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Zauberhafte  

Schwestern 

Kampf gegen die Götter 

 
 
 

Roman von  

Elisabeth Lenhard

 

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Klapptext: 

 

Endlich ist Prues große Chance gekommen: Wenn sie ein 

wirklich tolles Foto schießt, soll es auf dem Cover des 

angesagten Stadtmagazins 415 erscheinen. Das könnte für sie 

der Durchbruch sein, wenn sie nur ein überzeugendes Konzept 

hätte. Da kommt ihr die Idee, eine Gruppe von Models als 

griechische Gottheiten zu fotografieren. Sie will sogar eine alte 

Kamera benutzen, um dem Foto die nötige Patina zu verleihen. 

Doch als Prue auf den Auslöser drückt, geschieht das 

Unfassbare: Die Models sinken als seelenlose Körperhüllen zu 

Boden! Um die unschuldigen Opfer zu retten, steigen die 

Charmed-Schwestern hinab in den Hades, das Totenreich der 

griechischen Mythologie. Dort entpuppt sich Phoebes neuer 

Schwärm Nikos als skrupelloser Sohn des Unterweltgottes, der 

sie gefangen nimmt und zu seiner Gattin machen will. Wird es 

Piper und Prue gelingen, ihre Schwester und die Models aus 

dem Reich der Finsternis zu befreien?

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Aus dem Amerikanischen von Christina Deniz 

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme 

Charmed – zauberhafte Schwestern. – Köln: vgs 

(ProSieben-Edition) 

Kampf gegen die Götter: Roman von Elisabeth Lenhard. 

Aus dem Amerikan. von Christina Deniz. – 1. Aufl. – 2001 

ISBN 3-8025-2861-1 

Erstveröffentlichung bei Pocket Books, New York 2001 

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Soul of the Bride 

von Elizabeth Lenhard 

Das Buch »Charmed – Zauberhafte Schwestern. 

Kampf gegen die Götter« von Elizabeth Lenhard entstand auf der 

Basis der gleichnamigen Fernsehserie von Spelling Television 

ausgestrahlt bei ProSieben. 

© des ProSieben-Titel-Logos mit freundlicher Genehmigung 

der ProSieben Televisions GmbH 

™ und © 2001 Spelling Television Inc. 

All Rights Reserved. 

1. Auflage 2001 

© der deutschsprachigen Ausgabe: Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH 

Alle Rechte vorbehalten. 

Produktion: Wolfgang Arntz 

Umschlaggestaltung: Sens, Köln 

Titelfoto: © Twentieth Century Fox Film Corporation 2001 

Satz: Kalle Giese, Overath 

Druck: Clausen & Bosse, Leck 

Printed in Germany 

ISBN 5-8025-2861-1 

 

 
 

Besuchen Sie unsere Homepage im WWW:  

www.vgs.de

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1

 

»

P

rue? Würden Sie bitte in mein Büro kommen?« 

Prue Halliwell sah von dem Kontaktbogen auf, den sie gerade 

geprüft hatte, während sie darauf wartete, ihren Chefredakteur, 
Nick Caldwell, zu sprechen, der sie nun in sein Reich bat. 

Sie schluckte. Als Fotografin für das 415, San Franciscos 

angesagtestes Stadtmagazin, hatte sie es meistens nur mit 
einfachen Redakteuren zu tun – mit dem Fotoredakteur, dem 
Moderedakteur oder dem Restaurantkritiker –, für die sie ihre 
Bilder machte. Doch so gut wie nie hatte sie mit Mr. Caldwell 
persönlich gesprochen. Er gehörte zum Management des 
Verlags, und wenn sich ihre Wege einmal kreuzten, so war ihr 
Kontakt über ein höfliches »Guten Tag« nie hinausgegangen. 

Prue steckte den Kontaktbogen in einen Ordner und nickte 

ihrem Boss zu. Er sah wie immer gepflegt und fast ein bisschen 
zu glatt aus mit seinen grauen Schläfen und dem Designer-
Anzug. 

»Natürlich, Mr. Caldwell, bin sofort bei Ihnen«, rief sie, erhob 

sich von ihrem Schreibtisch und durchquerte die 
Redaktionsräume des 415, ein großzügiges City-Loft im 
Industriedesign mit rotem Zementboden und einem 
Röhrensystem unter der Decke. 

Prue liebte das coole Ambiente der Büroräume, und sie liebte 

ihren Job als angestellte Fotografin für das Stadtmagazin. Für 
sie war es die bislang befriedigendste und aufregendste Arbeit 
überhaupt. Doch nun wollte sie der Häuptling höchstpersönlich 
sprechen … Sie schauderte. Wollte er sie womöglich vor die Tür 
setzen? 

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Prue vertrieb diesen schrecklichen Gedanken und fuhr sich mit 

den Fingern durch ihr glänzendes schwarzes Haar. Als sie seine 
Bürotür erreichte, schenkte sie Mr. Caldwell ihr strahlendstes 
Lächeln. 

»Was kann ich für Sie tun, Mr. Caldwell?«, fragte sie leicht 

nervös. 

»Kommen Sie herein, Prue«, sagte der Chefredakteur und 

nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. »Und schließen Sie bitte 
die Tür hinter sich.« 

Oh, dachte Prue, wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist. 

»Prue«, begann Mr. Caldwell, »ich muss Ihnen sagen …« 

Sie krümmte sich innerlich. Was nützt es, dachte sie, wenn 

man eine Hexe ist und sich doch nie aus solchen Situationen 
herauswinden kann? 

»… dass ich Ihre Arbeit liebe.« 

»Wie bitte?«, platzte sie heraus, und ihre blauen Augen 

weiteten sich ungläubig. Sie hatte so sicher mit einem Rüffel, 
wenn nicht mit einem Rausschmiss gerechnet, dass sie ihren 
Ohren kaum trauen mochte. 

»Ihre Fotos sind so dynamisch«, sagte Mr. Caldwell. »Sie 

haben ohne Zweifel großes Talent, auch wenn das eine oder 
andere natürlich noch ausbaufähig ist.« 

»Danke schön!«, entfuhr es ihr, und sie fühlte, wie sich ihre 

Wangen vor Freude röteten. Wer braucht schon Magie, dachte 
sie, wenn man Talent hat? 

»Ich möchte Ihnen daher Folgendes vorschlagen«, fuhr Mr. 

Caldwell fort. »Wir haben noch nichts für das August-Cover 
geplant. Ich möchte Ihnen eine Chance geben. Wenn Sie mir ein 

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Foto liefern, das mich aus den Latschen haut, dann haben Sie 
das Cover.« 

»U-und … zu welchem Thema?«, stotterte Prue. 

»Das überlasse ich Ihnen«, erwiderte Mr. Caldwell mit einem 

knappen Lächeln. »Das könnte einen Quantensprung für Ihre 
Karriere bedeuten. Doch Sie sollten wissen, dass andere 
Kollegen ebenfalls für dieses Cover arbeiten werden. Mit 
anderen Worten: Sie haben einiges an Konkurrenz zu erwarten, 
also geben Sie Ihr Bestes.« 

»Selbstverständlich«, sagte Prue und stand auf. 

Natürlich kannte Mr. Caldwell sie nicht wirklich gut. Wären 

ihre beiden Schwestern, Piper und Phoebe, hier, hätten sie ihrem 
Chef versichert, dass Prue stets ihr Bestes gab. Sie war eine 
ausgesprochene Perfektionistin, das typische älteste Kind, das 
seine Verantwortung stets ernst nahm. »Danke, dass Sie mir 
diese Chance geben, Sir. Ich versprechen Ihnen, Sie bekommen 
ein Foto, das sie aus den Latschen haut.« 

Mit einem Grinsen wandte sie sich um und verließ Mr. 

Caldwells Büro. Genauer gesagt verließ sie auch die 
Redaktionsräume des 415. Sie war viel zu aufgeregt, um sich 
weiter mit Kontaktabzügen zu beschäftigen. Sie musste sich ein 
absolutes Überfliegermotiv für das Cover überlegen, und das 
konnte sie nur zu Hause. Vielleicht sogar mit ein wenig 
Unterstützung und Inspiration von ihren Schwestern. 

Seit Prue, Piper und Phoebe in das Herrenhaus ihrer 

Großmutter gezogen waren, hielten die drei Schwestern wie 
Pech und Schwefel zusammen und konnten sich blind 
aufeinander verlassen. Das betraf sowohl Ratschläge in 
Liebesdingen als auch Tipps für Partyoutfits und natürlich alles, 
was mit ihren magischen Fähigkeiten zusammenhing. 

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Nachdem Phoebe auf dem Speicher des Anwesens das Buch 

der Schatten entdeckt hatte, wussten die Schwestern, dass sie 
Hexen waren, weiße Hexen aus der Dynastie der Zauberhaften. 

Es hatte sich herausgestellt, dass der alte schwere Foliant 

unzählige Beschwörungsformeln, Zaubersprüche und hilfreiche 
Einträge enthielt und dass das Buch in der Halliwell-Familie seit 
Generationen von Mutter zu Tochter weitervererbt worden war. 

Dem Schicksal hatte es gefallen, dass ihre Großmutter und 

auch ihre Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilten, und so 
war es nun an Prue und ihren Schwestern, das Vermächtnis der 
Zauberhaften anzutreten und vielleicht eines Tages 
weiterzutragen. 

Und wie sie bald feststellen sollten, waren sie die mächtigsten 

Hexen dieser Dynastie überhaupt. Schon jede Schwester für sich 
war mittels ihrer Fähigkeit imstande, Großes zu vollbringen. 
Doch im Verbund verfügten sie über die Macht der Drei, eine 
Energie, die sie nahezu unschlagbar machte. Was Dämonen und 
Hexer allerdings nicht davon abhielt, sie töten und ihnen ihre 
Kräfte rauben zu wollen. 

Tja, dachte Prue nicht ohne Sarkasmus, als sie die Fahrertür 

ihres BMW aufschloss, aller guten Dinge sind drei … 

Die andere Seite der Medaille war, dass das Leben einer mit 

besonderen Fähigkeiten ausgestatteten Hexe oft ziemlich 
stressig war. 

»Oder wie erklärt man seiner Verabredung, dass man mittels 

Telekinese Dinge aus dem Fenster befördern kann?«, murmelte 
Prue, als sie nach Hause fuhr. »Oder dass Piper die Zeit 
einzufrieren vermag und dass Phoebe Visionen von der Zukunft 
hat und zu allem Überfluss auch noch fliegen kann?« 

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Phoebes Fähigkeit, sich in die Lüfte zu erheben, war eine 

Sache, die die Schwestern erst kürzlich herausgefunden hatten 
und die das Nesthäkchen noch nicht vollständig erforscht hatte. 

Ich kann es schon bildlich vor mir sehen, dachte Prue und 

lachte trocken auf. Da will mir der Typ, mit dem ich den Abend 
verbracht habe, vor der Haustür noch einen Gute-Nacht-Kuss 
geben, und ich muss mich beeilen zu erklären: ›Keine Sorge, die 
Hexe, die da auf dem Staubsauger durch die Gegend fliegt, ist 
nur meine kleine Schwester …‹ 

Auch die Verpflichtung, die die drei Schwestern mit ihrem 

Erbe eingegangen waren, nämlich die Unschuldigen und 
Hilflosen vor allem Bösen zu beschützen, konnte mitunter zu 
einer großen Last werden. Was kein Wunder ist, dachte Prue, 
denn wann kommt die Aufgabe, die Welt zu retten, überhaupt 
mal gelegen? 

»Doch nichts dergleichen darf diesmal passieren«, murmelte 

sie. »Nichts soll und darf sich zwischen mich und dieses 
Magazin-Cover stellen. Nichts!« 

 

Kann es was Schöneres geben, als hier in der Kunstklasse zu 

sein?, fragte sich Phoebe Halliwell, als sie am Ausguss stand 
und ihre Pinsel auswusch. 

Sie warf einen Blick über die Schulter in den Raum, in dem 

außer ihr noch viele andere Kunststudenten mit ihren Arbeiten 
beschäftigt waren. Phoebes derzeitiges Werk stand beim Fenster 
– direkt neben der winzigen rothaarigen Professor Winters. 

Tatsächlich, so musste Phoebe erschrocken feststellen, 

musterte Frau Professor – ihre Kunstlehrerin und härteste 
Kritikerin – soeben ihre Leinwand. Ach du liebe Güte, dachte 
sie, ließ ihre Pinsel fallen und flitzte zu ihrer Staffelei. 

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»Ich hab mich mal an einer Mischung aus O'Keefe und van 

Gogh versucht«, verkündete sie, als sie sich hinter ihre 
Professorin stahl. 

»Ja, das sehe ich«, sagte Professor Winters, als sie Phoebes 

abstrakte Schwertlilien betrachtete. »Ein bisschen zu imitiert für 
meinen Geschmack, und das, obwohl Sie doch durchaus dazu im 
Stande sind, etwas Eigenes zu schaffen.« 

Sprach's und ließ Phoebe mit offen stehendem Mund stehen. 

Imitiert!, dachte sie enttäuscht. Ich dachte, meine Idee sei 

originell, zumal ich O'Keefes Stil eine völlig neue, verrückte 
Wendung gegeben habe. Offensichtlich lag ich da wohl falsch. 

»Und ein weiterer akademischer Fehlschlag für Phoebe«, 

murmelte sie und seufzte tief. Die Schule war noch nie ihre 
große Stärke gewesen, doch seit sie wieder zum College ging, 
versuchte sie, nicht erneut in den alten »Eine-Vier-reicht-auch«-
Trott zu verfallen. Ganz klar, dachte sie, ich hab mich einfach 
nicht genug angestrengt. 

Gerade als sie sich in Selbstzweifeln ergehen wollte, sagte 

eine tiefe, unglaublich erotische Stimme an ihrem Ohr: »Hör 
nicht auf sie. Dein Bild ist toll.« 

Phoebe fuhr herum und hätte heute fast zum zweiten Mal mit 

offenem Mund dagestanden, wenn sie nicht rechtzeitig die 
Fassung wiedererlangt hätte. Vor ihr stand ein schwarzhaariger, 
über und über mit Farbe verschmierter Traumboy in beklecksten 
Levis und einem Jeanshemd, das ebenfalls mit sämtlichen 
Regenbogenfarben verziert war. Wo ist der denn so plötzlich 
hergekommen?, dachte sie erstaunt. 

Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sagte der Junge mit 

einem gewinnenden Lächeln: »Heute ist mein erster Tag hier. 

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Ich heiße Nikos. Und Sie sind zweifellos die Starstudentin aus 
Kurs 201. Ihre Lilien sind einfach unglaublich, Miss …« 

»… Phoebe«, platzte sie heraus, während sie in Nikos' 

wunderschöne blaue Augen starrte. »Ich meine, ähm, Halliwell, 
ich meine, Phoebe Halliwell. Aber Sie können mich einfach …« 

»… Phoebe nennen?«, fragte Nikos mit einem verschmitzten 

Gesichtsausdruck. 

Am liebsten hätte sich Phoebe vor die Stirn geschlagen, doch 

ihre Hände waren voller Farbe, daher verfluchte sie sich nur im 
Stillen. Ein atemberaubender Typ reicht, um mich in einen 
brabbelnden Vollidioten zu verwandeln, dachte sie. Muss ich 
dringend dran arbeiten … 

»So«, sagte sie. »Nikos. Was ist das für ein Name?« 

»Ein griechischer«, sagte er mit einem verwegenen Lächeln. 

»Ich stamme aus einer großen, sehr alten griechischen Familie. 
Unsere Wurzeln reichen sehr weit zurück.« 

So, so, dachte Phoebe und musste grinsen. Dann deutete sie 

auf Nikos' diverse Pinsel in seiner Hand. »Und woran arbeiten 
Sie gerade?« 

Sie schob sich an ihm vorbei zu seiner Staffelei und warf 

einen Blick auf die Leinwand. Fast musste sie einen erstaunten 
Aufschrei unterdrücken. Das mag ja sein erster Tag in diesem 
Kurs sein, dachte sie, aber dieser Junge ist mit Sicherheit kein 
Anfänger. 

»Es ist … geradezu hypnotisierend«, flüsterte sie, als sie auf 

die grauen und braunen Wirbel starrte, die Nikos zu einer 
Sumpf- und Waldszene komponiert hatte. Als sie genauer 
hinsah, konnte sie durch die Bäume ein gespenstisches Gebäude 
erkennen. Schemenhafte Wesen schienen in seinen Schatten zu 
lauern. 

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Phoebe konnte sich nicht von dem Bild losreißen. Je länger sie 

darauf starrte, desto mehr Details wurden sichtbar, desto mehr 
zog es sie in sich hinein. 

»Es ist so dunkel«, sagte sie atemlos. Dann endlich riss sie 

sich zusammen und drehte sich zu dem Künstler um. »Auf 
positive Weise natürlich«, fügte sie schnell hinzu. 

»Keine Sorge«, meinte er augenzwinkernd, »alle meine 

Abgründe werden durch die Malerei kompensiert. Im wahren 
Leben bin ich ein hoffnungsloser Optimist.« 

»Ach, wirklich?«, flirtete Phoebe. 

»Lassen Sie es mich Ihnen beweisen«, erwiderte Nikos. 

»Kaffee?« 

»Zufällig hab ich gleich eine Freistunde«, erwiderte sie. Ihr 

Herz hüpfte vor Aufregung. Im Moment kann es wirklich nichts 
Schöneres geben, als hier in dieser Kunstklasse zu sein, dachte 
sie. 

Sie schenkte Nikos ihr bezauberndstes Lächeln, als sie 

fortfuhr: »Lassen Sie mich nur schnell die Farbe von meinen 
Händen abwaschen.« Sie lachte. »Und dann können wir von hier 
verschwinden.« 

 

Piper saß am Küchentisch, einem ihrer Lieblingsplätze im 

weitläufigen, hoffnungslos überladenen Halliwell Manor. 

Doch das sonnige Fleckchen bot ihr an diesem Nachmittag 

keinen Trost, weil sie eine ihrer unangenehmsten Aufgaben zu 
erledigen hatte – die monatliche Abrechnung für ihren Club P3

Lustlos hackte sie auf den Taschenrechner ein. Immer wieder 

warf sie einen sehnsuchtsvollen Blick durch das 

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Buntglasfenster. Mit einem Seufzer stellte sie fest, dass sie sich 
zu Tode langweilte. 

Alles, was ich tue, dachte sie, ist arbeiten! Nachts spiele ich 

die Mutter und Geschäftsführerin für meine Angestellten im 
Club. Und meine gesamte Freizeit scheint dafür draufzugehen, 
Unschuldige zu beschützen und Dämonen, die mir und meinen 
Schwestern ans Leder wollen, den Garaus zu machen. 

Sogar meine eigene Fähigkeit, so fand sie, ist irgendwie 

langweilig. Klar, ich kann die Zeit anhalten, und dennoch 
stagniert mein Leben. Prue hat eine neue aufregende Karriere als 
Fotografin gestartet, und Phoebe hat sich wieder den Freuden 
des Collegelebens zugewandt. Darüber hinaus sind die beiden 
wahre Männermagneten. 

Sie erschauderte und dachte mit Reue an Leo, seines Zeichens 

ein Wächter des Lichts und ihr Beschützer. Ja, sie betete Leo an, 
doch es konnte nicht normal sein, sich mit einem in Wahrheit 
über achtzigjährigen himmlischen Sendboten zu treffen. Und er 
war in dieser Funktion überaus beschäftigt, genauer gesagt 
bekam sie ihn in letzter Zeit so gut wie gar nicht mehr zu 
Gesicht. Zudem schien sie für richtige Männer, sprich sterbliche 
Männer, so gut wie nicht mehr zu existieren. Sie war eben 
einfach nur Piper, die mittlere Schwester – unsichtbar, 
langweilig, blaß. 

»Hey, du glaubst nicht, was mir heute passiert ist!«, rief eine 

Stimme aus dem Flur. Es war Prue, die gerade die Eingangshalle 
betreten hatte. 

»Ich lege meinen Fall nieder«, murmelte Piper, doch dann 

versuchte sie ein Lächeln. Schließlich war es nicht Prues Schuld, 
dass sie so unzufrieden mit ihrem Leben war. 

»Was ist denn los?«, fragte sie, als ihre Schwester in die 

Küche stürmte, ihre Handtasche auf die Theke warf und sich zu 

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ihr an den Tisch setzte. Ihre Wangen waren vor Aufregung 
gerötet. 

»Nun«, begann Prue, »ich habe …« 

Rumms! 

Mit einem Knall fiel die Eingangstür ins Schloss. Das muss 

Phoebe sein, dachte Piper. 

»Jemand zu Hause?«, rief die jüngste Halliwell-Schwester aus 

dem Foyer. »Ihr glaubt nicht, was mir heute passiert ist!« 

Sprach's und schoss direkt auf den Kühlschrank zu. 

»Ich hab heute in der Redaktion eine fantastische Chance 

bekommen«, fuhr Prue fort und lehnte sich aufgeregt vor. 

»Ich hab heute in der Schule einen fantastischen Typen 

kennen gelernt«, platzte Phoebe heraus, während sie sich mit 
einem dicken Stück Käse und etwas Obst eindeckte. 

Und schon legten die beiden los, während Piper mit offenem 

Mund von Prue zu Phoebe und wieder zu Prue sah. Es ist, als ob 
ich einem Pingpong-Spiel zusehe, dachte sie amüsiert. 

Als sie ihre Schwestern beim Kampf um die Redezeit 

beobachtete, wunderte sie sich wieder einmal, dass sie alle so 
gut miteinander auskamen. Was fast ein Wunder war, denn das 
Trio konnte unterschiedlicher kaum sein. Prue mit ihrem 
rabenschwarzen Haar und der blassen Haut war der direkte, 
sachliche und eher vernünftige Typ. Ganz im Gegensatz zur 
inzwischen erblondeten Phoebe mit ihrem stets gebräunten 
Teint, die sich vor allem durch ihre sorglose, offene Art und ihre 
hochfliegenden Zukunftspläne auszeichnete. Und schließlich sie 
selbst, die brünette, zart gebaute Piper, die – wieder einmal – 
irgendwie dazwischen lag. Sie war zwar eine sehr professionelle 

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Geschäftsfrau, doch im Grunde war sie immer ein bisschen zu 
schüchtern, hoffnungslos romantisch und ziemlich gutmütig. 

Wenn man bedenkt, wie unterschiedlich wir sind, dachte 

Piper, ist es erstaunlich, wie nah wir uns doch stehen. Das 
stimmte. Denn seit die Schwestern herausgefunden hatten, dass 
sie die Zauberhaften waren, waren sie einander so verbunden, 
wie, nun, wie es die Mitglieder eines Hexenzirkels eben nur sein 
konnten. 

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Schwestern zu 

und schaffte es irgendwie, ihrem Redeschwall ein paar 
Basisinformationen zu entreißen: Soweit sie verstand, sollte 
Prue ein Foto für das Cover des 415 machen, und Phoebe hatte 
am College offensichtlich einen ziemlich heißen Typen kennen 
gelernt. Ja, sie hatten sogar schon ihre erste Verabredung 
gehabt. 

»Er heißt Nikos …«, sagte Phoebe gerade. 

»Mein Abgabetermin ist in zehn Tagen …«, erklärte Prue. 

»Hey!«, platzten beide gleichzeitig heraus. »Hast du überhaupt 

ein Wort von dem mitbekommen, was ich gesagt habe?« 

Das war der Moment, in dem Piper in schallendes Gelächter 

ausbrach. 

»Lasst mich euch kurz ins Bild setzen«, sagte sie, während 

Phoebe an ihrem Käsestück kaute. Und so war es an ihr, Phoebe 
von Prues großer beruflicher Chance und Prue von Phoebes 
neuer Eroberung zu unterrichten. 

»Gut gemacht, Prue!«, kommentierte Phoebe mit vollem 

Mund. »Und ich hab auch schon das richtige Model für dein 
Foto – Nikos! Der Typ ist soooo süß. Steck ihn in ein paar 
Calvin-Klein-Unterhosen, und fertig ist das Starfoto! Und 
natürlich brauchst du auch eine Assistentin, richtig? Ich melde 

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mich freiwillig. Die perfekte Gelegenheit, Nikos besser kennen 
zu lernen!« 

Sie grinste zufrieden und biss ein großes Stück von ihrem 

Apfel ab. 

»Immer mit der Ruhe, Phoebe!«, rief Prue lachend. »Ich weiß 

ja noch nicht mal, was für ein Motiv ich auswähle. Findest du es 
da nicht ein wenig voreilig, Nikos schon jetzt zu bitten, für mich 
zu modeln?« 

Doch Piper wusste, dass Phoebe sich nicht so einfach von 

ihrem Vorhaben würde abbringen lassen. Denn wie sie Phoebe 
»Ich kriege immer den Mann, den ich will« Halliwell kannte, 
war das Projekt Nikos bereits beschlossene Sache. Angesichts 
dieses Plans konnte sie sich ein Seufzen nicht verkneifen. 

»Was ist denn?«, fragte Phoebe, die sich gerade noch ein 

Stück Käse abschnitt und sich dann zur ihren Schwestern an den 
Tisch setzte. 

Ich weiß wirklich nicht, wo Phoebe die ganzen Kalorien lässt, 

dachte Piper. Sie kann essen und essen und behält trotzdem die 
Figur eines Fotomodells. »Nichts«, erwiderte sie, nahm sich 
ihrerseits ein Stück Käse und kaute langsam darauf herum. 

»Na komm schon«, sagte Prue. Sie lehnte sich vor und sah 

ihre Schwester prüfend an. »Raus damit. Was ist los mit dir?« 

»Es ist …«, begann Piper, »ach, ich bin einfach etwas müde. 

Und außerdem fühle ich mich ein bisschen, na ja, auf dem 
Abstellgleis, wenn ihr es genau wissen wollt. Ihr beide erlebt 
gerade so viel Neues und Aufregendes, wohingegen ich mich 
immer nur mit der Buchhaltung für den Club beschäftige und 
meine Samstagabende ohne Begleitung verbringe. Tatsächlich 
haben die ganze Arbeit und der fehlende Spaß aus mir ein 
ziemlich langweiliges Etwas gemacht.« 

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Es entstand eine kleine Pause, dann brachen Prue und Phoebe 

in schallendes Gelächter aus. 

»Vielen Dank«, sagte Piper beleidigt. »Es ist schön, wenn man 

sich auf die moralische Unterstützung seiner Schwestern 
verlassen kann.« 

»Tut mir Leid, Süße«, sagte Prue japsend, »aber ich bitte dich: 

Du bist eine Hexe mit Superfähigkeiten, du bist wunderschön, 
du führst den heißesten Club in der Stadt, und das nennst du ein 
langweiliges Leben?« 

»Ich weiß, was du brauchst«, meldete sich nun Phoebe zu 

Wort. »Ein bisschen Nachtleben! Was haltet ihr davon, wenn 
wir mal wieder einen draufmachen? Sobald Prue ihren Auftrag 
erledigt hat, organisieren wir einen Abend unter Schwestern und 
machen einen Ort unsicher, an dem wir noch nie waren, zum 
Beispiel dieses neue Cabaret namens Schattenreich. Ich hab 
gehört, dort tritt auch eine tolle Sängerin auf. Das wird bestimmt 
ein super Abend!« 

»Na ja …« Piper musste zugeben, dass diese Idee nicht 

schlecht klang. 

»Finde dich damit ab! Du hast jetzt eine Verabredung«, sagte 

Phoebe und drückte Piper einen Kuss auf die Wange. »Es wird 
ein unvergesslicher Abend werden, und es wird dir noch Leid 
tun, dass du jemals behauptet hast, dein Leben sei langweilig!« 

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2

 

A

m nächsten Morgen führte Prue ihr erster Weg in die 

Bibliothek. Noch immer zerbrach sie sich den Kopf über das 
perfekte Coverfoto und benötigte daher ein wenig Inspiration. 
Vielleicht wird es mir helfen, dachte sie, wenn ich mir ein paar 
Bücher mit historischen Motiven anschaue. 

Es ist schon komisch, überlegte sie. Da beschweren sich die 

Fotografen immer, dass sie keine Aufträge bekommen und um 
jede Gelegenheit, ihr Talent unter Beweis stellen zu können, 
betteln müssen. Und jetzt, wo ich die Chance habe, zu zeigen, 
was ich draufhabe, bin ich wie paralysiert! 

In ihrer typischen Entschlossenheit durchforstete sie die 

Regale in der Bildband-Abteilung systematisch nach Themen, 
die ihr geeignet schienen. Schließlich schleppte sie einen 
riesigen Bücherstapel zu einem der Lesetische. 

Als sie den ersten Band durchblätterte, stieß sie auf eine Reihe 

von Schwarzweißfotos mit Suffragetten. Hmmm, dachte sie, 
vielleicht sollte ich eine Serie über starke Frauen in San 
Francisco machen? Doch dann verwarf sie den Gedanken 
wieder. Vielleicht sollte ich ein etwas populäreres Motiv ins 
Auge fassen, ein Motiv, mit dem sich jeder irgendwie 
identifizieren kann, sogar Mr. Caldwell. 

Der nächste Band enthielt Landschaftsaufnahmen von 

Dorothea Lange. Ich mag die romantische Anmutung dieser 
Fotos zwar sehr, dachte sie, aber so was ist einfach nichts für 
das  415. Ein Titelfoto für dieses Magazin muss etwas Urbanes 
haben. 

Plötzlich erklang hinter ihr eine tiefe Stimme, so samtig wie 

ein exquisiter Wein. »Ich kann mir nicht helfen, aber es sieht so 
aus, als ob Sie sich die halbe Fotoabteilung ausgeliehen haben.« 

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Prue schnaubte und verdrehte die Augen. Was für eine lahme 

Anmache, dachte sie. Man sollte doch meinen, dass man 
wenigstens in der Bibliothek vor baggernden Typen sicher ist. 
Gereizt wirbelte sie herum und wollte dem Störenfried gerade 
eine passende Antwort geben, als sie innehielt. 

Wie gebannt starrte sie in ein Paar grau-grüne Augen mit 

langen dunklen Wimpern und auf das süßeste Lächeln, das sie je 
gesehen hatte. 

»Ähem«. sagte sie und konnte nicht fassen, wie sehr sie dieser 

Mann aus dem Konzept gebracht hatte. Was ist bloß aus der 
resoluten Prue geworden, schalt sie sich, dass ich angesichts 
eines Lächelns außer Fassung gerate? Ganz zu schweigen von 
seinem athletischen Körper und dem wunderschönen braunen 
Haar … 

»Es tut mir Leid, Sie gestört zu haben«, sagte der Mann. 

»Aber ich bin Journalist, und ich befürchte, sie haben in diesem 
Stapel ein Buch, das ich dringend für meine Arbeit brauche.« 

»Oh«, platzte Prue heraus, »ich bin Fotojournalistin! Wollen 

Sie nicht Platz nehmen?« 

O mein Gott, dachte sie. Du kennst noch nicht mal seinen 

Namen und bittest ihn schon, sich zu dir zu setzen? Was ist bloß 
in dich gefahren, Prue? Du hast noch genau neun Tage Zeit, um 
dieses Projekt hinter dich zu bringen, und plötzlich hast du 
nichts Besseres zu tun, als dich mit einem Fremden auf ein 
Schwätzchen einzulassen? 

»Ich heiße Mitchell«, stellte sich der Mann vor und zog sich 

einen Stuhl heran. Dann streckte er Prue seine Hand entgegen. 
»Mitchell Pearl vom National Geographie.« 

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»Das ist doch ein Witz, oder?«, sagte Prue. »Ich fasse es nicht! 

Für National Geographie zu arbeiten ist der Traum eines jeden 
Journalisten. Was ist Ihr derzeitiges Projekt?« 

»Ich bin auf dem Weg nach Vietnam, um eine Reportage über 

das neue Saigon zu machen. In diesem Zusammenhang bin ich 
auf der Suche nach einem bestimmten Buch mit Kriegsfotos«, 
erklärte Mitchell und warf einen Blick auf Prues Bildband-
Ausbeute. »Ah, da ist es ja schon! Macht es Ihnen was aus, 
wenn ich's mir mal anschaue?« 

»Mein Name ist Prue Halliwell«, sagte sie und errötete. Ich 

erröte!, dachte sie erschüttert. Seit wann zum Teufel erröte ich? 
»Nein, bedienen Sie sich nur«, sagte sie hastig. »Ich selbst bin 
auf der Suche nach Ideen für das 415.« 

»Für das 415? So, so. Einige der besten Fotografen der Stadt 

arbeiten für dieses Magazin«, sagte Mitchell anerkennend, 
während er das Vietnam-Buch aus dem Stapel zog. »Sie müssen 
sehr gut sein.« 

»Eines Tages vielleicht«, sagte Prue bescheiden. »Momentan 

stehe ich noch ganz am Anfang. Ich bin erst seit diesem Jahr 
dabei. Doch jetzt soll ich schon Fotovorschläge für ein Cover 
machen und dachte, dass ich hier vielleicht die perfekte Idee 
dazu finde.« 

»Da sind Sie hier genau richtig«, bestätigte Mitchell, fischte 

sich einen weiteren Band aus Prues Bücherstapel und blätterte 
ihn flüchtig durch. 

»Sehen Sie sich zum Beispiel mal diese zeitgenössischen 

viktorianischen Porträts an«, sagte er. 

Er zeigte Prue ein sepiafarbenes Gruppenfoto von neun 

Frauen, das im Stil der klassischen Antike arrangiert war. Die 
Modelle trugen schlichte weiße Gewänder, Oberarmreifen und 

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auf dem Kopf goldene Kränze. Eine der Damen hielt eine Lyra, 
eine andere Pfeil und Bogen in den Händen. 

»Darf ich mir das mal ansehen, Mitchell?«, fragte sie und 

nahm das Buch an sich. Dann las sie die Bildunterschrift: 
»›Viktorianische Aristokraten nehmen sich des neuen Mediums 
Fotografie an, indem sie selbst vor der Kamera posieren und 
dabei historische Charaktere darzustellen versuchen. Die zu 
dieser Zeit beliebtesten Motive waren zumeist klassischer Natur. 
Diese Gruppe beispielsweise stellt die neun Musen des 
mythologischen Griechenlands dar.‹« 

Prue schnappte nach Luft. »Ich hab's!«, flüsterte sie aufgeregt. 

»Ich mache eine Reportage über San Franciscos viktorianische 
Architektur. Ich könnte etwas im klassizistischen Stil 
arrangieren, so wie auf diesem Foto. Und ich weiß auch schon, 
wo ich das Ganze aufnehmen werde.« 

»Na, also«, bemerkte der unglaubliche Fremde. »War das jetzt 

wirklich so schwer?« 

»Mitchell, ich danke Ihnen«, sagte Prue. »Sie haben mir 

soeben aus meinem Dilemma geholfen. Mit anderen Worten: Sie 
können die anderen Bücher gerne haben. Ich muss los und mich 
um mein Projekt kümmern.« Sie nahm den Bildband mit den 
viktorianischen Fotos an sich und stand auf. 

Mitchell erhob sich ebenfalls. »Meinen Glückwunsch, Prue«, 

sagte er. »Doch danken Sie nicht mir. Auf diese tolle Idee sind 
Sie ganz allein gekommen.« 

Prue konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Aber Sie 

haben den richtigen Riecher gehabt«, erwiderte sie. »Ohne Sie 
wäre ich gar nicht darauf gekommen.« 

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»Nun, wenn Sie wirklich darauf bestehen, mir zu danken«, 

sagte Mitchell grinsend, »darf ich Sie dann morgen zum Lunch 
einladen?« 

»Also, ich weiß nicht …«, sagte sie zögernd. »Ich hab noch so 

viel zu erledigen, um diesen Abgabetermin zu halten. Und wie 
steht es überhaupt mit Ihnen? Wollten Sie nicht nach Vietnam?« 

»Erst in zwei Wochen«, erklärte er. Sein Lächeln verblasste. 

»Doch hören Sie, wenn Sie kein Interesse haben, ist das okay für 
mich. Ich kann damit leben.« 

»Nein«, entfuhr es Prue, und sie erinnerte sich an das gestrige 

Gespräch am Küchentisch. ›Die ganze Arbeit und der fehlende 
Spaß haben aus mir ein ziemlich langweiliges Etwas gemacht‹, 
hatte Piper gesagt. Sie hätte genauso gut von mir sprechen 
können, dachte sie. Sobald ich mich auf meine Arbeit 
konzentriere, geht mein Privatleben zum Teufel. Eine schlechte 
Angewohnheit, die ich mir wirklich mal abgewöhnen sollte. 

Also warf sie sämtliche Vorsicht über Bord, schlug die guten 

Ratschläge, die sie ihren Schwestern so gern erteilte, in den 
Wind und schenkte Mitchell ein strahlendes Lächeln. »Was ich 
sagen wollte, ist, ja, ich würde morgen wirklich sehr gern mit 
Ihnen zu Mittag essen.« 

»Fein!«, rief Mitchell und zeigte ihr seine umwerfend weißen 

Zähne. »Und ich habe genau den richtigen Treffpunkt für uns. 
Im Castro hat ein neuer Vietnamese aufgemacht, und ich habe 
gehört, die Küche soll wirklich sehr authentisch sein. Wenn Sie 
mich dorthin begleiten, würden Sie mir Ihrerseits bei meinen 
Recherchen helfen.« 

»Ich glaube zwar nicht, dass Sie meine Hilfe benötigen, Mr. 

National Geographie«,  witzelte Prue, »aber vietnamesische 
Küche klingt wirklich verlockend.« 

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»Soll ich Sie morgen Mittag abholen?«, fragte Mitchell. 

»Das wäre toll«, sagte sie und warf sich ihre Tasche über die 

Schulter. Rasch gab sie ihm ihre Adresse und eilte dann zum 
Ausgabeschalter, um den Bildband auszuleihen. 

Als sie die Bibliothek verließ, waren ihre Wangen vor 

Aufregung gerötet. 

Während sie kurz darauf Richtung Parkplatz ging, versuchte 

sie Mitchells unwiderstehliches Lächeln aus ihrem Kopf zu 
vertreiben. Ich muss mich schleunigst wieder meiner Arbeit 
widmen, beschwor sie sich. Insbesondere, wenn ich mir morgen 
Mittag schon wieder eine Auszeit gönne. 

Prue stieg in ihren Flitzer und fuhr los. 

Sie hatte Mitchell die Wahrheit gesagt, als sie meinte, sie 

wüsste genau, wo sie die Fotos machen wolle. Tatsächlich 
schwebte ihr dafür der wohl passendste Ort überhaupt vor. Denn 
welches Gebäude in San Francisco war ein typischeres Beispiel 
für die viktorianische Architektur als Halliwell Manor? 

 

Während Prue auf dem Weg nach Hause war, traf Phoebe 

gerade dort ein. 

Genauer gesagt kam sie direkt aus der Schule und von ihrem 

zweiten Date mit Nikos. 

Sofort suchte sie ihren Lieblingsplatz im Haus auf – das 

Sonnenzimmer – und ließ sich in einen der superbequemen 
Rattansessel fallen. Verträumt starrte sie aus dem Fenster. 

Nikos ist perfekt, dachte sie, als sie immer tiefer in die Kissen 

sank. Die anderthalb Stunden im Café sind wie im Fluge 
vergangen, und ich kann kaum glauben, dass er auch so ein 

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großer Fan von Georgia O'Keefe ist. Und genau wie ich sucht er 
verzweifelt nach einer beruflichen Zukunft, die ihn erfüllt. 

»Malen ist das Einzige, was ich wirklich will«, hatte er gesagt 

und sich dabei eine seiner unbändigen Locken aus den Augen 
gepustet. »Und das Einzige, was ich wirklich gut kann.« 

»Damit könntest du verdammt Recht haben«, hatte Phoebe 

geantwortet und sich an seine mystische Waldszene erinnert. 
»Wo ist also das Problem?« 

»Allein vom Malen kann man nicht existieren«, hatte Nikos 

erwidert. »Zumindest sagt das mein Vater. Er setzt Himmel und 
Holle in Bewegung, damit ich Steuerberater werde.« 

Phoebe hatte daraufhin ihre Hände um ihren Hals gelegt und 

mit verdrehten Augen einen schrecklichen Tod imitiert. 

»Damit triffst du den Nagel auf den Kopf«, hatte Nikos 

lachend gemeint. »Doch ich hab eine Idee. Von heute an werde 
ich nur noch dich malen. Mit deinem Gesicht als Vorlage werde 
ich in kürzester Zeit ein gemachter Mann sein.« 

»Ha!«, hatte sie gekichert und einen Schluck von ihrem 

Cappuccino geschlürft. 

»Das ist mein Ernst, Phoebe«, hatte er gesagt. »Du bist einfach 

atemberaubend. Es wäre eine große Ehre für mich, dich ab und 
an porträtieren zu dürfen.« 

Zurück im Sonnenzimmer, schloss Phoebe die Augen und 

stellte sich vor, wie sie hingegossen auf einer grünen 
Samtchaiselongue läge, während Nikos sie malte. Aus dem 
Weg, Kate Winslet!, dachte sie und musste kichern. 

Und während er sie eine Stunde oder länger porträtierte, würde 

er sich völlig in seiner Arbeit verlieren. Und mit jedem 

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Pinselstrich würde er sie interessanter machen, als sie im wahren 
Leben je aussehen konnte, faszinierend und … 

»Perfekt!« 

Beim Klang dieses Wortes riss Phoebe ihre dunkelbraunen 

Augen auf und erwartete fast, Nikos vor sich stehen zu sehen. 
Doch es war nur Prue, die gerade schwer bepackt mit ihrer 
Fotoausrüstung das Sonnenzimmer betreten hatte. 

»Danke, Prue«, sagte Phoebe und hob eine Augenbraue. 

»Doch wie hab ich dieses Kompliment verdient?« 

»Dich hab ich gar nicht gemeint«, sagte Prue nur. 

»Oh …« 

»Herrgott, Phoebe, du weißt doch, dass du toll aussiehst«, 

sagte Prue und verdrehte die Augen. Sie hob ihre Nikon aus der 
Tasche. »Ich habe mir nur das Sonnenzimmer angesehen, und 
ich glaube, es ist die perfekte Umgebung für mein Foto.« 

Mit dem Wohnraum durch einen wunderschönen 

holzgetäfelten Torbogen verbunden, war das Sonnenzimmer fast 
so etwas wie ein verglaster Vogelkäfig. Diese Zuflucht mit ihren 
geweißten Wänden stand in großem Kontrast zu dem in dunklen 
Holztönen gehaltenen Wohnzimmer. Beide Räume waren durch 
einen blassgrünen Samtvorhang voneinander getrennt, den die 
Schwestern jedoch zumeist offen ließen, damit das 
hereinfallende Sonnenlicht das ganze Geschoss durchfluten 
konnte. 

»Du machst dein Foto hier drinnen?«, fragte Phoebe und erhob 

sich aus dem Sessel. Das war die Chance, Nikos noch mal ins 
Spiel zu bringen. 

Doch bevor sie das Thema anschneiden konnte, erschien Piper 

im Durchgang und schaute zu ihnen herein. »Hallo und auf 

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Wiedersehen, Leute«, sagte sie. »Ich gehe zur Arbeit – zurück 
auf das allabendlich auslaufende Galeerenschiff namens P3.« 

»Halt!«, rief Prue. »Piper, warte. Ich brauche mal kurz deine 

Hilfe.« 

»Wobei?«, fragte Piper argwöhnisch und ließ ihre Tasche 

fallen. 

»Bei meinem Foto für das 415. Ich hab alles schon genau 

geplant«, sagte sie und zeigte ihren Schwestern das 
mythologisch angehauchte Porträt aus dem Bildband. 

»Ich möchte genau so eine Gruppe, aber mit Paaren«, erklärte 

sie. »Vielleicht vier insgesamt. Alle sollen wallende Gewänder, 
Sandalen und Lorbeerkränze tragen, ihr wisst schon, dieser 
ganze antike Griechenland-Kram. Und ich will das Ganze so 
arrangieren, wie man es um die Jahrhundertwende getan hat. Ich 
finde, das ist das ideale Covermotiv, um eine Story über San 
Franciscos viktorianische Architektur einzuleiten.« 

Während sie sprach, hatte sie ihre Kamera zur Hand 

genommen und ein paar Fotos vom Zimmer gemacht. 

»Nur ein paar Testaufnahmen«, erklärte sie. »Doch ich glaube, 

das Ambiente hier ist einfach perfekt.« 

»Das ist eine ausgezeichnete Idee«, stimmte Piper zu. »Doch 

wozu brauchst du mich?« 

»Zum Beispiel wegen deines umfassenden Wissens«, sagte 

Prue. »Du kennst dich doch bestens in der antiken Mythologie 
aus. Soweit ich mich erinnere, warst du die Einzige an der 
Highschool, die freiwillig Latein genommen hat.« 

»Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst, was für eine 

Streberin ich war«, sagte Piper und verdrehte die Augen. 

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»Piper, bitte!«, protestierte Prue. 

»War nur Spaß«, gab sie zurück. »Also, du willst vier Paare 

für dein Foto. Das ist nicht so schwer. Nehmen wir uns mal die 
Götter des Olymp vor. Da hätten wir den großen Zeus und seine 
Hera, dann Artemis und Apollon, diese beiden waren Zwillinge, 
und natürlich die weltberühmten Götter Venus und Mars …« 

»Du bist auch göttlich, Piper«, sagte Prue und drückte ihre 

Schwester fest an sich. »Ich wusste, dass du mir helfen kannst.« 

»Keine Ursache«, meinte Piper und schnappte sich ihre 

Tasche. »Wenn ihr mich aber jetzt entschuldigen würdet, ich 
muss los …« 

»Ähem, tja, das war eigentlich noch nicht alles«, sagte Prue 

und schaute schuldbewusst in die Runde. »Na ja«, erklärte sie, 
als ihre Schwestern sie fragend ansahen. »Ich müsste acht 
Fotomodelle anheuern und …« 

»Das musst du nicht!«, unterbrach Phoebe sie und sprang aus 

dem Rattansessel. 

