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Pauline Réage 

Geschichte der O 

und 

Rückkehr nach 

Roissy 

revised by AnyBody  

Dieses Buch gehört ganz offensichtlich zu den Büchern, die ihre Leser 
prägen, die ihn nicht genauso zurücklassen, wie sie ihn vorfanden oder 
sogar völlig verändern. 
(Backcover)

 

ISBN 3-7766-0747-5 

Originaltitel: Histoire d'O 

Übertragen aus dem Französischen von Simon Saint Honoré 

Originaltitel: Retour à Roissy 

Übertragen aus dem Französischen von Margaret Carroux 

8. Auflage 2000 

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 

JOSEPH MELZER VERLAG DARMSTADT 

 

 

Buch ist nicht zum Verkauf bestimmt!! 

 

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REVERS 

 

Der Käufer dieses Buches hat auf einem beigelegten 

Verpflichtungsschein versichert, daß er das 21. Lebensjahr 
vollendet hat, auf den Inhalt des Buches vorbereitet war und 
daran keinen Anstoß nimmt. Er hat sich weiterhin verpflichtet, 
es vor Jugendlichen unter 21 Jahren unter Verschluß zu halten 
und solchen Personen vorzuenthalten, die mit 
Wahrscheinlichkeit zu einer objektiven Kenntnisnahme nicht in 
der Lage sind. 

 

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Inhalt 

REVERS ..................................................................................2 

Geschichte der O..........................................................................6 

Vorwort ....................................................................................7 

DAS GLÜCK IN DER SKLAVEREI .................................7 
I Bündig wie ein Brief .........................................................8 
II Ein unerbittlicher Anstand .............................................11 
III Ein seltsamer Liebesbrief .............................................15 
Die Wahrheit über den Aufstand .......................................19 

I DIE LIEBENDEN VON ROISSY ......................................22 
II SIR STEPHEN ...................................................................67 
III ANNEMARIE UND DIE RINGE ..................................128 
IV DAS KÄUZCHEN .........................................................168 

Rückkehr nach Roissy .............................................................191 

Ein verliebtes Mädchen .......................................................192 
Rückkehr nach Roissy .........................................................203 

 

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-4- 

 

 

 

Herbig 

 

"Geschichte der O" 

 

"Rückkehr nach Roissy" 

 

 

"Geschichte der O" (c) 1954 by Jean Jacques Pauvert éditeur, 

Paris 

"Rückkehr nach Roissy" (c) 1969 by Jean Jacques Pauvert 

éditeur, Paris 

Alle deutschen Rechte bei 

Gesamtherstellung: Wiener Verlag, Himberg 

Printed in Austria 

 

 

 

 

 

 

 

Pauline Réage 

 

Rückkehr nach Roissy 

 mit dem Vorwort 

 

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-5- 

Ein verliebtes Mädchen 

 

 

Originaltitel: Retour à Roissy 

 

Aus dem Französischen von Margaret Carroux 

 

 

(c) 1969 by Jean Jacques Pauvert éditeur, Paris. 

Alle deutschen Rechte Joseph Melzer Verlag, Darmstadt 

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-6- 

Geschichte der O 

 

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-7- 

Vorwort 

 

DAS GLÜCK IN DER SKLAVEREI 

 

Ein Aufstand auf Barbados 

 

Ein seltsamer Aufstand forderte im Lauf des Jahres 1838 auf 

der friedlichen Insel Barbados blutige Opfer. Etwa zweihundert 
Schwarze, Männer und Frauen, sämtlich durch die März-Erlasse 
in Freiheit gesetzt, suchten eines Morgens ihren früheren Herrn 
auf, einen gewissen Glenelg, und baten ihn, sie wieder als 
Sklaven anzunehmen. Eine Klageschrift, verfaßt vo n einem 
Anabaptisten-Pastor, wurde vorgelegt und verlesen. Dann 
begann die Diskussion. Aber Glenelg wollte sich, aus 
Zaghaftigkeit, Unsicherheit oder einfach aus Furcht vor dem 
Gesetz, nicht überzeugen lassen. Worauf die Schwarzen ihm 
zunächst gütlich zusetzten, ihn dann mit seiner ganzen Familie 
massakrierten, und noch am gleichen Abend wieder in ihre 
Hütten zogen, ihre Palaver und gewohnten Arbeiten und Riten 
wieder aufnahmen. Die ganze Sache konnte durch das 
Eingreifen des Gouverneurs MacGregor schnell unterdrückt 
werden, und die Befreiung nahm ihren Fortgang. Die 
Klageschrift übrigens wurde nie aufgefunden. 

 

Ich denke manchmal an diese Schrift. Wahrscheinlich enthielt 

sie, neben berechtigten Einwänden gegen die Organisation der 
Arbeitshäuser (workhouses), die Ablösung der Prügelstrafe 
durch die Gefängnisstrafe, und das Krankheitsverbot für 
"Lehrlinge"  - so nannte man die neuen, freien Arbeiter  - 
zumindest in Umrissen eine Rechtfertigung der Sklaverei. Zum 
Beispiel die Bemerkung, daß wir nur für die Freiheiten 

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-8- 

empfänglich sind, die andere Menschen in eine entsprechende 
Knechtschaft werfen. Es gibt niemanden, der sich nicht freuen 
würde, frei zu atmen. Doch wenn ich mir zum Beispiel die 
Freiheit nehme, bis zwei Uhr morgens lustig Banjo zu spielen, 
so verliert mein Nachbar die Freiheit, mich nicht bis zwei Uhr 
morgens Banjo spielen zu hören. Wenn ich es fertigbringe, 
nichts zu tun, so muß mein Nachbar für zwei arbeiten. Zudem ist 
bekannt, daß totaler Freiheitsdrang unweigerlich schon bald 
nicht minder totale Konflikte und Kriege nach sich zieht. Dazu 
kommt noch, daß, kraft der Dialektik, der Sklave sowieso 
einmal zum Herrn wird, es wäre falsch, diese naturgesetzliche 
Entwicklung forcieren zu wollen. Ferner: sich ganz dem Willen 
eines anderen ergeben (wie dies Liebende und Mystiker tun), 
ermangelt nicht der Größe und schafft seine eigenen Freuden, so 
die Freude, sich  - endlich!  - befreit zu wissen von den eigenen 
Neigungen, Interessen und Komplexen. Kurz, diese kleine 
Schrift würde heute, mehr noch als vor hundert Jahren, als 
Häresie gelten: als gefährliches Buch. 

Hier handelt es sich um eine andere Art von gefährlichem 

Buch, genau gesagt, um ein Erotikum. 

 

I Bündig wie ein Brief 

 

Übrigens, warum nennt man diese Bücher gefährlich! Das ist 

zumindest unklug. Als hätte man es  - wir alle fühlen uns ja 
gemeinhin recht mutig  - geradezu darauf angelegt, daß wir sie 
lesen und uns so der Gefahr aussetzen. Es hat schon seinen 
Grund, wenn die Geographischen Gesellschaften ihren 
Mitgliedern nahelegen, in ihren Reiseberichten den Akzent nicht 
auf die bestandenen Gefahren zu legen. Nicht aus 
Bescheidenheit, sondern um niemanden in Versuchung zu 
führen (man bedenke nur die Leicht-Fertigkeit der Kriege). 
Doch welche Gefahren? 

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-9- 

 

Eine zumindest besteht, und ich sehe sie von meinem 

Standpunkt aus sehr deutlich. Eine geringfügige Gefahr. Die 
gehört ganz offensichtlich zu den Büchern, die ihren Leser 
prägen  - die ihn nicht ganz so zurücklassen, wie sie ihn 
vorfanden  - oder ihn sogar völlig verändern: die von dem 
Einfluß, den sie ausüben,  auf wunderliche Weise selbst erfaßt 
werden und sich mit dem Leser wandeln. Nach ein paar Jahren 
sind sie nicht mehr die gleichen Bücher. So daß die ersten 
Kritiken bald schon ein bißchen töricht wirken. Aber sei's drum, 
ein Kritiker sollte niemals zögern,  sich lächerlich zu machen. 
Am besten gestehe ich sogleich ein, daß ich mich hier auf 
fremdem Gelände bewege. Ich taste mich durch die Geschichte 
der O wie durch ein Märchen - die Märchen sind bekanntlich die 
erotischen Romane der Kinder  -, wie durch eines  jener 
Märchenschlösser, die gänzlich verlassen scheinen, in denen 
jedoch die Sessel unter ihren Hüllen und die Taburetts und die 
Himmelbetten sorglich abgestaubt und die Peitschen und 
Reitstöcke ohnehin, sozusagen von Natur aus, blitzblank sind. 
Nicht die  Spur von Rost an den Ketten, kein Schmutzhauch an 
den buntfarbenen Glasscheiben. Sooft ich an O denke, kommt 
mir spontan ein Wort in den Sinn: das Wort Anstand. Ein Wort, 
das zu schwierig zu begründen wäre. Lassen wir es also. Und 
dieser Wind, der unaufhörlich bläst, der durch alle Gemächer 
streicht. Es weht auch in O ein undefinierbarer Geist, rein und 
heftig, ohne Pause, ohne Beimischung. Ein entschiedener Geist, 
der vor nichts scheut, weder vor Seufzer noch Greuel, weder vor 
Ekstase noch Ekel. Wenn ich ehrlich sein soll, mein Geschmack 
geht zumeist in eine andere Richtung: ich mag die Werke, deren 
Autor gezögert hat; bei denen eine gewisse Befangenheit verrät, 
daß das Sujet ihn zunächst eingeschüchtert hat; daß er 
bezweifelt hat, ob er jemals damit zurechtkommen würde. Die 
Geschichte der O dagegen ist von Anfang bis Ende durchgeführt 
wie ein bravouröses Gefecht. Man denkt eher an eine Rede, als 

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an einen gewöhnlichen Herzenserguß; eher an einen Brief, als 
an ein Tagebuch. Doch an wen ist der Brief gerichtet! Doch wen 
will die Rede überzeugen! Wen soll ich danach fragen! Ich weiß 
nicht einmal wer Sie sind. 

Daß Sie eine Frau sind, bezweifle ich kaum. Nicht so sehr 

wegen der Details, bei denen Sie so gern verweilen, den 
grünseidenen Kleidern, den Wespentaillen  und Röcken, die sich 
hochrollen lassen (wie Haarsträhnen auf einen Lockenwickler). 
Vielmehr: weil O, in dem Augenblick, als Rene sie wieder ihren 
Peinigern überläßt, noch klar genug denkt, um festzustellen, daß 
die Pantoffeln ihres Geliebten abgetreten sind, er muß sich neue 
kaufen. So etwas scheint mir kaum vorstellbar. Darauf wäre ein 
Mann niemals gekommen, und wenn, so hätte er es nicht zu 
sagen gewagt. 

 

Und doch stellt O, auf ihre Weise, ein männliches Ideal dar, 

jedenfalls ein Männerideal. Endlich eine Frau, die es zugibt! Die 
was zugibt! Das, wogegen die Frauen sich allezeit gewehrt 
haben (und niemals heftiger, als heute). Das, was die Männer 
aller Zeiten ihnen vorgeworfen haben: daß sie immer nur ihrem 
Blut gehorchen; daß alles an ihnen Sexus ist, sogar der 
Verstand. Daß man sie unaufhörlich füttern müßte, unaufhörlich 
waschen und schminken, unaufhörlich prügeln. Daß sie einfach 
einen guten Herren brauchen, und zwar einen, der sich hütet vor 
seiner Güte: denn sobald wir unsere Güte zeigen, beziehen sie 
daraus allen Elan, alle Freude, alle Leichtigkeit, die sie 
brauchen, um sich von anderen lieben zu lassen. Kurz, daß man 
die Peitsche mitnehmen muß, wenn man zu ihnen geht. Es gibt 
wenige Männer, die nie davon träumten, eine Justine zu 
besitzen. Doch keine einzige Frau hat bisher, soviel ich weiß, 
davon geträumt, eine Justine zu sein. Jedenfalls nicht laut davon 
geträumt, mit soviel Stolz auf Klagen und Tränen, soviel 
stürmischer Gewalttätigkeit, soviel Leidensgier und soviel 
Willenskraft, die sich bis zum Bersten spannt. Eine Frau, sicher, 

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-11- 

aber eine Frau, die etwas von einem Ritter, von einem 
Kreuzfahrer hat. Als trügen Sie beide Naturen in sich oder als 
wäre der Adressat des Briefes Ihnen in jedem Augenblick so 
gegenwärtig, daß Sie seine Neigungen und seine Stimme 
annehmen. Aber welche Frau, und wer sind Sie? 

 

Wie dem auch sei, die Geschichte der O kommt von weither. 

Ich spüre darin vor allem diese Ruhe und den Abstand, den eine 
Erzählung gewinnt, wenn ihr Autor sie lange mit sich 
herumgetragen hat. Wer ist Pauline Réage? Einfach eine 
Träumerin, wie es viele gibt? (Es genügt, sagt man, auf sein 
Herz zu hören. Hier ist ein Herz, das vor nichts zurückschreckt.) 
Eine Dame mit Erfahrung, die das alles selbst erlebt hat? Die es 
erlebt hat, und sich wundert, daß  ein Abenteuer, das so gut 
begann  - oder zumindest so ernsthaft: mit Askese und 
Züchtigung  - schlecht ausgeht und in einer ziemlich 
zweifelhaften Buße endet, denn schließlich, darüber sind wir uns 
einig, bleibt O in dieser Art Bordell, wohin die Liebe sie 
gebracht hat-, sie bleibt dort, und hat es dabei garnicht so 
schlecht. Dennoch, auch hierbei: 

 

II Ein unerbittlicher Anstand 

 

Auch mich überrascht dieses Ende. Sie werden mir nicht 

ausreden können, daß es nicht das wirkliche Ende ist. Daß Ihre 
Heldin in Wirklichkeit (wenn ich so sagen darf) bei Sir Stephen 
durchsetzt, sterben zu dürfen. Daß er ihre Eisen erst abnimmt, 
wenn sie tot ist. Aber es wurde noch nicht alles ausgesprochen, 
und diese Biene - ich meine Pauline Réage - hat einen Teil ihres 
Honigs für sich behalten. Wer weiß, vielleicht hat sie, dieses 
eine Mal, einer Autorenüberlegung nachgegeben: eines Tages 
die Fortsetzung von Os Abenteuern zu schreiben. Auch ist 

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-12- 

dieses Ende so naheliegend, daß man es nicht zu schreiben 
brauchte. Wir finden es mühelos selbst. Wir finden es, und es 
setzt uns ein bißchen zu. Aber Sie, wie haben Sie es gefunden  - 
und wie lautet die Lösung dieses Abenteuers! Ich muß darauf 
zurückkommen, weil ich überzeugt bin, daß diese Taburetts und 
Sprossenbetten und sogar die Ketten, sobald man diese Lösung 
gefunden hätte, sich von selbst erklärten, daß diese große, 
geheimnisvolle Gestalt, dieses hintergründige Phantom, sich 
dann zwischen diesen Dingen bewegen könnte. 

 

Ich muß dabei an all das Unerklärliche, Unerträgliche denken, 

das die männliche Begierde auszeichnet. Es gibt Steine, in denen 
der Wind singt, die sich plötzlich bewegen oder anfangen, 
Seufzer auszustoßen oder Musik zu machen wie eine 
Mandoline. Die Leute kommen von weither, um sie zu sehen. 
Dennoch möchte  in an zunächst am  liebsten die Flucht 
ergreifen, auch wenn man die Musik noch so sehr liebt. Sollte 
die Rolle der erotischen (oder wenn Sie so wollen, der 
gefährlichen) Bücher darin bestehen, uns aufzuklären? Uns 
dieserhalb zu beruhigen, wie ein Beichtvater es tut? Ich weiß 
wohl, daß man sich im allgemeinen daran gewöhnt. Und die 
Männer machen sich auch nicht sehr lange Gedanken deswegen. 
Sie werden damit fertig, indem sie sagen, daß sie, die Frauen, 
selbst damit angefangen haben. Sie lügen, und, wenn man so 
sagen darf, die Beweise dafür liegen auf der Hand: klar, allzu 
klar. 

 

Auch die Frauen lügen, wird man mir entgegenhalten . 

Stimmt, aber bei ihnen fällt es nicht so auf. Sie können immer 
nein sagen. Welcher Anstand! Daher kommt zweifellos auch die 
Meinung, daß sie das schö nere Geschlecht seien, daß die 
Schönheit weiblich sei. Schöner, davon bin ich nicht überzeugt. 
Aber zurückhaltender auf jeden Fall, unauffälliger, und auch das 
ist eine Form der Schönheit. So denke ich nun schon zum 

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-13- 

zweiten Mol an den Begriff Anstand im Zusammenhang mit 
einem Buch, in dem davon kaum die Rede ist... 

 

Aber stimmt es, daß davon kaum die Rede ist! Ich denke nicht 

an den faden und verlogenen Anstand, der sich damit begnügt, 
sich zu verstellen; der vor dem Stein flieht und leugnet, gesehen 
zu haben, wie er sich bewegte. Hier haben wir eine andere Art 
von Anstand, unbeugsam und zu Züchtigungen schnell bereit; 
der das Fleisch zutiefst demütigt, um ihm seine ursprüngliche 
Unschuld zurückzugeben, es mit Gewalt zurückzuversetzen in 
die Tage, als die Be gierde noch nicht lautgeworden war, der 
Fels noch nicht gesungen hatte. Ein Anstand, dem man besser 
nicht ausgeliefert sein sollte. Denn, um ihm Genüge zu tun, 
müssen Hände auf dem Rücken gefesselt, Knie gespreizt, Leiber 
ausgespannt, Schweiß und Tränen vergossen werden. 

 

Es sieht aus, als sagte ich grauenvolle Dinge. Mag sein, aber 

heute ist das Grauen unser tägliches Brot  - und vielleicht sind 
die gefährlichen Bücher nur die Bücher, die uns unserer 
natürlichen Bedrohung wieder ausliefern. Welcher Liebende 
wäre nicht entsetzt, wenn er einen Augenblick lang die 
Tragweite des Schwures ermessen würde, mit dem er sich, 
keineswegs leichtfertig, für das ganze Leben bindet. Welche 
Liebende, wenn sie eine Sekunde lang wägte, was die Worte: 
"ich habe die Liebe nicht gekannt, eh ich dich kennenlernte... 
mein Herz hat nie gesprochen, eh ich dich traf" besagen, Worte, 
die sich ihr auf die Lippen drängen. Oder auch das vernünftigere 
- vernünftig? - : "Ich möchte mich bestrafen für jede Stunde, die 
ich ohne dich glücklich  war." Jetzt wird sie beim Wort 
genommen. Jetzt bekommt sie, wenn ich so sagen darf, was sie 
bestellt hat. 

 

Es fehlt daher nicht an Folterungen in der Geschichte der O. 

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-14- 

Es fehlt nicht an Peitschenhieben, es fehlt nicht einmal die 
Brandmarkung mit glühendem  Eisen, garnicht zu reden vom 
Halsring und der öffentlichen Zurschaustellung. Beinah 
ebensoviele Foltern, wie es im Leben des Wüstenheiligen 
Gebete gibt. Nicht weniger sorgfältig abgestuft, und wie 
numeriert  - durch kleine Steinchen voneinander getrennt. Es  
sind nicht immer vergnügte, will sagen, mit Vergnügen 
verabreichte Foltern. René weigert sich, sie zuzufügen; und 
wenn Sir Stephen sie vollzieht, so tut er es, wie man eine Pflicht 
erfüllt. Ganz offensichtlich finden beide Männer keinen Spaß 
daran. Sie sind keine Sadisten. Ja, alles geht so vor sich, als 
hätte O allein von Anfang an verlangt, daß man sie züchtige, 
ihren letzten Widerstand breche. 

 

An dieser Stelle wird irgendein Dummkopf von Masochismus 

schwatzen. Von mir aus, aber das hat weiter nichts zu sagen, als 
daß einem echten Mysterium ein falsches zugesellt wird, ein 
reines Sprach-Klischee. Was  ‹b›heißt‹/b› Masochismus? Daß 
der Schmerz zugleich eine Lust ist; und das Leiden eine Freude? 
Möglich. Es handelt sich dabei um Behauptungen, wie sie bei 
den Metaphysikern im Schwange sind  - so sagen sie zum 
Beispiel auch, jede Anwesenheit sei eine Abwesenheit; und 
jedes Wort ein Schweigen  - und ich leugne keineswegs (wenn 
ich sie auch nicht immer verstehe), daß diese Behauptungen 
ihren Sinn haben mögen, zumindest ihren Nutzen. Aber einen 
Nutzen, der sich auf keinen Fall aus der bloßen Beobachtung des 
Falles ziehen läßt, - der mithin nicht Sache des Arztes oder des 
einfachen Psychologen und schon gar nicht Sache des 
Dummkopfs ist. - Nein, sagt man mir, es handelt sich zwar um 
einen Schmerz, den jedoch der Masochist in Lust 
‹b›verwandeln‹/b› kann; um Leiden, dem er, mittels eines nur 
ihm bekannten alchemistischen Verfahrens, reine Freude 
abgewinnt. Welch frohe Botschaft! Somit hätten die Menschen 
endlich gefunden, was sie so emsig suchten, in der Medizin, in 

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-15- 

der Moral, in den Philosophien und Religionen: das Mittel, den 
Schmerz zu vermeiden oder zumindest ihn zu überwinden: ihn 
zu begreifen (und sei es nur, indem sie in ihm die Auswirkung 
unserer Dummheit oder unserer Fehler sehen). Besser noch, sie 
hätten dieses Mittel immer schon gekannt, denn schließlich gibt 
es Masochisten nicht erst seit gestern. Und daher wundere ich 
mich, daß man ihnen nicht die größten Ehren erwiesen hat-, daß 
man nicht versucht hat, hinter ihr Geheimnis zu kommen. Daß 
man sie nicht in Paläste geholt und dort in Käfige gesperrt hat, 
um sie besser beobachten zu können. 

 

Vielleicht stellen die Menschen sich niemals Fragen, die nicht 

schon längst beantwortet sind. Vielleicht genügte es, wenn man 
sie miteinander in Kontakt bringen, sie ihrer Einsamkeit 
entreißen würde (als gäbe es ein einziges menschliches Streben, 
das nicht reine Schimäre wäre). Nun, hier haben wir wenigstens 
den Käfig, und in dem Käfig haben wir diese junge Frau. Wir 
brauchen  ihr nur zuzuhören. 

 

III Ein seltsamer Liebesbrief 

 

Sie sagt: "Du bist zu Unrecht erstaunt. Betrachte Deine Liebe 

genauer. Sie wäre entsetzt, wenn sie begreifen würde, daß ich 
eine Frau bin und lebe. Du wirst die heißen Quellen Deines 
Blutes nicht zum Versiegen bringen, indem Du sie vergißt." 

 

"Deine Eifersucht täuscht Dich nicht. Sicher, Du gibst mir 

Glück und Gesundheit und ein tausendfältiges Leben. Aber ich 
kann nicht verhindern, daß dieses Glück sich sofort gegen Dich 
kehrt. Auch der Stein singt lauter, wenn das Blut frei strömt und 
der Körper entspannt ist. Laß mich doch in diesem Käfig und 
gib mir kaum Nahrung, wenn Du es wagst. Alles, was mich der 

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Krankheit und dem Tod näher bringt, macht mich treu. Und nur 
dann, wenn Du mir Schmerzen zufügst, bin ich nicht gefährdet. 
Du hättest Dich nicht bereitfinden dürfen, für mich ein Gott zu 
sein, wenn die Pflichten der Götter Dir Angst machen, jeder 
weiß, daß SIE nicht weichherzig sind. Du hast mich schon 
weinen sehen. Nun mußt Du noch Geschmack an meinen 
Tränen finden. Ist mein Hals nicht reizend, wenn er sich gegen 
meinen Willen bäumt und an einem Schrei erstickt, den ich 
zurückhalte. Es ist nur zu wahr, daß man die Peitsche nicht 
vergessen darf, wenn man zu uns geht. Und bei manchen 
bedürfte es sogar der neunschwänzigen Katze." 

 

Sie fügt sofort hinzu: "Welch dummer Scherz. Aber Du 

begreifst auch nichts. Wenn ich Dich nicht wirklich lieben 
würde, glaubst Du, daß ich dann wagte, so zu Dir zu sprechen 
und meinesgleichen zu verraten!" 

 

Und sagt dann: "Meine Phantasie, meine flüchtigen Träume, 

werden dauernd zum Verräter an Dir. Nimm mir die Kraft. 
Befreie mich von diesen Träumen. Liefere mich aus. Sorge 
dafür, daß ich nicht einmal die Zeit habe, daran zu denken, daß 
ich Dir untreu bin. Doch laß mich zuerst mit Deine r Nummer 
zeichnen. Wenn ich die Spur Deiner Peitsche trage oder Deine 
Kette oder diese Ringe an meinen Lippen, dann muß allen klar 
sein, daß ich Dir gehöre. Solange man mich in Deinem Namen 
schlägt und mich schändet, bin ich nur, was Du denkst, was Du 
wünschst, was Du begehrst. Und genau das wolltest Du, glaube 
ich. Ich liebe Dich, und deshalb will ich es auch." 

 

"Wenn ich endgültig aufgehört habe, ich selbst zu sein, wenn 

mein Mund und mein Leib und meine Brüste nicht mehr mir 
gehören, dann werde ich zu einem Wesen aus einer anderen 
Welt, wo alles einen anderen Sinn hat. Eines Tages weiß ich 

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vielleicht nichts mehr von mir. Was ist mir von nun an die Lust, 
was sind mir die Liebkosungen so vieler Männer, Deiner 
Abgesandten, die ich nicht unterscheiden  - nicht mit Dir 
vergleichen kann?" 

 

So spricht sie. Ich höre ihr zu und merke sehr wohl, daß sie 

nicht lügt. Ich versuche ihr zu folgen (die Prostitution hat mir 
lange zu schaffen gemacht). Es ist schließlich möglich, daß die 
lodernde Tunika der Mythologien nicht eine simple Allegorie 
ist; noch die kultische Prostitution eine Kuriosität der 
Geschichte. Es ist möglich, daß die Refrains der Liebeslieder 
und die "ich bin sterblich in dich verliebt" keine simplen 
Metaphern sind. Noch, was die Huren zu ihren Auserwählten 
sagen: "Ich bin verrückt nach dir, mach mit mir, was du willst." 
(Merkwürdig, wenn wir uns von einem Gefühl befreien wollen, 
das uns verwirrt, dann sprechen wir dieses Gefühl den Ganoven 
zu, den Prostituierten.) Es ist möglich, daß Heloise, als sie an 
Abälard schrieb: "Ich werde Dein Freudenmädchen sein", nicht 
einfach nur eine hübsche Phrase machen wollte. Sicher ist die 
Geschichte der O der heftigste Liebesbrief, den ein Mann je 
erhalten hat. 

 

Ich erinnere mich an jenen Holländer, der so lange auf den 

Meeren herumirren muß, bis er ein Mädchen findet, das bereit 
ist, ihr Leben zu verlieren, um seines zu retten; und an den Ritter 
Guigemar, der, um von seinen Wunden zu genesen, auf eine 
Frau wartet, die für ihn leidet "wie nie eine Frau gelitten hat". 
Natürlich ist die Geschichte der O länger als ein Liebeslied und 
ausführlicher als ein einfacher Brief. Vielleicht mußte man auch 
weiter dazu ausholen. Vielleicht war es noch nie so schwierig, 
auch nur zu begreifen, was die Jungen und Mädchen von der 
Straße sagen: wahrscheinlich das gleiche, wie die Sklaven von 
Barbados. Wir leben in einer Zeit, in der die einfachsten 
Wahrheiten sich uns nur dann nackt (wie O) präsentieren 

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können, wenn sie eine Käuzchenmaske aufhaben. 

 

Denn völlig normale und selbst vernunftbegabte Leute 

sprechen gern von der Liebe als von einem spielerischen Gefühl, 
das man nicht ernst nehmen muß. Man sagt, daß es viel 
Vergnügen verschafft, und daß der Kontakt zweier Epidermen 
nicht ganz ohne Reiz ist. Man sagt, daß der Reiz oder das 
Vergnügen  sich dem voll erschließen, der es versteht, der Liebe 
ihren willkürlichen Charme, ihre Kapriziosität, eben ihre 
natürliche Freiheit zu bewahren. Von mir aus, wenn es 
Menschen verschiedenen (oder auch gleichen) Geschlechts so 
leicht fällt, einander Lust zu  verschaffen, dann sollen sie sich 
nur ja nicht genieren. Nur ein oder zwei Wörtchen geben mir 
dabei zu denken: das Wort Liebe und auch das Wort Freiheit. 
Natürlich trifft das Gegenteil zu. Liebe bedeutet Abhängigkeit - 
nicht nur in ihrem Vergnügen, in ihrer Existenz und in dem, was 
vor der Existenz kommt: in dem Wunsch, zu existieren  - von 
fünfzig wunderlichen Dingen: von zwei Lippen (und von der 
Grimasse oder dem Lächeln, zu dem sie sich verziehen), von 
einer Schulter (von der Art, wie sie sich hebt oder senkt), von 
zwei Augen (von einem Blick, der ein wenig weicher, ein wenig 
härter ist), schließlich von einem ganzen fremden Körper, mit 
dem Geist oder der Seele, die in ihm sind - von einem Körper, 
der in jedem Augenblick strahlender als die Sonne werden kann, 
eisiger als eine Schneefläche. Es ist keine Freude, das alles an 
sich zu erfahren, dagegen kommen Ihre Martern mir lächerlich 
vor. Man zittert, wenn dieser Körper sich bückt, um das Band 
eines kleinen Schuhs zu knüpfen, und es scheint, daß jeder 
einem  ansieht, wie man zittert. Lieber die Peitsche und die 
Ringe im Fleisch! Was die Freiheit anlangt... Jeder Mann oder 
jede Frau, die sie an sich erfahren haben, dürften sich dagegen 
auflehnen, sie mit Schimpf und Greuel bedrohen. Sicher, es fehlt 
nicht an Greuel in der Geschichte der O. Aber manchmal scheint 
es mir, daß hier nicht so sehr eine junge Frau als vielmehr eine 

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Idee, eine Meinung gefoltert wird. 

 

Die Wahrheit über den Aufstand 

 

Merkwürdig, die Idee vom Glück in der Sklaverei nimmt sich 

heutzutage wie neu aus. In der Familie hat das Oberhaupt kaum 
mehr das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, in den 
Schulen und in der Ehe ist die körperliche Züchtigung verpönt, 
und Männer, die man in früheren Jahrhunderten stolz auf 
öffentlichen Plätzen enthauptet hat, läßt man heute jämmerlich 
in Kellern verfaulen. Wir martern nur noch anonym, und Leute, 
die es nicht verdienen. Deshalb sind diese Martern auch 
tausendmal grausamer, der Krieg röstet auf einen Schlag die 
gesamte Bevölkerung einer Stadt. Die exzessive Nachgiebigkeit 
des Vaters, des Lehrers oder des Liebhabers wird mit 
Bombenteppichen und Napalm und Atomexplosionen bezahlt. 
Alles geht vor sich, als existiere in der Welt ein geheimes 
Gleichgewicht der Gewalttaten, an denen wir den Geschmack 
verloren haben, ja, deren Sinn wir nicht mehr erkennen können. 
Und ich bin gar nicht böse, daß eine Frau diesen Geschmack 
und diesen Sinn wiedergefunden hat. Ich wundere mich nicht 
einmal darüber. 

 

Ehrlich gesagt, ich habe über die Frauen nicht so viele 

bestimmte Ans ichten, wie dies bei Männern im allgemeinen der 
Fall ist. Ich bin überrascht, daß es sie gibt (die Frauen). Mehr als 
überrascht: vage verwundert. Weshalb sie mir vielleicht 
wunderbar erscheinen, ich beneide sie fast dauernd. Was erregt 
nun meinen Neid? 

 

Manchmal sehne ich mich nach meiner Kindheit zurück. 

Dabei gilt aber meine Sehnsucht ganz und gar nicht den 

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Überraschungen und Offenbarungen, von denen die Dichter 
sprechen. Nein. Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich für die 
ganze Erde verantwortlich war. Abwechselnd Boxweltmeister 
oder Koch, politischer Redner (jawohl), General, Dieb und sogar 
Rothaut, Baum oder Fels. Man wird einwenden, daß es sich um 
ein Spiel handelte. Sicher, für Sie, die Erwachsenen, aber für 
mich nicht, ganz und gar nicht. Damals war ich Herr des 
Universums, mit allen Sorgen und Gefahren, die diese 
Herrschaft mit sich bringt: damals war ich universell. Genau 
darauf will ich hinaus. 

 

Die Frauen besitzen die Gabe, ihr ganzes Leben lang den 

Kindern zu gleichen, die wir waren. Eine Frau  versteht sich auf 
tausend Dinge, die uns fremd sind. Fast immer kann sie nähen. 
Sie kann kochen. Sie weiß, wie man ein Zimmer einrichtet und 
welche Stile sich untereinander vertragen (ich sage nicht, daß sie 
alles perfekt macht, aber ich war auch keine perfekte Rothaut). 
Sie kann noch mehr. Sie kann mit Hunden und Katzen umgehen; 
sie spricht mit diesen Halbverrückten, den Kindern, die wir 
unter uns dulden: sie lehrt sie die Kosmologie und gute 
Manieren, die Hygiene und die Märchen, ja, manchmal sogar 
das Klavierspielen. Kurz, wir träumen von Jugend an vergeblich 
von einem Mann, der alle Männer zugleich wäre. Dagegen 
scheint es, daß es jeder Frau möglich ist, alle Frauen (und alle 
Männer) zugleich zu sein. Aber es kommt noch merkwürdiger. 

 

Man hört heutzutage oft sagen, daß es genüge, alles zu 

begreifen, um alles zu verzeihen. Nun, ich war immer der 
Ansicht, daß bei den Frauen  - so universell sie auch sein mögen 
- das Gegenteil zutrifft. Ich hatte eine Menge Freunde, die mich 
so nahmen, wie ich bin, und die ich meinerseits so nahm, wie sie 
waren  - ohne den geringsten Wunsch, uns gegenseitig zu 
verändern. Ich freute mich sogar  - und auch sie freuten sich  -, 
daß jeder von uns so sehr er selbst war. Aber es gibt keine Frau, 

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die nicht versuchte, den Mann, den sie liebt, zu ändern, und sich 
damit. Als löge das Sprichwort, als genüge es, alles zu 
verstehen, um gar nichts zu verzeihen. 

 

Nein, Pauline Reage verzeiht sich so gut wie nichts. Und ich 

frage mich sogar, ob sie nicht ein klein wenig übertreibt; ob 
ihresgleichen, die Frauen, ihr wirklich so gleichen, wie sie 
annimmt. Aber mehr als ein Mann wird wohl zu gern mit ihr 
einer Meinung sein. 

 

Muß man bedauern, daß die Klageschrift verlorenging? Ich 

fürchte, ehrlich gesagt, daß der ehrenwerte Anabaptist, der sie 
verfaßte, diese Schrift in ihrem apologetischen Teil mit ziemlich 
abgedroschenen Gemeinplätzen spickte: zum Beispiel, daß es 
immer Sklaven geben werde (was stimmt); daß es immer die 
gleichen sein würden (worüber sich streiten läßt); daß man sich 
mit seinem Stand abfinden und eine Zeit, die man dem Spiel, der 
Meditation und den üblichen Vergnügungen widmen könnte, 
nicht mit Klagen vertun solle. Aber ich glaube, er hat nicht die 
Wahrheit gesagt, nämlich, daß Glenelgs Sklaven in ihren Herrn 
verliebt waren, daß sie ohne ihn nicht leben konnten. Im Grunde 
die gleiche Wahrheit, die uns in der Geschichte der O die 
Bündigkeit und den unfaßbaren Anstand spüren läßt, den 
fanatischen Sturmwind, der dauernd bläst. 

 

Jean Paulhan von der Académie Française. 

 

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I DIE LIEBENDEN VON ROISSY 

 

Ihr Geliebter führt O eines Tages in einem Stadtviertel 

spazieren, das sie sonst nie betreten, im Parc Monsouris, im Parc 
Monceau. An der Ecke des Parks, einer Straßenkreuzung, wo 
niemals Taxis stehen, sehen sie, nachdem sie im Park 
spazierengega ngen und Seite an Seite am Rand einer 
Rasenfläche gesessen waren, einen Wagen mit Zähluhr, der 
einem Taxi gleicht. "Steig ein", sagt er. Sie steigt ein. Der 
Abend ist nicht mehr fern, und es ist Herbst. Sie ist gekleidet 
wie immer. Schuhe mit hohen Absätze n, ein Kostüm mit 
Plisseerock, Seidenbluse, keinen Hut. Aber lange Handschuhe, 
die über die Ärmel des Kostüms gezogen sind, und sie trägt in 
ihrer ledernen Handtasche ihre Papiere, Puder und Lippenstift. 
Das Taxi fährt geräuschlos an, ohne daß der Mann etwas zum 
Chauffeur gesagt hätte. Er schließt die Schiebevorhänge rechts 
und links an den Scheiben und hinten am Rückfenster; sie hat 
ihre Handschuhe ausgezogen, weil sie glaubt, er wolle sie 
küssen oder sie solle ihn streicheln. Aber er sagt: "Du kannst 
dich nicht rühren, gib deine Tasche her." Sie gibt die Tasche, er 
legt sie außerhalb ihrer Reichweite und fährt fort: "Und du hast 
zu viel an. Mach die Strumpfhalter auf, rolle deine Strümpfe bis 
zum Knie: hier hast du Strumpfbänder." Es geht nicht ganz 
leicht, das Taxi fährt schneller, und sie fürchtet, der Chauffeur 
könne sich umdrehen. Schließlich sind die Strümpfe gerollt, und 
es stört sie, die Beine nackt und frei unter der Seide ihres Hemds 
zu spüren. Außerdem rutschen die ausgehakten Strumpfhalter 
hoch. "Nimm den Gürtel ab, sagt er, und zieh den Slip aus." Das 
geht einfach, man braucht nur mit den Händen hinter die Hüften 
fassen und sich ein bißchen hochstemmen. Er nimmt ihr Gürtel 
und Slip aus der Hand, legt sie in die Tasche und sagt dann: "Du 
darfst dich nicht auf dein Hemd und auf den Rock setzen, du 
mußt beides hochziehen und dich direkt auf die Bank setzen." 

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Die Bank ist mit Kunstleder bezogen, es ist glitschig und kalt, 
man schaudert, wenn man es an den Schenkeln spürt. Dann 
befiehlt er ihr: "Zieh jetzt deine Handschuhe wieder an." Das 
Taxi fährt noch immer, und sie wagt nicht zu fragen, warum 
René sich nicht rührt und nichts mehr sagt, noch was es für ihn 
bedeuten kann, daß sie reglos und stumm, so entblößt und so 
ausgesetzt, so wohl behandschuht, in einem schwarzen Wagen 
sitzt und nicht weiß, wohin sie fährt. Er hat ihr nichts befohlen 
und nichts verboten, doch sie wagt weder die Beine 
überzuschlagen noch die Knie zu schließen. Sie hat die beiden 
behandschuhten Hände rechts und links auf den Sitz gestützt. 

 

"Voilà", sagt er plötzlich. Voilà: das Taxi hält in einer 

schönen Allee, unter einem Baum - es sind Platanen - vor einem 
kleinen Palais, ähnlich den kleinen Palais am Faubourg Saint-
Germain, das man zwischen Hof und Garten mehr ahnt als sieht. 
Die Straßenlaternen sind ein Stück entfernt, es ist dunkel im 
Wagen, und draußen regnet es. "Halt still", sagt René. "Halt 
ganz still." Er streckt die Hand nach dem Kragen ihrer Bluse 
aus, öffnet die Schleife, dann die Knöpfe. Sie beugt den 
Oberkörper ein wenig vor, sie glaubt, er wolle ihre Brüste 
streicheln. Nein. Er tastet nur, faßt und durchschneidet mit 
einem Taschenmesser die Träger des Büstenhalters und zieht ihn 
ihr aus. Unter der Bluse, die er wieder geschlossen hat, sind jetzt 
ihre Brüste frei und nackt, wie ihr Leib nackt und frei ist von 
Taille bis zu den Knien. 

 

"Hör zu", sagt er. "Es ist soweit. Ich lasse dich jetzt allein. Du 

steigst aus und klingelst an der Tür. Du folgst der Person, die dir 
öffnet, du tust alles, was man von dir verlangt. Wenn  du nicht 
sofort hineingehst, wird man dich holen, wenn du nicht sofort 
gehorchst, wird man dich zwingen zu gehorchen. Deine Tasche? 
Nein, du brauchst deine Tasche nicht mehr. Du bist weiter nichts 
als das Mädchen, das ich anliefere. Doch, doch, ich werde dort 

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-24- 

sein. Geh!" 

 

Eine andere Version des gleichen Anfangs war brutaler und 

simpler: die junge Frau war, ebenso gekleidet, von ihrem 
Geliebten und einem seiner Freunde, den sie nicht kannte, im 
Wagen mitgenommen worden. Der Unbekannte saß am Steuer, 
der Geliebte neben der jungen Frau, und diesmal sprach der 
Freund, der Unbekannte, und erklärte der jungen Frau, daß ihr 
Geliebter den Auftrag habe, sie vorzubereiten, daß er ihr die 
Hände auf den Rücken binden werde, oberhalb der Handschuhe, 
ihre Strümpfe aushaken und herunterrollen, ihr den 
Strumpfgürtel ausziehen, den Slip und den Büstenhalter, und ihr 
die Augen verbinden werde. Daß sie dann im Schloß abgeliefert 
werde. Wo man sie jeweils anweisen werde, was sie zu tun 
habe. Nachdem sie wie besprochen entkleidet und gefesselt 
worden war, half man ihr nach einer halbstündigen Fahrt aus 
dem Wagen, führte sie einige Stufen hinauf, dann mit 
verbundenen Augen durch ein paar Türen, und als die Binde 
abgenommen wurde, fand sie sich allein in einem dunklen 
Zimmer, wo ma n sie eine halbe Stunde warten ließ oder eine 
Stunde oder zwei, ich weiß nicht, wie lange, aber es war eine 
Ewigkeit. Als dann endlich die Tür geöffnet wurde und das 
Licht anging, sah sie, daß sie in einem ganz gewöhnlichen und 
behaglichen Raum gewartet ha tte, der dennoch eigenartig war: 
mit einem dicken Teppich auf dem Boden, aber ohne ein 
Möbelstück, rundum Wandschränke. Zwei Frauen hatten die Tür 
geöffnet, zwei junge und hübsche Frauen, gekleidet wie hübsche 
Zofen des achtzehnten Jahrhunderts: mit langen, leichten und 
gebauschten Röcken, die die Füße bedeckten, mit engen 
Miedern, die den Busen hochschoben und vorne geschnürt oder 
gehakt waren, und mit Spitzen am Ausschnitt und an den 
halblangen Ärmeln. Augen und Mund geschminkt. Jede trug ein 
enges Halsband und enge Armbänder um die Handgelenke. 

 

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-25- 

Ich weiß nun, daß sie O die Hände losbanden, die noch immer 

hinter ihrem Rücken gefesselt waren, und ihr sagten, daß sie 
sich ausziehen müsse und daß man sie baden und schminken 
werde. Sie wurde also entkleidet und ihre Kleider wurden in 
einem der Wandschränke verwahrt. Sie durfte sich nicht allein 
baden, sie wurde frisiert wie beim Friseur, indem man sie in 
einem dieser großen Sessel Platz nehmen ließ, die beim 
Kopfwaschen nach hinten gekippt und wieder gerade gestellt 
werden, wenn man, nach dem Einlegen, unter der Trockenhaube 
sitzt. Das dauert immer mindestens eine Stunde. Es hat 
tatsächlich über eine Stunde gedauert, sie war nackt auf diesem 
Stuhl gesessen, und man verbot ihr, die Beine überzuschlagen 
oder die K nie zu schließen. Und da sie vor einem großen 
Spiegel saß, der die Wandfläche von oben bis unten bedeckte 
und von keiner Konsole unterbrochen wurde, sah sie sich, weit 
klaffend, so oft ihr Blick den Spiegel traf. 

 

Als sie fertig geschminkt war, die Lider leicht umschattet, den 

Mund sehr rot, Spitze und Hof der Brüste rosig, den Rand der 
Schamlippen rötlich, den Flaum der Achselhöhlen und des 
Schoßes, die Furche zwischen den Schenkeln und die Furche 
unter den Brüsten und die Handflächen lange mit Parfüm 
bestäubt, wurde sie in einen Raum geführt, wo ein dreiteiliger 
Spiegel und ein vierter Spiegel an der Wand dafür sorgten, daß 
sie sich genau sehen konnte. Sie wurde angewiesen, sich auf den 
Puff in der Mitte zwischen den Spiegeln zu setzen und zu 
warten. Der Puff war mit schwarzem Pelz bezogen, der sie ein 
bißchen stach, und der Teppich war schwarz, die Wände rot. Sie 
hatte rote Pantöffelchen an den Füßen. An einer Wand des 
kleinen Boudoirs war ein großes Fenster, das auf einen schönen 
dunklen Park hinausging.  Es hatte zu regnen aufgehört, die 
Bäume bewegten sich im Wind, der Mond lief hoch oben 
zwischen den Wolken hin. Ich weiß nicht, wie lange sie in dem 
roten Boudoir gewartet hat, auch nicht, ob sie wirklich allein 

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-26- 

war, wie sie annahm, oder ob jemand sie durch eine verborgene 
Öffnung in der Wand beobachtete. Dagegen weiß ich, daß eine 
der beiden Frauen, als sie wiederkamen, ein Maßband trug, die 
andere ein Körbchen. Ein Mann begleitete sie; er trug ein langes 
violettes Gewand mit Ärmeln, die oben weit und am 
Handgelenk eng waren, das Gewand öffnete sich beim Gehen 
von der Taille an. Man sah, daß er darunter eine Art anliegender 
Strumpfhosen trug, die Beine und Schenkel bedeckten, das 
Geschlecht jedoch freiließen. Dieses Geschlecht sah O als erstes 
beim ersten Schritt des Mannes, dann die Peitsche aus 
Lederschnüren, die im Gürtel steckte, dann, daß der Mann eine 
schwarze Kapuze übers Gesicht gezogen hatte  - ein Netz aus 
schwarzem Tüll verbarg sogar die Augen  -, und schließlich, daß 
er auch Handschuhe trug, ebenfa lls schwarz und aus feinem 
Ziegenleder. Er sagte ihr, sie solle sitzenbleiben, dutzte sie 
dabei, und befahl den Frauen, sich zu beeilen. Die mit dem 
Zentimeterband nahm nun von Os Hals und Gelenken die Maße, 
die zwar klein, aber doch gängig waren. Es war leicht, in dem 
Korb, den die andere Frau trug, ein passendes Halsband und 
Armreifen zu finden. Sie waren folgendermaßen gearbeitet: aus 
mehreren Lederschichten (jede Schicht sehr dünn, das Ganze 
nicht mehr als einen Finger dick), mit einem Schnappverschluß, 
der automatisch einklickte wie ein Vorhängeschloß, wenn man 
ihn zumachte, und nur mit einem kleinen Schlüssel wieder zu 
öffnen war. An der dem Verschluß genau gegenüberliegenden 
Stelle, in der Mitte der Lederschichten und beinah ohne Spiel, 
war ein Metallring angebracht, der es erlaubte, das Armband 
irgendwo zu befestigen, wenn man das wollte, denn es schloß, 
wenn es auch gerade so viel Spielraum gab, um keine 
Verletzung zu bewirken, zu eng am Gelenk an, und das 
Halsband zu eng um den Hals, als daß man einen noch so 
dünnen Riemen hätte durchziehen können. Man befestigte nun 
Halsband und Armreifen an Hals und Gelenken, dann befahl der 
Mann ihr, aufzustehen. Er setzte sich auf ihren Platz auf den 

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Pelzpuff und zog sie zwischen seine Knie, ließ die 
behandschuhte Hand zwischen ihre Schenkel und über ihre 
Brüste gleiten und erklärte ihr, daß sie noch an diesem Abend 
vorgeführt werden solle, nach dem Essen, das sie allein 
einnehmen werde. Sie nahm es wirklich allein ein, noch immer 
nackt, in einer Art Kabine, in die eine unsichtbare Hand ihr die 
Speisen durch einen Schalter zuschob. Nach dem Essen kamen 
die beiden Frauen und holten sie ab. Im Boudoir schlossen sie 
gemeinsam die beiden Ringe ihrer Armreifen hinter ihrem 
Rücken zusammen, legten ihr einen langen Umhang um die 
Schultern, der an ihrem Halsband befestigt wurde und der sie 
ganz bedeckte, sich jedoch beim Gehen öffnete; sie konnte ihn 
ja nicht zusammenhalten, weil ihre Hände auf dem Rücken 
gefesselt waren. Sie durchschritten ein Vorzimmer, zwei Salons, 
und kamen in die Bibliothek, wo vier Männer beim Kaffee 
saßen. Sie trugen die gleichen wallenden Gewänder, wie der 
erste, aber keine Masken. Doch O hatte nicht Zeit, ihre 
Gesichter zu sehen und festzustellen, ob ihr Geliebter unter 
ihnen sei (er war unter ihnen), denn einer der Vier richtete den 
Strahl einer Lampe auf sie, die sie blendete. Alle Anwesenden 
verhielten sich regungslos, die beiden Frauen rechts und links 
von ihr und die Männer vor ihr, die sie musterten. Dann erlosch 
die Lampe; die Frauen entfernten sich. Man hatte O aufs neue 
die Augen verbunden. Nun mußte sie näherkommen, sie 
schwankte ein bißchen und spürte, daß sie vor dem Kaminfeuer 
stand, an dem die vier Männer saßen: sie fühlte die Hitze, sie 
hörte die Scheite leise in der Stille knistern. Sie stand mit dem 
Gesicht zum Feuer. Zwei Hände hoben ihren Umhang hoch, 
zwei weitere glitten an ihren Hüften entlang, nachdem sie sich 
überzeugt hatten, daß die Armreifen festgemacht waren: sie 
trugen keine Handschuhe und eine von ihnen drang von beiden 
Seiten zugleich in sie ein, so abrupt, daß sie aufschrie. Ein Mann 
lachte. Ein anderer sagte: "Drehen Sie sich um, damit man die 
Brüste und den Leib sieht." Sie mußte sich umdrehen, und die 

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Hitze des Feuers schlug jetzt an ihre Lenden. Eine Hand ergriff 
eine  ihrer Brüste, ein Mund packte die Spitze der anderen. 
Plötzlich verlor sie das Gleichgewicht und taumelte nach 
rückwärts; sie wurde aufgefangen, von welchem Arm? während 
jemand ihre Beine öffnete und sanft die Lippen auseinanderzog; 
Haare strichen über die Innenseite ihrer Schenkel. Sie hörte 
jemanden sagen, man müsse sie niederknien lassen. Was auch 
geschah. Das Knien tat ihr sehr weh, zumal man ihr verbot, die 
Knie zu schließen und ihre Hände so auf den Rücken gebunden 
waren, daß sie sich vorbeugen mußte. Nun erlaubte man ihr, sich 
zurücksinken zu lassen, bis sie fast auf den Fersen saß, wie es 
die Nonnen tun. "Sie haben sie nie angebunden? -Nein, nie. - 
Auch nicht gepeitscht?  - Auch das nie. Sie wissen ja..." Diese 
Antworten kamen von ihrem Geliebten. "Ich weiß, sagte die 
andere Stimme. Wenn man sie nur gelegentlich anbindet, wenn 
man sie nur ein bißchen peitscht, könnte sie Geschmack daran 
finden, und das wäre falsch. Man muß über den Punkt 
hinausgehen, wo es ihr Spaß macht, man muß sie zum Weinen 
bringen." Einer der Männer befahl O jetzt, aufzustehen, er 
wollte gerade ihre Hände losbinden, zweifellos, damit man sie 
an einen Pfosten oder eine Mauer fesseln könnte, als ein anderer 
protestierte, er wolle sie zuerst nehmen und zwar sofort - so daß 
man sie wieder niederknien ließ, aber diesmal mußte sie, noch 
immer mit den Händen auf dem Rücken, den Oberkörper auf 
den Puff legen und die Hüften hochrecken. Der Mann packte mit 
beiden Händen ihre Hüften und drang in ihren Leib ein. Er 
überließ seinen Platz einem zweiten. Der dritte wollte sich an 
der engsten Stelle einen Weg bahnen und ging so brutal vor, daß 
sie aufschrie. Als er von ihr abließ, glitt sie, stöhnend und 
tränennaß unter ihrer Augenbinde, zu Boden: nur um zu spüren, 
daß Knie sich gegen ihr Gesicht preßten und auch ihr Mund 
nicht verschont würde. Schließlich blieb sie, hilflos auf dem 
Rücken, in ihrem Purpurmantel vor dem Feuer liegen. Sie hörte, 
wie Gläser gefüllt und ausgetrunken, wie Sessel gerückt wurden. 

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Im Kamin wurde Holz nachgelegt. Plötzlich nahm man ihr die 
Augenbinde ab. Der große Raum mit den Büchern an den 
Wänden war schwach erleuchtet durch eine Lampe auf einer 
Konsole und durch den Schein des Feuers, das wieder 
aufflammte. Zwei Männer standen und rauchten. Ein dritter saß, 
eine Peitsche auf den Knien, und der vierte, der sich über sie 
beugte und ihre Brust streichelte, war ihr Geliebter. Aber alle 
vier hatten sie genommen, und sie hatte ihn nicht von den 
anderen unterscheiden können. Man erklärte ihr, daß es immer 
so sein werde, so lange sie sich im Schloß aufhalte, daß sie die 
Gesichter der Männer nicht sehen werde, die sie vergewaltigen 
oder foltern würden, niemals jedoch bei Nacht, und daß sie 
niemals wissen werde, wer ihr das Schlimmste angetan hatte. 
Desgleichen wenn sie gepeitscht würde, nur wolle man dann, 
daß sie sehen könne, wie sie gepeitscht wurde, daß sie also zum 
ersten Mal keine Augenbinde tragen werde, daß die Männer 
dagegen ihre Masken anlegen würden und sie sie nicht 
unterscheiden könne. Ihr Geliebter hatte sie aufgehoben und in 
ihrem roten Umhang auf die Armlehne eines Sessels an der 
Kaminecke gesetzt, damit sie hören sollte, was man ihr zu sagen 
hatte und sehen sollte, was man ihr zeigen wollte. Sie hatte noch 
immer die Hände auf dem Rücken. Man zeigte ihr den 
Reitstock, der schwarz war, lang und dünn, aus feinem Bambus, 
mit Leder bezogen, wie man sie in den Auslagen der großen 
Ledergeschäfte sieht; die Lederpeitsche, die der erste der 
Männer, den sie gesehen hatte, im Gürtel trug, sie war lang, 
bestand aus sechs Riemen mit je einem Knoten am Ende; dann 
eine dritte Peitsche aus sehr dünnen Schnüren, die an den Enden 
mehrere Knoten trugen und ganz steif waren, als hätte man sie 
in Wasser eingeweicht, was auch der Fall war, wie sie feststellen 
konnte, denn man berührte damit ihren Schoß und spreizte ihre 
Schenkel, damit sie besser fühlen könne, wie feucht und kalt die 
Schnüre sich auf der zarten Haut der Innenseite anfühlten. 
Blieben noch auf der Konsole stählerne Ketten und Schlüssel. 

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An einer Wand der Bibliothek lief in halber Höhe eine Galerie, 
die von zwei Säulen getragen wurde. In eine Säule war ein 
Haken eingelassen, in einer Höhe, die ein Mann auf 
Zehenspitzen mit gestrecktem Arm erreichen konnte. Man sagte 
O, die ihr Geliebter in die Arme genommen hatte, eine Hand 
unter ihren Schultern und die andere, die sie verbrannte, 
zwischen ihren Schenkeln, um sie zum Nachgeben zu zwingen, 
man sagte ihr, daß man ihre gefesselten Hände nur löse, um sie 
sogleich, mittels der Armreifen und einer der Stahlketten, an 
diesen Pfeiler zu binden. Daß aber nur die Hände über ihrem 
Kopf festgehalten würden, sie sich aber sonst frei bewegen 
könne und die Schläge kommen sähe. Daß man im allgemeinen 
nur Hüften und Schenkel peitsche, also von der Taille bis zu den 
Knien, genauso, wie sie im Wagen, der sie hierhergebracht 
hatte, vorbereitet worden sei, als sie sich nackt hatte auf die 
Bank setzen müssen. Daß jedoch einer der vier anwesenden 
Männer vielleicht Lust haben werde, ihre Schenkel mit dem 
Reitstock zu zeichnen, was schöne, lange und tiefe Striemen 
gebe, die man lange sehen werde. Es werde ihr nicht alles 
zugleich angetan werden, sie werde schreien können, soviel sie 
wolle, sich winden und weinen. Man werde sie Atem schöpfen 
lassen, aber weitermachen, sobald sie wieder Kräfte gesammelt 
habe, wobei die Wirkung nicht nach ihren Schreien oder Tränen 
beurteilt werde, sondern nach den mehr oder minder lebhaften 
und anhaltenden Spuren, die die Peitschen auf ihrer Haut 
zurücklassen würden. Man wies sie darauf hin, daß diese 
Methode, die Wirkung der Schläge zu beurteilen, nicht nur 
gerecht sei und alle Versuche der Opfer, durch übertriebenes 
Stöhnen Mitleid zu wecken, nichtig mache, sondern darüber 
hinaus auch erlaube, die Peitsche außerhalb des Schlosses 
anzuwenden, im Park, was häufig geschehe, oder in irgendeiner 
Wohnung oder einem beliebigen Hotelzimmer, vorausgesetzt 
natürlich, daß man einen Knebel verwende (den man ihr 
sogleich zeigte), der nur den Tränen freien Lauf läßt, aber alle 

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-31- 

Schreie erstickt und kaum ein Stöhnen erlaubt. An diesem 
Abend jedoch sollte der Knebel nicht verwendet werden, im 
Gegenteil. Sie wollten O brüllen hören, und so schnell wie 
möglich. Der Stolz, den sie darein setzte, sich zu beherrschen 
und zu schweigen, hielt nicht lange an: sie hörten sie sogar 
betteln, man möge sie losbinden, einen Augenblick einhalten, 
nur einen einzigen. Sie wand sich so konvulsivisch, um dem Biß 
der Lederriemen zu entgehen, daß sie sich vor dem Pfosten 
beinah um die eigene Achse drehte, denn die Kette, die sie 
fesselte, war lang und daher nicht ganz  straff. Die Folge war, 
daß ihr Bauch und die Vorderseite der Schenkel und die Seiten 
beinah ebenso ihr Teil abbekamen, wie die Lenden. Man 
entschloß sich nun, einen Augenblick aufzuhören und erst 
wieder anzufangen, nachdem ein Strick um ihre Taille und 
zugleich um den Pfosten geschlungen worden war. Da man den 
Strick fest anzog, damit der Körper in der Mitte gut am Pfosten 
anlag, war der Oberkörper notwendig ein wenig zur Seite 
gebeugt, so daß auf der anderen Seite das Hinterteil stärker 
hervortrat. Von nun an verirrten die Hiebe sich nicht mehr, es 
sei denn mit Absicht. Nach der Art und Weise zu urteilen, wie 
ihr Geliebter sie ausgeliefert hatte, hätte O sich denken können, 
daß ein Appell an sein Mitleid die beste Methode sein würde, 
seine Grausamkeit zu verdoppeln, daß er größtes Vergnügen 
daran finden würde, ihr diese unzweifelhaften Beweise seiner 
Macht zu entreißen oder entreißen zu lassen. Tatsächlich war er 
derjenige, der als erster bemerkte, daß die Lederpeitsche, unter 
der sie zuerst gestöhnt hatte, sie weit weniger zeichnete, als die 
eingeweichte Schnur der neunschwänzigen Katze und der 
Reitstock, und daher erlaube, die Qual zu verlängern und 
mehrmals von neuem anzufangen, fast unverzüglich, wenn man 
Lust dazu hatte. Er bestand darauf, daß man nur noch diese 
Peitsche verwendete. Verführt von diesem hingereckten 
Hinterteil, das sich unter den Schlägen wand und sich in dem 
Bemühen, ihnen auszuweichen, nur umso mehr aussetzte, 

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-32- 

verlangte nun derjenige der Vier, der an den Frauen nur das 
liebte, was sie mit den Männern gemeinsam haben, daß man ihm 
zuliebe eine Pause einlegen solle, und er teilte die beiden 
Hälften, die unter seinen Händen brannten, und drang nicht ohne 
Mühe ein, wobei er die Überlegung anstellte, daß man diese 
Pforte leichter zugänglich machen müsse. Man kam überein, daß 
das zu machen sei und daß man entsprechende Maßnahmen 
ergreifen werde. 

 

Als man die junge Frau, die unter ihrem roten Mantel 

taumelte und beinah ohnmächtig war, schließlich losband, sollte 
sie, eh sie in die ihr zugewiesene  Zelle geführt würde, im 
einzelnen die Regeln hören, die sie während ihres Aufenthaltes 
im Schloß und auch noch nach ihrer Rückkehr ins alltägliche 
Leben (was übrigens nicht die Rückkehr in die Freiheit 
bedeutete) befolgen müßte; man setzte sie in einen großen 
Sessel am Feuer und klingelte. Die beiden jungen Frauen, die sie 
empfangen hatten, brachten die Kleidung für ihren Aufenthalt 
und die Dinge, die sie allen kenntlich machen würden, die schon 
vor ihrer Ankunft Gäste des Schlosses gewesen waren oder es 
nach ihrem Weggang sein würden. Das Kostüm war dem der 
beiden Frauen ähnlich: über einem fischbeinverstärkten und in 
der Taille rigoros geschnürten Mieder und über einem 
gestärkten Batistunterrock ein langes Gewand mit weitem Rock 
und einem Oberteil, das die  Brüste, die das Korsett hochschob, 
fast freiließ, kaum mit Spitzen verhüllte. Der Unterrock war 
weiß, Mieder und Kleid aus meergrüner Seide, die Spitzen 
wieder weiß. Als O angekleidet war und wieder im Sessel am 
Feuer saß, noch blasser durch das blasse Grün, gingen die 
beiden Frauen, die kein Wort gesprochen hatten. Einer der vier 
Männer packte die eine im Vorbeigehen, bedeutete der anderen, 
zu warten, führte die erste zu O hin, ließ sie sich umdrehen, 
umfaßte mit einer Hand ihre Taille und hob ihr mit der anderen 
die Röcke hoch, um O zu zeigen, so sagte er, warum sie dieses 

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-33- 

Kostüm trugen und wie gut es durchdacht sei; er fügte hinzu, 
man könne diesen Rock mittels eines einfachen Gürtels so hoch 
schürzen, wie man wolle, wodurch mühelos zugänglich wurde, 
was man auf diese Weise entblößte. Außerdem lasse man die 
Frauen häufig im Schloß oder im Park so hochgeschürzt 
herumgehen oder mit vorn, ebenfalls bis zur Taille, 
hochgerafften Röcken. Man ließ O von der jungen Frau zeigen, 
wie sie ihren Rock befestigen müsse: mehrmals aufgerollt (wie 
eine Haarsträhne auf einem Lockenwickler), in einen engen 
Gürtel gesteckt, genau vorn in der Mitte, wenn der Leib entblößt 
werden sollte, oder genau in der Mitte des Rückens, um die 
Lenden zu entblößen. Im einen wie im anderen Fall fielen 
Unterrock und Rock in Kaskaden reicher Schrägfalten von der 
Mitte zu Boden. Wie O hatte die junge Frau frische Striemen 
quer über die Lenden. Sie ging hinaus. 

 

Danach bekam O folgende Ansprache zu hören: "Sie stehen 

hier ganz im Dienst Ihrer Gebieter. Tagsüber verrichten Sie die 
Pflichten, die Ihnen aufgetragen werden, Hausarbeiten wie 
Bücher abstauben oder ordnen oder Blumen arrangieren oder bei 
Tisch aufwarten. Keine schwereren Arbeiten. Aber Sie werden 
stets aufs erste Wort, auf das erste Zeic hen hin jede Tätigkeit 
unterbrechen, um Ihren einzigen wirklichen Zweck zu erfüllen, 
nämlich, uns zu Willen zu sein. Ihre Hände gehören Ihnen nicht, 
auch nicht Ihre Brüste, vor allem nicht irgendein Zugang Ihres 
Körpers, wir können sie nach Belieben visitieren und in sie 
eindringen. Als ein Zeichen, das Ihnen ständig gegenwärtig 
machen soll, oder doch so gegenwärtig wie möglich, daß Sie 
kein Recht mehr haben, sich zu entziehen, werden Sie in unserer 
Gegenwart niemals völlig die Lippen schließen, noch die Be ine 
kreuzen oder die Knie zusammenpressen (Sie haben ja gesehen, 
daß Ihnen dies sogleich nach Ihrer Ankunft verboten wurde). 
Was für uns wie für Sie bedeutet, daß Ihr Mund, Ihr Schoß und 
Ihre Lenden uns offen stehen. Sie werden vor uns niemals Ihre 

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-34- 

Brüste  berühren: sie sind durch das Korsett herausgedrängt, 
damit sie uns gehören. Tagsüber werden Sie bekleidet sein, doch 
Sie werden den Rock heben, wenn man es Ihnen befiehlt und 
jeder kann  - unmaskiert  - mit Ihnen tun, was er will, nur nicht 
Sie peitschen. Gepeitscht werden Sie nur zwischen 
Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Aber außer den 
Schlägen, die jeder Ihnen erteilen wird, der dazu Lust hat, 
werden Sie am Abend ausgepeitscht zur Strafe für Verstöße 
gegen die Hausregel, die Sie sich tagsüber zuschulden kommen 
ließen: also, wenn Sie nicht willig genug waren, oder die Augen 
zu demjenigen erhoben haben, der zu Ihnen gesprochen oder Sie 
genommen hat: Sie dürfen niemals einem von uns ins Gesicht 
schauen. Wenn das Kostüm, das wir bei Nacht tragen, das ich 
jetzt hier trage, unser Geschlecht freiläßt, so nicht der 
Bequemlichkeit halber, das ließe sich auch auf andere Weise 
machen, sondern um Sie zu erniedrigen, um Ihre Augen zu 
zwingen, sich darauf zu heften und auf nichts anderes, um Sie zu 
lehren, darin Ihren Gebieter zu sehen, dem Ihre Lippen, vor 
allem anderen, dienen sollen. Bei Tage, wenn wir normal 
gekleidet sind wie jetzt, werden Sie sich an die gleichen 
Vorschriften halten, nur müssen Sie dann, wenn man es von 
Ihnen verlangt, bemüht sein, unsere Kleider zu öffnen und auch 
ohne weitere Aufforderung wieder zu schließen, wenn wir mit 
Ihnen fertig sind. Bei Nacht dagegen werden nur Ihre Lippen 
und Ihre geöffneten Schenkel uns dienen können, denn Ihre 
Hände werden auf dem Rücken gefesselt sein und Sie werden so 
nackt sein, wie man Sie uns zugeführt hat; die Augen werden 
Ihnen nur verbunden, wenn Sie mißhandelt werden sollen, und - 
nachdem Sie jetzt Ihrer eigenen Auspeitschung zugesehen 
haben,  - wenn Sie ausgepeitscht werden. A propos, wenn Sie 
während der Dauer Ihres Aufenthalts die Peitsche regelmäßig 
alle Tage bekommen, so geschieht das nicht so sehr zu unserem 
Vergnügen, als vielmehr zu Ihrer Belehrung. In Nächten, in 
denen niemand nach Ihnen verlangt, wird daher ein Diener mit 

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dieser Aufgabe betraut und Ihnen  in der Einsamkeit Ihrer Zelle 
verabreichen, was Sie bekommen sollten und was wir selbst 
Ihnen nicht geben wollten. Wie bei der Kette, die am Ring Ihres 
Halsbandes angebracht wird und Sie täglich mehrere Stunden 
lang mehr oder weniger unbeweglich auf Ihrem  Bett festhalten 
soll, ist die Absicht weit weniger, Ihnen Schmerz zuzufügen, Sie 
zum Schreien oder Weinen zu bringen, als vielmehr, Sie durch 
diese Schmerzen fühlen zu lassen, daß Sie unter Zwang stehen, 
daß Sie ganz und gar fremdem Willen unterworfen sind. Wenn 
Sie von hier weggehen, werden Sie einen Eisenring am 
Goldfinger tragen, der Sie kenntlich macht: Sie werden dann 
gelernt haben, denen zu gehorchen, die das gleiche Zeichen 
tragen  - und die bei seinem Anblick wissen werden, daß Sie 
unter Ihrem Rock nackt sind, wie korrekt und unauffällig Ihre 
Kleidung auch sein mag, und daß Sie es um ihretwillen sind. 
Wer Sie ungefügig finden wird, wird Sie hierher zurückbringen. 
Sie werden jetzt in Ihre Zelle geführt." 

