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IMPRESSUM

Ausgerechnet Paul erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/60 09 09-361
Fax: +49(0) 040/60 09 09-469
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Geschäftsführung:

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Cheflektorat:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Lektorat/Textredaktion:

Veronika Matousek

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Erste Neuauflage by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,
in der Reihe: Digital Edition

© 2007 by Cora Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY LIEBEN & LACHEN
Band 35 - 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Umschlagsmotive: kieferpix, amiloslava / Thinkstock

E-Book-Produktion: 

GGP Media GmbH

, Pößneck

ISBN 9787373380243

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

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1. KAPITEL

Die oberste der fünf rosa Hutschachteln unters Kinn geklemmt, die Arme fest um die vier anderen,
blickte Mira auf das Schild über dem alten Backsteintor. FILMGELÄNDE BABELSBERG TOR 7
stand dort in großen Lettern. Heute hatte sie den Parkplatz ohne Umwege gefunden. Beim ersten
Mal  war  sie  natürlich  vor  einer  Schranke  neben  einem  leeren  Wachhäuschen  gelandet  und  hatte
zwanzig  Minuten  lang  versucht,  mit  dem  Handy  jemanden  herbeizuklingeln,  der  sie  auf  das
Filmgelände  ließ.  Fast  vermisste  Mira  das  Gefühl  von  Hektik,  das  sie  sonst  empfand,  wenn  sie
ihre neuen Hutkreationen vorstellte.

Sie ließ den Blick über die Firmenschilder an der rechten Torseite gleiten. Dort hing ein Stück

Papier, das in einer Plastikfolie steckte. Ein dicker roter Pfeil wies nach links. Dahinter stand in
krakeliger  Schrift:  Sophienbad.  Immer  links  abbiegen,  hatte  der  Wachmann  ihr  das  letzte  Mal
gesagt.

Doch obwohl sie immer links abgebogen war, wusste sie schon hinter der zweiten Studiohalle

nicht  mehr  weiter.  Auf  der  einen  Seite  standen  Kulissen,  die  aussahen,  als  hätte  man  ein
schottisches Schloss mit einer bayerischen Alm gekreuzt. Mira schüttelte unwillkürlich den Kopf,
und  ihre  aufgestapelte  Pyramide  aus  Hutschachteln  wackelte  bedenklich  in  ihren Armen.  Dabei
hatte  sie  bei  Mrs.  Cory  in  London  gelernt,  wie  man  selbst  mit  einer  Größe  von  eins
sechsundfünfzig zehn Schachteln gleichzeitig sicher über die Regent Street bugsierte. Your  daily
workout, darling
, hatte Mrs. Cory immer gesagt.

Glück  gehabt,  in  der  nächsten  Halle  schob  gerade  jemand  einen  Springbrunnen  mit  einem

Gabelstapler durch ein offenes Tor. Von dieser Seite war sie noch nie hereingekommen. Doch das
konnte nur die Ausstattung für die erste Staffel der Serie Sophienbad – die Society-Klinik sein.

Plötzlich  packte  Mira  wieder  die Aufregung,  die  sie  immer  beschlich,  wenn  sie  sich  dem  Set

näherte. Sie, Mira Zimm, arbeitete für das Fernsehen! Ohne den Auftrag für das Filmstudio hätte
sie  ihren  neuen  Laden  nie  anmieten  können.  Zwei  Tage  und  zwei  Nächte  hatte  sie  praktisch
durchgearbeitet  und  fünf  Hüte  zur Auswahl  geschaffen.  Groß,  klein,  bunt,  einfarbig,  damit  einer
auf jeden Fall genommen wurde.

In der Mitte der Halle wurden gerade mehrere Stellwände aufgebaut. Eine Massagebank stand

auf einer durch grün-weißen Kachelboden markierten Fläche, daneben befand sich ein Rollwagen
aus Alu, auf dem bunte Glasfläschchen und ein Stapel grüner Handtücher lagen. Mira hatte keine
Ahnung, was in der nächsten Episode passieren würde. Für die Filmleute war alles, was mit dem
Sophienbad  zusammenhing,  immer top  secret.  Aber  irgendwo  musste  sie  jetzt  die  Schachteln
loswerden, sonst würden ihr auch Mrs. Corys Tricks nicht mehr helfen.

„Vorsicht, Kabel!“
„Oops.“ Mira hob das linke Bein und balancierte vorsichtig auf dem rechten, dann lugte sie über

die Hutschachteln nach vorne. Ein Blick aus grauen Augen traf sie. Strahlende Augen, über die ein
paar freche dunkle Strähnen fielen. Der Hutschachtel-Turm wackelte, und Mira schob schnell den
rechten Arm  höher,  damit  die  oberste  Schachtel  nicht  ins  Rutschen  geriet.  Drei  Schritte  vor  ihr
hielt  ein  wahnsinnig  gut  aussehender  Mann  ein  schweres  Kabel  in  der  Hand,  das  er  offenbar  bis
eben  über  den  Boden  geschleift  hatte.  Jetzt  gerade  zog  der  Mann  jedoch  nicht  mehr,  sondern

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starrte  sie  an.  Mira  hatte  das  ungute  Gefühl,  dass  ihr  britischer  Minirock  durch  die  Tragerei
hochgerutscht war. Sie blinzelte in Richtung des wirklich atemberaubenden Kabelmannes. So halb
vorgebeugt,  wie  er  stand,  traten  starke,  braun  gebrannte Armmuskeln  unter  dem  T-Shirt  hervor.
Mira versuchte, das Logo auf dem Shirt zu entziffern, doch der wohlgeformte Oberkörper, der von
dem  Stoff  nur  knapp  verhüllt  wurde,  lenkte  sie  zu  sehr  ab.  Dann  traf  sie  wieder  ein  Blick  aus
diesen  grauen Augen.  Mira  hätte  geschworen,  dass  die  Haare  des  Mannes  genauso  dunkelbraun
wie  ihre  waren.  Nur  nicht  so  lang.  Sein  Nacken  war  ausrasiert,  aber  vorn  tanzten  ihm  lange
Strähnen über das Gesicht mit der geraden Nase. Ein bunter Lichtfleck spiegelte sich auf seinem
Ohr.  Mira  wollte  sich  umdrehen  und  der  Ursache  der  Spiegelung  auf  den  Grund  gehen,  nur
faszinierte sie das Ohr zu sehr. Sie spürte den Impuls, an der perfekten Rundung zu knabbern. Und
hatte  gleichzeitig  die  Vision,  dass  auf  diesem  Kopf  eine  Robin-Hood-Mütze  mit  einer  langen
grünen Feder sitzen müsste.

Dann deutete der Mann mit einem Nicken auf ihren Fuß. Mira stellte ihn vorsichtig wieder hin.

Kein Kabel. „Wo geht es denn hier zu den Garderoben? Ich meine, der Garderobe von Svenja?“

Der Mann sagte kein Wort, sondern musterte sie nur aus diesen grauen Augen.
„Svenja Angerholt. Der Star vom Sophienbad.“
Mit  einer  Bewegung,  die  Mira  nur  als  hochgradig  sexy  bezeichnen  konnte,  ließ  der  Typ  das

Kabel zu Boden fallen und bot ihr mit einer stummen Geste an, die Schachteln zu tragen.

„Lieber nicht.“ Sonst fielen ihr noch die Schachteln in den Sägestaub von den Aufbauarbeiten.
Allerdings drehte der schöne Mann jetzt nur langsam den Kopf. Irgendwie war er ein bisschen

begriffsstutzig.

„Wo ist denn nun die Garderobe?“
Er trat einen Schritt auf sie zu. Seine Schultern waren noch breiter, als sie gedacht hatte, jetzt

wo er sich richtig aufrichtete. Ein bisschen musste Mira nach Luft schnappen. Wow!

„Da.“ Er streckte den rechten Arm aus und wies zu einer Tür, die halb hinter einer Blue Screen

verborgen war. Ein paar Streifen Staub zeichneten sich auf seinen sehnigen Unterarmen ab. Mira
strahlte ihn an und überlegte, ob er wohl einmal mit ihr Kaffee trinken gehen würde. Da fiel ihr
Blick auf das Ende des Arms.

Ein  rosa-grün-gelb  geflochtenes  Freundschaftsbändchen  schmückte  das  kräftige  Handgelenk.

Die Farben waren verblasst, die Fäden leicht fransig, die Haut darunter heller, als ob die Sonne sie
nie erreicht hätte. Goodness, diese Dinger gab es tatsächlich noch.

Mira setzte sich in Bewegung, einen halben Blick auf den Boden geheftet, einen halben auf den

Mann, der sich immer noch nicht rührte.

Solche Bändchen hatte sie früher auch geflochten, aber da war sie fünfzehn gewesen und hatte

in  einem  langweiligen  Vorort  von  Berlin  gehockt.  Mira  verdrängte  Erinnerungen  an
Lagerfeuerromantik  und  die  blonden  Locken  von  …  Der  Hutturm  geriet  ins  Wanken.  Nein,  sie
hatte sich geschworen, diesen Namen endgültig aus ihrem Leben zu streichen.

Graue Augen hin oder her, so ein Typ trug so ein Bändchen nur, wenn er es von seiner Freundin

aufgedrängt bekommen hatte. Und die Mädchen, die solche Dinger flochten, standen auf Outdoor-
Typen, Zelten und Blasen an den Füßen nach stundenlangen Wanderungen im Regen. Mira zuckte
mit den Schultern und wandte sich um. Schade um den Körper und diese süße Strähnen, aber ein

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Naturbursche war nichts für sie.

Es zischte. Vor ihr öffnete sich automatisch eine Tür. Sie blickte in einen Flur mit Aluboden,

der von bläulichem Neonlicht erleuchtet war. Das sah schon eher nach Filmproduktion aus. Aber
wo war denn nun die Garderobe?

„Warte mal!“

Paul blickte der dunkelhaarigen Erscheinung nach, die mit ihrem Schachtelturm in den Gang zu

den Garderoben verschwinden wollte. Langsam drehte sich die Frau um, wobei sie die schlanken
Beine unter dem kurzen blauen Karorock wie eine Tänzerin bewegte. Egal, wer sie war, er musste
etwas zu ihr sagen.

„Stell dich mal vor die Wand da.“
Mein Gott, sie musste ihn für einen Idioten halten. Paul hörte den scharfen Befehlston in seiner

Stimme.  Dass  ihm  in  solchen  Situationen  nie  etwas  Gutes  einfiel!  Und  dabei  standen  die
Scheinwerfer  für  die  Lichtprobe  noch  nicht  einmal  alle.  Neugierig  blickte  sie  ihn  an.  Dieses
zierliche Gesicht, diese schlanke Figur, oder zumindest das, was man hinter den Schachteln davon
erkennen konnte – ihm wurde ganz flau im Magen. Wer war sie? Und was war in diesen seltsamen
Schachteln?

„Wo soll ich mich hinstellen?“ Mit einer schnellen Bewegung bugsierte sie die Schachteln auf

den  Boden.  Paul  blinzelte  kurz.  Wie  hatte  sie  das  nun  wieder  gemacht?  Der  pyramidenförmige
Turm hatte kaum gewackelt, dabei war er fast genauso hoch wie sie selbst.

„Äh, natürlich nur, wenn Sie … ja, wenn du kurz Zeit …“ Doch da war sie schon mit schnellen

Schritten vor die Blue Screen gelaufen. Sie trug flache schwarze Schuhe, die mit einem schmalen
Riemen geschlossen waren. Er mochte einfache Schuhe an Frauen. Und er hasste Stöckelschuhe,
vor allem knallrote.

„So?“, fragte sie und grinste ihn an.
„Also, ja, das ist gut.“ Die Scheinwerfer! Wo hatte Bastian das Augenlicht wieder hingestellt?

Drüben  bei  den  Kulissen  für  das  Set  „Schlafzimmer  Caren“  standen  die  großen  Scheinwerfer.
Hastig  holte  Paul  sie  heran.  Heute  wurde  im  „Massageraum“  gedreht,  da  sollte  das  Licht  weich
und intim sein. Oben im Gestänge hingen die Scheinwerfer noch auf der falschen Seite. Gut, die
zuerst. Er stellte das Kantenlicht hinter das Set und schob die Leiter darunter.

„Welche Szene wird denn heute gedreht?“, fragte die Erscheinung im Minirock und stellte sich

neben die Massagebank. „Wird Svenja heute massiert?“ Sie lächelte zu ihm hoch, und beinah wäre
er dabei von der Leiter gefallen.

„Hm, also, nee, ich glaube, der andere … also, der Mann … der Schauspieler …“
„Ja, ja, ich weiß schon, Tobias, der Chefarzt, der sie anbetet.“
Den Tobias spielte der Felix Scholl, genau. Fast hätte Paul die Hand von der Leiter genommen,

um  sich  auf  die  Stirn  zu  schlagen,  und  sicher  wäre  er  dann  heruntergefallen  und  genau  vor  den
Füßen  dieser  schönen  Frau  gelandet.  Ins Sophienbad  hätte  so  etwas  wunderbar  gepasst,  nur  dass
Felix, dieser aufgeblasene Angeber, so eine Szene nie spielen würde. Paul brummte vor sich hin,
während er die Scheinwerfer ausrichtete. Immer wieder blickte er hinunter zu der Dunkelhaarigen,
die  sich  die  Requisiten  anschaute.  Einmal  trafen  sich  ihre  Blicke,  und  sie  winkte  ihm  mit  einer
schmalen  Hand.  Für  einen  Moment  hatte  Paul  das  Gefühl,  dass  es  ihr  ganz  egal  wäre,  ob  er  die

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Leiter hinunterfiel oder ordentlich hinunterkletterte, wenn er nur endlich hinunter zu ihr kommen
würde. Er musste sich am Gestänge festhalten und tief Luft holen, bevor er weitermachen konnte.

„Leuchtest du die Szene schon ein?“, rief da eine bemüht lässige Jungenstimme vom Eingang

der Halle.

Bastian!  Sein  Kabelträger-Praktikant  hatte  ihm  gerade  noch  gefehlt.  Schnell  drehte  Paul  den

letzten Spot zurecht und kletterte hinunter.

„Ich hänge nur das Massage-Set. Sie, äh, also die Frau da kam grad vorbei, und ich dachte, sie

ist ein gutes Lichtdouble, da brauchen wir nicht auf die Diva zu warten.“ Paul wand sich innerlich.
Besonders  eindrucksvoll  klang  das  ja  nun  wieder  nicht.  Aber  als  er  hinter  das  Lichtpult  trat,
lächelte ihn die Dunkelhaarige freundlich an. Vielleicht hatte er doch das Richtige gesagt.

„Was soll ich jetzt machen?“, fragte sie.
„Beweg dich einfach ganz natürlich. Lauf herum, stell dich vor die Wand mit dem Fenster, und

dann leg dich auf die Bank. Svenja wird nachher natürlich viel weniger anhaben“, sagte Bastian.

Sie  lachte  in  der  Kulisse,  setzte  sich  auf  die  Bank  und  schlug  betont  langsam  die  Beine

übereinander. „Hättest du wohl gern“, erwiderte sie mit einem Grinsen.

Paul  drehte  sich  zu  dem  Jungen  um.  Da  saß  er,  auf  dem  breiten  Regiestuhl,  von  wo  aus  der

Regisseur  Mogengruber  die  Anweisungen  gab,  wenn  er  sich  denn  einmal  am  Set  blicken  ließ.
„Halt die Klappe, Bastian“, brummte Paul.

Sie  schaute  zu  ihm  herüber  und  setzte  sich  aufrecht.  Ihre  tolle  Figur  kam  unter  dem  eng

anliegenden T-Shirt voll zur Geltung. Paul wurde abwechselnd heiß und kalt. Licht, Licht, er war
der  Beleuchter.  Er  zwang  sich,  die  unbeleuchtete  Kulisse  vollkommen  neutral  zu  mustern.  Die
Aufhellung  runter,  das  Führungslicht  direkt  auf  die  Massagebank,  auf  der  diese  wunderschöne
Frau saß. Gut, das war gut. Paul lächelte. Na denn, Spot an.

Mira  hätte  nie  gedacht,  dass  Studioscheinwerfer  so  grell  sein  könnten.  Sie  blinzelte  in  Richtung
Lichtpult.

„Den Kopf ein kleines bisschen höher.“
Die Stimme war angenehm dunkel und männlich, nicht so hektisch wie die des blonden Jungen,

der  sie  vom  Regiestuhl  aus  beobachtete.  Die  Stimme  des  Kabelmannes  kletterte  tiefer  in  ihren
Körper und brachte die Schmetterlinge durcheinander, die dort schon viel zu lange Winterschlaf
hielten.  Mira  blinzelte  ins  Licht.  Von  dem  Beleuchter  hinter  dem  Pult  sah  sie  nur  einen  vagen
Schatten,  der  kaum  erahnen  ließ,  wie  gut  der  dazugehörige  Mann  aussah.  Mira  mochte  es,  wenn
Männer  in  den  Hüften  nicht  allzu  schmal  waren.  Ihre  Fingerspitzen  kribbelten,  als  sie  an  die
runde,  feste  Hinterseite  des  Kabelmannes  dachte.  So  wie  der  dort  oben  zwischen  den  Stangen
herumgeturnt  war,  war  er  super  durchtrainiert.  Kein  Ansatz  von  Bierbauch,  aber  auch  keine
aufgeblasenen Muskeln wie die Typen aus den Bodybuilding-Studios.

„Steh auf und geh drei Schritte nach links.“
Mira  erhob  sich  von  der  Massagebank  und  machte  drei  vorsichtige  Schritte.  Sie  blinzelte  in

dem hellen Licht, als sie versuchte, mehr von dem Kabelmann zu erkennen.

„Nicht blinzeln“, sagte die dunkle Stimme. Er klang vollkommen ruhig. „Schau auf einen Punkt

innerhalb des Sets, nicht in die Scheinwerfer.“

Mira zwang sich, den Stopfen einer der Glasflaschen auf dem Tischchen zu fixieren.

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„Gut so, das ist sehr schön.“ Ein weiches Licht ging an und glitt über ihr Gesicht.
„Jetzt dreh dich zu mir.“
Langsam wandte Mira sich um. Diesmal blendete das Licht sie nicht, aber sie konnte nur einen

Schatten  hinter  dem  Pult  erkennen,  wo  kleine  rote  und  gelbe  Lichtpunkte  brannten.  Wie
Autolichter sah das aus, wenn man von sehr weit weg eine Straße am Horizont ahnte.

„Das  ist  toll“,  kam  es  leise  aus  der  Dunkelheit,  und  Mira  hatte  für  einen  kurzen  Moment  das

Gefühl,  dass  die  Stimme  des  Kabelmannes  zitterte.  Sie  schaute  zu  ihm  hinüber,  und  die  dunkle
Gestalt bewegte sich schnell … wie ein Gentleman-Verbrecher über den Dächern von Nizza, dem
sie  in  einem  schwarzen  Catsuit  auf  der  Spur  war  und  von  Dach  zu  Dach  bis  zu  den  Juwelen  der
Maharani verfolgte …

„Okay!“, sagte die Stimme laut und knapp. Das Licht erlosch. Mira war für einen Moment wie

blind. Dann ging die Hallenbeleuchtung an, und sie kniff die Augen zusammen.

„Danke.  Das  war  echt  gut.“  Der  Kabelmann  grinste  sie  an,  und  die  Schmetterlinge  in  Miras

Bauch schlugen Purzelbäume. Im nächsten Moment machte er sich konzentriert an dem Monitor
zu  schaffen.  Mira  starrte  auf  seine  Hände,  und  da  sah  sie  es  wieder,  das  rosa-grün-gelbe
Freundschaftsbändchen.  Es  war  eine  Warnung,  sie  sollte  auf  ihre  innere  Stimme  hören.  Diese
Dinger hatten ihr noch nie Glück gebracht. Der Beleuchter schien sie nicht mehr zu beachten. Na
gut, sie musste jetzt sowieso dringend die Hüte zu Svenja bringen.

Paul schaute vom Kontrollmonitor hoch und beobachtete, wie die Unbekannte vom Set ging. Sie
war  wirklich  wunderschön,  so  elegant  und  doch  natürlich.  Er  hatte  noch  nie  so  eine  Frau  näher
kennengelernt. Aber was hieß schon kennengelernt? Er hatte keine Ahnung, wer sie war und ob er
sie wiedersehen würde. Rasch trat er um das Pult herum.

„Hast du vielleicht gesehen, wo ich die oberste Schachtel hingestellt habe?“, fragte sie ihn, als

er näher kam. Sie stand vor dem Turm und schien sehr besorgt.

„Du … hm, du hast sie alle hier hingestellt.“
„Ich  hab  eine  genommen“,  kam  da  Bastians  Stimme  vom  anderen  Ende  der  Halle.  „Zum

Draufsitzen,  der  Stuhl  war  so  unbequem.“  Er  winkte  in  Richtung  des  Regiestuhls,  und  jetzt  sah
Paul, dass daneben eine zerknautschte rosa Schachtel stand.

„Nein!“ Die Frau stürzte auf die Schachtel zu. „Das sind speziell angefertigte Hüte!“
Sie klang so entsetzt, dass Paul sie am liebsten auf der Stelle in die Arme genommen hätte. „Du

machst Hüte?“

Sie  nickte  und  öffnete  vorsichtig  die  eingedellte  Schachtel.  Paul  sah  einen  grünen  Stoff  mit

roten Seidenbändern daraus hervorblitzen.

„Vielleicht  kannst  du  ja  noch  was  retten.“  Etwas  anderes  fiel  ihm  nicht  ein,  als  er  auf  das

zerdrückte  Etwas  starrte,  in  dem  er  nie  im  Leben  eine  Kopfbedeckung  erkannt  hätte.  Doch  sie
nahm  die  Kreation  mit  geschickten  Fingern  aus  der  Schachtel,  formte  und  zog  und  hielt
schließlich  einen  Hut  in  den  Händen,  der  offensichtlich  einmal  über  drei  scharfe  grünsamtene
Spitzen verfügt hatte.

„Ein venezianischer Dreispitz. Nach einem Originalmodell aus dem achtzehnten Jahrhundert.“

Der  Stolz  war  ihrer  Stimme  anzuhören.  Dann  sagte  sie  traurig:  „Unrettbar,  den  krieg  ich  nicht

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mehr hin.“

Paul  fuhr  über  den  Stoff,  der  sich  weich  und  gleichzeitig  rau  anfühlte.  Fast  hätte  er  der  Frau

über  den  Arm  gestrichen,  aber  das  traute  er  sich  nicht.  „Bastian!  Du  Idiot.“  Paul  wollte  sich
umdrehen,  doch  im  selben  Moment  bewegte  sich  auch  die  Frau,  und  sie  stießen  so  ungeschickt
aneinander, dass ihr der wertvolle Hut aus der Hand fiel. Paul bückte sich sofort, um ihn wieder
aufzuheben,  doch  sie  hielt  ihn  mit  einem  scharfen  „Das  mach  ich  schon!  Bleibt  mal  lieber  bei
euren  Kabeln“  zurück.  Vorsichtig  fasste  sie  den  Hut  bei  der  Krempe  und  legte  ihn  in  die
Hutschachtel.

„Soll ich dir noch tragen helfen?“
Sie  schüttelte  den  Kopf,  seufzte  und  marschierte  zu  ihrem  Turm.  Dort  stellte  sie  die

Hutschachtel ab, nahm die gesamte Pyramide wieder mit einer so schnellen Bewegung auf, dass
Paul  nicht  erkennen  konnte,  wie  sie  es  gemacht  hatte.  Dann  verschwand  sie  im  Gang  zur
Garderobe.  Paul  wollte  ihr  noch  einmal  „Danke“  nachrufen,  aber  da  war  sie  schon  weg.  Die
automatische Tür ächzte, dann zischte es, und die beiden Flügel glitten lautlos wieder zu. Und er
hatte sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.

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2. KAPITEL

Mira bugsierte ihre Schachteln durch den Flur. Diese Techniker ruinierten ihr einfach die Arbeit
einer  ganzen  Nacht  und  entschuldigten  sich  nicht  einmal.  Da  waren  ihr  die  Jungs  aus  der
Kastanienallee  doch  lieber.  Aber  wenn  sie  ehrlich  war,  erzählten  die  zwar  auf  den  Afterwork-
Partys  im  „Café  Säulenmeer“  herrlich  verrückte  Geschichten  von  durchgeknallten  Kunden,  aber
sonst hingen sie auch nur stundenlang in Chatrooms herum und sahen danach aus wie der alte Filz
in  ihrem Atelier.  Tom  zum  Beispiel.  Vor  vier  Monaten  hatte  Mira  den  blonden  Typen  mit  den
grünen Augen endgültig aus ihrem Leben entsorgt.

Aber  dank  des  Auftrags  fürs Sophienbad  würde  sie  jetzt  erst  mal  ihr  Hutatelier  in  Schwung

bringen,  da  konnte  sie  keine  Kreativitätskrisen  wegen  eines  Beleuchters  brauchen,  egal  wie
erotisch diese dunkle Stimme …

Frischer  Kaffee.  Eindeutig.  Mira  schnupperte  sich  in  den  Gang  zu  ihrer  Linken.  Die  blitzende

Espresso-Maschine auf dem Tisch erkannte sie sofort. Endlich war sie im richtigen Flur gelandet.
Eigentlich hätte sie sich denken können, dass Svenjas Garderobe nicht weit entfernt von der Halle
sein  konnte.  Schließlich  spielte  Svenja  Angerholt  die  Hauptrolle  in Sophienbad  –  Die  Society-
Klinik.

Svenja hatte schon immer einen sehr exklusiven Geschmack bei ihren Hüten gehabt, und weil

sie  ein  Star  war,  hatte  sie  bei  der  Produktionsfirma  durchgesetzt,  dass  sie  auch  als  Caren  im
Sophienbad extravagante Hüte tragen würde.

Mira  kannte  Svenja  schon  seit  ihrer  Kindheit,  und  sie  hatte  immer  gewusst,  dass  es  ihre

Freundin einmal weit bringen würde. Svenja hatte den perfekten rosigen Teint, echt weißblondes,
samtweiches  Haar,  opalblaue Augen  und  dazu  eine  unverwechselbare,  ein  klein  wenig  rauchige
Stimme. Dabei hasste Svenja Zigarettenqualm, und warum die Espressomaschine gerade vor ihrer
Garderobe stand, war Mira ein Rätsel. Svenja trank beim Dreh grundsätzlich nur Champagner oder
stilles Mineralwasser.

Als  Teenager  hatten  sie  zusammen  in  einer  Parfümerie  am  Kurfürstendamm  gejobbt,  und

Svenja  war  sozusagen  Miras  erste  Kundin  geworden.  Sie  liebten  beide  die  fantasievoll-schrägen
Kopfbekleidungen, die Mira schon ihr ganzes Leben lang entwarf und anfertigte. Dann hatte Mira
einen  der  begehrten  Ausbildungsplätze  als  Modistin  bei  Mrs.  Cory  in  London  bekommen,  und
Svenja war zur Schauspielschule nach München gegangen.

Nach zwei Jahren zurück in Berlin hatte Mira ihre alte Freundin gleich am ersten Tag in einem

Club getroffen. Vom ersten Augenblick an war zwischen ihnen alles wieder wie früher gewesen.
Ohne Svenjas Fürsprache hätte Mira die Ladenwohnung an der Kastanienallee nie mieten können.
Aber  welcher  Vermieter  sagte  schon  Nein,  wenn  ihn  Svenja  Angerholt,  das  neue  Gesicht  der
Fernsehnation,  um  einen  Gefallen  bat.  Zumal  die  gerade  das  riesige  Loft-Apartment  im
ausgebauten Dachgeschoss angemietet hatte.

Svenja  war  unkompliziert  und  blieb  nett,  auch  seit  sie  als  Fernsehschauspielerin  mega-

erfolgreich geworden war. Sogar Miras Mutter, die nie Serien gucke, wusste genau Bescheid, wo
Svenja  überall  mitspielte.  Und  über  Svenja  war  Mira  dann  auch  beim Sophienbad,  der  neuen
glamourösen Vorabend-Arztserie, gelandet.

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Mira klemmte die Schachteln fest unters Kinn, dann warf sie sich mit der linken Hüfte gegen

die Tür, an der mit Klebestreifen ein handgeschriebener Zettel mit dem Namen SVENJA befestigt
war.

Die  Tür  flog  auf,  und  Mira  stolperte  rückwärts  in  die  Garderobe.  Sie  ruderte,  balancierte  mit

allen  Tricks  von  Mrs.  Cory,  während  Svenja  lachend  vom  Sessel  aufsprang.  Puder  staubte  vom
Schminklatz,  Haarklemmen  fielen  zu  Boden.  Vorsichtig  nahm  sie  Mira  die  obersten  beiden
Schachteln ab.

„Gleich fünf? Ich kann‘s kaum erwarten, zu sehen, was du wieder fabriziert hast.“
Mira  stellte  die  restlichen  Hutschachteln  von Miras  Kopfkleider  auf  den  Boden  und  starrte

Svenja  bewundernd  an.  Das  weiche  Haar  ihrer  Freundin  floss  geradezu  über  ihre  Schultern,  ihre
Augen  strahlten.  Verlegen  strich  sich  Mira  durch  ihre  eigenen,  leider  völlig  unbezähmbaren
Haare. „Du siehst super aus.“

Doch Svenja schüttelte nur den Kopf. „Das ist ja gerade das Problem.“
„Das  ist  ein  Problem?“  Mira  stellte  sich  vor  den  Schminktisch,  und  Svenja  deutete  in  den

großen Spiegel.

„Ich  bin  sechsundzwanzig,  Mira.  Und  ich  soll  eine  ausgebrannte  Managerin  spielen,  die

zweiunddreißig ist. Das Alter ginge ja noch. Aber ich seh einfach nicht fertig genug aus.“

„Das ist die Story? Ich kenn die Serie ja noch gar nicht richtig.“
Svenja  nickte.  „Caren,  die  ein  riesiges  Parfümerie-Imperium  leitet,  wird  in  die  Promi-Klinik

Sophienbad  eingeliefert,  weil  sie  total  überarbeitet  ist.  So  fängt  die  Serie  an.  Und  jetzt  sei  mal
ehrlich, Mira: Sehe ich so aus, als leide ich am Burnout-Syndrom?“

„Eher  wie  frisch  erholt  aus  Ibiza.“  Svenja  war  erst  vor  zwei  Wochen  von  der  Insel

zurückgekommen,  wo  sie  eine  heftige Affäre  mit  einem  glutäugigen  Spanier  gehabt  hatte.  Mira
hatte Fotos gesehen. Das war doch etwas ganz anderes als Tom, der Dauerchatter.

„Terry  hat  mich  schon  seit  einer  Stunde  am  Wickel.“  Svenja  deutete  mit  einem  vielsagenden

Blick über die Schulter in Richtung der Waschnische.

Jetzt erst bemerkte Mira die Maskenbildnerin, die betont cool am Waschbecken lehnte und so

tat,  als  wäre  ihr  gar  nicht  aufgefallen,  dass  Mira  sie  glatt  übersehen  hatte.  Terry  McGilles,  die
rothaarige Irin mit den Sommersprossen, hatte nicht viele Freunde. Mira wich den grünen Augen
aus,  die  sie  abschätzig  ansahen.  Alle  im  Team  wussten,  dass  Terry  rasend  gern  Schauspielerin
geworden wäre. Aber Sommersprossen genügten eben nicht.

„Hi,  Mira.  Das  sind  ja  tolle  rosa  Schachteln.  Stellst  du  die  mal  bitte  aus  dem  Weg?  Wir  sind

noch nicht fertig.“ Terry spitzte die Lippen, als hätte ihr jemand die Lieblingspuppe geklaut. Die
Masche vom süßen kleinen Mädel konnte sie sich wirklich schenken. Mira schob die Schachteln
unter den Schminktisch, und Svenja setzte sich sofort. Disziplin war ihre große Stärke.

Terry  griff  in  Tiegelchen  und  zu  Tübchen  und  pinselte  und  malte  in  Svenjas  Gesicht  herum.

Nach  einer  halben  Stunde  sah  Svenja  zwar  älter  aus,  aber  mehr  als  eine  leichte  Müdigkeit
zauberten die Schminkkünste Terrys nicht auf den natürlich-frischen Teint.

Als Terry zum x-ten Mal Silbermatt auf ihre Wangen pinseln wollte, hatte Svenja genug. „Das

wird doch nichts“, sagte sie und schob Terry weg. Trotz der geschminkten Augenringe wirkte sie,
als hätte sie gerade erst ein paar Stunden auf einer ausgelassenen Party verbracht und die Nacht

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noch vor sich.

Terry sammelte beleidigt ihre Pinsel ein. „Ich hol mir jetzt einen Espresso.“
Kaum  war  die  Garderobentür  ins  Schloss  gefallen,  stöhnte  Svenja  auf.  „Das  nächste  Mal  lass

ich mir in den Vertrag schreiben, dass ich einen Mann als Maskenbildner bekomme. Diese Terry
ist  furchtbar.  Ständig  malt  sie  mir  Farben  ins  Gesicht,  die  überhaupt  nicht  passen.“  Sie  richtete
sich auf. „Du kennst dich doch mit den Briten aus. Haben die denn gar keinen Geschmack?“

„Die haben schon ein anderes Farbgefühl. Aber Terry ist Irin. Das ist was ganz anderes.“ Mira

zog die zerknautschte Hutschachtel vor. „Ich hab da eine Idee. Pass mal auf.“

Svenjas  überraschte  Augen  folgten  Mira,  die  den  venezianischen  Hut  mit  der  zerdrückten

Krempe aus der Schachtel hob. Sie zog die Stirn kraus und wollte abwinken. „Der geht doch nicht,
der ist ja kaputt …“

„Doch, doch. Setz ihn mal auf, nur ganz kurz. Komm schon.“ Mira drückte Svenja den Dreispitz

aufs  blonde  Haar  und  strich  ihr  eine  Strähne  aus  der  Stirn.  Dann  drehte  sie  den  Hut  einen  Tick
weiter nach links, sodass die zerdrückte Brokatbordüre direkt über Svenjas linker Schläfe hing.

Svenja blickte in den Spiegel und kniff die Augen zusammen. Dann schloss sie die bräunlich-

grau geschminkten Lider und seufzte matt: „Ach, Herr Assistenzarzt, ich weiß nicht, diese Pillen,
sie  wirken  so  schnell  …“  Wie  eingeschlafen  lehnte  sie  sich  in  dem  Schminksessel  zurück.  Mira
musste  lachen,  der  Hut  betonte  wunderbar  die  dunklen  Ringe  um  Svenjas  Augen.  Sie  sah  mit
einem Mal echt fertig aus.

Da  blitzten  sie  Svenjas  blauen  Augen  schon  wieder  an.  „Großartig!“  Svenja  sprang  auf  und

starrte in den Spiegel. „Ich sehe aus wie nach einem Langstreckenflug in der Touristenklasse, mit
vier Babys, die die ganze Nacht durchgeheult haben. Du bist genial!“ Svenja drückte Mira einen
Kuss  auf  die  Wange  und  fiel  zurück  in  den  Stuhl.  „Ich  brauche  Ruhe.  Einfach  nur  Ruhe.  Ach,
warum lässt man mich denn nicht einfach allein?“ Die schleppende Stimme passte perfekt zu den
faltigen Wangen. Genauso stellte sich Mira einen Burnout im Endstadium vor.

Die Tür ging auf, Espressoduft strömte von Terrys Pappbecher herein.
Im Spiegel konnte Mira die Enttäuschung in Terrys Miene sehen. Mit einem Schlag kapierte sie

es:  Terry  wollte  gar  nicht,  dass  Svenja  wie  eine  fertige  Caren  aussah,  sie  wollte,  dass  Svenja  an
der Rolle scheiterte. Doch sofort zog die Irin die Mundwinkel wieder hoch und lächelte sanft. „Die
Maschine ist wieder kaputt, es hat ewig gedauert mit dem Espresso …“ Sie blieb stehen. „Der Hut
ist aber toll. Der passt ja genau zu meinem fertigen Make-up.“

Mira biss die Lippen zusammen. Terry war eine verdammte Bitch.

Mira  saß  am  Set  ganz  außen.  Sie  wollte  dabei  sein,  wenn  Svenja  zum  ersten  Mal  mit  ihrer
Hutkreation  drehte.  Und  vielleicht  könnte  sie,  wenn  sie  schon  noch  auf  dem  Filmgelände  war,
diesen Beleuchter nach seinem Namen fragen. Da war schließlich nichts dabei, sie würden sich in
Zukunft sicher öfter über den Weg laufen.

Svenja fasste ihre Rolle für den Drehtag zusammen. „Dann kommt Caren in die Massage. Sie

ist perfekt angezogen, aufrechte Haltung, ganz die Frau von Welt. Sie braucht bestimmt keine Kur
zum Aufpäppeln, das ist nur was für Loser. Der Chefarzt hat ihr Massagen verordnet, und sie sieht
das Sophienbad als Wellness-Urlaub an …“

„Wer ist das?“, fragte Mira leise. Mitten auf dem hell ausgeleuchteten Set stand eine Frau im

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fuchsienroten  Kostüm,  das  ihre  üppige  Figur  gut  zur  Geltung  brachte.  Mira  schwebte  sofort  ein
Hütchen  mit  zartrosa  Flamingofedern  vor,  das  wunderbar  zu  dem  dunkelbraunen  Haar  der  Frau
passen würde.

„Das  ist  Vivi.  Unsere  Line-Producerin“,  flüsterte  Svenja  ihr  ins  Ohr.  „Mogengruber  lässt  sich

hier eh kaum blicken.“

„Was hat er mit Vivi zu tun?“, fragte Mira.
Svenja  stöhnte.  „Mogengruber  ist  unser  Regisseur.  Total  desinteressiert,  deshalb  machen  Vivi

und manchmal sogar Leon die Regie. Ich hab mit Mogengruber mal einen Tatort gedreht, na, der
ist  wirklich  ausgebrannt.  Jetzt  wickelt  er  in  der  Halle  gegenüber  eine  Telenovela  für  RTL  ab,
deshalb hat er kaum Zeit für Sophienbad.“

Unauffällig blickte Mira zum Lichtpult, doch da war niemand. Sie schaute sich in der Halle um.

Ah, da stand ihr Kabelmann, abseits vom Set, mit vor der Brust verschränkten Armen. Er schien
ganz in die Anweisungen der fuchsienroten Vivi vertieft und sah dabei einfach umwerfend aus.

„Okay, wir gehen die Szene kurz durch, dann filmen wir. Svenja …“ Vivi drehte sich zu ihnen.

„Caren will nicht wahrhaben, dass sie zwangseingewiesen wurde. Das musst du rüber…“ Sie brach
erstaunt ab, als Svenja mit müden Schritten in die Kulissen trat. Auch die anderen in der Runde
starrten  auf  ihren  Serienstar.  Einem  dunkelhaarigen  Mann  im  weißen  Arztkittel  blieb  fast  der
Mund offen stehen.

„Wow,  das  ist  echt  gut,  Svenja“,  sagte  Vivi.  Dann  grinste  sie.  „Wirklich,  du  siehst  total

beschissen  aus.  Und  dieser  Hut  …  ein  venezianischer  Dreispitz,  nicht?  Ist  der  von  der  neuen
Ausstatterin?“

Mira  trat  einen  Schritt  vor.  „Ja“,  sagte  sie,  auch  wenn  sie  eigentlich  eine  Hutmacherin  war.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für solche Feinheiten.

Vivi  warf  ihr  einen  anerkennenden  Blick  zu.  „Toll.  Der  Hut  macht  Svenja  gleich  Jahre  älter.

Wenn  ich  mir  das  Ding  so  anschaue,  verleiht  er  Caren  genau  die  Mischung  aus  Eleganz  und
Starrsinn, die wir jetzt in der Figur brauchen.“

Ein jüngerer, nervöser Mann im grünen Designer-Shirt sagte leise etwas zu Vivi, und die Line-

Producerin  nickte.  „Also,  Kinder,  nur ein  Probedurchlauf,  dann  drehen  wir.“  Sie  trat  vom  Set.
Auch der Beleuchter war verschwunden, doch das Licht wurde weicher, und am Lichtpult erkannte
Mira  die  Silhouette  ihres  Kabelmannes.  Vor  ihm  setzte  sich  Vivi  auf  einen  orangefarbenen
Plastikstuhl,  daneben  auf  dem  Boden  hockte  der  blonde  Kabelträger.  Der  Stuhl  des  Regisseurs
blieb leer.

Der  Mann  im  Arztkittel  stellte  sich  hinter  die  Massagebank.  Seine  Gesichtszüge  waren

maskulin  und  dabei  weich,  ein  Typ,  den  Schwiegermütter  vergötterten.  Das  musste  Felix  Scholl
sein,  der  semi-berühmte  Darsteller  aus  etlichen  Heimatfilmen.  Wie  Miras  Mutter  schon  gesagt
hatte:  Wer  sonst  hätte  Svenjas  männlichen  Gegenpart,  den  Chefarzt  Tobias,  im  Sophienbad
verkörpern können?

„Geht‘s  heute  noch  los?“,  fragte  der  Schauspieler  und  strich  sich  durch  das  volle  Haar.  „Ich

warte schon seit Stunden. Zeit ist Geld, Leute. Wozu brauchen wir denn einen Probedurchlauf?“

Svenja hatte Mira schon ausgiebig von den Star-Allüren von Felix Scholl berichtet. Allerdings

ließ Vivi sich nicht aus der Ruhe bringen.

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„Szene Massageraum, alles auf Anfang“, sagte sie kühl an, dann fiel ein Spot auf die Tür in der

pfirsichfarben gestrichenen Kulissenwand. Svenja trat ein, der Scheinwerfer erfasste sie und ließ
die aufgeschminkten Falten noch tiefer wirken. Fast hätte Mira ihre beste Freundin nicht erkannt.
Sie sah aus wie eine nicht gerade in Würde alternde Filmdiva.

Svenja  und  Felix  spielten  die  Szene  durch.  Aus  dem  Augenwinkel  beobachtete  Mira  ihren

geheimnisvollen  Kabelmann.  Er  bewegte  sich  geschmeidig  zwischen  Lichtpult  und
Kontrollmonitor, was sehr viel spannender war als alles, das vorne am Set vor sich ging. Einmal
erwischte sie ihn, wie er zu ihr herüberschaute, und Mira hatte das Gefühl, er würde ihr zulächeln.

„Chefarzt  Tobias  beschließt,  Caren  selbst  zu  massieren.  Er  greift  nach  dem  Massageöl.

Großaufnahme  Kokos-Massageöl  der  Marke  Beautyline?“,  las  Vivi  plötzlich  aus  dem  Drehbuch
vor. „Was soll denn dieser Quatsch? Stand das schon immer da?“ Sie schaute hoch und schüttelte
dabei  die  braunen  Locken.  Mira  hatte  es  gleich  gewusst,  Vivi  war  genau  die Art  von  Frau,  die
Flamingofedern tragen konnte.

