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Die Bluthochzeit 

von Joachim Honnef 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Das Bersten von Zweigen und Ästen war nah vor ihm. 

»Weiche zur Lichtung, Lothar!« hallte die helle Stimme 

eines Mannes durch den Tann. »Der Keiler bricht durch!« 

Der blondgelockte Knabe packte den Speer in seiner 

Rechten fester. Er dachte nicht daran, dem Befehl seines 
Begleiters Folge zu leisten. Ein Lothar von Ludgershall 
wich nicht vor einem Keiler! 

In das Bersten der Zweige mischte sich ein heftiges 

Schnaufen. Lothar stemmte die Füße fest in den 
Waldboden und hob die Lanze an. Dann war der Keiler da. 

Der Knabe konnte sein Erschrecken nicht verbergen. 

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Seine hellen Augen waren weit aufgerissen. Er starrte das 
mächtige Tier vor sich entsetzt an. 

Noch nie hatte er einen Keiler mit so gewaltigen Hauern 

gesehen. Schaum troff ihm vom Gebrech. Kleine, 
gefährlich glitzernde Augen starrten Lothar an, der wie 
gelähmt stand und die Lanze in seiner erhobenen rechten 
Hand vergessen zu haben schien. 

»Lothar...« 

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Die Stimme aus dem undurchsichtigen Dickicht trieb den Keiler 
vorwärts. Er nahm dem Knaben vor ihm an, senkte den mächtigen 
Schädel und blies wild. 

Lothar von Ludgershall stieß einen spitzen Schrei aus, als er die 

Lanze schleuderte. Gleichzeitig warf er sich zur Seite und sah aus 
den Augenwinkeln, wie sich die Eisenspitze dicht hinter dem 
Schädel des Keilers ins Blatt bohrte. 

Der Keiler kreischte und warf sich herum. Seine Läufe knickten 

ein. Der Schaft der Lanze splitterte. 

Lothar stolperte über eine Baumwurzel und schlug der Länge nach 

hin. Sofort überrollte er sich am Boden. Schaum spritzte ihm ins 
Gesicht. Der abgebrochene Schaft der Lanze streifte seine Schulter 
und riß sein Wams entzwei. 

Lothar zerrte sein Messer aus dem Gürtel. 
Auf einmal war der mächtige Schädel des Keilers über ihm. Das 

bis zum Äußersten gereizte Tier schlug mit seinen Gewehren, doch 
im letzten Augenblick stieß Lothar ihm die Klinge in  den weit 
aufgerissenen Rachen. 

Der Keiler taumelte. 
Schweiß befleckte Lothars Gewand. 
Der Knabe kroch hastig von dem auf der Hinterhand 

eingebrochenen Keiler davon. 

Ein helles Sirren war in der Luft. Mit einem leisen klatschenden 

Laut schlug ein zweiter Pfeil ins Blatt des Keilers, der einen 
klagenden Schrei ausstieß und zur Seite kippte. Die Läufe zuckten 
noch ein paarmal, dann streckte sich das mächtige Tier. 

Durch  sein eigenes Keuchen vernahm der Knabe hastige Schritte. 

Zweige brachen, und dann rief die helle Stimme: »Lothar, beim 
Henker! Hat dich wieder der Hafer gestochen? Du versprachst mir, 
auf meine Weisungen zu hören, wenn ich dich ...« 

Der Knabe sah, wie der Mann vor ihm den Kopf hob und über ihn 

hinwegstarrte. Sein gerötetes Gesicht, in das naßgeschwitzte 
Strähnen seines schwarzen Haares hingen, war auf einmal wie eine 
Maske. Der Blick seiner dunklen Augen änderte sich abrupt. 

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Lothar von Ludgershall riß erschrocken den Kopf herum. 
Kaltes Grauen preßte ihm den Brustkorb zusammen und schnürte 

ihm die Luft ab. 

Er sah einen Mann aus dem Dickicht treten. 
Das von einem wilden schwarzen Bart überwucherte grinsende 

Gesicht erschien ihm wie die Fratze des Teufels,  der sich seiner 
Beute sicher ist. 

Breitbeinig stand der untersetzte Mann mit dem wilden schwarzen 
Bart vor Lothar von Ludgershall und seinem schlanken Begleiter, der 
in ein leichtes Jagdgewand gekleidet war. 

Das Bartgestrüpp klaffte auf, und ein dröhnendes Lachen scholl 

durch den Tann, in dem die Tiere den Atem anzuhalten schienen. 

»Einfältiges Diebesgesindel!« röhrte er. »Wenn man in fremden 

Wäldern jagt, sollte man wenigstens nicht so dumm sein, sich 
erwischen zu lassen!« 

Lothar von Ludgershall sprang auf die Beine. 
Die blauen Augen des Knaben blitzten. 
»Der Schwarztann gehört den Ludgershallern, Walram von 

Wolfeneck!« rief er. »Hier hast du Mordgeselle nichts verloren!« 

»Hoho!« der Schwarzbärtige wandte den Kopf, und erst jetzt 

entdeckte der Knabe den Riesen, der hinter dem Stamm einer Tanne 
hervortrat. »Hast du gehört, was der Däumling mir ins Ohr quakte, 
Lodewik?« 

Der Riese grinste dümmlich. Der Blick seiner grauen Augen ging 

jedoch an dem Knaben vorbei und blieb auf dessem schlanken 
Begleiter haften. Er kratzte sich in seinem verfilzten Haar. 

»Ist es Euch recht, Herr, wenn ich dem Sänger meine Flötentöne 

beibringe?« fragte er mit kratzender Stimme. 

Der Schwarzbart lachte grob. 
»Sieh dich vor, Lodewik!« erwiderte er dröhnend. »Der Bursche ist 

geschwind und sticht wie eine Biene!« 

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Der Riese hob seine Pranken. 
»Ich hab' die richtigen Klatschen dafür«, brummte er. 
Der Schwarzbart nickte. 
Grinsend stampfte der Riese los. 
»Flieh, Floris!« schrie Lothar und sprang auf. Er hielt immer noch 

das Messer in der Hand, von dessen Klinge der Schweiß des Keilers 
tropfte. Mutig streckte er es dem Schwarzbart entgegen. 

Walram von Wolfeneck warf den Schädel in den Nacken und 

lachte dröhnend. Seine ausladenden Schultern zuckten, und sein 
Lachen brach erst ab, als er den Stich in seinem linken Unterarm 
spürte. 

Instinktiv hieb er zu. 
Der Knabe überschlug sich und landete im Dickicht. 
Die dunklen Augen des Schwarzbarts glitzerten so tückisch wie 

vorhin die Lichter des Keilers. 

Der Riese war stehengeblieben. Er schien im Augenblick nicht zu 

wissen, wen er zuerst angreifen sollte. Den schlanken Mann, der 
keine Anstalten getroffen hatte, ihm auszuweichen, oder den Knaben, 
der es tatsächlich gewagt hatte, seinen Herrn mit dem Messer 
anzugehen. 

Es gab ein helles, metallisches Geräusch, als das Kurzschwert des 

schlanken Mannes aus der Scheide fuhr. 

»Der Knabe hat recht, Walram von Wolfeneck«, sagte er mit seiner 

hellen Stimme. Sie war auf einmal von einer Härte, die den 
Schwarzbärtigen zusammenzucken ließ. »Der Schwarztann gehört 
zum Besitz von Ludgershall. Der König selbst hat den Streit 
zwischen Euren Familien vor Jahresfrist zugunsten der Ludgershaller 
entschieden.« 

Der Schwarzbart schob den eckigen Kopf vor. 
»Der Schwarztann mag den Ludgershallern gehören!« fauchte er. 

»Doch der Keiler dort ist mein! Versuche, mich zurückzuhalten, mir 
zu nehmen, was mir gehört, Floris Starkmuth, und du hast zum 
letztenmal im Leben den Weibern deine Lieder unter die Röcke 
gesungen!« 

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Der Knabe hatte seine Benommenheit abgeschüttelt und erhob sich 

taumelnd. Trotz brannte in seinem Blick. 

»Wir haben den Keiler getötet, also gehört er uns!« sagte er fest. 
»Hält's Maul, Bursche!« entgegnete Walram grollend. »Hat man 

dir nicht beigebracht, daß Kinder zu schweigen haben, wenn Männer 
miteinander reden?« 

Lothar wurde wütend. Ehe Floris Starkmuth ihn zurückhalten 

konnte, sprang er abermals vor. Die blutbefleckte Klinge zischte 
durch die Luft. Doch diesmal war der Schwarzbart auf der Hut. 

Seine behaarte Faust schnappte zu. 
Lothar von Ludgershall zappelte plötzlich in der Luft. Er trat mit 

den Beinen um sich und schrie wütend auf, aber er fand kein Mittel 
gegen die Kraft des untersetzten Mannes, dessen schwarzes 
Kettenhemd an den Armen die Strahlen der Sonne reflektierte. 

»Laßt den Knaben los!« rief Floris Starkmuth. Er hatte sein 

Kurzschwert erhoben und war im Begriff, auf Walram von 
Wolfeneck loszugehen. 

Der Riese neben dem Schwarzbart bewegte sich trotz seiner Größe 

leichtfüßig und schnell. Der mehr als einen Klafter lange Stecken, 
den er mit beiden Pranken führte, zischte durch die Luft. 

Floris Starkmuth wich dem Hieb geschmeidig aus. Ein kurzer 

Schlag genügte, und die Schneide des Kurzschwertes trennte den 
Stecken in der Mitte zwischen den Pranken durch. 

Der Riese starrte einen Moment verblüfft auf die beiden Teile, die 

er in den Händen hielt. Dann brüllte er auf. Er schleuderte Floris den 
einen Teil entgegen, und der schlanke Mann wurde am Hals 
getroffen. 

Starkmuth geriet ins Stolpern. 
Er sah den Riesen auf sich zustampfen. Benommen schüttelte er 

den Kopf. Die Beine waren ihm schwer wie Gefels geworden. Panik 
stieg in ihm hoch, denn er hatte von der Kraft Lodewiks gehört, dem 
man den Beinamen »der Hammer« gegeben hatte, weil er einen Stier 
mit bloßer Faust töten konnte. 

Instinktiv riß Starkmuth sein Kurzschwert hoch. Die Klinge blitzte 

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durch die Luft. 

Lodewik der Hammer brach zusammen, als hätte ihm jemand die 

Beine unter dem Leib weggezogen. 

Die flache Seite des Kurzschwertes war ihm gegen die Schläfe 

geknallt und hatte ihm auf der Stelle das Bewußtsein geraubt. 

Floris Starkmuth spürte das Zittern des Waldbodens unter den 

Füßen, als der schwere Körper des Riesen zu Boden schlug. 

Der Schrei Lothars ließ ihn zusammenzucken. 
Der drehte sich hastig um. 
Walram von Wolfeneck hatte sein Schwert gezogen und die Spitze 

an den Hals des Knaben gesetzt. 

»Wirf dein Schwert weg, Sänger!« brüllte er. »Oder ich steche den 

Knaben ab!« 

Der Schwarzbart hatte Lothar näher zu sich herangezogen und 

achtete nicht auf seine Füße. 

Lothar trat heftig zu und traf den Schwarzbärtigen dicht unterhalb 

des Leibriemens. 

Walram schrie. Wut und Schmerz blitzten in seinen dunklen 

Augen. 

Floris Starkmuth warf sich auf ihn, denn er befürchtete, daß der 

jähzornige Mann seine Drohung in die Tat umsetzen könnte. Sein 
Kurzschwert klirrte gegen die Klinge von Walrams Schwert und 
stieß es aus der Richtung. 

Walram ließ den zappelnden Knaben los, weil der ihn behinderte. 

Mit beiden Händen schwang er sein Schwert hoch und hieb es durch 
die Luft. Die Spitze verfehlte die Kehle Starkmuths nur um 
Fingerbreite. 

Walram setzte sofort nach. Er hatte den Schmerz, den ihm der Tritt 

des Knaben verursacht hatte, inzwischen überwunden. Grimm war 
von seinen Zügen abzulesen  - und die Entschlossenheit, den Gegner 
zu stellen und zu töten. 

Floris Starkmuth begann zu keuchen. 
Jedesmal, wenn ihre Waffen aufeinanderprallten, erschütterte ihn 

der Schlag bis in die Schultergelenke. Noch gelang es ihm, die Kraft 

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Walrams und die Überlegenheit des langen Schwertes durch 
Geschicklichkeit und Schnelligkeit auszugleichen, doch er spürte, 
wie seine Beine allmählich schwächer wurden. 

Das dröhnende Lachen Walram von Wolfenecks hallte durch den 

Schwarztann, nur unterbrochen vom Klirren des geschmiedeten 
Stahls und dem Keuchen Floris Starkmuths, der mit dem Mut einer 
Wildkatze um sein Leben focht. 

Es schien, als ob Samum der Gesang Volker vom Hohentwiels 
plötzlich nicht mehr gefiel. 

Roland spürte das heftige Reißen  des schwarzen Schimmels an den 

Zügeln und hörte sein leises Schnauben. 

Volker vom Hohentwiel unterbrach seine Ballade vom Ritter 

Engelbert, der die Belagerer der Burg Montauban in die Flucht 
schlug, weil sie ihn daran hinderten, ein Stelldichein mit der Dame 
seines Herzens einzuhalten. 

Ein mißbilligender Blick aus den schwarzen Augen Volkers traf 

den Hengst. 

»Ihm geht jeder Sinn für die Kunst des Gesangs und der Dichterei 

ab«, bemerkte der Sänger und befestigte seine Laute hinter sich am 
Sattel. »Ich weigere mich, in Gegenwart von derart unmusikalischen 
Wesen meine Kunst zum besten zu geben. Das hieße, Perlen vor die 
Säue werfen.« 

Roland lachte, doch er war nicht ganz bei der Sache. Er wußte, daß 

Volker den dunklen Tann, den sie durchritten, nicht liebte. Er hatte 
einmal gesagt, daß man als Künstler die Weite des Blicks brauche. 
Die drohenden, in den Himmel ragenden Tannen, die kaum Licht bis 
zum Boden durchließen, bedrückten ihn. Er hatte sich sein ungutes 
Gefühl mit seinem Gesang vertreiben wollen, doch Samum hatte ihm 
mit seinem Schnauben die Lust genommen. 

Roland fühlte sich wohl in dieser Umgebung. Er war als Sohn 

eines Köhlers aufgewachsen und hatte seit frühester Jugend den 

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Wald geliebt. 

Er war mit den Lauten vertraut. Er kannte die geheimen Pfade der 

Tiere. Und er konnte sich tagelang im dunkelsten Tann bewegen, 
ohne die Orientierung zu verlieren. 

»Ich hoffe, du weißt noch, wo wir uns befinden, Roland«, sagte 

Volker in diesem Augenblick skeptisch. »Es ist mir ein Rätsel, wie 
man um dieses dunkle Höllenloch von einem Wald so sehr streiten 
kann, daß man sich seit Generationen bis aufs Blut bekämpft und 
umbringt.« 

Roland hatte die Hand gehoben. 
»Still, Volker«, sagte er leise. 
Er lauschte in die Richtung, in die Samum witterte. 
Kaum vernehmbare Geräusche drangen an seine Ohren. Sofort 

wußte er, daß es Laute waren, die nicht in diesen Wald gehörten. 

Roland zog seinen schwarzen Schimmel herum und lenkte ihn auf 

ein schier undurchdringlich erscheinendes Dickicht zu. 

Volkers Pferd scheute, während Samum sich unerschrocken einen 

Pfad durch die Büsche und schlingenden Ranken bahnte. Roland 
hatte sein Schwert gezogen und hieb eine Gasse in das Dickicht, 
wenn es gar zu verästelt oder zu dornig wurde. 

Das Brechen der Zweige und das harte Stampfen der Pferdehufe 

verschluckte für eine Weile jedes andere Geräusch. 

Dann erreichten sie eine Lichtung, die von einem saftigen 

Grasteppich bewachsen war. 

Roland atmete den Geruch von Pilzen und feuchtem Gras ein. 
Das Gekreische eines Eichelhähers störte die erhabene Stille. 
Dann war ein helles Klirren in der Luft. 
Volker schaute Roland an. 
»Kampfeslärm!« rief er überrascht. 
Roland nickte und trieb Samum an. 
Das Pferd galoppierte an. Jenseits der Lichtung tat sich ein Pfad 

wie ein schwarzes Tor auf. Roland lenkte den Hengst darauf zu. 

Das Klirren von Stahl wurde schnell lauter. Es hörte sich an, als 

schalle es von allen Seiten. Doch Roland hatte es gelernt, Geräusche 

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in einem Tann von ihrem Echo zu unterscheiden. 

Der helle Schrei eines Knaben drang an Rolands Ohren. 
Jetzt mischte sich das Schnaufen und Keuchen von Männern in das 

Stahlgeklirr der Waffen. 

»Achtung, Floris!« rief die helle Knabenstimme. »Der Hammer ist 

wieder aufgewacht!« 

Samum brach aus dem von dichtem Laub verdunkelten Pfad 

hervor. Seine Hufe trommelten auf dem weichen Waldboden. 
Sonnenstrahlen blitzten wie Speerspitzen durch das Dach des Tanns. 

Vor Roland lag der Kampfplatz. 
Roland übersah alles mit einem Blick, während er sich aus dem 

Sattel warf, sein Schwert in beiden Händen. 

Es war ein ungleicher Kampf. 
Der schwarzbärtige Mann, der das Wappen der Wolfenecks auf 

seinem Leinengewand über dem Kettenhemd trug, drang mit seinem 
Schwert auf einen Schlanken, schwarzhaarigen Burschen ein, der mit 
dem Rücken am Stamm einer Tanne stand und sich mit seinem Kurz-
schwert wie eine Wildkatze gegen den überlegenen Gegner wehrte. 

Der Bursche tauchte gerade unter einem mächtigen Hieb des 

Schwarzbärtigen hindurch. Die blitzende Klinge donnerte gegen den 
Stamm. Borkenfetzen wirbelten durch die Luft. 

Der Schwarzbart brüllte auf. Für einen kurzen Moment saß die 

Klinge seines Schwertes im Stamm fest. Er zerrte daran, und in 
diesem Augenblick traf ihn die Waffe des jungen Mannes, der in 
einem Jagdgewand steckte. 

Der Wolfenecker röhrte wie ein waidwund geschossener Hirsch 

und taumelte zurück, als der Stamm der Tanne sein Schwert endlich 
wieder freigab. 

Das Kurzschwert des Burschen hatte sein Kettenhemd nicht 

durchschlagen, aber Roland wußte, welchen Schmerz ein 
Schwerthieb dennoch verursachen konnte. 

Ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren tauchte hinter der Tanne auf 

und warf sich dem Riesen gegen die Beine, der den kämpfenden 
jungen Mann von hinten angreifen wollte. Weiter hinten auf der 

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schmalen Lichtung lag ein mächtiger Keiler, aus dessen Blatt zwei 
Pfeile ragten. 

Der Riese stolperte, aber der bekam mit seinen Pranken den jungen 

Burschen noch zu fassen und riß ihn mit sich zu Boden. 

Wie ein Knäuel wälzten sich die drei Gestalten durchs Gras. 
»Ho!« brüllte der schwarzbärtige Wolfenecker. 
Das Schwert in seinen Fäusten erhob sich über seinem Kopf. Die 

Klinge blitzte in den Sonnenstrahlen, die das Dach des Tanns 
durchbrachen. 

Der Schwarzbart hatte die Reiter entdeckt, die auf dem Kampfplatz 

erschienen waren, aber bevor er sich ihnen zuwandte, wollte er die 
Entscheidung in seinem Kampf erzwingen. 

»Halt!« rief Roland. »Nehmt das Schwert herunter, Schwarzbart! 

Ist das ein ehrlicher Kampf für Euch, wenn Euer Feind von einem 
Dritten zu Boden gezwungen wird?« 

Die kleinen Augen des Wolfeneckers glitzerten hinterhältig, als er 

sich Roland zuwandte. 

Das Menschenknäuel im Gras war erstarrt. Die Köpfe der drei 

hoben sich. Erstaunte Augenpaare musterten die beiden Ritter, die 
auf der Lichtung erschienen waren. Einer saß teilnahmslos im Sattel 
seines Pferdes, während der andere von seinem temperamentvoll tän-
zelndem Hengst gesprungen war und sich dem Schwarzbart mit 
gezogenem Schwert entgegenstellte. 

Der Knabe und der junge Bursche im Jagdgewand lösten sich aus 

der Umklammerung des Riesen und sprangen auf. 

»Wer wagt es, Walram von Wolfeneck entgegenzutreten!« rief der 

Schwarzbart, auf dessen Brust der Wolfskopf seiner Sippe prangte. 

Roland hatte die  Spitze seines Schwertes zwischen seinen Füßen in 

den Waldboden gebohrt und stützte sich auf den Knauf. 

»Es ist Ritter Roland, der Euch, Walram von Wolfeneck, gebietet, 

diesen ungleichen Zweikampf einzustellen'« erwiderte Roland mit 
klarer, furchtloser Stimme. 

Der Schwarzbart kniff die kleinen Augen zusammen. Das dichte 

Gestrüpp seines Bartes öffnete sich, und Roland sah, wie die Zunge 

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über die dicken Lippen glitt. 

Der Knabe hatte seine Überraschung überwunden. Mit ein paar 

Schritten war er bei Roland und wies auf den Wolfenecker. 

»Wir jagten in unserem Tann, Ritter Roland!« rief er mit seiner 

hellen Knabenstimme. »Floris Starkmuth tötete den Keiler mit seinen 
Pfeilen. Doch dann tauchte Walram von Wolfeneck auf und 
behauptete, es sei sein Wild!« 

»Das Wild gehört demjenigen, in dessen Tann es sich aufhält«, 

erwiderte Roland. »Und dieser Tann gehört denen von Ludgershall, 
wie es König Artus vor Jahresfrist entschieden hat.« 

Der Knabe strahlte. 
»Mein Name ist Lothar von Ludgershall, Ritter Roland«, sagte er 

voller Stolz. »Und das«, seine kleine Hand wies auf den Burschen im 
Jagdgewand, »ist mein Freund Floris Starkmuth, der Walram von 
Wolfeneck im Zweikampf getötet hätte, wäre ihm Lodewik der 
Hammer nicht zu Hilfe geeilt.« 

Walram von Wolfenecks bärtiges Gesicht verzerrte sich vor Zorn. 
»Geschwätz!« fauchte er. »Was habt Ihr in diesem Tann verloren, 

Roland?« 

»Volker vom Hohentwiel und ich sind auf dem Weg von Burg 

Wolfeneck nach Burg Ludgershall«, erwiderte Roland. »Der Tod 
Eures Onkels Waldemar und der Tod  Lienharts von Ludgershall, 
Lothars ältestem Bruder, hat König Artus erzürnt. Er gab mir den 
Auftrag, Eure Sippen aufzusuchen und der Blutfehde ein Ende zu 
setzen. Der König gab mir strenge Befehle mit und schwor, den 
Namen auszulöschen, dessen Träger nicht bereit sind, dem Morden 
ein Ende zu setzen.« 

»Die Wolfenecker sind die Mörder!« rief der Knabe. »Waldemar 

fiel im ehrlichen Zweikampf gegen meinen Bruder Lienhart! 
Lienhart aber wurde mit einem Pfeil der Wolfenecker im Rücken im 
Schwarztann aufgefunden!« 

»Vielleicht hatte Lienhart einen Nebenbuhler, der ihn in der Gunst 

seiner Gemahlin Leona ausstechen wollte und dazu einen Pfeil 
benutzte«, gab Walram hämisch grinsend zurück. 

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Roland sah, wie Floris Starkmuth das Blut ins Gesicht schoß. 

Blitzschnell riß er sein Kurzschwert hoch und schleuderte es nach 
dem Schwarzbart, der die Gefahr jedoch erkannt hatte und sich noch 
zur rechten Zeit bücken konnte. Die Waffe flog über ihn hinweg und 
fiel ins raschelnde Gebüsch. 

»Diese Verleumdung werdet Ihr mit Eurem Blut bezahlen, Ritter 

Walram!« rief der vor Erregung zitternde Bursche. 

Roland trat vor und faßte den Schwarzbart scharf ins Auge. 
»Ihr seid mit Eurer Zunge ebenso wenig ritterlich wie mit Eurem 

Schwert, Walram«, sagte er zornig. »Hört, was ich mit Eurem Vater 
auf Wolfeneck besprach, und dann geht heim! Die Fehde zwischen 
den Wolfeneckern und den Ludgershallern hat ein Ende! Ihr, 
Walram, werdet derjenige sein, der dafür bürgt, denn der König hat 
befohlen, daß Ihr Libussa von Ludgershall zu Eurer Gemahlin nehmt. 
Durch diesen heiligen Bund werden Eure Familien zu einem Blut, 
und der Zorn des Königs und Gottes wird Euch heimsuchen, wenn 
Blut von gleichem Blut vergossen wird!« 

Der Schwarzbart stand wie eine Säule. Er starrte den Ritter vor 

sich an. Dann ging ein  Zittern durch seine Schultern, und ein 
dröhnendes Lachen erschütterte seinen gedrungenen Körper. 

»Ho, die holde Libussa!« brüllte er. 
»Sie wird sich glücklich schätzen, einen Gemahl wie mich ihr 

Eigen nennen zu dürfen!« 

Der Knabe schrie auf und wollte sich auf ihn stürzen, doch Roland 

packte ihn am Kragen seines Wamses und hielt ihn zurück. 

»Der König hat es entschieden, Lothar«, sagte er. 
Die hellen Augen des Knaben schauten ihn an, und Roland las in 

ihnen, daß König Artus den Haß, der zwischen diesen beiden 
Familien seit Generationen herrschte, vielleicht unterschätzt hatte. 

»Wollt Ihr mich auf der Stelle mitnehmen, damit ich meine holde 

Braut heimführen kann, Roland?« fragte Walram von Wolfeneck und 
wischte sich eine Träne aus dem Auge. 

»Geht nach Hause, Walram«, erwiderte Roland. »Euer Vater wird 

Euch sagen, was Ihr zu tun habt. Die Hochzeit wird auf Wolfeneck 

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stattfinden. Im nächsten vollen Mond.« 

»Das hat mein Vater beschlossen?« fragte Walram lauernd. 
»So hat er mir gesagt.« 
Ein breites Grinsen zog das bärtige Gesicht in die Breite. 
»Komm, Lodewik!« rief Walram. »Es bleibt mir nicht mehr viel 

Zeit, für die Hochzeit alles vorzubereiten!« 

Der Riese stolperte hinter ihm her, als er in den Büschen 

verschwand. Noch eine ganze Weile war das Brechen von Zweigen 
und Walrams dröhnendes Lachen zu vernehmen. 

Floris Starkmuth hatte seine Erregung abgeschüttelt, und nachdem 

er sein Schwert und seinen Langbogen mit dem Pfeilköcher 
zusammengesucht hatte, trat er an Volker vom Hohentwiel heran, der 
sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte. 

Er verbeugte sich galant. 
»Euer Name klingt schon wie Musik in den Ohren eines 

Menschen, der der Minne sein Leben gewidmet hat, Volker vom 
Hohentwiel«, sagte er artig. »Ich darf mich bescheiden Sänger 
nennen, aber die Verse, die ich verfasse, sind im Vergleich zu den 
Euren feingeschnitzten wie grob gehauene Klötze.« 

Roland fing einen Blick des Minnesängers auf, und er wußte, daß 

diese Worte Volker wie Labsal erscheinen mußten. 

»Wenn deine Verse die Anmut deiner Gestalt und deiner Worte in 

sich vereinen, wird man vielleicht deinen Namen bald vor dem 
meinen nennen, junger Freund«, erwiderte er geschmeichelt. 

