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Teil 

Und wenn alles, was wir wissen, 

falsch wäre? 

»The best way to face the unknown is by not knowing.«' 

SwAMI 

BEYONDANANDA 

Betrachten  Sie  in  einer  klaren,  mondlosen  Nacht  den  Sternenhimmel: 
Sie  werden  Tausende  von  winzigen  Lichtpunkten  sehen  –  riesige, 
herrliche  Sterne  in  einem  Universum,  das  größer  ist,  als  wir  uns 
vorstellen können. Konzentrieren Sie sich auf einen Stern und machen 
Sie  sich  klar,  dass  er  vielleicht  nicht  mehr  existiert,  sondern  längst 
verglüht  ist  und  nur  noch  aus  einem  Haufen  Weltraumschutt  besteht. 
Aber weil er so weit von uns entfernt ist, können wir immer noch das 
Licht  seiner  früheren  Existenz  wahrnehmen,  und  unsere  Seeleute 
bestimmen nach ihm ihren Kurs. 

Und  dann  wenden  Sie  Ihren  Blick  vom  Sternenhimmel  auf  unsere 

nicht  ganz  so  himmlische  Welt.  Wäre  es  möglich.,  dass  wir  auch  auf 
philosophischer Ebene unseren Kurs nach längst verglühten Sternen 
ausrichten?  Was  wäre,  wenn  unsere  Annahmen  über  das  Leben  falsch 
wären? 

Oberflächlich  betrachtet  erscheint  diese  Behauptung  seltsam. 

Schließlich  erzeugen  und  verarbeiten  wir  zurzeit  durch  Bücher,  CDs, 
DVDs, Radio, Fernsehen und Internet mehr wissenschaftliche Infor - 
 

Branche Bonmots von Swami Beyondananda sind Wortspiele. die nicht adäquat 

übersetzt werden können. Deswegen lassen wir sie in solchen Fällen im Original und 

geben in den Fußnoten annähernde Übersetzungen. In diesem Fall: »Der beste Weg, 
sich dem Unbekannten (oder: dem, was wir nicht wissen) zu stellen, ist, nicht(s) zu 
wissen.« (Anm. d. Übers.) 

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mationen  als  je  zuvor.  Aber  Informationen  allein  reichen  nicht.  Der 
richtige  Inhalt  in  einem  falschen  Kontext  kann  immer  noch  zu  Fehl-
informationen  führen,  die  uns  vom  Kurs  abbringen  oder  uns  in  eine 
gefährliche Richtung lenken. 

Kennen  Sie  die  Geschichte  des  Kapitäns,  der  verlangte,  dass  das 

Licht,  das  er  vor  sich  in  der  Dunkelheit  erblickte,  ihm  ausweichen 
solle?  Als  die  Stimme  dieses  anderen  Lichts  über  Funk  me inte,  der 
Kapitän  möchte  doch  bitte  seinerseits  den  Kurs  ändern,  bestand  der 
Kapitän  lautstark  auf  seinem  Recht,  seinen  Kurs  beizubehalten.  Doch 
die Stimme erwiderte: »Käpt'n, wir sind ein Leuchtturm!« 

Sie sehen, es hängt von unserer Perspektive ab, welche n Weg wir 

einschlagen. 

 

In  Abbildung  A  können  Sie  entweder  ein  altes  Weib  oder  eine 

junge  Dame  sehen  (der  Mund  der  alten  Frau  ist  dann  der 
Hals-schmuck der jungen; die Nase der Greisin ist das Kinn der jungen 
Schönen).  In  Abbildung  B  sehen  Sie  den  binären  Code  für  Abbildung 
A.  In  den  Daten  von  Abbildung  B  ist  der  Inhalt  von  AbbildungA 
enthalten,  aber  welches  der  beiden  Bilder  Sie  in  Abb  A  jeweils 
wahrnehmen,  steht  nicht  darin.  Das  obliegt  völlig  Ihrer  lnterpretation 
als Beobachter. 

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Die  Botschaft  ist  einfach: 

Dieselben  wissenschaftlichen  Daten 

kön-nen 

zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen 

beschreiben. Doch 

wenn  wir  von  einer  Wahrnehmung  überzeugt  sind,  betrachten  wir  sie 
als die einzige Wirklichkeit und ignorieren alle anderen Möglichkeiten. 

