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1945 und wir

Wie aus Tätern Opfer werden

Von Norbert Frei

Am  21.  Januar  verlassen  die  sächsischen  NPD-Landtagsabgeordneten  bei  der
Schweigeminute  "für  die  Opfer  der  nationalsozialistischen  Gewaltherrschaft"
demonstrativ  geschlossen  den  Plenarsaal.  In  der  anschließenden,  auf  Antrag  der
NPD-Fraktion  zustande  gekommenen  aktuellen  Stunde  zum  60.  Jahrestag  der
Bombardierung  von  Dresden  sprechen  die  NPD-Abgeordneten  Holger  Apfel  und
Jürgen Gansel offen vom „Bomben-Holocaust".
Dezidierter und kalkulierter ist in der Geschichte der Bundesrepublik die Verkehrung
der Unterscheidung von Opfern und Tätern bis dahin noch nicht betrieben worden.
Dabei stellt der Skandal von Dresden nur den vorläufigen Höhepunkt einer langen
Geschichte  der  Schuldabwehr  und  Schuldverkehrung  dar.  Diese  reicht  bis  zu  den
Anfängen der Bundesrepublik zurück - und erlebt in den vergangenen Jahren eine
fatale Renaissance. Weit über das rechtsradikale Spektrum hinaus mehren sich die
Anzeichen für einen Rückfall in die Deutungsmuster der 50er Jahre, in denen sich die
Deutschen als Hitlers erste - und eigentliche - Opfer verstanden.

1

"Wer  sind  denn  wirklich  die  Kriegsverbrecher?"  So  fragte  rhetorisch,  im  Oktober
1952, Bernhard Rameke beim ersten Nachkriegstreffen der WaffenSS in Verden an
der Aller. Die Antwort des Fallschirmjäger-Generals a. D. war damals weit über seine
Zuhörerschaft  hinaus  populär:  Jene,  "die  ohne  taktische  Gründe  ganze  Städte
zerstörten,  die  die  Bomben  auf  Hiroshima  warfen  und  neue  Atombomben
herstellen".

2

Solch scheinmoralische Kritik an den Siegermächten war Anfang der 50er Jahre im
Westen Deutschlands keine Seltenheit, aber auch im Osten anzutreffen – dort freilich
seitens  des  Regimes  propagandistisch  streng  begrenzt  auf  das  Stichwort  Dresden
und die Kriegführung von Briten und Amerikanern. Handelte es sich in der DDR um
den  "von  oben"  gelenkten  Versuch,  jüngst  vergangene  deutsche  Leiderfahrung  im
Sinne  der  aktuellen  Ost-West-Konfrontation  politisch  auszumünzen,  so  in  der
Bundesrepublik  um  das  "von  unten"  artikulierte  Verlangen  nach  Rücknahme  der
politischen Säuberungsanstrengungen der westlichen Alliierten, das in der Forderung
nach Freilas-

Dieser  Text  basiert  auf  dem  soeben  im  C.H.  Beck-Verlag  erschienenen  Buch  des  Autors  "Hitlers

Erbe: Die Deutschen und das Dritte Reich".

1

  Vgl.  Robert  G.  Moeller,  War  Stories.  The  Search  for  a  Usable  Past  in  the  Federal  Republic        of

Germany,  Berkeley,  Los  Angeles  und  London  2001;  als  Überblick  und  guter  Einstieg  in  das
Themenfeld: Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001.

Zit. n. Norbert Frei, Vergangenheitspolitik, München 1996, S. 282.

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sung  der  seit  1945  verurteilten  Kriegsverbrecher  gipfelte.  Unter  der  Oberfläche
allerdings  ging  es  in  diesen  Diskursen  hier  wie  dort  um  mehr,  nämlich  um
sozialpsychische Schuldentlastung auf sozusagen breitester Front.
Denn während die außenpolitische Räson der beiden neuen Staaten es gebot, der
"Opfer  der  nationalsozialistischen  Gewaltherrschaft"  bzw.  der  "Opfer  des  Fa-
schismus" zu gedenken, erwartete die Mehrheit der vormaligen Volksgemeinschaft
wie selbstverständlich die Anerkennung aller ihrer Opfer - auch jener, die sich für die
Sache des Nationalsozialismus geopfert hatten.

Von den Opfern der Deutschen zu den Deutschen als Opfer

Das  größte  Interesse  an  dieser  Politik  der  Schuldeinebnung  lag  bei  der  um  1905
geborenen  Funktionsgeneration  des  Nationalsozialismus,  die  die  Geschicke  der
westdeutschen Gesellschaft noch lange bestimmte (und auch im Osten nicht ohne
Einfluss blieb). Es war in aller Regel diese Altersgruppe, aus der – anders als heute
vielfach  behauptet:  keineswegs  erst  nach  Jahrzehnten,  sondern  regelmäßig  seit
Gründung der Bundesrepublik – das Argument des tu quoque und der Hinweis auf
Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung kam, wenn sich das offizielle Bonn zu einem
verantwortungsvollen  Umgang  mit  der  Jüngsten  Geschichte"  bekannte.  Mit  ihrer
reflexartigen  Schuldabwehr,  die  Besucher  wie  Hannah  Arendt  schon  in  den  ersten
Nachkriegsjahren konstatierten

3

, später mit dem beredten Schweigen auf die Fragen

der eigenen Kinder, verstellten sich wohl die meisten aus diesen Jahrgängen, die an
Hitler geglaubt und das System getragen hatten, die Möglichkeit einer echten Trauer
auch über das eigene Leid.
Die  "skeptische  Generation"  der  Wehler,  Walser,  Grass  und  Habermas  zog  aus
dieser  Grundstimmung  ihre  eigenen  Schlüsse.  Dazu  gehörte  zunächst  die
Weigerung,  sich  dem  Selbstmitleid  der  nach-nationalsozialistischen  Volks-
gemeinschaft anzuschließen, seit den späten 50er und frühen 60er Jahren dann aber
auch  zunehmend  der  Mut,  dem  fortlebenden  Hang  zur  Apologie  einen  anderen,
aufklärerischen Diskurs entgegenzustellen. Herrschaftsfrei war daran freilich wenig;
den  einstigen  Flakhelfern  und  jungen  Frontsoldaten  ging  es,  wie  bald  darauf  den
Achtundsechzigern,  um  politisch-kulturelle  Hegemonie,  die  sich  nicht  zuletzt  im
richtigen  –  und  das  hieß:  selbstkritischen  –  Sprechen  über  die  Vergangenheit
manifestierte.
Für  die  "deutschen  Opfer",  für  die  Bomben-  und  Vertreibungstoten,  auch  für  die
gefallenen  Soldaten,  war  in  diesem  neuen  Diskurs  tatsächlich  wenig  Platz  -
wenngleich,  wie  die  florierende  Verbandspublizistik  und  nicht  zuletzt  die  offiziösen
Großdokumentationen  über  Flucht  und  Kriegsgefangenschaft  belegen,  von  einer
"Tabuisierung"  keine  Rede  sein  konnte.  Aber  der  Entschluss  der  damals  um  die
30jährigen,  links  bis  liberal  gesinnten  Intellektuellen,  den  Oktroi  des  Westens  als
"zweite  Chance"  (Fritz  Stern)  zur  Demokratie  kraftvoll  zu  nutzen,  bedurfte  einer
gewissen  Selbstimmunisierung:  auch  durch  die  Zurückweisung  falsch  gestellter
Fragen und revisionistischer Antworten.

Hannah Arendt, Besuch in Deutschland, in: dies., Zur Zeit. Politische Essays, München 1989, S.43-

70.

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Aus dieser Einsicht in die demokratiepolitisch notwendige Unterscheidung zwischen
privater  Erinnerung  und  staatlicher  Geschichtsrepräsentation  erklären  sich  die
Stärken  wie  manche  Schwächen  jener  altbundesrepublikanischen  "Vergangen-
heitsbewältigung",  die  sich  als  Gegenentwurf  zur  fortgesetzten  Verdrängung
herausbildete  und  inzwischen  selbst  schon  Historie  geworden  ist.  Wer  ihren
gesellschaftlichen  Nutzen  im  Rückblick  bewerten  möchte,  tut  gut  daran,  die
denunziatorische  Opposition  der  Verstockten  in  Rechnung  zu  stellen,  die  in  der
kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg stets
nur  eine  schwarze  Pädagogik  der  "Umerziehung"  erblickten,  die  den  nationalen
Selbstbehauptungswillen der Deutschen unterminiere.

4

Vielleicht spielte das Nachlassen dieser Abwehrhaltung eine Rolle, ganz sicher aber
die  veränderte  Generationenkonstellation  und  ein  die  Selbstversöhnung  des  Alters
suchender  Blick  auf  die  eigene  Biographie,  wenn  sich  im  Laufe  der  90er  Jahre
manche ihrer ursprünglichen Verfechter vom Ethos der "Vergangenheitsbewältigung"
zu distanzieren begannen.

Jedenfalls  war  jene  Selbstentpflichtung  aus  dem  "Erinnerungsdienst",  die  Martin
Walser  1998  in  der  Paulskirche  vortrug,  nur  das  spektakulärste  Beispiel  für  sich
wandelnde Positionen. Die Suche nach einem Verhältnis zu unserer Vergangenheit,
das den neuen Konstellationen angemessen scheint, ist seitdem eröffnet. Vielen geht
es dabei, wie Günter Grass 2002 in seiner Novelle über den Untergang der "Wilhelm
Gustloff ", offenbar um mehr Verständnis für die Erfahrungen und Zwangslagen des
Einzelnen-  und  um  nachgetragene  Empathie  (auch)  für  die  Opfer  unter  den
Deutschen.  Irritierend  an  diesem  "Krebsgang"  bleibt  allerdings  Grass'  rhetorischer
Trick, in der Gestalt des "Alten" sich selbst als Überwinder eines ungerechtfertigten
"Tabus"  zu  feiern  –  nämlich  der  angeblichen  Vernachlässigung  des  Leids  der
Vertriebenen.  Fast  musste  man  den  Eindruck  bekommen,  als  habe  der
Nobelpreisträger  seine  Blechtrommel  beiseite  gestellt  und  eifere  der  frivolen
vergangenheitspolitischen Egozentrik seines Altersgenossen Walser nach.

Inzwischen zeichnet sich deutlicher ab, was bereits in der nicht sonderlich großen,
aber  signifikanten  Gruppe  der  Soldatensöhne  zu  beobachten  war,  die  seinerzeit
gegen  die  Wehrmachtsausstellung  demonstrierte:  Auch  in  Teilen  der  Acht-
undsechziger-Generation,  nicht  zuletzt  bei  denen,  die  sich  einst  als  Revolutionäre
begriffen, wächst die Bereitschaft zum milderen Urteil, ja zur Revision. Der radikale
Perspektivenwechsel – von den Opfern der Deutschen zu den Deutschen als Opfer
–,  wie  ihn  der  vormalige  Linksaußen  Jörg  Friedrich  mit  seinen  expressionistischen
Kaskaden  über  den  Bombenkrieg  zelebriert

5

 mag immer noch die Ausnahme sein.

Aber  wer  ein  wenig  darauf  achtet,  der  vernimmt  aus  Kreisen,  die  einstmals  alles,
gerade  auch  das  Private,  für  politisch  hielten,  unterdessen  vielfach  erstaunlich
unpolitische Töne einer pri-

4

 Vgl. Caspar von Schrenck-Notzing, Charakterwäsche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland

und  ihre  Folgen,  Stuttgart  1965;  Armin  Mohler,  Der  Nasenring.  Im  Dickicht  der  Vergangenheitsbe-
wältigung, Essen 1989.

5

 Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg, München 2002; ders., Brandstätten. Der

Anblick des Bombenkriegs, München 2003; kritisch dazu: Lothar Kettenacker (Hg.), Ein Volk von
Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-45, Berlin 2003.