»Ihr scherzt, Ritter Volker!« rief der errötende Floris. »Hört erst 

einmal meine Verse, und Ihr werdet Euch mit Grausen abwenden!« 

Roland wurde das Gesäusel zuviel. Er ging zu dem Keiler hinüber. 
Das Tier hatte neben den beiden Pfeilen einen Lanzenstich im 

Blatt. Das Gebrech war voller Schweiß, die Schwarte wies einen 
Schnitt von einem Messer auf. 

Der Knabe war neben  ihn getreten. Seine hellen Augen leuchteten 

voller Stolz. Er hob eine abgebrochene Lanze auf, dessen eiserne 
Spitze dunkel von Blut war, und hielt sie Roland entgegen. 

»Ich stieß sie dem Keiler ins Blatt!« sagte er. »Aber er griff mich 

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dennoch an, und Floris tötete ihn mit seinen Pfeilen, bevor er mich 
mit seinen Hauern annehmen konnte.« 

»Das braucht einen mutigen Mann«, sagte Roland und legte dem 

Knaben, der keine Furcht zu kennen schien, die Hand auf die 
Schulter. »Während die beiden Sänger sich Schmeicheleien in die 
Ohren stopfen, werden wir eine Schleppbahre bauen, auf der wir den 
Keiler nach Burg Ludgershall bringen können.« 

Burg Ludgershall überragte das Tal, durch den sich der Wallerfluß in 
engen Schleifen windete. Sie stand auf einer felsigen Anhöhe, von 
der aus man das lange, aber enge Tal gut überblicken konnte. 

Roland und Volker sahen nur wenige Äcker. 
Der Wald, der zur Burg hin immer mehr Laubbäume auf wies, 

stand weit die Hänge des engen Tales hinunter. Nur in der Nähe des 
Wallerflusses wich er vor Wiesen und vereinzelten Äckern zurück. 

Ludgershall hatte nicht die Mächtigkeit der Mauern und Zinnen 

wie Wolfeneck und wirkte dadurch nicht so düster. Die Burg war 
von Ludger von  Ludgershall errichtet worden, und es sollte erst drei 
Jahre her sein, seit der letzte Stein gesetzt worden war. 

Lothar lief voraus, als sie das Fallgattertor zwischen der äußeren 

und inneren Vorburg passierten. 

Gesinde kam ihnen entgegen. Jungen und Mädchen stießen 

erschrockene Schreie aus, als sie den mächtigen Keiler sahen, den 
Samum auf der Schleppbahre hinter sich herzog. 

Vor dem Stall erschienen zwei Burschen, die den Reitern 

überrascht entgegenblickten. 

Roland erkannte seine Knappen Pierre und Louis, die auf direktem 

Wege von Yanten aus nach Ludgershall geritten waren, um ein 
Schreiben von König Artus an Ludger von Ludgershall zu 
überbringen. 

Roland wußte, daß in dem Schreiben noch nichts von König Artus' 

Befehl zu lesen war, die beiden ältesten Kinder der verfeindeten 

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Familien miteinander zu vermählen. 

Louis und Pierre liefen auf ihren Herrn zu. 
»Ihr habt lange für den Weg gebraucht, Herr!« rief Louis. »Pierre 

und ich überlegten schon, ob wir Euch nicht entgegenreiten sollten.« 

»Ihr seht, manchmal komme ich auch ohne Eure Hilfe zurecht«, 

erwiderte Roland lächelnd. Er ließ sich aus dem Sattel rutschen. 
Pierre hatte die Zügel Samums genommen, während Louis sich um 
das Pferd Volkers kümmerte. 

»Habt Ihr den Keiler mit Eurem Gesang erlegt, Ritter Volker?« 

fragte Louis, den Schalk in den blitzenden Augen. 

»Schelm!« grollte Volker. »Ich werde eines Tages einen Vers über 

deine Lästerzunge schmieden, der dich zum Gespött am ganzen 
Rhein macht!« 

Louis, den so leicht nichts erschrecken konnte, erbleichte. 
»Verzeiht, Ritter Volker«, stieß er hastig hervor. »Ich sah die 

Pfeile nicht, die den Keiler töteten.« 

»Sperr nächstens deine Augen besser auf, Lümmel!« gab Volker 

grob zurück, doch in seinen Augenwinkeln nistete ebenfalls der 
Schalk. 

»Ich führe Euch zu meinem Vater, Ritter Roland!« rief der Knabe. 
Roland und Volker überließen ihre Pferde Rolands Knappen und 

folgten Lothar von Ludgershall zum Innentor, dessen Zugbrücke 
herabgelassen war. 

Floris Starkmuth gab dem Gesinde Anweisungen, was mit dem 

Keiler zu geschehen hatte, während die beiden Knappen die Pferde 
zur Roßwette führten, um sie saufen zu lassen. 

Roland und Volker gingen über den Innenhof auf den Palast zu, 

dessen Fenster zum Hof mit buntem Glas versehen waren. Ihre 
Rüstungen klirrten, als sie zum Eingangstor hinaufstiegen und die 
große Halle betraten, deren hohe Wände mit allerlei Waffen 
behangen waren. 

Eine Tür wurde von einem Bediensteten geöffnet. 
Der Knabe vor Roland und Volker blieb stehen. Er wartete, bis der 

große, grauhaarige Mann, der aus der Tür getreten war, zu seinem 

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thronartigen Stuhl am Ende der. Halle gegangen war und sich gesetzt 
hatte. 

Roland wollte hinübergehen, als er sah, wie sich die Galerie über 

dem Thronstuhl mit Frauengestalten füllte. Es waren vier an der 
Zahl, und er hätte nicht sagen können, welche von ihnen er 
liebreizender als die andere gefunden hätte. 

Er hörte, wie Volker hinter ihm einen Seufzer ausstieß. Der 

Minnesänger hatte von der Schönheit der  Frauen von Ludgershall 
gehört, aber die Berichte für Übertreibungen gehalten. Jetzt mußte er 
erkennen, daß die hohen Worte, mit denen der Liebreiz derer von 
Ludgershall gepriesen worden waren, nicht ausreichten, um der 
Wirklichkeit gerecht zu werden. 

Er fühlte sich geblendet von dem Anblick der samtenen, wie Milch 

und Honig zarten Gesichter. Große, wie Sterne blinkende Augen 
betrachteten ihn und Roland mit kaum verhohlener Neugier. 

Nicht oft schienen fremde Ritter den Weg nach Ludgershall zu 

finden. Die  Blutfehde der Wolfenecks und Ludgershaller ließ viele 
Ritter diesen Teil des Reiches meiden. 

Wüßten sie von dem Garten Eden, der hier blüht, dachte Volker 

schwärmerisch, sie würden die Suche nach dem Gral aufgeben und 
nach Ludgershall wallfahren! 

Die helle Stimme des Knaben hallte durch den großen Raum. 
»Vater, ich bringe dir zwei Ritter, die ich im Schwarztann traf, als 

Floris Starkmuth einen Kampf auf Leben und Tod mit Walram von 
Wolfeneck focht.« 

Leise, unterdrückte Schreie wehten von der Galerie herunter an 

Rolands Ohren. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Dieser 
Floris Starkmuth mochte sich selbst vielleicht für einen schlechten 
Sänger halten. Die Damen schienen eine bessere Meinung von ihm 
zu haben. 

»Floris ist unverwundet«, fuhr Lothar mit  einem Blick zur Galerie 

fort, »doch das hat er dem Eingreifen Ritter Rolands zu verdanken, 
der Walram in seine Schranken verwies.« 

Leise Seufzer auf der Galerie. 

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Roland hätte gern gewußt, ob einer von ihnen vielleicht ihm 

gegolten hatte. 

»Tretet näher, Ritter«, sagte die dunkle, wohltönende Stimme 

Ludgers von Ludgershall. 

Bedienstete hasteten herbei und stellten zwei Stühle zurecht, auf 

denen Roland und Volker Platz nehmen konnten. 

»Laßt meinen Sohn berichten, was im Schwarztann vorfiel, dann 

läßt mich hören, welche Nachricht Ihr mir von meinem König bringt, 
der Euer Kommen in einem Schreiben ankündigte.« 

Lothar berichtete, was sich ereignet hatte, nachdem der Keiler tot 

vor ihm zu Boden gesunken war. Der Knabe sprach hastig von dem 
Kampf, und ehe Roland  eingreifen konnte, hatte er schon ausge-
plaudert, was Roland zu Walram von Wolfeneck gesagt hatte. 

Der Schrei von der Galerie war diesmal schrill. Roland hob den 

Kopf und sah, wie sich drei der Frauen um die vierte kümmerten, die 
offensichtlich in Ohnmacht gesunken war. 

Er konnte sich vorstellen, daß es Libussa war, diejenige, die dazu 

ausersehen war, Walram von Wolfeneck, diesen düsteren, 
schwarzbärtigen Mann zu heiraten, der sich zwischen 
Wildschweinen wohler zu fühlen schien als zwischen gesitteten 
Menschen. 

Ludger war bleich geworden. Seine blauen Augen musterten die 

beiden Ritter kalt. 

»Hat mein Sohn Eure Worte vielleicht in seinem Eifer falsch 

verstanden, Roland?« 

»So lautet der Befehl des Königs«, erwiderte Roland, obwohl ihm 

dabei nicht wohl in  seiner Haut war. Er begann zu ahnen, daß dieser 
Auftrag doch nicht so einfach werden würde, wie er ausgesehen 
hatte. »Das Blutvergießen soll ein Ende haben. Wer sich nicht an 
seine Anweisungen hält, ist seines Lebens ledig.« 

»Der König mag mit seinem Befehl nur Gutes gewollt haben«, 

brach es aus Ludger hervor. »Doch er wird nur neues Unheil säen. 
Wulf von Wolfeneck ist ein gemeiner, hinterhältiger Hund, dem ich 
nicht einmal traue, wenn er vor dem Kreuz betet! Ihr sagt, er habe 

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eingewilligt, daß sein Sohn  Walram meine Tochter Libussa zum 
Weibe nimmt, und uns zur Hochzeit nach Wolfeneck lädt. Aber wißt 
Ihr auch, was das bedeutet, Ritter Roland? Er wird die Gelegenheit 
nutzen, meine Sippe bis zum letzten Glied abzuschlachten, denn 
Wulf von Wolfeneck fürchtet den König, der sein Lehnsherr ist, 
nicht! Er glaubt, daß seine Burg unbezwingbar ist. Und er wird damit 
rechnen, daß König Artus das Tuch des Vergessens über alles 
ausbreiten wird, wenn es keinen Ludgershaller mehr gibt!« 

Roland wich dem harten Blick Ludgers nicht aus. 
»Ich kann nicht beurteilen, ob Eure Befürchtungen zu Recht 

bestehen, Ludger«, erwiderte er heiser. »Aber damit das nicht 
geschieht, was Ihr mir ausmaltet, werden Volker vom Hohentwiel 
und ich Euch und Eure Familie begleiten. Wulf von Wolfeneck wird 
es nicht wagen, zwei Ritter des Königs zu töten!« 

Ludger lachte auf. 
»Hütet Euch davor, Wulf zu unterschätzen, Roland!« rief er. 

»Wenn Ihr erst in Eurem Blut liegt, kommt jede Einsicht zu spät!« 

»Eure Anklagen stimmen mich bedenklich, Ludger«, sprach 

Volker mit einem raschen Blick zur Galerie hinauf. »Euer Haus und 
Eure liebreizenden Frauen und Töchter geben uns die Gewißheit, daß 
nicht Ihr es seid, der mit Mord dem anderen zu schaden sucht. Aber 
das Wort des Königs ist Gesetz. Seid versichert, Ludger, daß Roland 
und meine Wenigkeit mit unserem Blut und Leben dafür einstehen, 
daß den Euren auf Wolfeneck kein Leid geschieht!« 

Die Ritter erhoben sich. 
»Die blauen Augen Ludgers von Ludgershall waren klar wie das 

still ziehende Wasser des Wallerflusses. »Ihr habt mein Wort, daß 
ich des Königs Befehl gehorche, Ritter. Wenn dereinst mein Name 
neben den Euren genannt werden wird, so soll es mir Lohn genug 
sein für meine Treue zur Krone.« 

Auf der Galerie erklang leises Schluchzen, das Volker in sein 

empfindsames Herz schnitt. 

Auch Roland hätte die junge Frau gern getröstet, aber er wußte, 

daß er warten mußte, bis Ludger ihm die Damen beim abendlichen 

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Fest vorstellen würde. 

Walram von Wolfeneck schleuderte sein Wehrgehänge mit dem 
Schwert zu Boden, als er die düstere Halle von Burg Wolfeneck 
betrat. Aus den kleinen Fenstern hoch oben im letzten Drittel der 
klafterdicken Mauern drang nur wenig Licht herunter, so daß 
blakende und rußende Pechfackeln in Halterungen an den Wänden 
zusätzlich Licht spenden mußten. 

Das Rasseln und Klirren des Schwertes schreckte am Ende der 

Halle Wulf von Wolfeneck hoch, der hinter einer langen Tafel in 
einem hölzernen Sessel gelegen und geschnarcht hatte. 

Der Tisch war mit Resten vom Essen bedeckt. Ein Krug mit Met 

war umgekippt. Die ganze Halle stank nach dem sauer gewordenen 
Getränk. 

»Wer wagt es, mich in meiner Ruhe zu stören?« brüllte der 

schwere Mann mit dem wilden Lockenkopf. Aus verquollenen 
Augen starrte er Walram entgegen, dessen harte Schritte über den 
Steinboden der Halle klopften. 

Wulf von Wolfeneck spuckte auf den Tisch, als er seinen Ältesten 

erkannte. »Wo treibst du dich herum, Haderlump?« schrie er ihn an. 
»Ich hab' dich überall suchen lassen! Ich werde dich ...« 

Walram brüllte zurück. »Spiel dich nicht auf! Ich weiß, um was es 

geht. Ich soll eine von den Weibern von Ludgershall heiraten, damit 
die Ludgershaller Ruhe vor unseren Schwertern haben. Aber, beim 
Sensenmann, ich werde weiterhin jedem Ludgershaller, der mir seine 
Visage in den Weg hält, die Kehle durchschneiden!« 

Wulf starrte seinen Sohn einen Augenblick an, dann begann er, 

dröhnend zu lachen und ließ sich in seinen Sessel zurückfallen. Mit 
einer heftigen Armbewegung wischte er Schüsseln und Speisereste 
vom Tisch. 

»Da hast du recht, mein Sohn«, gurgelte er. »Aber wenn das 

Hochzeitsfest vorüber ist, wird es nicht einen einzigen Ludgershaller 

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mehr geben, dem du die Kehle durchschneiden könntest!« 

Er wollte sich schier ausschütteln vor Lachen. 
Walram schaute verblüfft mit offenem Mund dem Anfall seines 

Alten zu. Hatte er den Verstand verloren? Erst allmählich begriff er. 

»Willst du ...«, er zögerte fast, es auszusprechen, »du willst die 

Ludgershaller trotz des Verbots des Königs auf Wolfeneck 
ausrotten?« 

Das Lachen des Alten brach abrupt ab. Seine Fäuste donnerten auf 

die Tischplatte. Er beugte sich wieder vor. Mit dem Speichel in den 
wirren Barthaaren und dem ungepflegten Lockenkopf sah er in 
diesem Augenblick aus wie ein Troll. 

»König Artus ist weit weg!« zischte er. »Und  seine Ritter? Ich 

habe mir diesen Drachentöter angesehen, Sohn. Ihn und diesen 
weibischen Minnesänger, dessen Finger vielleicht taugen, eine Laute 
oder den Schoß eines Weibes zu streicheln, aber nicht, ein Schwert 
zu führen. Sind das Gegner für dich, mein Sohn?« 

Walram schluckte. 
Er hatte den Anblick Rolands vor seinem geistigen Auge. 
Nein, er hatte nicht mit ihm gekämpft. Aber wie er dagestanden 

hatte, die Hände auf dem Knauf seines blitzenden Schwertes, war 
ihm, Walram, für einen Moment ein Schauer den Rücken 
hinabgelaufen. Wenn sein Alter wüßte, daß er mit diesem Sänger 
Floris Starkmuth gefochten und der Bursche nicht einen Kratzer 
davongetragen hatte, Wulf hätte ihn mit bloßer Faust gegen die 
Mauern der Halle geschleudert. 

»Sind das Gegner für dich, Sohn?« brüllte der Alte, der eine 

Antwort erwartete. 

»Nein, Vater«, erwiderte Walram gepreßt. 
Wulf kniff die Augenbrauen zusammen. Das Wort Vater sagte sein 

Ältester nur noch, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Er rülpste 
und winkte ab. Er wollte sich jetzt nicht streiten. Sein Schädel 
brummte vom zuviel genossenen Met. 

Taumelnd erhob er sich. 
»Hol deinen Bruder, Sohn«, sagte er mit schwerer Zunge. »Ich 

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werde mit meinem Weibe reden, damit alles trefflich für das Ende 
der Ludgershaller vorbereitet werde.« 

Er gab dem Hund unter dem Tisch, der friedlich an einem Knochen 

nagte, einen Tritt, daß er jaulend aufsprang. 

Walram blieb stehen und wartete, bis der Alte aus der Halle 

gewankt war. Er wußte, daß er vorsichtig sein mußte. Sein Vater war 
in diesem Zustand unberechenbar. Mit der Linken tastete er nach 
seiner Wange. Dort fehlten ihm zwei Backenzähne, die der Alte ihm 
in seiner Wut mit einem einzigen Hieb ausgeschlagen hatte. 

Wulf von Wolfenecks Rülpsen hallte durch den düsteren Palast 

von Burg Wolfeneck, unterbrochen vom Fluchen, wenn er gegen 
eine Kante stieß auf seinem Weg in den Kemenatenbau, wo sein 
Weib sich wahrscheinlich wieder ihre langen Haare, auf die sie so 
stolz war, von der Zofe flechten ließ. 

Der Gedanke an die Zofe erregte Wulf weit mehr als der an sein 

Weib, obwohl Weda von Wolfeneck erst dreißig Jahre alt war. Sie 
war seine dritte Frau, und er hatte sie wegen ihrer 
außergewöhnlichen Talente im Bett geehelicht. 

Doch Wulf von Wolfeneck war ein Mann, der die Abwechslung 

liebte. Er würde der  niedlichen Salme in den süßen Po kneifen, wenn 
sein Weib ihn gerade nicht anschaute, was sehr häufig vorkam. Diese 
jungen Dinger wußten genau, mit wie wenig Anstrengung sie sich 
ein gutes Zubrot verdienen konnten. 

Die Zofe Salme hielt sich nicht in der  Kemenate der Herrin von 
Wolfeneck auf. Sie ließ sich gerade von dem jungen Ritter Werinher 
verwöhnen, dem jüngeren Bruder Walrams. Werinher war ein 
Draufgänger, ein blendender Fechter. Mit dem Schwert und mit 
seiner natürlichen Waffe, die einer Zofe wie  Salme ungeheure 
Freude bereiten konnte. 

Weda von Wolfeneck vermißte ihre Zofe keineswegs. 
Sie lag sich in den Haaren mit ihrem Schwager Wirnt von 

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Wolfeneck. Und das im wörtlichen zweifachen Sinne. 

Sie hatte nämlich ihre Finger in Wirnts braunen Haarschopf 

verkrallt und sein Gesicht fest gegen ihren schwellenden Busen 
gepreßt. Gleichzeitig bog sich ihr schlanker Leib mit dem herrlichen 
schwarzen Dreieck seiner Männlichkeit entgegen, die Einlaß 
verlangte in ihren Schoß, der vor Lust erbebte. 

Wirnt versuchte, sich von ihren krallenden Fingern in seinem Haar 

zu befreien. Das hieß nicht, daß er ihren Busen verschmähte, denn 
am liebsten hätte er in die weiche, samtene Haut gebissen. Doch in 
dieser gekrümmten Haltung schaffte er es nicht, sein Ziel zu 
erreichen. 

»So komm doch!« stöhnte sie auf. 
Sie verstand seine Antwort nicht, denn ihre schwellenden Brüste 

erstickten seine Worte. Sie mißverstand seine heftigen Bewegungen 
und drückte seinen Kopf noch fester an ihren Busen, so daß er kaum 
noch Luft kriegte. 

Er biß zu. Mit einem leisen Schrei riß sie seinen Kopf hoch. 
Er nutzte die einmalige Gelegenheit, warf sich nach vorn und 

stürmte die bereits geschleifte Festung. 

Wedas Schrei ging in einen langen Seufzer über. Sie spürte, wie ihr 

vor Lust die Sinne vergingen. 

Wirnt verstärkte seine Bemühungen. Er wußte, wie man den 

Damen Vergnügen bereiten konnte. Sein Atem ging heftig. 

Weda vernahm das leise Rülpsen im Unterbewußtsein. Im ersten 

Augenblick dachte sie, daß Wirnt ein Ferkel sei, in seiner 
Leidenschaft derart profane Laute von sich zu geben. Doch dann 
begriff sie, daß sie Wirnt noch nie in dieser abscheulichen Weise 
hatte rülpsen hören. 

Einen anderen dafür aber um so öfter! 
Wirnt wußte im ersten Augenblick nicht, wie ihm geschah. 
Ihre kleinen Fäuste verursachten ihm einen stechenden Schmerz, 

als sie in seine Seiten stießen. 

Nanu, dachte er, seit wann gefällt ihr meine Art nicht mehr? 
»Geh weg!« zischte sie. »Hörst du nichts? Wulf torkelt die Treppe 

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herauf!« 

Wirnt sprang auf, als hätte ihn eine Kreuzotter gebissen. 
Wenn ein Name ihn in Angst und Schrecken versetzen konnte, so 

war es der seines Bruders Wulf. 

Hastig glitt er von dem breiten Lager und grabschte nach seinen 

Kleidern. Er hörte das leise Klirren von Stahl. 

Weda legte ihren Keuschheitsgürtel um. 
Sie trug das Ding, seit Wulf sie einmal in enger Umarmung mit 

einem Gast auf Wolfeneck erwischt hatte. Doch inzwischen besaß 
Weda längst einen zweiten Schlüssel, den ihr der einfältige Schmied 
von Weimersbach gemacht hatte. 

Wirnt nahm sich nicht die Zeit, in seine Kleider zu schlüpfen. Er 

klemmte sich alles unter den Arm und rannte auf bloßen Sohlen zum 
Turmfenster hinüber, unter dem zu seinem und Wedas Glück ein 
Vorsprung verlief. 

Wirnt kletterte rückwärts hinaus. Er sah, wie Weda hastig ihren 

Unterrock überstreifte, das Lager glattstrich und sich an den kleinen 
Kommodentisch setzte und die Haare zu bürsten begann. 

Wirnt zog den Kopf ein, als die Tür zur Kemenate aufgestoßen 

wurde und Wulfs trunkene Stimme sagte: »He, warum bürstest du dir 
deine Haare selber, Frau? Wo ist deine Zofe Salme?« 

»Vielleicht läßt sie sich gerade von deinem jüngsten Sohn die 

Haare bürsten«, gab Weda bissig zurück. 

Wirnt wartete die Antwort seines Bruders nicht ab. Er wollte nicht 

hören, was Wulf und Weda sich zu sagen hatten. Wichtig war ihm 
nur, daß sein Bruder ihn nicht erwischte. Er kannte Wulfs Jähzorn. 
Wenn er ihn mit Weda erwischte, würde er nicht zögern, ihn auf der 
Stelle zu erwürgen! 

Er war froh, als er das kleine Fenster erreichte, das in die kleine 

Nebenkammer führte, in dem die Zofe Salme schlief. 

Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht auf sie in ihrem Bett 

warten sollte, um sich von ihr zu holen, was er bei Weda versäumt 
hatte. Doch es schien ihm zu gefährlich. Er kannte seinen Bruder 
schließlich genau. Ihm war nicht der lüsterne Blick entgangen, den 

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Wulf der kleinen Zofe seit ein paar Tagen zuwarf. 

Und Wulf hier in Salmes Kammer zu treffen, war das letzte, was er 

sich im Moment wünschte. 

Sein hartes Herzklopfen beruhigte sich erst, als er die Treppe zu 

Wedas Kemenate lautlos hinter sich gebracht hatte und die Tür zu 
seinem Schlafgemach hinter sich verriegelte ... 

Indes war Wulf von Wolfeneck zu seinem Weibe hinübergetorkelt. 

In seinen schwarzen Augen schwelte Mißtrauen. Der Herr von 
Wolfeneck hatte einen ausgezeichneten Geruchssinn. Ihm war die 
Schwüle, die in der Kemenate herrschte, nicht entgangen. 

Er sah, daß Weda verschwitzt war. Als sie die Haare hob, um einen 

Bürsten strich zu tun, sah er die kleinen Schweißperlen in ihrem 
Nacken. 

Es war nicht sehr warm in der Kemenate. Und daß sein Weib 

Weda noch nie einen Besenstiel angefaßt hatte, wußte er nur allzu 
gut. Wobei sonst als bei ihrer Lieblingsbeschäftigung konnte sie ins 
Schwitzen geraten sein? 

Er rülpste ihr ins rechte Ohr, bevor er sich bückte und ihren 

Unterrock hochriß, um nach dem Keuschheitsgürtel zu schauen. 

Weda schrie leise auf. Wulf hatte mit seiner heftigen Bewegung 

ihren Stuhl ins Wanken gebracht. Sie hielt sich an ihrem Gemahl 
fest, als sie umkippte, und zusammen gingen sie zu Boden. 

Wulf wühlte sich unter ihren weiten Unterrock, die spitzen Schreie 

Wedas nicht beachtend. Seine Hand spürte die Feuchtigkeit unter 
dem Eisen des Keuschheitsringes. Vor Wut begann er zu brüllen. 

Er begann, sich aus dem Wust ihres Unterrockes hervorzuwühlen, 

doch das war nicht einfach, da Weda in ihrer Furcht, Wulf könne 
sich in seinem Zorn vergessen, alle Anstrengungen unternahm, ihn 
auf andere Gedanken zu bringen. 

Ihre Finger fanden seine kitzlige Stelle, und sein Schnaufen ging in 

ein Kichern über. 

»Laß das, Weib!« brüllte er lachend. »Du wirst mich nicht  - ha  - 

hoho -hihihi...« 

Sie kannte ihren Grobian nur allzu gut. 

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Er hatte einige Dinge für sein Leben gern, und Weda dachte an die 

Zeit zurück, wo sie selbst verrückt nach diesem tapsigen Bär 
gewesen war. 

Wulf keuchte. 
Dieses Teufelsweib! dachte er. Keine verstand es so gut wie sie, 

seine Lust zu erwecken  - wenn sie wollte. In letzter Zeit hatte sie 
nicht mehr sehr oft gewollt. 

Sie biß ihm ins Ohr und flüsterte heiser: »Du wunderst dich über 

meine Erregung, Mann? So selten habe ich in letzter Zeit etwas von 
dir, daß ich mich selbst beglücken muß ...« 

Seine Pranke zitterte, als er den Schlüssel ins Schloß des eisernen 

Ringes schob. 

Er war wild wie lange nicht mehr. Doch in seinem Hirn blieb der 

Gedanke daran, daß sie ihn betrog. Er glaubte ihrem Geständnis 
nicht. Weda war ein Weib, das einen Mann brauchte, um Lust zu 
empfinden. Und wer der Mann war, der ihr die Lust verschafft hatte, 
das wußte Wulf genau. 

Warte, Bruderherz, dachte er, während er sich keuchend auf Weda 

walzte, daß ich dir die Flügel und sonst noch etwas stutze! 