Als  Individuen  und  als  Gesellschaft  navigieren  wir  unseren  Kurs 

nach  alten,  wissenschaftlich  widerlegten  philosophischen  Annahmen. 
Wie  bei  jenen  verglühten  Sternen  hat  uns  die  Nachricht  von  ihrem 
Dahinscheiden  noch  nicht  erreicht.  Doch  es  gibt  durchaus  auch 
Lichtstrahlen,  die  uns  den  neuen  Weg  weisen  können  —  wenn  wir  sie 
richtig wahrnehmen. 

Die menschliche Evolution steht heutzutage an einem Scheide-weg. 

Das  alte  Paradigma  und  das  neue  Bewusstsein  versuchen  tapfer, 
miteinander  auszukommen.  Gewohnheit  und  Tradition  binden  uns  an 
eine  überholte  Sicht  des  Universums,  während  die  Zivilisation  mit 
einem  neuen,  aufregenden  und  optimistischen  Verständnis  des  Lebens 
schwanger geht. 

Um  unsere  missliche  Lage  besser  zu  verstehen,  begeben  wir  uns 

500  Jahre  zurück  in  die  Zeit,  als  der  Astronom  Nikolaus  Kopernikus 
bei  seiner  Himmelsbeobachtung  eine  welterschütternde  Beobachtung 
machte:  Die  Erde  ist  mitnichten  der  Mittelpunkt  des  Univer sums! 
Täglich  dreht  sie  sich  um  ihre  Achse,  während  sie  alljährlich  um  die 
Sonne wandert. 

Die  Kirchenfürsten  hielten  seine  Idee  für  Blasphemie  und  klam-

merten  sich  an  ihre  alten  Überzeugungen.  Noch  90  Jahre  später 
zwangen sie Galileo Galilei mit Gewalt, sich von der kopernikanischen 
Theorie  abzuwenden,  und  sperrten  ihn  für  den  Rest  seines  Lebens  im 
Gefängnis  ein.  Ironischerweise  waren  ihnen  die  mathema tischen 
Formeln  des  Kopernikus  jedoch  recht,  um  ihren  kirchlichen  Kalender 
zu  berichtigen.  Wie  Galileo  schmerzlich  erleben  musste,  braucht  es 
Zeit,  bis  das  menschliche  Bewusstsein  größere  Veränderungen 
integrieren kann. 

Seit  Einstein  bewiesen  hat,  dass  alles  im  Universum  aus  Energie 

besteht  und  miteinander  zusammenhängt,  ist  inzwischen  ein 
Jahr-hundert vergangen. Doch die überwiegende Mehrheit der Mensch-
heit lebt immer noch nach den veralteten Prinzipien der Newton'schen 

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Physik:  Die  Welt  wird  hier  als  eine  Reihe  von  Aktionen  und  Reak-
tionen  betrachtet,  die  nach  dem  Prinzip  von  Ursache  und  Wirkung 
ablaufen.  Die  Machthabenden  verwendeten  zwar  Einsteins  Relati-
vitätsrheorie,  um  damit  Atomwaffen  herzustellen  –  ähnlich  wie  die 
Kirche mit Kopernikus' Berechnungen ihren Kalender auf Vordermann 
brachte  –,  aber  die  ungeheuren  Auswirkungen,  welche  die 
Bombardierung  auch  nur  eines  kleinen  Teils  unseres  gemeinsamen 
Planeten nach sich zieht, wurden im Wesentlichen ignoriert. 

Inzwischen  hat  unsere  Neigung  zu  Missverständnissen  und  Wahr-

nehmungs-Mythen die Menschheit so weit von der Natur entfernt, dass 
das menschliche Tun im wahrsten Sinn des Wortes »lebensbe drohlich« 
geworden 

ist. 

In 

den 

Schlagzeilen 

lesen 

wir 

von 

den 

Selbst-mordattentätern im Nahen Osten und merken nicht, dass unsere 
gesamte Art zu einer tickenden Zeitbombe  für den Planeten geworden 
ist.  Wissenschaftlich  ist  eindeutig  erwiesen,  dass  die  menschliche  
Prasserei  und  Umweltverschmutzung  zum  größten  Massenaussterben 
seit  dem  Verschwinden  der  Dinosaurier  vor  65  Millionen  ahren 
geführt  hat.  Wenn  die  gegenwärtigen  Trends  fortgesetzt  werden,  wird 
noch in diesem Jahrhundert die Hälfte aller Arten ausgestorben sein.' 