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vatistischen Geschichtsbetrachtung, in der sich die Unterschiede zwischen Tätern,
Opfern und Mitläufern verwischen.
Wo  man  vor  drei  Jahrzehnten  (meist  vergeblich)  nach  dem  "roten  Großvater"
fahndete, dominiert mittlerweile der Wunsch nach Aussöhnung mit den alten Eltern.
Und  wo  diese  nicht  mehr  möglich  ist,  entdeckt  sich  –  wir  leben  im  Zeitalter  der
Opferkonkurrenz  –  neues  Leid  aus  der  Scham  über  die  vertane  Chance.  Ent-
sprechend mahnt eine pathetische Psychohistorie, den letzten Zeitzeugen" Gehör zu
schenken.  Unter  dem  Motto:  "Bevor  es  zu  spät  ist,  geht  es  nicht  mehr  nur  um
Gespräche mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung, sondern ganz
unterschiedslos  –  und  gleichwohl  empathisch  –  um"  Begegnungen  mit  der  Kriegs-
generation" 

6

. Die deutsche Gegenwartsliteratur reagiert auf dieses Bedürfnis nach

weicheren Bildern mit dem grassierenden Genre des Familienromans ".

7

Doch nicht allein in Büchern wird den Mitläufern und Tätern, die zu Opfern wurden,
das späte Mitgefühl ihrer Kinder zuteil; die Therapeutenszene kennt augenscheinlich
viele  Deutsche  der  "zweiten  Generation",  die  als  Täter-Kinder  nun  versuchen,  ihre
Väter und Mütter zu verstehen. Die Psychodynamik der Generationenfolge will es,
dass  sich  für  die  Kinder  des  Krieges  mit  dem  Verschwinden  der  letzten  aus  den
Jahrgängen ihrer Eltern die Perspektiven auf die Vergangenheit noch einmal deutlich
verändern  –  bis  hin  zur  Chance,  sich  selbst  und  die  eigene  Kohorte  als  Opfer  zu
erkennen:  des  Bombenkriegs,  der  Vertreibung,  der  ererbten  Schuldgefühle.  Die
Identifikation  mit  den  Opfern  des  Holocaust,  einstmals  Ausdruck  einer  bewussten
Distanzierung von der Elterngeneration, tritt darüber offenbar in den Hintergrund.

8

Die  Folge  davon  ist  ein  vielschichtiger  Prozess  der  Diffusion,  wenn  nicht  des
Transfers  von  Empathie.  Denn  nicht  nur  rücken  die  Deutschen  der  "ersten
Generation` in der Wahrnehmung ihrer Kinder dorthin zurück, wo sie sich selbst am
Ende der Hitler-Zeit gesehen hatten, nämlich an der Seite oder gar an der Stelle der
Opfer des Nationalsozialismus; darüber hinaus erheischt die "zweite Generation" –
für  sich  selbst  und  für  ihr  Bild  von  ihren  Eltern  –  die  Anerkennung  der  eigenen
Kinder,  mithin  der  "dritten  Generation".  Damit  stehen,  weil  die  Täter  fast  aus-
nahmslos  gestorben  sind,  den  wenigen  noch  lebenden  Opfern  des  Holocaust  und
anderer nationalsozialistischer Verbrechen sowie deren Kindern und Kindeskindern
inzwischen immer mehr Deutsche gegenüber, die sich ihrerseits als Opfer begreifen.
Seit die Flakhelfer abgewählt sind, seit dem Ende der Ära Kohl, hat ein neuer Ton im
Umgang mit der Vergangenheit auch Einzug in die Politik gehalten. Dabei ist es von
verstörender Ironie zu sehen, mit welchem Behagen sich die Generation Schröder im
Gnadenstand  jener"  späten  Geburt"  einrichtet,  von  der,  seine  Dankbarkeit  zum
Ausdruck bringend, der vormalige

6

 Bruni Adler, Bevor es zu spät ist. Begegnungen mit der Kriegsgeneration, Tübingen 2004.

7

  Vgl.  exemplarisch  Harald  Welzer,  Schön  unscharf.  Über  die  Konjunktur  der  Familien-  und  Genera-

tionenromane, in: "Mittelweg 36", 1/2004, S, 53-64.

8

  Dazu  aus  psychoanalytischer  Sicht  aufschlussreich:  Christian  Schneider,  Der  Holocaust  als

Generationsobjekt.  Generationsgeschichtliche  Anmerkungen  zu  einer  deutschen  Identitätsproble-
matik, in: Margrit Frölich, Yariv Lapid und Christian Schneider (Hg.), Repräsentationen des Holocaust
im Gedächtnis der Generationen. Zur Gegenwartsbedeutung des Holocaust in Israel und Deutschland,
Frankfurt a. M. 2004, S. 234-252.

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Hitler-Junge  Günter  Gaus  gesprochen  hatte,  noch  ehe  sich  ein  nur  wenig  älterer
Helmut Kohl damit in Israel blarnierte.

9

Von Kohl zu Schröder

Doch  das  ist  20  Jahre  her.  Seitdem  sind  weitere  Verkündungen  des  "Endes  der
Nachkriegszeit" ins Land gegangen, und der Nachfolger im Kanzleramt des "neuen
Deutschland" (auch dies schon ein Kohl-Wort von damals) kann vieles äußern, was
einem  Vorgänger  noch  reichlich  übel  genommen  worden  wäre  –  zum  Beispiel  den
bei  Amtsantritt  formulierten  Wunsch  nach  einem  Holocaust-Denkmal,  zu  dem  die
Menschen"  gerne  hingehen".

10

  Wenn  Gerhard  Schröder  im  Irakkonflikt  einen

selbstbewussten "deutschen Weg“ bezeichnet, wenn er auf einem ständigen Sitz im
UN-Sicherheitsrat beharrt – für Deutschland, nicht für Europa – und in der Normandie
aus Anlass des 60. Jahrestages der alliierten Invasion postuliert, für eine Nation zu
sprechen,  die  "den  Weg  zurück  in  den  Kreis  der  zivilisierten  Völkergemeinschaft"
gefunden hat,

11

 dann ist das alles keineswegs nur die Konsequenz einer durch den

Epochenbruch  von  1989/90  objektiv  veränderten  politischen  Lage.  Es  ist  vielmehr
auch  Ausdruck  einer  subjektiv  als  derart  groß  erlebten  Distanz  zum  "alte[nl
Deutschland jener finsteren Jahre", dass sogar ein neues Spiel auf der Klaviatur des
symbolpolitisch wieder für attraktiv gehaltenen Patriotismus erlaubt zu sein scheint.
Gerhard  Schröder,  Halbwaise,  Jahrgang  1944,  aufgewachsen  in  prekären  ma-
teriellen Verhältnissen, hat beste Aussichten, zum heimlichen Repräsentanten jener
rasch sich ausbreitenden Erinnerungsgemeinschaft der Kriegskinder12 zu werden,
deren Selbsterfindung wir gerade erleben: "Das Grab meines Vaters, eines Soldaten,
der  in  Rumänien  fiel,  hat  meine  Familie  erst  vor  vier  Jahren  gefunden.  Ich  habe
meinen Vater nie kennen lernen dürfen." - Wer als Staatsmann in diesem Modus des
Privaten  über  die  Geschichte  spricht,  der  bekennt  sich  damit  nicht  nur  zu  einer
kohortentypischen " Schicksalslage " (Helmut Schelsky), der wirkt auch mit an einer
Umcodierung  der  Vergangenheit.  In  deren  Mittelpunkt  schieben  sich  nun:  die
Deutschen als Opfer.
Dort aber liegen auch die Intentionen jenes "Zentrums gegen Vertreibungen", dessen
Errichtung die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, Jahrgang
1943, seit einiger Zeit mit aller Macht verfolgt. Die beträchtliche mediale Resonanz

13

,

die das Projekt im Zeichen des Übergangs

9

 Kohl benutzte die von Gaus geprägte Wendung am 24.1.1984 zur Eröffnung einer Ansprache vor der

Knesset: "Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die
Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.

10

 So Gerhard Schröder am 1.11.1998 in einem Interview mit dem Fernsehsender SAT1.

11

 Rede des Bundeskanzlers am 6.6.2004 in Caen, dokumentiert in: "Blätter", 7/2004, S. 895 f.

12

 Vgl. Sabine Bode, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Stuttgart

2004; Hilke Lorenz, Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation, München 2003.

1 3

  Sowohl  ARD  als  auch  ZDF  haben  das  Thema  mit  mehrteiligen  Dokumentationen  und

Begleitbüchern aus der Perspektive der Zeitzeugen aufgegriffen. Aus der Fülle der aktuellen Literatur
vgl.  Helga  Hirsch,  Schweres  Gepäck.  Flucht  und  Vertreibung  als  Lebensthema,  Hamburg  2004.
Exemplarisch  für  das  demagogische  Spiel  mit  angeblichen  Tabus:  Klaus  Rainer  Röhl,  Verbotene
Trauer. Ende der deutschen Tabus. Mit einem Vorwort von Erika Steinbach, München 2002.

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von der "Erlebnis-" zur "Bekenntnisgeneration" der Vertriebenen erfährt, ist zweifellos
einer  der  Gründe  dafür,  dass  die  Bundesregierung  dagegen  bisher  nur  par-
teitaktische Ablehnung zu formulieren wagte, aber kaum inhaltliche Kritik. Ungeachtet
der gravierenden Bedenken vieler in- und ausländischer Fachleute,

14

  vor allem aber

auch gegen die öffentliche Meinung in Polen und Tschechien, soll das Zentrum nun
im  nationalen  Alleingang  realisiert  werden  –  und  zwar  in  Berlin,  in  demonstrativer
Konkurrenz zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas und zu anderen, zum
Teil  erst  noch  entstehenden  Erinnerungsstätten  für  die  Opfer  der  NS-Verbrechen,
darunter dem Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma. Steinbachs wiederholte
Beteuerungen,  man  wolle  mit  der  Stiftung  die  europäische  Dimension  der
Vertreibung  betonen  und  ein  "weltweit"  wirkendes  Instrument  schaffen,  "das  dazu
beiträgt,  Vertreibung  und  Genozid  grundsätzlich  als  Mittel  von  Politik  zu  ächten"

15

,

wirken  vor  diesem  Hintergrund  wenig  überzeugend.  Die  Verheerungen,  die  das
Vorpreschen  der  Vertriebenenfunktionärin  und  ihre  unklare  Haltung  zu  den
Restitutionsforderungen  einer  obskuren  "Preußischen  Treuhand"  in  den  deutsch-
polnischen Beziehungen angerichtet haben, bedeuten nicht zuletzt einen schweren
Rückschlag  für  die  Bemühungen  um  ein  gemeinsames  europäisches  Geschichts-
bewusstsein hinsichtlich des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen.

Nationalsozialismus und Stalinismus

Doch  die  Erinnerung  an  die  Verbrechen  des  Nationalsozialismus  ist  unterdessen
noch auf einer anderen Ebene der Relativierung ausgesetzt, auf der es ebenfalls um
deutsche  Opfer  geht:  nämlich  mit  Blick  auf  die  Verbrechen  des  Stalinismus.  Das
Problem  liegt  dabei  nicht  so  sehr,  wie  noch  zu  Zeiten  des  Historikerstreits,  in  der
Frage der Singularität des Holocaust und der Legitimität des Vergleichens, sondern
in  dem  nivellierenden  Anspruch  auf  Anerkennung  einer  "doppelten  Diktatur".  Wo
historisch-politischer Verantwortungssinn es gebietet, auf Abfolgen, Kausalitäten und
Dimensionen des Terrors zu achten, neigt eine vor allem in Ostdeutschland (natürlich
nicht bei der PDS) populäre Opferperspektive zur Entdifferenzierung des Gedenkens.
Ausgangspunkt  ist  dabei  das  Gefühl,  die  Stätten  politischer  Verfolgung  unter  der
sowjetischen Besatzung und in der DDR erführen weniger Beachtung und finanzielle
Förderung als die Orte der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Im Deutschen Bundestag hat diese Auffassung ihren Niederschlag in einem Antrag
gefunden,  mit  dem  die  Unionsfraktion  –  symbolträchtig  am  17.  Juni  2004  –  ein
"Gesamtkonzept  für  ein  würdiges  Gedenken  aller  Opfer  der  beiden  deutschen
Diktaturen" verlangte. Der "millionenfache Mord an den europäischen Juden" weide
zwar, so hieß es in einer erst nach Protesten in die

14

  Als  Einstieg  ausgezeichnet:  "Zeitschrift  für  Geschichtswissenschaft",  1/2003,  Themenheft:  Flucht

und Vertreibung in europäischer Perspektive.