 

Während diese Worte an O gerichtet wurden, standen die 

beiden Frauen, die sie angekleidet hatten, rechts und links des 
Pfostens, an dem sie gepeitscht worden war, jedoch ohne ihn zu 
berühren, als hätten sie Angst davor oder als hätte man es ihnen 
verboten (und das stimmte wohl); als der Mann geendet hatte, 
näherten sie sich O, die begriff, daß sie aufstehen und ihnen 
folgen sollte. Sie stand also auf, raffte ihre Röcke, um nicht zu 
stolpern, denn sie war an lange Kleider nicht gewöhnt und fühlte 
sich nicht sicher auf den Pantöffelchen mit den überhöhten 
Sohlen und den sehr hohen Absätzen, die nur von einem dicken 
Seidenband vom gleichen Grün wie ihr Kleid am Fuß gehalten 
wurden. Als sie sich bückte, wandte sie den Kopf. Die Frauen 
warteten, die Männer beachteten sie nicht mehr. Ihr Geliebter 
saß auf den  Boden, an den Puff gelehnt, über den man sie zu 
Beginn des Abends geworfen hatte, mit hochgezogenen Knien 
und auf die Knie gelegten Ellbogen, und spielte mit der 

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Lederpeitsche. Beim ersten Schritt, den sie auf die Frauen zutat, 
streifte ihn ihr Rock. Er hob den Kopf und lächelte ihr zu, rief 
ihren Namen und stand ebenfalls auf. Er strich ihr sanft übers 
Haar, glättete ihr mit den Fingerspitzen die Brauen, küßte zart 
ihre Lippen. Ganz laut sagte er ihr, daß er sie liebe. O zitterte 
heftig und hörte mit Schrecken, daß sie erwiderte: "Ich liebe 
dich" und spürte mit Schrecken, daß es wahr war. Er zog sie an 
sich, sagte mon chéri, mon coeur chéri, küßte ihren Hals und 
den Ansatz der Wange; sie hatte ihren Kopf auf die Schulter 
sinken lassen, die das violette Gewand bedeckte. Er wiederholte, 
diesmal ganz leise, daß er sie liebe und sagte, ebenfalls ganz 
leise: "Knie nieder, streichle mich und küsse mich." Er schob sie 
weg, winkte den beiden Frauen, beiseite zu treten, damit er sich 
an die Konsole lehnen könne. Er war groß, und die Konsole war 
nicht sehr hoch, so daß seine langen Beine, in Strumpfhosen 
vom gleichen Violett wie sein Hausmantel, leicht gebeugt 
waren. Der offene Mantel spannte sich darunter wie ein 
Vorhang und das Geschlecht mit seinem hellen Vlies wurde 
vom Sims der Konsole hochgestützt. Die drei Männer traten 
näher. O kniete auf dem Teppich, ihr grüner Rock umgab sie 
wie eine Blütenkrone. Das Korsett schnürte sie ein, die Brüste, 
deren Spitzen man sah, waren mit den Knien ihres Geliebten auf 
gleicher Höhe. "Mehr Licht", sagte einer der Männer. Als man 
den Strahl der Lampe so gerichtet hatte, daß er grell auf Renés 
Geschlecht fiel und auf das Gesicht seiner Geliebten, das dicht 
davor war, und auf ihre Hände, die ihn von unten streichelten, 
befahl René plötzlich: "Sage immer wieder ›Ich liebe Sie‹." O 
sagte: "Ich liebe Sie", in solcher Verzückung, daß ihre Lippen 
kaum wagten, die Spitze des Glieds zu berühren, die noch von 
ihrer zarten fleischigen Hülle bedeckt war. Die drei rauchenden 
Männer kommentierten Os Gesten, die Bewegung ihres Mundes, 
der sich um Renés Geschlecht geschlossen hatte und es festhielt, 
an ihm auf und abglitt, ihr aufgelöstes Gesicht, das Tränen 
überströmten, sooft das mächtige Glied auf den Grund ihrer 

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Kehle stieß und dabei die Zunge zurückdrängte, sie würgte. 
Schon fast geknebelt durch das harte Fleisch, das ihren Mund 
füllte, murmelte sie noch immer: "Ich liebe Sie." Die eine der 
beiden Frauen hatte sich rechts, die andere links von René 
gestellt, der sich mit den Armen auf ihre Schultern stützte. O 
hörte die Kommentare der Zuschauer, aber sie wollte nur die 
Seufzer ihres Geliebten hören, konzentrierte sich ganz darauf, 
ihn zu liebkosen, mit unendlichem Respekt, mit unendlicher 
Behutsamkeit. O fühlte, daß ihr Mund schön war, weil es ihrem 
Geliebten gefiel, in ihn einzudringen, weil er die Liebkosungen 
dieses Mundes zur Schau stellte, weil es ihm endlich gefiel, sich 
in ihn zu ergießen. Sie empfing ihn, wie man einen Gott 
empfängt, hörte ihn schreien, hörte die anderen lachen, und als 
sie ihn empfangen hatte, sank sie zusammen, das Gesicht auf 
dem Boden. Die beiden Frauen hoben sie auf, und dieses Mal 
brachte man sie weg. 

 

Die Pantöffelchen klapperten auf den roten Fliesen der 

Korridore, an denen sich die Türen reihten, glatt und diskret, mit 
winzigen Schlüssellöchern wie die Zimmertüren in den großen 
Hotels. O wagte nicht zu fragen, ob jedes dieser Zimmer 
bewohnt sei und von wem. Die eine ihrer Begleiterinnen, deren 
Stimme sie noch nicht gehört hatte, sagte zu ihr: "Sie sind im 
roten Flügel und Ihr Diener heißt Pierre.  - Welcher Diener? 
sagte O, gerührt von der Sanftheit dieser Stimme, und wie 
heißen Sie?  - Ich heiße Andrée.  - Und ich Jeanne", sagte die 
zweite. Die erste fuhr fort: "Der Diener, der die Schlüssel hat 
und Sie fesseln und losbinden wird, der Sie peitschen wird, 
wenn Sie bestraft werden sollen und wenn niemand für Sie Zeit 
hat.  - Ich war im vergangenen Jahr im roten Flügel, sagte 
Jeanne, Pierre war damals schon da. Er kam oft nachts; die 
Diener haben die Schlüssel und in den Zimmern, die zu ihrem 
Bereich gehören, haben sie das Recht, über uns zu verfügen." 

 

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O wollte fragen, wie dieser Pierre sei. Sie kam nicht dazu. An 

der Biegung des Korridors hieß man sie vor einer Tür 
stehenbleiben, die sich in nichts von den anderen Türen 
unterschied; auf einer Bank zwischen dieser Tür und der 
nächsten sah sie einen Menschen mit rotem Gesicht sitzen, der 
ihr wie ein Bauer vorkam, gedrungen, mit fast kahlrasiertem 
Kopf, kleinen, tiefliegenden Augen und Fleischwülsten im 
Nacken. Er war gekleidet wie ein Operettenlakai: ein Hemd mit 
Spitzenjabot schaute aus der schwarzen Weste hervor, die ein 
roter Spenzer bedeckte. Er trug schwarze Kniehosen, weiße 
Strümpfe und Lackpumps. Auch in seinem Gürtel steckte eine 
Peitsche mit Lederschnüren. Seine Hände waren mit roten 
Haaren bedeckt. Er zog einen Hauptschlüssel aus der 
Westentasche, schloß die Tür auf und ließ die drei Frauen 
eintreten mit den Worten: "Ich schließe wieder ab, ihr läutet, 
wenn ihr fertig seid." 

 

Die Zelle war winzig und bestand genau gesagt aus zwei 

Räumen. Nachdem die Tür zum Korridor wieder geschlossen 
war, stand man in einem Vorraum, der zur eigentlichen Zelle 
führte; an der gleichen Wand ging vom Schlafraum eine zweite 
Tür ins Badezimmer. Den Türen gegenüber war ein Fenster. 
Ganz an der linken Wand, zwischen den Türen und dem Fenster, 
stand das Kopfende eines großen, quadratischen, sehr niedrigen 
Bettes, das mit Pelzwerk bedeckt war. Kein weiteres 
Möbelstück, kein Spiegel. Die Wände waren blutrot, der 
Teppich schwarz. Andree wies O darauf hin, daß das Bett 
weniger ein Bett war, als vielmehr eine gepolsterte Plattform, 
und der schwarze, langhaarige Bezugsstoff eine Pelzimitation. 
Das Kopfkissen, flach und hart wie die Matratze, war aus dem 
gleichen Gewebe, ebenso die zweiseitig bezogene  Decke. Als 
einziger Gegenstand hing an der Wand, etwa ebenso hoch über 
dem Bett wie der Haken in dem Pfosten über dem Boden der 
Bibliothek war, ein dicker Ring aus glänzendem Stahl. Eine 

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lange Stahlkette war hindurchgeführt, die gerade aufs Bett 
herunterhing; ihre aufeinanderliegenden Glieder bildeten ein 
kleines Häufchen, das andere Ende war in Reichweite an einem 
Haken mit Vorhängeschloß befestigt, als hätte man eine Gardine 
gezogen und in einen Halter geklemmt. 

 

"Wir sollen Ihnen beim Baden helfen, sagte Jeanne. Ich werde 

Ihnen das Kleid ausziehen." 

 

Das einzige Ungewöhnliche im Badezimmer war eine Toilette 

à la turque in der Ecke neben der Tür und die Tatsache, daß die 
Wände vollständig mit Spiegeln verkleidet waren. Andree und 
Jeanne ließen O erst hineingehen, als sie nackt war, hängten ihr 
Kleid in den Wandschrank neben dem Waschbecken, wo bereits 
ihre Pantöffelchen und der rote Umhang verwahrt waren, und 
blieben, sogar als sie sich auf den Porzellansockel kauern mußte, 
so daß O sich dabei inmitten eine r Vielzahl von Spiegelbildern 
genauso zur Schau gestellt fand, wie in der Bibliothek, als 
unbekannte Hände ihr Gewalt antaten. "Warten Sie nur, bis 
Pierre dabei ist, sagte Jeanne, dann werden Sie sehen.  - Wieso 
Pierre?  - Wenn er kommt, um sie anzuketten, läßt er sie 
vielleicht niederkauern." O fühlte, wie sie blaß wurde. "Aber 
warum? sagte sie.  - Es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben, 
erwiderte Jeanne, aber Sie haben Glück. - Wieso Glück?  - Ihr 
Geliebter hat Sie doch hierhergebracht?  - Ja, sagte O.  - Sie 
werden viel strenger behandelt werden.  - Ich verstehe nicht...  - 
Sie werden sehr bald verstehen. Ich läute Pierre. Wir holen Sie 
morgen früh wieder ab." 

 

Andrée lächelte beim Hinausgehen und Jeanne folgte ihr erst, 

nachdem sie die Spitzen von Os Brüsten  liebkost hatte, die 
sprachlos am Ende des Bettes stand. Mit Ausnahme des 
Halsbandes und der ledernen Armreifen, die das Wasser gehärtet 

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hatte, als sie badete, und die daher noch mehr drückten, war sie 
nackt. "So, meine Schöne", sagte der Diener und trat ein. Und er 
packte ihre beiden Hände. Er ließ die Ringe ihrer Armreifen 
ineinandergleiten, so daß ihre Handgelenke eng 
beisammenlagen, und fügte dann diese beiden Ringe in den 
Ring des Halsbandes. Sie stand also da, die gefalteten Hände in 
Höhe des Halses, wie beim Gebet. Nun mußte sie nur noch mit 
der Kette, die auf dem Bett lag und durch den oberen Ring lief, 
an die Wand gekettet werden. Der Diener öffnete den Haken, 
der das andere Ende festhielt und zog, um die Kette kürzer zu 
machen. O mußte ans Kopfende  des Bettes treten und sich 
niederlegen. Die Kette klirrte durch den Ring und spannte sich 
so straff, daß die junge Frau sich auf dem Bett nur von der 
Wand zum Bettrand bewegen oder rechts und links direkt neben 
ihrem Lager aufrecht stehen konnte. Da die Kette das Halsband 
nach hinten zog und ihre Hände einen Zug nach vom bewirkten, 
entstand ein Gleichgewicht, die gefesselten Hände legten sich an 
die linke Schulter, der auch der Kopf sich zuneigte. Der Diener 
zog die schwarze Decke über O, aber erst, nachdem er ihre 
Beine bis zur Brust hochgebogen hatte, um den Raum zwischen 
ihren Schenkeln zu examinieren. Er berührte sie nicht weiter, 
sagte kein Wort, löschte das Licht - eine Wandlampe zwischen 
den Türen - und ging hinaus. 

 

O lag auf der linken Seite, allein im Dunkeln und in der Stille, 

warm zwischen den beiden Lagen aus Pelzstoff, und 
zwangsweise regungslos, und sie fragte sich, warum soviel 
Leichtigkeit sich in ihr mit dem Grauen mischte oder warum das 
Grauen ihr so leicht war. Das Schlimmste war, so fand sie, daß 
man ihr die Hände weggenommen hatte; nicht, daß ihre Hände 
sie hätten verteidigen können (wollte sie sich überhaupt 
verteidigen?), aber wären sie frei gewesen, sie hätten wenigstens 
die Gesten andeuten, hätten versuchen können, die Hände 
wegzustoßen, die sich ihrer bemächtigten, das Fleisch, das sie 

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durchbohrte, versuchen können, sich zwischen ihre Lenden und 
die Peitsche zu schieben. Man hatte sie von ihren Händen 
befreit; ihr Körper unter der Pelzdecke war ihr selbst 
unerreichbar; wie seltsam war es, nicht die eigenen Knie 
berühren zu können, nicht die Mulde ihres Schoßes. Die 
brennenden Lippen zwischen ihren Beinen waren ihr verwehrt 
und sie brannten vielleicht nur, weil sie wußte, daß sie jedem 
offen waren: dem Diener Pierre, wenn es ihm belieben würde, 
hereinzukommen. Es erstaunte sie, daß die Erinnerung an die 
Peitsche, die sie bekommen hatte, sie so kühl ließ, während der 
Gedanke, daß sie zweifellos niemals wissen würde, welcher der 
vier Männer sich zweimal mit Gewalt in ihre Lenden Eingang 
verschafft hatte, und ob es beide Male der gleiche Mann war, 
und ob es ihr Geliebter gewesen war, sie erregte. Sie drehte sich 
mehr auf den Bauch, dachte, daß ihr Geliebter die Furche 
zwischen ihren Lenden liebte, in die er vorher (falls er es an 
diesem Abend getan hatte) niemals eingedrungen war. Sie 
wünschte sich, daß er es gewesen wäre; würde sie ihn fragen? 
Ah! Niemals. Sie sah die Hand wieder, die ihr im Wagen 
Strumpfgürtel und Slip abgenommen und die Strumpfbänder 
gereicht hatte, damit sie die Strümpfe  bis zum Knie rollen 
konnte. So lebhaft war dieses Bild, daß sie nicht mehr an ihre 
gefesselten Hände dachte und die Kette knirschte. Und wie kam 
es, daß die Erinnerung an die Marter sie nicht beschwerte, der 
bloße Gedanke, die bloße Erwähnung, der bloße Anblick einer 
Peitsche dagegen bewirkte, daß ihr Herz heftig klopfte und ihre 
Augen sich vor Entsetzen schlossen? Sie hielt sich nicht bei der 
Überlegung auf, ob das nur Entsetzen sei; Panik ergriff sie; man 
würde ihre Kette ganz kurz anziehen, bis sie auf dem Bett stand, 
und man würde sie peitschen, ihr Bauch würde an die Wand 
gepreßt sein und man würde sie peitschen, peitschen, das Wort 
kreiste unablässig in ihrem Kopf. Pierre würde sie auspeitschen, 
Jeanne hatte es gesagt. Sie haben Glück, hatte Jeanne 
wiederholt, man wird Sie viel strenger behandeln. Was hatte sie 

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damit sagen wollen? O spürte nichts mehr, nur das Halsband, 
die Armreifen und die Kette, ihr Körper trieb dem Nichts 
entgegen, sie war dem Verstehen nahe. Sie schlief ein. 

 

In den letzten Stunden der Nacht, wenn sie am dunkelsten und 

kältesten ist, kurz vor Sonnenaufgang, erschien Pierre wieder. Er 
knipste das Licht im Badezimmer an und ließ die Tür offen, so 
daß ein helles Viereck auf die Mitte des Bettes fiel, dort, wo Os 
schlanker und zusammengerollter Körper ein wenig die Decke 
bauschte, die er leise zurückschlug. Da O auf der linken Seite 
lag, mit dem Gesicht zum Fenster und leicht angezogenen 
Knien, bot sich seinem Blick ihre sehr weiße Kruppe auf dem 
schwarzen Pelz. Er zog das Kissen unter ihrem Kopf weg und 
sagte höflich: "Würden Sie bitte aufstehen" und als sie sich an 
der Kette auf die Knie hochgezogen hatte, half er ihr, indem er 
sie an den Ellbogen stützte, bis sie aufrecht und mit dem Rücken 
zu ihm an der Wand stand. Im Lichtschein, den das schwarze 
Bett nur schwach reflektierte, war ihr Körper sichtbar, nicht zu 
sehen jedoch waren die Gesten des Mannes. Sie erriet, sie sah 
nicht, daß er die Kette aushakte, um sie an einem anderen 
Kettenglied einzuhängen, bis sie wieder straff war und O spürte, 
wie sie sich spannte. Ihre nackten Füße standen mit ganzer 
Sohle auf dem Bett. O sah auch nicht, daß Pierre in seinem 
Gürtel nicht nur die Lederpeitsche trug, sondern den schwarzen 
Reitstock, mit dem man sie nur zweimal und ziemlich leicht 
geschlagen hatte, als sie am Pfosten gestanden war. Pierres linke 
Hand preßte sich gegen ihre Taille, die Matratze gab ein wenig 
nach, weil er den rechten Fuß daraufgesetzt hatte, um festen 
Stand zu fassen. Im gleichen Augenblick, als sie etwas durch die 
Dunkelheit pfeifen hörte, fühlte O ein furchtbares Brennen quer 
über die Lenden und brüllte auf. Pierre prügelte sie mit aller 
Kraft. Er wartete nicht, bis sie zu schreien aufgehört hatte und 
schlug noch viermal zu, wobei er darauf achtete, jeden neuen 
Hieb ein wenig über oder unter dem vorhergehenden zu 

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plazieren, damit die Striemen ordentlich würden. Als er 
aufgehört hatte, schrie sie noch immer und die Tränen liefen ihr 
in den aufgerissenen Mund. "Würden Sie sich bitte umdrehen", 
sagte er, und da sie in ihrer Verzweiflung nicht sogleich 
gehorchte, packte er sie um die Hüften, ohne den Reitstock 
loszulassen, der ihre Taille streifte. Als sie mit dem Gesicht zu 
ihm stand, trat er einen Schritt zurück, ließ dann mit aller Kraft 
den Reitstock auf die Vorderseite ihrer Schenkel sausen. Das 
Ganze hatte fünf Minuten gedauert. Als er hinausging, nachdem 
er das Licht wieder gelöscht und die Tür zum Badezimmer 
geschlossen hatte, schwankte O stöhnend an ihrer Kette im 
Dunkeln an der Wand hin und her. Bis sie still wurde und 
regungslos an der Wand lehnte, deren Perkalintapete kühl an 
ihrer zerfetzten Haut lag, war auch der Tag schon erwacht. Das 
große Fenster, dem sie zugewandt stand, ging nach Osten und 
reichte von der Decke bis zum Boden; es hatte keine Vorhänge, 
nur der gleiche rote Soff, der die Wände bedeckte, rahmte es zu 
beiden Seiten und brach sich in steifen Falten in den 
Gardinenhaltern. O sah ein blasses Morgenlicht heraufziehen, 
das seine Nebelschleier über die Asternstauden draußen unter 
dem Fenster zog und schließlich eine Pappel erkennen ließ. 
Gelbliche Blätter fielen von Zeit zu Zeit kreiselnd zu Boden, 
obwohl sich kein Windhauch regte. Vor dem Fenster, hinter dem 
malvenfarbenen Asternbeet, lag eine Rasenfläche, am Ende des 
Rasens sah man eine Allee. Es war jetzt  heller Tag und schon 
lange machte O keine Bewegung mehr. Ein Gärtner erschien in 
der Allee, er schob eine Karre vor sich her. Man hörte das 
Eisenrad auf dem Kies knirschen. Wenn er herangekommen 
wäre, um die welken Blätter vor den Astern aufzukehren, dann 
hätte er  - so groß war das Fenster und so klein und hell das 
Zimmer  - O nackt an ihrer Kette und mit den Spuren des 
Reitstocks auf den Schenkeln sehen können. Die Wundränder 
waren angeschwollen und bildeten dicke Wülste, dunkler als das 
Rot der Wände. Wo schlief ihr Geliebter, der so gern am stillen 

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Morgen schlief? In welchem Zimmer, in welchem Bett? Wußte 
er, welcher Marter er sie ausgesetzt hatte? Hatte er selbst sie 
anbefohlen? O dachte an die Gefangenen, wie man sie auf den 
Kupferstichen alter Geschichtsbücher sieht, diese Gefangenen, 
die vor so vielen Jahren oder Jahrhunderten ebenfalls angekettet 
und ausgepeitscht worden waren und jetzt tot waren. Sie 
wünschte sich nicht den Tod, aber wenn die Marter der Preis 
war, den sie entrichten mußte, damit ihr Geliebter sie auch in 
Zukunft lieben würde, so wünschte sie sich nur, es möge ihm 
eine Befriedigung sein, daß sie diese Marter erlitten hatte, und 
sie wartete, ganz sanft und still, bis man sie ihm wieder zuführen 
würde. 

 

Keine der Frauen hatte Schlüssel, weder zu den Türen noch 

für die Ketten, Armreife oder Halsbänder, aber alle Männer 
trugen an einem Ring die dreierlei Schlüssel, die jeweils alle 
Türen öffneten, alle Schnappschlösser, alle Halsbänder. Die 
Diener hatten diese Schlüssel ebenfalls. Aber am Morgen 
schliefen die Diener, die während der Nacht Dienst gehabt 
hatten, und einer der Gebieter oder ein anderer Diener kam und 
öffnete die Schlösser. Der Mann, der Os Zelle betrat, trug eine 
Lederjacke, Reithosen und hohe Stiefel. Sie erkannte ihn nicht. 
Er machte zuerst die Kette von der Mauer los und O konnte sich 
aufs Bett legen. Eh er ihr die Hände losband, ließ er seine Hand 
zwischen ihren Schenkeln durchgleiten, wie es der maskierte 
und behandschuhte Mann getan hatte, den sie als ersten in dem 
kleinen, roten Salon gesehen hatte. Vielleicht war es der gleiche.  

 

Er hatte ein knochiges, hageres Gesicht, den starren Blick, 

den man auf den Porträts der alten Hugenotten sieht, und sein 
Haar war grau. O hielt seinen Blick eine Weile aus, die ihr 
unendlich erschien, und erstarrte plötzlich, als sie sich erinnerte, 
daß es verboten war, die Gebieter oberhalb des Gürtels 
anzusehen. Sie schloß die Augen, jedoch zu spät, und hörte ihn 

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lachen und sagen: "Notieren Sie eine Züchtigung nach dem 
Abendessen." Er sprach zu Andrée und Jeanne, die mit ihm 
hereingekommen waren und wartend zu beiden Seiten des 
Bettes standen. Darauf verschwand er. Andrée hob das 
Kopfkissen vom Boden auf und die Decke, die Pierre ans 
Bettende zurückgeschlagen hatte, als er gekommen war, um O 
auszupeitschen. Jeanne zog ein Rolltischchen heran, das auf 
dem Korridor bereitstand und mit Kaffee, Milch, Zucker, Brot, 
Butter und Hörnchen gedeckt war. "Essen Sie schnell", sagte 
Andree, es ist neun Uhr, danach können Sie bis Mittag schlafen, 
und wenn Sie  die Glocke hören, müssen Sie sich zum Essen 
fertigmachen. Sie müssen sich baden und frisieren und ich 
werde kommen um Sie zu schminken und Ihnen das Korsett zu 
schnüren. - Sie werden erst am Nachmittag Dienst haben, sagte 
Jeanne, in der Bibliothek: den Kaffee servieren, die Liköre, und 
das Feuer unterhalten.  - Und Sie? fragte O.  - Ach, wir müssen 
uns während der ersten vierundzwanzig Stunden Ihres 
Aufenthaltes um Sie kümmern, danach werden Sie allein sein 
und nur noch mit Männern zusammenkommen. Wir werden 
nicht mehr mit Ihnen sprechen dürfen und Sie nicht mit uns.  - 
Bleiben Sie, sagte O, bleiben Sie noch und sagen Sie mir..." aber 
sie konnte nicht zu Ende sprechen, die Tür ging auf. Es war ihr 
Geliebter, und er war nicht allein. Es war ihr Geliebter, gekleidet 
wie immer nach dem Aufstehen, wenn er sich die erste Zigarette 
anzündete: im gestreiften Pyjama und Morgenrock aus blauem 
Wollstoff, dem Morgenrock mit den Revers aus gesteppter 
Seide, den sie vor einem Jahr gemeinsam ausgesucht hatten. 
Seine Pantoffel waren abgetreten, er mußte sich neue kaufen. 
Die beiden Frauen verschwanden ohne einen Laut, man hörte 
nur das Knistern der Seide, als sie die Röcke rafften (alle Röcke 
schleppten ein wenig nach)  - auf dem Teppich machten die 
Pantöffelchen kein Geräusch.  O, die in der linken Hand eine 
Tasse Kaffee hielt und in der anderen ein Hörnchen und halb im 
Schneidersitz an der Bettkante hockte, ein Bein baumelnd, das 

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andere untergeschlagen, blieb regungslos sitzen, die Tasse 
zitterte plötzlich in ihrer Hand und das Hörnchen fiel zu Boden. 
"Heb es auf", sagte René. Das war sein erstes Wort. Sie stellte 
die Tasse auf den Tisch, hob das angebrochene Hörnchen auf 
und legte es neben die Tasse. Ein großer Krümel war auf dem 
Teppich liegengeblieben, neben ihrem nackten Fuß. René bückte 
sich selber und hob ihn auf. Dann setzte er sich neben O, beugte 
sie zurück und küßte sie. Sie fragte ihn, ob er sie liebe. Er 
antwortete: "Ah! Ich liebe dich!" dann stand er auf und ließ auch 
O aufstehen, strich zart mit den kühlen Handfläche n, dann mit 
den Lippen an den Wundrändern entlang. O wußte nicht, ob sie 
den Mann ansehen dürfe, der mit René gekommen war und jetzt 
mit dem Rücken zu ihnen an der Tür stand und rauchte. Das 
Folgende sollte ihre Zweifel nicht beseitigen. "Komm hierher, 
laß dich ansehen", sagte ihr Gebieter, zog sie ans Bettende, 
bestätigte seinem Begleiter, daß er recht gehabt habe und fügte 
hinzu, es sei nur billig, wenn er O, falls er Lust dazu habe, als 
erster nehme. Der Unbekannte, den sie noch immer nicht 
anzusehen wagte, ließ seine Hand über ihre Brüste und an den 
Lenden entlang gleiten und sagte, sie solle die Beine öffnen. 
"Gehorche", sagte René zu ihr. Sie stand aufrecht, mit dem 
Rücken an René gelehnt, der ebenfalls stand. Seine rechte Hand 
streichelte ihre Brust, die linke hielt sie an der Schulter fest. Der 
Unbekannte hatte sich auf den Bettrand gesetzt. Er hatte die 
Lippen ergriffen, die den Eingang ihres Schoßes schützten, und 
sie langsam auseinandergezogen. Als René sah, was der andere 
von O wollte, schob er sie nach vorn und sein rechter Arm legte 
sich um ihre Taille, packte sie fester. Dieser Liebkosung, die sie 
nie hinnahm, ohne sich zu wehren und ohne tiefe Scham zu 
empfinden, der sie sich immer so schnell wie möglich entzog, so 
schnell, daß sie kaum davon berührt wurde, die ihr als Sakrileg 
erschien - denn es erschien ihr als Sakrileg, daß ihr Geliebter vor 
ihr kniete, während doch sie vor ihm knien sollte  - dieser 
Liebkosung, das spürte sie plötzlich, würde sie sich jetzt nicht 

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verschließen können, und sie  sah sich verloren. Denn sie 
stöhnte, als die fremden Lippen sich auf das schwellende Fleisch 
preßten, an den Rand des Kelches und sie jäh entflammten, sich 
dann nur lösten, damit die warme Zunge sie noch heftiger 
entflammen konnte. Sie fühlte die verborgene Spitze hart und 
steif werden unter einem langen, saugenden Biß der Zähne und 
Lippen, einem langen und sanften Biß, unter dem sie keuchte. 
Ihr Fuß glitt aus, sie fand sich wieder auf dem Rücken 
ausgestreckt, Renés Mund auf ihrem Mund, seine beiden Hände 
preßten ihre Schultern aufs Bett, während zwei andere Hände 
ihre Beine öffneten und hochhoben. Ihre eigenen Hände, die 
unter ihren Lenden lagen (als René sie auf den Unbekannten 
zuschob, hatte er ihre Handgelenke gefesselt, indem er die Ringe 
der Armbänder  ineinanderschob), wurden vom Geschlecht des 
Mannes gestreift, das sich zwischen ihren Schenkeln rieb, 
hochglitt und plötzlich in die Tiefe ihres Schoßes stieß. Beim 
ersten Stoß schrie sie wie unter der Peitsche, dann bei jedem 
Stoß, und ihr Geliebter grub die Zähne in ihre Lippen. Mit einer 
brüsken Bewegung riß der Mann sich aus ihr, fiel wie vom Blitz 
getroffen zu Boden und schrie, auch er. René band O die Hände 
los, richtete sie auf und ließ sie unter die Decke schlüpfen. Der 
Mann stand auf, René ging mit ihm zur Tür. Blitzartig sah O 
sich verworfen, vernichtet, verdammt. Sie hatte unter den 
Lippen des Fremden gestöhnt, wie ihr Geliebter sie niemals 
stöhnen gehört hatte, geschrien unter dem zustoßenden Glied 
des Fremden, wie sie bei ihrem Geliebten nie geschrien hatte. 
Sie war entwürdigt und hatte Strafe verdient. Wenn er sie 
verließe, wäre das nur gerecht. Aber nein, die Tür schloß sich, er 
blieb bei ihr, kam zu ihr, legte sich an ihrer Seite unter die 
Decke, glitt in ihren feuchten und brennenden Schoß, hielt sie in 
dieser Umarmung fest und sagte: "Ich liebe dich. Wenn ich dich 
auch den Dienern überlassen haben werde, komme ich eines 
Nachts und lasse dich bis aufs Blut peitschen." Die Sonne hatte 
den Nebel durchstoßen und überflutete das Zimmer. Aber erst 

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die Mittagsglocke weckte die beiden. 

 

O wußte nicht, was sie tun sollte. Ihr Geliebter war hier, so 

nah, so zärtlich hingestreckt, wie in dem Zimmer mit der 
niedrigen Decke, wo er beinah jede Nacht bei ihr schlief, seit sie 
zusammen wohnten. Dort stand ein großes Mahagonibett im 
Windsor-Stil, aber ohne Betthimmel, am Kopfende waren die 
Stäbe höher als unten. Er schlief stets an ihrer linken Seite und 
sooft er aufwachte, oft mitten in der Nacht, streckte er die Hand 
nach ihren Schenkeln aus. Deshalb schlief  sie immer nackt oder 
wenn sie einen Pyjama trug, zog sie nur die Jacke an; er auch. 
Sie nahm diese Hand und küßte sie, wagte nicht, ihn etwas zu 
fragen. Aber er sprach. Er sagte ihr, während er zwei Finger 
zwischen das Lederband und ihren Hals schob und sie festhielt, 
daß er beabsichtige, sie in Zukunft nach seinem Gutdünken mit 
seinen Freunden zu teilen oder mit Männern, die er zwar nicht 
kannte, die jedoch zu den Gästen des Schlosses gehörten, so wie 
er sie gestern Abend mit ihnen geteilt hatte. Daß sie von ihm, 
und von ihm allein, abhinge, auch dann, wenn sie von anderen 
Befehle entgegennähme, ob er nun anwesend sei oder nicht, 
denn er habe grundsätzlich Anteil an allem, was man von ihr 
fordern oder mit ihr tun mochte, und daß er sie besitze und 
genieße durch die Männer, denen er sie ausliefere, einfach aus 
dem Grund, weil er sie ihnen ausgeliefert habe. Sie müsse sich 
ihnen unterwerfen und sie mit dem gleichen Respekt 
empfangen, mit dem sie ihn empfing, als wären sie seine 
Ebenbilder. Auf diese Weise würde er sie besitzen, wie ein Gott 
seine Geschöpfe besitzt, der sich in Gestalt eines Ungeheuers 
ihrer bemächtigt oder eines Vogels oder eines unsichtbaren 
Geistes oder in der Ekstase. Er wolle sich nicht von ihr trennen. 
Sie werde ihm umso mehr bedeuten, je  mehr er sie ausliefere. 
Die Tatsache, daß er sie anderen gebe, sei für ihn ein Beweis, 
daß sie ihm gehöre und sollte es auch für sie sein. Er gebe sie 
fort, um sie sogleich wieder an sich zu nehmen, nehme sie 

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reicher zurück, wie einen gewöhnlichen Gegenstand, der 
göttlichem Gebrauch gedient hatte und dadurch geheiligt wurde. 
Schon seit langem habe er sich gewünscht, sie zu prostituieren 
und er stelle mit Freude fest, daß die Lust, die er dabei empfand, 
größer sei als er gehofft habe und ihn noch fester an sie binde, 
wie sie auch O noch fester an ihn binden werde, umso fester, je 
mehr sie gedemütigt, je mehr sie gequält werde. Da sie ihn liebe, 
müsse sie auch alles lieben, was ihr durch ihn zugefügt werde. O 
hörte ihm zu und bebte vor Glück, weil er sie liebte, bebte in 
freudigem Einverständnis. Er erriet es zweifellos, denn er fuhr 
fort: "Eben weil es dir leicht fällt, in alles einzuwilligen, 
verlange ich von dir etwas, worin du unmöglich einwilligen 
kannst, auch wenn du es im vorhinein akzeptierst, auch wenn du 
jetzt ja sagst und glaubst, gehorchen zu können. Es wird dir 
unmöglich sein, dich nicht dagegen aufzulehnen. Man wird 
deinen Gehorsam erzwingen, nicht nur wegen des 
unvergleichlichen Vergnügens, das ich oder andere darin finden, 
sondern damit du dir bewußt wirst, was man aus dir gemacht 
hat." O wollte erwidern, daß sie seine Sklavin sei und ihre 
Fesseln mit Wonne trage. Er ließ sie nicht zu Wort kommen. 
"Man hat dir gestern gesagt, du dürftest, solange du in diesem 
Schloß bist, keinem Mann ins Gesicht schauen und mit keinem 
sprechen. Du darfst das auch bei mir nicht mehr. Nur schweigen 
und gehorchen. Ich liebe dich. Steh auf. Du wirst von nun an 
hier in Gegenwart eines Mannes den Mund nur noch öffnen, um 
zu schreien oder ihm zu Willen zu sein." O stand auf, René blieb 
auf dem Bett liegen. Sie badete, frisierte sich, das laue Wasser 
ließ sie erzittern, als ihre wundgeschlagenen Lenden 
hineintauchten und sie mußte sich trocknen, ohne zu reiben, um 
das Brennen nicht zu verschlimmern. Sie schminkte sich den 
Mund, aber nicht die Augen, puderte sich, und kam, noch immer 
nackt, mit gesenktem Blick in die Zelle zurück. René betrachtete 
Jeanne, die hereingekommen war und am Kopfende des Bettes 
stand, auch sie mit niedergeschlagenen Augen, auch sie stumm. 

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Er befahl  ihr, O anzukleiden. Jeanne nahm das Korsett aus 
grüner Seide, den weißen Unterrock, das Kleid, die grünen 
Pantöffelchen, und nachdem sie O das Korsett auf der 
Vorderseite zugehakt hatte, fing sie an, es hinten zu schnüren. 
Das Korsett war stark mit Fischbein versteift, lang und starr wie 
zur Zeit der Wespentaillen, mit eingearbeiteten Schalen, in 
denen die Brüste lagen. Je fester man anzog, umso höher 
schoben sich die Brüste, die Schalen drückten sie von unten 
hoch und preßten die Spitzen heraus. Zugleich verengte sich die 
Taille, wodurch der Leib hervortrat und die Lenden stark betont 
wurden. Seltsamerweise war dieser Panzer sehr bequem und bis 
zu einem gewissen Grad erholsam. Er stützte den Körper, 
machte aber, wenn auch nicht recht klar wurde, wodurch, 
vielleicht durch die Kontrastwirkung, besonders deutlich, wie 
ungeschützt, wie zugänglich die Stellen waren, die er nicht 
umschloß. Der weite Rock und das Mieder, das trapezförmig 
vom Halsansatz bis zu den Brustspitzen und über die ganze 
Breite des Busens ve rlief, schien die Frau, die es trug, weniger 
zu bedecken, als vielmehr herausfordernd zu entblößen, zur 
Schau zu stellen. Nachdem Jeanne die Litze mit einem 
doppelten Knoten verschnürt hatte, nahm O ihr Kleid vom Bett. 
Es war in einem Stück, der Unterrock  war am Rock festgenäht, 
wie ein auswechselbares Futter, und das Mieder, das vorne 
übereinanderging und hinten geschnürt wurde, legte sich der 
mehr oder weniger schlanken Form des Oberkörpers an, je 
nachdem, ob das Korsett mehr oder weniger stark geschnürt 
war. Jeanne hatte es sehr eng geschnürt und O sah sich im 
Spiegel des Badezimmers, durch die offengebliebene Tür, 
schlank und zerbrechlich in der dicken, grünen Seide, die sich 
um ihre Hüften bauschte wie ein Reifrock. Die beiden Frauen 
standen nebeneinander. Jeanne streckte den Arm aus, um eine 
Falte am Ärmel des grünen Kleides zu richten und ihre Brüste 
bewegten sich unter der Spitze, die ihr Mieder säumte, Brüste 
mit langen Spitzen und einem bräunlichen Hof. Ihr Kleid war 

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aus gelbem Faille. René, der zu den beiden Frauen getreten war, 
sagte zu O: "Schau."  - Und zu Jeanne: "Heb dein Kleid hoch." 
Mit beiden Händen raffte sie die raschelnde Seide und das 
Batistfutter und enthüllte einen gebräunten Leib, glatte Schenkel 
und Knie und ein geschlossenes schwarzes Dreieck. René 
streckte die Hand danach aus und bewegte sich langsam darin, 
während er mit der anderen Hand die Spitze einer Brust reizte. 
"Damit du siehst", sagte er zu O. O sah es. Sie sah seine 
spöttische, aber aufmerksame Miene, seine Augen, die Jeannes 
halbgeöffneten Mund belauerten und den zurückgebogenen 
Hals, den das Lederband einschnürte. Welche Lust verschaffte 
sie ihm, die nicht auch diese Frau, jede andere, ihm genauso 
verschaffen konnte? "Hast du daran noch nie gedacht?" sagte er. 
Nein, sie hatte nie daran gedacht. Sie lehnte kraftlos an der 
Wand zwischen den beiden Türen, ganz aufrecht, mit hängenden 
Armen. Er brauchte ihr nicht mehr zu befehlen, daß sie 
schweigen solle. Wie hätte sie sprechen können? Vielleicht 
rührte ihn ihre Verzweiflung. Er ließ Jeanne los und nahm sie in 
die Arme, nannte sie seine Liebe und sein Leben, wiederholte, 
daß er sie liebe. Die Hand, mit der er ihre Brust und ihren Hals 
liebkoste, war noch feucht von Jeannes Schoß. Was tat das? Die 
Verzweiflung, die sie durchflutet hatte, wich von ihr; er liebte 
sie, ah, er liebte sie. Er hatte das Recht, sich an Jeanne oder an 
anderen Frauen zu vergnügen, er liebte sie. "Ich liebe dich", 
sagte sie ihm ins Ohr, "ich liebe dich", so leise, daß er es kaum 
hörte. "Ich liebe dich." Er ging erst von ihr, als er sah, daß sanfte 
Zärtlichkeit sie erfüllte, ihre Augen strahlten, daß sie glücklich 
war. 

 

Jeanne nahm O bei der Hand und zog sie auf den Korridor 

hinaus. Wieder klapperten ihre Pantöffelchen auf den Fliesen 
und wieder fanden sie auf der Bank zwischen den Türen einen 
Diener. Er war wie Pierre gekleidet, aber es war nicht Pierre. Er 
war ein großer, dürrer Mensch mit schwarzem Haar. Er ging vor 

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den Frauen her und führte sie in ein Vorzimmer, wo an einer 
schmiedeeisernen Tür, die sich von großen, gelben Portieren 
abhob, zwei weitere Diener warteten, zu deren Füßen weiße, 
lohfarben gefleckte Hunde lagen. "Das ist das Allerheiligste", 
flüsterte Jeanne. Aber der Diener, der vor ihnen ging, hatte sie 
gehört und drehte sich um. O sah voll Entsetzen, wie Jeanne 
ganz blaß wurde und ihre Hand losließ, das Kleid losließ, das sie 
mit der anderen Hand leicht gerafft hatte, und auf die Knie fiel, 
auf die schwarzen Fliesen  - denn das Vorzimmer war mit 
schwarzem Marmor ausgelegt. Die beiden Diener neben der 
Gittertür lachten. Einer von ihnen trat zu O hin und bat sie, ihm 
zu folgen, öffnete die Tür, die Tür gegenüber, durch die sie 
hereingekommen waren, und verschwand. Sie hörte Lachen und 
Hin- und Hergehen, dann schloß die Tür sich hinter ihr. Nie, 
niemals erfuhr sie, was sich zugetragen hatte, ob Jeanne bestraft 
worden war, weil sie gesprochen hatte und worin diese Strafe 
bestand, oder ob sie nur eine Laune des Dieners zu befriedigen 
hatte, ob sie mit ihrem Kniefall ein Gebot befolgte oder ihn 
milde stimmen wollte und ob es ihr gelungen war. O 
beobachtete während dieses ersten Aufenthaltes im Schloß, der 
zwei Wochen dauerte, daß trotz der Strenge des 
Schweigegebotes nur selten jemand versuchte, dieses Gebot 
während der Gänge im Haus oder während der Mahlzeiten 
einzuhalten, besonders bei Tage in alleiniger Gegenwart der 
Diener, als verleihe die Kleidung eine Sicherheit, die das 
Nacktsein und die Ketten bei Nacht und die Anwesenheit der 
Gebieter zunichte machte. Sie beobachtete ferner, daß die 
kleinste Geste, die man als Annäherungsversuch an einen der 
Gebieter auslegen konnte, selbstredend ganz unvorstellbar war, 
daß dies jedoch den Dienern gegenüber nicht galt. Die Diener 
erteilten niemals einen Befehl, wenn auch die Höflichkeit ihrer 
Aufforderungen ebenso unerbittlich war wie ein Befehl. Sie 
hatten offenbar Anweisung, Verstöße gegen die Hausregel auf 
der Stelle zu bestrafen, wenn sie die einzigen Zeugen waren. So 

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erlebte O dreimal, einmal auf dem Korridor, der in den roten 
Flügel führte und zweimal im Refektorium, wohin man sie 
soeben geführt hatte, wie Mädchen, die beim Sprechen ertappt 
worden waren, zu Boden geworfen und gepeitscht wurden. Man 
konnte also auch, ungeachtet dessen, was ihr am ersten Abend 
gesagt worden war, am hellen Tage ausgepeitscht werden; was 
in Gegenwart der Diener geschah, fiel nicht unter dieses Gesetz 
und konnte nach Gutdünken geahndet werden. Das Tageslicht 
verlieh ihren Kostümen etwas Ausgefallenes und Drohendes. 
Einige trugen schwarze Strümpfe und statt der roten Jacke und 
des weißen Jabots ein weiches Hemd aus roter Seide, das am 
Hals gerafft war, mit weiten Ärmeln, die am Handgelenk eng 
anlagen. Am Mittag des achten Tages hatte einer dieser Diener, 
schon mit der Peitsche in der Hand, das Mädchen auf dem 
Hocker neben O aufgerufen, eine üppige, blonde Magdalena mit 
einem Busen wie Milch und Rosen, die ihr zugelächelt und ein 
paar Worte so hastig zugeflüstert hatte, daß O sie nicht verstand. 
Noch eh der Diener sie berührt hatte, lag sie zu seinen Füßen, 
ihre schneeweißen Hände streichelten unter der schwarzen Seide 
das noch ruhende Geschlecht, sie legte es frei und führte es an 
ihren geöffneten Mund. Sie wurde dieses Mal nicht gepeitscht. 
Und da dieser Diener damals als einziger im Speisesaal die 
Aufsicht führte, und die Augen schloß, während er sich die 
Buße gefallen ließ, tuschelten die übrigen Mädchen. Man konnte 
also die Diener bestechen. Aber wozu? Wenn es eine Vorschrift 
gab, der O sich nicht mit Leichtigkeit beugen konnte, der sie 
sich niemals völlig beugte, so war es die Vorschrift, daß sie den 
Männern nicht ins Gesicht schauen dürfe  - und da diese 
Vorschrift auch den Dienern gegenüber galt, fühlte O sich 
ständig in Gefahr, so sehr verzehrte sie die Neugier auf 
Gesichter. Tatsächlich wurde sie von dem einen oder anderen 
gepeitscht, allerdings nicht jedesmal, wenn man sie ertappte 
(denn die Diener nahmen es mit den Regeln nicht so genau, sie 
legten wohl großen Wert auf die Faszination, die sie ausübten 

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und wollten sich nicht durch zu unnachsichtige und zu grausame 
Strenge um die Blicke bringen, die von ihren Augen und ihrem 
Mund abglitten, um sich wieder auf ihr Geschlecht zu heften, 
auf die Peitsche, ihre Hände, um das Spiel von neuem zu 
beginnen), sondern zweifellos nur dann, wenn sie Lust hatten, O 
zu demütigen. So grausam sie in solchem Fall auch behandelt 
wurde, sie hatte nie den Mut oder die Feigheit besessen, sich 
ihnen zu Füßen zu werfen, sie fügte sich ihnen, aber sie flehte 
sie niemals an. Was das Gebot des Schweigens betraf, so fiel es 
ihr so leicht, es einzuhalten  - nicht nur ihrem Geliebten 
gegenüber - daß sie es nicht ein einzigesmal übertrat, nur durch 
Zeichen antwortete, wenn ein anderes Mädchen einen 
unbewachten Augenblick nutzte, um sie anzusprechen. Das 
geschah meist während der Mahlzeiten, die in dem Saal 
stattfanden, in den man sie soeben geführt hatte. Die Wände 
waren schwarz, die Fliesen ebenfalls, der lange Tisch aus 
dickem, schwarzem Glas, und jedes Mädchen hatte als 
Sitzgelegenheit einen runden, mit schwarzem Leder bezogenen 
Hocker. Wenn man sich darauf niederließ, mußte man die Röcke 
heben und als ihre Schenkel das glatte, kalte Leder berührten, 
wurde O an den Sitz des Autos erinnert, auf den sie sich so hatte 
setzen müssen, nachdem ihr Geliebter ihr befohlen hatte, 
Strümpfe und Slip auszuziehen. Und umgekehrt wurde sie später 
jedesmal, wenn sie  - gekleidet wie alle Welt, aber mit nackten 
Lenden unter ihrem unauffälligen Schneiderkostüm oder ihrem 
gewöhnlichen Kleid - Rock und Unterkleid hob, um sich neben 
ihrem Geliebten oder einem anderen Mann auf den blanken 
Autositz oder auf die Bank eines Cafes zu setzen, an das Schloß 
erinnert, an ihre nackten Brüste, die das seidene Mieder zur 
Schau stellte, an die Hände und Lippen, denen alles erlaubt war, 
und an das schreckliche Schweigen. Dennoch war nichts ihr eine 
so große Hilfe gewesen, wie dieses Schweigen, höchstens noch 
die Ketten. Die Ketten und das Schweigen, die sie an sich selbst 
hatten fesseln sollen, sie ersticken, sie erwürgen, hatten sie im 

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Gegenteil von sich selbst befreit. Was wäre aus ihr geworden, 
wenn man ihr die Sprache gelassen hätte und die 
Bewegungsfreiheit ihrer Hände, wenn ihr eine Wahl geblieben 
wäre, während ihr Geliebter sie vor seinen Augen anderen 
preisgab? Gewiß, sie sprach während der Folterungen, aber 
konnte man dieses Gemisch aus Klagen und Schreien noch 
sprechen nennen? Überdies brachte man sie oft zum 
Verstummen, indem man sie knebelte. Die Blicke, die Hände, 
die Körper, die sie besudelten, die Peitschen, die sie 
zerfleischten, versetzten sie in einen rauschhaften Zustand der 
Selbstvergessenheit, der wieder in die Liebe mündete, sie 
vielleicht sogar in die Nähe des Todes führte. Sie war niemand 
und zugleich jedes der anderen Mädchen, die wie sie geöffnet 
und brutal genommen wurden, vor ihren Augen, denn sie sah 
dabei zu, wenn sie nicht sogar dabei helfen mußte. An ihrem 
zweiten Tag, noch nicht vierundzwanzig Stunden nach ihrer 
Ankunft, wurde sie also nach dem Essen in die Bibliothek 
geführt, um sich dort um den Kaffee und das Feuer zu kümmern. 
Sie wurde begleitet von Jeanne, die der schwarz behaarte Diener 
wieder zurückgebracht hatte, und von einem Mädchen namens 
Monique. Der gleiche Diener führte sie auch in die Bibliothek, 
wo er neben der Säule stehen blieb, an der O angebunden 
gewesen war. Die Bibliothek war noch leer. Die Fenstertüren 
gingen nach Westen und die Herbstsonne, die langsam über 
einen friedlichen, hohen Himmel zog, an dem kaum eine Wolke 
stand, erhellte auf einer Kommode einen riesigen Strauß 
schwefelgelber Chrysanthemen, die nach Erde und welkem 
Laub rochen. "Hat Pierre  Sie gestern gezeichnet? fragte der 
Diener. O nickte. - Dann müssen Sie es zeigen, raffen Sie bitte 
Ihren Rock." Er wartete, bis sie ihren Rock hinten hochgerollt 
hatte, wie es ihr am Vorabend von Jeanne gezeigt worden war, 
und bis Jeanne ihr geholfen hatte, ihn festzumachen. Dann sagte 
er, sie solle das Feuer anzünden. Inmitten der Kaskade aus 
grüner Seide und weißem Batist waren Os Lenden bis zur Taille 

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sichtbar, ihre Schenkel und die schlanken Beine. Die fünf 
Striemen waren schwarz. Das Holz lag schon auf dem Rost 
geschichtet, O brauchte nur ein Streichholz an das Stroh unter 
den Reisern zu halten, die sogleich Feuer fingen. Die Zweige 
des Apfelbaums brannten zuerst, dann die Eichenscheite, aus 
denen hohe, prasselnde und helle Flammen schlugen, die im 
Sonnenlicht fast unsichtbar waren, aber stark dufteten. Ein 
zweiter Diener trat ein und stellte auf die Konsole, von der die 
Lampe entfernt worden war, ein Tablett mit Tassen und Kaffee 
und ging wieder. O ging zur Konsole, Monique blieb auf der 
einen, Jeanne auf der anderen Seite des Kamins stehen. In 
diesem Augenblick traten zwei Männer ein, während der erste 
Diener hinausging. O glaubte an der Stimme einen der Männer 
zu erkennen, die am Vorabend mit Gewalt in sie eingedrungen 
waren, den Mann, der verlangt hatte, daß man Os Lenden 
leichter zugänglich machen solle. Sie musterte ihn verstohlen, 
während sie den Kaffe in die schwarzgoldenen Täßchen goß, die 
Monique zusammen mit dem Zucker herumreichte. Es war also 
dieser schlanke, blonde Junge gewesen, der wie ein  Engländer 
aussah. Er sprach wieder, und nun war sie sicher. Auch der 
andere war blond, jedoch untersetzt, mit plumpen Zügen. Beide 
saßen in den großen Ledersesseln, die Beine am Feuer, rauchten 
ruhig und lasen ihre Zeitungen, sie nahmen von den Frauen so 
wenig Notiz, als wären sie nicht da. Von Zeit zu Zeit hörte man 
Papier rascheln, Glut zerbröckeln. Von Zeit zu Zeit legte O ein 
neues Scheit aufs Feuer. Sie saß auf einem Kissen am Boden, 
neben dem Holzkorb. Monique und Jeanne ihr gegenüber, 
ebenfalls am Boden. Ihre ausgebreiteten Röcke flössen 
ineinander. Moniques Kleid war dunkelrot. Plötzlich, aber erst 
nach Ablauf einer Stunde, rief der blonde Junge Jeanne herbei, 
dann Monique. Er befahl ihnen, den Hocker zu bringen (den 
gleichen, über den man am Vorabend O bäuchlings geworfen 
hatte). Monique wartete nicht erst auf weitere Befehle, sie kniete 
nieder, beugte sich vornüber, daß ihre Brust sich gegen den 

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Pelzbezug preßte, und hielt sich mit beiden Händen an den 
Ecken des Hockers fest. Als Jeanne auf Befehl des jungen 
Mannes Moniques roten Rock hochschlug, bewegte sie sich 
nicht. Nun mußte Jeanne ihm, nach seinen Anweisungen, die er 
ihr in denkbar brutalen Ausdrücken erteilte, die Kleider öffnen 
und mit beiden Händen diesen Degen aus Fleisch umfassen, der 
O mindestens einmal so grausam durchbohrt hatte. Er schwoll 
an, wurde steif zwischen den geschlossenen Handflächen und O 
sah diese gleichen Hände, Jeannes winzige Hände, Moniques 
Schenkel teilen, in deren Höhlung der junge Mann eindrang, 
langsam und in kleinen Stößen, die das Mädchen stöhnen ließen. 
Der andere Mann, der wortlos zusah, winkte O zu sich, und 
ohne den Blick abzuwenden, stieß er sie über eine Armlehne 
seines Sessels, so daß ihr hochgeschürzter Rock ihm ihre 
Lenden in ganzer Länge darbot, und griff  mit einer Hand in 
ihren Schoß. So fand sie René, als er eine Minute später 
hereinkam. "Bleiben Sie nur so", sagte er und setzte sich auf das 
Kissen am Boden, wo O, eh sie weggerufen wurde, am Feuer 
gesessen war. Er betrachtete sie aufmerksam und lächelte, sooft 
die Hand, die sie festhielt, in ihr wühlte, wieder zupackte, sich 
immer tiefer in ihren Schoß grub und in ihre nachgebenden 
Lenden, und ihr ein Stöhnen entriß, das sie nicht unterdrücken 
konnte. Monique war längst wieder aufgestanden, Jeanne 
schürte  an Os Stelle das Feuer, sie brachte René, der ihr die 
Hand küßte, ein Glas Whisky, und er trank es aus, ohne die 
Augen von O abzuwenden. Der Mann, der sie noch immer 
gepackt hielt, sagte: "Gehört sie Ihnen? - Ja, antwortete René. - 
Jacques hat recht, fuhr der andere fort, sie ist zu eng, man muß 
sie ausweiten.  - Aber nicht zu sehr, sagte Jacques.  - Wie Sie 
wünschen, sagte René und stand auf, Sie können das besser 
beurteilen, als ich." Und er läutete. 

 

Während der folgenden Tage trug O von Sonnenuntergang, 

dem Ende ihrer Dienstzeit in der Bibliothek, bis zu der 

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Nachtstunde  - acht oder zehn Uhr  - zu der man sie wieder 
dorthin führte,  - sie in Ketten und nackt unter ihrem roten 
Umhang hinführte - einen Zapfen aus Hartgummi von der Form 
eines aufgerichteten Penis, der von drei Kettchen an einem 
Ledergürtel um ihre Hüften so festgehalten wurde, daß die 
innere Bewegung ihrer Muskeln ihn nicht herausstoßen konnte. 
Eine der Kettchen folgte der Furche zwischen ihren Lenden, die 
beiden anderen dem Ansatz der Schenkel zu beiden Seiten ihres 
Schoßes, so daß man, wenn man wollte, ungehindert dort 
eindringen konnte. Als René geklingelt hatte, hatte er den 
Behälter bringen lassen, der in einem Fach ein Sortiment von 
Kettchen und Gürteln enthielt und im anderen eine Auswahl von 
Zapfen, von den dünnsten bis zu ganz dicken. Allen war 
gemeinsam, daß sie an der Basis sehr breit waren, damit sie 
keinesfalls ins Körperinnere rutschten und der fleischige Ring, 
den sie aufzwingen und dehnen sollten, sich nicht wieder 
zusammenziehen konnte. So wurde sie aufgespreizt, zunehmend 
von Tag zu Tag, denn Jacques, der sie täglich niederknien oder 
besser sich zu Boden werfen ließ, um darüber zu wachen, daß 
Jeanne oder Monique oder irgendeine andere, die gerade zur 
Hand war, den von ihm gewählten Zapfen befestigte, wählte 
jedesmal einen dickeren. Noch beim Abendessen, das die 
Mädchen gemeinsam im gleichen Speisesaal einnahmen, 
gebadet, nackt und geschminkt, trug O ihn, und an den Kettchen 
und dem Gürtel konnten alle sehen, daß sie ihn trug. Er wurde 
ihr erst abgenommen, und zwar von Pierre, wenn der Diener sie 
für die Nacht an der Wand ankettete, falls niemand nach ihr 
verlangte, oder wenn er ihr die Hände auf den Rücken fesselte, 
um sie zur Bibliothek zu führen. Es verging kaum eine Nacht, 
ohne daß jemand sich dieses Zugangs bedient hätte, der auf 
diese Weise bald ebenso bequem war, wenn auch noch immer 
enger, als der andere. Nach Ablauf einer Woche war keine 
Vorrichtung mehr nötig und ihr Geliebter sagte O, er sei 
glücklich, daß sie nun zweifach zugänglich sei und er werde 

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-59- 

dafür sorgen, daß sie es auch bleibe. Zugleich kündigte er ihr an, 
daß er verreise und daß sie ihn während der letzten sieben Tage, 
die sie im Schloß verbringen sollte, eh er sie abholen und nach 
Paris zurückbringen werde, nicht  mehr zu sehen bekäme. "Aber 
ich liebe dich, fügte er hinzu, ich liebe dich, vergiß mich nicht." 
Ah! wie hätte sie ihn vergessen können? Er war die Hand, die 
ihr die Augen verband, die Peitsche des Dieners Pierre, er war 
die Kette über ihrem Bett und der Unbekannte, der seine Zähne 
in ihren Schoß grub, und alle Stimmen, die ihr Befehle erteilten 
waren seine Stimme. Wurde sie abgestumpft? Nein. Man hätte 
meinen sollen, durch die ständige Erniedrigung würde sie sich 
daran gewöhnen, erniedrigt zu werden, durch  die ständigen 
Berührungen daran, berührt zu werden, vielleicht sogar an die 
Peitsche, wenn sie ständig gepeitscht wurde. Eine schreckliche 
Übersättigung mit Schmerz und Wollust hätten sie allmählich 
bis an die Schwelle einer Fühllosigkeit treiben müssen, die dem 
Schlaf oder der Bewußtlosigkeit ähnlich war. Aber im 
Gegenteil. Vielleicht lag es an dem Korsett, das sie stützte, an 
den Ketten, die sie in sklavischer Unterwerfung hielten, an der 
Stille ihrer Zelle, und am ständigen Anblick der Mädchen, die 
wie sie ausgeliefert waren, am Anblick dieser stets allen 
zugänglichen Körper. Auch am Anblick ihres eigenen Körpers 
und daran, daß sie ständig an ihn denken mußte. Täglich, und 
wie einem Ritual folgend, von Speichel und Sperma beschmutzt, 
von Schweiß, der sich mit ihrem eigenen Schweiß mischte, 
empfand sie sich buchstäblich als Gefäß der Unreinheit, von 
dem die Heilige Schrift redet. Und doch, genau wie diejenigen 
Teile ihres Körpers, die am meisten geschändet wurden, noch 
empfindungsfähiger geworden waren, so  schienen sie ihr auch 
schöner geworden, veredelt: ihr Mund, der das Geschlecht eines 
Unbekannten umschloß, die Spitzen ihrer Brüste, die ständig 
von fremden Händen berührt wurden, die Zugänge ihres Leibes 
zwischen ihren gespreizten Schenkeln, Wege, die jeder 
benutzen, jeder nach Laune zerwühlen konnte. Unglaublich, daß 

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sie an Würde gewonnen haben sollte, weil sie prostituiert wurde, 
und doch stimmte es. Sie strahlte Würde aus, man sah an ihrem 
Gang die Ruhe, an ihrem Gesicht die Heiterkeit und das leise 
innere Lächeln, das man in den Augen derer, die für die Welt tot 
sind, mehr ahnt als sieht. 

 

Als René ihr sagte, daß er sie verlassen werde, war die Nacht 

bereits hereingebrochen. O war nackt in der Zelle und wartete, 
bis man sie in den Speisesaal führen würde. Ihr Gebieter 
hingegen war gekleidet wie immer, mit einem Anzug, den er 
täglich in der Stadt trug. Als er sie in die Arme nahm, rieb der 
Tweed seiner Jacke sich an der Spitze ihrer Brüste. Er küßte sie, 
legte sie aufs Bett, legte sich zu ihr und nahm sie zärtlich und 
sanft, kam und ging durch die beiden Wege, die sich ihm boten, 
um sich endlich in ihrem Mund zu ergießen, den er danach von 
neuem küßte. "Eh ich weggehe, möchte ich dich peitschen 
lassen, und diesmal bitte ich dich darum. Bist du einverstanden? 
- Sie war einverstanden.  - Ich liebe dich, ich liebe dich, 
wiederholte er, klingle nach Pierre." Sie klingelte. Pierre fesselte 
ihr die Hände über dem Kopf an der Kette. Als sie so 
festgebunden war, küßte ihr Geliebter sie nochmals, er stand 
neben ihr auf dem Bett, wiederholte noch einmal, daß er sie 
liebe, stieg dann vom Bett und machte Pierre ein Zeichen. Er sah 
zu, wie sie sich vergeblich wand, hörte ihr Stöhnen zu Schreien 
werden. Als ihre Tränen flössen, schickte er Pierre weg. Sie fand 
die Kraft, ihm noch einmal zu sagen, daß sie ihn liebe. Er küßte 
ihr tränennasses Gesicht, ihren keuchenden Mund, band sie los, 
legte sie aufs Bett und ging. 

 

Wenn man sagt, daß O von der Sekunde an, in der ihr 

Geliebter sie verließ, nur noch auf seine Rückkehr gewartet 
habe, so sagt man wenig: sie war nur noch Erwartung und 
Nacht. Bei Tage war sie wie eine gemalte Statue mit sanfter 
Haut und gefügigem Mund, die - jetzt hielt sie auch diese Regel 

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strikt ein  - stets die Augen gesenkt hielt. Sie machte das Feuer 
an und unterhielt es, servierte Kaffee und Getränke, zündete 
Zigaretten an, arrangierte Blumen und faltete Zeitungen wie ein 
junges Mädchen im Salon ihrer Eltern, und wirkte dabei so 
rührend mit ihrem entblößten Busen und dem Lederhalsband, 
dem engen Korsett und den Handschellen aus Leder, daß die 
Männer, die sie bediente, ihr nur zu befehlen brauchten, sie solle 
dabeistehen, wenn eines der anderen Mädchen vergewaltigt 
wurde, um sogleich auch nach O selbst zu verlangen; zweifellos 
mißhandelte man sie darum nur um so mehr. Machte sie etwas 
falsch? Oder hatte ihr Geliebter sie allein gelassen, damit die 
anderen, denen er sie auslieferte, um so freier über sie verfügen 
konnten? Wie dem auch sei, als sie am zweiten Tag nach seiner 
Abreise bei Anbruch der Nacht sich soeben entkleidet hatte und 
im Spiegel ihres Badezimmers die schon fast verblaßten 
Striemen von Pierres Reitstock auf der Vorderseite ihrer 
Schenkel betrachtete, trat der Diener ein. Es waren noch zwei 
Stunden bis zum Abendessen. Er sagte ihr, daß sie nicht im 
Speisesaal essen werde und daß sie sich fertigmachen solle, 
wobei er auf den türkischen Sitz in der Ecke wies, auf den sie 
sich nun in Gegenwart Pierres kauern mußte, wie Jeanne ihr 
bereits gesagt hatte. Die ganze Zeit, während sie dort saß, 
schaute er sie an, sie sah ihn in den Spiegeln und sah sich selbst, 
unfähig das Wasser zurückzuhalten, das aus ihrem Körper floß. 
Er wartete, bis sie danach ihr Bad genommen und sich 
geschminkt hatte. Sie wollte ihre Pantöffelchen und den roten 
Umhang holen, doch er sagte, indem er ihr die Hände auf den 
Rücken band, daß es sich nicht lohne und daß sie einen 
Augenblick auf ihn warten solle. Sie setzte sich an eine Ecke des 
Bettes. Draußen ging ein Unwetter nieder, kalter Wind und 
Regen, und die Pappel neben dem Fenster krümmte und streckte 
sich unter den Sturmböen. Vergilbte, durchweichte Blätter 
klatschten dann und wann an die Scheiben. Es war so dunkel 
wie mitten in der Nacht, obwohl es noch nicht sieben Uhr 

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geschlagen hatte, aber der Herbst war schon vorgerückt und die 
Tage wurden kürzer. Als Pierre wiederkam, hielt er die gleiche 
Binde in der Hand, mit der ihr am ersten Abend die Augen 
verbunden worden waren. Dazu eine lange, klirrende Kette, 
ähnlich der Kette an der Wand. Es schien O, als zögerte er, ob er 
ihr zuerst die Kette anlegen solle oder zuerst die Augenbinde. 
Sie schaute dem Regen zu, es war ihr gleichgültig, was man von 
ihr wollte, sie dachte nur, daß René gesagt hatte, er werde 
wiederkommen, daß noch fünf Tage und fünf Nächte vergehen 
müßten, und daß sie nicht wußte, wo er war, ob er allein war 
und wenn nicht, wer bei ihm sein mochte. Aber er würde 
wiederkommen. Pierre hatte die Kette aufs Bett gelegt, und ohne 
O in ihren Träumen zu stören, befestigte er die schwarze 
Augenbinde, die sich ein wenig über den Augenhöhlen 
erweiterte, jedoch dicht auf den Lidern lag: unmöglich, 
durchzuspähen, unmöglich, die Lider zu heben. Wohltätige 
Nacht, die ihrer eigenen Nacht glich und die O niemals mit 
solcher Freude begrüßt hatte, wohltätige Ketten, die sie von sich 
selbst befreiten. Pierre befestigte die Kette an dem Ring ihres 
Halsbandes und bat sie, mit ihm zu kommen. Sie stand auf, 
spürte, daß sie vorwärtsgezogen wurde und setzte sich in 
Bewegung. Ihre nackten Füße wurden eisig auf den Fliesen, sie 
begriff, daß sie den Korridor des roten Flügels entlangging, dann 
wurde der Boden, der noch immer kalt war, rauher: sie ging auf 
einem Steinbelag, Sandstein oder Granit. Zweimal hieß der 
Diener sie stehenbleiben, sie hörte das Geräusch eines 
Schlüssels, der eine Tür öffnete, dann wieder versperrte. 
"Vorsicht, Stufen", sagte Pierre und sie stieg eine Treppe 
hinunter, einmal strauchelte sie. Pierre fing sie um die Taille auf. 
Er hatte sie noch nie berührt, außer um sie anzuketten oder zu 
schlagen, jetzt aber legte er sie auf die kalten Stufen, an denen 
sie sich mit den gefesselten Händen festhielt, so gut es ging, um 
nicht zu rutschen und stürzte sich auf ihre Brüste. Sein Mund 
wanderte von der einen zur anderen und während er sie an sich 

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preßte, spürte sie, wie er sich langsam spannte. Er hob sie erst 
auf, nachdem er sich an ihr genüge getan hatte. Naß und vor 
Kälte zitternd stieg sie schließlich die letzten Stufen hinab, hörte 
wieder eine Tür aufgehen und spürte, nachdem sie durch diese 
Tür gegangen war, sogleich einen dicken Teppich unter den 
Füßen. Die Kette wurde nochmals leicht angezogen, dann 
banden Pierres Hände ihre Hände los, nahmen ihr die 
Augenbinde ab: sie war in einem runden, gewölbten Raum, der 
sehr klein und niedrig war, Mauern und Deckengewölbe aus 
Stein und ohne jeden Bewurf, man sah die Fugen zwischen den 
Quadern. Die Kette, die an ihrem Hals befestigt war, hing, in 
einer Ringschraube eingehakt, in etwa einem Meter Höhe an der 
Mauer, der Tür gegenüber, und ließ ihr nur soviel 
Bewegungsfreiheit, daß sie zwei Schritte  nach vorn machen 
konnte. Es war kein Bett da, nichts, was einem Bett ähnlich sah, 
keine Decke, nur drei oder vier marokkanische Kissen, aber 
außerhalb ihrer Reichweite und nicht für sie bestimmt. Innerhalb 
ihrer Reichweite hingegen stand in der Nische, durch die das 
spärliche Licht in den Raum sickerte, ein Holztablett mit 
Wasser, Obst und Brot. Die Wärme der Heizkörper, die nah am 
Boden in das Mauerwerk eingebaut waren und rundum eine Art 
brennender Fußleiste bildeten, kam nicht auf gegen den Geruch 
nach Schlamm und Erde, den Geruch, der in den ehemaligen 
Kerkern herrscht, in den alten Schlössern, in einem 
unbewohnten Bergfried. In diesem warmen Halbdunkel, in das 
kein Laut drang, hatte O bald jeden Sinn für Zeit verloren. Es 
gab weder Tag noch Nacht, das Licht ging nie ganz aus. Pierre 
oder ein anderer Diener stellten gleichgültig frisches Wasser, 
Obst und Brot auf das Tablett, wenn es leer war, und führten sie 
ins Bad in ein benachbartes Gelaß. Sie sah niemals die Männer, 
die hereinkamen, weil jedesmal erst ein Diener ihr die Augen 
verband und die Binde erst abnahm, wenn sie wieder allein war. 
Sie verlor auch das Gefühl dafür, wieviele es waren und weder 
ihre sanften Hände noch ihre Lippen, die blind ihre Zärtlichkeit 

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erwiesen, konnten jemals erkennen, wen  sie berührten. 
Manchmal waren es mehrere, meist nur einer allein, aber 
jedesmal mußte sie, eh jemand sich ihr näherte, mit dem Gesicht 
zur Mauer niederknien, man hakte den Ring ihres Halsbandes in 
die gleiche Öse, an der die Kette hing und peitschte sie aus. Sie 
stemmte die Handflächen gegen die Mauer und legte das 
Gesicht auf den Handrücken, um es sich nicht am Stein zu 
zerkratzen; aber sie rieb sich Knie und Brüste daran wund. Sie 
konnte auch die Martern nicht mehr zählen und ihre Schreie, die 
das Gewölbe erstickte. Sie wartete. Plötzlich stand die Zeit nicht 
mehr still. In ihrer samtenen Nacht nahm sie wahr, daß ihr die 
Kette abgenommen wurde. Drei Monate lang, drei Tage lang 
hatte sie gewartet, oder zehn Tage oder zehn Jahre. Sie spürte, 
daß man sie in einen dicken Stoff hüllte, und daß jemand sie 
unter den Armen und den Kniekehlen faßte, hochhob und 
wegtrug. Sie fand sich in ihrer Zelle unter ihrer schwarzen 
Pelzdecke wieder, es war früher Nachmittag, ihre Augen waren 
offen, ihre Hände frei, und René saß neben ihr und streichelte 
ihr das Haar. "Du mußt dich anziehen, sagte er, wir gehen." Sie 
nahm ein letztes Bad, er bürstete ihr das Haar, reichte ihr Puder 
und Lippenstift. Als sie in die Zelle zurückkam, lagen ihr 
Kostüm, die Bluse, das Unterkleid, ihre  Strümpfe und Schuhe 
auf dem Fußende des Bettes, auch ihre Tasche und die 
Handschuhe. Sogar der Mantel war da, den sie über dem 
Kostüm trug, wenn es anfing, kälter zu werden, und ein 
Seidentuch, um den Hals zu schützen, aber weder Strumpfgürtel 
noch Slip. Sie rollte die Strümpfe bis zum Knie, zog sich 
langsam an, bis auf die Kostümjacke, denn es war sehr warm in 
der Zelle. In diesem Augenblick trat der Mann ein, der ihr am 
ersten Abend erklärt hatte, was man von ihr verlangen werde. Er 
nahm ihr das Halsband  und die Armreifen ab, die sie zwei 
Wochen lang gefangen gehalten hatten. Fühlte sie sich jetzt 
befreit? Oder fehlte ihr etwas? Sie sagte nichts, wagte kaum, mit 
den Händen ihre Gelenke zu berühren, wagte nicht, an ihren 

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Hals zu fassen. Der Mann hielt ihr nun eine kleine Holzkette mit 
lauter gleichen Ringen hin und bat sie, daraus einen Ring zu 
wählen, der an ihren linken Ringfinger paßte. Es waren 
sonderbare Eisenringe, innen mit Gold gerandet; der breite, 
schwere Reif, ähnlich der Fassung eines Siegelrings, aber 
hochgewölbt, trug in Nielloarbeit ein goldenes Rad mit drei 
Speichen, die spiralenförmig gebogen waren, wie beim 
Sonnenrad der Kelten. Der zweite Ring ließ sich mit ein wenig 
Mühe anstecken und paßte genau. Er war schwer an ihrer Hand, 
und das Gold glänzte wie aus einem Versteck hinter dem matten 
Grau des polierten Eisens. Warum das Eisen, warum das Gold, 
und das Zeichen, das sie nicht zu deuten wußte? Es war nicht 
möglich, in diesem rotbespannten Raum zu sprechen, wo noch 
die Kette an der Wand über  dem Bett hing, wo die noch 
verknüllte schwarze Decke am Boden lag, wo der Diener Pierre 
hereinkommen konnte, hereinkommen würde, eine absurde 
Erscheinung in seinem Opernkostüm, im wattigen 
Novemberlicht. Sie irrte sich, Pierre kam nicht herein. René ließ 
sie die Jacke anziehen und die langen Handschuhe, die über die 
Ärmel reichten. Sie nahm ihren Schal, die Tasche, und hängte 
den Mantel über den Arm. Die Absätze ihrer Schuhe machen auf 
den Fliesen des Korridors weniger Geräusch, als die 
Pantöffelchen gemacht hatten, die Türen waren geschlossen, das 
Vorzimmer war leer. O hielt die Hand ihres Geliebten. Der 
Unbekannte, der sie geleitete, öffnete das Gitter des 
"Allerheiligsten", wie Jeanne es genannt hatte und vor dem jetzt 
weder Diener noch Hunde wachten. Er  hob eine der grünen 
Samtportieren und ließ beide durchgehen. Der Vorhang fiel 
wieder. Man hörte, wie das Gitter geschlossen wurde. Sie waren 
allein in einem weiteren Vorraum, der zum Park führte. Man 
brauchte nur noch die Stufen der Freitreppe hinunterzuge hen, 
vor der O den Wagen wiedersah, den sie schon kannte. Sie 
setzte sich neben ihren Geliebten, der am Steuer saß und den 
Wagen startete. Als sie aus dem Park waren, dessen Einfahrtstor 

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weit offen stand, fuhr er noch einige hundert Meter weiter, hielt 
dann an, um sie zu küssen. Es war genau am Eingang eines 
kleinen, friedlichen Dörfchens, das sie danach durchführen. O 
konnte den Namen auf dem Ortsschild lesen: Roissy. 

