Pierres 
Füßen zusammen. 

Und da ist es um die Fassung des Dicken geschehen. Im 

Augenblick verläßt ihn aller Mut, über den er doch eben noch gebot. 
»Louis«, klagt er und bricht neben dem Gefallenen in die Knie, 
»lieber Louis, was ist mit dir? Antworte doch!« 

Die einzige Antwort ist ein leises Stöhnen. 
Die Sache der Ritter steht nicht zum besten. 
Volker hat sich zu Caliban durchgeschlagen, den er an seiner 

überragenden Länge und am zerhackten Gesicht erkennt. Der 
Räuberhauptmann führt eine furchterregende Waffe. Sein 
Beidhänderschwert, das einst dem tapferen Ritter Detmar gehörte, 
hat eine Klinge, die gut zwei Handspannen breit und auf jeder Seite 
in stundenlanger Arbeit so scharf geschliffen wurde, daß sie eine 
fallende Feder sauber in der Mitte zerteilt. 

Als Caliban den verrückenden Volker erblickt, wendet er sich 

gegen ihn. Auch er erkennt den Gegner.  Der Spielmann ist's, 
frohlockt er. Dem Manne hat er Rache geschworen. Ein Lied ist ihm 
zu Ohren gekommen, in dem Volker einst ihn besang, und es hat ihm 
mißfallen. Denn nicht von seiner Stärke war darin die Rede und von 
seinen Erfolgen, sondern von seinem gräßlichen Aussehen und 
seinem schurkischen Charakter. 

Volker greift ungestüm mit Todesverachtung an. Der Meister des 

Gesanges ist auch ein Meister der Fechtkunst. Als sein Schwert und 
Calibans Zweihänder erstmals aufeinanderprallen, stieben die 
Funken in der halbdunklen Halle hoch auf. 

Caliban ist überrascht, beinahe überrumpelt. Er hat Volker 

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unterschätzt, ihn für einen leichtsinnigen Künstler und müßigen 
Frauenverführer gehalten. Nun erkennt er: Das ist ja ein Mann! Ein 
Mann wie aus Stahl, ein großer Kämpfer ist Volker wirklich. 

Als Caliban das merkt, da ist es schon fast zu spät. Nur schnelles 

Zurückweichen rettet ihn vor einer unerwartet plötzlichen 
Niederlage. Mit vier Schritten bringt er sich aus der Todeszone, die 
Volkers funkelndes Schwert um ihn zeichnet. Dann aber stößt er mit 
dem Rücken gegen die große Bankettafel und wird so aufgehalten. 

Wie der Blitz ist Volker ihm nach! 
Und Caliban schreit markerschütternd auf. Seine linke Schulter ist 

getroffen. Fast gelähmt hängt der Arm herab. Schon baut sich Volker 
zum nächsten Angriff auf, mit dem er den Schrecklichen außer 
Gefecht setzen will. 

Noch einmal nimmt Caliban in tödlicher Gefahr alle Kraft 

zusammen. Nein, er gibt sich nicht geschlagen. Oft schon hat er 
schwere und tiefe Wunden davongetragen. Aber zum Schluß blieb er 
doch immer Sieger. 

Sein urwelthafter Schrei hat alle abgelenkt. Die vielen 

Einzelgefechte erlahmen. Eben noch erbitterte Gegner lassen 
voneinander ab. Gebannt schauen aller Augen auf das Duell am 
Bankettisch. 

Als Volker jetzt angreift, trifft er auf geballte Abwehr. Caliban 

schwingt den schweren Beidhänder allein mit der rechten Hand, als 
wäre er eine federleichte Gerte! Und er zerbricht mit machtvoller 
Gegenattacke die kunstreiche Deckung des Spielmanns. 

In der Saalecke gibt Louis erste Lebenszeichen zu erkennen. Pierre 

legt ihm eine Schärpe um die blutende Kopfwunde. Mit sorgsamen 
Händen tut er das wie ein gelernter Wundarzt. 

Und nun dröhnt ein schwerer Schritt durch die Halle. Alle anderen 

um Haupteslänge überragend, erscheint Hasso, von Kopf bis zu den 
Zehen in schimmernde Wehr gehüllt. Es hat lange gedauert, bis ihm 
sein Knappe jedes Stück der Rüstung angelegt. Aber nun ist das 
schwierige Werk vollendet  - und Hasso schickt sich an, in den 
Kampf einzugreifen! 

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Staksig stolziert Hasso auf die Räuber zu, die nur Augen für die 

Auseinandersetzung ihres Hauptmanns mit Volker vom Hohentwiel 
haben. Und schon zieht Hasso sein überlanges Schwert... 

Erschrocken spritzen die nächststehenden Räuber beiseite, als sie 

den riesigen Ritter gewahren. Doch noch ehe er den ersten Schlag 
führen kann, gleitet der gepanzerte Mann auf dem glatten Estrich 
aus. Das drohend hochschwebende Schwert taumelt und flattert. 

Hasso ringt um sein Gleichgewicht. Doch vergeblich! 
Die Schwere der eigenen Rüstung ist gegen ihn. Sie zwingt ihn zu 

Boden. Unter ohrenbetäubendem Geklirr schlägt der lange Ritter auf 
den Estrich. Dort sieht man nur noch ohnmächtige Zuckungen von 
ihm. Alle Versuche aufzustehen scheitern kläglich. Ja, nicht einmal 
den Oberkörper kann er aufrichten. In seinem Eisenpanzer liegt er so 
hilflos am Boden wie ein Käfer, der auf den Rücken gerollt ist. 

Die Räuber brechen in ein Hohngebrüll aus. 
Indessen erzwingt Caliban eine Wendung des Kampfes. Nun ist 

Volker auf dem Rückzug. Mehrmals vermeidet er nur mit genauer 
Not und um Haaresbreite die scharfe, beidseitig geschliffene Klinge 
des übermächtig gewordenen Gegners. Ehe er völlig in die Enge 
getrieben wird, löst er sich und flieht auf den Gang hinaus. 

Von ihres Hauptmanns Erfolg ermutigt, fallen die Räuber erneut 

die Burgbewohner an. In kurzer Zeit geraten die Verteidiger Gimlets 
in schwere Bedrängnis. Zu zweit und zu dritt nehmen die Strolche 
des Waldes sich einen Ritter oder Knappen vor. Ein böses Ende 
beginnt sich abzuzeichnen. 

Da dröhnt es dumpf vom Eingang her. Mit Gewalt sprengt Roland 

das Burgtor auf! Sein gutes Schwert dient ihm als Brecheisen. Volker 
sieht ihn als erster. »Hierher, Roland!« bedeutet er ihm. »Zur Halle!« 

Und gemeinsam mit dem Freund dringt der Sänger zum 

zweitenmal ins Getümmel. Ringsum ist der Kampf in voller Härte 
entbrannt. Einige Räuber verwenden ihre Eisenstangen als 
Wurfgeschosse. Danach stürzen sie sich mit bloßen Händen auf den 
Gegner und bringen ihn zu Fall. Schon wälzen sich verbissene 
Knäuel am Boden, und rohe Hände greifen nach der Kehle des 

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anderen. 

Volker kommt nicht mehr weit. Mit dem Fuß bleibt er an dem 

liegenden Hasso hängen und stürzt der Länge nach über den 
gepanzerten Ritter zu Boden. Da liegt er, hilflos dem Stahl des Räu-
berhauptmanns preisgegeben. Doch nur einen Augenblick lang. 
Schon schnellt Roland vor und stellt sich schützend vor den Freund. 
Erhard folgt ihm und baut sich zu seiner Linken auf. Dankwart taucht 
rechts auf. Einen Augenblick sieht es so aus, als wolle er Seite an 
Seite mit Roland und Erhard gegen Caliban fechten, zu dem sich 
inzwischen seine beiden Unterführer gesellt haben. Doch dann zögert 
er ... 

... und bleibt schräg hinter Roland stehen! 
Roland stürmt auf Caliban ein, der abwehrend seinen gewaltigen 

Hauer hebt. Doch plötzlich wendet sich Roland gedankenschnell 
nach rechts. Sein Bein schnellt nach oben und trifft Calibans 
Helfershelfer vor die Brust. Der Mann kippt nach hinten wie ein 
Baum, den die Axt des Holzfällers getroffen hat. 

Klirrend treffen nun Rolands gutes Schwert und Calibans 

Beidhänder gegeneinander. Da zeigt es sich, daß Caliban nur mit 
einem Arm Rolands Riesenkraft nicht gewachsen ist. Der Widerstand 
des Waldhauptmanns wird schwächer. Roland rückt näher und näher. 

»Ergib dich!« ruft Roland ihn an. 
»Caliban ergibt sich keinem«, lautet die entschiedene Antwort, 

begleitet von einem tückischen Ausfall. 

Es sind die letzten Worte, die man je von Caliban hören wird. 

Denn er läuft genau in die Schwertspitze, die Roland ihm, seine 
Waffe hochreißend, entgegenstreckt. 

Erschlagen liegt Caliban in der Halle der Burg Gimlet! 
Mit Grauen sehen es die Räuber. Einer der Unterführer faßt sich 

ein Herz und übernimmt das Kommando. »Drauf, ihr Burschen!« 
schreit er heiser. »Haltet noch ein wenig aus! Dann wird der Sieg 
unser sein ...« 

Doch ein Räuber nach dem anderen löst sich mutlos vom Gegner 

und schleicht davon. 

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»Denkt an die Schätze der Burg!« schreit der Unterführer 

verzweifelt. »Heute dürft ihr nach Herzenslust plündern!« 

Aber der Tod von Caliban, den sie für unbezwingbar gehalten, 

trifft die Räuber bis ins Mark. Nur noch wenige liefern  sich 
halbherzige Rückzugsgefechte mit den Knappen. Dann folgen auch 
sie den anderen, die in panischem Schrecken aus der Halle fliehen, 
durchs Tor und über die Zugbrücke, den ihnen weit vorauseilenden 
Zwergen nach  - dorthin, wo sternlose Nacht und dichtes  Unterholz 
ihnen Rettung verheißt. 

In seinem Zimmer schlägt Gorm die weinmüden Augen auf. Eine 
Stunde lang hat sein Knappe sich hingebungsvoll bemüht, ihn 
wachzurütteln. »Endlich«, ruft der unermüdliche Jüngling erleichtert. 

»Was ... ist?« fragt Gorm mit zentnerschwerer Zunge. 
»Herr, Räuber sind in der Burg!« 
»Räuber? Wer ist ihr Anführer?« 
»O Herr, es ist Caliban der Schreckliche.« 
Schmerzliche Bitternis verzerrt Gorms blasses Gesicht. Wiederholt 

sich das Schicksal? Holen ihn die Geister der Vergangenheit ein? 

Denn vor vielen Jahren war Gorms Burg die erste, die Caliban 

einnahm und ausplünderte und zerstörte. Am hellichten Tage griff er 
damals an und ohne Hilfe der Zwerge. Es war ihm zu Ohren 
gekommen, daß Gorm aus Langeweile früh zu bechern begann und 
gegen Mittag meist schon volltrunken und unfähig zu kämpfen war. 
Gorms junges Weib ward, da sie sich wehrte, von den Räubern 
erschlagen, derweil ihr Gatte schnarchend schlief. 

In seiner Verzweiflung tat Gorm danach das Gelübde, nie mehr  vor 

Sonnenuntergang zu trinken. Aber inzwischen hat Caliban seine 
Taktik geändert. Jetzt greift er nur noch nächtens an. 

Um die Reste seines schweren Rausches loszuwerden, schüttelt 

Gorm den Kopf hin und her. »Wie steht es?« fragt er sorgenvoll. 
»Sind die Unseren alle tot?« 

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Und er horcht. Keine Kampfgeräusche dringen in sein Zimmer. Es 

ist so still, beängstigend still... 

Da dringen Jubelrufe aus der Halle nach oben! Gorm schickt den 

Knappen los, die Wahrheit zu erforschen. Bald kehrt der Junge 
zurück. Er strahlt. Er lacht. Er ist außer sich. »Herr, ein großer Sieg! 
Nur wenige der Unseren sind verwundet. Die Räuber sind in voller 
Flucht. Und in der Halle liegt, erschlagen von Rolands Hand, der 
gräßliche Caliban.« 

»Dem Himmel sei's gedankt«, murmelt Gorm. »Von Rolands Hand 

erschlagen, sagst du? So hat er den Tod meines Weibes gerächt. 
Welch ein großer Mann, dieser Roland! Wie erbärmlich, ihn beim 
Würfeln zu betrügen! Ich werde mich ihm anschließen, sein Vasall, 
nein, lieber sein Freund werden, alle Abenteuer  an seiner Seite 
bestehen. Gleich jetzt stehe ich auf, es ihm mitzuteilen ... Die Sache 
duldet keinen Verzug ... Ein neues Leben will ich beginnen ... ein 
Hel... Heldenleben ...« 

Matter und matter wird seine Stimme. Das Haupt wird ihm schwer 

und fällt in die Kissen. Die Augen schließen sich. 

Schon schläft er tief und fest. 

Als das Gesinde die letzten Spuren des mörderischen Kampfes um 
Burg Gimlet beseitigt hat, graut bereits der Morgen. Die Frauen 
haben alle Verwundeten verbunden. Auch Louis trägt eine 
blütenweiße Binde um den Kopf. Ihm dröhnt der Schädel. 

Niemand denkt daran, zur Ruhe zu gehen. 
Einhart der Lächler hält eine kleine Dankesrede und preist 

vornehmlich Roland. »Euer Schwert hat die Ritterschaft von einer 
wahren Geißel befreit!« 

Mit gutmütiger Geduld erträgt der lange Hasso die vielen 

Spötteleien über seinen »einsamen Kampf«. Er hat ja, während rings 
um ihn auf Tod und Leben gefochten und gerungen wurde, 
bewegungsunfähig in seiner schweren Rüstung am Boden gelegen. 

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Einer klopft dem anderen anerkennend auf die Schulter. Die 

gemeinsam bestandene Gefahr hat sie einander nähergebracht wie 
Brüder. 

Nur zwei meiden sich. Nicht einen Blick tauschen sie. 
Dankwart und Roland! 
Wollen sie, die eben noch verschworene Kampfgefährten waren, 

wirklich in wenigen Stunden das sogenannte Gottesurteil, ein 
tödliches Duell austragen? 

Die anderen Ritter schmerzt dieser Gedanke. Sie legen sich ins 

Mittel. Volker ist ihr Wortführer. Keiner weiß überzeugender zu 
sprechen als er. 

»Da Roland bereits von Dankwart Pferd, Rüstung und 300 

Dukaten zurückerhalten hat, schlage ich vor: es bleibt dabei, und wir 
vergessen diese leidige Fehde. Eben haben sie noch Schulter an 
Schulter, als gute Kameraden, ein schreckliches Scheusal bekämpft. 
Mir ist der Gedanke unerträglich, daß sie sich nun gegenseitig die 
Köpfe einschlagen sollen!« . 

Mit seinen blauen Augen sieht Dankwart ihn treuherzig an. »Ihr 

sprecht mir aus dem Herzen, Volker. Wenn Ihr mir glaubt, Roland, 
daß nicht ich die gefälschten Würfel ins Spiel gebracht, reiche ich 
Euch bedingungslos die Hand zur Versöhnung.« 

Volker nickt ihm dankbar zu und wendet sich an Roland. »Du hast 

es gehört, Ritter mit dem Löwenherzen. Ergreifst du seine Hand?« 

Da hebt Roland den Kopf und sieht Dankwart lange prüfend an. Er 

läßt sich Zeit. Die anderen warten. Dankwart bewegt sich unruhig 
unter der fortgesetzten Musterung. 

Ewigkeiten scheinen ihm zu vergehen, bis Roland das schier 

unerträgliche Schweigen bricht. »Bevor ich mich entscheide, erlaubt, 
daß ich Dankwart eine Frage stelle.« 

Ein Lächeln huscht über Dankwarts angespanntes Gesicht. »Fragt 

mich nur tüchtig, Ritter Roland! Ich will Euch ehrlich antworten, was 
Ihr zu wissen begehrt.« 

»Dann hört mir genau zu! Viel wurde hier davon gesprochen, daß 

wir Schulter an Schulter gegen Caliban und die Seinen fochten. Doch 

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so sah ich es nicht. Ich erlebte es anders. Ihr, Dankwart, bliebt immer 
einen Schritt hinter mir. War es Zufall? War es Absicht? Antwortet! 
Oder widersprecht mir, wenn ich mich irre!« 

Dankwarts Züge verhärten sich. Heftig schüttelt er den Kopf und 

bestätigt zögernd: »Ihr irrt Euch nicht.« 

»Dann erklärt mir Euer seltsam Verhalten! Man denke, immer 

einen Schritt hinter mir! Nie an meiner Schulter! Nie einen Schritt 
vor mir! Warum tatet Ihr das? Doch gewiß nicht aus Angst vor den 
Räubern?« 

»Nein, Roland. Gewiß nicht aus unrühmlicher Angst vor den 

Räubern.« 

»Warum also? Wollt Ihr mir endlich antworten?« 
»Wenn Ihr darauf besteht...»Aus Dankwart sprüht ein trotziger 

Haß, den auch der treuherzige Ausdruck seiner Augen nicht mildert. 
»Ich befürchtete, Ihr würdet mich, sobald ich Euch den Rücken 
kehrte, im Kampfgetümmel niederstechen  - also daß Ihr nicht zum 
Gottesurteil gegen mich anzutreten brauchtet!« 

Das sind unverblümte Worte. Das ist eine  offene Kampfansage. 