»Wie meinst du das?«, fragte Prue. 

»Na ja, Nikos wäre das perfekte Model für dieses Foto, vertrau 

mir!«, rief sie. »Und ich glaube, er würde dir gern Modell 
stehen. Ich meine, alles im Interesse der Kunst, versteht sich. 
Und im Interesse meiner Person natürlich auch.« Sie grinste. 

»Mannomann«, entfuhr es Piper. »Ihr beide verliert aber 

wirklich keine Zeit.« 

»Ich bin verrückt nach ihm«, erklärte Phoebe leidenschaftlich 

und ließ sich wieder in den Sessel zurückfallen. »Doch mehr als 
Kaffeetrinken ist bisher noch nicht gewesen. Das Shooting wäre 
doch die perfekte Gelegenheit, die Dinge ein wenig 
voranzutreiben – ein ausgiebiger Fototermin in meinem Haus … 

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Wir könnten die Pausen auf der Veranda verbringen, oder auf 
der Couch …« 

»Phoebe!«, riefen ihre Schwestern wie aus einem Munde. 

»Hey! Darf ein Mädchen nicht auch mal ein bisschen 

träumen?«, gab Phoebe zurück. »Also, was sagst du, Prue? Soll 
ich Nikos fragen, ob er für dich arbeiten will? Bitte, bitte, bitte!« 

Prue seufzte. »Na ja, eigentlich wollte ich ja Profi-Models 

buchen, und Nikos zu engagieren würde die Kosten natürlich 
erheblich senken, aber …«, begann Prue. Als ihr Blick auf 
Phoebes enttäuschte Miene fiel, fuhr sie fort: »Also gut, Nikos 
ist dabei. Jetzt muss ich mich nur noch um sieben Models 
kümmern.« 

»Sechs«, rief Phoebe und sprang wieder auf die Füße. 

»Phoebe, ich kann rechnen«, meinte Prue bissig, »vielen 

Dank.« 

»Warum teure Fotomodelle buchen, wenn du eine perfekte 

und willige Schwester hast?«, meinte Phoebe und stemmte die 
Hände in die Hüften. »Warst nicht du es, die mir noch vor 
wenigen Minuten gesagt hat, wie umwerfend, toll und 
atemberaubend ich sei?« 

»Sagt mal, hab ich vielleicht die Stunde der Wahrheit verpasst, 

oder was?«, witzelte Piper. 

»Phoebe, ich kann bei meiner Arbeit nicht auch noch eine 

hinter Nikos hersabbernde Schwester gebrauchen«, erwiderte 
Prue. »Mit diesen vielen Models wird mich das Shooting 
ohnehin den ganzen Tag kosten.« 

»Sabbernd?«, wiederholte Phoebe. »Das verletzt mich. Ich 

kann genauso professionell sein wie jedes beliebige 
Supermodel, wenn ich auch nicht ganz so knochig bin. Ich 

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schwöre dir, ich bin echt gut. Ich könnte die Hera verkörpern, 
und Nikos könnte diesen Oberheini darstellen, wie hieß er noch 
gleich?« 

»Zeus«, sagte Piper. »Der Göttervater.« 

»Ja, genau der«, meinte Phoebe gedankenverloren. »Das wäre 

doch perfekt!« 

Prue biss sich auf die Lippen. »Also, ich weiß nicht …« 

»Wie wär's damit?«, insistierte Phoebe. »Ich gehe auf den 

College-Campus und suche dir sechs weitere Modelle. Mein 
Gott, die Schule ist voller attraktiver junger Menschen … 
Natürlich wähle ich nur solche aus, die das Ganze auch ernst 
nehmen, versprochen. Mit dieser Maßnahme könntest du deine 
Kosten  wirklich  senken. Was glaubst du, was für einen tollen 
Eindruck das bei deinem Chefredakteur machen würde?« 

»Auf Phoebes verquere Art hat sie damit gar nicht so 

Unrecht«, bemerkte Piper zu Prue. 

Prue runzelte die Stirn und sah ihre jüngste Schwester 

zweifelnd an. Phoebe war schon immer die Schwester Leichtfuß 
der Halliwells gewesen – die chronische Zuspätkommerin mit 
dem stets leer gefahrenen Tank und den selten eingehaltenen 
vollmundigen Versprechungen … Doch seit sie ins Herrenhaus 
gezogen war, hatte sie viel von ihrer Unzuverlässigkeit abgelegt. 
Prue wollte ihr wirklich vertrauen. Und schließlich nickte sie. 

»Okay, okay«, sagte sie. »Du weißt, ich stand dir noch nie im 

Weg, wenn du etwas wirklich wolltest, Phoebe. Und tatsächlich 
würde dein Vorschlag mir sehr helfen, meinen Termin zu halten. 
Doch vergiss nicht, dass eine Menge davon abhängt. Bitte lass 
mich nicht hängen!« 

»Nein, ich werde mich nicht über diese letzte Bemerkung 

ärgern«, sagte Phoebe grinsend. »Wenn es mich nur Nikos näher 

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bringt, besorge ich dir die heißesten Sahnetörtchen, die der 
Campus zu bieten hat. Dein Foto ist so gut wie im Kasten, Prue. 
Vertrau mir.« Glücklich ließ sie sich in den Rattansessel 
zurückfallen. 

»Gut«, sagte Piper. »Dann braucht ihr mich  ja nicht mehr.« 

Zum zweiten Mal pflückte sie ihre Handtasche vom Boden und 
eilte Richtung Haustür. Sie wollte sie gerade öffnen, als Prue 
wie aus dem Nichts vor ihr auftauchte. Genauer gesagt erschien 
ein Schemen ihrer Schwester, der ihr nun mit in die Hüften 
gestemmten Händen den Weg versperrte. 

»Prue!«, rief Piper und verdrehte die Augen. »Du weißt doch, 

dass ich es hasse, wenn dein Astralkörper im Haus 
herumgeistert.« 

Der Schemen löste sich auf. Gleichzeitig trat Prue mit 

schuldbewusster Miene aus dem Wohnzimmer in den Flur. »Ich 
konnte dich noch nicht weggehen lassen, Piper«, sagte sie. »Ich 
hab da nämlich noch ein kleines Attentat auf dich vor.« 

»So?«, fragte Piper. 

»Na ja, Phoebe hatte Recht, was die Kosten und das Timing 

betrifft«, erklärte sie. »Und wie ich schon sagte, die Session 
wird mich den ganzen Tag auf Trab halten, und, tja, ich muss 
die Darsteller ja auch irgendwie verköstigen …« 

»Verstehe ich das richtig? Du willst, dass ich für dich und acht 

Models koche?«, fragte Piper. 

»Und außerdem brauche ich eine Fotoassistentin«, sagte Prue 

schnell und bohrte ihren rechten Zeh ins Parkett. »Bitte, Piper, 
das wird bestimmt total witzig. Und hattest du nicht ohnehin 
vor, ein paar neue Rezepte fürs P3 zu kreieren? Jetzt hättest du 
die Gelegenheit dazu. Und außerdem geht's auch um meinen 

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großen beruflichen Durchbruch. Ich brauche wirklich eure 
Hilfe.« 

Piper biss sich auf die Unterlippe. Natürlich wollte sie Prue 

helfen. Doch gerade diese Bitte verstärkte in ihr das Gefühl, 
dass ihre Schwestern zur Zeit großen Dingen entgegensahen, 
während sie außen vor blieb … und Abendessen kochte. 

»Na ja, nachdem ich ja sowieso nie vor Einbruch der 

Dunkelheit in den Club muss, kann ich wohl nicht nein sagen«, 
sagte sie widerwillig. 

»Danke, Süße«, sagte Prue und drückte ihre Schwester fest an 

sich. »Was würde ich bloß ohne dich tun?« 

»Keine Ahnung. Vielleicht Pizza bestellen?«, sagte Piper 

grinsend, öffnete die Haustür und ging zur Arbeit. 

Am nächsten Tag klingelte es zur Mittagszeit an der Haustür. 

Prue warf noch schnell einen Blick in den Spiegel im Flur, 
bevor sie öffnete. Sie war froh, dass sie Phoebes Rat gefolgt war 
und sich für das pinkfarbene Bustier und das türkisfarbene 
Seidenkapries entschieden hatte. Mit ihrem zu einem losen 
Knoten aufgesteckten schwarzen Haar war sie daher gerade 
noch passend für einen Lunch gekleidet und doch wiederum 
apart genug, um Mitchell zu beeindrucken. 

Als sie die Tür öffnete, verriet sein Gesichtsausdruck, dass sie 

die gewünschte Wirkung durchaus erzielt hatte. 

»Wow …«, hauchte er atemlos. 

»Hallo«, begrüßte Prue ihn und merkte, dass sie wieder rot 

anlief. 

Mitchell trat ein. »Prue, du siehst einfach toll aus.« 

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Dann sah er sich im Foyer um und betrachtete staunend die 

antike Standuhr, die geschwungene Treppe aus Walnussholz, die 
üppig gepolsterten Rosshaarsofas und die Samtvorhange. 

»Also, ich muss schon sagen, dein Haus ist fast so 

überwältigend wie du«, bemerkte er. »Hier lässt es sich leben.« 

»Es ist das Haus meiner Großmutter«, erklärte Prue, die gegen 

einen der mit aufwändigen Schnitzereien verzierten Stühle 
gelehnt stand. »Man kann sagen, sie hatte ein Faible für 
Antiquitäten.« 

»Darf ich einen Vorschlag machen?«, fragte Mitchell, als er 

das Sonnenzimmer betrat. »Dieses viktorianische Foto, das du 
erwähntest … Du solltest es hier aufnehmen. In genau diesem 
Raum.« 

»Du wirst es nicht glauben, aber die Idee hatte ich auch 

schon«, sagte Prue. Als sie ihm in den lichtdurchfluteten Raum 
folgte, konnte sie von der Sonne gebleichte Strähnen in seinem 
Haar entdecken. Auch konnte sie nicht umhin festzustellen, dass 
sein graues Hemd genau die Farbe seiner Augen hatte. »Die 
Fotosession findet in genau zwei Tagen statt – in diesem 
Zimmer.« 

»Wirklich?«, fragte Mitchell. »Ich hätte es mir denken 

können, Prue. Du bist wirklich tüchtig und dazu auch noch so 
unglaublich talentiert.« 

Bei diesen Worten wurde Prue von einem warmen Gefühl 

durchströmt. Bei vielen Männern konnte man solche 
Komplimente mit Fug und Recht als leeres Gefasel abtun, doch 
bei Mitchell klang das alles so aufrichtig. Sie konnte es kaum 
erwarten, einen ganzen Abend mit ihm zu verbringen. 

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»Und?«, fragte sie lächelnd. »Wie sieht's aus? Hast du 

Hunger? Ich schlage vor, du führst mich jetzt zu deinem 
Vietnamesen.« 

 

Zwanzig Minuten später saßen sie an einem kleinen Tisch vor 

dem Bien Hoa, einem winzigen Restaurant im Castro-Viertel. 

Eine ältere weißhaarige Frau servierte ihnen gerade einen 

süßen sahnigen Eistee. »Haben Sie schon gewählt?«, fragte sie 
mit schwerem Akzent. 

Mitchell wandte sich ihr zu und sprach sie auf Vietnamesisch 

an. Prues Augen weiteten sich erstaunt. Offensichtlich hatte sich 
Mitchell gut auf seine Reise in das südostasiatische Land 
vorbereitet. Sie war beeindruckt. 

Die alte Frau schien das ähnlich zu sehen, denn sie antwortete 

ihm mit einem strahlenden Lächeln, und so verlief ihre 
Konversation einige Minuten lang sehr angeregt. Schließlich 
tätschelte sie wohlwollend Mitchells Schulter und ging davon. 

»Wir kriegen die Spezialität des Hauses«, berichtete Mitchell 

lächelnd, als er sich wieder Prue zuwandte. »Sie sagt, wir sollen 
uns überraschen lassen, sie kümmert sich höchstpersönlich 
darum.« 

»Das klingt gut«, erwiderte Prue lachend. »Ich hätte ohnehin 

nicht gewusst, was ich essen soll.« 

»Du wirst diese Küche lieben, das verspreche ich dir«, sagte 

Mitchell. »Aber nun erzähl mir von deiner Arbeit. Wie bist du 
dazu gekommen?« 

Und so berichtete Prue ihm, wie sie ihren trockenen Job als 

Antiquitätenhändlerin gegen den einer Fotografin für das hippe 
Stadtmagazin eingetauscht hatte. »Ich glaube, das war schon ein 

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ziemlich krasser Wechsel«, sagte sie. »Manchmal frage ich 
mich, wie um alles in der Welt ich den geschafft habe.« 

»Ich kenne das Gefühl«, sagte Mitchell. »Glaube mir, wenn 

man so viel reist wie ich, dann vergisst man manchmal sogar, in 
welcher Stadt man gerade aufgewacht ist.« 

Prue lachte. »Weißt du, wir haben National Geographic 

abonniert«, sagte sie. »Ich habe mir einige ältere Ausgaben 
angesehen und auch den Artikel gelesen, den du über Prags 
Jugendszene geschrieben hast. Er war so lebendig, so fesselnd. 
Du bist wirklich sehr gut.« 

Verlegen starrte Mitchell in sein Eisteeglas. »Hör auf, mir um 

den Bart zu gehen, Prue«, sagte er. »Sonst werde ich noch 
überheblich.« 

Doch als er wieder aufblickte und sie ansah, konnte Prue 

sehen, dass er sehr stolz auf seine Arbeit war. 

Schon jetzt fühlte sie sich ihm sehr verbunden. Endlich hatte 

sie einmal jemanden getroffen, der ihre berufliche Begeisterung 
teilte. 

»Komm, erzähl mir ein paar Geschichten aus der Fremde«, bat 

sie ihn. 

Und während Mitchell sie mit einigen ebenso amüsanten wie 

spannenden Erlebnissen auf seinen Reisen unterhielt, brachte die 
ältere Frau ihnen zwei riesige Schüsseln mit einem 
vietnamesischen Eintopf. Er bestand aus viel Gemüse mit 
kleinen Rindfleischstückchen. 

Vorsichtig nahm Prue einen Löffel und war gleich darauf 

entzückt. »Mmmh!«, sagte sie. »Das ist köstlich!« 

»Die Küche fremder Länder zu entdecken ist ein netter 

Nebeneffekt meiner Arbeit«, sagte Mitchell. 

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»Das glaube ich dir aufs Wort«, erwiderte Prue kauend. 

»Aber es ist natürlich nicht halb so spannend wie Bilder für 

die Ewigkeit festzuhalten, so wie du es tust«, fuhr er fort. 
›»Tausend Worte vermögen nicht zu sagen …‹, du weißt schon. 
Moment mal, mir ist da gerade was eingefallen.« 

»Ja?« 

»Hast du schon einen Assistenten für dein Shooting?« 

Prue blinzelte. »Nein, noch nicht«, sagte sie und nahm einen 

Schluck von ihrem süßen Tee. »Eigentlich wollte ich das noch 
mit meinem Fotoredakteur besprechen.« 

»Lass es«, sagte Mitchell. »Ich werde dir assistieren. Nenn es 

unsere zweite Verabredung.« 

»Du?«, fragte Prue nervös. O nein, dachte sie, wie kann ich 

dieses Angebot bloß taktvoll zurückweisen? 

Immerhin musste sie sich schon mit einem Haufen 

Amateurmodels herumschlagen. Und in diesem Chaos auch 
noch Mitchell zu sagen, was er zu tun und zu lassen hatte, 
erschien ihr nicht gerade sehr förderlich für ihre Beziehung. 

»Nichts für ungut, Mitchell«, sagte sie vorsichtig. »Aber du 

bist in erster Linie ein Schreiber. Meinst du, du kommst so ohne 
weiteres mit einem Belichtungsmesser klar und so?« 

»Ich bin in erster Linie Journalist«, korrigierte Mitchell sie. 

»Und dazu ein Absolvent der Columbia Journalistenschule – 
einer sehr traditionsreichen Lehranstalt. Jeder Student dort lernt 
auch das Fotografieren und die Grundlagen für die Assistenz bei 
einem Shooting.« 

Erstaunt starrte Prue ihn an. Konnte dieser Typ eigentlich noch 

perfekter sein? 

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»Und es macht dir nichts aus, Anweisungen von deiner 

Verabredung entgegenzunehmen? Sei gewarnt, ich bin sehr 
kritisch bei meiner Arbeit und führe ein strenges Regiment.« 

»Kein Problem«, meinte Mitchell. »Ich würde dir wahnsinnig 

gern bei der Arbeit zusehen.« 

Während Prue aß, dachte sie über den Vorschlag nach. 

»Okay«, stimmte sie schließlich zu. »Aber nur, wenn das 415 
dich dafür bezahlt. Ich bestehe darauf.« 

»Kommt gar nicht in Frage«, gab Mitchell zurück. »Wegen 

des Geldes mache ich es nicht.« 

»Ach, nein?«, sagte Prue. »Und warum schießt du darin einen 

ganzen Tag Recherche in den Wind, um in meinem Haus 
rumzuhängen. während ich fotografiere?« 

»Darum«, flüsterte Mitchell, beugte sich vor und drückte ihr 

einen warmen weichen Kuss auf die Lippen. Als er sich wieder 
in seinen Stuhl zurücklehnte, grinste er geradezu 
anbetungswürdig. Das Nächste, an das Prue sich erinnerte, war, 
dass sie sich zu ihm herüberbeugte und es ihm gleichtat. Sein 
Kuss war warm und betörend … Sie vergaß alles um sich herum 
– das Essen, die Leute, den Straßenverkehr –, bis die ältere Frau 
mit einem Teller kalter Frühlingsrollen an ihren Tisch trat. 

Peinlich berührt und mit geröteten Wangen fuhren sie und 

Mitchell auseinander. Doch die alte Frau zwinkerte dem 
Journalisten nur zu und kniff ihn mütterlich in die Wange, 
während sie etwas auf Vietnamesisch sagte. 

Als sie wieder fort war, bemerkte Prue, wie sie rot anlief. 

»Was hat die Bedienung zu dir gesagt?« 

»Sie sagte ›Kümmert euch nicht um die alte Frau. Küss dein 

Mädchen weiter‹«, sagte Mitchell. 

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»Das ist doch eine Lüge«, sagte Prue grinsend. 

»Nein, im Ernst«, erwiderte Mitchell und sah ihr tief in die 

Augen. »Und dann sagte sie noch etwas über dich.« 

»So? Was denn?« 

»Sie sagte: ›Dieser Fisch ist magisch. Lass ihn nicht 

davonschwimmen.‹« 

Rasch senkte Prue den Blick und starrte in ihren Suppenteller. 

O Mitchell, dachte sie wehmütig, wenn du nur wüsstest … 

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3

 

»

P

hoebe!

 

Bist du schon wach?« 

Müde hob Phoebe den Kopf von ihrem Kissen und sah 

blinzelnd zur Tür. Ihr Blick fiel auf Prue, die mit einem 
ungeduldigen Gesichtsausdruck im Rahmen stand. 

»Wie spät ist es?«, krächzte sie. 

»Acht Uhr,« sagte Prue gehetzt. »Das Shooting findet in zwei 

Stunden statt, und wir haben noch so viel zu tun …« 

»Als da wäre?«, fragte Phoebe, die sich nun ächzend in eine 

aufrechte Position brachte und dabei herzhaft gähnte. »Ich 
meine, abgesehen von der Tatsache, dass ich sieben Models für 
dich gesucht, gefunden und für zehn Uhr hierher bestellt habe. 
Ich finde, das Einzige, was ich an diesem Tag noch zu tun hätte, 
ist, genug Schönheitsschlaf zu bekommen.« 

Prue lächelte reuevoll und lehnte sich gegen den Türrahmen. 

»Ich weiß«, sagte sie. »Du hast dich für mich wirklich ins Zeug 
gelegt. Ich hatte so viel mit den Kostümen und dem Set zu tun, 
dass ich nicht weiß, was ich ohne deine Hilfe getan hätte.« 

»Dankbar angenommen.« Phoebe grinste und ließ sich wieder 

in die Kissen zurückfallen. 

»Wird Nikos denn nun unter den schönen Collegekids sein 

oder nicht?«, fragte Prue. 

»Was für eine Frage«, meinte Phoebe und grinste ihre 

Schwester an. »Er war total begeistert, als ich ihn im Unterricht 
darauf ansprach. Und stell dir vor, was er gesagt hat: ›Ich? Ein 
griechischer Gott? Du machst Witze …‹ Hach, wunderschön, 
talentiert und bescheiden dazu! Ich muss ihn einfach zu meinem 
Freund machen.« 

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»In diesem Fall solltest du aber schleunigst aufstehen, findest 

du nicht?«, fragte Prue und wedelte mit einer Hand in Richtung 
ihrer Schwester. Im gleichen Moment flog die Bettdecke in die 
Luft und landete auf dem Fußboden. 

Schweigend starrte Phoebe auf ihre nackten Füße. Dann sah 

sie zu ihrer Schwester, die sich über diesen kleinen Streich 
köstlich zu amüsieren schien. »Telekinese vor dem Frühstück, 
Prue?«, knurrte sie und sprang aus dem Bett. »Was bist du doch 
für eine Hexe.« 

»Was du nicht sagst«, kicherte Prue. »Und jetzt schnell unter 

die Dusche. Ich brauche deine Hilfe bei den Kostümen.« 

»Das hört sich nach einem langen Tag an«, grummelte 

Phoebe, als sie im Badezimmer verschwand. Als sie in den 
Spiegel schaute, stellte sie mit Schrecken fest, dass sie dunkle 
Ränder unter den Augen hatte, und auch ihre blonde 
Lockenpracht hatte schon bessere Tage gesehen. Vielleicht ist es 
doch keine so gute Idee gewesen, bis zwei Uhr morgens 
fernzusehen, wo doch heute mein großer Tag mit Nikos 
bevorsteht, dachte sie. 

»Denn man weiß nie, ob der Nächste nicht dein zukünftiger 

Ehemann ist«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. »Also, verbock es 
nicht.« 

»Genau!«, rief sie und sprang kichernd unter die Dusche. 

Im Erdgeschoss flitzte Prue zur selben Zeit mit einem Arm 

voller fein gewobener Gewänder in die Küche. 

Piper warf gerade einen Blick in den Ofen, in dem sie 

Honigbrote backte. Dann wandte sie sich wieder der riesigen 
Schüssel mit Nudelsalat zu, den sie parallel dazu vorbereitete. 

»Piper, das riecht ja köstlich«, bemerkte Prue, als sie die 

Roben vorsichtig über den Küchenstuhl legte. »Mal sehen, ob 

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ich alle Darsteller zusammenhabe: Also, da wären Zeus und 
Hera in der Mitte, weil sie sozusagen die Herrscher des 
Himmels sind, richtig?« 

»Richtig«, bestätigte Piper, während sie die Tomaten für den 

Salat würfelte. »Zeus ist der Herrscher des Olymp, der Boss 
gewissermaßen. Und dann wären da noch Ares, der Gott des 
Kampfes, und Aphrodite, die Göttin der Liebe, besser bekannt 
als Mars und Venus, wie sie bei den Römern hießen.« 

»Heißt das, Mars und Venus waren ein Liebespaar?«, fragte 

Prue lachend. 

»So ist es«, sagte Piper. »Aphrodite war eigentlich die Frau 

des Hephaistos, dem rußigen Schmied und einzigen äußerlich 
unattraktiven Gott auf dem Olymp. Also hatte sie eine Affäre 
mit Ares, dem Gott des Kampfes.« 

»Also, diese griechischen Götter hatten offensichtlich ihre 

ganz eigene Seifenoper, wie es scheint«, meinte Prue, während 
sie goldfarbene Schnürsandalen für die Models bereitlegte. 

»Das kannst du laut sagen! Dabei hab ich noch gar nicht 

richtig angefangen zu erzählen«, sagte Piper und verdrehte die 
Augen. »Also, Artemis und Apollon waren Zwillinge. Artemis 
ist die Göttin der Jagd, und Apollon ist unter anderem der Gott 
der Poesie, des Gesanges und der Musik.« 

»Also muss er die Lyra in Händen halten?«, fragte Prue und 

zog eine kleine goldfarbene Harfe aus einer Kiste mit 
Utensilien, die sie gestern in einem Laden für Theaterbedarf 
ausgeliehen hatte. 

»Ja, genau. Perfekt!«, sagte Piper. »Und last but not least darf 

natürlich das nervöse Pärchen Hades und Persephone nicht 
fehlen.« 

»Wie ist denn ihre Geschichte?«, wollte Prue wissen. 

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Piper huschte zum Ofen, zog das Blech mit den Brotlaiben 

heraus und schob ein weiteres hinein. 

»Hades ist der Gott der Unterwelt, doch dies nicht freiwillig«, 

sagte sie über ihre Schulter hinweg. »Er hat zwei Brüder, Zeus 
und Poseidon. Als sie die Welt unter sich aufteilten, fiel Hades 
das nach ihm benannte Totenreich zu, während Zeus als 
Herrscher über das Himmelreich und Poseidon als Gebieter über 
die Meere aus diesem Handel hervorgingen. 

Hades entführte die junge Göttin Persephone in sein dunkles 

Reich und machte sie zu seiner Frau. Zeus jedoch schickte einen 
Götterboten in die Unterwelt und ließ Hades befehlen, die 
Entführte zu ihrer Mutter Demeter zurückkehren zu lassen. 
Hades gehorchte, steckte Persephone zuvor aber noch einen 
Granatapfelkern in den Mund. So traf sie reichlich benommen 
beim Göttervater ein und musste zur Strafe einwilligen, ein 
Drittel des Jahres bei Hades und den Rest bei ihrer Mutter zu 
verbringen.« 

»Krass«, sagte Prue. »Aber es macht mein Foto bestimmt noch 

interessanter, wenn ich den dunkelsten und geheimnisvollsten 
Charakter aus der Gruppe den Hades verkörpern lasse. Ich kann 
es kaum erwarten zu sehen, wie meine Models eigentlich 
aussehen!« 

»Da musst du nicht mehr lange warten«, sagte Piper, als es im 

gleichen Moment an der Tür klingelte. 

Prue warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Mindestens 

einer von ihnen scheint überpünktlich zu sein«, sagte sie 
stirnrunzelnd und huschte aus der Küche. 

»Warte!«, rief Piper ihr nach, ließ die Brote Brote sein und 

folgte ihr in die Eingangshalle. »Ich will auch schöne Menschen 
sehen!« 

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Prue riss die Eingangstür auf und schnappte nach Luft. Vor ihr 

stand ein großer, stattlicher junger Mann mit dichtem 
glänzendem Lockenschopf und dunkelblauen Augen. Er trug 
zerrissene Zimmermannshosen und ein lässiges T-Shirt, ein 
Outfit, dass jedermann geradezu »Achtung, Künstler!« 
entgegenschrie. Auch schien er schwer an einer Holzbox zu 
tragen, die offensichtlich auf einem Stativ mit drei langen 
Beinen stand. Ein schwarzes Samttuch hing von einem der 
Enden herab. 

»Wow«, wisperte Prue, als sie Piper über die Schulter einen 

Blick zuwarf. »Sieht so aus, als hätten wir unseren Hades schon 
gefunden. Er ist einfach überwältigend!« 

»Prue Halliwell?«, fragte der junge Mann mit einem warmen 

Lächeln. »Ich bin Nikos. Phoebes Freund.« 

»Komm doch herein«, sagte Prue und trat einen Schritt 

beiseite. Sie deutete auf den braunen Kasten, den Nikos jetzt 
hereintrug. »Ist das, was ich glaube, dass es ist?«, fragte sie. 

Nikos stellte das geheimnisvolle Etwas vor ihr ab. »Erraten – 

es ist eine alte Plattenkamera aus dem letzten Jahrhundert«, 
sagte er. »Mein Vater … na ja, man könnte sagen, er ist ein 
Sammler. Er hat 'ne Menge altes Zeug im Keller. Und als ich 
von deinem viktorianischen Thema erfuhr, dachte ich, du 
möchtest vielleicht einen Blick auf dieses Schätzchen werfen.« 

»Und ob ich das möchte!«, rief Prue entzückt. »Die ist einfach 

perfekt. Warum bin ich nicht selbst daraufgekommen? Eine 
Jahrhundertwendekamera mit Einstelltuch und Glasplatten 
anstelle von modernem Film. Die Fotos, die sie macht, werden 
aussehen, als ob sie aus einem anderen Zeitalter stammen. Das 
wird mir meinen Konkurrenten gegenüber einen 
Riesenvorsprung verschaffen. Nikos, wie kann ich dir nur dafür 
danken?« 

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»Nicht der Rede wert«, sagte er mit einem Grinsen. »Für eine 

Schwester von Phoebe würde ich alles tun.« 

»Wie wäre es dann, wenn du Phoebe endlich guten Tag sagen 

würdest?«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Das Trio fuhr herum 
und staunte nicht schlecht, als es Phoebe in einem der luftigen 
griechischen Gewänder vor sich stehen sah. Das Kleid wurde 
durch einen geflochtenen goldfarbenen Stoffgürtel in der Taille 
zusammengehalten und passte gut zu den Schnürsandalen in der 
gleichen Farbe. Ein Oberarmreif und eine einzelne Perle an 
einer Goldkette um ihren Hals komplettierten den Look. Mehr 
noch, Phoebe wirkte, als ob sie soeben einem griechischen 
Götterdrama entstiegen wäre. 

»Phoebe, du siehst einfach umwerfend aus!«, rief Nikos. 

»Und du erst!«, meinte Phoebe. »Einfach perfekt für unser 

Foto.« 

»Ich hab mein Kostüm in der Küche gefunden und mich schon 

mal umgezogen«, erklärte sie Prue, als sie heranrauschte und 
Nikos einen zärtlichen Kuss in den Nacken gab. »Hallo, mein 
olympischer Gott!«, säuselte sie. 

»Ach du liebe Güte«, murmelte Piper und verdrehte die 

Augen. »Komm, Prue, lass uns ein Kostüm für Hades 
aussuchen.« 

Prue nahm die wertvolle Kamera an sich und verließ mit ihrer 

Schwester das Foyer, sodass Phoebe und ihre neueste Eroberung 
einen Moment lang ungestört sein konnten. 

»Das ist der Beweis«, sagte Nikos zu Phoebe. »Du bist in 

jeder Epoche eine Schönheit, sei es nun in der Antike, im 
viktorianischen Zeitalter oder in der Gegenwart …« 

»Ach, Quatsch«, unterbrach sie ihn und klimperte mit ihren 

goldfarbenen Wimpern. »Mach weiter …« 

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»Wie du willst«, sagte Nikos und kam einen Schritt auf sie zu. 

Jetzt wird er mich endlich küssen, dachte Phoebe und schloss 

die Augen. Mein Plan hat ja super funktioniert! 

Rrrring! 

»Ups«, machte Nikos und wich erschrocken zurück. »Ich 

glaube, es hat gerade an der Tür geklingelt.« 

»Scheint so«, seufzte Phoebe. Irritiert öffnete sie. Es war 

Chloe, eine blonde Schönheit mit blassem, fast durchsichtigem 
Teint. Ihr perfekter Schmollmund war zu einer blasierten 
Schnute verzogen. Als Phoebe sie auf dem Campus entdeckte, 
hatte sie sofort gewusst, dass sie die Richtige für Prues 
Gruppenfoto war. Leider hatte sie nicht wissen können, dass 
Chloe das Gehabe eines Supermodels an den Tag legen würde. 
Sie seufzte und rollte mit den Augen. Aber was hab ich denn 
erwartet?, fragte sie sich. 

Neben Chloe stand ein ziemlich attraktiver, muskulöser Mann. 

Er hatte kurzes braunes Haar und trug eine ausgebeulte Tasche 
bei sich, die offensichtlich allerlei Zeug enthielt. 

»Hi, ich bin Mitchell«, sagte er freundlich und reichte Phoebe 

die Hand. »Ich werde Prue bei dem Shooting assistieren.« 

Endlich beschloss auch Chloe, ihr Schweigen zu brechen. 

»Hallo, Phoebe«, sagte sie träge. »Scheint, ich bin hier richtig. 
Es wurde doch hoffentlich für Make-up und Haarstyling gesorgt, 
oder?« 

»Ich glaube, das ist mein Job«, seufzte Phoebe und schob das 

Mädchen in die Küche. Dann sah sie zu Nikos und verzog das 
Gesicht. »Schätze, wir müssen an die Arbeit«, flüsterte sie ihm 
zu. 

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»Kein Problem. Ich werde mir merken, wo wir stehen 

geblieben waren«, flüsterte er zurück und zwinkerte ihr zu. 

Okay!, jubelte Phoebe innerlich. Alles nach Plan! 

 

Eine Stunde später bevölkerten vier Männer und drei Frauen 

die Halliwellsche Küche. 

Alle waren gewandet in goldgefasste hauchdünne Stoffbahnen 

und gegürtete Chitons, und alle standen in griechischen 
Schnürsandalen in der Gegend herum. Der Küchentisch war 
überladen mit antiken Waffen, Lyras und Hirtenflöten. Und die 
Luft war geschwängert von den weltbewegenden Themen 
amerikanischer Collegestudenten. 

»Und da sagte ich zu dem Prof: ›Sie müssen mich zulassen, 

immerhin hatte ich an dem Tag ein Vorsprechen‹«, sagte Kurt, 
der strohblonde Darsteller des Apollon. 

»Ist ja ein Ding«, meinte Madelaine, eine beeindruckende 

Rothaarige im vollen Hera-Outfit, die gerade auf einem von 
Pipers Canapés herumkaute. »Kann mir eigentlich jemand 
sagen, ob diese Hors d'œuvres fettfrei sind?« 

Phoebe hielt sich unterdessen mit Nikos und Mitchell im 

Sonnenzimmer auf. Der Journalist war gerade dabei, 
Reflektoren aufzustellen, während Nikos und Phoebe wieder 
einmal flirteten. 

»Also, ich muss schon sagen, Nikos, du hast echt tolle Beine«, 

bemerkte Phoebe und starrte unverhohlen auf das kurze Gewand 
ihres Fast-Freundes. 

»Ich wette, dass sagst du zu allen Göttern«, witzelte er. 

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Phoebe lachte. »Warum? Du bist doch der einzige Gott, den 

ich kenne und …« 

»Phoebe!« 

Sie zuckte zusammen und fuhr herum. Da stand Prue neben 

der Plattenkamera im Eingang des Sonnenzimmers. Sie trug 
einen bequemen Overall und einen ziemlich sauren 
Gesichtsausdruck zur Schau. 

»Prue!?«, rief Phoebe alarmiert. 

»Prue!«, rief Mitchell erfreut. 

»Hallo, Mitchell«, begrüßte sie ihn und versuchte ein Lächeln 

in Richtung ihres anbetungswürdigen Assistenten, während sie 
gleichzeitig wütend ihre jüngste Schwester fixierte. 

»Ähem, gibt's ein Problem?«, fragte Phoebe und warf einen 

Blick durch das Wohnzimmer in die überfüllte Küche. »Die 
Crew scheint jedenfalls ganz zufrieden zu sein.« 

»Ja … aber ist dir zufällig aufgefallen, dass wir eine 

Darstellerin zu wenig haben?«, fragte Prue so ruhig wie 
möglich, obwohl sie innerlich kochte. 

Ich hätte mich nicht auf Phoebe verlassen dürfen, dachte sie. 

Natürlich musste wieder irgendwas schief gehen. 

»Das kann doch gar nicht sein«, sagte Phoebe leise. »Ich hatte 

von allen eine Zusage.« 

»Tatsache ist, eins der Mädchen ist nicht erschienen«, sagte 

Prue knapp. »Und das heißt, wir haben ein Riesenproblem.« 

In diesem Moment kam Piper mit einem Tablett ins 

Sonnenzimmer. »Phoebe, du musst unbedingt mal meine 
frittierten Krabben probieren«, sagte sie und reichte ihrer 

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Schwester die köstlich riechenden Vorspeisen. »Keins der 
Models will sie anrühren, weil sie in Fett gebacken sind.« 

»Nicht jetzt, Piper«, sagte Phoebe. »Wir haben nämlich ein 

großes … Moment mal … Piper.« Sie lächelte ihre Schwester 
strahlend an. 

Prues Augen weiteten sich vor Erstaunen, als sie ahnte, was 

Phoebe vorhatte. Doch eine Sekunde später bemühte auch sie ihr 
süßestes Lächeln. »Piper …«, begann sie. 

Das war der Moment, in dem Pipers Kinnlade herunterklappte, 

sie sich gleichzeitig auf dem Absatz umdrehte und zurück in die 
Küche schoss. »O nein!«, rief sie ihren Schwestern über die 
Schulter zu. »Diesen Ton in deiner Stimme kenne ich, Prue. Ihr 
wollt noch einen Gefallen von mir, stimmt's? Und ich weiß 
schon jetzt, dass mir euer Ansinnen nicht gefallen wird.« 

»Aber du würdest in diesem Teil so hübsch aussehen«, meinte 

Prue und hielt das letzte verbliebene Kostüm in die Höhe, ein 
kurzes, in Falten gelegtes Kleidchen. 

»Und … du liebst griechische Küche!«, fiel Phoebe ein. 

»Unbedingt, Phoebe«, sagte Piper grimmig und knallte das 

Tablett auf die Küchentheke. »Unbedingt.« 

»Du hast Recht«, sagte Prue. »Wir brauchen unbedingt deine 

Hilfe. Eines der Models ist nicht gekommen, und wenn du nicht 
für sie einspringst, geht mein ganzer Tagesplan zum Teufel und 
damit auch meine große Chance beim 415.« 

»Okay, okay«, sagte Piper. »Ich mache es. Aber versteckt 

mich bitte irgendwo in der Menge. Das ist mir alles so 
gottverdammt peinlich …« 

 

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Kurz darauf hatte Prue die Darsteller auf diversen antiken 

Möbelstücken im Sonnenzimmer arrangiert. 

Mit Mitchells Hilfe posierten sie in klassischen Posen: Joey, 

der den Ares verkörperte, hielt grimmig einen Speer in die 
Höhe, während Aphrodite, auch bekannt unter dem Namen 
Piper, sich schüchtern über seine Schulter beugte. Dabei zerrte 
sie unentwegt am kurzen Saum ihres Röckchens und zog 
unbehaglich den Kopf ein. 

Phoebe alias Persephone, die von Hades geraubte Braut, 

musste in einer dramatischen Geste die Hand gegen ihre Stirn 
pressen und sich von Nikos abwenden, der den Gott der 
Unterwelt darstellte. 

»Mhm, Phoebe«, flüsterte Mitchell ihr zu, »findest du es 

richtig, so nah bei Hades zu sitzen? Ich meine, immerhin 
verabscheust du deinen ungeliebten Ehemann zutiefst.« 

»Pssst«, machte Phoebe, zwinkerte ihm zu und rückte noch ein 

bisschen näher an Nikos heran. 

Mitchell zwinkerte zurück und hielt ihr einen 

Belichtungsmesser ans Gesicht. »Sieben Komma vier, Prue«, 
verkündete er. 

»Großartig«, sagte Prue und verschwand unter dem 

Einstelltuch der Kamera. »Ja, das sieht gut aus. Alles bereit?« 

»Eigentlich fühle ich mich nicht sonderlich gut«, ließ sich nun 

Chloe vernehmen, die Platinblonde, die die Artemis darzustellen 
hatte. Sie musste mit Pfeil und Bogen gegen eine der Wände 
zielen, während sie gleichzeitig einen glutvollen Blick in die 
Kamera werfen sollte. »Diese Canapés waren einfach zu salzig. 
Mir klebt die Zunge am Gaumen. Könnte ich bitte ein Glas 
Stilles Wasser haben? Aber nur Stilles Wasser, auf keinen Fall 
Mineralwasser.« 

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Prue stemmte die Fäuste in die Hüften und war kurz davor, der 

Primadonna mitzuteilen, was diese von ihr aus mit dem Stillen 
Wasser machen könne, als Mitchell ihr besänftigend eine Hand 
auf die Schulter legte. 

»Natürlich, ich hole dir das Wasser«, sagte er zu Chloe. 

»Evian oder Pellegrino?« 

»Evian«, orderte Chloe. 

»Du bist ein wahrer Heiliger«, raunte Prue Mitchell zu und 

grinste. 

»Wozu sind Assistenten sonst da?«, flüsterte er zurück. Dann 

verschwand er in Richtung Küche, um das Gewünschte zu 
besorgen. 

Prue tauchte wieder unter das Samttuch und fühlte ein 

erregendes Prickeln in sich. Dies würde ein einmaliges Foto 
werden. Sie konnte es schon im wahrsten Sinne des Wortes 
bildlich auf dem Cover des Magazins sehen. 

»Sieht schon fast perfekt aus«, rief sie. »Also, Phoebe, wenn 

du dich jetzt von Nikos losreißen könntest, und Piper, wenn du 
bitte ein bisschen weniger erschreckt dreinschauen würdest, 
mache ich jetzt das erste Bild.« 

»Wer ist gestorben und hat aus ihr Annie Leibovitz 

gemacht?«, nörgelte Piper leise durch ihr aufgesetztes Lächeln, 
während Phoebe ein Prusten unterdrückte. 

»Okay«, sagte Prue, während sie ihr altertümliches Blitzgerät 

in die Höhe hielt. 

Psfffflttt! 

Piper sah das Licht aufflammen und war für einige Sekunden 

geblendet. Gleichzeitig stöhnte sie vor Schmerz auf. Der Grund 

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dafür lag ihr zu Füßen, genauer gesagt lag er mitten drauf. Kurz: 
Ares war kollabiert, aus ihren Armen geglitten und am Boden 
zusammengesunken. 

»Prue …«, sagte Piper und sah sich um. Nikos, Chloe … und 

all die anderen College-Schönheiten lagen ebenfalls reglos auf 
dem Parkett. Nur Phoebe saß aufrecht an ihrem Platz und 
blinzelte verwirrt in die Gegend. 

Prues Kopf kam hastig unter dem Tuch hervor; in ihren Augen 

blitzte Panik auf. 

»Was zum Teufel ist passiert?«, keuchte sie, rannte nach vorne 

und beugte sich über Kurt alias Apollon. Sie stieß ihn sanft an 
und legte dann ihr Gesicht an das seine. »Er atmet«, sagte sie. 

»Hera auch«, berichtete Piper und ließ Madelaines Hand 

wieder los, die daraufhin schlaff herabfiel. »Genauer gesagt 
schnarcht sie.« 

Phoebe hatte sich über Nikos gebeugt. »Er sieht so friedlich 

aus«, sagte sie. »Sie sind einfach alle … in Schlaf gefallen.« 

»Scheint so«, sagte Prue und stieß Kurt erneut an. Er öffnete 

leicht den Mund und tat einen leisen Schnarcher, doch er wachte 
nicht auf. »Da liegen sie und … können nicht aufstehen.« 

»Ein Glas Evian mit Strohhalm kommt sofort!«, kam es 

plötzlich aus Richtung Küche. 

»Mitchell!«, rief Phoebe alarmiert. 

Aus den Augenwinkeln konnte Piper die Stiefelspitzen des 

Journalisten in den Wohnraum spazieren sehen. Ohne groß 
nachzudenken, wedelte sie mit der Hand und fror die Zeit ein. 
Das Schnarchgeräusch von Hera und das Ticken der Standuhr 
verstummten im gleichen Moment. Was nicht weiter tragisch 
war, da die Zeit ohnehin still stand. 

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»Gute Reaktion, Piper«, lobte Phoebe und sah sich ratlos im 

Sonnenzimmer um. »Ich weiß nicht, was hier geschehen ist, 
aber es ist ganz bestimmt etwas Übernatürliches im Spiel.« 

»Was bedeutet, dass Mitchell lieber nichts davon erfahren 

sollte«, beendete Prue den Gedanken für sie. Sie flitzte zu dem 
hölzernen Durchgang, der das Sonnenzimmer vom Wohnraum 
trennte, und schloss den blassgrünen Vorhang zwischen den 
beiden Räumen. 

Gerade rechtzeitig, denn nur Sekunden später kam wieder 

Leben in den Journalisten, und er setzte seinen Weg ins 
Wohnzimmer fort. Als er das Sonnenzimmer betreten wollte, 
versperrten ihm Prue und der Vorhang den Weg. 

»Was? Jetzt schon Pause?«, fragte er verwundert. »Ich dachte, 

du führst ein strenges Regiment?« 

»Ähem …«, stotterte Prue. 

»Mir sind beide Träger gerissen«, kreischte Phoebe aus dem 

Sonnenzimmer. »Wir haben ein Kostümproblem hier drinnen 
und müssen uns umziehen. Ich stehe so gut wie nackt da, also 
nicht reinkommen, hörst du, Mitchell!« 

»Ja, so ist es«, platzte Prue heraus. Innerlich krümmte sie sich 

angesichts einer solch plumpen Lüge. Doch nun konnte sie aus 
dieser Nummer nicht mehr raus. 

»Kaum zu glauben, wie fummelig diese Kostüme sind«, 

ereiferte sie sich künstlich, während sie Mitchell ins Foyer 
schob. »Ich werde sie alle wieder zurück in den Verleih bringen 
und welche verlangen, die ein bisschen mehr aushaken.« 

»Das kann ich doch für dich erledigen«, bot Mitchell an. 

»Immerhin bin ich der Assistent.« 

»Nein!«, schrien Piper und Phoebe aus dem Sonnenzimmer. 

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»Ähem … was sie meinen, ist, dass die ganzen Bestellungen ja 

auf meinen Namen liefen. Ich werde mich wohl persönlich 
darum kümmern müssen, und dann wiederholen wir das 
Shooting am Nachmittag.« 

Sie öffnete die Haustür. 

