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Emma Harrison 

Charmed - Zauberhafte 

Schwestern 

Der Garten des 

Bösen 

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Paige fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen. Piper und Phoebe turteln 
verliebt mit ihren Männern Leo und Cole, während sie noch immer nicht 
ihren Traummann gefunden hat und nur neidisch das Glück der Schwestern 
beobachten kann. Phoebes neueste Vision unterbricht die Frühlingsgefühle 
und sorgt für Aufregung... die Zauberhaften retten eine Studentin vor dem 
Angriff eines Dämons und machen dabei Bekanntschaft mit Micah, einem 
gut aussehenden jungen Mann mit unglaublich blauen Augen, der Paige 
schnell den Kopf verdreht. Auch Micah scheint ernsthaft an Paige 
interessiert zu sein, doch irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Phoebe hat da 
ihre Zweifel... Davon will Paige jedoch nichts wissen. Wütend ignoriert sie 
die Warnungen ihrer Schwestern und gibt sich ganz ihren Gefühlen hin, was 
sie in ernsthafte Gefahr bringt. Und die magischen Kräfte der Hexen 
scheinen in diesem Fall wirkungslos zu sein...

 

 

 

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ISBN 3-8025-2946-4 

Originalausgabe: Garden of Evil 

Aus dem Amerikanischen von Antje Görnig 

l. Aufl. - 2002 Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH 

Umschlaggestaltung: Sens, Köln 

Titelfoto: © Spelling Television Inc. 2002 

 
 

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! 

 

 

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Für Matt... weil er mir immer geduldig zuhört 

 

 

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Gefangen im Paradies 

»Du hast es bestimmt schon öfter gehört, aber ich muss sagen, 

dein Zuhause ist wunderschön«, schwärmte Paige und ließ ihren 
Blick durch die Bibliothek mit den vielen ledergebundenen 
Büchern schweifen. Micah trat zu ihr. 

»Du auch, aber das hörst du bestimmt auch nicht zum ersten 

Mal«, entgegnete er. »Es bedeutet mir sehr viel, dass dir dieses 
Haus ebenso gut gefällt wie mir«, fuhr er leise fort. »Aber ich 
wusste es. Du hast dich gleich auf den ersten Blick in es 
verliebt.« 

Ein warmer Schauer jagte über Paiges Haut, als Micah sie an 

der Taille fasste. Verträumt sah sie zu ihm auf. »Man muss es 
einfach lieben«, sagte sie. »Es ist... umwerfend.« 

Sie sahen sich in die Augen, und Paige überkam das gleiche 

Schwindelgefühl wie am Abend zuvor im Restaurant, aber es 
war okay. Allmählich begann sie es zu genießen - dieses Gefühl, 
sich in Micahs Augen zu verlieren. 

»Das Beste hast du noch gar nicht gesehen«, sagte Micah mit 

rauer Stimme. 

»Das Beste?«, wiederholte Paige benommen, denn sie war in 

diesem Augenblick nicht fähig, einen klaren Gedanken zu 
fassen. 

»Den Garten«, erklärte Micah und seine Augen leuchteten vor 

Begeisterung. »Du musst dir unbedingt den Garten ansehen.« 

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DIE  warmen strahlen der Nachmittagssonne kitzelten Paige 

Matthews im Nacken, als sie sich auf den Bauch drehte und die 
Seiten des bunten Hochglanzmagazins glatt strich, das sie nun 
schon zum fünften Mal durchblätterte. Es war ein herrlicher, 
wolkenloser Frühlingstag in San Francisco, und die Sonne hatte 
Paige und ihre Schwestern Phoebe und Piper Halliwell mitsamt 
ihren besseren Hälften Cole und Leo in den Delores Park 
gelockt - wie die übrigen Bewohner des Viertels auch. Als Paige 
die dunkle Sonnenbrille auf die Nase setzte und sich umsah, lief 
eine Gruppe schreiender Kinder vorbei, die Fangen spielte, und 
ein Liebespaar spazierte Hand in Hand über den grünen Rasen. 
Verträumt flüsterten sich die beiden gegenseitig Zärtlichkeiten 
ins Ohr. 

Der Anblick trieb Paige fast in den Wahnsinn. Sie hob den 

Kopf und drehte sich zu Phoebe und Cole um. »Hey, habt ihr 
vielleicht Lust...« 

Sie brach mitten im Satz ab, als sie sah, womit die beiden 

beschäftigt waren. Phoebe hatte den Kopf in den Nacken gelegt 
und den Mund weit geöffnet, um eine in Sahne getauchte 
Erdbeere in Empfang zu nehmen, mit der Cole sie füttern wollte. 
Phoebes lange braune Haare fielen über ihre Schultern bis auf 
die blaue Picknickdecke. Es sah aus, als posierten die beiden für 
das Titelfoto von einem dieser billigen Liebesromane, die 
Phoebe so gern las. 

»Ach, ist nicht so wichtig«, sagte Paige und verdrehte genervt 

ihre großen blauen Augen, als Phoebe kichernd in die Erdbeere 
biss. 

»Ähm... Hört mal, Leute«, sagte Piper, die auf der anderen 

Seite der Decke saß und das unerträgliche Geturtel des Paares 
beobachtete. »Hatten wir nicht gesagt, wir wollen heute 

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Nachmittag mal ein bisschen weniger... zweisam sein?« Weil 
das Objekt ihrer Begierde - ihr Ehemann Leo - sich gerade von 
der Truppe entfernt hatte, fühlte sie sich offenbar zur Anführerin 
der Kampagne gegen pärchenweises Zusammenhängen berufen. 

Alle drei sahen Paige mit schuldbewusster Miene an und sie 

spürte, wie ihr vor Verlegenheit und Ärger die Röte in das 
milchweiße Gesicht stieg. 

»Meinetwegen müsst ihr nicht auf den Schmalzfaktor 

verzichten«, sagte sie leichthin, setzte sich auf und schlug ihre 
Zeitschrift zu. Mit lässiger Geste zog sie ihren Pferdeschwanz 
stramm. »Nur weil ich seit Monaten keinen Freund hatte und für 
die nächste Zukunft auch keiner in Sicht ist, müsst ihr mich 
nicht wie ein rohes Ei behandeln.« 

»Nein, nein. Piper hat Recht«, entgegnete Phoebe nickend und 

rückte ein paar Zentimeter von Cole ab. Resolut straffte sie die 
Schultern. »Wir müssen ja nicht die ganze Zeit aneinander 
kleben.« 

»Wenn du meinst...«, sagte Cole und knabberte verspielt an 

Phoebes Hals. 

»Cole!«, kreischte Phoebe und schlug lachend nach ihm. 

»Fort mit dir!« 

»Tut mir Leid«, sagte Cole und zog gespielt beleidigt eine 

Schnute. Seine heitere Stimmung stand im krassen Gegensatz zu 
seiner ansonsten eher düsteren und grüblerischen Art. 

»Ach was, knabbert ruhig weiter!«, rief Paige und winkte ab. 

»Cole hat Recht. Jeden Augenblick könnte ja wieder irgendein 
freakiger Abgeordneter der Unterwelt auftauchen, um ihn zu 
jagen, und ihr seht euch unter Umständen tagelang nicht, 
Phoebe.« 

Paige schlug ihre Zeitschrift wieder auf und steckte die Nase 

hinein. Aber es gelang ihr nicht, sich auf den Inhalt der bunten 
Seiten zu konzentrieren. Stattdessen versuchte sie einmal mehr, 
sich mental mit der Tatsache anzufreunden, dass zu ihrem 

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Wortschatz nun Begriffe wie »Abgeordnete der Unterwelt« oder 
»Kopfgeldjäger« zählten. 

Vor gar nicht allzu langer Zeit war Paige noch ein ganz 

normales Mädchen ohne Geschwister gewesen, das seine 
Brötchen als Sozialarbeiterin verdiente und nicht die geringste 
Ahnung von dem unirdischen Bösen gehabt hatte, das überall 
auf der Welt lauerte. Aber seit Phoebe und Piper in Paiges 
Leben getreten waren, hatte sie jeden Tag neue und verrückte 
Dinge kennen gelernt. 

Sie war ein Adoptivkind, das hatte sie immer gewusst, aber 

was für ein Schock war es gewesen zu erfahren, dass ihre 
leibliche Mutter eine Hexe gewesen war - und eben auch die 
Mutter von Piper und Phoebe. Damit nicht genug: Ihr Vater war 
ein Wächter des Lichts gewesen, ein übernatürlicher Verfechter 
des Guten und Hexenbeschützer. Gesegnet mit solchen Eltern 
musste Paige, wie den drei Schwestern rasch klar geworden war, 
über beträchtliche Kräfte verfügen. Und so hatte es nicht lange 
gedauert, bis Paige herausfand, dass sie nicht nur orben, also 
von einem Ort verschwinden und woanders wieder auftauchen, 
sondern auch auf dieselbe Weise nach Belieben Gegenstände 
bewegen konnte. 

Paige war eine sehr begabte Hexe - eine der drei Zauberhaften 

und zu dritt vereint konnten die Schwestern so ziemlich alles 
bezwingen: Dämonen, Hexer... 

Alles, außer Paiges drastischem Männermangel. 
»Da bist du ja!«, rief Piper unvermittelt und riss Paige aus 

ihren Gedanken. Wie sie sofort an der Leichtigkeit in der 
Stimme ihrer Schwester erkannte, war ihr Ehemann Leo, 
ebenfalls ein Wächter des Lichts, wieder zu der Picknickdecke 
zurückgekehrt. 

»Für Sie, holde Maid!«, sagte Leo und überreichte seiner Frau 

einen riesigen Strauß wilder Blumen. Piper strahlte vor Freude 
über das ganze Gesicht. 

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»Danke, Liebling! So schöne Blumen für... uns alle!«, rief sie. 

Hüstelnd teilte sie rasch den Strauß auf. Ein Drittel der Blumen 
reichte sie Paige und das zweite Drittel Phoebe. »Ist das nicht 
nett von Leo?«, fragte sie und strich sich das glatte braune Haar 
hinter die Ohren. 

»Guter Versuch, Piper«, bemerkte Paige und sah auf ihre 

Blumen. 

»Okay, was habe ich wieder falsch gemacht?«, fragte Leo 

forschend und zog die Augenbrauen hoch, als er sich neben 
Piper setzte. 

»Gar nichts«, entgegnete Paige und lächelte ihn an. »Die 

wollen mich nur von meinem extremen Männermangel 
ablenken, was ihnen gründlich misslingt.« 

»Oh«, sagte Leo betroffen. »Kann ich etwas für dich tun? Ich 

meine, abgesehen davon, dir zum Beispiel Blumen zu bringen?« 

»Ja, kennst du nicht vielleicht irgendeinen netten Wächter des 

Lichts, mit dem du mich bekannt machen könntest?«, meinte 
Paige und richtete sich auf. 

Leo drehte sich Hilfe suchend nach Piper um, aber die sah zur 

Seite und kratzte sich am Nacken - ein eindeutiges Zeichen 
dafür, dass sie auf diese Frage nicht eingehen wollte. 

»Also...« 
»Ich bitte euch, Leute!«, sagte Paige und biss sich auf die 

Unterlippe. »Wo soll ich denn sonst einen Typen finden, der 
meinen neuen Superhelden-Lebensstil begreift?« 

»Glaub mir, Paige, so einen willst du gar nicht wirklich«, 

entgegnete Piper und fing emsig an, sämtliche Tupperdosen zu 
öffnen. Hektisch riss sie eine Packung Servietten auf, die prompt 
in alle Richtungen flogen. Angesichts der plötzlichen 
Geschäftigkeit ihrer Schwester zog Paige erstaunt die 
Augenbrauen hoch. 

»Piper und ich haben viel durchstehen müssen, um zusammen 

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sein zu können«, erklärte Leo und fasste Piper sacht am Arm, 
bevor sie noch mehr Chaos anrichten konnte. »Die da oben 
haben alles Erdenkliche unternommen, um uns vom Heiraten 
abzubringen. Diese Erfahrung wünsche ich niemandem. Und dir 
schon gar nicht.« 

»Na, prima!«, rief Paige und seufzte. 
Normalerweise fand sie Leos Mega-Beschützerinstinkt 

liebenswert, aber in ihrer derzeitigen Lage hätte er sich nach 
ihrem Geschmack ruhig etwas weniger als großer Bruder und 
etwas mehr als Kuppler betätigen können. Unglücklicherweise 
war eine solche Verwandlung völlig unwahrscheinlich, und so 
wandte sie sich zur Aufheiterung dem nächstbesten 
Seelentröster zu: Süßigkeiten. Auf der Suche nach der Tüte mit 
den Schokoladenbrezeln durchforstete sie den Picknickkorb. 

Obst... Kräcker... Käse... 
»Ähm... Piper?«, rief Paige und richtete sich wieder auf. 

»Hast du an meine Schokobrezeln gedacht?« 

Piper zuckte zusammen und schlug sich mit der Hand vor die 

Stirn. »Tut mir Leid! Hab ich total vergessen«, sagte sie. »Aber 
ich habe Plätzchen gebacken.« 

Sie reichte Paige zur Versöhnung eine der Dosen. Wie Paige 

mit einem prüfenden Blick feststellte, war sie jedoch mit kleinen 
Mürbeteigplätzchen gefüllt, jedes mit einem Klecks Marmelade 
in der Mitte. Marmelade! Meilenweit von akzeptablem Gebäck 
entfernt, so ganz ohne Schokolade. 

»Danke, lieb gemeint«, sagte Paige. Sie war enttäuscht, 

obwohl ihr das albern vorkam. Was war schon groß passiert? 
Dann hatte Piper eben die eine kleine Sache vergessen, um die 
sie gebeten hatte. Die Frau war sehr beschäftigt, sie hatte ja 
schließlich ihren Club zu leiten, das P3,  und kämpfte zudem 
ständig gegen das Böse. Na ja, aber trotzdem... dachte Paige. So 
schwer wäre es nun wirklich nicht für sie gewesen, an diese eine 
kleine Sache zu denken. 

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»Hey, Paige, kommst du mit?«, fragte Phoebe, stand auf und 

strich ihr T-Shirt glatt. Auffordernd streckte sie Paige die Hand 
entgegen. »Lass uns bei dem süßen Kerl mit dem Eiswagen ein 
bisschen was zum Naschen holen!« 

Paige lachte. »Glaubst du etwa, der Eisverkäufer könnte der 

Richtige für mich sein?«, fragte sie. 

»Also,  wenn  er es ist, dann kannst du dich gleichzeitig mit 

deiner Zuckerdosis und  einem Date versorgen«, sagte Phoebe 
grinsend. »Das ist ja wohl eine total effektive Maßnahme, oder 
etwa nicht?« 

Paige verdrehte wieder die Augen, ergriff aber Phoebes Hand 

und ließ sich von ihrer Schwester auf die Beine helfen. 
Vielleicht war der Eisverkäufer ja wirklich ihr Schicksal. Und 
wenn nicht, durfte sie zumindest die Gewissheit haben, dass dort 
draußen vor dem Park ein dickes Eis auf sie wartete. 

 
Phoebe Halliwell war guter Dinge, als sie mit Paige Arm in 

Arm durch den Park spazierte. Obwohl sie sich der Aufgabe der 
Zauberhaften  mit großer Leidenschaft widmete, genoss sie die 
seltenen Tage, an denen es nichts Böses zu bekämpfen gab, 
keine ruhmgierigen Dämonen hinter ihrem Freund her waren 
und sie es sich zur Abwechslung einfach mit ihrer Familie im 
Park gemütlich machen konnte. 

»Dann haben wir dich also in letzter Zeit alle mit unserer 

Schmuserei genervt, hm?«, fragte Phoebe und zog die Nase 
kraus, als sie ihre Schwester ansah. 

»Na ja, ist schon irgendwie schwer, sich nicht einsam zu 

fühlen, wenn man mit zwei so perfekten Paaren zusammenlebt«, 
entgegnete Paige und kickte mit dem Fuß gegen ein Büschel 
hohes Gras. »Versteh mich nicht falsch - ich freue mich über 
euer Glück. Ich wünschte nur, ich könnte ebenso glücklich sein 
wie ihr.« 

Phoebe lächelte Paige mitfühlend an. Es war noch nicht lange 

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her, da hatte sie genauso empfunden wie ihre kleine Schwester 
jetzt. Aber erst als sie sich nicht mehr so viel um Jungs und 
Dates gekümmert hatte und wieder zur Schule gegangen war, 
hatte sie Cole kennen gelernt. 

Nachdem sie sich jedoch in ihn verliebt hatte, hatte sie erst 

einmal herausfinden müssen, dass er eigentlich ein Halbdämon 
mit der Aufgabe war, sie und ihre Schwestern aus dem Weg zu 
schaffen. Aber Cole hatte sich gegen seinen bösen Meister 
gewendet und sein Leben dem Guten verschrieben - und daher 
waren die dämonischen Kopfgeldjäger hinter ihm her. Die bösen 
Jungs hatten ganz offensichtlich etwas gegen Verräter. 

»Du wirst auch jemanden finden«, versicherte Phoebe Paige 

und strich sich das lange Haar zurück, das ihr der Wind ins 
Gesicht geweht hatte. »So etwas passiert immer, wenn man es 
am wenigsten erwartet.« 

In diesem Augenblick zischte etwas Buntes an Phoebes 

Gesicht vorbei, und sie stieß einen spitzen Schrei aus und hob 
schützend die Arme über den Kopf. Als sie herumwirbelte und 
nach dem vermeintlichen Angreifer Ausschau hielt, musste sie 
lachen. Eine leuchtend rote Frisbee-Scheibe lag ein paar Meter 
weiter auf dem Rasen. 

»Bisschen schreckhaft heute?«, fragte Paige grinsend. 
»Ich vermute, mir fehlt wohl das rechte Vertrauen in den 

gefahrenfreien Tag«, sagte Phoebe und schüttelte über sich 
selbst den Kopf. 

Als sie sich umsah, entdeckte sie eine hübsche farbige Frau, 

jünger noch als Paige, die auf sie zugelaufen kam. Phoebe hob 
die Frisbee-Scheibe auf, um sie ihr zuzuwerfen, erstarrte aber 
unvermittelt, bevor sie den Arm heben konnte. 

Die Vision traf sie mit blendender Wucht. Sie kniff die Augen 

zu und umklammerte die Frisbee-Scheibe fest mit einer Hand. 
Sie sah vor sich, wie die junge Farbige aus Leibeskräften schrie, 
als sie von einer grauenhaften Kreatur mit rasiermesserscharfen, 

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langen Krallen angegriffen wurde. Die junge Frau kauerte hinter 
einem zertrümmerten Schreibtisch und versuchte in panischer 
Angst, den Dämon abzuwehren, aber nach fünf Sekunden hatte 
die grauenhafte Kreatur sie bereits in Fetzen gerissen. 

»Phoebe? Alles in Ordnung?« Paiges Stimme drang durch die 

allmählich verblassende Vision. 

Wie Phoebe nun wahrnahm, stützte ihre Schwester sie von 

hinten, und sie war schrecklich froh, gerade bei dieser Vision 
nicht allein gewesen zu sein. Wäre sie ohne Hilfe gewesen, läge 
sie nun der Länge nach auf dem Boden. Paige nahm ihr die 
Frisbee-Scheibe aus der Hand, und Phoebe bemühte sich, ihre 
Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. 

»Was hast du gesehen?«, fragte Paige. 
Aber Phoebe konnte noch nicht antworten. 
Ihr war die Vision so echt vorgekommen, als habe sie das 

Gesehene selbst erlebt. Kraftlos klammerte sie sich an Paiges 
Arm. Ihre Visionen wurden mit jedem Mal stärker und 
lebendiger, und manchmal konnte sie die Erinnerung daran 
kaum ertragen - wenn sie zum Beispiel Unschuldige gesehen 
hatte, die aus keinem erkennbaren Grund übel zugerichtet 
wurden. 

»Hey, danke!«, rief das Frisbee-Mädchen, das mittlerweile zu 

ihnen herübergekommen war. »Ich bin echt zu grobmotorisch 
für diesen Sport«, sagte es und ließ sich die rote Scheibe von 
Paige zurückgeben. Phoebes fast durchsichtige Gesichtsfarbe 
schien es gar nicht zu bemerken. 

»Versuch herauszufinden, wer sie ist!«, flüsterte Phoebe Paige 

zu. 

»Ähm... hey! Kennen wir uns nicht von irgendwo?«, fragte 

Paige mit einem freundlichen Lächeln. Sie ließ Phoebe los, die 
tief durchatmete. Mit letzter Kraft gelang es ihr, nicht auf dem 
Boden zusammenzusacken. 

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Das Mädchen sah Paige unsicher an. »Vielleicht. Ich kann mir 

wirklich schlecht Gesichter merken«, sagte sie. »Gehst du ans 
San Francisco State College?« 

»Ja, genau«, log Paige und legte die Stirn in Falten, als 

versuche sie, sich an etwas zu erinnern. Sie schob die Hände in 
die Gesäßtaschen ihrer Jeans. »Warst du letztes Semester in 
meinem... Literaturkurs?« 

»Kreatives Schreiben? Ja, genau!«, sagte das Mädchen 

lächelnd und streckte Paige die Hand entgegen. »Ich bin Regina 
Trager.« 

»Stimmt! Regina!«, sagte Paige und schüttelte dem Mädchen 

die Hand. »Ich bin Paige Matthews.« 

»Schön, dich zu sehen«, entgegnete Regina. »Aber jetzt muss 

ich zurück zu meinen Freundinnen.« Sie warf Paige und Phoebe 
einen letzten nachdenklichen Blick zu, bevor sie zu einer 
kleinen Gruppe schnatternder Mädchen hinüberjoggte. 

»Regina Trager«, wiederholte Phoebe schwach. »Ich wette, 

die Gute hat keine Ahnung, was ihr bevorsteht.« 

In diesem Augenblick tauchte Piper neben ihr auf und griff 

nach ihrer Hand. Sie hatte die Szene offenbar aus der Ferne mit 
angesehen. 

»Hey, alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie, strich Phoebe das 

Haar aus dem Gesicht und sah sie prüfend an. 

»Ja, mir geht es gut«, antwortete Phoebe zitternd. Sie wischte 

sich die schweißnassen Hände an ihrem Bock ab und seufzte. 
»Aber wir müssen diesem Mädchen helfen.« 

»Was ist in deiner Vision passiert?«, fragte Paige und 

verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich hatte schon Angst, du 
kippst aus den Latschen.« 

»Da war ein Dämon«, antwortete Phoebe und erschauderte, 

als sie sich an die Brutalität ihrer Vision erinnerte. »Irgendein 
großes, schuppiges Ding mit Vielfraßklauen...« Ihre Stimme 

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erstarb, während sie Regina hinterher schaute, die mit ihren 
Freundinnen das Spiel mit der Frisbee-Scheibe wieder 
aufgenommen hatte. 

»Aber er... tötet sie doch nicht, oder?«, fragte Paige und sah 

ebenfalls zu Regina hinüber. 

»Doch, und zwar auf ziemlich unschöne Weise«, entgegnete 

Phoebe mit einem Nicken. 

Piper umarmte sie und drückte sie tröstend an sich. Phoebe 

lächelte sie dankbar an. 

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Piper. »Wir gehen sofort nach 

Hause, schlagen im Buch der Schatten nach und schmieden 
einen Plan, wie wir diese Bestie vernichten.« 

»Dann beeilen wir uns besser«, mahnte Phoebe. »Denn wenn 

dieses Ungeheuer schneller bei Regina ist als wir, stehen ihre 
Chancen denkbar schlecht.« 

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 ALS die drei Schwestern schließlich zu Hause ankamen, 

fühlte sich Piper mehr als nur ein bisschen unwohl. Phoebe war 
immer noch blass und geschockt von ihrer Vision, und Piper 
wusste, ihre Schwester spulte den schrecklichen Film immer 
wieder von vorn in ihrem Kopf ab, um kein einziges Detail zu 
vergessen. Es war ihr unerträglich, dass Phoebe immer wieder 
so etwas Schreckliches durchmachen musste. Ihre Visionen 
hatten den Zauberhaften  zwar schon geholfen, Dutzende 
Unschuldige zu retten und unzählige Dämonen zu besiegen, aber 
Piper wünschte, Phoebe hätte nicht so oft unter ihnen zu leiden. 

»Phoebe, setzt dich doch erst mal ein Weilchen hin«, schlug 

Piper vor, als Phoebe sofort auf den Speicher wollte. »Ich mache 
dir einen Tee.« 

»Piper, wir haben keine Zeit für Tee«, entgegnete Phoebe, die 

bereits auf der dritten Treppenstufe stand. »Wir müssen die 
Bezwingungsformel für den Dämon finden, Regina aufspüren 
und ihr Haus überwachen. Tee steht jetzt leider nicht zur 
Debatte.« 

»Okay, okay, du hast ja Recht«, sagte Piper widerstrebend. 

»Aber sobald sich die Gelegenheit bietet, wirst du dich ein 
bisschen ausruhen.« 

Sie folgte Phoebe und Paige nach oben auf den Dachboden, 

wo sie das Buch der Schatten aufbewahrten, und konnte sich 
nicht von dem unguten Gefühl befreien, dass es sich diesmal um 
etwas besonders Furchterregendes handelte. Wenn Leo doch nur 
da wäre! Aber als sich die Mädchen auf den Heimweg gemacht 
hatten, um ihr Buch zu konsultieren, hatte Leo beschlossen, 
beim Hohen Rat nachzuhören, ob ihm irgendwelche 
Informationen vorlagen, und war ziemlich rasch davongeorbt. 
Obwohl Piper Leos Pflichtbewusstsein und Hingabe bewunderte 

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und die Erfordernisse seiner immens wichtigen Aufgabe 
respektierte, vermisste sie ihn in solchen Situationen trotzdem. 

Ich wüsste gern, wie Phoebe damit umgeht, dachte Piper und 

beobachtete ihre Schwester, die zum Buch der Schatten eilte und 
anfing, in den dicken, vergilbten Seiten zu blättern. Wenigstens 
wurde Leo nicht von dämonischen Kopfgeldjägern verfolgt! 
Cole war ebenfalls verschwunden, als die Schwestern sich nach 
Hause aufgemacht hatten. Er achtete stets darauf, in Bewegung 
zu bleiben und nicht zu lange an einem Ort zu verharren, damit 
es den Kopfgeldjägern nicht gelang, ihn aufzuspüren. 

»Aha! Da ist es!«, rief Phoebe und bohrte ihren Zeigefinger in 

das Buch. 

»Igitt... das Ding?«, fragte Paige. Sie beugte sich mit einer 

Mischung aus Ekel und Ungläubigkeit im Gesicht über das 
Buch. »Sieht ja aus wie Freddy Krueger!« 

Obwohl sie nach dieser Beschreibung wenig Lust hatte, den 

neuen Feind anzuschauen, trat Piper zu ihren Schwestern. Als 
sie ihr Platz machten, um sie einen Blick in das Buch werfen zu 
lassen, rutschte ihr regelrecht das Herz in die Hose. »Aplacum«, 
las sie die Überschrift auf der Seite vor. »Also, der wird wohl 
nie einen Dämonen-Schönheitswettbewerb gewinnen!« 

Aplacum war ein gewaltiges Ungetüm mit der Statur eines 

riesenhaften Footballspielers. Er war mit Schuppen bedeckt und 
hatte sieben Finger an jeder Pfote, an denen lange, scharfe 
Krallen wuchsen. Wie aus seinem wutverzerrten, gruseligen 
Gesicht zu schließen war, hatte er noch nicht viele glückliche 
Tage erlebt. 

»Das ist ja nicht besonders ausführlich«, bemerkte Piper und 

blätterte um. »Kein Wort darüber, welches Ziel er verfolgt, und 
warum er tötet oder wie er das macht.« 

»Ich glaube, wir wissen wie«, entgegnete Paige und schluckte. 
»Und hier steht die Bezwingungsformel«, sagte Phoebe. 

»Darauf kommt es schließlich an, nicht wahr? Wir können das 

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Biest erledigen, bevor es unsere Unschuldigen tötet.« 

»Okay, ich schreibe mir die Formel raus. Paige, willst du 

nicht auskundschaften, wo diese Regina Trager wohnt?«, schlug 
Piper vor. 

»Bin schon dabei«, entgegnete Paige. Sie machte auf dem 

Absatz kehrt und eilte die Treppe hinunter. 

Piper schnappte sich Notizblock und Stift vom Fenstersims 

und fing an, die Formel abzuschreiben. Daneben stand auch das 
Rezept für eine Zaubertinktur, und sie achtete darauf, die 
angegebenen Mengenangaben exakt zu übernehmen. Eine 
falsche Zahl, und es konnte alles Mögliche passieren. Aplacum 
konnte zum Beispiel noch stärker werden, gar unbesiegbar. So 
gesehen war Magie eine sehr heikle Angelegenheit. 

»Komm mit, Phoebe«, sagte Piper und riss das Blatt aus dem 

Block, als sie fertig war. »Jetzt bekommst du deinen Tee.« 

»Gute Idee«, meinte Phoebe und massierte sich mit den 

Fingerspitzen die Schläfen. 

Sie folgte Piper schweigend vom Dachboden die Treppe 

hinunter zum Wohnzimmer. Als sie in der Küche ankamen und 
immer noch kein Wort gefallen war, machte sich Piper große 
Sorgen um Phoebe. Ihre kleine Schwester war in der Regel alles 
andere als schweigsam. Piper füllte den Wasserkessel, stellte ihn 
auf den Herd und drehte die Gasflamme auf die höchste Stufe. 
Dann stemmte sie eine Hand in die Hüfte und sah Phoebe 
prüfend an. 

»Okay, was ist los?«, fragte sie. »Du bist doch sonst nicht so 

still. Wir wissen jetzt, wie wir diesen Dämon vernichten können. 
Was bedrückt dich denn sonst noch?« 

»Nichts«, entgegnete Phoebe wenig überzeugend. Wie in 

Zeitlupe setzte sie sich auf einen der Hocker, die um die 
Kücheninsel in der Raummitte aufgestellt waren. 

»Komisch, irgendwie kann ich dir das nicht so recht glauben«, 

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meinte Piper. 

»Ich weiß auch nicht... Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl. 

Außer Aplacum war da noch jemand oder... etwas in meiner 
Vision«, sagte Phoebe und verschränkte die Arme auf der 
gekachelten Kücheninsel. »Da war noch etwas Böses. Findest 
du das nicht seltsam?« 

»Hast du diesen Jemand oder dieses Etwas denn gesehen?«, 

fragte Paige, die mit dem Telefonbuch unter dem Arm in die 
Küche getrabt kam. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte 
dynamisch hinter ihr her. 

»Nein, das ist nur so ein Gefühl«, antwortete Phoebe und 

zuckte mit den Schultern. »Einfach nur ein verdammt ungutes 
Gefühl.« 

»Nun, vielleicht fühlst du dich nur so, weil die Vision sehr 

brutal war«, sagte Paige, rutschte auf den Hocker neben ihr und 
schlug das dicke Telefonbuch auf. »Wahrscheinlich hat sie dir 
einfach nur viel mehr zugesetzt als die vorherigen.« 

Piper sah Phoebe hoffnungsvoll an. »Glaubst du, es liegt 

daran?«, fragte sie und öffnete den Zauberschrank - den 
Aufbewahrungsort für alle magischen Zutaten. Piper hielt als 
sachkundige Köchin ihre Zutaten so gut wie möglich vor 
neugierigen Augen verborgen. 

»Vielleicht«, antwortete Phoebe unsicher. 
»Hab sie!«, rief Paige und hielt triumphierend das 

Telefonbuch hoch. »Sie lebt in einem Studentinnenwohnheim 
auf dem Campus.« 

»Gott sei Dank steht sie überhaupt drin«, bemerkte Phoebe. 

»Dann klappt ja heute wenigstens etwas.« 

»Es wird alles klappen«, sagte Piper zuversichtlich. Sie kniete 

sich hin und holte ein paar Edelstahltöpfe aus dem Schrank. 
»Wir werden diese Tinktur zubereiten und uns in Bewegung 
setzen, bevor Aplacum angreifen kann. Und ich werde uns mit 

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einem kleinen Extraschutz versehen - für den Fall, dass du mit 
deinem unguten Gefühl richtig liegst.« 

Piper stand wieder auf und stellte die Töpfe auf den Herd. Sie 

öffnete eine Schublade und holte drei violette Kristalle heraus. 
Dann nahm sie eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und 
goss etwas davon in den kleinsten der Töpfe. 

»In der Rezeptur ist Mineralwasser angegeben?«, fragte 

Phoebe und zog erstaunt eine Augenbraue hoch. 

»Je reiner, desto besser«, entgegnete Piper. 
Sie stellte den Gasherd an, wartete, bis das Wasser kochte, 

und warf dann einige Zutaten hinein. Als sie mit dem Holzlöffel 
umrührte und die Flüssigkeit im Topf so pink wie Pepto-Bismol 
wurde, ließ sie die Kristalle hineinfallen. Eine rosaweiße 
Rauchwolke stieg auf. Zufrieden holte sie die Kristalle wieder 
heraus, ließ sie in der Spüle abtropfen und reichte einen an 
Phoebe weiter, den zweiten an Paige und behielt den dritten für 
sich. 

»Cool!«, sagte Paige und hielt den nun schneeweißen Kristall 

ins Licht, um ihn zu betrachten. »Wofür ist der gut?« 

»Wenn du den Kristall heute Abend in der Tasche hast, 

bewahrt er dich vor allem unerwarteten Bösen«, erklärte Piper 
und steckte sich ihren Kristall in die Hosentasche. 

»Wow, du hast dich ja praktisch zur Meisterköchin unter den 

Hexen gemausert«, bemerkte Phoebe beeindruckt. 

Piper errötete und zuckte mit den Schultern. »Ich tue, was ich 

kann«, sagte sie bescheiden und begann, die Zutaten für die 
Tinktur zu Aplacums Vernichtung vorzubereiten. Sie hoffte nur, 
ihre Schwester lag mit der Einschätzung ihres Küchentalents 
richtig. Denn so wie es aussah, hing davon im Augenblick 
Reginas Leben ab. 

 
»Kannst du vielleicht ein bisschen leiser lutschen?«, fragte 

-19- 

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Piper und sah Paige im Rückspiegel des Autos an. 

»Sorry«, sagte Paige und verdrehte die Augen. Sie schob sich 

ihren Lutscher in den Mund und ließ ihn in der Backentasche 
ruhen. »Wenn du mich zur Abwechslung mal ans Steuer 
gelassen hättest...« 

»Was hat denn das Fahren mit dem Lutscher zu tun?«, gab 

Piper zurück und rieb sich mit einer Hand über die Stirn, als 
spräche sie mit dem nervigsten Kind auf dem ganzen Spielplatz. 

»Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum ich nicht ab 

und zu mal dein Auto fahren kann«, sagte Paige. »Nur weil ich 
die Jüngste bin?« 

»Nein, weil du nicht mal zum Briefkasten fahren kannst, ohne 

eine Beule reinzufahren«, entgegnete Piper. 

Paige spürte, wie sie vor Schmach und Verlegenheit rot 

wurde. »Hey, dieser Briefkasten ist plötzlich aus dem Nichts 
aufgetaucht!« 

»Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt«, sagte Piper 

genervt. »Du hast doch selbst ein Auto.« 

»Ja, aber das ist eine totale Schrottmühle«, entgegnete Paige. 
»Nun, vielleicht gibt es einen Grund dafür, dass es eine 

Schrottmühle ist«, gab Piper zurück. 

»Hey, Mädels! Müssen wir jetzt über dieses Thema streiten?«, 

platzte Phoebe heraus. »Darf ich euch daran erinnern, warum 
wir unterwegs sind?« Sie bedachte Paige und Piper mit einem 
todernsten, strafenden Blick und Paige ließ sich in ihren Sitz 
zurückfallen. Sie würde sich hüten, Phoebe zu widersprechen, 
wenn sie so schlecht gelaunt war. Wenn sie derart meckerte - 
was selten genug vorkam -, dann war die Lage ernst. 

Paige seufzte und betrachtete die Fenster des hell erleuchteten 

Wohnheims der Studentinnenvereinigung, in dem Regina 
wohnte. Das große, mit Stuck verzierte Haus stand in einem 
Park mit vielen Bäumen und bunten Blumen - es sah eher nach 

-20- 

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einer Urlaubsunterkunft aus als nach einem Collegewohnheim. 
Das Auto stand geschützt auf der gegenüberliegenden 
Straßenseite und nun saßen die drei Schwestern schon seit über 
einer Stunde im Dunkeln und hatten nichts zu tun. Nichts 
jedenfalls, außer sich zu zanken. Paige hatte geklingelt, als sie 
angekommen waren, und man hatte ihr gesagt, Regina sei mit 
ihrem Freund ausgegangen. Weil Phoebe in der Vision gesehen 
hatte, wie Regina in ihrem Schlafzimmer angegriffen wurde, 
gingen die drei Schwestern davon aus, dass Regina nichts 
zustieß, solange sie draußen unterwegs war. Sie hatten 
beschlossen zu warten und nach Aplacum Ausschau zu halten. 

»Ich verstehe sowieso nicht, wie du so viel Zucker zu dir 

nehmen kannst«, zischte Piper. 

»Hey, ihr beiden habt Männer, ich hab die Süßigkeiten«, gab 

Paige zurück. 

Sie sah, wie Piper und Phoebe schuldbewusste Blicke 

wechselten, aber das war ihr egal. Wenigstens hatte sie es 
geschafft, den beiden für den Augenblick das Maul zu stopfen. 

»Ich verstehe nur nicht, warum dieses Aplacum-Ding eine 

unschuldige Collegestudentin töten will«, sagte Paige und zog 
den Lutscher aus dem Mund. Sie schaute einer Gruppe 
Studenten nach, die mit Büchern beladen an ihnen vorbeikamen. 
»Was meint ihr? Ist sie vielleicht eine Hexe?« 

»Wer weiß?«, entgegnete Phoebe. »Vielleicht hat sie etwas, 

das Aplacum haben will.« 

»Eine richtig gute Feuchtigkeitscreme zum Beispiel«, witzelte 

Piper. 

Paige lachte und sah Piper im Rückspiegel in die Augen. 

Piper lächelte, und sofort fühlte sich Paige besser. Sie hatte bis 
vor kurzem gar keine Geschwister gehabt und es überraschte sie 
immer noch, wie leicht es war, Groll und Streit zu vergessen, als 
wäre nichts geschehen. Es war irgendwie cool, Schwestern zu 
haben. 

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»Es gibt ja auch Dämonen, die einfach nur aus Spaß an der 

Freude töten«, bemerkte Phoebe und zupfte am Saum ihres 
langen Pullovers herum. »Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, 
aber ich finde diese Sorte am unheimlichsten.« 

Eine Weile herrschte Schweigen, während Paige und ihre 

Schwestern darüber nachdachten, aber dann ertönte plötzlich das 
Motorengeräusch eines näher kommenden Autos. Paige beugte 
sich in ihrem Sitz vor, und da fuhr auch schon ein kleines rotes 
Kabrio vor dem Wohnheim vor. Regina stieg lachend aus und 
machte einen sehr ausgelassenen Eindruck. Auf der anderen 
Seite kletterte der heißeste Typ aus dem Auto, den Paige je 
gesehen hatte. 

»Wow!«, raunte sie. »Regina weiß offensichtlich, wo man sie 

herbekommt.« 

Reginas Freund war groß und schlank und hatte dunkles Haar. 

Wie sagenhaft blau seine Augen waren, konnte Paige sogar in 
der Dunkelheit und aus vielen Metern Entfernung erkennen. Als 
er Regina anlächelte und sie an die Hand nahm, setzte Paiges 
Herz einen Schlag aus. Noch nie hatte sie so heftig auf ein 
banales Lächeln reagiert. Schon gar nicht, wenn es einer anderen 
galt. Der gut aussehende Mann trug einen mordsmäßig coolen 
Anzug und seine Haltung verriet, dass er ein Mensch war, der 
genau wusste, wohin er wollte und was er tun würde, wenn er 
dort ankam. Paige lief förmlich das Wasser im Mund 
zusammen, und sie schob sich rasch wieder den Lutscher in den 
Mund. 

»Also, das ist jedenfalls nicht der Dämon«, meinte Piper. 
»Das ist nicht gesagt. Denk mal an einen gewissen Typen 

namens Cole«, entgegnete Phoebe. Sie öffnete die Autotür, als 
Regina und ihr Freund in dem Wohnheim verschwanden. »Ich 
denke, wir sollten uns das genauer ansehen.« 

»Warum? Um sie zu schützen oder weil du in Spannerlaune 

bist?«, fragte Piper schelmisch. 

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Dennoch stiegen auch sie und Paige aus dem Wagen und 

schlossen leise die Türen. Sie schlichen über die Straße und 
dann die Einfahrt zum Haus hoch. Nachdem Regina das Haus 
betreten hatte, war hinter keinem der Fenster auf der Vorderseite 
des Hauses Licht angegangen, also schlichen die drei auf die 
Rückseite. Regina und ihr Freund waren deutlich im Fenster 
eines Zimmers im ersten Stock zu erkennen. 

»Da ist es!«, zischte Phoebe den anderen zu, und die Mädchen 

gingen hinter einem Busch in Deckung. »Das ist das Zimmer, 
das ich in meiner Vision gesehen habe.« 

Paige kämpfte gegen die in ihr aufsteigende Angst und 

richtete sich leicht auf, um besser sehen zu können. Regina und 
ihr Freund standen mitten im Zimmer und lachten über etwas, 
das er gesagt hatte. Der Typ, der nun besser zu erkennen war, 
musste ein paar Jahre älter als Regina sein. Er war eindeutig 
Anfang bis Mitte zwanzig und verfügte auch ebenso eindeutig 
über ein gut gefülltes Bankkonto. Sein Anzug saß nicht nur 
tadellos, sondern schien auch sehr teuer zu sein. 

Nun nahm der junge Mann Reginas Gesicht in seine Hände 

und beugte sich zu ihr vor, um sie lange und zärtlich zu küssen. 
Paige beobachtete die Szene und spürte, wie in ihr eine 
irrationale Eifersucht aufstieg. Eigentlich hätte sie wegsehen 
sollen, um den beiden Verliebten ein bisschen Privatsphäre zu 
gönnen, aber sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie starrte 
hinauf zu dem Fenster und wünschte sich in diesem Augenblick, 
diejenige zu sein, die geküsst wurde. 

Urplötzlich zuckten jedoch grelle grüngelbe Lichtblitze durch 

den Raum und Aplacum stand mitten in Reginas Zimmer. Paige 
schlug das Herz bis zum Hals. In 3-D und in Farbe mutete der 
Dämon noch viel furchterregender an als im Buch der Schatten. 
Er stieß ein ohrenbetäubendes Gebrüll aus und das Pärchen fuhr 
erschreckt auf. 

»Ach du lieber Gott!«, stieß Paige hervor und klammerte sich 

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mit zitternder Hand an Pipers Arm fest. 

»Showtime!«, rief Phoebe und sprang auf. Mit einem Satz war 

sie auf der Veranda und trat die Hintertür des Hauses ein. Sie 
riss sie in dem Augenblick aus den Angeln, als Regina ihren 
ersten markerschütternden Schrei ausstieß. 

Paige und Piper rannten die Treppe hinauf und folgten Phoebe 

zu Reginas Zimmer. Regina stand schreiend mit dem Rücken 
gegen den Schreibtisch und hob schützend die Hände vors 
Gesicht, als Aplacum sich auf sie stürzte. Der Dämon holte mit 
einer seiner monströsen Pfoten aus, um alles kurz und klein zu 
schlagen. Seine scharfen, silbernen Krallen blitzten gefährlich 
im Licht der Deckenlampe auf. 

»Piper!«, rief Phoebe. 
Piper hob die Hände und hielt das Geschehen an. Aplacums 

Krallen blieben nur Zentimeter vor Reginas Gesicht in der Luft 
hängen. 

»Das war knapp!«, bemerkte Phoebe und griff sich erleichtert 

ans Herz. 

»Okay, und was jetzt?«, fragte Paige und schaute über die 

Schulter zu Reginas Freund, der offenbar vor ihrem Eintreffen 
bereits zu Boden geworfen worden war. 

