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IMPRESSUM

Liebe ohne Sicherungsseil erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/60 09 09-361
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Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Cheflektorat:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Lektorat/Textredaktion:

Veronika Matousek

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Erste Neuauflage by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,
in der Reihe: Digital Edition

© 2008 by Cora Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY LIEBEN & LACHEN
Band 45 - 2008 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Umschlagsmotive: vita khorzhevska / Shutterstock

E-Book-Produktion: 

GGP Media GmbH

, Pößneck

ISBN 9787373380267

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

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1. KAPITEL

Stefanie Clarin griff nach der Fernbedienung. Noch glänzte der wandgroße Plasmabildschirm im
Creativ-Raum  von light  arts  neutral  silbergrau,  aber  das  würde  sich  bald  ändern.  Ihr  Schatten
spiegelte sich im Bildschirm, sie glaubte sogar den Schimmer ihrer rotbraunen Haare zu erkennen.
Sie  lächelte  sich  zu.  Vor  drei  Monaten  hatte  sie  den  internationalen  Lichtkünstler  Robert  van
Halen  mit  einer  spontanen  Bewerbung  nachmittags  um  halb  drei  so  überrascht  und  mit  ihrer
kleinen Präsentationsmappe so beeindruckt, dass er Stefanie vom Fleck weg als neue Marketing-
Fachfrau eingestellt hatte. Nun leitete sie mit nur 26 Jahren bei light arts schon einen kleinen Stab
von Mitarbeitern.
Ja, es gab sie wirklich, die Glückssträhnen im Leben, und Stefanie war fest entschlossen, sie nicht
abreißen  zu  lassen.  Gerade  jetzt  nicht,  wo  sie  zum  ersten  Mal  das  Privileg  erhielt,  hier  im
„Allerheiligsten“  der  Firma  ihrem  Chef  Robert  unter  vier  Augen  vom  neuesten  Kunden  zu
berichten.
Der  Creativ-Raum  lag  im  siebzehnten  Stock.  Das  natürliche  Licht  des  Berliner  Himmels  flutete
durch die riesigen Fenster. „Meine beste Inspirationsquelle“, meinte ihr Chef. Stefanie richtete ihr
rotbraunes Haar und stellte sich an die Seite des schlichten hellen Holztisches. Mehr Möbel außer
zwei  Stühlen  duldete  der  renommierte  Lichtdesigner  nicht.  Auf  besondere  Lichtquellen  hatte
Robert zu Stefanies großer Verwunderung verzichtet. Die Außenwand des Creativ-Raums bestand
nur  aus  Glas.  Stefanie  blendete  der  perfekt  blaue  Himmel  ein  wenig,  kein  Wunder,  dass  Robert
selbst  hier  seine  blaugetönte  Sonnenbrille  trug.  Sie  passte  perfekt  zu  seinem  eisgrauen  kurzen,
dichten  Haar.  Robert  war  fast  ein  Zwei-Meter-Mann  und  wirkte  nur  deshalb  schlank,  weil  er
immer  nervös  war,  immerzu  spielte  er  mit  irgendetwas  in  den  Händen.  Heute  war  es  ein
transparenter grüner Filzstift.
Stefanie aktivierte den wandgroßen Plasmabildschirm: Wir sind nicht zu fassen – smart light art.
So  ganz  sicher  war  sie  sich  auf  einmal  nicht  mehr,  ob  sie  ihren  Chef  überzeugen  könnte.  Sie
räusperte sich: „Unser neuer Claim begeistert die Kunden …“
Robert  unterbrach  sie  sofort.  „Bitte  nicht  schon  wieder  eine  Präsentation,  ich  hasse  das.“  Er
streckte die langen Beine unter dem Tisch aus und steckte den Filzstift in das Leinensakko. Der
Endvierziger  fixierte  sie  mit  einer  tiefen  Falte  auf  der  ansonsten  noch  immer  glatten  Stirn.  „Ich
denke, du willst mich überraschen?“
Vom  ersten  Tag  an  hatte  sie  bei  light  arts  für  Wirbel  gesorgt  und  das  ganze  Material  für  die
Kundenwerbung auf den neuesten Stand der Zunft gebracht. Roberts Designassistenten hatten ganz
schön geschluckt. Wenn sie jetzt auch den Chef höchstpersönlich ein bisschen aufmischte, war sie
nur  konsequent.  Stefanie  straffte  die  Jacke  des  Kostüms.  Ihr  Chef  liebte  den  weiten  Überblick,
deshalb hatte er sich hier den Creativ-Raum eingerichtet, von dem man über Berlin-Mitte und den
Tiergarten  hinweg  bis  zum  Zoo  sehen  konnte.  „Du  musst  einmal  aus  der  Vogelperspektive
gesehen  haben,  worum  es  geht.  Nur  ein  Bild,  Robert.“  Stefanie  ignorierte  seinen  Seufzer  und
klickte es auf den Bildschirm. Auf den ersten Blick sah man goldenen Sand in kobaltblauem Meer,
dann erkannte man die Form eines Halbmonds.
Robert reagierte sofort, er sprang auf und stützte die Arme auf den hellen Tisch vor ihm. „Was für

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ein klares Licht, was für ein Farbenspektrum!“
Stefanie  stellte  den  Fuß  vor,  der  Rocksaum  ihres  Businesskostüms  rückte  ein  wenig  nach  oben.
„Abu Faira.“
„Wie bitte?“, fragte Robert und glitt langsam zurück auf den Stuhl.
„Das ist ein Emirat.“ Stefanie wagte es und klickte ein zweites Bild an.
Robert starrte wie gebannt darauf, elektrisiert fragte er: „Ich sehe Jachten, Häuser, grüne Gärten
… Das Licht ist traumhaft, wozu brauchen die überhaupt einen Lichtdesigner wie mich?“
„Das Emirat Abu Faira schreibt einen internationalen Wettbewerb aus – für die Eröffnungsshow
ihres neuen Sechs-Sterne-Plus-Luxus-Resorts, Robert. Wir sind eingeladen!“
„Das  ist  die  Chance  für  den  Sprung  von  light  arts  in  die  internationale  Oberklasse“,  flüsterte
Robert.
„Genau  das.“  Stefanie  nickte,  bei  dem  Karrieresprung  wäre  sie  huckepack  dabei.  Sie  klickte
weiter.
Robert fraß die Bilder des luxuriösen Hotelpalastes, der sich aus üppigem Palmengrün erhob, mit
den Augen auf. „Wir brauchen eine Idee … ein Lichtmärchen wie in Tausendundeiner Nacht …“
Er  stand  auf  und  deutete  mit  dem  langen  Arm  zu  einem  kleinen  intimen  Jachthafen  auf  dem
Bildschirm. „Dort brauchen wir Kristallsäulen, ich sehe es genau vor mir, dort an den Enden der
Landungsstege  …“  Er  fuhr  sich  durch  die  eisgrauen  Haare.  „Erzähle  mir,  wie  du  das  geschafft
hast. Womit hast du die Leute von Abu … Abu Dingsbums geködert?“ Nervös legte er die Arme
über die Brust und fasste die Revers. Sein grüner Filzstift rutschte dabei aus der Brusttasche und
schlitterte  über  den  Schreibtisch,  stürzte  über  die  Kante  vor  Stefanies  Füße  und  rollte  bis  ans
Fenster. Robert starrte fasziniert auf den Plasmabildschirm an der Wand.
Stefanie  bückte  sich  nach  dem  Stift.  „Wir  verkaufen  Licht  …“,  zitierte  sie  dabei  die
Firmenwerbung  und  presste  die  Knie  im  schmalen  Rock  aneinander.  Sie  fingerte  nach  dem  Kuli
vor  der  Panoramaglasscheibe.  In  diesem  Moment  bewegte  sich  draußen  etwas,  und  sie  hob  den
Kopf.  Langsam  schob  sich  etwas  Braunes  vor  die  Scheibe.  Es  war  ein  wunderbar  kräftiger
Unterarm,  auf  dem  sich  schwarze  Härchen  auf  sonnengebräunter  Honighaut  im  Wind  leise
kräuselten. Das feine Spiel der Muskeln faszinierte Stefanie, kräftige Finger tastete sich draußen
an  der  Fuge  der  Glasfassade  entlang.  Sie  hatte  eine  Halluzination,  anders  konnte  das  nicht  sein,
light arts residierte im siebzehnten Stock! Vermutlich hatte sie einfach zu viel gearbeitet.
„Wir  verkaufen inszeniertes  Licht,  darauf  bestehe  ich  …“,  sagte  Robert  pikiert  vor  dem
Plasmabildschirm.
Stefanie  riss  die  Augen  auf:  Dort  draußen  hing  ein  Mann!  Jetzt  sah  sie  einen  aufgerollten
Hemdsärmel,  einen  langen  sehnigen  Hals,  der  schwarze  Bartschatten  prangte  auf  einem  Kinn  …
Eine zarte Ohrmuschel ragte aus windzerzausten schwarzen, kurzen Locken. Stefanie musste den
Impuls  unterdrücken,  nach  dieser  Wange  zu  tasten.  Hastig  raffte  sie  den  Filzstift  vom  Boden.
Draußen  sah  sie  immer  noch  nur  diesen  Hinterkopf,  der  sich  immer  noch  nicht  rührte,  nur  die
Finger des Mannes tasteten weiter, als gehörten sie gar nicht dazu. Oder war sie von den letzten
Wochen tatsächlich total überstresst?
„Stefanie, wie kommst du überhaupt zu diesem Emirat in wer-weiß-wo?“
Siedendheiß  fiel  Stefanie  ein,  dass  ihr  Chef  Robert  in  ihrem  Rücken  am  Tisch  saß  und  auf  ihre

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groß angekündigte Story wartete. Dieser Kopf dort draußen konnte gar nicht existieren! Wie sollte
ein Mann so hoch über der Erde allein außen an der Fassade hängen können? Vielleicht hätte sie
doch  besser  auf  ihre  beste  Freundin  hören  sollen  …  Drehte  sie  jetzt  durch,  weil  sie  seit  zwölf
Wochen nichts anderes mehr machte als arbeiten und dabei ihr Privatleben, nun, zu kurz kommen
war gar kein Ausdruck: Sie hatte gar keines mehr.
Stefanie  drehte  sich  um,  schüttelte  die  Schultern  aus  und  lächelte  Robert  etwas  gezwungen  an.
„Wo war ich? Ach ja, der Wettbewerb von Abu Faira …“
„Wieso erfahre ich davon erst jetzt?“ Er riss ihr den grünen Filzstift fast aus der Hand.
„Weil du bis gestern die Villa von Brockenhill & Velten in Düsseldorf ausgeleuchtet hast und für
niemanden  erreichbar  warst.“  Robert  knurrte  nur.  Stefanie  wollte  sich  konzentrieren,  sie  klickte
das  nächste  Bild  an.  „Ich  habe  Abu  Faira  vorgeschlagen,  mit  variablen  Laserprojektoren  und
luminiszenten  Fensterfolien  anzufangen  und  dann  …“,  Stefanie  fühlte  sich  sofort  wieder  sicher,
ihr Konzept war durchdacht. „Und dann würde light arts die Fassade optisch in Bewegung setzen,
als ob man Steine in Wasser wirft, damit …“ Halb drehte sie sich vom Plasmabildschirm weg, auf
den  Robert  unentwegt  starrte.  Der  Himmel  über  Berlin,  draußen  vor  dem  Fenster,  schien  einen
Moment  genauso  Wellen  zu  schlagen.  Stefanies  Stimme  erstarb  in  einem  Flüstern:  „Damit  alles
wie eine Fata Morgana aussieht …“
Draußen  prangten  Männerbeine,  oben  im  Winkel  unter  der  Decke,  Kletterstiefel  mit  kurzen
Wollsocken,  darin  die  festesten,  schönsten  Waden,  die  sie  je  gesehen  hatte.  Besser  als
Fußballerwaden  und  nicht  so  mädchenhaft  haarlos  wie  bei  Radlern,  einfach  nur  perfekt.  Ein
Oberschenkel zeichnete sich ab, Stefanie hoffte einen Moment, dass der Mann dort draußen nackt
herumturnte und sie einen Blick auf den Po …
Heftig sog sie die Luft ein. Sie durfte jetzt nicht abdrehen, gerade jetzt nicht – nur weil es etwas
länger  her  war,  dass  sie  ein  paar  nackte  Männerbeine  live  gesehen  hatte.  Stefanie,  dort  draußen
gibt es keinen Mann, ermahnte sie sich – und schon gar keinen, der exakt ihren Träumereien beim
Einlassen des täglichen Entspannungsbades entsprach. Das war physikalisch unmöglich!
„Fata  Morganas  sind  Luftspiegelungen“,  brummte  Robert  hinter  ihr,  „der  Ansatz  ist  nicht
schlecht. Dann könnte ein Sturm aufziehen …“
Stefanie  holte  tief  Luft  und  drehte  sich  zu  ihrem  Chef  um,  der  die  Spitze  seines  Filzstiftes
betrachtete.  „Genau,  ich  habe  in  der  Bewerbungsmappe  skizziert,  dass  wir  zum  Beispiel  das
Luxus-Resort zum Schein wie eine Sandburg zu einer Düne zerblasen lassen würden …“ Stefanie
hatte sich zwanzig verschiedene Motive ausgedacht.
„Genial.“ Wie ein Prediger breitete Robert die Hände vor dem Bildschirm aus. „Sei jetzt mal ganz
ruhig,  ich  lasse  eine  Vision  in  mir  aufsteigen.“  Er  kniff  die Augen  fest  zu  und  wandte  sich  zum
Fenster.
Stefanie drehte sich mit – und schaute direkt in zwei schwarze glänzende Augen, darunter lächelte
ein  männlich  sinnlicher  Mund  und  zeigte  weiße  Zähne.  Stefanie  hätte  diese  vollen  Lippen  am
liebsten  sofort  geküsst.  Und  dabei  die Arme  so  eng  um  die  schmale  Taille  geschlungen,  wie  es
dort  draußen  dieser  lederne  Haltegurt  mit  den  zig  Metallösen  tat,  in  denen  Halteseile  verankert
waren. Daran hielt sich der Mann mit den tiefschwarzen kurzen Locken rechts und links wie bei
einer Schaukel fest. Seine perfekten Sportlerbeine baumelten im Nichts.

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„Es dauert noch, Stefanie“, flüsterte Robert und drehte sich mit geschlossenen Augen vom Fenster
weg,  „ich  visualisiere  alles,  das  Licht  fließt  um  die  Halbmond-Insel,  die  Palmen,  das  Luxus-
Resort.“
Erst  als  der  Mann  da  draußen  den  Kopf  schräg  legte  und  sie  anlachte,  begriff  Stefanie:  Dieser
Traummann war echt. Er ließ die Hände an den Seilen los, dann machte er sich blitzschnell klein,
zog die nackten Ellenbogen vor die Brust und kugelte sich nach unten, sein Kopf sackte weg.
Stefanie stürzte zum Fenster. Aber der Mann hatte sich nur in den Halteösen gedreht und in der
Luft einen Purzelbaum gemacht. Er lachte aus vollem Hals. Doch Stefanie hörte keinen Ton, die
Isolierscheiben  waren  zu  dick.  Dann  streckte  er  wie  ein  Zirkusclown  mit  verdrehten Augen  die
Zunge  heraus.  Das  war  einerseits  so  süß  wie  bei  einem  kleinen  Jungen,  andererseits  schaute  das
gleiche  tiefbraune  Gesicht  jetzt  mit  einer  ehrlichen  Begeisterung  im  Blick,  den  nur  ein
erwachsener Mann haben konnte, der ganz genau wusste, was er wollte. Sie.
Sein Mund lächelte wieder sinnlich. Einfach unkompliziert. Dieser Mann machte sich nicht allzu
lange  Komplexe,  wenn  er  eine  Frau  gut  fand.  Stefanie  konnte  nicht  mehr  anders,  sie  lächelte
zurück.
„Einen Moment noch, Stefanie, ich sehe den Abend heraufziehen, die Nacht, höre Zikaden zirpen
…“  Roberts  Stimme  war  höher  geworden,  er  stieß  die  Worte  aus,  als  sei  er  außer Atem.  Dabei
presste er die Finger an die Schläfen, noch immer hielt er die Augen geschlossen.
Draußen  spreizte  der  Mann  Daumen  und  Zeigefinger  dieser  rauen,  staubigen  Hand  ab,  die  wohl
den  ganzen  Tag  Seile,  Taue  und  Stangen  an  der  Fassade  verankerte.  Er  wiederholte  die  Geste,
machte  mit  gespitztem  Mund  ein  Bitte-Bitte  wie  ein  ungezogener  Junge.  Und  schon  in  der
nächsten Sekunde war da gar nichts Kindliches mehr, nur noch ein Blick, der jetzt an ihrer Gestalt
bewundernd entlangglitt, über ihr Kostümoberteil, das einen Tick zu eng saß. Telefonieren wollte
er mit ihr, das war klar.
„Sternenlicht rieselt wie Schnee auf das Resort, wir zeigen es auch in einer Schneewehe, paradoxe
Situationen begeistern immer, wie schwarzes Licht …“, murmelte Robert wie in Trance hinter ihr.
Der  Mann  vor  dem  Fenster  nestelte  sein  Handy  aus  einer  Brusttasche,  während  er  mit  den
Stiefelspitzen  gegen  die  Scheibe  balancierte.  Gegen  ihren  Willen  bewunderte  Stefanie  die
muskulösen Oberschenkel. Der Unbekannte hielt sein Handy in die Luft und deute mit den Fingern
der  Linken  auf  die  Tasten.  Lächelnd  zwinkerte  er  ihr  zu.  Das  war  so  unverkrampft  spontan  und
natürlich, dass in Stefanies Kopf das schöne alte Wort Charme widerhallte.
Doch der Klang war nicht gut. Oh ja, das kannte sie. Nett auf den ersten Blick, und dann drehten
die Kerle sich nur um ihre Hobbys. Stefanie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich nach dem Desaster
mit dem charmanten Peer geschworen, nie wieder, hörst du Stefanie?, nie-wie-der, eine Affäre mit
einem  Sportler  oder  sonst  wie  körperlich  arbeitenden  Mann  anzufangen.  So  gern  sie  ihre  Hände
über feste Six-Pack-Bauchmuskeln gleiten ließ, so gern sie in starken Armen geborgen war, nach
dem  Sex  musste  sie  einfach  über  mehr  reden  können,  als  über  Training,  die  Kumpels  oder
Basketball. Sie flüsterte stumm dem Mann in den Seilen vor den Fenstern ein „Sorry, no“ zu.
Der  hingegen  nahm  das  von  ihren  rot  geschminkten  Lippen  geformte no  ganz  anders,  als
gehauchten  Kuss.  Er  legte  sich  in  gespielter  Rührung  die  Hand  an  die  Brust,  küsste  seine
Fingerspitzen und warf ihr die Erwiderung zu.

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„Eine Sekunde noch, Stefanie, dann …“ Roberts Stimme hatte Tiefe und Kraft zurückgewonnen.
Stefanie  warf  die  Stirn  in  Falten  und  zeigte  mit  beiden  Daumen  hinter  sich  auf  ihren  Chef,  den
Mann draußen winkte sie mit beiden Händen weg. Sie konnte gar nicht so schnell hinschauen, wie
sich die Muskeln der Arme und Beine spannten, die Seile vor dem Fenster stürzten, schwankten,
wie  die  ganze  Takelage  vor  den  Fenstern  verrutschte.  Dann  berührten  die  schwarzen  Locken  auf
der  anderen  Seite  der  Scheibe  das  Glas  zu  ihren  Füßen.  Sie  sah,  wie  seine  Finger  einen  Stift
hielten, rasch schrieb er eine Handynummer spiegelverkehrt auf die Scheibe, nur eine Drei falsch
herum.
Das  macht  der  also  nicht  zum  ersten  Mal,  war  Stefanies  erster  Gedanke,  doch  dann  krachte  es
hinter ihr auf dem Tisch. Sie fuhr herum.
Robert  strahlte  sie  an,  die  großen  schmalen  Hände  auf  die  Tischplatte  gelegt,  die  Unterarme
aufgestützt. „Wir beteiligen uns am Wettbewerb! Wann müssen wir liefern?“
Das war die Crux. „Übermorgen“, sagte Stefanie leise. Aber ihr Chef fiel nicht aus allen Wolken,
er  schimpfte  nicht,  wie  sie  es  befürchtet  hatte.  „Dann  hat  light  arts  ja  alle  Zeit  der  Welt.  Freie
Bahn für Stefanie Clarin. Wir stellen sofort ein Team zusammen!“ Robert war schon an der Tür.
Dort drehte der Chef sich um und sah von seinen fast zwei Metern auf sie herab. „Wenn es klappt,
mache ich dich zu meiner persönlichen Assistentin.“ Dann war er draußen.
„Ja!“ Stefanie tanzte einmal um den Tisch herum. Es lohnte sich, etwas zu riskieren. Er hätte sie
ebenso  gut  rauswerfen  können,  weil  sie  ihm  nichts  davon  gesagt  und  das  Büro  für  die
Vorbereitungen  hatte  arbeiten  lassen.  Die  Freude  darüber,  dass  light  arts  in  den  Wettbewerb
einsteigen würde, spülte ihre leisen Zweifel darüber hinweg, wie Robert das mit dem „persönlich“
gemeint haben könnte.
Draußen  leuchteten  ein  paar  weiße  Wolken  im  Blau  des  Sommerhimmels.  In  rotem  Leuchtstift
glänzte unten an der Scheibe vor dem Lüftungsschlitz im Parkett diese Handynummer.
Stefanie betrachtete die falsch herum geschriebene 3. Auf dem Tisch lag noch ihr Schreibzeug bei
den  Unterlagen.  Ohne  nachzudenken  griff  sie  zu,  zog  an  ihrem  Rocksaum,  ging  in  die  Knie  und
notierte die Handynummer auf den Rand des Ausdrucks ihrer Wettbewerbspräsentation.

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2. KAPITEL

Florian  Talhofer  wartete  im  Flur  des  Amtsgerichts  Charlottenburg  auf  seinen  Anwalt.  Im  Büro
hatte ihm Frau Olgert noch schnell die Mappe mit den Prozessunterlagen zugesteckt. „Was für ein
Papierberg“, stöhnte Florian leise. Seine Gedanken kreisten zwar ständig um diese tolle Frau im
siebzehnten Stock, aber er las jetzt besser ganz genau, was ihm sein Anwalt aufgeschrieben hatte.
Noch einmal durfte er sich vor Gericht von seiner Wut nicht leiten lassen. Aber wie sollte er ruhig
bleiben, wenn ein betrügerischer Kunde ihn mit einem Schadensersatzprozess überzog? Als ob es
an ihm und seinen Männern gelegen hätte, dass die halbe Multimediafassade des Geschäftshauses
in  der  Friedrichstraße  abgestürzt  war.  Dieses  Hightech-Diffusionsglas  war  extrem  schwierig  zu
handeln gewesen. Seine Leute hatten sich exakt an die Herstellervorgaben gehalten.
Florian  starrte  zu  den  hohen  dunkelbraunen  Türen  im  Gerichtsflur.  Irgendwie  musste  er  es
schaffen,  nachzuweisen,  dass  jemand  an  der  Fassadenreinigungsmaschine  die  Schrauben  für  die
Aufhängung gelockert hatte. Und deshalb die Seilführungen abgesackt waren, die die Multimedia-
Elemente mit in die Tiefe gerissen hatten.
„Die sollen mich kennenlernen“, knurrte er. Die Männer seiner Firma leisteten nie Pfusch, dafür
sorgte er persönlich mit regelmäßigen Schulungen und Kontrollen. Schließlich hatte er nicht nur
Fassadenklettern  gelernt,  sondern  auch  seine  Lektionen  in  Unternehmensführung  kapiert.  Ohne
Verantwortungsgefühl für die Seilschaft war man kein Bergsteiger, und das war Florian mit Leib
und  Seele.  Er  rieb  sich  das  Kinn,  das  er  im  Büro  noch  schnell  rasiert  hatte,  und  schaute  zum
Sitzungszimmer. Sonst war sein Anwalt pünktlich.
Hätte  er  vor  zweieinhalb  Jahren  gedacht,  dass  er  einmal  in  Anzug  und  Krawatte  hier  stehen
würde?  Florians  Leben  hatte  sich  so  schnell  verändert.  Endlich  hast  du  die  Kurve  gekriegt,  wird
mit achtundzwanzig Jahren auch mal Zeit, hatte sein Vater geseufzt. Da hatte Florian seine Firma
Senkrecht  &  Seil  gegründet,  allerdings  in  Berlin  und  nicht  zu  Hause  am  Ammersee.  Die  Jahre
zuvor  hatte  sein  bayerischer  Vater  kein  Wort  darüber  verloren,  dass  er  sich  jahrelang  lieber  am
Mittelmeer herumgetrieben und bei den Brüdern seiner türkischen Mutter gejobbt hatte, die dort
eine  große  Ferienanlage  in  Side  führten.  Mutter  aber  hatte  regelmäßig  am  Telefon  gezetert,  wie
lange er noch sein Leben verschwenden, sich die Hörner abstoßen und nichts lernen wolle. Hätte
sie  damals  in  der  Türkei  nicht  Courage  gezeigt  und  wäre  Stewardess  geworden,  sie  hätte  nie
seinen Vater kennengelernt …
Florian  lachte  leise,  die  ganze  Predigt  hatte  sie  jahrelang  wiederholt,  irgendwann  sogar  mit
bayerischem Akzent. Aber jetzt war Mutter einfach nur stolz, dass er schon fünf Männer fest und
eine  Anzahl  projektweise  beschäftigte.  Falls  er  nicht  bald  durch  diesen  miesen  Betrüger  in  die
Pleite getrieben wurde, allein die Verteidigung ruinierte ihn ja schon fast.
Im Gerichtsflur quietschte ein Aktenwagen. Florian klappte die Mappe zu, wozu bezahlte er einen
Anwalt. Er konnte sich sowieso auf nichts mehr richtig konzentrieren, seit er dort im siebzehnten
Stock  diese  Frau  arbeiten  gesehen  hatte.  Ihre  rotbraunen  Haare  hatten  seinen  Blick  magisch
angezogen,  dazu  ihre  lässige  Art,  mit  den  Armen  die  Fernbedienung  auf  diesen  seltsamen
Riesenbildschirm  hin  auszustrecken.  Der  Stoff  ihres  schicken  Kostüms  hatte  sich  über  ihre
wunderbar  gerundeten  Hüften  gespannt,  ihre  Brüste  hatte  sie  unwillkürlich  vorgestreckt  –  und

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nichts dabei wirkte irgendwie berechnet.
Florian  fühlte  wieder  dieses  seltsame  Kribbeln  im  Bauch,  als  hätte  er  ewig  nichts  gegessen.
Wovon gar keine Rede sein konnte bei der zünftigen Brotzeit, die er mit seinen Leuten auf dem
Dach  des  Büroturms  eingelegt  hatte.  Klettern  machte  hungrig.  Er  hatte  es  einfach  nicht  lassen
können, diese schmale Gestalt zu bewundern, die sich so selbstbewusst durch den Raum bewegte
und  diesen  nervösen  Riesen  von  Chef  domptierte  wie  einen  Seelöwen.  Dabei  predigte  Florian
seinen  Leuten,  dass  man  so  etwas  als  seriöser  Fassadenkletterer  niemals  tat:  in  die  Räume  von
außen  hineinspannen.  Aber  ihre  Anziehungskraft  war  stärker  gewesen,  er  hatte  nicht  einmal  an
seine Prinzipien gedacht.
Und  dann  hatte  sie  sich  umgedreht. Als  er  diese  hellblauen Augen  und  dieses  kleine  Muttermal
unter  dem  linken  Ohrläppchen  gesehen  hatte,  hätte  er  am  liebsten  die  Scheibe  abgeschraubt  und
die Frau unter den Arm geklemmt und mitgenommen wie King-Kong.
Richter gingen vorbei, ein Bürodiener fuhr einen Aktenwagen den Flur entlang. Sonst war es still.
Wie ein Affe in den Seilen vor dem Fenster war er herumgeturnt, damit sie auf ihn aufmerksam
geworden  war.  Was  sollte  sie  nun  von  ihm  denken,  außer  dass  er  sich  idiotisch  wie  ein
Fünfzehnjähriger  benahm?  Seine  Handynummer  an  die  Scheibe  zu  kritzeln,  wie  peinlich.  Diese
Business-Frau  rief  ihn  bestimmt  nicht  an.  Aber  so  war  es  schon  immer  gewesen,  schon  in  der
Schule,  später  in  den  heißen  Partyzeiten  am  Mittelmeerstrand.  Solange  ihn  die  Frauen  nicht
wirklich interessierten, war er cool und wusste immer im richtigen Moment das Richtige zu sagen.
Auch  wenn  er  viel  öfter  freundlich  und  nett Nein  gesagt  hatte,  als  ihm  alle  unterstellten.
Insgeheim war er wohl so romantisch wie der Dichter Salahattin Batu.
Florians Blick verlor sich im Flurfenster. Was sollte er machen? Wenn er eine Frau wirklich gut
fand,  wenn  dieses  Kribbeln  nicht  mehr  aus  dem  Bauch  verschwand  und  sich  allein  schon  beim
ersten Gedanken gefährlich weit in seinem Leib nach unten verbreitete, dann fiel ihm nichts ein,
als  vor  lauter  Nervosität  den  Clown  zu  geben.  Irgendwo  musste  die  entfachte  Energie  hin,  er
konnte einfach nicht mehr still sitzen.
Sein  Handy  vibrierte.  Florian  holte  es  aus  der  Innentasche  seines  Sakkos.  Das  Display  zeigte
keinen Namen an. „Florian Talhofer, Senkrecht & Seil, guten Tag.“

Die dunkle, klare Stimme überraschte sie, so geschäftsmäßig kühl klang es. „Oh, Entschuldigung,
bin ich da bei einer Firma gelandet?“ Stefanie hatte eigentlich noch die Videos für die neue light
arts
 DVD checken wollen, die es in Zukunft regelmäßig geben sollte. Eigentlich. Aber dann hatte
sie  doch  nicht  das  Blatt  mit  der  Handynummer  weggeworfen,  auch  wenn  sie  es  schon  über  dem
Papierkorb  hatte  schweben  lassen,  sondern  spontan  die  Nummer  getippt.  Jetzt  antwortete  ihr
Schweigen. Dann hörte sie rau: „Ja, sicher.“
„Ich  wollte  eigentlich  jemanden  sprechen,  der  mir  seine  Handynummer  …“,  Stefanie  wurde
plötzlich  klar,  dass  es  sehr  seltsam  klingen  musste,  wenn  sie  jemanden  Wildfremdes  in  der
Leitung hätte, „hinterlassen hat.“
„Das … das ist schon richtig. Sie sprechen mit mir.“
So  distanziert,  auf  einmal?  Stefanie  runzelte  die  Stirn,  dann  war  es  ihr  auf  einmal  klar.
Wahrscheinlich war er nicht allein.
„Schön, dass Sie anrufen“, sagte er plötzlich.

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Die dunkle Stimme schien sich um zwanzig, dreißig Grad erwärmt zu haben, Stefanie wurde heiß,
sie spürte, wie dieser Klang in ihr nachschauerte. „Ihre …“ Sie musste schnell etwas sagen. „Ich
habe wirklich geglaubt, Sie stürzen ab.“ Es war ewig her, dass sie einen Mann einfach so anrief.
Na ja, so lange nun auch wieder nicht. „Ich fand das wirklich lustig.“
„I…ich bin übrigens Florian.“
Warum  bekamen  die  sportlichen  Männer  bloß  nie  den  Mund  auf?  Sie  hätte  beinahe  geseufzt.
„Mein Name ist Stefanie. Es war doch nicht wirklich gefährlich?“
„Oh. Nein, nein. Ich … ich habe das schon gelernt, weißt du. Das ist … ist wie Bergsteigen. Nicht
schwer.“
Sie musste lachen. Die Jungs konnten sich nie vorstellen, dass nicht jeder hundert Kilo stemmen
konnte. „Ich würde nicht so leicht an unserem Hochhaus hochklettern können.“
„Wenn ich dich ins Schlepptau nehme, schon.“
Einen Moment fühlte Stefanie, wie sie in den Armen Florians, die sie so bewundert hatte, draußen
vor  ihrem  eigenen  Bürofenster  hing.  Dann  irritierten  sie  die  Worte  doch,  schleppen  oder  gar
abschleppen wollte sie sich von keinem lassen. „Aha“, sagte sie bloß.
„Das heißt bei uns Fassadenkletterern wirklich so.“
Jetzt hatte er es auch noch gemerkt. „Soso. Ihr habt wohl eure Geheimsprache.“ Irgendwie mochte
sie  seinen  süddeutschen  Akzent  und  den  Gänsehaut-Effekt  seiner  Stimme.  Der  jedes  Mal  neu
einsetzte, wenn sie ehrlich war.
„Ich … ich würde dich gern ohne Scheibe sehen, also ich meine, ohne Trennscheibe, also nicht im
siebzehnten Stock“, verhaspelte er sich. Sein Lachen war wieder ein bisschen jungenhaft und ein
bisschen zu dunkel, als ob er nicht doch genau wüsste, dass er flirtete. „Dein Job da im Büro ist
sicher anstrengend, aber heute ist ja Freitag und wenn du Lust hättest …“ Etwas klang durch den
Hörer, als ob er ein Lachen oder Glucksen verschluckt hätte. „Weißt du, Fassadenklettern macht
hungrig, und ich esse nicht gern allein. Vielleicht um acht Uhr?“
Da  war  sie  frühestens  mit  den  DVD-Videos  durch.  Und  gleich  essen  gehen  war  irgendwie  einen
Tick  zu  viel  für  einen  Mann,  der  wohl  wirklich  die  Zähne  nicht  zum  Reden  auseinanderbrachte.
Beim  Gedanken  an  Florians  sinnlichen  Mund  stand  Stefanie  vom  Stuhl  auf.  „Lieber  um  zehn.
Kennst  du  die  Bar  Breitwandklang  im  Friedrichshain?  Simon-Dach-Straße.  Sie  spielen  meist
electronic lounge. Manchmal ist dort auch After-Work-Party.“ Vielleicht mochte er diese Musik
nicht, aber der Laden war so stylish, dass sie sich dort trotzdem immer wohlfühlen konnte. „Bist
du noch dran?“
„Klar. Ich probiere gern mal was Neues.“
War  das  etwa  anzüglich  gemeint,  oder  hatte  er  wirklich  noch  nie  gechillt?  Vor  ihrer  Bürotür
kamen Stimmen näher, der Tenor ihres Chefs hörte sich genauso an, als dass er jeden Moment zur
Tür hereinplatzte. „Also dann um zehn im Breitwandklang.“ Stefanie legte auf.
Robert klopfte einmal, bevor er die Tür schon ganz weit aufriss. „Wirf das Konzept für Abu Faira
weg.“ Ihr Chef lief gleich bis zur Multimediaanlage und schob den Stapel DVDs zur Seite.
Stefanie starrte ihn an. „Heißt das, wir machen den Wettbewerb nicht?“ Ihre Knie wurden weich,
sie musste sich setzen.
Robert rückte die blaue Sonnenbrille zurecht, die er immer trug. „Wie kommst du darauf? Nein.

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Wir machen es nur richtig. Das heißt, das ganze Team fängt noch einmal von vorne an.“ Ihr Chef
stand schon wieder an der Tür. „Du cancelst alle Termine für heute, dann kommst du rüber in den
Creativ-Raum. Wir versetzen uns in Trance und visualisieren gemeinsam unter dem Claim: Fata
Morgana reloaded.“ Siegesgewiss klatschte er in die Hände. „Auf geht‘s! Worauf wartest du?“
Stefanie  griff  zum  Hörer.  So  ganz  fair  fand  sie  es  nicht,  dass  alle  ihre  schönen  Ideen  aus  dem
Konzept  erst  einmal  wieder  gestrichen  waren.  Wenn  es  irgendwie  ging,  würde  sie  um  zehn  im
Breitwandklang sitzen. Die Welt bestand ja nicht nur aus light arts und Roberts Designer-Launen.

Herrjeh,  fiel  ihm  denn  nichts  als  dieses  Gestammel  ein!  Da  rief  ihn  diese  absolute  Traumfrau
wirklich an, und er brachte es nicht einmal fertig, sich für das Geglotze zu entschuldigen. Florian
starrte auf sein Handy, als wisse es die Antwort. Er aktivierte schnell die Funktion für  Eingehende
Nummern speichern.
Im Flur des Amtsgerichts ging hinter ihm eine der dunklen Holztüren auf. Florian drehte sich um,
in schwarzer Robe rauschte ein Anwalt heraus. Einen Kopf kleiner als er selbst und fülliger. Die
blonden  Haare  akkurat  geschnitten,  aber  die  Visage  erinnerte  ihn  an  einen  Türsteher,  der  sich
schlecht getarnt hatte. Der hatte ihm noch gefehlt: Thorsten Wrede, der Anwalt seines Gegners.
Wrede  blieb  mitten  im  Schwung  stehen,  sodass  die  Robe  sich  um  seine  Beine  herumwickelte.
„Sieh  an,  wen  haben  wir  denn  da?  Den  Talhofer  Florian,  der  glaubt,  er  und  sein  Winkeladvokat
von Landsmann kommen mit ihren drittklassigen Gegengutachten bei Gericht durch.“
Florians  Wut  fiel  in  sich  zusammen,  das  war  unter  der  Gürtellinie.  In  ihm  stieg  die  kalte
Verachtung auf. Schon der Vater seines Cousins war in Berlin-Kreuzberg geboren und Cangür war
ein verdammt guter Anwalt. „Nicht in diesem Ton, Herr Wrede.“
Thorsten rieb sich über die dicken blonden Brauen. „Wer wird hier denn humorlos sein.“ Er trat
nahe  an  ihn  heran.  „Euch  werde  ich  in  der  Luft  zerpflücken.“  Die  grünen Augen  musterten  ihn,
zwischen den Zähnen presste er hervor: „Meine Erfolgsquote macht ihr mit euren kleinen Tricks
nicht  kaputt.  Euren  Gegengutachter  kaufe  ich  mir,  verlassen  Sie  sich  darauf.  Herr  Talhofer.“
Wrede wandte sich ab und ließ ihn stehen.
Florian wunderte es kaum, dass sich sein betrügerischer Prozessgegner den eitelsten Jungstar von
Anwalt Berlins leistete. So einer passte zu dieser Immobilienmafia.
Drei Türen weiter blieb Thorsten Wrede stehen, er zwinkerte Florian zu wie einem kleinen Jungen
und rief: „Bevor Sie noch länger auf Ihren Anwalt warten … Die Verhandlung ist vertagt worden.
Dafür habe ich heute früh gesorgt.“ Mit einem höhnischen Grinsen auf dem Gesicht bog er um die
Ecke.
Florian  hieb  mit  der  Hand  gegen  die  Wand  des  Flurs.  Was  war  denn  da  wieder  schiefgegangen?
Nur Ärger, eine Menge unangenehmer Dinge auf verschiedenen Baustellen warteten auch noch auf
ihn.  Wenigstens  würde  er  am  Ende  dieses  furchtbaren  Tages  eine  schöne  Frau  treffen.  Und  der
Gedanke machte alles andere auf einmal erträglich.

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3. KAPITEL

Das  Scherblatt  seines  Rasierapparats  war  stumpf.  Florian  fluchte,  während  er  sich  mit  der  Hand
über die widerspenstigen Stoppeln am Hals fuhr und sich über sein Spiegelbild ärgerte. Auf eine
Nassrasur hatte er lieber verzichtet, bei seinem Dussel heute würde er sich nur dreimal in die Haut
schneiden.  Nichts  klappte  wie  sonst.  Nach  dem  ausgefallenen  Gerichtstermin  hatte  es  an  vier
seiner  Fassadenprojekte,  die  ausgerechnet  noch  an  den  jeweils  entgegengesetzten  Enden  Berlins
lagen, richtig Stress gegeben. Mussten denn die Werbebanner alle gleichzeitig reißen? Und dann
nervte auch noch eine Kontrolle durch die Gewerbeaufsicht.
Florian  schob  die  Gedanken  an  sein  Unternehmen  energisch  weg  –  jetzt  war  Feierabend.  Er  rieb
sich  Rasiercreme  über  das  Kinn  und  stellte  dabei  fest,  wie  überarbeitet  er  aussah.  Plötzlich
lächelte  er  sich  im  Spiegel  zu.  Dann  konnte  es  doch  im  Laufe  des  Abends  nur  besser  werden.
Schließlich war er Optimist, hatte ein Date mit Stefanie, worüber beschwerte er sich eigentlich? Je
mehr  er  sich  ihre  Gestalt  vorstellte,  desto  mehr  verschwanden  seine  Sorgen.  Und  desto  mehr
spürte er, dass er von dieser Frau alles wissen wollte: wie sie aussah, wenn sie ihr Businesskostüm
gegen Badeschaum tauschte, wie sie aussah, wenn sie aus einem Traum neben ihm aufwachte, was
sie  sagen  würde,  wenn  sie  die  Vögel  im  Baum  vor  seinem  Balkon  singen  hörte.  Florian  blickte
sich in einer Weise mit zusammengezogenen Augenbrauen an, wie wenn er – als ausnahmsweise
mal strenger Chef – einen Angestellten zusammenstauchte: Nix ist mit Frühstück zu Hause, dein
Kühlschrank ist leer wie deine Birne, Junge.
Die Badezimmertür zum Flur stand offen. Was war das für ein Geräusch? Ein Schlüssel, der sich
im Schloss drehte. Florian legte den Rasierer an den Beckenrand. Das fehlte noch, dass seine Ex
jetzt auflief! Dabei hatte sie noch letztes Jahr behauptet, den Zweitschlüssel vor Wut in die Spree
geworfen zu haben. Aber das passte zu ihr. Florian griff zum Badetuch und wand es sich um die
Hüften.
„Ich komme ja schon“, er riss die Tür auf. Davor stand allerdings Nicole. Und vor, neben, hinter
ihr allerlei Vuitton-Koffer und Beauty-cases. Florian blieb die Luft weg. „Du?“, flüsterte er.
Seine  Schwester  schob  ihn  einfach  zurück  in  seine  Wohnung.  Eigentlich  war  sie  seine
Halbschwester, die endlosen Beine verdankte sie ihrer Mutter, die genau wie sie vom Typ her die
klassische Hamburgerin war. Sie war sogar einen Kopf größer als er, hatte ihr feines blondes Haar
raffiniert aufgesteckt und hatte die grüngrauen Augen ihrer Mutter, der ersten Frau seines Vaters.
„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie gehetzt.
Nicole  war  nur  zwei  Jahre  älter  als  Florian  –  so  ungleich  sie  als  Geschwister  äußerlich  waren,
hatten sie immer zusammengehalten, wenn die ganze Familie mal wieder einer Versetzung ihres
Offiziersvaters quer durch die Republik hinterhergezogen war. Florian straffte sich. „Woher hast
du meinen Schlüssel?“
„Von  dir.  Schon  vergessen?  Falls  du  deinen  mal  verlierst,  hast  du  gesagt.“  Nicole  zuckte  die
Schulter  und  lief  vor  ihm  hin  und  her.  „Anyway,  Florian,  du  musst  mich  sofort  zum  Flughafen
Tegel bringen. Mein Auto ist kaputt.“
Sie war doch sonst bei Stress nicht so fahrig, wunderte er sich. Das war sie eigentlich nur, wenn
sie frisch verliebt war.