»Insofern kann ich dich wirklich nicht guten Gewissens länger 

hier festhalten«, fuhr sie fort und schob Mitchell über die 
Schwelle nach draußen. »Aber du warst einfach großartig, danke 
für deine Hilfe. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich getan hätte. 
Also dann, auf Wiedersehen!« 

»Warte«, rief Mitchell und stellte seinen Fuß zwischen die 

Tür, als Prue diese gerade zuwerfen wollte. »Was ist mit heute 
Nachmittag? Brauchst du denn keinen Assistenten für die 
Fortsetzung des Shootings?« 

»Weißt du«, sagte sie und bedauerte zutiefst, Mitchell nun 

endgültig abservieren zu müssen, »du bist ein hervorragender 
Assistent, aber ich glaube, ich arbeite lieber allein.« 

»Nun …«, sagte Mitchell langsam. »Ich finde, das ist 

verständlich.« 

»Großartig!«, meinte Prue und versuchte erneut, die Tür hinter 

ihm zu schließen. 

»Prue!«, rief Mitchell, während er sie abermals daran hinderte. 

»Wenn ich schon nicht dein Assistent sein darf, so gehe 
wenigstens morgen Abend mit mir essen. Ich würde dich 
wirklich gern wieder sehen.« 

»Sehr gern!«, sagte sie hastig und fühlte Panik und 

Erleichterung zugleich. Vielleicht bestand ja doch noch eine 
Chance, aus diesem ganzen Dilemma herauszukommen, ohne 
dass sie es sich völlig mit Mitchell verdarb. »Warum holst du 

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mich nicht einfach um acht Uhr hier ab, okay? Wir sehen uns 
also morgen!« 

Endlich gelang es ihr, die Tür zu schließen. Schwer atmend 

lehnte sie sich von innen dagegen. Sie hasste diese peinlichen 
und kniffligen Situationen, von denen es in ihrem kurzen 
Hexenleben schon mehr als genug gegeben hatte. 

Seufzend ging sie zurück ins Wohnzimmer und zog den 

Vorhang beiseite. Piper und Phoebe saßen schweigend am 
Boden und schauten betreten auf die schlafenden Amateur-
Models. 

»Wir haben sie noch mal untersucht«, berichtete Piper. »Es 

scheint ihnen gut zu gehen bis auf die Tatsache, dass sie alle in 
einen geradezu komatösen Schlaf gefallen sind.« 

»So viel zu meinen großen ›Nach-dem-Fototermin‹-Plänen mit 

Nikos«, sagte Phoebe tonlos und stieß den anbetungswürdigen, 
aber reglosen Körper ihres Liebsten an. 

»Und so viel zu meinem Coverfoto für das 415!«, rief Prue 

wütend. »Und das alles habe ich deinem feinen Freund hier zu 
verdanken. Was glaubst du, was er ist? Ein Dämon oder ein 
Hexer? Schwer zu sagen bei einer so göttlichen Erscheinung.« 

»Warum glaubst du, dass es Nikos' Schuld ist?«, protestierte 

Phoebe und sprang auf ihre sandalenbeschuhten Füße. »Die 
Kamera gehört ihm nicht einmal. Er sagte doch, dass er sie im 
Keller seines Vaters gefunden hat. Sie hätte von überall her 
stammen können.« 

»Richtig, Phoebe«, erwiderte Prue eisig, während sie die 

Negativplatte aus der Kamera zog und in einem metallenen 
Schutzbehälter verstaute. »Und weißt du was? Das alles 
interessiert mich im Moment einen feuchten Kehricht. Alles, 
was ich weiß, ist, dass du ihn hier angeschleppt hast. Und jetzt 

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liegen sechs besinnungslose Leute, die unter irgendeinem 
perversen Bann stehen, in unserem Wohnzimmer. Mein 
ruiniertes Shooting ist nichts im Vergleich zu dem Ärger, den 
wir kriegen werden, wenn wir diese Models nicht wieder 
beleben können.« 

»Da hat sie Recht«, meinte Piper, zog an ihrem noch immer zu 

kurzen Röckchen und biss sich auf die Unterlippe. 

»Ich verstehe das alles nicht«, murmelte Phoebe und 

umrundete die Kamera. »Für mich sieht das Ding aus wie ein 
ganz gewöhnlicher alter Fotoapparat.« Sie legte eine Hand auf 
den Kasten, und im gleichen Moment durchlief ein leichtes 
Beben ihren Körper. Sie schnappte nach Luft und schloss die 
Augen. Sie konnte es kommen fühlen – eine ihrer Visionen 
stand bevor. 

Und dann ging sie durch einen dunklen, sumpfigen Wald. Als 

sie zu Boden blickte, sah sie, wie ihre Sandalen in dem 
morastigen Fußweg versanken. Die Bäume um sie herum 
wirkten wie dürre Skelette, und von fern war ein unheimliches 
Kreischen zu hören. 

Sie sah sich um, aber es war zu neblig, um Genaueres 

erkennen zu können. Doch Moment mal! Versteckten sich nicht 
dort hinter den Bäumen geisterhafte Schemen, wie um ihr 
aufzulauern? Sie verspürte schreckliche Angst, und doch hatte 
dieser Ort auch etwas … Vertrautes. 

In diesem Moment wurden ihre Sinne abrupt aus der Szenerie 

gerissen und tauchten wieder ein in die Gegenwart. Als sie 
blinzelnd die Augen öffnete, erkannte sie ihre Schwestern, die 
sich mit besorgten Mienen über sie beugten. Sie war direkt 
neben der Kamera zu Boden gestürzt. 

»Eine Vorhersehung?«, fragte Piper. 

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»Uh – ja«, krächzte Phoebe. »Ich war in einem Sumpf, keine 

Ahnung, wo das war. Aber irgendwas lässt mich ahnen, dass 
unsere Models jetzt genau dort sind.« 

Prue und Piper sahen einander an. 

»Das Buch der Schatten«, sagte Prue. 

»Du nimmst mir die Worte aus dem Mund«, antwortete Piper. 

Und schon eilten die drei Schwestern die Treppe hinauf zum 

Speicher. 

Der Dachboden war voll gestellt mit alten Rosshaarsofas, 

Stühlen aus Weidengeflecht, abgewetzten Kleiderpuppen und 
verrosteten Vogelkäfigen. Doch die Mitte des Raums war von 
altem, ausrangiertem Krempel verschont geblieben. Dort stand 
ein antikes Lesepult, auf dem das riesige ledergebundene Buch 
der Schatten 
lag. 

Wie schon so oft beugten sich die drei Schwestern über den 

alten Folianten, und Phoebe begann durch die Seiten zu blättern. 

»Mal sehen …«, murmelte sie. »Fotos, Schlaf, 

Verwünschungen, Kamera … Ah! Kamera.« 

Piper und Prue hörten aufmerksam zu, als sie laut vorlas. 

»›Primitivere Kulturen wurden lange für ihren Glauben 

verlacht, dass eine Kamera die Seele des Fotografierten zu 
stehlen vermag. Nur wenige unter den Sterblichen wissen 
jedoch, dass eine Kamera auch das Portal zu Orten auf der 
anderen Seite sein kann.‹« 

»Portal zu Orten auf der anderen Seite?«, fragte Piper. »Was 

und wo genau soll das sein?« 

»Du kennst doch das Buch«, seufzte Prue. »Kryptisch wie eh 

und je.« 

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›»Bei einer verzauberten Kamera wird die Seele von einem 

Strudel aus Energie mitgerissen‹«, fuhr Phoebe fort. ›»Sie muss 
durch ebendieses Portal wieder heimgeführt werden.‹« 

»Klingt, als ob wir durch diese Kamera reisen und die Seelen 

der Models wieder zurückholen könnten«, überlegte Prue. 

»Aber uns hat die Kamera doch gar nicht mitgenommen«, 

stellte Piper fest. »Wahrscheinlich haben unsere Kräfte uns 
davor beschützt. Wie wollen wir es also anstellen?« 

Die drei Schwestern sahen sich einige Sekunden lang 

schweigend an. Dann riefen sie wie aus einem Mund: 
»Zauberspruch!« 

»Gut, mal sehen, was wir zu Stande bringen«, sagte Phoebe 

und blätterte wieder durch das Buch. »Hört mal, wie wäre es 
hiermit: ›Auf dass wir von nun an Sterbliche seien‹«, las sie. 

»›Sodass man uns führe zu jenem Ort, und uns die Kräfte 

wieder verleihen, sobald wir eintreffen ebendort!‹«, beendete 
Prue den Spruch, während Piper rasch die Zeilen mitschrieb. 

»Ich glaube, das dürfte klappen«, meinte Phoebe und schlug 

das Buch wieder zu. »Und jetzt lasst uns schnell nach unten 
gehen und durchstarten.« 

Grrrrrrrrr. 

»Moment mal«, sagte Piper und warf einen Blick über ihre 

Schulter in den im Dunkeln liegenden hinteren Teil des 
Dachbodens. »Habt ihr das auch gehört?« 

»Was denn?«, fragte Prue, die schon auf dem Weg zur Treppe 

war. 

GRRRRRRRRR! 

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»Okay, wartet mal 'ne Minute«, sagte Phoebe mit zitternder 

Stimme und ergriff Pipers Arm. »Jetzt habe ich es auch gehört.« 

Grrrrr-OWR! 

Mit einem weiteren schrecklichen Knurren kam plötzlich 

etwas aus der hintersten Ecke des Speichers hervor. In dem 
dämmrigen Licht meinte Phoebe den Eindringling schemenhaft 
zu erkennen. Es war ohne Frage eine Art Tier, und es kam 
näher. 

Kurz darauf stieß sie einen gellenden Schrei aus. 

Das Tier war ein Hund, ein monströser, bösartiger 

Riesenhund. Seine unglaublichen Muskeln spielten unter dem 
glänzenden Fell bei jedem Schritt, den er tat. Die 
rasiermesserscharfen Klauen schlugen hörbar in die 
Bodendielen des Speichers, als er knurrend auf sie zukam. 

Doch das Schrecklichste an dieser Höllenkreatur war, dass sie 

nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei Furcht erregende 
Köpfe besaß, die nun geifernd nach ihnen schnappten. 

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»

G

ütiger Gott!«,

 

schrie Piper und wedelte panisch mit den 

Händen. Die dreiköpfige Bestie fror auf der Stelle ein. Eine ihrer 
mit Reißzähnen bewehrten Schnauzen war nur wenige 
Zentimeter von Pipers Kehle entfernt. 

»Ooo-kay«, sagte Phoebe, sichtbar um Fassung bemüht. »Das 

ist neu.« 

In diesem Moment kam Prue wieder die Stufen zum 

Dachboden heraufgerannt, um ihren Schwestern zu helfen. Sie 
rang hörbar nach Luft, als sie die drei aufgerissenen Mäuler der 
Bestie sah, ihre sechs blutunterlaufenen gelben Augen und den 
massiven, vor Muskeln strotzenden Körper von der Größe eines 
Grizzlybären. 

Sie konnte ihren Blick kaum von der abscheulichen Kreatur 

abwenden, als sie fragte: »Irgendwelche Vorschläge?« 

»Schickt ihn zurück in die Hölle!«, jammerte Phoebe außer 

sich. 

»Aber wie?«, fragte Piper. Niemand antwortete, denn in 

diesem Moment kam wieder Leben in die Bestie, und sie 
schnappte abermals knurrend nach den Schwestern. 

Prue machte eine Handbewegung, und der Hund flog in 

hohem Bogen quer durch den Dachboden. Er krachte hart in 
einen Standspiegel, sodass die Splitter durch den ganzen Raum 
flogen. Doch das Tier schien nicht ansatzweise verletzt zu sein. 
Im Gegenteil, nur noch wütender kam es jetzt auf Prue 
zugerannt. 

Grrr-ROWR! 

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Prue vollführte einen Roundhouse-Tritt gegen seine mächtige 

Brust, und die Bestie wurde wieder zurückgeschleudert. Schnell 
versetzte sie ihr einen Schlag mit dem Unterarm, sodass das Tier 
die Treppe hinunterstürzte und hart am unteren Absatz 
aufschlug. 

AAAAAAARRRP!, jaulte es. 

»Endlich scheint das Vieh was abbekommen zu haben!«, rief 

Phoebe hoffnungsfroh und sah sich hektisch nach einer Zuflucht 
um. Da fiel ihr Blick auf eine alte Lampe, die sie vor einigen 
Wochen auf dem Speicher zwischengelagert hatte, weil das 
Kabel zu heiß geworden war und die Ummantelung 
durchschmort hatte. Sie hatte sich vorgenommen, das gute Stück 
reparieren zu lassen, wenn es ihre Zeit zuließ. 

»Physik war zwar noch nie meine große Stärke«, sagte sie, 

»aber ich hab da eine Idee.« Sie wandte sich an Piper. »Du 
spielst den Köder.« 

»Was?«, quietschte Piper. »Hast du gerade ›Köder‹ gesagt?« 

»Prue«, fuhr Phoebe fort und drückte ihr den Stecker der 

Lampe in die Hand, »Stöpsel den mal ein.« 

Prue tat, wie ihr geheißen. Gleichzeitig pulte Phoebe 

vorsichtig die Gummiisolierung vom Kabel, sodass schließlich 
nur noch der nackte Draht übrig blieb. Dann nahm sie die 
Lampe zur Hand und legte das Kabel quer über den oberen 
Absatz der Treppe. 

Grrrrr. 

Das nervenzerfetzende Knurren war nicht mehr weit. Der 

Hund hatte mit dem Wiederaufstieg in den Speicher begonnen. 

»Phoebe«, sagte Piper mit zitternder Stimme. »Ich finde, der 

Köter klingt irgendwie ziemlich sauer.« 

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»Bleib da stehen und beweg dich nicht«, wies Phoebe sie an. 

»Und halte dich bereit, die Bestie einzufrieren, falls es nötig 
werden sollte.« 

GRRRRRRRR! 

»Er kommt!«, schrie Piper. 

Phoebe konnte hören, wie der Riesenhund die letzten Stufen 

zum Dachboden im Sprint nahm – das Knirschen seiner 
mächtigen Kiefer und Klauen, das Knurren und das Grollen 
wurden immer lauter. Schon erschien der erste Kopf auf dem 
Treppenabsatz und schnappte nach Piper. 

»Phoebe!«, kreischte sie in höchster Not. 

»Jetzt!«, rief Phoebe und spannte das Kabel, als die Bestie 

gerade ihren ersten Schritt in den Dachboden tun wollte. Der 
freiliegende Draht erwischte sie direkt an der Brust; brutzelnd 
verschmorte das Fell und auch das Fleisch darunter. Die Bestie 
jaulte und heulte, ihre drei Köpfe zuckten hin und her. Es roch 
nach verbranntem Fleisch und Fell, ein Funkenregen nach dem 
anderen stob durch die Luft, und die Schwestern zogen sich 
langsam in den hinteren Teil des Dachbodens zurück. 

Und plötzlich, mit einem fürchterlichen Heulen, bäumte sich 

das Tier ein letztes Mal auf, bevor es in einem Feuerball 
explodierte. 

Dann trat Stille ein. 

Phoebe, die sich auf den Boden geworfen hatte, hob langsam 

den Kopf. Die Kreatur war verschwunden, nur eine kleine 
schwarze Rauchwolke zeugte von dem zurückliegenden Kampf 
mit dem Monsterhund. Hinter ihr hatten sich ihre Schwestern in 
eine der Ecken gekauert. Jetzt erhoben sie sich mit weichen 
Knien und kamen zu Phoebe. 

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»Bist du okay?«, fragte Prue. 

Sie nickte. 

»Lasst uns zur Kamera gehen!«, sagte Piper. 

Während die drei Schwestern durch die Eingangshalle eilten, 

sagte Prue: »Ich muss einen Fernauslöser anbringen, damit wir 
alle drei vor der Kamera sitzen können, wenn ich das Foto 
mache.« 

»Okay, ich besuche unterdessen unsere schlafenden 

Schönheiten«, sagte Phoebe. Sie rannte ins Sonnenzimmer und 
sah nach den bewusstlosen Models. 

»Ich habe den Spruch!«, rief Piper und wedelte mit einem 

Blatt Papier. 

Prue wollte gerade das lange Selbstauslöserkabel aus ihrer 

Fototasche nehmen, als sie ein Geräusch vernahm. Ein 
schreckliches Geräusch. 

Ca-caw, ca-CAW! 

Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und sie fröstelte, als sie 

aufsah. 

»Piper! Phoebe!«, schrie sie, als sie taumelnd auf die Füße 

sprang. 

Mitten auf der alten Boxenkamera saß eine Kreatur, die noch 

grotesker aussah als der dreiköpfige Hund, falls das überhaupt 
möglich war. Sie hatte einen Frauenkopf – das Gesicht war 
kalkweiß, mit Hakennase und einem lippenlosen Mund. Der 
Torso war schuppig und hatte vage menschliche Formen. Doch 
dort, wo sich normalerweise die Arme befinden sollten, saßen 
zwei riesige lederne Schwingen, und anstelle von Beinen hatte 

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die Kreatur Greifvogelklauen. Lange Schwanzfedern 
vervollständigten das skurrile Bild. 

»Was zum Teufel macht …«, entfuhr es Piper. 

Doch Prue wollte sich im Moment nicht mit der Frage 

aufhalten, was diese Kreatur vorhatte. Stattdessen schoss ihr 
Zauberarm vor und beförderte das Vogelwesen in die Lüfte. 

Das Biest stieß ein schreckliches Kreischen aus, doch bevor es 

mit der Wand zu kollidieren drohte, breitete es seine Schwingen 
aus und blieb in der Luft hängen. Dann flatterte es kreischend 
geradewegs aus Prues telekinetischem Energiestrahl heraus und 
unter die Decke. 

»Pass auf die Models auf!«, rief Prue, als die Kreatur 

Anstalten machte, ins Sonnenzimmer zu fliegen. 

Piper hetzte hinüber, doch die Vogelfrau schien kein Interesse 

an den reglosen Gestalten zu haben. Stattdessen stürzte sie sich 
nun auf Piper. Die messerscharfen Klauen verfehlten ihr Auge 
nur um wenige Zentimeter. 

»Ich glaube, das Vögelchen ist nicht an unseren Models 

interessiert!«, schrie sie. 

»Sieht so aus«, keuchte Prue, während sie im letzten Moment 

den krallenbewehrten Raubvogelfüßen auswich. »Ich glaube, 
man kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass das Ding 
unseretwegen hier ist.« 

»Und ich glaube, hier ist wieder mal Super-Phoebe gefragt«, 

ließ sich die jüngste Schwester vernehmen. Piper und Prue 
fuhren herum und sahen, wie Phoebe sich gerade in die Luft 
erhob, um die Vogelfrau auf sich aufmerksam zu machen. 

Das Wesen stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus und 

schoss geradewegs auf sie zu. Phoebe erwartete es mit einer 

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Reihe wohlgezielter Karateschläge. Das Vogelmonster 
versuchte seine Angreiferin mit seinen ledrigen Schwingen zu 
Boden zu schlagen, doch Phoebe vollführte einen eleganten Tritt 
gegen seinen Körper. Dann duckte sie sich geschickt, um den 
scharfen Krallen und machtvollen Schwanzfedern 
auszuweichen. 

»Phoebe scheint zu wissen, wie man mit diesem fliegenden 

Ungeheuer klarkommt«, bemerkte Piper zu Prue. 

»Worauf du dich verlassen kannst«, gab diese zurück. Dann 

rief sie ihrer jüngsten Schwester zu: »Soll ich übernehmen?« 

»Bei drei!«, rief Phoebe zurück, während sie wieder nach der 

Kreatur schlug. »Eins … zwei …« 

Sie wirbelte zweimal um ihre eigene Achse und trat dem Biest 

mitten in sein hässliches Gesicht, sodass es laut aufkreischte. 
»Drei!« 

Wütend flatterte die Vogelfrau zurück ins Foyer, wo Prue sie 

bereits erwartete und mit kraftvollen telekinetischen Schlägen 
auf sie eintrommelte. Geschwächt wurde die zeternde Bestie 
gegen die Wand geschleudert. Der Aufschlag war so hart, dass 
sie in einer Wolke aus Federn und Asche explodierte. 

Erleichtert ließ sich Phoebe auf den Boden plumpsen. 

»Mannomann«, stöhnte sie. »Das Fliegen wird zwar immer 
einfacher, nur die Landung macht mir noch Sorgen.« 

»Lasst uns endlich die Sache mit dem Foto hinter uns bringen, 

bevor noch weitere ungebetene Gäste hier erscheinen«, sagte 
Piper ungeduldig. »Phoebe, komm her zu mir.« 

Piper und Phoebe platzierten sich vor der Kamera, während 

Prue den Selbstauslöser anbrachte. 

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»Das Ding ist so alt, ich hoffe, ich kriege das Kabel überhaupt 

angeschlossen«, murmelte sie. 

»Pruuuuue! Beeil dich!«, rief Phoebe alarmiert und deutete in 

eine Ecke des Wohnzimmers, wo die Luft plötzlich zu 
schimmern und flackern begann. »Ich glaube, wir kriegen schon 
wieder Besuch!« 

»Fast fertig«, knurrte Prue und brachte das Kabel mit 

fliegenden Fingern am Auslöser der Kamera an. 

»Schnell!«, schrie Piper. 

»Geschafft!«, verkündete Prue genau in dem Moment, als sich 

eine riesige neunköpfige Viper im Wohnzimmer materialisierte 
und sich ihnen zischelnd näherte. 

»Los! Sagt den Spruch auf«, rief Prue und hechtete zu ihren 

Schwestern vor die Kamera. 

»Auf dass wir von nun an Sterbliche seien …«, intonierten die 

Schwestern. 

Ssssssss. 

»Sodass man uns führe zu jenem Ort …« 

Die Riesenschlange war nun schon recht nahe. 

»Und uns unsere Kräfte wieder verleihen, sobald wir 

eintreffen ebendort!« 

In diesem Moment schoss einer der Schlangenköpfe vor und 

züngelte nach ihnen. 

»Jetzt!«, riefen Phoebe und Piper gleichzeitig. 

Prue betätigte den Selbstauslöser, und im gleichen Moment 

explodierte das Blitzlicht. Dann bemerkte sie, wie ihr Körper zu 

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Boden ging. Gleichzeitig wurde ihr Geist in einen dunklen 
tobenden Strudel gezogen. 

Sie fühlte die Hände der Schwestern in den ihren, dann wurde 

alles um sie herum schwarz und totenstill. 

Phoebe blinzelte und schüttelte den Kopf. 

Sie hockte auf Händen und Knien, und sie war sich sicher, für 

einen Moment das Bewusstsein verloren zu haben. 

Als sie sich umwandte, sah sie Prue und Piper neben sich 

stehen. Sie sahen genauso verwirrt aus, wie sie sich fühlte. 

Phoebe stand auf und begann zu zittern. Sie stand mitten in 

einer matschigen Pfütze, und ihr hauchdünnes griechisches 
Kostüm war über und über mit Dreck beschmiert. Mit einem 
schmatzenden Geräusch versanken ihre Füße im morastigen 
Untergrund. 

»Pfui Teufel«, sagte Piper und zog ihrerseits einen Fuß aus 

dem Schlamm. »Wo sind wir bloß gelandet?« 

»Keine Ahnung«, sagte Phoebe und schaute sich unbehaglich 

um. Sie waren umgeben von dunklen, kahlen Bäumen. Durch 
den Nebel glaubte sie die Schemen von hellen, irgendwie 
körperlosen Gestalten zwischen den Stämmen hindurchhuschen 
zu sehen. Ob das wohl Geister sind?, fragte sie sich. 

In der Ferne erkannte sie die Umrisse eines maroden 

Gebäudes, das ganz mit wildem Wein bewachsen war. 

»Moment mal«, murmelte sie. »Ich hab zwar keinen blassen 

Schimmer, wo wir sind, aber das ist genau der Ort, den ich in 
meiner Vision gesehen habe.« 

Und dann begriff sie noch etwas anderes, das sie geradewegs 

erschütterte. Nun wusste sie, warum ihr diese Gegend so 

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vertraut vorgekommen war. Sie standen mitten in Nikos' 
Gemälde! Alles war hier: die geisterhaften Wesen, das 
verfallene Gebäude, die toten Baumskelette … 

Gerade wollte sie ihren Schwestern von dem Bild erzählen, als 

etwas sie davon abhielt. Sie wusste selbst nicht, was das alles zu 
bedeuten hatte, aber sie wusste, dass Prue Nikos für all das 
verantwortlich machte. Wenn sie ihr nun von dem Gemälde 
erzählte, würde das ihren Verdacht nur noch bestärken. 

Doch Phoebe war sich sicher, dass Nikos nicht die Schuld an 

dieser Sache trug. Das kann, das darf einfach nicht sein, dachte 
sie. Er ist doch so wunderbar. Und so süß. Und so entzückend 
… 

Da steckt bestimmt irgendein Trick dahinter, überlegte sie 

weiter. Vielleicht ist das Gemälde ja nur der Auslöser für alles 
gewesen? Egal, wenn wir nicht schleunigst wieder aus diesem 
Schlamassel rauskommen, werden wir es nie erfahren. 

Sie stahl sich in den Schatten der Bäume und suchte die 

Gegend nach etwas ab, das ihnen die Richtung weisen konnte. 
Piper, die neben sie gehuscht war, fragte: »Wo auch immer wir 
sein mögen, hast du eine Ahnung, wo wir hingehen sollen?« 

Phoebe zuckte die Achseln und fühlte sich ein bisschen 

unbehaglich bei dem Gedanken, ihre Schwestern nicht in das 
Geheimnis von Nikos' Bild eingeweiht zu haben. 

»Hey!«, rief ihnen Prue aus einigen Metern Entfernung zu und 

schlug sich durch das Dickicht. »Habt ihr das gesehen?« 

Piper und Phoebe eilten zu ihr zurück. 

»Was gesehen?«, fragte Piper und folgte Prues Blick. 

»Ich habe Lichter aufflackern sehen«, sagte sie aufgeregt. »So 

ein Glimmen, wie man es von Leuchtkäfern kennt.« 

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Phoebe starrte angestrengt in den Nebel hinaus. »Bist du 

sicher, dass das kein Wunschdenken war, Prue?« Sie rieb sich 
über die Gänsehaut auf ihren Armen. »Immerhin befinden wir 
uns nicht gerade in hochsommerlichen Gefilden, in denen sich 
diese Insekten normalerweise aufzuhalten pflegen.« 

Plötzlich konnte sie ein schwaches Flackern durch die Bäume 

erkennen. »Da ist es!«, rief sie. »Ist dies das Licht, das du 
gesehen hast, Prue?« 

»Genau«, erwiderte sie. 

»Ich hab's auch gesehen«, bestätigte Piper. 

»Na ja, sieht so aus, als ob wir jetzt wenigstens ein Ziel 

haben«, sagte Phoebe. »Los, kommt, Schwestern! Sehen wir uns 
das mal genauer an.« 

 

Sie brauchten fast eine Stunde, um sich durch das Unterholz 

des sumpfigen Geisterwaldes zu schlagen. 

Eulen und Fledermäuse umschwirrten sie auf ihrem Weg, 

sodass sie fortwährend vor Schreck aufkreischten und den 
heranflatternden Geschöpfen ausweichen mussten. Ihr Haar 
verfing sich in dornigem Gestrüpp, und zu allem Überfluss 
tropften permanent übel riechende, kalte, schleimige Substanzen 
aus den Baumkronen auf ihre Köpfe und nackten Schultern. 

»Dagegen war der Survival-Trip mit der Belegschaft des P3 ja 

die reinste Vergnügungsfahrt«, beschwerte sich Piper, die 
gerade feststellte, dass sich ihr Gewand in einem Dornenbusch 
verfangen hatte und zerriss. 

»Vergiss nicht den Tag, an dem du dein Maskottchen im Müll-

Container verloren hast«, grummelte Phoebe, als sie auf 
Zehenspitzen einen blubbernden Strom aus brauner Brühe 

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durchquerte. »Ich glaube, das war noch ein bisschen 
widerlicher.« 

»Kommt schon, Leute!«, rief Prue, als sie über einen 

zerklüfteten Felsblock kletterte. »Wir sind fast da. Ich habe das 
Licht wieder aufflackern sehen, und diesmal war es ganz nah!« 

Schließlich erreichten sie ein sandiges Ufer. 

»Ist das ein See?«, fragte Phoebe und deutete auf die 

ausgedehnte Wasserfläche vor ihnen, über der dicke, stinkende 
Nebelschwaden hingen. 

»Nein, ein Fluss«, sagte Piper und deutete hinaus auf die 

langsame Strömung. Brackige, gelbe Wellen liefen am Ufer aus 
und benetzten ihre Zehen. 

»Igitt!«, rief Prue und sprang einen Schritt zurück. 

»Fragt sich nur, wo unser Leuchtkäfer ist?,« murmelte Piper 

und starrte zitternd vor Kälte aufs Wasser hinaus. 

»Ich frage mich, wie wir auf die andere Seite kommen sollen«, 

sagte Prue. »Ich sehe hier nirgends eine Brücke.« 

Plötzlich tauchte aus dem Nebel ein Boot auf und trieb 

gemächlich auf sie zu. Im Bug hing an einem Stab eine 
Glaslampe, in der eine schwache Flamme flackerte. Daneben 
stand eine dunkle Gestalt in einer langen schwarzen 
Kapuzenrobe, die das Boot mit einer Stange auf sie zusteuerte. 

»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Phoebe unbehaglich. 

»Oder wer auch immer das ist.« 

Die Schwestern verharrten sprach- und reglos, bis das Boot 

direkt vor ihnen am Ufer Halt machte. Doch die dunkle Gestalt 
stand einfach nur schweigend da und schien auf irgendetwas zu 
warten. 

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»Meint ihr, er wird etwas zu uns sagen?«, wisperte Phoebe. 

»Vielleicht wartet er darauf, dass wir den Anfang machen«, 

flüsterte Prue zurück. »Piper, mach dich bereit, ihn einzufrieren, 
wenn er irgendeine krumme Tour versucht oder so.« 

»Okay«, gab sie zurück. 

Dann machte Prue einige Schritte vorwärts, wobei sie sich 

möglichst nah beim Heck hielt. Sie versuchte das Gesicht der 
Gestalt zu erkennen, doch es wurde von der Kapuze verhüllt. 

»Können Sie uns vielleicht sagen, was auf der anderen Seite 

des Flusses ist?«, fragte sie. 

Die Gestalt schüttelte schweigend den Kopf. 

Über die Schulter warf Prue ihren Schwestern einen nervösen 

Blick zu. Dann wandte sie sich wieder an den Fremden. 

»Gut, aber können Sie uns sagen, ob hier irgendwo eine 

Brücke ist?« 

Wieder schüttelte der Mann den Kopf. 

»Okay«, meinte Prue. »Aber vielleicht könnten Sie uns 

freundlicherweise übersetzen? Ginge das?« 

Endlich nickte der Mann. 

»Phoebe«, wisperte Piper ihr zu, »bist du sicher, dass das eine 

gute Idee ist? Erinnere dich daran, was unsere Mutter immer 
gesagt hat: Lass dich nie von Fremden mitnehmen.« 

»Ich glaube nicht, dass wir eine andere Wahl haben«, wandte 

Phoebe unwirsch ein und machte Anstalten, in das Boot zu 
klettern, aber der Fährmann trat ihr in den Weg. Dann hielt er 
seine Hand auf. 

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Phoebe sah sie an und stöhnte auf vor Schreck und Ekel. Die 

Hand war vollkommen verrottet! Das Fleisch war schwarz und 
verfault und übersät mit nässenden Wunden. Auch ging von 
dem Mann ein süßlich-modriger Gestank aus. Es war der 
Geruch des Todes. Dieser Fährmann scheint auf einem sehr 
schmalen Grat zwischen Leben und Tod zu wandeln, dachte 
Phoebe. 

Die Hand des Mannes schloss und öffnete sich, wie um sie 

aufzufordern, etwas hineinzulegen. 

»Kann es etwa sein …«, murmelte sie laut, und dann fühlte sie 

sich plötzlich leicht schwindelig angesichts ihrer 
ungeheuerlichen Vermutung. Sie erstarrte, als der Fährmann 
sich plötzlich seine Kapuze vom Kopf schob und darunter ein 
grauenvolles Gesicht zum Vorschein kam. Die Nase war halb 
zerfressen, durch den schmutzverkrusteten Bart konnte Phoebe 
eine Reihe brauner Zahnstümpfe erkennen. Die Augenhöhlen 
waren leer und schwarz. Flöhe und Läuse wimmelten in der 
langen zottigen Mähne auf seinem Kopf. 

Da schrie Piper hinter ihr auf. Gleichzeitig verstärkte sich in 

Phoebe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. 
Plötzlich passten alle Puzzlestücke, die ihnen dieser 
schreckliche Tag präsentiert hatte, zusammen. Langsam wandte 
sie sich zu ihren Schwestern um und sagte: »Ich … ich weiß 
jetzt, wer das ist. Das ist … Charon!« 

»Charon?«, fragte Prue mit gepresster Stimme und starrte den 

lebenden Toten angeekelt an. »Und wer ist das bitte?« 

»Jetzt ergibt alles einen Sinn«, murmelte Piper. »Der 

dreiköpfige Hund auf dem Speicher, das war Kerberos, der 
Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Und diese 
hässliche Vogelfrau, das war eine Harpyie, eine andere 
grauenvolle Kreatur aus der griechischen Mythologie.« 

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»Und diese tausendköpfige Schlange, die in unserem 

Wohnzimmer auftauchte, kurz bevor wir verschwunden sind?«, 
fragte Phoebe. 

»Das war die Hydra«, sagte Piper. »Definitiv die Hydra.« 

»Ist ja alles schön und gut«, meinte Prue ungeduldig, »aber 

jetzt weiß ich immer noch nicht, wer dieser Charon eigentlich 
ist.« 

»Charon«, sagte Piper mit zittriger Stimme, »ist der 

Fährmann, der die Menschen in seinem Boot über den Acheron 
bringt. Aber nur … tote Menschen.« 

»Tote Menschen?«, fragte Prue fassungslos. »Was ist denn das 

für ein Fluss, dieser Acheron, meine ich?« 

»Der Acheron«, sagte Piper leise, und ihr Gesicht wurde grau 

vor Angst, »ist einer der vier Ströme der Unterwelt und der 
Eingang in den Hades – das Totenreich der griechischen 
Antike.« 

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W

ährend

 

Piper die grausame Wahrheit,

 

dass sie geradewegs 

in den Hades katapultiert worden waren, bereits verdaut hatte, 
verspürte Phoebe plötzlich einen kalten Schauer, der ihren 
Körper durchströmte wie Eiswasser. 

Langsam fuhr ihr Finger zur Halsschlagader. Als sie ihren Puls 

fühlen konnte, atmete sie erleichtert auf. »Wollte nur sehen, ob 
ich noch lebe«, flüsterte sie ihren Schwestern zu. 

»Oh …«, sagte Prue und deutete auf Charon. »Was macht er 

da?« 

Die unheimliche Gestalt hob einen Arm und winkte sie herbei. 

»Ich weiß es«, sagte Piper. »Er will, dass wir die Überfahrt 

bezahlen. Charon nimmt nur die mit, die ihm irgendetwas 
geben. Im alten Griechenland wurden den Toten deshalb 
Geldstücke mit ins Grab gelegt, sodass sie den Fährmann 
entlohnen konnten.« 

»Danke für die interessante Geschichtsstunde«, murmelte 

Phoebe und zeigte auf ihr dünnes, taschenloses Gewand, »aber 
leider hab ich meine Kreditkarten heute nicht dabei.« 

Prue durchwühlte die Taschen ihres Overalls. »Ich hab nur 

einen Vierteldollar bei mir«, sagte sie betrübt. 

»Der würde uns hier ohnehin nicht weiterhelfen«, meinte 

Piper. »Soweit ich mich erinnere, kostet die Überfahrt einen 
Obolus.« 

»Schön«, meinte Prue, »auch wenn ich nicht weiß, was und 

wie viel ein Obolus ist, so weiß ich doch, dass wir keinen haben. 
Was machen wir also?« 

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Mit einem schrecklich schmatzenden Geräusch hob Charon 

erneut seinen Arm und deutete mit einem schmutzstarrenden 
Finger auf Phoebes Hals. 

»Was will er?«, fragte sie irritiert. 

Piper folgte Charons Fingerzeig. Ihr Blick fiel auf die Perle, 

die an einer zarten Goldkette um den Hals ihrer Schwester hing. 

»Vermutlich will er uns sagen, dass er deine Kette als 

Bezahlung für die Überfahrt annehmen würde«, sagte sie 
beklommen. 

»Aber ich liebe dieses Schmuckstück!«, protestierte Phoebe 

und legte schützend eine Hand darüber. Dann löste sie den 
Lorbeerkranz aus goldfarbenem Metall aus Pipers Frisur und 
hob ihn in die Höhe. Doch der Fährmann schüttelte seine lange 
zottelige Mähne und deutete erneut auf Phoebes schöne 
Halskette. 

»Ich glaube, man kann Charon nicht bescheißen«, sagte sie 

enttäuscht. »Also gut.« Widerwillig nahm sie die Kette ab und 
legte sie in Charons verfaulte Hand. Dann kletterte sie rasch in 
den Kahn und half ihren Schwestern beim Einstieg. 

Mit einer langen Stange stieß sich der Fährmann vom Ufer ab 

und wendete. Und dann tauchte das Boot mit den drei Halliwell-
Schwestern ein in den Nebel, der über dem Fluss der Seelen lag. 

 

Nur wenige Minuten später hörten sie, wie das Boot 

knirschend auf sandigen Grund lief. Sie hatten das andere Ufer 
des Acheron erreicht. 

Piper sah zu Charon, der wieder seinen Arm erhoben hatte und 

nun nach links deutete. 

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»Wahrscheinlich weist er uns den rechten Weg«, vermutete 

Phoebe. »Offensichtlich ist er ja schon eine Weile hier.« 

Die Schwestern stiegen aus und betraten einen sumpfigen 

Pfad, der am Flussufer entlang führte. Erwartungsvoll schauten 
sie sich um. Doch alles, was sie sahen, waren noch mehr tote, 
dürre Bäume und dorniges Gestrüpp. 

»Rechts der Wald und links der nebelige Fluss«, konstatierte 

Prue. »Ich frage mich, wo das alles hinführen soll. Ich fühle 
mich wie im Niemandsland.« 

Plötzlich drehte sich der Wind und trieb eine Wand aus übel 

riechendem Nebel auf sie zu, die sie in dicke Schwaden hüllte. 

»Und nicht zu vergessen dieser Nebel«, ergänzte Piper 

mürrisch die Bestandsaufnahme ihrer Schwester. »Stinkender 
Nebel, um genau zu sein.« 

Sich den unangenehmen Dunst aus dem Gesicht wedelnd, 

setzten die drei Schwestern ihren Weg fort. 

Schließlich klärte sich die Luft wieder, und das Trio sah sich 

um. Sie waren immer noch in diesem geisterhaften Wald. Doch 
als sie weiterstapften, lichtete sich der Baumbestand allmählich 
und wich verdorrten Feldern, schwarzen Bächen, die nach saurer 
Milch rochen, und ab und an einer erbarmungswürdigen Hütte, 
um die der Wind pfiff. Sie waren ausnahmslos winzig und 
schäbig und unbewohnt. 

Nirgendwo gab es etwas Grünes, Lebendes, geschweige denn 

eine Menschenseele. 

»Habt ihr auch bemerkt, dass hier einfach alles düster und 

braun-grau ist?«, fragte Phoebe nach einer Weile. »Selbst diese 
Hütten haben alle die Farbe von Treibholz.« 

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»Genau wie das Erdreich«, sagte Prue und deutete auf den 

Boden. 

»Und die Bäume«, ergänzte Piper und sah sich fröstelnd um. 

Ihre Schritte wurden immer schwerfälliger. 

»Was für eine gottverdammt eintöniger Ort«, jammerte 

Phoebe und schleppte sich mühsam weiter. 

»Hört auf, euch zu beschweren, Leu … huaaaaaa …« Prues 

Satz ging in einem herzhaften Gähnen unter. 

»Ich beschwer mich ja gar nicht«, murmelte Piper. »Ich bin … 

nur so … entsetzlich müde.« 

Phoebe steuerte einen toten Baumstumpf am Wegesrand an 

und ließ sich darauf nieder. »Nur … eine Minute … Rast«, 
gähnte sie. »Mehr brauche ich nicht.« 

Piper sank neben Phoebe zu Boden und legte ihren Kopf auf 

das Knie der Schwester. »Gute Idee«, murmelte sie und schloss 
die Augen. 

Nur wenige Sekunden später schliefen die beiden tief und fest. 

Verwirrt blieb Prue stehen und starrte auf ihre schnarchenden 

Schwestern. Gleichzeitig versuchte sie angestrengt, nicht 
ebenfalls einzunicken. Da … stimmt was nicht, dachte sie träge. 
Warum … so müde? Mir ist, als … unter Drogen gesetzt … 

Ihre Augen weiteten sich bei dem Gedanken. Drogen! Das 

musste es sein. Sie riss sich zusammen und stolperte auf ihre 
beiden Schwestern zu. 

»Aufwachen«, flüsterte sie. »Drogen … wir wurden … 

betäubt … ein Trick … vielleicht dieser Nebel, der … vom 
Fluss …« 

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Doch sie konnte kaum noch die Augen offen halten und 

merkte, wie sie vornüber auf die Knie fiel. Gerade wollte sie den 
Kampf gegen die bleierne Müdigkeit als verloren betrachten, als 
sie aus der Ferne einen Laut vernahm. 

Ah-ha-ha-ha-ha! 

»Was …?«, murmelte Prue. 

Ah-ha-ha-ha-ha! 

Ihre Lider flackerten. Was war das? Es klang wie ein weit 

entferntes, drohendes, gackerndes … Gelächter. 

»Piper!«, keuchte sie. »Phoebe! Aufwachen!« Sie rüttelte und 

schüttelte ihre Schwestern. 

»Was?«, grummelte Piper ungehalten, als sich ihre Augen 

langsam öffneten. 

»… schlafen«, murmelte Phoebe und schlug Prues Hand weg. 

»Zzzzzzz …« 

AH-HA-HA-HA-HA! 

»Prue«, rief Piper, die jetzt hellwach war, alarmiert, »was ist 

das?« 

»Ich weiß es nicht, und ich bin auch nicht scharf darauf, es zu 

erfahren«, gab Prue zurück und rappelte sich mühsam auf. In 
ihrem Kopf drehte sich alles. »Wir müssen hier verschwinden.« 

Auch Piper kam wieder auf die Füße. »Mann«, grummelte sie. 

»Mein Kopf fühlt sich an, als ob er mit Watte gefüllt wäre.« 

»Meiner auch«, sagte Prue. »Wir müssen weg von hier. Weck 

Phoebe auf!« 

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Piper machte gerade Anstalten, ihre jüngste Schwester wach 

zu rütteln, als sie ein Krachen und Rumpeln im Unterholz der 
Baumgruppe nicht weit von ihnen vernahm. Auch das bösartige 
Gegacker war wieder zu hören, diesmal sehr nah. 

»Okay«, rief Prue entnervt. »Welche Kreatur hat bloß ein 

derart hinterhältiges Pferdegewieher-Lachen?« 

»Vielleicht die da?!«, schrie Piper und deutete auf die 

Baumgruppe. Das Tier – oder war es ein Mann? – kam gerade 
aus dem Dickicht gestürmt, wobei es Äste und Erde aufwirbelte. 

»Ach du liebe Güte«, stöhnte Piper, als sie begriff. »Das ist ein 

Zentaur. Halb Mann, halb Pferd – die schlimmsten Rabauken in 
der gesamten griechischen Mythologie.« 

In einer Mischung aus Faszination und Abscheu starrte Prue 

auf das Tierwesen. Von der Hüfte abwärts sah es aus wie ein 
ganz gewöhnlicher stämmiger Rappe. Vier behufte Beine, 
kräftige Flanken, ein buschiger Schwanz. Doch dort, wo 
eigentlich Hals und Kopf des Tieres sein sollten, ragte der 
nackte Torso eines muskulösen Mannes aus dem Pferdekörper. 
Er war recht dunkelhäutig, Brust und Arme waren stark behaart, 
er hatte dichtes gelocktes Haupthaar und kräftige schwarze 
Augenbrauen. 

Stampfend galoppierte der Zentaur auf sie zu. Seine Hufe 

wirbelten Staub und Dreckklumpen in die Luft. Dann legte er 
den Kopf in den Pferdenacken und lachte das ihnen wohl 
bekannte höhnische Lachen, wobei er eine Reihe brauner Zähne 
entblößte. 

»Verdammt«, presste Prue hervor, »wie viele dieser 

missgestalteten Kreaturen gibt es eigentlich in der griechischen 
Mythologie?« 

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»Zu viele!«, sagte Piper beklommen und beugte sich über ihre 

immer noch schlafende kleine Schwester. »Phoebe! Wach auf. 
Wach endlich auf!« 

»Was … was ist denn?«, murmelte Phoebe benommen und 

hob mühsam den Kopf. Sie fühlte sich, als ob sie aus einer 
dunklen Höhle ins Licht zurückgekehrt sei. Ihre Augenlider 
waren schwer und drohten immer wieder zuzuklappen. Kann 
nicht …, dachte sie. Kann nicht … aufwachen. 

Plötzlich packte sie jemand um die Hüften und hob sie in die 

Luft. 

»Hey!«, rief sie empört. Doch der Trick hatte funktioniert. Ihre 

Augen klappten auf – und dann erstarrte sie vor Schreck. Sie lag 
quer über dem Rücken eines Pferdes, festgehalten von einer 
kräftigen Männerhand. Und das Pferd raste in vollem Galopp 
durch die Landschaft. 

Träge drehte sie den Kopf, um einen Blick auf ihren Entführer 

werfen zu können. 

»Aaaaah!«, schrie sie. »Das ist ja … gar kein Pferd!« 

Entgeistert starrte sie auf den behaarten Rücken eines Kerls, der 
wundersamerweise aus dem Körper eines Pferdes gewachsen 
war. 