Piper holte das kleine Fläschchen mit der Bezwingungstinktur 

aus der Tasche, die sie am Nachmittag hergestellt hatte. 
»Phoebe, sobald ich die Erstarrung auflöse, musst du den 
Dämon ablenken. Aber pass auf und komm den scharfen Krallen 
nicht zu nahe!« 

Phoebe nickte und stellte sich kampfbereit neben der 

erstarrten Regina auf. 

»Paige, du kümmerst dich um Regina und ihren Freund und 

bringst sie sofort aus dem Zimmer«, fuhr Piper fort. »Wir haben 
hier drin zu wenig Platz zum Kämpfen. Aber komm so schnell 
wie möglich wieder rein, wir brauchen dich nämlich für die 

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Zauberformel.« 

»Verstanden«, sagte Paige und nickte. 
»Okay, dann geht's jetzt los!«, sagte Piper. Mit einem 

Fingerschnippen hob sie den Bann über das Zimmer wieder auf, 
und Reginas Geschrei ging weiter. 

Phoebe trat umgehend in Aktion und verpasste Aplacum 

einen Tritt in das, was höchstwahrscheinlich sein Magen war, 
obwohl sich das nicht mit Sicherheit sagen ließ, da sie nichts 
über den Körperbau des Dämons wussten. Als das Wesen ein 
Stück zurückwich, nahm Paige Regina bei der Hand und zog sie 
von dem Schreibtisch weg. 

»Du musst sofort hier raus«, erklärte sie knapp und fasste das 

Mädchen bei den zitternden Schultern. 

Regina drehte sich vollkommen hysterisch zu ihr um, aber da 

sprang Phoebe bereits in die Luft, um Aplacums Krallen 
auszuweichen, was ihr mit knapper Not gelang. »Wo ist 
Micah?«, schrie Regina. 

»Ich bin hier«, ächzte Micah und versuchte, sich 

aufzurappeln. Er sah Paige in die Augen und blinzelte, als 
versetze ihn irgendetwas in Erstaunen. Trotz der ganzen Action 
ringsum verspürte Paige einen Schauder der Erregung, und für 
einen Augenblick war es, als seien der Raum und das ganze 
Chaos einfach verschwunden. Sie hatte zwar schon aus der 
Ferne festgestellt, wie großartig seine Augen waren, aber aus der 
Nähe hatten sie eine regelrecht hypnotische Wirkung. Dann 
wendete Micah seinen Blick jedoch ab, und der Bann war 
gebrochen. Paige blinzelte und Micah sah sich im Raum um. 
Offenbar kam er wieder zu sich. 

»Komm, lass uns verschwinden!«, sagte er und zog Regina 

am Arm aus dem Zimmer. Paige hörte, wie er sich bemühte, 
eine Gruppe neugieriger Mädchen vor der Tür zu vertreiben. 

»Ich halte nicht mehr lange durch!«, rief Phoebe, duckte sich 

unter Aplacums Krallen hinweg und brachte ihn mit einem 

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gezielten Tritt in die Beine aus dem Gleichgewicht. Paige 
wirbelte erschreckt um die eigene Achse, als die Kreatur zu 
Boden krachte und eine Lampe und die Hälfte von Reginas 
Schreibtisch mit sich riss. 

»Piper, jetzt!«, rief Paige. 
Piper schleuderte das Fläschchen mit der Tinktur zu Boden, 

und es zersprang in tausend Splitter. Violetter Dampf schoss in 
die Luft und hüllte den Dämon ein. Phoebe sprang rasch über 
das Bett, um sich neben Piper zu stellen, und auch Paige eilte 
herbei. Piper hielt den Zettel mit der Bezwingungsformel so vor 
sich, dass ihre Schwestern mitlesen konnten. 

»Säuselnder Wind, hilf auf die Schnelle, bring diesen Dämon 

zurück in die Hölle!« 

Aplacum stieß erneut ein gewaltiges Gebrüll aus, bevor er mit 

einem roten Lichtblitz verschwand. Ein heftiger Windstoß fegte 
durchs Zimmer, blies Paige die Haare aus dem Gesicht und riss 
Reginas Poster und Fotos von den Wänden. Aber er verschwand 
genauso rasch wieder, wie er gekommen war. Aplacum war ein 
für alle Mal besiegt. 

»Das war aber nicht wirklich ein säuselnder Wind«, bemerkte 

Piper und pflückte sich ein paar Post-its aus dem Haar. 

»Hey, sind da noch alle Finger dran?«, fragte Phoebe, kniff 

fest die Augen zusammen und streckte ihren Schwestern die 
zitternden Hände entgegen. 

Paige betrachtete sie prüfend. »Alle zehn Finger vollzählig!«, 

bestätigte sie. 

»Puh!«, machte Phoebe und öffnete grinsend die Augen. »Ich 

finde, wir sollten den Beschluss fassen, nie wieder gegen so 
etwas Ekelhaftes zu kämpfen!« 

In diesem Augenblick war Lärm aus dem Flur zu hören, und 

Micah und Regina stürzten Hand in Hand herein. Regina sah 
sich in ihrem Zimmer um und setzte sich dann zitternd und 

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offensichtlich unter Schock auf einen Stapel Eierkartons an der 
Tür. 

»Alles in Ordnung!«, rief Micah in den Flur, bevor er die Tür 

ins Schloss knallte. 

»Ist er wirklich weg?«, fragte Regina mit bebender Stimme. 
»Ja. Mach dir keine Sorgen! Das Biest siehst du nie mehr 

wieder«, antwortete Phoebe und strich Regina das zerzauste 
Haar glatt. 

Das Mädchen sah zu ihr auf und lächelte sie dankbar an. 

»Was war das eigentlich?«, fragte es mit weit aufgerissenen 
Augen, in denen Tränen schwammen. 

»Wir haben irgendwie gehofft, du könntest uns das sagen«, 

antwortete Piper ruhig. »Hast du eine Ahnung, warum es hinter 
dir her war?« 

»Ich denke immer noch, ich werde gleich wach«, sagte 

Regina ratlos. »Außer in Horrorfilmen und Albträumen habe ich 
noch nie so etwas gesehen... und Albträume werde ich heute 
Nacht bestimmt haben.« 

»Nun, es ist nicht ganz einfach, das zu erklären«, sagte 

Phoebe und sah erst Micah, dann Regina an. »Sagen wir mal so: 
Wir sind Hexen und kämpfen gegen das Böse und wir würden es 
sehr zu schätzen wissen, wenn du niemandem etwas davon 
erzählst.« 

»Hexen?«, fragte Micah und sah die Schwestern der Reihe 

nach an. Als sein Blick auf Paige fiel, hatte sie das Gefühl, ihr 
zerspränge jeden Augenblick das Herz, aber es gelang ihr, lässig 
mit den Schultern zu zucken und fröhlich zu grinsen. Micah 
kicherte. »Also, was auch immer hier gerade passiert ist, wir 
sind euch auf jeden Fall sehr dankbar für eure Hilfe«, sagte er. 
Er hockte sich neben Regina auf den Boden und nahm ihre 
Hand. »Ohne euch hätten wir die Geschichte wohl kaum 
überlebt.« 

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»Ja«, sagte Regina nur und drückte Micahs Hand. »Danke.« 
»Keine Ursache. Ihr braucht euch nicht bei uns zu bedanken«, 

sagte Piper und schritt vorsichtig über die zerbrochene Lampe 
hinweg zur Tür. Sie lächelte Regina an. »Versuch, keine 
Albträume zu haben! Du bist jetzt in Sicherheit.« 

»Tut uns Leid... das ganze Chaos hier«, sagte Paige noch, als 

Piper und Phoebe hinausgegangen waren. Paige wollte ihnen 
gerade folgen, aber da sah Micah sie an, und sie blieb wie 
angewurzelt stehen. In seinem unverhohlen interessierten Blick 
aus diesen blauen Augen lag eine solche Anziehungskraft, dass 
sie sich am liebsten auf der Stelle in seine Arme gestürzt hätte. 

Was bildest du dir eigentlich ein? Er ist nur dankbar!, rief sie 

sich zur Ordnung und zwang sich, ihre Beine in Bewegung zu 
setzen. Krieg dich wieder ein! 

Dennoch spürte sie, wie sein Blick auf ihr ruhte, als sie hinaus 

in den Korridor ging. Jeder Zentimeter ihrer Haut kribbelte vor 
Aufregung. Noch nie hatte ein männliches Wesen solche 
Gefühle in Paige geweckt. Und schon gar nicht mit einem 
einzigen Blick. War es vielleicht das, was man gemeinhin mit 
»Liebe auf den ersten Blick« bezeichnete? 

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»GUTEN morgen!«, rief Piper Phoebe strahlend am nächsten 

Tag zu, als sie in die Küche kam. Sie reckte die Arme in die 
Höhe und atmete tief durch. Piper war definitiv ein 
Morgenmensch. Ganz besonders an einem schönen, sonnigen 
Morgen nach der Schlacht gegen einen Dämon, die ohne 
Verletzungen und andere Zwischenfälle zu seiner Bezwingung 
geführt hatte. 

»Die hätten wir wahrscheinlich gar nicht gebraucht«, sagte sie 

lächelnd und warf ihren Schutzkristall auf die Kücheninsel, wo 
Phoebe ihren Kaffee trank und Zeitung las. »Hey, ich hoffe, du 
hast den Gesellschaftsteil für Paige aufbewahrt. Wenn sie nicht 
ihre morgendliche Dosis Klatsch und Tratsch bekommt, hat sie 
gleich schlechte Laune.« 

Piper ging zum Kühlschrank und holte den Glaskrug mit dem 

Orangensaft heraus. Erst als sie sich wieder umdrehte und 
Phoebe genauer ansah, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. 
Wie immer war Phoebe perfekt frisiert und zurechtgemacht. Sie 
trug ein rosafarbenes schulterfreies Top und einen dazu 
passenden gestreiften Rock, aber sie saß da und starrte ins 
Nichts, obwohl sie den Modeteil der druckfrischen 
Sonntagszeitung vor sich ausgebreitet hatte. 

»Wie ich sehe, feiern die guten alten Legwarmer jetzt ihr 

Comeback«, bemerkte Piper gespielt unschuldig und wartete auf 
eine entsetzte Reaktion von Phoebe. Als diese ausblieb, setzte 
sie den Krug mit dem O-Saft auf dem Tisch ab. »Auf welchem 
Planeten bist du eigentlich heute Morgen?«, frage sie und 
wedelte mit der Hand vor Phoebes Gesicht. 

Phoebe blinzelte einige Male und starrte ihre geblümte 

Kaffeetasse an, als wäre sie gerade erst in ihren Händen 
aufgetaucht. 

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»Sorry«, sagte sie und lächelte Piper an. Sie stellte die Tasse 

seufzend ab und fuhr sich mit den Händen durchs Haar, wobei 
ihre zahlreichen glitzernden Armreifen gegeneinander 
klimperten. »Ich denke nur über gestern nach.« 

»Und was bringt dich so aus dem Konzept? Der tote Dämon 

oder die dankbaren Nichtopfer?«, fragte Piper, während sie sich 
ein großes Glas Saft einschenkte. 

»Es ist dieser Micah«, sagte Phoebe und rieb sich die Hände, 

als sei ihr plötzlich kalt geworden. »Ich könnte schwören, ich 
habe diesen Typen schon irgendwo gesehen, und das hat mir die 
ganze Nacht keine Ruhe gelassen.« 

»Na ja, vielleicht erinnerst du dich nur aus deiner Vision an 

ihn«, meinte Piper. Sie schob die Ärmel ihres braunen 
Wollpullovers hoch, bevor sie einen Schluck trank. »Er ist ja 
bestimmt darin aufgetaucht, oder?« 

Phoebe kniff die Augen zusammen, dachte nach und 

schüttelte dann langsam den Kopf. »Ich weiß es nicht«, sagte sie 
frustriert. »Ich glaube zwar nicht, dass es mit der Vision zu tun 
hat, aber falls doch, ist das auch ein Grund zur Beunruhigung, 
oder?« 

»Warum das denn?«, fragte Piper und runzelte die Stirn. 
»Ich habe dir doch von der anderen bösen Anwesenheit in 

meiner Vision erzählt, erinnerst du dich?«, sagte Phoebe und 
beugte sich vor. »Was, wenn es sich bei dieser bösen 
Anwesenheit um Micah handelt?« 

Piper seufzte. Ihre Schwester geriet angesichts der möglichen 

heißen Spur zunehmend in Aufregung und sie wollte ihre 
Seifenblase nicht zum Platzen bringen, aber dieser Verdacht 
schien ihr nun doch ein wenig weit hergeholt. »Phoebe, komm 
schon...« 

»Nein, Piper! Was, wenn Micah eine Art getarnter Dämon ist? 

Oder auch nur ein ganz gewöhnlicher gefährlicher 
Krimineller?«, entgegnete Phoebe und redete sich immer mehr 

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in Rage. »Was, wenn Regina immer noch in Gefahr ist und wir 
das nicht durchschaut haben?« 

»Okay, du musst dich von diesen Gedanken befreien«, sagte 

Piper und tätschelte beruhigend Phoebes Hand. »Micah scheint 
doch ein wirklich netter Kerl zu sein. Er war nur ebenso 
schockiert wie Regina wegen dieser ganzen Hexen- und 
Dämonengeschichte.« 

Phoebe seufzte und starrte auf die Fliesen der Küchentheke. 

Sie wirkte fast enttäuscht. 

»Und mal abgesehen von allem anderen: Wenn Micah 

wirklich böse wäre, warum hast du dann nicht in deiner Vision 
gesehen, wie er Regina angreift?«, argumentierte Piper und hob 
ihr Saftglas an die Lippen. 

»Du hast Recht«, sagte Phoebe. Abwesend strich sie mit den 

Fingern über den Rand der Zeitung und knickte die Ecke einer 
Seite um. »Wir haben Regina gerettet. Es ist vorbei.« 

»Ganz genau«, sagte Piper bestimmt. 
»Ganz genau«, wiederholte Phoebe. 
Piper merkte jedoch, dass Phoebe nicht überzeugt war. Wenn 

sie sich über etwas Sorgen machte, war es beinahe unmöglich, 
sie mit logischen Argumenten zu überzeugen. Sie brauchte einen 
soliden Beweis, sonst nagte diese Micah-Geschichte noch ewig 
an ihr. Es war einfach eine der vielen liebenswerten - und 
manchmal nervigen - Eigenschaften ihrer Schwester. 

»Aber dieser Aplacum war ziemlich gruselig, hm?«, sagte 

Phoebe mit einem kleinen Lächeln. 

»Allerdings. Ich weiß nicht, wie es Regina ergangen ist, aber 

ich habe Albträume gehabt«, entgegnete Piper. 

»Ich weiß. Ich habe auch kaum geschlafen«, sagte Phoebe. 
Sie griff seufzend nach ihrer Kaffeetasse, als es unvermittelt 

an der Haustür klingelte. Bevor Piper überhaupt mitbekam, was 
geschah, waren über die ganze Küchentheke Keramikscherben 

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verstreut. Eine riesige Kaffeepfütze bewegte sich im Eiltempo 
auf die Kante zu und drohte, auf den Boden zu laufen. 

»Mach schnell! Mach schnell!«, rief Phoebe, faltete hastig 

einige Zeitungsseiten zusammen und stoppte damit die 
Kaffeeflut. 

Piper hob die Hände, um die Pfütze anzuhalten, und holte 

rasch die Rolle Küchentücher aus dem Halter über der Spüle. 
Gemeinsam mit Phoebe wischte sie die Überschwemmung auf 
und warf das durchweichte Zeitungspapier und die nassen 
Tücher in den Mülleimer. 

»Etwas schreckhaft heute Morgen?«, witzelte Piper, als der 

Schaden behoben war. 

»Schlafmangel«, entgegnete Phoebe lachend. »Da bin ich 

immer so drauf.« 

»Ich gehe schon!«, rief Paige, als die Türglocke zum zweiten 

Mal läutete. 

Sie sprang die Treppe hinunter und ging in der Erwartung zur 

Tür, eine Pfadfinderin oder irgendeinen Vertreter vorzufinden. 
Sie machte sich bereit, eine Miene höflicher Ablehnung 
aufzusetzen - falls es sich nicht um ein Kind mit Schokokeksen 
handelte. Als sie die Tür jedoch schwungvoll aufriss, war ihr 
Kopf plötzlich ganz leer. Vor ihr stand Micah mit seinen blauen 
Augen und lächelte sie an. Auf der Stelle bedauerte Paige ihren 
gemütlichen Jogginghosen-Sonntagslook. 

»Hallo!«, sagte Micah mit diesem umwerfenden Grinsen im 

Gesicht. »Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.« 

Paige brauchte eine Weile, bis sie ihre Stimme wiederfand, 

und als sie so weit war, kam zunächst ein unverständliches 
Gestotter aus ihrem Mund. Sie lief rot an, lachte und trat einen 
Schritt zurück. »Nein! Überhaupt nicht«, sagte sie schließlich. 
»Komm doch rein!« 

»Danke.« 

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Micah trat über die Schwelle, und Paige wurde von dem 

süßen Moschusduft seines Rasierwassers eingehüllt. Sie fiel fast 
in Ohnmacht. Ihr Puls raste und ihre Handflächen wurden 
feucht. Was war nur los mit ihr? Als Micah sich rasch in der 
Eingangshalle umsah, warf Paige einen prüfenden Blick in den 
Spiegel neben der Tür und strich sich mit zitternder Hand übers 
Haar. 

»Und? Was führt dich zu uns?«, fragte sie und strahlte Micah 

hemmungslos an. Er sah verdammt gut aus. Seine Schultern 
wirkten in dem dunklen, leichten Mantel, den er über seinem - 
wieder tadellosen - Anzug trug, besonders breit, und sein 
tiefblaues Hemd betonte seine faszinierenden Augen nur noch 
mehr. 

Micah öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte, 

kamen hinter ihm Phoebe und Piper aus der Küche. Piper warf 
Paige einen fragenden Blick zu, und Paige zog nur die Schultern 
hoch. Sie musste sich sehr am Riemen reißen, um nicht zu 
kichern anzufangen. Sie konnte ihr Glück, diesen Typen noch 
einmal wiederzusehen, gar nicht fassen. 

»Guten Morgen!«, rief Micah und drehte sich zu den beiden 

Schwestern um. »Wie ich gerade sagte... Ich hoffe, ich komme 
nicht ungelegen.« 

»Nein, nein. Wir haben nur gerade die Folgen eines kleinen 

kulinarischen Missgeschicks beseitigt, alles in Ordnung«, 
scherzte Phoebe und verschränkte die Arme vor der Brust. 
»Und? Was treibt dich hierher?«, fragte sie unverblümt. 

»Phoebe!«, zischte Paige mit zusammengebissenen Zähnen. 
»Ich glaube, meine Schwester wollte sagen, wie überrascht 

wir sind, dich zu sehen«, warf Piper mit einem 
beschwichtigenden Lächeln ein. »Wir haben euch gestern ja 
nicht mal unsere Namen verraten. Wie hast du uns gefunden?« 

Micah kicherte und sah auf seine Schuhe. »Verstehe, das gibt 

euch natürlich zu denken«, sagte er und seine blauen Augen 

-33- 

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leuchteten. »Aber ich habe dich aus dem P3  wiedererkannt, 
Piper«, erklärte er. »Ich gehe da oft hin, und ich weiß, dass du 
den Laden führst. Also habe ich einen Freund angerufen, der für 
dich arbeitet... Tyrell Brooks? Er hat mir gesagt, wo ich euch 
finde.« 

»Ach, du kennst Tyrell?«, fragte Piper und ihre Schultern 

entspannten sich sichtlich. »Er ist ein großartiger Mensch. Ohne 
ihn wäre ich verloren.« 

Paige zog überrascht die Augenbrauen hoch. Tyrell Brooks 

war ein Typ Anfang zwanzig, der sich unerwartet schnell vom 
Aushilfskellner zum stellvertretenden Geschäftsführer 
hochgearbeitet hatte. Den Großteil seines jungen Lebens hatte er 
in verschiedenen Heimen verbracht, war immer wieder an 
Drogen geraten und hatte oftmals das Gesetz gebrochen, bevor 
er auf den rechten Weg gelangt war. Vor einigen Jahren war 
Piper das Wagnis eingegangen, ihm einen Job im Club zu 
geben, und seitdem hatte er nicht aufgehört, sie zu 
beeindrucken. 

Natürlich war Tyrell ein sehr netter Kerl, der bestimmt viele 

Freunde hatte, aber Paige musste sich doch wundern, dass ein 
Mann, der in einem heißen Kabrio durch die Gegend fuhr und in 
Tausend-Dollar-Anzügen rumlief, einen Freund mit einer 
derartigen Herkunft hatte. Normalerweise erwiesen sich Typen 
wie Micah immer als Snobs. 

Piper streckte die Hand aus. »Also dann: Schön, dich offiziell 

kennen zu lernen, Micah...?« 

»Grant«, sagte Micah und schüttelte ihr die Hand. »Micah 

Grant.« 

»Das ist Phoebe, und das hier ist Paige«, stellte Piper ihre 

Schwestern vor. 

Micah schüttelte Phoebe die Hand und Paige hielt die Luft an, 

als er sich ihr zuwandte. Verstohlen wischte sie sich rasch die 
Hand an der Jogginghose ab. Als sich ihre Finger berührten, 

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schoss eine Hitzewelle ihren Arm hinauf bis in ihre Schultern. 
Paige musste sich regelrecht zwingen, Micahs Hand wieder 
loszulassen. 

»Was habt ihr denn den anderen Mädchen in dem Wohnheim 

erzählt?«, fragte Phoebe. »Die müssen ja völlig durchgedreht 
sein.« 

»Keine von ihnen hat dieses... Monster gesehen, oder was 

immer das war. Die offizielle Version lautet also, dass ein vor 
Eifersucht wahnsinniger Exfreund von Regina durchgedreht 
ist«, sagte Micah. »Und sie haben uns die Geschichte abgekauft, 
da bin ich sicher.« 

»Gute Geschichte«, bemerkte Piper, schob die Hände in die 

Hosentaschen und sah Phoebe an. »Sollten wir uns merken!« 

»Nun, jedenfalls wollte ich einfach vorbeikommen und mich 

noch mal für eure Hilfe gestern bedanken«, sagte Micah. Er 
wurde ein bisschen verlegen, als er Paige ansah. »Ich bin den 
Kontakt zu Superhelden nicht so gewohnt, glaube ich.« 

Paige lachte und lief knallrot an. »Ach, wir sind ganz und gar 

keine Superhelden.« 

»Nun, aus meiner Perspektive sah es aber so aus«, meinte 

Micah. Er warf einen Blick auf seine goldene Uhr und verzog 
das Gesicht. »Ach, ich sollte mich auf den Weg machen. Ich 
muss los. Aber vielen Dank noch mal!« 

»Gern geschehen«, entgegnete Piper. »Obwohl wir hoffen, 

dass ihr uns nie wieder braucht«, fügte sie lachend hinzu. 

Micah ging auf die Haustür zu und drehte sich noch einmal zu 

Paige um. Wieder traf sie sein Blick mit der Wucht eines 
Tornados, und ihr wurden die Knie weich. Halt suchend lehnte 
sie sich an die Wand. 

»Eigentlich... Sag mal, Paige... hättest du vielleicht eine 

Sekunde Zeit?«, fragte er. 

»Ähm... sicher«, entgegnete Paige und zuckte mit den 

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Schultern. Als ihre Schwestern nicht augenblicklich den Flur 
räumten, ging sie zur Haustür und öffnete sie. »Gehen wir doch 
nach draußen.« 

Micah winkte Piper und Phoebe noch einmal zum Abschied 

zu und ging an Paige vorbei auf die Vordertreppe. Sie folgte 
ihm, schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. 

»Also...«, sagte sie verlegen, denn sie hatte nicht den leisesten 

Schimmer, was Micah ihr unter vier Augen zu sagen haben 
könnte, obwohl ihr in diesem Moment einige höchst 
unwahrscheinliche Fantasien durch den Kopf geisterten. 

»Paige... es kommt dir vermutlich ein wenig dreist vor, weil 

wir uns nicht einmal kennen und ich gerade erst deinen Namen 
erfahren habe«, sagte Micah. Er stand so dicht vor ihr, dass sie 
seine Körperwärme spüren konnte. »Aber ich frage mich, ob... 
na ja, ob du vielleicht heute Abend mit mir ausgehen möchtest.« 

Paige hätte in diesem Augenblick vor Freude Rad schlagen 

können, riss sich aber am Riemen. »Bist du denn nicht... ähm... 
mit Regina zusammen?«, fragte sie und versteckte ihre Hände 
hinter dem Rücken, damit Micah nicht sah, wie sehr sie 
zitterten. 

Micah lächelte leise und blickte in den Himmel, als suche er 

nach den richtigen Worten. »Regina ist sehr nett«, sagte er 
schließlich. »Aber bei unseren bisherigen drei Verabredungen 
habe ich niemals gefühlt, was ich für dich gefühlt habe, als ich 
dich gestern zum ersten Mal sah.« 

Paige blieb die Luftweg. Sollte das ein Witz sein? Gab es 

wirklich Männer, die so etwas sagten? Und wenn ja, warum war 
ihr bislang noch nie so einer begegnet? 

»Okay, ich gehe mit dir aus«, sagte Paige und sah durch ihre 

dichten Wimpern zu ihm auf. »Unter einer Bedingung!« 

»Und die wäre?«, fragte Micah. 
»Du verzichtest auf dieses kitschige Gesülze«, gab Paige 

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zurück. 

Micah lachte, und Paige bemerkte hocherfreut, wie sich seine 

Wangen ein wenig rot färbten. Hey, sie durfte doch nicht den 
Eindruck erwecken, hin und weg zu sein, bevor es überhaupt zu 
dem ersten Date gekommen war! 

»Abgemacht«, sagte Micah. »Dann hole ich dich gegen sieben 

ab.« 

»Lieber um acht«, entgegnete Paige. 
Damit schlüpfte sie zurück ins Haus und schloss die Tür 

hinter sich. Sie wartete, bis Micah in seinem Auto saß, bevor sie 
einen Jubelschrei ausstieß. Also hatte sie sich die Zuneigung in 
seinem Blick am Vorabend nicht eingebildet! Und nun würde 
sie tatsächlich mit dem Typen ausgehen, der in der vergangenen 
Nacht in ihren Träumen die Hauptrolle gespielt hatte. 

»Phoebe hatte Recht«, sagte Paige grinsend zu sich selbst. 

»Man verliebt sich genau dann, wenn man es am wenigsten 
erwartet.« 

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»ALSO... das war ziemlich cool von  ihm, vorbeizukommen 

und sich zu bedanken«, sagte Phoebe, als sie mit Piper zurück in 
die Küche ging. 

»Siehst du!«, gab Piper zurück. »Er ist ein sehr netter Junge.« 
Die Haustür fiel ins Schloss, und Sekunden später kam Paige 

in die Küche geflogen. Auf Socken schlitterte sie Phoebe 
entgegen und schloss sie fest und ausgelassen in die Arme. 
Phoebe hatte kaum Zeit, Luft zu holen und Paiges Umarmung zu 
erwidern, als ihre Schwester sie bereits wieder losließ und eine 
kleine Pirouette mitten in der Küche vollführte. Piper warf 
Phoebe einen skeptischen Blick zu, und es war klar, was sie 
dachte: Paige war eigentlich nicht so sehr der Pirouettentyp. 

»Wer ist dein Koffeinlieferant und kannst du mir bitte seine 

Nummer geben?«, fragte Phoebe mit unbeweglicher Miene. 

»Er will mit mir ausgehen!«, jubelte Paige, die regelrecht zu 

schweben schien. »Du hattest Recht! Ich habe aufgehört zu 
suchen und - schwups! - steht er vor mir!« 

Phoebes Herz setzte einen Schlag aus, und sie warf Piper 

einen besorgten Blick zu. Das war nicht gut. Wenn Micah sich 
möglicherweise als Gefahr herausstellte, war das an sich schon 
ein Problem - wenn er sich jedoch mit ihrer Schwester 
verabredete, war das noch mal etwas ganz anderes. Es behagte 
Phoebe ganz und gar nicht. 

»Und wie ich aus deinem Geflattere schließe, hast du 

zugesagt«, bemerkte Piper und schlug ein paar Eier in einer 
großen Schüssel auf. 

»Natürlich habe ich zugesagt«, entgegnete Paige mit einem 

ungläubigen Lächeln im Gesicht. »Hast du ihn dir nicht richtig 
angesehen?« 

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»Doch, schon, aber hör mal, Paige...«, entgegnete Phoebe und 

rutschte auf ihrem Stuhl herum, »bist du dir da auch sicher? Ich 
meine, was weißt du schon über den Kerl?« 

»Ach, ich bitte dich!«, entgegnete Paige lachend. »Was weiß 

man schon über einen Typen, wenn man zum ersten Mal mit 
ihm ausgeht? Er ist nett, höflich und süß, und er weiß definitiv, 
wie man sich anzieht.« 

»Alles wertvolle Eigenschaften«, bemerkte Piper und 

verquirlte die Eier mit dem Schneebesen. »Aber weißt du auch, 
wo er wohnt, womit er sein Geld verdient und wer seine 
Freunde sind?« 

»Allerdings! Er ist mit Tyrell befreundet!«, rief Paige 

triumphierend. »Und wenn er Tyrells Sympathiestempel 
bekommen hat, bekommt er deinen sicher auch.« 

Phoebe sah, wie Piper tief Luft holte, als sie den 

Wahrheitsgehalt dieser Aussage erfasste. Tyrell und Piper 
standen sich sehr nahe. Und wenn Tyrell Micah mochte... 

»Also...«, sagte Piper. 
Paige, die viel zu sehr in Hochstimmung war, um sich von 

den Worten ihrer Schwestern beeindrucken zu lassen, ging an 
den Schrank und sah nach, was an Frühstücksflocken da war. 
Als sie ihren Schwestern den Rücken zuwandte, wedelte Phoebe 
mit der Hand, um Piper auf sich aufmerksam zu machen. 

»Ich muss ihr von meinem Verdacht erzählen«, formte sie 

tonlos mit den Lippen. 

»Nein!«, gab Piper in übertriebener Lippensprache zurück. 
»Warum?«, machte Phoebe. 
»Sieh sie dir doch an!«, raunte Piper ihrer Schwester zu und 

wies mit den Augen in Paiges Richtung. 

Paige schnippte sich ein paar Apple Jacks in den Mund, kaute 

und summte dabei vor sich hin. Phoebe seufzte und verfiel in 
Schweigen. Paige war viel zu glücklich und Phoebe wollte nicht 

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diejenige sein, die sie von ihrer Wolke herunterholte - schon gar 
nicht, wenn es noch keinen soliden Beweis dafür gab, dass 
Micah auf irgendeine Weise verdächtig war. 

Paige stellte die Schachtel Apple Jacks auf die Küchentheke 

und blätterte rasch die Zeitung durch. Als sie am Ende 
angekommen war, hielt sie irritiert inne und blätterte wieder 
nach vorn. »Ähm, hört mal? Wo ist eigentlich der 
Gesellschaftsteil?«, fragte sie. 

Phoebe blickte betroffen drein. Sie rutschte von ihrem Hocker 

und öffnete mit dem Fuß den Tretmülleimer. Der Deckel ging 
auf und da lag, oben auf einem Häufchen Apfelschalen, 
Kaffeefilter und dreckigen Küchentüchern, der zerknüllte, 
kaffeebraune, durchweichte Gesellschaftsteil der Zeitung. 

»Sorry«, sagte Phoebe. »Kleiner Unfall.« 
»Na, super!«, stöhnte Paige und verdrehte die Augen. Dann 

blickte sie prüfend auf die Theke. »Wie ich sehe, haben der 
Mode- und der Ernährungsteil das Massaker überlebt.« 

»Tut mir Leid, Paige, wirklich«, beteuerte Phoebe. »War 

keine Absicht.« 

Paige griff wieder zu den Apple Jacks. »Ist ja auch egal«, 

sagte sie, warf den Kopf in den Nacken und schüttelte ihre 
Enttäuschung ab. »Ich habe sowieso ganz andere Probleme. 
Zum Beispiel, was ich heute Abend anziehen soll.« Sie holte 
sich eine Hand voll Apple Jacks aus der Schachtel und stapfte 
aus der Küche. Ihre ausgelassene Stimmung hatte sich 
inzwischen deutlich abgekühlt. 

»Hab ich dir ja gesagt«, meinte Piper und goss die verquirlten 

Eier in die Bratpfanne. »Schlechte Laune!« 

Phoebe seufzte und schaute auf ihre Zeitung. Sie wollte 

gerade den Lokalteil beiseite schieben und sich der Mode 
widmen, als ihr ein Foto auf dem Titelblatt ins Auge fiel. Sie 
klappte die Zeitung auseinander und strich sie glatt. »Das ist ja 
wohl unglaublich!«, rief sie aus und starrte auf das Foto. 

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»Was?«, fragte Piper. 
Phoebe hielt die Zeitung hoch. Da, mitten auf der Titelseite, 

prangte ein Farbfoto mit einem lächelnden Micah darauf, wie er 
dem Gouverneur von Kalifornien die Hand schüttelte. 

»Gibt's ja gar nicht!«, staunte Piper. 
Phoebe legte die Zeitung wieder hin und las den Text unter 

dem Foto laut vor. »Der Millionär und allseits bekannte 
Wohltäter Micah Grant - hier zu sehen mit Gouverneur Stiles 
bei der Verleihung der Friends of the State Awards letzte Woche 
- wird heute Mittag das rote Band zur Eröffnung der neuen 
Kinderstation im Mercy Hospital zerschneiden. Über die Hälfte 
der Spenden für diese hochmoderne Einrichtung hat Grant 
persönlich gesammelt.« 

»Wow!«, machte Piper beeindruckt. »Deshalb hast du 

wahrscheinlich den Eindruck, ihn schon irgendwo gesehen zu 
haben. Er ist wahrscheinlich ständig in den Zeitungen.« 

Phoebe hörte kaum, was Piper sagte. Sie war zu beschäftigt 

damit, den kurzen Artikel unter dem Foto zu verschlingen. »Hier 
steht, er hat schon viel für wohltätige Projekte gespendet und 
Geld gesammelt, zum Beispiel für Kinderheime und 
Notunterkünfte«, sagte Phoebe, die mit jedem Wort, das sie las, 
bekümmerter wurde. »Er ist vor ein paar Jahren hierher gezogen 
und hat die Micah-Grant-Foundation ins Leben gerufen, die sich 
dafür einsetzt, die Lebensbedingungen unterprivilegierter 
Kinder zu verbessern.« 

»Ruf die Polizei an. Dieser Mann muss gestoppt werden!«, 

sagte Piper sarkastisch. 

»Du hast ja Recht«, entgegnete Phoebe leicht verstimmt. Sie 

faltete die Zeitung zusammen und seufzte. »Anscheinend hat 
Paige doch einen Guten gefunden.« 

»Na, das klingt aber nicht sehr begeistert«, bemerkte Piper, 

klappte ihr Omelette zusammen und nahm die Pfanne vom 
Herd. 

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»Bin ich aber. Ich freue mich für sie«, erwiderte Phoebe und 

bemühte sich, überzeugend zu klingen. Aber obwohl alle Fakten 
für ihn sprachen, konnte Phoebe das Gefühl nicht abschütteln, 
dass mit Micah Grant etwas nicht stimmte. Sie hoffte nur, sie 
irrte sich... Paige zuliebe. 

 
Paige musste sich heftig konzentrieren, damit ihr der Mund 

nicht vor Ehrfurcht offen stehen blieb, als sie abends mit Micah 
das Restaurant betrat. Es lag abseits auf einem Berg am Ende 
einer einsamen einspurigen Straße und bot einen gigantischen 
Ausblick auf die darunter liegenden Hügel und die Bucht. 
Regelrecht atemberaubend wurde die Aussicht durch die 
Tatsache, dass drei der vier Wände des Speisesaals vom Boden 
bis zur Decke aus Glas waren. Die Einrichtung war ebenso 
elegant wie unaufdringlich. Auf jedem Tisch lag ein weißes 
Leinentischtuch, auf dem Rosenblätter verstreut waren, und in 
der Mitte standen drei unterschiedlich große Kerzen. Es 
herrschte eine gedämpfte romantische Atmosphäre. Auch die 
Kellner sprachen im Flüsterton miteinander, während sie in 
ihren eleganten Smokings von einem Tisch zum anderen 
huschten. 

»Das ist unglaublich!«, hauchte Paige, als Micah ihr das 

seidene Tuch, das sie sich umgehängt hatte, von den bloßen 
Schultern nahm. 

»Genau wie du«, raunte ihr Micah ins Ohr, und ihr lief ein 

kalter Schauer über den Rücken. 

»Wie war das noch mit dem kitschigen Gesülze?«, fragte sie, 

zog die Augenbrauen hoch und schaffte es irgendwie, 
vollkommen ruhig und gesammelt zu wirken. Eine reife 
Leistung, wenn man bedachte, wie sehr Micah sie bereits mit 
seinem Sinn für Stil, seinem Sinn für Romantik, seinem Sinn für 
einfach alles verzaubert hatte. Er hatte sie mit einer schwarzen 
Limousine abgeholt und ihr eine wunderschöne Lilie überreicht. 

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Als er ihr seinen Arm angeboten hatte, um sie zum Wagen zu 
geleiten, war sogar Phoebe beeindruckt gewesen. 

»Sorry«, sagte Micah lächelnd. »Habe ich vergessen. Das ist 

eine Berufskrankheit.« 

Bevor Paige ihn fragen konnte, was er damit meinte, kam ein 

schlanker, distinguiert wirkender Herr zu ihnen und nahm 
Paiges Tuch von Micahs Arm. »Ihr Tisch ist bereit, Mister 
Grant«, sagte er mit einer leichten Verbeugung. 

Paige und Micah folgten ihm zu einem abgeschiedenen 

Ecktisch direkt an der Glaswand, die auf die Bucht hinausging. 
Paige wurde etwas schwindelig, als sie sich setzte, aber das 
verging rasch wieder, und sie blickte wie betäubt von all der 
Schönheit in die Welt hinaus. 

»Ich sehe, dir gefällt das Restaurant«, bemerkte Micah und 

reichte ihr die Speisekarte. 

»Och, ist ganz okay«, scherzte Paige, zuckte mit der Schulter 

und entlockte Micah ein Lachen. Paige war froh, dass er Humor 
hatte, denn für sie machte es keinen Sinn, mit einem humorlosen 
Typen auszugehen - selbst wenn er aussah wie frisch von einem 
Pariser Laufsteg. 

»Warum ist kitschiges Gesülze denn bei dir eine 

Berufskrankheit?«, fragte Paige und sah von ihrer Speisekarte 
auf. »Verdienst du dein Geld mit Dates?« 

»Nicht wirklich«, sagte Micah. »Ich habe von meinen Eltern 

ein beträchtliches Vermögen geerbt und muss mein Geld nicht 
im eigentlichen Sinne verdienen. Aber ich habe eine 
Wohltätigkeitsstiftung für unterprivilegierte Kinder gegründet, 
und da ist einiges an Schmalz erforderlich, um es höflich 
auszudrücken. Man muss lernen, was man zu bestimmten 
Leuten sagen muss, um sie zum Spenden zu bewegen.« 

»Die gute Sache allein reicht nicht aus, damit die Leute ihre 

Brieftasche öffnen?«, fragte Paige. 

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»In den meisten Fällen leider nicht«, entgegnete Micah mit 

einem schmalen Lächeln. »Ich wünschte, es wäre anders. Aber 
ich tue, was ich kann. Wir betreiben einige Waisenhäuser und 
ein offenes Heim. Ich versuche, so oft wie möglich hinzugehen 
und ein wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen. Es ruft mir 
immer wieder in Erinnerung, warum ich jeden Abend mit 
unausstehlichen alten Damen Kaviar futtere.« 

Er nahm einen Schluck Wasser und sah in die Speisekarte. 

Offenbar war es ihm unangenehm, über den Geldeintreiber-Teil 
seines Jobs zu sprechen, und Paige mochte ihn deshalb nur noch 
mehr. Sie kannte viele Leute, die weitaus mehr Spaß daran 
hätten, mit der Elite von San Francisco Küsschen 
auszutauschen, als sich mit mittellosen Kindern abzugeben. 

»Wo arbeitest du denn?«, fragte Micah dann. »Du hast nichts 

mit unausstehlichen alten Damen zu tun, oder?« 

»Manchmal schon«, sagte Paige und lachte. »Ich bin 

Sozialarbeiterin. Ich habe viel mit Missbrauchsfällen zu tun... 
und mit Leuten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Ich lerne 
auch manchmal Leute kennen, die nicht so nett sind. Aber in der 
Regel habe ich mit den tollsten Menschen auf der Welt zu tun.« 

»Genau«, sagte Micah und sein Gesicht leuchtete auf. »Siehst 

du? Du verstehst, worauf es ankommt. Ich weiß ganz genau, was 
du meinst.« 

Sie lächelten sich an, und Paige musste rasch in ihre 

Speisekarte schauen, damit sie innerlich nicht vollständig 
durchglühte. Zu schade, dass der Oberkellner nicht eines der 
riesigen Fenster öffnen konnte, um ihr ein wenig Abkühlung zu 
verschaffen. Paige fühlte sich, als trüge sie statt ihres trägerlosen 
Kleides einen Wollpullover. 

Auch Micah riss seinen Blick von ihr los, klappte die 

Speisekarte auf und sah sie rasch durch. »Nun, was gehört zu 
den Dingen, die Paige Matthews gerne isst?«, fragte er und 
nahm noch einen Schluck von seinem Wasser. 

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»Na ja, Fisch auf jeden Fall nicht«, antwortete sie. »Keine 

Krabben, keine Muscheln, kein Hummer. Nichts, das mal 
geschwommen oder auf dem Meeresboden rumgekrabbelt ist.« 

»Ist notiert«, entgegnete Micah grinsend. Ihre unverblümte 

Ehrlichkeit amüsierte ihn eindeutig. 

»Aber ich liebe Risotto«, sagte Paige. Sie war froh, einige 

Varianten davon auf der Karte zu entdecken. »Und Lamm.« Sie 
hob entschuldigend die Hand. »Ich weiß! Eigentlich sind sie viel 
zu süß zum Essen, aber das versuche ich zu verdrängen.« 

»Das ist eine gute Politik«, bemerkte Micah und schloss die 

Speisekarte. »Ein paar Abgründe muss man sich schon erhalten. 
Bei mir ist es Science-Fiction. Ich kann es einfach nicht lassen.« 

Paige atmete tief ein und sah ihn skeptisch an. »Oh, nein! Ich 

sitze hiermit einem Science-Fiction-Freak! Das könnte ein 
Grund sein, sofort von der Verabredung zurückzutreten«, 
bemerkte sie trocken. »Welche Sorte? Gehörst du zu den 
Trekkies oder zu den Akte-X-Fans?« 

»Star Wars«, antwortete Micah. »Aber die alten, nicht die 

neuen.« 

»Ach, na dann! Das ist okay«, sagte Paige und gab sich 

erleichtert. Sie mussten beide lachen, und Paige konnte gar nicht 
mehr aufhören zu strahlen. Es lief sehr gut. Wirklich sehr, sehr 
gut. 

»Und du, was liest du gern?«, fragte Micah und stützte die 

Ellbogen auf den Tisch. »Ich wette, du liest Liebesromane.« 

»Also, bitte!«, schmollte Paige und verdrehte die Augen. 

»Meine Schwester Phoebe ist hinter ihnen her, als wären sie 
morgen ausverkauft. Dabei sind sie schon seit Jahrzehnten out. 
Ich steh eher auf die Klassiker. Ich liebe Jane Austen und habe 
in der letzten Zeit viel von Willa Cather gelesen.« 

»Dann stehst du doch auf Liebesromane«, sagte Micah und 

lächelte leise. »Nur auf die ganz alten.« 

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»Hey! Das sind Meilensteine der Literatur«, fuhr Paige auf, 

aber mehr Argumente fielen ihr nicht ein. Schließlich hatte 
Micah Recht. Aber wie hätte sie auch ahnen können, dass ein 
Mann wie er Ahnung davon hatte, um welche Themen es bei 
Austen und Cather ging! Normalerweise kommentierten ihre 
Gesprächspartner den Hinweis auf die Klassiker mit einem 
gespielt verständnisvollen Nicken und beließen es dabei, weil 
sie weder etwas Falsches sagen noch zugeben wollten, dass sie 
von Literatur keinen Schimmer hatten. 