Volker vom Hohentwiel und Floris Starkmuth schienen ihren 
Charme und ihre Ausstrahlung auf die holde Weiblichkeit verloren 
zu haben. 

Auf Ludgershall herrschte Trauerstimmung. 
Libussa weinte ununterbrochen. 
Sie hatte ihrem Vater gedroht, sich von den Zinnen der Burg zu 

stürzen, wenn er dem Befehl des Königs gehorchte und ihr Glück 
einem zweifelhaften Frieden mit den Wolfeneckern opferte. 

Volker vom Hohentwiel und Roland waren am Abend nach ihrer 

Ankunft enttäuscht worden. 

Nicht eine der Damen war bei Tische erschienen. Nicht einmal 

Ludgers Weib Liebtraut hatte sich von den Tönen aus Volkers Laute 

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herbeilocken lassen. 

So waren sie unter sich gewesen. Ludger von Ludgershall, sein 

Sohn Lothar, 

Floris Starkmuth und der Abt des nahen 

Zisterzienserklosters Wallerfurt, der es verstand, Unmengen von 
Wein in sich hineinzuschütten, ohne auch nur die geringste Wirkung 
zu zeigen. 

Der Abt Johannes von Kirchheim hatte noch am frühen Abend 

versucht, Libussa von der Notwendigkeit der Heirat mit Walram von 
Wolfeneck zu überzeugen. Doch auch er hatte es nicht geschafft, 
nicht einmal mit der Androhung des ewigen Fegefeuers, Libussas 
Starrsinn zu brechen. 

Bis zum nächsten vollen Mond waren es noch zehn Tage. 
Zwei Tage würden sie benötigen, nach Wolfeneck zu gelangen. 
Roland hatte gedacht, daß es Zeit genug war, einem jungen 

Mädchen Einsicht in die Notwendigkeiten des Lebens einzugeben. 
Bei Libussa schien jedoch alles vergebens. 

Volker vertrieb sich die Zeit mit Floris Starkmuth, der ihm seine 

Verse vortrug. Pierre und Louis schienen sich im Gesindehaus der 
Vorburg ziemlich wohlzufühlen. Jedenfalls gab es schon nach zwei 
Tagen einen mächtigen Streit mit den männlichen Dienstleuten, der 
jedoch dank Louis' starken Fäusten zu deren ungunsten ausging. 

Ludger von Ludgershall wurde still in diesen Tagen. 
Der Burgherr hatte sich in seiner Kammer eingeschlossen. Nicht 

einmal der Abt wurde zu ihm vorgelassen. 

In Roland breitete sich Unruhe aus. 
Er wußte, was es für die  Ludgershaller bedeutete, wenn sie nicht 

zur vereinbarten Zeit auf Wolfeneck erschienen. Sie hatten dann ihr 
Leben und ihr Lehen verwirkt. 

Es war am sechsten Tag ihrer Ankunft auf Ludgershall. 
Kein lauter Ton war mehr auf der Burg zu vernehmen. Die 

Menschen schlichen einher, als stünde der Weltuntergang bevor. 

Roland hatte sich in den Burggarten begeben. Er saß auf der 

weichen Erde, mit dem Rücken gegen den Stamm einer Kastanie 
gelehnt. Sein Blick galt dem Mond, dessen volle Hälfte auf ihn 

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herabschien. 

Er wußte, daß am nächsten Tag etwas Entscheidendes geschehen 

mußte, wenn der Untergang der Ludgershaller Sippe abgewendet 
werden sollte. 

Er dachte an Ludgers Worte. Der Burgherr bezweifelte die 

redlichen Absichten der Wolfenecker. Roland mochte es zwar nicht 
glauben, daß Wulf von Wolfeneck so verwegen war, dem Befehl des 
Königs zu trotzen, doch Ludger kannte die düstere Sippe besser. 

Es muß einen Weg geben! überlegte Roland verzweifelt. 
Ein leises Rascheln war in der Luft. 
Im ersten Augenblick dachte Roland, ein Windstoß wäre durch die 

Krone der Kastanie gefahren. Doch dann sah er das Weiß eines 
Stoffes durch den nahen Rosenbusch schimmern. 

Er bewegte sich nicht, um die lauschende Gestalt nicht zu 

verschrecken. 

Ein Seufzer glitt über seine Lippen, und er fand, daß er ihm gut 

gelungen sei. 

Wieder raschelte es. Diesmal wußte Roland, daß es der Stoff eines 

Kleides war. Die weiße Gestalt hatte sich ihm genähert. Deutlich 
waren die Konturen eines schlanken Leibes im blassen Mondlicht zu 
erkennen. 

Roland bewegte sich nicht. 
Er hatte den Hinterkopf gegen den Stamm der Kastanie gelegt und 

tat, als sei er in den Anblick des Mondes versunken. Er wagte es 
nicht, noch einen Seufzer zum samtenen Nachthimmel 
hinaufzuschicken. 

Die Gestalt glitt hinter dem Rosenbusch hervor. 
Aus den Augenwinkeln sah Roland, wie das engelsgleiche Wesen 

zu der Kastanie herüberhuschte, an dessen Stamm er saß. 

In diesem Augenblick wünschte er, Volker zu sein. Mit dem 

lockenden Klang der Laute und einer sanften Stimme, die 
einschmeichelnde Weisen sang, war der Weg zum Herzen einer Frau 
nicht weit. 

»Dreht Euch nicht um, Ritter Roland!« hauchte eine allerliebste 

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Stimme. Das leise Zittern in ihr, das ihn an den Flügelschlag eines 
Schmetterlings erinnerte, verursachte ein heftiges Herzklopfen in 
Rolands Brust. 

»Seid Ihr ein Engel, der vom Himmel schwebte?« fragte er leise 

zurück; als würde ein allzu lauter Ton das Himmelswesen 
verscheuchen. 

»Ich bin die Frau, die durch Euer Kommen in tiefstes Unglück 

gestürzt wurde, Ritter Roland. Bitte  - dreht Euch nicht um. Mein 
Antlitz ist gezeichnet von den unzähligen Tränen, die ich vergoß, seit 
ich von der Schmach erfuhr, die der König mir antun will.« 

Roland, der sich hatte erheben wollen, lehnte sich wieder an den 

Stamm. Er schloß die Augen und lauschte der zarten, unglücklichen 
Stimme, deren Klang sein Herz zu durchbohren schien. 

»Sagt nichts, Ritter Roland«, fuhr sie fort. »Ich kenne alle Worte, 

die Ihr mir sagen könntet. Mein Vater und der Abt haben meinen 
armen Kopf voll davon gestopft. Ich weiß, daß der König die 
Ludgershaller mit dem Tode bestrafen wird, wenn ich das Opfer 
nicht bringe. Lange habe ich wachgelegen, wie auch in den Nächten 
zuvor. Ich war so bereit für das Leben, für die Liebe zu einem Ritter, 
der mein Herz erobert. Deshalb fällt es mir so schwer, auf dieses 
Leben zu verzichten. Doch ich weiß, daß mir keine andere Wahl 
bleibt. Weigere ich mich, werde ich mit meiner Familie sterben. 
Stimme ich jedoch zu, so sterbe ich nur allein.« 

Roland stützte sich am Stamm ab und erhob sich langsam. 
Er wartete auf Libussas Stimme. Daß sie ihm befahl, sich nicht 

umzudrehen. Doch sie schwieg. Und so wandte er sich langsam um, 
und der Blick seiner blauen Augen erfaßte die holde Gestalt der 
jungen Frau. 

Roland meinte, der Herzschlag müsse ihm aussetzen. Der Atem 

stockte ihm vor der Schönheit Libussas. Sie war wirklich ein Engel. 

Blondes Haar, in das Perlen geflochten waren, fiel ihr wie 

Silberfäden in leichten Wellen auf die Schultern. Ihre Haut war wie 
Milch und Honig. Große Augen blickten ihn mit einem Ausdruck der 
unendlichen Trauer an. Ihre fein geschwungenen Lippen erschienen 

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ihm wie der ewige Quell der Jugend und Schönheit. 

Sie schwiegen. 
Ihre Blicke versanken ineinander. 
Die Zeit schien für sie beide stillzustehen. 
Tränen, die im bleichen Mondlicht wie die Perlen in ihrem Haar 

schimmerten, liefen über ihre Wangen. Sie senkte die Lider und den 
Kopf. 

Ihre Stimme war nur ein Hauch, und die Worte, die sie sprach, 

verletzten Roland mehr, als es ein Schwerthieb vermocht hätte. 

»Ihr tötet mich jetzt zum zweitenmal, Ritter Roland«, flüsterte sie. 

»Ich habe Euch angesehen und weiß, daß Ihr der Ritter seid, dem ich 
meine Liebe und mein Leben voller Freude gegeben hätte. Doch Ihr 
seid der Mörder meines Herzens und meiner Liebe und meines 
Lebens.« 

Sie wich zurück, als er die Hände hob und einen Schritt auf sie 

zutrat. 

»Libussa ...« 
»Fügt mir nicht noch mehr Schmerzen zu, als es Euer Anblick 

schon getan hat«, sagte sie schluchzend. »Ich werde dem Befehl des 
Königs gehorchen, Ritter Roland. Ich werde daran sterben. Sagt 
König Artus, daß er mit seinem Befehl nicht nur ein unschuldiges 
Mädchen, sondern die Liebe selbst getötet hat!« 

Sie drehte sich um und lief davon. 
Roland stand bewegungslos da und starrte ihr nach. Es schien ihm, 

als würden ihre Füße den Boden nicht berühren. Hatte ihn eine 
übernatürliche Erscheinung genarrt? 

Er stand noch lange so da, als Libussa schon längst im 

Kemenatenbau verschwunden war. 

Erst Volkers Stimme brachte ihn wieder zur Besinnung. 
»Du siehst aus, als wäre dir der Himmel auf den Kopf gestürzt, 

Roland.« 

Roland sah den Freund neben dem Küchenbau an der Brustwehr. 

Er wußte nicht, wie lange Volker dort schon stand. 

»Nicht der Himmel auf den Kopf, doch ein Engel ins Herz«, sagte 

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er leise wie zu sich selbst. 

»Hast du etwas gesagt?« Volker trat näher. 
Roland schüttelte den Kopf. 
»Du siehst müde aus, Roland«, sagte Volker, »Morgen werden wir 

Ludger zwingen müssen, eine Entscheidung zu treffen.« 

»Das tut nicht not, Volker«, erwiderte Roland gepreßt und legte 

ihm die Hand auf die Schulter.  »Bereite morgen alles für den Abritt 
nach Wolfeneck vor.« 

Volker blickte Roland sinnend nach, als dieser mit schleppenden 

Schritten davonging. 

Hatte Roland etwas von einem Engel gesagt, oder hatte er sich da 

verhört? Ich werde ihn morgen danach fragen, wenn er sich endlich 
mal wieder ausgeschlafen hat, sagte er sich. 

Libussa von Ludgershall konnte die Tränenflut nicht mehr 
zurückhalten, als sie die Stufen zu ihrer Kemenate hinaufeilte. 

Ihr Innerstes war aufgewühlt. Ein nie gekanntes Gefühl hatte ihre 

Brust zu zersprengen gedroht, als ihr Blick in den Ritter Rolands 
getaucht war. Sie hatte ihn hassen wollen  - ihn, der ihr den Tod 
gebracht hatte. Doch sie wußte, daß sie Roland niemals hassen 
konnte. 

Ein tiefes Schluchzen ließ sie erzittern. Sie erschrak vor einem 

Schatten, den die blakende Fackel in der Wandhalterung gegen die 
Mauer des Kemenatenganges warf. 

Ein leiser Schrei drang über ihre blutleeren Lippen, als sie eine 

Hand auf ihrer Schulter spürte. Sie wandte ihren Kopf, und ihr 
Entsetzen wich. 

»Leona!« hauchte sie. »Hast du mich erschreckt!« 
Das Gesicht ihrer Schwägerin war ernst. Libussa kannte es nicht 

anders, seit sie Lienhart, ihren Bruder und Leonas Gemahl, mit dem 
Pfeil eines Meuchelmörders im Rücken im Schwarztann aufgefunden 
hatten. 

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»Ich habe dich beobachtet, wie du mit Ritter Roland im Burggarten 

sprachst, Libussa«, sagte Leona sanft. »Ist dir aufgefallen, wie sehr 
er Lienhart ähnlich ist?« 

Libussa preßte die Lippen aufeinander und nickte. 
Ahnte Leona etwas von ihren Gefühlen, die wie ein Sturm über sie 

gekommen waren? 

Zum erstenmal seit Lienharts Tod sah sie ein Lächeln auf Leonas 

schönem Gesicht. Doch es verschwand schnell wieder. 

»Ich kann deine Gefühle verstehen, Libussa«, sagte sie leise. 

»Vielleicht kannst du jetzt ermessen, was dein Bruder Lienhart mir 
bedeutet hat.« 

Libussa nickte heftig. Sie spürte, daß Leona etwas auf dem Herzen 

hatte. 

»Ich muß mit dir reden, Libussa«, flüsterte Leona. »Komm in 

meine Kemenate.« 

Libussa folgte ihr, ohne zu zögern. 
Ein Leuchter mit vier Kerzen erhellte den kargen Raum, in dem 

Leona seit Lienharts Tod lebte. Ihre gemeinsamen Räume hatte sie 
nie wieder betreten. 

Leona drückte Libussa auf ihr Lager nieder und setzte sich neben 

sie. 

»Lieblingsschwester meines Gemahls«, sagte sie sanft. »Es tut mir 

weh, dich so sehr leiden zu sehen. Lange habe ich überlegt, wie ich 
dir helfen kann, der Schmach zu entgehen, die der König dir 
auferlegt hat. Mein Leben hat seinen Sinn verloren, seit ich Lienhart, 
meinen Gemahl, durch die Hand eines Meuchelmörders verlor. Doch 
dein Leben, liebe Libussa, sollte erst seinen Anfang nehmen. Noch 
hast du die süßen Früchte der Liebe nicht einmal genossen und sollst 
Weib eines Mannes werden, der einem Wildschwein ähnlicher ist 
denn einem menschlichen Wesen.« 

Libussa lehnte ihren Kopf an die Schulter der Schwägerin und 

begann wieder leise zu weinen. 

»Niemand kann mir helfen, Leona«, flüsterte sie, »auch du nicht. 

Wir werden alle sterben, und unser Name wird auf ewig verflucht 

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sein, wenn ich mich dem Befehl des Königs widersetze.« 

»Ich werde dir helfen, Libussa!« erwiderte Leona fest. 
Libussa blickte auf. Sie sah die Entschlossenheit auf Leonas Zügen 

und schüttelte langsam den Kopf. 

»Nein, Leona«, hauchte sie. »Ich kann es nicht zulassen, daß du 

dich für mich opferst. Ewig würde dein Blut an meinen Händen sein. 
Nein, ich werde dein Opfer nicht annehmen.« 

Leona glitt vom Lager und kniete sich vor Libussa hin. Ihre Hände 

umspannten Libussas Arme, daß es schmerzte. 

»Liebste Libussa, ich will dir kein Opfer bringen! Du sollst mir die 

Gelegenheit geben, meine unendliche Trauer zu beenden!« 

Ein harter Schimmer war auf einmal in Leonas dunklen Augen. 

Libussa erschrak vor dem Ausdruck in Leonas Gesicht, das seine 
Schönheit verloren zu haben schien. 

»Mein Herz schreit nach Rache, Libussa!« stieß Leona hervor. 

»Ich kenne den Mörder Lienharts, meines Gemahls! Ich sah ihn oft 
im Traum wie er den Pfeil abschoß, der Lienhart, und zugleich mich 
tötete! Es ist Walram von Wolfeneck, der Teufel, der dich zur Frau 
nehmen soll!« 

»Nein!« hauchte Libussa. Ihr drohten die Sinne zu schwinden. 
»Ich weiß es so sicher, wie ich nicht ohne Lienhart leben kann!« 

sagte Leona heftig. »Laß mich an deine Stelle treten, Libussa, damit 
ich meine Rache vollenden und den Mörder meines Gemahls 
bestrafen kann!« 

Libussa brachte kein Wort hervor. Aus weit aufgerissenen Augen 

starrte sie ihre Schwägerin an. 

»Du willst...« Sie brachte die Worte nicht über ihre zitternden 

Lippen. 

Leona nickte. 
»Ich will deinen Platz einnehmen, Libussa, und Walram von 

Wolfeneck die Hand zur Vermählung reichen. Ich will mit ihm das 
Hochzeitslager teilen, und dann werde ich ihn töten!« 

Libussa erschrak vor dem Haß und der Härte in Leonas Stimme. 

Sie spürte erst jetzt, wie sehr Leonas Seele durch den Tod Lienharts 

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verwundet worden war. 

»Aber Walram wird dich nicht heiraten wollen«, flüsterte sie. 
»Nein«, erwiderte Leona kalt auflachend. »Er soll denken, daß er 

die jungfräuliche Libussa ins Hochzeitsgemach führt! Eine 
verschleierte Libussa, die ihm ihre Schönheit erst auf dem 
Hochzeitslager offenbart. Und wenn er erkennt, daß der Teufel ihm 
einen Streich gespielt hat, wird ihm die Klinge meines Messers ins 
Herz fahren!« 

Leonas Lachen erschreckte Libussa. 
»Sprich den Namen des Gehörnten nicht aus, Leona!« flüsterte sie 

entsetzt. »Bete zur Mutter Gottes, daß sie dich von deinem unseligen 
Haß befreit und einer Seele wieder Ruhe schenkt, damit der Herr sie 
dereinst in Gnaden aufnehmen kann!« 

»Libussa!« rief Leona. »Laß mich der Rächer meines Gemahls sein 

und dein junges Leben schützen!« 

»Nein, Leona«, flüsterte Libussa. »Nichts kann mich retten. Wenn 

Walram von Wolfeneck durch die Klinge einer von Ludgershall 
stirbt, so verwirkt sie gleichzeitig das Leben ihrer Sippe. Ich kann 
und darf dir nicht zuwillen sein, Leona. Den bitteren Kelch hat der 
Herr mir zugedacht!« 

Sie wand sich aus Leonas Griff und stürzte aus der Kemenate. Wie 

von Furien gehetzt, hastete sie den Gang entlang, schlug den Riegel 
ihrer Kemenate hinter sich zu und warf sich aufweinend auf ihr 
Lager. 

Leona aber hockte wie zu Stein erstarrt immer noch vor ihrer 

Lagerstatt und spürte, wie der Haß und der Wunsch nach Rache sie 
zu zerfressen drohte. 

»Verzeiht, Volker«, sagte Liebtraut von Ludgershall, »Eure Verse 
und Euer Gesang würde uns zu anderer Zeit sicher sehr erfreuen. 
Doch jetzt steht uns nicht der Sinn danach.« 

Volker vom Hohentwiel ließ den letzten Akkord seiner Laute 

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verklingen und verneigte sich vor der schönen Frau, die die Vierzig 
bereits überschritten hatte und dennoch den Liebreiz eines jungen 
Mädchens ausstrahlte. 

Seit dem Morgen waren sie unterwegs. Wieder hatte Volker 

dumpfe Beklemmungen gespürt, als sie den Weg durch den 
Schwarztann eingeschlagen hatten. Das düstere Dämmerlicht des 
Waldes hatte den Wunsch in ihm geweckt, die Beklemmung mit den 
Tönen seiner Laute und mit seinem Gesang zu verscheuchen. 

Er hängte seine Laute hinter sich an den Sattel seines Pferdes und 

ließ seinen Blick über die Reisegesellschaft gleiten. 

Die Mienen der Damen waren düster. 
Zu gern hätte Volker sie mit seinen Liedern aufgemuntert, aber zu 

ernst und traurig war der Anlaß, der sie zu dieser Reise gezwungen 
hatte. 

Volker vom Hohentwiel war am Morgen, als er die Damen von 

Ludgershall zum erstenmal aus allernächster Nähe hatte betrachten 
können, in einen Taumel der Begeisterung gefallen. Soviel Liebreiz, 
soviel edle Schönheit und Anmut hatte er noch nie bei vier Frauen 
zugleich gesehen. 

Keine konnte die andere übertreffen. Jede von ihnen hatte eine 

Eigenart, die sie von der anderen unterschied, aber Volker mochte 
sich nicht entscheiden, wem er sein erstes Lied widmen sollte. 

Liebtraut, die Gemahlin Ludgers, war eine Gestalt von adligem 

Stolz und fast überirdischer Schönheit. 

Leona, die Witwe Lienharts, Ludgers  älterem Sohn, beeindruckte 

ihn durch ihr trauriges Wesen, das ihn mitleiden und ihren Kummer 
fast körperlich spüren ließ. Sie war vielleicht die schönste aller 
Frauen. Ihr ovales Gesicht mit der geraden Nase und den vollen 
Lippen schien vor allem Floris Starkmuth immer wieder 
sehnsüchtige Seufzer zu entlocken. 

Libussa, die ältere von Ludgers Töchtern, hatte ihr blondes Haar 

und ihr hübsches Gesicht, das von Tränenspuren gezeichnet war, 
unter einem dunklen Tuch verborgen. Volker hatte nur kurz einen 
Blick ihrer großen blauen Augen erhascht, mit dem sie Roland 

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nachgeschaut hatte, als dieser mit seinen Knappen und Lothar von 
Ludgershall vorausgeritten war, um den Weg zu erkunden und 
Wegelagerern rechtzeitig kundzutun, daß bei dieser Karawane nichts 
als blutige Nasen zu holen waren. 

Volker dachte an den wischenden Schatten, den er zu sehen 

geglaubt hatte, als er Roland vor zwei Tagen im nächtlichen 
Burggarten aufgespürt hatte. 

War es vielleicht Libussa gewesen? 
Volker hatte nicht gewagt, Roland danach zu fragen, denn von 

diesem Abend an war der Freund wie verwandelt gewesen. Er schien 
seine Fröhlichkeit verloren zu haben. 

Volker betrachtete voller Freude Luitberga, Libussas um ein Jahr 

jüngere Schwester. Das jungfräuliche Mädchen, dessen Wangen sich 
bei Volkers Anblick jedesmal heftig röteten, schien Mühe zu haben, 
den Ernst des Augenblicks auf ihren hübschen Zügen sichtbar 
werden zu lassen. Oft gruben sich ihre kleinen, perlweißen Zähne in 
die blutrote Unterlippe, wenn sie sich eines kecken Blicks auf den 
Reiter neben sich bewußt wurde. 

Grübchen zierten ihre Wangen. Der Blick ihrer dunkelblauen 

Augen spiegelte ihren jugendlichen Übermut wider. 

Volker fühlte sich zu dem Wesen hingezogen. Und erst, als er 

daran dachte, wie sehr es ihn treffen würde, wäre Luitberga als Braut 
für den Bären Walram auserwählt, erfaßte auch ihn ein tiefer 
Kummer, der ihn in Schweigen versinken ließ. 

Ludger von Ludgershall ritt vor den Frauen. Johannes von 

Kirchheim, der Zisterzienser-Abt, hielt sich auf seinem Tier, das eine 
Mischung aus einem Esel und einem Drachen zu sein schien, neben 
ihm und betete einen Rosenkranz nach dem anderen. Wahrscheinlich 
flehte er den Herrn an, ihm einen Krug kühlen Weins 
herbeizuzaubern. 

Floris Starkmuth, der neben der Zofe Rigunthe ritt, ließ Leona 

nicht einen Moment aus den Augen. Wie ein Schlafwandler saß er im 
Sattel seines Pferdes und entging oftmals nur knapp 
herunterhängenden Ästen. 

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Reinhardt und Berchthold, Ludgers Knappen, hielten sich am Ende 

des Trosses. Ihre Gesichter waren verschlossen. Volker konnte sich 
manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß die Treue zu ihrem 
Herrn nicht stark genug war, ihn in den Tod nach Wolfeneck zu 
begleiten. 

Sie tuschelten dann und wann miteinander, und die Blicke, die 

daraufhin Ludger und auch Volker trafen, waren alles andere als 
freundlich. 

Volker entschloß sich, noch mehr Augenmerk auf sie zu legen, 

wenn sie sich am morgigen Tag Burg Wolfeneck näherten. 

Ludger von Ludgershall hatte seinen Rappen gezügelt. 
Sein Sohn Lothar war ihm entgegen geritten und berichtete seinem 

Vater, daß Roland einen geeigneten Lagerplatz für die Nacht 
ausfindig gemacht hätte. 

Volker lenkte sein Pferd an die Spitze des Trosses. Er sah, daß 

Lothar sehr aufgeregt war. 

Mit sich überschlagenden Worten schilderte er eine alte 

Köhlerhütte, in der sich ein Wurzelweib niedergelassen hatte, die 
nach seiner Ansicht mit dem Teufel im Bunde stand. 

Sein Vater gebot ihm Schweigen, damit die Frauen nicht noch 

mehr als .ohnehin schon geängstigt würden. 

»Führe uns, Lothar«, sagte er ernst. »Deine Mutter und deine 

Schwestern sind müde vom langen Ritt.« 

Lothar wendete sein Pferd und preschte voraus. Er schien es nicht 

erwarten zu können, seinem Vater das Wurzelweib zu zeigen. 

Volker konnte ein schmales Lächeln nicht verbergen. 
Er kannte Roland und wußte, daß der Freund mit einer 

Unbefangenheit sondergleichen mit Wesen umging, die im Gerüche 
standen, Magie zu treiben. 

Eines Tages wird ihn eine Hexe in einen Frosch verwandeln, ehe er 

Quark sagen kann, dachte Volker. 

Nach einer halben Stunde sahen sie Licht durch die dichtstehenden 

Tannen schimmern. Eine breite Lichtung tat sich vor ihnen auf. Aus 
dem Dach eines mit Borke gedeckten Köhlerhauses stieg Rauch. 

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Volker sah Pierre und Louis abseits auf Baumstümpfen sitzen und 

mit skeptischen Gesichtern zu der Hütte hinüberstarren. 

Der schwarze Schimmel Rolands tänzelte erregt und warf immer 

wieder den Kopf hoch. Ihm schien es auch nicht zu gefallen, daß sein 
Herr sich in der Köhlerhütte aufhielt. 

Der Hufschlag und das Klirren der Rüstungen hatte Roland 

hervorgelockt. 

Volker sah, wie eine gebeugte alte Frau neben ihn trat. Ein 

verrunzeltes, mit Warzen bedecktes Gesicht starrte die Ankömmlinge 
an. 

Ein Schauer lief Volker über den Rücken. 
Lothar hatte recht. Wenn das keine Hexe war, dann hatte Volker 

noch nie in seinem Leben eine gesehen! 

Roland floh der Schlaf. 

Er blickte von der Köhlerhütte zu dem Zelt hinüber, in dem die 

Damen und die Zofe Rigunthe untergebracht waren. Die Männer 
hatten ein leichtes Feldlager aufgeschlagen und schliefen im Freien, 
da es nicht regnete. Das Schnarchen des Zisterzienser-Abtes erfüllte 
die Lichtung und hatte die Stimmen der Nachttiere zum Schweigen 
gebracht. 

Der Anblick der unglücklichen Libussa schnitt ihm ins Herz. 
Er hatte ihre Nähe gesucht, als der Troß bei der Köhlerhütte eintraf 

und die Knappen damit beschäftigt waren, das Zelt zu errichten, doch 
sie war ihm ausgewichen. 

Die anderen Frauen hatten sich um sie bemüht. Auch ihre 

Stimmung war sehr niedergedrückt. Nur  die junge Luitberga konnte 
ihr Interesse an Volker nicht verbergen. 