Der schwarz gelockte Kopf des Pferdemannes drehte sich zu 

ihr um und grinste hämisch. »Ah-ha-ha-ha-ha!«,  lachte er laut, 
wobei er seine verrotteten Zähne bleckte. Dann trug er sie weiter 
in die dämmrige Ödnis des Hades. 

»Prue!«, schrie Phoebe panisch. »Piper! Rettet mich!« 

Wie paralysiert starrten Prue und Piper ihrer vom Zentaur 

geraubten Schwester nach. Schließlich wedelte Piper mit ihren 
Armen in der Luft, aber das Biest war schon zu weit entfernt, als 
dass es noch eingefroren werden konnte. Alarmiert sah sie ihre 

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älteste Schwester an. »Wir können nichts machen außer ihnen 
nachzurennen!«, schrie sie. 

Gesagt, getan. Schon setzten die beiden zu einem 

Verfolgungssprint an. 

»Pruuuuuuue! Piiiiiiper!«, drang die Stimme ihrer Schwester 

an ihr Ohr – verzweifelte Hilferufe, die sich mehr und mehr von 
ihnen entfernten. 

»Ah-ha-ha-ha-ha!«, lachte der Zentaur. 

»Wir kommen!«, keuchte Piper. 

Doch nach zwei Minuten Verfolgungsjagd mussten Prue und 

Piper erkennen, dass sie ein allzu voreiliges Versprechen 
abgegeben hatten: Sie spürten eine zunehmende Erschöpfung. 

»Kann nicht … mehr rennen«, japste Prue. »Hätte ich bloß 

nicht … mit Aerobic aufgehört …« 

»Los, weiter!«, trieb Piper sie an und stolperte durch eine 

kleine Gruppe aus toten Bäumen. 

»Nein!«, sagte Prue. Sie war stehen geblieben und stützte sich 

schwer atmend gegen einen der Stämme. Dann ließ sie sich auf 
einen Baumstumpf sinken. »Ich hab 'ne bessere Idee.« 

Mit diesen Worten fiel ihr Kopf auf die Brust, und ihr Körper 

wurde schlaff. 

Besorgt sah Piper ihre Schwester an und biss sich auf die 

Lippe. Sie wusste, Prue hatte sich in den Astralmodus versetzt. 

Sie hoffte nur, dass ihr Geist auch wirklich den Ort erreichte, 

an den der Zentaur Phoebe verschleppt hatte. 

 

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Phoebe hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu 

müssen. 

Der Pferdemann galoppierte so schnell über Stock und Stein, 

dass sie kaum klar sehen und denken konnte. 

Daher glaubte sie zunächst auch an eine Halluzination, als sie 

plötzlich sah, wie ihre älteste Schwester hinter einem der Bäume 
hervortrat und ihnen in den Weg trat. 

»Prue, pass auf!«, schrie sie vom Rücken des Pferdes. 

»Aaaaack«, bellte der Zentaur und bremste scharf ab, kurz 

bevor er mit Prue zu kollidieren drohte. Und schon galoppierte 
er in die entgegengesetzte Richtung davon. 

Doch da hatte sich Prue schon wieder vor ihm aufgebaut und 

zwang ihn wieder abzubremsen. Dabei hatte sie ihre Hände in 
die Hüften gestemmt und blickte ihn herausfordernd an. Da 
wusste Phoebe, dass sie es mit der Projektion ihrer Schwester zu 
tun hatte, die gekommen war, um sie zu befreien. 

Erschreckt schnaubte der Zentaur auf und wich dem 

unerwarteten Hindernis erneut aus. Doch jedes Mal, wenn er die 
Richtung änderte, stellte sich Prue ihm wieder in den Weg, bis 
der Pferdemann sich schließlich wiehernd aufbäumte und mit 
den Vorderhufen heftig durch die Luft paddelte. 

»Aaaah!«, schrie Phoebe, als sie mit Schwung abgeworfen 

wurde und auf einem Haufen Laub und toter Äste landete. 

Der Zentaur schnaubte noch einmal wütend auf, dann 

galoppierte er in ein Wäldchen hinein und verschwand. Bald 
verklangen seine Hufschläge auf dem weichen Untergrund. Er 
war fort. 

Torkelnd kam Phoebe wieder auf die Beine und rieb sich den 

Allerwertesten. Dann sah sie seufzend an sich hinunter. Ihr 

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Kleid war nur noch ein Lumpen, aber ihre Knochen waren alle 
noch intakt. 

»Danke, Schwester«, sagte sie zu Prue, doch die starrte sie nur 

mit leerem Blick an; dann löste sich ihre Gestalt mit einem 
Flimmern in Nichts auf. 

»Ach, ja«, murmelte Phoebe. »Hätte fast vergessen, dass es 

Prues Astralkörper war, der mir aus der Patsche geholfen hat.« 
Sie legte die Hände trichterförmig um ihren Mund und rief: 
»Haaaaalllooooooo!« 

»Phoebeeeeee!« Das war Pipers Stimme, und sie klang noch 

ziemlich weit entfernt. 

»Hier drüben! Hallo!«, schrie Phoebe in die Einsamkeit 

hinaus, bis ihre Schwestern endlich durch das Unterholz brachen 
und zu ihr stießen. 

»Meine Heldin!«, rief Phoebe, eilte auf Prue zu und drückte 

sie fest an sich. »Was war das bloß für ein schreckliches 
Untier?« 

»Ein Zentaur«, erklärte Piper. »Wie man unschwer übersehen 

kann, sind diese Burschen halb Mensch, halb Pferd, und sie 
haben einen verdammt schlechten Ruf, wenn ich mich recht 
erinnere. Ich wette, dieser Typ hat im Auftrag von jemandem 
gehandelt.« 

»Aber in wessen?«, fragte Phoebe. 

»Lasst uns weitergehen«, drängte Prue und fächerte sich die 

letzten Reste des Nebels aus dem Gesicht. »Möglicherweise 
erfahren wir es dann.« 

»Na ja, aber wir sind total vom Weg abgekommen«, stellte 

Piper stirnrunzelnd fest und sah sich um. Doch alles, was sie 

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erkennen konnte, waren die allgegenwärtige Düsternis und die 
toten Bäume in so ziemlich jeder Richtung. »Wohin also?« 

»Ich finde, wir sollten die dem Ziel des Zentauren 

entgegengesetzte Richtung einschlagen,«, schlug Phoebe vor. 

»Das ist in unserer Situation so gut wie jeder andere Vorschlag 

auch«, nickte Prue grimmig. 

Und wieder schlugen sie sich durch das Unterholz, bis sie auf 

eine Lichtung stießen, die von einem Fluss durchschnitten 
wurde. 

»Wir sollten dem Wasserlauf folgen«, überlegte Piper. »Der 

Fluss wird uns schon irgendwohin führen.« 

Prue und Phoebe zuckten die Schultern und folgten ihr 

schweigend. Plötzlich machte der Fluss eine Biegung und führte 
mitten durch einen weiteren Wald aus toten Bäumen. Es war 
nicht zu erkennen, wohin er floss, doch sie hatten kaum eine 
andere Wahl, als ihren einmal eingeschlagenen Weg 
fortzusetzen. 

So liefen sie eine Weile unbeirrt und schweigend am Ufer 

entlang, bis Prue plötzlich innehielt. »Seht mal dort«, sagte sie 
und streckte ihren Finger aus. 

Der Strom floss direkt in eine gigantische Höhle in einem 

noch gigantischeren Berg. Die Schwestern standen da und 
staunten. 

»Ich kann noch nicht mal den Gipfel erkennen«, sagte Piper 

atemlos, als sie an der schroffen, abweisenden Bergwand 
hinaufsah. Die Spitze des Massivs ragte weit in den 
wolkenverhangenen Himmel hinein. 

Als sie näher traten, erkannten sie, dass der Eingang aus 

Felsen geformt worden war, die zu einem fast perfekten 

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Torbogen behauen waren. Eindeutig das Werk denkender 
Wesen und keine Laune der Natur. 

»Gehen wir rein«, sagte Phoebe entschlossen. 

Zögernd betraten sie die dämmrige, feuchte Grotte. Doch 

alles, was sie erkennen konnten, war eine kleine unscheinbare 
Kammer. 

Phoebe stieß Prue an und deutete in den hinteren Teil des 

Raumes. »Da ist ein Durchgang«, flüsterte sie. »Scheint, als ob 
er in eine weitere Kammer führt.« 

Als sie sich unter dem niedrigen Sturz hindurchduckten, 

fanden sie Phoebes Vermutung bestätigt. Auch diese Kammer 
war eng und dunkel, und sie hatte, welche Überraschung, einen 
Durchgang in eine weitere Kammer, die wiederum in die 
nächste führte … So durchquerten sie einen Raum nach dem 
anderen, bis Piper plötzlich stehen blieb. 

»Prue, Phoebe«, wisperte sie, »mir ist gerade was aufgefallen. 

Dieses Licht hier … es kann längst nicht mehr von draußen 
hereinfallen.« 

»Du hast Recht«, sagte Phoebe und bemerkte, wie es ihr kalt 

den Rücken herunterlief. 

»Es muss also aus der Höhle selbst kommen«, stellte Prue fest. 

Sie nickten sich zu und betraten die nächste Kammer. 

Doch hier erwartete sie eine große Überraschung. Mitten im 

Raum saß eine Gestalt auf einem Thron aus grob behauenen 
Steinen – es war Nikos! 

Sein griechisches Göttergewand war ebenso verschwunden 

wie der Habitus des genialen Künstlers. Stattdessen trug er einen 
Anzug aus Samt, der denselben erdigen Braunton hatte wie alles 

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im Hades. Seine wilden schwarzen Locken waren streng 
zurückgekämmt. Und er rauchte eine stinkende Zigarre. Lässig 
kreuzte er seine langen Beine, als die Schwestern eintraten. 

»Wo wart ihr denn so lange?«, fragte er gelangweilt. »Du liebe 

Güte, ihr seht ja furchtbar aus.« 

»Nikos!«, rief Phoebe und eilte auf ihn zu. »Geht's dir gut? 

Was … was ist denn mit dir geschehen? Wo sind die anderen?« 

»Mir geht's blendend«, sagte er. »Nun, wo ich meinem 

elenden Leben als Hungerkünstler auf Erden endlich entfliehen 
konnte.« Mit verächtlicher Miene deutete er nach oben. »Herr 
der Finsternis, was hab ich nicht alles unternommen, um euch in 
mein Reich zu locken.« 

Er warf den Kopf in den Nacken und stieß ein lautes Lachen 

aus. 

Phoebe fühlte sich, als hätte sie einen Schlag in den Magen 

bekommen. Verzweifelt sah sie zu ihren Schwestern, die mit 
versteinerten Gesichtern von ihr zu Nikos schauten. 

»Wer bist du?«, fragte Prue leise. 

»Ich hatte mich doch schon vorgestellt«, sagte Nikos. »Mein 

Name ist Nikos. Allerdings habe ich euch meinen wahren Beruf 
noch nicht verraten.« 

»Stimmt«, sagte Piper kühl. »Leider hatten wir bisher noch 

keine Gelegenheit, unsere Visitenkarten auszutauschen. Ich 
nehme an, du bist kein Maler, richtig?« 

»Richtig, ich bin ein Prinz.« 

»Ha!«, entfuhr es Phoebe. 

»Der Prinz des Hades, um genau zu sein«, ergänzte Nikos und 

warf Phoebe einen niederträchtigen Blick zu. »Auch genannt 

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Herrscher der Unterwelt, Peiniger der Toten, Schrecken der 
Nacht und so weiter und so fort. Ein ziemlich langweiliger Job, 
wenn ihr mich fragt. Mein Vater hasst ihn.« 

»O mein Gott«, krächzte Phoebe. 

»Noch nicht, meine liebe Phoebe, noch nicht. Denn noch ist 

mein verehrter Herr Vater der Gott der Unterwelt«, sagte Nikos 
leichthin. »Aber vielleicht werde ich es eines Tages sein. 
Lustiger Zufall, nicht wahr, Prue, dass du mir ausgerechnet die 
Rolle des Hades für dein albernes Foto zugedacht hattest. Besser 
hätte ich das auch nicht drehen können.« 

Phoebe konnte kaum glauben, was sie da hörte. Von allen 

arrangierten Kontaktaufnahmen und Verabredungen mit den 
Sendboten der dunklen Seite war diese Sache hier eindeutig der 
Gipfel. 

»Wo sind die Models?«, fragte Prue drohend und trat 

entschlossen vor Nikos' Thron. »Hast du sie auch hierher 
gelockt?« 

»Heh-heh-heh«, sagte Nikos und erhob sich gemächlich. »Ja, 

sie sind hier, und es geht ihnen gut. Sie sind in Sicherheit, glaubt 
mir, obwohl sie ebenso abgerissen aussehen wie ihr. Sie wurden 
schon weggebracht.« 

Mit einer lässigen Geste deutete er in Richtung einer Kammer 

hinter sich. 

Dieser Ort scheint aus einem ziemlich komplexen 

Höhlensystem zu bestehen, dachte Phoebe. Und natürlich muss 
sich der Sitz des Herrschers der Unterwelt in einer feuchten 
unterirdischen Höhle befinden … 

»Warum hast du die anderen überhaupt hierher gebracht?«, 

verlangte Piper zu wissen. 

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»Ist das nicht offensichtlich?«, fragte Nikos. »Sie sind Geiseln 

und Köder zugleich. Sie haben euch in mein Netz gelockt.« 

»Okay, aber was willst du von uns?«, fragte Prue. 

Nikos warf seine Zigarre auf den Boden und fixierte sie mit 

rot glühenden Augen. »Von dir will ich gar nichts!«, zischte er. 
»Du solltest noch nicht mal hier sein, große Schwester.« 

Erschrocken hob Piper eine Hand vor ihren Mund. »Es ist 

Phoebe, die du willst, richtig?«, flüsterte sie. »Deswegen hast du 
den Zentaur geschickt, um sie zu entführen …« 

»Ah, die schüchterne mittlere Schwester ist gar nicht so 

dumm, wie sie aussieht«, bemerkte Nikos herablassend. 

Phoebe fühlte, wie ihr Herz sank. »Du willst damit sagen«, 

fragte sie mit brüchiger Stimme, »dass du die Models entführt 
hast und ich das Lösegeld bin?« 

»Eine Seele«, kicherte Nikos, während seine Augen wieder 

ihre normale blaue Farbe annahmen. »Das ist alles, was ich 
brauche. Aber es durfte nicht irgendeine Seele sein. Das hätte 
nicht funktioniert. Was ich brauche, ist Göttlichkeit.« 

»Tja, ich glaube, da bist du einem Irrtum aufgesessen«, sagte 

Phoebe giftig. »Ich bin nicht wirklich eine Göttin, Nikos, ich 
spiele lediglich eine im Fernsehen.« 

»Bitte, ich bin Realist«, sagte Nikos und musterte Phoebe von 

oben bis unten. »Weißt du, das war nämlich mein Problem. 
Wahre Göttinnen sind heutzutage nicht eben üppig gesät.« 

»Was für ein Jammer«, murmelte Prue und verzog das 

Gesicht. 

»Stimmt, man muss Kompromisse machen«, gab Nikos 

zurück, und sein Ausdruck wurde plötzlich hart. »Wenn man 

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keine Göttin finden kann, muss man eben mit einer Hexe vorlieb 
nehmen.« 

Bei diesen Worten umfasste er Phoebe mit einem seiner 

starken Arme, sodass sie sich kaum mehr rühren konnte. Sie trat 
um sich und zappelte, doch Nikos' Griff war kräftig, 
übermenschlich stark. 

Piper hob eine Hand, um die Zeit anzuhalten, doch ohne 

Erfolg. 

Nikos legte den Kopf zurück und lachte. »Glaubst du etwa, 

dass du deinen kleinen Trick auf mich anwenden kannst?«, 
bellte er spöttisch. »Du bist nichts gegen mich. Ich herrsche 
hier!« 

»Sagtest du nicht eben, Papa herrscht hier?«, fragte Prue 

höhnisch. 

Nikos' Gesicht verdunkelte sich, und seine Augen begannen 

wieder rot zu glühen. »Ich verdamme euch! Ich verdamme euch 
zurück auf die Erde!«, schrie er donnernd und wedelte mit seiner 
freien Hand in Prues und Pipers Richtung. 

Die beiden Schwester schrien auf, als sie rückwärts durch all 

die Kammern wirbelten, die sie kurz zuvor durchquert hatten. 
Eine Sekunde später wurden sie wieder in den dunklen Strudel 
gezogen, der sie in den Hades getragen hatte. Der Sog war 
ohrenbetäubend, das Geräusch erinnerte an ein grollendes 
Unwetter. 

Dann plötzlich trat Stille ein, und Prue und Piper fanden sich 

auf dem Orientteppich im Sonnenzimmer von Halliwell Manor 
wieder – direkt vor der Kamera. 

Nichts hatte sich während ihrer Abwesenheit verändert. Noch 

nicht einmal die Zeiger der Standuhr waren vorgerückt. 

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Es war, als wären sie nie fort gewesen. 

Nur eine Sache war anders. 

Phoebe fehlte. 

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P

iper rappelte sich auf und sah sich gehetzt im Wohnzimmer 

um. 

Etwas in ihr hoffte, dass Phoebe vielleicht hinter der Couch 

gelandet war. Oder dass das Zurückliegende nie passiert war 
und ihre kleine Schwester gerade den Kühlschrank plünderte. 

»Phoebe?«, rief sie hoffnungsvoll. 

Sanft berührte Prue ihre Schwester an der Schulter und zeigte 

auf den Boden. Piper sah, dass die leblosen Körper der Models 
noch immer dort herumlagen und leise vor sich hin schnarchten. 

»Es war kein Traum«, sagte Prue mit bebender Stimme. »Wir 

waren da. Und er hat Phoebe.« 

»Er  hat Phoebe«, sagte Piper und deutete auf den wohl 

schönsten Körper unter den schlafenden Models: Nikos' 
irdisches Selbst, friedlich schlummernd und mit rosigen Wangen 
und schwarzen Locken, die ihm adorabel in die wohlgeformte 
Stirn fielen. 

»Er sieht aus wie ein Engel«, zischte Prue wütend. 

»Wer konnte schon ahnen, dass er ein wahrer Teufel ist?«, 

sagte Piper. »Mach ihn fertig, Schwester.« 

Prue deutete auf Nikos' schlafenden Körper und bewegte ihre 

Hand so heftig sie konnte. Ich werde ihn gegen die Wand 
schmettern, dass es ihm jeden einzelnen Knochen im Körper 
zermalmt, dachte sie grimmig. 

Doch nichts geschah. 

Nikos ruhte nach wie vor friedlich zwischen Hera und Ares. 

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»Was zum Teufel …«, presste Prue hervor und wiederholte 

ihren telekinetischen Schlag. Doch ohne Erfolg. 

Piper sprang auf und stieß Nikos an der Schulter an. Sie 

erschrak, als ihre Hand glatt durch ihn hindurchfuhr. 

»Ich fürchte, du bist nicht die Einzige, die Astralprojektion 

draufhat, Prue«, sagte sie. »Der Idiot ist gar nicht mehr hier. 
Wahrscheinlich wusste er ganz genau, dass wir an seinem 
irdischen Körper Rache nehmen würden, wenn wir wieder zu 
Hause sind.« 

»Also hat er seinen feigen Arsch in Sicherheit gebracht«, stieß 

Prue aufgebracht hervor. 

Verärgert trat Piper nach Nikos' Projektion und stürmte aus 

dem Sonnenzimmer. 

»Was machen wir jetzt?«, fragte sie ihre Schwester. 

»Dachboden!«, sagte Prue nur. Und schon rannten sie die 

Stufen zum Speicher hinauf, um das Buch der Schatten zu 
konsultieren. 

Aufgeregt blätterte Prue durch den Helfer in der Not. »Mal 

sehen, ob hier irgendwas zum Thema Hades drinsteht …«, 
murmelte sie. »Hades … Hades …« 

Nach einigen Minuten vergeblichen Suchens meinte Piper: 

»Versuch's mal unter dem Stichwort ›Unterwelt‹ oder 
›Totenreich‹ …« 

»Nein, nichts …«, seufzte Prue nach einer Weile. »Okay, lass 

uns mal was anderes versuchen. Du weißt schon, Piper, das, was 
Phoebe mal mit dem Buch gemacht hat.« 

Prue hielt ihre vor Aufregung zitternden Hände über den 

geöffneten Folianten, während Piper das Gleiche tat. Sie waren 

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beide Zeuge gewesen, als Phoebe das Buch einmal auf diese 
Weise zum automatischen Suchen veranlasst hatte. Vielleicht 
klappte es ja diesmal auch? 

Gebannt starrten die Schwestern auf das aufgeschlagene Buch. 

Die Seiten schienen zurückzustarren und rührten sich nicht. 

»Konzentrier dich!«, befahl Prue. 

»Was glaubst du, was ich mache?«, fragte Piper und lächelte 

grimmig. Dann schloss sie wieder fest die Augen. 

Als nach einigen Minuten noch immer nichts passierte, ließ 

Prue ihre Hände wieder sinken. 

»Das funktioniert nicht«, sagte sie frustriert. »Möglicherweise, 

weil darin nichts zum Thema Hades oder Unterwelt steht? Und 
ich dachte immer, das Buch der Schatten wüsste alles und sei 
unfehlbar …« 

»Na ja«, erinnerte Piper sie, »es wurde ja ausschließlich von 

den Hexen unserer Familie geschrieben. Vielleicht hatte bisher 
einfach keine von ihnen mit dem Hades zu tun?« 

»Da sind wir also die Ersten«, stellte Prue verdrießlich fest. 

»Ich hasse es, mich so hilflos zu fühlen. Was um Gottes willen 
sollen wir jetzt bloß tun?« 

 

Sprachlos stand Phoebe in dem steinernen Kerker und starrte 

in den Spiegel. Sie konnte immer noch nicht begreifen, was mit 
ihr geschehen war. 

Nachdem Nikos ihre Schwestern aus der Unterwelt verbannt 

hatte, hatte er sie einfach in diese schrecklich Kammer 
verschleppt. Alles Schreien und Umsichschlagen hatte nichts 
genützt. 

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Nun stand sie hier in diesem düsteren Verließ, das überladen 

war mit dunklen schweren Möbeln, einem riesigen Pfostenbett 
mit schwarzem Samtvorhang, satinbezogenen Liegen und 
Sesseln, einem Kleiderschrank mit Onyx-Intarsien, einem 
Teppich, der aus einem grauen, irgendwie schmierigen Material 
gewebt zu sein schien, und einem mannshohen Wandspiegel, 
der von Wasserspeiern flankiert wurde. 

Und sie war nicht allein. Vier weitere junge Frauen lungerten 

ebenfalls hier herum. Sie alle trugen hautenge silberfarbene 
Bodys, und ihre schwarze Lockenpracht reichte ihnen bis zur 
Taille. Alle waren ausnahmslos blasshäutig mit schwarz 
umrandeten Augen und barfuß. 

»Was soll das hier sein?«, schnappte Phoebe in Richtung 

Nikos. »Ein Goth-Abend in der Gruft, oder was? Ehrlich, mein 
Lieber, ich hatte dir wirklich ein bisschen mehr Geschmack 
zugetraut. Wie klischeehaft!« 

»Halt den Mund!«, blaffte Nikos sie an. »Was glaubst du 

denn? Meinst du, Götter und Göttinnen gehen nicht mit der 
Zeit? Ich habe diesen Look im Mittelalter gesehen und fand ihn 
einfach großartig. Ich bin sicher, auch du wirst lernen, ihn zu 
lieben. Es wird dir nämlich nichts anderes übrig bleiben, 
verstehst du?« 

Er schnippte mit den Fingern in Richtung der vier jungen 

Frauen. »Kümmert euch um sie. Sie sieht ja grauenvoll aus!« 

Mit diesen Worten rauschte Nikos aus der Kammer. Wie von 

Zauberhand rollte sodann ein mächtiger Felsen vor den Eingang 
und verschloss ihn perfekt. 

Phoebe stampfte mit dem Fuß auf und schrie vor Wut und 

Enttäuschung. Dann warf sie sich mit voller Wucht gegen den 
Felsblock und trommelte wie rasend mit den Fäusten dagegen, 
bis ihre Hände schmerzten. 

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Doch es war hoffnungslos. Der Felsblock bewegte sich nicht 

einen Millimeter – die Kammer war hermetisch abgeriegelt. 

Kurz überlegte sie, ob sie nicht einen Kung-Fu-Tritt probieren 

sollte, verwarf die Idee aber sofort wieder. Das Letzte, was sie 
hier zu allem Überfluss gebrauchen konnte, war ein gebrochener 
Fuß. 

Fluchend zog sie sich wieder in die Kammer zurück und blieb 

dann unschlüssig stehen. »Mein Gott!«, murmelte sie. »Kaum zu 
glauben, dass ich diesen Typen mal richtig süß gefunden habe.« 

Plötzlich erinnerte sie sich, dass sie hier nicht allein war. 

Langsam wandte sie sich zu den düsteren Mädels um. Sie lagen 
noch immer träge auf den diversen Liegen und Sofas und sahen 
sie aus ihren dunklen und doch ausdruckslosen Augen 
gelangweilt an. 

»Ja, hallo … wie geht's denn so?«, sagte Phoebe nervös. 

Die Mädchen antworteten nicht. Stattdessen richteten sie sich 

langsam auf und kamen auf sie zu, wobei sie ihre Hüften 
aufreizend kreisen ließen. Phoebe bemerkte, dass ihre nackten 
Füße den Boden kaum zu berühren schienen. Und bei 
genauerem Hinsehen musste sie feststellen, dass dies auch nicht 
der Fall war. 

Sie unterdrückte einen Aufschrei und drehte sich instinktiv 

zum Ausgang um. Natürlich war der Felsblock noch immer da. 
Sie wirbelte herum; ihr Blick flog über die Wände – kein 
Fenster weit und breit. Sie saß in der Falle. Ihre einzige Chance 
bestand darin, es mit Höflichkeit zu versuchen. 

»Ähem, wir sind … uns noch nicht vorgestellt worden«, 

begann sie zögernd. »Also, ich heiße … Phoebe.« 

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Die Mädchen kreisten sie ein und zogen den Ring immer 

enger. Dabei starrten sie ihren Gast unverwandt an; doch ihr 
Blick war kalt und leer. 

»Tja, schön, euch kennen zu lernen«, sagte Phoebe und 

streckte ihre Hand aus. Eines der Mädchen senkte den Kopf und 
schnupperte an ihren Fingern. 

»Okay«, sagte Phoebe. »Mit der Etikette habt ihr's 

offensichtlich nicht so … Aber das ist okay für mich … wirklich 
…« 

Das Mädchen schnüffelte an ihrem Handgelenk. Plötzlich 

zischte es, und dann schoss seine Zunge hervor – eine 
gespaltene Zunge! 

»O mein Gott!«, schrie Phoebe auf. Panisch durchbrach sie 

den Kreis der Schlangenmädchen und flüchtete in den hinteren 
Teil der Kammer. 

Hisssssssss. 

Schon waren sie wieder bei ihr, und für Phoebe gab es kein 

Entrinnen mehr. Sie schrie, als die Mädchen mit eiskalten 
Händen nach ihr griffen, ihr das schmutzige Kostüm vom 
Körper rissen und an ihren Haaren zerrten. 

»Geht weg von mir!«, kreischte sie. »Lasst mich in Ruhe!« 

Doch sie hatte keine Chance. 

 

Eine Stunde später stand Phoebe wieder vor dem Spiegel. 

Die Mädchen hatten ganze Arbeit geleistet und die Kammer 

inzwischen wieder verlassen. 

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»Hier war das Schönheitsstudio der Hölle am Werk«, sagte sie 

resigniert. »Ich komme mir vor, als ob ich in einem Cher-Video 
gelandet bin.« 

Die Mädchen hatten ihr kein Leid angetan. Stattdessen hatten 

sie Nikos' Anweisungen peinlich genau befolgt. Ihr zerrissenes 
Fähnchen war einem langen, engen, weinroten Samtkleid 
gewichen, das glockenförmige Ärmel und eine goldfarbene 
Kordel als Gürtel besaß. 

Ihre Augen waren tiefschwarz umrandet, die Lippen blass 

geschminkt. Ihr Haar hatte nun die Farbe schwarzer Tinte und 
umrahmte mit langen glänzenden Locken ihr Gesicht. 
Tatsächlich hatte sie auf einmal große Ähnlichkeit mit den 
Schlangenmädchen. 

»Verdammter Egomane«, schimpfte Phoebe, als sie ihr neues 

Outfit betrachtete. »Wie ätzend!« 

Sie wollte sich gerade aufs Bett schmeißen, als der Felsblock 

vor dem Eingang knirschend beiseite geschoben wurde. Diesmal 
betrat ein Mann ihre Kammer. Er hatte dieselben toten 
schwarzen Augen wie die Schlangenmädchen und eine 
gespaltene Zunge, die immer wieder abstoßend hervorschoss. 
Nikos scheint eine ganze Armee dieser reptilienhaften Diener 
verpflichtet zu haben, dachte sie und sah den Besucher trotzig 
an. Er schien direkt durch sie hindurchzuschauen, als er seine 
Hände nach ihr ausstreckte. 

»Auf keinen Fall!«, protestierte Phoebe. »Finger weg!« 

Der Diener zischelte, als er auf sie zugeschossen kam, sie 

packte und mit einer Leichtigkeit hochhob, als sei sie eine 
Stoffpuppe. Dann schwebte er mit ihr aus der Kammer. 

»Lass mich runter!«, kreischte Phoebe und trat nach seinen 

kalten Beinen. Doch sie wusste, es war vergeblich. Dieser Kerl 

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würde sie bringen, wohin er wollte. Phoebe fühlte einen dicken 
Kloß im Hals. Wie sollte sie ohne die Macht der Drei jemals 
wieder aus diesem Schlamassel herauskommen? Was immer 
dieser Schlamassel auch war. Sie hatte immer noch keine 
Ahnung, warum Nikos sie hierher gelockt hatte und gefangen 
hielt. Einfach nur aus Boshaftigkeit? Ging es um 
Machtspielchen? War es eine Vater-Sohn-Angelegenheit? Oder 
warum? 

Der Diener trug sie durch eine Flucht aus felsengesäumten 

Korridoren. Ab und an passierten sie weitere steinerne 
Kammern, in denen Phoebe noch mehr Mädchen entdeckte, die 
inmitten der aufwändigen alten Möbel ihre Zeit totzuschlagen 
schienen. Sie konnte auch einen Blick auf ein riesiges 
Esszimmer erhaschen, in dem ein Tisch stand, an dem 
mindestens vierzig Personen Platz fanden. 

Doch trotz all des Luxus, der an diesem unterirdischen Ort 

herrschte, ging von ihm nicht die geringste Spur von Wärme 
aus. Die Wände waren feucht und dunkel, in den Räumen und 
Fluren war es dämmrig und empfindlich kühl. Phoebe klapperte 
schon mit den Zähnen, als der Diener endlich in eine der 
Kammern einbog und seine Last ziemlich unsanft auf einen 
großen geschnitzten Holzstuhl fallen ließ. 

Phoebe sah sich um. Der Raum war voller roter Samtsofas und 

Ruheliegen. Die Tische bogen sich unter Schalen und Platten 
mit Obst, Gebratenem, Käse und riesigen Weinkrügen. Und 
inmitten dieses Bacchanals saß Nikos in einer Art Hausmantel 
und Pantoffeln. Er war gerade damit beschäftigt, den Nacken 
eines der Schlangenmädchen zu beschnuppern, das ihm zu 
Füßen saß. Andere ihrer Art hingen im Raum herum und 
flirteten mit ihm, wobei sie aufreizend züngelten. Geräuschvoll 
trank Nikos einen großen Schluck Wein aus einem Glaspokal 
und grinste eines der Mädchen herausfordernd an. Sie kicherte 
schrill und schüttelte ihre langen schwarzen Locken. 

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»Gütiger Gott«, murmelte Phoebe und erhob sich. »Was geht 

hier vor, Nikos?«, verlangte sie zu erfahren. 

Nikos nahm einen weiteren Schluck Wein und wandte sich 

dann gelangweilt zu ihr um. 

»Ach, Phoebe, du bist's … Hm, diese Frisur sieht doch schon 

gleich viel besser aus. Blond ist wirklich nicht deine Farbe, 
Schatz.« 

»Wie dem auch sei«, rief sie aufgebracht, »ich will jetzt 

endlich wissen, warum du mich hierher gebracht hast. Und wo 
zum Teufel sind die Models?« 

»Weißt du, Phoebe«, sagte Nikos träge. Er kreuzte seine Beine 

und schob sich eine Weintraube in den Mund. »Ich sehe nicht, 
wie eine anständige Konversation zwischen uns möglich sein 
soll, wenn du solcher Laune bist. Setz dich, entspann dich, trink 
etwas Wein …« 

Mit diesen Worten drückte ihr eines der Schlangenmädchen 

einen Glaskelch mit Rotwein in die Hand. Phoebe starrte den 
Pokal einige Sekunden lang schweigend an. Für ihn scheint das 
alles nur ein Spiel zu sein, dachte sie. Angewidert schmetterte 
sie den Kelch zu Boden, wo er in tausend Stücke zerbrach. Der 
Wein ergoss sich über die Steinplatten wie eine frische 
Blutlache. 

»Ich will Antworten!«, rief sie. »Und ich will sie sofort!« 

Nikos' Blick streifte Phoebe flüchtig, dann schnippte er mit 

dem Finger, und ein männlicher Diener erschien in der Tür. 
Sofort schnappte sich dieser einen Lappen und beseitigte die 
Glassplitter und den vergossenen Wein. 

Schwerfällig kam der Prinz auf die Beine. Als er stand, 

schwankte er leicht. 

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Er ist betrunken, dachte Phoebe. 

»Du solltest dich wirklich glücklich schätzen, weißt du«, sagte 

Nikos. »Nicht jeden Tag widerfährt einem Mädchen die Gnade, 
zur Braut des Herrschers eines Königreichs gemacht zu 
werden.« 

»Zur was?«, platzte Phoebe heraus. »Hast du gerade … Braut 

gesagt?« 

Nikos seufzte und verdrehte die Augen. »Ich weiß«, sagte er, 

»dieses Wort macht mich auch krank.« Dann zuckte er die 
Achseln. »Aber es ist beschlossene Sache.« 

»Moment mal!«, sagte Phoebe. »Wovon redest du eigentlich?« 

»Setz dich, Phoebe«, sagte er eisig. 

Wütend verschränkte Phoebe die Arme vor der Brust. Sie hatte 

nicht vor, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Doch dann sah 
sie sich um: Die Tür war bewacht, und Nikos schien sie nicht 
wirklich behelligen zu wollen. So entschied sie, es auf die coole 
Tour anzugehen. Sie strafte den hochlehnigen protzigen 
Holzstuhl mit Verachtung und ging hinüber zu einem kleinen 
samtbezogenen Sessel. Auf ihm räkelte sich eines der 
Schlangenmädchen und knabberte an einer Birne. 

»Ich nehme diesen hier, danke«, sagte Phoebe. Das Mädchen 

zischte sie an, doch als Nikos ihm einen scharfen Blick zuwarf, 
erhob es sich auf der Stelle und gab den Platz frei. 

Phoebe sank in die weichen Polster und rieb sich über ihre 

eiskalten Arme. Dann sah sie auf und wartete. 

»Phoebe«, begann Nikos, wobei ein spöttisches Grinsen seine 

Mundwinkel umspielte, »ich möchte, dass du mich heiratest.« 

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»Ja, natürlich«, sagte sie trocken. »Insbesondere, da du mir 

neuerdings so viel Aufmerksamkeit, Respekt und Zuneigung 
zuteil werden lässt.« 

»Ich bitte dich!«, schnaubte Nikos verächtlich und rollte mit 

den Augen. »Als ob Zuneigung und Heirat etwas miteinander zu 
tun hätten.« 

»Auf der Erde schon«, gab Phoebe zurück. 

»Ha!«, lachte Nikos. »Nun, hier im Hades ist die Ehe nicht 

mehr als eine mehr oder weniger lästige Verpflichtung. Sieh dir 
nur meine Eltern an.« 

»Verschone mich mit deinem Psychogequatsche«, sagte sie. 

»Alles, was mich interessiert, ist, zu erfahren, warum du mich 
heiraten willst.« 

»Von Wollen kann keine Rede sein«, sagte er und schob sich 

eine weitere Traube in den Mund. »Ich muss dich heiraten. Papa 
will es so.« 

»Papa? Du meinst Hades persönlich?«, fragte Phoebe und 

spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. 

»So ist es«, seufzte Nikos. »Mein Vater hält mich für 

unzuverlässig und leichtlebig.« 

»Nein, wirklich?«, murmelte Phoebe, während ihr Blick über 

das Gelage wanderte. 

»Also hat er mir befohlen, dass ich mir bis zu meinem 

fünfundzwanzigsten Geburtstag eine Braut zu suchen habe«, 
fuhr er fort. »Andernfalls werde ich verbannt.« 

»Verbannt? Wohin?«, fragte sie und hob eine Augenbraue. 

»Auf die Erde!«, schnaubte Nikos verächtlich. »Verdammt 

dazu, ein langweiliges Leben ohne Magie und ohne meine 

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besonderen Kräfte zu führen. Verdammt, zwischen Sterblichen 
zu leben, die, unter uns gesagt, nicht unbedingt zur attraktivsten 
Sorte zählen.« 

»Ich verstehe«, spottete Phoebe mit Blick auf die 

gelangweilten Schlangenweiber. 

»Der Countdown für den Fluch meines Vaters hat schon 

begonnen«, fuhr Nikos fort und ignorierte ihre Bemerkung. 
»Wenn am Morgen meines fünfundzwanzigsten Geburtstags 
kein Ring an meinem Finger steckt, schickt er mich auf der 
Stelle … nach oben.« Er erschauderte sichtlich bei dem 
Gedanken. »Und wie ich bereits deinen Schwestern erzählte«, 
sagte er und strich sich selbstgefällig über seine 
zurückgekämmten Locken, »kann ich mir jede Braut nehmen, 
die ich will. Immerhin bin ich der Prinz der Unterwelt. Ein 
göttliches Wesen.« 

»Natürlich«, erwiderte Phoebe gleichgültig. 

»Schade nur, dass es heutzutage so wenige allein stehende 

Göttinnen gibt«, beklagte er sich. »Du warst das Beste, was ich 
auftreiben konnte. Ich wusste, dass du die Richtige warst, als ich 
deinen Namen hörte – Phoebe. Vielleicht weißt du es ja schon, 
aber die echte Phoebe entstammte dem alten Göttergeschlecht 
der Titanen. Du siehst, Darling, alles war gewissermaßen 
vorherbestimmt.« 

»Und unsere romantischen Treffen im Café …«, fragte Phoebe 

und vergaß für einen Moment ihren tief sitzenden Hass. 

»Darauf bist du reingefallen?«, wunderte sich Nikos amüsiert. 

»Bitte, Schatz, du bist überhaupt nicht mein Typ. Ich meine, du 
siehst nicht schlecht aus … zumindest noch.« 

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»Was willst du damit sagen?«, verlangte Phoebe zu wissen 

und sprang auf. Sie spürte, wie die Angst mit klammen Fingern 
nach ihr griff. 

»Na ja«, meinte Nikos leichthin, »wir werden heiraten, und du 

wirst fortan die Eisenkugel an meinem Bein sein. Aber ich bin 
sicher, es dauert nicht lange, und du wirst dich gehen lassen.« 

Er kicherte und deutete mit dem Daumen auf einen der 

überladenen Tische. Auf diesem standen ein ganzer Truthahn in 
einem Nest aus Gemüse, eine dampfende Terrine mit cremiger 
Suppe, zahlreiche süße Kuchen und Tabletts, auf denen sich die 
Schokolade türmte. »Von mir aus kannst du gleich damit 
anfangen«, schnarrte er und reichte ihr einen Teller. »Iss, bis du 
aufgehst wie ein Hefekuchen. Mir ist's egal. Alles, was mich im 
Zusammenhang mit dir interessiert, ist die 
Hochzeitszeremonie.« 

»Niemals!«, schrie Phoebe und schleuderte den Teller zu 

Boden. Am liebsten hätte sie dem Diener, der gleich darauf 
herbeigeeilt kam, um die Scherben zu beseitigen, seine toten 
Augen ausgekratzt. 

»Du irrst, meine Liebe«, gab Nikos zurück. Seine langen 

Beine brauchten nur wenige Schritte, schon war er an ihrer Seite 
und packte ihr Handgelenk so fest, dass es schmerzte. Dann griff 
er in die Tasche seines Hausmantels. 

Phoebe keuchte vor Schreck auf und spannte jeden Muskel an 

in der Erwartung, dass Nikos nun ein Messer, einen Dolch oder 
eine andere Waffe hervorzog. Seine Augen glühten rot vor Zorn, 
als er seine Hand vor ihr Gesicht hob. Seine Finger 
umklammerten einen Ring. 

Es war ein Verlobungsring, und Phoebe entfuhr ein weiteres 

Keuchen. Diesmal vor Bewunderung. Der mittlere Stein war ein 
riesiger Diamant von mindestens sieben Karat, so protzig wie 

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jedes einzelne Möbelstück in diesem grotesken Höhlenpalast. 
Und doch übte er ein merkwürdige Faszination auf sie aus. 

Der monströse Edelstein war gebettet in einen Kranz aus 

perfekten Rubinen, so tiefrot wie der zuvor verschüttete Wein, 
so rot wie Nikos' bösartig funkelnde Augen. 

Der Prinz der Unterwelt ergriff Phoebes rechte Hand und 

schob ihr den Ring auf den dafür vorgesehenen Finger. Erpasste 
wie angegossen. Das ist zu unheimlich!, schrie es tief in ihr. 

Dann ließ er Phoebes Hand fallen, als ob er es mit einer 

Pestkranken zu tun hätte, und ließ sich auf eine Couch sinken, 
direkt zwischen zwei ihn anschmachtende Mädchen. 

»Nun, da du dein Verlobungsgeschenk bekommen hast«, sagte 

er mit schneidender Stimme, »solltest du dir etwas Passendes für 
mich überlegen. Immerhin habe ich bald Geburtstag. Am 15. 
August, um genau zu sein.« 

»Das ist ja …«, rechnete Phoebe und legte eine Hand auf ihre 

Stirn. 

»Richtig«, sagte Nikos, »das ist in genau fünf Tagen. Was 

bedeutet, dass unsere göttliche Verbindung in vier Tagen 
offiziell besiegelt wird.« 

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P

iper lag auf ihrem Lieblingssofa

 

im Wohnraum und starrte 

niedergeschlagen in das Sonnenzimmer. 

»Wie können sie einfach nur so daliegen und schlafen?«, 

murmelte sie und fühlte einen Anflug von Neid. Wenn doch nur 
auch sie endlich schlafen und diesen real existierenden 
Albtraum für einige Stunden vergessen könnte. Phoebe war im 
Hades gefangen, und Prue und sie schienen keine Lösung für 
das Problem zu finden. 

Nicht dass Prue es aufgegeben hätte. Sie saß mit angezogenen 

Beinen in einem Sessel in ihrer Nähe und studierte aufmerksam 
Seite für Seite das Buch der Schatten, das auf ihren Knien lag. 
Ab und zu schüttelte sie den Kopf und blätterte seufzend weiter. 

»Vielleicht sollten wir uns einfach noch mal fotografieren und 

auf diese Weise in den Hades zurückkehren«, schlug Piper 
betrübt vor. »Und dann fahren wir einen Überraschungsangriff, 
schnappen uns Phoebe und verschwinden wieder.« 

»Ich glaube nicht, dass das funktioniert«, sagte Prue. 

»Erinnere dich nur, wie lange die Reise gedauert hat, bis wir 
endlich diese Höhle erreicht haben. Wir wären bei unserem 
Eintreffen so erschöpft, dass wir nichts mehr auf die Reihe 
kriegen würden. Besonders ohne unsere Kräfte …« 

»… die bei Nikos ohnehin nicht funktionieren«, sagte Piper 

frustriert. 

»Außerdem glaube ich nicht, dass wir einfach so da 

reinspazieren und Phoebe rausholen können«, sagte Prue. »Und 
wenn es uns tatsächlich gelingen sollte, bis zu ihr vorzudringen, 
so glaube ich, dass sie in diesem Höhlenpalast auf eine ganz 
besondere Art festgehalten wird.« Sie wandte sich wieder dem 

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Buch der Schatten zu. »Warte mal, ich glaube, ich hab hier was 
gefunden.« 

»Was denn?«, fragte Piper aufgeregt und rannte zu ihr 

hinüber. 

»Hier, ein Zauberspruch für verlorene Seelen«, sagte Prue und 

zeigte auf eine verschmutzte Seite. »›Wenn eine wandernde 
Seele verloren scheint, nimm diesen Spruch, auf dass er Geist 
und Körper eint …‹« 

»Also, ich finde, das klingt ganz gut! « Piper stieß ihre 

Schwester hoffnungsvoll an. 

»Ja, aber wir verfügen nicht über die Macht der Drei«, 

erinnerte Prue sie. »Also, lass uns den Spruch zur Sicherheit 
lieber dreimal aufsagen.« 

Die Schwestern nahmen sich bei den Händen und lasen laut 

aus dem Buch vor: 

»› Geist, o Geist, wo immer magst sein, vernimm unseren Ruf 

und kehre heim.‹« 

Sie wiederholten den Spruch dreimal und verschränkten ihre 

Finger so fest ineinander, dass die Knöchel weiß hervortraten. 
Schließlich öffneten sie die Augen und sahen sich 
erwartungsvoll an. 

Piper blickte sich suchend um, doch Phoebe war nirgends zu 

sehen. Enttäuscht sah sie Prue an und seufzte. Doch die Augen 
ihrer Schwester waren fassungslos auf einen Punkt hinter ihrem 
Rücken gerichtet. 

»Was?«, schrie Piper panisch auf und fuhr herum. Prues Blick 

ging starr in Richtung eines kleinen vergoldeten Wandspiegels, 
eines der Lieblingsstücke ihrer Großmutter, der neben der 
Küchentür hing. 