Die Männer springen auf. Sie sind überrascht, empört, zweifelnd  - je 
nach Einstellung. 

Roland allein bleibt ruhig. Doch er beherrscht sich nur mit fast 

übermenschlicher Anstrengung. Denn es kribbelt ihm in jedem 
Muskel, in jedem Nerv, den unerhörten Beleidiger auf der Stelle 
anzuspringen. Doch statt dessen sagt er gelassen, ohne sich von der 
Stelle zu rühren: »Nun, Ritter, ich danke Euch für Eure unverhüllte 
Antwort. Umso leichter wird es mir fallen, Euch nachhaltig zu 
züchtigen. Macht Euch bereit, gleichzeitig Ehre und Leben zu 
verlieren!« 

Als die Vormittagssonne über die höchsten Zinnen der Burg Gimlet 
lugt, läßt sich Dankwart in den Sattel seines schweren Turnierpferdes 
heben. Er ist von Kopf bis Fuß in matt schimmerndes Eisen gehüllt. 

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Auf seinem Haupt sitzt der Stechhelm mit einem blauen Busch an 
der höchsten Stelle. Schon ist das Visier heruntergeklappt. Durch 
einen schmalen Schlitz nur sieht Dankwart die Welt, seine Welt: 

Den gerodeten, sonnenüberfluteten Turnierplatz. 
Die Scharen der Burgbewohner. Die Männer in höfischen 

Kniehosen, enganliegend, daß jeder Muskel hervortritt. Die Damen 
in langen bunten Kleidern mit erregendem Dekolleté. Unter ihnen die 
Schönste, eine Rose unter Buschwindröschen: Gudrun, die Dame, die 
sein Herz wie mit Zangen gefesselt hält. 

Doch wo ist Roland? 
Ihn haben selbst Volker und die beiden Knappen vergebens 

gesucht. Doch er war schon Stunden vorher auf dem Turnierplatz. Er 
übte mit seinem Pferd einen kurzen stürmischen Galopp, bei dem das 
Feld diagonal durchmessen wurde. Dann brachte er es in den Stall, 
ließ es abreiben, gut füttern und tränken. 

Jetzt steht Louis da  - ohne Reiter, ohne Pferd. Einen Ersatzgaul 

führt er am Zügel. Louis leidet noch immer unter bohrenden 
Kopfschmerzen. Louis mit dem weißen Verband, der an einigen 
Stellen schon rostrote Stellen aufweist  - Spuren des Blutes von seiner 
Schläfenwunde. 

Einhart der Lächler spielt auf einer eigens errichteten 

baldachinartigen Tribüne den Kampfrichter. 

»Ich rufe auf ... zum Gottesurteil... einem Gestech mit scharfer 

Lanze ... den Pennanten Dankwart!« 

Heftig umjubelt vom Damenflor, reitet der helmumbuschte, 

gerüstete Ritter im versammelten Trab vorbei. Grüßend hebt er die 
Lanze mit dem blauen Fähnchen. Hingerissen starren seine Fans auf 
die wohlbekannten drei fünfblättrigen blauen Blüten im weißen 
Turnierschild. Der Harnisch umschließt seinen Körper. Aus starker 
Tanne ist der Lanzenschaft. 

»Ich rufe auf... zum Gottesurteil... einem Gestech mit scharfer 

Lanze ... den Pennanten Roland!« 

Betreten starrt Louis zu Boden. Pierre reibt sich verlegen das feiste 

Kinn. Volker starrt in den Himmel. Verflucht  - auch der Himmel ist 

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mit Dankwarts Farben geschmückt: das blaue Firmament und die 
weißen Wolken! 

Ein Hornsignal! 
Es klingt falsch und blechern. Ja, jetzt müßte man Zwerg 

Waldhorn zur Hand haben ... der konnte blasen! 

Nie schimmerte lockender Gudruns weißer Busen. Nie blitzten 

verwegener und herausfordernder ihre grünstrahligen Augen. 

Da verbirgt sich beschämt sogar die Sonne hinter einem Wölkchen, 

und der Turnierplatz mit dem einen einsamen Reiter liegt im milden 
Schatten. 

»Ich rufe auf... zum zweitenmal...« 
Louis stöhnt vor Gram. Wo bleibt sein Herr? 
Pierre ringt die Hände. Wo bleibt sein Herr? 
Volker summt nervös eine Melodie vor sich hin. Wo bleibt sein 

Freund? 

Da knistert's im Unterholz. Da teilen sich die Büsche. Da donnern 

Hufe. Da sprengt Roland aus dem Wald auf den Platz, die 
Eschenlanze mit dem gespitzten Kopf kampfeslustig unter die 
Armbeuge geklemmt! 

Nun wehre dich, Dankwart! 
Rolands blondes Haar flattert im Wind. Das ist sein Helmbusch  - 

denn einen Helm trägt er nicht. Seine Brust wölbt sich in ruhigem 
Atem. Das ist seine Wehr, denn ein Harnisch schützt sie nicht. Die 
Linke führt besonnen den Zügel. Das ist seine Deckung, denn einen 
Schild trägt er nicht. In braunem Lederwams und in leichten 
Stoffhosen reitet er in die Lichtung ein  - wie zum Tanz gekleidet, 
nicht wie zum Stechen auf Tod und Leben. 

Den Damen bleibt der Atem weg. Die Herren erstaunen maßlos. 
Und alle begreifen sofort, daß Rolands Auftritt bezeichnet, wie tief 

er Dankwart verachtet, der ihn im Spiel betrog und der im 
Räuberkampf ihn beleidigte. Roland verzichtet auf Helm, Rüstung 
und Schild, gibt sich ungeschützt der Lanze des Feindes, weil er für 
ihn keinerlei Achtung verspürt, nur Hohn und Spucke im Maul. 

Doch Dankwart bleibt keine Zeit, darüber nachzusinnen. Im oft 

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geübten diagonalen Galopp sprengt Rolands Pferd näher. Ist es auch 
kein edler Araber wie der unvergeßliche Rih, so entwickelt es doch 
auf kurze Distanz eine enorme Geschwindigkeit, gegen die 
Dankwarts Roß wie ein Lastesel wirkt. 

Kein Wunder, denn es trägt einen Zentner allein an Eisen! 
Was vermag ein Lastesel gegen einen schnellen Renner? 
Wie behauptet sich ein Panzer gegen  einen gewitzten Jäger? Da 

prallen sie in der Mitte zusammen. Doch Dankwart, unbeweglich in 
seinem vielen Eisen, verfehlt den diagonal anreitenden Roland um 
mehrere Handspannen. Aber Rolands Lanzenspitze trifft voll und mit 
verdrehter Kraft. 

Da schlägt Dankwarts Oberkörper nach hinten um. Der Zügel reißt. 

Die Füße rutschen gewaltsam aus den Bügeln. Vor Gudruns Augen 
flirrt es. Die weißen Wölkchen am hellblauen Himmel vertauschen 
ihre Plätze. 

Dankwart weiß nicht, wie ihm geschieht. In seinen Sehschlitzen 

spult ein Kaleidoskop von Farben und Formen ab. Der Gegner 
verschwindet aus dem Sichtfeld. Und kein Gefühl mehr unterm 
Hintern. Dankwart wird aus dem Sattel gehoben. Seitlich fliegt er 
vom Pferd. Und nichts begleitet ihn auf dem argen Flug als der 
entsetzliche Gedanke: verloren ... verloren das Gottesurteil ... 

Verloren auch sein Leben? 
Nein, das darf nicht sein! Dankwart ist ein gewandter Mann. Trotz 

der schweren Rüstung rappelt er sich schnell auf. Das Schicksal 
Hassos, wie gelähmt am Boden liegen, wiederholt sich bei ihm nicht. 
Schon steht er auf den Beinen. 

Da aber sprengt Roland heran. Er peitscht sein Pferd zu höchster 

Geschwindigkeit. Starr vor Schreck sieht Dankwart ihm entgegen. 
Offenbar will der verwegene Reiter ihn überrennen! 

Doch drei Schritte von Dankwart entfernt, pariert Roland das 

Pferd, daß es sich fast auf die Hinterbeine setzt, und springt in den 
Sand. 

»Ich biete Euch noch eine Chance«, sagt er beherrscht. »Laßt Euch 

das Schwert reichen! Nicht unter Pferdehufen sollt Ihr sterben, 

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Betrüger, sondern unter meiner scharfen Klinge!« 

Und Pierre kommt mühsam, schweratmend gelaufen. Er bringt 

Rolands Schwert. Dann kommt auch Dankwarts Knappe, und der 
abgeworfene Ritter vertauscht die Eschenlanze mit dem Schwert. 

Kaum hat er es im Griff, als Roland ihn anfällt. Die erste Attacke 

wehrt Dankwart mit dem erhobenen Schild ab. Es ist die letzte, 
höchste Not. Roland ist Kraft, ist Tempo, ist Verwirrung in einem. 
Mit flatterndem blondem Haarschopf, ohne Schild und Rüstung, ficht 
der große junge Ritter meisterhaft. 

Wie ein Zickzackmuster, ineinander verwoben, undurchschaubar, 

unentrinnbar, flirrt Rolands Klinge vor Dankwarts schier geblendeten 
Augen. Er wird getroffen  - einmal, zweimal, dreimal... Noch schützt 
ihn der Panzer. Wie lange noch? 

Dankwarts Bewegungen werden schwächer. Stets kommt seine 

Abwehr zu spät. Ein seitlich geführter Hieb reißt ihm den Helm vom 
Kopf. Barhäuptig ist nun auch er. Höher hebt er den Schild. Doch ein 
Schwertstoß Rolands voll unendlicher Wucht trifft ihn wie ein 
Schlag aus einer anderen Welt vor die Brust. 

Eine Lähmung erfaßt seinen Körper. Den Schild läßt er fahren. Der 

bergende Schutz mit den drei blauen fünfblättrigen Blüten kollert 
über den Boden. Und wieder verschiebt sich vor Dankwarts Augen, 
zum zweitenmal heute, der Horizont. Die Welt gerät ins Wanken. 
Der Wald sinkt nach unten. Der Himmel stürzt auf ihn ein. 

Dankwart fällt und fällt und fällt. 
Er liegt auf dem Rücken, starrt in die Sonne, schließt die Augen 

und erwartet das Ende. Keinen Muskel rührt er. Sein Körper 
gehorcht ihm nicht. Er ist erledigt. 

Da spürt er, einem erregenden Kitzel gleich, die scharfe 

Schwertspitze sich in seine Kehle eingraben. 

Die Sonne verdunkelt sich. Rolands Schatten ist über ihm. Gleich 

wird sein Schwert zustoßen. Das Urteil ist gesprochen. Vor aller 
Augen ist Dankwart entehrt. Vor aller Augen wird er gleich entleibt 
sein. 

Was ist es, das Rolands Arm hemmt? Was ist es, das ihn bewegt, 

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Dankwart das Leben zu lassen? Roland weiß es später selber nicht zu 
sagen. Vielleicht erscheint ihm der Gegner schon zu elend, zu 
erledigt, zu ehrlos, als daß er ihm noch einen letzten Stoß versetzen 
möchte. 

Mit einer Geste der Verachtung schreitet Roland davon. Unter den 

gebannten Zuschauern sucht er nach einem Augenpaar  - und 
begegnet ihm. Nie glühten die grünen Sterne ihm feuriger. Doch 
ohne ein Wort geht er an der Dame vorbei. 

Lange Zeit später schleicht sich gedemütigt Dankwart mit 

geschundenem Körper in die Burg. Demütig klopft er an Gudruns 
Tür. Mit kleiner Stimme bittet er um Einlaß. 

Die Antwort der geliebten Stimme schneidet tiefer ins Herz als die 

schärfste Klinge. »Ich kenne Euch nicht, Mann«, sagt Gudrun. »Ihr 
seid mir fremd. Und einem Fremden öffne ich nicht die Tür!« 

Am folgenden Tage zogen sie in aller Frühe los. Wind rüttelte die 
Bäume und rieb sich an den Mauern von Gimlet, als Roland und 
Volker, gefolgt von den beiden Knappen, davonritten. Unversehens 
schloß sich der junge Erhard an. 

»Ich denke, Ihr werdet zwei tüchtige Arme mehr gut gebrauchen 

können, wenn es gegen den Drachen geht«, eröffnete er treuherzig 
Roland. Der hatte an dem forschen Burschen Gefallen gefunden und 
wendete nichts ein. »So will ich Euer dritter Knappe sein«, meinte 
der Sohn Einharts. 

Doch noch einmal gab es einen unerwünschten Aufenthalt. Ein 

Bote überbrachte den Bescheid, Einhart verlange die sofortige 
Rückkehr seines Sohnes. Während sie noch verhandelten, erschien 
der Burgherr selbst. 

»Ich leide es nicht, daß du eine so gefährliche Unternehmung 

mitmachst«, rief er erregt. »Auch Roland und Volker, so tapfer und 
tüchtig sie sind, werden gegen den Drachen Fasolt nichts ausrichten 
können. Ich sehe sie schon von dem übermächtigen Ungeheuer 

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verschlungen werden. Warum willst du leichtsinnig in den sicheren 
Tod reiten? Du bist mein einziger Sohn. Dir will ich Gimlet 
vererben. Bleib daheim!« 

»Nein, Vater«, entgegnete der junge Erhard. »Daheim ist kein 

Ruhm zu gewinnen. Was nützte es mir, daß ich eine Burg besäße, 
aber mein Name bliebe ungenannt, wenn in der Halle von 
Heldentaten gesungen und gesprochen wird!« 

»Und  es stört dich nicht, daß ich angstvoll daheim sitze und mich 

um dich gräme?« 

»Es ist mir in der Tat lieber, du grämst dich nicht«, versetzte 

Erhard kaltblütig, »als daß ich daheim sitze, fern vom Abenteuer, 
fern von allem, was eines Mannes Leben aufregend  und wertvoll 
macht.« 

»Du bist noch zu jung! Warte einige Jahre! Du hast alle Zeit der 

Welt...« 

»Zu  jung? Roland ist kaum älter als ich, und doch zittern schon die 

Mächtigen vor ihm. Was bin ich dagegen! So weit der Schlag einer 
Nachtigall reicht, kennt man vielleicht meinen Namen. Darüber 
hinaus bin ich nichts als der Sohn Einhart des Lächlers.« 

»Und das wäre nichts?« 
»Mir ist es zu wenig. Und nun lebt wohl, Vater, und unterdrückt 

die unwürdigen Tränen! Seht, meine Gefährten sind bereits 
ungeduldig, den Drachen zu jagen. Ich will sie dabei unterstützen, so 
gut ich es vermag.« 

Erhard machte eine heimliche Geste, die nur sein Vater verstand, 

wendete sein Pferd und ritt den  anderen nach, die schon langsam 
vorausgeritten waren. 

Einhart der Lächler begab sich in die Burg. An Tränen dachte er 

nicht. Um seinen Mund spielte sein berühmtes Lächeln. Er hatte 
große Mühe, ein gewaltiges Gelächter zu unterdrücken, so hatte er 
sich eben amüsiert. 

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In einem einsamen Gasthaus auf halbem Wege zwischen Burg 
Gimlet und Schloß Camelot trafen sich zwei Männer. Der ältere trug 
einen weißen Bart, der ihm bis zum Gürtel reichte. Aber weit 
schwerer noch trug er an seiner vornehmen Würde, die ihm wie ein 
unsichtbarer Heiligenschein von beträchtlichem Gewicht auf dem 
Haupte saß. 

Als der Wirt den beiden Männern in einem Hinterstübchen eine 

Kanne des besten Weins gebracht und sie allein gelassen hatte, 
begann der Weißbart Wilhelmus mit seiner orgelgleichen Stimme, 
dem anderen Vorwürfe zu machen. »Ich bin außer mir, wie wenig Ihr 
Euer feierliches Versprechen haltet. Statt daß Roland, entblößt von 
allem Zeug und Waffen, ausgeplündert und verarmt, unfähig zu 
weiterem Waffengang, daniederliegt, reitet er bereits in den 
Odenwald.« 

Der andere lauschte mit listigem Ausdruck und schlürfte voll 

Genuß einen Becher vom besten, den der Keller des Gasthofes 
hergab. 

Ungeduldig verlangte Wilhelmus Antwort. 
Einhart setzte den Becher ab und faßte den weißbärtigen alten 

Ritter ins Auge. Dann schilderte er, was sich auf Burg Gimlet 
begeben hatte. »Es war alles geschehen, wie Ihr es wolltet. Roland 
besaß keinen Groschen mehr, kein Roß und keinen Helm. Doch dann 
entdeckte Volker den Betrug.« Und er berichtete, wie Roland all sein 
Eigentum im Zweikampf mit Dankwart zurückgewann. Am längsten 
aber verweilte er beim Angriff Calibans auf seine Burg. 