15

 Zit. n. www.bund-der-vertriebenen.de/infopool/zentrumggvertreibung.php3.

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Vorlage aufgenommenen, nicht nur sprachlich misslungenen salvatorischen Klausel,
"immer ein spezielles Gedenken erfordern"; im Übrigen aber seien beide deutschen
Diktaturen  "von  einer  Gewaltherrschaft  geprägt  [gewesen],  die  sich  in  der
systematischen  Verfolgung  und  Unterdrückung  ganzer  Bevölkerungsgruppen
manifestiert  hat".  Die  Sorge,  dass  eine  solche  Argumentation  auf  angleichende
Deutung zielt, die kategorialen Unterschiede von Gewalt und Genozid verwischt und
zum Thema Zustimmung, Regimeloyalität und Täterschaft kein Wort verliert, vermag
auch  der  Hinweis  nicht  zu  zerstreuen,  mit  dem  der  einstige  DDR-Bürgerrechtler
Günter Nooke den Antrag im Parlament einbrachte: "Es steht ohne Zweifel: Bautzen
ist nicht Auschwitz! " 

16

Diese Rhetorik der Plattitüden ist Teil des Problems, das zu lösen sie vorgibt. Ihr Ziel
ist  eine  politische  Diskursverlagerung  und  die  staatliche  Kanonisierung  eines
"nationalen  Gedenkens",  das  die  historischen  Proportionen  zu  Gunsten  der
Erinnerung  an  die  Opfer  des  deutschen  Kommunismus  –  und  nicht  zuletzt:  an  die
Vorkämpfer  seiner  friedlichen  Überwindung  –  verschiebt.  Anstelle  der  deutschen
Täter  und  Mitläufer  sollen  die  deutschen  Opfer  und  Freiheitshelden  in  den
Vordergrund  treten,  und  dazu  passt,  dass  die  Antragsbegründung  drei  weitere
"Ereignisse  und  Themenkomplexe"  aufzählt,  die  "in  der  Erinnerungskultur  der
Deutschen zu Recht einen herausgehobenen Platz beanspruchen": die "Opfer von
Flucht  und  Vertreibung",  die  "zivilen  Opfer  der  alliierten  Luftangriffe"  sowie  die
"friedliche Revolution und Wiederherstellung der staatlichen Einheit " .

17

Bereits  vor  dieser  aufschlussreichen  Geschichtsdebatte  des  Bundestages,  die  im
Ausland kritischere Beachtung als im Inland fand, hatte im Februar 2003, von einer
breiteren  Öffentlichkeit  ebenfalls  kaum  registriert,  der  sächsische  Landtag  ein
Gedenkstättengesetz verabschiedet, dessen "Analogisierung und Relativierung von
NS-Verbrechen  gegenüber  denen  des  Stalinismus  und  der  Staatssicherheit  der
DDR"  den  Zentralrat  der  Juden  in  Deutschland  zur  Aufkündigung  seiner
Zusammenarbeit  mit  der  Stiftung  Sächsische  Gedenkstätten  bewog.  Auch  die
Empörung  des  stellvertretenden  Zentralratsvorsitzenden  Salomon  Korn  über  die
ethnozentrische  Rede  der  vormaligen  lettischen  Außenministerin  und  nachmaligen
EU-Kommissarin  Sandra  Kalniete,  die  im  Frühjahr  2004  auf  der  Leipziger
Buchmesse  "Nazismus  und  Kommunismus"  als  "gleich  kriminell"  bezeichnete,  von
der  Beteiligung  der  Letten  am  Holocaust  jedoch  geschwiegen  hatte,  stieß  in  den
deutschen Feuilletons auf wenig Unterstützung – ganz zu schweigen von den herben
Reaktionen auf Korns Plädoyer gegen die auf Wunsch des Bundeskanzlers von der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz präsentierte "Friedrich Christian Flick Collection " in
Berlin.

18

Schröders  dortige  Eröffnungsrede  demonstrierte,  wie  frei  sich  der  Kanzler  im
Umgang  mit  der  deutschen  Vergangenheit  fühlt:  Nicht  nur  rechtfertigte  er

16

 Vgl. Otto Köhler, Gedenkstättendialektik, in: "Blätter", 8/2004, S. 906-908.

17

 Deutscher Bundestag, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/3048 bzw. Stenographische Berichte, 114.

Sitzung vom 17.6.2004.

18

  Beide  Texte  jetzt  in:  Salomon  Korn,  Die  fragile  Grundlage.  Auf  der  Suche  nach  der  deutsch-

jüdischen  "Normalität", (erweiterte Auflage) Berlin 2004.

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die Entscheidung zu Gunsten Flicks, dabei Ursache und Wirkung vertauschend, als
eine  "Garantie  gegen  "Geschichtsvergessenheit";  seinen  Kritikern  erteilte  er  auch
noch Zensuren: "Die öffentliche Debatte, die um die Ausstellung und ihren Sammler
entbrannt  ist,  ist  produktiv  -  jedenfalls  gelegentlich  –  und  auch  lehrreich  –  nicht
immer. "

19

 In den Medien verlief die Sache am Ende so, wie Schröders spin doctors

sich das gewünscht haben mussten: im Sande, aber nicht folgenlos.

"Schlussstrich mit links" ?

Denn  inzwischen  gilt  Gerhard  Schröders  Auftritt  vor  der  Flick-Collection manchen
Beobachtern bereits als Glied in einer Kette, die mit den Veranstaltungen zum 60.
Jahrestag  des  D-Days  und  des  Warschauer  Aufstands  begann  und  außenpolitisch
mit der Teilnahme an den Moskauer Feierlichkeiten zum 9. Mai 2005 ihren Abschluss
finden soll: "Bausteine einer Neupositionierung Deutschlands – einer sehr bewussten
Vergangenheitspolitik",  so  ein  Kommentator  des  ZDF.

20

  Und  unter  der  Überschrift

"Schlussstrich  mit  links“  feierte  im  "Stern"  einer  der  treuesten  journalistischen
Interpreten des Kanzlers diesen ob seines Eintretens für Flick gar als "Erlöser, der
Schluss  macht  mit  vergangenheitsverhafteter  Selbstkasteiung.  Die  Bürde  der  NS-
Verbrechen  wird  umgeladen  von  der  Schulter  drückender  Schuldgefühle  auf  die
Schulter historischer Verantwortung - und damit leichter". 

21

Das  Ende  der  Schuld  scheint  also  nahe,  und  von  links  bis  rechts  sind  die  Er-
wartungen  an  diesen  Zustand  groß.  Einem  Land,  in  dem  keine  Täter  mehr  leben,
eröffnen sich, so die Auguren, bisher nicht gekannte Chancen, Vielleicht noch größer
als  in  der  Politik,  wo  Europa  Halt  und  Rahmen  gibt,  sind  die  Hoffnungen  in  der
Wirtschaft,  deren  Wortführer  auf  den  Abschied  von  "deutscher  Selbstzerstörung"
durch  zu  viel  Geschichte  setzen

22

  und  wo  die  erzwungene  Zwangsarbeiter-

entschädigung  als  abgehakter  letzter  Akt  auf  dem  Weg  zu  fürderhin  ungestörten
Geschäften mit dem Ausland gilt. Von dem Aufbruch in eine Unternehmenskultur, die
Anfang  der  90er  Jahre  Selbstaufklärung  und  historische  Bewusstseinsbildung
versprach,  ist  denn  auch  kaum  mehr  geblieben  als  ein  Dutzend  ungelesener
Konzerngeschichten.
Noch  unausgegoren,  aber  unübersehbar,  macht  sich  ein  neues  Geschichtsgefühl
breit.

23

  Gewiss, die politisch-normative Großdeutung der Kapitulation des Deutschen

Reiches wird auch im Abstand von 60 Jahren der Linie folgen, welcher Richard von
Weizsäcker 1985 – spät genug – zur Durchsetzung ver-

19

  Rede  von  Bundeskanzler  Schröder  zur  Eröffnung  der  Friedrich  Christian  Flick  Collection  am

21.9.2004 in Berlin, dokumentiert in: "Blätter“, 11/2004, S. 1398-1400.

2 0

  Peter  Frey,  Der  Kanzler  und  ein  neues  Klima.  in:  ZDF  online  vom  29.9.2004,

http://zdf.de/ZDFde/inhalt/21/018722195925.00.html.

21

 Hans-Ulrich Jörges, Schlussstrich mit links, in: "Stern", 46/2004, S. 60.

22

 So jetzt Hans-Olaf Henkel, Die Kraft des Neubeginns, Deutschland ist machbar, München 2004.

23

  Anstelle  einer  Vielzahl  publizistischer  Belege  und  demoskopischer  Daten  vgl.  die  empirische

Untersuchung auf der Basis einer Befragung von mehr als 2 000 Essener Studenten7 Klaus Ahlheim
und  Bardo  Heger,  Die  unbequeme  Vergangenheit.  NS-Vergangenheit,  Holocaust  und  die
Schwierigkeit des Erinnerns, Schwalbach 2002; außerdem Alphons Silbermann und Manfred Stoffers,
Auschwitz. Nie davon gehört? Erinnern und Vergessen in Deutschland, Berlin 2000.

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half und die nach einer weiteren Dekade im Westen Deutschlands so befestigt war,
wie  sie  im  Osten  bezweifelt  wurde:  der  8.  Mai  1945  als  Tag  der  Befreiung.  Doch
wenn  nicht  alle  Zeichen  trügen,  dann  leben  wir,  was  unseren  Umgang  mit  der
Vergangenheit betrifft, in einem Gezeitenwechsel. Zwar sind manche der Täter noch
immer unter uns, und die jüngsten ihrer Opfer, die damals überlebten, werden uns,
zu  unserem  Glück,  noch  ein  Zeitlang  begleiten.  Dennoch  wird  die  Zukunft  der
Vergangenheit eine Gegenwart ohne die Überlebenden sein. Damit stehen wir an der
Schwelle des Übergangs von der Erfahrung zur Geschichte.
Im Unterschied zur Zeitgenossenschaft, die nun ihren Abschluss findet, ist die "Arena
der  Erinnerungen“

24

  jedoch  gerade  erst  eröffnet.  Denn  das  "Zeitalter  des

Gedenkens", für dessen Entstehen Auschwitz die erste und entscheidende Ursache
war,

25

  kommt  nicht  zu  Ende,  aber  es  geht  nicht  mehr  in  diesem  Ursprung  auf.  In

einer  Welt  vernetzter  Gedächtnisse  und  globaler  Imagologien  ist  der  Holocaust  zu
einer  Metapher  geworden,  die  für  vieles  stehen  kann,  und  Hitler  –  auch  –  zur
Gruselgröße einer multimedialen Populärkultur.
Eine  angemessene  –  und  das  heißt  nicht  zuletzt:  auf  sich  verändernde  Fragen
Auskunft  gebende  –  Vergegenwärtigung  der  nationalsozialistischen  Vergangenheit
bleibt  auch  im  21.  Jahrhundert  politisch-moralisches  Gebot  und  intellektuelle
Herausforderung.  Nötig  allerdings  ist  dazu  Wissen,  nicht  nur  die  Bereitschaft  zur
Erinnerung. Mit Blick auf eine Gegenwart, die kein persönliches Erinnern an die NS-
Zeit mehr kennen wird, sind deshalb neue Anstrengungen gefragt. Das ist im Übrigen
nicht  allein  eine  Frage  unseres  kulturellen  Selbstverständnisses,  sondern  von
praktischem  Sinn  und  politischem  Nutzen:  Denn  nur  dort,  wo  aufgeklärtes
Geschichtsbewusstsein  entsteht,  wird  der  Abbau  kollektiver  Mythen  möglich,  die
Europa  auch  sechs  Jahrzehnte  nach  dem  Ende  des  Zweiten  Weltkriegs  noch
beschweren.