Volker hatte ihm zugeflüstert, daß er den Knappen Ludgers nicht 

traue. Doch sie schliefen in der Nähe des Zeltes. Wahrscheinlich 
täuschte sich Volker. Daß die Burschen Angst hatten, auf Wolfeneck 
ihr Leben zu lassen, durfte man ihnen nicht übelnehmen. 

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Roland hörte ein leises Geräusch neben sich. 
Er drehte den Kopf und erkannte die Alte, die allen anderen 

unheimlich erschien. Volker hatte behauptet, daß die alte Beringa 
eine Hexe sei. 

Roland hatte in seiner Jugend viele von diesen Waldfrauen 

kennengelernt, die mit ihren Kräutern Wunden heilen konnten und 
oftmals das zweite Gesicht besaßen und Geschehnisse voraussahen. 

Sie kicherte leise und beugte sich zu ihm hinab. 
»Euer Herz ist entflammt, Ritter Roland«, sagte sie. »Ich sehe zwei 

Drachen, die sich in Eurer Seele bekämpfen.« 

Roland blickte auf. 
Die Alte hatte ihn durchschaut. 
Ja, er spürte den Zwiespalt, der in ihm tobte, deutlich. Dort war 

sein Treueschwur als Ritter seinem König gegenüber, und hier das 
junge Leben einer liebreizenden Frau, das geopfert werden sollte, um 
einen Frieden zwischen zwei Familien zu stiften, der niemals halten 
würde. 

»Kannst du mir helfen, Beringa?« fragte 'er leise. »Weißt du, was 

die Zukunft mir und dem armen Geschöpf bringt, das seine Liebe 
und sein Leben opfern muß für seine Sippe?« 

»Über allem liegt ein Tuch, das mit Blut getränkt ist«, sagte die 

Stimme Beringas, die aus dem Jenseits zu kommen schien. »Hütet 
Euch vor den weißen Dolchen über dem Wasser, Roland!« 

Er starrte die Alte an. Ihr Blick war weit entrückt. 
Was hatten ihre Worte zu bedeuten? 
Er sprang auf und rüttelte sie an den Schultern. 
»Beringa!« flüsterte er. »Wird Libussa ihr Leben lassen müssen?« 
Es schien, als erwache die Alte aus einer Trance. Sie blickte 

Roland mit ihren kleinen Augen an. Er sah kleine Feuer darin tanzen. 

»Ein Leben ist nicht das andere«, erwiderte sie. 
Roland schüttelte sie heftiger. 
»Wessen Blut hast du gesehen, Alte?« stieß er hervor. »Sag es 

mir!« 

»Mein Blick ist trübe, Ritter Roland«, erwiderte sie. Müdigkeit war 

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auf einmal in ihrer Stimme. »Laßt mich gehen.« 

»Sag mir, was du mit den weißen Dolchen über dem Wasser 

gemeint hast, Alte!« zischte Roland. 

Sie antwortete nicht. Der lodernde Blick ihrer kleinen Augen ließ 

ihn zurückschrecken. Seine Hände gaben ihren hageren Körper frei. 
Er trat einen Schritt von ihr fort. 

Wortlos drehte sie sich um und verschwand in der Köhlerhütte. 
Roland hörte sie rumoren, und nach einer Weile trat sie wieder 

heraus, ein Bündel an einem Stecken über der Schulter. Ohne Roland 
noch einen Blick zu schenken, ging sie mit gebeugtem Rücken 
davon. 

Er beobachtete ihre krumme Gestalt, bis sie die mondbeschienene 

Lichtung verlassen hatte und im dunklen Tann untergetaucht war. 

Rolands Kopf ruckte herum, als er ein leises Geräusch neben sich 

hörte. 

Volker stand dort, ein breites Grinsen im Gesicht. 
»Hast du ihr einen unsittlichen Antrag unterbreitet, daß sie. so 

hastig Reißaus nimmt?« 

Roland blieb ernst. 
Ihm  war es nicht entgangen, daß die Richtung, die Beringa 

eingeschlagen hatte, von Burg Wolfeneck wegführte. 

»Sie hat Blut gesehen, Volker«, sagte er gepreßt. 
Volker lachte leise. 
»Du glaubst dem Geschwätz einer alten Hexe? Der Name des 

Königs wird Wulf von Wolfeneck erschauern lassen, und wenn nicht, 
werden unsere Schwerter ihn an sein heiliges Gelöbnis erinnern!« 

Roland nickte, aber er vermochte nicht, die Worte Beringas 

abzuschütteln. 

Roland spürte den heftigen Schlag an seinem Schild. Doch er ließ 
sich nicht ablenken. Die Spitze seiner Lanze glitt haarscharf am 
Halsschutz Walrams von Wolfeneck vorbei. Ihre Schilde klirrten 

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gegeneinander, als Samum auf gleicher Höhe mit dem Braunen 
Walrams war. 

Roland hörte das Aufstöhnen auf der kleinen Tribüne, die vor dem 

Palast im Innenhof von Burg Wolfeneck errichtet worden war. 

Ein kurzer Blick hinüber zeigte ihm das Erschrecken der Damen. 
Roland wendete Samum. Der schwarze Schimmel schnaubte vor 

Angriffsfreude, und Roland mußte ihn zurückhalten, damit er nicht 
gleich wieder losstürmte. 

Walram von Wolfeneck war ein ausgezeichneter Kämpfer. Roland 

hatte dem schwerfällig erschienenden, gedrungenen Mann diese 
Reitfertigkeit nicht zugetraut. Zum zweitenmal hatte er es nicht 
geschafft, ihm mit seiner Lanze aus dem Sattel zu stoßen. 

Fanfaren schmetterten. 
Wulf von Wolfeneck schrie etwas, das Roland unter seinem 

buschbewehrten Helm nicht verstand. Er sah, wie der Kampfrichter 
die Fahne schwenkte, und ein leises Wort genügte, um Samum 
anspringen zu lassen. 

Durch das Visier sah er Walram von Wolfeneck auf seinem 

Braunen jenseits der Barriere heranpreschen. Er spürte, daß es dem 
Sohn Wulfs um mehr ging als einen Sieg in diesem Turnier. 

Der haßerfüllte Blick Walrams verfolgte ihn, seit sie auf 

Wolfeneck eingetroffen waren. 

Wulf, sein Vater, hatte die Zeit bis zum Eintreffen der 

Ludgershaller trefflich genutzt. Die Burg erstrahlte förmlich in 
neuem Glanz. Die Düsterheit, die Roland und Volker bei ihrem 
ersten Besuch vor zehn Tagen angefallen hatten, schien wie von 
einem Zauberbesen hinweggefegt zu sein. 

Das Gesinde war ordentlich gekleidet und sauber gewesen. Die 

Männer hatten sich die Bärte geschnitten, und selbst Walram hatte 
nicht mehr gestunken wie ein Wildschwein. 

Der Empfang durch die Wolfenecker war laut gewesen. Zu laut für 

Roland, der Ludgers Worte und die Weissagungen Beringas nicht 
vergessen konnte. 

Volker hatte ihn einen Narren geschimpft, der überall Unheil 

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witterte. Der Sänger schien in Weda von Wolfeneck eine neue 
Verehrerin gefunden zu haben, was ihm manch bösen Blick der 
Ludgershaller Damen eingebracht hatte. 

Libussa war still geworden. 
Sie ging nur noch verschleiert, seit Walram sie einmal gesehen 

hatte. Die schnaufenden Töne des gedrungenen Mannes, der ihr 
Gemahl werden sollte, hatten ihr kalte Schauer durch den Leib 
gejagt. Von Luitberga, die ihre Fröhlichkeit ebenfalls verloren zu 
haben schien, wußte Roland, daß Libussa bereit war, sich zu töten, 
bevor Walram ihren nackten Leib berühren konnte. 

Roland wußte nicht, ob Walram etwas von den Blicken gespürt 

hatte, mit denen er in unbeobachteten Momenten von Libussa 
bedacht worden war. 

Fast schien es so. 
Denn Walram von Wolfeneck wollte Roland töten. 
Der wilde Schrei, den sein Gegner in der schwarzen Rüstung 

ausstieß, war voller Wut. 

Roland hatte zweimal nach dem Halsschutz Walrams gezielt, aber 

der Wolfenecker war jedesmal seiner Lanzenspitze geschickt 
ausgewichen. 

Diesmal wollte Roland versuchen, Walram unterhalb des Schildes 

zu treffen. 

Das Donnern der Hufe dröhnte in Rolands Ohren. 
Durch den Schlitz seines Visiers sah er Walram heranpreschen. 
Die Lanzenspitze des Wolfeneckers, dessen Helm ein Wolfschädel 

mit aufgerissenem Rachen schmückte, hob sich langsam an. Roland 
wußte, was Walram vorhatte. Er neigte sich leicht vor. 

Im letzten Augenblick vor dem Zusammenprall senkte er selbst 

seine Lanzenspitze. 

Dann ging ein starker Ruck durch seinen rechten Arm. 
Die Lanze Walrams glitt klirrend an seinem hochgerissenen Schild 

ab. Gleichzeitig war das Bersten von Holz zu hören, in das sich der 
wütende Schrei Walrams mischte. 

Das heftige Scheppern von Blech sagte Roland schon, bevor er 

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sich umgedreht hatte, daß sein Angriff diesmal erfolgreich gewesen 
war. 

Er hatte Walram von Wolfeneck mit der Lanze aus dem Sattel 

gestoßen. 

Samum war kaum zu halten. Er schnaubte stark und tänzelte erregt. 
Roland zog den schwarzen Schimmel herum und klappte sein 

Visier hoch. Er warf nur einen kurzen Blick zur kleinen Tribüne 
hinüber, wo Wulf von Wolfeneck aufgesprungen war und mit 
hochrotem  Kopf auf seinen Sprößling starrte, der alle viere von sich 
gestreckt im Sande des Innenhofes lag und benommen den Kopf 
schüttelte. 

Die Fanfaren schmetterten. 
Der Kampfrichter rief Roland als Sieger aus und kündigte mit 

Volker vom Hohentwiel und Werinher  von Wolfeneck die beiden 
nächsten Gegner an. 

Louis war an Samums Seite, als Roland den Hengst zu den Zelten 

neben dem Bergfried gelenkt hatte. 

»Ihr seid mit Euren Gedanken nicht bei der Sache, Herr«, 

murmelte der Knappe. »Seit wann braucht ihr drei Lanzenstiche, um 
einen Kartoffelsack aus dem Sattel zu stoßen?« 

Pierre, der Volker vom Hohentwiel bei diesem Turnier als Knappe 

diente, trat heran. Sein breites Gesicht war zu einem Grinsen 
verzogen. Er reichte Roland ein Tuch, das aus hauchdünnem Stoff 
bestand. 

»Die Herrin von Wolfeneck hat sich Euch zum Ritter erwählt«, 

sagte er. 

Pierre und Louis starrten sich an und zuckten mit den Schultern, 

als Roland das Tuch achtlos einsteckte. Sie folgten seinem Blick 
hinüber zur Tribüne, und ihnen entging nicht das leichte Nicken der 
verschleierten Libussa. 

Nicht weit von ihnen entfernt torkelte der benommene Walram, 

gestützt von zwei Knappen, auf sein Zelt zu. Er hatte den Helm 
abgenommen. Das schwarze Haar hing ihm verschwitzt und wirr ins 
Gesicht. Der Blick, mit dem  er Roland bedachte, war erfüllt von 

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Mißgunst und Haß. 

»Nehmt Euch vor seinem Dolch in acht!« flüsterte Louis. »Er 

würde Euch auf der Stelle töten, wenn sein Vater es erlaubte!« 

»Er würde es versuchen«, gab Roland kalt zurück. »Hab ein Auge 

auf ihn, Louis.  Und achtet auf Volker, der glaubt, daß Wulf von 
Wolfeneck ein treuer Diener König Artus' ist.« 

Sie hörten den pochenden Hufschlag, als Volker und Werinher ihre 

Pferde antrieben. 

Werinher von Wolfeneck war mit seinen 22 Jahren ein 

unerfahrener Kämpfer. Für den erfahrenen Volker war der 
ungestüme Jüngling kein ernstzunehmender Gegner. Schon mit dem 
ersten Lanzenstoß hob er ihn aus dem Sattel. Die Spitze hatte seinen 
Halsschutz getroffen und ihm den Helm vom Kopf gerissen. 

Die Damen auf der Tribüne schrien auf, als sie sahen, daß 

Werinhers linke Wange auf einmal blutüberströmt war. Der Junge 
wurde von zwei Knappen hochgerissen. Er war benommen, und als 
er das Blut an seiner Rüstung hinuntertropfen sah, schrie er auf. 

Wulf von Wolfeneck war aufgesprungen und hechtete mit einem 

Satz über die Barriere vor der Tribüne. 

Im ersten Augenblick erschien es Roland, als wolle er seinem 

jüngsten Sohn zu Hilfe eilen, doch dann drehte er sich zur Tribüne 
um und forderte mit lauter Stimme Ludger von Ludgershall zum 
Zweikampf mit dem Schwerte. 

Werinher taumelte an Roland vorbei, die Wunde in seinem Gesicht 

war nicht gefährlich. Die Haut war aufgeplatzt, und wenn der 
Feldscher die Blutung zum Stillstand brachte, würde dem jungen 
Ritter nichts geschehen. 

Volker hatte sein Pferd zu Roland herüber gelenkt. Vor lauter 

Erregung hatte der Kampfrichter vergessen, ihn zum Sieger zu 
erklären. 

Roland sah Volkers Blick und wußte, was der Freund damit sagen 

wollte. Aber es gab keine Möglichkeit für Ludger von Ludgershall, 
der Herausforderung Wulfs von Wolfeneck auszuweichen. 

Ludger dachte auch nicht daran. 

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Stolz erhob er sich, und nachdem er sich vor seiner Gemahlin 

verneigt hatte, schwang er sich ebenfalls über die Barriere und blieb 
vor Wulf stehen, der ihm grimmig entgegenstarrte. 

Wulf schien wie von Sinnen. Die Niederlagen seiner Söhne hatten 

ihn schwer getroffen. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit, mit dem er 
sich umgab, hatte einen starken Dämpfer erlitten. 

Unbeweglich blieben die beiden Männer voreinander stehen. 
Die Knappen  eilten herbei, um ihnen die Kettenhemden anzulegen 

und ihnen die Schwerter und Schilde zu reichen. 

Roland trat vor. 
»Ich werde Kampfrichter sein im Namen des Königs«, sagte er mit 

seiner klaren Stimme, die über den Innenhof der Burg hallte. »Der 
Kampf geht, bis einer der Kämpfer zu Boden gezwungen wird. Hütet 
Euch, Euren Gegner zu töten, denn dann wird der Zorn des Königs 
den Sieger treffen!« 

Zorn blinkte ihm aus Wulfs schwarzen Augen entgegen. 
Dann wurden den Rittern die Helme aufgesetzt. 
Roland gab das Zeichen. 
Die Schwerter klirrten gegeneinander, und von einem Augenblick 

zum anderen war ein wilder Kampf entbrannt, wie Roland ihn nicht 
erwartet hatte. 

Wulf von Wolfeneck hatte die Statur eines Bären. Dennoch war er 

gewandt und leichtfüßig wie eine Wildkatze. Seine Bewegungen 
schienen etwas eckig, doch sie unterstrichen nur die unbändige Kraft, 
die in seinen muskulösen Oberarmen steckte. 

Ludgers Streiche wurden nicht mit der Wildheit geführt wie die 

Wulfs, doch sie waren genauer placiert. Mit fast tänzelnden 
Fußbewegungen ließ Ludger seinen ungestümen Gegner immer 
wieder ins Leere laufen oder die Schwerthiebe von seinem Schild 
abprallen. 

Dann griff er selbst überfallartig an und brachte Wulf in arge 

Bedrängnis. 

Das Klirren der Waffen wurde heftiger. Ludger wich jetzt nicht 

mehr zurück, sondern bot Wulf Paroli. 

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Roland achtete darauf, daß sich keiner der beiden einen 

unerlaubten Vorteil erschlich. Sein Gesicht war unbeweglich, doch 
hinter seiner Stirn wurde seine Besorgnis größer, daß Ludger der ur-
wüchsigen Kraft Wulfs auf die Dauer nicht gewachsen war. 

Vielleicht mochte Ludger sich das selbst gesagt haben. 
Anders konnte Roland sich seine Angriffswut nicht erklären, die er 

plötzlich entwickelte. Wahrscheinlich suchte Ludger von Ludgershall 
eine schnelle  Entscheidung, bevor die größere Kraft Wulfs den 
Ausschlag geben konnte. 

Wulf begann zu taumeln. Die Schwerthiebe, die links und rechts 

auf seinen Schild niederprasselten, waren wie ein Trommelwirbel. 
Wulf selbst kam eine ganze Weile nicht mehr dazu, einen 
Schwertstreich zu führen. Er war voll damit beschäftigt, die Hiebe 
Ludgers abzuwehren. 

Doch Ludgers Kraft reichte nicht ewig. 
Die Hiebe wurden langsamer geführt und hatten schließlich nicht 

mehr die Wucht, um einen Gegner wie Wulf aus dem Gleichgewicht 
zu bringen. 

Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, erfolgte ein Hieb 

Wulfs, der Ludgers Schild spaltete. 

Ludger taumelte zurück, ging aber nicht zu Boden. Er schleuderte 

den Rest des Schildes von sich und stellte sich wieder zum Kampf. 

Roland durfte nicht eingreifen. 
Ludger hätte den Zweikampf verloren geben können, nachdem er 

seinen Schild verloren hatte, aber er wollte weiterkämpfen. 

Ein röhrendes Lachen hallte über den Burghof. 
Die Ludgershaller Frauen waren bleich geworden vor Schreck. 

Liebtraut, Ludgers Gemahlin, hatte eine Hand entsetzt vor das 
Gesicht geschlagen, und Luitberga konnte einen spitzen Schrei nicht 
zurückhalten. 

Wulf von Wolfeneck dachte nicht daran, seinen Schild ebenfalls 

sinken zu lassen, damit die Gleichheit des  Kampfes wiederhergestellt 
war. 

»Euer Tanz ist lahm geworden, Ludger!« brüllte er. »Ihr müßt 

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Euch schon ein wenig schneller bewegen, wenn Ihr meiner Klinge 
entgehen wollt. Gebt lieber auf, Ludger, und geht vor mir in die 
Knie!« 

Ludger war bleich geworden. 
Nach diesen Worten war ihm eine Aufgabe unmöglich gemacht 

worden. 

Wulfs Schwert zischte durch die Luft. 
Ludger wich nicht. 
Die Klingen hieben klirrend gegeneinander, und Wulfs dunkles 

Gesicht verzerrte sich vor Wut, als er bemerkte, daß Ludger von 
Ludgershall noch lange nicht am Ende war. 

»Springt, Ludger!« zischte Wulf unter seinem Helm. Sein Schwert 

pfiff in einem Halbkreis auf Ludgers Beine zu. 

Doch er hatte rechtzeitig die Absicht Wulfs durchschaut und war 

zurückgetreten. Sein Schwert fiel herab. Die Klinge stand der Waffe 
Wulfs plötzlich im Wege. 

Wulf spürte die Erschütterung bis in sein Schultergelenk. Er wollte 

das Schwert hochreißen, doch in diesem Moment hatte Ludger 
bereits wieder reagiert. 

Der Knauf von Ludgers Schwert sauste auf Wulfs Helm zu. 
Wulf schrie auf. 
Ihm blieb keine andere Wahl, als sein eigenes Schwert fahren zu 

lassen, wenn er nicht getroffen werden wollte. 

Wild sprang er zurück. Sein Schwert klirrte zu Boden! Der Knauf 

Ludgers zischte an seinem Helm vorbei. Wulf hieb mit dem Schild 
nach seinem Gegner und traf ihn am Helm. 

Ludger taumelte zurück. Der Schlag war heftig gewesen. Ein 

Dröhnen erfüllte seine Ohren. Er sah rote Kreise vor seinen Augen 
tanzen. 

Zurück! dachte er noch und krallte die rechte Hand um sein 

Schwert, damit es ihm nicht entfiel. 

Wulfs Schild donnerte gegen seine Seite und trieb ihn weiter auf 

die Tribüne zu. 

Die Frauen waren aufgesprungen. Liebtrauts helle Stimme forderte 

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Roland auf, dem Kampf ein Ende zu bereiten, doch noch war 
niemand von den Kämpfenden zu Boden gegangen. Das allein oder 
die Aufgabe eines der beiden Kämpfer hätte ihn berechtigt, das Ende 
des Zweikampfes anzuzeigen. 

Ludger stürzte, als Wulfs Schild ihm ein drittes Mal mit voller 

Wucht gegen den Leib gestoßen wurde! 

Aber er ging nicht zu Boden! 
Wulfs Hieb hatte ihn gegen die Barriere befördert, die den 

Kampfplatz von der Tribüne trennte. 

Es gab ein dumpfes Geräusch. Die Planken zitterten von der Wucht 

des Aufpralls. 

Wulf warf sich mit einem röhrenden Schrei vorwärts. 
Das Bersten von Holz erfüllte die Luft. 
Ludger hatte sich im letzten Augenblick zur Seite werfen können. 

Das Schwert glitt ihm dabei aus der Hand. 

Wulf hatte mit seinem Schild die Plankenwand der Barriere 

zertrümmert. Der Schild verfing sich in den zersplitterten Planken. 
Wild zerrte er daran, doch es dauerte ein paar Lidschläge, bis er ihn 
wieder befreit hatte. 

Die Zeit hatte Ludger gereicht, um seine Sinne wiederzufinden und 

sein Schwert vom Boden aufzuheben. Mit ein paar Schritten war er 
zwischen Wulf und dessen Schwert, das auf dem Kampfplatz 
gleißend in der Sonne lag. 

Wulf atmete schwer. Er hatte den Kopf etwas vorgereckt. Der 

Wolfskopf, den auch er auf dem Helm trug, sah aus, als wolle er 
nach Ludger schnappen. 

Dann begann Wulf, sich langsam zu bewegen. Er schlich um 

Ludger herum, doch der folgte seinen Bewegungen und achtete 
darauf, daß der Wolfenecker sich seinem im Sand liegenden Schwert 
nicht nähern konnte. 

Wulf war auf einen Angriff Ludgers gefaßt. Als der Gegner 

vorsprang und die Klinge durch die Luft sausen ließ, tat  er, als wolle 
er zurückweichen, doch dann stürzte er sich vor. Der Schild hielt 
Ludgers Schwert auf und ließ es seitlich abgleiten. Wulfs rechter Fuß 

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schnellte hoch. Die Spitze traf Ludgers rechtes Bein und riß es ihm 
unter dem Leib weg. Mit einem wilden Gebrüll rannte Wulf gegen 
seinen Feind an und stieß ihn mit Macht zu Boden. 

Sofort wandte er sich ab und rannte zu seinem Schwert hinüber, riß 

es vom Boden hoch und drehte sich um. Er war bereit, den 
Zweikampf fortzusetzen. 

Ludger hatte sich überschlagen, stand aber bereits wieder auf den 

Beinen. 

»Der Kampf ist beendet!« rief Roland. »Ich erkläre Wulf von 

Wolfeneck zum Sieger, denn er hat Ludger zu Boden gestoßen!« 

Ludger stand starr. 
Wulf riß sich seinen Helm vom Schädel und warf Roland einen 

wütenden Blick zu. Ja, er hatte siegen wollen, aber nicht gegen einen 
Ludger, der unverletzt auf seinen eigenen Beinen stand! Er hatte ihn 
in seinem Blut liegen sehen wollen! 

Johannes von Kirchheim, der Zisterzienser-Abt, eilte mit 

wehendem Rock herbei. 

»Genug des Kampfes und des Blutvergießens!« rief er. »Bedenket, 

daß wir im Namen des Herrn zwei junge Leute dem heiligen Bund 
der Ehe zuführen wollen! Beendet das barbarische Schauspiel, ihr 
Väter der ungeduldigen Kinder, die sich dem Spruch König Artus' 
beugen wollen!« 

Wulf starrte Ludger böse an, als dieser seinen Helm vom Kopf 

nahm. 

Ludgers klare blaue Augen blickten voller Stolz. Er hatte diese 

Niederlage nicht als solche hingenommen. Er wußte, daß Roland den 
Kampf nur beendet hatte, um ein Blutvergießen im Keime zu 
ersticken. Denn auch er, Ludger von Ludgershall, war mit dem 
Willen in diesen Kampf gegangen, seinen Gegner zu töten. 

Wulf wandte sich mit dröhnendem Lachen ab. 
»So laßt uns zur Hochzeit schreiten!« rief er. »Ihr habt gehört, was 

der Pfaffe gesagt hat: Die  Kinder können es nicht mehr erwarten, das 
Lager miteinander zu teilen!« 

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Die Zeremonie war schnell vorüber gewesen. 

Walram hatte Johannes von Kirchheim, der die Trauung 

vorgenommen hatte, ein paarmal grob unterbrochen und ihm gesagt, 
er solle sich gefälligst beeilen, er hätte mächtigen Hunger. 

Libussa stand schmächtig und gebeugt neben ihm. Ihr Gesicht war 

verschleiert. 

Die anderen Frauen hatten versteinerte Gesichter. Liebtraut, 

Ludgers Gemahlin und Libussas Mutter war der Schmerz, den sie 
empfand, von den Augen abzulesen. Luitberga hielt ihre Tränen nicht 
zurück. Nur Leonas Gesicht zeigte keine Regung. Immer wieder 
streiften ihre kalten, glitzernden Blicke Walram, den Bräutigam. 

Roland hätte am liebsten mit seinem Schwert 

dazwischengeschlagen. Die grobe, unritterliche Art der Wolfenecker 
stieß ihn ab. Er hoffte, daß dieses unselige Schauspiel bald ein Ende 
haben möge. 

Er wollte fort von hier, wollte die Wolfenecker und Ludgershaller 

vergessen 

- und damit seine Ohnmacht, Libussa in ihrer 

Verzweiflung nicht helfen zu können. 

Die Halle von Burg Wolfeneck war mit Hunderten Kerzen erhellt. 

Gedeckte Tische, blitzendes Geschirr und bunt gekleidete 
Bedienstete ließen das düstere Gemäuer freundlich erscheinen. 

Es gab keine geladenen Gäste. Außer den Ludgershallern hatten an 

den gedeckten Tischen ein Dutzend Männer Platz genommen, die 
sich in ihrer vornehmen Kleidung sichtlich unwohl fühlten. 

Roland betrachtete sie voller Mißtrauen. 
Der Troß der Ludgershaller war nicht sehr groß, aber mit Roland 

und Volker und Rolands beiden Knappen doch von einer 
Kampfkraft, die die der Wolfenecker übertraf. Das hatte Wulf beim 
Turnier feststellen müssen. 

Metkrüge kreisten. 
Roland trank wenig. 
Volker und der Abt langten jedoch schon kräftig zu, bevor die 

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Speisen aufgetragen wurden. 

An einem breiten Tisch, über den ein Baldachin aus rotem Stoff 

gespannt worden war, saßen das Brautpaar sowie Ludger neben 
seiner Tochter Libussa und Wulf neben seinem Sohn Walram. 

Wulf führte lautstark die Unterhaltung, das hieß, er sprach 

ausschließlich mit seinem Sohn über die Jagd. 

Der Tisch mit den Frauen stand abseits. 
Weda, Wulfs Gemahlin, fühlte sich nicht recht wohl inmitten der 

schweigenden, ernsten Frauen von Ludgershall. Sie hatte ein paarmal 
versucht, mit Liebtraut ein Gespräch zu beginnen, aber schließlich 
hatte sie es aufgegeben. 

