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Diana G. Gallagher 

Charmed - Zauberhafte 

Schwestern 

Ein 

verhängnisvoller 

Wunsch 

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corrected by Vlad 

Prue fotografiert einen wohlhabenden Geschäftsmann namens Stephen 
Tremaine, der sich um ein öffentliches Amt bewirbt. Plötzlich fällt ihr Blick 
auf eine antike Statue aus Südamerika... Als sie am nächsten Morgen mit 
Phoebe und Piper die Nachrichten hört, erfahren die Schwestern, dass sich 
eine ganze Reihe tragischer Vorfälle ereignet hat. Phoebe ist bestürzt und 
wünscht sich, mehr Katastrophen vorhersehen zu können. Doch schon bald 
hat sie mehr Visionen, als sie verarbeiten kann. Und allmählich zweifeln die 
Halliwells, ob es ihnen überhaupt gelingen kann, das drohende Unheil 
abzuwenden. Eine besonders schreckliche Vision schickt die Schwestern zu 
einem Volksfest, auf dem sich Stephen Tremaine seinem Konkurrenten 
stellen wird. 
Dort kommt es zum großen Showdown, denn nun liegt es ganz allein an 
ihnen, eine Tragödie zu verhindern und ganz San Francisco zu retten...

 

 

 

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ISBN 3-8025-2862-X 

Originalausgabe: Beware what you wish 

Aus dem Amerikanischen von Frauke Meier 

2001 Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH 

Umschlaggestaltung: Sens, Köln 

Titelfoto: © Twentieth Century Fox Film Corporation 2001 

entstand auf der Basis der gleichnamigen Fernsehserie von Spelling Television 

ausgestrahlt bei ProSieben. 

 

 

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! 

 

 

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DIE 

STARREN

,

 DUNKLEN AUGEN 

der Maske, die auf sie 

herabblickten, drohten, Prue aus der Fassung zu bringen. Damit 
hatte sie nicht gerechnet, als Stephen Tremaines Haushälterin 
sie durch ein schweres Holzportal in das von Wandleuchtern 
erhellte Foyer führte. 

Plötzlich kam ihr wieder in den Sinn, was ihre Schwester 

Piper beim Frühstück gesagt hatte: »Sei vorsichtig, Prue. Ich 
habe gehört, der Typ ist unglaublich zäh und außerdem 
unglaublich eingebildet.« 

»Eingebildet schon, aber nicht ohne Grund«, hatte ihre 

jüngste Schwester Phoebe ergänzt. »Den Klatschkolumnisten 
zufolge ist Mr. Tremaine der mit Abstand begehrteste 
Junggeselle der ganzen Stadt.« 

»Das könnte daran liegen, dass er auch zu den reichsten 

Junggesellen des ganzen Staates zählt.« Mit diesen Worten hatte 
Piper Prue mitfühlend auf die Schulter geklopft. »Das Stichwort 
lautet: eingebildet. Du wirst verdammt genau darauf achten 
müssen, ihn ins rechte Licht zu rücken.« 

Nun krampfte sich Prues Hand um den Kameragurt, während 

sie das Spiel des künstlichen Lichts auf der archaischen Maske 
betrachtete. Die Haut der Maske war braun und pergamenten. 
Weiße Ringe umrahmten die toten Augen, die sie, gänzlich 
unbeeinflusst vom Lauf der Zeit, herausfordernd anstarrten. 

Voller Unbehagen dachte Prue, dass die Maske 

wahrscheinlich eine Art Sinnbild für Stephen Tremaines 
herausragende Stellung darstellte. 

»Das Licht sollte perfekt  sein«, hatte Phoebe ihr an diesem 

Morgen außerdem geraten. »Tremaine hat im Geschäftsleben 
den Ruf eines Hais.« 

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Prue hatte die Warnungen ihrer Schwestern nicht auf die 

leichte Schulter genommen. Immerhin hieß es gerüchtweise 
über den reichen Unternehmer, sein Ego wäre ebenso 
aufgeblasen wie seine Notierung an der Wall Street überschätzt. 
Sollte Tremaine ihre Arbeit nicht als schmeichelhaft einstufen 
und sich beim Herausgeber des 415-Magazins beschweren, so 
würde das für ihren ohnehin schon kümmerlichen Kontostand 
wenig erfreuliche Konsequenzen haben. 

»Beunruhigt Sie der Anblick der Maske?«, hörte sie einen 

Mann fragen. 

»Nicht besonders, nein.« Prue sah sich um. Stephen Tremaine 

hatte das Foyer betreten. 

Dreiundvierzig Jahre alt, das graumelierte Haar kurz 

geschnitten, was seine scharfen Gesichtszüge zusätzlich betonte, 
strahlte Tremaine eine noch zwingendere Überlegenheit aus, als 
Prue erwartet hatte. Die lässige graue Freizeithose und die blaue 
Sportjacke über dem weißen Rollkragenpullover milderten seine 
Strenge, schmälerten jedoch nicht seine Selbstsicherheit. 
Außerdem war Tremaine, wie Phoebe bereits am Morgen gesagt 
hatte, recht attraktiv - vorausgesetzt jemand stand auf die 
geistreiche Variante eines typischen G.I.'s. 

Nicht zu vergessen, dass Tremaine ehrgeizig war, ermahnte 

sich Prue insgeheim. Vor zwanzig Jahren hatte er in einem 
Einzimmerappartement in Oakland Computerspiele 
programmiert und verkauft. Als sich später sein Unternehmen zu 
einem Industriegiganten entwickelt hatte, dehnte er seinen 
Geschäftsbereich auf Militärsimulationen und 
Anwendersoftware aus und verkaufte im letzten Jahr Tremaine 
Enterprises 
für einige Millionen. 

Nun beabsichtigte Tremaine, für den Kongress zu 

kandidieren. Aus eben diesem Grund hatte sie den Auftrag 
erhalten, ihn zu fotografieren. Zusammen mit einem Interview 
sollte das Bild in 415 erscheinen. 

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»Die Maske erschreckt Sie nicht besonders... Eine 

verblüffende Antwort...« Verwundert war Tremaine stehen 
geblieben, doch nun lächelte er und ging auf Prue zu. »Die 
meisten Damen halten meine Sammlung für abstoßend.« 

»Tatsächlich?« Von Tremaines durchdringendem Blick 

verunsichert, widmete Prue ihre Aufmerksamkeit wieder der 
Maske. 

Auf einem Sockel stehend, beherrschte der Artefakt das 

Foyer. Perlengeschmückte Strähnen fransigen schwarzen Haares 
umrahmten die ovale Maske. Das Gesicht war mit bunten 
Farben verziert, die die Augen von dem aufgerissenen Mund 
trennten, in dem fahle, abgebrochene Zähne schimmerten. 
Menschliche Zähne, vermutete Prue. 

»Westafrikanisch, richtig?«, fragte Prue mit dem 

zurückhaltenden, doch selbstsicheren Lächeln, das Piper als ihr 
Siegerlächeln zu bezeichnen pflegte. 

Tremaine zog verblüfft eine Braue hoch. Offensichtlich war 

keine der Damen aus seinem Bekanntenkreis mit antiken 
Kultgegenständen vertraut. »Ja, es handelt sich eine 
Geistermaske aus dem Kongo.« 

Prue streckte die Hand aus und stellte sich vor. 

»Ich bin entzückt, Ms. Halliwell, mehr als Sie sich vorstellen 

können.« Tremaine umfasste Prues Hand. »Es geschieht nur 
selten, dass ich jemandem begegne, der die alten Künste zu 
schätzen weiß.« 

»Mehr als du je ahnen kannst«, dachte Prue. Sie und ihre 

beiden Schwestern waren die Zauberhaften Hexen, ausgestattet 
mit übernatürlichen Kräften und auf Gedeih und Verderb 
verpflichtet, die Unschuldigen vor dem Bösen zu beschützen. 
Seit sie alle drei wieder in das alte viktorianische Haus gezogen 
waren, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatten, und das Buch 
der Schatten 
entdeckt hatten, waren die Kräfte, aber auch die 

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Bande zwischen den Schwestern stetig gewachsen. 

 

»Noch seltener eine so schöne Frau, die die alten Künste zu 

schätzen weiß...« Tremaine ließ Prues Hand los, hielt jedoch 
ihrem wachsamen Blick stand. Als sie nicht gleich antwortete, 
räusperte er sich und wandte peinlich berührt den Blick ab. 

Prue wusste nicht recht, ob sie sein Werben ernst nehmen 

sollte, oder ob er sie lediglich aus purer Eitelkeit für sich 
gewinnen wollte. In jedem Fall lehnte sie seine allgemein 
bekannten Machenschaften ab. Was zu einem Problem werden 
konnte, sollte er vorhaben, sich mit ihr zu verabreden, 
hinsichtlich ihres Jobs jedoch völlig irrelevant war. Schließlich 
lächelte sie, um den peinlichen Moment zu überspielen, und hob 
ihre Kamera. »Wollen wir?« 

»Lassen Sie mich Ihnen zuerst noch einige andere kostbare 

Stücke zeigen.« Tremaine legte eine Hand auf Prues Rücken 
und schob sie sanft auf den Eingang der Bibliothek zu. 

Prues Entrüstung angesichts seines besitzergreifenden 

Verhaltens verschwand, als sie die prachtvolle Bibliothek betrat. 
Tausende von Büchern, viele davon in Leder gebundene 
Sonderausgaben, füllten an drei Wänden deckenhohe Regale. 
Große Rundbogenfenster und Glastüren in der vierten Wand 
führten hinaus in einen Garten. Eine Vielzahl Masken, 
Wandbehänge, Lederschilde und indianischen Federschmucks 
hing an der mahagoniverkleideten Wand zwischen den 
Bücherregalen. Die Vitrinen füllten kunstvoll geschnitzte 
Totems, Keramiken, Steingut und Werkzeuge sowie Juwelen 
und Heiligenfiguren, die aus Metall, Stein und Holz gefertigt 
waren. Der Anblick verschlug Prue den Atem. 

»Ich sehe, Sie sind beeindruckt«, stellte Tremaine lächelnd 

fest. 

»Ja, das bin ich«, entgegnete Prue wahrheitsgemäß, angetan 

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von der beinahe jungenhaften Freude, mit der Tremaine ihre 
Reaktion beobachtete. Ihr geschulter Blick wanderte durch den 
Raum. Viele der Artefakte ließen sich leicht ihrem jeweiligen 
Kulturkreis zuordnen kunstvolle chinesische Jadeschnitzereien, 
ägyptische Mosaike und aztekische Sonnensteine während 
andere ihre Sachkenntnis schlicht überforderten. Sie beugte sich 
vor, um eine Urne zu studieren, in die ein Bild des Gottes Zeus 
eingraviert war. Insgeheim fragte sie sich, wie ein derart 
kostbares antikes Kunstwerk in Tremaines Privatsammlung 
hatte geraten können, statt in einem öffentlichen Museum 
ausgestellt zu werden. 

»Was schätzen Sie?«, fragte Tremaine. 

»Griechisch. Viertes oder fünftes Jahrhundert vor Christus.« 

Prue richtete sich auf, sorgsam darauf bedacht, sich ihr 
Misstrauen nicht anmerken zu lassen. Als sie in Bucklands 
Auktionshaus gearbeitet hatte, war sie mit jedem wichtigen 
Kunst- und Antiquitätensammler bekannt geworden - nur nicht 
mit Stephen Tremaine. Wie war er wohl an so viele unbezahlbar 
kostbare Objekte gekommen? 

»Fünftes Jahrhundert«, sagte Tremaine. »Die Urne wurde vor 

etwa fünf Jahren bei einer Ausgrabung in der Nähe des antiken 
Delphi gefunden.« 

Prue fragte gar nicht erst, ob Bestechung ausgereicht hatte, 

oder ob er zum Dieb hatte werden müssen, um eine so wertvolle 
antike Urne aus Griechenland herauszuschaffen. Es war höchst 
unwahrscheinlich, dass die griechische Regierung einfach 
zugesehen hatte, wie irgendein Ausländer einen derart 
hervorragend erhaltenen Kunstgegenstand außer Landes brachte. 

»Auf der ganzen Welt existiert kein vergleichbares Stück«, 

sagte Tremaine, während er die Urne in der Vitrine betrachtete. 

Dieses Mal wusste Prue nicht recht, ob Ehrfurcht vor der 

Geschichte der Urne und Respekt für die Hände, die sie einst 
geschaffen hatten, ihren Gesprächspartner so überwältigten, 

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oder ob er lediglich stolz und begeistert war über die Tatsache, 
dass dieses einmalige Stück ihm allein gehörte. Vielleicht, 
dachte sie, war es eine Mischung aus allem. Ein Mann mit 
Tremaines Fähigkeiten konnte kaum so eindimensional sein, wie 
es sein Ruf in der Öffentlichkeit nahe legte. Sie hatte erwartet, 
einen arroganten, herrischen Mann vorzufinden. Stattdessen war 
er freundlich und charmant. Wie es nun um die wahre 
Persönlichkeit Stephen Tremaines bestellt war, vermochte Prue 
beim besten Willen nicht zu sagen. Sie beschloss, kein Risiko 
einzugehen, und wechselte das Thema, ehe sie etwas sagen 
konnte, was sie später bedauern würde. 

»Ich muss die Fotos machen, solange das Licht noch gut ist, 

Mr. Tremaine.« 

Einer der Filter, die sie in ihrer Tasche hatte, würde die harten 

Linien seines Gesichts dämpfen. Davon abgesehen hoffte sie, 
dass die Wunder der modernen Technik im Stande wären, die 
Illusion von jugendlicher Größe zu schaffen, die Mr. Tremaine 
von ihrem Foto erwarten würde. 

»Natürlich.« Tremaine nickte knapp, machte kehrt und ging 

zur anderen Seite des Raumes, wo er sich seufzend an seinen 
Schreibtisch lehnte. »Ich nehme an, Sie wollen die üblichen 
Porträtfotos machen.« 

»Eigentlich hatte ich an eine etwas kreativere Variante 

gedacht«, sagte Prue. Tatsächlich dachte sie auch an ihre 
Zukunft. Sollte es Tremaine tatsächlich schaffen, gewählt zu 
werden, würde es kaum schaden, wenn sie einen 
Kongressabgeordneten zu ihren zufriedenen Kunden zählen 
konnte. »Ein Foto sagt auch etwas über den Menschen aus, der 
sich hinter seinem Ruf in der Öffentlichkeit verbirgt.« 

»Wie zum Beispiel?«, fragte Tremaine. 

Prue ließ ihre Tasche auf das Sofa fallen und redete weiter, 

während sie nach einem passenden Filter suchte. »Zum Beispiel 
ein Brustbild mit einem ihrer wunderbaren Stücke. Suchen Sie 

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sich aus, welches.« 

»Hervorragende Idee«, begeisterte sich Tremaine, zog einen 

Schlüssel aus der Jackentasche und schloss die nächststehende 
Vitrine auf. »Wird es eine Bildunterschrift geben?« 

»Höchstwahrscheinlich.« Prue lächelte ihr Siegerlächeln. 

Diplomatie, geschickt verpackt und angemessen dosiert, war 
eine ziemlich wirkungsvolle Waffe. Ob Tremaine sie mit seinen 
Komplimenten nun hatte zum Narren halten wollen oder nicht, 
jetzt hatte sie die Zügel in der Hand. 

»Was ist das?«, fragte Prue, als Tremaine eine roh behauene 

kleine Statue aus der Vitrine nahm. Die Statuette war oval, 
grobe Linien umrissen lediglich Kopf und Körper. Alles in 
allem eine seltsame Wahl, verglichen mit Tremaines übrigen, 
weit kunstvolleren Schätzen. 

»Meine Gutachter halten die Statuette für einen Geisterstein.« 

Tremaine schloss beide Hände um die kleine Statue, und sein 
Blick ruhte in offener Bewunderung auf ihr. 

»Nur weiter so!« Prue begann, aus verschiedenen 

Blickwinkeln zu fotografieren. 

»Dem Augenschein nach gehörte sie einem geheimnisvollen 

Stamm an, der vor rund dreitausend Jahren im zentralen 
Amazonasgebiet in Südamerika heimisch war«, fuhr Tremaine 
fort. 

Prue fing sein zufriedenes Grinsen mit der Kamera ein und 

knipste weiter. »Faszinierend.« 

»Ja, allerdings.« Tremaines Miene umwölkte sich. »Aber 

meine Kenntnisse und meine Bewunderung für die alten 
Kulturen werden mir nicht helfen können, meinen Gegner bei 
der Wahl zu schlagen.« 

»Vermutlich nicht«, stimmte ihm Prue zu. Noel Jefferson war 

der andere Anwärter für den kürzlich freigewordenen 
Abgeordnetenstuhl in San Francisco. Jefferson war jünger und 

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attraktiver als Tremaine, ein idealistischer Kämpfer für 
Gleichheit und Gerechtigkeit. Trotz Tremaines politischer 
Verbindungen, von seinen finanziellen Mitteln ganz zu 
schweigen, hatte Jefferson bislang die Nase vorn. Mit seinem 
entschlossenen Eintreten für die Gerechtigkeit hatte er sich 
bereits die Halliwell-Stimmen gesichert. Dennoch blieben 
Tremaine noch mehrere Wochen bis zur Abstimmung. Eine 
Frist, die ihm eine gute Chance einräumte, den Vorsprung seines 
Gegenspielers aufzuholen. Denn Tremaine versprach, die 
Amtsgewalt zugunsten von mehr Eigenverantwortung 
einzuschränken. Der flexible, aufstrebende, geschäftstüchtige 
Teil der Wählerschaft liebte den erfolgreichen, gutgestellten 
Pragmatiker von ganzem Herzen. 

Prue hörte nicht auf zu fotografieren, während Tremaines 

Kiefermuskeln sich spannten und seine Finger sich fester um die 
antike Steinfigur legten. 

»Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir 

wünschte, ich müsste nicht gegen Noel Jefferson antreten. Der 
Ruf dieses Mannes ist...« Tremaine schloss die Augen und 
schwankte auf den Füßen, als wäre ihm plötzlich schwindelig 
geworden. 

Prue ließ die Kamera sinken und streckte instinktiv die Hand 

nach ihm aus. »Alles in Ordnung?« 

»Mir geht es gut.« Nichtsdestotrotz stellte er die archaische 

Steinstatuette mit zitternden Händen zurück in die Vitrine und 
stammelte eine Entschuldigung. »Während der letzten Zeit 
waren meine Tage so ausgefüllt... Ich habe wohl zu viele 
Mahlzeiten ausfallen lassen.« 

Obgleich Tremaine nichts davon bemerkt hatte, war Prue 

nicht entgangen, dass er die Statue unsicher auf der Kante 
abgestellt hatte. Als der schwankende Stein zu fallen drohte, 
konzentrierte sie sich, schnippte mit dem Finger und rückte ihn 
gerade, um die Vitrine vor größeren Schäden zu bewahren. 

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Tremaine, der sich abgewandt hatte, bekam auch davon nichts 
mit. 

»Sind wir fertig?« Wieder gefasst, setzte sich Tremaine in den 

Ledersessel hinter seinem Schreibtisch und klappte den Laptop 
auf. 

»Ja.« Prue stellte fest, dass der Kandidat aufgebracht war, 

weil sie ihn in einem Augenblick der Schwäche erlebt hatte. Da 
er aber seine medizinische Akte längst der Öffentlichkeit 
zugänglich gemacht hatte, wusste sie, dass er keine ernsthaften 
Krankheiten zu verschweigen hatte. Dennoch hätte ein weniger 
rechtschaffener Reporter als sie durchaus auf die Idee kommen 
können, diesen Vorfall zu politischen Zwecken oder für seinen 
eigenen beruflichen Vorteil zu missbrauchen. »Ich bin sicher, 
eines dieser Bilder wird...« 

»Schön. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich habe noch viel 

zu tun.« Tremaine wandte sich ab und widmete sich seinem 
Computer. 

Verärgert über diesen Hinauswurf schnappte sich Prue ihre 

Kameratasche und ging zur Tür. Unterwegs sah sie sich die 
Vitrinen genauer an und erkannte, dass Tremaine einige ganz 
besondere Stücke sein Eigen nannte. Vor allem jedoch 
dominierten Waffen und andere Werkzeuge des Kampfes und 
der Einschüchterung die Sammlung. 

Als Prue das Foyer betrat, ging ihr plötzlich ein Licht auf. 

Kampf und Einschüchterungstechniken waren ein passendes 
Abbild von Tremaines Vorgehensweise als Geschäftsmann - und 
vielleicht auch als Politiker. Jeder, der eine Wahl gewinnen 
wollte, müsste sich in der Öffentlichkeit nun einmal freundlich 
und charmant zeigen, auch wenn er es überhaupt nicht war. 

Kurz blickte Prue in die dunklen Augen der Maske auf dem 

Sockel, ehe sie schaudernd den Raum verließ. Vielleicht war 
Tremaines Leben genauso leer wie diese alten, toten Augen, wie 
das Leben so vieler Menschen, deren Dasein ausschließlich 

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durch Geld und Macht definiert wurde. 

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»

IST DAS NICHT ROMANTISCH

 

Grinsend öffnete Phoebe den 

alten Weidenpicknickkorb ihrer Großmutter und zog eine 
geblümte Tischdecke hervor. Ihre Schwestern wechselten 
derweil vielsagende Blicke, als glaubten sie, Phoebe wäre ganz 
plötzlich übergeschnappt. 

Piper, die ein schlichtes Baumwoll-T-Shirt, einen sportlichen 

Rock und Sandalen trug, verschränkte verwirrt die Arme vor der 
Brust. »Hast du gerade ›romantisch‹ gesagt?« 

»Ich habe ganz deutlich gehört, dass sie ›romantisch‹ gesagt 

hat.« Prue, sehr sexy in ihrer knappen Jeans und dem roten, 
rückenfreien Top, stellte ihre Kameratasche auf der Bank vor 
dem Picknicktisch ab und ergriff einen Zipfel des Tischtuches. 
Ihre blauen Augen, die durch das schimmernde, schulterlange 
schwarze Haar betont wurden, funkelten vergnügt, als sie Piper 
einen anzüglichen Blick zuwarf. »Ich habe dir doch gesagt, dass 
Phoebe nicht genug rauskommt.« 

»Das ist wahr.« Piper unterdrückte ein Grinsen. »Ich habe nur 

nicht damit gerechnet, dass mehrere Wochen Examens-Büffelei 
bei Menschen, die unter einem eklatanten Mangel an 
romantischen Gegebenheiten leiden, eine Illusion der Romantik 
hervorrufen können.« 

»Eklatanter Mangel, ganz bestimmt. Illusion... nein«, 

entgegnete Phoebe. Der Saum ihres blauen Oberteils rutschte 
nach oben, als sie die Arme ausstreckte, und ein flacher Bauch, 
ebenso gebräunt wie ihre langen Beine, kam zum Vorschein. 
»Ich meine, seht euch doch mal um.« 

Phoebes Blick wanderte über den ausgedehnten Stadtpark. 

Der Picknicktisch, den sie sich ausgesucht hatten, stand hoch 
oben auf einer grasbewachsenen Anhöhe unter den Zweigen 
einer gewaltigen Eiche. Enten und Schwäne teilten sich den in 

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der Sonne glitzernden Teich in der Mitte der Wiese unterhalb 
des Hanges. Ein paar ältere Leute saßen auf Parkbänken und 
genossen die warme Nachmittagssonne oder gingen mit kleinen 
Hunden spazieren. Jogger und Teenager auf Inlineskates oder 
Skateboards rasten die Pfade entlang, die sich zwischen dichten 
Hainen aus Laub- und Nadelbäumen hindurchschlängelten. 
Kinder lachten und kreischten auf einem Spielplatz, der mit 
hölzernen Klettergerüsten, Rutschen und Schaukeln ausgestattet 
war. Eine Geburtstagsgesellschaft, die ein Pony gemietet hatte, 
belegte einen überdachten Picknickpavillon etwa hundert Meter 
von ihrem Tisch entfernt. 

Phoebe atmete tief ein und langsam wieder aus. Der friedliche 

Anblick ganz gewöhnlicher Leute bei ihren ganz gewöhnlichen 
Beschäftigungen war für sie eine willkommene und 
besänftigende Abwechslung von dem ganz und gar nicht 
gewöhnlichen, stetigen Kampf, den sie und ihre ebenfalls 
keineswegs gewöhnlichen Schwestern gegen das Böse führen 
mussten. Folglich war sie fest entschlossen, jeden 
dämonenfreien Augenblick dieses improvisierten 
Familienausfluges in vollen Zügen zu genießen, liebevolle 
Hänseleien eingeschlossen. 

Phoebe sah sich im Park um und zuckte die Schultern, als sie 

sich wieder zu Piper umwandte. »Das mit der Romantik 
verstehe ich nicht.« 

»Für dich ist das also nicht der perfekte  Rahmen für ein 

romantisches, träges Nachmittagspicknick?« Phoebe war ehrlich 
erstaunt. Unter den drei Schwestern stand keine so fest mit 
beiden Beinen auf der Erde wie Piper, aber sie war auch die 
Einzige unter ihnen, die gerade heiß verliebt war. 

»Absolut perfekt.« Piper strich sich eine Strähne ihres langen 

braunen Haares hinter das Ohr. »Nur dass wir drei Frauen 
gemeinsam beim Picknick sitzen und kein Mann in der Nähe 
ist.« 

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Phoebe seufzte verärgert. »Aber wenn Leo hier wäre...« 

»Ist er aber nicht.« Piper legte den Kopf auf die Seite und 

reckte das Kinn vor. Ein Schatten legte sich über ihre dunklen 
Augen. 

Phoebe brauchte kein Lexikon für Körpersprache, um klar 

und deutlich zu verstehen, was das  zu bedeuten hatte. Leos 
Aufgabe war es gewesen, die Halliwell-Schwestern zu 
beschützen, als sie ihre Kräfte entdeckt hatten. Aber er hatte 
Piper das Herz gebrochen. Wie auch immer, in letzter Zeit hatte 
er sich nicht allzu häufig blicken lassen. Sie konnte es Piper 
kaum vorwerfen, wenn jene nicht gern darüber sprach, dass sie 
bei diesem Wächter des Lichts ununterbrochen die zweite Geige 
spielen musste. Piper wagte es nicht, sich laut und deutlich zu 
beklagen. 

Piper sah die Sache falsch, dachte Phoebe dann. Da sich ihre 

Schwester nun einmal in einen Mann hatte verlieben müssen, 
der bereits im Zweiten Weltkrieg gefallen und von den 
wichtigen Jungs im Himmel als Agent des Guten rekrutiert 
worden war, musste sie ganz einfach mit den Konsequenzen 
leben. Und wie das Glück so spielte, stand eine Romanze 
zwischen den Wächtern des Lichts und den Hexen, die sie 
beschützten, ganz oben auf der großen Verbotsliste des 
Himmels. Als dann aber Pipers Liebeskummer die Macht der 
Drei bedrohte, hatten sich Leos Bosse erweichen lassen - 
allerdings unter einer Bedingung: Piper und Leo durften sich 
ihrer verbotenen Liebe nur hingeben, solange sie keinem 
schutzbedürftigen unschuldigen Menschen ihre Hilfe versagten. 

Und Helfen war ein Vollzeitjob für sie alle, wie Phoebe im 

Stillen feststellte. Aber im Gegensatz zu Leo waren sie und ihre 
Schwestern gezwungen, sich auf unbekannte metaphysische 
Ebenen zu begeben, um ihren Teil des Geschäfts zu erfüllen. 

»Und für dich und mich steht nichts in Aussicht«, fügte Prue 

hinzu. 

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»Wie?« Phoebe blinzelte verwirrt. 

»Keine romantischen Aussichten«, erklärte Prue. 

»Das ist ein rein temporäres Problem. Ganz sicher«, konterte 

Phoebe. Irgendwo da draußen wartete der Richtige auf sie, 
versicherte sie sich. Besser die Geduld zu bewahren, als sich 
dem Falschen hinzugeben und es für alle Zeiten bereuen. 

»Offensichtlich weißt du gar nicht, wie Recht du hast«, 

verkündete Piper. »Besonders, wenn du auf große, blonde, 
braungebrannte Typen stehst.« 

»Hast du in deine Kristallkugel geguckt?«, fragte Phoebe. 

»Nein, nur hinter den Tresen vom P3«, entgegnete Piper 

grinsend. »Rick Foreman, der neue Barkeeper, konnte kaum den 
Blick von dir abwenden, als du zum letzten Mal dort warst.« 

Phoebe runzelte nachdenklich die Stirn. Sie hatte Pipers Club 

am letzten Freitag aufgesucht, um sich für ein paar Stunden eine 
Auszeit von ihren Büchern zu nehmen. Aber sie konnte sich 
nicht an einen neuen Barkeeper erinnern. »Warum hast du denn 
nichts gesagt?« 

»Weil du letztes Wochenende genug mit deinem Examen zu 

tun hattest und bestimmt keine Ablenkung hättest gebrauchen 
können«, erklärte Piper. 

»Richtig«, stimmte ihr Phoebe zu. »Ich wäre bestimmt eine 

lausige Gesprächspartnerin gewesen. Und der Funke wäre 
vielleicht gar nicht übergesprungen, wenn ich diesen Rick 
tatsächlich getroffen hätte.« 

»Funke klingt gut«, seufzte Prue. 

»Keine chemische Reaktion zwischen dir und dem reichen, 

hinlänglich attraktiven Mr. Tremaine, Prue?«, fragte Piper, 
während sie Plastikteller und Thermoskannen mit Limonade aus 
dem Picknickkorb nahm. 

»Nicht wirklich.« Nachdenklich verteilte Prue das Besteck, 

das in Servietten eingewickelt war, wie Piper sie im P3 benutzte. 

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»Soll das heißen, du bist nicht sicher?«, hakte Phoebe nach, 

während sie den Deckel von der Schale mit kaltem 
Grillhähnchen zog, sich einen Schlegel schnappte und die 
Schale auf dem Tisch abstellte. 

»Nein, ich bin nicht sicher.« Prue schob ihre Füße unter den 

Tisch und schenkte Limonade ein, während Piper und Phoebe 
sich ebenfalls setzten. »Stephen Tremaine ist tatsächlich 
ziemlich nett, was nicht ungewöhnlich ist für einen Politiker, der 
eine Wahl gewinnen will. Allerdings stimme ich mit keiner 
seiner Positionen überein.« 

»Erst die Wirtschaft, dann die Umwelt und so weiter«, sagte 

Phoebe. Unter keinen Umständen würde sie für einen 
superreichen Unternehmer stimmen, der den Standpunkt vertrat, 
dass die Betriebe die Einhaltung der Umweltschutzauflagen 
selbst überwachen sollten. 

Piper nickte. »Andererseits stimmen viele meiner Gäste 

Tremaine in genau diesen Punkten zu.« 

»Wie es scheint, sind auch ziemlich viele andere Leute mit 

deinen Gästen einer Meinung, aber was mich wirklich 
abgestoßen hat, war...« Prue unterbrach sich und trank einen 
Schluck. 

»Was?« Phoebes Hand, die einen Löffel voller Kartoffelsalat 

hielt, erstarrte. »Schlechter Atem? Lässt er die Gelenke 
krachen? Schmatzt er beim Essen?« 

»Er hat eine gruselige Sammlung.« Prue erschauderte. 

Piper reagierte beinahe erschrocken. »Was für eine 

Sammlung? Aufgespießte Käfer? Schrumpfköpfe?« 

»Briefmarken?«, warf Phoebe ein. 

»Keine Briefmarken, aber ich würde meinen neuen 

Kaschmirpullover wetten, dass er irgendwo einen Käfer oder 
einen Kopf herumliegen hat.« Prue lächelte. »Er besitzt eine der 
beeindruckendsten Kunstsammlungen, die ich je gesehen habe. 

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Aber die meisten Gegenstände haben einen Bezug zum Krieg.« 

»Willst du damit sagen, Tremaine hat einen Knall?« Phoebe 

kniff die Augen zusammen und knabberte an ihrer Karotte. »Das 
würde erklären, warum er für den Kongress kandidiert. Mit all 
seinem Geld muss er einfach verrückt sein, ausgerechnet in die 
Politik zu gehen.« 

»Nicht unbedingt«, widersprach Prue. 

»Nun, ich jedenfalls bezweifle, dass Stephen Tremaine das 

dringende Bedürfnis hat, sich für das Allgemeinwohl 
einzusetzen«, entgegnete Piper. »Und der einzige andere Grund, 
in die Politik zu gehen, ist die Macht.« 

»Das passt zu Tremaines Persönlichkeitsprofil.« Prue ließ 

einen Hühnerknochen auf ihren Teller fallen und wischte sich 
die Finger an der Serviette ab. 

Piper legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Ich kann mir 

einfach nicht vorstellen, warum irgend jemand für ihn stimmen 
sollte.« 

»Er ist großartig im Händeschütteln, und er hat ein 

gewinnendes Lächeln.« Prue zuckte die Schultern. »Für manche 
Leute reicht das.« 

»Und außerdem hat ereine hervorragende Werbekampagne 

für sich gestartet.« Phoebe pflegte sich üblicherweise nur wenig 
um Politik zu kümmern, aber Tremaines eingängige Botschaft 
war nur schwer zu übersehen. Seine TV-Spots und seine 
Plakatwerbung für das Konzept einer umweltfreundlichen 
Industrie dominierten sämtliche Fernsehsender und das 
Straßenbild. Allzu viele Wähler waren nicht im Stande, jenseits 
von kurzfristigen ökonomischen Gewinnen die langfristige 
Gefahr katastrophaler Umweltschäden zu erkennen. Phoebe 
dagegen glaubte nicht, dass die wirtschaftlichen Vorteile dieses 
Risiko rechtfertigen konnten. 

»Trotzdem scheint auch Tremaine ein bisschen besorgt zu 

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sein«, sagte Prue. »Gestern hat er tatsächlich gesagt, er 
wünschte sich, nicht gegen Noel Jefferson antreten zu müssen.« 

»Das ist allerdings ein dicker Brocken.« Piper grinste. »Ganz 

zu schweigen von der Tatsache, dass der einer von den guten 
Jungs ist.« 

Jefferson, der andere Möchtegern-Kongressabgeordnete, war 

Mitte Dreißig, athletisch, blond, hatte braune Augen und stellte 
sich als dynamischer Beschützer der Unterprivilegierten, als 
Kämpfer gegen jede Art von Unrecht dar. Keiner der beiden 
Kandidaten war verheiratet. 

»Mr. Jefferson hat durchaus eine gewisse Anziehungskraft - 

für einen armen Mann mit Prinzipien.« Aufgeregt beeilte sich 
Phoebe, ihre Feststellung richtig zu stellen: »Nicht, dass ich 
interessiert wäre.« 

»Natürlich nicht, aber ich vielleicht.« Prue griff nach dem 

Salz und stieß gegen ihr Limonadenglas. 

Pipers Hand schoss vor, um das kippende Glas samt der 

auslaufenden gelben Flüssigkeit einzufrieren. 

»Piper!« Tadelnd runzelte Prue die Stirn, während sie das 

Glas wieder aufrichtete. 

»Sorry.« Piper verzog das Gesicht und löste den Bann über 

der Limonade. 

Prue schnappte sich einen Stapel Papierservietten, um die 

verschüttete Limonade wegzuwischen. 

Was für dramatische Sekunden, dachte Phoebe, während sie 

sich umsah, um herauszufinden, ob irgendjemand sie beobachtet 
hatte, was jedoch nicht der Fall war. Die Grundschüler, die ein 
paar Meter entfernt Fußball spielten, waren zu sehr in ihr Spiel 
vertieft, um auf ihre Umgebung zu achten. Das Gleiche galt für 
ihre Eltern. Die Leute, die an der Geburtstagsfeier im Pavillon 
teilnahmen, waren derweil damit beschäftigt, die übereifrigen 
Ponyreiter davon zu überzeugen, dass sie warten mussten, bis 

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sie an der Reihe waren. 

»War doch klar, dass 415 ausgerechnet mich schicken musste, 

um Tremaine zu fotografieren«, seufzte Prue. »Wenn ich 
stattdessen Noel Jefferson kennen gelernt hätte, hätte ich ihm 
wenigstens ehrlich sagen können, dass ich beabsichtige, ihm 
meine Stimme zu geben.« 

»Vielleicht bekommst du am nächsten Samstag eine neue 

Chance.« Piper legte ihren Löffel ab und klopfte sich auf den 
Bauch. »Ich bin voll.« 

»Was ist am nächsten Samstag los?« Phoebe nahm sich eine 

weitere Karotte. Als sie das Ende abbiss, warf Piper ihr einen 
misstrauischen Blick zu. »Bin ich in Schwierigkeiten?« 

»Bist du, falls du vergessen hast, dass du dich freiwillig bereit 

erklärt hast, mir beim Stand des P3 während des 
Wohltätigkeitsbasars zu helfen.« 

»Findet der schon diesen Samstag statt?« Phoebes ohnehin 

schon große braune Augen weiteten sich. Sie hatte ihr 
Versprechen nicht vergessen, aber wegen der Prüfungen hatte 
sie jegliches Zeitgefühl verloren. 

Piper plante, das Ambiente des P3 mittels einer Sitzecke, 

einem oder zwei Tischen, alkoholfreien Getränken und kalten 
hors d'œuvres sowie Fotos von den Räumlichkeiten des Clubs 
wiederzugeben. Außerdem sollten Konzertmitschnitte 
verschiedener Musiker, die im P3 aufgetreten waren, für den 
Club werben. Stattfinden würde die Veranstaltung an der 
Strandpromenade und auf dem Picknickgelände gegenüber dem 
Gold Coast Amüsement Park. Phoebe freute sich schon darauf, 
an dem Stand mitzuhelfen, besonders weil sich viele lokale und 
nationale Berühmtheiten angesagt hatten. Wer konnte schon 
wissen, wo die Liebe ihres Lebens derzeit herumlungerte und 
darauf wartete, einer kecken Hexe zu begegnen? Vielleicht 
hinter dem Tresen des P3, dachte sie lächelnd. 

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»Du wirst mich doch nicht im Stich lassen, oder?«, fragte 

Piper. 

»Ich halte mein Wort.« Feierlich erhob Phoebe ihre freie 

Hand, nur um sich sogleich den Rest ihrer Karotte in den Mund 
zu stopfen. 

Was um alles in der Welt soll Noel Jefferson mit dieser 

Wohltätigkeitsveranstaltung zu schaffen haben? Prue knüllte die 
Papierservietten zusammen. Limonade tropfte zwischen ihren 
Fingern herab, als sie den nassen Zellstoff in den gut drei Meter 
entfernten Mülleimer warf. Der triefende Papierball prallte 
gegen den Rand des Drahtgeflechteimers und drohte, auf die 
Erde zu fallen. 

»Hey!« Phoebes Augen blitzten warnend auf, als Prue die 

Hand hob, um die nassen Servietten auf telekinetischem Weg in 
den Abfalleimer zu befördern. »Wenn du und Piper nicht 
endlich aufhört, mit euren Kräften herumzuspielen, landen wir 
bald als Hexen auf den Titelblättern der Boulevardpresse.« 

»Sorry.« 

Prue glitt von der Bank, um die Servietten auf 

herkömmlichem Wege aufzuheben. 

Piper blickte kurz zum Himmel, ehe sie Phoebe ansah und die 

Schultern zuckte. »Wenn so eine Macht allmählich zu einer 
zweiten Natur wird, denkt man nicht mehr ständig darüber nach, 
ehe man sie benutzt.« 

Auf intellektueller Ebene konnte Phoebe die Schwestern 

durchaus verstehen. Trotzdem konnte sie ihr Verhalten nicht 
akzeptieren. Schließlich mussten sie alle daran denken, dass der 
leichtfertige Gebrauch ihrer Gaben gegen die Regeln verstieß. 
Sie selbst war nicht im Stande, ihre Fähigkeit, in die Zukunft 
oder die Vergangenheit zu sehen zu kontrollieren. Bisher 
beherrschte sie auch die Kunst der Levitation nicht sicher genug, 
um sie aus dem Stegreif einsetzen zu können. Dennoch musste 

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sie damit rechnen, dass sie eines Tages selbst aufpassen musste, 
dass sie sich nicht einfach in die Lüfte erhob, um etwa 
irgendeine Katze aus einem Baum zu retten. 

»Möchte jemand Nachtisch?«, wechselte Phoebe das Thema 

und förderte einen Schokoladenkuchen aus dem Picknickkorb zu 
Tage. 

Prue setzte sich wieder und beugte sich zu Piper hinüber. 

»Wird Noel Jefferson etwa bei dem großen Ereignis nächsten 
Samstag zugegen sein?« 

»Yep.« Piper reichte Phoebe ein Messer. »Er und Stephen 

Tremaine. Jeder von beiden wird eine Rede halten. So eine Art 
Gehen-Sie-zur-Wahl-und-da-wir-gerade-dabei-sind-wählen-Sie-
mich-Zeug.« 

»Toll. Vielleicht kann ich dann auch von ihm ein paar gute 

Bilder schießen, für den Fall, dass 415  interessiert ist.« Prue 
zuckte lässig mit den Schultern, aber für Phoebe war ihre 
gleichgültige Fassade so durchsichtig wie Glas. In Liebesdingen 
hatte ihre ältere Schwester in jüngster Zeit auch nicht gerade die 
beste Figur abgegeben. 

»Pass auf!«, schrie Piper. 

Phoebe ließ das Messer fallen, als ein schwarzweißer Fußball 

vom Himmel fiel und ihren Kuchen zertrümmerte. Sie sprang 
zurück, aber nicht schnell genug, als dass sie ihr T-Shirt vor den 
herumspritzenden Schokostückchen hätte schützen können. Sie 
zischte Piper zu: »Warum hast du den Ball nicht eingefroren?« 

»Ein zerstörter Kuchen ist nicht zwangsläufig ein Notfall, der 

eine magische Vorgehensweise erforderlich macht«, entgegnete 
Piper ebenfalls flüsternd. Dann kniff sie die Augen zusammen, 
als ein etwa neun Jahre altes Mädchen sich ihrem Tisch näherte. 

T-Shirt und Shorts des Kindes waren zerknittert und 

schweißnass. Auf seinen Knien prangten Grasflecken, sein 
Gesicht war schmutzig, und es trat mit ängstlicher Miene von 

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einem Fuß auf den anderen. 

»Gehört der dir?« Phoebe lächelte, um das Mädchen zu 

beruhigen, und nahm den Ball von dem zerschmetterten 
Nachtisch. Schokoguss und Kuchenbrösel klebten an seiner 
Unterseite fest. 

»Ja. Das mit dem Kuchen tut mir Leid.« Das Mädchen 

streckte die Arme nach dem Ball aus. 

»Ist schon in Ordnung...« Als die Hände des Kindes den Ball 

berührten, wurde Phoebe von einer herzerschütternden Vision 
durchgerüttelt. Ihre Muskeln verkrampften sich, und ihr wurde 
schwindelig, als sich die Bilder einer bevorstehenden 
Katastrophe in ihrem Kopf abspulten. 

...  das kleine Mädchen, zu Boden geschmettert, zertrampelt 

von einer zotteligen Bestie, ihr Schrei, kaum hörbar in dem 
Durcheinander aus menschlichen und pelzigen braunen 
Beinen...
 

»Danke!« Das Mädchen machte kehrt und rannte davon. 

Von der plötzlichen Vision aus dem Konzept gebracht, verlor 

Phoebe wertvolle Sekunden, die sie benötigte, um ihre Sinne zu 
sammeln. Sie kämpfte noch darum, einen Ton herauszubringen, 
als ihre Schwestern bereits an ihre Seite eilten. »Warte.« 

»Was ist los?«, fragte Prue, als das Kind stehen blieb und sich 

umblickte. 

»Ich bin nicht sicher. Irgendeine Art dämonisches Fellvieh...« 

Phoebe sah sich nach dem Pavillon um, in dem die 
Geburtstagsfeier stattfand. Ein Mann mit Cowboyhut führte das 
Pony zu einem Pferdeanhänger auf dem nahegelegenen 
Parkplatz. 

»Was für ein dämonisches Vieh?«, drängelte Piper. 

»Das Pony?« Phoebe zögerte verunsichert und richtete ihren 

Blick auf das Mädchen, das den Ball unter den Arm geklemmt 
hatte und sehnsüchtig zu dem Pferdeanhänger hinüberstarrte. 

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»Ich wünschte, ich hätte ein eigenes Pony.« Plötzlich fiel der 

Kopf des Mädchens zurück. Sie schwankte und sank auf ihre 
grasfleckigen Knie, als die Beine unter ihr nachgaben. 

Als ein lautes Kreischen die Stille des Nachmittags 

erschütterte, stürzte Phoebe alarmiert auf das Kind zu. Ihr Herz 
setzte aus, als das Pony sich an der Rampe des Anhängers 
aufbäumte, sich losriss und quer über den Rasen auf das am 
Boden liegende Mädchen zugaloppierte. 

»Piper!«, schrie Phoebe und rannte los, fest entschlossen, das 

Mädchen vor jeglichem Schaden zu bewahren. Dummerweise 
gab es zu viele Zeugen, als dass Piper oder Prue ungesehen ihre 
Kräfte hätten einsetzen können. Und sie selbst würde nicht 
schnell genug bei dem Mädchen sein... 

 

Innerhalb einer einzigen Sekunde hatte Piper die Situation 

erfasst und erkannt, dass sie das Pony nicht einfrieren konnte, 
ohne unter all den Menschen Aufmerksamkeit zu erregen. Es 
gab einfach zu viele Leute, die alles beobachteten. Die Augen 
von einem Dutzend Erwachsener und einem weiteren Dutzend 
kindlicher Partygäste hingen förmlich an dem flüchtenden Pferd. 
Die Mannschaftskameraden des Mädchens ahnten nicht einmal, 
welche Katastrophe sich hier anbahnte, bis ein hysterischer 
Mann und eine Frau losrannten, um das Kind zu retten. Pipers 
Kräfte waren im Laufe der Zeit zwar gewachsen, aber sie waren 
nicht stark genug, um mit so etwas fertig zu werden. Trotzdem 
musste sie irgendetwas tun. 

Prues Augen weiteten sich, als Pipers Hände vorschossen. 

»Schieb das Kind weg!«, drängte Piper ihre ältere Schwester, 

als das Pony erstarrte. 

Prues Augen verengten sich, als sie sich konzentrierte und das 

Mädchen mit einer Handbewegung auf ihre Schwester Phoebe 
zu bewegte. 

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Piper befreite das Pony in dem Augenblick, in dem das 

Mädchen nicht mehr in seiner Fluchtbahn lag. 