24

  Vgl.  den  Katalog  zur  Ausstellung  des  Deutschen  Historischen  Museums:  Monika  Flacke  (Hg.),

Mythen der Nationen, 1945 – Arena der Erinnerungen, 2 Bde., Mainz 2004.

25

 Vgl. Henry Rousso, La hantise du passé, Paris 1998.

Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2005, S.356-264,
Blätterverlagsgesellschaft mbH, Bonn 2005

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Rezension:  Norbert  Frei,  1945  und  Wir–  Das  Dritte  Reich  im  Bewusstsein  der
Deutschen

In  einer  ausführlichen  Besprechung  des  Buches  von  Norbert  Frei  in  der  tageszeitung  vom
17.03.05 schreibt Christian Semler unter anderem:

„Über  diesen  Phasenablauf  (unterschiedliche  Phasen  der  Auseinandersetzung  mit  der
Vergangenheit,  G.St.)  legt  Frei  ein  Generationenmodell  im  15  –  Jahres  –  Rhythmus:  die
Tätergeneration, dann die der Flakhelfer und kurz vor Kriegsende Eingezogenen, die Frei mit
der  ‚skeptischen  Generation’  identifiziert,  und  schließlich  die  68er.  Was  danach  kommt,
verschwimmt. So verführerisch es ist, mit Generationen zu hantieren, so leicht gerät hier die
Analyse auf Abwege. Frei untersucht nicht, um welches Sinn stiftende Erlebnis herum sich die
einzelnen Generationen (vereinfacht die Jahreskohorten) konstituiert haben. Auch verzichtet
er darauf, bei dieser glitschigen Erkundung soziale und ökonomische Daten als Trennpflöcke
zu  verwenden.  Ergebnisse  der  empirischen  Sozialforschung,  die  einiges  zur
Selbsteinschätzung der jeweiligen Generation beitragen könnten, werden nicht berücksichtigt.

Es  fehlen  trennscharfe  Kriterien.  Nur  ein  Beispiel:  Wieso  ist  Habermas  ein  Vertreter  der
‚skeptischen Generation’, die sich doch nach ihrem Erfinder Schelsky durch Ablehnung von
politischem Engagement und durch Misstrauen gegenüber großflächigen Ideen ausgezeichnet
hat?  Reichlich  konstruiert  scheint  mir  auch  der  Verdacht  gegenüber  ‚Teilen  der  68er’,  sie
seien jetzt ebenfalls in den Opferwettbewerb als Kriegskinder eingetreten. Das Engagement
vieler Vertreter dieser Generation, etwa für die Entschädigung der Zwangsarbeiter, spricht
da eine andere Sprache. Damit soll nicht gesagt werden, ein Generationenschema sei wertlos.
Nur, bei Norbert Frei erschließt sich seine Bedeutung nicht.

Hat Frei Recht mit seiner Feststellung, es gebe heute in der Politik wie in der Gesellschaft die
Tendenz, die Naziverbrechen ihres Orts, ihres Kontexts zu entkleiden und im Zeichen einer
falschen Universalisierung des Leids im ‚Jahrhundert der Barbarei’ untergehen zu lassen?
Für  diese  Tendenz  gibt  es  tatsächlich  beunruhigende  Hinweise,  zu  denen  auch  die
entpolitisierende  Wirkung  vieler  Erzeugnisse  der  Fernsehgeschichtsindustrie  a  la  Guido
Knopp oder Filme wie ‚Der Untergang’ gehören.

Von  deren  emotionalen  Subtexten  wären  freilich  die  offenen  politischen  Zielsetzungen  zu
unterscheiden,  wie  sie  etwa  das  ‚Zentrum  gegen  Vertreibungen’  verfolgt.  Hier  gibt  es
mittlerweile klare politische Fronten, es gibt Argumente der Befürworter wie der Gegner des
Zentrums  (darunter  übrigens  auch  68er!),  deren  Stichhaltigkeit  Frei  zu  prüfen  hätte.  Was
aber  nicht  funktioniert,  ist  eine  Art  Symptomatologie,  in  der  alles,  von  Äußerungen  des
Bundeskanzlers bis zu Helga Hirschs Lebensläufen von Vertriebenen, als Indizienkette für den
‚Gezeitenwechsel’ hinsichtlich der Beurteilung der Nazizeit aufgebaut wird.

Frei hat Recht, Bereitschaft zur Erinnerung reicht nicht, das Wissen um historische Kontexte
ist gefragt. Das trifft allerdings auch auf die gegenwärtigen Akteure zu. Denken wir nur an
die  zwiespältige  Wirkung  des  Menschrechtsdiskurses,  der  sowohl  historisches  Bewusstsein
schärfen  als  auch  abtöten  kann.  Der  Massenmord  von  Srebrenica  1995  ist  hierfür  ein
Beispiel. Einwände dieser Art mindern nicht die Bedeutung von Freis Arbeit. Sie hat einen
Fehdehandschuh  geworfen.  jetzt  ist  der  Weg  der  Auseinandersetzung  mit  den
Geschichtsmythologen offen.“

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Erika Steinbach MdB

Präsidentin des Bundes der Vertriebenen

8. Mai 1945

Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa

– integraler Bestandteil der deutschen Geschichte?

In  diesen  Monaten  blicken  wir  aus  unterschiedlichen  Perspektiven  60  Jahre  zurück.  Im
Mittelpunkt  steht  mit  Recht  das  offizielle  Kriegsende  am  8.  Mai  1945.  Gedenkveran-
staltungen  und  „Jubiläen“  dieser  Art  lassen  in  aller  Regel  entweder  den  Blick  erleichtert
zurückschweifen oder sie erzwingen eine beklemmende Rückschau. Das Ende des Zweiten
Weltkrieges  ist  für  uns  Deutsche  eine  Symbiose  beider  Gefühle.  Theodor  Heuss,  der  erste
deutsche  Bundespräsident  unserer  jungen  Demokratie  formulierte  sehr  treffend:  „Erlöst  und
vernichtet in einem.“

Mit  Ende  dieses  mörderischen  Zweiten  Weltkrieges  atmeten  nicht  nur  die  Menschen  in
unseren  Nachbarländern  auf,  sondern  auch  für  Deutsche  war  es  die  Erlösung  von
allgegenwärtiger  Angst  um  Brüder,  Väter  oder  Söhne  im  Krieg,  Angst  vor  Bombardements,
Angst  vor  den  feindlichen  Truppen,  Angst  vor  Bespitzelung  und  Denunziation.  Das  Grauen
der  nationalsozialistischen  Diktatur,  für  die  Auschwitz  zum  Synonym  wurde,  hat
grenzenloses  Leid  in  Europa  erzeugt  und  die  eigenen  Bürger  in  den  Abgrund  gerissen.  All
das hat tiefe Brüche und Risse in den Herzen und Seelen der Menschen hinterlassen.

Mit dem 8. Mai 1945 aber hatten Unmenschlichkeit und Grausamkeit in Europa noch immer
kein Ende. Stalins harte Faust lag über Mittel- und Osteuropa und raffte Millionen Menschen
vieler  Völker  dahin.  Und  über  viele  Jahre  hinweg,  bis  fast  in  die  fünfziger  Jahre,  wurden
Deutsche  aus  ganz  Mittel-  und  Osteuropa  aus  ihrer  Heimat  vertrieben  oder  waren  in
Zwangsarbeit  geknechtet.  Es  gab  keine  Fragen  nach  individueller  Schuld  oder  Ver-
antwortung.  Es  reichte  aus,  deutscher  Volksangehöriger  zu  sein,  ob  Säugling  oder  Greis,
Mann oder Frau. Alle wurden in eine Kollektivhaftung genommen, wenn sie nicht im Westen
Deutschlands ihre Heimat hatten.

Von den Ursachen her war dies auch eine Folge der NS-Diktatur. Im Ergebnis aber waren diese
Menschenrechtsverletzungen  gleichermaßen  unentschuldbar.  Ein  Historikerstreit  darüber  ist
müßig. Es reicht, die Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Jeder forsche Satz von "gerechter
Strafe" für die Verbrechen Hitlers bleibt dann im Halse stecken.

Jürgen  Thorwald  berichtet  in  dem  Sammelband  "Die  große  Flucht",  auch  wiedergegeben  im
Schwarzbuch  der  Vertreibung  von  Heinz  Nawratil,  folgendes.  Der  deutsche  Pfarrer  Karl  Seifert
stand  am Abend  des 20.  Mai 1945  in der  Gegend des  sächsischen Pirna  mit einigen  Männern
seiner  Gemeinde  am  Ufer  der  Elbe.  Er  hatte  dem  sowjetischen  Kommandanten  die  Erlaubnis
abgerungen,  tote Deutsche  zu bestatten, die  Tag für Tag an dieses  Ufer  getrieben wurden. Sie
kamen elbabwärts aus der Tschechoslowakei. Und es waren Frauen und Kinder und Säuglinge,
Greise  und  Greisinnen  und  deutsche  Soldaten.  Und  es  waren  Tausende  und  Abertausende,
von  denen  der  Strom  nur  wenige  an  jenen  Teil  des  Ufers  spülte,  an  welchem  der  Pfarrer  und
seine  Männer  die  Toten  in  die  Erde  senkten  und  ein  Gebet  über  ihren  Gräbern  sprachen.  An
diesem  20.  Mai  geschah  es,  daß  der  Strom  nicht  nur  solche  Deutsche  von  sich  gab,  die
zusammengebunden  ins  Wasser  gestürzt  und  ertränkt  worden  waren  und  nicht  nur  die
Erdrosselten  und  Erstochenen  und  Erschlagenen,  ihrer  Zungen,  ihrer  Augen,  ihrer  Brüste
Beraubten,  sondern  auf  ihm  trieb,  wie  ein  Schiff,  eine  hölzerne  Bettstelle,  auf  der  eine  ganze
deutsche  Familie  mit  ihren  Kindern  mit  Hilfe  langer  Nägel  angenagelt  war.  Als  die  Männer  die
Nägel  aus  den Händen  der  Kinder zogen,  da  konnte  der  Pfarrer nicht  mehr  die  Worte  denken,
die er in den letzten Tagen oft gedacht hatte, wenn er sich mit den Tschechen beschäftigte und

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wenn  Schmerz  und  Zorn  und  Empörung  ihn  übermannen  wollten:  "Herr  was  haben  wir  getan,
daß sie so sündigen müssen." Dies konnte er nicht mehr ...

Ortswechsel:  Im  jugoslawischen  Vernichtungslager  Gakowo  kamen  innerhalb  weniger  Monate
8500  Donauschwaben  zu  Tode.  Ab  Mai  1947  betreute  Kaplan  Paul  Pfuhl  die  Sterbenden.  In
seinem  späteren  Bericht  darüber  heißt  es  unter  anderem:  „Diese  Häuser  waren  Stätten  des
Grauens.  Wie  oft  habe  ich  Beichte  gehört  und  die  letzte  Ölung  gespendet.  Ein  Fall  steht  mir
noch  ganz  lebendig  vor  Augen.  Da  lag  eine  Frau  im  Hausgang,  ich  fragte  sie,  ob  sie  nicht
beichten wolle. Schroff wies sie mich ab. Sie hätte nichts zu beichten. Als ich ihr  zuredete, daß
wir  doch  alle  Sünden  hätten  und  die  Verzeihung  Gottes  brauchten,  kam  es  hart  über  ihre
Lippen: Mir hat Gott nichts zu verzeihen, höchstens habe ich ihm zu verzeihen.“ Für die meisten
der  deutschen  Vertreibungs-,  Deportations-  und  Lageropfer  aber  war  Gott  die  einzige  Zuflucht,
ja der Rettungsanker in ihrem fast unerträglichen Leben, in ihrem entwurzelten Dasein.