Plötzlich erschien der Kellner so leise an ihrem Tisch, als 

wäre er herübergebeamt. »Möchten Sie jetzt bestellen?«, fragte 
er und neigte vornehm den Kopf. 

»Ja, wir nehmen beide das Lamm«, sagte Micah und reichte 

ihm die Speisekarten. »Und... Paige, hast du einen Risotto 
ausgewählt?« 

»Ich nehme den mit Kürbis«, sagte Paige lächelnd zu dem 

Kellner. 

»Klingt gut«, meinte Micah, und seine blauen Augen 

funkelten. »Bringen Sie uns zwei, bitte.« 

Paige verschränkte die Arme auf dem Tisch und versuchte, 

Micah in die Augen zu sehen. Das war gar nicht so einfach, 
denn immer, wenn sie es tat, hatte sie das Gefühl, jeden 
Augenblick an den Schmetterlingen in ihrer Brust zu ersticken. 
»Was ist das denn für eine Masche, Grant? Kannst du dir nicht 
selbst was aussuchen?«, fragte sie. 

»Vielleicht will ich einfach alles über dich wissen«, 

entgegnete Micah. »Und das bedeutet, ich will auch wissen, wie 
das Essen schmeckt, das du magst.« 

Paige fühlte sich bis unter die Haarwurzeln geschmeichelt, 

wollte es aber nicht zeigen. »Dieser Logik zufolge müsstest du, 
wenn du später nach Hause kommst, Verstand und Gefühl lesen, 
in einen rosa Flanellschlafanzug schlüpfen und ein bisschen 
Kiss hören.« 

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Auf Micahs Gesicht breitete sich ein neckisches Lächeln aus, 

und er beugte sich so weit zu Paige vor, dass sie seinen 
Pfefferminzatem riechen konnte. »Wenn es erforderlich ist«, 
sagte er, »werde ich genau das tun.« 

Plötzlich wurde Paige von einem heftigen Schwindelanfall 

erfasst. Graue Punkte tanzten vor ihren Augen. Ihr wurde 
unglaublich heiß. Sie suchte an der Stuhllehne Halt und atmete 
unauffällig tief durch. In den vergangenen vierundzwanzig 
Stunden hatte sie zwar schon einige Male über die Wirkung 
gestaunt, die Micah auf sie hatte, aber nun erlebte sie eine ganz 
neue Intensitätsstufe. 

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Micah und zog besorgt die 

dunklen Augenbrauen hoch. 

»Mir geht es gut«, sagte Paige, trank einen Schluck Wasser 

und nahm ihr Haar mit den Händen zum Pferdeschwanz 
zusammen, um sich den Nacken zu kühlen. »Ich denke, es liegt 
an der Höhe... an dem Ausblick... weißt du? Das ist alles 
ziemlich... überwältigend.« 

Es klang nach einer guten Ausrede. Und es war in der Tat eine 

perfekte Ausrede. Micah rief den Kellner und fragte, ob es 
vielleicht einen Tisch weiter weg vom Fenster gäbe. Der Mann 
eilte dienstbeflissen davon, und innerhalb weniger Augenblicke 
führte er Paige und Micah an einen anderen Tisch weiter hinten 
im Raum. 

Paige war zwar sehr erleichtert, dass ihre Ausrede so 

überzeugend gewesen war, fand aber ihr inneres Gleichgewicht 
nicht wieder, als sie dem Kellner an den neuen Tisch folgte. 
Micah ging ganz dicht hinter ihr. Sie befand sich innerlich in 
einem derartigen Ausnahmezustand, weil sie genau wusste, dass 
es kein Schwindelanfall wegen der Höhe oder so etwas 
Ähnliches gewesen war. Es lag einzig an Micah. Für die 
Heftigkeit ihrer Reaktionen gab es einfach keine andere 
Erklärung. 

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Paige war dabei, sich Hals über Kopf zu verlieben. 
 
Später am Abend öffnete Micah leise die Tür eines großen 

alten Herrenhauses in einem der ältesten Viertel der Stadt. Paige 
trat so leise wie möglich auf Zehenspitzen über die Schwelle des 
Waisenhauses und sah sich überrascht um. Irgendwie hatte sie 
ein Heim wie in dem Musical Annie erwartet, aber dieses Haus 
glich eher dem von Daddy Warbucks und nicht der 
heruntergekommenen Höhle, der Miss Hannigan vorstand. 

»Das soll ein Waisenhaus sein?«, flüsterte Paige und 

betrachtete staunend die glänzenden Böden und die bunten 
Kunstwerke an den Wänden. 

»Wenn wir mit den Kindern sprechen, nennen wir es einfach 

Zuhause«, flüsterte Micah zurück. »Damit sich die Kinder nicht 
so andersartig vorkommen.« 

Sie schritten gemeinsam durch den Eingangskorridor auf den 

Fahrstuhl zu, der sich farblich passend in die cremefarbenen 
Wände einfügte. 

»Bringst du all deine Dates hierher?«, fragte Paige und ging 

ein paar Schritte rückwärts, um Micah anlächeln zu können. 

»Nun, du wolltest mehr über meine Arbeit wissen, und das 

hier ist der Teil, der mir am meisten Freude bereitet«, antwortete 
Micah und drückte auf den Aufwärts-Knopf an der Wand. 

Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und Paige ging hinein. 

Wenige Augenblicke später stieg sie mit Micah im fünften Stock 
aus. Als sie schweigend den langen Flur entlanggingen, der mit 
dickem Teppich ausgelegt war, fiel Paige auf, dass an jeder 
Zimmertür ein selbst gemachtes Schild mit Kindernamen darauf 
hing. 

»Haben die Kids die selbst gemacht?«, fragte sie und strich 

zärtlich über das Bild eines Blauwals, auf das mit Goldflitter der 
Name »Jonas« geschrieben war. 

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»Ja, den Kleinen hat die ganze Geschichte von Jonas und dem 

Wal ziemlich beeindruckt«, entgegnete Micah. »Wir lassen die 
Kinder ihre Zimmer im Rahmen der Möglichkeiten selbst 
gestalten. Wir haben zwar kein unbegrenztes Budget für jedes 
Kind, aber für eine persönliche Einrichtung und etwas 
Dekoration reicht es aus. Dann fühlen sie sich ein bisschen mehr 
zu Hause.« 

Er ging mit Paige bis ans Ende des Korridors, legte die Finger 

an die Lippen und öffnete dann leise die Tür zu dem letzten 
Zimmer. Paige spähte hinein und sah vier kleine Jungen, die tief 
und fest in ihren Bettchen schliefen. Der Lichtstrahl aus dem 
Flur fiel auf das Engelsgesicht, das unter der Decke des Betts 
gleich neben der Tür hervorlugte. Paige bemerkte, wie Micahs 
Gesicht beim Anblick des Jungen ganz weich wurde. 

»Das ist Christopher«, raunte er ihr zu. »Er hat letzte Zeit 

Probleme mit dem Schlafen, da wollte ich nur mal kurz 
reinsehen.« 

Paige hatte das Gefühl, ihr schwelle das Herz in der Brust. 

Unfassbar, wie sehr Micah das Wohl dieser Kinder am Herzen 
lag! Er kannte ihre Geschichte, ihre Schlafgewohnheiten. Er 
kam mit einem Date her, um nach einem der Kleinen zu sehen. 
Von welchem Planeten kam dieser Typ eigentlich?, wunderte sie 
sich. 

»Okay, wo ist der Haken?«, fragte sie Micah, nachdem er 

leise die Tür ins Schloss gezogen hatte. 

»Der Haken?«, fragte Micah zurück und runzelte die Stirn. 
Er führte sie wieder den Korridor hinunter und zog einen 

kleinen Schlüssel aus der Tasche, als sie vor der verschlossenen 
Glastür der Veranda angekommen waren. Er schloss die Tür auf 
und trat zur Seite, um Paige vorgehen zu lassen. Paige atmete in 
der frischen Nachtluft tief durch und stützte sich auf das 
Geländer, um ihren Blick über die friedliche Straße tief unten 
schweifen zu lassen. 

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»Der Haken«, wiederholte sie und lächelte, als ihr der Wind 

das Haar von den Schultern wehte. »Du macht einen zu 
perfekten Eindruck. Irgendwo musst du doch eine Schwachstelle 
haben.« 

Micah lachte und stellte sich neben sie an das Geländer. 

»Jeder hat seine Schwachstellen«, sagte er. »Man muss sich nur 
überlegen, ob man bereit ist, über die Schwächen der anderen 
hinwegzusehen.« 

»Nun, bei dir habe ich noch keine gefunden«, entgegnete 

Paige und sah ihm in seine unwiderstehlichen Augen. 

»Dann sollte es dir ja sehr leicht fallen, über sie 

hinwegzusehen«, gab Micah zurück und kam ihr noch ein 
bisschen näher. 

Als ihre Arme sich berührten, überkam Paige wie zuvor im 

Restaurant dieses unglaubliche Schwindelgefühl. Sie schloss die 
Augen, denn die grauen Punkte raubten ihr erneut die Sicht. Als 
sie die Augen wieder öffnete, war Micahs Gesicht nur noch 
Millimeter von ihrem entfernt. Paige blieb das Herz stehen und 
ihr stockte der Atem. 

»Ich werde dich jetzt küssen«, sagte Micah leise, »wenn du 

nichts dagegen hast.« 

Paige hätte nicht antworten können, selbst wenn sie gewollt 

hätte, also schmiegte sie sich an ihn und ergab sich seinem Kuss. 
Als sich ihre Lippen berührten, bekam Paige weiche Knie, aber 
Micah schlang seine Arme um sie und fing sie auf. Zum ersten 
Mal in ihrem Leben erlebte Paige, was damit gemeint war, wenn 
die Leute von einer außerkörperlichen Erfahrung sprachen. 
Micahs Kuss ließ sie schweben - sie hatte den Eindruck, ihren 
Körper zu verlassen. 

Und ihr persönlich war es in diesem Augenblick vollkommen 

egal, ob sie je zurückkehren würde. 

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PIPER sass am montag nachmittag in einer der Ecknischen 

im  P3  und hatte vor sich auf dem Tisch ihr Scheckheft, die 
Buchhaltungsunterlagen und Unmengen von Quittungen und 
Rechnungen ausgebreitet. Die finanziellen Angelegenheiten zu 
regeln hasste sie ganz besonders. Sie konnte sich jedoch nicht 
dazu durchringen, diesen Teil ihres Jobs von einem Buchhalter 
erledigen zu lassen. Jedes Mal, wenn sie sich an die Bücher 
setzte, dachte sie wieder von neuem über diese Möglichkeit 
nach. Ganz besonders dann, wenn sich erneut diese furchtbaren 
Kopfschmerzen einstellten. 

»Ach Mann! Das muss doch auch anders gehen!«, klagte 

Piper laut in dem leeren Club, setzte die Brille ab und warf sie 
auf den Tisch. Sie kniff sich in die Nasenwurzel und schloss die 
Augen. »Warum bin ich nur so ein dermaßener Kontrollfreak 
und meine, alles selbst machen zu müssen!« 

»Willst du 'ne Aspirin, Boss?« 
Piper fuhr erschreckt auf, als Tyrell plötzlich vor ihr 

auftauchte. »Ja, und den Defibrillator, vielen Dank!«, schimpfte 
sie, legte die Hand aufs Herz und sah zu ihm auf. »Du hast mich 
fast zu Tode erschreckt!« 

Ein jungenhaftes Grinsen erhellte Tyrells dunkle Züge, und er 

holte die Hände hinter dem Rücken hervor, stellte ein Glas 
Wasser auf den Tisch und legte zwei Tabletten daneben. Bereits 
beim Anblick des Schmerzmittels verspürte Piper Erleichterung. 

»Es sei dir vergeben«, sagte sie und griff nach dem Glas. »Wo 

kommst du jetzt überhaupt her?«, fragte sie und warf sich die 
Tabletten in den Mund. 

»Ich bin vor ein paar Minuten hinten reingekommen«, sagte 

Tyrell und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Ich habe 
schon eine ganze Weile in der Küche gewirtschaftet. Hast du 

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mich nicht gehört?« 

Piper seufzte und raufte sich die Haare, während sie auf den 

Wust von Papieren vor ihr auf dem Tisch starrte. 
»Wahrscheinlich war ich zu sehr vertieft in meinen Kram hier.« 

»Nun, ich will dich nicht ablenken«, sagte Tyrell und trat 

einen Schritt zurück. »Ich wollte nur die Reinigungsmittel 
checken und sehen, ob wir etwas brauchen.« 

»Tyrell, warte doch mal einen Augenblick«, sagte Piper, 

bevor er wieder verschwinden konnte. Sie verspürte zwar leichte 
Gewissensbisse, beschloss aber, sie zu ignorieren, und das zu 
tun, was sie tun musste. Immerhin war Paige ihre Schwester. Es 
war ganz normal - löblich sogar-, wenn sie sich Sorgen um sie 
machte. Tyrell blieb abwartend am Tischende stehen. »Erzähl 
mir ein bisschen über deinen Freund Micah Grant«, forderte ihn 
Piper schließlich auf. 

Tyrells Gesicht leuchtete auf. »Stimmt ja! Ich wollte dich 

auch schon fragen, ob er gestern bei euch war. Er ist echt ein 
toller Typ.« 

»Ach wirklich?«, sagte Piper und zog eine Augenbraue hoch. 

»Warum denn?« 

»Also... du weißt ja, ich hatte es als Kind nicht leicht - sogar 

vor ein paar Jahren noch hatte ich Schwierigkeiten«, sagte 
Tyrell. »Micah hat das Heim geführt, in dem ich landete, 
nachdem ich endlich clean geworden war. Er ist uns Kids oft 
besuchen gekommen, hat viel Zeit mit uns verbracht und mit uns 
Ausflüge gemacht und so. Und das hätte er ja nun wirklich nicht 
tun müssen, nicht wahr? Er hat tonnenweise Geld, und trotzdem 
war er immer interessiert an uns. Ich glaube, das hat mir 
wirklich geholfen, einen anderen Weg einzuschlagen - die 
Erfahrung, dass es Leute gibt, denen wir nicht egal sind.« 

»Wow!«, sagte Piper lächelnd. Mit so einem glänzenden 

Gutachten stieg Micah gewissermaßen zum ernst zu nehmenden 
Heiratskandidaten auf. »Danke, Tyrell. Klingt ja wirklich sehr 

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nett.« 

»Nur mal so aus Neugier: Was wollte er eigentlich von 

euch?«, fragte Tyrell und verschränkte die Arme vor der Brust. 

»Oh... also...« 
Was sollte Piper sagen? - Micah wollte sich bei uns bedanken, 

weil wir ihm das Leben gerettet und einen Dämon vernichtet 
haben? 

»Er wollte mit Paige ausgehen«, sagte sie rasch. Sie war 

heilfroh, eine so perfekte Ausrede zur Hand zu haben. 

»Paige und Micah?«, rief Tyrell grinsend aus. »Das ist ja 

super!« 

In diesem Augenblick kam Paige hüpfend die Treppe in den 

Club hinunter, übersprang die letzten paar Stufen und landete 
mit einem Plumps auf dem Treppenabsatz. »Oh, es ist wirklich 
super!«, rief sie. 

Piper musste beim Anblick ihrer rotwangigen Schwester 

grinsen. Sie sah aus wie eine Vierzehnjährige, die gerade ihre 
erste Knutscherei auf dem Schulhof hinter sich hatte. Sie trug 
sogar einen kurzen, karierten Minirock und einen bunten 
Pullover, die diesen Eindruck noch verstärkten. 

»Was willst du denn am helllichten Tag hier?«, fragte Piper 

und Paige ließ sich schwungvoll neben sie auf die Bank fallen - 
so schwungvoll, dass Piper ein Stück in die Höhe hüpfte. 

»Was soll das denn heißen? Darf ich meine 

Lieblingsschwester nicht in der Mittagspause besuchen?«, fragte 
Paige und legte einen Arm um Piper. 

»Ich lasse euch jetzt mal allein«, sagte Tyrell und schüttelte 

den Kopf, als er sich umdrehte. »Paige, das mit dir und Micah 
finde ich total Klasse!«, fügte er noch hinzu, bevor er in der 
Küche verschwand. 

»Und ich erst!«, rief Paige ihm hinterher. 
»Na... dann erzähl mal!«, sagte Piper, drehte sich zu Paige um 

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und legte den Ellbogen auf die Banklehne. »Schade, dass ich 
dich heute Morgen verpasst habe.« 

»Ich weiß. Ich musste früh zur Arbeit, um mir noch mal die 

Unterlagen zu einem Fall anzusehen«, sagte Paige. »Aber Piper, 
gestern Abend, das war wirklich einmalig! Er ist mit mir in ein 
unglaubliches Restaurant gegangen, und wir haben so leckere 
Sachen gegessen, und dann sind wir noch in eines seiner 
Waisenhäuser gefahren, und dann sind wir tanzen gegangen...« 

»Wow, wann bist du denn nach Hause gekommen?«, fragte 

Piper. 

»Ungefähr eine Stunde bevor ich wieder aufstehen musste«, 

gestand Paige lachend. »Aber das war es wirklich wert. Er ist 
unglaublich. Er ist so fürsorglich und humorvoll und höflich 
und... also, ich bin wirklich nicht stolz darauf, aber wenn er 
mich ansieht, schmelze ich dahin wie Butter in der Sonne.« 

»Das klingt ja nach einem irrsinnig guten ersten Date«, 

bemerkte Piper und stützte den Kopf auf die Hände. »Meine 
ersten Dates endeten meist damit, dass ich heulend über einer 
Packung Taschentücher hockte und mich fragte, was bloß 
schiefgegangen ist.« 

Paige lachte. »Aber jetzt hast du ja Leo«, sagte sie und blickte 

verklärt auf die Tanzfläche. »Und ich habe Micah.« 

Da begannen in Pipers Kopf plötzlich die Alarmsirenen zu 

heulen. Paige hatte so einen entrückten Blick, und ihre Augen 
wirkten irgendwie... unnatürlich, fast leer. Und dass Paige sich 
und Micah bereits mit Piper und Leo verglich - zwei Menschen, 
die sich jahrelang kannten und seit Monaten verheiratet waren -, 
war nun doch ein wenig übertrieben. 

»Ähm... du hast aber nicht vor, schnell mal nach Las Vegas 

abzuhauen oder so?«, fragte Piper halb im Scherz, halb ernst 
gemeint. 

»Quatsch!«, rief Paige aus, erwachte aus ihrer kleinen Trance 

und gab Piper fröhlich einen Klaps aufs Knie. »Aber für heute 

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Abend sind wir wieder verabredet. Er will mir sein Haus 
zeigen.« 

Erneut schrillten die Alarmsirenen. »Sein Haus?«, fragte Piper 

und fuhr kerzengerade in die Höhe. »Ihr habt euch doch erst vor 
zwei Tagen kennen gelernt. Findest du es nicht ein bisschen 
früh, wenn er dir jetzt schon sein... Haus zeigen will?« 

»Bitte, Piper! Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert!«, 

rief Paige und lachte wieder. »Abgesehen davon tue ich nichts 
Dummes. Und Micah ist der perfekte Gentleman. Er hat mir nur 
erzählt, dass er in einem tollen Haus oben in den Bergen wohnt, 
und ich habe gesagt, ich würde es gern mal sehen und so... 
werde ich es jetzt eben sehen.« 

»Ich weiß nicht, Paige. Ich meine... willst du dich wirklich in 

eine solche Lage bringen?«, fragte Piper und erschauderte ein 
wenig angesichts ihres mütterlichen Tonfalls. »Ich meine, ganz 
allein mit einem Mann in seinem großen alten Haus, das... Wie 
kann er sich das überhaupt leisten? Hast du eine Ahnung, woher 
sein Geld kommt oder...« 

»Ich glaube es einfach nicht!«, unterbrach Paige sie 

aufgebracht, und in ihrem Gesicht zeichnete sich Entrüstung ab. 
»Ich lerne einen total perfekten Typen kennen und Phoebe und 
du, ihr habt nichts Besseres im Sinn, als nach irgendwelchen 
Fehlern zu suchen!« 

»Paige, ich...« 
»Was kommt als Nächstes? Willst du ihm jetzt auch noch 

unterstellen, er sei böse, wie Phoebe es getan hat?«, fragte Paige 
und stand auf. 

»Nein! Wie Tyrell mir sagte, ist Micah wirklich ein ganz 

toller Mensch!«, sagte Piper. »Ich möchte nur, dass du 
vorsichtig bist, das ist alles.« 

»Na, prima! Jetzt stellst du schon hinter meinem Rücken 

Nachforschungen über Micah an«, empörte sich Paige und nahm 
ihre Tasche von der Bank. »Natürlich ist Phoebe wegen ihrer 

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Vision in höchster Unruhe, aber ich dachte, wenigstens du 
könntest dich für mich freuen.« 

Damit machte Paige auf dem Absatz kehrt und stolzierte aus 

dem Raum. Piper rutschte aus der Sitzecke und sprang auf. 
»Paige! Paige! Warte doch! Ich bin doch nur um dich besorgt!« 

»Ja, toll, aber das kannst du dir sparen!«, rief Paige und 

stampfte die Treppe hinauf, ohne noch einmal stehen zu bleiben 
oder sich umzudrehen. 

Piper seufzte frustriert und hielt sich ihren Kopf, der nun noch 

heftiger pochte. Sie konnte richtig fühlen, wie eine Ader an ihrer 
Schläfe pulsierte. Langsam ließ sie sich wieder auf ihren Platz 
sinken und holte tief Luft. 

»Was habe ich eigentlich für ein Problem?«, fragte sie sich. 

»Tyrell findet den Typen Klasse. Paige findet den Typen Klasse. 
Warum habe ich dann plötzlich das Gefühl, wir könnten ihm 
nicht trauen?« 

Es machte doch alles gar keinen Sinn. Gestern hatte sie Paige 

noch aus ganzem Herzen viel Spaß mit Micah gewünscht und 
nun... nun verhielt sie sich wie Phoebe und richtete sich nach 
einem Gefühl in der Magengrube, für das es überhaupt keine 
realen Gründe gab. Aber da war etwas an der Art, wie Paige 
über ihn redete... Etwas stimmte nicht mit ihr. Sie hatte 
regelrecht benommen gewirkt, mehr als entrückt, als sie auf die 
Tanzfläche gestarrt hatte. Aus irgendeinem Grund richteten sich 
bei Piper sämtliche Nackenhaare auf. 

»Schluss jetzt! Das ist doch Spinnerei!«, ermahnte sich Piper 

kopfschüttelnd. Sie setzte sich die Brille wieder auf die Nase 
und nahm eine der Rechnungen vom Tisch, um sie zu prüfen. 
»Das hier ist die Realität... leider.« 

 
Phoebe drehte die Stereoanlage, die in einer Ecke im Keller 

stand, auf volle Lautstärke und lockerte erst einmal ihre 
verspannte Nackenmuskulatur. Dann begann sie, auf der Stelle 

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zu hüpfen. Paige war vor einer Weile zu ihrer zweiten 
Verabredung mit Micah aufgebrochen, Piper arbeitete im Club 
und Cole war immer noch unterwegs. Das Misstrauen, das sie 
Paiges neuem Freund entgegenbrachte, und die Tatsache, dass 
Cole irgendwo da draußen herum lief - wahrscheinlich wieder 
einmal in tödlicher Gefahr -, hatten dafür gesorgt, dass sich bei 
Phoebe mehr als genug negative Energie angestaut hatte, die sie 
dringend loswerden musste. Am liebsten hätte sie irgend 
jemandem eine ordentliche Tracht Prügel verpasst. 

Sie schwitzte bereits von dem Workout, das sie sich verordnet 

hatte, und ihre Armmuskeln begannen wie Wackelpeter zu 
zittern, aber sie hatte immer noch nicht die gesamte Aggression 
abgebaut, die durch ihre Adern pumpte. Der Sandsack durfte 
sich auf eine weitere Runde freuen. 

Micah... Cole... Paige... Dämonen auf der Jagd nach Cole... 
Plötzlich musste Phoebe an Aplacum und seine fiesen Krallen 

denken, und sie stieß ein lautes, wütendes Knurren aus, als sie 
die Faust mitten in den schweren Sandsack stieß. Einmal 
angefangen schlug sie immer schneller und schneller auf ihn ein 
und baute sicherheitshalber noch ein, zwei Roundhouse-Kicks 
ein. Aber das Bild, wie Aplacum sich auf Regina stürzte, wollte 
sich nicht verdrängen lassen. Immer noch hörte sie das 
ohrenbetäubende Gebrüll des Monsters. 

Er ist erledigt. Er kann niemandem mehr wehtun. Er ist weg, 

weg, weg... 

Schneller und immer schneller flogen Phoebes Fäuste, bis sie 

völlig außer Atem war. Bis die Beine unter ihr nachgaben. Bis 
sie auf den Sandsack zutaumelte und ihn total erschöpft 
umklammerte. 

In ihrem tiefsten Inneren wusste sie, es war nicht Aplacum, 

der sie so beunruhigte. Es war nicht einmal Cole. Der konnte auf 
sich selbst aufpassen. Es war dieses ungute Gefühl, das an ihr 
nagte. Das Gefühl, es habe noch ein weiteres Übel in ihrer 

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Vision gelauert. Das Gefühl, Micah habe irgendetwas mit dieser 
bösen Anwesenheit zu tun, und das Wissen, dass ihre Schwester 
gerade mit diesem Typen unterwegs war. 

Es ist noch nicht vorbei, sagte eine leise Stimme in Phoebes 

Kopf. Aplacum war erst der Anfang. 

»Okay, das reicht«, sagte sie schließlich, wischte sich den 

Schweiß von der Stirn und verschnaufte eine Weile. 

Nachdem sie die Musik abgestellt hatte, stieg sie erst die 

Kellertreppe hinauf, dann die Treppe zum Dachboden und ihre 
Beine protestierten bei jedem Schritt. Als sie das Buch der 
Schatten 
erreichte, musste sie es von dem Pult nehmen und sich 
damit auf die Fensterbank setzen. 

Sie schlug das Buch auf, lehnte sich mit der Schulter an die 

kalte Glasscheibe des Fensters und fing an zu blättern. Sie 
wollte sich noch einmal vergewissern, nichts übersehen zu 
haben. Als sie endlich bei dem Text über Aplacum angekommen 
war, überflog sie rasch die Zeilen. Keine neue Information war 
auf magische Weise dazugekommen. Aplacum war und blieb 
ein gruselig aussehender Dämon ohne jedes Motiv, für den es 
eine Bezwingungsformel gab. Nicht mehr und nicht weniger. 

Frustriert blätterte Phoebe zu dem nächsten Dämon um und 

zuckte zusammen. Die Abbildung war nicht hübscher als die 
vorige. Sie stellte eine riesige Kreatur dar - mit einem Gesicht, 
das aussah, als sei es seit tausend Jahren mumifiziert. Tiefe, 
fleischige Falten, Hunderte spitze Vampirzähne und leere 
schwarze Augen. Seine Hände hielt das Monster seitlich 
ausgestreckt, und aus den Handgelenken kamen irgendwelche 
Strahlen. 

»Vandalus«, las Phoebe und führte ihren Zeigefinger die 

Überschrift entlang. »Hoffentlich werden wir dir nie begegnen!« 

Sie wollte gerade weiterblättern, als ihr etwas ins Auge fiel: 

der Name »Aplacum« mitten in dem Text über Vandalus. 
Phoebes Herz schlug schneller. Sie zog das Buch auf ihren 

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Schoß und begann zu lesen. Das konnte es sein! Das war 
vielleicht die Antwort, nach der sie gesucht hatte. 

»Vandalus, einer der brutalsten, zerstörerischsten Dämonen 

der Unterwelt, kämpfte jahrhundertelang gegen seinen Erzfeind 
Aplacum um die Herrschaft über die Dimensionen. Wenn es 
einem von beiden gelingt, den anderen umzubringen, wird der 
siegreiche Dämon die absolute Herrschaft erlangen und 
ungeahnte Schrecken über die Menschheit bringen.« 

Phoebe hielt inne und holte tief Luft. »Klingt ja nach einem 

reizenden Paar«, bemerkte sie. 

»Glücklicherweise ist es dem Hohen Rat zu Beginn des 

neunzehnten Jahrhunderts gelungen, Vandalus lange genug von 
seinen loyalen Günstlingen und Beschützern wegzulocken, um 
ihn mit einem mächtigen Zauber belegen zu können, mit dem er 
auf die Erde verbannt wurde.« Phoebe stutzte. 

»Auf die Erde verbannt?«, fragte sie laut und runzelte die 

Stirn. »Es wäre uns ja wohl schon aufgefallen, wenn dieses 
Biest hier irgendwo rumläuft!« 

Beunruhigt und neugierig zugleich las Phoebe weiter und 

erfuhr mehr über den Krieg zwischen Aplacum und Vandalus. 
Sie war so vertieft, dass sie das, was sie beim Weiterblättern las, 
so schockierte, als hätte man ihr einen Eimer kaltes Wasser über 
den Kopf geschüttet. 

»Oh nein!«, rief sie und ihr Herz begann zu rasen. »Nein! Das 

darf doch nicht wahr sein!« 

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PAIGE schmiegte sich in den bequemen Limousinensitz und 

konzentrierte sich mit aller Kraft auf ihr Gesicht, um nicht mit 
ihrer Mimik zu verraten, wie aufgeregt sie war. Sie strich den 
Seidenrock ihres roten Kleides glatt, atmete zur Beruhigung tief 
durch und blickte mit völlig gelassener Miene aus dem Fenster. 

Der Zustand hielt ungefähr drei Sekunden an. 
Bevor sie sich versah, hibbelte Paige schon wieder auf der 

Sitzkante, und ihr Herz klopfte unbeherrschter denn je. Beim 
Verlassen des Hauses hatte sie noch befürchtet, die Warnungen 
ihrer Schwestern nicht aus dem Kopf zu bekommen, aber nun 
hatte sie seit Stunden gar nicht mehr an Piper und Phoebe 
gedacht. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, aufgeregt zu 
sein. 

Der Wagen hielt vor einer roten Ampel, und Paige begann, 

ohne es zu merken, ungeduldig mit dem Fuß auf den mit 
Teppich ausgelegten Boden zu trommeln. Micah kicherte, und 
sie betrachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er saß lässig in der 
Ecke, hatte einen Arm auf der Rückbanklehne ausgestreckt und 
stützte den Kopf auf die Fingerspitzen der anderen Hand. Er 
lächelte, als er Paiges Blick bemerkte. 

»Wie kannst du nur so ruhig sein!«, rief Paige und warf die 

Hände in die Luft. »Wir gehen zu einer Premiere! Zu einer 
richtigen Filmpremiere... in Los Angeles... mit echten Stars!« 

Seit Micah sie früher am Abend in seinen Privatjet hatte 

einsteigen lassen, erwartete Paige sekündlich, sich in einen 
Kürbis zu verwandeln. Sobald sie in dem ledernen 
Flugzeugsessel Platz genommen hatte, der größer und bequemer 
war als jede Wohnzimmercouch, hatte Micah zu ihrer großen 
Überraschung zwei Karten für die Hollywoodpremiere eines 
neuen Actionstreifens aus dem Ärmel gezaubert... und dann 

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hatte er sich entschuldigt, weil er offenbar angenommen hatte, 
Actionfilme seien nicht so sehr Paiges Ding. 

Sie hatte ihm so höflich wie möglich widersprochen. Es war 

ihr vollkommen egal, um welchen Film es ging, denn schließlich 
würden sie sich unter echte, lebendige Berühmtheiten mischen! 

»Sind auch nur Menschen«, sagte Micah und zuckte mit den 

Schultern. 

»Oh, ich bitte dich!«, schmollte Paige, rutschte in den Sitz 

und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du bist nur so 
unaufgeregt, weil du es schon millionenmal gemacht hast!« 

»Wahrscheinlich«, entgegnete Micah wenig überzeugt. 
»Komm schon! Du kannst mir nicht weismachen, dass du 

kein bisschen aufgeregt warst, als du zum ersten Mal zu so 
einem Event eingeladen wurdest«, drängte Paige. 

Micah grinste und beugte sich ein Stück zu ihr. Eine dunkle 

Locke fiel ihm in die Stirn. »Okay, ein wenig vielleicht schon.« 

Seine Nähe machte Paige eine Gänsehaut, und sie musste sich 

auf die Lippen beißen, um nicht zu breit zu grinsen. Was hatte 
sie nur für ein Glück! Sie ging nicht nur mit dem 
unglaublichsten Typen von der ganzen Welt aus, er entführte sie 
auch noch nach Hollywood! Und all das aufgrund einer kleinen 
Vision, die Phoebe gehabt hatte. Paige nahm sich vor, ihrer 
Schwester bei nächster Gelegenheit zu danken. 

Als die Limousine anhielt, schlug Paige das Herz bis zum 

Hals. Aus dem Seitenfenster blickte sie direkt auf einen langen 
roten Teppich, der zu beiden Seiten von mindestens tausend 
schreienden Fans gesäumt wurde. Blitzlichter blendeten sie, und 
ihr Puls raste so sehr, dass sie befürchtete, gleich in Ohnmacht 
zu fallen. 

»Bist du bereit?«, fragte Micah. 
»Hmmm«, gab Paige zur Antwort. 
Micah öffnete die Tür auf seiner Seite, stieg aus und riss 

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Paige aus ihrer Benommenheit heraus, als er die Tür zuknallte. 
Paige rückte die Träger ihres Kleides zurecht, presste kurz die 
Lippen aufeinander und schüttelte ihr Haar nach hinten, bevor 
Micah ihr die Tür öffnete. Sie setzte einen Fuß auf den Asphalt 
und zitterte, als stiege sie in einer bitterkalten Nacht aus dem 
Meer. Micah bot ihr seine Hand an, und Paige klammerte sich 
dankbar daran fest. Ohne seine Hilfe hätte sie definitiv den roten 
Teppich geküsst. 

»Wie fühlst du dich?«, fragte Micah und hakte sich bei ihr 

unter, während sie sich unsicher umsah. 

»Wie eine Aufschneiderin«, antwortete sie leise. »Wir sind 

doch für die Leute gar nicht wichtig.« 

»Diese Leute hier werden dich nur einmal ansehen und 

denken, du wärst ein neues Sternchen in dem Film. Dann 
werden sie um deine Aufmerksamkeit betteln«, sagte Micah und 
seine tiefe Stimme war so dicht an ihrem Ohr, dass es ihr erneut 
kalt über den Rücken lief. 

Obwohl Paige über Micahs illusorische Behauptung lachen 

musste, gab sie ihrem Selbstbewusstsein Auftrieb. Sie schaffte 
es, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und klammerte sich an 
Micahs Arm, als sie langsam mit ihm über den roten Teppich 
schritt. Zunächst musste sie sich zum Lächeln zwingen, und die 
Anstrengung tat fast weh. Aber je näher sie den großen 
Flügeltüren kamen, desto natürlicher erschien es ihr. Offenbar 
interessierten sich die Leute doch für sie. Einige der Paparazzi 
riefen Micahs Namen und er blieb stehen, damit sie ein paar 
Bilder von ihm und Paige machen konnten. Als sie endlich das 
prunkvolle Theater betraten, strahlte Paige regelrecht. Zwar 
konnte sie außer den Blitzlichtern, die ihr vor den Augen 
tanzten, nicht viel sehen, aber zum ersten Mal in ihrem Leben 
bekam sie einen Eindruck, wie es sein musste, ein Filmstar zu 
sein. 

»Siehst du! War doch gar nicht so schlimm, oder?«, meinte 

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Micah und gab ihr einen raschen Kuss auf die Stirn. 

Paige lächelte ihn an, und ihr Herz flatterte. »Also, übel war 

es ganz bestimmt nicht.«   

 
Ein paar Stunden später chauffierte Micah Paige bereits 

wieder in seinem Kabrio durch die Straßen von San Francisco, 
und Paige schwebte auf einer Wolke der Glückseligkeit. Sie 
hatte einen ganzen Abend damit verbracht, mit Berühmtheiten 
zu plaudern, das tollste Essen (abgesehen von dem, was Piper 
kochte) zu genießen und von Kopf bis Fuß von dem Mann 
hofiert zu werden, der besser aussah als sämtliche männlichen 
Models und Schauspielerstars im Saal zusammen. 

»Das war ein ganz unglaublicher Abend«, hauchte Paige und 

legte den Kopf in den Nacken, um den Vollmond zu betrachten, 
der tief am Nachthimmel stand. 

»Er ist noch nicht vorbei«, sagte Micah und griff nach ihrer 

Hand. Paige fühlte sich von seiner Körperwärme regelrecht 
überflutet. 

»Das stimmt«, entgegnete sie lächelnd. »Ich werde noch dein 

Haus sehen.« 

»Ja, das wirst du«, sagte Micah und legte die Hand wieder ans 

Steuer, um den Wagen beidhändig um eine besonders scharfe 
Kurve zu lenken. »Ich hoffe nur, es gefällt dir.« 

Ganz bestimmt!, dachte Paige. Jemand, der so perfekt wie 

Micah ist, hatte bestimmt ein ebenso perfektes Haus. Falls er 
sich nicht als einer dieser Studentenverbindungstypen entpuppte 
- mit leeren Pizzaschachteln, Bierkisten und Stapeln 
schmutziger Zeitschriften in allen Ecken. Aber wenn sie sich 
sein klassisches Profil und das perfekt mit Gel zurückgekämmte 
Haar ansah, bezweifelte sie das. 

Als der Wagen sich immer weiter von der Stadtmitte entfernte 

und immer höher in die Berge hinauffuhr, lehnte sich Paige 

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zurück und genoss einfach den Augenblick. Es war eine herrlich 
warme Nacht, der Wind spielte mit ihrem Haar, und wie an den 
Anwesen zu erkennen war, an denen sie vorbeifuhren, lebte 
Micah in einer piekfeinen Nachbarschaft. Paige kam sich mehr 
denn je wie ein Filmstar vor. 

Micah hielt den Wagen in dem Wendehammer am Ende einer 

Sackgasse an. Außer dem Geräusch des laufenden Motors war 
nichts zu hören. Paige sah zu dem hohen schmiedeeisernen Tor 
auf, vor dem sie standen, und merkte, wie ihr langsam der 
Unterkiefer herunterklappte. 

»Ein bisschen paranoid?«, scherzte sie. 
»Ich weiß, es sieht irgendwie gruselig aus«, entgegnete Micah 

lachend. »Aber das Tor steht schon genauso lange da wie das 
Haus. Es gehört zu seiner Geschichte. Ich brächte es nicht übers 
Herz, es entfernen zu lassen.« 

Er zog eine Chipkarte aus seiner Brusttasche und steckte sie 

in den Schlitz in dem Metallgehäuse, das neben dem Tor in die 
Mauer eingelassen war. Ein leises Piepen ertönte, und dann 
öffnete sich das Eisentor mit ohrenbetäubendem Quietschen. 

»Und wo ist das Haus?«, fragte Paige und spähte neugierig in 

die Dunkelheit, während Micah den Wagen durch das sich 
langsam öffnende Tor steuerte. 

»Siehst du gleich«, antwortete er. 
Und als sie um eine große Kurve kamen, erschien auch 

tatsächlich ganz oben auf dem Berg das »Haus« in ihrem 
Blickfeld. Es war eher eine Villa, eine Residenz, als ein Haus, 
und Paige fröstelte es, als sie das Gebäude betrachtete. Es war 
riesengroß und im klassischen viktorianischen Stil gebaut, der in 
der Gegend von San Francisco so beliebt war. Mit seiner 
gewaltigen umlaufenden Balustrade, den zahlreichen Giebeln, 
und einer Garage, in die lässig das ganze Haus der Halliwells 
hineinpasste, verdiente Micahs Zuhause wahrhaftig die 
Bezeichnung Landgut. 

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Und es war so düster, verhangen und furchterregend wie der 

Schauplatz in einem alten Schwarz-Weiß-Gruselfilm. 

»Nicht zu fassen!«, rief Paige und sah zu der Spitze des 

höchsten Eckturmes auf. »Das ist ja wie aus einem Bronte-
Roman.« 

»Freut mich, dass es dir gefällt«, sagte Micah und fuhr mit 

dem Wagen am Eingang vor. Die Reifen knirschten im Kies. 
»Es ist schon ewig in Familienbesitz.« 

»Was für eine Familie!«, bemerkte Paige. 
Sie stieß die Tür auf und kletterte aus dem Wagen, ohne den 

Blick vom Haus abzuwenden. Vor ihrem geistigen Auge 
entwickelte sich bereits das Szenario einer tragischen 
Liebesgeschichte in diesem märchenhaften Haus. Eine Frau in 
Gewändern des achtzehnten Jahrhunderts sieht klagend von 
ihrem Fenster im vierten Stock hinauf zu den Sternen und hofft, 
doch noch einen Ausweg zu finden, um der Heirat zu 
entkommen, die der Vater für sie arrangiert hat, und um sich mit 
ihrer wahren Liebe vereinen zu können. Ihr Geliebter, der sie 
retten will, klettert über die Giebel an ihr Fenster, stürzt jedoch 
in den Tod, bevor sich ihre Finger berühren. 

So eine Story bot sich in diesem Ambiente doch geradezu an! 
»Komm mit!«, sagte Micah, und Paige schreckte aus ihren 

Gedanken auf, als er sie an der Schulter berührte. Sie zog ihr 
dünnes rotes Tuch ein wenig fester um sich. »Gehen wir 
hinein.« 

Paige raffte den Saum ihres Kleides und stieg die 

Verandastufen hoch. Die Tür quietschte, als Micah sie öffnete 
und Paige hereinbat. Sie hatte das Gefühl, in ihre eigene, 
lebendig gewordene Traumwelt einzutreten. Der Boden in der 
Empfangshalle war in einem wunderbaren Mosaikmuster 
gefliest - in der Mitte war der Mond dargestellt, wie er sich vor 
die Sonne schiebt. Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des 
Mosaiks, führte eine geschwungene Treppe nach oben. Paige 

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folgte Micah die Stufen hinauf, wobei sie die beeindruckenden 
Kunstwerke an den Wänden und den Kronleuchter unter der 
Decke bestaunte. 

Micah führte sie durch den Korridor im ersten Stock und 

öffnete im Vorbeigehen die Türen. Jedes Zimmer war im 
viktorianischen Stil gehalten, als habe man nichts mehr 
angerührt, seit die ursprünglichen Besitzer das Haus eingerichtet 
hatten. Micah führte Paige in jeden einzelnen Raum, erklärte ihr 
mit großer Ehrerbietung den Grundriss des Hauses und die 
Antiquitäten, die in jedem Zimmer standen. Es verging eine 
ganze Stunde, bevor sie wieder ins Erdgeschoss gingen und 
Micah Paige in seine Bibliothek bat. 

»Du hast es bestimmt schon öfter gehört, aber ich muss sagen, 

dein Zuhause ist wunderschön«, schwärmte Paige und ließ ihren 
Blick durch die Bibliothek mit den vielen ledergebundenen 
Büchern schweifen. Micah trat zu ihr. 

»Du auch, aber das hörst du bestimmt auch nicht zum ersten 

Mal«, entgegnete er. Paiges Herz setzte einen Schlag aus, und 
sie drehte sich heftig errötend zu ihm um. Er sah sie ganz ehrlich 
an, und sie musste seinem Blick ausweichen. Micah strich ihr 
mit dem Finger über die Wange, und ihr Herz schlug nur noch 
schneller. 

»Es bedeutet mir sehr viel, dass dir dieses Haus ebenso gut 

gefällt wie mir«, fuhr er leise fort. »Aber ich wusste es. Du hast 
dich gleich auf den ersten Blick in es verliebt.« 

Ein warmer Schauer jagte über Paiges Haut, als Micah sie an 

der Taille fasste. Verträumt sah sie zu ihm auf. »Man muss es 
einfach lieben«, sagte sie. »Es ist... umwerfend.« 

Sie sahen sich in die Augen, und Paige überkam das gleiche 

Schwindelgefühl wie am Abend zuvor im Restaurant, aber es 
war okay. Allmählich begann sie es zu genießen dieses Gefühl, 
sich in Micahs Augen zu verlieren. 

»Das Beste hast du noch gar nicht gesehen«, sagte Micah mit 

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rauer Stimme. 

»Das Beste?«, wiederholte Paige benommen, denn sie war in 

diesem Augenblick nicht fähig, einen klaren Gedanken zu 
fassen. 