Als Phoebe das benommene Kind schützend in ihre Arme 

nahm, schoss das Pony an ihr vorbei. Phoebe sah sich zu ihren 
Schwestern um und deutete tonlos mit den Lippen ein ›Danke‹ 
an. 

Auf der Bank am Picknicktisch sackte Piper seufzend vor 

Erleichterung zusammen. Das Letzte, was sie jetzt brauchen 
konnte, war eine Schlagzeile in der Morgenzeitung, die da 
lautete: ›Die wundersame Ponyrettung‹. »Sind wir 
aufgeflogen?« 

»Glaub ich nicht.« Unauffällig richtete Prue ihre 

telekinetischen Kräfte gegen das Pony, verlangsamte seine 
Flucht, hielt es besänftigend zurück, bis der wütende Cowboy es 
eingefangen hatte. 

Phoebe ließ das kleine Mädchen los, als die Eltern des Kindes 

sich neben ihm ins Gras fallen ließen. Das Mädchen fing an zu 
schluchzen, als die Mutter es in ihre Arme zog und sanft wiegte. 
Der Vater, dessen Gesicht leichenblass und zutiefst bestürzt 
aussah, murmelte etwas, als Phoebe aufstand und sich von der 
Familie entfernte. Piper konnte jedoch nicht hören, was der 
Mann sagte. 

Ein paar andere kleine Fußballspieler beobachteten das Pony 

mit großen Augen und verwunderten Mienen, aber das 
beunruhigte Piper nicht allzu sehr. Kinder neigten oft zu 
Übertreibungen. Sie erzählten Märchen, die ihnen die Eltern 
ohnehin nicht glaubten. Aber in der Nähe des Pavillons standen 
ein paar Erwachsene, die eine hitzige Diskussion führten und 
immer wieder verstohlen in ihre Richtung blickten. 

Darauf gefasst, sich stellen zu müssen, was auch immer nun 

auf sie zukommen mochte, beobachtete Piper die Szenerie mit 
einer seltsamen Gelöstheit. Sollten sie einen Preis dafür 
bezahlen müssen, weil irgendjemand ihre reale Zeitlupenshow 

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bemerkt hatte, so würde sie sich eben etwas einfallen lassen. Der 
einzige Preis, den zu bezahlen sie niemals bereit sein würde, 
war, Leo zu verlieren, weil sie nicht angemessen auf die Notlage 
eines Unschuldigen hatte reagieren können. Plötzlich erbebte sie 
unter einem eisigen Schauder. 

 

Wütend fegte er an den Frauen vorbei, die mehr als einfache 

Menschen waren, durch das Gedränge der Leute, die sich vor 
der großen Hütte versammelt hatten. Er verbreitete mehr 
Grausen und Furcht um sich als in jener Zeit, in der sein Geist 
noch über die Erde gewandelt war. Vor langer Zeit war ihm sein 
dämonischer Leib geraubt worden, doch die schändliche, 
weibliche Magie, die sein Wesen gebunden hatte, hatte ihm 
nicht die Macht gestohlen. 

Nun, in Form eines steten Windhauchs in dieses fremde Land 

entlassen, war er noch immer fähig, aus den inkonsequenten 
menschlichen Begierden katastrophalen Schaden zu wirken. 
Doch, wie er befürchtet hatte, als er aus dem Stein geflüchtet 
war, die Schamaninnen konnten ihn immer noch aufhalten. 

Er kochte vor Wut, weil der zarte Körper des Kindes nicht 

zerschlagen worden war, zertrampelt und zerquetscht unter den 
harten Hufen eines tobenden Tieres. 

Er schäumte, weil er die Lebenden, die dieses Kind liebten, 

nicht in tiefe Verzweiflung und Entsetzen hatte stürzen können, 
die sie niemals vergessen würden. 

Er peitschte durch das Geäst ihm fremder Bäume, beraubte sie 

ihres Laubes, beinahe wahnsinnig vor Zorn, weil das Tier 
versagt hatte und unverletzt entkommen war. 

Er jammerte, als er zum Himmel aufstieg, erfüllt von 

irrsinniger Rage, weil die Hexen das Chaos abgewendet hatten, 
welches er durch die Begierde eines Kindes hatte herbeiführen 
wollen. Ihre Magie bedrohte den Reigen der Zerstörung, der 

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durch die bloße Existenz eines Wunsches in Gang gesetzt 
werden sollte. Aber seine Entschlossenheit war stärker als all 
ihre Macht. Er würde Vergeltung üben für alles, was ihm 
genommen worden war. Aber zuerst würde er diese Hexen 
bezwingen. 

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P

HOEBE KUSCHELTE SICH BEHAGLICH 

in die Sofakissen und 

schob ihre flaumigen Hausschuhe unter den Kaffeetisch. Nun, 
da ihre Examen hinter ihr lagen, und sie bis zur nächsten Woche 
keinen Unterricht mehr hatte, freute sie sich auf diesen 
entspannten Vormittag. Sie würde nichts tun als Nachrichten 
sehen und eine alberne, schwülstige Liebesgeschichte lesen. 
Phoebe blies auf die Oberfläche ihres heißen Kaffees und 
schaltete den Fernseher mit der Fernbedienung ein. Sofort 
wurde ihr ästhetisches Empfinden von einem Werbespot mit 
singenden und tanzenden Würsten beleidigt. 

»Es ist zu früh für die Folter billiger Werbesendungen.« 

Phoebe schaltete den Ton aus, nippte an ihrem Kaffee und 
stellte den Becher ab. Dann nahm sie das Taschenbuch zur 
Hand, das sie für einen Dollar in einem Antiquariat in der Nähe 
des Campus gekauft hatte. Geheime Gelüste zur Mitternacht war 
zwar ein ziemlich dürftiger Ersatz für muskulöse Männerarme. 
Aber sich den Kopf mit den Prinzipien der Thermodynamik 
vollzustopfen war eindeutig schlimmer. 

Auch wenn sie vor allem an Psychologie und Humanmedizin 

interessiert war - überhaupt an allen Gebieten, die ihr helfen 
konnten, die Menschen zu verstehen, welche auf die Hilfe der 
Zauberhaften angewiesen waren - würde es in Zukunft durchaus 
nützlich sein, wenn sie zusätzlich über ausreichende Kenntnisse 
auf naturwissenschaftlichem Gebiet verfügte. Irgendwann würde 
sie sich für eine berufliche Laufbahn entscheiden müssen. Es 
konnte sicher nicht schaden, wenn sie auf alles Mögliche 
vorbereitet war. 

Doch jetzt war sie vollends zufrieden damit, an der heißen, 

aber unglücklichen Liebe zwischen Agatha Cross und Trevor 
Holcombe teilzuhaben. Dem Buchumschlag nach zu schließen, 

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war Agatha eine arme, aber wunderschöne Bürgerliche, die auf 
Holcombe Manor als Krankenschwester für Trevors 
kränkelnden Vater arbeitete. Außerdem wusste Agatha nicht, 
dass alle Holcombe-Frauen unter sonderbaren Umständen 
vorzeitig zu Tode gekommen waren. 

»Herzerwärmende, schwülstige und  spannende Geheimnisse. 

Einfach Perfekt.« Als Phoebe zum Prolog blätterte, drang der 
köstliche Duft frisch gebackener Zimthörnchen in ihre Nase. Sie 
blickte auf und sah, wie Piper eine Kuchenplatte auf dem 
Kaffeetisch abstellte. »Gestern Schokoladenkuchen, heute 
Zimthörnchen. Du bist wohl fest entschlossen, meine Zähne zu 
ruinieren.« 

Piper griff nach Phoebes Buch, um einen Blick auf den 

Einband zu werfen. »So wie du entschlossen bist, dir dein Hirn 
zu ruinieren.« 

»Mein Hirn braucht eine Auszeit«, konterte Phoebe, legte das 

aufgeschlagene Buch mit dem Rücken nach oben auf der 
Armlehne des Sofas ab und griff nach ihrem Kaffeebecher. Nach 
einem langen Blick auf die Zimthörnchen beschloss sie zu 
passen. Extrakalorien abzuarbeiten entsprach nicht ihrer 
Vorstellung von einem faulen Tag. 

»Wie wär's mit einem Kompromiss? Nachrichten?« Piper 

ergriff die Fernbedienung und schaltete den Ton wieder an. Ihre 
Kaffeetasse in der Hand haltend, hockte sie sich mit 
angezogenen Beinen neben Phoebe auf das Sofa. »Heute keine 
Uni?« 

»Nein. Ich habe wunderbare fünf Tage frei.« Grinsend hob 

Phoebe ihren Becher. 

»Super.« Piper prostete der Schwester mit ihrer Kaffeetasse 

zu. »Dann könntest du mir doch beim Einkaufen helfen.« 

»Ja, sicher.« Normalerweise ging Phoebe liebend gern 

einkaufen egal was. Trotzdem wäre sie an diesem Tag eigentlich 

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lieber zu Hause geblieben und in die Rolle einer echten 
Müßiggängerin geschlüpft, aber sie konnte sich einfach nicht 
beherrschen. 

»Nichts Aufregendes, nur Lebensmittel«, sagte Piper und 

fügte hinzu, als sie Phoebes enttäuschte Miene bemerkte: »Aber 
notwendig.« 

»Habe ich dir erzählt, dass die Hard Crackers bei der 

Wohltätigkeitsveranstaltung am Samstag spielen werden?« 

»Wirklich? Das ist ja toll.« Phoebes Miene hellte sich um 

mehrere Grade auf. Die Band hatte nicht zuletzt durch ihre 
öffentlichen Auftritte in Pipers Club eine Menge Popularität 
gewonnen. »Und um wie viel macht dich das ärmer?« 

»Keinen Cent.« Piper strahlte vor Genugtuung. »Sie 

bekommen zu essen und zu trinken, so viel sie wollen, und eine 
Chance, dass irgendeiner von den Prominenten bei der 
Veranstaltung auf sie aufmerksam wird.« 

»Cool.« Phoebe verlagerte ihr Gewicht und runzelte die Stirn, 

als Prue die Haustür aufriss. Plötzlich erstarrte sie beim Klang 
einer Sirene, doch dann erkannte sie, dass das Geräusch aus dem 
Fernseher stammte. 

»... wurde neben zwei Gangmitgliedern ein Mann in seinem 

eigenen Wohnzimmer getötet, als Schützen aus einem fahrenden 
Auto heraus das Feuer eröffneten«, verkündete ein Sprecher. 
»Derzeit folgt die Polizei verschiedenen Spuren, die ihnen von 
Augenzeugen geliefert wurden, doch bisher gibt es keine 
Festnahmen.« 

Phoebe schaltete den Ton wieder ab, als die Haustür krachend 

ins Schloss fiel. »Sorry, Piper, aber ich kann Mord und 
Totschlag nicht vertragen, ehe ich meinen ersten Kaffee 
getrunken habe.« 

»Geht mir genauso«, seufzte Piper. 

Der Vorfall war sicher kein geeigneter Anlass, um Witze zu 

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reißen, aber manchmal hielten sich Phoebe und ihre Schwestern 
nur noch durch ihren Humor aufrecht. Immerhin mussten sie 
sich täglich mit schrecklichen Dingen herumschlagen, an deren 
Existenz die meisten Menschen nicht einmal glauben würden. 

»Stehen wir auf dem Titelblatt?«, fragte Piper, als Prue mit 

der Morgenzeitung hereinkam und sich auf einen Stuhl fallen 
ließ. 

Phoebe beugte sich vor, als Prue die Zeitung aufschlug, 

begierig zu erfahren, ob das durchgegangene Pony im Park es 
bis in die Lokalnachrichten geschafft hatte. Dabei fiel ihr auf, 
dass auch Prue immer noch ihren Schlafanzug trug. 
Offensichtlich hatte sie auch keine drängenden Termine an 
diesem Tag. Als der Blick ihrer Schwester langsam über das 
Titelblatt wanderte, wuchs Phoebes Spannung beinahe ins 
Unermessliche. »Und?« 

»Kein Wort.« Lächelnd drehte Prue die Zeitung, sodass 

Phoebe und Piper ebenfalls einen Blick darauf werfen konnten. 

Phoebe ließ sich wieder in die Kissen sinken, aber Piper war 

nicht so einfach zu beruhigen. 

»Blätter weiter!«, verlangte Piper kurz angebunden. »Sieh auf 

jeder Seite nach.« 

»Ja, ich schätze, das ist eine gute Idee.« Prue legte die Zeitung 

vor sich auf den Tisch. »Würdest du mir vielleicht einen Kaffee 
bringen?« 

»Ich werde heute eine Ausnahme machen«, zog Piper sie auf. 

»Außerdem könnte ich ohnehin noch einen Kaffee vertragen. Du 
auch, Phoebe?« 

»Gern. Danke.« Phoebe reichte Piper ihre Tasse, ehe sie ihren 

wachsamen Blick auf Prue richtete. Einige Minuten blieb sie 
ganz still sitzen, bis ihre Ungeduld schließlich doch die 
Oberhand gewann. »Was gefunden?« 

»Nur das Übliche bis jetzt, aber ich bin erst auf Seite Vier.« 

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Prue blätterte um. »Ein Raubüberfall in der Pacific Street, 
diverse Einbrüche, ein Typ hat seine Freundin erschossen und 
Selbstmord begangen und...« 

»Und?« Phoebe rutschte nervös auf ihrem Platz hin und her. 

»Ein Kind ist in einem Teich beim Gemeindezentrum 

ertrunken.« Prue räusperte sich. »Aber kein Wort von einem 
Pony, das den Gesetzen der Schwerkraft trotzt.« 

»Gut!« Die Henkel dreier Becher in einer Hand haltend, eine 

Serviermethode, die Phoebe bisher nicht beherrschte, kehrte 
Piper aus der Küche zurück. Sie reichte jeder ihrer Schwestern 
einen Kaffeebecher, ehe sie sich wieder auf das Sofa fallen ließ. 

»Letzte Nacht habe ich geträumt, ich wäre von einer Horde 

wütender Eltern und Kinder verfolgt worden, weil ich ein 
Karussell immer wieder eingefroren habe.« 

Phoebes Lächeln verblasste, als ihr Blick zu dem stumm 

geschalteten Fernseher schweifte. Hustende, ruß verschmierte 
Leute in Morgenmänteln und Pyjamas wurden aus einem 
brennenden Appartementhaus herausgeschafft. Die Kamera glitt 
über die Straße hinweg, auf der benommene Männer und Frauen 
ihre verängstigten Kinder umklammerten und mit großen Augen 
zusahen, wie ihre Wohnungen und all ihr Hab und Gut in 
Flammen aufgingen. 

»Nur ein wirklich gutherziger Mensch kann Albträume wegen 

eines Karussells haben«, neckte Prue Piper. 

»Ich schätze, beim Erzählen geht das Entsetzen verloren«, 

scherzte Piper. »Erinnert mich einfach daran, dass ich am 
Samstag nicht in die Nähe eines Karussells gehe.« 

»Es wird ein Karussell geben?« Prue blätterte eine Seite 

weiter und schlug mit beiden Händen auf die Zeitung, um sie zu 
glätten. 

»Die Wohltätigkeitsveranstaltung findet auf der 

Strandpromenade statt, gleich neben dem Gold Coast 

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Amüsement Park.« Piper unterbrach sich und lachte leise. 
»Großmutter wollte nie mit uns dahingehen, aber ich fand es 
einfach toll - besonders das Karussell!« 

»Eine gegen drei«, kommentierte Prue mit einem Lächeln. 

»Selbst eine ausgebildete Hexe dürfte es nicht leicht gehabt 
haben, uns alle drei im Auge zu behalten.« 

Phoebe, die sich noch immer auf den Fernseher konzentrierte, 

hörte nur mit halbem Ohr zu. Übergangslos hatte die 
Nachrichtensendung den Bericht über das brennende 
Appartementhaus durch einen über eine Flutkatastrophe im 
Mittleren Westen ersetzt. Statt beinahe zu verbrennen, trieben 
die Menschen nun auf provisorischen Flößen über überflutete 
Straßen oder paddelten in kleinen Booten zwischen den Häusern 
herum. Als gleich darauf das Bild eines kleinen Jungen auf dem 
Bildschirm auftauchte, der bereits vor drei Tagen in einem 
Nationalpark verschwunden war, schnappte sie sich die 
Fernbedienung und schaltete das Gerät aus. 

»Oh, nein!« Finsteren Blickes starrte Prue auf die 

aufgeschlagene Seite. 

»Was?«, fragten Phoebe und Piper im Chor. Phoebe 

verschüttete Kaffee, als sie ihre Aufmerksamkeit ruckartig ihrer 
Schwester zuwandte, und etliche Tropfen befleckten ihr langes 
T-Shirt. 

»Meine Lieblingsboutique veranstaltet einen Ausverkauf, und 

ich liege schon am Kreditlimit«, jammerte Prue. »Dabei könnte 
ich wirklich ein neues Paar Stiefel gebrauchen.« 

»Jag mir doch nicht so einen Schrecken ein«, schimpfte 

Phoebe, ehe sie in sich zusammensackte. »Ich habe für einen 
einzigen Morgen genug schlechte Nachrichten zu verdauen.« 

»Was für schlechte Nachrichten?« Verwirrt blickte Prue auf, 

faltete die Zeitung zusammen und ließ sie zu Boden fallen. 

»Einfach alle Nachrichten.« Kopfschüttelnd umklammerte 

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Phoebe ihren Kaffeebecher. 

»Offensichtlich ist mir irgendwas entgangen«, stellte Piper 

fest. »Feuer, Überflutung, Raubüberfälle und verschwundene 
Kinder.« Phoebe schauderte. Beim Aufwachen war sie in 
prächtiger Stimmung gewesen, aber all die Neuigkeiten in der 
Zeitung und im Fernsehen hatten ihr die Laune inzwischen 
völlig verdorben. Naturkatastrophen und die menschliche Gier 
fochten einen immerwährenden Kampf gegen die Hilflosen. 
Wenigstens, so dachte sie, konnten die Zauberhaften gegen all 
das Böse ankämpfen, das ihnen in ihrem Leben begegnete. 

Phoebe biss sich auf die Lippe, um ihr Zittern zu unterbinden. 

Manchmal empfand sie die Welt als so deprimierend, dass sie es 
kaum aushallen konnte. Ein Zustand, der durch den Schmerz 
anderer Menschen verschlimmert wurde, welchen sie schon so 
oft in ihrem eigenen Geist wahrgenommen hatte. Sie war froh, 
dass sie anderen Menschen durch ihre Gabe helfen konnte, aber 
die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, war ebenso ein Fluch wie 
ein Segen. 

»Alles in Ordnung mit dir?« Besorgt legte Piper ihre Hand auf 

Phoebes Knie. 

»Ja, es ist nur...« Phoebe seufzte, während sie an das kleine 

Mädchen dachte, das ihre Schwestern vor den Hufen des Ponys 
gerettet hatten, weil sie durch ihre Gabe eine Warnung erhalten 
hatten. Ohne diesen Vorsprung wäre das Mädchen von dem Tier 
verstümmelt worden, wenn nicht gar Schlimmeres passiert wäre. 
»Ich wünschte, meine Visionen wären nicht so eingeschränkt, 
dann könnten wir viel mehr von all diesen schrecklichen 
Vorfällen verhindern.« 

Plötzlich rebellierte Phoebes Magen, und eine Woge der 

Übelkeit vernebelte ihren Geist. Der Kaffeebecher entglitt ihren 
Fingern, als sie sich keuchend zusammenkrümmte. 

»Phoebe!« Piper schlang die Arme um ihre gepeinigte 

Schwester und ließ den Kaffeebecher zu Boden fallen, ohne ihn 

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einzufrieren. 

»Was ist los?« Prue sprang von ihrem Stuhl auf und ging 

neben dem Sofa in die Knie. »Eine Vision?« 

»Mir ist schlecht«, murmelte Phoebe, obwohl sie das für eine 

gnadenlose Untertreibung hielt. Das Gefühl der Übelkeit hatte 
sie so schnell und mit solcher Gewalt überfallen, dass sie sich 
fühlte, als hätte jemand sie von innen verprügelt. 

»Vielleicht sollten wir einen Arzt rufen«, schlug Prue vor und 

stürzte zum Telefon. 

»Warte.« Phoebe erhob eine Hand, um Prue aufzuhalten, als 

das Gefühl der Übelkeit langsam nachließ. Dann atmete sie 
einige Male tief durch und setzte sich langsam wieder auf. »Es 
hört auf.« 

»Etwas genauer bitte, Phoebe«, bat Piper schärfer als 

beabsichtigt, weil sie besorgt war. »Was hört auf?« 

»Superstarke Magenschmerzen, Benommenheit.« Phoebe 

wischte sich den Schweiß von der Stirn und atmete erneut tief 
durch, während ihr benebeltes Hirn allmählich klar wurde. 
»Komisch.« 

»Ein bisschen zu komisch.« Prue setzte sich auf den 

Kaffeetisch und hob den Becher vom Boden auf. »Im einen 
Augenblick ist noch alles in Ordnung und im nächsten leidest du 
Höllenqualen? Das gefällt mir nicht.« 

»Höllenqualen ist ein bisschen übertrieben.« Phoebe 

betrachtete den feuchten Kaffeefleck auf dem Teppich. »Und 
vielleicht ist es auch gar nicht so komisch, wenn ich es recht 
bedenke.« 

»Ich höre.« Piper verschränkte die Arme vor der Brust und 

fixierte Phoebe skeptisch. 

»Ich habe es in letzter Zeit einfach übertrieben... Das 

Lernen... Der wenige Schlaf und alles...«, erklärte Phoebe. »Jetzt 
hat der Stress mich wohl eingeholt.« 

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»Du übertreibst immer, Phoebe«, widersprach Prue. »Neben 

der Examensvorbereitung auch noch die Zeit, die du im Club 
rumhängst...« 

»Was sie nun wirklich nicht tun müsste«, unterbrach Piper. 

»Ich gehe gern ins P3«, protestierte Phoebe. »Ein Mädchen 
braucht nun mal seinen Spaß.« 

»Sicher, aber die meisten Mädchen schlagen sich 

üblicherweise auch nicht mit irgendwelchen Dämonen herum.« 
Prue betrachtete Phoebe mit unverkennbarer Sorge. »Du 
bekommst ziemlich selten genug Schlaf.« 

»Okay«, lenkte Phoebe ein, »aber ich habe seit unserem 

Picknick gestern nichts gegessen. Das ist ganz klar ein Fall von 
zu viel Kaffee auf nüchternen Magen.« Um ihren Worten 
Nachdruck zu verleihen, griff sie nach einem Zimthörnchen und 
biss hinein. 

Prue runzelte die Stirn und sah Piper an. »Kaufst du ihr das 

ab?« 

»Ich weiß nicht.« Piper zog eine Braue hoch, als Phoebe das 

Hörnchen verschlang. »Ich würde es gern glauben. Ein bisschen 
Übelkeit ist jedenfalls einfacher zu handhaben als die meisten 
anderen Alternativen, falls ihr versteht.« 

»Ich glaube nicht, dass Magie damit zu tun hat. Mir ist schon 

früher vor Hunger schlecht und schwindelig gewesen.« Als nun 
Prue und Piper sie misstrauisch musterten, setzte Phoebe hastig 
hinzu: »Ich bin nicht gerade in Geld geschwommen, als ich in 
New York war. Ihr erinnert euch doch?« 

Piper erstarrte. »Ich wusste nicht, dass du am Verhungern 

warst.« 

»So schlimm war es nicht«, entgegnete Phoebe. Sie wollte 

keine alten Wunden aufreißen, besonders, nachdem ihre 
Schwestern sie mehr als einmal aus einer finanziellen Notlage 
gerettet hatten, ehe sie nach San Francisco zurückgekehrt war. 

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-37- 

»Aber ich hatte oft genug so viel Hunger, dass ich ein bisschen 
benommen war und mein Magen verrückt gespielt hat.« 

»Bist du sicher?«, fragte Prue. 

»Absolut.« Phoebe nickte und kaute, während ihr Magen sich 

weiter beruhigte. Sie war immer noch ein bisschen zittrig. Aber 
sie war trotz allem überzeugt, dass dieser überraschende Anfall 
weiter nichts als die körperliche Reaktion auf den physischen 
und emotionalen Stress während der Prüfungsvorbereitungen 
war. 

 

Athulak, wie man ihn vor langer Zeit genannt hatte, war 

wütend über den Verlust seiner physischen Existenz. 
Jahrhundertelang war er in den feuchten Wäldern nahe des 
großen Flusses umgegangen, ein Dämon in Menschengestalt, 
unempfindlich gegen die Waffen, die seine eingeborenen 
Gegner gegen ihn erhoben, genährt von der Furcht und dem 
Entsetzen, das er durch ihre Begierden erschaffen hatte. Würde 
er sich nun wieder in einem menschlichen Leib unter ihnen 
bewegen können, so würde es ihm nicht mehr so leicht fallen, 
sich anzupassen. Die menschlichen Schwächen waren dieselben 
geblieben. Aber die Welt, in der diese Menschen lebten, hatte 
sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. 

Menschen, die einst gegen mächtige Elemente um ihre 

zerbrechliche Existenz hatten kämpfen müssen, hatten die 
Herrschaft an sich gerissen. Längst waren sie nicht mehr 
abhängig von der Jagd, vom Fluss oder von den Früchten des 
Waldes. Brach ein Sturm aus, kauerten sie sich nicht länger 
furchtsam in ihren Lehmhütten zusammen. Auch hatten sie die 
Begrenzungen menschlicher Leistungsfähigkeit überwunden. 
Sie lebten in standfesten Bauten, bedienten mächtige 
Maschinen, die für sie arbeiteten und sie übergroße 
Entfernungen trugen, schneller sogar als der Wind, zu dem er 
geworden war. 

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-38- 

Aber trotz all ihrer wundersamen Errungenschaften waren sie 

immer noch Menschen, und seine zerstörerische Macht über das 
menschliche Schicksal war so stark wie eh und je. 

Die Hexe aber war menschlich, und zugleich mehr, wie 

Athulak feststellte, während er direkt unter der Decke des 
Raumes verharrte, den sie sich mit den Frauen teilte. Wäre er 
noch im Besitz eines Körpers gewesen, so hätten die 
Besitztümer der drei Schamaninnen sein Interesse wecken 
können. Das Fehlen materieller Ablenkung war jedoch ein 
Vorzug für ihn, den er gerade erst zu schätzen lernte, während er 
beobachtete und abwartete. 

»Vielleicht solltest du dich ein bisschen ausruhen, Phoebe.« 

Die Frau, die die Zeit aufhalten konnte, sammelte die 
Trinkgefäße ein und erhob sich. »Ich kann genauso gut allein 
einkaufen.« 

»Vielleicht sollte ich mich ausruhen, aber ich bin nicht mehr 

in der Stimmung, zu Hause herumzuhängen.« Die Seherin 
wandte sich an die dritte Frau. »Wie steht's mit dir, Prue? Hast 
du Lust auszugehen?« 

»Ich bin nicht davon überzeugt, dass ein Besuch im 

Supermarkt als ›ausgehen‹ gewertet werden kann«, sagte Piper. 

Die blauäugige Frau griff nach einem Paket in der Nähe des 

Eingangs. »Nichts würde ich lieber tun als einkaufen, aber ich 
muss noch den Tremaine-Film entwickeln. Gil will die 
Probeabzüge morgen haben.« 

»Das ist wirklich schade.« Die Seherin lächelte. »Nicht 

wahr?« 

Piper blickte sich zu Prue um, während sie die Kuchenplatte 

ergriff. »Werden die Bilder vom P3 rechtzeitig für Samstag 
fertig?« 

»Bestimmt.« Die Frau, die durch ihren Geist Dinge bewegen 

konnte, schlang sich den Gürtel ihrer Tasche über die Schulter 

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-39- 

und ging zur Tür. »Und falls sie dir nicht gefallen, können wir 
morgen oder übermorgen Nacht noch weitere Fotos 
aufnehmen.« 

»Ich hasse es, wenn du alles so endlos hinausschiebst«, 

nörgelte Piper, als sie Prue zur Tür hinaus folgte. 

Athulak ließ sich näher herantreiben, als die Seherin mit 

Namen Phoebe den Kopf in den Nacken legte und die Augen 
schloss. Begierig wartete er auf ein Zeichen, dass der Reigen 
begonnen hatte. Doch nichts geschah. 

Ungeduldig und wütend fegte er an ihr vorüber und durch die 

Ritzen eines Metallgitters an der Wand. Während er durch den 
Blechtunnel jagte, der ihn zu einer weiteren Abzugsöffnung und 
aus dem Haus hinaus führte, rief er sich ins Gedächtnis, dass sie 
eine Hexe war. Auch sie würde ihren Begierden erliegen, sich 
verzehren und zerstört werden, aber das erforderte etwas Zeit. 

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-40- 

P

IPER STELLTE 

IHRE TASCHE im Kindersitz des 

Einkaufswagens ab, nachdem sie und Phoebe das Geschäft 
durch die automatischen Türen betreten hatten. Drinnen 
angelangt, zog sie ihren Einkaufszettel hervor und frischte rasch 
ihre Erinnerung auf. 

»Wozu all die Leckereien?«, fragte Phoebe nach einem 

kurzen Blick auf die Liste, ehe sie Piper Platz machte, als diese 
auf die Bäckerei zuhielt. »Geben wir eine Party?« 

»Nein, wir geben keine Party«, entgegnete Piper. »Entweder 

werde ich in Einsamkeit vor Sehnsucht nach Leo vergehen und 
mich mit allem vollstopfen, was ich gern esse, oder ich werde 
Leo mit allem vollstopfen, was ich mag, sollte er zufällig doch 
auftauchen.« 

»Cool. Was auch passiert, ich habe auf jeden Fall den 

Hauptgewinn gezogen.« Phoebe grinste. »Ich mag das Zeug 
nämlich auch.« 

»Dann sollten wir wohl besser doppelt so viel davon 

einkaufen.« Plötzlich bemerkte Piper, wie sich ein wenig Ärger 
in ihre Stimme schlich. Sie stellte fest, dass sie nicht fair war. 
Phoebe versuchte gar nicht, ihre Sehnsucht nach Leo lächerlich 
zu machen. Sie war tatsächlich süchtig nach Leckereien. 

»Dreifach sollten wir das Zeug kaufen«, sagte Phoebe. »Wir 

können kein Fressgelage mit Schinkenröllchen und Schwarzbrot 
mit Rahmkäse ohne Prue veranstalten.« 

»Hätte ich mir nie einfallen lassen«, sagte Piper nun wieder 

mit ruhiger Stimme, ehe sie das Gespräch in eine weniger 
gefährliche Richtung lenkte. »Würdest du mich daran erinnern, 
dass ich meinen Großhändler nachher anrufe? Ich habe ein paar 
extra Platten mit Fingerfood für den Basar bestellt, und ich will 
sicherstellen, dass sie nichts durcheinander bringen.« 

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»Welche Art von Fingerfood?«, fragte Phoebe. 

»Schnittchen... Käse, Salami, Brot mit ausgesuchtem 

Spezialbelag...« 

»Wow!«, sagte Phoebe und hielt eine Hand hoch. »Wären 

Chips und Dips nicht einfacher? Und billiger?« 

»Einfacher, billiger und total schäbig«, sagte Piper beleidigt. 

»Ja, aber das P3 ist ein Club«,  bohrte Phoebe weiter. »Ein 

cooler Haufen, tolle Bands, Tanzen. Niemand geht zum Essen 
hin.« 

»Die meisten Leute bei der Wohltätigkeitsveranstaltung 

werden aber gar nicht erfahren, dass das P3 ein toller 
Tanzschuppen ist, wenn wir sie nicht an unseren Stand locken 
können.« Piper verdrehte die Augen und reichte die 
Einkaufsliste an Phoebe weiter, ohne sich noch einmal 
umzublicken. »Und darum brauchen wir coole Snacks.« 

»Okay, du bist der Boss«, sagte Phoebe, als sie den Zettel 

ergriff und Piper zum Verkaufstresen der Bäckerei folgte. Aber 
sie klang nicht sonderlich überzeugt. 

»Lass uns ein paar von diesen Mini-Blaubeermuffins 

mitnehmen...« Piper erstarrte, als Phoebe sie an ihrer Bluse 
festhielt. 

»Warte!« Phoebe griff noch fester zu, als Piper versuchte, 

sich zu befreien. 

»Was ist denn...«, setzte Piper an, verstummte jedoch 

sogleich, als ein Einkaufswagen aus einem Seitengang direkt 
vor ihrer Nase vorbeiraste. Der rücksichtslose Kunde, ein 
ungepflegter Mann, der eine zerrissene Jeans und ein 
schmutziges T-Shirt trug, sah nicht einmal in ihre Richtung. Er 
zerrte eine Tüte mit Brötchen aus dem Regal und lief einfach 
weiter, ohne sein Tempo im Mindesten zu drosseln. 

Piper war so wütend, dass sie sich heftig zusammenreißen 

musste. Am liebsten hätte sie den Kerl eingefroren, ehe er einen 

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Unfall verursachte und womöglich ernsten Schaden anrichtete. 
Dann hatte sie eine andere Erkenntnis, die ihr wichtiger 
erschien. Wenn Phoebe sie nicht aufgehalten hätte, hätte dieser 
Irre sie mit voller Wucht mit seinem Einkaufswagen gerammt. 

Piper sah sich nach ihrer Schwester um. »Du hast das 

gewusst?« 

»Ja. Es ist in meinem Kopf aufgeblitzt, als du mir das hier 

gegeben hast.« Phoebe wedelte mit dem Einkaufszettel. 
»Kapitaler Unfall mit dem Einkaufswagen von diesem Typen. 
Rumms! Geradewegs in die Kuchentheke. Gebrochenes 
Handgelenk.« 

»So hart hat er mich getroffen?« Piper erschauderte. Der 

Supermarkt war ihr immer als eine Art Hafen in dem Meer der 
Gewalt erschienen, das ihr Leben bestimmte. Natürlich hatte sie 
längst ihre Sehnsucht danach aufgeben, eine ganz normale junge 
Frau zu sein, die sich verlieben und heiraten und ein paar Kinder 
in die Welt setzen würde. Sie versuchte einfach so zu leben, als 
hätte sich nichts verändert, soweit ihr Dasein als Hexe mit 
einem übernatürlichen Mann ihr dies erlaubte. Dennoch konnte 
sie es nicht ausstehen, wenn Gefahren sich in die wenigen 
sicheren Nischen einschlichen, die ihr geblieben waren. 

»So hart hätte er dich beinahe getroffen!«, korrigierte Phoebe. 

»Richtig. Danke.« Piper beschloss, sich von dem Vorfall nicht 

den Tag verderben zu lassen. Der Typ war ein Idiot, aber kein 
verachtenswertes Übel, das die ungeteilte Aufmerksamkeit der 
Zauberhaften erfordert hätte. Angesichts der Tatsache, dass sie 
Leo vermisste und die Vorbereitungen für den Stand des P3 bei 
der Wohltätigkeitsveranstaltung sie in Trab hielten, war sie 
wirklich nicht in Stimmung, alles stehen und liegen zu lassen, 
um sich mit irgendeinem Dämon herumzuschlagen. 

»Alles in Ordnung?«, fragte Phoebe verzweifelt. »Du siehst 

furchtbar wütend aus. Nicht, dass ich dir das zum Vorwurf 
machen wollte.« 

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»Nein, ich bin in Ordnung. Nur ein bisschen besorgt, weil ich 

bis zum Samstag noch so viel zu tun habe.« Piper lächelte. 
»Lass uns zusehen, dass wir fertig werden und von hier 
verschwinden.« 

»Keine Einwände.« Phoebe sah sich um. Ehe sie Piper winkte 

weiterzugehen, wollte sie sicherstellen, dass es ungefährlich 
war, den Quergang zu passieren. 

Während sie durch die Gänge hin- und herliefen, drifteten 

Pipers Gedanken immer wieder zu der Beinahe-Kollision, die 
nur deshalb nicht stattgefunden hatte, weil Phoebe eine Vision 
gehabt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass Phoebes 
hellseherische Gabe sie oder Prue gerettet hatte, und es würde 
sicher nicht das letzte Mal sein. Dieser Vorfall erinnerte Piper 
jedoch wieder einmal daran, wie unnormal ihr Leben verlief. 
Aber gleichgültig, wie sehr sie sich auch wünschen mochte, 
›normal‹ zu sein, ihr stand diese Option nicht offen. Sie konnte 
nicht einmal ein intimes Abendessen zu zweit für sich und Leo 
planen, weil sie nie wusste, wann er hereinschweben würde - 
oder auch wieder hinaus. 

»Wie wäre es damit für Leo?« Phoebe ließ zwei kleine 

Packungen Müsliriegel in den Einkaufswagen fallen. 

»Hast du deinen Tätigkeitsbereich inzwischen aufs 

Gedankenlesen ausgeweitet?«, fragte Piper vergnügt. »Ich habe 
gerade an Leo gedacht.« 

»Du denkst immer an Leo«, zog Phoebe sie auf und warf eine 

dritte Packung Müsliriegel in den Wagen. »Ich hasse es, wenn 
mich ein Verlangen nach Müsliriegeln überfällt und keine im 
Haus sind.« 

Piper zuckte innerlich zusammen. Leo hatte die 

Angewohnheit, sich aus der Küche der Halliwells mit allem zu 
versorgen, wonach ihm der Sinn stand. Was auch völlig in 
Ordnung war. Schließlich war er ihr Beschützer, ihr persönlicher 
Wächter des Lichts und außerdem mit Piper zusammen. 

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Trotzdem sollte sie auf jeden Fall in Zukunft daran denken, 
einen ständigen Vorrat mit seinen Lieblingssnacks anzulegen. 
Sie und ihre Schwestern hatten Probleme genug, auch ohne sich 
über die mangelnde Verfügbarkeit von Müsliriegeln zu zanken. 

»Du vermisst ihn sehr, nicht wahr?«, fragte Phoebe. 

Die Frage traf Piper unvermutet. Sie und ihre Schwestern 

standen einander sehr nahe. Trotzdem erzählte sie ihnen nicht 
immer, was sie belastete, es sei denn, die Umstände erforderten 
es. Phoebe und Prue hatten ihre Gaben wesentlich bereitwilliger 
als sie akzeptiert, ebenso wie die enorme Verantwortung, die 
mit ihnen einherging. Ein wenig fühlte sie sich schuldig, weil es 
ihr nicht so leicht fiel, ihr früheres Leben mit dieser höheren 
Bestimmung in Einklang zu bringen. Darauf war sie bestimmt 
nicht stolz, aber sie konnte diesen Umstand auch nicht einfach 
ignorieren. Trotzdem war das Naturkost-Regal im Supermarkt 
bestimmt nicht der passende Ort, um eine ernsthafte Diskussion 
über ihre persönlichen Verfehlungen zu führen. 

»Ja, aber ich weiß auch, dass er so schnell er kann zu mir 

zurückkehren wird.« Piper deutete den Gang hinunter. »Ich 
glaube, das Dosenschwarzbrot ist dort.« 

»Dann lass uns unsere Vorräte nachfüllen«, sagte Phoebe. 

»Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen.« 

»Kein Problem.« Genau wie Phoebe und Prue liebte auch 

Piper die Snacks aus saftigem Schwarzbrot mit Rahmkäse, wie 
ihre Großmutter sie für die Schwestern gemacht hatte, als sie 
noch Kinder gewesen waren. Piper hatte die bürgerliche, ganz 
und gar unhexenhafte Ader ihrer Großmutter immer zu schätzen 
gewusst. Die einfachen Rezepte ihrer Küche bereiteten ihr oft 
viel mehr Freude als jedes noch so überwältigende kulinarische 
Vergnügen. Sie halfen ihr, die Lücke zwischen dieser Welt und 
der anderen zu füllen, nun, da ihre Großmutter in jene andere 
Welt hinübergegangen war. 

Phoebe klopfte sich auf den flachen Bauch. »Ich werde die 

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ganze nächste Woche damit zubringen, mir die Kalorien wieder 
abzutrainieren.« 

»Du könntest ja auf die Snacks verzichten«, schlug Piper vor. 

»Kann ich mir nicht vorstellen«, widersprach Phoebe ohne 

Zögern. »Das Leben ist zu kurz, um sich nicht hin und wieder 
einmal gehen zu lassen.« 

Dagegen konnte Piper keine Einwände erheben. Wieder 

wanderten ihre Gedanken zu Leo, während sie Phoebe durch die 
Gänge folgte. Ja, sie vermisste ihn – sehr -, und manchmal 
fragte sie sich, ob er wusste, wie schwer die ständigen 
Trennungen auf ihr lasteten. Bevor sie ihre Sphäre verlassen 
hatte und dem Hauptquartier der Wächter des Lichts ›dort oben‹ 
einen Besuch abgestattet hatte, war ihr überhaupt nicht bewusst 
gewesen, dass die Zeit dort viel langsamer verlief als in der Welt 
der Sterblichen. Sie hatte Leo bereits seit zwei Wochen nicht 
mehr gesehen, doch für ihn war nicht einmal ein Tag vergangen. 
Es sei denn, er befand sich auf einer weiteren Mission in ihrer 
Welt. 

»Jetzt brauchen wir nur noch ein bisschen frisches Gemüse, 

dann sind wir fertig.« Phoebe nahm Zettel und Stift und strich 
zwei Pfund dünn geschnittenen Delikatess-Schinken von ihrer 
Liste. 

»Toll!« Piper ließ von ihrem vorübergehenden Anfall von 

Selbstmitleid ab. Die Trennungen waren hart, aber sie war 
dankbar, dass die maßgeblichen Stellen ihr und Leo die Chance 
gegeben hatten, es miteinander zu versuchen. Sie bedachte 
Phoebe mit einem strahlenden Lächeln. »Dann können wir nach 
Hause gehen, und der Spaß kann losgehen.« 

»Das Gelage kann beginnen.« Phoebe warb mit einem 

frischen Bündel Broccoli um Pipers Beifall. »Vielleicht ein 
bisschen Salatcreme dazu?« 

»Perfekt.« Piper streckte die Daumen nach oben, ehe sie auf 

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einen Jungen deutete, der damit beschäftigt war, die Auslagen 
hinter Phoebe wieder aufzufüllen. »Hol uns doch bitte noch ein 
paar Bund Schalotten.« 

»Du weißt, was gut ist.« Phoebe reichte den Broccoli an Piper 

weiter, ging auf den Jugendlichen zu und deutete auf die 
Schalotten. »Kann ich zwei davon haben, ehe du sie hinter die 
alte Ware stopfst?« 

»Sicher.« Von Phoebes guter Laune und ihrem guten 

Aussehen aus der Fassung gebracht, suchte er zwei Bund 
Schalotten aus, packte sie in eine Tüte und gab sie Phoebe. 
»Schon fertig.« 

Piper hielt den Blick abgewandt. Der Junge war schon 

verlegen genug, als dass sie ihn noch zusätzlich beobachten 
wollte. Als aber Phoebe nach einigen Sekunden immer noch 
nicht mit den Schalotten zurück war, blickte sie auf und sah, wie 
der Junge seinen Wagen wieder durch die Tür zum Lager 
bugsierte. 

Die Tüte mit den Schalotten lag am Boden. Phoebe 

klammerte sich am Regal fest. Ihre Finger waren so verspannt, 
dass die Knöchel sich weiß unter der Haut abzeichneten. Ihre 
Augen waren fest geschlossen, und ihr Atem ging stockend. 

Alarmiert durch diese Auswirkungen einer neuerlichen Vision 

lief Piper zu ihrer Schwester. »Was ist los, Phoebe?« 

Phoebe konnte Piper durch die Flut der Bilder, die in ihren 

Geist geströmt waren, als sie die Hand des Jungen berührt hatte, 
kaum hören. Die Vision hatte sie getroffen wie ein physischer 
Hieb. Sie hielt ihren Geist in einem Würgegriff, wurde gespeist 
aus Panik und Hilflosigkeit. 

Kein Schrei kam über die Lippen des Jungen, als seine 

Knochen, seine Muskeln zwischen massiven, aufeinander zu 
gleitenden Wänden zerrieben wurden. 

Schweißperlen glänzten auf Phoebes Gesicht, als das Bild 

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erlosch. Die Belastung durch zwei so direkt aufeinander 
folgende Visionen hatte sie mehr als üblich geschwächt. Ihr 
Schädel dröhnte. Sie umklammerte mit ihren schmerzenden 
Finger noch fester das Regal, während ihre Knie unter ihr 
nachzugeben drohten. 

Piper ergriff Phoebes Arm, um sie zu stützen. »Was ist 

passiert?« Als die Auswirkungen der Vision nachließen, 
bemühte sich Phoebe angestrengt, sich wieder in den Griff zu 
bekommen, ehe sie sich umblickte. »Wo ist er hingegangen?« 

»Der Junge?«, fragte Piper. »Nach hinten.« 

»Komm mit. Er wird zerquetscht werden, wenn wir es nicht 

aufhalten.« Stolpernd machte sich Phoebe auf den Weg zur Tür. 
Ihr blieb keine Zeit für eine genaue Erklärung. Wenn sie nicht 
früh genug kamen, um das ganze Unheil von vornherein 
abzuwehren, war Pipers Gabe, die Zeit anzuhalten, die einzige 
Hoffnung, die dem Jungen blieb. 

»Was aufhalten?« Piper war Phoebe direkt auf den Fersen, als 

sie in den großen Lagerbereich des Kaufhauses stürmte. 

»Das.« Phoebe starrte auf die Kehrseite des gewaltigen 

schwarzen Sattelschleppers, der rückwärts auf den Ladesteg 
zuhielt. Der Ladesteg war etwa zehn Meter breit, und der Fahrer 
steuerte den Truck direkt auf die Mitte zu. Am Vortag war das 
Unglück auf dem Rücken eines Ponys geritten, heute auf 
mächtig vielen Pferdestärken unter einer glatten Plane mit der 
Aufschrift Thunder & Stone. 

Phoebe richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Jungen, der 

zusammen mit einem Mann, dessen Hemdsärmel 
hochgekrempelt waren und der eine Krawatte trug, am Rand der 
Laderampe stand. Ein Manager, nahm sie an, während ihr Blick 
zu einem anderen Mann wanderte, der auf einem Gabelstapler 
ganz in der Nähe hockte. Sie zögerte. Irgendetwas an der 
Szenerie stimmte nicht. In ihrer Vision hatte der Junge vor dem 
Ladesteg am Boden gestanden und war von dem Truck gegen 

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die Mauer gepresst worden. 