Bis  zum  Jahre  1950  fanden  acht  Millionen  Heimatvertriebene  und  Flüchtlinge  in  den
westlichen  Besatzungszonen  Aufnahme.  Vier  Millionen  in  Mitteldeutschland.  Die
Eingliederung  so  vieler  seelisch  und  teils  auch  körperlich  verwundeter  und  erschöpfter
Menschen  schien  nach  1945  schier  unmöglich.  Das  Land  lag  in  Trümmern.  Ein  fünf  Jahre
währendes  Bombardement  hatte  mehr  als  tausend  Städte  und  Ortschaften  durch  nahezu
eine  Millionen  Tonnen  Spreng-  und  Brandbomben  überwiegend  dem  Erdboden
gleichgemacht.  Aus  den  öden  Fensterhöhlen  schaute  das  Grauen.  Diesen  „mörderischen
Verheerungen“,  wie  der  Spiegel  am  6.  Januar  2003  schrieb,  fielen  mehr  als  eine  halbe
Million  Menschen  zum  Opfer.  Die  seit  dem  Mittelalter  gewachsene  deutsche
Städtelandschaft  war  weitgehend  vernichtet.  Hinzu  kam  der  moralische  Schock  mit  den
Bildern  aus  den  geöffneten  Konzentrationslagern,  die  niemanden  kalt  lassen  konnten.  Es
war kaum vorstellbar, dass aus dieser Wüstenei ein geordnetes Miteinander und eine stabile
Demokratie erwachsen konnte.

Zu  den  obdachlosen,  verarmten  und  hungernden  Einheimischen  strömten  schon  ab  1944
Millionen und Abermillionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene aus ganz Mittel-, Ost- und
Südosteuropa.  Sie  kamen  aus  den  baltischen  Ländern,  aus  Rumänien,  Jugoslawien,
Ungarn,  Polen,  der  Sowjetunion  und  der  Tschechoslowakei,  aus  den  Ländern,  in  denen  sie
seit  Jahrhunderten  siedelten.  Einige  aus  den  Gebieten,  in  die  sie  von  Hitler  umgesiedelt
worden  waren.  Und  sie  kamen  aus  dem  Osten  Deutschlands,  der  heute  zu  Polen  und
Russland  gehört.  Ohne  jede  Habe,  heimatlos,  verzweifelt  und  mit  der  festen  Hoffnung  im
Herzen auf Rückkehr.

Wie  sollte,  wie  konnte  dieses  kumulierte  menschliche  Elend  zu  einer  stabilen  Demokratie
führen? Das war völlig unvorstellbar. Stalin hatte gehofft, dass die Millionen Vertriebenen das
ohnehin  daniederliegende  Deutschland  destabilisieren  würden  und  auch  Westdeutschland
unweigerlich in die Arme des Kommunismus treiben würde.

Konrad  Adenauer,  der  erste  deutsche  Bundeskanzler,  war  sich  dessen  bewusst.  Zu  Beginn
seiner  Kanzlerschaft  1949  stellte  er  fest:  „Ehe  es  nicht  gelingt,  den  Treibsand  der  Millionen
von  Flüchtlingen  durch  ausreichenden  Wohnungsbau  und  Schaffung  entsprechender
Arbeitsmöglichkeiten  in  festen  Grund  zu  verwandeln,  ist  eine  stabile  innere  Ordnung  in
Deutschland  nicht  gewährleistet“.  In  der  Aufnahme  und  Eingliederung  dieser  riesigen
Menschenmasse  sah  er  eines  der  drängendsten  Probleme  der  jungen  westdeutschen
Demokratie,  in  der  die  ersten  Früchte  des  Marshall-Plans  erst  langsam  wuchsen.  Er  schuf
ein  eigenes  Ministerium  für  Flüchtlinge  und  Vertriebene  mit  dem  Schlesier  Hans  Lukaschek
an  der  Spitze.  Und  in  einer  ganzen  Reihe  von  Gesetzen  wurde  in  dieser  ersten
Legislaturperiode  unserer  jungen  Demokratie  der  Grundstein  für  eine  friedliche  Zukunft
gelegt. Stalins Rechnung ging nicht auf.

Wie  aber  fand  die  Aufnahme  dieses  Teils  deutscher  Geschichte  in  unsere  Gesetze,
Lehrbücher  und  Köpfe  der  Menschen  statt?  Was  ist  bis  heute  geblieben  an  Folgen  für  die
Praxis  und  an  Anteilnahme  im  Bewusstsein  der  Vertriebenen  und  der  Nicht-Vertriebenen?

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Die  „integralen  Bestandteile  der  deutschen  Geschichte“  spiegeln  sich  auch,  aber  nicht  nur
am  Niedergeschriebenen  in  Geschichtsbüchern  wieder.  Im  folgenden  wird  daher  der  Reihe
nach  eingegangen  auf  die  Gesetzgebung  unmittelbar  nach  Kriegsende,  auf  die  Integration
der  Menschen,  ihres  Kulturgutes  und  der  landsmannschaftlichen  Zusammenschlüsse,  auf
die  politische  und  insbesondere  wissenschaftliche  Aufbereitung-  und  Erinnerungskultur  und
damit auf das öffentliche Bewusstsein in Deutschland.

Eines  der  ersten  überhaupt  vom  Deutschen  Bundestag  verabschiedeten  Gesetze  war  das
Soforthilfegesetz vom September 1949. Von Gewicht war auch das Lastenausgleichsgesetz
von  1952.  Mit  dem  Bundes-Vertriebenen-  und  Flüchtlingsgesetz  vom  19.  Mai  1953  war  die
so  genannte  Kriegsfolgengesetzgebung  vorläufig  abgeschlossen.  Dieses  Gesetz  ging  über
die sozialen Aspekte weit hinaus. Es hatte und hat den Sinn, den Deutschen aus dem Osten
einen  angemessenen  Platz  in  der  hier  heimischen  Gesellschaft  zu  gewährleisten  und  per
Legaldefinition festzuschreiben, wer Heimatvertriebener, wer Vertriebener, wer Flüchtling ist.
Der  wirtschaftlichen  Eingliederung  zu  Beginn  der  50er  Jahre  und  der  ersten  Sicherung
wenigstens  elementarster  Grundbedürfnisse  sollte  nun  die  gesellschaftliche  Eingliederung
folgen.  Integration,  nicht  Assimilation  war  und  ist  das  Ziel  dieses  Gesetzes.  Das  sind  die
ideellen  Grundgedanken  von  Eingliederungspolitik,  die  den  Vertriebenen  nicht  mit  bloßer
Caritas, sondern mit Solidarität und Gleichberechtigung begegnen will.

Den  grausamen  Kriegs-  und  Nachkriegsverlusten  Deutschlands  stehen  auf  der  anderen
Seite  unschätzbare  Gewinne  der  Aufnahmegesellschaft  gegenüber,  auch  wenn  diese  das
zunächst überhaupt nicht so gesehen hat: Das „unsichtbare Fluchtgepäck“ der Vertriebenen,
ihr  technisches,  handwerkliches  oder  akademisches  know  how,  ihre  sieben-,
achthundertjährige  kulturelle  Erfahrung  im  Neben-  und  Miteinander  mit  ihren  slawischen,
madjarischen, baltischen oder rumänischen Nachbarn  hat Deutschland nachhaltig geprägt –
Erfahrungen,  die  in  Verbindung  mit  vielfacher  Mehrsprachigkeit  in  keinem  anderen
westlichen  Industriestaat  so  verdichtet  sind  wie  in  Deutschland!    Die  Heimatvertriebenen
haben interkulturelle Kompetenz mitgebracht. Und sie haben als unsichtbares Fluchtgepäck
ihre  kulturelle  Identität  eingebracht.  Es  war  nichts,  was  sofort  sichtbar  gewesen  wäre,
sondern  das,  was  in  Kopf  und  Herzen  mitgetragen  wurde  aus  der  Heimat  hierher.  Es  war
allerdings hörbar in den Klangfarben der regionalen Mundarten.

Das  Bundesvertriebenengesetz  macht  deutlich,  dass  das  Kulturgut  der  Vertriebenen
gesamtdeutsche  Aufgabe  ist.  Unverzichtbarer  Teil  der  Identität  des  ganzen  deutschen
Volkes.  Das  Erbe  der  Karlsuniversität  in  Prag  hat  unser  Volk  genauso  geprägt  wie  das  der
Universitäten Königsberg, Breslau, Dorpat, Czernowitz oder Heidelberg, Tübingen, Marburg,
München, Leipzig oder Berlin. Das zu ignorieren hieße, geistige Wurzeln kappen. So war es
weise,  dass  Bund  und  Länder  der  jungen  Bundesrepublik  Deutschland  1953  mit  diesem
Gesetz die Verantwortung für das gesamte kulturelle Erbe unabhängig von Grenzen und von
staatlicher Zugehörigkeit hervorhoben. So heißt es in § 96 BVFG: „Bund und Länder haben
das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge,
des  gesamten  deutschen  Volkes  und  des  Auslandes  zu  erhalten,  Archive,  Museen  und
Bibliotheken  zu  sichern,  zu  ergänzen  und  auszuwerten,  sowie  Einrichtungen  des
Kunstschaffens und der Ausbildung sicherzustellen und zu fördern. Sie haben Wissenschaft
und  Forschung  bei  der  Erfüllung  der  Aufgaben,  die  sich  aus  der  Vertreibung  und  der
Eingliederung  der  Vertriebenen  und  Flüchtlinge  ergeben,  sowie  die  Weiterentwicklung  der
Kulturleistungen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu fördern“. Dieser gesetzliche Auftrag ist
geboren  aus  der  Erkenntnis,  dass  es  ein  einheitliches,  ein  gemeinsames  kulturelles
Fundament  gibt.  Hier  liegt  heute  in  der  Umsetzung  des  Gesetzesauftrages  manches  im
Argen.

Die  schönsten  Seiten  unseres  Vaterlandes  sind  in  seinem  kulturellen  Reichtum  mit  vielen
unterschiedlichen  Facetten  zu  finden.  In  schöpferischem  Geist  erwuchsen  über  die
Jahrhunderte Musik, Literatur, Philosophie, Baukunst und Malerei. Neugier an Wissenschaft
und  Forschung  hatten  Heimstatt  an  den  Hochschulen.  Studenten  aus  aller  Welt  pilgerten

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deshalb  zu  deutsch  geprägten  Universitäten  in  und  außerhalb  Deutschlands.  Bedeutende
Frauen und Männer hatten ihre Wurzeln in den Vertreibungsgebieten:

 

Gregor Mendel, Ferdinand Porsche, Bertha von Suttner, Adalbert Stifter, Marie von
Ebner Eschenbach, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka oder Franz Werfel in Böhmen
und Mähren,

 

Andreas Schlüter, Arthur Schopenhauer oder Franz Halbe in Danzig,

 

Nikolaus Kopernikus oder Emil von Behring in Westpreußen,

 

Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, E.T.A. Hoffmann, Lovis Corinth, Käthe
Kollwitz, Agnes Miegel, Ernst Wiechert oder Hannah Arendt in Ostpreußen,

 

Angelus Silesius, Friedrich Schleiermacher, Joseph von Eichendorff, Adolf von
Menzel, Gustav Freytag, Gerhart Hauptmann oder Edith Stein in Schlesien,

 

Ernst Moritz Arndt, Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Rudolf Virchow oder
Otto Lilienthal in Pommern,

 

Werner Bergengruen im Baltikum und

 

Gregor von Rezzori und Rose Ausländer in der Bukowina oder

 

die Familie unseres derzeitigen Bundespräsidenten Horst Köhler in Bessarabien.

Und das ist nur eine kleine Auswahl.

Eine  andere,  ebenso  wichtige  Wegmarkierung  enthält  dieses  Gesetz.  Es  legt  fest,  wer  als
deutscher  Vertriebener  oder  Flüchtling  gilt  und  dauerhaft  hier  Aufnahme  finden  durfte  und
darf.  Das  hat  Auswirkungen  bis  heute.  Seit  dem  Abschluss  der  so  genannten  allgemeinen
Vertreibungsmaßnahmen  1950  sind  auf  der  Grundlage  dieses  Gesetzes  über  vier  Millionen
Deutsche  und  Familienzugehörige  als  Aussiedler  aus  den  Vertreibungsgebieten  in  die
Bundesrepublik Deutschland gekommen, die meisten seit 1988/89. Hunderttausende warten
noch  auf  ihre  Aufnahmebescheide,  weil  sie  es  in  den  jetzigen  Wohnsitzstaaten  nicht  mehr
aushalten.