»Den Garten«, erklärte Micah, und seine Augen leuchteten 

vor Begeisterung. »Du musst dir unbedingt den Garten 
ansehen.« 

Er rückte wieder von ihr ab, und Paige fühlte sich plötzlich 

kalt und wach, als habe ihr jemand ins Gesicht geschlagen. Das 
Schwindelgefühl war verflogen, und ihre Sinne schienen wieder 
voll zu funktionieren. Sie schüttelte den Kopf, um sich von dem 
Schock zu erholen. Micah ging auf eine große Glastür zu, die 
hinaus auf eine gepflasterte Terrasse führte. Überwältigt von der 
schauerlichen Romantik des Anwesens fühlte sich Paige auf 
einmal sehr erschöpft. 

»Es ist eigentlich schon ein bisschen spät geworden«, sagte 

sie und schaute auf ihre Uhr. »Und ich vermute, der Garten zu 
einem solchen Palast ist riesig. Können wir die Besichtigung 
vielleicht auf nächstes Mal verschieben?« 

Micah blieb mit dem Rücken zu ihr stehen, und Paige biss 

sich unsicher auf die Unterlippe. Die Antwort auf diese Frage 
erschien ihr einfach. Warum brauchte er dafür so viel Zeit? 
»Micah?«, drängte sie. 

Schließlich drehte er sich um, und ein Lächeln glitt über seine 

ebenmäßigen Züge. »Ich habe mir das Beste bis zum Schluss 
aufgespart«, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen. »Wir 
müssen ja nicht das ganze Gelände abwandern. Ich möchte nur, 
dass du es siehst. Für mich ist es der schönste Teil des 
Anwesens.« 

Paige blickte auf seine ausgestreckte Hand und seufzte. »Nun, 

wenn es für dich der schönste Teil ist«, sagte sie grinsend und 
verdrängte ihre Müdigkeit. 

Als sie nach seiner Hand griff, schlang er seine Finger fest um 

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die ihren und griff mit der freien Hand nach dem Messingknauf 
der Gartentür. 

In diesem Augenblick klingelte Paiges Handy. 
»Verdammt! Tut mir Leid«, sagte Paige und löste ihre Hand 

aus Micahs Umklammerung. Sie öffnete ihr Abendtäschchen 
und zog das kleine Gerät heraus. Auf dem Display stand 
ZUHAUSE. 

»Meine Schwester«, sagte sie zu Micah, der die Hände in die 

Hosentaschen schob. »Dauert nur eine Sekunde.« 

Paige drückte auf die Gesprächstaste und hielt sich das Handy 

ans Ohr. »Ich habe eine Verabredung, schon vergessen?«, 
knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen und wendete sich 
von Micah ab. 

»Paige, das ist ein Notfall«, ertönte Pipers Stimme aus dem 

Handy. »Du musst nach Hause kommen. Sofort!« 

Paige blieb vor Angst fast das Herz stehen. Piper klang 

ungewöhnlich besorgt. Was war geschehen? War Cole von den 
Kopfgeldjägern des Rats des Bösen gefangen genommen 
worden? War Phoebe etwas zugestoßen? Paige hätte gern 
gefragt, aber natürlich durfte sie vor einem Zivilisten wie Micah 
nicht von den Angelegenheiten der Zauberhaften  sprechen. 
Selbst wenn er schon einmal einen Dämon gesehen hatte, war 
das, womit Paige und ihre Schwestern im Allgemeinen zu tun 
hatten, mehr, als der Durchschnittsmensch verkraften konnte. 

»Ich komme sofort«, sagte Paige. Sie drehte sich um und sah 

Micah entschuldigend an. »Es tut mir sehr Leid«, sagte sie und 
steckte ihr Handy in die Tasche. »Ein Notfall zu Hause. Ich 
muss weg.« 

»Bist du sicher?«, fragte Micah. 
»Glaub mir, ich würde nicht gehen, wenn es nicht sein 

müsste«, antwortete Paige ehrlich. Sie trat einen Schritt näher an 
Micah heran und legte die Hand an das Revers seiner 

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Smokingjacke. »Das macht dir doch nichts aus, oder?« 

»Nein«, entgegnete Micah mit einem unüberzeugenden, 

knappen Lächeln. »Aber wenn es dir nichts ausmacht, wird 
Charles dich fahren.« Er griff über ihre Schulter hinweg zu dem 
Telefon, das auf einem kleinen Wandtisch stand. »Charles?«, 
fragte Paige verwirrt. 

»Mein Fahrer«, antwortete Micah knapp. »Charles, bitte 

fahren Sie Miss Matthews sofort nach Hause. Sie hat einen 
Notfall in der Familie.« 

Er legte auf und schob die Hände wieder in die Hosentaschen. 
»Wow! Ist Charles sieben Tage die Woche rund um die Uhr 

auf Abruf? Wer bist du? Batman?«, fragte Paige und versuchte, 
die Stimmung aufzuheitern. 

»Er gehört praktisch zur Familie«, entgegnete Micah gepresst. 

Er ging an ihr vorbei zu dem Schreibtisch auf der anderen Seite 
des Raumes und blätterte in einem Aktenstapel. »Ich würde dich 
ja selbst nach Hause fahren, aber wenn wir den Abend schon 
vorzeitig beenden, arbeite ich lieber noch ein wenig.« 

Paige schluckte, trat neben Micah und neigte den Kopf, um 

ihm in die Augen zu sehen. »Es tut mir wirklich sehr Leid«, 
sagte sie zögernd. »Ich würde gern ein andermal 
wiederkommen, wenn ich darf.« 

Micah atmete hörbar aus und sah sie endlich an. »Tut mir 

Leid«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Ich benehme mich wie 
ein Baby. Das tue ich wohl immer, wenn ich nicht bekomme, 
was ich will«, fügte er hinzu und grinste verlegen. 

Paige lächelte. Sie ging auf die Zehenspitzen und küsste ihn 

auf den Mund. Es wurde ein sehr langer Kuss, und als sie sich 
von Micah löste, hielt er seine Augen noch einen Augenblick 
geschlossen. 

»Nächstes Mal«, sagte sie. »Versprochen!« 
In der Einfahrt ertönte eine Autohupe, und Paige ging zur Tür. 

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Als Micah sie für sie öffnete und sie hinaus in die Nacht trat, 
kam sie sich vor wie Aschenputtel, das seinen Prinzen stehen 
lässt - als erwache sie aus einem perfekten Traum. 

Sie setzte sich in den Wagen und warf Micah eine Kusshand 

zu. Als er ihr zuwinkte, spielte ein trauriges Lächeln um seine 
Mundwinkel. Aber da fuhr Charles auch schon los, und bevor 
Paige sich versah, ging es auch schon den Berg hinunter. 

»Es wäre besser für meine lieben Schwestern«, flüsterte 

Paige, »wenn es sich bei dem Notfall um eine ausgewachsene 
Katastrophe handelt.« 

 
»Wo bleibt sie nur?«, zischte Piper und schritt vor dem 

Fenster auf dem Speicher auf und ab. 

Seit Phoebe sie nach Hause gerufen und ihr gezeigt hatte, auf 

was sie im Buch der Schatten gestoßen war, befand sich Piper in 
höchster Unruhe. Sie konnte die Vorstellung nicht aushalten, 
dass Paige irgendwo da draußen ganz allein war und sie keine 
Möglichkeit hatten, sie zu schützen. 

»Sie wird schon kommen«, sagte Phoebe von ihrem Posten 

auf dem Fensterbrett aus. Sie hatte das Buch der Schatten 
aufgeschlagen auf dem Schoß, um Paige sofort zeigen zu 
können, was sie gefunden hatte. Ihre Hände lagen gefaltet auf 
der entsprechenden Seite. Und obwohl sie gerade noch so 
beruhigend auf Piper eingeredet hatte, schien ihr ganzer Körper 
unter Hochspannung zu stehen. 

»Da! Scheinwerfer!«, rief Piper, als zwei weiße Lichtstrahlen 

durch den Raum blitzten. Sie eilte zurück ans Fenster und sah 
eine Limousine vor dem Haus anhalten. Als sie dann auch noch 
sah, wie Paige herauskletterte, fiel ihr ein riesiger Stein vom 
Herzen. »Da ist sie!«, verkündete sie. 

Phoebe legte das Buch auf dem Fensterbrett ab und erhob 

sich. 

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»Hallo!«, kam Paiges Stimme von unten. »Wo seid ihr?« 
Sie polterte die Treppe hinauf und fegte in ihrem bodenlangen 

Kleid in den Raum, die Augen vor Sorge weit aufgerissen. »Was 
ist los?«, fragte sie. »Alles in Ordnung mit euch?« 

Phoebe konnte sich nicht beherrschen und schloss Paige fest 

in die Arme. Über ihre Schulter hinweg warf Paige Piper einen 
fragenden Blick zu. 

»Okay, wo ist das Problem?«, fragte sie, als Phoebe sie 

endlich wieder losließ. 

»Ich bin nur so froh, dass dir nichts fehlt«, sagte Phoebe und 

lächelte erleichtert. Dann verschränkte sie die Arme vor der 
Brust. 

»Du bist froh, dass mir  nichts fehlt?«, wunderte sich Paige 

und runzelte die Stirn, als sie ihr Tuch und die kleine Tasche auf 
der Couch ablegte. »Ich dachte, es gäbe hier zu Hause einen 
Notfall.« 

»Gibt es auch... sozusagen«, sagte Piper und biss sich auf die 

Unterlippe. 

Ein Schatten huschte über Paiges Gesicht, als sie von einer 

Schwester zur anderen sah. »Ich habe gerade das bezauberndste 
Date meines Lebens abgebrochen, um hierher zu kommen. Eine 
von euch macht jetzt besser ganz schnell den Mund auf!« 

Piper faltete die Hände und kam auf Paige zu. Sie biss die 

Zähne fest aufeinander, während sie überlegte, wie sie 
ausdrücken sollte, was sie zu sagen hatte. Es war - wieder 
einmal - eine heikle Situation, die sie sich liebend gern erspart 
hätte. Paige stand einfach nur da, stemmte eine Hand in die 
Hüfte und wartete ungeduldig auf eine Erklärung. 

»Vielleicht setzt du dich erst mal hin«, schlug Piper vor. 
Paige stöhnte und verdrehte die Augen, bevor sie sich auf die 

Couch fallen ließ. »Okay, raus damit!«, forderte sie. 

»Phoebe hat noch einmal im Buch der Schatten nach 

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Informationen über Aplacum gesucht und ist auf etwas... sehr 
Ungutes gestoßen«, sagte Piper und sah Phoebe an. 

Paige hob den Kopf und schaute Piper erwartungsvoll an. 

»Und das wäre?« 

Piper ließ sich auf die Kante ihres Lieblingssessels sinken. Sie 

fühlte sich plötzlich sehr müde. Paige so herausgeputzt zu sehen, 
so strahlend, genau wie in einem Liebesfilm, machte es ihr noch 
schwerer, mit der Wahrheit herauszurücken. Ihre Schwester 
glaubte, den Mann ihrer Träume gefunden zu haben, und nun 
mussten sie und Phoebe ihr sämtliche Illusionen zerstören. Piper 
konnte es nicht fassen. 

»Ähm... Phoebe? Vielleicht solltest du es ihr erklären«, 

meinte Piper, denn schließlich hatte Phoebe einige Erfahrung im 
Umgang mit diesem Thema. Sie hatte so etwas selbst schon 
einmal erlebt. 

»Also, Aplacum ist der Erzfeind eines Dämons, der Vandalus 

heißt«, erklärte Phoebe und ging ans Fenster, um das Buch der 
Schatten 
zu holen. »Und Vandalus ist extrem gefährlich. Er ist 
beinahe das schlimmste Übel der Unterwelt - fähig zur 
Massenvernichtung.« 

Phoebe machte eine Pause, damit Paige diese Information 

verdauen konnte, aber Paige erfasste den Ernst der Lage 
natürlich nicht. »Und?«, drängte sie. 

»Und er wurde vor über tausend Jahren in menschlicher 

Gestalt auf die Erde verbannt, weil er zu mächtig war, um 
vernichtet zu werden«, fügte Piper hinzu. 

»Im Buch der Schatten gibt es keine Abbildung von Vandalus 

in seiner menschlichen Gestalt«, sagte Phoebe und holte tief 
Luft. Mit der Bitte um moralische Unterstützung sah sie Piper an 
und reichte Paige das Buch, die es sich auf den Schoß legte. 
»Aber die Beschreibung klingt verdammt nach Micah«, fügte 
Phoebe hinzu. 

Einige Augenblicke herrschte vollkommenes Schweigen, und 

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nur die Atemgeräusche der drei Schwestern waren zu hören. 
Piper beobachtete teilnahmsvoll, wie Paige diese Information 
allmählich verarbeitete. Zunächst sah sie ihre Schwestern 
verständnislos an, aber dann zeichneten sich auf ihrem Gesicht 
Verwirrung und Schock ab. Sie sank in einer Haltung auf die 
Couch, die in ihrem eleganten Kleid ganz unpassend wirkte, und 
das Buch der Schatten rutschte ihr vom Schoß. 

»Das kann ich nicht glauben«, hauchte sie tonlos. 
»Ich weiß, Süße, das will einem nicht in den Kopf«, sagte 

Phoebe. Sie hockte sich vor die Couch und tätschelte Paige 
tröstend den Arm. »Aber das kommt alles wieder in Ordnung. 
Wir sind für dich da. Ich bin sicher, wir finden einen Weg, ihn 
zu vernichten.« 

Ungläubig riss Paige den Mund auf. »Ihn vernichten? Willst 

du mir im Ernst erzählen, dass ihr vorhabt, meinen Freund zu 
vernichten?« 

Piper rutschte das Herz in die Hose, und Phoebe sah sie 

schockiert an. »Paige, du kannst nicht mit ihm 
zusammenbleiben!«, sagte Piper aufgebracht. »Er ist eine große 
Gefahr.« 

»Ja, natürlich«, entgegnete Paige spöttisch und setzte sich 

gerade hin. »Die Beschreibung der menschlichen Gestalt dieses 
Vandalus klingt verdammt nach Micah«, wiederholte sie 
sarkastisch und riss das Buch an sich. »Was steht da? Groß, 
dunkelhaarig und gut aussehend? Auf wie viele Männer trifft 
diese Beschreibung wohl zu?« 

Phoebe nahm Paige das Buch ab und stand auf. »Als Mensch 

ist Vandalus von großer Statur, hat dunkles Haar und strahlende 
blaue Augen. Ihre Farbe ist beinahe unnatürlich«, las Phoebe vor 
und schritt durch den Raum. 

»Seht ihr! Das passt auf jeden!«, protestierte Paige 

aufgebracht. 

»Aber das ist noch gar nicht der Punkt«, sagte Phoebe. »Hier 

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steht auch, dass Vandalus Kinder hypnotisiert und sie ausbildet, 
um eine eigene Armee aufzubauen.« 

Piper sah Paige erwartungsvoll an, aber ihre Schwester 

schüttelte nur den Kopf und schnaubte: »Ja und?« 

»Micah hat doch viel mit Kindern zu tun. Er sorgt dafür, dass 

sie ihm vertrauen und ihn mögen. Er macht sie von ihm 
abhängig. So könnte er tatsächlich seine eigene Armee 
zusammenstellen.« 

»Okay, ihr beiden habt ganz offensichtlich zu tief in die 

falsche Schublade des Zauberschranks geguckt«, sagte Paige. 
»Ich finde einen Mann, der sich ganz der karitativen Arbeit 
verschrieben hat, und ihr wollt mir weismachen, er stelle eine 
Armee von Kindern zusammen, um seine bösen Pläne zu 
verwirklichen.« 

»Jaha!«, riefen Piper und Phoebe einstimmig. 
»Paige, du musst zugeben, die Geschichte hat Hand und Fuß«, 

sagte Piper. In ihr stieg die nackte Verzweiflung auf. »Denk 
doch mal nach! Wenn Aplacum und Vandalus Erzfeinde sind, 
dann war Aplacum wahrscheinlich hier, um Micah zu töten und 
nicht Regina.« 

Paige blinzelte, und einen Augenblick lang dachte Piper, sie 

hätte sie mit diesem Argument überzeugt, aber das Schweigen 
ihrer Schwester währte nicht lang. 

»Und warum hat Phoebe dann in ihrer Vision gesehen, wie 

Aplacum Regina tötet?«, gab Paige zurück, verschränkte die 
Arme vor der Brust und warf ihren Schwestern einen 
triumphierenden Blick zu. »In der Regel haben die Zauberhaften 
ja wohl keine Visionen, mit denen sie beauftragt werden, die 
Tötung eines Dämons durch einen anderen zu verhindern, 
oder?« 

»Ähm, nein«, sagte Phoebe stirnrunzelnd und drückte das 

Buch der Schatten an ihre Brust. 

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»Also... offenbar war Regina nur ein Opfer von Aplacum auf 

seinem Weg zu Micah«, erklärte Piper und hob stolz und ein 
wenig überrascht das Kinn, weil ihr aus dem Stand so eine gute 
Antwort eingefallen war. »Phoebe muss die Vision bekommen 
haben, damit wir die Unschuldige retten und sie nicht ins 
Kreuzfeuer der Dämonen gerät.« 

»Okay, das reicht mir jetzt«, fuhr Paige auf, schlug mit den 

Händen auf die Couchkissen links und rechts neben ihr und 
erhob sich. »Ich meine, einen kleinen Dämpfer von Zeit zu Zeit 
kann ich ganz gut ertragen, aber diesmal geht ihr beiden 
eindeutig zu weit.« 

»Was meinst du mit ›einen kleinen Dämpfer‹?«, wollte Piper 

wissen. 

»Ich meine, ihr beiden wollt offenbar gar nicht, dass ich 

glücklich bin!«, verkündete Paige aufgebracht. Sie schnappte 
sich ihr Täschchen und wühlte vor Wut zitternd darin herum. 
Plötzlich rutschte es ihr aus der Hand und fiel zu Boden, und 
Make-up, Handy und Schlüssel flogen durch den Raum. Paige 
stöhnte und ging auf die Knie, um ihre Sachen wieder 
einzusammeln. Als sie alles in die Tasche gestopft hatte, stand 
sie auf und warf ihr Haar in den Nacken. Den Schlüssel hielt sie 
in der Hand. »Ich weiß auch nicht, vielleicht seid ihr ja 
neidisch!« 

»Neidisch?«, fuhr Piper auf. Das war zu viel! Wie konnte 

Paige nur glauben, sie hätten etwas anderes im Sinn, als sie zu 
beschützen? 

»Ja, genau! Ihr seid neidisch, weil ich einen netten, 

erfolgreichen Typen menschlicher Abstammung gefunden 
habe«, entgegnete Paige. 

Piper blieb im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weg. Wie 

konnte Paige nur so etwas sagen! Sie selbst würde Leo nicht 
gegen alle Männer auf der ganzen Welt eintauschen, und 
bestimmt fühlte Phoebe für Cole genauso. Abgesehen davon 

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hatte sie angenommen, Paige habe Leo und Cole gern. Wie kam 
sie nur dazu, sie alle derart zu beleidigen? 

»Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Du musst uns 

glauben, es ist die Wahrheit«, sagte Phoebe mit zitteriger 
Stimme. Paiges Anschuldigung hatte sie genauso getroffen wie 
Piper. »Wir sind deine Schwestern, wir machen uns Sorgen um 
dich, und wir sagen die Wahrheit.« 

»Ist mir ganz egal«, entgegnete Paige kopfschüttelnd. 
»Ich bin weg.« Sie drehte sich um, nahm ihr Tuch von der 

Couch und stürmte vom Dachboden. 

»Wo willst du hin?«, rief Piper ihr hinterher und lief ihr mit 

Phoebe zur Treppe nach. 

»Das geht euch gar nichts an!«, erwiderte Paige trotzig. 

Einige Augenblicke später fiel die Eingangstür ins Schloss, und 
dann hörte man, wie vor dem Haus der Motor von Paiges Auto 
ansprang. 

Piper atmete tief durch, um ihre strapazierten Nerven zu 

beruhigen, und presste die Hände gegen die Schläfen. Sie konnte 
nicht verstehen, warum das Gespräch derart schief gelaufen war. 
Kopfschüttelnd kehrte sie auf den Dachboden zurück. »Das ist 
nicht einfach so passiert«, sagte sie. 

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Phoebe schrill und 

legte das Buch der Schatten wieder auf das Pult vor dem 
Fenster. »Wo fährt sie denn jetzt hin?« 

»Ich weiß es nicht«, sagte Piper matt und sank auf die Couch. 

Sie sah zur Tür und wünschte, sie hätten irgendwie versucht, 
Paige zurückzuhalten. »Ich hoffe nur, sie tut nichts Dummes.« 

Leider aber wusste Piper nur zu gut, dass Paige in ihrem 

augenblicklichen Zustand die besten Aussichten hatte, kopfüber 
in irgendwelchen Schwierigkeiten zu landen. 

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PAIGE spürte, wie ihr Puls raste, als sie ihren Wagen über 

die dunkle, kurvenreiche Straße steuerte, die zu Micahs 
Anwesen führte. Sie war ziemlich wütend auf ihre Schwestern, 
die sie wie ein Kleinkind behandelt hatten und ihr ausgerechnet 
den einen Mann wegnehmen wollten, der ihr seit Ewigkeiten 
einmal gefiel. Gleichzeitig beschlich sie ein banges Gefühl. Wie 
würde Micah sie empfangen, wenn sie nun - eine Stunde, 
nachdem sie ihn verlassen hatte - wieder an seine Tür klopfte? 
Sie hielt das Steuer fest umklammert und schaute sich 
aufmerksam die Gebäude links und rechts der Straße an, um zu 
prüfen, ob sie auf dem richtigen Weg war. Da sie erst einmal bei 
Micah gewesen war und sich die Strecke nicht gemerkt hatte, 
konnte sie nur beten, dass sie sich nicht verfuhr. Das wäre 
wirklich das Letzte, was ihr nach allem, was an diesem Abend 
geschehen war, noch fehlte. 

»Danke!«, sagte Paige laut, als sie einen auffälligen 

Briefkasten an der Straße wiedererkannte. 

Sie war auf der richtigen Straße, und so beruhigten sich ihre 

Nerven ein wenig. Ihr tuckerndes Auto musste die letzten 
Kraftreserven mobilisieren, denn der Berg wurde immer steiler 
und Paige trat das Gaspedal bis zum Boden durch, um es bis zu 
dem Tor vor Micahs Haus zu schaffen, ohne dass ihr die alte 
Kiste ausging. Sie hielt den Wagen gleich neben der Tafel an, in 
die Micah zuvor seine Chipkarte gesteckt hatte, um das Tor zu 
öffnen. »Und was jetzt?«, flüsterte sie und sah zu dem wenig 
einladend wirkenden Tor auf. 

Sie blickte prüfend auf die in die Wand eingelassene 

Metallplatte und bemerkte einen kleinen Knopf gleich neben 
dem Schlitz für die Karte. Es war einen Versuch wert. Vielleicht 
war in das Gerät auch eine Sprechanlage integriert, und Micah 

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konnte ihr von drinnen mit dem Summer aufmachen. Paige 
kurbelte das Fenster herunter, drückte auf den Knopf und 
wartete. Und wartete. »Komm schon!«, murmelte sie, denn sie 
begann in der sich rasch abkühlenden Nachtluft zu frieren. 

Plötzlich ertönte ein leises Piepen und das Tor öffnete sich 

quietschend. Paige klopfte das Herz bis zum Hals. Einen 
Augenblick lang verharrte sie reglos auf der Stelle. Das war 
doch merkwürdig! Wenn es auf dem Anwesen so viele 
Sicherheitsvorkehrungen gab, würde Micah wohl kaum einfach 
so das Tor öffnen, wenn jemand klingelte. Aber draußen stehen 
bleiben wollte Paige natürlich nicht. Sie legte den Gang ein, trat 
aufs Gaspedal und hoffte, ihr Wagen schaffte es noch die kleine 
Anhöhe hinauf bis zum Eingang von Micahs Haus. 

Kurze Zeit später hielt sie auch schon vor der Treppe und 

atmete tief durch. »Hoffentlich ist er nicht mehr sauer«, sagte sie 
leise. 

Sie kletterte aus dem Auto, steckte den Schlüssel in die 

Tasche und blickte zu dem Haus auf. Micah stand bereits in der 
offenen Eingangstür. 

»Du bist zurückgekommen«, sagte er grinsend. Er hatte sich 

noch nicht umgezogen und trug immer noch seinen Anzug. 
Niemals in ihrem ganzen Leben war Paige ein strahlenderer 
Empfang bereitet worden. 

»Da bin ich«, entgegnete sie mit einem kleinen Lächeln. 

»Falscher Alarm! Es war nur ein eingebildeter Notfall.« Sie 
umrundete ihren Wagen und kam die Stufen zur Tür hoch. »Tut 
mir Leid, dass ich vorhin weggelaufen bin«, entschuldigte sie 
sich noch einmal und lächelte ihn an. »Es wird nicht wieder 
vorkommen.« 

»Oh, ganz deiner Meinung«, sagte Micah mit einem 

anzüglichen Lächeln. 

Er legte ihr einen Arm um die Schultern, und Paige genoss die 

Wärme, die er ihr mit dieser Geste spendete. Gemeinsam gingen 

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sie ins Haus. Micah blieb stehen, machte die Tür zu und schloss 
ab. 

»Woher wusstest du, dass ich es bin?«, fragte Paige, als sie 

durch die Empfangshalle gingen. 

»Am Tor, meinst du?«, fragte Micah zurück. 

»Überwachungskameras.« 

»Wow. Du bist wirklich Batman!«, scherzte Paige. 
Micah grinste und drückte sie an sich. »So was Ähnliches.« 
»Und... wie war das mit der Gartenbesichtigung?«, fragte 

Paige und sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an, als sie in die 
Bibliothek kamen. 

Micahs Gesicht leuchtete bei dem Vorschlag auf, und seine 

blauen Augen funkelten. »Wie schön! Du hast es nicht 
vergessen«, sagte er. Er ging rasch zur Garderobe und holte 
einen langen schwarzen Mantel, den er Paige über die Schultern 
legte. Dann nahm er sie an die Hand. 

»Danke«, sagte Paige. Sie war ganz gerührt von seinen 

Gentleman-Manieren. 

Dabei ist er doch ein Dämon..., dachte sie sarkastisch und zog 

den warmen Mantel fester um sich, als Micah die Hintertür 
öffnete. Wenn Piper und Phoebe sehen könnten, wie 
zuvorkommend Micah sie behandelte! Paige sah zu ihm auf und 
betrat lächelnd die Terrasse, über die man in den Garten 
gelangte. Es gibt wirklich keinen Grund zur Beunruhigung, 
dachte sie. Nicht den geringsten. 

Micah schloss die Tür hinter ihnen, und Paige überquerte die 

beleuchtete Terrasse. Als Micah ihr nicht gleich folgte, wie sie 
angenommen hatte, drehte sie sich zu ihm um. Er stand immer 
noch mit der Hand an dem Messingtürknauf da, hatte die Augen 
geschlossen und den Kopf gesenkt. »Ist alles in Ordnung?«, 
fragte sie besorgt. Vielleicht war ihm schlecht geworden? 

Aber Micah hob den Kopf, öffnete die Augen und lächelte. 

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»Ja, alles in Ordnung«, sagte er und schüttelte ab, was immer 
gewesen sein mochte. Er kam zu Paige herüber und nahm ihre 
Hand. »Ich kann es gar nicht erwarten, dich herumzuführen.« 

Paige lächelte, als sie die Terrasse verließen und die 

Rasenfläche überquerten, die von perfekt getrimmten Hecken 
umgeben war. In der Mitte eines kleinen quadratischen Platzes 
stand ein plätschernder Brunnen. Auch hier erhellten kleine 
Gartenleuchten den Weg. Paige warf im Vorbeigehen einen 
Blick in das klare Wasser. Der Boden des Brunnens war mit 
kleinen wasserblauen Fliesen ausgelegt, jede mit einem 
goldenen Kreis in der Mitte. Durch die sich kräuselnde 
Wasseroberfläche schienen Farben und Formen in einem fast 
hypnotisierenden Tanz zu schaukeln und zu wechseln. Micah 
zog Paige an der Hand und sie folgte ihm ans andere Ende der 
Rasenfläche und durch eine Lücke in der Hecke auf die andere 
Seite. 

In stummer Bewunderung klappte Paige der Mund auf, als sie 

den nächsten Garten betraten. Man hatte fast den Eindruck, von 
Zimmer zu Zimmer zu gehen wie in einem Haus. Auch dieser 
Teil des Gartens war von einer Hecke eingegrenzt, jedoch viel 
größer als der vorige. Hier standen einige Steinbänke und üppig 
blühende Büsche, wie Paige sie noch nie gesehen hatte. 

»Was ist das?«, fragte Paige und umfasste sacht eine dicke 

rote Blüte. 

»Das ist eine Rose«, antwortete Micah. 
»Nein, kann nicht sein!«, rief Paige. Sie beugte sich vor, um 

an der Blüte zu schnuppern - und in der Tat: Sie duftete wie eine 
Rose. »Ich wusste gar nicht, dass sie so groß werden können«, 
staunte sie. 

»Mein Gärtner ist ein Zuchtexperte«, erklärte Micah, als sie 

durch den Garten schlenderten und die anderen Blumen 
bewunderten. »Diese Sorten hat er selbst gezüchtet. Er hat schon 
die erstaunlichsten Dinge hervorgebracht.« 

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»Einfach unglaublich«, sagte Paige. Nicht zu fassen! 

Zusätzlich zu allen anderen bewundernswerten Eigenschaften 
war Micah auch noch ein Blumenexperte. Er könnte sie für den 
Rest ihres Lebens mit Blumensträußen verwöhnen! 

Micah führte sie an der Hecke entlang zum Ende des Gartens 

und Paige entdeckte überrascht eine kleine Steinhütte, die 
überwuchert mit blühenden Ranken ganz in der Ecke stand. 
»Was ist das?«, fragte sie. 

»Eigentlich ein Geräteschuppen«, sagte Micah. »Aber es gibt 

auch ein kleines Bad, damit die Gäste nicht immer den ganzen 
Weg zurück ins Haus laufen müssen.« 

»Wie aufmerksam!«, bemerkte Paige lächelnd. 
Durch eine Lücke in der Hecke gelangten sie in den letzten 

Garten, der von der Bruchsteinmauer eingefasst wurde, die das 
gesamte Anwesen umgab. Er war riesig. Links von Paige 
wuchsen entlang der Mauer große Bäume, deren verwachsene 
Wurzeln sich unter den Mauersteinen hindurch ihren Weg auf 
die andere Seite suchten. Am anderen Ende des Gartens war ein 
kleiner Tümpel mit einem Wasserfall. Auf der gepflasterten 
Terrasse davor standen zwei bequeme Liegen, ein Glastisch mit 
Sonnenschirm und vier Polsterstühle. 

»Ich vermute, hier holst du dir deine perfekte Bräune«, 

bemerkte Paige. 

»Ich habe nicht viel Freizeit, aber wenn, dann findet man 

mich hier«, entgegnete Micah. 

»Meiner Meinung nach sollte sich jemand wie du mehr Zeit 

für sich nehmen«, sagte Paige, als sie sich auf den Rückweg 
machten. 

»Findest du? Wozu?«, fragte Micah. 
»Zum Entspannen«, antwortete Paige. Unterdessen waren sie 

wieder im Blumengarten angekommen, und sie setzte sich auf 
eine der Steinbänke. Sie zog die Schultern hoch und blinzelte 

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ihm zu. »Um dir selbst auf die Schulter zu klopfen für deine 
vielen Wohltaten.« 

Lachend setzte sich Micah neben sie und strich ihr zärtlich 

eine Haarsträhne aus der Stirn. Bei der Berührung fing Paiges 
Haut an zu kribbeln und ihr Herz klopfte plötzlich sehr laut. Für 
einen Augenblick schien es alle anderen Geräusche zu 
übertönen. 

»Vielleicht auch, um... so viel Zeit wie möglich mit deiner 

neuen Freundin zu verbringen?«, schlug sie hoffnungsvoll vor. 

Micah beugte sich zu ihr, und ihr Puls raste wie wild, als er 

über ihre Schulter hinweg eine rote Rose von dem Busch 
pflückte, der gleich neben der Bank wuchs. Er überreichte sie 
Paige, und sie hob die schöne Blüte langsam an ihre Nase und 
sah Micah dabei die ganze Zeit an. 

»Das ist der erste vernünftige Grund, den ich höre«, sagte er 

mit tiefer Stimme. 

Zitternd ließ Paige die Rose sinken. Micah legte ihr die Hand 

in den Nacken und beugte sich über sie. Paige schloss der 
Ohnmacht nahe die Augen, bevor sich ihrer beider Lippen zu 
einem Kuss vereinigten, wie Paige noch nie einen bekommen 
hatte. Er fuhr ihr bis in die Fingerspitzen und die Zehen, sie 
spürte ihn in den Ohren, im Kopf, im Herzen. Sie hatte den 
Eindruck, Micah umfinge sie mit der ganzen Wärme seiner 
Gefühle. Fest hielt er sie in seinen Armen, und als er sie 
schließlich wieder losließ, schwebte sie irgendwo in der Nähe 
des Mondes. 

»Und? Was meinst du?«, fragte Micah und sah sie an. 
»Wozu?«, fragte Paige benommen zurück. Sie fühlte sich, als 

wäre sie betrunken. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Augen zu 
öffnen, und ihr Blick war verschwommen. 

»Zu dem Garten«, erklärte Micah und strich ihr mit den 

Fingerspitzen über die Wange. 

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»Ich finde, er ist unglaublich«, entgegnete Paige und blinzelte 

einige Male, um sich aus ihrer Trance zu befreien. »Ich glaube, 
ich muss im Lotto gewinnen, damit ich mir auch so etwas leisten 
kann«, fügte sie hinzu. 

»Tut mir Leid«, entgegnete Micah. »So etwas gibt es nicht 

noch mal. Aber du wirst alle Zeit der Welt haben, diesen hier zu 
genießen.« 

»Wirklich? Bedeutet das, du willst mich öfter sehen?«, fragte 

Paige schüchtern und lächelte ihn an. 

»Viel öfter«, antwortete er und sah sie aus seinen blauen 

Augen durchdringend an. 

Er beugte sich wieder zu ihr vor und gab ihr einen festen, 

langen Kuss auf die Stirn. Dann rückte er von ihr ab und lächelte 
sie fast traurig an. In diesem Augenblick wurde Paige plötzlich 
klar, wie vielschichtig Micah Grant sein musste. Wie jeder 
andere auch hatte er seine Geheimnisse, und es war ihr ein 
Bedürfnis, alles über ihn zu erfahren. 

Er hatte schon so viel Trauriges gesehen. Und er war so ein 

liebenswürdiger, großzügiger Mensch. Wie konnten Piper und 
Phoebe ihn nur für böse halten? 

Micah stemmte die Hände auf die Oberschenkel, um sich von 

der Bank zu erheben. Paige stand ebenfalls auf, um ihm zu 
folgen. So bezaubert sie auch von dem Garten und von Micah 
selbst war, sehnte sie sich doch nach der Wärme des Hauses. 
Aber sie hatte erst einen Schritt gemacht, als Micah sich zu ihr 
umdrehte und die Hand ausstreckte. »Du musst bleiben«, sagte 
er bestimmt. 

»Wie meinst du das?«, fragte Paige verwirrt. Wollte er etwas 

holen und wieder nach draußen kommen? 

»Du musst bleiben«, wiederholte er, als wäre es der normalste 

Satz auf der Welt. »Dies ist dein neues Zuhause.« 

Er drehte sich um und ging durch den Durchlass in der Hecke 

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in den ersten Garten. Paige blieb verblüfft und wie angewurzelt 
stehen. Eine Kältewelle, die nicht von der Kühle der Nacht 
herrührte, flutete über sie hinweg. Wovon zum Teufel redete er? 

Schließlich gelang es Paige, ihre Beine in Bewegung zu 

setzen, und sie eilte mit zitternden Knien hinter Micah her. Als 
sie durch die Hecke kam, war er bereits auf der Terrasse. 

»Micah! Was soll das heißen, das ist mein neues Zuhause?«, 

rief sie irritiert. Auch aus ihrem eigenen Mund kamen ihr diese 
Worte reichlich merkwürdig vor. 

Micah drehte sich langsam um und sah sie mit geduldiger 

Miene an, als rede er mit jemanden, der nur ein halbes Gehirn 
hat. »Du wirst hier bleiben und meine Geliebte sein«, sagte er 
ganz sachlich. »Du hast gesagt, dir gefällt mein Garten. Also 
bleibst du ganz einfach in meinem Garten.« 

Plötzlich meldete sich Paiges Instinkt. Weglaufen lautete die 

Botschaft. Sie konnte Piper und Phoebe praktisch schreien 
hören, sie solle verschwinden, so schnell sie ihre hohen Absätze 
tragen konnten. Micah war offenbar nicht ganz dicht. 

»Ich fahre jetzt nach Hause«, sagte Paige bestimmt, und ihr 

Herz raste wie das eines verängstigten Vogels. Sie hob das 
Kinn, versuchte möglichst unerschrocken dreinzublicken und 
ging einfach an Micah vorbei. Einen Augenblick lang glaubte 
sie, frei zu sein. Sie nahm an, er würde sie einfach gehen lassen, 
denn er machte keine Anstalten, sie zurückzuhalten. Aber 
gerade als das Gefühl in Paige aufstieg, einer tödlichen Gefahr 
entronnen zu sein, geschah etwas ganz Seltsames, Irritierendes 
und Unglaubliches. 

Sie lief gegen eine Wand. Eine Wand, die gar nicht da war. 
Als sie nach dem Zusammenprall ihr Gleichgewicht 

wiederfand, tastete sie vorsichtig ihren Kopf ab und spürte eine 
dicke Beule. Verwirrt sah sie sich um. Nein, sie war nicht 
verrückt. Da war nichts. Aber sie war eindeutig mit etwas 
zusammengestoßen, da war sie sich ganz sicher. 

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»Was ist hier los?«, rief sie und wirbelte zu Micah herum. 

Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen. 

»Ich habe es dir doch gesagt«, antwortete er ruhig. »Du 

kannst nicht weg.« 

Panik machte sich in Paige breit, und sie drehte sich zur 

Terrasse um. Aber als sie einen Schritt machte, stieß sie erneut 
gegen etwas Festes. Unsichtbar zwar, aber fest. Sie streckte 
tastend eine zitternde Hand in die Luft - aber da war keine Luft. 
Ihre Fingerkuppen glitten eindeutig über eine Mauer - eine kalte, 
raue, völlig undurchdringliche Steinmauer. 

»Nein! Das kann doch nicht wahr sein!«, stieß Paige tonlos 

hervor. Die Beule an ihrer Stirn begann heftig zu pochen. Ich 
muss verschwinden, dachte Paige, bevor ich noch ernsten 
Schaden nehme. 

Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte am Haus entlang, 

aber die Grenzmauer des Anwesens - die echte, sichtbare - ging 
gleich von der Hausecke ab. Sie war mindestens drei Meter 
hoch, und es war unmöglich, sie zu überwinden. Verzweifelt 
stolperte Paige die Mauer entlang und hielt nach einer Öffnung 
Ausschau, aber da war keine. Es gab keinen Ausweg. 

Als sie begriff, dass sie wirklich in der Falle saß und dieser 

Albtraum ganz real war, drehte sich Paige um und ging langsam 
zurück zur Terrasse. Dabei behielt sie Micah die ganze Zeit im 
Auge. Er stand einfach nur da, Hände in den Hosentaschen, und 
beobachtete sie mit ausdruckslosem Gesicht. Seine gelassene 
Miene machte sie wütend. 

»Das kannst du mir nicht antun!«, stieß sie hervor und 

kämpfte gegen die Tränen. »Du kannst mich nicht hier 
behalten.« 

»Es ist zu deinem eigenen Wohl«, erwiderte Micah ernst. »Zu 

unser beider Wohl.« Er machte einen Schritt auf sie zu, und 
Paige zwang sich, stehen zu bleiben und nicht zurückzuweichen. 
Er sollte nicht merken, wie sehr sie sich fürchtete, damit er nicht 

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noch besser dastand, wenn das überhaupt möglich war. »Es ist 
unser Schicksal, zusammenzubleiben, Paige. Schon bald wirst 
du mich lieben lernen, wie ich lernte, dich zu lieben.« 

Jetzt fühlte sich Paige von seinen Worten richtiggehend 

abgestoßen, obwohl sie dieselben Worte noch vor wenigen 
Augenblicken in Hochstimmung versetzt hätten. Zum ersten 
Mal erkannte sie die Kälte in Micahs blauen Augen. Eine 
stählerne Kälte, die sie unter dem dicken Wollmantel erzittern 
ließ. »Du bist Vandalus, nicht wahr?«, stieß sie hervor. »Du bist 
der Dämon, vor dem mich meine Schwestern gewarnt haben.« 

Auf Micahs Gesicht spiegelte sich dieselbe Trauer wie zuvor, 

die Paige seiner empfindsamen, gequälten Seele zugeschrieben 
hatte. Sie machte sich die größten Vorwürfe. Wie hatte sie nur 
so blind sein können! Es war die ganze Zeit sein Ziel gewesen. 
Er hatte vorgehabt, sie als Gefangene zu halten. Nun wusste sie, 
warum er sie so unbedingt in seinen Garten hatte führen wollen. 

»Es verletzt mich, dass du in mir etwas anderes siehst als den 

Mann, der dich liebt«, sagte Micah. 

Dann wandte er sich abrupt ab und ging mitten durch die 

unsichtbare Wand in die Bibliothek. Ohne lange nachzudenken, 
stürzte Paige ihm hinterher und warf sich gegen die Stelle, an 
der Micah durch die Wand gegangen war. Aber der 
Zusammenstoß war so heftig, dass sie zu Boden geworfen 
wurde. In ihren Schultern pulsierte der Schmerz. Sie sah, wie 
Micah ihre Tasche von dem Tisch in der Bibliothek nahm und 
das Handy herausholte. 

»Nein«, rief sie und rappelte sich auf. Verzweifelt hämmerte 

sie mit den Händen gegen die unsichtbare Wand. »Nein!«, rief 
sie erneut. 

Ihr Herz raste vor Hilflosigkeit und Panik, als sie beobachtete, 

wie Micah das Handy auf den Boden legte und es mit einem 
kräftigen Tritt zerstörte. Dabei sah er sie unverwandt an. 

»Nein!!!«, schrie Paige und ließ den Tränen freien Lauf. »Tu 

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das nicht! Micah! Bitte tu das nicht!« 

Aber er drehte sich einfach um und schaltete das Licht aus. 

Paige blieb allein und frierend und ohne jede Aussicht auf 
Entkommen in Finsternis gehüllt zurück. 

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AM nächsten morgen wurde Paige vom Gezwitscher der 

Vögel und dem sanften, blassrosa Licht der frühmorgendlichen 
Sonne geweckt. Sie lag auf einer der Liegen im hinteren Teil des 
Gartens. Als sie sich aufrichten wollte, zuckte ein stechender 
Schmerz durch ihren Kopf. Vorsichtig betastete sie die Beule 
und fuhr zusammen. 

»Da ist man ja sofort wach!«, sagte sie tonlos und sah sich 

erschöpft um. Ihre Augenlider waren schwer und ganz 
aufgequollen von den Tränen, die sie in der Nacht vergossen 
hatte, und sie brauchte eine Weile, bis sie scharf sehen konnte. 
Aber als sie die Lage erfasste, war ihr klar, dass sich nichts 
geändert hatte. Sie war immer noch in Micahs Garten. Sie war 
immer noch allein. Und niemand wusste, wo sie sich aufhielt. 

Ein Windstoß raschelte in den Blättern der Bäume, und Paige 

lief es kalt über den Rücken. Sie zog den Wollmantel, den sie 
als Decke benutzt hatte, fest um ihre Schultern und rollte sich 
wie ein Fötus zusammen. 

»Warum passiert mir das?«, flüsterte sie heiser. In der Nacht 

hatte sie noch stundenlang vergeblich um Hilfe gerufen, und nun 
war ihre Stimme fast weg. Eine dicke Träne kullerte ihr aus dem 
Augenwinkel über die Schläfe und sie spürte, wie neue 
Schluchzer in ihrer Brust aufwallten. 