 

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II SIR STEPHEN 

 

Das Appartement, das O bewohnte, lag auf der Ile Saint-

Louis, unter dem Giebelwerk eines alten Hauses, das nach 
Süden, über die Seine, blickte. Es waren große, niedrige 
Mansardenzimmer, die beiden Vorderzimmer hatten je einen 
Balkon, der in die Dachschräge eingebaut war. Eines war Os 
Schlafzimmer; das andere, wo eine vom Boden bis zur Decke 
reichende Bücherwand den Kamin rahmte, diente als Salon, als 
Arbeitsraum und wenn man wollte, konnte man hier auch 
schlafen: den beiden Fenstern gegenüber stand ein großes Sofa, 
und vor dem Kamin ein großer, antiker Tisch. Hier wurde auch 
zu Abend gegessen, wenn das winzige Speisezimmer, das mit 
dunkelgrünem Serge tapeziert war und auf den Hof ging, die 
Gäste nicht fassen konnte. Ein weiteres Zimmer, das ebenfalls 
auf den Hof ging, diente René als Schrank- und Ankleideraum. 
O teilte mit ihm  das gelbe Badezimmer; die ebenfalls gelbe 
Küche war winzig klein. Eine Aufwartefrau kam jeden Tag. Die 
Böden der Zimmer auf der Hofseite waren mit roten Fliesen 
ausgelegt, mit diesen altmodischen, sechseckigen Platten, die 
vom zweiten Stockwerk aufwärts die Stufen und Treppengänge 
der alten Pariser Häuser bedecken. Als O sie wiedersah, spürte 
sie einen Stich im Herzen: es waren die gleichen Fliesen, wie in 
den Korridoren von Roissy. Ihr Zimmer war klein, die rosa und 
schwarzen Chintzvorhänge waren zugezogen, das Feuer loderte 
hinter dem Kamingitter, das Bett war bereit, die Decke 
zurückgeschlagen. 

 

"Ich habe dir ein Nylonnachthemd gekauft, sagte René, du 

hast noch keines." Wirklich lag am Bettrand, auf der Seite, auf 
der O schlief, ein weißes, plissiertes Nylonhemd ausgebreitet, 
hauchzart wie die Gewänder der ägyptischen Statuen und beinah 
durchsichtig. Es wurde um die Taille, über einer Steppbordüre 

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aus Gummifäden, mit einem schmalen Gürtel gehalten und der 
Nylonjersey war so leicht, daß die Wölbung der Brüste ihn rosig 
färbte. Alles, mit Ausnahme der Vorhänge und der 
gleichfarbigen Stoffbespannung zu Häupten des Bettes und der 
beiden kleinen Sessel, die mit demselben Chintz bezogen waren, 
alles in diesem Zimmer war weiß: die Wände, die Steppdecke 
auf dem Sprossenbett aus Mahagoni, und die Bärenfelle auf dem 
Boden. O saß jetzt in ihrem weißen Hemd vor dem Feuer und 
hörte ihrem Geliebten zu. Als erstes sagte er ihr, sie dürfe nicht 
glauben, daß sie von jetzt an wieder frei sei. Es stehe ihr 
allerdings frei, ihn nicht mehr zu lieben und ihn auf der Stelle zu 
verlassen. Wenn sie ihn aber liebe, sei sie in nichts mehr frei. 
Sie hörte ihm wortlos zu, dachte, wie glücklich sie darüber sei, 
daß er sich, auf welche Weise auch immer, beweisen wolle wie 
sehr sie ihm gehöre, und daß es ein wenig naiv von ihm sei, 
anzunehmen, diese Hörigkeit bedürfe überhaupt eines Beweises. 
Aber vielleicht nahm er das gar nicht an und wollte nur darüber 
sprechen, weil es ihm Freude machte? Sie schaute ins Feuer, 
während er zu ihr redete, sie schaute nicht zu ihm auf, wagte 
nicht, seinem Blick zu begegnen. Er hatte sich nicht gesetzt, er 
ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich sagte er, daß sie vor allem 
die Knie öffnen und die Arme hängen lassen solle, wenn sie ihm 
zuhöre; denn sie hatte mit geschlossenen Knien dagesessen und 
hatte die Arme um die Knie geschlungen. Sie zog also ihr Hemd 
hoch und ließ sich auf Knie und Fersen nieder, wie die 
Karmeliterinnen oder die Japanerinnen, und wartete. Jetzt, wo 
ihre Knie gespreizt waren, spürte sie zwischen ihren 
halbgeöffneten Schenkeln das leichte, spitze Kratzen des weißen 
Fells; René war noch nicht genug zufrieden: sie hatte die Beine 
nicht weit genug geöffnet. Die Befehle "öffne" und "öffne die 
Beine", von René ausgesprochen, besaßen eine so verwirrende 
Macht, daß sie sie niemals ohne eine Art geistigen Kniefalls 
hörte, frommer Unterwerfung, als hätte nicht er, sondern ein 
Gott sie gesprochen. Sie blieb also unbeweglich sitzen und ließ 

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die Hände mit den Innenflächen nach oben zu beiden Seiten 
ihrer Knie ruhen, zwischen denen der Jersey ihres Hemdes, das 
sich um sie breitete, in die ursprünglichen Pliseefalten fiel. Was 
ihr Geliebter von ihr verlangte, war ganz einfach: daß sie ständig 
und auf der Stelle zugänglich sein solle. Es genügte ihm nicht, 
zu wissen, daß sie es war: sie mußte es ohne jedes Hindernis 
sein, und ihre ganze Haltung wie auch ihre Kleidung sollten für 
die Eingeweihten gewissermaßen Symbole dieser 
Zugänglichkeit sein. Das bedeutet, fuhr er fort, zweierlei. 
Erstens, was sie schon wußte  und worauf man sie am Abend 
ihrer Ankunft im Schloß hingewiesen hatte: die Knie, die sie 
niemals überschlagen durfte, die Lippen, die immer halboffen 
bleiben mußten. Sie glaubte wohl, das sei praktisch nichts (sie 
glaubte es tatsächlich), sie werde jedoch  das Gegenteil 
feststellen, daß die Einhaltung dieser Disziplin ständige 
angespannte Aufmerksamkeit erfordere, die sie nicht nur in 
seiner Gegenwart und vielleicht in Gegenwart einiger anderer, 
die ihr Geheimnis kannten, an ihren wahren Zustand erinnern 
werde, sondern bei der gewöhnlichsten Beschäftigung und unter 
Menschen, die nichts ahnten. Was ihre Kleidung betreffe, so sei 
es ihre Sache, sie so zu wählen oder notfalls zu erfinden, daß 
dieser Entkleidungsakt, den er in dem Wagen nach Roissy mit 
ihr hatte  vornehmen müssen, in Zukunft nicht mehr notwendig 
sei: morgen werde sie in ihren Schränken Musterung halten, 
unter ihren Kleidern, in den Schubladen unter ihrer Wäsche, und 
ihm ausnahmslos alles abliefern, was sie darin an 
Strumpfgürteln und Höschen finde; ebenso alle Büstenhalter, die 
so gearbeitet waren, wie der, dessen Träger er erst hatte 
abschneiden müssen, ehe er ihn ihr ausziehen konnte; 
Unterkleider, die soweit heraufreichten, daß sie ihre Brüste 
bedeckten, Blusen und Kleider, die nicht vorn zu öffnen waren, 
alle Röcke, die so eng waren, daß man sie nicht mit einer 
einzigen Bewegung hochschlagen konnte. Sie solle sich andere 
Büstenhalter machen lassen, andere Blusen, andere Kleider. 

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Dann würde sie ja von jetzt an mit nackten Brüsten unter ihrer 
Bluse oder ihrem Pullover zur Korsettschneiderin gehen. Sollte 
es jemandem auffallen, so werde sie es nach Gutdünken erklären 
oder nicht erklären, ganz wie sie wolle, das gehe nur sie allein 
an. Mit den übrigen Anweisungen, die er ihr noch zu erteilen 
habe, wolle er noch ein paar Tage warten, und er wünsche, daß 
sie, wenn sie ihm zuhören werde, entsprechend gekleidet sei. In 
der kleinen Schublade ihres Schreibtisches werde sie soviel 
Geld finden, wie sie brauche. Als er zu Ende gesprochen hatte, 
flüsterte sie "ich liebe dich" ohne die geringste Bewegung zu 
machen. Er legte frisches Holz aufs Feuer, zündete die 
Nachttischlampe aus rosa Opalin an. Er sagte, O solle sich zu 
Bett legen und auf ihn warten, er werde bei ihr schlafen. Als er 
zurückkam, streckte O die Hand aus, um die Lampe zu löschen: 
die linke Hand, und das letzte was sie sah, eh alles ins Dunkel 
versank, war der matte Glanz ihres Eisenrings. Sie lag halb auf 
der Seite: da rief ihr Geliebter leise ihren Namen, er packte sie 
am Schoß und zog sie an sich. 

 

Am nächsten Tag, kurz nachdem O allein in dem grünen 

Eßzimmer zu Mittag gegessen hatte  - René war zeitig 
weggegangen und würde erst am Abend zurückkommen, um sie 
zum Essen abzuholen  - klingelte das Telephon. Der Apparat 
stand im Schlafzimmer neben dem Bett, unter der 
Nachttischlampe. O setzte sich auf den Boden und nahm den 
Hörer ab. Es war René, der wissen wollte, ob die Aufwartefrau 
schon weg sei. Ja, sie sei gerade gegangen, nachdem sie das 
Essen serviert hatte, und werde erst morgen früh 
wiederkommen. Hast du schon mit dem Aussortieren deiner 
Kleider angefangen? sagte René.  - Ich wollte gerade anfangen, 
habe gebadet und bin erst um Mittag fertig geworden. - Bist du 
angekleidet?  - Nein, ich habe mein Nachthemd und den 
Morgenrock an. - Leg den Hörer weg, zieh den Morgenrock und 
das Nachthemd aus." O gehorchte, so eifrig, daß der Hörer vom 

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Bett rutschte, wo sie ihn hingelegt hatte, auf den weißen 
Teppich fiel und sie glaubte, die Verbindung sei unterbrochen. 
Nein, sie war nicht unterbrochen. "Bist du nackt? hörte sie René 
wieder. - Ja, sagte sie, von wo rufst du an?" Er beantwortete ihre 
Frage nicht, sondern fuhr fort: "Hast du deinen Ring 
angelassen?" Sie hatte den Ring angelassen. Er befahl ihr, so zu 
bleiben, wie sie war, bis er zurückkommen werde, und den 
Koffer mit den Kleidungsstücken zu packen, die sie nicht mehr 
tragen sollte. Dann legte er auf. Es war ein Uhr vorbei und das 
Wetter war schön. Ein Sonnenstrahl fiel auf das Nachthemd und 
den Morgenrock aus Cordsamt, blaßgrün wie die Schalen 
frischer Mandeln, beide lagen noch auf dem Teppich, wie O sie 
hatte herabgleiten lassen. Sie hob sie auf und trug sie ins 
Badezimmer, hängte sie in einen Wandschrank. Als sie an einem 
Spiegel vorbeiging, der an einer Tür angebracht war und mit 
einem Wandspiegel und einer zweiten, ebenfalls mit Spiegelglas 
belegten Tür einen dreiteiligen Spiegel bildete, sah sie plötzlich 
ihr Bild: sie hatte nichts am Leib als ihre Lederpantöffelchen, 
vom gleichen Grün wie ihr Morgenrock, kaum dunkler als die 
Pantöffelchen, die sie in  Roissy getragen hatte - und ihren Ring. 
Sie trug weder Halsband noch Lederarmreifen, und sie war 
allein, ihr eigener Zuschauer. Dennoch hatte sie sich noch 
niemals so völlig einem fremden Willen ausgeliefert, so völlig 
als Sklavin gefühlt, und war noch nie so glücklich darüber 
gewesen. Als sie sich bückte, um eine Schublade zu öffnen, sah 
sie ihre Brüste sich leicht bewegen. Es dauerte beinah zwei 
Stunden, bis sie alle Kleidungsstücke, die in den Koffer gepackt 
werden mußten, auf dem Bett ausgelegt hatte. Bei den Slips gab 
es keinen Zweifel, O schichtete sie zu einem Häufchen neben 
einer der Sprossen. Die Büstenhalter ebenfalls, es blieb nicht 
einer übrig: sie waren alle über dem Rücken gekreuzt und 
schlossen an der Seite. Aber sie sah schon, wie sie das gle iche 
Modell anfertigen lassen könnte, nur mit dem Verschluß vorn, 
genau unter der Furche zwischen den Brüsten. Auch die 

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Strumpfgürtel machten keine Schwierigkeiten, aber sie zögerte, 
das Taillenmieder aus rosen Seidenbroché dazuzulegen, das am 
Rücken geschnürt wurde und dem Korsett, das sie in Roissy 
getragen hatte, so ähnlich war. Sie legte es beiseite, auf die 
Kommode. René würde entscheiden. Er würde auch wegen der 
Pullover entscheiden, die alle über den Kopf gezogen wurden 
und am Hals eng anlagen, also nicht zu öffnen waren. Aber man 
konnte sie von der Taille her hochziehen und so die Brüste 
freimachen. Sämtliche Unterkleider dagegen häuften sich auf 
dem Bett. In der Kommodenschublade blieb nur ein Halbrock 
aus schwarzem Faille mit Plisseesaum und kleine n Valencienne-
Spitzen, der unter einen schwarzen, sehr leichten und fast 
durchsichtigen Wollrock mit Sonnenplissee gehörte. Sie würde 
neue Unterröcke brauchen, hellfarbig und kurz. Sie stellte fest, 
daß sie entweder ganz auf enge Kleider verzichten oder 
Mantelkleider wählen müßte, die von oben bis unten 
durchgeknöpft waren, mit einem Futter, das sich zugleich mit 
dem Kleid öffnete. Bei den Unterröcken und Kleidern war die 
Sache einfach, aber was würde die Wäschenäherin sagen, wenn 
sie ihre Bestellung aufgeben würde? Sie würde ihr erklären, daß 
sie ein loses Futter haben wolle, weil sie leicht friere. Es 
stimmte sogar, daß sie leicht fror, und sie fragte sich plötzlich, 
wie sie so mangelhaft geschützt im Winter die Kälte im Freien 
ertragen werde. Als sie schließlich fertig war und von ihrer 
Garderobe nur die Hemdkleider blieben, die alle vorn geknöpft 
wurden, der schwarze Plisseerock, die Mäntel natürlich, und das 
Kostüm, mit dem sie aus Roissy zurückgekommen war, machte 
sie Tee. In der Küche stellte sie den Thermostat der Heizung 
höher; die Aufwartefrau hatte den Holzkorb für das Feuer im 
Salon nicht gefüllt und O wußte, daß ihr Gelieber sie am Abend 
im Salon am Feuer vorfinden wollte. In einen großen Sessel 
gekauert, den Tee neben sich, erwartete sie also seine Rückkehr, 
aber dieses Mal wartete sie, wie er es befohlen hatte, nackt. 

 

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Auf die erste Schwierigkeit stieß sie in ihrem Beruf. 

Schwierigkeit ist viel gesagt. Erstaunen wäre richtiger. O 
arbeitete in der Modeabteilung einer Photoagentur. Das heißt, 
sie machte im Studio, wo sie stundenlang posieren mußten, 
Aufnahmen von besonders exotischen und besonders hübschen 
Mädchen, die von den Modehäusern zur Vorführung ihrer 
Modelle ausgesucht wurden. Man wunderte sich, daß O ihren 
Urlaub so weit in den Herbst hine in ausgedehnt hatte und daher 
ausgerechnet in der Zeit abwesend war, in der die meiste Arbeit 
anfiel, kurz vor Erscheinen der neuen Mode. Aber das hätte man 
noch hingenommen. Man wunderte sich vor allem, daß sie so 
verändert war. Auf den ersten Blick konnt e niemand sagen, 
woran es lag, aber jeder empfand es sofort und je länger man sie 
beobachtete, umso mehr war man davon überzeugt. Sie hielt 
sich gerader, ihr Blick war klarer geworden, aber das 
Auffallendste war ihre Fähigkeit, völlig regungslos zu verharren 
und die Gehaltenheit aller Gesten. Sie war schon immer 
nüchtern gekleidet gewesen, wie alle Mädchen, die einem Beruf 
nachgehen, der einem Männerberuf gleicht, aber so geschickt sie 
sich auch anstellte, die anderen Mädchen, die das Objekt ihrer 
Arbeit bildeten und deren Beruf eben Kleider und Schmuck 
waren, hatten schnell bemerkt, was anderen Augen entgangen 
war. Die Pullover, die auf der bloßen Haut getragen wurden und 
so zärtlich die Brüste modellierten, - René hatte schließlich die 
Pullover gestattet  - die Plisseeröcke, die so schwerelos um sie 
schwangen, wirkten fast wie eine dezente Uniform, da O kaum 
etwas anderes trug. "Junge Mode", sagte eines Tages mit 
spöttischer Miene ein blondes, grünäugiges Mannequin zu ihr, 
ein Mädchen mit den hohen Backenknochen und dem dunklen 
Teint der Slawen. "Aber, fuhr sie fort, Strumpfbänder sollten Sie 
nicht tragen, Sie werden sich die Beine verderben." O hatte sich 
nämlich unvorsichtigerweise in ihrer Gegenwart ein wenig 
schnell rittlings auf die Armlehne eines großen Lederfauteuils 
gesetzt; dabei war ihr Rock hochgeflogen. Das große Mädchen 

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hatte das Weiß des nackten Schenkels über dem gerollten 
Strumpf gesehen, der das Knie gerade noch bedeckte, aber dann 
aufhörte. O hatte sie so neugierig lächeln sehen, daß sie sich 
fragte, was die andere sich spontan vorgestellt oder vielleicht 
erraten habe. Sie zog ihre Strümpfe hoch, erst den einen, dann 
den anderen, um sie straffer zu spannen, was schwierig ist, wenn 
sie nicht bis zur Mitte der Schenkel reichen, und nicht von 
einem Strumpfgürtel gehalten werden, und erwiderte Jacqueline, 
wie um sich zu rechtfertigen: "Es ist praktisch.  - Praktisch für 
wen? sagte Jacqueline.  - Ich mag keine Strumpfgürtel", 
erwiderte O. Aber Jacqueline hörte nicht zu, sie betrachtete den 
Eisenring. 

 

In den folgenden Tagen machte O etwa fünfzig Aufnahmen 

von Jacqueline. Sie waren mit keinem Photo zu vergleichen, das 
sie bisher gemacht hatte. Vielleicht hatte sie noch nie ein solches 
Modell gehabt. Auf jeden Fall hatte sie noch nie soviel aus 
einem Gesicht oder einem Körper herausgeholt. Dabei handelte 
es sich doch nur darum, die Seiden, die Pelze, die Spitzen noch 
schöner wirken zu lassen durch die plötzliche Schönheit einer 
im Spiegel überraschten Fee, die Jacqueline in der einfachsten 
Bluse wie im prächtigsten Nerz ausstrahlte. Ihr Haar war kurz, 
dicht und blond, kaum gewellt, auf einen Wink hin neigte sie 
den Kopf ein wenig auf ihre linke Schulter und legte die Wange 
an den hochgestellten Kragen ihres Pelzes, wenn sie gerade 
einen Pelz trug. O überraschte sie einmal in dieser Haltung, 
lächelnd und zärtlich, das Haar leicht gebauscht wie von einer 
sanften Brise, die zarte, feste Wange an einen Nerz geschmiegt, 
der blaugrau und weich war, wie die frische Asche eines 
Holzfeuers. Sie hatte die Lippen leic ht geöffnet, die Augen halb 
geschlossen. Unter der eisigen Glanzschicht des Photos konnte 
man sie für eine glückliche Ertrunkene halten, bleich, so bleich. 
O hatte den Probeabzug in einem leichten Grauton anfertigen 
lassen. Sie hatte eine weitere Aufnahme  von Jacqueline 

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gemacht, die sie noch mehr verwirrte: gegen das Licht, mit 
nackten Schultern, den feinen, kleinen Kopf und das Gesicht in 
ein schwarzes, grobmaschiges Schleierchen gehüllt, darüber 
einen absurden, doppelten Reiherbusch, dessen staubfeine 
Federn die Gestalt wie eine Rauchwolke krönten; sie trug eine 
phantastische Robe aus schwerer, broschierter Seide, rot wie das 
Hochzeitskleid einer Braut aus dem Mittelalter, es reichte bis 
zum Boden, war von den Hüften an weit, in der Taille eng, und 
das Mieder zeichnete die Brust nach.  

 

Es war das, was die Modeschöpfer als großes Abendkleid 

bezeichnen und was kein Mensch jemals trägt. Die sehr 
hochhackigen Sandaletten waren ebenfalls aus roter Seide. Und 
die ganze Zeit, während Jacqueline so vor O stand, in diesem 
Kleid und diesen Sandaletten und diesem Schleier, der wie die 
Andeutung einer Gesichtsmaske war, vervollständigte, 
veränderte O in Gedanken das Modell: es fehlte nur ein wenig - 
die Taille enger geschnürt, die Brüste weiter sichtbar - und es 
war das gleiche Kleid wie in Roissy, das gleiche Kleid, das 
Jeanne getragen hatte, die gleiche schwere, glatte, spröde Seide, 
die man mit beiden Händen rafft, wenn es heißt... Und wirklich, 
Jacqueline raffte das Kleid mit beiden Händen, um von dem 
Podium herunterzusteigen, auf dem sie eine Viertelstunde lang 
posiert hatte. Das gleiche Knistern, das gleiche Rascheln wie 
welkes Laub. Kein Mensch trägt Galaroben? Oh doch. Auch 
Jacqueline trug ein enganliegendes Goldkollier um den Hals, 
zwei goldene Armbänder um die  Gelenke. O ertappte sich bei 
dem Gedanken, daß sie noch schöner sein würde mit dem 
Lederhalsband, mit ledernen Armspangen. Und dieses Mal tat 
sie etwas, was sie noch nie getan hatte: sie folgte Jacqueline in 
die große Garderobe neben dem Studio, wo die Mannequins sich 
ankleideten und schminkten und ihre Kleider und 
Schminkutensilien zurückließen, wenn sie nachhause gingen. 
Sie blieb an die Türfüllung gelehnt stehen, den Blick auf den 

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Frisierspiegel gerichtet, vor dem Jacqueline noch immer in ihrer 
Robe saß. Der Spiegel war so groß  - er bedeckte die ganze 
Wand und der Frisiertisch war nur eine einfache, schwarze 
Glasplatte  - daß sie zugleich Jacqueline und ihr eigenes 
Spiegelbild sah und das Spiegelbild der Garderobiere, die den 
Reiherschmuck und das Tüllnetz abnahm. Jacqueline löste selbst 
das Halsband, ihre nackten Arme waren erhoben wie zwei 
Henkel; ein Schweißfilm glänzte in ihren Achselhöhlen, die 
epiliert waren (warum? sagte O sich, wie schade, sie ist so 
blond) und O nahm den herben und zarten, ein wenig 
pflanzenhaften Geruch wahr und fragte sich, welches Parfüm 
Jacqueline wohl trage  - welches Parfüm man Jacqueline tragen 
lassen sollte. Dann nahm Jacqueline ihre Armreifen ab, legte sie 
auf die Glasplatte, wo sie eine Sekunde lang klirrten, wie 
Ketten. Ihr Haar war so hell, daß die Haut, getönt wie der feine 
Sand an einem Strand, von dem die Flut sich gerade 
zurückgezogen hat, dagegen dunkler wirkte. Auf dem Photo 
würde die rote Seide schwarz sein. Genau in diesem Augenblick 
hoben sich die dichten Wimpern, die Jacqueline nur ungern 
tuschte, und O begegnete im Spiegel einem so direkten, so 
unverwandten Blick, daß sie nicht fähig war, die Augen 
abzuwenden und spürte, wie sie langsam errötete. Das war alles. 
"Entschuldigen Sie", sagte Jacqueline, "ich muß mich 
umziehen." "Verzeihung", murmelte O und schloß die Tür hinter 
sich. Am nächsten Tag nahm sie die Probeabzüge der 
Aufnahmen, die sie gemacht hatte, mit nach Hause, sie wußte 
selbst nicht, ob sie die Bilder ihrem Geliebten, mit dem sie 
auswärts essen sollte, zeigen wollte oder nicht. Während sie sich 
vor der Frisiertoilette ihres Schlafzimmers schminkte, 
betrachtete sie die Aufnahmen und unterbrach sich, um mit dem 
Finger die Linie einer Braue, die Spur eines Lächelns 
nachzuziehen. Aber als sie den Schlüssel in der Tür hörte, ließ 
sie die Bilder in die Schublade gleiten.  

 

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-77- 

O hatte seit zwei Wochen eine vollständig neue Garderobe 

und hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, als sie eines 
Abends bei ihrer Heimkehr aus dem Studio eine Nachricht ihres 
Geliebten vorfand, der sie bat, um acht Uhr bereit zu sein, weil 
sie mit ihm und einem seiner Freunde essen solle. Ein Wagen 
werde sie abholen, der Chauffeur werde in die Wohnung 
kommen. Ein Zusatz bestimmte, sie solle ihre Pelzjacke 
mitnehmen, sich ganz in Schwarz kleiden (ganz war 
unterstrichen) und darauf achten, daß sie genauso geschminkt 
und parfümiert sei wie in Roissy. Es war sechs Uhr, ganz in 
Schwarz und zum Abendessen  - und es war Mitte Dezember, es 
war kalt  - das bedeutet schwarze Seidenstrümpfe, schwarze  
Handschuhe, und zu ihrem fächerförmig plissierten Rock 
entweder einen dicken Pullover mit Paillettenstickerei oder ihre 
Failleweste. Sie wählte die Failleweste. Sie war wattiert und mit 
großen Stichen abgesteppt, vom Hals bis zur Taille anliegend 
und mit Agraffen geschlossen, wie die Wämser der Männer im 
sechzehnten Jahrhundert, und die Brust war durch einen 
eingearbeiteten Büstenhalter deutlich abgezeichnet. Das Futter 
war aus dem gleichen Faille, und die kurzen Schöße endeten an 
der Hüfte. Der einzige Putz waren die großen, vergoldeten 
Agraffen, so auffallend wie die Schnallen an den Schneestiefeln 
der Kinder, die sich klickend über breiten, flachen Ösen öffnen 
und schließen. O legte ihre Kleider zurecht, stellte die 
schwarzen Wildlederpumps mit der überhöhten Sohle und den 
Bleistiftabsätzen vor das Bett, und kam sich dann höchst 
wunderlich vor, als sie sich nach dem Bad, frei und allein in 
ihrem Badezimmer, sorgfältig schminkte und parfümierte, genau 
wie in Roissy. Gewöhnlich benutzte sie andere Schminken. In 
der Schublade ihres Frisiertisches fand sie fetthaltiges 
Wangenrot - sie legte nie Rouge auf  - mit dem sie den Hof ihrer 
Brüste tönte. Es war ein Rouge, das man kaum sah, wenn es 
aufgetragen wurde, das jedoch später nachdunkelte. Sie glaubte 
zuerst, sie habe zuviel genommen, wischte es mit Alkohol 

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wieder ab - es ließ sich sehr schwer abwischen - und begann von 
neuem: die Spitzen ihrer Brüste erblühten in tiefem Rosenrot. 
Vergebens versuchte sie, damit die Lippen zu schminken, die 
das Vlies ihres Schoßes verbarg, es haftete nicht. Schließlich 
fand sie unter den Lippenstiften, die sie in der gleichen 
Schublade verwahrte, einen dieser kußechten Stifte, die sie nicht 
gern benutzte, weil sie zu trocken waren und zu sehr hafteten. 
Für diesen Zweck war er geeignet. Sie richtete ihr Haar, ihr 
Gesicht, danach parfümierte sie sich. René hatte ihr in einem 
Zerstäuber, der einen dichten Nebel versprühte, ein Parfüm 
geschenkt, dessen Namen sie nicht kannte. Es roch nach 
trockenem Holz und Sumpfpflanzen, herb und ein  bißchen wild. 
Der Nebel schmolz und rieselte auf ihre Haut, auf dem Flaum 
ihrer Achselhöhlen und ihres Schoßes, haftete in winzigen 
Tröpfchen. O hatte in Roissy Geduld gelernt: sie parfümierte 
sich dreimal, ließ jedesmal das Parfüm auf der Haut trocknen. 
Sie zog zuerst ihre Strümpfe und die hochhackigen Schuhe an, 
dann Unterrock und Rock, dann die Weste. Sie streifte die 
Handschuhe über, nahm ihre Tasche. In der Tasche waren ihre 
Puderdose, das Rouge, ein Kamm, der Schlüssel, und zehn 
Francs. Schon behandschuht nahm sie den Pelz aus dem 
Schrank und schaute auf die Uhr neben dem Bett: es war ein 
Viertel vor acht Uhr. Sie setzte sich schräg auf die Bettkante und 
wartete, die Augen auf den Wecker gerichtet, regungslos auf das 
Anschlagen der Glocke. Als sie es endlich hörte und aufstand, 
begegnete sie im Spiegel des Frisiertisches, eh sie die Lampe 
löschte, ihrem Blick: er war furchtlos, sanft und gefügig. 

 

Als sie die Tür des kleinen italienischen Restaurants aufstieß, 

vor dem der Wagen sie abgesetzt hatte, sah sie sogleich René an 
der Bar sitzen. Er lächelte ihr zärtlich zu, faßte ihre Hand, dann 
drehte er sich zu einem sportlichen, grauhaarigen Mann um und 
stellte ihr, in englischer Sprache, Sir Stephen H. vor. O wurde 
ein Hocker zwischen den beiden Männern angeboten und als sie 

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sich setzen wollte, flüsterte René ihr zu, sie solle achtgeben, daß 
sie ihr Kleid nicht verknittere. Er half ihr, den Rock über den 
Hocker gleiten zu lassen und sie spürte das kalte Leder unter 
ihrer Haut und den metallgefaßten Rand direkt in der Höhlung 
ihrer Schenkel, weil sie sich zuerst nur halb hinzusetzen wagte, 
aus Furcht, sie könne sonst der Versuchung erliegen, die Beine 
zu kreuzen. Ihr Rock war um sie ausgebreitet. Ihr rechter Absatz 
war in eine Quersprosse des Hockers gehakt, die Spitze ihres 
linken Fußes berührte den Boden. Der Engländer, der sich 
wortlos vor ihr verbeugt hatte, ließ die Augen nicht mehr von 
ihr; sie sah, daß er ihre Knie musterte, ihre Hände und 
schließlich ihre Lippen  - aber so ruhig und mit so genauer und 
gelassener Aufmerksamkeit, daß O sich abgeschätzt vorkam, 
begutachtet auf ihre Eignung als das Instrument, das sie, wie sie 
sehr wohl wußte, auch war, und wie von diesem Blick dazu 
gezwungen, sozusagen wider Willen, zog sie ihre Handschuhe 
aus: sie wußte, daß er sprechen würde, sobald ihre Hände nackt 
wären  - weil ihre Hände eigenartig geformt waren, eher wie die 
Hände eines Knaben, nicht wie die einer Frau, und weil sie am 
linken Ringfinger den Eisenreif mit der dreiarmigen Goldspirale 
trug. Aber nein, er sagte nichts, er lächelte: er hatte den Ring 
gesehen. René trank einen Martini, Sir Stephen Whisky. Er 
trank langsam sein Glas aus, wartete, bis René mit seinem 
zweiten Martini fertig war und O mit dem Grapefruitsaft, den 
René für sie bestellt hatte, und erklärte dann, wenn O ihm die 
Freude machen wolle, sich René und ihm anzuschließen, so 
könnten alle drei zu Abend essen im Restaurant im Souterrain, 
das kleiner und ruhiger sei, als der Saal, der sich im Erdgeschoß 
an die Bar anschloß. "Natürlich", sagte O, die bereits Tasche 
und Handtasche von der Theke nahm, wo sie beides abgelegt 
hatte. Sir Stephen half ihr vom Hocker, er hielt ihr seine rechte 
Hand hin, in die sie die ihre legte, und jetzt richtete er zum 
ersten Mal direkt das Wort an sie und bemerkte, ihre Hände 
müßten dafür geschaffen sein, Eisen zu tragen, so gut stehe ihr 

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das Eisen. Aber da er es in Englisch sagte, erhielten die Worte 
einen leichten Doppelsinn und es war nicht ganz klar, ob er nur 
das Metall oder auch, und vor allem, Ketten meinte. 

 

Im  Restaurant im Souterrain, das ein gewöhnlicher Keller mit 

gekalkten Wänden war, aber frisch und freundlich, standen 
wirklich nur vier Tische. Nur an einem davon saßen Gäste, die 
mit ihrer Mahlzeit schon fast zu Ende waren. An die Wände war 
in Freskomanier  eine gastronomische und bebilderte Karte 
Italiens gemalt, die Farben glichen den Farben von Eissorten, 
Vanille, Himbeer, Pistazien; O dachte daran, daß sie sich zum 
Nachtisch Eis bestellen wollte, mit zerstoßenen gebrannten 
Mandeln und crème fraîche. Denn  sie fühlte sich glücklich und 
leicht, Renés Knie berührte unter dem Tisch ihr Knie, und wenn 
er sprach, so wußte sie, daß er für sie sprach. Auch er 
betrachtete ihre Lippen. Sie bekam ihr Eis, aber keinen Kaffee. 
Sir Stephen lud O und René zum Mokka zu sich ein. Sie hatten 
alle drei sehr leicht gegessen und O hatte bemerkt, daß die 
beiden Männer absichtlich wenig tranken und ihr selbst noch 
weniger zu trinken gaben: eine Flasche Chianti für drei 
Personen. Auch hatten sie schnell gegessen: es war kaum neun 
Uhr. "Ich habe den Chauffeur weggeschickt, sagte Sir Stephen, 
würden Sie bitte chauffieren, René. Es ist am einfachsten, wenn 
wir direkt zu mir fahren." René setzte sich ans Steuer, O neben 
ihn, Sir Stephen neben O. Der Wagen war ein riesiger Buick, sie 
hatten auf dem Vordersitz bequem zu dritt Platz. 

 

Es ging über die Alma-Brücke, den Cours de la Reine, der 

hell war, weil die Bäume kein Laub trugen, den Place de la 
Concorde, flimmernd und trocken unter dem düsteren 
Winterhimmel, der voll Schnee hing. O hörte ein leises Klicken 
und spürte die warme Luft an ihren Beinen entlangstreichen: Sir 
Stephen hatte die Heizung eingeschaltet. René folgte noch 
immer der Seine auf dem rechten Ufer, bog dann zum Pont 

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Royal ein, um aufs linke Ufer zu kommen: zwischen den 
steinernen Zwingen wirkte das Wasser unbeweglich, selbst wie 
Stein, und ganz schwarz. O dachte an schwarze Hämatiten. Als 
sie fünfzehn Jahre alt war, trug ihre beste Freundin, die dreißig 
und in O verliebt war, einen Ring mit einem brillantengefaßten 
Hämatiten. O hatte sich ein Kollier aus diesen schwarzen 
Steinen und ohne Brillanten gewünscht, ein Kollier, das eng am 
Hals anlag, den Hals einschnürte. Aber hätte sie die Halsbänder, 
die man ihr jetzt schenkte  - nein, man schenkte sie ihr nicht - 
eingetauscht für das Kollier aus Hämatiten, für die Hämatiten 
ihrer Träume? Sie sah das schäbige Zimmer wieder, hinter dem 
Carrefour Turbigo, wohin Marion sie geführt hatte, und wie sie 
selbst, nicht Marion, ihre beiden dicken Schulmädchenzöpfe 
löste, als Marion sie entkleidet und auf das Eisenbett gelegt 
hatte. Sie war schön, Marion, wenn man sie streichelte und es 
stimmt, daß Augen zu Sternen werden können; die ihren wurden 
zu blauen, zuckenden Sternen. René stoppte den Wagen. O 
kannte die kleine Straße nicht, es war eine der 
Verbindungsstraßen zwischen der Rue de l'Université und der 
Rue de Lille. 

 

Sir Stephens Wohnung lag in einem Vorhof, im Flügel eines 

ehemaligen Palais, und die Zimmer waren in einer Flucht 
angelegt. Das Zimmer am Ende war auch das größte und 
gemütlichste, es war im englischen Stil eingerichtet, dunkle 
Mahagonimöbel und blasse Seiden, gelb und grau. "Sie 
brauchen sich nicht um das Feuer zu kümmern, sagte Sir 
Stephen zu O, aber dieses Sofa ist für Sie. Nehmen Sie bitte 
Platz, René wird den Kaffee mache n, ich möchte Sie nur bitten, 
mir zuzuhören." Das große damastbezogene Sofa stand 
rechtwinklig zum Kamin, mit der Vorderseite zu den Fenstern, 
die auf einen Garten blickten, mit dem Rücken zu den Fenstern, 
die auf der anderen Seite des Zimmers zum Hof gingen. O zog 
ihren Pelz aus und legte ihn auf die Rückenlehne des Sofas. Als 

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sie sich umdrehte, sah sie ihren Geliebten und ihren Gastgeber 
im Stehen warten, daß sie Sir Stephens Aufforderung Folge 
leiste. Sie legte ihre Tasche zu dem Pelz, zog die Handschuhe  
aus. Wann würde sie endlich lernen, falls sie es überhaupt 
jemals lernen würde, beim Hinsetzen ihre Röcke mit einer so 
beiläufigen Geste zu raffen, daß es niemandem auffiele und daß 
sie selbst nicht an ihr Nacktsein, an ihr Ausgeliefertsein denken 
müßte?  Jedenfalls nicht, solange René und dieser Fremde sie 
schweigend anstarrten, wie sie es jetzt taten. Schließlich fügte 
sie sich. Sir Stephen schürte das Feuer. René trat plötzlich hinter 
das Sofa, packte O beim Hals und am Haar, zog ihren Kopf auf 
die Lehne zurück und küßte sie nun auf den Mund, so lange und 
so tief, daß sie fast erstickte und fühlte, wie ihr Schoß brannte 
und schmolz. Er ließ nur los, um ihr zu sagen, daß er sie liebe 
und sie sogleich wieder zu packen. Os Hände ruhten, lose nach 
hinten hängend, kraftlos, die Innenflächen nach oben, auf dem 
schwarzen Rock, der sich wie eine Blütenkrone um sie breitete; 
Sir Stephen war nähergekommen, und als René sie endlich 
losließ und sie die Augen wieder öffnete, begegnete sie dem 
grauen und steten Blick des Engländers. So verwirrt sie auch 
war, noch keuchend vor Glück, sah sie doch, daß er sie 
bewunderte, daß er sie begehrte. Wer hätte diesem feuchten und 
halbgeöffneten Mund widerstehen können, diesen geschwellten 
Lippen, diesem weißen Hals, der auf den schwarzen Kragen 
ihrer Pagenweste zurückgebogen war, diesen groß und klar 
gewordenen Augen, die sich nicht abwandten? Doch Sir Stephen 
erlaubte sich nur eine einzige Geste: er strich zart mit dem 
Finger über ihre Brauen, dann über ihre Lippen. Dann setzte er 
sich ihr gegenüber auf die andere Seite des Kamins, und als 
auch René sich einen Sessel genommen hatte, sprach er. "Ich 
glaube, sagte er, René hat Ihnen nie von seiner Familie erzählt. 
Aber vielleicht wissen Sie, daß seine Mutter vor ihrer Ehe mit 
seinem Vater mit einem Engländer verheiratet war, der selbst 
einen Sohn aus erster Ehe hatte. Ich bin dieser Sohn, und sie hat 

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mich erzogen, bis zu dem Tag, als sie meinen Vater verließ. Ich 
bin mit René also nicht verwandt, und doch sind wir in 
gewissem Sinne Brüder. Daß René Sie liebt, weiß ich. Ich hätte 
es gesehen, auch wenn er es mir nicht gesagt hätte, auch wenn er 
nicht die geringste Geste gemacht hätte: man braucht nur zu 
sehen, wie er Sie anschaut. Ich weiß auch, daß Sie in Roissy 
waren und ich vermute, daß Sie dorthin zurückkehren werden. 
Grundsätzlich gibt der Ring, den Sie tragen, mir, wie allen, die 
dieses Zeichen kennen, das Recht, über Sie zu verfügen. Aber es 
würde sich für Sie immer nur um eine vorübergehende Bindung 
handeln. Was wir von Ihnen erwarten, ist schwerwiegender. Ich 
sage wir, weil Sie sehen, daß René schweigt: er will, daß ich 
auch in seinem Namen zu Ihnen spreche. Wenn wir Brüder sind, 
so bin ich der ältere, ich bin zehn Jahre älter als er. Es besteht 
zudem zwischen uns eine so althergebrachte und so absolute 
Gemeinschaft, daß alles, was mir gehört, stets auch ihm gehört 
hat und alles, was ihm gehört, auch mir. Sind Sie einverstanden, 
ebenfalls dazuzugehören? Ich bitte Sie darum, und ich möchte 
Ihre Einwilligung haben, weil sie Sie fester bindet, als Ihr 
Gehorsam, von dem ich weiß, daß er außer Frage steht. Eh Sie 
antworten, bedenken Sie, daß ich nichts anderes bin und nichts 
anderes sein kann, als das zweite Ich Ihres Geliebten: Sie 
werden auch in Zukunft nur einen Gebieter haben. Schrecklicher 
allerdings, als die Männer, denen sie in Roissy ausgeliefert 
waren, denn ich werde alle Tage da sein, und außerdem liebe ich 
feste Gewohnheiten und Riten "and besides, I am fond of habits 
and rites..." 

 

Sir Stephens gelassene Stimme klang in eine absolute Stille. 

Selbst die Flammen im Kamin brannten lautlos. O war auf das 
Sofa gespießt wie ein Schmetterling an einer Nadel, einer langen 
Nadel aus Worten und Blicken, die sie in der Mitte des Körpers 
durchbohrte und ihre nackten und bereiten Lenden an die laue 
Seide preßte. Sie wußte nicht, wo ihre Brüste waren, ihr Nacken, 

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ihre Hände. Sie zweifelte jedoch nicht, daß die Gewohnheiten 
und Riten der Besitzergreifung, von denen man ihr gesprochen 
hatte, unter anderen Teilen ihres Körpers auch ihre langen, unter 
dem schwarzen Rock verborgenen und bereits halb geöffneten 
Schenkel zum Ziel haben würden. Die beiden Männer waren ihr 
zugewandt. René rauchte, hatte jedoch neben sich eine 
rauchverzehrende, schwarzbeschirmte Lampe angezündet, und 
die bereits durch das Holzfeuer gereinigte Luft roch nach der 
Frische der Nacht. "Werden Sie mir antworten oder wollen Sie 
erst noch mehr wissen?" fragte Sir Stephen.  - Wenn du 
einwilligst, sagte René, erkläre ich dir Sir Stephens Neigungen. - 
"Forderungen", korrigierte Sir Stephen. Das Schwerste, sagte 
sich O, war nicht, einzuwilligen, und sie wußte, daß keinem der 
beiden, so wenig wie ihr selbst, auch nur eine Sekunde der 
Gedanke kam, sie könne sich weigern. Das Schwerste war, 
überhaupt zu sprechen. Ihre Lippen brannten und  ihr Mund war 
trocken, ohne Speichel, ein Gefühl aus Furcht und Verlangen 
schnürte ihr die Kehle zu und ihre Hände, die sie jetzt wieder 
spürte, waren kalt und feucht. Hätte sie wenigstens die Augen 
schließen dürfen! Aber nein. Zwei Blicke, denen sie sich nicht 
entziehen konnte - gar nicht entziehen wollte - hielten den ihren 
fest. Sie führten O wieder hin zu dem, was sie glaubte, für lange 
Zeit, vielleicht für immer in Roissy gelassen zu haben. Denn seit 
ihrer Rückkehr hatte René sich auf die bloße Berührung ihres 
Körpers beschränkt und niemand hatte von dem Recht Gebrauch 
gemacht, das ihr Ring, Symbol der Hörigkeit, jedem einräumte, 
der sein Geheimnis kannte. Entweder war sie mit niemandem 
zusammengekommen, der es gekannt hatte oder die 
betreffenden hatten  geschwiegen  - als einzigen Menschen 
verdächtigte sie Jacqueline (aber wenn Jacqueline in Roissy 
gewesen war, warum trug dann nicht auch sie den Ring? Zudem, 
würde Jacqueline als Eingeweihte irgendein Recht über O 
haben, das O nicht auch über Jacqueline hätte?). Würde Sie 
sprechen können, wenn sie sich bewegte? Aber sie konnte sich 

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nicht aus eigenem Antrieb bewegen  - ein Befehl hätte sie sofort 
auf die Beine gebracht, doch diesmal sollte sie nicht einem 
Befehl gehorchen, sie sollte allen Befehlen zuvorkommen, sich 
selbst zur Sklavin machen, sich sklavisch ausliefern. Das 
nannten sie ihr Einverständnis. Sie erinnerte sich, zu René nie 
etwas anderes gesagt zu haben als "ich liebe dich" und "ich 
gehöre dir". Anscheinend sollte sie heute sprechen, sollte in 
allen Einzelheiten und ausdrücklich akzeptieren, was sie bisher 
einzig durch ihr Schweigen akzeptiert hatte. Endlich richtete sie 
sich auf, öffnete die obersten Schließen ihrer Tunika bis zum 
Ansatz der Brüste, als ob das, was sie zu sagen hatte, sie 
erstickte. Dann stand sie ganz auf. Ihre Knie und Hände 
zitterten. "Ich gehöre dir, sagte sie schließlich zu René, ich 
werde sein, was du willst, das ich sein soll. - Nein, sagte er: uns; 
sprich mir nach: ich gehöre euch, ich werde sein, was ihr wollt, 
daß ich sein  soll." Sir Stephens harte graue Augen ließen sie 
nicht los, sowenig wie Renés Augen, in denen sie sich verlor, 
während sie langsam die Sätze nachsprach, die er ihr vorsagte, 
und dabei das ganze, wie bei einer Grammatikübung, in die erste 
Person übertrug. "Du erkennst mir und Sir Stephen das Recht 
zu..." sagte René und O wiederholte so klar sie konnte: "Ich 
erkenne dir und Sir Stephen das Recht zu..." Das Recht, über 
ihren Körper zu verfügen, wo immer und wie immer sie wollten, 
das Recht, sie wie eine Sklavin auszupeitschen für das geringste 
Vergehen oder zu ihrem Vergnügen, das Recht, Flehen und 
Schreie, falls man sie zum Schreien brächte, nicht zu beachten. 
"Sir Stephen wünscht, sagte René, daß ich dich ihm übereigne, 
daß du selbst dich ihm übereignest und  daß ich dir seine 
Forderungen im einzelnen darlege." O hörte ihrem Geliebten zu 
und die Worte, die er zu ihr in Roissy gesprochen hatte, kamen 
ihr wieder ins Gedächtnis: es waren fast die gleichen gewesen. 
Aber als sie damals diesen Worten gelauscht hatte, war sie an 
ihn gepreßt gewesen, geschützt von einer Unwahrscheinlichkeit, 
die an Traum grenzte, von dem Gefühl, daß sie in einer anderen 

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Existenz lebte, daß sie vielleicht überhaupt nicht lebte. Traum 
oder Alptraum, Kerkerszenerie, Galagewänder, maskierte 
Personen, alles distanzierte sie von ihrem eigenen Leben, sogar 
die Zeit war aufgehoben. Sie fühlte sich dort, wie man sich in 
der Nacht fühlt, mitten in einem Traum, den man wiedererkennt 
und der immer wiederkehrt: überzeugt, daß er existiert und 
überzeugt, daß er enden wird, und man sehnt dieses Ende herbei 
aus Furcht, ihn nicht länger ertragen zu können und wünscht 
zugleich, daß er weitergehe, um die Lösung zu erfahren. Nun 
war die Lösung erfolgt, die sie nicht mehr erwartet hatte in einer 
Form, die sie am wenigstens erwartet hätte (vorausgesetzt, so 
sagte sie sich jetzt, daß dies wirklich die Lösung war, daß sich 
nicht eine andere dahinter verbarg und vielleicht eine dritte 
hinter dieser nächsten). Diese Lösung bedeutete, daß sie aus der 
Erinnerung in die Gegenwart stürzte, bedeutete auch, daß alles 
das, was nur in einem geschlossenen Kreis, in einem 
geschlossenen Universum Wirklichkeit besessen hatte, nun 
plötzlich auf alle Zufälle und Gewohnheiten ihres täglichen 
Lebens übergreifen würde, sich an ihr und in ihr nicht mehr mit 
Symbolen begnügen  - die nackten Lenden, die Mieder zum 
Aufhaken, den Eisenring  - sondern Erfüllung fordern würde. 
Sicher, René hatte sie nie geschlagen und der Unterschied 
zwischen der Zeit vor Roissy und der Zeit nach ihrer Rückkehr 
hatte nur darin bestanden, daß er jetzt nicht wie vorher nur in 
ihren Schoß, sondern auch in ihren Mund eindrang. Sie hatte in 
Roissy nie erfahren, ob die Peitschenhiebe, die sie so regelmäßig 
erhielt, auch nur ein einziges Mal von ihm verabreicht worden 
waren (als sie sich die Frage stellen konnte, als sie selbst und 
alle Beteiligten maskiert gewesen waren), aber sie glaubte es 
nicht. Sicher war sein Genuß beim Anblick ihres gefesselten und 
ausgelieferten Körpers, der sich vergeblich wand, bei ihren 
Schreien, so stark, daß er den Gedanken nicht ertrug, sich durch 
eine aktive Teilnahme von diesem Genuß ablenken zu lassen. Ja, 
er bestätigte es jetzt, als er, ohne sich aus dem tiefen Sessel zu 

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rühren, in dem er mit gekreuzten Beinen mehr lag als saß, ihr so 
sanft, so zärtlich sagte, wie sehr es ihn beglücke, sie Sir 
Stephens Wünschen und Befehlen auszuliefern, daß sie selbst 
sich ihnen ausliefere. Sollte Sir Stephen wünschen, daß sie die 
Nacht bei ihm verbringe oder auch nur eine Stunde, daß sie ihn 
außerhalb von Paris begleite oder in Paris mit ihm ein 
Restaurant oder Theater besuche, dann werde er sie anrufen oder 
ihr seinen Wagen schicken - sofern René nicht selbst sie abholen 
käme. Heute, jetzt, sei es an ihr zu sprechen. War sie 
einverstanden? Aber sie konnte nicht sprechen. Dieser Wille, 
den sie plötzlich äußern sollte, war der Wille zur Selbstaufgabe, 
das Ja zu allem, wozu sie zwar ja sagen wollte, wozu ihr Körper 
jedoch nein sagte, zumindest was die Peitsche anging. Denn was 
das übrige anging, so wollte sie ehrlich gegen sich selbst sein: 
das Verlangen, das sie in Sir Stephens Augen las, verwirrte sie 
in einem Maß, daß keine Selbsttäuschung zuließ und obgleich 
sie zitterte, vielleicht gerade weil sie zitterte, wußte sie, daß sie 
die Berührung seiner Hände oder seiner Lippen mit größerer 
Ungeduld erwartete, als er. Zweifellos lag es an ihr, diese 
Erwartung zu verkürzen. So sehr sie es sich wünschte und allen 
Mut zusammenahm, verließen sie doch die Kräfte. Als sie 
endlich antworten wollte, sank sie zu Boden und ihr weiter Rock 
entfaltete sich rings um sie. Sir Stephen bemerkte mit gepreßter 
Stimme, daß auch die Furcht ihr gut stehe. Er wandte sich nicht 
an sie, sondern an René. O hatte den Eindruck, daß er auf sie 
zugehen wollte, sich aber mit Gewalt zurückhielt. Sie sah ihn 
jedoch nicht an, ließ René nicht aus den Augen aus Furcht, er 
könnte in den ihren lesen, was er vielleicht als Verrat betrachte. 
Dabei war es kein Verrat, denn vor die Wahl gestellt zwischen 
dem Begehren, Sir Stephen zu gehören und ihrer Zugehörigkeit 
zu René hätte sie keinen Augenblick gezögert. Sie hatte sich 
diesem Begehren nur überlassen, weil René es ihr erlaubt, bis zu 
einem gewissen Grad sogar zu verstehen gegeben hatte, daß er 
es von ihr fordere. Dennoch zweifelte sie, ob ein allzu schneller 

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und allzu gefügiger Gehorsam ihn nicht doch kränken würde. 
Das geringste Zeichen von ihm hätte diesen Zweifel getilgt. 
Aber es gab kein Zeichen, er beschränkte sich darauf, zum 
dritten Mal eine Antwort von ihr zu fordern. Sie stammelte: "Ich 
füge mich allem, was ihr wollt." Senkte den Blick auf ihre 
Hände, die in ihren Kniekehlen ruhten, gestand dann flüsternd: 
"Ich möchte wissen, ob ich gepeitscht werde..." In dem langen 
Schweigen, das darauf folgte, konnte sie ihre Frage zwanzigmal 
bereuen. Schließlich sagte Sir Stephens Stimme langsam: 
"Manchmal." O hörte dann, wie ein Streichholz angerissen und 
Gläser aneinandergestoßen wurden: sicher goß einer der beiden 
Männer sich Whisky nach. René kam O nicht zu Hilfe. René 
schwieg. "Selbst wenn ich jetzt einwillige, murmelte sie, selbst 
wenn ich es jetzt verspreche, ich könnte es nicht ertragen. - Sie 
sollen es nur hinnehmen und sich damit abfinden, daß Ihre 
Schreie und Klagen vergeblich sein werden", fuhr Sir Stephen 
fort.  - "Oh, bitte, sagte O, jetzt no ch nicht", denn Sir Stephen 
stand auf. Auch René stand auf, neigte sich zu ihr, nahm sie an 
den Schultern. "Antworte, sagte er, bist du einverstanden?" 
Endlich sagte sie ja. Er zog sie sanft in die Höhe, setzte sich auf 
das Sofa und ließ sie neben sich knien; vor das Sofa, auf das sie 
Oberkörper und Kopf legte, mit gebreiteten Armen und 
geschlossenen Augen. Ein Bild kam ihr in den Sinn, das sie vor 
einigen Jahren gesehen hatte, ein Kupferstich, der eine Frau 
zeigte, die vor einem Stuhl kniete, in einem gekachelten 
Zimmer, wo ein Kind und ein Hund in einer Ecke spielten; sie 
hatte die Röcke geschürzt und neben ihr stand ein Mann, der ein 
Bündel Ruten schwang. Alle Personen waren nach der Mode des 
ausgehenden 17. Jahrhunderts gekleidet und der Stich trug einen 
Titel, der ihr abstoßend erschienen war: die häusliche 
Züchtigung. René preßte ihr mit einer Hand beide Armgelenke 
zusammen, während er mit der anderen ihren Rock hob, so 
hoch, daß sie spürte, wie die plissierte Gaze über ihre Wangen 
streifte. Er strich ihr über die Lenden und machte Sir Stephen 

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-89- 

auf die beiden Grübchen aufmerksam und auf die zarte Kerbe 
zwischen ihren Schenkeln. Dann preßte er ihr die gleiche Hand 
in Taillenhöhe in den Rücken, um die Lenden besser 
hervortreten zu lassen und befahl ihr, die Knie weiter zu öffnen. 
Sie gehorchte stumm. Die Art, wie René ihren Körper anpries, 
die Antworten Sir Stephens, die Brutalität der Ausdrücke, die 
beide Männer gebrauchten, lösten in ihr ein so heftiges und 
unerwartetes Gefühl der Scham aus, daß der Wunsch, Sir 
Stephen zu gehören, erlosch und sie die Peitsche ersehnte wie 
eine Erlösung, den Schmerz und die Schreie wie eine 
Rechtfertigung. Aber Sir Stephens Hände öffneten ihren Leib, 
zwängten sich zwischen ihre Lenden, ließen ab, packten wieder 
zu, immer wieder, bis sie stöhnte, beschämt über ihr Stöhnen 
und vernichtet. "Ich überlasse dich Sir Stephen, sagte René, 
bleib, wie du bist, er wird dich wegschicken, wann es ihm paßt." 
Wie oft war sie in Roissy auf den Knien gelegen, jedem 
ausgeliefert; aber damals hatten immer Armreife ihre Hände 
gefesselt, glückliche Gefangene, die man zu allem zwang, die 
man um nichts bat. Hier dagegen war sie aus freiem Willen 
halbnackt, wo doch eine einzige Bewegung, die gleiche, die zum 
Aufstehen genügt hätte, auch genügt hätte, sie zu bedecken. Ihr 
Versprechen band sie genauso, wie die Lederfesseln und Ketten. 
War es nur ihr Versprechen? War es nicht, bei aller Demütigung 
oder gerade wegen dieser Demütigung, auch ein süßes Gefühl, 
nur zu gelten, weil sie sich erniedrigte, sich willig beugte, sich 
willig öffnete? René war, von Sir Stephen zur Tür begleitet, 
weggegangen; sie wartete also allein und reglos, fühlte sich in 
ihrer Einsamkeit noch ausgesetzter und in der Erwartung noch 
dirnenhafter, als im Beisein der Männer. Die graugelbe Seide 
des Sofas war glatt unter ihrer Wange, durch das Nylon ihrer 
Strümpfe spürte sie den hochflorigen Teppich und an ihrem 
linken Schenkel die Wärme des Kaminfeuers, auf das Sir 
Stephen noch drei Scheite gelegt hatte, die prasselnd flammten. 
Eine alte Wanduhr über einer Kommode tickte so leis, daß man 

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sie nur hören konnte, wenn alles still war. O lauschte ihr 
aufmerksam und dachte dabei, wie absurd es sei, in diesem 
kultivierten und diskreten Salon in ihrer jetzigen Stellung zu 
verharren. Durch die ge schlossenen Vorhänge hörte man das 
schläfrige Brummen des mitternächtlichen Paris. Würde sie 
morgen bei Tag den Platz wiedererkennen, wo ihr Kopf auf dem 
Sofakissen gelegen war? Würde sie jemals am hellen Tag 
wieder in diesen Salon kommen und in der gleichen Weise 
behandelt werden? Sir Stephen blieb lange aus und O, die sich 
mit solcher Gelassenheit für die Lust der Unbekannten von 
Roissy bereitgehalten hatte, wurde bei dem Gedanken, daß er in 
einer Minute, in zehn Minuten die Hände auf sie legen würde, 
die Kehle eng. Aber es kam nicht ganz so, wie sie erwartet hatte. 
Sie hörte, wie Sir Stephen die Tür wieder öffnete, durchs 
Zimmer ging. Er blieb einige Zeit mit dem Rücken zum Feuer 
stehen, sah O an und befahl ihr dann mit sehr leiser Stimme, 
aufzustehen und sich wieder zu setzen. Überrascht und fast 
betreten gehorchte sie. Er brachte ihr höflich ein Glas Whisky 
und eine Zigarette, die sie ebenfalls ablehnte. Sie sah jetzt, daß 
er einen Morgenrock trug, einen sehr streng geschnittenen 
Mantel aus grauem Wollstoff, vom gleichen Grau wie sein Haar. 
Seine Hände waren lang und knochig, die Nägel flach, kurz 
geschnitten, sehr weiß. Er fing Os Blick auf und sie errötete: 
diese harten und hartnäckigen Hände, die von ihrem Körper 
Besitz ergriffen hatten, fürchtete und ersehnte sie jetzt. Aber er 
kam nicht näher. "Ich möchte, daß Sie sich ganz ausziehen, 
sagte er. Aber zuerst legen Sie nur die Jacke ab, nicht 
aufstehen." O löste die großen, vergoldeten Schließen, streifte 
das knappe Jäckchen von den Schultern und legte es ans andere 
Sofaende zu ihrem Pelz, ihren Handschuhen und ihrer Tasche. 
"Streicheln Sie die Spitzen ihrer Brüste", sagte Sir Stephen und 
fügte hinzu: "Sie müssen eine dunklere Schminke auflegen, die 
Ihre ist zu hell." Verblüfft strich O mit den Fingerspit zen über 
ihre Brustwarzen, die hart wurden und sich aufrichteten und 

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wölbte dann ihre Hände darüber. "Ah! nein", sagte Sir Stephen. 
Sie zog die Hände zurück und ließ sich gegen die Rückenlehne 
des Sofas sinken: ihre Brüste waren schwer für den schmalen 
Oberkörper und spreizten sich sanft zu den Achseln hin. Ihr 
Nacken ruhte auf der Lehne, ihre Hände lagen rechts und links 
von ihr. Warum neigte Sir Stephen nicht den Mund über sie, 
streckte nicht die Hand nach den Spitzen aus, von denen er 
gewünscht hatte, daß sie sich aufrichteten und die O nun, so 
reglos sie auch verharrte, bei jedem Atemzug erzittern fühlte. 
Aber er war näher gekommen, saß schräg auf der Armlehne des 
Sofas, rührte sie jedoch nicht an. Er rauchte, und mit einer 
Handbewegung, von der O nicht zu sagen vermocht hätte, ob sie 
absichtlich war oder nicht, stäubte er ein wenig fast glühende 
Asche zwischen ihre Brüste. Sie hatte das Gefühl, daß er sie 
beleidigen wollte durch seine Verachtung, durch sein 
Schweigen, durch die Nonchalance seiner Haltung. Und doch 
hatte er sie vorhin begehrt, begehrte er sie jetzt noch, sie sah, 
wie er sich spannte unter dem weichen Stoff seines 
Morgenrocks. Warum nahm er sie nicht und wäre es auch nur, 
um sie zu verletzen? O haßte sich wegen ihres eigenen 
Begehrens und haßte Sir Stephen wegen seiner 
Selbstbeherrschung. Sie wollte, daß er sie liebte, das war die 
Wahrheit; daß er darauf brannte, ihre Lippen zu berühren und 
ihren Leib zu durchdringen, daß er sie, wenn nötig, verwüstete, 
aber daß er ihr gegenüber nicht seine  Ruhe bewahren könne, 
seine Lust beherrschen. In Roissy war es ihr gleichgültig 
gewesen, ob die Männer, die sich ihrer bedienten, irgendein 
Gefühl für sie aufbrachten: sie waren die Instrumente, durch die 
ihr Geliebter Lust an ihr empfand, durch die sie wurde, wie er 
sie haben wollte, glatt poliert wie ein Kiesel. Die Hände dieser 
Männer waren seine Hände, ihre Befehle waren seine Befehle. 
Hier nicht. René hatte sie Sir Stephen übergeben, aber es war 
klar, daß er sie mit ihm teilen wollte, nicht um selbst me hr von 
ihr zu haben, sondern um mit Sir Stephen das zu teilen, was er 