Wie auf ein Stichwort blickte der Manager über die Kante des 

Ladestegs hinunter auf die Rampe. »Hol den Kasten da raus, 
Barry.« 

»Okay.« Als Barry zu Boden sprang, drehte sich der Manager 

zu dem Gabelstapler um. 

»Nein!«, schrie Phoebe. »Holt ihn da raus!« 

Barry blickte auf. Offenbar hatte er den Truck, der immer 

noch auf ihn zukam, völlig vergessen. 

»Es tut mir Leid, meine Damen«, rief der Manager. »Sie 

dürfen sich hier nicht aufhalten. Nur autorisiertes...« 

»Piper!« Mit verstörtem Blick wandte sich Phoebe an ihre 

Schwester. Aber einen Sattelschlepper und vier Personen 
einzufrieren war ein bisschen mehr als das, was Piper 
üblicherweise aus dem Handgelenk zu schütteln pflegte. Okay, 
es war sogar viel mehr, dachte Phoebe, aber sie hatten nun 
einmal keine andere Wahl. Wenn sie nichts taten, würde Barry 
zerquetscht werden. »Jetzt! Bitte!« 

»Schon gut.« Piper verzog das Gesicht und riss die Hände 

hoch. 

Phoebe rannte bereits auf Barry zu, als die ganze Szenerie 

erstarrte. 

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Piper, als sie die Kante des 

Ladestegs erreicht hatte. »Das ist eine ziemlich große Portion 
Gefriergut, und ich weiß nicht, wie lange ich den Zustand 
aufrechterhalten kann.« 

»Dann lass uns hoffen, es klappt lang genug.« Phoebe ging in 

die Knie und sprang von dem Ladesteg in den Hof. Insgeheim 
wünschte sie sich, Prue wäre bei ihnen. Barry hätte vermutlich 
einige Kratzer und Blutergüsse davongetragen, wenn Prue ihn 
mit ihrer Gabe aus der Gefahrenzone gerissen hätte. Aber das 
war eindeutig besser, als von einem Truck plattgemacht zu 

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werden. Und jetzt, dachte Phoebe, als sie den Arm des Jungen 
ergriff, befand auch sie sich mitten im Gefahrengebiet. 

Piper sprang neben ihr von dem Steg und schnappte sich den 

anderen Arm des Jungen. »Na komm, Großer.« 

Piper und Phoebe hatten den Jungen gerade beiseite gezerrt, 

als der Motor des Trucks röhrend zum Leben erwachte. 

»Was? Wo?«, stotterte der Manager, als Piper und Phoebe 

plötzlich verschwunden zu sein schienen. Meistens gaben sie 
sich alle Mühe, wieder an der richtigen Stelle zu stehen, ehe die 
Zeitstarre sich auflöste, aber das war leider nicht immer 
möglich. 

Und es war nicht ihr größtes Problem, erkannte Phoebe, 

während Barry zurücktaumelte. Gleich darauf riss er Piper und 
sie mit sich zu Boden, als er das Gleichgewicht verlor. 

Die Bremsen des Trucks quietschten, als der Fahrer den 

Sattelschlepper vor dem Ladesteg unsanft zum Halten brachte. 

Begraben unter dem benommenen Jungen flüsterte Phoebe 

Piper zu: »Auf ein Neues!« 

Piper nickte, hob die Hände und ließ erneut alles um die 

Schwestern herum erstarren. Dann sprang sie auf die Beine und 
blies sich eine wirre Haarsträhne aus dem Gesicht. »Und was 
jetzt?« 

Grunzend stemmte sich Phoebe unter Barry hervor und stand 

auf. Sie hatte eine Idee, deren Chance vielleicht bei eins zu einer 
Million lag. Aber ihr wollte einfach nichts anderes einfallen. 
»Laufen.« 

Piper widersprach nicht, als Phoebe sie auf die Leiter am 

Ende des Stegs zudrängte. Im Laufschritt jagten sie über den 
Steg, sausten an den erstarrten Arbeitern vorbei und durch die 
Tür in den Verkaufsraum des Supermarktes. Als die Tür sich 
hinter ihnen schloss, verlangsamten sie ihr Tempo. Noch immer 
schnellen Schrittes hasteten sie zurück zu ihrem Einkaufswagen. 

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»Je schneller wir hier raus sind, desto besser«, verkündete 

Piper, als sie nach dem Wagen griff. 

»Was ist mit dem Gemüse?« Phoebe blickte zurück. 

»Wir machen auf dem Heimweg einen Abstecher zu Sams 

Gemüseladen«, rief Piper ihr über die Schulter zu. 

Als sich die Tür zum Lager zu öffnen begann, huschte Phoebe 

hastig hinter den Regalen außer Sicht. Mit ein bisschen Glück 
würden Barry, der Manager und der Gabelstaplerfahrer einfach 
annehmen, ihr sonderbares Verschwinden hätte nie 
stattgefunden. Diese besondere Eigenart des menschlichen 
Verstandes arbeitete den Halliwells oft in die Hände, wenn sie 
ihre magischen Spuren nicht vollständig verwischen konnten. 
Trotzdem hatte sie bestimmt nicht vor, das Schicksal 
herauszufordern, indem sie einfach abwartete, ob der Trick auch 
dieses Mal funktionierte. Phoebe sauste an Piper vorbei, die das 
Regal bereits halb passiert hatte. 

Um die Dinge an der Kasse ein wenig zu beschleunigen, lud 

Phoebe die Waren auf das Förderband, während Piper einem 
älteren Herrn mit seinen Einkäufen half. Als endlich auch die 
letzten Dosen Schwarzbrot auf dem Band lagen, atmete sie tief 
durch. Offenbar beanspruchte Barry, der dem Truck nur so 
knapp entronnen war, die volle Aufmerksamkeit des 
Marktleiters. Arbeitsunfälle, Abfindungen und 
Versicherungsbeiträge genossen vermutlich eine höhere Priorität 
als Kunden, die sich auf geheimnisvolle Weise in Luft auflösten. 

»Fein. Du bist also beschäftigt. Gut für uns.« Piper schob den 

Einkaufswagen heran, um die Tüten mit ihren Lebensmitteln 
einzuladen. 

»Bis auf das hier!« Phoebe reichte der Kassiererin die letzte 

Dose Schwarzbrot. Als sich ihre Fingerspitzen berührten, wurde 
sie von einer weiteren Vision überfallen. Sie schwankte ein 
wenig, als ein Bild so schnell in ihrem Kopf aufblitzte, dass sie 
nicht einmal sicher zu sagen vermochte, was sie eigentlich 

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-51- 

gesehen hatte. 

... Blut, das aus einer Wunde troff... 

»Alles in Ordnung, Miss?«, fragte die Kassiererin. 

Pipers Kopf ruckte herum, und ihre Augen verengten sich zu 

schmalen Schlitzen.  

»Alles bestens.« Phoebe erholte sich rasch von der 

momentanen Orientierungslosigkeit. Ihre Visionen waren immer 
verstörend. Doch diesem kurzen Aufflackern der Hellsichtigkeit 
hatte kein Gefühl der Dringlichkeit angehaftet. Sie lächelte der 
mütterlichen Kassiererin zu, während Piper die Rechnung 
beglich. »Seien Sie vorsichtig mit scharfen Gegenständen, 
okay?« 

»Okay.« Die Frau starrte sie verwundert an und zahlte Piper 

das Wechselgeld aus. 

Piper beäugte Phoebe ebenfalls recht misstrauisch. »Fertig?« 

»Mehr als das.« Phoebe verdrehte die Augen und winkte 

Piper zu, das Geschäft zu verlassen. Als die automatischen 
Türen sich öffneten, sah sie sich noch einmal um. 

Die Kassiererin machte sich gerade daran, einen Stapel 

Prospekte zu ordnen, als sie plötzlich aufschrie und ihren Finger 
schüttelte. Blut rann aus einem Schnitt, den sie sich mit dem 
Papier beigebracht hatte. 

 

Prue liebte die Stille in der Dunkelkammer. Von den 

gelegentlichen Überfällen aus dem Reich des Bösen und dem 
einen oder anderen lebensbedrohlichen Notfall abgesehen, war 
sie in dieser professionellen Sphäre von allem abgeschnitten, 
was draußen vor sich ging. Selbst ihre Schwestern, die keine 
Bedenken hatten, einfach ins Badezimmer zu stürmen, wenn sie 
gerade unter der Dusche stand, oder sich in ihr Zimmer zu 
schleichen, um sich irgendwelche Klamotten auszuleihen, 
beachteten das Eintrittsverbot zur Dunkelkammer. Dabei zählten 

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nicht allein die verdorbenen Fotos und der Zeitverlust, sollte zur 
falschen Zeit Licht in den Raum dringen. Die Schwestern 
respektierten die Dunkelkammer als ihren persönlichen 
Freiraum - solange keine Notsituation eintrat. 

Als Prues Blick über die Abzüge von Stephen Tremaine 

wanderte, die über den Fotoschalen hingen, stellte sie fest, was 
für ein unglaubliches Glück sie gehabt hatte. Nach Jahren, in 
denen sie immer für andere gearbeitet hatte, hatte sie sich zu 
dem riskanten Schritt in die Selbstständigkeit entschlossen. Sie 
hatte schon immer leidenschaftlich gern fotografiert, und jeder 
Karriereschritt auf diesem Sektor war für sie aufregend, 
herausfordernd, aber auch beängstigend. 

»Als gäbe es nicht genug anderes in meinem Leben, um mich 

zu ängstigen«, murmelte Prue, als sie sich aufmachte, die letzten 
Fotos zu entwickeln, die sie von dem Kongresskandidaten 
geschossen hatte. Die Ungewissheit und Furcht, der sie sich 
allein wegen ihres Daseins als Hexe jeden Tag aufs Neue stellen 
musste, würde vermutlich nie abnehmen. Aber die Unsicherheit 
und Furcht, die mit ihrem neuen Job einhergingen, ließen mit 
jedem neuen Auftrag nach, den sie zur Zufriedenheit der 
Zeitschrift abschließen konnte. Von einem festen Gehalt zu 
einem Honorarscheck pro Auftrag zu wechseln, immer 
vorausgesetzt, sie hatte einen Auftrag, war ihr nicht leicht 
gefallen. Das gute Verhältnis zu Gil, dem Herausgeber von 415, 
hatte sich jedoch als hilfreich erwiesen. Und der Tremaine-
Auftrag war ein entscheidender Schritt, um auch in Zukunft im 
Geschäft zu bleiben. 

Diese Fotos werden Gil und Tremaine gefallen, dachte sie, als 

sie einen weiteren Abzug zum Trocknen aufhängte. Der 
Lichteinfall dämpfte die harten Linien von Tremaines Gesicht 
und die grobe Struktur seiner alternden Haut, was seiner 
Eitelkeit nur schmeicheln konnte. Mittels des Fotos, das sie 
gerade entwickelt hatte, war es ihr gelungen, ihn in jenem 

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-53- 

Augenblick festzuhalten, in dem er die archaische Steinstatue 
bewunderte. Sein Gesichtsausdruck spiegelte eine 
Menschlichkeit wider, eine Ehrfurcht, wie er sie im Alltag 
niemals zeigte. Würde sie nichts über den Mann oder seine an 
reinem Gewinnstreben ausgerichtete Lebensweise wissen, dann 
hätte dieses Foto sie durchaus davon überzeugen können, ihn zu 
wählen. 

»Was für ein Pech, dass Sie, Mr. Tremaine, in jeder Hinsicht 

eine Niete sind«, sagte Prue seufzend zu dem Foto. »Keine 
Stimme, keine Chemie, kein Funkenflug, wirklich schade.« 

Noch immer in die Betrachtung des Fotos vertieft, legte sie 

ihre Stirn in Falten. Der kleine graue Fleck an der Stelle, an der 
ein Auge in dem groben Stein angedeutet war, war so winzig, 
dass er ihr zunächst entgangen war. Aber nun, da sie ihn 
entdeckt hatte, sprang er ihr förmlich ins Auge. Besorgt beeilte 
sie sich, die übrigen drei Bilder zu entwickeln. Ihre schelmisch 
vergnügte Stimmung löste sich in Luft auf, als der Fleck auf 
jedem weiteren Foto immer größer wurde. Auf dem letzten Bild 
sah er schon beinahe wie eine dünne Rauchfahne aus. 

Ein Fehler im Film?, fragte sich Prue, während sie die Bilder 

am Ende der Filmrolle inspizierte. Mit diesem Profimaterial 
hatte sie bisher noch nie Probleme gehabt, aber das bedeutete 
schließlich nicht, dass derartige Schwierigkeiten immer 
ausgeschlossen waren. 

So wie auch etwas weit Bedrohlicheres nicht ausgeschlossen 

werden konnte, wie sie bei näherer Betrachtung dachte. 

Als sie an das Ende der Foto-Session gelangt war, hatte 

Tremaine von seiner Kampagne gegen Noel Jefferson 
gesprochen. Während ihres kurzen Gesprächs hatten die Bilder 
eine Vielzahl unterschiedlicher Emotionen eingefangen. Dem 
stolzen Blick angesichts seiner kostbaren Steinstatuette waren 
diverse andere Mienen gefolgt, die alle einen Bezug zu seinem 
Wahlkampf hatten: Sorge, Entschlossenheit, Ärger, Ernst und 

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-54- 

tiefschürfende Nachdenklichkeit. 

Nein, nicht tiefschürfend erkannte Prue jetzt. Bei der letzten 

Aufnahme schien Tremaine für einen Augenblick völlig 
geistesabwesend gewesen zu sein. Zwar hatte er diesen Umstand 
als nichtig abgetan, aber sie hatte in der Vergangenheit bereits 
zu viele unangenehme Überraschungen mit so genannten 
Nichtigkeiten erlebt, die sich schließlich doch als 
brandgefährlich herausgestellt hatten. Als viel zu gefährlich 
jedenfalls, um sie zu ignorieren... 

Besorgt untersuchte Prue die Aufnahmen noch einmal. Aber 

dieses Mal konzentrierte sie sich völlig auf den Fleck. Der sich 
ausdehnende graue Schatten befand sich auf jedem Bild im 
gleichen Abschnitt, womit ein Fehler im Rohmaterial als 
Ursache auch weiterhin nicht ausgeschlossen werden konnte. 
Andererseits war das jedoch auch kein Beweis dafür, dass  der 
Film fehlerhaft war. 

Prue stemmte die Hände in die Hüften und stieß pfeifend die 

Luft aus. Ein Problem mit dem Film wäre die logischste 
Erklärung und die akzeptabelste zudem gewesen, aber sie war 
noch nicht bereit, sich damit zufriedenzugeben. Vielleicht war 
ihr Objektiv nicht mehr in Ordnung. Und natürlich lauerte das 
Schreckgespenst übernatürlicher Ursachen stets im Hintergrund. 

»Übernatürlich auf welcher Basis?«, murmelte Prue vor sich 

hin. Irgendwie kam sie sich ein bisschen komisch dabei vor, 
gleich das Schlimmste anzunehmen. Aber schließlich wollte sie 
nur genau Bescheid wissen, gleichgültig, was dabei 
herauskommen mochte. Und sie war eindeutig misstrauischer 
als ihre Schwestern, ein Charakterzug, der sich schon viel zu oft 
als wertvoll erwiesen hatte. 

Neugierig nahm Prue ein Vergrößerungsglas aus einer 

Schublade und benutzte es dazu, den Fehler in jedem der Bilder 
noch einmal genauer zu untersuchen. Trotz allem entdeckte sie 
die einzige Übereinstimmung zwischen den Bildern nicht, bis 

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-55- 

sie einen Teil der Aufnahmen zum dritten Mal in Augenschein 
genommen hatte. Tremaines Kopf, sein Oberkörper, sein Arm, 
die Hand und die archaische Statue waren auf allen vier 
Abzügen in beinahe dergleichen Position zu sehen. Auf einem 
Bild war der Kopf ein wenig stärker geneigt, auf einem anderen 
der Arm ein wenig weiter abgesenkt. Der rauchähnliche Fleck 
nahm seinen Ausgangspunkt auf allen Bildern an derselben 
Stelle: nämlich in dem runden Auge der kleinen Statue. 

Verblüfft legte Prue die Lupe weg und nahm die Schürze ab. 

Sie glaubte im Allgemeinen nicht an derart verrückte Zufälle. 
Aber sie hatte auch keine Veranlassung anzunehmen, dass es 
einen anderen Grund für die Probleme mit den Fotos geben 
konnte. Auf jeden Fall würde es kaum schaden, sich zu 
vergewissern. 

Erpicht darauf, sich so schnell wie möglich an die Arbeit zu 

machen, hielt Prue in der Küche kurz inne, um Teewasser 
aufzusetzen, ehe sie ins Wohnzimmer ging, um ihre 
Kameratasche zu holen. Sie hatte mehrere Filmrollen auf einmal 
gekauft. Die Kamera war schnell geladen. Natürlich hatte der 
Test auch dann nicht viel Aussagekraft, wenn sich der Makel in 
den neuen Bildern nicht einstellte. Aber zumindest konnte sie 
dann definitiv ausschließen, dass ihr Objektiv schadhaft war. 

Als der Tee fertig war, nahm Prue die Kamera zur Hand und 

zog die Vorhänge von den Wohnzimmerfenstern zurück, um die 
Lichtverhältnisse in Tremaines Bibliothek nachzustellen. Dann 
fing sie an, die Einrichtung des Halliwellschen Wohnzimmers 
zu fotografieren. 

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-56- 

P

IPER STELLTE DEN WAGEN 

vor einem kleinen Geschäft ab, 

schaltete den Motor aus und hielt Phoebe am Arm fest, als jene 
Anstalten machte, die Tür zu öffnen. »Nicht so schnell.« 

»Was ist los?« Phoebe blinzelte sie verwundert an. »Stimmt 

was nicht?« 

»Sag du es mir.« Piper verschränkte die Arme vor der Brust 

und fixierte Phoebe mit einem durchdringenden Blick. Ihre stets 
so überschäumende kleine Schwester, die sie üblicherweise mit 
ihrem ununterbrochenen Gequassel beinahe um den Verstand 
brachte, hatte kaum ein Wort von sich gegeben, seit sie den 
Supermarkt verlassen hatten. 

»Dir was sagen?«, fragte Phoebe, die Stirn in tiefe Falten 

gelegt. »Und schalte den Großmutterblick aus, sonst komme ich 
mir vor, als wäre ich wieder fünf Jahre alt.« 

»Sorry.« Piper legte eine Hand an ihr Kinn und bemühte sich 

um eine weniger Strenge Miene. Auch sie hatte den 
allwissenden, strengen Blick ihrer Großmutter nie gemocht. Als 
Kind war sie überzeugt gewesen, dass ihre Großmutter mit 
irgendeiner geheimnisvollen Macht im Bunde stand, die sie über 
jede Regung ihrer Enkelinnen auf dem Laufenden hielt. Erst, als 
sie längst erwachsen geworden war, hatte sie erkannt, dass ihr 
schuldbewusstes Verhalten sie jedes Mal verraten hatte. 

»Wie damals, als Großmutter mir gesagt hat, ich sollte die 

Lacklederschuhe nicht draußen zum Spielen tragen.« Ein 
sehnsüchtiges Lächeln umspielte Phoebes Lippen. »Ich habe den 
Dreck mit einem Handtuch von dem schwarz glänzenden Leder 
gewischt und erst Jahre später herausgefunden, dass das 
Handtuch und der Schmutz unter den Sohlen mich verraten 
haben.« 

»Ich erinnere mich«, sagte Piper. 

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-57- 

»Ich habe wirklich geglaubt, sie hätte Augen im Hinterkopf«, 

verkündete Phoebe lachend. 

»Das Thema zu wechseln wird dir bei mir auch nicht 

weiterhelfen als damals bei Großmutter.« Erneut bedachte Piper 
Phoebe mit einem gestrengen, durchdringenden Blick. 

»Was soll denn das heißen?« Phoebe schien ehrlich erstaunt. 

»Bis zu deinem Abstecher in die Vergangenheit warst du 

verdächtig schweigsam«, sagte Piper. »Eines hat sich in den 
letzten zwanzig Jahren nicht verändert: Du bist nur dann still, 
wenn dich irgend etwas belastet.« 

»Ist das so offensichtlich?« Seufzend blickte Phoebe zum 

Seitenfenster hinaus, ehe sie Piper ansah und die Schultern 
zuckte. »Wahrscheinlich ist das sowieso nicht wichtig.« 

»Phoebe!« Ein wütender Ton hatte sich in Pipers Stimme 

geschlichen. »Wir werden uns nicht vom Fleck rühren, ehe du 
nicht redest, und wenn unsere Einkäufe in der Zwischenzeit 
schlecht werden.« 

»Drohungen werden dich auch nicht weiterbringen«, zog 

Phoebe sie auf, doch ihr Grinsen erstarrte, als Piper keine Miene 
verzog. »Okay. Es sind die Visionen. Zu viele, zu schnell 
nacheinander und zu merkwürdig.« 

Piper versteifte sich. Jede Auffälligkeit, die etwas mit ihren 

Gaben zu tun hatte, war ein Grund zur Besorgnis. »Wie viele 
und wie merkwürdig?« 

»Drei im Supermarkt«, erklärte Phoebe. »Ein ganzes 

Spektrum von einer Schnittverletzung durch eine Papierkante 
bis hin zu einem zerquetschten Jungen.« 

»Einem  beinahe  zerquetschten Jungen, dessen Rettung fast 

dafür gesorgt hätte, dass wir beim Anhalten der Zeit erwischt 
worden wären. Ganz zu schweigen von meinem ebenfalls 
beinahe gebrochenen Handgelenk.« Keine besonders lustigen 
Dinge, dachte Piper. Trotzdem verstand sie nicht, warum ihre 

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-58- 

Schwester so besorgt war. Normalerweise nahm Phoebe das 
gefährliche Leben der Schwestern relativ leicht. »Ich verstehe 
nicht, was daran so merkwürdig sein soll.« 

»Ich habe vorhergesehen,  wie die Kassiererin sich in den 

Finger schnitt.« Ein furchtsames Beben schlug sich in Phoebes 
Stimme nieder. 

»Und das ist schlimm?« Piper wusste immer noch nicht, 

worum es eigentlich ging. 

»Ich weiß es nicht. Es ist nur, dass es so eine unwichtige 

Sache war.« Phoebe setzte eine sorgenvolle Miene auf. »Meine 
Visionen sind nie unwichtig.« 

»Na ja, anscheinend sind sie es jetzt eben doch.« Piper 

runzelte ebenfalls die Stirn, aber in ihrem Fall war das ein 
Ausdruck der Verwirrung. Sie wollte Phoebes Sorgen nicht als 
unbedeutend abtun. Aber sie konnte einfach nicht verstehen, wo 
das Problem lag. Ihre eigene Fähigkeit, die Zeit anzuhalten und 
Prues telekinetische Gabe hatten sich im Laufe der Zeit 
dramatisch verstärkt. Ihre Gaben wären noch stärker gewesen, 
hätte ihre Großmutter während ihrer Kindheit keinen Zauber 
bewirkt, der ihre Gaben zu ihrem eigenen Schutz gelähmt hatte. 
Prue konnte sich ganz spontan auf die Astralebene projizieren. 
Phoebe hatte sich die Macht der Levitation angeeignet, aber das 
war ein Geschenk von einem besiegten Gegner und keine 
natürliche... 

Phoebe riss Piper aus ihren Gedanken. »Aber warum sollten 

meine Visionen plötzlich unwichtig sein?« 

Piper schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Vielleicht weil 

deine Gabe feinfühliger und stärker wird, so wie Prues 
telekinetische Kräfte.« 

Sofort hellte sich Phoebes Miene auf. »Glaubst du?« 

»Hast du eine bessere Erklärung?« Piper ließ die 

Wagenschlüssel in ihre Tasche fallen. 

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»Nein. Gehen wir einkaufen. Ich habe plötzlich ein heftiges 

Verlangen nach frischem Obst.« Erleichtert sprang Phoebe aus 
dem Wagen und betrat zusammen mit Piper das Geschäft. 
»Also, wie war das noch mit dem neuen Barkeeper?« 

»Er heißt Rick. Studiert Psychologie und arbeitet an einer 

Dissertation, die irgendwas mit der Popkultur zu tun hat. Darum 
wollte er auch den Job.« Piper winkte Sam, dem Inhaber des 
Geschäfts, zu und schnappte sich einen Einkaufskorb. 

»Oh.« Phoebe runzelte die Stirn. »Dann war er 

möglicherweise gar nicht wirklich an mir interessiert. Vielleicht 
hat er nur gedacht, ich könnte ein gutes Forschungsobjekt 
abgeben.« 

»Vielleicht. Keine Ahnung«, neckte Piper. »Ich schätze, du 

wirst ihn kennen lernen müssen, um das herauszufinden.« 

»Als Laborratte oder als Verabredung zum Abendessen?« 

Phoebe verzog das Gesicht. »Darüber muss ich wohl erst 
nachdenken.« 

Während Phoebe davonging, um das Obstangebot zu 

inspizieren, sah sich Piper in den Auslagen mit frischem 
Gemüse um. Sams Geschäft hatte sich von einem 
unbedeutenden kleinen Laden in eine Art Institution verwandelt. 
Während sie ihr Gemüse zusammensuchte, war Piper wirklich 
froh, dass die Umstände sie zu diesem Abstecher gezwungen 
hatten. Sams Gemüse war viel frischer und nicht so teuer wie 
das im Supermarkt. Das P3  erfreute sich zwar zunehmender 
Beliebtheit, aber solange Prue als freie Fotografin arbeitete und 
Phoebe noch in der Ausbildung steckte, war sie für jeden 
gesparten Dollar dankbar. 

»Phoebe, beeil dich!«, rief Piper, als sie fertig war. Sie deutete 

zur Tür, wo Sam an einer altmodischen Registrierkasse hockte. 

»Nur noch eine Minute!« Phoebe schnappte sich eine 

Packung Erdbeeren. 

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Kopfschüttelnd wartete Piper unterdessen hinter einer jungen 

Frau darauf, dass sie an die Reihe kam. Die junge Frau hatte 
einen Sportwagen bei sich, in dem ein kleiner Junge saß. Das 
Haar des Jungen war hellrot und bildete einen schmerzhaften 
Kontrast zu dem rot karierten T-Shirt, das er unter der blauen 
Baumwoll-Latzhose trug. Grüne Zuckermasse, vermischt mit 
Speichel, lief über den Stiel des Lutschers auf seine Finger, als 
er mit der Leckerei herumfuchtelte. 

»Lolli«, krähte der Junge. 

»Fein. Schön essen.« Piper lächelte, als die Mutter des Jungen 

sich umblickte. »Süßes Kerlchen.« 

»Danke.« Die Frau stellte ihre Tasche auf dem Dach des 

Kinderwagens ab. »Na komm, Nathan. Daddy will uns zum 
Essen abholen, und wir sind schon spät dran.« 

Piper schob ihren Korb auf den Ladentisch, während sie sich 

insgeheim fragte, ob die Frau ihr Kind vor den Mahlzeiten 
immer mit Süßigkeiten fütterte. 

»Wie geht es Ihnen, Piper?« Sams Goldzahn funkelte in der 

Sonne, als er die Lippen zu einem Grinsen verzog. Bartstoppeln 
verunzierten das Kinn des sechzigjährigen Mannes, dessen bunt 
kariertes Hemd ausgefranst und dessen Hose, die er mit 
Hosenträgern gesichert hatte, ausgebeult war. 

»Mir geht es gut, Sam, und Ihnen?« Piper wusste nicht recht, 

seit wann Sam bereits Obst und Gemüse verkaufte. Seinen 
Laden gab es jedenfalls schon, so lange sie sich erinnern konnte. 
Sie würde ihn sicher vermissen, sollte er sich eines Tages zur 
Ruhe setzen. 

Beladen mit einer Tüte Orangen und grünlicher Bananen, 

worauf sie eine Packung Erdbeeren balancierte, blieb Phoebe 
am Ende des Ladentisches stehen. Mit ihrem Kinn hielt sie alles 
im Gleichgewicht, sodass sie mit ihrer freien Hand noch ein 
paar Kiwis aufsammeln konnte. 

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-61- 

Vor Piper hatte die junge Mutter gerade ihre Sachen fertig 

eingepackt und machte Anstalten, den Kinderwagen zur Tür zu 
schieben. 

»Ohoh!«, japste Phoebe. 

Noch ehe Piper reagieren konnte, hatte die junge Frau sich 

schon umgedreht und die Packung Erdbeeren aufgefangen, 
bevor sie zu Boden fallen konnte. 

»Danke«, sagte Phoebe mit einem verlegenen Grinsen. 

»Manchmal stelle ich mich wirklich ungeschickt an.« 

»Das passiert mir ständig.« Die junge Frau legte die 

Erdbeeren auf den Ladentisch und griff in ihre Tasche, während 
sie den Kinderwagen zur Tür schob. Als sie ihre Schlüssel 
hervorzog, glitt ein Schnuller aus der Tasche. 

Unbeholfen lud Phoebe das Obst auf den Ladentisch und hob 

den Schnuller vom Boden auf. Sofort überfiel sie eine neue 
Vision. In ihrer vorgebeugten Haltung konnte sie das 
Gleichgewicht nicht mehr halten und fiel mit geschlossenen 
Augen auf alle Viere. 

»Phoebe?«, hauchte Sam mit großen Augen. 

Piper lief zu ihrer Schwester und ging in die Knie. Als sie den 

Schnuller erblickte, fing ihr Herz an zu rasen. Zu gern hätte sie 
gewusst, was in Phoebes Kopf vorging. Aber sie musste warten, 
bis ihre Schwester sich von ihrer Benommenheit erholt hatte. 
Aber eines stand auch so schon fest: Irgendein Unglück wartete 
auf Nathan. 

»Komm schon, Phoebe«, drängelte Piper. Bis ihre Schwester 

wieder zu sich gekommen war, raste ihr Puls. »Was wird 
geschehen?« 

»Autounfall.« Wieder voll bei Sinnen sah Phoebe auf die 

Straße hinaus. In einem stahlgrauen Minivan fädelte sich 
Nathans Mutter gerade in den Verkehr ein. »Wir müssen 
hinterher!« 

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-62- 

»Legen Sie mir das Zeug zurück, Sam!«, rief Piper über ihre 

Schulter, als sie hinter Phoebe herrannte. 

Ehe Phoebe auch nur nach dem Gurt hatte greifen können, saß 

sie schon angeschnallt auf dem Fahrersitz und hatte den Motor 
eingeschaltet. »Wohin?« 

»Ich weiß es nicht genau.« Phoebe verrenkte sich den Hals, 

um den Minivan auf der vielbefahrenen Straße im Auge 
behalten zu können. »Schnell. Wir verlieren sie!« 

Pipers Magen verkrampfte sich beim Gedanken an Nathans 

fröhliches Kindergesicht. Sie würde keine Ruhe mehr finden, 
sollte ihm etwas zustoßen, nur weil sie und Phoebe nicht 
rechtzeitig bei ihm gewesen waren. Die Räder des Wagens 
drehten durch, und Kies spritzte durch die Luft, als sie den 
Automatikhebel in die Fahrstellung schob. Am Ende der 
Ausfahrt trat sie heftig auf die Bremse und hämmerte mit den 
Fäusten auf das Lenkrad ein. Ein stetiger Strom aus Fahrzeugen 
jagte in beiden Richtungen an ihnen vorbei. 

»Mach schon, Piper!« Phoebes Stimme war schrill vor 

Anspannung, ihr Blick noch immer unverwandt auf den Van 
gerichtet, der vor einer Ampel stehen geblieben war. »Die 
Ampel springt jede Sekunde um, und dann verlieren wir sie 
womöglich.« 

»Behalt sie im Auge!« Piper gab Gas, und der Wagen schoss 

auf die Straße hinaus, während ein Pickup bedrohlich schnell 
auf sie zukam. Sie bremste kurz, um ein Kabriolett passieren zu 
lassen, und rammte erneut den Fuß aufs Gaspedal. 

»Pass auf!« Phoebe zog den Kopf ein, ließ aber den grauen 

Minivan nicht aus den Augen. 

Der Fahrer des Pickup trat auf die Bremse und konnte gerade 

noch eine Kollision mit Pipers Stoßstange verhindern, als sie das 
Steuer hart nach links herumriss. Heftig schleudernd fädelte sich 
der Wagen in den Verkehr ein. Kaum hatte sich das Fahrzeug 

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-63- 

wieder beruhigt, lenkte sie den Wagen schon unsanft auf die 
rechte Spur. 

»Wo hast du gelernt, so zu fahren?«, fragte Phoebe, nicht 

ohne eine gewisse Bewunderung. »Fahrtraining oder 
Stuntausbildung?« 

»Ein ausgekochtes Schlitzohr.« Piper wischte eine ihrer 

verschwitzten Hände an der Hose ab, wechselte dann die Hand 
am Lenkrad und trocknete die andere. Dieser Klassiker unter 
den Verfolgungsjagden war einer von Pipers Lieblingsfilmen. 
»Ich habe ihn fünfmal gesehen.« 

»Ohoh.« Phoebe stemmte sich auf ihrem Sitz hoch und 

deutete zur Windschutzscheibe hinaus. »Sie biegen rechts ab.« 

»Schon gesehen.« Ihr Wagen klebte beinahe an der 

Stoßstange des vorausfahrenden Wagens und bog nach rechts 
ab, ehe die Ampel wieder auf Rot umschaltete. Drei Wagen 
trennten sie noch von dem Minivan, der vor ihnen die Straße 
hinunterfuhr. 

Nun, da der Van in Sicht war und der waghalsigere Teil der 

Verfolgungsjagd hinter ihnen lag, wartete Piper, bis sie 
unbesorgt überholen konnte, und konzentrierte sich auf 
mögliche Anzeichen für den bevorstehenden Unfall. »Worauf 
müssen wir achten?« 

»Ich weiß es nicht genau. Der Van ist irgendwie in einem 

roten Durcheinander untergegangen.« Phoebe biss sich auf die 
Lippen und sah sich um, als der Minivan vor einer weiteren 
roten Ampel hielt. »Ich habe wirklich keine Ahnung, Piper. Mir 
kommt hier nichts bekannt vor.« 

»Dann passiert es vielleicht nicht sofort«, mutmaßte ihre 

Schwester, während sie den Wagen stoppte. Entweder das, oder 
Phoebes Gehirn war wegen Überbeanspruchung völlig 
durcheinander geraten. Vier Visionen innerhalb weniger 
Stunden waren bestimmt ein einsamer Rekord. 

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-64- 

Kopfschüttelnd zog Phoebe die Stirn in Falten. »Nein. Ich bin 

ziemlich sicher...« Das Heulen einer näherkommenden Sirene 
schnitt ihr das Wort ab. 

»Das ist es!« Phoebes Augen weiteten sich entsetzt. 

»Feuerwehr. Kommt von da.« Sie deutete auf die Querstraße zur 
Linken. Dutzende von Wagen fuhren zur Seite oder hielten 
mitten auf der Straße an, obwohl die Ampel grün leuchtete. »Sie 
wird ihnen direkt in den Weg fahren.« 

Piper kämpfte gegen die Panik an, als ihr die 

Hoffnungslosigkeit ihrer Situation bewusst wurde. Drei Wagen 
befanden sich zwischen ihnen und dem Minivan. Weniger als 
eine Minute würde vergehen, bis sich der Unfall ereignen 
würde. Sie konnten das Unglück unmöglich aufhalten - außer 
mit ihren übersinnlichen Gaben. Andererseits konnte Piper 
unmöglich eine ganze Kreuzung mit allem, was sich darauf 
bewegte, einfrieren. So stark war ihre Gabe bei weitem nicht. 

Aber sie konnte auch nicht einfach rumsitzen und nichts tun. 

»Übernimm du das Steuer, Phoebe.« Ohne sich mit 

Erklärungen aufzuhalten, stieß Piper die Tür auf und sprang aus 
dem Wagen. Das Heulen der Sirene wurde lauter, während sie 
zwischen zwei Reihen stehender Fahrzeuge hindurch zu dem 
Van rannte. 

Aus dem Augenwinkel sah Piper, wie der mächtige 

Feuerwehrwagen in der Straßenmitte an den stehenden Autos 
vorbeiraste. Sirenen jaulten auf, als der rote Truck auf die 
Kreuzung schoss - genau in dem Augenblick, in dem der graue 
Minivan anrollte, um nach rechts abzubiegen. 

Piper war wie vor den Kopf geschlagen. Hatte es Nathans 

Mom so eilig, ihren Mann zu treffen, dass sie dafür sogar 
bereitwillig ihr Leben riskierte? Und das ihres Sohnes? Aber 
vielleicht hatte sie auch die Sirene nicht gehört, weil ihr 
Autoradio so laut war oder Nathan weinte. Alle möglichen 
Erklärungen gingen ihr durch den Kopf, als sie die Hände hob 

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-65- 

und den Van einfror. 

Der Feuerwehrwagen hatte die andere Seite der Kreuzung 

erreicht... 

Emotional und physisch erschöpft, befreite Piper den Van, der 

mit einem Satz wieder zum Stehen kam, als die Frau auf die 
erschreckende Lücke in ihrer Wahrnehmung reagierte. 
Vermutlich hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie nahe sie 
und Nathan dem Tod gewesen waren. 

»Gut gemacht.« Phoebe grinste und fragte ganz 

ungezwungen: »Zurück zu Sam?« 

Piper nickte. Sie hoffte, dass Phoebes magische Berührung 

nicht noch mehr bedrohte Unschuldige zu Tage fördern würde, 
während sie ihre zurückgelassenen Waren bei Sam bezahlte. 
Noch eine Rettungsaktion, und ihr Sauerrahm würde sich in der 
Mittagshitze in eine wenig appetitliche saure Suppe verwandeln. 

Während sie darauf warteten, dass die Ampel Grün zeigte, 

warf Phoebe Piper einen langen Seitenblick zu. »Also, wie groß, 
wie gebräunt und wie heiß ist dieser Rick auf einer Skala von 
eins bis zehn?« 

 

Erleichtert, endlich wieder zu Hause zu sein, ließ Phoebe den 

Beutel mit ihren Einkäufen auf den Küchentisch fallen. Sie hatte 
im Wagen gewartet, während Piper Sams Rechnung bezahlt 
hatte. Wenn sie sich auch nicht beklagt hatte, litt sie inzwischen 
doch unter Kopfschmerzen. Einkaufen allein hätte lediglich ein 
kleines Loch in ihren faulen Tag gerissen. Aber sie hatte nicht 
mit diesem Rettungsmarathon gerechnet, der ihr das Gefühl 
vermittelte, sie wäre unter einem Laster gelandet. 

»Wo ist Prue?« Piper stellte die letzte Tüte auf dem Tisch ab 

und öffnete den Kühlschrank. 

»Immer noch in der Dunkelkammer, schätze ich.« Phoebe 

fing an, ihre Einkäufe auszupacken, und reichte Piper alles, was 

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gekühlt werden musste. Unterdessen überlegte sie, wie sie sich 
am besten vor dem arbeitsreichen Teil ihres Fressgelages 
drücken konnte. Abgesehen davon, dass sie nach ihren 
vielfältigen Abenteuern ziemlich erschöpft war, mangelte es ihr 
einfach an kulinarischer Kunstfertigkeit. Das 
Zusammenmischen magischer Tränke war jedenfalls etwas ganz 
anderes als Kochen. 

»Du siehst ziemlich erschlagen aus.« Piper bedachte Phoebe 

mit einem Seitenblick, als sie die Plastiktüten in den Abfall 
stopfte. 

»Ich bin ein bisschen müde«, gab Phoebe zu. »Hast du etwas 

dagegen, wenn ich mich vor der Zubereitung unserer 
Schnittchen drücke? Meine würden vermutlich sowieso krumm 
und schief ausfallen.« 

»Krumm und schief klingt interessant«, zog Piper sie auf. 

»Aber ich komme auch ohne dich zurecht.« 

»Bestimmt?« Phoebe drückte Piper drei Packungen Rahmkäse 

in die Hand und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. 

»Ganz bestimmt.« Piper stopfte den Käse in den vollen 

Kühlschrank und griff nach dem Wasserkessel. »Willst du einen 
Tee?« 

Phoebe nickte. Eine Tasse dampfend heißen Tees, ein Aspirin 

und ein Nickerchen würden sie hoffentlich von den 
Kopfschmerzen befreien. Sie stützte das Kinn auf die 
überkreuzten Arme und sah aus den Augenwinkeln, wie Prue 
mit fassungsloser Miene aus der Dunkelkammer kam. 

Piper setzte Teewasser auf und machte es sich auf einem 

Stuhl bequem. Prue setzte sich zu ihnen. »Du siehst aus, wie ich 
mich fühle, wenn ich ein Soufflee ruiniert habe. Sind die Bilder 
von Tremaine nichts geworden?« fragte Piper. 

»Die meisten schon.« Seufzend breitete Prue die Bilder auf 

dem Tisch aus. 

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»Puh, Stephen Tremaine sieht genauso aus wie unsere 

Couch.« Phoebe runzelte die Stirn. Warum hatte Prue eine ganze 
Bilderserie vom Halliwellschen Mobiliar geschossen? 

»Das ist gut.« Piper deutete auf eines der Bilder. »Du hast 

tatsächlich das Wesen unseres Kaffeetisches eingefangen.« 

Prue versetzte Piper spielerisch einen Hieb gegen den Arm. 

»Um das Motiv geht es nicht. Ich habe die Filme und das 
Objektiv auf Fehler überprüft.« 

»Oh.« Phoebe richtete sich auf, um sich die Bilder genauer 

anzusehen. »Für mich sind die okay.« 

»Ich weiß.« Prue zog mürrisch die Brauen zusammen. »Und 

genau das ist das Problem.« 

»So?« Piper sprang auf, als der Wasserkessel zu pfeifen 

anfing und zog ihn von der Herdplatte. 

»Ja.« Prue holte ein Foto von Tremaine unter dem 

Bilderhaufen hervor. 

»Tolles Bild, Prue!« Beeindruckt nickte Phoebe. Licht und 

Aufnahmewinkel glätteten die harten Linien von Tremaines 
Gesicht. Nur sein Gesichtsausdruck wirkte ein wenig 
geistesabwesend. »Was ist das?« Phoebe deutete auf den ovalen 
Stein in Tremaines Hand. 

»Das ist das Problem.« Prue nahm eine Tasse dampfend 

heißen Tees von Piper entgegen, während ihr 
nachdenklichverwunderter Blick noch immer auf dem Foto von 
Tremaine ruhte. 

»Ich verstehe.« Piper gab auch Phoebe eine Tasse Tee und 

setzte sich wieder. »Warum hält er einen Stein in der Hand?« 

»Es geht nicht um den Stein. Na ja, jedenfalls nicht wirklich.« 

Prue nippte an ihrem Tee und stellte die Tasse ab. »Laut 
Tremaine ist das eine Art Geisterstein aus einer alten Kultur 
Südamerikas. Er hat gesagt, der Stein wäre Tausende von Jahren 
alt.« Wieder legte sie die Stirn in Falten, während ihre Finger 

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-68- 

den Umrissen des Steines folgten. 

Neugierig geworden nahm Phoebe ihre Brille aus dem Etui, 

das sie auf dem Tisch abgelegt hatte, und setzte sie auf die Nase. 
Sofort erkannte sie den nebelhaften grauen Fleck auf dem 
Abzug. »Ist das Dreck oder so was?« 

»Yep.« Prue presste die Lippen aufeinander. 

»Mist.« Piper klopfte Prue tröstend auf die Schulter. »Dabei 

ist dir das Bild so gut gelungen. Tremaine hätte es sicher 
gefallen.« 

»Das ist nicht der Grund, warum ich so irritiert bin.« Prue 

zögerte, gebannt von Phoebes und Pipers verwirrten Blicken 
und nahm erneut das Bild von der Couch zur Hand. »Das  Bild 
ist völlig in Ordnung. Dieses nicht.« Sie tippte auf das Bild von 
Tremaine. »Und ich weiß nicht warum.« 

Piper versteifte sich. Plötzlich wurde sie nervös. »Und das ist 

ein Problem, weil...?« 

»Du wieder hin musst, um Tremaine noch einmal zu 

fotografieren?«, fragte Phoebe. 

Prue schüttelte den Kopf. »Das Objektiv hat keinen Fehler. 

Das Filmmaterial könnte fehlerhaft gewesen sein - oder es liegt 
an irgendwas anderem.« 

Phoebes Herz setzte einen Schlag aus. Für die Zauberhaften 

bedeutete ›irgendwas anderes‹ gewöhnlich irgendwas 
Schlimmes‹, und das bedeutete gewöhnlich eine Menge Ärger. 

So viel zu meinem Nickerchen, dachte Phoebe und seufzte 

matt. 

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-69- 

W

ÄHREND PRUE IHRER SCHWESTER 

Phoebe zu einem Lesetisch 

in einer stillen Ecke der Universitätsbibliothek folgte, empfand 
sie die Atmosphäre in dem Gebäude als tröstlich beruhigend. Ihr 
Puls raste noch immer von dem wilden Rennen, das sie auf dem 
Campus veranstaltet hatten, um einen Studenten davor zu 
bewahren, von einem herabfallenden Ast getroffen zu werden. 

»Ich muss mich setzen.« Phoebe ließ sich auf einen Stuhl 

gleiten und rieb sich die Schläfen. 

»Dito.« Prue legte ihre Tasche und den Ordner mit den Fotos 

von Tremaine und dem Geisterstein auf den Tisch. »Ist mit dir 
wirklich alles in Ordnung?« 

»Nur leichte Kopfschmerzen. Geht gleich wieder.« Phoebe 

nahm die Fotos aus dem Aktendeckel und lächelte. »Geh und 
hol uns diese Nachschlagewerke, damit wir die Herkunft von 
diesem Ding bestimmen können.« 

Phoebes Lächeln konnte Prue nicht beruhigen, aber sie 

beschloss, dieses Thema zurückzustellen, bis sie wieder zu 
Hause waren. Herauszufinden, ob irgendeine unbekannte Gefahr 
sich anschlich oder nicht, musste einfach Vorrang vor weniger 
bedeutsamen Beschwerden haben. 

»Das Nachschlagen könnte sich aber auch als ziemlich 

fruchtloses Unterfangen herausstellen«, sagte Prue. 

»Ja, aber wenigstens können wir das im Sitzen erledigen«, 

entgegnete Phoebe seufzend. 

»Du bleibst sitzen. Ich bin gleich zurück.« Prue lächelte ihrer 

Schwester aufmunternd zu, obwohl sie im Stillen selbst besorgt 
war. 