Wie konnte ich nur so dumm sein?, dachte sie und immer 

mehr Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte sich in einen 
Dämon verliebt, in einen definitiv bösen Dämon. Nicht in einen 
starken, knuddeligen wie Cole zum Beispiel. Was war sie nur 
für ein blindes, dummes kleines Mädchen! 

Nein!, rief eine Stimme in ihrem Kopf. Du wirst nicht mehr 

weinen. Du bist nicht hilflos. Du bist eine von den 
Zauberhaften. 

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Paige hob den Kopf wieder, ignorierte diesmal den Schmerz 

und zog die Nase hoch. Es war nun taghell, aber immer noch 
sehr früh am Morgen. Micah war bestimmt noch nicht auf. 
Wenn überhaupt, dann musste sie sofort versuchen zu fliehen. 
Sie stand auf, zog den Mantel an und wickelte ihn fest um sich. 

»Du glaubst, du kannst mich einsperren?«, murmelte Paige 

und sah zu dem Haus auf. »Du weißt ja nicht, mit wem du es zu 
tun hast!« 

Sie ging zu der hohen Mauer, holte tief Luft und schloss die 

Augen. In der Nacht hatte sie bereits versucht, aus dem Garten 
zu orben, hatte sich aber nicht einmal innerhalb der Mauer von 
einem Ort an den anderen bewegen können. Dieses Versagen 
hatte sie ihrer Erschöpfung und ihrem Schock zugeschrieben, 
aber nun musste sie es erneut versuchen. Ihre Fähigkeiten waren 
noch nicht so weit trainiert, dass sie bis nach Hause orben 
konnte, aber sie wusste, über die Steinmauer konnte sie es 
schaffen. »Okay, los geht's!« 

Paige konzentrierte sich und spürte das brausende, warme, 

angenehm prickelnde Gefühl, das so typisch für das Orben war. 
Man bekam den Eindruck, plötzlich Teil der Luft, Teil der 
Atmosphäre zu sein. Nun musste sie nur noch den Ort 
visualisieren, an dem sie wieder auftauchen wollte. Sie stellte 
sich die Wiese auf der anderen Seite der Mauer vor. Stellte sich 
vor, wie sie darauf zulief. 

Es funktioniert!, dachte sie und spürte, wie ihr Körper sich 

auflöste und sich in Bewegung setzte. 

Aber noch bevor sie sich richtig freuen konnte, wurde sie 

plötzlich von zwei steinharten Händen wieder zur Erde 
gestoßen. Ihre Füße berührten den Boden, und sie war wieder 
zurück. Zurück und immer noch in dem Garten. »Die 
unsichtbare Wand ist stärker als meine Zauberkraft«, wisperte 
Paige. 

Erneut drohte Verzweiflung in ihr aufzusteigen, und sie 

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kämpfte dagegen an. Sie war schließlich nicht nur eine der drei 
Zauberhaften - sondern auch Paige Matthews, das Mädchen, das 
sich als Teenager unzählige Male aus seinem Zimmer 
geschlichen und wie ein Profi die Schule geschwänzt hatte. 

»Es muss einen Ausweg geben«, dachte Paige laut und sah 

sich um. »Etwas, das er nicht bedacht hat.« Wenn es einen 
solchen Schwachpunkt gab, wollte sie ihn finden. 

»Paige?«, ertönte plötzlich Micahs Stimme. Paige wirbelte 

erschreckt herum und sah Micah freundlich lächelnd in den 
Garten kommen. Er trug ein großes Tablett mit Essen. »Ich 
bringe dir dein Frühstück.« 

Paige kniff die Augen zusammen, als er zu ihr trat und das 

Tablett auf dem Gartentisch abstellte. Sein Anblick verursachte 
ihr einen bitteren Geschmack im Mund. Als er sie ansah, zog sie 
seinen Mantel aus und gab sich größte Mühe, nicht zu zittern, 
als die kalte Morgenluft auf ihre nackten Arme traf. 

»Den will ich nicht«, sagte sie und reichte ihm den Mantel. 

»Ich will gar nichts von dir.« 

»Das ist aber schade«, entgegnete Micah und legte sich den 

Mantel über den Arm. »Ich habe extra für dich ein paar leckere 
Sachen in der Küche bestellt.« 

Da stieg Paige der Duft von Pfannkuchen, frischem Speck 

und Kaffee in die Nase. Ohne dass sie es wollte, wanderte ihr 
Blick zu dem Tablett. Sehnsüchtig sah sie sich die Leckereien 
an, und ihr knurrte heftig der Magen. Aber sie zwang sich, 
wegzusehen und ihren Blick auf Micah zu konzentrieren. 
»Vergiss es«, sagte sie giftig. »Ich werde nichts essen, was von 
dir kommt.« 

Eine Wolke schien über Micahs Gesicht zu ziehen, und sein 

Mund wurde zu einer dünnen, energischen Linie. »Wie willst du 
denn sonst an Nahrung kommen?« 

»Ich esse einfach nicht«, entgegnete Paige und straffte die 

Schultern. 

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Ihr Magen knurrte hörbar, und Paige spürte wütend, wie sie 

rot wurde, als Micah sie angrinste. »Du überraschst mich, 
Paige«, sagte er und trat an den Tisch. »Ich hätte dich für 
schlauer gehalten.« 

»Schlauer als was?«, schoss sie zurück und ging ihm nach. 
»Du weißt, es gibt für dich kein Entrinnen«, sagte er und 

nahm das Tablett vom Tisch. »Und doch scheinst du 
entschlossen, dir das Leben hier so unangenehm wie möglich zu 
machen.« 

Paige hätte gern geantwortet. Sie zermarterte sich das Hirn 

nach einer schlagfertigen, beißenden Bemerkung, aber ihr fiel 
nichts ein. In gewisser Weise hatte er Recht. Sie strafte sich nur 
selbst, wenn sie den Mantel und das Essen nicht annahm. Aber 
die Genugtuung - zu ihrem Wohlergehen beizutragen - wollte 
sie Micah nicht geben. 

»Ich lasse ein paar warme Kleider für dich da«, sagte er und 

zeigte auf eine der Liegen. Ein ganzer Stapel Kleider lag darauf: 
eine Jeans, ein mollig warm aussehender Pullover, Socken und 
Sneakers. 

»Die kannst du auch wieder mitnehmen«, sagte Paige und sah 

ihn bestimmt an. »Wie ich schon sagte: Ich will nichts von dir 
haben.« 

Micah atmete tief ein und ließ die Luft langsam wieder 

entweichen. Er schüttelte den Kopf. »Ich tue das nur zu deinem 
Besten. Ich liebe dich, Paige«, sagte er und ging mit dem Tablett 
voller leckerer Speisen davon. »Ich wünschte, du würdest das 
verstehen.« 

Er warf einen Blick auf die Kleider, ließ sie aber liegen. Paige 

sah ihm wütend nach, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. 
Das Bündel hatte er nur liegengelassen, um sie dazu zu 
verführen, seine Hilfe anzunehmen. Ohne lange nachzudenken 
nahm sie die Kleider in den Arm und schleuderte das ganze 
Paket mit einem wütenden Knurren in den Tümpel. »Ich hasse 

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dich!«, schrie sie Micah hinterher, und heiße Tränen strömten 
über ihr Gesicht. »Ich hasse dich, weil du mir das antust!« 

Sie ließ sich auf einen der Stühle fallen, und ihr Körper wurde 

von Schluchzern geschüttelt. 

Vielleicht kommen Piper und Phoebe mich retten, dachte sie 

bekümmert. Aber sie wusste, die Chancen standen schlecht. So 
wie sie am Vorabend aus dem Haus gestürmt war, dachten ihre 
Schwestern vermutlich, sie sei irgendwohin abgehauen, um 
Dampf abzulassen und sie dafür zu bestrafen, dass sie ihren 
Freund für einen Dämon hielten. 

»Warum habe ich nicht auf die beiden gehört?«, flüsterte 

Paige unter Tränen. »Kein Wunder, dass sie mich wie ein Baby 
behandeln.« 

 
Als Phoebe ihr Auto am Nachmittag in ihre Straße lenkte, war 

sie vor Angst kaum in der Lage, sich auf das Fahren zu 
konzentrieren, so viele Gedanken gingen ihr gleichzeitig durch 
den Kopf. 

»Hoffentlich steht ihr Auto da«, murmelte sie. »Bitte, mach, 

dass ihr Auto da steht!« 

Aber als sie mit quietschenden Bremsen vor dem Haus 

anhielt, war Paiges kleines rotes Auto nirgends zu sehen. Phoebe 
stellte den Motor ab, schnappte sich ihre Tasche und rannte ins 
Haus. Eine furchterregende Fantasie nach der anderen kam ihr 
in den Sinn. Paige konnte einen Autounfall gehabt haben, so 
wütend wie sie am Vorabend davongebraust war. Vielleicht war 
sie auch zu Micah zurückgekehrt, und er hatte längst die 
Schlacht eröffnet. 

»Vielleicht ist sie auch schon im Büro«, sagte Phoebe zu sich 

selbst und gab sich Mühe, besonnen zu bleiben, als sie die 
Haustür aufstieß. Vielleicht hatte Paige einfach irgendwo 
übernachtet und war morgens direkt zur Arbeit gefahren. 

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»Paige?«, rief Piper erwartungsvoll, als Phoebe den Flur 

betrat. 

Mit dem schnurlosen Telefon in der Hand eilte Piper aus der 

Küche und machte ein langes Gesicht, als sie Phoebe erblickte. 

»Immer noch nichts von ihr gehört, hm?«, fragte Phoebe und 

zog ihre Jacke aus. 

»Nein. Und ich habe es schon tausendmal auf ihrem Handy 

probiert. Immer geht die Mailbox an«, entgegnete Piper. »Hat 
dir das Einkaufen geholfen, dich ein wenig abzulenken?« 

»Siehst du irgendwelche Tüten?«, fragte Phoebe und streckte 

die Hände aus. In den vergangenen zwei Stunden war sie 
lediglich benommen und blind durch ihre Lieblingsläden 
gezogen und hatte die Leute mit ihrem zombiemäßigen 
Verhalten erschreckt. Sie rieb sich die Stirn, und das nervöse, 
ungute Gefühl in ihrem Magen wurde von Sekunde zu Sekunde 
stärker. »Hast du es noch mal auf der Arbeit probiert?« 

»Ja, auch an ihrem Platz war nur der Anrufbeantworter dran«, 

sagte Piper und lehnte sich gegen den Türrahmen zwischen Flur 
und Wohnzimmer. »Ich habe die Zentrale angewählt und man 
sagte mir, sie könne vormittags auch wegen eines Falles 
unterwegs sein. Manchmal macht sie gleich morgens ihre 
Außentermine, bevor sie ins Büro kommt.« 

»Aber das hältst du wohl nicht für sehr wahrscheinlich, 

oder?«, fragte Phoebe, die den skeptischen Unterton in der 
Stimme ihrer Schwester bemerkt hatte. 

»Ich sage es nicht gern, aber ich bin echt besorgt«, sagte 

Piper. »Anscheinend hat seit gestern niemand, der sie kennt, von 
ihr gehört.« 

Phoebe atmete stockend ein und traute sich beinahe nicht 

auszusprechen, was sie dachte. »Und was ist mit Micah?«, 
fragte sie schließlich. 

»Kaum zu glauben, aber der Typ steht nicht im Telefonbuch«, 

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entgegnete Piper mit einem bitteren Lächeln. 

Phoebe wurde zusehends unwohler zu Mute. Wenn sie nicht 

auf der Stelle etwas unternahm, fuhr sie im wahrsten Sinne des 
Wortes aus der Haut. Falls Paige sich bei Micah aufhielt, und 
Micah war tatsächlich Vandalus, dann konnte er ihr alles 
Mögliche antun. Vielleicht war sie auch schon... »Okay, das 
reicht«, platzte Phoebe heraus, stieg die Treppe hoch und 
versuchte, sämtliche morbiden Gedanken aus ihrem Kopf zu 
verbannen. »Ich werde mehr über diesen Kerl herausfinden.« 

»Ich bin dabei«, sagte Piper. 
Einige Minuten später saß Phoebe vor ihrem Computer und 

sah die lange Liste mit Artikeln durch, die auf dem Bildschirm 
erschienen war, nachdem sie Micahs Namen in eine 
Suchmaschine eingegeben hatte. Piper schritt mit vor der Brust 
verschränkten Armen hinter Phoebes Schreibtischstuhl auf und 
ab. 

»Dieser Typ ist der reinste Heilige«, sagte Phoebe. Sie war 

regelrecht enttäuscht. Wenn wenigstens schon erwiesen wäre, 
dass Micah der Feind war, hätten sie immerhin einen Anfang 
jemanden, den sie bekämpfen könnten. »Er tut offenbar nur 
Gutes: sammelt Geld für karitative Kindereinrichtungen, 
eröffnet Waisenhäuser und versucht, auf den Kongress Einfluss 
zu nehmen und berühmte Leute zu Spenden zu überreden.« 

»Ich verstehe das nicht«, sagte Piper und legte die Hände auf 

Phoebes Rückenlehne. »Wo ist das Böse?« 

»Ich weiß es nicht«, sagte Phoebe und ihre Augen irrten 

suchend über den Bildschirm. Sie klickte mit der Maus und 
scrollte abwärts, vorbei an vielen Artikeln über den edlen 
Wohltäter. Plötzlich fiel ihr etwas ins Auge, und ihr Herz setzte 
einen Schlag aus. »Sieh dir das mal an!«, sagte sie und klickte 
einen der Artikel an. »Junge Frau tot im Büro ihres Freundes 
gefunden.« 

»Rutsch rüber«, sagte Piper und zwängte sich neben Phoebe 

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auf den Stuhl. Phoebe rückte ein Stück zur Seite und stemmte 
ein Bein auf den Boden, um nicht das Gleichgewicht zu 
verlieren. 

Als der Artikel auf dem Bildschirm erschien, machte Phoebe 

große Augen. »Der bekannte Wohltäter Micah Grant zeigte sich 
schockiert und niedergeschmettert angesichts des gewaltsamen 
Todes seiner Freundin Karen Carthage, deren verstümmelte 
Leiche Samstag Abend in seinem Stiftungsbüro gefunden 
wurde. Carthage ist die dritte Frau, die innerhalb der 
vergangenen fünf Jahre ums Leben kam und eine Beziehung zu 
Grant hatte, aber wie von den Behörden mitgeteilt wurde, zählt 
Grant für sie nicht zu den Tatverdächtigen.« 

Phoebe und Piper sahen sich verblüfft an. 
»Drei tote Mädchen, und er zählt nicht zu den 

Tatverdächtigen?«, sagte Piper mit hochgezogenen 
Augenbrauen. »Gibt es da nicht diese unbedeutende juristische 
Kleinigkeit, die sich ›begründeter Verdacht‹ nennt?« 

»Wie die Polizei vermutet, kamen alle drei Frauen durch den 

Angriff eines wilden Tieres ums Leben«, las Phoebe weiter vor. 

»Klingt nach unserem guten alten Freund Aplacum«, 

bemerkte Piper gepresst. 

»Trotz der bizarren, ungeklärten Tatumstände konnten die 

Behörden Grant keinen der Todesfälle anhängen, da er keinerlei 
Tiere hält und kein Tatmotiv hatte«, beendete Phoebe den 
Artikel. Sie warf sich perplex und mehr als beunruhigt gegen die 
Stuhllehne. »Wir müssen Paige finden!« 

»Nun, es mag vielleicht etwas irre klingen, aber wenigstens 

wissen wir jetzt, dass sie nicht getötet wird«, sagte Piper und 
stand auf. »Ich meine, nicht auf dieselbe Weise wie die anderen 
Mädchen. Wir haben Aplacum vernichtet. Falls nicht irgendein 
anderes wildes Tier die drei Mädchen getötet hat, ist Paige 
zumindest vor dieser Gefahr sicher.« 

»Okay«, sagte Phoebe, die bereit war, sich an jeden positiven 

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Gedanken zu klammern. »Aber was ist eigentlich das Problem? 
Warum ist Aplacum durch die Gegend gerannt und hat Micahs 
Freundinnen zerfetzt?« 

Piper öffnete den Mund, um zu antworten, klappte ihn aber 

rasch wieder zu. »Das kann ich dir auch nicht sagen.« 

»Ich muss darüber nachdenken«, sagte Phoebe, schob ihren 

Stuhl vom Schreibtisch weg und fegte an Piper vorbei aus dem 
Raum. »Wir müssen etwas übersehen haben. Falls Micah 
Vandalus ist, was will er dann mit Paige machen? Und warum 
hat Aplacum alle seine Freundinnen getötet?« 

Und schon war sie unterwegs zum Dachboden. Als sie die 

Treppe hinaufflitzte, nahm sie mit jedem Schritt zwei Stufen auf 
einmal. Sie wollte jeden einzelnen Satz, der über Aplacum und 
Vandalus im Buch der Schatten stand, noch einmal nachlesen. 
Sie fühlte sich verantwortlich für Paige und gab sich die Schuld 
an der gefährlichen Situation, in die ihre Schwester 
möglicherweise mit Micah geraten war. Hätte sie nicht die 
Vision gehabt, wären Paige und Micah sich nämlich gar nicht 
begegnet, und Paige säße nun gesund und munter an ihrem 
Schreibtisch im Büro. 

»Phoebe!«, rief Piper, als sie auf den Dachboden kam. »Das 

Ganze noch mal zu lesen hilft auch nicht. Du kennst doch schon 
fast alles auswendig.« 

»Ich weiß, aber ich muss es noch mal versuchen«, antwortete 

Phoebe. »Ich muss... Aua!« Phoebe fluchte vor sich hin und 
ging in die Knie, um den spitzen Gegenstand aufzuheben, auf 
den sie gerade getreten war. Es war ein schwarzer Kristall. Sie 
nahm ihn in die Hand und hielt ihn Piper hin. »Was ist das 
denn?«, fragte sie. 

Piper warf nur einen kurzen Blick auf den Stein, und ihr 

Gesicht wurde aschfahl. Zitternd streckte sie eine Hand aus und 
nahm ihn an sich. 

»Es... es ist einer unserer Schutzkristalle«, sagte sie 

-96- 

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benommen. »Paige muss ihn hier verloren haben, als ihr gestern 
die Tasche heruntergefallen ist.« 

Phoebe schluckte. »Und warum ist er schwarz?«, fragte sie, 

aber eigentlich wollte sie die Antwort gar nicht hören. 

»So dunkel wird er nur, wenn er gegen etwas wirklich sehr 

Böses ankämpfen muss«, erklärte Piper. »Wenn sie ihn jedes 
Mal dabeihatte, als sie mit Micah zusammen war...« 

»Oh Gott!«, rief Phoebe aus und spürte, wie sich ihr der Hals 

zuschnürte. Sie fühlte sich plötzlich, als stürze die ganze Welt 
ein. »Wir müssen sofort ihren Aufenthaltsort herausfinden, 
Piper. Nehmen wir das Pendel - sofort!« 

Gemeinsam rannten die beiden die Treppe ins Wohnzimmer 

hinunter, wo sie die Karte von San Francisco und ihr Pendel 
aufbewahrten. Mit diesen Hilfsmitteln konnten sie im Prinzip 
jede Hexe und jeden Dämon in der Stadt aufspüren. Allerdings 
war nicht immer jeder Versuch ein Treffer. Phoebe hoffte nur, 
dass es diesmal gleich beim ersten Mal klappte. 

»Dann mal los«, sagte Piper und ließ den Stein an der Kette 

über dem Stadtplan baumeln. Phoebe glättete rasch noch einmal 
das zerknitterte Papier. »Such Paige!«, befahl Piper. Der Kristall 
pendelte über dem Gewimmel der städtischen Straßen. 

»Komm schon... Komm schon«, sagte Phoebe und 

beobachtete den Stein, der sich um die eigene Achse zu drehen 
begann. Schließlich fiel er auf die Karte, und Phoebe und Piper 
beugten sich vor, um sich die Stelle anzusehen. 

»Das ist es!«, rief Phoebe. »Das ist exakt das Viertel, in dem 

sich Micahs Haus befindet. Es stand in einem der Artikel.« Sie 
drehte sich um und rannte zur Tür; unterwegs schnappte sie sich 
ihre Tasche. »Los, komm, Piper, fahren wir!«, sagte sie. 

»Ich komme, ich komme!«, entgegnete Piper und nahm ihre 

Lederjacke von einem der Haken an der Tür. »Wie sollen wir 
denn sein Haus finden, wenn wir in dem Viertel sind?«, fragte 
sie, als Phoebe ihr die Tür aufhielt. 

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Phoebe holte tief Luft und seufzte. »Wir müssen einfach auf 

ein bisschen Intuition hoffen«, sagte sie. »Und auf eine 
ordentliche Portion Glück!« 

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»DAS ist es! Das muss es sein!«, rief Phoebe, als Piper das 

Auto vor einem großen schwarzen Eisentor am Ende einer 
Sackgasse auf einem extrem steilen Berg zum Stehen brachte. 

»Wie kommst du darauf?«, fragte Piper, beugte sich vor und 

sah durch die Windschutzscheibe zu dem Tor auf. »Warum 
sollte es ausgerechnet dieses hier sein?« 

»Ich bitte dich, guck es dir doch mal an!«, erwiderte Phoebe 

und machte eine weit ausholende Geste. Rasch öffnete sie die 
Autotür und stieg aus. »In so einem Kasten kann doch nur ein 
alter böser Dämon hausen!« Sie zog ihre Jeansjacke zurecht, 
knallte die Tür zu und warf einen prüfenden Blick auf das Tor. 
Sie sah aus, als überlege sie, wie hoch sie springen musste, um 
es zu überwinden. 

Und genau das tut sie auch!, stellte Piper erschrocken fest. 

Rasch parkte sie das Auto ein Stück weiter an der Straßenseite, 
damit er vom Tor aus nicht sofort zu sehen war, und stellte den 
Motor ab. Als sie aus dem Wagen stieg und hinüber zu ihrer 
Schwester ging, musste sie Phoebe Recht geben. Bereits die 
Einfahrt verhieß nichts Gutes, und links und rechts davon ragte 
eine hohe, abweisende Mauer auf, die sich kilometerweit in 
beide Richtungen zu erstrecken schien. Phoebe trat an das Tor, 
griff an die Gitterstäbe und rüttelte kräftig daran. 

»Phoebe, lass das!«, zischte Piper mit zusammengebissenen 

Zähnen und spürte ihr Herz von innen gegen den Brustkorb 
hämmern. »Da kannst du ja gleich mit Trompetenfanfare die 
Ankunft der Kavallerie ankündigen!« 

»Und was schlägst du vor?«, fragte Phoebe. 
»Komm her!«, befahl Piper und winkte Phoebe zu sich an 

eine geschütztere Stelle neben der Mauer. 

-99- 

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Phoebe verdrehte die Augen und kam zu ihrer Schwester. 

»Warum machst du nicht... du weißt schon... deinen Matrix-
Trick?«, schlug Piper vor und zeigte nach oben. 

»Daran habe ich auch schon gedacht, aber auf diese Weise 

komme nur ich allein rein«, entgegnete Phoebe und sah zu der 
Mauerkante auf. »Wenn wir es wirklich mit einem Dämon zu 
tun haben, brauchen wir bestimmt die Macht der Drei.« 

»Wohl wahr«, sagte Piper. »Aber im Augenblick würde mir 

schon die Information genügen, dass Paige gesund und wohlauf 
ist. Du könntest also reingehen, die Lage sondieren und mir 
dann erzählen, wie die Dinge stehen.« 

»Okay, klingt nach einem Plan«, willigte Phoebe ein. Sie 

entfernte sich ein paar Schritte von der Mauer und blickte 
konzentriert in die Höhe. Dann ging sie in die Knie, sprang 
kräftig ab und schwebte wie ein Heliumballon über Pipers Kopf 
hinweg. 

»Ich werde mich wohl nie an diesen Anblick gewöhnen«, 

murmelte Piper leise vor sich hin und legte den Kopf in den 
Nacken, um ihre Schwester zu beobachten. 

Phoebe flog in einem Bogen auf die Mauer zu, aber als sie 

genau über ihr war, streckte sie unvermittelt alle viere von sich, 
und ihr Gesicht wurde platt gedrückt, als sei sie gegen eine 
Glasscheibe geprallt. »Aua!«, schrie sie im gleichen Moment. 

Und bevor Piper überhaupt begriff, was geschah, stürzte ihre 

Schwester im freien Fall vom Himmel herab... und zwar direkt 
auf sie zu. 

»Piper!«, rief Phoebe und ruderte verzweifelt mit den Armen 

in der Luft. 

Reflexartig wollte Piper sofort aus dem Weg springen, aber 

dann wurde ihr schlagartig klar, dass Phoebe besser dran war, 
wenn sie ihren Sturz ein wenig abfing. Sie streckte die Arme 
aus, schloss die Augen und hoffte das Beste. Phoebe traf sie wie 
ein Sack Kartoffeln und sie ging mit ihr zu Boden. Jeder 

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einzelne Zentimeter ihres Körpers tat ihr weh. 

»Oh Gott«, sagte Phoebe stöhnend und löste sich von Piper. 

»Alles in Ordnung mit dir?« 

Piper setzte sich langsam auf, schob den Unterkiefer vor und 

zurück und spürte, wie er knackte. »Ich glaube, ich habe einen 
Tritt von dir ins Gesicht gekriegt«, entgegnete sie und strich sich 
das Haar hinter die Ohren. 

»Was ist bloß passiert?«, fragte Phoebe, rieb sich die 

schmerzenden Schultern und blickte in den Himmel. »Es fühlte 
sich an, als wäre ich gegen die Mauer gestoßen, aber das kann ja 
nicht sein. Ich war doch über der Mauer... oder?« 

»Meiner Meinung nach schon«, antwortete Piper, legte den 

Kopf auf die rechte Seite und kippte ihn dann vorsichtig auf die 
linke, um ihren verspannten Nacken zu lockern. »Von hier unten 
sah es aus wie in dem Cartoon in der Samstagszeitung. Wenn 
der Kojote zum Beispiel hinter dem Roadrunner her ist und - 
platsch! - gegen einen Felsen rennt.« 

Phoebe stand vom Boden auf. »Es muss eine Art Kraftfeld um 

das Grundstück geben«, sagte sie, wischte sich den Staub vom 
Hosenboden ihrer Jeans und klatschte in die Hände. »Dann ist 
die Sache ja ernster, als wir befürchtet haben.« 

»Na gut, das war's dann also«, sagte Piper. Sie streckte ihrer 

Schwester die Hände entgegen, und Phoebe half ihr beim 
Aufstehen. »Schluss mit den freundlichen kleinen Hexen!«, fuhr 
Piper fort und ging näher an das Tor heran. Unter gar keinen 
Umständen würde sie ihre Schwester in der Höhle eines Dämons 
vergammeln lassen! Nicht, wenn sie etwas dagegen 
unternehmen konnte. 

Sie hob die Hände und schoss einen Energieblitz auf das Tor 

ab, um es zu zerstören. Aber es gab nur einen harmlosen Knall, 
als er auf das unsichtbare Kraftfeld auftraf und wirkungslos 
verpuffte. Ebenso gut hätte sie einen Feuerwerkskörper auf ein 
Raketensilo abfeuern können. Beunruhigt setzte Piper noch 

-101- 

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einmal neu an und versuchte es wieder mit demselben Ergebnis. 
»Wir schaffen es nicht«, sagte sie entmutigt und stemmte die 
Hände in die Hüften. 

»Warte doch mal«, entgegnete Phoebe. Sie packte Piper am 

Arm und zog sie vom Tor weg. »Komm mal mit! Wir wollen 
uns das Ganze mal genauer ansehen.« 

Piper folgte ihrer Schwester die Mauer entlang. Sie suchten 

nach irgendeiner Öffnung oder einem Beweis dafür, dass Paige 
dort gewesen war oder versucht hatte zu entkommen. Die Mauer 
war zwar allem Anschein nach alt und verwittert, aber dennoch 
stabil, und je weiter sie durch Buschwerk und hohes Gras 
vordrangen, desto hilfloser fühlte sich Piper. Wie hatte sie dies 
nur zulassen können? Sie hätte Paige am Abend zuvor niemals 
gestatten dürfen, das Haus zu verlassen. 

»So werden wir sie nie finden«, flüsterte sie frustriert. »Das 

ist ja das reinste Fort Knox der Unterwelt.« 

»Warte! Schscht! Hast du das gehört?«, fragte Phoebe, blieb 

abrupt stehen und legte den Kopf schräg. 

Piper runzelte die Stirn und lauschte. »Was?«, flüsterte sie 

und stellte sich dicht neben Phoebe. 

»Da hat jemand gesprochen«, sagte Phoebe mit großen 

Augen. »Ich glaube, ich habe Paiges Stimme gehört.« 

Pipers Herz klopfte wie wild, und sie lauschte noch 

angestrengter. Nun hörte sie ganz deutlich ein sehr, sehr 
schwaches Geräusch, das von irgendwo auf der anderen Seite 
der Mauer kam. 

»Wo ist sie?«, fragte Piper und krallte ihre Finger in das 

zerklüftete Mauerwerk. 

»Ich weiß es nicht«, antwortete Phoebe. »Paige?!«, rief sie 

dann. »Paige?! Bist du da drin?« 

Es gab keine Antwort. Phoebe begann, schneller an der Mauer 

entlangzugehen, und Piper blieb ihr dicht auf den Fersen. Schon 

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bald wurde die Stimme lauter und lauter. Sie hatten den 
Eindruck, ihrer Schwester immer näher zu kommen, und je 
weiter sie gingen, desto verzweifelter hielten sie nach 
irgendeinem Lebenszeichen von Paige Ausschau. Wir müssen 
sie finden!, dachte Piper verzweifelt. Sie verspürte das 
dringende Bedürfnis, ihre kleine Schwester zu trösten und ihr zu 
sagen, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. 

»Piper! Da ist ein Loch!«, raunte Phoebe ihr aufgeregt zu. Sie 

beugte sich vor, zwängte ihre Finger in eine Vertiefung im 
Mauerwerk und holte eine Portion vermoderte Blätter und Erde 
heraus. »Ich hab's! Sieh nur!«, rief Phoebe aus und legte eine 
kleine quadratische Öffnung von der Größe eines halben 
Mauersteins frei. Sie hockte sich dicht davor und spähte 
hindurch. »Da ist sie! Piper! Ich kann sie sehen! Allem 
Anschein nach geht es ihr gut!« 

»Lass mich mal sehen«, sagte Piper und schob Phoebe zur 

Seite. 

Sie presste ihr Gesicht an die Mauer und sah Paige, die auf 

einer Steinbank mitten in einem wunderschönen Garten lag. Sie 
trug immer noch ihr Abendkleid und das lange Haar klebte ihr 
verfilzt im Nacken. Sie schaute hinauf in den Himmel und 
sprach - allerdings mit niemand Bestimmtem. Es klang, als sage 
sie irgendetwas auf. 

»Paige!«, raunte Piper durch das Loch in der Mauer. 
Ihre Schwester hob den Kopf und sah sich um. 
»Paige! Hier drüben!« 
Paige drehte sich auf der Bank und schaute prüfend zur 

Mauer. In ihrem Blick spiegelten sich Verwirrung und Hoffnung 
zugleich. Piper hatte keine Ahnung, ob Micah in der Nähe war, 
oder ob Paige sich allein in dem Garten aufhielt. Natürlich legte 
sie sehr wenig Wert darauf, von Micah erwischt zu werden und 
weiß der Himmel was zu erleben, aber sie musste unbedingt mit 
ihrer Schwester reden und herausfinden, was los war. 

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»Hierher! Hier ist ein Loch in der Mauer!«, sagte Piper ein 

wenig lauter. 

Endlich hatte Paige die Stelle entdeckt, und ihre Blicke 

kreuzten sich. Sie flitzte zu der Mauer, fiel auf die Knie und 
spähte durch das Loch. 

»Gott sei Dank seid ihr da!«, rief sie, und ihre Augen 

strahlten. In ihrem Gesicht malte sich jedoch Erschöpfung. 
»Bitte sagt mir, dass ihr mich hier rausholt! Mir ist so 
langweilig! Ich habe schon angefangen, ganze Filme aus der 
Erinnerung aufzusagen.« 

Piper musste grinsen. Typisch Paige! Nur sie konnte in einer 

potenziell lebensgefährlichen Situation noch auf die Idee 
kommen, sich über Langeweile zu beschweren. 

»Wie habt ihr mich gefunden?«, fragte Paige. 
»Nun, nachdem wir den ganzen Tag nichts von dir hörten, 

haben wir noch einige Nachforschungen über Micah 
angestellt...«, begann Piper, aber dann brach sie ab und sah zu 
Boden, denn sie wusste nicht genau, wie viel sie ihrer Schwester 
verraten sollte. Die Informationen, die sie und Phoebe über 
Micah aufgetan hatten, waren für ihre Schwester unter den 
gegebenen Umständen nicht sehr tröstlich. 

»Was habt ihr rausgekriegt?«, fragte Paige und bemühte sich, 

gefasst zu klingen. »Piper, sag es mir!« 

Piper holte tief Luft und sah ihrer Schwester in die Augen. »In 

den letzten Jahren wurden drei seiner Freundinnen getötet«, 
sagte sie. 

»Oh, mein Gott!«, stieß Paige aus und wich etwas von der 

Mauer zurück. 

»Erzähl ihr von der guten Nachricht!«, flüsterte Phoebe und 

gab Piper einen Stups. 

»Es gibt auch eine gute Nachricht?«, fragte Paige. 
»Wenn man es so nennen kann«, entgegnete Piper gepresst. 

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»Offenbar hat Aplacum diese Mädchen getötet, und da wir ihn 
ja vernichtet haben...« 

»Bin ich in Sicherheit«, ergänzte Paige. Dann lachte sie 

schnaubend. »Sozusagen!« Sie sah betreten auf ihre Hände. 
»Piper, es tut mir so Leid, dass ich gestern nicht auf dich gehört 
habe. Du hattest Recht. Ich hätte mich von ihm fern halten 
sollen.« 

»Ist schon gut«, sagte Piper. »Mach dir jetzt keine Gedanken 

darüber. Geht es dir gut? Hat er dir wehgetan?« 

»Nicht im eigentlichen Sinne«, antwortete Paige, schlang die 

Arme um sich und warf einen argwöhnischen Blick über die 
Schulter. »Aber ich sitze hier fest, und ich habe Hunger, und ich 
möchte wirklich nicht noch eine Nacht hier draußen verbringen. 
Ihr habt doch bestimmt schon einen Plan, wie ihr mich hier 
rausholen könnt.« 

Piper sah Phoebe an. Was sollte sie sagen? Wie konnte sie 

ihrer Schwester klar machen, dass die Rettungsmannschaft nicht 
einmal das Tor an der Einfahrt überwinden konnte? 

»Lass mich mal!«, sagte Phoebe und scheuchte Piper von dem 

Loch weg. Sie kniete sich auf den Boden und lächelte Paige 
beruhigend zu. »Hey!«, sagte sie. 

»Phoebe, es tut mir so Leid«, beteuerte Paige erneut und ihre 

Stimme brach. Piper zerriss es fast das Herz. 

»Ist schon in Ordnung«, sagte Phoebe. »Aber hör mal, warum 

versuchst du nicht einfach rauszuorben?« 

»Das habe ich ja - sogar schon einige Male«, entgegnete 

Paige. »Es funktioniert nicht. Es scheint eine unsichtbare Wand 
um das ganze Anwesen zu geben, und ich kann sie nicht 
überwinden.« 

»Was ist mit Leo?«, fragte Phoebe und sah zu Piper auf. 

»Vielleicht gelingt es ihm irgendwie reinzukommen.« 

»Ist auf jeden Fall einen Versuch wert«, meinte Piper. Die 

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moralische Unterstützung ihres Mannes konnte sie in diesem 
Moment gut gebrauchen. Sie war zwar stark, aber wenn Leo in 
ihrer Nähe war, fühlte sich noch ein bisschen stärker. 

»Leo!«, zischte sie und blickte sehnsüchtig in den Himmel. 

»Leo! Wir brauchen dich!« 

Fast augenblicklich regnete es weißes Licht vom Himmel, und 

ihr Ehemann materialisierte sich neben ihr. Sie stürzte sich auf 
ihn und er schlang seine Arme um sie. Piper krallte sich in sein 
Hemd und drückte ihn fest an sich. 

»Was ist los?«, fragte er Phoebe, die sich vor dem Loch in der 

Mauer aufrichtete. 

»Es geht um Paige«, sagte Phoebe. »Sie sitzt auf der anderen 

Seite dieser Mauer fest, und es gibt irgendeinen magischen 
Schnickschnack, der uns nicht durchlässt.« 

»Schnickschnack?«, wiederholte Leo und sah Piper 

verständnislos an. 

»Eine unsichtbare Wand. Ein Kraftfeld. Wie auch immer du 

es nennen möchtest«, erklärte Piper, löste sich von ihm und zog 
die Schultern hoch. »Was es auch ist, wir kommen jedenfalls 
nicht rein, und sie kann nicht raus.« 

»Okay, dann werde ich mal sehen, was ich tun kann«, 

versprach Leo. 

Piper trat einen Schritt zurück, als Leo von einem Wirbel aus 

weißem Licht eingehüllt wurde und verschwand. Für einen 
Sekundenbruchteil glaubte sie schon, es hätte geklappt und sie 
würde Paige jeden Moment wohlbehalten in die Arme schließen 
können. Aber einen Augenblick später war Leo auch schon 
wieder da. Allein. Noch nie war Piper so unglücklich gewesen, 
ihn zu sehen. 

»Ich komme nicht durch«, sagte er mit sorgenvoller Miene. 

Piper schlug das Herz bis zum Hals. Der ungewohnte 
Gesichtsausdruck ihres Mannes verriet nichts Gutes. Leo schien 

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ernstlich besorgt. 

»Oh nein!«, rief Paige von der anderen Seite der Mauer. »Wie 

soll ich jemals hier rauskommen, wenn Leo nicht mal 
reinkommen kann?« 

»Rede mit ihr!«, raunte Leo Phoebe leise zu, die sofort begriff 

und ihm zunickte. 

Als Phoebe sich vor das Loch kauerte, um Paige abzulenken, 

zog Leo Piper ein Stück von der Mauer weg. Mit angehaltenem 
Atem machte sich Piper auf das Schlimmste gefasst. 

»Was ist denn los?«, fragte sie, und ihre Kehle wurde ganz 

trocken. 

»Das bedeutet nichts Gutes«, sagte Leo und warf über die 

Schulter einen Blick auf die Mauer. »Nur etwas wirklich sehr 
Böses kann mich daran hindern, zu einer meiner 
Schutzbefohlenen zu orben, wenn sie in Schwierigkeiten ist.« 

»Also, wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Typen, der 

sie da festhält, um den Dämon Vandalus handelt«, erklärte 
Piper. Sie hatte das Gefühl, alle Energie würde ihr in diesem 
Augenblick aus dem Körper gepumpt. »Hast du schon von ihm 
gehört?« 

»Vandalus... Kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte Leo 

und kniff die Augen zusammen. »Ich werde beim Hohen Rat 
nachfragen.« 

»Was?«, rief Piper aus und hielt Leo am Arm fest. Gegen die 

Verzweiflung in ihrer Stimme war sie machtlos. »Und was 
sollen wir in der Zwischenzeit tun?«, fragte sie unsicher. 

»Wollt ihr nicht im Buch der Schatten nachschlagen?«, schlug 

Leo vor. »Vielleicht gibt es ja eine Formel, mit der man 
magische Hindernisse durchbrechen kann.« 

»Aber wir können Paige doch nicht einfach da drin bei dem 

Dämon lassen!«, protestierte Piper heiser. 

»Ich verspreche, ich bin so schnell wie möglich wieder da«, 

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entgegnete Leo ruhig. Er beugte sich vor und gab Piper rasch 
einen Kuss. »Wir werden das schon hinkriegen«, tröstete er sie, 
legte ihr die Hände auf die Schultern und sah ihr fest in die 
Augen. 

»Okay«, sagte Piper, wendete ihren Blick aber gleich ab, denn 

sie konnte nicht mit ansehen, wie Leo wieder davonorbte. 

Als er verschwunden war, trottete Piper langsam zu der 

Mauer zurück. Sie traute sich gar nicht recht, ihren Schwestern 
zu sagen, was sie zu sagen hatte. Als sie näher kam, sah Phoebe 
auf. Sie warf nur einen kurzen Blick auf Pipers Gesicht und 
wurde blass. 

»Was hat Leo gesagt?«, fragte sie beunruhigt. 
Piper kniete sich neben Phoebe auf den Boden und schaute 

durch das Loch in der Mauer. »Paige?«, sagte sie. »Leo ist 
losgezogen, um den Hohen Rat zu fragen, was wir machen 
sollen«, erklärte sie. 

»Er ist weg?«, fragte Paige schrill. »Aber er soll mich doch 

hier rausholen!« 

»Das wird er auch. Wir werden es schaffen«, entgegnete 

Piper. Sie schob ihre Finger in das kleine Loch und holte tief 
Luft. »Aber hör mal, Paige, wir müssen noch mal nach Hause 
und im Buch der Schatten nachlesen.« 

»Was?«, riefen Phoebe und Paige gleichzeitig. 
»Ihr könnt mich doch nicht hier allein lassen!«, jammerte 

Paige. Sie klang wie ein kleines Mädchen, das schlecht geträumt 
hatte. »Bitte, Piper, ich kann hier nicht länger allein bleiben! 
Versteh das doch!« 

»Ich weiß, Süße, aber du musst jetzt noch ein Weilchen die 

Zähne zusammenbeißen«, entgegnete Piper. »Du musst uns 
vertrauen. Wir kommen so schnell wie möglich wieder zurück, 
aber im Augenblick können wir hier gar nichts ausrichten.« 

Phoebe biss sich auf die Unterlippe, legte die Hand an die 

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Mauer und redete zu ihr, als könne sie Paige auf der anderen 
Seite sehen. »Piper hat Recht, Paige. Wir haben nur eine 
Chance, dir zu helfen, wenn wir einen Weg finden, wie wir dich 
befreien können, und den finden wir wiederum nur, wenn wir 
nach Hause gehen und im Buch nachschlagen.« 

Piper hörte, wie Paige langsam einatmete und die Luft 

schnaufend wieder ausstieß. »Okay, ihr habt Recht«, sagte sie 
schließlich. »Aber ihr müsst schwören, dass ihr zurückkommt 
und mich hier rausholt.« 

»Ich schwöre«, sagte Piper bestimmt und versuchte, möglichst 

viel Überzeugung in ihre Stimme zu legen. »Ich schwöre, wir 
holen dich da raus.« 

In ihrem tiefsten Innern nagten jedoch Zweifel. Sie wünschte, 

sie wäre nur halb so überzeugt, wie sie nach außen vorgab zu 
sein. 

-109- 

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10 

»ICH lasse sie wirklich nur höchst ungern hier zurück«, sagte 

Phoebe und versuchte, ihre Gefühle zu verdrängen, als sie mit 
Piper die Mauer entlang zum Tor eilte. Ihr war, als zögen sie 
tausende unsichtbare Seile zurück zu Paige. Noch nie hatte sie 
ihre Schwester so verzweifelt und ängstlich gesehen. Und ihr 
war ganz furchtbar zu Mute, weil es nichts gab, was sie tun 
konnte, um ihr zu helfen. 

»Es dauert ja nicht mehr lange«, sagte Piper bestimmt, als sie 

an die Stelle kamen, wo die Mauer einen Knick machte. »Das 
Buch der Schatten hat bestimmt eine Lösung für uns. Wir 
müssen nur...« 

Unvermittelt blieb Piper stehen, und Phoebe rannte ihr von 

hinten in die Hacken. 

»Wie war's, wenn du mich das nächste Mal warnst!«, zischte 

sie ihrer Schwester zu. 

»Ich höre ein Auto«, erklärte Piper im Flüsterton und hob die 

Hand, um Phoebe zurückzudrängen. Vergeblich! Als sie 
vorsichtig einen Blick um die Mauerecke riskierte, war Phoebes 
Kopf auch schon neben ihrer Schulter. Sie beobachteten mit 
klopfenden Herzen, wie das schmiedeeiserne Tor aufging. Es 
schien Ewigkeiten zu dauern, bevor die Flügel weit genug offen 
waren, um ein Auto durchzulassen. 