»Und wer, meint Ihr, hatte das größte Verdienst am Ende des 

schrecklichen Räubers?« fragte Wilhelmus. »Roland ohne Zweifel.« 

»Das ist gegen meine Pläne! Verhindern will ich, daß Roland 

weiteren Ruhm gewinnt. Schon jetzt steht er viel zu hoch in der 
Gunst meiner Kollegen, der Ritter von der Tafelrunde, und in der des 
Königs.« 

Wieder beschäftigte sich Einhart mit Hingabe dem Studium des 

edlen Getränks, das der Wirt ihnen kredenzt hatte. Dann fragte er 
lauernd: »Wollt Ihr mir entdecken, Wilhelmus, was Euch Roland 

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zum Feind macht  - oder ist es ein Geheimnis, das Ihr lieber für Euch 
behaltet?« 

»Ein Geheimnis ist es wohl«, antwortete der Alte, »und ich will 

nicht, daß es auf Markt und Straße ruchbar wird. Euch als meinem 
verläßlichen Freund will ich es gern entdecken. Ihr wißt, daß Roland 
nach Vollzug von fünfzig Taten den verwaisten Platz an der 
Tafelrunde erhalten soll. Dort aber  möchte ich lieber einen anderen 
Mann sehen. Es ist mein Neffe Percy, den sie Heißblut nennen.« 

»Ich begegnete ihm vor zwei Jahren«, erinnerte sich Einhart, »und 

hatte einen vortrefflichen Eindruck von dem Jüngling. Er ist kühn, 
wohlgebildet und von großem Wissen.« 

»So ist es. Und zudem stammt er aus bester Familie. Im Gegensatz 

zu Roland, der der dahergelaufene Sohn einer Köhlerfamilie ist. Ich 
schickte Percy ins Morgenland, damit er weltweiten Ruhm gewänne. 
Zuerst ließ sich das Unternehmen vorzüglich an. Percy schlug eine 
gute Klinge und machte seinen Namen rühmlich bekannt. Doch sein 
heißes Blut spielte ihm bald einen üblen Streich. Er ließ sich mit 
schönen Sarazeninnen ein. Ihre fremdartige Liebeskunst fesselte ihn 
so, daß ihn kein Tatenruhm mehr vom weichen Bett der Wollust zu 
locken vermochte. Nicht nur, daß sein Körper erschlaffte und sein 
Ruhm sich nicht mehrte, er zog sich eine gefährliche Krankheit zu. 
Vor einigen Wochen kehrte er heimlich ins Land zurück, siech und 
hohl. Ich gab ihm die besten Ärzte, und wirklich ist er dabei, in 
erstaunlicher Weise zu genesen. Noch einige Wochen, und er wird 
wieder der strahlende und tatendurstige Jüngling sein, als den Ihr ihn 
kanntet.« 

»Und dann wollt Ihr ihn gegen Fasolt schicken?« fragte Einhart in 

jähem Begreifen. 

»Ja. Denn wer den Drachen erschlägt, wird im Munde der Sänger 

ein unübertrefflicher Ritter sein. Darum darf Roland ihm nicht 
zuvorkommen, Einhart!« 

»Seid gewiß, Roland wird den Drachen nie erblicken. Ich gab ihm 

meinen Sohn Erhard mit. Erhard ist mehr wert als der kühnste Held, 
weil er ein Schlitzohr ist, voller Ränke und tückischer Listen. Er 

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verehrt Euren Neffen Percy und haßt Roland bis aufs Blut. Er 
versprach mir, Roland an einsamen Ort hinterrücks zu erstechen. 
Nun reitet er in seinem Gefolge, und die Gelegenheit wird sich 
unweigerlich ergeben, daß er an verschwiegener Stelle allein mit ihm 
ist. Verlaßt Euch auf Erhards erfinderischen Kopf! Er wird es so 
darstellen, daß auf ihn kein Verdacht fällt, wenn Roland ausgelöscht 
wird von den Tafeln des Ruhms!« 

»Und Ihr meint, Roland oder der erfahrene Volker habe keinen 

Verdacht geschöpft, als Euer Sohn sich so plötzlich zum Mitreiten 
entschloß?« 

»Das ist ausgeschlossen, denn wir spielten ihnen vor aller Augen 

und Ohren eine Abschiedszene vor, die uns so köstlich gelang, daß es 
aussah, als wollte ich Erhard mit aller Macht vom Ritt gegen Fasolt 
abhalten.« 

Er füllte seinen Krug und erzählte, von Gelächter häufig 

unterbrochen, die Szene vor dem Burgtor. 

Auch Dankwart verließ Gimlet. Aber er tat es ohne jedes Aufsehen. 
Heimlich wie ein Verbrecher schlich er sich aus der Burg, in der er 
auf einen Schlag seine Geliebte und seine Ehre eingebüßt hatte. Die 
wenigen, die sein Verschwinden bemerkten, taten so, als sähen sie 
nichts. 

Mit versteinertem Gesicht und verdüstertem Gemüt folgte 

Dankwart Rolands Troß. Nichts sah er von den Schönheiten des 
Herbstes, der mit flammendem Farbengriffel die Laubwälder fast 
über Nacht zu sinnbetörender Pracht verwandelt hatte. 

Dankwart spürte weder Hunger noch Durst, weder Besorgnis noch 

Freude, nur einen dumpfen, währenden Schmerz. In gespannter 
Haltung ritt er dahin und achtete scharf auf die Zeichen am Boden, 
die Männer und Pferde vor ihm hinterlassen hatten. Er war ein guter 
Spurenleser. Sowie er sich über die Richtung klargeworden war, 
änderte sich seine Haltung. Locker, fast gelassen saß er nun im 

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Sattel, aber der Sturm in seiner Seele legte sich nicht. Der Schmerz 
blieb sein treuer Begleiter, Stets hielt er ausreichend Abstand, so daß 
die Verfolgten, ließen sie einmal den Blick zurückschweifen, ihn nie 
erblicken konnten. Mit dem Instinkt des Mannes, der sich völlig 
einer einzelnen Idee hingibt, ahnte er im voraus, wann sie Halt 
machten, wann sie ihr Nachtlager aufschlugen. Dann machte auch er 
Halt, schlug auch er sein Nachtlager auf. 

Erst am zweiten Tag begann er ein wenig vom mitgebrachten 

Mundvorrat zu essen. Den aufkommenden Durst löschte er an einem 
der vielen silbernen Bäche. 

Der Weg stieg an. Der Boden wurde, felsig. Das Gelände erlaubte 

noch leichten Trab und schließlich nur Schritt. Immer steiler wurde 
es. Der Weg wand sich an hohen Bäumen entlang, durch dichtes 
Gestrüpp, tiefes Dickicht und an aufragenden Felsblöcken vorbei. In 
Serpentinen ging es aufwärts. Dankwart spornte trotzdem sein Roß. 

An den frischen Huftritten, an vor kurzem abgebrochenen Zweigen 

erkannte er, daß er Rolands Trupp näherkam. Doch wegen des 
unübersichtlichen Geländes geriet er trotz aller Nähe nie in 
Sichtweite. 

Darauf gründete sich Dankwarts Plan. 

Oh, wie haßte Pierre diese langen Ritte! 

Am schlimmsten war es, wenn der Weg noch anstieg, der Boden 

uneben, hart und steinig war. Dann wurden die Muskeln gezerrt und 
die Knochen durchgewalkt. Die Haut brannte. Das Fleisch war 
durchgesessen. Das Rückgrat fühlte sich an, als sei es in der Mitte 
gebrochen. 

Wie sehnte er sich nach dem Anblick einer saftigen grünen Wiese 

mit vielen weichen Kusseln! Nach einer Rast im zarten Moos bei 
einer murmelnden Quelle! 

Immer mehr blieb Pierre hinter den anderen zurück. Sein Pferd 

schien genauso müde und zerschlagen wie er. Mißmutig trotteten die 

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beiden hinter den anderen her. An jeder Wegecke verloren sie 
Boden. Ächzend stellte Pierre fest, daß er seine Kameraden aus den 
Augen verloren hatte. Er nahm es mit Gleichmut hin. 

Plötzlich hörte er hinter sich ein Pferd schnauben. Erst nach einiger 

Zeit sagte er sich, daß das nicht gut möglich war. Er konnte die 
anderen doch nicht, ohne es zu merken, überholt haben! Aber 
vielleicht hatte er sich getäuscht. Er wußte aus Erfahrung, daß sein 
Orientierungssinn ihn manchmal im Stich ließ. 

Doch dann hörte er, wie ein Hufeisen gegen Stein stieß. Er 

versuchte, sich im Sattel herumzudrehen. Aber mit einem 
schmerzlichen Aufstöhnen gab er den Versuch auf. Statt dessen 
lauschte er scharf. 

Hufgetrappel! Ein Zungenschnalzer, wie ihn manche Reiter 

verwenden, um ihr Pferd aufzumuntern. Und wieder der scharfe helle 
Klang von Eisen an Fels! 

Unwillkürlich wurde es Pierre angst. 
Sollte er sich seitlich ins Gebüsch drücken und den unbekannten 

Verfolger an sich vorbeilassen? Sollte er sein Pferd antreiben und 
den anderen nacheilen? 

Noch ehe er sich entschieden hatte, ertönte ein scharfer Haltruf in 

seinem Rücken. Gehorsam zog er die Zügel an. Er wandte den Kopf. 
Doch es war schon zu spät. 

Eine Seilschlinge fiel über seinen Kopf, rutschte über die Schultern 

zu den Oberarmen und wurde mit einem Ruck festangezogen. Er 
mußte die Schenkel hart zusammenpressen, sonst wäre er seitlich 
vom Pferd gerissen worden. Das Herz schlug ihm bis zum Hals 
hinauf. 

Fast mit Erleichterung erkannte er den Mann, der ihn eingefangen 

und gefesselt hatte. »Dankwart!« rief er. Doch dessen finsteres 
Gesicht ließ ihn nichts Gutes ahnen. Er erinnerte sich, daß Dankwart 
guten Grund hatte, sich an Roland und den Seinen zu rächen. 

»Hilfe!« rief Pierre. Seine Stimme klang kläglich. Mit schwerem 

Flügelschlag strichen drei Habichte ab. Bucheckern kleckerten auf 
die Erde. 

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»Halts Maul!« befahl ihm Dankwart. Pierre beschloß, sich fürs 

erste in sein Schicksal zu ergeben. Es war ihm unklar, was Dankwart 
gegen ihn plante. Immerhin hatte derselbe Mann ihn vor wenigen 
Tagen unter eigener Lebensgefahr vor den Räubern beschützt! Etwa 
nur, um ihm jetzt das Leben zu nehmen? 

Es dunkelte rasch. »Wir reiten weiter«, bedeutete ihm Dankwart. 

»Sieh zu, daß du dich dicht hinter mir hältst! Sonst reißt dich dieser 
Strick vom Pferd, und von da an mußt du laufen. Und vor allem, 
halts Maul, was immer auch geschieht! Ist dir das klar?« 

Pierre wollte mit einem Ja antworten. Aber da fing er Dankwarts 

Blick auf, der so finster war wie eine regnerische Neumondnacht. 
Rasch schloß er den Mund und nickte nur eifrig. 

Danach kümmerte sich Dankwart nicht weiter um ihn, sondern 

setzte seinen Weg fort. Pierre versuchte, dichtauf zu bleiben, und es 
gelang ihm auch. Treu ging sein Gaul unter ihm. 

Binnen kurzem gelangten sie auf eine schräge Hochebene. In der 

Dämmerung war nicht zu erkennen, wie weit sie sich erstreckte. 
Aber nicht weit vor sich erblickten sie ein kleines Feuer und davor 
die dunklen Umrisse sich bewegender Männer. 

Rolands Lagerfeuer für die Nacht! 
Tränen stiegen in Pierre auf. Wie nahe war dieser warme Hort der 

Sicherheit! Und wie fern war er hier, schutzlos einem wilden Mann, 
vielleicht einem Verrückten, preisgegeben! 

Sie ritten noch ein Stück näher. Jeden Augenblick, meinte Pierre, 

müssen sie uns hören oder sehen. 

Dankwart stoppte. Pierre hielt neben ihm. 
»Denk daran, was ich dir befahl«, zischte Dankwart. »Ich meine es 

ernst. Nie war mir etwas ernster. Ein Wort  - nur ein Laut, und ich 
steche dich nieder.« 

Pierre schauderte es. 
Dann erhob Dankwart die Stimme und rief: »Roland, ich habe 

Euren Knappen Pierre gefangen. Er ist in meiner Gewalt, und ich 
habe den Degen gezückt. Entweder tut Ihr, was ich von Euch 
verlange, oder ich steche ihm den Degen ins Herz. Also, wenn Euch 

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Euer Knappe lieb ist...« 

Eine Gestalt vor dem Feuer richtete sich hoch auf. Die drei anderen 

waren nicht mehr zu sehen. Dann hörte man Rolands kräftige 
Stimme: »Ihr seid Dankwart, nicht wahr? Schont meinen Knappen 
Pierre und sagt an, was Ihr von mir begehrt!« 

Auf ein Zeichen Rolands hatten sich Volker und Louis rasch vom 

Feuer entfernt. Außerhalb des Flammenscheins trafen die beiden 
zusammen und verständigten sich flüsternd. 

»Der Stimme nach zu urteilen, hält er in der Richtung, aus der auch 

wir kamen.« 

»Er kann nicht mehr als 300 Schritte entfernt sein.« 
»Vielleicht aber auch 400. Der Hall trägt weit in der Ebene.« 
»Gut. Du schlägst einen Bogen nach links, Louis. Ich schleiche 

mich von der anderen Seite heran. Kennst du den Ruf des 
Eichelhähers?« 

»Ja, natürlich.« 
»Wenn du den Eichelhäher hörst, greifst du an!« 
Sie huschten nach verschiedenen Seiten davon. 
»Ich will nur eine Gnade von Euch, Roland!« rief Dankwart in die 

Nacht. »Ich möchte mit Euch reiten und an Eurer Seite kämpfen!« 

Erhard trat neben Roland und flüsterte ihm warnend zu: »Tut's 

nicht, Ritter! Ihr wißt, wie er Euch haßt. Wie kommt er dazu, sich 
Euch anzuschließen? Bestimmt nicht, weil er Euch helfen will wie 
ich. Glaubt mir, er plant Übles. Ihr wäret nicht sicher vor ihm.« 

»Schweigt, Erhard! Dies ist nicht Eure Sache zu entscheiden. Es 

geht nur mich und Dankwart an. Gleichviel was er tat, er wurde 
schwer gedemütigt.« Roland dachte flüchtig an seinen väterlichen 
Freund, den Einsiedler Klaus, der gesagt hatte: »Ein wahrer Held ist 
der Mann, der sich selbst besiegt.« 

Jetzt ist die Zeit, dachte Roland, sich selbst zu besiegen. 
Eben wollte er antworten, da hörte er Pierres angstvolle hohe 

Stimme: »Roland, er hat wirklich den Degen gezückt! Ich bin in 
seiner Gewalt ...« 

»Keine Angst, mein Pierre«, entgegnete Roland. Und fuhr fort: 

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»Dankwart, hört mich! Ich habe Eure Bitte gehört und bin be ...« 

... bereit, euch die Gnade aus ehrlichem Herzen zu gewähren ... 

wollte er fortfahren. 

Da ertönte der Ruf des Eichelhähers. 
Und dann ein gräßlicher Schrei! 
Kurze Zeit später kehrten Volker und Louis ans Lagerfeuer zurück. 

Sie führten den heftig sich sträubenden Dankwart mit sich. Aus dem 
Dunkel hatten sie ihn zu gleicher Zeit angesprungen, vom Pferd 
gerissen und mit demselben Strick gefesselt,  mit dem er vorher Pierre 
gebunden. 

Pierre folgte langsam, noch verängstigt, mit seinem und dem Pferd 

des überwältigten Ritters. 

Trotzig trat Dankwart vor das Lagerfeuer. »Zum zweitenmal bin 

ich in Eurer Hand, Roland. Nun zögert nicht länger! Ihr seid mir 
über. Wiederum habe ich mich verrechnet. Tötet mich, dann seid Ihr 
mich los! Wenn Ihr mich laufen laßt, werde ich Euch nur wiederum 
folgen und meine lästige Bitte wiederholen.« 

»Das werdet Ihr bleiben lassen!« verwies ihn Volker scharf. 
»Nimm ihm die Fesseln ab!« wies Roland Louis an. »Befürchtet 

nichts, Dankwart! Ihr sollt mit mir reiten, wenn Euch so sehr danach 
verlangt. Lassen wir den alten Zwist begraben sein. Von jetzt an seid 
Ihr mein ... seid Ihr unser Kamerad!« 

Und er reichte ihm die Hand, die Dankwart heftig ergriff und 

schüttelte. Dabei versicherte er: »Verzeiht mir, Ritter, daß ich Euren 
Knappen bedrohte! Die Verzweiflung gab mir den unseligen 
Gedanken ein, Euch damit zu erpressen. Doch glaubt mir... auch 
wenn Ihr abgelehnt hättet, ihm wäre von meiner Hand kein Leid 
geschehen.« 

So wurde Dankwart als Fünfter aufgenommen. Aber Erhard 

knirschte heimlich mit den Zähnen, und die Knappen schüttelten 
verständnislos die Köpfe. 