Prue war ziemlich überrascht gewesen, als Piper und Phoebe 

ihr von der hektischen und überaus anstrengenden Einkaufsfahrt 

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-70- 

erzählt hatten. Manchmal vergingen Tage, ohne dass Phoebe 
eine Vision hatte. Natürlich wusste auch Prue, dass Phoebes 
Fähigkeiten zwangsläufig stärker werden mussten. Nun, 
vielleicht brauchte sie nur etwas Zeit, um sich an ihre 
gesteigerte Empfindsamkeit zu gewöhnen. 

Mit Phoebes Gabe zurechtzukommen, würde auch für sie und 

Piper nicht einfach werden, erkannte Prue, während sie die Titel 
der anthropologischen und archäologischen Nachschlagewerke 
studierte. Menschen vor drohendem Unheil zu schützen, stand 
dauernd auf ihrem Programm. Aber nun mussten sie vielleicht 
anfangen, ihre Entscheidungen von der Dringlichkeit des 
jeweiligen Falls abhängig zu machen. 

Prue wählte vier Bücher aus, die sich mit frühen 

südamerikanischen Kulturen befassten, ehe sie einen 
Augenblick innehielt, um nachzudenken. 

Sie hätten den Jogger, der Phoebe in der Nähe des 

Studentenparkplatzes beinahe umgerannt hätte, gar nicht 
ignorieren können. Phoebes Kraft, mit der sie den fallenden Ast 
abgelenkt hatte, hatte den jungen Mann davor bewahrt, sich den 
Hals zu brechen. Schnitte durch Papierkanten andererseits 
erforderten kaum die Aufmerksamkeit der Zauberhaften. Die 
Schwestern konnten es einfach nicht riskieren, ein wichtiges 
Ereignis zu verpassen, nur weil sie ihre Zeit für eine Lappalie 
opferten. 

Ein Hauch kalter Luft jagte eisige Schauder über Prues 

Wirbelsäule. Die Bücher an ihre Brust gedrückt, flüchtete sie 
eilig aus dem kalten Luftzug und ging zurück zu Phoebe. 

»Also? Was hast du uns mitgebracht?« Die Brille auf dem 

Nasenrücken, nahm Phoebe eines der Bücher zur Hand. 
Untergegangene Zivilisationen rund um den Amazonas. Klingt 
nach einem Treffer.« 

»Pass nur auf«, sagte Prue, als sie sich zu ihrer Schwester 

setzte. »Wir finden bestimmt heraus, dass der Stein nur 

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-71- 

irgendeine Art antiker Mörser oder Ballast für die alten 
Binsendächer war.« 

»Viel Lärm um nichts.« Phoebe blies den Staub von dem alten 

Buch und schlug das Inhaltsverzeichnis auf. »Das wäre doch 
auch einmal eine nette Abwechslung vom Alltagsgeschehen, 
nicht wahr?« 

»Ja.« Prue grinste. »Und mir würde es eine perverse Freude 

bereiten, Mr. Stephen Tremaine zu erzählen, dass sein kostbarer 
Geisterstein nur ein ganz gewöhnlicher Haushaltsgegenstand 
ist.« 

Phoebe starrte sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. 

»Höre ich da etwa Interesse heraus?« 

»So verzweifelt bin ich nicht.« Prue schauderte, aber nicht 

wegen der Vorstellung, sich einem Flirt mit dem reichen, 
ichbezogenen Kandidaten hinzugeben. Ein weiterer eisiger 
Lufthauch hüllte sie in seinen kalten, unsichtbaren Schleier. »Ich 
kann mich in dieser Zugluft nicht konzentrieren. Du studierst 
doch hier. Kannst du die Bücher nicht ausleihen?« 

»Sicher.« Phoebe runzelte die Stirn. »Welche Zugluft?« 

»Die aus der Klimaanlage.« Prue sah zur Decke hinauf, doch 

da waren keine Lüftungsgitter, soweit sie es erkennen konnte. 
Sie rieb sich die Arme, und ihre Miene verdüsterte sich, als die 
eisige Kälte sich verzog und sich tiefe Besorgnis in ihr 
festsetzte. Sie durfte nicht zulassen, dass ihre Vorstellungsgabe 
aus jeder Kleinigkeit, für die sich nicht auf der Stelle eine 
logische Erklärung finden ließ, ein potentielles Problem 
dämonischen Ursprungs machte. Spätestens in einer Woche 
würde sie vollkommen irre sein. Vielleicht schon früher. 

»Komm schon.« Prue erhob sich und sammelte ihre Sachen 

zusammen. »Wenn wir nach Hause gehen, kann ich mich auf 
unserer eigenen, bequemen, fotogenen Couch um die 
Nachforschungen kümmern, und du kannst dich von deinen 

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-72- 

Kopfschmerzen erholen.« 

»Guter Plan.« Phoebe schlug das Buch zu. 

Draußen empfing Prue dankbar die Wärme der 

Nachmittagssonne auf ihrem Gesicht und ihren Armen, während 
sie zurück zum Wagen gingen. Der Anblick der Studenten, die 
über den Campus schlenderten oder in kleinen Grüppchen im 
Gras saßen, half ihr, sich aus der schwermütigen Stimmung zu 
lösen, die in der Bibliothek Besitz von ihr ergriffen hatte. 
Irgendwie musste sie dringend die Paranoia beherrschen, die sie 
unter jedem Stein am Wegesrand etwas Böses vermuten ließ. 

»Da hat jemand seinen Taschenkalender verloren.« Phoebe 

bückte sich, um den Kalender aufzuheben, der neben ihrem 
Wagen auf dem Parkplatz lag, doch kaum hatten ihre Finger das 
Leder berührt, fiel sie bereits in die Trance hellsichtiger 
Visionen. 

 

Piper rührte wie besessen in der Mischung aus Weichkäse, 

gehackten Schalotten und Gewürzen. Tränen liefen über ihre 
Wangen, zwangen sie, ihre Arbeit zu unterbrechen. Nachdem 
Phoebe und Prue zur Universitätsbibliothek gefahren waren, 
hatte sie geglaubt, die Zubereitung der Schinkenröllchen könnte 
sie von ihrer Sehnsucht nach Leo ablenken. Statt dessen hatte 
diese gewöhnliche Arbeit alles nur noch schlimmer gemacht. 

Wenn sie nicht durch ihre Schwestern oder irgendein 

bevorstehendes Unheil beansprucht wurde, konzentrierten sich 
Pipers Gedanken automatisch auf die Leere, die sie empfand, 
wenn Leo nicht in ihrer Nähe war. Was in letzter Zeit meistens 
der Fall war, dachte sie schniefend. Sie konnte nicht einmal das 
Radio anschalten und Musik hören, ohne gleich wieder in eine 
Höllengrube voller Selbstmitleid zu stürzen. Jedes Lied, ob es 
nun von einer verlorenen oder einer gerade entdeckten Liebe 
handelte, erinnerte sie daran, dass ihre Beziehung beides 
umfasste. 

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-73- 

Piper stellte die Schüssel ab und öffnete den Kühlschrank, um 

den in Scheiben geschnittenen Schinken herauszuholen, schloss 
die Tür aber unverrichteter Dinge wieder, als das Telefon zu 
klingeln begann. Mürrisch atmete sie tief durch, um jeglichen 
weinerlichen Ton aus ihrer Stimme zu verbannen, ehe sie den 
Hörer abnahm. 

»Piper. Phoebe hier. Wir haben schon wieder einen Notfall.« 

»Was ist passiert?« Nun widmete Piper ihre ganze 

Aufmerksamkeit ihrer Schwester, und ihr persönlicher Kummer 
war für den Augenblick vergessen. 

»Eine Frau droht in einem Ziegelgebäude aus dem Fenster zu 

fallen. Wir haben sogar eine Adresse«, erzählte Phoebe 
aufgeregt. »Ich kann nur hoffen, dass es die richtige ist.« 

»Wo?« Piper notierte die Adresse und fischte die Schlüssel 

aus ihrer Tasche. 

»Du bist näher dran, Piper! Falls wir nicht ohnehin längst zu 

spät kommen«, sagte Phoebe. »Wir sehen uns dann dort.« 

Piper war bereits auf der Straße angelangt, ehe ihr einfiel, 

dass die Käsecremefüllung für die Schinkenröllchen immer noch 
auf dem Küchentisch stand, aber nun konnte sie ohnehin nicht 
mehr umkehren. Immerhin stand ein Menschenleben auf dem 
Spiel. Wenn sie oder Prue nicht rechtzeitig dort waren, um den 
Sturz der Frau aufzuhalten, hatte das Opfer keine Chance. 

Knapp fünf Minuten später hinterließ Piper eine dicke Spur 

verbrannten Gummis auf dem Asphalt, als sie den Wagen mit 
quietschenden Reifen auf den Parkplatz neben dem 
heruntergekommenen Appartementhaus steuerte. Von Prues 
Wagen war weit und breit nichts zu sehen. 

»Schätze, nun liegt die Verantwortung bei mir.« Jede Sekunde 

zählte, also stürzte Piper aus dem Wagen, ohne auch nur den 
Motor abzustellen, und rannte zur Rückseite des Gebäudes. Auf 
das Schlimmste vorbereitet, hastete sie um die Hausecke und 

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-74- 

kam taumelnd vor einem überquellenden Mülleimer aus Metall 
zum Stehen. 

Die schmale Gasse war von Schlaglöchern übersät, und der 

Hinterhof des Gebäudes sah aus wie eine Müllhalde. Fliegen, 
angezogen durch den Gestank, schwärmten um die Abfälle 
herum, die aus aufgeplatzten Mülltüten herausgerieselt waren. 
Neben der Hintertür stapelten sich Glasscherben, flachgetretene 
Büchsen und allerlei anderer, alter Unrat. 

Aber kein menschlicher Körper war zu sehen, der sich auf 

dem gepflasterten Hof in eine breiige Masse verwandelt hatte, 
wie Piper erleichtert feststellte. 

Ein schriller Schrei lenkte Pipers Blick an der Fassade hinauf, 

an der sich unzählige schmutzige Fenster befanden. Das 
Gebäude war fünf Stockwerke hoch, aber sie konnte nicht 
erkennen, aus welcher Etage der Schrei gekommen war, ehe die 
Frau erneut kreischte. 

»Das tut weh, Bobby!« 

Wütend über diesen häuslichen Disput, stellte sich Piper auf, 

bereit zu handeln, egal aus welchem Fenster die Frau 
herausgeflogen käme. Sie wünschte, Prue und Phoebe würden 
sich beeilen. Natürlich konnte sie auch einen fallenden Körper 
einfrieren. Aber wenn der Effekt nachließ, würde die Frau 
immer noch fallen - mit der gleichen, tödlichen 
Geschwindigkeit, es sei denn, Prue würde in der Nähe sein, um 
dem Sturz mit ihren telekinetischen Kräften Einhalt zu gebieten. 

»Kommt schon, Kinder«, murmelte Piper, während sie ihre 

Finger streckte. Mit finsterer Miene starrte sie an der Fassade 
entlang. 

»Lass das!«, kreischte die Frau. 

»Was?«, verhöhnte sie eine männliche Stimme. »Darf ich 

nicht ein bisschen... Linda! Pass auf!« 

Lindas entsetzter Aufschrei vermischte sich mit dem 

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Geräusch berstenden Glases, als sie rücklings durch ein Fenster 
im vierten Stockwerk brach und zu fallen drohte. Piper fror die 
Rückfront des Gebäudes ein, samt Linda, die halb aus dem 
zerbrochenen Fenster hinausragte und mitten in der Luft 
erstarrte. 

»Schön. Und was jetzt?« Piper sah sich in der Gasse um, 

wollte sich vergewissern, dass niemand das Schauspiel 
verfolgte. Dann warf sie einen Blick zum Parkplatz. Keine Prue, 
keine Phoebe, dachte sie zitternd, als ein Hauch eiskalter Luft 
durch ihr Haar strich. Erschrocken über diesen merkwürdigen 
Vorfall, der sich bei einer Temperatur von immerhin 27 Grad 
Celsius ereignete, runzelte sie die Stirn. 

Dann, als die Zeit wieder ihren natürlichen Verlauf nahm, 

wurde ihre Aufmerksamkeit durch Lindas Schrei von der eisigen 
Brise abgelenkt. Instinktiv fror sie erneut alles ein. Und blickte 
ungläubig an der Fassade hinauf. Linda hing immer noch halb 
aus dem Fenster. 

Piper starrte Bobby an, der Lindas Handgelenk umklammert 

hatte und gerade anfangen wollte, sie wieder hereinzuziehen. 

Falscher Alarm? Piper blinzelte und warf frustriert die Arme 

hoch, um die Erstarrung, die sie herbeigeführt hatte, wieder 
aufzulösen. 

»Bobby!« Lindas schriller Schrei zerriss die Stille in der 

Seitenstraße. 

»Keine Sorge, Baby! Ich hab' dich!« Bobbys Stimme bebte 

vor Entsetzen. 

Piper dachte, sie sähe, wie der Griff des Mannes sich lockerte, 

und hielt die Zeit ein drittes Mal an. Dann zuckte sie zurück, als 
eine silbergefasste Brille direkt vor ihren Augen auftauchte. 
Während sie die Brille auffing, hasteten Prue und Phoebe um die 
Ecke. 

»Oh, gut. Wir sind nicht zu spät gekommen.« Phoebe schlug 

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-76- 

sich erleichtert die Hand an die Brust. 

»Ihr kommt wie gerufen«, sagte Piper und hielt die Brille 

hoch. »Ich habe die gerettet, Prue. Du rettest das Mädchen.« 

»Ich bin bereit, wenn du es bist.« Als Prue die Hand hob, lief 

die Zeit weiter. 

»Nicht loslassen!«, flehte Linda ihren Bobby an. »Er verliert 

sie!« Urplötzlich erhob sich Phoebe in die Luft. Als Bobby 
Linda zurück in das Appartement zog und die Arme um sie 
schlang, hängte sich Prue an Phoebes Fußgelenk. 

»Oh, Mann.« Die Augen fest zusammengepresst, versuchte 

Phoebe erfolglos, wieder auf den Boden herabzusinken. 

Piper erkannte vollends verblüfft, dass plötzlich alles außer 

Kontrolle geraten zu sein schien. Da Bobby Lindas Tod auch 
ohne ihre Hilfe hätte verhindern können, hatten sie offenbar 
alles stehen und liegen lassen, um eine Brille zu retten. Bis zur 
Wohltätigkeitsveranstaltung blieben gerade noch zwei Tage, 
und sie hatte ein Dutzend Dinge zu erledigen, ehe sie am Abend 
wieder im P3 arbeiten musste. Und jetzt hing Phoebe, die 
wirklich dringend den Umgang mit ihrer neuen Gabe der 
Levitation erlernen musste, vor Zeugen mitten in der Luft. »Hol 
sie runter!«, schnappte Piper. 

»Ich versuche es ja!« Prues blaue Augen blitzten auf, als sie 

Phoebe auf den Boden zurückzerrte und sich an ihre Arme 
klammerte, um sie unten zu halten. »Ist jetzt alles in Ordnung?« 

Phoebe nickte und starrte verwundert nach oben. »Sie wäre 

gar nicht abgestürzt?« 

»Offensichtlich nicht«, entgegnete Piper. 

»Aber ich habe gesehen, wie sie durch das Fenster gestürzt 

ist«, beharrte Phoebe. 

»Sie ist nicht durch das Fenster gestürzt. Sie ist tatsächlich 

nicht abgestürzt und nicht am Boden zerschmettert worden.« 
Phoebe wirkte so fassungslos, dass Piper darauf verzichtete, die 

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-77- 

Käsefüllung zu erwähnen, die wegen dieses falschen Alarms 
gerade auf dem Küchentisch verrottete. Als Bobby am Fenster 
erschien, um sich ein Bild von dem Schaden zu machen, ging sie 
stattdessen auf ihn los. 

»Hey!« Die Hände in die Hüften gestemmt und erpicht 

darauf, sich mit ihm anzulegen, ging Piper auf Lindas bulligen 
Freund los. »Wo hat man dir denn beigebracht, auf ein Mädchen 
einzuschlagen und es einfach aus dem Fenster zu stoßen?« 

»Was reden Sie da für ein Zeug?« Bobby legte den Arm um 

Linda, als sie neben ihm am Fenster auftauchte. »Ich habe sie 
nicht gestoßen.« 

»Nein, das haben Sie falsch verstanden.« Linda drängte sich 

dichter an Bobby heran, als sie in die Tiefe blickte. »Er wollte 
mir Kung-Fu beibringen, und ich bin gestolpert.« 

Piper, die sich wie ein Vollidiot vorkam, stieß einen schweren 

Seufzer aus und hielt die Brille hoch. »Ich werde die einfach 
hier hinlegen.« 

»Das hier auch«, sagte Phoebe leise. Mit einem linkischen 

Schulterzucken legte sie den Taschenkalender neben der Brille 
auf das Pflaster. 

Als sie schließlich eilig verschwanden, bedachte Piper ihre 

Schwestern mit einem scharfen Blick. »Wir müssen uns 
unterhalten!« 

Athulak jagte durch die Schluchten der Stadt, lauschte den 

nutzlosen Worten der Sterblichen, die durch die Straßen eilten 
oder sich hinter Mauern verbargen. Er hatte die Vorteile seiner 
Existenz als Windhauch schnell zu schätzen gelernt. Keine 
Barriere konnte ihn aufhalten, und kein Mensch fürchtete ihn, 
kein Mensch erkannte seine Berührung. 

Die Hexen konnten ihn fühlen, aber sie kannten weder seinen 

Namen noch seine Macht. Und wie Hunderte anderer, deren 
sorglos dahingeschwafelte Wünsche er seit seiner Rückkehr 

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-78- 

erfüllt hatte, wusste auch die Seherin nicht, dass auf ihr ein 
Fluch lastete, hervorgebracht durch die impulsive 
Launenhaftigkeit ihrer eigenen Worte. 

Und dass die Ereignisse, die in Gang gesetzt worden waren, 

als Tremaines Worte ihn aus dem Stein befreit hatten, nicht 
umkehrbar waren. Außer durch die Magie der Drei. 

Dennoch war Athulak unbesorgt, während er sich auf den 

Luftströmungen durch den sonnenbeschienenen Himmel tragen 
ließ. Was die Hexen nicht wussten, konnten sie auch nicht 
aufhalten. 

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-79- 

I

N IHRE LEKTÜRE VERTIEFT

,

 

griff Prue geistesabwesend nach 

ihrer Tasse und trank einen kräftigen Schluck Kaffee. Die kalte, 
bittere Flüssigkeit ließ sie zusammenzucken. »Bah!« 
Schaudernd und würgend stellte sie ihre Tasse auf dem 
Küchentisch ab. 

»Glück gehabt?« Phoebe schlurfte gähnend in die Küche, 

blieb neben dem Ofen stehen und nahm den Deckel vom Kessel, 
um nach dem Wasserstand zu sehen. 

»Nichts, nada, nicht der kleinste Hinweis.« Prue lehnte sich 

zurück, klappte das Buch zu und schob es zur Seite. Die 
Nachschlagewerke aus der Unibibliothek hatten ihr eine Menge 
faszinierender Informationen über das alte Südamerika geliefert, 
aber kein Wort über eine Steinstatuette, die Ähnlichkeit mit der 
in Tremaines Bibliothek gehabt hätte. 

»Dann gibt es vielleicht gar nichts über diesen Steingötzen 

herauszufinden.« Phoebe schaltete die Herdplatte an, streckte 
sich und rieb sich den Nacken. »Falls es ein Götze ist und kein 
Papierbeschwerer oder dergleichen.« 

»In den alten südamerikanischen Kulturen gab es kein 

Papier.« Prue streckte ihr die Tasse entgegen. »Würdest du das 
bitte wegkippen?« 

»Sicher.« Phoebe leerte die Tasse im Spülbecken aus, ehe sie 

einen Teebeutel aus der Packung nahm. »Willst du auch Tee?« 

Prue schüttelte den Kopf und betrachtete eines der Fotos von 

Tremaine, auf dem sich der seltsame Nebel befand. Vielleicht 
hatte Phoebe Recht, und der Artefakt war lediglich ein grob 
behauener Stein, an dem außer seiner geheimnisvollen Herkunft 
und dem unbekannten Alter nichts Besonderes war. 
Wahrscheinlich war der Film die Ursache für die fehlerhaften 
Bilder, besonders, da die Schwestern nicht von irgendwelchen 

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-80- 

dämonischen Kriegern aus der Vergangenheit angegriffen 
worden waren. Außerdem hatten sie genug Sorgen, auch ohne 
sich auf Geheimnisse zu stürzen, die es vielleicht gar nicht gab. 

Beispielsweise die steigende Rettungsrate, die ihnen Phoebes 

plötzlicher Ansturm hellseherischer Visionen eingebracht hatte, 
wie Prue mit einem besorgten Blick auf ihre Schwester dachte. 
Phoebe lehnte sich gegen den Küchentisch und massierte ihre 
Schläfen. 

»Schlecht geschlafen?«, fragte Prue. 

»Nicht sonderlich.« Phoebe ließ sich auf einen Stuhl fallen 

und gähnte noch einmal herzhaft. »Mein Gehirn ist diese 
zusätzliche Beanspruchung einfach noch nicht gewohnt.« 

Prue nickte. Seit Phoebe am Nachmittag ins Bett gegangen 

war, kaum dass sie nach Hause gekommen waren, hatten Piper 
und sie keine Möglichkeit gehabt, sich mit ihr zu unterhalten. 
Dass sie ständig ihr Leben aufs Spiel setzten, weil sie andere 
Menschen aus tödlichen oder dämonischen Gefahren retteten, 
war eine Verantwortung, deren Last sie ausnahmslos ohne 
Murren akzeptiert hatten. Ihrer aller Leben aber ein Dutzend 
Mal am Tag dem totalen Chaos zu überantworten, um gänzlich 
unbedeutende Unfälle abzuwehren, war eine andere Sache. 
Phoebe musste lernen, zwischen Banalität und Ernstfall zu 
unterscheiden. Aber dieses Thema wollte Prue nicht allein 
anschneiden. Die jüngste Halliwell-Schwester ließ sich mit der 
Macht der Zwei sicher leichter überzeugen. 

»Bist du erholt genug für ein bisschen Spaß?« Prue ahmte die 

Armbewegungen eines Flamencotänzers nach. »Die Hard 
Crackers 
spielen heute Abend im P3.« 

»Willst du da jetzt hingehen?« Phoebe warf einen 

zweifelnden Blick zur Uhr. »Es ist fast elf.« 

»Hast du Angst, du könntest dich um Mitternacht in einen 

großen Kürbis verwandeln?«, zog Prue sie auf, darauf bedacht, 

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ihre Sorgen zu verbergen. 

»Na ja, ich... okay.« Phoebe nickte und wandte für eine 

Sekunde den Blick ab. Als sie ihre Schwester wieder ansah, 
lächelte sie. Aber das schelmische Funkeln ihrer Augen, das 
Prue erwartet hatte, fehlte. »Warum nicht?« 

Das war es, was Prue hatte wissen wollen. Phoebe, die 

niemals abgeneigt war, die Flirtmöglichkeiten in Pipers Club zu 
erforschen, hatte wirklich keine Lust, auszugehen. Das schien 
ihr sogar noch ominöser als die nebelhaften Flecken auf den 
Bildern von Tremaines Geisterstein. Und, so beschloss Prue, als 
Phoebe den Herd ausschaltete, eine Familienkonferenz war 
dringend erforderlich. 

 

Sorgenvoll beobachtete Phoebe die Menschenmassen, die 

darauf warteten, in den Club eingelassen zu werden. 
Üblicherweise fand sie diesen Anblick toll, denn ein überfüllter 
Laden bedeutete auch, dass Piper eine Menge Geld verdiente 
und sie weiter zur Universität gehen konnte. Aber heute sah sie, 
anstelle der hübschen kleinen Dollarzeichen, in jedem Besucher 
nur einen potenziellen Anlass zu größter Wachsamkeit. 
Außerdem war es ihr schon in der stillen Zuflucht ihres eigenen 
Zuhauses schwer genug gefallen, trotz ihrer hartnäckigen 
Kopfschmerzen so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Sich nun 
auch noch in das Gedränge des P3 zu stürzen, war schlicht und 
einfach ein Albtraum. 

Phoebe schämte sich, es zuzugeben, aber sollte in dieser 

Nacht auf irgend jemanden eine wie auch immer geartete 
Katastrophe lauern, so wollte sie es schlicht nicht wissen. 

»Sieh dir das Gedränge an! Nicht schlecht für einen 

Wochentag.« Prue stieg aus dem Wagen aus und strich den Stoff 
ihres schwarzen Kleides glatt, das jede ihrer weiblichen 
Rundungen betonte. Eine schwarze Spitzenbluse mit schmalen 
Ärmeln verlieh ihr eine kühne Eleganz. 

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Phoebe nannte es Prues Schwarzer-Witwen-Look; kein 

lebendiger Mann konnte ihr so noch widerstehen. Aber Prue 
zeigte keine Gnade und wies die meisten armen Teufel ab, die es 
wagten, sie anzusprechen. Das allerdings war nicht schwer zu 
verstehen. Sie alle mussten wegen ihrer Gaben übervorsichtig 
darauf bedacht sein, sich auf der sicheren Seite zu bewegen. 
Und sollte sie sich mit dem neuen Barkeeper, von dem ihr Piper 
nun schon seit Tagen vorschwärmte, tatsächlich gut verstehen, 
würde ihr geheimes Leben als Hexe früher oder später zu 
Problemen führen. Problemen, mit denen die meisten Typen 
einfach nicht umgehen konnten. In einen Wächter des Lichts 
verliebt zu sein, mochte zwar ziemlich kompliziert sein, aber 
zumindest musste Piper sich vor Leo nicht dauernd verstellen. 

»Das sind wirklich eine Menge Leute.« Eine kalte Brise ließ 

Phoebe erschauern, und sie rieb sich fröstelnd die Arme. 

»Frierst du?«, fragte Prue. 

»Es ist ein bisschen kalt, aber wenn wir drin sind, wird mir 

schon wieder warm werden. All diese eng tanzenden Menschen 
strahlen eine Menge Hitze ab.« Phoebe wusste nicht, ob Rick an 
diesem Abend arbeitete. Aber mit dem Wickelrock, der in 
lebhaften Farben gehalten war, und dem dazu passenden 
Oberteil hatte sie sich für alle Fälle beeindruckend in Schale 
geworfen. 

Prue kniff verwundert die Augen zusammen. »Es ist ziemlich 

warm hier draußen.« 

»Aber ich hatte gerade...« Phoebe runzelte die Stirn, als ihr 

bewusst wurde, dass Prue Recht hatte. Es war warm. 

»Du hattest was?« Prue trat einen Schritt näher heran. »Den 

Eindruck, einen eisigen Wind aus dem Nichts zu spüren?« 

»Ja.« Phoebe starrte sie verwundert an. »Hast du das auch 

gefühlt?« 

»Nicht gerade jetzt, nein«, sagte Prue. »Aber ich hatte heute 

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Nachmittag in der Bibliothek ein ähnliches Gefühl. Komm, lass 
uns Piper besuchen.« 

Phoebe rief Prue zurück, als diese sich auf den Weg durch das 

Gedränge vor der Tür machen wollte. »Lass uns hinten 
reingehen. Schließlich wollen wir keinen Aufstand verursachen, 
nur weil wir hineindürfen, ohne zu warten.« 

»Du hast Recht«, stimmte Prue zu und machte kehrt. 

Nicht wirklich, dachte Phoebe, als sie das Lager durch den 

Hintereingang betraten. Sie hatte sich lediglich noch nicht 
entscheiden können, wie sie ihren Schwestern sagen sollte, dass 
sie unter dem Ansturm an Visionen litt und nicht wusste, wie 
lange sie dieser steten und anstrengenden Verantwortung noch 
standhalten konnte. Trotzdem musste sie sich ihnen anvertrauen, 
und zwar schnell. Aus diesem Grund hatte sie auch zugestimmt, 
Prue ins P3

 

zu begleiten. Sie wollte nicht den Rest ihres Lebens 

in ihrem Zimmer verbringen oder sich ihren Pflichten als 
Zauberhafte entziehen. Aber sie würde auch niemandem mehr 
helfen können, wenn sie den Verstand verlor. 

In der Tür, die vom Lager in den Club führte, blieb Phoebe 

stehen und musterte die Menge. Nirgends gab es auch nur einen 
freien Stuhl, Barhocker eingeschlossen. Die Hard Crackers 
hatten offensichtlich gerade eine Pause eingelegt. Aber das tat 
der ausgelassenen Stimmung der Gäste keinen Abbruch. Auf der 
Tanzfläche drängten sich die Pärchen, die zur Musik, die von 
der Promotion-CD der Band stammte, im Kreis herumwirbelten. 
Piper spülte Gläser, während die Barkeeper, Jimmy Dougan und 
Monica Reynolds, Drinks einschenkten. 

Phoebe war eher erleichtert als enttäuscht, nur Jimmy und die 

dunkelhaarige, gertenschlanke Monica anstelle eines blonden, 
braungebrannten Ricks hinter der Theke zu sehen. Die 
chaotischen Visionen belasteten ihr sonst so unbeschwertes 
Wesen sehr. Solange sie dieses Problem nicht im Griff hatte, 
würde eine neue Beziehung kaum eine Chance haben. Eine 

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oberflächliche Berührung beim Tanzen konnte jederzeit eine 
neue, übermächtige Vision hervorbringen. 

Niemand saß in der Nische im hinteren Teil des Raumes, denn 

Piper hatte dort in weiser Voraussicht ein Schild mit der 
Aufschrift ›Reserviert‹ aufgestellt. Phoebe vermutete, dass Piper 
die behagliche Ecke für sie freigehalten hatte, weil Prue 
angerufen hatte, um ihr zu sagen, dass sie vorbeikommen 
würden. Sie war dankbar dafür. Die Nische lag abseits des 
Gedränges, so dass sie nicht länger befürchten musste, mit 
irgend jemandem zusammenzustoßen. Sobald sie erst einmal 
dort war... 

»Ich werde mich hinsetzen!«, brüllte Phoebe Prue zu, um sich 

bei all dem Lärm verständlich zu machen, während sie 
gleichzeitig auf die Theke deutete. »Gehst du Piper holen?« 

Prue nickte und streckte die Daumen nach oben, ehe sie durch 

die Menge glitt. Das Meer aus Leibern teilte sich vor ihr, nur um 
sich in einer fließenden Bewegung gleich wieder hinter ihr zu 
schließen. 

»Dann bin ich jetzt wohl dran.« Phoebe atmete noch einmal 

tief durch und drückte sich dann an der Wand entlang. Sie 
hoffte, wer auch immer sie berührte, würde ein absolut 
katastrophenfreies Leben führen. Aber dieses Glück blieb ihr 
verwehrt. 

Ein grobschlächtiger Typ, der eine absolut indiskutable, 

ausgebeulten Hose und ein weites T-Shirt trug, lehnte sich vor 
ihr gegen die Mauer, um ihr den Weg zu verstellen. »Hey, Süße, 
ich warte auf dich.« 

»Komisch, aber nein, danke, ich bin schon verabredet.« Mit 

einem forschen Lächeln wollte Phoebe sich an ihm 
vorbeischieben, als die Vision wie ein Blitzschlag über sie 
hereinbrach. 

... ein offener Kühlschrank, ein Teller mit kaltem Hühnchen... 

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der Mann greift sich an die Kehle, würgt an einem Knochen... 

Phoebe trat einen Schritt zurück und starrte dem Mann in die 

Augen. »Wenn du nach Hause gehst, lass die Finger vom 
Hühnchen.« 

»Hühnchen?« Der Mann blinzelte sie verwirrt an. 

»Die Reste in deinem Kühlschrank.« Phoebe war es egal, ob 

er sie für eine Spinnerin hielt, wenn er ihr nur zuhörte. »Es ist 
schlecht, verdorben, vergammeltes Geflügel. Iss es, und du wirst 
sterben. Verstanden?« 

Vollkommen sprachlos vor Verblüffung nickte der Mann nur. 

»Ich mache keine Witze«, fügte Phoebe noch hinzu, als sie sich 
an ihm vorbeischob. Gleich darauf stieß sie mit einer jungen 
Frau zusammen, die ins Nichts starrte und gegen die Tränen 
ankämpfte. Die Unterlippe der Frau zitterte, als sie ihr Glas an 
den Mund führte und ihren Drink hinunterkippte. 

...  von einem Cop angehalten, zu betrunken, um gerade zu 

stehen, verhaftet... 

Erschüttert von dieser zweiten Vision, konnte sich Phoebe 

einen Augenblick lang nicht bewegen. Verzweifelt kämpfte sie 
um ihre Selbstkontrolle. Als sie wieder bei sich war, wich sie 
zurück und drängte sich dicht an die Wand. 

Während sich ihr Magen zusammenkrampfte und ihr Kopf 

schmerzte, ließ sich Phoebe viel Zeit und erreichte schließlich 
ohne weitere Zwischenfälle die Sitznische. Als sie sich setzte, 
dachte sie, sie sollte Piper später sagen, dass die liebeskranke 
Frau ein Taxi für den Heimweg brauchte. Dann genoss sie das 
Gefühl, zwei weitere Leben vor dem Ruin bewahrt zu haben, 
aber ihr Problem konnte das auch nicht lösen. 

Als Piper und Phoebe ein paar Minuten später den Tisch 

erreichten, hatte sich Phoebes Magen wieder ein bisschen 
entspannt, und das Pochen in ihrem Schädel hatte nachgelassen. 

»Was ist passiert?«, rief Piper, als sie sich zu ihr setzte. »Du 

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zitterst.« 

»Und du bist bleich wie ein Laken.« Prue legte die Hand auf 

Phoebes 

Stirn. »Fieber hast du nicht.« 

»Ich bin nicht krank«, sagte Phoebe. »Es ist schlimmer als 

das.« 

Mühsam gefasst erzählte Phoebe den beiden von dem 

Ansturm an Visionen, die sie heimsuchten, und davon, wie sehr 
sie dieser Zustand physisch, emotional und mental auslaugte. 
Als sie ihnen schließlich beichtete, dass sie nicht sicher war, wie 
lange sie dies alles noch aushallen würde, war sie den Tränen 
nahe. 

»Und wir haben uns Sorgen darüber gemacht, wie wir auf die 

dauernden Fehlalarme reagieren sollen.« Piper strich Phoebe 
sacht das Haar aus dem Gesicht. »Ich habe überhaupt nicht 
daran gedacht, wie hart das für dich sein muss.« 

»Ich auch nicht.« Prue ergriff Phoebes Hand. »Ich war viel zu 

sehr damit beschäftigt, mir den Kopf über diesen seltsamen 
Stein zu zerbrechen, der sich dann als weiter nichts als ein alter 
Stein entpuppt hat.« 

»Bist du sicher?«, fragte Piper. 

»Ziemlich sicher«, entgegnete Prue achselzuckend. »Ich 

meine, bisher ist nichts Besonderes passiert.« 

»Außer dass sich Phoebe plötzlich in einen lebenden 

Blitzableiter für Notsituationen aller Art verwandelt hat«, sagte 
Piper. »Meine Kraft ist nach und nach stärker geworden, nicht 
auf einmal.« 

»Schon, aber ich habe auch meine Fähigkeit zur 

Astralprojektion von jetzt auf gleich entdeckt«, wandte Prue 
stirnrunzelnd ein. »Die telekinetische Kraft ist aber nur langsam 
stärker geworden.« 

»Diese Sache mit dem kalten Wind war auch ein bisschen 

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komisch.« Phoebe war erleichtert, dass ihre Schwestern nun 
wussten, welche Probleme ihr die übergroße 
Empfindungsfähigkeit verursachte. Trotzdem wollte sie 
unbedingt wissen, ob es tatsächlich möglich war, dass die 
Verstärkung ihrer Gabe keine natürliche Ursache hatte. Früher 
war eine solche Verbindung nur mit verzweifelten Menschen zu 
Stande gekommen, die von Dämonen oder anderen bösartigen 
Kreaturen mit tödlichen Absichten bedroht worden waren. Die 
Übersensibilisierung mochte durchaus dafür sorgen, dass sie die 
Botschaften, die sie eigentlich empfangen sollte, gar nicht mehr 
wahrnehmen konnte. 

Pipers Körper spannte sich. »Du meinst so etwas wie einen 

Hauch eiskalter Luft, den es an einem heißen Nachmittag gar 
nicht geben sollte?« 

»Dann hast du das auch gespürt?« Prue starrte Piper 

durchdringend an. 

»Heute, als ich Linda nicht gerettet habe.« Pipers besorgte 

Miene wich einer eher neugierigen Verwunderung, als sie sich 
nach der Theke umsah. »Oh.« 

Phoebe blickte auf und sah im Gedränge einen großen, 

muskulösen Mann, der dichtes blondes Haar und eine tolle 
Bräune hatte. Der Atem stockte ihr, als eben dieser Mann direkt 
auf sie zukam, vor der Nische stehen blieb, die Hände in die 
Taschen steckte und lächelte. Grübchen und perfekte weiße 
Zähne, stellte sie im Stillen fest. 

»Hi, Piper«, sagte der Mann. 

Tiefe, raue Stimme und bernsteinfarbene Punkte in den 

grünen, funkelnden Augen, dachte Phoebe ganz versunken in 
ihre Betrachtungen. 

»Rick, wie geht es dir?« Piper hatte Mühe, das Grinsen zu 

unterdrücken, als Phoebe sich vollkommen überrascht versteifte. 

Prue gab ihrer Zustimmung mit einem Nicken Ausdruck. 

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»Super.« Rick lächelte Phoebe zu und sah ihr einen Moment 

in die geweiteten Augen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder 
Piper widmete. »Monica sagte, du suchst noch Aushilfen für den 
Stand bei der Wohltätigkeitsveranstaltung am Samstag, und ich 
hätte Zeit.« 

»Genau wie ich.« Hastig bemühte sich Phoebe, ihre Worte zu 

erklären. »Zeit, um auf dem P3-Stand zu arbeiten, meine ich. 
Diesen Samstag.« 

»Das ist der Zusatzlohn für die Arbeit bei deiner Schwester, 

mein Bonus, sozusagen«, kommentierte Rick, und sein Lächeln 
wurde immer breiter, als er Phoebe erneut in die dunklen Augen 
blickte. 

»Am Samstag um sieben Uhr morgens«, sagte Piper. »Wir 

werden nicht mit euch zum Park fahren, aber Jimmy wird dir 
sagen, was zu tun ist.« 

»Ich werde da sein.« Rick wollte gehen, wandte sich dann 

aber noch einmal an Phoebe. »Wir sehen uns dann am 
Samstag.« 

»Davon kannst du ausgehen.« Dann brachte er Phoebe 

vollständig aus der Fassung, als er ihre Hand ergriff und ihr 
einen Handkuss aufdrückte. Die Bilder, die ihren Geist 
überfluteten, verhinderten, was im realen Leben als Nächstes 
hätte passieren müssen... 

... Rick hebt die Hand, um sich gegen den Angriff von hinten 

zu verteidigen, ein Knüppel kracht auf seinen Kopf... Blut 
sprudelt aus seinem zertrümmerten Schädel hervor...
 

»Komm schon, Phoebe.« Prues bange Stimme brach durch 

den Nebel, der sich über Phoebes Geist gelegt hatte, aber es 
dauerte noch einige Sekunden, ehe sie die physischen 
Nachwirkungen der Vision abschütteln konnte. 

»Wo ist Rick?«, würgte Phoebe schließlich hervor. Ein 

scharfer Schmerz breitete sich in ihrem Gehirn aus und schien 

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von den Schädelinnenwänden widerzuhallen. Zitternd atmete sie 
tief ein und aus, um die Übelkeit in den Griff zu bekommen. 
Offenbar reagierte ihr Körper entsprechend zur Intensität der 
Gewalt, die sich in ihren Visionen niederschlug. 

»Er ist gerade gegangen«, sagte Piper und sah sich im Gewühl 

um. 

»Er wird auf der Straße überfallen.« Phoebes Augen weiteten 

sich vor Entsetzen. »Sie werden ihn umbringen.« 

»Nein, das werden sie nicht.« Prue sprang auf. »Du bleibst 

hier. Wir werden uns darum kümmern.« 

Phoebe umklammerte Pipers Handgelenk. »Tut nichts, was 

wir nicht erklären können. Wenn über uns...« 

»Wir kommen schon zurecht.« Piper drückte Phoebes Hand, 

ehe sie sich hinter Prue einen Weg durch das Gedränge bahnte. 

Phoebe richtete sich mühsam auf und rang um ihre Fassung. 

Sie war übel und sie fühlte sich orientierungslos. Rick arbeitete 
noch nicht sehr lange für Piper. Trotzdem hatte ihre Schwester 
intuitiv gewusst, dass sie und Rick einen Draht zueinander 
haben würden. Ob nun nur für eine Weile oder für immer, der 
Funke war übergesprungen. Sie konnte nicht einfach 
herumsitzen, während ihre Schwestern versuchten, eine Bande 
von Straßenräubern davon abzuhalten, Rick den Schädel zu 
zertrümmern. 

Erneut arbeitete sich Phoebe dicht an die Wand gepresst zur 

Tür vor, die zum Lager führte. Nur beeinträchtigt von der 
flüchtigen Vision eines ungeschickten Trottels, der sich die 
Finger in der Autotür einklemmte, erreichte Phoebe die Tür. Er 
würde es wohl überleben. Angetrieben von dem verzweifelten 
Wunsch, sich zu vergewissern, dass dies auch auf Rick zutraf, 
ging sie weiter. 

Im Schatten des Torweges entdeckte sie Prue und Piper, die 

die Rauferei aus dem Verborgenen verfolgten. Prue warf ihr 

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einen missbilligenden Blick zu, ehe sie sich rasch wieder auf die 
Vorgänge auf der Straße konzentrierte. Rick gelang es, den 
Angriff eines stämmigen, aber unbewaffneten Teenagers zu 
parieren, während er gleichzeitig die beiden anderen Jungs im 
Auge behielt, die sich seitlich von ihm befanden. In dem 
Moment, als Rick dem stämmigen Jungen die Faust unter das 
Kinn rammte und ihn von den Beinen riss, griff ihn der Junge zu 
seiner Rechten mit einem Messer an. 

Phoebe musste nicht fragen, warum Piper und Prue den 

Dingen ihren Lauf ließen. Wohlwissend, dass sie Rick gern 
besser kennen lernen würde, warteten die Schwestern bis zum 
kritischen letzten Augenblick, ehe sie sich einmischten. Dabei 
hofften sie, dass sie Rick retten konnten, ohne sich selbst zu 
enttarnen. 

Phoebes Herz schlug ihr bis zum Hals, als Ricks Hand den 

Unterarm des Jungen umklammerte und die Klinge in der 
Abwärtsbewegung erstarrte. Mit geschmeidiger Präzision 
schwang er das Bein herum, um dem Angreifer die Beine unter 
dem Körper wegzutreten. Als der zweite Junge zu Boden ging, 
wirbelte Rick herum, um sich dem ersten Angreifer zu stellen, 
der mit erhobener Faust auf ihn zustolperte. Hinter Rick ergriff 
der dritte Junge ein abgebrochenes Tischbein, das aus dem 
Müllcontainer des P3 gefallen war. 

»Schnapp es dir!«, flüsterte Phoebe Prue ins Ohr. 

Prue reagierte sofort. Mit einem zielgerichteten 

Fingerschnippen griff sie auf telekinetischem Weg nach dem 
Tischbein, riss es dem Jungen aus der Hand und schleuderte es 
außer Reichweite auf das Dach. Wie vor den Kopf gestoßen 
blieb der Junge stehen. 

Rick konnte nicht wissen, warum der Angreifer in seinem 

Rücken plötzlich in Panik geriet und die Gasse hinunter 
flüchtete. Auch die anderen beiden Raufbrüder zogen, durch 
Ricks Kampftechnik eingeschüchtert, den Schwanz ein und 

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rannten hinter ihrem Kumpel her. Keuchend beugte sich Rick 
vor, um wieder zu Atem zu kommen. 

Prue, Piper und Phoebe zogen sich zurück und verschwanden 

wieder im Lager. 

»Danke.« Unsicher auf den Beinen, lehnte sich Phoebe für 

einen Moment an die Mauer. Ihr Puls raste, und die Schmerzen 
in ihrem Kopf hatten sich zu einem dumpfen, aber quälenden 
Pochen entwickelt. 

»Kein Problem, zumindest nicht in Bezug auf Rick.« Piper 

warf ihr Haar zurück und wandte sich an Prue. »Ich glaube, es 
kann nicht schaden, wenn wir uns ein bisschen genauer mit den 
antiken Kulturen in Südamerika befassen. Für kalte Winde im 
August mag es eine wissenschaftliche Erklärung geben. Aber es 
kann kein Zufall sein, dass wir alle drei zu verschiedenen Zeiten 
und an verschiedenen Orten so einen Luftzug wahrgenommen 
haben.« 

Prue nickte. »Ich weiß nicht viel über Geistersteine, aber 

angenommen, sie werden als Gefäß benutzt, um Geister zu 
fangen...« 

»... dann wurde einer von ihnen vielleicht befreit«, beendete 

Piper den Satz. »Die Frage lautet: welcher und warum? Und was 
will er?« 

»Professor Rubin vom anthropologischen Institut könnte uns 

vielleicht helfen«, schlug Phoebe vor. »Ich bin ihm nie 
persönlich begegnet. Aber ich habe gehört, er soll ein bisschen 
exzentrisch sein. Auf jeden Fall hat er einige Bücher über frühe 
Kulturen geschrieben.« 

»Warum hast du nichts davon gesagt, als wir auf dem Campus 

waren?«, fragte Prue ein wenig verwirrt. 

»Weil er da als Witzfigur gilt. Angeblich hat er sich nur 

zusammengerissen, bis sie ihm einen festen Vertrag gegeben 
haben. Außerdem war mir heute Nachmittag noch nicht klar, 

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dass wir tatsächlich ein Problem haben.« 

»Ich werde ihn morgen aufsuchen, nachdem ich meine 

Tremaine-Fotos bei 415  abgeliefert habe«, sagte Prue, obwohl 
sie bezweifelte, dass der Weg die Mühe wert war. »Kannst du 
mir sagen, wie ich sein Büro finde?« 

»Besser. Ich kann dich zu ihm bringen«, entgegnete Phoebe. 

»Nein!«, widersprach Piper. »Du hast Hausarrest, bis wir 

herausbekommen haben, was hier vorgeht. Verlass das Haus auf 
keinen Fall!« 

»Geh nicht einmal zur Tür, wenn es klingelt«, fügte Prue 

hinzu. 