Das  trifft  insbesondere  auf  die  Deutschen  aus  Russland  zu.  Die  gesamte  deutsche
Volksgruppe in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion war seit 1941 über Jahrzehnte von
kollektiven  Strafmaßnahmen  betroffen.  Die  Auswirkungen  reichen  bis  heute.  Die
jahrzehntelange  zwangsweise  Verbannung  mit  den  Einweisungen  in  Sondersiedlungen,  der
jahrelange  Dienst  als  Zwangsarbeiter  in  der  Trudarmee,  der  Verlust  der  Bürgerrechte  und
aller  kulturellen  Einrichtungen  haben  nicht  nur  die  Existenz  des  Einzelnen  und  seiner
Familie,  sondern  auch  die  Grundlagen  der  nationalen  Identität  der  Volksgruppe  erschüttert
und  vielfach  zu  einer  dauerhaften  Entwurzelung  geführt,  unter  der  die  Deutschen  aus
Russland noch immer zu leiden haben.

Die  Härte  des  Lebens  in  der  Verbannung,  der  Mangel  an  einfachen  Unterrichtsmaterialien,
strikte  Verbote  oder  administrative  Hürden  haben  dazu  geführt,  dass  16  Jahre  lang  ein
großer Teil der Kinder und Jugendlichen keine Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen.
Damit  war  eine  ganze  Generation  der  partiellen  oft  sogar  der  totalen  Analphabetisierung
Preis  gegeben.  Eine  Rehabilitierung  der  Deutschen  hat  es  nie  gegeben.  Mit  dem
Aufkommen  nationalistischer  Tendenzen  in  den  mittelasiatischen  Republiken,  den
Verbannungsgebieten, in denen sie überwiegend nach wie vor leben, waren sie in den 90-er
Jahren  einem  verstärkten  Aussiedlungsdruck  ausgesetzt.  Rechtlich  und  moralisch  trägt
Deutschland  eine  besondere  Verantwortung  für  diese  Menschen,  die  länger  und
schmerzhafter  als  andere  darunter  leiden  mussten,  dass  sie  als  Deutsche  geboren  und
Opfer einer unmenschlichen Nationalitätenpolitik Stalins wurden.

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Hannah  Arendt,  in  Königsberg  aufgewachsen,  gehörte  zu  den  vielen  Vertriebenen  der
Hitlerdiktatur.  Für  sie  gab  es  keinen  Determinismus,  der  in  die  Barbarei  führen  muss.  Ihr
Werk  ist  bis  heute  eine  Schatzkammer  für  politisches  Denken.  Mit  ihrem  scharfen  Intellekt
erkannte  sie  als  eines  der  brisantesten  Probleme  der  modernen  Zivilisation  das  Phänomen
der  Flüchtlinge.  Das  erste  Menschenrecht  ist  nach  Hannah  Arendt  das  Heimatrecht,  denn
„der  erste  Verlust,  den  die  Rechtlosen  erlitten,  war  der  Verlust  der  Heimat.  Die  Heimat
verlieren heißt die Umwelt verlieren, in die man hineingeboren ist und innerhalb der man sich
einen  Platz  geschaffen  hat,  der  einem  sowohl  Stand  und  Raum  gibt“.  Wie  ähnlich  klingt  es
doch  in  der  Charta  der  deutschen  Heimatvertriebenen:  „Heimatlose  sind  Fremdlinge  auf
dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang
von seiner Heimat zu trennen bedeutet, ihn im Geiste zu töten“.

Heute,  60  Jahre  nach  Beginn  der  gezielten  Massenvertreibungen  kann  man  von  einer  alles
in  allem  gelungenen  Eingliederung  von  weit  über  zwölf  Millionen  Vertriebenen  und  vier
Millionen  Aussiedlern  in  die  deutsche  Gesellschaft  sprechen,  wenn  wir  von  den
Spätaussiedlern  dieser  Tage  absehen.  Vieles,  was  in  den  50er  Jahren  noch  dringend  und
drängend  war,  ist  es  eben  heute  nicht  mehr  –  dank  der  Eingliederungsleistung,  die  die
Vertriebenen,  die  Aussiedler  und  die  Einheimischen  gemeinsam  erbracht  haben.  Diese
großartige  Gemeinschaftsleistung  war  und  ist  nahezu  ein  Wunder.  Erst  daraus  konnte
Frieden und Wohlstand in Deutschland erwachsen.

Der  französische  Politikwissenschaftler  Alfred  Grosser  hat  die  Integration  der  Vertriebenen
und  Flüchtlinge als die  größte sozial- und wirtschaftspolitische  Aufgabe bezeichnet,  die  von
der  Bundesrepublik  gemeistert  worden  sei.  Dem  kann  ich  nur  zustimmen.  Dennoch  wird  in
der  Darstellung  der  Nachkriegsgeschichte  Deutschlands  diese  grandiose  Leistung  praktisch
nicht  benannt,  sondern  überwiegend  ignoriert.  Warum  aber  konnte  diese  Herkulesaufgabe
gelingen?  Die  Aufnahme  einer  solch  großen  Zahl  von  Menschen  in  so  kurzer  Zeit  hätte
schon ein intaktes Staatswesen vor kaum lösbare Probleme gestellt.

Zweierlei  hat  dazu  beigetragen.  Der  erste  Grund:  Die  Heimatvertriebenen  haben  nicht
Rachegedanken  kultiviert,  sondern  immer  und  immer  wieder  manifestiert,  dass  sie
Versöhnung wollen mit den Staaten und den Menschen, die sie vertrieben haben. Und in der
schon legendären Charta von 1950 zudem artikuliert: „Wir werden durch harte, unermüdliche
Arbeit  teilnehmen  am  Wiederaufbau  Deutschlands  und  Europas“.  Aber  auch  in  der  DDR
haben  die  Vertriebenen  unter  ganz  anderen,  viel  schwierigeren  Bedingungen  ihren  Beitrag
zum  Aufbau  geleistet.  Obwohl  sie  sich  nicht  zusammenschließen  durften,  keine  Not-  und
Trostgemeinschaften bilden konnten wie die Vertriebenen im Westen Deutschlands.

Der  zweite  Grund,  warum  unsere  Demokratie  eine  Chance  hatte,  zu  wachsen  und  stabil  zu
werden:  Die  Parteien  der  Bundesrepublik  Deutschland  unterstützten  über  zwei  Jahrzehnte
einmütig  die  Anliegen  der  Vertriebenen  und  waren  sich  ihrer  Verantwortung  sehr  bewusst.
Nicht  nur  Bundeskanzler  Adenauer,  sondern  auch  der  Fraktionsvorsitzende  der
Sozialdemokratischen  Opposition,  Kurt  Schumacher,  und  Erich  Ollenhauer  als  Partei-
vorsitzender  standen  an  der  Seite  der  Heimatvertriebenen  und  mit  ihnen  der  freidemo-
kratische Bundespräsident Theodor Heuss.

Doch  Ende  der  60-er  Jahre  wandelte  sich  das  Klima.  Es  kam  zu  einem  Prozess  der
Entsolidarisierung  großer  Teile  der  politischen  Klasse,  insbesondere  der  politisch  links
Stehenden  gegenüber  den  Vertriebenen.  Ein  Mantel  des  Schweigens  und  Verschweigens
begann sich über Deutschland zu legen.

Selbstkritisch  stellte  Bundesinnenminister  Otto  Schily  1999  in  seiner  Rede  im  Berliner  Dom
fest:  „Die  politische  Linke  hat  in  der  Vergangenheit,  das  lässt  sich  leider  nicht  bestreiten,
zeitweise  über  die  Vertreibungsverbrechen,  über  das  millionenfache  Leid,  das  den
Vertriebenen  zugefügt  wurde,  hinweggesehen,  sei  es  aus  Desinteresse,  sei  es  aus
Ängstlichkeit  vor  dem  Vorwurf,  als  Revanchist  gescholten  zu  werden,  oder  sei  es  in  dem
Irrglauben,  durch  Verschweigen  und  Verdrängen  eher  den  Weg  zu  einem  Ausgleich  mit

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unseren  Nachbarn  im  Osten  zu  erreichen.  Dieses  Verhalten  war  Ausdruck  von  Mutlosigkeit
und  Zaghaftigkeit.  Inzwischen  wissen  wir,  dass  wir  nur  dann,  wenn  wir  den  Mut  zu  einer
klaren Sprache aufbringen und der Wahrheit ins Gesicht sehen, die Grundlage für ein gutes
und  friedliches  Miteinander  finden  können“.  Das  hat  sich  auf  das  Gesamtklima  unseres
Landes positiv ausgewirkt. Auch wenn bis heute noch nicht jeder davon zu überzeugen war,
so gibt es immerhin eine lebendige Diskussion, der sich kein Medium verschließt.

Dem  objektiven  Sachverhalt  der  völligen  gewaltsamen  Umformung  der  beiden  deutschen
Nachkriegsgesellschaften  BRD  und  DDR  durch  die  Aufnahme  soziokulturell,  religiös  oder
dialektal  teilweise  total  von  den  Aufnahmeregionen  unterschiedenen  Vertriebenen  und
„Flüchtlingen“ stand über sehr lange Zeit eine subjektive Wahrnehmungsverweigerung dieser
ganz  Deutschland  und  das  gesamte  Deutsche  Volk  betreffenden  einschneidenden
Katastrophe  gegenüber.  Das  Thema  Vertreibung  wurde  primär  als  soziales  Problem
gesehen  und  nicht  als  deutsche  Identitätsfrage.  In  jüngster  Zeit  hat  sich  das  deutlich
geändert.

War  es  während  des  Kalten  Krieges  noch  wenig  opportun  und  „nicht  politisch  korrekt“,  sich
mit  Völkermord,  Vertreibung  und  ethnischer  Säuberung  zu  beschäftigen,  wenn  Deutsche
eben  nicht  Täter,  sondern  unschuldige  Opfer  waren,  so  änderte  sich  dies  spätestens  in  der
Zeit  der  grausigen  Balkankriege  1991-95  und  endgültig  1999,  als  deutsche
Bundeswehrsoldaten  mit  ihren  NATO-Kameraden  dem  Gemetzel  auf  dem  Amselfeld
(Kosovo)  ein  Ende  bereiteten.  Doch  selbst  damals  vor  sechs  Jahren  kamen  führende
bundesdeutsche Außenpolitiker nicht ohne eine Rechtfertigung der NATO-Intervention unter
Beteiligung  der  Bundeswehr  durch  eine  Parallelisierung  der  serbischen  Verbrechen  mit
„Auschwitz“  aus,  obwohl  eine  solche  mit  dem  Grauen  im  Deutschen  Osten  oder  auf  dem
Balkan 1944/46 doch sehr viel näher gelegen hätte: Vukovar, Ossijek (Esseg) oder Slavonski
Brod  waren  nicht  erst  1991/92,  sondern  schon  1944/48  Orte  schrecklicher  „ethnischer
Säuberungen“,  doch  waren  damals  die  Opfer  nicht  Kroaten,  sondern  deutsche
Donauschwaben.  Der  Vertreibung  der  Donauschwaben  aus  Jugoslawien,  die  nur  von  zwei
Dritteln  der  nicht  zuvor  bereits  Geflüchteten  überlebt  wurde,  hat  der  Würzburger
Völkerrechtler  Dieter  Blumenwitz  in  einem  wissenschaftlichen  Gutachten  Völkermord-
charakter attestiert.