„Das ist das Produkt des neuen Sponsors, Vivi. Wir haben das doch gestern mit der Redaktion

in Köln besprochen.“ Der Mann im grünen Designer-Shirt rief Felix zu: „Halt das Fläschchen bitte
mal hoch. Es steht auf dem Wagen neben der Massagebank.“

„Hier ist kein Öl.“
„Wie bitte?“
Mira  blickte  zum  Set,  wo  Svenja  inzwischen  ohne  Hut  in  ein  langes  Badetuch  gewickelt  auf

dem Massagetisch lag.

„Hier steht keine Flasche mit Massageöl“, sagte Felix Scholl sichtlich genervt. „Kann ich was

dafür, wenn bei dieser Serie die Requisiten nie da sind?“

„Es  steht  auf  dem  Rollwagen,  Felix.“  Die  Stimme  des  Mannes  in  dem  grünen  Shirt  klang

angespannt. Mira blickte zu Svenja, doch die lag ganz in ihre Rolle versunken mit geschlossenen
Augen da.

„Leon, da ist kein Fläschchen. Da liegen nur Handtücher.“
Der  Mann  im  grünen  Shirt  trat  vor  und  schob  Felix  beiseite.  Er  starrte  auf  die  wenigen

Requisiten und murmelte: „Das gibt es einfach nicht.“

Svenja stöhnte. „Sag jetzt nicht, dass schon wieder etwas fehlt, Leon.“
„Du  bist  dafür  zuständig,  dass  die  Requisiten  am  Set  sind.“  Felix,  der  Liebling  aller

Schwiegermütter,  fixierte  den  armen  Leon.  „Ich  hab  die  ganze  Zeit  noch  kein  Ölfläschchen
gesehen.“

„Aber ich!“ Mira sprang auf. Ganz deutlich erinnerte sie sich an die bunte Glasflasche auf dem

Rollwagen, als der Kabelmann den großen Scheinwerfer auf sie gerichtet hatte.

„Du?“  Svenja  setzte  sich  auf,  das  grüne  Badetuch  knapp  über  dem  Brustansatz,  und  ließ  die

schlanken nackten Beine baumeln. So sah sie natürlich schon wieder viel zu gut aus.

„Als ich gekommen bin, habe ich schnell beim Einleuchten der Kulissen geholfen. Und da stand

ganz sicher eine Glasflasche auf dem Rollwagen.“

Leon im grünen Shirt drehte sich zum Lichtpult. „Paul, hast du das Öl auch gesehen?“
Paul  hieß  er  also.  Mira  ließ  sich  den  Namen  in  Gedanken  auf  der  Zunge  zergehen.  Mist.  Sie

hatte schon immer gefunden, dass Paul ein hübscher Name war.

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„Ich  bin  nur  fürs  Licht  zuständig“,  brummte  Paul,  der  Kabelmann.  „Aber  ich  glaube,  da  hat

wirklich was auf dem Wagen geblitzt.“

Vivi  musterte  Mira,  dann  wand  sie  sich  an  Leon:  „Wir  haben  sicher  noch  mehr  Massageöl,

wenn das unser neues Werbeprodukt ist.“

Doch Leon schüttelte den Kopf. „Es gibt vorerst nur die eine Flasche. Der Vertrag wurde erst

gestern unterschrieben. Der Sponsor hat die Produktprobe mit Express-Kurier geschickt. Vivi, ich
versteh das nicht. Ich war keine fünf Minuten vor Drehbeginn hier und hab noch mal gecheckt, ob
das Öl da ist.“ Er blickte sich immer noch in den Kulissen um, als würde das Öl vielleicht doch
noch in einer Ecke oder unter einem Handtuch auftauchen. „Ich kapier das einfach nicht.“ Leon tat
Mira richtig leid.

„Mir  reicht‘s.“  Felix  knöpfte  den  Arztkittel  auf  und  warf  ihn  in  einer  zweifellos  lange

einstudierten, dramatischen Geste über den Rollwagen. „Das ist jetzt das dritte Mal, dass just in
dem Moment, wenn wir endlich drehen wollen, eine wichtige Requisite fehlt. So was hab ich noch
nie  bei  einer  Produktion  erlebt.“  Er  rauschte  durch  die  Tür  und  verschwand  im  Gang  zu  den
Garderoben.

Aus  dem Augenwinkel  sah  Mira,  dass  der  Beleuchter  Paul  sie  wieder  beobachtete,  sie  blickte

ihn fragend an. Doch er zuckte nur mit den Schultern und lächelte richtig süß schüchtern.

Vivi beratschlagte leise mit Leon, wobei sie ihm die Hand auf den Unterarm legte. Dann wandte

sie sich zum Team. „Okay, kurze Pause. Leon geht zu Felix. Hoffen wir mal, dass er wieder eine
seiner grandiosen Ideen hat, wie wir die Szene retten können. In genau zwanzig Minuten will ich
euch  alle  wieder  am  Set  sehen.“  Sie  wollte  schon  weggehen,  da  sah  sie  Svenja,  die  noch  immer
mit  nackten  Beinen  auf  der  Massagebank  saß.  „Drehpause,  Svenja.  Zieh  dir  was  über.“  Aber
Svenja  rührte  sich  nicht  von  der  Stelle,  sondern  blickte  Vivi  mit  runden  opalblauen  Augen  an.
Dabei grinste sie spitzbübisch, und Mira wusste genau, was das bei ihrer Freundin bedeutete.

„Und  ich  krieg  jetzt  gar  keine  Massage?“,  fragte  Svenja  und  legte  so  eine  unverschämt  sexy

Naivität in ihre rauchige Stimme, dass selbst Marilyn Monroe vor Neid erblasst wäre.

Vivi  rollte  die  Augen,  aber  Mira  grinste.  Caren,  die  ausgebrannte  Managerin,  war  spurlos

verschwunden. Selbst mit dem ganzen Make-up sah Svenja Angerholt ohne Miras Hut einfach wie
das blühende Leben aus.

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3. KAPITEL

Der Fahrtwind pfiff Paul ins Gesicht, als er mit offenem Verdeck über die Stadtautobahn brauste.
Mit der DS waren es knapp vierzig Minuten von Babelsberg in den Prenzlauer Berg.

Der  Drehtag  war  wieder  einmal  von  diesem  arroganten  Felix  Scholl  gerettet  worden,  der  statt

einer Massage eine sanfte Shiatsu-Behandlung an Svenja alias Caren vorschlug und sich offenbar
auch  mit  den  richtigen  Druckpunkten  auskannte.  Leon  hatte  zähneknirschend  das  Product-
Placement  auf  eine  andere  Szene  verschieben  müssen,  aber  Vivi  war  begeistert.  Mit  Svenjas
samtenem  Rücken  ließ  sich  auch  lichtmäßig  viel  mehr  machen,  wenn  Felix  einzelne  Stellen
drückte  und  nicht  Öl  darauf  verschmierte,  das  im  Licht  immer  zu  sehr  glänzte.  Und  dann  hatte
Paul glücklicherweise mitgekriegt, wie Vivi nach dem Dreh die kleine Hutmacherin leise nach der
Adresse ihres Ateliers gefragt hatte. Mira hieß sie …

In der Kastanienallee parkte Paul seine schwarzsilberne DS 21 vor dem Schaufenster von Miras

Kopfkleider.  Auf  dem  Bürgersteig  blinzelte  er  durch  die  Scheibe.  Die  Auslage  hatte  etwas  von
einem altmodischen Ladenfenster mit der tapezierten, halbhohen Rückwand und den lebensgroßen
Puppenköpfen, die auf Haltestäben wie aufgespießt aussahen. Vier breitrandige, helle Sommerhüte
saßen auf den Köpfen. Paul versuchte, an einem mit Stoffrosen bestückten Hut vorbei ins dunkle
Innere zu lugen.

Als  er  sich  schon  fast  die  Nase  an  der  Scheibe  platt  drückte,  sah  er  Bewegung  im  Inneren.

Jemand lief mit schnellen Schritten hin und her, dann war wieder Ruhe. Dafür spürte er plötzlich,
wie ihm jemand ein Loch in den Rücken starrte. Rasch richtete Paul sich auf und drehte sich um.

Eine  hochgewachsene,  ungefähr  vierzigjährige  Frau  in  einem  schicken  Hosenanzug  stand  vor

ihm. Ihre glänzenden schwarzen Haare waren kurz geschnitten, die dunklen Gesichtszüge kamen
ihm leicht asiatisch vor.

„Sie  scheinen  zwar  einen  Hut  kaufen  zu  wollen,  aber  vielleicht  brauchen  Sie  doch  eher  eine

Brille.“  Mit  einer  Handbewegung  deutete  die  Frau  zu  dem  Geschäft  neben  dem  Hutatelier,  in
dessen Schaufensterauslage Brillengestelle auf bunten Holzwürfeln drapiert waren.

Paul spürte, wie er rot wurde. „Ich, also, ich wollte zu der Hutmacherin …“
„Zu Mira?“ Die Frau musterte ihn von Kopf bis Fuß.
„Hi! Was machst du denn hier?“
Paul fuhr herum. Die leicht amüsierte Stimme gehörte zu Mira, die mit einem Stück schwarzen

Satin  und  einer  Nadel  in  der  Hand  in  der  geöffneten  Tür  ihres  Ateliers  stand.  „Das  ist  der
Beleuchter  von  der  Serie,  für  die  ich  arbeite,  Masoumée. Sophienbad,  jeden  Abend  Viertel  vor
sieben.“ Die Hutmacherin grinste ihn an. „Du heißt Paul, nicht?“

„Paul Thormann.“ Vor lauter Verlegenheit hätte er Mira fast die Hand hingehalten.
„Na,  wenn  er  eine  Brille  braucht,  dann  schick  ihn  rüber  zu  mir.  Ich  hätte  da  was  ganz

Besonderes für ihn.“ Die Frau im Hosenanzug zwinkerte Mira zu und warf einen skeptischen Blick
auf  Pauls  rechtes  Handgelenk.  Hatte  er  Motorenöl  abgekriegt?  Aber  er  hatte  doch  nicht  mal
getankt.

„Mach ich.“ Mira winkte ihn in den Laden. Paul stieg die zwei Treppenstufen hoch und betrat

den  Raum  mit  der  hohen  weißen  Stuckdecke.  Es  roch  nach  altem  Samt,  Klebstoff  und  der

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Andeutung eines frischen, blumigen Parfüms. Dunkle Regale bedeckten die Wände auf der einen
Seite,  auf  den  Brettern  reihte  sich  ein  Hut  an  den  anderen.  Sie  waren  nach  Sommer-  und
Winterhüten,  nach  Tag-  und  Abend-,  nach  Hochzeitshüten  und  nach  Damen-  und  Herrenhüten
geordnet. Ein Regal in der hinteren Ecke war einer ganzen Serie von kleinen Hütchen gewidmet,
die Paul an alte Schwarz-Weiß-Filme erinnerten.

Mira  war  seinem  Blick  gefolgt.  „Das  ist  meine  Miss-Marple-Kollektion“,  sagte  sie.  Ihr  Blick

glitt  fast  zärtlich  über  die  Hüte,  sodass  Paul  am  liebsten  das  gesamte  Regal  leer  gekauft  hätte.
Aber wahrscheinlich hing die Hutmacherin viel zu sehr an diesen Hüten, als dass er ihr damit eine
Freude gemacht hätte.

„Na, was hat dich denn in die Gegend geführt?“, fragte Mira.
„Ich  wollte  mir  mal  ansehen,  wo  Svenja  ihre  genialen  neuen  Kopfbedeckungen  her  hat.“  Und

die schöne Hutmacherin zum Essen einladen. Aber das wollte Paul erst später fragen.

Sie blinzelte ihm zu. „Die Hüte gefallen dir wirklich?“
„Den Dreispitz heute, also, den fand ich wirklich toll.“
Mira verzog das Gesicht. „Den hast du ja nun nicht gerade in Bestform gesehen.“
„Tut mir echt leid, dass Bastian sich auf den Hut gesetzt hat. Manchmal denkt er nicht für drei

Cent.“

„Schon  okay.“  Sie  wandte  sich  zur  anderen  Seite  des  Raumes.  Halb  hinter  einem  Vorhang

verborgen, stand ein riesiger Tisch, auf dem eine Nähmaschine, noch mehr Puppenköpfe und jede
Menge  Stoffe,  Filze,  Lederreste,  Bordüren,  eine  hohe  Vase  voller  bunter  Federn,  ein  ganzer
Regenbogen gefärbter Strohhalme und etliche Scheren und Werkzeuge herumlagen, die Paul nicht
kannte.  Hier  entstanden  also  Miras  Hüte.  Paul  pfiff  durch  die  Zähne  angesichts  des  kreativen
Chaos.

Da merkte er, dass Mira ihn mit einem seltsam verschmitzten Lächeln ansah. Er beschloss, dass

der richtige Moment gekommen war. „Ich möchte dich eigentlich …“

„Willst du was Bestimmtes?“, unterbrach sie ihn. „Ich habe noch wahnsinnig viel Arbeit.“
„Also, ich wollte dich fragen …“
„Vivi  war  vorhin  auch  schon  hier.  Sie  hat  dich  nicht  noch  mal  geschickt,  um  Änderungen

nachzureichen?“ Mira blickte auf den Satin in ihrer Hand, und Paul sah ihre helle Haut, die durch
zwei schmale schwarze Schlitze im Stoff durchschimmerte.

„Vivi? Nein. Ich bin hier, weil ich …“
„Sie  will  sich  einen  Hut  von  mir  machen  lassen,  privat.“  Mira  strahlte.  „Wir  haben  uns  auf

etwas  mit  rosa  Flamingofedern  geeinigt.“  Dann  drehte  sie  sich  um.  „Und  Vivi  will  für  die
Ballszene  morgen  venezianische  Masken.  Das  ist  verdammt  viel  Arbeit.  Die  müssen  ja  alle
unterschiedlich  sein.“  Sie  griff  nach  einer  Schere  und  beugte  sich  dabei  weit  über  den
Arbeitstisch, sodass Paul nichts anderes übrig blieb, als ihren perfekt geformten Po zu bewundern.
Er  räusperte  sich,  und  Mira  drehte  sich  um.  Dabei  fiel  ihr  Blick  auf  etwas  hinter  Paul,  und  ihre
braunen Augen weiteten sich.

„Ist das dein Wagen?“ Paul meinte, echte Bewunderung aus ihrer Stimme herauszuhören.
Er nickte. „Ein alter Citroën DS 21.“ Kurz blickte er zu seiner geliebten DS. „Meine Göttin. Ich

hab sie selbst umgespritzt.“

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Mira  trat  zur  Tür.  „Schwarzsilber.  Wow!  Die  sieht  super  aus.“  Sie  legte  die  Hand  an  den

altmodischen  Türknauf,  und  Paul  hätte  ihr  zu  gerne  sein Auto  vorgeführt.  Offenbar  verstand  sie
etwas  von  der  Materie:  Sie  wusste  sogar,  dass  der  Kosename  dieses  französischen  Klassikers
„Göttin“  lautete  –  mehr  als  einmal  hatte  Paul  nämlich  merkwürdige  Blicke  geerntet,  wenn  er
seinen  Wagen  so  bezeichnete.  Vielleicht  könnten  sie  vor  dem  Essen  noch  eine  Runde  durch  den
Prenzlauer  Berg  drehen.  Doch  Mira  stoppte  mitten  in  der  Bewegung  und  seufzte.  „Die  Masken
…“, murmelte sie, dann blickte sie zu ihm. „Wie stehst du eigentlich zu Rennfahrerkappen? Diese
alten aus Leder und Wolle, mit einer dicken Schutzbrille drüber?“

„Genau so eine hab ich daheim, die ist noch aus den Zwanzigern …“ Mira schaute ihn schräg

von unten an, und da kapierte Paul, worauf sie hinauswollte. „Na, wenn ich‘s mir recht überlege,
ist die schon ganz schön abgeranzt.“

„So, so“, machte Mira und suchte auf dem Arbeitstisch, bis sie eine Spule mit schwarzen Garn

gefunden hatte. „Was wolltest du noch mal?“, sagte sie, und Paul hatte das Gefühl, dass sie sich
über ihn amüsierte. Und ihn gleichzeitig irgendwie sympathisch fand. Na denn …

„Eigentlich wollte ich dich … ach, egal. Sag mal, wenn du für Vivi einen Hut anfertigst, könnte

ich dann bei dir eine zünftige Rennfahrerkappe in Auftrag geben? Schwarzes Leder?“

„Sicher,  supergern.“  Sie  lächelte  ihn  an  und  schien  innerlich  zu  tanzen.  „Ich  mach  dir  auch

einen  Spezialpreis.  Ich  hab  deinen  Wagen  gesehen  und  gleich  gewusst,  dass  zu  dir  nur  eine
Roadrunner – Kappe passen kann.“

Es machte Paul glücklich, die Begeisterung in Miras braunen Augen zu sehen. Der Auftrag für

die  Kappe  war  ein  Geniestreich.  Er  würde  zum  Abmessen,  zur  ersten  Anprobe,  zur  zweiten
Anprobe  und  zum  Abholen  herkommen,  und  dabei  würde  sich  ganz  sicher  eine  Gelegenheit
ergeben, Mira zum Essen und mit der Maschine auszuführen. Und dann, wenn alles klappte …

„Du, ich muss jetzt echt arbeiten. Was wolltest du also?“ Ihr zierliches Gesicht war wieder ernst

und konzentriert, und sie griff nach dem Satin.

„Na, einen Hut“, meinte Paul schnell. „Wegen der Kappe, also … wir sehen uns ja morgen bei

der Produktion, wenn du die Masken bringst.“

Sie nickte. „Na dann. Tschüss, Paul.“
Es  kam  Paul  so  vor,  als  ob  es  wenig  bedauernd  klang. Aber  er  konnte  sich  irren.  Bei  so  einer

Frau standen die Männer, die bei ihr landen wollten, sicher Schlange. Paul öffnete die Tür, und als
er auf die Kastanienallee trat, hörte er das leise Glöckchen, das Besucher ankündigte.

Neben der DS musste er erst mal tief durchatmen.
„War nichts mit dem Date, was?“, hörte er da eine Frauenstimme hinter sich.
Die Optikerin im Hosenanzug rauchte eine Zigarette vor ihrem Laden. Für einen Moment kam

sich Paul wie in einem Werbespot aus den Sechzigerjahren vor.

„Keine Sorge, ich komme wieder“, grinste er, stieg ein und brauste schneller, als es die Polizei

erlaubte, die Kastanienallee hinunter.

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4. KAPITEL

Mira  schlüpfte  mit  dem  Hut  in  der  Hand  an  Leon  vorbei.  Seine  Waden  unter  den  knielangen
Armeehosen wirkten im grellen Scheinwerferlicht fast weiß.

„Mira, wo bleibst du denn?“ Svenja saß auf einer aus Styropor geformten Steinbank. „Ohne den

Hut können wir nicht drehen.“

„Bin schon da.“ Mira setzte ihrer Freundin den venezianischen Dreispitz auf und zog eine Dose

aus ihrer Hüfttasche. „Ich habe nur noch das hier aus deiner Garderobe geholt.“ Sie schüttelte die
Sprühdose, die kleine Kugel im Innern klackte.

„Hört sich an wie Autolack“, sagte eine dunkle Stimme hinter ihnen.
Svenja und Mira drehten die Köpfe. Paul stand hinter dem Lichtpult. Heute trug er enge Jeans

und ein rotes T-Shirt, in dem er super aussah.

„Lack? Von wegen.“ Mira riss sich von Pauls Anblick los und wandte sich dem Hut zu. „Das ist

ein  sauteures  Staubspray.  Die  Dose  habe  ich  mir  aus  Italien  schicken  lassen,  extra  für  Svenjas
Burnout-Look.“ Sie drückte auf die Düse. Ein feiner grauer Nebel legte sich auf den grünen Stoff.
„Damit sieht neuer Samt so abgeschabt aus, als hätte ihn ein alter Gondoliere jahrelang getragen.“

Svenja  stupste  sie  an.  „Guck  mal.  Waschbrett  klingt  eigentlich  viel  zu  doof  dafür,  findest  du

nicht?“, flüsterte sie.

Mira  blickte  in  die  Richtung,  in  die  Svenjas  Ellenbogen  deutete.  Paul  streckte  sich,  um  einen

Scheinwerfer  im  Gestänge  zu  richten,  und  dabei  war  sein  T-Shirt  hochgerutscht.  Mira  konnte
perfekte, feste Bauchmuskeln und einen haarlosen Nabel erkennen. Sie seufzte betont sehnsüchtig
und wusste selbst nicht genau, ob sie das nur ironisch meinte. Da wurde plötzlich das Licht um sie
herum heller.

„Ich gebe euch ein bisschen mehr Goldschimmer auf den Tisch.“ Paul sprang aufs Set, und Mira

spürte ganz kurz, wie seine Hände sie sanft an den Hüften berührten und von Svenja wegschoben.
„Bleib  immer  hinter  der  Lichtgrenze,  Mira.  Du  wirfst  gerade  Schatten  auf  die  venezianischen
Gläser.“

Svenja  grinste,  während  Paul  schon  wieder  am  Lichtpult  herumhantierte.  Über  ihnen  drehten

sich  bunte  Scheiben  vor  den  Scheinwerfern  an  der  Lichtbrücke.  Das  Licht  wurde  gelber,  dann
bekam  es  einen  Hauch  von  Orange.  Die  Glaskaraffe  und  die  beiden  antiken  Kelche  leuchteten
golden  auf,  im  nächsten  Moment  schaltete  Paul  noch  das  Backlight  dazu.  Das  Kristall  glitzerte
atemberaubend.

„Toll.“ Mira wollte Paul zulächeln, aber Leon hatte sich vor dem Beleuchter aufgebaut.
„Wir wollen hier drehen, Paul, und kein Museumsstück beleuchten.“
„Na, so alt sehe ich sogar mit Miras Hut nicht aus.“ Svenja setzte sich aufrecht und richtete die

Falten ihres Hausmantels.

„Wollen  wir  nun  ein  professionelles  Product-Placement,  oder  nicht?“  Paul  drehte  Leon  die

Schultern zu.

„Wir  wollen  vor  allem  die  nächste  Szene  in  den  Kasten  kriegen.“  Leons  Ton  wurde  schärfer.

„Und zwar in“, er blickte rasch auf seine Armbanduhr, „knapp zwanzig Minuten. Ich brauche wohl
kaum  zu  erwähnen,  dass  wir  nach  Vivis  Kalkulation  heute  noch  vier  Szenen  abdrehen  müssen.“

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Der  Requisiteur  ließ  Paul  stehen  und  wandte  sich  ihnen  zu.  „Und  du,  Mira“,  meinte  er,  „du
verschwindest jetzt und lässt Svenja und Paul in Ruhe das Licht einrichten.“

„Okay, okay, ich geh ja schon. Tschüss, Svenja. Montag bringe ich wieder was Schönes mit.“
Doch Svenja antwortete nicht. Sie sah schräg an der Kamera vorbei zu Leon. Dann hörte Mira

ihre  Freundin  mit  dem  Kristall  hantieren.  Das  Glas  klirrte,  während  der  Star  intonierte:
„Eigentlich ist ja Champagner mein Lebenselixir …“

Mira  ging  auf  Zehenspitzen  am  Lichtpult  vorbei.  Paul  blickte  starr  auf  den  Kontrollmonitor.

Gut, dass sie schon vorhin mit ihm über die Roadrunner – Kappe gesprochen hatte.

„Setzen  Sie  sich  doch.“  Felix  spielte  den  fürsorglichen  Oberarzt  Tobias.  Die  Szene  sollte
eigentlich im Freien spielen, doch für Außendrehs gab es kein Geld beim Sophienbad. Paul blickte
unablässig  auf  den  Monitor,  vor  dem  Vivi  und  Leon  saßen.  Durch  das  künstliche  Sonnenlicht
wirkte  die  Szene  am  Styropor-Trinkbrunnen  tatsächlich,  als  wären  Felix  und  Svenja  wirklich  im
Park der Society-Klinik.

Svenja  ließ  sich  auf  der  steinernen  Bank  nieder.  Der  lichte  Schatten  einer  Weide  fiel  über  ihr

Gesicht. Stundenlang hatte Paul getüftelt, bis die Illusion stimmte. Felix setzte sich neben sie.

„Alle  sind  so  freundlich  hier  im  Sophienbad  …“  Svenja  lehnte  sich  mit  geschlossenen Augen

zurück, wobei ihr langer weißer Hals sichtbar wurde.

Felix tat so, als ob er zum ersten Mal die weiblichen Rundungen unter dem Hausmantel seiner

Patientin entdeckte.

„Das … das ist unser Job“, sagte er mit der härteren Stimme des Oberarztes Tobias.
Svenja  ließ  ihre  opalblauen  Augen  blitzen.  „Herr  Doktor,  ich  weiß,  wie  es  aussieht,  wenn

jemand seinen Job macht.“ Die Schauspielerin beugte sich vor zu Felix. „So, wie Sie sich um mich
kümmern, das ist mehr als ein Job, das ist Berufung, das ist …“

„Leidenschaft“,  flüsterte  Felix.  Die  beiden  näherten  sich  auf  der  Bank,  bis  sie  sich  fast

berührten.

Da  sprang  Felix  auf,  und  Svenja  zuckte  ganz  nach  Drehbuch  zusammen.  „Was  ist?“,  hauchte

sie.

„Entschuldigen  Sie,  ich  …  ich  wollte  Sie  nicht  erschrecken.  Doch  mir  ist  gerade  eingefallen,

warum ich Sie überhaupt hier herausgebracht habe.“

Felix  ging  zu  dem  Trinkbrunnen,  der  von  bunten  Blumen  umgeben  war.  Ein  puttenförmiger

Amor  hielt  eine  große Amphore,  aus  der  das  Wasser  der  Heilquelle  ins  Becken  plätscherte.  Die
Jungs  von  der  Technik  hatten  ganze Arbeit  geleistet,  denn  von  der  Wasserpumpe  war  nichts  zu
hören.

„Kommen Sie, Caren, trinken Sie. Es ist das Wasser des Lebens.“
Svenja  sah  toll  aus  in  dem  wallenden  Hausmantel.  Zu  toll,  wurde  Paul  plötzlich  bewusst.

Vielleicht  hätte  er  das  Augenlicht  doch  nicht  in  Svenjas  Gesicht  richten  sollten.  Sie  sah  zwar
verliebt, aber auch vollkommen gesund aus.

In  diesem  Moment  griff  Felix  zum  Rand  des  Trinkbrunnens.  Er  tastete  das  Styropor  ab.  Wo

waren denn die Gläser? Paul blickte vom Monitor hoch zum Set, da brüllte Felix auch schon völlig
außer der Rolle: „Wo, verdammt noch mal, ist das bescheuerte Glas?“

„Cut!“, rief Vivi, dann fuhr sie den Requisiteur an: „Wo ist der Trinkkelch, Leon?“

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Der  starrte  mit  offenem  Mund  auf  den  Brunnenrand.  Paul  setzte  sich  ans  Lichtpult  und

deaktivierte das rote Licht über den Halleneingängen. Der Dreh war unterbrochen: Die Suche nach
der  fehlenden  Requisite  würde  sicher  wieder  ewig  dauern.  Mist,  hoffentlich  konnten  sie
wenigstens den Anfang der Szene verwenden. Das Schattenspiel der nicht vorhandenen Weide auf
Svenjas  Gesicht  war  super  geworden.  Es  war  die  Frage,  ob  er  das  so  realistisch  noch  einmal
hinkriegen würde.

„Felix, bist du ganz sicher, dass das Glas nirgends steht? Ist es runtergefallen?“, fragte Leon mit

unsicherer Stimme.

„Dann wäre das Ding doch in tausend Stücke zersprungen.“ Vivi marschierte wie eine Pantherin

vor dem Set auf und ab und schaute dabei alle drei Sekunden auf ihre Uhr.

„Nada,  niente,  nüscht“,  sagte  Svenja,  die  auf  allen  vieren  um  den  Brunnen  herumkroch.  Felix

stand mit vor der Brust verschränkten Armen und eisiger Miene daneben.

„Aber  es  war  da!“  Leon  trat  aufs  Set  und  schaute  sich  um.  Nur  der  Trinkbrunnen  und  die

Steinbank  standen  vor  der  Blue  Screen,  ein  Glas  würde  man  sofort  sehen.  Trotzdem  ging  Leon
alles ab, schaute hinter die Wände und suchte den Boden ab. „Ich kapier‘s einfach nicht. Svenja,
du  warst  doch  da,  als  das  Kristallservice  aus  dem  Serienfundus  gebracht  wurde.  Du  und  die
Hutmacherin, ihr könnt bezeugen, dass alles da war.“

„Wir glauben dir ja, Leon.“ Vivi sah aus, als hätte sie gerne eine Zigarette. „Aber was machen

wir jetzt? Das Glas hat sich in Luft aufgelöst, wie alles bei diesem verdammten Dreh.“

Bei den letzten vermasselten Takes hatte ausgerechnet Felix immer den Tag gerettet. Auch jetzt

sah  er  so  aus,  als  brüte  er  eine  neue  Script-Idee  aus.  Plötzlich  schwiegen  alle.  Paul  dimmte  das
Licht. Das schien ihm angesichts der erneuten Katastrophe angemessen.

„Und?“ Vivi biss sich auf die Unterlippe. Vorn an der großen Hallentür stand Kerstin, eine der

Redakteurinnen des Senders. So wie Paul sie kannte – und er kannte sie schon seit ihrer Schulzeit
–  würde  sie  sofort  nachfragen,  warum  der  Dreh  schon  wieder  unterbrochen  war.  Zeit  war  Geld,
und sie waren schon etliche Szenen im Verzug.

„Wie  wär‘s  …?“,  begann  Felix  und  drehte  sich  zum  Springbrunnen.  „Ja,  das  müsste  gehen.

Svenja,  fangen  wir  noch  mal  an,  wenn  du  von  der  Bank  aufstehst.  Du  stellst  dich  einfach  neben
mich, und dann lass mich mal machen.“

„Was  hast  du  vor?“  Svenjas  Stimme  klang  nicht  gerade  zuversichtlich.  „Ich  möchte  schon

genau wissen, was ich spielen soll.“

Felix grinste. „Du bist doch ein Naturtalent, sei einfach spontan.“
„Aber …“
Vivi winkte nur in Richtung der Bank. Svenja rollte die Augen, allerdings so, dass es nur Paul

mitkriegen  konnte.  Er  verstand  Svenja  gut:  Felix  war  ein  arroganter Angeber,  aber  er  hatte  bis
jetzt immer geniale Ideen gehabt, wenn wieder etwas schiefgegangen war.

Paul schaltete das rote Licht über den Türen wieder an.
„Okay, bitte Ruhe.“ Vivi setzte sich auf ihren orangefarbenen Stuhl. „Wir drehen.“ Sie blickte

zum Kameramann.

„Kamera läuft!“
Paul  schaute  über  Vivis  Schultern  auf  den  Monitor.  Silbern  glitzern  sollte  das  Wasser,  aber

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keine Lichtreflexe werfen, die im Film wie Supernovas aussehen würden.

„Szene 38, Trinkbrunnen – die Zweite“, sagte Leon und ließ die Klappe fallen.
Felix trat neben den Brunnen. „Kommen Sie, Caren, trinken Sie. Es ist das Wasser des Lebens.“
Er  griff  in  den  Strahl,  den  der  Amor  in  das  Becken  schüttete.  Wie  Diamanten  glitzerten  die

Tropfen,  die  von  seiner  Haut  abperlten.  Dann  fingen  seine  kräftigen  Hände  das  Wasser  auf.
„Trinken Sie.“

Svenja zögerte einen Moment, dann nahm sie einen Schluck von dem kostbaren Nass. Langsam

fuhr sie mit der Zunge über ihre Lippen. „Es schmeckt so frisch und süß. Und da ist ein Hauch …“
Svenja  schaute  zu  Felix  hoch,  der  sie  unentwegt  anschaute.  Fast  könnte  man  meinen,  er  sei
wirklich ein bisschen verliebt in seine Partnerin. „Ja, von, ich weiß nicht …“

„Orangen“,  flüsterte  Felix  und  nahm  Svenjas  Gesicht  in  seine  Hände.  Zärtlich  küsste  er  seine

Serien-Patientin auf die Lippen.

„Cut!“
„Licht an!“
„Szene im Kasten. Perfekt.“
Paul  schaltete  auf  Hallenbeleuchtung  um.  Kerstin  an  der  Tür  gab  ihm  Daumen-hoch-Zeichen.

Das Team stand versammelt auf der Bühne um Svenja und Felix und gratulierte ihnen.

„Was für eine Intensität!“
„Orangen, einfach super.“
Vivi  klopfte  Felix  lächelnd  auf  die  Schulter.  Felix  Scholl  war  zwar  ein  Angeber,  aber  sie

verdankten  es  ihm,  dass  der  Drehplan  irgendwie  eingehalten  werden  konnte.  Und  was  die
Beleuchtung  betraf,  das  Wasser  glitzerte  sogar  noch  besser  als  das  Kristallglas,  mit  dem  sie  die
Szene eingeleuchtet hatten. Paul stellte sich einen Moment lang Mira vor, wie sie lachend unter
einer Fontäne stand und die Tropfen in ihrem dunklen Haar in der Sonne blitzten. Da winkte Vivi
zur Besprechung. Paul trat vor das Lichtpult, doch ganz konnte er das glückliche Gefühl nicht zur
Seite schieben. Er musste diese Frau einfach wiedersehen.

Leon  stand  ein  wenig  abseits,  er  schien  sich  immer  noch  nach  dem  Trinkglas  umzuschauen.

Paul winkte ihm zu. Seltsam war es schon, wie viele Requisiten auf diesem Dreh wegkamen.

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5. KAPITEL

In  der  Kastanienallee  stieg  Mira  aus  der  Straßenbahn  aus  und  ließ  den  Blick  über  die  bunte
Mischung  aus  Studenten,  Menschen  mit  Supermarkttüten,  japanischen  Touristen  und  Omas  mit
karierten  Rollwägelchen  schweifen.  Sie  seufzte.  Bisher  hatte  sie  schon  auf  der  S-Bahn-Fahrt
hundert  Ideen  für  die  nächsten  Hutkreationen  gehabt,  die  sie  für  Svenja  machen  wollte.  Aber
heute? Sie hätte lieber die Fahrgäste beobachtet, statt von Paul zu träumen, der in ihren Gedanken
irgendwie  zum  Edgar-Wallace-Detektiv  geworden  war. Aber  nicht  in  Schwarz-Weiß,  wie  in  den
alten Filmen. Nein, Paul war in voller Farbe durch die Berliner Hinterhöfe geschlichen.

Am  besten  holte  sie  sich  noch  etwas  Schokolade  in  dem  neuen  Kakao-Spezialitätengeschäft.

Der Geschmack von süßem Nugat inspirierte sie immer aufs Neue.

Auf den Bänken vor den Cafés saß noch niemand, die Sonne schien auf die andere Straßenseite.

Mira  schmunzelte.  Ihr  strahlend  weißes  Ladenschild  blitzte  vor  dem  abgebröckelten  Putz  der
Ladenfront. Miras Kopfkleider … zusammen mit Svenja hatte sie sich den Namen ausgedacht.

Neben  dem  Hutatelier  trat  eine  schlanke  Gestalt  auf  den  Bürgersteig.  Mira  winkte,  ihre

Nachbarin  hingegen  bemerkte  sie  nicht.  Masoumée  Zaradi  betrachtete  angestrengt  das
Schaufenster ihres Brillengeschäfts. Die Optikerin war zwar in Teheran geboren, hatte jedoch die
meiste  Zeit  ihres  Lebens  in  Berlin  verbracht.  Ein  wenig  streng  schaute  sie  immer  aus  ihren
dunklen  Brombeeraugen,  aber  Masoumée  lachte  viel  und  gerne,  allerdings  nur,  wenn  keine
Kunden im Laden waren.

Was war das denn? Mira blieb vor dem Brillenladen stehen. „Du hast ja umdekoriert!“ Aus dem

Schaufenster war eine Art persischer Privatsalon geworden. „Das ist fantastisch. Wieso hast du die
bunten Holzwürfel entsorgt?“

Masoumée  steckte  sich  eine  Zigarette  an.  „Weil  das  inzwischen  jeder  dritte  Laden  so  macht.

Alle haben Deko in Orange, Grün und Gelb.“

Mira  wollte  antworten,  aber  das  Schaufenster  ließ  sie  nicht  los.  Lebensgroße  Figuren  in

traditionellen  Kleidern  standen  zwischen  bunten  Teppichen  und  mattgold  glänzendem  Geschirr.
„Das ist ja wie in einem Palast. Die Teppiche sind der Wahnsinn.“

„Nain.“
„Nein? Aber ich sehe doch sogar die Fransen.“
Masoumée  lachte  und  stippte  die Asche  neben  die  Tür.  „Nain  ist  der  iranische  Name  für  eine

bestimmte Art von Teppich. Sie sind meistens rund und haben ein geometrisches, verschlungenes
Muster. Der da lag bei meiner Großmutter im Tee-Salon.“

Mira  hatte  noch  nicht  herausgefunden,  wie  reich  Masoumées  Familie  gewesen  war,  nur  wenn

sie  jetzt  die  schweren  Teppiche  betrachtete  …  Ihr  Blick  fiel  auf  zwei  Puppen,  die  auf  Knien
kauernd  braune  Holztablette  hielten,  auf  denen  Masoumée  die  neue  Brillen-Kollektion  drapiert
hatte. Das ultramoderne Brillendesign gab einen genialen Kontrast zu den traditionellen Stoffen.
„Die Kleider sind original? Hat das deine Großmutter angehabt?“

„Du  glaubst  doch  nicht,  dass  eine  Zaradi  wie  ein  Bauernweib  bunte  Röcke  und

perlengeschmückte  Kopftücher  getragen  hätte.  Nein,  meine  Großmutter  hat  sich  nur  in  Paris
eingekleidet.“ Masoumée schnippte die Zigarette weg. „Mein Vater hat solche Kleider manchmal

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von  seinen  Geschäftsreisen  in  der  Provinz  mitgebracht.  Wenn  die  Leute  kein  Geld  hatten  und
getauscht haben.“

„Irre!“  Dann  erblickte  Mira  eine  seltsame  Kopfbedeckung  auf  dem  Kopf  einer  männlichen

Figur. „Was ist das? So einen Hut habe ich noch nie gesehen.“

„Komm rein.“
Von  innen  löste  Masoumée  den  Hut  vom  Kopf  der  Puppe.  „Das  ist  ein  Pakol“,  erklärte  sie.

„Man trägt ihn heute noch in den östlichen Provinzen Irans.“

Miras  Hutmacherinnen-Herz  wollte  sofort  ergründen,  wie  der  Hut  wohl  gebaut  war. Auf  eine

fünfzehn  Zentimeter  lange  Röhre  aus  Wolle  war  ein  Deckel  aufgesetzt.  Die  Wolle  war  an
mehreren  Stellen  gefaltet  und  vernäht,  wodurch  eine  schöne  Verzierung  entstand.  An  der
Unterseite des Deckels war ein satinartiger Stoff angebracht, der dem Pakol Stabilität verlieh und
verhinderte, dass die raue Wolle direkt auf der Haut auflag. „Genial.“ Mira strich über den Hut.
Eine andere Farbe und vielleicht nur Seide, ein wenig edler in der Anmutung … Plötzlich wusste
sie genau, was für einen Hut sie für Svenja machen würde. „Darf ich den Hut behalten?“

„Na ja … eigentlich nicht.“
„Oh.“  Mira  drehte  den  Hut  in  ihren  Händen.  „Sorry,  ich  meine  natürlich  nicht  geschenkt.  Ich

würde mir gerne anschauen, wie er gemacht ist.“

Die Optikerin schaute Mira direkt in die Augen. „Es ist ein Erbstück. Ich konnte nur wenige der

Dinge meines Vaters retten. Der Pakol ist sehr alt, und ich würde ungern …“ Ihre großen Hände
wiesen auf das Fenster. „Ich wollte die ganzen alten Sachen einfach mal wieder sehen, statt immer
nur an sie zu denken.“

Mira  nickte,  während  sie  eine  aufgegangene  Naht  an  dem  Pakol  befühlte.  „Das  verstehe  ich.

Diese  Sachen  sind  auch  wirklich  …  anders.  Richtig  faszinierend.“  Ihr  Blick  fiel  auf  den  runden
Nain-Teppich.  Das  Muster  aus  Dreiecken  und  Kreisen  passte  genau  zu  Svenja.  Rosa-  und
Blautöne, dazu ein wenig Silberfaden …

„Schau  mal,  hier.“  Sie  hielt  Masoumée  den  Hut  hin.  „Die  Nähte  gehen  auf,  weil  der  Faden

brüchig  ist.  Ich  restauriere  dir  den  Hut  umsonst,  wenn  ich  ihn  dafür  ein  paar  Tage  mitnehmen
darf.“

„Du bist wirklich scharf auf den alten Deckel, was?“ Masoumée grinste und schaute Mira dabei

neugierig  an.  „Na  gut,  nimm  den  Hut  mit.  Die  Restaurierung  bezahl  ich  aber.  So  weit  kommt‘s
noch, dass du umsonst arbeitest.“

„Danke, Masoumée, das ist toll!“
Zwei  Kunden  traten  ein,  und  sofort  schaltete  Masoumée  ihr  Lachen  ab  und  wurde  zur

ernsthaften Optikerin.

Mira  zwinkerte  ihr  zu  und  ging  rüber  zu  ihrem  Hutladen.  Sie  drehte  das  Schild  in  der

Eingangstür  auf  „Come  in,  we‘re  open“  und  betrachtete  dabei  den  Wollhut  in  ihren  Händen.
Iranisches Flair für das Sophienbad und ein neuer Seidenpakol für Svenja, na also.

Wütend  warf  Vivi  das  Script  auf  den  Beifahrersitz  ihres  neuen  zitronengelben  Porsche  Cayman.
Gestern das fehlende Massageöl, heute der verschwundene Trinkkelch. Als ihre beiden Stars dann
aber  bei  der  letzten  Szene  aneinandergeraten  waren,  hatte  Vivi  genug  gehabt.  Bei  TV-
Produktionen hatte sie schon eine Menge komischer Sachen erlebt, nur das hier hatte System. Das

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Team des Sophienbad tanzte ihr auf der Nase herum. Sie legte den Gang ein und wollte gerade den
Zündschlüssel drehen, da winkte Leon ihr von der Studiotür aus hektisch zu. Neben ihm standen
Felix, Svenja und Paul. Und Kerstin von der Redaktion, die ihr wahrscheinlich die Ausfallkosten
vorrechnen wollte.