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»O mein, Gott … Phoebe!«, rief sie und rannte darauf zu. Prue 

folgte ihr. Bestürzt starrten sie in den Spiegel. Anstelle ihrer 
eigenen Abbilder sahen sie ihre jüngste Schwester darin, oder 
zumindest ihre Projektion. Ärgerlich stampfte Phoebe in einem 
Gemach mit Steinboden auf und ab. 

»Sieht aus, als ob sie in einer Art Schlafzimmer gefangen 

gehalten wird«, presste Prue hervor. »Siehst du das große 
Pfostenbett? Und diesen Samtvorhang?« 

»Und wie sieht sie eigentlich aus?«, keuchte Piper bestürzt 

und deutete auf Phoebes geschmackloses Gothic-Outfit und das 
lange schwarz gelockte Haar. Gerade blickte die Schwester auf 
etwas Glänzendes an ihrem Finger, als das Bild immer 
schwächer wurde, bis es schließlich ganz verschwand. 

Verzweifelt schlug Prue gegen den Spiegelrahmen, doch die 

beiden Schwestern starrten nur noch in ihre eigenen 
entgeisterten Gesichter. 

»Nun, damit ist der Fall wohl erledigt«, sagte Piper ironisch. 

»Nun wissen wir, dass Phoebe in Nikos' unterirdischem Domizil 
gefangen gehalten wird und dass sie von jemandem ausstaffiert 
wurde, der einen ziemlich kranken Geschmack hat.« 

»Immerhin scheint es ihr gut zu gehen«, murmelte Prue. Sie 

begann im Wohnzimmer auf und ab zu tigern, wie es noch vor 
Sekunden die Schwester in ihrer unterirdischen Kemenate getan 
hatte. »Aber dieser Spruch taugt offensichtlich nicht dazu, uns 
Phoebe zurückzubringen!« 

»Von unseren anderen verlorenen Seelen ganz zu schweigen«, 

erinnerte Piper sie und deutete auf die schnarchenden College-
Studenten im Sonnenzimmer. 

Prue warf die Hände in die Höhe und stampfte vor Frustration 

auf. Verzweifelt sah sie sich im Zimmer um, als sie plötzlich 

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etwas am Boden liegen sah – gleich neben der antiken Kamera. 
Es war das Buch mit den viktorianischen Porträts aus der 
Leihbücherei, das ihr die ganze Sache erst eingebrockt hatte. 

Aber wer weiß?, dachte sie. Wenn ich Nikos nicht mit aufs 

Bild genommen hätte, wäre das alles vielleicht gar nicht 
passiert. 

»Verdammt!«, fluchte sie. »Hätte ich das blöde Buch doch nie 

gefunden!« Mit einem Wutschrei packte sie den Fotoband und 
schmetterte ihn gegen die Wand. Aufgeschlagen plumpste er auf 
den Orientteppich zurück. 

Piper wollte das Buch an sich nehmen, um es vor Prue in 

Sicherheit zu bringen, als ihr Blick auf die aufgeklappte Seite 
fiel. Das Bild zeigte einen Mann mit einem langen grauen Bart 
und breiter Brust, der seine kräftigen Hände hochmütig in die 
Hüften gestemmt hatte. 

›Zeus – Göttervater des Olymp‹, war in der Bildunterschrift zu 

lesen. 

In Pipers Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume, und sie 

begann die Puzzlestücke der letzten Stunden 
zusammenzusetzen. Plötzlich kam ihr eine Idee. Eine geradezu 
brillante Idee! 

»Natürlich!«, rief sie aus und eilte zu ihrer Schwester. »Ich 

glaube, ich weiß jetzt, was da vor sich geht!« 

»Ach, ja?«, fragte Prue stirnrunzelnd. 

»Hast du den Ring an Phoebes Finger gesehen?« 

»Ja«, erwiderte Prue. »Sah aus wie ein riesiger Diamant mit 

Rubinen drumherum oder so. Irgendwelche roten Steine 
jedenfalls.« 

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»Ein Diamantring«, bestätigte Piper atemlos. »Ein 

Verlobungsring!« 

»Was?«, fragte Prue entsetzt. 

»Ich glaube, Nikos hat Phoebe entführt, damit sie seine Frau 

wird«, erklärte Piper. »Immerhin hat Hades, sein Vater, genau 
das Gleiche getan. Er raubte Persephone und zwang sie, die 
Königin der Unterwelt zu werden.« 

»Das stimmt«, erinnerte sich Prue. »Aber hast du mir nicht 

erzählt, dass sie nur für eine gewisse Zeit im Jahr im Hades sein 
musste?« 

»Genau, weil sie während ihres Aufenthaltes dort einen 

Granatapfelkern gegessen hat, der kurzfristig ihre Sinne 
verwirrte«, führte Piper aus. »Deshalb musste sie ein Drittel des 
Jahres bei Hades zubringen.« 

»Okay, Piper«, meinte Prue, »wenn mich das jetzt irgendwie 

beruhigen soll, so kann ich dir sagen, dass das nicht der Fall ist.« 

»Ich bin noch nicht fertig«, rief Piper aufgeregt. Sie deutete 

auf das Foto in dem Bildband. »Es war Zeus, der König aller 
Götter und Herrscher des Himmels, der für diesen Deal 
verantwortlich war. Er hatte beschlossen, dass Persephone für 
den Genuss des Granatapfelkerns büßen sollte. Dass sie den 
Hades deshalb zwar nicht verlassen, ihren Aufenthalt dort aber 
verkürzen durfte.« 

»Also, was du meinst, ist …«, begann Prue. 

»Wenn Zeus dergleichen für Persephone tun konnte, könnte er 

es doch auch für Phoebe tun, oder nicht?«, fragte Piper und 
schlug das Buch zu. »Zeus ist der Boss. Er hat alle Macht über 
die Götter, also auch über seinen Bruder Hades und damit über 
die Unterwelt.« 

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»Also, wenn wir Kontakt mit Zeus aufnähmen …«, überlegte 

Prue. 

»Und warum sollte das nicht möglich sein? Schließlich sind 

wir schon bis in den Hades vorgedrungen«, unterbrach Piper sie. 
»Also wissen wir, der Olymp muss existieren!« 

»Und wir könnten Zeus bitten, anzuordnen, dass Phoebe 

freigelassen wird«, schlussfolgerte Prue. 

»Wir müssen nur herausfinden, wie wir auf diesen Berg 

hinaufkommen«, sagte Piper und griff nach dem Buch der 
Schatten

»Erstens das, und zweitens sollten wir inständig hoffen, dass 

Phoebe in der Zwischenzeit im Hades nichts zu sich nimmt«, 
gab Prue zu bedenken. Pipers Teint wurde fahl. »Du hast 
Recht«, sagte sie leise. 

»Und du weißt doch, wie gerne sie isst«, fügte Prue hinzu. Sie 

war ebenfalls sehr blass geworden. »Ständig futtert sie. Sie hat 
einfach immer Hunger, wie du weißt.« 

»Lass uns das Beste hoffen«, sagte Piper und blätterte mit 

fliegenden Fingern im Buch der Schatten. »Vielleicht ist ihr die 
Idee, den Prinzen der Unterwelt ehelichen zu müssen, ja auf den 
Magen geschlagen.« 

Wider Erwarten fand sich im Buch der Schatten, das keinen 

einzigen Eintrag zu Thema Hades hatte, etwas zum Berg Olymp. 

»So überraschend ist das nun auch wieder nicht«, bemerkte 

Piper, als sie die Seite studierte. »Immerhin ist der Sitz der 
Götter ein wesentlich attraktiveres Reiseziel als die Unterwelt.« 

»Wenn man die Sache als Ausflug betrachtet, hast du 

vermutlich Recht«, sagte Prue und sah ihrer Schwester über die 
Schulter. »Also, was haben wir denn hier?« 

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»Einen Trank und einen Zauber«, sagte Piper, während sie das 

Rezept für das Elixier studierte. »Es scheint, als ob die Sonne als 
eine Art Portal in den Olymp fungiert. Man kann ihn nur bei 
Sonnenaufgang betreten und bei Sonnenuntergang wieder 
verlassen.« 

»Das klingt machbar«, befand Prue. »Und wie stellen wir das 

nun an?« 

»Na ja, jetzt kommt der Haken«, sagte Piper. »Es scheint, als 

ob nur eine von uns gehen kann.« 

»Was? Warum?« 

»Also, die Person, die zum Olymp reist, muss den Trank zu 

sich nehmen. Aber jemand auf der Erde muss sie dorthin 
schicken und, was noch wichtiger ist, sie von dort wieder 
zurückholen.« 

»Also muss diese Person bei Sonnenaufgang …« 

»… den Zauber sprechen«, beendete Piper den Satz ihrer 

Schwester. »Damit wird die andere zum Portal entsandt, das in 
den Olymp führt.« 

»Gut«, sagte Prue. »Ich denke, so können wir es machen. 

Alles, was wir tun müssen, ist … Achtung!!!« 

»Was?«, schrie Piper, als sie das vor Schreck verzerrte Gesicht 

ihrer Schwester sah. Sie duckte sich gerade noch rechtzeitig, als 
sie auch schon etwas an ihren Haaren vorbeizischen spürte. 
Abrupt richtete sie sich kerzengerade auf und starrte auf den 
Pfeil, der in der Wand stecken geblieben war. 

Langsam wandte sie sich um. 

Die Kreatur, die in der Küchentür stand, war die wohl 

schrecklichste, die sie bisher gesehen hatte. Sie war einäugig, 

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ihre Haut war grau und schuppig, und ihr Haar – nun ja, es war 
nicht wirklich Haar, was sich da auf ihrem Kopf kringelte und 
wand. Es waren zischende Schlangen! 

Schon nahm die Kreatur einen weiteren Pfeil aus einem 

Köcher, den sie über der Schulter trug. Als sie den Kopf senkte, 
um das Geschoss in den Bogen einzulegen, packte Piper ihre 
Schwester und riss sie mit sich hinter die Couch. 

»Was tust du da?«, protestierte Prue und versuchte sich aus 

Pipers Griff zu befreien. »Lass uns dieses Ding erledigen. Das 
schaffen wir doch locker.« 

»Nein, Prue«, quietschte Piper panisch. »Ich kenne diese 

Kreatur aus der griechischen Mythologie. Das ist eine Gorgo.« 

»Ich geb's auf«, sagte Prue, als ein weiterer Pfeil durch die 

Luft sauste und sich in die Couch bohrte. »Was zum Henker ist 
eine Gorgo? – Verdammt, diese Couch ist eine Antiquität!« 

»Vergiss die Couch!«, keuchte Piper entsetzt. »Hast du schon 

mal von der Medusa gehört? Sie war eine der Gorgonen. Die 
Legende sagt, jedermann, der sie erblickte, wurde zu Stein.« 

»Also werden wir entweder von einem Pfeil durchbohrt, oder 

sie versteinert uns?«, fragte Prue. 

»Oder wir überlegen uns, wie wir ihr den Garaus machen 

können, ohne Augenkontakt mit ihr zu haben«, sagte Piper. 

»Also für strategische Kriegsführung haben wir jetzt wirklich 

keine Zeit«, schrie Prue, als ein weiterer Pfeil durch die Luft 
schoss. »Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, Phoebe zu 
retten.« 

»Ich glaube, deswegen hat man uns die Gorgo ins 

Wohnzimmer geschickt«, sagte Piper. »Um genau das zu 
verhindern.« 

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»Mag sein«, grummelte Prue. Dann erhellte sich ihre Miene. 

»Warte mal, ich hab 'ne Idee!« 

Sie deutete auf den kleinen Wandspiegel, in dem sie noch vor 

wenigen Minuten Phoebe gesehen hatten. Er hing ganz in ihrer 
Nähe. »Piper«, fragte sie, »meinst du, du kannst dieses Biest 
einfrieren, ohne es anzusehen?« 

»Keine Ahnung«, gab Piper zurück. »Ich kann's ja mal 

versuchen.« 

Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich; versuchte sich 

die Gorgo in ihrer ganzen schleimigen, schlangenhaften 
Hässlichkeit vor ihr inneres Auge zu führen. Dann hob sie die 
Hand und bewegte sie wedelnd über der Couch. 

Die Standuhr hörte auf zu ticken. Ein Staubkorn, das eben 

noch zwischen ihnen geschwebt hatte, blieb reglos in der Luft 
hängen. 

»Es hat geklappt«, flüsterte Piper. 

Prue wollte sich schon erheben, doch die Schwester hielt sie 

zurück. »Möglich, dass selbst eine eingefrorene Gorgo uns zu 
Stein erstarren lassen kann«, gab sie zu bedenken. »In der 
griechischen Sage war Medusas Kopf sogar noch tödlich, als er 
schon abgeschlagen war.« 

»Ich passe schon auf«, versicherte ihr Prue. »Gib mir 

Deckung.« 

Mit zu Boden gerichtetem Blick standen die Schwestern auf. 

Sie konnten die Klauenfüße der Gorgo sehen, die noch immer 
auf der Schwelle zur Küche stand. Rasch kroch Prue auf die 
Wand zu und nahm den Spiegel ab. Dann hielt sie das gute 
Stück wie einen Schild vor ihr Gesicht, ging hinüber zu der 
Kreatur und hielt es der Gorgo direkt vor die Nase. Über die 
Ränder des Spiegels konnte sie einen Blick auf die ehemals 

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wimmelnden Schlangenleiber erhaschen, die nun starr und steif 
in die Luft ragten. 

Sie hielt den Atem an. 

Die Sekunden verstrichen und kamen Prue vor wie Stunden. 

Schließlich lief die Zeit wieder an; der Wind rauschte durch die 
Bäume vor dem Fenster, die Uhr begann wieder zu ticken, und 
dann stieß die Gorgo einen Schrei aus, der ihnen durch Mark 
und Bein ging. 

Begleitet von einem knackenden Geräusch wurden ihre 

grässlichen Füße grau und leblos. Auch die Schlangen auf ihrem 
Kopf versteinerten inmitten ihrer Bewegungen. Mit ihrer 
Schuhspitze berührte Prue vorsichtig die Zehen der teuflischen 
Kreatur. Sie waren hart wie Fels. 

»Prue, das war einfach genial!«, rief Piper, als sie ihrer 

Schwester den Spiegel aus den zitternden Händen nahm. »Du 
hast genau denselben Trick angewandt, den Perseus benutzt hat, 
um die Medusa zu bezwingen.« 

Prue ließ den Spiegel sinken und starrte die Gorgo fassungslos 

an. Selbst als steinerne Statue war sie noch grauenvoll 
anzusehen. Insbesondere, da ihre ohnehin abstoßenden Züge vor 
Schmerz und Ekel völlig verzerrt waren, festgehalten in dem 
Augenblick, da sie ihre eigene Fratze hatte anschauen müssen 
und an dem Anblick zugrunde gegangen war. 

»Ich wollte eigentlich vorschlagen, sie im Garten aufzustellen, 

aber irgendwie ist sie einfach zu hässlich als Rasenschmuck«, 
sagte Prue trocken. 

»Zudem wiegt das Ding bestimmt über eine Tonne!«, 

beschwerte sich Piper. »Wie sollen wir es nur aus dem Haus 
schaffen?« 

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»Darum kümmern wir uns später«, meinte Prue. »Im Moment 

sollten wir uns mit diesem Zaubertrank beschäftigen. Morgen 
bei Sonnenaufgang muss eine von uns hinauf auf den Olymp.« 

 

Eine Stunde später standen die beiden Schwestern in der 

Küche, die nun im wahrsten Sinne des Wortes eine Hexenküche 
war. 

»Gut, ich glaube, wir haben die Zutaten für den Trank 

zusammen«, sagte Prue. »Lavendel, Thymian, Salbei und Safran 
…« 

»Genau genommen einen ganzen Teelöffel Safran«, nörgelte 

Piper. »Es ist ja auch nur das teuerste Gewürz unter der Sonne. 
Zumal ich nächste Woche Paella machen wollte …« 

»Deine Sorgen möchte ich haben«, bemerkte Prue. »Wie dem 

auch sei, wir haben auch den roten Ton, die Rosendornen und 
die Schuppen eines silbernen Fischs …« 

»Gut, dass ich den Lachs eingefroren hatte«, murmelte Piper. 

»Und zu guter Letzt etwas Stein von einer Skulptur.« 

»Was für ein wunderbarer Zufall«, grinste Piper. Sie öffnete 

den Schrank unter der Spüle und begann in einem 
Werkzeugkasten herumzuwühlen. Schließlich ging sie mit 
einem Hammer bewaffnet hinüber zu der erstarrten Gorgo, die 
noch immer im Kücheneingang stand. 

Mit einem einzigen Hieb schlug sie eine der versteinerten 

Schlangen von ihrem Kopf und warf sie ihrer Schwester zu. 

»Rache ist süß«, rief sie. »Was müssen wir als Nächstes tun?« 

»Jetzt muss das Ganze vier Stunden lang gekocht werden«, las 

Prue vor. »In Rotwein und begleitet von einem … Lied.« 

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»Hmmmm«, machte Piper. Dann zwinkerte sie ihrer 

Schwester verschwörerisch zu und zog einen kleinen Karton aus 
dem Geschirrschrank. »Der tragbare CD-Player«, erklärte sie, 
»ist des Küchenchefs bester Freund.« Sprach's und stöpselte das 
Gerät direkt neben dem Herd ein. 

Dann wühlte sie in einem Stapel von CDs herum, bis sie eine 

Scheibe von Green Day gefunden hatte, legte sie ein und 
drückte den Wiedergabe-Knopf. 

»Den Göttern sei Dank für ›Auto-Replay‹«, murmelte Prue. 

Als Piper begann, die Zutaten für den Trank abzumessen und 

in einem Topf miteinander zu vermengen, biss sich Prue nervös 
auf die Lippe. »Ist dir klar, dass wir den wichtigsten Teil unseres 
Plans noch gar nicht besprochen haben?«, sagte sie. »Ich meine 
die Frage, wer von uns beiden denn nun auf den Olymp gehen 
wird.« 

»Ich nehme an, das wirst du sein«, erwiderte Piper. »Du bist 

die Ältere von uns beiden und verfügst über die aktiveren 
Fähigkeiten und so weiter. Ich werde daher am besten zu Hause 
bleiben … wie immer.« 

»Eigentlich«, warf Prue ein, »hab ich es mir gerade 

andersherum überlegt. Du wärst eigentlich viel geeigneter, mit 
dem alten Zeus zu verhandeln.« 

»Ach nee?« Piper lächelte dünn und ließ den Messlöffel 

sinken. »Wie kommst du denn auf die Idee?« 

»Na ja, einerseits verfügst du über das fundierteste Wissen zur 

griechischen Mythologie«, erklärte Prue. »Ich meine, ich hab 
immer gedacht, dass du eine ziemliche Streberin warst, aber wer 
konnte schon ahnen, dass dein Fleiß eines Tages unsere Familie 
retten könnte?« 

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»Ähem, ja, vielen Dank«, murmelte Piper und verdrehte die 

Augen. 

»Außerdem könnte ich hier unten viel nützlicher sein für den 

Fall, dass noch andere sagenhafte Horrorgestalten in unserem 
Haus auftauchen«, fuhr Prue fort und wackelte mit ihrem 
Telekinese-Finger. »Ich könnte sie erledigen, bevor sie sich an 
unseren schlafenden Schönheiten vergreifen.« 

»Das ist ein Argument«, sagte Piper und wandte sich wieder 

dem Rezept zu. »Also ist es beschlossene Sache: Ich gehe rauf, 
und du bleibst hier.« 

Obwohl sie dies so leichthin sagte, fühlte sie eine unbändige 

Erregung in sich aufsteigen. Schon als Kind, als sie die 
griechischen Sagen in der Schule durchgenommen hatten, hatte 
sie immer versucht sich vorzustellen, wie es wohl auf dem Sitz 
der Götter aussehen mochte. Lustige Fantasien waren ihr dabei 
in den Sinn gekommen, zum Beispiel wie es wäre, wenn sie wie 
Mary Poppins einfach dorthin fliegen oder wie Ebenezer 
Scrooge in der Zeit zurückreisen könnte. 

Und nun, sie konnte es kaum fassen, würde sie tatsächlich auf 

den Olymp gehen! Und nicht zuletzt aus Sorge um ihre 
Schwester Phoebe konnte sie es kaum erwarten, dorthin zu 
kommen. 

»Weißt du eigentlich, was das bedeutet, Prue?«, fragte sie 

plötzlich. »Morgen werde ich im Himmel sein, während Phoebe 
in der Hölle festsitzt.« 

Angesichts dieser Vorstellung konnte Prue ein Kichern nicht 

unterdrücken. »Eigentlich ist das ja alles andere als lustig«, 
sagte sie, »aber findest du nicht auch, dass dieser Geschichte 
eine gewisse poetische Gerechtigkeit anhaftet?« 

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»Hehe«, kicherte Piper, doch dann unterbrach ein 

alarmierendes Geräusch diesen Anflug von Heiterkeit. 

Es hatte an der Tür geklingelt! Die beiden Schwestern 

wechselten einen panischen Blick. 

»Wer kann das bloß sein?«, krächzte Prue. 

»Er oder sie darf auf keinen Fall die Models sehen!«, stieß 

Piper hervor. »Prue, du musst schnell den Vorhang schließen 
und auf sie aufpassen. Ich wimmele unseren Besucher 
inzwischen ab.« 

»Alles klar!«, rief sie, und dann stürmten sie aus der Küche. In 

Windeseile hatte Prue den Vorhang zwischen Sonnen- und 
Wohnzimmer geschlossen. »Madelaine schnarcht wieder!«, rief 
sie von drinnen. »Wer immer es ist, lass ihn oder sie auf keinen 
Fall herein!« 

Piper nickte und schluckte. Dann eilte sie ins Foyer und riss 

mit den Worten »Es ist sechs Uhr! Wissen Sie nicht, dass 
anständige Menschen um diese Zeit zu Abend essen?« die Tür 
auf. 

»Mitchell!«, platzte sie heraus. 

Da stand Prues anbetungswürdiger potentieller Liebhaber auf 

der Schwelle und lächelte sie freundlich an. Piper konnte nicht 
umhin festzustellen, wie attraktiv sein muskulöser Körper in 
dem blauen Shirt und der perfekt sitzenden Levis aussah. 

»Äh, hallo«, sagte sie mit einem schiefen Grinsen. »Du bist 

mit Prue verabredet, stimmt's?« 

»Yep«, erwiderte er und scharrte ein bisschen auf der Stelle. 

Natürlich wartet er darauf, dass ich ihn hineinbitte, dachte 

Piper. Was soll ich jetzt bloß machen? 

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»Ich hab's irgendwie geschafft, ihr die Verabredung zum 

Dinner abzuschwatzen, bevor sie mich vor die Tür gesetzt hat«, 
erklärte er und lachte befangen. »Ich hoffe, der Rest des 
Shootings lief gut?« 

»Oh, ja«, rief Piper. »Es war einfach toll! Geradezu 

umwerfend toll. Mitchell … könntest du einen Moment hier 
warten? Ich glaube, Prue ist noch nicht so weit. Warum setzt du 
dich nicht ein bisschen auf die Veranda und genießt die gute 
Luft? Ich bin sofort wieder zurück!« 

Sprach's, warf die Tür zu und rannte zurück ins Wohnzimmer. 

Prue klebte förmlich am Samtvorhang zum Sonnenzimmer. 

Entsetzt hatte sie eine Hand auf den Mund gepresst. »Ich hab 
Mitchell total vergessen! Wir waren für heute Abend 
miteinander verabredet«, keuchte sie. »Ich muss ihm sagen, dass 
ich nicht mitkommen kann.« 

Piper konnte sehen, wie sehr es ihrer Schwester Leid tat, 

Mitchell einmal mehr enttäuschen zu müssen. 

Prue seufzte. »Ich glaube, das war's dann mit uns beiden. 

Welcher Mann lässt sich schon zweimal hintereinander vor den 
Kopf stoßen? Und wieder wurde eine hoffnungsvolle Beziehung 
das Opfer meines Hexendaseins …« Sie seufzte erneut und 
machte sich auf in Richtung Haustür. 

Doch Piper hielt sie zurück. »Warte mal«, sagte sie. »Weißt du 

was? Wir können bis Sonnenaufgang doch ohnehin nichts mehr 
unternehmen. Uns sind quasi die Hände gebunden, bis ich auf 
dem Olymp eingetroffen bin. Und ich kann die Sache mit dem 
Trank auch allein machen – also, warum gehst du nicht einfach 
mit Mitchell aus?« 

»Bist du verrückt?«, rief Prue. »Phoebe schwebt in 

Todesgefahr, und ich verlustiere mich mit meinem Liebsten?« 

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»Jetzt mal halblang, Prue«, sagte Piper sanft. »Da draußen 

steht ein wundervoller Mann. Du möchtest ihn nicht verlieren. 
Und falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Wir 
schweben jede Woche mehr oder weniger in Todesgefahr. Ich 
kümmere mich um alles. Geh du bitte essen mit Mitchell, und 
wenn es auch nur dem Zweck dient, dass er sich daraufhin auch 
in Zukunft mit dir treffen möchte. Das ist ein schwesterlicher 
Befehl!« 

»Na gut«, murmelte sie. »Ich würde wahrscheinlich sowieso 

nur hier rumsitzen und die Wände anstarren.« Sie biss sich auf 
die Unterlippe. »Bist du sicher, dass du meine Hilfe bei dem 
Trank nicht brauchst?« 

»Das ist ein Kinderspiel«, gab Piper zurück. »Einfacher als 

Paella, so viel ist klar.« 

»Nun denn … okay«, sagte Prue und rannte die Stufen zu 

ihrem Zimmer hinauf. »Ich muss mich nur noch ein wenig 
zurechtmachen. Bitte sag ihm, ich bin in fünf Minuten fertig. 
Und, Piper …?« 

»Ja?« 

»Danke. Du bist wirklich die Beste.« 

»Darauf kannst du wetten«, sagte Piper augenzwinkernd. Sie 

freute sich für ihre Schwester, und doch war da wieder dieses 
Gefühl der Schwermut. Wann hatte das letzte Mal ein Mann auf 
sie  vor der Tür gewartet? Seufzend ging sie zurück in die 
Küche, wo sie Mitchell einen kühlen Drink eingoss. 

Als sie wieder die Haustür öffnete, fand sie Prues Freund auf 

der obersten Stufe sitzend vor. Mit einem hoffnungsvollen Blick 
fuhr er herum und ließ enttäuscht die Schultern sinken, als er 
Piper erblickte. 

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»Sie ist wie immer zu spät dran«, verkündete diese und 

unterdrückte ein Kichern angesichts dieser ungeheuerlichen 
Lüge. »Aber länger als fünf Minuten wird sie nicht mehr 
brauchen.« 

»Großartig«, sagte Mitchell, und seine Miene hellte sich 

wieder auf. »Für eine Sekunde dachte ich, dass sie mir wieder 
eine Abfuhr erteilen wird.« 

»Wo denkst du hin?«, sagte Piper und lächelte auf ihn herab. 

Dann drückte sie ihm das Glas mit dem Drink in die Hand. 
»Limo?« 

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M

itchell chauffierte

 

sie in seinem Geländewagen in ein altes 

Viertel mit Kopfsteinpflaster in Downtown San Francisco. 

»Ich hoffe, es ist dir recht, dass ich uns einen Tisch in einer 

Trattoria reserviert habe«, sagte er, als er aus dem Wagen 
sprang, um Prue die Tür zu öffnen. »Ich bin sehr oft hier. Ich 
dachte, nach unserem vietnamesischen Abenteuer wäre etwas 
Bodenständigeres zur Abwechslung ganz nett.« 

Prue stieg aus und strich sich ihr Kleid glatt, eine 

kürbisfarbene Satinkreation mit tiefem Rückenausschnitt. Dann 
fiel ihr Blick auf das Schild vor dem Eingang. »Rose von 
Neapel« war dort zu lesen, und sogleich erschienen vor ihrem 
geistigen Auge knusprige, warme Brötchen, Nudeln in roter 
Soße mit frischem Parmesan und süffiger Chianti. Mit anderen 
Worten: wohl vertraute, tröstliche Küche. 

Dankbar sah sie Mitchell an. »Eine gute Wahl. Es ist, als ob 

du meine Gedanken gelesen hättest.« 

»Perfekt«, freute er sich und schenkte ihr ein 

anbetungswürdiges Lächeln. 

Als sie sich an einem kleinen gemütlichen Ecktisch 

niederließen, konnte Prue nicht umhin, an Phoebe zu denken. 
Ihre Schwester war zur Zeit an einem Ort, der in keinem 
krasseren Gegensatz zu diesem hier stehen konnte. Selbst der 
Gedanke an Essen verursachte ihr Schuldgefühle, angesichts der 
Folgen, die eine Mahlzeit für ihre Schwester haben konnte. 

Als Mitchell eine Flasche Rotwein bestellte und ihr ein Glas 

eingoss, nahm Prue hastig einen großen Schluck, um die Angst 
und Sorge zu vertreiben, die sich in ihrer Magengegend breit 
machte. 

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Nach einem Teller ›Penne Primavera‹ und zwei weiteren 

großzügig eingeschenkten Gläsern Wein fühlte sie sich schon 
viel besser. Tatsächlich konnte sie sogar ausgelassen über die 
Geschichte von Mitchells erstem Job lachen. 

»Und da fragte mich die Herausgeberin: ›Wann haben Sie 

denn dieses Abenteuer, das Sie so lebhaft in Ihrem Leitartikel 
beschreiben, erlebt? Die Story ist einfach toll erzählt!‹«, 
berichtete er gerade. »Und ich sagte: ›Gar nicht. Das habe ich 
mir ausgedacht.‹« 

»Was?«, kicherte Prue. 

»Ich war solch ein Grünschnabel. Ich wusste noch nicht mal, 

dass man keine hypothetischen Schauplätze und Ereignisse in 
seine Geschichte einbauen darf«, fuhr er fort. »Also nahm sie 
mich zur Seite und sagte mir: ›Aber so funktioniert Journalismus 
nicht. Sie können sich die Dinge nicht einfach nach Ihrem Gusto 
zusammenfantasieren!‹« 

»Ich kann es mir geradezu bildlich vorstellen«, lachte Prue. 

»Der junge, ernsthafte Reporter, der sich kurzerhand eine 
fesselnde Geschichte ausdenkt.« 

»Ja, du lachst«, sagte Mitchell. »Aber mich hätte es fast die 

Karriere gekostet, noch ehe sie richtig begonnen hatte.« 

»Wie es scheint, hast du dich von diesem Einbruch ja prächtig 

erholt«, bemerkte Prue. »Ich meine, immerhin arbeitest du für 
National Geographic, der Nummer eins unter den Reise- und 
Abenteuerzeitschriften. Bitte erzähl mir, wie ist es, für dieses 
Magazin tätig zu sein.« 

»Wie wäre es, wenn ich das beim Nachtisch tue?«, schlug er 

vor und bat den Kellner um die Rechnung. »Ich kenne da genau 
den richtigen Ort …« 

 

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Kurz darauf schaute Prue in einen atemberaubenden 

Sternenhimmel. 

Sie sah Mitchell an und lächelte. Dann versuchte sie eine 

etwas bequemere Sitzposition auf der Motorhaube des 
Geländewagens einzunehmen. Sie hatten auf einem hoch 
gelegenen Kliff über dem Pazifik geparkt und betrachteten nun 
gegen die Windschutzscheibe gelehnt den wunderschönen 
Nachthimmel. 

»Dies ist mein Lieblingsplatz fürs Dessert«, erklärte Mitchell 

mit einem schüchternen Grinsen. Er setzte sich auf und 
präsentierte ihr die beiden Schachteln, die er aus dem 
italienischen Restaurant mitgenommen hatte. »Cannoli oder 
lieber Tiramisu?« 

»Definitiv Tiramisu«, sagte Prue mit gespielter 

Ernsthaftigkeit. Mitchell reichte ihr das cremige Dessert 
zusammen mit einer Plastikgabel. Prue nahm einen Bissen und 
verdrehte verzückt die Augen. »Das ist das beste Tiramisu, das 
ich je gegessen habe!«, schwärmte sie. 

»Probier mal meins«, sagte er und reichte ihr die Schachtel mit 

der Cannoli. »Danach wirst du glauben, du wärst gestorben und 
direkt nach Sizilien überführt worden.« 

Prue lachte und naschte auch von der knusprigen Nachspeise. 

»Verdammt«, rief sie. »Du hast nicht übertrieben, das ist einfach 
köstlich!« 

Dann schüttelte sie fassungslos den Kopf. »Ich habe so eine 

tolle Zeit mit dir. Kaum zu glauben, dass …« 

Abrupt hielt sie inne. Sie fühlte sich so wohl in Mitchells 

Gegenwart, dass sie fast die Sache mit Phoebe ausgeplaudert 
hätte. Und in der Folge natürlich auch, dass sie eine Hexe war. 
Was wiederum jegliche Chance auf eine gemeinsame Zukunft 

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mit Mitchell zunichte gemacht hätte. Prues Lächeln schmolz 
dahin, und sie starrte betrübt auf ihre Hände. 

Während sie so grübelnd dasaß, rutschte Mitchell von der 

Motorhaube und erschien eine Minute später mit seiner Kamera 
vor dem Wagen. Jäh aus ihren Gedanken gerissen, hob Prue den 
Kopf und sah ihn entsetzt an. 

»Was machst du da?«, fragte sie und fühlte sich plötzlich alles 

andere als wohl. 

»Du warst einfach so wunderschön, wie du da gesessen und in 

die Sterne geblickt hast«, sagte Mitchell mit einem treuherzigen 
Grinsen. »Und da fiel mir ein, dass ich meine Kamera im 
Kofferraum habe.« 

»Ach so«, sagte Prue und schüttelte den Kopf. Was ist so 

schlimm daran?, dachte sie. Er will doch nur ein Bild von dir 
machen. Doch irgendetwas in ihr rebellierte bei diesem 
Gedanken. 

»Ich … ich glaube nicht, dass ich jetzt fotografiert werden 

will«, sagte sie und zog den Kopf ein. »Ich sehe bestimmt 
schrecklich aus. Es ist total windig hier …« 

»Ach, gehörst du etwa auch zu den Fotografinnen, die 

austeilen, aber nicht einstecken können?«, zog Mitchell sie auf 
und hob die Kamera vor seine Augen. »Komm schon. Nur ein 
einziges Foto.« 

»Bitte nicht!«, sagte Prue und versuchte dabei freundlich zu 

klingen. Tatsächlich kämpfte sie gerade einen Anflug von Panik 
nieder. Ihr Gesicht brannte, und da war auch ein Sausen in ihren 
Ohren … 

»Lächeln, Prue. Bitte«, drängte Mitchell und schaute durch 

den Sucher. 

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»Nein!«, rief Prue und sprang von der Motorhaube. Ich halte 

das nicht mehr länger aus, dachte sie. Das Leben meiner 
Schwester hängt am seidenen Faden, und ich vergnüge mich 
romantischerweise unter Sternen? Was bin ich nur für ein 
Mensch? Ich muss sofort nach Hause! 

»Es … es tut mir Leid«, stotterte sie, als sie Mitchells 

erschreckten Gesichtsausdruck sah. Sie lehnte sich gegen den 
Wagen und dachte fieberhaft über eine Ausrede nach. »Es ist … 
ich hab momentan einfach so viel Stress wegen meines Jobs«, 
erklärte sie. »Und als du die Kamera ins Spiel gebracht hast, da 
kam einfach alles wieder hoch …« 

»O Mann«, murmelte Mitchell, hängte sich den Fotoapparat 

über die Schulter und kam auf sie zu. »Ich hab's richtig 
verbockt, was? Da wollte ich dich eigentlich nur ein bisschen 
von deiner Arbeit ablenken, und genau das Gegenteil ist dabei 
herausgekommen.« 

In einer liebevollen Umarmung drückte er sie an sich, und 

Prue fühlte, wie sich aufgrund ihrer Lüge das schlechte 
Gewissen einstellte. Andererseits, so dachte sie, habe ich ja 
wirklich 'ne Menge Stress wegen meines Jobs, wenn auch nicht 
in dem Sinne, den Mitchell vermutet. 

»Bitte sag mir, was ich tun kann, damit du deine Probleme für 

eine Weile vergisst«, sagte er. 

»Es tut mir Leid«, erwiderte Prue. »Aber ich weiß, im 

Moment kann keiner von uns beiden etwas daran ändern. Ich 
hatte so einen tollen Abend, und ich denke, es ist das Beste, 
wenn ich jetzt nach Hause gehe.« 

»Natürlich«, sagte er. »Das verstehe ich.« Doch er bewegte 

sich nicht vom Fleck. Seine warmen Hände ruhten auf ihrem 
Nacken, und dann begann er plötzlich, ihre verspannten 
Halsmuskeln zu massieren. Zu ihrer größten Verwunderung 

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fühlte Prue, wie ihr Widerstand nachließ und sie sich an ihn 
schmiegte. 

Mitchells Hände wanderten sanft ihre Wirbelsäule hinab und 

streichelten die Haut im Rückenausschnitt ihres Kleides. Prue 
seufzte still, und plötzlich bedeckten Mitchells Lippen die ihren 
in einem sanften warmen Kuss. Sie schloss die Augen, während 
sie ihre Arme um seinen Hals legte. 

Seine Lippen liebkosten ihren Nacken, ihre Ohrläppchen, und 

dann küsste er sie wieder auf den Mund, leidenschaftlicher, 
fordernder diesmal. Und Prue ließ es geschehen. Mehr noch, auf 
einmal wollte sie nicht mehr nach Hause, wollte hier mit 
Mitchell unter den Sternen verweilen – für immer. 

Ein wenig atemlos hielt er sie plötzlich von sich und berührte 

sie zärtlich an der Nasenspitze. Dann sah er ihr tief in die 
Augen. »O Prue«, flüsterte er, »ich bin im Himmel.« 

Himmel … Olymp … Plötzlich hatte die Realität Prue wieder 

eingeholt. Was ist nur los mit mir?, dachte sie erschrocken. Eben 
noch war ich drauf und dran, nach Hause zu gehen und mich um 
das Wichtigste überhaupt zu kümmern, und einen Kuss später 
sind meine Schwestern schon wieder völlig vergessen! 

»Ich … ich muss jetzt wirklich gehen«, sagte sie traurig. 

Mitchell seufzte tief und nickte. Dann öffnete er die 

Beifahrertür und half ihr beim Einsteigen. 

Kurze Zeit später standen sie vor dem Halliwellschen 

Anwesen. 

»Mitchell«, sagte Prue, »es tut mir wirklich Leid, dass ich 

heute so launisch und unentschlossen war.« Sie streichelte ihm 
sanft über sein weiches braunes Haar. »Ich … ich hatte wirklich 
einen wundervollen Abend mit dir. Aber es gibt da einfach ein 
paar Dinge, um die ich mich jetzt dringend kümmern muss.« 

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»Tja, meinst du denn, dass in deinem überfüllten 

Terminkalender noch Platz für ein weiteres Treffen mit mir drin 
ist?«, fragte er und sah sie aus seinen großen grau-grünen Augen 
bittend an. 

»Aber natürlich«, erwiderte sie. »Ich meine … ich hoffe. Ich 

meine … ich rufe dich an, okay?« 

Wieder sah er ihr tief in die Augen, als ob er ihre Gedanken zu 

lesen versuchte, und wieder einmal wünschte sie sich, weniger 
vorsichtig in allem sein zu müssen. Rasch drückte sie ihm einen 
Kuss auf die Lippen, öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen. 
Als sie den Weg zum Haus hinaufging, drehte sie sich noch 
einmal um und winkte ihm zu. 

Nachdem sich die Eingangstür hinter ihr geschlossen hatte, 

lehnte sie sich erst einmal von innen dagegen und versuchte ihre 
Gedanken zu ordnen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund 
schien es ihr genauso wichtig zu sein, die Beziehung mit 
Mitchell voranzutreiben, wie sich um die Rettungsaktion für ihre 
Schwester zu kümmern. Tadelnd schüttelte sie den Kopf. 

Was ist nur mit mir los?, fragte sie sich wieder. Ich kenne 

Mitchell doch kaum, und nichts kann vorrangiger sein, als 
Phoebe wieder sicher bei uns zu Hause zu wissen. 

»Muss am Chianti liegen«, murmelte sie und ging in die 

Küche. Als sie eintrat, fiel ihr Blick auf eine sorgfältig verkorkte 
Flasche, die einsatzbereit auf der Theke stand. 

Nachdem sie einige Aspirin mit einem Glas Wasser 

heruntergespült hatte, ging sie in ihr Zimmer. Sie stellte den 
Wecker auf 4 Uhr 30 – eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang – 
und legte sich ins Bett. Kurz darauf schlief sie tief und fest. 

 

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Es war noch dunkel am nächsten Morgen, als Piper die Küche 

betrat. 

Sie trug bequeme Leggins und ein weiches Baumwollshirt. 

Gerade zog sie sich ihre Laufschuhe an, als Prue hereinkam. 

»Willst du da oben an den olympischen Spielen teilnehmen?«, 

witzelte sie. 

»Man kann nie wissen, was einen erwartet – in Anbetracht 

unseres Ausflugs in den Hades, meine ich«, gab Piper zurück. 
»Ich möchte lediglich bereit sein – für alle Fälle.« 

»Guter Plan«, sagte Prue. »Ich für meinen Teil bin mehr als 

bereit für einen Kaffee.« 

»Hab gerade 'ne ganze Kanne gekocht«, sagte ihre Schwester 

und wies auf die Maschine in der Ecke. »Immerhin hast du 
einen ziemlich langen Tag des Wartens vor dir.« 

»Ich bitte dich, das ist doch nichts im Vergleich zu dem, was 

dir bevorsteht«, erwiderte Prue besorgt. »Bist du bereit?« 

»Ja, und sehr aufgeregt«, gab Piper zu. »Mein Gott, der 

Olymp! Nicht viele Sterbliche haben die Gelegenheit, diesen 
sagenhaften Ort zu besuchen.« 

»Dann mach dich bereit, diese Gelegenheit jetzt zu ergreifen«, 

sagte Prue, als sie einen Blick aus dem Küchenfenster warf. »Ich 
kann das erste Licht des Tages schon sehen. Ich würde sagen, 
bis Sonnenaufgang sind es nur noch fünf Minuten.« 

»Wow«, sagte Piper und huschte neben ihre Schwester. »Ich 

weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sonnenaufgang 
aufgestanden bin.« 

»Ich glaube, das war am Weihnachtsmorgen des Jahres 1979«, 

sagte Prue. 

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Piper lachte. Dann drückte sie die Schwester fest an sich. »Wir 

schaffen das«, flüsterte sie. »Mach dir keine Sorgen.« 

»Ich weiß«, sagte Prue, während sie eine Träne wegblinzelte. 

Dann reichte sie Piper den Trank und nahm den Spruch aus dem 
Buch der Schatten zur Hand. 

»Fertig?« 

»Fertig«, antwortete Piper und holte tief Luft. 

Und dann begann Prue zu lesen: 

»›So nimm diese Reisende mit hinauf 

zum Sitz der Götter, da die Sonne geht auf. 
Über Wolken möge sie wandeln sogleich, 
geleite sie sicher ins Himmelreiche‹« 

Während Prue den Spruch anstimmte, entkorkte Piper die 

Flasche mit dem Zaubertrank und leerte sie mit zwei tiefen 
Schlucken. 

Mit großen Augen musste Prue mit ansehen, wie die Gestalt 

ihrer Schwester langsam verblasste. Piper lächelte und winkte 
ihr zum Abschied noch einmal zu. Gleich darauf explodierte ihr 
Schemen in einem Blitz aus Licht, der bis zur Decke reichte – 
dann war sie verschwunden. 

Benommen stolperte Prue auf die Veranda und sah in den 

Himmel hinauf, der sich langsam rosa färbte. 

»Viel Glück, Piper«, flüsterte sie. 

 

Piper stöhnte vor Erleichterung auf, als sie sich wieder 

materialisierte und ihren Körper fühlen konnte. 

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Als die Küche langsam um sie herum verblasste, war sie alles 

andere als sicher gewesen, wie ihre Reise enden würde. Doch 
als sich ihre Hände nun von geisterhaften Schemen wieder in 
feste Materie zurückverwandelten, wusste sie – oder hoffte 
zumindest –, dass sie auf dem Olymp angekommen war. 

Mit klopfendem Herzen sah sie sich um und blinzelte 

ungläubig. 

Gut, das ist nicht das, was ich erwartet habe, dachte sie. Wo 

sind sie Wolken, die geflügelten Himmelsboten, wo die 
korinthischen Säulengänge …? 

Tatsächlich stand – oder vielmehr schwebte – sie in einer Art 

wirbelnder silberfarbener Blase, deren Inneres flimmerte wie 
Quecksilber. Trotz seiner anorganischen Anmutung fühlte sich 
dieser Kokon irgendwie warm und weich an und vermittelte ihr 
ein Gefühl von Geborgenheit. 

Piper sah nach unten und hielt den Atem an. Ihre praktischen 

Leggings und Laufschuhe waren verschwunden und einem 
eleganten Ganzkörperanzug gewichen, der dieselbe metallische 
Farbe hatte wie ihre Umgebung. Sie machte einen Schritt 
vorwärts, obwohl sie keinen Boden unter sich spürte. Trotzdem 
fühlte sie, wie sie sich in der merkwürdigen Blase 
vorwärtsbewegte. 

»Gut, es existiert hier also so etwas wie Bewegung«, flüsterte 

sie. »Die Frage ist nur, wohin ich mich bewege. Ich meine … 
huch!« 

Die Blase hatte sich unter ihr geöffnet, und nun rutschte sie in 

einen langen engen Tunnel. Es gab nichts, an dem sie sich 
festhalten konnte, und die Geschwindigkeit, mit der sie 
dahinsauste, war geradezu atemberaubend. 