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„Nimm  doch  schnell  ein  Taxi!  Bist  du  nicht  immer  die  Praktische  von  uns  beiden?“  Das  war
Nicole  wirklich.  Sie  hatte  Jura  studiert,  aber  schon  während  des  Studiums  mit  Modeln  gut  Geld
verdient. Inzwischen betrieb sie in Hamburg eine People-Agentur für High-Class-Events. Für das
Business hatte sie sich sogar hart den bayerischen Akzent für Hochdeutsch abtrainiert und klang
inzwischen eher hanseatisch.
„Schlaumeier. In ein Taxi kriege ich einfach nicht die ganzen Koffer rein.“ Sie wies mit dem Arm
vor  die  Tür.  „Darin  tarne  ich  den  versicherten  Schmuck.  Ich  habe  die  Accessoires  für  meine
Models  dabei.  Vierzehn  hat  die  Cashmir-Society  für  ihre  Jahrespräsentation  der  neuen  Stoffe  in
London gebucht. Und ich muss diesen Flieger in Tegel kriegen. Ehrlich. Und zwar ziemlich bald.“
Sie lächelte ihn flehentlich an, es war ihr ernst.
Florian griff an der Garderobe in seine Lederjacke. „Hier hast du meinen Autoschlüssel. Lass den
Wagen einfach in Tegel in der Tiefgarage stehen und schicke mir eine SMS, wo er steht.“ Er hielt
ihr  das  Ledermäppchen  hin.  „Ich  habe  einen  wichtigen  Termin.“  Den  er  mit  der  U-Bahn  gerade
noch schaffen konnte.
„Bruderherz, du bist ein toller Manager.“ Nicole streckte ihr langes Bein aus. Sie war schon ganz
in Businessblau gehüllt. „Und wer hilft mir tragen?“ Sie hob die Augenbraue.
Sie hatte recht. „Okay, geschlagen. Ich ziehe mir was an.“ Florian lief ins Schlafzimmer. Er stand
zwischen seinen Klamotten, vor dem Schrank hatte er die Django-Stiefel abgestellt, aufs Futon die
Variante  Jeans  und  Edel-Shirt  geworfen  und  vor  dem  Mediaboard  alle  sauberen  Hemden
aufgeschichtet, falls er doch lieber die hellen Army-Hosen anziehen wollte.
Hinter  ihm  pfiff  Nicole  leise  durch  die  Zähne,  sie  konnte  unheimlich  burschikos  sein,  wenn  sie
wollte. „Du suchst einen neuen Look?“
„Was?“  Florian  schnappte  sich  einen  Slip  aus  der  Schublade  im  Schrank.  Er  ließ  das  Badetuch
fallen und drehte sich weg. Im Spiegel sah er, wie Nicole auf ihre Armbanduhr schaute. Dann griff
er sich die Jeans.
„Nimm  das  weiße  Hemd  mit  dem  eingewebten  Damastmuster.“  Nicole  hatte  es  mit  gezieltem
Griff aus dem Stapel gezogen. „Die Frauen mögen dich weicher, als du denkst.“
„Wie kommst du denn darauf?“ Er merkte, dass er mit offenem Mund dastand.
Sie wies auf die Klamotten im Schlafzimmer. „Du hast dir immer nur dann Gedanken über dein
Outfit  gemacht,  wenn  eine  Frau  im  Spiel  war.  Früher  hast  du  mich  sogar  um  Rat  gefragt.
Verdrängt?“ Sie hielt ihm das Hemd hin. „Zieh es an und beeile dich.“
Das  ersparte  ihm  die Antwort.  Das  würde  verdammt  knapp.  Keine  Frau  konnte  es  leiden,  wenn
man  sie  warten  ließ,  schon  gar  nicht  beim  ersten  Date.  Florian  schnappte  sich  die  Hose.  „Auffi
geht‘s!“ Er steckte noch rasch die Kreditkarten und den Führerschein ein.
Nicole war schon an der Treppe. „Nimm die großen Taschen, sonst kriege ich noch so ein breites
Kreuz wie du.“

Sein Ferrari war wendig. Florian tat, was er sonst nie tat und überholte auf den Stadtstraßen in der
zweiten Spur, riskierte drei Ampeln bei ziemlich rotem Gelb. „Wir fahren auf Schleichwegen nach
Tegel.  Um  die  Zeit  ist  auf  der  Stadtautobahn  nur  Stau.“  Schließlich  war  er  oft  genug  unterwegs
zwischen den Fassaden, die er mit seinen Leuten gestaltete.
„Es  wird  knapp.“  Nicole  kontrollierte  zum  x-ten  Mal  die  Zeit  auf  ihrer  schmalen Armbanduhr.

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„Aber safety first, das hat uns Mutter eingetrichtert.“ Sie lachten sich an.
„Ayay,  Talhofer  Airways  ready  for  take  off!“  Ihre  Mutter  würde  das  ganze  Leben  die
Chefstewardess der Familie bleiben. Florian gab Gas und schaffte die nächste Ampel.
Nicole sah ihn von der Seite an. „Wie läuft‘s im Geschäft?“
„Könnte besser sein, der Prozess nervt.“
„Die ziehen noch alle Register gegen dich, fürchte ich.“ Nicole seufzte. „Aufträge heranzukriegen
ist  wirklich  nicht  leicht.  Mir  geht  es  ja  nicht  anders.“  Sie  rieb  mit  dem  Finger  über  die  Lippen.
„Übrigens,  auf  der  Cashmere-Messe  in  London  tummeln  sich  jede  Menge  interessante
Geschäftsleute aus aller Welt. Vielleicht kann ich einen Kontakt für dich machen. Hast du immer
noch eine Firmenpräsentation von dir im Handschuhfach?“
Florian  stutzte.  Wenn  sie  so  konkret  fragte,  hatte  sie  doch  jemand  Bestimmtes  im  Auge.  So
strukturiert und vorausschauend, wie Nicole arbeitete, sagte sie doch so etwas nicht umsonst. Aber
er konnte jede Hilfe brauchen. „Nimm dir einfach eine.“
Nicole blätterte schon darin. „Toll, was du alles machst. Jedes Jahr werden deine Projekte größer.
Weißt du noch, wie Papa mit großen Augen gefragt hat: Florian wird Fensterputzer? Das passt gar
nicht zu unserem Jungen.“
Aber stolz auf seine Firmengründung waren die Eltern doch gewesen und wohl auch ein bisschen
erleichtert. „Inzwischen haben er und Mama endlich begriffen, dass ich Fassaden gestalte.“
„Die Fotos sind übrigens toll!“, sagte Nicole und blätterte weiter.
„Senkrecht  &  Seil  war  von  Anfang  an  als  Experte  für  Fassadengestaltung  gedacht,  und  nicht
einfach als Servicefirma für Pflege oder Reparatur. In Berlin hievt dir außer mir keiner so schnell
ein bewegliches Riesenplakat über die ganze Fläche eines Hochhauses. Und seit wir die variablen
Multimediapanels  installieren,  bediene  ich  sogar  eine  Marktlücke.  Du  glaubst  nicht,  was  man
heute  alles  machen  kann.  In  zehn  Jahren  sind  die  Skylines  optisch  wie  Kino.“  Florian  schaltete
hoch.  „Aber  vorher  werde  ich  wie  im  Film  in  die  Tiefgarage  unter  dem  Flughafen  rasen,  du
springst sofort raus und läufst zum Check-in. Welches Gate hast du?“ Er bog von der Zufahrt zum
Flughafen Tegel ins Parkhaus ab.
„11 B“, Nicole steckte die Mappe in ihre Umhängetasche. „Du kannst direkt darunter parken.“
„Immer perfekt organisiert“, Florian schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Sonst kannst du keine Horde Models um die Welt schicken.“
Florian  musterte  die  Hinweistafeln,  11  war  gleich  da  vorne.  Er  bremste  scharf  und  nahm  den
erstbesten Parkplatz.
Kaum  hatte  er  Nicole  das  letzte  Gepäckstück  an  den  Check-in  geschleppt,  war  er  wieder
losgerannt.  Er  hatte  noch  29  Minuten  bis  Friedrichshain,  inklusive  Parkplatzsuche.  Seine
Gedanken  kreisten  nur  noch  um  den  kürzesten  Weg  zum  Breitwandklang.  Für  Stefanie  würde  er
sogar drei Punkte in Flensburg riskieren und in zweiter Reihe parken.

Stefanie saß tief in dem roten Plüschsessel, beinahe wäre sie hinter ihren Knien versunken. In der
oliv gestrichenen Lounge perlte irgendein lateinamerikanischer Rhythmus wie in einem B-Picture
aus den Sixties. Stefanie seufzte, tat das gut, mal wieder auszugehen. Sie hatte einfach den Virgin-
Hauscocktail geordert, sonst kippte sie vom Alkohol gleich um. Ihr Chef Robert hatte den letzten

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Tropfen Kreativität aus ihrem Team gepresst, Stefanie schwirrte noch jetzt der Kopf. Sie sog an
dem Strohhalm und genoss die köstliche Verbindung aus Kokosmilch mit Mangosaft.
Als  sie  das  Glas  auf  den  niedrigen  Tisch  vor  sich  stellte,  stand  Florian  plötzlich  an  der  Tür  und
suchte mit den Augen die Lounge ab, allerdings in der falschen Ecke. Stefanie spürte, wie ihr Herz
hüpfte. Das weiße Hemd stand offen, betonte den kräftigen Oberkörper und war einfach der ideale
Kontrast  zu  den  schwarzen  kurzen  Locken.  War  er  jünger,  als  Stefanie  gedacht  hatte?  Doch  erst
Anfang dreißig, das war nur der Effekt der Arbeitsklamotten gewesen. Jetzt hatte er sie gesehen.
Stefanie hob die Hand und winkte.
„Es tut mir leid, aber … Ich habe keinen Parkplatz gefunden. Wartest du schon lange?“ Er blickte
auf sie herunter.
Stefanie  bemerkte  ein  paar  dunkle  Haare  auf  seiner  Brust.  Es  durchrieselte  sie  angenehm
prickelnd.  Auch  wenn  die  meisten  ihrer  Freundinnen  das  nicht  so  toll  fanden,  sie  mochte  ein
bisschen  Pelz  –  verriet  es  aber  nie.  „Ich  habe  es  auch  nur  ganz  knapp  geschafft.“  Sie  war  direkt
von light arts mit dem Taxi gekommen. „Willst du dich nicht setzen?“
Kaum fiel er neben sie in den Plüsch, verlor sich sein gehetzter Blick und wurde weich. Langsam
stahl sich dieses sinnliche Lächeln auf seine Lippen. Sie sah, wie er schluckte.
„Ich … ach, reden wir lieber von dir. Was ich mache, hast du ja gesehen.“ Er winkte dem Service.
„Dasselbe wie sie“, sagte er und deutete auf den Virgin-Cocktail. „War das dein Chef?“
Stefanie entging der Schatten Unsicherheit in seinen Augen nicht.

Stefanie hatte ihm erklärt, wie Robert Licht inszenierte, wo überall in Berlin light arts Lichtregie
führte.  Sie  merkte,  wie  Florians  Blick  sie  langsam  aufsog,  aber  in  den  dunklen  Augen
verschwamm  die  Iris  mit  der  Pupille  zu  einem  geheimnisvollen  Schwarz,  das  sie  immer  weiter
anzog.  Und  sie  redete  und  redete,  damit  er  gar  nicht  aufhörte,  sie  so  anzusehen.  Irgendwie
rutschten sie in diesem Plüschpolster langsam, aber sicher aufeinander zu. Florians Hände waren
schon auf das hohe Polster hinter ihnen gewandert, sein Knie zeigte eine fatale Schwerkraft und
berührte  fast  schon  ihres.  Rasch  beugte  Stefanie  sich  vor  und  griff  zum  Cocktail.  Wenn  Florian
jetzt  noch  den  Männer-Spontaneitätstest  bestand,  den  sie  und  ihre  beste  Freundin  Xian-Li
ausgeheckt hatten, dann … „Ehrlich gesagt, ich sterbe vor Hunger. Ich bin erst um neun aus dem
Büro gekommen.“
„Du kannst Gedanken lesen.“ Er winkte schon dem Service und legte einen Schein auf den Tisch.
„Wohin darf ich dich einladen? Tapas, indisch oder magst du lieber Knödel vom Österreicher?“
Stefanie  nahm  ihre  kleine  Handtasche  und  sagte  so  beiläufig  wie  möglich:  „Lieber  zu  einem
Dinner in the dark.“
Er war überrascht. „Was ist das? Eine paradoxe Lichtidee von euch?“ Florian streckte seine Hand
aus, damit sie leichter aus dem Polster aufstehen konnte.
Was Stefanie insgeheim befürchtet hatte, geschah. Kaum fasste sie nach seiner Hand, kaum spürte
sie diese rauen, harten, aber so zart fassenden Hände, blieb ihr die Luft weg. Ihre Finger schienen
aufzuglühen, ein Energiestrahl schoss über ihren Arm in ihren Körper und verebbte einfach nicht.
Mit  Mühe  rang  sie  sich  eine Antwort  ab:  „Das  gibt‘s  in  einem  Lokal,  in  dem  Blinde  servieren.
Man sitzt im Dunkeln während des ganzen Essens.“
Florian  war  der  erste  Mann,  der  einfach  vergnügt  lachte.  „Als  Kind  habe  ich  im  dunklen  Keller

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gepfiffen. Jetzt hätte ich nur Angst, aus Versehen von deinem Teller zu essen. Nehmen wir meinen
Wagen?“
Das war die beste Antwort, die Stefanie je auf diesen Testvorschlag eingeheimst hatte.

So rabenschwarz es in dem Blinden-Restaurant auch war, Stefanie hätte schwören können, dass sie
den Blick aus Florians Augen nicht nur spürte, sondern wirklich sah. Sie hatten Glück gehabt, dass
dort  die  Küche  so  spät  noch  geöffnet  war.  Deshalb  war  es  kein  Problem,  zwei  Plätze  zu
bekommen.  Natürlich  saßen  sie  sich  gegenüber.  Die  Minestrone  vorweg  hatten  sie  schon
gemeistert. Nun ging es an die Pasta – Tagliatelle mit Pilzsauce. In der Dunkelheit flüsterten alle
Gäste  instinktiv  miteinander.  Und  Florians  fast  basstiefe  Stimme  brachte  ein  lange  vermisstes
Gefühl zurück. Diese herrliche Nervosität, bis sie sich endlich traute, ihre Füße unter dem Tisch
ein bisschen weiter nach vorne zu schieben. Und prompt stieß sie an seine. Er zog sie nicht weg.
Sie fragte schnell: „Und du kletterst jeden Tag an Hochhäusern hinauf, auch im Winter?“
„Schön wäre es.“ Florians Knie stieß an ihres. Jetzt zog sie nicht weg. „Die meiste Zeit sitze ich
im Büro und plane“, sagte er. „Genau genommen mache ich sogar …“
Stefanie  genoss  es,  im  Dunkeln  zu  sitzen,  weil  Florian  nicht  sehen  konnte,  dass  sie  sich  auf  die
Unterlippe biss. Sie musste nicht einmal die Augen schließen, sie ließ sich ganz fallen und genoss
die Energie, die von seinem Körper ausging, weil nun auch ihre Waden sich gefunden hatten. Sie
hörte  nicht  zu,  sondern  gab  sich  dieser  Vibration  der  tiefen  Stimme  hin,  die  etwas  in  ihr  zum
Schwingen brachte, sich mit der Wärme verband. Es war einfach so schön, wieder einen Mann zu
spüren.
„… so sieht mein Alltag aus, Stefanie. Fassadenmanagement braucht viel mehr Vorbereitung, als
es aussieht …“
Stefanie hätte sich nicht getraut, es Xian-Li zu erzählen. Aber im Moment war sie ganz froh, dass
Florian  mit  ihr  nicht  über  etwas  Kompliziertes  diskutierte,  sondern  einfach  von  seinen  Hobbys
plauderte.
„… bin schwindelfrei, und dann habe ich mal eine Bergtour in den Dolomiten gemacht …“
Stefan wollte einfach nur in dieser Stimme baden, sie konnte sie am ganzen Körper spüren, sie gab
ihr neue Energie, und hätte nicht der Tisch sie beide getrennt, sie wäre einfach auf seinen Schoß
gerutscht und hätte ihn ganz girlie-mäßig geküsst. Jetzt.
„Ihre Pasta. Vorsicht, heiß.“ Stefanie riss die Augen auf – und sah natürlich nichts.

Und dann hatte er einfach gesagt: „Lass uns spazieren gehen, ich mag die Lichter der Großstadt.“
Sie waren durch Berlin-Mitte gelaufen, untergehakt, hatten vor Schaufenstern gestanden und sich
erzählt,  ob  sie  Notizbücher  mochten,  oder  Jacken  mit  Pelzrand,  oder  grüne  Streifen  an  gelben
Turnschuhen.  Vor  dem  Lucky  S.  hatten  sie  die  Traube  der  Raucher  umrundet,  die  vor  dem  Club
stand.
Irgendwann  hatten  Stefanies  Füße  sie  beide  bis  an  den  Wasserturm  gelenkt,  in  dessen  Nähe  sie
wohnte.  Und  es  hatte  sich  ganz  natürlich  angefühlt,  dass  sie  einfach  vor  dem  Haus  die  Tür
aufgeschlossen  hatte,  so  als  ob  sie  das  schon  hundert  Mal  zusammen  gemacht  hätten.  Jetzt  um
halb fünf stand er in der lauen Sommernacht draußen auf ihrem Balkon.
„Man sieht den Funkturm am Alexanderplatz.“ Stefanie nahm einen Schluck des Caffè latte, den

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sie gemacht hatte. Sie wollte wach sein, ganz wach.
„Der Ausblick  ist  wunderbar.“  Florian  lehnte  mit  der  Hüfte  am  Geländer  und  drehte  sich  zu  ihr
um. „Du bist wunderbar.“
Er nahm ihr das leere Glas aus der Hand, kniete und stellte es einfach auf den Boden. Dann glitten
seine Hände an ihren Beinen, an ihrer Silhouette entlang, seine Arme verschränkten sich langsam
hinter ihrem Rücken. Er zog sie an sich.
Wie ein Baum, so fest stand er da. Stefanie schmiegte sich an seine Brust, der Stoff seines weißen
Hemdes kitzelte sie leicht an den Fingerspitzen. Er strich ihr über den Rücken mit einer Sanftheit,
als sei sie zerbrechlicher als Glas. Stefanie hob den Kopf, sein dunkler Blick versprach mit einem
geheimnisvollen  Glanz,  dass  er  sie  niemals  verletzen,  sondern  schützen  würde.  Sein  sinnlicher
Mund war zu schön, um ihn nicht zu küssen. Sie spürte einen Energieimpuls tief im Innern, der sie
leicht werden ließ, leicht wie ein Blütenblatt im Wind. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen.
Seine  Lippen  waren  warm  und  so  anders  als  jemals  zuvor.  Fest,  männlich  und  doch  unerwartet
weich. Zärtlich berührten sich ihre Zungenspitzen, der Baum hielt und wiegte sie. Florian wandte
den  Kopf  auf  die  andere  Seite,  genau  in  dem  Moment,  als  sie  es  sich  wünschte.  Seine  weißen
Zähne  glänzten  einen  Moment  auf  wie  ein  magischer  Schein.  Sie  hatte  immer  von  einem  Mann
geträumt, der sie hielt und ihr doch die Luft zum Atmen ließ. Der schön war und doch ein Mann
mit Kraft. Wieder küssten sie sich lange. Eine Strähne rutschte ihr ins Gesicht, sanft schoben sie
seine  rauen  Finger,  die  fester  waren,  als  sie  sie  sich  vorgestellt  hatte,  von  ihrer  Wange.  Ein
warmes  Strömen,  das  sie  eben  noch  vage  in  ihren  Gliedern  gespürt  hatte,  verstärkte  sich,
beschleunigte  sich.  Wieder  drehte  sie  den  Kopf,  streifte  seine  Wange,  spürte  ein  paar
Bartstoppeln, etwas in ihr wunderte sich, wie weich diese waren, gar nicht kratzig, ob es wohl an
seinen Vorfahren lag, die …
Der Gedanke wurde vom heißen Strömen weggespült. Seine Zungenspitze spielte wieder mit ihrer,
und Stefanie ließ sich mit Wonne in den Strudel fallen, der immer schneller ihren Leib erfasste.
Florian  zuckte  zusammen.  Etwas  in  seiner  Hose  vibrierte.  Stefanie  machte  sich  frei  und  schaute
verdutzt  auf  seinen  Gürtel.  Nicht  an  der  Stelle,  die  sie  vorher  genau  gespürt  hatte,  daneben
vibrierte dort sichtbar etwas anderes.
Mist!“, fluchte Florian. Er zog einen Palmcomputer aus der linken Jeanstasche und starrte aufs
Display. „Ausgerechnet jetzt!“
Hektisch drückte er eine Taste. Eine Computerstimme plärrte: „Sie haben einen Level 4 Alarm in
Projekt 2.“
Florian  hatte  schon  halb  ausgeholt,  als  wollte  er  das  Ding  auf  dem  Balkon  zerschmettern.
„Verdammt noch mal!“ Er steckte das Ding zurück und wischte sich über die Stirn.
Stefanie erschrak fast vor den Sorgenfalten auf Florians Stirn. „Und was heißt das jetzt?“
„Dass  es  dort  wahrscheinlich  brennt.  Wir  haben  an  einem  Schwimmbad  ein  spezielles
Gummimaterial eingesetzt … Oder ein Arbeitsunfall, oder die Hauptseile des Cross-Care-Switch
sind gerissen. Ich muss sofort los.“
„Ja, also.“ Stefanie verstand nur die Hälfte. „Wenn es ein Notfall ist …“
Er  nahm  ihre  Hände  und  küsste  ihre  Finger.  „Ist  es.  Ich  melde  mich,  sobald  ich  kann.“  Beinahe
hätte  er  die  leeren  Latte-Gläser  umgestoßen,  bevor  er  durch  die  Balkontür  in  ihre  schwach

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erleuchtete Wohnung sprang.
„Ich bin nachher im Büro …“, rief Stefanie, aber da war er schon weg. Sie hörte ihre Wohnungstür
ins Schloss fallen. Sie kam erst richtig zu sich, als ihr die ersten Tränen auf die Hand tropften.

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4. KAPITEL

Am  liebsten  hätte  Florian  vor  Wut  das  Netz  aus  Tauen  von  der  Übungswand  im  Materiallager
gerissen. „Verdammt noch mal, aber irgendwer muss doch den Fehlalarm ausgelöst haben!“ Seine
Leute  waren  eben  zur  Frühschicht  in  seiner  Firma  am  Columbiadamm  eingetroffen  und  packten
die Werkzeugkisten und Teile zusammen.
In  der  vergangenen  Nacht  war  Florian  wie  ein  Wahnsinniger  durch  die  leeren  Straßen  in  den
Außenbezirk  Marzahn  gerast,  wo  seine  Leute  eine  bewegliche  Riesenseeschlange  für  das
Kinderfest rund um das Freibad aufgebaut hatten. Er war auf das Gelände gestürmt und hatte den
Wachschutz  in  der  Pförtnerloge  bei  einer  DVD  voller  barbusiger  Ladies  gestört.  „Alarm  bei  der
Seeschlange? Nö, war nüscht, wieso?“, hatte der Security-Typ mit großen Augen gemurmelt und
den Bildschirm schnell weggedreht.
„Wer von euch war zuletzt draußen in Marzahn?“, fragte Florian scharf. Seine Höhenarbeiter Jasir
und Paolo starrten nur auf die Stiefel und warteten ergeben auf das Ende seines Wutanfalls. Der
Industriekletterer Fred verschränkte die Arme.
„Ich.“ Fred hatte schon auf Wolkenkratzern in Phoenix, Arizona, gearbeitet. Er kaute seelenruhig
an einer dünnen Dauerwurst und schluckte das Stück. „Sag mal, Chef, hältst du deine Leute für so
blöd, dass sie die Bewegungsmelder und die Detektoren so anschrauben, dass die nachts um halb
fünf  anspringen?“  Fred  spuckte  die  Wurstpelle  zielgenau  in  den  Abfallkorb.  „Ich  bin  Level  1
FISAT-geprüft  und  die  andern  Jungs  auf  2.  Du  kannst  dir  die  Kontrolllisten  anschauen,  im
Qualitätsmanagement. Soll ich sie wirklich holen?“ Freds Stimme war eisig geworden.
Florian  kam  sich  vor  wie  kalt  geduscht.  „Lass  mal.“  Er  hatte  selbst  noch  in  der  Nacht  die
Seeschlange im Flutlicht kontrolliert und keinen Installationsfehler gefunden. „Sorry, Jungs.“
Fred  wies  auf  einen  Rollwagen  voller  Flaschenzüge.  „Eigentlich  sollten  wir  längst  draußen  am
Telekom-Turm sein und die Plakate ranhängen.“
„Okay, raus mit euch. Und fahrt vorher den Hubsteiger noch beim Team 2 vorbei.“
„Alles klar.“ Fred zog schon am Rollwagen, die andern drei setzen sich in Bewegung.
Das  war  kein  guter  Auftritt  als  Chef  gewesen,  dachte  Florian  und  rieb  sich  über  die  Haare.
Wahrscheinlich  sah  er  ziemlich  albern  aus  in  dem  verfleckten,  gerissenen  weißen  Damasthemd,
das  sein  Herumgeturne  auf  der  Seeschlange  nicht  überstanden  hatte.  Florian  ging  an  den  gut
sortierten  deckenhohen  Regalen  voller  Schraubglieder,  Bandschlingen  und  Lanyards  vorbei.  Mit
dem ersten Fehlalarm seit Monaten war doch irgendwie was oberfaul.
Im  Sekretariat  startete  Frau  Olgert  gerade  den  Computer.  „Schon  da?  Die  Espressomaschine  ist
gleich heiß … oh.“ Sie legte ihre ringbeschwerten Hände auf die mütterliche Brust. „Was ist Ihnen
denn passiert? Wie gut, dass ich Sie vom Reserveanzug überzeugt habe.“ Schon war sie Richtung
Belegschaftsraum und den Spinden verschwunden.
Florian setze sich einfach auf die Kante ihres Schreibtisches. Insgeheim war er davon überzeugt,
dass es die beste Idee seiner Karriere war, Frau Olgert einzustellen. Sie war schon Mitte fünfzig,
hatte aber im Wedding fünf Kinder großgezogen; ihr war nichts Menschliches fremd. Und wenn
sich von den Kletterern einer danebenbenahm, setzte die Olgert ihn schneller auf den Topf, als er
gucken konnte.

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„Hier, Chef. Und nun erzählen Sie mal.“ Sie gab ihm den frischen Anzug.

Als  Florian  frisch  geduscht  und  umgezogen  aus  dem  Belegschaftsraum  zurückkam,  wedelte  die
Olgert schon mit den Händen und steckte sich eine lose blondierte Strähne zurück. „Ich habe der
Dame  vom  Notrufservice  mal  Bescheid  gestoßen,  dass  ich  notfalls  persönlich  die  Aufwartung
mache, wenn ich nicht sofort einen Verantwortlichen an die Strippe kriege. Und siehe da, es geht.“
Frau  Olgert  lehnte  sich  zurück,  die  aufgestickten  Pailletten  auf  ihrem  T-Shirt  glänzten  unter  der
Schreibtischlampe.
Florian griff zum Cappuccino, sogar an ein Brötchen hatte Frau Olgert gedacht. „Prima. Sie sind
ein Goldstück.“ Verdiente Komplimente machte er immer gern.
Sie  steckte  die  Hände  ineinander,  sodass  alle  Ringe  –  Florian  schätzte  sie  auf  knapp  hundert  –
schimmerten.  „Ich  kenne  diese  Fuzzis.  Erst  denken  die,  sie  können  ‚ne  olle  Sekretärin
abwimmeln.  Pech  gehabt.  Ich  habe  mal  in  einem  Schlüsseldienst  gearbeitet.  Mit  mir  nicht.  Ich
also ran an die Buletten.“
Florian biss ins Brötchen und strahlte extra nur für die Olgert.
„Der Alarm kam gar nicht von der ollen Seeschlange draußen in Marzahn, da hat der Fred schon
recht  gehabt.  Die  haben  das  Signal  automatisch  von  der  Zentrale  ausgelöst,  also  der
Sprachcomputer  der  Agentur  genau  genommen,  weil  der  ein  paar  Stichworte  aus  dem  Anruf
erkannt hat. Fies, wa!“
Florian  verschluckte  sich  fast.  „Heißt  das,  irgendjemand  kann  dort  einfach  anrufen,  und  schon
brummt es bei uns?“
„Genau.  Nur  weiß  das  kaum  jemand.“  Frau  Olgert  legte  die  Unterarme  auf  den  Schreibtisch.
„Missbrauch  ist  selten,  weil  die Anrufe  wie  bei  einer  Fangschaltung  registriert  werden. Aber  so
genau  hat  sich  der  Anrufer  nun  auch  wieder  nicht  ausgekannt.“  Frau  Olgert  winkte  mit  einem
Zettel.
„Sie sind genial.“ Florian beglückwünschte sich einmal mehr für seine Sekretärin.
„Ach was, nur nicht auf den Kopp gefallen. Die haben mir die Nummer gegeben. Ich rufe da jetzt
einfach mal an und stelle die Freisprechanlage an.“ Sie drückte auf die Tasten des Telefons.
Florian hörte das Rufzeichen. Es klackte. „Wrede, Hings und Partner, guten Morgen, Sie sprechen
mit Frau Möller.“ Er starrte den Lautsprecher an.
Frau Olgert hob die Augenbraue und säuselte: „Oh, entschuldigen Sie, ich habe nicht verstanden.
Mit wem bin ich verbunden?“
„Mit  der  Anwaltskanzlei  Wrede,  Hings  und  Partner  am  Kurfürstendamm  in  Berlin“ ,  sagte  die
freundliche Stimme.
„Dann bin ich ja ganz falsch, Verzeihung.“ Frau Olgert ließ den Hörer auf die Gabel fallen. „Die
kennen wir doch!“, triumphierte sie.
Florian  sprang  auf.  „Dieser  Mistkerl  von  Thorsten  Wrede  setzt  jetzt  wohl  auf  Psychoterror,  um
den Prozess zu gewinnen. Aber nicht mit mir!“
„Beruhigen Sie sich erst mal, Chef. Essen Sie Ihr Brötchen, und dann verbinde ich Sie mit Cangür,
unserm Anwalt. Vor neun ist dort eh keiner. – Noch ein Brötchen mit Ei?“
Florian war der Appetit vergangen. „Nein.“
Er ging rüber in sein Büro. Im kleinen, spartanisch eingerichteten Raum schmückten nur die Fotos

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von den Dreitausendern die Wände, auf die er schon geklettert war. Er war längst urlaubsreif, das
wusste  er.  Und  am  liebsten  hätte  er  sofort  die  Sachen  gepackt  und  wäre  mit  Stefanie  in  eine
abgelegene Berghütte gefahren. Er schaute auf die Uhr. Mist, 8 Uhr 20, jetzt saß sie sicher gerade
in der U-Bahn. Nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt für eine neue Verabredung. Stefanie musste
ziemlich  enttäuscht  von  ihm  sein.  Dabei  hätte  er  nichts  lieber  getan,  als  sie  noch  stundenlang
weiter  zu  küssen.  Stefanie  war  so  voller  Ideen,  so  tatendurstig,  in  einem  Bergteam  würde  er  ihr
blind  als  Vorfrau  trauen.  Florian  stutzte  bei  dem  Gedanken:  Er  hatte  sich  noch  nie  eine  Frau  in
seiner Seilschaft vorgestellt.
Die  Telefonanlage  neben  der  Chefmappe  läutete  mit  dem  hellen  Ton  der  Privatnummer.
Gedankenübertragung!  Perfekt.  Erst  als  er  den  Hörer  in  der  Hand  hielt,  begriff  er,  dass  Stefanie
noch gar nicht diese Nummer hatte. Sein Lächeln fiel in sich zusammen. „Ja?“
„Hier  ist  Nicole,  ich  bin  auf  der  Messe  in  London.“  Sie  sprudelte  fröhlich,  als  ob  sie  im  Urlaub
ausgeschlafen  auf  einer  Hotelterrasse  frühstückte,  dabei  hörte  Florian  den  Lärmpegel  der  Messe
genau. „Danke noch mal, hat alles prima geklappt.“
„Das würde ich auch gern sagen können“, erklärte Florian seufzend. „Aber davon später.“
„Stress?  Deshalb  habe  ich  dich  gestern  nicht  erreicht!“  Nicole  räusperte  sich.  „Ich  habe  hier  für
dich einen vielversprechenden Geschäftstermin aufgetan. Du hast doch sicher nichts dagegen?“
Typisch Nicole. Bestimmt hatte sie wieder ihren ganzen kühlen Blonder-Eisberg-Charme spielen
lassen.  Sie  wusste,  dass  er  jeden  Auftrag  brauchen  konnte.  Erst  recht,  wenn  er  diesen  Prozess
gegen diese Betrüger verlor. Ehe er antworten konnte, sprudelte Nicole weiter: „Und das Beste ist:
Du machst den Termin heute noch in Berlin!“
Florian lachte. Nicole gab ihm Namen und Treffpunkt durch, dann legte sie mit einem Servus auf.
„Das ist ja die erste gute Nachricht für heute“, rief Florian, sodass Frau Olgert sich draußen vom
Schreibtischstuhl beugte und durch die offene Tür zu ihm hersah.
Und  wenn  er  gleich  noch  Stefanies  Stimme  hörte,  dann  würde  er  sogar  gut  gelaunt  zum
Mittagessen mit diesem Mr. Rami aus London fahren. Florian griff zum Hörer.

Stefanie war froh, dass ihr Chef Robert das Dessert des Mittagsmenüs im „Borchardt“ ausgelassen
hatte, weil er für ein Magazin in einem Privatsender interviewt werden sollte. Sie atmete durch, es
war  der  erste  ruhige  Moment  an  diesem  Tag.  Kaum  war  Stefanie  nach  einem  kurzen,  unruhigen
Schlaf  um  halb  neun  bei light  arts  angekommen,  war  es  im  Büro  rundgegangen.  Mails,
Besprechungen,  Anrufe  aus  Chicago  und  sogar  Belgrad.  Bei  jedem  Surren  ihrer  Telefonanlage
hatte  Stefanie  gehofft,  dass  Florian  wie  versprochen  anrufen  würde.  Sie  wurde  jedes  Mal
enttäuscht.  Dabei  konnte  es  gut  sein,  dass  er  es  dauernd  versucht  und  immer  nur  das
Besetztzeichen  gehört  hatte.  Denn  auch  die  Kollegen  hatten  auf  den  vier  Leitungen
dauertelefoniert, Robert war in Hochform und überzog alle mit Sonderwünschen.
Stefanie genoss die Mittagspause in dem Society-Restaurant, wo sich Politiker, Medienleute und
Kreative  bei  fantastisch  leichtem  Essen  vom  Stress  erholten.  Die  Crew  von light  arts  gehörte
schon fast zum Stammpublikum. Das „Borchardt“ lag direkt am Gendarmenmarkt in Berlin Mitte.
Vier  hohe  Marmorsäulen  teilten  den  großen  Raum  mit  seinen  hohen  Stuckdecken  optisch  ein
wenig auf. Alle Tische waren mit gestärkten Tüchern und schwerem Restaurantsilber gedeckt. Die

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hohen  Lederlehnen  der  bordeauxroten  Sitzbänke  schirmten  die  Gäste  ein  wenig  voneinander  ab.
Der Geräuschpegel war angeregt, aber nicht zu laut, die Decken hoch, die Luft gut. Stefanie nickte
der perfekten Servicekraft zu, die ihr eben den duftenden Espresso neben die kleine Blume in der
Tischvase  stellte.  Kaffee  hatte  Stefanie  auch  nötig,  bei  dem  Programm,  das  ihr  bei light  arts
bevorstand.  Robert  hatte  sie  einfach  zur  Projektkoordinatorin  für  den  Wettbewerb  ernannt.  Nun
legte sie Checkliste um Checkliste an.
Als  sie  nach  der  Espressotasse  griff,  rutschte  Stefanie  die  Serviette  vom  Tisch.  Sie  beugte  sich
hinunter  und  dachte  an  die  Computersimulation  von  Roberts  Ideen,  die  heute  unbedingt  fertig
werden musste … Beim Hochkommen fiel ihr Blick auf die Bankreihe schräg hinter ihr. Das war
nicht wahr …
Sein  Lächeln  war  so  blendend  wie  gestern,  aber  warum  trug  er  als  Fassadenkletterer  auf  einmal
einen so teuren Anzug? Gerade tippte er etwas in einen Palmcomputer. Offenbar saß Florian mit
einem Businessmann in einer Verhandlung. Dann drehte sich der Mann zur Servicekraft. Stefanie
erstarrte.
Genau  dieses  kleine  Feuermal  auf  dem  Hinterkopf  über  dem  Haarkranz  der  Glatze  hatte  sie
gestern  noch  heimlich  betrachtet.  Es  gab  keinen  Zweifel.  Florian  blickte  kurz  auf,  erkannte  sie,
sein Mund formte ein stummes O.

Das  gab  es  doch  nicht!  Dort  saß  Stefanie,  die  er  seit  Stunden  zu  erreichen  versuchte.  Das  runde
Gesicht von Mr. Rami lächelte amüsiert. „Sie erblicken sogar hier eines der Wunder, die Sie mir
eben umrissen haben?“ Der Vertreter des Emirats Abu Faira wandte sich im Sitzen halb um. „Ich
verstehe  …“  Er  hob  anerkennend  die Augenbraue.  „Eine  interessante  Frau  …  Nun,  daran  haben
Sie in Berlin ja keinen Mangel.“
Doch.  Florian  hatte  lange  nach  einer  Frau  wie  Stefanie  gesucht.  Das  wusste  er  aber  erst  seit
diesem Morgen, seit ihm immer deutlicher wurde, wie sehr seine Gedanken nur um sie kreisten.
Er  riss  sich  zusammen.  „Entschuldigen  Sie  bitte.  Wo  war  ich  stehen  geblieben  …“  Er  konnte
unmöglich  die  Verhandlung  unterbrechen,  jetzt  wo  Mr.  Rami  signalisierte,  dass  er  Senkrecht  &
Seil
  zum  Wettbewerb  zulassen  wollte.  Allein  die  Teilnahmeentschädigung  stärkte  schon  die
Finanzen  seiner  Firma  und  rettete  ihn  vielleicht  vor  der  Pleite,  wenn  er  den  Prozess  verlieren
würde.
Mr. Rami amüsierte sich sichtlich über seine Verwirrung. „Was wäre die Welt ohne Frauen, nicht
wahr? Sie wollten mir gerade Ihre dynamische Fassadenverhüllung genauer erklären. Wollen Sie
unser Luxus-Resort verpacken, wie der Künstler Christo damals den Reichstag?“
„Mehr als das, mehrere Hüllen, die sich verändern, Illusionen wecken.“ Florian hatte Mühe, den
Faden nicht zu verlieren. Drei Bänke weiter saß Stefanie. Er konnte gut verstehen, dass sie nach
seinem hastigen Aufbruch in der Nacht nicht einfach für ein kurzes Hallo herüberkam.

Stefanie  wandte  sich  rasch  ab,  bevor  sie  gegen  die  Rückenlehne  ihres  Sitzes  fiel.  Es  gab  keinen
Zweifel.  Genau  wie  sie  selbst  gestern  verhandelte  Florian  dort  mit  Mr.  Rami,  dem
Wettbewerbsbeauftragten  des  Emirats Abu  Faira.  Sie  legte  die  Hand  auf  ihre  Kostümjacke.  Der
Geruch  des  Essens  an  den  Nachbartischen,  den  sie  eben  noch  so  lecker  gefunden  hatte,  war  auf
einmal widerwärtig. Einen Moment schwankte der Tisch vor ihr. Wie absolut niederträchtig. Sie

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schluckte  gegen  die  Erkenntnis  an,  weil  sie  jetzt  hier,  zwischen  all  den  bekannten  Gesichtern,
unmöglich  in  Tränen  ausbrechen  konnte.  Und  sie  Idiotin  hatte  ihm  die  ganzen  Ideen  von  Robert
und light  arts  ausgebreitet.  Er  hingegen  hatte  sie  mit  seiner  kleinen  Fenstershow  eingewickelt.
Florian hatte sie benutzt, ausgehorcht – aus eiskalter Berechnung für einen Wettbewerbsvorteil.
Sie nahm ihre Handtasche. Drei Atemzüge verharrte sie noch auf der Sitzbank, dann war sie sich
absolut sicher, dass sie den Weg an den beiden vorbei mit einem Gesicht schaffen würde, von dem
Mr. Rami denken musste, dass sie einfach nur in Gedanken war und ihn deshalb übersah. Sie stand
auf. Du gehst jetzt einfach vor bis zum Servicedesk und fragst noch einmal nach der Rechnung. Sie
stand auf, den Blick zu den hohen Fenstern gerichtet und den Autos, die draußen vorbeifuhren.
„Stefanie!“,  hörte  sie  Florian  rufen.  „Warte  …“  Weiter,  bloß  weiter,  nicht  umdrehen.   Sie
beschleunigte ihren Schritt, bog zum Servicetresen ab.
Dort  lächelte  die  gut  gekleidete  Empfangsdame  nur.  „Herr  van  Halen  hat  schon  für  Sie  die
Rechnung beglichen.“ Ein Kellner hielt die Tür auf.
„Danke, bis morgen wieder“, sagte Stefanie. Sie erschrak, wie belegt ihre Stimme klang.
Erst vor dem übernächsten Haus erlaubte sie sich, ihre Hand vor ihren Mund zu halten, um nicht
zu schluchzen. Noch nie zuvor hatte sie ein Mann so sehr benutzt.