Leon hatte den Porsche als Erster erreicht. „Warte doch mal, Vivi.“
Also gut. Sie stieg wieder aus und wandte sich an die Runde, die sich um den Porsche aufbaute.

„So  läuft  das  nicht.  Ihr  reißt  euch  jetzt  zusammen.  Diese  Drehverzögerungen  holt  ihr  auf,  egal
wie.“

„Wer  verzögert  denn  hier?  Wir  hatten  doch  alles  wunderbar  im  Griff,  bis  du  einfach  aus  dem

Studio  gerannt  bist.“  Felix  gestikulierte  in  Oberlehrermanier  in  seinem  weißen  Arztkittel  und
rempelte dabei fast Kerstin um.

„Pass  doch  gefälligst  auf,  du  stehst  ihr  schon  auf  dem  Fuß.“  Vivi  schüttelte  die  Haare.  Jetzt

würde sie sich erst einmal diesen aufgeblasenen Heimatdarsteller vornehmen.

Aber Felix ließ sie gar nicht zu Wort kommen. „Wie sollen wir denn richtig arbeiten, wenn die

Produktion uns nicht mal die Requisiten bereitstellen kann, die ihr uns ins Drehbuch schreibt?“

Svenja  zog  Felix  zur  Seite.  Im  Sonnenlicht  sah  man  die  aufgeschminkten  Falten  in  ihrem

Gesicht.  „Felix,  lass  gut  sein  …  Tut  mir  leid,  Vivi,  wegen  gerade  eben.  Gib  uns  noch  mal  ‚ne
Chance.  Ich  versprech  dir,  wir  bringen  die  letzte  Szene  jetzt  problemlos  über  die  Bühne.“  Sie
drehte sich zu den anderen. Paul, der Beleuchter, brummte zustimmend, obwohl der ja gar nichts
verbockt  hatte.  Kerstin  nickte  eifrig  –  klar,  wenn  sie  heute  die  Szenen  noch  in  den  Kasten
bekamen,  sparte  das  wieder  einige  Tausender.  Selbst  Felix  bemühte  sich  um  einen  positiven
Gesichtsausdruck.

Leon legte sanft die Hand auf ihren Unterarm. „Okay?“
Vivi  senkte  die  Stimme,  damit  das  Team  nicht  mitkriegte,  wie  sauer  sie  war.  „Du  kennst  die

Zahlen so gut wie ich.“ Doch dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie legte die Hand auf
das  Dach  des  Porsches.  „Es  ist  eure  verdammte,  vertraglich  festgeschriebene  Pflicht,  täglich  die
vorgegebene Anzahl von Szenen abzudrehen. Mit oder ohne mich!“

„Aber  das  wollen  wir  doch!  Nur,  wenn  du  jetzt  nicht  die  Regie  machst,  schaffen  wir  es  nie.“

Svenja schaute sie bittend an.

„Das Sophienbad läuft doch super, Vivi“, sagte Leon. „Der Sender verhandelt schon die nächste

Staffel.“

„Und morgen kommt der neue Sponsor“, fügte Kerstin dazu.
Vivi holte tief Luft. „Okay, wenn ihr total powert, dann holen wir den Rückstand auf. Aber nur

dann.  Drehbeginn  ist  sechs  Uhr  dreißig.“  Sie  verschränkte  die Arme  vor  der  Brust.  „Und  damit
meine ich sechs Uhr morgens.“

„Das geht nicht“, sagte Felix, „da schlafe ich noch.“
Die anderen stöhnten laut, und Vivi funkelte Felix an. „Wenn du nicht Punkt sechs Uhr dreißig

am Set stehst, lasse ich dich aus der Serie rausschreiben. Das geht schneller, als du denkst.“

Felix trat einen Schritt zurück. „So lass ich mich doch nicht behandeln!“
Jetzt war Schluss mit lustig. Das war das Problem am Sophienbad, dass andauernd jemand die

Extrawurst spielen musste. Vivi setzte erneut zum Sprechen an, doch da hob Kerstin die Hand.

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„So lösen wir das Problem nicht, Leute. Ich sage es ja nicht gern, aber es ist doch offensichtlich.

Am Set wird gestohlen, da klaut jemand mit Absicht wichtige Requisiten. Da kann nur jemand aus
dem Team dahinterstecken.“

Vivis Wut war mit einem Mal wie weggeblasen. „Kerstin hat recht. Jetzt begreife ich das erst.

Hier wird nicht bloß geschlampt, hier wird gestohlen. Natürlich!“

Leon rieb sich die Nase und wirkte noch dünner als sonst. Die Anspannung war ihm anzusehen.

Seine  wie  ihre  Karriere  hingen  vom  Erfolg  der  Serie Sophienbad  ab.  „Es  kann  kein  Zufall  sein,
dass immer die wichtigste Requisite für die nächste Szene verloren geht“, sagte er leise.

„Das ist doch Quatsch.“ Felix‘ Lachen klang künstlich. „Das Zeug ist schließlich nichts wert.“
Vivi  hatte  schon  etliche  Intrigen  zwischen  Produktionsfirmen  erlebt.  Die  anderen  neideten

ihnen  sicher  den  Erfolg  der  neuen  Serie,  aber  würde  deshalb  jemand  Requisiten  stehlen?  „Uns
kostet es jedenfalls zu viel.“

Leon fuhr sich über den Nacken. „Die venezianischen Gläser haben dieser Mira gut gefallen.“
„Die Hutmacherin?“ Vivi erinnerte sich an ihren Besuch gestern in dem Hutatelier. Mira hatte

einen ausgefallenen Geschmack, das hatte sie dort gesehen.

„Lass meine Freundin aus dem Spiel.“ Svenjas Stimme schnitt kalt durch den Kreis. „Die stiehlt

nicht. Was soll sie überhaupt mit irgendwelchen Requisiten?“

„Sie  in  ihrem  Laden  ausstellen  oder  verkaufen,  was  weiß  ich?“  Leon  hob  die  Schultern.  „Ist

doch seltsam, dass immer etwas verschwindet, wenn Mira vorher da war.“

„Mit den Requisiten kann Mira überhaupt nichts anfangen. Eine Ölflasche wird sie wohl kaum

in  einem  Hut  verarbeiten  können.  Und  wie  ein  verrückter  Serienfan  kommt  sie  mir  auch  nicht
vor.“

Vivi starrte Paul an. So viele Worte am Stück hatte sie noch nie von ihm gehört.
„Mir reicht‘s!“ Felix warf Vivi den Arztkittel vor die Füße. „Sich in so einer Billigproduktion

auch noch des Diebstahls bezichtigen lassen zu müssen ist einfach die Höhe. Ich gehe jetzt. Und
ob ich morgen früh um sechs am Set bin, das entscheidet mein Agent.“ Felix drehte sich auf dem
Absatz um und ging.

„Was  für  eine  Diva.“  Svenja  atmete  aus.  Kerstin  blickte  nachdenklich  Felix  hinterher,  Leon

rollte  die Augen.  Paul  dagegen  hatte  den  Blick  starr  auf  Vivi  gerichtet.  Sie  trommelte  mit  den
Fingern auf der Windschutzscheibe. „Schluss jetzt. Ich nehm mir Mira persönlich vor.“

„Die Kleine hat nichts damit zu tun!“ Pauls Faust landete auf dem Dach des Porsche Cayman.
Der Schlag war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Hands off, Paul!“, brüllte

Vivi.  Sie  hielt  nicht  viel  vom  Führungsstil  eines  Mogengrubers,  der  alle  und  jeden
zusammenschrie, aber jetzt tat es ihr richtig gut, einmal laut zu werden.

„Alle  weg  vom  Porsche.  Morgen  ist  erst  Schluss,  wenn  die  nächsten  vier  Szenen  im  Kasten

sind. Und ich will keinen Mucks hören.“ Sie riss die Tür ihres Wagens auf, dann setzte sie nach:
„Und beim nächsten Diebstahl hole ich die Polizei ins Studio. Verlasst euch drauf.“

Vivi genoss das Aufheulen des Motors. Die würden sie alle noch kennenlernen. Und diese Mira

Zimm erst recht.

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6. KAPITEL

Paul schnupperte, doch er roch keinen Staub, nur den leichten, blumigen Duft, der immer um Mira
herum  in  der  Luft  lag.  Die  Hutmacherin  saß  an  dem  großen  Werkstatttisch  und  arbeitete  mit
fliegenden  Fingern  an  einem  rosafarbenen,  irgendwie  länglichen  …  Strohding.  Beim  besten
Willen konnte Paul keinen Hut darin erkennen. Mira hatte gelächelt, als er vor einer halben Stunde
in der Tür des Hutateliers gestanden hatte, aber zu einer Spritztour mit der DS hatte er sie wieder
nicht überreden können. Immerhin hatte sie ihn nicht gleich wieder hinausgeworfen.

„Magst  du  eigentlich  Kokos?“  Die  Frage  war  schon  von  seinen  Lippen,  bevor  Paul  richtig

überlegt hatte. Er hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Mira hatte das Kokos-Massageöl vom
Set bestimmt nicht geklaut.

„Kokos?“ Mira blickte ihn erstaunt an. Dann zählte sie an den Fingern ab. „Ich mag Kokoseis.

Bounty.  Batida  de  Coco.  Piña  Colada.  Weißer  Engel  und  Kokosflip.“  Sie  grinste.  „Und  Coco
Chanel.“

„Und  als  Geruch,  im  Shampoo  oder  …  na  ja,  als  Parfüm?“  Was  musste  er  hier  auch  den

heimlichen  Ermittler  spielen?  Himmel,  bestimmt  dachte  sie  jetzt,  er  wolle  ihr  ein  Parfüm
schenken.

„Hm,  auf  Kokosduft  stehe  ich  nicht.“  Sie  blitzte  ihn  aus  ihren  braunen Augen  an.  „Als  Kind

musste  ich  mal  ins  Krankenhaus,  weil  ich  Grüner-Apfel-Shampoo  getrunken  habe.  Ich  bin  total
drauf abgefahren. Ich mag alles Frische, Blumen, Gräser. Und ein bisschen Leder darf auch gerne
dabei sein.“ Dabei ließ sie einen bewundernden Blick über seine schwarzledernen Hosen gleiten.
Paul  lehnte  sich  zurück  an  den  Türrahmen,  wobei  er  nicht  ganz  unabsichtlich  seine  Hüften  nach
vorn schob. Noch einen Versuch war es wert. „Also … Die Göttin steht draußen und wartet.“

Miras Finger ruhten kurz auf dem rosa Strohdings. „Keine Zeit, leider. Ich habe zu viel zu tun.“
„An was arbeitest du denn?“, fragte er und hatte Mühe, seine Stimme in den Griff zu kriegen.
„Nun …“ Mit der einen Hand hielt Mira das rosafarbene Ding fest, in der anderen hatte sie eine

große  Nadel,  von  der  ein  silberner  Faden  auf  den  Tisch  hing.  Sie  wandte  sich  wieder  ihrer
Kreation  zu.  „Ich  probiere  gerade  was  aus.  Wenn  es  etwas  wird,  dann  bekommt  Svenja  eine
geniale neue Hutkollektion für ihre Rolle.“

Sie  deutete  auf  eine  Reihe  bunt  gemusterter  Kopfbedeckungen,  die  auf  der  einen  Seite  des

Tisches lagen. Sie waren höher, niedriger, breiter und dünner als das Ding, das Mira vor sich hatte,
aber  alle  bestanden  aus  einem  mit  Seide  überzogenen  Unterteil  und  einem  röhrenförmigen
Oberteil.  Von  der  Form  her  erinnerten  die  Hüte  Paul  an  die  Kopfbedeckungen  von  traditionell
gekleideten  Türken  auf  alten  Werbeplakaten. Allerdings  waren  das  hier  eindeutig  Damenhüte  –
Mira hatte helle, strahlende Farben verwendet, und die Seide verlieh allen eine Eleganz, die Paul
noch  an  keinem  Fez  gesehen  hatte.  Der  hellblaue  Hut  ganz  links  passte  wunderbar  zu  Svenjas
Augen, und wenn Paul bei der Aufnahme das Kantenlicht nur ein wenig drehte, dann würden ihre
Haare darunter wie Gold schimmern.

„Sind das venezianische Modelle?“, fragte er. Unauffällig schaute Paul sich im Hutatelier um.

Auf einem Schränkchen standen eine Karaffe und Tassen aus goldenem Metall, aber sonst konnte
er nur einen Becher mit kaltem Kaffee entdecken.

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„Venezianisch? Nein, wie kommst du da drauf? Ich habe mich von persischen Kleidern, Stoffen

und  Hüten  inspirieren  lassen.  Masoumée  hat  ihr  Schaufenster  nebenan  damit  dekoriert.  Es  ist
toll!“

Sie  nähte  weiter  an  der  Röhre,  und  allmählich  erkannte  Paul  rosa  Dreiecke,  die  sich  mit

zartblauen Quadraten überlappten und unter Miras Fingern Form gewannen. Persisch also. Aber es
war ja sowieso klar gewesen, dass Mira kein Interesse an irgendwelchen imitierten venezianischen
Gläsern  hatte.  Sie  war  keine  Diebin. Aber  wer  dann?  Verschlungene  silberne  Muster  entstanden
auf dem weichen Stoff. Irgendwo weit hinten im Haus war leise Musik zu hören, und Paul schaute
in den Raum, an dessen Tür er lehnte.

„Das ist mein Lager“, erklärte Mira ohne aufzublicken.
Im  Dunkel  konnte  Paul  Stoffe  erkennen,  die  in  verschiedenen  Farben  aufeinandergestapelt

waren. An der einen Wand zog sich ein hohes Regal bis an die Decke, das vollgestopft mit Hüten
war.

„Die  Filzmatten  sind  ziemlich  bequem“,  sagte  Mira.  „Wenn  ich  viel  arbeiten  muss  und  den

Laden nicht allein lassen kann, leg ich mich da manchmal für zehn Minuten hin.“ Sie grinste, als
ob sie Pauls Gedanken erraten hatte, der sich in dem dunklen Lager mit Mira alles, nur kein Zehn-
Minuten-Nickerchen vorstellen konnte.

Da  ertönte  plötzlich  eine  altmodische  Melodie,  die  Paul  bekannt  vorkam,  auch  wenn  sie

gedämpft und seltsam verzerrt klang. Mira legte vorsichtig den Hut auf den Tisch, dann wühlte sie
in ihrer Handtasche und zog ein Handy heraus. Jetzt erkannte Paul das Lied – es war der Titelsong
der alten Miss-Marple-Filme.

„Hutatelier  Zimm, Miras  Kopfkleider“,  meldete  sich  Mira,  dann  entspannte  sich  ihr  Gesicht.

„Ach,  du  bist‘s.  Du  errätst  nicht,  wer  …“  Mira  lächelte  Paul  mit  dem  Handy  am  Ohr  an,  dann
wurde sie schlagartig ernst und stand auf. „Wieso denn ich? Wie kommt Vivi …?“

Es musste Svenja sein, die Mira von dem Streit auf dem Parkplatz erzählte.
„Aber  das  gibt‘s  doch  nicht!  Diebstahl?  Ich  würde  doch  nie  …“  Miras  braune  Locken  flogen,

während  sie  heftig  den  Kopf  schüttelte.  „Gut,  ja,  komm  runter  …  Stören?  Wenn  ich  aus  dem
Sophienbad rausfliege, brauch ich die persischen Hüte eh nicht mehr.“ Sie warf das Handy auf den
Tisch,  dann  drehte  sie  sich  zu  Paul.  „Bist  du  deshalb  gekommen?  Wolltest  du  mal  sehen,  ob  du
hier  nicht  irgendwo  die  Sachen  herumstehen  siehst,  die  am  Set  geklaut  wurden?“  Ihre  Augen
blitzten.

Paul hob beschwichtigend die Arme. „Nein, wirklich Mira, ich weiß genau, dass du damit nichts

zu tun hast …“

„Kokos! Deshalb die Frage nach Kokos“, unterbrach sie ihn. „Du wolltest wissen, ob ich auf das

verschwundene  Massageöl  stehe,  habe  ich  recht?  Und  dann  hast  du  Masoumées  Goldkaraffe  so
seltsam angeschaut. Ich sammle keine historischen Gläser, nur damit das klar ist!“ Sie trat an den
Tisch  und  holte  aus.  In  diesem  Moment  wurde  Paul  klar,  dass  sie  ihre  Hutkreation  vom  Tisch
fegen wollte. Schnell fasste er sie am Handgelenk.

„Das weiß ich doch.“ Paul konnte sehen, dass Mira den Tränen nahe war.
„Warum bist du denn überhaupt vorbeigekommen?“, fragte sie leise.
„Ich wollte mal nachschauen, was die Roadrunner – Kappe macht.“

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„Du hast sie doch erst gestern bestellt, Paul.“ Trotz der Tränen musste Mira jetzt lächeln.
Paul zuckte mit den Schultern. „Na ja, ich dachte, vielleicht hast du Lust auf ‚ne Spritztour.“ Er

holte  tief  Luft.  Seine  Finger  lagen  immer  noch  um  Miras  Handgelenk,  und  sie  stand  so  nah  vor
ihm,  dass  ihre  Körper  sich  fast  berührten.  „Ich  …  also,  wenn  ich  schon  hier  war,  wollte  ich
Beweise sammeln. Für deine Unschuld.“

Sie  blickte  ihn  ernst  an.  „Beweise  sammeln.  Hm,  keine  schlechte  Idee.“  Sie  machte  sich  aus

seinem Griff frei und fuhr ihm sanft über den Unterarm. Paul verschlug es den Atem, aber Mira
war schon zur Tür des Ateliers getreten.

„Svenja kommt gleich runter.“
„Ich hau lieber ab. Wir fangen morgen schon um halb sieben an.“
Mira nickte. Dann seufzte sie. „Und was mach ich jetzt mit meinen persischen Hüten?“
Paul  blickte  zu  den  glänzenden  Hutkreationen,  die  wie  eine  verzauberte  Gruppe  aus

Tausendundeiner Nacht auf dem Tisch warteten. „Was hältst du davon, wenn ich einfach schon ein
paar mit ins Studio nehme? Wenn Vivi die sieht, verschwendet die doch keinen Gedanken mehr an
irgendwelche verschwundenen Gläser oder Kokosöl.“

Mira tippte mit der Fingerspitze gegen ihre Lippen. „Weißt du was, Paul? Du hast recht. So ein

Hutangriff ist meine beste Verteidigung.“

Kaum  verklang  das  Glöckchen  in  der  Ladentür,  als  Mira  im  Gang,  der  das  Atelier  mit  ihrer
Erdgeschosswohnung verband, Klopfen an der Tür zum Treppenhaus hörte. Die Klingel war schon
kaputt, seit sie eingezogen war. Mira warf noch einen schnellen Blick durch das Fenster hinaus zu
Paul, der vorsichtig ihre rosa Hutschachteln im Kofferraum des alten Citroëns verstaute.

„Mira, ich bin‘s“, rief Svenja von der Tür und klopfte heftiger.
„Ich  komm  gleich.“  Mit  schnellen  Schritten  lief  sie  zum  Gang.  Dabei  kam  sie  an  dem  Miss-

Marple-Regal vorbei. „Genau das brauch ich jetzt“, murmelte sie und schnappte sich ein Hütchen
mit einem gepunkteten Schleier. Im Gang richtete sie das Hütchen schnell vor dem Spiegel, dann
öffnete sie die Tür.

„Sorry, ich hatte noch Frederico an der Strippe. Er will mich unbedingt als Comtessa Männer

morden  sehen.“  Svenja  schwenkte  eine  Flasche  Averna.  Aus  Italien  hatte  sie  eine  besondere
Vorliebe für den italienischen Kräuterlikör mitgebracht. Aber dann schaute sie Mira an. „Oh. Du
bist ja eher auf Earl Grey und Scones eingestellt.“

Svenja sah selbst in ihren Fitness-Jogginghosen und dem bonbonfarbenen Top wahnsinnig gut

aus.  Mira  schaute  an  ihrem  T-Shirt  hinunter,  auf  dem  Fäden  und  Filzfussel  hingen.  Sie  hob  das
Kinn, wie sie es Margaret Rutherford in jedem Miss-Marple-Film hatte machen sehen. „Ich denke,
wir genehmigen uns einen Earl Grey mit einem Schuss Averna. Komm schon rein.“

Wenig später saßen die beiden Freundinnen an Miras altem Küchentisch vor zwei dampfenden

Teetassen und dem Averna in italienischen Gläsern.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Vivi mit diesen Verdächtigungen ernst ist“, meinte Mira.
Svenja  nippte  an  dem  Likör.  „Sie  ist  mit  den  Nerven  fertig.  Wenn  sie  einmal  ruhig  drüber

nachdenkt,  wird  ihr  sofort  klar,  dass  du  nicht  die  Diebin  sein  kannst.  Wenn  es  überhaupt  einen
Dieb gibt.“

„Paul war vorhin da …“

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Svenja zwinkerte ihr zu. „Er steht auf dich. Hab ich doch gesagt.“
Mira  bewegte  den  Kopf,  sodass  das  Hütchen  zu  kippen  drohte.  Irgendwo  hier  in  der  Küche

musste  sie  noch  eine  Hutnadel  haben.  „Kann  schon  sein.  Aber  er  ist  nicht  mein  Typ.  Zu
schweigsam.“

„Nun  ja,  wenigstens  kriegt  er  einen  Satz  raus,  den  er  nicht  auf  einer  Tastatur  in  einem  Chat

tippt.“

„Tom  hat  mir  tolle  E-Mails  geschrieben.“  Mira  legte  mit  einem  schmachtenden  Blick  die

Hände um das Averna-Glas.

„Dabei  wohnt  dieser  virtuelle  Tom  um  die  Ecke,  Mira.  Und  Paul  ist  deinetwegen  jetzt  schon

zweimal den ganzen Weg von Babelsberg nach Berlin reingefahren.“

Mira  stand  auf  und  ging  zum  Küchenregal.  Wo  war  bloß  das  Kästchen  mit  den  Hutnadeln?

„Paul hat mich gerade auf eine Idee gebracht.“

„Ich  dachte,  dich  stört  nur  dieses  schreckliche  Freundschaftsband.  Hast  du  es  ihm

abgeschwatzt?“

„Nein,  so  weit  sind  wir  noch  nicht.“  Mira  öffnete  eine  Schublade  nach  der  anderen.  „Er  hat

gesagt, er wolle Beweise für meine Unschuld sammeln.“

„Ein wahrer Gentleman, wusst ich‘s doch.“
Mira  drehte  sich  zu  Svenja  und  tippte  sich  mit  dem  Finger  an  die  Stirn.  „Du  spinnst.

Wahrscheinlich  verdächtigt  er  mich  insgeheim  doch.  Ah,  da  sind  sie  ja.“  In  der  untersten
Schublade  steckte  die  Metallschachtel.  Mira  öffnete  sie  und  zog  eine  lange  Hutnadel  mit
Perlmuttknopf heraus. Sie befestigte das Hütchen und drehte sich zu Svenja um. „Na, wie findest
du es?“

„Miss Marple in jungen Jahren. Perfetto.“
„Genau“,  sagte  Mira.  „Ich  denke,  wir  sollten  die  Frage  dieser  auf  seltsame  Weise

verschwindenden  Requisiten  wie  Miss  Marple  angehen.  Wir  suchen  nicht  nach  Beweisen  für
meine Unschuld, sondern nach Spuren des wirklichen Täters.“

„Oder der Täterin.“
„Richtig. Glaubst du, Terry hat was damit zu tun?“

Vivi  wusste  genau,  dass  der  Inhalt  dieser  Schachtel  Gift  für  ihre  Figur  war.  Aber  die
Telefonkonferenz mit der Redaktion des Senders hatte ihr den Rest gegeben. Der Boxenstopp am
Süßen Leben  war  für  ihre  Nerven  überlebensnotwendig.  Ohne  Nugat  hielt  sie  dieses  Chaos  nicht
länger  aus.  „Hast  du  die  Tabelle  endlich  fertig?“,  fragte  sie  Leon,  der  neben  ihr  auf  dem
Beifahrersitz des gelben Porsches saß und Eintragungen auf einem Bogen Papier machte.

Leon  zupfte  an  einer  Haarspitze.  „Moment.“  Er  fuhr  mit  einem  grünen  Marker  eine

Tabellenzeile  entlang.  „Ich  habe  oben  die  Anwesenheiten  der  verschiedenen  Leute  am  Set
eingetragen,  so  wie  sie  im  Produktionsbuch  stehen.  Für  die  Externen  wie  Mira  habe  ich  mir  die
Parkkarten vom Pförtner geholt.“

„Erspare  mir  die  Details.  Ich  will  nur  wissen,  wann  dieses  Mädchen  am  Set  war  und  wann

nicht.“ Vivi dachte nicht daran, Leon eine von den Nugat-Tranquilizern anzubieten. Sie brauchte
sie  alle.  Und  wenn  er  sie  noch  so  sehr  mit  seinem  Hundeblick  anschaute.  Obwohl  er  eigentlich

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etwas  anderes  verdient  hatte.  Wie  brachte  er  es  nur  fertig,  immer  noch  wie  achtundzwanzig
auszusehen?

Vivi beugte sich zu Leon und  stierte  auf  das  Blatt  Papier  auf  seinen  Knien.  „Nur  in  der  einen

Spalte gibt es Kreuzchen für jeden Dreh, bei dem etwas weggekommen ist? Bist du sicher?“

Leon  nickte.  „Ganz  sicher.  Die  Einzige,  die  bei  jedem  Diebstahl  am  Set  war  und  Gelegenheit

hatte, eine Requisite mitgehen zu lassen, ist Mira.“

„Dachte  ich  mir‘s  doch.“  Diese  jungen  Mädels  führten  doch  alle  was  im  Schilde.

Wahrscheinlich  würde  die  Hutmacherin  ihr  Atelier  mit  Requisiten  aus  dem  Sophienbad
ausstaffieren  oder  sonst  irgendeinen  Blödsinn  damit  machen,  der  als  kreativ  durchging.  Vivi
seufzte.  Und  am  Ende  musste  sie  sogar  den  Auftrag  für  diese  entzückende  rosa  Hutkreation
zurücknehmen.  Sie  griff  zum  Handy,  das  Leon  ihr  reichte.  Er  hatte  die  Nummer  schon  gewählt,
und Vivi wartete, bis jemand am anderen Ende abnahm. Dann sagte sie: „Hier ist Yvette Dupré.
Spreche ich mit Mira Zimm?“

Mira sortierte die Hutnadeln auf dem Tisch und betrachtete nachdenklich eine rötlich gefärbte mit
einer blauen Glaskugel. „Hinter den Diebstählen kann nur ein Insider stecken. Jemand, der genau
weiß, welche Szene gedreht wird und welche Requisiten dafür unbedingt gebraucht werden.“

„Leon  ist  für  die  Requisite  verantwortlich.  Und  er  hat  den  Drehplan  immer  genauestens  im

Kopf.“ Svenjas Wangen glühten im Detektivfieber.

„Leon  hat  kein  Motiv.  Auf  ihn  fällt  es  als  Ersten  zurück,  wenn  etwas  mit  den  Requisiten

schiefgeht.“

„Okay.“  Svenja  strich  Leons  Name  auf  dem  Zettel  durch.  Die  Avernaflasche  war  zur  Hälfte

geleert.  „Leon  ist  freigesprochen.  Dann  bleibt  …“  Sie  ging  die  Liste  durch.  „Felix,  mein
Lieblingskollege.“ Sie seufzte.

„Arrogant, aber harmlos.“
„Sagst du! Mich nervt der Typ zu Tode. Wenn ich nur an diese Shiatsu-Massage denke.“ Svenja

schauderte.

„Er hat kein Motiv.“
„Stimmt.  Leider.  Und  so  wie  er  sich  heute  auf  dem  Parkplatz  aufgeführt  hat,  will  er  das

Sophienbad nur möglichst schnell abdrehen und fertig.“

„Streich ihn.“
Wie ein überaus penibler Buchhalter feuchtete Svenja den Stift mit der Zungenspitze an. „Felix

Scholl – freigesprochen.“

„Wer noch?“
„Paul?“
Mira setzte sich aufrecht. „Paul? Du spinnst.“
„Na,  er  kommt  hier  vorbei,  fragt  dich  nach  deinem  Lieblingsgeruch  aus  …“  Svenja  grinste.

„Eine Miss Marple würde da schon Verdachtsmomente sehen.“

„Motiv, Mr. Stringer?“
Svenja legte den Kopf schief und schaute Mira aus ihren unschuldigen blauen Augen an. „Er ist

von der Konkurrenz gekauft und soll uns die Serie vermasseln.“

„Aber  …“  Mira  holte  tief  Luft.  „Okay,  Paul  ist  der  Einzige,  der  nichts  zu  verlieren  hat,  wenn

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das Sophienbad  absäuft. Aber  würde  er  sich  dann  so  viel  Mühe  mit  dem  Licht  geben?  Erinnere
dich an den Goldschimmer.“

„Und  an  die  Trinkbrunnenszenen.  Ich  werde  als  Caren  super  aussehen.  Licht  und  Schatten  in

den Zügen der melancholischen Schönheit. Schade, dass wir nur eine Soap und nicht französisches
Autorenkino drehen.“ Svenja setzte den Stift an. „Dann fliegt Paul also auch von der Liste?“

„Nein, warte noch. Er macht ja  nur  seinen  Job.  Das  heißt  noch  lange  nicht,  dass  er  nichts  mit

den  Diebstählen  zu  tun  hat.  Andererseits  …  Wenn  er  wirklich  gekauft  ist,  will  er  ja  nicht
auffallen.“

„Auch wieder richtig. Ist uns denn sonst …“
In  diesem  Moment  klingelte  Miras  Handy  im Atelier.  Sie  ging  nach  vorn  und  nahm  ab.  Das

Gespräch dauerte keine zwei Minuten. Mira sagte nur zweimal „Ja“, dann dreimal heftig „Nein!“.

„Was ist denn?“ Svenja war aufgestanden, als Mira zurück in die Küche kam.
Mira  spürte,  dass  ihr  die  Farbe  aus  dem  Gesicht  gewichen  war.  „Es  war  Vivi.“  Ganz  langsam

legte  sie  das  Handy  neben  die Avernaflasche,  dann  setzte  sie  das  Miss-Marple-Hütchen  ab.  „Sie
sagt,  sie  kann  sich  keine  Verzögerungen  in  der  Produktion  mehr  leisten.  Deshalb  wird  sie  die
Polizei nicht einschalten.“

„Und?“
„Sie hat mich gefeuert.“

„Das war ja kurz und schmerzlos.“ Leons bewundernder Blick lag auf Vivi. Er hielt ihr die Tür zu
ihrem Büro auf.

Sie nahm sich die vorvorletzte Nugatpraline und steckte sie genüsslich in den Mund. „Für mich

zumindest.  Morgen  früh  gehe  ich  hier  mit  dem  Superstaubsauger  durch.  Bei  dieser  Produktion
wird bald Zucht und Ordnung herrschen.“

Leon  legte  das  Papier  mit  den  grünen  Kreuzchen  auf  Vivis  Ablage  und  holte  einen  blauen

Ordner aus dem Regal. „Angeblich legt der neue Sponsor auch viel Wert auf Ordnung.“

Für einen Moment hatte Vivi keine Ahnung, was Leon meinte. Der azurblaue Ordner und Leons

brauner  Hundeblick  verschwammen  mit  der  leichten  Übelkeit,  die  zu  viele  Nugatpralinen
hinterlassen hatten.

„Morgen  kommt  doch  der  Typ  von  diesem  Sanitäreinrichtungshaus.  Unser  neuer  Sponsor,

hoffentlich.  Die  Sauna,  die  Becken  des  Sophienbads,  Svenjas  –  quatsch,  Carens  –  persönlicher
Whirlpool. Alles  ist  von TausendundeinBad  und  muss  in  jeder  Episode  mindestens  fünf  Mal  ins
Bild.“

Vivi  kannte  die  Verträge  so  gut  wie  Leon.  „Wie  heißt  der  Mensch  noch  mal?  Kenn  ich  den?“

Sie ließ sich in den Sessel fallen.

„Du  hast  ihn  vor  zwei  Wochen  bei  der  Besprechung  kennengelernt.  Ein  Herr  Lauffer.“  Leon

stand auf und schob ihr den blauen Ordner hin. „Ich hole dir erst mal einen Espresso.“

Vivi lächelte ihn an. Niemand wusste so gut wie Leon, was sie jetzt brauchte.
Die Unterlagen von TausendundeinBad zeigten Porzellan und Keramik in allen Varianten, vom

Klo zum Swimmingpool bis zum übermannshohen Springbrunnen all‘italiana.

Leon stand in der Tür, der Espressoduft weckte Vivis Lebensgeister.
„Vorsicht!“ Leon konnte gerade noch zurücktreten, als Kerstin fast in ihn hineingerannt wäre.

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Der Espresso schwappte auf den kleinen Unterteller.

„Herr  Lauffer  kommt  morgen  schon  um  neun.“  Kerstin  wedelte  hektisch  mit  einem  Fax.

Offenbar hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie Leon beinah umgerempelt hätte. Vivi blickte auf die
hochgeschlossene  Bluse  der  Redakteurin  und  fragte  sich,  ob  es  bei  der  Handelskammer  einen
obligatorischen Kurs Adrette-Bürokleidung-aus-den-Sechzigern gab.

„Aber  ihr  könnt  doch  in  der  Redaktion  nicht  einfach  einen  Termin  ausmachen.“  Leon  stellte

vorsichtig den Espresso ab und schüttelte den Kopf.

„Was  soll  ich  denn  machen,  wenn  weder  du  noch  Vivi  erreichbar  sind,  obwohl  wir  offiziell

drehen. Ich kann schließlich nicht unserem Hauptsponsor einen Terminwunsch abschlagen. Wenn
der abspringt, müssen wir …“

„… müssen wir hier zumachen. Das geht schon klar mit dem Termin, Kerstin. Wir beginnen ja

jetzt eh früher mit dem Drehen.“ Vor der Redaktion würde Vivi sich auf keinen Fall eine Blöße
geben. „Was hast du da noch?“ Sie deutete auf das zweite Blatt in Kerstins Hand.

„Die Nachkalkulation für‘s Sophienbad wegen der Drehausfälle.“
Vivi seufzte, die Kleine war wirklich ehrgeizig. „Ich habe um nichts dergleichen gebeten.“
„Aber ich.“ Leon klang kleinlaut.
Vivi drehte sich zu ihm um. „Was?“
Kerstin  legte  das  Blatt  vor  Vivi  und  Leon.  „Die  veranschlagten  Budgets  für  Ausstattung,

Personal  und  so  weiter  sind  fast  alle  ausgeschöpft.  Wir  sind  auf  die  Sponsorengelder  von
TausendundeinBad  angewiesen.  Der  Termin  mit  Herrn  Lauffer  morgen  …“  Sie  brach  ab  und
deutete noch einmal auf das Blatt Papier.

Vivi winkte ab. Ein Blick auf die Kalkulation genügte ihr. Sie würde morgen für den Sponsor

Charme-Stufe zehn einschalten. Egal wie.

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7. KAPITEL

In der Produktionshalle war es menschenleer, das Set lag im schummrigen Halblicht. Paul stand
mit  einer  Cola  im  Eingang  und  fragte  sich,  wohin  denn  die  Crew  gegangen  war.  Gerade  noch
hatten  sie  die  erste,  wenig  freundschaftliche  Begegnung  von  Chefarzt  Tobias  mit  dem
karrieregeilen  Serienkollegen  von  Caren  abgedreht.  Auch  zwischen  den  beiden  Schauspielern
waren  gleich Animositäten  hochgekocht.  Der  Scholl  konnte  einfach  keinen  jüngeren  männlichen
Darsteller  neben  sich  ertragen. Als  endlich  alles  im  Kasten  war,  verschwand  Felix  mit  düsterer
Miene, und Leon hatte eine Pause angesagt.

Im  gegenüberliegenden  Eingang  der  Halle  erschien  eine  Gruppe  dunkler  Anzugträger,

dazwischen blitzte das waldgrüne Jackett von Kerstin. Stimmt, der Sanitäreinrichtungstyp wollte
sich  ja  heute  das Sophienbad  anschauen  wegen  eines  möglichen  Sponsorings.  Paul  stellte  die
Coladose  auf  dem  Lichtpult  ab.  Dann  konnte  er  ja  so  lange  Miras  neue  Hüte  aus  dem  Oldtimer
holen. Er entdeckte Vivi und Leon in der Gruppe, und wenn er sich nicht täuschte, stand da sogar
Mogengruber. Das konnte noch Stunden dauern.

Draußen  stapelte  Paul  die  fünf  rosa  Schachteln  auf  die  Sackkarre,  die  er  beim  Pförtner

ausgeliehen  hatte.  Dann  rollte  er  sie  zurück  in  die  Halle.  Am  besten  stellte  er  sie  hinter  die
Kulissen  für  „Schlafzimmer  Caren“,  dann  konnte  Mira  sie  dem  Team  gleich  zeigen,  wenn  heute
Nachmittag dort gedreht wurde. Wo blieb Mira eigentlich? Normalerweise war sie immer bei den
Drehs dabei, und Paul hatte sich schon fast an ihre Anwesenheit gewöhnt.

Er  wollte  gerade  den  kürzesten  Weg  quer  durch  die  Halle  einschlagen,  als  ein  kleiner,

dunkelhäutiger  Mann  ihm  ein  Zeichen  machte  anzuhalten.  An  seinem  Handgelenk  blitzte  eine
auffallende goldene Uhr. Als er mit schnellen Schritten näher kam, erkannte Paul den Anzug von
Hugo Boss und die dicken Ringe an den Fingern des Mannes.

„Gehört das zum Sophienbad?“, fragte der Mann und blickte neugierig auf die Hutschachteln.
„Ja“, brummte Paul. „Kann man so sagen. Die neuste Lieferung unserer Hutmacherin.“
„Ah, Sie beschäftigen eine Modistin? Interessant.“ Der Mann blitzte Paul aus erstaunlich blauen

Augen an. „Hüte sind etwas Exquisites. Darf ich sie mir anschauen?“

„Klar doch.“ Mira hatte bestimmt nichts dagegen, wenn er ihre neusten Kreationen einem der

Sponsoren  zeigte.  Paul  hob  die  oberste  Hutschachtel  von  der  Sackkarre.  Der  Mann  öffnete  sie
vorsichtig,  in  weißem  Seidenpapier  ruhte  eine  karminrote  Hutkreation,  auf  der  in  Schwarz  und
Gold  verschlungene  Muster  aufgestickt  waren.  Die  Hutröhre  war  oben  mit  schwarzer  Seide
überzogen,  von  der  eine  goldene  Kordel  hing.  Paul  drehte  sich  um,  da  sah  er,  dass  der  Sponsor
Miras Hut mit offenem Mund anstarrte.

„Ein Pakol!“ Der Man nahm den Hut vorsichtig heraus und begutachtete ihn von allen Seiten.

„Traditionelles  Design,  edle  Seide  mit  zeitgenössischen Akzenten.  Dieses  Posament  …“  Er  ließ
die  gedrehten  Goldfäden  durch  seine  Finger  gleiten.  „Bei  den  iranischen  Frauen  würden  diese
Hüte sehr gut ankommen.“ Er bückte sich und stellte den Hut auf der Schachtel ab. „Kann ich mir
die anderen auch ansehen?“

Gemeinsam packten sie Miras Kreationen aus. In verschiedenen Größen und Farben standen die

Hüte schließlich in einer Reihe auf den Schachteln. Paul sah aus dem Augenwinkel, wie Vivi ihm

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heimlich irgendwelche Zeichen machte. Er zuckte mit den Schultern, schließlich war nichts dabei,
wenn er dem Sponsor Miras Hüte zeigte. Dieser schritt immer wieder um die Kreationen herum,
ging vor jeder in die Knie und betastete fast zärtlich den blauen Hut, der so gut zu Svenjas Augen
passte.  Schließlich  nickte  der  Mann  mit  der  Golduhr  Paul  zu.  „Packen  Sie  die  Hüte  bitte  noch
nicht wieder weg, ich möchte sie meinem Chefdesigner zeigen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte er den anderen Sponsoren. Die Gruppe kam näher, und

bald standen die gesamten Anzugträger um Miras rosa Hutschachteln.

Vivi zischte Paul ins Ohr: „Was machst du denn da? Was sind das für Dinger?“
„Das sind Miras neue Hüte fürs Sophienbad.“
Die Producerin warf einen Blick auf die Hüte. „Nicht schlecht, die haben was. Damit könnten

wir …“

Leon, der natürlich auch dabei war, stupste sie wortlos in die Seite.
„Zu spät“, meinte Vivi. „Mist. Mira ist gefeuert, Paul. Wir nehmen keine Hüte mehr von ihr.“

Sie klang, als ob sie die Entscheidung schon bedauerte.

„Ihr  habt  …  Mira  ist  rausgeflogen?“  Paul  sprach  lauter  als  beabsichtigt,  und  die  neben  ihm

stehenden Herren drehten sich erstaunt um. „Doch nicht wegen der paar Requisiten? Das ist nicht
dein Ernst, Vivi.“

Vivi nickte, und Paul drehte sich zu Kerstin. „Weißt du davon?“
Kerstin zuckte mit den Schultern und wollte gerade etwas sagen, als der Mann mit der Golduhr

zu Vivi trat.

„Sie haben eine wunderbar talentierte Modistin in Ihrem Team, Frau Dupré.“ Er lächelte in die

Runde, und Vivi verzog das Gesicht ein wenig.

„Ich  hätte  da  eine  Idee,  wie  wir  vielleicht  doch  noch  geschäftlich  zusammenkommen.“  Der

Mann nahm Vivi am Arm und führte sie zu den Hüten.

Paul starrte den beiden nach. „Wer ist das?“, fragte er Kerstin.
„Dr. Lauffer, der Besitzer von  TausendundeinBad. Du kannst dir nicht vorstellen, wie furchtbar

es bis jetzt gelaufen ist. Der Mann hasst so ziemlich alles, was mit dem Sophienbad zu tun hat, vor
allem  Felix.  Den  hat  er  echt  gefressen.“  Kerstin  grinste  kurz,  wurde  aber  sofort  wieder  ernst.
„Aber  das  Hauptproblem  ist,  dass  er  eine  Vorabendserie  für  zu  trashig  für  seine  edlen
Luxusbadausstattungen  hält.  Wir  haben  ihm  alles  gezeigt,  die  teuren  Settings,  die  aufwendige
Ausstattung  –  keine  Reaktion.  Bei  Miras  Hüten  hat  er  zum  ersten  Mal  gelächelt.  Hoffentlich
überzeugen sie ihn.“

„Ich glaube, die Hüte erinnern ihn an den Iran“, meinte Paul. Dr. Lauffer mit der Golduhr redete

ohne Unterlass auf die irritierte Vivi ein.