Natürlich  meinen  wir,  weiterhin  unseren  Alltag  fortsetzen  zu 

kön-nen, auch wenn keine Löwen mehr durch die Serengeti wandern  – 
schließlich  können  wir  sie  uns  im  Zoo  anschauen,  oder?  –,  aber  wir 
vergessen  dabei,  dass  alles  zum  großen  Netzwerk  des  Lebens  gehört. 
Kaum jemand spricht darüber, doch letztlich ist bei all den Warnungen 
über  das  Aussterben  von  Pflanzen  und  Tieren  die  Gefahr  unserer 
eigenen Vernichtung inbegriffen. 

Die moderne Menschheit ist sehr stolz auf das Wissen, das sie über 

das  Universum  und  das  Leben  angesammelt  hat.  Wir  sind  die  am 
höchsten  gebildete  und  am  meisten  mit  Informationen  beladene 
Bevölkerung  der  Geschichte.  Aber  was  wissen  wir  wirklich?  Sicher 
verfügen  wir  über  eine  Menge  Daten,  aber  die  Krisen,  in  denen  wir 
stecken,  offenbaren,  dass  es  uns  doch  an  einem  echten  Verständnis 
dieses Wissens mangelt. 

Unsere Probleme  haben weniger mit den Daten als solchen zu tun, 

sondern  mehr  mit  deren  Interpretation.  Wie  das  Bild  von  der  Greisin 
und der jungen Frau gezeigt hat, kann man aus den gleichen 

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Daten  zwei  völlig  verschiedene  Wahrnehmungen  ableiten.  Und  wenn 
es  um  das  Leben  selbst  geht,  kann  die  Art,  wie  wir  die  Daten  inter-
pretieren,  über  Leben  und  Tod  einer  ganzen  Zivilisation  entscheiden. 
Zum  Glück  bieten  die  radikal  neuen  Wissenschaften,  die  in  diesem 
Buch  dargestellt  werden,  uns  eine  neue  Deutung  der  wissenschaft -
lichen Daten, welche die konventionellen Sichtweisen infrage stellt. 

Rene  Descartes  riet  uns,  alles  anzuzweifeln.  Es  ist  Zeit,  damit 

anzufangen.  Nicht  alles,  was  wir  wissen,  ist  falsch,  aber  alles,  was  wir 
denken, sollte überprüft und bedacht und neu bewertet werden.  

In Teil  I  dieses Buches  erfahren Sie,  wie  wir  aus  biologischer Sicht 

zu den Überzeugungen gekommen sind, die uns so lieb und teuer sind. 
Wir  erkennen  die  Beziehung  zwischen  Überzeugungen  und 
biologischen  Prozessen  und  wie  die  Wechselwirkung  zwischen  beiden 
unsere Wirklichkeit erschafft. 

Im 1.  Kapitel  (Man  sieht,  was  man  glaubt,)  stellen  wir  den  alten 

Spruch  »Man  glaubt,  was  man  sieht«  auf  den  Kopf.  Wir  schauen  uns 
an,  wie  Zellen  Informationen  verarbeiten,  und  verfolgen  dann  biolo -
gische  Pfade,  auf  denen  aus  Wahrnehmungen  Überzeugungen  und 
scheinbare  Realitäten  werden.  Wir  führen  unwiderlegbare  Beweise 
dafür  an,  dass  der  Geist  (engl.  mind)  tatsächlich  der  Herr  über  die 
Materie  ist.  Dann  begeben  wir  uns  auf  die  zelluläre  Ebene,  um  zu 
zeigen, wie das Leben wirklich funktioniert, und warum. 

Im 2.  Kapitel  (Handle  lokal—  wirke  global,  erklären  wir,  wie 

unter-bewusste  Programmierungen  auch  die  besten  Absichten 
durchkreuzen. Wir verfolgen die evolutionäre Entwicklung des Geistes 
(Mind)  und  zeigen,  wie  jeder  von  uns  zugleich  schuldlos  und  für  sein 
Handeln voll verantwortlich ist. 