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Nach dem blutig abgewehrten Überfall auf Gimlet dachte niemand 
von den Verteidigern der Burg daran, die Räuber zu verfolgen. 
Zunächst rannten die Verbrecher in wilder ungezügelter Flucht 
davon, soweit sie ihre Füße trugen. Je kürzer ihr Atem wurde, umso 
häufiger schauten und hörten sie sich um. Es dauerte keine drei 
Stunden, als sie sich schon einigermaßen sicher fühlten. 

Sie taten sich in Gruppen von drei, vier und fünf Spießgesellen 

zusammen. Die beiden ehemaligen Unterführer Calibans sammelten 
die größeren Gruppen um sich. 

Der erste Schrecken war vorüber. Aber in die Dörfer wagte sich 

noch keiner. Zu gefährlich erschien es ihnen. 

So streunten sie durch die Wälder und führten ihr altes Jägerleben. 
Eine Gruppe überfiel eine Kutsche. Aber das alte Glück, das sie 

unter Caliban gehabt hatten, war vorüber. Ein Hagel von Pfeilen 
zwang sie in Deckung. 

Früher hätten sich ein oder zwei Mutige trotzdem auf den Bock 

geschwungen. Sie hätten den Kutscher überwältigt, die Pferde 
ausgespannt, die Kutsche umgeworfen und die Insassen 
ausgeplündert. Aber auch ihr  alter Mut hatte sie verlassen. Scheu 
zogen sie sich in die Büsche zurück und ließen die stolze Kutsche 
unbehelligt dahinfahren. 

Die Gesetzlosen dachten an leichteren Erwerb. Auf ihren 

Rastplätzen beschäftigten sie sich mit der Frage, wo Caliban die 
märchenhaften Schätze ihrer vielen, vielen erfolgreichen Raubzüge 
versteckt haben mochte. Stundenlang zerbrachen sich die Kerle die 
Köpfe darüber. Mancher mochte verzweifeln darüber, daß er es nicht 
wußte und nicht darauf kam. 

Sie suchten alle möglichen verschwiegenen Orte im Odenwald auf, 

die Caliban benutzt haben mochte. Es gab zahllose, stille, versteckt 
gelegene Quellen, Seitentäler und Felsen. Sie griffen sogar zum 
Spaten und gruben stundenlang fleißig an einem Ort, der ihnen 
vielversprechend erschien. 

Eine Gruppe beobachtete und belauerte argwöhnisch die andere. 

Nicht auszudenken, wenn die anderen den großen Fund machten und 

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man selber ging leer aus! 

Aber bei allem Fleiße stießen sie nicht auf eine einzige 

Goldmünze. 

Inzwischen hatten sich auch die Zwerge wieder eingefunden. Ihre 

Instrumente hatten sie gerettet. Aber sie selber sahen zerzauselter 
und verwilderter denn je aus. Ihre Hände und Gesichter starrten vor 
Dreck. Ihre Kleidung bestand zum großen Teil nur noch aus Löchern 
und Rissen. 

Dennoch setzten die Gesetzlosen große Hoffnung in die 

verwahrlosten Wichtelmänner. Schon immer hatten sie den Knirpsen 
übernatürliche Eigenschaften zugetraut. Müßten sie mit ihren 
Fähigkeiten den Goldschatz nicht förmlich riechen können? 

Zweifellos waren Harfe, Waldhorn, Pauke und Laute geriebener 

und pfiffiger als ihre normalgewachsenen Kumpane. Sie kannten sich 
auch besser im Odenwald aus. Und so kletterte bald jeder von ihnen 
an der Spitze eines Räubertrüppchens über Stock und Stein, talauf, 
talab, bei Sonnenschein, Regen und Sturm, immer auf der Suche 
nach der goldenen Spur. 

Doch hatten sie einander das Versprechen gegeben, sich bei einem 

Fund gegenseitig zu verständigen. So trafen sie sich auch 
allabendlich an einem vorher bestimmten Platz. Bisher konnte dort 
aber nur jeder von Mißerfolgen berichten. So enttäuscht sie des 
Abends auch waren, so hoffnungsfroh zogen sie am nächsten 
Morgen wieder los. Und die Räuber kletterten vertrauensvoll 
hinterdrein. 

Und dann kam jener Tag ... 
Zwerg Laute war es, der die Höhle fand. Jeder andere wäre an der 

hinter dichten Gebüschen verborgenen großen Öffnung 
vorbeigegangen. Er aber sah die niedergedrückten Zweige, die 
abgerissenen Blätter und andere Spuren. 

Und er sagte sich, daß hier irgendwelche Tiere aus- und eingingen. 

Er legte sich zu Boden, krabbelte durchs Wurzelwerk, Klafter um 
Klafter, und stand plötzlich vor dem großen Eingang einer riesigen 
Höhle. 

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Zwerg Laute spazierte so selbstbewußt hinein wie vor einigen 

Tagen in die Kemenate der schönen Gudrun. 

Sein Ruf alarmierte die Räuber. Mann für Mann krochen sie, 

zwängten sie sich, sprangen sie durch das Gewebe aus Immergrün 
und niedrigem Gehölz. Zwerg Waldhorn und Zwerg Pauke wühlten 
sich kaninchengleich durch. 

Und dann standen sie und schauten stumm. Im Ungewissen Licht 

glänzten die Höhlenwände wie silbernes Erz. Und plötzlich glaubten 
alle erschauernd, sie hätten die Schatzhöhle gefunden. 

Lüstern schweiften die Blicke vieler gieriger Augenpaare über die 

schimmernden Felswände, suchend, abschätzend und vergleichend. 
Und keiner hörte die aufgeregten Rufe der Vogelwelt. Keiner 
vernahm die schweren Tritte des haushohen Ungeheuers. Keiner 
achtete auf das Rauschen des Laubs, das Knacken der Äste ... 

So trat Fasolt, der einen kurzen Sonnenspaziergang hinter sich 

gebracht hatte, mitten unter die goldbesessene Horde. Feurige Lohe 
wehte über sie hin. Die Männer warfen sich entsetzt zu Boden. Dann 
brach das Dunkel über sie herein. Das Maul mit den sechs Reihen 
scharfgeschliffener Zähne klaffte auf. 

Die Räuber, die in Calibans Ende auch das Ende ihrer 

Glückssträhne gesehen hatten, behielten recht. Keiner von ihnen 
entkam. Fasolt hatte sie in die Enge getrieben, und gründlich ging er 
zu Werke. 

Ein einziger Spießgeselle war, weil ein Instinkt ihn warnte, seitlich 

vor der Höhle im Versteck geblieben. 

Zwerg Harfe hörte die Todesschreie der Räuber, und er zitterte am 

ganzen Leibe. Zehn Stunden lang lag er wie gelähmt und war nicht 
fähig, einen einzigen Schritt zu tun. 

In der Höhle herrschte tiefes Schweigen. Fasolt schlief. Es war 

tiefe Nacht. 

Da erhob sich Harfe. Wie benommen wankte er mit kleinen 

Schritten davon. In seinem Kopf war ein dumpfes Brausen. Kein 
Gedanke wollte sich formen. 

Als die Sonne sich über den Wipfeln der Bäume erhob, kam er an 

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einen flachen Teich, wo ein Bach sich staute. Er beugte sich darüber, 
um zu trinken. 

Doch er schrak zurück. Sein glattes rotes Zwergengesicht war im 

Spiegelbild grau und verschrumpelt, sein Haar schneeweiß. 

Nur drei Meilen von Fasolts Lagerstatt entfernt, wanderte Roland mit 
seinen Gefährten vorbei, ehe sie sich Burg Tronde näherten. Hier 
erhoffte Roland nähere Auskünfte. Beowulf wußte über den 
Odenwald Bescheid wie kein anderer, und Birke war Augenzeugin 
des Todes von Collin. 

Mit großer Vorsicht näherte Roland sich der verstörten Birke. Und 

es geschah, was er nicht erwartet hatte. Zwischen den beiden blühte 
schon nach den ersten Worten eine Zuneigung seltener Art auf. 

Es traf sich günstig, daß  am Tag nach Rolands Ankunft von 

Beowulf ein höfisches Fest geplant war, das erste seit den 
schrecklichen Ereignissen, die zu Collins Tod geführt hatten. Bei 
solchen Gelegenheiten entfaltete sich die ganze Lust des 
sinnenfrohen Mittelalters. 

Den Menschen  war damals völlig klar, daß die Liebe nicht nur 

Herz und Seele bewegt, sondern den ganzen Körper umfaßt. Nicht 
umsonst sollte die Natur ihnen die Gabe liebevoller Vereinigung mit 
dem anderen Geschlecht in die Wiege gelegt haben. So putzten sie 
sich zu einem höfischen Tanzfest in einer Art heraus, die dem 
Partner signalisierte, welche Geschenke einem der Schöpfer mit auf 
den Lebensweg gegeben hatte. 

Die Herren trugen äußerst enganliegende, nach Maß angefertigte 

Beinkleider. Sie waren stolz darauf, vor den Damen mit dem zu 
prunken, was sich unter dem Tuch herausfordernd abhob. Die Damen 
ihrerseits erschienen in Kleidern mit gewagtesten Dekolletés, die in 
vielen Fällen bis zur Taille reichten. Nur daß man damals diese 
duftigen Obenohne-Kleider wohl als verführerisch, keineswegs aber 
als gewagt empfand. 

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So sah also beim Tanz Roland die herrlichen Busenschätze der 

schönen Birke verlockend vor sich ausgebreitet. Er hätte ein Narr, 
ein Trottel oder ein eiskalter Klotz sein müssen, wenn ihn dieser 
Anblick nicht  aufs höchste erregt hätte. Und diese jugendfrohe 
Erregung teilte sich auf angenehmste Weise auch Birke mit. 

Schon beim dritten Tanz gestand er ihr, was sie ahnte: daß er sich 

sterblich in sie verliebt habe. Nach stürmischer Ritterart fügte er 
hinzu, daß er sie bitte, die Nacht mit ihm zu verbringen. In 
wohlgesetzten Worten erklärte ihr Roland, daß er sich davon für sie 
beide unerhörte Wonnen verspreche. 

Das Blut schoß Birke in die Wangen, als sie seinen süßen Worten 

lauschte. Noch enger schmiegte sie ihren herrlichen Körper an den 
des jungen Helden. Jeder sah die Verliebtheit der beiden, und jeder, 
der nicht neidischen Gemüts war, erfreute sich daran. Denn es 
mochte wohl auf viele Meilen im Umkreis kaum ein schöneres Paar 
geben. 

»O Ritter Roland«, flüsterte sie, während sie Wange an Wange mit 

ihm tanzte. »Von mir kannst du heute alles verlangen. Ich erfülle dir 
jeden Wunsch. So glücklich bin ich über deine heiße Liebe. Nur eins 
macht mir Sorge.« 

Roland war entzückt. Seine kühnsten Träume sollten sich noch in 

dieser Nacht erfüllen! Wer hätte geahnt, daß er auf Burg Tronde 
seinem Glück begegnen würde? 

»Was meinst du, Liebling, was macht dir Sorge?« 
»Das du gegen den Drachen kämpfen willst! Er ist unmenschlich 

stark. Ich fürchte, daß kein Mensch auf der Welt etwas gegen ihn 
ausrichten kann.« 

»Und doch bin ich in einer viel besseren Lage als Collin, der von 

dem Ungeheuer überrascht wurde. Ich bin auf Fasolt vorbereitet, und 
ich habe großartige Kameraden, die mir im Kampf beistehen werden. 
Wir werden den Drachen mit Waffen bekämpfen, die er noch nicht 
kennt. Volker hat bereits einen Plan entworfen. Auch deshalb kamen 
wir nach Tronde. Hier ganz in der Nähe wohnt ein Waffenmeister, 
der seinesgleichen nicht hat auf der Welt. Er wird uns das Gerät 

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schmieden, das den Drachenpanzer so sicher durchbohren wird, wie 
du dich auf meine Liebe verlassen kannst. Auch du selber, Birke, 
kannst uns helfen.« 

»Wie sollte ich das, mein Roland?« 
»Indem du mir genau den Weg zum Drachen beschreibst. Sonst 

könnten wir vielleicht wochenlang durch den Odenwald schweifen, 
ohne ihn zu entdecken.« 

»Ich tue gern alles, was dir helfen kann. Schon morgen zeichne ich 

dir eine genaue Karte. Dann könnt ihr euch unmöglich verirren.« 

»Das ist ein guter Gedanke.« 
Mit diesen Worten tanzte er, Birke fest im Arm, aus dem Saal. Ehe 

sie es sich versah, befanden sie sich in dem Zimmer, das Beowulf für 
seinen Gast Roland ausersehen hatte. Der Ritter verriegelte die Tür 
und löste unter vielen Küssen mit bebenden Fingern die Knöpfe und 
Verschnürungen ihres Kleides. Noch bevor es ihm ganz gelungen 
war, hatte sie ihn mit geschickter weiblicher Hand völlig entkleidet 
und betrachtete in verliebter Bewunderung seinen festen muskulösen 
Körper. 

Engverschlungen taumelten sie auf das Bett. Rolands Lippen 

liebkosten die rosigen Spitzen ihrer wie aus Marmor gehauenen 
weißen Brüste. Seine Hand tastete zu dem blonden Dreieck zwischen 
ihren Schenkeln. Und er spürte ihre Hände wie Feuerfunken überall 
auf seinem Körper - überall! 

Ein Lauscher hätte für einige Zeit das  erregte Geflüster 

vernommen, mit dem die beiden immer kühnere Liebessätze 
austauschten, bis ihre Worte in einem Strom von Seufzern, 
wollüstigen Tönen und kleinen Schreien untergingen. 

Als Roland erst behutsam, dann immer fordernder und ungestümer 

sich mit  der Geliebten vereinigte, als sie sich in letzter Hingabe an 
ihn drängte, verlöschte der glimmende Kienspan im Zimmer. Und es 
verlöschte jeder Gedanke an Fasolt, den Schrecken des Odenwalds. 

Als Birke endlich wieder sprechen konnte, flüsterte sie: »So schön 

war es noch nie, mein Roland!« 

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Eine Woche verging. 

Roland und Birke schienen unzertrennlich. Das Liebesglück war 

ihnen deutlich vom Gesicht abzulesen. Es verschönte Birke. Ihre 
Augen bekamen einen bezwingenden Glanz, wenn sie den Geliebten 
anschaute. Ihr Schritt war locker und sorglos. Ihre Stimme nahm 
einen Klang innerer Fröhlichkeit an. 

Auch Roland veränderte sich in dieser Woche. Doch die Seligkeit 

erfüllter Liebe hemmte nicht seinen Tatendrang. Wieder und wieder 
betrachtete er die Karte, die Birke für ihn gezeichnet hatte. Und er 
prägte sich jede Einzelheit des Weges zur Höhle von Fasolt ein. 

Mit Ungeduld erwartete er Volkers Rückkehr. Der Spielmann war 

mit Dankwart und den beiden Knappen zu dem berühmten 
Waffenmeister aufgebrochen. 

Auch auf Beowulf hatte das Glück seiner Tochter abgefärbt. Nun 

war er endlich von den quälenden Selbstvorwürfen erlöst. Einer 
Verbindung Rolands mit Birke würde er aus vollem Herzen 
zustimmen. 

Denn wenn Roland auch aus niederen Verhältnissen stammte, war 

er doch kein ausgekochter Glücksritter wie Collin. Sein Ruhm war 
auf untadelige Weise erworben und überragte schon jetzt den vieler 
bewährter Helden. Alles, was er erreicht hatte, verdankte er eigenen 
Fähigkeiten, vor allem seiner Unerschrockenheit und seiner 
Entschlußfreude. 

An diesem milden Herbsttag gewahrte Erhard, der als Rolands 

Knappe auf Tronde geblieben war, den schimmernden Kupferton 
eines ihm wohlbekannten Haarschopfes. Er sah einen neuen Gast: 
Gudrun! Das brachte ihn auf eine kühne Idee... 

Mit Eifer suchte der hochfahrende junge Mann eine Begegnung 

mit dem Fräulein unter vier Augen. 

Die Zeit brannte Erhard unter den Nägeln. Seit Tagen zermarterte 

er sich den Kopf nach einer Möglichkeit, Roland für immer 
auszuschalten, ohne selber in Verdacht zu geraten. Doch in dieser 

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Gegend schien es unmöglich. Nie traf er Roland allein. Immer waren 
Birke oder Beowulf oder beide in seiner Begleitung. Häufig war 
Roland von einem ganzen Schwarm von Bewunderern umgeben. 