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5. KAPITEL

Als  Stefanie  in  dem  Restaurant  an  ihm  vorbeigerauscht  war,  wäre  Florian  am  liebsten
aufgesprungen und ihr auf die Straße hinaus hinterhergerannt. Sie hatte ihn einfach nicht gesehen.
Oder  doch?  Florian  konnte  sich  das  eigentlich  nicht  vorstellen,  sonst  hätte  sie  bestimmt  gesagt,
wann  er  sie  erreichen  könnte.  Sie  tat  ihm  leid,  ihre  hellblauen  Augen  waren  so  verschleiert
gewesen, ihr Blick so ganz nach innen gerichtet. So schauten Menschen drein, die wahnsinnigen
Stress hatten und von einem Termin zum nächsten hetzten. Wie er selber.
Florian stand schon wieder im Stau vor einer Ampel. Wieder klapperte er eine Baustelle nach der
anderen, eine Fassadengestaltung nach der anderen in Berlin ab. Zurzeit hakte es überall. Florian
drückte die Wahlwiederholung. Der Ruf ging durch.
„Light  arts,  guten  Tag.  Mein  Name  ist  Menkel,  was  kann  ich  für  Sie  tun?“,  flötete  eine  junge
Frauenstimme.
Beinahe  hätte  Florian  aufgestöhnt.  In  letzter  Sekunde  trat  er  auf  die  Bremse,  weil  der  Idiot  vor
ihm nicht losfuhr. „Florian Talhofer, ich hätte gern Frau Clarin gesprochen.“
Die  Stimme  zögerte.  Wie  als  ob  jemand  ein  Signal  von  jemandem  anderen  abwartete.  „Ich  höre
gerade, dass Frau Clarin heute nicht mehr erreichbar ist. Kann ich etwas ausrichten?“
„Ja. Ich …“ Stopp! – es war albern, einer Sekretärin das alles zu erklären. „Sagen Sie ihr einfach
nur, dass ich angerufen habe.“
„Ja, natürlich.“
Florian  warf  das  Handy  auf  den  Beifahrersitz.  Das  konnte  ja  nur  heißen,  dass  Stefanie  beleidigt
war. Er starrte auf die Auspuffgase in der Schlange vor ihm. Sein hektischer Aufbruch tat ihm so
leid, aber auf einen Alarm hatte er einfach sofort reagieren müssen.
An  der  nächsten  Seitenstraße  leuchtete  ein  grünes  Schild.  Spontan  hielt  Florian  vor  dem
Blumenladen an. Er würde Stefanie jetzt Rosen ins Büro schicken. Einen Moment zögerte er noch.
Es  war  wie  beim  Bergsteigen.  Zwischen  Basislager  und  Gipfel  gab  es  nur  konsequentes  Schritt-
für-Schritt-Voran. Und warum sollte er denn auch nicht dazu stehen, dass er Stefanie wirklich toll
fand? Junge, sei ehrlich mit dir.  Er fühlte sich auf einmal seltsam leicht und fröhlich. So wie er
die letzten Stunden nur, nur,  nur an Stefanie gedacht hatte, war er doch verliebt. Und das durfte er
schließlich  aller  Welt  zeigen.  Die  Rosen  mussten  einfach  rot  sein.  Und  er  würde  viele  davon
schicken.

Nach dem Zwischenstopp beim Blumenladen hatte ihn Frau Olgert in dem Schöneberger Dig-Dog-
Club
  angerufen,  wo  seine  Jungs  über  drei  Etagen  die  Wände  mit  schwarzem,  feuerfestem  Latex
behingen.  Während  Florian  sich  meldete,  ärgerte  er  sich  insgeheim,  dass  er  mitten  in  der
schwierigen  Planung  des  Outdoor-Bereichs  gestört  wurde. Aber  Frau  Olgert  rief  bestimmt  nicht
einfach so an.
„Ich  weiß  jetzt  nicht,  Chef,  ob  das  vielleicht  ein  Irrtum  ist.  Hier  sind  dreißig  rote  Rosen
angekommen.“
„Wie  bitte?“  Florian  setzte  sich  auf  eine  leere  Bierkiste  zwischen  die  angeschnittenen
Latexplanen.

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„Die  Dame  vom  Blumenladen  sagt,  der  sei  nicht  angenommen  worden,  und  deshalb  will  sie  ihn
beim Besteller abgeben, also Ihnen.“ Frau Olgerts Stimme ging wie auf Samtpfoten. Florian war
sich  sicher,  dass  sie  die  Tür  im  Sekretariat  abgeschlossen  hatte,  damit  keiner  der  Jungs  etwas
mitbekam.
„Ich … ich habe mich wohl in der Adresse geirrt“, log er, weil in ihm alles so schwarz wurde wie
das Latexzeug zu seinen Füßen.
„Aha“,  sagte  Frau  Olgert  nur,  ganz  mitfühlend.  Taktvollerweise  fragte  sie  ihn  jetzt  nicht,  ob  sie
die Adresse recherchieren sollte. „Und nun?“
Es war schade. Schade auch um die Rosen. Vielleicht machten die Blüten ja andere glücklich. Er
atmete  laut  aus.  „Jeder  soll  sich  so  viele  mitnehmen,  wie  er  will.“  So  würde  er  sie  nicht  mehr
sehen müssen, wenn er später ins Büro kam.

Am Abend hatte er es nicht mehr ausgehalten. Florian war zu Stefanies Wohnung gefahren. Oben
hatte er Licht im Fenster hinter dem Balkon gesehen, wo sie beide sich noch heute in aller Frühe
so wunderbar eng umschlungen hatten.
Jetzt stand er im strömenden Sommerregen an dieser silbernen Klingelanlage, die Tropfen fielen
auf  seinen  Kopf,  und  auf  den  Fensterblechen  über  ihm  machten  sie  mit  ihrem  Stakkato  ein
richtiges Konzert. Behutsam drückte Florian auf den Knopf neben S. Clarin.
Der  Lautsprecher  aktivierte  sich  mit  unangenehm  elektrischen  Vibrationston,  der  gar  nicht
aufhörte. „Ja, bitte?“, krächzte Stefanies Stimme.
„Hier ist Florian, ich muss mit dir reden. Lass dir erklären wie …“
Nur das elektrische Summen knisterte hinter der Sprechanlage.
„Stefanie, bitte.“
„Wir wollen keine Werbung im Haus“, krächzte die Stimme wie von weit.
Florian  starrte  den  Lautsprecher  an.  Der  sirrende  Ton  brach  plötzlich  ab.  Alles  war  so  tot  wie
zuvor. War das wirklich Stefanie gewesen? Florian quetschte sich zwischen den parkenden Autos
durch, sprang über Pfützen hinweg und rannte über die Straße auf die andere Seite. Er legte den
Kopf tief ins Genick, der Regen lief ihm den Rücken hinunter.
Doch oben hinter ihren Fenstern war nun schon alles dunkel.

Stefanie hatte seine Stimme sofort erkannt. Sie war wirklich perplex gewesen, weil er sich nach
dieser  albernen  Rosennummer  noch  getraut  hatte,  bei  ihr  aufzukreuzen.  Er  wusste  doch  genau,
dass sie ihn mit Mr. Rami gesehen hatte – wollte er sie etwa für dumm verkaufen? Die Kollegen
bei light  arts  hatten  zwar  über  die  dreißig  roten  Rosen  gestaunt,  aber  niemand  hatte  an  ihren
Worten  gezweifelt,  als  sie  den  Boten  wieder  weggeschickt  hatte.  „Das  war  ein  Irrtum  in  der
Namensschreibweise,  ist  nicht  für  mich.“  Schließlich  waren  noch  nie  und  für  niemanden
Blumensträuße persönlich abgegeben worden, selbst für den Stardesigner Robert nicht.
Stefanie wusste selbst nicht genau, warum sie in ihrer Wohnung sofort das Licht ausgemacht hatte
und  im  Winkel  des  Fensters  hinter  dem  Vorhang  stand.  Sie  lugte  nach  drunten,  sah,  wie  Florian
über  die  Straße  lief,  ein Auto  hupte  ihn  böse  an.  Dann  starrte  er  herauf.  Der  Regen  schien  ihm
nichts auszumachen. Aber Schlechtwetter war Florian sicher von den Hochhausgerüsten gewohnt.
Er  wischte  sich  noch  ein  paar  Mal  über  die Augen,  dann  wandte  er  sich  nach  links,  die  Straße

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hinunter. Stefanie wunderte sich, wie langsam er ging, trotz des Regens. Als ob er die Beine nicht
heben könne.
Sie setzte sich im Dunkeln auf ihr Sofa. Es musste ihm ja auch verdammt peinlich sein, dass er
aufgeflogen war. Und dass sie es ihm so deutlich zu verstehen gegeben hatte. „Im wahrsten Sinne
des  Wortes  durch  die  Blume!“  Stefanie  griff  zu  ihren  Wohnungsschlüsseln  auf  dem  Couchtisch.
Das  Letzte,  was  sie  nach  solch  einem  Tag  tun  sollte,  war  die  Wände  anzustarren.  Sie  musste
diesen  Kerl  und  diese  bodenlose  Gemeinheit  jetzt  einfach  komplett  aus  ihrem  Gedächtnis
streichen – und das funktioniert am besten dadurch, dass sie es einfach mit Xian-Li weglachte.

Stefanie  hatte  es  sich  in  der  Ecke  von  „Xian-Li‘s  Sushi  Paradise“  bequem  gemacht.  Der  ganze
Laden war mit Wandpaneelen in rotem Lack eingerichtet, davor waren schwarze Gitter aus Holz
gesetzt,  die  japanische  Großstadtszenen  aus  Tokio  zeigten.  Es  war  wie  ein  Manga  aus  Holz.
Insgeheim  bewunderte  sie  ihre  Freundin,  die  gerade  extra  auf  exotisch  geschminkt  an  den
Lacktischchen das Sushi für die ersten Gäste servierte. Ihr japanischer Freund Joshi hackte in irrer
Geschwindigkeit  Schnittlauch  in  der  Kochzeile  neben  dem  Eingang.  Die  beiden  legten  Wert  auf
Qualität  und  bereiteten  wirklich  Originalsushi  wie  in  Japan.  Und  das  schmeckte  zehnmal  besser
als  sonst  wo  in  der  Stadt.  „Xian-Li‘s  Sushi  Paradise“  war  sofort  zum  Geheimtipp  geworden,  sie
konnte es sich sogar leisten, gar keine Werbung zu machen.
Xian-Li war eigentlich Hongkong-Chinesin, war aber mit ihrem Banker-Vater schon als Kind nach
Sydney, Jokohama und London, um die halbe Welt gezogen. Dann hatte das Business die Familie
nach  Düsseldorf  verschlagen.  Stefanie  hatte  sie  im  Grundkurs  BWL  noch  in  Düsseldorf
kennengelernt.  Am  Ende  des  Semesters  hatte  Xian-Li  im  Studenten-Café  über  einem  Becher
Kaffee  gefragt:  „Am  Rhein  ist  es  zu  langweilig,  ich  gehe  nach  Berlin,  kommst  du  mit?“  Und
Stefanie  hatte  einfach Ja gesagt. Denn von Xian-Li hatte sie viel gelernt. Diese hatte sich nie an
Regeln  gehalten,  die  andere  für  sie  ausdachten,  sondern  nur  an  die  eigenen.  So  sehr  Xian-Li
schrille Klamotten mochte, dass Stefanie mit ihr stundenlang durch die Läden in Prenzlauer Berg
und Mitte ziehen konnte, so gut war ihr Geschmack. Vor allem männertechnisch griff Xian-Li nie
daneben.  Joshi  war  ein  Goldstück,  drahtig,  fleißig  und,  wie  Xian-Li  gerne  grinsend  berichtete,
wahnsinnig  sensibel  mit  den  Fingerspitzen.  So  treffsicher  er  die  Zutaten  für  Sushis  mit  dem
riesigen Messer kleinhacken konnte, so virtuos konnte er auch streicheln.
Xian-Li hatte kühl gerechnet, und ihren ersten Jahresverdienst als Praktikantin bei einer Import-
Export-Firma  in  eine  schicke  Sushi-Bar  mit  echten  Lackmöbeln  aus  Japan  investiert.  Heute
verdiente  sie  mehr  als  in  jedem  anderem  Job.  „Geld  verdienen  liegt  mir  im  Blut,  mein  Papa  ist
Banker und meine Großmutter war Händlerin auf dem schwimmenden Markt von Kowloon“, war
ihr lapidarer Kommentar dazu.
Jetzt  kam  Xian-Li  endlich  herüber  in  die  Ecke  bei  der  Kasse,  nachdem  sie  die  letzte  Runde
Bestellungen bei Joshi abgegeben hatte. Dann erzählte Stefanie ihr alles.
„Im  Business  wird  mit  harten  Bandagen  gekämpft.  Je  früher  wir  das  begreifen,  desto  besser  ist
es“, seufzte Xian-Li nur. Sie servierte ihr ein paar Inside-out-Rolls extra und knabberte an einem
Stücken Karotte. Dann richtete Xian-Li den schreiend pinkfarbenen Haarkamm, den sie zwischen
die Haarnadeln gesteckt hatte, weil die Berliner Szeneleute  einfach  dieses  übertrieben  asiatische
Outfit  bewunderten.  Sie  lächelte  Stefanie  mit  farblich  abgestimmtem  Lippenstift  an.  „Sag  mal,

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gab  es  da  nicht  deinen  Hoch-und-heilig-Schwur,  dass  du  nie  wieder  etwas  mit  Sportlertypen
anfangen wolltest?“
Stefanie seufzte und zuckte mit den Schultern. „War wohl ein kleiner Rückfall. Kommt nie wieder
vor.“ Sie war auf einmal richtig traurig und stocherte mit den Stäbchen in der Ingwerpaste herum.
„Come on.“ Xian-Li stupste sie an der Schulter und lachte. „Bei der Turn- und Muskel-Seiltanz-
Show  vor  deinem  Fenster  wäre  ich  auch  schwach  geworden.  Wann  erlebt  frau  schon  so  etwas?“
Xian-Li  erhob  sich  und  tippte  nebenbei  eine  Rechnung  in  die  Kasse,  die  gleich  danebenstand.
Dann griff sie in ein Fach darunter. „Hier, die Zukunft für dich.“ Sie warf Stefanie einen in Folie
eingeschweißten Glückskeks zu. „Schau nicht so! Den hast du verdient, immerhin war der Typ ein
Fortschritt.“
Stefanie  kniff  die  Augen  zusammen  und  versuchte  in  Xian-Lis  bunt  geschminktem  Gesicht  zu
lesen, wie sie das nun wieder meinte. „Echt?“
„Du  hast  es  zwar  vorher  nicht  gewusst,  aber  der  Typ  ist  wenigstens  kein  hirnloser  Idiot  wie  die
anderen vorher. Sorry, das ich das jetzt mal so klar sagen muss als deine beste Freundin. Der Typ
ist immerhin ein taffer Unternehmer.“
„Hör mal! Er hat mich ausgenutzt, das haben die Muskeljungs nie.“ Die waren dafür immer nur
nach dem fünften Date langweilig gewesen.
Xian-Li spitzte die Lippen. Kopfschüttelnd sagte sie: „Mach dir lieber Gedanken, wie du ihn mit
einem  Superkonzept  beim  Wettbewerb  aus  dem  Feld  räumst.  Das  ärgert  solche  Typen  am
meisten.“  Sie  griff  sich  ihren  Block  und  ging  zu  neuen  Kunden  am  anderen  Ende  des  Raumes.
Vorn rollte Joshi Sushi in Seetangblätter.
Ihre  beste  Freundin  hatte  mal  wieder  recht.  Stefanie  steckte  den  Glückskeks  in  die  Handtasche.
Wer weiß, wozu es gut war.
Bei  ihrer  vorletzten  Inside-out-Roll  kam  ein  mittelgroßer  blonder  Typ  ins  „Sushi  Paradise“  und
sah sich um. Stefanie brauchte einen Moment, aber diese breiten blonden Augenbrauen hatte sie
schon einmal gesehen.
Der Neuankömmling hingegen erkannte sie sofort. „Hey, du hast doch mit meinem Bruder Squash
gespielt.“ Er beugte seinen Kopf etwas vor und lächelte sie an. Seine grünen Augen blickten etwas
müde,  aber  wer  war  das  Donnerstagabend  nach  dem  Büro  nicht.  Der  Typ  freute  sich  sichtlich.
„René  war  immer  begeistert  von  dir.“  Er  hob  den  Zeigefinger,  wedelte  damit.  „Moment,  nicht
verraten.“ Er blinzelte. „Du bist Stefanie!“
Zu Abi-Zeiten  hatte  sie  in  der  Liga  NRW  mit  René  Wrede  Mixed  gespielt.  Sie  waren  ein  super
Team  gewesen.  Beim  Squash,  sonst  nicht,  René  hatte  es  mehr  mit  Jungs  und  sie  war  damals
unsterblich in … Stefanie ermahnte sich, dass sie den Namen jenes Mannes aus ihrem Gedächtnis
getilgt hatte. „Dann bist du Thorsten, nicht wahr?“
„Genau, lebst du jetzt auch in Berlin? René hat gar nichts davon erzählt.“
„Wie auch, er ist doch schon eineinhalb Jahre in Sydney.“
Thorsten  lachte.  „Darf  ich  mich  zu  dir  setzen?“  Er  machte  Xian-Li  Zeichen  für  ein  12-Rollen-
Sushi.  Die  wackelte  wie  im  Film Die  Geisha  mit  dem  Kopf,  sie  war  für  jeden  Spaß  zu  haben.
„Erzähl mal, was machst du? Ich bin Anwalt, aber das ist totlangweilig, ehrlich gesagt.“ Er lachte
und  stellte  seine  Ledertasche  neben  sich  auf  die  Bank.  „Die Akten  lass  ich  lieber  zu.  Spielst  du

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noch Squash?“
„Schon länger nicht. Du?“
„Inzwischen  wieder.“  Er  tippte  sich  an  den  Bauch.  „Ich  muss.  Ich  sitze  zu  viel  am  Schreibtisch.
Wollen wir nicht einfach mal zusammen spielen gehen? Ich habe eine Jahreskarte und kann Leute
mitnehmen.“
Es  gefiel  Stefanie,  wie  souverän  er  mit  dem  Bäuchlein  umging,  und so  schlimm  war  es  nun
wirklich nicht. Und ehe sie es sich versah, war Stefanie in alte Geschichten rund um die Partys am
Pool der Wredes in Merheim verwickelt. Thorsten fiel ein Detail nach dem andern ein. Manchmal
tat es einfach gut, an die alte Heimat zu denken.

Am  Freitagmorgen  kurz  nach  zehn  Uhr  schaute  im  Saal  des  Amtsgerichts  Charlottenburg  der
Richter  über  den  Rand  seiner  Lesebrille  hinweg  auf  den  gegnerischen  Anwalt  Thorsten  Wrede.
Immer wieder nickte er zu dessen Worten, was Florians Wut nur steigerte.
„Und  genau  hier,  wertes  Gericht,  an  diesen  Schrauben  lag  es!“  Thorsten  deutete  theatralisch  auf
ein groß aufgezogenes Foto.
„Das sind doch Zwölfkantmuttern, keine Schrauben! Nicht einmal das stimmt!“, rief Florian in die
Verhandlung.  Dafür  gab  ihm  sein  eigener  Anwalt,  sein  Cousin  Cangür,  einen  Tritt  unter  dem
Tisch. Kurz sah er Florian mit seinen klugen Augen an und rieb sich konzentriert das feine Ohr.
Cangür war der schmalste Mann in der ganzen Familie. Florian ärgerte sich schon über sich selbst
und schaute schuldbewusst zurück. Reinreden kam nie gut, das wusste er ja selber, aber wie sollte
er einfach stumm dasitzen, wenn der Typ log und log.
„Fahren Sie fort, Herr Wrede“, sagte der Richter trocken.
„Also diese Muttern waren nicht fest genug aufgezogen, der Gutachter weist dies auf Seite sieben
mit dem erhöhten Flugrostanteil in den Windungen nach, die …“
Florian schnaubte. Solch ein Unsinn. Bei einem Fassadengerüst mitten in der Stadt flog doch jede
Art Staub und Dreck durch die Luft. Was sollte das alles?
„Im  Übrigen,  wertes  Gericht,  können  Sie  die  wissenschaftlichen  und  methodischen  Fehler  des
Schreibens,  das  der  Beklagte  Herr  Florian  Talhofer  vorgelegt  hat,  im  Anhang  nachvollziehen.“
Thorsten  Wrede  schraubte  seine  Stimme  in  schlichte  Verachtung  hinab.  „Da  gab  es
Schlampereien, die für sich selbst sprechen.“
Der Richter hob nur die Augenbrauen und machte sich Notizen. „Fahren Sie fort.“
„Bei  Senkrecht  &  Seil  wurden  massiv  Sicherheitsbelehrungen  unterlassen.“  Anwalt  Wrede  gab
sich extrem besorgt und runzelte die Stirn. „Denn davon haben im letzten Jahr nur zwei statt fünf
stattgefunden.“
Florian richtete sich langsam auf. Woher wusste dieser Kerl das?
„Stimmt das, Herr Talhofer?“, fragte der Richter und sah zu ihnen beiden auf die Anklagebank.
„Das  hat  nur  daran  gelegen,  dass  mein  Sicherheitsbeauftragter  wegen  eines  Unfalls  beim
Kanufahren in der Klinik lag.“
„Sie hätten für Ersatz sorgen müssen.“ Thorsten Wrede hob das Kinn.
„Haben Sie es versucht, Herr Talhofer?“, fragte der Richter.
Hatte  er,  aber  so  schnell  war  es  nicht  gegangen.  „Kurzfristig  war  wegen  der  Sommerferien  auf
dem Berliner Arbeitsmarkt kein Ersatz zu finden.“

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„Dann  hätten  Sie  eben  jemanden  einfliegen  lassen  müssen.  Sie  sind  doch  oft  im  heimatlichen
Bayern  zum  Bergsteigen.  Dort  gibt  es  schließlich  genug  Sicherheitsbeauftragte  mit  A-Schein“,
triumphierte Wrede und tippte mit dem Kugelschreiber laut auf den Tisch vor ihm.
Florian  suchte  Hilfe  bei  seinem  Cousin  Cangür.  Der  sah  ihn  nur  wütend  an,  mit  dem  stummen
Vorwurf  in  den  Augen:  Warum  hast  du  mir  das  nicht  vorher  gesagt?  Nun  bricht  meine
Verteidigungslinie  zusammen. 
  „Die  Angestellten  von  Senkrecht  &  Seil  haben  alle  diese
Schulungen  mehrfach  durchlaufen.  Reiten  Sie  nicht  auf  Formalia  herum,  Herr  Wrede“,  sagte
Cangür. Das war natürlich ein bisschen schwach, leider.
Der Richter wiegte den Kopf. „Sicherheitsbestimmungen sind immer lästig wie Regen und trocken
wie Staub. Aber gerade in der Wiederholung liegt ihre Wirkung.“
Lästig  wie  Regen.  Trocken  wie  Staub.  Wiederholung.   Plötzlich  sah  Florian  Spezialpapier  vor
seinem geistigen Auge, das er einmal bei einer Messe gesehen hatte. Die Chinesen oder Japaner
verhüllten  damit  ihre  Wolkenkratzer  gegen  Taifunregen.  Aber  das  Emirat  Abu  Faira  lag  in  der
Wüste, dort war es immer trocken. Vielleicht könnte er daraus für den Wettbewerb etwas machen

Cangür  entgegnete  dem  Richter  irgendetwas.  Florian  durfte  jetzt  gar  nicht  zuhören,  weil  er
instinktiv wusste, dass gerade eine geniale Idee für diesen Wettbewerb in ihm aufstieg. Er nahm
sich seinen Block und tat so, als ob er den streitenden Anwälten mit Notizen folgte. Die Idee, die
einfach alles Bekannte sprengte, nahm Formen an. Das Spezialpapier war teuer, aber auf Kosten
brauchte  er  keine  Rücksicht  zu  nehmen,  die  spielten  keine  Rolle,  hatte  Mr.  Rami  im  Restaurant
gesagt.
Gedankenverloren  sah  er  durch  Thorsten  Wrede  hindurch,  der  sich  schon  wieder  vor  der
Richterbank  aufplusterte.  Vielleicht  verlor  Florian  gerade  den  Prozess,  aber  mit  dem  extrem
dünnen  Papier  könnte  er,  wenn  er  daraus  variable  Elemente  schneiden  und  es  bedrucken  ließ  …
jeden  beliebigen  Effekt  erzeugen,  jedenfalls  wie  bei  einem  Scherenschnittfilm.  Die  hatte  er  als
Kind geliebt.
„Wir  beantragen  die  Aussagen  der  Zeugin  Frau  Olgert  zu  berücksichtigen“,  sagte  sein  Cousin
eben.
„Ich  bitte  Sie!“  Der  Richter  schüttelte  den  Kopf.  „Die  Zeugenaussagen  haben  wir  doch  schon
durch.  Frau  Olgert  hat  in  der  Sache  selbst  nichts  beitragen  können.  Ich  lehne  Ihren  Antrag  im
Interesse einer zügigen Abwicklung des Verfahrens ab. Es muss doch mal ein Ende haben.“ Der
Richter  legte  die  Lesebrille  weg.  „Möchten  Sie  der  Gegenseite  nicht  lieber  einen  Vergleich
anbieten?“
Cangür  sah  Florian  abwartend  an  und  rieb  sich  die  schmale  Nase.  Leise  flüsterte  er  Florian  ins
Ohr: „Ein Vergleich wäre klug, dann wird es wenigstens billiger für dich.“
In  Florian  sträubte  sich  alles,  einen  Schaden,  den  er  überhaupt  nicht  verursacht  hatte,  auch  nur
halb anzuerkennen, wie er es bei einem Vergleich würde tun müssen.
Thorsten Wrede schickte ihm einen kalten Blick quer herüber. Langsam trat er zum Richter an der
Frontseite  des  Saales  hin.  Er  sprach  leise  und  wandte  sich  haargenau  berechnet  in  dem  Moment
um,  dass  es  Florian  hören  musste.  „…  werden  wir  uns  in  keinem  Fall  einlassen,  wir  verlangen
volle Entschädigung für …“ Dann tuschelte er wieder zur Richterbank hin.

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Das Hin und Her dauerte natürlich. Cangür versuchte es mit Engelszungen, aber Thorsten Wrede
sagte schlicht zu jedem Vergleichsvorschlag Nein.
Der Richter rollte die Augen zum Himmel, bevor er verkündete: „Wenn Sie so stur sein wollen,
meine Herren, wird eben Justizia entscheiden. Erheben Sie sich.“
Florian ballte aus Wut die Faust. Woher hatte dieser Anwalt nur Wind von der Sache bekommen,
verdammt. Waren denn alle bestechlich? Aber wenn er an seine Jungs dachte, fiel ihm keiner ein.
Nicht mal Fred, der ihm oft fachlich querkam, würde so etwas machen. Man verriet einfach keinen
aus der Mannschaft, wenn man auf hundert Meter hohen Gerüsten herumturnen musste.
„Hiermit  ergeht  das  Urteil.  Das  beklagte  Unternehmen  Senkrecht  &  Seil  ist  für  den  Schaden
verantwortlich.  Der  vom  Kläger  vorgebrachte  Schaden  wird  vom  Gericht  zu  siebzig  Prozent
anerkannt. Hiermit ist die Verhandlung geschlossen.“
Die Worte hallten in dem Gerichtssaal nach. Florian sah auf einmal alles wie in weißrote Watte
getaucht. Wie ein gestörter Roboter lief er hinter seinem Cousin aus dem Saal.
Im  Flur  grinste  Thorsten  Wrede,  als  hätte  er  gerade  eine  Magnumflasche  Champagner  auf  Ex
getrunken. Er hatte die Anwaltsrobe noch an und schwang im Gehen einen Squashschläger durch
die  Luft.  Genau  an  Cangürs  und  Florians  Ohren  vorbei,  sie  spürten  den  Zug.  „Und  die  dreißig
Prozent Restschadenssumme hole ich mir dann in der Revision. Verlasst euch drauf.“ Seine Robe
wehte  dabei  wie  Fassadenteile  im  Sturm.  Florian  fühlte  sich  wie  entzweigegangen:  Einerseits
brannte in ihm die Wut, diesem Kerl einfach ganz unzivilisiert von Mann zu Mann seine Meinung
mit  der  Faust  klarzumachen,  andererseits  interessierte  ihn  das  alles  nur  wie  ein  Film,  den  man
nebenbei im Fernsehen anschaute, so arbeitete seine Fantasie an dem Wettbewerbsentwurf. Er sah
geradezu  die  Papierelemente  schon  in Abu  Faira  wehen,  Stürme,  Unwetter  zeigen,  die  scheinbar
alles zusammenbrechen lassen …
„Er hat die Lücke in meiner Verteidigungslinie genau gefunden.“ Cangür schüttelte verärgert den
Kopf. „Aber dagegen konnte ich nichts mehr machen. Dabei ist der Wrede nur Staranwalt, weil er
sich von bezahlten Journalisten hypen lässt. Er ist nicht besser als die Kollegen auch. Nur schreckt
er vor solchen Machenschaften nicht zurück.“
Florian wunderte das nicht. „Miese Tricks passen zu Thorsten Wrede.“ Langsam wurde ihm aber
doch bewusst, was das Urteil für seine Firma bedeutete. „Cangür, ich glaube, jetzt bin ich pleite.“
Er musste sich an ein Fensterbrett lehnen und erst einmal tief durchatmen.
„Noch nicht ganz. Tricksen kann ich auch.“ Cangürs fein geschnittener Mund lächelte böse. „Ich
werde dafür sorgen, dass das Urteil erst in ein paar Monaten rechtskräftig wird. Bis dahin hast du
Galgenfrist. Und du bist ein Kämpfertyp, du schaffst das schon.“ Er klopfte ihm auf die Schulter.
„Verdiene inzwischen genug Geld, und alles wird gut.“
„Als ob das so einfach wäre!“ Florian fühlte seine Hände zittern. „Meine letzte Chance nutze ich,
verlass dich drauf.“ Er würde alles in diesen Wettbewerb investieren. Und wenn er alles auf eine
Karte setzte, dann konnte er es auch noch einmal bei Stefanie versuchen. Mit etwas Glück hatte
sie ihm sogar selbst verraten, wo er sie finden könnte, bei dieser Freundin mit der Sushi-Bar.
„Du  lächelst  ja  sogar  schon  wieder!“,  sagte  sein  Cousin,  der  wusste,  wie  ungern  Florian  verlor.
Cangür lachte. „So gefällst du mir schon besser. Das ist der Florian, den ich kenne.“

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6. KAPITEL

Stefanie hätte nicht gedacht, dass sie noch so fit im Squash war. Die Bälle flogen nur so im Court.
„Erst  das  dritte  Spiel,  und  ich  habe  das  Gefühl,  dass  mir  alle  Techniken  und  Tricks  wieder
einfallen.“  Sie  traf  schon  fast  wieder  auf  den  Zentimeter  genau  die  Stelle  an  der  Stirnwand,  die
ihren Partner den Punkt kosten würde.
„Du  hast  keine  der  Grundregeln  vergessen“,  japste  Thorsten,  bekam  aber  den  letzten  Ball  noch
volley. Er schlug ihn allerdings unter das Tin.
„Der Ball muss dort hin, wo der Gegner nicht steht, genau.“ Und deshalb bekam er ihn jetzt rechts
oben.
„Die Mitte ist zum Laufen da“, konterte Thorsten, und sie musste ganz schön wetzen, bekam den
Ball aber noch. „Wer am T steht, gewinnt das Spiel“, rief sie atemlos. Die Eroberung der zentralen
Position sei der Schlüssel zum Erfolg beim Squash, das hatte ihr Trainer allen eingebläut.
„Fehler!“,  rief  Thorsten.  Er  hatte  zweimal  den  Ball  geschlagen.  Damit  hatte  Stefanie  das  Spiel
gewonnen. So wie er schnaufte, hatte sie den leisen Verdacht, dass es Absicht gewesen war.
„Und jetzt zeige ich dir das Spa, du wirst es lieben.“ Thorsten streifte sich das Schweißband von
der  Stirn.  Mit  seinen  dichten,  zerzausten  Haaren  sah  er  lustig  aus.  Wie  ein  Teddybär,  den  man
gewässert und geschleudert hatte. Stefanie verkniff sich ein Lachen.

„Na,  geschlummert?“,  fragte  Thorstens  Stimme  ein  wenig  unsicher.  Stefanie  schlug  die  Augen
auf,  sie  lag  im  Spa  auf  den  skandinavischen  Ruhebänken  unter  einem  wunderbar  flauschigen
Badetuch. Thorsten stelle ihr einen Fruchtsaft auf den Beistelltisch.
„Mango-Kiwi-Kirsch,  weckt  Tote.“  Er  zwinkerte  ihr  zu  und  streckte  sich  auf  der  Liege  daneben
aus. Ein wenig rutschte sein Tuch.
Wenn er ein bisschen mehr trainieren würde, wäre er sogar muskulös, dachte Stefanie. Sie wischte
rasch die aufblitzende Erinnerung an Florians Rücken weg, an dieses wunderbare Gefühl, von ihm
geborgen zu werden. Auch andere Männer hatten einen schönen Körper, sie brauchte sich ja nur
umzusehen. „Das Squash-Center füllt sich langsam mit Büromenschen, die alle noch ein bisschen
Ausgleich suchen“, sagte sie.
„Die  Jobs  sind  ja  anstrengend  genug.“  Er  streckte  die  Arme  hinter  sich  aus,  präsentierte  seine
behaarte Brust. „Du glaubst gar nicht, was die Typen so vor Gericht erzählen.“
Stefanie  hoffte,  dass  er  sie  jetzt  mit  Berufsstorys  in  Ruhe  ließ,  sie  griff  schon  mal  zum  Drink.
„Heute  hatte  ich  es  mit  so  einem  Fassadenkletterer  zu  tun“,  sagte  Thorsten  mit  Spott  in  der
Stimme. Stefanie hätte sich beinahe verschluckt. Aber natürlich, der Prozess! „Ach?“, sagte sie so
beiläufig wie möglich.
„So ein Halbtürke, der mit seinem Cousin als Anwalt aufgelaufen ist. Man weiß ja, wie das geht.
Alle stecken unter einer Decke und bezeugen das Blaue vom Himmel.“ Er lachte dreckig. „Was in
dem Fall ja stimmt. Der Typ hat eine der wenigen Firmen, die Fassaden nicht nur bauen, sondern
auch gestalten.“
„Aha. Und?“ Irgendwie wunderte es Stefanie nicht mehr, dass Florian vor Gericht stehen musste,
so wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte.

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Thorsten drehte sich herum, Stefanie erspähte ein bisschen bleiche Haut. Sie war froh, dass er das
Tuch  wieder  darüberzog.  Thorsten  war  schon  lange  nicht  mehr  in  der  Sonne  gewesen.  „Ich  habe
den Prozess natürlich gewonnen.“
„Wieso natürlich?“, fragte sie. Das breite Grinsen störte sie.
„Meine  Quote  ist  8,5  von  10.  Die  halben  sind  die  Unentschieden.“  Thorsten  unterdrückte  ein
Gähnen. „Aber es war nicht schwer. Seine Angestellten waren typisch für Kreuzberg, ein bisschen
chaotisch, ein bisschen schlampig und mäßig nett. Du kannst dir ja denken, was ein Richter davon
hält.“
Stefanie  stellte  den  Mango-Kiwi-Kirsch  weg.  Er  schmeckte  ihr  nicht.  Zu  süß.  Zu  flach.  Wie
Thorsten. Sie mochte Kreuzberg und die bunte Mischung. Warum sollte Florian nicht dort Leute
einstellen, wo er seine Firma hatte?
„Jedenfalls kann er jetzt den Schadensersatz blechen.“ Thorsten streckte die Arme wieder hinter
sich aus.
Stefanie  sagte  sich,  dass  Florian  nun  wenigstens  bekam,  was  er  verdiente.  Vielleicht  lehrte  ihn
das, sich anständig zu verhalten.
„Mein Mandant wird sich freuen, da bleibt schön was übrig. Wir haben den Schaden ein bisschen
nach oben gerechnet.“
So  fett,  wie  Thorsten  jetzt  grinste,  war  das bisschen  ein  großes  Stück.  Stefanie  hatte  immer  für
Fairness plädiert, im Squash wie im Job. Das war einfach menschlicher. Florian tat ihr gegen ihren
Willen leid, sie konnte sich gerade noch bremsen, ihn auch noch zu verteidigen.
„Und  was  machen  wir  jetzt?“,  fragte  Thorsten  in  demselben  Ton,  in  dem  er  von  seiner  tollen
Prozessquote gesprochen hatte.
Stefanie überlegte, ob sie nicht einfach noch in den Whirlpool gehen sollte, denn sie mochte die
Massagedüsen im Rücken. Sie zog ihr superflauschiges Badetuch fest um die Brust und stand auf.
Schwimmen statt Whirlpool war sicher klüger. Da war sie außer Reichweite, füßeln war etwas, das
sie bei Thorsten ganz bestimmt nicht riskieren wollte. „Ich ziehe mich um. Gehen wir etwas essen.
Das Match hat mich so hungrig gemacht wie früher. Wie wär‘s mit Sushi?“ Es war bestimmt nicht
falsch, wenn Xian-Li sich Thorsten einmal ansah, so unbestechlich, wie sie eben war.
„Ich richte mich nach dir.“ Sein Blick aus den grünen Augen war auf einmal ganz treuherzig. Und
seine  Stimme  war  gar  nicht  mehr  taff,  sondern  einfach  nur  ein  wenig  liebesbedürftig,  als  ob  er
einen Moment die Kontrolle über seine Show verloren hätte.
Stefanie lächelte ihm zu. „Bis gleich!“ Sie war zu streng. Warum sollte er als Anwalt in seinem
Job nicht stolz auf seine Erfolge sein.
Langsam ging sie zur Umkleide und versuchte dabei, jedes kleine bisschen Mitleid für Florian aus
ihren  Gedanken  zu  verdrängen.  So  ganz  wollte  es  ihr  leider  nicht  gelingen.  Stefanie  seufzte  vor
dem  Frisierspiegel.  Jetzt  half  wirklich  nur  noch  Xian-Lis  Reiswein  –  in  doppelter  Hinsicht.  Der
hatte noch jeden Mann zu müde gemacht, und bei Stefanie wirkte selbst ein Becherchen schon so,
dass sie wie ein Stein schlief. Sie wollte auf keinen Fall wieder von Florian träumen.