Kerstin nickte. „Seine Mutter kommt aus einer bedeutenden iranischen Familie. Wir brauchen

ihn als Sponsor, Paul, sonst können wir Sophienbad bald zumachen. Und wenn es Miras Hüte sind,
die ihn von der Serie überzeugen, dann brauchen wir eben auch ihre Hüte.“ Sie zwinkerte ihm zu,
und  Paul  fragte  sich  zum  ersten  Mal,  ob  Kerstin  wohl  Mira  leiden  konnte.  Mit  Kerstin  war  er
zusammen auf die Schule gegangen. Wenn er es sich recht überlegte, war sie seine beste Freundin.
Und natürlich hatte Kerstin gleich mitgekriegt, dass die neue Hutmacherin mehr als eine Frau sein
könnte, der er mal hinterherschaute.

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Da war plötzlich eine dunkle Stimme zu hören. „Wunderbar, fantastisch. Diese Hüte verkörpern

genau  das,  was  wir  mit  unserer  neuen  Bad-Kollektion  ‚Arabische  Träume‘  ausdrücken  wollen  –
die  Verschmelzung  von  Tradition  mit  Moderne,  eine  schlichte  Form  mit  der  Eleganz
ausdrucksstarker Details.“ Der blonde Mann musste Dr. Lauffers Chefdesigner sein.

„Bis  jetzt  gab  es  im Sophienbad  aber  keine  Sauna,  und  laut  Drehbuch  spielen  nur  wenige

Szenen im Wellness-Bereich“, warf Leon ein.

Dr. Lauffer antwortete ruhig: „Dann ändern Sie das Drehbuch eben entsprechend. Das wird bei

einer  Vorabendserie  ja  nicht  so  schwer  sein.  Wir  liefern  Ihnen  die  komplette  Bad-  und
Saunaausstattung  ‚Arabische  Träume‘.  Dafür  verlegen  Sie  ein  paar  entscheidende  Szenen  in  den
Wellness-Bereich,  sodass  unsere  neue  Produktreihe  gut  zur  Geltung  kommt.  Und  diese  blonde
Schauspielerin … wie heißt sie noch?“

„Svenja Angerholt“, sagte Leon.
„Genau  die.  Sie  wird  diese  persischen  Hüte  tragen,  wann  immer  Sie  in  der  Serie  dazu

Gelegenheit  finden.  Die  Höhe  meiner  Sponsorengelder  wird  davon  abhängen,  wie  oft  Svenja
Angerholt  im  Fernsehen  diese  Hüte  zur  Schau  stellen  wird.“  Dr.  Lauffer  blickte  zur
Redaktionsleiterin,  die  sich  leise  mit  Mogengruber  unterhielt.  Sie  sah  sofort  hoch  und  nickte.
Dann  deutete  sie  Vivi  und  Leon  mit  einer  Geste  an,  dass  die  Begehung  zu  Ende  war.  Die
Anzugsträger setzte sich Richtung Ausgang in Bewegung.

Vivi  sah  ziemlich  blass  um  die  Nase  herum  aus,  als  sie  mit  Leon  den  Sponsoren  Richtung

Bürotrakt folgte.

Kerstin  knuffte  Paul  in  die  Seite.  „Na,  so  schnell  lässt  sich  deine  neue  Flamme  wohl  nicht

unterkriegen.“

„Mira ist nicht meine neue Flamme“, brummte Paul, während er die Hüte wieder sorgfältig in

die Schachteln legte.

„Sicher“, erwiderte Kerstin mit einem frechen Grinsen. „Hier geht es nur um dich und deinen

Hutfetisch. Mit der Frau, die die Hüte macht, hat das gar nichts zu tun.“

Paul warf Kerstin ein Knäuel aus Seidenpapier nach, aber da war die Redakteurin schon hinter

den Kulissen verschwunden.

Leon  sank  auf  die  Kante  der  Wanne.  Er  war  richtig  durchgeschwitzt  von  dem  Stress.  Einen
Moment lang starrte er ins schwarze Nichts der Studiodecke. „Das gibt es doch alles gar nicht.“
Gott, Vivi stolperte ja in ihren Pumps. Er wollte schon aufspringen, aber da ließ sie sich mit einem
lauten Seufzer in den Regiestuhl von Mogengruber fallen.

„Am liebsten würde ich Mira mit ihren verdammten Hüten auf einem fliegenden Teppich in die

Wüste schicken.“ Vivi fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und warf sie dann mit einem
Ruck aus dem Gesicht. „Leon, womit habe ich das verdient? Dass eine hergelaufene Ausstatterin
mir  die  gesamte  Produktionsplanung  samt  Skript  umwirft,  wegen  irgendwelcher  bunter
Seidenhüte!“

Vivi  schlug  ihre  schönen  Beine  übereinander  und  legte  die  Fingerspitzen  an  die  Schläfen.

Wahrscheinlich hatte sie Kopfschmerzen. Leon merkte selbst, wie verspannt er war.

Da fing sie Leons Blick auf. „Schau mich bitte nicht so mitleidig an.“
Es  war  Zeit,  dass  er  sie  wieder  zur  Vernunft  brachte.  „Ich  schau  nicht  mitleidig.  Ich  warte

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darauf, dass du begreifst, was für eine Chance uns da in den Schoß gefallen ist.“

Vivi winkte matt ab. „Die Kleine wieder an Bord zu holen? Tolle Chance, Leon. Nur über meine

Leiche.“

„Nun  aber  halblang,  Vivi.  Vergiss  mal  kurz  Mira.  Lass  lieber  auf  dich  wirken,  dass  wir  auf

diese Weise einen Hauptsponsor für die ganze Staffel an Bord geholt haben. Damit hätte gestern
noch niemand gerechnet.“ Leon drückte sich vom Rand der Badewanne ab und schnappte sich ein
Handtuch  mit  dem Aufdruck  „Sophienbad“.  Er  tauchte  es  ins  Wasser  des  Dekobeckens  und  rieb
sich  mit  einem  Zipfel  über  das  Gesicht.  „Und  dass  die  Skriptschreiber  nun  Nachtschichten
schieben  müssen,  weil  einige  Szenen  gekippt  werden,  kann  uns  erst  einmal  egal  sein.“  Leon
seufzte leise, Vivis Beine waren einfach toll.

Die Line-Producerin streckte sich. „Du hast recht, so viel zusätzliches Product-Placement bringt

viel ein. Die Mehrkosten durch die Drehverzögerungen allemal.“

„Na also, so gefällst du mir. Du schaust nicht mehr so verkniffen.“
„Verkniffen?  Ich?“  Vivi  schüttelte  sich.  „Davon  kriegt  man  nur  Falten.  Think  positive.  Das

kann ich. Sonst hätte mich dieses Business schon längst umgebracht.“

Leon warf das Handtuch vors Dekobecken. „Aber die Hüte von Mira brauchen wir. Dr. Lauffer

ist auf dieses spezielle Design abgefahren.“

Vivi sprang aus dem Regiestuhl. „Du hast Nerven, Leon. Ich kann die Frau nicht wieder ans Set

lassen. Ich verliere damit alle Glaubwürdigkeit.“

Leon  lehnte  sich  gegen  das  Waschbecken  und  beobachtete  Vivi.  Wahrscheinlich  wusste  sie

nicht mal, was für einen tollen Gang sie hatte. „So hundertprozentig wissen wir ja nicht, dass sie
die Diebin ist“, murmelte er.

Vivi  blieb  direkt  vor  ihm  stehen.  „Ach,  auf  einmal.  Und  deine  Tabelle  mit  den  grünen

Kreuzchen gilt jetzt nicht mehr?“

„Doch,  schon. Aber  die  Tabelle  beweist  nur,  dass  Mira  zum  Zeitpunkt  der  Diebstähle  am  Set

war.  Wir  haben  keinen  Beweis,  dass  sie  wirklich  die  Requisiten  gestohlen  hat.  Und  wenn  ich  es
mir  recht  überlege,  hätte  Mira  es  als  Diebin  schlauer  angestellt.  Das  Mädchen  ist  nämlich  nicht
dumm.“

Vivi legte den Kopf schräg, wie sie es immer machte, wenn sie bereit war, sich überzeugen zu

lassen. „Dumm ist die nicht, das stimmt. Immerhin war sie raffiniert und hat diese Hüte noch von
Paul herbringen lassen. Sie muss gewusst haben, dass der Sponsor heute kommt.“

Leon hob die Schultern. „Ich verspreche dir, dass ich sie genau im Auge behalten werde, wenn

sie  sich  am  Set  rumtreibt.  Ruf  Mira  an.  Wir  brauchen  eine  ganze  Kollektion  von  diesen  Ethno-
Hüten.  Schließlich  müssen  wir  fünf  verschiedene  Orient-Dekors  aus  ‚Arabische  Träume‘
unterbringen. Und wie ich Svenja kenne, wird sie für jede neue Episode mindestens einen neuen
Hut haben wollen.“

„Laut Vertrag hat sie freie Entscheidungsgewalt, was ihre Hüte betrifft.“ Vivi ließ sich wieder

in den Regiestuhl fallen. „Ich hätte mich nie auf diese Produktion einlassen sollen.“ Dann seufzte
sie. „Okay, wir stellen Mira wieder ein.“

Leon  senkte  Blick,  damit  Vivi  nicht  merkte,  dass  er  grinste.  Er  war  der  Einzige,  der  dem

Dickschädel von Yvette Dupré gewachsen war. Und sie hörte auf ihn, zumindest wenn es um ihre

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gemeinsamen Projekte ging.

Auf  der  Ablagefläche  hinter  der  Wanne  standen  sieben  Fläschchen  mit  dem  Massageöl.

„Wenigstens ist die Nachlieferung von  Beautyline für die nächste Szene schon da.“ Leon ließ den
Blick von den bunten Fläschchen zu Vivi gleiten, die unglücklich auf ihr Handy starrte. Vivi liebte
Kokoseis, wahrscheinlich stand sie auch auf Kokosöl. Und vielleicht … „Vivi, ruf einfach an. Und
danach hast du dir eine Massage mit dem neuen Öl verdient. Ein Masseur hat mir mal eine tolle
Schultermassage gezeigt.“ Er nahm eine der Flaschen und hielt sie in die Höhe.

Vivi schaute hoch. „Keine schlechte Idee.“ Sie drückte eine Taste auf dem Handy und hielt es

ans Ohr.

Ein flirrendes Gefühl erfüllte Leon, so als ob er wie ein Luftballon fliegen könnte. Vivi hatte Ja

gesagt.  Er  trat  einen  Schritt  vor,  am  besten  massierte  er  sie  in  dem  bequemen  Regiestuhl.  Da
stolperte er über ein Stück der gelben Lichtgrenze, die sich auf dem Set gelöst hatte. Die Flasche
glitt aus seinen Fingern, er haschte mit der freien Hand danach, doch er griff daneben. Das Glas
knallte auf den gekachelten Boden und zersprang in tausend grüne Scherben. Sofort breitete sich
ein überwältigender Geruch von Kokos über dem Set aus. „Scheiße!“

„Alles  okay?“  Vivi  war  aufgesprungen,  das  Handy  hatte  sie  auf  den  Regiestuhl  geworfen.  Sie

kam  auf  ihn  zu  und  legte  ihm  die  Hand  auf  den Arm.  „Ach,  ist  halb  so  schlimm,  Leon.  Ich  ruf
gleich im Centro Delphino an und schau mal, ob mein Masseur frei ist. Sonst killst du mich noch
mit  dem  Kokoszeug.“  Sie  klopfte  ihm  freundschaftlich  auf  die  Schulter.  „Schau  nicht  so
unglücklich,  es  wird  ja  eh  ein  neues  Bad  eingebaut.  Lass  die  Scherben  einfach  liegen,  Leon,  ich
glaube,  du  brauchst  den  Feierabend  genauso  wie  ich.“  Sie  deutete  auf  seine  Kleider,  mit  der
anderen Hand schnappte sie sich das Handy.

Leon  sah  an  sich  herunter.  Die  Leinenhose  konnte  er  in  den  Müll  werfen.  Er  nahm  sich  das

Handtuch und tupfte an den Spritzern herum, die sein Jackett abgekriegt hatte.

„Leon“, sagte Vivi leise. Sie hielt sich das Handy ans Ohr und machte ihm lautlos Zeichen, dass

sie Mira am Apparat hatte. Dann sagte sie mit ihrer dunklen Producerinnenstimme: „Hallo Mira.
Hier ist noch einmal Yvette Dupré. Also, wegen gestern …“

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8. KAPITEL

Mira stand vor den Kulissen von „Schlafzimmer Caren“. Die Sisalteppiche waren durch luxuriöse
Perser  ersetzt  worden,  das  schlichte  Einzelbett  einem  breiten  Diwan  mit  einer  schier
unüberschaubaren Menge bunter Seidenkissen gewichen. Mira seufzte. In der Produktion galt sie
seit  ihrer  Wiedereinstellung  als  Expertin  für  das  neue  Design.  Heute  Morgen  hatte  Vivi  ihr  den
verantwortungsvollen  Job  aufgetragen,  dafür  zu  sorgen,  dass  auch  „Garderobe  Caren“  den
arabischen Touch ausstrahlte.

Mira  wandte  sich  zu  dem  doppeltürigen  Kleiderschrank.  Natürlich  waren  die  Kleider,  die

Svenja  in  der  Serie  trug,  in  ihrer  Garderobe  untergebracht.  Doch  sollten  die  Zuschauer,  wenn
Caren morgens ihren Schrank öffnete, einen Eindruck von ihrer teuren Kleidung bekommen. Mira
suchte  nach  den  Modellen  aus  einem  Historienfilm,  die  die  Ausstatterin  in  Carens  Schrank
gehängt  hatte.  Schnell  ordnete  sie  die  Kleider  neu,  sodass  alle  samtenen  und  reich  bestickten
Modelle weiter vorne hingen.

Seit ihrem kurzfristigen Rauswurf hatte Mira begonnen, sich unauffällig umzuhorchen. Dass sie

als Miss Marple heimlich ermittelte, war natürlich ein Spiel, aber irgendjemand aus den Drehteam
musste hinter den seltsamen Diebstählen stecken. Und Mira hatte ein Händchen, wenn es darum
ging,  durch  geschickte  Fragen  das  aus  den  Menschen  herauszukitzeln,  was  sie  eigentlich
niemandem verraten wollten. So hatte sie von der Köchin erfahren, dass die vegetarischen Suppen
in der Kantine auf Fleischbasis gekocht wurden, und die Putzfrauen hatten ihr brühwarm erzählt,
dass die Bargeldkasse in der untersten Schublade von Leons Schreibtisch verborgen war.

Mira  hatte  sogar  Felix  ausgehorcht,  der  sie  behandelte,  als  gehöre  sie  zu  der  kleinen  Schar

weiblicher  Teenager,  die  ihn  manchmal  am  Eingang  um  ein Autogramm  baten  und  dann  fast  in
Ohnmacht fielen, wenn er mit einem strahlenden Lächeln ihrem Wunsch nachkam. Von ihm hatte
sie erfahren, dass er einmal mit einem der minderjährigen Girls im Ritz die Nacht durchgemacht
hatte und sich ansonsten beim Sophienbad als wenig geschätzt und extrem unterbezahlt empfand.

Mira  stutzte.  Beim  Umräumen  der  Kleider  war  ihr  ein  taillierter  blauer  Hausmantel  mit

aufgestickten  silbernen  Monden  und  Sternen  in  die  Hände  gekommen.  Sie  fuhr  leicht  über  den
weichen  Stoff.  Morgen  stand  eine  Szene  auf  dem  neuen  Drehplan,  in  der  Svenja  erst  ein  zartes
Schleiergewand trug, um dann von Felix in einen Mantel gehüllt zu werden. Der hier war perfekt
dafür.

Sie  drehte  sich  um  und  legte  den  Mantel  auf  den  Diwan,  um  ihn  Svenja  zu  zeigen.  In  diesem

Moment erblickte sie Leon, der offensichtlich auf dem Weg in die Kantine war. Mira schaute kurz
auf die Uhr, es war halb drei, und Leon ging immer Punkt halb drei in die Kantine, um Suppe und
Salat zu essen.

Schnell schloss sie die Schranktüren und ging Leon nach. Am Eingang des gemütlichen Raumes

sah sie ihn, wie er sich aus einem Eisenkessel mit der Aufschrift „Selleriesuppe“ einen Teller voll
schöpfte.  Der  abgepackte  Salat  stand  schon  auf  dem  Tablett  neben  ihm.  Mira  stellte  sich  wie
zufällig neben ihn und nahm sich einen Schokokeks. Die Köchin grinste sie an, und Mira bestellte
einen Café Latte.

„Kommt sofort“, meinte die Köchin und machte sich an der Espressomaschine zu schaffen.

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„Machst  du  Mittag?“,  fragte  Mira,  der  im  Moment  keine  nichtssagendere  Floskel  einfiel,  um

ein  Gespräch  mit  Leon  anzufangen.  Plötzlich  wurde  ihr  klar,  dass  sie  noch  nie  allein  mit  Leon
gesprochen  hatte,  immer  waren  entweder  das  gesamte  Team  oder  zumindest  Svenja  oder  Vivi
dabei gewesen. Sie fragte sich, wie alt Leon wohl war. Er sah gut aus. Vielleicht ein bisschen zu
jungenhaft  für  sie,  aber  er  hatte  eine  netten  Mund  und  einen  prächtigen  Knackarsch.  Nicht  mit
Pauls  Po  zu  vergleichen,  aber  interessant.  Ob  Leon  wohl  in  Vivi  verliebt  war?  Er  benahm  sich
immer  so  komisch  in  ihrer  Gegenwart.  Jetzt  drehte  er  sich  um  und  starrte  sie  an,  als  hätte  er
gerade erst bemerkt, dass die Hutmacherin neben ihm stand.

„Es ist halb drei“, murmelte er. „Ich mach immer um halb drei Mittag.“
„Ich weiß.“ Mira grinste ihn an, und Leon warf ihr ein scheues Lächeln zu. Wirklich süß. „Ich

brauch meinen Latte. Hast du was dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?“

Sie wählten einen kleinen Tisch an der Fensterfront. Eine Grünlilie stand auf der Fensterbank,

und kaum hatten sie sich gesetzt, da zupfte Leon die vertrockneten Blätter ab. Sorgsam legte er sie
in den leeren Aschenbecher. Auf einmal schaute er ihr so direkt ins Gesicht, dass Mira den Löffel,
mit dem sie in dem heißen Latte gerührt hatte, sinken ließ.

„Es tut mir leid“, sagte Leon, „dass wir dich verdächtigt haben. Ich hab nie wirklich geglaubt,

dass du die Diebin bist. Aber nach den Parkkarten warst du bei allen Diebstählen am Set …“ Seine
Stimme klang leise aus.

„Ist schon okay, Leon.“ Mira überlegte, wie sie das Thema für ihre Ermittlungen nutzen konnte,

jetzt,  wo  Leon  es  selbst  angeschnitten  hatte.  „Was  meinst  du  denn,  wer  hinter  den  Diebstählen
steckt?“ Die Erfahrung und Miss Marple hatten Mira gelehrt, dass eine direkte Frage manchmal
die besten Antworten erbrachte.

Leon  schob  mit  dem  Löffel  die  winzige  Lammbulette  in  der  Selleriesuppe  herum.  „Keine

Ahnung.  Ein  Spinner.“  Er  knallte  mit  dem  Löffel  an  den  Rand  des  Tellers.  „Nur  ein  Verrückter
würde genau diese Requisiten klauen.“

„Es muss jemand sein, der den Drehplan genau kennt“, meinte Mira.
Leon schaute hoch. Offenbar war er erstaunt, dass sie sich solche Gedanken machte. Sie musste

vorsichtig sein, damit sie ihr Glück nicht überstrapazierte. Natürlich war ihr klar, dass Vivi sie nur
wieder  eingestellt  hatte,  weil  sie  ihre  persischen  Hüte  brauchte,  nicht,  weil  sie  von  Miras
Unschuld restlos überzeugt war.

„Na  ja,  es  fehlen  immer  genau  die  wichtigsten  Requisiten.“  Das  hatten  inzwischen  sogar  die

Leute  von  der  Redaktion  kapiert,  die  nichts  weiter  wollten,  als  dass  endlich  der  Zeitplan
eingehalten wurde.

„Ein Verrückter, der den Drehplan genau kennt.“ Leon seufzte. „Bei dieser Produktion sind ja

genug schräge Vögel dabei, aber ein Dieb …“

„Schräge Vögel?“ Mira nahm einen Schluck von ihrem Latte und tat so, als wolle sie Smalltalk

halten.

„Klar. Kerstin zum Beispiel vercheckt Fanartikel aus dem Sophienbad über eBay.“ Leon schob

die Suppe weg und angelte sich ein Stück Schafskäse aus dem Salat.

„Kerstin  von  der  Redaktion?  Auf  eBay?“  Ehrlich  gesagt  hatte  Mira  bis  zu  diesem  Moment

gedacht, dass Kerstin Computer für bessere Rechenmaschinen hielt und das Internet allein für ihre

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Banküberweisungen nutzte.

„Doch,  doch.  Sie  hat  da  sogar  einen  Powershop  eingerichtet.  Ihr  neuster  Artikel  sind  die

orientalischen Badfliesen aus der Episode, die letzten Donnerstag ausgestrahlt wurde.“

„Aber  woher  hat  sie  denn  das  ganze  Zeug?“  Mira  verschluckte  sich  fast  an  dem  bröseligen

Keks.

„Wir  dulden  das“,  sagte  Leon  in  dem  offiziellen  Ton,  den  er  immer  anschlug,  wenn  er

Entscheidungen  verkündete,  die  er  und  Vivi  zusammen  getroffen  hatten.  „Es  bindet  die  Fans  an
die Serie. Und Kerstin nimmt nur Dinge, die sonst eh auf der Müllkippe landen würden.“

„Aber dann ist doch klar, wer die Diebin ist. Kerstin hat das Massageöl und den venezianischen

Kelch genommen, um damit auf eBay groß Kohle zu scheffeln.“ Mira war empört. Da hätte sie um
ein Haar ihren Job beim Sophienbad verloren, dabei wussten Vivi und Leon die ganze Zeit schon,
wer  für  die  Diebstähle  verantwortlich  war.  Ihr  fiel  wieder  ein,  wie  vertraulich  Paul  mit  Kerstin
geredet  hatte.  Der  Verdacht  durchzuckte  sie,  dass  die  beiden  vielleicht  gemeinsame  Sache
machten und Pauls Besuche in ihrem Atelier nur ein Vorwand waren, um sie … Nein, das konnte
nicht sein. So konnte sie sich nicht in Paul täuschen.

Leon  aß  die  Schafskäsewürfel  und  Rucolablättchen  aus  dem  Salat.  Dann  sagte  er:  „Denk  mal

scharf nach, Mira. Requisiten, die gar nicht in der Serie auftauchen, weil sie beim Dreh plötzlich
abhanden  kommen,  kann  Kerstin  doch  gar  nicht  verkaufen.  Für  die  Fans  ist  eine  Requisite  nur
dann  interessant,  wenn  die  Lippen  von  Svenja Angerholt  sie  berührt  haben.  Oder  die  Hände  von
Felix  Scholl.“  Er  spießte  einen  halbreifen  Tomatenschnitz  auf  und  betrachtete  ihn  eingehend.
„Nein, Kerstin ist es nicht. Und ich habe keine Ahnung, wer es wirklich sein könnte.“

In Gedanken nahm Mira ihr virtuelles Ermittlerinnen-Hütchen ab. Miss Marple hätte natürlich

sofort  durchschaut,  dass  Kerstin  nicht  die  Diebin  war. Allerdings  würde  Miss  Marple  sich  auch
nur  für  Pauls  mögliche  Diebstahlmotive  interessieren  und  nicht  dafür,  was  er  mit  der  hübschen
Redakteurin zu tuscheln hatte. Mit einem Mal wurde Mira klar, dass das leise nagende Gefühl in
ihrem  Magen  die  ersten  Vorboten  einer  massiven  Eifersuchtswelle  waren.  Das  hatte  ihr  noch
gefehlt: Sie hatte sich tatsächlich und trotz Freundschaftsbändchen in Paul verliebt.

Mira  blickte  stolz  über  das  neu  gestaltete  Schlafzimmer-Set.  Die  Motivkacheln  an  der  Wand
hinter  dem  Bett  zeigten  fantastische  bunte  Rankenornamente.  Vivi  hatte  sie  persönlich  für  diese
Dekoidee  gelobt. Wunderbar, dann haben wir ein Product-Placement abgehakt.  Dabei lag es nur
auf der Hand. Im Orient verwendete man ja auch in Schlafräumen Kacheln zur Kühlung. Der neue
Auftrag für die persischen Hüte machte sie richtig glücklich.

„Achtung!  Szene  54  Mondlicht  –  die  Dritte.“  Leon  schlug  die  Klappe.  Mira  hatte  sich  ganz

ruhig neben ihn gestellt, weil sie von hier das Farbenspiel wunderbar studieren und ab und zu mal
einen  Blick  auf  Pauls  kräftige  Unterarme  werfen  konnte.  Der  stand  konzentriert  und  völlig
unansprechbar  hinter  dem  Lichtpult.  Ein  überzeugendes  Mondlicht  für  die  Balkonszene
hinzukriegen,  sei  total  schwierig,  hatte  er  ihr  mit  kargen  Worten  erklärt.  Den  Garten  und  die
Fassade  neben  dem  Balkon  ersetzte  im  Studio  die  Blue  Screen.  Das  würde  später  digital
einmontiert.

Svenja war in ein hauchzartes Schleiergewand gehüllt und trat ihrer Rolle entsprechend durch

die  Tür  des  Schlafzimmers  zum  Balkon.  Die  Scriptwriter  hatten  sich  ein  altes  Gartenpalais  auf

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dem Gelände des Sophienbads ausgedacht, das für First-Class-Wellness-Patienten eröffnet worden
war.  Laut  Drehbuch  von  einem  Fürsten Albrecht  im  Jahr  1842  erbaut,  konnten  hier  die  meisten
Elemente der Bad-Kollektion „Arabische Träume“ eingebaut werden.

Paul  hatte  den  Balkon  mit  den  geschnitzten  arabischen  Fenstergittern  in  ein  märchenhaftes

Mondlicht  getaucht,  Svenja  sah  darin  aus  wie  eine  Prinzessin.  Nun  kam  Felix  aus  dem
Schlafzimmer  hinterher.  Der  schlichte  weiße Arztkittel  wirkte  steril  und  nüchtern,  der  Kontrast
zwischen den beiden Hauptdarstellern hätte nicht größer sein können. Vom Kameramann kam ein
bewundernder Blick, und Leon neben Mira flüsterte: „Es funktioniert.“

Felix  trug  ein  Glas  mit  einer  roten  Flüssigkeit  und  reichte  es  Svenja.  „Hier,  unser  berühmter

Rotsaft.  Johannisbeeren,  Rote  Beete  und  Karotten.  Der  wird  Sie  wieder  zu  Kräften  bringen.“
Svenja  nahm  einen  vorsichtigen  Schluck  von  der  Mixtur,  während  Felix  auf  den  imaginären
Garten zeigte. „Die Zutaten kommen alle aus diesem Paradies.“

Svenja legte die Hände auf die Brüstung, und das silbrig bestickte Schleiergewand rutschte von

ihren hellen Armen. Ihre Wangen schimmerten faltenlos in dem Mondlicht – sie sah aus wie die
Göttin der Jugend persönlich. Terry hatte bei der Maske nicht bedacht, dass sie bei weichem Licht
Gesicht und Arme viel stärker schminken musste.

Schläfrig murmelte Svenja mit Carens Stimme: „Säfte, ist das Ihre einzige Therapie? Mir ist so

kalt, Herr Doktor, trotz der lauen Luft. Diese Sterne sind doch kein Schnee.“ Svenja zeigte auf ein
Band aus Kacheln, auf denen in weißen Linien gemalten Sterne auf blauem Grund strahlten.

Felix wollte schon wärmend den Arm um Svenja legen, doch sie kam ihm zuvor. „Warten Sie,

ich  hole  meinen  Morgenmantel.“  Sie  glitt  ins  Schlafzimmer,  und  das  rote  Licht  ging  über  der
zweiten Kamera an. Svenja zog den Schrank von Carens Schlafzimmer auf. Langsam durchsuchte
sie die Kleider. Dann stutzte sie und begann hektischer in dem Schrank zu wühlen.

Mira  schaute  zu  Paul,  der  zum  Set  starrte  und  die Augenbrauen  zusammenzog.  Svenja  drehte

sich um. „Tut mir leid, Leute, hier …“ Das war die normale, kräftige Stimme ihrer Freundin.

„Cut!“, schrie Leon so laut, dass Mira zusammenzuckte. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“
„Hier ist kein Mantel.“ Svenja hob die Schultern.
Felix  knallte  die  Faust  gegen  die  geschnitzte  Wand  des  Balkons,  sodass  die  gesamte  Kulisse

wackelte. „Diese Produktion macht mich wahnsinnig.“

Svenja  machte  ein  paar  Schritte  weg  vom  Schrank,  ihr  Schleierkleid  wehte.  „Der  Mantel  ist

weg! Du kannst gern selbst nachschauen, Felix.“

Aus  dem  Dunkel  tauchte  Kerstin  auf.  Die  Redakteurin  hatte  wie  immer  ihr  Clipchart  auf  dem

Arm  und  machte  Notizen.  Dabei  tauschte  sie  mit  Paul  vielsagende  Blicke  aus.  Mira  fiel  zum
ersten Mal auf, was für eine perfekte Nase Kerstin hatte. Klassisch geschwungen, weder zu klein
noch  zu  groß.  Ihre  eigene  Nase  fand  sie  zu  spitz  und  vorwitzig, stupsig  hatte  ihr  Vater  immer
gesagt.

„Ist  etwa  schon  wieder  etwas  gestohlen  worden?“,  fragte  Kerstin,  und  Mira  meinte  einen

ironischen Unterton in ihrer Stimme zu hören. „Das wird jetzt aber echt teuer.“

„Nun mal keine Panik.“ Leon hob die Hände. „Ihr bleibt alle genau da stehen, wo ihr seid. Und

ich  gehe  durch  die  gesamte  Halle  und  suche  den  Mantel.  Irgendwo  muss  er  ja  stecken.  Keiner
bewegt sich.“

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„Der hat Nerven“, flüsterte Mira Paul zu, der sich neben sie gestellt hatte. Paul schüttelte nur

den Kopf, doch das galt nicht ihr, sondern Kerstin, die mit einem Stift hinter sich Richtung Vivis
Büro deutete.

Felix lehnte an der Tür zum Balkon, er rieb sich die Schläfen. Dabei atmete er schwer. „Leon,

warte  mal.“  Seine  Stimme  klang  unerwartet  ruhig  und  gefasst.  „Wir  wollen  doch  alle,  dass  es
weitergeht. Vergiss den Mantel. Wir spielen die Szene anders.“

Svenja  rollte  mit  den Augen.  „Das  geht  nicht,  wir  brauchen  den  Mantel.  Er  ist  wichtig,  auch

wegen der neuen Szene, die wir morgen drehen. Und er steht im Script.“

„Weiß  ich  auch.“  Felix  hatte  noch  immer  die  Hände  an  die  Schläfen  gepresst.  Kerstin  tippte

irgendetwas in einen Taschenrechner, den sie an das Clipchart geklemmt hatte. Paul beobachtete
alles vollkommen ruhig. Mira roch sein würziges Aftershave.

„Ich  hab‘s!“  Felix  trat  schnell  auf  Kerstin  zu,  die  von  ihren  Notizen  hochschreckte.  „Gib  mir

mal ein Blatt Papier.“ Er nahm ihr den Stift aus der Hand. Auf dem Rand der Marmorbank notierte
er etwas. Dann wedelte er mit dem Blatt. „Leon, Svenja. Wir sprechen einfach diesen Text.“

Leon  warf  einen  Blick  auf  das  Blatt,  seine Augen  glitten  von  links  nach  rechts.  „Das  könnte

sogar gehen. Versuchen wir es.“

Miras  Magen  krampfte  sich  zusammen.  Irgendwann  hatte  es  ja  mal  so  weit  kommen  müssen.

Die  arme  Svenja.  Seit  Jahren  hielt  sie  geheim,  dass  sie  an  einer  leichten  Leseschwäche  litt.  Sie
brauchte  einfach  viermal  so  viel  Zeit  für  einen  Satz  wie  normale  Leute.  Dafür  hatte  sie  ein
geniales Gedächtnis. Was sie einmal gehört hatte, vergaß Svenja nie wieder. Mira hatte es damals
in  der  Parfümerie  mitgekriegt,  als  Svenja  immer  endlos  mit  dem  Papierkram  brauchte.  Gestern
Abend waren sie noch zusammen den Text für die Szene heute durchgegangen.

Svenja nahm das Blatt und lächelte hilflos. Mira fing ihren Blick auf und griff sich unauffällig

mit den Händen an den Rock.

Svenjas Gesicht hellte sich auf. „Mira, irgendetwas stimmt mit meinem Kleid nicht. Könntest

du mal … ich komme kurz runter. Leon, Felix, wir können gleich weitermachen.“

Mira ging ein paar Schritte von Paul weg, sodass sie halb hinter den Kulissen stand.
Svenja  stellte  sich  vor  sie  und  drückte  ihr  das  Blatt  in  die  Hand.  „Schnell,  was  steht  da?“,

flüsterte sie.

Mira zog das schmale Nadelset aus ihrer Hosentasche, das sie immer dabei hatte, und tat so, als

raffe sie eine Falte von Svenjas Schleierkleid. Natürlich saß es perfekt. Während sie las, zupfte sie
an den glitzernden Stofffalten herum.

„Also, Felix sagt. Nehmen Sie doch meinen Mantel, er zieht den Arztkittel aus und legt ihn dir

um die Schultern. Du sagst: Es ist wie im Märchen, wie ein Traum. Ich hätte nie gedacht, dass ich
mich  so  weit  weg  von  meiner  Arbeit  so  wohl  fühlen  könnte.  Das  verdanke  ich  nur  Ihnen.
  Tobias
nimmt  Caren  in  den Arm.  Dann  sagt  Felix, Denken Sie nicht  …“  Mira  brach  ab.  Kerstin  war  an
Paul herangetreten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dabei legte sie ihre Hand an seine Hüfte, und
er ließ es sich widerspruchslos gefallen. Mira traute ihren Augen nicht.

„Was  sagt  Felix?  Mira?  Komm  schon!“  Svenjas  Stimme  hatte  einen  leicht  hysterischen

Unterton. Mira riss sich zusammen, ihre Freundin stand total unter Stress. So schnell sie konnte,
las sie den Rest des kurzen Textes vor. Svenja wisperte alles nach, dann nickte sie.

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„Okay, das müsste gehen. Danke, Mira.“ Schnell drückte Svenja ihr einen Kuss auf die Wange.
„Seid ihr endlich so weit?“, rief Leon vom Set.
Mira  schob  Svenja  vor  die  Blue  Screen,  den  Zettel  behielt  sie  in  der  Hand. An  der  Balkontür

wartete Felix ungeduldig und starrte dabei Mira an, bis Svenja ihre Startposition an der Brüstung
wieder eingenommen hatte. Vivi nickte zu Ton und Kamera.

Mira starrte zu Kerstin, die eng neben Paul stand und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Die beiden

schauten  sich  kurz  an,  und  mit  einem  Mal  wurde  Mira  klar,  was  ihr  schon  seit  Tagen  im  Kopf
herumspukte. Paul und Kerstin gingen so selbstverständlich freundschaftlich miteinander um, als
wären  sie  zusammen.  Oder  als  wären  sie  zumindest  schon  einmal  zusammen  gewesen.  Oder  auf
dem  besten  Weg,  wieder  zusammen  zu  kommen.  Kerstin  hatte  offenbar  etwas  Witziges  gesagt,
denn  Paul  hob  amüsiert  die  Mundwinkel.  Wenn  Kerstin  den  großen  Schweiger  zum  Lachen
bringen konnte, musste sie ihn ja wirklich sehr gut kennen.

„Achtung! Szene 54 Mondlicht – die Vierte.“ Leon schlug die Klappe. Mira stellte sich neben

ihn und bemühte sich, nicht zu Paul und Kerstin hinüberzulinsen. Mit ihrer Ruhe war es vorbei.

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9. KAPITEL

Selbst als die Szene endlich abgedreht war, fand Mira keine Ruhe. Svenja stürmte wortlos von der
Balkonbrüstung und wäre dabei fast in die Blue Screen hineingelaufen. Sie packte ihre Jacke und
murmelte:  „Mein  Gott,  war  ich  mies.“  In  der  nächsten  Sekunde  war  sie  schon  durch  die
automatische Tür verschwunden.

Mira  drehte  sich  zu  Paul  um,  doch  der  redete  wieder  mit  Kerstin.  Auch  gut,  jetzt  brauchte

Svenja  sie.  Im  Gang  fand  Mira  erst  den  einen  orientalischen  Schuh,  den  Svenja  in  der  Szene
getragen hatte, dann den anderen. Sobald sie um die Ecke zu den Garderoben trat, sah sie Svenja
wie ein Häufchen Elend barfuß an der Wand kauern.

„Ich will nur noch nach Hause.“
„Du hast es doch prima gemacht, Svenja.“ Mira ging vor ihrer Freundin in die Hocke und strich

ihr übers Haar. „Komm doch einfach heute Abend zu mir, dann können wir uns Agatha Christies
Wachsblumenstrauß anschauen. Ruf mich an, wenn du Lust hast, was zu machen, okay?“

Svenja  wischte  sich  die  Tränen  weg,  dann  stand  sie  auf  und  verschwand  in  ihrer  Garderobe.

Mira hörte, wie sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Einen Moment lang stand Mira zögernd
im Gang und wusste nicht, was sie machen sollte. Sie kannte dieses Verhalten von Svenja, wenn es
wirklich Stress gab, wollte ihre Freundin lieber für sich sein. Mira schaute zur Espressomaschine,
die ausgeschaltet war, dann ging sie langsam den Gang entlang.

Die Tür zu Leons Büro stand offen. Mira blickte sich rasch um, doch niemand außer ihr war im

Gang.  Das  war  die  Gelegenheit,  wieder  mal  Miss  Marple  zu  spielen  und  ihre  Ermittlungen
fortzusetzen. Sie huschte schnell in den Raum.

Leons  Büro  war  viel  ordentlicher  als  das  von  Vivi.  Sorgsam  beschriftete Aktenordner  standen

farblich  sortiert  in  einem  hohen  Regal,  der  Schreibtisch  war  aufgeräumt,  in  der  Mitte  lag  eine
dicke Unterschriftenmappe, in den Eingangs- und Ausgangsschüben stapelten sich Papiere.

Wo würde ein Mann wie Leon wohl etwas verstecken? Falls es wirklich vorstellbar wäre, dass

Leon  irgendetwas  mit  den  Diebstählen  zu  tun  hatte.  Mira  trat  hinter  den  Schreibtisch  und  zog
vorsichtig  an  der  obersten  Schublade.  Mist.  Sie  probierte  sie  durch,  auch  die  unterste,  aber  alle
waren abgeschlossen. Offenbar war Leon wegen der Diebstähle besonders vorsichtig geworden.

Das hörte sie plötzlich draußen im Gang Stimmen. Mira schaute sich hektisch um. Die Stimmen

näherten sich. Mira stürzte zu der Couch und wollte sich schon in den engen Spalt zwischen Wand
und Lehne pressen, als sie die Stimmen von Terry und Kerstin erkannte. Die beiden gingen an dem
Büro  vorbei,  und  Mira  atmete  erleichtert  aus.  Seltsam,  was  hatte  Kerstin  plötzlich  mit  der
Maskenbildnerin zu schaffen?

Nichts wie weg hier, sonst wurde es noch peinlich. Mira lief rasch den Gang zurück zum Studio.

Aus  Felix‘  Garderobe  war  Elektro-Pop  zu  hören.  Hm,  die  Pages  of  Sound  and  Vision,  so  einen
ausgewählten  Geschmack  hatte  sie  dem  Herrn  Scholl  gar  nicht  zugetraut.  Eine
Charakterunstimmigkeit,  die  Miss  Marple  bestimmt  aufgefallen  wäre.  Vielleicht  sollte  sie  sich
Felix doch noch einmal vornehmen.

Völlig in Gedanken versunken bog Mira um die Ecke und wäre fast in jemanden hineingelaufen

–  Paul.  Auch  das  noch.  Sie  prallte  gegen  seinen  Unterarm,  den  er  gerade  noch  rechtzeitig

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schützend vor ein kleines Schnapsglas halten konnte. „Vorsicht!“

„Sorry.“
Bewundernswert,  wie  Paul  es  schaffte,  das  fast  randvolle  Glas  vor  dem  Überschwappen  zu

bewahren.  Mira  starrte  auf  die  Hand  mit  dem  Freundschaftsbändchen,  und  auch  Paul  blickte  sie
nur an. Es kam Mira fast wie eine kleine Ewigkeit vor, als sie so schweigend voreinanderstanden.

„Willst du den?“, brach Paul schließlich das Schweigen. „Die Jungs von der Technik verteilen

Klappenschnaps. Ich … ich kann mir noch einen holen.“

Mira  schüttelte  den  Kopf.  „Danke,  das  ist  nett,  aber  ich  will  eigentlich  nach  Hause.  Das  war

ziemlich stressig heute.“

„Ich  kann  dich  fahren“,  sagte  Paul  unvermittelt.  In  einem  Zug  stürzte  er  den  klaren  Schnaps

hinunter und stellte das Glas einfach auf den Boden. Er berührte Mira ganz kurz an der Schulter
und machte einen Schritt zur automatischen Tür.

„Also“,  antwortete  Mira  und  spürte,  wie  sich  ein  warmes  Gefühl  in  ihrem  Magen  ausbreitete,

„klar.“

Paul fuhr sich verlegen durchs dunkle Haar, und als er so in der automatischen Tür stand, war

Mira einfach nur glücklich.

„Dieses  Schwebegefühl  ist  wirklich  toll.“  Sie  saßen  in  Pauls  Citroën.  Die  alten,  überwucherten
Villen von Babelsberg rollten an ihnen vorbei.

„Die  Hydrauliktechnik  der  DS  ist  selbst  heute  noch  etwas  Besonderes. Aber  verliebt  habe  ich

mich in den Wagen, als ich ihn mal auf einer Automesse ausleuchten durfte.“ Paul griff zu einem
Hebel. „Es geht noch gefederter. Soll ich?“

Mira nickte und blickte auf Pauls kräftigen Arm. Er hatte wirklich schöne Hände. „Geht‘s nach

Berlin nicht da lang?“ Mira deutete an der Kreuzung nach rechts.