»Aber...«, setzte Phoebe zum Protest an. Doch dann wurde ihr 

klar, dass Piper und Prue Recht hatten. Wenn sie es tatsächlich 
mit einem noch unbekannten Problem dämonischen Ursprungs 
zu tun hatten, konnten sie es sich nicht leisten, ihre Zeit und 
Energie zu verschwenden, indem sie irgendwelche Leute vor 
Blechschäden und anderen Nichtigkeiten beschützten. 

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-93- 

DAs 

BÜRO VON DR

.

 GREGORY RUBIN 

befand sich im Keller des 

kulturwissenschaftlichen Institutsgebäudes. Prue ging, mit 
Phoebes Wegbeschreibung in der Hand und einem Foto von 
dem Geisterstein in der Tasche, durch den düsteren Korridor. 
Dabei konnte sie sich nicht von dem Gefühl freimachen, hier nur 
ihre Zeit zu verschwenden. 

Die unterirdische Domäne des Professors stand in den 

Instandhaltungsbemühungen der Universität weit unten an, was 
nicht zu übersehen war. Putz und Farbe blätterten von den 
grauen Wänden ab, etliche Glühbirnen waren durchgebrannt 
oder fehlten vollständig. Aus den Lüftungsschlitzen der 
Klimaanlage in der Decke tropfte Kondensationswasser herab 
und sammelte sich in Pfützen am Boden, und die Wasserrohre 
rasselten bedrohlich. Die Verwaltung konnte den fest 
angestellten Professor, solange er seine Arbeit ordentlich 
verrichtete, nicht einfach feuern, weil er ein Spinner war. 
Deshalb war er anscheinend in diesen Keller verbannt worden, 
da man hoffte, dass er irgendwann von selbst das Handtuch 
werfen würde. 

Die unerfreuliche Umgebung gab Prue wenig Anlass, darauf 

zu vertrauen, dass dieser Ausflug von Erfolg gekrönt sein 
würde. Doch nun, da sie schon hierher gekommen war, konnte 
sie es ebenso gut hinter sich bringen. Außerdem waren 
exzentrische Wissenschaftler oft genug brillant auf ihrem 
Gebiet. 

»Ich darf noch hoffen«, murmelte Prue, als sie vor der 

massiven Tür stand, auf der, schwarz auf grauem Grund, Prof. 
Rubin 
zu lesen war. Ein schwarzes Brett an der Wand neben der 
Tür erregte Prues Aufmerksamkeit. Zwischen den 
Stundenplänen und Seminarbeschreibungen entdeckte sie einen 

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verblassten Buchumschlag, der sich an den Ecken aufrollte: Alte 
Kulte und Kulturen der Neuen Welt von Dr. Gregory Rubin. 
Eine vergilbte Zeitungsrezension hing direkt daneben. Das Buch 
hatte es vor siebenundzwanzig Jahren auf die Sachbuch-
Bestsellerlisten geschafft. 

Phoebe hatte nicht erwähnt, dass Rubin ein Experte für alte 

Kulte war, aber diese Erkenntnis steigerte Prues Optimismus 
deutlich. Gut möglich, dass sein Ruf, nicht ganz normal zu sein, 
dem in Akademikerkreisen weit verbreiteten Misstrauen gegen 
alles entstammte, was im weitesten Sinne als übernatürlich 
bezeichnet werden konnte. 

Als Prue die Hand zum Anklopfen erhob, wurde die Tür von 

innen aufgerissen. Ein gebeugt gehender älterer Herr, der einen 
zerknautschten Hut, einen zerknitterten Anzug und eine 
unordentlich gebundene Krawatte trug, und auf dessen Nase 
eine Drahtgestellbrille saß, sah von den Papieren in seiner Hand 
auf und wich mit einem erschrockenen Keuchen stolpernd 
zurück. 

Besorgt, der alte Mann könnte einen Herzinfarkt erlitten 

haben, sprang Prue herbei, um ihn zu stützen. »Es tut mir so 
Leid, Professor Rubin. Alles in Ordnung mit Ihnen?« 

»In meinem Alter ist nie alles in Ordnung«, grummelte der 

Professor. »Und laut meinen verehrten Kollegen bin ich dafür 
auch viel zu verrückt... In jeder Hinsicht... Wenn Sie mich bitte 
loslassen würden...« 

Prue zog ihre Hand von seinem Arm. »Tut mir wirklich 

Leid.« 

»Mir auch. Dass ich nicht vierzig Jahre jünger bin.« Charmant 

und entwaffnend zwinkerte er Prue zu. »Nun? Was tut ein 
hübsches junges Mädchen wie Sie hier unten? Haben Sie sich 
verirrt?« 

»Nein. Ich wollte Sie besuchen.« Prue zog die Fotografie aus 

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der Tasche. »Deswegen.« 

Der alte Mann nahm das Foto an sich und studierte es 

blinzelnd durch seine Brillengläser. »Was sollte ich Ihnen denn 
zu Stephen Tremaine erzählen? Ich verabscheue den Mann.« 

»Wirklich?« Prue wusste nicht recht, was sie sagen sollte, 

schließlich wollte sie den alten Knaben nicht kränken. 

»Absolut!« Rubins Augen blitzten vor Zorn. »Tremaine mag 

die schönste Privatsammlung archaischer Artefakte auf der 
ganzen Welt haben, aber ihre kulturelle und historische 
Bedeutung ist ihm völlig egal. Der Mann ist einfach völlig 
desinteressiert.« 

In dem Punkt waren sie sich einig, wie Prue insgeheim 

feststellte. 

Rubin gab ihr das Bild zurück. »Das können Sie vergessen. 

Ich werde nicht für diesen Schurken stimmen. Ich werde 
niemals jemanden unterstützen, dem mehr daran gelegen ist, 
seinen Freunden die Konten zu füllen, als unsere bedrohte 
Umwelt zu schützen.« 

»Ich bin nicht für Tremaine auf Stimmenfang, Professor 

Rubin. Ich wollte Sie nach dem hier befragen.« Prue deutete auf 
den Stein in Tremaines Hand. 

Rubin legte den Kopf zurück und studierte das Foto erneut. 

»Oh, ja, ich verstehe. Interessant.« 

Der Professor nahm das Bild an sich und ging zu seinem 

Schreibtisch, auf dem ein heilloses Durcheinander aus Büchern, 
Notizblöcken, Aktenordnern, leeren Fastfood-Packungen sowie 
diversen Bürogeräten, einschließlich einer uralten 
Schreibtischleuchte mit grünem Glasschirm, herrschte. Rubin 
setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und griff nach einer 
Lupe. Der alte Stuhl knarrte beängstigend, als der Mann sich 
zurücklehnte, um das Bild genauer zu untersuchen. 

Prue sah sich für einen Augenblick in dem Raum um, der eher 

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an eine Mischung aus Lagerraum, Museum und Bibliothek 
erinnerte als an ein Büro. Graue Metallregale voller Bücher, 
Atlanten und Artefakten bedeckten den größten Teil der 
Wandflächen. Alles, wofür auf den Regalen kein Platz mehr 
war, häufte sich auf diversen Stapeln oder lag einfach auf dem 
Boden. Die Ablagemethode des alten Mannes schien sich nach 
Prues Eindruck darauf zu beschränken, Aktenordner in 
unmittelbarer  Nähe  der Aktenschränke zu verwahren. Etliche 
Ordner lagen aufgeschlagen auf geöffneten Schubladen, 
während andere sich auf dem alten Metallschrank stapelten. 
Versandkisten, geöffnet oder ungeöffnet, standen in der Nähe 
zweier gewaltiger Werkbänke. Allmählich fragte sie sich, ob 
sich der Professor in seinem Keller nicht womöglich sogar wohl 
fühlte. Denn hier konnte sich niemand über seine Unordnung 
beklagen. 

»Wissen Sie, wo Tremaine das her hat?«, fragte der Professor. 

»Irgendwoher aus Südamerika.« Prue setzte sich auf einen 

verstaubten Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. »Er 
sagte, es könnte ein Geisterstein sein und dass der Stein über 
dreitausend Jahre alt wäre.« 

Der alte Mann grunzte. »Eine bemerkenswerte Erkenntnis für 

einen Mann wie ihn, auch wenn ich dies nur äußerst ungern 
zugebe.« Er legte die Lupe ab und starrte Prue durchdringend 
an. »Und was genau erwarten Sie nun von mir?« 

Um Zeit zu sparen, kam Prue gleich zur Sache. »Ich will 

wissen, ob es einem Geist möglich wäre, aus einem dieser 
Steine zu entkommen, und falls das der Fall sein sollte - wer 
oder was mag dann diesen Stein bewohnt haben?« 

Der durchdringende Blick des alten Mannes fixierte sie noch 

immer, doch Prue hielt ihm ohne mit der Wimper zu zucken 
stand. 

»Solche Geschichten sind blanker Unsinn«, sagte er 

schließlich. »Das ist der Aberglaube ungebildeter Personen, die 

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eine Instanz benötigen, die machtvoller ist als sie selbst. Eine 
Instanz, der sie die Schuld an jedem Unglück und jeder 
Naturkatastrophe zuweisen können, über die sie selbst keine 
Kontrolle haben.« 

»Vielleicht«, konterte Prue. »Aber ich fand es immer schon 

faszinierend, dass so viele Details aus alten Glaubensrichtungen 
ihren Weg in Kulturen gefunden haben, die weit später 
entstanden sind. Es gibt zu viele gleich lautende Mythen, um 
einfach von Zufall sprechen zu können, finden Sie nicht?« 

»Möglicherweise.« Der alte Mann überlegte. »Sie nehmen 

mich nicht auf den Arm, oder?« 

»Nein, Sir, das tue ich nicht.« Prue war nicht sicher, ob Rubin 

dachte, sie wäre ein bisschen verrückt, oder ob er einfach 
überrascht war, auf eine Gläubige zu treffen. Sie und ihre 
Schwestern hatten schon allzu oft erkennen müssen, dass viele 
der von alten Kulten geprägten Formen des Aberglaubens ihren 
Ursprung in einer schrecklichen, grausamen Wirklichkeit hatten. 
Aber auch wenn Mystizismus und Metaphysik in der Popkultur 
inzwischen akzeptiert waren, wurden Studien und Theorien auf 
diesen Gebieten in den Hallen altehrwürdiger Universitäten 
immer noch als Unsinn abgetan. 

Seufzend faltete der Professor die Hände über seinem Bauch. 

»Ihnen ist bewusst, dass ein Akademiker, der derart 
widersinnigen Theorien Glauben schenkt, gezwungen werden 
könnte, sich auf das Altenteil zurückzuziehen? Und das 
Einkommen aus den Töpfen der Museen, die ihre 
Neuerwerbungen von ausgemusterten Professoren auf Echtheit 
überprüfen lassen wollen, ist keineswegs dazu angetan, den 
Spott der Fachwelt wettzumachen.« 

»Ja, das ist mir absolut bewusst«, sagte Prue lächelnd. 

Natürlich wusste sie, dass sie alles, was er ihr erzählen würde, 
absolut vertraulich behandeln musste. Rubin hatte das 
Pensionsalter längst überschritten. Seine Fachkenntnis und seine 

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wissenschaftliche Reputation sicherten ihm den Job. Aber sie 
hatte das Gefühl, dass er einem erzwungenen Ruhestand bisher 
schon mehr als einmal ziemlich nahe gekommen war. 

Der alte Mann nickte und rückte seine Brille zurecht, ehe er 

das Foto erneut in Augenschein nahm. »Es gibt Legenden, 
mündliche Überlieferungen, die man sich in bestimmten 
Stämmen erzählt, die noch immer den Dschungel am Amazonas 
bevölkern. Ich vermute, dieser Stein repräsentiert Athulak, eine 
Kreatur in menschlicher Gestalt, die Chaos sät und sich an ihm 
labt.« 

»Mir sind einige Leute bekannt, auf die das Gleiche zutrifft«, 

spottete Prue. 

»Ja, mir auch, so Leid es mir tut.« Grinsend entspannte Rubin 

sich und fuhr fort. »Der Legende nach konnte Athulak den Sinn 
von Gebeten für den Frieden und das Glück so verdrehen, dass 
sie statt dessen Katastrophen herbeiführten. Der Stamm betet um 
Regen und erntet eine vernichtende Überschwemmung. Die 
Menschen bitten um Wild und werden von einer 
seuchenverpesteten Plage überrannt. Sie verstehen, was ich 
meine.« 

»Ja, das tue ich.« Prue nickte, obwohl sie noch keinen 

Zusammenhang zwischen dieser Überlieferung und den 
derzeitigen Ereignissen hatte herstellen können. »Wie ist 
Athulak in den Stein gekommen?« 

»Vorausgesetzt, das ist der besagte Stein, woran ich zweifele, 

so wurde Athulak von einer mächtigen Frau in ihn verbannt - 
einer Frau, die imstande war, die Elemente zu manipulieren«, 
erklärte der Professor. 

Eine Hexe, dachte Prue. 

»Nachdem Athulak in der Falle saß, hat sie den Stein 

vergraben, damit er nicht durch das nächste Gebet, das ein 
Potential zu katastrophaler Zerstörung in sich barg, wieder 

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befreit werden konnte.« 

»Warum denken Sie, dass es sich bei der Kreatur um Athulak 

handelt?«, fragte Prue, als ihr einfiel, dass Tremaine behauptet 
hatte, dieser Stein wäre der einzige seiner Art auf der ganzen 
Welt. 

»Die groben Konturen und der beinahe vollständige Verzicht 

auf Details«, sagte Rubin. »Davon ist in den Legenden die Rede. 
Der symbolische Aufbau der Figur verstärkt die Macht des 
Bannzaubers, mit dem die Frau den Stein belegt hat.« 

»Klingt vernünftig.« Prue steckte das Foto wieder ein und 

dankte dem alten Mann. Nun, da sie einen Namen hatte, konnte 
sie ihn im Buch der Schatten nachschlagen. Als sie bereits an 
der Tür war, blickte sie sich noch einmal zu dem Professor um. 
»Nur noch eine Frage, wenn es Ihnen nichts ausmacht.« 

»Aber keineswegs.« Erwartungsvoll beugte sich der Professor 

vor. 

»Könnte ein körperloser Geist die Form eines kalten Windes 

annehmen?« 

Der alte Mann zögerte und rieb sich das Kinn, zuckte dann 

aber mit den Schultern. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung. 
Aber das ist eine interessante Theorie, wenn man an Geister 
glauben will.« 

 

»Was hast du herausgefunden?« Phoebe legte Heimliche 

Leidenschaft zur Mitternacht mit dem Buchrücken nach oben 
auf den Kaffeetisch, als Prue den Raum betrat. Ein tiefer 
Nachtschlaf und ein Tag ohne Visionen hatten sie von ihren 
Kopfschmerzen befreit. Außerdem hatte sie sich endlich ein paar 
faule Stunden machen und ein wenig lesen können. Das 
Faulenzen hatte ihr Spaß gemacht, aber sie hatte nicht die 
Absicht, den Rest ihres Lebens als Eremitin zu verbringen, weil 
ihre Gabe außer Kontrolle geraten war. 

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-100- 

Prue betrachtete den Buchumschlag. »Versuchst du, dich mit 

schwerem Lesestoff von deinen Problemen abzulenken?« 

»Verglichen mit Agatha Cross und Trevor Holcombe ist mein 

Leben langweilig.« Phoebe hatte nicht vor, zuzugeben, dass sie 
Spaß an der schwülstigen Erzählung hatte, die noch 
melodramatischer wurde, wenn sie Held und Heldin durch Rick 
und sich selbst ersetzte. Es gab ein paar Geheimnisse, die auch 
Schwestern nichts angingen. »Also, wie war es bei Professor 
Rubin? Ist er wirklich so streitsüchtig und unheimlich, wie alle 
sagen?« 

»Eher süß und liebenswert - für einen weißhaarigen, 

verschrobenen alten Mann«, sagte Prue. »Und hilfreich, nehme 
ich an.« 

»Nimmst du an?« Phoebe sackte in sich zusammen. »Ich hatte 

gehofft, du könntest eine etwas genauere Aussage machen.« 

»Na ja, vielleicht fällt dir und Piper ja etwas ein, was mir 

entgangen ist.« Prue warf einen Blick in Richtung Küche. »Ist 
Piper schon aus dem P3 zurück? Ich würde die ganze 
Geschichte lieber nur einmal erzählen müssen.« 

Phoebe schüttelte den Kopf. Piper hatte Prues Fotos vom P3 

und die ganzen anderen Sachen, mit denen sie den Stand bei der 
Wohltätigkeitsveranstaltung dekorieren wollte, mit in den Club 
genommen. Außerdem hatte sie sich noch mit dem 
Gastronomieausstatter unterhalten wollen, um sicherzustellen, 
dass der kleine Kühlschrank rechtzeitig geliefert werden würde. 
Wenn am nächsten Morgen alles wie geplant verlief, müssten 
Rick und die anderen bereits sämtliche Vorbereitungen 
abgeschlossen haben, ehe der Großhändler mit Nahrungsmitteln 
und Getränken beim Stand eintraf. 

»Sie ist ein bisschen nervös wegen der 

Wohltätigkeitsveranstaltung«, sagte Phoebe. »Und darum hoffe 
ich sehr, dass du keine schlechten Neuigkeiten für uns hast.« 

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-101- 

Erschrocken sahen sich die beiden an, als die Haustür 

aufgerissen und lautstark wieder zugeworfen wurde. 

Eine wütend aussehende Piper stürmte herein. »Habt ihr eine 

Vorstellung davon, wieviel es kostet, einen Kühlschrank für 
einen Tag zu mieten?« 

»Nicht die geringste«, sagte Phoebe. 

»Wieviel?«, fragte Prue. 

»Zu viel. Also habe ich statt dessen einen Kühlschrank 

gekauft. Aber den können wir hinterher mehr oder weniger 
abschreiben. Vielleicht kann ich ihn im Club wenigstens noch 
im Lager benutzen.« Als sie sich setzen wollte, ergriff Prue 
ihren Arm und zog sie wieder hoch. 

»Ehe du es dir bequem machst, wir müssen das Buch der 

Schatten  befragen.« Prue zerrte Piper in Richtung Flur und sah 
sich nach Phoebe um. »Kommst du?« 

»Schon unterwegs.« Phoebe trank den letzten Schluck Ginger 

Ale in ihrem Glas und beeilte sich, mit den Schwestern Schritt 
zu halten. 

»Wozu befragen?«, erkundigte sich Piper, als sie die Stufen 

zum Dachboden hinaufmarschierten. 

»Zu einer Kreatur namens Athulak«, erklärte Prue. »Er hatte 

eine Neigung zum Chaos. Nach den Legenden und den Worten 
von Professor Rubin hat eine Hexe ihn in einen Stein gebannt, 
den sie anschließend vergraben hat. Ich vermute, dass 
Tremaines archäologische Expedition ihn wieder ausgegraben 
hat.« 

Prue ließ ihre Tasche neben den alten Schaukelstuhl ihrer 

Großmutter fallen und ging zu dem Sockel, auf dem das Buch 
der Schatten 
thronte. 

Phoebe ließ sich in den Schaukelstuhl sinken und genoss die 

behagliche Atmosphäre Halliwellscher Geschichte, die auf 
diesem Dachboden vorherrschte. Von uralten 

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-102- 

Familienerbstücken bis zu dem Kleid, dass sie auf dem High-
School-Ball getragen hatte, war hier alles Mögliche liebevoll 
zusammengetragen und bewahrt worden. Doch am wichtigsten 
war das ledergebundene Buch der Schatten, welches ihnen die 
magischen Geheimnisse ihrer Vorfahren offenbart hatte, als ihre 
eigenen Kräfte erwacht waren. Neue Informationen und 
Zaubersprüche hatten stets ihren Weg in das Buch gefunden, 
wann immer Großmütter oder andere längst verstorbene 
Verwandte derlei zu bieten hatten. 

»Hat das irgend etwas mit meinen Visionen zu tun?« Phoebe 

überkreuzte die Finger, als Prue in dem Buch zu blättern 
begann. 

Stirnrunzelnd blickte Prue von dem Buch auf. »Hast du in 

letzter Zeit ein Gebet um Frieden und Glück gesprochen?« 

»Nicht seit Weihnachten«, sagte Phoebe. »Frieden auf Erden 

und den Menschen ein Wohlgefallen.« 

»Ich glaube, das ist nicht das, was Prue gemeint hat.« Piper 

setzte sich auf einen alten Sitzsack, der den größten Teil seiner 
Füllung eingebüßt hatte, und presste ein Sofakissen an ihre 
Brust. »Was hast du gemeint?«, fragte sie Prue. 

»Professor Rubin sagte, Athulak hätte die Macht, Gebete zu 

manipulieren, so dass sie Katastrophen anstelle von Glück und 
Frieden hervorbringen. Du betest um Regen und bekommst eine 
Überschwemmung. So was in der Art«, erklärte Prue und 
blätterte weiter. 

Phoebe fing an zu schaukeln, was ihr das Nachdenken 

erleichterte. »Ich glaube nicht, dass das auf mich zutrifft.« 

»Warum nicht?«, fragte Piper verwundert. 

»Weil meine Fähigkeit, mit mehr Menschen in Verbindung zu 

treten, uns dabei geholfen hat, Katastrophen abzuwehren. Wir 
haben keine Katastrophen geschaffen.« Entmutigt hörte Phoebe 
auf zu schaukeln, stellte die Ellbogen auf die Knie und stützte 

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-103- 

ihr Kinn in ihre Hände. 

»Gutes Argument.« Seufzend wandte sich Piper wieder an 

Prue. »Hast du was gefunden?« 

Prue schüttelte den Kopf und drehte sich um. »Noch nicht.« 

Phoebe starrte das Buch an. Manchmal schlug ein 

unsichtbarer Vorfahre das Buch an der richtigen Stelle auf, um 
ihnen zu helfen, aber nun zogen sich die Sekunden dahin, und 
die Seiten raschelten nicht einmal leise. 

»Ich schätze, dieses Mal hilft uns niemand weiter«, vermutete 

Piper seufzend. 

Deprimiert ließ Phoebe den Kopf hängen. Sie wünschte sich 

so verzweifelt, dass irgendein äußerer Umstand für ihre neue, 
überempfindliche Sehergabe verantwortlich war, aber etwas zu 
wünschen half schließlich auch nicht weiter. Oder vielleicht 
doch? Plötzlich wirbelten Gedanken durch ihren Kopf. 

»Brainstorm!« Phoebe sprang aus dem Stuhl, und ihr Blick 

wanderte von einem perplexen Schwesterngesicht zum anderen. 
»Beten die Menschen nicht normalerweise, weil sie irgend 
etwas wollen?« 

»Oder weil sie für irgend etwas dankbar sind«, sagte Piper. 

Phoebe verdrehte die Augen, ehe sie anfing, auf- und 

abzugehen, um ihre Gedanken zu sortieren. Sie wusste, sie griff 
nach einem Strohhalm, aber ihr blieb keine andere Wahl. 
»Trotzdem, ist ein Wunsch nicht beinahe dasselbe wie ein 
Gebet?« Prue runzelte die Stirn. Piper blinzelte verwirrt. 

»Gestern Morgen, als ich die Nachrichten gesehen habe«, 

sagte Phoebe, »habe ich mir gewünscht, meine Kraft wäre 
stärker, damit ich mehr Menschen helfen könnte, und - Bingo! 
Meine Kraft ist stärker geworden.« 

»Ist das möglich?« Piper bedachte Prue mit einem fragenden 

Blick. 

»Theoretisch.« Die Falten auf Prues Stirn wurden noch tiefer, 

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-104- 

als sie zu ihrer Tasche ging und das Foto herausnahm. 

Phoebe starrte über Prues Schulter auf den nebelhaften grauen 

Fleck, der die Sicht auf den Geisterstein verschleierte. »Was 
ist?« 

»Ich bin nicht sicher.« Die Brauen zusammengezogen 

betrachtete Prue aus schmalen Augen nachdenklich das Foto. 
Piper und Phoebe hielten beide den Atem an, als Prue 
schließlich scharf die Luft ausstieß und sich ihre blauen Augen 
vor Überraschung weiteten. »Diese Besprechung wird in die 
Küche verlegt.« 

»Warum?« Trotz aller Mühe konnte Phoebe die Aufregung 

nicht ganz aus ihrer Stimme bannen. »Was ist los?« 

»Ich möchte euch keine falschen Hoffnungen machen«, sagte 

Prue auf dem Weg zur Tür. »Erst muss ich noch etwas 
nachprüfen.« 

»Was?«, rief Phoebe ihr nach. »Ich kann es verkraften! 

Ehrlich!« Als Prue jedoch auf der Treppe verschwand, stampfte 
sie mit dem Fuß auf und starrte finsteren Blickes zu der offenen 
Tür hinüber. 

»Wie wäre es, wenn wir uns die Wartezeit mit ein paar 

Schinkenröllchen verkürzten?« Besänftigend legte Piper einen 
Arm um Phoebes Schultern. »Ich habe auch einen ganzen Stapel 
Schnittchen aus Schwarzbrot und Rahmkäse gemacht.« 

Pipers Angebot wirkte beruhigend auf Phoebes aufgepeitschte 

Nerven, forderte ihr aber ein Geständnis ab. »Ich, äh, ich habe 
schon ein paar probiert... Eigentlich sogar einige... Vielleicht ein 
Dutzend...« 

»Kein Problem«, zog Piper sie auf. »Ich habe den Phoebe-

klaut-Faktor einkalkuliert, als ich sie zubereitet habe. Außerdem 
sieht es nicht so aus, als würde Leo sich noch früh genug zum 
Häppchenvertilgen blicken lassen.« 

Phoebe ließ Piper den Vortritt und blieb kurz stehen, um das 

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-105- 

Licht auf dem Dachboden abzuschalten. In der Welt ihrer 
Gedanken und Gefühle herrschte ein furchtbarer Tumult, 
während sie sich unentwegt fragte, was Prue nachprüfen wollte. 
Sie war nicht gerade scharf auf eine Auseinandersetzung mit 
irgendeinem bösartigen Geist, aber die Alternative war 
zweifellos schlimmer: Sie würde dazu verdammt sein, mit jeder 
beiläufigen Berührung eine endlose Reihe fremder 
Unglücksfälle zu erleben oder sich einer vollständigen Isolation 
von unbestimmbarer Dauer unterwerfen müssen. 

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-106- 

» WO 

IST PRUE

?«,

 

fragte Phoebe konsterniert. Piper zog einen 

Teller voller Schwarzbrothäppchen aus dem Kühlschrank und 
stopfte eines davon in Phoebes Mund. »Iss und sei still.« 

Phoebe zog die Brauen zusammen, biss zu und nahm sich ein 

weiteres Häppchen von dem Teller, noch ehe Piper ihn auf dem 
Küchentisch abstellen konnte. 

Piper atmete ein paar Mal tief durch und machte sich erneut 

am Kühlschrank zu schaffen. Dieses Mal brachte sie ein Tablett 
mit Schinkenröllchen zum Vorschein, die sie gleich darauf in 
mundgerechte Stücke zu schneiden begann. Sie hatte Phoebe 
nicht das Gefühl vermitteln wollen, dass sie sie nicht ernst 
nahm. Aber sie hatte sich entschieden, Prue den Rücken 
freizuhalten. Sollte Prue keine Antworten finden, würde 
Phoebes Enttäuschung nur umso größer sein. Außerdem hatte 
sie noch genug eigene Probleme zu bewältigen. Die 
Wohltätigkeitsveranstaltung kostete sie mehr, als sie erwartet 
hatte. Wenn der P3-Stand ihrem Club keine zusätzlichen Gäste 
einbrachte, dann war ihr PR-Budget für das laufende Jahr schon 
jetzt erschöpft. 

Dennoch von einem Schuldgefühl geplagt, warf Piper ihrer 

Schwester einen verstohlenen Blick zu, während sie 
Schwarzbrothäppchen und Schinkenröllchen auf einem sauberen 
Teller anrichtete. Phoebe blätterte in einer Zeitschrift, die Prue 
auf dem Tisch hatte liegen lassen. Aber ihre zur Schau 
getragene Gelassenheit konnte Piper nicht täuschen. Eine Art 
Frühwarnsystem zu sein für jeden banalen oder tödlichen 
Unfall, der sich in der nahen Zukunft eines Menschen ereignen 
mochte, der ihr zufällig über den Weg lief, war eine schwere, 
wenn nicht untragbare Last. 

Als Piper gerade damit beschäftigt war, geraspelte Karotten, 

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-107- 

kleingeschnittenen Broccoli und Blumenkohl in eine Schüssel 
zu füllen und mit einem Rand aus Salatcreme zu garnieren, 
verließ Prue ihre Dunkelkammer. 

»Seht euch die hier mal an.« Prue legte vier der Tremaine-

Fotos vor Phoebe auf den Tisch. 

Piper trat hinter Phoebe und sah sich die Bilder, eines nach 

dem anderen, aufmerksam an. »Wonach suchen wir?« 

»Einem Muster.« Prue steckte ihr langes Haar hinter die 

Ohren und deutete auf den nebelhaften Fleck, der sich auf jedem 
der Fotos zeigte. »Jedes Mal, wenn ich mir die Bilder in der 
Reihenfolge der Aufnahme angesehen habe, kam es mir vor, als 
würde ich irgendetwas übersehen. Jetzt scheint es mir so 
offensichtlich. Ich kann es kaum glauben, dass ich so lange 
gebraucht habe, um das Muster herauszufinden. Seht ihr es?« 

»Nein«, antwortete Piper ehrlich. 

»Ich schon«, sagte Phoebe leise. »Der Fleck wird mit jedem 

Bild größer.« 

»Ja, aber das ist noch nicht alles.« Prue strich mit dem Finger 

über das Hochglanzpapier. »Der Ausgangspunkt dieses Flecks 
ist auch immer der Gleiche. Er fängt jedes Mal im linken 
Augenwinkel an.« 

Piper stellte sich neben Phoebe, um die Fotos noch einmal 

genau anzusehen. Wie Prue schon gesagt hatte, schien der graue 
Schatten aus dem Auge herauszuströmen. Interessant, aber nicht 
schlüssig, dachte sie. Während Prue schnell alle möglichen 
unerfreulichen Geschehnisse irgendwelchen bösen Kräften 
zuschrieb, neigte sie zu einer eher skeptischen Haltung. »Ich 
möchte deine Theorie nicht klein reden, Prue, aber der Fehler 
würde auch dann bei jedem Bild an dergleichen Stelle auftreten, 
wenn der Film fehlerhaft gewesen wäre.« 

»Aber er ist nicht jedes Mal an exakt  der gleichen Stelle.« 

Prue zog ein Lineal aus der hinteren Hosentasche und maß die 

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-108- 

Distanz von dem Augenwinkel bis zum Rand jedes einzelnen 
Bildes. Die Abstände unterschieden sich um bis zu zweieinhalb 
Zentimeter. »Wäre der Film fehlerhaft, müsste der Fleck auf 
jedem Bild exakt fünf Zentimeter vom seitlichen Rand entfernt 
auftauchen. Aber das tut er nicht. Ausgangspunkt für den Fleck 
ist immer das Auge, egal aus welchem Winkel es aufgenommen 
wurde.« 

»Ist das der richtige Zeitpunkt, um in ein lautes Jubelgeschrei 

auszubrechen?«, fragte Phoebe zögernd. 

»Ich denke schon. Meine Kamera hat das Wesen Athulaks 

eingefangen, als er aus dem Stein entkommen ist.« Prue grinste 
und war überaus zufrieden mit sich. 

»Juhu!« Phoebe hob die Hand und klatschte Prue ab, ehe sie 

ihre Arme um ihre Schwester schlang und sie an sich drückte. 
»Was für eine Erleichterung.« 

»Einen Augenblick mal!« Piper erhob beide Hände mahnend. 

»Ein alter Geist, der frei herumläuft und überall Chaos 
verursacht ist kein Grund zum Feiern.« 

»Ach ja, richtig.« Sofort verblasste Prues Lächeln, und sie 

hüstelte leise. 

»Ich bin da anderer Meinung«, sagte Phoebe. »Wenn Athulak 

dafür gesorgt hat, dass meine Gabe verrückt spielt, dann können 
wir seine Taten vielleicht rückgängig machen.« 

»Das ist durchaus möglich, aber wir wissen nicht gerade viel 

über ihn oder seine Vorgehensweise.« Piper zog sich einen Stuhl 
heran und setzte sich. »Vorausgesetzt, es ist tatsächlich Athulak 
und nicht irgendein anderer heimtückischer Geist mit völlig 
anderen Absichten, der aus Tremaines Stein entkommen ist.« 

»Okay, okay.« Prue setzte sich ebenfalls. »Ich gebe zu, wir 

sind auf Mutmaßungen angewiesen, aber vielleicht wissen wir 
jetzt schon mehr, als wir uns vorstellen können.« 

»Was, zum Beispiel?« Piper wünschte sich ebenso wie 

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Phoebe, dass Prues Theorie korrekt war. Aber sie brauchte 
handfestere Beweise als die Flecken auf ein paar Fotos, die 
immer noch das Ergebnis eines fehlerhaften Films sein konnten. 

»Ich bin nicht sicher«, sagte Prue achselzuckend. 

»Hat Professor Rubin irgend etwas gesagt, das uns 

weiterhelfen könnte?«, fragte Phoebe Prue, ehe sie sich zu Piper 
umwandte. »Ich meine, wir können doch einfach einmal 
annehmen, wir hätten es mit Athulak zu tun, solange es keine 
anderen Verdächtigen gibt, okay?« 

»Okay, nehmen wir Athulaks Existenz als 

Diskussionsgrundlage.« Piper verschränkte die Arme vor der 
Brust und schlug die Beine übereinander. Wann immer sie einen 
strittigen Punkt zur Sprache brachte, pflegten Prue und Phoebe 
den Köder aufzuschnappen und sich nach Kräften um 
überzeugende Argumente zu bemühen. Gerade jetzt wünschte 
Piper nichts mehr, als überzeugt zu werden. 

»Okay.« Das Ausmaß von Phoebes Anspannung spiegelte 

sich deutlich in ihrer leisen Stimme und ihrem prüfenden Blick 
wider, als sie sich über den Tisch beugte. »Was genau ist in 
Tremaines Bibliothek vorgefallen, Prue? Einer von euch beiden, 
du oder er, muss etwas getan haben, das den Bannzauber 
gebrochen hat.« 

»Lass mich überlegen.« Prue schnappte sich ein Schnittchen 

und fing an, daran zu knabbern, während sie angestrengt 
nachdachte. »Professor Rubin sagte, die Hexe hätte den Stein 
vergraben, nachdem sie den Geist gebannt hatte, damit er 
nicht...« Prue unterbrach sich, darum bemüht, sich an die 
exakten Worte des Professors zu erinnern. »Damit ein Gebet, 
das geeignet wäre, eine Katastrophe herbeizuführen, ihn nicht 
wieder befreien konnte.« 

Piper schauderte kaum merklich. »Was hat Tremaine getan? 

Für das Ende der Welt gebetet?« 

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-110- 

»Nein, er wünschte,  er müsste nicht gegen Noel Jefferson 

antreten.« Prue tippte auf das erste der vier Bilder auf dem 
Tisch. »Und zwar einen Augenblick, bevor ich dieses Bild 
geschossen habe. In allen vorangegangenen Fotos fehlt der 
Fleck.« 

»Da haben wir es doch!« Strahlend und triumphierend schlug 

Phoebe mit beiden Händen auf die Tischplatte. 

Prues zufriedenes Lächeln wich jedoch sofort einem irritierten 

Stirnrunzeln, als ihr bewusst wurde, dass Pipers 
Gesichtsausdruck keineswegs die Gefühle ihrer Schwestern 
widerspiegelte. »Was ist?«, fragte Prue ärgerlich. »Alles, 
worüber wir gesprochen haben, passt genau zu dem, was mit 
Phoebe geschehen ist.« 

»Ja, soweit wir die Tatsache ignorieren, dass unsere Macht 

ohne Einmischung von außen ebenfalls stärker geworden ist«, 
entgegnete Piper. 

»Und was ist mit dem kalten Wind?«, fragte Phoebe mit 

funkelnden Augen. »Wie erklärst du dir den, Piper?« 

»Ein kalter Wind, den jede von uns zu einem anderen 

Zeitpunkt gespürt hat«, fügte Prue nachdrücklich hinzu. 

»Und an verschiedenen Orten.« Phoebe reckte kampfbereit 

das Kinn vor. 

»Viermal.« Piper schlug sich mit der flachen Hand an die 

Stirn. »Ich habe diesen kalten Wind im Park gefühlt.« 

»Als das Pony durchgegangen ist?«, fragte Prue. 

»Oh, Mann.« Phoebe schloss für eine Sekunde die Augen. 

»Das Pony hat verrückt gespielt, nachdem sich das kleine 
Mädchen gewünscht hat, sie hätte ein eigenes Pony.« 

»Dann hat Athulak offenbar prompt reagiert«, kommentierte 

Prue. 

»Nur, dass wir die Katastrophe aufgehalten haben.« Phoebe 

stopfte sich ein Schinkenröllchen in den Mund. 

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-111- 

»Was uns zu einer weiteren Frage führt...« Piper zuckte die 

Schultern, als ihre Schwestern sich gleichzeitig umdrehten und 
sie aus großen Augen anstarrten. »Was hat Athulak in dem Park 
gemacht? Oder in unserem Wohnzimmer?« 

»Als ich meinen großen Mund aufgerissen habe und mich 

selbst in den Schlamassel gewünscht habe«, murmelte Phoebe. 

Prue verzog das Gesicht. »Das ist meine Schuld. Ich, äh, na 

ja, ich habe meine Gabe benutzt, um den Stein vor einem Sturz 
zu bewahren, als Tremaine ihn zurück in die Vitrine gestellt 
hat.« 

Piper setzte die übrigen Puzzlesteinchen zusammen. »Athulak 

hat dich gesehen, und da er vor über dreitausend Jahren von 
einer Hexe eingesperrt worden war, hat er beschlossen, dir zu 
folgen, um sicherzustellen, dass so etwas nicht noch einmal 
passiert.« 

»Ich schätze, das erklärt einiges.« Prue ging zum Kühlschrank 

und nahm einen Krug Orangensaft heraus. »Außer dass ich 
immer noch nicht so ganz weiß, hinter wem wir her sind und 
was wir tun sollen.« 

»Mir geht's genauso.« Phoebe kratzte sich nachdenklich am 

Kopf. »Ich meine, Tremaines Wunsch klingt nicht gerade so, als 
könnte er der Welt einen irreparablen Schaden zufügen.« 

Dieser Teil der Geschichte war auch Piper nicht ganz klar, 

aber ein anderer dafür um so mehr. »Auf jeden Fall könnte er 
Noel Jefferson eine Menge Ärger einbringen.« 

 

Athulak ließ seinen Zorn an allen Menschen aus, die seinen 

Weg kreuzten, als er dem Wagen der Hexen folgte. Ein Speer 
konzentrierten Windes jagte tief unten durch die 
Häuserschluchten, stach mit eisiger Kälte in jeden Zentimeter 
entblößter Haut und riss Pakete aus verkrampften Fingern. 
Topfpflanzen, Plastikmöbel, Schilder, kurzum alles, was nicht 

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-112- 

schwer genug oder irgendwo befestigt war, wurde von der 
Gewalt seines Zorns durch die Straßen gefegt. 

Die Panik, die seine Passage verursachte, bereitete ihm kein 

Vergnügen. Stattdessen verfluchte er die Menschen, die einst 
gelebt hatten und die Kunde über seine Niederlage von 
Generation zu Generation weitergetragen hatten. 

Aber noch schwerer wog seine Wut auf die Hexen. Sie speiste 

seine Gier nach Rache. 

Hartnäckig und mit den Mächten des Guten gesegnet, hatten 

sie ihn erahnt und sich auf die Suche nach dem notwendigen 
Wissen begeben. Er war ein Narr gewesen, zu glauben, die alte 
Hexe hätte seine Geheimnisse mitsamt dem Stein vergraben. 

Aber er würde nicht zulassen, dass nun diese Hexen an ihre 

Stelle traten. 

Als der Wagen vor einem großen Gebäude anhielt, wartete 

Athulak, bis die Hexen ausgestiegen waren. Dann presste er die 
Moleküle seiner unsichtbaren, aber dennoch physischen Gestalt 
in eine flache Form. Er schliff die Schneide der molekularen 
Klinge, in die er sich verwandelt hatte, durchtrennte einen 
hochaufragenden Metallpfosten und schnitt ein rotweißblaues 
Tuch, noch während es zu Boden flatterte, in Fetzen. 

»Hast du das gesehen?« Phoebe blieb auf dem Parkplatz des 

Gebäudes stehen, in dem die Büros der Pflichtverteidiger 
untergebracht waren. 

Prue hörte, wie der Fahnenmast nachgab. Sie sah, wie das 

Sternenbanner zerfetzt wurde - für all das konnte es nur eine 
einzige Erklärung geben: Athulak war nicht mehr damit 
zufrieden, seine Anwesenheit durch seinen eisigen 

KUSS 

kundzutun. Sie schrie: »Bleib dicht bei mir und lauf!« 

»Es ist Athulak, richtig?« Phoebe drängte sich an Prue, als sie 

auf die Tür zustürmten. 

»Das nehme ich jedenfalls an.« Prue konzentrierte sich und 

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-113- 

ließ ihre Hand über ihrem Kopfkreisen, um ein stabiles 
telekinetisches Schutzschild zu schaffen, das im Stande war, den 
unsichtbaren Feind abzuwehren. Bis der Fahnenmast umgestürzt 
war, war ihr nicht klar gewesen, dass der Windgeist ihnen 
tatsächlich physischen Schaden zufügen konnte. Doch nun, als 
sie durch die Eingangstür in die Halle stürmten, wurde ihr 
bewusst, dass Athulak, eine Kreatur geschaffen aus Luft, durch 
das Belüftungssystem auch in das sicherste Gebäude vordringen 
konnte. 

»Da rein.« Immer noch mit einem Arm wedelnd, scheuchte 

Prue Phoebe in die Toilette. Drinnen angelangt, verschloss Prue 
die Tür und kletterte auf den Waschtisch, um den 
Luftabzugsschlitz zu verschließen. 

»Was ist denn los?«, fragte Phoebe mit schriller Stimme. 

»Offenbar kann Athulak seine molekulare Dichte variieren«, 

erklärte Prue. »Anders ausgedrückt, er kann sich selbst in ein 
sehr scharfes, sehr gefährliches, sehr tödliches Schwert 
verwandeln.« 

»Und warum hat er uns dann nicht schon früher angegriffen?« 

Prue zuckte die Schultern. »Vielleicht weil wir bisher nicht 

genug gewusst haben, um eine Gefahr für ihn darzustellen.« 

»Das ist nicht gerade beruhigend.« Phoebes Hand glitt hinauf 

zu ihrer Kehle, während ihr Blick zu dem Spalt unter der Tür 
wanderte. »Wie können wir ihn daran hindern, da unten 
reinzukommen?« 

»Magie. Du singst, ich rufe Piper an.« Prue klappte ihr 

Mobiltelefon auf. »Wir brauchen einen Zauber, der uns vor 
einem Windgeist schützen kann.« 

»Ich bin nicht besonders gut darin, mir unter Druck etwas 

Passendes einfallen zu lassen«, sagte Phoebe hektisch. 

»Los!« Prue wählte. 

Phoebe nickte, schloss die Augen und legte die Hand an die 

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-114- 

Tür. »Feuer, Wasser, Wind und Luft, im ursprünglich 
kosmischen Meer vereint; durch diese Tür, so bitt ich euch, lasst 
Athulak nicht ein.« 

Als Piper das Gespräch annahm, erklärte Prue ihr rasch, vor 

welchem neuen Problem sie standen. »Wir brauchen einen 
Talisman, irgendetwas, das wir bei uns tragen können, um uns 
vor dem Windgeist zu schützen.« 

»Ich habe im Buch der Schatten einen Talisman gesehen, der 

Dämonen abwehrt, wenn sie sich in Elementargestalt zeigen«, 
sagte Piper. »Aber es kann eine Weile dauern, bis ich den 
Schutz verfertigt habe und bei euch bin.« 

»Wir warten.« Prue beendete das Gespräch und gesellte sich 

zu Phoebe, die sich gegen ein Waschbecken lehnte und die Tür 
anstarrte. Nachdem sie herausgefunden hatten, dass Noel 
Jefferson sich in Gefahr befand, hatten sie erkannt, dass sie ihn 
nicht schützen konnten, solange sie nicht wussten, wie die 
Gefahr beschaffen war. Phoebe hatte sich bereit erklärt, dies auf 
ihre eigene Weise herauszufinden, auch wenn es für sie 
schmerzhaft werden mochte, ihn zu berühren. Je höher der 
Gewaltpegel des drohenden Unheils war, desto schlimmer 
wirkte sich der Kontakt in physischer Hinsicht auf sie aus. Und 
dieses Mal hatten sie es mit einem Ereignis zu tun, das den 
Anfang vom Ende der Welt darstellen konnte. 

Prue blickte zur Tür und lächelte. »Gut gemacht.« 

»Die Vorstellung, auf einem Parkplatz enthauptet zu werden, 

hat mich motiviert.« Phoebe schauderte. 

Prue lehnte sich mit einem matten Seufzer an die Wand. Sie 

hatten sich schon vielen Dämonen, Hexern oder anderen 
bösartigen Kreaturen stellen müssen, die ihnen am Anfang als 
übermächtig und unschlagbar erschienen waren. Trotzdem 
hatten sie immer gewonnen. Aber Athulak war anders als all die 
Angreifer, die ihnen bisher begegnet waren. Sie hatten keine 
Ahnung, wie sie ihn überwältigen sollten. Und wenn Pipers 

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Talisman ihn nicht in Schach halten konnte, gab es für sie 
keinen Schutz vor seiner rasiermesserscharfen Molekularklinge. 

Prues Körper spannte sich an, als sie das Murmeln von 

Stimmen und Gelächter aus der Eingangshalle hörte. Jemand 
versuchte, die verschlossene Tür zu öffnen, und schlug mit der 
Faust gegen das Türblatt, als sie sich nicht rührte. 

»Hey!«, protestierte eine weibliche Stimme. »Aufmachen!« 

»Schätze nicht«, flüsterte Phoebe finster. 

Prue streckte eine Hand aus, um den Riegel auf 

telekinetischem Wege an Ort und Stelle zu halten, während sie 
gleichzeitig einen Blick zur Uhr warf. Es war kurz nach fünf. 
Sie konnte nur hoffen, dass Piper da war, bevor ein Techniker 
auftauchte, um die Tür zu öffnen, oder bevor sich Noel Jefferson 
auf den Heimweg machte. 