Stefanie  betrachtete  die  bunte  Mischung  Gäste,  die  wie  jeden  Abend  spät  in  „Xian-Li‘s  Sushi
Paradise“  aufliefen.  Da  waren  die  hippen  Modestudentinnen  mit  ihren  Musikerfreunden  am
großen  Tisch,  da  war  das  Touristenehepaar  aus  München,  das  sich  zufällig  in  die  angesagte  Bar

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verirrt  hatte.  Er  mit  feiner  Hirschlederjacke  und  sie  im  Edeltrachtenlook  der  Schickeria,  die  mit
ihren  umfangreichen  Bestellungen  den  Koch  Joshi  schwer  beschäftigten.  Sie  hatten  das  ganze
Tenno-Menü  bestellt.  Stefanie  saß  ziemlich  eng  neben  Thorsten  auf  der  schmalen  Bank  in  ihrer
Lieblingsecke  bei  der  Kasse,  weil  sie  auf  den  besten  Blick  ins  „Sushi  Paradise“  nicht  hatte
verzichten wollen.
Xian-Li hatte sich heute in schwarzem Catsuit mit neongrünen Applikationen und entsprechenden
Haarkämmen  auf  China-Cybergirl  gestylt.  Nur  auf  die  Lider  hatte  sie  einen  passenden
Goldschimmer  gelegt.  Sie  hatte  Thorsten  ausführlich  die  ganze  Karte  erklärt,  nun  brachte  sie
ihnen gut gelaunt die Frühlingsrollen an den Tisch und stellte die kleine Flasche vor sie auf den
schmalen Tisch. „Hier, ihr beiden, aber esst lieber erstmal etwas.“ Ihr grüner Fingernagel deutete
auf das Getränk. „Das ist Reiswein aus Joshis Heimat Hokkaido, der ist ziemlich stark, hat aber
ein  tolles  Aroma.“  Sie  stellte  die  kleinen  schwarzen  Porzellanbecherchen  neben  die  Teller  und
goss ein. „Vorsicht, heiß.“ Xian-Li warf einen scannenden Blick über Thorsten und dann sie beide.
Sie  lächelte  Stefanie  zu  und  ging  vor  zu  Joshi,  die  nächsten  Bestellungen  austragen.  Xian-Li
behielt immer den Überblick.
„Kennst du sie aus Japan?“, fragte Thorsten und schob sich ein Stück Seetangrolle in den Mund.
„Die sind ja lecker! Die schmecken anders als sonst.“
„Das ist Xian-Li. Sie hat bestimmt ein spezielles Gewürz bei einem Händler aufgetan, das sonst
keiner kauft. Sie hat noch nie gemacht, was alle tun.“
„So wie du, oder?“, fragte Thorsten und zwinkerte ihr zu.
„Das kann schon sein.“ Sie lächelte ihn an. Dichte Augenbrauen konnten doch ganz hübsch sein,
irgendwie wild und männlich. Was hatte sie nur immer gegen blonde Männer gehabt? Seine Haut
war  glatt  und  hell  und  schon  ein  bisschen  rosig  vom  guten  Essen.  Eigentlich  sah  er  mit  der
gezupften Gelfrisur ganz lustig aus, gar nicht overstyled.
Stefanie  nahm  mit  den  Stäbchen  eine  Seetangrolle  und  befeuchtete  sie  in  dem  Schälchen  mit
Sojasauce. Es war sowieso Zeit, dass sie wieder richtig lachte. Und Thorsten hatte schon auf dem
Weg  vom  Squashcenter  hierher  im  BMW  ziemlich  schräge  Mandantenwitze  erzählt.  Dann  aber
hatte  er  viel  über  ihren  Job  gefragt,  und  Stefanie  fand  es  ziemlich  sympathisch,  dass  er  sich
wirklich dafür interessierte, was sie in ihrem ersten Job machte. Von seiner Karriere hatte er nur
ein paar Stichworte geliefert. Jurastudium in Konstanz, Aberdeen und Lissabon. Praktika bei der
UNO in Genf und danach gleich der Weg in die internationale Kanzlei am Ku‘damm. Dort war er
inzwischen Juniorpartner.
„Mit  dieser  Einstellung  gewinnst  du  auch  beim  deinem  Wettbewerb.“  Thorsten  strahlte  sie  an.
„Erfolg passt zu dir.“ Auch wenn das ein bisschen wie ein Werbespruch einer Bank klang, Stefanie
hörte es eigentlich ganz gern. „Ich mag erfolgreiche Frauen.“
Sie  griff  lieber  schnell  zum  Becherchen,  damit  sie  nichts  antworten  musste.  „Der  Reiswein  ist
wirklich noch heiß.“ Sie hob den Blick in die Bar – da lief es ihr ebenso heiß über den Rücken.
Dort vorn am Eingang ins „Sushi Paradise“ stand Florian! Den Streetwearklamotten nach musste
er direkt von einer Baustelle kommen, sogar sein Hemd war noch aufgerollt. Stefanie kam nicht
umhin, seine kräftigen Oberarme zu bewundern. Gegen ihren Willen musste sie daran denken, wie
fest und gut sie sich angefühlt hatten. Wäre Stefanie allein gewesen, wäre sie jetzt einfach ganz

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schnell  hinter  die  kleine  Tür  mit  dem  Schildchen Privat  verschwunden.  In  Xian-Lis  kleinem
Vorratskämmerchen wäre sie sicher gewesen.
„Wie kommt der denn hierher?“ Thorstens Stimme war kalt geworden. „Zu dem passt doch besser
Döner.“ Er legte die Stäbchen achtlos weg. „Jetzt verfolgen die Verlierer einen auch noch in der
Freizeit.“
Seine  Hand  legte  er  auf  die  Sitzbank,  Stefanie  spürte  den  Handrücken  an  der  Seite  ihres
Oberschenkels. Aber sie konnte nicht ausweichen, die Bank war zu eng.
Xian-Li sagte vorn am Eingang etwas zu Florian, das Stefanie nicht hören konnte, und deutete mit
ihren  langen  grünen  Fingernägeln  auf  einen  freien  Platz  schräg  gegenüber  am  Tresen.  Doch
Florians Blick hatte sie beide jetzt auf der kleinen Bank in der Ecke erfasst. Das erfreute Lächeln
erstarb  schnell,  zerbröckelte  geradezu,  als  sein  Blick  zwischen  ihr  und  Thorsten  hin-  und
hertanzte.  Florians  schwarze  Augen  weiteten  sich,  die  rechte  Hand,  die  er  schon  zum  Gruß
gehoben hatte, sank wie von einem schweren Gewicht nach unten gezerrt. Er ruckte seltsam mit
dem Oberkörper, ging aber keinen Schritt vor noch zurück.
Xian-Li sagte wieder etwas mit freundlichen Gesten und wies noch einmal zum Tresen.

Florian  verstand  gar  nicht,  in  welcher  Sprache  diese  Frau  mit  den  goldenen  Lidern  und  dem
neongrünen Zeug im schwarzen Haar überhaupt etwas zu ihm sagte. Dort saß Stefanie, die er den
ganzen  Abend  hatte  finden  wollen.  Endlich  hatte  er  die  Adresse  dieser  Geheimtipp-Sushi-Bar
herausgefunden,  und  nun  das!  Er  fühlte  sich  wie  eingefroren,  obwohl  er  schon  den  Zorn
hochkochen  spürte,  den  er  noch  nicht  richtig  begriff.  Sah  er  denn  überhaupt  richtig?  Dort  auf
dieser  Bank  saß  Stefanie,  und  daneben  dieser  miese  Anwalt.  Dessen  Arm  reichte  hinter  der
Tischplatte so weit rüber, dass er die Hand nur auf Stefanies Schenkel liegen haben konnte. Was
für  eine  besitzergreifende  Geste!  Das  passte  zu  dem  Kerl,  dass  er  Stefanie  betatschte  wie  einen
Hund, der ihm gehörte.
Der Zorn flammte in Florian auf, vor allem über sich selbst. War er denn so verblendet? Eine Frau
wie  Stefanie  saß  bestimmt  freiwillig  neben  dem Anwalt.  Warum  sonst  sollte  sie  zu  ihrer  besten
Freundin  zum  Essen  gehen,  mitten  in  der  Woche,  wenn  sie  nicht  einfach  mit  ihrem  Freund  den
Abend verbringen wollte? Die beiden sind zusammen. Kapiere das endlich, Junge, und zwar schon
länger. So, wie der ihr gerade den Reiswein nachgießt, ohne zu fragen. 
 Florian blinzelte ins Licht.
Stefanie sah sogar weg, als er versuchte, ihren Blick aufzufangen.
Die Erkenntnis durchfuhr ihn wie ein Blitz. Sie hatte Thorsten die Firmeninterna verraten. Das war
die Erklärung für die plötzliche Wende im Prozess. Florian wusste gar nicht mehr genau, was er
ihr  alles  von  seinem  Unternehmen  erzählt  hatte  bei  diesem  wunderbaren  Date,  dem  langen
Spaziergang, nur dass er sehr, sehr viel erzählt hatte, weil sie ständig weiter gefragt hatte, ja selbst
noch auf dem Balkon, kurz bevor sie sich geküsst hatten. Florian schluckte. Dass eine Frau so weit
gehen  konnte,  nur  damit  ihr  Freund  einen  Punkt  mehr  für  seine  Prozessquote  erreichte  …  Wie
konnte Stefanie nur so schauspielern, wie leer und kalt musste ihre Seele sein.
„Verfolgen  Sie  mich  jetzt  in  die  Freizeit,  Talhofer?“  Thorsten  war  aufgestanden  und  hatte  sich
erstaunlich  wendig  von  der  engen  Sitzbank  um  das  Tischchen  gewunden,  ohne  dass  das
Reisweinfläschchen  gewackelt  hätte.  Er  stand  schon  fast  vor  Florian,  bevor  Stefanie  überhaupt
klar  wurde,  was  er  vorhatte.  Xian-Li  servierte  gerade  am  großen  Tisch  von  einem  Tablett  viele

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Teller.
„Bilden Sie sich nichts ein“, sagte Florian mit gepresster Stimme. „So wichtig sind Sie nicht.“
„Warum  verfolgen  Sie  mich  dann?“  Thorsten  baute  sich  vor  Florian  auf.  Die  Gäste  des  „Sushi
Paradise“ hoben die Köpfe. Stefanie sah, wie Thorstens Gesicht rot anlief, weil Florian gar nichts
mehr sagte, sondern nur mit enttäuschten, traurigen Augen zu ihr hersah. Was wollte er denn noch
hier? Er hatte doch alles erreicht, sie ausgehorcht und die besten Ideen von light arts abgegriffen.
Wollte er vor sich selber vertuschen, wie sehr er sie hintergangen hatte? Stefanie suchte mit dem
Blick  Hilfe  bei  Xian-Li,  die  noch  immer  Sushis  am  Tisch  austeilte,  aber  auch  mit  halbem Auge
beunruhigt zu den beiden Männern am Eingang sah.
„Hey,  ich  rede  mit  dir!“  Thorsten  stupste  Florian  mit  dem  Handrücken  am  Oberarm.  Florian
zuckte  zurück  wie  von  einer  Schlange  gebissen.  Seine  Faust  fuhr  auf,  doch  er  hatte  sich  in  der
Gewalt. „Aber ich nicht mit dir!“
Xian-Li war fertig und wand sich ganz schnell zwischen den Tischen durch zum Tresen, schnappte
sich dort ein Tablett mit drei Suppenschalen. „Vorsicht! Heiß und fettig.“ Sie lief direkt auf die
beiden  am  Eingang  zu.  Unwillkürlich  bogen  die  beiden  Männer  vor  dem  Tablett  ein  wenig  zur
Seite,  und  Xian-Li  machte  einen  beherzten  Schritt  zwischen  sie  –  blieb  dann  aber  stehen.
„Vorsicht, die Suppe ist sehr heiß! Wenn Sie welche essen möchten“, sie lächelte und kicherte fast
wie eine Geisha, „dann setzen Sie sich einfach.“ Sie schaute zwischen den beiden hin und her, der
neongrüne  Haarschmuck  schaukelte,  Xian-Li  bewegte  sich  aber  nicht  vom  Fleck.  Stefanie  sah
sogar  den  Dampf  von  der  Suppe  aufsteigen.  Die  anderen  Gäste  hatten  aufgehört  zu  essen  und
starrten hin.
„Wir sprechen uns noch“, knurrte Thorsten und verschränkte die Arme, ohne sich wegzubewegen.
Florian ballte die Faust an seiner Brust und schwieg.
Xian-Li warf einen Alarmblick zu Joshi am Tresen. Dann legte sie ein wenig das Tablett schräg.
Eine  Suppenschale  rutschte  auf  Thorsten  zu,  Brühe  schwappte  über  den  Rand,  sie  richtete  das
Tablett  wieder  auf,  ein  paar  Spritzer  landeten  trotzdem  auf  seiner  Hose.  „Oh,  wie  ungeschickt!
Entschuldigung.“ Xian-Li schob Florian schon mit der einen Hand zur Tür hinaus, während sie mit
der  anderen  das  Tablett  auf  einem  freien  Tisch  abstellte.  Joshi  rannte  mit  Wischtüchern  herbei,
hielt sie Thorsten unter die Nase und drängte ihn dabei zurück ins Lokal.
Stefanie sah, wie Florian draußen vor dem „Sushi Paradise“ stehen blieb und mit zerfurchter Stirn
den Kopf schüttelte. Dann war er weg. Ihr Herz schlug heftig, aber Thorsten quetschte sich schon
wieder auf die Bank. „Das fehlte noch, dass die Typen einem die Freizeit versauen“, schnaubte er
und griff zum Reiswein. „Vergiss es einfach. Manche können einfach nicht verlieren. Das passiert
schon mal.“
Später  hatte  Xian-Li  sich  ganz  höflich  bei  Thorsten  entschuldigt.  Sie  ging  sofort  darauf  ein,  als
Thorsten  seinen Anzug  ansprach,  der  gereinigt  werden  müsse.  Stefanie  fand  das  kleinlich,  auch
wenn heiße Suppe auf der Hose bestimmt nicht angenehm war. Sie brachte das Essen hinter sich,
wenigstens machte der Reiswein wirklich wie erhofft richtig müde, und nicht nur sie.

Xian-Li  räumte  gerade  ab.  Thorsten  erhob  sich.  „Ich  gehe  noch  mal  kurz  für  kleine  Jungs.“  Er
lächelte schwach. „Und danach bringe ich dich nach Hause.“ Damit verschwand er nach hinten.
„Du bist ja eben richtiggehend zusammengezuckt“, sagte Xian-Li leise und stellte die Becherchen

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zusammen.
„Ich möchte lieber allein nach Hause fahren. Irgendwie hat mir der Auftritt den Abend verdorben.
Du weißt, wer das vorhin war?“
Xian-Li  schloss  fast  die  gold  geschminkten  Augen  und  flüsterte:  „Mr.  Bad  guy.  Der  dich  aber
ziemlich interessiert.“
„Wie? Der hat mich benutzt wie ein … ein.“ Ihr fiel nichts ein. „Ich habe dir doch alles erzählt!“
„Und warum sitzt du die ganze Zeit hier auf der Bank und frisst den Bad guy mit den Augen auf?
Wenn da nichts wäre, hätte meine sonst so coole Stefanie den Herrn mit ein paar klaren Worten
draußen  vor  der  Bar  abgefertigt  und  in  die  Wüste  geschickt.“  Xian-Li  schob  die  Unterlippe  vor.
„Ich kann mich da an andere Fälle erinnern.“
Stefanie wollte sich an gar nichts mehr erinnern.
„Du willst mir doch nicht etwa erzählen, Darling, dass du auf diesen Anwalt stehst.“ Xian-Li blies
eine  Strähne  aus  dem  Gesicht.  „Wenn  Typen  schon  vom  Kugelfisch  faseln,  bevor  sie  Lachs  und
Thuna auseinanderhalten können … No good.“
Thorsten kam leider schon zurück. Stefanie hätte wirklich gern mehr von Xian-Lis Einschätzung
mitbekommen, aber im Grunde wusste sie ja selbst Bescheid. Cool sein war bestimmt besser als
Häschen-vor-der-Schlange. „Xian-Li hat recht. Du hast zu viel Reiswein getrunken. Sie hat dir ein
Taxi gerufen.“ Sie strich sich über den Hals. „Nicht wahr?“
„Kommt sofort!“, sagte Xian-Li und ging zum Tresen.
„Aber …“, Thorsten schaute etwas verwirrt aus müden kleinen Augen.
„Ich  kann  von  hier  aus  laufen.“  Stefanie  nahm  schon  ihre  Handtasche  und  strich  Thorsten  zum
Abschied über den Oberarm. „Gute Nacht.“
„Wir sehen uns beim Squash?“, rief er ihr hinterher.
Stefanie vergaß die Antwort. Draußen vor der Tür war es regnerisch feucht. Sie starrte die Straße
entlang, Leute gingen in die Bars oder standen rauchend davor. Sie starrte in die Ferne und wusste
nicht, wieso. Das Taxi für Thorsten fuhr vor. Stefanie lief schnell unter den Schatten der nächsten
Straßenbäume.

Florian  lief  immer  weiter  weg  vom  „Sushi  Paradise“,  dessen  Name  ihm  immer  mehr  wie  Hohn
vorkam.  Er  lief  immer  weiter  durch  die  nächtlichen  Straßen.  Erst  das  Brandenburger  Tor  in  der
Ferne  machte  ihm  klar,  wie  weit  er  sich  schon  verirrt  hatte.  Er  ließ  sich  die  Straße  Unter  den
Linden  entlangtreiben,  wo  der  nächtliche  Verkehr  tobte. Aber  nichts  lenkte  ihn  ab.  Noch  immer
war der Anblick wie eingebrannt in seinem Hirn: der Arm Wredes, der Stefanie auf die Schenkel
langte. Der Anblick, wie sie an den miesen Anwalt gekuschelt vor der roten Lackwand der Sushi-
Bar einfach so dasaß. Florian war blind für die Touristen, die fröhlich lachend auf dem Boulevard
flanierten. Er hatte nur um den Block gehen wollen, alles vergessen wollen, doch je länger er lief,
desto  schwärzer  wurde  es  in  ihm.  Schlimmer  als  die  drohende  Pleite  war  nicht  einmal,  dass
Stefanie  mit  diesem  Mistkerl  tatsächlich  zusammen  war. Am  schlimmsten  war,  dass  sie  so  mit
ihm gespielt hatte, ihn für einen billigen Vorteil so heimtückisch verraten hatte, und er es einfach
nicht verstand, warum eine Frau wie Stefanie so sein konnte.
Das  Brandenburger  Tor  stand  jetzt  groß  vor  ihm,  er  schaute  über  den  Pariser  Platz,  zum  Hotel

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Adlon.  Florian  wich  einer  Wurstverkäuferin  aus,  um  die  sich  ein  paar  Kids  drängten.  All  die
Menschen um ihn herum kamen ihm auf einmal mit ihren gut gelaunten Gesichtern, ihren ganzen
MP3-Playern  vor  wie  Aliens.  Er  machte  einen  großen  Bogen  um  sie.  Blitze  von  Digicameras
leuchteten auf, beinahe wäre er in eine Hundeleine gerannt. Jemand zerrte einen Golden Retriever
vor ihm aus dem Weg. Das Tier gab einen Laut von sich, und am liebsten hätte Florian auch seine
wirren Gefühle einfach aus sich herausgeknurrt.
Sein  Handy  piepte  mit  dem  Signalton  für  eine  SMS.  Er  zögerte,  das  Letzte,  was  er  jetzt  lesen
wollte,  war  irgendeine  verlogene,  eben  mal  schnell  eingetippte  Kurznachricht  von  Stefanie.  Er
starrte in die Lichter der Großstadt am Pariser Platz. Aber dort blinkten an den Banken auch die
Leuchtdioden  der  Alarmanlagen.  Er  durfte  nicht  vergessen,  dass  er  Chef  einer  Firma  war.
Vielleicht  war  ja  etwas  bei  einer  Baustelle  passiert.  Florian  zog  das  Handy  aus  der  Innentasche
und aktivierte die Inbox.
Bin gerade gelandet. Es gibt Probleme mit dem Baggage Claim, es dauert noch, bis ich durch die
Sperre  komme.
  Nicole!  Ein  Schreck  durchzuckte  ihn.  In  dem  ganzen  Chaos  hatte  er  total
vergessen, dass er seine Schwester abholen musste. Sie hatte ihn quasi dazu erpresst, wegen des
vielen Übergepäcks. Florian stürzte zum Fahrbahnrand und winkte sich ein Taxi, das ihn um die
Ecke  vom  „Sushi  Paradise“  absetzen  sollte,  wo  sein  Wagen  stand.  Die  beiden  waren  bestimmt
längst weg. Florian verbot sich den Gedanken, wo sie wohl gerade waren und was sie wohl gerade
taten. Doch der dumpfe Schmerz blieb, so sehr er ihn auch zu verdrängen versuchte.

Auf dem Weg zum Flughafen war alles rasend schnell gegangen. Die Straßen waren für Berliner
Verhältnisse seltsam leer gewesen. Florian glaubte nicht an Magie, aber als sogar fast alle Ampeln
auf  Grün  gestanden  hatten,  war  es  doch  ein  seltsames  Gefühl,  eine  knappe  halbe  Stunde  später
schon  am  Gate  zu  sein.  Florian  musste  sogar  auf  Nicole  warten.  Doch  besser,  als  zu  Hause  die
Wände anzustarren, war es allemal.
Endlich ging die Schiebetür unter der Anzeige LH 472 London Heathrow auf. Nicole schob einen
Kofferwagen  mit  Anhänger  durch  wie  sonst  nur  das  Flughafenpersonal.  Sie  sah  ihn  sofort  und
strahlte. Allerdings  nur  für  einen  Moment,  dann  ließ  seine  Schwester  sofort  ihr  ganzes  Gepäck
stehen  und  nahm  ihn  am Arm.  „Du  guckst  so  komisch  auf  den  Boden?  Ist  etwas  passiert?  Mit
Papa?“, fragte sie mit besorgter Stimme. Sie duftete nach einem teuren, schweren Parfüm.
„Nein, mit den Eltern ist nichts.“ Er griff schnell nach der Stange des Kofferwagens und zog ihn
zum Fahrstuhl. „Wie war‘s in London?“ Bloß konnte man Nicole nicht so schnell abwimmeln.
„Ich  sehe  dir  doch  an,  dass  etwas  nicht  stimmt.  Du  bist  so  blass,  und  das  bei  deiner  Haut  und
mitten  im  Sommer.“  Nicole  hielt  eine  der  Taschen  auf  den  Koffern  fest,  eine  zweite  fiel  fast
herunter, so schnell zog Florian den Wagen fort.
Im Lastenfahrstuhl standen sie schweigend auf beiden Seiten des Gepäcks. Nicole schaute ihn an,
eine tiefe Falte stand auf ihrer Stirn. Beim Rausrollen übertönten drei Autos alle ihre Fragen. An
seinem  Wagen  hatte  er  endlich  genug  Luft.  „Das  ist  das  letzte  Mal,  dass  ich  dich  in  meinem
Ferrari mitnehmen kann.“ Er öffnete den Kofferraum.
Nicole hielt seinen Arm fest. „Das ist es also. Du hast den Prozess verloren.“
„Genau.“  Was  nicht  ganz  stimmte,  aber  er  fand  keine  Kraft,  ihr  jetzt  zu  erzählen,  dass  er  von
Stefanies  Verhalten  völlig  von  der  Rolle  war,  gerade  weil  er  sie  so  anziehend  fand.  „Je  eher  ich

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den  Wagen  verkaufe,  desto  besser.  Dann  habe  ich  wenigstens  einen  Monat  länger  Geld  für  die
Löhne meiner Jungs.“ Florian packte die Sachen. „Ist vielleicht sowieso besser. Der frisst ja eh zu
viel Benzin.“
Wortlos  stiegen  sie  ein.  Nicole  schnallte  sich  an  und  wartete,  dass  er  etwas  sagte.  Auf  der
Stadtautobahn  brach  sie  das  Schweigen.  „Ich  habe  gehört,  dass  du  am  Wettbewerb  teilnehmen
wirst.“
„Woher weißt du das denn?“, fragte Florian und schaute kurz zu ihr hin, bevor er wieder bremsen
musste.
„Von Mr. Rami. Er hat nämlich … Also … Die Sache ist die …“ Nicole nuschelte fast, so leise
sprach sie.
Wenn  Nicole  umständlich  wurde,  wollte  sie  nicht  alles  erzählen.  Deshalb  machte  Florian  nur:
„Hm?“
„Ich  habe  von  Mr.  Rami  einen  Riesenauftrag  bekommen.  Dafür  muss  ich  sogar  noch  Leute  neu
unter  Vertrag  nehmen.  Dieses  Luxus-Resort  ist  das  spektakulärste  Hotel  am  Persischen  Golf.
Sagen  sie  zumindest.  Deshalb  brauchen  sie  bei  den  Eröffnungsfeierlichkeiten  VIP-Hostessen  für
alle Konferenzräume und – Medienbereiche. Das Resort ist so groß, dass du dich schnell verlaufen
kannst.  Außerdem  kommt  die  halbe  Welt  dahin,  achtzehn  Sprachen  mindestens  muss  ich
bereitstellen.“ Sie seufzte und lachte gleichzeitig. „Und die Hostessen sollen auch noch etwas von
Tourismus verstehen. Das Management von Abu Faira vertritt eindeutig die höchsten Ansprüche.“
Florian  überholte  drei  Lastwagen.  „Danke,  dass  du  mir  den  Kontakt  vermittelt  hast.  Vielleicht
rettet mich das vor dem Ruin, wenn ich den Auftrag gewinne.“
Sie blickte ihn besorgt an. „Du siehst abgekämpft aus“, sagte Nicole mit ganz anderer Stimme.
„Dir  steckt  die  Messe  auch  ganz  schön  in  den  Knochen,  nicht  wahr?“  Jetzt  waren  sie  schon  fast
wieder  ganz  ehrlich  miteinander,  wie  früher  in  den  Jugendzeiten,  wenn  sie  gegen  Mutters
Vorschriften wie Pech und Schwefel zusammengehalten hatten.
Später  in  Nicoles  Wohnung  dampfte  bereits  der  Kakao  in  einer  riesigen  Tasse,  als  er  die  letzen
zwei Koffer von unten in das ausgebaute Dachgeschoss geschleppt hatte. Sie saßen nebeneinander
auf  dem  großen  Sofa.  Nicole  blies  auf  die  Schokolade,  um  sich  nicht  den  Mund  zu  verbrennen;
Florian rührte lieber mit dem Löffel darin.
„Weißt du noch, wie wir früher darum gestritten haben, was den Kakao schneller abkühlt?“, fragte
Nicole ein paar Minuten später.
Florian brummte nur. Er war schon auf die Seite gesunken. Er merkte noch, dass sie seine Beine
auf das Sofa legte, ihm die Schuhe von den Füßen zog und eine Decke über ihn breitete, bevor er
einschlief.

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7. KAPITEL

Tage  hatten  die  Grafiker  unter  Hochdruck  an  Roberts  Entwürfen  gearbeitet.  Stefanie  legte  die
Hochglanzausdrucke auf dem Tisch in ihrem Büro zur Ansicht aus. „Es ist toll.“ Sie war richtig
begeistert.  „Wenn  man  die  Veränderung  der  Fassadenprojektionen  nacheinander  betrachtet,
entsteht  genau  die  Geschichte,  die  du  haben  wolltest,  Robert.“  Ein  letztes  Mal  richtete  sie  die
Blätter  aus.  Ein  rechter  Winkel  hatte  bei  Robert  van  Halen  neunzig-komma-null-Grad. Licht  ist
gnadenlos  präzise.  Das  müssen  wir  auch  sein,
  war  einer  seiner  Wahlsprüche.  „Wie  ein  Comic
ohne Text.“
Mit  den  Fingerspitzen  tippte  Robert  nervös  auf  dem  Rand  des  Tisches  entlang  und  begutachtete
alles.  Sein  unbestechliches Auge  korrigierte  die  Lage  der  Blätter  noch  einmal.  „Das  reicht  aber
nicht.  Stefanie.  Das  reicht  noch  lange  nicht.  Die  Zuschauer  müssen  die  Geschichte  im  Kopf
spontan erleben können, sie müssen den Text quasi hören, auch wenn er nicht gesprochen wird.“
Robert  nahm  sich  ausnahmsweise  die  blaugetönte  Sonnenbrille  von  den  Augen.  Es  stimmte
überhaupt nicht, was alle dachten: Robert hatte sogar wenig Falten für einen Endvierziger, seine
Lider waren nicht aufgedunsen von irgendwelchen nächtlichen Exzessen in verrufenen Clubs. Er
war wirklich einfach nur extrem lichtempfindlich.
Müde  drückte  er  jetzt  die  Finger  auf  die  Akupressurpunkte  am  Nasenbein.  „Es  tut  mir  leid.
Zwischen Position drei und vier muss noch etwas hinein, die sechs muss raus.“
Dann müsste die Grafik aber noch mal von vorn beginnen, dachte Stefanie, während sie schon um
die Fertigstellung der Präsentation bangte. „Die DVDs hast du bereits abgesegnet.“
„Das ist ein anderes Medium …“, murmelte Robert und schüttelte den Kopf. Er legte die Hände an
die  Ellenbogen.  Sein  blauer Anzug  war  zerknautscht.  „Da!“  Sein  Finger  tippte  auf  die  Position
vier.  „Das  tauschen  wir  mit  der  drei.  Dann  kommt  hier  noch  ein  Faserjet  und  vier  Hyper-
Kugelblitze mit Infrarotüberblendung. Ich skizziere das gleich.“
Es würde viel zu lange dauern, das alles umzusetzen. Stefanie spürte, wie es ihr im Magen mulmig
wurde.  „In  zwei  Stunden  erwartet  man  mich  in  der  Botschaft  von Abu  Faira“,  sagte  sie.  „Diese
Änderung  können  wir  nicht  mehr  einarbeiten.“  Sicherheitshalber  fügte  sie  hinzu:  „So  brillant
deine Vorschläge auch sind.“
Robert hielt mitten in der Bewegung inne und drehte sich langsam zurück. „Du willst doch nicht
etwa  sagen,  dass  dieser  Mist  hier  zum  Kunden  soll?  Wozu  habe  ich  die  Oversize-Bildschirme
gekauft?“ Er sah von den Ausdrucken auf. „Warum habt ihr das nicht selber gemerkt?“
Sie koordinierte das Projekt, dazu gehörte auch, dass es ordentlich präsentiert werden konnte. Und
das bedeutete natürlich nicht nur perfekt, sondern auch pünktlich. „Ich will nur sagen, dass wir die
Leute  von  Abu  Faira  unmöglich  warten  lassen  können.  Immerhin  wartet  der  Botschafter
höchstpersönlich auf mich, hat mir Mr. Rami gesagt.“
„Na und? Hier geht es um Kunst!“ Robert zuckte nur mit den Schultern.
Hier ging es um einen verdammt dicken Auftrag, das wussten die Manager des Luxus-Resorts im
Emirat auch. Es hätte Stefanie sehr gewundert, wenn die eine Ausnahme machen würden, nur weil
der Künstler noch nicht fertig war. „Für die Botschaft ist es aber wohl eher ein normaler Auftrag
im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten.“

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Mit einem Ruck setzte Robert sich wieder die Brille auf und starrte sie durch die blauen Gläser an.
„Für mich nicht!“
„Es ist Business …“, wagte sie einzuwerfen.
„Nein. Kunst! Was glaubst du, warum wir light arts heißen? Arts, verstehst du, art bedeutet Kunst.
Der Botschafter muss dafür einfach Verständnis haben.“
Stefanie  schaute  zur  Uhr  auf  dem  Computerbildschirm  ihres  Schreibtischs.  Es  war  fast  klüger,
einfach Ja-und-Amen zu sagen. Sonst verlor sie noch mehr Zeit im Streit.
„Das wird geändert. So geht das nicht raus.“ Robert lief schon am Tisch auf und ab und sammelte
die bunten Ausdrucke in anderer Reihenfolge zusammen. Er hielt ihr den Stapel hin. „So muss es
geordnet werden.“
Stefanie fühlte, wie sich ihr Nacken verspannte. Ihre Lider zuckten vor Nervosität. „Das wird in
der kurzen Zeit nur klappen, wenn du dich in der Grafik neben die Bildschirme stellst und gleich
die Fehler der Kollegen ausmerzt, fürchte ich.“
„Alles  muss  man  selber  machen“,  schäumte  Robert  und  stürzte  hinaus.  „Wozu  bezahle  ich  euch
eigentlich?“
Stefanie  sagte  lieber  nichts.  Sie  würde  jetzt  nur  noch  funktionieren:  die  ganze  To-do-Liste
abarbeiten, die Texte an die neue Reihenfolge anpassen, die Folien parallel drucken und die DVDs
neu brennen lassen. Stefanie schwirrte der Kopf.
In diesem Moment rief Robert hektisch aus der Grafik: „Stefanie, erkläre du es ihnen noch mal,
hier begreift mich keiner.“
„Bin schon unterwegs!“ Stefanie schnappte sich die Checklisten. Die Kollegen würden sie hassen,
wenn sie jetzt Druck machte. Aber das war ihr Job. Und was wäre erst los, falls das Emirat von
dem ganzen Entwurf nichts halten würde?

„Folgen Sie mir ins Vorzimmer, Frau Clarin.“ In der Botschaft des Emirats Abu Faira deutete Mr.
Rami  eine  Verbeugung  an  und  ging  einfach  durch  den  breiten  Flur  über  den  schweren  Teppich
voran.  Stefanie  war  froh,  nach  all  den  streng  dreinblickenden  Tor-,  Parkplatz-  und  Türwächtern
der  Botschaft  ein  freundliches  Lächeln  zu  sehen.  Noch  vor  zwei  Stunden  hatte  sie  heimlich
befürchtet, dass sie es niemals schaffen konnten. Aber kaum hatte sie den Kollegen verständlich
machen können, was Robert mit den Änderungen an der Präsentation wollte, waren alle begeistert
gewesen. Sogar ihr Chef vergaß seine übliche Nervosität und wurde ganz sachlich. Alle arbeiteten
hochkonzentriert.  Robert  war  von  Bildschirm  zu  Bildschirm  gesprungen  und  hatte  hier  und  da
Kleinigkeiten korrigiert. Jedenfalls konnte sich Stefanie sicher sein, dass die Präsentationsmappe
und die DVD in ihrer Tasche 1-a-Top-Qualität waren. Daran würde es nicht scheitern. Jetzt musste
sie selbst nur noch durchatmen und sich einfach auf Roberts kreatives Genie verlassen, das in den
Unterlagen steckte und schon viele Investoren überzeugt hatte. Und sie selbst konnte ja auch gut
verkaufen.  Stefanie  schmunzelte  –  das  war  schon  auf  den  Weihnachtsmärkten  im  Rheinland  so
gewesen. Sie hatte immer den besten Umsatz von allen gemacht, obwohl sie nur selbst gestrickte
Pullover  und  Schals  verhökert  hatten.  Nun  wesentlich  entspannter,  folgte  sie  Mr.  Rami  um  die
nächste Ecke.
„Das Vorzimmer.“ Er lächelte und wies in einen lichtdurchfluteten Saal. Stefanie blinzelte. „Ich
möchte Ihnen mitteilen, dass sich der Botschafter entschuldigen lässt.“

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Alarmiert versuchte sie im Gesicht Ramis zu lesen, doch der lächelte nur freundlich diplomatisch
wie immer.
„Stattdessen wird Sie seine Exzellenz Emir Aqad persönlich empfangen.“ Mr. Rami verneigte sich
und verschwand hinter einem Samtvorhang.
Stefanie  hob  den  Kopf.  Das  Vorzimmer  war  ein  Saal,  er  reichte  über  zwei  Etagen.  Sie  grinste
angesichts der Untertreibung des Diplomaten. Je eher sie sich an den opulenten Luxus gewöhnte,
der in Abu Faira wohl Standard war, desto besser. Karamellfarbener Stein verkleidete die Wände.
Er  war  mit  bunt  eingelegtem  Marmor  geschmückt,  sodass  sich  geometrische  Arabesken  endlos
wanden. Spontan gefiel es ihr. Wie auch die roten Samtvorhänge und die dunklen Holzmöbel. Ihr
Blick  schweifte  an  den  fünf  Fenstern  vorbei  zum  anderen  Ende,  wo  ein  ausgestopfter  Löwe  auf
einem  Podest  ruhte.  Davor  stand  ein  Mann  im  dunkelgrauen  Anzug  von  ihr  abgewandt  und
studierte  die  Fangzähne  des  Tieres.  Stefanie  suchte  Halt  an  einer  Säule.  Damit  hatte  sie  nicht
rechnen können. Genau diese perfekte Rückenlinie hatte sie umfasst, so gern berührt. Florian.
Sie durfte ihrem Gefühl nicht nachgeben. Früher war sie von Sportlern gelangweilt gewesen und
hatte ihnen doch nachgetrauert. Florian war viel interessanter, musste deshalb jetzt die Sehnsucht
auch  heftiger  sein?  Es  war  der  gleiche  Fehler,  nur  größer.  Stefanie  straffte  sich,  sie  war
geschäftlich  hier.  Wieso  drängte  er  sich  in  ihr  Leben?  Ausgerechnet  jetzt.  Die  lockeren,
selbstsicheren Schritte, die er um den ausgestopften Löwen machte, ärgerten sie, so abgehetzt wie
sie selber wegen Roberts Geniesprüngen war. Florian hatte wohl nie Probleme.
Jetzt  hatte  er  sie  gesehen,  zwischen  den  Tatzen  des  Tieres  hindurch.  Wie  verdutzt  er  war.  Erst
reckte er den Kopf über dem Löwen, um sich sicher zu sein, dann neben den Vordertatzen vorbei.
Stefanie  unterdrückte  ein  Lächeln  voller  Genugtuung  und  lief  zu  einem  riesigen  Sofa  an  der
Fensterfront. Sie musste vernünftigerweise so tun, als ob er Luft wäre, selbst wenn es schwerfiel.
Auf dem Polster legte sie die Mappe neben sich und verfolgte mit den Augen die verschlungenen
Linien  auf  dem  Marmor.  Der  Typ  war  Luft  für  sie.  Definitiv.  Linie  hinauf,  Linie  hinunter.  Es
gelang ihr nicht. Sie schielte zu ihm hinüber.
Florian saß auf einem Stuhl an der Wand und starrte hinaus in den Botschaftsgarten, wo eine hohe
Fontäne in den Himmel schoss. Als seine dunklen Augen zu ihr herzuckten, blickte sie rasch weg.
So  bunt  und  atemberaubend  die  Raumdekoration  auch  war,  Stefanie  konnte  sich  nicht  damit
ablenken. Sie riskierte es wieder: Florians Blick war direkt in ihre Augen gerichtet. Einen Moment
glaubte sie, dass sie telepathische Fähigkeiten habe. Es waren zwar keine Worte, aber irgendetwas
zwang  sie,  den  Kopf  nicht  wieder  wegzudrehen.  Sein  Blick  war  voller  Zorn,  zerschmolz  aber
schon  dahin  zu  einem  seltsamen  Fragen,  zu  einem  unsicheren Warum? Sie war so verwirrt, dass
sie nicht wusste, was ihr Blick antwortete, nur dass sie etwas antwortete, das ihn aufstehen ließ.
„Ich hätte dich nicht hier bei der Auswahlrunde erwartet“, sagte er mit belegter Stimme.
Kaum  hatte  er  gesprochen,  zerriss  die  Verbindung.  Sie  erinnerte  sich  wieder.  Auf  keinen  Fall
durfte  sie  nicht  vergessen,  was  er  getan  hatte.  Er  war  ganz  der  eiskalte,  konkurrierende
Unternehmer. „Weil du gehofft hast, die Botschaft würde so die Ideen, die du bei uns abgekupfert
hast, nur einmal sehen?“
„Wenn  hier  jemand  Informationen  geklaut  hat,  dann  du.“  Florians  Stimme  kippte  von  hellem
Überraschtsein in dunkles Drohen. „Du hast mich und meine Firmengeheimnisse ausgehorcht.“

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„Was soll ich?“ Stefanie hatte nicht verhindern können, dass ihre Stimme etwas schrill geworden
war. Sie starrte dieses frisch rasierte Gesicht an. „Du drehst durch.“ Wie die Sportler vor ihm, nur
schlimmer. Florians Blick war hart, sein sinnlicher Mund nur noch klein und verbittert, er presste
die Lippen zusammen. Da begriff sie es: Er hatte seinen Prozess verloren. Eine Sekunde tat er ihr
leid.  Aber  nicht  länger.  „Du  hast  mich  benutzt,  um  an  die  Ideen  von  light  arts  für  diesen
Wettbewerb zu kommen.“
„Könnte es sein, dass du dich von deinem Lover Wrede hast einspannen lassen, ein bisschen nett
zu mir zu sein, damit er für seine Prozessquote punkten kann?“
Jetzt drehte er anscheinend komplett durch. „Thorsten Wrede ist nicht mein Lover.“ Auch wenn er
es bestimmt gern werden würde, Stefanie hatte dessen Anrufe bei ihr im Büro lieber nicht gezählt.
„Nicht?“ In seinem Gesicht ging eine Veränderung vor, seine schmal zusammengekniffen Augen
gingen auf. „Wirklich nicht?“
„Aber nein, wir spielen Squash zusammen. Ich kenne ihn von früher.“
Florian  hielt  sich  plötzlich  mit  den  Handgelenken  die  Stirn.  „Stefanie,  ich  …  ich  fürchte,  wir
haben beide schrecklich aneinander vorbeigeredet.“
Wieder sirrte etwas wie telepathisch durch ihre Gedanken, dass sie nicht fassen konnte. Es war so
voller Energie, dass sie nicht unterscheiden konnte, ob es eine Warnung oder eine frohe Botschaft
war.  „Willst  du  etwa  behaupten,  dass  du  ganz  zufällig  vor  meinem  Bürofenster  herumgeturnt
bist?“
Seine  dunklen  Augen  schienen  so  unergründlich  und  tief  wie  ein  Brunnen.  „Ja,  das  bin  ich,
wirklich.“
Stefanie war froh, dass sie saß. „Aber dann …“ Hätte sie sich ja geirrt …
Ein Stakkato klang durch den Saal, Stöckelabsätze. Stefanie blickte auf.
Die  Frau  war  sehr  gut  zurechtgemacht,  selten  hatte  Stefanie  eine  solch  raffiniert  aufgesteckte
Frisur gesehen, das schmale Gesicht kam voll zur Geltung. Einen Moment glaubte Stefanie fast,
eine  der  blonden  Fernsehmoderatorinnen  hätte  einen  Termin  in  der  Botschaft.  Die  Beine  in  den
schwarzen Highheels schienen geradezu endlos zu sein.
„Entschuldigt  bitte“,  sie  lächelte  sogar  zu  Stefanie  her.  „Du  hast  das  zu  Hause  bei  mir  auf  der
Couch vergessen. Ich hätte nicht hineingeschaut, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du heute hier
bist.“  Sie  reichte  Florian  eine  dünne  Mappe  aus  edlem  Chamois-Papier.  „Ich  habe  ebenfalls  ein
Meeting  in  der  Botschaft.“  Sie  strahlte  ihn  an.  „Viel  Glück“,  sagte  sie  in  diesem  ziemlich
norddeutschen  Tonfall,  dann  küsste  sie  Florian  flüchtig  auf  die  Wange.  Florian  stand  da  wie
gebannt. Die Absätze hallten wieder auf dem Marmorboden.
Stefanie  starrte  der  Frau  hinterher.  Gar  nicht  telepathisch,  sondern  ganz  klar  formte  sich  der
Gedanke  in  ihrem  Kopf:  So  verhält  sich  eine  Frau  nur,  wenn  sie  a)  sich  ihrer  eigenen  Wirkung
ganz sicher ist und b) ihren Freund ganz genau kennt.
Diese  Einsicht  versetzte  ihr  zwar  einen  Stich,  war  aber  so  logisch,  dass  er  sie  sogar  ihre
Verwirrung vergessen ließ. „Du hast dich ja schnell getröstet“, flüsterte Stefanie. Sie wies zu dem
roten Vorhang, hinter dem die Blonde verschwunden war. Für ein Zwischenspiel gab sie sich nicht
her: Wenn Florian Talhofer mal Abwechslung brauchte, musste er sich eine andere suchen.
Florian lachte leichthin. „Nicole ist bloß meine Schwester.“

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Das  war  ja  fast  schon  komisch.  „Natürlich,  und  morgen  regnet  es  lila  Frösche.  Und  weil  sie  so
blond ist wie du“, sie fixierte seine schwarzen Haare, „und den totalen Elfenteint hat wie du“, ihr
Blick lief über seine honigbraunen Wangen, „ist sie deshalb natürlich deine Schwester.“ Stefanie
griff  sich  ihre  Mappe.  „Außerdem  kann  ich  hören,  wie  sie  redet.  Glaubst  du,  ich  kenne  keine
Norddeutschen?  Während  du  manchmal  die  Silben  verknödelst  wie  die  Bavaria  persönlich.“  Es
war  Zeit,  dass  sie  sich  auf  Wichtigeres  konzentrierte.  Sie  war  nicht  hier,  um  ihr  Privatleben  in
Ordnung zu bringen, sondern um zu arbeiten.
„Nicole ist meine Halbschwester, wirklich! Sie kann scho redn wie a Bayernmadl.“
Sie  spitzte  spöttisch  die  Lippen.  „Na  klar.  Und  eigentlich  ist  sie  gar  keine  Frau,  sondern  dein
Halbbruder,  der  gleich  einen  Auftritt  in  einer  Travestie-Show  hat.“  Mit  beiden  Händen  winkte
Stefanie  ab.  Sie  musste  dabei  aber  wegschauen,  weil  sie  sein  treuherziger  Blick  schon  fast
überzeugt hatte. „Lassen wir beide es einfach, ja?“
Der  Vorhang  an  der  anderen  Seite  des  Saales  bewegte  sich.  Mr.  Rami  erschien  und  sagte  so
freundlich wie immer. „Frau Clarin, der Emir erwartet Sie. Folgen Sie mir bitte.“
Stefanie nahm ihre Unterlagen und würdigte Florian lieber keines Blickes mehr. Sie atmete noch
einmal ganz tief durch. Light arts und ihr Job, das war jetzt wichtig, nichts sonst.