„Über die Havelchaussee am Wannsee entlang ist es schöner.“
„Aber das ist ein Umweg, nicht?“
Konzentriert  schaute  Paul  nach  vorn  auf  die  Straße,  aber  Mira  konnte  sehen,  dass  er  lächelte.

„Eher eine kleine Spritztour. Ich wollte dich ja schon letzte Woche einladen.“ Er blinzelte kurz zu
ihr herüber. „Aber da kam irgendwie die Idee mit der Roadrunner – Kappe dazwischen.“

Mira  lachte  übermütig.  Der  Fahrtwind  blies  ihr  die  Locken  ins  Gesicht,  und  sie  fuhren  direkt

auf  den  roten  Sonnenball  zu,  der  über  den  Häusern  unterging.  Es  war  so  viel  schöner  als  das
Mondlicht auf dem Balkon des Sophienbads.

Sie schwebten in der DS über die Glienicker Brücke, und Paul wurde langsamer, damit sie die

glitzernde  Seeoberfläche  bestaunen  konnten.  Dann  brausten  sie  die  Königstraße  entlang  in  den
Berliner Stadtwald.

„Diese  vielen  verschiedenen  Grüntöne,  wenn  ein  Schatten  auf  das  Laub  fällt  oder  die  Sonne

durch  die  Äste  scheint.  Ich  fand  das  als  Kind  schon  super.“  Paul  deutete  in  den  Wald,  der  im
Abendrot  violett  erstrahlte.  „Ist  doch  verrückt,  wie  ein  bisschen  Licht  die  ganze  Welt  verändern
kann.“

Einen Moment blickte er auf den Tacho, dann verlangsamte er das Tempo. Irgendwie schien er

in Gedanken nicht beim Autofahren zu sein.

„Mir geht es mit den Hüten genauso“, meinte Mira. „Die Menschen verändern sich durch einen

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Hut total. Und für jeden gibt es richtige und falsche Hüte.“

„Wie  richtiges  und  falsches  Licht!  Weißt  du,  dass  deine  Sachen  für  Svenja  immer  eine

Herausforderung für mich sind?“ Paul sah sie an. „Die Hüte betonen jedes Mal eine andere Facette
von  Svenjas  Rolle.  Und  du  liegst  nie  falsch.  Ich  überlege  dann  immer,  was  du  dir  dabei  wohl
gedacht hast. Wenn du statt roter Seide so ein mattes Braun oder Pelz nimmst für einen Hut. Und
nie  im  Leben  Goldlamé,  obwohl  Svenja  blond  ist.“  Er  grinste  sie  an.  „Dafür  bin  ich  dir  echt
dankbar, das Glitzerzeug ist kaum einzufangen – zu dominant.“

„So was fällt dir auf?“ Mira war total erstaunt. Es war offensichtlich, dass Paul sich ihre Hüte

ganz genau anschaute, sicher genauer, als ein anderer Beleuchter das machen würde. Und wie sie
selbst merkte er anscheinend auch, dass die Hüte ein Eigenleben hatten. Ob er sie auch so genau
anschaute?  Unwillkürlich  fuhr  sich  Mira  durch  ihre  Locken  und  fing  einen  fragenden  Blick  von
Paul auf. „Na, ich dachte, ihr Beleuchter konzentriert euch nur auf die Gesichter der Schauspieler
und so.“

„Nein,  nein.“  Paul  schüttelte  den  Kopf.  „Alles  ist  wichtig,  die  Garderobe,  die  Requisiten.“  Er

schaltete  und  sagte  dann:  „Und  die  Hüte.  Und  besonders  so  außergewöhnlich  schöne  Hüte  wie
deine.“  Dabei  schaute  er  sie  mit  diesen  strahlenden  grauen Augen  an,  und  Mira  lächelte.  Selbst
wenn  Paul  ganz  sicher  schon  tollere  Hüte  als  ihre  gesehen  hatte,  war  es  doch  ein  sehr  nettes
Kompliment.

Die ersten Häuser von Berlin-Wannsee glitten an ihnen vorbei, und Paul bog zur Havelchaussee

ab.

„Mich interessieren nicht nur Details. Für mich ist immer die ganze Person wichtig. Im Job und

auch privat.“ Er blickte zu ihren Knien, und für einen Moment hatte Mira das Gefühl, als überlege
er, wie er den britischen Minirock mit ihren Hutkreationen zusammenbringen konnte. „Du bringst
mich ganz schön zum Tüfteln“, sagte er leise und blickte dabei wieder vor sich auf die Straße.

Mira  schmunzelte.  „Bei  Vivis  Hut  habe  ich  auch  ziemlich  lange  überlegt,  ob  sechs  rosa

Flamingofedern reichen oder ob ich eine siebte aufstecken soll. Sie ist eine Power-Frau, aber eben
nicht over the top.“

„Findest du?“ Paul lehnte sich in den Fahrersitz zurück und streckte die muskulösen Arme aus.

Mira musste sich zusammenreißen, damit sie nicht immer hinstarrte. „Ich finde, Viv ist ziemlich
over  the  top.  Du  hast  sie  ja  nicht  erlebt,  als  sie  wie  eine  Furie  ihren  Porsche  verteidigt  hat,  nur
weil ich ein bisschen das Dach gestreichelt habe.“

„Wann  war  das  denn?“  Natürlich  wusste  Mira  genau,  wovon  Paul  sprach:  die Aussprache  auf

dem  Parkplatz,  bei  der  zum  ersten  Mal  der  Verdacht  aufgekommen  war,  dass  sie  die  seltsame
Diebin sein könnte. Svenja hatte ihr in allen Einzelheiten erzählt, wie Paul für sie gekämpft hatte.

„Äh  …“  Er  schaltete  wieder,  und  sie  hatte  eine  sehr  starke  Miss-Marple-Intuition,  dass  er

grundlos  vom  dritten  in  den  vierten  oder  vom  vierten  in  den  dritten  Gang  schaltete,  wenn  er
verlegen wurde. „Vor‘n paar Tagen.“

Mira konnte nicht anders: Sie legte die Hand auf Pauls Oberarm und sagte leise: „Das war echt

total nett, wie du dich für mich eingesetzt hast, Paul. Vielen Dank.“

„Svenja?“, fragte er nur und verzog den Mund zu einem schwachen Grinsen.
„Klar, sie hat mir alles brühwarm erzählt. Für was ist eine beste Freundin sonst da?“ Sie zog die

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Hand wieder weg, obwohl Pauls Muskeln vibrierten wie der Motor unter der Kühlerhaube der DS.

Hinter  den  Bäumen  blitzte  immer  wieder  der  Wannsee  auf,  und  der  Citroën  verlangsamte  das

Tempo. „Hast du noch Zeit?“, fragte Paul.

„Ein bisschen. Ich habe Svenja versprochen, dass wir heute Abend was zusammen machen. Sie

ist echt fertig wegen des Drehs heute.“

Paul nickte und bog schweigend in einen Waldweg ein. Dann hielt er an.
„Das  hier  ist  mein  Lieblingsplatz  am  Seeufer“,  sagte  Paul.  „Das  Große  Fenster.  Man  kann

endlos weit übers Wasser gucken von hier, fast wie am Meer.“

Das  schilfbewachsene  Ufer  neigte  sich  bis  zum  Wannsee,  der  wie  flüssiges  Kupfer  in  der

Abendsonne  glänzte.  Hinter  ihnen  war  das  entfernte  Rauschen  der  vorbeifahrenden  Autos  zu
hören, vor ihnen zirpten Grillen. Paul hatte die Hände auf das große Lenkrad gelegt und sich leicht
vorgebeugt.  Am  liebsten  hätte  Mira  sich  jetzt  an  ihn  gelehnt  und  sich  von  ihm  in  die  Arme
nehmen lassen. Da fiel ihr Blick auf das rosa-grün-gelb geflochtene Freundschaftsbändchen.

„Was  ist  das  eigentlich  für  ein  Ding?“  Die  Frage  rutschte  Mira  einfach  so  raus,  und  sie  hätte

sich sofort auf die Zunge beißen können.

„Das?“ Paul strich mit dem Zeigefinger über das Band. „Seltsam, dass du gerade danach fragst.

Das Band hat sogar hier mit dem Großen Fenster zu tun.“ Er deutete mit ausgestrecktem Arm nach
links. „Die niedrigen Hütten an der Brücke da drüben, das war früher mein Ruderclub.“

„Du  hast  gerudert?  Mit  den  reichen  Kids  hier?“  In  der  Dämmerung  konnte  Mira  nur  vage

Umrisse im Schilf erkennen.

„Ach,  in  den  Ruderclubs  am  Wannsee  sind  Leute  aus  der  ganzen  Stadt.  Wir  haben  mal  die

Juniorenmeisterschaft im Vierer gewonnen, und die Bändchen waren an den Medaillen dran. Ich
hätte es schon längst mal abmachen sollen, aber es erinnert mich an die Zeiten damals.“

Vom Rudern kamen also dieses Prachtkreuz und die breiten Schultern. „Ruderst du noch?“
„Schon  lange  nicht  mehr.  Achim  ist  an  den  Bodensee  gezogen  und  Profi  geworden.  Jo  hatte

einen Unfall mit dem Motorrad. Vielleicht habe ich deshalb aufgehört und mich danach auf alte
Autos verlegt.“

In  Sportvereinen  gab  es  immer  Verliebtheiten  zwischen  den  Jungs-  und  den  Mädchenteams.

Und wenn Mira sich nicht täuschte, dann hatte Kerstin auch ganz schön breite Schultern. „Kennst
du  Kerstin  vom  Rudern?“,  fragte  sie,  weil  sie  es  jetzt  einfach  wissen  musste.  Mira  hatte  als
Vierzehnjährige selbst ewig einen Basketballer aus der B-Jugend angeschwärmt.

„Kerstin?“ Paul drehte sich verwundert zu ihr um. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na, ihr kennt euch wohl schon länger.“
Paul lehnte sich langsam zurück und blickte durch die Seitenscheibe auf das Wasser. „So? Hat

sie das gesagt?“

Hatte  sie  zwar  nicht,  aber  Mira  fand  es  ziemlich  offensichtlich,  so  vertraut  wie  die  beiden

miteinander umgingen – und wie sie zusammen lachten.

„Kerstin und ich haben … die Zeit war für uns beide nicht so toll.“ Paul setzte sich auf. „Woll‘n

wir weiter?“

Mira  nickte,  und  sofort  startete  Paul  die  DS.  Beim  Rückwärtsfahren  legte  er  den Arm  auf  die

Lehne  von  Miras  Sitz,  wobei  er  ihren  Nacken  berührte.  Dann  rangierte  er  den  Wagen  Richtung

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fester Straße. Die Hydraulik hob sie über einen niedrigen Graben, der Sitz schwankte, und Pauls
Arm  rutschte  dabei  auf  ihre  Schulter.  Er  kurbelte  das  Lenkrad  mit  einer  Hand  zurück,  doch  den
Arm nahm er nicht weg. Erst als der Wagen noch einmal heftig über einer Furche im Waldbogen
schwankte, zog Paul den Arm zurück und lenkte wieder mit beiden Händen. Kaum waren sie in die
Havelchaussee eingebogen, sagte er: „Und ab!“

Die Räder griffen den Asphalt, als Paul aufs Gaspedal trat. Er überholte ziemlich rasant gleich

zwei Autos und hatte es offenbar plötzlich sehr eilig, nach Berlin zu kommen.

Mira war sich sicher, dass die Geschichte zwischen Paul und Kerstin noch nicht ausgestanden

war.  So  riskant,  wie  Paul  jetzt  Auto  fuhr,  war  sie  zumindest  für  ihn  noch  nicht  zu  Ende.
Wahrscheinlich war er immer noch in Kerstin verliebt und spielte den abgeklärten Kumpel, damit
er wenigstens mit ihr befreundet sein konnte. Männer kamen ja auf solche Ideen.

Mira  drehte  sich  um,  der  See  blieb  hinter  ihnen  zurück.  Zu  gern  wäre  sie  jetzt  in  Pauls Arm

gekuschelt einfach weiter in die Nacht gefahren.

„Ich  nehme  vom  Funkturm  aus  die  Stadtautobahn“,  meinte  Paul.  Den  Rest  der  Fahrt  machten

sie nur noch Smalltalk, und Mira fragte sich ernsthaft, ob sie jemals so ungezwungen wie Kerstin
mit Paul lachen würde.

Mit  quietschenden  Reifen  kamen  sie  in  zweiter  Reihe  vor  dem  Hutatelier  zum  Stehen.  Paul

schaute an Mira vorbei zum Geschäft. „Gut, dass du das Schild auch tags beleuchtest. Kann man
gut lesen.“

Mira blickte hoch zu ihrem Schild, auf dem in altmodischen Lettern Miras  Kopfkleider  stand.

„Ja, stimmt“, sagte sie. Ihr fiel nichts Intelligentes ein, das sie hätte erwidern können.

Paul rieb mit dem Daumen über das Lenkrad, dann starrte er kurz auf den Tacho.
Am liebsten hätte Mira ihn noch ins „Café Säulenmeer“ auf einen Afterwork-Drink eingeladen.

Nur ertönte da leider die Miss-Marple-Melodie von ihrem Handy. Sie nestelte das Ding rasch aus
der Tasche. Auf dem Display sah sie Svenjas Namen. „Ja? Ich komme gleich mit der DVD hoch.
Ja, okay.“

Paul beobachtete im Rückspiegel den Verkehr in der Kastanienallee.
„Svenja“, erklärte Mira. „Ihr geht‘s wirklich nicht so gut … Na, auf jeden Fall vielen Dank fürs

Fahren, Paul. Das war wirklich schön am Wannsee.“ Sie öffnete die Beifahrertür und setzte einen
Fuß hinaus. „Das nächste Mal kommst du aber noch mit auf einen Drink, ja?“

„Ja,  klar.  Gern.“  Paul  startete  den  Motor,  und  irgendwie  hatte  Mira  das  Gefühl,  dass  er  sich

genauso sehr auf das nächste Mal freute wie sie. Als sie ausgestiegen war, winkte Paul ihr zu und
sagte: „Dann bis morgen.“

„Ja, bis morgen.“ Mira drückte die Tür ins Schloss, Paul winkte noch einmal, dann wendete er

die DS und sauste davon.

Mira schaute dem Citroën nach und kriegte kaum mit, dass eine Straßenbahn kam. Sie klingelte

so  schrill,  dass  Mira  vor  Schreck  fast  ihr  Handy  hätte  fallen  lassen.  Während  sie  auf  den
Bürgersteig sprang, machte ihr Herz immer noch kleine, wilde Hüpfer, selbst dann noch, als sie im
Schein der Schildbeleuchtung die Tür zum Atelier aufschloss.

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10. KAPITEL

Das  arabische  Bad  im  Wellness-Bereich  nahm  allmählich  Gestalt  an.  Schon  konnte  Mira  die
hufeisenförmigen  Nischen  mit  den  gekachelten  Ruhebänken  erkennen.  Eine  ganze  Ladung
goldener Armaturen  und  Wasserbecken  aus  feinädrigem  jadegrünem  Marmor  waren  am  Morgen
geliefert  worden.  Die  Jungs  von  der  Technik  machten  Überstunden,  damit  auch  noch  die  Sauna
stand, wenn morgen früh die nächste Szene gedreht wurde. Als kleinen Anreiz hatte Vivi mit der
Küche  verabredet,  dass  Promi-Catering  für  die  Aufbauer  aufgefahren  wurde.  Die  Arbeiter  von
TausendundeinBad  waren  nicht  wirklich  begeistert,  als  statt  deftiger  Wurstplatten  geräucherte
Forelle,  Minizucchini-Salat  und  Wraps  aufgetischt  wurden,  doch  die  Technik-Crew  ließ  es  sich
schmecken.

„Wird  ja  ganz  hübsch“,  sagte  die  Köchin,  die  über  den  dampfenden  Kesseln  mit  Lachs-  und

Kürbissuppe wachte.

„Es  sieht  jetzt  schon  toll  aus. Sophienbad  wird  Preise  für  die  beste  Ausstattung  kriegen.“

Begeistert  blickte  Mira  zu  den  handbemalten  Kacheln,  die  ein  Handwerker  als  Mosaik  auf  den
Kulissenwänden aufsetzte.

„Na, wenn du meinst.“ Die Köchin rührte in der Kürbissuppe. „Also, bei mir daheim kann ich

mir das nicht vorstellen. Möchtest du noch eine Portion?“

Mira schüttelte den Kopf. Paul schleppte gerade mit einem der Techniker schwere Balken in die

Halle. Er hatte seine Jacke ausgezogen, und unter dem eng anliegenden T-Shirt zeichnete sich sein
flacher Bauch ab. Mira wurde heiß bei dem Anblick.

„Wenn  diese  Irin  nur  Svenja  nicht  immer  so  furchtbar  schminken  würde.  Das  Mädel  sieht  ja

richtig fertig aus.“

„Aber das ist doch Absicht“, mischte sich Bastian ein und hielt der Köchin seinen leeren Teller

hin.  „Als  Caren  soll  Svenja  doch  total  fertig  aussehen.  Und  wir  unterstützen  das  noch  durch  das
Licht.“

„Wirklich?“  Die  Köchin  schöpfte  dem  Jungen  den  Teller  randvoll.  „Dann  hättet  ihr  ja  auch

gleich  mich  casten  können.  Ich  seh  immer  fertig  aus.“  Sie  klopfte  sich  mit  der  Hand  auf  eine
Wange, wie um ihre Augenringe noch besser zur Geltung zu bringen.

Bastian  rollte  die Augen  und  ging  zurück  zu  den  Kulissen.  Mira  grinste  die  Köchin  an,  dann

schaute sie Bastian nach. Mit einem Mal blieb ihr die Luft weg. War das … Paul? Der Beleuchter
hatte das T-Shirt ausgezogen und stand mit nacktem Oberkörper neben den Wannen. Seine Haare
wirkten  feucht,  als  ob  er  frisch  aus  der  Dusche  käme.  Mira  hatte  Mühe,  nicht  allzu  auffällig  zu
starren. Sie hatte ja schon geahnt, dass Paul einen unglaublichen Körper unter seinen langweiligen
T-Shirts verbarg. Aber das hier war … Wahnsinn!

„Diese Terry ist ein ganz durchtriebenes Luder“, hörte sie da die Köchin sagen.
Mira  fuhr  herum.  „Was?“  Sie  durfte  ihre  Ermittlungen  nicht  schleifen  lassen,  schon  gar  nicht

wegen Paul. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie ihm wirklich trauen konnte.

„Ist  vornerum  supernett  zu  den  Kollegen  am  Set,  aber  hintenrum  erzählt  sie  uns  die

schlimmsten  Geschichten.  Den  Felix  Scholl  zum  Beispiel,  den  kann  Terry  auf  den  Tod  nicht
ausstehen. Vor ein paar Tagen hat sie mit Kerstin in der Kantine gesessen und erzählt, dass er in

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dieser amerikanischen Serie angeblich nur einen einzigen Gastauftritt hatte. Wo er doch immer so
stolz  die  ‚tragende  Nebenrolle‘  betont.“  Die  Köchin  intonierte  die  beiden  Worte  genau  in  dem
tiefen Brustton der Überzeugung, den Mira schon etliche Male von Felix gehört hatte.

„Sie sollten dich wirklich mal casten“, grinste sie. „Du klingst exakt wie Felix.“
„Ach ja? Dann krieg ich ja bloß die Rollen von Felix.“
Mira lachte und blickte dabei wieder zur Sauna. Paul winkte ihr zu, sie solle herkommen. „Du,

ich geh mal zu Paul. Da ist was mit dem Licht …“

„Klar, das Licht kenn ich“, brummte die Köchin, doch da war Mira schon aufgesprungen.
„Hast  du  Lust,  dir  die  arabische  Sauna  anzuschauen?“,  wollte  Paul  wissen,  als  sie  neben  ihm

stand.

Mira brachte keinen Ton heraus. Pauls Lederhose saß ihm knapp auf den schlanken Hüften, ein

feiner dunkler Flaum bedeckte seinen durchtrainierten Bauch. Am liebsten hätte Mira Paul überall
berührt, um zu erfahren, ob dieser tolle Body sich auch so gut anfühlte, wie er aussah. Sie zwang
sich, hoch in sein Gesicht zu blicken. Ein fragender, scheuer Blick traf sie aus grauen Augen. „Ja,
klar.“ Natürlich wollte sie sich von Paul alles zeigen lassen.

Er  führte  sie  hinter  die  Kulissen  des  Bades,  wo  vor  einer  Stunde  noch  einzelne  Teile  einer

Fertigsauna gestanden hatten. Inzwischen war schon zu erkennen, wo der Dampfstein hinkam, wo
die breiten Liegen, wo das Oberlicht, das den Raum in verschiedene Farben tauchen würde. Paul
nahm sie bei der Hand. „Komm, ich zeig dir den arabischen Teil.“

Er  trat  durch  einen  noch  rohen  Durchgang  neben  dem Aufgussbecken,  dann  standen  sie  beide

plötzlich  in  einem  weichen  Dämmerlicht.  Kleine  sternförmige  Öffnungen  waren  in  die  Wände
gesägt, und nach ein paar Sekunden erkannte Mira das bläulich schimmernde, runde Becken.

„Echte Lapislazuli-Kacheln“, flüsterte Paul. Er stand direkt hinter ihr und hatte die eine Hand

wie beiläufig auf ihre Hüfte gelegt.

Es  war  still  in  dem  Raum,  das  Hämmern  und  die  Stimmen  der  Handwerker  waren  wie  aus

weiter Ferne zu hören. Mira flüsterte: „Es ist wunderschön.“

„Siehst  du  den  Goldbelag  an  den  Wänden?“  Paul  zog  sie  für  einen  kurzen  Moment  enger  zu

sich. Mira wagte nicht, sich zu bewegen. Durch den Stoff ihres T-Shirts hindurch spürte sie Pauls
Wärme.  Am  hinteren  Ende  des  Raums  glitzerte  es  golden.  „Alles  Holz  ist  mit  Blattgold
überzogen“, raunte die dunkle Stimme an ihrem Ohr.

Paul trat ein wenig zurück, doch da löste sich Mira endlich aus ihrer Erstarrung.
„Ich dachte, du kannst Goldglitzer nicht leiden“, flüsterte sie. „Zu dominant, hast du gesagt.“
Sie lehnte sich gegen Pauls Oberkörper, und er schloss sie in die Arme. „Kommt immer drauf

an“, meinte er nur und zog sie fest an sich.

Mira  atmete  den  leichten  Geruch  nach  frischem  Männerschweiß  ein,  und  diese  spezielle

Mischung aus Leder und Aftershave, an der sie Paul mittlerweile überall erkannt hätte. Langsam
drehte sie sich in Pauls Armen um und ließ ihre Hände über seine nackte Brust gleiten. Er beugte
sich zu ihr, suchte ihren Mund. Ihre Lippen trafen sich, und Mira spürte nur noch, wie weich und
zärtlich  er  war.  Sie  küssten  sich  erst  vorsichtig,  dann  presste  Mira  sich  enger  an  Paul,  und  der
Kuss  wurde  leidenschaftlicher.  Paul  strich  ihr  vom  Nacken  hoch  durch  das  Haar,  während  ihre
Hände seinen muskulösen Rücken ertasteten. Irgendwann ging ihnen die Luft aus, und sie standen

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heftig atmend in dem schummrigen Licht. Paul drückte feuchte Küsse auf Miras Hals, sie biss ihm
zärtlich ins Ohrläppchen. Noch nie hatte sie einen Mann kennengelernt, der so gut küssen konnte.
Und  so  gut  roch.  Und  so  wahnsinnig  gut  gebaut  war.  Sogar  das  ausgewaschene
Freundschaftsbändchen war ihr egal. Sie wollte nur noch nackt in das Lapislazuli-Becken tauchen
und Paul dort stundenlang lieben.

„Paul“, flüsterte sie, da spürte sie wieder seine Lippen auf ihrem Mund.
Plötzlich tauchte ein Schatten in der Türöffnung auf. „Bist du da drin, Paul? Sie brauchen dich

für die …“ Kerstin! Der helle Strahl einer Taschenlampe traf Mira direkt in die Augen. Paul löste
sich sofort aus der Umarmung und trat an die Wand zurück.

„Ach … also, ich wollte ja nicht stören.“ Kerstins Stimme klang spöttisch. Sie blickte kurz zu

Paul. „Die Aufbauer haben keinen Plan. Sorry, die brauchen dich wirklich draußen.“ Rasch war sie
weg.

Mira fuhr Paul zärtlich über die Wangen. Kerstin hatte das Feld geräumt. Doch Paul drehte das

Gesicht weg, sodass Miras Finger ins Leere glitten.

„Die Jungs warten.“
Er  drückte  ihr  noch  einen  züchtigen  Kuss  auf  die  Wange,  der  wunderbar  zu  dem

Freundschaftsbändchen  passte,  das  Mira  jetzt  an  seinem  Handgelenk  sah.  Die  Jungs,  klar.  Für
Mira sah das eher danach aus, als ob da eine Frau auf Paul wartete, von der er nicht loskam.

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11. KAPITEL

Heavens, dass diese Deutschen nie pünktlich sein konnten. Terry McGilles lief vor dem mobilen
Schminktisch  auf  und  ab.  Nicht  einmal  Espresso  gab  es  hier,  sie  hatte  mit  einem  dünnen
Filterkaffee vorliebnehmen müssen. Für die Aufnahmen der Gesellschafterversammlung hatte das
Sophienbad  extra  den  Konferenzraum  von  RTL  im  Nachbarstudio  angemietet.  Nach  und  nach
trudelten die Statisten ein, alles Männer, die in graue Anzüge gesteckt worden waren. Wenn man
nicht gerade durch die getönten Fenster schaute, konnte man wirklich das Gefühl bekommen, als
säße  man  auf  einer  Aktionärssitzung.  Terry  wartete  schon  seit  einer  Viertelstunde  auf  Svenja
Angerholt,  denn  heute  mussten  alle  Szenen,  die  in  der  Serie  bei  der  Versammlung  spielten,  im
Konferenzraum abgedreht werden. Vivi hatte den Drehbeginn auf sieben Uhr gesetzt.

Terry starrte auf die Uhr an der Wand. 7 Uhr 20. Heute sollte ein großer Tag für das Team des

Sophienbads  werden.  Und  es  würde  auch  ein  großer  Tag  für  sie,  denn  endlich  durfte  sie  dem
Blondchen  ein  richtiges  Star-Make-up  verpassen.  Endlich  sollte  Svenja  als  Caren  einmal  nicht
ausgebrannt  und  fertig,  sondern  gesund  und  strahlend  wirken,  denn  laut  Skript  musste  der
Zusammenbruch  der  Konzernchefin  vor  den Aktionären  geheim  gehalten  werden.  Es  war  Terrys
Chance, einmal zu zeigen, was sie als Visagistin draufhatte. Ihrer Meinung nach fehlte es Svenja
einfach  an  der  erotischen Ausstrahlung,  die  eine  Powerfrau  wie  Caren  unbedingt  haben  musste.
Terry erwischte sich immer wieder, wie sie Svenjas Text vor sich hinsprach – was hätte sie nicht
aus dieser Rolle alles herausgeholt.

Svenja dagegen, fand Terry, überspielte ihren mangelnden Sex-Appeal mit diesen lächerlichen

Hüten.  Zusammen  mit  Mira  hatte  die  Angerholt  sich  strikt  geweigert,  das  vereinbarte  Product-
Placement  durchzuführen.  Caren  würde  zur  Gesellschafterversammlung  keinen  der  persischen
Hüte  tragen.  Svenja  argumentierte,  dass  keine  Geschäftsfrau  eine  so  gewagte  Kreation  zu  einem
Businesstermin  tragen  würde,  Sponsor  hin,  Sponsor  her.  Nach  endlosen  Debatten  hatte  sie  Vivi
schließlich  überzeugt.  Allerdings  war  bis  gestern  Abend  in  Carens  Garderobe  kein  Businesshut
aufgetaucht, der zu dem schwarzen Kostüm passte, das Svenja heute tragen sollte. Terry zerknüllte
wütend  den  leeren  Kaffeebecher.  Wahrscheinlich  bastelte  Mira  noch  an  irgendeiner
durchgeknallten Hutkreation, während ihr die Zeit für das perfekte Make-up davonlief.

Zwei  Stunden  später  saß  Svenja  fertig  geschminkt  vor  dem  provisorischen  Make-up-Tisch  und
starrte kritisch ihr Spiegelbild an.

„Dass  du  immer  so  Herbstfarben  auflegen  musst,  Terry.  Das  sieht  doch  jeder,  dass  ich  ein

Wintertyp bin.“ Der Star schüttelte die blonden Locken.

„Das ist klassischer Business-Look, Svenja. Du siehst genau richtig aus. Und ein paar Jährchen

musste ich dich schon älter machen, sorry. Das ist deine Rolle. Caren ist ja keine sechsundzwanzig
mehr.“

Svenja  warf  Terry  einen  schneidenden  Blick  zu,  als  würde  sie  die  Gedanken  der  Visagistin

erraten. Aber heute war Terry alles egal: Selbst Blondchen musste zugeben, dass sie nur deshalb
so gut aussah, weil Terry sie perfekt gestylt hatte. Wenn da bloß nicht dieser Hut wäre, den Svenja
mitgebracht  hatte,  als  sie  endlich  –  über  eine  halbe  Stunde  verspätet  –  angerauscht  war.  Ein

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schwarzes  Ding  im  Stil  der  Zwanzigerjahre  mit  einem  seitlichen  Fächer  aus  glänzenden
blauschwarzen Federn. Terry hätte heulen können. Unter dem Hut war Svenjas Gesicht kaum mehr
zu sehen. Und dann war da noch die schmale Reihe kleiner schneeweißer Federn, die sich mit den
warmen  Farben  ihres  Make-ups  bissen.  Sie  schaute  sich  um,  wo  war  der  Hut  denn?  Leon  hatte
schon Zeichen gegeben, die erste Szene begann in fünf Minuten.

„Wo hast du den Hut hingelegt, Svenja?“, fragte sie.
„Ach. Bei meiner Tasche hinten in der provisorischen Garderobe – in der Hutschachtel.“ Svenja

war viel zu sehr mit den Tagesänderungen im Drehbuch beschäftigt, die Leon ihr vor einer halben
Stunde  gereicht  hatte.  Sie  saß  im  Kostüm,  die  Beine  auf  dem  Schminktisch,  und  las  den  neuen
Text langsam Wort für Wort halblaut vom Blatt ab.

Die  Leute  von  RTL  hatten  für  den  heutigen  Drehtag  einen Abstellraum  leer  geräumt,  den  die

Schauspieler zum Aufbewahren ihrer Sachen nutzen konnten. Innerlich schimpfend ging Terry los,
jetzt  war  sie  auch  noch  für  Blondchens  Garderobe  zuständig!  Als  sie  das  Licht  in  dem  langen
Gang anknipste, sah sie eine Gestalt, die am anderen Ende um die Ecke huschte. Ein Mensch in
schwarzen  Jeans  und  einem  türkisfarbenen  T-Shirt.  Während  sie  nachdenklich  zu  der  Kammer
ging,  bemerkte  sie,  dass  die  Tür  nur  angelehnt  war.  Dabei  hatte  Leon  strikte  Anweisungen
gegeben, dass dieser Raum immer verschlossen sein sollte. Terry steckte den Schlüssel wieder ein
und machte das Licht an. Hier drin sah sonst alles so aus, wie sie es vor zwei Stunden verlassen
hatte,  als  Svenja  ihr  den  neuen  Hut  gezeigt  hatte.  Svenjas  brauner  Ledermantel  hing  auf  dem
Bügel, darunter stand ihre Handtasche und die kleine rosa Hutschachtel.

„Er ist weg.“ Noch im Gang hatte Terry die Schachtel geöffnet, aber darin lag nur eine schwarze
Feder.

„Was soll das heißen, er ist weg?“ Svenja warf die Skriptseiten auf den Schminktisch, und ein

paar segelten auf den Boden. „Da steckt doch ein Perverser dahinter, der es auf meine Garderobe
abgesehen hat. Erst der Mantel, jetzt mein Hut!“

„Der Hut passt sowieso nicht zu dem orientalischen Mantel“, murmelte Terry, und Svenja warf

ihr  einen  bitterbösen  Blick  zu.  Terry  konnte  sich  ein  Lächeln  kaum  verkneifen.  Die  Angerholt
würde ohne Hut vor die Kamera gehen – und ihr Make-up würde voll zur Geltung kommen.

„Der Abstellraum war offen, als ich hineingehen wollte.“ Terry stellte die leere Schachtel unter

den Schminktisch. Leon hatte offensichtlich mitgekriegt, dass etwas nicht stimmte, und kam mit
großen  Schritten  auf  sie  zu.  Vivi  erfasste  die  Lage  mit  einem  Blick  und  erhob  sich  von  ihrem
orangefarbenen Klappstuhl. Sekunden später sah sich Terry einem eingehenden Verhör ausgesetzt.

Während  Leon  und  Vivi  lautstark  miteinander  diskutierten,  wer  alles  einen  Schlüssel  zu  der

Kammer  hatte,  bemerkte  Terry,  dass  Svenja  telefonierte.  Bestimmt  rief  sie  Mira  an,  aber  schon
nach ein paar Sekunden steckte sie das Handy mit einem Seufzer wieder ein.

„Ich kriege nur den AB. Mist, Mira ist nicht da. Ich hatte so gehofft, dass sie vielleicht noch ein

anderes Modell in Reserve hat.“

Svenja  schien  überrascht  zu  sein,  sie  holte  das  Handy  noch  einmal  heraus  und  versuchte  ein

zweites  Mal,  Mira  zu  erreichen.  „Sie  hat  doch  gesagt,  sie  müsste  noch  einen Auftrag  für  einen
Kunden erledigen. Ich versteh das nicht“, sagte Svenja leise zu sich selbst. In diesem Augenblick
merkte sie wohl, dass Terry ihr zuhörte, und riss sich zusammen. „Okay, dann muss es eben ohne

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Hut  gehen.“  Sie  setzte  ihr  Profi-Schauspieler-Lächeln  auf  und  marschierte  vor  die  Kameras,  die
zwischen den Stuhlreihen mit den Statisten platziert waren.

Während sie Svenja nachschaute und sich freute, wie elegant diese als Caren mit ihrem Make-

up  nun  ganz  ohne  Hut  vor  die  Aktionäre  trat,  wurde  Terry  plötzlich  klar,  wer  die  Gestalt  im
türkisfarbenen T-Shirt gewesen sein musste, die den Hut aus der Kammer gestohlen hatte.

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12. KAPITEL

Vivi war froh, dass sie am Morgen die bequemsten Schuhe aus dem Kleiderschrank gezogen hatte.
Irgendetwas  sagte  ihr,  dass  sie  die  heute  brauchen  würde.  Sie  hatte  ja  schon  einiges  beim
Fernsehen  erlebt,  aber  bei  dieser  Diebstahlserie  halfen  ihr  weder  Routine  noch  Erfahrung.  Sie
würde  jetzt  ihre  Bürotür  aufschließen  wie  jeden  Morgen,  das  kleine  Schild  „Sie  wollen  wirklich
stören?“ mit dem aufgemalten Bömbchen an die Klinke hängen und einfach mal eine halbe Stunde
in Ruhe über alles nachdenken. Zielstrebig ging sie durch die automatische Tür von der Halle zum
Bürotrakt.

„Du gehst nicht zu ihr.“
Vivi blieb vor der Ecke, an der der Gang zu den Garderoben abzweigte, stehen. Das war doch

Svenjas  Stimme,  so  aufgeregt  hatte  sie  die  ja  noch  nie  erlebt.  Sie  strich  sich  die  Locken  vom
rechten Ohr.

„Doch. Leon und Vivi müssen erfahren, was ich gesehen habe. Lass mich los!“
Terrys  irischer  Akzent  war  unverkennbar.  Vivi  schoss  um  die  Ecke.  Svenja  hielt  die

Maskenbildnerin  mit  beiden  Armen  fest,  allerdings  hatte  die  sich  schon  halb  ihrem  Griff
entwunden.

„Was sollen Leon und ich erfahren?“
Svenja schrie vor Schreck auf und ließ Terry los. Die taumelte gegen die Wand. Svenja blickte

kurz  zu  ihrer  offenen  Garderobentür,  blieb  aber  stehen.  Terry  zog  sich  das  Sweatshirt  mit  dem
dunkelgrünen Enya – Aufdruck zurecht. Dann strich sie sich die wirren Haare aus dem Gesicht.

„Es  war  Mira.  Ich  hab  sie  gestern  drüben  nach  dem  Diebstahl  im  Gang  gesehen.  Ich  bin  ganz

sicher.  Ich  wollte  es  erst  nicht  sagen,  weil  ich  es  erst  nicht  glauben  konnte.  Aber  dann  ist  mir
eingefallen, dass Mira genau so ein türkisfarbenes T-Shirt hat. Sie muss es gewesen sein.“

Vivi war so überrascht, dass sie nur ein lahmes „Ach“ ausstoßen konnte. Dann spürte sie eine

Wutwelle  in  sich  aufsteigen.  „Warum  sagst  du  das  erst  jetzt,  Terry?  Ich  hab  mit  Leon  gestern
Abend die gesamten Räume auf den Kopf gestellt.“

Die Finger der Irin verhakten sich vor ihrem Enya – Sweatshirt. „Ich … ich war den ganzen Tag

so mit der Maske beschäftigt, da konnte ich gar nicht richtig nachdenken. Erst gestern Abend ist
es mir wieder in den Sinn gekommen.“

„Das ist so ein Quatsch!“ Allein durch ihre Stimme erreichte Svenja, dass sie größer wirkte als

Terry, die sich ängstlich gegen die Wand drückte. „Mira würde nie, nie, nie einen Hut stehlen, den
sie für mich gemacht hat. Total idiotisch. Sie ist meine beste Freundin.“

Vivi stellte sich vorsichtshalber zwischen die beiden. Ihr Star war kurz davor auszuflippen. Da

hörte  sie  die  automatische  Tür.  Leon  bog  um  die  Ecke  und  hatte  Kerstin  im  Schlepptau.  Die
beiden wunderten sich offensichtlich über den Auflauf, Leon warf ihr einen fragenden Blick zu.

Vivi riss sich zusammen. Sie war hier die Vertretung des Senders. „Guten Morgen. Gut, dass ihr

schon kommt. Terry behauptet, dass Mira gestern den Hut gestohlen hat.“ Vivi hob die Hand, und
Svenja, die schon etwas sagen wollte, machte den Mund wieder zu.

„Aber Mira war gestern gar nicht am Set.“ Leon blickte skeptisch von Svenja zu Terry. Kerstin

blinzelte verschlafen, sie hielt einen Kaffeebecher in der Hand.

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„Doch, ich habe sie gesehen.“ Terry kniff die Lippen zusammen.
„Du lügst.“ Svenjas ausgebildete Stimme hallte im Gang wider.
„Es war Mira. Sie muss heimlich auf das Gelände gekommen sein. In ihrem Hutgeschäft war sie

nämlich nicht.“ Terry taxierte Svenja von der Seite. „Oder, Svenja? Du hast sie nicht erreicht, als
du dort angerufen hast. Und auf Handy hast du sie auch nicht gekriegt. Stimmt doch, oder?“

Vivi tauschte einen besorgten Blick mit Leon. „Stimmt das, Svenja?“, fragte sie.
„Ich hab Mira nicht erreicht. Aber das heißt schließlich gar nichts. Vielleicht war sie bei ihrer

Nachbarin.  Oder  frühstücken.  Sie  hat  nämlich  noch  die  ganze  Nacht  an  dem  Hut  gearbeitet.  Da
wäre sie doch völlig blöd, wenn sie den sofort danach klaut.“

„Wenn  Mira  wirklich  da  war,  dann  ist  sie  am  Pförtner  vorbei.  Ich  geh  zum  Eingang  und  frag

nach.“

Leon  wollte  sich  schon  umdrehen,  als  Kerstin  leise  sagte:  „Den  Pförtner  hat  Mira  doch  auch

schon um den Finger gewickelt.“

„Was?“,  riefen  Vivi  und  Leon  gleichzeitig,  während  die  Schauspielerin  mit  blitzenden Augen

auf die Redakteurin zuging. „Du bist doch wirklich das Letz…“ Sie kam nicht weiter, weil Leon
sie an den Schultern packte und zurückhielt.

Paul  parkte  die  DS  und  rannte  über  den  Studioparkplatz,  der  leer  im  Morgenlicht  lag.  Wenn  er
Glück hatte, war noch niemand da, und er kam unbemerkt in den Technikraum.

Doch  schon  am  Hintereingang  begegnete  ihm  die  Kantinenköchin,  die  volle  Müllsäcke  im

Container von RTL entsorgte.

„So früh schon auf?“, rief sie ihm zu und stopfte ohne mit der Wimper zu zucken die Säcke in

die überquellenden Container der Konkurrenz.

Paul bemühte sich, so zu tun, als gäbe es tausend gute Gründe, warum er schon um halb sieben

auf dem Gelände war. „Muss vor dem Dreh noch was checken“, sagte er und wollte weitergehen.

Die Köchin nickte. „Die Gesellschaftsversammlung, nicht? Ich hab gehört, es ist schon wieder

was verschwunden. Selbst bei RTL geht also die Klauitis um.“

Für  einen  Moment  kam  es  Paul  so  vor,  als  würde  sie  ihm  verschwörerisch  zuzwinkern.  Nein,

niemand  konnte  ahnen,  dass  ausgerechnet  er  etwas  mit  dem  verschwundenen  Hut  zu  tun  hatte.
„Ein Verrückter am Set. Es nervt“, brummte er.

„Die Filmleute spinnen doch alle.“ Da, die Köchin zwinkerte ihm schon wieder zu.
Sie wusste etwas! Paul verlangsamte seine Schritte, dann blieb er neben den Containern stehen.

Er musste irgendwie herauskriegen, was die Köchin mitbekommen hatte. Nur blieb sein Blick auf
den Flecken auf ihrem weißen Kochschurz haften, er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.

Da  kam  die  Köchin  schon  auf  ihn  zu  und  puffte  ihn  mit  dem  Ellenbogen  in  die  Seite.  „Bleibt

unser  kleines  Geheimnis,  das  mit  dem  Müll,  ja?“  Sie  grinste  ihn  an,  und  Paul  hätte  vor
Erleichterung fast einen Luftsprung gemacht.