Nur  wenige  begriffen  bereits  in  den  50er  Jahren,  was  die  Vertreibung  und  die  Aufnahme
Millionen  ost-  und  sudeten-  und  südostdeutscher  Heimatvertriebener  in  West-  und  dem
damaligen  Mitteldeutschland  bedeutete.  Der  bedeutende  Soziologe  Eugen  Lemberg
beschrieb  schon  1950  den  unter  tumultuarischen,  von  Not  und  Mangel  bestimmten
Nachkriegsverhältnissen  verlaufenden  und  oft  auch  konfliktreichen  Prozeß wissenschaftlich
kühl-distanziert  als  die  „Entstehung  eines  neuen  Volkes  aus  Binnendeutschen  und
Ostvertriebenen“, also gewissermaßen als intraethnische Ethnomorphose. Niemals seit dem
Augsburger  Religionsfrieden  1555  oder  seit  dem  Dreißigjährigen  Krieg  waren  die
demographischen  und  konfessionellen  Verhältnisse  in  Deutschland  dermaßen  umgestürzt
worden.  Jeder  zweite  Deutsche  lebte  schon  1945  nicht  mehr  dort,  wo  er  1939  seinen
Lebensmittelpunkt  gehabt  hatte.  Nicht  nur  die  Vertriebenen,  auch  die  Ausgebombten,
Evakuierten  oder  Kriegsgefangenen.  Jedoch:  Außer  den  Vertriebenen  konnten  alle  in  ihre
Heimatorte  zurückkehren,  wenn  sie  denn  wollten.  Nicht  so  die  Vertriebenen.  Hundert-
tausende  zogen  es  deshalb  vor,  aus  dem  zertrümmerten  Deutschland  nach  Übersee
auszuwandern.

Wie  hat  sich  die  Wissenschaft  zur  Vertreibung  der  Deutschen  verhalten?  Unverzichtbares
Standardwerk  ist  nach  wie  vor  die  Dokumentation  der  Vertreibung,  die  so  genannte
Schieder-Dokumentation,  hat  Karl  Schlögel  sehr  richtig  festgestellt.  Er  selbst  hat  im  letzten
Jahrzehnt  bemerkenswerte  Beiträge  geliefert.  Die  bedeutendsten  Beiträge  zur  Aufarbeitung
der Vertreibung und ihrer Vorgeschichte in den späten 60er und den 70er Jahren kamen von
Ausländern; beispielhaft seien genannt der Amerikaner Alfred de Zayas mit seinem bis heute
nicht  überholten  Standardwerk  „Die  Anglo-Amerikaner  und  die  Vertreibung  der  Deutschen“
(1978)  und  der  Niederländer  Hiddo  M.  Jolles  „Zur  Soziologie  der  Heimatvertriebenen  und

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Flüchtlinge“, 1965. Natürlich gab es über die ganzen Jahrzehnte unzählige wissenschaftliche
Veröffentlichungen und wichtige Bücher zum Geschehen. Eine breite Rezeption fand jedoch
nicht  statt.  Die  ganze  Thematik  galt  offen-kundig  bis  weit  in  die  80er  Jahre  der  mittlerweile
etablierten „68er“ ´scientific community´ als anachronistisch, wenn nicht gar als suspekt und
anrüchig.  Erst  gegen  Ende  der  80er  Jahre  begann  man  im  Zuge  einer  theoretisch  hoch
aufgeladenen  und  alimentierten  Welle  zur  „Migrationsforschung“,  sich  auch  wieder  für  die
ost- und sudetendeutschen Migranten zu interessieren. Zahllose und oft verdienstvolle Lokal-
und  Regionalstudien  zur  Aufnahme  und  Eingliederung  der  Vertriebenen  sind  seither
erschienen.

Die  Vertreibung  selber  als  historisches  prae  kam  aber  erst  in  den  90er  Jahren  wieder  ins
Blickfeld  der  akademischen  Öffentlichkeit.  Dies  hatte  wohl  zwei  Gründe:  Zum  einen  die
„ethnischen  Säuberungen“  im  zerfallenen  Jugoslawien  1991-95,  die  man  jeden  Abend  per
TV dokumentiert bekam und ganz andere Einstellungen evozierte als irgendwelche vielleicht
viel  schlimmeren  Massenmorde  in  Vorderasien,  Zentralafrika  oder  sonst  wo  „weit  hinten  in
der  Türkei“  (J.W.  Goethe).  Zum  anderen  die  Tatsache,  daß  sich  seit  dem  Zusammenbruch
des  Kommunismus  in  Ostmittel-  und  Südosteuropa  dort  junge  Historiker,  Germanisten,
Sozialwissenschaftler  etc.  nach  der  teilweisen  –  und  inzwischen  zum  Teil  auch  wieder
zurückgenommenen  –  Öffnung  der  Archive  offen  und  unbefangen  mit  den  Nachkriegs-
geschehnissen  in  den  früheren  Ostprovinzen  und  anderen  Herkunftsgebieten  deutscher
Vertriebenen befassten.

In der jüngsten Zeit sind sehr viele gediegene und wissenschaftlich wertvolle Arbeiten nicht
mehr  nur  zu  Aufnahme  und  Eingliederung  der  Vertriebenen,  sondern  zur  Vertreibung  und
ihrer  Vorgeschichte  selber  erschienen.  In  Polen,  in  Ungarn,  in  Tschechien,  mit  einiger  Ver-
zögerung  in  Deutschland  und  inzwischen  z.B.  sogar  in  Serbien  –  und  das  sogar  noch  zu
Zeiten eines Milosévic´.

Im  Falle  der  deutschen  Geschichte  im  20.  Jahrhundert  haben  wir  es  mit  dem  einzigartigen
Fall zu tun,  daß seit eineinhalb Generationen dutzende Schülerjahrgänge – ausdrücklich, oft
unausdrücklich  –  die  Geschichte  ihres  Heimatlandes  nur  in  Fragmenten  kennengelernt
haben. Glücklicherweise ändert sich das zur Zeit. Deutsche Vertriebene hatten keinen Platz
in  einem  häufig  gewollt,  des  öfteren  aber  fast  fahrlässigen  ideologisiertem
Bildungsprogramm.  Wer  diese  Feststellung  für  überspitzt  hält,  lese  die  luzide  und  im
Ergebnis  äußerst  ernüchternden  Analyse  von  Richtlinien  und  Schulbüchern  im  Fach
Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart „Der historische deutsche Osten im Unterricht“ von
Jörg-Dieter  Gauger  (2001).  Der  Verfasser  resümiert.  „  Das  beruhigende,  pazifizierte  und
stillgelegte  Europa,  in  dem  wir  heute  leben,  ist  in  Wahrheit  aus  einem  ungeheuren  Tumult
von Flucht- und Umsiedlungsbewegungen hervorgegangen. Dieser Tumult hatte so ziemlich
alles  erfasst:  die  Grenzen,  die  einmal  anders  verliefen,  die  Städte,  in  denen  einmal  andere
Bevölkerungen  und  Bevölkerungsgruppen  lebten,  die  Regionen,  in  denen  andere  Sprachen
gesprochen  wurden.  Wer  heute  über  Europa  sprechen  will,  muß  ...  von  den  Säuberungen
und Entmischungen, denen es unterworfen war, sprechen.“

Die  überwältigende  Mehrheit  der  15  Mio.  deutschen  Vertriebenen  stammte  nicht  aus
irgendwelchen  Mischzonen,  Gemengelagen  oder  Minderheitengebieten,  sondern  aus  seit
Jahrhunderten kompakt deutsch besiedelten Gebieten, über 70 Prozent davon überdies aus
deutschem  und  Danziger  Staatsgebiet.  So  etwas  hatte  es  seit  biblischen  Zeiten  nicht  mehr
gegeben.  Das  macht  einen  enormen  qualitativen  Unterschied  etwa  zu  den  „ethnischen“
Säuberungen in Kroatien und Bosnien-Herzegovina 1991-95 aus, wo es sich tatsächlich um
eine  freilich  gleichfalls  verbrecherische  menschenrechtswidrige  gewaltsame    „Entmischung“
handelte.

Darüber sollte nicht vergessen werden, daß auch hunderttausende Deutscher über zum Teil
abenteuerliche  Odysseen  aus  Gegenden  nach  Deutschland  gelangten,  von  denen  außer
Fachleuten  heute  kaum  jemand  mehr  etwas  weiß.  Wer  weiß  denn,  daß  in  der  heute
serbischen  Vojvodina  die  donauschwäbischen  Siedlungsgebiete  Batschka  sowie  Teile  des

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Banats und Syrmiens liegen? Wer weiß, daß die Sathmarer Schwaben nicht aus dem Allgäu
stammen,  sondern  aus  dem  Nordwesten  Rumäniens  –  oder  dem  Südosten  Ungarns,  wie
mans  nimmt.  Die  weitverbreitete  Unkenntnis  über  die  Vielfalt  der  Herkunftsgebiete  der
deutschen  Vertriebenen  wird  beispielhaft  deutlich  an  der  allgemeinen  Verwirrung  über  die
Herkunft  unseres  jetzigen  Bundespräsidenten.  Die  Köhlers  waren  eine  deutsche  Familie  in
Bessarabien – also dem heutigen Moldawien – wo deutsche Kolonisten seit Beginn des 19.
Jahrhunderts  auf  den  Ruf  der  damaligen  russischen  Zaren  hin  siedelten.  Nach  der
Umsiedlung  1940  infolge  des  Hitler-Stalin-Pakts  und  der  erzwungenen  Abtretung
Bessarabiens  durch  Rumänien  an  die  UdSSR  landete  die  Familie  zwischenzeitlich  in
Siebenbürgen und nach einiger Zeit im – heutigen – Südosten Polens, also in West-Galizien,
wo Horst Köhler 1943 zur Welt kam.

Man  mag  diesen  prominenten  „Fall“  als  Beispiel  für  die  Irrungen  und  Wirrungen  der
Geschichte  der  Deutschen  in  und  außerhalb  Deutschlands  in  den  40er  Jahren  des
vergangenen  „Jahrhunderts  der  Vertreibungen“  nehmen;  eine  anekdotische  Ausnahme  war
er nicht. Für die außerhalb der Reichsgrenzen lebenden Volksdeutschen – aus Bessarabien
und dem Buchenland, aus den baltischen Ländern und Wolhynien, aus Ost-Galizien und der
Dobrudscha  zwischen  Unterlauf  der  Donau  und  Schwarzem  Meer  -  war  es  eher  der
Regelfall, aufgrund von ihnen nicht oder kaum zu beeinflussenden politischen Entwicklungen
und Entscheidungen umgesiedelt, „eingedeutscht“, angesiedelt und schlußendlich vertrieben
zu werden wie auch die neun Millionen Reichsdeutschen.

All  diese  Facetten  deutscher  Geschichte  gehören  zur  gesamtdeutschen  Identität.  Hier  ist
heute  nach  wie  vor  ein  riesiger  weißer  Fleck  zu  sehen.  Wer  sind  wir?  Wie  haben  wir  im
heutigen  Deutschland  zueinander  gefunden?  Das  ist  für  die  meisten  Deutschen  Terra
incognita.  Die  Stiftung  ZENTRUM  GEGEN  VERTREIBUNGEN  will  diesen  Mangel  beheben
helfen.

Die  Vertreibung  der  Deutschen  aus  Ostmitteleuropa  –  integraler  Bestandteil  der  deutschen
Geschichte?  Unbedingt.  Aber  eben  zugleich  ein  noch  im  kollektiven  Bewusstsein  zu
integrierender. Dieser Teil deutscher und europäischer Geschichte und Schicksale geht nicht
nur die Opfer an, sondern alle Deutschen. Im Bewusstsein ist das bis heute nicht.

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Der folgende Text von Hans-Ulrich Wehler ist ein Auszug aus seiner Einleitung
zu:  Die  Flucht.  Über  die  Vertreibung  der  Deutschen  aus  dem  Osten.  Hrsg.
Stefan Aust und Stephan Burgdorf, dtv, München 2005, S. 9 - 14

Jahrzehntelang blieb die Diskussion über dieses euphemistisch "Transfer" genannte
Verbrechen  eine  Sache  der  Landsmannschaften  und  Vertriebenenverbände.
Dagegen  wurde  die  allgemeine  Öffentlichkeit  in  Westdeutschland  –  in  der
Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR blieb das Thema ohnehin tabu -
durch dieses Problem nur relativ selten bewegt. Diese Zurückhaltung besaß geraume
Zeit  ihre  Berechtigung.  Denn  die  Deutschen  mussten  sich  erst  den  eigenen
Verbrechen  stellen,  mithin  die  Gefahr  vermeiden,  deutsches  Leid  sogleich  gegen
deutsche  Untaten  aufzurechnen  –  etwa  gegen  das  Menschheitsverbrechen  des
Holocaust.  Bei  diesem  Massenmord  an  zwei  Dritteln  der  europäischen  Judenheit
ging es um eine geradezu industrielle Liquidierung ohne Ansehen von Person, Alter
und Geschlecht, während die deutschen Vertriebenen trotz aller Schrecken ungleich
verteilte Überlebenschancen besaßen.