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heute am meisten liebte, so wie die beiden zweifellos in ihrer 
Jugend eine Reise geteilt hatten, ein Schiff, ein Pferd. Sie selbst 
war bei dieser Teilung weniger im Spiel, als Sir Stephe n, jeder 
würde in ihr das Zeichen des anderen suchen, die Spur, die der 
andere zurückgelassen hatte. Vorhin, als sie halbnackt vor ihm 
gekniet war und Sir Stephen mit beiden Händen ihre Schenkel 
geöffnet hatte, hatte René Sir Stephen erklärt, warum Os Lenden 
so bequem waren und wie froh er sei, daß man sie so vorbereitet 
hatte; er wisse ja, wie angenehm es Sir Stephen sei, über diesen, 
von ihm bevorzugten Weg beliebig verfügen zu können. Er hatte 
hinzugefügt, wenn Sir Stephen das wünsche, werde er ihm die 
alleinige Benutzung überlassen. "Ah! gern", hatte Sir Stephen 
gesagt, aber hinzugefügt, daß er O wohl trotz allem verwunden 
würde. "O gehört Ihnen, hatte René geantwortet, O wird 
glücklich sein, von Ihnen verwundet zu werden." Und er hatte 
sich über sie gebeugt und ihre Hände geküßt. Schon der 
Gedanke, daß René auf einen Teil ihres Körpers verzichten 
könnte, hatte O in Bestürzung versetzt. Es bedeutete für sie, daß 
ihrem Geliebten an Sir Stephen mehr lag, als an ihr. Er hatte ihr 
immer wieder gesagt, daß er in ihr das Objekt liebe, zu dem er 
sie gemacht hatte, die absolute Verfügungsgewalt über sie, die 
Freiheit, mit der er über sie bestimmen konnte, wie man über ein 
Möbel bestimmt, das man zuweilen ebensogern oder noch lieber 
verschenkt, wie für sich behält. Dennoch spürte sie jetzt, daß sie 
ihm nie ganz geglaubt hatte. Für das, was man kaum anders als 
Unterwürfigkeit gegenüber Sir Stephen nennen konnte, sah sie 
noch einen weiteren Beweis in dem Umstand, daß René, der sie 
so leidenschaftlich gern den Körpern  und den Schlägen anderer 
ausgesetzt sah, der mit so beharrlicher Zärtlichkeit, mit so 
unerschöpflicher Dankbarkeit beobachtete, wie ihr Mund sich 
öffnete, um zu stöhnen oder zu schreien, wie ihre Augen sich 
über Tränen schlossen, daß dieser gleiche René fortgegangen 
war, nachdem er sie Sir Stephen zur Ansicht präsentiert, sie 
geöffnet hatte, wie man einem Gaul das Maul öffnet, zum 

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Beweis, daß er noch jung ist, weil er sicher sein wollte, daß Sir 
Stephen sie hinlänglich schön oder doch hinlänglich bequem 
fand, um sie gnädigst zu akzeptieren. Dieses vielleicht 
kränkende Verhalten änderte nichts an Os Liebe zu René. Sie 
war glücklich, ihm so viel zu bedeuten, daß es ihm Freude 
machte, sie zu kränken, so wie die Gläubigen Gott dafür danken, 
daß er sie erniedrigt. Aber in Sir Stephen ahnte sie einen festen 
und eisigen Willen, den das Verlangen nicht beugen würde und 
dem sie, so rührend und fügsam sie auch sein mochte, nicht das 
geringste bedeutete. Warum hätte sie sonst so große Furcht 
empfunden? Die Peitsche am Gürtel der Knechte in Roissy, die 
Ketten, die sie fast ständig tragen mußte, waren ihr nicht so 
schrecklich erschienen, wie der ruhige Blick, den Sir Stephen 
auf ihre Brüste heftete, ohne sie zu berühren. Sie wußte, daß die 
zarten Schultern, der schmale Leib, ihre glatte und gespannte 
Fülle besonders zerbrechlich erscheinen ließen. Sie konnte nicht 
verhindern, daß sie zitterten, sie hätte zu atmen aufhören 
müssen. Die Hoffnung, daß Sir Stephen so viel Zerbrechlichkeit 
rühren würde, war eitel, sie wußte genau, daß das Gegenteil der 
Fall war: ihre wehrlose Sanftheit war eine Herausforderung an 
die Zärtlichkeit, aber auch an die Grausamkeit, an die Lippen, 
aber auch an die Nägel. Einen Augenblick lang gab sie sich 
einer Illusion hin: Sir Stephens rechte Hand, die seine Zigarette 
hielt, streifte mit dem Mittelfinger ihre Brustspitze, die 
gehorchte und noch steifer wurde. O bezweifelte nicht, daß dies 
für Sir Stephen eine Art Spiel war, weiter nichts, oder ein Test, 
wie man die Güte und das einwandfreie Funktionieren einer 
Maschine testet. Ohne von der Lehne seines Sessels aufzustehen 
befahl Sir Stephen ihr, den Rock auszuziehen. Os feuchte Hände 
glitten an dem Verschluß ab und sie mußte mehrmals versuchen, 
nach ihrem Rock den Unterrock aus schwarzem Taft 
aufzuhaken. Als sie ganz nackt war  - die hochhackigen 
Lacksandalen und die schwarzen, bis zum Knie 
heruntergerollten Nylonstrümpfe betonten noch die Schlankheit 

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ihrer Beine und die Weiße ihrer Schenkel - griff Sir Stephen, der 
ebenfalls aufgestanden war, mit einer Hand in ihren Schoß und 
schob sie vor das Sofa. Er ließ sie mit dem Rücken zum Sofa 
hinknien und befahl ihr, die Schenkel leicht zu öffnen, die 
Schultern anzulehnen, nicht die Taille. Ihre Hände lagen um die 
Fußgelenke, ihr Schoß war halb geöffnet und über  den noch 
immer drängenden Brüsten war ihr Hals nach hinten gebogen. 
Sie wagte nicht, Sir Stephen ins Gesicht zu schauen, bemerkte 
aber, wie seine Hände den Gürtel des Schlafrocks lösten. Er 
spreizte die Beine, so daß O zwischen ihnen kniete, ergriff ihren 
Nacken und drang in ihren Mund ein. Er suchte nicht die 
entlanggleitende Berührung ihrer Lippen, sondern stieß auf den 
Grund ihrer Kehle vor. O fühlte, wie dieser Knebel aus Fleisch, 
der sie erstickte und dessen langsame und stete Bewegung ihr 
Tränen in die Augen trieb, in ihr anschwoll und hart wurde. Um 
besser in sie eindringen zu können, hatte Sir Stephen sich 
schließlich so auf das Sofa gekniet, daß ihr Gesicht zwischen 
seinen Schenkeln war und seine Lenden manchmal Os Brüste 
berührten, die spürte, wie ihr unnützer und verschmähter Schoß 
sie verbrannte. So lange Sir Stephen auch in ihr blieb, er genoß 
seine Lust nicht bis zum Ende, sondern zog sich schweigend aus 
ihr zurück und stand auf, ohne den Morgenrock wieder zu 
schließen. "Sie sind lüstern, O, sagte er zu ihr. Sie lieben René, 
aber Sie sind lüstern. Ist René sich darüber klar, daß Sie allen 
Männern gehören wollen, die Sie begehren und daß René, wenn 
er Sie nach Roissy schickt oder anderen ausliefert, Ihnen nur 
Alibis für Ihre eigene Lüsternheit verschafft?  - Ich liebe René, 
erwiderte O.  - Sie lieben René, aber sie wollen mir gehören, 
unter anderen", fuhr Sir Stephen fort. Ja, sie wollte ihm gehören. 
Wie aber, wenn René, falls er es erführe, sich ändern würde? Sie 
konnte nichts anderes tun als schweigen, die Augen senken, 
allein ein Blick in Sir Stephens Augen wäre einem Geständnis 
gleichgekommen. Jetzt neigte Sir Stephen sich zu ihr hinunter, 
ergriff ihre Schultern und ließ O auf den Teppich gleiten. Sie lag 

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auf dem Rücken mit hochgezogenen Beinen. Sir Stephen, der 
sich aufs Sofa gesetzt hatte, dorthin, wo sie noch vor einem 
Augenblick gelehnt war, packte ihr rechtes Knie und zog es zu 
sich heran. Da sie dem Kamin zugekehrt lag, beleuchtete das 
nahe Feuer grell die doppelte, klaffende Spalte ihres Schoßes 
und ihrer Lenden. Ohne sie loszulassen befahl Sir Stephen ihr 
abrupt, sie solle sich selbst berühren, aber dabei die Schenkel 
nicht wieder schließen. In ihrer Verblüffung streckte sie 
gehorsam die rechte Hand nach ihrem Schoß aus und ihre Finger 
berührten den bereits brennenden, von seinem schützenden 
Vlies entblößten Fleischkamm, wo die zarten Lippen ihres 
Leibes sich trafen. Doch dann fiel ihre Hand zurück und sie 
stammelte: "Ich kann nicht." Sie konnte wirklich nicht. Sie hatte 
sich immer nur verstohlen in der Wärme und Dunkelheit ihres 
Bettes berührt, wenn sie allein schlief, ohne jemals dabei die 
letzte Befriedigung zu suchen. Sie fand sie zuweilen später im 
Traum und erwachte enttäuscht darüber, wie heftig und flüchtig 
zugleich sie gewesen war. Sir Stephens Blick ließ sie nicht los. 
Sie konnte ihn nicht ertragen, sagte nur immer wieder "ich kann 
nicht" und schloß die Augen. Mit quälender Hartnäckigkeit 
erschien vor ihr ein Bild, das ihr noch immer Schwindel und 
Ekel verursachte, das Bild der fünfzehnjährigen Marion, die im 
Lederfauteuil eines Hotelzimmers lag, ein Bein über der 
Stuhllehne und den Kopf halb über die andere Lehne hängend. 
Marion, die sich selbst reizte und dabei stöhnte. Sie hatte ihr 
erzählt, daß sie das einmal im Büro getan habe, als sie sich 
allein glaubte und daß der Chef unversehens hereingekommen 
war und sie überraschte. O erinnerte sich an dieses Büro, ein 
kahles Zimmer mit hellgrünen Wänden, das von Norden durch 
staubige Fenster das Tageslicht erhielt. Vor dem Schreibtisch 
stand ein Besuchersessel. "Bist du weggelaufen? hatte O gefragt. 
- Nein, hatte Marion geantwortet, er hat mich aufgefordert, es 
nochmals zu tun, zuvor hatte er die Tür abgeschlossen, mir 
befohlen, meinen Slip auszuziehen und den Sessel ans Fenster 

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gerückt." O  war voller Bewunderung gewesen für das, was sie 
Marions Mut nannte, und voll Abscheu, und sie hatte energisch 
abgelehnt, sich vor Marion zu berühren und geschworen, daß sie 
das nie, niemals vor den Augen eines anderen tun würde. 
Marion hatte gelacht und gesagt: "Warte nur, bis dein Geliebter 
es von dir verlangt." Hätte sie gehorcht? Bestimmt, aber mit 
welcher Angst, in Renés Augen den gleichen Abscheu erwachen 
zu sehen, den sie vor Marion empfunden hatte. Was absurd war. 
Und bei Sir Stephen war es noch absurder, denn was machte sie 
sich aus dem Abscheu Sir Stephens? Nein, sie konnte einfach 
nicht. Zum dritten Mal flüsterte sie: "Ich kann nicht." So leis sie 
es sagte, er hörte es, ließ sie los, stand auf, schloß seinen 
Morgenrock und befahl O, aufzustehen. "Ist das Ihr Gehorsam?" 
sagte er. Dann packte er mit der linken Hand ihre beiden 
Armgelenke, mit der rechten ohrfeigte er sie aus Leibeskräften. 
Sie schwankte und wäre gefallen, wenn er sie nicht gehalten 
hätte. "Knien Sie nieder, sagte er; und dann: ich fürchte, René 
hat Sie sehr schlecht erzogen."  - "Ich habe René immer 
gehorcht, stammelte sie. - Sie verwechseln Liebe mit Gehorsam. 
Mir werden Sie gehorchen ohne mich zu lieben und ohne daß 
ich Sie liebe." Während sie zuhörte wurde sie von einer 
ungewohnten Auflehnung erfaßt, sie verleugnete insgeheim die 
Worte, die sie gehört hatte, sie verleugnete das Versprechen des 
absoluten Gehorsams und der sklavischen Unterwerfung, sie 
verleugnete ihre eigenes Einverständnis, ihr eigenes Begehren, 
ihre Nacktheit, ihren  Schweiß, ihre zitternden Beine, die Ringe 
unter ihren Augen. Sie biß vor Wut die Zähne zusammen und 
wehrte sich, als er sie zwang, sich nach vorn zu beugen, sich 
hinzulegen, die Ellbogen am Boden und den Kopf zwischen den 
Armen, als er sie an den Hüften hochhob und mit Gewalt in ihre 
Lenden eindrang, um sie zu verwunden, wie René gesagt hatte, 
dass er sie nie verwunden würde. Beim ersten Mal schrie sie 
nicht. Er stieß wieder zu, brutaler, und sie schrie. Und sooft er 
sich zurückzog, dann wieder eindrang, ihr eine neue Wunde 

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schlug, schrie sie. Sie schrie aus Auflehnung, nicht nur aus 
Schmerz, darüber war er sich klar. Auch sie wußte - und darum 
war sie auf alle Fälle die Besiegte - daß es ihm Freude machte, 
sie zum Schreien zu zwingen. Als er fertig war und  ihr befohlen 
hatte, wieder aufzustehen, erklärte er ihr, alles, was er in sie 
ergossen habe, werde langsam wieder aus ihr ausfließen, gefärbt 
vom Blut der Verletzung, die er ihr zugefügt habe, daß diese 
Wunde nicht heilen werde, solang ihre Lenden nicht fü r ihn 
bereit wären und daß er sich weiterhin den Zugang mit Gewalt 
erzwingen wolle. Er habe nicht die Absicht, auf den Weg zu 
verzichten, dessen Benutzung René ihm allein zugestanden 
habe, sie brauche sich keiner Hoffnung auf Schonung 
hinzugeben. Er erinne rte sie daran, daß sie selbst sich 
einverstanden erklärt habe, Renés und seine Sklavin zu sein; er 
halte es jedoch für wenig wahrscheinlich, daß sie, bei aller 
Kenntnis der Sachlage, wisse, worauf sie sich eingelassen habe. 
Wenn sie es begriffen habe, werde es für eine Flucht zu spät 
sein. O hörte ihm zu und sagte sich, wenn sie sich lange genug 
widersetzte, würde es vielleicht auch für ihn zu spät sein, würde 
er für sein Werk entflammen und sie ein bißchen lieben. Denn 
ihr ganzer innerer Widerstand und die zaghafte Weigerung, die 
sie zu äußern wagte, hatten nur einen Grund: sie wollte für Sir 
Stephen genauso viel bedeuten wie für René, er sollte für sie 
mehr als nur physisches Verlangen empfinden. Nicht, daß sie in 
ihn verliebt gewesen wäre, aber sie sah sehr wohl, daß René Sir 
Stephen mit der ganzen Hingabe eines Knaben an einen Älteren 
liebte, und sie fühlte, daß er bereit wäre, Sir Stephen zuliebe so 
viel von ihr zu opfern, wie dieser verlangen würde, sie wußte 
mit sicherem Instinkt, daß Renés Haltung ihr gegenüber die 
Kopie von Sir Stephens Haltung darstellen würde. Sollte Sir 
Stephen sie verachten, so würde René, trotz der Liebe, die er für 
sie empfand, von dieser Verachtung angesteckt werden, 
während er nie daran gedacht hätte, sich von der Haltung der 
Männer in Roissy beeinflussen zu lassen. Denn in Roissy war er 

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ihr gegenüber der Gebieter gewesen und die Haltung der 
Männer, denen er sie ausgeliefert hatte, hing von der seinen ab. 
Hier aber war er nicht mehr der Gebieter, im Gegenteil. Sir 
Stephen war Renés Gebieter, ohne daß René sich dessen klar 
bewußt war, das heißt, René bewunderte ihn und wollte ihn 
nachahmen, mit ihm wetteifern, und deshalb teilte er alles mit 
ihm, deshalb hatte er ihm O ausgeliefert: dieses Mal war sie 
ausgeliefert in des Wortes voller Bedeutung. René würde sie 
ohne Zweifel auch weiterhin lieben, in dem Maß, wie Sir 
Stephen sie liebenswert finden, sie lieben würde. Es war klar, 
daß Sir Stephen von nun an ihr Gebieter sein würde und zwar, 
was auch immer René glauben mochte, ihr einziger Gebieter, 
und ihr Verhältnis würde das Verhältnis zwischen Herrn und 
Sklavin sein. Sie erwartete kein Mitleid, aber konnte sie nicht 
hoffen, ihm ein bißchen Liebe abzuzwingen? Sir Stephen ruhte 
in halb liegender Stellung in seinem großen Sessel am Kamin, 
wie vor Renés Weggang, O hatte er nackt dastehen lassen und 
ihr befohlen, seine Anweisungen zu erwarten. Sie hatte wortlos 
gewartet. Dann war er aufgestanden und hatte ihr befohlen, ihm 
zu folgen. Noch immer nackt, nur mit den hochhackigen 
Sandaletten  und Strümpfen bekleidet, war sie hinter ihm die 
Treppe von der Diele im Erdgeschoß zum ersten Stock 
hinaufgestiegen und in ein kleines Schlafzimmer gekommen, so 
klein, daß nichts darin Platz hatte als ein Bett in einer Ecke, eine 
Frisierkommode und ein Stuhl zwischen Bett und Fenster. 
Dieses kleine Zimmer führte zu einem größeren, das Sir 
Stephens Schlafzimmer war, beide hatten ein gemeinsames 
Badezimmer. O wusch und trocknete sich  - das Handtuch färbte 
sich ein wenig rot - zog Sandaletten und Strümpfe aus und legte 
sich zwischen die kühlen Laken. Die Vorhänge waren nicht 
zugezogen, aber es war dunkle Nacht. Eh er die Verbindungstür 
schloß, trat Sir Stephen zu O und küßte ihr die Fingerspitzen, 
wie in der Bar, als sie von ihrem Hocker gestiegen war und er 
ihr das Kompliment wegen ihres Eisenringes gemacht hatte. Er, 

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dessen Hände und Geschlecht in sie eingedrungen waren und 
ihre Lenden und ihren Mund verwüstet hatten, wollte mit seinen 
Lippen nur die Spitzen ihrer Finger berühren. O weinte und 
schlief beim Morgengrauen ein. 

 

Am nächsten Tag, kurz vor Mittag, hatte Sir Stephens 

Chauffeur O nachhause gebracht. Sie war um zehn Uhr 
aufgewacht, eine alte Mulattin hatte ihr eine Tasse Kaffee 
serviert, ein Bad bereitet und ihre Kleider gebracht, bis auf 
Pelzjacke, Handschuhe und Tasche, die sie auf dem Sofa im 
Salon fand, als sie hinunterkam. Der Salon war leer, Gardinen 
und Jalousien waren geöffnet. Vom Sofa aus sah man in einen 
Garten, der eng und grün war wie ein Aquarium, nur mit Efeu, 
Stechpalmen und Spindelbäumen bepflanzt. Als sie ihren Pelz 
anzog, hatte die Mulattin ihr gesagt, daß Sir Stephen 
ausgegangen sei und hatte ihr einen Brief überreicht, dessen 
Umschlag nur eine Initiale aufwies, die ihre; das weiße Blatt 
trug zwei Zeilen: "René hat angerufen, er wird Sie um sechs Uhr 
im Atelier abholen", darunter als Unterschrift ein S, und ein 
Postskriptum "Die Reitpeitsche ist für Ihren nächsten Besuch". 
O blickte um sich: auf dem Tisch zwischen den beiden Sesseln, 
auf denen am Vorabend Sir Stephen und René gesessen waren, 
lag neben einer Schale mit gelben Rosen eine sehr lange und 
schlanke lederne Reitpeitsche. Die Dienerin erwartete sie an der 
Tür. O steckte den Brief in ihre Handtasche und verließ das 
Haus. 

 

René hatte also Sir Stephen angerufen, nicht sie. Zuhause  zog 

sie sich aus und aß im Morgenrock zu Mittag, danach hatte sie 
noch Zeit, in Ruhe ihr Make up und ihre Frisur zu erneuern und 
sich für das Atelier anzukleiden, wo sie um drei Uhr sein mußte: 
das Telephon klingelte nicht, René rief sie nicht an. Warum? 
Was hatte Sir Stephen ihm gesagt? Was hatte die beiden über sie 
gesprochen? O entsann sich der Worte, die sie zur Schilderung 

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der Vorzüge ihres Körpers im Hinblick auf ihre eigenen 
physischen Neigungen verwendet hatten. Vielleicht war ihr im 
Englischen das  einschlägige Vokabular ungewohnt, aber die 
einzigen französischen Ausdrücke, die ihr entsprechend 
schienen, waren von einer unerhörten Gemeinheit. Nun, sie war 
durch genauso viele Hände gegangen, wie die Dirnen in den 
Bordellen, warum sollte man sie anders behandeln? "Ich liebe 
dich, René, ich liebe dich, wiederholte sie, rief es leise in die 
Einsamkeit ihres Zimmers, ich liebe dich, mach mit mir, was du 
willst, aber verlaß mich nicht, mein Gott, verlaß mich nicht."   

 

Wer hat Mitleid mit denen, die warten?  Man erkennt sie so 

leicht: an ihrer Zärtlichkeit, an ihrem scheinbar aufmerksam 
starrenden Blick,  - starrend, ja, aber auf etwas anderes als das, 
was sie vor Augen haben  - an ihrer Geistesabwesenheit. Drei 
Stunden lang, während im Atelier ein kleiner rotha ariger und 
molliger Mannequin, den O nicht kannte, für Hutmoden 
posierte, war ihr Geist abwesend, nach innen gekehrt, 
aufgesogen von der Ungeduld über die langsam 
dahinschleichenden Minuten, von der Angst. Zu Bluse und 
Unterrock aus roter Seide trug sie einen Schottenrock und eine 
kurze Wildlederjacke. Das Rot ihrer Bluse unter der offenen 
Jacke ließ ihr blasses Gesicht noch besser erscheinen und der 
kleine rothaarige Mannequin sagte, sie sehe wie das Unheil in 
Person aus. "Unheil für wen?" fragte O sich. Noch vor zwei 
Jahren, eh sie René kannte und liebte, hätte sie sich geschworen: 
"Unheil für Sir Stephen", und gesagt, "er wird schon sehen". 
Aber ihre Liebe zu René und Renés Liebe zu ihr hatten sie aller 
ihrer Waffen beraubt und ihr, anstatt ihr neue Beweise ihrer 
Macht zu liefern, auch noch die weggenommen, die sie bisher 
besessen hatte. Früher war sie gleichgültig und leichtherzig 
gewesen, hatte sich ein Vergnügen daraus gemacht, die jungen 
Männer, die in sie verliebt waren, mit einem Wort oder einer 
Geste in Versuchung zu führen, ohne ihnen jedoch etwas zu 

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gewähren, hatte sich ihnen dann vielleicht einmal, zweimal, aus 
einer plötzlichen Laune heraus doch hingegeben, zur 
Belohnung, aber auch, um sie noch mehr zu entflammen, eine 
Leidenschaft noch grausamer zu machen, die sie nicht teilte. Sie 
wußte genau, daß diese Männer sie liebten. Einer hatte versucht, 
sich das Leben zu nehmen; als er aus dem Krankenhaus 
entlassen wurde, war sie zu ihm gegangen, hatte sich nackt 
ausgezogen, ihm verboten, sie zu berühren, und sich auf seinem 
Sofa ausgestreckt. Leichenblaß vor Verlangen und Schmerz 
hatte er sie zwei Stunden lang schweigend angestarrt, sein 
Versprechen hatte ihn versteinert. Sie hatte ihn nie wiedersehen 
wollen. Nicht, daß sie das Verlangen, das sie weckte, 
unterschätzt hätte. Sie verstand es umso besser, oder glaubte, es 
zu verstehen, als sie selbst ein (wie sie meinte) gleiches 
Verlangen nach ihren Freundinnen oder nach unbekannten 
jungen Frauen empfand. Manche gaben ihr nach - sie führte sie 
dann in allzu diskrete Hotels mit engen Korridoren und Wänden, 
die jedes Geräusch durchließen  - andere stießen sie voll 
Abscheu zurück. Doch was sie für Verlangen hielt, war nichts 
weiter, als die Lust an der Eroberung, und weder ihre 
Gepflogenheiten eines verderbten Knaben, noch die Tatsache, 
daß sie ein paar Liebhaber gehabt hatte  - wenn man sie 
Liebhaber nennen kann  - noch ihre Härte, nicht einmal ihr Mut, 
halfen ihr auch nur im geringsten, als sie René begegnete. In 
acht Tagen lernte sie die Furcht kennen, aber auch die 
Sicherheit, das Entsetzen, aber auch das Glück. René warf sich 
auf sie, wie ein Räuber auf eine Gefangene, und sie wurde mit 
Wonne seine Gefangene, spürte an ihren Handgelenken, ihren 
Fußknöcheln, an allen Gliedern und selbst an den verborgsten 
Stelle n ihres Körpers die Bande, die unsichtbarer waren, als das 
feinste Haar, kräftiger als die Seile, mit denen die Liliputaner 
Gulliver gefesselt hatten, und die ihr Geliebter mit einem 
einzigen Blick anzog oder löste. Sie war nicht mehr frei? Ah! 
Gott sei Dank, sie war nicht mehr frei. Aber sie fühlte sich 

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leicht, Göttin auf der Wolke, Fisch im Wasser, verloren im 
Glück. Verloren, weil diese feinen Haare, diese Stricke, die 
René alle in seiner Hand hielt, das einzige Kraftnetz waren, 
durch das seither der Strom ihres Lebens floß. Das war nur allzu 
wahr, denn wenn René seinen Griff lockerte  - oder sie es sich 
einbildete  - wenn er abwesend schien oder sich, voll 
Gleichgültigkeit, wie O glaubte, von ihr entfernte, oder wenn er 
sich nicht mit ihr traf oder ihre Briefe nicht beantwortete und sie 
glaubte, er wolle sie nicht mehr sehen, oder seine Liebe sei im 
Schwinden oder er liebe sie überhaupt nicht mehr, erstarb alles 
in ihr, erstickte sie. Das Gras wurde schwarz, der Tag war kein 
Tag mehr, die Nacht keine Nacht, nur noch teuflische 
Erfindungen, die abwechselnd hell und dunkel erzeugten, um sie 
zu quälen. Vom frischen Wasser wurde ihr übel. Sie fühlte sich 
als Aschensäule, bitter, unnütz und verdammt, wie die 
Salzsäulen von Gomorrha. Denn sie war schuldig. Wer Gott 
liebt, und wen Gott verläßt in der finsteren Nacht, ist schuldig, 
weil er verlassen ist. Er sucht in der Erinnerung nach seinen 
Fehlern. Sie suchte nach den ihren. Sie entdeckte nur dann und 
wann ein flüchtiges und mehr in ihrer Veranlagung liegendes, 
als in ihren Handlungen zutage tretendes Gefallen an den 
Begierden, die sie bei anderen Männern als René weckte, bei 
Männern, denen sie überhaupt nur Aufmerksamkeit schenkte 
aus dem Übermaß des Glücks, mit dem Renés Liebe, die 
Gewißheit, René zu gehören, sie erfüllten, und weil die völlige 
Hingabe an ihn, in der sie lebte, sie unverwundbar, 
unverantwortlich machte und alle ihre Handlungen belanglos - 
aber welche Handlungen? Sie hatte sich doch nur Gedanken 
vorzuwerfen, flüchtige Versuchungen. Dennoch stand außer 
Zweifel, daß sie schuldig war und daß René sie, ohne es zu 
wollen, für einen Fehler strafte, den er nicht kannte (denn er 
blieb in ihrem Inneren verborgen), den Sir Stephen dagegen 
augenblicklich entdeckt hatte: die Lüsternheit. O war glücklich, 
daß Re né sie peitschen ließ und sie anderen Männern auslieferte, 

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-103- 

weil ihre leidenschaftliche Unterwerfung ihrem Geliebten 
bewies, daß sie ihm gehörte, aber auch, weil der Schmerz und 
die Schande der Peitsche, und die Schmach, die ihr von denen 
zugefügt wurde, die sie zur Lust zwangen, wenn sie sie nahmen, 
selbst Lust empfanden, ohne sich um die ihre zu kümmern, ihr 
wie eine Sühne für ihre Fehler vorkamen. Umarmungen, die 
ihren Brüsten unerträgliche Beschimpfung antaten, Münder, die 
sich wie weiche und widerliche Blutegel an ihren Lippen und an 
ihrer Zunge festgesaugt hatten und Zungen und Genitalien, 
klebrige Tiere, die sich an ihren geschlossenen Mund, in die mit 
aller Gewalt zusammengepreßte Furche ihres Schoßes und ihrer 
Lenden gedrängt und sie vor Abscheu hatten steif werden 
lassen, so sehr, daß die Peitsche kaum genügte, um sie wieder 
gefügig zu machen, und denen sie sich schließlich doch geöffnet 
hatte, mit furchtbarem Ekel und furchtbarer Willfährigkeit. Und 
wenn Sir Stephen recht hätte? Wenn die Erniedrigung ihr lieb 
wäre? Nun, je tiefer diese Entwürdigung war, um so größer war 
Renés Gnade, wenn er dennoch geruhte, O zum Instrument 
seiner Lust zu machen. Als Kind hatte sie, an der weißen Wand 
eines Zimmers in Wales, wo sie zwei Monate lang gewohnt 
hatte, in  roten Lettern einen Bibelspruch gesehen, wie die 
Protestanten ihn gern in ihren Häusern anbringen: "Schrecklich 
ist es, lebend in Gottes Hand zu fallen." Nein, sagte sie sich 
jetzt, das stimmt nicht. Schrecklich ist es, lebend von Gottes 
Hand verstoßen zu  werden. So oft René die Begegnung mit ihr 
hinausschob, wie er es heute getan hatte - denn es hatte bereits 
sechs Uhr geschlagen, bereits halb sieben  - fühlte O sich vom 
Wahnsinn, von der Verzweiflung bedroht. Der Wahnsinn war 
nichtig, die Verzweiflung war nichtig, nichts war wirklich. René 
kam, er war da, er hatte sich nicht verändert, er liebte sie, eine 
Vorstandssitzung hatte ihn aufgehalten oder eine 
unvorhergesehene Arbeit, er hatte nicht Zeit gefunden, sie zu 
benachrichtigen. Mit einem Schlag tauchte O aus ihrer 
erstickenden Betäubung auf, und doch ließ jeder dieser 

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-104- 

Schreckensanfälle in ihrem Innersten eine dumpfe 
Unheilswarnung zurück. 

 

René erschien endlich um sieben Uhr, er freute sich so sehr, 

sie wiederzusehen, daß er sie vor dem Elektriker küßte,  der 
einen Scheinwerfer reparierte, vor dem kleinen, rothaarigen 
Mannequin, der aus der Schminkkabine trat, und vor Jacqueline, 
die, für alle überraschend, plötzlich hinter ihm auftauchte. "Wie 
reizend, sagte Jacqueline zu O, ich wollte Sie um meine letzten 
Aufnahmen bitten, aber ich glaube, das ist nicht der rechte 
Augenblick, ich gehe wieder.  - Mademoiselle, bitte, rief René, 
ohne O loszulassen, die er um die Taille gefaßt hielt, bitte gehen 
Sie nicht weg!" O stellte Jacqueline und René einander vor. Der 
rothaarige Mannequin war verärgert wieder in der Kabine 
verschwunden, der Elektriker tat, als wäre er beschäftigt. O 
schaute Jacqueline an und spürte, daß Renés Blick ihr folgte. 
Jacqueline trug einen Skianzug, wie nur Filmstars ihn tragen, die 
nicht Skifahren. Der schwarze Pullover betonte die kleinen und 
weit auseinanderstehenden Brüste, eine lange, enganliegende 
Hose die langen Beine des Mädchens aus dem Norden. Alles an 
ihr erinnerte an Schnee: der bläuliche Schimmer ihrer grauen 
Seehundjacke an den Schnee im Schatten, der Rauhreif glänz 
ihres Haares und der Wimpern an den Schnee in der Sonne. Sie 
trug ein Lippenrot, das ins Purpurfarbene spielte, und wenn sie 
lächelte und die Augen zu O erhob, dachte O, niemand könne 
dem Verlangen widerstehen, aus diesem grünen und lebendigen 
Wasser unter den bereiften Wimpern zu trinken und den 
Pullover von den kindlichen Brüsten zu reißen, um die Hände 
daraufzulegen. Da war es wieder: kaum war René aufgetaucht, 
so fand sie in der Gewißheit seiner Existenz den Geschmack an 
den anderen und an sich selbst, an der ganzen Welt wieder. Sie 
gingen alle drei gemeinsam weg. In der Rue Royale wirbelte der 
Schnee, der zwei Stunden lang in dicken Flocken gefallen war, 
nur noch in winzigen, weißen Körnchen, die sie ins Gesicht 

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-105- 

stache n. Das Streusalz auf dem Trottoir knirschte unter den 
Sohlen und löste den Schnee auf und O spürte, wie der 
Eishauch, der dabei frei wurde, an ihren Beinen hochstieg und 
um ihre nackten Schenkel schlug. 

 

Was sie bei den jungen Frauen suchte, die sie verfolgte, wußte 

O sehr genau. Sie bildete sich nicht ein, mit den Männern zu 
rivalisieren, wollte auch nicht durch ein männliches Betragen 
ein Gefühl weiblicher Minderwertigkeit kompensieren, das sie 
keineswegs empfand. Mit zwanzig Jahren, als sie der 
hübschesten ihrer Kolleginnen den Hof machte, hatte sie sich 
allerdings einmal dabei ertappt, daß sie die Mütze zog, um die 
andere zu grüßen, zurücktrat, um sie vorbeizulassen, und ihr 
beim Aussteigen aus einem Taxi die Hand bot. Auch bestand sie 
darauf, zu bezahlen, wenn sie gemeinsam in einer Konditorei 
Tee tranken. Sie küßte ihr auf offener Straße die Hand, 
gelegentlich auch den Mund, wenn es irgend ging. Aber dabei 
handelte es sich um Mätzchen, die sie aufführte, um die Leute 
zu schockieren, um Kindereien, nicht um eine Überzeugung. Die 
Vorliebe dagegen, die sie für die Süße sehr weicher, bemalter 
Lippen hegte, die unter den ihren nachgaben, für den Emaille- 
oder Perlenglanz der Augen, die sich im Dämmerlicht halb 
schließen, um fünf Uhr nachmittags, wenn die Vorhänge 
zugezogen sind und die Lampe auf dem Kaminsims brennt, für 
die Stimmen, die sagen: noch einmal, ah! bitte, bitte, noch 
einmal, für den Tanggeruch, der an ihren Fingern haften blieb, 
diese Vorliebe war echt und tief. Ebenso lebhaft war das 
Vergnügen, das sie bei der Jagd empfand. Dabei kam es ihr 
nicht so sehr auf das Jagen selbst an, so amüsant oder hinreißend 
es auch sein mochte, als vielmehr auf das Gefühl der 
vollständigen Freiheit, das sie dann verspürte. Sie gab den Ton 
an, sie, und nur sie allein (was sie bei einem Mann nie tat, es sei 
denn, auf Umwegen). Bei ihr lag die Initiative des Wortes, der 
Rendezvous, der Küsse, und sie legte solchen Wert darauf, daß 

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-106- 

sie es nicht mochte, wenn sie zuerst geküßt wurde, und, seit sie 
Liebhaber hatte, beinah niemals duldete, daß ein Mädchen ihre 
Liebkosungen erwiderte. So begierig sie danach war, ihre 
Freundin nackt unter den Augen zu haben, unter den Händen, so 
überflüssig erschien es ihr, sich selbst zu entkleiden. Oft suchte 
sie einen Vorwand, um es zu vermeiden, behauptete zu frieren 
oder unpäßlich zu sein. Übrigens gab es wenige Frauen, an 
denen sie nicht irgend etwas schön gefunden hätte; sie erinnerte 
sich, daß sie kurz nach ihrer Entlassung aus dem Lyzeum ein 
häßliches und unsympathisches, stets mißmutiges kleines 
Mädchen hatte verführen wollen, einzig deshalb, weil es einen 
Wald blonder Haare hatte, die in schlecht geschnittenen Locken 
Licht und Schatten auf ihr Gesicht zauberten, auf eine stumpfe, 
aber feinkörnige, straffe, zarte, vollständig matte Haut. Doch die 
Kleine hatte sie abblitzen lassen, und wenn eines Tages die Lust 
das unschöne Gesicht verklärt hatte, so war es nicht O zuliebe 
gewesen. Denn O liebte es leidenschaftlich, diesen Schleier über 
die Gesichter ziehen zu sehen, der sie so glatt und  jung macht; 
ihnen eine zeitlose Jugend verleiht, sie nicht in die Kindheit 
zurückversetzt, sondern die Lippen schwellt, die Augen 
vergrößert wie Kohle, und die Iris schimmernd und klar macht. 
Dabei war mehr Bewunderung als Eigenliebe im Spiel, denn die 
Verwandlung rührte sie nicht deshalb so sehr, weil sie selbst sie 
bewirkt hatte: in Roissy empfand sie die gleiche Ergriffenheit 
vor dem entstellten Gesicht eines Mädchens, das einem 
Unbekannten ausgeliefert war. Die Nacktheit, die Hingabe des 
Körpers, erregten sie und es schien ihr, als machten ihre 
Freundinnen ihr ein Geschenk, für das sie ihnen nie genug 
danken konnte, wenn sie sich nur bereitfanden, sich nackt in 
einem verschlossenen Zimmer anschauen zu lassen. Denn die 
Nacktheit in den Ferien, in der Sonne und am Strand, ließ sie 
kalt  - nicht etwa, weil sie sich dort öffentlich zeigte, sondern 
weil diese Öffentlichkeit und die Unvollständigkeit ihr einen 
gewissen Schutz gewährten. Die Schönheit der anderen Frauen, 

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-107- 

die sie großzügigerweise stets über ihre eigene zu stellen bereit 
war, bestärkte sie im Glauben an ihre eigene Schönheit, in der 
sie, wenn sie sich in ungewohnten Spiegeln betrachtete, den 
Widerschein der fremden Schönheit entdeckte. Die Macht, die 
sie ihren Freundinnen über ihre Person einräumte, versicherte 
sie zugleich ihrer eigenen Macht über die Männer. Und sie war 
glücklich und fand es nur natürlich, daß die Männer so 
stürmisch von ihr forderten, was sie von den Frauen forderte 
(und ihnen nicht zurückgab oder nur zum kleinsten Teil). Auf 
diese Weise war sie zugleich und ständig Komplizin der einen 
wie der anderen und gewann in beiden Spielen. Es gab 
schwierige Partien. Daß O in Jacqueline verliebt war, nicht mehr 
und nicht weniger, als sie in viele andere verliebt gewesen war 
und vorausgesetzt, daß der Ausdruck verliebt (was reichlich viel 
gesagt war) zutraf, unterlag keinem Zweifel. Doch warum zeigte 
sie es nicht? 

 

Als die Knospen an den Pappeln der Kais aufsprangen, als der 

Tag länger zögerte, bis er unterging, und den Liebespaaren 
erlaubte,  sich nach den Bürostunden in die Gärten zu setzen, 
glaubte sie sich endlich stark genug, es mit Jacqueline 
aufzunehmen. Im Winter war sie ihr zu unbesiegbar erschienen, 
zu schillernd, unberührbar, unzugänglich unter ihren frostigen 
Pelzen. Jacqueline wußte es. Der Frühling bot ihr nur Kostüme, 
flache Schuhe, Pullover. Mit ihrem kurzgeschnittenen, glatten 
Haar sah sie schließlich aus, wie eines der kecken 
Schulmädchen, die O mit sechzehn Jahren, als sie ebenfalls noch 
ins Lyzeum ging, an den Handgelenken gepackt und schweigend 
in eine leere Garderobe gezerrt, gegen die aufgehängten Mäntel 
gedrängt hatte. Die Mäntel fielen von den Haken. O wurde von 
einem Lachanfall geschüttelt. Sie trugen Uniformblusen aus 
Kattun, ihre Initialen waren in roter Baumwolle auf die 
Brusttasche gestickt. In drei Kilometern Entfernung hatte die um 
drei Jahre jüngere Jacqueline in einem anderen Lyzeum die 

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-108- 

gleichen Blusen getragen. O erfuhr es eines Tages zufällig, als 
Jacqueline für Hausmäntel Modell stand und seufzend sagte, 
wenn man im Internat wenigstens so hübsche Hausmäntel 
gehabt hätte, wäre man glücklicher gewesen. Oder wenn man 
wenigstens die vorgeschriebenen hätte tragen dürfen, ohne 
etwas darunter anzuziehen. "Wieso ohne etwas darunter? sagte 
O.  - Ohne Kleid natürlich", erwiderte Jacqueline. Worauf O 
errötete. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, unter ihrem 
Kleid nackt zu sein, und jedes zweideutige Wort erschien ihr 
eine Anspielung auf ihren Zustand. Vergeblich sagte sie sich, 
daß man unter irgendeinem Kleidungsstück immer nackt sei. 
Nein, sie fühlte sich nackt wie jene Veroneserin, die zum 
Heerführer der Belagerer gegangen war, um ihre Stadt zu retten: 
nackt unter einem Mantel, den man nur zurückzuschlagen 
brauchte. Es schien ihr auch, als wolle sie damit etwas 
einhandeln, genau wie die Italienerin, aber was? Jacqueline war 
ihrer sicher, und den Beweis dafür brauchte sie nicht erst 
einzuhandeln; ein Blick in den Spiegel genügte. O betrachtete 
sie voll Demut und dachte, man könnte ihr, ohne sich schämen 
zu müssen, keine anderen Blumen schenken als Magnolien, 
deren dicke und matte Blütenblätter leicht ins bräunliche 
spielen, wenn sie welken, oder Kamelien, in deren wächsernem 
Weiß zuweilen ein rosiges Licht spielt.  

 

Der Winter rückte immer ferner, und mit der Erinnerung an 

den Schnee verblaßte auch eine leichte Tönung, die Jacquelines 
Haut vergoldete. Bald würden nur noch Kamelien am Platze 
sein. Aber O fürchtete, sich lächerlich zu machen mit solch 
melodramatischen Blumen. Sie brachte ihr eines Tages einen 
großen Strauß blaue r Hyazinthen, deren Duft dem der 
Tuberosen ähnlich ist und einem zu Kopf steigt: ölig, heftig, 
haftend, genau der Duft, den die Kamelien haben sollten und 
den sie nicht haben. Jacqueline steckte ihre Mongolennase in die 
steifen, lauen Blüten, ihre Lippen,  die seit vierzehn Tagen rosa 

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-109- 

geschminkt waren, nicht mehr rot. Sie sagte: "Sind die für 
mich?" Wie die Frauen sagen, denen alle Welt allezeit 
Geschenke macht. Dann sagte sie danke, dann fragte sie, ob 
René kommen werde, um O abzuholen. Ja, er werde kommen,  
sagte O. Er wird kommen, sagte sie bei sich und für ihn wird 
Jacqueline in gespielter Regungslosigkeit, in gespieltem 
Schweigen eine Sekunde die eisigfeuchten Augen heben, die 
niemandem ins Gesicht schauten. Jacqueline würde man nichts 
mehr lehren müssen: nicht schweigen, nicht die offenen Hände 
an den Seiten herabhängen lassen, nicht den Kopf halb in den 
Nacken beugen. O starb fast vor Verlangen danach, die allzu 
hellen Haare im Nacken zu packen, den willigen Kopf weit 
zurückzubeugen, wenigstens mit den Fingerspitzen die Linie der 
Brauen nachzuziehen. Aber auch René würde danach verlangen. 
Sie wußte genau, warum ihre frühere Kühnheit solcher 
Schüchternheit gewichen war, warum sie seit zwei Monaten 
Jacqueline begehrte, ohne sich mit einem Wort oder einer Geste 
zu verraten, warum sie vor sich selbst fadenscheinige 
Begründungen für ihre Zurückhaltung anführte. Es stimmte 
nicht, daß Jacqueline unnahbar war. Das Hindernis lag nicht bei 
Jacqueline, es lag in O selbst und war von einer Art, wie es ihr 
nie zuvor begegnet war. Es bestand darin, daß René ihr Freiheit 
ließ und daß sie ihre Freiheit verabscheute. Ihre Freiheit war 
schlimmer als alle Ketten. Ihre Freiheit trennte sie von René. 
Zehnmal schon hätte sie, ohne ein Wort zu sagen, Jacqueline bei 
den Schultern  nehmen, sie mit beiden Händen an eine Wand 
nageln können, wie man einen Schmetterling aufspießt; 
Jacqueline hätte sich nicht bewegt, sie hätte bestimmt nicht 
einmal gelächelt. Aber O war wie ein wildes Tier geworden, daß 
man in Gefangenschaft gehalten hat  und das jetzt dem Jäger als 
Lockvogel dient, das seine Beute nur noch für ihn schlägt, nur 
auf seinen Befehl zuspringt. Sie selbst lehnte sich nun 
manchmal bleich und zitternd an die Wand, festgenagelt durch 
ihr Schweigen, festgebunden durch ihr Schweigen, und so 

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-110- 

glücklich, weil sie schwieg. Sie erwartete mehr als eine 
Erlaubnis, denn die Erlaubnis hatte sie bereits. Sie erwartete 
einen Befehl. Er kam nicht von René, er kam von Sir Stephen. 

 

Monate waren vergangen, seit René sie Sir Stephen übergeben 

hatte, und O bemerkte mit Schrecken die zunehmende 
Bedeutung, die Sir Stephen in den Augen ihres Geliebten 
gewann. Zugleich dachte sie, daß sie sich vielleicht täuschte, 
daß es sich bei dem, was sie für eine fortschreitende 
Entwicklung der Tatsachen oder der Gefühle hielt, lediglich um 
eine fortschreitende Erkenntnis dieser Tatsachen oder dieser 
Gefühle handelte. Auf jeden Fall hatte sie bald bemerkt, daß 
René stets dann die Nacht bei ihr zubrachte, ja, nur noch dann, 
wenn sie am vorhergegangenen Abend bei Sir Stephen gewesen 
war (Sir Stephen behielt sie die ganze Nacht über nur dann, 
wenn René nicht in Paris war.) Sie hatte zudem festgestellt, daß 
er sie an diesen Abenden, wenn auch er bei Sir Stephen war, 
niemals berührte, es sei denn, um sie für Sir Stephen leicht 
zugänglich zu machen, sie in ihrer Stellung festzuhalten, wenn 
sie sich wehrte. Er blieb nur sehr selten und stets angekleidet, 
wie beim ersten Mal, verhielt sich schweigend, rauchte eine 
Zigarette nach der anderen, legte Holz im Kamin nach, brachte 
Sir Stephen zu trinken  - er selbst trank jedoch nicht. O spürte, 
daß er sie beobachtete, wie ein Dompteur das von ihm dressierte 
Tier beobachtet, das ihm durch seinen blinden Gehorsam Ehre 
machen soll, oder wie im Beisein eines Fürsten der Leibwächter, 
eines Bandenchefs der Handlanger die Dirne im Auge behält, 
die er ihm von der Straße geholt hat. Daß er das Gesicht Sir 
Stephens beobachtete, nicht das ihre, war der Beweis, daß er 
hier die Stellung eines Dieners oder eines Akolyten ausübte, und 
O fühlte sich unter seinen Augen sogar um die Wollust gebracht, 
in der ihre Züge ertranken: seine Bewunderung und selbst die 
Dankbarkeit dafür galt Sir Stephen, der diese Wollust erregt 
hatte, er war glücklich, weil Sir Stephen geruhte, sich an einer 

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-111- 

Sache zu erfreuen, die er ihm geschenkt hatte. Zweifellos wäre 
alles viel einfacher gewesen, wenn Sir Stephen die jungen 
Männer geliebt hätte, und O zweifelte nicht, daß René, der keine 
Männer liebte, dennoch leidenschaftlich allen noch so geringen 
oder noch so ungeheuerlichen Forderungen Sir Stephens zu 
willen gewesen wäre. Aber Sir Stephen liebte nur Frauen. Sie 
begriff, daß die beiden über ihren Körper, den sie sich teilten, zu 
einer geheimnisvolleren und vielleicht tieferen Bindung 
gelangten, als es ein Liebesverhältnis gewesen wäre, zu einer 
Bindung, deren bloße Vorstellung ihr unerträglich war, deren 
Realität und Macht sie dennoch nicht leugnen konnte. Warum 
aber war diese Teilung in gewissem Sinne abstrakt? In Roissy 
hatte O im gleichen Augenblick, in der gleichen Umgebung 
René und anderen Männern angehört. Warum verzichtete René 
in Sir Stephens Gegenwart nicht nur darauf, sie zu nehmen, 
sondern auch darauf, ihr Befehle zu geben? (Er übermittelte ihr 
lediglich die Befehle Sir Stephens). Sie stellte ihm die Frage und 
wußte die Antwort schon im voraus. "Aus Respekt", antwortete 
René. "Aber ich gehöre dir", sagte O. "In erster Linie gehörst du 
Sir Stephen." Und das stimmte, zumindest insofern, als die 
Rechte, die René seinem Freund über sie eingeräumt hatte, total 
waren, als  die kleinsten Wünsche Sir Stephens den Vorrang 
hatten vor Renés Entscheidungen oder seinen Ansprüchen an 
sie. Hatte René beschlossen, daß er mit O zu Abend essen und 
ins Theater gehen wolle, so brauchte Sir Stephen ihn nur eine 
Stunde zuvor anzurufen um O  zu sich zu bestellen und René 
holte sie am Studio ab, wie sie es vereinbart hatten, aber um sie 
vor Sir Stephens Tür abzusetzen. Einmal, nur ein einziges Mal, 
hatte O René gebeten, er möge Sir Stephen einen anderen Tag 
vorschlagen, weil sie sich so sehr wü nschte, René zu einer 
Abendveranstaltung zu begleiten, die sie gemeinsam besuchen 
sollten. René hatte es ihr abgeschlagen. "Mein armes Kind, hatte 
er gesagt hast du noch immer nicht begriffen, daß du nicht mehr 
dir selbst gehörst und daß nicht mehr ich über dich verfüge?" Er 

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-112- 

hatte es ihr nicht nur abgeschlagen, er hatte Sir Stephen von Os 
Bitte unterrichtet und ihn in ihrer Gegenwart gebeten, sie so 
grausam dafür zu bestrafen, daß sie nie mehr auf den Gedanken 
käme, widerspenstig zu sein. "Gewiß", hatte Sir Stephen 
erwidert. Sie waren in dem kleinen, ovalen Zimmer mit dem 
eingelegten Fußboden, in dem als einziges Möbelstück ein 
schwarzes Tischchen mit Perlmuttintarsien stand und das an den 
großen gelbgrauen Salon anschloß. René blieb nicht länger, als 
die drei Minuten, die er brauchte, um O zu verraten und Sir 
Stephens Antwort zu hören. Dann winkte er Sir Stephen einen 
Gruß zu, lächelte O zu und ging. Durchs Fenster sah sie ihn über 
den Hof gehen; er drehte sich nicht um; sie hörte die Autotür 
zuschlagen, den Motor aufheulen und sah in einem kleinen 
Wandspiegel ihr eigenes Bild: sie war weiß vor Verzweiflung 
und vor Furcht. Dann warf sie mechanisch einen Blick auf Sir 
Stephen, der ihr die Tür zum Salon aufhielt und zurücktrat, 
während sie hindurchging; er war  genauso bleich, wie sie. Wie 
ein Blitz durchzuckte sie die Gewißheit, daß er sie liebte. Wie 
ein Blitz erlosch sie wieder. Doch obwohl sie nicht daran 
glaubte, sich selbst verlachte, war ihr dieser Gedanke ein Trost 
und sie entkleidete sich gehorsam auf seinen Wink. Und zum 
ersten Mal, seit er sie zwei-, dreimal in der Woche kommen ließ 
- wobei er sich immer Zeit nahm, sich ihr zu nähern, sie oft eine 
Stunde nackt warten ließ, ihr Flehen anhörte, ohne jemals darauf 
zu antworten, denn sie flehte ihn zuweilen an, zur gleichen Zeit 
die gleichen Befehle wiederholte, wie nach einem Ritual, so daß 
sie genau wußte, wann ihr Mund ihn berühren mußte, wann sie 
ihm, auf den Knien liegend, den Kopf in die Seide des Sofas 
gepreßt, nur ihre Lenden bieten durfte, deren er  sich nun 
bediente, ohne O zu verletzen, so sehr hatte sie sich ihm 
geöffnet - zum ersten Mal und trotz der Furcht, die sie zersetzte 
oder vielleicht dank dieser Furcht, trotz der Verzweiflung, in die 
Renés Verrat sie gestürzt hatte aber vielleicht auch gerade dank 
dieser Verzweiflung gab sie sich völlig hin. Und ihre willigen 

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-113- 

Augen waren so zärtlich, als sie Sir Stephens hellem, 
brennendem Blick begegneten, daß dieser zum ersten Mal 
plötzlich mit ihr französisch sprach und sie du nannte: "O, ich 
werde dich  knebeln, weil ich dich bis aufs Blut peitschen 
möchte, sagte er. Erlaubst du es mir? - Ich gehöre Ihnen", sagte 
O. Sie stand in der Mitte des Salons, ihre erhobenen und 
zusammengebundenen Hände, die von den Armreifen aus 
Roissy und einer Kette an dem Ring  festgebunden waren, an 
dem früher ein Lüster von der Decke hing, ließen ihre Brüste 
vorspringen. Sir Stephen berührte ihre Brüste, küßte sie dann, 
dann küßte er Os Mund, einmal, zehnmal. (Er hatte sie noch nie 
auf den Mund geküßt.) Und als er ihr den Knebel einsteckte, der 
ihren Mund mit dem Geschmack von feuchter Leinwand füllte, 
ihr die Zunge bis in den Schlund zurückschob und in den ihre 
Zähne kaum beißen konnten, faßte er sie sanft bei den Haaren. 
Sie schwankte auf ihren nackten Füßen, die Kette hielt sie im 
Gleichgewicht. "O, verzeih mir", flüsterte er (noch nie hatte er 
sie um Verzeihung gebeten), dann ließ er sie los und schlug zu. 

 

Als René nach Mitternacht zu O kam, nachdem er allem die 

Veranstaltung besucht hatte, zu der sie gemeinsam hatten gehen 
wollen, fand er sie im Bett, zitternd im weißen Nylon ihres 
langen Nachthemds. Sir Stephen hatte sie selbst nach Hause und 
zu Bett gebracht und sie noch einmal auf den Mund geküßt. Sie 
sagte es René. Sie sagte ihm auch, daß sie nicht mehr den 
Wunsch verspüre, Sir Stephen nicht zu gehorchen und sie wußte 
sehr gut, daß René daraus den Schluß zog, die Peitsche sei 
notwendig und angenehm für sie, was auch stimmte (aber nicht 
der einzige Grund war). Zudem war sie überzeugt, es sei auch 
für René notwendig, daß sie die Peitsche bekam. So sehr er es 
verabscheute, sie selbst zu schlagen  - er hatte sich nie dazu 
entschließen können  - so sehr liebte er es, zuzusehen, wie sie 
sich unter den Schlägen wand, zu hören, wie sie schrie. Ein 
einziges Mal hatte Sir Stephen sie  vor René mit dem Reitstock 

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-114- 

geschlagen. René hatte O über den Tisch gelegt und sie so 
festgehalten, daß sie sich nicht bewegen konnte. Ihr Rock war 
herabgeglitten: er hatte ihn wieder hochgeschlagen. Vielleicht 
lag ihm noch mehr an dem Gedanken, daß O, während er nicht 
bei ihr war, während er spazieren ging oder arbeitete, sich unter 
der Peitsche wand, stöhnte und weinte, um Gnade bettelte und 
sie nicht erhielt  - und wußte, daß dieser Schmerz und diese 
Demütigung ihr durch den Willen ihres Geliebten zugefügt 
wurden und zu seiner Lust. In Roissy hatte er sie von den 
Dienern peitschen lassen. In Sir Stephen hatte er den 
unbarmherzigen Gebieter gefunden, der er selbst nicht sein 
konnte. Die Tatsache, daß der Mann, den er auf der Welt am 
meisten bewunderte, an O  Gefallen fand und sich der Mühe 
unterzog, sie gefügig zu machen, steigerte Renés Leidenschaft 
für sie, das sah O genau. Jeder Mund, der sich auf ihren Mund 
gepreßt hatte, jede Hand, die ihre Brüste und ihren Leib 
berührte, jedes Geschlecht, das in sie eingedrungen war, sie alle, 
die so eindeutig den Beweis erbrachten, daß sie prostituiert 
wurde, hatten zugleich den Beweis erbracht, daß sie dessen 
würdig war, hatten sie in gewisser Weise geheiligt. Aber das 
alles galt in Renés Augen nichts im Vergleich zu dem Beweis, 
den Sir Stephen gab. Sooft sie aus Sir Stephens Armen kam, 
suchte René auf ihr die Spur eines Gottes. O wußte, daß er sie 
vor ein paar Stunden nur verraten hatte, um neue und 
grausamere Spuren zu schaffen. Das war der einzige Grund. Sie 
wußte aber auch, daß Sir Stephen gar keiner Gründe bedurft 
hätte. Umso schlimmer. (Sie aber dachte, umso besser). 
Erschüttert betrachtete René lange Zeit den schlanken Körper, 
auf dem dicke, blaurote Striemen sich wie Schnüre von Schulter 
zu Schulter spannten, über den Rücken, die Lenden, über Leib 
und Brüste, sich da und dort überschnitten. An manchen Stellen 
perlte ein bißchen Blut. "Ah! ich liebe dich" flüsterte er. Er zog 
sich mit bebenden Händen aus, löschte das Licht und legte sich 
neben O. Sie stöhnte im Dunkeln, während er sie nahm. 

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-115- 

 

Die Striemen auf Os Körper verblaßten erst nach einem 

Monat. Auch danach noch blieb dort, wo die Haut geplatzt war, 
eine weißliche Linie sichtbar, wie eine sehr alte Narbe. Doch 
selbst wenn O hätte vergessen können, so würde die  Haltung 
Renés und Sir Stephens sie wieder daran erinnert haben. René 
hatte selbstverständlich einen Schlüssel zu Os Wohnung. Er war 
nicht auf den Gedanken gekommen, auch Sir Stephen einen 
Schlüssel zu geben, wahrscheinlich weil Sir Stephen bisher 
niemals den Wunsch geäußert hatte, O aufzusuchen. Aber die 
Tatsache, daß er sie an jenem Abend nachhause gebracht hatte, 
brachte René plötzlich auf die Idee, daß diese Tür, die nur O und 
er öffnen konnten, von Sir Stephen als Hindernis betrachtet 
werden könnte, als Schranke oder als von René beabsichtigte 
Einschränkung, und daß es lächerlich war, ihm O zu geben, 
wenn er ihm nicht zugleich die Möglichkeit gab, jederzeit nach 
Belieben zu ihr zu kommen. Kurz, er ließ einen Schlüssel 
anfertigen, händigte ihn Sir Stephen aus und sagte O erst 
Bescheid, nachdem Sir Stephen ihn angenommen hatte. Sie 
dachte nicht daran, zu protestieren und bemerkte bald, daß die 
ständige Erwartung der Ankunft Sir Stephens sie in einen 
Zustand unbegreiflicher Fröhlichkeit versetzte. Sie wartete 
lange, sie fragte sich, ob er sie wohl in tiefer Nacht überraschen 
werde, ob er Renés Abwesenheit benutzen wolle, ob er allein 
kommen, ob er überhaupt kommen würde. Sie wagte nicht, mit 
René darüber zu sprechen. Eines Morgens, als die Aufwartefrau 
zufällig nicht da war und O früher als gewöhnlich aufgestanden 
und schon um zehn Uhr zum Ausgehen angezogen war, hörte sie 
wie ein Schlüssel ins Schloß gesteckt wurde. Sie lief zur Tür 
und rief "René" (denn René kam manchmal um diese Zeit und 
sie hatte nur noch  an ihn gedacht!). Es war Sir Stephen, der 
lächelte und sagte: "Gut, rufen wir René an." Aber René wurde 
durch eine geschäftliche Besprechung in seinem Büro 
festgehalten und würde erst in einer Stunde kommen können. O 

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-116- 

sah mit heftig klopfendem Herzen zu (und sie fragte sich, wieso) 
wie Sir Stephen den Hörer auflegte. Er setzte sie aufs Bett, nahm 
ihren Kopf zwischen seine Hände und öffnete ihr den Mund, um 
sie zu küssen. Er benahm ihr so sehr den Atem, daß sie aufs Bett 
gefallen wäre, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Aber er hielt 
sie fest und richtete sie auf. Sie begriff nicht, warum ihr diese 
Verwirrung, diese Angst die Kehle zuschnürte, denn konnte sie 
von Sir Stephen noch etwas zu fürchten haben, was ihr noch 
nicht widerfahren war? Er bat sie, sich  auszuziehen und sah 
wortlos zu, wie sie gehorchte. War sie nicht wahrhaftig 
gewöhnt, nackt vor ihm zu stehen, so wie sie an sein Schweigen 
gewöhnt war, gewöhnt war, auf seine Entscheidungen zu 
warten? Sie mußte zugeben, daß sie sich einer Täuschung 
hingab, daß sie zwar verwirrt sein mochte durch den Ort und die 
Stunde, durch die Tatsache, daß sie in diesem Zimmer noch nie 
für einen anderen als für René nackt gewesen war, daß jedoch 
der tiefere Grund für ihre Verwirrung der gleiche war wie 
immer: ihre völlige Selbstaufgabe. Heute war diese 
Selbstaufgabe ihr nur dadurch spürbarer geworden, daß sie sich 
nicht an einem Ort vollzog, wo sie gewissermaßen nur zu 
diesem Zweck hingegangen war, und nicht bei Nacht, so daß sie 
als ein Teil eines Traums gelten mochte oder einer geheimen 
zweiten Existenz und sich zur Zeit des Tages verhielt wie der 
Aufenthalt in Roissy sich zur Zeit ihres Lebens mit René 
verhalten hatte. Das helle Licht eines Maimorgens machte das 
Heimliche offenbar: von nun an würden die Realität der Nacht 
und die Realität des Tages die gleiche Realität sein. Von nun an 
- und O dachte: endlich. Daraus entsprang ohne Zweifel die 
seltsame, mit Schrecken gemischte Sicherheit, in die sie sich 
gleiten fühlte und die sie geahnt hatte, ohne sie zu begreifen. 
Von nun an würde es keine Unterbrechung mehr geben, keine 
tote Zeit, keine Pause. Was man erwartet ist, eben weil man es 
erwartet, bereits gegenwärtig, bereits herrschend. Sir Stephen 
war ein anderer Gebieter als René, auf andere Weise fordernd, 

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-117- 

aber auch auf andere Weise sicher. Und so leidenschaftlich O 
René liebte und er sie, so herrschte doch zwischen ihnen eine 
Gleichheit (und wenn es nur die Gleichheit des Lebensalters 
gewesen wäre) die in ihr das Gefühl aufhob, daß sie ihm 
gehorchte, das Bewußtsein, daß sie unterworfen wurde. Was er 
von ihr forderte, das wollte sie selbst sofort, einzig deshalb, weil 
er es forderte. Den Befehlen Sir Stephens jedoch gehorchte sie, 
weil es Befehle waren und sie war ihm dankbar, daß er sie ihr 
gab. Ob er mit ihr französisch oder englisch sprach, sie du oder 
Sie nannte, O nannte ihn stets nur Sir Stephen, wie eine Fremde, 
wie eine Bediente. Sie sagte sich, das Wort "Seigneur" hätte 
besser zu ihm gepaßt, wenn sie gewagt hätte, es auszusprechen, 
so wie ihr vor ihm das Wort Skla vin angestanden hätte. Sie 
sagte sich auch, daß das alles ganz in Ordnung sei, denn René 
war glücklich, in ihr die Sklavin Sir Stephens zu lieben. Nun 
hatte sie also ihre Kleider auf das Fußende ihres Bettes gelegt, 
ihre hochhackigen Pantöffelchen angezoge n und wartete mit 
gesenkten Augen vor Sir Stephen, der ans Fenster gelehnt stand. 
Die strahlende Sonne schien durch die Gardinen aus 
Erbsenmousseline, sie war schon sehr heiß und wärmte ihr die 
Füße. O versuchte nicht, eine bestimmte Stellung einzunehmen, 
aber sie dachte geschwind, daß sie sich stärker hätte parfümieren 
sollen, daß sie die Spitzen ihrer Brüste nicht geschminkt hatte 
und daß sie froh war, ihre Pantöffelchen anzuhaben, weil der 
Lack an ihren Zehen abblätterte. Dann kam ihr plötzlich zum 
Bewuß tsein, daß sie eigentlich erwartete, Sir Stephen werde ihr 
in die Stille hinein bedeuten, sie solle vor ihn niederknien, seine 
Kleidung öffnen und ihn mit dem Mund berühren. Aber nein. 
Daß sie allein daran gedacht hatte, trieb ihr die Röte ins Gesicht 
und  noch während sie errötete, schalt sie sich töricht, weil sie es 
tat: soviel Schamgefühl bei einer Dirne! In diesem Augenblick 
bat Sir Stephen O, sich vor ihren Frisiertisch zu setzen und ihm 
zuzuhören. Der Frisiertisch war nicht eigentlich ein Frisiertisch, 
sondern ein großer Drehspiegel im Stil der Restaurationszeit 

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-118- 

neben einer niedrigen Wandkonsole, auf der Bürsten und 
Flakons Platz fanden. Wenn O auf dem kleinen Polstersessel 
saß, konnte sie sich ganz sehen. Während er sprach, ging Sir 
Stephen hinter ihr auf und ab; sein Bild erschien und 
verschwand im Spiegel, hinter Os Bild, doch es war ein Bild, 
das fern wirkte, weil der Belag des Spiegels grünlich war, und 
leicht getrübt. O, die mit geöffneten Händen und gespreizten 
Knien dasaß, hätte das Bild packen  und anhalten mögen, um 
sich das Antworten zu erleichtern. Denn Sir Stephen stellte in 
präzisem Englisch Fragen über Fragen, die letzten, die O aus 
seinem Munde erwartet hätte, sofern sie überhaupt welche 
erwartete. Er hatte noch kaum damit begonnen, als er sich 
unterbrach, um O in ihrem Sessel zurückzukippen und sie 
zugleich weiter nach vorn zu ziehen; nun bot sie sich, das linke 
Bein über der Sessellehne und das rechte leicht angewinkelt, im 
vollen Licht im Spiegel ihren eigenen Blicken und den Blicken 
Sir Stephens dar, so ganz geöffnet, als hätte ein unsichtbarer 
Geliebter sich aus ihr zurückgezogen und sie so verlassen. Sir 
Stephen fragte weiter mit der Festigkeit eines Richters, der 
Geschicklichkeit eines Beichtvaters. O sah ihn nicht sprechen, 
sah sich  aber antworten. Ob sie, seit ihrer Rückkehr aus Roissy, 
anderen Männern als René und ihm angehört habe? Nein. Ob sie 
den Wunsch gehabt habe, anderen, die sie getroffen hatte, 
anzugehören? Nein. Ob sie sich bei Nacht, wenn sie allein sei, 
selbst berühre? Nein. Ob sie Freundinnen habe, die sie berühre 
und von denen sie sich berühren lasse? Nein (das nein kam 
zögernder). Aber Freundinnen, die sie begehrte? Nun ja, 
Jacqueline, nur sei Freundin zu viel gesagt. Kollegin würde 
richtiger sein, oder vielleicht Gefährtin, wie die höheren Töchter 
in den feinen Pensionaten einander bezeichnen. Darauf fragte 
Sir Stephen, ob sie Photos von Jacqueline habe und half ihr, 
aufzustehen, damit sie sie holen konnte. René, der atemlos 
hereinkam, weil er die vier Treppen im Laufschritt genommen 
hatte, fand die beiden im Salon: O stand vor dem großen Tisch, 

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-119- 

auf dem alle Bilder Jacquelines in weiß und schwarz glänzten 
wie Wasserpfützen in der Nacht. Sir Stephen halb auf dem Tisch 
sitzend, nahm eines nach dem anderen auf, wie O sie ihm 
reichte, und legte sie dann wieder auf den Tisch; mit der anderen 
Hand hielt er O am Schoß gepackt. Von diesem Augenblick an 
richtete Sir Stephen, der René begrüßt hatte, ohne sie 
loszulassen  - sie spürte sogar, daß seine Hand tiefer in sie 
eindrang  - seine Worte nicht mehr an O, sondern nur noch an 
René. Der Grund dafür schien ihr klar: sobald René zugegen 
war, bestand zwar ihretwegen zwischen Sir Stephen und ihm ein 
Einverständnis, von dem sie aber ausgeschlossen war, sie war 
nur Anlaß oder Objekt, man  hatte ihr keine Fragen mehr zu 
stellen, sie hatte keine mehr zu beantworten: was sie tun sollte, 
sogar was sie sein sollte, wurde ohne ihr Zutun entschieden. Es 
ging auf Mittag. Die Sonne, die mit voller Macht auf den Tisch 
schien, rollte die Ecken der Pho tos auf. O wollte sie beiseite 
schieben und sie glätten, damit sie nicht verdorben würden, aber 
sie war ihrer Bewegungen nicht sicher, sie mußte ein Stöhnen 
unterdrücken, so sehr brannte sie Sir Stephens Hand. Sie konnte 
nicht mehr, stöhnte wirklich und fa nd sich plötzlich auf dem 
Rücken quer über dem Tisch liegend, mit gespreizten, 
herabhängenden Beine, mitten in den Photos, wohin Sir Stephen 
sie geworfen hatte, nachdem er seine Hand entfernt hatte. Ihre 
Füße berührten den Boden nicht, eines der Pantöffelc hen glitt 
hinunter, fiel lautlos auf den weißen Teppich. Ihr Gesicht war in 
der prallen Sonne: sie schloß die Augen. 