„Klar. Ich hab nichts gesehen. Blind wie ein Ochsenfrosch.“
Die Köchin ging kichernd über die Straße zurück zu den Produktionsgebäuden der Öffentlichen,

wo die Kantine untergebracht war.

Paul  holte  tief  Luft,  bevor  er  die  schwere  Metalltür  mit  dem  kantigen  Universalschlüssel

öffnete,  den  er  sich  von  seinem  Beleuchterkumpel  von  RTL  ausgeliehen  hatte.  Der  Gang  war

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menschenleer,  eine  dumpfe  Stille  umfing  ihn.  Den  ganzen  Weg  zum  Technikraum  pfiff  er  eine
leise  Melodie,  um  sich  zu  beruhigen. Auch  hier  war  noch  niemand.  Paul  schloss  die  Tür  hinter
sich und drehte den Universalschlüssel zweimal im Schloss um. Er wollte auf keinen Fall gestört
werden.

Mit  schnellen  Schritten  trat  er  zu  den  ausrangierten  Lautsprecherboxen,  hinter  denen  er  den

schwarzen  Hut  mit  den  Federn  versteckt  hatte.  Es  war  kein  gutes  Versteck,  aber  er  hatte  die
zierliche  Kreation  nicht  dadurch  beschädigen  wollen,  dass  er  sie  schnell  in  eine  der  zerbeulten
Filmdosen stopfte, die überall auf den rostigen Regalen lagen. Ein paar der weißen Federn hatten
sich leider schon gelöst.

Sorgsam legte Paul den Hut in die breite Sporttasche, die er extra dafür mitgebracht hatte. Seit

gestern  Morgen  malte  er  sich  aus,  wie  er  Mira  in  einigen  Jahren,  wenn  sich  niemand  mehr  an
Sophienbad erinnerte, den Hutdiebstahl beichten würde. Sie würde ihn verstehen. Nicht jetzt, aber
irgendwann, wenn das hier alles vorbei war.

Von Kerstin hatte Paul erfahren, dass der Verdacht gegen Mira noch lange nicht vom Tisch war.

Vivi  hatte  sie  nur  wieder  eingestellt,  weil  sie  ihre  Hüte  brauchten.  Und  Leon  sollte  ein  scharfes
Auge auf sie haben. Aber Mira war nicht die Diebin, dafür würde Paul seine Hand ins Feuer legen.
Wie  sie  sich  angefühlt  hatte,  als  sie  sich  in  der  arabischen  Sauna  geküsst  hatten!  Zärtlich  und
trotzdem fordernd. Seither konnte er kaum mehr an etwas anderes denken.

Gestern war Mira nicht im Studio gewesen, und trotzdem war eine Requisite gestohlen worden,

noch dazu ihre eigene Hutkreation. Nun konnten Vivi und Leon sie nicht mehr verdächtigen. Paul
hatte  einen  eindeutigen  Beweis  ihrer  Unschuld  geliefert.  Er  strich  zärtlich  über  die  schwarzen
Federn, die so weich waren wie Miras dunkle Locken.

Paul  packte  den  Hut  in  die  Tasche  und  drehte  leise  den  Schlüssel.  Vorsichtig  zog  er  die  Tür

einen  kleinen  Spalt  weit  auf  und  schaute  in  den  Gang.  Da  war  niemand.  Er  trat  hinaus,  schloss
wieder ab und machte sich so schnell er konnte auf den Weg hinüber zum Sophienbad – Set.

Die  ganze  Nacht  hatte  er  sich  den  Kopf  zerbrochen,  wo  er  den  Hut  sicher  verstecken  könnte.

Morgens  um  fünf  war  ihm  schließlich  die  verstaubte  Kulissenwand  eingefallen,  die  seit  Jahren
hinter  ausrangierten  Scheinwerfern  und  schweren  Kabeltrommeln  im  Beleuchterraum  stand.
Niemand wusste, wie die Wand da hingekommen war, und niemand hatte je danach gefragt. Das
Besondere  an  der  Wand  war  der  kleine  Tresor,  der  hinter  einem  Bild  des  Wörlitzer  Parks
verborgen war. Er hatte ziemlich genau die Größe von Miras Hut – es war das perfekte Versteck.

Paul pfiff lauter. Das mulmige Gefühl, das ihn die ganze Nacht nicht hatte schlafen lassen, wich

allmählich  dieser  Mischung  aus  Aufregung  und  Vorfreude,  die  ihn  jeden  Morgen  erfasste,  seit
Mira zum Sophienbad gekommen war. Heute war sie sicher wieder da. Und vielleicht schafften sie
es  ja,  einmal  pünktlich  den  Drehplan  einzuhalten.  Dann  konnte  er  heute  Abend  in  die
Kastanienallee fahren und Mira in ihrem Atelier besuchen.

Abrupt hörte Paul auf zu pfeifen. Im Gang zu den Garderoben waren laute Stimmen zu hören.

Das  waren  doch  Vivi  und  Terry.  Im  nächsten  Moment  hörte  er  auch  Kerstins  Stimme.  „Den
Pförtner hat Mira doch auch schon um den Finger gewickelt.“

Paul beschleunigte seine Schritte. Irgendetwas an seinem Plan war schiefgegangen.

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„Ihr reißt euch jetzt alle zusammen!“, brüllte Vivi und hob die Hände. Da bemerkte sie Paul, der
blass wie ein Leintuch an der Ecke stand. Was war denn mit dem los? Oh Gott, hoffentlich nichts
mit dem Licht! Aber erst einmal musste sie hier die Gemüter wieder beruhigen. „Okay, Kerstin,
warum glaubst du, dass Mira ihren eigenen Hut gestohlen hat?“

Kerstin zählte an ihren Fingern ab. „Erstens ist es ein Hut für eine Büroszene, zweitens hast du

ihr den Vertrag nur für die orientalische Staffel verlängert. Drittens will sie vielleicht erreichen,
dass du nicht vergisst, dass du sie auch dann noch als Svenjas Modistin brauchst, wenn Caren in
Staffel zwei wieder im Büro sitzt.“

Svenja fixierte Kerstin mit einem eisigen Blick. „Was hat dir Mira eigentlich getan, dass du sie

so in den Dreck ziehst? Wenn du je gesehen hättest, wie liebevoll Mira ihre Hüte kreiert, mit wie
viel Feuer sie dahintersteht, würdest du keinen solchen Schwachsinn verbraten.“ Ihre Hände hatten
sich zu Fäusten geballt.

Kerstin wurde rot. „Ich … ich bin nur logisch. Ich hab gar nichts gegen Mira. Und wir sollten

jetzt anfangen …“ Ihre Stimme verebbte, als Paul sich neben sie stellte. Der Beleuchter sagte kein
Wort, nicht mal ein Guten Morgen.

Vivi spürte Leons Hand an ihrem Ellenbogen, und sie drehte sich zu ihm um. Svenja hatte recht.

Sie hatte selbst gesehen, mit welcher Leidenschaft Mira diesen rosa Traum von Flamingofedern-
Hut für sie entworfen hatte. Die Kleine lebte für ihre Hüte.

Leon sagte: „Ich kläre das mit dem Pförtner. Und ihr …“, sein Blick schweifte von Svenja und

Terry zu Kerstin und Paul, „… geht jetzt an die Arbeit.“

„Ich  glaube  nicht,  dass  ich  mich  heute  von  Terry  schminken  lasse.“  Svenja  wandte  sich  in

Richtung ihrer Garderobe.

Vivi  hätte  den  Dieb  am  liebsten  erwürgt,  wer  immer  es  war.  Aber  das  Sophienbad  musste

produziert werden, sie hinkten immer noch dem Drehplan hinterher. Na gut, wenn sie wieder mal
den Holzhammer brauchten. „Svenja, von mir aus kannst du dich von Madonna oder vom Heiligen
Geist schminken lassen. Aber ich erwarte dich in perfekter Maske in zwanzig Minuten am Set. Du
möchtest doch sicher nicht für eine Drehverzögerung verantwortlich sein?“

Terrys  Grinsen  war  unübersehbar,  als  Svenja  wortlos  die  Garderobentür  hinter  sich  zuknallte.

Vivi drehte sich zu der Irin. „Und wenn sich rausstellt, dass Mira gestern nicht auf dem Gelände
war, dann erwarte ich von dir eine offizielle Entschuldigung. Und sieh zu, dass Svenja sich von dir
schminken lässt, ist mir egal, wie. Das ist verdammt noch mal dein Job hier, Terry.“

Die  Maskenbildnerin  öffnete  den  Mund,  klappte  ihn  dann  aber  wieder  zu.  Vivi  schaute  in  die

Runde. „Hat noch jemand was auf dem Herzen?“ Sie blickte zu Paul, der auf seine Schuhe starrte.
Niemand sagte ein Wort. Gut so.

Vivi ließ Leon den Vortritt zu ihrem Büro, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Leon stand vor
dem Stapel Skriptfassungen auf dem Ablagetisch beim Fenster.

„Wie oft wir wohl noch Szenen ändern müssen, weil irgendwas fehlt“, seufzte sie.
Er drehte sich zu ihr. „Die übernächste Folge heißt ‚Der Heilige im Sophienbad‘. Aber ich muss

dich enttäuschen, Vivi. Es wird in dieser Serie kein Wunder geschehen.“

Es war eine von Leons typischen ironischen Bemerkungen, die sie so an ihm mochte, aber seine

Stimme klang überhaupt nicht witzig.

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Vivi ließ sich auf ihren Chefsessel fallen. „Glaubst du, was Terry sagt?“
„Wahrscheinlich hat sie wirklich den Dieb gesehen, aber Mira war es bestimmt nicht.“
„Wieso  bist  du  so  sicher?“  Sie  kannte  den  begnadeten  Requisiteur  lange  genug  und  wusste

genau,  dass  Leon  nie  etwas  mit  einer  solchen  Entschiedenheit  behaupten  würde,  wenn  er  nicht
hundertprozentige Beweise dafür hatte.

„Weil ich gestern Nachmittag mit ihr telefoniert habe“, sagte er.
„Sie könnte das Gespräch von ihrem Atelier aufs Handy umgeleitet haben.“
Leon setzte sich auf die Schreibtischkante. „Lass dich nicht von der Hysterie am Set anstecken.

Ich hab Mira wegen der Dekostoffe für den neuen Wellness-Bereich nach Hamburg geschickt. Wir
brauchen die Stoffe quasi heute, und sie kennt sich aus. Ich hab ihr gesagt, sie soll anrufen, wenn
es um den Preisnachlass geht. Mit Petersen hab ich am Telefon verhandelt, er hat uns die üblichen
dreißig Prozent gegeben. Sein Fax mit der Bestätigung der Bestellung ist auch gleich gekommen.
Willst du es sehen?“

Vivi winkte ab. „Leg es einfach Kerstin auf den Schreibtisch. Also hat Mira nie gestohlen?“
Leon  schüttelte  den  Kopf.  „Ich  habe  sie  die  ganze  Zeit  im Auge  behalten.  Sie  treibt  sich  im

Team  herum,  redet  mit  allen.  Neulich  hat  sie  in  meinem  Büro  angeblich  nach Aspirin  gesucht.
Eine Weile lang hab ich fast geglaubt, sie ist es doch. Aber jetzt haben wir den Beweis.“

Vivi seufzte und legte die Arme vor sich auf die Schreibtischfläche. „Nur wer, verdammt, steckt

dann dahinter?“

„Erst  dachte  ich,  jemand  von  der Ausstattung,  der  Mira  nicht  leiden  kann.  Nicht  jeder  findet

ihre Hüte so toll – oder den ganzen orientalischen Goldrausch da draußen.“ Leon deutete über die
Schulter zum Studio.

Vivi griff zu ihrem Radiergummi. „Du meinst, Terry oder Kerstin schwärzen sie an? Die beiden

scheinen ja nicht gerade Freundinnen von Mira zu sein.“

Leon sagte nichts, sondern starrte weiter aus dem Fenster.
„Die beiden also auch nicht. Warum nicht?“
„Es  gibt  kein  Motiv,  die  Diebstähle  sind  zu  systematisch.  Es  könnte  praktisch  jeder  gewesen

sein, der am Sophienbad beteiligt ist.“

„Kommt  jetzt  wieder  eine  Tabelle  mit  grünen  Kreuzchen,  die  hinterher  doch  nicht  so  ernst

gemeint sind?“ Die Spitze konnte Vivi sich nicht verkneifen.

Leon drehte sich um und grinste schwach. „Nein. Ich meine etwas anderes. Wir rennen immer

hier  rum  und  suchen  nach  Requisiten,  die  nie  wieder  auftauchen.  Aber  es  werden  ja  nicht
irgendwelche Sachen gestohlen. Da geht jemand nach einem exakten Plan vor.“

Vivi  warf  den  Radiergummi  auf  den  Schreibtisch.  „Du  könntest  recht  haben.  Also  doch  die

Konkurrenz, die uns den Erfolg nicht gönnt und einen kleinen Praktikanten bestochen hat?“

Leon  zuckte  mit  den  Schultern.  „Klingt  mir  irgendwie  zu  paranoid.  Die  Diebstähle  sind  zwar

ärgerlich, aber keine erfolgreiche Sabotage. Wir drehen ja weiter. Das ergibt alles keinen Sinn.“

„Du  sagst  es.“  Vivi  richtete  sich  auf.  „Trotzdem  kostet  der  Dieb  uns  wertvolle  Drehzeit  und

Geld.  Halten  wir  also  Augen  und  Ohren  offen.  Suchen  wir  nach  Anhaltspunkten.  Wofür  auch
immer.“ Sie stand auf. „Und jetzt an die Arbeit.“

Sie  öffnete  die  Tür.  „Manchmal  würde  ich  diesen  ganzen  Zirkus  am  liebsten  in  die  Luft

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sprengen.“

„Wart  ein  paar  Wochen  mit  dem  Dynamitlegen,  Vivi.  Wir  brauchen  das  Studio  noch  für  die

nächste Staffel Sophienbad mit Svenja Angerholt und Felix Scholl.“ Leon lächelte und drehte sich
um. „Bis gleich.“

Vivi  sah  ihm  nach,  wie  er  mit  federndem  Schritt  den  Gang  entlangschritt.  Wenigstens  konnte

sie sich auf Leon verlassen.

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13. KAPITEL

Mira stand auf der Leiter im Atelier und begutachtete die Verpackungen im Regal. Keine passte so
richtig  für  die Roadrunner-Kappe.  Die  Kappe  aus  dunkelbraunem  Glacé-Leder  mit  den
angesetzten  Passen  und  dem  Kinnband  aus  Ziegenleder  gehörte  einfach  nicht  in  eine  silberne
Pappschachtel. Für Paul brauchte sie etwas Besonderes. Paul war etwas Besonderes. Ein Mann, der
so  küssen  konnte  …  Mira  stieg  die  Leiter  lieber  hinab,  sie  war  so  neben  der  Spur,  sie  verlor
vielleicht noch das Gleichgewicht.

Vorhin hatte sie das Schild mit der Aufschrift „Sorry, we‘re closed“ in die Tür gehängt. Heute

kam sowieso kein Kunde mehr. Aus unerfindlichen Gründen war Dienstag immer der Tag, an dem
am wenigsten los war.

Mira  setzte  sich  an  den  Arbeitstisch.  Aber  irgendwie  hatte  sie  keine  Lust,  an  dem  weißen

Turban aus gedrehten Stoffbändern mit Kunstperlen zu arbeiten, ein neues Design, das ihr heute
Mittag im Café über einem Stück Kirschtorte eingefallen war.

Es klopfte vorne an der Ateliertür. Mira sprang auf und ging durch den Laden. Paul!
„Hallo, Mira. Ich konnte nicht früher weg.“
„Komm rein.“ Ihr Herz hüpfte, doch Paul stand irgendwie zu aufrecht vor ihr, als dass sie ihm

hätte einen Begrüßungskuss geben können. Er sah sie an. Einfach so, mit seinen grauen Augen und
diesem scheuen Lächeln.

Mira musste etwas tun, irgendwas, sonst würde sie Paul das Shirt vom Oberkörper reißen. „Ich

habe im Laden alles dicht gemacht. Und deine Kappe ist fertig. Willst du sie sehen?“

Er kniff ein Auge zusammen. „Klar.“
Mira griff nach Pauls Hand, und sie spürte gleich den kräftigen Gegendruck, als sie ihn hinter

den  Vorhang  zu  ihrem  Arbeitstisch  zog.  Dort  gab  eine  Röhre  hinter  dem  Garnregal  weiches,
indirektes Licht. „Voilà.“ Sie deutete auf die runde Halterung, auf der die Kappe ruhte.

Paul beugte sich vor, seine Jeans saß wie eine zweite Haut auf seinem Po. Mira sah ihm zu, wie

er die Kappe von ganz nahe betrachtete. Er hätte mit der Zungenspitze das Leder berühren können.

„Sie ist toll. Genau so etwas wollte ich. Eigentlich ist sie noch viel toller, als ich mir das hätte

vorstellen  können.  Sie  erinnert  an  die  Zwanzigerjahre  und  trotzdem  ist  sie  total  cool.  Oder
vielleicht gerade deshalb. Darf ich sie aufsetzen?“

Mira  war  von  Pauls  Wortschwall  völlig  überrascht.  „A…  aber  klar,  sicher  …  Sie  gehört  dir

doch.“

Pauls  graue Augen  glitzerten  wie  Kiesel  in  einem  Bach.  „Setz  du  mir  dein  Meisterwerk  bitte

auf. Das kannst du besser.“

Mira nahm die weiche Lederkappe vom Halter und trat vor Paul. Er schloss die Augen wie ein

Kind, dem man die Haare wäscht, als sie die Kappe über seinen Kopf streifte. Dann strich sie die
runde Form glatt, drehte sie ein wenig nach links. Ihre Finger berührten seine Ohren. Als sie den
Kinnriemen  festmachte,  spürte  sie  die  Stoppeln  an  seinem  Kinn.  Vorsichtig  drückte  sie  den
Metallknopf fest. „So! Der Spiegel ist hinter dir.“

Die  Lederkappe  saß  wie  angegossen  und  unterstrich  perfekt  Pauls  schmale  Kopfform.  Er  sah

wirklich wie ein Held der Landstraße aus. Doch er drehte sich nicht zum Spiegel, sondern legte ihr

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die  Arme  um  die  Taille.  Er  hob  sie  einfach  hoch.  Dann  erst  blickte  er  in  den  Spiegel.  Oder
eigentlich schauten sie beide in den Spiegel. Wie auf einem alten Foto sahen sie aus. Mira hatte
ihren Rock mit den Rüschen an, die über Pauls Arm fielen. Ganz kurz lehnte sie sich an ihn.

Wow. Die ist echt cool.“ Er setzte sie sanft auf dem Arbeitstisch ab.
„Danke.“ Im nächsten Moment spürte sie seine Hände auf ihrem Rücken, er drückte sie an sich.

Ihre Lippen berührten sich, ganz sanft küsste er sie. Mira vergaß die Stoffreste und das Lineal, auf
dem sie saß.

Sie  spürte  seine  heiße  Haut  mit  den  Bartstoppeln  und  das  kühle  Glacé-Leder  der  Kappe  auf

ihren  Wangen.  Er  hatte  sie  so  fest  umschlungen,  dass  sie  kaum  atmen  konnte. Aber  atmen  war
nicht wichtig, solange sie nur Paul überall berühren konnte.

Er gab sie kurz frei und blinzelte.
„Komm.“  Sie  drückte  ihn  sanft  weg.  Diesmal  nahm  er  ihre  Hand  von  selbst.  Sie  zog  ihn  zur

Kammer, wo die Filzbahnen für die Winterkollektion lagen. „Komm.“

Ihre Hände fanden den Weg unter sein Sweatshirt, seine Haut erregte sie, alles, was sie anfasste,

war  fest  und  doch  weich.  Mit  den  Fingerspitzen  strich  er  so  zärtlich  über  ihre  Brust,  dass  sie
aufstöhnte.  Mira  packte  Paul  an  den  Armen,  die  Härchen  darauf  knisterten,  als  wären  sie
elektrisch aufgeladen. Er schob die Kleider von ihrem Körper wie Licht, das er abschaltete. Wie
konnte  ein  Mann  nur  so  leicht  Ösen  und  Haken  lösen?  Beinahe  wäre  sie  an  den  Knöpfen  seiner
Jeans gescheitert, aber er führte ihre Finger so geschickt, dass die Hose wie von selbst zu Boden
glitt.  Hartes  Begehren  reckte  sich  ihr  entgegen.  Pauls  warme  Hände  schienen  sie  überall  zu
erkunden und zu liebkosen. Ihre Lippen fanden seinen Mund, und sie küssten sich heftig. Minuten
später lag Mira auf Paul, unter ihr der staubige Boden der Kammer, über ihr eine Bahn der teuren
blauen  Cantonseide,  die  sich  irgendwie  über  sie  gelegt  hatte.  Pauls  sehniger  Körper  fühlte  sich
göttlich an. Sie konnte ihn zwischen ihren Beinen spüren und drückte sich fester an seine Brust.

„Wie  kommen  wir  denn  hierher?“,  fragte  Paul  leise  und  strich  ihr  sanft  eine  Locke  aus  dem

Gesicht.

„Ich  weiß  nicht“,  sagte  Mira.  Im  Dämmerlicht  konnte  sie  seine  Gesichtszüge  kaum  erkennen.

Dafür sah sie, dass er immer noch die Kappe auf dem Kopf hatte.

„Ich glaube, die brauchst du nicht mehr“, grinste sie.
Paul fuhr sich mit der Hand an den Kopf. „Habe ich die etwa die ganze Zeit angehabt?“
Mira zog am Knopf des Kinnbandes und löste die Kappe von Pauls Schopf. „Da siehst du mal,

wie bequem so eine Roadrunner – Kappe sein kann“, flüsterte sie.

„Wie geschaffen für eine Spritztour mit meiner Göttin.“ Paul küsste Mira auf die Nasenspitze,

dann ließ er langsam die Hände über ihre Seiten gleiten und packte sie um die Taille. Ganz sanft
schob er sie beide wieder auf die weichen Filzmatten und legte sich auf sie. Er küsste ihre Brüste,
ihren Hals, seine Hüften bewegten sich in einem fordernden Rhythmus. Sie spürte sein Gewicht, er
war schwerer, als sie erwartet hatte. Wie gut er sich anfühlte! Sie bekam kaum noch Luft, doch es
war wunderbar, ihm so nah zu sein. Paul stöhnte laut, und Mira hatte noch nie einen erregenderen
Laut gehört. Sie bäumte sich ihm entgegen, drängte sich an ihn.

„Paul“,  flüsterte  sie,  „ich  will  dich  …“  Da  hörte  sie  Pauls  dunkle  Stimme  an  ihrem  Ohr:  „…

will dich so sehr, Mira, so sehr.“

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Sie  liebten  sich,  bis  sie  schweißgebadet  auf  den  Filzmatten  einschliefen.  Die Roadrunner  –

Kappe war unterdessen neben eine braun-gold gestreifte Hutschachtel gerutscht, die perfekt zu ihr
passte.

Paul  sang  tatsächlich  unter  der  Dusche.  Durch  die  geschlossene  Badezimmertür  konnte  Mira
Melodiefetzen hören. Sie grinste und sammelte in der Kammer die Klamotten auf, die sie vorhin
so rasant schnell abgelegt hatten. Nun sortierte sie ihre aus und legte Pauls ordentlich zusammen.
Als sie die Hose aufhob, fiel ein flaumiges, dunkles Etwas von dem schwarzen Leder.

Was war denn das? Mira griff das winzige Ding und hielt es gegen das Licht. Sie erkannte die

Fiederung  sofort.  Das  war  eine  der  blauschwarz  gefärbten  Fasanenfedern,  die  sie  in  dem  Hut
verarbeitet hatte, der am Set verschwunden war. Sie hatte Svenja noch von Hamburg aus anrufen
wollen,  als  sie  ihre  aufgeregten  Anrufe  auf  der  Mailbox  gehört  hatte,  aber  immer  war  etwas
dazwischengekommen.  Die  riesige  Stoffhandlung,  Herr  Petersen,  der  Hamburger  Kaufmann,  der
sie  noch  ausgeführt  hatte,  Svenjas  anscheinend  superstressiger  Drehplan  heute  und  dann  Paul.
Paul. Mira lächelte, dabei fiel ihr die Feder aus den Fingern. Mit einem Mal zog sich ihr Magen
zusammen. Aber … dann war ja Paul der Dieb!

Das Singen im Bad hatte aufgehört, das Wasserrauschen auch.
„Na?“
Mira  fuhr  herum.  Paul  rubbelte  sich  die  Haare  trocken,  Wassertropfen  rannen  über  seinen

nackten Oberkörper. Doch Mira hatte keinen Blick mehr dafür. Wütend trat sie einen Schritt auf
ihn zu. „Du hast den schwarzen Federhut verschwinden lassen, nicht wahr?“

Ganz langsam ließ Paul die Arme sinken, und sein Gesicht tauchte unter dem weißen Handtuch

auf.  Doch  er  schaute  sie  nicht  an.  Er  band  sich  das  Frotteetuch  um  die  Hüften  und  ging  einen
Schritt auf sie zu. Mira wich vor ihm zurück.

„Mira … ich“, stammelte Paul, „ich wollte nur den Verdacht ablenken.“
Paul hätte sie mit den Fingerspitzen seiner ausgestreckten Hand berühren können, aber noch nie

hatte  sie  sich  so  weit  weg  von  ihm  gefühlt.  „Du  meinst,  ich  hätte  es  nötig,  dass  jemand  den
Verdacht von mir ablenkt?“

Er nickte. Die Wassertropfen bildeten eine kleine Lache an seinen Füßen.
„Das glaub ich jetzt nicht. Du traust mir wirklich zu, dass ich bei Sophienbad  diese  wertlosen

Requisiten klaue?“

„Ich  wollte  nur  …  Du  warst  gestern  nicht  auf  dem  Gelände.  Den  ganzen  Tag  nicht.  Das  wird

alle  überzeugen,  dass  du  nicht  für  die  Diebstähle  verantwortlich  sein  kannst.“  Er  lächelte  und
zuckte mit den Schultern. Mira hielt es nicht mehr aus. So lächelten sie immer. Hinterher.

Mira  deutete  auf  Pauls  Socken  und  seine  Boxershorts.  „Pack  deine  Klamotten.  Du  hast  wohl

gedacht, mit so einer beschissenen Aktion kannst du bei mir alles erreichen.“ Sie war unglaublich
verletzt und wütend. Der sollte sie kennenlernen. „Raus.“

Paul stand stumm vor ihr, er rührte sich nicht.
„Raus!“, sagte Mira noch einmal.
Paul griff sich seine Kleider, er bückte sich und schlüpfte in seine Lederhose. Noch immer sagte

er nichts.

„Du wolltest mich doch nur rumkriegen. Spritztour an den Wannsee, Knutschen in der Sauna,

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hast du dir ja alles toll ausgedacht.“

Paul  hob  ganz  langsam  den  Kopf.  „Was?“  Er  schüttelte  die  feuchten  Haare.  „Mira,  ich  wollte

dir bloß helfen, weil …“

Mira schob ihn durch das Atelier. Paul ging widerstandslos zur Tür.
„Und jetzt raus“, sagte Mira. Sie konnte es nicht mehr ertragen, wie er sie anschwieg. Nicht mal

eine Entschuldigung kriegte er zustande.

Er blickte sie nicht an, wandte nicht den Kopf, als er das Atelier verließ. Mit einem Schlag fiel

die  Ladentür  ins  Schloss.  Das  leise  Gebimmel  der  Glocke  kam  Mira  wie  Hohngelächter  vor.
Unfassbar, dass sie sich so von diesem Typen hatte einwickeln lassen! Wie konnte er sie nur für
eine Diebin halten?

Ratlos  stand  Paul  auf  der  Straße.  Er  rieb  sich  die Augen,  sein  Mund  war  wie  ausgetrocknet.  Er
versuchte,  irgendwie  Luft  zu  kriegen,  sonst  würde  er  hier  mitten  auf  der  Kastanienallee
durchdrehen. Er wusste doch, dass Mira nichts mit den Diebstählen zu tun hatte. Deshalb hatte er
ihr schließlich helfen wollen.

Unter seinen Fußsohlen spürte er den unebenen Belag des Bürgersteigs. Halb nackt stand er hier

nur mit Socken an den Füßen auf der Straße. Rasch zog Paul das Shirt über. Dann fasste er in seine
Hosentasche,  aber  die  war  leer.  Der  Schlüssel  von  der  DS  musste  irgendwo  in  der  Kammer
rausgerutscht sein. Als er mit Mira geschlafen hatte. Mit Mira.

Paul blickte zum Hutatelier. Aber er konnte jetzt nicht klopfen. Mira hatte ihn rausgeworfen. Da

konnte er schlecht zurückkommen und nach Autoschlüsseln fragen.

Gegenüber von dem Hutatelier war eine Straßenbahnhaltestelle, eine Kneipe machte gerade zu.

Paul  ging  los.  Der  Besitzer  starrte  ihn  an,  da  kam  ein  Mann  in  Socken  nachts  über  die
Straßenbahnschienen  gelaufen.  Sollte  er  doch  denken,  was  er  wollte,  Paul  war  es  egal.  In  Berlin
gab es genug Verrückte. Und Mira gehörte definitiv dazu.

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14. KAPITEL

Seit Stunden turnte Mira zwischen den Kulissen von „Speisezimmer Caren“ herum. Gestern früh
waren die Stoffe aus Hamburg gekommen und sofort auf die Wandkulissen gespannt worden. Mira
hätte  gerne  einmal  in  so  einem  Gebäude  wie  dem  echten  Fürst-Albrecht-Pavillon  gewohnt.  Der
Set-Designer  hatte  ihr  die  Skizzen  und  Pläne  gezeigt,  von  denen  er  sich  hatte  inspirieren  lassen,
als von oben der Schnellauftrag kam, das Sophienbad im orientalischen Stil umzubauen.

Eigentlich wäre Mira gerade überall lieber gewesen als hier im Studio. Jedes Mal, wenn sie das

Geräusch der automatischen Tür hörte, zuckte sie zusammen, aus Angst, dass es Paul sein könnte.
Glücklicherweise war er den ganzen Morgen noch nicht aufgetaucht. Mira hatte die ganze Nacht
kein Auge  zugetan  und  war  mit  einer  der  ersten  S-Bahnen  nach  Babelsberg  rausgefahren.  Nach
dem schrecklichen Streit mit Paul hatte sie Svenja angerufen, die sofort runter in den Laden kam
und  sie  einmal  mehr  liebevoll  mit  Averna  tröstete,  sich  aber  auch  keinen  Reim  auf  Pauls
komisches Verhalten machen konnte. Mira verstand diesen Mann einfach nicht. Wie konnte er nur
denken, dass sie diese blöden Requisiten gestohlen hatte?

Sie  fuhr  über  die  Rückenlehnen  der  persischen  Stühle,  Leihgaben  eines  Berliner

Antiquitätenhändlers  an  das Sophienbad.  Das  Holz  fühlte  sich  warm  an,  die  wertvollen
Schnitzereien  in  den  Rückenlehnen  wirkten  so  lebendig.  Der  dunkle  Goldton  des  Stuhlbezugs
erinnerte Mira unweigerlich an Pauls braungebrannte Haut, die in dem schwachen Licht in ihrem
Stofflager wirklich wie Gold geschimmert hatte. Himmel, sie liebte alles an diesem Mann. Seine
Hände, die sie überall berührten, diese dunkelbraunen Haare, die zum Anfassen einluden. Als sie
sich  geliebt  hatten,  war  ihr  Paul  trotz  seiner  Kraft  so  verletzlich  erschienen.  Sie  hatte  ihm  die
ganze Zeit ins Gesicht geschaut, und als er in sie eindrang, hatte er die Augen geöffnet und ihren
Namen geflüstert. Der raue Klang seiner Stimme war alles, was sie dann noch gebraucht hatte.

„Vergiss ihn“, ermahnte sich Mira laut, sodass ihre Stimme überall in der Halle zu hören war.

Selbst wenn Paul wirklich den Hut nur gestohlen hatte, um den Verdacht von ihr abzulenken, dann
war das Ganze wieder so ein Macho-Manöver. Und es gab bloß Stress, wenn ein Mann sich zum
Beschützer  aufspielte.  Sie  hatte  die  ganze  Sache  in  allen  Einzelheiten  mit  Svenja
durchgesprochen. Was hinter Pauls Verhalten stecken konnte, ob es ihm mit Mira ernst war oder
ob er nur eine schnuckelige kleine Hutmacherin ins Bett kriegen wollte, ob …

Na  ja,  seinen  Spaß  hatte  er  jedenfalls  gehabt.  Die  Wut  von  gestern Abend  stieg  wieder  in  ihr

hoch.  Mira  trat  vor  den  bodenlangen  Spiegel,  der  gegenüber  der  blinden  Fensterfront  an  einer
Wand  hing.  Aus  dem  fein  ziselierten  Goldrahmen  blickte  ihr  eine  Frau  mit  wirren  Haaren  und
dunklen  Augenringen  entgegen.  Mira  fuhr  sich  durch  die  Locken.  Erst  mal  brauchte  sie  einen
Kamm. Und dann einen starken Kaffee.

Nur Kerstin saß in der Kantine, als Mira sich frisch frisiert einen doppelten Espresso bestellte. Mit
einer gewissen Befriedigung nahm sie zur Kenntnis, dass die Redakteurin auch nicht gerade frisch
aussah.  Sie  rührte  gedankenverloren  in  ihrem  Latte,  dabei  blickte  sie  immer  wieder  zu  Mira
hinüber. Svenja hatte Mira genau erzählt, was Kerstin alles Fieses über sie gesagt hatte. Der würde
sie  bestimmt  nicht  beim  Kaffeetrinken  Gesellschaft  leisten.  Mira  wollte  gerade  einen  Tisch  am

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entgegengesetzten Ende der Kantine ansteuern, als Kerstin leise ihren Namen rief.

„Kann ich mal mit dir reden?“, fragte sie und war auch schon aufgestanden.
Mira nickte. Na gut, immerhin stand Kerstin noch auf ihrer Miss-Marple-Ermittlungsliste. Und

sie war mit Paul befreundet. Vielleicht konnte Mira aus ihr irgendetwas herauskitzeln, um diesen
Mann zu verstehen.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen“, sagte Kerstin, kaum hatten sie sich gesetzt. „Du hast

es ja sicher schon gehört.“ Sie blickte Mira zum ersten Mal in die Augen, das Kaffeeglas in ihrer
Hand zitterte. Mira nickte stumm.

„Es tut mir wirklich leid. Ich, also …“ Dann holte sie tief Luft. „Weißt du, ich stehe auf Logik.

Sudokus, Krimis, all so was. Logisches Denken macht mir wirklich Spaß.“

„Wie Spock“, meinte Mira.
Kerstin lächelte überrascht. „Genau.“ Sie schwieg, dann fragte sie: „Du guckst auch Star Trek?“
„Manchmal.“
Kerstin hielt sich an dem Glas fest. „Ich mag Mathematik. Und Zahlen. Zahlen verhalten sich

immer  logisch.  Na  ja,  meistens.“  Sie  lachte,  und  Mira  fand,  dass  es  ein  wirklich  nettes  Lachen
war. „Nicht bei dieser Produktion. Hier ist nichts logisch.“ Ihr Gesicht wurde wieder ernst. „Und
das ist das Problem. Ich verrenne mich manchmal. Dann seh ich nur noch Fakten, Fakten, Fakten
und gar nicht mehr die Menschen dahinter. Vor allem, wenn …“, sie hob die Schultern, „… wenn
es um Paul geht.“

„Du kennst Paul schon ziemlich lange, nicht?“
„Ja, schon ewig.“ Kerstin fuhr mit dem Finger am Rande des Glases entlang, dann blickte sie

Mira direkt ins Gesicht. „Er hat dich ziemlich gern.“

Mira  dachte  an  die  letzte  Nacht  zurück.  Ja,  trotz  allem  hatte  sie  das  Gefühl,  dass  Paul  sie

wirklich mochte.

„Ich sollte mich nicht in seine Beziehungen einmischen.“ Kerstin lehnte sich zurück.
Mira war echt überrascht. „Seid ihr mal zusammen gewesen?“
„Paul  und  ich?“  Kerstin  lachte  wieder  dieses  sympathische  Lachen  und  zuckte  dabei

unbestimmt mit den Schultern. „Paul und ich sind fast gleich alt. Wir sind zusammen zur Schule
gegangen. Wenn sein Vater mal wieder nicht daheim war, dann hat er halt bei uns was gegessen
und so.“ Sie grinste. „Wir sind fünf Geschwister gewesen, da kam es auf ein Kind mehr nicht an.“

„Wie ist Paul denn aufgewachsen?“
„Seine Mutter ist bald nach seiner Geburt gestorben, und sein Vater hat ihn allein aufgezogen.

Paul war ein richtiges Schlüsselkind und total schüchtern. Als er in unsere Klasse gekommen ist,
hat er wochenlang keinen Ton gesagt.“

„Na, daran hat sich ja bis heute nicht viel geändert.“
Sie  lachten  beide.  „Warte,  bis  du  ihn  näher  kennst“,  sagte  Kerstin.  „Paul  kann  reden  wie  ein

Wasserfall.“

„So möchte ich ihn gerne mal erleben“, meinte Mira. Und dann erzählte sie Kerstin alles. Von

Pauls erstem Besuch in ihrem Atelier, von der  Roadrunner – Kappe, sogar von ihrer Liebesnacht
auf  den  Filzmatten.  Nur,  dass  sie  Paul  danach  rausgeschmissen  hatte,  davon  sagte  Mira  lieber
nichts.

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„Ich  habe  mich  schon  über  ihn  gewundert“,  meinte  Kerstin,  als  Mira  ihr  berichtete,  dass  Paul

den Business-Hut gestohlen hatte. „Das klingt nach einer typischen Paul-Aktion. Er glaubt nicht,
dass man durch Reden etwas erreichen kann. Nur durch Handeln. Wäre nicht das erste Mal, dass er
dadurch  in  Schwierigkeiten  kommt.“  Kerstin  seufzte  leise  und  trank  den  letzten  Schluck  ihres
Lattes.

Mira schaute die Redakteurin lange an. Sie hatte das Gefühl, dass sie Kerstin vertrauen konnte.

Sie redete offen und hatte ihr sehr Persönliches über sich und Paul anvertraut. Kerstin war okay,
das sagte Mira ihre Menschenkenntnis. Bei Paul war sie sich nicht so sicher. Er mochte sie, liebte
sie  vielleicht  sogar,  aber  Liebe  macht  blind.  Und  sie  hatte  sich  Hals  über  Kopf  in  Paul  verliebt,
vom  ersten  Moment  an.  Das  war  Mira  gestern  Nacht  klar  geworden.  Aber  was  war  mit  den
Diebstählen? Alles, was Kerstin erzählte, bestärkte nur ihren Verdacht, dass Paul ein klassischer
Einzelgänger war. Mira spürte das virtuelle Miss-Marple-Hütchen auf ihrem Kopf. Handeln statt
zu  reden  …  Wenn  Paul  wirklich  der  Dieb  war,  auf  was  wollte  er  dann  mit  den  seltsamen
Diebstählen aufmerksam machen?

Mira schüttelte kaum merklich den Kopf, das Miss-Marple-Hütchen löste sich auf. „Sag mal“,

meinte  sie  zu  Kerstin,  die  in  das  leere  Glas  starrte.  „Darf  ich  dich  noch  zu  einem  Croissant  und
Espresso  einladen?  Ich  hab  heute  gar  nicht  gefrühstückt.  Und  ich  hätte  da  einen  geschäftlichen
Vorschlag, was deinen Sophienbad – Powershop bei eBay betrifft.“

Eine  halbe  Stunde  später  flogen  die  Piccolo-Korken,  der  Deal  war  perfekt.  Miras  Hutmodelle

würden  von  nun  an  bei  eBay  käuflich  zu  erwerben  sein.  Und  Mira  hatte  eine  neue  Freundin  am
Sophienbad gefunden.

Ein  paar  Tage  später  saß  Mira  auf  einem  Hocker  vor  dem  großen  Schminkspiegel  in  Svenjas
Garderobe. Einmal mehr tauschte sie einen genervten Blick mit ihrer Freundin aus.

„Wie  viele  Stunden  willst  du  mich  noch  an  diesen  blöden  Sessel  fesseln,  Terry?  So  eine

Hochsteckfrisur kann bestimmt nicht ewig dauern.“

„Was  kann  ich  dafür,  dass  Leon  deinen  Hals  frei  haben  will,  und  gleichzeitig  sollen  dir  wirre

Haarsträhnen ins Gesicht hängen? Ist doch nicht meine Schuld.“

Ein  Blick  in  Svenjas  Gesicht  genügte,  sie  dachten  genau  dasselbe:  Natürlich  war  es  Terrys

Schuld.  Die  Maskenbildnerin  wusste  nicht  mal,  wie  man  einen  Haarkamm  richtig  steckte.  Mira
hatte schon alles getan, um Svenja aufzuheitern. Gummibärchen hatte sie aus der Kantine geholt
und stilles Wasser mit Limettengeschmack. Aber Svenja fand diese ganze Episode aus Sophienbad
einfach  nur  bescheuert.  Vor  allem  den  Mordanschlag  auf  Caren,  der  mit  einer  übergroßen
Todesspritze ausgeführt werden sollte.

Vorhin  war  Leon  vorbeigekommen  und  hatte  ihnen  begeistert  die  Spezialanfertigung

vorgeführt.  Es  war  der  einzig  gute  Moment  heute  gewesen,  als  Leon  die  Spritze  an  der  sich
sträubenden Terry ausprobierte. Mit angehaltenem Atem hatten Svenja und Mira darauf gewartet,
dass Terry zumindest einen Pieks abkriegte. Aber natürlich glitt die Nadel in die Spritze zurück,
statt in die Haut des Opfers zu stechen. Svenja schien ein wenig blass um die Nase, nachdem Leon
endlich  mit  seiner  Riesenspritze  abgezogen  war.  Mira  wollte  nichts  sagen,  aber  sie  hatte  den
Verdacht,  dass  irgendeine  traumatische  Impfaktion  in  Svenjas  Kinderzeit  noch  nicht  richtig
verarbeitet war.

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„Au!  Kannst  du  nicht  aufpassen?“  Svenja  bewegte  abrupt  ihren  Kopf,  dabei  rutschte  Terrys

Pinsel mit dem Wetgel ab. Nun hatte Svenja eine nasse Strähne flach am Ohr. „Auch das noch!“
Svenja schloss die Augen.