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»Aaaaaahhh!«, schrie sie, doch dann begann sie zu ihrem 

eigenen Erstaunen plötzlich zu lachen. Die Sache machte einen 
Heidenspaß! Nach dem ersten Schreck des freien Falls fühlte sie 
sich, als ob sie auf einer warmen Wasserrutsche hinabschoss, 
und insgeheim hoffte sie, dass diese aufregende Fahrt niemals 
enden möge. 

Natürlich wurde ihr Wunsch nicht erfüllt. Plötzlich fand sich 

Piper in einem neuen Raum wieder. Doch im Gegensatz zu dem 
quecksilbrigen Ballon hatte dieser Ort etwas Wattiges und 
zugleich Fragiles, schien gar nicht wirklich existent zu sein. Sie 
rappelte sich auf und sah sich um. 

»Willkommen.« 

Erschrocken fuhr sie herum, aber es war niemand da. Dieser 

Raum, oder was immer es war, war vollkommen leer. 

»Hallo?«, rief sie nervös. 

»Du bist Piper Halliwell«, sagte die Stimme. Es war eine 

weibliche, sanfte und sehr melodiöse Stimme. 

»Ich glaube, ich drehe gleich durch«, murmelte Piper. Und das 

nicht nur, weil die Stimme meinen Namen kennt, dachte sie 
weiter, sondern weil es sich anfühlt, als ob sie aus meinem Kopf 
herausspricht. 

»Hab keine Angst«, sagte die Stimme. 

Aus irgendeinem Grund war es ihr möglich, dieser 

Aufforderung zu folgen. Mehr noch, sie entspannte sich und 
fasste Vertrauen. Sie fühlte sich sicher. 

»Also«, begann sie. »Ich bin hier, um …« 

»… Zeus zu sehen«, beendete die Stimme Pipers Satz. 

»Ja, genau«, rief sie aufgeregt aus. »Wissen Sie, ich habe …« 

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»… eine Schwester, die in großer Gefahr schwebt«, fuhr die 

Stimme fort. »Du musst nicht weiterreden. Ich kann deine 
Gedanken lesen.« 

»Oh«, sagte Piper und fühlte wieder Panik in sich aufsteigen. 

Nervös zerrte sie an dem engen Rollkragen ihres Körperanzugs. 

»Du fühlst dich nicht wohl in deiner Kleidung«, stellte die 

Stimme fest. »Doch keine Sorge. Du wirst sie nicht länger 
benötigen. Du hast die erste Prüfung bestanden und dich aus 
dem Vorraum befreit.« 

»Prüfung?«, fragte Piper. »Was meinen Sie damit?« Dann 

entfuhr ihr ein leiser Aufschrei der Überraschung, als der 
silberne Körperanzug plötzlich verschwand und durch ein 
langes, hautenges Gewand ersetzt wurde, gewoben aus dem 
wohl wärmsten und geschmeidigsten Material, das sie je 
gesehen hatte. Darüber hinaus schimmerte das Kleid in einem 
wunderschönen überirdischen Blauton. 

»Nicht jeder schafft es bis auf den Olymp«, sagte die Stimme. 

»Das ist dir sicherlich bekannt.« 

»Allerdings«, erwiderte Piper. »Aber wie habe ich diesen Test 

bestanden? Ich hab doch gar nichts gemacht.« 

»Mittels der Reinheit des Geistes«, antwortete die Stimme. 

»Aufrichtigkeit und wahrhafte Bedrängnis sind der Schlüssel. 
Wir haben dich auf diese Voraussetzungen hin geprüft.« 

»Mich geprüft?«, fragte sie. »Das hört sich an wie aus einem 

schlechten Arnold-Schwarzenegger-Film. Was kommt als 
Nächstes?« 

»Weitere Prüfungen«, sagte die Stimme. »Du wirst durch eine 

Reihe von Portalen gehen müssen. Wenn du dich als würdig 
erweist, wirst du vor Zeus treten dürfen.« 

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»Ach du liebe Güte«, sagte Piper beklommen. 

»Hab keine Angst«, sagte die Stimme wieder. »So setze nun 

deinen Weg fort.« 

Piper holte tief Luft und tat, wie man ihr geheißen hatte: Sie 

ging weiter durch den Raum. Dann schob sie sich kurzerhand 
durch eine der Wände, die sich noch wärmer und weicher 
anfühlte als der Stoff ihres wunderbaren Kleides. Das Nächste, 
was ihr bewusst wurde, war, das sie in einem neuen Raum trieb, 
der ganz mit Wasser gefüllt war. Angst überfiel sie, und sie warf 
sich herum, um wieder dahin zurückzukehren, woher sie 
gekommen war. Doch das war nicht mehr möglich. Sie öffnete 
den Mund, um zu schreien, und stellte zu ihrer Überraschung 
fest, dass sie atmen konnte. Sie atmete unter Wasser! 

Mit einem zufriedenen Grinsen durchschwamm sie die 

Kammer, nicht ohne ein paar Purzelbäume und andere 
Kapriolen unter Wasser zu schlagen, bevor sie sich auch schon 
im nächsten Raum wiederfand. 

Die Wände dieser Kammer schimmerten opaleszent, und die 

Luft war durchflutet von pastellfarbenen Strahlen. Piper seufzte 
verzückt und ertappte sich dabei, wie sie sich diese wunderbaren 
Effekte in ihrem Club vorstellte. 

Ganz in der Nähe gähnte ein weiteres Portal. Beherzt trat Piper 

hindurch und ließ sich in den dahinter wartenden Tunnel fallen. 
Diese Schussfahrt war kürzer und weniger rasant als ihre erste, 
doch die Ankunft war umso spektakulärer. 

Denn am Fuß des Tunnels erwartete sie ein riesiger Mann. 

Er war weit über zwei Meter groß und baumstark. Über seine 

breiten Schultern fiel eine langes, blassgraues Gewand. Das 
Haar hatte denselben wunderschönen Farbton wie seine Robe 
und floss in weichen Wellen seinen Rücken hinab. 

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»Zeus?«, fragte Piper atemlos. Er muss es einfach sein, dachte 

sie. Und auch er war nicht der, den sie erwartet hatte. Auf allen 
Gemälden, bei allen Statuen war ihr der Göttervater als Furcht 
einflößender, bärtiger Patriarch erschienen. Doch dieser Mann 
verströmte sowohl überirdische Warmherzigkeit als auch 
entsetzliche Strenge. Ihn umgab so unendlich viel mehr Macht, 
als Piper je bei einem anderen Individuum gespürt hatte. 

»Der bin ich«, sagte Zeus. »Komm mit mir.« 

Nur einen Herzschlag später fand sich Piper in einem völlig 

weißen Raum vor dem Gott sitzend wieder. Überall um sie 
herum war Nebel. Durch die Schwaden konnte sie eine Gruppe 
von Personen erkennen; es waren junge Männer und Frauen in 
ähnlichen Gewändern wie dem ihren. 

Sie selbst saß auf einem irgendwie formlosen und doch 

unendlich bequemen Kissen – genau wie der Göttervater selbst. 

»Erzähle«, sagte Zeus nur und legte eine mächtige Hand auf 

sein Knie. 

Kurz und taktvoll – immerhin war Nikos ein Neffe ihres 

Gegenübers – berichtete Piper ihm alles, was sich zugetragen 
hatte, von dem Moment an, da Nikos die Kamera in ihr Haus 
gebracht hatte. 

»Und wir befürchten nun, dass er unsere Schwester auf genau 

dieselbe Weise zur Frau nehmen will, wie Hades es seinerzeit 
mit Persephone gemacht hat«, schloss sie. »Ich bitte Sie, großer 
Zeus, wir sind Hexen, die dazu auserkoren wurden, die 
Unschuldigen zu beschützen. Ohne die Macht der Drei sind wir 
nichts!« 

»Du kennst unsere Geschichte?«, fragte der Göttervater ruhig. 

»Ja.« 

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»Dann weißt du auch, was mit Persephone geschah?« 

»Sie aß den Kern eines Granatapfels«, erwiderte Piper. 

»Hat deine Schwester im Hades etwas zu sich genommen?«, 

fragte Zeus. 

»Das weiß ich nicht«, antwortete Piper, die immer nervöser 

wurde. 

Zeus schlug sich mit der Hand auf sein Knie. »Hier ist deine 

Aufgabe: ›Bei Dunkelheit erscheinen sie ungerufen, bei Licht 
indes sind sie verloren, ohne geraubt zu sein.‹« 

Piper fühlte, wie Panik in ihr aufstieg. Sie kannte das Szenario 

aus der griechischen Mythologie nur zu gut. Als Preis für einen 
Gefallen, den ihm die Götter erweisen sollten, musste der 
Sterbliche ein Rätsel lösen. War der Bittsteller im Stande, die 
richtige Antwort zu geben, wurde ihm der Wunsch erfüllt. Und 
jetzt war die Reihe an Piper. Das Schicksal ihrer gesamten 
Familie hing nun allein von ihrem Scharfsinn ab. 

Sie schloss die Augen und grübelte über die sibyllinischen 

Worte nach. Bei Dunkelheit kommen sie …, überlegte sie, … 
bei Licht verschwinden sie. Dunkel … Nacht … Himmel … 
Plötzlich schlug sie die Augen auf und rief: »Die Sterne! Damit 
sind die Sterne am Nachthimmel gemeint, richtig?« 

Nachdem sie mit ihrer Antwort herausgeplatzt war, saß Zeus 

einige Zeit nur still da und schaute sie an. Schließlich klatschte 
er in die Hände. 

»Deine Schwester sei frei«, verkündete er und erhob sich. 

»Doch nur, sofern nicht das geringste Krümchen Speise ihre 
Lippen berührt hat.« 

»Oh, vielen Dank!«, rief Piper aus. Aufgeregt sprang sie auf. 

»Werden Sie sie auch aus dem Hades befreien, oder …« 

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»O nein«, sagte Zeus und erhob seine Hände. »Niemals würde 

ich in das Reich meines Bruders vordringen. Du musst selbst 
gehen, sie finden und mit nach Hause nehmen. Alles, was ich 
tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass die Kreaturen der Unterwelt 
ihren Fortgang nicht behindern werden.« 

»Oh …«, sagte Piper enttäuscht, und sie fragte sich plötzlich, 

warum sie überhaupt die Mühen auf sich genommen hatte, Zeus 
zu konsultieren. Doch dann riss sie sich zusammen, da sie 
wusste, dass die Bewohner des Olymp Gedanken lesen konnten. 

Doch zu spät. 

»Meine Liebe, ich weiß, dass dies nicht die Lösung all deiner 

Probleme ist«, sagte Zeus und sah sie durchdringend an. »Doch 
sei versichert, ohne meine Verfügung würde deine Schwester 
den Hades niemals verlassen können. Wenn du sie findest, noch 
bevor Nikos sie zu seiner Frau gemacht und noch bevor sie auch 
nur das Geringste zu sich genommen hat, wird sie bei ihrer 
Reise aus der Unterwelt unter dem Schutz meiner Macht 
stehen.« 

»Ich verstehe«, sagte Piper demütig und verschränkte ihre 

Finger. »Und ich kann Ihnen gar nicht genug dafür danken.« 

»Auf Wiedersehen«, sagte Zeus abrupt und wandte sich um. 

»Darf ich noch eine Frage stellen?«, sagte Piper befangen. 

»Was ist mit unseren Models? Stehen sie auch unter Ihrem 
Schutz?« 

»Für sie«, sagte der Göttervater, »seid ihr ganz allein 

zuständig. Ich fühle mich allein für die Macht der Drei 
verantwortlich.« 

Er klatschte in die Hände, und sofort traten einige Geschöpfe 

aus seinem Gefolge vor und geleiteten Piper aus dem Raum. 

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Noch bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde sie 
zu einem Portal eskortiert. 

»Nun, ich denke, das ist wieder mal so ein Fall von ›Nimm-

was-du-kriegen-kannst‹«, murmelte sie, als sie durch einen 
strahlend hellen Tunnel zurück ins Diesseits flog. »Halte durch, 
Phoebe. Die Rettung naht!« 

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N

achdem Piper verschwunden war, sah sich Prue 

einigermaßen hilflos in der Küche um. 

Sie war immer die Macherin in der Familie gewesen, 

diejenige, die die Dinge ins Rollen brachte und vorantrieb. Doch 
nun war sie dazu verdonnert, untätig auszuharren und die 
Stellung zu halten, während ihre Schwestern an jenseitigen 
Orten die großen Schlachten ausfochten. 

Noch nicht einmal Hausarbeit gab es zu erledigen – Piper 

hatte, nachdem sie den Trank gemixt hatte, noch gleich ein 
Großreinemachen angeschlossen. Die Küche blitzte vor 
Sauberkeit. 

Prue ging in den Wohnraum und lugte hinter den Samtvorhang 

ins Sonnenzimmer. Sie schnaubte, als sie die schlafenden 
Aushilfsmodels sah – rotwangig und schön wie immer. 

»Wie machen die das bloß?«, wunderte sie sich, als sie in den 

Spiegel sah und ihr eigenes aufgedunsenes Gesicht, die müden 
Augen und ihre ruinierte Frisur betrachtete. »Man sollte doch 
meinen, dass ein Vierundzwanzig-Stunden-Schlaf nicht ohne 
Konsequenzen bleiben kann.« 

Schließlich war sie es leid, die Models anzustarren, 

insbesondere das Trugbild dieses unheimlichen Nikos. Sie 
wollte den Vorhang gerade wieder schließen, als ihr Blick auf 
die antike Kamera fiel, die noch immer an ihrem alten Platz 
stand. 

»Hmmm«, murmelte sie, »eigentlich könnte ich ja mal 

nachschauen, was aus der Filmplatte geworden ist.« Sie konnte 
sich kaum noch vorstellen, wie wichtig das Cover ihr gestern 
noch gewesen war. 

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Eine kleine Entführung in der Familie, und schon erscheinen 

die Dinge in einem ganz neuen Licht, dachte sie nicht ohne 
Bitternis. Sie schnappte sich den Metallbehälter, in den sie die 
Negativplatte gelegt hatte, und ging in ihre Dunkelkammer im 
Keller. Immerhin habe ich jetzt etwas zu tun, dachte sie. 

Im schwachen Licht der roten Lampe bereitete sie die 

Chemikalien vor und erstellte dann eine Papiervergrößerung von 
der zerbrechlichen Glasplatte. Schließlich legte sie das 
belichtete Bild in die Entwicklerlösung. 

Während die Konturen des Motivs langsam hervortraten, hielt 

Prue den Atem an. Als der Kontrast zufriedenstellend war, legte 
sie das Foto ins Fixierbad und gab noch ein wenig Sepiatönung 
in die letzte Wässerungsschale, um den gewünschten 
altertümlichen Farbton zu erzielen. 

Schließlich hielt sie das fertig entwickelte Foto ins Licht und 

betrachtete es. 

Sofort fiel ihr Blick auf Nikos. 

»Jetzt zeigt er uns sein wahres Gesicht«, murmelte sie 

grimmig, als sie daran dachte, wie ekelhaft dieser Junge sie 
hinters Licht geführt hatte. 

Doch je länger sie den gelockten Adonis, der Besitz ergreifend 

seinen Arm um die Schulter ihrer Schwester gelegt hatte, 
betrachtete, desto mehr wurde ihr klar, dass nichts darauf 
schließen ließ, dass er der Prinz der Unterwelt war. Tatsächlich 
sah er richtig süß aus. 

Sie hielt das Bild in einiger Entfernung von sich, um es ganz 

auf sich wirken zu lassen. Sie mochte es kaum glauben, aber das 
Foto war perfekt. Jedes der acht Models, einschließlich Piper, 
sah überirdisch schön aus. Das goldene Licht, das das 
Sonnenzimmer durchflutet hatte, verlieh dem Ganzen eine 

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warme Atmosphäre, ja, die Komposition war ausgewogen und 
mutete sehr zeitgenössisch an. 

»Das ist ja unglaublich«, flüsterte Prue. »Meine erste und 

einzige Aufnahme lässt nichts mehr zu wünschen übrig! 
Vielleicht ist diese Kamera auch noch in anderer Hinsicht 
verzaubert?« 

Kopfschüttelnd stieg sie wieder die Stufen zur Eingangshalle 

hinauf. Ihre Arbeit in der Dunkelkammer war beendet, aber 
vielleicht gab ja noch etwas anderes für sie zu tun. Nachdem sie 
einen weiteren Blick auf die Models geworfen hatte, die nach 
wie vor gesund und wunderschön darnieder lagen, und das Haus 
nach mythologischen Ungeheuern abgesucht hatte, sah sie auf 
ihre Uhr. 

»Ach du liebe Güte! Erst neun?«, jammerte sie. »Der 

Sonnenuntergang ist noch Stunden entfernt! Hoffentlich bin ich 
bis dahin nicht durchgedreht!« 

 

»Ich werde durchdrehen, wenn ich noch eine Nacht hier 

verbringen muss«, murmelte Phoebe. 

Zu Tode gelangweilt lag sie auf einer opulenten Couch in ihrer 

fensterlosen Kammer und haderte mit dem Schicksal. 

Den ganzen Morgen über waren Schlangenmädchen zu ihr 

gekommen und hatten Tabletts mit Essen gebracht. Doch 
Phoebe hatte sie jedes Mal aus dem Zimmer gescheucht. Die 
Letzte war gerade erst vor wenigen Minuten gegangen. 

»Lass mich in Ruhe!«, hatte sie die Dienerin angeschrien, ihr 

das Tablett mit der Lammkeule und dem Kartoffelbrei aus der 
Hand gerissen und das Ganze in den Vorraum geschleudert. 

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Das Mädchen hatte ihre toten Augen zusammengekniffen, sie 

böse angezischt und dann den Raum verlassen. 

Wütend presste Phoebe nun die Hände auf ihren knurrenden 

Magen. Sie war völlig ausgehungert, doch die Vorstellung, 
etwas von dem zu essen, das diese züngelnden Vipern berührt 
hatten, ekelte sie zutiefst. 

»O Prue, o Piper«, flüsterte sie. »Wo seid ihr?« 

Knirsch! 

Phoebe wirbelte herum, als sich der Felsblock vor ihrer Tür 

erneut beiseite schob, und sprang auf die Füße. Wie machen die 
das bloß, fragte sie sich frustriert? Gerade wollte sie eine weitere 
Schimpftirade in Richtung Tür anstimmen, als es ihr die Sprache 
verschlug. 

Auf der Schwelle zu ihrer Kammer stand eine junge Frau in 

ihrem Alter, und sie hatte rein gar nichts Reptilienhaftes an sich. 
Tatsächlich trug sie ein ähnliches Kleid wie Phoebe selbst und 
einen Korb unter dem Arm. Darin lagen frisches Obst, Käse, ein 
Teller mit Kaviar, ein Baguette und verschiedene Pasteten – ein 
typisch französisches Picknick. 

»Wer bist du?«, fragte Phoebe. 

Die junge Frau kam auf sie zu und reichte ihr die Hand. »Hi«, 

sagte sie, während sich die Tür wieder hinter ihr schloss. »Ich 
heiße Jessica.« 

Phoebe erwiderte den Handschlag nicht. Stattdessen setzte sie 

sich und starrte die Besucherin verwirrt an. »Bist du auch eine 
Gefangene?«, fragte sie schließlich. 

Jessica warf den Kopf in den Nacken und lachte so heftig, dass 

ihre schwarzen Locken hin und her flogen. »Mitnichten!«, sagte 
sie und ließ sich neben Phoebe auf der Couch nieder. Dann griff 

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sie in den Korb und legte die mitgebrachten Köstlichkeiten auf 
einen kleinen Tisch, der vor ihnen stand. »Ich lebe freiwillig im 
Hades.« 

»Ach, wirklich?«, sagte Phoebe. Dann erschien ein bestürzter 

Ausdruck auf ihrem Gesicht, und sie hob eine Hand vor den 
Mund. »Bist du etwa … bist du tot?« 

Wieder lachte Jessica herzlich und schüttelte den Kopf. 

»Gut«, sagte Phoebe misstrauisch und verschränkte die Arme 

vor ihrer Brust. »Fassen wir also zusammen: Du bist weder hier, 
weil du mit einem Obolus beerdigt wurdest, noch, weil man dich 
entführt hat. Verbringst du also deinen Urlaub hier, weil kein 
Hotelzimmer mehr in der Karibik frei war, oder was?« 

»Warum so despektierlich, Phoebe?«, sagte Jessica und 

vermied damit eine Antwort auf die Frage. »Freu dich, dass du 
hier sein darfst, und genieße die Zeit.« 

»Das ist mir zu hoch«, sagte Phoebe. Da fiel ihr Blick auf den 

Ring, den Jessica trug und der genauso aussah wie der, den 
Nikos ihr geschenkt hatte. Doch statt mit Rubinen war er über 
und über mit Brillanten geschmückt. 

»Moment mal«, platzte Phoebe heraus. »Hast du etwa …« 

»… in die Sippe eingeheiratet?«, beendete Jessica kichernd 

Phoebes Frage. »So ist es. Ich bin die Frau von Nikos' älterem 
Bruder Philip. Er ist genauso umwerfend wie Nikos. Warte nur, 
bis du ihn kennen lernst.« 

»Wann? An meinem Hochzeitstag, wenn er mich mit Reis 

bewirft?«, fragte Phoebe bissig. Erstaunt sah sie, wie Jessica 
begeistert nickte. 

»Wir freuen uns alle so sehr, dass du hier bist«, sagte die junge 

Braut. »Ich und meine Schwägerinnen, meine ich. Wir sind elf 

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Frauen, und Nikos, der jüngste Bruder, ist der einzige Sohn des 
Hades, der noch nicht verheiratet ist.« 

»O mein Gott«, presste Phoebe hervor. »Du willst also damit 

sagen, dass man euch auch entführt hat, um die Ehefrauen dieser 
… Männer zu werden?« 

»Entführt? Was für ein hässliches Wort«, sagte Jessica. Sie 

verteilte etwas Kaviar auf einem Cracker und verzehrte ihn mit 
Genuss. »Mmmm. Möchtest du auch etwas?« 

Sie reichte Phoebe einen Löffel mit glänzendem Kaviar, doch 

diese schüttelte nur den Kopf. Ich muss vorsichtig sein, dachte 
sie. Diese Frau hat eindeutig eine Gehirnwäsche hinter sich. Ich 
will auf keinen Fall dem gleichen Fluch zum Opfer fallen. 

»Bitte erzähle mir, was mit dir geschehen ist«, sagte sie 

stattdessen. 

»Ich bin nun schon ein Jahr, ein wundervolles Jahr, mit Philip 

verheiratet …«, begann Jessica. 

»Nein, das meine ich nicht«, unterbrach Phoebe. »Ich möchte 

wissen, wie es dazu kam, dass du seine Frau wurdest?« 

»Ich habe mein Schicksal angenommen«, sagte Jessica 

verträumt. »Phoebe, du hast ja keine Ahnung … du glaubst ja 
gar nicht, wie toll das alles werden wird.« 

»Toll?«, fragte Phoebe ungläubig. 

»Wenn du es annimmst«, sagte Jessica und naschte von der 

Pastete. »Das Leben hier ist eine nie enden wollende Party.« 

»Was meinst du mit ›es‹?«, fragte Phoebe ungeduldig. 

»Also, diese Pastete ist einfach grandios«, schwärmte Jessica 

mit verzücktem Gesichtsausdruck. »Die musst du einfach mal 
probieren. Hast du schon mal Pastete gegessen, Phoebe?« 

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»Herrgott, ich bitte dich«, sagte Phoebe gereizt. »Meine 

Schwester ist Köchin. Ich habe in meinem Leben schon 
Unmengen von Pastete gegessen.« 

»Ich dachte mir, vermutlich magst du das Essen nicht 

besonders, das dir diese Dienerinnen gebracht haben«, sagte 
Jessica und lehnte sich mit einem verschwörerischen Lächeln zu 
Phoebe hinüber. »Unter uns, diese Weiber jagen auch mir einen 
Schauer über den Rücken. Deswegen habe ich dieses kleine 
Picknick für uns vorbereitet.« 

Sie nahm sich eine saftige Erdbeere, tauchte sie in eine 

Silberschale mit geschlagener Sahne und biss ein Stück davon 
ab. »Mmmmm«, sagte sie wieder. »Wie köstlich! Die musst du 
einfach mal probieren.« 

»Ich glaube, du gehst jetzt besser«, sagte Phoebe kalt. 

Bestürzt schlug Jessica die Augen nieder. Sie wirkte verletzt. 

»Ich dachte, wir könnten Freundinnen werden«, sagte sie. »Es 
würde dir den Wechsel sehr erleichtern, weißt du.« 

»Es wird keinen Wechsel geben, Jessica!«, schrie Phoebe. 

»Und jetzt verschwinde von hier!« 

Jessica starrte Phoebe einige Sekunden lang an, dann warf sie 

schnaubend die Reste ihrer Erdbeere über die Schulter und stand 
auf. »Wie du willst«, sagte sie und ging in Richtung Tür. 
Knirschend glitt der Fels zur Seite. »Aber du solltest etwas 
essen«, sagte sie und drehte sich noch einmal zu ihr um. »Du 
hast ein paar anstrengende Tage vor dir. Du weißt schon, die 
ganzen Hochzeitsvorbereitungen und so …« 

»Raus!«, schrie Phoebe so laut, dass Jessica erschreckt über 

die Schwelle floh. Der Fels rollte wieder an seinen Platz und 
versiegelte ihr Gefängnis. 

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»Uff!«, machte sie und ließ sich wieder auf die Couch fallen. 

»Ein Schwätzchen unter Frauen mit der lieben Verwandtschaft. 
Was kommt als Nächstes?« 

Zum tausendsten Mal versuchte sie, sich des riesigen 

Verlobungsrings zu entledigen, doch er steckte an ihrem Finger 
wie angewachsen. Frustriert stieß sie einen leisen Schrei aus. 
Was fand diese Jessica nur daran, im Hades zu leben? Als 
geraubte Braut, die hier nichts zu tun hatte, als den ganzen Tag 
faul herumzuliegen und sich mit Delikatessen voll zu stopfen? 

Delikatessen, die noch immer auf dem kleinen Tisch lagen und 

die Phoebe zu verhöhnen schienen … 

Wieder zog sich ihr Magen vor Hunger schmerzhaft 

zusammen. Tatsächlich konnte sie kaum ihren Blick von den 
Leckereien abwenden. Bestimmt schmeckten sie so gut, wie sie 
aussahen … Auch glaubte sie Jessica, dass die abstoßenden 
Schlangenfrauen diese Lebensmittel nicht berührt hatten. Gierig 
befeuchtete sie ihre trockenen Lippen. Dann griff sie nach dem 
Löffel mit dem Kaviar … 

Doch als sie ihn berührte, wurde sie von einer ihrer Visionen 

heimgesucht, hässliche Bilder, die blitzlichtartig durch ihren 
Kopf zuckten: Sie sah Jessica schreiend und jammernd gegen 
die Tür einer Kammer trommeln. Und dann saß die junge Frau 
bleich und matt auf einem riesigen Pfostenbett und wurde von 
jemandem gefüttert, den Phoebe nicht erkennen konnte. Um ihre 
eingefallenen Augen lagen dunkle Schatten, und ihr Blick war 
leer. Dann schob sich ein anderes Bild vor Phoebes geistiges 
Auge: Jessica und eine andere Frau mit dunklen Locken tanzten 
ausgelassen in einem Salon. Eine Gruppe äußerst attraktiver 
Männer mit stechend blauen Augen stand am Band und sah 
ihnen gelangweilt zu … 

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Mit einem Keuchen kehrte Phoebe wieder in die Realität 

zurück; klappernd fiel der Kaviarlöffel auf den kalten 
Steinboden. 

Wie immer erklärte sich auch diese Vorhersehung nicht von 

selbst. Doch sie hatte Phoebe eindeutig gezeigt, dass Jessica in 
dem Moment eine Wandlung vollzogen hatte, als sie etwas 
gegessen hatte. Die wundersame Wandlung von einer 
verzweifelten Gefangenen in ein oberflächliches, willenloses 
Party-Mäuschen. 

In Phoebes Hirn arbeitete es fieberhaft, als sie den mit Speisen 

überladenen Tisch anstarrte. Seit der Stunde ihrer Ankunft war 
sie permanent genötigt worden, etwas zu essen. Der Zug der 
Dienerinnen, die mit überladenen Tabletts in ihre Kammer 
geschwebt waren, wollte nicht abreißen. Und nun auch noch 
diese Vision. Phoebe war sicher: Das Essen im Hades war 
gefährlich. 

Vor Hunger und Ärger außer sich, fegte sie die Silberschale 

mit der Schlagsahne vom Tisch. Sie flog in hohem Bogen durch 
den Raum und bekleckerte die Wände mit weißen Flocken, 
bevor sie klappernd zu Boden fiel. Verzweifelt warf sich Phoebe 
auf ihr Bett und barg den Kopf unter dem Kissen. 

»Das ist wirklich mein schlimmster Albtraum«, flüsterte sie. 

»Nie hätte ich gedacht, dass ich, Phoebe Halliwell, die 
unersättlichste Schwester der Familie, mal in den Hungerstreik 
treten muss!« 

 

Ihr Rückweg führte Piper wiederum durch eine Reihe von 

Kammern – durch den opaleszenten Raum mit den 
wunderschönen Lichteffekten, die wassergefüllte Halle und 
schließlich in das wattige, warme Nest. Dann wurde sie aufwärts 

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durch den Wildwassertunnel gezogen, um schließlich wieder in 
der quecksilbrigen Empfangshalle zu landen. 

Auch trug sie wieder den silbernen Körperanzug, was 

bedeutete, dass ihre Uhr verschwunden war, genauso wie die 
anderen Sachen, in denen sie hier angekommen war. So 
vermochte sie nicht festzustellen, wie lange sie schon auf dem 
Olymp weilte, als sie in die merkwürdige Blase zurückkehrte. 

Abwartend sah sie sich um. Der Sitz der Götter ist magischer 

und jenseitiger, als ich es mir vorgestellt habe, dachte sie. Kaum 
zu fassen, dass ich ihn sehen durfte. 

Dann runzelte sie die Stirn. »Ich kann nur hoffen«, flüsterte 

sie, »dass sich dieser Besuch auch gelohnt hat und dass wir 
Phoebe rechtzeitig finden … Hey, was ist das?« 

Plötzlich verdunkelte sich das gleißende Innere der Blase, und 

der Boden begann orange zu glühen. 

»Das muss der Sonnenuntergang sein«, stieß Piper aufgeregt 

hervor. Sie mochte kaum glauben, dass der Tag so schnell 
vergangen war. Ich muss in eine Art Zeitschleife geraten sein, 
als ich den Olymp betreten habe, überlegte sie, während sie die 
Augen schloss und sich auf die Rückreise zur Erde vorbereitete. 
Jeden Moment, dachte sie, wird Prue den Spruch aufsagen und 
mich wieder nach Hause holen. 

 

Gemächlich trottete Prue die Treppe von Halliwell Manor 

hinunter und warf einen Blick auf die alte Standuhr in der Halle. 

Sechs Uhr. 

Demnach hatte sie noch eine ganze Stunde Zeit bis 

Sonnenuntergang. 

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Sie seufzte. Tatsächlich hatte sie bereits ihre gesamten 

Negative archiviert, ein ausgiebiges Bad genommen und sogar 
einen weiteren Dämon aus dem Hades bekämpft: eine andere 
Gorgo diesmal. Schon überlegte sie, ob sie nicht fünf Monate im 
Voraus damit anfangen sollte, Weihnachtsgrüße zu schreiben, 
als es klingelte. 

»Man ist ja für jede Abwechslung dankbar«, murmelte sie, als 

sie zur Tür ging. Schnell zupfte sie ihr altes Tank-Top und die 
bequemen Shorts in Form und öffnete. 

»Mitchell!«, rief sie überrascht. 

»Hi, Prue«, sagte er und überreichte ihr einen großen Strauß 

pinkfarbene Tulpen. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich 
dich so einfach überfalle … aber ich … ich musste dich 
unbedingt wieder sehen. Ich hab nicht aufgehört, an dich zu 
denken, seit ich dich gestern nach Hause gebracht habe. Ich 
weiß, du bist sehr beschäftigt, aber ich dachte, vielleicht kann 
ich dich ja zu einer kleinen Pause überreden?« 

»Ähem … also«, stotterte sie und fuhr sich hektisch durch die 

Frisur. Nicht nur, dass Mitchell sie zu einem äußerst 
ungünstigen Zeitpunkt aufgesucht hatte, darüber hinaus sah sie 
auch noch ziemlich schlampig aus. 

»Lass mich wenigstens reinkommen und die hier«, er deutete 

auf die Blumen, »ins Wasser stellen, okay?« 

»Ja, natürlich«, erwiderte Prue zögernd. »Tut mir Leid. Komm 

doch herein.« 

Mit einem schnellem Blick ins Wohnzimmer überprüfte sie 

die korrekte Position des Vorhangs und geleitete ihren Besucher 
in die Küche. Dort suchte und fand sie eine Vase und füllte sie 
mit Wasser. 

»Hast du ein paar Pennys?«, fragte Mitchell. 

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»Was?« 

»Pennys«, wiederholte er. »Wenn du sie mit ins 

Blumenwasser legst, gehen die Tulpen besser auf.« 

»Nein, ich werde dich jetzt nicht fragen, wo du diesen Tipp 

herhast«, lachte Prue und griff in einen Tontopf, der auf der 
Küchentheke stand und in dem die Schwestern ihr Kleingeld 
deponierten. 

»Das ist eine Berufskrankheit«, erklärte Mitchell. »Mit jeder 

Story, die man recherchiert, schnappt man mehr und mehr 
Trivialitäten des Alltags auf. Die Sache mit den Pennys zum 
Beispiel habe ich vom Chelsea-Blumenmarkt in New York.« 

»Sicher, dass dir das nicht eine verflossene Freundin geflüstert 

hat?«, fragte Prue, als sie einige Geldstücke in die Vase gab. 

»Ganz sicher«, sagte er. »Komm, gib mir auch einen!« 

Als Prue ihm einen Penny reichen wollte, berührten sich ihre 

Finger, und es war wie ein Elektroschock. 

»Wow«, entfuhr es Prue, dann presste sie ihre Lippen 

aufeinander. Hoffentlich hat er das nicht gehört, dachte sie. 

»Ich weiß«, sagte er, während sein Grinsen verblasste und sein 

Blick weich wurde. »Ich habe es auch gespürt.« 

»Mitchell«, begann Prue. »Ich kann …« 

Er unterbrach sie, indem er ihr einen Finger auf die Lippen 

legte. Prue fühlte, wie ein weiteres elektrisierendes Prickeln 
durch ihren Körper ging. Und plötzlich küsste sie ihn. 

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und erwiderte den Kuss 

leidenschaftlich. Seufzend lehnte sie sich gegen die 
Küchentheke und legte ihre Arme um seinen Hals. Dann schloss 
sie langsam die Augen. Seine Küsse waren einfach 

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überwältigend, ließen sie eintauchen in ein Meer aus Wärme 
und Leidenschaft, ließen sie einfach alles vergessen. 

 

Das orangefarbene Glühen schien seine größtmögliche 

Intensität erreicht zu haben. 

Piper war wie hypnotisiert und konnte kaum fassen, wie schön 

der Sonnenuntergang von hier aus war. Die leuchtenden 
Rottöne, die zu ihr in die quecksilbrige Hülle drangen, boten ein 
so faszinierendes Schauspiel, dass sie sich fast in dieser 
traumhaften Atmosphäre verlor. Doch plötzlich griff die Realität 
wieder nach ihr und riss sie jäh aus diesem Rausch. Gleichzeitig 
verblassten die Farben, und Piper fühlte, wie die Panik ihr 
langsam die Luft abschnürte. 

»Prue«, murmelte sie. »Wo bist du?« Das orangefarbene Licht 

wurde von Minute zu Minute schwächer. 

»O nein!«, rief sie und wirbelte hektisch herum. Kein Portal 

weit und breit. Kein Entkommen aus dieser Kammer, die ihr mit 
jedem Herzschlag, der verging, enger vorkam. 

Sie schloss die Augen. Atme, beschwor sie sich. Atme 

regelmäßig und tief. Prue ist das Pflichtgefühl in Person. Und 
sie ist meine große Schwester. Sie wird mich nicht im Stich 
lassen. Immerhin ist der Sonnenuntergang ja noch nicht vorbei 
… 

Erneut griff die Angst mit klammen Fingern nach ihr. Ihr Puls 

beschleunigte sich. Sie hielt die Augen geschlossen und faltete 
die Hände vor ihrer Brust in der Hoffnung, dass ihr Körper nun 
immer leichter wurde, um schließlich ganz von hier zu 
verschwinden. Um sich schließlich in der guten alten 
Halliwellschen Küche wieder zu materialisieren. 

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Wieder holte sie tief Luft und dankte Phoebe dafür, dass sie 

ihr diese Yoga-Technik beigebracht hatte. 

Doch irgendwo in ihrem Kopf flüsterte ihr eine schwache 

Stimme zu: Vergiss den ganzen Yoga-Kram, Piper! Irgendwas 
läuft hier gerade schrecklich schief! 

Sie schlug die Augen auf und erschrak. Ihre schlimmsten 

Befürchtungen hatten sich bewahrheitet: Die Kammer war 
schwarz, und der Sonnenuntergang war schon seit Minuten 
vorbei! 

Was bedeutete, dass sie einen weiteren langen Tag auf dem 

Olymp festsaß. 

»Prue!«, rief Piper in die bedrückende Stille hinein. Dann 

begann sie zu schluchzen. »Wo bist du?« 

 

Prue zog Mitchell näher zu sich heran und legte ihre Arme um 

seine schlanke Taille. Sie küssten sich noch immer 
leidenschaftlich. Ihre Augen waren fest geschlossen und 
sämtliche Gedanken aus ihrem Kopf vertrieben. Sie war ganz 
erfüllt von der Wärme seiner wundervollen Küsse und 
Berührungen … 

Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper – ihre Sinne hatten 

etwas vernommen, das nicht hierher gehörte. Es klang wie eine 
Stimme, ein angstvoller Ruf, der aus den Tiefen ihres Geistes in 
ihr Bewusstsein vordrang. Prue schlug die Augen auf, und was 
sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. 

Hastig stieß sie Mitchell von sich. »O mein Gott!« 

»Was ist los?«, fragte er bestürzt. »Alles okay mit dir?« 

Prue stolperte zum Küchenfenster und zeigte wortlos hinaus. 

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Alarmiert wirbelte Mitchell herum, doch dann breitete sich 

Verständnislosigkeit auf seinem Gesicht aus. »Was? Ich sehe 
nichts.« 

Und genau dies war das Problem. 

Sie war so sehr mit Mitchell beschäftigt gewesen, dass sie ihre 

beiden Schwestern völlig vergessen und den Sonnenuntergang 
verpasst hatte. Was bedeutete, dass Piper auf dem Olymp und 
Phoebe im Hades festsaß und sie die beiden einen weiteren 
langen, grausamen Tag einem ungewissen Schicksal ausgeliefert 
hatte. Und möglicherweise hatte sie mit ihrer 
Pflichtvergessenheit alles ruiniert. 

Prue war so entsetzt angesichts dessen, was sie getan hatte, 

dass sie fast hyperventilierte. Panisch schob sie Mitchell beiseite 
und raste in der Küche umher, wobei sie sich gelegentlich an der 
Theke festhielt und tief durchatmete. 

Denk nach!, beschwor sie sich. Es muss einen Weg geben, das 

Ruder noch herumzureißen. Konzentrier dich! 

»Prue?«, ließ sich Mitchell hinter ihr vernehmen. »Was ist 

denn los?« 

Doch sie schüttelte nur den Kopf und wedelte mit den Händen, 

ohne sich auch nur nach ihm umzudrehen. »Ich muss … mich 
konzentrieren«, presste sie hervor. »Du musst gehen, Mitchell. 
Es tut mir Leid, aber du musst auf der Stelle gehen.« 

»Das glaube ich nicht, Prue«, erwiderte er. 

Für einem Moment dachte sie, nicht richtig gehört zu haben. 

Mitchells sanfte, liebevolle Stimme hatte auf einmal so etwas 
Kaltes, Abweisendes, Furcht einflößendes … 

»Außerdem«, fuhr er fort, »ist es zu spät. Du kannst deine 

Schwestern jetzt nicht mehr retten.« 

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Sie wirbelte herum und schrie vor Entsetzen laut auf. 

Mitchells wunderschönes Gesicht hatte sich verändert. Seine 
Haut hatte eine kranke grünliche Farbe angenommen. Seine 
schwärzlichen Lippen waren grausam zurückgezogen, um Platz 
für die enormen Fangzähne zu schaffen, von denen ein zäher 
gelber Speichel tropfte. Doch auch sein Körper transformierte: 
Die Schultern wurden breiter, und seine schwellende Brust 
sprengte die Nähte seines grauen T-Shirts. Und er wuchs und 
wuchs vor ihr in die Höhe. 

Und dann ragte vor Prue ein Biest auf, das schrecklicher war 

als alle Dämonen, die bisher in Halliwell Manor eingefallen 
waren. Das Ding, das einmal Mitchell gewesen war, beugte sich 
zu ihr hinab und packte sie mit eisenharten Klauen an der 
Schulter. Sein heißer, ätzender Atem versengte ihr fast das 
Gesicht. 

Prue wand sich vor Angst und Ekel und versuchte sich aus 

dem Griff des Monsters zu befreien. Tränen der Verzweiflung 
liefen ihr über die Wangen, während sich die grausame 
Wahrheit langsam einen Weg in ihr Bewusstsein bahnte. Die 
Wahrheit, die Mitchell, oder das, was er wirklich war, nun für 
sie aussprach: 

»Ohne die Macht der Drei wirst du es niemals schaffen, 

Phoebe zu retten«, grunzte er. »Euer Bund ist zerstört. Und das 
alles wegen eines Kusses. Dich abzulenken war wirklich 
lächerlich einfach. Nikos, mein Gebieter, wird sehr zufrieden 
sein.« 

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10 

»

N

ein!«, schrie Prue. 

Das Monster, das noch vor Minuten der anbetungswürdige 

Mitchell und der beste Küsser unter der Sonne gewesen war, 
warf seinen hässlichen grünen Kopf in den Nacken und lachte. 

»O ja!«, rief er mit schwerer gutturaler Stimme. Seine Klauen 

umfassten ihre Schultern noch fester. »Du hast deine Schwestern 
verraten, Prue.« 

»Nicht … möglich«, schluchzte Prue. »Wie …« 

»Das weißt du sehr genau«, höhnte das Monster. 

Und das stimmte. 

Sie erinnerte sich nur zu gut an das erste Treffen mit Mitchell 

in der Bibliothek. Er war so charmant und zuvorkommend 
gewesen, als er ihr … das Buch gegeben hatte. Das Buch mit 
den viktorianischen Porträts hatte sie geradewegs in den Hades 
befördert! 

Sie fröstelte, als sie erkannte, mit welcher List und Tücke sich 

Mitchell an sie herangemacht hatte. So auch, als er ihr 
angeboten hatte, bei dem Shooting zu assistieren. Nikos hatte 
ihm gewiss befohlen, in der Nähe zu sein, falls irgendetwas 
nicht nach Plan verlief mit der verfluchten Kamera, die der Prinz 
der Unterwelt ins Haus gebracht hatte. 

Und plötzlich fiel ihr noch etwas ein. 

»Du hast auch versucht, mich noch mal in den Hades zu 

schicken!«, stieß sie hervor. »Und zwar, als du mich gestern 
unbedingt fotografieren wolltest. Darum hast du mich so 
bedrängt!« 

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»Sehr richtig«, sagte die Kreatur. »Wie kommt es, dass du auf 

einmal so scharfsinnig bist? Wie dem auch sei, als du partout 
nicht wolltest, musste ich eben hierher kommen und einen 
anderen Weg finden, dich zur Kooperation zu bewegen. Ich 
hoffe, es hat dir Spaß gemacht … Prue.« 

Er verzog seine hässliche Fratze zu einem Grinsen und leckte 

sich über seine gesprungenen schwarzen Lippen. 

In diesem Moment sah Prue rot, und sie schrie vor Zorn laut 

auf. Und obwohl Mitchell ihre Arme festhielt, schaffte sie es 
irgendwie, ihre Hände zu bewegen und ihre telekinetischen 
Kräfte zu mobilisieren. Ihre unbändige Wut half ihr dabei, und 
so wurde die Kreatur plötzlich in hohem Bogen durch die Küche 
geschleudert. Sie landete direkt auf dem Frühstückstisch, der 
krachend unter dem enormen Gewicht zusammenbrach. 

Das machte Prue nur noch rasender. Sie war es Leid, dauernd 

Möbelstücke ersetzen zu müssen, die irgendwelche 
marodierenden Dämonen zertrümmert hatten! 

»Argh!«, kreischte sie und wedelte mit dem Arm in Richtung 

ihres ehemaligen Freundes. Das Monster wurde wieder 
zurückgeschleudert und machte diesmal Kleinholz aus dem 
Gewürzregal. Prue schüttelte den Kopf und schoss vor, um dem 
Mitchell-Monster ihren Absatz in sein hässliches Maul zu 
rammen. 

»Aaaaaahhh!«, bellte die Kreatur, schwang eine riesige Faust 

und erwischte Prue direkt am Wangenknochen. Kleine Wellen 
aus Schmerz breiteten sich in ihrem Gesicht aus, während sie 
rückwärts zu Boden taumelte. Gerade rechtzeitig kam sie wieder 
auf die Füße, als Mitchell seinen mit Stacheln bewehrten 
Schwanz so schnell über dem Kopf schwang, dass die Luft 
sirrte. 

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Plötzlich schnellte das Ding vor wie eine Froschzunge und 

erwischte Prue an den Knöcheln, als sie sich gerade mit einem 
Sprung in Sicherheit bringen wollte. Hart krachte sie gegen die 
Küchentheke. 