Nun beschäftigte sie sich damit, den beiden Rittern an der 

gegenüberliegenden Tafel heimliche Blicke zuzuwerfen. 

Dort saßen neben Volker und Roland der Bruder Wulfs, Wirnt, und 

Werinher, der einen Verband im Gesicht trug, ansonsten jedoch 
schon wieder guter Dinge war. Auch der Zisterzienser-Abt hatte 
seinen Platz an dieser Tafel. 

Zwei lange Tafeln waren im vorderen Teil der Halle aufgestellt. 

An ihr hatten die Knappen Platz genommen. Am zweiten Tisch 
saßen die Zofen und einige hübsche Mägde, die dazu ausersehen 
waren, den fremden Knappen Gesellschaft zu leisten. 

Louis schien einige Schwierigkeiten zu haben. Roland wußte, daß 

er auf Ludgershall der Zofe Rigunthe ziemlich heftig den Hof 
gemacht hatte. Jetzt warf er mehr als einmal einem anderen jungen 
Ding feurige Blicke zu, was Rigunthe gar nicht zu gefallen schien. 

Floris Starkmuth, der am Knappentisch saß, hatte nur Augen für 

Leona, die unbeweglich auf ihrem Stuhl saß und kaum einen Blick 
von Walram ließ. 

Von einem kleinen Balkon über dem seitlichen Tor der Halle 

erschollen Fanfaren. 

Bedienstete erschienen in langer Reihe. 
Auf großen Tellern und Schüsseln wurden Speisen hereingetragen. 
Wulf von Wolfeneck hatte sich nicht lumpen lassen. 
Vier Männer trugen ein Tablett herein, auf dem sich ein halbes 

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Jungschwein befand, das mit einem halben Kapaun zusammengenäht 
worden war. 

»Laßt es Euch schmecken, verehrte Damen und Ritter!« grölte 

Wulf und langte selbst als erster zu. »Mehr Met!« brüllte er mit 
vollem Mund. »Schenkt die Krüge nach!« 

Wulfs Männer am Knappentisch verloren allmählich ihre 

Hemmungen. Sie rissen sich gegenseitig die Leckerbissen von den 
Tellern und dachten nicht daran, die bereitliegenden Messer zu 
benutzen, um das Fleisch zu teilen. 

Wulf mußte neuerdings einen Koch beschäftigen. Bei Rolands und 

Volkers letztem Besuch auf Wolfeneck war der Fraß nicht zu 
genießen gewesen, den Wulf ihnen vorgesetzt hatte, doch jetzt 
kitzelte jede einzelne Speise die Gaumen. 

Der in Wein gekochte umgestülpte Aal, die Lerchenpasteten, der 

gebratene Karpfen und die Schmalzmilch hatte Roland auf Camelot 
nicht besser zubereitet gefunden. 

»Musik!« brüllte Wulf. 
Volker erhob sich. Er wankte bereits etwas. Roland warf dem 

Freund einen warnenden Blick zu, doch der schien nichts zu 
bemerken und nach seiner Laute zu suchen. 

»Setzt Euch hin und sauft, Ritter Volker!« rief Wulf. »Euer 

Gesäusel verdirbt mir nur den Appetit. Ich liebe Musik ohne störende 
Verse!« 

Volker ließ sich beleidigt in seinen Stuhl zurückfallen. Paß auf, 

Grobian! dachte er zornig, daß ich dir meine Laute nicht um die 
Ohren schlage. Vielleicht ist das der Takt, den du liebst! 

Vier Musiker erschienen mit Fiedeln, Flöten und Schalmeien. Sie 

schafften es, ein Höllenspektakel zu machen. Eine Melodie war nicht 
herauszuhören. Jeder schien das zu spielen, was ihm gerade gefiel. 

Roland waren die Blicke der Herrin von Wolfeneck nicht 

entgangen. Es war auch schwerlich möglich, denn Weda ließ nur zu 
offensichtlich erkennen, daß sie sich gern mit Roland zurückgezogen 
hätte. 

Roland bemerkte die Unruhe, die in Wirnt von Wolfeneck 

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gefahren war, seit Weda ihre Anstrengungen verdoppelt hatte, den 
Ritter auf sich aufmerksam zu machen. 

Der Lärm an den Tischen der Knappen und Zofen artete langsam 

in eine Orgie aus. 

Rigunthe hatte sich aus Rache für Louis' Interesse an der Zofe 

Wedas auf ein Gerangel mit einem Knappen aus Wolfeneck 
eingelassen. 

Ein Ellenbogenstoß, der dem Kerl den Atem nahm, beendete die 

Romanze vorerst. Louis entschuldigte sich sofort für die ungestüme 
Bewegung, und der Knappe akzeptierte sie, weil auch er schon voll 
des Mets war. 

Wulf hielt es nicht mehr an seiner Tafel aus. Rülpsend erhob er 

sich und torkelte auf die Tafel der Damen zu, die bis auf Weda kaum 
eine Speise angerührt hatten. 

»Ihr Ludgershaller seid ein fades Volk«, stieß er hervor und rülpste 

herzhaft. »Was sagst du, Weda? Amüsierst du dich bei ihnen?« 

Roland hatte sich von seinem Platz erhoben. 
»Ritter Wulf!« rief er. »Tut Euch keinen Zwang an, wenn es Euch 

beliebt, Euch wie ein Schwein aufzuführen, doch wenn Eure 
mettrunkene Zunge noch einmal eine Dame in dieser Halle beleidigt, 
werdet Ihr meinen Handschuh an Eurer Wange spüren!« 

Wulf drehte sich schwankend um. Sein Gesicht war zorngerötet. Er 

tat sehr trunken, doch Roland ließ sich nicht täuschen. Wulfs 
schwarze Augen glitzerten kalt. 

»Verzeiht mir, Ritter Roland«, sagte er und rülpste. »Ich wollte die 

Damen nur ein wenig aufmuntern.« 

Er wartete Rolands Antwort nicht ab, sondern torkelte weiter auf 

den Zofentisch zu. Die Mädchen kreischten, als er sich zwischen sie 
auf die Bank fallen ließ und nach ihren Brüsten und Hintern griff. 

Wedas Blick wurde für einen Augenblick dunkel, als sie sah, wie 

er Salme, ihre Zofe, betatschte, doch dann ruckte ihr Kopf herum, 
und ihr feuriger Blick traf Roland. 

Walram hatte sich ebenfalls erhoben und wollte es seinem Vater 

nachtun, doch die brüllende Stimme Wulfs ließ ihn erstarren. 

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»Du ungehobelter Klotz!« brüllte der Alte. »Wirst du bei deiner 

Braut bleiben und ihr artige Worte ins Ohr flüstern! Wehe dir, wenn 
ich eine Beschwerde über dein lausiges Benehmen höre!« 

Wütend ließ Walram sich auf seinen Stuhl zurückfallen. Ein 

schiefer Seitenblick traf seine Braut, die den ganzen Tag noch kein 
Wort gesagt hatte. Am liebsten hätte er ihr den Schleier vom 
hübschen Gesicht gerissen, aber er ahnte, daß er darunter Tränen 
sehen würde. Und nichts störte ihn mehr als Weibertränen. 

Dennoch spürte er Begierde nach dieser Frau. 
Sie wollte ihn nicht. Wahrscheinlich verabscheute sie ihn sogar. 

Aber das stachelte seine Begierde nur noch mehr an. Er würde ihr 
zeigen, was ein richtiger Mann war, und bald hatte sie vergessen, daß 
es einen anderen als Walram gab, dessen war er sich sicher. 

Die Musik wurde lauter und schriller. 
Bedienstete begannen, die Tafeln abzuräumen. Dazwischen 

tauchten die ersten Gaukler auf, die Kunststücke vorführten. 

Wulf bemerkte nicht viel davon. Er war von der Bank gerutscht 

und lag mit Salme unter dem Tisch. Das weiße Linnen, mit dem die 
Tafel bedeckt war, verbarg sie vor den Blicken der anderen. 

Es war ein dichtes Gewimmel zwischen den einzelnen Tafeln. 
Roland sah sich nach Volker um, der schmollend einen weiteren 

Krug Met leerte. Johannes von Kirchheim hatte einen Bediensteten 
am Arm gepackt und ließ sich hinausführen. 

An der Tür stand Weda von Wolfeneck. Sie warf Roland einen 

schmachtenden Blick zu und zwinkerte mit einem Auge. Dann war 
sie seinen Blicken entschwunden. 

Roland dachte nicht daran, ihrer Einladung Folge zu leisten. Immer 

wieder streifte sein Blick Libussa, die das verkörperte Unglück war. 
Ludger hatte ihre Hand in die seine genommen, um ihr Trost zu 
spenden. 

Sie wird ihren Plan, sich selbst den Tod zu geben, hoffentlich nicht 

in die Tat umsetzen, dachte Roland verzweifelt. Er wußte, daß er sich 
ewig schuldig fühlen würde, wenn dieses engelsgleiche Geschöpf 
sich selbst entseelte und damit dem ewigen Fegefeuer anheimfiel. 

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Ein Arm streifte ihn. Er blickte sich um und sah, wie Wirnt von 

Wolfeneck sich erhob und wankend zur Tür ging, als hätte er vor, 
sich zu erleichtern. 

Roland kümmerte sich nicht weiter um ihn. Er wußte, daß er Wulf 

von Wolfeneck  im Auge behalten mußte. Denn ohne den Befehl des 
Burgherren würde in dieser Halle nichts geschehen. 

Roland dachte an die Weissagungen der alten Beringa. 
Sie hatte ein mit Blut beflecktes Tuch gesehen. 
>Hüte dich vor den weißen Dolchen über dem Wasser !< Was 

konnte sie damit gemeint haben? 

Roland spürte die Gefahr, die ihn umgab, fast körperlich. 
Er faßte nach Volkers Schulter und rüttelte den Freund. 
»Hör auf zu trinken, Volker!« zischte er eindringlich. »Wulf selbst 

hat nicht viel getrunken. Wir müssen auf der Hut sein!« 

»Ich werde dem Banausen meine Laute um die Ohren schlagen«, 

erwiderte Volker mit schwerer Zunge. »Vielleicht liebt er diesen 
Trommelschlag.« 

Roland riß ihm den Krug aus der Hand, den er gerade an den Mund 

hatte setzen wollen. 

Überrascht blickte Volker auf. 
Erst jetzt schien er zu bemerken, daß Roland es ernst meinte. 
Er kriegte einen Schluckauf. 
»Gut«, sagte er, »hupp  - ich gehe mal an die frische Luft, dann 

werde ich wieder einen klaren Kopf haben.« 

Roland bezweifelte es, aber es war immerhin besser, als wenn 

Volker an der Tafel sitzen blieb und in Versuchung geriet, noch mehr 
Met in sich hineinzuschütten. 

Volker verschwand gerade nach draußen, als Walram sich erhob 

und mit lauter Stimme Gehör verschaffte. 

»Es ist Zeit für das Brautlager!« rief er. »Ihr Frauen, nehmt euch 

meiner Gemahlin an und führt sie mir in mein Gemach!« 

Er torkelte etwas, als er sich ab wandte und Libussa nicht einmal 

einen Blick schenkte. 

Walram verstellte sich nicht, dessen war Roland sicher. Der 

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Bräutigam hatte Unmengen von Met in sich hineingeschüttet, und 
auch jetzt nahm er sich noch einen großen Krug mit, den ein 
Bediensteter gerade hereintrug. 

Die Frauen hatten sich erhoben. 
Ludger reichte Libussas Hand an seine Gemahlin weiter. Sein 

Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Der Blick seiner blauen Augen 
war voller Abscheu, als er zur Zofentafel hinüberschaute, hinter dem 
Wulfs wirrer Lockenkopf auftauchte. 

Wulf lachte brüllend und verschwand wieder unter dem Tisch. 
»Hier, Salme!« war sein Keuchen zu vernehmen. »Hier kitzelt es 

am schönsten!« 

Die Frauen führten Libussa hinaus, um sie fürs Brautgemach 

vorzubereiten. 

Ein Tuch, mit Blut getränkt, dachte Roland. Hatte die alte Hexe 

sich getäuscht? 

Weda von Wolfeneck drückte sich in eine Nische, als sie Wirnt 
hastig den Gang heraufkommen sah. Zorn trat in ihre Augen. Der Tor 
verdarb ihr die ganze Freude, die sie sich erhofft hatte. 

Mit ein paar Schritten war sie aus der Nische und in der Mitte des 

Ganges. 

Wirnt blieb überrascht stehen. 
»Willst du die anderen allein weiterfeiern lassen, Schwager 

Wirnt?« fragte sie böse. 

»So wie du, Schwägerin Weda«, erwiderte Wirnt mit einem breiten 

Grinsen. »Ich dachte, daß die Gelegenheit günstig sei, unser Gefecht 
von vor zehn Tagen fortzusetzen, das mein Bruder unterbrochen 
hatte.« 

»Du hattest Gelegenheit genug dazu!« fauchte sie. »Aber deine 

Furcht vor deinem Bruder war offensichtlich größer als dein 
Begehren nach mir!« 

»Weda, ich ...« 

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»Geh mir aus den Augen!« zischte sie. 
Er legte den Kopf schief. 
»Du hast den ganzen Tag den Rittern schöne Augen gemacht«, 

erwiderte er wütend. »Du hoffst wohl, daß Roland dir folgt und du 
dich mit ihm auf deinem Lager vergnügen kannst, während Wulf sich 
wie ein Schwein mit den Mägden unter dem Tisch wälzt!« 

»Geh!« zischte sie. Auf einmal hielt sie einen Dolch in der Hand, 

und Wirnt wich erschrocken zurück. 

»Ich könnte meinem Bruder verraten, daß du einen zweiten 

Schlüssel für deinen Keuschheitsgürtel hast!« drohte er. 

Sie lachte leise. 
»Dann wird er von mir erfahren, für wen ich meinen Gürtel bisher 

geöffnet habe, lieber Schwager! Spürst du nicht schon das Schwert in 
deinem Nacken?« 

Wirnt wurde blaß. Weda hatte recht. 
Sie selbst würde vielleicht Prügel beziehen, ihn aber würde Wulf 

auf der Stelle töten, wenn er von ihrem Zusammensein erfuhr. 

Er drehte sich heftig herum und lief den Gang zurück. Er hörte 

Schritte, die aus dem Vorraum der Halle kamen, und glitt durch eine 
Tür. Drei Bedienstete waren damit beschäftigt, Met aus Fässern in 
Krüge zu füllen. Sie starrten Wirnt an, doch er gab ihnen mit einer 
kurzen Handbewegung zu verstehen, daß sie schweigen sollten. 

Durch den Spalt sah er einen der Ritter den Gang hinaufwanken. 
Es war Volker, der Sänger. 
Wirnt war überrascht. Hatte Weda ihr Auge nicht auf Roland 

geworfen, der den bärenstarken Walram beim Turnier besiegt hatte? 

Er wartete, bis Volker vorbei war, dann huschte er wieder hinaus 

und folgte ihm so, daß er nicht gesehen wurde. 

Wieder wurde Wirnt überrascht, als Volker nicht den Gang 

hinaufging, in dem Weda wartete. Es schien, als wolle der Ritter ins 
Freie. 

Wirnt wollte sich schon grinsend abwenden, Weda die 

Enttäuschung gönnend, die ihr die Abfuhr der beiden Ritter bereiten 
würde, als er ihre leise Stimme hörte. 

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Volker blieb stehen und blickte den Gang hinauf. 
Wirnt drückte sich gegen die Mauer und hielt den Atem an. 
Weda trat vor den Ritter. 
Und wie sah sie aus! 
Sie hatte ihr eng geschnürtes Kleid geöffnet. Wie reife Früchte 

sprangen ihre prallen Brüste hervor, die Knospen weit vorstehend 
vor Erregung. 

Ihre Stimme klang gurrend. Die schmalen Hände glitten über den 

Körper des Ritters, und dann zog sie Volker in den Gang hinein. 

Wirnt atmete tief. Eine ganze Weile stand er unbeweglich, doch 

dann gab er sich einen Ruck und folgte den beiden. Er wollte es 
genau wissen. 

Er sah noch, wie Weda den Ritter in ihre Kemenate schob und die 

Tür hinter sich zuzog. 

Wirnt huschte hinüber zu Salmes Kammer. Von dort aus konnte er 

über den Mauervorsprung zum Fenster von Wedas Kemenate 
gelangen. Er dachte über das was er tat, nicht nach. Zu sehr wühlte 
der Zorn in ihm, daß Weda ihn verschmähte. 

Volker war überrascht gewesen, als Weda von Wolfeneck plötzlich 
vor ihm stand und ihre Brüste präsentierte wie zwei Äpfel auf dem 
Tablett. 

Er versuchte, etwas Ordnung in seine vom Met benebelten 

Gedanken zu bringen, doch er war noch nicht damit fertig, als er sich 
schon in Wedas Kemenate befand und ihre fleißigen Hände damit 
begannen, ihn zu entkleiden. 

»Im Kampf wart Ihr eifriger als in der Minne«, flüsterte sie mit vor 

Erregung heiserer Stimme. »Ich hoffe, Ihr führt bei mir eine ebenso 
treffliche Lanze wie beim Turnier, Volker.« 

Sie hatte es schon vergessen, daß sie eigentlich Roland erwartet 

hatte. Auch Volker war eine willkommene Abwechslung. Sie hatte 
den Ritter, dessentwegen sie den Keuschheitsgürtel tragen mußte, 

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noch nicht vergessen. 

Da Volker seine Gedanken nicht in die richtige Reihenfolge 

bringen konnte, gab er es schließlich auf und begann, sich um das zu 
kümmern, was ihm so offenherzig angeboten wurde. 

Weda begann zu kichern, als sie Volkers erfahrenen Hände unter 

ihrem Kleid spürte. 

Doch auf einmal zuckte er zusammen. 
Seine Finger lösten die Verschnürung ihrer Röcke und ließen sie 

zu Boden gleiten. Überrascht starrte er auf den Keuschheitsgürtel, 
der ihren schmalen Schoß umspannte. 

»Zur Hölle!« stieß er hervor. »Ihr treibt einen Scherz mit einem 

verliebten Ritter!« 

Weda stieß ihn lachend auf ihr Lager, als er sich erheben wollte. 

Sie wälzte sich zu dem kleinen Schränkchen hin, der neben dem 
Lager stand, und holte einen Schlüssel aus der Schublade. 

Volker verstand gar nichts mehr. 
»Weshalb zwängt Euer Gemahl euch in dieses Eisen, wenn er Euch 

gleichzeitig den Schlüssel dazu gibt?« 

»Einfältiger!« rief sie. »Er hat seinen Schlüssel  - aber ich habe 

meinen!« 

Volker lachte leise. 
»Jeder hat seinen Schlüssel«, sagte er mit schwerer Zunge. »Dann 

beeilt Euch, Weda, damit ich Euch meinen Schlüssel ins Schloß 
führen kann.« 

Sie spürte die Lust, die ihren Körper erschauern ließ. Der 

Keuschheitsgürtel klirrte laut, als er auf den steinernen Boden fiel. 
Aber das hörte Weda schon nicht mehr. Sie bog ihren Leib unter den 
schmeichelnden Händen des Ritters und suchte erregt nach dem 
Schlüssel, der ihr die Pforten zur Glückseligkeit erschließen sollte. 

Sie hatte ihn gerade gefunden und war bemüht, ihn an die richtige 

Stelle zu führen, als Volker über ihr zusammenzuckte. 

Er hatte ein Geräusch gehört, das draußen vor dem Fenster 

gewesen sein mußte. 

»Was ist, Liebster?« rief Weda. Sie ließ ihn nicht los, und es 

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bereitete ihm einige Mühe und Schmerzen, sich aus ihrem festen 
Griff zu befreien. 

Dann hastete er, nackt wie Gott ihn geschaffen hatte, zum Fenster. 
Er beugte sich hinaus und erkannte die Gestalt, die Mühe hatte, auf 

dem schmalen Mauervorsprung das Gleichgewicht zu halten. 

Volker griff blitzschnell zu und kriegte Wirnt an seinem Wams zu 

fassen. Der Wolfenecker schrie unterdrückt auf. Er versuchte, sich an 
der Außenmauer festzukrallen, doch er fand kaum Halt, so daß er 
Volkers Kraft nichts entgegenzusetzen hatte. 

Wütend zerrte Volker den Schwager Wulfs durch das Fenster in 

die Kemenate. Als er sich umdrehte, hatte Weda ihren 
Keuschheitsgürtel bereits wieder umgelegt. Ihr hübsches Gesicht war 
mit dunkler Röte übergössen. 

Volker erkannte sofort, daß es nicht von der Scham herrührte, von 

zwei Männern zugleich nackt gesehen zu werden. Es war Wut. Wut 
auf die Unterbrechung und Wut auf den Störenfried. 

Volker stieß Wirnt zu Boden. 
»Du Hundsfott!« sagte Volker heftig. »Ich sollte dir mit meinem 

Schwert beibringen, daß die Kemenate einer Dame heilig ist!« 

Wedas Gesicht wurde plötzlich blaß. 
Jetzt hörte auch Volker den Lärm auf dem Gang, der sich schnell 

näherte. 

»Rasch, Volker!« hauchte sie. »Kleidet Euch an und verschwindet 

durch das Fenster! Haltet Euch nach links. Das nächste Fenster führt 
in die Kammer meiner Zofe. Von dort aus könnt Ihr wieder hinunter 
in die Halle gelangen!« 

Volker ließ sich das nicht zweimal sagen. Er raffte seine Sachen 

zusammen und versuchte, seine wirbelnden Gedanken in die richtige 
Reihenfolge zu bringen. 

Was würde mit Wirnt geschehen? Würde er seinem Bruder Wulf 

von seinen Beobachtungen berichten? Wie konnte sich Weda 
herauswinden aus dieser heiklen Lage? 

Er stolperte zum Fenster hinüber. 
Erst einmal mußte er aus Wedas Kemenate verschwinden. Solange 

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Wulf ihn nicht bei seiner Gemahlin erwischte, würde ihm immer 
noch eine Ausrede einfallen. 

Er kletterte durch die Öffnung. Hinter sich vernahm er ein heftiges 

Schnaufen. 

Als seine Füße Halt auf dem schmalen Mauervorsprung fanden, 

warf er noch einen schnellen Blick zurück in die Kemenate. Er 
glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. 

Weda und Wirnt lagen in enger Umklammerung auf dem Boden. 

Wirnt versuchte immer wieder, sich von seiner halbnackten 
Schwägerin zu befreien, aber Weda kämpfte wie eine Löwin und ließ 
ihn nicht aus ihren Klauen. 

Eine tiefe Stimme dröhnte draußen auf dem Gang. Es war 

zweifelsfrei Wulfs Organ. 

Volker mochte nicht länger warten. Er tastete sich an der Mauer 

entlang. Als er einen kurzen Blick in die Tiefe warf, wurde ihm fast 
schwindlig. Er mußte sich eine Weile ganz still verhalten und lehnte 
sich eng an die Mauer. 

Er hörte, wie die Tür zu Wedas Kemenate heftig aufgestoßen 

wurde. Hastig tastete er sich weiter. Er erwartete ein wildes Gebrüll, 
aber von Wulf war nichts zu hören. Nur Wirnts schrille Stimme sagte 
einige Worte, dann erklang ein seltsamer Laut. Jemand schien zu 
Boden zu fallen. Weda schrie auf, dann herrschte Stille. 

Volker kroch durch das Fenster in die dunkle Kammer der Zofe. 

Hastig kleidete er sich an. Dann faßte er nach dem Riegel der Tür, 
hob ihn an und schob sie langsam auf. 

Zu seiner Überraschung hielt sich niemand auf dem Gang auf. 
Es war still. 
Warum brüllte Wulf von Wolfeneck nicht mehr? 
Wieso berichtete Wirnt seinem Bruder nicht, was er beobachtet 

hatte? 

Volker nutzte die Gelegenheit und huschte aus der Kammer. Mit 

vorsichtigen Schritten bewegte er sich den Gang entlang. Am 
liebsten hätte er in Wedas Kemenate geschaut, was dort vorgefallen 
war, doch er wollte das Schicksal nicht herausfordern. 

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Ungesehen gelangte er in den Vorraum der Halle. 
Lärm scholl ihm entgegen. Die Musiker schienen alle betrunken zu 

sein. Die Laute, die sie ihren Instrumenten entlockten, waren 
schauerlich und schmerzten Volker in den Ohren. 

Am Rundbogeneingang zur Halle blieb er stehen. 
Mit einem Blick überschaute er die Halle. 
Wulf von Wolfeneck war nicht da. 
Die Frauen hatten sich zurückgezogen. 
Ludger, Roland, der Abt, Lothar und Floris Starkmuth saßen 

ziemlich vereinsamt an ihrer Tafel und beobachteten das Spektakel, 
das ein paar Gaukler und die Knappen und Mägde der Wolfenecker 
aufführten. 

Louis und Pierre hatten sich mit Ludgers beiden Knappen ein 

wenig von den anderen abgesondert. 

Rolands Blick traf Volker. 
Der Sänger begriff auf einmal die Spannung, die in der Halle 

herrschte. Der Lärm erschien  ihm schrill und unnatürlich. Irgend 
etwas lag in der Luft. 

Volker spürte, wie die Wirkung des Met langsam in ihm nachließ. 

Er ging zu Roland und den anderen hinüber, und als er hinter der 
Tafel saß, blickte er überrascht auf die Waffen, die neben Roland und 
Ludger auf dem Boden verborgen waren. Auch sein eigenes Schwert 
war dabei. 

»Hast du Wulf gesehen?« rief ihm Roland leise entgegen. 
Volker wollte ihm erzählen, daß sich Wulf in der Kemenate seiner 

Gemahlin befand, als ein fürchterlicher Schrei durch Burg 
Wolfeneck hallte. 

Die Musik setzte schlagartig aus. 
Der Lärm der Menschen verstummte abrupt. 
Louis, Pierre, Reinhardt und Bechthold lösten sich vom Tisch der 

Knappen und traten neben die Tafel Ludgers und Rolands. Die 
Knappen Ludgers waren totenbleich im Gesicht. 

Jeder in der Halle starrte zu dem Rundbogeneingang. 

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Roland blickte zu Walram hinüber, der mit blitzendem Schwert in 
die Halle stürzte. Mit einer heftigen Bewegung gab der 
wildaussehende, schwarzbärtige Wolfenecker der langen Tafel, an 
der er vorhin mit seiner Braut gesessen hatte, einen Stoß, daß sie von 
ihren hölzernen Böcken stürzte. Teller und Becher klirrten auf den 
Boden. Mit wütenden Fußtritten beförderte er sie aus dem Weg. 

Sein Schwert wies auf den Rundbogeneingang. 
»Seht Euch das an, Ludger von Ludgershall!« brüllte er. 
Roland sah, wie Ludger neben ihm erstarrte. Auch er blickte 

hinüber. 

Wulf von Wolfeneck erschien.  Sein Gesicht war verzerrt zu einer 

grausamen Fratze. Auf den Armen trug er seinen Bruder Wirnt, und 
jeder in der Halle konnte erkennen, daß Wirnt durch einen 
Schwerthieb getötet worden war, der ihm den halben Oberkörper 
gespalten hatte. 

Wulf achtete nicht  auf das Blut, das an seiner Kleidung hinablief. 

Mit schweren Schritten stampfte er auf die Tafel der Ritter zu und 
blieb vier Schritte davor stehen. Langsam ließ er den Leichnam 
Wirnts zu Boden gleiten. 

Dann erhob er sich wieder. Seine rechte Hand wies anklagend auf 

den entseelten Mann. 

»So also, Ludger von Ludgershall, achtet Ihr die Befehle unseres 

Königs!« rief er, und seine kleinen schwarzen Augen funkelten. 