Terry griff wortlos zum Abtupfer. Miras Anwesenheit ignorierte sie konsequent. Gestern Abend

waren Mira und Svenja stundenlang die Drehbuchänderungen Wort für Wort durchgegangen. Mira
war  nicht  gerade  erpicht  darauf,  nachher  Felix  in  einer  Doppelrolle  als  verrückten  Patienten  des
Sophienbads zu sehen. Felix trug als Chefarzt schon dick genug auf. Aber als irrer Mörder? Wenn
er wenigstens ein passabler Schauspieler wäre.

Es klopfte, und Kerstin steckte den Kopf herein. „Bad news, girls.“
Svenja drehte sich um, und Terry sprühte Haarlack ins Nichts. „Schlechte Nachrichten will ich

nicht hören.“

Aber  Kerstin  stand  schon  mit  einigen  Blättern  in  der  Hand  in  der  Garderobe.  „Schon  wieder

Textänderungen?“, rutschte es Mira raus.

Svenja schluckte nur. Terrys Gesicht war eine starre Maske, die pure Anklage an Svenja.
Kerstin nickte. „Die Dialoge bleiben zwar …“
Svenja atmete hörbar aus. „Das ist ja schon mal was. Toll.“
„…  aber  Felix  kommt  jetzt  nicht  von  vorn,  sondern  er  sticht  dir  von  hinten  direkt  in  den

Nacken.“

Terry warf die Sprühflasche auf den Tisch. „Dann kann ich ja wieder von vorne anfangen.“
„Als ob du schon fertig wärst.“ Svenja zupfte an ihrem steifen Haar herum.
„Die  Strähnen  müssen  jetzt  genau  in  die  andere  Richtung  fallen“,  sagte  Terry.  „Aber  an  die

Maske denkt ja keiner von den Skriptschreibern.“

Es dauerte. Gel, Spray, Nadeln und Klemmen, selbst Silikonröllchen halfen nichts. Svenjas Haare
rutschten  irgendwohin,  nur  nicht  dahin,  wo  sie  hin  sollten. Als  Schlampenlook  oder  Punk  wäre
Svenjas Frisur vielleicht noch durchgegangen, aber Caren aus dem Sophienbad konnte auf keinen
Fall so aussehen.

„Wir  müssen  alles  wieder  rauswaschen,  trocknen  und  dann  neu  aufbauen.“  Terrys  vierter

Versuch, die Haare umzulegen und mit Gel zu festigen, war soeben gescheitert.

„Geht nicht. In einer halben Stunde wird gedreht.“ Kerstin saß in der Ecke in einem Korbsessel

und betrachtete alles seelenruhig.

Svenja  hob  die  Hände  schützend  über  den  Kopf.  „Okay,  Terry,  das  war‘s.  Finger  weg  von

meinen  Haaren.  Das  wird  nichts  mehr.  Mira,  sei  so  lieb  und  stecke  mir  einen  von  deinen  Hüten
irgendwie  so  auf  diesen  Mopp,  dass  man  nichts  mehr  davon  sieht.  Und  von  Leon  will  ich  kein
Wort hören. Meinen Nacken hat er dann ja frei für seine Wahnsinnsspritze.“

Mira holte die Hüte für die drei nächsten Szenen aus den Hutschachteln. „Der gelbe Sommerhut

ist  zu  groß,  dann  kommt  Felix  gar  nicht  an  deinen  Hals.  Und  der  da  …“,  Mira  hielt  den  weißen
Turbanhut mit den Perlen hoch, „… hält die Haare zwar zusammen, aber dann ist er ruiniert.“

„Geht  nicht,  wir  haben  in  unserem  Budget  kein  Geld  für  einen  Ersatzhut.  Sorry.“  Kerstins

Stimme war freundlich, aber entschieden.

„Also bleibt der kleine Hut, den du eigentlich zur Dinner-Szene tragen sollst. Das Bordeauxrot

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können wir verantworten.“

Terry  sortierte  lautstark  ihre  Schminkutensilien.  Mira  hatte  Hutnadeln  zwischen  den  Zähnen

und steckte den Hut fest. Svenja war den Tränen nahe.

„Er ist zu klein“, kam Kerstins Kommentar aus der Ecke.
„Mist!“  Kerstin  hatte  recht.  „Ich  könnte  noch  einen  Schleier  annähen,  aber  dann  kann  Felix

nicht zustechen.“

„Ich  will  eh  nicht,  dass  mich  jemand  sticht.  Diese  ganze  Episode  ist  eh  totaler  Quatsch.“

Svenjas Stimme zitterte, und Mira strich ihr leicht über die verklebten Haare. Leise sagte Svenja:
„Gibt es denn keinen vernünftigen Friseur in dieser Stadt?“

„Ich bin eine ausgebildete Friseurin“, kam es von Terry aus der Ecke.
„Ein Friseur …“ Kerstin sprang aus dem Sessel und zog ihr Handy raus. „Das ist es. Ich habe

einen  Freund,  der  im  Grunewald  die  High-Society-Damen  frisurtechnisch  auf  Vorderfrau  bringt.
Der hat bestimmt eine Idee.“

Mira packte den roten Hut wieder weg, während Svenja immer noch unglücklich in den Spiegel

starrte.

„Da  ist  nichts  mit  Styling  zu  machen?  Bist  du  sicher?“  Kerstin  zog  Grimassen  und  lauschte

angestrengt. „Aha. Wir finden hier schon so etwas in der Richtung. – Stimmt, das verstehe ich. –
Okay, genau. Danke. Ich schicke dir ein special welcome der Produktion. Ciao.“ Sie drückte auf
die Austaste und steckte das Handy weg. Ihre Augen blitzten.

„Und?“, fragten Mira und Svenja gleichzeitig.
„Ronny  sagt,  da  hilft  nur  eine  Deko  mit  etwas  Schnurartigem.  Etwas,  das  die  Haare

zusammenhält und gleichzeitig verbirgt.“ Kerstins Blick schweifte durch die Garderobe und blieb
an der gegenüberliegenden Wand hängen.

„Das ist nicht dein Ernst …“ Svenjas Stimme erstarb.
„Wir  haben  keine Alternative,  Schätzchen.“  Kerstin  griff  zu  der  Minilampenkette,  die  Svenja

nach einem orientalischen Gelage von der Szenendeko gerettet hatte.

„Mit meinen Hutnadeln könnte es halten.“ Mira half Kerstin, die Strähnen um die Lampenkette

zu winden und die Birnchen strategisch in Svenjas gelackten Locken zu verteilen.

Kerstin  drehte  sich  zu  Terry  um,  die  alles  mit  bitterböser  Miene  verfolgte.  „Terry,  geh  schon

mal zu Paul und sage ihm, dass wir eine Batterie für die Lämpchen brauchen. Irgendwas, das wir
in Svenjas Kostüm unterbringen können.“

Alle  drei  schauten  sie  in  den  Spiegel,  der  Terry  zeigte,  wie  sie  wütend  ihren  Schminkkasten

zuklappte. Aber die Irin war klug genug, Kerstins Auftrag sofort nachzukommen.

„Ich  sehe  aus  wie  eine  italienische  Kitsch-Madonna.“  Svenja  klang  nicht  überzeugt. Aus  dem

Spiegel blickte ihr eine gekrönte Caren mit Sturmfrisur entgegen.

„Aber dein Schwanenhals könnte nicht besser zur Geltung kommen.“ Mira strich ihr sanft über

die weiße Haut. „Nur Mut, Schätzchen.“

Wie  immer  lag  ein  Duft  von  Espresso  in  der  Luft,  als  Mira  den  Gang  nach  vorn  zum
Requisitenraum  rannte.  Koffein  würde  ihnen  jetzt  allerdings  auch  nicht  weiterhelfen.  Aber  die
Idee  von  Kerstins  Friseur-Freund  war  spitze.  Sie  brauchten  nur  noch  die  langen  Hutnadeln,  mit
denen  sonst  Sommerhüte  mit  breiten  Rändern  festgesteckt  wurden.  Mira  hatte  schon  in  Svenjas

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Garderobe  gesucht,  aber  wahrscheinlich  hatte  sie  die  Nadeln  in  der  Requisite  mit  den
Hutschachteln verstaut.

Der  Requisitenraum  lag  vorne,  fast  direkt  vor  der  automatischen  Tür  zur  Produktionshalle.

Früher, als hier auf dem Gelände die legendären UFA-Filme gedreht wurden, war der Raum sicher
bloß für Putzsachen genutzt worden. Beim Film kümmerte sich ein Team um die Requisite, beim
Fernsehen musste sogar die Hutmacherin mit anpacken. Mira seufzte, dann stand sie vor der grau
gestrichenen Tür. Fast wäre sie in den Raum hineingeplatzt, aber in dem Augenblick hörte sie, wie
innen  etwas  dumpf  auf  den  Boden  fiel,  dann  einen  leisen  Fluch.  Da  drinnen  machte  sich  doch
jemand  an  ihren  Hutschachteln  zu  schaffen!  Schon  wollte  Mira  erbost  die  Klinke  drücken,  doch
plötzlich  hatte  sie  eine  Vision  von  Miss  Marple,  wie  sie  in 16.50  ab  Paddington  hinter  einem
Schrank  stand.  Sie  erstarrte  in  der  Bewegung.  Der  Dieb!  Wer  immer  sich  hier  heimlich  im
Requisitenraum zu schaffen machte, musste der Dieb sein.

Auf  Zehenspitzen  trat  sie  von  der  Tür  zurück.  Okay,  vielleicht  gab  es  auch  eine  andere

Erklärung,  aber  sie  musste  herausfinden,  was  der  Kerl  da  drin  machte.  Direkt  neben  der
automatischen  Tür  waren  drei  Lichtschalter.  Das  helle  Neonlicht  im  Gang  wurde  eigentlich  nie
gelöscht,  trotzdem  war  einer  der  Schalter  sicher  dafür.  Mira  überlegte  nicht  lange,  sie  betätigte
den mittleren Schalter. Nichts tat sich. Als Nächstes probierte sie den untersten, das Licht zuckte,
dann war es stockdunkel im Gang. Mira drückte die Klinke, so leise sie konnte, und schlüpfte in
die Requisitenkammer.

Ihre  Hutschachteln  waren  an  der  hinteren  Wand  aufgestapelt,  und  von  dort  kam  auch  ein

bläulicher Schein, der die rosa Schachteln fast weiß erscheinen ließ. Jemand leuchtete mit einem
Handy den Boden ab. Mira sah, wie das schwache Licht auf ihren Rucksack fiel, den sie hier mit
Nähzeug und eben den gewünschten langen Hutnadeln abgestellt hatte, falls sie auf die Schnelle
einmal etwas reparieren musste. Aber wer machte sich da in ihren Sachen zu schaffen? Sie reckte
den Hals, um mehr zu erkennen.

Die Gestalt hielt in der einen Hand das Handy, in der anderen ein seltsam aussehendes Ding, das

im Lichtschein aufblitzte. Ansonsten konnte Mira nur die Strähnen sehen, die diesem Jemand in
die Stirn fielen, als er sich über ihre Tasche beugte.

„Au!“,  entfuhr  es  der  Gestalt  leise.  Ha,  da  hatte  wohl  jemand  unvorsichtig  in  die  Hutnadeln

gegriffen.  Die  waren  spitz  wie  geschliffene  Diamanten,  ein  Mordwerkzeug  in  den  falschen
Händen.  Und  mit  einem  Mal  wurde  Mira  klar,  was  die  Gestalt  da  jetzt  in  ihrem  Rucksack
verstaute: die Spritze! Der Dieb hatte doch glatt Leon seine Riesen-Horrorspritze entwendet und
steckte sie nun in ihren Rucksack! Mira hielt es nicht mehr aus. Sie glitt, so leise sie konnte, an
der Wand entlang, um die Gestalt von der Seite zu sehen. Da ging das Handy aus. Mira kam es so
vor, als wäre ihr Atmen das lauteste Geräusch im Raum, und sie hielt ein paar Sekunden lang die
Luft  an.  Währenddessen  hörte  sie,  wie  der  Reißverschluss  an  ihrem  Rucksack  zugezogen  wurde,
bevor vorne wieder Bewegung zu spüren war. Unwillkürlich drückte sich Mira enger an das Regal,
hinter dem sie sich halb verborgen hatte.

Das Handylicht leuchtete erneut auf, die Gestalt hatte sich umgedreht. Felix! Mit starrer Miene

schritt  er  durch  die  Kammer,  er  kam  dicht  an  ihr  vorbei,  doch  der  kleine  Lichtkreis  des  Handys
erwischte  sie  nicht.  Dieser  verdammte,  aufgeblasene  Schmierenkomödiant!  Mira  hätte  sich  fast

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durch  ein  Geräusch  verraten,  so  wütend  war  sie.  Jetzt  kapierte  sie  gar  nichts  mehr.  Warum  ließ
Felix Scholl in seiner eigenen Serie Requisiten verschwinden? Der Typ hatte Geld, Anerkennung,
er  musste  nicht  um  Rollen  kämpfen  wie  Svenja  bisher.  Nur  war  es  offensichtlich:  Felix  war  ihr
geheimnisvoller  Langfinger!  Und  er  versuchte  gerade  schon  wieder,  den  Verdacht  auf  sie  zu
lenken.

Felix  war  bei  der  Tür  angelangt,  und  für  einen  langen  schrecklichen  Moment  war  sich  Mira

sicher,  dass  er  nun  das  Licht  in  der  Kammer  anknipsen  und  sie  entdecken  würde.  Zum  Glück
öffnete er nur die Tür und trat hinaus.

„Was ist denn hier los?“, war seine Stimme aus dem dunklen Gang zu hören.
„Irgendein Idiot hat das Licht abgeschaltet.“ Paul klang weit entfernt, als sei er hinten auf dem

Weg zur Kantine. „Felix, der Schalter ist vorne an der Tür, der untere. Mach das Licht wieder an.“

Sekunden  später  flammte  im  Gang  das  weiße  Neonlicht  auf,  dann  wurde  von  außen  die  Tür

zugezogen. Mira wartete. Sie wartete eine kleine Ewigkeit, bis sie absolut sicher war, dass Felix
weg  war.  Schließlich  knipste  sie  das  Licht  an  und  holte  die  Hutnadeln  aus  ihrem  Rucksack.  Die
Spritze ließ sie vorerst liegen. Später, wenn beim Drehen im Sophienbad erneut auf unerklärliche
Weise die wichtigste Requisite abhanden gekommen war, würde sie sie ganz zufällig „finden“. Sie
wollte doch mal sehen, was Felix vorhatte. Und dann würde sie diesen Angeber drankriegen. Aber
erst mal musste Svenjas Frisur gerettet werden.

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15. KAPITEL

Eigentlich  war  es  klar,  dass  es  so  hatte  kommen  müssen.  Die  Riesenspritze  war  eine  zu
auffallende  Requisite,  als  dass  der  Dieb  sie  sich  entgehen  lassen  konnte. Aber  sie  waren  alle  so
mit Svenjas Frisur beschäftigt, dass es Vivi nicht in den Sinn gekommen war, sich Sorgen um die
Spritze  zu  machen. Außerdem  passte  Leon  auf  das  Ding  auf.  Und  der  hatte  geschworen,  sie  wie
seinen Augapfel zu hüten.

Es war alles so schnell gegangen. Vivi war begeistert von der unglaublichen Lampenfrisur, die

Kerstin  und  Mira  gezaubert  hatten,  die  Techniker  klatschten  sogar  Beifall,  als  die  Lämpchen
aufblinkten.  Der  Dreh  begann  problemlos,  der Anfang  der  Mordszene  folgte  perfekt  dem  Skript.
Dann griff Felix alias „der irre Patient“ in die extra vergrößerte Tasche des Arztkittels – und zog
die  Hand  leer  wieder  heraus.  Die  Spritze,  die  den  ganzen  Tag  über  darin  gesteckt  hatte,  war
verschwunden.

Svenja stürzte wortlos vom Set, Mira rannte ihr nach. Felix stand einfach nur da und murmelte

wie ein aufgezogener Roboter immer wieder: „Die Spritze kann doch nicht einfach weg sein, sie
kann doch nicht …“

Vivi legte die Hand auf ihren Magen und versuchte Pressatmung. Sie hätte schreien mögen.
Plötzlich  schrie  tatsächlich  jemand.  Leon  stieß  einen  Klagelaut  aus,  als  hätte  ihm  gerade

jemand  die  Spritze  in  den  Nacken  gerammt.  „Das  ist  zu  viel,  das  ist  einfach  zu  viel.  Ich  habe
dieses  Scheißding  von  einem  Spezialhersteller  in  Kalifornien  besorgt.  Ist  euch  das  klar?  Die
Spritze hat uns ein Vermögen gekostet.“

„Exakt 1138 Dollar und 24 Cent“, sagte Kerstin trocken. „Wir haben noch Glück, dass der Euro

so gut steht.“

Vivi machte der Redakteurin Zeichen, den Mund zu halten. Offenbar sah die nicht, dass Leon

kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.

Der starrte Kerstin drei Sekunden lang an, dann brüllte er: „Sind denn in dieser Produktion nur

Idioten  versammelt?“  Mitten  auf  dem  Set  drehte  Leon  sich  um  die  eigene Achse  und  ballte  die
Faust gegen die Dunkelheit hinter den ausgeleuchteten Kulissen. Vivi wusste nicht mehr, was sie
tun sollte. Sie konnten davon ausgehen, dass der Dieb hier in der Halle war, zum Team gehörte.
Dass  er  oder  sie  ihnen  jetzt  zuhörte  und  die  ganze Aufregung  ihm  einen  Riesenkick  verschaffte.
Denn wer braucht schon eine Riesen-Horrorfilm-Spritze? Wer?

Aber Leon durfte nicht ausfallen. Allein schaffte sie es nicht, den Laden zusammenzuhalten. Er

trampelte  nach  wie  vor  ziellos  auf  dem  Set  herum.  Vivi  ging  zu  ihm  und  berührte  ihren
Requisiteur am Oberarm. „Leon“, sagte sie leise.

Er stierte sie an, dann nahm er sie in die Arme und drückte sie so fest an sich, dass ihr die Luft

wegblieb. Er flüsterte: „Vivi, was sollen wir nur tun?“

Am  Set  waren  alle  in  heller Aufregung,  aber  das  war  Paul  egal.  Er  musste  mit  Mira  sprechen.
Rasch lief er zur Tür und stürzte in den Gang, wo Svenja und Mira gerade verschwunden waren.
Sie waren sicher in Svenjas Garderobe. Alle im Team hatten mitgekriegt, was für ein Aufstand die
Frisur  ihrer  Serienheldin  gewesen  war.  Deshalb  waren  ja  auch  alle  so  begeistert,  als  Svenja  mit

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einem strahlenden Lächeln wie eine schwedische Lucia beim Lichterfest auf das Set getreten war.
Paul hatte nicht verhindern können, dass er in diesem Moment Mira ansah, doch sie hatte schnell
weggeschaut, bevor sich ihre Blicke treffen konnten. Kerstin hatte ihm gesagt, er müsste mit Mira
reden. Dabei wusste Kerstin ganz genau, wie schwer es Paul fiel, darüber zu reden, wie glücklich
es ihn machte, wenn er nur an Miras kleine Grübchen dachte. Oder an ihre sexy Knie. Oder daran,
wie  sich  ihr  Körper  an  ihn  gedrängt  hatte,  als  sie  sich  auf  den  Filzmatten  geliebt  hatten.  In  der
Nacht in ihrem Laden.

Über  Oldtimer,  das  perfekte  Kantenlicht  oder  alte  Filme  könnte  er  Mira  ganze  Nächte  lang

Vorträge halten. Wenn sie schon die Zeit mit Reden verschwenden mussten, anstatt einen neuen
Weltrekord im Dauer-Sex aufzustellen. Bloß wahrscheinlich wollte ihn Mira sowieso nicht mehr.
Er  hatte  es  vermasselt. Aber  lieber  wollte  er  nächtelang  mit  Mira  reden,  als  sie  gar  nicht  mehr
sehen. Kerstin hatte recht, sie mussten darüber reden.

Er wollte gerade um die Ecke zu der Garderobe biegen, da hörte er ihre Stimme. „Ich sage dir,

das klappt. Ich hole das Ding jetzt schnell, und dann drehen wir die Szene noch einmal. Und zwar
strikt nach Drehbuch. Felix wird sein blaues Wunder erleben.“

Eine Tür fiel ins Schloss, dann hörte Paul Miras leichte Schritte in seine Richtung kommen. Das

war  seine  Chance,  ein  paar  Minuten  mit  ihr  alleine  zu  sprechen.  Doch  Paul  blieb  stehen. Felix
wird sein blaues Wunder erleben.
 Was ging hier vor?

Er  drehte  sich  auf  dem  Absatz  um  und  hastete  den  Gang  zurück  zur  Halle.  Gegenüber  vom

Requisitenraum verschwand er in der Männertoilette und wartete  drinnen  hinter  der  angelehnten
Tür. Mira kam nur wenige Sekunden nach ihm vorbei. Sie wollte anscheinend zurück in die Halle,
aber dann hielt sie direkt vor der Toilette an. Ob sie ihn gesehen hatte? Paul lugte durch den Spalt
in  den  Gang.  Mira  stand  aufrecht  im  Gang  und  blickte  sich  nach  allen  Seiten  um.  Verstohlen
schlüpfte sie in den Requisitenraum. Dort waren Miras Hüte untergebracht, vielleicht hatte Svenja
sich  ja  doch  anders  entschieden  und  wollte  statt  der  Lichterkette  einen  Hut  tragen.  Schade
eigentlich. Paul überlegte, ob er an der Tür zum Requisitenraum klopfen und dort mit Mira reden
sollte.  Er  schob  die  Tür  weiter  auf  und  wollte  gerade  in  den  Gang  treten,  als  Mira  auf  der
gegenüberliegenden  Seite  wieder  herauskam.  Paul  erstarrte,  die  Klotür  schwenkte  von  selbst
wieder  zu.  Aber  er  hatte  genau  gesehen,  was  Mira  in  der  Hand  wegtrug:  die  verschwundene
Riesenspritze. Das Ding war ein Einzelstück, es gab keinen Zweifel. Paul verstand die Welt nicht
mehr. Mira war doch die Diebin!

Leon flüsterte: „Vivi, was sollen wir nur tun?“

„Irgendwie  die  Szene  retten.“  Vorsichtig  strich  sie  Leon  über  den  Rücken.  Angenehm  feste

Muskeln.  „Wir  machen  Pause“,  brüllte  Vivi  in  die  Runde.  Wie  aufs  Stichwort  gingen  die
Scheinwerfer aus, und das Set lag in der schummrigen Notbeleuchtung.

Sie löste sich aus Leons Umarmung und hatte dabei das Gefühl, dass er sie ungern gehen ließ.

Darüber musste sie später noch einmal nachdenken. Vorerst nahm sie ihn am Arm und wollte ihn
vom  Set  führen.  Doch  Felix  trat  ihr  in  den  Weg.  Seine Augäpfel  strahlten  weiß  aus  den  dunkel
geschminkten Schatten, die Terry ihm unter die Augen gelegt hatte.

„Ich  habe  eine  spontane  Idee.“  Der  Schauspieler  lächelte  geheimnisvoll  wie  eine  männliche

Mona Lisa.

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„Ich höre.“ Vivi schob Leon vom Set. Er war im Moment nicht in der Lage, sich auf Felix‘ gute

Ideen einzulassen.

„Wir könnten einfach statt der Spritze ein Seidentuch verwenden. Svenjas schöner Hals schreit

geradezu  nach  einer  Strangulation.  Ich  komme  also  wie  geplant  von  hinten  an  sie  heran,  zücke
aber nicht die Spritze, sondern winde in der Luft ein Seidentuch. Und dann – hepp.“ Felix gab ein
gurgelndes Geräusch von sich. Irgendwie schien ihm das Ganze auch noch Spaß zu machen.

Leons Miene hellte sich auf. Vivi überlegte. Irgendwie kam ihr das mit dem Würgen von hinten

bekannt  vor.  Aber  egal.  Felix‘  Idee  war  durchführbar,  und  die  Hauptsache  war,  dass  sie
weiterdrehen konnten. „Okay, probieren wir es aus. Ich hole Svenja. Leon?“

Ihr Requisiteur drehte sich zu ihr. „Ja?“
„Kannst du bei den Ausstattern nachfragen, ob sie in zwei Minuten ein passendes Halstuch aus

Seide auftreiben können?“

„Nicht nötig. Wir nehmen einfach das hier.“ Felix hielt ein zusammengefaltetes Stück Stoff in

der  ausgestreckten  Hand.  Dann  ließ  er  das  Tuch  auseinanderfallen.  Die  Seide  bewegte  sich,  das
Rot changierte ins Rosé, exakt wie die Wandbespannung im „Speisezimmer Caren“.

Vivi blickte auf den Stoff und fragte sich, ob Felix allen Ernstes immer ein zum Set passendes

Seidentuch mit sich trug. Vielleicht war das sein Glücksmaskottchen oder so was. Sie schüttelte
den Kopf.

Leon schien allmählich wieder zu sich zu finden. „Das Tuch passt perfekt“, sagte er. „Felix, du

bist ein Genie.“

„Wir drehen sofort.“ Vivi schritt mit langen Schritten durch die Halle. „Ich hole Svenja.“
Aber  schon  an  der  automatischen  Tür  zu  den  Garderoben  beschlich  sie  ein  unangenehmes

Gefühl. Wann immer in ihrem Leben etwas perfekt schien, war hundertprozentig etwas faul daran.

„Alle auf Anfang.“ Leons Stimme klang mit neuer Energie durch das Studio.

Am  Set  „Schlafzimmer  Caren“  stellte  Mira  sich  gerade  so  neben  den  Regiestuhl,  dass  die

großen  Scheinwerferständer  zwischen  ihr  und  dem  Beleuchterpult  aufragten.  So  hatte  sie  Paul
nicht vor Augen, und er konnte auch keinen Blickkontakt mit ihr aufnehmen.

Innerlich  musste  Mira  immer  noch  grinsen.  Vor  einer  Viertelstunde  hatte  sie  Leon  mit  einem

zuckersüßen  Lächeln  die  Riesenspritze  überreicht.  Das  gesamte  Team  hatte  sie  umringt  und
fassungslos auf das Ding gestarrt.

„Ich hab sie im Requisitenraum hinter den Kleiderständern gefunden. Vielleicht ist sie aus dem

Arztkittel  gerutscht.“  Mira  hatte  bloß  die  Schultern  gezuckt,  als  Felix  mit  einem  ziemlich
seltsamen Blick auf die Spritze murmelte: „Aber … aber der Kittel war die ganze Zeit in meiner
Garderobe.“

Ungeduldig  hatte  Vivi  alle  Spekulationen  über  den  zwischenzeitlichen  Verbleib  der  Spritze

abgebrochen und statt Felix‘ ausgeklügelter Strangulationsszene doch wieder „Mord mit Spritze“
angeordnet.  Minuten  hatte  es  gedauert,  bis  Felix  bereit  war,  die  Spritze  in  die  Tasche  seines
Kittels zu stecken und erneut mit der Mordszene zu beginnen. Es schien fast so, als wolle er das
Riesending nicht mehr anfassen.

„Auf Anfang, Felix, das gilt auch für dich.“ Leons Stimme klang genervt.
Mira lehnte sich ein wenig zurück, sodass sie an dem großen Scheinwerfer vorbei nun doch Paul

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sehen  konnte.  Wie  er  sie  vorhin  angestarrt  hatte,  als  sie  mit  der  Spritze  gekommen  war.  Dabei
musste  ihm  spätestens  in  diesem  Moment  klar  geworden  sein,  dass  sie  nicht  die  Diebin  sein
konnte. Am liebsten hätte Mira vor hilfloser Wut mit dem Fuß aufgestampft, bloß würde Leon sie
danach wahrscheinlich in der Luft zerreißen. So seufzte sie nur ganz leise. In den letzten beiden
Tagen  waren  immer  wieder  Erinnerungen  an  die  Nacht  mit  Paul  durch  ihre  Gedanken  gefunkt.
Wie einfühlsam er sie geliebt hatte, wie wild und zärtlich!

Beim Aufräumen in der Kammer hatte sie seinen Citroën-Schlüssel gefunden. Sie wusste, dass

ihm  der  Wagen  sehr  viel  bedeutete,  er  hatte  wohl  aus  Stolz  nicht  geklingelt  und  den  Schlüssel
geholt.  Mira  hatte  aber  auch  ihren  Stolz.  So  hatte  sie  am  nächsten  Morgen  als  Erstes  einen
Kurierdienst  angerufen  und  Paul  den  Schlüssel  an  die  Adresse  geschickt,  die  im
Schlüsselmäppchen steckte.

„Szene Nr. 113 Mord – die Zweite!“ Vivi gab das Zeichen, vom Kameramann kam das „Kamera

läuft“.

Seit  die  Spritze  wieder  aufgetaucht  war,  strahlte  die  Line-Producerin  vor  guter  Laune.  Kein

Wunder,  dass  sie  die  Regiearbeit  heute  nicht  an  Leon  delegierte.  Mogengruber,  dessen  Name
immer  groß  im  Abspann  des Sophienbads  auftauchte,  hatte  Mira  seit  Tagen  nicht  mehr  am  Set
gesehen. Fernsehen war schon ein seltsames Business.

Das meerblaue Chiffon-Kleid war bis zur Hüfte eng auf Svenjas schlanke Figur geschnitten und

weitete sich dann in fließenden Falten wie ein Blütenkelch. Die winzigen, blinkenden Lichter, die
ihre Frisur überstrahlten, wirkten im Filmlicht wie schimmernde Perlen. In der Szene kam sie als
Caren aus dem Speisesaal des Sophienbads zurück, ein opulentes Edel-Restaurant. Die Notlösung
mit der hypergestylen Frisur passte wunderbar zu Carens Abendkleid.

„Ein Geschenk?“ Svenja stutzte und trat näher an den Diwan. Dort lag eine längliche Schatulle

aus glänzend rotem Email. Sie setzte sich und legte skriptgemäß ein Kissen beiseite.

Felix  in  seiner  Doppelrolle  als  verrückter  Patient  trat  nun  zu  ihr.  Laut  Drehbuch  hatte  ein

schizophrener Patient seine auffallende Ähnlichkeit mit dem Chefarzt genutzt und sich als Tobias
verkleidet. „Ja, ein Geschenk.“

Caren  öffnete  die  Schatulle  und  schaute  erwartungsvoll  zum  vermeintlichen Arzt.  Danach  sah

sie  wieder  in  die  geöffnete  Box  –  und  wartete  und  wartete.  Da  stimmte  doch  etwas  nicht.  Mira
runzelte  die  Stirn.  Die  Spritze  war  da,  sie  wusste,  dass  Felix  der  Dieb  war,  und  sie  würde  ihn
überführen. Aber erst einmal mussten sie diese Szene in den Kasten kriegen.

„Cut!“, rief Vivi. „Felix! Worauf wartest du denn?“
„Wie?“ Er blinzelte gegen das Licht, als ob er unter dem Make-up nichts sehen könnte.
„Wie soll Svenja denn weitermachen, wenn du ihr nicht das Stichwort gibst?“ Vivi klopfte auf

das Skript, das wie immer auf ihren Knien lag.

Leon  trat  zum  Set.  „Du  kommst  vom  Vorhang  her  und  sagst  zu  Caren,  Ein  Geschenk  für  die

schönste Frau der Welt. Ist doch nicht schwer zu merken.“

„Ja, klar. Sorry.“ Felix sprang zurück zur Anfangsposition.
„Mord – die Dritte!“
Sie  wiederholten  den Anfang  dreimal,  und  nie  brachte  Felix  seinen  Text  zu  Ende.  Er  musste

verdammt  nervös  sein.  Mira  tat  er  allerdings  kein  bisschen  leid.  Dieses  Mal  hatte  sein  fieser

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Diebstahl eben nicht geklappt. Als sie Felix beobachtete, dem in der Rolle des irren Patienten die
Haare  auf  wild  frisiert  waren  und  die  Augen  fiebrig  glänzten,  wurde  ihr  auf  einmal  ein  wenig
mulmig zumute. Was, wenn Felix ahnte, dass sie die Spritze nicht aus Zufall gefunden hatte? Was,
wenn er herausbekam, dass sie wusste, dass er der Dieb war?

Mira  hörte  kaum  zu,  sie  kannte  den  Dialog  eh  auswendig,  weil  sie  ihn  so  oft  mit  Svenja

durchgegangen war. Bei Klappe fünf kamen sie immerhin bis zum dem Punkt, wo Svenja ausrufen
sollte: Aber ich kann nicht nur dir allein gehören, mein Unternehmen braucht mich! Felix hätte sie
nun  ein  letztes  Mal  mit  dem  Diamantcollier  aus  der  Schatulle  ablenken  und  dann  die  Spritze
ansetzen  sollen,  während  er  seine  letzte  Textzeile  sprach. Aber  von  ihm  kaum  nur  ein  stummer,
irgendwie staunender Blick auf die falschen Diamanten in seiner Hand.

„Cut!“ Vivi sprang auf. „Herrje, jetzt haben wir mal alle Requisiten beisammen, und dann kann

der Herr seinen Text nicht.“

Mira verkniff sich ein Grinsen. Miss Marple hätte sich über ihre Nachfolgerin gefreut. Es war

kein  Wunder,  dass  Felix  den  Text  nicht  kannte,  offenbar  hatte  er  sich  vor  dem  Diebstahl  schon
eine neue Drehbuchvariante à la Indisches Tuch von Edgar Wallace ausgedacht. Nur leider konnte
er  jetzt  nichts  Dramatisches  von  sich  geben  und  kein  Seidentuch  um  Svenjas  Hals  legen.
Vielleicht  war  es  ja  das!  Vielleicht  war  Felix  mit  dem  Drehbuch  unzufrieden  und  wollte  seine
selbst geschriebenen Dialoge in die Serie bringen.

Leon  hielt  Felix  das  Skript  unter  die  Nase.  „Lies.  Hier  steht Dein  Unternehmen?  Was  ist  das

schon  gegen  die  Ewigkeit,  die  ich  dir  schenke.  Danach  setzt  du  die  Spritze  an  und  drückst  ab.
Kapiert?“

Felix nickte.
Mira  sah  durch  die  Scheinwerferständer,  wie  Paul  und  Kerstin  nur  die  Köpfe  schüttelten.  Die

Redakteurin notierte irgendetwas auf ihrem obligatorischen Clipboard.

„Mord – die Siebte.“ Leon trat zu Vivi auf ihrem orangefarbenen Hocker, die im Rhythmus der

Worte, die auf dem Set gesprochen wurden, mit der Fußspitze wippte.

Wie durch ein Wunder klappte diesmal alles. Der Verrückte schenkte der Unternehmerin Caren

die  Ewigkeit.  Mira  fand  zwar,  dass  Felix  zu  sehr  stotterte  und  auch  die  Pausen  selbst  für
Kunstpausen ein wenig zu lang waren, aber immerhin setzte er die Spritze Svenja so geschickt ins
Genick, dass man ihren Schwanenhals wunderbar sah.

„Um mich herum dreht sich alles. Was haben Sie mit mir gemacht?“, hauchte Svenja als Caren

dem Mann entgegen, den sie für ihren geliebten Chefarzt Tobias hielt. Dann starb sie skriptgemäß
grandiose eineinhalb Minuten lang, in denen sie nach und nach schwächer wurde und sich auf den
Diwan  sinken  ließ,  bis  sie  wie  eine  aufgebahrte  Königin  zwischen  den  bunten  Seidenkissen  lag
und die Augen für immer schloss. Nun ja, Mira kannte das Drehbuch. In der nächsten Szene kam
natürlich  der  echte  Chefarzt  hereingestürzt,  rettete  die  Prinzessin  in  einer  dramatischen  Aktion
und küsste sie heftig zurück ins Leben.

„Cut!“, rief Vivi.
„Perfekt“, meinte Leon und sah zum ersten Mal seit Wochen wieder rundum zufrieden aus.
„Ganz toll, Svenja. Ganz toll!“, rief Vivi. „Heute haben wir uns echt einen Schnaps verdient.“
Paul und Kerstin klatschten, und die Jungs von der Technik johlten.

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Svenja sprang vom Diwan und fiel Mira um den Hals.
„Du warst großartig.“ Trotzdem hatte Mira noch einen Blick für Felix übrig, der sich vom Set

schlich. Er hielt tatsächlich noch die Spritze in der Hand. Sie sollte ihm wohl besser nicht auf dem
Weg zur Garderobe begegnen. Und Paul wollte sie auf keinen Fall in die Arme laufen.

„Komm,  Svenja,  lass  uns  gehen.  Du  siehst  super  aus  in  dem  Outfit.  Genau  richtig,  um  deinen

großen Auftritt zu feiern.“

An der Tankstelle wollte Mira noch zwei Flaschen Averna besorgen. Und dann, wenn sie beim

Kräuterschnaps  auf  Svenjas  Karriere  anstießen,  würde  sie  den  Überraschungsknüller  steigen
lassen.

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16. KAPITEL

„Halt, halt“, brüllte Kerstin ihnen hinterher, als Svenja und Mira gerade in den dunklen Mercedes
vom Fahrservice stiegen. „Nehmt ihr mich mit nach Berlin?“

„Aber  sicher  doch.“  Svenja  schwang  die  breite  Wagentür  noch  einmal  auf,  und  Kerstin  setzte

sich neben sie.

Es  wurde  eine  sehr  lustige  Fahrt  in  den  Prenzlauer  Berg.  Mira  bat  Ben,  den  senegalesischen

Fahrer, nicht über die Autobahn, sondern einen Umweg über die Glienicker Brücke zu fahren. Ben
war gleich so begeistert über die Abwechslung, dass er ihnen verriet, wie sich die in die Rücksitze
eingelassene  Minibar  mit  den  Spirituosen  öffnen  ließ.  Er  selbst  lehnte  ab,  als  Svenja  ihm  auch
einen Campari Orange im Plastikglas nach vorne reichen wollte.

Mira  schaute  hinüber  zu  Kerstin.  Irgendetwas  hatte  die  doch  heute  mit  Paul  zu  besprechen

gehabt. Und Mira war sich sicher, dass dieses „Irgendetwas“ mit ihr zu tun hatte. Als Kerstin ihren
Wodka  Tonic  in  der  Hand  hatte  und  Svenja  mit  dem  Wodka  Lemon  für  Mira  beschäftigt  war,
sagte Kerstin leise: „Wir müssen mal reden, Mira.“

„Hast  du  Lust  mitzukommen?  Wir  wollen  nur  ein  bisschen  feiern,  bevor  der  Star  des Abends

abgeschminkt und mit den Skriptänderungen von morgen ins Bett geschickt wird.“

Svenja stöhnte so laut, dass Ben sich besorgt umdrehte.
„Du hast doch nichts dagegen, wenn wir zu dritt auf deinen vollendeten Tod anstoßen?“, fragte

Mira schnell, aber Svenja winkte ab.

„Klar  kommst  du  mit,  Kerstin.  Ich  hab  daheim  noch  ein  paar  Dinge,  die  wollte  ich  dir  schon

lange für deinen Sophienbad – Shop in Kommission geben.“

Kerstin  verdrehte  die Augen.  „Inzwischen  wissen  es  wohl  alle  im  Team.  Dabei  sollte  es  doch

mein kleines, gut gehütetes Geheimnis sein.“

„Ach  was,  du  bist  schließlich  unser  bester  Kontakt  zu  den  Fans.“  Mit  einer  schwungvollen

Bewegung drückte Svenja den Wodka Lemon in Miras Hand, wobei sie es schaffte, dass nicht ein
Tropfen  über  den  Rand  des  Plastikbechers  spritzte.  Dann  lehnte  sie  sich  in  die  weichen  Polster
zurück.  „Du  hättest  den  Dreh  morgen  nicht  erwähnen  dürfen,  Mira.  Noch  bin  ich  nicht  so  weit,
dass  ich  meinen  Hightech-Lorbeer  schon  wieder  ablege.“  Sie  griff  sich  an  die  immer  noch
blinkende  Lichterkette  und  schwenkte  die  Mini-Champagnerflasche  mit  dem  orangefarbenen
Edel-Label.  „Jetzt  könnten  wir  den  verschwundenen  Trinkkelch  gut  gebrauchen.  Aber  wir  sind
eben beim Fernsehen und nicht beim Film. Noch nicht“, fügte sie hinzu und genehmigte sich einen
Schluck.

Mira  fragte  sich,  wie  ihre  Freundin  es  machte,  dass  sie  selbst  wenn  sie  Champagner  aus  der

Flasche  trank  elegant  aussah  und  nicht  einfach  bescheuert  wie  Mira,  die  sich  schon  mit  Wodka
Lemon im Plastikglas idiotisch vorkam. Kerstin blickte ebenfalls bewundernd auf Svenja. Sie war
eben doch ihr Star.

Die Häuser am rechten Straßenrand verschwanden, sie blickten auf den See.
„Glienicker Brücke coming up“, rief Ben von vorn und verlangsamte das Tempo.
„Können Sie bitte auf der Brücke kurz anhalten?“ Mira genoss die fragenden Blicke, die Kerstin

und  Svenja  ihr  zuwarfen.  Svenja  war  ihr  Star,  aber  heute  war  Mira  die  Top-Ermittlerin  beim

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Sophienbad. „Ich weiß, wer der Dieb ist“, sagte sie, als das Auto zum Stillstand gekommen war.

„Was?“, rief Kerstin, und Svenja hätte sich fast am Champagner verschluckt.
„Und ich hab auch schon einen Plan, wie wir ihn überführen werden.“
Während  hinter  ihnen  die  Glienicker  Brücke  in  der  Dämmerung  verschwand,  erzählte  Mira  in

allen Einzelheiten, wie sie Felix auf die Schliche gekommen war. „Aber ich habe keine Ahnung,
warum er es macht. Was soll ein Felix Scholl mit diesem Massageöl anfangen?“ Mira kapierte es
noch immer nicht.

Auch Svenja schüttelte den Kopf. „Felix hat so viel Geld, der kann sich locker ein ganzes Fass

mit  Kokosöl  in  die  Wohnung  stellen  lassen.“  Dann  grinste  sie  plötzlich.  „Und  könnt  ihr  euch
Herrn Scholl in diesem blauen orientalischen Mantel vorstellen?“

„Können schon. Er würde sogar ganz reizend in dem Fummel aussehen“, meinte Kerstin. „Aber

ich hab ihn damit noch nie in der türkischen Schwulendisco gesehen. Und er wäre mir aufgefallen,
auch wenn ich sonst mehr auf die Frau stehe, die da die Platten auflegt.“ Sie blickte ein bisschen
unsicher  zu  Mira  hinüber.  Die  war  damit  beschäftigt,  zu  verstehen,  was  Kerstin  gerade  gesagt
hatte. Sie stand auf Frauen? Aber was war dann mit Paul?

„Nee,  Felix  würd‘ste  nicht  mal  als  Leiche  in  so  einem  Outfit  zu  Gesicht  kriegen“,  brummte

Svenja und warf einen besorgten Blick in die fast leere Champagnerflasche.