 

Später, viel später sollte sie sich an etwas erinnern, was ihr im 

Augenblick gar nicht bewußt wurde: daß sie so auf dem Tisch 
liegend, das Gespräch zwischen Sir Stephen und René mithörte, 
so als ginge es sie nichts an und doch das Gefühl hatte, als 
erlebte sie etwas zum zweiten Mal. Und es stimmte, daß sie eine 
ähnliche Szene bereits erlebt hatte; denn als René sie zum ersten 
Mal zu Sir Stephen geführt hatte, hatten die beiden in der 

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-120- 

gleichen Weise über sie gesprochen. Aber dieses erste Mal war 
sie Sir Stephen unbekannt gewesen und René hatte das Gespräch 
geführt. Inzwischen hatte Sir Stephen sie allen seinen Launen 
gefügig gemacht, hatte sie nach seinem Willen geformt, hatte 
von ihr die unerhörtesten Dinge gefordert und erhalten, als 
verstehe sich das von selbst. Sie hatte nichts mehr zu geben, was 
er nicht schon besaß. Wenigstens glaubte sie das. Jetzt sprach er, 
der vor ihr im allgemeinen so schweigsam war, und seine 
Worte, wie auch die Erwiderungen Renés zeigten, daß sie ein 
Thema wiederaufnahmen, das sie schon häufig besprochen 
hatten und das sie zum Gegenstand hatte. Es ging darum, wie 
man sie am besten verwenden, und die Erfahrungen, die sie 
beide mit ihr gemacht hatten, am besten ausnutzen könne. Sir 
Stephen gab gern zu, daß O unendlich erregender wirkte, wenn 
ihr Körper von Malen irgendwelcher Art gezeichnet war, und sei 
es nur deshalb, weil diese Male ihr eine Täuschung unmöglich 
machten und auf den ersten Blick kundtaten, daß ihr gegenüber 
alles erlaubt war. Denn das Wissen, war eine Sache: den Beweis 
dafür vor Augen zu haben, den ständig erneuerten Beweis, war 
eine andere. René, so sagte Sir Stephen, habe recht gehabt mit 
seiner Forderung, daß sie gepeitscht werden solle. Sie 
beschlossen, daß sie nicht nur um des Vergnügens willen, das 
ihre Schreie und ihre Tränen gewähren mochten, gepeitscht 
werden solle, sondern um dafür zu sorgen, daß ständig Spuren 
an ihr zu sehen sein würden. O hörte, noch immer auf dem 
Rücken liegend und innerlich brennend, unbeweglich zu und es 
schien ihr, als spreche Sir Stephen in wunderlicher 
Stellvertretung für sie, an ihrer Stelle. Als wäre er in ihrem 
Körper, als hätte er die Unruhe, die Angst, die Schande 
empfunden, aber auch den geheimen Stolz und die ätzende Lust, 
die sie empfand, besonders wenn sie allein auf der Straße 
inmitten der Passanten ging oder einen Autobus bestieg, oder 
wenn sie mit den Mannequins und den Technikern im Studio 
war und sich sagte, daß jeder dieser Menschen, wenn ihm ein 

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-121- 

Unfall zustoßen und man ihn auf die Straße betten oder einen 
Arzt rufen müßte, selbst noch nackt sein Geheimnis bewahren 
würde, sie dagegen nicht: ihr Geheimnis war nicht allein durch 
ihr Schweigen zu bewahren, hing nicht allein von ihr ab. Sie 
durfte sich, selbst wenn sie gewollt hätte, nicht die kleinste 
Schwäche erlauben  - genau das war der Sinn einer der Fragen 
Sir Stephens  - ohne sich sogleich zu erkennen zu geben, sie 
konnte sich nicht die unschuldigsten Vergnügungen erlauben, 
Tennisspielen oder Schwimmen. Sie empfand es als wohltuend, 
daß ihr das alles faktisch unmöglich gemacht war, so wie das 
Gitter des Klosters es den Nonnen faktisch unmöglich macht, 
sich selbst zu gehören oder zu fliehen. Aber wie konnte sie 
Jacqueline gewinnen, ohne ihr gleichzeitig, wenn nicht die 
ganze Wahrheit, so doch einen Teil der Wahrheit sagen zu 
müssen? 

 

Die Sonne war weitergewandert, weg von ihrem Gesicht. Ihre 

Schultern klebten an der Glasur der Photos, über denen sie lag 
und an ihrem Knie spürte sie den rauhen Rand der Jacke Sir 
Stephens, der sich ihr genähert hatte. René und er nahmen sie 
bei den Händen und setzten sie auf. René hob ihre Pantoffel auf. 
Sie mußte sich anziehen. Während des Mittagessens, das sie 
danach in Saint-Cloud einnahmen, am Ufer der Seine, setzte Sir 
Stephen, der jetzt mit ihr allein war, sein Verhör fort. Am Fuß 
einer Ligusterhecke, die die schattige Terrasse mit den 
weißgedeckten Tischen säumte, lief ein Streifen dunkelroter, 
aufgeblühter Pfingstrosen. O  brauchte lange, bis sie mit ihren 
nackten Schenkeln den eisernen Stuhl gewärmt hatte, auf den sie 
sich gehorsam mit hochgeschlagenem Rock gesetzt hatte, ohne 
Sir Stephens Zeichen abzuwarten. Man hörte das Wasser an die 
Boote klatschen, die am Ende der Terrasse an einem Brettersteg 
vertäut lagen. Sir Stephen saß vor O, die langsam sprach, 
entschlossen, nicht ein Wort zu sagen, das unwahr wäre. Sir 
Stephen wollte wissen, warum Jacqueline ihr gefalle. Ah! das 

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-122- 

war nicht schwierig: einfach weil O sie schön fand, zu schön, 
wie die lebensgroßen Puppen, die man den armen Kindern 
schenkt und die diese Kinder niemals anzufassen wagen. Und 
zugleich wußte sie, daß sie mit Jacqueline im Grund nur deshalb 
nicht sprach, sich ihr nur deshalb nicht näherte, weil sie nicht 
wirklich Lust dazu hatte. Hier hob sie die Augen, die sie bisher 
auf die Pfingstrosen gesenkt hatte und sah, daß Sir Stephen den 
Blick auf ihre Lippen geheftet hielt. Hörte er ihr zu oder achtete 
er nur auf ihre Stimme, auf die Bewegung ihrer Lippen? Sie 
schwieg abrupt und Sir Stephens Blick hob sich und begegnete 
dem ihren. Was sie darin las, war dieses Mal so klar und es war 
ihr so klar, daß sie richtig gelesen hatte, daß sie nun ihrerseits 
erbleichte. Wenn er sie so liebte, würde er ihr verzeihen, daß sie 
es bemerkt hatte? Sie konnte weder die Augen abwenden, noch 
lächeln oder sprechen. Wenn er sie liebte, was würde sich 
ändern? Nicht um ihr Leben wäre sie imstande gewesen, die 
geringste Bewegung zu machen, zu fliehen, ihre Knie hätten sie 
nicht getragen. Zweifellos wollte er nie etwas anderes von ihr 
als die Erfüllung seines Verlangens, solange dieses Verlangen 
andauerte. Doch erklärte dieses Verlangen allein schon, daß er 
sie, seit dem Tag, an dem René sie ihm übergeben hatte, immer 
häufiger rief und bei sich behielt, manchmal nur ihre Gegenwart 
wollte, nichts weiter? Er saß vor ihr, stumm und unbeweglich 
wie sie; am Nachbartisch unterhielten sich Geschäftsleute bei 
einem Kaffe, der so stark war, daß man ihn noch an ihrem Tisch 
riechen konnte; zwei Amerikanerinnen, hochmütig und gepflegt, 
zündeten sich schon während des Essens Zigaretten an; der Kies 
knirschte unter den Schritten der Kellner  - einer trat an den 
Tisch, um Sir Stephens zu dreiviertel geleertes Glas 
nachzufüllen, aber wozu einer Statue, einer Schlafwandlerin, zu 
trinken geben? Er ging wieder weg. O spürte voll Wonne, daß 
der graue und brennende Blick ihre Augen nur verließ, um sich 
auf ihre Hände zu heften, ihre Brüste. Endlich sah sie den 
Schatten eines Lächelns auftauchen, und wagte, es zu erwidern. 

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-123- 

Aber auch nur ein einziges Wort zu sprechen, war ihr 
unmöglich. Sie atmete kaum. "O ...", sagte Sir Stephen. "Ja", 
sagte O ganz schwach. "O, was ich Ihnen jetzt sagen will, habe 
ich zusammen mit René beschlossen. Dennoch möchte ich..." Er 
unterbrach  sich. O erfuhr nie, ob er es deshalb tat, weil sie vor 
Erregung die Augen geschlossen hatte oder ob auch ihm das 
Atmen schwerfiel. Er wartete, der Kellner wechselte die Teller, 
brachte O die Karte, damit sie ihr Dessert wählen konnte. O gab 
die Karte Sir Stephen. Ein Souffle? Ja, ein Souffle. Dauert 
zwanzig Minuten. Schön, zwanzig Minuten. Der Kellner ging. 
"Ich brauche länger als zwanzig Minuten", sagte Sir Stephen. 
Und er sprach mit gelassener Stimme weiter und was er sagte, 
bewies O sogleich, daß zumindest eine Sache feststand, nämlich 
daß, selbst falls er sie liebte, nichts dadurch geändert würde, es 
sei denn, man wolle diesen seltsamen Respekt, diese Glut, mit 
der er zu ihr sprach, als Änderung werten: "Ich würde glücklich 
sein, wenn Sie sich bereitfänden..." anstatt sie einfach 
aufzufordern, seinen Wünschen nachzukommen. Denn es 
handelte sich um nichts anderes als um Befehle, denen O sich 
ohnehin nicht hätte entziehen können. Sie machte Sir Stephen 
darauf aufmerksam. Er gab es zu. "Antworten Sie trotzdem", 
sagte er. "Ich werde tun, was Sie wünschen", antwortete O und 
das Echo dessen, was sie gesagt hatte, klang ihr im Ohr: "Ich 
werde tun, was du wünschst", hatte sie zu René gesagt. Sie 
flüsterte: "René..." Sir Stephen hatte es gehört. "René weiß, was 
ich von Ihnen will. Hören Sie mir zu." Er sprach englisch, aber 
mit einer tiefen und tonlosen Stimme, die man an den 
Nebentischen nicht hören konnte. Wenn die Kellner in die Nähe 
kamen, schwieg er, nahm den Satz wieder auf, sobald sie sich 
entfernten. Was er  sagte, schien unerhört an diesem jedermann 
zugänglichen und friedlichen Ort, das Unerhörteste war jedoch, 
daß er mit solcher Selbstverständlichkeit es sagen und daß O es 
anhören konnte. Er erinnerte sie zunächst, daß sie am ersten 
Abend, den sie bei ihm verbrachte, einem seiner Befehle nicht 

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-124- 

gehorcht hatte und machte sie darauf aufmerksam, daß er diesen 
Befehl, obwohl er sie damals dafür geohrfeigt hatte, nicht 
wiederholt habe. Würde sie ihm jetzt gewähren, was sie damals 
verweigert hatte? O begriff, daß sie nicht nur schweigend nicken 
sollte, sondern daß er in entsprechenden Worten aus ihrem 
Munde hören wollte, ja, sie würde sich selbst berühren, sooft er 
es von ihr verlange. Sie sagte es und sah wieder den gelb und 
grauen Salon vor sich, René, ihre Auflehnung an diesem ersten 
Abend, das Feuer, das zwischen ihren gespreizten Knien glühte, 
als sie nackt auf dem Teppich lag. Heute Abend, in diesem 
gleichen Salon... Aber nein, Sir Stephen machte keine genauen 
Angaben, er fuhr fort. Er wies sie darauf hin, daß sie in seiner 
Gegenwart niemals René angehört habe, (auch keinem anderen 
Mann) wie sie in Renés Gegenwart ihm angehört hatte (und in 
Roissy vielen anderen Männern). Sie dürfte daraus nicht 
schließen, daß ihr von René allein die Demütigung zuteil werde, 
sich einem Mann hingeben zu müssen, der sie nicht liebte - vor 
einem Mann, der sie liebte. (Es blieb bei diesem Thema, so lang, 
mit so brutaler Ausführlichkeit: sie würde bald ihren Schoß und 
ihre Lenden und ihren Mund allen seinen Freunden öffnen, die 
sie kennenlerne und Verlangen nach ihr haben würden  - daß O 
zweifelte, ob diese Brutalität nicht ebensosehr gegen ihn selbst 
wie gegen sie gerichtet sei und sie behielt nur das Ende des 
Satzes: ein Mann, der sie liebte. Welches andere Geständnis 
wollte sie hören?) Im übrigen wollte er selbst sie im Lauf des 
Sommers nach Roissy zurückbringen. Hatte sie sich niemals 
darüber gewundert, daß zuerst René und dann er selbst sie so 
isoliert gehalten hatten? Sie sah nur sie beide, sei es zusammen, 
sei es einzeln. Wenn Sir Stephen in seinem Haus in der Rue de 
Poitiers Gäste hatte, holte er O niemals. Nie hatte sie bei ihm zu 
Mittag oder zu Abend gegessen, niemals hatte René ihr seine 
Freunde vorgestellt, mit Ausnahme Sir Stephens. Zweifellos 
würde er sie auch weiterhin von allen fernhalten, denn von nun 
an besaß Sir Stephen das Verfügungsrecht über sie. Sie dürfe 

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-125- 

nicht glauben, daß sie als sein Eigentum nun weniger wie eine 
Gefangene behandelt würde, im Gegenteil. (Aber O begriff 
schlagartig nur das eine: daß Sir Stephen ihr  gegenüber die 
gleiche Rolle spielen würde wie René, mit ihm identisch sein 
würde.) Der Ring aus Eisen und Gold, den sie an der linken 
Hand trug  - erinnerte sie sich, wie er ihn so eng gewählt hatte, 
daß sie ihn nur mit Mühe an den Ringfinger stecken konnte? Sie 
konnte ihn nicht mehr abziehen  - war das Zeichen, daß sie 
Sklavin war, aber Sklavin aller. Der Zufall hatte es gewollt, daß 
sie seit dem Herbst keine Gäste des Schlosses von Roissy 
getroffen hatte, die ihre Eisen bemerkt und Konsequenzen 
daraus gezogen hatten. Das Wort Eisen, im Plural gebraucht, in 
dem sie ein Wortspiel gesehen hatte, als Sir Stephen ihr damals 
sagte, die Eisen stünden ihr gut, war keineswegs ein Wortspiel, 
sondern eine Losung. Sir Stephen hatte die zweite Losung nicht 
anzuwenden brauchen: nämlich, wem die Eisen gehörten, die sie 
trug. Aber was würde O antworten, wenn man ihr diese Frage 
heute stellte? O zögerte: "René und Ihnen", sagte sie. - "Nein", 
sagte Sir Stephen, "mir. René wünscht, daß Sie vor allem von 
mir abhängen sollen." O wußte es genau, warum versuchte sie, 
falsch zu spielen? In kurzer Zeit, auf jeden Fall vor ihrer 
Rückkehr nach Roissy, würde sie ein endgültiges Kennzeichen 
erhalten, das sie nicht davon befreien werde, die Sklavin aller zu 
sein, sie jedoch unter anderen  als seine besondere Sklavin 
ausweisen werde und neben dem die Spuren der Peitsche oder 
des Reitstocks auf ihrem Körper, selbst wenn sie dauernd 
erneuert würden, diskret und flüchtig wirkten. (Aber welches 
Kennzeichen, worin würde es bestehen, wieso würde es 
endgültig sein? O war schreckensstarr, fasziniert, sie starb vor 
Neugier, es zu erfahren und zwar sofort. Aber Sir Stephen 
wollte sich offenbar nicht näher erklären. Und es stimmte, daß 
sie ja sagen, zustimmen sollte im wahren Sinne des Wortes, 
denn es würde ihr nichts gewaltsam angetan werden, dem sie 
nicht vorher zugestimmt hätte, sie konnte sich weigern, nichts 

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-126- 

hielt sie in ihrer Sklaverei, als ihre Liebe und eben ihr 
Sklaventum. Was hinderte sie daran, fortzugehen?) Aber ehe 
dieses Kennzeichen ihr aufgeprägt würde, auch ehe Sir Stephen 
zu der Gewohnheit übergehen würde, sie, wie er mit René 
beschlossen hatte, so zu peitschen, daß die Spuren dauernd 
sichtbar sein würde, sollte ihr ein Aufschub gewährt werden  - 
soviel Zeit, wie sie brauchte, um Jacquelines Widerstand zu 
brechen. Hier hob O verwundert den Kopf und sah Sir Stephen 
an. Warum? Warum Jacqueline? Und wie hänge Sir Stephens 
Interesse für Jacqueline mit O zusammen? "Es gibt zwei 
Gründe", sagte Sir Stephen. "Der erste und weniger wichtige ist 
der, daß ich sehen möchte, wie Sie eine Frau küssen und 
berühren."  - "Aber wie glauben Sie", rief O, "daß sie sich dazu, 
wenn überhaupt, in Ihrer Gegenwart bereitfindet?" "Das ist eine 
Kleinigkeit", sagte Sir Stephen, "notfalls kann man sie 
hintergehen, und ich rechne damit, daß Sie noch viel mehr bei 
ihr erreichen, denn der zweite Grund, warum ich will, daß sie 
sich Ihnen ergibt, ist der, daß Sie Jacqueline nach Roissy 
bringen müssen." O stellte die Kaffeetasse ab, die sie in der 
Hand hielt, sie zitterte so sehr, daß sie den Rest aus Kaffeesatz 
und Zucker auf das Tischtuch verschüttete. Wie eine Seherin 
erblickte sie in dem größer werdenden braunen Fleck 
unerträgliche Bilder: Jacquelines Eisaugen vor dem Diener 
Pierre, ihre Hüften, die bestimmt ebenso goldfarben waren wie 
ihre Brüste und die O noch nie gesehen hatte, von ihrem weiten, 
hochgeschürzten Samtkleid entblößt, auf dem Flaum der 
Wangen Tränen und der geschminkte Mund aufgerissen und 
schreiend und das glatte Haar wie geschnittenes Stroh in ihrer 
Stirn, nein, das war unmöglich, nicht sie, nicht Jacqueline. "Das 
ist nicht möglich, das geht nicht", sagte sie.  - "Oh doch", 
erwiderte Sir Stephen. "Wie glauben Sie denn, daß die Mädchen 
nach Roissy kommen? Sobald Sie sie einmal dorthin gebracht 
haben, geht das ganze Sie nichts mehr an und außerdem, wenn 
sie weg will, kann sie ja weg. Kommen Sie." Er war abrupt 

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-127- 

aufgestanden und hatte das Geld für die Rechnung auf den Tisch 
gelegt. O folgte ihm zum Wagen, stieg ein, setzte sich. Sie 
waren kaum im Bois de Boulogne,  als er einen Umweg 
einschlug, um in einer kleinen Seitenallee zu parken und sie in 
seine Arme nahm.  

 

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-128- 

III ANNEMARIE UND DIE RINGE 

 

O hatte geglaubt, oder, um eine Entschuldigung zu haben, 

glauben wollen, daß Jacqueline unnahbar sei. Sie wurde eines 
anderen belehrt, sobald ihr darum zu tun war. Das sittsame 
Gehabe, das Jacqueline an den Tag legte, wenn sie die Tür des 
kleinen Spiegelkabinetts schloß, wo sie ihre Kleider an und 
auszog, war nur darauf berechnet, O zu locken, ihr Appetit 
darauf zu machen, eine  Tür aufzubrechen, die sie nicht hätte 
durchschreiten wollen, wenn sie offen gewesen wäre. Daß Os 
Entschluß jedoch von einem fremden Willen bestimmt wurde, 
nicht das Resultat dieser primitiven Strategie war, ahnte 
Jacqueline nicht im entferntesten. O machte das zuerst Spaß. 
Wenn zum Beispiel Jacqueline jetzt, nachdem O ihr beim 
Frisieren geholfen hatte, ihre Vorführkleider auszog und den 
hochgeschlossenen Pullover und die Türkiskette anlegte, die so 
gut zu ihren Augen paßte, empfand O ein seltsames Vergnüge n 
bei dem Gedanken, daß noch am gleichen Abend Sir Stephen 
von jeder Bewegung Jacquelines erfahren würde, ob sie O 
erlaubt hatte, die beiden kleinen, weit auseinanderstehenden 
Brüste unter dem Pullover zu berühren, ob ihre Lider die 
Wimpern, die heller waren, als ihre Haut, auf die Wangen 
gesenkt hatten, ob sie gestöhnt hatte. Wenn O sie küßte, wurde 
sie in ihren Armen ganz schwer, unbeweglich und 
erwartungsvoll, ließ sich den Mund öffnen und die Haare in den 
Nacken ziehen. O mußte immer darauf achten, sie  an eine 
Türfüllung zu lehnen oder gegen einen Tisch und sie an den 
Schultern festzuhalten. Sie wäre sonst zu Boden geglitten, mit 
geschlossenen Augen, ohne einen Klagelaut. Sobald O sie 
losließ, wurde sie wieder zu Rauhreif und Eis, lachend und 
fremd, sie sagte: "Ihr Lippenstift hat abgefärbt" und wischte sich 
den Mund ab. An dieser Fremden wollte O Verrat üben, wenn 
sie so sorgfältig - um nichts zu vergessen und alles berichten zu 

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-129- 

können  - das langsame Erröten ihrer Wangen beobachtete, den 
Salbeigeruch ihres Schweißes einatmete. Man konnte nicht 
sagen, daß Jacqueline sich verteidigte oder argwöhnisch war. 
Wenn sie sich von O küssen ließ - sie hatte bisher die Küsse nur 
hingenommen, ohne sie zu erwidern  - dann gab sie sich ohne 
Zögern, rückhaltlos, wurde plötzlich ein anderes Wesen, zehn 
Sekunden lang, fünf Minuten lang. Die übrige Zeit war sie 
zugleich herausfordernd und ängstlich, unglaublich geschickt im 
Ausweichen, nie unterlief ihr ein Fehler in dem Bemühen, sich 
weder mit einer Geste noch mit einem Wort oder auch nur 
einem Blick eine Blöße zu geben, die es erlaubt hätte, 
Jacqueline die Siegerin und Jacqueline die Besiegte als eine 
Person zu sehen, verraten hätte, daß es so leicht war, ihren 
Mund zu erobern. Das einzige Indiz, das Aufschluß gab und 
vielleicht die Bewegung unter dem stillen Wasserspiegel ihres 
Blicks verriet, war der Schatten eines unwillkürlichen Lächelns, 
der gelegentlich über das dreieckige Gesicht glitt, so rätselhaft 
und flüchtig wie ein Katzenlächeln und genauso beunruhigend. 
O brauchte jedoch nicht lange, bis sie herausfand, daß zwei 
Dinge dieses Lächeln zeitigten, ohne daß Jacqueline sich seiner 
bewußt wurde. Einmal die Geschenke, die man ihr machte, zum 
zweiten der Anblick des Begehrens, das sie erweckte  - 
vorausgesetzt allerdings,  daß dieses Begehren sich bei 
jemandem zeigte, der ihr nützlich sein konnte oder ihr 
schmeichelte. In welcher Hinsicht konnte O ihr wohl nützlich 
sein? Oder fand Jacqueline ausnahmsweise einfach Gefallen 
daran, von ihr begehrt zu werden, weil die Bewunderung, die O 
ihr entgegenbrachte, ihr wohltat und auch, weil das Begehren 
einer Frau keine Gefahr und keine Folgen mit sich bringt? O war 
überzeugt, daß sie Jacqueline anstelle des Perlmutterclips oder 
des letzten Hermes-Halstuchs mit dem aufgedruckten Ich liebe 
dich in sämtlichen Sprachen der Welt, nur die hundert oder 
zweihundert Francs hätte schenken brauchen, die Jacqueline 
ständig zu fehlen schienen, und sie hätte nicht mehr behauptet, 

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-130- 

keine Zeit zu haben, um zu O zum Mittagessen oder einem 
Imbiß zu kommen, hätte sich nicht mehr ihren Berührungen 
entzogen. Aber den Beweis dafür bekam O niemals. Sie hatte 
kaum darüber zu Sir Stephen gesprochen, der ihr vorwarf, zu 
langsam vorzugehen, als auch schon René eingriff. Die 
fünfsechs Male, die René O abgeholt hatte, waren sie alle drei 
entweder zu Weber gegangen oder in eine der englischen Bars 
rund um die Madeleine; René betrachtete Jacqueline mit genau 
der gleichen Mischung aus Interesse, Sicherheit und 
Unverschämtheit, mit der er in Roissy die Mädchen betrachtete, 
die ihm ausgeliefert waren. Von Jacquelines strahlender und 
fester Rüstung glitt die Unverschämtheit wirkungslos ab, 
Jacqueline bemerkte sie nicht einmal. O dagegen wurde 
widersinnigerweise davon betroffen, sie fand eine Haltung, die 
sie sich selbst gege nüber richtig und natürlich fand, Jacqueline 
gegenüber beleidigend. Wollte sie Jacquelines Verteidigung 
übernehmen oder wünschte sie, Jacqueline allein zu besitzen? 
Sie hätte es selbst kaum sagen können, zumal sie Jacqueline ja 
nicht besaß  - noch nicht. Aber sollte es ihr gelingen, so müßte 
sie zugeben, daß sie es René zu verdanken hätte. Dreimal hatte 
er sie nach dem Besuch einer Bar, wo er Jacqueline viel mehr 
Whisky zu trinken gegeben hatte, als sie vertragen konnte - ihre 
Wangen wurden rosig und glänzend, ihre Augen hart  - nach 
Hause gebracht, eh er mit O zu Sir Stephen gefahren war. 
Jacqueline wohnte in einer dieser düsteren Familienpensionen in 
Passy, wo die Weißrussen sich in den ersten Tagen der 
Einwanderung zusammengedrängt hatten, um sich nie wieder 
wegzurühren. Die Diele hatte einen Anstrich, der wie 
Eichentäfelung aussehen sollte, zwischen den Stäben des 
Treppengeländers lag dicker Staub und der grüne Läufer wies 
große abgetretene Flecken auf. René - der niemals die Schwelle 
überschritten hatte  -  wollte jedesmal mit hineingehen, jedesmal 
rief Jacqueline nein, rief danke schön, sprang aus dem Wagen 
und warf die Tür hinter sich zu, als hätte eine Flammenzunge sie 

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-131- 

plötzlich erfassen und verbrennen können. Und es stimmte, 
dachte O, daß das Feuer hinter ihr her war. Es war 
bewundernswert, daß sie es ahnte, eh noch irgend etwas sie 
gewarnt hatte. Zumindest wußte sie, daß sie sich vor René hüten 
mußte, so ungerührt sie auch sein Desinteresse zu lassen schien 
(aber tat es das wirklich? denn was das Ungerühr tscheinen 
anlangte, so schauspielerte er genauso gut wie sie). Als 
Jacqueline sie ein einziges Mal hatte ins Haus und in ihr Zimmer 
kommen lassen, verstand O, warum sie René so ungestüm den 
Eintritt verwehrte. Was wäre aus ihrem Prestige geworden, aus 
ihrer schwarzweiß Legende auf den Glanzpapierseiten der 
teueren Modehefte, wenn jemand anderer als eine Frau wie sie, 
O, gesehen hätte, aus welcher schmutzigen Höhle das 
seidigglänzende Raubtier hervorkam? Das Bett wurde nie 
gemacht, nur eine Decke darübergeworfen unter der ein graues, 
fettiges Laken hervorschaute, denn Jacqueline legte sich niemals 
schlafen, ohne ihr Gesicht mit Nährcreme zu massieren und sie 
schlief immer ein, eh sie es wieder abwischen konnte. Früher 
einmal mußte ein Vorhang die Waschecke verborgen haben, nun 
baumelten noch zwei Ringe an der Stange, von denen ein paar 
Stoffetzen hingen. Nichts hatte mehr Farbe, weder der Teppich 
noch die Tapete, an der die graurosa Blumen sich hochrankten 
wie wilde und versteinerte Gewächse an einem aufgemalten 
weißen Spalier. Man hätte alles abreißen müssen, die Wände 
freilegen, die Teppiche hinauswerfen, den Fußboden abhobeln. 
Auf jeden Fall sofort die Schmutzbahnen wegscheuern, die wie 
eine Marmorierung das Emaille des Waschbeckens streiften, 
sofort die Fla schen mit Reinigungsmilch und die Cremetöpfe 
säubern und ordnen, die Puderdose abwischen, den Frisiertisch 
abwischen, die gebrauchten Wattebäusche wegwerfen, die 
Fenster öffnen. Doch Jacqueline kerzengerade, sauber und nach 
Zitronelle und wilden Blumen riechend, untadelig und 
unberührbar, bedrückte diese Höhle überhaupt nicht. Was sie 
dagegen bedrückte, was ihr auf die Nerven ging, war ihre 

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-132- 

Familie. Die Höhle, über die O zu René offen sprach, gab den 
Anstoß, daß René über O den Vorschlag machte, der ihrer aller 
Leben ändern sollte, aber die Familie bewirkte, daß Jacqueline 
diesen Vorschlag annahm. Nämlich daß Jacqueline zu O ziehen 
solle. Eine Familie war gelinde ausgedrückt, es war eine Sippe 
oder vielmehr eine Horde. Großmutter, Tante, Mutter und sogar 
eine Dienerin, vier Frauen zwischen fünfzig und siebzig Jahren, 
geschminkt, laut, erstickend unter schwarzen Seiden und 
Jettschmuck, schluchzend um vier Uhr morgens im 
Zigarettenqualm vor dem roten Lämpchen der Ikonen, vier 
Frauen im Klirren der Teegläser und  im rauhen Gezisch einer 
Sprache, die Jacqueline um den Preis ihres halben Lebens hätte 
vergessen mögen. Es machte Jacqueline verrückt, daß sie ihnen 
gehorchen mußte, sie anhören, allein schon, daß sie sie 
überhaupt sehen mußte. Wenn sie sah, wie ihre Mutter beim 
Teetrinken ein Zuckerstück zum Mund führte, dann stellte sie 
ihr eigenes Glas wieder ab, floh in ihren staubigen und kargen 
Stall und ließ die drei, die Großmutter, die Mutter, die 
Schwester ihrer Mutter - alle drei mit schwarzgefärbten Haaren 
und  zusammengewachsenen Brauen, großen, vorwurfsvollen 
Rehaugen  - im Zimmer ihrer Mutter zurück, das auch als Salon 
diente. Jacqueline floh, schlug die Türen hinter sich zu und man 
rief ihr nach "Choura, Choura, mein Täubchen", wie in den 
Romanen von Tolstoi,  denn sie hieß nicht Jacqueline. Den 
Namen Jacqueline hatte sie sich für ihren Beruf zugelegt, hatte 
ihn sich zugelegt, um ihren wirklichen Namen zu vergessen und 
mit diesem wirklichen Namen die zärtliche Nestwärme des 
schmierigen Frauengemachs, um sich einen Platz im hellen 
Licht Frankreichs zu schaffen, in einer soliden Welt, in der es 
Männer gibt, die einen heiraten und die nicht auf 
geheimnisvollen Expeditionen verschwinden wie ihr Vater, den 
sie nie gekannt hatte, der baltische Seemann, der im Polareis 
verschollen war. Ihm allein war sie ähnlich, sagte sie sich voll 
Zorn und Entzücken, von ihm hatte sie das Haar und die 

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-133- 

Wangenknochen und die getönte Haut und die 
schräggeschnittenen Augen. Sie war ihrer Mutter einzig dafür 
dankbar, daß sie ihr diesen blonden Teufel zum Vater gegeben 
hatte, der in den Schoß des Schnees zurückgekehrt war wie 
andere Menschen in den Schoß der Erde. Aber sie zürnte ihr, 
weil sie ihn so gründlich hatte vergessen können, daß eines 
Tages ein kleines, dunkles Mädchen, das Kind einer kurzen 
Liaison, geboren wurde, eine Halbschwester, Vater unbekannt, 
die Natalie hieß und jetzt fünfzehn Jahre alt war. Man bekam 
Natalie nur in den Ferien zu Gesicht. Ihren Vater niemals. Aber 
er bezahlte für Natalie das Pensionsgeld in einem Internat bei 
Paris und für Natalies Mutter eine Rente, von der die drei 
Frauen und die Dienerin  - und sogar Jacqueline bis dato  - 
bescheiden lebten, in einem Müßiggang, der für sie das Paradies 
war. Was Jacqueline in ihrem Beruf als Mannequin verdiente, 
oder als Modell, wie man nach amerikanischem Stil sagte, und 
was sie nicht für Schminken oder Wäsche ausgab oder für 
Schuhe aus ersten Häusern oder Kleider aus ersten Häusern  - 
Käufe zu Vorzugspreisen, die jedoch immer noch sehr hoch 
waren  - floß in die Familienkasse und verschwand auf 
unerklärliche Weise. Sicher, Jacqueline hätte sich aushaken 
lassen können, an Gelegenheit dazu hätte es ihr nicht gefehlt. 
Sie hatte sich einen oder zwei Liebhaber zugelegt, weniger weil 
sie ihr gefielen  - sie mißfielen ihr nicht  - als um sich zu 
beweisen, daß sie imstande war, Begehren und Liebe zu 
wecken. Der eine der beiden, der zweite, der reich war, hatte ihr 
eine sehr schöne, rosig getönte Perle geschenkt, die sie an der 
linken Hand trug, aber sie hatte sich geweigert, bei ihm zu 
wohnen und da er sich weigerte, sie zu heiraten, hatte sie ihn 
ohne großes Bedauern verlassen, erleichert darüber, daß sie 
nicht schwanger war (sie hatte es befürchtet und ein paar Tage 
lang in Entsetzen gelebt). Mit diesem Geliebten 
zusammenzuwohnen, hieß, das Gesicht zu verlieren, die Chance 
auf eine Zukunft zu verlieren, es wäre das, was ihre Mutter mit 

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-134- 

Natalies Vater gemacht hatte, es war unmöglich. Aber mit O 
war alles anders. Eine höfliche Fiktion erlaubte die Auslegung, 
Jacqueline installiere sich einfach bei einer Freundin, mache 
Halbpart mit ihr. O erfüllte einen doppelten Zweck, sie spielte 
für Jacqueline die Rolle des Geliebten, der das Mädchen 
unterhält, das er liebt, oder zu ihrem Unterhalt beiträgt, und die 
im Prinzip entgegengesetzte Rolle einer moralischen Bürgschaft. 
Renés Anwesenheit war nicht so offiziell, daß sie die Fiktion 
ernstlich gefährdet hätte. Doch wer konnte sagen, ob der Grund, 
warum Jacqueline das Angebot angenommen hatte, nicht eben 
diese Anwesenheit Renés war? Sicher war jedenfalls, daß es Os 
und ausschließlich Os Sache war, bei Jacquelines Mutter 
vorzusprechen. Niemals hatte O sich so entschieden als 
Verräterin, als Spionin gefühlt, als Abgesandte einer 
verbrecherischen Organisation, als vor dieser Frau, die ihr für 
ihre Freundlichkeit gegenüber der Tochter dankte. Zugleich 
verleugnete sie im Grund ihres Herzens ihren Auftrag und den 
Grund ihres Kommens. Ja, Jacqueline würde zu ihr ziehen, aber 
nie, niemals würde O ihren Gehorsam gegenüber Sir Stephen so 
weit treiben können, daß sie Jacqueline ins Verderben zöge. Und 
doch... Denn Jacqueline hatte sich kaum bei O installiert, und 
zwar  - auf Renés Verlangen  - in dem Zimmer, das René 
zuweilen scheinbar bewohnte (scheinbar, da er immer in Os 
großem Bett schlief), als O sich wider alle Erwartung von dem 
heftigen Begehren überrascht fand, Jacqueline zu besitzen, koste 
es, was es wolle, und wenn sie, um ihr Ziel zu erreichen, 
Jacqueline ausliefern müßte. Schließlich, sagte sie sich, war 
Jacquelines Schönheit ihr bester Schutz, was habe ich mich 
einzumischen, und wenn man sie soweit bringen sollte, wie man 
mich gebracht hat, ist das ein so großes Unglück?  - und sie 
gestand sich selbst nicht ein, obgleich der Gedanke daran sie 
berauschte, wie köstlich es sein würde, Jacqueline nackt und 
wehrlos vor sich zu sehen. 

Während der Woche von Jacquelines Einzug, nachdem ihre 

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-135- 

Mutter in alles eingewilligt hatte, zeigte René sich höchst 
aufmerksam, er lud die jungen Mädchen jeden zweiten Tag zum 
Abendessen ein, führte sie in Filme, die er eigens auswählte, 
sonderbarerweise lauter Kriminalfilme, die von 
Rauschgifthandel oder Menschenschmuggel handelten. Er setzte 
sich zwischen die beiden, nahm jede sanft bei der Hand und 
sprach kein Wort. Aber O sah, wie er bei jeder Gewaltszene auf 
eine Regung in Jacquelines Zügen lauerte. Es zeigte sich darin 
nur ein leichter Ekel, der die Mundwinkel nach unten zog. 
Danach brachte er sie nach Hause und im offenen Wagen mit 
den herabgelassenen Scheiben peitschten der Nachtwind und die 
Geschwindigkeit Jacquelines helles und buschiges Haar über die 
harten Wangen, die kleine Stirn und bis in ihre Augen. Sie 
schüttelte den Kopf, um sie zurückzuwerfen, fuhr mit der Hand 
hindurch, wie ein Junge. Sobald sie sich an die Tatsache 
gewöhnt hatte, daß sie bei O wohnte und daß O die Geliebte 
Renés war, schien Jacqueline Renés Vertraulichkeiten als 
natürliche Begleiterscheinungen zu werten. Sie ließ es ohne 
weiteres zu, daß René in ihr Zimmer kam, unter dem Vorwand, 
er habe irgend ein Dokument dort vergessen, was nicht wahr 
war, O wußte es, sie hatte selbst die Schubladen des großen 
holländischen Schreibschranks mit der Intarsienarbeit und der 
lederbezogenen Schreibplatte, der so wenig zu René paßte, 
geleert. Warum hatte er diesen Schrank? Von wem? Seine 
schwere Eleganz, die hellen Hölzer waren der einzige Luxus in 
diesem ein wenig düsteren Nordzimmer, das auf den Hof 
hinausging und dessen stahlgraue Wände und kalter, 
wohlgewachster Fußboden einen solchen Kontrast bildeten zu 
den fröhlichen Zimmern der Quaiseite. Das war ausgezeichnet, 
Jacqueline würde es dort nicht gefallen. Sie würde um so eher 
einverstanden sein, mit O die beiden Vorderzimmer zu teilen, 
bei O zu schlafen, wie sie vom ersten Tag an einverstanden war, 
Badezimmer und Küche, die Schminken, die Parfüms und die 
Mahlzeiten mit ihr zu teilen. Worin O sich täuschte. Jacqueline 

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-136- 

hing leidenschaftlich an Dingen, die ihr gehörten  - an ihrer rosa 
Perle zum Beispiel  - war aber absolut gleichgültig gegen alles, 
was ihr nicht gehörte. Sie hätte ein Palais bewohnen können, es 
wäre ihr gleichgültig geblieben, bis man ihr gesagt hätte: das 
Palais gehört Ihnen, und es ihr durch notarielle Bestätigung 
bewiesen hätte. Ob das graue Zimmer ansprechend war oder 
nicht, ließ sie völlig kalt, und wenn sie doch in Os Bett schlief, 
so nicht, um dieses Zimmer zu meiden. Eher um O eine 
Dankbarkeit zu beweisen, die sie nicht empfand - die dafür O ihr 
entgegenbrachte  - und aus der sie doch mit Freuden Kapital 
schlug, wie sie glaubte. Jacqueline liebte die Wollust und fand 
es angenehm und praktisch, sie von einer Frau zu empfangen, 
bei der sie nichts riskierte. Am fünften Tag nach ihrem Einzug, 
als René die beiden zum dritten Mal gegen zehn Uhr nach einem 
gemeinsamen Abendessen nach Hause gebracht hatte und 
wieder weggefahren war - denn wie die beiden ersten Male fuhr 
er wieder weg  - erschien sie einfach, nackt und noch feucht von 
ihrem Bad, in der Tür zu Os Zimmer, sagte zu O: "Er kommt 
nicht zurück, sind Sie sicher?" und ohne die Antwort 
abzuwarten schlüpfte sie in das große Bett. Sie ließ sich mit 
geschlossenen Augen küssen und liebkosen, erwiderte keine 
einzige Liebkosung, stöhnte zuerst ein bißchen, dann stärker, 
dann noch stärker und schrie endlich laut. Sie schlief unter dem 
vollen Licht der rosa Lampe ein, quer über dem Bett liegend mit 
gestreckten und ge spreizten Knien, den Oberkörper leicht zur 
Seite gedreht, die Hände geöffnet. Man sah den Schweiß 
zwischen ihren Brüsten glänzen. O deckte sie zu, löschte die 
Lampe. Als sie sie zwei Stunden später im Dunkeln nahm, ließ 
Jacqueline es geschehen, murmelte nur: "Ermüde mich nicht zu 
sehr, ich muß morgen früh aufstehen." 

Um diese Zeit nahm Jacqueline neben ihrer saisonbedingten 

Arbeit als Mannequin ein nicht minder unregelmäßiges, aber 
anspruchsvolleres Metier auf: sie bekam ein Engagement für 
kleine Filmrollen. Es war schwer zu sagen, ob sie stolz darauf 

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-137- 

war oder nicht, ob sie darin den Anfang einer Laufbahn sah, von 
der sie sich Ruhm erhoffte. Sie riß sich morgens mit mehr Wut 
als Schwung aus dem Bett, duschte und schminkte sich hastig, 
nahm nur die große Tasse Kaffee zu sich, die O ihr gerade noch 
bereiten konnte und ließ sich mechanisch lächelnd und wütend 
starrend die Fingerspitzen küssen: O war süß und lau in ihrem 
weißen Morgenrock aus Vicunawolle, mit gebürstetem Haar und 
gewaschenem Gesicht, dem Aussehen eines Menschen, der sich 
gleich nochmals Schlafen legt. Aber das tat sie nicht. O hatte 
noch nicht gewagt, Jacqueline den Grund dafür zu erklären. An 
den Tagen, an denen Jacqueline in das Studio nach Boulogne 
ging, um die Zeit, zu der die Kinder zur Schule gehen und die 
kleinen Angestellten in ihre Büros, zog auch O, die früher 
tatsächlich fast den ganzen Vormittag zuhause geblieben war, 
sich an: "Ich schicke Ihnen meinen Wagen, hatte Sir Stephen 
gesagt, er wird Jacqueline nach Boulogne bringen und danach 
Sie abholen." O begab sich also jeden Morgen zu Sir Stephen, 
wenn die Sonne in den Straßen erst die Ostseite der Häuser traf; 
die anderen Mauern waren kühl, aber in den Gärten wurden die 
Schatten unter den Bäumen kürzer. In der Rue de Poitiers war 
der Haus halt noch nicht in Schwung. Norah, die Mulattin führte 
O in das Zimmer, wo Sir Stephen sie am ersten Abend allein 
hatte schlafen und weinen lassen, wartete, bis O ihre 
Handschuhe, die Tasche und die Kleider auf dem Bett abgelegt 
hatte, nahm alles und verwahrte es vor O in einem 
Wandschrank, dessen Schlüssel sie an sich nahm, dann gab sie 
O hochhackige Lackpantöffelchen, die beim Gehen klapperten 
und ging ihr voraus, öffnete ihr die Türen, führte sie vor Sir 
Stephens Büro, trat zurück und ließ sie hineingehe n. O 
gewöhnte sich niemals an diese Vorbereitungen und sich vor 
dieser geduldigen Frau auszuziehen, die nie zu ihr sprach und 
sie kaum ansah, erschien ihr genauso gräßlich, wie nackt vor 
den Blicken der Diener in Roissy zu stehen. Auf Filzpantoffeln, 
wie eine Nonne, glitt die Mulattin geräuschlos dahin. Während 

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-138- 

sie ihr folgte, vermochte O den Blick nicht von den beiden 
Zipfeln ihres Kopftuchs zu wenden und von der braunen, 
mageren Hand, die sich, sooft sie eine Tür öffnete, um den 
Porzellanknauf legte und hart zu sein schien wie altes Holz. 
Zugleich empfand O dank eines, dem Schrecken genau 
entgegengesetzten Gefühls, das die Alte ihr einflößte - O konnte 
sich diesen Widerspruch nie erklären - eine Art Stolz, weil diese 
Dienerin Sir Stephens (Was war sie für Sir Stephen und warum 
betraute er sie mit dieser Rolle der Kupplerin für die sie so gar 
nicht geschaffen schien?) sah, daß auch sie, O,  - wie vielleicht 
so manche andere, die genau so von der Alten zu ihm geführt 
wurden, wer weiß - würdig war, Sir Stephen  zu dienen. Denn Sir 
Stephen liebte sie vielleicht, liebte sie ohne Zweifel, und O 
fühlte, daß der Augenblick nicht mehr fern war, wo er es ihr 
nicht mehr zu verstehen geben, sondern es ihr sagen würde  - 
doch im gleichen Maß, in dem seine Liebe zu ihr oder  sein 
Verlangen nach ihr wuchsen, stellte er auch immer größere 
Forderungen an ihre Geduld, ihre Ausdauer, ihre Genauigkeit. 
Er behielt sie ganze Vormittage lang bei sich, berührte sie 
manchmal kaum, verlangte nur, daß sie ihn mit dem Mund 
berührte und sie  tat alles, worum er sie bat mit einer 
Dankbarkeit, die um so größer war, je mehr die Bitte die Form 
eines Befehls annahm. Jede Hingabe war ihr die Garantie dafür, 
daß man eine noch weitergehende Hingabe von ihr fordern 
werde, sie entledigte sich ihrer wie einer Schuld; seltsam, daß es 
sie überglücklich machte, aber das war sie. Sir Stephens Büro 
lag über dem gelb und grauen Salon, wo er sich des Abends 
aufhielt und war kleiner und niedriger. Es stand weder Sofa 
noch Liege darin, nur zwei mit geblümtem Gobelin bezogene 
Régence-Sessel. Dorthin setzte O sich manchmal, doch meist 
wollte Sir Stephen sie ganz in der Nähe haben, in Reichweite, 
und auch während er sich nicht mit ihr beschäftigte, mußte sie 
zu seiner Linken auf dem Schreibtisch sitzen. Der Schreibtisch 
stand senkrecht zur Wand. O konnte sich an die Regale lehnen, 

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-139- 

die Wörterbücher und gebundene Adreßbücher enthielten. Das 
Telephon stand neben ihrem linken Schenkel und sie fuhr 
zusammen, sooft es klingelte. Sie nahm den Hörer ab, meldete 
sich, sagte: "W er spricht, bitte?" wiederholte den Namen mit 
lauter Stimme, gab das Gespräch entweder an Sir Stephen weiter 
oder sagte, er sei nicht zu sprechen, je nach dem Zeichen, das er 
ihr machte. Wenn er einen Besucher empfangen mußte, meldete 
die alte Norah ihn an, Sir Stephen ließ bitten, zu warten, 
inzwischen führte Norah O wieder in das Zimmer, wo sie sich 
ausgezogen hatte und wo Norah sie wieder abholte, wenn der 
Besucher fort war und Sir Stephen klingelte. Da Norah 
allmorgendlich mehrmals das Arbeitszimmer betrat und verließ, 
sei es, um Sir Stephen Kaffee zu bringen oder die Post, sei es, 
um die Jalousien hochzuziehen oder herunterzulassen oder die 
Aschenbecher zu leeren, und da sie allein die Erlaubnis hatte, 
das Zimmer zu betreten, aber auch den Befehl, niema ls 
anzuklopfen, passierte es, daß O einmal gerade über dem 
Schreibtisch lag, Kopf und Arme auf den Lederbelag gestützt, 
Kruppe hochgereckt, als Norah eintrat. Sie hob den Kopf. Hätte 
Norah sie, wie sonst, nicht angesehen, so hätte O nicht weiter 
darauf geachtet. Doch dieses Mal war es klar, daß Norah Os 
Blick begegnen wollte. Die glänzenden, harten schwarzen 
Augen, von denen man nicht wußte, ob sie gleichgültig waren 
oder nicht, das zerfurchte und unbewegliche Gesicht, machten O 
so befangen, daß sie zu einer Bewegung ansetzte, um sich Sir 
Stephen zu entziehen. Er begriff, preßte ihre Taille mit einer 
Hand fest auf den Tisch, so daß sie nicht entschlüpfen konnte, 
öffnete sie mit der anderen. Sie, die sich ihm sonst stets willig 
darbot, wurde unwillkürlich verkrampft und eng und Sir Stephen 
mußte Gewalt anwenden. Selbst als er in sie gelitten war spürte 
sie noch, daß der Muskelring sich fest um ihn schloß und er 
Mühe hatte, ganz in sie einzudringen. Er zog sich erst aus ihr 
zurück, nachdem der Weg bequem geöffnet war. Dann, kurz eh 
er sie wieder nahm, sagte er zu Norah, sie könne warten und O 

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-140- 

zum Ankleiden führen, wenn er mit ihr fertig sei. Doch bevor er 
sie wegschickte, küßte er O zärtlich auf den Mund. Und dieser 
Kuß gab ihr den Mut, ihm ein paar Tage später zu sagen, daß sie 
sich vor Norah fürchte. "Das hoffe ich sehr", sagte er. "Und 
wenn Sie - Ihr Einverständnis vorausgesetzt - bald mein Zeichen 
und meine Eisen tragen werden, dann werden Sie noch weit 
mehr Grund für diese Furcht haben.  - Warum? sagte O und 
welches Zeichen und welche Eisen? Ich trage bereits diesen 
Ring... - Das besorgt Anne-Marie, der ich versprach, daß ich Sie 
ihr zeigen würde. Wir werden nach Tisch zu ihr fahren. Ist es 
Ihnen recht? Ich bin mit ihr befreundet und Sie wissen, daß ich 
Sie bisher mit keinem meiner Freunde bekanntgemacht habe. 
Wenn Sie aus ihren Händen kommen, werde ich Ihnen gute 
Gründe geben, vor Norah Angst zu haben." O wagte nicht, 
weiterzufragen. Diese Anne-Marie, die man ihr androhte, 
beunruhigte sie noch mehr als Norah. Von ihr hatte Sir Stephen 
bereits bei jenem Mittagessen in Saint-Cloud gesprochen. Und 
es stimmte, daß O mit keinem der Freunde, keinem der 
Bekannten Sir Stephens zusammengekommen war. Sie lebte im 
Grunde in Paris, in ihr Geheimnis eingesperrt, wie man in  ein 
Bordell eingesperrt ist; den einzigen Menschen, denen ihr 
Geheimnis ausgeliefert war, René und Sir Stephen, war zugleich 
auch ihr Körper ausgeliefert. Sie dachte, daß der Ausdruck, 
offen sein, will heißen, sich ohne Rückhalt jemandem 
anvertrauen, für sie nur einen einzigen und zwar buchstäblichen 
Sinn hatte, einen physischen und absoluten Sinn, denn an ihrem 
Körper war tatsächlich alles offen, was sich öffnen ließ. Es 
schien überdies, daß darin ihr Daseinszweck lag, Sir Stephen 
war sich darin mit René einig, denn wenn er von seinen 
Freunden sprach, wie er es in Saint-Cloud getan hatte, so nur um 
ihr zu sagen, daß sie allen, mit denen er sie bekanntmachen 
würde, selbstverständlich zur Verfügung stehen müsse, wenn sie 
das wünschten. Unter Anne-Marie und dem, was Anne-Marie 
mit ihr tun sollte, konnte O sich nichts vorstellen, selbst ihr 

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-141- 

Erlebnis in Roissy half ihrer Phantasie nicht auf die Sprünge. Sir 
Stephen hatte auch gesagt, er wolle sehen, wie sie eine Frau 
berühre, ging es darum? (Aber er hatte ausdrücklich gesagt, daß 
es sich um Jacqueline handle...) Nein, darum ging es nicht. "Sie 
ihr zeigen", hatte er gesagt. Genau. Aber als sie Anne-Marie 
verließ, wußte O so wenig wie zuvor.  

 

Anne-Marie wohnte in der Nähe des Observatoriums, in einer 

Wohnung neben  einer Art großem Atelier im obersten 
Stockwerk eines neuen Wohngebäudes hoch über den 
Baumwipfein. Sie war eine schlanke Frau in Sir Stephens Alter, 
das schwarze Haar mit grauen Locken durchsetzt. Die Augen 
von einem so tiefen Blau, daß sie schwarz wirkten. Sie bot Sir 
Stephen und O zu trinken an, einen sehr schwarzen Kaffee in 
winzigen Täßchen, kochendheiß und bitter, der O gut tat. Als sie 
ausgetrunken hatte und von ihrem Sessel aufgestanden war, um 
ihre leere Tasse auf einem Tischchen abzustellen, ergriff Anne-
Marie ihr Handgelenk und sagte, zu Sir Stephen gewandt: "Sie 
erlauben?" "Bitte", sagte Sir Stephen. Anne-Marie, die bisher 
kein Wort und kein Lächeln an O gerichtet hatte, auch nicht zur 
Begrüßung, auch nicht, als Sir Stephen ihr O vorstellte, sagte 
jetzt mit einem so zärtlichen Lächeln, als machte sie ihr ein 
Geschenk: "Komm her, laß deinen Schoß sehen, Kleine, und 
deinen Popo. Aber zieh dich ganz aus, das ist besser." Während 
O gehorchte, zündete sie sich eine Zigarette an. Sir Stephen 
hatte den Blick von O gewendet. Die beiden ließen sie vielleicht 
fünf Minuten dastehen. Es war kein Spiegel im Zimmer, aber O 
konnte ihr eigenes Bild undeutlich im schwarzen Lack eines 
Wandschirms sehen. "Zieh auch die Strümpfe aus", sagte Anne-
Marie plötzlich. "Weißt du," fuhr sie fort, "du darfst keine 
Strumpfbänder tragen, du wirst dir die Beine verderben." Und 
sie zeigte O mit den Fingerspitzen die leichten Druckstellen über 
dem Knie, dort, wo O ihre Strümpfe flach um das breite 
Gummiband rollte. "Wer hat gesagt, daß du das tun sollst?" Eh 

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-142- 

O antworten konnte sagte Sir Stephen: "Der Junge, der sie mir 
gegeben hat, Sie kennen ihn, René." Und dann: "Aber er wird 
bestimmt Ihren Rat befolgen." Schön, sagte Anne-Marie. "Ich 
werde dir sehr lange dunkle Strümpfe geben lassen, O, und 
einen Strumpfgürtel, aber einen mit Stäbchen, der die Taille 
betont." Nachdem Anne-Marie geläutet und ein blondes junges 
Mädchen sehr dünne, schwarze Strümpfe gebracht hatte und ein 
Taillenmieder aus schwarzem Nylontaft mit eng 
aneinanderliegenden, über Leib und Hüften nach innen 
gebogenen breiten Fischbeinstäbchen versteift, zog O, noch 
immer stehend und auf einem Bein balancierend, die Strümpfe 
an, die bis hoch über die Schenkel reichte. Das blonde junge 
Mädchen legte ihr das Taillenmieder an, das sich mittels einer 
seitlichen Häkchenleiste im Rücken schließen und öffnen ließ. 
Ebenfalls im Rücken konnte man eine breite Verschnürung, wie 
bei den Miedern in Roissy, nach Belieben enger oder weiter 
machen. O hakte ihre Strümpfe vorn und an den Seiten an den 
vier Strumpfhaltern fest, dann machte das junge Mädchen sich 
daran, sie so eng wie möglich zu schnüren. O spürte, wie ihre 
Taille und ihr Leib von den Fischbeinstangen zusammengepreßt 
wurden, die vorn bis zum Schamhügel reichten, den sie 
freiließen, genau wie die Hüften. Hinten war das Mieder kürzer, 
es ließ die Kruppe völlig frei. "Sie wird viel besser sein, wandte 
Anne-Marie sich an Sir Stephen, wenn ihre Taille ganz schmal 
geworden ist; und wenn Sie einmal nicht Zeit haben, sie sich 
ausziehen zu lassen, so werden Sie sehen, daß das Taillenmieder 
nicht stört. Komm jetzt her, O." Das junge Mädchen ging 
hinaus, O trat zu Anne-Marie, die auf einem Sessel saß, einem 
niedrigen Polstersessel mit kirschrotem Samtbezug. Anne-Marie 
strich ihr leicht mit der Hand über den Popo, legte sie dann 
rücklings über einen zu dem Sessel passenden Hocker, hob ihre 
Beine an und öffnete sie, befahl ihr dann, sich nicht zu rühren 
und ergriff die beiden Lippen. So lüpft man auf dem Markt, 
dachte O, die Kiemen der Fische, die Nüstern der Pferde. Sie 

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-143- 

erinnerte sich auch, wie der Diener Pierre an dem ersten Abend 
in Roissy, nachdem er sie angekettet hatte, genauso verfahren 
war. Aber was tat das, sie gehörte nicht mehr sich selbst, und am 
allerwenigsten gehörte ihr sicherlich diese Hälfte ihres Körpers, 
die sich so gefügig und gewissermaßen losgelöst von der 
übrigen Person verwenden ließ. Warum überraschte dieser 
Gedanke sie nicht, sondern setzte sich von Mal zu Mal tiefer in 
ihr fest und löste in ihr unweigerlich jene lähmende  Verwirrung 
aus, die sie weit weniger dem auslieferte, in dessen Händen sie 
sich befand, als vielmehr dem, der sie fremden Händen 
überlassen hatte: sie in Roissy René auslieferte, während andere 
von ihr Besitz ergriffen, und sie hier wem ausliefern würde? 
René oder Stephen? Ah! sie wußte es nicht mehr. Weil sie es 
nicht mehr wissen wollte, denn sie gehörte Sir Stephen, seit... 
seit wann? Anne-Marie hieß sie aufstehen und sich wieder 
ankleiden. "Sie können sie mir bringen, wann immer Sie wollen, 
sagte sie zu  Sir Stephen, ich werde ab übermorgen in Samois 
sein (Samois... O hatte erwartet: Roissy, aber nein, es handelte 
sich nicht um Roissy, worum handelte es sich dann?). Es wird 
sich sehr gut machen lassen." (Was würde sich sehr gut machen 
lassen?) "In zehn Tagen, wenn es Ihnen recht ist, erwiderte Sir 
Stephen, Anfang Juli." 

 

Im Wagen, der O nach Hause brachte  - Sir Stephen war bei 

Anne-Marie geblieben  - erinnerte sie sich an die Statue, die sie 
als Kind im Luxembourg-Garten gesehen hatte: eine Frau, deren 
geschnürte Taille zwischen den schweren Brüsten und den 
fülligen Hüften so schmal wirkte - sie stand vorgebeugt, um sich 
in einer Quelle zu spiegeln, die, ebenfalls sorgfältig in Marmor 
gemeißelt, zu ihren Füßen lag  - daß man fürchtete, der Marmor 
könne brechen. Wenn Sir Stephen es wünschte... Zu Jacqueline 
konnte man einfach sagen, es handele sich um eine Laune 
Renés. Womit O wieder bei einer Sorge angelangt war, die sie 
immer wieder von sich weisen wollte und die ihr dennoch zu 

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-144- 

ihrem eigenen Erstaunen nicht übermäßig auf der Seele brannte: 
Warum bemühte René sich seit Jacquelines Anwesenheit, sie 
einerseits mit Jacqueline allein zu lassen, was verständlich war, 
und andererseits selber nicht mehr mit O allein zu bleiben? Der 
Juli war nahe, er würde verreisen, würde sie nicht bei dieser 
Anne-Marie besuchen, wohin Sir Stephen sie schicken würde. 
Müßte sie sich also damit abfinden, daß sie ihn nur noch abends 
wiedersehen wollte, wenn er Lust hatte, Jacqueline und sie 
einzuladen, oder  - und sie wußte nicht, welcher Gedanke 
bestürzender war (denn zwischen ihnen bestand nur diese von 
Grund auf verfälschte Beziehung, verfälscht, weil sie so 
eingeschränkt war) - oder vielleicht am Vormittag, wenn sie bei 
Sir Stephen war und Norah ihn hereinführen würde, nachdem 
sie ihn angemeldet hatte? Sir Stephen empfing ihn immer, 
immer küßte René O, streichelte die Spitzen ihrer Brüste, 
machte mit Sir Stephen Pläne für den nächsten Tag, in denen 
von ihr nicht die Rede war, und ging wieder. Hatte er sie so 
völlig an Sir Stephen abgetreten, daß er sie nicht mehr liebte? 
Was würde geschehen, wenn er sie nicht mehr liebte? O war so 
sehr von Panik erfaßt, daß sie automatisch am Kai vor ihrem 
Haus ausstieg, anstatt den Wagen zu behalten, und sich daher 
nach einem Taxi umsehen mußte. Auf dem Quai de Bethune 
findet man wenig Taxis. O lief bis zum Boulevard Saint-
Germain und mußte noch eine Weile warten. Sie war in Schweiß 
gebadet, weil das Mieder ihr den Atem nahm, als endlich ein 
Taxi an der Ecke der Rue du Cardinal-Lemoine hielt. Sie winkte 
es herbei, gab die Adresse von Renés Büro an und stieg dort die 
Treppe hinauf, ohne zu wissen, ob René da war, und wenn ja, ob 
er sie empfangen würde, sie war noch nie in seinem Büro 
gewesen. Sie war nicht überrascht, weder von dem großen 
Gebäude in einer Seitenstraße der Champs-Elysees, nicht von 
den amerikanisch eingerichteten Büros, aber die Haltung Renés, 
der sie unverzüglich hereinbitten ließ, brachte sie aus der 
Fassung. Nicht, daß er ärgerlich gewesen wäre oder ihr 

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-145- 

Vorwürfe gemacht hätte. Vorwürfe wären ihr lieber gewesen, 
denn schließlich hatte er ihr nicht erlaubt, ihn hier zu stören und 
vielleicht störte sie ihn sehr. Er schickte seine Sekretärin hinaus, 
bat sie, niemanden anzumelden und keine Telephongespräche 
durchzugeben. Dann fragte er O, was passiert sei. "Ich habe 
Angst gehabt, daß du mich nicht mehr liebst", sagte O. Er 
lachte. "Ganz plötzlich, nur so?  - Ja, im Wagen, auf der 
Rückfahrt von...  - Auf der Rückfahrt von wem?" O schwieg. 
René lachte wieder: "Aber ich weiß doch, du Dummes. Von 
Anne-Marie. Du gehst in zehn Tagen nach Samois. Sir Stephen 
hat es mir gerade am Telephon gesagt." René saß auf dem 
einzigen bequemen Sessel des Büros, vor dem Schreibtisch und 
O hatte sich in seine Arme gepreßt. "Was sie mit mir machen, ist 
mir gleichgültig, flüsterte sie, aber sag mir, ob du mich noch 
liebst."  - "Mein Herz, ich liebe dich sagte René, aber ich will, 
daß du mir gehorchst, und du gehorchst mir sehr schlecht. Hast 
du Jacqueline gesagt, daß du Sir Stephen gehörst, hast du ihr 
von Roissy erzählt?" O schüttelte den Kopf. Jacqueline ließ sich 
ihre Liebkosungen gefallen, aber sobald sie erfahren würde, daß 
O... René ließ sie nicht zu Ende sprechen, er hob sie auf, lehnte 
sie gegen den Sessel, aus dem er aufgestanden war und schlug 
ihren Rock hoch. "Ah! das Mieder, sagte er. Du wirst wirklich 
viel angenehmer sein, wenn deine Taille sehr schmal geworden 
ist." Dann nahm er sie. O, die schon gezweifelt hatte, ob er sie 
überhaupt noch begehrte  - das letzte Mal lag schon so lange 
zurück - sah darin einen Beweis seiner Liebe. "Es ist dumm von 
dir, sagte er danach zu ihr, daß du nicht mit Jacqueline sprechen 
willst. Wir brauchen sie in Roissy, es wäre viel einfacher, wenn 
du sie mitbringen würdest. Außerdem, wenn du von Anne-Marie 
kommen wirst, kannst du deine wahre Situation nicht mehr vor 
ihr verbergen." O fragte warum. "Das wirst du schon sehen, 
erwiderte René. Du hast noch fünf Tage Zeit, nur noch fünf 
Tage, denn Sir Stephen beabsichtigt, fünf Tage eh du zu Anne-
Marie geschickt wirst, dich wieder täglich auszupeitschen, die 

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Spuren werden zweifellos zu sehen sein. Wie willst du das 
Jacqueline erklären?" O antwortete nicht. René wußte ja nicht, 
daß Jacqueline an O nur die Leidenschaft interessierte, die O ihr 
bezeugte, daß sie sie niemals ansah. Und wenn sie mit 
Peitschenwunden bedeckt wäre, würde es genügen, daß sie sich 
nie vor Jacqueline badete und immer ein Nachthemd anzog. 
Jacqueline würde nichts sehen. Sie hatte nicht bemerkt, daß O 
keinen Slip trug, sie bemerkte überhaupt nichts: O interessierte 
sie nicht. "Hör zu, fuhr René fort, eines wenigstens wirst du ihr 
auf jeden Fall sagen und zwar sofort: daß ich in sie verliebt bin. 
- Und stimmt das? sagte O. - Ich will sie haben, sagte René, und 
weil du nichts tun kannst oder nichts tun willst, werde ich alles 
nötige tun.  - Nach Roissy würde sie nie gehen, sagte O. Nein? 
sagte René. Na schön, dann wird man sie dazu zwingen." 

Am Abend, nach Einfall der Dunkelheit, als Jacqueline schon 

im Bett lag und O die Decke zurückgeschlagen hatte, um sie im 
Lampenlicht anzuschauen, nachdem sie ihr gesagt hatte, und 
zwar sogleich, "René ist in dich verliebt", wiederholte sie sich 
Renés letzte Worte, und der Gedanke, diesen zarten und 
schmalen Körper unter der Peitsche zu sehen, diesen engen 
Schoß gespreizt, den reinen Mund schreie nd geöffnet und den 
Flaum dieser Wangen von Tränen verklebt, dieser Gedanke, der 
noch vor einem Monat solches Grauen in ihr erweckt hatte, 
machte sie jetzt glücklich. 

 

Nachdem Jacqueline abgereist war und sicherlich erst Anfang 

August, nach Beendigung der  Dreharbeiten an dem Film, bei 
dem sie mitwirkte, zurückkommen würde, hielt O nichts mehr in 
Paris. Der Juli war nah, in allen Gärten standen die 
scharlachroten Geranien in voller Blüte, alle Markisen an den 
Südseiten waren heruntergelassen, René seufzte, daß er nach 
Schottland fahren müsse. O hoffte einen Augenblick lang, daß er 
sie mitnehmen werde. Doch er nahm sie niemals zu seiner 
Familie mit und außerdem wußte sie, daß er sie Sir Stephen 

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überlassen würde, falls dieser den Wunsch äußerte. Sir Stephen 
ließ wissen, daß er sie am Tag von Renés Abflug nach London 
abholen werde. Sie hatte Urlaub. "Wir fahren zu Anne-Marie, 
sagte er, sie erwartet Sie. Nehmen Sie keinen Koffer mit, Sie 
brauchen nichts." Es war nicht die Wohnung beim 
Observatorium, wo O Anne-Marie zum ersten Mal gesehen 
hatte, sondern ein niedriges Haus hinter einem großen Garten, 
am Saum des Waldes von Fontainebleau. O trug seit damals das 
fischbeinversteifte Taillenmieder, das Anne-Marie so 
unerläßlich erschienen war: sie schnürte es jeden Tag enger, 
man konnte ihre Taille jetzt beinah mit den Händen umspannen, 
Anne-Marie würde zufrieden sein. Als sie ankamen war es zwei 
Uhr mittags, das Haus schlief und der Hund bellte leis, als die 
Glocke anschlug: ein großer flandrischer Schäferhund mit 
struppigem Fell, der Os Knie unter ihrem Kleid beschnüffelte. 
Anne-Marie saß unter einer Rotbuche am Ende des Rasens, der 
in einer Ecke des Gartens unter den Fenstern ihres Zimmers lag. 
Sie stand nicht auf. "Hier ist O, sagte Sir Stephen, Sie wissen, 
was Sie mit ihr machen sollen, wann wird sie soweit sein?" 
Anne-Marie sah O an. "Sie haben ihr noch nichts gesagt? Gut, 
ich werde sofort anfangen. Wir müssen dann wohl mit zehn 
Tagen rechnen. Ich nehme an, Sie wollen die Ringe und die 
Buchstaben selbst anbringen? Kommen Sie in vierzehn Tagen 
wieder. Danach wird nach weiteren vierzehn Tagen sicherlich 
alles fertig sein." O wollte sprechen, eine Frage stellen. "Einen 
Augenblick, O, sagte Anne- Marie, geh hier in dieses Zimmer, 
zieh dich aus, behalte nur die Sandaletten  an und komm wieder 
her." Das Zimmer war leer, ein großes, weißes Zimmer mit 
violetten Gardinen aus Jouy-Leinen. O legte Tasche, 
Handschuhe und Kleider auf einen kleinen Stuhl neben der Tür 
eines Wandschranks. Es gab keinen Spiegel. Sie ging langsam 
hinaus, die Sonne blendete sie, eh sie den Schatten der Buche 
erreichte. Sir Stephen stand noch immer vor Anne-Marie, der 
Hund lag zu ihren Füßen. Anne-Maries schwarzgraues Haar 

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glänzte wie geölt, ihre blauen Augen wirkten schwarz. Sie trug 
ein weißes Kleid, eine n Lackgürtel um die Taille und 
Lacksandaletten an den nackten Füßen, die Zehen waren in der 
gleichen Farbe lackiert wie ihre Fingernägel. "O, sagte sie, knie 
vor Sir Stephen hin." O kniete sich hin, die Hände hinter dem 
Rücken gekreuzt, die Spitzen ihrer Brüste bebten. Der Hund 
machte Miene, sich auf sie zu stürzen. "Platz, Türk, sagte Anne-
Marie. Willst du, O, die Ringe und die Buchstaben tragen, mit 
denen du nach Sir Stephens Wunsch gezeichnet werden sollst, 
ohne daß du weißt, wie sie an dir angebracht werden? - Ja, sagte 
O.  - Ich bringe Sir Stephen hinaus, bleib hier." Sir Stephen 
beugte sich nieder und faßte Os Brüste, während Anne-Marie 
aus ihrem Liegestuhl aufstand. Er küßte O auf den Mund und 
flüsterte: "Gehörst du mir, O, gehörst du wirklich mir?" dann 
verließ er sie und folgte Anne-Marie. Das Tor fiel zu, Anne-
Marie kam zurück. O kauerte auf den Fersen und hatte die Arme 
auf die Knie gelegt, wie eine ägyptische Statue. 