Florian  starrte  ihr  hinterher.  Er  hätte  es  doch  wissen  können,  früher  war  es  doch  auch  oft  so
gewesen, dass sich niemand vorstellen konnte, dass Nicole und er den gleichen Vater hatten. Nur
weil Nicole und er jeweils völlig nach ihren Müttern geschlagen waren … Plötzlich begriff er, wie
absurd  er  in  Stefanies  Ohren  geklungen  haben  musste.  Hatten  sie  sich  nun  richtig  über  den
Ideenklau  ausgesprochen  oder  nicht?  Florian  konnte  Stefanie  nicht  richtig  einschätzen,  seine
Urteilskraft verließ ihn bei einer tollen Frau einfach. Leider.
Als  er  Nicoles  Schritte  hinter  sich  hörte,  fuhr  er  herum.  „Das  war  übrigens  Stefanie.“  Beinahe
wurden ihm die Augen feucht. „Es war alles nur ein Missverständnis, weißt du?“ Er starrte auf den
Boden in ein blaues Marmorquadrat.
„Oh“, meinte Nicole erschrocken. „Oh“, sagte sie noch einmal mit schwererer Stimme. „Dann bin
ich wohl gerade zum denkbar schlechtesten Moment aufgetaucht.“
„Wie  kommst  du  eigentlich  hierher?“  Florian  hatte  das  Gefühl,  dass  die  Welt  langsam  nur  noch
aus Rätseln und Menschen bestand, die aneinander vorbeiredeten.
Nicole verschränkte die Hände ineinander. „Aus der privaten Etage der Botschaft.“ Sie ging zum
Fenster und schaute hinaus in den Garten. „Der Emir hat mich zum Tee eingeladen.“ Sie wandte
sich  um,  sah  ihm  aber  nicht  in  die Augen.  „Ich  habe  ihm  vorhin  verraten,  dass  du  mein  Bruder
bist, als wir über die verschiedenen Einsendungen zum Wettbewerb sprachen.“
„Der Emir spricht mit dir darüber beim Tee?“ Florian versuchte den Blick Nicoles aufzufangen,
doch sie ordnete ihre Frisur und verdeckte mit den Händen ihr Gesicht. Als ob sie sich schämte.
„Und was hat das mit deinem Auftrag für Abu Faira zu tun?“
Nicole  schaute  ihn  immer  noch  nicht  an.  „Die  Details  hat  er  schon  festgelegt.  Er  ist  gewohnt,
schnell zu entscheiden.“
„Bei einer Tee-Einladung in seinen Privaträumen …“
„Warum nicht?“ Sie blickte aus dem Fenster.
Das  klang  fatal  danach,  dass  Nicole  Privates  und  Geschäftliches  vermischte,  dass  sie  mit  ihrem

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tollen Aussehen gespielt und den Emir eingewickelt hatte. Vor Florians innerem Auge zogen die
Männer vorbei, für die Nicole früher etwas empfunden hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass
sie  nun  plötzlich  eine  Schwäche  für  erfahrene  Herren  mit  grauen  Schläfen  entwickelt  hatte.
„Nicole, du hast nicht etwa meinetwegen diese Einladung zum Tee angenommen?“
Ihr  Kopf  fuhr  herum,  sie  öffnete  die  sorgfältig  geschminkten  Lippen,  aber  ihre Antwort  erstarb.
Am Saalende hatte sich die Tür geöffnet. „Herr Talhofer, der Emir erwartet auch Sie“, sagte Mr.
Rami so verbindlich diplomatisch wie je.

Rami  hatte  sie  gebeten,  im  Vorzimmer  zu  warten.  Die  Teppiche  unter  Stefanies  Pumps  waren
noch weicher, sie verschluckten die Schritte Florians hinter ihr. Sie kämpfte mit sich, dass sie sich
nicht umdrehte, fast fühlte sie so etwas wie Angst, wie weit er ihr gerade jetzt auf die Pelle rücken
könnte.
Mr. Rami öffnete eine Tür, auf der wild verschlungen arabische Schriftzeichen in Gold prangten.
„Hoheit lässt bitten.“ Er selbst blieb jedoch an der Tür stehen.
„Willst du nicht hineingehen?“, fragte Florian leise hinter ihr.
Stefanie  ignorierte  ihn.  Sie  betrat  den  lichtdurchfluteten  Raum.  Im  ersten  Moment  glaubte  sie
einen  Berg  Gold  und  Diamanten  glitzern  zu  sehen,  dann  begriff  sie,  dass  ein  großer
Zimmerspringbrunnen vor ihr perlte. Dahinter weitete sich der Audienzsaal und gab den Blick frei
auf  eine  Sofalandschaft.  An  der  Stirnwand  in  der  Tiefe  des  Raumes  prangte  ein  riesiges
Staatswappen,  daneben  leuchteten  rechts  und  links  zwei  mannsgroße  Schwerter.  Darunter  stand
ein  weißer  Lackschreibtisch,  auf  dem  sich  nichts  weiter  fand  als  ein  Apple-Notebook.  In  den
tippte ein junger Mann in Jeans, grüngelben Sneakers und bequemem weißen T-Shirt gerade noch
etwas  ein.  Er  sah  einen  Moment  auf,  Stefanie  fing  einen  belustigt-interessierten  Blick  aus
erstaunlich hellen braungrünen Augen ein. Der Kontrast zu seinem schwarzen, kurz geschnittenen
Haar war sehr irritierend, ebenso sein Kinnbart, der fast wie aufgemalt wirkte, aber er war einfach
so dicht gewachsen.
„Setzen Sie sich bitte dort in die weißen Sessel.“ Der junge Mann deutete mit der Hand nach links
vor  eine  Fensterfront,  die  zum  Botschaftsgarten  hin  den  Blick  freigab.  An  seinem  Handgelenk
leuchtete noch ein Clubbändchen in Neonorange.
Stefanie  wusste  nicht,  ob  Florians  verwirrter  Blick  ihr  galt  oder  dem  jungen  Mann  dort  am
Computer.  Sie  setzte  sich  mit  dem  Rücken  zum  Licht,  das  vom  Garten  hereinstrahlte.  Florian
nahm  mit  dem  größten Abstand  zu  ihr  Platz,  sodass  zwei  Sitzgelegenheiten  zwischen  ihnen  frei
blieben.  Und  trotzdem  schien  Stefanie  seine  Nähe  so  unerträglich  wie  das  Geraschel,  das  er  mit
den Papieren auf dem Schoß veranstaltete. Sie zwang sich, hinüber zum Staatswappen zu schauen
und darüber nachzudenken, was der junge Mann dort wohl noch für den Emir vorbereitete.
Von den großen Fenstern zum Garten her hörte sie das Klappern von hohen Schuhen auf Marmor.
Die blonde Frau von vorhin! Sie wandte den Kopf und zuckte unwillkürlich zusammen. Hier im
Empfangssaal?
Die  Blondine  setzte  sich  auf  den  Mehrsitzer  neben  Florian,  sodass  sie  mit  ihm  tuscheln  konnte.
Von  wegen  Halbschwester,  dachte  Stefanie.  Wen  anders  als  Florians  Frau  würde  ein  arabisches
Land  überhaupt  bei  solch  einer  Besprechung  vorlassen?  Stefanie  hatte  ein  Gefühl,  als  wäre  die

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Raumtemperatur schlagartig gesunken.
„Wie lange müssen wir auf den Emir warten?“, flüsterte Florian der Blonden zu.
„Aber er ist doch schon da!“ Die Frau schaute verstohlen zum weißen Schreibtisch vorn im Raum.
„Das ist Emir Aqad von Abu Faira.“
Florian war weniger diskret, und Stefanie auch nicht. Sie reckten synchron die Hälse. Nur gelang
es Stefanie, nichts zu sagen, während Florian entglitt: „Ach!“
„Glaubst du etwa, ich …“, die Blonde legte ihre Hand auf Florians Unterarm. Stefanie konnte den
Anblick dieser zärtlichen Geste kaum ertragen.
„Sorry, I kept you waiting, die Regierungsgeschäfte …“ Der junge Emir kam angelaufen und rieb
sich die Hände. Er nahm der Sesselreihe gegenüber in einem breiten roten Sessel Platz, lehnte sich
locker zurück und zeigte ein Filmstar-Lächeln. „Aber jetzt geht es um mein Lieblingsprojekt. Ich
habe  mir  von  Anfang  an,  seit  ich  dieses  Luxus-Resort  plane,  eine  grandiose
Eröffnungsveranstaltung gewünscht.“
Stefanie mochte seinen britischen Akzent sofort. Sie gab sich einen Ruck. Warum sollte nicht ein
junger  Emir  Ende  zwanzig  in Abu  Faira  das  Sagen  haben?  Sie  hätten  noch  besser  recherchieren
sollen.  Es  galt  zu  punkten.  „Light  arts  wird  Sie  Ihnen  geben“,  versicherte  sie  mit  ihrem  besten
Lächeln.
Der  Emir  legte  den  rechten  Fuß  im  gelbgrünen  Sneaker  auf  sein  linkes  Knie.  „Ich  darf  Ihnen
beiden  verraten,  dass  Sie  in  der  Endrunde  sind.“  Er  fuhr  sich  über  den  kurzgeschorenen  Kopf.
„Wissen Sie, ich habe nach dem Studium in Cambridge bei dem Architekten Sir Jordan Leicester
gearbeitet, der weltweit baut.“ Er lachte. „Wenn Abu Faira an die Weltspitze kommen soll, dann
muss ich das Know-how dort abholen, wo es zurzeit gerade ist.“ Er griff zu einer Fernbedienung
und  aktivierte  einen  Knopf.  „Erfrischen  Sie  sich.  Granatapfelsaft-Frappé  ist  das  Nationalgetränk
von Abu Faira.“

Nachdem  der  Diener  wieder  verschwunden  war,  hatte  sie  der  Emir  mit  ein  paar  Beobachtungen
über die Londoner Kunstszene unterhalten, bis er plötzlich mit ganz anderer Stimme, fast hart und
befehlsgewohnt,  gesagt  hatte:  „Erläutern  Sie  mir  Ihre  Vorstellungen.“  Stefanie  hatte  über  den
High-definition-Ausdrucken  die  Stationen  der  Fantasiereise  ausgebreitet,  die  sich  Robert
ausgedacht hatte. Die DVD hatte der Emir einfach beiseitegelegt. „Der Spirit Ihres Konzeptes ist
wichtiger, technisch kann man alles nacharbeiten.“ Stefanie hatte geredet und geredet und schon
gefürchtet, dass sie komplett den Faden verlor. Aber die braungrünen Augen des Emirs hatten ihr
nur  Bewunderung  und  Mitdenken  signalisiert.  Und  irgendwann  war  sie  gar  nicht  mehr  nervös,
sondern einfach nur wirklich begeistert gewesen. Ihr Chef Robert hatte Tausendundeine Nacht in
die heutige Zeit versetzt und wunderbare Lichtsequenzen für diese Illusionen gefunden. „Und am
Ende wird man glauben, dass der Palast in lila Feuer verbrennt wie ein Phönix.“
Der Emir klatschte in die Hände. „Danke, Frau Clarin. Das klingt alles wunderbar, nach wirklich
neuen  visuellen  Eindrücken.“  Er  deutete  mit  dem  Zeigefinger  auf  Florian.  „Wenn  Herr  Talhofer
jetzt nicht die Ideen von light arts toppt, dann …“
War  es  dieser  bewundernde  Augenaufschlag  der  Frau  mit  der  blonden  Hochsteckfrisur,  dieses
Lächeln, das jeder amerikanischen Präsidentengattin zur Ehre gereicht hätte? Oder war es einfach
die  Tatsache,  dass  Stefanie  sich  gerade  ausgepowert  hatte?  Irgendwie  hatte  sie  das  Gefühl,  als

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fiele  sie  auf  diesem  edlen  Ledersessel  in  sich  zusammen.  Sie  hatte  Mühe,  die  dunkle  Stimme
Florians  zu  ertragen.  In  genau  diesem  charmanten  Ton  hatte  er  mit  ihr  auf  ihrem  Balkon
geflüstert. Er scheute sich nicht, den Emir damit einzuwickeln.
„…  und  dann  wechselt  das  Spezialpapier  die  Farbe,  und  der  Palast  scheint  zu  zerbröseln  …“
Florian sprach die letzten Silben extra langsam.
Wie  bitte?  Von  Zerbröseln  hatte  sie  zuerst  gesprochen,  als  sie  in  Berlin  unterwegs  waren.  Es
schien Stefanie, als sei diese Nacht Jahre her. Also doch! Er schmückte sich hier mit ihren Federn!
Sie wollte schon protestieren, aber dann wurde sie ganz ruhig. Vergiss nicht, mit wem du sprichst.
Du bist dafür zu klug. Zicken kommen nie gut an.
Sie hörte einfach nicht mehr richtig hin. So gut wie light arts war Florian bestimmt nicht. Predigte
Robert  nicht  immer:  „Sollen  sie  mich  doch  beklauen,  so  gut  wie  das  Original  werden  die
Abkupferer niemals sein.“?
Plötzlich drang der britische Akzent des Emirs Aqad in ihr Bewusstsein. „Ich danke Ihnen, Herr
Talhofer.“  Dann  erhob  er  sich  elegant.  „Morgen  um  14  Uhr  werde  ich  Ihnen  hier  meine
Entscheidung mitteilen.“
Stefanie  nickte  ihm  zu.  „Vielen  Dank,  dass  Sie  sich  Zeit  für  light  arts  genommen  haben.“ Man
sollte immer am Ende noch einmal den Namen des eigenen Unternehmens verankern.
„Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“ Der Emir zeigte sein Starlächeln.
Stefanie  nutzte  die  Chance  und  ging  sofort.  Sie  wollte  einfach  nicht  hören,  welche  Floskeln
Florian und seine Frau absondern würden.

Florian war es während Stefanies Präsentation ständig heiß und kalt über den Rücken gelaufen. Er
begriff,  wovon  sie  am  ersten  Abend  eigentlich  gesprochen  hatte.  Damals  hatte  er  es  vor  lauter
Faszination für diese tolle Frau einfach nicht kapiert, es hatte irgendwie zu viel Spaß gemacht, den
einfachen Handwerker zu spielen, der sich ein bisschen frech die Frau gegenüber Zentimeter für
Zentimeter genau ansieht.
Und  dann  auch  noch  diese  Blicke  von  Nicole  zum  Emir.  Wie  hatte  er  nur  glauben  können,  dass
Nicole  sich  einem  älteren  Mann  an  den  Hals  werfen  würde.  Nicole  hatte  Geschmack,  schon
immer. Dieser leicht verschleierte Blick über ihren sonst so kühl-analytischen Augen verriet ihm,
dass  Nicole  echt  und  ehrlich  verliebt  war.  Und  wenn  ein  arabischer  Emir  nur  einen  Funken  so
tickte  wie  jeder  andere  Mann,  dann  bedeutete  dieses  Immer-wieder-zu-Nicole-Hersehen,  diese
kleine Furche auf seiner Stirn, die sich sofort entspannte, nur eines: Dieser Mann sorgte sich um
seine Schwester Nicole und wollte sie jede Sekunde gut aufgehoben wissen. Was war das anderes
als Liebe?
Als er seine Ideen vorgestellt hatte, war er sich die ganze Zeit wie ein Roboter vorgekommen, der
ein  perfektes  Programm  reproduziert.  Der  eigentliche  Florian  Talhofer  wäre  lieber  zu  Stefanie
gegangen, um ihr alles zu erklären.
„Morgen um 14 Uhr werde ich Ihnen hier meine Entscheidung mitteilen“, sagte der Emir gerade.
Stefanie bedankte sich und ging eilig hinaus.
„Vielen Dank, Emir Aqad.“ Florian verneigte sich kurz. Er folgte Stefanie aus dem Empfangssaal.
Nicole bedeutete ihm mit einem Wink ihres Kinns, dass sie beim Emir bleiben würde.
Ein Diener geleitete ihn hinaus zum Parkplatz. Auch das noch. Stefanies Auto stand genau neben

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seinem Ferrari.
Sie  würdigte  ihn  keines  Blickes,  startete  und  hätte  beinahe  seinen  Kotflügel  gerammt.  Die
Parklücke war wirklich verdammt eng.
Florian  sprang  in  seinen  Wagen.  Er  konnte  ihren  Blick  nicht  auffangen,  aber  die Abweisung  in
ihrem  Gesicht  verriet  noch  durch  die  beiden Autofenster  hindurch,  wie  sehr  sie  mit  Nachgeben
kämpfte. Das war erregend schön. Welch Leidenschaft musste in Stefanie stecken. Er beeilte sich,
zu starten und Platz für sie zu machen.
Die beiden Autos fuhren Ballett, ein ganz modernes Minimalballett, vor, zurück, aufeinander zu,
abgerückt, Hupe an, Hupe aus. Zurück und vor, und doch kein Platz zum Ausfahren.
Im  nächsten  Moment  hörte  er  die Autotür  von  Stefanies  Wagen  schlagen.  Sie  lief  einfach  zum
Gitter  der  Botschaft  hin  und  starrte  in  den  Vorgarten  auf  eine  Steinskulptur.  Florian  hatte  schon
seine Wagentür ausgeklinkt, er würde sie jetzt in die Arme nehmen und so lange festhalten, bis sie
ihm endlich Glauben schenkte.
Doch als sein Fuß den Asphalt berührte, wusste er, dass das falsch war. Es war das verdammte alte
Problem. Er wusste auf einmal nicht, was er sagen sollte. Überhaupt nichts. Kein Wort. Jetzt, wo
die  Entscheidung  des  Emirs  Aqad  über  ihnen  schwebte,  was  würde  Stefanie  von  seinem
Gestammel glauben? Nichts.
In seinem Leben war er immer gut damit gefahren, einem Herzensgefühl nur nachzugeben, wenn
er  auch  mit  dem  Bauch  an  einen  Erfolg  geglaubt  hatte.  Und  der  signalisierte  klar:  Heute  lieber
nicht.
Florian rangierte vorsichtig aus der Parklücke. Er hatte verdammt noch mal genug in der Firma zu
tun.

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8. KAPITEL

So musste sich ein Tier auf dem Weg zum Schlachthof fühlen. Florian rollte mit dem Ferrari auf
den Stellplatz vor dem Händler. Einen Moment gönnte er sich noch, strich mit den Händen über
die  schwarzen  Ledersitze.  Okay,  es  war  der  Traum  eines  jeden  Jungen,  mit  einem  roten  Ferrari
über  die Autobahn  zu  brausen  oder  vor  den  Clubs  zu  halten  und  damit  ein  wenig  die  Chance  zu
erhöhen,  die  Girls  auch  nach  Hause  fahren  zu  dürfen.  Aber  was  war  daran  schlecht?  Einen
Moment  schloss  er  die  Augen,  Erinnerungen  blitzten  auf,  lange  Nachtfahrten  bis  zum
Morgengrauen. Frühstück am Meer …
„Das war‘s.“ Er seufzte und öffnete wieder die Augen. Schließlich war er längst kein Junge mehr,
sondern ein Mann mit Verantwortung für eine Firma. Sein Hier-und-Jetzt war weniger romantisch,
eher katastrophal.
Auf  dem  Gelände  in  Berlin-Moabit  waren  viele  Spezialfirmen  versammelt,  die  die  teuersten
Automarken  verkauften  oder  für  Fans  die  ältesten  Oldtimer  wieder  zum  Rollen  brachten.  An
jedem  anderen  Tag  hätte  sich  Florian  Zeit  genommen,  herumzuflanieren,  in  den  Läden  ein
bisschen  zu  fachsimpeln  und  dann  vielleicht  doch  mal  in  einem  der  allerersten  Mercedes
überhaupt Probe zu sitzen. Heute ging er schnurstracks zum Ferrari-Händler.
In  der  Halle  blinkte  es  nur  vor  teurem  Blech.  Herr  Pahl  wartete  schon  in  der  Lounge-Zone,  wo
unter den Hochglanzbildern aus der Produktion Kauf und Verkauf abgewickelt wurde.
„Es macht die Sache einfach, dass Sie letzten Monat den Wagen zur Inspektion gebracht haben.“
Der dünne Mann trug ein weißes Hemd mit einer Ferrari-Krawattennadel. „Ich brauche nur noch
den Kilometerstand.“
„Knapp  vierundzwanzigtausend.“  Florian  erschrak,  wie  belegt  seine  Stimme  war. Es  ist  nur  ein
Auto.
Herr Pahl tippte auf einem kleinen Taschenrechner herum. Vor Florians Blick verschwammen die
großen Autos zu Farbflecken. Deine Firma ist wichtiger.  Dann fokussierte er seine Augen wieder
auf  die  Verkaufslounge.  Ein  Mann  rauschte  herein,  dieses  affige  Wehen  des  Mantelaufschlags
hatte  er  doch  gerade  erst  gesehen  …  Tatsächlich,  dieser  miese Anwalt  Thorsten  Wrede  wedelte
mit einem Ferrari-Schlüssel in der Hand und rief: „Service! Ist hier jemand?“
Herr Pahl stand auf. „Der Kollege parkt gerade noch einen Wagen ein. Er ist sofort für Sie da!“
„Ist gut … Hey, wen haben wir denn da? Mr. Sushi!“
Florian  fühlte  in  den  Händen  den  ehrlichen  Wunsch,  Mr.  Anwalt  einfach  an  den  Schultern  zu
packen  und  auf  einem  der  niedrigen  Hocker  vor  der  Werbetafel  zu  parken  wie  einen  kleinen
Jungen. Denn genau das war er, ein unreifer kleiner Junge.
„Mr.  Sushi  spricht  nicht  mehr  mit  mir?“  Wrede  kam  langsam  herbei.  Herr  Pahl  sah  von  den
Notizen auf.
„Machen Sie einfach weiter, als ob nichts wäre“, sagte Florian leise.
„Oh, müssen wir den 360 Modena F1 verkaufen?“ Wrede stellte sich vor den niedrigen Tisch und
linste frech auf die Papiere. „Rosso Corsa mit nero Ledersitzen.“ Er nickte langsam. „Ein schönes
Auto. Es muss verdammt wehtun, wenn man es abstoßen muss.“
Florian erwiderte nichts, sondern nickte bloß Pahl zu.

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„Nun, dann kann ich Ihnen 99.900 anbieten“, meinte der Ferrari-Händler.
Er wäre sowieso mit allem einverstanden.
„Zentralverriegelung,  zwei  Airbags,  Klimasteuerung,  F1-Getriebe  mit  Schaltpaddeln,  ABS,
elektrische Fensterheber …“ Wrede rieb sich das Kinn. „Und das bei der niedrigen Laufleistung.
Ich würde hundert dafür bieten.“
Florian ignorierte den Anwalt, den Pahl ungehalten anschaute. „Wollen Sie ernsthaft mitbieten?“
„Sie kennen mich doch. Natürlich.“
Das wäre das Letzte, wenn Thorsten Wrede seinen Ferrari fahren würde.
„Hundertfünf“, sagte Pahl.
Thorsten Wrede funkelte ihn an. „Ich glaube zwar nicht, dass der Herr mir den Ferrari verkauft,
trotzdem. Hundertzehn.“
Pahl  wiegte  den  Kopf.  Florian  wusste  nicht,  wofür  er  Wrede  mehr  hassen  sollte:  für  die
Erniedrigung, wenn er von ihm Geld nahm und einen höheren Preis erzielte als ohne ihn, oder für
den teuren Stolz, wenn er doch den Wagen lieber an Pahl für weniger verkaufte. Du brauchst jeden
Euro.
 Der Wagen war längst nicht bezahlt, die Bank würde ihren Teil haben wollen, der Rest ging
für den nächsten Monatslohn seiner Jungs drauf.
„Hundertelf“, sagte Pahl.
„Hundertfünfzehn“, triumphierte Wrede und hakte die Daumen am Mantelaufschlag ein.
„Okay“,  sagte  Florian.  Er  griff  zum  Verkaufsformular  auf  dem  Tisch  und  unterschrieb  Blanko.
Plötzlich fühlte er sich wieder Herr der Lage. Er hatte Wrede einfach überrumpelt. „Sie haben den
Wagen. Pahl ist Zeuge.“ Allein das dumme Gesicht des Anwalts war es wert. Florian hängte sofort
an:  „Pahl  füllt  dann  den  Vertrag  treuhänderisch  für  mich  aus,  die  Schlüssel  bekommen  Sie  von
ihm.“  Er  knallte  die  Ferrari-Schlüssel  auf  die  Unterlagen,  nickte  beiden  Männern  kurz  zu  und
erhob sich.
„Aber …“ Wredes Gesicht war noch immer vor Schock ganz lang.
„Wollen Sie den Wagen doch nicht?“, fragte Pahl gereizt und zupfte an der Krawattennadel.
Florian  grinste  ihn  an.  Wenn  Wrede  jetzt  einen  Rückzieher  machte,  outete  er  sich  als  der  miese
Typ, der er war.
„Wir nehmen auch Ihren jetzigen Wagen in Zahlung“, sagte Pahl.
Nachdem  Wrede  Zustimmung  mehr  geknirscht  als  ausgesprochen  hatte,  schüttelte  Florian  die
Hand des Verkäufers. Den Anwalt ließ er stehen.
Draußen  auf  der  Straße  wurde  Florian  klar,  dass  es  in  diesem  Industrieviertel  keine  Taxis  gab.
Zum ersten Mal seit Jahren würde er von hier mit dem öffentlichen Bus wegfahren. Er durfte jetzt
nicht denken, dass sein Abstieg begonnen hatte, er musste an sich glauben. Auch im Berg durfte
man nie an sich zweifeln, das war lebensgefährlich.

Zu  seiner  Verwunderung  stellte  Florian  kurz  darauf  fest,  dass  er  mit  dem  Nahverkehr  bis  ins
Botschaftsviertel gar nicht so lange gebraucht hatte, wie er geglaubt und geplant hatte. Also nutzte
er  die  eingesparte  halbe  Stunde  für  einen  Spaziergang  durch  den  Tiergarten.  Seltsamerweise
beruhigte  ihn  die  kleine  Wanderung  unter  den  schattigen  Bäumen,  fast  hatte  er  seinen  Ferrari
schon vergessen. Als er die Auffahrt zur Botschaft von Abu Faira hinauflief, brauste Stefanie im
Wagen  an  ihm  vorbei.  An  der  Schranke  hatte  er  sie  fast  eingeholt,  aber  sie  winkte  nur  dem

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Wachmann.
Nun  saßen  sie  beide  im  Botschaftsgarten  unter  einer Art  Sommerzeltdach  weit  auseinander  auf
Gartenstühlen,  hierher  hatte  sie  der  Diener  vom  Empfang  geführt.  Hinter  ihnen  schwammen
Seerosen  in  einem  Bassin.  Stefanie  hatte  eine  große  Sonnenbrille  aufgesetzt  und  schien  sich  nur
für das in Marmor gemeißelte Wappen des Emirats zu interessieren, das vorn am Becken prangte.
Aber an dem nervösen Spiel ihrer schönen Finger auf der Lehne sah er an, dass sie mindestens so
gespannt war wie er selber.
Hinter einem hohen undurchdringlichen Buschwerk erklang Gelächter. Ein, zwei sehr helle Töne,
die  sich  rasch  mit  dunklen  mischten:  Florian  erkannte  die  Stimme  seine  Schwester  sofort.  Dann
hörte er Schritte auf Kies, doch nur der Emir erschien. Heute trug er einen hellen Sommeranzug,
der einfach in Mailand maßgeschneidert worden sein musste, so perfekt unterstrich er die drahtige
Figur des Emirs.
Er setzte sich nicht zu ihnen, sondern legte bloß die Hände ineinander und schaute von Stefanie zu
Florian  und  zurück.  „Frau  Clarin,  Herr  Talhofer.  Ich  konnte  mich  lange  nicht  entscheiden.  So
unterschiedlich Ihre Projekte sind, so faszinierend sind sie doch beide. Aber schließlich …“
Stefanie  nahm  langsam  die  Sonnenbrille  herab,  auf  ihrer  schönen  Stirn  stand  eine  tiefe  Falte.
Florians Mund wurde trocken.
„… haben mich unsere Tourismusspezialisten in Abu Faira davon überzeugt, dass wir am besten
…“
Stefanie  legte  die  Hand  auf  ihren  Ausschnitt  und  stellte  die  Füße  unter  dem  Stuhl  um,  Florian
zwang sich, seine Hände einfach auf den Oberschenkeln liegen zu lassen.
„… dass wir am besten beide Projekte vor Ort testen.“ Der Emir zeigte sein Lächeln und sah nun
wirklich wie ein Typ auf dem Laufsteg einer Fashion Week aus.
„Ich verstehe nicht ganz, Emir Aqad?“ Die Frage rutschte Florian einfach raus.
„Was  ist  daran  schwierig?“  Der  Emir  lachte.  „Frau  Clarin  wird  den  Ostflügel  mit  ihrer
Lichtinszenierung verwandeln, und Sie den Westflügel mit Ihren magischen Papieren einpacken.
Unser  Luxus-Resort  ist  groß  genug.  Und  Geld  spielt  keine  Rolle.  Sie  bekommen  beide  das
Preisgeld für die erste Runde.“ Er sah kurz auf seine schwere Armbanduhr. „Die Zeit stellt eher
ein Problem dar. Aber Flexibilität bürgt ja bekanntlich für Qualität. Sie haben acht Stunden, alles
für Ihre Präsentation Notwendige einzupacken und am Flughafen anliefern zu lassen. Wir fliegen
zusammen  in  meinem  Privatjet,  pünktlich  um  22  Uhr.  Die  Details  hat  Mr.  Rami  Ihnen  schon  in
Ihre Büros gemailt.“ Er drehte sich um und ging über den Kies davon.
„Das  ist  jetzt  nicht  wahr!“,  sagte  Stefanie  und  starrte  Florian  an.  „Die  haben  noch  nicht
entschieden?“
Wenigstens verschaffte ihm das Preisgeld genug Luft in der Firma. „Es sieht so aus.“
„Aber  wie  soll  ich  denn  in  acht  Stunden  die  ganzen  Lichtprojektoren  …“  flüsterte  Stefanie  und
hielt sich den Kopf.
Dein  Problem,  hätte  er  jedem  anderen  Konkurrenten  gesagt,  aber  Stefanie  tat  ihm  leid.  So  viel
Erfahrung mit Projektmanagement hatte sie ja nicht. Doch als er einen Schritt auf sie zu machte,
sprang sie auf und stürzte davon – ohne an ihre Handtasche zu denken.
Er rief ihr hinterher: „Deine Handtasche! Stefanie?“

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Sie wandte sich so abrupt um, dass sie mit dem Schienbein gegen die Kante des Seerosenbassins
stieß. Mit einem Schmerzenslaut hinkte sie auf ihn zu. Er reichte ihr die Handtasche. Ihre Finger
berührten fast seine Hand, aber nur fast.
„Danke“,  murmelte  sie.  Ihr  Blick  flackerte  eine  winzige  Sekunde  zu  lange  in  seinem.  Florian
suchte  nach  einem  rettenden  Satz,  doch  schon  mit  den  nächsten  Gedanken  wurde  die  Liste  in
seinem Kopf, was er sofort erledigen musste, länger und länger. Und so konnte er ihr nur hilflos
hinterhersehen, als sie nun endgültig verschwand.

„Du bist ein Schatz, was würde ich ohne dich machen?“ Stefanie räumte in ihrem Bad ihr Make-
up und die antiallergene Waschlotion zusammen.
Xian-Lis Lachen drang aus dem Schlafzimmer. „Willst du nicht den Badeanzug mitnehmen?“
„Ich  muss  auf  Lichtprojektor-Gerüsten  herumkraxeln,  schon  vergessen?“  Wo  waren  denn  ihre
Lippenstifte?
„Die haben bestimmt einen Pool so groß wie zwei Blocks in Berlin. Außerdem musst du ja auch
mal Pause machen, um wieder frisch zu werden.“
Rot,  nude,  orange?  „Pack  ein,  was  du  willst.  Du  machst  das  schon  richtig.“  Xian-Li  hatte  sofort
Hilfe  zugesagt,  als  sie  vom  Parkplatz  der  Botschaft  angerufen  hatte.  Stefanies  Schlachtplan  war
klar.  Sie  hatte  ihren  Chef  Robert  bei light  arts  informiert,  damit  der  die  Teams  auf  die
Sondersituation  einnorden  konnte.  In  der  Zwischenzeit  würde  sie  kurz  zu  Hause  Koffer  packen
und  dann  ins  Büro  und  von  dort  zum  Flughafen  fahren.  Xian-Li  war  die  Einzige,  der  sie  blind
vertraute,  sie  würde  in  der  Hektik  weder  Strumpfhosen  noch  Slips  vergessen,  wie  ihr  das  selber
durchaus passieren könnte.
„Es klingelt!“, rief Xian-Li aus dem Schlafzimmer. „Soll ich?“
Im  Bad  hörte  man  es  nicht.  „Nein.“  Stefanie  lief  zur  Tür  ihrer  Wohnung.  Wahrscheinlich  der
Nachbar, der das Paket abholen wollte, das schon seit Wochen herumstand. Sie riss die Tür auf.
„Fertig?“ Thorsten Wrede stand im Sportoutfit vor ihr. „Der Court ist zwei Stunden für uns frei.“
Ein  paar  Wochen  Training  hätte  er  besser  noch  abgewartet,  bevor  er  solch  enge  Lycrateile  trug.
Sie hatte die Verabredung mit ihm total vergessen. „Ich kann nicht, ich muss heute noch fliegen.“
„Wohin denn?“ Thorsten stellte seine Sporttasche ab. Es klirrte wie Glas.
„Keine Zeit!“ Sie müsste Xian-Li noch sagen, dass sie die Blumen gießen sollte und …
„Dafür  ist  immer  Zeit!“  Thorsten  hatte  sich  zur  Tasche  gebückt  und  hielt  eine  Mediumflasche
Champagner hoch. „Danach spielst du wie eine Göttin.“ Er schwenkte die Flasche.
Stefanie  wusste  nicht,  was  sie  mehr  ärgerte.  Dass  Thorsten  sie  so  verglich  oder  dass  sie  Zeit
verlor. „Es geht nicht. Sorry.“ Sie schob die Tür zu.
„Stefanie, wir waren doch verabredet …“ Das Türblatt klackte an die Flasche in seiner Hand.
„Es tut mir leid. Nicht heute.“ Sie drückte die Tür weiter zu, er zog den Fuß gottseidank zurück.
„Wann  dann?“,  fragte  ein  enttäuschtes  Gesicht,  von  dem  sie  nur  noch  den Ausschnitt  durch  den
Spalt sah. Irgendwie fand sie, dass er in diesem Augenblick wie ein kleiner unreifer Junge aussah.
„Weiß nicht.“ Stefanie drückte die Tür ins Schloss. Sie seufze laut auf. „Hast du alles?“, rief sie
zum Schlafzimmer hin.
Xian-Li rollte schon ihren großen Reisekoffer in den Flur. „Sure, Darling. War das Mr. Boring?“
Stefanie  rollte  nur  mit  den  Augen.  Xian-Li  kicherte,  und  sie  war  froh,  dass  es  ihrer  besten

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Freundin heute als Kommentar genügte. Wahrscheinlich hatte sie sowieso gelauscht.

„Nun  stellt  euch  mal  alle  im  Kreis  auf,  sonst  wird  das  nüscht.  Jeder  kriegt  von  mir  eine  Liste.“
Frau Olgert domptierte mit ihrem mütterlich-strengen Ton die ganze Mannschaft. Florian dankte
dem  Himmel  einmal  mehr  für  die  Idee,  sie  einzustellen.  Er  hatte  per  Handy  alle  Leute  von  den
Baustellen gerufen. Sein Vormann Fred hatte geflucht wie ein betrunkener Seemann.
„Ihr kramt jetzt die letzte Schraube aus dem hintersten Winkel für den Chef.“ Frau Olgert blickte
alle  scharf  an.  „Angestoßen  wird  laut  Generalplan  um  21  Uhr  30,  wenn  der  Chef  hier  vom  Hof
rollt. Das Bier habe ich schon kalt.“ Sie zwinkerte. „Und nun ab! Ich wimmele jetzt die anderen
Kunden am Telefon ab.“ Die Sekretärin rauschte aus der Lagerhalle.
Fred  war  über  seine  Liste  gebeugt.  „Chef,  in  den  Vorgaben  fehlt  die  Materialreserve.  Ich  habe
noch  kein  Projekt  erlebt,  bei  dem  kein  Seil  gerissen  oder  sich  keine  Schraube  als  eine
Fehlproduktion  herausgestellt  hätte.“  Fred  kratzte  sich  am  Schädel.  „Soll  ich  die  Listen
nachkalkulieren?“
„Sie müssen jetzt zum Großhandel, Chef, sonst machen die dort zu!“ Die Olgert hielt ihm schon
die Jacke.

Im  Foyer  von light  arts  packte  Stefanie  mit  dem  Team  alle  Gebrauchsanweisungen,
Steueranlagen, Transformatoren, DVDs in Spezialkisten. „Verdammt, nichts passt.“
„Normalerweise  richten  wir  das  in  zwei  Tagen“,  meinte  die  junge  Spanierin  mit  ihrem Akzent,
den Stefanie sonst süß fand, sie heute aber nur daran erinnerte, dass sie in eineinhalb Stunden in
ein Land fliegen würde, wo sie selbst kein Wort verstand. Es war ihr erster Auslandseinsatz – und
sie würde zum ersten Mal das Technikerteam leiten.
„Stefanie?“, dröhnte der Ruf ihres Chefs Robert aus dem Creative-Raum. „Kommst du bitte?“
„Mach weiter, ja?“
Auf dem Weg nach hinten wurmte Stefanie ein Gedanke, den sie nicht fassen konnte. Irgendetwas
Wichtiges hatte sie die ganze Zeit übersehen, nur was?

Florian  hatte  dann  doch  lieber  Fred  zum  Materialeinkauf  mitgenommen,  der  einfach  immer  den
Überblick  behielt.  Sie  waren  gerade  mal  bis  zu  den  Eisenwaren  vorgedrungen,  als  der
Lautsprecher im Baumarkt knackte. „Werte Kunden! Wir schließen heute wegen einer dringenden
Reparatur  der  Klimaanlage  um  19  Uhr.  Bitte  begeben  Sie  sich  zu  den  Kassen.  Wir  danken  für
Ihren Einkauf.“
Bei  der  säuselnden  Frauenstimme  schrak  Florian  zusammen.  „So  ein  Mist!  Uns  fehlen  noch
vierhundert Spezialhaken und der Ersatzzwirn. Und die schwedischen Akkus für die Helmlampen,
verdammt.“ Er starrte auf die lange Liste in seiner Hand.
„Ich  kenne  mich  hier  aus!“  Fred  spurtete  los,  Florian  schob  den  Wagen  weiter.  Wie  ein  100-
Meter-Läufer raste Fred vor den Regalen entlang und legte die fehlenden Dinge einfach davor auf
den  Fußboden.  Florian  sammelte  das  Zeug  ein.  Er  sah  Freds  kahlen  Kopf  und  die  schwarzen
Arbeitsklamotten  nur  rechts-quer,  links-quer  durch  den  Mittelgang  flitzen.  Mit  dem  schweren
Wagen kam er einfach nicht so schnell hinterher.
„So,  das  war‘s!“  Fred  war  ganz  außer  Atem  und  warf  eine  Packung  ganz  oben  auf  den

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vollgepackten  Wagen.  Florian  starrte  ihn  an.  „Watte?“  Fred  war  nun  nicht  gerade  einer,  der
besonders gehätschelt werden musste.
„Wenn  der  Chef  oder  einer  von  den  Jungs  dort  auf  dem  Gerüst  Ohrenschmerzen  von  dem
Meereswind bekommen, was dann?“ Der Industriekletterer grinste breit.
„Nun  kommen  Sie  schon,  wir  schließen!“,  fauchte  die  Verkäuferin,  die  sich  weit  über  das
Förderband beugte. „Den Laden hätten Sie uns auch morgen noch leer kaufen können. Über Nacht
trägt keiner was weg.“ Sie seufzte und tippte los.
„Chef, wollten Sie nicht noch ein bisschen Kofferpacken, zu Hause?“
Himmel,  in  seinen  Outdoor-Klamotten  konnte  er  wohl  kaum  den  Privatjet  des  Emirs  besteigen.
„Aber erst schaffen wir das Zeug hier weg.“ Er legte die Kreditkarte zwischen die rosa lackierten
Fingernägel der Kassenfrau. „Mit Quittung.“
Auf der Preisanzeige leuchtete 19 Uhr 27 in Giftgrün.