Ludger hatte den Kopf stolz erhoben. 
»Ich habe die Halle nicht verlassen, Wulf«, gab er ruhig zurück. 

»Ihr wollt doch nicht mich beschuldigen, Euren Bruder getötet zu 
haben?« 

Wulf von Wolfeneck riß sein Schwert hervor, das er sich 

umgebunden hatte. Die blitzende Klinge wies auf Volker vom 
Hohentwiel. 

»Weda!« rief er. »Meine Gemahlin, erscheint und berichtet, was in 

Eurer Kemenate geschah!« 

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Roland wandte den Kopf und blickte den Freund an, der ein wenig 

Farbe aus dem Gesicht verloren hatte. 

»Wulf selbst hat ihn erschlagen!« zischte der Sänger. »Ich ließ 

Wirnt lebend in Wedas Kemenate zurück, als Wulf auftauchte!« 

Roland starrte Volker an. Die Worte des Sängers waren 

verwirrend. 

Volker und Wirnt zusammen in der Kemenate der Herrin von 

Wolfeneck? Hatten sie zugleich ihr Vergnügen bei der lüsternen 
Weda gesucht? 

Weda von Wolfeneck erschien im Rundbogen. Ihr Haar war 

aufgelöst und zerzaust. Ihr Gesicht bleich und von Tränenspuren 
gezeichnet. 

Wulf drehte sich heftig nach ihr um, als sie nicht näher trat. 
»Habt keine Furcht, Gemahlin!« rief er. »Mein Schwert wird Euch 

beschützen!« 

Sie trat in die Halle. 
Roland entging nicht, daß sie Volkers Blicken auswich. Mit 

gesenktem Kopf begann sie, zu berichten. Zuerst waren ihre Worte 
kaum zu verstehen. Doch allmählich wurden sie klarer und waren in 
der ganzen Halle zu vernehmen. 

Roland begriff, was die Stunde geschlagen hatte. 
Wulf hatte die Falle zuschnappen lassen! 
Er wußte, daß Wedas Worte gelogen waren. 
Niemals wäre Volker in ihre Kemenate mit Gewalt eingedrungen, 

um sich von ihr zu rauben, was sie nur allzu deutlich den ganzen Tag 
über angeboten hatte. Und Wirnt sei ihr zu Hilfe geeilt, um ihre Ehre 
zu verteidigen? Der Schwächling Wirnt ging gegen Ritter Volker an? 
Und Volkers Schwert lag neben ihm unter dem Stuhl! Mit wessen 
Waffe also hätte Volker den Bruder Wulfs getötet? 

»Seid auf der Hut, Ludger!« zischte Roland Ludger zu, und sein 

warnender Blick traf Louis und Pierre, die begriffen hatten, daß Wulf 
von Wolfeneck sein blutiges Spiel aufzuziehen begann. 

»Ihr steht für Volkers Taten ein, Ludger von Ludgershall!« rief 

Wulf mit dröhnender Stimme. »Ich werde  Euch und die Euren 

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festsetzen und das Urteil des Königs über die böse Schmach ab-
warten, die Ihr meinem Namen angetan habt!« 

Das Klirren von Waffen erfüllte die Halle, als Roland, Volker und 

Ludger sich bückten und ihre Schwerter aufhoben. 

Die Knappen waren herbeigeeilt. Auch sie hielten plötzlich ihre 

Schwerter in den Händen. Floris Starkmuths Augen blitzten Walram 
an, der immer noch wie erstarrt neben der umgestürzten Tafel stand. 

Johannes von Kirchheim, der Zisterzienser-Abt, hielt eine Pike in 

den Händen. Er schien zu wissen, daß sein heiliger Rock ihm in 
dieser Burg nichts nützen würde. 

Lothar, der sich vordrängen wollte, wurde von seinem Vater 

zurückgeschoben. 

Roland hob sein Schwert an und wies auf den Toten vor Wulfs 

Füßen. 

»Das Blut Wirnts wird  über Euch kommen, Wulf von Wolfeneck!« 

rief er scharf. »Seht Euch Euer Schwert an! Ihr vergaßt, es sorgfältig 
zu säubern! Es klebt noch das Blut Eures Bruders daran. Ihr seid ein 
Brudermörder, Wulf! Und Ihr versucht, diesen Mord zu nutzen, 
indem Ihr die Ludgershaller beschuldigt, daran beteiligt zu sein!« 

Wulf von Wolfeneck wich ein paar Schritte zurück. Seine 

mächtige Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. Er 
bewegte sich nicht, als Weda, sein Weib, ihre Röcke raffte und wie 
von Furien gehetzt aus der Halle stürmte. 

»Walram!« brüllte er. 
Walram wirbelte herum. Sein Ruf hallte durch die Halle. 
Eisen klirrte in den Vorräumen. 
Männer mit Kettenhemden, Helmen, Lanzen und Schwertern 

erschienen an den Zugängen zum Saal. 

Roland erkannte, daß sämtliche Eingänge versperrt waren. Sie 

saßen in der Falle. 

Ihm fielen die Worte Beringas ein. 
Die alte Hexe hatte ein blutgetränktes Tuch gesehen. 
Sollte sich ihre Weissagung bewahrheiten? 

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Sie hatten nur eine Wahl. Sie mußten aus der Halle hinaus und zu 
den Gemächern der Frauen. Noch war Wulf nicht auf den Gedanken 
verfallen, die Frauen als Geiseln zu nehmen. Wahrscheinlich hatte er 
gedacht, die Falle, die er hier unten aufgebaut hatte, würde für 
Roland und Volker und die Ludgershaller genügen. 

Roland rief Louis und Pierre zu, sich an Ludgers und Lothars Seite 

zu stellen. 

Zusammen mit Volker sollten sie den Durchbruch am 

Rundbogeneingang erzwingen, vor dem Walram sein Schwert 
schwang. 

Wulf von Wolfeneck warf sich mit einem wilden Schrei vorwärts. 
Roland gab der Tafel einen Stoß. Sie rutschte von den Böcken, 

Wulf entgegen. Das Schwert des Burgherrn donnerte auf die 
Plankentafel und hieb eine tiefe Kerbe hinein. 

Reinhardt und Berchthold, Ludgers Knappen, fochten mit den 

herandrängenden Männern, die mit ihnen zusammen an der Tafel 
gesessen hatten. Sie waren plötzlich alle bewaffnet, und die 
Trunkenheit war von ihnen abgefallen, als hätten sie nicht einen 
Tropfen Met getrunken. 

Die große Halle war erfüllt vom Lärm der kämpfenden Männer. 

Immer mehr Soldaten drängten durch die anderen Türen der Halle 
herein und stürmten gegen Roland und die beiden Knappen Ludgers 
an. 

Rolands Schwert trieb Wulf von Wolfeneck zurück. 
Der bärenstarke Mann, der den Kampf gegen Ludger bestanden 

hatte, mußte erkennen, daß Roland noch ein weitaus besserer Fechter 
war. Wulfs Gesicht war gerötet. Er hatte Mühe, der wirbelnden 
Klinge des jungen Ritters zu entgehen. 

Er brüllte sich die Kehle heiser und hetzte seine Männer auf den 

Pulk der Ludgershaller, die sich allmählich den Weg durch den 
Rundbogen freikämpften. 

Roland hatte keine Mühe, ihnen den Rücken freizuhalten. 

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Jedesmal, wenn Wulf vor seinen blitzschnell geführten Schlägen 

zurückwich, sprang er Reinhardt oder Berchthold zu Hilfe und jagte 
ihre Gegner in kopflose Flucht. 

Berchthold ging plötzlich zu Boden. 
Roland sah, wie sein Mund aufklaffte. Von den Augen war nur 

noch das Weiße zu sehen. In seiner Brust steckte ein kleiner Bolzen, 
der von einer Armbrust abgeschossen worden war. 

Auch Reinhardt sah  den blutigen Fleck auf der Brust seines 

Freundes. Wie von Sinnen schrie er auf und stürzte sich den 
Angreifern entgegen. Er focht mit dem Mut der Verzweiflung, doch 
der Zorn über den Tod Berchtholds ließ ihn unvorsichtig werden. 

Roland, der Wulf abermals abwehren mußte, wollte ihm eine 

Warnung zurufen, doch in diesem Augenblick stieß einer der 
Soldaten dem Knappen eine Lanze in die Seite. 

Reinhardt wurde gegen die Mauer der Halle geschleudert. Er warf 

sein Schwert mit einem Schrei dem Soldaten entgegen, dessen Lanze 
er im Leib hatte. Die Klinge traf den Mann am Hals und tötete ihn 
auf der Stelle. 

Reinhardt ging zu Boden. Roland sah, wie sein Kopf zur Seite 

sackte. Er wußte, daß er jetzt allein auf sich gestellt war. 

Schon drängten sie von allen Seiten auf ihn ein. 
Wulfs Schwert nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. 

Nur selten konnte er seinen Blick von dem wild fechtenden Herrn 
von Wolfeneck nehmen. Er dachte an den Armbrustschützen und 
hoffte, daß er es in dem Kampfgetümmel nicht wagte, auf ihn zu 
schießen, weil die Gefahr zu groß war, einen Kameraden zu treffen. 

»Roland!« 
Das war Volkers Stimme gewesen. 
Sie hatten den Durchbruch geschafft! 
Roland wagte einen plötzlichen Ausfall, der ihm nach allen Seiten 

Luft verschaffte. Sofort wich er wieder zurück und rannte zum 
Rundbogen hinüber, durch den die Ludgershaller und seine Knappen 
verschwunden waren. 

Volker wartete auf ihn, und gemeinsam schlugen sie einen 

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weiteren Angriff Wulfs und seiner Männer zurück. 

»Vorsicht!« brüllte die helle Stimme Lothars über ihnen. 
Sie konnten den Knaben nicht sehen, aber Roland ahnte, daß er 

sich auf dem kleinen Balkon über dem Rundbogen befand, auf dem 
sich während des Speisens die Fanfarenbläser aufgehalten hatten. 

»Zurück!« rief Lothar. 
Roland und Volker sprangen zurück. Sie hörten das Rasseln einer 

Kette. Dicht vor ihnen donnerte ein Eisengitter herab und krachte mit 
ohrenbetäubendem Lärm auf den steinernen Fußboden. 

Wulf von Wolfeneck schrie vor Zorn auf. Sein Schwert hieb gegen 

das Gitter, daß die Funken stoben. Doch dann begriff er, daß die 
Ritter ihn hereingelegt hatten. 

Brüllend gab er einem Dutzend Männern den Befehl, das Gitter zu 

bewachen. Er selbst stürzte mit den anderen durch die Halle, um auf 
anderem Wege in den Vorraum zu gelangen, den jetzt die 
Ludgershaller besetzt hielten. 

Roland fing Lothar auf, als er von der schmalen Steintreppe, die 

zum Balkon hinaufführte, heruntersprang. Das Gesicht des Knaben 
glühte vor Eifer. 

»Gut gemacht, Lothar!« rief Roland und schlug ihm auf die 

Schulter. Doch dann hastete er schon weiter. 

Walram machte Ludger und Floris Starkmuth ziemlich zu schaffen. 

Der Schwarzbart verteidigte mit Löwenmut eine niedrige Tür, die zu 
den Frauengemächern führte. 

Roland rief Ludger etwas zu, und dieser wich zur Seite, um den 

Ritter vorzulassen. 

In diesem Augenblick stürzte Floris Starkmuth mit einem wilden 

Schrei vor. Walram wich aus, geriet aber ins Stolpern. 

Starkmuths Schwert hieb nach dem Fallenden, doch Walram warf 

sich zur Seite, riß gleichzeitig das eigene Schwert hoch, dessen 
Klinge Floris Starkmuth durchbohrte. 

Der Schrei des jungen Sängers brach ab. Sein Schwert klirrte auf 

den Steinfußboden. 

Roland sprang vor. Sein Schwert hieb nach der blutigen Klinge 

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Walrams, die dieser sofort wieder aus Floris Starkmuths Leib 
gerissen hatte. 

Doch Walram wich geschickt aus. 
Rolands Schwert hieb ins Leere. 
Dann war der Schwarzbart wieder auf den Beinen. Roland sah, wie 

sich seine dunklen Augen weiteten, als er die Ludgershaller und 
Volker und die beiden Knappen Rolands durch die schmale Tür 
huschen sah. 

Er stand mit dem Rücken an der Wand, das Schwert in beiden 

Händen und auf Roland gerichtet. 

Roland griff ihn nicht an. 
»Lauft zu den Gemächern der Frauen, bevor Wulf sie  als Geiseln 

nehmen kann!« rief er über die Schulter. 

Louis und Pierre zögerten, doch Roland befahl ihnen, mit den 

anderen zu gehen. 

»Ich folge euch!« rief er ihnen nach. Wenn ich mit Walram 

abgerechnet habe, dachte er grimmig. 

Er sah den Zisterzienser-Abt als letzten um die Biegung des 

Ganges verschwinden, dann wandte er das Gesicht Walram zu, der 
mit dem Rücken an der Wand zur Seite auswich, als suche er ein 
Loch in der Mauer, durch das er verschwinden konnte. 

Waffenlärm war hinter Roland. Er schallte  aus dem Gang, in den 

die Ludgershaller hineingelaufen waren. Offensichtlich wurden sie 
schon wieder von Wachen aufgehalten. 

Wulf kann noch nicht hier sein, dachte Roland. Er wird Augen 

machen, wenn ich seinen Sohn Walram in meiner Hand habe! 

Langsam machte er die Bewegungen Walrams mit. 
Das Schwert kreiste in seiner Hand. 
Walrams schwarze Augen glitzerten tückisch. Hatte der 

Schwarzbart noch eine Überraschung für ihn bereit? 

Roland wollte den ersten Angriff beginnen, als sich die Wand 

hinter  Walram von Wolfeneck plötzlich bewegte. Mit einem leisen 
Zischen öffnete sich eine schmale Geheimtür, und ehe Roland sein 
Schwert vorschnellen lassen konnte, war der Schwarzbart in dem 

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dunklen Loch verschwunden. 

Roland sah, daß die Tür offenblieb. 
Er zögerte nicht lange. 
Mit einem Sprung war er an der Mauer und warf sich todesmutig 

in das Loch hinein. Walram sollte ihm nicht entgehen! 

Volker trieb die Schildwachen, die Wulf vor den Gemächern der 
Frauen postiert hatte, ohne große Mühe zurück. Ludgers volltönende 
Stimme war durch die Eichentüren gedrungen, und als der letzte 
Gegner keuchend vor dem wild um sich schlagenden Volker floh, 
wurden die Türen geöffnet und die Männer eingelassen. 

Hinter ihnen im Gang ertönte Wulf von Wolfenecks Gebrüll. 
»Wo bleibt Roland?« rief die helle Stimme Lothars. 
Volker wirbelte herum und lief bis zur Ecke des Ganges zurück, 

von der aus er zur Treppe blicken konnte. 

Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er Louis durch ein 

Fenster klettern sah. Er wollte dem Knappen noch etwas zurufen, 
doch in diesem Moment tauchte der schwarze Lockenkopf Wulfs 
auf. 

Der Burgherr brüllte auf, als er Volker erkannte. Er beschleunigte 

seine Schritte, aber er vermochte nicht, den Sänger einzuholen. 

Volker huschte durch die Tür, die hinter  ihm von Pierre und Lothar 

zugeschlagen und verriegelt wurde. 

Wütende Schwerthiebe hallten von draußen dagegen. 
Erst nach einer ganzen Weile verstummte das hämmernde 

Krachen. 

Wulfs dröhnende Stimme rief: »Ihr sitzt dennoch in der Falle, 

Ludger! Nichts kann Euch jetzt mehr vor meiner blutigen Rache 
retten!« 

»König Artus wird Euch für Euren Frevel strafen, Wulf!« rief 

Volker durch die Tür. 

Ein dröhnendes Lachen war die einzige Antwort. Schwere Schritte 

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entfernten sich. Es war nicht zu hören, ob sich noch jemand draußen 
im Gang aufhielt, aber Volker war überzeugt, daß Wulf alle 
Fluchtwege versperrt hatte. Und diesmal gründlich. Er würde den 
gleichen Fehler nicht ein zweitesmal begehen. 

Volker dachte an Roland. 
Wo war der Freund geblieben? Wulf  hatte nicht ein Wort von ihm 

gesagt. Hieß das, daß Roland noch nicht in seiner Hand war? 

Und was war mit Louis? 
Der Knappe hatte sicher seinen Herrn nicht im Stich lassen wollen. 

Volker konnte nur hoffen, daß die beiden nicht ein grausamer Tod 
ereilte, wenn sie Wulf in die Fänge gerieten. 

Er drehte sich um. 
Die Frauen hatten sich um Ludger geschart. Libussa und Luitberga 

weinten. Ludger hatte ihnen vom heldenhaften Tod Floris 
Starkmuths berichtet. 

Leonas Gesicht war immer noch wie eine Maske. Sie hatte 

natürlich gespürt, daß der junge Floris seine Verse nur für sie 
geschrieben hatte. Aber sie hatte ihm nie Mut gemacht, geduldig in 
seinem Werben fortzufahren. Für sie gab es niemals einen Mann 
nach Lienhart von Ludgershall. 

Johannes von Kirchheim schnaufte wie ein Schlachtroß. Das 

Laufen hatte ihn mächtig angestrengt. Immer noch hielt er seine Pike 
in den Händen. Die Spitze war rot vom Blut der Männer, die er damit 
gestochen hatte. 

»Weint nicht, meine Töchter!«  stieß er schweratmend hervor. »Der 

Herr wird seine schützende Hand über uns legen.« 

Libussas verweintes Gesicht hob sich Volker entgegen. 
»Habt Ihr Ritter Roland nicht mehr gesehen?« fragte sie mit 

ängstlicher Stimme. 

Volker schüttelte den Kopf, und mit einem Schluchzen warf sie 

sich an die Brust ihres Vaters. 

Sie denkt nicht mehr an ihren eigenen Kummer, dachte Volker. Sie 

liebt Roland mehr als ihr eigenes Leben! 

Doch dann lenkte er seine Gedanken auf Naheliegenderes. Er 

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winkte Pierre herbei und sagte: »Wir müssen die Türen befestigen, 
Pierre, Wulf wird bald ungeduldig werden und die Türen mit 
Axthieben zu sprengen versuchen.« 

Pierre nickte, und gemeinsam machten sie sich daran, ihr Vorhaben 

in die Tat umzusetzen. 

Bis auf das Schluchzen der Frauen war in den Gemächern bald 

nichts mehr zu hören. Alle harrten der Dinge, die da kommen sollten. 
Ihre Gedanken waren bei Roland. Was war mit ihm geschehen? 
Hatte er sich in Sicherheit bringen können? Würde er Hilfe 
herbeiholen, um sie vor den Wolfenecker Mordgesellen zu schützen? 

Die Zeit dehnte sich, und mit ihrem Fortgang schwand allmählich 

die Hoffnung, daß es für sie noch eine Rettung gab. 

Roland atmete feuchte Luft ein. 

Er sah die Mauern vor sich im Schein einer entfernten Fackel 

grünlich glitzern. Er zuckte zusammen, als er hinter sich das leise 
Zischen hörte, mit dem die steinerne Tür in ihre alte Lage zurückglitt 
und ihn von der Außenwelt abschnitt. 

Entschlossen trat er ein paar Schritte in den modrigen Gang vor. 
Wo war Walram geblieben? 
Der Schwarzbart  konnte sich schließlich nicht in Luft aufgelöst 

haben. 

Von dem kleinen Raum, der sich hinter der Geheimtür befand, 

führten drei Gänge in verschiedene Richtungen. 

Roland wählte den zur Fackel. Er  brauchte Licht. Walram dagegen 

kannte sich in diesen unterirdischen Räumen sicher aus. 

Ein hämisches Lachen hallte von den Wänden wider. 
Roland lauschte, doch diesmal konnte er die Richtung nicht 

bestimmen. Sein Schwert schrammte über eine Wand, als er sich 
drehte. Es gab ein häßliches Geräusch, das in seinen Ohren 
schmerzte. 

Er beschleunigte seine Schritte. 

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Der Geruch im Gang wurde schlimmer. Es roch nach verfaultem 

Wasser und nach den Exkrementen von Tieren. Und dann war da 
noch ein Gestank, den Roland nicht definieren konnte. Irgendwo 
hatte er ihn schon einmal gerochen, doch sein Erinnerungsvermögen 
ließ ihn im Stich. 

Dann hatte er die Fackel erreicht. 
Das Pech war noch nicht zur Hälfte heruntergebrannt. Sie konnte 

also noch nicht lange in der eisernen Halterung stecken. 

Von hier aus sah Roland einen Lichtschein am Ende des feucht 

glitzernden Ganges. Er eilte darauf zu. 

Eine Felshöhle öffnete sich vor ihm. Jedenfalls erschien es ihm so. 

Die Wände waren aus unbehauenem Stein, nur der Boden war glatt. 
Rundherum in dem ovalen Raum hingen Fackeln an den Wänden, die 
nicht länger brannten als diejenige im Gang. 

Wieder war das hämische Lachen da. 
Roland erkannte Walrams Stimme. 
Ein Schatten geisterte über die Felswände, und dann trat aus einem 

anderen Gang die gedrungene Gestalt Walram von Wolfenecks. 

Das schwarze Haar klebte ihm in Strähnen in der Stirn, als hätte er 

unter einem Wasserfall gestanden. Sein schwarzes Kettenhemd 
glitzerte von Nässe, und auch von seinem Schwert und seinem Schild 
fielen glänzende Wassertropfen zu Boden und zerplatzten dort mit 
leisem Geräusch. 

Walram lachte und verzog das bärtige Gesicht zu einer haßvollen 

Grimasse. 

Langsam hob er sein Schwert an. 
»Nun, Ritter Roland?« stieß er hervor. »Gefällt Euch dieser Platz 

für einen Zweikampf?« 

Roland antwortete nicht. 
Er spürte, daß Walram ihn in eine Falle gelockt hatte. 
Der Gestank war bestialisch geworden und erschwerte ihm das 

Atmen. Er drehte langsam den Kopf, denn er wurde das Gefühl nicht 
los, daß er mit Walram nicht allein war. 

Roland hob sein Schwert an. 

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Er wollte es kurz machen. 
Walram war nicht der Gegner, der ihm lange Widerstand 

entgegensetzen konnte. 

Das Grinsen in Walrams Gesicht wurde breiter. 
»Habt Ihr das Beinkleid voll, Ritter Roland?« höhnte er. »Oder 

gefällt Euch die Luft hier unten nicht?« 

»Sie war oben nicht anders, wenn Ihr in meiner Nähe wart, 

Walram«, gab Roland bissig zurück. »Und nun stellt Euch! Genug 
des Geredes!« 

Walram blieb stehen. 
»Ich warte auf Euch, Roland!« zischte er. »Kommt her, wenn Ihr 

mein Schwert nicht fürchtet!« 

Roland hörte den lauernden Ton. Wo war Walrams Falle? Was 

hatte sich der Schwarzbart ausgedacht, um ihn zu überlisten? 

Rolands Blick glitt über den glatten Boden. 
Wollte Walram ihn vielleicht über eine Falltür locken? 
Nirgends war etwas zu sehen. 
Roland blieb dicht an der Felswand. Im Bogen bewegte er sich 

vorsichtig auf Walram zu, der seinen Standort nicht änderte. 

Noch fünf Klafter trennten ihn von dem Schwarzbart, als er das 

kratzende Geräusch hörte. Der Boden unter seinen Füßen bewegte 
sich! 

Roland wollte mit einem gewaltigen Satz auf Walram zuspringen, 

doch rechtzeitig erkannte er, daß sich der dunkle Spalt im Boden von 
dem Schwarzbart zu ihm verbreiterte. 

Er wich hastig zurück. 
Modrige Fäulnis, klamm und kalt, schlug ihm ins Gesicht. 
Dann hatte er wieder festen Boden unter den Füßen. 
Der Spalt war drei Klafter breit. Nicht breit genug, um Roland von 

Walram zu trennen. Grimmig trat er noch einen Schritt zurück, um 
etwas Anlauf zu nehmen. 

Plötzlich stellten sich ihm die Haare im Nacken auf. 
Irgendein kleines Geräusch war ihm an die Ohren gedrungen. Er 

dachte daran, daß Walram sich nicht bewegt, also auch nicht den 

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Mechanismus der Falltür ausgelöst haben konnte! 

Ein großer Schatten fiel neben ihn. 
Roland wirbelte herum. 
Sein Schwert beschrieb eine Kreisbahn, aber die Klinge zischte nur 

durch die Luft. 

Roland sah den Riesen, den Walram schon im Schwarztann bei 

sich gehabt hatte. 

»Stoß ihn hinein, Lodewik!« brüllte Walram. 
Eine lange Stange mit einer ellengroßen hölzernen Platte an der 

Spitze schoß auf ihn zu. 

Roland riß sein Schwert zurück. Er traf die Platte, doch er konnte 

nicht verhindern, daß sie ihn in die Seite traf und ihn zum Straucheln 
brachte. 

Er konnte nicht ausweichen. 
Links von ihm war die Felswand, hinter ihm der dunkle Spalt. 
Er glitt aus. 
Mit rudernden Armen versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten. 
Da traf ihn der zweite Stoß. 
Roland schrie auf. 
Sein linker Fuß trat ins Leere. 
Er warf sich herum. Mit dem rechten Fuß stieß er sich von der 

Kante des Spaltes ab und hechtete auf die andere Seite zu. Das 
Schwert warf er mitten im Fluge Walram entgegen. 

Der Schwarzbart brüllte auf und riß seinen Schild hoch. Dennoch 

stieß ihn die Wucht des Aufpralls zu Boden. 

Rolands Arme knallten auf die gegenüberliegende Kante des 

Spaltes. Er rutschte ab. Im letzten Augenblick fanden seine Hände 
Halt. 

Eisig kroch es seine Beine herauf. Er hatte das Gefühl, als würden 

kalte Schlingpflanzen nach ihm tasten und ihn in die Tiefe ziehen. 

Das Rasseln und Klirren von Walrams Schild und Schwert erfüllte 

die Felshöhle. Der Schwarzbart begann zu brüllen, als er im 
Herumwälzen sah, daß Roland noch immer nicht in den Spalt 
gestürzt war, Roland spannte die Armmuskeln an. Seine Füße glitten 

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von der glitschigen Wand des Spaltes ab. Allein mit der Kraft der 
Arme mußte er es schaffen, sich über die Kante zu ziehen. 

Walram rappelte sich hoch. 
Roland wußte, daß er aus dem Loch hinaus sein mußte, bevor 

Walram mit seinem Schwert vor ihm stand. 

Mit ungeheurer Kraftanstrengung schaffte er es, sich 

hochzuziehen. Er holte ein paar Lidschläge Atem, um die Beine über 
die Kante zu schwingen, als ihn der fürchterliche Stoß in den Rücken 
traf. 

Roland schrie auf. 
Seine Hände verloren den Halt. Der kalte Abgrund zog ihn mit 

unbarmherziger Macht hinab. 

Im Herum wirbeln erkannte Roland, daß Lodewik drohend mit der 

langen Stange über ihm stand. 

Und dann hörte er nur noch das gellende Lachen Walrams, das 

seinen Sturz in die Tiefe begleitete. 

Libussa schrie leise auf und schlug die Hände vors Gesicht. 

Liebtraut von Ludgershall legte den Arm und die Schultern ihrer 

Tochter. 

»Was ist mit dir, mein Kind?« fragte sie besorgt. 
Mit weit aufgerissenen Augen blickte Libussa von einem zum 

anderen. 