 

Im Hause wohnten noch drei Mädchen, jede in einem Zimmer 

des ersten Stockwerks; O bekam ein kleines Zimmer im 
Erdgeschoß, neben dem Anne-Maries. Anne-Marie rief sie alle 
in den Garten herunter. Alle drei waren nackt, wie O. In diesem 
Frauenhaus, das durch die hohen Parkmauern und die 
geschlossenen Läden der Fenster, die auf ein staubiges Gäßchen 
hinausgingen, wohl geschützt war, trugen nur Anne- Marie und 
das Personal Kleider: eine Köchin und zwei Aufwärterinnen, 
älter als Anne-Marie und streng in mächtige schwarze 
Alpakaröcke und gestärkte Schürzen gekleidet. "Sie heißt O, 
sagte Anne-Marie, die sich wieder gesetzt hatte. Bringt sie zu 
mir, damit ich sie in der Nähe sehe." Zwei der Mädchen 
richteten O auf, sie waren beide dunkel, die Haare schwarz wie 
das Vlies, die Brustspitzen lang und blau violett. Die dritte war 
klein, rund und rothaarig, und auf der kreidigen Haut ihrer Brust 
sah man ein erschreckendes Netzwerk grüner Adern. Die beiden 

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Mädchen schoben O dicht vor Anne-Marie, die mit dem Finger 
auf die drei schwarzen Streifen deutete, die quer über die 
Vorderseite der Schenkel liefen  und sich auf den Lenden 
fortsetzten. "Wer hat dich gepeitscht, sagte sie, Sir Stephen? - 
Ja, sagte O.  - Womit, und wann?  - Vor drei Tagen, mit dem 
Reitstock.  - Von morgen an wirst du einen Monat lang nicht 
gepeitscht werden, aber heute bekommst du die Peitsche, zum 
Einstand, wenn ich dich inspiziert habe. Hat Sir Stephen dir nie 
die Innenseite der Schenkel bei weit gespreizten Beinen 
gepeitscht? Nein? Nun, die Männer haben keine Ahnung. Aber 
das machen wir später. Zeig deine Taille. Ah! Schon besser!" 
Anne-Marie zog an Os geschmeidiger Taille, um sie noch mehr 
zusammenzupressen. Dann schickte sie die kleine Rothaarige 
um ein anderes Mieder und ließ es O anziehen. Es war ebenfalls 
aus schwarzem Nylon, so stramm gesteift und so eng, daß es wie 
ein sehr breiter Ledergürtel wirkte, und wie ein Gürtel hatte es 
keine Strumpfhalter. Eines der dunklen Mädchen, der Anne-
Marie befahl, mit aller Kraft anzuziehen, schnürte es. 
"Furchtbar, sagte O. Das Mieder, sagte Anne-Marie, hat dich 
schon viel schöner gemacht, aber du hast es nicht genug 
geschnürt, du wirst es jetzt täglich so tragen. Sag mir jetzt, wie 
Sir Stephen sich deiner am liebsten bediente. Ich muß das 
wissen." Sie hielt mit der ganzen Hand Os Schoß gepackt und O 
konnte nicht antworten. Zwei der Mädchen hatten  sich auf den 
Boden gesetzt, die dritte, dunkle, ans Fußende von Anne-Maries 
Liegestuhl. "Dreht sie um, ihr zwei, sagte Anne-Marie, damit 
ich ihre Lenden sehe." O wurde umgedreht und nach vorn 
gekippt und die Hände der beiden Mädchen öffneten sie. "Ganz 
klar, sagte Anne- Marie, du brauchst mir nicht zu antworten, 
hier mußt du gezeichnet werden. Steh auf. Du bekommst deine 
Armspangen, Colette hol das Kästchen, wir losen, wer dich 
peitschen soll. Colette bring die Jetons, dann gehen wir ins 
Musikzimmer." Colette war die größere der beiden dunklen 
Mädchen, die andere hieß Ciaire, die kleine Rothaarige Yvonne. 

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O hatte nicht darauf geachtet, daß sie alle, wie in Roissy, ein 
Lederhalsband und lederne Armspangen trugen. Außerdem 
trugen sie die gleichen Spangen an den Fußgelenken. Als 
Yvonne die passenden Spangen für O ausgesucht und befestigt 
hatte, reichte Anne-Marie O vier Jetons, und bat sie, jeder von 
ihnen einen zu geben, ohne die aufgedruckte Zahl anzusehen. O 
verteilte ihre Jetons. Jedes der drei Mädchen schaute den seinen 
an, wortlos, sie warteten, bis Anne-Marie sprach. "Ich habe 
zwei, sagte Anne-Marie, wer hat eins?" Es war Colette. "Nimm 
O mit, sie gehört dir." Colette packte Os Arme, schloß ihr die 
Hände hinter dem Rücken zusammen, indem sie die 
Armspangen einklinkte, und schob sie vor sich her. An der 
Schwelle einer Fenstertür, die zu einem kleinen Seitenflügel 
führte, zog Yvonne, die vor ihnen herging, O die Sandaletten 
aus. Die Fenstertür erhellte einen Raum, dessen rückwärtiger 
Teil eine Art erhöhte Rotunde bildete; den ganz leicht gewölbten 
Plafond stützten zwei schlanke Säulen, die im Abstand von zwei 
Metern am Ansatz der Rundung standen. Die vier Stufen hohe 
Estrade bildete zwischen den beiden Säulen einen halbrunden 
Vorsprung. Der Boden des Rundbaus  war, wie der des übrigen 
Raumes, mit einem roten Filzteppich ausgelegt. Die Wände 
waren weiß, die Fenstervorhänge rot, die Sofas, die an der Wand 
der Rotunde entlang standen, mit dem gleichen roten Filz 
bezogen aus dem der Teppich bestand. Im rechtwinkeligen Teil 
des Raumes war ein sehr breiter, nicht sehr tiefer Kamin und vor 
dem Kamin ein großes Radiogerät mit Plattenspieler, daneben 
Regale mit Schallplatten. Daher hieß der Raum das 
Musikzimmer. Es war durch eine Tür neben dem Kamin direkt 
mit Anne-Maries Schlafzimmer verbunden. Das Pendant zu 
dieser Tür war die Tür eines Wandschranks. Außer den Sofas 
und dem Musikschrank war das Zimmer unmöbliert. Colette 
setzte O auf den Rand der Estrade, die in der Mitte senkrecht 
anstieg, - die Stufen waren rechts und  links der beiden Säulen  -, 
die beiden anderen Mädchen schlössen die Fenstertür, nachdem 

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sie die Jalousien ein wenig heruntergelassen hatten. O stellte 
überrascht fest, daß es sich um ein Doppelfenster handelte und 
Anne-Marie sagte lachend: "Damit man dich  nicht schreien hört. 
Die Wände sind mit Kork belegt, man hört draußen nichts von 
dem, was hier vorgeht. Leg dich hin." Sie nahm sie an den 
Schultern, legte sie auf den roten Filz und zog sie ein Stück nach 
vorn; Os Hände klammerten sich an den Rand der Estrade, wo 
Yvonne sie an einem Ring festmachte, ihre Lenden hingen in 
der Luft. Anne-Marie ließ sie die Knie bis zur Brust hochziehen, 
dann fühlte O, wie ihr die Beine über den Kopf gezogen und 
nach hinten gespannt und gestreckt wurden: Gurte, die durch 
ihre Fußspangen gezogen wurden, befestigten ihre Beine, ein 
Stück höher als ihr Kopf lag, an den Säulen zwischen denen sie 
auf der Estrade so erhöht und ausgelegt war, daß man von ihr 
nur die Öffnung ihres Schoßes und der gewaltsam gespreizten 
Lenden sah. Anne-Marie streichelte ihr die Innenseite der 
Schenkel. "An dieser Stelle des Körpers ist die Haut am 
zartesten, sagte sie, man darf sie nicht verderben. Sei vorsichtig, 
Colette." Colette stand über ihr, die Füße zu beiden Seiten ihrer 
Taille und O sah in der Schneise zwischen den braunen Beinen 
die Schnüre der Peitsche, die sie in der Hand hielt. Bei den 
ersten Schlägen, die ihren Schoß verbrannten, stöhnte O. Colette 
schlug von links nach rechts, machte eine Pause, fing wieder an, 
O wand sich aus Leibeskräften, sie glaubte, daß die Gurte sie 
zerreißen würden. Sie wollte nicht um Schonung bitten, nicht 
um Gnade flehen. Aber Anne-Marie wußte ihren Widerstand zu 
brechen. "Schneller, sagte sie zu Colette, und fester." O 
versuchte sich zu beherrschen, aber vergebens. Nach einer 
Minute ließ sie ihren Schreien und Tränen freien Lauf, während 
Anne-Marie ihr Gesicht streichelte. "Noch einen Augenblick, 
sagte sie, dann ist es vorbei. Nur fünf Minuten. Fünf Minuten 
lang wirst du wohl schreien können. Es ist fünf vor halb. 
Colette, um halb hörst du auf, wenn ich es dir sage." Aber O 
heulte, nein, nein, bitte, sie konnte nicht mehr, nein, sie konnte 

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diese Qual nicht eine Sekunde länger ertragen. Sie ertrug sie 
dennoch bis zum Ende und Anne-Marie lächelte ihr zu, als 
Colette  von der Estrade stieg. "Danke mir", sagte Anne-Marie 
zu O und O dankte ihr. Sie wußte genau, warum Anne-Marie sie 
vor allem erst einmal hatte auspeitschen lassen. Daß eine Frau 
ebenso grausam und noch unerbittlicher sein kann, wie ein 
Mann, hatte sie nie bezweifelt. Aber O dachte, daß Anne-Marie 
weniger ihre Macht über sie hatte beweisen wollen, als vielmehr 
eine Komplizität zwischen sich selbst und O herstellen. O hatte 
das starre Geflecht ihrer widersprüchlichen Gefühle nie 
begriffen, aber sie hatte gelernt, es als eine unleugbare und 
wichtige Tatsache zu akzeptieren: sie liebte den Gedanken an 
die Marter, wenn sie sie erlitt, hätte sie die ganze Welt verraten, 
um loszukommen, wenn es vorbei war, war sie glücklich, sie 
erlitten zu haben, umso glücklicher,  je grausamer und je 
andauernder diese Marter gewesen war. Anne-Marie hatte sich 
weder durch Os Gefügigkeit noch durch ihre Auflehnung 
täuschen lassen und wußte genau, daß ihr Dank keine Farce war. 
Dennoch hatte ihr Vorgehen noch einen dritten Grund gehabt, 
den sie O jetzt erklärte. Sie wollte jedem Mädchen, das in ihr 
Haus kam und hier in einem weiblichen Universum lebte, 
klarmachen, daß das ausschließliche Zusammenleben mit 
anderen Frauen ihre Weiblichkeit nicht aufhob, sondern sie 
vielmehr noch gegenwärtiger und spürbarer machte. Aus diesem 
Grunde verlangte sie, daß die Mädchen stets nackt waren; die 
Art, wie O gepeitscht und die Stellung, in der sie festgebunden 
worden war, bezweckten nichts anderes. Heute würde O für den 
Rest des Nachmittags - noch drei  Stunden  - mit gespreizten und 
angehobenen Beinen, Gesicht zum Garten, auf der Estrade 
ausgelegt bleiben. Sie würde unaufhörlich wünschen müssen, 
die Beine zu schließen. Morgen würde es Ciaire sein oder 
Colette oder Yvonne, die O dann ihrerseits anschauen würde. 
Diese Prozedur ging viel zu langsam und erforderte zu viel 
Sorgfalt (genau wie die besondere Anwendung der Peitsche), als 

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daß man sie in Roissy anwenden könnte. Aber O würde sehen, 
wie wirkungsvoll sie war. Nicht nur würde sie bei ihrer Abreise 
die Ringe und Buchstaben tragen, sie würde auch so weit 
geöffnet und so tief versklavt zu Sir Stephen zurückkehren, wie 
sie es nie für möglich gehalten hätte. 

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück forderte Anne-

Marie O und Yvonne auf, ihr in ihr Schlafzimmer zu folgen. Sie 
nahm ein grünes Lederkästchen aus ihrem Schreibtisch, legte es 
auf ihr Bett und öffnete es. Die beiden Mädchen setzten sich ihr 
zu Füßen. "Hat Yvonne dir nichts gesagt?" wollte Anne-Marie 
von O wissen. O schüttelte den Kopf. Was hatte Yvonne ihr zu 
sagen? "Sir Stephen auch nicht, das weiß ich. Hier also sind die 
Ringe, die er dich tragen lassen will." Es waren Ringe aus 
nichtrostendem Stahl, genau wie der goldgefütterte Fingerring. 
Sie hatten die Stärke eines dicken Farbstifts, waren aus 
Rundstäben gearbeitet und von länglicher Form: die Glieder der 
schweren Eisenketten sehen ähnlich aus. Anne-Marie zeigte O, 
daß jeder Ring aus zwei Uförmigen Teilen bestand, die 
ineinandergepaßt wurden. "Dies hier ist nur das Probiermuster, 
sagte sie. Es ist abnehmbar. Das richtige Modell hat eine 
Innenfeder, die man zusammendrücken muß, damit das 
Gegenstück in die Führung eindringen kann, wo es dann stecken 
bleibt. Wenn der Ring einmal geschlossen ist, kann man ihn 
nicht mehr abnehmen, man müßte ihn durchfeilen. " Jeder Ring 
hatte die Länge von zwei Kleinfingergliedern und man konnte 
den kleinen Finger hineinstecken. An jedem hing, wie ein 
weiteres Kettenglied, oder wie die Befestigungsöse eines 
Ohrrings, die im Ohr selbst angebracht wird und eine 
Verlängerung darstellt, eine Scheibe aus dem gleichen Metall, 
ebenso groß wie der Ring. Auf der einen Fläche ein Triskel in 
Nielloarbeit, auf der anderen nichts. "Auf die andere, sagte 
Anne-Marie, kommt dein Name, Sir Stephens Titel, Name und 
Vorname, und darunter, über Kreuz, eine Peitsche und ein 
Reitstock. Yvonne trägt eine solche Scheibe an ihrem Halsband. 

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Aber du, du wirst sie an deinem Schoß tragen. Aber..., sagte O. 
Ich weiß, erwiderte Anne-Marie, eben deshalb habe ich Yvonne 
mitgebracht. Zeig deinen Schoß, Yvonne." Das rothaarige 
Mädchen stand auf und legte sich über das Bett. Anne-Marie 
öffnete ihr die Schenkel und zeigte O, daß eines der beiden 
Fleischläppchen in der Mitte und ganz unten durchgebohrt war 
wie mit der Lochzange. Der Eisenring paßte genau in die 
Öffnung. "Ich werde dich gleich nachher durchbohren, O, sagte 
Anne-Marie, es ist im Handumdrehen geschehen, dagegen 
dauert es länger, bis die Klammern gesetzt sind, die die 
Epidermis und die darunterliegende Schleimhaut 
zusammenheften. Es tut viel weniger weh  als die Peitsche.  - 
Schläfern Sie mich denn nicht ein? rief O zitternd.  - Kommt 
nicht in Frage, erwiderte Anne-Marie, du wirst ein bißchen 
fester gebunden als gestern, das genügt. Komm."  

 

Acht Tage später nahm Anne-Marie die Klammern heraus 

und paßte O den Probering an. So leicht er war - leichter als er 
aussah, denn er war hohl  - er wog schwer. Das harte Metall, das 
ins Fleisch schnitt, schien ein Folterinstrument zu sein. Wie 
würde es erst werden, wenn der zweite, schwere Ring 
hinzukäme? Diese barbarische Vorrichtung würde auf den ersten 
Blick zu sehen sein. "Natürlich, sagte Anne-Marie, als O eine 
entsprechende Bemerkung machte. Du hast doch wohl begriffen, 
was Sir Stephen will? Wer immer, in Roissy, oder anderwärts, er 
selbst oder irgend jemand sonst, sogar du selbst vor dem 
Spiegel, wer immer deinen Rock hochhebt, sieht sofort Sir 
Stephens Ringe an deinem Schoß und wenn man dich umdreht 
die Buchstaben auf deinen Lenden. Du kannst vielleicht eines 
Tages die Ringe abfeilen lassen, aber die Buchstaben sind nicht 
mehr zu entfernen. - Ich habe geglaubt, sagte Colette, daß man 
eine Tätowierung sehr wohl wieder entfernen könnte." (Sie 
selbst hatte auf Yvonnes weiße Haut über dem Dreieck des 
Schoßes in blauen Zierbuchstaben, wie ein 

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Stickereimonogramm, die Initialen von Yvonnes Gebieter 
tätowiert). "O wird nicht tätowiert", erwiderte Anne-Marie. O 
schaute Anne-Marie an. Colette und Yvonne schwiegen ratlos. 
Anne-Marie zögerte. "So sagen Sie es doch, sagte O.  - Meine 
arme Kleine, ich wagte nicht, es dir zu sagen: du wirst mit Eisen 
gezeichnet. Sir Stephen hat sie mir vor zwei Tagen geschickt. - 
Mit Eisen? rief Yvonne. - Mit glühenden Eisen." 

Vom ersten Tage an hatte O das selbe Leben geführt wie die 

anderen im Hause. Der Müßiggang war vollständig und geplant, 
die Zerstreuungen monoton. Die Mädchen durften im Garten 
spazierengehen, lesen, zeichnen, Karten spielen, Patiencen 
legen. Sie konnten in ihren Zimmern schlafen oder sich in der 
Sonne bräunen lassen. Manchmal unterhielten sie sich zu zweien 
oder alle zusammen, stundenlang, manchmal saßen sie 
schweigend zu Anne-Maries Füßen. Die Mahlzeiten wurden 
stets zur gleichen Stunde eingenommen, das Abendessen bei 
Kerzenlicht, der Tee wurde im Garten getrunken und es wirkte 
absurd, mit welcher Selbstverständlichkeit die beiden 
Aufwärterinnen die nackten Mädchen an der festlichen Tafel 
bedienten. Jeden Abend wählte Anne-Marie eine aus, die bei ihr 
schlafen sollte, manchmal mehrere Abende nacheinander die 
gleiche. Sie berührte sie oder ließ sich von ihr berühren, 
meistens gegen Morgengrauen, schickte danach das Mädchen in 
ihr Zimmer zurück und schlief wieder ein. Die violetten 
Vorhänge, die nur halb zugezogen waren, färbten das 
erwachende Tageslicht malvenblau und Yvonne sagte, Anne-
Marie sei ebenso schön und unnahbar in der Lus t, die sie sich 
verschaffen lasse, wie unermüdlich in ihren Forderungen. 
Keines der Mädchen hatte sie jemals völlig nackt gesehen. Sie 
öffnete ihr Nachthemd aus weißem Nylonjersey oder schob es 
hoch, zog es jedoch nie aus. Weder die Wollust, die sie in der 
Nacht von einem der Mädchen erfahren hatte, noch die Wahl 
vom Vorabend beeinflußten die Entscheidung vom nächsten 
Nachmittag, die immer durch das Los getroffen wurde. Um drei 

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-156- 

Uhr brachte Anne-Marie den Becher mit den Jetons unter die 
Blutbuche, wo die Gartensessel um einen runden Tisch aus 
weißem Stein gruppiert waren. Jedes Mädchen nahm einen 
heraus. Wer die niedrigste Zahl zog, wurde in das Musikzimmer 
geführt und auf der Estrade zur Schau gestellt, wie O am ersten 
Tag. Sie (nur O war bis zu ihrer Abreise davon ausgeschlossen) 
mußte noch auf Anne-Maries rechte oder linke Hand deuten, die 
eine weiße oder schwarze Kugel enthielt. Schwarz: das 
Mädchen wurde gepeitscht, weiß: nicht. Anne- Marie mogelte 
niemals, auch dann nicht, wenn das Los ein und dasselbe 
Mädchen mehrmals hintereinander verurteilte oder verschonte. 
So wurde die Folterung der kleinen Yvonne, die schluchzend 
nach ihrem Geliebten rief, vier Tage nacheinander wiederholt. 
Ihre Schenkel, die grün geädert waren wie ihre Brüste, spreizten 
sich über  einem rosigen Fleisch, das der dicke Eisenring, der 
jetzt festgemacht war, um so erschreckender durchstach als 
Yvonne völlig enthaart war. "Aber warum, wollte O von 
Yvonne wissen, und warum der Ring, wenn du die Scheibe an 
deinem Halsband trägst?  - Er sagt, ich bin noch nackter, wenn 
ich enthaart bin. Der Ring, ich glaube, an dem will er mich 
anhängen." Yvonnes grüne Augen und ihr kleines, dreieckiges 
Gesicht erinnerten O an Jacqueline. Ob Jacqueline nach Roissy 
ging? Dann würde Jacqueline eines Tages hierherkommen, hier 
sein, auf dieser Estrade ausgelegt. "Ich will nicht, sagte O, ich 
will nicht, ich werde nichts tun, um sie herzubringen. Ich habe 
ihr schon viel zu viel davon erzählt. Jacqueline ist nicht dafür 
geschaffen, geschlagen und gezeichnet zu werden." Doch wie 
gut standen die Peitschenspuren und Eisen der kleinen Yvonne, 
wie süß war ihr Schweiß und ihr Stöhnen, wie süß war es, sie 
dahin zu bringen. Denn Anne-Marie hatte O schon zweimal die 
geschwänzte Peitsche gereicht, und jedesmal damit sie Yvonne  
schlagen sollte. Beim ersten Mal, im ersten Augenblick hatte sie 
gezögert, bei Yvonnes erstem Schrei war sie zurückgewichen, 
doch dann hatte sie wieder zugeschlagen und Yvonne hatte 

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wieder, noch lauter, geschrien, und sie war von einer 
schrecklichen Lust  ergriffen worden, so durchdringend, daß sie 
wider Willen vor Freude lachte und sich zurückhalten mußte, 
um die Schläge nicht zu schnell und nicht aus voller Kraft zu 
verabreichen. Danach war sie bei Yvonne geblieben, solange 
Yvonne angebunden lag und hatte sie immer wieder geküßt. 
Zweifellos war sie ihr in irgendeiner Weise ähnlich. Wenigstens 
schien Anne-Maries Verhalten das zu beweisen. War es Os 
Schweigsamkeit, ihre Gefügigkeit, die sie reizte? Os Wunden 
waren kaum vernarbt: "Wie schade", sagte Anne-Marie, "daß 
ich dich nicht peitschen lassen kann. Wenn du wiederkommst... 
Na, auf jeden Fall werde ich dich alle Tage ausstellen lassen." 
Und jeden Tag, wenn das Mädchen im Musiksaal losgebunden 
wurde, legte O sich an ihre Stelle bis die Glocke zum 
Abendessen  läutete. Und Anne-Marie hatte recht: es stimmte, 
sie konnte während dieser ganzen zwei Stunden an nichts 
anderes denken, als an die Tatsache, daß sie mit gespreizten 
Beinen hier lag, an den Ring, der ihren Schoß beschwerte, seit er 
angebracht worden war und der noch viel schwerer wog, weil 
der zweite Ring dazugekommen war. An nichts anderes als an 
ihr Sklaventum und an die Male ihres Sklaventums. Eines Tages 
war Ciaire mit Colette vom Garten hereingekommen, zu O 
hingetreten und hatte die Ringe umgedreht. Sie trugen noch 
keine Inschrift. "Wann bist du zum ersten Mal in Roissy 
gewesen, sagte sie, hat Anne-Marie dich hingeschickt?  - Nein, 
sagte O. Mich hat Anne-Marie hingeschickt, vor zwei Jahren. 
Übermorgen fahre ich wieder hinaus.  - Aber du gehörst doch 
niema ndem? sagte O. Ciaire gehört mir, sagte Anne-Marie, die 
unbemerkt eingetreten war. Dein Gebieter kommt morgen, O. 
Du wirst heute Nacht bei mir schlafen." Die kurze Sommernacht 
erhellte sich langsam und gegen vier Uhr morgens löschte der 
Tag die letzten Sterne. O, die mit geschlossenen Knien schlief, 
wurde durch Anne-Maries Hand zwischen ihren Schenkeln 
aufgeweckt. Aber Anne-Marie wollte nur, daß O sie berühren 

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-158- 

solle. Ihre Augen glänzten im Halbdunkel und ihr schwarzes, 
grau durchwehtes, kurz geschnittenes und vom Kopfkissen 
hochgeschobenes Haar, das kaum gelockt war, verliehen ihr das 
Aussehen eines Grand Seigneurs im Exil, eines furchtlosen 
Libertins. O liebkoste mit ihren Lippen die harte Spitze der 
Brüste, mit der Hand die Höhlung des Schoßes. Anne-Marie gab 
sich sehr schnell ihrer Erregung hin  - sie gab sich nicht O hin. 
Die Wollust, in der sie die Augen weit dem Licht öffnete, dem 
sie zugewandt war, war eine anonyme und unpersönliche Lust, 
O diente ihr nur als Werkzeug. Es war Anne-Marie gleichgültig, 
daß O ihr glattes und verjüngtes Gesicht bewunderte, den 
schönen, keuchenden Mund, es war ihr gleichgültig, daß O sie 
stöhnen hörte, als sie die Fleischknospe in der Furche des 
Schoßes zwischen Zähne und Lippen zog. Sie packte O nur 
beim Haar, um sie stärker an sich zu pressen und ließ sie nur los, 
um ihr zu befehlen: "Weiter." O hatte auf die gleiche Weise 
Jacqueline geliebt. Sie hatte sie in völliger Selbstvergessenheit 
in den Armen gehalten. Sie hatte Jacqueline besessen, glaubte 
sie zumindest. Doch die Identität der Gesten hatte nichts zu 
bedeuten. O besaß Anne-Marie nicht. Niemand besaß Anne-
Marie. Anne-Marie forderte die Liebkosungen ohne sich darum 
zu kümmern, was der Gebende empfand und sie überließ sich 
ihrer Wollust mit hochmütiger Unbekümmertheit. Dennoch war 
sie zärtlich und sanft zu O, küßte ihren Mund und ihre Brüste 
und hielt sie noch eine Stunde lang an sich gepreßt, ehe sie sie 
wegschickte. Sie hatte ihr die Eisen abgenommen. "Es sind die 
letzten Stunden, hatte sie zu ihr gesagt, in denen du zu Bett 
gehst, ohne Eisen zu tragen. Denn die Eisen, die dir jetzt gleich 
angelegt werden, sind nicht wieder abzunehmen." Ihre Hand 
hatte zart und lange Os Lenden gestreichelt, dann hatte sie O in 
ihr Ankleidezimmer geführt, das einzige Zimmer im ganzen 
Haus, wo ein dreiteiliger Spiegel stand, der stets zugeklappt war. 
Sie hatte den Spiegel geöffnet, damit O sich sehen konnte. "Jetzt 
siehst du dich zum letzten Mal unversehrt", sagte sie. "Hier, wo 

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du so rund und glatt bist, wird man dir Sir Stephens Initialen 
einbrennen, zu beiden Seiten der Furche. Ich werde dich am 
Abend vor deiner Abreise wieder vor diesen Spiegel führen und 
du wirst dich nicht wiedererkennen. Aber Sir Stephen hat recht. 
Geh schlafen, O." Doch die Angst hielt O wach und als 
Monique sie um zehn Uhr holen kam, mußte sie ihr helfen, sich 
zu baden, zu frisieren und die Lippen zu schminken. O zitterte 
an allen Gliedern; sie hatte die Eingangstür gehen hören: Sir 
Stephen war da. "Komm doch, O", sagte Yvonne, "er erwartet 
dich." 

 

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, kein Lufthauch 

bewegte die Blätter der Buche: sie sah aus wie aus Kupfer. Der 
hitzemüde Hund lag am Fuß des Baumes und da die Sonne noch 
nicht hinter der Hauptmasse der Buche stand, drang sie durch 
die Spitze des Astes, der als einziger um diese Stunde einen 
Schatten auf den Tisch warf: der Stein war mit hellen und 
blauen Flecken übersät. Sir Stephen stand regungslos am Tisch, 
Anne-Marie saß neben ihm. "So", sagte Anne-Marie, als 
Yvonne ihr O zugeführt hatte, "die Ringe können angebracht 
werden, wenn Sie es wünschen, sie ist vorbereitet." Ohne zu 
antworten zog Sir Stephen O in seine Arme, küßte sie auf den 
Mund, hob sie dann hoch und legte sie auf den Tisch, beugte 
sich lange über sie. Dann küßte er sie nochmals, streichelte ihr 
die Brauen und das Haar, richtete sich auf und sagte zu Anne-
Marie: "Jetzt gleich, wenn ich bitten darf." Anne-Marie nahm 
die Lederkassette, die sie mitgebracht und auf einen Sessel 
gestellt hatte, und reichte Sir Stephen die einzelnen Ringe, die 
Os Namen und den seinen trugen. "Los", sagte Sir Stephen. 
Yvonne hob Os Knie hoch und O spürte das kalte Metall, das 
Anne-Marie in ihr Fleisch schob. Beim Einfügen der zweiten 
Hälfte des Ringes in die erste achtete Anne-Marie darauf, daß 
die goldbelegte Seite dem Schenkel zugedreht war, und die Seite 
mit der Inschrift nach innen schaute. Aber die Spannfeder gab 

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-160- 

nicht soweit nach, daß die Zapfen einrasten konnten. Dann 
wurde O aufgerichtet, mit gespreizten Beinen über den Rand der 
Steinplatte gelegt, die als Amboß diente, auf dem die Enden der 
beiden Kettenglieder nacheinander aufgelegt wurden und jetzt 
konnte man sie durch Schläge ineinandertreiben. Sir Stephen sah 
wortlos zu. Als es geschehen war, bedankte er sich bei Anne-
Marie und half O beim Aufstehen. Jetzt bemerkte sie, daß diese 
neuen Eisen viel schwerer waren, als diejenigen, die sie während 
der vergangenen Tage versuchsweise getragen hatte. Diese 
waren endgültig. "Jetzt Ihre Initialen, nicht wahr?" sagte Anne- 
Marie zu Sir Stephen. Sir Stephen nickte schweigend und hielt 
O, die schwankte, um die Taille fest; sie hatte ihr schwarzes 
Mieder abgelegt, aber dieses Mieder hatte sie so schmal 
gemacht, daß man den Eindruck hatte, sie würde jeden 
Augenblick zerbrechen. Ihre Hüften wirkten dadurch um so 
runder und ihre Brüste um so schwerer. Im Musiksaal, wohin Sir 
Stephen O mehr trug als führte, saßen Colette und Ciaire am 
Fuß der Estrade. Sie erhoben sich bei ihrem Eintritt. Auf der 
Estrade stand ein großer, runder, einflammiger Kocher. Anne-
Marie nahm die Gurte aus dem Wandschrank und ließ O an eine 
der Säulen stellen und um Taille und Kniekehlen daran 
festbinden. Auch ihre Hände und Füße wurden gefesselt. In 
blindem Entsetzen spürte sie auf ihren Lenden Anne-Maries 
Hände, die anwiesen, wo die Eisen aufzudrücken seien, hörte 
das Zischen einer Flamme und in der absoluten Stille das 
Schließen eines Fensters. Sie hätte den Kopf wenden können, 
hinsehen. Sie hatte nicht die Kraft. Ein einziger, grauenhafter 
Schmerz durchfuhr sie, ließ sie sich aufheulend und steif in 
ihren Fesseln bäumen und sie erfuhr niemals, wer ihr die beiden 
rotglühenden Eisen gleichzeitig ins Fleisch gepreßt, wessen 
Stimme langsam bis fünf gezählt hatte, noch auf wessen Zeichen 
hin sie weggenommen wurden. Als man sie losband, glitt sie in 
Anne-Maries Arme und eh alles um sie her sich drehte und 
schwarz wurde und schließlich jedes Gefühl sie verließ, sah sie 

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-161- 

gerade noch zwischen zwei dunklen Wogen Sir Stephens 
leichenblasses Gesicht. 

 

Sir Stephen brachte O zehn Tage vor Ende Juli nach Paris 

zurück. Die Eisen, die den linken Teil ihres Schoßes 
durchbohrten und in deutlichen Buchstaben zeigten, daß sie Sir 
Stephens Eigentum war, hingen bis zu einem Drittel ihrer 
Schenkel herab und bewegten sich bei jedem Schritt wie ein 
Glockenschwengel zwischen ihren Beinen, da die gravierte 
Scheibe schwerer und länger war, als der Ring, an dem sie hing. 
Die Brandzeichen waren drei Finger hoch und halb so breit und 
wie mit dem Meißel fast einen Zentimeter tief in ihr Fleisch 
gegraben. Bei der flüchtigsten Berührung spürte man sie unter 
den Fingern. Diese Eisen und diese Zeichen erfüllten O mit 
unsinnigem Stolz. Wäre Jacqueline dagewesen, sie hätte sie ihr 
nicht verborgen wie die Spuren der Peitschenhiebe, mit denen 
Sir Stephen sie an den letzten Tagen vor ihrer Abreise 
gezeichnet hatte, sondern sofort angezeigt. Aber Jacqueline 
würde erst in acht Tagen zurückkommen. René war nicht da. 
Während dieser acht Tage ließ O sich auf Sir Stephens Geheiß 
einige Hochsommerkleider und ein paar sehr leichte 
Abendkleider machen. Er erlaubte ihr nur die Abwandlungen 
von zwei Grundmodellen, eines mit Reißverschluß von oben bis 
unten (O besaß bereits zwei ähnliche Kleider), das andere eine 
Kombination aus Plisseerock, den man mit einem Griff 
hochschlagen konnte, einem bis unter die Brust reichenden 
Mieder und einem bis zum Hals geschlossenen Bolerojäckchen. 
Man brauchte nur das Bolero auszuziehen und Schultern und 
Brüste waren nackt, und wenn man das Bolero nicht auszog, es 
nur zu öffnen, wenn man die Brüste sehen wollte. Ein 
Badeanzug kam nicht in Frage: O konnte keinen tragen: man 
hätte die Eisen an ihrem Schoß gesehen. Sir Stephen sagte ihr, 
daß sie in diesem Sommer nackt baden werde, wenn überhaupt. 
Eine lange Strandhose, weiter nichts. Anne-Marie, von der die 

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-162- 

Entwürfe zu den Kleidern stammten und die wußte, auf welche 
Art Sir Stephen sich Os hauptsächlich bediente, hatte eine 
Strandhose vorgeschlagen, die an beiden Seiten mittels langer 
Reißverschlüsse zu öffnen und vorn in der Taille so gehalten 
war, daß man, ohne sie auszuziehen, das Rückenteil 
herunterklappen konnte. Doch Sir Stephen lehnte ab. Zwar 
behandelte er O, wenn er sich nicht ihres Mundes bediente, 
beinah ausnahmslos wie einen Knaben. Aber O wußte, daß er 
jederzeit, solange sie in seiner Nähe war, auch dann, wenn er sie 
nicht begehrte, gewissermaßen automatisch nach ihrem Schoß 
greifen wollte, mit der ganzen Hand in das Vlies fassen und 
daran ziehen, sie öffnen und seine Hand lange in sie versenken. 
Die Lust, die O selbst empfand, wenn sie Jacqueline so feucht 
und glühend sich um ihre Hand schließen fühlte, war ihr Garant 
und Zeuge für Sir Stephens Lust. Sie verstand, daß er sich 
diesen Zugang nicht erschweren lassen wollte. 

 

Mit den gestreiften oder gepunkteten Baumwollstoffen  - grau 

und weiß, marineblau und weiß  -, die O wählte, in den 
Plisseeröcken und kleinen, knappen und hochgeschlossenen 
Boleros oder den strengeren Kleidern aus schwarzem 
Nyloncloque, kaum geschminkt, ohne Hut und mit losem Haar 
sah sie wie ein artiges junges Mädchen aus. Wo immer Sir 
Stephen sie hinführte, hielt man sie für seine Tochter, oder für 
seine Nichte, um so mehr, als er jetzt "du" zu ihr sagte und sie 
zu ihm weiterhin Sie. Wenn sie beide allein durch Paris 
spazierten, Läden anschauten, oder die Kais 
entlangschlenderten, wo das Pflaster von der langen Trockenheit 
staubig waren, sahen sie ohne Erstaunen, wie die Passanten 
ihnen zulächelten, wie man glücklichen Menschen zulächelt. Es 
kam vor, daß Sir Stephen sie in die Nische einer Einfahrt oder 
unter den Torbogen eines Wohnhauses drängte, wo es immer ein 
bißchen dunkel ist und ein leichter Kellergeruch aufsteigt, und 
sie küßte und ihr sagte, daß er sie liebe. O hakte ihre hohen 

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-163- 

Absätze in die Schwelle der Einfahrt, wo die kleine Durchlaßtür 
eingepaßt ist. Man sah in einen Hinterhof, wo Wäsche vor den 
Fenstern trocknete. Über einen Balkon lehnte ein blondes 
Mädchen und betrachtete sie mit Ausdauer, eine Katze strich 
zwischen ihren Beinen hindurch. Sie gingen auch zur Avenue 
des Gobelins, nach Saint- Marcel, in die Rue Mouffetard, das 
Temple-Viertel, zur Place de la Bastille. Einmal führte Sir 
Stephen plötzlich O in ein elendes Stundenhotel, dessen Pächter 
sie zuerst Meldezettel ausfüllen lassen wollte, dann sagte, es sei 
nicht der Mühe wert, wenn es nur für eine Stunde wäre. Die 
Tapete im Zimmer war blau mit riesigen  goldenen Pfingstrosen, 
das Fenster ging auf einen Lichtschacht, aus dem der Geruch der 
Abfalltonnen stieg. Trotz der schwachen Birne über dem Bett 
sah man, daß auf dem Kaminsims Puder verstreut war und 
Haarnadeln herumlagen. Am Plafond über dem Bett war ein 
großer Spiegel. 

 

Ein einziges Mal lud Sir Stephen zusammen mit O zwei 

seiner durchreisenden Landsleute zum Mittagessen ein. Er holte 
sie eine Stunde eh sie fertig war in ihrer Wohnung am Quai de 
Béthume ab, anstatt sie zu sich zu bestellen. O war gebadet, aber 
nicht frisiert, nicht zurechtgemacht, nicht angekleidet. Sie 
bemerkte überrascht, daß Sir Stephen einen Golfsack in der 
Hand trug. Aber ihr Erstaunen legte sich schnell: Sir Stephen 
befahl ihr, den Sack zu öffnen. Er enthielt mehrere Reitstöcke 
aus  Leder, zwei dickere aus rotem, zwei sehr dünne und lange 
aus schwarzem Leder, eine Riemenpeitsche mit langen grünen 
Lederschnüren von denen jede am Ende umgebogen war und 
einen Ring bildete, eine weitere Peitsche mit Knotenschnüren, 
eine Hundepeitsche aus  einem dicken Lederriemen bestehend, 
der Griff aus Leder geflochten, schließlich Lederarmbänder wie 
die von Roissy und Schnüre. O legte Stück für Stück 
nebeneinander auf das aufgeschlagene Bett. Sie war daran 
gewöhnt, sie war gefaßt, dennoch zitterte sie; Sir Stephen nahm 

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sie in die Arme. "Was ist dir am liebsten, O?" fragte er sie. Aber 
sie konnte kaum sprechen und spürte, wie ihr bereits der 
Schweiß aus den Achselhöhlen lief. "Was ist dir am liebsten? 
wiederholte er. Gut, sagte er, als sie schwieg, zunächs t wirst du 
mir helfen." Er verlangte Nägel und nachdem er einen 
passenden Platz gefunden hatte, wo die gekreuzten Peitschen 
und Reitstöcke als eine Art Wandschmuck angebracht werden 
konnten, zeigte er O, daß die Stelle rechts von ihrem Stehspiegel 
und dem  Bett gegenüber, eine Holzverkleidung zwischen 
Spiegel und Kamin, sich am besten dafür eignete. Er schlug die 
Nägel ein. Die Peitschen und Reitstöcke hatten an den Enden 
Ringe, die man in die Bildernägel einhaken konnte, sie waren so 
leicht einzeln abzunehmen und wieder aufzuhängen; zusammen 
mit den Armbändern und den Schnüren hatte O also ihrem Bett 
gegenüber das vollständige Sortiment ihrer Folterwerkzeuge. 
Ein hübsches Ensemble, so wohl abgestimmt wie das Rad und 
die Zangen auf den Abbildungen der heiligen Märtyrerin 
Katharina, wie Hammer und Nägel, Dornenkrone, Lanze und 
Geißeln auf den Darstellungen des Kreuzwegs. Wenn Jacqueline 
zurückkommen würde... aber es handelte sich ja gerade um 
Jacqueline. O mußte Sir Stephens Frage beantworten: sie konnte 
nicht, er selbst wählte die Hundepeitsche aus. 

 

Bei La Pérouse, in einem winzigen Séparé im zweiten Stock, 

wo Watteau-Figuren, die aussahen wie Akteure eines 
Puppentheaters in hellen, leicht verblaßten Farben die dunklen 
Wände schmückten, mußte O sich allein aufs Sofa setzen. Sir 
Stephens Freunde saßen rechts und links von ihr auf Sesseln, Sir 
Stephen ihr gegenüber. Einen der Männer hatte sie bereits in 
Roissy gesehen, aber sie erinnerte sich nicht, ihm gehört zu 
haben. Der andere, ein großer junger Mann mit rotem Haar und 
grauen Augen, war bestimmt noch nicht fünfundzwanzig. Sir 
Stephen erklärte ihnen kurz, warum er O eingeladen habe und 
was sie war. O wunderte sich wieder einmal über die Brutalität 

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seiner Sprache. Aber, wie sollte er sie bezeichnen, wenn nicht 
als Hure, eine Frau, die sich bereitfand, vor drei Männern - ganz 
zu schweigen von den bedienenden Kellnern, die ständig aus 
und ein gingen  - ihr Mieder zu öffnen um ihre Brüste zu zeigen, 
deren Spitzen geschminkt waren, und die zwei violette Streifen 
quer  über die weiße Haut trugen, Spuren einer Auspeitschung 
mit dem Reitstock? Die Mahlzeit zog sich hin und die Engländer 
tranken viel. Beim Kaffee, die Liköre waren soeben gebracht 
worden, schob Sir Stephen den Tisch an die andere Wand 
zurück und nachdem er Os Rock hochgeschlagen hatte, damit 
seine Freunde Os Brandmale und Eisen sehen konnten, überließ 
er sie ihnen. Der Mann, den sie in Roissy gesehen hatte, war 
schnell mit ihr fertig, er verlangte sofort, ohne von seinem 
Sessel aufzustehen oder sie auch nur mit einem Finger zu 
berühren, daß sie sich vor ihm hinkniee, sein Geschlecht in den 
Mund nehme, bis er sich in sie ergießen konnte. Worauf er seine 
Kleider von ihr wieder ordnen ließ und wegging. Aber der 
rothaarige junge Mann, den Os Gehorsam, ihre Eisen und die 
Peitschenmale an ihrem Körper um seine Fassung gebracht 
hatten, warf sich nicht auf sie, wie O es erwartet hatte, sondern 
nahm sie bei der Hand und ging mit ihr die Treppe hinunter, 
ohne auf das spöttische Grinsen der Kellner zu achten, ließ ein 
Taxi rufen und führte sie in sein Hotelzimmer. Er ließ sie erst 
bei sinkender Nacht wieder gehen, nachdem er wie ein Rasender 
ihren Schoß und ihre Lenden bearbeitet hatte, die er verletzte, so 
steif und mächtig war er, so entfesselt durch das ungewohnte 
und erstmalig eingeräumte Recht, beide Wege benützen zu 
dürfen, sich ihres Mundes so zu bedienen, wie er soeben 
gesehen hatte, daß man es von ihr verlangen dürfe (was er noch 
niemals zu fordern gewagt hatte). Als O am nächsten Tag um 
zwei Uhr zu Sir Stephen kam, der sie hatte rufen lassen, fand sie 
ihn mit ernster Miene und gealtert vor. "Eric hat sich sinnlos in 
dich verliebt, O", sagte er. "Er hat mich heute Morgen 
beschworen, dir die Freiheit zurückzugeben, er hat gesagt, er 

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wolle dich heiraten. Er will dich retten. Du weißt ja, was ich aus 
dir mache, wenn du mir gehörst, O, und wenn du mir gehörst, 
dann kannst du mir nichts verweigern, aber noch kannst du, und 
das weißt du auch, dich weigern, mir zu gehören. Ich habe es 
ihm gesagt. Er kommt um drei Uhr wieder. O lachte. Ist es nicht 
ein bißchen spät?" sagte sie. "Ihr seid alle beide verrückt. Wenn 
Eric heute Morgen nicht gekommen wäre, was hätten Sie dann 
heute Nachmittag mit mir gemacht? Spazierengegangen, weiter 
nichts? Schön, dann gehen wir spazieren; oder vielleicht hätten 
Sie mich gar nicht rufen lassen? Schön, dann gehe ich wieder... - 
Nein, erwiderte Sir Stephen, ich hätte dich gerufen, O, aber 
nicht, um mit dir spazierenzugehen. Ich wollte... - Sagen Sie es. 
- Komm, so geht es leichter." Er stand auf und öffnete die Tür in 
der Wand gegenüber dem Kamin, das Pendant zu der Tür, durch 
die man in sein Arbeitszimmer kam. O hatte immer geglaubt, es 
sei die Tür zu einem nicht benutzten Wandschrank. Sie sah ein 
winziges Boudoir, frisch getüncht und mit tiefroter Seide 
ausgeschlagen, der halbe Raum wurde von einer gerundeten 
Estrade mit zwei Säulen eingenommen, wie die Estrade des 
Musikzimmers in Samois. "Wände und Plafond sind mit Kork 
belegt, nicht wahr, sagte O, und die Tür ist gepolstert und Sie 
haben ein Doppelfenster einsetzen lassen? Sir Stephen nickte. 
Aber seit wann? sagte O.  - Seit deiner Rückkehr.  - Und 
warum...?  - Warum ich bis heute gewartet habe. Weil ich 
gewartet habe, bis du durch andere Hände als die meinen 
gegangen bist. Dafür werde ich dich jetzt bestrafen. Ich habe 
dich noch niemals bestraft, O. - Aber ich gehöre Ihnen, sagte O, 
bestrafen Sie mich. Wenn Eric wiederkommt..." 

 

Eine Stunde später wurde der junge Mann vor O geführt, die 

zwischen den beiden Säulen grotesk ausgespreizt lag. 

 

Er erbleichte, stammelte etwas und verschwand. O glaubte, 

ihn niemals wiederzusehen. Sie traf ihn Ende September in 

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Roissy, wo er sie sich drei Tage nacheinander ausliefern ließ 
und sie barbarisch mißhandelte.  

 

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IV DAS KÄUZCHEN 

 

O begriff nicht mehr, daß sie jemals Bedenken haben konnte, 

Jacqueline von dem zu sprechen, was René zu recht ihre wahre 
Situation nannte. Anne-Marie hatte ihr wohl gesagt, sie werde 
verändert sein, wenn sie ihr Haus verlasse. Aber nie hätte sie 
geglaubt, daß sie so völlig anders sein könnte. Es erschien ihr 
nur natürlich, sich vor der noch strahlender, noch frischer 
zurückgekehrten Jacqueline nicht mehr wie früher zu 
verstecken, wenn sie badete oder sich anzog. Doch Jacqueline 
schenkte allem, was nicht sie selbst betraf, so wenig Interesse, 
daß sie auch weiterhin nichts bemerkt hätte, wäre sie nicht am 
zweiten Tag nach ihrer Rückkehr zufällig genau in dem 
Augenblick ins Badezimmer gegangen, als O aus dem Wasser 
und über den Rand der Badewanne stieg und die Eisenringe an 
ihrem Schoß gegen das  Emaille klirrten. Dieses ungewohnte 
Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie wandte den Kopf 
und sah gleichzeitig die Scheibe, die zwischen Os Beinen 
baumelte und die Querstreifen, die sich über Schenkel und 
Brüste zogen. "Was hast du denn da? sagte sie.  Das war Sir 
Stephen, erwiderte O, und wie etwas ganz Selbstverständliches 
fügte sie hinzu: "René hat mich ihm geschenkt und er hat mir 
eine Plaquette mit seinem Namen anschmieden lassen. Schau 
her." Und während sie sich mit dem Bademantel abtrocknete, 
trat sie so nah vor Jacqueline hin, die sich vor Staunen auf den 
lackierten Hocker gesetzt hatte, daß Jacqueline die Scheibe in 
die Hand nehmen und die Inschrift lesen konnte; dann ließ sie 
den Bademantel herabgleiten, drehte sich um und deutete mit 
der Hand auf das S und das H, das ihre Lenden höhlte, und 
sagte: "Er hat mich auch mit seinen Initialen zeichnen lassen. 
Das übrige, das kommt von der Reitpeitsche. Gewöhnlich 
peitscht er mich selbst, aber manchmal läßt er mich auch von 
seiner schwarzen Dienerin auspeitschen." Jacqueline starrte O 

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an, ohne ein Wort herauszubringen. O lachte, dann wollte sie 
Jacqueline umarmen. Jacqueline stieß sie entsetzt von sich und 
floh ins Schlafzimmer. O trocknete sich in aller Ruhe vollends 
ab, parfümierte sich, bürstete ihr Haar. Sie zog das 
Taillenmieder an, die Strümpfe, die Pantöffelchen und als sie 
nun durch die Tür trat, begegnete sie im Spiegel dem Blick 
Jacquelines, die sich geistesabwesend vor dem Spiegel kämmte. 
"Schnüre mir das Korsett, sagte sie. Du tust so überrascht. René 
ist in dich verliebt, hat er dir denn nichts gesagt? - Ich verstehe 
nicht", sagte Jacqueline. Und sie platzte sogleich mit dem 
heraus, was sie am meisten erstaunte: "Man könnte meinen, du 
wärst stolz darauf, ich verstehe das nicht.  - Wenn René dich 
nach Roissy bringt, wirst du es verstehen. Hast du denn schon 
mit ihm geschlafen?" Eine Blutwelle überströmte das Gesicht 
Jacquelines, sie schüttelte den Kopf, aber so wenig überzeugend, 
daß O laut lachen mußte. "Du lügst, mein Herzchen, du bist 
dumm. Es ist dein gutes Recht, mit ihm zu schlafen. Und das ist 
kein Grund, mich zurückzuweisen. Komm mit mir ins Bett, 
dann werde ich dir die Geschichte von Roissy erzählen." 
Fürchtete Jacqueline eine stürmische Eifersuchtsszene, gab sie 
aus Erleichterung oder aus Neugier nach, weil sie von O 
Erklärungen hören wollte oder einfach weil sie die Geduld, die 
Bedächtigkeit, die Leidenschaft liebte, mit der O sie liebkoste? 
Sie gab nach. "Erzähle, sagte sie danach zu O. Ja, sagte O. Aber 
zuerst mußt du mir die Brüste küssen. Es ist Zeit, daß du dich 
daran gewöhnst, wenn du René von irgendeinem Nutzen sein 
willst." Jacqueline gehorchte, und so gut, daß sie O zum 
Stöhnen brachte. "Erzähle", sagte sie noch einmal. 

 

Os Erzählung erschien Jacqueline trotz aller Genauigkeit und 

Klarheit, trotz des greifbaren Beweises, den O selbst darstellte, 
einfach phantastisch. "Im September gehst du wieder hin? sagte 
sie.  - Wenn wir aus dem Süden zurückkommen, sagte O. Ich 
werde dich mitnehmen, oder René nimmt dich mit. - Anschauen 

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möchte ich es mir schon einmal, sagte Jacqueline, aber nur 
anschauen. - Natürlich, das läßt sich machen", sagte O, die vom 
Gegenteil überzeugt war, sich jedoch sagte, daß Sir Stephen ihr 
Dank wissen würde, wenn sie, O, Jacqueline dazu bringen 
könnte, die Schwelle  von Roissy zu überschreiten  - und danach 
würden die Diener, die Ketten und Peitschen da sein, um 
Jacqueline das Gehorchen zu lehren. Sir Stephen hatte in der 
Nähe von Cannes eine Villa gemietet, wo sie den August 
verbringen sollte zusammen mit René, Jacque line und deren 
kleiner Schwester, die Jacqueline gebeten hatte, mitbringen zu 
dürfen  - nicht, weil sie die Kleine gern hatte, sondern weil ihre 
Mutter ihr dauernd in den Ohren lag, sie solle O um Erlaubnis 
bitten  - und sie wußte bereits, daß ihr Schlafzimmer, wo 
Jacqueline wohl zumindest die Siesta mit ihr verbringen würde, 
wenn René nicht da war, von Sir Stephens Zimmer durch eine 
nur scheinbar solide Wand getrennt war, hinter deren 
Trompel'oeil- Dekorierung, einem durchbrochenen Lattenwerk, 
man nur einen Rollvorhang zu heben brauchte, um alles, was im 
Zimmer vorging so genau zu sehen und zu hören, als stünde 
man direkt vor dem Bett. Jacqueline würde Sir Stephens Blicken 
ausgeliefert sein, wenn O mit ihr im Bett lag, und sie würde es 
zu spät erfahren, um sic h dagegen wehren zu können. O tat der 
Gedanke wohl, daß sie Jacqueline durch Verrat ausliefern 
würde, denn es kränkte sie, daß Jacqueline ihren Stand einer 
gebrandmarkten und gepeitschten Sklavin verachtete, auf den 
sie so stolz war. 

 

O war noch nie im Süden gewesen. Der stetig blaue Himmel, 

das Meer, das sich kaum bewegte, die regungslosen Pinien unter 
der hohen Sonne, alles erschien ihr leblos und feindlich. "Keine 
richtigen Bäume", sagte sie traurig vor den duftenden Gehölzen 
voller Maulbeerbäumen und Zimtrosen, wo alle Steine, alle 
Moose, sich lauwarm anfühlten. "Das Meer riecht nicht nach 
Meer", sagte sie auch. Sie warf ihm vor, nichts als ein paar 

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häßliche, vergilbte Algen an den Strand zu spülen, die wie Mist 
aussahen, zu blau zu sein, das Ufer stets  an der gleichen Stelle 
zu belecken. Aber im Garten der Villa, eines umgebauten 
ehemaligen Gehöfts, war man weit vom Meer. Rechts und links 
schützten hohe Mauern vor den Nachbarn; der Dienertrakt ging 
auf der anderen Seite zur Einfahrt und die Gartenseite,  wo Os 
Zimmer im ersten Stock direkt auf die Terrasse führte, lag nach 
Osten. Die Wipfel der hohen, dunklen Lorbeerbäume reichten 
bis an die Hohlziegel, die die Einfassung der Terrasse bildeten; 
eine Schilfwand hielt die Sonne im Süden ab, der Boden war mit 
den gleichen roten Fliesen belegt, wie das Zimmer. Mit 
Ausnahme der Wand zwischen Os Zimmer und dem Sir 
Stephens  - es war die Rückwand eines großen Alkovens, der 
vom übrigen Raum durch einen Mauerbogen und eine Art 
Barriere getrennt war, ähnlich einem Treppengeländer, mit 
gedrechselten Holzsprossen  - waren alle Wände weiß gekalkt. 
Die dicken Teppiche auf den Fliesen waren aus weißer 
Baumwolle, die Vorhänge aus gelb und weißem Leinen. Es gab 
zwei Sessel, mit dem gleichen Leinen bezogen und blaue, 
dreifach zusammengelegte Faltmatratzen. Das Mobiliar bestand 
nur aus einer sehr schönen, bauchigen Nußbaum-Kommode im 
Régence-Stil und einem sehr langen, schmalen Bauerntisch aus 
hellem Holz, der spiegelblank gescheuert war. O hängte ihre 
Kleider in einen Garderobenschrank. Die Kommodenplatte 
diente ihr als Frisiertisch. Die kleine Natalie war im 
Nebenzimmer untergebracht und morgens, wenn sie wußte, daß 
O auf der Terrasse ihr Sonnenbad nahm, kam sie zu ihr und 
legte sich neben sie. Sie war ein sehr weißes kleines Ding, 
rundlich und doch zart, ihre Augen waren schräg geschnitten, 
wie die ihrer Schwester, aber schwarz und glänzend, wodurch 
sie wie eine Chinesin aussah. Ihr schwarzes Haar lag in dichten 
Fransen über den Brauen und war im Nacken gerade 
geschnitten. Sie hatte kleine, bebende Brüste und kindliche, 
kaum gerundete Hüften. Auch sie hatte O durch Zufall gesehen, 

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als sie auf die Terrasse hinausgelaufen war, wo sie ihre 
Schwester vermutete und wo O allein bäuchlings auf einer 
Faltmatratze lag. Doch was Jacqueline abgestoßen hatte, machte 
sie vor Verlangen und Neid fast verrückt; sie befragte ihre 
Schwester. Die Antworten, mit denen Jacqueline auch ihr Ekel 
einflößen wollte  - sie erzählte der Kleinen, was O ihr selbst 
erzählt hatte  - änderten nichts an Natalies Erregung, im 
Gegenteil. Sie hatte sich in O verliebt. Es gelang ihr, dieses 
Geheimnis über eine Woche lang für sich zu behalten, dann 
richtete sie es am Spätnachmittag eines Sonntags so ein, daß sie 
mit O allein war. 

 

Es war weniger heiß gewesen als sonst. René, der am 

Vormittag lang geschwommen war, schlief auf dem Sofa eines 
kühlen Zimmers im Erdgeschoß. Jacqueline, die es kränkte, daß 
er lieber schlafen wollte, hatte O in ihrem Alkoven aufgesucht. 
Meer und Sonne hatten sie bereits tief gebräunt: Haar, Braue n, 
Wimpern, das Vlies ihres Schoßes, die Achselhöhlen schienen 
silbrig überpudert zu sein und da sie nicht geschminkt war, hatte 
ihr Mund das gleiche Rosa wie die Muschel ihres Schoßes. 
Damit Sir Stephen  - dessen unsichtbare Gegenwart sie, so sagte 
sich O, an Jacquelines Stelle geahnt, gefühlt, erraten hätte - sie 
in allen Einzelheiten sehen konnte, hatte O ihr absichtlich 
mehrmals die Beine hochgeschlagen und sie bei voller 
Beleuchtung auseinandergehalten: sie hatte die Nachttischlampe 
angezündet. Die Jalousien waren heruntergelassen, das Zimmer 
war trotz der Lichtstrahlen, die durch die schlecht gefügten 
Latten drangen, fast dunkel. Jacqueline stöhnte fast eine Stunde 
lang unter Os Liebkosungen und begann schließlich laut zu 
schreien, wobei sie mit starren Brüsten und nach hinten 
gereckten Armen die beiden Hände um die Holzstangen 
krampfte, die das Kopfteil des italienischen Bettes bildeten, 
während O die von blassem Haar gesäumten Hügel 
auseinanderzog und die Zahne langsam in die Fleischkuppe 

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-173- 

preßte, wo sich zwischen den Schenkeln die zarten und weichen 
kleinen Lippen trafen. O fühlte, wie sie unter ihrer Zunge 
brannte und steif wurde und ließ sie ohne Unterlaß schreien, bis 
sie sich mit einem Schlag entspannte, wie eine zerbrochene 
Feder, feucht vor Lust.  Später ging Jacqueline wieder in ihr 
Zimmer zurück, wo sie sich schlafen legte; sie war wach und 
ausgehfertig, als René sie um fünf Uhr zu einer Bootsfahrt mit 
Natalie abholen wollte, einer Fahrt in einem kleinen Segelboot, 
das sie oft benutzten; am Spätnachmittag erhob sich eine leichte 
Brise. "Wo ist Natalie?" sagte René. Natalie war nicht in ihrem 
Zimmer, sie war nicht im Haus. René rief im Garten nach ihr. Er 
ging bis zu dem kleinen Korkeichen-Wäldchen, das sich an den 
Garten anschloß, niemand antwortete ihm. "Vielleicht ist sie 
schon in der Bucht", sagte René, "oder im Boot." Sie gingen, 
ohne weiter zu rufen. In diesem Augenblick sah O, die auf der 
Terrasse auf der Faltmatratze lag, Natalie aufs Haus zulaufen. 
Sie stand auf, zog ihren Morgenrock an - sie war nackt gewesen, 
weil es so heiß war - und band gerade den Gürtel, als Natalie 
wie eine Furie hereinstürmte und sich auf sie warf. "Sie ist fort, 
endlich ist sie fort", rief sie. "Ich habe sie gehört, O, ich habe 
euch beide gehört, ich habe an der Tür gehorcht. Du küßt sie, du 
streichelst sie. Warum streichelst du nicht mich, warum küßt du 
mich nicht? Weil ich schwarz bin, weil ich nicht hübsch bin? Sie 
liebt dich nicht, O, aber ich, ich liebe dich." Und sie brach in 
Schluchzen aus. "Na schön", sagte sich O. Sie drückte das kleine 
Mädchen in einen Sessel, nahm ein großes Taschentuch aus 
ihrer Kommode (es war eines von Sir Stephens Taschentüchern) 
und als Natalies Schluchzen ein wenig nachgelassen hatte, 
trocknete sie ihr das Gesicht, Natalie bat sie um Verzeihung und 
küßte ihr die Hände. "Laß mich bei dir sein O, auch wenn du 
mich nicht küssen willst. Laß mich immer bei dir sein. Wenn du 
einen Hund hättest, ließest du ihn auch immer bei dir sein. Wenn 
du mich nicht küssen willst, sondern mich lieber schlagen 
möchtest, dann kannst du mich schlagen, aber schick mich nicht 

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-174- 

weg."  - "Schweig, Natalie, du weißt nicht, was du sagst", 
flüsterte O ganz leise. Die Kleine ließ sich O zu Füßen sinken, 
umklammerte ihre Knie und erwiderte, ebenfalls ganz leise: "Oh 
doch! Ich weiß es sehr gut. Ich habe dich neulich morgens auf 
der Terrasse gesehen. Ich habe die Buchstaben gesehen und daß 
du große, blaue Male hast. Und Jacqueline hat mir gesagt - Hat 
dir was gesagt? - Wo du gewesen bist, O, und was man mit dir 
gemacht hat. - Sie hat dir von Roissy erzählt? - Sie hat mir auch 
gesagt, du wärst, du hättest... Ich hätte was? - Du trügst eiserne 
Ringe, - Ja, sagte O, was noch? - Daß Sir Stephen dich alle Tage 
peitscht. - Ja, sagte O wieder, und er wird jetzt jeden Augenblick 
kommen. Geh, Natalie." Natalie rührte sich nicht, sie hob nur 
den Kopf und O begegnete ihrem bewundernden Blick. "Nimm 
mich in die Lehre, O, ich bitte dich, sagte sie, ich möchte sein 
wie du. Ich werde alles tun, was du mir sagst. Versprich mir, 
daß du mich mitnimmst, wenn du nach Roissy gehst.  - Du bist 
noch zu klein, sagte O.  - Nein, ich bin nicht zu klein, ich bin 
schon fünfzehn, rief sie wütend, ich bin nicht mehr zu klein, frag 
Sir Stephen", wiederholte sie - denn er trat soeben ein. 

 

Natalie erhielt die  Erlaubnis, bei O zu bleiben, und das 

Versprechen, daß sie nach Roissy gebracht würde. Aber Sir 
Stephen verbot O, ihr die kleinste Liebkosung beizubringen, sie 
zu küssen, und sei es auch nur auf den Mund, und sich von ihr 
küssen zu lassen. Sie sollte nach Roissy kommen, ohne von 
irgend jemandes Händen oder Lippen berührt worden zu sein. 
Dagegen verlangte er, da sie ohnehin immer bei O bleiben 
wollte, daß sie ihr auch nicht einen Augenblick von der Seite 
weichen solle, daß sie zusehen sollte, wie Os Mund ihre 
Schwester oder ihn selbst berührte, wie sie sich ihm hingab, 
sogar wie sie von ihm gepeitscht oder von der alten Norah mit 
Ruten geschlagen wurde. Die Küsse, mit denen O ihre 
Schwester bedeckte, Os Mund auf dem Mund ihrer Schwester, 
ließen Natalie vor Eifersucht und Neid zittern. Aber sie saß 

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unbeweglich auf dem Teppich des Alkovens am Fußende des 
Bettes, wie die kleine Dinarzade am Bett der Scheherezade, und 
sah jedesmal zu, wie O, am Holzgeländer festgebunden, sich 
unter der Reitpeitsche wand, wie O, auf den Knien liegend, 
demütig Sir Stephens mächtiges, aufgerichtetes Glied in ihrem 
Mund empfing, wie O, hingestreckt, selbst mit beiden Händen 
ihre Schenkel auseinanderhielt, um ihm ihre Lenden zu bieten, 
und sie empfand dabei nichts als Bewunderung, Ungeduld und 
Neid. 