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9. KAPITEL

Stefanie stellte im Creativ-Raum von light arts ihr Wasserglas ganz leise ab. Klirren machte ihren
Chef  Robert  nur  noch  nervöser.  Die  Minuten  verrannen  wie  Sand  in  der  Uhr.  Und  noch  immer
klickte Robert an seinem Bildschirm herum. „Ohne die Masterdatei kann ich nicht losfahren. Die
Kollegen haben die Farbpalette doch fünfmal überprüft.“ Stefanie legte ein klitzekleines Drängen
in ihre Stimme, auch wenn sie wusste, dass Robert das überhaupt nicht schätzte.
„Nein, nein, nein!“ Robert rieb sich die eisgrauen Schläfen. „Mehr Farbe! Darauf bestehe ich.“
„Der Emir persönlich hat sowohl die Ausdrucke als auch die DVD akzeptiert.“ Dass der die DVD
nicht angesehen hatte, das nahm sie jetzt auf ihre Kappe. „Wenn ich nicht pünktlich am Flughafen
bin, war alles umsonst!“
„Ich habe recherchiert, die Landesfarben haben wir noch nicht genau getroffen.“
Sie sah keinen Unterschied. Roberts Farbgefühl hingegen war unbestechlich und hundertfach mit
internationalen  Preisen  gewürdigt.  Robert  klickte  ganz  konzentriert.  Dann  piepte  etwas  im
Rechner.  Wenn  das  Ding  jetzt  abstürzte  …!  Stefanie  sah  zur  Decke  und  war  froh,  dass  dort  nur
kühles Weiß gestrichen war.
„Ich habe das Programm geändert.“
„Wie  bitte?“,  entsetzt  fuhr  Stefanie  herum.  Roberts  chaotische  Eingriffe  hatten  schon  viele
Lichtprogramme  auf  Endlosschleifen  gebracht,  die  die  Techniker  zum  Wahnsinn  trieben.  „Sag,
dass das nicht wahr ist.“
„Nur an drei Punkten. Du kannst es dir in der Demoansicht anschauen.“ Robert strahlte zufrieden.
Stefanie stand auf und merkte, dass ihr die Knie weich wurden, denn für eine Korrektur hatte sie
keine Zeit mehr. „Ich muss zum Flughafen.“ Sie nahm den Datenspeicher aus Roberts Hand.
Sie war schon an der Tür, da sagte er: „Wenn ich nicht nach Los Angeles müsste, würde ich es ja
selber  dirigieren.“  Robert  nannte  Projektüberwachung  immer  so,  für  ihn  war  Licht  wie  Musik.
„Stefanie, enttäusche mich nicht!“
„Wenn ich jetzt nicht sofort mit dem Technikerteam losfahre, ist vor allem der Emir enttäuscht.
Und fliegt sicher ohne mich ab.“
Im Foyer wedelte die Sekretärin mit einem Stapel Papiere. „Stefanie, du hast die Zollerklärungen
noch nicht ausgefüllt!“
Stefanie ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen. „Das war es, was ich die ganze Zeit tun
wollte.“
„Du solltest es vielleicht auf dem Weg zum Flughafen machen“, meinte die Sekretärin unsicher.
„Oh ja, und der Zoll liest dann aus meinem Gekrakel, was er braucht.“ Stefanie nahm den Stapel
Formulare.  „Egal.  Es  geht  nicht  anders.  Was  ist  mit  den  Gebrauchsanweisungen  und  dem
Gepäck?“  Ihr  Blick  fiel  auf  die  halb  offenen  Transportkisten,  die  an  der  Wand  standen  und
notdürftig mit Klebeband verschnürt waren. „So geht das nicht.“
„Besser ging nicht“, meinte die Spanierin unsicher. „Es ist schon 21 Uhr 10.“

„Wo zum Teufel stecken jetzt die Krawatten?“ Florian kippte eine Schublade nach der anderen auf
sein Bett. Der helle Anzug hatte einen Saucenfleck, der dunkle war zerknittert. Am grauen fehlte

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ein Knopf. „Verdammt.“ An den Zustand seiner Hemden in der Wäschetrommel im Bad wollte er
gar  nicht  denken.  Wie  sollte  er  auch  noch  Hausarbeit  machen,  wenn  er  die  Firma  vor  dem
Abschmieren retten musste?
Er setzte sich vor das Bett und ließ den Kopf einen Moment auf die Knie fallen. Dann richtete er
sich  wieder  auf  und  sah  im  Wandspiegel,  wie  er  da  halb  nackt  und  panisch  die  Haare  entwirrte.
War er denn völlig enthirnt? Er fuhr in ein Luxus-Resort. Dort gab es Service ohne Ende für die
Gäste, Diener, Hausleute, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablasen. In Abu Faira gab es
sicher eine Reinigung. Er würde einfach alle Kleider, die er brauchte, Schuhe, das ganze Zeug in
den Koffer werfen und das letzte saubere Hemd für den Flug anziehen.
Sein  Handy  piepte  mit  dem  Weckton.  21  Uhr.  Er  musste  jetzt  mit  dem  Lieferwagen  zum
Flughafen  fahren.  Mr.  Rami  hatte  bestimmt  schon  die  Zollformalitäten  vorbereitet  und  wartete
dort … Florian wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass er etwas Wichtiges vergessen haben
könnte.  Aber  bei  siebenhundertsechsundvierzig  Gruppen  von  Ersatzteilen  für  seine
Fassadengestaltung war alles möglich.

Als Florian seinen Koffer aus der Haustür trug, glaubte er, dass er tatsächlich verrückt wurde. Das
Rot dort vor der Einfahrt, dieses Rot war als Ferrari-Rot noch im Sonnenuntergang eindeutig zu
erkennen. Und es gehörte zu seinem Ferrari. „Ex-Ferrari“, flüsterte er sich zu, als ob seine Stimme
den Wahn vertreiben könnte: Das Auto blockierte seinen Lieferwagen.
Sobald er den blonden Schopf hinter der Fahrertür auftauchen sah, begriff er, dass er ein ernstes
Problem bekam. Thorsten Wrede grölte über die Straße: „Da ist ja der tolle Ferrari-Verkäufer, der
coolste Typ von Berlin.“
Florian stellte den Koffer schnell in seinen Lieferwagen.
„Ich habe dich vor der Pleite gerettet“, Thorsten tätschelte das rote Blech, „und du hörst mir nich‘
zu?“ Die Silben verschwammen ineinander, er hatte viel getrunken.
Florians Armbanduhr  zeigte  zwanzig  nach  neun.  Er  musste  sofort  hier  weg!  „Herr  Wrede,  bitte
machen Sie die Einfahrt frei. Ich muss zu einem dringenden Termin.“
„Alle müssen heute immer nur weg.“ Die Stimme kippte, wurde weinerlich.
Du liebe Güte, der war sturzbesoffen. „Ich rufe jetzt die Polizei. Ich muss hier weg.“
„Rufe  doch,  wen  du  willst,  ich  bleibe  sowieso  übrig,  mich  will  keine.“  Ein  Schluckauf
verschluckte fast, was er sagte.
„Wollen  Sie  wirklich  als  Anwalt  in  Ihrem  Zustand  mit  der  Polizei  reden?“,  fragte  Florian  ein
letztes Mal.
„Ach. Quatsch. Sag mir lieber, wie du es machst mit den Frauen. Wie?“
„Was?“
„Stell dich nicht dümmer, als du bist, Klettermaxe. Wie hast du die Stefanie rumgekriegt, dass sie
mich  nicht  mehr  will.  Mit  Sushi  bestimmt  nicht,  das  habe  ich  ja  versucht.  Es  muss  doch  einen
Grund haben, dass sie deinen Namen schon im Terminplaner notiert hat.“
„Was spinnst du dir denn zusammen?“ In Florian stieg die Wut an. Stefanie hatte seinen Namen
notiert? Dann hatte sie also am Ende doch alles geplant. „Die Clarin ist eben noch taffer. Du hast
sie benutzen wollen, aber nun hat sie dich gelinkt. Mit deiner Hilfe hat sie mich fast aus dem Feld
geräumt.“ Beinahe faszinierte ihn das doppelte Spiel, das Stefanie inszeniert hatte. Sie hatte den

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Anwalt abserviert, nachdem er ihr den Konkurrenten … Florian war vor lauter Stress nicht mehr
sicher,  ob  er  richtig  kombinierte.  Er  glaubte  auf  einmal  selber  nicht  mehr,  was  er  da  Stefanie
unterstellte. Wichtig war, dass der Anwalt sofort mit seinem, verdammt, Ex-Ferrari die Einfahrt
freimachte.
Er  packte  ihn  an  der  Schulter.  „Du  setzt  dich  jetzt  ans  Steuer  und  fährst  hier  weg.  Und  dann
erzähle ich dir, wie das mit Stefanie gelaufen ist.“
„Echt?“, schon setzte sich Thorsten auf den schwarzledernden Fahrersitz und stellte den Motor an.
Florian beeilte sich, in den Lieferwagen zu kommen. Kaum war der Ferrari weg, rollte er aus der
Einfahrt.
„Wahnsinn!“  Es  gab  doch  noch  Gerechtigkeit  auf  Erden.  Im  Rückspiegel  sah  Florian  nicht  nur
rotes Blech, sondern auch das neue blauweiße der Berliner Polizei. Also hatten den Anwalt noch
mehr Leute Kurven fahren sehen.
Offenbar  war  Wrede  auch  noch  mit  dem  Schutzblech  an  die  Funkstreife  gestoßen.  Die  Beamtin
stand schon auf der Straße und beugte sich zum ihm hinunter.
Florian beeilte sich, sonst müsste er noch als Zeuge aussagen. Er drückte den ersten Gang rein. Es
war 21 Uhr 25, der Flughafen war verdammt weit.

Der  Privatjet  zog  eine  lange  Schleife  über  den  Lichtern  Berlins,  flog  am  Funkturm  vorbei,  dann
schluckte eine Wolkendecke die Metropole. Stefanie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie
den  Abflug  nicht  verpasst  hatte.  Sie  legte  sich  unauffällig  in  den  weiten  cremefarbenen
Ledersessel zurück, damit die drei anderen nichts merkten. Einen Moment schloss sie die Augen,
ließ einfach noch einmal den Stresstag in Gedanken ablaufen, damit sie ihn vergessen konnte.
Sie war mit dem Team im Lieferwagen zum Flughafen gerast, beinahe hätten sie die Einfahrt des
Cargo-Bereichs  verpasst,  wo  sie  an  einer  Schranke  von  einem  Sicherheitsmann  empfangen
wurden.  Dann  fuhren  sie  hinter  einem  niedrigen,  seltsamen  Flughafenfahrzeug  her,  auf  dessen
Dach ein gelbes Licht blinkte. Am Rande des Flugfelds konnten sie schon den weißen Jet stehen
sehen.  Mr.  Rami  wartete  am  Fuße  der  Gangway.  Er  hatte  das  Team  zum  hinteren  Einstieg
geschickt,  sie  selbst  sollte  vorn  einsteigen,  weil  der  Emir  schon  wartete.  Was  mit  dem  Zoll  sei,
hatte  sie  noch  gefragt.  Doch  Mr.  Rami  hatte  nur  lächelnd  abgewinkt.  Als  Stefanie  hinter  den
Wagen  auf  dem  Rollfeld  einen  Lieferwagen  kommen  sah,  war  sie  schnell  hinaufgelaufen,  damit
sie ihn nicht sehen musste.
Aber  jetzt  saß  sie  doch  mit  Florian  in  der  luxuriösen  Runde  von  Ledersofas.  Und  wusste  nicht
mehr, was sie mehr in Unruhe versetzte: dass er so unheimlich attraktiv aussah, gerade weil er so
abgekämpft  wirkte,  oder  dass  sie  diese  seltsame  Nicole  nicht  einschätzen  konnte,  die  vor  dem
Emir irgendetwas verbarg. Das spürte sie als Frau. Gegenüber lächelte der Emir Aqad, schon mit
einem weißen traditionellen Umhang bekleidet, und neben ihm ruhte diese blonde Nicole in einer
Art  weißer  Safari-Anzug.  Wären  die  runden  Jetfenster  nicht  gewesen,  Stefanie  hätte  total
vergessen,  dass  sie  in  einem  Jet  und  nicht  in  einem  privaten  Salon  reiste.  Leise  summte  die
Klimaanlage.
„Stoßen  Sie  mit  mir  an  auf  die  letzte  Runde  des  Wettbewerbs!“  Der  Emir  hob  das  Glas,  darin
schimmerte blutrot der geeiste Granatapfelsaft.
Florian  griff  zum  Glas,  und  Stefanie  beeilte  sich,  damit  er  ihr  keines  vom  Silbertablett  auf  dem

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Sofatisch reichen konnte. „Ich freue mich, Ihr Land Abu Faira kennenzulernen.“ Stefanie hörte an
ihrer  Stimme,  dass  sie  sich  in  der  Gewalt  hatte.  Sie  war  fest  entschlossen,  neutral  freundlich  zu
sein. Zicken mochte keiner – auch wenn Stefanie eine Menge bissiger Kommentare auf der Zunge
lagen.
„Es  ist  ein  wunderbares  Land,  so  klar  wie  die  Farben  unseres  Wappens.  Goldener  Sand,
saphirblaues Meer und fruchtbar rote Granatäpfel aus den Gärten in den hohen Bergen, wo es viel
kühler ist. Ich werde sie dir zeigen.“ Der Emir hob das Glas zu Nicole.
„Aber erst darf ich meine Models einweisen, ja?“
Stefanie  lächelte  mechanisch,  als  der  Emir  nickte. Angeblich  betrieb  diese  Nicole  eine  People-
Agentur  für  First-Class-Event-Personal.  Stefanie  war  sich  nicht  mehr  so  sicher,  ob  sie  Florians
Frau war, aber zusammen waren sie bestimmt, selbst wenn diese Nicole jetzt so tat, als hätte sie
nur  Augen  für  den  Emir.  Es  sprach  nicht  gerade  für  Florian,  dass  er  auch  noch  zusah.
Wahrscheinlich war Florian einfach nur ein knallhart berechnender Geschäftsmann, versuchte sie
die  Zweifel  beiseitezuschieben.  Doch  ein  kleines  Stimmchen  blieb  hartnäckig:  Wirklich?  Sein
weicher Blick sprach so eine ganz andere Sprache.
„Der Saft ist immer wieder köstlich. Wie lange brauchen wir eigentlich?“, fragte Florian.
„Sechseinhalb  Stunden.  Aber  keine  Sorge:  Über  dem  Dinner,  dass  ich  für  Sie  richten  lasse,
vergessen  Sie  die  Zeit.  Ein  kleiner  Vorgeschmack  auf  die  Landesküche,  die  berühmteste  am
Golf!“ Der Emir lachte. „Aber manchmal schmeckt mir auch Fish ‚n‘ chips.“
„Ich war auch Fan davon, als ich mal durch England mit dem Fahrrad …“ Florian brach ab, weil
sich der Kapitän auf Arabisch meldete.
„Das macht er sonst nie, Moment bitte.“ Der Emir zog die Stirn kraus und hörte zu. „Das ist sehr
ärgerlich  …“  Er  drückte  einen  verborgenen  Knopf,  der  Diener  erschien  sofort.  „Räumen  Sie  die
Gläser weg und klappen Sie die Notsitze aus.“ Der Diener tat wie ihm geheißen. Stefanie konnte
gar  nicht  so  schnell  schauen,  wie  sich  die  Wandpaneele  vorn  und  hinten  in  der  Cabin
verwandelten. Ganz normale Flugsitze kamen zum Vorschein.
Der  Emir  stand  auf.  „Safety  first.  Da  ist  nichts  zu  machen.  Der  Kapitän  meldet  eine  schwere
Gewitterfront, die wir nicht umfliegen können.“ Er reichte Nicole die Hand und führte sie zu den
beiden Sitzen ganz vorn. „Die Alternative wäre nur eine Zwischenlandung in Larnaka auf Zypern.
Aber die Staatsgeschäfte …“
„Selbstverständlich“, sagte Stefanie. Der Flugzeugboden begann schon zu schwanken.
„Beeilen  wir  uns  lieber“,  sagte  Florian  und  ging  voran.  Stefanie  setzte  sich  neben  ihn,  nur  um
festzustellen, dass die beiden Sicherheitssitze sehr viel enger aneinander standen als sonst in Jets.
„Das sind die Notsitze, die sonst die Stewardessen benutzen“, sagte Florian.
„Fasten your seat belts, please“, befahl die Stimme des Kapitäns.
Stefanie spürte Wärme. Ob es die eigene war, weil sie sich doch aufregte, oder ob sie von Florians
Oberarm  herströmte  –  sie  hätte  es  nicht  zu  sagen  vermocht.  Einen  Moment  war  sie  froh,  nicht
allein hier zu sitzen. Aber dann sah sie wieder seinen forschenden Blick und schaute rasch weg.
„Es wird bestimmt nicht lange dauern“, flüsterte er.
„Du  brauchst  mich  nicht  zu  beruhigen,  ich  schaffe  das  schon  allein.“  Doch  ihre  Stimme  verriet
mehr  Zweifel,  als  sie  zugeben  mochte.  Schlimmer  als  das  Schaukeln  des  Jets  war,  dass  er  auch

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noch tief in Luftlöcher absackte. Und trudelte.
Florian legte seine kräftigen Hände auf die Lehnen. „Presse dich an den Sitz nach hinten, dann ist
es leichter.“
Es stimmte. Nur ihr Magen hüpfte immer mehr. „Mir wird übel“, flüsterte sie. Ausgerechnet jetzt,
ausgerechnet neben Florian.
Er beugte sich zur Seite und griff um den Sitz herum. Stefanie hatte die Augen geschlossen und
versuchte,  ihren  Magen  zu  hypnotisieren.  Die  Welt  bestand  nur  noch  aus  dem  Wunsch,  es  zu
überstehen.
„Hier.“ Er hielt ihr einen Spuckbeutel hin. Stefanie zögerte. „Danke.“
„Nimm  sie  sicherheitshalber.“  Er  faltete  sie  für  sie  auf.  Stefanies  Finger  zitterten.  „Du  siehst  ja
schon grün im Gesicht aus. Komm.“ Er legte ihr den Arm um die Schultern, und sie presste das
Papier auf die Lippen.
So  umsorgt  von  der  Wärme  seines  Körpers  war  die  Übelkeit  leichter  zu  ertragen.  Das  Schütteln
und Schaukeln riss nicht ab. Er nahm sie fester in seinen Arm, und es fühlte sich besser an, als sie
sich eingestehen wollte.
„Atme einfach weiter.“
Und  irgendwann  pendelte  das  Schwanken  aus.  Plötzlich  perlte  arabische  Musik  aus  den
Lautsprechern, und der Flieger lag wieder wie ein Brett in der Luft.
„Wir haben es überstanden!“, rief der Emir von vorn. „Kommen Sie. Genießen wir den Anflug auf
Abu Faira.“
Stefanie legte die Papiertüte weg. Florian rückte von ihr ab. „Geht es?“
Sie  konnte  ihm  nicht  in  die  Augen  schauen.  Wie  konnte  ein  solch  durchtriebener  Kerl  so  gut
trösten?  Stefanie,  nicht  schwach  werden,  ermahnte  sie  sich  selbst.  Er  hatte  einfach  nur  weniger
empfindliche Magennerven als sie, vom Fassadenklettern wahrscheinlich.
Zu viert standen sie an den Fenstern vorn. Unter ihnen im tiefblauen Meer zeichneten sich Riffe,
Inselchen  und  Dünen  ab.  Die  Wüste  schimmerte  in  allen  Sandfarben,  und  in  der  Ferne  ahnte
Stefanie eine Stadt mit hohen Türmen.
„Ein  wunderbares  Land.“  Die  freudige  Erregung  in  Emir  Aqads  Stimme  verriet  den  Stolz  des
Wüstensohns.

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10. KAPITEL

„Komisch, bei den Vorbereitungen habe ich mich auf dem Hotelplan zurechtgefunden. Aber live
ist dieses Luxus-Resort zehnmal größer, als ich es mir vorgestellt habe.“ Das Schlafzimmer seiner
Suite  war  so  groß  wie  seine  ganze  Wohnung  in  Berlin,  und  im  Bad  hätte  er  Inlineskates  fahren
können. Heute Morgen hatte Florian zwar das Gym und das Spa ausfindig gemacht, aber nicht den
Rosensalon,  wohin  der  Emir  zum  Frühstück  geladen  hatte.  „Jetzt  erscheint  mir  alles  wie  ein
riesiges Labyrinth von Gängen, Innenhöfen und Gärten.“ Selbst Brunnenanlagen gab es mehrfach.
Mal  mit  einem  kleinen  Wasserfall,  mal  mit  einer  Fontäne  über  drei  Stockwerke  hoch.  „Ich
bewundere dich, Nicole, dass du dich gar nicht verläufst.“ Er folgte seiner Schwester durch eine
Halle zu einem goldbeschlagenen Portal. „Seit wann hast du ein natürliches GPS im Kopf?“
„Es  ist  ganz  einfach.“  Nicole  ging  zu  den  goldenen  Türen,  die  sich  von  selbst  vor  ihr  öffneten.
Dahinter  zeigte  sich  ein  langer  Gang,  weißer  Marmor,  ein  roter  Teppich.  In  der  Ferne  erkannte
Florian in einem Rondell eine glitzernde Brunnenfontäne. „Ich war schon ein paar Mal hier“, sagte
Nicole seltsam leise.
„Wieso hast du mir davon kein Sterbenswörtchen erzählt?“ Er hielt sie am Ellenbogen fest. „Was
wird  hier  gespielt?“  Er  verstand  Nicole  nicht,  sie  war  doch  sonst  nicht  so  übertrieben
geheimnisvoll.
Sie  blickte  rasch  den  Gang  entlang  und  zog  ihn  zu  einem  der  schweren  Vorhänge,  die  an  den
zahllosen  Fenstern  das  grelle  Licht  dämpften.  Draußen  weitete  sich  der  Blick  auf  das  tiefblaue
Meer. Nur eine schneeweiße Yacht zog vorbei. „Es ist kein Spiel. Ich fürchte, es ist ernst.“
Florian starrte seine Schwester an. Ihre ganze Fröhlichkeit war aus ihrem Gesicht gewichen, einen
Moment  glaubte  Florian,  dass  sie  schwere  Schmerzen  habe.  „Bist  du  krank?“,  fragte  er  sanft.
Nicole belastete andere ungern mit ihren Sorgen, das meiste machte sie mit sich allein aus.
Plötzlich lachte sie. „Höchstens liebeskrank.“ Sie nahm ihre Hände ineinander. „Am Anfang war
es nur ein netter Abend in einem durchgestylten Londoner Club. Aqad hat mir den DJ vorgestellt,
und  noch  ein  paar  Leute.  Wir  hatten  Fun,  mehr  nicht.“  Nicole  legte  die  linke  Hand  auf  ihr
naturfarbenes Leinenkleid. „Schließlich hatte ich ja mit der Fashion Week genug zu tun. Dann hat
er mich zum Essen eingeladen.“
Das  klang  ja  alles  ganz  harmlos.  Florian  wartete,  wenn  Nicole  redete,  unterbrach  er  sie  besser
nicht. Er brummte nur verständnisvoll: „Hm.“
„Und dann hat Aqad mich auf ein Jagdwochenende nach Schottland eingeladen. Ich habe mich ein
bisschen gewundert, weil er in London so ganz und gar nicht nach merry old England ausgesehen
hatte.“  Sie  lachte  wieder.  „Das  Schloss  lag  sogar  nebelumhangen  auf  einer  Halbinsel.  Erst  habe
ich nicht geglaubt, dass es ihm gehört.“ Sie breitete die Arme aus. „Gegen den Palast hier ist es
eher  klein.“  Sie  sah  ihn  voll  an.  Ihre  grüngrauen Augen  waren  dunkler  als  sonst.  „Er  hat  sich  in
mich verliebt und will am liebsten jeden Tag mit mir verbringen.“
„Wie lange …“ Florian brach ab, weil sich die Augen Nicoles mit Tränen füllten.
„Dreieinhalb  Monate.  Es  ist  …  diese  ganzen  Schlösser,  diese  Paläste,  die  Privatjets,  der  ganze
Aufwand … es ist wie im Märchen. Aber ich war nie eine Romantikerin, die sich als Prinzessin
verträumt  …  Ich  komme  damit  einfach  nicht  richtig  klar.“  Jetzt  lief  doch  eine  Träne  aus  ihrem

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Auge. Sie wandte sich ab.
Seine  so  wohl  sortierte  Schwester  war  ganz  verwirrt.  Sie  sah  das  Entscheidende  nicht  mehr:
„Liebst du ihn denn?“
„Ja.  –  Das  heißt,  vielleicht.  Ich  weiß  es  nicht  mehr.  Ich  habe  mich  noch  nie  so  wohl  mit  einem
Mann  gefühlt,  von  der  ersten  Sekunde  an.  Aber  je  mehr  ich  von  diesem  Leben  zwischen
Botschaften  und  Palästen  sehe,  desto  mehr  macht  es  mir Angst.“  Sie  lehnte  ihren  Kopf  an  seine
Schulter wie ein erschöpftes Tierchen. „Was soll ich jetzt nur machen?“
„Was ist denn so schrecklich?“, fragte Florian und fasste ihre Hand.
„Er hat mich zur Falkenjagd eingeladen.“ Ihre Stimme zitterte.
Florian sah sie verwirrt an. „Und?“
„Aqad will mich seiner Familie vorstellen, damit … nun, er hat es nur angedeutet, aber wenn …
sie  mich  mögen,  dann  würde  er  mich  …  Ich  habe  ihm  die  Hand  auf  den  Mund  gelegt.  Ich  will
nicht, dass er mich fragt. Nicht jetzt. Ich habe doch die ganze Model-Agentur nicht aufgebaut, um
einfach aus meinem Leben auszusteigen wie aus einem Taxi.“
Der Vergleich zeigte, wie durcheinander sie war. „Lass dir Zeit.“
Sie hörten Schritte. Nicole wischte sich rasch über die Augen.
Der  Emir  winkte  vom  Brunnen  her.  Sein  weißer  bodenlanger  Umhang  wehte.  „Da  seid  ihr  ja
endlich! Kommt, das Buffet ist köstlich!“
Sein  Lachen  hallte  so  einladend  durch  den  Flur,  dass  Florian  von  der  Fröhlichkeit  angesteckt
wurde. „Komm, Schwesterherz. Wenn du nichts isst, wirst du erst recht keine gute Entscheidung
treffen. Ich habe auf einmal einen Bärenhunger.“ Kein Wunder bei dem Programm, dass er heute
vor sich hatte.
Der Emir kam ihnen entgegen. „Heute weihe ich dich in die Geheimnisse der Falkenjagd ein. Das
ist  viel  aufregender,  als  du  denkst.  Auch  für  die  Zuschauerinnen  im  Frauenzelt.“  Er  umfasste
Nicole lachend mit beiden Armen, hob sie auf und wirbelte sie um sich herum.
Florian spürte einen Stich. So hatte er Stefanie auf ihrem Balkon herumgewirbelt. Einen Moment
lang spürte er ihr Gewicht in den Armen, ihren Körper vor seiner Brust. Traurigkeit erfasste ihn.
„Wo bleibst du denn?“ Nicole zeigte im sonnendurchfluteten Gang nach vorn. „Das Buffet duftet
köstlich.“

Florian  hatte  die  beiden  noch  bis  zum  Hubschrauberlandeplatz  auf  dem  Hoteldach  begleitet.  Er
genoss  die  Aussicht  auf  die  weitläufige  Hotelanlage.  Im  Grunde  war  das  Luxus-Resort  wie  ein
Schmetterling angelegt: Die Zimmerfluchten stellten die Ränder der Flügel dar, die Gartenanlagen
in den Innenhöfen die Farbtupfer in einem Flügel. Der Hauptkomplex mit den Entertainment- und
Wellnessbereichen lag in der Mitte, nach Süden lang gestreckt wie ein Schmetterlingskörper. Der
Kopf entsprach dem abgeschirmten Bereich, in dem die Familie des Emirs residierte. Die beiden
Schmetterlingsfühler konnte er gleichsetzen mit den Privaträumen, bestimmt mindestens zwanzig
pro Seite. Von dort hatte man den schönsten Blick auf das tiefblaue Meer.
Florian  drehte  sich  zur  Landseite  hin.  Hinter  einer  langen  palmenbestandenen  Zufahrtsallee,  die
doppelt  so  breit  schien  wie  eine Autobahn,  ragten  in  der  Ferne  die  Türme  des  neuen  Business-
Centers  von  Abu  Faira  auf,  darunter  verschwammen  in  der  Farbe  des  Sandes  die  Mauern  der
Altstadt.

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Am  westlichen  Flügel  des  Luxus-Resorts  würde  Florian  nun  seine  Showpräsentation  aufbauen
müssen.  Das  Material  war  inzwischen  angeliefert,  und  im  Basement  warteten  seine  Leute  schon
auf ihn.

Die Jungs waren guter Laune, sie waren im dritten Innenhof in einer eigenen Suite untergebracht.
Zwei Stunden hatte er ihnen alles erklärt, eingeschärft, genug zu trinken und die Hemden wegen
der Sonnenstrahlung nicht auszuziehen, egal, wie heiß es würde. Dann hatten sie bei vierzig Grad
im Schatten mit dem Aufbau der Gerüste begonnen.
Alles lief am Schnürchen, bis er selbst auf die Ebene 4 hochgeklettert war: Drüben im Ostflügel
sah er Stefanie ihre Arbeiter dirigieren. Sie stand auf einer Hebebühne und ließ ebenfalls Rohr für
Rohr  montieren.  Trotz  Sonnenbrille  und  –  hut,  Florian  hätte  schwören  können,  dass  ihr  Blick  in
seinem  lag,  als  sie  für  einen  Moment  die  gut  hundert  Meter  herübersah.  Ihr  roter  Overall
unterstrich  selbst  auf  diese  Entfernung  ihre  Figur.  Florian  konnte  nicht  anders,  er  griff  zum
Fernglas  und  betrachtete  sie.  In  den  zwei  schwarz  umrandeten Ausschnitten  sah  er,  wie  Stefanie
abwechselnd  in  ein  Handy  sprach  und  sich  mit  einem  Vorarbeiter  über  einen  Plan  beugte.  Mit
präzisen  Handbewegungen  deutete  sie  danach  auf  die  verschiedenen  Zonen  der  Fassade.  Sie  war
absolut professionell, die Reaktionen der Leute ließen daran keinen Zweifel. Die nickten nur und
schwirrten ab. So musste es sein.
„Chef? Die Maße stimmen nicht!“, rief Fred von unten.
Florian drehte sich um und stieß mit dem Kopf an eine Querstange. „Wo?“
„Vom Transparent Nummer fünf bis zum siebenundreißigsten, da fehlen jeweils drei Zentimeter
an den Halteseiten.“
„Verdammt!“  Jetzt  müssten  sie  in  der  Mittagshitze  das  Ausgleichsband  annähen.  „Ich  komme
sofort runter.“ Wenn man nicht auf alles selber aufpasste.

Stefanie  hatte  ihn  sofort  erkannt,  obwohl  der  Westflügel  drüben  schon  in  der  gleißenden  Sonne
lag. Keiner sonst baumelte so locker auf einem dünnen Rohr zwanzig Meter über dem Erdboden
mit  den  Beinen.  Es  war  natürlich  unmöglich,  aber  sie sah  Florians  Muskeln,  obwohl  er  einen
blauen Kletteranzug trug. Seine Leute respektierten ihn, nie musste er schreien. Stefanie sah ihn
sogar  mit  ihnen  entspannt  beim  Aufbau  lachen.  War  er  also  doch  kein  knallharter
Unternehmertyp,  sondern  ganz  anders,  als  sie  dachte?  Um  den  Kopf  hatten  er  und  seine  Leute
Kopftücher wie Piraten gebunden.
Stefanie  war  froh,  dass  sie  den  Gerüstaufbau  im  Schatten  überwachen  konnte.  „Bringt  die
Hauptträger für die Mainlights genau hier an. Abwechselnd um sechzig Grad plus und minus aus
der  Zentralachse  gedreht.“  Sie  deutete  auf  den  Plan,  den  Robert  noch  in  Berlin  minutiös
ausgearbeitet  hatte.  Am  Anfang  hatten  sie  die  zig  Änderungen  verrückt  gemacht,  die  ihr  Chef
eingearbeitet  hatte,  doch  dann  hatte  sie  immer  mehr  begriffen,  wie  die  Lichtinszenierungen
technisch umgesetzt wurden. Es war unheimlich spannend, wie fein er die Lichteffekte steuerte.
„Wann  montieren  wir  die  Farblaser?  Die  sind  temperaturempfindlich.“  Der  Lichttechniker  war
Roberts bester Mann.
„Ich vertraue Ihnen. Aber ich denke, besser nach 17 Uhr, dann soll sich die Hitze legen.“
„Wenn siebenunddreißig Grad kühl in Abu Faira ist, möchte ich nicht wissen, was heiß ist.“ Der

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Lichttechniker tippte mit den Fingern an die Stirn wie beim Militär und ging davon.
Stefanie konnte nicht anders, sie schaute hinüber zum Westflügel – und erstarrte. Florian richtete
ein Fernglas direkt auf sie! Konkurrenzneid? Nein, er hatte genauso wenig Zeit zu verlieren wie
sie. Und wenn er auch ständig an sie dachte … Blödsinn, das musste die Hitze sein. Stefanie schob
den Gedanken weg.
„Stefanie?  Wir  brauchen  die  Laserkabel  aber  schon  auf  der  Sieben-A,  können  wir  sie  auf  der
Neun-C um drei Meter kürzen?“
Einen Augenblick lang dachte sie noch darüber nach, wie Florian sich fühlte, aber da ließ er schon
das  Fernglas  sinken  und  turnte  über  die  Rohre  nach  unten.  Ein  großes  Transparent  nahm  ihr  die
Sicht.  Auch  wenn  sie  sich  eigentlich  freuen  sollte,  wenn  er  Probleme  beim  Aufbau  hatte  …
Stefanie  konnte  es  nicht.  Und  sie  wollte  schon  gar  nicht  den  Wettbewerb  nur  deshalb  gewinnen,
weil Florian seine Show nicht starten konnte.
„Stefanie! Was ist nun mit den Laserkabeln?“, rief es wieder von unten.
Sie hatte die Frage ihres Lichtmeisters vergessen. „Ich schaue mir das lieber an.“ Sie dirigierte die
Hebebühne, erst nach Westen, dann nach unten. Sie hatte die Hebel verwechselt.

Florian  hatte  eine  Generalpause  vor  der  Generalprobe  verordnet,  wie  es  die  Erfahrung  lehrte.
Wenn man nicht durchatmete, dann ging etwas schief, nur weil die Leute zu müde waren. Florian
steuerte  den  schattigen  Palmenhain  an,  der  den  Pool  beschattete.  Ihm  gefiel  das  geometrische
Becken,  die  türkisblauen  Kacheln  –  und  dann  sah  er  Stefanie  auf  dem  Rücken  schwimmen.  Ihre
Beine  wirbelten  das  Wasser  auf,  ihre  wunderbar  geformten  Arme  holten  nach  hinten  aus.  Das
Wasser und die Lichtreflexe glitten über ihren Leib wie goldene Seide. Der Anblick erregte ihn,
gegen  seinen  Willen  blieb  er  in  der  Sonne  stehen,  nur  um  keine  Sekunde  zu  verpassen.  Erst  als
ihre Hand am Beckenrand anschlug, drehte er sich um und flüchtete im Schatten entlang zurück
auf  sein  Zimmer.  Er  wusste  nicht,  was  seine  Sorgen  an  sein  Projekt  ausgelöscht  hatte,  die  Hitze
oder das sinnliche Gleiten ihres Bauches durch das Wasser. Warum nur waren tolle Frauen immer
so undurchschaubar?

Stefanie  genoss  das  Schwimmen,  mit  der  Bewegung  floss  der  ganze  Stress  in  das  wunderbar
weiche Wasser und wurde davongespült. Sie blinzelte in die Fächerpalmen hoch über dem Pool.
Dann  spürte  sie  mit  der  Hand  den  Beckenrand  und  drehte  sich  um.  Sie  sah  über  den  Weg  zum
Hotel,  direkt  auf  einen  perfekt  gerundeten  Männerpo  und  zwei  Beine  in  einem  blauen
Kletteroverall.  Sie  hatte  diese  Rundungen  berührt,  gern  berührt  und  sich  gewünscht,  der  Stoff
unter ihren Händen wäre längst gefallen. Erst ein Lichtfleck, der über ihre Augen tanzte, machte
ihr  klar,  dass  sie  hinter  Florian  herglotzte  wie  ein  schüchternes  Girlie  einem  Popstar.  Stefanie
tauchte  sofort  unter,  aber  das  Wasser  kühlte  nur  ihre  Haut,  ihren  Gefühlen  konnte  es  nichts
anhaben.
Als sie die Luft nicht mehr anhalten konnte, tauchte sie wieder empor und rang nach Atem. Auf
dem Weg unter den Palmen war niemand mehr, nur ein Gärtner rechte den Kies glatt.

Florian lag in seinem Bett auf dem Rücken. Er hatte die Klimaanlage auf 27 Grad gestellt, damit
er nachher keinen Hitzeschock bekam. Und doch war ihm heiß, zu heiß, um zu entspannen.

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Es war wie verhext gewesen! Kaum war er vom Pool zur Lounge gegangen, wo man seinen Leuten
ein  Mittagessen  reichen  sollte,  war  Stefanie  am  anderen  Ende  des  Saales  erschienen.  Ihre  weiße
Bluse  stellte  ihre  Brüste  mehr  aus,  als  dass  sie  sie  verbarg,  obwohl  sie  auch  noch  ein  langes
Strandkleid  trug.  Er  war  sofort  aufgestanden,  sonst  hätte  er  Stefanie  über  jedem  Happen
Meloneneis auf Parmaschinken anstarren müssen.
Aber dann im Keller bei den Materiallagern hatten sie schon wieder fast nebeneinander gestanden,
sie  am  Lift  East Aile  4,  er  am  Lift  West Aile  1.  In  aller  Eile  hatte  er  ein  Transparent  vor  sich
gehoben, wie sie einen rollenden Scheinwerfer.
Und danach waren sie sich in der Stromzentrale begegnet: sie auf Level 3 bei dem Chefingenieur
am  Hauptpult,  er  darunter  auf  Level  2  beim  Vizeingenieur  am  Sicherungspult.  Er  hörte  Stefanie
die  gleichen  Sicherheitschecks  herunterbeten  wie  er  selber:  „Keine  Überspannungen,  keine
Ausfälle, wie viele Notgeneratoren, wie viele Supervisors?“ Es hatte ihn gar nicht gewundert, dass
in dem Moment eine Hauptsicherung durchgeknallt war – und er Hektik unter Elektrotechnikern
so einmal auf Arabisch erlebte.
Jetzt,  auf  seinem  Bett,  fiel  ihm  nichts  ein,  womit  er  ihren Anblick  aus  seinem  Gedächtnis  hätte
löschen  können.  Die  ganze  Technik  dort  in  der  Zentrale  bot  den  perfekten  Kontrast  zu  ihrer
weiblichen Schönheit. Oh Mann, Florian, wie willst du nachher die Show steuern? Vielleicht half
eine kalte Dusche. Er sprang vom Bett.

Sie würde sich am Ende noch erkälten. Der kühle Regen aus der Hightechdusche half auch nicht
viel. Wie Florian da unten zwischen den Transformatoren und Hauptkabeln gestanden und auf den
Vizeingenieur  eingeredet  hatte.  Seine  dunkle  freundliche  Stimme  war  ihr  zu  angenehm,  als  dass
sie  nicht  jedes  Wort  hätte  hören  wollen.  „Keine  Ausfälle,  keine  Überspannungen,  wie  viele
Supervisors,  wie  viele  Notgeneratoren?“  Florian  hatte  die  anderen  Männer  um  Haupteslänge
überragt, ein bisschen wie ein Feldherr und doch auch ein bisschen wie ein Junge, den es an den
falschen Platz verschlagen hatte. Stefanie ließ den Gedanken nicht zu, wo der richtige für ihn sein
könnte.  Sie  warf  das  Handtuch  einfach  auf  die  geometrischen  Kacheln  und  lief  zurück  in  ihr
Zimmer.
Doch so weich das Bett auch war, sie lag allein zwischen diesen kühlen Laken, hörte nur ein leises
Rauschen der Klimaanlage, keine Worte, die ihr ein zärtlicher Mund aufs Ohr küssen würde …
Wie gestochen richtete sie sich auf. Vergiss den Typen sofort, so steuerst du Roberts Lichtshow ins
Desaster.
  Sie  hob  die  Beine  aus  dem  Bett  und  tastete  nach  der  Multimediasteuerung.  Die
Surroundanlage  sprang  sofort  an: Like  a  virgin  …  Ausgerechnet!  Madonnas  Stimme  füllte  ihre
ganze  Suite.  Stefanie  hämmerte  mit  der  Faust  auf  Stop.  Und  schaltete  leider  nur  den  Kanal  um.
Jetzt  gurrte  eine  arabische  Frauenstimme  herzzerreißend  ein  Lied  aus  magischer  Zeit.  Stefanie
warf sich aufs Bett und schob sich das Kissen über die Ohren.