Sie wußte selbst nicht, was sie hatte aufschreien lassen. Etwas 

Kaltes war in ihren Körper gedrungen. Der Name des Geliebten hatte 
sie durchzuckt, als wenn er in höchster Not nach ihr gerufen hätte. 

Roland! War etwas mit ihm geschehen? 
Sie schaute zu Boden. Nein, sie konnte den anderen nichts davon 

erzählen, was sie in ihrem Innersten gespürt hatte. Tränen quollen 
aus ihren Augen. Roland! War er tot? Ermordet von den grausamen 
Wolfeneckern, die den Befehl des Königs zur Versöhnung dazu 
benutzten, die Ludgershaller auszurotten? 

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In Libussa erstarb in diesem Augenblick der Wille zum Leben. Das 

kleine Flämmchen, das ihre Liebe zu dem jungen Ritter am Brennen 
gehalten hatte, verlosch flackernd. 

Sie lehnte ihren Kopf an die Schulter der Mutter, und ihr Gesicht 

war bleich wie der Tod. 

Volker schnitt es ins Herz, mit ansehen zu müssen, wie die Frauen 

von Ludgershall litten. Zorn erfüllte ihn. Seine Hände krampften sich 
um den Griff seines Schwertes. Am liebsten wäre er hinausgestürzt, 
um sich Wulf zum Kampf zu stellen. 

Doch Wulf von Wolfeneck dachte nicht wie ein Ritter. Er war 

gemein und hinterhältig. 

Volker erinnerte sich der Worte, die Ludger von Ludgershall zu 

ihnen gesprochen hatte. Sie hatten ihm nicht geglaubt. Jetzt würden 
sie es wahrscheinlich mit dem Leben bezahlen, darauf gedrungen zu 
haben, daß der Befehl des Königs ausgeführt wurde. 

Die Abwesenheit Rolands beunruhigte ihn. 
Hatte Louis es wenigstens geschafft, bis zu seinem Herrn 

vorzudringen? Volker hoffte es. 

Er wollte sich umdrehen, weil er die Tränen Libussas nicht mehr 

mit ansehen konnte, als er die stampfenden Schritte auf dem Gang 
vernahm. 

Auf einmal war draußen Waffenlärm. 
Ein paar Dutzend Schildwachen mußten aufgezogen sein. 
Wulfs dröhnende Stimme ließ die Wachen verharren. Das Geklirr 

der Rüstungen, Waffen und Schilde verstummte. 

Ludger war neben Volker getreten. 
Sein Gesicht war wie eine Maske, aber an seinen kalten blauen 

Augen erkannte Volker, daß er entschlossen war, bis zum Tode zu 
kämpfen. 

»Meine Geduld ist erschöpft!« brüllte Wulf, »öffnet die Türen der 

Gemächer, Ludger von Ludgershall! Wartet nicht auf Hilfe von 
außen! Roland ist tot! Mein Sohn Walram hat ihn im Zweikampf 
getötet!« 

Libussa schrie auf. 

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Volker hieb voller Zorn mit seinem Schwert auf die schwere 

Truhe, die er vor die Tür geschoben hatte. 

»Das lügt Ihr, Wulf!« rief er. »Und wenn Roland nur mit den 

bloßen Händen gegen Walrams Schwert angegangen wäre, er hätte 
Euren feigen Sprößling besiegt! Wenn Roland tot ist, dann habt Ihr 
ihn aus dem Hinterhalt ermordet!« 

»Roland ist tot!« brüllte Wulf wütend. Axtschläge donnerten auf 

einmal gegen die schwere Eichentür, »öffnet, oder ich werde Euch 
herausholen, Ludger, und dann werdet Ihr mit den Euren sterben!« 

»Wir werden noch schneller sterben, wenn wir Euch die Türen 

öffnen!« gab Ludger zurück. 

Eine Weile blieb es still. 
»Ich will nur Volker«, sagte Wulf durch die Tür. »Er wird für den 

Mord an meinem Bruder Wirnt sterben. Euch und den Euren wird 
kein Haar gekrümmt, Ludger, wenn Euer Töchterlein die Ehe mit 
meinem Sohn Walram vollzieht.« 

»Ich traue Euch nicht, Wulf!« rief Ludger zornig. 
»Ihr müßt mir aber trauen, Ludger«, erwiderte Wulf mit hämischer 

Stimme. »Denn sonst werdet ihr in Euren Gemächern lebendigen 
Leibes verbrennen  - es sei denn, Ihr springt von Euren Fenstern aus 
zum Hof hinab in den Tod.« 

Volker hielt den Atem an, als er den weißen Qualm durch die 

Türritzen quellen sah. Er hatte die ganze Zeit schon gespürt, daß es 
wärmer geworden war. Jetzt begriff er, daß die Schildwachen an 
dieser Tür ein Feuer entfacht hatten. 

Er drehte sich zu Ludger um und blickte ihm fest in die Augen. 
»Ihr müßt das Risiko eingehen, Ludger«, sagte er. »Wir geben auf. 

Wenn nur einer der Euren am Leben bleibt, so haben wir schon 
gewonnen.« 

Ludger schüttelte den Kopf. 
»Ihr dürft Euer Leben nicht für die unsrigen opfern, Volker«, 

erwiderte er gepreßt. 

Volker wischte den Einwand beiseite. 
»Mein Leben ist dem Kampf und der Minne geweiht«, sagte er. 

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»Ich habe oft mit dem Tod einen Streit ausgefochten. Heute bleibt er 
der Sieger.« 

Er gab Pierre einen Wink, und ehe Ludger sie zurückhalten konnte, 

hatten sie die Truhe von der Tür weggezerrt und den Riegel aus der 
Halterung gehoben. 

Flammen fauchten ihnen entgegen, als die Tür aufschwang. 
In ihrem zuckenden Schein waren die dunklen Konturen Wulfs zu 

erkennen. 

»Löscht das Feuer!« rief er. »Und dann legt Volker in Ketten!« 

Der Sturz in die Tiefe erschien Roland unendlich lang. Seine 
rudernden Arme streiften die glitschige Wand des Verlieses. 
Walrams gellendes Lachen hallte ihm in den Ohren. Ein Gestank 
umfing ihn, der ihm den Magen umdrehte. 

Dann kam der fürchterliche Aufprall. 
Seine Füße stießen in einen modrigen, glitschigen Boden. 
Sie rutschten .sofort weg, und er schlug mit dem Hinterkopf gegen 

eine Wand. Sterne wirbelten vor seinen Augen. Ein kreischendes 
Geräusch über ihm löste Walrams gellendes Lachen ab. 

Dann lag er still in einer sumpfigen Schicht. 
Der Lichtspalt über ihm wurde immer schmaler, bis die 

Bodenplatte der Falltür sich krachend schloß. Das Geräusch hallte 
dumpf von den Wänden des Verlieses wider. 

Roland schloß die Augen. Er versuchte, seine Benommenheit 

abzuschütteln. 

Die Beine und die linke Hüfte schmerzten höllisch. 
Vorsichtig tastete er sich ab. Zum Glück hatte er sich bei dem 

Sturz nichts gebrochen. 

Das Stechen im Hinterkopf ließ nach. 
Stöhnend setzte er sich auf. Seine Hände griffen in den fauligen 

Schlamm, der ihn aufgefangen und ihm wahrscheinlich das Leben 
gerettet hatte. 

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Seine Gedanken begannen sich zu jagen. 
Wie tief war er gefallen? 
Er starrte nach oben. 
War da nicht ein Lichtschimmer? 
Er versuchte, aufzustehen. Ein paarmal glitt er aus und stürzte 

zurück in den Schlamm. Dann hatte er es geschafft. Wankend stand 
er da und starrte nach oben, wo sich in drei Klafter Höhe eine 
Öffnung in der Mauer befand, durch die ein schwacher Lichtschein 
fiel. 

Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel. Er konnte 

jedoch nicht erkennen, wie tief er gefallen war. 

Der Gestank hier unten war lange nicht so stark, wie er ihn 

während des Sturzes empfunden hatte. 

Seltsame Laute drangen an seine Ohren. 
Er blickte wieder nach oben. 
Ein Rauschen schien sich zu nähern. Es wurde immer lauter, bis es 

in seinen Ohren zu dröhnen begann. Seine Hände, die an der 
glitschigen Wand lehnten, spürten die leise Vibration. 

Dann schoß es über ihm hervor und donnerte auf ihn herab. 
Roland schrie auf und wollte sich zur Seite werfen, doch von 

überall her platschten ellenbreite Wasserstrahlen auf ihn herab. 

Er stürzte mit dem Gesicht in den Schlamm, von den kräftigen 

Wasserstrahlen niedergedrückt. 

Sie wollten ihn ersäufen! 
Panik stieg in Roland hoch. 
Zum erstenmal erfüllte ihn etwas wie Todesahnung. Schauer 

durchrannen seinen Körper. Mit heftigen Bewegungen stieß er sich 
wieder hoch und kroch zur Mauer hinüber, wo ihn die mächtigen 
Wasserstrahlen nicht trafen. 

Keuchend hockte er im Schlamm und starrte auf den sprühenden 

Wasserfall, der aus mehreren Löchern auf ihn herabstürzte. 

Er dachte an den Turm, den er neben dem Bergfried gesehen hatte. 

Louis hatte von einem Wolfenecker Knappen erfahren, daß es ein 
Wasserturm war. Befand er sich genau darunter? 

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Das Wasser stieg schnell. 
Es kroch an seinen Beinen hoch, und bald stand er bis zu den 

Hüften darin. Er spürte, wie sich seine Kleider mit Wasser vollzogen. 
Hastig zog er sie aus. 

Das Wasser stand ihm nach Minuten schon bis zur Brust. Mit 

Urgewalt stürzte die Nässe herab. Seine Füße standen immer noch im 
ekligen Schlamm, doch schon bald hob ihn das steigende Wasser an. 

Er mußte schwimmen. 
Wann hört es endlich auf? schrie es in ihm. 
Seine Hände tasteten immer wieder über die glitschigen Mauern 

des Verlieses, doch nirgends gab es auch nur den kleinsten 
Vorsprung, an den er sich klammern konnte. 

Er begann zu frieren. Zeit und Raum verloren für ihn an 

Bedeutung. Die eisige Kälte des Wassers, die seinen ganzen Körper 
durchdrang, erstickte alle Gedanken. 

In seinen Ohren hatte sich das Dröhnen und Platschen des 

stürzenden Wassers zu einem monotonen Rauschen verwandelt. 
Seine Beine fühlten sich an, als hingen Steingewichte daran. 

Die stürzenden Wasser erfaßten ihn wieder, und er begriff nach 

einiger Zeit, daß sich der Wasserspiegel den Löchern näherte, aus 
denen es hervorschoß. 

Er stieß sich von der Mauer ab und schwamm in die Mitte des 

runden Verlieses. 

Dann sah er den Lichtschimmer dicht über sich! 
Vor Schreck ging er unter und schluckte Wasser. Er schlug mit den 

Armen um sich. Hustend und spuckend tauchte er wieder auf und 
brauchte eine ganze Weile, ehe die Schmerzen in seinem Brustkorb 
nachließen. 

Er schwamm durch einen Wasserstrahl hindurch auf den 

Lichtschimmer zu. 

Er mußte die Augen schließen, weil die stürzenden Wassermengen 

in sein Gesicht spritzten. Langsam tastete sich seine rechte Hand an 
der Mauer empor. 

Ein ungeahntes Gefühl der Erleichterung durchströmte ihn. Seine 

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Finger hatten eine Kante ertastet, an der er sich festklammern 
konnte! 

Der Lichtschimmer! 
Bedeutete er Rettung für ihn? 
Gab es hier einen Ausstieg aus dem Verlies? 
Roland spürte die Kälte in seinem Körper nicht mehr. Alles in ihm 

zitterte vor Erregung. Noch war er nicht verloren! 

Das Dröhnen des Wassers war immer noch in seinen Ohren, doch 

es wurde weniger! 

Roland starrte zu den Löchern hinauf, aus denen es hervorschoß. 

Rasch wurden die Strahlen dünner und versiegten schließlich ganz. 

Er starrte hinauf zu der Öffnung in der Mauer, die nur eine 

Ellenbreite über dem Wasserspiegel lag. 

Mit dem Versiegen des Wassers war auf einmal wieder der 

fürchterliche Gestank da. 

Roland hatte das Gefühl, als würde ihm aus der Öffnung ein 

Pesthauch entgegenwehen. 

Er preßte die Lippen hart aufeinander. Es blieb ihm keine andere 

Wahl. Wenn er nicht steiffrieren und schließlich jämmerlich ersaufen 
wollte, mußte er in diese Öffnung hinein. Zumindest war er dort 
nicht mehr im eiskalten Wasser. 

Er griff auch mit der anderen Hand nach der Kante und holte tief 

Luft. Dann zog er sich hoch. Die Armmuskeln schmerzten ihn. Alles 
an ihm war steif und klamm. Dennoch schaffte er es. 

Keuchend zog er sich über die Kante und starrte in die Öffnung 

hinein. 

Er sah einen niedrigen Gang, durch den er nur kriechen konnte. 
Drei Klafter weiter schien er einen Knick zu machen. Dort vorn 

schimmerte Licht. 

Roland blieb keuchend sitzen. 
Sein Atem ging abgehackt. Er wollte tief Luft holen, doch der 

fürchterliche Gestank, der ihn aus dem Gang anwehte, raubte ihm 
fast die Sinne. Er würgte. Sein Magen krampfte sich zusammen. 

Die Anstrengung und der bestialische Gestank waren zuviel. Sein 

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Magen gab das wieder her, was er beim Festmahl gegessen hatte. 

Erschöpft hockte Roland in dem  kleinen Gang. Sein keuchender 

Atem mischte sich mit seltsamen Geräuschen, die sich wie das 
Tappen kleiner Füße auf nassem Steinboden anhörten. 

Er tastete nach seinem Gürtel, der die Leinenhose hielt, sein 

einziges Kleidungsstück. Das Messer in der Scheide war zum Glück 
noch da. 

Er brauchte noch Minuten, um sich so weit zu erholen, daß er den 

Gang entlangkriechen konnte. 

Er versuchte, so flach wie möglich zu atmen. Immer noch 

überfielen ihn Magenkrämpfe, und er mußte ein paarmal innehalten, 
um ihn zu beruhigen. 

Dann hatte er die Biegung des Ganges erreicht. 
Narrten ihn seine Ohren? 
Er hatte ein Knurren und Fauchen gehört. 
Er kroch noch ein Stück weiter, bis er um die Ecke des Ganges 

blicken konnte. 

Seine Augen weiteten sich. 
Entsetzen kroch in ihm hoch. 
Auf einmal war das Gesicht der alten Beringa vor seinem geistigen 

Auge, und er hörte ihre Stimme sagen: »Hütet Euch vor den weißen 
Dolchen über dem Wasser, Roland!« 

Das Fauchen und Knurren wurde in seinen Ohren zu einem Orkan. 
Er starrte auf die Meute der zähnefletschenden Wölfe hinter dem 

Eisengitter, das den Gang einen Klafter vor ihm abtrennte. 

Reißzähne blinkten ihm wie weiße Dolche entgegen. 
Die Wölfe gebärdeten sich wie wild. 
Roland sah ihre mageren, struppigen Körper. Geifer troff von ihren 

Lefzen, als hätten sie wochenlang nichts zu fressen gehabt. 

Roland hob instinktiv seinen Dolch an. 
Er biß sich die Unterlippe blutig, als er den Riegel sah, der sich auf 

seiner Seite befand. 

Er konnte den Riegel öffnen! 
Aber damit ließ er gleichzeitig den Tod auf sich los! 

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Keuchend starrte er zum Eisengitter hinüber. Die gelblichen 

Lichter der Bestien funkelten ihn an. 

Roland glaubte in diesem Augenblick, in die Augen Wulfs und 

Walrams zu schauen. 

Zorn und Trotz stiegen in ihm auf. 
Nein, er würde niemals aufgeben! Wulf von Wolfeneck sollte 

seiner Strafe nicht entgehen! 

Seine Gedanken waren plötzlich bei Volker und Libussa und den 

anderen Ludgershallern. Was war mit ihnen inzwischen geschehen? 
Waren Louis und Pierre bereits tot? 

Ein wilder Zorn wühlte in Roland. 
Das zähnefletschende Fauchen und der bestialische Gestank 

konnten ihn nicht mehr zurückhalten. 

Er kroch bis zum Gitter vor, und langsam näherte sich seine Hand 

dem Riegel der Eisengitterpforte ... 

Louis hatte Wulf von Wolfeneck und die Schildwachen an sich 
vorbeilaufen sehen. Auch Werinher war bei ihnen gewesen. Dann 
war er wieder durchs Fenster in den Gang gekrochen und hatte die 
Schwerthiebe Wulfs gegen die Eichentüren der Frauengemächer 
vernommen. 

Lautlos war er zurückgeglitten, bis er an der Stelle anlangte, an der 

Roland mit Walram gekämpft hatte. 

Nirgends war etwas von den beiden zu sehen. 
Louis wurde von einem eigenartigen Gefühl erfaßt. Sie hatten 

schon oft zusammen in einer Klemme gesteckt, sein Herr und er. 
Doch diesmal erschien ihm die Gefahr, in der sie schwebten, tödli-
cher als je zuvor. 

Er irrte durch die angrenzenden Gänge. Immer, wenn er 

Waffengerassel hörte, verbarg er sich, aber jedesmal waren es nur 
Schildwachen, die durch die Gänge hasteten. 

Er fand nicht die kleinste Spur von Roland. 

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Er wollte schon zurücklaufen zu den anderen, als er ein schabendes 

Geräusch vernahm. Er befand sich gerade an der niedrigen Tür zum 
Vorraum, der zur Halle führte. Das Gitter im Rundbogeneingang war 
noch immer herabgelassen. 

Sofort drückte er sich neben der Tür an die Wand. 
Seine dunklen Augen weiteten sich. Draußen auf dem breiten Gang 

öffnete sich die Wand! 

Louis sah zwei Gestalten hervortreten, und ein kalter Schauer lief 

ihm über den Rücken, als er den Riesen sah, der sich hinter Walram 
durch die schmale Öffnung in der Mauer zwängte. 

Die beiden Männer warteten, bis sich die Mauer wieder 

geschlossen hatte, dann rannten sie den Gang zu den 
Frauengemächern hinauf, aus dem ihnen Lärm entgegenscholl. 

Louis huschte in den Gang. 
Seine Finger tasteten über Steinritzen, doch nirgends konnte er den 

Auslöser für den Mechanismus der Geheimtür finden. 

Schweiß stand ihm auf der Stirn. 
Roland mußte sich dort hinter der Mauer befinden! 
Sicher hatte Walram ihn in eine Falle gelockt und mit Hilfe des 

Riesen ausgeschaltet! 

Verzweiflung packte Louis, als er nicht den kleinsten Vorsprung 

fand. 

Aus einem zweiten Gang drangen Stimmen. Schritte hallten. Dann 

das dröhnende Organ Wulfs von Wolfeneck, der nach seinem Sohn 
Walram rief. 

Walram antwortete vom Gang zu den Frauengemächern. 
Louis huschte zurück in den Vorraum und verbarg sich hinter 

einem breiten Vorhang. 

Er konnte die gedämpften Stimmen nicht verstehen. Die Schritte 

entfernten sich wieder. Er wartete nicht länger,  sondern glitt wieder 
hinter dem Vorhang hervor. 

Axtschläge hallten durch die Burg. Wulfs laute Stimme forderte 

Ludger von Ludgershall auf, die Türen der Gemächer zu öffnen. 

»Roland ist tot! Mein Sohn Walram hat ihn im Zweikampf 

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getötet!« rief er. 

Louis war wie erstarrt. 
Nein! dachte er entsetzt. Nein, das kann niemals sein! Irgend etwas 

sagte ihm, daß Ritter Roland noch am Leben war. 

Wie durch eine dicke Wand hörte er Wulfs weitere Worte. Das 

Geräusch von knisternden Flammen drang an seine Ohren. 

Dann rief Wulfs tiefe Stimme: »Löscht das Feuer! Und legt Volker 

in Ketten!« 

Die Ludgershaller und Volker hatten sich ergeben! 
Louis fluchte lautlos. 
War das das Ende? 
Walram grölte seinen Triumph hinaus. Louis sah ihn und den 

Riesen den Gang herunterkommen. Sie hatten den gefesselten Volker 
vor sich und stießen ihn in den Rücken, damit er schneller lief. 

Louis drückte sich gegen die Wand. Er hoffte, daß Walram seinen 

Gefangenen durch die Geheimtür in das verborgene Verlies brachte, 
in dem auch schon Roland schmachten mußte. 

Doch Walram und der Riese gingen an der Stelle vorbei. 
Enttäuscht starrte Louis ihnen nach. 
Dann gab er sich einen Ruck und folgte ihnen. Die Stimmen von 

den Frauengemächern vernahm er schon nicht mehr. Er konzentrierte 
sich auf die Schritte der Männer vor sich. 

Dumpf hallte es aus einer schmalen Nische. Louis glitt hinein und 

hätte in der Dunkelheit fast nicht die Stufen gesehen, die wendelartig 
in einer schmalen Röhre nach unten führten. 

Ohne lange zu überlegen, huschte er die Stufen hinunter. 
Walrams hämisches Lachen war zu hören. 
Lichtschein schimmerte vor Louis durch die Dunkelheit. Er 

bewegte sich langsamer. Vorsichtig schob er den Kopf vor. 

Sie hatten Volker in eine Art Folterkammer gebracht. Der Riese 

war dabei, dem Sänger Arm und Fußeisen anzulegen. 

Walram stand vor ihm und bedrohte ihn mit dem Schwert. 
»Was habt Ihr mit Roland gemacht?« fragte Volker gepreßt. »Ich 

hab' ihn ersäuft wie eine Ratte!« stieß Walram haßerfüllt hervor. 

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»Und wenn er ein guter Schwimmer ist, wird er zum Fraß für meine 
Wölfe!« 

Louis sah, wie Volker erbleichte. Ihm selbst erging es nicht besser. 

Wenn er doch nur gewußt hätte, wo Roland war! 

Der Riese war fertig. 
Walram trat von Volker zurück. 
»Viel Vergnügen, Ritter Volker!« höhnte er. »Wenn Ihr die Ohren 

spitzt, könnt Ihr vielleicht hören, wie Euer Freund stirbt!« Sein 
Lachen hallte von den engen Wänden der Kammer wider, und Louis 
drehte sich hastig um, als Walram und der Riese auf die Wendel-
treppe zukamen. 

Lautlos huschte er die Stufen hinauf und verbarg sich oben auf 

dem Gang, bis die beiden zur Halle hin verschwunden waren. 

Sofort glitt er wieder in die Nische und eilte die Stufen hinunter. 

Die Tür zur Kammer war nicht verschlossen. 

Louis schob sie auf. 
Volker starrte ihm entgegen. Der Sänger brauchte eine Weile, ehe 

er sich von seiner Überraschung erholt hatte. 

»Louis!« rief er leise. »Dich schickt der Himmel! Ich wußte, daß 

du mich nicht im Stich läßt! Wärest du nicht in Freiheit gewesen, ich 
hätte mich niemals den Wolfeneckern ergeben!« 

Louis glitt zu Volker hinüber und zerrte an den Eisen. 
»Dort!« sagte Volker und zeigte auf die gegenüberliegende Wand. 
Louis wandte den Kopf, sprang auf und holte den Schlüsselbund, 

an dem drei fingerlange Schlüssel hingen. Schon der erste paßte. Die 
Eisen klirrten, als sie zu Boden rutschten. 

Volker und Louis verharrten und lauschten. 
Sie hatten beide das Rauschen und Dröhnen vernommen, das 

diesen unterirdischen Raum erfüllte. Der Boden erzitterte unter ihren 
Füßen. 

»Was ist das?« fragte Louis entsetzt. 
Volker wußte es ebenfalls nicht. 
Er lief hinüber zur Wand, an der sich die Ritzen einer Tür 

abzeichneten. Sein Blick glitt über die aus großen Quadern 

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bestehende Mauer. Eine kleine Erhebung über der Tür erregte seine 
Aufmerksamkeit. Er faßte danach. 

Knirschend öffnete sich die Tür. 
Volker drehte sich um und gab Louis einen Wink. Nacheinander 

huschten sie durch die Öffnung. 

Das donnernde Rauschen war zu einem Orkan angewachsen. Es 

ließ die Luft erzittern. Doch Volker und Louis hatten erst ein  paar 
Schritte in den dunklen Gang getan, als das Rauschen langsam 
erstarb. 

Etwa zehn Klafter vor ihnen mündete der Gang in einen Raum, der 

von einer Fackel erhellt sein mußte. 

Volker und Louis zögerten nicht länger. 
Sie liefen los. 
Ein fürchterlicher Gestank schlug ihnen entgegen. 
Volker versuchte, den Atem anzuhalten. Es wurde immer 

schlimmer, je weiter sie sich dem Ende des Ganges näherten. 

Sie ließen sich nicht davon zurückhalten. Louis, sein Schwert in 

den vorgereckten Fäusten, sprang als erster in den Raum hinein. 

Er war leer. Sein Durchmesser betrug etwa fünf Klafter. Auf der 

gegenüberliegenden Seite zweigte ein zweiter Gang ab. Es war 
deutlich zu erkennen, daß er schon nach zwei Klaftern in eine 
weitere Kammer mündete. 

»Da!« Volker, der neben Louis getreten war, zeigte auf den Boden, 

der in der Mitte mit einem runden Eisengitter von zwei Klaftern 
Durchmesser abgedeckt war. 

Fauchende und knurrende Geräusche drangen zusammen mit 

einem nach Aas und tierischen Exkrementen stinkenden Hauch zu 
ihnen herauf. 

Louis rannte an dem Gitter vorbei und durch den anderen Gang. Er 

gelangte in eine hohe Höhle mit glatten Felswänden. Überall steckten 
brennende Fackeln in eisernen Halterungen. Sie waren fast 
herabgebrannt. 

Und dann weiteten sich Louis' Augen. 
Er stürzte auf die Stelle zu, an dem die Klinge eines Schwertes im 

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Licht der Fackeln blitzte. 

Es war Rolands Schwert! 
Louis schaute sich wild um. Doch nirgends war etwas von Roland 

zu sehen. Er raffte das Schwert auf und rannte zurück. 

»Volker!« brüllte er. »Seht, was ich gefunden habe!« 
Volker, der auf dem Boden kniete und durch das Eisengitter in die 

Tiefe starrte, hob den Kopf. 

Er schien nicht überrascht. Grimmig nickte er. 
»Leg es hin, und dann hilf mir!« preßte er hervor. 
Louis verstand erst nicht, doch als Volker nach dem Eisengitter 

faßte, wußte, er, was der Sänger vorhatte. Er legte Rolands Schwert 
beiseite, ging ans andere Ende des Gitters und packte zu. 

Sie mußten ihre ganze Kraft aufwenden, um das Gitter aus seinem 

Lager zu heben und über die Kante zu schieben. Der Rest war 
einfacher. Sie zogen beide an einer Seite und schafften es, das Gitter 
halb vom Loch wegzuzerren. 

Sie starrten beide voller Entsetzen in die Tiefe. Drei Klafter unter 

ihnen tobten mehr als ein Dutzend Wölfe. Geifer tropfte ihnen von 
den Lefzen. Sie gebärdeten sich wie wild. 

»Hol alle Fackeln her, die du findest!« zischte Volker Louis zu. 
Der Knappe lief in die Felsenhöhle hinüber. 
Volker sah, daß sich mehr als die Hälfte der Wölfe an einer Stelle 

drängten. Er schaute genauer hin. Plötzlich sah er das Gitter, und als 
sich ein paar von den Wölfen mit einem Sprung rückwärts von der 
Stelle wegbewegten, erkannte er das Gitter und den schwachen 
Schein eines menschlichen Gesichtes dahinter. 