An einer Bank nahe der Außenmauer stellte er Gudrun. 
»Wie schön, Euch zu sehen, Fräulein«, begann Erhard mit 

trügerischem Lächeln. »Was zog Euch nach Tronde? Etwa die 
Sehnsucht nach mir?« 

»Bildet Euch nur das nicht ein!« antwortete sie kühl. »Ehe es dazu 

käme, müßtet Ihr erst mal ein Mann werden. Bis jetzt seid Ihr doch 
nur ein grüner, unreifer Knabe!« 

Erhard war nicht beleidigt. Gudruns scharfe Zunge kannte er zur 

Genüge. Sie schonte niemand, wenn es ihr in den Kram paßte. Jetzt 
hatte er wichtigere Dinge im Kopf als die Ungewisse Zuneigung 
einer allzu spröden, allzu launischen Dame. 

»Dann seid Ihr wohl gekommen, um Euch mit Eurem einstigen 

Herzensfreund Dankwart zu versöhnen?« 

»Mit diesem Schwächling? Eher möchte ich von Morgen bis 

Mitternacht auf dem Feld schuften!« 

»Nun, um der trüben Augen  des alten Beowulfs willen habt Ihr 

Euch bestimmt nicht auf die beschwerliche Reise begeben«, 
vermutete Erhard. »Ich nehme an, Roland hat Euch den Kopf 
verdreht und Ihr seid seinen Spuren gefolgt...« 

»Werdet nicht unverschämt, Erhard! Roland bedeutet mir weniger 

als der letzte Gesindeknecht.« 

»Dann begreife ich nicht...« 
»Damit Ihr endlich zu fragen aufhört  - ich besuche meine Freundin 

Birke. Nur deshalb kam ich her.« 

»Oh, ich wußte gar nicht, daß Ihr mit der blonden Zauberin 

befreundet seid.« 

»Wir sind Schwestern. Aber warum nennt Ihr sie eine Zauberin?« 
Während Erhard antwortete, beobachtete er Gudrun genau: »Weil 

sie den Ritter Roland so bezaubert hat, daß er nicht mehr von ihrer 
Seite weicht.« Er sah den Blitzstrahl in Gudruns grünen Augen und 
fuhr mit  genüßlicher Schadenfreude fort: »Nicht mal des Nachts  -

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sagen die Diener.« 

Es entging ihm nicht, wie sie zusammenzuckte. Es mußte sie 

schmerzhaft getroffen haben. Nun zögerte er keine Sekunde länger. 
Sie brannte vor Eifersucht, und das mußte er ausnutzen. 

»Dennoch glaube ich«, sagte er hinterhältig, »daß Ihr der blonden 

Birke leicht den Rang abliefet, wenn Ihr es nur ein wenig darauf 
anlegtet.« 

Wieder beobachtete er sie aus den Augenwinkeln. Und wieder 

bemerkte er, daß seine Worte auf fruchtbaren Boden fielen. Begierig 
hingen ihre Augen an seinen Lippen. 

»Kein Mann kann Euch im Ernst widerstehen, Gudrun. Auch 

Roland nicht, und zappelte er noch so tief in den Netzen des Fräulein 
Birke.« 

Bevor sie antwortete, konnte sie einen Seufzer nicht unterdrücken. 

»Sei dem, wie ihm sei«, sagte sie. »Doch falls Ihr recht habt, was 
sollte ich mit der Liebe eines Ritters anfangen, für den ich nicht so 
viel empfinde?« Und sie schnippte verächtlich mit zwei Fingern. 

Durch einen schnellen Rundblick überzeugte sich Erhard, daß kein 

Lauscher in der Nähe war. Er trat dicht an Gudrun heran. »Um das zu 
verstehen, Fräulein, müßtet Ihr ein Geheimnis besonderer Art 
kennen.« 

»Ihr macht mich neugierig  - auf besondere Art. Heraus mit der 

Sprache!« 

»Schwört mir zuvor, daß Ihr mein Geheimnis keinem Menschen je 

verraten werdet!« 

»Ich schwöre es.« 
»Das genügt nicht. Schwört es beim Augenlichte Eurer Mutter!« 
Gudrun stutzte. Aber nur für einen Moment. Dann sprach sie, wie 

verlangt: »Ich schwöre es beim Augenlichte meiner Mutter!« 

Nun war Erhard zufrieden. Er trat dicht an sie heran und sagte mit 

unterdrückter Stimme: »Für gewisse hochgestellte Persönlichkeiten 
ist dieser Ritter Roland unbequem geworden. Sie wollen ihn 
loswerden. Am besten auf eine Weise, die kein Aufsehen erregt. Und 
sie haben dem, der es vollbringt, eine hohe Belohnung in Aussicht 

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gestellt!« 

Fassungslos unterbrach Gudrun: »Was meint Ihr mit dem 

Ausdruck >loswerden<?« 

»Sterben muß er!« erklärte Erhard düster. 
Gudrun hatte sich gut in der Gewalt. Ohne ihr inneres Erschrecken 

zu verraten, fragte sie: »Und was kann ich dazu tun?« 

»Ihr müßt seine Verliebtheit zu Euch ausnutzen. Macht ihn Birke 

abspenstig! Das kann Euch kaum Mühe kosten! Danach bestellt Ihr 
ihn zur Nachtzeit zu einem heimlichen Stelldichein auf die mittleren 
Zinnen. Dort gibt es eine Stelle, an der die Mauerkrone 
herausgebrochen ist. Ein plötzlicher Stoß genügt, und Roland, der 
nichts Böses vermutet, stürzt rücklings über die niedrige Mauer! 
Danach verschwindet Ihr still in Eurem Gemach. Dann wird nicht der 
leiseste Verdacht auf Euch fallen, wenn sie Roland am nächsten 
Morgen tot am Fuß der Burg finden.« 

»Das alles überrascht mich sehr«, antwortete Gudrun 

kopfschüttelnd. 

Hitzig sprach Erhard nun auf sie ein: »Was kann es Euch schon 

ausmachen, einem Mann einen kleinen Stoß zu geben, für den Ihr 
nicht so viel empfindet?« Und er schnippte, wie sie vorher, mit zwei 
Fingern. »Er ist mir völlig gleichgültig  - das ist wahr. Aber ihn 
deshalb töten?« 

»Denkt an die ausgesetzte Belohnung! Ihr seid nicht reich. Ihr 

könntet sie gut gebrauchen.« 

Diese rohe Antwort des jungen Mannes nahm Gudrun fast den 

Atem. Doch sie ließ sich nichts anmerken und erwiderte, als sie 
seinen unruhig werdenden Blick auffing: »Euer Vorschlag ist 
interessant. Ich werde ihn mir überlegen.« 

»Aber überlegt nicht so lange! Die Sache drängt. Je eher, je besser. 

Ihr wißt, daß hohe Herrschaften leicht ungeduldig werden!« 

»Werden sie das? Nun gut, dann beziehe ich diesen Umstand in 

meine Überlegungen ein.« 

Sie hatte die Ruhe wiedergewonnen. Mißtrauisch sah er sie an. 

Erhard wurde nicht schlau aus ihr. Hart legte er ihr die Hand auf den 

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Arm. »Und denkt immer an das Augenlicht Eurer Mutter!« zischte er 
drohend. »Kein Wort zu irgendwem! Sonst wird Eure Mutter auf der 
Stelle blind!« 

»Ich werde es nicht  vergessen!« Und sie schlenderte davon, nicht 

eben schnell. 

Das Augenlicht ihrer Mutter bereitete Gudrun zu diesem Zeitpunkt 
den wenigsten Kummer. Die gute alte Dame hatte  - was Erhard 
entweder nicht wußte oder was ihm entfallen war  - bereits vor drei 
Jahren das Zeitliche gesegnet. 

Aber Erhards brutale Eröffnung hatte Gudruns Gemüt aufgewühlt. 

Tausend Gefühle unterschiedlichster Art bestürmten sie. Haß stritt 
mit Zuneigung, Stolz mit rasender Eifersucht, Kühnheit mit 
Unentschlossenheit. 

Ihr Zustand besserte sich keineswegs, als sie von weitem Roland 

erblickte. Schwindel erfaßte sie unvermittelt. Schleier wogten vor 
ihren grünen Augen. Sie wankte und mußte sich stützen, um nicht zu 
fallen. 

Roland führte Birke am Arm! Eng aneinandergeschmiegt schritten 

sie selbstvergessen dahin und hatten kein Auge für die übrige Welt! 

Der Anblick schnitt Gudrun ins Herz. In Sekunden faßte sie ihren 

Entschluß. Am frühen Nachmittag schickte sie einen Pagen zum 
Ritter. Der übergab ein verschlossenes Billett,  das Roland sofort 
aufbrach und las: 

Jemand wünscht Euch dringend zu sprechen! Kommt unverzüglich 

ins zweite Turmgeschoß! Pocht an die dritte Tür zur rechten Hand! 

Das hörte sich nach Geheimnissen an. Ein Abenteuer? Roland 

zögerte nicht lange. Mit langen Sätzen erreichte er das angegebene 
Geschoß und pochte stürmisch an die dritte Tür zur rechten Hand. 

»Kommt herein!« rief eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, ohne 

daß er gleich zu sagen vermochte, wem sie gehörte. 

Hastig stieß Roland die Tür auf, trat über  die Schwelle  - und blieb 

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abrupt stehen. »Ihr hier?« fragte er entgeistert. 

Gudrun schenkte ihm ihr freundlichstes Lächeln. Es wärmte wie 

Sonnenschein und hätte das verstockteste Herz zum Schmelzen 
gebracht. Roland war überwältigt. 

»Wundert Euch das, edler Ritter?« fragte sie mit schwebender 

Stimme. »Was hatte ich noch in den Mauern Gimlets zu suchen? 
Sollte ich mich mit älteren Herren wie Einhart dem Lächler oder mit 
Trunkenbolden wie Gorm langweilen, während die Blüte des Ritter-
standes die Burg Tronde ziert?« 

Roland erinnerte sich, in welchem Unfrieden sie voneinander 

geschieden waren. Warum begrüßte sie ihn jetzt so freundlich? Was 
führte sie im Schilde? 

Und doch konnte er sich ihrer klugen Schmeichelei und dem 

holden Reiz ihrer Erscheinung nicht entziehen. Solange er mit Birke 
zusammen gewesen war, hatte er nicht einen Gedanken an Gudrun 
verschwendet. In Gudruns strahlender Nähe begann sogar Birkes 
Bild ein wenig zu verblassen. 

Innerlich schalt er sich einen wankelmütigen und treulosen 

Liebhaber. 

Da faßte sie ihn bei der Hand. »Steht nicht so versteinert da, 

Roland! Das einsame Mädchen, das Ihr vor Euch seht, hoffte, Ihr 
werdet es zu einem Spaziergang vor den Mauern Trondes einladen. 
Noch kenne ich mich in der Umgebung der Burg nicht aus und 
könnte, ginge ich allein, mich allzuleicht verirren ...« 

Er stand da, errötete und brachte keinen Ton heraus. 
»Vielleicht geraten wir auf unserem Gang zu zweit«, fuhr sie 

lockend fort, »an einen verschwiegenen See ... Erinnert Ihr Euch? Es 
gibt einen gewissen Edelmann, dem der Anblick einer jungen Dame 
am Seeufer besondere Freude zu machen pflegte ...« 

Roland fand endlich die Sprache wieder. Die Erinnerung an den 

Vorfall störte ihn. Ärgerlich lehnte er ab. »Es tut mir leid, Fräulein, 
doch ich stehe nicht zur Verfügung ...« 

Sofort bereute Gudrun ihren Fehler. Sie beeilte sich, ihn 

wiedergutzumachen. »Ich wollte Euch nicht kränken, Roland ... « 

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»Ihr könnt mich gar nicht kränken«, unterbrach Roland steif. Was 

immer Ihr tut oder sagt, berührt mich nicht. Gestattet, daß ich mich 
jetzt zurückziehe! Ach, ja, der Spaziergang! Es trifft sich, daß ich ihn 
einer anderen Dame versprochen habe.« 

Jäh verschwand jede Freundlichkeit aus ihrem Gesicht. Es war, als 

verdüstere sich die Sonne. Gudrun stampfte mit dem Fuß auf. Sie 
schäumte vor Wut. 

»Ihr verfluchter Holzkopf von einem Ritterling!« schrie sie mit 

verzerrtem Mund. »Geht doch zu Eurer Birke! Ihr seid ja so 
entsetzlich dumm! Ihr ahnt überhaupt nicht, was in dieser Burg an 
Intrigen gegen Euch gesponnen werden! Ihr tappt noch in die plumpe 
Falle! Ihr vertraut denen, die Euch nach dem Leben trachten!« 

»Wer sollte mir nach dem Leben trachten?« empört sich Roland. 

»Doch nicht Birke!« 

»Nein, aber dieser elende Wicht Erhard, der Sohn Einhart des 

Lächlers!« schleuderte sie ihm, außer sich vor Wut, entgegen. 

Roland schüttelte heftig den Kopf. »Ihr wißt nicht, was Ihr redet, 

Dame. Ihr seid verwirrt. Die lange Reise hat Euch mitgenommen.« 
Sein Begehren war verschwunden, aber immer noch spürte er Mitleid 
mit der tobenden Frau. »Legt  Euch zu Bett und ruht Euch aus! Ihr 
seid in einem schrecklichen Irrtum befangen. Erhard ist mir ein treu 
ergebener Knappe. Meine Hand lege ich für ihn ins Feuer! Er hat 
sogar den Bruch mit dem Vater gewagt, um mit mir zu ziehen!« 

»Verblendeter!« rief Gudrun. »Vor kaum einer Stunde hat dieser 

selbe Erhard, dem Ihr in grenzenloser Dummheit blind vertraut, mir 
seinen Mordplan entdeckt. Ich selber sollte seine Helfershelferin 
sein.« Plötzlich schlug ihre Wut um. Die laute Stimme brach, wurde 
zu einem von Schluchzen unterbrochenen Flehen: »So glaubt mir 
doch, Roland! Schickt den Verräter zurück! Er ist fest entschlossen, 
Euch meuchlings umzubringen  - oder umbringen zu lassen. Sogar 
Gold hat er mir geboten, wenn ich einwilligte ...« 

Es hat keinen Zweck, die Auseinandersetzung weiterzuführen, 

dachte Roland. Sie rast, sie ist von Sinnen! Nächstens wird sie noch 
meine besten Freunde verdächtigen!« 

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Mit einem Achselzucken eilte er aus dem Gemach und schloß 

vorsichtig die Tür hinter sich. 

Noch auf dem Gang entschied er sich, Erhard nichts von Gudruns 

ungeheuerlichen Vorwürfen mitzuteilen. Dieser brave Junge, dachte 
Roland, würde mit vollem Recht aufs tiefste gekränkt sein ... 

Der heftige Auftritt mit Gudrun hatte Rolands Gemüt in Wallung 
gebracht. Er wollte jetzt keinen Menschen sehen. Im Laufschritt 
stürmte er in den Stall und befahl, sein Pferd zu satteln. Dann ritt er 
aufs Geratewohl los. 

Wohl zwei Stunden lang galoppierte er über Wiesen und feste 

breite Wege, trabte auf schmalen Pfaden dahin und ließ 
zwischendurch das Pferd im Schritt verschnaufen. Er sprengte an 
Bauern, Tagelöhnern, Wanderern und Pilgern vorüber, an Höfen und 
Handwerksstuben, an Waldstücken und Äckern, ohne etwas 
wahrzunehmen. So bemerkte er auch nicht, daß Erhard ihm von 
Anfang an stets in einiger Entfernung folgte. 

Allmählich ließ der Sturm in Rolands Innerem nach. Die Sonne 

war ein beträchtliches Stück tiefer gesunken. Er befand sich jetzt auf 
einem gewundenen Karrenweg. Roland versuchte sich zu orientieren. 
Wo befand er sich eigentlich? 

Weit vor sich gewahrte er ein kleines Wesen. Zuerst hielt er es für 

ein Tier. Aus der Ferne war wirklich nicht zu erkennen, ob es sich 
um ein Hund oder ein Kind handelte. Doch im Näherkommen stellte 
sich heraus: es war ein sehr kleiner Mensch mit weißem Haar. 

Das Männchen warf einen Blick über die Schulter zurück, sah 

Roland herankommen, stieß einen Entsetzensschrei aus und begann 
zu rennen. Doch so schnell es auch die kurzen Beine wirbeln ließ, 
mit jedem Galoppsprung seines Pferdes holte Roland auf. 

Der Kleine verschärfte sein Tempo, aber an ein Entkommen war 

natürlich nicht zu denken. Nach weiteren hastigen Rückblicken 
schien er es auch einzusehen. Schwer atmend blieb er stehen und 

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wandte sich um. Dann warf er sich  mitten auf dem Weg vor dem 
heranreitenden Roland auf die Knie, hob die gefalteten Hände zu ihm 
auf und rief mit brüchiger, angsterfüllter Stimme ein um das andere 
Mal: »Gnade, Gnade!« 

Roland verhielt sein Pferd. Er erkannte jetzt den Kleinen. Es war 

einer der vier Musikantenzwerge von Burg Gimlet, die so 
heimtückisch mit den Räubern Calibans gemeinsame Sache gemacht 
hatten. Welcher - das konnte er nicht unterscheiden. 