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11. KAPITEL

Eine  Woche  schon  war  vergangen,  Stefanie  mochte  es  gar  nicht  glauben.  Die  Zeit  war  gerast,
während  das  Gerüst  für  die  Lichtanlagen  an  der  Fassade  des  Ostflügels  im  Rekordtempo
hochgezogen worden war. Das Team hatte quasi rund um die Uhr gearbeitet, alle Lampen, Laser
und  Spots  plangerecht  angebracht.  Stefanie  hatte  jede  Vorgabe  dreimal  gecheckt,  nachts  Mails
nach Berlin geschickt und mit ihrem Chef Robert Detailprobleme geklärt. Es hatte ihr richtig Spaß
gemacht,  sie  hatte  so  viel  gelernt  –  und  wenn  sie  den  Preis  gewann,  dann  konnte  ihre  Karriere
richtig durchstarten.
Nervös checkte sie ein letztes Mal die Basiseinstellungen auf dem Steuerpult. Alles in Ordnung.
Ihre Kabine war unterhalb des Paradebalkons aufgebaut worden. Über ihr versammelte sich gerade
die Großfamilie des Emirs, gut hundertzwanzig Personen sollten das sein. Wie lange dauerte das
denn  noch?  Den  ganzen  Tag  hatte  sie  Hubschrauber  auf  dem  Dach  landen  hören.  Stefanie  sah
durch  das  große  Panoramafenster  der  Kabine  aus  dem  gleichen  Winkel  wie  die  Emirfamilie  die
Show. Das war wichtig, sonst stimmten manche Proportionen nicht. Die endlos lange Fassade lag
im  Dunkel  der  Sommernacht.  Alle  Lichter  waren  ausgeschaltete  worden,  sogar  auf  den
Zufahrtsstraßen  zum  Resort.  Nur  das  Sternenlicht  funkelte  hoch  oben.  Wie  gut,  dass  Robert  das
berücksichtigt hatte.
Dummerweise konnte sie aber auch die Kabine sehen, die sich Florian hatte aufbauen lassen. Die
war  schwenkbar  auf  einer  Hebebühne  angebracht,  warum  auch  immer.  Sie  sollte  sich  besser  auf
das eigentlich Wichtige konzentrieren. Schließlich hatte der Emir Aqad verfügt, dass Stefanie für
light arts beginnen sollte. Und das konnte jeden Moment sein.
Stefanie  konnte  nicht  anders,  sie  vermutete,  dass  diese  Nicole  ihre  Finger  bei  der Abfolge  drin
hatte.  Ihr  Start  gab  Florian  einen  Vorteil,  weil  er  noch  ein  paar  Minuten  extra  für  die
Feinabstimmungen gewonnen hatte.
Der Countdown am Pult stand längst auf 0.00, doch der Emir hatte verfügt, dass er ihr selbst das
Go geben würde. Stefanie ertappte sich beim Nägelkauen und ließ es sofort. Das rote Telefon am
Pult  summte  wie  ein  Weltraumblitz.  Sie  war  sofort  dran:  „Stefanie  Clarin,  was  …“  kann  ich  für
Sie tun.
 Gottseidank hatte sie die leere Formel verschlucken können. Der Emir lachte und sprach
noch mit jemandem auf Arabisch. „Frau Clarin? Sind Sie so weit?“
Am  liebsten  hätte  sie seit  siebenundreißig  Minuten  geseufzt.  Doch  sie  sagte  nur:
„Selbstverständlich.“
„Dann starten Sie in fünf Minuten.“
Die  schienen  Stefanie  die  längsten  ihres  Lebens.  Sie  wusste  einfach  nicht  mehr  wohin  mit  ihren
Händen, die immer feuchter wurden. Wie hypnotisiert starrte sie auf die Zeiger ihrer Armbanduhr.
Dann sprang der Zeiger zum fünften Mal auf zwölf. Stefanie klickte auf dem Steuerpult auf Start.
Von  jetzt  an  konnte  sie  nichts  mehr  tun,  außer  notfalls  die  Performance  zu  stoppen  und  einen
Neustart zu veranlassen. Aber verloren hätte sie dann sowieso. Als die blauen Laser die Illusion
einer  Morgendämmerung  erzeugten,  sank  sie  langsam  zurück  in  den  Steuersessel.  Es
funktionierte, es wirkte so echt …
Draußen  war  keine  Hotelfassade  mehr  zu  sehen,  nur  noch  ein  Meer  mit  mäßigem  Wellengang,

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über dem langsam eine blutrote Morgensonne emporstieg, ein wenig schneller als in Wirklichkeit.
Und  mit  ihr  veränderte  sich  das  Meer,  wurde  ruhiger,  eine  Sandbank  erstrahlte  im  ersten
Morgenlicht. Wuchs auf zu einer Insel, die immer länger und breiter wurde, bis sie der Hotelinsel
entsprach,  Palmen  keimten  auf,  reiften  aus.  Und  dann  sausten  bunte  Luftgeister  herbei,  halb
menschlich, halb Nebelfetzen, setzten Mauerteile, Steine, Fenster. Was eben noch wie eine Ruine
aussah, verwandelte sich in einen Pavillon. Stefanie holte Luft, wenn jetzt die Laser versagten …
Doch der kleine Pavillon hob ab, wurde weich, als sei er eine Spiegelung in einem Wasser, drehte
sich  in  der  Luft,  stürzte  ineinander,  verwandelte  sich  nach  und  nach  zu  einer  Reihe  von
international bekannten Gebäuden. Sogar das bayerische Ludwigsschloss hatte Robert auserwählt,
Windsor  Castle  und  den  Dogenpalast  aus  Venedig  …  Stefanie  war  so  aufgeregt,  dass  sie  die
Namen vergaß, die sie so oft gelesen hatte. Die Reise um die Welt ging weiter.
Und dann tobte Roberts Fantasie sich völlig aus. Der Umriss des Palasts wurde ständig verändert,
hier  mal  ein  wenig  auf  europäisch  mit  Zwiebeltürmchen  verwandelt,  dort  mal  auf  japanisch  mit
Pagodendächern  getrimmt.  Bis  die  Luftgeister  Farbe  über  die  Wände  schütteten,  Gold  und
Edelsteine  verteilten,  bis  wie  in  Wirklichkeit  das  Hotel  als  Krönung  der  Palastbaukunst  vor  den
Zuschauern stand.
Auf  der Anzeige  verrannen  die  letzten  Sekunden.  Stefanie  war  schweißgebadet  und  wischte  sich
die  Stirn.  In  dem  Moment  dröhnte  durch  die  Kabinendecke  der  Applaus  der  Emirfamilie  vom
Paradebalkon. Sogar ein paar Jubelrufe konnte sie unterscheiden. Sie presste die Hände vor Freude
aufs Gesicht und war auf einmal nur noch unendlich erleichtert.
Der Lärm über ihr beruhigte sich. Stefanie sah, wie drüben die Hebebühne mit der Kabine, in der
Florian saß, ruckelte und sich langsam ein wenig vorschob. Dann wurde es über ihr still.
Am Westflügel wurde es hell, Stefanie begriff es erst nicht, aber es war so faszinierend, dass sie
sich vorbeugte. Buchseiten rieselten wie Konfetti über die Fassade, natürlich nicht wirklich, aber
dann sammelten sie sich, und ein riesiger blauer Finger spielte Daumenkino, blätterte durch den
Stapel  und  …  zog  Seiten  heraus,  die  sich  auffalteten  …  zu  einem  roten  Ferrari!  Florian  hatte
einfach  sein  Auto  abfotografiert,  oder  doch  nicht?  Denn  aus  dem  Ferrari  wurden  zwei  Wagen,
bevor über die Fassade alle Luxuskarossen der Welt paradierten, nur um optisch zu zerbröseln, um
im  nächsten  Moment  zu  wilden  Tieren  zu  werden,  zu  Stieren,  zu  Pferden.  Die  edelsten
Araberhengste  weideten,  sprangen,  rannten  über  die  Fassade,  als  habe  die  kein  Ende.  Die  Wüste
unter  ihren  Hufen  schimmerte  immer  heller,  transformierte  sich  in  Gletschereis,  die  Pferde
wurden zu Drachen, Eisvögeln, Raumschiffen, der Gletscher zu Mondgestein, das unendliche All
tat  sich  auf,  die  Sonne  leuchtete.  Stefanie  hätte  es  nicht  gewundert,  wenn  gleich  Captain  Picard
eingebeamt  würde.  Doch  die  Planeten  wurden  zu  Weihnachtskugeln,  zu  arabischem  Gebäck,  sie
konnte gar nicht so schnell schauen, wie die Leckereien aus dem Basar von Abu Faira ausgebreitet
wurden.  In  der  nächsten  Sekunde  sah  sie  einen  Händler  und  seine  halbverschleierte  Tochter,
immer  größer  wurde  das  Frauengesicht,  bis  nur  noch  die  Augen  ganz  ruhig  von  der  Fassade
herabschauten,  unendlich  fröhlich  und  geheimnisvoll  grün.  Ein  schillernder  Zeichenstift
umrandete sie, machte eine Zeichenfigur aus der Frau, die über den imaginären Rand kletterte und
einen  wunderbar  verschlungenen  arabischen  Schriftzug  über  die  Fassade  zog.  Und  sich  am  Ende
vor dem Publikum verbeugte – und wie ein Dschinn im lila Rauch verschwand.

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Stefanie  schien  es,  dass  der  Applaus  sofort  einsetzte,  bevor  noch  die  letzten  Schwaden  auf  der
Fassade  verzogen  waren.  Es  war  optisch  so  anders  als light  arts,  man  konnte  bei  Florian  immer
sehen, dass es eine Projektion war, und doch war es faszinierend, mitreißend. Das gab sie neidlos
zu.
Oben applaudierte man immer noch. Stefanie konnte nicht anders als die Zeit auf der Anzeige zu
stoppen.  Das  hörte  ja  nicht  auf!  Doch  dann  begriff  sie,  dass  der  Lärm  von  oben  sich  mit
Fußgetrappel  gemischt  hatte.  Das  rote  Telefon  summte  mit  dem  Weltraumblitz.  Sie  hob  ab,  der
Emir redete sofort los: „Fantastisch, mehr als ich mir erhofft hatte, der Familienrat tagt sofort …
kommen Sie in einer Stunde in den Panorama-Saal, der Diener wird Sie hinbringen.“ Klick.

Die  Zeit  hatte  gereicht  für  eine  belebende  Dusche  und  einen  Granatapfelsaft.  Stefanie  hatte  sich
für  ein  schlichtes  Businesskostüm  entschieden,  dessen  grauer  Seidenstoff  zwar  eng  saß,  aber
wenigstens kühlte. Eigentlich war sie fast nicht mehr aufgeregt, sie hatte alles gegeben. Die Show
war ohne Störung abgelaufen, Robert würde ihr nichts vorwerfen können.
Nun folgte sie dem Diener und stellte fest, dass der für die Familie des Emirs reservierte Teil des
Palastes  noch  luxuriöser  als  das  Hotel  war.  Die  Verzierungen  über  den  Marmorfriesen  an  den
Wänden waren aus echtem Gold, das erkannte sie am Widerschein.
Im Panorama-Saal hatten die Fenster indisch anmutende Rundbögen, auch der Marmor war leicht
rosa.  Draußen  kletterten  am  Westflügel  Florians  Leute  im  schwachen  Notlicht  an  der  Fassade
herum. Am  Ostflügel  sah  Stefanie  hie  und  da  einen  kleinen  Laserblitz.  Das  Team  justierte  wie
verabredet  die  Anlage,  falls  der  Emir  eine  Wiederholung  wünschte.  Cremefarbene
Sitzlandschaften waren wie Inseln auf dem türkis schimmernden Boden verteilt. An der Rückseite
des  ovalen  Raumes  hing  eine  lange  Reihe  mit  eindrucksvollen  Porträts  von  Emiren.  Vor  dem
letzten Bild stand Florian.
Sie hätte es sich doch denken können, dass sie ihn hier traf. Warum erschrak sie so, dass sie sich
auf den erstbesten weißen Sessel fallen ließ? Florian nickte ihr zu, jedenfalls glaubte sie das. Er
trat  in  den  Halbschatten  am  äußersten  linken  Fenster.  Stefanie  sah  draußen  die  Laserblitze  ihres
Teams. Moment …
Sie  wandte  den  Kopf.  So  viel  hatte  sie  in  der  harten  Woche  von  der  ganzen  Technik  kapiert:
Florian  konnte  von  dort  gar  nicht  seine  Leute  beobachten,  sondern  nur  sie!  Und  tatsächlich,  er
stand dort, die Hand unter dem Kinn, die andere unter dem Ellenbogen, und schaute einfach zu ihr
her.  Sie  konnte  den  dunklen  Blick  aus  dem  Halbschatten  nicht  deuten.  Wollte  er  sie  irgendwie
verunsichern? Das gelang ihm jedenfalls großartig. Stefanie drehte sich im Sitz, ihr Blusenkragen
rutschte ein wenig auseinander, der kühle Luftzug am Hals tat ihr gut. Sie sah zu ihm hinüber und
zwang sich ein neutrales Lächeln ab. Sie würde eine so gute Verliererin wie Gewinnerin abgeben.
Im Business – das hatte sie sich geschworen – würde sie immer fair bleiben.
Die  vergoldeten  Türen  an  der  schmalen  Seite  des  Ovals  öffneten  sich,  zwei  Diener  in  weißen
Anzügen  verbeugten  sich  rechts  und  links  vor  dem  Emir,  der  beide  Arme  weit  ausbreitete.
Stefanie  sah  ein  goldenes Armband  an  seinem  rechten  Handgelenk  rutschen.  „Sogar  mein  Onkel
Fuhad,  unser  Feuerwerksspezialist,  war  begeistert.  Sie  glauben  nicht,  wie  schwer  es  ist,  ihn  zu
fesseln.“  Der  Emir  setzte  sich  einfach  in  die  nächststehende  Sitzgruppe  und  wies  auf  die  Sessel
gegenüber.

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„Das freut mein ganzes Team von light arts“, sagte Stefanie und ging zu ihm hin.
Florian  setzte  sich  auf  eine  Sesselkante,  allerdings  ziemlich  breitbeinig,  Stefanie  konnte  sehen,
dass  er  die  Hände  fest  ineinander  verschränke,  so  weiß  waren  seine  Knöchel.  Er  war  bestimmt
genauso nervös wie sie selbst. Ihr Herz schlug wie rasend vor Aufregung.
Der  Emir  räkelte  sich  und  streckte  das  linke  Bein  vor.  Seine  rechte  Hand  spielte  auf  der
Rückenlehne: „Die Sache ist … Die auftauchende Insel aus dem Meer wurde einstimmig begrüßt.“
Florian seufzte leise und schaute auf den Boden. Stefanie schluckte.
„Aber die Pferdesequenz von Herrn Talhofer ebenfalls.“ Der Emir blickte erst ihn an, dann sie.
„Was heißt das?“, fragten Stefanie und Florian wie aus einem Munde. Es war ihr sofort peinlich,
aber der Emir lachte nur.
„Das  heißt,  der  Familienrat  hat  beschlossen,  dass  wir  beides  für  die  offizielle  Eröffnungsfeier
haben wollen. Die halbe Lichtshow von light arts und die halbe Präsentation Senkrecht & Seil.“
Stefanie  war  geschockt.  Sie  konnte  doch  nicht  einfach  einen  Teil  von  Roberts  Ideen  aus  dem
Programm kippen. „Das ist technisch unmöglich“, flüsterte sie.
„Ganz unmöglich sogar. Ich arbeite mit angeleuchtetem Papier, nicht mit Licht pur“, sagte Florian
und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Dann machen Sie es möglich!“ Der Emir lehnte sich zurück und hob das Kinn.
Stefanie zuckte mit den Achseln. „Ich glaube nicht, dass das geht.“
Florian schüttelte nur den Kopf.
Der Emir kniff die Augen zusammen. „Wir sind alle Geschäftsleute hier. Versuchen Sie nicht, zu
pokern.“ Seine Stimme wurde kalt. „Die Position von Abu Faira ist klar: Entweder wir bekommen
das Beste aus Ihren beiden Shows … oder keiner von Ihnen beiden macht den Deal.“
Das  würde  ihr  Robert  nie  verzeihen.  Wenn  sie  das  Geschäft,  die  Ehre,  die  ganze  Werbung,  die
light  arts  damit  später  machen  könnte,  jetzt  einfach  versiebte,  dann  war  sie  in  der  Branche
geliefert, bevor ihre Karriere überhaupt richtig angefangen hatte. Florian stieß heftig die Luft aus.
Sein  Blick  wanderte  vom  Emir  zu  ihr,  zum  Fußboden,  zu  seinen  Händen.  Stefanie  ahnte,  was  er
dachte. Ohne den Auftrag war seine Firma geliefert, damit hatte sich der Rechtsanwalt Thorsten
oft genug gebrüstet.
Florian räusperte sich. „Ich will mit meiner Firma gern den Versuch machen, aber es wird extrem
aufwendig und kompliziert.“
„Machen Sie sich keine Sorgen um Aufwand oder Geld.“ Der Emir winkte mit der Hand ab. „Abu
Faira braucht den bestmöglichen Start als neuer Hotspot der Welt.“ Sein dunkler Blick lag auf ihr.
Stefanie  wurde  heiß  und  kalt.  Das  hieß,  tagelang  mit  Florian  an  Kompromissen  arbeiten,  die  sie
auch noch Robert verkaufen musste, der sie mit Mails überschütten würde. Das hieß, dass sie zur
Technikexpertin  werden  musste,  das  hieß  … Aber  hatte  sie  nicht  immer  davon  geträumt,  in  der
Topliga  mitzuspielen?  Die  Herausforderung  war  da.  „Light  arts  ist  ein  international  agierendes
Unternehmen.“  Wenigstens  einmal  half  das  Marketingvokabular  aus  der  Patsche.  „Wir  setzen
jeden Kundenwunsch um, sofern der aktuelle Stand der Technik es möglich macht.“ Sie lächelte,
doch spürte sie, dass es weniger cool aussah, als es sollte.
Der Emir stand auf. „Warum nicht gleich so?“ Er strahlte wieder wie ein gut gelauntes Londoner
Fashion Victim. „Wenn Sie etwas brauchen, sprechen Sie mit dem Chef der Energiezentrale hier

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im Resort.“ An den goldenen Türen drehte er sich um: „Ehe ich es vergesse: Der Familienrat wird
die Eröffnungsveranstaltung natürlich deswegen nicht verschieben. Sie haben eine Woche Zeit.“
Die beiden Diener schlossen die Türen in genau der Langsamkeit, wie sich Stefanies und Florians
Kopf aufeinander zubewegten. In seinem Gesicht stand dieselbe Ratlosigkeit wie in ihrem. „Und
was machen wir jetzt?“, fragte sie. Stefanie war irgendwie sehr froh, dass er hier bei ihr war.
„Ich hatte gehofft, dass du eine Idee hast“, sagte Florian leise.

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12. KAPITEL

Die Mittagshitze von Abu Faira lastete auf ihnen. „Verdammt, die Karabinerhaken geben viel zu
schnell nach“, fluchte Florian, der hier und da vor ihr auf dem Gerüst an Seilstreben rüttelte. „Die
Temperatur macht aus den Gelenkölen das reinste Gleitgel.“
Stefanie  schien  die  Welt  aus  den  Fugen  wie  das  Material.  Nichts  war  wie  vorher.  Hatte  sie  vor
dem  Anruf  bei light  arts  mit  großem  Theater,  Beschuldigungen  und  Vorwürfen  gerechnet,  hatte
sie  von  ihrem  Chef  Robert  nur  zustimmende  Worte  gehört:  „Es  war  absolut  richtig,  auf  die
Kooperation  einzugehen.  Weißt  du,  wenn  das  Emirat  für  die  Eröffnung  TV-Kanäle  weltweit
zuschalten  lässt,  dann  wird  das  Firmenlogo  von  light  arts  von  fünfhundert  Millionen  Menschen
gesehen.“  Sie  solle  einfach  ihr  Bestes  geben,  er  und light  arts  seien  rund  um  die  Uhr  für
Nachprogrammierungen erreichbar.
Seitdem verfolgte Stefanie die Zahl fünfhundert Millionen. Es war, als ob die vielen Gesichter in
allen  Hautfarben  der  Erde  nachts  mit  neugierigen Augen  auf  sie  herabstarrten,  wenn  sie  sich  im
Schlafe wälzte. Und die Aussicht, nach dem Frühstück wieder mit Florian zusammen arbeiten zu
müssen, war alles andere als beruhigend. Noch am Tage der Entscheidung durch Emir Aqad hatte
sie  sich  geschworen,  ganz  professionell  mit  ihm  umzugehen.  Auch  er  suchte  bei  den
unvermeidlichen Besprechungen immer den größten Abstand zu ihr. Mal saß er am anderen Ende
des großen Besprechungstisches, mal baute er lauter Pläne und Unterlagen zwischen ihnen auf wie
einen Burgwall aus Papier.
„Müssen wir wirklich bei dreiundvierzig Grad im Schatten auf dem Gerüst stehen?“, fragte sie.
„Einmal musst du die drei verschiedenen Lagen von Papier-, Glanz- und Nylonfolien mit der Hand
anfassen. Wie willst du sonst deinem Chef erklären, warum eure Projektionen darauf immer noch
aussehen,  als  ob  man  einen  Billigbildschirm  betrachten  würde?“  Florian  faltete  die  drei  Lagen
auseinander.
So sehr er schwitzte, so sehr klebte auch das Hemd an seinem Körper, zeichnete die breite Brust
nach, sogar dunkle Schatten von den Haaren konnte Stefanie unter dem Stoff ahnen. Du bist nicht
hier,  um  Florian  zu  begaffen.   Rasch  griff  sie  nach  den  Folien,  die  unerwartet  rau  waren.
„Vielleicht sollte ich Robert sagen, dass sie mit … mit einer Art Quarz beschichtet sind.“
„Industriediamant-Staub, genauer gesagt. Die Brechung der Laserstrahlen ist wohl deshalb anders,
als ihr sie berechnet.“ Florian legte die Folien zurück und streifte fast ihre Hände.
Stefanie zog sie schnell weg. Beinahe hätten sie sich in einem endlosen Streit verhakt, an wem es
lag, dass die Projektionen der vom Emir gewünschten Bildfolgen nicht klappten. Bis er sie vorhin
hinaus  aufs  Gerüst  genötigt  hatte.  „Du  hast  recht  gehabt,  sorry.  Ich  telefoniere  sofort  mit  light
arts.“ Bei der Gelegenheit würde sie noch eine ganze Reihe anderer Programmierungsfehler nach
Berlin durchgeben.
„Dann lass uns aus diesem Backofen verschwinden. Oben ist ein Einstieg durch ein Palastfenster
eingebaut.  Hast  du  Kraft  für  eine  Abkürzung?“  Er  hatte  schon  drei  Querstreben  einer  Leiter
erklommen und hielt sich mit nur einer Hand im Gleichgewicht. Die andere streckte er ihr hin.
„Nach dir.“ Sie verschränkte die Arme. Es war allemal besser, Abstand von Florian zu halten. Er
turnte vor ihr nach oben, aber der Anblick, den seine Rückseite von unten bot, ließ sie leise mit

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dem besonderen Verschwörerinnenton aufseufzen, wie sie es sonst nur mit Xian-Li tat, wenn ein
wirklich attraktiver Mann nicht allein in die Sushi-Bar kam. Das ärgerte sie aber sofort, weil es sie
verunsicherte. Vielleicht hatte Xian-Li ja doch recht …

Eben  hatte  Florian  noch  die  Hitze  draußen  vorgeschoben.  Sein  gesteigertes  Wärmegefühl  kam
allerdings  auch  von  innen,  so  ungern  er  sich  das  zugab.  Nun  saß  er  wieder  mit  Stefanie  in  dem
Palastraum zusammen, der ihnen als Planungsbüro angewiesen worden war.
„Schau,  hier  auf  der  C3  müsste  eine  Folie  weg,  damit  auf  der  C4  unser  Spotlight  Grün  alpha
durchdringt, bevor die Flickerspots zugeschaltet werden“, sagte sie ganz konzentriert.
Vor zwei Tagen hätte er nie geglaubt, dass es technisch auch nur annähernd möglich wäre … Er
beugte sich wieder zu den Papieren. „Dann brauche ich eine Sekunde, besser zwei mehr, bevor ich
die Hengste auftauchen lasse.“ Recht schnell hatte er gemerkt, dass Stefanie ihm nicht nur folgen
konnte,  wenn  er  ihr  die  technischen  Fakten  seiner  Konstruktion  erklärte,  sie  sah  auch  sofort,  wo
der Teufel im Detail steckte.
„Wir haben da keinen Puffer, es sei denn, du beschleunigst den Sprung der Pferde über den Felsen
entsprechend.“
„Wow!  Das  ist  die  Lösung.“  Er  strahlte  sie  an.  Und  Stefanie,  deren  eisige  Reserviertheit  sich
schon am ersten Tag in eine kühle Professionalität aufgelöst hatte, freute sich endlich einmal ganz
offen. Mit seinen Entwicklern hätte er sich jetzt abgeklatscht wie bei einem Sportmatch. Aber so
sagte er nur: „Danach suchen wir schon seit Stunden.“
„Bloß haben wir schon das nächste Problem.“ Sie runzelte die Stirn. „Die Programme von Robert
sind  extrem  inflexibel,  was  Zeitanpassungen  angeht.  Die  maximalen  Geschwindigkeiten  der
computergesteuerten Laser setzen einfach Grenzen, die …“
„Ihr müsst das hinkriegen. Anders geht es nicht.“
„Warum müssen immer nur wir die Anpassungen machen?“, fragte sie, auf einmal ganz feindlich.
Florian  schwankte  zwischen  Beleidigtsein  und  einer  urplötzlichen  unbändigen  Lust,  sich  mit  ihr
ganz physisch zärtlich zu raufen. „Müsst ihr doch gar nicht.“
„Ach, wieso nicht?“
„Weil  ich  doch  ständig  meine  Bildsequenzen  kürze  und  umstelle.  Schon  vergessen,  was  das  an
Arbeit  für  meine  Jungs  mit  den  Folien  bedeutet?  Die  müssen  einzeln  umgespannt  werden.  Die
Jungs  haben  schon  blutige  Finger.“  Sie  starrte  ihn  entsetzt  an.  „Na,  fast.  Ich  wollte  nicht
übertreiben. Entschuldige bitte.“
„Nein,  ich  muss  mich  entschuldigen.  Ich  höre  dir  einfach  nicht  richtig  zu.“  Sie  schaute  an  ihm
vorbei. „Ich weiß auch nicht, wieso ich manchmal bei dir mit den Gedanken woanders bin.“
Normalerweise  hätte  Florian  jetzt  einfach  die  Floskel  vom  Stress  von  sich  gegeben,  jetzt  aber
dämmerte ihm etwas. „Und zu dem ‚manchmal‘ gehört auch das Essen im Dunkelrestaurant?“
Sie zeigte die Handflächen und nickte stumm.
„Du hast damals gar nicht begriffen, dass ich Fassaden gestalte und nicht putze.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wenn  ich  es  doch  nur  früher  kapiert  hätte!  Du  hast  einfach  ein  bisschen  geträumt  …  wegen
mir?“, fragte er.
Sie nickte heftig und brach plötzlich ab. „Damals. Jetzt allerdings eher …“

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Florian wollte es nicht wissen. „Mir ging … geht es genauso“, sagte er schnell.
„Du bist doch kein Träumer.“ Stefanie runzelte die Stirn.
„Aber ich bin einfach so fasziniert von dir, auch wenn – oder gerade weil – ich dich nicht verstehe.
Und  deshalb  purzeln  in  mir  die  Gefühle  herum  und  bringen  die  Gedanken  durcheinander,  mein
Temperament  kommt  durch,  und  ich  …  verstehe  dann  alles  sehr  schnell  einfach  falsch.  Das  tut
mir leid. Ehrlich.“ Florian holte tief Luft. Am liebsten hätte er sie umarmt.
Aber Stefanie warf ihm einen Blick zu, den er wieder mal nicht deuten konnte. Sie drehte sich zu
dem  Stapel  Plänen,  ihre  Hand  zögerte  darüber.  Müde  sah  sie  aus.  Wie  jemand,  der  aus  einem
Nachtzug  steigt  und  auf  dem  Bahnsteig  nicht  weiß,  wohin.  „Wir  sollten  jetzt  lieber  hier
weitermachen“, sagte sie leise und hielt ihm die Ausdrucke hin, die light arts am Morgen gemailt
hatte.
Florian  wünschte  sich  auf  einmal,  dass  sie  nicht  nur  das  Projekt  meinte.  Bloß,  wie  sollte  er  ihr
zeigen, was wirklich in ihm vorging? Er würde es nur wieder falsch ausdrücken, sodass sie es doch
nur missverstehen würde, bei dem Stress, unter dem sie beide standen …

Stefanie  war  vor  den  fünfhundert  Millionen  Gesichtern  geflüchtet,  die  sie  im  Schlaf  verfolgt
hatten.  Ein  paar  Mal  war  sie  in  ihrer  Suite  auf-  und  abgelaufen,  bevor  sie  sich  schließlich  ein
leichtes Kleid übergeworfen hatte. Es gab nur einen Ort in diesem riesigen Hotel, nur einen Ort, an
dem sie nicht allein wäre und doch ungestört.
Vom Aufzug lief Stefanie an den verschiedenen Sälen vorbei. Am Ende des Hotelflurs führte eine
große  Marmortreppe  ins  Untergeschoss  in  einen  Gang,  der  ganz  mit  Mosaiksteinchen  in  allen
Farben  schillerte.  Selbst  jetzt  noch,  im  schwachen  Licht  der  Nachtbeleuchtung.  Ganz  hinten
schimmerte es bläulich, dort weitete sich der Raum hinter einer Biegung zur Ocean-Lounge.
Stefanie trat ein. Wände und Decken, alles war aus dickem ausgewölbtem Panzerglas, sodass man
wirklich  ganz  im  Meeresgrund  eingetaucht  war.  Zwischen  den  Korallen  hatte  man  Leuchten
angebracht, und von der Wasseroberfläche her fiel tatsächlich Mondlicht durch das Wasser bis in
die  Lounge.  Stefanie  war  verzaubert  von  den  vielen  sanften  Farben  der  Korallen,  vom  weißen
Meeressand, über den die Schatten der Fische zogen.
Sie wusste nicht, wie lange sie einfach das Schauspiel der Natur bewunderte. Sie wusste nur, dass
sie endlich ruhig wurde, ganz zu sich selbst kam. Es war so friedlich.
Plötzlich  hörte  sie  Schritte,  sie  fuhr  herum.  „Du?“  So  wenig  sie  mit  ihm  gerechnet  hatte,  so
seltsam froh war sie darüber, dass er es war.
„Du?“,  fragte  auch  er,  den Arm  an  der  Tür  aufgestützt,  er  trug  nur  eine  leichte  Hose  und  ein  T-
Shirt.  Sein  Blick  wich  aus,  kam  zurück,  als  traute  er  seinen  Augen  nicht.  Leise  sagte  er:  „Ich
wollte dich nicht erschrecken. Konntest du auch nicht schlafen?“
Eine  heftige  Bewegung  vor  den  Unterwasserfenstern  lenkte  sie  ab.  Draußen  zog  ein  bunter
Schwarm Fische auf, kreuzte auf und ab. Sie konnten beide nicht den Blick davon wenden. „Es ist
der  einzige  Ort,  an  dem  ich  ruhig  werde.  Ich  weiß  auch  nicht,  warum.  Vielleicht  weil  es  so
faszinierend  ist.  Schau“,  sagte  Stefanie.  „Meine  Lieblingskoralle.“  Sie  war  unglaublich  filigran,
gleichmäßig und von leuchtendem Rot.
„Sie ist sehr schön.“ Florian trat zu ihr hin. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht. „Verrückt, mir
geht  es  genauso  wie  dir!  Ich  bin  immer  nach  dem Aufbau  hierher  gekommen,  um  ein  bisschen

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abzuschalten.“  Voller  Verständnis  lächelte  er  sie  an.  „Da!  Mein  Lieblingsfisch“,  sagte  er  mit
dunkler Stimme. Ein schneeweißer Fünfflosser tanzte über der Koralle, berührte sie zart, als ob er
sie küsste.
„Er  ist  so  majestätisch“,  sagte  Stefanie.  Jetzt,  wo  sie  dieses  Geheimnis  teilten,  diese  Oase  der
Ruhe,  schien  es  ihr  auf  einmal  völlig  natürlich,  sich  ebenso  sanft  an  Florian  zu  lehnen.  Wie
natürlich  schön  es  war,  dass  seine Arme  sie  umfingen  wie  draußen  der  bunte  Schwarm  die  rote
Koralle.  Sie  spürte  seine  Hände  auf  ihrem  Bauch  und  drückte  sich  an  ihn.  Eine  Weile,  die  die
Minuten vergaß, standen sie einfach nur so da und wiegten sich sacht wie die Fischschwärme, die
draußen im Meer kreuzten.
Und  dann  küssten  sie  seine  Lippen  zart  im  Nacken.  Ganz  vorsichtig,  viel  vorsichtiger  als  seine
Erregung,  die  sie  an  ihrer  Hüfte  spürte.  Stefanie  drehte  sich  in  seinen Armen  um,  fuhr  mit  den
Händen  über  den  Rücken,  den  Körper,  den  zu  berühren  sie  sich  endlich  wieder  erlaubte.  Sie
erkundete mit den Fingerspitzen die festen Muskeln, bewunderte ihr Spiel, als Florian sie anhob
und einfach ein paar Schritte weiter auf den weichen Polstern der Lounge barg. Mondlicht tanzte
darüber,  Fische  huschten  hinweg,  Licht  und  Schatten  wechselten  sich  auf  seiner  Haut  ab,  als  sie
ihm  das  T-Shirt  über  den  Kopf  zog.  In  dem  magischen  Licht  schimmerten  sie  beide  wie  Elfen.
Seine  Arme,  sein  Bauch,  alles,  was  er  um  sie  schlang,  war  heiß  wie  Lavawasser  eines
unterseeischen Ausbruchs.  Dann  drehte  er  sich  auf  den  Rücken,  streckte Arme,  Beine  von  sich,
wartete  auf  sie,  ließ  ihr  die  Wahl.  Sie  konnte  ihn  haben,  ganz.  „Komm  her“,  flüsterte  er.  Jetzt
flehten seine Augen.
Stefanie  erregten  die  kurzen  schwarzen  Härchen,  mit  denen  sein  fester  gebräunter  Körper  so
gleichmäßig  eingehüllt  war.  Seit  sie  seine  weichen  Bartstoppeln  gespürt  hatte,  wollte  sie  diesen
samtigen Pelz an ihrer glatten Haut fühlen, die feinen Unterschiede zwischen all seinen Haaren –
überall – ertasten. Stefanie kniete sich neben ihn, strich mit den Händen an seinen Hüften entlang,
fasste den Bund seines Slips und zog.
Sie sah, wie er schluckte und heiser aufstöhnte. Einen Moment genoss sie die Macht, die sie über
ihn hatte, nur um in der gleichen Sekunde nichts dringender zu wollen, als einfach nur mit ihm zu
verschmelzen.  Sie  zog  ihm  den  Slip  bis  zu  den  Knien  und  ließ  ihn  achtlos  hinter  sich  zu  Boden
fallen. Ungeduldig streckte sie die Finger aus und streichelte Florian sanft.
„Stefanie“,  stöhnte  er  rau.  Seine  Hände  glitten  über  ihren  prallen  Po.  Dann  etwas  tiefer,  sie
wünschte sich, dass er sie aus dem Slip befreite, doch er streichelte nur an den Säumen entlang,
glitt noch tiefer, strich mit den Handrücken über ihre Oberschenkel, was sie erzittern ließ. Nur mit
Mühe hielt sie es aus, drehte sich zu ihm, seufzte vor Lust. Sie beugte sich vor, ihre Stirn rührte an
seine.
Und mit einem Schlag erfasste sie beide die Leidenschaft und trug sie mit sich fort. Stefanie hörte
eine Naht krachen, als Florian ihr die Unterwäsche vom Leib riss, ihre Beine schlangen sich heftig
ineinander.  Sie  spürte  die  weichen  Haare  überall,  auf  ihrer  Brust,  auf  ihrem  Bauch,  die  seiner
Unterarme  auf  dem  Rücken.  Ein  feiner  Reiz,  ein  Reiben,  das  sie  in  eine  andere  Wirklichkeit
katapultierte, in der nur noch die Hitze Florians um sie herum existierte. Stefanie war es egal, dass
die bunten Fische Zeugen wurden, wie ihr Haar wie Seetang über sein Gesicht fiel. Es war ihr egal,
ob  sie  hörten,  mit  wie  viel  Lust  sie  auf  ihm  saß.  Er  packte  sie  noch  fester,  sie  spürte  die  Spitze

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seines  harten  Gliedes,  spreizte  die  Beine.  Florians  Schultern  waren  wie  gemacht,  ihre  Hände  zu
stützen, seine hielten ihre Hüften dort auf ihm, wo er sich in sie versenkte. Sein Eindringen war
kein  Stoßen,  sondern  der  nächste  Katapultsprung  in  ein  herrliches  Fließen.  Sie  floss  um  ihn
herum, nahm ihn ganz in sich auf.
Dann  hielt  sie  ganz  still.  Ein  Zittern  hatte  Florian  erfasst,  das  in  ihr  zu  einem  kleinen  Beben
wurde,  das  immer  heftiger  in  ihrem  Körper  anschwoll,  Stefanie  bäumte  sich  auf,  drückte  ihre
Fäuste auf seine braune Brust, seine Hände packten ihre kreisenden Hüften, die das Beben immer
mehr beschleunigten, bis sie in einer heißen, gleißenden Welle durch und durch geschüttelt wurde.
Unter  sich  hörte  sie  Florian  keuchen:  Sie  konnte  nicht  anders,  sie  antwortete  mit  einem
triumphierenden Schrei.
Die  Schwärme  flitzten  davon  wie  vor  einem  Seebeben,  vielleicht  auf  der  Flucht  vor  ihrem
gemeinsamen Stöhnen, das erst ein langer Kuss verstummen ließ.
Sie ließ sich neben Florian auf die Polster gleiten und legte ihr Knie auf seines. Draußen tummelte
sich der schöne schneeweiße Fisch an der roten Koralle, und Stefanie badete in dem Moment wie
einem warmen Meer von Glück.
„Florian?“,  hallte  von  fern  eine  Frauenstimme.  „Warum  bist  du  nicht  im  Bett?  Ich  suche  dich
überall. Bist du da vorn?“
Der Fisch zuckte davon, die Koralle schien unter der Welle zu beben. Stefanie starrte in Florians
Gesicht, der die Augen aufriss. „Das ist jetzt nicht wahr …“, flüsterte sie, erhob sich hastig und
stieg so schnell es ging in ihr Leinenkleid. Eine schwarze Trauer hatte sich ihrer bemächtigt und
drohte sie zu verschlucken.
„Florian? Du bist doch in der Ocean-Lounge, die SMS …“, rief diese Nicole, sie musste gleich vor
ihnen stehen.
Florian  schaute  nur  um  sich,  hüpfte  hektisch  zwischen  den  Polstern  herum,  suchte  nach  seiner
Hose, dem T-Shirt. „Stefanie, warte …“
Nein.  Sie  würde  nie  wieder  auf  ihn  warten.  Wie  hatte  sie  sich  nur  hinreißen  lassen  können  …
Blind stieß sie gegen Hocker, beinahe gegen das Panzerglas, am liebsten wäre sie hinaus ins Meer
geflüchtet,  wäre  wie  die  schmalen  gelben  Fischlein  durch  die  Korallenwände  geschlüpft,  hinaus
ins trübe Grün des Meeresgrunds. Gottseidank hatte die Ocean-Lounge einen zweiten Ausgang.
Diese Nicole war schon fast da. „Florian? Oh!“
Stefanie  wollte  gar  nicht  wissen,  was  die  beiden  nun  zu  verhandeln  hatten.  Schwester  oder
Halbschwester,  dieser  Mann  log  und  log,  und  diese  Frau  warf  sich  an  den  Emir  wie  …  Stefanie
wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Sie fühlte sich einfach nur benutzt. Es tat so unendlich
weh.

Florian  starrte  in  das  verzerrte  Gesicht  eines  Haifischs.  „Verdammt  noch  mal,  was  musst  du
ausgerechnet jetzt …“
Sie lehnte am Eingang und schaute verwirrt über die unordentlich herumliegenden Polster in der
Lounge. „Florian, ich wusste ja nicht, dass … Es tut mir so leid.“
Doch  seine  Wut  verrauchte,  als  er  das  tränenüberströmte  Gesicht  seiner  Schwester  vor  sich  sah.
„Was ist passiert?“
Nicole presste die Hand an den Mund und schüttelte nur den Kopf, sie sank an der Tür der Lounge

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langsam  zu  Boden.  Florian  sprang  hinzu  und  zog  sie  an  sich  heran,  stützte  sie.  Er  musste  hier
sofort  weg,  aus  der  Ocean-Lounge  raus,  denn  hier  konnte  er  bestimmt  keinen  klaren  Gedanken
fassen.  Am  liebsten  hätte  er  sich  zweigeteilt  und  wäre  mit  seiner  anderen  Hälfte  Stefanie
hinterhergerannt, um endlich alles, alles auf den Tisch zu legen, egal, mit welchen Worten. Aber
er konnte seine Schwester jetzt unmöglich alleine lassen, er hatte sie noch nie so aufgelöst erlebt.
Florian legte den Arm um Nicole und führte sie durch den langen Flur. Er trug sie fast, ihre Knie
zitterten so sehr, dass sie kaum laufen konnte.