Jahrzehntelang  lief  die  Mehrheitsmeinung  darauf  hinaus,  den  Vertriebenen  die
Privatisierung  ihres  Leids  zuzumuten.  Nach  ersten  Untersuchungen  in  den
1950er/60er  Jahren  kam  auch  im  Grunde  keine  seriöse  Vertreibungsforschung  in
Gang. Erst in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist Bewegung in diese Problematik
geraten.  Mit  der  Fusion  der  beiden  Neustaaten  von  1949  entstand  erstmals  ein
deutscher  Staat,  der  ohne  Grenz-  und  Minderheitenprobleme  existiert.  Diese
neuartige Konstellation erleichtert die nüchterne Analyse, die nach Möglichkeit eine
vergleichende  Perspektive  besitzen  sollte.  So  gehört  etwa  die  Vertreibung  der
Deutschen aus Schlesien in ein und den selben Zusammenhang mit der Vertreibung
der Polen aus dem im Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugesprochenen Ostpolen.
Überdies  haben  die  Balkankriege  der  1990er  Jahre  die  Gräuel  der  "ethnischen
Säuberung"  erneut  heraufbeschworen.  Sie  erinnern  an  die  Erfahrungen  der
Vertriebenen ein halbes Jahrhundert zuvor, und sie demonstrieren auch den damals
nicht  betroffenen  jüngeren  Deutschen  die  barbarischen  Schrecken  dieser
Gewaltpolitik.

Die  jetzt  in  der  Bundesrepublik  einsetzende  Diskussion  könnte  eine  befreiende
Wirkung  insofern  haben,  als  die  verdrängte,  abgesunkene  Leidensgeschichte  von
Millionen  Menschen  zutage  gefördert  wird  und  endlich  im  hellen  Licht  der
Öffentlichkeit ernsthaft diskutiert werden kann. Offensichtlich gibt es dabei aber eine
Gefahr:  Wenn  diese  Diskussion  nicht  behutsam,  auch  ohne  Selbstgerechtigkeit,
geführt wird, könnte sie eine Hemmschwelle aufbauen, die sich gegen den EU-Beitritt
der osteuropäischen Staaten auswirkt. Doch ihre Aufnahme ist nach den Schrecken
des  Zweiten  Weltkriegs  und  der  Sowjetisierung  schon  deshalb  geboten,  um  die
politische  und  sozialökonomische  Verfassung  dieser  genuin  europäischen  Länder
endlich zu stabilisieren.

Wie  konnte  es  zu  den  Massenvertreibungen  in  Osteuropa  und  Ostdeutschland
kommen:  erst  der  Polen  durch  die  deutsche  Besatzungsherrschaft,  dann  der
Deutschen  und  "Volksdeutschen"  in  Polen  und  der  Tschechoslowakei,  in  Ungarn
Rumänien  und  Jugoslawien?  Die  Vorläuferphänomene,  die  Vertreibung  der
Armenier, Türken und Griechen, galten bis 1939 als Schreckenstaten in Kleinasien
und auf dem Balkan, abseits der Kernzone europäischer Zivilisation. Wozu man aber
eben dort fähig war, trat seit 1939 zutage. Den Anfang machte die NS-Politik, mitten

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in Europa, mit einer riesigen "Umsiedlung" von Polen, um für "Volksdeutsche" aus
Osteuropa Platz zu schaffen: für die Baltendeutschen und die deutschsprachigen.
"Volksgruppen"  aus  Wolhynien,  Galizien  und  den  Karpaten,  später  aus  der
Bukowina,  aus  Siebenbürgen  und  Bessarabien,  aus  der  Dobrudscha  und  der
Gottschee.

 Hitler hatte im Herbst 1939 die Neuordnung der nationalen Landkarte Europas
angekündigt.  Dem  "Reichsführer  SS"  Heinrich  Himmler  wurde  als  neu  ernanntem
"Reichskommissar  für  die  Festigung  Deutschen  Volkstums"  die  umfassende
Germanisierung  des  Ostensübertragen.  Dort  sollte  ein  riesiges  Vorfeld  des
"Großgermanische  Reiches“  entstehen,  besiedelt  mit  "volksdeutschen"  und
reichsdeutschen Wehrbauern. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion sollte
sich  dieses  Gebiet  bis  zum  Ural  erstrecken,  da  der  "Generalplan  Ost",  später
umfassender  noch  der  "Generalsiedlungsplan",  eine  derartige  Expansion  mit  einer
kühl einkalkulierten Verlustquote von rund 32 Millionen Russen vorsah.

Zunächst wurden in kurzer Zeit 500 000 Polen aus Westpreußen und Posen in das
südliche  Restpolen,  das  Generalgouvernement",  abtransportiert,  während  zwei
Millionen polnische Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt wurden. In die entleerten
polnischen Dörfer wurden "volksdeutsche" Umsiedler eingewiesen, die nach drei, vier
Jahren  vor  der  Roten  Armee  flüchteten.  Der  Hexenkessel  dieser  deutschen
Germanisierungspolitik  mit  ihren  brutalen  Bevölkerungsverschiebungen  von
gewaltigem  Ausmaß  erzeugte  einen  selbstgeschaffenen  Druck,  der  auch  den
Übergang  zur  "Endlösung"  der  "Judenfrage"  beförderte,  da  das  Chaos  ausgenutzt
wurde, um "judenfreie" Gebiete zu schaffen. Die Umsiedlung von "Volksdeutschen"
erfasste die Zone vom Baltikum bis zur Krain, aber für die Germanisierung der weiten
Räume des Osten fehlten dann nach Himmlers Berechnungen immer noch fünf bis
sechs Millionen reichsdeutsche Siedlungswillige. Doch die Bauernsöhne im "Altreich"
dachten nicht daran, als Wehrbauern in die Ungewissheit des östlichen Vorfelds zu
ziehen.

Hinzu kam seit 1941 aber auch noch die rabiate Umsiedlungspolitik Stalins. Der ließ,
als die deutschen Truppen schnell vorrückten, ganze Völkerschaften, wie etwa die
Tschetschenen,  und  die  große  Minderheit  der  Wolgadeutschen  wegen  des
Kollaborationsrisikos  in  die  kasachische  Steppe  abtransportieren,  ohne  jede
Rücksicht  auf  die  horrenden  Verluste  an  Leben.  Eine  künftige  Siegermacht
demonstrierte damit ganz konkret die Möglichkeiten menschenfeindlicher Politik.

Nach dem Kriegsende erwies sich: Der gewaltsame "Transfer" als Folge deutscher
und  russischer  Politik  hatte  den  Erfahrungs-  und  Denkhorizont  der  Zeitgenossen
unheilvoll ausgeweitet. Die Planung eines neuen "Transfers" der deutschsprachigen
Minderheiten  aus  Osteuropa  und  der  deutschen  Bevölkerung  aus  Ostdeutschland
galt seither als ein legitimes Mittel zur Beseitigung künftiger Konflikte (wie das auch
Churchill glaubte), zugleich als verständlicher Racheakt, um den Todfeind aus dem
eigenen  Land  oder  aus  dem  soeben  annektierten  ehemaligen  deutschen
Staatsgebiet  möglichst  lückenlos  zu  vertreiben.  Als  Folge  des  anlaufenden
"Transfers" wurden die Deutschen, sofern sie nicht rechtzeitig geflüchtet waren, mit
gnadenloser  Härte  vertrieben.  Die  riesige  Verlustziffer  liegt  weit  über  einer  Million,
nähert sich aber vielleicht, wenn man die späteren Todesfälle als Folge wochenlang
anhaltender Transporte oder Trecks mit einbezieht, sogar der Zwei-Millionen-Grenze.

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Wurde dadurch tatsächlich, wenn man das unermessliche Leid einmal verdrängt, der
innere  Frieden  in  Europa  gesichert,  wie  das  die  politisch  verantwortlichen  Akteure
anfangs beansprucht haben? Hunderttausende von deutschsprachigen Bewohnern
Ungarns und Rumäniens, wo keine derart fanatische Vertreibung wie in Polen oder in
der Tschechoslowakei stattfand, warfen mit ihrer Anwesenheit für diese Staaten kein
gravierendes  Problem  auf.  Die  inhumane  Vertreibung  aus  Polen,  der
Tschechoslowakei  und  aus  Jugoslawien  löste  auch  nicht  die  inneren  Nachkriegs-
probleme  dieser  Länder,  reduzierte  aber  die  Konfliktmöglichkeiten  der  Nationali-
tätenpolitik.

Ein bitter erkaufter Gewinn: Die Bundesrepublik hat heute keine Irredentaprobleme,
keine  "unerlösten"  Minderheiten  jenseits  ihrer  Ostgrenzen,  auch  wenn  eine
Landsmannschaft  wider  alle  Vernunft  die  kleine  deutsche  Minderheit  in  Polen
künstlich  zu  vergrößern  sucht.  Solch  eine  Entspannung  entkräftet  indes  nicht  die
Gefahr, dass aus der Konfliktminderung auf dem Feld der Nationalitätenspannungen
eine quasi-moralische Rechtfertigung grässlicher Verbrechen hergeleitet wird.

Gegen  die  unterkühlte,  mit  dem  Argument  des  inneren  Friedens  operierende
Legitimierung  der  Vertreibung  der  Deutschen  und  "Volksdeutschen"  lässt  sich
einwenden: Im Kalten Krieg sorgte das Gleichgewicht des atomaren Schreckens für
einen  prekären  Frieden,  nicht  aber  die  "ethnische  Säuberung"  mit  ihrer
Nomadisierung  von  Millionen  Menschen.  Die  verblüffend  schnelle  Integration  der
Vertriebenen  und  Flüchtlinge  in  die  Wachstumsgesellschaft  des  westdeutschen
Wirtschaftswunders  verhinderte  einen  militanten  Revanchismus,  mithin  die
Erzeugung gefährlicher Spannungen nicht nur in Deutschland, das die Alliierten doch
hatten ruhig stellen wollen.

Was bleibt? Die osteuropäischen Siedlungsgebiete und die ostdeutschen Provinzen
sind  ein  für  allemal  verloren.  Es  überlebt  ein  wenig  Folklore,  die  Erinnerung  an
historische  Leistungen,  für  Ältere  die  nostalgische  Beschwörung  der  Heimat.
Millionen  zahlten  mit  dem  Verlust  ihrer  Heimat  und  den  erlebten  Schrecken  der
Vertreibung  einen  hohen  Preis  für  den  zweiten  verlorenen  totalen  Krieg,  für  den
Gegenschlag  gegen  die  nationalsozialistische  Bevölkerungspolitik.  Doch  die
Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik haben es ermöglicht – und ermöglichen es
weiterhin – diese Bürde zu ertragen.

Sollte  es  in  naher  Zukunft  tatsächlich  zu  einem  "Zentrum  der  Erinnerung"  an  die
Vertreibung kommen, müssen zwei Vorbedingungen erfüllt sein. Zum einen müsste
eine  solche  Begegnungsstätte  der  Erinnerung  einer  gemeineuropäischen
Katastrophe  gewidmet  sein,  mithin  nicht  auf  eine  isolierte  Behandlung  der
Vertreibung  der  Deutschen  beschränkt  werden.  Zum  anderen  läge  ein  solches
Zentrum  ungleich  besser  in  Breslau  als  in  Berlin.  Denn  in  Schlesien  fördert  es  die
Verständigung mit Polen, das ebenfalls den Millionen seiner Vertriebenen eine neue
Heimat schaffen musste. Vor allem aber implizierte die symbolpolitische Konkurrenz
eines  Berliner  Zentrums  mit  dem  Holocaust-Denkmal  die  Gefahr,  dass  in  nächster
Nähe  des  Totenmals  doch  noch  eine  Aufrechnung  unvergleichbaren  Leidens
unternommen würde.

Stefan Aust/Stephan Burgdorff (Hg.), Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten.
(c) 2002 Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München und SPIEGEL-Buchverlag, Hamburg