 

Athulak war nicht auf die zerstörerische Wirkung des Bannes 

vorbereitet gewesen, als er versucht hatte, die Barriere zu 
durchdringen, die von der Zauberin errichtet worden war. Der 
Kontakt mit der wellenförmigen Mauer magischer Energien 
hätte seine Moleküle beinahe auseinander gerissen. In der 
Gefahr, in alle Winde verstreut zu werden, hatte er den Rest 
seiner schwindenden Kraft dazu genutzt, in das Labyrinth aus 
Rohren zu verschwinden, welches das Gebäude durchzog. 
Dennoch gelang es ihm nur mit Mühe, seinen Zusammenhalt zu 
bewahren, als er durch die Rohre in den Raum glitt, in dem Noel 
Jefferson hinter seinem Schreibtisch saß. 

Während er noch immer um seine physische Ganzheit 

kämpfte, drang Athulak unter einer Tür zu einem kleineren, 
dunklen Raum hindurch, in dem der Mann am Schreibtisch 
diverse Kisten und alte Sesselschoner aufbewahrte. Erst in der 
Sicherheit des vollgestopften Raumes, entspannte sich Athulak 
ein wenig. 

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-116- 

Geschlagen und geschwächt ruhte er sich aus, um wieder zu 

Kräften zu kommen, während er seinen Hass auf die Frauen und 
ihre überwältigende Magie pflegte. Dann aber erfreute er sich an 
dem Wissen, dass die Macht der Zerstörung schon bald ihm 
gehorchen würde, und sein unausweichlich bevorstehender 
Triumph spendete ihm Trost. Keine Macht auf Erden oder im 
Himmel war noch im Stande, ihn zu besiegen oder die 
Apokalypse aufzuhalten, wenn erst der ursprüngliche Wunsch 
erfüllt war. 

Die Kette der Ereignisse, die in Gang gesetzt worden war, als 

Tremaine darum gebetet hatte, von seinem Widersacher befreit 
zu werden, konnte nicht aufgehalten werden. Nicht, solange die 
Seherin Jefferson nicht berührte und seines Schicksals gewahr 
wurde. 

Athulak wartete. Wenn nötig würde er auch einen weiteren 

Abbau seiner ohnehin erschöpften Energien in Kauf nehmen, 
um die Hexen abzuwehren. 

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-117- 

10 

 A

UFGESCHRECKT VON DEM POCHEN

,

 

als Piper an die Tür des 

Waschraums klopfte, schlug Phoebe mit dem Hinterkopf gegen 
den Spiegel. Während Prue die Tür öffnete, rieb sie sich die 
schmerzende Stelle. 

»Du schläfst bei der Arbeit?«, spottete Piper, als sie den 

Raum betrat. 

»Wir hatten keine Spielkarten dabei, um uns die Zeit zu 

vertreiben«, konterte Phoebe. Andererseits konnte sie selbst 
kaum glauben, dass sie einfach eingeschlafen war, während der 
Winddämon ganz in ihrer Nähe sein Unwesen trieb. 
Zauberbanne, die in einem Notfall aus dem Stegreif errichtet 
wurden, pflegten keineswegs immer erwartungsgemäß zu 
arbeiten. Glücklicherweise hatte der Bann, mit dem sie den 
Windgeist am Eindringen hatte hindern wollen, tatsächlich 
wunschgemäß funktioniert. Weder sie noch Prue hatten 
irgendwelche Finger oder Zehen verloren. 

Aber sie hatten auch das Problem noch nicht gelöst, das an 

ihren, Phoebes, Nerven gezerrt hatte, bis sie schließlich 
eingenickt war. Sie hatten sich so sehr darauf konzentriert, Noel 
Jefferson zu beschützen, dass sie sich keine Gedanken darüber 
gemacht hatten, ob ein Wunsch, den Athulak einmal gewährt 
hatte, vielleicht nie wieder aufgehoben werden konnte. 
Weggelaufene Ponys und andere klar eingegrenzte Einzelfälle 
waren eine Sache. Aber was, wenn der Wunsch, der ihr die 
Verstärkung ihrer Gabe eingebracht hatte, nicht rückgängig zu 
machen war? 

»Warum hast du so lange gebraucht, Piper?« Prue glitt von 

dem Waschtisch herab und nahm das in Leder gehüllte 
Päckchen entgegen, das Piper mitgebracht hatte. »Es ist schon 
nach sieben.« 

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-118- 

»Es ist Freitag Abend, und in der Stadt ist die Hölle los«, 

erklärte Piper, als sie Phoebe ein zweites Päckchen übergab. 

»Besser spät als nie.« Phoebe sog schnüffelnd den würzigen 

Geruch ein, der von dem kleinen Lederbeutel aufstieg, und 
stellte überrascht fest, wie angenehm er duftete. Das Aroma 
erinnerte sie an warmen, gewürzten Cidre und Zimt. Der letzte 
Talisman, den Piper gebastelt hatte, hatte nach verbrannten 
Kuhfladen, vermengt mit faulenden Abfällen, gestunken. »Was 
ist da drin?« 

»Rohe Hühnerherzen, Falkenfedern, verschiedene Pilze und 

gewöhnliche Küchengewürze.« Mit einem anzüglichen Blick 
auf Prue fügte Piper hinzu: »Ich musste den Sud über eine 
Stunde lang kochen.« 

»Hast du toll gemacht, Piper. Danke.« Prue stopfte den Beutel 

in die vordere Tasche ihrer Jeans. »Du weißt nicht zufällig, ob 
Noel Jefferson sich noch im Gebäude aufhält?« 

»Sollten wir nämlich zu spät kommen, um ihn zu retten, dann 

gewinnt Athulak, und die Welt geht unter.« Phoebe ließ sich von 
dem Waschtisch gleiten und steckte ihren Talisman ein. 

»Ich weiß es nicht«, sagte Piper. »Ich bin direkt hierher 

gekommen.« 

»Schätze, wir sollten uns beeilen, das herauszufinden.« 

Phoebe schlang sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter 
und winkte ihren Schwestern zu, ihr zu folgen. 

Die Eingangshalle war verlassen, aber die Lichter brannten 

noch, was Phoebe hoffen ließ, dass Noel Jefferson vielleicht 
länger arbeitete. Ein rascher Blick auf den Lageplan neben den 
Fahrstühlen lieferte ihnen die Erkenntnis, dass sich Jeffersons 
Büro im dritten Stockwerk befand. Doch als Prue die Taste für 
den Lift drückte, geschah rein gar nichts. 

»Vermutlich lässt er sich nach Feierabend nur mit einem 

Schlüssel bedienen.« Prue schlug mit der Faust auf die Metalltür 

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-119- 

ein. 

»Kann ich helfen, meine Damen?«, fragte ein Mann in 

scharfem Ton. 

Phoebe blickte sich über die Schulter um und sah, dass ein 

hochgewachsener Sicherheitsmann auf sie zukam. Statt eines 
Lächelns entschied sie sich für eine Miene völliger 
Verzweiflung, was ihr nicht weiter schwer fiel, denn sie war 
völlig verzweifelt. »Das hoffe ich. Wir müssen sofort zu Noel 
Jefferson. Ein Notfall.« 

»Es geht um Leben und Tod«, fügte Piper hinzu. 

»Ach ja?« Der Blick des Mannes wurde noch finsterer, als er 

vor ihnen stehen blieb. Misstrauisch musterte er jede von ihnen, 
als würden sie der Beschreibung der meistgesuchten Straftäter 
Amerikas entsprechen. »Ich fürchte, da kann ich nichts für Sie 
tun.« 

»Aber es ist wirklich wichtig.« Prue stieß Piper an, ein nicht 

allzu subtiler Hinweis darauf, dass sie sich vorbereiten sollte, 
den Sicherheitsbediensteten an Ort und Stelle einzufrieren. Dann 
konnten sie immer noch die Treppe zum dritten Stockwerk 
hinaufsteigen. 

»Tut mir Leid«, sagte der Mann, »aber Mr. Jefferson ist vor 

einer halben Stunde zu seiner Wahlkampfzentrale gefahren.« 

»Wo genau liegt die?«, fragte Phoebe. 

»Das Gebäude ist geschlossen. Dort ist die Tür.« Der 

Sicherheitsbedienstete setzte eine noch finsterere Miene auf und 
machte eine Geste, als wollte er Hühner verscheuchen. 

»Mach dir nichts draus, Phoebe«, sagte Prue gepresst. »Ich 

weiß, wo wir die Wahlkampfzentrale finden.« 

»Okay.« Phoebe entging nicht, wie Prue das Kinn vorreckte 

und ihre Hände immer wieder zur Faust ballte, also packte sie 
sie bei den Schultern und schob sie auf die Tür zu. »Wir gehen.« 

Unterwegs flüsterte Phoebe Prue ins Ohr: »Mangelnde 

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-120- 

Hilfsbereitschaft ist kein Verbrechen, das den Einsatz 
telekinetischer Strafmaßnahmen rechtfertigt.« 

»Ich wollte ihm ja gar nichts tun«, erwiderte Prue ebenfalls 

flüsternd. »Aber es gibt kein Gesetz, auch kein ungeschriebenes, 
das mir verbietet, daran zu denken.« 

An der Tür blieb Piper stehen und wandte sich um, um noch 

ein letztes Wort mit dem Wachmann zu wechseln. »Danke für 
ihre großzügige Hilfe. Ich bin sicher, der Staatsanwalt wird sich 
freuen zu hören, dass Sie fleißig Ihren Job tun und öffentliche 
Gebäude wirkungsvoll vor der Öffentlichkeit schützen.« 

Phoebe zerrte sie gewaltsam zur Tür hinaus. 

»Es tut mir nicht Leid«, schäumte Piper, als sie über den 

Parkplatz liefen. 

Das Benehmen des Sicherheitsbediensteten kümmerte Phoebe 

nun nicht mehr. Sie klopfte auf ihre Tasche, um sich zu 
vergewissern, dass der Talisman noch immer da war, und blickte 
zu dem abendlichen Himmel empor. Die Luft war warm und 
ruhig. Aber Athulak konnte überall lauern und auf die richtige 
Gelegenheit zum Angriff warten. Sie konnte nur hoffen, dass 
Piper die Anweisungen zur Herstellung der Talismane sorgfältig 
gelesen hatte. Sein Leben von ein paar nach Zimt riechenden 
Hühnerherzen abhängig zu machen, erforderte schon ein 
ziemlich unerschütterliches Vertrauen. 

Neben dem Wagen blieb Piper stehen und lehnte sich an die 

Tür. »Braucht ihr mich bei eurem Anstandsbesuch in der 
Wahlkampfzentrale?« 

Prue blickte Phoebe fragend an. 

Phoebe zuckte mit den Schultern. Sie wusste, dass Piper 

wegen des Stands auf dem Wohltätigkeitsbasar unter Druck 
stand. Die dauernden Unterbrechungen, um irgend jemanden aus 
einer mehr oder weniger realen Gefahr zu retten, hatten ihren 
Zeitplan ziemlich durcheinander gebracht. »Ich glaube, wir 

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-121- 

kommen allein zurecht. Ich muss Mr. Jefferson schließlich nur 
berühren, um herauszufinden, was geschehen wird.« 

»Und was ist, wenn du ihn nicht findest?«, fragte Piper. 

Veranstaltung oder nicht, Piper würde ihre Pflicht, die 
Unschuldigen zu beschützen, niemals vernachlässigen. 
Trotzdem war der direkte Kontakt zu Noel Jefferson einfach 
unverzichtbar. »Kein Problem. In seiner Wahlkampfzentrale 
lässt sich sicher etwas finden, das ihm gehört.« Prue nickte. 
»Und falls nicht, können wir Darryl bitten, ihn für uns zu 
finden.« 

»Gute Idee!« Phoebes Miene hellte sich auf. Die Verbindung 

zum Polizeirevier kam ihnen durchaus gelegen, besonders da 
Detective Darryl Morris wusste, dass sie Hexen waren. 

»Okay, aber ruft an, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten 

gibt.« Piper glitt hinter das Steuer, schlug die Tür zu und winkte 
ihnen noch einmal zu, ehe sie davonfuhr. 

 

Phoebe starrte zum Seitenfenster hinaus, während Prue den 

Wagen, so schnell es der Verkehr und die Ampeln erlaubten, 
durch die abendliche Innenstadt steuerte. Gegen acht Uhr, als 
das Tageslicht sich schließlich den dunklen Schatten der 
bevorstehenden Nacht ergab, füllten sich rundherum Clubs und 
Restaurants. Paare saßen an Fenstertischen, nippten an ihren 
Drinks, ohne die Blicke voneinander zu lösen, während andere 
Hand in Hand über die Bürgersteige flanierten. Unwissenheit, so 
stellte Phoebe mit unverhohlenem Neid fest, war eine wahre 
Freude. 

Dann schweiften ihre Gedanken zu Rick, und sie fragte sich 

lächelnd, ob er so intelligent wie hübsch war. Und so nett, wie 
es den Anschein hatte. Wären sie einander am Vorabend unter 
anderen Umständen begegnet, hätten sie Gelegenheit 
bekommen, sich zu unterhalten. Vielleicht hätte er sie gebeten, 
mit ihr auszugehen. Und sie hätte das Date platzen lassen 

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-122- 

müssen, um Noel Jefferson und den Rest der Welt vor einem 
unbekannten, aber in jedem Fall schrecklichen Schicksal zu 
bewahren. Manchmal machte sie die Last der Verantwortung 
ziemlich fertig. Phoebe seufzte leise. 

»Ich weiß, das ist hart für dich, Phoebe«, sagte Prue, ohne den 

Blick von der Straße abzuwenden. 

»Ja.« Phoebe blickte nun ebenfalls nach vorn und seufzte 

noch einmal. »Ich weiß, dass es für Piper nicht leicht ist, wenn 
Leo sie so lange allein lässt, aber sie hat wenigstens jemanden, 
der Bescheid weiß und versteht, dass wir nicht so frei wie 
andere über unser Leben verfügen können.« 

»Wovon redest du?«, fragte Prue mit einem raschen, 

verwunderten Blick in Phoebes Richtung. 

»Männer.« Phoebe grinste. »Gibt es noch irgendwas 

anderes?« 

»Heute Abend schon«, sagte Prue. »Aber auch wir werden 

eines Tages der Liebe unseres Lebens begegnen.« 

»Davon bin ich überzeugt«, stimmte ihr Phoebe zu. »Sollten 

wir je genug Zeit haben, uns auf die Jagd nach ihr zu machen.« 

Prue bedachte sie mit einem scharfen Blick. »Sollte sich Rick 

nicht als Volltrottel entpuppen, könnten deine Tage als Jägerin 
bald gezählt sein.« 

»Vermutlich werden wir eine Weile schrecklich glücklich 

zusammen sein. Aber früher oder später wird der Hexenfaktor 
unser Glück zerstören. Er wird Fragen stellen, die ich nicht 
beantworten kann. Ich werde ihn versetzen, ohne dass ich ihm 
eine angemessene Erklärung dafür liefern kann, und so weiter 
und so fort. Von Anfang an dem Untergang geweiht.« 

»Bist du nicht ein bisschen zu pessimistisch?«, fragte Prue, 

ohne Phoebe anzusehen. Ihr Blick ruhte noch immer 
gedankenverloren auf der Straße. 

»Nein. Ich bin realistisch«, entgegnete Phoebe seufzend. 

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-123- 

»Nur, dass vermutlich all das völlig egal ist, wenn dir erst der 

richtige Mann über den Weg läuft«, sagte Prue. 

Phoebe wollte Prue glauben, aber sie wollte sich auch keinen 

Täuschungen hingeben. Für den Augenblick reichte es 
allerdings, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Schließlich 
hatte Rick sie bisher noch nicht mal zum Abendessen 
eingeladen! 

»Da ist es.« Prue deutete auf eine Geschäftsfront zu ihrer 

Rechten. 

Die ›Jefferson-for-Congress-Wahlkampf-Mannschaft‹ belegte 

ein Büro am hinteren Ende der Geschäftszeile. Das Büro war 
hell erleuchtet, und durch die großen Fenster waren mehrere 
Menschen zu erkennen. Phoebe kämpfte eine Woge 
aufwallender Furcht nieder, als Prue den Wagen auf den 
Parkplatz lenkte. Sie hatte nicht daran gedacht, dass sie sich erst 
einer Menschenmenge würde stellen müssen, ehe sie auch nur 
die geringste Chance bekommen würde, Jefferson zu berühren. 

»Bereit?« Prue ließ die Schlüssel in ihre Tasche fallen und 

öffnete die Wagentür. 

»Ja, aber...« Phoebe zögerte. Sie wollte nicht eingestehen, 

dass sie Angst davor hatte, ihr Verstand würde wegen 
Reizüberflutung zusammenbrechen. Aber sie musste ehrlich zu 
ihrer Schwester sein. »Versuche, mir so gut du kannst den Weg 
freizuhalten, okay? Je weniger Menschen ich berühre, desto 
besser.« 

»Alles klar.« Prue lächelte, aber ihre Augen verrieten ihre 

Besorgnis. »Dann los.« 

Phoebe stellte sich auf die bevorstehenden Mühen ein, 

während sie Prue in das geschäftige Treiben folgte, das im 
Wahlkampfbüro herrschte. Rotweißblaue Flaggen schmückten 
die hintere Wand und bildeten einen festlichen Kontrast zu den 
grauen Aktenschränken. Poster mit Jeffersons lächelndem 

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-124- 

Konterfei klebten an jedem Wandflecken, der nicht von 
Terminplänen, Mitgliedschaftsanträgen für seine Partei und 
anderen Wahlkampf-Utensilien belegt wurde. Unter all den 
Leuten, die damit beschäftigt waren, Papiere zu sortieren und 
wild aufeinander zu stapeln, Telefongespräche zu beantworten 
oder sich in hitzigen Diskussionen zu ergehen, schien niemand 
von ihnen Notiz zu nehmen. 

Phoebe schlang die Arme um den Oberkörper, um sich der 

Gefahr zu entziehen, mit ihren Ellbogen die Menschen an dem 
vorderen Tisch zu berühren. Sie alle hatten einen Telefonhörer 
am Ohr und kritzelten hastig in ihren Notizblöcken herum. 

»Jefferson ist nicht hier«, sagte Prue, als sie sich flüchtig im 

Raum umgesehen hatte. »Ich werde den Mann an dem 
Schreibtisch da drüben fragen.« 

»Wohin du auch gehst, werde ich dir folgen.« Während sie 

sich dem Schreibtisch näherten, hielt sich Phoebe dicht an Prue. 
Sie merkte gar nicht, dass hinter ihr eine junge Frau zur Tür 
hereingestürzt kam, bis es zu spät war, einem Kontakt 
auszuweichen. 

»Hey, Mace!« Der hübsche junge Rotschopf mit den hohen 

Absätzen und dem modisch grünen Kostüm wedelte mit einem 
Bogen Papier und schob sich zwischen Phoebe und Prue. 

Phoebe stockte und klammerte sich an Prue, als eine neue 

Vision sie erschütterte. 

...  kochendheißer Kaffee ergießt sich über ihre Hand, weiße 

Haut färbt sich rot, Blasen brechen hervor... 

Phoebes Kopf fing an zu hämmern, und ihr Magen wollte sich 

umdrehen, als die Eindrücke wieder verblassten. Völlig außer 
Atem deutete sie auf die Rothaarige, die dem Mann an dem 
Schreibtisch ein Schriftstück überreichte und dann zu einem 
Tisch ging, auf dem Kaffee und Tassen bereitstanden. »Kaffee«, 
krächzte Phoebe. 

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-125- 

Prue schob Phoebe in die Lücke zwischen einem Stapel 

Kartons und der Tischkante des Schreibtischs. »Beweg dich 
nicht.« 

»Keine Sorge.« Phoebe konzentrierte sich darauf, ihren Puls 

zur Ruhe zu bringen, und behielt Prue im Auge, die sich der 
Frau genau in dem Augenblick in den Weg stellte, als jene den 
Kaffeeautomaten erreicht hatte und nach einer Tasse griff. 
Nachdem die beiden Frauen ein paar Worte gewechselt hatten, 
deutete die Rothaarige auf einen Korridor. Prue stellte gelassen 
eine zweite Tasse unter den Hahn. 

»Jenny!« 

Die junge Frau riss den Kopf herum und starrte dem Mann 

entgegen, der mit einem Klemmbrett bewaffnet den Korridor 
hinunterstürmte. »Was gibt's, Charlie?« 

Charlie riss einen Bogen Papier von seinem Klemmbrett, den 

er ihr entgegenstreckte. »Kanal Sieben braucht einen Jefferson-
Sprecher für die Spätnachrichten. Dein Job.« 

Phoebe wich zurück, als Jenny an ihr vorbeisauste und zur 

Tür hinausstürzte. Obwohl ihre Schläfen schmerzhaft pulsierten 
und obwohl ihre Knie zittrig waren, fühlte sie sich gut. Beide, 
die junge Frau und Jefferson, hätten eine goldene Gelegenheit 
verpasst, die Werbetrommel zu rühren, hätte Prue die Frau nicht 
davor bewahrt, sich die Hand zu verbrühen. 

»Phoebe!« Prue winkte Phoebe zu, ihr in den Korridor zu 

folgen. 

Nachdem sie sich rasch einen Überblick über die Horde 

eitriger Wahlhelfer verschafft hatte, hastete Phoebe an dem 
Schreibtisch vorbei. Der Mann, der hinter dem Tisch saß, brüllte 
etwas in sein Telefon und bemerkte sie gar nicht. Dieser Mangel 
an Sicherheitsvorkehrungen war erschreckend, angesichts der 
Tatsache, dass sich Mr. Jefferson in ernsthafter Gefahr befand. 
Einer Gefahr, deren Quelle sie noch nicht entdeckt hatten. 

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-126- 

»Wir haben Glück«, sagte Prue. »Jefferson hat ein Büro am 

Ende dieses Ganges, und der Kandidat ist anwesend.« 

»Dann los.« Phoebe rang sich ein Lächeln ab und versuchte 

ein wenig Enthusiasmus an den Tag zu legen. Als sie aber die 
beiden großen, breitschultrigen Männer vor der Tür zu seinem 
Büro erblickte, verlor sie jede Hoffnung, sich mithilfe einer 
Berührung einen Hinweis auf Jeffersons Zukunft erschleichen 
zu können. 

»Das könnte ein Problem werden«, flüsterte Phoebe. Die 

beiden Männer waren aufgestanden und hatten wachsam 
Haltung angenommen, als sie und Prue den Korridor betreten 
hatten. 

»Ich weiß.« Prue sprach leise, und auf ihren Lippen erschien 

ein Vertrauen erweckendes Lächeln. »Wenn ich sie einfach aus 
dem Weg stoße, wird irgendjemand die Polizei rufen, und es ist 
zu spät, Piper um Hilfe zu bitten.« 

»Hinterher ist man immer klüger, nicht wahr?« Phoebe setzte 

ihr strahlendstes Lächeln auf, als sie und Prue sich den Männern 
näherten. Sie bezweifelte, dass die beiden zwei Frauen auch nur 
entfernt als ernst zu nehmende Gefahr einstufen würden. »Hey, 
Jungs! Was steht an?« 

»Genau das wollte ich Sie gerade fragen.« Der größere Mann 

zur Linken trug einen buschigen Schnurrbart und war gebaut 
wie ein Footballspieler. Er verschränkte die Hände vor sich und 
wippte auf den Fersen auf und ab. 

»Wir wissen, dass Sie nicht angemeldet sind.« Der Mann zur 

Rechten war schmaler, hatte stahlgraue Augen, deren Blick 
jegliche Illusion der Schwäche sofort zunichte machte. Er war 
unverkennbar ein echter Profi. 

»Sie haben Recht, wir sind nicht angemeldet«, sagte Prue. 

»Aber wir müssen Mr. Jefferson wegen einer Sache, die 
wirklich keinen Aufschub duldet, dringend sprechen. Es dauert 

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höchstens ein paar Minuten.« 

»Keine Chance.« Mr. Grauauge starrte sie mit einem 

Ausdruck sturer Entschlossenheit, der Phoebe unheimlich an 
Prue erinnerte, unerbittlich an. »Mr. Jefferson befindet sich in 
einer Besprechung mit seinem Wahlkampfmanager, und er will 
nicht gestört werden. Keine Sonderbehandlung, keine 
Ausnahmen.« 

Phoebe ließ Prue freie Hand und wartete auf ihren Einsatz. 

»Ach so.« Prue seufzte und ließ die Schultern absacken. »Na 

ja, Sie tun schließlich nur Ihre Arbeit.« Plötzlich blickte sie 
lächelnd mit kokett funkelnden Augen auf. »Sorgen Sie rund um 
die Uhr für Mr. Jeffersons Sicherheit?« 

Phoebe fragte sich, warum Prue versuchte, mit dem Mann zu 

flirten. Der große böse Sicherheitswächter war jedenfalls absolut 
nicht ihr Typ. »Vierundzwanzig Stunden am Tag«, sagte 
Schnurrbart. »Wo er ist, sind wir auch.« 

»Ganz ohne Feierabend?«, fragte Prue. 

Immun für ihre Reize, starrten die beiden Männer sie an. 

Prue stubste Phoebe an und streckte die Hand dem Mann zu 

ihrer Rechten entgegen. »Nun, jedenfalls war es sehr nett, Sie 
kennen zu lernen.« Erneut versetzte sie Phoebe einen Stoß, 
kombiniert mit einem aufgebrachten Blick. »Nicht wahr?« 

»Häh?« Phoebe hatte Schwierigkeiten, mitzukommen, und so 

dauerte es einen Moment, bis sie begriff, dass Prue versuchte, 
sie zu einer Kontaktaufnahme mit einem der Wachmänner zu 
drängen. Wenn die Wachmänner ständig mit Jefferson 
zusammen waren, dann würden sie auch dabei sein, wenn ihrem 
Boss irgendetwas Schlimmes zustoßen sollte. »Aber sicher.« 

Phoebe machte sich auf den Kontakt gefasst und ergriff die 

Hand des stämmigen Schnurrbartträgers, in der festen 
Erwartung, sofort von einer so grausam brutalen Vision 
überwältigt zu werden, dass ihr die eine oder andere geistige 

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-128- 

Sicherung durchbrennen würde. Tatsächlich passierte überhaupt 
nichts. Absolut nichts. Nicht einmal ein rostiger Nagel lauerte in 
der Zukunft des Sicherheitsmannes. 

Nur für den Fall, dass die beiden Männern abwechselnd frei 

hatten, wandte sich Phoebe zu dem anderen Mann um und 
berührte seinen Arm. Wieder nichts. »Hübsche Jacke.« 

Prue starrte Phoebe einen Moment völlig verblüfft an, weil 

ihre Schwester immer noch sicher auf den Beinen stand, statt 
sich in einer Vision von Zerstörung und Gewalt am Boden zu 
krümmen. 

»Na ja, ich schätze, wir sollten dann mal gehen.« Phoebe 

zerrte an Prues Arm. »Wir werden einfach auf dem Weg nach 
draußen einen Termin vereinbaren.« 

»Halten Sie sich nicht mit dem Versuch auf, durch das Fenster 

einzubrechen«, sagte Schnurrbart. »Es gibt keins.« 

»Keine Sorge.« Prue brauchte keinen besonderen Anreiz, um 

so schnell wie möglich zu verschwinden. 

Bis die Schwestern wieder im Auto saßen, verloren sie kein 

Wort über das unerwartete Ergebnis. 

»Du hast nichts gesehen?«, fragte Prue, als sie den 

Zündschlüssel ins Schloss steckte. 

»Absolut nichts.« In einer hilflosen Geste hob Phoebe die 

Hände. »Den harten Jungs droht in der Zukunft höchstens eine 
Kissenschlacht.« 

»Aber was hat das zu bedeuten?« Prue legte einen Gang ein, 

steuerte den Wagen jedoch noch nicht aus der Parklücke. 

»Ich weiß es nicht«, sagte Phoebe hilflos. »Vielleicht sind sie 

in der Stunde Null doch nicht in Jeffersons Nähe.« 

»Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Geschichte mit dem 

Vierundzwanzig-Stunden-Sieben-Tage-Job ein Scherz war«, 
entgegnete Prue. 

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»Ich auch nicht«, stimmte ihr Phoebe zu, während ihre 

Gedanken durcheinander wirbelten. »Bis zur Wahl dauert es 
noch ein paar Wochen. Ich nehme an, was auch immer passieren 
soll, muss nicht gleich passieren.« 

Prue dachte einen Augenblick über ihre Worte nach. 

»Möglich. Deinen Wunsch und den Wunsch des kleinen 
Mädchens hat Athulak allerdings sofort erfüllt. Aber seit 
Tremaines Wunsch sind schon mehr als zwei Tage vergangen.« 

»Vielleicht dauert es einfach etwas länger, einen Wunsch mit 

apokalyptischen Konsequenzen zu erfüllen.« Doch noch 
während sie sprach, beschlich Phoebe das beunruhigende 
Gefühl, dass ihr ein Stück des Puzzles entgangen war. Aber sie 
konnte einfach nicht herausfinden, welches. »Jedenfalls bin ich 
ziemlich sicher, dass heute Nacht nichts passieren wird, worum 
wir uns sorgen müssten. Deshalb könnten wir doch jetzt ebenso 
gut nach Hause fahren und eine Mütze Schlaf nehmen.« Prue 
steuerte den Wagen auf die Straße. 

Phoebe lehnte sich zurück, schloss die Augen und glitt wieder 

in die Umklammerung verzweifelten Kummers. Der dumpfe 
Schmerz in ihrem Kopf erinnerte sie ununterbrochen daran, dass 
Noel Jefferson nicht das einzige Ziel für Athulaks tödlichen 
Zorn war. 

Sie zog Pipers Talisman aus der Tasche und umklammerte ihn 

mit der Faust, während sie an den abgetrennten Fahnenmast 
dachte. Vielleicht würde sie nicht herausfinden, welches 
Schicksal Noel Jefferson erwartete, aber eines stand völlig außer 
Frage: Athulak konnte Hexen nicht ausstehen. 

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-130- 

11 

PIPER 

ZOG EIN BLECH VOLLER 

Blaubeermuffins aus dem Ofen 

und stellte es zum Abkühlen auf den Herd. Vor ihnen lag ein 
langer Tag, und sie wollte sicher sein, dass ihre Schwestern gut 
gewappnet waren. Dank der Beteiligung lokaler und nationaler 
Prominenz würde es bei der Veranstaltung von Reportern nur so 
wimmeln. Ein einziges Bild von Brad Pitt, der sich an ihrem 
Stand aufhielt, in der Zeitung, und das P3 wäre von einem 
Augenblick auf den anderen so bekannt wie die heißesten Clubs 
des ganzen Bundesstaates. 

Sie hielt einen Augenblick inne und starrte sehnsüchtig ins 

Nichts, während sie sich ein Titelfoto vorstellte, das sie neben 
Brad Pitt zeigte. Sie fragte sich, ob sein Erscheinen bei der 
Veranstaltung tatsächlich angekündigt worden war, oder ob es 
sich nur um ein Gerücht handelte. Leo hatte ihr jedenfalls vor 
drei Wochen hoch und heilig versprochen, zu kommen, und 
bisher hatte sie von ihm nichts mehr gehört oder gesehen. »Ich 
werde verrückt, wenn sich Brad Pitt auch nur als Phantom 
entpuppt!« Frustriert riss Piper die Kühlschranktür auf. Wenn 
die großen Bosse da oben dachten, sie käme ohne Leo nicht 
mehr zurecht, würden sie ihn ihr womöglich gerade deshalb für 
immer entreißen. 

Phoebe schlurfte gähnend in die Küche und rieb sich die 

Augen, als Piper eine Schüssel mit frischem, kleingeschnittenem 
Obst auf dem Tisch abstellte. 

»Morgen!«, trällerte Piper mit einem strahlenden Lächeln. Sie 

wollte sich ihre Sorgen nicht anmerken lassen, denn Phoebe trug 
noch Nachthemd und Pantoffeln. Sie hatte sich nicht einmal die 
Haare gekämmt, die auf der einen Seite flach an ihrem Kopf 
klebten und sich auf der anderen wirr kräuselten. Piper wollte 
den Tag nicht gleich mit einem Streit anfangen, aber sie fragte 

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-131- 

sich ernsthaft, was Phoebe eigentlich in der halben Stunde, seit 
dem ihr Weckalarm wieder verstummt war, getrieben hatte. 

Phoebe grunzte gähnend. 

»Kaffee läuft gerade durch, und da sind frische Muffins«, 

sagte Piper. 

Mit einem mechanischen Nicken starrte Phoebe die 

Kaffeemaschine an, als könnte sie das Gerät mit reiner 
Willenskraft dazu bringen, schneller zu arbeiten. Nach ein paar 
Sekunden nahm sie sich eine Tasse aus dem Schrank und zog 
die nur halb gefüllte Kanne unter dem Filter hervor. Einige 
Tropfen der heißen Flüssigkeit tanzten über die 
Warmhalteplatte, ehe der automatische Tropfschutz die Öffnung 
verschloss. 

»Der Kaffee ist bestimmt noch ziemlich stark.« Piper verzog 

das Gesicht, löste die heißen Muffins aus ihrer Form und 
richtete sie auf einem Teller an. 

»Gut so.« Phoebe stellte die Kanne wieder in die Maschine, 

nahm die Milch aus dem Kühlschrank, schnappte sich die 
Morgenzeitung und setzte sich an den Tisch. 

Jemand ist heute Morgen ziemlich verschroben, dachte Piper 

verärgert, als sie die Muffins neben dem Obst auf dem Tisch 
platzierte. 

Phoebe war viel zu sehr in die Zeitung vertieft, um darauf zu 

achten. Ihr Kaffee stand unberührt vor ihr, während ihr Finger 
über die Titelseite wanderte. Dann schlug sie die Zeitung auf, 
setzte ihre intensive Suche fort und nagte dabei eifrig an ihrer 
Unterlippe. 

Piper fragte sich, was mit Phoebe an diesem Morgen los war. 

Denn gemäß dem, was Phoebe und Prue ihr in der letzten Nacht 
erzählt hatten, war Phoebe mit einer kleinen Vision und zwei 
totalen Fehlschlägen doch ganz gut davongekommen. 

»Ist Prue schon auf?« Mit vor der Brust verschränkten Armen 

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-132- 

starrte Piper Phoebe an, deren Aufmerksamkeit nach wie vor 
allein der Zeitung galt. »Habe ich dir schon erzählt, dass ich 
bald mit Leo auf einer höheren Ebene leben werde?« 

»Ohoh.« Phoebe nippte an ihrem Kaffee und blätterte eine 

Seite weiter. 

»Ich kann nicht fassen, dass ich wach bin, obwohl es draußen 

noch dunkel ist.« Frisch geduscht kam Prue herein. Ihr 
schwarzes Haar glänzte, was eine Folge energischer 
Bürstenstriche war. Ihr rauchblaues Oberteil mit den Drei-
Viertel-Ärmeln und die schwarze Hose mit dem hohen Bund 
unterstrichen das lebhafte Funkeln ihrer blauen Augen. Ihr 
ganzes Auftreten bildete einen krassen Kontrast zu Phoebes 
Erscheinung. 

»Kaffee ist fertig.« Piper schenkte zwei Tassen ein und 

reichte Prue eine davon. »Nachschub, Phoebe?« 

»Klar.« Phoebe stellte ihren Becher ab, warf den ersten 

Zeitungsteil auf den Boden und widmete sich den 
Lokalnachrichten. 

Piper ging zum Tisch, füllte den Becher nach und blieb, eine 

Hand auf die Hüfte gestemmt, in klassischer Kellnerinnen-Pose 
vor Phoebe stehen. »Okay. Was ist los?« 

Prue trat zu ihnen und starrte Phoebe ebenfalls durchdringend 

an. 

Sekunden vergingen, ehe Phoebe überhaupt bemerkte, dass 

sie im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand. Langsam 
hob sie den Kopf und sah ihre Schwestern fragend an. »Ah... 
Probleme?« 

»Das sollst du uns sagen.« Piper machte kehrt, um die 

Kaffeekanne zurückzustellen, ehe sie sich neben Prue auf einen 
Stuhl fallen ließ. 

»Wir hören«, sagte Prue. 

»Richtig.« Piper nickte beifällig. »Warum bist du noch nicht 

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-133- 

angezogen? Ich hatte alles so geplant, dass wir gemütlich hätten 
frühstücken können, ehe wir uns auf den Weg zum Park machen 
müssen. Also? Wo liegt das Problem?« 

»Ich, äh, ich... ich kann da nicht hingehen.« Phoebes Lippen 

bebten, und ihre zittrigen Atemzüge verrieten, dass sie kurz 
davor stand, in Tränen auszubrechen. »Da sind zu viele Leute.« 

Pipers Ärger löste sich in Mitgefühl mit ihrer Schwester und 

intensiven Selbstvorwürfen auf. Sie war so sehr mit der 
Wohltätigkeitsveranstaltung beschäftigt gewesen, dass sie 
Phoebes Probleme völlig vergessen hatte. Zudem hatte die 
Belastung offenbar ein weit größeres Ausmaß angenommen, als 
Phoebe eingestehen wollte. 

»Wie schlimm ist es?« Pipers Stimme brach, und sie musste 

sich räuspern. 

»Ziemlich schlimm.« Phoebes Hand zitterte, als sie nach 

ihrem Kaffeebecher griff. 

»Letzte Nacht schien es dir ganz gut zu gehen«, sagte Prue. 

»Ja und nein.« Phoebe trank einen großen Schluck und 
massierte sich die Schläfen. 

Piper und Prue warteten geduldig, bis ihre Schwester bereit 

war, weiterzusprechen. 

»Die Vision, als die Kassiererin sich in den Finger geschnitten 

hat, war...« Phoebe unterbrach sich auf der Suche nach den 
richtigen Worten. »... wie ein Flüstern, aber die physischen 
Auswirkungen werden immer schmerzhafter. Und 
erschöpfender. Die Verbrühung, die wir Jenny erspart haben, 
war zwar viel ernster, aber die Wirkung, die die Vision auf mich 
hatte, war mindestens dreimal so schlimm, wie sie hätte sein 
dürfen. Versteht ihr?« 

Prue nickte und legte mitfühlend die Hand auf Phoebes Arm. 

»Ja, ich verstehe.« Als Piper sich beschämt abwandte, fiel ihr 

Blick auf die Zeitung am Boden, und sie hob sie auf, faltete sie 

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ordentlich und legte sie wieder auf den Küchentisch. »Wonach 
suchst du, Phoebe?«, fragte sie sanft. 

Phoebe ließ den Kopf hängen und seufzte. »Einen Artikel 

über Noel Jeffersons unerwartetes Ableben.« 

»Was?« Prue lehnte sich erschrocken zurück. »Aber ich 

dachte...« 

Phoebe streckte Prue ihre Hand entgegen. »Ich habe von den 

beiden harten Jungs vor seiner Tür nichts empfangen. Und als 
ich dann im Bett lag, konnte ich nicht aufhören, daran zu 
denken, was geschehen wird, falls die beiden eben doch nicht 
bei ihm sind, wenn Athulak seine Katastrophe einleitet.« 

»Aber sie haben gesagt...« 

Wiederunterbrach Phoebe ihre Schwester. »Ich weiß. 

Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. 
Aber sie sind nicht während jeder Minute jedes Tages und jeder 
Nacht in seiner Nähe. Sie waren nicht in Jeffersons Büro, 
sondern sie standen vor der Tür. Aber er war drin. Er war außer 
Sicht.« 

Prue erbleichte. »Du denkst doch nicht, dass Athulak ihm 

bereits einen Besuch abgestattet hat, oder?« 

Phoebe schüttelte den Kopf. »Die Katastrophen, die Athulak 

herbeiführt, hängen immer mit einem Wunsch zusammen, wie 
bei dem durchgehenden Pony. Er handelt nicht aus eigenem 
Antrieb.« 

»Gerade das hat er aber gestern auf dem Parkplatz mit 

Nachdruck getan.« Prue strich sich vielsagend mit dem 
Zeigefinger über die Kehle. 

Phoebe nickte. »Aber ich vermute, dass er Hexen hasst. 

Würdest du dich nicht rächen wollen, wenn jemand dich 
dreitausend Jahre lang in einem Stein einsperrt?« 

»Vermutlich.« Prue griff nach einem Muffin, verharrte aber 

mitten in der Bewegung. »Vielleicht sollten wir Darryl anrufen, 

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-135- 

um herauszufinden, ob mit Jefferson alles in Ordnung ist.« 

»Nein.« Phoebe wischte sich eine Träne aus dem 

Augenwinkel. »Es steht nichts in der Zeitung, und ich habe mir 
nach dem Aufstehen die Nachrichten im Fernsehen angesehen. 

Piper ahnte Phoebes Dilemma. Weil ihre Visionen so 

schmerzhaft für sie geworden waren, stellte sie nun ihre eigenen 
Motive in Frage und wusste nicht recht, warum  sie sich nicht 
stärker um einen Kontakt zu Jefferson bemüht hatte. 

»Du hast dir jedenfalls nichts vorzuwerfen, Phoebe«, sagte 

Piper. »Du wärst bestimmt nicht nach Hause gegangen, wenn du 
ernsthaft angenommen hättest, dass Jefferson in der Nacht etwas 
zustoßen könnte.« 

»Sicher?« Phoebe warf den Kopf zurück und lachte spöttisch. 

»Wenn ich daran hätte glauben können, dann hätte ich bestimmt 
auch etwas Schlaf bekommen.« Sie atmete einige Male tief 
durch, um die aufkeimende Hysterie zu ersticken. »Was habe 
ich von einer Gabe, wenn ich durch die Nebenwirkungen wie 
Kopfschmerzen und Übelkeit so eingeschüchtert werde, dass ich 
sie nicht mehr anwende?« 

Wie vom Blitz getroffen fuhr Prue hoch. »Oh mein Gott! Das 

ist es!« 

»Athulaks geheimer Plan.« Aufgeregt beugte sich Prue vor. 

»Gestern konnten wir uns nicht vorstellen, warum Athulak 
Phoebes Wunsch erfüllt hat, weil doch ihre verstärkte 
Empfindungsfähigkeit Katastrophen verhindert, statt ein Chaos 
hervorzubringen.« 

»Bis hierhin komme ich ja noch mit«, sagte Piper, »trotzdem 

weiß ich nicht, worauf du hinauswillst.« 

»Ihr redet, ich esse.« Phoebe zog den Teller mit Muffins zu 

sich heran und beugte sich vor, um eine Gabel aus der 
Schublade zu nehmen. Piper nickte ihr zu. Phoebe nahm zwei 
weitere Gabeln heraus, legte die eine vor Piper und die andere 

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-136- 

vor Prue. 

»Okay. Es wird euch vielleicht kompliziert vorkommen, aber 

das ist es gar nicht«, erklärte Prue. »Nicht, wenn man den 
Zusammenhang erkennt.« 

Piper winkte ihr zu, sich zu beeilen und nahm sich einen 

Muffin. 

Prue nippte kurz an ihrem Kaffee, räusperte sich und fuhr fort: 

»Wir müssen mit Tremaines Wunsch beginnen, der zwei 
verschiedene Punkte beinhaltet. Erstens hat er Athulak aus dem 
Stein befreit, und zweitens wird die Erfüllung des Wunsches zu 
einem apokalyptischen Echo führen.« 

»Einverstanden.« Piper nickte. 

»Gut. Da die Erfüllung von Tremaines Wunsch offensichtlich 

länger dauert als die anderen Wünsche - das Pony und Phoebes 
Gabe«, spann Prue den Faden weiter, »könnte es sein, dass 
dieser erste Wunsch für Athulak eine größere Bedeutung hat als 
die, ein paar Menschen ins Unglück zu stürzen oder kalt zu 
machen.« 

»Welche Bedeutung?« Phoebe legte die Stirn in Falten. Sie 

sah so verwirrt aus, wie Piper sich fühlte. 

»Vielleicht geht es für Athulak um Leben und Tod.« Prue 

unterbrach sich, um über ihre Worte nachzudenken. »Was, wenn 
sein ganzes weiteres Schicksal von diesem ersten Wunsch 
abhängig ist?« 

»Wenn etwas schief geht und Tremaines Wunsch nicht erfüllt 

wird, ist Athulak Geschichte?«, hakte Phoebe nach. 

»Die Theorie gefällt mir«, sagte Piper, »aber eigentlich hast 

du doch nur geraten, oder?« 

»Nicht wirklich.« Prue stand auf und ging zur 

Kaffeemaschine, um Nachschub zu holen. 

»Nach meinem Geschmack fällt das definitiv in die Kategorie 

›Wunschdenken‹, aber ich bin mehr als bereit, mich eines 

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-137- 

Besseren belehren zu lassen«, verkündete Phoebe, während sie 
ihre Gabel in eine Orangenscheibe bohrte. 

Prue schenkte alle drei Kaffeetassen voll, während sie ihre 

Erklärungen fortsetzte. »Der Schlüssel zu der ganzen Geschichte 
ist Noel Jefferson, das Objekt von Tremaines Wunsch.« Prue 
setzte sich und stellte die Kaffeekanne ab. »Wenn Phoebe 
Kontakt zu Jefferson aufnimmt, werden wir wissen,  wie sich 
Tremaines Wunsch erfüllen wird.« 

»Und wenn wir das wissen, sind wir vielleicht in der Lage, es 

zu verhindern«, fügte Piper hinzu. 

Phoebe hörte auf zu kauen und starrte ihre Schwestern an. 

»Schön, aber wie hat Athulak das herausgefunden?« 

Piper stellte fest, dass die Einzelteile des Puzzles sich 

allmählich zusammenfügten. Athulak hatte in Tremaines 
Bibliothek gesehen, wie Prue ihre Gabe genutzt hatte, und er 
war ihr in den Park gefolgt. Er war schon einmal von einer Hexe 
eingesperrt worden, und nun befürchtete er, eine moderne Hexe 
könnte seine Pläne vereiteln. 

»Athulak war im Park, als Phoebe wegen des Ponys Alarm 

schlug, noch bevor es durchging.« Verblüfft lehnte sich Piper 
zurück. »Und wir haben uns darüber unterhalten, dass wir Noel 
Jefferson heute auf der Wohltätigkeitsveranstaltung begegnen 
könnten.« 

»Genauso sehe ich das«, sagte Prue. »Als Athulak entdeckt 

hat, dass Phoebe in die Zukunft sehen kann, war ihm klar, dass 
sie auch eine Katastrophe in Jeffersons Zukunft aufdecken 
könnte.« 

»Und als Phoebe dann diesen Wunsch geäußert hat«, nahm 

Piper den Faden auf, »hat er ihn folglich bereitwillig gewährt 
und ihre Macht verstärkt, um sie ihr auf einer anderen Ebene 
wieder zu rauben.« 

»Das ist so unglaublich diabolisch«, murrte Phoebe. 