»Los, schnell, laufen wir!«, schlug Phoebe vor und spürte, wie 

ihr Körper von Adrenalin überflutet wurde. »Wenn wir uns 
beeilen, können wir noch durchschlüpfen, bevor das Tor wieder 
zugeht.« 

»Bist du verrückt?«, fuhr Piper auf und drehte sich zu Phoebe 

um. »Dann sieht er uns doch!« 

»Ja und? Wenn wir erst mal drin sind und er uns schnappt, 

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kommen wir wenigstens zu Paige«, erklärte Phoebe ungeduldig. 
»Und wenn wir alle drei vereint sind, können wir ihn 
vernichten.« 

»Wir haben aber keine Bezwingungsformel«, bemerkte Piper. 

»Und wenn du tot bist, wirst du Paige keine große Hilfe sein. 
Abgesehen davon verschwindet die unsichtbare Mauer nicht 
unbedingt, nur weil sich das Tor öffnet.« 

Bevor Phoebe etwas erwidern konnte, kam Micahs kleines 

rotes Kabrio aus dem Tor und rollte auf die Straße. Der Anblick 
seines Gesichts erfüllte Phoebe mit so viel Zorn, dass sie ihn am 
liebsten auf der Stelle in die Hölle geprügelt hätte. Sie machte 
einen Schritt, aber Pipers Hand schnellte vor und packte sie am 
Handgelenk, um sie zu hindern. Der feste Griff ihrer Schwester 
holte Phoebe offenbar zurück in die Realität, und sie blieb 
stehen. Piper hatte mal wieder Recht: Natürlich war sie Paige 
keine Hilfe, wenn sie verletzt wurde oder ihr am Ende noch 
Schlimmeres zustieß. 

Phoebe hielt die Luft an, denn sie befürchtete, Micah würde 

jeden Augenblick nach rechts schauen und ihr Auto entdecken. 
Wenn er das tat, waren sie erledigt. Aber er sah gar nicht hin. Er 
bog einfach mit dem Wagen nach links ab und fuhr den Berg 
hinunter. 

»Das ist unsere Chance!«, fuhr Phoebe auf und schoss hinter 

der Mauer hervor. 

»Das Tor ist aber schon wieder zu!«, rief ihr Piper hinterher. 
»Darum geht es doch gar nicht!«, gab Phoebe zurück und 

rannte auf das Auto zu. »Wir verfolgen ihn! Mach schnell, 
Piper, bevor er uns entwischt!« 

Piper lief auf die Fahrerseite des Wagens, sprang hinein und 

ließ den Motor an. Als sie die kurvenreiche Straße 
hinunterrasten, die gespickt war mit toten Winkeln und 
versteckten Einfahrten, stemmte Phoebe die Hände Halt suchend 
gegen das Autodach und die Tür. Micah musste ihnen 

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mindestens eine Kurve voraus sein; zu sehen war sein Kabrio 
jedenfalls nicht. 

»Wir werden ihn nie mehr einholen«, bemerkte Phoebe 

frustriert. 

»Oh doch, das werden wir«, gab Piper zurück. 
Sie trat das Gaspedal durch und ging mit einer derartigen 

Geschwindigkeit in die nächste Kurve, dass der Wagen leicht in 
Schräglage geriet und die Reifen sich auf der linken Seite vom 
Asphalt hoben. Dann schossen sie endlich hinaus auf den 
geraden Straßenabschnitt am Fuß des Berges. Phoebe fiel ein 
Stein vom Herzen, als sie ein Stück weiter Micahs kleinen 
Sportwagen erblickte. Er bremste vor einer roten Ampel. 

Piper hielt hinter ihm an, atmete tief durch und stützte den 

Ellbogen auf die Fensterkante. »Ähm, sag mal... Warum 
verfolgen wir ihn eigentlich?«, fragte sie. »Glaubst du, er wird 
uns einfach so verraten, wie man in seine magische Festung 
eindringen kann?« 

»Natürlich nicht! Aber je mehr wir über ihn wissen, desto 

leichter fällt es uns, seine Schwächen aufzuspüren«, antwortete 
Phoebe und tauchte so weit in ihrem Sitz ab, bis sie hinter dem 
Armaturenbrett verborgen war. »Vielleicht finden wir auf diese 
Weise eine Möglichkeit, wie wir ihn und seine unsichtbare 
Wand aus dem Weg räumen können.« 

Piper sah auf Phoebe herab und runzelte irritiert die Stirn. 

»Was machst du denn da?« 

»Wir stehen direkt hinter ihm!«, entgegnete Phoebe, die 

zusammengekauert die Knie gegen das Handschuhfach stemmte. 
»Wenn er in den Rückspiegel guckt und eine  Brünette im 
Wagen hinter ihm entdeckt, fällt ihm vielleicht nicht auf, wer du 
bist, aber wenn er uns beide sieht...« 

»Gutes Argument«, sagte Piper und trat aufs Gaspedal, als die 

Ampel auf Grün schaltete. 

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Phoebe sah über sich im Fenster die Straßenlaternen und 

Stromleitungen vorbeizischen. Es war ein schwindelerregender 
Anblick und sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin die Fahrt 
ging. 

»Was macht er?«, fragte sie Piper, die den Wagen 

konzentriert durch den Verkehr steuerte. 

»Ich glaube, er hält an«, entgegnete Piper, setzte den Blinker 

und stoppte am Bordstein. »Ja, jetzt steigt er aus. Er geht in ein 
Bürogebäude.« 

»Dann los!«, rief Phoebe und riss sich den Sicherheitsgurt 

vom Leib. 

Rasch stiegen die beiden aus dem Auto und überquerten den 

breiten Gehsteig. Phoebe gab sich alle Mühe, unauffällig zu 
wirken und nicht wie ein Mädchen, das seiner Schwester das 
Leben retten wollte. Piper ging durch die Drehtür voran, aber 
sobald sie in dem Bürogebäude waren, zog sie Phoebe hinter 
eine große Topfpalme. Gemeinsam spähten sie durch das dichte 
Blattwerk und beobachteten Micah. Er betrat gerade einen der 
vier Aufzüge, der sich hinter einem verdrießlich dreinblickenden 
Wachmann geöffnet hatte. 

Als die Aufzugtür sich wieder schloss, trat Phoebe hinter der 

Palme hervor. Der Wachmann blickte Piper und Phoebe von 
seinem kleinen Schreibtisch aus mit mäßigem Interesse 
entgegen. So wie diese in Marmor und Stahl eingerichtete 
Empfangshalle aussah, hatte dieser Typ wahrscheinlich den 
ganzen Tag nur mit Anzugträgern zu tun. 

»Hi«, sagte Piper strahlend und ging auf den Wachmann zu. 

Phoebe behielt die Etagenanzeige über dem Aufzug, den Micah 
genommen hatte, im Auge. Er war immer noch nicht 
ausgestiegen. »Wir möchten nach oben«, erklärte Piper. 

»Zu wem?«, fragte der Wachmann und verschränkte die Arme 

vor der Brust. 

»Piper«, murmelte Phoebe leise. »Außer uns ist niemand hier 

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in der Halle.« 

»Na gut«, entgegnete Piper. Und als sich Neugier im Gesicht 

des Wachmanns zu regen begann, machte sie die typische 
Handbewegung und ließ ihn erstarren. »Ich tue das nur ungern, 
wenn es nicht unbedingt nötig ist.« 

»Nun, es war aber nötig«, entgegnete Phoebe und packte 

Piper am Arm. »Los, komm mit! Micah ist in die oberste Etage 
gefahren.« 

Gemeinsam sprangen die beiden in einen wartenden Aufzug, 

und Phoebe drückte auf den Knopf für das zwanzigste 
Stockwerk. Als sich die Fahrstuhltüren schlossen, streckte Piper 
noch einmal die Hände aus und erlöste den Wachmann aus 
seiner Erstarrung. Phoebe beobachtete noch, wie er sich 
überrascht umsah, und dann gingen die Türen auch schon zu. 

»Komm schon... komm schon...«, murmelte sie ungeduldig, 

als der Aufzug in die Höhe fuhr. 

Als die Türen sich endlich wieder öffneten, lag eine vornehme 

Büroetage vor ihnen, die ganz mit teurem Mobiliar aus Holz und 
in erdigen Farben eingerichtet war. Eine hübsche junge 
Empfangsdame lächelte ihnen entgegen, als sie aus dem Aufzug 
traten. 

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und faltete die Hände auf 

ihrem Schreibtisch. 

Phoebe warf einen Blick auf die geschlossene Bürotür hinter 

dem Empfang. »Sagen Sie, ist Micah Grant gerade da 
reingegangen?«, fragte sie. 

»Das ist er«, entgegnete die Dame und errötete leicht. Sie war 

eindeutig in den alten Dämon verknallt. »Er hat einen Termin 
mit Mister Reingold.« 

»Mit Mister Reingold?«, hakte Piper nach. »Mit Terrence 

Reingold, dem Generaldirektor von MicroCorp?« 

Phoebe und Piper sahen sich an. Terrence Reingold war der 

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reichste Mann von San Francisco, und wahrscheinlich einer der 
zehn mächtigsten Geschäftsmänner des Landes. Er galt als 
verrückt, egozentrisch und sehr besitzergreifend, was seine 
Reichtümer anging. 

Vielleicht steckte er mit Micah unter einer Decke, überlegte 

Phoebe und ein ungutes Gefühl stieg in ihr auf. 

»Ja«, antwortete die Empfangsdame, und über ihrer 

Nasenwurzel erschien eine kleine Falte. »Das hier ist sein 
persönliches Büro. Haben Sie eine Verabredung mit Mister 
Reingold? In meinem Kalender steht nämlich nichts.« 

Offenbar regte sich Misstrauen in der Frau. Phoebe wurde 

nervös. Sie sah Piper an, schürzte die Lippen und nickte in 
Richtung der Sekretärin. Piper verdrehte die Augen, streckte 
aber trotzdem die Hände aus und hielt das Geschehen an. Die 
Empfangsdame, die gerade nach dem Telefonhörer greifen 
wollte, erstarrte. Gerade noch rechtzeitig, denn sie hatte 
bestimmt die Security rufen wollen. 

»Wir haben fünf Minuten«, sagte Piper. Sie ging zu der 

Bürotür und machte sie ganz leise auf. Dahinter lag ein 
geräumiges Wohnzimmer, in dem sich niemand aufhielt. Aber 
auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine weitere Tür, die 
nur angelehnt war, und von dort kamen Stimmen. 

»Los, komm mit«, forderte Phoebe ihre Schwester auf und 

durchquerte auf Zehenspitzen den Raum. 

Piper stellte sich auf die eine Seite der Tür und Phoebe 

drängte sich auf der anderen mit dem Rücken an die Wand. Sie 
konnte alles ganz genau hören. 

»Ich brauche dieses Geld, Terrence«, sagte Micah ernst. »Sie 

haben es mir versprochen.« 

»Ja, das habe ich«, war die Stimme eines älteren Mannes zu 

vernehmen. Er klang ruhig und selbstsicher. »Aber ich habe 
noch einmal darüber nachgedacht, und es geht einfach nicht. Ich 
weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, Ihnen Spenden für 

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Ihre Sache zuzusagen.« In seiner Stimme lag Verachtung. 
»Ehrlich gesagt pflegt meine Gesellschaft schlechten Leuten 
kein gutes Geld hinterher zu werfen.« 

»Sie werden mir dieses Geld geben«, sagte Micah. 
Phoebe sah Piper alarmiert an. Micahs Worte hatten wie eine 

Drohung geklungen. Wie man aus dem Gespräch schließen 
konnte, steckte Reingold offenbar nicht unter einer Decke mit 
Micah. Und wie schlecht Reingolds Ruf auch war, Micah durfte 
ihm nichts antun. Millimeter für Millimeter schob Phoebe den 
Kopf vor und spähte durch den Türspalt. Piper fuchtelte panisch 
mit den Händen, aber Phoebe ignorierte sie. Sie wollte sehen, 
was im Raum geschah. 

Micah beugte sich über Reingold und stemmte die Hände auf 

die Armlehnen seines Bürosessels. Der ältere Mann starrte ihn 
entschlossen und fast amüsiert an. Ganz offensichtlich hatte er 
nicht das Gefühl, sich in Gefahr zu befinden. 

»Sie werden mir dieses Geld geben«, sagte Micah wieder und 

sah Reingold in die Augen. 

Dann wurde das Gesicht des älteren Mannes plötzlich völlig 

ausdruckslos. Sein Blick wirkte leer, als stünde er unter 
Hypnose. Phoebe schluckte und spürte, wie es ihr vor Angst kalt 
über den Rücken lief. Hatte Micah den Typen gerade etwa mit 
seinem Blick verzaubert? Wie war das nur möglich? 

»Ja... ja, natürlich«, entgegnete Reingold und richtete sich auf. 

»Auf welches Konto soll ich es überweisen?« 

»Auf mein persönliches, bitte«, antwortete Micah grinsend. Er 

rückte ein Stück zur Seite, um Reingold an seinen Computer zu 
lassen. »Und eine Million Dollar würde schon genügen.« 

»In Ordnung«, sagte Reingold und tippte auf der Tastatur. »Es 

ist immer ein Vergnügen, Geschäfte mit Ihnen zu machen, 
Mister Grant.« 

Als Micah aufsah, wich Phoebe erschreckt zurück. »Gehen 

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wir!«, forderte sie Piper lautlos auf. 

Mit klopfendem Herzen führte sie ihre Schwester nach 

draußen zu der Empfangsdame, die regungslos an ihrem Platz 
verharrte. Piper und Phoebe stellten sich genauso vor ihren 
Schreibtisch, wie sie vor wenigen Minuten gestanden hatten, 
und Piper löste den Bann. 

»Wissen Sie was?«, sagte Phoebe, als die Empfangsdame 

nach dem Telefonhörer griff. »Wir haben uns wohl in der Etage 
geirrt. Entschuldigen Sie die Störung!« 

Schon machten sie kehrt und flitzten zum Eingang des 

Treppenhauses. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, tauchte 
Micah gerade am Empfang auf. Wahrscheinlich hatte er sie 
nicht mehr gesehen. 

»Was ist da drin eigentlich passiert?«, fragte Piper, als sie mit 

Phoebe die Stufen hinuntereilte. 

»Er hat den Typen manipuliert... und das allein mit seinem 

Blick«, berichtete Phoebe. Sie war immer noch erschüttert von 
dem, was sie gerade mit angesehen hatte. »Zunächst weigerte 
sich Reingold, Micah das Geld zu geben, und dann sah Micah 
ihm tief in die Augen und puff! - hier ist eine Million Dollar, 
bitte sehr!« 

»Das klingt gar nicht gut«, sagte Piper. »Wir haben es mit 

einem Kerl zu tun, der unsichtbare Wände aufstellen und in den 
Köpfen anderer herumpfuschen kann, ohne ins Schwitzen zu 
geraten.« 

»Ich dachte, er sei als Mensch auf die Erde verbannt worden«, 

sagte Phoebe. »Wo hat er dann diese beträchtlichen magischen 
Fähigkeiten her?« 

»Keine Ahnung«, entgegnete Piper. »Aber nun wissen wir 

zumindest, wie er an seine Millionen kommt.« 

Phoebe holte tief Luft und versuchte, ihr strapaziertes 

Nervenkostüm zu beruhigen. Die Geschichte schmeckte ihr ganz 

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und gar nicht. Wenn Micah einen der mächtigsten Männer der 
Welt dazu bewegen konnte, gegen seinen Willen tonnenweise 
Geld herauszurücken, wollte sie lieber gar nicht erst darüber 
nachdenken, wozu er Paige bringen konnte. 

»Was tun wir denn jetzt?«, fragte Piper, als sie zu ihrem 

Wagen zurückgingen. 

»Ich habe keine Ahnung«, entgegnete Phoebe, blieb neben 

dem Auto stehen und lehnte sich an die Tür. 

»Was will er nur von Paige?«, fragte sie Piper verwundert. 

»Warum hält er sie da oben gefangen?« 

»Ich weiß es nicht. Ich kann nur hoffen, dass Leo rasch mit 

ein paar Antworten zurückkommt.« Seufzend schaute Piper in 
den strahlend blauen Himmel. »Denn was die Schwächen 
angeht, von denen du gesprochen hast...« 

»Ich weiß, ich weiß«, fiel ihr Phoebe ins Wort und merkte, 

wie sich ihr Magen zusammenzog. »Davon haben wir noch 
keine einzige gefunden.« 

-118- 

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11 

PAIGE sass auf der Liege und beobachtete den 

Sonnenuntergang. Dabei hatte sie das Gefühl, ihr ganzes Leben 
vor ihren Augen untergehen zu sehen. Je tiefer die Sonne stand, 
desto hilfloser und verlassener fühlte sie sich. 

Kommt schon, Leute!, dachte sie. Wo bleibt ihr? 
Wenn Piper und Phoebe sie nicht bald holen kamen, musste 

sie eine weitere lange, kalte, dunkle Nacht allein im Garten 
verbringen, ohne zu wissen, was Micah eigentlich mit ihr 
vorhatte, und in der ständigen Angst, dass er ihr etwas antun 
könnte. 

Das letzte helle Scheibchen der Sonne versank am Horizont, 

und der ganze Himmel wurde in hellrosa Licht getaucht. Paige 
seufzte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie die Schönheit 
eines Sonnenuntergangs gar nicht richtig genießen können. 

Es muss etwas schiefgegangen sein, dachte sie und zog die 

Knie unters Kinn. Was, wenn Micah Piper und Phoebe erwischt 
hatte? Was, wenn er ihnen etwas angetan hatte? 

Sie schlang die Arme um ihre Beine und zog sie so eng an den 

Körper, wie es ging. Sie hasste dieses Gefühl. Das Gefühl, nicht 
zu wissen, was außerhalb dieser undurchdringlichen Mauern 
vorging. Ihre Schwestern konnten bereits tot sein, und sie bekam 
das nicht einmal mit! 

Plötzlich hörte Paige Geräusche im angrenzenden Garten, und 

sie setzte sich auf, als Micah erschien. Ihm folgte ein älterer 
Diener, den Paige noch nie gesehen hatte. Sie trugen beide 
Tabletts, auf denen Teller mit silbernen Servierhauben standen. 
Paige hing der Magen durch, und in ihr stieg eine derart 
schlimme Übelkeit auf, dass sie sich kaum von der Liege 
erheben konnte. Aber sie tat es dennoch. Micah sollte sie nicht 
zusammengekauert wie ein verängstigtes Kind sehen. 

-119- 

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»Ich habe ein wunderbares Dinner für uns zubereiten lassen, 

Paige«, sagte Micah lächelnd. 

Es war unglaublich, wie normal er sich verhielt. Er schien gar 

nicht zu begreifen, was er ihr angetan hatte - und noch antat. 
Man hätte meinen können, es sei ein Date wie jedes andere. 

»Für uns?«, fragte Paige und verschränkte die Arme vor der 

Brust. Vielleicht knurrte ihr Magen nicht so heftig, wenn sie ihn 
ein wenig einschnürte. 

»Ja, für uns«, entgegnete Micah. Nachdem er und der 

ergrauende Diener die Tabletts auf dem Tisch abgestellt hatten, 
steckte Micah die Hände in die Taschen seiner frisch gebügelten 
Khakihosen und wartete, bis der Diener wieder hinter der Hecke 
verschwunden war. 

»Wie ich sehe, haben dir die Kleider nicht gefallen, die ich dir 

gebracht habe«, sagte er und warf einen amüsierten Blick auf 
den Tümpel, in dem die mit Wasser voll gesaugten Kleider 
mittlerweile zu Boden gesunken waren. 

»Ich habe es dir doch schon gesagt«, antwortete Paige, »ich 

will nichts von dir.« 

Außer diesem Essen!, schrie eine kleine schwache Stimme in 

ihrem Kopf. Ich will dieses Essen! 

»Hast du Hunger?«, fragte Micah, als hätte er ihre Gedanken 

gelesen. 

Paige riss den Blick von den dampfenden Tabletts los und 

ärgerte sich, dass es ihr nicht gelang, ihre Gier besser zu 
verbergen. Sie setzte sich wieder auf die Liege und wandte dem 
Tisch den Rücken zu. Hätte sie das nicht getan, wäre sie 
wahrscheinlich vor Hunger in Ohnmacht gefallen. Sie zitterte 
am ganzen Körper, und ihr Herz flatterte in einem 
alarmierenden Tempo. 

»Ich werde dir nichts hier stehen lassen, Paige«, sagte Micah, 

und seine Stimme wurde kalt. »Wenn du nicht mit mir 

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zusammen isst, bekommst du gar nichts.« 

»Sehr schön«, entgegnete Paige bestimmt. »Dann bekomme 

ich gar nichts.« 

Sie hörte, wie er sich setzte und den Stuhl zurückschob. Hörte 

die leisen klirrenden Geräusche, als er die Hauben von den 
Tellern nahm. Köstliche Düfte stiegen Paige in die Nase, und sie 
wurde beinahe ohnmächtig. Ihr lief das Wasser im Mund 
zusammen, als sie sich vorstellte, was alles unter den 
Servierhauben gleich hinter ihr verborgen war. Das Klappern 
von Messer und Gabel gab ihr den Rest. 

»Du bist unglaublich!«, rief sie und wirbelte zu Micah herum. 

Sie starrte ihm einen Sekundenbruchteil in die Augen, bevor ihr 
Blick von dem Essen angezogen wurde. Auf den Tabletts 
türmten sich Hähnchenfleisch in einer aromatischen 
Zitronensoße, Pasta, Brot und Salat. Paige konnte sich nicht 
erinnern, den Anblick von Salat schon einmal so 
appetitanregend gefunden zu haben. 

»Wie meinst du das?«, fragte Micah schelmisch und führte 

eine Gabel voll Essen zum Mund. 

»Ich weiß über deine ehemaligen Freundinnen Bescheid«, 

sagte sie. »Hast du sie alle hier gefangen gehalten?« 

»Diese Frauen haben mir nichts bedeutet«, erklärte Micah 

ganz sachlich. Falls er überrascht war, dass Paige informiert 
war, zeigte er es jedenfalls nicht. »Du bist doch nicht etwa 
eifersüchtig, oder? Dazu besteht nämlich überhaupt kein Anlass. 
Du bist die einzige Frau, die ich liebe.« 

Paige gab sich keine Mühe, ihr Entsetzen und ihren Ekel zu 

verbergen. Als würde sie sich im Ernst für Micahs 
Vergangenheit interessieren! Als läge ihr an der Auszeichnung, 
seine einzige Liebe zu sein. Hätte er ihr gestern solche Worte 
zugeflüstert, wäre sie auf rosa Wolken geschwebt, aber nun 
hätte sie ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Innerhalb 
kürzester Zeit hatte sich vieles verändert. 

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»Warum sollte ich eifersüchtig auf Frauen sein, die ermordet 

wurden?«, fragte Paige giftig. »Du hast sie alle auf dem 
Gewissen!« 

Micah schluckte, legte die Hände auf die Tischkante und 

spannte den Unterkiefer an, als müsse er sich sehr am Riemen 
reißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. »Ich habe sie 
nicht getötet, Paige. Es war Aplacum.« 

»Stimmt, und zwar deinetwegen«, gab Paige zurück. 
»Das genügt«, sagte Micah scharf. Er ließ die Gabel fallen, 

streckte seine Hand aus und zielte auf Paige. Sie zuckte 
zusammen und warf sich auf die Liege, als auch schon ein 
heißer Blitz an ihrem Gesicht vorbeifegte. Es gab einen 
merkwürdigen Knall hinter ihr, und als sie sich umdrehte, war 
die zweite Liege aus dem Garten verschwunden. Einfach so. 
Micah hatte sie in Luft aufgelöst. 

Innerlich schlotterte Paige vor Angst, gab sich aber alle Mühe, 

es zu verbergen. Wie war es möglich, dass er über solche 
Fähigkeiten verfügte? 

Ich werde hier sterben, dachte sie und schluckte. Wenn Piper 

und Phoebe nicht bald zurückkommen, werde ich das nicht 
überleben. 

»Ich will dir nichts antun, Paige«, sagte Micah ernst. »Aber 

du darfst mich nicht provozieren.« Er schnitt lässig ein Stück 
Fleisch ab, als führten sie ein ganz normales Dinnergespräch 
und keinen Streit über die Tode unschuldiger Menschen, 
durchsetzt von der willkürlichen Vernichtung unbelebter 
Gegenstände. 

»Es sollte dir ein Trost sein, dass Aplacum kein Thema mehr 

ist«, sagte Micah und nahm einen weiteren Bissen. »Du und 
deine Schwestern, ihr habt ihn für mich erledigt. Nun gibt es 
keine Hindernisse mehr.« 

Eine dunkle Vorahnung stieg in Paige auf, und ihr zog sich 

der Magen zusammen. »Für wen gibt es keine Hindernisse 

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mehr?«, fragte sie und ballte die Hände zu Fäusten. 

»Für uns«, entgegnete Micah. Ersah sie durchdringend aus 

seinen kalten blauen Augen an. »Für mich und die Erfüllung 
meines Schicksals, wenn du so willst.« 

Paiges Puls begann zu rasen, denn Micah sah sie unverwandt 

an. Sie ließ sich eigentlich keine Gelegenheit entgehen, an neue 
Informationen zu kommen, aber sie musste es geschickt 
anstellen. Wenn Micah Verdacht schöpfte, würde er ihr 
natürlich nichts mehr verraten. 

»Die Erfüllung deines Schicksals?«, wiederholte Paige und 

erhob sich langsam - und vorsichtig. Ein kolossaler 
Schwindelanfall ergriff sie, aber sie zwang sich, langsam auf 
den Tisch zuzugehen, ohne den Blick von Micahs gefährlichen 
Händen zu nehmen. »Warum war Aplacum ein Hindernis für 
dich?«, fragte sie und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Das 
Essen war nun so nah, sie konnte kaum noch widerstehen. Aber 
sie nahm alle Kraft zusammen und konzentrierte sich ganz auf 
Micah. 

Er sah sie argwöhnisch an. Natürlich versuchte er zu 

durchschauen, warum Paige das interessieren könnte. Einen 
Augenblick lang glaubte sie schon, er würde alles stehen und 
liegen lassen, aber dann widmete er sich doch wieder seinem 
Teller. 

»Alles zu seiner Zeit«, sagte er nur. »Alles zu seiner Zeit.« 
»Was hat deine Wohltätigkeitsarbeit denn damit zu tun?«, 

bohrte Paige weiter. »All diese Kinder, die dir angeblich so am 
Herzen liegen. Spielen sie auch eine Rolle oder sind sie nur eine 
Tarnung?« 

»Eine Tarnung wofür?«, fragte Micah scharf. 
Für deinen wie auch immer gearteten hinterhältigen 

Masterplan, dachte Paige. Aber das sagte sie natürlich nicht laut 
- dafür war der heiße Blitz ihrem Gesicht ein wenig zu nahe 
gekommen. »Für die Erfüllung deines Schicksals«, sagte Paige 

-123- 

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leichthin. 

»Oh nein!«, entgegnete Micah kichernd und schüttelte den 

Kopf, als sei diese Idee absolut lachhaft. »Die Kinder gehören 
zu der ganzen Sache dazu. Ich werde sie brauchen, wenn die 
Zeit reif ist. Mittlerweile gibt es tausende von ihnen - manche 
erwachsen, manche noch sehr jung. Aber ich habe dafür gesorgt, 
dass sie mich alle lieben. Dass sie mich brauchen. Sie sind 
absolut loyal. Wohin ich auch gehe, sie werden mir folgen.« 

Paige ballte die Fäuste noch fester zusammen, als die nackte 

Angst sie mit kalter Hand ergriff. Ihr stockte der Atem. »Und 
wohin sollen sie dir folgen?«, fragte sie. Nur mit Mühe brachte 
sie diese Frage über die Lippen. 

»Jeder General braucht eine Armee, Paige«, erklärte Micah 

und lächelte sie an. Er sah ihr in die Augen, dann legte er das 
Besteck zur Seite. »Es tut mir Leid, ich merke, wie sehr ich dich 
verwirre«, sagte er freundlich. »Wir können auch ein andermal 
darüber reden. Und dann wirst du alles verstehen.« 

Paige saß eine Weile schweigend da, ihr schwirrte der Kopf. 

Es stimmte also: Micah wollte diese süßen kleinen Kinder 
tatsächlich zur Ausführung seines Masterplans missbrauchen, 
was auch immer er ausgeheckt hatte. Paige wusste aus eigener 
Erfahrung, was für eine Wirkung Micah auf Menschen hatte - 
sie selbst hatte bereits nach einem einzigen Date geglaubt, in ihn 
verliebt zu sein. Kaum auszudenken, was er mit seinem Charme 
alles bei Kindern bewirken konnte! Aber wie wollte er eine 
Armee aus ihnen machen? Was genau wollte er mit ihnen 
anstellen, um seine teuflischen Pläne zu realisieren? 

Paige hatte eine Million Fragen auf Lager, aber es war 

deutlich zu erkennen, dass für Micah das Gespräch beendet war. 
Sie musste den richtigen Moment abwarten und auf eine weitere 
Gelegenheit hoffen, um doch noch herauszufinden, was er im 
Schilde führte. 

In diesem Augenblick jedoch wollte sie nur noch alleine sein. 

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Micah sollte aufstehen und verschwinden, damit sie nachdenken 
konnte. Sie starrte ihn durchdringend an, damit er seine Tabletts 
zusammenpackte und mit ihnen die Fliege machte - um sie 
zumindest nicht mehr mit dem Anblick des Essens zu foltern. 
Aber Micah schien völlig vertieft in seine Mahlzeit, und mit 
jeder Sekunde wurde es schwieriger für Paige, dem Essen zu 
widerstehen, das sie direkt vor der Nase hatte. 

»Paige«, sagte Micah heiser. »Sieh mich an!« 
Wahrscheinlich weil sie so müde war, vielleicht aber auch, 

weil der unvernünftige Teil von ihr immer noch hoffte, es gäbe 
bei Micah einen vernünftigen Teil, tat Paige wie ihr geheißen. 
Und sobald sie ihm direkt in die Augen sah - in seine offenen, 
ehrlichen, tiefblauen Augen -, wurde sie von einem 
schwindelerregenden, berauschenden Gefühl erfasst. Ihr wurde 
ganz leicht ums Herz und alles, was in den vergangenen 
vierundzwanzig Stunden geschehen war, schien zu verfliegen. 
Es gab nur Paige und Micah. Micah und Paige. 

Ihr wurde ganz warm, ihr Blick verschleierte sich, und um 

ihre Mundwinkel spielte ein Lächeln. Es war sehr freundlich 
von Micah, sie den Garten benutzen zu lassen. Und er hatte ihr 
dieses wunderbare Essen gebracht. Warum lehnte sie es ab? Wie 
konnte sie so unhöflich zu diesem Mann sein, der sie doch 
liebte? 

»Nimm doch wenigstens ein bisschen was zu dir, Paige«, 

sagte Micah, und seine Stimme ließ einen Schauder der 
Erregung über ihre Haut fahren. »Ich mag dich gar nicht so 
sehen.« 

»Nun, vielleicht einen kleinen Salat«, sagte Paige verlegen, 

die sich albern vorkam, weil sie sich so lange geziert hatte. 

Als sie die Gabel vom Tisch nahm, glitt sie ihr aus den 

Händen und fiel klappernd auf die Glasoberfläche des Tischs. 
Paige fuhr erschreckt in die Höhe, blinzelte einige Male, und ihr 
Kopf wurde plötzlich wieder klar. 

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Was ist nur los mit mir?, dachte sie und legte die Gabel weg. 

Hatte ich etwa gerade liebevolle Gefühle für Micah? Sie holte 
tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Sie war nur im 
Delirium, weil sie so lange nichts gegessen hatte, das war alles. 
Von nun an musste sie einfach ein bisschen vorsichtiger sein. 

»Ich habe keinen Hunger«, sagte sie zu Micah und kniff die 

Augen zusammen. 

»Paige, ich will doch nur, dass du glücklich bist«, entgegnete 

Micah. 

»Das kannst du dir sparen«, gab sie zurück. 
Seine Gesichtszüge verhärteten sich, und Paige merkte, wie 

sich ihre sämtlichen Muskeln vor Angst anspannten. Micah sah 
aus, als verlöre er die Nerven. Unwillkürlich wanderte Paiges 
Blick zu seinen Händen. Was würde er tun, wenn ihm endgültig 
der Geduldsfaden riss? 

Micah nahm einen Schluck Wasser und dachte nach, bevor er 

das Wort ergriff. »Du solltest wissen, dass mir der heutige 
Besuch deiner Schwestern nicht entgangen ist«, sagte er in 
gelangweiltem Tonfall. 

Paige rutschte das Herz in die Schuhe. »W...wie das denn?«, 

stotterte sie und vergaß jede Coolness. 

»Die Überwachungskameras, erinnerst du dich?«, erklärte 

Micah grinsend. »Ihr drei seid Hexen, das wusste ich ja schon, 
aber deine beiden Schwestern verfügen wirklich über ziemlich 
große Zauberkräfte.« Er taxierte Paige von oben bis unten, und 
sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. »Und was ist 
mit dir? Wie sieht es mit deinen Fähigkeiten aus?«, fragte er 
neugierig. 

»Das wirst du nie erfahren«, erwidert Paige patzig und sah zur 

Seite. 

»Warum hast du sie nicht gegen mich eingesetzt?«, fragte 

Micah und klang dabei recht selbstgefällig. 

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»Vielleicht tue ich das ja noch«, entgegnete Paige und 

beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sie würde ihm nicht 
verraten, dass sie allein auf sich gestellt mit ihren Fähigkeiten 
nicht viel gegen ihn ausrichten konnte. Es gab wirklich keinen 
Grund, ihm das zu sagen. 

»Nun, dann muss ich gut auf mich aufpassen«, sagte er mit 

einem Lachen in der Stimme. »Aber ich wüsste gern, warum 
deine Schwestern, wo sie doch so viel Macht besitzen, heute 
keine Möglichkeit gefunden haben, dich zu befreien.« 

Paige holte tief Luft und konzentrierte sich auf die 

Pflastersteine der Terrasse. Die Tränen drohten ihr in die Augen 
zu steigen, und sie hasste sich dafür. Sie wollte keine Schwäche 
zeigen. Aber sie war nun mal schwach. Sie war erschöpft und 
fast verhungert und lange würde sie nicht mehr die Starke 
spielen können. 

»Weißt du, was ich glaube?«, meinte Micah und beugte sich 

zu ihr vor. »Ich glaube, ihnen liegt gar nicht so viel an dir, wie 
du gern glauben möchtest.« 

Hör nicht auf ihn!, ermahnte sich Paige und verschränkte die 

Arme noch fester. Er weiß ja nicht, wovon er redet. Du darfst 
der Verzweiflung nicht nachgeben, sonst hat er dich genau da, 
wo er dich haben will! 

»Ich wette, sie sagen dir die ganze Zeit, wie sehr sie um dich 

besorgt sind, nicht wahr?«, bohrte Micah und schien mit seiner 
Stimme jeden Nerv in ihrem Körper zu berühren. »Aber darauf 
kommt es gar nicht an, Paige. Zeigen sie es dir denn auch? 
Nehmen sie Rücksicht auf deine Bedürfnisse? Auf die Dinge, 
die für dich wichtig sind?« 

Nein!, antwortete die Stimme in ihrem Kopf reflexartig. Sie 

hören mir nicht zu! Sie achten nicht auf mich! 

Paige schloss fest die Augen und brachte die Stimme zum 

Schweigen. Das war nur die Verzweiflung, die aus ihr sprach. 
Sie durfte sich nicht von Micah unterkriegen lassen. Paige 

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richtete sich auf, straffte die Schultern und sah Micah fest in die 
Augen. »Du hast ja keine Ahnung, wovon du redest«, sagte sie. 
»Und ich würde es wirklich sehr zu schätzen wissen, wenn du 
dir dein ekelhaftes Essen unter den Arm klemmst und 
verschwindest.« 

Micahs Lächeln erstarb. Er hörte auf zu kauen. Ganz 

offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man so mit ihm 
sprach, und es passte ihm gar nicht. Einen Augenblick lang 
befürchtete Paige, das Maß nun überschritten zu haben, aber 
Micah erhob sich nur vom Tisch und legte sein Besteck neben 
dem Teller ab. 

»Also gut. Wenn es das ist, was du willst...«, sagte er. Er 

setzte die silbernen Hauben auf die Teller und ließ nur den 
Brotkorb offen. Dann drehte er sich zum Haus um und rief: 
»George!« 

Der ältliche Diener erschien blitzartig auf der Bildfläche. Wie 

Paige klar wurde, musste er die ganze Zeit auf der anderen Seite 
der Hecke gewartet haben. Am Tisch angekommen, nahm er 
eins der Tabletts, wartete ab, bis Micah das zweite genommen 
hatte, und folgte seinem Herrn hinaus. 

An der Öffnung in der Hecke blieb Micah noch einmal stehen 

und drehte sich zu Paige um. »Gute Nacht«, sagte er. »Ich hoffe, 
bis morgen kommst du wieder zur Vernunft.« 

Paige sagte nichts, aber als Micah hinter der Hecke 

verschwunden war, hob sie rasch die Hand und flüsterte: »Brot.« 
Der warme Laib verschwand in einem Wirbel aus weißem Licht 
von Georges Tablett und tauchte in Paiges Hand wieder auf. Der 
Mann bemerkte es nicht einmal, und dann waren er und Micah 
auch schon verschwunden. 

Paige ließ sich auf die Liege fallen und biss hungrig in das 

Brot. Sie dachte keine Sekunde mehr an ihren früheren Schwur, 
nichts zu essen, was Micah ihr gab. Was er nicht weiß, macht 
ihn nicht heiß!, dachte sie. Schließlich musste sie bei Kräften 

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bleiben, bis Piper und Phoebe zurückkehrten. Sie würden die 
Kraft der Drei brauchen, um Micah zu bekämpfen, und wenn sie 
nichts aß, stand ihnen am Ende höchstens die Kraft der 
Zweieinhalb zur Verfügung. 

Das Brot zerging Paige förmlich auf der Zunge. Noch nie in 

ihrem Leben hatte sie etwas so Köstliches gegessen! 

Aber dann wanderten ihre Gedanken wieder zu Piper und 

Phoebe. Wann kommen die beiden endlich zurück?, dachte sie. 

Natürlich maß sie Micahs Sticheleien keinerlei Bedeutung 

bei, aber insgeheim fragte sie sich doch, ob er nicht zum Teil 
Recht gehabt hatte. Es waren die kleinen Dinge, auf die ihre 
Schwestern in letzter Zeit nicht geachtet hatten - ausgerechnet 
ihren Lieblingsteil der Zeitung hatten sie weggeworfen, 
enthielten ihr das Auto vor, kritisierten blind an ihrem Freund 
herum... 

Okay, in dieser Hinsicht hatten sie mehr als Recht behalten, 

aber dennoch: Mussten sie ihr denn bei jeder Kleinigkeit 
widersprechen? 

»Nein, sie lieben mich«, sagte Paige laut und schüttelte den 

Kopf, um ihre Gedanken zu ordnen. »Das tun sie. Micah 
versucht nur, mir etwas einzureden.« 

Der Himmel war nun völlig dunkel, und Paige sah hinauf zu 

den Sternen. Ihre zweite Nacht in Gefangenschaft begann. 

»Wo bleibt ihr denn?«, flüsterte sie beklommen in die 

Finsternis. »Wenn ihr mich so sehr liebt, warum lasst ihr mich 
dann so lange warten?« 

 
»Da steht nichts drin!«, rief Piper und schlug das Buch der 

Schatten zu. Am liebsten hätte sie das kostbare Familienerbstück 
auf den Boden geschleudert, so frustriert war sie. »Warum steht 
denn da nichts über magische Kräftefelder drin!« 

Sie fing an, auf und ab zu marschieren und schob sich mit den 

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Händen das Haar aus dem Gesicht. Es war schon stockfinster 
draußen, und Paige war ganz allein. Nicht auszudenken, was 
Micah ihr bislang schon angetan haben konnte und was er 
gerade in diesem Augenblick mit ihr tat. Eine tolle Schwester 
bin ich, dachte sie, eine wahnsinnige Hilfe. »Ich halte das nicht 
mehr aus, Phoebe«, sagte sie und die 

Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich halte es nicht mehr aus. 

Sie sitzt in dem Garten fest, und wir können nichts tun!« 

Sie setzte sich auf die altersschwache Couch, stützte den Kopf 

auf die Hände und blickte hilflos zu Boden. Und wie sie so 
dasaß, hatte sie den Eindruck, der muffige Speicher würde 
immer kleiner und kleiner. Sie bekam kaum noch Luft. 

»Es wird schon werden«, sagte Phoebe beruhigend, setzte sich 

neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Wir werden 
sie befreien.« 

Piper sah zur Decke auf, atmete tief durch und versuchte, die 

Tränen zurückzudrängen. »Wo ist Leo?«, fragte sie mit 
brechender Stimme. »Wo bleibt er nur so lange?« 

In diesem Augenblick orbte Leo auch schon mitten in den 

Raum, aber Pipers Erleichterung über den Anblick ihres 
Ehemannes war nur von kurzer Dauer. Sie sah ihn nur flüchtig 
an und hatte das Gefühl, als zöge ihr jemand die Couch unter 
dem Gesäß weg. »Was ist los?«, fragte sie, obwohl sie gar nicht 
so sicher war, ob sie die Antwort verkraften konnte. 

»Es sieht nicht gut aus«, sagte Leo, der in solchen Situationen 

nicht lange um den heißen Brei herumredete. »Micah ist in der 
Tat Vandalus, und er ist wirklich gefährlich.« 

»Wie gefährlich?«, fragte Phoebe, die Piper immer noch im 

Arm hielt. 

»Wenn er sämtliche Geschütze auffährt, dürfen wir uns auf 

ein richtiges Armageddon gefasst machen«, entgegnete Leo und 
sah die beiden ernst an. 

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»Ja, so was Ähnliches haben wir uns auch schon gedacht«, 

sagte Piper und erhob sich. »Einen von Micahs kleinen Tricks 
haben wir heute schon erleben dürfen.« 

»Was für einen kleinen Trick?«, fragte Leo und runzelte die 

Stirn. 

»Falls man es als kleinen Trick bezeichnen möchte, wenn er 

jemandem in die Augen sieht und ihn so dazu bringt, ihm eine 
Million Dollar zu überweisen«, erklärte Phoebe und lehnte sich 
gegen die Couch. Sie sah sehr blass aus. Piper ahnte, dass ihre 
Schwester sich die Szene in Reingolds Büro noch einmal in 
Erinnerung rief. 

»Wie können wir ihn besiegen, Leo?«, fragte Piper. »Wir 

dachten, er sei ein Mensch, dabei hat er mehr Macht als wir drei 
zusammen. Er kann die Leute zu allem Möglichen bewegen.« 

Leo trat ans Fenster und legte die Hand ans Kinn. »Wenn er 

nur ein wenig Zauberkraft besäße, könnte ich das verstehen«, 
sagte er nachdenklich. »Er ist schon sehr lange auf der Erde, und 
ein Dämon wie er wird sicherlich nach Möglichkeiten suchen, 
wie er wieder zu neuer Stärke gelangen kann.« 

»Aber die Frage ist doch, was er mit Paige vorhat«, meinte 

Phoebe. »Wenn er sie töten wollte, hätte er das schon 
millionenmal tun können.« 

»Ja, jetzt kommt das Unheimliche an der Sache«, sagte Leo 

und drehte sich zu den beiden Schwestern um. »Um wieder zu 
Vandalus zu werden, ist Micah auf eine gewisse Kleinigkeit 
angewiesen.« 

In Pipers Gesicht malten sich Argwohn und Ekel. »Ich traue 

mich gar nicht nachzufragen«, bemerkte sie. 

»Er braucht einen Kuss«, fuhr Leo fort. »Einen Kuss aus 

echter Liebe.« 

»Einen Kuss?«, wiederholte Piper verblüfft. Dann traf sie die 

Erkenntnis wie ein Blitz. »Deshalb hat Aplacum die drei 

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Mädchen getötet! Und bei Regina hat er es auch versucht! 
Solange er verhindern konnte, dass Micah diesen Kuss aus 
echter Liebe bekam, hatte er unter den Dämonen keinen 
ernsthaften Gegner zu fürchten.« 

»So ist es«, bestätigte Leo. 
»Aber... Regina und Micah haben sich viele Male geküsst«, 

sagte Phoebe und beugte sich auf der Couch vor. »Warum hat 
sie den Dämon in ihm nicht geweckt?« 

»Wie mir der Hohe Rat erklärte, hat Micah in der 

Vergangenheit schon unzählige Frauen geküsst«, sagte Leo. 
»Und viele dieser Frauen haben ihn geliebt... oder wenigstens 
dachten sie das. Aber aus irgendeinem Grund hat es nie 
funktioniert.« 

»Wie frustrierend für den armen kleinen Dämon«, bemerkte 

Piper sarkastisch. 