Mira boxte ihre Freundin in die Seite. „Du hast gewusst, dass Kerstin lesbisch ist?“
Svenja zuckte mit den Schultern. „Ja. Wir haben uns gleich am ersten Drehtag über die besten

Fitness-Studios  nur  für  Frauen  in  Berlin  unterhalten.  Ich  will  mich  ja  nicht  auch  noch  beim
Workout  mit  irgendwelchen  Knilchen  herumschlagen,  die  mir  an  die  Wäsche  wollen.  Oder
womöglich  den  Mann  meines  Lebens  treffen,  während  ich  verschwitzt  auf  der  Streckmaschine
liege.“ Svenja lachte, und Mira rollte die Augen. Das war einfach nicht zu fassen.

„Ich …“ Kerstin räusperte sich. „Also, Paul und ich sind wirklich nur beste Freunde. Ich wüsste

nicht, was ich ohne ihn machen sollte, aber mit seinem Liebesleben hat das nichts zu tun. Und mit
meinem auch nicht.“

Mira starrte in ihren Longdrink. Wahrscheinlich hatten es alle die ganze Zeit gewusst, nur sie

nicht.

„Alles okay?“, fragte Svenja und schaute ihr tief in die Augen.
„Ja. Aber du hättest es mir schon sagen können.“
Svenja  zeigte  mit  der  Champagnerflasche  auf  ihre  Freundin.  „Ich  halte  nichts  von  Outing“,

grinste sie. „Und ich wusste, dass du von selbst draufkommst.“

Mira seufzte leise. Aber in ihrem Bauch fingen die Schmetterlinge mit einem Mal einen wilden

Tanz an. Es war definitiv nichts zwischen Paul und Kerstin, Paul war die ganze Zeit in sie verliebt
gewesen. Warum zum Teufel …

„Warum zum Teufel hat Paul meinen Hut gestohlen?“, fragte sie laut.
„Er  wollte  wirklich  nur  den  Verdacht  von  dir  ablenken.  Es  tut  ihm  total  leid,  Mira.“  Kerstin

stellte das leere Wodkaglas ab. „Und außerdem ist er voll neben der Spur. Als du mit der Spritze
ankamst, ist er fast ausgeflippt. Was hast du mit ihm angestellt, Mira?“

„Ich?“ Mira fuhr hoch. „Ich hab den besten Sex meines Lebens mit ihm gehabt. Und da war er

ja wohl nicht ganz unschuldig dran. Keine Ahnung, was er jetzt schon wieder hat.“

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Die Reifen quietschten, und der Wagen hielt. Die drei Frauen blickten hoch, sie hatten gar nicht

gemerkt, dass sie schon in der Kastanienallee waren.

„Alles aussteigen.“ Ben hielt galant die Tür zum Bürgersteig auf. „Und ich verabschiede mich

sofort, hier ist Halteverbot.“ Er wandte sich an Svenja. „Morgen früh um sieben?“

„O  je,  Sie  haben  recht.  Ich  glaube  mich  zu  erinnern,  dass  Vivi  acht  als  Drehbeginn  angesetzt

hat.“  Mit  der  leeren  Flasche  in  der  Hand  drehte  Svenja  eine  Pirouette  auf  ihren  orientalischen
Slippern.  Ben  blickte  mit  einem  seltsamen  Leuchten  in  den Augen  auf  die  tanzende  Gestalt  mit
den Sternen im Haar. Dann verabschiedete er sich höflich von Kerstin und Mira und fuhr davon.

„Offensichtlich  ein  Fan“,  kam  da  eine  dunkle  Stimme  von  Masoumées  Brillengeschäft.  Wie

gewöhnlich saß die Optikerin auf den Stufen und rauchte ihre Abendzigarette.

„Ach, hallo, Masoumée.“ Mira sah Svenja nach, die auf Zehenspitzen vor dem Hutgeschäft auf

und ab tänzelte. „Kommst du mit hoch? Wir feiern Svenjas rauschenden Erfolg …“

„Nicht zu übersehen.“ Masoumée stieß eine Rauchwolke aus, doch sie beobachtete nicht Svenja,

sondern blickte zu Kerstin, die auf dem Bürgersteig wartete.

„…  und  die  Tatsache,  dass  wir  morgen  dem  Dieb  des Sophienbads  sein  Handwerk  legen

werden.“

Die  orientalischen  Kulissen  waren  verschwunden,  kein  Goldglanz  oder  farbenprächtige  Opulenz
störte  am  Set  „Krankenzimmer“  die  sterile  Atmosphäre.  Svenja  lag,  mit  langen  durchsichtigen
Schläuchen an einen leise fiepsenden Monitor angeschlossen, im Krankenbett. Terry hatte sich für
das  Make-up  dieser  Szene  selbst  übertroffen:  Svenja  war  leichenblass  und  sah  wirklich  aus  wie
eine  Patientin,  die  gerade  knapp  dem  Tode  entronnen  war.  Felix  saß  mit  zerzausten  Haaren  an
ihrem Bett, das perfekte Bild eines Mannes, der fast die geliebte Frau verloren hätte.

Doch Mira hatte heute keinen Kopf für die rasant auf den Höhepunkt zusteuernde erste Staffel

von Sophienbad. Sie musste mit Paul reden. Irgendwie. Er stand am Kontrollmonitor, wie immer
voll konzentriert auf das, was auf dem Set passierte.

„Lass es nicht zu sehr wie eine Leichenhalle aussehen“, flüsterte Mira ihm von hinten ins Ohr.

„Svenja ist ja schon ganz grün im Gesicht.“

Paul schreckte zusammen und stieß einen unterdrückten Laut aus. Alle drehten sich um. Leon

warf  ihnen  einen  Blick  zu,  der  Bände  sprach:  Diese  Szene  würde  er  sich  durch  nichts  verderben
lassen,  nicht  durch  fehlende  Requisiten,  nicht  durch  schlecht  vorbereitete  Hauptdarsteller  und
schon gar nicht durch dumpfe Laute aus dem Off.

„Sorry“,  flüsterte  Mira  und  legte  Paul  die  Hand  auf  den  Oberarm.  Es  war  eine  spontane

Berührung,  weil  sie  Paul  beruhigen  wollte.  Doch  er  reagierte  vollkommen  unerwartet.  Mit  einer
schnellen Bewegung legte er seine Hand auf ihre Finger, sodass sie nicht mehr wegkonnte, selbst
wenn sie gewollt hätte. Aber Mira wollte nicht weg von Paul, und so wartete sie, bis er mit dem
Bild  zufrieden  war,  und  Svenjas  Gesicht  auf  dem  Monitor  weicher  und  nicht  mehr  wie  eine
Totenmaske wirkte. Dann winkte er den erstaunten Bastian heran.

„Du übernimmst“, sagte Paul in einem Ton, der keine Widerrede duldete. Bastian brachte nur

ein geflüstertes „Aber …“ zustande, da hatte Paul ihn schon hinter den Monitor geschoben. Paul
zog  Mira  weg  vom  Set,  hinüber  zur  vorderen  Tür,  über  der  das  rote  Licht  brannte,  das  anzeigte,
dass gedreht wurde. Mira ließ sich ziehen und amüsierte sich dabei über die entsetzten Blicke, die

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sie  verfolgten.  Paul  hatte  noch  nie  während  eines  Drehs  das  Set  verlassen.  Kaum  waren  sie
draußen, nahm er sie in die Arme und drückte sie eng an sich.

„Ich habe dich so sehr vermisst“, flüsterte er in Miras Locken.
„Ich  dich  auch.“  Geträumt  hatte  sie  von  diesem  Moment,  wenn  sie  ihn  wieder  spüren  konnte,

die letzten Tage waren ihr vorgekommen wie eine Ewigkeit. Sie schwiegen beide, dann löste sich
Paul  und  trat  verlegen  einen  kleinen  Schritt  zurück.  Ganz  gehen  ließ  er  sie  nicht,  er  hatte  die
Hände leicht auf ihren Hüften. Und Miras Arme lagen immer noch um seinen Hals, sie würde ihn
auf keinen Fall wieder einfach loslassen.

„Danke für den Schlüssel“, sagte Paul leise. „Der Kurier hat ihn gleich um acht gebracht.“
Sie nickte. „Wie bist du heimgekommen?“
„In Socken.“
Mira lachte auf. „Echt? Den ganzen Weg?“
Pauls  Hände  rutschten  tiefer,  er  streichelte  über  ihren  Po.  „Ich  wollte  nicht  noch  mal  rein  in

deinen  Laden,  nachdem  …,  also  …  Er  brach  ab  und  zog  sie  näher.  Leise  flüsterte  er  in  ihr  Ohr:
„Ich dachte, du bist sauer.“

„Oh, ich war sauer!“ Mira drückte ihre Wange an Pauls Kinn und spürte die rauen Bartstoppeln.

Wie gut sich das anfühlte! „Kerstin hat gemeint, du bist einer, der handelt und nicht redet.“

Paul schaute sie aus seinen grauen Augen an. „Das war nett ausgedrückt. Sie hätte auch sagen

können, ich denke nicht für drei Cent nach, sondern schlage ohne Sinn und Verstand los, wenn ich
mir was in den Kopf gesetzt habe. Ich war ein Idiot, Mira.“

„Aber  ein  netter  Idiot.“  Mira  stellte  sich  auf  die  Zehenspitzen  und  küsste  Paul  so  zärtlich  sie

konnte. Als  sich  ihre  Lippen  berührten,  waren  die  Erinnerungen  an  ihre  Nacht  sofort  wieder  da.
Paul presste sie an sich. Ihm ging es genauso, das konnte Mira ganz deutlich spüren. Es dauerte
lange, bis sie einander wieder losließen.

„Ich muss dir noch was sagen, Paul. Wegen der Diebstähle. Es ist nämlich so, dass …“
Paul legte ihr schnell einen Finger auf den Mund. „Psst. Ich will es nicht wissen. Es ist mir egal,

warum du die Spritze wieder hast auftauchen lassen. Du wirst deine Gründe haben für das, was du
tust.“

Im ersten Moment wollte Mira ihren Ohren nicht trauen. Paul dachte anscheinend immer noch,

sie  habe  die  Spritze  gestohlen.  Dann  glaubte  er  also  auch,  dass  sie  …  Es  war  wirklich  nicht  zu
fassen:  Er  hielt  sie  immer  noch  für  die  Diebin!  Eigentlich  hatte  Mira  ihn  gerade  in  den  Plan
einweihen wollen, den sie, Svenja, Masoumée und Kerstin gestern Nacht ausgetüftelt hatten, aber
nun schwieg sie. Der nächste Dreh würde nicht nur für Felix eine Riesenüberraschung werden.

„Ich muss wieder rein.“ Paul klang, als ob er sich am liebsten gleich mit Mira davongeschlichen

hätte,  aber  er  war  der  Beleuchtermeister,  und  beim  Set  stand  ein  unerfahrener  Lehrling  am
Lichtpult.

„Ja“, sagte Mira. „Bastian hat inzwischen sicher die ganze Szene in rotes Licht getaucht.“
Paul schreckte hoch. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na“, Mira blinzelte Paul an, „vorhin hat er mit dem roten Filter herumgespielt.“
„Was?“ Paul drehte sich halb um und zog sie mit zur Hallentür. Bevor er in die Lichtschranke

trat,  nahm  er  Miras  Hand  und  drückte  sie  kurz  an  sein  Herz,  dann  ließ  er  sie  los.  „Kommst  du

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nachher mit auf eine Spitztour zum Schloss Babelsberg?“, fragte er, den Blick schon auf die Halle
gerichtet.

„Klar“, antwortete Mira und ging einen Schritt vorwärts. Die automatische Tür öffnete sich mit

einem leisen Ächzen. Rotes Dämmerlicht empfing sie. Dann hörten sie die kratzige Stimme von
Mogengruber.

„Oh nein“, murmelte Paul. „Ausgerechnet heute muss der hier auftauchen.“
Doch der Regisseur klang überhaupt nicht so, als ob er gleich ausflippen würde. „Ein genialer

Einfall.  Dieses  rote  Licht  –  emotionales  Drama,  die  Farbe  des  Blutes,  die  Farbe  der  Liebe,  zwei
flammende Herzen, die endlich zueinanderfinden. Das ist spitze!“

Zwei flammende Herzen! Mira hätte fast laut gelacht, und gleichzeitig spürte sie Tränen in den

Augen. Vielleicht würde Paul nie lernen, ihr voll und ganz zu vertrauen, aber sie hatte ihre große
Liebe gefunden.

In  der  Produktion  war  alles  für  den  finalen  Höhepunkt  der  ersten  Staffel  von Sophienbad,  den
Heiratsantrag  des  Chefarztes  Tobias  an  die  von  ihrem  Burnout-Syndrom  geheilte  Caren,
vorbereitet.  Ein  Gärtner  verteilte  gerade  noch  echte  Blumen  um  den  von  einer  runden  Sitzbank
umgebenen  Kurbrunnen  des  Sophienbads.  Es  roch  leicht  nach  Rosen  und  frisch  geschnittenem
Gras in der Halle.

Mira  beeilte  sich,  zur  automatischen  Tür  zu  kommen.  Felix  würde  jeden  Moment  aus  seiner

Garderobe  auftauchen.  Rechts  neben  der  Tür  kauerte  Bastian  hinter  riesigen  Leitern,  mit  denen
man  fast  bis  an  die  Decke  der  Halle  steigen  konnte.  Mira  zwinkerte  ihm  unauffällig  zu,  dann
wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem dunkelblauen Rock ab.

Die Tür zischte, Felix kam fertig geschminkt heraus. Für diese Szene trug er statt des weißen

Arztkittels einen edlen Anzug. Es war ziemlich schwierig gewesen, auf die Schnelle einen zweiten
zu  finden,  der  genauso  aussah.  Masoumée  hatte  ihn  sich  schließlich  von  einem  reichen  Freund
ausgeliehen, bei dem eine ganze Auswahl von Armani-Anzügen im Schrank hing. Mira trat einen
Schritt vor, sie hielt Felix am Arm fest.

„Moment,  warte  mal“,  sagte  sie.  Gleichzeitig  schob  sie  ihn  nach  links  in  die  abgestellten

Kulissen. Hoffentlich war Bastian nicht zu vorschnell, sondern wartete, bis sie Felix für eine halbe
Minute beschäftigt hatte. „Du hast da was, Felix.“

„Lass, ich muss zum Dreh!“ Felix wollte sich frei machen, aber Mira drehte ihn zu sich herum,

damit er nicht zum Set schauen konnte.

„Da ist Puder direkt an deinem Unterarm. Ich klopfe das rasch aus. So kannst du nicht vor die

Kamera.“  Felix  blieb  tatsächlich  stehen  und  ließ  zu,  dass  sie  sich  am  Ärmel  seines  Anzugs  zu
schaffen machte.

Wie  aufs  Stichwort  löste  sich  in  Felix‘  Rücken  ein  zweiter  Mann  im  dunklen Anzug  aus  dem

Halbdunkel und ging auf Leon zu. Der hatte wie immer nur Augen für das Set. Bastian war sofort
Feuer  und  Flamme  gewesen,  als  sie  ihn  in  ihren  Plan  eingeweiht  hatten.  Der  junge  Kabelträger
hatte  zwar  nicht  Felix‘  breite  Schultern,  aber  er  war  etwa  genauso  groß  wie  er.  Im Anzug,  mit
Perücke  und  viel  Schminke  konnte  man  im  ersten  Moment  den  Eindruck  haben,  Felix  stehe  vor
einem. Sie hatten mit Bastian den immer leicht genervten Ton von Felix geübt. Wenn Leon jetzt
noch so hektisch war wie immer …

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„Das reicht aber jetzt. Da ist kein Puder mehr.“
„Doch.“  Mira  schlug  den  Ton  der  Erzieherin  im  Kinderladen  drei  Häuser  weiter  von  ihrem

Hutatelier an. „Stell dich nicht so an, tut schließlich nicht weh, Kleiner.“

Zu  ihrer  Überraschung  lachte  Felix  und  warf  ihr  einen  strahlenden  Blick  aus  seinen  blauen

Augen zu. „Du wirst sicher mal ‚ne gute Mutter.“

„Wie  bitte?“ Auch  das  noch.  Mira  lächelte  schief  und  blickte  an  Felix‘  Kopf  vorbei  zum  Set.

Bastian trat von hinten an Leon heran. Jetzt würde er ihn gleich nach dem Ring fragen. Das war
ein  echter  7,5-Karäter  und  von  einem  Juwelier  aus  der  Fasanenstraße  geliehen.  Leon  hatte  laut
verkündet, dass er diesen Ring immer in der Brusttasche über seinem Herzen tragen und nur für
die Heiratsantragsszene herausrücken würde. Nun griff Leon in eben diese Brusttasche und holte
eine kleine Box heraus.

„Jetzt lass mich aber mal gehen. Mira!“ Felix nahm ihr die Sicht. Mist.
„So“,  sagte  sie  und  warf  einen  letzten  prüfenden  Blick  auf  den  perfekt  sauberen  Jackenärmel,

„alles weg. Toi, toi, toi, Felix.“ Mira nickte ihm aufmunternd zu, während die dunkle Gestalt sich
hinter seinem Rücken wieder hinter den abgestellten Leitern verbarg. Sie schaute Felix noch nach,
bis er im gleißenden Scheinwerferlicht neben dem Kurbrunnen stand.

Dann  eilte  sie  zu  Bastian.  Der  hatte  schon  die  Anzugjacke  ausgezogen  und  hielt  ihr  die

Ringschatulle hin. „Mann, das war knapp. Leon wollte sich gerade zu mir umdrehen. Aber da hat
ihn  Gott  sei  Dank  Kerstin  abgelenkt.  Uff,  ich  nehm  mir  jetzt  die  Schminke  vom  Gesicht.  Ganz
pünktlich schaff ich es bestimmt nicht. Paul wird einen Aufstand machen.“

Mira warf einen Blick in die Schatulle. Wow, was für ein Brillant, klassisch in Gold gefasst. Die

7,5 Karat funkelten im Halbdunkel. „Das bügeln wir schon aus, keine Sorge.“ Sie hauchte Bastian
ein Küsschen auf die Wange. „Danke!“

„Alles  auf Anfang.“  Vivis  Stimme  klang  wie  die  Stimme  eines Ausbilders  bei  der  Bundeswehr.
Mira zwang sich, nicht an ihren Nägeln zu kauen, und erinnerte sich an die vielen Miss-Marple-
Romane, die sie verschlungen hatte. Die britische Ermittlerin war immer die Ruhe selbst, wenn sie
den Täter überführte. Mira richtete sich unwillkürlich auf.

Im Set saß Svenja strahlend frisch im blauen Frühlingskostüm auf der Bank und hielt die Nase

an  den  getopften  Rosenbusch,  den  der  Gärtner  neben  den  Brunnen  gestellt  hatte.  „Was  für  ein
herrlicher Tag!“

Chefarzt Tobias kam näher und fiel vor seiner Angebeteten auf die Knie. „Caren, es kann keinen

schöneren Tag geben für die Frage, die ich dir heute stellen möchte.“

„Cut!“, rief Vivi. „Das Kästchen, Felix? Du sollst die Schatulle doch schon in der Hand haben.“
Felix stützte sich mit der Hand an der Bank ab. „Welche Schatulle, ich habe nichts. Leon wollte

mir den Ring erst im letzten Moment geben.“

„Das  hab  ich  doch  auch.“  Leons  Stimme  klang  gefährlich  hoch.  „Keine  zwei  Minuten  ist  das

her.“

Felix schaute verdutzt von Leon zu Vivi, dann blieb sein Blick an Svenja vor ihm hängen, die

mit  einer  kecken  Geste  den  schwarzen  Federhut  aufsetzte,  der  bis  jetzt  neben  ihr  auf  der  Bank
gelegen  hatte.  Paul  hatte  Mira  den  leicht  zerknautschten  Hut  sofort  ausgehändigt,  als  sie  ihn
danach  gefragt  hatte.  Die  aufgesetzten  weißen  Federn  schimmerten  im  Licht.  Svenja  rückte  den

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Hut auf ihren blonden Locken zurecht, als ginge sie die neuerliche Katastrophe überhaupt nichts
an. Felix wandte den Blick zögerlich zu Leon. „Ich … also, ich habe den Ring nicht.“

„Das darf jetzt nicht wahr sein.“ Leon warf das Skript auf den Boden und stapfte auf das Set.

„Der Ring ist vierzigtausend Euro wert. Wo ist das Ding, Felix?“ Er baute sich vor dem knienden
Schauspieler auf.

Mira konnte sich ein Lachen kaum verkneifen, dann sah sie, dass auch Svenja Mühe hatte, ihr

Gesicht unter Kontrolle zu halten.

„Leon.“ Vivis Stimme klang scharf.
Felix  richtete  sich  auf.  „Ich  habe  keinen  Ring  bekommen.  Ich  hab  das  Ding  noch  nicht  mal

gesehen.“ Trotzig verschränkte er die Arme vor der Brust.

Leon bekam einen hochroten Kopf. „Ich habe ihn dir gerade eben gegeben!“
„Nein,  das  hast  du  nicht.  Wann  denn?  Mira  hat  mir  noch  einen  Puderrest  vom Arm  geklopft,

und dann war ich sofort am Set.“ Felix war aufgebracht.

„Stimmt das, Mira?“, fragte Vivi mit eisiger Stimme.
„Ja, genau. So hätte er nicht vor die Kamera gekonnt, deshalb …“
„Danke!“  Vivi  warf  Leon  einen  vernichtenden  Blick  zu.  „Wir  wollen  hier  mal  nicht

durchknallen.  Jetzt  wird  gedreht,  basta.  Haben  wir  etwas  anderes  als  diesen  Ring,  was  Tobias
Caren für den Heiratsantrag überreichen könnte?“

Keiner  wagte,  einen  Ton  zu  sagen.  Es  war  schon  gefährlich  genug,  Vivi  in  so  einer  Laune

überhaupt  anzusprechen.  Irgendeinen  Vorschlag  zu  machen,  den  sie  sofort  abschmettern  würde,
war Selbstmord. Leon war der Einzige, der dann noch mit ihr reden konnte. Doch der stand völlig
verdattert zwischen Felix und Svenja neben dem Brunnen.

Aber plötzlich zog er etwas aus seinem Jackett. „Vielleicht geht ja das hier“, sagte er und hielt

Vivi einen Umschlag entgegen. „Das sind zwei Flugtickets nach Paris.“

Alle  starrten  auf  den  Umschlag,  auf  dem  das  Logo  eines  hochpreisigen  Reiseunternehmens

prangte.

Mit leiser Stimme fragte Vivi. „Zwei Tickets?“
„Na  ja  …“  Leons  Hand  mit  dem  Umschlag  zitterte.  „Paris  ist  schließlich  die  Stadt  der  Liebe,

und  da  kann  man  …  na,  da  kann  man  einfach  nicht  alleine  hinfahren,  Vivi.“  Sein  Blick  hätte
Steine  erweichen  können,  und  wenn  sich  Mira  nicht  täuschte,  dann  huschte  da  tatsächlich  ein
Lächeln über Vivis Gesicht. Mira wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Himmel, was war
Leon für ein Romantiker!

„Also  gut.“  Vivi  wischte  sich  über  das  linke Auge,  dann  riss  sie  Leon  den  Umschlag  aus  der

Hand und winkte Felix vom Set. „Hier. Dann eben Flitterwochen statt Ring. Wo der nun ist, klären
wir später. First things first. Und nun alle auf Anfang. Verdammt noch mal!“

Felix und Svenja spielten die Antragsszene knapp bis zum Ende durch. Alles lief wunderbar, nur
ab und zu starrte Felix einen Moment zu lange auf Svenjas Hut. Mira überprüfte, ob Kerstin und
Bastian  an  den  vereinbarten  Plätzen  standen.  Felix  durfte  ihnen  nachher  nicht  entwischen. Aber
alle  denkbaren  Fluchtrichtungen  waren  gesichert.  Bastian  stand  mit  einem  Stolperkabel  in  der
Hand  vor  der  automatischen  Tür.  Kerstin  versperrte  die  Richtung  zum  vorderen  Ausgang.  Und

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Mira selbst verstellte den Weg in die Kulissen zum Hinterausgang.

Am  Kurbrunnen  sank  Felix  gerade  wieder  vor  Svenja  auf  die  Knie  und  improvisierte.  „Caren,

kein  Tag  könnte  besser  sein  für  meine  Frage.“  Er  zückte  die  Tickets.  „Willst  du  mit  mir  in  die
Stadt der Liebe fliegen?“

Jetzt  lächelte  Svenja  und  zog  dabei  das  Kissen  hervor,  auf  dem  sie  die  ganze  Zeit  gesessen

hatte.  Dort  hatte  sie  ihn  versteckt!  Das  Kissen  fiel  auseinander  und  wurde  zu  einem  blauen
Hausmantel,  der  dem  verschwundenen  wie  ein  Ei  dem  anderen  glich.  Kerstin  hatte  auf  eBay
Stunden  mit  der  Suche  nach  einem  ähnlichen  Modell  zugebracht  und  ihn  per  Eilkurier  kommen
lassen. „In diesem Zaubermantel fliege ich mit dir, wohin du willst.“ Svenja enthüllte den Mantel,
sodass das silberne Muster zu erkennen war.

Felix stand der Mund offen. Er tastete mit ausgestreckten Händen nach dem Stoff.
Von  der  Regie  kam  ein  gurgelndes  Geräusch,  aber  Vivi  hielt  Leon  den  Mund  zu.  Sie  machte

Zeichen, alles weiterlaufen zu lassen.

„Bloß zuerst, mein Lieber, möchte ich dir gerne den Nacken massieren. Vielleicht mit diesem

Öl?“  Svenjas  schlanke  Hand  zog  ein  Fläschchen  aus  der  Blumendeko.  Gott  sei  Dank  hatte
Beautyline ja inzwischen nachgeliefert.

Leon wollte aufs Set stürzen, Vivi hielt ihn jedoch fest.
„Ich … ich …“ Felix schluckte sichtbar, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schaute zu

Svenja auf, die nun in das Becken des Kurbrunnens griff. Wasser perlte von ihrer Hand ab, als sie
mit  einem  venezianischen  Glaskelch  wieder  auftauchte.  Es  war  Masoumées  Fundstück,  das  sie
einer Freundin verdankte, die sich im Antiquitätenhandel auskannte.

Svenja  reichte  dem  bleichen  Felix  den  gefüllten  Kelch.  „Mein  Armer,  was  hast  du  denn?

Brauchst  du  eine  Stärkung?  Trink  einen  Schluck  von  dem  Heilwasser  des  Sophienbads.“  Sie
reichte dem noch immer knienden Felix den Kelch.

Aus Felix‘ Mund kam ein Geräusch, das sich wie das Knurren eines Hundes anhörte. Mit einer

raschen  Bewegung  schlug  er  Svenja  den  Kelch  aus  der  Hand.  Er  schepperte  über  den  Boden,
Wasser spritzte, doch wie ein Wunder blieb das Glas heil.

Svenja  ließ  sich  nicht  irritieren,  und  in  diesem  Moment  bewunderte  Mira  sie.  Ihre  Freundin

griff Felix in die Seitentasche und zog wie eine gute Fee die Ringschatulle hervor. „Was haben wir
denn da?“

Jemand schnaubte erleichtert. Es musste Leon sein, dem Vivi immer noch mit eisernem Griff

den Mund zuhielt.

Der 7,5-Karäter funkelte im Scheinwerferlicht, das Paul exakt auf den Ring ausrichtete. Svenja

legte Felix die Arme um den Nacken, wie es wohl die frisch verliebte, glückliche Caren bei ihrem
Tobias  tun  würde.  Leise,  doch  so,  dass  es  alle  hören  konnte,  sagte  sie:  „Felix,  bist  du  uns  nicht
eine Erklärung schuldig?“

Dann brach das Chaos aus.
Vivi schrie, Leon riss sich los und schrie auch. Felix fuhr in die Höhe und schüttelte Svenja ab,

die ihn zurückhalten wollte. Er stieß sie ziemlich unsanft nach hinten, und um ein Haar wäre sie
statt  auf  die  Brunnenbank  ins  Becken  gefallen.  Im  nächsten Augenblick  stürzte  er  los  Richtung
Garderobe.  Bastian  spannte  das  Kabel,  und  Felix  drehte  sich  um  und  lief  Richtung  Ausgang.

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Kerstin  hatte  sich  Paul  zu  Hilfe  geholt.  Sie  standen  beide  wie  Leibwächter  vor  der  Tür.  Felix
schreckte zurück und rannte quer übers Set auf Mira zu.

Mira  sah  den  großen  Mann  auf  sich  zukommen,  seine  Bewegungen  waren  hektisch,  er  war

eindeutig von Panik erfüllt. Und wütend. Verdammt wütend.

„Cut“, ertönte da Vivis schneidende Stimme.
Felix  blieb  wie  angewurzelt  stehen.  Paul  tauchte  hinter  Felix  auf,  warf  sich  auf  ihn,  und

gemeinsam gingen sie zu Boden. Kurz wehrte der Schauspieler sich noch, dann ließ er sich in den
Polizeigriff nehmen.

„Ich  konnte  einfach  nicht  anders“,  brüllte  er.  „Wenn  ihr  wüsstet,  wie  das  ist,  immer  vor  der

Kamera zu stehen. Und ich muss immer der Beste sein, muss die Szenen retten, denn sonst kann
hier ja keiner was. Diese bescheuerten Scriptwriter. Und diese Sternchen, die noch nicht mal einen
ganzen Satz richtig sprechen können. Ihr habt doch keine Ahnung, keine Ahnung habt ihr …“

„Klappe“, sagte Vivi, die an Felix herangetreten war. Der Schauspieler verstummte.
Vivi gab Leon und Bastian ein Zeichen. „Bringt ihn in seine Garderobe, bis die Polizei da ist.

Und  Leon  …“  Der  Requisiteur  drehte  sich  um.  „Den  Schlüssel  zu  Felix‘  Garderobe  bewahre ich
auf.“

Leon machte ein verdutztes Gesicht, dann fingen alle an zu lachen, erst leise, schließlich immer

lauter. Die Anspannung löste sich. Mira blickte zum Set. Da saß Svenja am Brunnen und betrachte
versonnen  den  Ring,  den  sie  sich  an  den  Mittelfinger  gesteckt  hatte.  Vielleicht  spürte  sie  Miras
Blick, auf jeden Fall schaute sie auf und lächelte zurück.

Paul sah Felix hinterher, der von Bastian und Leon durch die automatische Tür geschoben wurde.
Felix war der Dieb! Kein Wunder, dass hier alle verrückt wurden. Und Mira hatte es gewusst, sie
hatte das Rätsel der verschwundenen Requisiten geknackt. Diese Frau war nicht nur schön, sie war
auch  klug  und  hatte  einfach  Klasse.  Wie  hatte  er  sie  nur  auch  nur  eine  Sekunde  verdächtigen
können?

Paul  aktivierte  die  Textprojektion,  die  schräg  über  dem  Set  an  einem  Lichtbalken  hing.  Ein

schwaches rotes Licht leuchtete auf, das in dem ganzen Chaos niemandem auffiel. Paul tippte ein
paar Worte in die Steuerungstastatur. Wichtige Worte. Genau die richtigen Worte. Da war er sich
sicher. Dann richtete er den Projektor aus.

Der  große  Scheinwerfer  irrte  suchend  in  der  Halle  umher,  dann  fokussierte  er  auf  Mira,  die

zwischen Vivi und Kerstin stand. Das Frontallicht wurde weicher, der Rest der Halle versank im
Dunkel.  Als  ob  sie  es  mit  Paul  verabredet  hätten,  traten  Kerstin  und  Vivi  sofort  aus  dem
Lichtkreis, in dem nun nur noch Mira stand und verwundert in die Dunkelheit blickte.

Dann schaltete Paul das Textband zu. Hinter Mira liefen rote Buchstaben durch die Dunkelheit.

Sie konnte sie selbst nicht sehen. Noch nicht.

Als  Erste  klatschte  Svenja,  dann  Vivi  und  Kerstin.  Bastian  und  Leon  kamen  zurück,  und  sein

junger Lehrling schrie: „Yeah, Paul, go!“

Mira  drehte  sich  auf  der  Stelle.  Jetzt  sah  sie  die  flirrenden  Buchstaben.  Paul  trat  in  das

Scheinwerferlicht neben sie. Mira schaute ihn von der Seite an, dann nahm sie ihn an der Hand.
Über ihnen bewegte sich knirschend der Lichtbalken. Die Buchstaben leuchteten in kräftigem Rot
auf  Miras  Gesicht,  dann  erfassten  sie  auch  ihn.  MIRA,  ICH  LIEBE  DICH  –  PAUL,  stand  da

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geschrieben.

Alle klatschten und johlten, und Paul war die ganze Aktion mit einem Mal unendlich peinlich.

Mira  schaute  hoch  zu  ihm.  Ah,  sie  lächelte.  Wie  er  es  liebte,  wenn  sie  sich  vor  ihm  auf  die
Zehenspitzen stellte. Ganz sanft küsste sie ihn.

Was das Publikum ihnen zurief, kriegte Paul gar nicht mehr mit. Mira wollte ihn, das spürte er

an ihrem Kuss. Und das war genug für ihn. Für immer.

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EPILOG

Das Glöckchen über Miras Ladentür bimmelte, und Vivi trat heraus auf den Bürgersteig. Sie sah
einfach hinreißend aus mit dem rosa Hut aus Flamingofedern. Leon fand das offenbar auch, denn
er starrte sie mit offenem Mund an.

„Ich  würde  dir  glatt  noch  mal  einen  Antrag  machen,  Vivi,  wenn  wir  nicht  schon  verheiratet

wären“, sagte er.

Vivi winkte auf ihre übliche barsche Art ab. „Einmal genügt mir, Schatz. Das Outfit hier werde

ich bei der Premiere von Blutspur durch Paris: Die Bartholomäusnacht tragen.“

„Ja“, nickte Leon, „dieses orange angehauchte Rosa der Federn hat denselben Ton wie das Kleid

der Heldin, kurz bevor sie hingerichtet wird.“

„Ihr  heimst  sicher  wieder  alle  Preise  ein.“  Mira  schaute  die  Kastanienallee  entlang.  Wo  blieb

Paul?

„Habt  ihr  das  gesehen!“  Svenja  kam  im  knallengen  Minirock  von  dem  Kiosk  an  der  anderen

Straßenseite  herübergestöckelt  und  wedelte  mit  der  Zeitung. KLAUEN  IST  WIE  KOKS  in
Riesenlettern auf der ersten Seite.

Sie rief ihnen den Text zu. „‘Felix Scholl, 34, gesteht sein heimliches Leiden. Klauen gibt dir

einen Riesenkick, enthüllt der berühmte Heimatdarsteller und Held der Arztserie Sophienbad. Sein
volles  Geständnis  auf  Seite  18‘.“  Svenja  blätterte  im  Gehen  um,  und  eine  Windbö  wehte  ihr  ein
paar Seiten aus der Hand. Kerstin, die mit Masoumée Kisten aus dem Brillengeschäft schleppte,
fing sie auf.

„Seine  verdammte Autobiografie  steht  auf  Platz  1  der  Spiegel-Bestsellerliste!“  Kerstin  rollte

mit den Augen und schlug dann die Zeitungsseiten auf. „Aber die wirklichen Neuigkeiten sind das
hier.“ Sie deutete triumphierend auf eine ganzseitige Anzeige in Farbe.

Mira, Vivi und Leon beugten sich über die Zeitung. „Das neue Gesicht von Beautyline?“  Leon

drehte sich um. „Wow, Svenja – du hast es geschafft. Herzlichen Glückwunsch!“

Vivi klopfte ihrem Star auf die Schulter. „Ich hab ja schon immer gewusst, dass du es noch weit

bringen wirst.“

„Na ja, die Kampagne geht erst mal für ein Jahr. Danach sieht man weiter.“
Mira  grinste  nur.  Ihre  Freundin  war  jetzt  ein  Topmodell  wie  Naomi  Campbell  und  Claudia

Schiffer.  Nur  dass  Svenja  Angerholt  zehn  Jahre  jünger  war.  Gerade  hatte  sie  das  Angebot
bekommen,  in  einem  Kinofilm  die  Hauptrolle  zu  spielen  –  eine  blinde  Passagierin  auf  einem
Schiff,  das  vor  den  Nazis  nach  Amerika  floh.  Alle  waren  überzeugt,  dass  der  Film  an  der
Kinokasse alle Rekorde brechen würde.

„Was  verdienst  du  denn  so,  damit  Beautyline  an  dein  Gesicht  ran  darf?“  Masoumée  stellte

ächzend  eine  offene  Kiste  auf  den  Bürgersteig.  Der  lange,  gebogene  Hals  einer  Goldkaraffe
schaute heraus.

Svenja  grinste.  „Ein  Bruchteil  der  Schätze,  die  du  und  Kerstin  für  die  Ausstellung

zusammengetragen habt. Gold und Filz in der iranischen Alltagskunst. Ich bin wirklich gespannt.“
Sie strich sich eine unsichtbare Haarsträhne aus der Stirn. „Und natürlich wird nie ein Tröpfchen
von Beautyline an meine Haut kommen. Was glaubst du, was es kostet, so einen makellosen Teint

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instand  zu  halten?  Mit Beautyline  kommst  du  da  nicht  weit.  Nein,  für  die  anderthalb  Millionen
kriegen die meinen Namen und ein paar Fototermine, aber mehr nicht.“

„Apropos Millionen“, meinte Kerstin. „Seht ihr die Frau da vorn? Ich wusste gar nicht, dass die

hier  in  der  Gegend  wohnt.  Das  ist  doch  …“  Sie  verstummte,  und  auch  die  anderen  schwiegen
andächtig.

Mira  grinste.  Die  alte  Dame  des  deutschen  Films  war  schon  mehrmals  bei  ihr  im  Laden

gewesen, und gemeinsam hatten sie eine ganz besondere Hutkollektion für sie zusammengestellt.

„Irgendwie kommt mir ihr Hut bekannt vor“, meinte Leon.
Svenja  knuffte  Mira  in  die  Seite.  „Das  ist  ja  einer  von  deinen.  Hey,  du  hast  mir  gar  nicht

erzählt, dass die … wow, dass die …“ Sie verstummte in erneuter Ehrfurcht.

„Sie  ist  wirklich  nett“,  sagte  Mira.  „Und  sie  kennt  alle  Miss-Marple-Romane  praktisch

auswendig.“

Mira dachte an gestern Abend, als sie Paul aus dem Orientexpress vorgelesen hatte. Nach fünf

Minuten  war  er  eingeschlafen.  Seit  er  bei  Vivis  und  Leons  Historien-Produktionen  Chef-
Beleuchter  war,  kam  er  oft  todmüde  nach  Hause.  Über  eine  Stunde  hatte  Mira  diesem
wunderbaren Mann einfach beim Schlafen zugesehen.

Als das Apartment gegenüber von Svenjas Loft überraschend frei wurde, waren sie zusammen

eingezogen. Allein  hätte  sich  Mira  eine  Dachgeschoss-Wohnung  in  dieser  Gegend  nicht  leisten
können, selbst wenn sie sich seit dem Erfolg von Sophienbad vor Hutaufträgen kaum noch retten
konnte.

Irgendwann öffnete Paul seine grauen Augen und zog sie zu sich. „Wollen wir runtergehen?“,

flüsterte  er,  und  schon  allein  der  Klang  seiner  Stimme  ließ  Miras  ganzen  Körper  vibrieren.  Sie
liebten sich auf den Filzmatten in der Kammer so leidenschaftlich wie beim ersten Mal.

Als der Morgen dämmerte, fragte Mira: „Werden wir immer noch hier unten Sex haben, wenn

wir erst einmal verheiratet sind?“

Paul küsste sie. „Wir werden immer hier sein, wenn wir Sex haben, Mira, egal wo wir sind. Das

ist unser magischer Ort.“

Sie liebte ihn dafür, dass er so etwas Schönes sagen konnte. Wie von selbst hatten ihre Körper

noch einmal zueinandergefunden, als draußen auf der Kastanienallee schon die erste Straßenbahn
vorbeigerattert war.

Extra für ihren großen Tag hatte Mira sich eine eigene Roadrunner – Kappe angefertigt, ähnlich

wie die von Paul, nur aus rosa gefärbtem Gazellenleder. Die Farbe passte besser zu ihrem weißen
Kleid, das über und über mit Rosen bestickt war.

Sie schaute angestrengt die Straße entlang. Vorne sah sie den schwarzen Benz des Studios um

die Ecke biegen, Ben holte die Hochzeitsgesellschaft ab. Aber wo war Paul?

Er kommt nicht!, schoss es ihr durch den Kopf. Paul hatte Muffensausen gekriegt, oder er hatte

eine  andere  Frau  gefunden,  oder  er  wollte  doch  Kerstin,  obwohl  Kerstin  auf  Masoumée  stand.
Oder  jemand  hatte  die  Ringe  gestohlen!  Genau.  „Bestimmt  hat  wieder  jemand  die  Ringe
gestohlen“, schrie Mira so laut, dass alle um sie herum zusammenzuckten und sie anstarrten.

„Kleines,  wie  kommst  du  denn  darauf?“  Svenja  stöckelte  an  ihre  Seite  und  nahm  sie  in  den

Arm.

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Mira hatte einen Kloß im Hals. „Wo bleibt er denn?“
„Er kommt doch schon“, flüsterte Svenja. „Schau mal, wer da hinter Ben herangerast kommt?“
Paul! Das Verdeck der DS war aufgeklappt und der Wagen über und über von Blumen bedeckt.

Ein Rosengesteck lag auf dem Kühler, Rosengirlanden hingen an den Seiten, der Rücksitz war ein
Meer aus weißen, rosa und roten Rosenblüten.

„Ich hab die Ringe nicht gefunden.“ Paul blickte verlegen in die Runde. „Sorry.“
„Aber jetzt hast du sie?“, fragte Mira. „Nicht, dass wir nachher vor dem Standesbeamten stehen,

und die wichtigste Requisite fehlt.“

Paul grinste und klatschte auf die Pottasche seiner Lederhose. „Ich hab sie. Komm, steig ein.“

Mira kam sich wie eine Prinzessin vor, als sie sich in der Blütenpracht niederließ. Paul schaute sie
kurz an, dann setzte er sich ans Steuer und zündete. Ein seltsames Lächeln umspielte seine Lippen.

„Was ist?“, frage Mira leise.
Paul  blickte  sie  an.  „Du  machst  mich  glücklich“,  sagte  er.  Dann  drückte  er  das  Gaspedal  und

brauste die Kastanienallee hinunter, schneller als es die Polizei erlaubt.

– ENDE –


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