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»Darum nennt man diese Kreaturen Dämonen«, kommentierte 

Piper. 

Prue lächelte Phoebe zu. »Aber es gab einen kritischen Punkt, 

den er einfach nicht bedacht hat: deine Entschlossenheit, das 
Richtige zu tun, auch wenn es dich verletzen könnte.« 

So leicht war Phoebe nicht zu besänftigen. »Danke, Prue. 

Trotzdem kann ich dir nicht ganz folgen. Wir sind Noel 
Jefferson nie nahe genug gekommen, um eine Vision 
auszulösen.« 

»Aber wir wollten es«, entgegnete Prue. »Wohin waren wir 

gerade unterwegs, als er uns angegriffen hat?« 

Phoebe blinzelte. »Zu Noel Jefferson.« 

»Genau.« Prue schnappte sich einen Muffin und zog das 

Papier ab. »Ich schließe den Beweisvortrag ab.« 

»Gekauft. Aber ich konnte meine Mission immer noch nicht 

erfüllen.« Phoebe legte ihre Gabel ab und verzog gepeinigt das 
Gesicht. »Wir haben keine Ahnung, wie Athulak verhindern 
will, dass Jefferson an der Wahl teilnimmt.« 

»Es ist noch nicht zu spät, das herauszufinden«, sagte Piper. 

»Jefferson plant nach wie vor, heute auf der Veranstaltung eine 
Rede zu halten. Gegen elf Uhr, glaube ich.« 

»Ich gehe mich anziehen.« Mit diesen Worten stürmte Phoebe 

aus der Küche. 

»Ich schätze, wir sollten keine Zeit verlieren.« Piper stellte 

den Teller mit Muffins und die Schale mit dem Obst auf der 
Arbeitsplatte ab. 

»Wir brauchen noch mindestens eine Stunde.« Prue ergriff die 

Kaffeekanne und stellte sie wieder in die Maschine. »Ich weiß 
nicht, wie es dir geht, aber ich werde mich bedeutend besser 
fühlen, wenn ich einen frischen Talisman bei mir tragen kann.« 

Piper reichte Prue eine Rolle Cellophanpapier. »Du räumst 

auf, ich koche.« 

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-139- 

Pipers Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als sie die 

Zutaten zusammensammelte und den Zettel mit den 
Anweisungen zur Herstellung des Suds auseinander faltete. Der 
Windgeist war imstande, sich die Gestalt einer unsichtbaren, 
todbringenden Molekularklinge zu geben. Und er konnte diese 
Klinge sogar mit genügend Kraft ausstatten, um einen 
Fahnenmast durchtrennen zu können. Drei Hälse aus Fleisch 
und Blut würden ihm im Vergleich dazu kaum Schwierigkeiten 
bereiten. Er hatte schon einmal versucht, Phoebe auf diese 
mörderische Weise davon abzuhalten, Noel Jefferson zu 
berühren. Es wäre eine riesige Dummheit anzunehmen, dass er 
es nicht wieder tun würde. 

Die Talismane waren vielleicht ihr einziger Schutz, wie Piper 

frustriert feststellte, als sie die Kunststoffschale mit rohen 
Hühnerherzen aus dem Kühlschrank nahm. Es gab noch eine 
andere, wenig erfreuliche Alternative, die keine von ihnen 
bedacht hatte. Da Phoebe im Waschraum eingesperrt gewesen 
war, als Jefferson das städtische Gebäude verlassen hatte, war 
Athulak ihm möglicherweise einfach gefolgt. Dann hätte er 
gewusst, dass Prue und Phoebe nicht an den Wachmännern in 
der Wahlkampfzentrale vorbeigekommen waren. Vielleicht war 
er ihnen sogar bis nach Hause gefolgt. 

Piper starrte die Falkenfedern in dem Plastikbeutel mit einem 

flauen Gefühl im Magen an. Der Bann, den sie dem Buch der 
Schatten  
entnommen hatte, war geschrieben worden, um 
Tornados und Orkane abzuwehren. Sie hatte ihn lediglich ein 
wenig abgewandelt, um mit Hilfe der Magie auch einen Dämon 
zu erfassen, der in Form eines Windes sein Unwesen trieb. Und 
sie hatte absolut keinen Beweis dafür, dass die Talismane 
wirklich funktionierten. 

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-140- 

12 

O

BWOHL DIE WOHLTÄTIGKEITSVERANSTALTUNG 

erst in einer 

Stunde die Tore für die Allgemeinheit öffnen würde, herrschte 
auf dem Gelände rege Aktivität, als Prue gegen acht Uhr auf den 
Parkplatz einbog. 

»Weißt du überhaupt, wo dein Stand ist?«, fragte Prue Piper, 

als die Schwestern aus dem Auto stiegen. Während einige 
Standbetreiber ihre eigenen Aufbauten samt Generatoren 
mitgebracht hatten, hatte Piper einen Stand samt Zuleitung für 
das Stromnetz vom Veranstalter gemietet. Die meisten dieser 
Stände befanden sich in der Nähe der Pavillons auf der anderen 
Seite des Picknickareals. 

»Nicht genau.« Piper blickte von dem Lageplan auf, den die 

Veranstalter ihr geschickt hatten, und schirmte die Augen mit 
der Hand ab, während ihr Blick über das Gelände schweifte. 
Erneut betrachtete sie den Plan, ehe sie mit der Hand auf einen 
Pavillon im Schatten hoher Palmen und Laubbäume zu ihrer 
Linken deutete. »Ich glaube, wir sind da drüben.« 

Prue schlang sich den Riemen ihrer Kameratasche über die 

Schulter und schloss den Wagen ab. Zwar hatte sie die andere 
Tasche mit Ausrüstungsgegenständen sicher unter dem Sitz 
verstaut, dennoch wollte sie kein unnötiges Risiko eingehen. 

Phoebe lehnte sich an die Motorhaube, die Arme vor der 

Brust verschränkt, eine Haltung, die verriet, wie wenig sie 
geneigt war, irgend jemanden zu berühren. Vor allem, dachte 
Prue, musste Phoebe davor geschützt werden, mit 
irgendjemandem außer Noel Jefferson in Körperkontakt zu 
treten. Dies hatten sie und Piper sich geschworen, nachdem 
Phoebe die Küche verlassen hatte. Den zukünftigen 
Kongressabgeordneten und mit ihm die ganze Welt zu retten, 
war jedoch unumgänglich. 

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»Ich hoffe, Jimmy und die anderen sind früh genug 

eingetroffen, um die Lieferanten zu empfangen«, sagte Piper 
nervös. 

»Ich frage mich, ob Rick auftauchen wird«, sagte Prue. 

»Keine Ahnung, aber das werde ich gleich herausfinden. Wir 

sehen uns dann, sobald ich sicher bin, dass alles unter Kontrolle 
ist.« Mit diesen Worten zog Piper von dannen, um ihren Stand 
zu suchen. Prue musterte Phoebe aufmerksam, doch ihre kleine 
Stichelei in Bezug auf Rick war ungehört verhallt. Der ernste 
Blick ihrer Schwester ruhte unverwandt auf dem stillen 
Vergnügungspark, der sich im Norden an das Picknickgelände 
anschloss. Dominiert von einem Riesenrad, einem reich 
verzierten Karussell und einer Achterbahn, deren Loopings 
vergleichsweise harmlos waren, breitete sich der Gold Coast 
Vergnügungspark wie eine langsam wachsende Amöbe in der 
Landschaft aus, seit er vor zehn Jahren zum ersten Mal die Tore 
geöffnet hatte. Trotzdem hatte es in den vergangenen Monaten 
Gerüchte gegeben, denen zufolge diese veraltete Attraktion 
geschlossen werden sollte. 

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte Prue. 

Phoebes Blick streifte Prue für einen Moment, ehe er sich 

wieder voll und ganz dem Vergnügungspark zuwandte. »Ich war 
noch nie hier, während Gold Coast geschlossen war. Irgendwie 
ist das unheimlich, als wäre der ganze Park gestorben, als die 
Lichter ausgingen und das Geschrei und die Zirkusmusik 
verklangen.« Sie schwieg, und ein feuchter Schleier legte sich 
über ihre Augen, ehe sie wieder das Wort ergriff. »Verklungen 
zu den Echos unschuldigerer, glücklicherer Zeiten oder so. Als 
wir noch Kinder waren.« 

»Für diese Tageszeit sind das erschreckend tiefschürfende 

Gedanken«, kommentierte Prue in dem Versuch, ihrer 
Schwester über die Melancholie hinwegzuhelfen. Aber sie 
wusste auch, dass Phoebe durchaus imstande war, allein aus 

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dieser persönlichen Krise herauszufinden. Für Kapitulation war 
im genetischen Erbe der Halliwells schon seit Jahrhunderten 
kein Platz. 

»Okay.« Phoebe richtete sich auf und schenkte Prue ein 

Lächeln. »Für einen Tag habe ich mich lange genug der 
Schwermut hingegeben. Kümmern wir uns um unsere 
Aufgaben, damit wir uns irgendwann auch ins Vergnügen 
stürzen können.« 

»Ich bin bereit.« Prue warf einen Blick in die Richtung, in der 

Piper verschwunden war. »Willst du Piper helfen oder lieber 
mitkommen, wenn ich mir die Bühne ansehe, auf der Tremaine 
und Jefferson sprechen werden?« 

Phoebes innerer Kampf spiegelte sich deutlich auf ihrem 

Gesicht. 

»Ich verstehe schon, wenn du dich lieber in der Nähe von 

diesem Rick herumtreiben willst«, fügte Prue hinzu. 

Das Leuchten, das sich bei der Erwähnung dieses Namens in 

Phoebes Augen gezeigt hatte, hielt kaum einen Moment an. 
»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.« 

»Dann los.« Die beiden Schwestern gingen, Prue voran, zu 

einem großen Holzpavillon, an den eine große Überdachung aus 
blauweißem Segeltuch grenzte. Innerhalb des Pavillons waren 
Arbeiter damit beschäftigt, die Bühne aufzubauen, Stühle für 
das Publikum aufzustellen und Kabel für die Lautsprecheranlage 
zu ziehen. Schulchöre und aufstrebende Popbands sollten sich 
die Bühne mit den Prominenten und den Politikern teilen. 

Phoebe hielt sich dicht an Prue, als sie sich einen Weg über 

einen breiten Joggingpfad bahnten. Von den Leuten abgesehen, 
die Ausrüstungsgegenstände aller Art durch die Gegend karrten, 
war der Pfad kaum genutzt. Phoebe entspannte sich ein wenig. 
Die meisten Standbetreiber waren ohnehin hektisch damit 
beschäftigt, ein letztes Mal Hand an ihre Stände zu legen. 

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»Da, sieh mal, die Stoffpuppen!«, rief Phoebe aufgeregt. Die 

Frau, welche die in altem Stil gehaltenen Stoffpuppen in weißen 
Baumwollkleidchen und cremeweißen Schürzchen auspackte, 
streckte Phoebe eine der Puppen entgegen, doch Phoebe 
schüttelte den Kopf. »Vielleicht später.« 

»Was willst du mit einer Stoffpuppe?«, fragte Prue durchaus 

erfreut angesichts der Tatsache, dass Phoebe Interesse an etwas 
anderem als ihrer unerfreulichen Mission zeigte. 

»Sie sind einfach allerliebst!«, sagte Phoebe achselzuckend 

mit einem verlegenen Grinsen auf den Lippen. »Auf meinem 
Bett sieht sie bestimmt absolut süß aus.« 

Eine süße Erinnerung an vergangene Tage und unschuldigere 

Zeiten, wie Prue mit einem Lächeln erkannte. Als sie sich nun 
wieder auf dem Gelände umblickte, stellte sie fest, dass die 
ganze Veranstaltung dazu angetan war, eine gute, von 
Gemeinsinn getragene Stimmung zu erzeugen. 

An den Ständen wurde alles Mögliche von handgearbeitetem 

Schmuck und Holzspielzeugen bis hin zu exotischen Leckereien 
und Hotdogs angeboten. Einige Stände offerierten Sportgeräte 
und sogar Whirlpools. Wieder andere dienten verschiedenen 
Organisationen dazu, sich vorzustellen: 
Bürgerrechtsbewegungen und politische Gruppen, außerdem 
Organisationen, die sich der kulturellen Bildung oder der 
Gesundheitsvorsorge widmeten. Dann gab es noch Stände wie 
der des P3

 

und einige, die von den Sponsoren verschiedener 

Mannschaftssportarten betrieben wurden. Wieder andere warben 
für allerlei familienbezogene Freizeitaktivitäten. Prue war 
beeindruckt von der Vielfalt, dem Einfallsreichtum und der 
Begeisterung, mit der die Betreiber bei der Sache waren. 
Insgeheim fragte sie sich, ob nicht der eine oder andere seine 
eigene Familie während der Vorbereitungen für das große 
Ereignis in den Wahnsinn getrieben hatte. Jedenfalls hatte Piper 
offenbar gewusst, was sie tat, als sie den Vertrag für ihren Stand 

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unterzeichnet hatte. Allem Anschein nach rechnete hier jeder 
mit einem gewaltigen Andrang. 

»Ich rieche Kaffee.« Phoebe hielt inne, um den 

verführerischen Duft einzuatmen, der aus dem weißblauen Zelt 
zu ihnen herüberwehte. »Ich könnte noch ein oder zwei Tassen 
vertragen.« 

»Dito«, stimmte Prue zu, während sie darüber nachdachte, 

was sie als Nächstes tun sollten. 

Das Zelt war an zwei Seiten offen, aber mit Seilen abgesperrt. 

Die Rückseite verdeckte eine Wand aus Segeltuch, während die 
dem Pavillon zugewandte Seite nur teilweise abgesperrt war, um 
Platz für einen Eingang zu lassen. Tische und Stühle wurden 
unter dem Stoffdach hin und hergerückt. Zwei Frauen 
bestückten die Tische an der rückwärtigen Zeltwand mit Platten, 
auf denen Blätterteiggebäck und Doughnuts lagen. Außerdem 
standen auf den Tischen zwei große, professionelle 
Kaffeeautomaten, Sahnekännchen, Zucker und diverse Sorten 
Tee, sowie ein Wasserkühler und Krüge mit geeisten Softdrinks. 
Über dem Eingang des Zeltes baumelte ein Schild, auf dem zu 
lesen stand: Nur für Presse und geladene Gäste. 

»Ich nehme an, wir gehen nicht als geladene Gäste durch, 

was?« Verärgert runzelte Phoebe die Stirn. 

»Nein, aber vielleicht als Presseleute.« Prue fischte ihren 415-

Ausweis aus ihrer ledernen Handtasche und gab Phoebe ihre 
Kameratasche. »Du bist gerade als Assistentin angeheuert 
worden.« 

»Du bist ein schlimmes Mädchen«, tadelte Phoebe grinsend. 

»Ich weiß.« Prue verkniff sich das Lachen, als sie mit der 

Haltung von Menschen, die genau wussten, wer sie waren und 
wohin sie gingen, auf das Zelt zuhielten. 

Die attraktive junge Frau, die an einem kleinen Tisch am 

Eingang saß, blinzelte verblüfft, als Prue an ihr vorbeistolzierte, 

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-145- 

ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. »Einen 
Augenblick, Miss!« 

Prue blieb stehen und winkte Phoebe zu, weiterzugehen, ehe 

sie sich mit einem verwunderten Stirnrunzeln zu der Frau 
umdrehte. »Ja, was gibt es?« 

»Äh... dieses Zelt ist nicht für den Publikumsverkehr 

geöffnet.« Die Frau, Louise ihrem Namensschild zufolge, 
machte einen ehrlich verlegenen Eindruck, als sie auf das Schild 
deutete. »Nur Presse und geladene Gäste, tut mir Leid.« 

Prue trat an den Tisch und hielt der Frau ihren Presseausweis 

vor die Nase. »Prue Halliwell, Fotografin, 415.«  Kurz sah sie 
sich nach Phoebe um. »Und meine Assistentin.« 

Louise betrachtete blinzelnd den Ausweis. »Oh, cool!« Sie 

lächelte. »Bitte, sehen Sie sich um. Sie dürfen es sich gern 
bequem machen und sich am Büffet bedienen.« 

»Danke!«, entgegnete Prue ebenfalls lächelnd. »Mein 

Redakteur möchte, dass ich die Stimmung der Veranstaltung 
einfange. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie für meine 
Zeitschrift ablichte?« 

»Mich?« Errötend strich Louise ihr kurzes dunkles Haar glatt. 

»Äh... nein. Ich meine, das wäre toll.« 

»Hervorragend!« Prue machte Anstalten, die junge Frau allein 

zu lassen, hielt aber dann inne. »Wissen Sie, wann Mr. Jefferson 
seine Rede halten wird? Ich habe meinen Terminplan im Wagen 
vergessen.« 

»Um elf Uhr. Ich habe gerade mit ihm gesprochen. Er wird 

etwa eine Viertelstunde vorher eintreffen.« Louise deutete zum 
Beweis auf ihr Mobiltelefon und beugte sich vor, um in 
verschwörerischem Ton fortzufahren: »Ich habe heute Morgen 
auch schon mit Whoopi Goldberg gesprochen. Sie wird sich 
verspäten.« 

»Na ja, wenigstens hat sie nicht abgesagt. Noch einmal danke. 

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Ich bin in ein paar Minuten wieder da.« Nunmehr überzeugt, 
dass sie und Phoebe den ganzen Tag über Zutritt zu dem Zelt 
haben würden, schenkte sich Prue einen Kaffee ein und gesellte 
sich zu Phoebe, die an einem Tisch in der hinteren Ecke wartete. 

»Alles in Ordnung?«, fragte Phoebe zweifelnd und blickte zu 

Louise. 

»Absolut.« Prue nahm ihre Kamera aus der Tasche und stellte 

sie auf dem Tisch ab. »Wenn irgendjemand fragt, sag einfach 
meinen Namen und die Zeitschrift und behaupte, du würdest mir 
assistieren. Louise da drüben wird deine Aussage bestätigen.« 

»Damit komme ich klar.« Phoebe verspannte sich, als zwei 

Frauen und ein Mann, mit Klemmbrettern und Aktentaschen 
ausgerüstet, am Nebentisch Platz nahmen. Aber sie waren voll 
und ganz mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt und 
achteten gar nicht auf die Schwestern. 

»Also, wie sieht der Plan aus?«, fragte Phoebe mit leiser 

Stimme. »Das heißt, haben wir einen Plan?« 

»Jetzt schon.« Prue beugte sich zu ihr. »Aber zuerst die guten 

Neuigkeiten. Louise hat gerade mit Jefferson gesprochen. Keine 
Unglücksfälle in der letzten Nacht.« 

Erleichtert legte Phoebe die Hand an ihr Herz. »Gott sei 

Dank. Und was jetzt?« 

»Du wirst einfach hier sitzen bleiben und warten, während ich 

mit Piper spreche«, sagte Prue. »Es könnte ein bisschen voll 
werden, aber ein Stelldichein mit Promis ist bestimmt nicht so 
schlimm wie das Gedränge vor dem Zelt.« 

Phoebe nickte lächelnd. »Wir haben uns schon mit 

schlechteren Plänen herumgeschlagen. Bruce Willis steht nicht 
zufällig auf der Gästeliste, oder?« 

»Bruce Willis?« Prue betrachtete Phoebe fragend. »Seit wann 

steht Bruce Willis denn auf deiner Liste berühmter Filmstars, 
die du unbedingt kennen lernen musst, so weit oben?« 

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-147- 

»Er ist sexy und süß«, sagte Phoebe. »Für so einen alten 

Typen jedenfalls. Genau wie Mel Gibson und Harrison Ford.« 

»Mit dir geht die Fantasie durch.« Prue erhob sich und nahm 

die Kamera an sich. »Ich schätze, ich sollte ein bisschen 
herumwandern und die Fotografin spielen. Schließlich wollen 
wir nicht, dass Louise misstrauisch wird und uns vor die Tür 
setzt.« 

»Nicht, solange wir unter fünf Dutzend Doughnuts wählen 

können«, scherzte Phoebe mit einem Blick auf die Tische. 

»Jefferson wird erst in ein paar Stunden eintreffen, aber ich 

bin vor ihm wieder hier. Mit ein bisschen Glück kannst du hier 
im Zelt einen Kontakt herstellen, bevor er seine Rede hält.« Der 
leichte Schatten, der sich über Phoebes vergnügte Miene legte, 
entging Prue nicht. »Bist du sicher, dass du hier allein 
zurechtkommst?« 

»Machst du Witze?« Phoebe setzte eine fröhliche Miene auf 

und deutete auf den VIP-Bereich. »Ich habe jede Menge Kaffee 
und eine Verabredung mit einem Haufen wichtiger Promis. Was 
könnte ich mir mehr wünschen?« 

Die Kamera im Anschlag machte sich Prue auf, ein paar 

Bilder zu knipsen und den Handel mit Louise perfekt zu 
machen. 

 

»Das habt ihr wirklich großartig gemacht!« Zum ersten Mal 

seit einer Woche war Piper wirklich überzeugt davon, dass sie 
eine kluge Entscheidung getroffen hatte, als sie ihre begrenzten 
PR-Gelder in einen Stand auf der Wohltätigkeitsveranstaltung 
investiert hatte. 

Jimmy, Rick und zwei von Jimmys Freunden hatten Tische, 

Stühle, Hocker, den Kühlschrank und alle möglichen anderen 
Requisiten in Rekordtempo aufgestellt. Sie hatten sogar die 
Verkabelung für den Auftritt der Hard Crackers am Nachmittag 

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-148- 

vorbereitet. Bis dahin würde Jimmys Rockmusik-Sammlung für 
die richtige Stimmung sorgen. 

Sandy und Monica, die an diesem Tag kellnerten, wippten zu 

dem Klang eines alten Cars-Songs, während sie die Tische mit 
rotweiß karierten Tischtüchern bedeckten und mit roten 
Geranien schmückten. Serviettenhalter dienten als 
Briefbeschwerer, um die Werbezettel des P3 gegen die leichte 
Brise zu sichern. 

Die Wohltätigkeitsveranstaltung versprach, ein voller Erfolg 

zu werden, vorausgesetzt, Athulak schwebte nicht vom Himmel 
hernieder, um Rache zu üben. Piper betastete den Talisman in 
ihrer Tasche und rieb sich vor Anspannung beinahe ein Loch in 
den Hals. Sollte sie tatsächlich enthauptet werden, so würde Leo 
vermutlich auf ihr Schicksal aufmerksam werden, wo auch 
immer er sich gerade aufhielt. Aber sie bezweifelte, dass seine 
Heilkräfte ausreichten, um sie wieder zusammensetzen zu 
können. 

»Wow! Das sieht fantastisch aus!« Prue tauchte hinter Piper 

auf, verschränkte die Arme und nickte anerkennend, während 
sie den Stand in Augenschein nahm. 

Piper strahlte trotz ihrer sorgenvollen Gedanken. »Ist es auch 

nicht übertrieben? Ich meine, im P3 gibt es keine Blumen.« 

»Nein, es ist absolut perfekt. Und mir gefällt, was du mit den 

Fotos gemacht hast.« Prue ging zu der Staffelei, die Piper auf 
der linken Seite des Standes aufgebaut hatte. Die Bilder, die das 
P3 während des Betriebes zeigten, hingen an einer Pinnwand, 
die auf dem hölzernen Ständer thronte. »Die sind richtig gut 
geworden, findest du nicht?« 

»Ja, danke.« Piper bemerkte, dass sie sich erneut mit der 

Hand an den Hals fuhr und rammte beide Hände in die Taschen. 
»Gibt es etwas Neues über Jefferson?« 

»Ich habe herausgefunden, dass er noch am Leben und 

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-149- 

kerngesund ist. Er wird etwa gegen Viertel vor elf im Zelt 
erwartet.« 

Piper zog einen gefalteten Terminplan aus der Tasche. 

»Tremaine spricht sofort nach ihm um elf Uhr fünfundvierzig.« 

Prue runzelte die Stirn. »Ich frage mich, ob das Athulak in die 

Hände spielen könnte. Wir werden sehen, ob Phoebe 
Gelegenheit bekommt, Kontakt herzustellen, bevor er seine 
Rede hält.« Rasch sah sich Prue um, um sicherzustellen, dass 
niemand in der Umgebung die Ohren spitzte. »Ich weiß, dass 
wir unsere Du-weißt-schon-was in der Öffentlichkeit sowieso 
nicht benutzen können, aber du solltest für alle Fälle trotzdem 
dort sein.« 

»Moralische Unterstützung, wenn wir sonst nichts tun 

können.« Piper wusste, dass sie ihre Kräfte einsetzen mussten, 
wenn sie keine andere Wahl hatten, aber nur, wenn es wirklich 
keinen anderen Ausweg mehr gab. Zweifelnd sah sie sich zu 
dem Festzelt um. »Wo ist Phoebe?« 

»Die sitzt im VIP-Zelt und hofft, dass ihr Bruce Willis über 

den Weg läuft.« Prue stellte ihre Kamera auf dem Tresen ab, der 
sich über die ganze Länge des Standes zog, und kletterte auf 
einen Barhocker. Als Rick auf der anderen Seite mit einem 
Schraubenschlüssel in der Hand auftauchte, zuckte sie 
zusammen. 

»Phoebe kennt Bruce Willis?« Ricks Brauen runzelten sich 

unter einer Flut ungezähmten blonden Haares. 

»Das war mir auch neu.« Piper thronte neben ihr auf einem 

Barhocker. »Wie auch immer, ich bin froh, dass du deine 
Kamera mitgebracht hast. Wenn Brad Pitt vorbeikommt, ist 
bestimmt wieder weit und breit kein Reporter in Sicht.« 

Ricks Unterkiefer klappte herab. »Du kennst Brad Pitt?« 

»Wir sind nur befreundet.« Piper brach in schallendes 

Gelächter aus. »Nein.« 

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-150- 

»Keine Sorge, Rick«, sagte Prue. »Zufällig weiß ich, dass 

Phoebe auf große, schlanke Typen mit sandblondem Haar steht. 
Bruce ist klein und praktisch kahl.« 

Ricks Interesse an Phoebe schien seinen Sinn für Humor zu 

stören, stellte Piper fest. Anscheinend verstand er den Witz 
nicht. »Phoebe kennt keine Filmstars«, fügte sie deshalb hinzu. 

 

Phoebe starrte den grauhaarigen Mann auf der anderen Seite 

des Tisches fasziniert an. Er war zwar nicht Bruce Willis, aber 
sie hatte ihn im Laufe der Jahre Dutzende von Malen in Filmen 
und Polizeiserien im Fernsehen gesehen. Trotzdem kannte sie 
seinen Namen nicht. 

»Das Beste war die Stelle, an der er sich vorbeugt und die 

Naht seiner Hose platzt«, erzählte der alte Schauspieler 
kichernd. »Er hat dafür gesorgt, dass sie den Film vernichten 
mussten.« 

»Musste wohl sein männliches Image schützen, was?« Phoebe 

lächelte. 

»Männlich mit weichen Knochen.« Der alte Schauspieler 

blickte sie mit vergnügt funkelnden Augen an. »Aber von mir 
haben Sie das nicht.« 

»Ich kann schweigen«, sagte Phoebe. 

»Nun, ich bekomme immer noch hier und dort eine kleine 

Rolle, aber er ist schon seit zehn Jahren nicht mehr auf der 
Leinwand zu sehen gewesen. Im Fernsehen auch nicht.« Die 
gute Laune des alten Mannes war ansteckend, und Phoebe 
musste lachen. 

Nachdem Prue sie verlassen hatte, hatte sie eine Stunde damit 

zugebracht, in der kitschigen Schauergeschichte zu schmökern, 
die sie von zu Hause mitgenommen hatte. Die nächsten dreißig 
Minuten hatte sie all die örtlichen TV-Größen aus den 
Nachrichtensendungen und die vielen Schauspieler angegafft, 

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-151- 

die sie in dem Zelt hatte entdecken können. Sie strömten in das 
Zelt hinein und wieder hinaus, nahmen sich eine Auszeit vom 
Bad in der Menge oder benutzten es als Garderobe vor einem 
Auftritt, mit dem sie die Besucher der Veranstaltung zu 
großzügigen Spenden ermutigen wollten. Die meisten der nicht 
ganz so schrecklich Prominenten hatten sie schlicht ignoriert. 
Ein paar hatten ihr zugelächelt oder sie im Vorübergehen 
gegrüßt, was ihr ganz recht war, da sie im Gegenzug nicht einen 
von ihnen beim Namen hätte nennen können. 

Dann war ihr charmanter älterer Gesprächspartner mit einem 

Doughnut in einer, einer Tasse Kaffee in der anderen Hand 
herübergeschlendert und hatte sie gefragt, ob ersieh zu ihr setzen 
dürfte. Da der Stuhl an ihrem Tisch der einzig freie Sitzplatz im 
ganzen Zelt war, hatte sie ihn schlecht abweisen können. Also 
hatte sie die letzte halbe Stunde damit zugebracht, seinen 
Geschichten über die Arbeit an diversen Drehorten zu lauschen. 

Es gab nur ein Problem: Als er nach einer Serviette gegriffen 

hatte, hatte er ihre Hand berührt. 

Es war die erste Vision dieses Tages, und ihre 

Nachwirkungen waren nicht so schlimm wie erwartet. Dennoch 
hatte sie ihren ganzen Willen aufbringen müssen, um still sitzen 
zu bleiben, während das Hämmern in ihrem Schädel und die 
Woge der Übelkeit sie zu überwältigen drohten. Aber auch das 
war nicht das wirkliche Problem. Wie, so fragte sich Phoebe, 
sollte sie diesem süßen, aber streitsüchtigen alten Knaben sagen, 
dass seine falschen Zähne ihm auf der Bühne aus dem Mund 
fallen würden? 

»Da ist Noel.« Eine Frau am Nebentisch sammelte ihre 

Papiere ein und stopfte sie in eine Aktentasche. 

Phoebe richtete sich auf, um an dem alten Mann vorbei einen 

Blick zum Eingang des Zeltes zu werfen. Groß, blond, mit 
einem jungenhaften Grinsen auf dem Gesicht, betrat Jefferson 
das Zelt. Mitarbeiter und Vertraute umgaben ihn wie ein 

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-152- 

Gefolge. Phoebe erkannte Jenny, den Rotschopf, Charlie mit 
dem Klemmbrett, und Schnurrbart und seinen hageren, 
gefährlich aussehenden Partner aus der Wahlkampfzentrale des 
Kandidaten. Dazu kamen noch ein gutes Dutzend anderer 
Männer und Frauen, von denen einige offenbar Reporter waren. 

Von Piper und Prue war nichts zu sehen. 

»Wer ist das?« Der alte Mann drehte sich auf seinem Stuhl 

um, um nachzusehen, was den Aufruhr am Eingang verursachte. 

»Noel Jefferson«, sagte Phoebe. »Er kandidiert für den 

Kongress.« 

Als sich die Menschenmenge vor dem Kandidaten teilte, sah 

Phoebe, dass Jeffersons Hand auf dem Rücken einer hübschen 
blonden Frau ruhte, die einen breiten Strohhut trug. Die Frau 
wiederum hielt die Hand eines sommersprossigen Jungen von 
etwa acht Jahren. 

Unverheiratet, aber anscheinend gebunden, dachte Phoebe. 

Prue tat ihr ein bisschen Leid. Das Gerede beim Picknick, bei 
dem es um den romantischen Aspekt einer möglichen 
Bekanntschaft Prues mit dem Kongresskandidaten gegangen 
war, hatte lediglich scherzhaften Charakter gehabt. Trotzdem 
stand nicht einmal ein kleiner Flirt zur Diskussion, wenn der 
Typ seine Freundin dabei hatte. 

Phoebe blickte auf ihre Armbanduhr und erhob sich. Bis zu 

Jeffersons Auftritt blieben noch fünf Minuten. 

»Die verdammten Politiker bekommen heutzutage mehr 

Aufmerksamkeit als unsereins«, schnaubte der alte Schauspieler 
kopfschüttelnd, als er sich wieder umdrehte. »Sagen Sie nicht, 
Sie wollen gehen. Ich bin doch gerade erst warm geworden.« 

»Ich würde wahnsinnig gern bleiben und zuhören, aber ich 

muss wirklich los.« Dann gab sich Phoebe einen Ruck, beugte 
sich vor und flüsterte in sein Ohr. Sie konnte einfach nicht 
daneben stehen und zulassen, dass der alte Mann vor all den 

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-153- 

Leuten in eine derart peinliche Lage geriet. »Das klingt jetzt ein 
bisschen seltsam, aber Sie sollten unbedingt vor dem Auftritt 
überprüfen, ob Ihr Gebiss richtig sitzt. Nicht böse sein.« 

Er streckte die Hand aus und drückte kurz ihren Arm. »Bin 

ich nicht. Danke.« 

»Wenn ich kann, sehe ich mir Ihren Auftritt an.« Damit 

verschwand Phoebe hastig in Richtung Büffet, wo das Gedränge 
nicht ganz so dicht war. An diesem Tag sorgte sie sich nicht 
darum, ob Jeffersons Bodyguards versuchen könnten, sie 
aufzuhalten. Der Kandidat schüttelte ohnehin jedem in seiner 
Reichweite die Hand in der Hoffnung, zusätzliche Stimmen zu 
gewinnen. Sollte sie aber durch irgendjemanden anderen eine 
Vision erhalten, bevor sie ihn erreicht hatte, war die Gelegenheit 
verloren. Aufmerksam studierte sie das Innere des Zeltes, ehe 
sie einen Kurs wählte, mit dem sie zu ihm durchkommen würde 
vorausgesetzt niemand berührte sie zuvor. 

Die Arme dicht an den Körper gepresst, schlängelte sich 

Phoebe ohne Zwischenfälle an den Tischen vorüber. Ganz in der 
Nähe der Menschentraube, die sich um den Kandidaten gebildet 
hatte, hielt sie inne, um zu überlegen, was sie nun tun sollte. 

»Wie stehen Sie zur Regulierung der 

Wahlkampffinanzierung?«, erkundigte sich ein Reporter. 

Jefferson versuchte gar nicht, sich einer direkten Antwort zu 

entziehen. »Wir müssen eine klare Trennlinie zwischen der 
Finanzierung eines Wahlkampfes und der Politik selbst ziehen. 
Nur so können wir unsere gewählten Repräsentanten vor dem 
Einfluss finanzstarker Interessengruppen schützen. Die erste und 
einzige Priorität der Regierung müssen die Menschen sein, die 
sie gewählt haben.« Unter anderen Umständen hätte Phoebe 
Jefferson zugejubelt. 

Die Reporter und Fernsehteams drängelten sich vor Jefferson. 

Schnauzbart und sein finster aussehender Kollege standen zu 
beiden Seiten des Kandidaten, knapp einen Schritt hinter ihm, 

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-154- 

sowie seiner Freundin und dem Kind. Noch weiter hinten sah 
Phoebe Piper und Prue aufgeregt winken. 

Ein rascher Blick in die Runde bewies, dass Piper die ganze 

Szene nicht einfach einfrieren konnte, um ihr zu helfen. 
Zusätzlich zu den vielen Menschen in dem ohnehin schon 
überfüllten Zelt, drängten immer noch weitere herein. Im 
Zuschauerbereich warteten gut und gern hundert Leute darauf, 
Jeffersons Rede zu hören. Fast jeder von ihnen verfolgte derzeit 
die improvisierte Pressekonferenz. 

»Ich will einen Doughnut.« Das Kind zerrte an der Hand 

seiner Mutter. 

Die Frau beugte sich zu ihm herab, um ihn zu beschwichtigen. 

»In einer Minute, Paul.« 

Als es ihr gelang, Prues Aufmerksamkeit kurz auf sich zu 

lenken, gab Phoebe ihr einen Fingerzeig, dass sie versuchen 
würde, sich Jefferson von hinten zu nähern. Wenn sie die Menge 
als Schild benutzte, würde sie sich keiner allzu großen Gefahr 
aussetzen. Sie würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen, sollte 
sie zusammenbrechen, während sie dem Kandidaten die Hand 
schüttelte. Ihr reichte es vollkommen, seine Schulter oder seinen 
Arm zu berühren, und niemand würde merken, wenn sie im 
Rücken der Menschen, die sich um ihn drängten, 
zusammenklappte. 

Prue und Piper wechselten ein paar Worte, dann duckte sich 

Prue unter den Seilen hindurch, um Phoebe zu unterstützen. 

Darauf bedacht, niemanden zu berühren, hatte Phoebe am 

äußeren Rand des Gedränges schon den halben Weg zu ihrem 
Ziel zurückgelegt, als sich die Menge plötzlich in Bewegung 
setzte. Alles drängte voran, als der Conferencier Jefferson auf 
die Bühne rief. 

Phoebe ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte keine Ahnung, 

was sie nun tun sollte. 

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-155- 

Prue hob die Hand und warf ihr einen fragenden Blick zu. 

Vor dem Zelt verfolgte Piper hilflos die Vorgänge im Inneren. 

Da sie wusste, dass sie vermutlich keine zweite Chance 

bekommen würde, schlich sich Phoebe von hinten weiter an 
Jefferson heran. Unterdessen setzten die Leibwächter gerade an, 
sich hinter ihm aufzubauen. Als der Kandidat zur Bühne ging, 
sprang sie. 

In diesem Augenblick riss sich das Kind von der Hand seiner 

Mutter los, wirbelte um die eigene Achse und prallte mit Phoebe 
zusammen. 

Von dem Aufprall zurückgeworfen, lag Phoebe am Boden, als 

sie von einer neuen Vision überwältigt wurde. 

...  an eine Eisenstange geklammert... der Junge schreit vor 

Angst... sieht, wie Noel Jefferson an der höchsten Stelle vom 
Riesenrad stürzt...
 

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-156- 

13 

P

RUE KONNTE KAUM FASSEN

,

 

dass alle Mühe umsonst 

gewesen war. 

»Paul!«, schrie die Frau mit dem Strohhut, als Phoebe sich am 

Boden krümmte. 

Als Prue sich durch das Gedränge der Reporter schob, sah sie 

wie Noel Jefferson sich umwandte. 

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Jefferson erstaunt. 

»Nichts, worum Sie sich sorgen müssten, Sir«, entgegnete der 

größere der Bodyguards, während er den Kandidaten zur Bühne 
drängte. 

Der Leibwächter mit den grauen Augen drehte sich um, als 

die Mutter des Jungen neben ihrem Kind in die Knie ging. Die 
unzähligen Reporter verdeckten ihm die Sicht, sodass er Phoebe 
gar nicht bemerkte und sich gleich wieder zu Jefferson 
umwandte. 

»Das wollte ich nicht«, sagte der Junge schniefend. Tapfer 

bemühte er sich, die Tränen zurückzuhalten. »Aber du hast 
gesagt, ich kann einen Doughnut haben!« 

»Es ist alles in Ordnung, Paul.« Die Frau streckte die Hand 

nach Phoebe aus, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am 
Boden krümmte, die Hände in die Leibesmitte gepresst. 

Prue packte die Frau an der Schulter, um sie aufzuhalten. 

»Bitte, entschuldigen Sie, sie ist meine Schwester.« 

»Sie scheint schreckliche Schmerzen zu haben«, entgegnete 

die Frau verstört, als sich Prue an ihr vorüberschob und neben 
Phoebe auf die Knie sank. »Ich kann gar nicht verstehen, wie 
Paul sie so hart hat treffen können.« 

Aus den Augenwinkeln sah Prue Piper, die am Eingang mit 

Louise diskutierte. Sie bettete Phoebes Kopf auf ihren Schoß 

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und schenkte der Mutter des Jungen ein beruhigendes Lächeln. 
»Es war nicht sein Fehler. Sie... äh... sie ist nicht ganz gesund.« 

»Na ja, wenn Sie meinen.« Dennoch zögerte die Frau, sie 

allein zu lassen. 

»Ganz bestimmt. Sie braucht nur ein bisschen frische Luft. In 

ein paar Minuten geht es ihr wieder gut.« Prue stieß pfeifend die 
Luft aus, als die Frau ihren Sohn nach draußen scheuchte. Erst 
als sie ihm versprach, dass er noch in den Vergnügungspark 
gehen durfte, ehe sie zurück nach Hause gingen, hörte er auf zu 
weinen. 

Da Paul der Auslöser von Phoebes Vision war, sah Prue ihnen 

nach, um festzustellen, wo sie hingingen. Die Frau setzte den 
Jungen auf einen Stuhl nahe der Bühne und blieb neben ihm 
stehen, um sich Jeffersons Rede anzuhören. Sofort bot ihr einer 
der Reporter seinen Platz an. 

Erleichtert, dass Paul offensichtlich im Moment keine Gefahr 

drohte, sah sich Prue nach Piper um. Phoebe stöhnte und kam 
langsam wieder zu sich. Piper hob die Hand in der Absicht, die 
sture Frau am Eingang einzufrieren, damit sie endlich ins Zelt 
gelangen konnte. 

»Piper!«, rief Prue und schüttelte den Kopf, als Piper sich zu 

ihr umblickte. 

Sengender Zorn spiegelte sich in Pipers braunen Augen, aber 

ihre ganze Anspannung löste sich, als sie sah, dass Phoebe sich 
regte. Gleich darauf deutete sie mit dem Daumen über ihre 
Schulter und zog sich zurück. 

»Was ist passiert?«, fragte ein alter Mann hinter Prue so 

unerwartet, dass sie erschrocken zusammenzuckte. »Soll ich 
Hilfe rufen?« 

»Nein«, entgegnete Prue eine Spur zu scharf angesichts all der 

neugierigen Blicke. Schon jetzt hatten sie und Phoebe viel zu 
viel Aufmerksamkeit erregt. 

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Mühsam stemmte sich Phoebe in eine sitzende Haltung und 

atmete tief durch. Dann schenkte sie dem alten Mann ein mattes 
Lächeln und krächzte: »Alles in Ordnung. Wirklich.« 

»Sie braucht nur etwas Ruhe.« Prue half Phoebe auf die Beine 

und schlang den Arm um ihre Taille, um sie zu stützen. »Ich 
kümmere mich um sie.« 

Mit einem besorgten Nicken wich der Mann zurück, als Prue 

Phoebe aus dem Zelt brachte. 

Nicht weit vom Eingang entfernt ging Piper unter einem 

großen Baum unruhig auf und ab. Als Prue und Piper an der 
Menschenmenge vorbeigingen, kam Prue nicht umhin, zu 
bemerken, dass Jeffersons ruhige, aber kraftvolle Stimme 
jedermann in ihren Bann geschlagen hatte. Ihre 
Entschlossenheit, alles zu tun, was notwendig war, um ihn vor 
dem sicheren Tod zu retten, verstärkte sich, als sie ihn über 
alternative Energiequellen reden hörte und über die 
Notwendigkeit, die bedrängte Natur für zukünftige 
Generationen zu erhalten. 

Falls sie die Art von Jeffersons Bedrohung noch rechtzeitig 

herausfanden, dachte sie mit wachsender Sorge. 

»Wie geht es ihr?« In Pipers Augen spiegelte sich die gleiche 

Sorge. 

»Der Junge.« Phoebes Stimme zitterte vor Panik, als sie 

neben Piper und Prue zu Boden sank. »Wo ist er?« 

»Hört sich die Rede an«, sagte Prue. 

Erleichtert nickte Phoebe und lehnte sich mit dem Rücken an 

den Baum. »Gut. Dann haben wir noch Zeit.« 

»Bevor was passiert?«, fragte Piper. 

»Sag es genau, bitte«, fügte Prue hinzu, so sehr sie es hasste, 

Phoebe in diesem geschwächten Zustand zu bedrängen. 
Andererseits waren sie ihrem Ziel, die Erfüllung von Tremaines 
Wunsch zu verhindern, noch nicht einen Schritt näher 

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gekommen. Mit Schrecken stellte sie fest, dass sie sich 
womöglich würden entscheiden müssen, wen sie retten wollten, 
den Jungen oder den Kandidaten. »Was passiert mit Paul, 
Phoebe?« 

»Ich weiß nicht, ob er einen Schaden davontragen wird, von 

dem Trauma abgesehen.« Schaudernd unterbrach sich Phoebe 
für einen Moment. »Das Trauma, das er davonträgt, wenn er 
sieht, wie Noel Jefferson vom Riesenrad stürzt.« 

Piper atmete scharf ein und ging in die Knie. Prue starrte in 

Phoebes schmerzumwölkte Augen. Eine bizarre Fügung des 
Schicksals hatte ihnen die Information geliefert, die sie so 
dringend gebraucht hatten. Aber mit der Verwicklung des 
Jungen in diese Angelegenheit hatte niemand von ihnen 
gerechnet. Sie dachte an ihre Unterhaltung mit Professor Rubin 
und fragte sich, ob Paul eine Schlüsselrolle in dem 
unabwendbaren Katastrophenszenario zukommen würde, das 
sich aus der Erfüllung von Tremaines Wunsch ergeben sollte. 
Würde Pauls Schicksal durch den Anblick eines in den Tod 
stürzenden Mannes pervertiert werden, damit der Schaden noch 
größer wurde, der das Land erwartete, falls Tremaine und nicht 
Jefferson die Wahl gewinnen sollte? 

Aufgebracht verdrängte Prue diese verstörenden 

Überlegungen. Es würde gar keine Kette katastrophaler 
Ereignisse geben, wenn Jefferson überlebte, und das lag einzig 
und allein an ihnen. 

»Ich habe gehört, dass Pauls Mutter versprochen hat, mit ihm 

in den Vergnügungspark zu gehen«, sagte Prue. »Wir müssen 
sie unbedingt davon abhalten.« 

»Passt mir gut«, sagte Piper und sah sich nach ihrem Stand 

um. »Jimmy und die Mädchen können sich um den Stand 
kümmern. Außerdem hat Rick angeboten, in der Nähe zu 
bleiben, falls irgendwann wirklich viel los sein sollte.« 

»Ich würde nicht darauf wetten, dass das der einzige Grund 

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-160- 

ist«, bemerkte Prue und lächelte Phoebe zu. »Er ist ganz 
hingerissen von diesen großen braunen Augen.« 

»Ach ja?« Für einen Augenblick blitzte ein Lächeln auf 

Phoebes Lippen auf, erstarb aber sogleich, als sie sich auf die 
Beine mühte. Immer noch ziemlich wackelig, stützte sie sich mit 
einer Hand an dem Baumstamm ab. »Wenn wir Mr. Jefferson 
auf dem Weg zum Vergnügungspark auflauern wollen, sollten 
wir wohl allmählich in Deckung gehen.« 

»Deckung?«, fragte Piper ein wenig verwirrt. 