»Verräterischer Gnom!« sprach Roland ihn von oben herab an. 
»Gnade!« rief Zwerg Harfe erneut und rang verzweifelt die Hände. 

Dann sprudelten die Sätze wie Sturzbäche aus seinem 
verschrumpelten Munde. »Es ist wahr, edler Ritter, ich habe für 
meine Verbrechen eine harte Strafe verdient. Deshalb prügelt mir 
tüchtig das Fell! Zaust mich heftig  am Bart! Hängt mich für ein 
Weilchen an den Ohren auf! Aber um eins flehe ich Euch an: 
Schenkt mir das Leben! Ich habe entsetzliche Erlebnisse hinter mir.« 

»Steh endlich auf, du Wicht!« gebot ihm Roland. 
Das tat Zwerg Harfe denn auch nach einiger Zeit, nicht ohne 

vorher noch dreimal eindringlich um Gnade gebeten zu haben. Dann 
versicherte er: »Nie wieder, hoher Ritter, werde ich mit Verbrechern 
paktieren. Das schreckliche Geschehen, dem ich mit knapper Mühe 
und großer Not entkommen bin, hat mich von Grund  auf geläutert. 
Seht nur, wie schlohweiß mir Bart und Haare geworden sind! Ich bin 
um Jahre gealtert.« 

»In der Tat, du bist ein Greis geworden«, stimmte Roland ihm zu. 
»Und kann mich doch noch glücklich preisen«, jammerte der 

Zwerg, »denn immerhin entrann ich  - vielleicht als einziger  - dem 
furchtbaren Fasolt!« 

Bei der Nennung dieses Namens horchte Roland auf. Er sprang 

vom Pferd und beugte sich zu dem Zwerg. »Du bist Fasolt begegnet? 
Wo? Wann? Was geschah? Was tat er? Nun sprich doch! Schnell!« 

Mit bebenden Lippen berichtete Harfe in dramatischer Art vom 

gräßlichen Ende der Räuber vor der Höhle im tiefen Odenwald. 
Roland lauschte gebannt. Inzwischen hatte sich unbemerkt Erhard 

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dazugesellt. Auch ihm entging kein Wort. 

Als Harfe geendet hatte, fragte ihn  Roland: »Getraust du dich, 

mich zur Höhle des Drachen zu führen? Du kannst mit auf meinem 
Pferde sitzen.« 

Harfe begann am ganzen Körper zu zittern. Seine Glieder flogen, 

die Zähne klapperten. 

Voll Ungeduld drängte Roland: »Eine Meile vorher laß ich dich 

absitzen, so daß du nichts von dem Ungeheuer zu befürchten hast. 
Und außerdem erlasse ich dir für deine Führerdienste die Prügel, das 
Bartzausen und das Aufhängen an den Ohren. Na, ist das ein 
Handel?« 

Da überlegte Harfe nicht mehr länger. »Einverstanden!« rief er. 
Erst jetzt bemerkte der Ritter den jungen Erhard. Gerührt über sein 

Erscheinen umarmte er ihn. Wie sehr hatte Gudrun ihn doch 
verleumdet! Wie recht hatte er daran getan, ihr kein Wort zu 
glauben! »Mein teurer Junge! Willst du mir also wirklich zu Fasolt 
folgen?« 

»Ich weiche nicht von Eurer Seite, Roland«, beteuerte Erhard. Im 

Innern verwunderte er sich, warum ihn Roland so überschwenglich 
umarmt hatte. »Wollt Ihr denn nicht die Ankunft Volkers und der 
neuen Wunderwaffe abwarten?« 

»Unmöglich! Ihr habt ja gehört, wie gefräßig Fasolt ist. Diesmal 

waren es zwar Verbrecher, die kaum ein besseres Schicksal verdient 
haben, denn sie hatten selber viele Menschenleben auf dem 
Gewissen. Aber schon heute oder morgen können ihm redliche, 
unschuldige Wesen über den Weg laufen und von ihm verschlungen 
werden. Da darf ich keinen Augenblick länger warten. Wo Gefahr im 
Verzug ist, geziemt es sich, auf der Stelle einzugreifen und nicht auf 
Verstärkung durch Menschen und Gerät zu warten.« 

»Aber Ihr habt weder Rüstung noch Lanze bei Euch.« 
»Mir genügt mein Schwert. Die Rüstung bedeutet gegen Fasolt 

keinen Schutz, eher das Gegenteil.« 

»Wie meint Ihr das, Ritter?« 
»Denkt an das Feuer, das er aus seinem Mund versprüht. Trage ich 

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keinen Panzer, kann es höchstens mein Wams ansengen. Ich lösche 
es rasch. Meine Rüstung aber würde glühen und mich unrettbar dem 
Hitzetod preisgeben. Und was die fehlende Lanze betrifft, so habe 
ich einiges im Sinne, was dem Drachen weit unangenehmer sein wird 
als das zerbrechliche Ding!« 

»So laßt mich wenigstens den Zwerg auf mein Pferd nehmen, denn 

ich traue dem arglistigen Wurm nicht über den Weg und möchte ihn 
immer im Auge haben. Leicht könnte es sonst geschehen, daß er 
Euch in seiner hinterlistigen Art ein Leid zufügt.« 

Roland gewährte ihm die Bitte, und so ritten sie unverzüglich in 

den Odenwald hinein. Als sie die ersten Anhöhen erklommen, 
versank blutrot im Westen die Sonne. Der Ritter trieb unentwegt zur 
Eile. Doch nach etwa zwei Stunden rief Harfe: »Ich bitt' Euch, 
machen wir Halt! Es ist ja schon so dunkel, daß man die Hand nicht 
mehr vor Augen sehen kann. Nur im Hellen vermag ich Euch sicher 
den rechten Weg zu weisen.« 

Diesem Argument konnte sich Roland nicht verschließen, und so 

übernachteten sie in einem nahegelegenen Heuschober. Der Ritter 
allerdings lag die halbe Nacht wach und überdachte seinen 
Schlachtplan. 

In der Frühe des übernächsten Tages wurde der Zwerg sehr 

unruhig. Sie ritten durch wildes, wüstes Gelände. Düstere Fichten, 
die dicht beieinanderstanden, ließen nur wenig Licht auf den 
schmalen gewundenen Weg. Ein Stück vor ihnen versperrte dichtes 
Gebüsch das weitere Vordringen. 

»Wir sind nahe bei der Höhle!« flüsterte Harfe schreckensbleich 

und griff in den Zügel von Erhards Pferd. 

Der klopfte ihm ärgerlich  auf die Hände. Aber Roland gebot mit 

Ruhe: »Laß ihn! Ich habe ihm zugesagt, daß wir ihn nicht bis in die 
Gefahrenzone mitnehmen. Rasch, Harfe, zeig mir die genaue 
Richtung!«, Trotz seiner furchtbaren Angst blickte Harfe 
gewissenhaft nach allen Seiten, suchte nach bekannten Landmarken 
und Zeichen seiner Erinnerung, bis er den Arm nach halbrechts 
vorwärts ausstreckte: »Dorthin, Herr! Die Höhle kann nur noch eine 

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halbe Meile entfernt sein. Ich meine, das Untier schon zu riechen.« 

Und wirklich begannen auch ihre Pferde angstvoll zu schnauben 

und drängten mit Macht rückwärts. Sie mußten die furchtsamen, 
aufgeregten Tiere gewaltsam halten. Sonst hätten sie kehrtgemacht 
und wären davongeprescht. 

Roland beobachtete Vögel, die in der Luft plötzlich ruckartig 

innehielten, als seien sie gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt. 
Sie wendeten und flohen mit raschem Flügelschlag. In dem Gebüsch 
vor ihnen knackte und raschelte es unablässig. In rascher Folge 
brachen die Tiere hervor und sprangen in wilden Sätzen davon  - alle 
in gleicher Richtung. Einmal rasten vier Hasen und zwei Füchse 
einträchtig nebeneinander her  - Todfeinde, von derselben Angst 
gejagt.« 

»Laß Harfe absteigen!« befahl Roland. Er war nun völlig davon 

überzeugt, an der richtigen Stelle zu sein. Während des gesamten 
Rittes hatte er ständig den vom Zwerg angegebenen Weg mit dem 
auf Birkes Karte verglichen. Nie hatte er Abweichungen festgestellt. 

Erhard hob den schlotternden Kleinen hoch und ließ ihn unsanft zu 

Boden fallen. Harfe raffte sich mit einem Fluch auf den Lippen 
blitzschnell auf und rannte davon, so rasch ihn seine Beine trugen. 

»Halte mein Pferd!« bedeutete Roland seinem einzigen Gefährten. 

»Und warte hier auf mich!« 

Zu Fuß drang er durch das Dickicht, wobei er sich mit kräftigen 

Schwerthieben einen Weg bahnte. Es war, wie Harfe angekündigt 
hatte. Nach einer knappen Viertelmeile lichteten sich die Büsche. 
Vorsichtig trat er auf den freien Platz und stand vor dem 
Höhleneingang, der von der Morgensonne noch im Schatten gelassen 
wurde und wie ein drohendes schwarzes Maul gähnte. 

Roland blieb stehen, musterte die Umgebung und prägte sich jede 

Einzelheit ein. Aus dem Inneren der Höhle drang ein regelmäßiges 
Geräusch. Es klang wie ein riesiger Blasebalg. Erst nach einiger Zeit 
wurde es Roland bewußt, daß es die schweren Atemzüge des 
schlafenden Drachens waren! 

Eine Weile spielte er mit dem Gedanken, einfach in die Höhle zu 

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gehen und zu versuchen, das Untier im Schlaf zu töten. Aber bald 
wurde ihm die Sinnlosigkeit solchen Tuns klar. Es wäre der sichere 
Selbstmord gewesen. In der stockdunklen Höhle hätte er mit seinem 
Schwert Fasolt nicht einmal die Haut ritzen können. Er wäre bei 
diesem Unternehmen verbrannt, zerrissen oder zertreten worden, 
ohne selber das mindeste auszurichten. Auf dem Rückweg zu  Erhard 
erweiterte Roland den eben geschaffenen Pfad noch, bis er etwa 
einen Klafter in der Breite maß. Erhard kaute an einem Stück kalten 
Fleisch und erwartete ihn gespannt. Er hatte die Pferde angebunden. 
Noch immer gebärdeten sie sich wie toll, stiegen alle paar 
Augenblicke mit den Vorderbeinen in die Höhe, warfen die Köpfe 
mit den gespitzten Ohren verängstigt in alle Richtungen und ver-
suchten vergeblich, sich loszureißen. 

»Ich fand die Höhle«, berichtete Roland kurz. »Der Drache schläft. 

Wir locken ihn heraus und erledigen ihn im Freien.« 

Erhard wurde bleich. Aber der Ritter ließ ihm keine Zeit, über den 

bevorstehenden Kampf nachzudenken, sondern wies ihn sogleich an, 
einige junge Bäume zu fällen. Die Schwerter benutzten sie als Äxte 
und Sägen. Nach  einer halben Stunde angestrengter Arbeit hatten sie 
eine große Menge schlanker, von ihren Ästen befreiter Bäume rund 
um sich liegen. 

Während der ganzen Zeit hielt Erhard sich stets in der Nähe des 

Ritters. Mehr als einmal zuckte es ihm in den Händen, dem 
Nichtsahnenden das Schwert in den Rücken zu stoßen. 

Aber immer wenn Erhard sich entschloß: Jetzt! Jetzt tu ich's  - 

versagte ihm der Arm den Dienst, und Zweifel überfielen ihn. 

Was, wenn er ihn verfehlte? Wenn er ihn nur verwundete? Wenn 

Roland sich gar im  Augenblick der Meucheltat zufällig umdrehte und 
ihn mit stoßbereiter Waffe vor sich sah? 

Bei solchen Gedanken brach Erhard der Schweiß aus, und seine 

Hände zitterten. Jedesmal tröstete er sich: Vielleicht ergab sich noch 
eine bessere Gelegenheit ... 

Die Sonne fiel schräg in den Wald, und den Männern wurde warm 

bei ihrer Beschäftigung. Doch Roland erlaubte keine Pause. Er trieb 

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zur Eile. Denn das schwerste Stück Arbeit lag noch vor ihnen. Sie 
mußten die Stämme einzeln über den Pfad bis seitlich vor die Höhle 
schleppen. 

Roland lud sich jedesmal das dickere Ende auf die Schulter und 

schritt voran. Erhard kam nicht umhin, seine außerordentliche 
Ausdauer und Stärke zu bewundern. Denn spätestens auf halbem 
Wege war er selbst immer so erschöpft, daß er eine Pause einlegen 
mußte. Roland aber schleppte dann den ganzen Stamm unverdrossen 
weiter, bis Erhard sich wieder erholt hatte. 

An einen Meuchelmord wagte Erhard nun nicht mehr zu denken. 

Die Anstrengung war fast zuviel für ihn. Das Herz klopfte, als wolle 
es  zerspringen. Seine Pulse jagten. Die Hände flatterten, und die 
Knie drohten einzuknicken. Oftmals war er nahe daran, vor 
Erschöpfung umzufallen. 

Roland aber hob die Stämme, schulterte sie und trug sie davon. 

Und nichts an ihm deutete darauf hin, daß es ihn die geringste Kraft 
kostete! 

Die Dinge entwickelten sich jetzt unerhört rasch. Roland geht mit 

einer so erstaunlichen Zielstrebigkeit vor, als folge er den lautlosen 
Anweisungen einer inneren Kompaßnadel. 

Er deutet auf einen über die Höhle hinausragenden Felsen, an 

dessen Rand mehrere lose Steinblöcke liegen. Dort schickt er Erhard 
hinauf, nachdem er ihm mit knappen Sätzen seinen Plan erläutert hat. 

»Du hast alles begriffen?« vergewisserte er sich. 
»Ja«, antwortete Erhard. Er kann sich  kaum auf den Beinen halten. 

So erschöpft ist er. 

Aber Roland entgeht die körperliche Schwäche seines Gefährten. 

Seine eigene unbändige, schier unerschöpfliche Kraft macht ihn 
blind für die Unzulänglichkeiten anderer Menschen. 

Bei alldem ist Roland die Ruhe selbst. »Wann sollst du 

eingreifen?« prüft er Erhard. 

»Wenn Ihr den linken Arm dreimal in die Höhe stoßt.« 
»Sehr gut. Ich verlasse mich auf dich. Geh nun hinauf!« 
»Ja. Ritter.« 

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Roland ist so von dem Gelingen seines Unternehmens überzeugt, 

daß er dem davonschleichenden Jüngling nicht einmal nachschaut. 
So sieht er auch nicht, wie mühsam Erhard den Felsen hinaufklettert, 
wie er mehrfach ausgleitet und abrutscht, sich wieder hinaufhangelt 
und schließlich oben, vor Atemnot röchelnd, alle viere von sich 
streckt und liegenbleibt. 

Zehn Klafter vor der Höhle stellt Roland sich auf und sticht das 

Schwert vor sich in den Boden. Dann formt er die Hände vor dem 
Mund zum Schalltrichter und ruft mit dröhnender Stimme: »Wach 
auf, Fasolt! Wach auf! Wach auf! Die Zeit  des Schlafens ist vorüber! 
Wach auf! Du Untier, du Bestie, du Menschenfresser! Die Zeit zum 
Sterben ist gekommen!« 

Und es ist fast, als könne der riesige Drache seine Worte verstehen. 

Noch dröhnt das Echo von den umliegenden Felsen. »Wach auf! Die 
Zeit zum Sterben ist gekommen!« 

Da faucht es boshaft aus der Höhle, und in den Ritter kommt 

Bewegung. Er reißt das Schwert aus dem Boden und eilt mit 
schnellen Schritten nach rechts. Dabei spürt er bereits, wie der Boden 
unter ihm bebt. 

Und dann überstürzen sich die Ereignisse. Orangerotes Feuer 

schießt blendend aus dem Höhleneingang. Roland schließt 
unwillkürlich die Augen. Er spürt die erstickende Hitze an Gesicht 
und Körper. Doch die Flammen gefährden ihn nicht. Mit seinem 
Lauf nach rechts hat er sich vorerst in Sicherheit gebracht. 

Langsam schiebt sich der Körper des Drachens aus der Höhle. 

Seine stahlharte Haut schimmert grün im Sonnenlicht, das jetzt den 
freien Platz erreicht hat. Tückisch funkeln die kleinen Augen. 

Die beiden dicken Vorderbeine kommen stampfend in Sicht. 
Mit einem Mal fühlt sich Roland unglaublich winzig gegenüber 

diesem Wesen, das alle seine Vorstellungen von Größe weit 
übertrifft. Fasolt ist urwelthafte Gewalt. Hat er sich einmal in 
Bewegung gesetzt, so gibt es nichts, was ihn aufhalten könnte. Die 
Flammen sind erloschen. Von der Seite blickt Roland in das 
aufgerissene Maul mit den sechs Reihen scharfgeschliffener Zähne. 

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Er blickt und staunt. Er schaut und schaut fasziniert, und langsam 
schiebt sich eine eiskalte Hand über sein Herz. Seine Nackenhaare 
richten sich auf. 