Das war der Moment, in dem ihr klar wurde, wie schmerzlich 

sie die Hilfe ihrer Schwestern vermisste. Mit Pipers Fähigkeit, 
die Zeit anzuhalten, Phoebes ausgefeilter Kung-Fu-Technik – 
ganz zu schweigen von der Macht der Drei – konnten es die 
Schwestern mit nahezu jedem Gegner aufnehmen. Doch im 
Moment zweifelte Prue ernsthaft daran, ob sie gegen den 
monströsen Mitchell eine Chance hatte. 

Mit zusammengebissenen Zähnen umfasste sie ihren vor 

Schmerz pochenden Knöchel und kroch hinter der Theke in 
Deckung. 

»Hast wohl Schiss?«, höhnte Mitchell knurrend, als er auf sie 

zustampfte. Prue konnte den grässlichen Schwanz wieder durch 
die Luft peitschen hören. Sie sammelte ihre Kräfte, stand auf 
und stieß einen Schrei der Vergeltung aus. Dann bewegte sie 
ihre Hand in Richtung des hin und her peitschenden Schwanzes. 
Die Kraft der Telekinese erfasste ihn sofort, und er wickelte sich 
fest um Mitchells schuppigen Hals. 

In einer Mischung aus Überraschung und Atemnot japste das 

Monster laut auf. Prue wiederholte die Aktion, und die Schlinge 
zog sich enger. Panisch schlug das Monster mit seinen 
rasiermesserscharfen Klauen nach seinem eigenen Schwanz, und 
fast musste Prue lachen angesichts seiner schmerzverzerrten und 
entsetzten Grimasse. Um seinen Hals zu retten, müsste er sich 
den eigenen Schwanz abreißen, stellte sie hoch zufrieden fest. 

»Und? Wer hat jetzt Schiss … Mitchell?«, schrie sie ihm 

entgegen und bewegte wieder ihre Zauberhand. Diesmal zog der 
Schwanz seinen Besitzer durch die Küchentür. Das Monster 
stolperte und wollte nach ihr ausholen, doch Prue lachte nur und 

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versetzte ihm einen weiteren Energieschlag. Mitchell wurde ins 
Wohnzimmer gestoßen. Inzwischen hatte seine Gesichtsfarbe 
von kränklich Grün zu kränklich Grau gewechselt. Sein Atem 
ging stoßweise, und es war offensichtlich, dass es ihn große 
Kraft kostete, bei Bewusstsein zu bleiben. Gut!, befand Prue und 
versetzte ihm einen weiteren Telekinesehieb. 

Dann preschte sie an dem wankenden Dämon vorbei, zog den 

Vorhang zum Sonnenzimmer beiseite und beförderte ihn mit 
aller Energie in die Mitte des Raums. Hier ließ Prue endlich von 
ihm ab. Schwer atmend stand Nikos' Handlanger im 
Sonnenzimmer; matt hing sein abstoßender Kopf auf die 
eingesunkene grüne Brust herab. 

»Armer Mitchell«, kicherte Prue, und seine gelben Augen 

flackerten böse auf. Rasch duckte sie sich unter das Einstelltuch 
der verfluchten Kamera und richtete sie auf das Monster aus. 

»Sag mal ›Hades‹«, rief sie und drückte auf den Auslöser. 

Mit letzter Kraft warf Mitchell, das Monster, seinen Kopf in 

den Nacken und brüllte, dass die Wände erzitterten. Als sich die 
Blende wieder schloss, schien es, als ob seine Beine sich 
verflüssigten, und dann brach er unter seinem eigenen Gewicht 
zusammen. Er fiel direkt auf das Trugbild von Nikos, das 
daraufhin in einer Wolke aus Rauch verpuffte. Nur eine 
Sekunde später war auch der teuflische Mitchell verschwunden. 

Schnell überzeugte sich Prue, dass er mit seinem Fall keines 

der herumliegenden Models verletzt hatte, dann atmete sie 
erleichtert auf. 

Der Dämon war aus dem Weg geräumt, doch damit fingen die 

Probleme erst an. Denn nun musste sie herausfinden, wie sie 
ihren schrecklichen Fehler wieder rückgängig machen konnte. 

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Sie ging zurück ins Wohnzimmer und tigerte auf und ab. 

Okay, dachte sie, es muss einen Weg geben. Doch wie? Sie 
wusste, das Buch der Schatten konnte hier nicht helfen. 
Immerhin hatte es ihnen eine Möglichkeit aufgezeigt, Piper auf 
den Olymp zu schicken, und sie hatte die einfachste Sache der 
Welt, den Spruch bei Sonnenuntergang aufzusagen, in den Sand 
gesetzt! 

Wie konnte das nur passieren?, fragte sie sich zum 

wiederholten Male. Den ganzen Tag hab ich hier einzig und 
allein zu dem Zweck untätig herumgehangen, um diese einfache 
Aufgabe zu erledigen. Doch als der entscheidende Moment kam, 
hab ich alles verbockt! 

Sie hielt inne, als sie begriff, dass Mitchells Küsse schuld 

daran gewesen sein mussten, dass er sie auf diese Weise mit 
irgendeinem Zauber belegt hatte, der sie sämtliche 
Verantwortung hatte vergessen lassen. Nur so war zu erklären, 
dass sie jedes Mal, wenn sich ihre Lippen nur berührten, in eine 
Art Rausch versetzt wurde und die Welt um sie herum versank. 

Doch das ist verdammt noch mal keine Entschuldigung!, 

schalt sie sich kopfschüttelnd. Sie hatte gehörigen Bockmist 
gebaut, und das war etwas, das Prue Halliwell niemals tat. 
Schon gar nicht, wenn so viel davon abhing. Sie musste 
unbedingt eine Lösung für das Problem finden! 

Doch verzweifelt musste sie feststellen, dass ihr Kopf total 

leer war. Sie war mental wie blockiert angesichts dieses 
Dilemmas. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte, und sie 
war ganz allein. 

Langsam ließ sie sich auf einen Stuhl in der Halle nieder und 

starrte stumpf auf die alte Standuhr, deren Pendel eintönig hin- 
und herschwang und ihr so das unerbittliche Verstreichen der 
Sekunden anzeigte. 

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Und da hatte sie plötzlich eine Eingebung. 

Rasch sprang sie auf, eilte hinüber zur Uhr, umarmte sie kurz 

und rannte dann die Stufen zum Speicher hinauf. 

»Natürlich!«, murmelte sie. »Wir haben ja noch den Zeitreise-

Spruch von Phoebe, den wir benutzt haben, um Hunderte von 
Jahren in die Vergangenheit zurückzugehen – warum also nicht 
auch eine Stunde?« 

Sie öffnete den Schrank, in dem Phoebe die Zutaten für 

Tränke, einige Flaschen, ein Kompendium aller Dämonen, die 
die Schwestern bekämpft hatten, sowie sämtliche selbst 
verfasste Sprüche aufbewahrte. Zu Prues Erstaunen lagen dort 
auch einige Plüschtiere aus Phoebes Kindheit. Sie seufzte und 
wühlte weiter in dem Durcheinander, bis sie auf einige Stapel 
Papiere und sogar ein paar Servietten stieß, auf denen Phoebe 
ihre Zaubersprüche niedergeschrieben hatte. 

»Also gut«, murmelte Prue. »Was haben wir denn hier: einen 

Liebeszauber … eine Beschwörungsformel, um Tote 
herbeizurufen … einen weiteren Liebeszauber … noch einen 
Liebeszauber – Herrgott, Phoebe!« 

Sie rollte mit den Augen und setzte ihre Suche mit fliegenden 

Fingern fort. Gerade wollte sie eine weitere uninteressante Notiz 
auf den Boden werfen, als sie bemerkte, dass auf der Rückseite 
des Zettels etwas notiert war. Sie drehte das Papier um und 
seufzte erleichtert auf. 

»Zeitreise in die Vergangenheit«, las sie und lachte leise auf. 

»Oh, und hier ist auch der Spruch für die Zeitreise in die 
Zukunft. Hoffentlich verwechsle ich die beiden am Ende nicht!« 

Rasch warf sie einen Blick auf die Zeilen und verstaute den 

Zettel in der Tasche ihrer Shorts. Dann holte sie tief Luft und 
begann zu singen: 

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»›Verleih mir die Kraft, zu lösen das Band, 

vom Leben geknüpft mit ewiger Hand, 

und führ mich zurück in jene Zeit, 

wo es hat seinen Anfang – ich bin bereit.‹« 

Nachdem sie die Worte dreimal aufgesagt hatte, öffnete sie die 

Augen und sah auf die Uhr. Die Anzeige hatte sich nicht 
verändert! Irritiert rannte sie zu dem kleinen Fenster im hinteren 
Teil des Speichers und starrte hinaus. Draußen war es noch 
immer stockdunkel. Doch wie konnte das sein? Früher hatte 
dieser Spruch von Phoebe doch auch funktioniert … 

Doch noch bevor sie sich diese Frage gestellt hatte, wusste sie 

die Antwort: Es fehlte die Macht der Drei. Prue lachte trocken 
auf. Welch eine Ironie des Schicksals: Sie konnte ihre 
Schwestern nicht retten ohne ihre Schwestern! 

Erschöpft setzte sie sich auf den Boden, schlug verzweifelt die 

Hände zusammen und sah zur Decke. Sie konnte ihr Elend kaum 
fassen und kämpfte gegen die Tränen an. 

»O Piper«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Es tut mir so 

Leid!« 

Matt ließ sie ihre Hände wieder sinken; da berührten ihre 

Finger etwas Weiches, Flauschiges. Sie wandte den Kopf, und 
da fiel ihr Blick auf einen arg mitgenommenen Plüschhund. 
Prue musste lächeln. Sie kannte das alte Ding nur zu gut – 
Phoebe hatte es überall mit hin geschleppt, als sie noch sehr 
klein gewesen war. Sie hatte ihn Charles genannt. 

»Moment mal!«, dachte sie und legte einen Finger an ihr Kinn. 

Zwar waren Piper und Phoebe nicht hier, aber sie hatte Charles. 
Was, wenn sie persönliche Dinge, zu denen ihre Schwestern 
eine sehr enge Beziehung aufgebaut hatten, zur Hilfe nahm? 
Vielleicht beherbergten diese Gegenstände ja ein wenig vom 
Geist ihrer Besitzer – und ihrer Kräfte? 

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Sofort eilte Prue die Treppe hinunter in Pipers Zimmer. Dort 

angekommen sah sie sich schnell um. Welcher Gegenstand hier 
bedeutet Piper am meisten? Was ist ihr kostbarster Besitz? 
Plötzlich schnippte sie mit den Fingern – natürlich, Großmutters 
Halskette! 

Sie öffnete das Schmuckkästchen ihrer Schwester, suchte und 

fand das wertvolle Amulett der Weißen Magie in einer 
Samtschatulle und betrachtete es einige Sekunden lang – es 
zeigte Sonne und Mond. 

Und Phoebes Lieblingsgegenstand? Immerhin hatte sie den 

Plüschhund inmitten ihrer wertvollsten Sprüche und Tränke 
aufbewahrt und ihn in den ersten Lebensjahren von morgens bis 
abends geküsst und geherzt. Prue fand, dass Charles für ihre 
Zwecke einfach perfekt war. 

Mit der Halskette rannte Prue wieder auf den Dachboden 

hinauf und legte das wertvolle Stück an. Dann nahm sie Charles 
auf den Arm und drückte ihn fest an sich. Schließlich schloss sie 
die Augen und intonierte den Zeitreisespruch – einmal, zweimal, 
dreimal … 

Plötzlich verspürte sie einen leichten Windhauch, der sich in 

ihrem Haar verfing und dann genauso schnell wieder 
verschwand. Sie eilte zum Fenster und sah hinaus. 

Die letzten Sonnenstrahlen fielen matt durch das farbige Glas. 

Mit klopfendem Herzen sah sie auf ihre Armbanduhr: Es war 
18.45 Uhr. Ja! Noch fünf Minuten bis Sonnenuntergang! 

Sie schluchzte fast vor Erleichterung, als sie die Treppe 

hinunterpolterte und sich den Olymp-Spruch von der 
Küchentheke schnappte. Dann flitzte sie hinaus auf die Terrasse 
hinter dem Haus, um das nun folgende Naturschauspiel genau 
im Blick zu haben. 

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Das Herz hämmerte ihr in der Brust, als sie in die Sonne 

blinzelte, die soeben den Horizont berührte und sich dabei in 
einen wunderschönen orangefarbenen Ball verwandelte. Sie 
wartete noch eine ganze Minute, bis sie fast zur Hälfte 
verschwunden war. 

Jetzt! 

Mit zitternder Stimme sagte Prue den Spruch auf: 

»So lasst nun die Reisende treten ein 

in die unsrige Welt, da die Nacht bricht herein. 

Geleitet sie sicher zurück an den Ort, 

den sie verließ, als sie ging hinfort.« 

Sie hielt den Atem an und wartete. 

Plötzlich verspürte sie den dringenden Wunsch, sich 

umzudrehen. 

Als sie durch die offene Küchentür lugte, sah sie, wie sich 

Piper an genau der gleichen Stelle materialisierte, an der sie bei 
Sonnenaufgang verschwunden war – in Leggins und 
Laufschuhen. Ja, sie winkte ihr sogar auf dieselbe Weise zu, wie 
sie es am Morgen getan hatte. 

Mit einem fast irren Grinsen stürmte Prue in die Küche 

zurück. 

Als Piper wieder vollständig im Hier und Jetzt war, blickte sie 

sich in der ziemlich demolierten Küche um und schüttelte den 
Kopf. Dann sah sie an sich selbst herab und lächelte. Schließlich 
fiel ihr Blick auf Prue. 

»Piper!«, rief diese glücklich. »Ich bin ja so froh, dich zu 

sehen!« 

»Ach, wirklich?«, fragte Piper schnippisch. »Wo zum Teufel 

warst du? Der Sonnenuntergang kam und ging, ohne dass 

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irgendwas passiert wäre. Und dann, na ja, dann ging die Sonne 
noch mal unter …« 

»Ich musste einen Zeitreisespruch anwenden, nachdem ich den 

ersten Sonnenuntergang verpasst habe«, erklärte Prue und 
drückte ihre Schwester schnell an sich. 

»Was war denn so wichtig, dass ich dafür fast im Olymp 

festgehangen hätte?«, wollte Piper wissen und sah ihre 
Schwester anklagend an. »Und warum trägst du eigentlich 
meine Halskette, wenn ich fragen darf?« 

Prue wusste, dass Piper total sauer auf sie war, aber sie konnte 

trotzdem nur glücklich lachen. 

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte sie. »Ich erzähl sie dir 

später. Doch sag mal, was hast du denn Aufregendes von Zeus 
zu berichten?« 

»Nun«, begann Piper und lehnte sich gegen die Küchentheke, 

»auf den Olymp zu reisen war das überwältigendste Erlebnis, 
das ich jemals hatte. Diese merkwürdigen Kammern, die mit 
silbrigen Strudeln und wunderschönem Licht gefüllt sind … oh, 
und man kann dort sogar unter Wasser atmen!« 

»Und? Und?«, fragte Prue ungeduldig. »Hast du den 

Göttervater getroffen?« 

»Das habe ich«, sagte Piper. »Und … er hat … na ja, es ist 

nicht gerade die optimalste Lösung für unser Problem, aber …« 

»Was hat er denn nun gesagt?« 

»Er sagte, er würde Phoebe vor den Dämonen des Hades und 

auf ihrem Weg aus der Unterwelt beschützen«, berichtete Piper. 

»Und die schlechte Nachricht?«, fragte ihre Schwester 

argwöhnisch. 

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»Tja, er kann sie nicht einfach mit einem Fingerschnippen zu 

uns zurückbringen«, seufzte Piper. »Wir müssen selbst dorthin 
und sie holen.« 

Für einen Moment zog sich Prues Magen zusammen, als sie 

sich an die nervenaufreibende, widerwärtige Reise durch die 
Unterwelt erinnerte, und ihr Herz wurde schwer. Doch nur eine 
Sekunde später war sie schon wieder gefasst und bereit für das 
große Abenteuer. Zumal sie keine andere Wahl hatten, wie ihr 
grausam klar wurde. 

»Kamera!«, meinte sie nur. »Lass uns gehen.« 

»Du sagst es«, sagte Piper und folgte ihrer Schwester ins 

Sonnenzimmer. Wie schon zuvor positionierten sie sich vor dem 
Objektiv, während Prue den Selbstauslöser fest umklammert 
hielt. 

»Fast hätte ich's vergessen«, sagte sie und nickte in Richtung 

der schlafenden Models. »Was ist mit unseren lieben Freunden 
hier? Stehen sie auch unter Zeus' Schutz?« 

»Ähem, also …«, murmelte Piper und knetete ihre Hände. 

»Piper? Was?« 

»Für die, so sagte er, sind wir selbst verantwortlich.« 

»Großartig«, nörgelte Prue. »Einfach großartig. Also müssen 

wir lediglich Phoebe aus Nikos' Klauen befreien, rasch die 
Models finden, die überall in seinem riesigen Palast sein 
können, und dann die ganze Mannschaft wieder sicher zur Erde 
zurückbringen, richtig?« 

»So ist es«, erwiderte Piper leise und sah Prue mit großen 

Augen an. »Meinst du, wir schaffen das?« 

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»Wir haben keine andere Wahl«, sagte sie und grinste 

freudlos. Dann begann sie den Spruch herunterzuleiern, der sie 
in den Hades bringen würde. Gerade als sie den Selbstauslöser 
betätigen wollte, schrie Piper: »Halt!« 

»Was ist denn?«, fragte Prue. 

Piper beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihr die Halskette 

der Großmutter ab. Dann sprang sie auf, sah sich fieberhaft um 
und schnappte sich schließlich einen alten, aber nicht besonders 
kostbaren Brieföffner und ein Tintenfass aus Perlmutt vom 
Schreibtisch aus dem Wohnzimmer. 

»Das Fährgeld für Charon«, erklärte sie, schob den Brieföffner 

unter das Gummiband ihrer Leggins und übergab Prue das 
Tintenfässchen. »Wir können ihn genauso gut mit etwas 
entlohnen, an dem nicht unser Herz hängt.« 

»Stimmt«, sagte Prue und verstaute den kleinen Behälter in 

ihrer Shorts. Dann ergriff sie Pipers Hand und drückte auf den 
Knopf des Selbstauslösers. 

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11 

I

m

 

Hades schien

 

die Zeit dahinzuschleichen. Phoebe hatte 

keine Ahnung, wie lange sie schon in ihrem kalten Gefängnis 
festsaß – es gab hier weder Uhren noch Fenster. Und wer wusste 
schon, ob die Zeit hier überhaupt normal verging, ob es im 
Hades überhaupt so etwas wie Morgen, Mittag und Abend gab? 

Was sie wusste, war, dass dieser Ort in einem stetigen 

Zwielicht lag, einem dämmrigen, grauen Halbdunkel, wie es 
auch in jenem Schreckenswald allgegenwärtig gewesen war. 

Die Vorstellung, auch nur einen weiteren Tag hier verbringen 

zu müssen, stürzte sie in tiefe Verzweiflung. Die Vorstellung, 
gar ein ganzes Leben hier zubringen zu müssen, war etwas, an 
das Phoebe noch nicht einmal zu denken wagte. 

Wimmernd und zusammengekrümmt lag sie auf ihrem Bett 

und presste die Hände auf ihren Magen, der vor lauter Hunger 
schon ganz eingesunken war. Dann schüttelte sie frustriert den 
Kopf, sodass die verhassten schwarzen Locken hin und her 
flogen. Hier gab es noch nicht einmal etwas Abwechslung, keine 
Bücher, keine Bilder, nichts außer Essen. 

Sie wälzte sich von der Matratze, schlich zur Tür und presste 

ihr Ohr an den kühlen Stein, der nach wie vor den Eingang 
blockierte. Vielleicht konnte sie ja ein paar Fetzen Unterhaltung 
aufschnappen. 

Doch es war nichts zu hören. Entmutigt ließ sie sich auf dem 

Boden nieder und versuchte wieder einmal erfolglos, sich den 
Verlobungsring vom Finger zu ziehen. Ihre Gedanken 
wanderten zu den Models, und sie fragte sich, wo sie wohl 
waren. Hatten die jungen Leute nicht ihren Zweck erfüllt, 
nachdem Nikos sie und ihre Schwestern in den Hades gelockt 
hatte? Hatte er sie womöglich davongejagt und dazu verdammt, 

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für immer im Hades umherzuwandern? Oder hatte Nikos sie zu 
seinem persönlichen Vergnügen behalten? Was hatte Chloe 
wohl dazu gesagt, als man ihr die Haare schwarz gefärbt und in 
diese lächerlichen Locken gedreht hatte? 

Ich frage mich, ob sie hier unten Evian haben, dachte Phoebe 

und musste kichern. Dann rief sie sich wieder zu Raison – das 
alles war ganz und gar nicht witzig, und sie allein trug die 
Schuld daran. Sie hatte die Studenten angeheuert und Nikos mit 
nach Hause gebracht. Und nun waren fünf Seelen womöglich 
für immer verloren. 

Aber vielleicht, so überlegte sie, hat er seine Köder ja laufen 

lassen, nachdem er bekommen hat, was er wollte. Vielleicht 
hängen die fünf ja gerade im Sonnenzimmer herum, essen 
Pipers Canapés und tratschen über die neue Herbstmode. 

Doch irgendwie wollte sie nicht so recht an diese Möglichkeit 

glauben. Sie kannte den dämonischen Nikos nicht sehr gut, aber 
gut genug, um zu wissen, dass Mitgefühl nicht zu seinen 
herausragenden Eigenschaften zählte. 

Und gerade als Phoebe sich wieder einer ihrer zahllosen 

Selbstmitleidattacken hingeben wollte, vernahm sie das 
inzwischen vertraute Kratzen des Felsens, der beiseite rollte. 
Reglos und mucksmäuschenstill blieb sie am Boden sitzen – und 
tatsächlich, eines der Schlangenmädchen schwebte in ihre 
Kammer und auf den kleinen Beistelltisch zu, ohne sich im 
Raum umzusehen. Es war offensichtlich, dass die Dienerin nicht 
bemerkt hatte, dass ihre Gefangene direkt neben dem Eingang 
hockte. Phoebe warf einen Blick auf ihr Bett: Die dicke Decke 
darauf war derart zusammengeknüllt, dass man einen 
schlafenden Körper darunter vermuten konnte. 

Diese Erkenntnis traf Phoebe wie ein Blitz. 

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Die Dienerin hatte ihr immer noch den Rücken zugewandt und 

räumte nun die Reste von Jessicas Picknick auf ihr Tablett. 

Phoebe hielt den Atem an. 

Dann kroch sie auf allen vieren langsam aus der Kammer. 

 

Als Prue und Piper ihre Körper wieder spüren konnten, sahen 

sie sich erstaunt um. 

Grelles Sonnenlicht blendete sie, und sie schaukelten sanft hin 

und her. Auch war ein monotones Geräusch von Wasser, das 
gegen Holz schlug, zu vernehmen. 

»Oh«, sagte Piper nur. 

»Wo zum Henker sind wir?«, fragte Prue. »Das ist doch nicht 

der Hades, wie wir ihn kennen und hassen.« 

»Wir sind in einem Boot!«, platzte Piper heraus. 

»Danke, dass du mich darauf hinweist!«, sagte Prue bissig. Sie 

verdrehte die Augen und sah ihre Schwester tadelnd an. 

Das schlichte Boot war etwa drei Meter lang und hatte außer 

den Bänken, auf denen sie saßen, und einem Paar primitiver 
Paddel nichts zu bieten. Um sie herum war nichts als tiefblaues 
Wasser. 

In einiger Entfernung konnte Prue eine bergige Insel mit 

tropischer Vegetation ausmachen, die einen wunderschönen 
Sandstrand besaß. Das Boot trieb direkt auf eine traumhafte 
Lagune mit klarem hellblauem Wasser zu. 

»Also, das ist definitiv nicht der Styx«, murmelte Piper. 

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»Kannst du dich vielleicht erinnern, ob es so was wie eine 

Hintertür zum Hades gibt?«, fragte Prue. 

»Nicht dass ich wüsste«, erwiderte Piper besorgt. 

»Ich denke, wir können genauso gut bis an den Strand 

rudern«, meinte Prue. »Hoffentlich finden wir an Land 
irgendeinen Weg in die Unterwelt.« 

Jede der Schwestern griff sich ein Paddel, und dann ruderten 

sie gemächlich auf die Insel zu. Und obwohl sie weiß Gott nicht 
zwecks eines Sommerurlaubs hier waren, hatten die Wärme der 
Sonne und das gleichmäßige Plätschern der Wellen etwas 
überaus Beruhigendes. Piper ertappte sich sogar dabei, dass sie 
den Kopf in den Himmel reckte und die Sonnenstrahlen auf 
ihrem Gesicht genoss. 

Aufmerksam ließ Prue ihren Blick über die Küste vor ihnen 

wandern auf der Suche nach Gebäuden oder etwas anderem, das 
ihnen verraten konnte, wo sie waren. Doch außer den tropischen 
Bäumen und dem malerischen Strand war nichts zu sehen. Oder 
doch? 

»Piper«, rief Prue und zeigte mit dem Finger auf den 

Küstenstreifen, der die Lagune einschloss, »hast du das auch 
gesehen?« 

»Was denn?«, fragte sie und starrte angestrengt in die gleiche 

Richtung. 

»Ich dachte, ich hätte dort eine Bewegung gesehen, aber 

wahrscheinlich … Ja, sieh doch! Da ist es wieder. Dort auf den 
Felsen hat etwas in der Sonne geblitzt!« 

»Wirklich?«, fragte Piper nervös. »Was kann das nur sein?« 

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»Nach den jüngsten Ereignissen kann das so ziemlich alles 

sein«, sagte Prue grimmig. »Und es ist uns 
höchstwahrscheinlich nicht freundlich gesinnt.« 

»Sollen wir um die Insel herumrundern und woanders an Land 

gehen?«, fragte Piper. 

Prue biss sich auf die Lippe und schüttelte den Kopf. »Lass 

uns noch ein bisschen näher heranrudern«, meinte sie. »Diese 
Lagune scheint der einfachste Zugang auf die Insel zu sein. 
Ansonsten müssten wir nämlich bergsteigen …« 

»Stimmt, dazu haben wir im Moment wirklich nicht die Zeit«, 

sagte Piper und ruderte schneller. 

»Mach dich bereit, sie einzufrieren, wenn nötig«, flüsterte 

Prue ihrer Schwester zu, als sie auf den Strand zuhielten. Die 
Felsen kamen in Sicht, aber ansonsten war weit und breit nichts 
zu sehen. 

»Was immer du gesehen hast, es scheint sich zu verstecken«, 

zischte Piper. 

»Vielleicht hab ich es mir ja nur eingebildet«, sagte Prue 

hoffnungsvoll. 

In der gleichen Sekunde entdeckte Piper ein Augenpaar, das 

über den Rand eines der Felsen lugte. »Das glaube ich nicht, 
Prue«, flüsterte sie und deutete mit dem Kopf in die betreffende 
Richtung. »Da beobachtet uns jemand.« 

Prue sah unauffällig hin, und tatsächlich, hinter dem Felsen 

war etwas, das aussah wie … ein Frauenkopf. Je näher sie 
kamen, umso deutlicher war er zu erkennen. Und seine 
Besitzerin war wunderschön mit ihrem kupferfarbenen Haar und 
den großen grünen Augen mit den langen Wimpern. 

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Plötzlich sprang das Wesen auf den Felsen, als sei dies die 

einfachste Übung der Welt. 

»Wow!«, japste Piper. 

»Hat sie … Flügel?«, fragte Prue leise. 

»Flügel, Federn und Füße mit Schwimmhäuten«, flüsterte 

Piper zurück. »Die ganze Palette.« 

Fassungslos starrten sie auf die Kreatur mit dem Kopf einer 

Frau und dem Körper einer Möwe. Ihre Federn waren strahlend 
weiß, die Füße hellrot. Als das Wesen über den Felsen hüpfte, 
konnte Piper sehen, dass sein wacher Blick und die ruckenden 
Kopfbewegungen eindeutig vogelhaft waren. Tatsächlich war 
dieses Mischwesen weitaus weniger grotesk als die grauenvolle 
Harpyie in ihrem Wohnzimmer und doch um nichts Vertrauen 
erweckender. 

»Kopf einer Frau, Körper eines Vogels«, murmelte Piper. 

»Lebt am Meer … ich weiß, ich kenne diese Kreatur, aber ich 
komme gerade nicht drauf …« Während sie im Geiste fieberhaft 
ihr mythologisches Wissen durchforstete, kamen zwei weitere 
Vogelfrauen in Sicht, die mit einigen kräftigen Flügelschlägen 
neben ihrer Anführerin landeten. Ihr Haar war sandfarben, und 
sie sahen die Schwestern aus schwarzen Knopfaugen an. 

»Gut, sie greifen nicht an«, wisperte Prue. »Das ist doch ein 

gutes Zeichen, oder?« 

»Ich denke schon«, sagte Piper, doch sie fühlte sich nicht wohl 

bei dem Gedanken. Etwas an diesen Wesen flößte ihr Angst ein. 
Angestrengt presste sie ihre Hand an die Stirn und versuchte 
sich zu erinnern, mit wem oder was sie es hier zu tun hatten. 

In diesem Moment öffnete die Anführerin den Mund. 

Und da fiel es Piper wie Schuppen von den Augen. 

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Hastig ergriff sie den Arm ihrer Schwester. »Ich weiß, was sie 

sind«, rief sie. »Das sind Sirenen! Höre nicht auf ihr Lie…« 

Noch bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte, stimmte die 

Kreatur plötzlich einen hellen, unglaublich klaren Ton an. Er 
traf Piper mitten ins Herz, und sie spürte, wie eine Welle aus 
Glückseligkeit sie durchströmte. Es war der schönste Klang, den 
sie je vernommen hatte, auch wenn Worte oder so etwas wie 
eine Melodie fehlten. Er umfing sie wie die wärmste Umarmung 
der Welt, die zärtlichste Berührung, die sie je gespürt hatte. Und 
plötzlich waren ihre Angst, die Warnung an Prue, die Sorge um 
Phoebe wie weggeblasen. 

Wie in Trance wandte sie sich zu ihrer Schwester um. Der 

verzückte Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet Piper, dass diese 
ebenso in den Bann der Musik gezogen war wie sie. 

Da kam Bewegung in die beiden anderen Vogelfrauen: Die 

eine zog eine Lyra unter ihrem Flügel hervor, die andere eine 
Flöte, die sie nun an ihre Lippen hob. Und die Töne, die sie 
diesen Instrumenten entlockten, waren von solch einer 
Schönheit und Harmonie, dass Piper es kaum ertragen konnte. 
Und doch wollte sie, nein, sie musste einfach mehr davon hören. 

Rasch ruderten sie die wenigen verbliebenen Meter zum 

Strand und zogen das Boot an Land. Dann gingen sie langsam 
auf die Sirenen zu. Das Lied wurde lauter und 
wundersamerweise auch immer lieblicher … 

Wie automatisch erklommen sie den Felsen und setzten sich 

nieder, wobei sie die Vogelfrauen unverwandt anblickten. 

Ich möchte, dass dieses Lied nie endet, dachte Piper. Ich 

möchte es mein ganzes Leben lang hören. 

Das Gefühl der Glückseligkeit war so überwältigend, dass sie 

die Augen schloss und sich hinlegte. Als sie noch einmal träge 

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blinzelte, sah sie, dass Prue dasselbe getan hatte. Piper fühlte 
sich plötzlich sehr leicht, fast schwerelos. Alle Spannung war 
aus ihrem Körper gewichen, alle Mühsal von ihr abgefallen, 
nichts war zurückgeblieben als purer Seelenfrieden. 

 

Auf Zehenspitzen schlich Phoebe durch eine Reihe von 

steinernen Kammern und Hallen. 

Direkt nachdem sie aus ihrem Zimmer geflohen war, hatte sie 

sich verlaufen. Was ihr nur recht war. Sie hoffte, ihr düsteres 
Gefängnis nie wieder sehen zu müssen. Alles, was sie wollte, 
war, die Models zu finden und Nikos Horror-Refugium auf 
schnellstem Wege durch den Notausgang zu verlassen. 

Sie bog um eine Ecke nach der anderen und ließ Raum um 

Raum hinter sich. Plötzlich stellte sie fest, dass der Boden leicht 
abschüssig geworden war und mit jedem Schritt weiter abfiel. 

Dann und wann erreichte sie einen Torbogen und lugte 

vorsichtig um die Ecke. Doch dahinter lagen nur leere 
Schlafkammern, Speisesäle und Wohnzimmer. Der Palast war 
wie ausgestorben. Wo sind sie bloß alle?, fragte sie sich. Und 
wie soll ich jemals einen Weg hier herausfinden? 

Sie kämpfte die aufkeimende Panik nieder und konzentrierte 

sich wieder auf die Suche nach den Models. Wo würde Nikos 
sie verstecken? Hmmmmmm … 

Ihr Blick fiel auf den abschüssigen Steinboden. Natürlich! 

Dieser Weg muss in ein unterirdisches Verlies führen, 
schlussfolgerte sie. »Wobei dieser ganze Ort ein einziges Verlies 
zu sein scheint«, murmelte sie verbittert. 

Vorsichtig sah sie sich um, ob nicht eine der reptilienhaften 

Dienerinnen oder gar ein Mitglied der göttlichen Familie in der 

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Nähe war. Dann raffte sie den Rock ihres schweren Samtkleides 
zusammen und rannte los. 

Tiefer und tiefer lief sie dem unterirdischen Kerker entgegen. 

Sie hetzte um zahllose Ecken, wobei sie auf dem glatten 
Steinuntergrund immer wieder ins Schleudern geriet. Doch sie 
vermochte nicht gegen die Sorge und Angst in ihrem Innern 
anzukämpfen, also rannte sie noch ein bisschen schneller. 

Schließlich wurde der abschüssige Boden wieder ebener, und 

Phoebe erreichte eine große Halle. Sie war durch Fackeln, die an 
den Wänden befestigt waren, schwach erleuchtet. Zwischen den 
Halterungen konnte Phoebe Felsblöcke erkennen, die in 
bekannter Weise als Türen fungierten und offensichtlich den 
Zugang zu Zellen versperrten, genau wie bei ihrer Kammer. 

»Scheinbar haben die, die nicht in die göttliche Familie 

einheiraten werden, die dritte Klasse zugewiesen bekommen«, 
murmelte Phoebe. Wieder meldete sich ihr schlechtes Gewissen, 
als sie sich fragte, ob die Models wohl in diesen Zellen 
untergebracht waren. 

»Chloe?«, flüsterte sie und sah sich furchtsam um. 

Andererseits, dachte sie und straffte ihre Schultern, lebt Nikos' 
Sippe wahrscheinlich in einem ganz anderen Teil dieser 
unterirdischen Anlage. Wer außer seinen Gefangenen kann mich 
hier schon hören? 

»Chloe!«, rief sie lauter. »Madelaine? Kurt? Seid ihr hier?« 

Sie lauschte und hielt den Atem an. War da ein Geräusch 

gewesen? Ja, es klang fast wie das Wimmern eines Babys. Doch 
es schien so weit entfernt … 

»Chloe!«, schrie sie wieder. »Madelaine!« 

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Sie presste ihr Ohr an eine der Felstüren, und diesmal hörte sie 

es ganz deutlich. Ein verhaltenes Weinen und einen 
verzweifelten Ruf. »Hilf uns!« 

»O mein Gott«, presste Phoebe hervor. »Ich bin's! Phoebe! Ich 

bin hier unten. Ich hole euch da raus, das verspreche ich euch!« 

Doch dann lehnte sie ihre Stirn gegen die kalte Mauer und 

flüsterte: »Aber wie?« 

»Gute Frage, Phoebe.« 

Erschrocken wirbelte sie herum, und da stand Nikos nur 

wenige Meter von ihr entfernt und starrte sie aus rot glühenden 
Augen an. 

»Ich bin selbst in deine Kammer gegangen, um dich 

abzuholen, doch ich konnte dich nicht finden«, sagte er kalt. 
»Mein Vater gibt ein Bankett zu deinen Ehren, eine kleine 
Feierlichkeit vor der großen Feier. Meine ganze Familie mitsamt 
ihrem Gefolge ist anwesend und wartet auf dich.« 

Ach, dachte Phoebe. Dort hängen sie also alle rum. Kein 

Wunder, dass der Palast wie ausgestorben ist. 

»Stell dir nur meine Schmach vor«, zischte er sie wütend an. 

»Stell dir nur den Schmerz dieser Menschen vor, die du hier 

unten eingesperrt hast«, gab sie zurück und deutete auf die 
Zellen, in denen sie die Studenten vermutete. »Du hast mich 
hierher gelockt, also brauchst du sie nicht mehr. Ich bitte dich, 
kannst du sie nicht wieder zur Erde zurückschicken?« 

»Sei nicht naiv, Phoebe«, sagte Nikos. »Und wage es nicht, 

mich noch einmal deswegen zu belästigen. Ich habe dir 
wunderschöne Kleider geschenkt, dir das beste Essen servieren 
und deine schrecklichen Haare in Ordnung bringen lassen, und 

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wie dankst du es mir? Indem du hier herumschnüffelst? Was soll 
das? Wolltest du etwa fliehen?« 

Mit finsterer Miene starrte Phoebe zu Boden, doch Nikos 

kicherte nur. 

»Das wird nicht noch einmal passieren, bis du meinen Ehering 

an deinem Finger trägst, das verspreche ich dir«, grollte er. »Ich 
würde dich auf der Stelle hier unten einkerkern, wenn meine 
Familie nicht auf dein Erscheinen warten würde. Wir werden 
nun auf der Stelle zu diesem Fest gehen. Und morgen früh 
werden wir heiraten.« 

»Morgen?«, rief Phoebe entsetzt. »Aber dein Geburtstag ist 

doch erst …« 

»… in drei Tagen«, sagte Nikos. »Aber deine Renitenz macht 

es erforderlich, dass ich ein wenig umdisponiere. Bist du erst 
einmal meine Frau, gehörst du mir. Flucht ist dann unmöglich. 
Sofern der allmächtige Zeus nicht eingreift, etwas, das nahezu 
ausgeschlossen ist.« 

Er kicherte wieder und packte Phoebes Arm, wobei er seine 

Nägel schmerzhaft in ihr Fleisch grub. Sie schrie vor Angst, als 
sie fühlte, wie sich ihre Gestalt auflöste und verschwand. 

Als sie sich wieder schimmernd materialisierte, hielt Nikos sie 

noch immer fest. Sie standen in einem riesigen Foyer vor dem 
Eingang des imposanten Speisesaals, den sie bei ihrer Ankunft 
gesehen hatte. 

Stimmengewirr, das Klappern von Silber auf Porzellan und 

Gelächter drangen an ihr Ohr. 

»Wir gehen jetzt da rein. Und mach mir keine Schande«, 

zischte Nikos ihr zu, »oder ich lasse unsere Eheschließung auf 
der Stelle vollziehen.« 

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12 

P

rue wusste nicht, wie lange sie und Piper hier schon lagen 

und dem Gesang der Sirenen lauschten. Alles, was sie wusste, 
war, dass es nie aufhören möge. 

Doch genau dies geschah – die lieblichen Klänge brachen 

unvermittelt ab. 

Prue runzelte die Stirn. Wo war die Musik? Sie wollte sie 

unbedingt wieder hören. Ja, sie brauchte sie! Neben ihr 
protestierte Piper leise murmelnd vor sich hin. Offensichtlich 
erging es ihr nicht anders. 

Bitte, bitte, betete Prue, macht doch um Gottes willen weiter! 

Nichts auf der Welt kann mich je wieder glücklicher machen als 
dieses Lied. 

Doch die Musik setzte nicht wieder ein. Ungehalten und unter 

größter Anstrengung öffnete Prue die Augen und sah die 
Vogelfrauen fragend an. Die Kreaturen starrten zurück, doch 
ihre Münder waren fest verschlossen. Allerdings funkelten ihre 
Augen jetzt geradezu boshaft, und die Anführerin mit den roten 
Haaren wirkte am feindseligsten. 

Unruhig watschelte sie auf ihren roten Möwenfüßen hin und 

her und kam schließlich langsam auf Piper und Prue zu. Doch 
damit nicht genug: Unter einem ihrer weißen Flügel blitzte 
plötzlich ein Messer hervor! 

Prue versuchte zu schreien, aber irgendwie hatte das Lied sie 

in einen Zustand der Paralyse versetzt. Sie konnte kaum den 
Kopf heben, geschweige denn die Energie aufbringen, um Hilfe 
zu rufen. Sie stöhnte leise und versuchte sich zu bewegen. Muss 
… Piper warnen … 

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Die Sirene kam immer näher, wobei sie das Messer nun über 

ihren Kopf hielt. 

Prue spürte, wie das Grauen sie zu überwältigen drohte, 

zudem war sie noch immer so gut wie gelähmt. Lediglich ein 
Arm ließ sich ein wenig bewegen. 

Und sie hoffte inständig, dass dies reichen würde. 

Unter Aufbietung aller ihr verbliebenen Reserven 

konzentrierte sie ihre telekinetische Kraft und bewegte ihre 
Hand schwach in Richtung der Sirene. 

Und es funktionierte! 

Ein Strom aus Energie stieß die Kreatur zurück, sodass sie 

vom Felsen ins Meer stürzte. Ihr Wutschrei zerriss die Luft, und 
das Geräusch war so schmerzhaft und schrill, wie der Gesang 
überirdisch schön gewesen war. Das Geheul schlug in Prues 
Kopf ein wie ein Blitz und vertrieb dabei ein wenig diesen 
Nebel, der ihr Denken und Handeln blockiert hatte. 

Sie blinzelte und sah zu ihrer Schwester hinüber. Piper hielt 

sich die Ohren zu und kam gerade wacklig auf die Beine. 

»Prue«, keuchte sie. »Diese Sirenen … locken Seeleute in den 

Tod … mit ihrem hypnotischen Gesang. Sie werden uns … 
töten!« 

»Nicht, wenn ich es verhindern kann«, erklärte Prue 

kategorisch und erhob sich ebenfalls. Dann schickte sie Sirene 
Nummer zwei in die blauen Fluten. Doch da war die Anführerin 
schon wieder auf den Felsen zurückgeflogen – sie hielt noch 
immer das Messer und kam rasend schnell auf sie zu. 

»Piper!«, rief Prue. 

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Und Piper nickte und hielt die Zeit an. Die Anführerin und die 

dritte Sirene froren auf der Stelle ein. 

»Weg von hier!«, schrie Prue, und dann stolperten sie mit 

noch immer weichen Knien den Felsen hinab und den Strand 
entlang. Ihr Ziel war ein dichter Hain aus tropischem Gehölz, 
der in etwa zwanzig Meter Entfernung vor ihnen lag. 

»Ich fühle mich so schwach«, schnaufte Piper und sah sich 

ängstlich um. 

»Geh … einfach … weiter«, presste Prue hervor, doch dann 

trat sie gegen einen Stein und stürzte. Piper blieb stehen und half 
ihrer Schwester auf. In diesem Moment drang das grauenhafte 
Kreischen der Sirenen über den Strand. 

»Die Zeit läuft wieder weiter«, sagte Prue, die sich mit jedem 

Schritt kraftvoller fühlte. »Wie geht's dir, Piper?« 

»Ein bisschen besser«, erwiderte Piper und schüttelte heftig 

den Kopf. 

»Mir auch«, sagte Prue. »Ich glaube, wir können sie 

abhängen.« 

Sie schlugen einen Haken und rannten auf das dichte 

Unterholz des tropischen Hains zu. Sie hatten das Wäldchen fast 
schon erreicht, als Piper plötzlich spürte, wie etwas ihre Wange 
streifte. Sie keuchte vor Schreck, als sie sah, wie das Messer der 
Anführer-Sirene vor ihr in den Sand fiel. Es hatte sie nur um 
Millimeter verfehlt! 

Entsetzt wirbelte sie herum. Die rothaarige Vogelfrau stand 

nur wenige Schritte von ihnen entfernt und kreischte vor Wut. 
Ihre beiden Begleiterinnen waren ebenfalls da und hatten Lyra 
und Flöte gegen scharfe Dolche eingetauscht. Sirene Nummer 
zwei reichte ihre Waffe nun der Anführerin, die den Dolch 
erhob, um ihn auf sie zuzuwerfen. 

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Ohne lange zu überlegen, griff Piper in den Bund ihrer 

Leggins und holte den silbernen Brieföffner hervor, der 
eigentlich für Charon bestimmt war. Dann holte sie weit aus und 
schleuderte das Erbstück in Richtung der rothaarigen Sirene. 
Was sie nicht zu hoffen gewagt hatte, trat ein: Der Brieföffner 
fuhr direkt ins Herz der teuflischen Kreatur! Grünes Blut ergoss 
sich über weiße Federn, und mit einem letzten 
ohrenbetäubenden Kreischen fiel die Sirene tot in den Sand. Ihre 
beiden Begleiterinnen stimmten daraufhin ein schreckliches 
Geheul an und breiteten klagend und schreiend die Schwingen 
über ihre Anführerin. In diesem Moment hielt Piper erneut die 
Zeit an. 

»Lass uns von hier verschwinden, bevor sie sich an uns 

rächen!«, rief sie Prue zu. Glücklicherweise waren sie nun 
wieder so weit bei Kräften, dass sie den Rest des Weges rennend 
zurücklegen konnten. Rasch hatten sie das Wäldchen erreicht 
und schlugen sich hastig einen Weg durch das dichte Unterholz. 

»Ich glaube nicht, dass sie uns folgen«, keuchte Piper. 