»Aber der Hohe Rat nimmt an, wenn eine der Zauberhaften 

sich in ihn verliebt, wird die Macht ihres Kusses vielleicht stark 
genug sein, um Vandalus zu befreien«, sagte Leo. 

Piper merkte, wie sie sich innerlich verkrampfte. »Also wird 

er Paige benutzen, um sich wieder in diesen Dämon zu 
verwandeln und die Weltherrschaft anzutreten«, sagte sie, und 
es lief ihr kalt über den Rücken. 

»Aber dann ist das Problem doch vom Tisch!«, rief Phoebe 

fröhlich aus, warf ihr langes braunes Haar nach hinten und 
sprang von der Couch auf. 

»Wie meinst du das denn?«, fragte Piper und zog die 

Augenbrauen hoch. »Warum ist das Problem dann vom Tisch?« 

»Weil...«, sagte Phoebe gedehnt und verdrehte angesichts der 

Begriffsstutzigkeit ihrer Schwester die Augen, »Paige diesen 
fiesen Dämon, der sie gefangen hält, niemals küssen und sich 
schon gar nicht in ihn verlieben wird.« 

»Es sei denn...«, bemerkte Leo und verzog das Gesicht. 

-132- 

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»Es sei denn, er sieht ihr in die Augen«, vervollständigte 

Piper den Satz. 

Alle Farbe wich aus Phoebes Gesicht. »Oh Gott!« 
»Allerdings«, sagte Leo und faltete die Hände. »Auf diese 

Weise hat er so viele Mädchen dazu gebracht, sich in ihn zu 
verlieben. Je länger Paige ihm dort in seinem Garten ausgeliefert 
ist, desto schwerer wird es für sie, ihm zu widerstehen - 
besonders, wenn sie gar nicht weiß, um was es geht.« 

»Piper!«, sagte Phoebe voller Angst. 
Piper zerriss es fast das Herz. »Wir müssen sie da 

rausholen!«, sagte sie. »Wir müssen einen Weg finden. Und 
zwar sofort!« 

-133- 

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12 

PAIGE sass auf einer der Steinbänke im Blumengarten und 

ließ sich nach einer weiteren Nacht, in der sie unter freiem 
Himmel gefroren hatte, von den warmen Sonnenstrahlen die 
Kälte aus den Knochen vertreiben. Sie hatte kaum geschlafen 
und nur an ihre Schwestern gedacht. Pausenlos hatte sie sich 
gefragt, wo sie nur blieben, und auf Geräusche an der 
Gartenmauer gelauscht. Neben dem Loch in der Mauer war sie 
schließlich, mit dem Rücken an die kalte, raue Oberfläche des 
Hindernisses gelehnt, eingenickt. Piper und Phoebe hatten sich 
nicht blicken lassen und so war Paige mit einem schmerzhaften 
Knoten im Rücken wach geworden und mit einem noch 
schmerzhafteren im Herzen. 

»Sie kommen nicht wieder«, flüsterte sie. Ihr blieb nichts 

anderes übrig, als diese Tatsache zu akzeptieren. 

Wenn ihren Schwestern wirklich an ihr läge - wenn sie 

tatsächlich um ihre Sicherheit besorgt wären -, dann hätten sie 
doch wenigstens noch einmal nach ihr gesehen. Auch wenn sie 
noch keinen Weg gefunden hatten, sie zu befreien, hätten sie 
doch noch einmal vorbeikommen können, um mit ihr zu reden. 
Warum hatten sie es nicht getan? 

»Weil ich ihnen egal bin«, sagte Paige zu sich selbst, und ihr 

Herz zog sich schmerzhaft zusammen. »Micah hatte Recht. Das 
ist nun mein neues Leben. Ich werde den Rest meines Lebens in 
diesem miesen Kleid verbringen, mir Essen erschleichen und 
mich zu Tode langweilen.« Sie war zwar erst eineinhalb Tage in 
Gefangenschaft, aber da sie nichts zu tun hatte und mit 
niemandem reden konnte, kam ihr die Zeit zehnmal so lang vor. 

Zwei Vögel segelten über sie hinweg und jagten sich 

gegenseitig über den strahlend blauen Himmel. Paige lächelte 
traurig. Es war schon okay. Wenigstens war ihre Umgebung 

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wunderschön und offen und strahlend. Er hatte sie zumindest 
nicht in einem feuchten, muffigen Verlies eingekerkert - so viel 
musste man Micah immerhin lassen. 

»Paige?« 
Sie setzte sich erschreckt auf und wartete, bis das nun schon 

gewohnte Schwindelgefühl verflogen war. Micah war leise 
neben ihr aufgetaucht. Er hielt eine Einkaufstasche in den 
Händen und lächelte auf sie herab. Die Sonne stand ihm im 
Rücken und tauchte seine Gestalt in warmes Licht. Er sah aus 
wie ein Engel. 

Ein Dämonenengel allerdings, dachte Paige. Dann rührte sich 

etwas in den Tiefen ihres Bewusstseins, ein nagendes Gefühl, 
und sie sah ihn an und wartete auf den Funken der Erkenntnis. - 
Er hatte ihr am Vortag irgendetwas erzählt. Etwas Wichtiges. 
Etwas, an das sie sich besser erinnerte. Aber es war 
verschwunden. Was immer es war, es war einfach weg. 

Spielt sowieso keine Rolle, dachte Paige ernüchtert. Selbst 

wenn ich etwas über ihn wüsste, könnte ich ja doch nichts damit 
anfangen. 

»Ich habe dir ein paar Sachen gebracht, um es dir... 

angenehmer zu machen«, sagte Micah und setzte sich fast 
zögernd neben sie. 

Paige wusste, er rechnete damit, wieder von ihr abgewiesen 

zu werden, aber ihr Widerstand war gebrochen. Auch hatte sie 
keine Angst mehr vor ihm. Sein Anblick weckte überhaupt kein 
Gefühl mehr in ihr. Vielleicht gehörte das nun auch zu ihrem 
Leben - nichts mehr zu fühlen. 

Micah zog die große Tasche näher zu sich und holte ein paar 

ledergebundene Bücher heraus. Paiges Herz machte einen 
Sprung. Offenbar konnte sie doch noch etwas fühlen: totale 
Erleichterung zum Beispiel. Als wäre ihr ein Rettungsring 
zugeworfen worden. Sie schnappte sich die Bücher und ging 
neugierig die Titel durch. 

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»Austen... James... Bronte... Cather«, las sie, und ihre Augen 

wurden immer größer. 

Als sie Vernunft und Gefühl aufklappte, strich sie zärtlich mit 

den Fingern über die erste Seite. Sie konnte es nicht erwarten, 
sich in die Geschichten zu vertiefen. Alles war besser, als Tag 
und Nacht herumzusitzen und nachzudenken... und langsam zu 
begreifen, dass ihr niemand zu Hilfe kam. 

»Gefallen sie dir?«, fragte Micah, und seine Augen leuchteten 

auf. »Wie mir einfiel, hast du bei unserem ersten Date diese 
Autorinnen erwähnt, aber ich wusste nicht, welche Titel dir 
gefallen.« 

Paige stapelte die Bücher auf ihrem Schoß und sah Micah an. 

Ihre Augen waren voller Hoffnung, denn sie erinnerte sich an 
die vielen guten Eigenschaften, die sie an ihm bemerkt hatte, 
und an die Romantik und Magie ihrer ersten Verabredung. Es 
war sehr aufmerksam von ihm, ihr diese Bücher zu bringen. Er 
wüsste, sie brauchte Zerstreuung. Auch wenn er sie gegen ihren 
Willen festhielt, war er in gewissen Sinne um ihr Wohl besorgt. 

Im Gegensatz zu ihren Schwestern, die offenbar vergessen 

hatten, dass sie überhaupt existierte. 

»Danke«, sagte sie. 
Micah strahlte sie an, und Paiges Herz machte einen 

Freudensprung. 

Komm schon, Mädchen, reiß dich am Riemen!, sagte sie zu 

sich selbst. Das ist immerhin der Typ, der dich gefangen hält. 
Der Dämon, der dich gefangen hält! 

»Und das hier habe ich dir auch mitgebracht«, sagte Micah. 

Er griff in die Tasche und holte ein Sweatshirt, eine Sweathose, 
Socken und ein anderes Paar Sneakers heraus. »Als ich neulich 
bei dir zu Hause war, hast du so etwas getragen. Ich dachte, 
vielleicht gefallen dir diese Sachen besser als das, was ich dir 
gestern gebracht habe.« 

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Paige griff nach dem Sweatshirt und ließ die Finger über die 

Innenseite des Stoffes gleiten. Die Berührung des flauschigen 
Gewebes verursachte ihr eine Gänsehaut auf den nackten 
Armen. 

Es könnte mir so gut gehen, dachte sie und sah auf ihr dünnes 

Kleid herab. Warum bestrafe ich mich selbst derart? Wer weiß, 
wie lange ich noch hierbleiben muss! Vielleicht für immer... 

»Und eines noch«, sagte Micah. Diesmal holte er eine 

Plastikbox aus der Tasche und stellte sie zwischen sich und 
Paige auf die Bank. Er öffnete sie, und zum Vorschein kamen 
ein Stück Seife, kleine Fläschchen mit Shampoo und 
Pflegespülung, Zahnpasta, Zahnbürste und eine Haarbürste. 
»Die Dusche im Gartenhaus hast du ja bestimmt schon 
entdeckt«, sagte er. 

Paige griff mit zitternden Händen nach der Seife. Kaum zu 

glauben, wie dankbar man für so etwas Einfaches wie ein Stück 
Seife sein konnte - für etwas, das sie in ihrem bisherigen Leben 
immer für selbstverständlich gehalten hatte. Plötzlich war sie 
überwältigt von der Vorstellung, wie gut es tun würde, zu 
duschen, den Schmutz der vergangenen Tage von ihrem Körper 
zu waschen und in diese warmen, sauberen Kleider zu steigen. 

Tu es nicht!, warnte eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Du 

darfst dir von ihm nichts Gutes tun lassen! 

Ihr Überlebensinstinkt machte sich zwar lautstark bemerkbar, 

aber das Bedürfnis, ihren Körper nicht mehr zu riechen, war 
noch größer. 

»Danke, Micah«, sagte sie, legte die Bücher zur Seite und 

nahm die Toilettenartikel und die neuen Kleider. »Ich gehe dann 
mal...«, sagte sie und nickte in Richtung des angrenzenden 
Gartens, wo sich der Geräteschuppen mit der Dusche befand. 

Micah erhob sich gut gelaunt. »Wenn du fertig bist, gibt es 

Frühstück.« 

Paige setzte ein Lächeln auf, drückte ihre neuen Sachen fest 

-137- 

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an sich und marschierte Richtung Dusche. Eigentlich hätte sie 
über ihre Flucht nachdenken sollen, das wusste sie. Sie musste 
versuchen, sich zu erinnern, was Micah ihr am Vortag erzählt 
hatte... etwas über sein Schicksal oder so. Aber in diesem 
Augenblick konnte sie nur daran denken, wie schön sich heißes 
Wasser auf der Haut anfühlte und daran, ob Micahs Koch an 
zwei aufeinanderfolgenden Tagen wohl Pfannkuchen servieren 
würde. 

 
»Das Frühstück ist so lecker!«, sagte Paige, nahm noch einen 

Bissen von ihrem in Ei gebackenen Toast und genoss den 
köstlichen Geschmack. Also keine Pfannkuchen, dachte sie, 
aber das hier ist genauso gut. »Es ist erstaunlich, dass du bei so 
einem Koch in deiner Küche noch nicht dick und rund geworden 
bist!«, rief sie. 

Micah lächelte sie an, und sie errötete, als ihr bewusst wurde, 

dass sie ins Plappern geraten war. Sie konnte nichts dafür, aber 
sie plapperte tatsächlich mit ihrem Peiniger. Seit sie geduscht 
hatte - so lange wie seit ihrer Teenagerzeit nicht mehr, als sie 
ständig den gesamten Heißwasserspeicher geleert hatte -, fühlte 
sie sich viel unbeschwerter. Fast glücklich. Sie war sauber und 
warm angezogen. Und nun hatte sie sich satt gegessen. All die 
lang entbehrten Genüsse vermischten sich zu einer einzigen 
großen unkontrollierbaren Euphorie. 

»Möchtest du vielleicht ein wenig mit mir spazieren gehen?«, 

fragte Micah und beugte sich zu ihr vor. 

Sie hätte nein sagen sollen, das war Paige in ihrem tiefsten 

Innern bewusst. Micah sollte keine Belohnung dafür bekommen, 
dass er sie menschlich behandelte - schließlich hielt er sie als 
Gefangene. Aber da war sie wieder, diese unverhohlene 
Hoffnung in seinen Augen, die sie dazu drängte, ihm zu geben, 
was er verlangte. Abgesehen davon war es ja nur ein 
Spaziergang. »Sicher«, sagte sie ruhig. 

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Sie schob den Stuhl zurück und kam um den Tisch herum. Als 

Micah sie jedoch an die Hand nehmen wollte, beschlich sie ein 
ungutes Gefühl. So dankbar sie ihm auch für das Essen, die 
Kleider, die Dusche und die Bücher war, wollte sie ihn doch 
lieber nicht berühren. Und so schob sie die Hände in die 
Bauchtasche ihres Sweatshirts. Enttäuschung zeichnete sich auf 
Micahs Gesicht ab, aber er sagte nichts. Er verschränkte nur die 
Hände auf dem Rücken und ging los. 

»Ich bin sehr froh, dich hier zu haben, Paige«, sagte er und 

richtete den Blick in weite Ferne. »Du machst dir ja keine 
Vorstellung, wie einsam mein Leben hier ist.« 

Paige hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Sie wusste sehr 

gut, wie es war, sich allein zu fühlen - und das nicht erst seit den 
vergangenen beiden Tagen. Ihre Adoptiveltern waren bei einem 
Autounfall ums Leben gekommen, als sie noch auf der High 
School gewesen war, und sie hatte rasch erfahren, wie sich 
Einsamkeit wirklich anfühlte. Aber davon wollte sie nicht 
sprechen. Nicht mit Micah. Noch nicht. 

»Ich weiß, du hältst mich für... böse«, sagte er mit einem 

ungläubigen Lachen. »Aber so einfach ist das nicht. Mit all 
deiner Erfahrung müsstest du doch wissen, dass es nicht nur 
Schwarz und Weiß gibt.« 

Durch die Öffnung in der Hecke gelangten sie in den 

Blumengarten, der im Licht der Morgensonne förmlich vor 
bunten Farben explodierte. Paige blieb an der Hecke zurück, als 
Micah zu den Rosenbüschen hinüberging. Sie beobachtete, wie 
er zärtlich eine der vielen Blüten berührte und sie voller Liebe 
und Bewunderung betrachtete. 

Paige war sehr wohl über die verschiedenen 

Grauschattierungen zwischen Schwarz und Weiß im Bilde. Es 
gab Regeln, die waren dazu gemacht, gebrochen zu werden. 
Manchmal musste man fragwürdige Dinge tun, um letztlich zu 
dem richtigen Ergebnis zu kommen. Cole war ein gutes 

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Beispiel. Er schaffte es, den Dämon in seinem Innern in Schach 
zu halten. Er war ein guter Mensch, obwohl der Dämon 
Balthasar in ihm lauerte und auf die Chance wartete, sein böses 
Gesicht zu zeigen. 

Wenn Cole gegen seine dämonische Natur ankämpfen konnte, 

gelang es Micah vielleicht auch, überlegte Paige. Vielleicht war 
dies der Grund, warum er sie in dem Garten festhielt. Weil er 
Zeit brauchte, um ihr zu zeigen, wer er wirklich war, und weil er 
wusste, dass sie ihm anders nicht zuhören würde. Paige hielt 
Kidnapping zwar nicht für die richtige Methode, aber plötzlich 
verstand sie, warum Micah sie gewählt hatte. 

Micah kam zu ihr zurück und brachte die schönste Blüte mit, 

die sie je gesehen hatte: eine schneeweiße Lilie von 
überirdischer Schönheit. 

»Ich möchte doch nur eine Frau haben, die mich so liebt, wie 

ich wirklich bin, Paige«, sagte Micah, als sie mit klopfendem 
Herzen behutsam die Lilie aus seinen Händen entgegennahm. 
»Und du könntest diese Frau sein. Das wurde mir bewusst, als 
ich dich zum ersten Mal sah.« 

Paige schnupperte an der Lilie und ließ sich von dem süßen 

Duft berauschen. Als sie durch ihre dichten Wimpern zu Micah 
aufschaute, hatte sie das Gefühl, ihn zum ersten Mal richtig 
anzusehen. Er war so gut aussehend, so offen, so kultiviert, so 
fürsorglich. Er mochte ja etwas Dämonisches in sich tragen, 
aber durch und durch schlecht konnte er einfach nicht sein. 
Wenn jemand so wunderbare Eigenschaften hatte, war er mit 
Sicherheit nicht ganz böse. 

Ein leichter Wind kam auf und zerzauste ihr die Frisur. Micah 

sah ihr unverwandt in die Augen und strich ihr das Haar aus 
dem Gesicht. Als er Paige dabei mit den Fingerspitzen leicht an 
der Wange berührte, zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. 

 
»Ich fahre da jetzt noch mal hin«, verkündete Piper und 

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schnappte sich den Autoschlüssel vom Tisch neben der Haustür. 
Sie holte noch ihre Jacke vom Garderobenhaken und war schon 
zur Tür hinaus, als Leo und Phoebe hinter ihr die Treppe 
heruntergeeilt kamen. 

»Piper, was willst du denn machen, wenn du da bist?«, fragte 

Phoebe atemlos. »Du weißt doch, du kommst an dieser Barriere 
nicht vorbei.« 

Piper war frustriert bis über beide Ohren. »Das weiß ich 

selber!«, rief sie und drehte sich aufgebracht zu Phoebe um. 
»Aber ich kann es nicht mehr ertragen, sie dort allein zu lassen. 
Ich will wenigstens nachsehen, ob es ihr gut geht.« 

Sie ballte die Hände zu Fäusten und musste all ihre 

Beherrschung aufbringen, um ihre Zauberkräfte nicht dazu zu 
missbrauchen, die Glastür zersplittern zu lassen, die in den 
Salon führte. Natürlich war Zerstörung nicht das geeignete 
Ventil für ihren ganzen Frust, das wusste sie, aber ein verdammt 
gutes Gefühl wäre es doch! 

»Okay, ich weiß ja, wie beunruhigt du bist«, sagte Phoebe und 

kam auf ihre Schwester zu. »Aber wir brauchen erst mal einen 
vernünftigen Plan. Und wenn es stimmt, was Leo gesagt hat, 
dann sollten wir uns damit besser ein wenig beeilen.« 

Piper sah von Phoebe zu Leo, die erwartungsvoll ihren Blick 

erwiderten. Sie gingen zweifellos davon aus, dass es Pipers 
Aufgabe war, sich diesen Plan auszudenken. Und warum auch 
nicht? Zu den schweren Aufgaben, die ihr nun als der ältesten 
im Bunde auf den Schultern lasteten, gehörte auch, auf alles eine 
Antwort zu haben. Aber in diesem Fall fiel ihr einfach nichts 
ein. Diesmal brauchte sie jemanden, der sich um sie kümmerte - 
der ihr sagte, was zu tun war. Denn wenn es um Paige ging, 
konnte sie nicht klar denken. Paige war ihre kleine Schwester, 
die gerade erst in ihr Leben getreten war und nun in großer 
Gefahr schwebte - und Piper fühlte sich schuldig. 

»Ich hätte sie Montag Abend nicht wieder gehen lassen 

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dürfen, Phoebe«, sagte sie unter Tränen. »Oder ich hätte 
wenigstens ihren Schutzkristall überprüfen müssen. Es ist eine 
Katastrophe, dass Micah sie nun dort gefangen hält.« 

»Ist schon okay«, sagte Phoebe und umarmte Piper. Piper 

klammerte sich an sie, als ginge es ums nackte Leben. Als 
Phoebe sich von ihrer Schwester löste, spiegelte sich 
Entschlossenheit in ihrem Gesicht. »Ich werde eine Formel 
finden, mit der wir die unsichtbare Wand zerstören können. Und 
wenn nicht, finden wir einen anderen Weg. In der Zwischenzeit 
sollte jemand nach Paige sehen, da hast du wirklich Recht.« 

Piper nickte, und Phoebe drehte sich zu Leo um. »Bring du sie 

doch hin!«, schlug sie vor. »Ich mache mich hier sofort an die 
Arbeit.« 

»Okay«, willigte Leo ein. Er ging zu Piper, legte seine starken 

Arme um sie und küsste sie auf die Stirn. »Beeil dich«, sagte er 
zu Phoebe. »Wir sind bald zurück.« 

Piper schmiegte ihr Gesicht an Leos Brust und ließ sich 

eingehüllt in die Wärme seines weißen Lichts davontragen. 
Einen Sekundenbruchteil später hatten sie sich auch schon 
wieder in exakt derselben Pose vor der Mauer um Micahs 
Anwesen materialisiert. 

Piper suchte das Loch in der Mauer, das Phoebe freigelegt 

hatte, und kniete sich davor. Als sie Paige nirgends entdeckte, 
bekam sie furchtbare Angst. »Paige?«, rief sie verzweifelt. 
»Paige! Wo bist du?« 

Es gab keine Antwort. Nichts rührte sich. Piper sah zu Leo 

auf. »Sie ist nicht da«, sagte sie und bekam Panik. 

»Piper, sie kann irgendwo auf dem großen Gelände sein«, 

beruhigte Leo sie und legte ihr die Hände auf die Schultern. 
»Versuch es einfach weiter!« 

»Paige!«, rief Piper. »Ich bin's, Piper. Wo bist du?« 
Endlich kam Paige in den Garten, und Pipers Herz setzte 

-142- 

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einen Schlag aus. Sie sah ganz in Ordnung aus. Sie wirkte 
regelrecht... heiter. Paige sah zu dem Loch in der Mauer und 
kam ganz langsam zu Piper hinüber. Piper quetschte sich dichter 
an die Öffnung und erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. 
Eigentlich hätte sie erwartet, Paige käme wie am Vortag 
herübergerannt, aber ihre Schwester schien nicht einmal 
überrascht - geschweige denn erfreut -, sie zu sehen. 

»Hallo Piper«, sagte Paige und ging vor dem Loch in die 

Knie. Sie klang so unbeteiligt, als telefoniere sie mit einer 
entfernten Bekannten. 

»Geht es dir gut?«, fragte Piper besorgt. 
»Sicher«, entgegnete Paige schulterzuckend und spielte 

abwesend mit dem Kapuzenbändel ihres blauen Sweatshirts. Ihr 
gelassener, entrückter Gesichtsausdruck stand im krassen 
Gegensatz zu ihrer furchtbaren Angst am Vortag. Heute machte 
sie auf Piper regelrecht einen zufriedenen Eindruck. 

Piper kniff die Augen zusammen und beobachtete Paiges 

Hände. »Paige, wo hast du diese Kleider her?«, fragte sie. 

»Die? Die hat Micah mir gegeben«, antwortete Paige und sah 

an sich herunter. »Sie sind echt bequem. Er war wirklich sehr 
nett zu mir, Piper. Er hat mir Bücher gebracht, leckeres Essen 
für mich zubereiten lassen und mir Blumen gepflückt...« 

Er hat sie schon rumgekriegt!, dachte Piper alarmiert, und ihr 

zog sich der Magen zusammen. Paige glaubte bereits, dass 
Micah sich etwas aus ihr machte. Und wenn er schon so weit 
gekommen war, brauchte er gewiss nicht mehr lange, bis sie 
sich ernsthaft in ihn verliebte. 

»Was soll ich nur tun?«, raunte Piper Leo tonlos zu. 
»Du musst sie irgendwie aus ihrem Zustand aufwecken«, gab 

Leo leise zurück. 

»Paige, Süße, hör mal... Du darfst Micah nicht vertrauen«, 

sagte Piper verzweifelt und presste beide Hände gegen die 

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Mauer. »Er hat dich mit irgendeinem Dämonenzauber belegt. Er 
bringt dich dazu, ihn zu lieben, aber das tust du eigentlich gar 
nicht.« 

»Und warum seid ihr gestern Abend nicht noch mal 

zurückgekommen?«, fragte Paige nur und wirkte denkbar 
uninteressiert an der Antwort. 

»Paige...« 
»Ach, du musst es nicht mir erklären, Piper«, fuhr sie fort. 

»Ich weiß, du hast viel um die Ohren. Du hast Leo und den Club 
und deine echte Schwester Phoebe. Ich kann nachvollziehen, 
warum es auf deiner Prioritätenliste nicht ganz oben steht, mich 
hier rauszuholen.« 

Piper bekam eine ganz trockene Kehle, und sie brauchte eine 

Weile, um ihre Stimme wiederzufinden. War das wirklich 
Paiges ehrliche Meinung oder war es Micahs Zauber, der da aus 
ihr sprach? »Paige, bitte hör mir zu«, sagte sie. »Micah hat die 
Fähigkeit...« 

»Ich weiß, ich weiß«, entgegnete Paige und verdrehte die 

Augen. »Micah ist ein böser Dämon, blablabla. Aber du kennst 
ihn gar nicht richtig, Piper. Nicht so wie ich. Ich kann das Gute 
in ihm sehen. Er ist sehr sensibel, romantisch und fürsorglich. Er 
ist nicht schlecht und böse, Piper. Das kann nicht sein!« 

Piper ließ resigniert den Kopf sinken und legte ihre Stirn an 

die Mauer. Das konnte doch nicht wahr sein! Paige fiel doch 
nicht wirklich auf diesen Bastard herein! Was tat er ihr nur an! 

»Sag etwas«, flüsterte Leo ihr zu und hockte sich neben sie. 

»Egal was!« 

»Paige, das ist nicht real«, sagte Piper, und ihre Stimme 

brach. »Du musst dagegen ankämpfen. Micah benutzt dich nur, 
um wieder zu Vandalus zu werden. Er ist böse, Paige!« 

Paige schmollte. »Weißt du überhaupt, was du da sagst?«, gab 

sie zurück. »›Er ist böse, Paige‹- dass ich nicht lache! Alles, was 

-144- 

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Micah will, ist, mit mir zusammen zu sein. Und das ist mehr als 
man von dir und Phoebe sagen kann.« 

Ihre Worte schnitten Piper tief ins Herz. »Paige, das meinst du 

doch nicht ernst! Du kannst doch nicht...« 

Aber Paige war schon wieder aufgestanden. Plötzlich sah 

Piper durch das Mauerloch nur noch ihre Beine. »Ich muss jetzt 
gehen«, sagte Paige, und ihre Stimme klang gedämpft und 
entfernt. »Es ist bald Zeit fürs Dinner und ich möchte mich noch 
ein bisschen hübsch machen für Micah. Er kümmert sich so 
rührend um mich...« 

»Paige!«, rief Piper und ging mit dem Mund ganz dicht an das 

Loch in der Mauer. »Paige! Geh nicht!« 

Aber als sie wieder durch die Öffnung spähte, sah sie, wie 

Paige sich immer weiter von der Mauer entfernte. So laut sie 
auch nach ihr rief, so flehentlich ihre Stimme auch klang, Paige 
drehte sich nicht einmal mehr zu ihr um. Als sie schließlich 
durch die Hecke verschwunden war, wandte sich Piper ab, 
plumpste zu Boden und lehnte sich mit dem Rücken gegen die 
Mauer. »Wir haben sie verloren, Leo«, sagte sie ungläubig. 
»Wir haben sie tatsächlich verloren.« 

-145- 

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15 

PHOEBE riss das oberste Blatt von ihrem Schreibblock ab, 

zerknüllte es zu einer festen Kugel, warf sie ein paarmal von 
Hand zu Hand und donnerte sie dann laut stöhnend durchs 
Zimmer. So frustriert war sie beim Schreiben seit der 
Collegeprüfung nicht mehr gewesen, aber Zauberformeln 
ausdenken war nun mal keine leichte Übung. Besonders, wenn 
möglicherweise die Freiheit ihrer Schwester - ihr Leben gar - 
davon abhing. 

»Okay, du musst dich konzentrieren! Das hast du doch schon 

millionenmal gemacht«, sagte Phoebe laut, ließ sich gegen die 
Rückenlehne der Couch fallen und entknotete die übereinander 
geschlagenen Beine. Eine Strähne hatte sich aus ihrem 
geflochtenen Zopf gelöst und kitzelte sie an der Wange. 
Ungeduldig strich Phoebe sie hinters Ohr. Sie nahm den 
Notizblock auf den Schoß, hielt den Stift einsatzbereit und biss 
sich auf die Unterlippe. 

»Mal sehen... Wände... Barrieren... Mauern...« Phoebe blickte 

nachdenklich zur Decke und durchforstete ihren Wortschatz. 
»Was reimt sich alles auf Wände...?« 

Plötzlich erschien ein Wirbel aus weißem Licht, und Phoebe 

schreckte überrascht aus ihren Überlegungen auf. Piper und Leo 
materialisierten sich vor der Couch und Phoebe spürte, wie sich 
ihr sämtliche Nackenhaare aufrichteten, als sie ihre Schwester 
ansah. »Was ist los? Was ist passiert?«, fragte sie und hielt die 
Luft an. 

»Er hat schon damit begonnen, seinen kleinen Liebeszauber 

auszuschütten«, erklärte Piper sarkastisch und kickte eine von 
Phoebes Papierkugeln durchs Zimmer. Sie ließ sich auf den 
Stuhl gegenüber von Phoebe fallen und stützte mutlos den Kopf 
in die Hände. »Paige war nicht sie selbst, könnte man sagen.« 

-146- 

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Phoebe schluckte und besah sich das Durcheinander, das sie 

ringsum angerichtet hatte - das ganze unfruchtbare 
Durcheinander. Der Dielenboden war unter den zahllosen 
kleinen weißen Papierkugeln kaum noch zu sehen. 

»Ist dir etwas eingefallen?«, fragte Leo sie und runzelte 

besorgt die Stirn. 

»Ich sage es nur ungern, aber leider nein«, entgegnete Phoebe, 

und ihre Angst wuchs Stein um Stein wie eine Mauer. »Ich bin 
irgendwie blockiert oder so, und ich glaube, ich weiß auch 
warum. Ich meine, wenn Leo diese Wand nicht durchdringen 
kann, wie soll dann eine Zauberformel funktionieren? 
Besonders, wenn wir nur zu zweit sind?« 

»Nun, wir müssen es eben versuchen«, entgegnete Piper und 

straffte die Schultern. »Etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig.« 

»Ich hätte da vielleicht eine Idee«, sagte Leo. Wie es für ihn 

typisch war, legte er eine Hand ans Kinn und stützte den 
Ellbogen mit der anderen. 

»Wir probieren es, egal was es ist!«, rief Phoebe. Sie drehte 

sich zu Leo um, damit sie ihn besser sehen konnte, und legte ein 
Bein auf die Couch. 

»Was ist mit Cole?«, fragte Leo und sah Phoebe in die Augen. 
»Wie meinst du das? Was soll mit ihm sein?«, fragte Phoebe 

zurück, und ihr Puls begann zu rasen. Sie hatte seit Tagen nichts 
von Cole gehört oder gesehen, und ihn für Paiges Rettung 
einzusetzen kam ihr als Ausrede gerade recht. Sie konnte jede 
moralische Unterstützung gebrauchen, die zu kriegen war. 

»Ich meine, seine Fähigkeit, sich von einem Ort zum anderen 

zu bewegen, hat ihren Ursprung im Bösen«, erklärte Leo. 
Phoebe rutschte unbehaglich auf der Couch hin und her. Wann 
immer ihr Freund und das Wort »böse« in ein und demselben 
Satz erwähnt wurden, versuchte sie, es, so gut es ging, zu 
überhören. »Tut mir Leid, Phoebe«, sagte Leo und sah sie 
aufrichtig aus seinen blauen Augen an. »Aber diese Tatsache 

-147- 

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könnte uns in der momentanen Situation tatsächlich von Nutzen 
sein.« 

Piper erhob sich langsam und ging ein paar Schritte auf 

Phoebe zu. »Seine Fähigkeit zu schimmern kommt ja von... na, 
du weißt schon«, sagte sie und sah Phoebe entschuldigend an. 
»Er könnte durchaus fähig sein, eine Barriere des Bösen zu 
überwinden.« 

Phoebes Herz schlug noch ein paar Takte schneller, als sie 

begriff, was die beiden vorschlugen. »Cole könnte es gelingen 
reinzukommen«, sagte sie. »Und vielleicht kann er uns sogar 
alle mitnehmen.« 

»Es ist einen Versuch wert«, bemerkte Leo. 
»Rufen wir ihn!«, sagte Piper. 
Das musste man Phoebe nicht zweimal sagen. Sie sprang von 

der Couch auf und ergriff Pipers Hände. »Bist du bereit?«, 
fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Als Piper nickte, 
umklammerte Phoebe die Hände ihrer Schwester noch fester. Es 
musste einfach funktionieren. Sie hoffte nur, Cole konnte auf 
ihren Ruf reagieren und würde wohlbehalten bei ihnen landen. 

»Mächte des Guten, helft ihm zu fliehen, bringt uns Cole, wir 

brauchen ihn!«, sagten Phoebe und Piper gemeinsam auf. 

Sofort schien die Luft im Raum heißer zu werden und begann, 

vor den beiden Schwestern zu schimmern. Augenblicklich 
tauchte Cole auf - mit zerrissenem Hemd, schwarzen Augen und 
ganz offensichtlich desorientiert. Er ließ sich geschwächt zu 
Boden sinken und stützte sich mit der Hand ab. 

»Cole!«, rief Phoebe, ließ sich neben ihm auf die Knie fallen 

und legte besorgt einen Arm um ihn. »Alles in Ordnung mit 
dir?« 

»Ja«, flüsterte Cole heiser. Er war schweißgebadet und völlig 

außer Atem. »Ihr habt mich gerade nur aus einem heftigen 
Kampf herausgeholt.« 

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»Wer lag in Führung?«, fragte Leo. 
Cole sah zu ihm auf, und Phoebe bemerkte erleichtert seinen 

gewohnt schelmischen Blick. »Ich natürlich«, antwortete er, 
stand auf und klopfte sich die Kleider ab. »Ich gebe meinen 
Gegnern gern das Gefühl, sie seien mir überlegen, bevor ich sie 
dann erledige.« 

»Ich wünschte, du würdest nicht solche Witze machen«, sagte 

Phoebe missmutig. »Du kämpfst da draußen mit weiß der Teufel 
wem um dein Leben und kommst in so einem Zustand wieder 
hierher... Sieh dich doch mal an!« 

»Tut mir Leid, Phoebe. Mir geht es gut«, sagte Cole und 

küsste sie auf die Stirn. Bereits diese kleine Berührung spendete 
Phoebe so viel Trost wie ein heißes Bad. Dann löste sich Cole 
von ihr und sah sie beunruhigt und fragend an. »Warum habt ihr 
mich gerufen?« 

»Es geht um Paige«, erklärte Piper. »Sie wurde von Vandalus 

gekidnappt, und wir brauchen deine Hilfe, um sie aus seiner 
Gewalt zu befreien.« 

»Vandalus?«, wiederholte Cole und blickte betroffen drein. 

»Vandalus hat Paige in seiner Gewalt? Wie lange schon?« 

»Seit zwei Tagen«, entgegnete Leo gepresst. 
»Warum habt ihr mich nicht gleich gerufen?«, fragte Cole und 

sah die drei der Reihe nach vorwurfsvoll an. 

»Du kennst ihn?«, fragte Phoebe mit zitteriger Stimme und 

trat ganz dicht an Cole heran. »Was weißt du über ihn?« 

»Genug jedenfalls, um zu wissen, dass wir sie sofort von ihm 

wegholen müssen.« Cole ergriff Phoebes Hand. »Wo hält er sie 
gefangen?« 

»Die Adresse ist Mercer Street Nummer 155«, antwortete 

Piper und ging zu Leo. »Wir treffen uns vor der Mauer.« 

»Warte!«, rief Phoebe. Sie angelte das Stück Papier, auf dem 

ihr einziger erfolgreicher Versuch des Nachmittags verzeichnet 

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war, von der Couch. »Die Bezwingungsformel«, erklärte sie. 

»Die sollten wir wirklich nicht vergessen«, zischte Piper 

durch die Zähne. 

Als der weiße Lichtwirbel Leo und Piper einhüllte, schmiegte 

sich Phoebe an Cole und schickte ein rasches Stoßgebet zum 
Himmel. Hoffentlich gelang es Cole, sie alle durch Micahs 
unsichtbare Wand zu bringen! Hoffentlich kommen wir nicht zu 
spät!, war ihr letzter Gedanke, bevor sie mit Cole aus dem 
Wohnzimmer schimmerte. 

 
Paige traute ihren Augen nicht, als sie in ihr kleines 

Badezimmer ging, um sich für das Dinner mit Micah 
zurechtzumachen. An der Wand hing das schönste Abendkleid, 
das sie je gesehen hatte. Es war aus weichem schwarzem Samt. 
An das eng anliegende trägerlose Oberteil schloss ein 
ausgestellter Rock an, dessen besonderer Clou ein Schlitz bis 
zum Knie war. 

Andächtig nahm sie das Kleid vom Haken. Wie war es Micah 

nur gelungen, das Kleid zu besorgen und es hier für sie zu 
verstecken? Er hatte sich den Tag freigenommen und fast jede 
Minute davon mit ihr gemeinsam verbracht. Es war ein 
unglaublich romantischer Tag gewesen mit langen Gesprächen 
und angenehmen Pausen dazwischen. Wann immer Paige in 
Micahs hypnotische blaue Augen blickte, hatte sie das Gefühl, 
sie erfahre ein wenig mehr über seine Seele und er über die ihre. 

Sie war verrückt gewesen, je an ihm zu zweifeln. 
»Das ist ja Wahnsinn!«, hauchte Paige und hielt das Kleid vor 

ihren Körper, um sich im Spiegel zu betrachten. Sie sah wie eine 
Prinzessin aus modernen Zeiten aus. 

Voller Vorfreude zog sie sich rasch aus und schlüpfte in das 

neue Kleid. Sie bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper, als 
der Stoff über ihre Haut glitt. Nachdem sie ihr Haar 
hochgesteckt hatte, lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. 

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An diesem Abend lag Magie in der Luft, das spürte sie ganz 

deutlich. 

Als sie sich vorbeugte, um die Schuhe anzuziehen, bemerkte 

sie, dass der Saum des Kleides mit tiefblauer, glänzender Seide 
eingefasst war. Wenn sie sich bewegte, blitzte immer etwas 
Blauglänzendes auf, das die Aufmerksamkeit auf ihre Beine 
lenkte. »Dann wissen wir ja jetzt, auf welchen Körperteil Micah 
abfährt!«, sagte Paige zu sich selbst und lachte. 

Sie öffnete Micahs jüngstes Carepaket und legte etwas von 

dem Parfüm auf, das sie darin fand. Dann öffnete sie eine kleine 
Samtschatulle, und ihr stockte der Atem. Das schönste Paar 
Diamantohrringe funkelte ihr entgegen, das sie je gesehen hatte. 
Obwohl ihr die Hände zitterten, gelang es Paige irgendwie, den 
Schmuck anzulegen. Dann trat sie einen Schritt zurück und warf 
einen langen, prüfenden Blick in den Spiegel. »Perfekt!«, sagte 
sie zufrieden. »Es wird ein rundherum perfekter Abend!« 

Plötzlich stieg eine kleine Welle der Angst in ihr auf, und 

Paige kämpfte verwirrt dagegen an. Wovor musste sie schon 
Angst haben? Micah liebte sie. Er hatte ihr die vielen schönen 
Sachen geschenkt. Er nahm sich ihrer an. Sie hatte wirklich 
nichts von ihm zu befürchten. 

Sie hob resolut das Kinn, verdrängte ihre Besorgnis und trat 

hinaus in die kühle Abendluft. Es war eine ruhige, sternenklare 
Nacht, und Paige ließ sich von der Atmosphäre gefangen 
nehmen, als sie durch den Garten zu der Öffnung in der Hecke 
ging. Als sie den Blumengarten betrat, kam sie sich vor wie im 
Märchen. 

Überall waren Kerzen. Seile mit chinesischen Laternen waren 

zwischen den Hecken gespannt und die Lichter schaukelten 
kreuz und quer über Paiges Kopf. Auch auf dem Boden waren 
überall Kerzen in kleinen Glasgefäßen aufgereiht, deren 
Flammen in der leichten Brise tanzten. Sie schmückten ebenfalls 
den Tisch, der mit makellosem weißen Porzellan und 

-151- 

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Kristallglas eingedeckt war. Aber nichts von der wunderschönen 
Dekoration konnte es mit dem Anblick aufnehmen, den Micah 
bot. 

Er stand mitten im Garten, und seine Augen leuchteten vor 

Begeisterung, als er Paige erblickte. Mit seinem schwarzen 
Smoking und der weißen Fliege sah er exakt so aus wie der Held 
in einem romantischen Film. Und als plötzlich klassische 
Walzermusik im ganzen Garten erklang, bot er Paige seinen 
Arm an. »Darf ich bitten?«, fragte er lächelnd. 

Paige kam ganz langsam auf ihn zu, damit er Zeit hatte, den 

Anblick der vielen schönen Dinge auf sich wirken zu lassen, die 
er ihr geschenkt hatte, und hakte sich bei ihm unter. »Es ist mir 
ein Vergnügen«, antwortete sie und lächelte ihn an. 

Micah nahm sie in seine starken Arme, und sie tanzten 

gemeinsam unter den Sternen. Paige hatte noch nie zuvor 
Walzer getanzt, aber irgendwie wussten ihre Füße offenbar, was 
sie zu tun hatten. Sie musste sich nicht einmal konzentrieren. Sie 
sah zu Micah auf, als sie durch den Garten wirbelten, und ihr 
wurde schwindelig. Mittlerweile genoss sie dieses Gefühl. Denn 
es war das Gefühl, das Micah in ihr hervorrief. Ein Gefühl, das 
so einem wunderbaren Mann durchaus angemessen war. 

Er ist kein Mann!, rief eine leise Stimme in ihrem Kopf aus. 

Er ist ein Dämon, Paige, erinnere dich! Erinnere dich doch 
daran, was er über die Erfüllung seines Schicksals gesagt hat! 
Über die Kinder... 

Aber Paige verdrängte die mahnende Stimme und ignorierte 

ihr bizarres Geschwätz. Es spielte keine Rolle, dass Micah ein 
Dämon war. Er war gleichzeitig auch ein Mensch. Er hatte sein 
ganzes Leben lang Gutes getan. Wenn er sich mit Kindern 
beschäftigte, dann nur, um ihnen ein besseres Leben zu 
ermöglichen. Seine einzige Bestimmung war es, die Welt ein 
Stückchen besser zu machen und in Paige bislang ungeahnte 
Gefühle zu wecken. 

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Sie sah Micah beim Tanzen tief in die Augen, entspannte sich 

und ließ sich einfach von ihm führen. Sie konnte ihren Blick 
nicht von seinen wunderbaren tiefen blauen Augen losreißen. 
Plötzlich wünschte sie sich aus ganzem Herzen, ihn zu lieben. 
Und von ihm geliebt zu werden. 

Nein, Paige!, rief ihre innere Stimme. Das ist nicht richtig! 
Aber Paige war hin und weg. Sie war verloren. Immer tiefer 

versank sie in Micahs Augen. Und sie hatte absolut keine Lust, 
jemals wieder aufzutauchen. 

 
Sobald sich Piper draußen vor der Mauer materialisiert hatte, 

ließ sie Leo los, ging in die Knie und zwängte ihr Gesicht so 
dicht an das Guckloch, wie es die Gesetze der Physik erlaubten. 
Es war fast unmöglich, im Schein des verschwommenen Lichts, 
das eine Million Kerzen in dem Garten verbreiteten, etwas zu 
erkennen, aber als Piper die Musik wahrnahm, erkannte sie, dass 
die beiden Gestalten in dem Garten tanzten. Als sie allmählich 
schärfer sah, traute Piper ihren Augen nicht. Aber es war nicht 
von der Hand zu weisen - das Ganze spielte sich nur wenige 
Meter vor ihr ab. »Leo!«, rief sie entsetzt. 