Stefanie hatte sich in der Hotelbar einfach auf den erstbesten Hocker fallen lassen. „Einen Whisky
auf  Eis,  bitte!“  Blitzschnell  stand  er  vor  ihr,  vom  indischen  Barkeeper  selbstverständlich
formvollendet im schweren Kristallglas serviert. Beim Trinken hielt sie die Luft an. Sie trank nie
so etwas. Es brannte scheußlich. „Noch …“
„No,  no.  Lady!  Überlegen  Sie  sich  es  gut.“  Ein  Mann  mit  ganz  kurz  geschnittenen  rostroten
Locken  saß  neben  ihr.  Sein  rundes,  gutmütiges  Gesicht  verzog  sich  warnend.  Der  Ire  aus  der
Whiskywerbung schlechthin, dachte Stefanie verwirrt, wirkte das so  schnell?  „Drinks  sind  keine
Lösung.  Egal,  wofür“,  sagte  der  Mann  mit  freundlicher  Stimme.  Er  schob  ihr  ein  paar  salzige
Kekse hin.
In ihr Lächeln hinein liefen ihr ein paar Tränen. Der Mann legte seine dicken Hände aufeinander.
„No tears, please. Eine beautiful Lady wie Sie sollte nie weinen. Oder ich heule mit.“ Er zog eine
Grimasse wie ein Comedy-Star. „Wenn Sie so aussehen wie ich, mit Kugelkopf und Rettungsring,
dann dürfen Sie weinen, vorher nicht.“ Er winkte schon mit dem Zeigefinger ab. „Ich weiß, wer
Sie  sind.  Ich  habe  Sie  beobachtet.“  Er  zog  eine  Karte  aus  einem  Silberetui.  „Sie  machen  einen
tollen Job. Und bevor sich Joe McLuhan jetzt ganz diskret zurückzieht“, er rutschte vom Hocker
und  legte  dem  Keeper  einen  großen  Schein  auf  den  Tisch,  „zahlt  er  für  die  Lady  mit.“  Stefanie
wollte  schon  etwas  sagen,  doch  er  meinte  nur:  „Sie  brauchen  heute  auch  etwas  luck.“  Er  legte
seine Karte vor sie hin. „Wenn Ihnen alles zu viel wird mit … na ja . Dann besuchen Sie uns doch
down under. Da gibt es nicht nur so alte Herren wie mich, sondern auch noch ein paar nette Guys
in Ihrem Alter.“ Er zwinkerte ihr zu und ging nach einer Verbeugung davon.
Stefanie drehte die Karte um. Smart people inc. Joe McLuhan, head-hunter, Sydney, Australia.  Sie
war  sich  nicht  sicher,  ob  dort  wirklich  ein  Känguru  unter  dem  Schriftzug  sprang  oder  ob  der
ungewohnte Whisky ihr einen Streich spielte. Australien war ihr Traumland. Das musste einfach
ein Zeichen des Himmels sein!

Als Florian mit Nicole in die große Halle kam, sah er, dass in der Bar Licht war. „Setzen wir uns
dorthin.“
Seine  Schwester  wehrte  sich  schwach,  aber  er  küsste  sie  einfach  zur  Beruhigung  auf  die  Stirn.
Außer dem indischen Barkeeper schien die Bar leer. Florian war erleichtert, dass niemand Zeuge
von Nicoles Zusammenbruch wurde. Es würde ihr morgen nur unendlich peinlich sein. Er winkte
dem Keeper ab und steuerte eine von hohen Lederwänden abgeteilte Sitzbank an. Dann reichte er
Nicole eine der Stoffservietten vom Tisch.
„Danke.“ Sie lehnte sich gegen die weichen Polster. „Die Falkenjagd war faszinierend. Wir waren
ganz  oben  im  Gebirge  noch  über  den  Obstplantagen,  wo  es  schon  fast  wieder  kühl  ist.  Das

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Frauenzelt  war  ausgestattet  mit  jedem  erdenklichen  Luxus.  Sogar  eine  Kuchenvitrine  gab  es.“
Nicole  lächelte  schwach.  „Wir  konnten  auf  eine  Tribüne  hinaustreten  und  dem  Falkenflug
zusehen. Und dabei habe ich den Glanz in Aqads Augen gesehen, seine ungestüme Freude, wenn
sein  Falke  eine  Beute  gemacht  hat.“  Sie  wischte  sich  nervös  über  den  Tisch.  „Und  da  habe  ich
meine deutschen Wurzeln gespürt. Ich kam mir so fremd vor, so fehl am Platz. Ich hatte einfach
nur Sehnsucht in all der Sonne nach einem Spaziergang im Regen.“
Einen solchen Spaziergang hatten sie gemacht, als Nicole über die Agenturgründung nachgedacht
hatte. „Heimweh?“
„Schlimmer. Ich kann mit Falkenjagd und den ganzen Traditionen für mich kaum etwas anfangen.
Wie passe ich dazu? Ich bin sogar als Frau viel zu groß, sodass ich fast ans Zeltdach stoße.“ Sie
räusperte  sich.  „Ich  gehöre  nach  Berlin  in  die  Großstadt,  der  Traum  war  kurz  und  schön.“  Sie
nickte  mehrmals.  „Ich  weiß  noch  nicht,  wie  ich  es Aqad  sagen  soll.“  Sie  blickte  zu  Florian  auf.
„Ich  will  nicht,  dass  du  meinetwegen  jetzt  noch  aus  der  Eröffnungsfeier  gekippt  wirst. Aqad  ist
sehr leidenschaftlich.“
Und ein harter Geschäftsmann, das war keine Frage. Aber für Florian war es undenkbar, dass sich
seine  Schwester  auch  nur  ein  bisschen  verkaufte.  „Du  darfst  dich  meinetwegen  nicht  verbiegen.
Ich will das nicht. Geld ist nicht alles.“
Nicole  nahm  seine  Hand.  „Ich  glaube,  ich  geh  jetzt  besser  schlafen.“  Sie  klang  unendlich  müde.
„Morgen  kommen  zweiundzwanzig  neue  Hostessen,  die  ich  alle  für  die  große
Eröffnungsveranstaltung einweisen muss.“
Florian lief ein Schauer über den Rücken. „Oh Gott. Morgen Abend ist es ja schon so weit!“

Stefanie sah Florian mit dieser Nicole am anderen Ende der Bar hereinkommen. Diesmal war sie
sich  sofort  sicher:  Das  war  keine  Sinnestäuschung.  Er  barg  den  Kopf  dieser  Frau  an  seiner
Schulter  und  flüsterte  ihr  tröstende  Worte  zu.  Stefanie  nahm  die  Karte  und  flüchtete  durch  die
offene Terrassentür hinaus in den Palmengarten. Hinter den Scheiben, in der erleuchteten Bar, sah
sie, wie Florian die Frau auf die Stirn küsste.
Stefanie  war  es,  als  ob  ein  Messer  durch  ihren  Kopf  gestoßen  wurde.  Sie  konnte  das  nicht
begreifen:  Wie  konnte  ein  Mann  sie  so  hingebungsvoll  lieben,  mit  ihr  solche  Höhen  der  Lust
erleben und schon im nächsten Moment die nächste Frau … Ihr wurde übel, sie sank auf eine der
Bänke  unter  den  Palmen.  Nur  die  laue  Luft  verhinderte,  dass  sie  sich  übergab.  Sie  schloss  die
Augen,  plötzlich  fühlte  sie  wieder  die  Karte  in  ihrer  Hand. Abrupt  sprang  sie  auf,  weg,  nur  weg
von dem allen hier, weg nach Sydney. Stefanie rannte durch den ganzen Palmengarten bis zu ihrer
Suite.
Dort  hatte  sie  heiß  geduscht,  sie  wollte  nichts,  nicht  einmal  die  entfernteste  Erinnerung  durch
einen  Hauch  von  Geruch  an  ihrem  Leibe  haben.  Dann  hatte  sie  die  Hightechdusche  von  allen
Seiten kalt sprenkeln lassen, bis sie Gänsehaut bekommen hatte.
Geholfen hatte es wenig. Auch wenn sie nun nach Sandelholz und Honig duftete, dieses Desaster
war zu groß, zu groß für sie. Morgen früh würde sie mit Joe McLuhan frühstücken. Und irgendwo
in dem riesigen Australien würde es auch für Stefanie Clarin einen Job geben. Ihr Entschluss stand
fest. Sie wanderte aus, und zwar sofort. Dort würde alles viel einfacher sein, easy going.
Während sie sich an den Schreibtisch setzte, aktivierte sie bereits auf dem Laptop die Programme

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für  die  Videokonferenz.  Es  dauerte  ein  bisschen,  aber  dann  stand  die  Satellitenverbindung.
Roberts  Gesicht  erschien  auf  dem  Schirm  mit  den  üblichen  besorgten  Falten.  Nur  die  blaue
Sonnenbrille trug er nicht.
„Stefanie? Jetzt schon? Bei euch ist doch mitten in der Nacht.“
„Robert, unterbrich mich bitte nicht. Ich werde dir alles erklären.“ Stefanie schob sich die feuchte
Strähne von der Wange.
Sein  Gesicht  schien  während  ihrer  Erläuterungen,  die  ihr  selbst  ein  wenig  wirr  vorkamen,  wie
eingefroren,  nur  am  Blinzeln  seiner  Augenlider  erkannte  sie,  dass  die  Verbindung  immer  noch
stand. „Soso. Was ist mit den Programmteilen, die ich dir vor zehn Stunden gemailt habe?“
Stefanie  war  alles  egal.  Ihre  Widerstände  gegen  kreisende  Lichtvögel  und  Cyberwesen  schienen
ihr nun so bedeutungslos wie die Argumente, die sie bereits vergessen hatte. „Ich programmiere
die  ein.  Bis  du  aus  Berlin  hier  landest,  ist  alles  umgesetzt.  Du  kannst  sogar  noch  den  Probelauf
selbst durchführen.“
„Aha“, sagte Roberts stillstehendes Gesicht. „Du findest die Ideen auf einmal passend?“
„Ja, natürlich. Sie sind doch von dir.“ Etwas anderes fiel ihr nicht ein.
„Du weißt, was das für deine Zukunft bei light arts bedeutet?“, fragte er mit nicht einmal kalter
Stimme, er klang eher fürsorglich.
„Ja, sicher.“ Stefanie schlug die Augen nieder.
Der  eingefrorene  Kopf  geriet  in  Bewegung,  wiegte  sich  hin  und  her.  „Ich  verstehe.  Okay,  ich
buche den nächsten Flug nach Abu Faira. Erwarte mich am Flughafen.“ Das Firmenlogo erschien,
Robert hatte die Verbindung gekappt.
Stefanie wurde seltsam leicht. Sie glaubte längst nicht mehr an das gemischte Konzept des Emirs
Aqad,  sondern  befürchtete  den  größten  Flop  aller  Werbezeiten.  Vielleicht  war  es  nicht  das
Schlimmste, wenn ihr Name nun nicht mehr dabei auftauchen würde … Alle ihre Träume waren
vorbei, erledigt. Sie legte sich aufs Bett, die fünfhundert Millionen Gesichter bedrängten sie nicht
mehr. Dafür überwältigte sie ein schwarzes Dunkel von Schlaf.

In  der  Mail  hatten  nur  die  Flugdaten  gestanden.  Stefanie  war  froh,  dass  sie  sich  für  eine  Stunde
zum  Flughafen  hatte  absetzen  können.  Bei  den  Vorbereitungen  an  den  Gerüsten  vor  der  Fassade
hatte  sie  die  ganze  Zeit  eine  tiefschwarze  Sonnenbrille  getragen.  Und  sie  war  jedes  Mal  sofort
weggegangen, wenn Florian dort aufgetaucht war und irgendetwas gerufen hatte. Schließlich hatte
er es kapiert und nur seinen Mitarbeiter Fred geschickt. Der Mann war wortkarg, begriff aber alles
sofort und stellte die richtigen Fragen. Stefanie hatte nun alles nach bestem Wissen und Gewissen
für Robert vorbereitet.
Über  dem  Ausgang  aus  dem  First-Class-Bereich  sprang  die  Anzeige  auf  landed.  Noch  ein  paar
Minuten, dann würde Robert das Zepter übernehmen, und die Karriere von Stefanie Clarin in der
Lichtbranche  war  Geschichte.  Stefanie  fröstelte  in  der  klimatisierten  Luft.  Die  milchigen
Schiebetüren gingen auf.
Lila Haare auf einem goldenen Kamm? „Xian-Li!“ Ihre Freundin rannte schon auf sie zu und fiel
ihr um den Hals.
Xian-Li musterte sie. „Du siehst ja grauenhaft aus.“ Sie nahm Stefanie bei der Hand und zog sie
von der Sperre weg.

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„Aber  wieso  du?  Müssen  wir  nicht  noch  auf  Robert  warten?“  Stefanie  konnte  ihn  zwischen  den
ganzen  Männern  und  Frauen  in  den  traditionellen  Gewändern  nicht  erkennen,  die  eben  aus  dem
First-Class-Bereich strömten.
Xian-Li lachte nur. „Robert hat mich als Notfallkommando zum Einsatz geschickt.“
„Aber du hast doch von Lichttechnik keine Ahnung!“ Was sollte das denn jetzt?
„Dafür  bin  ich  als  Engel  des  Sushi  Paradise  Expertin  für  Nervenkrisen  aller  Art.“  Xian-Li
wackelte mit den lila Ohrringen aus Plastiknetz. „Wir setzen uns jetzt in den Wagen des Transfers,
und du erzählst mir alles.“
Eine  Viertelstunde  später  sank  Stefanie  immer  tiefer  in  die  weichen  Polster  der  riesigen
amerikanischen  Limousine,  während  sie  über  die  Stadtautobahnen  von Abu  Faira  brausten.  Mit
jedem  Satz,  den  sie  über  die  letzten  Tage  verlor,  hob  sich  Xian-Lis  Braue  höher.  Bei  der
Schilderung  der  Nacht  in  der  Ocean-Lounge  machte  sie  erst  ganz  große,  dann  ganz  schmale
Augen, bevor sie die Lippen spitzte. „Hast du ein Glück, dass Robert Verständnis für künstlerische
Nervenzusammenbrüche  hat.  Er  hat  mich  sofort  angerufen.  Und  wir  haben  beratschlagt,  wie  wir
dir helfen können.“
„Ich muss also die Eröffnung allein steuern?“ Stefanies Hände krallten sich in Panik in den Sitz.
Xian-Li legte ihre Hand darüber. „Wir sind deine Freunde und lassen dich nicht im Stich.“
Es war unmöglich, dass sie jetzt einfach mit Joe McLuhan nach Sydney flog, wie er es ihr beim
Frühstück angeboten hatte. Sie konnte weder Robert noch Xian-Li so enttäuschen, auch wenn sie
am liebsten Tausende von Meilen von diesem Unglücksort entfernt wäre.
„Darling.  Stay  cool.“  Xian-Li  zog  einen  USB-Stick  aus  dem  tiefen Ausschnitt.  „Robert  hat  mit
deinem Florian …“
„Er ist definitiv nicht mein Florian.“ Stefanie funkelte Xian-Li an, aber die lachte nur. „Hier ist
die  definitiv  abgestimmte  Version,  die  die  Show  integiert.“  Xian-Li  richtete  eine  lila  Strähne.
„Und ich fungiere jetzt als dein persönlicher Anstandswauwau, schirme dich von Mr. Bad Guy ab,
bis  du  alles  gecheckt  hast.  Heute  Abend  setzte  ich  mich  in  die  VIP-Lounge  mit  Roberts
Ehrenticket  und  genieße  euren  Erfolg.“  Xian-Li  strahlte.  „Ist  das  der  Hotelpalast?“  Sie  deutete
nach vorn.
„Ja.“ Je näher der rückte, desto mehr klopfte Stefanie das Herz. „Und ihr glaubt wirklich, dass es
klappt?“
„Wer, wenn nicht deine Freunde, soll an dich glauben?“ Xian-Li strich ihr die Stirnrunzeln glatt.
„Willst  du  aussehen  wie  Mrs.  Ugly,  Darling?“  Der  Wagen  bremste  sanft  in  der  Auffahrt  des
Luxus-Resorts. „Denk positiv.“

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13. KAPITEL

Am Morgen der Eröffnungsfeier hatten sie eigentlich die letzten Details absprechen wollen. Aber
jedes Mal, wenn er sich auch nur von Weitem näherte, wandte Stefanie sich sofort ab und setzte
eine schwarze Sonnenbrille auf. Auf Handyanrufe reagierte sie nicht. Lange hatte Florian überlegt,
ob er ihr eine Mail schicken sollte. Eine SMS war schließlich unter seiner Würde. Damit konnte er
ihr nie erklären, warum er Nicole hatte trösten müssen und sich nicht sofort um sie hatte kümmern
können. Er hatte ja nicht einmal gewusst, wohin sie verschwunden war.
Also  kontrollierte  er  nun  zusammen  mit  Fred,  den  er  letztendlich  zu  Stefanie  geschickt  hatte,
Strebe für Strebe die verspannten Folien. Hier und da zogen sie eine Schraube nach oder fixierten
eine  verschobene  Öse.  Die  Jungs  hatten  eine  perfekte  Arbeit  hingelegt.  Er  würde  ihnen  vom
Preisgeld einen Extra-Monatslohn zahlen.
Zum  Abschluss  kletterte  Florian  die  Verbindungsleiter  auf  den  obersten  Level  hoch,  um
eigenhändig  alle  Klappvorrichtungen  zu  kontrollieren.  Bei  den  Projektoren  von light  arts  gab  er
sich besondere Mühe. Niemand sollte ihm später einen Vorwurf machen können.
„Ich weiß nicht, ob ich mich gewöhnen könnte. Ich möchte dich einfach nie enttäuschen, Aqad.“
Das war Nicoles Stimme! Florian duckte sich sofort und sah auf den Plan. Herrje, er turnte gerade
vor den Privatgemächern des Emirs herum. Sie sollten nicht denken, dass er lauschen wollte.
„Du  enttäuschst  mich  auch  jetzt  nicht,  Nicole.  Klare  Gedanken  und  der  feste  Wille  einer  Frau
haben noch keinem Emir geschadet. Ein Herrscher braucht jemanden, der ihm die Wahrheit sagt.“
„Aqad, mach es uns nicht so schwer … Ich …“ Nicoles Stimme erstarb.
Über  den  Folien  rüttelte  etwas.  Seile  klirrten  an  dem  Metall,  ein  Fenster  wurde  plötzlich
aufgerissen.  Er  würde  das  unbedingt  reparieren  müssen.  Zwischen  den  verschobenen  Folien
konnte  Florian  die  starken  Unterarme  des  Emirs  in  einem  blauen  Hemd  sehen.  Er  hielt  einen
kleinen  weißen  Käfig  in  die  Luft.  „Dieses  Paar  gelber  Regensänger  hat  uns  bei  jeder  Reise
begleitet. Regen ist bei uns ein gutes Omen für die Liebe. Mögen die Tiere wieder frei sein und
uns  ein  Zeichen  geben.“  Die  eine  Hand  öffnete  die  Klappe,  und  die  beiden  gelbgrünen  Vögel
flogen  in  den  blauen  Himmel  davon.  Dann  wurde  das  Fenster  wieder  geschlossen,  die  Folien
rutschten an ihren Platz.
Florian  starrte  den  Tieren  hinterher,  die  zu  winzigen  Punkten  wurden  und  im  Himmel
verschwanden.  Durch  die  Folien  starrte  er  nach  unten  in  den  Garten.  Auch  das  noch:  Stefanie
instruierte gerade ihr Team mit großen ausladenden Gesten. Schlank und schöner denn je stand sie
im Sonnenlicht. Florian glaubte an eine Fata Morgana – neben ihr wartete die Frau aus dem Sushi
Paradise
 mit lila Haaren.
Wenn er daran dachte, wie er diesen miesen Anwalt … Was hatte er alles Schlechtes von Stefanie
geglaubt, dabei machte sie ihren Job – wie er selbst – einfach nur so gut wie möglich. Sie war die
erotischste  Frau,  die  ihm  je  begegnet  war,  die  Frau,  bei  der  endlich  alles  eins  geworden  war:
Zärtlichkeit, Leidenschaft, Liebe.
Er  sank  auf  den  Metallboden  der  Gerüstebene  und  ließ  die  Kontrollliste  sinken.  Warum  nur  um
alles  in  der  Welt,  warum  nur  gerieten  sie  beide  von  einem  Missverständnis  ins  andere?  Warum
gab es keine Brücke zu ihr, und sei sie so schmal wie der schmalste Steg auf diesem verdammten

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Gerüst? Warum hatte sie keinen einzigen Kontakt zugelassen?

Er  wusste  gar  nicht  mehr,  was  er  alles  noch  organisiert,  geändert  und  umgebaut  hatte,  während
schon  die  Fanfarenklänge  erklangen,  mit  denen  die  offizielle  Eröffnungsfeier  für  das  Luxus-
Resort  beginnen  sollte.  Jetzt  saß  Florian  schon  seit  zwei  Stunden  in  seiner  Steuerkabine  schräg
unter  der  Tribüne  für  die  Ehrengäste.  Auf  eine  Generalprobe  für  die  integrierte  Fassadenshow
hatten  sie  verzichten  müssen,  die  Zeit  hatte  einfach  nicht  gereicht.  Florian  dehnte  die
Rückenmuskeln  mit  den Armen,  er  nahm  den  Kopf  zurück.  „Verdammt!“  Eine  Diode  pulste  rot
auf  dem  Steuerpult  an  C4-7.  Florian  sprang  sofort  auf  und  griff  zum  Packen  Notwerkzeug.
Ausgerechnet jetzt ein Alarm.
Er  stieg  aus  der  Kabine  und  kletterte  hinter  die  Folien.  Vierzig  internationale  TV-Kanäle
übertrugen  die  Eröffnungsfeierlichkeiten.  Der  Höllenlärm  der  Lautsprecherboxen  über  ihm
dröhnte ihm in den Ohren. Seit einer Stunde tanzten wunderschöne Wüstentöchter in traditionellen
Gewändern vor dem Hauptbrunnen. Florian stieg vorsichtig über die Drahtverspannungen hinweg
bis zu C4, der wichtigsten Seilkupplung.
Und  dann  traute  er  seinen  Augen  kaum:  Sabotage!  Das  Führungsseil  für  die  Plane,  deren
Beschichtung die Nachtillusion verstärkte, hing verdreht vor der grünen Führungskappe. Jemand
musste diese Sicherung geöffnet haben.
Ihm wurde plötzlich kalt, die überlaute Musik schien einen Moment wie abgestellt. Nur Stefanie
wusste,  dass  ohne  dieses  Seil  an  C4  sein  Anteil  an  der  Vorführung  ausfallen  musste.  War  das
denkbar?  Er  sah  hinüber  zu  ihrer  Steuerkabine,  zwischen  all  den  Lichtreflexen  der  Tanzshow
starrte  sie  zu  ihm  herüber  mit  einem  undeutbaren  Gesichtsausdruck.  Florian  überrollte  eine
unbändige  Enttäuschung.  Ihre  Manipulation  riss  doch  auch  sie  mit  in  den  Abgrund,  wenn  die
Lichtshow versagte … Wie konnte Stefanie so etwas tun? Wie konnte sie sich nur so rächen, ohne
ihn auch nur ein einziges Mal angehört zu haben?
Aber  für  Gefühle  hatte  er  keine  Zeit,  die  Show  würde  jeden  Moment  anlaufen.  Die  Computer
waren  programmiert.  Er  platzierte  das  herausgesprungene  Seil  wieder  hinter  die  grüne
Sicherungskappe,  bevor  er  die  gesamte  Laufweite  der  damit  verbundenen  Drahtführungen
kontrollierte.  „Verflixt  und  zugenäht!“  In  der  Fortsetzung  nach  oben  an  C5  ragte  etwas  im
Schatten  zwischen  den  Folien  heraus,  was  dort  nicht  hingehörte.  „Wie  viele  Fallen  hat  sie  denn
noch eingebaut?“ Florian schwitzte immer mehr vor Zorn, er kletterte eine Ebene höher auf zehn
Meter Höhe über dem Garten. Der Wind – oder doch Stefanie? – hatte eine Weichzeichner-Folie
wie eine aufgeblasene Einkaufstüte hinausgefaltet. Für die Zuschauer würde sie wie ein hässlicher
schwarzer  Fleck  die  Illusion  stören.  Er  hielt  sich  am  Gerüst  und  hing  sich  weit  hinaus.  Ein
Klacken.
Mein erster Unfall, dachte er noch. Dann stürzte er vom Gerüst.

Stefanie  hatte  auf  jeden  Rat  von  Xian-Li  gehört.  Sie  hatte  nicht  mit  Robert  telefoniert,  sondern
einfach alle Vorgaben des Chefs umgesetzt. Und sie hatte die neuen Programmteile installiert, das
Team auf die neuen Abläufe eingeschworen. Xian-Li hatte sie von Florian abgeschirmt, indem sie
immer in die Blickachse getreten war, wenn er aufgetaucht war. Hätte Xian-Li nicht irgendwann
darauf  bestanden,  dass  sie  sich  umziehe:  „Was  ist,  wenn  du  ein  Interview  nach  der  Show  geben

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musst?“, Stefanie würde sonst immer noch im Arbeitsoverall in ihrer Steuerkabine sitzen.
Mit den Stunden war sie ruhiger geworden. Erst einmal musste sie diese Show überstehen, danach
konnte sie über alles andere nachdenken. Vielleicht doch einfach nach Sydney ziehen …
Sie  beugte  sich  vor.  Warum  stieg  Florian  da  drüben  aus  seiner  Kabine,  turnte  in  einer  irren
Geschwindigkeit  zwischen  den  Folien  nach  oben,  nach  C5?  Er  schien  sich  wenig  um  seinen
weißen Anzug zu scheren, sein Kopf tauchte zwischen die Folien wie ein Fisch … Plötzlich, alle
viere von sich gestreckt, drehte er sich in der Luft vor den Folien und stürzte in den Schatten ab.
Stefanie  schrie  auf.  Es  schien  ihr,  als  zerrisse  es  ihre  Körperfasern  einzeln.  Als  drehe  sich  die
ganze  Welt.  Florian.  Sie  rannte  nach  draußen  über  das  Gerüst,  sprang  über  die  Absperrungen,
Seile,  Drähte,  Strahler,  Laserarmaturen.  Florian  durfte  nicht  …  nicht  dieser  Mann,  der  sie  so
wahnsinnig  glücklich  gemacht  hatte.  Nicht  Florian.  Sie  erreichte  die  C-Ebene  über  die  Notleiter
auf  Position  sechs.  Sie  rannte  weiter,  niemand  von  der  Security  war  zugegen.  Warum  hatte  es
keiner vom Team bemerkt? Glotzten alle nur auf diese Tänzerinnen?
Atemlos  erreichte  sie  C3.  „Bitte  nicht“,  flüsterte  sie,  beugte  sich  durch  die  Lücke  in  den  Folien
und starrte mit zitterndem Kinn nach unten. Sein linker Fuß hing in einer Seilschlaufe vor C1, sein
Körper  war  merkwürdig  verkrümmt.  Ein  Bein  ins  Nirgendwo  gestreckt,  ruderte  Florian  mit  dem
Kopf  ganz  unten  mit  einer  Hand  in  der  Luft,  versuchte  verzweifelt  eine  Folie  zu  erhaschen,  um
sich zum Gerüst zu ziehen, zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er lebte!
Stefanie  überflutete  eine  Erleichterung,  ein  Glücksgefühl,  es  war,  als  ob  schwere  Wolken  rissen
und  die  Sonne  hindurchbrach.  Wie  hatte  sie  nur  aus  Eifersucht  so  blind  sein  können?  Hatte  sie
nicht vorhin noch Nicole beim Emir als Ehrengast hinter den Staatsgästen sitzen sehen? Natürlich
war  sie  nicht  Florians  Freundin  oder  gar  Frau,  das  hätten  die  Diplomaten  des  Emirs  sofort
herausgefunden. Xian-Li hatte wieder so recht. Was sie nicht hatte hören wollen, was sie zornig
abgestritten  hatte,  war  nur  zu  wahr.  Sie  liebte  Florian  wirklich.  Warum  nur  hatte  sie  das  nicht
früher gemerkt?
In der nächsten Sekunde war sie schon über die Notleiter nach unten auf die Ebene C1 geklettert
und hatte sich zwischen den Megaplakaten hinausgelehnt. „Halte dich fest!“ Sie streckte ihm die
Hand entgegen.
„Du?“  Florians  Stimme  klang  schmerzverzerrt.  Er  packte  ihre  Hand,  zog  sich  an  die  erstbeste
Stange heran und ließ sie sofort wieder los.
Sie sah ihm direkt in die wutglitzernden Augen. „In dem Moment, als du in die Tiefe gefallen bist,
habe  ich  erst  begriffen,  wie  grundlos  eifersüchtig  ich  gewesen  bin.  Ohne  dich  könnte  ich  nicht
mehr …“
„Vor  allem  hast  du  jetzt  gemerkt,  dass  ich  deine  kleinen  Manipulationen  im  letzten  Moment
aufgedeckt habe“, zischte Florian.
„Nein …“ Stefanies Atem stockte vor Entsetzen. „Wie kannst du so etwas nur von mir denken?“
„Fakten, einfach nur die Fakten. Warum hast du die Seile hier durcheinandergebracht?“, presste er
zwischen den Zähnen hervor.
„Fakten?  Denke  nach.  Das  kann  eine  Windbö  verursacht  haben  oder  sonst  wer  von  den
Palastleuten.  Warum  glaubst  du  immer  nur  das  Schlechteste  von  mir?“  Sie  war  auf  einmal  nur
noch  verzweifelt,  dass  er  sie  nicht  verstand.  „Ich  habe  nichts  manipuliert  und  mein  Team  auch

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nicht!“ Er starrte sie an. „Warum sollte ich das denn tun? Wir haben hier schließlich zusammen
eine unglaubliche Show auf die Beine gestellt. Das ist doch längst unsere gemeinsame Show.“
„Wie bitte?“ Sein Gesicht verzog sich unter Schmerzen. „Erst rennst du vor mir weg, weil du wer
weiß was von mir und Nicole glaubst, jetzt beschwörst du uns als Team? Ich begreife dich nicht,
Stefanie.  Das  begreift  niemand.  Ein  Mann  sowieso  nicht.  Ich  habe  dich  noch  nie  wirklich
verstanden.“ Er griff sich an die Hand.
Sie sah das Blut unter seinen Fingern hervorquellen. „Deine Hand ist gebrochen. Ich helfe dir über
das Gerüst …“ Doch sie griff an seinem Gürtel vorbei, er hatte sich schon weggedreht.
„Ich habe es wirklich versucht. Aber jetzt wird mir klar, dass ich dich auch nie werde verstehen
können.  Niemals.“  Über  den  linken Arm  gebeugt  humpelte  er  über  die  Laufplatten  davon.  „Ich
fixiere  jetzt  einhändig  die  Folie.  Starte  wenigstens  das  Programm  vereinbarungsgemäß.  Das  ist
das Einzige, was du für uns noch tun kannst. Es ist zwecklos. Wegen dir hätte ich mir sogar fast
den Hals gebrochen. Es ist besser, wenn wir uns nie wiedersehen. Nie wieder.“
Er hielt tatsächlich eines der Seile mit den Zähnen fest, und mühte sich mit der rechten Hand an
einer Öse. Der Anblick verwischte hinter den Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Er musste ihr
zuhören, musste einfach. „Florian, ich …“
„Was stehst du hier noch herum?“, fuhr er sie an. „Wir starten in zwei Minuten!“
120 Sekunden.

Im  letzten  Moment,  noch  im  Stehen,  hatte  sie  die  Fassadenshow  mit  einer  winzigen  Verspätung
gestartet. Draußen auf der Fassade des Resorts vollzogen sich vor den Augen der Ehrengäste und
den  Millionen  Fernsehzuschauern  die  Wunder,  die  Robert,  Florian  und  sie  sich  gemeinsam
ausgedacht hatten. Das Hotel wuchs aus dem virtuellen Meer auf zu einer Insel, die immer länger
und  breiter  wurde,  bis  sie  der  Hotelinsel  entsprach,  Palmen  keimten  auf,  reiften  aus.  Und  dann
sausten  bunte  Luftgeister  herbei,  halb  menschlich,  halb  Nebelfetzen,  setzten  Mauerteile,  Steine,
Fenster. Was eben noch wie eine Ruine aussah, verwandelte sich in einen Pavillon, der sich immer
weiter  in  Schlösser,  Tempel  und  andere  Dinge  verwandelte,  bis  die  Pferde  aus  Licht  über  die
Fassade  stürmten  …  Sie  hatten  die  Elemente  der  beiden  Shows  zu  einem  fantastischen
Bilderrausch zusammengebracht.
So terriffic, so professional, würde Xian-Li sagen. Aber was half der schönste Karrieredurchbruch,
wenn  der  Mann,  den  sie  liebte,  weiter  entfernt  von  ihr  war  denn  je?  Florians  Worte  hatten  so
entsetzlich  endgültig  geklungen.  Wie  betäubt  saß  Stefanie  an  der  Steuerkonsole.  Auf  den
Kontrollbildschirmen zeigten sich die begeisterten Gesichter der Familie des Emirs, alle reckten
die Hälse, um nur ja nichts von der Show zu verpassen. Im äußersten Winkel sah sie Florian am
Rande der Ehrentribüne stehen, er hielt die weiß verbundene Hand vor seinen Bauch und schaute
nicht zur ihr her, sondern starrte auf die verzauberte Hotelfassade.
Sie wollte nichts anderes mehr, als ihn umarmen, ihn beschwören, ihr einen Moment zuzuhören,
d i e zwei  Minuten,  die  ihr  vorhin  gefehlt  hatten.  Aber  es  war  zu  spät.  Wie  von  selbst  glitten
Stefanies Finger plötzlich über die Tastatur an der Steuerkonsole. Das Programm akzeptierte nur
englischen  Text,  den  es  mit  der  Schlusssequenz  einblenden  würde.  Buchstabe  für  Buchstabe
programmierte sie mit verzweifelter Zärtlichkeit um. Speichern. Sie sank in den Sitz.
Auf  der  Fassade  folgten  die  letzten  Bilder,  dann  zog  ein  Zeichenstift  farbige  Ränder  über  die

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Luftgeister,  die  eben  noch  die  Hotelfassade  umschwirrt  hatten.  Ein  wunderbar  verschlungener
arabischer  Schriftzug  schrieb  sich  auf  die  Fassade  und  ergänzte  in  Englisch: Your  love  stays  in
Abu Faira.
Aus  den  Lautsprechern  jubelten  die  Kommentatoren  über  den  neuen  Werbe-Claim,  den  Stefanie
geboren  hatte,  und  auf  der  Ehrentribüne  brach  frenetischer  Applaus  aus.  Doch  Stefanie
interessierte  nur  der  Mann  im  weißen  Anzug  im  äußersten  Winkel  der  Tribüne.  Florian  starrte
hinauf zur Hotelfassade, wo der Schriftzug immer noch projiziert wurde.
Stefanie  legte  die  Hände  auf  ihr  Herz,  nur  er  konnte  es  begreifen.  Doch  er  drehte  sich  langsam,
ganz  langsam  weg  und  verschwand  aus  dem  Bildschirm.  Stefanie  schluchzte  auf.  Sie  hatte  ihn
verloren.

Your love stays in Abu Faira.  Florian traute seinen Augen kaum. Sie hatte es umprogrammiert. Es
war  unmöglich,  dass  sie  noch  den  Emir  gefragt  hatte,  selbst  für  ein  Handytelefonat  waren  zwei
Minuten zu kurz gewesen. Es war eine Botschaft, nicht an die Welt, wie die jubelnden Leute auf
den Tribünen meinten, sondern an ihn. Stefanie riskierte unendlich viel damit. Florian fühlte den
Schmerz in der gebrochenen Hand leichter werden. Er lächelte.
Es  war,  als  ob  er  aus  einem  Wasser  auftauchte  und  plötzlich  klare  Luft  atmete.  Dort  vorhin  auf
dem Gerüst, da war er noch im Schock vom Sturz Richtung Gartenmauern gewesen, der Schmerz
und  die  verebbende Angst  hatten  ihn  dumpf  gemacht,  zu  dumpf,  um  Stefanies  ehrlichen  Worten
überhaupt  richtig  zuzuhören.  Aber  sie  hatte  recht:  Aus  all  den  kleinen  Streitereien  und
Kompromissen bei der Vorbereitung war längst ihre gemeinsame Sache, ihr Ding geworden. Und
so großartig wäre die Fassadenshow nie geworden, wenn sie beide nicht wirklich zusammenpassen
würden. Dass sie den Spruch für ihn geändert hatte, alles riskierte, das konnte nur bedeuten, dass
sie ihn wirklich liebte.
Die  Erkenntnis  war  so  überwältigend,  dass  er  sich  nur  ganz  langsam  bewegen  konnte,  um  nicht
herumzuhampeln wie ein Sportler, der den ersten Platz erreicht hatte. „Ich Idiot!“ Wie Schuppen
fiel es ihm von den Augen. Das Sicherungsseil hatte sich gelöst, als der Emir die Vögel aus dem
Käfig befreit hatte, dabei musste es aus der Verankerung gesprungen sein. Er rannte los, er musste
Stefanie unbedingt abfangen.
Doch  er  kam  nicht  weit,  die  Hotelflure  des  VIP-Bereichs  waren  voller  Diener  und  Diplomaten.
Mr.  Rami  erblickte  ihn  sofort,  der  weiße  Hörknopf  schimmerte  im  Ohr  des
Wettbewerbsbeauftragten.  „Dieser  Tag  wird  in  die  Geschichte  des  Emirats  eingehen.“  Er  stutzte
einen Moment. „Ich höre gerade, dass Sie Seine Exzellenz sofort sehen will.“ Mr. Rami schob ihn
am Arm zu den goldenen Türen, die zurück zur Ehrentribüne führten.

„Du  musst  sofort  zum  Emir“,  flüsterte  Xian-Li  und  gab  ihr  einen  kleinen  Schubs  an  der  Hüfte,
sodass sie auf dem roten Teppich landete. Stefanie blinzelte ins Licht. Wie auf einem Laufsteg in
Hollywood  gleißte  das  Licht  der  TV-Beamer.  Sie  sah  nur  lauter  Köpfe  über  traditionellen
Gewändern, viel Weiß vorn, und Köpfe über buntem europäischem Tuch weiter hinten. Aber den
Emir zu finden war einfach: Ganz vorn in der Mitte, nirgends sonst würde der Herrscher sitzen.
Sein  Thron  war  ein  breiter  weißer  Sessel.  Der  Herr  mit  dem  grauen  Bart  und  den  gleichen
glühenden Augen wie sein Sohn Aqad nickte ihr zu. Dann wandte sich sein Kopf und wiederholte

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die Geste nach rechts. Florian! Seine Stirn war leicht gerunzelt, in seinem entschuldigenden Blick
lag eine Frage voller schüchterner Hoffnung. Stefanie fühlte, wie ihre Knie weich wurden.
Der  alte  Emir  erhob  sich  und  streckte  ihnen  seine  ringbeschwerten  Hände  zu.  „Möge  dieser  Tag
der unendlichen Freude von Abu Faira auch ein Tag der Freude für Sie beide werden. Es ist eine
alte  Tradition  in  meinem  Land,  dass  wir  dem,  der  das  Haus  mit  Freude  füllt,  ein  Geschenk
machen.“
Stefanie wünschte sich nur ein Geschenk. Und Florian schluckte, als sie sein schwaches Lächeln
ganz langsam erwiderte.
„Thronfolger  Aqad  wird  es  Ihnen  überreichen.“  Seine  Exzellenz  nickte  und  setzte  sich  wieder.
Florian  und  Stefanie  verneigten  sich.  Wohin  jetzt?  Aqad  wartete  hinter  seinem  Vater.  Stefanie
wollte in Florians Richtung zu Xian-Li abgehen, Florian in ihre zu Mr. Rami. Sie machten einen
Schritt  aufeinander  zu,  einen  verwirrten  zweiten.  Waren  es  ihre  Knie  oder  Florians  verbundene
Hand, mit der er schlecht ausweichen konnte? Jedenfalls stießen sie aneinander, die Arme wussten
erst nicht recht wohin, dann umarmten sie sich.
„Great!  Terrific!  Best  show  ever!“  Auf  der  Ehrentribüne  erhoben  sich  die  Menschen  und
applaudierten.
Florian barg ihren Kopf an seiner Brust. „Verzeih mir, bitte. Du hast immer nur daran gearbeitet,
dass  die  Show  –  unsere  Show  –  ein  Erfolg  wird“,  flüsterte  er  in  ihr  Ohr.  „Jetzt  habe  ich  dich
endlich verstanden. Du hast mir Gott sei Dank die entscheidende Lektion noch rechtzeitig erteilt.“
„Aber  nur,  weil  ich  dir  endlich  richtig  zugehört  habe“,  hauchte  Stefanie.  „Es  war  meine  letzte
Chance, dich nicht zu verlieren.“
„Du hast gewonnen.“ Er küsste sie auf die Wange. „Ich lass dich nie wieder los.“
Stefanie  schloss  die Augen,  eine  Welle  reinen  Glücks  überrollte  sie,  in  der  alles  um  sie  herum
verblasste.
Bis  ein  Lachen  sie  in  die  Wirklichkeit  zurückholte.  „Ihr  beiden,  kommt!“  Der  junge  Emir Aqad
winkte sie zur Seite, wo er mit Nicole und Xian-Li an einem Granatapfel-Frappé-Brunnen stand.
„So  genial!“  Xian-Li  ließ  die  gold  geschminkten Augenlider  flattern.  Nicole  machte  eine  Geste,
als wollte sie sich bei Aqad einhaken, ließ den Arm aber wieder sinken. „Wirklich wunderbar.“
Zwei  gelbgrüne  Vögel  flatterten  herbei  und  setzten  sich  schnäbelnd  zusammen  hinter  die  rote
Samtbordüre an ihrem Ehrenplatz. Nicole sah den Emir erschrocken an, der aber lächelte ihr zu.
„Kismet“, meinte Aqad und zog sie dicht an sich heran. Dann wandte er sich Stefanie und Florian
zu.  „Für  euch  wartet  draußen  ein  weißer  Rolls-Royce.  Der  Chauffeur  fährt  euch  in  den
Gartenpavillon  im  Abu-Faira-Sommerpalast.  Eine  Woche  wird  euch  dort  niemand  stören,  nicht
einmal wir zwei.“ Aqad lachte mit Nicole.
Xian-Li winkte sie mit beiden Händen davon und klimperte mit den goldenen Augenlidern. „Party
hin, Party her. Seilt euch einfach ab!“

Vor  den  Fenstern  des  Rolls-Royce  sausten  die  Palmenwipfel  vorbei.  „Mit  Steuerkonsolen  kenne
ich mich jetzt aus.“ Stefanie klappte in der Fahrzeugmitte über der Minibar eine Leiste hoch und
drückte  auf  einen  perlmuttbesetzten  Knopf.  Langsam  fuhr  die  blickdichte  Trennscheibe  zum
Fahrer hoch. In dem bettgroßen Rücksitz drückte sie Florian sanft tiefer in die Polster. Er hielt die
verbundene Linke hoch, Stefanie grinste ihn an und lockerte brav seine Krawatte. „Your love …“

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Sie küsste ihn mit all ihrer Leidenschaft, und er zog sie mit der rechten Hand an sich. „… stays in
Abu Faira … and forever!“

– ENDE –


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