»Wahrscheinlich können sie nicht durch die dicht stehenden 
Bäume fliegen.« 

»Wie dem auch sei«, meinte Prue, während sie gerade einen 

Farn niedertrampelte, »ich möchte so viele Meter wie irgend 
möglich zwischen uns und diese Biester legen. Unglaublich, 
welche Macht ihre Musik auf uns ausgeübt hat.« 

»Die Sage berichtet, dass nur die willensstärksten Seeleute 

ihrem wunderbaren Gesang widerstehen konnten. Odysseus ließ 
sich deshalb sogar an den Mast seines Schiffs fesseln und die 
Ohren mit Wachs verstopfen«, berichtete Piper, als sie einen 
kleinen Bach durchquerten. »Gott sei Dank konnten wir ihnen 
entrinnen!« 

»Ich vermute, nur die willensstärksten Hexen sind dazu im 

Stande«, sagte Prue grinsend, als sie einen morastigen Weg 

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entlangeilten. Plötzlich hielt sie abrupt inne. »Piper!«, rief sie 
aufgeregt. 

Piper, die mit gesenktem Blick vor ihr hergetrottet war, drehte 

sich zu ihrer Schwester um. 

»Sieh dich doch mal um«, sagte Prue. »Ich glaube, wir 

befinden uns wieder auf Nikos' lieblichem Grund und Boden!« 

Piper blickte um sich und musste der Schwester zustimmen. 

Ohne dass sie es bemerkt hatten, hatte sich das Terrain von 
üppigem, tropischem Grün zu braunem, leblosem Sumpfland 
gewandelt. An die Stelle der frischen Meeresbrise war das 
altbekannte nasskalte, neblige Klima getreten. Die Bäume hatten 
ihre Blätter verloren, Holz und Wurzelwerk waren tot und 
schwarz. 

»Halte nach dem Berg Ausschau!«, sagte Piper. »Du erinnerst 

dich: Der Eingang zu Nikos Höhlenpalast war am Fuß eines 
hohen zerklüfteten Gebirges.« 

Suchend liefen sie weiter durch den toten Wald, bis Prue 

plötzlich »Da ist es!« rief und nach links deutete. Und 
tatsächlich, durch den Nebel waren schwach die Umrisse eines 
in den Himmel ragenden Massivs zu erkennen. »Das muss es 
sein.« 

»Und sieh mal hier«, sagte Piper und zeigte zu Boden. »Da ist 

auch der Fluss, der uns beim letzten Mal zur Höhle geführt hat.« 

»Phoebe, wir kommen!«, rief Prue triumphierend. 

 

Erschöpft saß Phoebe auf dem vergoldeten Stuhl und 

versuchte die Augen offen zu halten. 

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Das Bankett dauerte nun schon viele Stunden, doch niemand 

der Geladenen zeigte auch nur die geringsten 
Ermüdungserscheinungen. Weinglas um Weinglas wurde 
geleert, Gang um Gang aufgetischt und unablässig über 
Nichtigkeiten getratscht und gelacht. 

Jessica hatte nicht übertrieben, als sie behauptet hatte, das 

Leben im Hades sei wie eine Party. Und fatalerweise schien es 
einzig und allein daraus zu bestehen, was Phoebe entsetzlich öde 
fand. Einige der ausnahmslos schwarz gelockten Partygäste 
hatten versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Doch 
nachdem sie nicht darauf reagiert und einfach geschwiegen 
hatte, hatten sie sich schulterzuckend wieder abgewandt. Von da 
an war es, als ob sie nicht mehr existierte; man sah durch sie 
hindurch und unterhielt sich über ihren Kopf hinweg. 

Runde zwei in der Schlacht mit der lieben Verwandtschaft, 

hatte sie gedacht und die Augen verdreht. 

Verstohlen warf sie einen Blick auf den Mann, der am Kopf 

des Tisches saß und der Hades, der Gott der Unterwelt, sein 
musste. Phoebe erkannte in seinem Gesicht Nikos' dunkelblaue 
Augen und die ausgeprägte Mundpartie wieder. Auch er hatte 
tiefschwarze Locken, in denen jedoch die eine oder andere 
silberne Strähne zu entdecken war. Er war groß gewachsen und 
beeindruckend, und mit Schrecken wurde ihr bewusst, was für 
ein mächtiger Gott er doch war. Dennoch wirkte er genauso 
oberflächlich wie jedermann auf diesem Bankett, zu sehr mit 
sich und seinem Amüsement beschäftigt, um seine zukünftige 
Schwiegertochter auch nur wahrzunehmen. Er lachte, aß und 
trank viel, schäkerte mit den Schlangenmädchen, und bald 
wandte sich Phoebe angewidert ab. 

Tatsächlich wanderte ihr Blick immer wieder zu den 

überquellenden Platten und Schüsseln, die vor ihr standen. 
Saftige Rinderlendenstücke, Kartoffeln, die in Butter schier 
ertranken, und andere Köstlichkeiten lachten sie an. Wie auch 

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die knusprigen Brötchen auf ihrem Vorspeisenteller, die saftigen 
Früchte, die sich aus Füllhörnern auf das weiße Tischtuch 
ergossen, und das Glas mit edlem Wein, das neben ihr stand. 

Phoebe seufzte und sah zu Nikos hinüber, der nur wenige 

Plätze von ihr entfernt saß. Sie war so unsagbar müde und 
hungrig, dass sie nicht wusste, wie sie diesen Abend überstehen 
sollte. 

Um einfach nur ihre Hände zu beschäftigen, griff sie nach 

einem der Granatäpfel aus dem Füllhorn vor sich und rollte ihn 
zwischen ihren Fingern hin und her. Sie liebte diese edle Frucht, 
seit sie ein kleines Mädchen war und Großmutter sie zu den 
Erntedankfesten serviert hatte. Es war ihr jedes Mal eine große 
Freude gewesen, sie mit den bloßen Fingern zu schälen, um an 
die glatten, glänzenden Kerne zu gelangen, deren Saft einfach 
köstlich schmeckte und die Lippen hellrot färbte. 

Langsam und ohne dass sie es bewusst registrierte, begann sie 

die Schale des Granatapfels abzupuhlen, bis sie die weiße 
Membran darunter freigelegt hatte, um schließlich die rot 
schimmernden Kerne daraus zu befreien. 

Wie hübsch sie doch sind, dachte sie. Sie sehen aus wie 

Rubine. Fast wie die dreieckigen Edelsteine in meinem 
Verlobungsring … 

Da entfuhr ihr ein leises Schluchzen. Der Ring an ihrem 

Finger schien mit diesem fest verwachsen zu sein, warum sich 
also nicht mit der Tatsache abfinden? Sie würde den Rest ihres 
fortan sinnentleerten Lebens an diesem kalten, schrecklichen Ort 
mit diesen stumpfen Leuten verbringen. Es gab keine Hoffnung, 
und es gab keine Möglichkeit zur Flucht, nicht, wenn sie von 
Minute zu Minute schwächer wurde, weil sie so unsagbar 
hungrig war … 

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Wie in Trance begann Phoebe die Kerne aus der Frucht zu 

pflücken und sie auf das weiße Tischtuch fallen zu lassen. Sie 
sahen so appetitlich, so saftig aus … Langsam hob sie einen der 
Kerne an ihre Lippen. 

»Phoebe! Nein!« 

Phoebe hielt inne und sah erstaunt auf. Wo war diese Stimme 

hergekommen? Rasch flog ihr Blick von einem Gast zum 
anderen, aber niemand schaute auch nur in ihre Richtung. 
Sämtliche Anwesenden waren nach wie vor in ihre geistlosen 
Gespräche vertieft, tranken Wein und taten sich an Fleisch und 
Suppe gütlich. Litt sie womöglich schon an den Folgen ihrer 
Hungerei und hatte Halluzinationen? 

»Hinter dir!« 

Phoebe erstarrte; dann drehte sie sich langsam um. Und 

tatsächlich – hinter der mächtigen Rückenlehne ihres Stuhls 
hockte ihre Schwester Piper auf dem Boden! 

»Piper«, flüsterte Phoebe fassungslos und ergriff unauffällig 

die Hand ihrer Schwester. Tränen traten in ihre Augen, als sie 
sagte: »Ich dachte, ich würde dich niemals wieder sehen …« 

»Hast du etwas gegessen, seit du hier bist?«, fragte Piper 

hastig. 

»Wo denkst du hin?«, wisperte Phoebe zurück. »Ich bin im 

Hungerstreik. Warum?« 

»Gott sei Dank!«, entfuhr es Piper, in deren Augen ebenfalls 

Tränen glitzerten. »Okay, wir hauen jetzt hier ab. Prue steht 
hinter der Tür«, sagte sie und nickte in Richtung Eingang. 

»Wir haben uns hier eingeschlichen«, fuhr sie fort. »Das war 

einfach, auch, weil sich offensichtlich niemand hier um dich zu 
kümmern scheint. Sehr merkwürdig.« 

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»Das liegt wahrscheinlich daran, weil ich hier noch nichts zu 

mir genommen habe«, erklärte Phoebe mit leiser Stimme. »Ich 
glaube, die ganze Sippe ist irgendwie verhext. Essen scheint aus 
ihnen geistlose Geschöpfe zu machen, die nur auf ihr 
persönliches Vergnügen und Party aus sind. Ich gehöre praktisch 
noch gar nicht dazu. Ist das nicht komisch?« 

»In der Tat, und das aus dem Munde des Mädchens, das jeden 

Club in San Francisco kennt«, sagte Piper grinsend. »Wie dem 
auch sei, wenn du jetzt aufstehst und ganz langsam und 
unauffällig zur Tür hinausspazierst, wird das vermutlich 
niemandem auffallen. Ich konnte sogar unbeobachtet bis zu 
deinem Stuhl kriechen, ohne dass jemand Notiz davon 
genommen hat.« 

»Alles klar«, sagte Phoebe, als sich ihre Schwester wieder 

langsam zurückzog. Verstohlen sah sie in die Runde, doch 
nichts hatte sich geändert – die Atmosphäre war noch immer 
erfüllt von bedeutungslosen Gesprächen und alkoholisiertem 
Gelächter. Unweit von ihr stieß Nikos gerade mit einem der 
Schlangenmädchen an und knabberte an dessen Ohrläppchen. 

Pfui Teufel, dachte Phoebe. So sehen also seine letzten 

Stunden als Junggeselle aus. Was soll's? Von mir aus kann er 
ewig damit weitermachen – ich verabschiede mich ja sowieso 
jetzt. 

Langsam schob sie ihren Stuhl zurück und glitt von der 

Sitzfläche. Dann hob sie den Saum ihres langen Kleides und 
kauerte sich auf den Boden. Langsam kroch sie Meter um Meter 
durch den langen Speisesaal, bis sie endlich die Tür erreicht 
hatte. Mit einem letzten Blick zurück auf das dekadente Gelage 
huschte sie aus dem Raum und fiel direkt in Prues warme 
Umarmung. 

»O Prue«, schluchzte sie. »Es ist so schrecklich. Nikos will 

mich zwingen, seine Frau zu werden. Sein Vater hat verfügt, 

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dass er, wenn er nicht bis zum fünfzehnten August verheiratet 
ist, auf die Erde verbannt werden wird und seine ganzen Kräfte 
verliert.« 

»Was ist denn am fünfzehnten August?«, fragte Prue und 

streichelte ihrer Schwester zärtlich über die schwarzen Locken. 

»Sein fünfundzwanzigster Geburtstag«, erklärte Phoebe. »Wir 

müssen auf der Stelle von hier verschwinden. Die Hochzeit soll 
nämlich schon morgen stattfinden – Nikos hat etwas 
umdisponiert.« 

»Alles wird gut«, flüsterte Prue und drückte ihre Schwester 

fest an sich. »Wir werden bald von hier verschwunden sein. 
Doch zuvor müssen wir wissen, wo dieser Teufel die Models 
versteckt, und sie mitnehmen.« 

Phoebe nickte. »Sie sind im Kerker«, sagte sie. »Ich hoffe, du 

kannst mit deiner Kraft die Tür aufbrechen.« 

»Lasst uns gehen«, sagte Prue. »Zeig uns den Weg, Phoebe.« 

Gerade als die Schwestern im Begriff waren, aus der Halle zu 

verschwinden, flackerte plötzlich eine Gestalt vor ihnen auf. 

Es war Nikos, der noch immer sein Weinglas in der Hand 

hielt. 

Mit schneidender Stimme wandte sich der verderbte Prinz an 

seine Verlobte: »Ich habe dich gewarnt, Phoebe!«, schrie er und 
schleuderte sein Glas zu Boden. Dann hob er eine Hand und 
wollte Phoebe ins Gesicht schlagen. Doch bevor er ihre Wange 
berühren konnte, wurde er so hart zurückgeschleudert, als ob er 
mit einer Gummiwand kollidiert wäre. 

Erstaunt öffnete Nikos den Mund. Dann ging er wieder auf 

Phoebe los, doch sein Arm wurde wie von Zauberhand brutal 
zurückgerissen. 

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»Was …?«, presste er hervor. 

»Das ist Zeus' Werk«, erklärte Piper und zog ihre Schwester 

zu sich. »Er hat bestimmt, dass Phoebe frei ist. Sie steht unter 
seinem Schutz. Wie wir alle. Und wir werden sie jetzt wieder 
mit nach Hause nehmen.« 

»Was … nein … das kann nicht sein!«, bellte Nikos. 

»Doch, kann es«, gab Prue scharf zurück. »Also finde dich 

damit ab.« 

Nikos stieß einen Wutschrei aus, und seine roten Augen 

glühten hell auf in seinem dunklen Gesicht. Doch plötzlich 
verstummte er, und ein böses Grinsen spielte um seine Lippen. 

»Also gut, ihr könnt sie wiederhaben«, sagte er und 

verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber ich  habe immer 
noch eure wunderschönen Freunde. Fünf Unschuldige, die einer 
nach dem anderen sterben werden, bis Phoebe endlich 
einwilligt, mich zu heiraten.« 

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13 

N

achdem

 

Nikos

 

seine ungeheuerliche Drohung ausgestoßen 

hatte, klatschte er in die Hände, und schon kamen drei 
Schlangenmädchen herbeigehuscht und flankierten den Prinz 
der Unterwelt. 

»Holt die Gefangenen«, befahl Nikos. »Sofort.« 

Die Dienerinnen verschwanden, um sich eine Sekunde später 

wieder an Ort und Stelle zu materialisieren – und die fünf 
Models waren bei ihnen. Obwohl es sich nur um ihre Seelen 
handelte, die im Hades gefangen waren, sahen sie sehr 
mitgenommen aus. 

Chloes hohe Wangenknochen ragten schärfer denn je aus 

ihrem nun eingefallenen Gesicht hervor, und Kurts muskulöse 
Arme wirkten irgendwie abgemagert und schlaff. Sie alle waren 
derangiert und schmutzig und zitterten vor Angst und Kälte in 
ihren zerrissenen griechischen Kostümen. Eng standen sie 
beieinander und blickten Nikos furchtsam an. 

Als Chloe die drei Schwestern entdeckte, stieß sie einen Schrei 

aus und rief: »Wo seid ihr gewesen?« 

Nikos ging zu dem Mädchen hinüber, schlang seinen Arm um 

ihre Taille und zerrte sie von der Gruppe weg in die Mitte der 
Halle. 

»Du weißt, Chloe«, sagte er, »ich mag dich nicht. Du meckerst 

zu viel.« Mit diesen Worten zog er ein Messer unter seinem 
Samtanzug hervor und hielt es Chloe an die bleiche Kehle. 

»Hilfe!«, schrie das Mädchen entsetzt auf und begann zu 

weinen. 

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Automatisch hob Piper die Hand, als ihr einfiel, dass ihre 

Magie bei Nikos nicht funktionierte. Prue ging in 
Kampfstellung, bereit, auf seine leiseste Bewegung zu reagieren, 
als der Prinz die Klinge wieder sinken ließ. 

»Nein«, sagte er. »Ich werde sie nicht selbst töten. Eine solche 

Tätigkeit ist unter der Würde eines Prinzen. Dafür habe ich 
meine Schergen.« 

Er schnippte mit dem Finger, und gleich darauf materialisierte 

sich eine weitere Gestalt im Foyer: ein mächtiger Dämon mit 
breiten Schultern, schuppiger grüner Haut und einem langen 
stacheligen Schwanz, der gefährlich hin und her peitschte. 

»Mitchell!«, entfuhr es Prue. 

»Mitchell?«, platzten Piper und Phoebe gleichzeitig heraus 

und starrten den unfassbar abstoßenden Dämon fassungslos an. 

»A … Aber«, stotterte Piper. »Du bist doch …« 

»Gütiger Gott der Unterwelt«, ächzte Nikos und verdrehte die 

Augen. »Ihr Mädchen seit wirklich nicht die Hellsten, was? 
Kaum taucht ein heißer Typ auf, schon seid ihr hoffnungslos 
verloren. Ihr könnt einen Dämon ja nicht mal von Matt Damon 
unterscheiden!« 

»Hey!«, schnarrte Mitchell und verzog seine schwarzen 

Lippen zu einer bösen Grimasse. »Wie wär's mit einer kleinen 
Anerkennung dafür, dass ich die drei so herrlich hinters Licht 
geführt habe?« 

»Schon gut, war nicht so gemeint«, sagte Nikos und seufzte. 

Dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand, 
verschränkte die Arme und gab Mitchell ein Zeichen. 

»Also gut«, sagte er. »Auf geht's! Du tötest die Blonde zuerst, 

es sei denn, Phoebe hält sich an unsere Abmachung.« 

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»Nein!«, schrie Phoebe. »Lass Chloe in Ruhe!« 

»Dann heirate mich«, befahl Nikos. 

Gehetzt sah Phoebe von Nikos zu Chloe und dann zu ihren 

Schwestern. Was sollte sie bloß tun? Das unschuldige Leben 
retten und damit die Macht der Drei auf immer zerstören? Das 
wiederum würde das Leben zahlreicher Menschen kosten, die 
ihre Dienste in Zukunft brauchen würden. Sollte sie Chloe 
opfern, um wieder zurück auf die Erde zu kommen? Nein! Das 
konnte sie auf keinen Fall tun. 

In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. »Prue, Piper«, 

wisperte sie verzweifelt, »helft mir doch!« 

Prue sah zu Mitchell, der die vor Angst schluchzende Chloe 

bedrohte. Sie musste irgendetwas unternehmen, aber was? 

»Hey!«, rief sie Mitchell zu, und das Monster drehte sich zu 

ihr um. 

»Du bist wirklich schnell beleidigt, das muss man dir lassen«, 

höhnte sie. »Und weißt du was? Du bist der jämmerlichste 
Dämon, der mir je untergekommen ist. Du wirst es nie mit mir 
aufnehmen können.« 

Sie wandte sich ihren Schwestern zu. »Ihr müsst wissen, ich 

hab diesen Loser mit seinem eigenen Schwanz zur Strecke 
gebracht. Ist das nicht zum Schreien?«, kreischte sie und brach 
in wahnsinniges Gelächter aus. Piper und Phoebe fielen nervös 
kichernd mit ein. 

»Was hat sie vor?«, fragte Phoebe leise, während sie den 

Mund zu einem breiten Grinsen verzog. 

»Keine Ahnung«, murmelte Piper kichernd zurück. »Einfach 

mitmachen!« 

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Offensichtlich fand Mitchell dies alles weniger komisch. 

Drohend machte er einen Schritt auf Chloe zu. 

»Und besonders gut küssen kannst du im Übrigen auch nicht«, 

fuhr Prue schnell fort. »Außerdem bist du ein ziemlicher 
Langeweiler. Wenn du mich nicht verhext hättest, wäre ich bei 
unseren Treffen aus dem Gähnen nicht mehr rausgekommen.« 

Mitchell fuhr so abrupt herum, dass der Sabber aus seinem 

hässlichen Maul durch die Luft flog. »Ach, wirklich? Auf mich 
hast du aber ziemlich beeindruckt gewirkt«, krächzte er und 
funkelte sie böse an. 

»Dass ich nicht lache!«, rief Prue. »Du glaubst doch nicht im 

Ernst, dass ich je auf so einen erbärmlichen Journalisten wie 
dich reinfallen könnte. Deine Schreibe ist zum Kotzen, und 
deine Recherchemethoden spotten jeder Beschreibung!« 

Das reichte. Mitchell ließ von Chloe ab und stieß einen 

unmenschlichen Schrei aus. Dann wirbelte er herum und stürmte 
auf Prue zu. Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, als er seine 
Klauen nach ihr ausstreckte – es war ganz wie bei ihrem letzten 
Zusammentreffen in Halliwell Manor. 

»Du hast ja überhaupt keine Ahnung, wovon du sprichst«, 

keuchte er. 

»Keine Sorge, ich weiß genau, wovon ich spreche«, gab Prue 

zurück. »Du hast deine Seele an den Prinz des Hades verkauft. 
Und als Gegenleistung machst du hier den Fußabtreter und 
Schergen, nur damit du auf Erden beim National Geographic 
glänzen kannst, dem, ähem, Höhepunkt deiner Karriere.« 

Empört schnaubte Mitchell auf, und seine Augen begannen rot 

zu glühen. Prue wusste, dass ihre Taktik richtig war. Mitchell 
mochte seine Seele verkauft haben, aber er hatte zweifelsohne 
seinen Stolz behalten. Seine Arbeit war seine Achillesferse. 

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»Ich weiß, warum dich das ärgert«, fuhr sie fort. »Du bist 

kaum mehr als ein mittelmäßiger Lohnschreiber, und mit Talent 
und Inspiration ist es bei dir nicht weit her. Ohne Nikos wärst du 
nichts!« 

Wütend heulte Mitchell auf und schlug Prue gegen den 

Unterkiefer. 

»Prue!«, riefen Piper und Phoebe wie aus einem Munde und 

wollte ihr zu Hilfe eilen. Doch Prue hob abwehrend die Hände. 
»Das ist mein Gefecht«, murmelte sie und rieb sich das 
schmerzende Kinn. 

»Ist es nicht wieder typisch?«, knurrte Mitchell. »Das kleine 

Fräulein Perfekt hat wieder mal alles im Griff, alles unter 
Kontrolle. Denn alles ist ja so einfach für dich, nicht wahr?« 

»Eifersüchtig?«, fragte Prue. 

Wieder schlug Mitchell nach ihr, doch Prue war so in Rage, 

dass sie den Hieb kaum spürte. »Du liebe Güte«, sagte sie, »ist 
das alles, was du draufhast?« 

Das war der Punkt, an dem Mitchell sich vergaß und wie 

rasend auf sie losging. Doch indem sie ihre eigene Wut 
konzentrierte und in perfekte Kampftechnik wandelte, 
vermochte sie sich geschickt unter seinen Schlägen 
hinwegzuducken, blockte sie ab und konterte ihrerseits mit 
gezielten Attacken. Gnadenlos schlug und trat sie Mitchell in die 
Seite, gegen die Beine und in die Magengegend. 

Nur wenige Sekunden später hatte sie ihn in der Defensive. 

Und das war auch der Moment, in dem sie die schweren 
Geschütze auffuhr. »Frier ihn ein!«, schrie sie Piper zu, und die 
Schwester tat, wie ihr geheißen. Mit hoch erhobenen Händen 
stand das Mitchell-Monster reglos in der Halle. Offensichtlich 

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hatte Zeus dafür gesorgt, dass die Schwestern bei der Befreiung 
von Phoebe auf ihre Kräfte zurückgreifen konnten. 

Sofort nutzte Prue ihre Fähigkeit, um ihn gegen die Steinwand 

zu schmettern. Die Wucht des Aufpralls hob Pipers Bann wieder 
auf – Mitchell schüttelte den Kopf und schaute verwirrt auf. 
»Wie bin ich hierher gekommen?«, grunzte er. 

»Noch mal!«, befahl Prue. 

Wieder feuerte Piper einen Frostschlag gegen Mitchell, und 

Prue schleuderte den Regungslosen gleich darauf gegen die 
Mauer. Sie wiederholten das brutale Spiel noch zweimal. Als 
Prue zum dritten Mal »Noch mal!« schrie, hob Mitchell seine 
enormen Klauen. »Nein!«, rief er. »Bitte, ich kann nicht mehr!« 

»Was?« 

Das war Nikos, der das Ganze mit Belustigung verfolgt hatte. 

Doch nun schien er ob des Verlaufs der Dinge ein wenig 
ungehalten zu sein. 

»Du bist mein Dämon!«, bellte er Mitchell an. »Du tust, was 

man dir befiehlt. Und jetzt töte das Mädchen.« 

»Piper …«, sagte Prue. 

»Nein!«, schrie Mitchell. »Frier mich nicht wieder ein. Ich 

kann … kann nicht.« Mit diesen Worten brach er auf dem 
Boden zusammen und barg seinen scheußlichen Kopf unter den 
Klauen. 

»Besiegt von Frauen?«, gellte Nikos' Stimme durch die Halle. 

»Du wertlose Kreatur!« 

»Du hättest mir zur Seite stehen können«, beschwerte sich 

Mitchell und sah seinen Meister vorwurfsvoll an. 

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»Wie ich bereits sagte, ein Kampf Mann-gegen-Mann ist unter 

meiner Würde. Das ist der Job eines Dämons«, zischte Nikos. 
»Außerdem wollte ich sehen, ob du was taugst. Nun weiß ich, 
dass ich für dich keine Verwendung mehr habe.« 

»Was?«, schrie Mitchell. »Aber wir haben doch ein 

Abkommen!« Eilig kroch er auf seinen Herrn zu und berührte 
ihn am Knie. »Bitte, bitte, töte mich nicht«, heulte er. »Wir 
haben doch ein Abkommen.« 

»Bitte«, murmelte Nikos angewidert, »dein unwürdiges Leben 

ist nicht in Gefahr. Allerdings ist unser Abkommen null und 
nichtig.« Mit diesen Worten bewegte er eine Hand in Richtung 
seines Schergen, der daraufhin in seine menschliche Gestalt 
zurücktransformiert wurde. Doch jegliche Attraktivität, 
sämtlicher Charme waren von ihm abgefallen, als der so 
erniedrigte Mitchell nun vor Angst zitternd und mit 
hassererfüllter Miene vor ihnen stand. 

»Ich … ich verstehe nicht«, sagte er. 

»Ich entlasse dich hiermit aus den Diensten im Hades«, sagte 

Nikos ungeduldig. »Du kehrst zurück auf die Erde – als Mensch. 
Sterblich und langweilig.« 

»A … Aber«, stotterte Mitchell, »was ist mit meiner 

Karriere?« 

»Sieh zu, wie du sie mit menschlichem Vermögen bewältigst«, 

knurrte Nikos. »Ich jedenfalls habe dich gründlich satt.« 
Sprach's und zeigte mit dem Finger auf seinen ehemaligen 
Diener, der sich daraufhin in einem hellen Blitz aus der 
gemütlichen Runde verabschiedete. 

Angewidert schüttelte Nikos den Kopf und zog sein Messer 

wieder hervor. »Ich fürchte, ich muss mich selbst darum 

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kümmern«, sagte er. »Wirklich nicht einfach, heutzutage gutes 
Personal zu kriegen.« 

Er stampfte auf Chloe zu, packte sie und fuchtelte mit dem 

Messer vor ihrer Nase herum. Er kicherte, als die Studentin vor 
Entsetzen aufschrie. 

»Phoebe«, jammerte das Mädchen. »Bitte …« 

»Ja, Phoebe«, sagte Nikos, »du solltest dich langsam mal 

entscheiden. Was sagst du? Deine Hand … oder Chloes 
Leben?« 

Unter Tränen öffnete Phoebe den Mund. Sie konnte es nicht 

zulassen, dass ein anderer Mensch ihretwegen sein Leben lassen 
sollte. Und genau das musste sie Nikos mitteilen. 

Sie warf ihren Schwestern einen Blick des Bedauerns zu und 

wandte sich dann an Nikos. Sie schluckte schwer. 

»Verleih uns die Kraft, zu lösen das Band, vom Leben geknüpft 

mit ewiger Hand!« 

Das war Prue, die diese Zeilen angestimmt hatte. 

Zeitgleich wirbelten Phoebe und Nikos zu ihr herum. 

»Was ist das?«, schnarrte der dunkle Prinz. »Ein 

Abschiedsgedicht?« 

»Wenn du es so nennen willst«, gab Prue zurück, als sie ein 

zerknittertes Stück Papier aus der Tasche ihrer Shorts zog. 
»Verleih uns die Kraft, zu lösen das Band, vom Leben geknüpft 
mit ewiger Hand, und führe uns weiter in der Zeit, wo es hat 
sein Ende – wir sind bereit!« 

Verwirrt schüttelte Phoebe den Kopf. Dieses Poem kam ihr 

irgendwie bekannt vor. Und dann fiel es ihr wieder ein. Das ist 

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kein Gedicht, dachte sie, sondern ein Zeitreisespruch. Aber zu 
welchem Zweck? 

Auch Piper sah ihre ältere Schwester verständnislos an, 

wiewohl auch sie die Worte wieder erkannte. Ich glaube, das ist 
Phoebes Zeitreisespruch, dachte sie. Aber … zu welchem 
Zweck? 

Während sie die Verse intonierte, sah Prue ihre Schwestern 

durchdringend an. Vertraut mir, schienen ihre Augen zu sagen. 
Und: Helft mir! Dann sprach sie den Spruch ein weiteres Mal, 
und Phoebe fiel mit klarer, kräftiger Stimme ein. Sofort schloss 
sich Piper ihnen an. 

»Was tut ihr da?«, schrie Nikos. Er stieß Chloe aus dem Weg 

und eilte auf Prue zu. »Was immer es ist, ich rate euch, hört auf 
damit. Es wird euch sehr, sehr Leid tun, wenn ihr meine Pläne 
zu durchkreuzen versucht.« 

Ungeachtet dieser Drohung schloss Prue die Augen. Ich muss 

den Spruch zu Ende bringen, dachte sie, als ihre Schwestern und 
sie die Worte ein drittes Mal wiederholten. »Verleih uns die 
Kraft, zu lösen das Band …« 

»Es reicht!«, schrie Nikos und rannte wieder zu Chloe zurück. 

»… vom Leben geknüpft mit ewiger Hand …« 

»Ich werde sie jetzt töten«, verkündete er. 

»… und führe uns weiter in der Zeit …« 

Er hob die Klinge. 

»… wo es hat sein Ende – wir sind bereit!« 

Plötzlich wehte ein kräftiger Wind durchs Foyer, der die 

Sterblichen fast zu Boden drückte und Nikos das Messer aus der 
Hand riss. 

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»Verdammt!«, schrie er völlig außer sich. Sein Blick suchte 

und fand das Messer, und er versuchte es mittels seiner Kräfte 
wieder in seine Hand zu bekommen. 

Doch die Klinge rührte sich nicht, schien mit dem Boden wie 

verwachsen. 

»Was soll das?«, zischte Nikos. Dann straffte er sich und 

schloss die Augen. Phoebe, die ihn dabei beobachtete, wusste, 
was er vorhatte: Er wollte sich von einem Ort zum anderen 
projizieren. 

Doch auch dies misslang. 

»Mei… meine Kräfte«, heulte Nikos auf. »Ich versteh …« 

»Wie doch die Zeit vergeht«, sagte Prue beiläufig und warf 

einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Kaum zu glauben, dass wir 
schon den fünfzehnten August haben.« 

»Mein Geburtstag!«, rief Nikos entsetzt. »Wie kann das sein?« 

»Zeitreisespruch«, erklärte Phoebe knapp. »Eine alte 

halliwellsche Tradition. Wir sind soeben zwei Tage in die 
Zukunft gesprungen.« 

»Nein!«, rief Nikos aus und ruderte wild mit den Armen durch 

die Luft, um seine Magie doch noch irgendwie zu befehligen. 
»Das ist nicht möglich!« 

»Sony, die Sache ist schon gelaufen«, sagte Phoebe nicht ohne 

Häme. »Was hast du mir damals noch gleich gesagt? Warte, ich 
glaube, der exakte Wortlaut war: ›Der Countdown für den Fluch 
meines Vaters hat schon begonnen. Wenn am Morgen meines 
fünfundzwanzigsten Geburtstags kein Ring an meinem Finger 
steckt, schickt er mich auf der Stelle … nach oben.‹ Ich fürchte, 
du bist verdammt zu einem öden Leben ohne magische Kräfte 
unter ganz normalen Sterblichen.« 

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Geschlagen sank Nikos auf die Knie. Er zitterte vor Furcht 

und Wut. »Nein«, keuchte er. »Das kann nicht sein.« 

»Komm schon, Nikos«, sagte Prue und trat auf ihn zu. »Nimm 

es wie ein Mann und sieh zu, wie du das Leben auf der Erde mit 
menschlichem Vermögen bewältigst, um es mit deinen Worten 
zu sagen. Wir sehen uns dann dort!« 

Sie schnippte mit den Fingern, wie Nikos es immer zu tun 

pflegte, und er erhob sich in die Luft wie ein Papierdrache. Dann 
löste sich seine Gestalt auf, und er wurde in einem Strahl aus 
Licht aus den Sphären des Schattenreichs  auf die Erde 
transformiert – wie bereits Mitchell vor ihm. 

Zögernd warf Phoebe einen Blick in den riesigen Speisesaal. 

»Unglaublich, jetzt feiern die schon vier Tage ohne die 
geringsten Ermüdungserscheinungen«, murmelte sie. »Lasst uns 
schleunigst von hier verschwinden, bevor jemand merkt, dass 
der Sohn des Gastgebers nicht mehr unter ihnen weilt.« 

Rasch nahmen die Schwestern die völlig verängstigten Models 

bei den Händen und führten sie hinaus aus dem unterirdischen 
Felsenpalast in den düsteren Hades. 

Von dort hatten sie nun ihren langen Rückweg durch die toten 

Wälder und das öde Sumpfland zurückzulegen. 

»Ich schlage vor, wir verlassen diesen heimeligen Ort durch 

den Vordereingang«, sagte Prue. »Mir ist der gute, alte Charon 
allemal lieber als diese grässlichen Sirenen, zumal wir immer 
noch sein Fährgeld bei uns tragen.« 

Sie wühlte in der Tasche ihrer Shorts und zog das hübsche 

Perlmutttintenfass hervor. 

»Unser Problem sind die Models«, flüsterte ihr Piper im 

Gehen zu und warf einen Blick auf die mürrischen Schönheiten, 

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die sich schon die nackten Füße blutig gelaufen hatten. »Meinst 
du, sie können diesen Fährmann ertragen?« 

»Glaube mir«, ließ sich Phoebe vernehmen, »das schaffen die 

schon. Die große Frage ist, werden wir  ihre zu erwartenden 
Nörgeleien und Beschwerden überleben?« 

»Ist es zu glauben?«, drang da wie aufs Stichwort Chloes 

Stimme an ihre Ohren. »Da hält man uns zwei Tage dort fest, 
und nicht ein einziges Magazin weit und breit! Von den 
primitiven Badezimmern ganz zu schweigen …« 

»Oje«, sagte Prue lachend. »Vorwärts, Leute. Das wird 

wahrlich ein Höllentrip.« 

»Aber wenigstens unternehmen wir ihn gemeinsam«, sagte 

Phoebe und lächelte ihren Schwestern dankbar zu. »Wir haben 
die Macht der Drei zurück. Was brauchen wir mehr?« 

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14 

»

J

emand zu Hause?«, rief Prue durch die Eingangshalle, 

nachdem sie lautstark die Tür ins Schloss hatte fallen lassen. 

Eilig durchquerte sie das Wohnzimmer, warf einen Blick in 

das leere – angenehm leere – Sonnenzimmer, umrundete die 
steingewordene Gorgo, um schließlich in die Küche zu sprinten. 

Dort fand sie Piper und Phoebe am nagelneuen Küchentisch 

sitzend vor. Piper schlürfte einen Eistee, während Phoebe sich 
gerade ein gigantisches Sandwich aus Schinken, Käse und 
zahlreichen anderen Leckereien zusammenbaute. Prue konnte 
nicht anders, sie musste lachen. 

»Was?«, fragte Phoebe und strich sich eine ihrer blonden 

Strähnen aus dem Gesicht. »Das ist mein Mittagessen. Du weißt 
doch, dass ich immer fast vor Hunger sterbe, wenn ich aus der 
Kunstklasse komme.« 

»Hoffentlich ist es nicht wieder ein unglaublich süßer Typ, der 

deinen Metabolismus in Wallung bringt«, grinste Prue und ließ 
sich auf einem Stuhl nieder. 

»Keine Chance!«, protestierte Phoebe und biss ein riesiges 

Stück von ihrem Sandwich ab. »Der einzige Mann, mit dem ich 
derzeit was zu tun haben will, heißt Vincent van Gogh.« 

Prue lächelte und schüttelte den Kopf. »Kaum zu glauben, 

dass unser Hades-Abenteuer erst eine Woche zurückliegt.« 

»Fünf Supermodels und drei Hexen in der Unterwelt«, 

kicherte Piper. 

»Gott sei Dank, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnten, 

als sie im Sonnenzimmer aufgewacht sind«, sagte Phoebe und 
steckte sich eine Olive in den Mund. 

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»Ja«, meinte Prue. »Und das alles mit nur einem kleinen 

Zeitreisespruch, der die Tatsache ausgelöscht hat, dass sie ein 
zweitägiges Nickerchen gemacht haben.« 

»Das war einfacher, als meine alte Haarfarbe 

wiederzukriegen«, fügte Phoebe hinzu. »Ich habe drei Stunden 
beim Hairstylist zugebracht, um Nikos' Geschmacksverirrung 
rückgängig zu machen. Mein Friseur dachte, ich sei völlig 
verrückt geworden.« 

Sie zwirbelte eine Strähne ihres blonden Haares zwischen den 

Fingern und grinste, während ihre Schwestern laut lachten. 

»Doch jetzt erzähl mal, Prue«, sagte Piper, »was ist so 

aufregend, dass du die Haustür ins Schloss fallen lässt, wie es 
sonst nur unsere Phoebe tut?« 

»Ich komme gerade von der Redaktion des 415«, berichtete 

Prue und zog den atemberaubenden Abzug ihres viktorianisches 
Fotos aus der Tasche. »Und was soll ich euch sagen? Mr. 
Caldwell liebt dieses Bild! Er nannte es geradezu zauberhaft.« 

»Wie treffend«, bemerkte Phoebe lakonisch. 

»Und ich bekomme das Cover!«, fügte Prue hinzu. 

»Prue, das ist ja wunderbar!«, kreischte Piper. 

»Denen hast du's aber gezeigt«, meinte Phoebe. »Und du 

musstest dafür noch nicht mal deine Seele verkaufen. Alles nur 
mit Talent – ja, das ist meine Schwester!« 

»Was mich an etwas anderes erinnert, das ich heute entdeckt 

habe«, sagte Prue grinsend und zog eine dünne Zeitung aus ihrer 
Tasche. 

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Sie schlug sie auf und blätterte darin, bis sie die Seite mit den 

Lokalnachrichten aus San Francisco und Umgebung gefunden 
hatte. »Hier.« 

»Das ist ja ein Nachruf«, sagte Phoebe und sah ihre Schwester 

fragend an. »Kennen wir diese Person? Und warum grinst du so, 
Prue? Der Mann ist tot, und er ist nur siebenundneunzig Jahre 
alt geworden.« 

»Das meine ich nicht«, erklärte Prue. »Schaut euch mal den 

Namen des Autors an.« 

»Nachruf von Redaktionsmitglied Mitchell Pearl«, las Piper. 

Dann weiteten sich ihre Augen. »Mitchell? Etwa dein 
Mitchell?« 

»Ja«, kicherte Prue. »Ohne Nikos' teuflischen Einfluss war 

dies wohl der einzige Job, den er kriegen konnte. Er kann von 
Glück sagen, dass er nicht in der Poststelle gelandet ist.« 

Die Schwestern lachten. 

»Und was ist eigentlich aus dem nun ach so sterblichen Nikos 

geworden?«, fragte Piper ihre jüngste Schwester »Hast du ihn 
noch mal gesehen?« 

Phoebe schüttelte den Kopf. »Vielleicht sollte ich mal im 

Reptilienhaus des Zoos nach ihm suchen«, sagte sie verächtlich. 
»Ich weiß, dass er eine Schwäche für Schlangen hat.« 

»Ich glaube, damit haben wir unseren Rekord gebrochen«, 

stellte Prue fest und nahm sich einen von Phoebes Chips. 
»Gleich zwei von uns haben sich zur gleichen Zeit in Dämonen 
verknallt. Unglaublich!« 

»Stimmt«, sagte Phoebe. »Warum haben wir bloß immer so 

ein Pech mit den Männern?« 

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»Immerhin ist Prue ja wenigstens ein bisschen auf ihre Kosten 

gekommen«, sagte Piper grinsend und knuffte ihre Schwester in 
den Arm. 

»Hey«, protestierte die, »du hast versprochen, das nicht mehr 

zu erwähnen, wenn ich dafür einen Monat lang deine Wäsche 
mache!« 

»Was erwähnen?«, neckte Piper sie. »Dass du mich fast auf 

dem Olymp sitzen gelassen hättest, nur weil du mit einem Typen 
rumgemacht hast?« 

»Aaaaaah!«, kreischte Prue lachend. »Du hast es doch 

versprochen!« 

»Das war das letzte Mal, dass ich dieses Thema angeschnitten 

habe«, sagte Piper und erhob sich, um ihrer Schwester einen 
Eistee zu holen. »Großes Hexen-Ehrenwort.« 

Phoebe biss ein Stück von ihrer Senfgurke ab und kaute 

hingebungsvoll darauf herum. »Wir sollten das Ganze mal von 
der positiven Seite betrachten«, murmelte sie. »Vielleicht treffen 
wir ja ein paar echt heiße Typen, wenn wir heute Abend ins 
Schattenreich gehen.« 

»Wie bitte?«, riefen ihre Schwestern wie aus einem Munde. 

»Haben wir diesen ganzen Mist denn nicht hinter uns?«, fragte 
Piper. 

»Nicht der Hades, Leute! Schattenreich – das neue Cabaret! 

Wir hatten doch verabredet, die Stadt aufzumischen, wenn Prue 
die Sache mit dem Cover unter Dach und Fach hat. Du erinnerst 
dich, Piper? Du hattest große Sorge, in einem Dasein aus 
Langeweile und Eintönigkeit zu verkümmern.« 

»Aber hör mal«, sagte Piper lachend, »ich war auf dem 

Olymp. Ich habe einen dreiköpfigen, wild gewordenen 
Wachhund, eine Gorgo und ein paar Sirenen erledigt. Ich war im 

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Hades und bin wieder zurückgekommen. Mein Leben ist alles 
andere als langweilig!« 

Phoebe biss noch einmal herzhaft in ihr Sandwich und 

zwinkerte ihren Schwestern zu. »Darauf esse ich!« 

»Ihr vergesst aber hoffentlich nicht, dass wir noch eine 

wichtige Sache zu erledigen haben?«, erinnerte Piper die beiden. 

Prue nickte. 

Dann drehten sich die Schwestern wie auf Kommando auf 

ihren Plätzen um und starrten die steinerne Gorgo an, die vor 
dem Eingang der Küche stand. 

Es war und blieb die hässlichste Skulptur unter der Sonne, und 

vor allem stand sie im Weg. Die ganze Woche über hatten sie 
überlegt, wie sie das tonnenschwere Ding wieder loswerden 
konnten. Dass man diesen Job nicht in professionelle Hände 
geben konnte, ohne sich peinlichen Nachfragen auszusetzen, 
war ihnen schnell klar geworden. Und selbst mit geeignetem 
Gerät war es schier unmöglich, die Statue die Treppen 
hinunterzubefördern, ohne Schaden an Haus und Mobiliar 
anzurichten. 

»Gut, dass du das Problem gerade ansprichst, Piper«, sagte 

Phoebe und ging zum Besenschrank hinüber. Sie grinste 
verschwörerisch. »Ich glaube nämlich, mir ist heute eine Lösung 
dafür eingefallen. Ich war in diesem Eisenwarenladen und habe 
… dies hier gefunden.« 

Sie wirbelte herum und präsentierte ihren Schwestern drei 

riesige Vorschlaghammer. 

»Phoebe!«, rief Piper und schlug sich gegen die Stirn. 

»Natürlich! Du bist brillant. Dass wir nicht gleich darauf 
gekommen sind …« 

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»Seid ihr bereit für die lustige Gorgo-Zertrümmer-Session?«, 

fragte Phoebe. 

»Oh ja«, sagte Prue. »Hauen wir das Weib in Stücke!« 

Jede der Schwestern schnappte sich einen Hammer; dann 

stellten sie sich um das hässliche Standbild auf. 

»Wer macht den ersten Schlag?«, fragte Piper. 

»Ich finde, das sollte Phoebe tun«, meinte Prue. »Immerhin 

musste sie eine schreckliche Geiselhaft durchstehen und 
darben.« 

»Und vergiss nicht ihre Haare«, erinnerte Piper kichernd. 

Phoebe sah ihre Schwestern grinsend an, dann holte sie 

lustvoll mit dem Vorschlaghammer aus. »Hiiii-YAH«, brüllte 
sie und ließ ihn auf die Gorgo niederfahren. Zusammen mit 
einem Regen aus Steinbröckchen plumpste der hässliche Kopf 
zu Boden. 

»Ja!«, schrie Piper, schwang ihren Hammer und zertrümmerte 

die Arme der Statue. 

Dann kam die Reihe an Prue, die sich über die Füße der 

steingewordenen Scheußlichkeit hermachte Sie lachten, denn es 
war außerordentlich befreiend, diese schreckliche Kreatur zu 
vernichten, die dasselbe fast mit ihnen getan hatte. 

Nach einer Weile waren sie völlig außer Atem und 

verschwitzt, aber von der Gorgo war nicht mehr übrig als ein 
staubender Trümmerhaufen. 

»Ich hole große Müllsäcke«, bot Phoebe an. 

»Und ich den Besen«, sagte Piper und eilte durch die Küche. 

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»Und ich werde eine offizielle Erklärung für all diejenigen 

verfassen, die uns dabei zugehört haben sollten«, meinte Prue. 

Dann deutete sie zu Boden auf das, was einmal ein 

mythologisches Ungeheuer gewesen war, und rief »Und du und 
deinesgleichen, merkt euch. Legt euch niemals mit den 
Zauberhaften an!« 


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