Im 3.  Kapitel (Ein neuer Blick auf die alte Geschichte) begeben wir 

uns von der Biologie zur Philosophie und beschreiben, wie die  
 

im Kontext dieses Buches steht in der Regel »Geist<, für den englischen Begriff 

mind und »Geist« (kursiv gesetzt) für spirit. »Geist« im Sinne des englischen mind 
erklärt Bruce Lipton anhand der Analogie eines Radioprogramms: Das Gehirn 
entspricht dem Radio. Das Programm ist nicht «im« Radio, aber es benötigt das 

Radio, um in einen für uns wahrnehmbaren Zustand zu kommen. Darüber hinaus 
sei der Geist (Mind) auch die Schnittstelle zwischen unseren sinnlichen 
Erfahrungen und unserem Geist (Spirit) = dem Feld. Durch den Geist (Mind) kann 

sich der Geist (Spirit) oder die Quelle mir dem Körper verbinden und auf ihn 
einwirken. (Anm. d. Übers.) 

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Geschichte,  mit  der  wir  die  Wirklichkeit  erklären,  unsere  Wahrneh-
mung steuert und damit auch unser Verhalten. Sie erfuhren, wie es  im 
Lauf  von  Jahrtausenden  zu  Zivilisationen  kam  und  wie  jedes  neue 
Paradigma die  Welt unserer Ahnen prägte  —  sowie die  Welt, die  wir 
heute sehen und erschaffen. 

Wenn  wir  aus  unseren  Geschichten  heraustreten,  können  wir 

erkennen, dass sie nur Geschichten sind, nicht realer als die Worte auf 
einer Speisekarte. Dennoch hat die Bedeutung, die wir diesen Worten 
bei  messen,  einen  großen  Einfluss  auf  unsere  Entscheidung,  was  wir 
essen  wollen.  Wenn  wir  uns  über  die  Matrix  der  fraglos  akzeptierten 
Überzeugungen  erheben,  lassen  wir  den  Blick  auf  neue  Geschichten 
zu,  die  uns  von  der  Tragödie  des  vierten  Akts  zu  einem  leichteren, 
heitereren fünften Akt führen. 

Im  4.  Kapitel 

(Die WiederentdeckungAmerikas 

beziehen  wir  die 

Prinzipien  und  Praktiken,  die  zur  Unabhängigkeitserklärung  geführt 
haben,  auf  die  Evolution,  die  gerade  stattfindet.  Dabei  geht  es  nicht 
um  einen  patriotischen  Lobgesang,  sondern  um  die  Anerkennung  der 
revolutionären,  visionären  Wahrheit,  »dass  alle  Menschen  gleich 
erschaffen  wurden  und  dass  sie  von  ihrem  Schöpfer  mit  gewissen 
unveräußerlichen  Rechten  begabt  wurden,  worunter  heben,  Freiheit 
und  das  Streben  nach  Glückseligkeit  sind«.  Diese  Wahrheit,  die 
immer  noch  ihrer  Umsetzung  harrt,  war  eigentlich  ein  Geschenk  an 
die  ganze  Welt,  ein  Geschenk,  das  von  den  indigenen  Völkern  Nord-
amerikas stammte. 

Die  Lektüre  von  Teil  1  sollte  ein  wenig  Erleichterung  verschaffen. 

Es wird erklärt, warum in der Welt so vieles im Argen liegt, und eine 
neue,  lebensfördernde  Geschichte  wird  entwickelt.  Wenn  wir 
verstehen, dass unsere kulturelle Philosophie und unsere individu ellen 
Wahrnehmungen 

erworbene Überzeugungen 

sind,  die  nicht  nur  unsere 

Biologie bestimmen, sondern auch die  Welt formen,  in  der wir leben, 
gelangen  wir  zu  Erkenntnissen,  die  unser  Selbstbild  und  unser 
Weltbild  verändern.  Wir  hören  auf,  benommene,  dahindämmernde 
Unfallopfer  zu  sein,  und  fangen  an,  unser  Recht  in  Anspruch  zu 
nehmen,  machtvolle  Mitschöpfer  und  Architekten  einer  schönen, 
liebevollen, neuen Welt zu werden. 

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