»Ich meine, wir sollten uns ein passendes Plätzchen suchen«, 

erklärte Phoebe. »Meine Verfassung ist momentan nicht die 
beste.« 

»Gute Idee.« Auch Prue erhob sich und schlug sich den Dreck 

von der Hose. »Gehen wir.« 

 

Piper folgte Prue und Phoebe, die langsam zu einem 

verlassenen Picknicktisch gingen, der ein paar hundert Meter 
von dem Zelt entfernt war. Mühsam unterdrückte sie den 
Impuls, den Himmel zu kontrollieren. Sollte Athulak angreifen, 
würden sie ihn ohnehin nicht kommen sehen. Allein dieser 
Gedanke war beängstigend genug. Wären die Begleitumstände 
nicht dermaßen furchtbar gewesen, so hätte sie die Ironie der 
Situation zu würdigen gewusst. Nach all den grotesken 
Dämonen, rachsüchtigen Hexenmeistern und anderen bösartigen 
Kreaturen, die sie bekämpft und besiegt hatten, würde nun 
vielleicht ausgerechnet ein Wesen aus Luft ihr Verderben 
bedeuten. 

»Hast du eine Ahnung, wie lange wir warten müssen?«, fragte 

Piper, als sie sich auf die Bank an dem Picknicktisch setzte. 

Phoebe schüttelte den Kopf und schwang ihre Beine unter die 

gegenüberliegende Seite des Tisches. 

»Wahrscheinlich nicht besonders lang«, sagte Prue, die 

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-161- 

rittlings neben Phoebe saß und Richtung Parkplatz blickte. 
»Paul wird ziemlich unruhig sein, nachdem er während 
Jeffersons Rede die ganze Zeit still sitzen musste.« 

»Zu schade, dass er vergeben ist«, sagte Phoebe mit einem 

anzüglichen Blick auf Prue. »Noel Jefferson, meine ich. Ich 
hatte den Eindruck, er und Pauls Mutter sind so«, fügte sie 
hinzu, wobei sie die Zeigefinger ineinander hakte. 

»Mein einziges Interesse an Noel Jefferson betrifft sein 

Überleben, das des Kindes und überhaupt der ganzen Welt«, 
protestierte Prue. 

Jedenfalls für den Anfang, dachte Piper, verkniff sich aber 

den Kommentar. Nervös sah sie sich zu dem Zelt um. Jeffersons 
Anhänger formierten sich vor der Bühne, während das Publikum 
allmählich den Rückzug antrat. 

»Aufgepasst«, warnte sie. 

»Habt ihr schon darüber nachgedacht, wie wir die Sache 

regeln sollen?«, fragte Phoebe. 

»Uns wird schon etwas einfallen«, sagte Prue. »Außerdem 

arbeite ich daran.« 

Pipers Blick schweifte zum Parkplatz, wo eine weitere Horde 

Reporter und Fernsehleute sich gerade aufmachte, Stephen 
Tremaine in das Zelt zu folgen. Auf dem Weg dorthin sah 
Tremaine in ihre Richtung, zögerte kurz und schwenkte auf sie 
zu. 

»Besuch«, flüsterte Phoebe, als sich der Gegenkandidat 

näherte, während die Reporter mit einigem Abstand 
zurückblieben. 

»Ms. Halliwell?« Tremaine ging direkt auf Prue zu. Anders 

als Jefferson, der ganz zwanglos gekleidet war, trug Tremaine 
einen perfekt maßgeschneiderten Anzug samt Krawatte zu 
teuren Schuhen, die glänzten wie geschliffenes Glas. 

»Mr. Tremaine.« Prue lächelte angespannt. »Was für eine 

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Überraschung.« 

»Ich freue mich ebenfalls, Sie wieder zu sehen«, entgegnete 

der Kandidat in einem Ton, der so aufrichtig schien wie seine 
Miene. »Ihr Herausgeber hat mir Abzüge von den Fotos 
geschickt, die Sie von mir geschossen haben. Ich wollte Ihnen 
nur sagen, wie sehr ich mit den Ergebnissen zufrieden bin. 
Hervorragende Arbeit.« 

»Danke.« Prue schenkte ihm ein Lächeln, das zwar freundlich 

war, aber nicht gerade zu weiteren Worten einlud. 

Und ihnen blieb in der Tat keine Zeit für Geplauder, wie Piper 

erkannte, als sie Noel Jefferson samt Gefolge näher kommen 
sah. 

Tremaine hatte es jedoch offensichtlich nicht eilig, sie wieder 

allein zu lassen. Er streckte den Arm aus, um Prue die Hand zu 
schütteln und streifte dabei Phoebes Schulter. 

Phoebes Kopf ruckte hoch, sie verdrehte die Augen und brach 

zusammen. Piper sprang auf den Tisch und fiel neben ihrer 
schwer geplagten Schwester auf die Knie. 

»Was zum...« Tremaine zuckte zurück, als Prue schützend 

einen Arm über Phoebes Rücken legte. »Sollen wir einen 
Krankenwagen rufen?« 

»Nein, es ist nur die Hitze. Nichts, worum Sie sich sorgen 

müssten«, erklärte Prue hastig. »Aber vielleicht sollten Sie uns 
jetzt besser allein lassen.« 

Tremaine zögerte, zog sich dann aber zurück und winkte 

seinen Leuten zu, ihm zu folgen. 

Piper beugte sich schützend über Phoebes Kopf. Langsam 

wurde ihr klar, dass ihre Probleme auf eine gefährliche Art 
immer komplizierter wurden. Zur Untätigkeit verdammt, musste 
sie hilflos zusehen, wie Noel Jefferson und seine Begleiter auf 
ihrem Weg zum Vergnügungspark und der tödlichen Fahrt im 
Riesenrad an ihnen vorüberzogen. 

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-163- 

Neben ihr krümmte sich Phoebe vor Schmerzen. 

 

Die Bilder in ihrem Geist prasselten mit einer Gewalt auf 

Phoebe nieder, die der Vernichtung angemessen war, von denen 
sie erzählten. Ein stiller Schrei hallte durch ihren Schädel, als 
sie die wunderschöne Stadt San Francisco in nicht ferner 
Zukunft in Ruinen liegen sah. Die sonst so hell erleuchteten 
Fenster in der Innenstadt waren dunkel, ihre Scheiben 
zersplittert, Glasscherben bedeckten die verlassenen, 
aufgerissenen Straßen. Laub verdorrte, fiel von rauchenden 
Bäumen herab, von denen bald nur noch ein Haufen Asche übrig 
sein würde. Ausgemergelte Menschen stolperten in schaurigem 
Schweigen durch die finsteren Straßen, zu erschöpft, die Flucht 
zu ergreifen. 

Voller Entsetzen sah sie zu, wie das Bild der Stadt einem 

weiteren Panorama wich. Im dem einen Augenblick noch 
verhüllt von dichtem grauen Nebel, verschwand San Francisco 
nun plötzlich unter einem Aufblitzen gleißend hellen Lichtes, 
das mit einem dumpfen Donnern einherging. Dann herrschte 
Schwärze. 

Tränen rannen aus Phoebes Augen, als sie sich aus der 

unsäglichen Tiefe dieser Weltuntergangsbilder löste. 

»Komm schon, komm schon...« 

Phoebe klammerte sich an den Klang von Prues aufgewühlter 

Stimme, mühte sich ab, einen Weg zurück in die Wirklichkeit zu 
finden. Die Übelkeit hatte sich zu einem brennenden Krampf 
gesteigert, so als würde ihr Leib von glühender Gallenflüssigkeit 
verzehrt. Scharfe Schmerzen schossen durch ihren Kopf und 
machten es ihr beinahe unmöglich, irgendetwas klar zu 
erkennen. 

»Phoebe.« Piper zupfte sacht an ihrem Arm. »Was hast du 

gesehen? Was passiert mit Tremaine?« 

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-164- 

Mit rasendem Puls und kaum im Stande zu atmen, bohrte 

Phoebe die Finger in Pipers Oberschenkel und hob mühsam den 
Kopf. »Er verbrennt zusammen mit allen anderen«, flüsterte sie 
heiser. »Ein nuklearer Holocaust.« 

»Wie?«, keuchte Prue. 

»Unwichtig.« Phoebe starrte ihre Schwestern brennenden 

Blickes an und schöpfte Kraft aus der Macht der Drei, die sie 
miteinander verband. »Ihr werdet das verhindern, indem ihr 
dafür sorgt, dass Jefferson überlebt und die Wahl gewinnt.« 

Prue und Piper sahen sich zum Parkplatz um, ehe ihr 

besorgter Blick sich erneut auf Phoebe konzentrierte. 
Unentschlossenheit spiegelte sich in ihren Augen. 

»Los!«, bellte Phoebe heiser. 

»Okay.« Als Phoebe aufschaute, fuhr ihr Prue mit der Hand 

durch das Haar. »Wir gehen.« 

Phoebe legte den Kopf wieder auf den Tisch und beobachtete 

aus den Augenwinkeln, wie ihre Schwestern hinter dem 
Kandidaten herliefen. Tränen sammelten sich auf der rohen 
Holzfläche unter ihrer Wange, ein Schluchzen schüttelte sie. Es 
gab nichts mehr, was sie hätte tun können. Das Schicksal der 
ganzen Welt lastete nun allein auf Prues und Pipers Schultern. 

 

»Wie kann ein Mann einen nuklearen Holocaust 

verursachen?«, fragte Piper, als sie und Prue atemlos 
innehielten. 

»Hat sich Phoebe je geirrt?« Die Hände auf die Knie gestützt, 

behielt Prue Jefferson im Auge und bemühte sich, ihre Atmung 
unter Kontrolle zu bringen. Kameraleute, Reporter, 
Wahlkampfhelfer und Pauls Mutter blieben vor dem Riesenrad 
stehen, als sich der Kandidat zusammen mit dem Jungen in die 
Menschenschlange vor dem Riesenrad einreihte. 

»Nein, hat sie nicht.« Als Piper ein Haargummi aus der 

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-165- 

Tasche zog, glitt der lederne Talisman heraus und fiel zu Boden. 
Piper ging in die Hocke, um ihn wieder aufzuheben. 

In diesem Augenblick hörte Prue ein schrilles Heulen, das 

immer stärker wurde, während die Temperatur in der Nähe ihres 
Gesichts unter den Gefrierpunkt fiel. 

Athulak! Prue sah, wie die Finger ihrer Schwester wie in 

Zeitlupe nach dem Talisman griffen. Doch ihr blieb keine Zeit 
für eine Warnung. 

Im Geiste sah sie schon Pipers Kopf rollen, am Hals 

abgetrennt von dem schnellen Streich eines molekularen 
Schwertes, geschaffen von einem Windgeist. 

 

Mit einem verwunderten Blinzeln nahm Piper zur Kenntnis, 

dass das Heulen noch schriller wurde und sich zu einem 
zornigen Aufschrei steigerte, ehe sie fühlte, dass die unsichtbare 
Kreatur abgeschwenkt war. 

Piper richtete sich auf, steckte den Talisman zurück in die 

Tasche und fasste ihr Haar am Hinterkopf mit Hilfe des 
Gummibandes zu einem Pferdeschwanz zusammen. Ihre Augen 
zogen sich mit einem Ausdruck der Verwirrung zusammen, als 
sie merkte, dass Prue sie anstarrte. »Was ist?« 

»Der Talisman funktioniert«, entgegnete Prue mit einem 

strahlenden Lächeln. 

Piper sah zum Himmel auf, und ihre Hand fuhr zu ihrem Hals. 

»Bist du sicher?« 

»Praxistest erfolgreich bestanden.« Zwar entging Prue das 

leise Keuchen ihrer Schwester nicht, als jener die Bedeutung 
ihrer Worte bewusst wurde. Aber ihnen blieb keine Zeit zu 
feiern, dass sie soeben knapp mit dem Leben davongekommen 
waren. Noel Jefferson und Paul waren die nächsten, die eine 
freie Gondel besteigen würden. »Komm. Wir müssen Mr. 
Jefferson diese Fahrt irgendwie ausreden.« 

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-166- 

Piper nickte. Gemeinsam mit Prue ging sie forschen Schrittes 

Richtung Riesenrad, während ein Schaustellergehilfe die 
nächste leere Gondel über der Einstiegstreppe zum Stillstand 
brachte. Jefferson ließ den Jungen zuerst einsteigen und legte 
ihm den Sicherheitsgurt um, ehe er selbst die Gondel bestieg 
und sich setzte. 

Prue beschleunigte ihre Schritte, obwohl sie keine Ahnung 

hatte, was sie sagen sollte. Ihr kam einfach nichts 
Überzeugendes in den Sinn, und sie würden lediglich wie zwei 
komplett Verrückte klingen, sollten sie ihm die Wahrheit 
erzählen. 

Der Schausteller legte den Sicherheitsbügel um, und Prue fing 

an zu rennen. »Halt!« 

Die Frage, was sie überhaupt sagen sollten, weitete sich zu 

einem noch wesentlich ernsthafteren Problem aus, als die 
Leibwächter beim Klang von Prues Stimme zu ihr 
herumwirbelten. Sie erkannten Prue auf Anhieb. Es erforderte 
keine große Fantasie, sich vorzustellen, was den beiden 
Männern durch den Kopf ging. Sie stellten sich nebeneinander 
auf, um die beiden wild rennenden Frauen abzufangen. Ob sie 
die Schwestern nun für fanatische Bewunderer hielten oder 
dachten, die beiden stellten eine ernsthafte Gefahr dar, die 
Bodyguards hatten jedenfalls nicht die Absicht, Prue und Piper 
auch nur in die Nähe von Jefferson kommen zu lassen. 

Prues Herz fing an zu flattern, als der Schausteller das Rad 

weiterlaufen ließ. Jeffersons Gondel stieg auf und hielt wieder 
an, als die nächste Gondel über der Einstiegstreppe angelangt 
war - die letzte leere Gondel des gewaltigen Riesenrads. 

»So viel zum Reden«, knurrte Piper, als sie stehen blieben 

und die beiden Männer anstarrten. »Ich schätze, das geht als 
Notfall durch. Was meinst du?« 

»Katastrophe«, sagte Prue. »Einsatzbefehl erteilt.« 

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-167- 

Piper fror die Leibwächter, die Menschen in der 

unmittelbaren Umgebung und das Riesenrad ein. Riskant, dachte 
Prue, als sie an der Schlange vor der Kasse und den finster 
blickenden Bodyguards vorbei zu der Gondel rannten. Riskant, 
aber notwendig. 

»Anschnallen«, sagte Piper, während sie die Zeit mit einer 

Handbewegung weiterlaufen ließ. 

Der Schaustellergehilfe zog ein verdutztes Gesicht, zuckte 

dann mit den Schultern und legte den Bügel vor, ohne sich 
weitere Gedanken über die Fahrgäste zu machen, die offenbar 
aus dem Nichts erschienen waren. Prue war klar, dass dieser 
Mann die immer gleichen Abläufe in seinem Job mit nur 
wenigen Veränderungen verrichtete. Trotzdem wagte sie kaum 
zu atmen, ehe er sich wieder auf seinen Metallhocker gesetzt 
und das Rad gestartet hatte. 

Jeffersons Leibwächter nahmen das Verschwinden von Prue 

und Piper nicht so leicht, wie Prue mit einiger Befriedigung 
erkannte. Beide blickten sich wild um, ihre Köpfe bewegten sich 
ruckartig von einer Seite zur anderen. Sie schienen völlig aus 
der Fassung geraten zu sein und von ihrer grimmigen 
Entschlossenheit war nichts mehr zu sehen. Als der Mann mit 
dem Schnurrbart sich umblickte und sie entdeckte, winkte ihm 
Prue lächelnd zu. 

»Haltet das Ding an!« Der Leibwächter stürmte auf den 

Schausteller zu. »Sofort!« 

Der Schausteller verdrehte die Augen und scheuchte ihn weg. 

»Hau ab, Mann!« 

Während sie unterhalb von Jeffersons Gondel in die Höhe 

getragen wurde, beobachtete Prue die vollends verwirrten 
Bodyguards. Dann, nachdem die Gondel die höchste Stelle 
passiert hatte, konzentrierte sie sich nur noch auf Jefferson, 
dessen Gondel nun unter der ihren auf dem Weg nach unten 
war. 

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-168- 

Weder sie noch Piper sagten einen Ton. Die Finger um den 

Sicherheitsbügel gekrallt, starrte auch Piper hinab. Jeder Muskel 
in ihrem schlanken Leib war vor Anspannung hart geworden, 
wartete auf den kritischen Sekundenbruchteil, in dem ihre 
Gaben zwischen Erfolg und Niederlage entscheiden würden. 

Das Rad drehte sich und drehte sich, aber der Anblick des 

fernen Horizonts und die fröhliche Atmosphäre des 
Vergnügungsparks existierten nur in einer Welt, die weit von 
der entfernt war, der Prues ganze Aufmerksamkeit galt. 
Unentwegt behielt sie die Gondel im Auge, die über ihnen 
schwankte, wenn es aufwärts ging, und unter ihnen schaukelte, 
wenn sich das Riesenrad abwärts drehte. 

Während der fünften Runde durchbrach das schrille Heulen 

Athulaks, der über ihnen auf den Luftströmungen ritt, Prues 
Konzentration. Die Nähe des Geistes brachte ihr eine Gefahr zu 
Bewusstsein, die sie nicht bedacht hatten. Phoebe hatte nicht 
gesehen, was zu Jeffersons Sturz geführt hatte, ob er 
möglicherweise geköpft war, als er aus der Gondel fiel. 

Prue zog ihren Talisman aus der Tasche, als sich das 

schaurige Geräusch verstärkte, und wartete dann endlose 
Sekunden darauf, dass die Gondel ihre Reise zum Boden 
antreten würde. Genau im richtigen Moment ließ sie den 
Lederbeutel auf das Dach von Jeffersons Gondel fallen. Als er 
dennoch abzurutschen drohte, schleuderte sie ihn mit Hilfe ihrer 
telekinetischen Kräfte auf den Boden vor Jeffersons Füße. 

Pipers Augen weiteten sich, als Athulaks Kreischen direkt vor 

ihrer Gondel erklang. 

»Keine Sorge«, sagte Prue, die immer noch Jeffersons Gondel 

beobachtete, während diese sich dem Tiefpunkt näherte, ihn 
passierte und wieder in die Höhe getragen wurde. »Dein 
Talisman sollte für uns beide reichen.« 

»Ich hoffe, du...« Das Krachen berstenden Metalls schnitt 

Piper das Wort ab. 

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-169- 

Sowohl Piper als auch Prue wanden sich unter dem Gurt 

hindurch und zogen sich auf die Beine, sodass sie zwischen dem 
Sicherheitsbügel und der Oberkante des Dachs standen. Als 
Prue sich in dieser Haltung zu der anderen Gondel umblickte, 
stockte ihr der Atem. 

Die Gondeln waren zu beiden Seiten frei beweglich in 

Kupplungen gelagert, die dafür sorgten, dass die Gondeln immer 
in der Waagerechten blieben, wenn das Rad sich bewegte. 
Während nun das Rad seine Drehung fortsetzte, brach die 
äußere Kupplung an Jeffersons Gondel. 

Pipers Hände schossen vor, um zwei Dinge gleichzeitig zu 

tun: das Rad und jeden Menschen am Boden, der die Szene 
beobachten konnte, einzufrieren. 

Prue verschaffte sich hastig einen Überblick über die Lage. 

Den Mund vor Entsetzen weit geöffnet, saß der Junge erstarrt 
und eingezwängt in den Sicherheitsgurt auf seinem Platz. Seine 
Hände umklammerten den Sicherheitsbügel. 

Jeffersons Gurt hatte sich gelöst. Offenbar hatte er sich nicht 

an dem Stahlbügel festgehalten, als die Kupplung gebrochen 
war. Denn er war im Begriff, unter dem Bügel 
hindurchzurutschen. Wenn die magische Erstarrung endete und 
das Rad sich wieder in Bewegung setzte, würde er durch die 
Streben viele Meter weit in die Tiefe und in den Tod stürzen. 

»Ich hoffe, dir fällt bald irgendwas ein«, sagte Piper. »Die 

Erstarrung wird nicht mehr lange anhalten.« 

»Verstanden.« Prue atmete tief ein, hob die Hände und hoffte, 

dass sie die Lage richtig eingeschätzt hatte. Wenn die Zeit 
wieder lief, würde die Gondel nicht mehr horizontal über der 
Achse schaukeln, sondern vertikal an nur einer Kupplung 
herabhängen. Ihr blieben nur ein paar Sekunden, ehe die 
herabbaumelnde Gondel des Kandidaten den höchsten Punkt des 
Rades passierte. Auf dem Weg abwärts hatte sie keine Chance, 
ihr Ziel direkt anzuvisieren. 

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-170- 

Als die Zeit weiterlief, schnitt Pauls Schrei durch die 

Kirmesorgelmusik, das Ächzen der Maschinen und die entsetzte 
Stille, die sich über die Menschen gesenkt hatte. 

Jefferson griff nach dem Sicherheitsbügel. Seine Hände 

schlugen wild durch die Luft, als die Gondel in eine vertikale 
Position schwenkte. Voll auf den Kandidaten fixiert, fing ihn 
Prue mit ihrer telekinetischen Energie ab und hielt ihn sicher an 
Ort und Stelle, ehe er vollständig unter dem Bügel hätte 
hindurchgleiten können. 

Noch immer in dem Sicherheitsgurt gefangen, klammerte sich 

Paul an den Bügel, als die Schwerkraft an seinem kleinen 
Körper zerrte. Der Junge saß nicht mehr, sondern hing in dem 
Gurt, der ihn in Taillenhöhe sicherte. 

Die Seite, an der Jefferson herabhing, war nun der Boden der 

Gondel. Die Rückenlehne und die Vorsprünge, auf denen die 
Fahrgäste normalerweise ihre Füße aufstützten, bildeten die 
Seiten. 

Schweiß benetzte Prues Stirn, als sie den überraschten Mann 

auf den neuen Boden der gekippten Gondel schob und dort 
festhielt, während ihn die Bewegung des Rades in die Höhe und 
auf den Scheitelpunkt zutrug. 

»Jetzt schnapp dir endlich den verdammten Bügel«, murmelte 

Prue. Prues Herz dröhnte in ihren Ohren, als Jefferson mit der 
rechten Hand nach dem Bügel griff, sein linkes Knie hochzog 
und sich mit dem linken Fuß an der Fußablage abstützte. Nun 
ruhte das Hinterteil des Jungen auf Jeffersons Kopf. Seine Beine 
baumelten über die Schultern und die Brust des Mannes, und 
Jefferson griff mit der freien Hand nach oben, um das 
schreiende Kind zu stützen. 

Während Prues Macht noch immer durch ihre ausgestreckten 

Hände strömte, trafen sich ihre Blicke mit denen des 
Kandidaten. Für scheinbar endlose Sekunden starrten sie 
einander in die Augen, Sekunden, in denen Prue Jefferson in 

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-171- 

Gedanken beschwor, auszuhalten. Sie sah, wie sich sein Griff 
um den Bügel und um Pauls Bein spannte, ehe die 
herabbaumelnde Gondel den höchsten Punkt überschritten hatte 
und sich mit Jefferson und Paul außer Sichtweite und damit aus 
dem Bereich ihrer Kontrolle bewegte. 

Ein heftiger Wind pfiff kreischend durch die Streben des 

Rades, als Prue und Piper zurück auf ihre Sitze glitten. Prue 
beugte sich über den Sicherheitsbügel und blickte mit 
angehaltenem Atem hinunter. Die Seite, auf der Paul gesessen 
hatte, bildete nun die Oberseite der Gondel und versperrte ihr 
die Sicht. Sie konnte lediglich eines von Pauls Beinen und 
Jeffersons Fuß erkennen. Als das Rad langsamer wurde und 
schließlich knirschend zum Stehen kam, hörte der Junge endlich 
auf zu schreien. 

»Na, das war doch ziemlich aufregend, oder?«, sagte Prue. 

Ihre Gondel schaukelte sacht hin und her, während die 
Bodyguards und einige Sanitäter des Vergnügungsparks 
herbeieilten, um Noel Jefferson und Paul aus der schwankenden 
Gondel zu holen. 

Prue sackte in sich zusammen, verspannte sich aber sofort 

wieder, als sie Athulaks Kreischen aus der Höhe hörte. 

»Was ist das?«, fragte Piper besorgt, als Prue ihre Hand 

ergriff. 

»Halt dich fest.« Prue klammerte sich an Piper und verließ 

sich ganz auf den Talisman in der Tasche ihrer Schwester, der 
sie vor Athulak beschützen sollte. Die ganze Zeit über hatten sie 
sich, wie Prue nun klar wurde, so sehr damit beschäftigt, 
Jefferson zu retten, dass ihnen überhaupt nicht in den Sinn 
gekommen war, der rachsüchtige Geist könnte sie auch 
weiterhin bedrohen. 

Als das durchdringende Geräusch immer näher kam, schloss 

Prue die Augen. Ihr Haar flog auf, hochgewirbelt von der 
stürmischen Annäherung Athulaks. Ein abgehackter Schrei 

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-172- 

entglitt ihrer Kehle, als eine bittere Kälte über ihre Wange 
strich. Dann kehrte Stille ein. 

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-173- 

14 

P

HOEBE HATTE ALLES MIT 

ansehen müssen, als sie an 

Ponyreitbahnen und Kinderkarussells vorbei in Richtung des 
Riesenrads gelaufen war. Denn als sie wieder ein wenig zu 
Kräften gekommen war, hatte sie es nicht ausgehalten, einfach 
sitzen zu bleiben und abzuwarten. Um sie fernzuhalten, wenn 
ihre Schwestern in Gefahr gerieten, bedurfte es mehr als 
hämmernder Kopfschmerzen und Magenkrämpfe. Schließlich 
konnte man nie wissen, wann die Macht der Drei gebraucht 
werden würde. 

Aber dieses Mal war ihre Hilfe nicht benötigt worden. Phoebe 

blieb stehen, als die herabhängende Gondel mit Jefferson und 
Paul knapp über dem Boden zum Stillstand kam. Sie war es 
müde, mit irgend jemandem in Kontakt zu treten, deshalb hielt 
sie sich abseits der Menge, die sich vor dem Riesenrad 
versammelt hatte. Blitzlichter flammten nun auf, Filmkameras 
surrten, als die Nachrichtenleute, die sich Jefferson 
angeschlossen hatten, jede Sekunde nutzten, um diese 
Sensationsstory festzuhalten. Grinsend stellte sich Phoebe das 
Top-Thema der Abendnachrichten sämtlicher 
Nachrichtensender vor. 

»Kongresskandidat rettet kleinen Jungen und sich vor 

tödlichem Sturz.« Jede Fernsehreportage und jede Tageszeitung 
würde ihre eigene Variante der Geschichte zum Besten geben. 
Auch wenn niemand jemals erfahren würde, was sich wirklich 
dort oben auf dem Riesenrad ereignet hatte, war es immer noch 
eine Topstory. Ein Kameramann stürzte aus der Menge und 
streifte Phoebe an der Schulter, als er an ihr vorbeirannte. 

»Entschuldigung!«, rief er, ohne jedoch innezuhalten. 

Offenbar versuchte der Mann, der Konkurrenz zuvorzukommen. 
Leider blieb ihr keine Zeit, dem Mann zu erzählen, dass in der 

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nahen Zukunft keine Schicksalsschläge auf ihn lauerten. Es war 
reines Glück, dass der Mann keine neue Vision ausgelöst hatte. 
Um weiteren Zusammenstößen aus dem Weg zu gehen, zog sie 
sich in den geschützten Bereich zwischen Eingang und Ausgang 
des Riesenrades zurück. 

Phoebe reckte sich auf die Zehenspitzen und winkte Piper und 

Prue zu, doch beide hielten die Augen geschlossen und konnten 
sie nicht sehen. Dass die beiden ziemlich fertig waren, 
überraschte sie nicht. 

Auf den Sitzen eines laufenden Riesenrades etwa 

fünfundzwanzig Meter über dem Erdboden zu stehen, dürfte 
jeden aus der Fassung bringen, sogar eine Hexe. 

Kaum als Jefferson wieder auf festem Boden stand und Paul 

in den Armen seiner Mutter lag, tauchte ein Wartungsteam auf 
und machte sich an der beschädigten Gondel zu schaffen. Sie 
lösten die Bolzen der Kupplung, senkten die Gondel auf den 
Boden ab und schoben sie zur Seite, damit der 
Schaustellergehilfe die anderen Passagiere absetzen konnte. 
Vermutlich würde es noch ein paar Minuten dauern, bis Piper 
und Prue ihre Gondel verlassen konnten. 

Mehrere Sicherheitsleute des Vergnügungsparks halfen 

Jeffersons Bodyguards, die Menge zurückzudrängen, damit die 
Sanitäter und die glücklichen Überlebenden das Riesenrad 
verlassen konnten, ohne in dem Gedränge zu Tode gequetscht 
zu werden. 

Während sie Jeffersons Leibwächter beobachtete, dachte 

Phoebe daran, was für ein Glück sie im Grunde gehabt hatten. In 
der vergangenen Nacht hatte sie lange wach gelegen, zutiefst 
besorgt, die beiden Männer könnten nicht in Reichweite ihres 
Arbeitgebers sein, wenn das Unheil seinen Lauf nahm, und sie 
hatte Recht behalten. Dann aber hatte der Zufall ihr und Noel 
Jefferson in die Hände gespielt. Trotzdem stufte sie es als Fehler 
ein, sich auf Visionen aus zweiter Hand verlassen zu haben, ein 

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-175- 

Fehler, den sie nie wieder begehen würde. 

Als sich das Rad wieder in Bewegung setzte, trat Phoebe 

näher, damit Prue und Piper sie sehen konnten, sobald sie die 
Gondel verließen. Jefferson scheuchte die Sanitäter mit einem 
Wink davon, als er sich von dem Riesenrad entfernte, während 
Pauls Mutter sich standhaft weigerte, ihren Sohn auch nur für 
einen Augenblick loszulassen. Die uniformierten Sanitäter 
deuteten auf den Krankenwagen, woraufhin die Frau nickte, 
aber dennoch bei Jefferson blieb. Der Junge hatte die Arme um 
ihren Hals geschlungen und den Kopf an ihrer Schulter 
geborgen. 

Der Kandidat machte einen erschütterten Eindruck, hatte sich 

selbst und die Situation aber voll unter Kontrolle. Presse und 
Öffentlichkeit würden sich auf die Heldentat stürzen. Obwohl 
Jefferson den Posten als Abgeordneter schon aus rein fachlichen 
Gründen verdient hatte, hatte ihm sein wagemutiger Kraftakt auf 
dem Riesenrad vermutlich soeben den Wahlsieg eingetragen. 

Als die Frau an Phoebe vorbeikam, hielt sie kurz inne. 

»Hallo! Ich bin ja so froh, dass Sie sich schon wieder von ihrem 
kleinen Zusammenstoß mit Paul erholt haben.« Sie verlagerte 
das Gewicht des Jungen auf ihre rechte Hüfte. Dann legte sie die 
Hand auf Phoebes Arm. Phoebe zuckte zusammen und bemühte 
sich, standhaft zu bleiben. Aber die erwartete Vision trat nicht 
ein. 

»Ich habe mir furchtbare Sorgen gemacht«, fuhr die Frau fort. 

»Aber Ihre Schwester schien genau zu wissen, was sie tat.« 

»Auf Prue kann ich mich immer verlassen.« Phoebe lächelte, 

beeindruckt davon, dass die Frau noch einmal auf den 
Zwischenfall zu sprechen kam. Und dies, obwohl ihr Sohn 
gerade eine so schreckliche Erfahrung hatte machen müssen. Sie 
konnte sehr gut verstehen, was Jefferson an ihr mochte. Diese 
Frau würde eine perfekte Politikergattin hergeben. 

Als Jefferson bewusst wurde, dass die Frau stehen geblieben 

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-176- 

war, drehte er sich um und nickte Phoebe lächelnd zu. Jede 
Stimme zählt, dachte Phoebe amüsiert, als der Politiker sie 
völlig überraschend am Arm berührte. »Lenore hat mir erzählt, 
was passiert ist.« 

Phoebe schwankte auf unsicheren Beinen, als ein Bild von 

San Francisco in strahlendem Sonnenschein unter blauem 
Himmel wie ein aus der Ferne aufgenommenes Foto in ihrem 
Geist auftauchte. Dies war keine ihrer üblichen Visionen, auch 
keine von der Art, wie sie sie gequält hatten, seit Athulak ihren 
Wunsch erfüllt hatte. Es war ein kostbarer Blick in die Zukunft, 
ein Lohn, der das Entsetzen auslöschte, das ihr Stephen 
Tremaine bereitet hatte. 

Und mit ein bisschen Glück, überlegte Phoebe, war das die 

letzte außergewöhnliche Vision, die ihr Athulaks Gabe 
einbringen würde. Immerhin war nichts geschehen, als der 
Reporter und später Lenore sie berührt hatten. Allerdings war 
das noch kein Beweis dafür, dass die Folgen von Athulaks 
Wunscherfüllung überwunden waren. Sie hätte auch keine 
Vision erfahren, wenn in der Zukunft des Reporters und der 
jungen Frau kein Unheil lauerte. 

»Entschuldigung, Ma'am.« Der Karussellführer packte 

Phoebe bei den Schultern und schob sie aus dem Weg, um an 
sein Kontrollpult zu kommen. 

Phoebes Hoffnung wuchs, als auch er keine neuen Bilder in 

ihrem Geist erzeugte. 

»Sind Sie sicher, dass alles wieder in Ordnung ist?«, fragte 

Jefferson mit besorgter Miene. »Keine Beulen oder Ähnliches?« 

»Ich habe mich nie besser gefühlt, danke.« Von den eigenen 

Emotionen überwältigt, wechselte Phoebe hastig das Thema. 
Schließlich konnte sie ihm kaum erklären, dass sein Überleben 
San Francisco davor bewahrt hatte, aus der Landkarte ausradiert 
zu werden - oder dass ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, 
wieder auf einem normalen Level angelangt zu sein schien. 

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»Wie geht es Paul? Das muss doch furchtbar beängstigend 
gewesen sein, da oben, was? Du warst ein ganz tapferer Junge.« 

Paul lächelte schüchtern. 

»Ihm geht's bald wieder gut«, sagte die Frau und zog den 

Jungen ein wenig fester an sich. »Er will immer noch einen 
Doughnut.« 

»Im VIP-Zelt gibt es sehr gute Doughnuts«, entgegnete 

Phoebe. »Ich habe drei gegessen.« 

Paul kicherte. 

Jefferson streichelte sanft den Rücken des Jungen. »Kannst du 

auch drei verdrücken, Paul?« 

»Ja, aber ich will nicht mehr mit dem Riesenrad fahren, Onkel 

Noel.« 

»Das ist doch trotz Wahlkampf mal ein Versprechen, das ich 

einhalten kann«, sagte Jefferson lachend. 

Phoebe legte neugierig den Kopf schief. »Onkel Noel?« 

Jefferson nickte und legte einen Arm um die Schultern der 

Frau. »Das ist meine Schwester, Lenore.« 

»Tatsächlich?« Phoebe nickte und deutete auf den Ausgang 

des Riesenrads, durch den Piperund Prue soeben auf sie 
zustürzten. »Das sind meine Schwestern, Piper...« 

Piper streckte ihm die Hand entgegen. »Hallo.« 

»Hallo, Piper.« Jefferson schüttelte Pipers Hand, aber sein 

Blick ruhte unverwandt auf Prue. Das elektrisierende Knistern 
zwischen den beiden war greifbar. Als die beiden Bodyguards 
eingreifen wollten, winkte der Kandidat sofort ab. 

»... und Prue. Fotografin, Single und den Rest des 

Nachmittags frei.« Phoebe fühlte, wie sich ihre boshafte Ader 
bemerkbar machte, als Prue vor lauter Verlegenheit rot anlief. 
Prue war viel zu prüde, um den ersten Schritt zu tun, und 
Jefferson war offensichtlich interessiert. Besser noch: Ihre 

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Kopfschmerzen ließen nach, und auch von dem Krampf in ihren 
Eingeweiden war kaum noch etwas zu spüren. 

»Mr. Jefferson, ich fürchte meine Schwester...« Prue zögerte, 

als Jefferson ihre Hand mit den seinen umfing. »... meine 
Schwester ist, äh, immer noch ein bisschen verwirrt durch die 
Hitze.« 

»Sie haben mich vor dem Sturz gerettet.« Jefferson starrte 

Prue noch immer in die nun erschrocken blickenden Augen. 

»Nein, ich...« Mit weit aufgerissenen Augen sah sich Prue 

rasch nach Phoebe um, doch auch die war viel zu perplex, um 
einen Ton von sich zu geben. 

»Nein, wirklich«, sagte Jefferson. »Ich weiß, das klingt 

verrückt, aber ich hatte das Gefühl, dass Sie mir die Kraft und 
den Willen gegeben haben, durchzuhalten.« Dann, in dem 
Wissen, dass jedermann ihn erwartungsvoll anstarrte, räusperte 
sich Jefferson. »Und ich, äh, könnte ein paar neue 
Porträtaufnahmen gebrauchen.« 

Prue nickte. »Das werden wir sicher hinkriegen.« 

»Wir könnten uns beim Essen darüber unterhalten«, schlug 

Jefferson vor. Als er sie zusammen mit Lenore und Paul 
wegführte, blickte Prue noch einmal über die Schulter und 
bedachte die beiden Leibwächter, die ihnen folgten, mit einem 
zufriedenen Lächeln. 

Piper sah ihnen noch einen Moment nach, ehe sie sich mit 

einem traurigen, sehnsüchtigen Seufzer Phoebe zuwandte. »Sind 
Happyends nicht schön?« 

»Ja, aber da Noel gewählt werden wird, dürfte die Geschichte 

nicht allzu ernst werden. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Prue 
bereit ist, nach Washington D. C. zu ziehen.« Plötzlich weiteten 
sich Phoebes Augen und sie musste sich alle Mühe geben, eine 
neutrale Miene beizubehalten, als sie sah, wie Leo in der Menge 
hinter Piper auftauchte und den Finger an die Lippen legte. 

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»Das Profil der süßen, anspruchslosen Politikergattin passt 

auf keinen Fall zu ihr«, sagte Piper, nur um gleich darauf laut 
aufzukreischen, als Leo ihr die Augen zuhielt. Noch ehe er ein 
›Rate mal‹ herausbringen konnte, stieß sie ihm den Ellbogen in 
die Rippen. 

Phoebe zuckte zusammen, als der Wächter des Lichts 

stöhnend das Gesicht verzog. »Hi, Leo.« 

»Leo!« Peinlich berührt, aber voller Aufregung schlug Piper 

die Hand vor den Mund, während Leo sich aufrichtete, die 
Hände immer noch an den Bauch gepresst. Kaum aber hatte sie 
ihre Sinne wieder beisammen, erging sich Piper in einer 
typischen Tirade: »Verdammt, Leo! Ich konnte doch nicht 
wissen, dass...« 

Wortlos legte Leo die Hände an Pipers Wangen und küsste 

sie. 

»... du es bist.« Mit Freudentränen in den Augen schlang 

Piper die Arme um Leos Hals und zog ihn an sich. Einen 
Augenblick später ließ sie wieder von ihm ab, trat einen Schritt 
zurück und maß ihn mit einem strengen Blick. »Wie lange wirst 
du bleiben?« 

»Sie haben mir drei Tage zugesagt, vielleicht sogar mehr.« 

Leo unterbrach sich und zögerte einen Augenblick. 
»Vorausgesetzt, es kommt keine Katastrophe von weltweitem 
Ausmaß dazwischen.« 

»Das dürfte kein Problem sein«, sagte Piper, als sie sich bei 

ihm einhakte. »Um die Katastrophen weltweiten Ausmaßes, die 
während dieser Woche stattfinden, haben wir uns bereits 
gekümmert.« 

»Und wie«, stimmte Phoebe zu. 

»Ich hörte davon.« Leo lächelte Piper schmachtend an. »Was 

würdest du gern als Erstes machen?« 

»Zuerst will ich zehn Runden auf dem Karussell drehen. 

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-180- 

Danach gehen wir zurück zu meinem Stand, um uns zu 
vergewissern, dass für die Hard Crackers alles vorbereitet ist. 
Anschließend tanzen wir den ganzen Nachmittag lang, weil die 
Leute im P3 nun einmal genau das tun sollen.« Während Piper 
ihre lange Liste herunterbetete, wechselte Leos Miene von 
erwartungsvoller Freude zu schlichter Resignation. »Wenn die 
Veranstaltung dann um acht Uhr schließt, können wir nach 
Hause gehen.« 

»Wie oft, hast du gesagt, willst du Karussell fahren?«, fragte 

Leo, als sie Hand in Hand davon schlenderten. 

»Zehnmal. Und ich werde mitzählen.« Plötzlich blieb Piper 

stehen und drehte sich ruckartig zu Phoebe um. »Sag Rick, er 
kann sich den Rest des Tages frei nehmen. Er hängt sowieso nur 
hier rum, weil er hofft, dich zu sehen.« 

Bestens, dachte Phoebe. Rick... 

 

»Du bist ein seltsames Mädchen, weißt du das?« Rick hielt 

die Hände in den Taschen und blickte stur geradeaus, als er 
gemeinsam mit Phoebe zum VIP-Zelt ging. 

»Findest du?«, fragte Phoebe unschuldig. 

»Ja«, sagte Rick mit einem unglücklichen Lächeln. »Mich hat 

noch nie ein Mädchen gebeten, sie zu einem Date mit einem 
anderen Typen zu begleiten.« 

»Es ist kein typisches Date«, sagte Phoebe, insgeheim erfreut, 

dass Rick sich heftig genug in sie verknallt hatte, um sie 
tatsächlich zu begleiten. Der einzige Grund, warum sie das Spiel 
so weit getrieben hatte, war, dass er wirklich alles so furchtbar 
ernst nahm und sie einfach nicht hatte widerstehen können, ihn 
ein wenig auf den Arm zu nehmen. Rick war so heiß, wie sie ihn 
in Erinnerung hatte, und so nett, wie sie gehofft hatte. Aber 
seinem Sinn für Humor mangelte es an Verständnis für ihren 
subtilen Sarkasmus. 

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Nur die Hälfte der Klappstühle vor der Bühne waren besetzt. 

Niemand saß in der ersten Reihe. Der alte Schauspieler stand 
bereits auf der Bühne und erzählte seine Geschichten, und 
Phoebe freute sich still und heimlich, als das Publikum über 
einen seiner Witze lachte. 

»Komm mit. Wir können uns ganz vorn in die Mitte setzen«, 

sagte Phoebe und winkte Rick, ihr zu folgen. 

Rick blieb wie angewurzelt stehen. »Das ist Roy Hansen.« 

»Wer?« Phoebe sah sich um, zuckte dann aber die Schultern 

und wandte sich wieder der Bühne zu. 

Der alte Mann sah sie und winkte ihr zu, während er in sein 

Mikrophon sprach. »Hey! Wie geht es meinem liebsten 
Mädchen?« 

»Hervorragend!«, antwortete Phoebe. 

»Du kennst auch Roy Hansen?« Ungläubig warf Rick die 

Hände in die Luft. 

»Du meinst...« Phoebe deutete auf die Bühne. »... das ist Roy 

Hansen?« 

»Es gibt nur den einen«, entgegnete Rick. Voller Ehrfurcht 

betrachtete er den alten Mann. »Roy Hansen war dreißig Jahre 
lang der beste Wildwest-Stuntman in Hollywood, ehe er von 
einem bockenden Pferd niedergetrampelt wurde und sich ein 
Dutzend Knochen brach. Danach hat er sich eine zweite 
Karriere aufgebaut und selbst kleine Rollen gespielt, aber auf 
einem Pferd übertrifft ihn niemand. Er ist mit Abstand der 
Beste.« 

»Da hast du Recht. Und außerdem ist er mein Date«, 

entgegnete Phoebe und blinzelte ihm lächelnd zu. 

Jetzt ging Rick endlich ein Licht auf. Er ergriff ihren Arm und 

führte sie zur ersten Reihe. »Denkst du, du könntest mir ein 
Autogramm besorgen?«, fragte er, als sie sich setzten. 

»Vermutlich.« Phoebe rückte ein wenig näher, als Rick den 

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Arm über die Lehne ihres Stuhles legte. »Aber das kostet dich 
ein Abendessen.« 

Phoebe konnte die Komplikationen, die ihr geheimes Leben 

als Hexe für eine Beziehung bereithielt, nicht vergessen. Aber 
dennoch wollte sie nicht jegliche Freude am Leben verlieren. 
Wie Prue gesagt hatte: Wenn sich erst der Richtige blicken ließ, 
war alles andere völlig egal. Hauptsache sie waren zusammen. 
Und in der Zwischenzeit war Phoebe fest entschlossen, sich so 
gut wie nur möglich zu amüsieren. 

»Das ist das beste Geschäft, das ich seit langer Zeit 

abgeschlossen habe.« Rick strich mit den Lippen über ihr 
Ohrläppchen. Die Berührung jagte wohlige Schauer über 
Phoebes Rücken. 

»Hey!«, rief Roy, »es ist nicht fair, mit dem Mädchen eines 

alten Mannes herumzumachen.« 

Rick spielte mit und streckte kapitulierend die Hände hoch. 

»Danke. Sie ist ein tolles Mädchen, nicht wahr? Aber in 

meinem Alter kann Liebe verdammt demütigend sein.« Roy 
blinzelte ihnen zu und schlug sich vor die Brust. »Wenn die alte 
Pumpe zu schnell wird, fallen mir noch die falschen Zähne 
raus.« 

Das Publikum tobte. « 

»Woohoo!« Rick wedelte mit den Fäusten in der Luft herum, 

um seiner Anerkennung Nachdruck zu verleihen. 

Phoebe lachte laut auf, überwältigt von Erleichterung und 

Freude. Prue war mit einem zukünftigen Kongressabgeordneten 
beim Essen, Leo endlich nach Hause zurückgekehrt. Athulak 
war fort, die Welt gerettet, und sie hatte die Herzen zweier 
absolut hinreißender Männer gewonnen. Heute schlugen die 
Zauberhaften einfach alles. 


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