 

Vielleicht hatte O sich in Jacqueline getäuscht, als sie ihr eine 

Art gleichmütige Sinnlichkeit zuschrieb, vielleicht glaubte 
Jacqueline naiverweise, es könne ihr bei René schaden, wenn sie 
sich O hingebe, jedenfalls hörte sie plötzlich damit auf. 
Gleichzeitig schien es, als halte René, mit dem sie beinah alle 
ihre Nächte und alle ihre Tage zubrachte, auf Distanz. Nie 
benahm sie sich ihm gegenüber wie eine Verliebte. Sie sah ihn 
mit kalten Blicken an und wenn sie ihm zulächelte, so stieg das 
Lächeln nicht bis zu ihren Augen. Selbst wenn sie sich bei René 
ebenso rückhaltlos ihrer Wollust hingab wie bei O, und das war 
wohl der Fall, so konnte O sich des Gedankens nicht erwehren, 
daß diese Hingabe nicht sehr tief ging. Während man René in 
ihrer Gegenwart vor Verlangen vergehen sah, gelähmt von einer 
Liebe, die ihm fremd gewesen war, einer ängstlichen Liebe, die 
stets fürchtete, einseitig zu sein, auf Ablehnung zu stoßen. Er 
lebte und schlief im gleichen Haus mit Sir Stephen, im gleichen 
Haus mit O, er frühstückte, aß mit Sir Stephen, mit O, ging mit 
ihnen aus, machte Spaziergänge, plauderte mit ihnen: er sah sie 
nicht, er hörte sie nicht. Er sah, hörte, sprach durch sie hindurch, 
an ihnen vorbei, und in einem stummen und erschöpfenden 
Bemühen, so wie man sich im Traum abmüht, eine abfahrende 
Tram zu erreichen, sich an die Brüstung der einstürzenden 
Brücke zu klammern, versuchte er unablässig, den 
Daseinszweck, die Wahrheit Jacquelines zu ergründen, die 

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irgendwo unter ihrer goldenen Haut existieren mußte, wie der 
Mechanismus unter dem Porzellan, der die Puppen schreien läßt. 
"Da ist er also", sagte sich O, "jetzt ist er da, der Tag, den ich so 
sehr gefürchtet habe, der Tag, an dem ich für René nur noch ein 
Schatten aus einem früheren Leben sein würde.  Und ich bin 
nicht einmal traurig, und er tut mir nur leid, und ich kann ihn 
tagtäglich sehen, ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, und es kränkt 
mich nicht, daß er mich nicht mehr begehrt. Dabei ist es erst ein 
paar Wochen her, daß ich zu ihm lief und ihn anfle hte, mir zu 
sagen, ich liebe dich. War das meine ganze Liebe? So 
oberflächlich, so leicht zu trösten? Nicht einmal Trost brauche 
ich: Ich bin glücklich. Brauchte er denn, damit ich mich von ihm 
löste und in anderen Armen so leicht zu einer neuen Liebe finde, 
weiter nichts zu tun, als mich Sir Stephen zu geben?" Aber was 
war René denn neben Sir Stephen? Stricke aus Heu, Seile aus 
Stroh, Kugeln aus Kork, das waren Symbole für die Bande, mit 
denen er sie an sich gefesselt hatte, sonst hätte er nicht so 
schnell aufgegeben. Welche Beruhigung dagegen, welche 
Wonne der Eisenring, der das Fleisch durchbohrt und für immer 
lastet, das Brandmal, das nie mehr erlischt, die Hand eines 
Gebieters, die einen auf ein Felsenbett streckt, die Liebe eines 
Gebieters, der sich mitleidlos zu nehmen weiß, was er liebt. Und 
O sagte sich, daß sie letztlich René nur deshalb geliebt habe, um 
die Liebe zu lernen und sich um so besser als glückliche Sklavin 
Sir Stephen hingeben zu können. Aber wenn sie sah, wie René, 
der mit ihr so frei umgegangen war - und sie hatte ihn deswegen 
geliebt  - jetzt wie mit bleiernen Füßen umherging, als wären 
seine Beine im Wasser und Schilfwerk eines scheinbar 
unbeweglichen Teiches gefangen, den unterirdische Strömungen 
durchziehen, empfand O wilden Haß auf  Jacqueline. Erriet René 
das, ließ O es unvorsichtigerweise durchblicken? Sie beging 
einen Fehler. Die beiden Mädchen waren eines Nachmittags 
allein nach Cannes zum Friseur gefahren und hatten danach auf 
der Terrasse von La Réserve Eis gegessen. Jacqueline, in 

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-177- 

schwarzen Seeräuberhosen und schwarzem Leinenpullover, war 
so glatt, so golden, so hart und so klar in der strahlenden Sonne, 
daß sie sogar die Kinder ausstach, und so nonchalant, so 
verschlossen. Sie sagte O, daß sie mit dem Regisseur verabredet 
sei,  mit dem sie in Paris gearbeitet hatte, da Außenaufnahmen 
gemacht werden sollten, wahrscheinlich in den Bergen hinter 
Saint-Paulde-Vence. Der junge Mann war schon da, energisch 
und entschlossen. Er brauchte nicht zu sprechen. Daß er in 
Jacqueline verliebt war, merkte man auch so. Man brauchte ihn 
nur anzusehen. Das war nicht weiter überraschend. Weit 
überraschender war Jacqueline. Sie lag in einem Schaukelstuhl, 
hörte ihm zu, wie er von den Daten sprach, die festgelegt, 
Verabredungen, die getroffen werden müßten und von der 
Schwierigkeit, genügend Geld aufzutreiben, um den begonnenen 
Film fertigzustellen. Er duzte Jacqueline, die nur durch Nicken 
und Kopf schütteln antwortete und die Augen halb geschlossen 
hielt. O saß ihr gegenüber, der junge Mann zwischen ihnen. Sie 
konnte mühelos feststellen, daß Jacqueline hinter ihren 
gesenkten Lidern und im Schutz der unbeweglichen Wimpern 
das Verlangen des jungen Mannes belauerte, beobachtete, wie 
sie es immer tat und dabei glaubte, daß niemand es bemerke. 
Aber das Seltsamste war ihre Verwirrung, ihre Hände hingen 
kraftlos herunter, ihr Gesicht war ernst ohne die Spur eines 
Lächelns, noch nie hatte O sie so vor René gesehen. Das 
Lächeln, das O für den Bruchteil einer Sekunde über ihre Lippen 
zucken sah, als sie sich vorbeugte, um ihr Glas mit Eiswasser 
abzustellen und ihre Blicke sich kreuzten, bewies, daß 
Jacqueline sich durchschaut wußte. Sie nahm es gelassen hin, O 
dagegen errötete. "Ist dir zu heiß?" sagte Jacqueline. "Wir gehen 
in fünf Minuten. Im übrigen steht es dir sehr gut." Dann lächelte 
sie wieder, und sah dabei mit so zärtlicher Hingabe ihren 
Tischnachbarn an, daß man glaubte, er müsse einfach 
aufspringen und sie küssen. Aber nein. Er war zu jung um zu 
wissen, wieviel Schamlosigkeit sich in Ruhe und Schweigen 

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-178- 

ausdrücken kann. Er ließ Jacqueline aufstehen, ihm die Hand 
reichen und sich verabschieden. Sie würde ihn anrufen. Dann 
verabschiedete er sich von dem Schatten der O für ihn war, und 
blieb auf dem Trottoir stehen, bis der schwarze Buick auf der 
Straße zwischen den sonnendurchglühten Häusern und dem viel 
zu blauen Meer davongeglitten war. Die Palmen wirkten wie aus 
Blech gestanzt, die Spaziergänger wie halb geschmolzene 
Wachspuppen, die ein absurder Mechanismus in Bewegung hält. 
"Gefällt er dir so gut?" sagte O zu Jacqueline, als der Wagen aus 
der Stadt fuhr und in die obere Corniche einbog. "Geht dich das 
etwas an?" erwiderte Jacqueline. "Es geht René an, erwiderte O. 
Was René sonst noch angeht und Sir Stephen, außerdem ein 
paar andere Männer, wenn ich recht  verstanden habe, fuhr 
Jacqueline fort, ist die Tatsache, daß du nicht richtig dasitzt. Du 
wirst dein Kleid verknittern." O rührte sich nicht. "Und ich habe 
geglaubt, sagte Jacqueline weiter, daß du auch niemals die Beine 
überschlagen darfst?" Aber O hörte  nicht mehr zu. Was 
bedeuteten ihr Jacquelines Drohungen? Bildete Jacqueline sich 
ein, ihre Drohung, dieses kleine Vergehen zu verraten, könnte O 
daran hindern, sie bei René anzuschwärzen? Nicht, daß O keine 
Lust dazu gehabt hätte. Doch René würde den Gedanken nicht 
ertragen, daß Jacqueline ihn belog und daß sie frei über sich 
selbst verfügen wollte. Wie konnte sie Jacqueline beibringen, 
daß sie nur deshalb schweigen würde, damit sie nicht sehen 
müßte, wie René das Gesicht verlor, erbleichte um einer anderen 
willen, und vielleicht schwach genug war, sie nicht zu 
bestrafen? Und auch und vor allem, weil sie fürchtete, daß 
Renés Zorn sich gegen sie selbst richten könne, die 
Unglücksbotin, die Verräterin. Wie konnte sie Jacqueline sagen, 
daß sie schweigen werde,  ohne daß es nach einem Handel 
aussehen würde, gibst du mir, so geb' ich dir? Denn Jacqueline 
glaubte, O habe schreckliche Angst, eine Angst, die sie zu Eis 
erstarren ließ, vor dem, was ihr widerfahren würde, wenn 
Jacqueline sprechen sollte. Als sie im Hof des alten Hauses aus 

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dem Wagen stiegen, hatten sie noch immer kein Wort 
miteinander gesprochen. Jacqueline pflückte, ohne O anzusehen, 
einen weißen Geranienstengel von der Rabatte vor dem Haus. O 
ging so dicht hinter ihr, daß sie den zarten und kräftigen Duft 
des Blattes roch, das Jacqueline zwischen den Händen zerrieb. 
Glaubte sie, damit den Geruch ihres eigenen Schweißes 
verdecken zu können, der das Gewebe ihres Pullovers unter den 
Achseln kleben und noch schwärzer erscheinen ließ? In der 
großen rotgefliesten und weißgekalkten Halle war René allein. 
"Ihr kommt spät, sagte er, als sie eintraten. Sir Stephen erwartet 
dich nebenan, fuhr er zu O gewandt fort, er braucht dich, er ist 
sehr ärgerlich." Jacqueline lachte laut und O schaute sie an und 
errötete. "Ihr hättet euch eine andere Zeit aussuchen können", 
sagte René, der Jacquelines Lachen und Os Verwirrung falsch 
auslegte. "Nein, nicht das, sagte Jacqueline, aber du weißt nicht, 
René, daß eure schöne Folgsame gar nicht so folgsam ist, wenn 
ihr nicht dabei seid. Schau ihr Kleid an, wie es verknittert ist." O 
stand mitten im Zimmer, vor René. Er sagte, sie sollte sich 
umdrehen, sie konnte sich nicht bewegen. "Und sie schlägt die 
Beine über, fuhr Jacqueline fort, aber das könnt ihr natürlich 
nicht feststellen. Auch nicht, daß sie sich junge Männer anlacht. 
- Das ist nicht wahr", schrie O, "das tust nur du!" und sie stürzte 
sich auf Jacqueline. René hielt sie fest, als wollte sie Jacqueline 
schlagen und sie wehrte sich in seinen Händen nur um des 
Vergnügens willen, sich als die Schwächere zu fühlen, ihm 
ausgeliefert. Als sie den Kopf hob, sah sie Sir Stephen unter der 
Tür stehen. Jacqueline hatte sich aufs Sofa geworfen, ihr kleines 
Gesicht war hart vor Furcht und vor Wut und O fühlte, daß 
René, obgleich er alle Hände voll zu tun hatte, sie festzuhalten, 
nur Jacqueline ansah. Sie gab ihren Widerstand auf und 
wiederholte nur, voll Verzweiflung darüber, in Sir Stephens 
Gegenwart angeklagt zu werden, diesmal mit leiser Stimme: "Es 
ist nicht wahr, ich schwöre, daß es nicht wahr ist." Wortlos und 
ohne Jacqueline eines Blickes zu würdigen bedeutete Sir 

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-180- 

Stephen René, O loszulassen, und O, hinauszugehen. Doch 
kaum war sie draußen, als sie an die Wand gepreßt wurde, an 
Schoß und Brüsten gepackt, ihr Mund von Sir Stephens Zunge 
geöffnet, bis sie vor Glück und Erleichterung stöhnte. Die 
Spitzen ihrer Brüste wurden steif unter Sir Stephens Hand. Mit 
der anderen Hand griff er so brutal in ihren Schoß, daß sie 
glaubte, ohnmächtig zu werden. Würde sie jemals wagen, ihm 
zu gestehen,  daß keine Wollust, keine Freude, keine Vorstellung 
dem Glück nahe kam, das ihr die Freiheit gab, mit der er über 
sie verfügte, der Gedanke, daß er wußte, daß er ihr gegenüber 
keine Schonung zu üben brauchte, keine Grenzen einzuhalten, 
wenn er an ihrem Körper seine Lust suchte. Die Gewißheit, daß 
er sie nur berührte, um sie zu liebkosen oder zu schlagen, ihr 
etwas nur befahl, weil er danach Verlangen trug, die Gewißheit, 
daß er nur sein eigenes Begehren stillen wollte, machte O so 
überglücklich, daß sich schon beim bloßen Gedanken daran, ein 
Flammenkleid, ein brennender Harnisch, der ihr von den 
Schultern bis zu den Knien reichte, über sie senkte. So wie jetzt, 
als sie mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte, flüsterte 
"ich liebe Sie", wenn ihr Atem nicht aussetzte und Sir Stephens 
Hände an ihr auf und abwanderten und das Feuer noch mehr 
entflammten, obgleich sie kühl waren wie Quellwasser. Er ließ 
behutsam von ihr ab, strich den Rock wieder über die feuchten 
Schenkel, schloß das Bolerojäckchen über den starren Brüsten. 
"Komm, O", sagte er, "ich brauche dich." Jetzt schlug O die 
Augen auf und sah plötzlich, daß noch jemand da war. Der 
große, nackte und weißgekalkte Raum, der dem vorhergehenden 
glich, hatte ebenfalls eine große Tür auf der Gartenseite, und auf 
der Terrasse, die vor dem Garten lag, saß, Zigarette im Mund, in 
einem Korbstuhl, eine Art kahlköpfiger Riese, dessen gewaltiger 
Bauch das offene Hemd und die Leinenhose spannte, und 
schaute O an. Er stand auf und trat zu Sir Stephen, der O vor 
sich herschob. O sah jetzt, daß der Mann das Abzeichen von 
Roissy trug, eine Scheibe, die an einer Uhrkette baumelte. 

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-181- 

Dennoch stellte Sir Stephen ihn höflich O vor, nannte ihn "der 
Kommandeur" ohne einen Namen anzugeben und zum ersten 
Mal seit sie mit Gästen des Schlosses Roissy zusammenkam 
erlebte sie die Überraschung, daß jemand (Sir Stephen 
ausgenommen) ihr die Hand küßte. Sie blieben alle drei im 
Zimmer, das Fenster blieb geöffnet; Sir Stephen ging zum 
Eckkamin und läutete. O sah auf dem chinesischen Tisch neben 
dem Sofa die Whiskyflasche, den Siphon und die Gläser. Er 
klingelte also nicht nach Getränken. Zugleich sah sie auf dem 
Boden neben dem Kamin eine große, weiße Schachtel. Der 
Mann aus Roissy hatte sich auf einen Strohsessel gesetzt, Sir 
Stephen saß schräg auf der Kante des runden Tisches und ließ 
ein Bein baumeln. O, der das Sofa angewiesen wurde, hatte 
gelehrig ihren Rock hochgeschlagen und spürte den weichen 
Baumwollpikee der provenzialischen Decke an ihren Schenkeln. 
Norah trat ein. Sir Stephen befahl  ihr, O zu entkleiden und ihre 
Kleider wegzubringen. O ließ sich ihr Bolero ausziehen, ihr 
Kleid, das Stäbchenkorsett, das ihr die Taille einschnürte, die 
Sandalen. Sobald sie nackt war, ging Norah hinaus und O, die 
automatisch in die Gepflogenheiten von Ro issy verfiel und 
überzeugt war, daß Sir Stephen von ihr nur völligen Gehorsam 
erwartete, blieb inmitten des Raumes stehen und hielt den Blick 
so beharrlich gesenkt, daß sie mehr erriet als sah, wie Natalie, 
ganz in schwarz wie ihre Schwester, stumm und barfuß zur 
Fenstertür hereinglitt. Zweifellos hatte Sir Stephen bereits von 
Natalie gesprochen; er begnügte sich damit, dem Besucher, der 
keine Fragen stellte, ihren Namen zu nennen und bat sie, die 
Gläser zu füllen. Sobald sie Whisky, Soda und Eis 
herumgereicht hatte (und in der Stille wirkte das Klirren der 
Eiswürfel gegen das Glas wie ein ohrenbetäubender Lärm) 
erhob der Kommandeur sich mit dem Glas in der Hand von dem 
Strohstuhl, auf dem er während Os Entkleidung gesessen war, 
und trat zu ihr. O glaubte, daß er mit der freien Hand ihre Brust 
oder ihren Schoß berühren werde. Aber er rührte sie nicht an, 

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-182- 

betrachtete sie nur eingehend, von ihrem geöffneten Mund bis 
zu den offenen Knien. Er ging um sie herum, musterte ihre 
Brüste, ihre Schenkel, ihre Lenden, und diese schweigende 
Musterung, die Nähe dieses riesigen Körpers verwirrten O so 
sehr, daß sie nicht wußte, ob sie vor ihm fliehen wollte oder ob 
sie sich im Gegenteil wünschte, daß er sie zu Boden werfen und 
erdrücken würde. Sie war so verwirrt, daß sie die Beherrschung 
verlor und die Augen hilfesuchend zu Sir Stephen erhob. Er 
begriff, lächelte, trat zu ihr, nahm ihre beiden Hände und hielt 
sie hinter ihrem Rücken in seiner Hand fest. Sie lehnte sich mit 
geschlossenen Augen an ihn und wie in einem Traum oder wie 
im Dämmer eines Erschöpfungszustandes hörte sie - so wie sie 
einmal als Kind kurz nach dem Erwachen aus einer Narkose die 
Pflegerinnen, die sie noch bewußtlos glaubten, über sie hatte 
sprechen hören, über ihr Haar, ihre blasse Haut, ihren flachen 
Bauch, an dem eben der Flaum zu sprossen begann,  - die 
Stimme des Fremden, der Sir Stephen zu ihr beglückwünschte 
und besonders auf die Vorzüge ein wenig schwerer Brüste und 
einer schmalen Taille hinwies, der Eisen, die dicker, schwerer 
und auffallender waren, als üblich. Zugleich wurde ihr klar, daß 
Sir Stephen zweifellos versprochen hatte, sie in der kommenden 
Woche auszuleihen, weil man ihm dafür dankte. Worauf Sir 
Stephen sie im Nacken faßte, ihr sanft gebot, aufzuwachen und 
zusammen mit Natalie ihn oben  in ihrem Zimmer zu erwarten. 

 

Wie kam es, daß sie so sehr verwirrt war, und daß Natalie, 

trunken vor Freude bei dem Gedanken, jemand anders als Sir 
Stephen würde O öffnen, eine Art Indianertanz um sie herum 
aufführte? Sie schrie: "Glaubst du, daß er auch in deinen Mund 
will, O? Du hast nicht gesehen, wie er deinen Mund angestarrt 
hat. Ah! du Glückliche, alle wollen dich haben. Er wird dich 
bestimmt auspeitschen: er hat mindestens dreimal die Striemen 
geprüft, an denen man sieht, daß du gepeitscht worden bis t. 
Wenigstens wirst du dann nicht an Jacqueline denken. - Aber ich 

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denke doch nicht die ganze Zeit an Jacqueline, erwiderte O, du 
bist dumm. - Nein! Ich bin nicht dumm, sagte die Kleine, ich 
weiß genau, daß sie dir fehlt." Das stimmte, aber nicht ganz. 
Was O fehlte, war nicht eigentlich Jacqueline, sondern ganz 
einfach ein Mädchenkörper mit dem sie machen konnte, was sie 
wollte. Wäre Natalie ihr nicht verboten gewesen, sie hätte 
Natalie genommen und sie übertrat dieses Verbot nur deshalb 
nicht, weil sie sic her war, daß man ihr Natalie in wenigen 
Wochen in Roissy geben würde und daß Natalie zum ersten Mal 
vor ihr, und durch sie und dank ihrer ausgeliefert würde. Sie 
brannte darauf, die Mauer aus Luft, aus Raum, aus Leere 
niederzureißen, die zwischen Natalie und ihr stand, und zugleich 
genoß sie die Erwartung, die ihr auferzwungen war. Sie sagte es 
Natalie, die den Kopf schüttelte und ihr nicht glaubte. "Wenn 
Jacqueline da wäre, sagte sie, und es sich gefallen ließe, würdest 
du sie liebkosen. - Natürlich, sagte O und lachte. Da siehst du..." 
fing das Kind wieder an. Wie sollte man, wenn überhaupt, ihr 
erklären, daß O keineswegs so sehr in Jacqueline verliebt war, 
übrigens auch nicht in Natalie oder in irgend ein Mädchen im 
besonderen, sondern einfach in Mädchen  ganz allgemein, 
verliebt wie man in sein eigenes Bild verliebt sein kann  - nur 
daß sie die anderen immer weit bezaubernder und weit schöner 
fand, als sich selbst. Die Lust, die es ihr bereitete, eine Frau 
unter ihren Händen keuchen zu hören, zu sehen, wie  ihre Augen 
sich schlossen, die Spitzen ihrer Brüste sich unter ihren Lippen 
und ihren Zähnen aufrichteten  - in sie einzudringen, mit ihren 
Händen in Schoß und Lenden einzudringen und zu spüren, wie 
sie sich um ihre Finger schloß und ihr Stöhnen zu hören, machte 
O schwindelig  - diese Lust war nur deshalb so durchdringend, 
weil sie O ständig und zuverlässig bewies, welche Lust sie selbst 
verschaffte, wenn sie sich fest und stöhnend um jemand schloß, 
mit dem Unterschied, daß sie sich nicht vorstellen konnte, sich 
einer Frau so hinzugeben, wie diese sich ihr hingab, sondern nur 
einem Mann. Außerdem schien es ihr, daß die Mädchen, die sich 

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-184- 

ihr hingaben, rechtens das Eigentum des Mannes waren, dem sie 
selbst gehörte und daß sie nur als sein Stellvertreter handelte. 
Wäre Sir Stephen in den vergangenen Tagen ins Zimmer 
gekommen, als Jacqueline zur Stunde der Siesta bei ihr lag, sie 
hätte ohne das geringste Bedauern, ja mit äußerstem Vergnügen, 
Jacquelines Schenkel mit ihren eigenen Händen für ihn 
auseinandergezwungen, wenn es ihm gefallen hätte, sie zu 
nehmen, anstatt sie nur durch die durchbrochene Zwischenwand 
zu beobachten, wie er es getan hatte. Man konnte O auflassen 
wie einen Jungfalken, sie war ein Raubvogel, der von Natur aus 
"abgetragen" und "berichtigt" war und sich auf die Beute stürzen 
und sie dem Jäger zutragen würde. Und siehe da... Als sie jetzt 
wieder mit klopfendem Herzen an Jacquelines zarte und rosige 
Lippen unter dem blonden Rauchwerk ihres Schoßes dachte, an 
den noch zarteren und rosigeren Ring zwischen ihren Lenden, 
den sie nur dreimal zu durchstoßen gewagt hatte, hörte sie Sir 
Stephen in seinem Zimmer. Sie wußte, daß er sie sehen konnte, 
während sie selbst ihn nicht sah, und wieder einmal fühlte sie, 
wie glücklich sie über diese ständige Gefangenschaft war, in der 
seine Blicke sie hielten. Die kleine Natalie saß mitten im 
Zimmer auf dem weißen Teppich und sah aus wie eine Fliege in 
der Milch während O, die vor ihrem improvisierten Frisiertisch, 
der bauchigen Kommode stand und sich in dem 
darüberhängenden alten Spiegel bis zur Mitte sehen konnte, 
leicht grünlich und verschwommen wie auf der Oberfläche eines 
Teiches, an die Kupferstiche vom Ausgang des vorigen 
Jahrhunderts erinnerte, auf denen Frauen abgebildet sind, die im 
Hochsommer nackt im Halbdämmer ihrer Gemächer 
herumgehen. Als Sir Stephen die Tür auf stieß, drehte sie sich so 
heftig von der Kommode um, daß die Ringe zwischen ihren 
Beinen klirrend an einen der Bronzegriffe schlugen. "Natalie", 
sagte Sir Stephen, "hole die weiße Schachtel, die unten im 
zweiten Zimmer liegt." Natalie kam zurück, legte den Karton 
aufs Bett, öffnete ihn und holte den Inhalt heraus, wickelte 

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-185- 

Stück für Stück aus der Seidenpapierhülle und reichte eines nach 
dem anderen Sir Stephen. Es waren Masken. Kopfputz und 
Masken zugleich, sie waren so gearbeitet, daß sie mit Ausnahme 
von Mund und Kinn, den ganzen Kopf bedeckten und schmale 
Schlitze für die Augen freiließen. Sperber, Falke, Käuzchen, 
Fuchs, Löwe, Stier, lauter Tiermasken, menschlichen Maßen 
angepaßt, aber aus dem Fell oder dem Gefieder der echten Tiere 
gefertigt, die Augenhöhlen von Wimpern gesäumt, wenn das 
betreffende Tier Wimpern hatte (wie der Löwe). Pelz und 
Federn reichten dem Träger bis über die Schultern. Man 
brauchte nur ein ziemlich breites Band, das unter  dieser Art 
Nackenhaube verborgen war, festzuziehen und die Maske lag 
dicht über der Oberlippe (für jedes Nasenloch war eine Öffnung 
vorgesehen) und an den Wangen an. Eine Versteifung aus 
Pappmache, zwischen dem Überzug und dem Fellfutter hielt das 
ganze in der Fasson. Vor dem großen Spiegel, wo sie sich von 
Kopf bis Fuß sah, probierte O alle Masken. Die seltsamste 
Maske, die O am meisten verwandelte und zugleich am besten 
zu ihr zu passen schien, stellte ein Käuzchen dar, die fahlroten 
und beigen Federn verschmolzen mit ihrer Sonnenbräune; das 
Federkleid bedeckte ihre Schultern fast völlig, reichte bis zur 
Mitte des Rückens und vorn bis zum Ansatz der Brüste. Sir 
Stephen gebot ihr, das Lippenrot wegzuwischen, und als sie die 
Maske abnahm, sagte er: "Du wirst also beim Kommandeur das 
Käuzchen sein. Aber, O, verzeih mir, du wirst an der Kette 
geführt werden. Natalie, schau in der ersten Schublade meines 
Schreibschranks nach, dort wirst du eine Kette und eine Zange 
finden." Natalie brachte die Kette und die Zange, mit der Sir 
Stephen das letzte Glied der Kette öffnete und in den zweiten 
Ring fügte, den O am Schoß trug, es dann wieder 
zusammendrückte. Die Kette, die aussah wie eine Hundekette - 
und auch eine war - war eineinhalb Meter lang und endete in 
einem Karabinerhaken. Nachdem O die Maske wieder 
aufgesetzt hatte, befahl Sir Stephen Natalie, das Ende der Kette 

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-186- 

zu nehmen und O im Zimmer herumzuführen. Natalie machte 
dreimal die Runde um das Zimmer und zog die nackte und 
maskierte O am Schoß hinter sich her. "Ja", sagte Sir Stephen, 
"der Kommandeur hat recht gehabt, du mußt auch vollständig 
enthaart werden. Das kommt morgen. Heute behältst du deine 
Kette an." 

 

An diesem Abend saß O zum ersten Mal nackt mit Jacqueline, 

Natalie, René und Sir Stephen bei Tisch. Die Kette lief zwischen 
ihren Beinen hindurch, über die Lenden nach oben und schlang 
sich um ihre Taille. Norah bediente allein und O wich ihrem 
Blick aus: vor zwei Stunden hatte Sir Stephen sie rufen lassen. 

 

Die frischen Platzwunden entsetzten das junge Mädchen im 

Kosmetiksalon, wo O sich am folgenden Tag epilieren ließ, 
noch mehr als die Eisen und die Brandmale. Es nützte nichts, 
daß O ihr erklärte, diese Enthaarungsmethode, bei der man das 
hart gewordene Wachs zusammen mit den Haaren mit einem 
Griff abreißt, sei nicht weniger schmerzhaft, als ein 
Peitschenhieb, daß sie ihr, wenn sie auch nicht ihre gesamten 
Lebensumstände darlegte, doch immer wieder sagte, sogar zu 
erklären versuchte, wie glücklich sie sei; nichts konnte die 
Empörung und das Grauen mildern. 

Os 

Beschwichtigungsversuche führten nur dazu, daß sie danach 
nicht mehr, wie im ersten Augenblick, mit Mitleid betrachtet 
wurde, sondern voll Abscheu. Sie bedankte sich sehr freundlich, 
als sie fertig war und die Kabine verließ, in der man sie wie zur 
Liebe ausgespreizt hatte, hinterließ ein stattliches Trinkgeld und 
fühlte dennoch deutlich, daß sie eher hinausgeworfen als 
verabschiedet wurde. Was kümmerte es sie! Ihr war es völlig 
klar, daß der Kontrast zwischen dem Pelzwerk ihres Schoßes 
und dem Gefieder  der Maske zu groß war, daß das Aussehen 
einer ägyptischen Statue, das die Maske ihr verlieh und das 
durch die breiten Schultern, schmalen Hüften und langen Beine 

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-187- 

noch betont wurde, ein überall gleich glattes Fleisch erforderte. 
Doch einzig die Standbilder  von Göttinnen wilder Völker 
zeigten so hoch und deutlich die Spalte des Schoßes, zwischen 
deren Lippen der feine Grat noch zarterer Lippen erscheint. Sah 
man sie jemals von Ringen durchbohrt? O dachte an das 
rothaarige, rundliche Mädchen bei Anne-Marie, die gesagt hatte, 
daß ihr Gebieter sich ihres Ringes nur bediene, um sie am 
Fußende seines Bettes anzuketten und auch, daß sie stets epiliert 
sein mußte, weil er sie nur dann völlig nackt fand. O fürchtete, 
Sir Stephen zu mißfallen, der sie so gern an ihrem  Vlies zog, 
doch sie täuschte sich: Sir Stephen fand sie noch erregender, und 
als sie ihre Maske wieder aufgesetzt hatte  - ihr Mund war 
ungeschminkt wie die Lippen ihres Schoßes und so bleich  - 
streichelte er sie beinah schüchtern, wie man ein Tier streiche lt, 
das man zähmen will. Er hatte nicht gesagt, wohin er sie führen 
wollte, auch nicht, wann sie aufbrechen würden oder wen der 
Kommandeur zu Gast geladen hatte. Er schlief den ganzen 
Nachmittag bei ihr und ließ das Abendessen für sich und O im 
Schlafzimmer servieren. Sie fuhren eine Stunde vor Mitternacht 
im Buick ab, O in einem großen, braunen Lodencape und mit 
Holzschuhen an den Füßen; Natalie, in schwarzer Hose und 
schwarzem Pullover, hielt sie an der Kette, deren Haken an dem 
Armband befestigt war, das sie am rechten Handgelenk trug. Sir 
Stephen chauffierte. Der Mond war fast voll, er stand hoch am 
Himmel und erhellte in großen, schneeweißen Tupfen die 
Straße, die Bäume und die Häuser der Dörfer, durch die sie 
fuhren, ließ alles, was er nicht beleuchtete, schwarz wie Tusche. 
Noch standen da und dort ein paar Leute vor den Haustüren, die 
neugierig aufsahen, wenn der geschlossene Wagen an ihnen 
vorbeifuhr (Sir Stephen hatte das Verdeck nicht 
zurückgeschlagen). Hunde bellten. Auf der dem Mondlicht 
zugewandten Seite sahen die Olivenbäume aus wie silberne 
Wolken, die zwei Meter über dem Boden dahinzogen, die 
Zypressen wie schwarze Federn. Das einzig wirkliche an dieser 

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-188- 

Landschaft, die von der Nacht ins Phantastische überhöht 
wurde, war der Duft von Salbei und  Lavendel. Die Straße stieg 
noch immer an, doch noch immer lastete der gleiche Gluthauch 
über der Erde. O ließ ihr Cape von den Schultern gleiten. 
Niemand würde sie sehen, kein Mensch war unterwegs. Nach 
weiteren zehn Minuten Fahrt, die an einem immergrünen 
Eichenwald über der einen Straßenseite entlangführte, bremste 
Sir Stephen vor einer langen Mauer. Beim Herannahen des 
Wagens öffnete sich ein Einfahrtstor. Sir Stephen parkte in 
einem Vorhof, während das Tor hinter ihm wieder geschlossen 
wurde, stieg aus, ließ Natalie und O aussteigen, die auf seinen 
Befehl Cape und Holzschuhe im Wagen zurückließen. Er 
öffnete die Tür zu einem Renaissance-Kreuzgang, der nur aus 
drei Galerien bestand, auf der vierten Seite ging der geflieste 
Innenhof in eine ebenfalls geflieste Terrasse über. Ein Dutzend 
Paare tanzte auf der Terrasse und im Hof, einige tief 
dekolletierte Frauen und Männer im weißen Smoking saßen an 
den kleinen, von Kerzen erleuchteten Tischen, der Plattenspieler 
stand unter der Galerie zur Linken, ein Buffett auf der rechten 
Seite. Aber der Mond gab genauso viel Licht, wie die Kerzen 
und als er direkt auf O fiel, die von einem kleinen schwarzen 
Schatten Natalies vorwärtsgezogen wurde, hörten die Paare zu 
tanzen auf und die Männer, die an den Tischen saßen, erhoben 
sich. Der Kellner am Plattenspieler, der spürte, daß etwas im 
Gange war, drehte sich um und stellte vor Überraschung den 
Plattenspieler ab. O ging nicht mehr weiter, Sir Stephen, der 
unbeweglich zwei Schritte hinter ihr stand, wartete ebenfalls. 
Der  Kommandeur schob die Leute beiseite, die sich um O 
geschart hatten und von denen einige bereits Fackeln 
herbeibrachten, um sie genauer zu sehen. "Wer ist sie", fragten 
alle, "wem gehört sie?"  - "Ihnen, Sie wünschen", sagte er und 
zog Natalie und O zu einer Ecke der Terrasse, wo eine 
Steinbank, mit einer Faltmatratze bedeckt, an einem Mäuerchen 
stand. Als O sich gesetzt hatte, den Rücken an der Mauer, die 

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-189- 

Hände auf den Knien ruhend, Natalie, die noch immer die Kette 
hielt, zur Linken auf dem Boden ihr zu Füßen, drehte er sich von 
ihr weg. O suchte mit den Augen Sir Stephen und sah ihn nicht 
sofort. Dann erspähte sie ihn in einem Liegesessel in der 
anderen Ecke der Terrasse. Er konnte sie sehen, sie war 
beruhigt. Die Musik hatte wieder eingesetzt, die Tänzer tanzten 
wieder. Einige Paare näherten sich ihr zuerst wie zufällig im 
Vorübertanzen, dann eines von ihnen ganz unverhohlen, die 
Frau zog den Mann mit sich. O starrte sie mit ihren 
schwarzumrandeten Augen an, die unter dem Gefieder weit 
aufgerissen waren wie die Augen des Nachtvogels, den sie 
darstellte, und die Illusion war so vollständig, daß niemand auch 
nur auf den Gedanken kam, eine Frage zu stellen, ganz als wäre 
sie wirklich ein Käuzchen, taub gegen die menschliche Sprache 
und stumm. Von Mitternacht bis zum ersten Morgenlicht, das 
gegen fünf Uhr den Himmel im Osten bleichte, während das 
Licht des im Westen untergehenden Mondes schwächer wurde, 
umkreiste man sie immer wieder, immer wieder öffnete man 
ihre Knie, hob die Kette hoch, brachte einen dieser zweiarmigen 
provenzialischen Leuchter herbei  - und sie spürte, wie die 
Kerzenflamme ihr die Innenseite der Schenkel wärmte  - um zu 
sehen, wie die Kette an ihr befestigt war; ein betrunkener 
Amerikaner faßte sogar lachend an das Ende, doch als ihm klar 
wurde, daß seine Hand das Fleisch gepackt hielt und das Eisen, 
das dieses Fleisch durchdrang, wurde er plötzlich nüchtern und 
O sah in seinem Gesicht den gleichen Abscheu und die gleiche 
Verachtung, die sie bereits im Gesicht des jungen Mädchens im 
Kosmetiksalon gesehen hatte; er verschwand; ein sehr junges 
Mädchen mit nackten Schultern und einem winzigen 
Perlenhalsband, in einem weißen Debütantinnenkleid mit zwei 
Teerosen an der Taille, kleinen Goldsandalen an den Füßen, 
wurde von einem jungen Mann aufgefordert, sich dicht neben O 
an ihre rechte Seite zu setzen, dann nahm er ihre Hand, zwang 
sie, Os Brüste zu streicheln, die unter der leichten kühlen Hand 

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-190- 

erbebten, Os Schoß zu berühren und den Ring und das Loch, 
durch das der Ring geschoben war; die Kleine gehorchte 
schweigend und als der junge Mann ihr sagte, er werde mit ihr 
das gleiche machen, schreckte sie nicht zurück. Doch selbst 
diejenigen, die so über O verfügten, die sie wie ein 
Vorführmodell behandelten oder wie ein Demonstrationsobjekt, 
richteten nicht  ein einziges Mal das Wort an sie. War sie denn 
eine Steinfigur, eine Wachspuppe, ein Geschöpf aus einer 
anderen Welt und glaubte man, daß es keinen Sinn hätte, sie 
anzureden oder wagten sie es einfach nicht? Erst als der helle 
Tag gekommen war und alle Tänzer weg waren, weckten Sir 
Stephen und der Kommandeur die kleine Natalie, die zu Os 
Füßen schlief, ließen O aufstehen, führten sie in die Mitte des 
Hofes, nahmen ihr Kette und Maske ab, legten sie auf einen 
Tisch und nahmen sie.  

 

In einem letzten Kapitel das gestrichen wurde, kehrte O nach 

Roissy zurück, wo Sir Stephen sie verließ. 

 

Die Geschichte der O hat einen zweiten Schluß. Er lautet: Als 

O sah, daß Sir Stephen sie verlassen würde, wünschte sie sich 
den Tod. Sir Stephen erteilte seine Zustimmung. 

 

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-191- 

Rückkehr nach Roissy 

 

 

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-192- 

Ein verliebtes Mädchen 

 

Eines Tages sagte ein verliebtes Mädchen zu dem Mann, den 

es liebte: »Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen 
gefallen...« - »Glauben Sie?« antwortete er. Sie trafen sich zwei-  
oder dreimal in der Woche, niemals in den Ferien, niemals an 
den Wochenenden. Beide knapsten die Zeit, die sie zusammen 
verbrachten, der Familie oder der Arbeit ab. Im Januar oder 
Februar, wenn die Tage länger werden und die Sonne vom 
Westen her einen roten Widerschein auf die Seine wirft, gingen 
sie des Nachmittags an den Flußufern spazieren, Quai des 
Grands Augustins, Quai de la Tournelle, und küßten sich im 
Schatten der Brücken. Ein Clochard rief ihnen einmal zu: 
»Sollen wir euch ein Zimmer bezahlen?« Ihre Zufluchtsorte 
wechselten häufig. Der alte Wagen, den das Mädchen fuhr, 
brachte sie in den Zoo, um die Giraffen zu sehen, nach 
Bagatelle, um im Frühjahr Iris und Klematis oder im Herbst 
Astern zu betrachten. Sie merkte sich die Namen der Astern, 
blauer Nebel, violett, blaßrosa, warum eigentlich? Denn niemals 
hat sie sie pflanzen können (dennoch werden wir die Astern 
wiederfinden). Aber es ist weit nach Vincennes oder zum Bois. 
Im Bois trifft man Leute, die einen kennen. Tatsächlich blieben 
nur die Zimmer. Ein und dasselbe mehrma ls hintereinander. 
Oder andere, wie es der Zufall wollte. Die dürftige Beleuchtung 
der Zimmer in den Bahnhofshotels hat etwas merkwürdig 
Anheimelndes; der bescheidene Luxus des großen Betts, das 
man beim Weggehen mit zerwühlten Laken hinterläßt, hat 
seinen Reiz. Und es kommt die Zeit, da man das Geräusch der 
Gespräche und Seufzer nicht mehr trennen kann von dem 
unablässig von der Straße heraufdringenden Dröhnen der 
Motoren und dem Quietschen der Reifen. Dieses flüchtige und 
zärtliche Beisammensein in der Muße, die der Liebe folgt, war 
mehrere Jahre lang eingelullt von diesen Erzählungen und, wenn 

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-193- 

man das sagen kann, von diesen Rezitierungen, bei denen die 
Bücher an erster Stelle stehen. Die Bücher waren ihre einzige 
völlige Freiheit, ihr gemeinsames Vaterland, ihre wahren 
Reisen; in den Büchern, die sie liebten, lebten sie zusammen wie 
andere im Schoße der Familie; in den Büchern fanden sie ihre 
Landsleute und Brüder; die Dichter hatten für sie geschrieben, 
die Briefe der Liebenden von einst erreichten sie trotz der 
Unverständlichkeit der altertümlichen Sprache, der überlebten 
Bräuche und Moden - und all das wurde mit gedämpfter Stimme 
vorgelesen in einem unbekannten, schmutzigen Zimmer, das 
wunderbarerweise einer Festung glich, die einige Stunden lang 
vergeblich von der Außenwelt berannt wurde. Sie hatten keine 
gemeinsame Nacht. Plötzlich, zu der und der im voraus 
festgesetzten Stunde  - die Uhr bleibt am Handgelenk  - mußten 
sie aufbrechen. Jeder mußte wieder in seine Straße,.in sein Haus, 
in sein Zimmer, in sein gewohntes Bett, zu jenen, mit denen 
man durch eine unsühnbare Liebe von anderer Art verbunden 
ist, zu jenen, die einem der Zufall oder die Jugend beschert, oder 
die man sich selbst ein für allemal aufgeladen hat und die man 
weder verlassen noch verletzen kann, wenn man im Mittelpunkt 
ihres Lebens steht. Er war in seinem Zimmer nicht allein. Sie 
war allein in dem ihren. Eines Abends, nach diesem »Glauben 
Sie?« der ersten Seite und ohne zu ahnen, daß sie eines Tages 
auf einem Katasteramt den Namen Réage finden und sich 
erlauben würde, den Vornamen zweier berühmter Kokotten, 
Pauline Borghese und Pauline Roland, zu entlehnen, eines 
Abends begann jene, für die ich heute spreche, und das mit Fug 
und Recht, denn wenn ich nichts von ihr habe, hat sie doch alles 
von mir, und insbesondere die Stimme; eines Abends also 
begann dieses Mädchen, statt ein Buch zur Hand zu nehmen, 
ehe sie einschlief, krumm wie ein Fiedelbogen auf der linken 
Seite liegend, die Geschichte zu schreiben, die sie versprochen 
hatte. 

Der Frühling ging seinem Ende zu. Die japanischen Kirschen 

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-194- 

in den großen Pariser Parks, die Judasbäume, die Magnolien in 
der Nähe der Teiche, die Holundersträucher am Rand der alten 
Stadtbahndämme waren abgeblüht. Die Tage hörten nicht auf, 
und zu ungewöhnlichen Stunden drang das Licht des Morgens 
bis zu den staubigen schwarzen Vorhängen, den letzten Spuren 
der Luftschutzmaßnahmen des Krieges. Aber im Schein der am 
Kopfende des Bettes brennenden kleinen Leuchte glitt die Hand, 
die den Bleistift hielt, unbekümmert um die Stunde und die 
Helligkeit, über das Papier. Das Mädchen schrieb, wie man im 
Dunkeln mit jenem spricht, den man liebt, wenn die Liebesworte 
zu lange zurückgehalten worden sind und nun endlich strömen. 
Zum ersten Male in ihrem Leben schrieb sie ohne Zaudern, 
rastlos, ohne etwas zu ändern oder auszustreichen, sie schrieb, 
wie man atmet, wie man träumt. Das fortwährende Gebrumm 
der Autos wurde schwächer, man hörte kein Türenschlagen 
mehr, Paris wurde still. Sie schrieb noch, als die Stunde der 
Müllfahrer begann und die Morgendämmerung anbrach. Die 
erste Nacht, die sie ganz und gar so verbrachte, wie zweifellos 
Nachtwandler die Nächte verbringen, sich selbst entrissen oder - 
wer weiß? sich selbst zurückgegeben. Am Morgen verwahrte sie 
den Block, der die beiden Anfänge enthielt, die Sie kennen, 
denn wenn Sie dies hier lesen, haben Sie sich bereits die Mühe 
gemacht, die ganze Geschichte zu lesen, von der Sie heute mehr 
wissen, als die Autorin damals. Sie mußte jetzt aufstehen, sich 
waschen, anziehen, frisieren, den starren Harnisch wieder 
anlegen, das alltägliche Lächeln aufsetzen, die übliche stumme 
Sanftmut zur Schau tragen. Morgen, nein, übermorgen, würde 
sie ihm das Heft geben. 

Sie reichte es ihm sofort, als er ins Auto stieg, wo sie ihn 

erwartete, einige Meter vor einer Straßenkreuzung, in einer 
kleinen Straße in der Nähe einer U-Bahnstation und eines 
Marktes. (Suchen Sie nicht nach der Stelle, es gibt viele, die ihr 
ähnlich sind, und es ist kaum wichtig, welche es war.) Gleich 
lesen, nicht fragen. Im übrigen  stellte sich diese Zusammenkunft 

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-195- 

als eine von jenen heraus, zu denen man kommt, um zu sagen, 
daß man nicht kommt, weil man zu spät erfährt, daß man 
absagen muß, und es nicht rechtzeitig tun kann. Immerhin war 
es schön, daß er hatte entfliehen können. Sonst hätte sie eine 
Stunde gewartet und wäre am nächsten Tag zur selben Stunde 
wiedergekommen, zur selben Stelle, nach den uralten Regeln 
der Vogelfreien. Er sagte entfliehen, denn alle beide bedienten 
sich eines Vokabulars von Häftlingen, die sich nicht gegen ihr 
Gefängnis empören, und vielleicht waren sie sich darüber klar, 
daß sie, wenn sie das Gefängnis schlecht ertrugen, es auch 
schlecht ertragen würden, daraus entlassen zu werden, weil sie 
sich schuldig fühlten. Die Vorstellung, daß man nach Hause 
gehen mußte, machte die heimliche Zeit besonders wertvoll, 
denn sie siedelte sich außerhalb der wirklichen Zeit an, 
gleichsam in einer bizarren und ewigen Gegenwart. In dem 
Maße, in dem die Jahre vergingen, ohne ihnen mehr Freiheit zu 
bringen, hätten sie sich durch die Jahre, die vor ihnen 
zusammenschrumpften, gehetzt fühlen müssen. Aber nein. Die 
Hindernisse jedes Tages, jeder Woche  - entsetzliche Sonntage 
ohne Briefe, ohne Telefon, ohne daß ein Wort oder ein Blick 
möglich waren, entsetzliche Ferien, irgendwo am  Ende der 
Welt, und immer war jemand da, der fragte: »Woran denkst 
du?«  - diese Hindernisse genügten, daß sie sich quälten und 
immer fürchteten, der andere könne sich verändert haben. Sie 
erhoben nicht den Anspruch, glücklich zu sein, aber nachdem 
sie sich  einmal erkannt hatten, flehten sie zitternd darum, daß es 
von Dauer sein möge, mein Gott, daß es von Dauer sein möge... 
daß nicht plötzlich der eine dem anderen fremd erscheine, daß 
diese unverhoffte Brüderlichkeit anhalten möge, die seltener ist 
als das Begehren und kostbarer als Liebe - oder die vielleicht 
schließlich Liebe sein würde. So war alles ein Wagnis: ein 
Zusammensein, ein neues Kleid, eine Reise, ein unbekanntes 
Gedicht. Aber nichts würde sie hindern, diese Wagnisse auf sich 
zu nehmen. Das ernsteste an diesem Tage war indes das Heft. 

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-196- 

Und wenn die Trugbilder, die es enthüllte, ihren Geliebten 
entrüsteten oder, was schlimmer wäre, ihn langweilten oder, was 
noch schlimmer wäre, ihm lächerlich erschienen? Natürlich 
nicht um dessentwillen, was sie waren, sondern weil sie von ihr 
stammten, und weil man selten denen, die man liebt, Freiheiten 
verzeiht, die man allen anderen zugesteht. Sie hatte sich zu 
Unrecht geängstigt: »Ah«, sagte er. »Fahren Sie fort. Was 
geschieht dann? Wissen Sie es?« Sie wußte es. Sie verriet es 
nach und nach. Den ganzen Spätsommer hindurch, während des 
ganzen Herbstes, erst am glühendheißen Strand, dann in einem 
trostlosen Badeort und schließlich wieder im rötlichgelben, 
versengten Paris schrieb sie, was sie wußte. Jeweils zehn oder 
fünf Seiten, ganze Kapitel oder Bruchstücke von Kapiteln 
steckte sie in einen Umschlag und schickte diese Seiten im 
gleichen Format wie der ursprüngliche Block, die manchmal mit 
Bleistift, manchmal mit Kugelschreiber oder Füllfederhalter 
geschrieben waren, an eine postlagernde Adresse. Weder Kopie, 
noch Konzept, nichts hob sie auf. Aber die Post ist zuverlässig. 
Die Geschichte war noch nicht fertig, da verlangte der Mann, als 
sie ihre Zusammenkünfte im herbstlichen Paris wieder 
aufgenommen hatten, sie solle ihm die Geschichte nach und 
nach laut vorlesen; und in dem schwarzen Wagen, am hellichten 
Nachmittag in einer verkehrsreichen und tristen Straße des 
dreizehnten Arrondissements, in der Nähe der Butteaux-Cailles, 
wo man noch in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts zu 
leben glaubt, oder am Ufer des Kanal St.-Martin, wo die 
Brücken fast chinesisch sind, mußte sich das Mädchen, das 
vorlas, dann und wann unterbrechen, denn es ist zwar möglich, 
sich in der Stille die schlimmste und heikelste Einzelheit 
auszudenken, sie zu ersinnen und niederzuschreiben, aber es ist 
nicht möglich, das laut vorzulesen, was in endlosen Nächten 
geträumt wurde. 

Indessen hörte die Geschichte eines Tages auf. Für O gab es 

nichts als diesen Tod, dem sie insgeheim mit aller Kraft 

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-197- 

entgegeneilte und zu dem ihr in zwei Zeilen die Zustimmung 
erteilt wurde. Was die Frage betrifft, wie das Manuskript ihrer 
Geschichte in die Hände von Jean Paulhan geriet, so habe ich 
versprochen, das nicht zu verraten, und auch den richtigen 
Namen von Pauline Réage nicht zu nennen, wobei ich mich auf 
die Ritterlichkeit derjenigen verlasse, die ihn kennen, damit er 
ebenso lange nicht verbreitet werde, wie es mir unmöglich 
erscheint, dieses Versprechen zu brechen. Im übrigen ist nichts 
trügerischer und vergänglicher als eine Identität. Wenn man 
glauben kann, wie es Hunderte von Millionen Menschen 
glauben, daß wir mehrere Leben leben, warum soll man dann 
nicht auch glauben, daß wir in jedem Leben der Treffpunkt 
mehrerer Seelen seien? Wer bin ich schließlich, sagt Pauline 
Réage, wenn nicht der auf lange Zeit stumme Teil von irgend 
jemandem, der nächtliche und geheime Teil, der sich niemals 
öffentlich durch eine Tat, durch eine Geste verrät, ja nicht 
einmal durch ein Wort, sondern über die Schleichwege des 
Imaginären mit Träumen umgeht, die so alt sind wie die Welt? 
Woher mir diese immer wiederkehrenden und so hartnäckigen 
Träume kamen, gerade vor dem Einschlafen, immer dieselben, 
in denen die reinste und scheueste Liebe stets die qualvollste 
Hingabe guthieß oder vielmehr forderte, in denen kindische 
Bilder von Ketten und Peitschen der Gewalt die Symbole der 
Gewalt hinzufügten, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie 
heilsam für mich waren und mich rätselhafterweise beschützten 
- im Gegensatz zu den vernünftigen Träumen, die sich um das 
tägliche Leben drehen und versuchen, es zu ordnen und zu 
zügeln. Ich habe es nie verstanden, mein Leben zu zügeln. Indes 
ging alles so vor sich, als ob diese seltsamen Träumereien mir 
dabei behilflich seien, als ob mit diesen Rasereien und dieser 
Wollust des Unmöglichen irgendein Lösegeld bezahlt werde: die 
Tage, die darauf folgten, waren dadurch sonderbarerweise 
leichter geworden, während die besonnenen 
Zahlungsanweisungen auf die Zukunft und die 

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-198- 

Vorausberechnungen des gesunden Menschenverstandes sich 
jedesmal durch die Ereignisse widerlegt sahen. Ich lernte sehr 
bald, daß man die öden Stunden der Nacht nicht dazu 
verwenden durfte, erdachte Wohnungen zu möblieren, nicht 
existierende, aber mögliche Wohnungen, wo Verwandte und 
Freunde zusammen glücklich wären (welche Schimäre!)  - daß 
man aber unbesorgt geheime Schlösser einrichten könne, 
vorausgesetzt, man bevölkert sie mit verliebten Mädchen, 
prostituiert durch die Liebe und triumphierend in ihren Ketten. 
Auch die Schlösser von de Sade, die entdeckt wurden, nachdem 
die meinen schon längst in der Stille erbaut worden waren, 
haben mich niemals überrascht, ebensowenig wie seine Freunde 
des Verbrechens: ich hatte schon meine Geheimgesellschaft, 
eine viel harmlosere und unmündigere. Aber  er hat mir 
begreiflich gemacht, daß wir alle in dem Sinne Kerkermeister 
und alle im Gefängnis sind, als es in uns immer einen gibt, den 
wir uns selbst anketten, den wir einsperren, den wir zum 
Schweigen bringen. Durch einen merkwürdigen Rückschlag 
geschieht es, daß das Gefängnis sogar die Freiheit erschließt. 
Die Steinmauern einer Zelle, die Einsamkeit, aber auch die 
Nacht, wiederum die Einsamkeit, die wohlige Wärme des 
Bettes, die Stille befreien dieses Unbekannte, dem wir den Tag 
verweigern. Es entflieht uns und entflieht unaufhörlich, trotz der 
Mauern, trotz der Zeitalter und Verbote. Es geht von einem zum 
anderen von einer Epoche, einem Land zum anderen. 
Diejenigen, die für es das Wort ergreifen, sind nur Übersetzer, 
denen, ohne daß man weiß, warum (warum gerade sie, warum 
an jenem Tage?) erlaubt wird, einen Augenblick einige der 
Fäden dieses uralten Netzes verbotener Gedanken zu ergreifen. 
Schließlich, nach fünfzehn Jahren, warum nicht ich? 

Was ihn, für den ich diese Geschichte schrieb, begeisterte, 

sagt sie noch, war ihre Ähnlichkeit, die sie mit meinem Leben 
hatte. Konnte es sein, daß die Geschichte dessen verzerrtes 
Spiegelbild war? Daß sie dessen Schlagschatten war, 

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-199- 

unkenntlich, verkürzt wie der eines Spaziergängers in der 
Mittagssonne, oder auch deshalb unkenntlich, weil er teuflisch 
verlängert war wie der Schatten eines Menschen, der an einem 
leeren Strand vom Atlantischen Ozean zurückkommt, wenn die 
Sonne in Flammen hinter ihm versinkt? Zwischen dem, was ich 
zu sein glaubte, und dem, was ich erzählte und zu erfinden 
glaubte, sah ich zugleich einen so weiten Abstand und eine so 
nahe Verwandtschaft, daß ich mich selbst darin nicht erkannte. 
Zweifellos nahm ich mein Leben nur mit so viel Geduld (oder 
Passivität oder Schwäche) hin, weil ich genau wußte,  daß ich, 
wenn ich es wünschte, dieses andere, verborgene Leben 
wiederfinden würde, das über das Leben hinwegtröstet, das sich 
nicht eingestehen, nicht mit jemandem teilen läßt - und siehe da, 
dank ihm, den ich liebte, gestand ich es ein und teilte es von nun 
an mit jedem, der wollte, ebenso vollkommen prostituiert in der 
Anonymität eines Buches wie in dem Buch dieses Mädchen 
ohne Gesicht, ohne Alter, ohne Namen und sogar ohne 
Vornamen. Über sie hat er niemals eine Frage gestellt. Er wußte, 
daß sie eine Idee war, eine flüchtige Vorstellung, ein Schmerz, 
die Negation eines Schicksals. Aber die anderen? René, 
Jacqueline, Sir Stephen, Anne-Marie? Und die Orte, die Straßen, 
die Gärten, die Häuser, Paris, Roissy? Und die Verhältnisse? Ja, 
die glaubte ich zu kennen. 

René zum Beispiel (ein sehnsuchtsvoller Vorname) war die 

Erinnerung, nein, die Spuren einer Jugendliebe oder vielmehr 
einer Hoffnung auf Liebe, die ansonsten niemals existierte, und 
René hat niemals geahnt, daß ich ihn lieben könnte. Aber 
Jacqueline hat  ihn geliebt. Und vor ihm mich. Indes war sie 
nicht mein erster Liebeskummer gewesen. Fünfzehn war sie, 
wie ich, und das ganze Schuljahr hindurch hatte sie mich 
verfolgt und sich über meine Kälte beklagt. Kaum war sie in die 
Ferien entschwunden, da erwachte ich aus dieser Kälte. Ich 
schrieb ihr. Juli, August, September, drei Monate lang lauerte 
ich dem Briefträger vergeblich auf. Trotzdem schrieb ich. Diese 

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-200- 

Briefe haben alles zerstört. Jacquelines Eltern verboten ihr, mich 
zu sehen, und von ihr, die nun in eine andere Klasse ging, erfuhr 
ich, daß »das eine Sünde sei«. Was war denn eigentlich eine 
Sünde? Was warf man mir vor? Der Tag ist auch nicht 
unschuldiger... Rosalinde und Celia hatte ich neu erfunden, in 
aller Harmlosigkeit - die nicht anhielt. Jacqueline, die wirkliche 
Jacqueline, kommt also in der Geschichte nur mit ihrem 
Vornamen und ihrem hellen Haar vor. Die Jacqueline der 
Geschichte ist eher eine blasierte, blasse junge Schauspielerin, 
mit der ich eines Tages in der Rue de L'Eperon zu Mittag 
gegessen hatte. Der alte Mann, der ihr ihren Schmuck, ihre 
Schneiderkostüme und ihren Wagen bezahlte, rief mich als 
Zeugen an: »Sie ist schön, nicht wahr?« Ja, sie war schön. Ich 
habe sie niemals wiedergesehen. Ist René etwas, das ich hätte 
erraten können, wenn ich ein Mann gewesen wäre? Einem 
anderen Mann derart hörig, daß er ihm alles abtritt und dieses 
Gebaren eines Vasallen dem Lehensherrn gegenüber nicht 
einmal für anachronistisch hält? Das befürchte ich. Während die 
imaginäre Jacqueline im wahrsten Sinne des Wortes die Fremde 
war. Allerdings brauchte ich lange, um mir darüber klar zu 
werden, daß ein Mädchen wie sie  - die ich verzweifelt 
bewunderte  - mir in einem anderen Leben meinen Geliebten 
genommen hatte. Und ich rächte mich, indem ich sie nach 
Roissy schickte, ich, die ich jede Rache zu verachten vorgab und 
nicht einmal imstande war, es zu erkennen. Das Ersinnen einer 
Geschichte ist eine sonderbare Falle. Sir Stephen hingegen hatte 
ich mit eigenen Augen gesehen. Mein damaliger Geliebter, 
derselbe, von dem ich gerade gesprochen habe, hat ihn mir eines 
Nachmittags in einer Bar in der Nähe der Champs-Elysees 
gezeigt: halb auf einem Hocker sitzend vor der Mahagonitheke, 
schweigend, ruhig, wie ein Fürst aussehend mit jenen grauen 
Augen, die junge Männer und Frauen faszinieren - er hat ihn mir 
gezeigt und gesagt: »Ich verstehe nicht, daß die Frauen solche 
Männer nicht den Knaben von dreißig Jahren vorziehen.« Er 

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-201- 

war noch keine Dreißig. Ich habe nicht geantwortet: »Aber sie 
ziehen sie ihnen ja vor.« Den Unbekannten habe ich lange 
angeschaut. Vielleicht fünfzig Jahre, bestimmt Engländer. Und 
was sonst noch? Nichts. Aber dieser stumme, einseitige Kontakt 
zwischen ihm und meinem Gefährten, zwischen ihm und mir ist 
zehn Jahre später blitzartig wieder aufgetaucht, mitten in der 
Nacht, die nur der Schein der Lampe auf meinem Nachttisch 
durchlöcherte, und die Hand auf dem Papier hat ihn mit einer 
neuen Bedeutung noch schneller wiedererstehen lassen als die 
Überlegung. Anne- Marie kenne ich überhaupt nicht. Eine 
meiner Freundinnen (die ich respektiere, und ich respektiere 
nicht leicht jemanden) könnte sehr wohl Anne-Marie sein, wäre 
sie nicht die Keuschheit und Anständigkeit in Person: ich will 
damit sagen, Anne-Marie hätte die Entschlossenheit und Strenge 
von ihr haben könne n, und die Unverblümtheit und die tadellose 
und redliche Art und Weise, wie sie ihr Gewerbe ausübte. Offen 
gestanden, die fraglichen Gewerbe (das von O, das von Anne-
Marie, Hure oder Kupplerin, wenn ich mich deutlich ausdrücken 
muß) kenne ich nicht. Wenn ein entrüsteter großer Schriftsteller 
in meiner Erzählung die Erinnerungen einer Schönen sehen will 
- und zu seiner Entschuldigung gesteht, daß er sie nicht gelesen 
habe  - so irrt er zweimal: es sind keine Erinnerungen, und ich 
bin keine Schöne, wie ritterlich dieser Ausdruck auch sein mag. 
Sagen wir, um ihm eine Freude zu machen, daß ich zweifellos 
meinen Beruf verfehlt habe. Ist es nach dem gekürzten 
Personenverzeichnis, wie im Theater, noch interessant, die 
Schauplätze der Handlung genau anzugeben? Sie sind 
Allgemeingut. Die Rue de Poitiers und das Séparé bei La 
Pérouse, das Zimmer im Stundenhotel in der Nähe der Bastille 
mit dem Spiegel an der Decke, die Straßen im Quartier St.-
Germain, die sonnigen Quais der Ile St. Louis, der trockene, 
weiße Kies im provençalischen Hinterland und dieses Roissyin-
Frankreich, bei einem kurzen Ausflug im Frühling entdeckt, 
kaum etwas anderes als ein Name auf der Landkarte, gewiß, 

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-202- 

nichts ist erfunden, und ebenso wenig die Astern, von denen ich 
Ihnen gesagt habe, daß wir sie  wiederfinden würden. Ebenfalls 
nicht erfunden  - eher gestohlen, und ich bitte ihn nachträglich 
um Verzeihung, aber es war ein Diebstahl aus Bewunderung  - 
sind die Masken von Leonor Fini. Anscheinend habe ich auch 
den Salon einer Dame gestohlen und ihn einer abscheulichen 
Verwendung zugeführt: den Salon von Sir Stephen, stellen Sie 
sich das vor! Die Dame hat es mir selbst gesagt, nicht ahnend, 
mit wem sie sprach (man weiß nie, mit wem man spricht). 
Niemals bin ich bei ihr gewesen, niemals habe ich diesen Salon 
gesehen. Auch das in einer Bodensenke verborgene Haus habe 
ich niemals gesehen (und wußte nicht, daß es existierte), jenes 
Haus, wo seit Jahren ein Mädchen, das ich schließlich durch 
einen Zufall kennenlernte, dem Mann, den es liebte - und der es 
mit Hilfe eines unsichtbar in der Wand angebrachten Spiegels 
und eines Mikrophons überwachte - die Schauspiele bot, die Sir 
Stephen von O verlangte: die Hingabe an Unbekannte, die er 
anheuerte und ihr aufzwang. Nein, ich habe die Geschichte 
dieses Mädchens nicht kopiert, noch hat sich das Mädchen von 
der Geschichte, die ich erzähle, beeinflussen lassen. Aber 
nachdem einmal dem Phantastischen und der Weitschweifigkeit 
Rechnung getragen war, was die Obsessionen mildert (die 
unaufhörliche Wiederholung der Freuden und Mißhandlungen 
war ebenso notwendig wie absurd und unerfüllbar), 
überschneidet sich alles, Erlebtes oder Geträumtes, alles erweist 
sich als gemeinhin geteilt in dem Universum desselben 
Wahnsinns  - und wenn man es fertigbringt, diesem Universum 
ins Angesic ht zu sehen, dann ist alles  - Greuel und 
Wunderbares, Träume und Schäume  - Beschwörung und 
Erlösung. 

 

 

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-203- 

Rückkehr nach Roissy 

 

 

Die folgenden Seiten sind eine Fortsetzung der Geschichte der 

O. Sie sind bewußt ein Abstieg, und sie dürfen niemals in die 
Geschichte der O einbezogen werden. 

P. R. 

 

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-204- 

 

 

Alles schien geregelt zu sein: der September rückte heran. 

Mitte September sollte O wieder nach Roissy gehen und Natalie 
mitnehmen. René, von einer Reise nach Nordafrika 
zurückgekehrt, würde Jacqueline dort hinbringe n  - zumindest 
ließ er das verlauten. Wie lange Natalie und wie lange O dort 
bleiben würden, hing für O zweifellos von der Entscheidung ab, 
die Sir Stephen traf, und für Natalie von dem Gebieter oder den 
Gebietern, die ihr das Schicksal in Roissy bescheren  würde. 
Aber obwohl die fest geplanten und bestimmten Vorhaben 
beruhigend waren, machte O sich Sorgen, als ob es sich um ein 
gefährliches Vorzeichen handele, um eine Herausforderung des 
Schicksals, ja, sogar über diese Gewißheit, von der alle um sie 
herum erfüllt waren, daß sie tun würden, was er beschlossen 
habe, machte sie sich Sorgen. Natalies Freude entsprach ihrer 
Ungeduld, und in dieser Freude lag etwas von kindlicher 
Naivität und von dem Vertrauen, das Kinder in die 
Versprechungen von Erwachsenen setzen. Daß O die 
Verfügungsgewalt von Sir Stephen über sie anerkannte, 
erweckte in Natalie auch nicht den kleinsten Schatten eines 
Zweifels: Os Unterwürfigkeit war so unbedingt und stets so 
unmittelbar, daß Natalie sich nicht vorstellen konnte, so sehr 
bewunderte sie O, daß sich jemand Sir Stephen in den Weg 
stellen könne, wenn O vor ihm auf den Knien lag. So glücklich 
O auch war, und gerade weil sie glücklich war, wagte sie nicht 
daran zu glauben, und ebenso wenig wagte sie, Wasser in den 
Wein von Natalies Ungeduld und Freude zu gießen. Von Zeit zu 
Zeit, wenn Natalie halblaut sang, hieß sie sie jedoch schweigen, 
um das Schicksal nicht herauszufordern. Sie achtete darauf, 
niemals den Fuß auf die Fugen der Fliesen zu setzen, niemals 
Salz zu verschütten, niemals  Messer über Kreuz oder das Brot 
umgekehrt hinzulegen. Und was Natalie nicht wußte und sie ihr 
nicht zu sagen wagte, war, daß sie sich deshalb so gern 

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-205- 

peitschen ließ, weil sie abgesehen von der Lust, die sie bis zu 
einem gewissen Grad dabei verspürte, für das Glück, das sie 
darin fand, sogar über ihren Willen hinaus preisgegeben zu sein, 
bei Überschreitung dieses Grades gewissermaßen mit 
Schmerzen und Demütigung bezahlte - Demütigung, weil sie es 
nicht fertigbrachte, nicht zu flehen und nicht zu schreien, 
während sie das Glück empfand und damit vielleicht 
abergläubisch dessen Dauer sicherstellte. Ah, sich nicht 
bewegen, damit auch die Zeit stillstehe! O haßte das 
Morgengrauen und die Abenddämmerung, wenn sich alles 
wendet, seine Form aufgibt und eine andere annimmt, so 
verräterisch, so traurig. Machten die Tatsache, daß René sie an 
Sir Stephen abgetreten hatte, und gleichzeitig die Leichtigkeit, 
mit der sie sich nachgerade umgestellt hatte, es nicht ebenso 
wahrscheinlich, daß Sir Stephen sich seinerseits ändern könnte? 
Als O eines Tages nackt vor ihrer geschweiften Kommode 
stand, deren Bronzebeschläge eine chinesische Imitation waren 
und Figuren darstellten mit spitzen Hüten wie die Strandhüte, 
die Natalie trug, kam es ihr in den Sinn, daß etwas neu war an 
Sir  Stephens Verhalten ihr gegenüber. Erstens verlangte er von 
ihr, daß sie von jetzt an in ihrem Zimmer ständig nackt sei. 
Selbst die Pantöffelchen waren ihr nicht mehr erlaubt, noch die 
Halsbänder oder ein sonstiger Schmuck. Das war nur eine 
Kleinigkeit. Wenn Sir Stephen, fern von Roissy, eine Vorschrift 
wünschte, die ihn an Roissy erinnerte, stand es O dann zu, sich 
darüber zu verwundern? Es war etwas Ernsteres. Gewiß, in jener 
Ballnacht war O darauf gefaßt gewesen, daß Sir Stephen sie dem 
Gastgeber ausliefern mußte. Gewiß, er selbst hatte sie  - in 
Gegenwart von René zum Beispiel oder von Anne-Marie und 
seit einiger Zeit natürlich in Gegenwart von Natalie - schon am 
hellichten Tage genommen. Aber vor jener Nacht hatte er sie 
niemals in seiner Gegenwart von irgendeinem anderen nehmen 
lassen und sie auch nicht mit demjenigen geteilt, dem er sie 
auslieferte. Und niemals war sie ausgeliefert worden, ohne daß 

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-206- 

er sie nachher dafür züchtigte, als ob eben das Ziel, das er 
verfolgte, wenn er sie prostituierte, nur ein  Vorwand sei, um sie 
zu bestrafen. Aber nicht an dem Tag nach dem Ball. Erschien 
ihm die Schmach, die es für O bedeutete, vor seinen Augen 
einem anderen als ihm zu gehören, als ausreichende Buße? Was 
sie so bereitwillig hingenommen hatte, als es René war und 
nicht Sir Stephen. Was sie so bereitwillig hingenommen hatte, 
wenn Sir Stephen nicht da war, erschien O abscheulich in seiner 
Gegenwart. Zwei Tage vergingen dann, ohne daß er sich ihr 
näherte. O wollte Natalie in ihr Zimmer zurückschicken, Sir 
Stephen verbot es ihr. O wartete also, bis Natalie eingeschlafen 
war, um in der Stille und ohne gesehen zu werden zu weinen. 
Erst am vierten Tag kam Sir Stephen am späten Nachmittag, wie 
es seine Gewohnheit war, zu O, nahm sie und ließ sich von ihr 
liebkosen. Als er endlich stöhnte und in seiner Lust ihren Namen 
rief, wußte sie, daß sie gerettet war. Aber als sie, längelang, mit 
geschlossenen Augen, gebräunt und reglos auf dem weißen 
Teppich liegend, ihn halblaut fragte, ob er sie liebe, antwortete 
er nicht: »Ich liebe dich, O«, sondern sagte nur: »Aber sicher« 
und lachte. War das so sicher? »Du wirst am 15. September in 
Roissy sein«, hatte er gesagt. »Ohne Sie?« hatte O gefragt. 
»Ach, ich komme auch«, hatte er geantwortet. Es war in den 
letzten Augusttagen; die Feige n und die blauen Trauben in den 
Körben zogen die Wespen an, die Sonne war weniger weiß und 
verlängerte des Abends die Schatten. O war allein in dem 
großen unfreundlichen Haus mit Natalie und Sir Stephen. René 
hatte Jacqueline mitgenommen. 