Doch dann ermannt er sich. Noch hat ihn Fasolt nicht entdeckt. 

Und Roland erwacht aus seiner Erstarrung. Er packt einen der 
aufgeschichteten Stämme und schiebt ihn dem Drachen quer ins 
Maul, quer über die sechs mörderischen Zahnreihen. 

Und der Drache schnappt zu! Das Holz kreischt. Es bricht. Es 

splittert. Es wird unter dem Druck der Kiefer zerrieben, zermahlen, 
zerpreßt. Doch schon wirft Roland den nächsten Stamm. Und den 
dritten. Und wieder einen. Noch einen ... 

Und so einen nach dem anderen. 
Er schuftet, daß ihm der Schweiß in die Augen rinnt. Und doch 

sieht er mit einem Blick aus gesenkten Lidern, wie sein Plan gelingt. 
Des Drachen Maul ist völlig mit Baumstämmen ausgefüllt. Gewaltig 
arbeiten die Kiefer. Aber all seine Urkraft reicht nicht aus gegen die 
30 Stämme, die zwischen den Messern seiner Zähne liegen. 

Im Gegenteil. Das Gewicht drückt Fasolts Kopf nieder. Die 

Vorderbeine knicken ein. Ein dumpfer, noch nie gehörter Laut dringt 
aus Fasolts Leib. Er muß auf Meilen im Umkreis zu hören sein! 

Fasolt bricht zusammen Japsend liegt er flach auf dem Boden  - wie 

eine eingestürzte Burg. Er kann die vielen Baumstämme nicht 
zermalmen, und er kann sie nicht loswerden, und er kann das Maul 
nicht schließen. 

Roland tritt einen Schritt vor und stößt den linken Arm dreimal 

nach oben. 

Erhard nimmt alle Kraft zusammen. Er hat Zeit gehabt, sich zu 

erholen. Jetzt stemmt er sich gegen den Felsblock, der dem Abhang 
am nächsten liegt. Doch nicht so, wie verabredet. Nicht so, daß der 
riesige Stein dem Untier von oben aufs Haupt fliegt und auf diese 
Weise Roland den letzten Angriff, den mit dem Schwert ermöglicht. 

Heimtückisch gibt Erhard dem Felsblock einen Linskdrall. Und der 

zentnerschwere Stein rollt über die Kante und fliegt genau auf 
Roland zu! 

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Im letzten Augenblick warnt der Schatten über ihm den Ritter. 

Zum Nachdenken aber bleibt ihm keine Zeit. Rein instinktiv macht er 
einen Rückwärtssatz. 

So entgeht er um Haaresbreite dem Tod. Der Steinblock hätte ihn 

unweigerlich zerschmettert. 

Trotzdem kommt Roland nicht ungeschoren davon. Eine 

vorspringende Steinkante trifft ihn an der Schläfe. 

Er spürt einen Schlag, der ihn bis in die Zehenspitzen durchrüttelt. 
Vor seinen Augen verblaßt die Sonne. Dämmerung setzt ein. Dann 

überfällt ihn die Nacht. 

Gleißende Sterne durchbrechen die Schwärze. Die Sterne dehnen 

sich aus. Sie wachsen  - und zerplatzen. Ein Funkenregen in allen 
Farben des Regenbogens ist das letzte, was Roland wahrnimmt. 

Dann stürzt er zu Boden, keine fünf Klafter von dem ächzenden 

Drachen entfernt, dessen messerscharfe Zähne langsam, aber 
unaufhaltsam die Baumstämme durchzusägen beginnen. Mit 
weitaufgerissenen Augen starrt Erhard auf dieses Schauspiel. Nach 
einer Weile beginnt er mit äußerster Vorsicht den Abstieg. 

Der Drache wälzt sich herum. Dabei entfernt er sich von dem 

besinnungslosen Roland. Wütend schüttelt das Untier sein Maul, und 
ein paar eben zwischen seinen Zähnen zersägte Stämme fallen 
polternd zu beiden Seiten herab. Noch ein paar heftige 
Anstrengungen, und es gelingt Fasolt, sich wieder auf die 
Vorderbeine zu stellen. 

Erhard erreicht den Erdboden. Wehrlos liegt Roland vor ihm. Der 

Jüngling wirft einen mißtrauischen Blick auf den Drachen. Nein, der 
beachtet ihn nicht. Er hat mit sich selber zu tun. Unentwegt würgt er 
an Erlen- und Birkenstämmen. 

Das Gesicht Erhards verkrampft sich. Ihm ist nicht wohl in seiner 

Haut. Aber da ist der Auftrag seines Vaters ... 

Eine so günstige Gelegenheit wie jetzt wird sich so leicht nicht 

wiederholen. 

So zieht er das Schwert und visiert über den Rücken der Klinge 

den reglosen Körper des Ritters an, den keine Rüstung schützt. 

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Aber dann stößt Erhard doch nicht zu! Vielleicht ist Roland bereits 

tot? Langsam beugt er sich über den Mann. 

Und da sieht er dessen Halsschlagader pochen. Er lebt also. 
Nein, das bittere Los, zum Mörder zu werden, bleibt Erhard wohl 

doch nicht erspart. 

Und nun muß er sich auch schon beeilen. Denn Fasolt schüttelt 

immer weitere Baumstämme ab. Es kann nur noch kurze Zeit dauern, 
bis er das Maul freigeräumt hat und wieder einsatzfähig ist. 

Erhard hebt erneut das Schwert. 
Und er zögert abermals. 
Ist es denn wirklich nötig, Roland zu erstechen? Wird er nicht, 

sobald Fasolt sich des hemmenden Holzes ganz entledigt hat, 
sowieso ein Opfer des menschenfressenden Drachen werden? 

Während der Jüngling noch unschlüssig in der Morgensonne steht, 

die kaum wärmt, trappeln leise Schritte heran. Staunend sieht Erhard, 
wie aus dem Innern der Höhle unvermutet drei zerlumpte kleine 
Gestalten auftauchen. Sie sind  aufgeregt. Die Gesichter wirken grau 
vor Entsetzen. Aber ihre Beine beflügelt eine plötzliche Hoffnung. 

Es sind Laute, Waldhorn und Pauke - die drei vermißten Zwerge! 
Erhard weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Roland vor den 

Augen dieser drei Zeugen ermorden? Dann müßte er auch sie 
umbringen. Denn Zeugen seiner ruchlosen Tat darf es nicht geben. 

Langsam läßt er das Schwert sinken. Er ist aschfahl im Gesicht. 
Durch ihr unerwartetes Auftauchen haben die Zwerge Rolands 

Leben gerettet. Und sie werden es von jetzt an mit all der Zähigkeit 
verteidigen, die den Kleinen zu eigen ist. Denn sie wissen sehr 
genau, daß sie allein dem tapferen Ritter, der bewußtlos auf dem 
Boden liegt, ihre eigene Rettung zu verdanken haben. 

Als Fasolt den Räubern ihren gräßlichen Tod bereitete, konnten die 

drei sich gerade noch in winzigen Vertiefungen der Höhle 
verstecken. Vier Tage und Nächte haben sie dort ausgehalten, von 
Angst geschüttelt, von Hunger und Durst gequält. Erste Hoffnung 
zog in ihre Herzen ein, als sie von draußen her Rolands Stimme 
vernahmen, wie er das Untier herausforderte. 

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Und jetzt, glücklich befreit, lassen sie ihren Ritter nicht im Stich. 

Trotz ihrer Erschöpfung heben sie ihn mit vereinten Kräften auf und 
schleppen ihn stöhnend, keuchend, mit schmerzenden  Gliedern und 
Muskeln über die von Roland vorhin geschaffene Schneise davon. 
Fort von Erhards drohend erhobenem Schwert. Fort aus der 
Reichweite des Drachen! 

Zwei Stunden lang plagen sie sich, bis sie den Bewußtlosen zu 

seinem Pferd geschafft haben. Eine weitere Stunde dauert es, ihn auf 
den Rücken des immer noch unruhigen, häufig auskeilenden Pferdes 
zu hieven und mit Leinen festzuschnüren. Müde, ausgemergelt, auf 
schwankenden Beinen, aber glücklich über ihre Rettung, machen sie 
sich auf den Weg zur nächsten Ansiedlung. 

Mit leeren Augen starrt Erhard ihnen, gedeckt von einem Baum, 

noch lange nach. Dann schwingt er sich auf sein eigenes Pferd und 
reitet, wie vom Teufel gejagt, in anderer Richtung davon. 

Einhart dem Lächler wird das Lächeln vergehen, wenn sein Sohn 

ihm die unwillkommene Nachricht überbringt... 

Mehr tot als lebendig erreichen die Zwerge mit dem besinnungslosen 
Ritter den nächsten menschlichen Hof. Er gehört dem Bauern, bei 
dem vor einigen Wochen Collin und Birke auf  ihrer verhängnisvollen 
Flucht Lebensmittel kauften. 

Mürrisch weist ihnen der Mann einen Raum im Pferdestall an. 

Mißmutig läßt er ihnen einen Topf Suppe reichen. 

Doch als er erfährt, daß Roland in den Diensten des Königs Artus 

steht, da ändert sich sein Verhalten von Grund auf. Nun räumt er 
dem Ritter sein eigenes Bett ein und treibt sein Weib an, ihn und die 
Zwerge jederzeit nach ihren Wünschen zu bedienen. 

Ein Bote reitet indessen nach Tronde. 
Doch um den Ritter steht es schlecht. Die Kopfwunde ist zwar 

sorgfältig gereinigt, gesalbt und gut verbunden worden, doch der 
Anprall des Felsblocks muß schwere innere Schäden hervorgerufen 

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haben. Bald ergreift ein heftiges Fieber von ihm Besitz. Tag und 
Nacht wälzt er sich in quälenden Fantasien umher, ohne je zu 
erwachen. Er stöhnt, schreit und winselt  - aber er weiß von nichts 
und antwortet auf keine Frage. 

Nach Tagen kommen Volker und die Knappen von Tronde. Ihnen 

folgt Birke. Und wieder einen Tag später trifft auch, eine bleiche 
Schönheit, Gudrun ein. 

In den folgenden Tagen und Nächten weicht Birke nicht von 

Rolands Lager. Aber dann fordert endlich die Natur ihr Recht. Völlig 
übermüdet schläft sie auf dem Fußboden vor dem Bett des Geliebten 
ein. Dort findet sie die Bäuerin, und sie läßt das Fräulein in einer 
anderen Kammer sorgfältig betten. 

Auch Birke schläft jetzt wie eine Tote. 
Als Gudrun davon erfährt, übernimmt sie schweigend, ungefragt 

Rolands Pflege. Wie vorher ihre blonde Rivalin flößt sie dem 
Fiebernden alle paar Stunden eine stärkende Brühe oder kühlende 
Getränke ein. Sie tupft ihm den Schweiß von der klatschnassen Stirn. 
Sie ordnet und glättet die zerwühlten Laken und Decken des Bettes. 
Sie hält die unruhig zuckende Hand des kranken jungen Ritters und 
spricht beschwörend sanft auf ihn ein. 

Des Abends singt sie mit flacher Stimme ein Lied. 
»Es folgte der Jäger des Bären Spur, Bei dämmerndem Morgen auf 

taufeuchter Flur. Der Bär fiel ihn an, Aus dem Hinterhalt. Doch der 
Jäger gewann, Da das Leben es galt. So bezwingt auch die Liebe 
jegliche Not, Mit belebender Kraft selbst den finsteren Tod.« 

Plötzlich spürt Gudrun, wie der Fiebernde ihren Händedruck 

erwidert. Roland dreht den Kopf der Stimme zu, die die alte Ballade 
singt, die er sicherlich kennt. Er öffnet langsam, unendlich langsam 
die Augen. Der Blick des Kranken scheint aus riesigen Fernen zu 
kommen. Nun sucht er sie ... die Stimme ... die Frau ... 

Gudrun ist verstummt. In beide Hände nimmt sie Rolands rechte 

Hand. Und sie beugt sich über ihn. Ihre Blicke treffen sich, 
umkreisen einander und verschränken sich. 

Zum erstenmal nach Tagen ist Roland aus seiner Ohnmacht 

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erwacht. Ein Glücksgefühl durchströmt Gudrun. Noch ist der Blick 
seiner blauen Augen unsicher und trübe. Das Fieber hat einen 
Schleier über sie gesponnen. Aber er ist doch wach, endlich wach! 
Und er scheint sie wohl zu erkennen ... 

Seine Lippen bewegen sich. Wie scheue Vögel flattern sie. Gudrun 

sieht, wie er sich bemüht, Worte zu formen  - oder vielleicht auch nur 
ein Wort - vielleicht einen Namen? 

Stärker wird der Druck seiner Hand. Es ist, als wolle er ihr durch 

die enge Berührung eine Botschaft ausdrücken. Ihre freudige 
Erregung wächst. Sein Atem wird bestimmter. Immer noch bewegen 
sich seine Lippen. 

Sie neigt den Kopf. Sein Atem klingt wie ein Flüstern. Wie eine 

geheime Mitteilung. Wieder schießen ihr die Schlußzeilen des Liedes 
durch den Kopf: 

So bezwingt auch die Liebe jegliche Not, Mit belebender Kraft 

selbst den finsteren Tod. 

Nun wird alles gut, denkt sie und kann selber kaum atmen. 
Der Kranke zuckt ein wenig. Mit letzter Anstrengung findet er 

seine Stimme. Leise und voll feinster Zärtlichkeit bringt er den lange 
gesuchten Namen hervor. Den Namen, der seine Liebe umschließt: 

»Birke!« 
Und noch einmal: »Meine Liebste ... Birke!« 
Da erblaßt Gudrun. Entsetzt läßt sie seine Hand los. Sie erhebt sich 

und weicht von seinem Lager, wie auf der Flucht vor einem 
unberechenbar grausamen Feind. 

Immer noch bewegen sich seine Lippen ... tonlos jetzt... aber sie 

weiß, daß sie jedesmal den ihr verhaßten Namen formen. 

Und nicht den ihren. Nicht Gudrun. Nein. Birke! Immer neu, 

lautlos, aber unüberhörbar: »Birke!« 

Mit Gewalt unterdrückt Gudrun das Schluchzen, das ihr in die 

Kehle steigt. Dann verläßt sie mit eiligem Schritt das Gemach. 

Das Herz liegt ihr wie ein Stein in der Brust. 

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Fasolt, der Feind aller Welt, hat Freundschaft geschlossen  - mit 
einem Dutzend munterer Spechte. Seit Tagen hocken die 
Baumklopfer oft stundenlang unerschrocken mitten in seinen 
furchterregenden Zahnreihen. Wie selbstverständlich spazieren sie 
zwischen den dolchartigen Beißorganen umher und picken 
unermüdlich nach den zurückgebliebenen Holzresten, zerkleinern sie 
und tragen sie Stückchen für Stückchen davon. 

Sie reinigen Fasolts Maul  - und er achtet gewissenhaft darauf, 

keinen durch eine unachtsame Bewegung zu verletzen. 

Lange haben die Spechte damit zu tun. Und sie tun es gern. Denn 

dabei füllen sie auch ihre kleinen Mägen mit den vielen tausend 
Insekten, die noch in den zermalmten Stämmen hausen. 

Die Spechte gewöhnen sich so an das Zusammenleben mit dem 

grausamen, von Mensch und Tier gefürchteten Drachen, daß sie auch 
nach beendeter Arbeit nicht aus seiner Nähe weichen. In den Bäumen 
der Umgebung suchen sie Unterschlupf. Und sie werden ihn, sollte 
ein Feind sich heranschleichen, mit lautem Gesang warnen! 

Doch damit hat es noch gute Weile. 

Drei Wochen gehen ins Land, ehe Roland wieder bei Kräften ist. 

Die Verletzung durch den Felsbrocken heilt schwer. Sie hat ihn an 
den Rand des Grabes gebracht. Doch nachdem sich seine kernige 
Natur einmal durchsetzte, ist sie dank Birkes unermüdlicher Pflege 
bald ohne Nachwirkungen überwunden. 

Daß Erhard ihm in böser Absicht die Verletzung zufügte, das ahnt 

er nicht. Er meint nicht anders, als daß Fasolt ihm einen Fußtritt 
versetzt hat. Wie  sollte Erhard die Hand im bösen Spiel gehabt 
haben? Daran denkt er nicht einmal, der vertrauensselige Ritter. 

Im Gegenteil, er lobt den Jüngling als mutigen Helfer. Er frohlockt, 

als bekannt wird, daß Erhard unversehrt nach Gimlet heimgekehrt ist. 

Was die Zwerge betrifft, so hat man Gnade vor Recht ergehen 

lassen. Nur Mitleid haben sie nach ihren furchtbaren Erlebnissen 

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noch geweckt und keinerlei Rachegefühle. Nachdem sie sich 
erholten, schaffen sie jetzt als fleißige Tagelöhner auf Tronde und 
sind allgemein beliebt. Aber ihre Instrumente haben sie noch nicht 
wieder angerührt. 

Und hier auf Tronde treffen Roland und Volker die Vorbereitungen 

für ihren neuen Feldzug gegen Fasolt. 