»Was ist los?«, fragte er und hockte sich neben sie. 
»Da sind Paige und Micah«, sagte Piper. Hilflos streckte sie 

Leo eine Hand entgegen, und er hielt sie fest. »Sie tanzen 
und...« 

Piper konnte den Satz nicht über die Lippen bringen. Wenn 

sie es aussprach, wurde der Albtraum unwiederbringlich zur 
Realität. Paige sah bewundernd zu Micah auf, während sie mit 
ihm Walzer tanzte, und Piper wusste, was der entrückte 
Ausdruck im Gesicht ihrer Schwester zu bedeuten hatte. Es war 
Liebe. Die reine, unverfälschte Liebe. 

»Wir müssen da rein«, sagte sie, stand wieder auf und blickte 

in den Himmel. »Wo bleiben sie denn nur?« 

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Cole und Phoebe erschienen schimmernd ein paar Meter 

weiter, und Piper rannte sofort auf Cole zu und schlang die 
Arme um seine Taille. »Los, mach schnell!«, rief sie. 

»Okay, haltet euch gut fest!«, sagte Cole. »Ich habe noch nie 

mehr als eine Person mitgenommen.« 

Leo lächelte die anderen beruhigend an, und einen 

Augenblick später wurde alles grau, dann weiß, und dann waren 
sie auch schon an einem ganz anderen Ort. Piper öffnete die 
Augen und sah sich um: üppig blühende Rosen, farbenfrohe 
Blumenbeete, perfekt getrimmter Rasen. Paige und Micah, die 
sich umarmten. Ihre Lippen waren sich ganz nah... 

»Paige! Nein!«, rief Piper und stürzte auf ihre Schwester zu. 

Sie konzentrierte all ihre Energie auf ihre Hände und hielt das 
Geschehen an. Micah erstarrte mit zum Kuss gespitzten Lippen, 
die Augen halb geschlossen. Wie er so im Mondlicht stand, bot 
er einen fast komischen Anblick. 

Paige blinzelte und drehte sich zu ihren Schwestern um. 

»Warum habt ihr das getan?«, fragte sie und verschränkte die 
Arme vor der Brust. 

»Siehst du! Wie ich gesagt habe«, raunte Piper Phoebe zu. 

»Von Wiedersehensfreude keine Spur!« 

Phoebe lief zu Paige hinüber, fasste sie an beiden Händen und 

zog sie von dem erstarrten Micah weg. »Paige, hör mir zu«, 
sagte sie und führte ihre Schwester zu Cole und Piper. »Cole hat 
uns hergebracht, damit wir Vandalus erledigen. Wir müssen 
Micah loswerden und dich hier rausholen.« 

Verwirrt runzelte Paige die Stirn. »Micah loswerden?«, fragte 

sie verständnislos und legte den Kopf schräg. Sie sah Piper 
hilflos an, als begreife sie nicht, was Phoebe da gesagt hatte. 
»Warum sollte ich ihn loswerden wollen? Ich liebe ihn über 
alles.« 

Piper verließ jede Hoffnung, die gerade noch in ihr 

aufgekeimt war. Paige hatte einen stärkeren Willen als die 

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meisten Menschen, die sie kannte. Und sie war immerhin eine 
der  Zauberhaften.  Wenn Micah ihr derart das Hirn verwirren 
konnte, was geschah dann erst, wenn der Dämon in ihm auf eine 
arglose Welt losgelassen wurde? 

»Paige, du musst jetzt wach werden!«, ermahnte Piper ihre 

Schwester und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. 
»Micah hält dich hier gefangen, erinnerst du dich? Er ist einer 
von den Bösen.« 

»Einer von den ganz Bösen«, bemerkte Cole. 
Paiges Augen funkelten vor Wut. »Du musst gerade den 

Mund aufmachen!«, schleuderte sie Cole entgegen. »Micah hat 
immerhin sein ganzes Leben damit zugebracht, Menschen zu 
helfen. Was hast du denn getan, bevor du Phoebe kennen gelernt 
hast? Außer Unschuldige zu töten, meine ich.« 

Phoebe atmete hörbar ein, als Cole deutlich getroffen zur 

Seite blickte. »Paige...« 

»Nein, ich will nichts davon hören«, sagte Paige und wich 

einige Schritte zurück. »Ich liebe Micah und ich werde bei ihm 
bleiben. Piper, würdest du nun die Güte haben, meinen Freund 
wieder zu befreien?« 

Piper warf hilflos die Hände in die Luft und wandte sich von 

Paige ab. Die Sache war verloren. Jeden Augenblick würde sich 
Micah sowieso wieder aus seiner Erstarrung lösen und sie alle 
gefangen nehmen, wie sie da standen. Und ohne die Macht der 
Drei hatten sie keine Chance, einen so mächtigen Dämon zu 
besiegen. 

»Was machen wir denn jetzt, Piper?«, fragte Phoebe und wich 

zurück, als Micah wieder zu sich kam und ihm bewusst wurde, 
dass er nicht mehr Arm in Arm mit Paige dastand. 

Mit klopfendem Herzen nahm Piper Phoebe bei der Hand. 

»Ich würde sagen, wir gehen in Deckung.« 

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14 

»WAS  soll das denn?!«, schrie Micah vor Wut schäumend, 

als er sich zu Piper, Phoebe und Cole umdrehte. »Wie seid ihr 
denn hier reingekommen?« 

Phoebe ruderte suchend mit der Hand hinter ihrem Rücken, 

bis Cole sie ergriff und fest drückte. Diese Frage des 
gefährlichen Dämons wollte Phoebe auf keinen Fall 
beantworten, um zu vermeiden, dass er ihren Freund angriff. 
Piper stellte sich ebenfalls schützend vor Cole. Die 
unerschütterliche Entschlossenheit und Stärke ihrer Schwester 
machte Phoebe neue Hoffnung. Gemeinsam konnten sie alles 
besiegen! Natürlich wären ein pfiffiger Ersatzplan und die Hilfe 
von Paige auch ganz brauchbar gewesen... 

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie immer noch den Zettel 

mit der Bezwingungsformel in der Hand hielt, und sie stopfte 
ihn rasch in die Gesäßtasche ihrer Jeans. Sie konnten die Formel 
erst verwenden, wenn sie Paige wieder zur Vernunft gebracht 
hatten, und bis dahin blieb das Papier besser in sicherer 
Verwahrung. 

»Ach, eigentlich ist es mir auch egal, wie ihr reingekommen 

seid«, sagte Micah mit einem bösen Grinsen und richtete den 
rechten Arm wie eine Waffe auf sie. »Euch alle hier auf einem 
Haufen zu haben macht die Sache für mich noch einfacher.« 

»Piper...«, sagte Phoebe argwöhnisch, denn plötzlich fiel ihr 

die Abbildung von Vandalus im Buch der Schatten wieder ein, 
auf der man sah, wie irgendwelche Strahlen aus seinen 
Handgelenken kamen. 

»In Deckung!«, rief Piper nur noch. 
Phoebe machte einen Hechtsprung, schlug einen Salto und 

landete kampfbereit in der Hocke. Ein heißer Blitz fegte über ihr 
Gesicht hinweg. Als sie sich rasch umsah, entdeckte sie, dass es 

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Micah irgendwie gelungen war, eine Steinbank in Luft 
aufzulösen und ein Loch in seine Hecke zu brennen, aber Cole 
und Piper waren gesund und wohlauf. 

»Das ist der Mann, den du liebst, Paige?«, rief Piper und 

richtete sich langsam auf. 

Paige gab keine Antwort, aber auf ihrem Gesicht malte sich 

Verwirrung, als sie die Szene betrachtete. Wenn man sie nicht 
kannte, hätte man vermuten können, sie sei noch nie zuvor 
einem Dämon in Aktion begegnet. Micah hob erneut die Arme 
und verzog den Mund zu einem ekelerregenden, zufriedenen 
Grinsen, aber bevor er einen weiteren Blitz abschießen konnte, 
erhob sich Cole und wirbelte einen rot glühenden Energieball 
mitten in Micahs Brust. 

»Nein!«, schrie Paige aus Leibeskräften und schlug die Hände 

vors Gesicht, als Micah in die Hecke auf der 
gegenüberliegenden Seite des Gartens geschleudert wurde. 

»Damit hat er nicht gerechnet, was?«, sagte Cole und rieb sich 

die Hände. 

»Kein Grund, übermütig zu werden«, bemerkte Phoebe. 

»Piper, schnapp dir Paige und bring sie wieder zur Vernunft! 
Wir versuchen, Micah zu beschäftigen.« 

Als Piper Paige in eine Ecke des Gartens zog - weit weg von 

Micah -, starteten Phoebe und Cole zum Angriff durch. Micah 
rappelte sich gerade aus dem eingeknickten Buschwerk auf, als 
Phoebe in die Luft sprang, einige Meter flog und einen brutalen 
Tritt gegen seinen Kiefer landete. Der Kopf flog ihm in den 
Nacken, und Micah stolperte rückwärts, blieb diesmal aber nur 
wenige Sekunden am Boden. Als Phoebe wieder landete, war 
auch er auf den Beinen. 

Phoebe setzte zu einem Schlag an, dem Micah mühelos 

auswich, aber während er sich wegduckte, schleuderte Cole 
einen weiteren Energieball auf ihn. Einen Augenblick lang hatte 
Phoebe den Eindruck, der Kampf sei gar nicht so aussichtslos, 

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aber dann hörte sie Cole nach ihr rufen und wirbelte auf dem 
Absatz herum. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. 

Cole trommelte verzweifelt mit den Fäusten in die Luft. Er 

stemmte die Hände gegen unsichtbare Wände, die ihn von allen 
Seiten umgaben. Micah hatte ihn in einer unsichtbaren Kiste 
festgesetzt. »Lass mich hier raus!«, rief Cole, und die Adern an 
seinem Hals traten deutlich hervor, als er Micah zornig 
anfunkelte. 

»Cole!«, rief Phoebe und eilte aufgelöst an seine Seite. 

»Versuch es mit einem Energieball!« 

Cole holte aus und feuerte einen glühenden Ball ab, der 

jedoch wirkungslos zerschellte. Die unsichtbaren Wände wurden 
in rotes Licht getaucht, und für einen Augenblick waren die 
Umrisse von Coles Gefängnis sichtbar, bevor das Licht wieder 
verschwand. 

»Phoebe! Runter!«, rief Cole plötzlich mit weit aufgerissenen 

Augen. 

Ohne lange zu überlegen, duckte sich Phoebe, und Cole warf 

sich neben ihr auf den Boden. Eine weitere Hitzewelle zischte 
über ihren Kopf hinweg und traf Coles Gefängnis. Hätte er sich 
nicht augenblicklich hingeworfen, wäre er verbrannt. 

»Also gut, das reicht!«, sagte Phoebe und ging mit 

zusammengekniffenen Augen auf Micah los. »Wenn du dich mit 
meinem Freund anlegst, bekommst du es mit mir zu tun.« 

Phoebe sprang ab, drehte sich in der Luft um die eigene 

Achse und verpasste Micah einen Roundhouse-Kick gegen den 
Unterkiefer. Als sie mit den Füßen wieder auf dem Boden 
aufkam, streckte sie ihm eine Faust in die Eingeweide und trieb 
ihn mit Rückhandschlägen zurück in die Büsche. Micah rang 
mit ihr, um sich wieder aufzurappeln, aber Phoebe ließ nicht 
nach. Solange sie ihm nahe genug war, um ihn zu schlagen, 
konnte er sie nicht mit seinen höllischen Blitzen treffen. 

»Paige wird dich niemals lieben!«, rief sie wütend und 

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blockte seinen Arm ab, als er ihr einen Aufwärtshaken 
verpassen wollte. 

Die Faust kam auf sie zu, und sie verspürte einen 

Adrenalinstoß, aber dann bekam sie aus heiterem Himmel keine 
Luft mehr. Mit eisernem Griff hatte Micah sie am Hals gepackt 
und hob sie hoch. Phoebe strampelte mit den Beinen und rang 
nach Atem. 

»Da habe ich aber ganz aktuelle Informationen für dich, 

kleines Mädchen«, sagte Micah und sah sie durchdringend an. 
»Das tut sie nämlich schon.« 

»Phoebe!«, rief Cole, als Micah sie zur Seite schleuderte. Sie 

landete mit einem markerschütternden Aufprall auf dem Boden 
und hustete schmerzerfüllt, als sie die Nachtluft in ihre Lungen 
saugte. 

»Du langweilst mich«, sagte Micah und lachte kurz auf. »Ich 

würde dich ja gleich erledigen, aber ich brauche nur einen Kuss 
von deiner Schwester, und dann habe ich die Macht, dir auf eine 
Art und Weise wehzutun, wie du es dir gar nicht vorstellen 
kannst.« 

Phoebe gelang es, sich auf die Ellbogen aufzustützen, als 

Micah sein Jackett glatt strich und davonging. Ihr Herz, ihr Kopf 
und ihre Seele hämmerten vor Angst, und nur mit Mühe fand sie 
unter Husten und Keuchen ihre Stimme wieder. 

»Piper!«, krächzte sie. »Piper! Er kommt!« 
 
Piper, die Paige zur Seite genommen hatte, unterbrach ihre 

Überzeugungsversuche, als Phoebes geschwächte Stimme an ihr 
Ohr drang. Voller Panik blickte sie über die Schulter, und es lief 
ihr kalt über den Rücken. Cole saß in der Falle, Phoebe war am 
Boden, und Micah kam nun in ihre Richtung. Rasch drehte sich 
Piper wieder zu ihrer Schwester um und packte sie am Arm - 
aber das Mädchen, das ihr entgegenblickte, hatte herzlich wenig 
mit ihrer Schwester gemein. Paige befand sich in einer Art 

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Trancezustand. Ihre Augen starrten ins Leere, ein entrücktes, 
wehmütiges Lächeln spielte um ihre Mundwinkel, und ihr 
Körper war fast erschlafft. 

»Paige, bitte!«, drängte Piperund schüttelte ihre Schwester 

verzweifelt, als Micah immer näher kam. »Bitte! Erinnere dich 
daran, wer du bist! Du bist eine von den Zauberhaften. Das Böse 
zu bekämpfen ist deine Aufgabe, und ich schwöre dir, Micah ist 
böse!« 

»Ich liebe ihn, Piper«, sagte Paige verträumt und sah über 

Pipers Schulter hinweg zu dem Dämon in Traumprinz-
Verkleidung. »Gegen wahre Liebe ist man machtlos.« 

Piper hörte, wie Micah hinter ihr stehen blieb. »Gibst du nun 

auf, Hexe?«, fragte er mit rauer Stimme. 

»Noch nicht«, antwortete Piper, biss die Zähne zusammen, 

drehte sich zu Micah um, und schirmte Paige vor ihm ab. 

»Ich muss deine Entschlossenheit wirklich bewundern«, sagte 

Micah und zupfte nonchalant an seinem Kragen. Dann sah er sie 
an und zog die Augenbrauen hoch. »Ach was, ich habe es mir 
gerade anders überlegt!« 

Bevor Piper sich rühren konnte, hatte Micah auch schon eine 

Hand ausgestreckt und sie zu Boden gestoßen. Sie landete 
bäuchlings mit dem Gesicht im Dreck, den sie auf ihren Lippen 
schmeckte. Micah machte einen Schritt über sie hinweg und zog 
Paige an sich. Piper rollte sich auf den Rücken und legte mit 
zusammengekniffenen Augen all ihren Hass auf Micah und die 
ganze Wut, die sie in den vergangenen Tagen gespürt hatte, in 
ihren Angriff. Sie streckte die Hände aus, um ihn dahin 
zurückzuschicken, wo er hingehörte. 

Nichts geschah. 
»Guter Versuch!«, spottete Micah, der Paige unverwandt 

ansah. Er legte ihr die Hand in den Nacken und beugte sich über 
sie. Paige sah ihm verklärt in die Augen. 

-160- 

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»Verdammt!«, rief Piper. Erneut streckte sie ihre Hände aus 

und ließ Micah erstarren - einen Sekundenbruchteil, bevor sich 
die beiden küssen konnten. 

»Hörst du wohl damit auf!«, zischte Paige ihr zu und 

verdrehte die Augen, als sei Piper die reinste Nervensäge. 

»Phoebe! Schwing deinen Hintern hierher!«, rief Piper und 

rappelte sich auf. 

»Bin schon da«, sagte Phoebe und kam zu Piper herüber. Sie 

war ein wenig schmutzig und leicht außer Atem, sah aber 
ansonsten gar nicht so ramponiert aus. 

»Ich weiß einfach nicht, wie ich sie aus ihrem Zustand 

rausholen soll«, klagte Piper und zeigte müde auf Paige. Ihre 
kleine Schwester schmiegte sich an Micahs reglose Brust, den 
Kopf verträumt zu Seite geneigt, und sah ihm ins Gesicht. »Sie 
ist im Augenblick ein richtiger Liebeszombie.« 

»Lass mich es versuchen!«, sagte Phoebe. Sie ging zu Paige 

und versuchte, sie von Micah wegzuziehen, aber Paige wehrte 
sich. 

»Warum tut ihr uns das an?«, schrie sie und versuchte 

vergeblich, ihr Handgelenk aus Phoebes fester Umklammerung 
zu befreien. »Phoebe! Lass mich los!« 

Paige zog so fest an ihrem Arm, dass Phoebe loslassen 

musste. Piper sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. 
Paige hielt sich das schmerzende Handgelenk und schien in sich 
selbst zusammenzusinken. 

»Ich verstehe nicht, warum ihr nicht wollt, dass ich glücklich 

bin«, beklagte sich Paige. »Euch liegt gar nichts mehr an mir. 
Ich darf nie das tun, was ich gern möchte, und ihr gebt mir nicht, 
was ich gern hätte. Aber macht euch keine Gedanken, denn ich 
werde euch nicht länger zur Last fallen. Ich bleibe hier bei 
Micah.« 

Piper hatte das Gefühl, einen Dolch in die Brust gerammt zu 

-161- 

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bekommen. Obwohl ihr bewusst war, dass Paige nur wegen 
Micahs Bann derart redete, fand sie es ganz furchtbar, ihre 
Schwester so gekränkt zu sehen. Noch schrecklicher war 
allerdings Paiges irrige Annahme, Piper und Phoebe seien 
Schuld an ihrer Misere. »Paige, das meinst du doch nicht 
ernst!«, rief Piper. »Du weißt doch, wie viel du uns bedeutest!« 

»Das war schon immer so und wird auch immer so sein«, 

beteuerte Phoebe ernst. 

»Ihr braucht mich nicht länger zu belügen«, sagte Paige, und 

ein trauriges Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Sie sah 
Micah verliebt an. »Micah ist ein großartiger Mann. Er wird sich 
ab jetzt um mich kümmern.« 

Als Paige zurück zu dem vermeintlichen Mann ihres Lebens 

ging, verdrängte Piper ihren Kummer erst einmal, um sich auf 
die anstehende Aufgabe zu konzentrieren. »Das ist wirklich 
nicht zu fassen«, sagte sie leise zu Phoebe. »Wie sollen wir sie 
nur dazu bringen, ihn so zu sehen, wie er wirklich ist?« 

Plötzlich leuchtete Phoebes Gesicht auf, und sie fiel Piper 

stürmisch um den Hals und umarmte sie ganz fest. »Piper! Das 
ist es!«, rief sie und ließ ihre Schwester wieder los. »Wir müssen 
einfach eine Enthüllungsformel sprechen!« 

Piper sah sie erstaunt an und spürte, wie neue Hoffnung in ihr 

aufkeimte. »Glaubst du, das funktioniert?« 

»Wenn das nicht funktioniert, dann funktioniert auch nichts 

anderes! Du erinnerst dich doch noch daran, wie schrecklich 
diese Kreatur im Buch der Schatten aussah«, sagte Phoebe und 
warf einen beunruhigten Blick auf Micah. »Wenn noch ein 
bisschen von der echten Paige übrig ist, wird sie wach, wenn sie 
den echten Vandalus sieht.« 

»Okay, dann versuchen wir es«, sagte Piper. »Wenn ich ihn 

gleich aus seiner Erstarrung erlöse, müssen wir die Formel so 
schnell wie möglich aufsagen - bevor er sie küssen kann.« 

»Moment! Holen wir sie zuerst von ihm weg«, warf 

-162- 

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Phoebe ein und ging zu Paige. »Dann haben wir ein bisschen 

mehr Zeit.« 

Wieder packte sie Paige am Arm und zog sie von Micah weg, 

der wie eine Statue dastand. 

»Phoebe! Mein Gott! Was macht ihr nur?«, schrie Paige und 

wehrte sich mit Händen und Füßen. 

Phoebe verdrehte die Augen und hielt ihre Schwester ganz 

fest. »Okay«, sagte sie zu Piper, »los jetzt!« 

Mit angehaltenem Atem hob Piper die Hände und befreite 

Micah, dann fassten sie und Phoebe sich an der Hand. Micah sah 
sich verwirrt um, weil Paige nicht mehr in seinen Armen lag, 
und ging auf die Schwestern los. »Jetzt habe ich genug von 
euren Spielchen!«, sagte er und marschierte mit entschlossener 
Miene auf Paige zu. 

»Jetzt!«, rief Piper und begann, gemeinsam mit Phoebe die 

Enthüllungsformel aufzusagen: 

 
»Spiegel des Lebens, Spiegel der Wahrheit, 
zeigst uns die Welt in aller Klarheit! 
Nichts bleibt verborgen in deiner Scheibe, 
enthülle uns die Wahrheit in diesem Leibe!« 
 
Paige hatte das Gefühl, ihr Herz springe in ihrer Brust Seil, als 

Micah sich ihr näherte. Aus seinen magischen tiefblauen Augen 
sprach grenzenlose Liebe. Ihre Haut kribbelte, als er sie 
berührte; ihr schwirrte der Kopf, als er sie an sich zog. Ergeben 
legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie 
sehnte sich nach seinem Kuss. Es schien eine Ewigkeit her zu 
sein, seit sie den letzten bekommen hatte. 

Da stöhnte Micah plötzlich laut auf, und Paige öffnete 

erschreckt die Augen. Er schien große Schmerzen zu haben. Sie 
musste ihm helfen. 

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Aber als sie Micah ansah, wich sie entgeistert zurück, denn 

mit ihm geschah etwas Schreckliches. Er griff sich an den Kopf, 
der so heftig zitterte, als explodiere er im nächsten Moment. 
Dann beobachtete Paige, wie seine Haut gewissermaßen 
wegschmolz und ein dämonisches Gesicht freilegte, dessen 
Anblick sie kaum ertragen konnte. Eine Million spitze Zähne 
befanden sich plötzlich da, wo der Mund sein sollte, und seine 
Haut wurde runzlig wie eine Pflaume, die ihre beste Zeit hinter 
sich hatte. Seine Augen waren kohlrabenschwarz. 

Seine schönen blauen Augen! Was war nur mit seinen 

faszinierenden blauen Augen geschehen? 

Plötzlich hatte Paige das Gefühl, aus einem Traum 

wachgerüttelt zu werden. Halt suchend streckte sie die Hand 
aus, um sich irgendwo anzulehnen, und traf auf etwas Weiches. 
Als sie zur Seite sah, erblickte sie Piper, die sie stützte, und dann 
spürte sie, wie Phoebe ihr den Arm um die Schulter legte, um 
ihr Halt zu geben. 

»Alles in Ordnung?«, fragte Phoebe mit hoffnungsvoller 

Stimme. 

»Glaube schon«, entgegnete Paige. In ihrem Kopf tobten 

zahllose verschwommene, konfuse, irritierende Gedanken, und 
ihr Herz hämmerte, als habe sie gerade einen Zehn-Kilometer-
Lauf hinter sich gebracht. Aber eines war klar: Da, wo vorher 
Micah gewesen war, stand nun ein abscheulicher Dämon, und er 
sah alles andere als freundlich aus. »Was ist das denn?«, fragte 
Paige und verzog vor Ekel das Gesicht. 

»Sie ist zurück, meine Damen und Herren!«, rief Piper 

triumphierend. 

»Ähm... Zeit für die Formel«, mahnte Phoebe und zog den 

zerknitterten Zettel aus der Hosentasche. 

Da stürzte dieses Micah-Wesen auch schon auf Paige und ihre 

Schwestern zu. Obwohl Paige noch immer verwirrt war und ihr 
der rechte Durchblick fehlte, wusste sie eines jedoch ganz 

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bestimmt: Der Dämon sollte sie und ihre Schwestern nicht in 
seine Klauen bekommen. Und so sagte sie, ohne lange 
nachzudenken, die Formel mit ihnen auf, die Phoebe sich 
ausgedacht hatte. 

 
»Wir brechen den Bann mit der Macht der Drei, 
fort mit der Maske, das Spiel ist vorbei! 
Denn unsere Worte bezwingen Vandalus den Bösen 
und werden uns von dem Monster erlösen!« 
 
Paige klammerte sich an ihre Schwestern, als Vandalus' Kopf 

plötzlich nach hinten schlug, und er seine Arme in die Luft warf. 
Blendende rote Lichtstrahlen schossen aus seinen Handgelenken 
in den Nachthimmel, und er stieß gespenstische 
Schmerzensschreie aus. Die Strahlen wurden langsam immer 
breiter, bis sie sich überschnitten und das Monster ganz 
umhüllten, und im nächsten Augenblick waren sie plötzlich 
verschwunden, und Vandalus gleich mit ihnen. 

»Ich muss mich erst mal setzen«, sagte Paige, denn sie 

merkte, wie ihre Beine nachgaben. 

Piper und Phoebe führten sie zu einer Bank, und als sie sich 

hinsetzte, brach die Erinnerung an die Ereignisse der 
vergangenen Tage über sie herein. Eine wahre Bilderflut tobte in 
ihrem Kopf. Ihre erste Nacht in dem Garten, der erste hungrige, 
verängstigte Tag. Aber die Erinnerung an das unmittelbar 
Zurückliegende war am schlimmsten. Paige sah auf ihr 
Samtkleid herab, das sie erst vor kurzem so beglückt angezogen 
hatte. Warum war sie so glücklich gewesen? Was hatte sie sich 
dabei gedacht, diesen Schmuck anzulegen? »Oh mein Gott«, 
sagte Paige. »Er wollte die Kinder missbrauchen... alle Kinder 
aus seinen Waisenhäusern und Heimen. Er sagte, er würde mit 
ihnen seine Armee aufbauen.« 

-165- 

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Piper wurde blass und sah Phoebe an. »Wir hatten Recht. Er 

hat ihnen wahrscheinlich die ganze Zeit über eine Gehirnwäsche 
verpasst, damit sie ihm folgen, wenn er schließlich wieder in 
Dämonengestalt frei herumläuft.« 

»Gehirnwäsche?«, wiederholte Paige und sah ihre Schwestern 

fragend an. 

»Das hat er auch mit dir gemacht«, erklärte Phoebe ihr. »Er 

hatte dich mit einer Art Bann belegt.« 

Langsam sah sich Paige im Garten um. Überall flackerten 

Kerzen, und die Blumen waren schöner denn je. Sie hatte am 
Morgen mit Micah einen wunderbaren Spaziergang gemacht 
und sie war so... zufrieden gewesen. Und nun war alles nur eine 
Lüge. Ein Bann. Oder etwa nicht? Micahs Zuneigung war ihr so 
echt vorgekommen. 

Plötzlich materialisierte sich Leo vor ihr, und Cole tauchte 

hinter Phoebe auf. Sie alle in Micahs Garten zu sehen verwirrte 
Paige, denn bis vor kurzem hatte dieser Ort nur ihr und Micah 
gehört. Aber nun war Micah verschwunden. Micah war böse. 

»Das Kraftfeld ist zusammengebrochen«, verkündete Leo, 

hockte sich vor Paige hin und sah ihr ins Gesicht. »Ist alles in 
Ordnung mit dir? Geht es euch allen gut?«, fragte er und sah 
sich nach den anderen um. 

»Uns geht's gut, nicht wahr, Paige?«, meinte Piper und strich 

Paige zärtlich über die Wange. 

»Ich weiß nicht«, sagte Paige, und plötzlich stiegen ihr die 

Tränen in die Augen. »Ich weiß doch gar nicht, was passiert ist 
oder wo ich überhaupt war...« Sie sah ihre Schwestern 
bekümmert an. »War dieser Dämon wirklich Micah?«, fragte 
sie, und eine Träne lief ihr über die Wange. »Haben wir ihn 
gerade umgebracht?« 

Piper und Phoebe wechselten einen bedeutungsvollen Blick, 

bevor Phoebe antwortete. »Das haben wir, Süße«, sagte sie. 
»Aber Micah hat nie wirklich existiert. Es war nur eine Maske, 

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hinter der sich Vandalus versteckt hat.« 

»Oh«, machte Paige und sah auf ihre Hände. Das verstand sie. 

Wirklich, das tat sie. Aber wenn sie doch wusste, dass Micah 
böse war, warum war sie dann so bestürzt? Gehörte das noch zu 
dem Bann, mit dem er sie belegt hatte? 

Würde sie jemals wieder Schein und Sein auseinander halten 

können? 

Erschöpft und verwirrt beugte sie sich vor und fing an zu 

weinen. Sie spürte es kaum, als Leo die Arme um sie legte und 
mit ihr aus dem Garten direkt in ihr Zimmer orbte. 

»Versuch, ein bisschen zu schlafen«, sagte er, als er sie in ihre 

weichen Kissen bettete. »Alles wird gut.« 

Paige drehte sich auf die Seite und zog sich die kuschelige 

Decke bis ans Kinn. Aber so erleichtert sie auch darüber war, 
wieder in ihrem eigenen Bett zu sein, fiel es ihr schwer, Leos 
Worten Glauben zu schenken. Ihre Hoffnung auf eine neue 
Liebe hatte sich zerschlagen, und sie hatte das Gefühl, für sie 
würde nie wieder die Sonne scheinen. 

-167- 

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15 

ALS Piper am nächsten morgen die Augen aufschlug, war 

Leo schon hellwach. Offenbar hatte er sie beobachtet, denn er 
lächelte, als sie ihn ansah. Piper drehte sich zu ihm auf die Seite, 
versuchte, das angenehme Gefühl der Benommenheit von der 
kleinen Portion Schlaf noch ein wenig festzuhalten, die ihr 
vergönnt gewesen war. 

»Wie lange beobachtest du mich schon?«, fragte sie, winkelte 

einen Arm an und bettete ihren Kopf auf den Bizeps. 

»Seit du eingeschlafen bist«, antwortete Leo wahrheitsgetreu. 
»Und wann war das?«, fragte Piper und runzelte die Stirn. 
»Vor ungefähr einer Stunde«, entgegnete er. »Nach den 

Ereignissen des gestrigen Tages ist an ruhigen Schlaf wohl nicht 
zu denken.« 

Piper drehte den Kopf und sah zur Decke auf, die schwach 

von der Frühmorgensonne erleuchtet wurde. Sie hatte in der 
Nacht stundenlang wach gelegen und noch einmal über alles 
nachgedacht, was in den vergangenen Tagen gesagt und getan 
worden war. Es waren zwar zahllose schreckliche Dinge 
geschehen, aber eines bereitete ihr besonders viel 
Kopfzerbrechen: Paige hatte behauptet, ihre Schwestern 
kümmerten sich nicht um sie. Diesen Vorwurf hatte sie mehr als 
einmal geäußert. Und nicht jedes Mal war sie völlig berauscht 
von Micah gewesen. 

»Ich muss nach ihr sehen«, sagte Piper, schlug ihre Decke 

zurück und schwang die Beine aus dem Bett. 

Sie schlüpfte mit den Füßen in die Pantoffeln und tappte, 

dicht gefolgt von ihrem Ehemann, in den Flur. Erstaunt blieb sie 
stehen - Phoebe und Cole drückten sich bereits vor Paiges Tür 
herum. 

-168- 

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»Ich glaube, sie ist noch nicht wach«, flüsterte Phoebe Piper 

und Leo zu, als sie näher kamen. Sie legte ein Ohr an die Tür 
und sah Piper kopfschüttelnd an. »Nichts zu hören.« 

Piper seufzte und betrachtete die geschlossene Tür. Hätte sie 

nur die Fähigkeit, durch Wände sehen zu können! Ob Paige 
auch die ganze Nacht wach gelegen hatte? Saß sie vielleicht in 
diesem Moment auf ihrem Bett und verfluchte ihre Schwestern, 
weil sie bei der Vernichtung des Kerls hatte mithelfen müssen, 
den sie liebte? 

»Glaubst du, sie hat es ernst gemeint?«, fragte Piper und sah 

Phoebe kurz an. 

»Dass wir uns nicht um sie kümmern?«, fragte Phoebe zurück 

und legte die Stirn in Falten. »Dass wir ihre Wünsche nicht 
respektieren und ihr Vorschriften machen...?« 

»Ja. Dann hast du also auch darüber nachgedacht, hm?«, 

meinte Piper und fühlte sich schon etwas besser, weil sie 
offenbar nicht die Einzige war, die von diesen Gedanken gequält 
wurde. 

»So was dürft ihr euch aber nicht antun!«, sagte Leo, schlang 

seine Arme von hinten um Piper und legte sein Kinn auf ihre 
Schulter. »Natürlich liebt euch Paige, das wisst ihr. Und sie 
weiß, dass ihr sie liebt.« 

»Sie stand in Vandalus' Bann«, fügte Cole hinzu. »Er hat ihr 

das alles eingeredet. Sie wusste nicht, was sie sagt.« 

Piper sah Phoebe in die Augen und erkannte in ihnen die 

Wahrheit. Sie dachten beide dasselbe: Paige hatte sich schon 
beschwert, bevor sie Micah überhaupt kannte. Ihr war das 
ständige Gemecker über ihren Zuckerbedarf ziemlich auf die 
Nerven gegangen; sie konnte nicht begreifen, warum sie das 
Auto nicht fahren durfte, und dann war da noch die 
Picknickgeschichte und das Fiasko mit der Zeitung. Alles 
eigentlich Kleinigkeiten, aber in der Summe recht eindeutig. 
Wenn man zudem noch berücksichtigte, dass Paige erst vor 

-169- 

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kurzem in das Leben der Halliwells getreten war, konnte man 
verstehen, warum ihre kleine Schwester mehr als verunsichert 
war, was ihren Platz in der Familie betraf. 

»Ich habe eine Idee«, sagte Phoebe unvermittelt. 
Auf ihrem Gesicht erschien ein verschmitztes Grinsen, und 

Piper wurde sofort hellhörig. Wenn Phoebe so grinste, hatte sie 
meist eine richtig gute Idee auf Lager. 

»Erzähl!«, forderte Piper. Sie hakte sich bei Phoebe unter und 

entfernte sich mit ihr von den beiden Männern, die ihnen 
kopfschüttelnd hinterhersahen. 

 
Paige bürstete sich geistesabwesend das Haar. Sie stand zwar 

vor dem Spiegel, aber ihr Blick ging durch ihr Spiegelbild 
hindurch ins Nichts. Ihr Körper fühlte sich an, als sei sie von 
einem Weltklasse-Boxer verprügelt worden, und ihrem Gehirn 
ging es nicht viel besser. Obwohl sie an diesem Morgen die 
Dinge schon viel klarer sah, machten ihr die vergangenen 
Ereignisse doch noch sehr zu schaffen. 

Vor wenigen Tagen noch war sie absolut glücklich gewesen, 

denn sie hatte geglaubt, endlich einen tollen Typen gefunden zu 
haben. Und der war ihr nun auf höchst schreckliche Art und 
Weise unwiederbringlich entrissen worden. 

Sie stieß einen Seufzer aus und legte die Bürste auf die 

Frisierkommode. Als sie sich zur Tür umdrehte, fiel ihr das 
schwarze Samtkleid ins Auge, in dem sie aufgewacht war. Es 
lag zerknittert und ramponiert auf ihrem Schaukelstuhl - das 
letzte Überbleibsel ihres Märchenlebens. 

Paige musste über sich selbst den Kopf schütteln. Sie streckte 

die Hand aus und sagte: »Kleid!« - und schon orbte das Kleid in 
ihre Hand. Fest zusammengeknüllt stopfte sie es in ihren 
Mülleimer. »So viel zu der Frage, ob Träume wahr werden 
können!«, sagte sie missmutig. Dann nahm sie den kleinen 
Mülleimer auf den Arm, verließ ihr Zimmer und ging die Treppe 

-170- 

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hinunter. 

Als sie im Erdgeschoss ankam, wollte sie zur Haustür gehen, 

um das Kleid im Müllcontainer zu versenken, aber als sie die 
Hand auf den Türknauf legte, blieb sie wie angewurzelt stehen. 

Dieser Duft... Was war das nur? 
Mit dem Mülleimer auf dem Arm machte Paige kehrt und 

ging in die Küche, wo sie das Klappern von Töpfen und Pfannen 
gehört hatte. Piper trug gerade Pfannkuchen mit 
Schokostückchen, Rührei und Muffins auf den Tisch, während 
Phoebe einen Stapel Zeitungen zurechtlegte. Keine von beiden 
hatte Paige bemerkt. 

»Was macht ihr denn da?«, fragte Paige und setzte langsam 

den Mülleimer auf dem Boden ab. 

Ihre Schwestern sahen ruckartig auf und riefen wie aus einem 

Munde: »Überraschung!« Unwillkürlich musste Paige grinsen. 
Höchst verwunderlich eigentlich, denn vor wenigen Minuten 
hatte sie noch geglaubt, nie wieder lachen zu können. »Ist das 
alles für mich?«, fragte sie und trat an den Tisch, um sich den 
Festschmaus anzusehen. 

Da standen Platten und Körbe mit ihrem Lieblingsfrühstück, 

aber es kam noch besser: Die Gesellschaftsteile von vier 
Zeitungen lagen bereits neben ihrem Teller. Phoebe stützte sich 
von hinten auf die Lehne eines Stuhls und beobachtete Paiges 
Reaktion. 

»Das war doch nicht nötig!«, sagte Paige, bekam aber vor 

Freude rote Wangen. 

»Wissen wir«, entgegnete Piper und stellte sich neben 

Phoebe. »Aber wir möchten uns dafür entschuldigen, dass wir in 
der letzten Zeit so schusselig waren.« 

»Das Problem ist nur, wir sind immer schusselig«, bemerkte 

Phoebe kichernd. »Du musst einfach versuchen, es nicht 
persönlich zu nehmen, denn wenn wir mal was vergessen, 

-171- 

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bedeutet das noch lange nicht, dass du uns egal bist.« 

»Aber wir werden uns ab jetzt bemühen, weniger nachlässig 

zu sein«, ergänzte Piper. 

»Und wir wollten dir das hier schenken«, erklärte Phoebe. Sie 

holte von der Arbeitsfläche neben der Spüle eine kleine rote 
Schachtel, die sie Paige mit einer feierlichen Geste überreichte. 

»Was ist das?«, fragte Paige staunend. 
»Das wirst du erfahren, wenn du es aufmachst«, sagte Piper 

und verschränkte die Arme vor ihrer marineblauen Strickjacke. 

Paige lüftete neugierig den Deckel der kleinen Schachtel, in 

der sie irgendein Schmuckstück vermutete. Aber als sie ihr 
Geschenk erblickte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Rasch 
angelte sie sich mit dem Finger einen Ring heraus. Es war der 
hübscheste, den sie je gesehen hatte! 

Es war ein Schlüsselring. Mit einem echten Schlüssel daran! 
»Ist es das, was ich vermute?«, fragte Paige und zog die 

Augenbrauen hoch. 

»Der Schlüssel für das Auto«, bestätigte Piper nickend. »Sei 

einfach... vorsichtig.« 

»Piper!«, protestierte Phoebe. 
»Sorry!«, sagte Piper lachend. »Wir hätten ihn dir schon 

längst geben sollen«, erklärte sie Paige. 

»Danke, vielen Dank!«, sagte Paige gerührt. 
Als Piper ihre Arme um sie schlang, erwiderte Paige die 

Umarmung und schloss die Augen. Dann kam auch Phoebe dazu 
und legte ihre Arme um beide Schwestern. 

»Wir sind so froh, dich wieder hier zu haben«, sagte Phoebe. 
»Und ich bin froh, wieder hier zu sein«, entgegnete Paige 

ehrlich. 

Als sie sich schließlich voneinander lösten, trat Paige einen 

Schritt zurück und lehnte sich gegen die Kücheninsel. Sie sah 

-172- 

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auf ihren Schlüssel herab und drehte den Ring immer wieder um 
ihren Finger. »Ihr sollt wissen, wie Leid es mir tut«, sagte sie 
zögernd und ohne aufzusehen. 

»Es tut mir Leid, dass ich mich gefangen nehmen ließ, und es 

tut mir Leid, dass ich mich gestern so idiotisch benommen 
habe.« 

»Ist schon okay«, antwortete Piper und streichelte ihr tröstend 

den Arm. »Du warst ja nicht ganz bei dir.« 

»Ja, aber ich hätte vorher auf euch hören müssen. Dafür gibt 

es keine Entschuldigung«, sagte Paige, riss endlich den Blick 
von dem Schlüssel los und sah ihre Schwestern bekümmert an. 
Sie kam sich so blöd vor, so naiv. Wie sollten die beiden sie je 
wieder respektieren, nachdem sie sich so unvernünftig verhalten 
hatte? 

»Aber ihr sollt wissen, ich habe aus der ganzen Sache so 

manches gelernt«, erklärte sie ernst. Sie holte tief Luft. »Erstens 
werde ich von nun an immer auf eure Warnungen hören. 
Vielleicht werde ich sie nicht immer befolgen, denn ich habe 
meinen eigenen Kopf, aber ich werde sie definitiv einen Tick 
länger überdenken als null Sekunden.« 

Phoebe und Piper mussten lachen, und Paige konnte sich ein 

Grinsen nicht verkneifen. 

»Zweitens werde ich mich nicht mehr kopfüber in eine 

Beziehung stürzen, nur weil ich unbedingt eine haben will«, fuhr 
sie fort, und sie bekam einen Kloß im Hals, als sie an Micah 
dachte, wie er vor seiner dämonischen Verwandlung ausgesehen 
hatte. »Von nun an bin ich die Vorsicht in Person.« 

»Ich dachte, das ist dein Job«, bemerkte Phoebe neckend zu 

Piper. 

»Sie darf sich den Titel ruhig eine Weile ausleihen«, gab 

Piper zurück. 

Paige kam zum Tisch und zog einen Stuhl vor, um sich der 

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anstehenden kulinarischen Herausforderung zu widmen. 

»Was ist eigentlich Punkt drei?«, fragte Phoebe und ließ sich 

links von Paige auf den Stuhl plumpsen. 

»Hm?«, machte Paige. 
»Nummer drei! Du sagtest, du hast so manches gelernt und 

das müssten doch mehr als zwei Dinge sein. Wie lautet also 
Nummer drei?«, hakte Phoebe nach. 

»Oh.« Paige wurde knallrot und ließ sich auf ihren Stuhl 

sinken. »Nummer drei ist: Ich möchte definitiv keinen 
dämonisch veranlagten Freund haben - nichts für ungut, 
Phoebe.« 

Phoebe sah sie nur eine Sekunde lang an, und Paige 

befürchtete schon, von ihrer Schwester eine verpasst zu 
bekommen, aber da brach Phoebe in lautes Lachen aus. »Keine 
Ursache«, sagte sie und nahm sich einen Muffin aus dem Korb, 
der mitten auf dem Tisch stand. 

»Dann wollen wir erst mal frühstücken!«, rief Piper und kam 

mit dem Orangensaftkrug an den Tisch. 

Paige nahm sich zufrieden lächelnd einen Pfannkuchen von 

dem großen Stapel. Ihre Schwestern fingen an, über die 
interessanten Künstler zu sprechen, die in der nächsten Zeit im 
P3  auftreten sollten. Sie wusste, sie würde für sehr, sehr lange 
Zeit nicht in der Lage sein, sich mit jemandem zu verabreden. 
Aber sie wusste auch, dass sie irgendwann doch der Liebe ihres 
Lebens begegnen würde. 

Und bis es so weit war, konnte sie sich auf die Liebe von zwei 

zauberhaften Schwestern verlassen. 


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