Er sah die Hand, die das Gitter gepackt hatte und langsam nach 

innen in den Wolfszwinger schob. 

»Nein, Roland!« rief er. »Warte, bis wir die Bestien getötet 

haben!« 

Nur ein paar Lidschläge lang verharrte die Hand. Dann schob sie 

das Gitter weiter auf. Eine Dolchklinge blitzte. 

Volker griff nach Rolands Schwert, das Louis neben ihm abgelegt 

hatte, und warf es hinunter zwischen die Wölfe, die jaulend zur Seite 

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sprangen. Dicht neben dem Gitter klirrte es auf die Steine und blieb 
liegen. 

»Louis, wo bleibst du?« rief Volker. 
Doch als er sah, wie der Dolch Rolands dem ersten Wolf in die 

Kehle fuhr, zog er sein Schwert und ließ sich mit einem wilden 
Schrei hinab in das Höllenloch fallen. 

Gier glitzerte in Walram von Wolfenecks Augen. Stumm und mit 
offenem Mund starrte er seine verschleierte Braut an, mit der er vor 
Stunden vermählt worden war. 

Nicht einmal eine halbe Stunde war vergangen, seit er Volker im 

Verlies angekettet hatte. Roland war bestimmt schon ersoffen oder 
von den Wölfen zerfetzt, wenn er es gewagt hatte,  die Eisenpforte zu 
öffnen. Vielleicht aber hockte er auch noch  - im Gang und überlegte, 
welche Todesart ihm lieber sei. 

Walram lachte leise in sich hinein. 
Er dachte an die Ludgershaller, die jetzt wieder mit seinem Vater 

und seinem kleinen Bruder in der  Halle an der großen Tafel saßen. 
Der Alte würde sich mit Met vollaufen lassen und darauf warten, daß 
er, Walram, ihm ein Zeichen gab, mit ihnen endgültig Schluß zu 
machen. Wenn er Libussa erst einmal auf ihrem Lager bezwungen 
hatte, würde sie keine eigene  Familie mehr brauchen. Dann war sie 
eine Wolfeneckerin. 

Der Alte würde die Sippe der Ludgershaller eigenhändig mit 

seinem Schwert töten. Weder Ludger noch Lothar oder der dicke 
Knappe Rolands, der sich noch bei ihnen befand, hatte eine Waffe 
bei sich. Sie hatten ihnen alles abgenommen. Der dicke Abt war 
sowieso keine Gefahr. Vielleicht würden sie ihn sogar auf dem 
Scheiterhaufen brennen lassen. 

Um die drei Frauen der Ludgershaller und die kleine Zofe war es 

eigentlich schade. Sie sahen alle verdammt hübsch aus. Selbst die 
Mutter seiner Braut hätte Walram nicht verschmäht. 

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Doch sie waren Zeuginnen, und deshalb mußten sie sterben. 
Und wenn alle Ludgershaller tot waren, gab es nur einen Erben, 

der Burg Ludgershall und das reiche Land ringsum beanspruchen 
konnte: Walram von Wolfeneck, der Gemahl Libussas. 

»Warum legt Ihr nicht endlich den Schleier ab, holde Libussa?« 

fragte er mit rauher Stimme. Seine Hand griff nach ihr, aber sie wich 
ihm aus. 

»Versteht die Scham einer Jungfrau, Walram«, erwiderte sie 

gepreßt. 

»Hoho!« rief er. »Ich hoffe, Eure Scham geht nicht so weit, 

Jungfer Libussa, daß Ihr mir mein eheliches Recht verweigert!« 

Diesmal wich sie nicht zurück, als er dicht an sie herantrat und 

seine starken Arme um ihren schlanken, biegsamen Körper schlang. 

Er spürte ihre Brüste durch sein Leinenhemd, und ein Feuer der 

Begierde schlug in ihm hoch. 

Er hatte sich die Frauen genommen, die er hatte haben wollen. 

Meistens waren es Mägde gewesen, die es nicht gewagt hatten, sich 
ihm zu widersetzen. Er hatte seine  Lust an ihnen gestillt und sie 
fortgeschickt. 

Bei Libussa war es anders. Er spürte es deutlich. Noch nie hatte er 

dieses Gefühl der Begierde in sich gespürt, das nicht allein von 
körperlicher Art war. 

»Gebt mir einen Kuß!« stieß er erregt hervor und beugte seinen 

Kopf zu ihr hinab. 

Sie wich zurück und wandte den Kopf ab. 
Sein Griff wurde härter. Er drängte sie zum Lager hinüber. Seine 

Pranken nestelten an ihrem Kleid, und dann griff er nach ihrer Brust, 
daß sie vor Schmerzen aufstöhnte. 

»Ihr seid grob, Walram!« rief sie. 
Er lauschte einen Moment. Hatte ihre Stimme nicht anders 

geklungen als sonst? Er vermißte den glockenhellen Klang. 

Doch seine Begierde vertrieb diese Gedanken. Sie waren auf das 

Lager gestürzt, und Libussas Röcke hatten sich über die Knie 
geschoben. 

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Seine Hand fuhr unter die Röcke. 
Sie schrie leise auf. Er nahm eine Bewegung an seiner Seite wahr, 

doch in diesem Augenblick spürte er ihren warmen Schoß. Er zwang 
ihre Schenkel mit der Hand grob auseinander und stöhnte vor 
Wollust auf, als sie ihm ihren Schoß entgegendrängte. 

Jetzt ist sie soweit! dachte er. Sie braucht nur eine starke Hand. 
Er beugte sich über sie und wühlte mit seinem Gesicht in den 

Falten ihres Kleides, die die Brüste bedeckten. 

Sie wälzte sich etwas zur Seite. Ihr rechter Arm hob sich, als wolle 

sie ihn umarmen, und auf einmal spürte er den fürchterlichen 
Schmerz in seinem Rücken, der seinen Körper in zwei Hälften zu 
teilen schien. 

Die Frau wollte sich unter ihm hervorwinden, als er schreiend 

seinen Rücken nach oben krümmte. 

Seine rechte Pranke packte zu. 
Er kriegte sie am Stoff ihres Kleides zu fassen, das mit einem 

häßlichen Geräusch riß. 

Bunte Kreise tanzten vor Walrams Augen. Etwas Feuchtes tränkte 

das Hemd auf seinem Rücken. Mit der Linken tastete er nach der 
Stelle, von der aus der fürchterliche Schmerz durch seinen Körper 
pulste, doch er konnte sie nicht erreichen. 

Ein Messer! dachte er voller Entsetzen. Sie hat mir ein Messer in 

den Rücken gestoßen! 

Auf einmal zerrissen die roten Wolken und Kreise vor seinen 

Augen. Er brüllte auf und zerrte der Frau den Schleier vom Gesicht. 

Dunkles Haar quoll hervor. 
Dunkle, haßerfüllte Augen starrten ihn an. 
Er sah, wie sich die vollen Lippen der Frau spitzten, dann traf ihn 

ihr Speichel mitten im Gesicht. 

»Das ist für den Tod Lienharts, Meuchelmörder!« rief sie. »Sei auf 

ewig verflucht, Walram von Wolfeneck! Das Fegefeuer wartet auf 
dich!« 

Zorn packte ihn. 
Die roten Wolken wallten wieder vor seinen Augen auf. Das Bild 

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Leonas, der Witwe Lienharts von Ludgershall, den er mit einem Pfeil 
im Schwarztann zu seinen Ahnen geschickt hatte, verschwamm in 
diesen roten Wolken. 

Seine Hände schlossen sich um die Kehle der Frau. 
Unbarmherzig drückte er zu. 
Es war, als schlügen Blitze in seinem Gehirn ein. Er spürte nicht, 

wie die Frau unter seinen stählernen Pranken erschlaffte. Es war, als 
müßte er sich an ihr festhalten, um den Knochenhänden des 
Sensenmannes zu entgehen. 

Er wußte nicht, wie lange er schon über Leona gelegen hatte, als 

sich die roten Wolken wieder verflüchtigten. 

Das Gesicht der Frau war bleich. Leer starrten ihre dunklen Augen 

an ihm vorbei. 

Zitternd löste er seine Finger von ihrem Hals. Das Herz pochte in 

seinen Schläfenadern. Voller Entsetzen sah er die blauen Würgemale 
auf Leonas milchiger Haut. 

Er taumelte zurück. 
Die Bewegung ließ den Schmerz in seinem Rücken zurückkehren. 

Seine Knie wurden ihm weich. Er stützte sich an der Wand ab und 
wartete, bis der Schwindel etwas nachließ. Noch einmal versuchte er, 
nach dem Messer in seinem Rücken zu tasten, doch es steckte 
zwischen seinen Schulterblättern, so daß er es nicht erreichen konnte. 

Ich brauche Hilfe! schrie es in ihm. Ich muß hinunter in die Halle 

zu dem Alten, damit er mir das Messer aus dem Rücken zieht! 

Torkelnd fiel er gegen die Tür. Jede Bewegung verursachte ihm 

ungeheure Schmerzen. Es brannte wie Feuer in seinem ganzen Leib. 

Mühsam taumelte er auf den Gang hinaus, als die Tür aufschwang. 

Mit beiden Händen stützte er sich an der Wand ab. 

Sein Mund war plötzlich voller Flüssigkeit, und er spuckte aus. 
Der Schrei erstarb ihm in der Kehle. Seine schwarzen Augen 

weiteten sich, als er das helle Blut an der Wand hinablaufen sah. 

Tränen liefen ihm auf  einmal in das Bartgeflecht. Er fühlte sich 

hilflos wie ein Kind. Er wollte nach seinem Vater schreien, doch ein 
neuer Blutsturz erstickte ihm die Worte auf den Lippen. 

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Der Wille zum Leben trieb ihn vorwärts. Unendlichkeiten schienen 

ihm zu vergehen, bis er den Vorraum zur Halle erreicht hatte. 

Die Stimme seines Vaters drang durch das Rauschen seines Blutes 

an seine Ohren. Er tastete sich an der kleinen Treppe zum Balkon 
über dem Rundbogeneingang vorwärts. 

Schnaufend holte er Atem. 
Er sah den Rundbogen vor sich. Mit einem Ruck stieß er sich von 

der Steintreppe ab und torkelte durch den Eingang. 

Ein gellender Schrei löste sich von seinen blutbefleckten Lippen. 

Roland hatte den Riegel der Eisengitterpforte gelöst und schob es 
langsam auf. Die weißen Dolche der Wolfsreißzähne schnappten 
nach ihm und schlugen mit hellem Klappern gegen das Eisen. 

Er packte seinen Dolch fester. 
Ein Schrei war plötzlich über ihm. Narrte ihn ein Spuk? Das war 

Volkers Stimme gewesen! 

Er zögerte. Doch dann stieß er die Pforte weiter auf. 
Wenn Volker in der Nähe war, so würde er ihm helfen! 
Die Wölfe vor dem Eisengitter sprangen plötzlich jaulend und 

knurrend zurück. Einer schnappte nach Rolands Hand. Im selben 
Augenblick klirrte ein Schwert dicht vor der Pforte auf den Boden. 

Roland stieß mit dem Dolch zu. Die Klinge schlitzte die Kehle des 

geifernden Raubtieres auf. Zuckend brach der Wolf zusammen. 

Roland stieß den wieder herandrängenden Wölfen die Eisenpforte 

entgegen. Das Messer hatte er in die linke Hand genommen und hieb 
damit wild um sich. 

Die Rechte schloß sich um den Griff des Schwertes. Er erkannte 

sofort, daß es sein eigenes war. 

Das Messer trieb die reißenden Tiere, die vor Hunger verrückt 

waren, nur kurz zurück, aber es genügte Roland, das Schwert 
anzuheben und mit beiden Händen zu packen. 

Ein Schatten war von oben auf ihn gefallen. Er hörte einen wilden 

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Schrei. 

Er sah auf einmal die blitzenden Augen Volker vom Hohentwiels 

vor sich. Des Freundes Blick traf ihn nur für einen Lidschlag, dann 
hieb Volker mit seinem Schwert zwischen die Bestien, die fauchend 
und knurrend angriffen. Der Hunger hatte ihre natürliche Furcht vor 
den Menschen erstickt. 

Rücken an Rücken kämpften sie. Die Hälfte der Bestien lag schon 

in ihrem Blut, als Louis am Rand des Zwingers auftauchte und 
Fackeln zu ihnen herabwarf. 

Das Feuer ließ die Wölfe für einen Moment zurückweichen. 
Volker bückte sich, um eine der Fackeln aufzuheben, doch in 

diesem Moment schnappte eine Bestie zu. 

Rolands Schwert trennte dem Wolf den Schädel vom Leib. 
Die Bestien spielten verrückt. Der Blutgeruch schien sie 

wahnsinnig zu machen. Der erste Wolf warf sich auf einen seiner 
toten Artgenossen und hieb ihm seine Reißzähne ins Fell. 

Roland und Volker wichen zur Wand zurück. Jetzt waren auch die 

anderen Tiere nicht mehr zu halten. Knurrend und mit gefletschten 
Zähnen zerrten sie an den Kadavern. 

Roland hatte Mühe, den abgeschlagenen Wolfskopf von Volkers 

Arm zu trennen. Erst als er den Dolch zwischen, das Gebiß schob, 
schaffte er es, es aufzubrechen. 

Volker stöhnte leise auf, als er den blutüberströmten Arm 

anwinkelte. 

Sie starrten auf die Bestien, die von ihnen kaum noch Notiz 

nahmen. Erst Louis' Stimme riß sie aus ihrer Erstarrung. Eine Kette 
klirrte. Louis mußte sie aus der kleinen Kammer geholt haben, in der 
Walram Volker angekettet hatte. 

Roland nickte Volker zu. Er schob nach, als Louis die Kette anzog 

und Volker, der sich nur mit der rechten Hand festhalten konnte, 
hinaufzerrte. 

Die Kette klirrte sofort wieder herunter, als Volker oben war. Sie 

baumelte neben Roland, der die Wölfe beobachtete und das Schwert 
in der erhobenen Rechten hielt. 

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Vorsichtig griff er mit der Linken nach der Kette neben sich. 
Das leise Klirren schien einen der Wölfe verrückt zu machen. Er 

warf sich mit gefletschten Zähnen herum und sprang Roland an. 

Ein Schwerthieb warf das Tier zurück zwischen die anderen. Sie 

wichen knurrend aus. Zu dritt griffen sie an, aber Louis und Volker 
hatten Roland bereits zur Hälfte hinaufgezogen. Die blutige Klinge 
von Rolands Schwert traf noch eine der Bestie, dann war er oben, 
hockte keuchend neben Volker auf dem kalten Steinboden und starrte 
in das Höllenloch, das ihm beinahe den Tod gebracht hatte. 

Roland zitterte am ganzen Leib. Er fror erbärmlich. Wasser tropfte 

aus seiner knielangen Hose. 

Louis hatte sein Wams heruntergerissen und reichte es seinem 

Herrn. Dankbar nahm Roland das Kleidungsstück entgegen und 
streifte es über. 

Er wollte nach Volkers verletzten Arm greifen, doch der Sänger 

zog ihn zurück und schüttelte den Kopf. 

»Dafür ist jetzt keine Zeit«, stieß er hervor. »Wir müssen hinauf in 

die Halle, bevor Wulf von Wolfeneck Ludger und die Seinen töten 
läßt!« 

Roland erhob sich. Seine Beine fühlten sich an, als seien sie aus 

Eisen. 

Louis wollte ihn stützen, doch Roland winkte ab. 
»Schnell, zeig uns den Weg nach oben!« sagte er. 
Louis lief voraus. Die Steintür zur Folterkammer stand noch offen. 

Louis hielt sofort auf die Wendeltreppe zu. 

»Sie ist eng, Herr!« rief er. »Seid vorsichtig, daß Ihr nicht 

ausgleitet!« 

Rolands Keuchen wurde von den engen Wänden zurückgeworfen. 

Er mußte sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, doch er 
merkte, wie die Lahmheit langsam von ihm wich. Ihm war lange 
nicht mehr so kalt wie vor Sekunden. 

Der Gedanke an Libussa trieb ihm vom  Herzen her die Hitze durch 

den Körper. 

Louis wartete oben in der Nische und zog Roland die letzten 

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Stufen empor. Das Licht blendete die Augen Rolands. Er kniff sie 
zusammen. Neben sich spürte er Volker. 

Er zuckte zusammen, als er den gellenden Schrei hörte. 
Sofort wußte er, daß Walram von Wolfeneck ihn ausgestoßen 

hatte. 

Er riß die Augen auf und stieß Louis zur Seite. 
Mit weit ausholenden Schritten rannte er den Gang entlang auf den 

Vorraum zur Halle zu. 

Ludger von Ludgershall wurde bleich, als er Walram in die Halle 
stürzen und vor der langen Tafel zusammenbrechen sah. 

Deutlich war der Griff des Messers zu erkennen, der aus seinem 

Rücken ragte. 

Die Stunde der Entscheidung war da. 
Ludger hatte gewußt, daß Wulf von Wolfeneck sie nicht am Leben 

lassen würde. Er hatte eingestimmt, daß Leona wenigstens ihre 
Rache am Mörder ihres Gemahls vollenden konnte. Es schien, als 
hätte der Teufel Walram zur Seite gestanden. Mit dieser Wunde 
konnte kein Mensch überleben! 

Wulf von Wolfeneck hatte sich von der Tafel erhoben. Er hatte an 

ihrem Ende gesessen, neben sich seinen jüngsten Sohn Werinher, 
und hatte Ludger und die Seinen die ganze Zeit über belauert, als 
warte er auf etwas Besonderes. 

Drei Krüge Met hatte er in der Zwischenzeit geleert, doch er war 

nicht trunkener als vorher. 

Walram sackte plötzlich zusammen. Sein Gesicht schlug auf den 

Steinfußboden. Ein Zucken ging durch seinen gedrungenen, 
schweren Körper, dann streckte er sich und lag still. 

Wulf brüllte auf. Seine Rechte fegte einen halbvollen Metkrug von 

der Tafel und riß das Schwert hervor. 

»Mörder!« brüllte er. »Auch Eure Weiber sind Natterngezücht, 

Ludger! Dafür werdet ihr alle sterben!« 

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Ludger stieß die Tafel vor. Sie traf Wulf in den Leib. Der schwere 

Mann  ging brüllend zu Boden, war aber schnell wieder auf den 
Beinen. Auch Werinher hatte sein Schwert gezückt und rief nach den 
Schildwachen. 

Ludger hatte keine Waffe. Er hatte gegen Wulf einen 

Schwertkampf ausgefochten und wüßte, wie stark er im Zweikampf 
war. Ein unbewaffneter Gegner konnte ihm nicht gewachsen sein. 

Hastig zerrte er einen Bock heran, auf dem die Tafelplatte gelegen 

hatte, zertrümmerte ihn und riß ein Bein hoch. 

Johannes von Kirchheim, der Zisterzienser-Abt, reagierte trotz 

seiner Leibesfülle erstaunlich behende. Er hatte das weiße Linnen 
von der Tafel gezerrt und warf es dem mit seinem Schwert 
zuschlagenden Werinher über den Kopf. 

Der Junge schrie auf. Sein Schwert verfing sich in dem Linnen. 

Stoff riß mit einem kreischenden Laut. 

Ludger hatte geistesgegenwärtig mit seinem Knüppel 

zugeschlagen. Er traf Werinhers Hand. Schreiend ließ der Junge sein 
Schwert fallen. 

Ludger warf sich vorwärts. Er sah nicht, wie die Frauen 

zurückdrängten. Liebtraut hatte Lothar an den Armen gepackt, um zu 
verhindern, daß er Wulf angriff und von dessem Schwert getötet 
wurde. 

Ludger spürte den Griff von Werinhers Schwert an seinen Fingern. 

Er warf sich sofort herum, zog das Schwert mit sich und wollte es 
hochreißen. 

Ein Schatten war über ihm. Er sah das bärtige, verzerrte Gesicht 

Wulfs, der das Schwert mit beiden Händen über den Kopf 
geschwungen hatte und es in diesem Augenblick auf ihn 
niedersausen ließ. 

Johannes von Kirchheim erkannte das Unheil und stieß den jungen 

Werinher zwischen die beiden Kämpfenden. 

Wulf konnte sein Schwert nicht mehr zurückhalten. 
Es sauste auf das weiße Linnen zu und traf es mit einem dumpfen 

Laut. 

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Ludger hatte sich zur Seite gewälzt, und als er wieder auf den 

Beinen war, sah er den gebeugt dastehenden Wulf, der auf den vor 
ihm im Linnen  verwickelten Werinher starrte. Das weiße Linnen sog 
sich langsam mit dunkelrotem Blut voll. 

Wulf schrie auf. Seine Stimme überschlug sich. Wild drehte er sich 

um und starrte Ludger wie ein Verrückter an. Mord stand in seinen 
dunklen Augen - und Wahnsinn. 

»Vorsicht, Ritter Ludger!« rief Pierre. 
Ein riesiger Mann war neben Wulf von Wolfeneck aufgetaucht. Er 

hielt eine Streitaxt in der erhobenen Rechten und wollte schon 
zuschlagen, als Wulf von Wolfeneck den linken Arm hob. 

»Nein, Lodewik!« brach es aus ihm hervor. »Dieser Mann wird 

durch mein Schwert sterben! Töte die anderen! Ludger von 
Ludgershall ist mein!« 

Lodewik wich zurück. Die Frauen schrien auf, als er mit 

stampfenden Schritten auf  sie  zuging. Pierre baute sich vor ihnen auf. 
Er war totenbleich im Gesicht. Aber er war entschlossen, das Leben 
der Frauen mit bloßer Hand zu verteidigen, solange noch ein Funken 
Leben in ihm war. 

»Das Schwert wird dir nichts nützen, Ludger!« zischte Wulf. »Ich 

werde dich töten und deinen Kadaver meinen  Wölfen zum Fraß 
vorwerfen!« 

»Ihr werdet niemanden mehr töten, Wulf von Wolfeneck!« erklang 

eine laute, klare Stimme vom Rundbogeneingang her. »Ihr habt den 
Befehl von König Artus mißachtet, und mein Schwert wird Euch 
dafür strafen!« 

Die große Halle war auf einmal von Grabesstille erfüllt. 

Alle starrten Roland an. Sein blondes Haar hing ihm in nassen 

Strähnen in die Stirn. In seinem leinenen Beinkleid und dem etwas 
zu kleinen Wams seines Knappen mochte er einen lächerlichen 
Anblick bieten, doch seine blitzenden blauen Augen und das Schwert 

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in seinen Händen sprachen eine andere Sprache. 

Wulf beachtete Ludger nicht mehr. 
Der Herr von Wolfeneck hatte sich Roland zugewandt, neben den 

jetzt Volker vom Hohentwiel und der Knappe Louis getreten waren. 

Der Riese Lodewik stieß plötzlich einen Schrei aus. Er warf sich 

vorwärts und schwang die Streitaxt über dem Haupt. Mit einem 
wilden Zischen ließ er die Axt fahren. 

Volker war vorgesprungen, duckte sich unter der heranfliegenden 

Waffe hindurch und stieß sein Schwert vor. 

Der dumpfe Laut, mit dem die Streitaxt gegen die Wand donnerte, 

fiel mit dem Röcheln des Riesen zusammen, der in Volkers Schwert 
gestürzt war. 

Volker trat sofort zurück und stellte die blutige Spitze seines 

Schwertes klirrend auf den Steinboden. 

Wulf von Wolfeneck stand auf einmal allein. 
Er blickte sich wild um. 
Am hinteren Eingang zur Halle erschienen Wachen, doch sie 

wagten sich nicht näher heran. 

Wulfs bärtiges Gesicht hatte nichts Menschliches mehr an sich. 
Langsam begann er sich zu bewegen. 
Sein Blick schien nichts anderes zu erfassen als Rolands ernstes 

Gesicht. 

Roland bewegte sich erst, als Wulf sein Schwert hochschwang. 
Er wehrte den mächtigen Hieb mitLeichtigkeit ab. 
Wulf brüllte wie ein Tier. Er warf sich vorwärts, hieb mit wilden 

Bewegungen immer wieder zu und traf doch nicht ein einziges mal. 

Die blitzenden Klingen der Schwerter wirbelten durch die Luft. 

Das Klirren verdichtete sich zu einem einzigen langen Ton. 

Bisher hatte Roland Wulfs Hiebe nur abgewehrt, doch jetzt griff er 

selbst an. 

Wulf begann zu lachen, während er Schritt für Schritt zurückwich. 

Er schien den Verstand verloren zu haben, doch noch führte er sein 
Schwert mit kräftiger Hand. 

Roland hieb zu, als er eine Lücke in Wulfs Deckung erkannte. Er 

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glaubte, daß der Herr von Wolfeneck geschickt genug sei, diesem 
Streich auszuweichen, doch in diesem Moment verfing sich Wulfs 
linker Fuß in dem Tafellinnen, das auf dem Boden lag. 

Roland konnte den Hieb nicht mehr aufhalten. Er spürte, wie der 

scharfe Stahl in Wulfs Seite drang. 

Wulf von Wolfeneck öffnete das Bartgestrüpp zu einem Schrei. 

Doch kein Ton drang über seine Lippen. 

Sein Schwert fiel klirrend zu Boden. 
Dann brach er zusammen. Er rollte über den Boden, und das weiße 

Linnen, das sich um seinen Fuß gewickelt hatte, breitete sich über 
ihm aus. 

Roland starrte auf das Linnen, unter dem Werinher durch den 

Schwerthieb seines eigenen Vaters gestorben war. Große Flächen 
hatten sich mit seinem Blut vollgesogen. 

Jetzt breiteten sich auch dort rote Flecken aus, wo Wulf von 

Wolfeneck lag. 

»Über allem liegt ein Tuch, das mit Blut getränkt ist!« 
Die Worte Beringas hallten in Rolands Schädel wie 

Glockenschläge wider. Sie hatten sich auf eine grausame Art 
bewahrheitet. 

Roland spürte die Stille um sich herum. 
Er erwachte wie aus einer Art Trance. 
Er sah die Schildwachen schreiend davonlaufen und drehte sich 

langsam um. 

Seine Augen wurden groß, als eine der Frauen ihren Schleier 

anhob und er das holde Antlitz Libussas erkannte. 

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. 
»Ich stehe ewig in Eurer Schuld, Ritter Roland«, sagte die dunkle 

Stimme Ludgers von Ludgershall. »Laßt uns dieser Burg des 
Schreckens den Rücken kehren und nach Ludgershall gehen. Meine 
Töchter werden Euch und Ritter Volker vergessen lassen, was Euch 
Furchtbares auf Burg Wolfeneck widerfahren ist.« 

Roland antwortete nicht. Er hatte das sanfte Lächeln auf Libussas 

liebreizendem Gesicht gesehen, und er dankte Gott, daß er dieses 

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Geschöpf vor bösem Unheil bewahrt hatte. 

ENDE 

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Invasion, Plünderung, Erpressung, Mord: Das Chaos regiert im 
Herzogtum Orplid. Dafür verantwortlich ist der General Ortwin 
Sengal. Er ist 

Im Rausch der Macht 

König Artus versteht nicht mehr die politischen Entscheidungen 
seines nördlichen Nachbarn, und Königin Ginevra bangt um das 
Leben ihrer Halbschwester Inger, die mit dem Herzog von Orplid 
verheiratet ist. Ritter Roland wird Licht in das Dunkel der 
Gerüchte und Hiobsbotschaften bringen. 

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