Zu Beginn der vierten Woche nach Rolands Verwundung brechen 

sie, begleitet von banger Hoffnung und inbrünstigen Wünschen, auf. 

Sie reiten in einer Reihe, Mann hinter Mann. Vorneweg Roland, 

dann Volker, Dankwart, Louis und Pierre. Wenn sie ihren Plan 
darauf aufgebaut haben, den Drachen zu überrumpeln, so werden sie 
allerdings enttäuscht werden. 

Dank seiner aufmerksamen Freunde, der Spechte, ist Fasolt schon 

gewarnt und auf den Beinen, als sie seiner Höhle noch drei Meilen 
fern sind. 

Der Drache stampft ihnen entgegen. Er folgt der von Roland 

geschaffenen Schneise. Er kocht vor Wut und  Kampfbegierde, denn 
er ahnt dumpf, daß jenes Wesen erneut gegen ihn zu Felde zieht, das 
ihn schon einmal in große Bedrängnis gebracht hat. 

Aber auch die Ritter haben eine Überraschung für ihn bereit. Der 

berühmte Waffenmeister hat ihnen ein Gerät gebaut, das noch neu im 
Lande ist, wenig bekannt und in dieser Größe noch nirgends erprobt. 

Eine Armbrust... 
Die starke Sehne ist fast einen Klafter lang. Ein einzelner Mann 

könnte sie nie im Leben spannen, hätte ihnen der Waffenmeister 
nicht eine Vorrichtung nach dem Prinzip des Steigbügels gebaut. Der 
Schütze hängt die Waffe in den Spannhaken und kann nun seine 
ganze Beinkraft und das Körpergewicht ausnutzen. 

Die Zugkraft dieser Armbrust übertrifft die des stärksten Bogen  um 

das Zwanzigfache! Louis trägt sie stolz. Und auch die dazugehörigen 
Geschosse. Es sind Eisenbolzen mit geschliffener Dreikantspitze. 
Dank der ungeheuren Schnellkraft, mit der sie von der Sehne 
geschnellt werden, müssen sie auch die Panzerhaut des Untiers 
durchbohren können, an der Schwert und Lanze bisher wirkungslos 

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abprallten. 

Sie haben auf Tronde eifrig geübt. Die Treffsicherheit ist weit 

größer als die mit Pfeil und Bogen. Aus 20 Schritt haben sie dicke 
Eichenbohlen und modernste Rüstungen und Schilde mit Leichtigkeit 
durchschossen. 

So sind sie guten Mutes, als sie ihm entgegenreiten, in einer Reihe, 

Mann hinter Mann. 

Plötzlich beginnt Rolands Pferd unruhig zu tänzeln und zu 

schnauben. Er zügelt es und lauscht. 

Ringsum ist die Natur in Aufruhr. Vierbeiner fliehen durch den 

Tann. Vögel schießen steil in die Höhe. 

»Horcht!« ruft Roland. 
Von fern her tönt ein schweres, dumpfes Dröhnen. 
Bebt nicht die Erde unter ihnen? 
So wenigstens erscheint es ihren Tieren. Immer unruhiger, immer 

ungebärdiger werden sie. Roland und Volker sind hervorragende 
Reiter und haben doch alle Hände voll zu tun, sie zu bändigen. 

Sollten sie besser absteigen und zu Fuß weiter vordringen? 
Noch ehe diese Entscheidung getroffen wird, steigt Pierres Pferd 

steil in die Höhe, kommt  wieder auf und keilt dann nach hinten aus. 
Der mollige Knappe verliert den Halt, rutscht aus den Bügeln und 
landet auf dem Boden. Ein lauter Schmerzensschrei, dann bleibt er 
jammernd liegen. Reiterlos jagt sein Tier in wilden Bocksprüngen 
davon. 

Dankwarts Pferd macht mit jäher Wendung kehrt und rast samt 

Reiter in namenloser Angst in die Richtung davon, aus der sie 
gekommen sind. Er verliert die Zügel aus den Händen, krallt sich in 
der flatternden Mähne fest, verliert einen Bügel und kann sich kaum 
im Sattel halten. Schief hängt er auf dem Pferderücken und hat 
keinerlei Gewalt mehr über das Tier. 

Als es schließlich vor Erschöpfung langsamer wird und endlich mit 

zitternden, schweißüberströmten Flanken zum Stehen kommt, ist er 
meilenweit vom Schauplatz des bevorstehenden Kampfes entfernt. 

Schlimmer noch ergeht es Louis. Sein Pferd hat sich von der 

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rasenden Flucht anstecken lassen. Blind raste es hinter Dankwarts 
Pferd einher. Nach wenigen 100 Klaftern ging die wilde Jagd unter 
einem Baum mit tiefangesetzten und weitausladenden Ästen 
hindurch. 

Der unterste Ast rast Louis mit atemberaubender Geschwindigkeit 

entgegen. Und der Knappe erkennt die Gefahr zu spät. Als er den 
Kopf einziehen will, ist keine Zeit mehr übrig. In vollem Galopp 
prallt er mit der Stirn gegen das harte, unnachgiebige Holz. Wie 
niedergemäht sinkt er zu Boden. 

Mit ihm fallen die unersetzliche Armbrust und der Köcher voller 

Eisenbolzen mit Dreikantspitzen. Louis rührt sich nicht mehr. Sein 
Pferd aber jagt weiter. 

Volker und Roland kämpfen noch immer mit ihren bockenden 

Gäulen. Eisenhart legen sich die Schenkel um die Bäuche der Pferde. 
Scharf ziehen die Ritter die Zügel an. Und sie verpassen den außer 
Rand und Band geratenen Tieren auch ein paar deftige Gertenhiebe. 

Nur so können sie sich  in dieser Not den unbedingt notwendigen 

Gehorsam verschaffen. 

Zuerst stellt Rolands Gaul den Widerstand gegen den Reiter ein. 

Ein paar Augenblicke später hat auch Volker es geschafft. Die Ruhe 
der Männer überträgt sich allmählich auf die Tiere, die Vertrauen 
schöpfen und lammfromm werden. 

Die Ausdünstungen des Drachens, die Unruhe der Natur, die 

unerklärlichen Geräusche und der schwankende Boden haben ihren 
Schrecken verloren. 

Roland und Volker verständigen sich mit einem Blick. 
Ich bleibe, entscheiden Rolands stahlblaue Augen. 
Ich hole die Armbrust,  antworten Volkers dunkle, glühende Augen. 

Und schon wirft er seinen Braunen, der nun auf den geringsten 
Druck reagiert, herum und galoppiert davon, um Louis zu suchen. 

Langsam reitet Roland dem Untier entgegen. 
Zwei Meilen weit entfernt hat Dankwart das Pferd von Louis 

eingefangen. Er beruhigt es mit schmeichelnden Worten, sitzt auf 
und jagt den Weg, den er unfreiwillig gekommen ist, mit höchstem 

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Tempo zurück. Nur nicht zu spät kommen! pochen die Gedanken in 
seinem Schädel. Ich darf den Ritter Roland nicht im Kampf mit 
Fasolt, der so vielen Menschen den Tod gebracht hat, im Stich 
lassen! 

Doch Roland ist ganz allein, als Fasolt ihn erblickt. 

Und wieder erschrickt der Ritter über die unglaubliche Größe des 
Drachens. Turmhoch ragt der breite Kopf über ihm auf. Die 
Vorderbeine gleichen wandelnden Säulen. Der Leib ist auf der 
Rückenlinie mit dornartigen Auswüchsen übersät. Fasolt ist ein 
unangreifbarer, unüberwindlicher, dabei  höchst beweglicher Koloß. 
Vom Maul bis zur Schwanzspitze, die sich noch im Gehölz verbirgt, 
mag das Untier wohl seine vierzig Klafter messen! 

In der Luft über ihm lärmen aufgeregt die Spechte. 
Roland verhält sein Reittier. Die beiden erstarren zum Standbild. 

Unaufhaltsam stampft der Drache vorwärts. Doch die tückischen 
kleinen Augen blinzeln unruhig. Bisher hat Fasolt nur Wesen 
kennengelernt, die ihm ahnungslos in die Fänge liefen  - oder entsetzt 
zu fliehen versuchten. 

Das Reiterstandbild verwirrt ihn. 
Roland hält den Drachen scharf im Auge. Jeden Augenblick ist 

damit zu rechnen, daß Fasolt das breite Maul öffnet und einen 
tödlichen Feuerstrahl herausschleudert. Noch aber ist der Drache 100 
Klafter entfernt. 

Doch er kommt näher und näher. 
Neunzig Klafter. 
Achtzig - siebzig - sechzig ... 
Roland erhebt langsam den rechten Arm. 
Ein Zittern geht durch den Leib seines Pferdes. Dem Ritter läuft 

ein kalter Schauer über das Rückgrat. 

Noch fünfzig Klafter ... 
Und der Drache kommt näher ... 

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Roland führt den erhobenen rechten Arm weit nach hinten. Noch 

vierzig Klafter! Wie eine Gerte biegt sich der Körper des Ritters. 
Fest liegt die Lanze in der nervigen Hand. 

Die jetzt weit geöffneten Augen Fasolts verfolgen Rolands kleinste 

Bewegung. 

Noch 35 Klafter ... 
Roland horcht auf. Dringt da Hufschlag an seine Ohren? Oder 

täuschen ihn seine Sinne? Er darf sich durch nichts ablenken lassen! 

Doch das Hufegetrappel kommt näher. 
Noch dreißig Klafter! Und der breite Schlitz des gewaltigen 

Drachenmauls klappt ganz langsam auseinander. 

Noch 28 Klafter. Der schwere Schritt des Drachen dröhnt in den 

Ohren. Das Pferd zittert stärker. Es stellt die Beine auseinander. Es 
wirft den Hals hin und her. Es zerrt an den Zügeln und will zur Seite 
ausbrechen. 

Zwischen dem schweren Stampfen  der Drachenschritte kommen 

die eiligen Geräusche von fremden Hufen immer näher heran. 
Manchmal klingt Eisen gegen Stein. Mit großer Konzentration 
widersteht Roland der Versuchung, sich umzuschauen. 

Fasolts Maul ist jetzt schon ein dunkel gähnender Schlund. Die 

rote Zunge erscheint. Noch zwei Atemzüge werden vergehen, 
vielleicht drei  - und die orangefarbene Flamme wird aus dem 
Schlund gegen Roland sprühen! 

Noch 25 Klafter. 
Die runden Augen Fasolts blicken Roland starr und kalt an, wie 

Augen des Todes. 

Und da ... 
Da geht ein Ruck durch den Körper des Ritters. Der bis an die 

äußerste Grenze des Möglichen nach hinten gebogene Rumpf 
schnellt blitzartig nach vorn. Der Arm verlängert machtvoll den 
Schwung. Am höchsten Punkt öffnet sich die lenkende Hand. Die 
Finger geben den letzten Drall. Und die Eschenlanze mit der scharfen 
Eisenspitze fliegt auf das rechte Drachenauge zu  - so schnell, daß 
man ihren Flug kaum verfolgen kann ... 

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Roland verlagert die Schenkel, gibt Druck und reißt am Zügel. Wie 

erlöst bricht sein Pferd zur Seite weg. Zehn Galoppsprünge läßt er 
ihm seinen Willen. Dann bringt er es so plötzlich und hart zum 
Stehen, daß es fast auf den Hinterbeinen einknickt. 

Ein Schrei erfüllt den Wald, die Luft, das Gebirge  - ein Schrei so 

überlaut, so grauenvoll, so unirdisch  - ein Schrei, wie ihn noch nie 
ein Mensch vernommen. 

Es ist der von Wut gespeiste Schmerzschrei des Drachen Fasolt. 
Rolands Lanze hat das rechte Auge Fasolts durchbohrt!. 
»Ein Meisterwurf!« jubelt eine Stimme. 
»Davon wird man reden in  den fernsten Zeiten!« weissagt eine 

zweite Stimme. 

Sind es echte Stimmen? Oder nur seine Gedanken? 
Suchend schaut er sich um. Und da springen sie von den Pferden: 

Dankwart trägt die Armbrust. Louis' Pferd hat ihn getreulich zu der 
Stelle getragen, wo der  Knappe mit einer blutenden Platzwunde auf 
der Stirn ohnmächtig auf dem Waldboden liegt. 

Und Volker  - er bringt den Köcher. Als er Louis verließ, war der 

bereits aus der Ohnmacht erwacht und kühlte die Wunde mit 
frischem Moos. 

Schon spannt Dankwart die Waffe. Aber Roland sieht, wie dem 

Mann vom scharfen Ritt die Hände zittern. »Gib her!« ruft Roland, 
greift nach der Wunderwaffe, legt einen Bolzenpfeil auf die Sehne 
und schießt dem Drachen auf fünfzehn Klafter die erste Ladung ins 
schreiende Maul. 

Und nun  schuften sie wie besessen. In schneller Folge jagt Roland 

Schuß auf Schuß in den Panzer des Drachens, dessen tobende 
Wutschreie jedes andere Geräusch auf der Welt verschlucken. Und 
immer näher stampft Fasolt heran. 

Noch zehn Klafter! 
Behend versorgen Dankwart und Volker den Ritter mit neuer 

Munition. 

Doch so hageldicht die Pfeile auch treffen, immer weiter schreitet 

Fasolt unbeirrbar vorwärts. 

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Noch fünf Klafter! 
Und sie spüren schon seinen stinkenden Atem über sich 

hinwegzischen. 

Noch drei Klafter! 
Ist das Untier durch nichts zu stoppen? 
Noch zwei Klafter ... 
Zur Flucht ist es nun zu spät.  Aus,  denkt Volker.  Vorbei,  denkt 

Dankwart.  Auch wir werden also Opfer von Fasolts messerscharfen 
Zahnreihen werden.
 

Noch ein Klafter ... 
Und Roland schießt! 
Da endlich bleibt der Koloß stehen. Er wankt  - und der ganze Wald 

wankt mit ihm. Er schüttelt sich  - und selbst die unerschrockenen 
Adler und Falken fliehen in schaudernde Höhen. Er fällt... 

Fasolt fällt... und viele Dutzende Bäume reißt er im Todessturz mit 

sich. 

Die drei Ritter umarmen einander. Sie lachen, sie tanzen, sie sind wie 
irrsinnig vor Glück! Nie wieder braucht sich irgendein Wesen auf der 
Welt vor

 

dem schrecklichen Drachen zu fürchten. 

Die Welt... ja, sie ist wieder licht, heiter und lebenswert. 
Als die erste Begeisterung abklingt, wird Dankwart ernst. Er stellt 

den beiden Freunden die Frage, die ihm seit Wochen wie ein 
Mühlstein auf dem Herzen liegt: »Sagt es mir ehrlich  - glaubt Ihr 
immer noch, daß ich mit falschen Würfeln betrog?« 

Volker schüttelt energisch den Kopf. Roland reicht dem Frager die 

Hand und drückt dessen Rechte kräftig. »Schon lange nicht mehr, 
Dankwart. Ich nehme an, daß ein arglistiger Schurke sie dir 
untergeschoben hat. Die Aufgabe, die König Artus mir gestellt hatte 
... einer wollte mich daran hindern ...« 

»Und ich ahne auch schon, wer!« ruft Dankwart feurig. 
»Einhart«, mutmaßt Volker. 

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»Wer sonst!« 
Da dies nun abgetan scheint, schlägt Roland vor, die verletzten 

Knappen zu bergen. 

»Und dann«, ruft Volker  leuchtenden Auges, »auf nach Tronde! 

Ich schätze, der alte Beowulf wird für eine Woche den goldenen 
Wein in unseren Bechern nicht versiegen lassen!« 

Doch Dankwart bittet höflich um Abschied. »Zuvor, meine 

Freunde, habe ich noch eine Angelegenheit zu regeln, die Sache mit 
den Würfeln. Erst dann folge ich Euch nach Tronde. Und glaubt mir, 
an dem Tag, da ich zu Eurer Siegesfeier stoße, wird jener elende 
Schelm nicht mehr Einhart der Lächler heißen. Landauf, landab wird 
man ihn Einhart den Heuler nennen!« 

ENDE 

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Liebe Ritter-Freunde, 

ich bin sicher, daß Ihnen unsere neue Serie gefällt. Zeigen 
Sie  es, indem Sie ihr die Treue halten. In vierzehn Tagen 
kommt der vierte Band auf den Markt, ein Knüller, sage ich 
Ihnen. Seien Sie dabei, wenn
 

Die Wikinger 

kommen 

Dieser Schreckensschrei flog von der Küste her durch das Land. Mit 
sieben Schiffen waren die wilden Männer aus dem hohen Norden 
gelandet. Sie zogen nun sengend und mordend durch das 
Land.  Und die Menschen flohen aus den Städten. Ritter 
verbarrikadierten sich in ihrer Burg. 

Das Ziel der Wikinger mit ihrem Anführer Hakon war das Schloß 
Camelot. Sie wollten Camelots Schätze und Frauen an sich bringen. 
Camelot war ihr Traum, ihr Gebet, ihre Gier. 

Wer wollte ihnen den Weg nach Camelot verlegen?