Sollte O die Tage zählen, die sie noch vom 15. September 

trennten, wie Natalie es machte: noch vierzehn, noch zwölf, 
oder sollte sie den Entscheidungstag fürchten? Die so gezählten 
Tage vergingen still. Natalie und O waren gleichsam im 
vorhinein in einem Frauengemach einge schlossen, das sie nicht 
zu verlassen wünschten, wo die Wände das Lachen und die 
Gespräche und die Fensterscheiben den Tritt von Schritten so 

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-207- 

gut dämpften, daß die Schreie von O, wenn sie geschlagen 
wurde, das einzige Geräusch waren. Eines Sonntagsabends,  als 
der Himmel schwarz von Gewitter war, ließ Sir Stephen sie 
bitten, sich anzuziehen und herunterzukommen. Sie hatte eine 
Wagentür klappen hören und durch das Badezimmerfenster, das 
auf den Hof ging, das Geräusch von Stimmen. Dann nichts 
mehr. Natalie war heraufgerannt und hatte gesagt, sie habe 
Besucher gesehen: drei seien es, und einer von ihnen sei 
zweifellos ein Malaie mit dunkler Haut, sehr schwarzen Augen, 
groß, schlank und gut aussehend. Sie sprachen weder 
Französisch noch Englisch, Natalie hielt es für Deutsch. Deutsch 
oder nicht, O verstand kein Wort von ihrer Sprache, und wie 
sollte man die Gleichgültigkeit von Sir Stephen verstehen? 
Nicht, daß er sich den Anschein gab, sie nicht zu sehen, im 
Gegenteil; er lachte und scherzte zweifellos mit seinen Gästen, 
während sie sich ihrer bedienten, aber so absolut lässig, so 
sichtbar teilnahmslos, daß O im Zweifel war, ob sie nicht dieser 
Gleichgültigkeit, die er ihr gegenüber so plötzlich bekundete, 
Groll oder Verachtung vorgezogen hätte. Verachtung und ein 
seltsames Mitleid las sie im Blick des Malaien, der sie nicht 
angerührt hatte, als sie sich vernichtet, keuchend, mit beflecktem 
Rock erhob, nachdem die beiden anderen Männer sie aus den 
Händen gelassen hatten. Man mußte annehmen, daß sie ihnen 
gefallen habe, denn sie kamen am nächsten Tag gegen elf Uhr 
allein wieder. Diesmal ließ Sir Stephen sie gleich in Os Zimmer 
hinaufgehen, wo sie nackt war. Als sie wieder gingen, 
schluchzte sie. »Warum, O?« fragte Sir Stephen, aber er wußte 
genau, warum und wie man die Verzweiflung verscheuchen 
konnte, von der O gepackt war, als sie sich in ihrem eigenen 
Zimmer und vor seinen Augen so behandelt sah, wie man selten 
wagt, ein Bordellmädchen zu behandeln, und vor allem so, als 
ob er selbst sie für ein solches halte. Er sagte ihr, sie habe nicht 
darüber zu entscheiden, wo, wie und wem sie dienen solle, und 
ebenso wenig stehe es ihr zu, über seine Gefühle zu urteilen. 

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-208- 

Dann ließ er sie so grausam peitschen, daß sie im 
Handumdrehen getröstet war. Nachdem die Tränen und der 
brennende Schmerz vorbei waren, stellte sich trotzdem wieder 
das Gefühl ein, vor dem sie sich gefürchtet hatte: daß nämlich 
ein anderer Grund als die Lust, die er dabei empfinden konnte - 
empfand er sie noch? - ihn veranlaßte, sie zu prostituieren, daß 
sie ihm als Tauschgeld diene - aber was tauschte er ein? Daß er 
mit ihrem, ihm ausgelieferten Körper bezahlte, etwas kaufte, 
aber was? Ein abscheuliches und groteskes Gleichnis kam ihr in 
den Sinn: Die Reiterei des heiligen Georg nannte man in 
Frankreich das englische Geld. Ja, vielleicht war sie, ohne es zu 
wissen, die am meisten erniedrigte Statistin bei der Darstellung 
dieser Redensart als lebendes Bild, auf den Knien liegend, auf 
die Ellbogen gestützt und von Unbekannten geritten. Und wenn 
er sie schlagen ließ, dann nur noch, um sie besser zu drillen. 
Nun, worüber beklagte sie sich eigentlich, worüber wunderte sie 
sich? Noch angebunden an die Balustrade in der Nähe ihres 
Bettes, nachdem Sir Stephen offenbar beschlossen hatte, sie dort 
liegen zu lassen, wo er  sie dann tatsächlich fast drei Stunden 
liegen ließ, hörte O in ihrer Erinnerung seine Stimme, eben 
seine Stimme, die sie so verwirrt hatte, als er ihr an dem ersten 
Abend, an dem er sich ihrer bemächtigt, sie geohrfeigt, ihr die 
Lenden zerfetzt hatte, so eingehend dargelegt hatte, er wolle von 
ihr und werde von ihr schiere Unterwürfigkeit und Gehorsam 
erhalten, wobei sie sich einbildete, daß sie das nur mit Liebe 
gewähren könne. Wessen Schuld war es, wenn nicht die ihre, 
wenn es genügte, sie peitschen zu lassen, damit sie ihm gehöre? 
Wenn sie vor jemandem Abscheu haben sollte, müßte sie dann 
nicht vor sich selbst Abscheu haben? Und wenn er sich ihrer 
bediente zu anderen Zwecken als seiner Lust, was ging sie das 
an? »Oh ja«, sagte sich O, »ich habe Abscheu vor mir. Werde 
ich die Stirn haben, mich zu beklagen, ich sei getäuscht worden, 
nicht darüber unterrichtet worden, hundertmal, tausendmal, weiß 
ich denn nicht, wozu ich geschaffen bin?« Aber sie wußte nicht 

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-209- 

mehr, ob ihr davor graute, Sklavin zu sein  - oder nicht genug 
Sklavin zu sein. Es war weder das eine noch das andere; ihr 
graute davor, nicht mehr geliebt zu werden. Was hatte sie getan, 
was hatte sie zu tun unterlassen, daß sie es verdiente, nicht mehr 
geliebt zu werden? Wie töricht bist du doch, O, als ob es sich 
um Verdienst handelte, als ob du etwas dabei tun könntest. Auf 
die Eisen, die ihren Schoß beschwerten, auf die Brandmale, die 
in ihre Lenden eingegraben waren, war sie stolz gewesen und 
war es noch, weil sie kundtaten, daß derjenige, der sie hatte 
anbringen lassen, sie genug liebte, um sie sich zu eigen zu 
machen. Mußte sie sich jetzt schämen, daß sie, wenn er sie nicht 
mehr liebte, immer noch die Zeichen dafür waren, daß sie ihm 
gehörte? Denn schließlich wollte er immer noch, daß sie ihm 
gehöre. 

Der 15. September kam; O, Natalie und Sir Stephen waren 

immer noch da. Aber jetzt war Natalie an der Reihe, in Tränen 
zu schwimmen: ihre Mutter forderte sie zurück, und sie mußte 
Ende des Monats wieder in ihr Pensionat. Wenn O nach Roissy 
gehen mußte, würde sie allein gehen. Sir Stephen fand O auf 
ihrem Sessel sitzend, das kleine Mädchen weinend an ihre Knie 
gelehnt. O reichte ihm den Brief, den sie erhalten hatte: Natalie 
sollte in zwei Tagen aufbrechen. »Sie haben versprochen«, sagte 
das Kind, »Sie haben  versprochen...«  - »Es ist nicht möglich, 
Kleines«, sagte Sir Stephen. »Wenn Sie wollten, wäre es 
möglich«, beharrte Natalie. Er antwortete nicht. O streichelte die 
seidenweichen Haare, die gegen ihre nackten Knie strichen. 
Tatsächlich, wenn Sir Stephen wirklich gewollt hätte, wäre es O 
zweifellos möglich gewesen, bei Natalies Mutter zu erreichen, 
sie noch vierzehn Tage bei sich zu behalten unter dem Vorwand, 
sie in der Nähe von Paris mit aufs Land zu nehmen. Und in 
vierzehn Tagen hätte Natalie... Also hatte Sir Stephen seine 
Meinung geändert. Er stand am Fenster und blickte in den 
Garten. O beugte sich zu der Kleinen hinunter und küßte ihre 
tränennassen Augen. Sie warf Sir Stephen einen raschen Blick 

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-210- 

zu: er rührte sich nicht. Sie küßte Natalie auf den Mund.  Erst 
Natalies Stöhnen veranlaßte Sir Stephen, sich umzudrehen, aber 
O ließ sie nicht gleich los, glitt neben ihr auf den Boden und 
legte sie auf den Teppich. Mit zwei Schritten war Sir Stephen 
bei ihnen. O hörte, daß er ein Streichholz anstrich, und roch den 
Duft seiner Zigarette: er rauchte schwarze wie ein Franzose. 
Natalie hatte die Augen geschlossen. »Zieh sie aus, O, und 
streichle sie«, sagte er plötzlich. »Dann gibst du sie mir. Aber 
öffne sie erst ein bißchen; ich will ihr nicht zu weh tun.« Das 
war es also? Ach, wenn sie ihm nur Natalie geben mußte! War 
er in sie verliebt? Es schien eher, daß er in dem Augenblick, da 
sie verschwinden würde, mit irgendetwas Schluß machen, eine 
Schimäre zerstören wollte. Natalie war zwar rundlich und 
mollig, aber dennoch grazil und kleiner als O. Sir Stephen 
schien doppelt so groß zu sein wie sie. Ohne sich zu regen, ließ 
sie sich von O ausziehen und auf das Bett legen, von dem O die 
Laken zurückgeschlagen hatte, und sie stöhnte, als O sie 
berührte, und biß die Zähne zusammen, als sie sie verletzte. Os 
Hand war bald voller Blut. Aber Natalie schrie nicht unter dem 
Gewicht von Sir Stephen. Es war das erste Mal, daß O sah, wie 
Sir Stephen seine Lust bei jemand anderem als bei ihr fand, und 
vor allem das erste Mal, daß sie sein Gesicht dabei sah. Wie er 
auswich! Ja, er drückte Natalies Kopf gegen seinen Leib und 
packte mit der ganzen Faust ihre Haare, wie er es auch mit Os 
Haaren machte; O überzeugte sich, daß er das nur tat, um die 
Liebkosung des Mundes besser zu spüren, der ihn umschloß bis 
zu dem Augenblick, da er sich in ihn ergoß. Aber jeder Mund, 
vorausgesetzt, er war gelehrig genug und leidenschaftlich genug, 
hätte ihn ebenso befriedigt. Natalie zählte nicht. War O sicher, 
daß sie zählte? »Ich liebe Sie«, wiederholte sie ganz leise, zu 
leise, als daß er es hörte, »ich liebe Sie«, und sie wagte nicht, 
ihn zu duzen, nicht einmal in Gedanken. In seinem Gesicht, das 
sie umgekehrt sah, schimmerten Sir Stephens graue Augen 
zwischen den fast geschlossenen Lidern wie zwei leuchtende 

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-211- 

Schlitze. Zwischen seinen halbgeöffneten Lippen blitzten auch 
seine Zähne. Er erschien einen Augenblick wehrlos, als er 
spürte, daß O ihn ansah, und den Fluß verließ, auf dem er 
dahintrieb, von dem O glaubte, daß sie so oft mit ihm 
dahingetrieben war, ausgestreckt neben ihm in der Barke, die die 
Liebenden davonträgt. Aber es war zweifellos nicht wahr. Sie 
waren zweifellos allein gewesen, jeder auf seiner Seite, und 
vielleicht war es kein Zufall, daß ihr sein Gesicht, wenn er sich 
in sie versenkte, immer verborgen gewesen war; vielleicht 
wollte er allein sein; und nur heute war es ein Zufall. O sah 
darin ein unheilvolles Zeichen; das Zeichen, daß sie ihm so 
gleichgültig geworden war, daß er sich nicht einmal mehr die 
Mühe machte, sich abzuwenden. Jedenfalls war es unmöglich, 
wie immer man es auch auslegte, darin nicht eine Gewähr, eine 
Freiheit zu sehen, die O, wenn sie nicht daran gezweifelt hätte, 
geliebt zu werden, sorglos, stolz, sanft und glücklich hätten 
machen müssen. Das sagte sie sich. Als Sir Stephen ging und die 
kleine Natalie in ihren Armen zurückließ, die sich an sie 
schmiegte, glühend und murmelnd vor Stolz, sah sie sie an, bis 
sie einschlief, und zog dann das Laken und die leichte Decke 
über sie beide. Nein, er war nicht in Natalie verliebt. Aber er 
war abwesend, vielleicht sich selbst ebenso fern, wie er ihr fern 
war. Über Sir Stephens Beruf hatte O sich niemals Gedanken 
gemacht, und René hatte niemals davon gesprochen. Es war 
offensichtlich, daß er reich war, auf jene geheimnisvolle Weise, 
wie englische Aristokraten reich sind, wenn sie es noch sind; 
woher kamen seine Einkünfte? René arbeitete für eine Import- 
und Exportfirma, René sagte: »Ich muß nach Algier fahren 
wegen Jute, nach London wegen Wolle, wegen Fayencen, ich 
muß nach Spanien fahren wegen Kupfer«, René hatte ein Büro, 
er hatte Teilhaber und Angestellte. Wie bedeutend seine Position 
eigentlich war, war nicht klar, aber jedenfalls gab es diese 
Position, und die Verpflichtungen, die sie mit sich brachte, 
waren augenfällig. Sir Stephen hatte vielleicht auch eine 

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-212- 

Position, die möglicherweise der Grund für seinen Aufenthalt in 
Paris war, für seine Reisen und  - daran dachte O nicht ohne 
Schrecken  - für seine Mitgliedschaft von Roissy (eine 
Mitgliedschaft, die ihr bei René einfach die Folge eines Zufalls 
zu sein schien  - ein Freund, den ich traf, hat mich 
mitgenommen, sagte er - O glaubte es). Was wußte sie von Sir 
Stephen? Seine Zugehörigkeit zum Clan der Campbell, deren 
düsterer Tartan in Schwarz, Dunkelblau und Grün der schönste 
Tartan von Schottland ist, und der verrufenste (die Campbell 
haben zur Zeit des jungen Prätendenten die Stuarts verraten); die 
Tatsache, daß er im nordwestlichen Hochland ein granitenes 
Schloß besaß, klein und gedrungen, von einem Vorfahren des 
18. Jahrhunderts  im französischen Stil erbaut, und einem Haus 
in der Gegend von Saint-Malo ganz ähnlich. Aber welches Haus 
in der Gegend von Saint-Malo hätte als Rahmen jemals derartig 
von Wasser benetzte Rasenflächen gehabt, als Mantel derartig 
üppigen wilden Wein? »Nächs tes Jahr werde ich dich dorthin 
mitnehmen, und Anne-Marie auch«, hatte Sir Stephen gesagt, 
als er O eines Tages Photos zeigte. Aber wer wohnte in dem 
Schloß? Was für eine Familie hatte Sir Stephen? O vermutete, 
daß er Berufsoffizier gewesen war oder vielleicht noch war. 
Einige seiner Landsleute, die jünger waren als er, redeten ihn 
schlicht mit Sir an, wie ein Untergebener einen Vorgesetzten. O 
wußte recht gut, daß es auf den britischen Inseln noch ein 
Vorurteil oder eine eigentümliche Sitte gab: ein Mann ist es sich 
schuldig, seiner Frau gegenüber weder von Geschäften noch 
vom Beruf oder Geld zu sprechen. Aus Respekt, aus 
Verachtung? Das weiß man nicht. Doch konnte man ihm das 
unmöglich vorwerfen. Auch wollte O das gar nicht. Nur wäre 
sie gern sicher gewesen, daß Stephens Schweigen ihr gegenüber 
keinen anderen Grund hatte. Und gleichzeitig hätte sie 
gewünscht, daß er es breche, damit sie ihm versichern könne, sie 
sei, falls er irgendeine Sorge habe, welcher Art auch immer, 
bereit, ihm zu dienen, wenn es nur  einigermaßen in ihren 

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-213- 

Kräften stünde. 

Am Tag nach Natalies Abreise, für die ein Liegewagenplatz 

im Blauen Zug bestellt worden war, und zwei Tage vor Os und 
Sir Stephens Abreise, die mit demselben Zug fahren sollten  - 
doch hatte Sir Stephen darauf bestanden, daß es genau an 
diesem Tag und nicht an jenem sei, an dem Natalie reiste, 
ebenso wie er darauf bestanden hatte, mit dem Zug zu fahren, 
und zwar mit diesem Zug, und nicht mit dem Wagen  -, sagte O 
ihm schließlich, als sie mit dem Mittagessen, das sie allein 
eingenommen hatten, fertig waren und die alte Norah den 
Kaffee brachte, da sagte O  - dazu ermutigt, weil er ihr, als sie 
aufgestanden war und dicht an ihm vorbeiging, die Lenden 
getätschelt hatte, mechanisch vielleicht, wie man es bei einer 
Katze oder einem Hund tut  - da sagte O schließlich mit ganz 
leiser Stimme, sie fürchte, ihn zu verdrießen, möchte ihm aber 
versichern, daß sie ihm dienen wolle, was immer er auch 
wünsche. Zuerst sah er sie zärtlich an, ließ sie sich niederknien, 
küßte ihr die Brüste, doch als sie sich erhob und vor ihm stand, 
veränderte sich sein Ausdruck. »Das weiß ich«, sagte er. »Die 
beiden Männer von neulich...«  - »Die Deutschen?« unterbrach 
ihn O. »Es sind keine Deutschen«, sagte Sir Stephen, »aber das 
ist unwichtig. Ich wollte dic h nur davon unterrichten, daß einer 
von ihnen mit demselben Zug reist wie wir. Wir essen 
zusammen im Speisewagen. Richte es so ein, daß er dich 
begehrt und dich in deinem Schlafwagenabteil aufsucht.«  - 
»Aber«, sagte O, »er weiß doch genau, daß Sie über mich 
verfügen.«  -»Genau«, erwiderte Sir Stephen. »Wir haben ein 
Doppelabteil: um in deines zu kommen, muß er durch meins 
durchgehen.« -»Gut«, sagte O und fragte nicht nach dem Grund, 
denn sie war überzeugt, daß es in diesem Fall einen Grund gab, 
und sie war verzweifelt, weil sie den Gedanken nicht 
verscheuchen konnte, daß, wenn Sir Stephen sie in den anderen 
Fällen ohne Grund und sozusagen gratis prostituiert hatte, dann 
eigentlich weniger, um sie daran zu gewöhnen, als vielmehr 

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-214- 

deshalb, weil er die Spuren verwischen und aus ihr ein 
Werkzeug machen wollte. Aber ein blindes Werkzeug, für etwas 
anderes als seine Lust. 

Der blaue Zug kam gegen neun Uhr in Paris an. Um acht Uhr 

war O, der eine Art Teilnahmslosigkeit, die sie überhaupt nicht 
verstand, gleichsam einen Panzer um das Herz gelegt hatte, 
sicher auf ihren hohen Absätzen die Gänge von ihrem 
Schlafwagenabteil zum Speisewagen entlanggegangen, wo sie 
zum Frühstück Eier mit Speck gegessen und allzu bitteren 
Kaffee getrunken hatten. Sir Stephen hatte sich ihr 
gegenübergesetzt. Die Eier waren fade; der Geruch von 
Zigaretten und das Schlingern des Zuges bewirkten bei O eine 
leichte Übelkeit. Aber als sich der vermeintliche Deutsche neben 
Sir Stephen setzte, war ihr weder der Blick, den er auf Os 
Lippen heftete, noch die Erinnerung an die Fügsamkeit, mit der 
sie ihn in der Nacht liebkost hatte, peinlich. 

Sie wußte nicht, was sie schützte, was sie dazu brachte, 

gleichmütig aus dem Fenster zu schauen, wo Wälder und Felder 
an ihr vorbeiglitten, und nach den Namen der Bahnhöfe zu 
spähen. Die Bäume und der Nebel verbargen die Häuser, die 
nicht unmittelbar an der Bahnstrecke lagen; große Stahlträger, 
fest in Zementsockeln verankert, hatten das Land neu 
abgesteckt; kaum sah man die elektrischen Drähte, die sie bis 
zum Horizont alle dreihundert Meter an den nächsten 
weiterreichten. In Villeneuve-Saint-Georges schlug Sir Stephen 
O vor, wieder in ihr Abteil zu gehen. Sein Nachbar sprang auf, 
schlug die Hacken zusammen und machte eine Verbeugung vor 
O. Ein plötzlicher Stoß des Zuges bewirkte, daß er das 
Gleichgewicht verlor und sich wieder hinsetzte, und O lachte 
laut auf. War sie erstaunt, als Sir Stephen  - kaum daß sie wieder 
im Abteil war und nachdem er sich seit der Abreise nicht einen 
Augenblick um sie gekümmert hatte - sie auf die Koffer schob, 
die sich auf der Bank türmten, und ihren Plisseerock hochhob? 
Sie war entzückt und dankbar. Wer sie so gesehen hätte, auf der 

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-215- 

Bank kniend, den Busen auf den Koffern plattgedrückt, ganz 
angezogen und zwischen ihrer Kostümjacke und ihren 
Strümpfen und den schwarzen Strumpfbändern, die sie hielten, 
ihren nackten Popo darbietend, genarbt wie Kofferleder, dem 
konnte sie nur ridikül erscheinen, und sie wußte es. Niemals 
vergaß sie, wenn man sie so hinlegte, wieviel Beschämendes, 
aber auch Demü tigendes und Lächerliches die Redensart 
»leichtgeschürzt« enthielt, aber noch demütigender war jener 
andere Ausdruck, den Sir Stephen, und neulich auch René, 
verwendete, zumindest jedesmal, wenn er sie einem anderen zur 
Verfügung stellte. Diese Demütigung, die ihr Sir Stephens 
Worte jedesmal zufügten, wenn er sie aussprach, tat ihr wohl. 
Aber diese Wohltat war nichts gegen das mit Stolz, man könnte 
fast sagen mit Hochmut durchsetzte Glücksgefühl, wenn er sie 
nahm und geruhte, ihren Körper so weit nach seine m 
Geschmack zu finden, daß er in ihn einzudringen und ihm 
beizuwohnen wünschte, und es schien O, als sei keine 
Erniedrigung, keine Demütigung ein zu hoher Preis dafür. 
Während der ganzen Zeit, da er sie gleichsam aufgespießt hatte 
und sie durch das Schlingern des Zuges an ihn gepreßt wurde, 
stöhnte sie. Erst beim letzten Ruck und der letzten Erschütterung 
der aufeinanderprallenden Waggons, als sie in der Gare de Lyon 
zum Stehen kamen, zog er sich aus ihr zurück und sagte ihr, sie 
solle aufstehen. Am Ausgang, noch auf dem Bahngelände, wo 
die großen Treppen abgehen und die Privatwagen vorfahren, 
richtete sich ein junger Mann in der Uniform eines 
Unteroffiziers der Luftwaffe, der an einem schwarzen, 
geschlossenen Wagen mit Frontantrieb gelehnt hatte, auf, als er 
Sir Stephen erblickte. Er grüßte, öffnete die Tür und trat zurück. 
Als O auf dem Rücksitz Platz genommen hatte und ihr Gepäck 
vorn verstaut war, beugte sich Sir Stephen gerade lange genug 
herab, um ihr die Hand zu küssen und sie kurz anzulächeln, 
dann schloß er die Tür. Er hatte nichts zu ihr gesagt, weder »Auf 
Wiedersehen« noch »Bis bald« oder »Adieu«. O hatte geglaubt, 

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-216- 

er würde auch einsteigen. Der Wagen fuhr so schnell an, daß sie 
nicht die Geistesgegenwart hatte, ihn zu rufen, und sie konnte 
sich noch so sehr ans Fenster drücken, um ihm ein Zeichen zu 
geben, es war schon zu spät: er sprach mit seinem Gepäckträger 
und wandte ihr den Rücken zu. So plötzlich, als ob ihr ein 
Verband von einer Wunde abgerissen worden wäre, fiel die 
Gleichgültigkeit, die O auf der ganzen Reise beschützt hatte, 
von ihr ab, und ein einziger Satz begann ihr immer wieder und 
wieder durch den Kopf zu gehen: »Er hat mir nicht Auf 
Wiedersehen gesagt, er hat mich nicht angesehen.« Der Wagen 
fuhr in westlicher Richtung, ließ Paris hinter sich, O sah nichts. 
Sie weinte. Ihr Gesicht war noch tränenüberströmt, als das Auto 
eine halbe Stunde später in einen Fußweg neben der Straße 
einbog und auf einem Waldweg anhielt, den große Buchen 
beschatteten. Es regnete, die geschlossenen Wagenfenster 
beschlugen von innen. Der Fahrer klappte seine Rückenlehne 
um, stieg drüber weg und legte O auf den Rücksitz. Der Wagen 
war so niedrig, daß Os Füße an die Decke stießen, als er ihre 
Beine hochhob, um in sie einzudringen. Fast eine Stunde 
verbrachte er damit, sich ihrer zu bedienen, ohne daß sie auch 
nur eine Sekunde versucht hätte, sich ihm zu entziehen, denn sie 
war überzeugt, daß er das Recht dazu habe, und der einzige 
Trost, den sie in dem Zustand der Angst fand, in den Sir 
Stephens brutaler Abschied sie versetzt hatte, war das absolute 
Stillschweigen, mit dem der junge Mann bis zur Erschöpfung 
seiner Kräfte sie immer wieder und wieder nahm und dabei im 
Augenblick der Lust kaum einen Schmerzensschrei ausstieß. Er 
war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, hatte ein hageres, hartes 
und sensibles Gesicht und schwarze Augen. Zweimal war er O 
mit dem Finger über die nasse Wange gefahren, aber in keinem 
Augenblick hatte er seinen Mund dem ihren genähert. Es war 
klar, daß er es nicht wagte, während er es durchaus wagte, ihr 
ein so dickes und langgestrecktes Glied bis in die Kehle zu 
stoßen, daß jede Bewegung, durch die er mit diesem Sturmbock 

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den Grund ihres Gaumens berührte, O neue Tränen vergießen 
ließ. Als er endlich fertig war, ließ O ihren Rock hinunter und 
schloß den Pullover und die Kostümjacke, die sie aufgeknöpft 
hatte, damit er ihre Brüste nehmen könne; sie hatte Zeit, sich mit 
dem Kamm durch die zerzausten Haare zu fahren, sich zu 
pudern und die Lippen anzumalen, während er im Unterholz 
verschwand. Der Regen hatte aufgehört, die Stämme der Buchen 
leuchteten im grauen Licht. Links neben dem Wagen wuchs auf 
einer Böschung roter Fingerhut, und er war so nah, daß O ihn 
hätte pflücken können, wenn sie den Arm durch das 
heruntergelassene Fenster gestreckt hätte. Der junge Mann kam 
zurück, schloß die Tür, die er offengelassen hatte, ließ den 
Wagen an, und nachdem sie wieder auf der Hauptstraße waren, 
verging keine Viertelstunde, bis sie ein Dorf erreichten und 
hinter sich ließen, das O nicht wiedererkannte. Aber als der 
Wagen langsamer an der nicht enden wollenden Mauer eines 
großen Parks entlanggefahren war und dann vor einem völlig 
mit wildem Wein bewachsenen Haus hielt, begriff sie es 
endlich: das konnte nur der kleine Eingang von Roissy sein. Sie 
stieg aus; der junge Mann in Uniform holte ihre Koffer heraus. 
Die Tür aus Hartholz, dunkelgrün gestrichen und lackiert, 
öffnete sich, ohne daß sie geklopft oder geklingelt hätte: man 
hatte sie von drinnen gesehen. Sie überschritt die Schwelle; die 
fliesenbelegte Diele mit der rotweißen Perkalintapete war leer. 
Genau vor ihr war ein Spiegel, der die gesamte Breite der Wand 
einnahm, und sie sah sich ganz in ihm, schlank und aufrecht in 
ihrem grauen Kostüm, den Mantel über dem Arm, die Koffer zu 
ihren Füßen, die Tür, die sich hinter ihr schloß, und dieser 
Heidekrautstengel in der Hand, den sie ganz automatisch 
genommen hatte, als der junge Mann ihn ihr gereicht hatte, ein 
kindisches und höhnisches keepsake, das sie nicht auf die gut 
gewachsten Fliesen zu werfen wagte und das ihr lästig war, ohne 
daß sie wußte, warum. Doch, sie wußte es: wer war es doch, der 
ihr erzählt hatte, das in den Wäldern in der Nähe von Paris 

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gepflückte Heidekraut bringe Unglück? Da wäre es noch besser 
gewesen, den Fingerhut zu pflücken, den anzufassen ihre 
Großmutter ihr verboten hatte, als sie ein Kind war, weil er 
giftig ist. Sie legte den Heidekrautstengel in die Nische des 
Fensters, das die Diele erhellte. Im selben Augenblick kam 
Anne-Marie, gefolgt von einem Mann in einem blauen 
Gärtneranzug. Der Gärtner nahm Os Koffer. »Na, immerhin bist 
du da«, sagte Anne-Marie. »Es ist fast zwei Stunden her, daß Sir 
Stephen mich angerufen hat, der Wagen würde dich direkt 
herbringen. Was war denn los?«  - »Nun, der Chauffeur«, sagte 
O. »Ich glaubte...« Anne-Marie lachte. »Ach so«, sagte sie. »Er 
hat dich vergewaltigt, und du hat es dir gefallen lassen? Nein, 
das war nicht vorgesehen, er hatte keineswegs das Recht dazu. 
Aber das macht nichts, du bist ja dafür da.« Und sie fügte hinzu: 
»Du fängst gut an, ich werde es Sir Stephen erzählen, es wird 
ihm Spaß machen.« -»Kommt er her?« fragte O. - »Er hat nicht 
gesagt, wann«, antwortete Anne-Marie, »aber ich glaube, ja.« 
Die Angst, die O die Kehle zuschnürte, löste sich, sie sah Anne-
Marie dankbar an; wie schön und charmant war sie mit ihren 
graumelierten Haaren. Über einer schwarzen Hose und 
schwarzen Bluse trug sie eine Weste aus scharlachrotem Tuch. 
Offenbar galt die Vorschrift, der die Frauen in Roissy 
unterworfen waren, nicht für sie. »Heute wirst du mit mir 
mittagessen«, sagte sie zu O, »und du wirst dich dafür 
zurechtmachen. Ich bringe dich zur kleinen Gittertür, wenn der 
Gong drei Uhr schlägt.« O folgte Anne-Marie, ohne ein Wort zu 
sagen, im siebenten Himmel schwebend; Sir Stephen würde 
kommen. 

Anne-Maries Appartement nahm einen Teil des im rechten 

Winkel zu den Wirtschaftsgebäuden liegenden Flügels ein, die 
sich zwischen den Baulichkeiten des eigentlichen Schlosses und 
der Straße erstreckten. Anne-Marie hatte hier einen Salon, durch 
den man in eine Art von kleine m Boudoir gelangte, ein 
Schlafzimmer und ein Bad; die Tür, durch die O eingetreten 

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war, gab Anne-Marie die Möglichkeit, nach Belieben zu 
kommen und zu gehen. Ebenso wie in ihrem Haus in Samois 
zum Garten, hatten hier Anne- Maries Salon und Schlafzimmer 
ebenerdige Ausgänge zum Park. Der Park war sehr gepflegt und 
weitläufig, und seine sehr großen Bäume hatte der nahende 
Herbst noch nicht berührt, während sich der wilde Wein an den 
Mauern schon rot zu färben begann. O stand mitten im Salon, 
betrachtete die weiße Täfelung, die hellen Nußbaummöbel in 
rustikalem Directoire-Stil und das große Sofa in einem Alkoven, 
das ebenso wie die Sessel einen gelb und blau gestreiften Bezug 
hatte. Der Boden war mit blauem Mokett bedeckt. An den 
Fenstertüren hingen lange Vorhänge aus blauem Taft. »Du 
träumst, O«, sagte Anne-Marie plötzlich zu ihr. »Worauf wartest 
du, um dich auszuziehen? Es wird jemand kommen, der deine 
Sachen holt und dir das bringt, was du brauchst. Und wenn du 
nackt bist, komm hierher.« Handtasche, Handschuhe, 
Kostümjacke, Pullover, Rock, Strumpfbandgürtel und Strümpfe, 
alles legte O zusammen auf einen Stuhl neben der Tür und 
stellte ihre Schuhe unter den Stuhl. Dann ging sie auf Anne-
Marie zu, die sich, nachdem sie zweimal einen Klingelknopf 
gedrückt hatte, auf das Sofa gesetzt hatte. »Aber man sieht ja 
jetzt deine kleinen Lippen, seit du epiliert bist«, rief Anne-Marie 
und zog sanft an ihnen. »Ich war mir gar nicht darüber klar, daß 
du so gewölbt und so hoch geschlitzt warst.« - »Aber«, sagte O, 
»das sind doch alle...«  - »Nein, mein Herzchen«, sagte Anne-
Marie, »nicht alle.« Und ohne O loszulassen, wandte sie sich an 
ein großes, brünettes Mädchen, das gerade hereingekommen 
war, zweifellos hatte das Läuten ihr gegolten: »Schau, Monique, 
das ist das Mädchen, das ich für Sir Stephen gezeichnet habe, ist 
es nicht gut gelungen?« O spürte, wie Moniques Hand, die leicht 
und kühl war, die durch die Initialen eingegrabenen Rillen auf 
ihrem Hinterteil befühlte. Dann glitt die Hand zwischen ihre 
Schenkel und griff nach der Scheibe, die ihr vom Schoß 
herabhing. »Sie ist also auch durchbohrt?« fragte Monique. 

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»Natürlich, er wünschte, daß ich sie auch mit Eisen versehe«, 
antwortete Anne-Marie, und O fragte sich plötzlich, ob 
»natürlich« bedeutete, daß Anne-Marie es natürlich  fand, es zu 
tun, oder ob es eine Gewohnheit von Sir Stephen sei; hatte er, 
wenn das der Fall war, es vor ihr schon bei anderen machen 
lassen? Sie hörte, selbst verblüfft über ihre Kühnheit, wie sie 
diese letzte Frage an Anne-Marie richtete, und war immer noch 
verblüfft, als Anne-Marie antwortete: »Das geht dich nichts an, 
O, aber wenn du so verliebt und eifersüchtig bist, dann kann ich 
dir immerhin sagen, daß er es nicht hat machen lassen. Ich habe 
für ihn oft Mädchen ausgeweitet oder gepeitscht, aber du bist die 
erste, die ich gezeichnet habe. Ich glaube wirklich, daß er dich 
ausnahmsweise liebt.« Dann schickte sie O ins Badezimmer und 
sagte ihr, sie solle sich waschen, während Monique ihr ein 
Halsband und Armbänder holen sollte. O ließ Wasser einlaufen, 
schminkte sich ab, bürstete sich die Haare, stieg in die 
Badewanne und seifte sich gemächlich ein. Sie achtete nicht 
darauf, was sie tat, und dachte, zwischen Neugier und Freude 
hin- und hergerissen, an diese Mädchen, die vor ihr Sir Stephen 
gefallen hatten. Neugier: sie hätte sie gern kennengelernt. Sie 
war nicht überrascht, daß er sie alle hatte ausweiten und 
peitschen lassen, aber sie war eifersüchtig, daß es nicht für ihn 
gewesen war, als es das erste Mal bei ihr gemacht wurde. In der 
Badewanne stehend, gebeugt, den Rücken zum Spiegel gedreht, 
der die Wand verkleidete, seifte sie sich mit den Fingern das 
Innere des Schoßes und der Lenden ein, und nachdem sie den 
Schaum abgespült hatte, zog sie sich die Pobacken auseinander, 
um sich im Spiegel zu betrachten: da war das, was sie gern bei 
einem seiner Mädchen gesehen hätte. Wie lange hatte er sie 
behalten? Sie hatte sich also nicht getäuscht, als sie das Gefühl 
gehabt hatte, daß schon andere vor ihr, nackt und unterwürfig 
und sie fürchtend wie sie, der alten Norah gefolgt waren. Aber 
daß sie die einzige gewesen war, die seine Eisen und sein 
Zeichen trug, erfüllte sie mit Glück. Sie stieg aus dem Wasser 

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-221- 

und trocknete sich ab: Anne-Marie rief sie. 

Auf Anne-Maries Bett, das mit einer Steppdecke aus 

demselben weißen und blauen Perkal wie die doppelten 
Vorhänge des Fensters bedeckt war, lag ein Haufen 
Abendkleider, Korsetts, Pantoffeln mit hohem Absatz und das 
Kästchen mit Armbändern. Anne-Marie saß am Fußende des 
Bettes und ließ O vor sich niederknien, holte aus ihrer 
Hosentasche den flachen Schlüssel, der die Schlösser der 
Halsbänder und Armreifen öffnete und der mit einer langen 
Kette an ihrem Gürtel befestigt war. Sie probierte O 
verschiedene Halsbänder an, bis sie eins fand, das ihr, ohne zu 
drücken, den Hals genau in der Mitte ausreichend fest umschloß, 
so daß es schwierig war, den Hals zu drehen, aber noch 
schwieriger, einen Finger zwischen Haut und Metall zu stecken. 
Ebenso an ihren Handgelenken, genau oberhalb des Gelenks, 
das frei blieb, die Armreifen. Das Halsband und die Armreifen, 
die O im vergangenen Jahr getragen und bei anderen gesehen 
hatte, waren aus Leder und sehr viel enger gewesen: diese hier 
waren aus nichtrostendem Eisen mit einzelnen Gliedern und 
halb starr, wie man sie aus Gold für manche Armbanduhren 
herstellt. Sie waren fast zwei Fingerbreit hoch, und an jedem 
war ein Ring aus demselben Metall. Niemals waren O die 
Lederreifen des vergangenen Jahres so kalt vorgekommen und 
hatten bei ihr so sehr das Gefühl erweckt, nun endgültig 
angekettet zu sein. Das Eisen hatte dieselbe Farbe und denselben 
matten Glanz wie die Eisen an ihrem Schoß. Anne-Marie sagte 
ihr in dem Augenblick, als der letzte Haken einschnappte, der 
das Halsband schloß, sie dürfe, solange sie in Roissy sei, sie 
weder bei Tag noch bei Nacht ablegen, nicht einmal zum Baden. 
O stand auf, und Monique nahm sie an der Hand, führte sie vor 
den großen dreiteiligen Spiegel und schminkte ihr den Mund mit 
einem hellen Rouge, das ein wenig flüssig war und mit dem 
Pinsel aufgetragen wurde; als es  trocknete, wurde es dunkler. 
Mit demselben Rouge malte sie ihr den Warzenhof und die 

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-222- 

Spitzen der Brüste an, und auch die kleinen Lippen zwischen 
ihren Schenkeln, und unterstrich damit die Falte ihres Schoßes. 
O erfuhr niemals, welches der Trägerstoff für die Farbe war, 
aber es war eher ein Färbemittel als Schminke: es verwischte 
nicht, wenn man darüberstrich, und Reinigungsmilch, selbst 
Alkohol entfernten es nur schwer. Man ließ sie ihr Gesicht 
pudern, nachdem es geschminkt war, und Pantoffeln in ihrer 
Größe auswählen; als sie aber einen der Spritzflakons vom 
Frisiertisch nehmen wollte, rief Anne-Marie: »O, bist du 
närrisch? Warum, glaubst du, hat Monique dich geschminkt? Du 
weißt genau, daß du nicht das Recht hast, dich jetzt zu berühren, 
da du alle Eisen hast.« Sie nahm den Flakon selbst, und im 
Spiegel sah O ihre Brüste und Achselhöhlen unter den feinen, 
gedrängten Tröpfchen glänzen, als ob sie mit Schweiß bedeckt 
seien. Dann brachte Anne-Marie sie wieder zu der Bank am 
Frisiertisch und sagte ihr, sie solle ihre Schenkel heben und 
öffnen, und Monique packte sie an den Kniekehlen und hielt sie 
gespreizt. Die Parfumwolke, die sich in der Höhlung ihres 
Schoßes und zwischen ihren Pobacken ausbreitete, brannte so 
stark, daß sie stöhnte und sich wand. »Halte sie  so, bis es 
trocken ist«, sagte Anne-Marie, »und dann suchst du ihr ein 
Korsett.« O war erstaunt, welche Freude es ihr machte, wieder 
in das schwarze Korsett eingezwängt zu sein. Sie hatte gehorcht 
und tief eingeatmet, damit ihre Taille und ihr Bauch sich 
verengten, als Anne-Marie es ihr befohlen hatte, während 
Monique sie schnürte. Das Korsett reichte bis unter die Brüste, 
und durch ein leichtes Gestell wurden sie getrennt und von einer 
schmalen Einfassung so gut gestützt, daß sie nach vorn gedrängt 
wurden  und nun um so natürlicher und zarter wirkten. »Deine 
Brüste sind wirklich sehr geeignet für die Reitpeitsche, O«, 
sagte Anne-Marie, »du bist dir wohl darüber klar, nicht wahr?« -
»Ja, ich weiß«, sagte O, »aber ich flehe Sie an...« Anne-Marie 
lachte. »Ach, darüber entscheide doch nicht ich, aber wenn die 
Kunden Verlangen danach haben, dann kannst du immer noch 

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-223- 

flehen.« Ohne daß es ihr richtig bewußt wurde, war sie 
bestürzter über das Wort Kunde als über den plötzlichen 
Schrecken der Peitsche. Warum Kunden? Aber sie hatte nicht 
Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, so erschüttert war sie 
von dem, was ihr Anne- Marie, ohne sich etwas dabei zu 
denken, eine Minute später enthüllte. Sie stand vor dem Spiegel, 
hatte ihre Pantöffelchen an den Füßen und die Taille in das 
Korsett eingezwängt. Monique trat auf sie zu und hatte über dem 
Arm einen Rock und ein Mieder aus schwerer gelber Seide, mit 
grauen Ranken durchwirkt. »Nein, nein«, rief Anne-Marie, »erst 
ihre Uniform.« - »Was für eine Uniform?« fragte O. »Dieselbe, 
die Monique trägt, das siehst du doch«, sagte Anne-Marie. 
Monique trug ein Kleid, das deutlich denselben Schnitt hatte wie 
die langen Kleider, die O kannte, das aber zweifellos durch das 
Material strenger wirkte, einen sehr dunklen, blaugrauen 
Wollstoff, mit einem Fichu, das gleichzeitig die Schultern, die 
Brust und den Kopf bedeckte. Als O ein solches Kleid 
angezogen worden war und sie sich neben Monique im Spiegel 
sah, verstand sie, warum sie so erstaunt gewesen war, als sie 
Monique gesehen hatte: es war eine Tracht, die an die 
Verurteilten der Frauengefängnisse oder an die Dienerinnen in 
Nonnenklöstern denken ließ. Aber nicht, wenn man genau 
hinschaute. Der weite, bauschige Rock, mit Taft in derselben 
Farbe gefüttert, war in großen, nicht eingebügelten Kellerfalten 
an einem fadengeraden Gurtband festgenäht, das auf das Korsett 
aufgeknöpft wurde, genau wie bei festlichen Abendkleidern. 
Aber obwohl der Rock geschlossen aussah, war er in der Mitte 
des Rückens von der Taille bis zu den Füßen offen. Wenn man 
nicht gerade an der einen oder anderen Seite an ihm zog, fiel es 
gar nicht auf. O merkte es erst, als er ihr angezogen wurde, und 
hatte es bei Monique nicht gesehen. Das Mieder, das auf dem 
Rücken geknöpft und über dem Rock getragen wurde, hatte 
kurze, ausgezackte Schöße, die den Beginn der Falten eine 
Handbreit überdeckten. Durch Abnäher und zwei elastische 

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Keile war es eng anliegend. Die Ärmel waren angeschnitten, 
nicht eingesetzt, und hatten auf der Oberseite eine Naht, die die 
Schulternaht verlängerte und am Ellbogen in einem sehr breiten, 
ausgebauchten Schrägstreifen endete. Ein ebensolcher 
Schrägstreifen umrandete das Dekollete, das genau dem 
Ausschnitt des Korsetts entsprach. Aber ein großer viereckiger 
Schal aus schwarzer Spitze, dessen einer Zipfel, der den Kopf 
bedeckte, bis zur Mitte der Stirn herabhing, und dessen anderer 
Zipfel bis zu den Schulterblättern reichte, wurde mit vier 
Druckknöpfen gehalten, zwei auf der Schulternaht und zwei am 
Schrägstreifen des Dekolletes in Höhe des Brustansatzes, 
zwischen denen sich die beiden letzten Zipfel überkreuzten und 
von einer langen Stahlnadel auf dem Korselett festgehalten 
wurden. Die über die Haare gelegte und durch einen Kamm 
befestigte Spitze umrahmte das Gesicht und verhüllte die Brüste 
ganz, war aber so schmiegsam und durchsichtig, daß man den 
Warzenhof ahnte und begriff, daß sie unter dem Fichu frei 
waren. Im übrigen brauchte man nur die Nadel herauszuziehen, 
damit sie ganz nackt waren, ebenso wie man hinten bloß die 
beiden Seiten des Rocks auseinanderzuschlagen brauchte, damit 
die Kruppe nackt war. Ehe Monique ihr die Tracht raffte, zeigte 
sie O, daß zwei Bänder, die die beiden Bahnen anhoben und die 
auf der Vorderseite der Taille verknotet wurden, es einfach 
machten, sie offen zu halten. Das war der Augenblick, in dem 
Anne-Marie den Kernpunkt der von O gestellten Frage 
beantwortete. »Das ist die Uniform der Gemeinschaft«, sagte 
sie. »Du brauchtest sie bisher nicht, weil du durch deinen 
Geliebten auf seine eigene Rechnung hierher gebracht worden 
warst. Damals gehörtest du nicht zur Gemeinschaft.« -»Aber«, 
sagte O, »das verstehe ich nicht. Ich war doch wie die anderen 
Mädchen, jeder konnte...«  - »Jeder konnte mit dir schlafen? 
Selbstverständlich. Aber das geschah, weil dein Geliebter dabei 
Lust empfand, und es ging nur ihn etwas an. Jetzt ist es anders. 
Sir Stephen hat dich der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt; 

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ja, jeder wird mit dir schlafen können, doch das geht das Haus 
an. Du wirst dafür bezahlt.«  - »Bezahlt!« unterbrach O sie. 
»Aber Sir Stephen...« Anne-Marie ließ sie nicht aussprechen. 
»Hör mal zu, O, das reicht jetzt. Wenn Sir Stephen will, daß du 
gegen Geld mit Männern schläfst, dann steht ihm das frei, 
glaube ich. Dich geht das nichts an. Schlafe und schweige. Was 
das übrige betrifft, was du sonst zu tun hast, so wirst du mit 
Noelle zusammenarbeiten, die es dir erklären soll.« 

Das Mittagessen in Anne-Maries Boudoir war seltsam. Ein 

Diener hatte es auf einem Tisch mit Wärmeplatte gebracht. 
Monique in ihrer Uniform hatte serviert, nachdem sie die vier 
Gedecke hingelegt hatte: das von Anne-Marie, das von O, das 
von Noelle und das ihre. Vorher hatte O noch verschiedene 
Kleider anprobiert. Anne-Marie ließ für sie das Kleid in Grau 
und Gelb beiseite legen, das sie an diesem Tage tragen sollte, 
dann ein blaues, ein weiteres in einem matten Blau, grünmeliert, 
und schließlich ein sehr enges Kleid aus Jersey-Plissee, das vorn 
von der Taille an offen war. Es war dunkelviolett, und Os 
bleicher Schoß, durch die Ringe beschwert und so nackt, war 
selbst dann zu sehen, wenn sie sich nicht bewegte, ebenso wie 
ihre entblößten Brüste. In das Zimmer, das O bewohnen sollte 
und das mit dem von Noelle verbunden war, hatte der Diener 
alle beiseite gelegten Kleider mit Ausnahme des gelben 
gebracht. Die übrigen sollte Monique wieder in der 
Kleiderkammer abliefern. O sah, wie Noelle, die ihr 
gegenübersaß, lachte, weil das schwarze Roßhaar ihres 
Stuhlsitzes sie kitzelte, sie sah Anne-Marie an, die drauf und 
dran war, ärgerlich zu werden, und Monique, die ihre 
Aufmerksamkeit dem Servieren zuwandte; zweimal, als 
Monique aufstand, sah O, daß Anne-Marie, an der sie rechts 
vorbeiging, mit der Hand in den Schlitz ihres Rocks griff. 
Monique blieb stehen, und O erriet an der leichten Beugung 
ihres Körpers, daß sie sich der Hand hingab, die in ihr wühlte. 
»Warum hat er mir nichts gesagt?« wiederholte sich O immer 

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wieder, »warum nur?« Und einmal glaubte sie, Sir Stephen habe 
sie ganz einfach aufgegeben, nach Roissy geschickt, Roissy zur 
Verfügung gestellt, wie Anne-Marie sich ausdrückte, und dann 
wieder glaubte sie das Gegenteil, daß er sie um so mehr 
begehre; also hatte Anne-Marie recht, daß das, was er wollte, sie 
nichts anging, und ebenso wenig die Gründe, warum er es 
wollte; es genügte, daß es sein Wille sei. Und an diesem Punkt 
fing  alles wieder von vorn an: »Warum hat er es nicht gesagt? 
Warum nur?« Und was soll man tun, um zu verhindern, daß die 
Tränen wieder fließen, was soll man tun, damit es wenigstens 
niemand sieht? Noelle sah es. Sie lächelte O lieb an und machte: 
nein, nein! mit dem Finger. O lächelte zurück und wischte sich 
die Augen mit beiden Fäusten, wie gescholtene Kinder es tun: 
sie hatte keine Serviette, und sie war nackt. Zum Glück sah 
Anne-Marie, die Monique veranlaßt hatte, die Nadel ihres 
Fichus herauszuziehen, und nun die braunen Spitzen ihrer 
Brüste streichelte, O nicht an; sie erspähte in Moniques Gesicht 
das Aufkeimen der Lust, und während sie sie liebkoste, fragte 
sie sie aus: wieviel Männer seit dem Vorabend in ihren Körper 
eingedrungen seien, wer sie waren, ob sie sich ihnen ebenso gut 
geöffnet habe, wie sie sich jetzt öffne? Bei diesem letzten Wort 
rief Anne-Marie Noelle und O, und ohne Monique loszulassen, 
bedeutete sie ihnen, sie sollten die Bahnen von Moniques Kleid 
hochheben und befestigen. Monique hatte gebräunte Lenden und 
zarte, unversehrte Schenkel. Mit tonloser Stimme hatte sie jede 
Frage beantwortet: fünf Männer hatten sie besessen, drei davon 
kannte sie nicht; sie nannte die Namen der beiden anderen. Ja, 
sie habe sich so gut geöffnet, wie sie konnte.  Anne-Marie bog 
sie nach vorn und ließ die beiden anderen Mädchen sehen, wie 
leicht sie abwechselnd in Moniques Schoß und in ihre Lenden 
die beiden längsten Finger ihrer Hand einführte. Jedesmal 
verschloß sich Monique wieder vor ihnen und stöhnte dabei: 
man sah, wie sich ihre Hinterbacken zusammenzogen. 
Schließlich schrie sie regelrecht, die Hände vor ihren Brüsten 

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-227- 

verkrampft, den Kopf unter dem Spitzenschleier auf die Schulter 
zurückgebogen, die Augen geschlossen. Anne-Marie ließ sie 
gehen. 

Erst nach Mitternacht wurde O am Abend ihres ersten Tages 

in ihr Zimmer geführt und dort angekettet. Am Nachmittag war 
sie in der Bibliothek geblieben, angetan mit ihrem schönen 
Kleid in Gelb und Grau, mit Taft in demselben Gelb gefüttert, 
das sie in beide Arme nahm, um es hochzuheben, als man ihr 
sagte, sie solle sich schürzen; Noelle, die das gleiche Kleid in 
Rot trug, war bei ihr, und zwei andere blonde Mädchen, deren 
Namen Noelle ihr erst sagte, als sie abends allein waren: das 
Schweigegebot in Gegenwart eines Mannes,  was immer er auch 
war, Gebieter oder Diener, galt unbedingt. Es war genau drei 
Uhr, als die vier Mädchen den leeren Raum betraten, dessen 
Fenster weit offenstanden. Es war mild, die Sonne schien auf die 
Mauer, die rechtwinklig zum Hauptgebäude verlief, der 
Widerschein erhellte mit einem indirekten Licht eine der mit 
Efeu bewachsenen Wände. O hatte sich getäuscht; der Raum 
war nicht leer: ein Diener hielt Wache an einer Tür. O wußte, 
daß sie ihn nicht ansehen durfte, aber sie konnte es sich nicht 
verkneifen, hütete sich allerdings, die Augen höher als bis zu 
seinem Gürtel zu heben, und wurde wieder von der Panik und 
der Faszination gepackt, die sie ein Jahr zuvor empfunden hatte: 
nein, sie hatte nichts vergessen, und dennoch war es schlimmer 
als in ihrer Erinnerung, dieses Geschlecht, so frei in einem 
Beutel und so sichtbar zwischen den Beinen der schwarzen 
Strumpfhose, wie man es in den Archiven auf Bildern aus dem 
16. Jahrhundert sieht  - und die Riemen der Peitsche, die er im 
Gürtel stecken hatte. Am Fuß der Sessel standen Schemel, O saß 
auf einem davon nach dem Beispiel der drei anderen Mädchen, 
ihr Kleid ausgebreitet um sich herum. Und so, von unten, sah 
sie, genau vor sich, den reglosen Mann. Das Schweigen war so 
bedrückend, daß O nicht einmal wagte, ihr Kleid zu bewegen: 
die Seide knisterte so laut. Sie stieß einen Schrei aus, als sie 

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plötzlich ein Geräusch hörte: ein brünetter, stämmiger junger 
Mann im Reitanzug, einen Reitstock in der Hand, kleine 
vergoldete Sporen an den Stiefeln, war hereingekommen, indem 
er einfach über die Fensterbank gestiegen war. »Ein hübsches 
Bild«, sagte er, »ihr seid sehr brav, habt ihr keine Liebhaber? 
Seit einer Viertelstunde beobachte ich euch schon durch das 
Fenster. Aber die Schöne in Gelb«, fügte er hinzu und strich mit 
dem Ende seines Reitstocks über Os Brüste, die erschauerte, »du 
bist nicht so brav.« O stand auf. In diesem Augenblick kam 
Monique herein, das Kleid aus mauve Satin bis über den Schoß 
geschürzt, wo ein Dreieck aus schwarzem Vlies den 
Ausgangspunkt der langen Schenkel anzeigte, die O nur von 
hinten gesehen hatte. Ihr folgten zwei Männer. O erkannte den 
ersten wieder: es war derjenige, der ihr im vergangenen Jahr die 
Regeln von Roissy dargelegt hatte. Er erkannte sie auch und 
lächelte ihr zu. »Sie kennen sie?«  fragte der junge Mann. »Ja«, 
antwortete der andere, »sie heißt O. Sie ist für Sir Stephen 
gezeichnet, der sie von René R. übernommen hat. Im vorigen 
Jahr ist sie ein paar Wochen hiergeblieben, Sie waren damals 
nicht da. Wenn Sie sie wollen, Franck...« - »Na, ich weiß nicht«, 
sagte Franck. »Aber Sie wissen nicht, was Ihre O gemacht hat in 
der Viertelstunde, in der ich sie beobachtet habe und sie mich 
nicht sah. Ununterbrochen hat sie José angeschaut, aber nicht 
höher als bis zum Gürtel.« Die drei Männer lachten. Franck 
packte O an der Brustspitze und zog sie zu sich. »Antworte, du 
kleine Nutte, worauf hast du Lust? Auf die Peitsche von José 
oder seinen Schwanz?«. Puterrot vor brennender Scham, verlor 
O jeden Maßstab für das, was erlaubt und was verboten war, 
fuhr zurück, riß sich von den Händen des jungen Mannes los 
und schrie: »Lassen Sie mich, lassen Sie mich!« Er fing sie 
wieder ein, als sie gegen einen Sessel getaumelt war, und 
brachte sie zurück. »Du darfst nicht weglaufen«, sagte er, »die 
Peitsche wird dir José sofort verabfolgen.« Ah, nicht stöhnen, 
nicht flehen, nicht um Gnade und Verzeihung bitten! Aber sie 

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-229- 

stöhnte und weinte und bat um Gnade, wand sich, um den 
Schlägen auszuweichen, versuchte, Francks Hände zu küssen, 
der sie hielt, während der Diener sie peitschte. Eins der blonden 
Mädchen und Noelle hoben sie auf und ließen ihr den Rock 
wieder herunter. »Jetzt werde ich sie mitnehmen«, sagte Franck, 
»meine Meinung werde ich Ihnen dann gleich sagen.« Aber als 
sie ihm in sein Zimmer gefolgt war und nackt in seinem Bett 
lag, sah er sie lange an, und ehe er sich neben sie legte, sagte er: 
»Verzeih, O, aber hat dich dein Geliebter auch peitschen 
lassen?« - »Ja«, sagte O, dann zögerte sie. »Ja, sprich«, sagte er. 
»Er beleidigt mich nicht«, sagte O. »Bist du sicher?« fragte 
Franck. »Hat er dich niemals Nutte genannt?« O schüttelte den 
Kopf, um nein zu sagen, und im selben Augenblick wußte sie, 
daß sie log: Sir Stephen hatte sie sehr wohl als Nutte bezeichnet, 
als er in dem Séparé bei La Pérouse von ihr sprach und sie den 
beiden Engländern auslieferte und verlangte, daß sie während 
des Essens ihre mißhandelten Brüste entblößte. Sie schaute auf 
und sah Francks Augen auf sich gerichtet, dunkelblau, sanft, fast 
mitleidig; er hatte verstanden, daß sie log. Sie murmelte und 
antwortete damit auf das, was er nicht gesagt hatte: »Wenn er es 
tut, dann hat er recht.« Er küßte sie auf den Mund. »Liebst du 
ihn so sehr?« fragte er. »Ja«, antwortete O. Darauf sagte Franck 
nichts mehr. Er liebkoste sie lange mit den Lippen in  der Tiefe 
ihres Schoßes, bis sie keuchte und ihr der Atem stockte. 
Nachdem er dann in sie eingedrungen war, vertauschte er den 
Schoß mit den Lenden und rief sie leise: »O.« O spürte, wie sie 
sich zusammenzog um diesen Pfahl aus Fleisch, der sie ausfüllte 
und verbrannte. Er ergoß sich in sie und schlief dann plötzlich 
ein, sie an sich drückend, die Hände auf ihren Brüsten, seine 
Knie in ihre Kniekehlen gepreßt. Es war kühl. O zog das Laken 
und die Decke hoch und schlief auch ein. Der Tag ging zur 
Neige, als  sie aufwachten. Seit wieviel Monaten war dies das 
erste Mal, daß O so lange in den Armen eines Mannes 
geschlafen hatte? Alle, und vor allem Sir Stephen, gingen mit 

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-230- 

ihr ins Bett, dann ließen sie sie allein oder schickten sie weg. 
Und dieser hier, der sie eben erst so brutal behandelt hatte und 
jetzt neben ihren Knien saß, fragte sie scherzend, wie Hamlet 
Ophelia (Ophelia wegen O), ob er sich in ihren Schoß betten 
könne. Den Kopf an ihren Leib gelegt, betrachtete er ihre Eisen, 
die ihm über die Schulter fielen, von allen Seiten. Er knipste die 
Nachttischlampe an, um sie besser sehen zu können, las laut den 
Namen von Sir Stephen, der auf der Scheibe stand, und als er 
den Reitstock und die Peitsche bemerkte, die kreuzweise über 
dem Namen eingraviert waren, fragte er O, was Sir Stephen am 
liebsten verwende, den Stock oder die Peitsche. O antwortete 
nicht. »Antworte, Kleines«, sagte er zärtlich. »Ich weiß es 
nicht«, sagte O, »beide. Aber bei Norah war es immer die 
Peitsche.«  - »Wer ist Norah?« Seine Stimme klang so 
ungezwungen, so vertraulich, er erweckte so sehr den Eindruck, 
daß es selbstverständlich sei, ihm zu antworten, daß es genau so 
sei, als ob man sich selbst antworte, als ob man laut mit sich 
selbst rede, daß O antwortete, ohne darüber nachzudenken. 
»Seine Dienerin«, sagte sie. »Also war es richtig, daß ich dich 
durch José peitschen ließ.« - »Ja«, sagte O dann. »Und von dir«, 
fragte der junge Mann, »was hat er da am liebsten?« Er wartete, 
O antwortete nicht. »Ich weiß es«, sagte er. »Liebkose mich 
auch mit dem Mund, O, ich bitte dich drum.« Und er rutschte 
hinauf, bis er über ihr war, und sie liebkoste ihn. Dann nahm er 
sie mit beiden Händen um die Taille, um ihr beim Aufstehen zu 
helfen, sagte »fein, fein, fein«, küßte ihre Brüste und schnürte 
ihr das Korsett. O ließ es geschehen, ohne ihm auch nur zu 
danken, betroffen von der Freundlichkeit, besänftigt: er hatte 
von Sir Stephen gesprochen. Als er ihr schließlich sagte, ehe er 
nach einem Diener klingelte, um sie zurückzubringen, nachdem 
sie ihr Kleid wieder  angezogen hatte: »Ich werde dich morgen 
wieder kommen lassen, O, aber ich werde dich selbst schlagen«, 
da lächelte sie, weil er hinzufügte: »Ich werde dich schlagen wie 
er.« 

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-231- 

Abends erfuhr O von Noelle, daß die Diener zwar die 

Mädchen in den Gemeinschaftsräumen nicht anrühren durften, 
mit Ausnahme des Refektoriums, wo sie zu befehlen hatten, daß 
die Mädchen aber überall dort (doch nur dort) ihrer Willkür 
preisgegeben waren, wohin ihr Dienst sie rief: in ihrem Zimmer, 
wenn sie dort allein waren, in den Umkleideräumen, notfalls auf 
den Korridoren oder in den Vestibülen. Der Zufall wollte es, daß 
es José war, der auf Francks Klingelzeichen hin kam. Er war 
jung, groß und kräftig; das von Natur aus arrogante Wesen der 
Spanier paßte zu seinem maurischen Gesicht. O  wurde wieder 
von einer entsetzlichen Scham gepackt, als sie ihm auf 
klappernden Pantöffelchen den großen Korridor entlang folgte; 
nicht, weil er sie gepeitscht hatte, sondern weil sie sicher war, 
daß er glaubte, was Franck gesagt hatte, und er nicht daran 
zweifelte, daß sie ihn begehrte. Sie konnte den Gedanken an das, 
was ihr eines Tages ein Kolonialoffizier von maurischen 
Soldaten erzählt, nicht vertreiben: wenn sie können, dann tun sie 
den ganzen Tag nichts als Frauen beschlafen. José hatte noch 
nicht ze hn Schritte getan, als er sich tatsächlich umdrehte, und 
bei der ersten besten Bank, die er an die Wand schob, damit sie 
bequemer sei, O packte und auf den Rücken legte. Er besaß sie 
in aller Muße, und O, wütend über sich selbst, aber aufgewühlt 
wie von einer Eisenstange, konnte ihrem Stöhnen nicht Einhalt 
gebieten. »Du bist zufrieden«, sagte er, »das gefällt dir wohl?« 
Seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht. O schloß 
die Augen, um sein Lächeln nicht zu sehen. Aber er beugte sich 
über sie und na hm ihre Zunge. Warum zitterte O bei dem 
Gedanken, daß Francks Tür sich öffnen könnte? 

Im Umkleideraum im Erdgeschoß, wohin José sie dann 

brachte, fand O Noelle, die ihren Rock hochhielt, während ein 
Mädchen in Uniform, aber ohne Fichu, sie duschte. O hockte 
sich wie sie auf den türkischen Sitz neben dem ihren. Als das 
Wasser ganz aus ihr herausgeflossen war, wurde sie von 
demselben Mädchen einen Augenblick eingeseift, dann mit dem 

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-232- 

Wasserstrahl abgespült, der durch einen Fingerdruck auf eine 
Feder aus einem  metallenen Spiralschlauch sprudelte; der 
Schlauch endete in einer dünnen Kanüle aus Hartgummi. Der 
Strahl war sanft, das Wasser aber sehr kalt, noch kälter, schien 
es ihr, als sie spürte, wie es sich in die Tiefe ihrer Lenden, dann 
ihres Schoßes ergoß. Mußte sie denn so lange duschen, erst die 
Lenden und dann das Innere der Schenkel und die Spalte ihres 
Schoßes? Bei ihrem ersten Aufenthalt in Roissy hatte sie nicht 
einmal von der Existenz der Umkleideräume gewußt. Außerdem 
war sie nie in anderen Zimmern außer ihrem eigenen gewesen. 
»Ach, O, jedesmal, wenn man hinaufgeht«, sagte ihr Noelle, als 
sie sie fragen konnte, »wird man geduscht, wenn man wieder 
herunterkommt.«  - »Aber warum so lange und so kalt?«  - »Ich 
mag das gern«, sagte Noelle. »Man ist ganz frisch hinterher und 
wieder schön eng.« Das Mädchen, das die Aufsicht hatte, trug 
ihnen beiden dann Parfüm und Rouge auf. Sie schminkten sich 
und bürsteten sich die Haare. Das Parfüm erwärmte O ein 
bißchen. Noelle nahm sie an der Hand. Sie besaß die Schönheit 
der Irinnen oder der Frauen von La Rochelle mit sehr schwarzen 
Haaren, weißer Haut und blauen Augen. Sie war nicht größer als 
O, aber ihre Schultern waren schmal und ihr Kopf ganz klein, 
ihre Brüste klein und spitz, ihre Hüften breit und rund. Ihre 
Stupsnase und die schwellenden Lippen, die immer halb 
geöffnet waren, verliehen ihr einen heiteren Ausdruck. Aber sie 
war wirklich fröhlich; wenn sie irgendwo eintrat, hätte man 
immer gedacht, daß sie zu einem Fest käme. Ihre Munterkeit 
hatte etwas Entwaffnendes.  Sie bot sich mit einem so 
zauberhaften Lächeln an, sie hob mit solcher Beflissenheit ihre 
Röcke, um ihr schönes, weißes Hinterteil zu entblößen, daß sie 
selten ernstlich geschlagen wurde: »nur so viel, wie nötig ist«, 
sagte sie zu O, »aber mir steht es nicht, gezeichnet zu werden.« 
Als sie wieder in den Salon kamen, wo die Lampen angezündet 
waren, konnte O sowohl Noelles Grazie als auch den Erfolg 
bewundern, den diese Grazie erzielte. Die drei Männer, die auf 

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-233- 

den Ledersesseln saßen  - zwei mit zwei blonden Mädchen zu 
ihren Füßen, und beim dritten Monique, die die Männer gar 
nicht beachteten (eins der Mädchen war die Madeleine vom 
vergangenen Jahr)  - schauten sich um und erkannten Noelle. 
Einer der beiden rief sie sofort zu sich und sagte: »Komm und 
gib mir deine hübschen Brüste.« Sie beugte sich über den 
Sessel, die Hände auf den Lehnen, die Brüste genau in Höhe des 
Mundes des Mannes, ohne die geringste Hemmung, offenbar 
glücklich, ihm zu gefallen. Es war ein Mann in den Vierzigern, 
kahlköpfig, Sanguiniker, O  sah seinen roten Nacken, der zwei 
Wülste über dem Kragen seines Jacketts bildete, und dachte an 
den falschen Deutschen, dem Sir Stephen sie erst am vorigen 
Abend ausgeliefert hatte; er sah ihm ähnlich. Der Mann, der bei 
Monique gesessen hatte, ging hinter Noelle vorbei und fuhr ihr 
mit der Hand über die Lenden. »Sie erlauben, Pierre?« sagte er 
zu dem ersten. »Noelle müßte man um Erlaubnis bitten«, 
antwortete er und fügte hinzu: »Aber es ist nicht der Mühe wert, 
nicht wahr, Noelle?« -»Nein«, sagte Noelle. O  betrachtete sie: 
sie war hinreißend, wie sie Kopf und Hals nach hinten bog, um 
ihre Brüste besser zu präsentieren, und ein hohles Kreuz machte, 
um ihr Hinterteil besser darzubieten. War es wegen des 
Vergnügens, das es ihr bereitete, sich ansehen zu lassen, daß sie 
solch Begehren erweckte? Der Gefährte von Monique hatte ihr 
ein Zeichen gegeben, ihm die Kleider zu öffnen, und O sah zu, 
wie er sich zwischen Noelles Schenkeln hochreckte. Schließlich 
nahmen die drei Männer sie nacheinander, rosig und schwarz in 
der Tiefe ihrer Schenkel, heiter und weiß wie Milch in ihrem 
wirbelnden roten Kleid. Und sofort war sie es und O  - »die 
Kleine, da sie bei ihr ist«, sagte der, der Pierre hieß  - die sie 
einstimmig auswählten, als ein Diener kam und fragte, ob man 
zwei Mädchen entbehren könne, um sie in die Bar zu schicken. 
»Man darf sie nicht arbeitslos werden lassen«, sagte Pierre. 

Es gab drei Gittertüren in Roissy. Der Teil des Gebäudes, in 

den man nur gelangen konnte, wenn man eine der drei 

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-234- 

Gittertüren durchschritt, wurde nicht ohne Kinderei die große 
Klausur genannt. Hier hatten nur die Genossen oder, einfacher 
gesagt, die Klubmitglieder, Zutritt. Hier lagen im Erdgeschoß 
rechter Hand ein großes Vestibül (zu dem eine der Gittertüren 
führte, die größte), die Bibliothek, ein Salon, ein Rauchzimmer, 
ein Umkleideraum und linker Hand das Refektorium der 
Mädchen und daneben ein Zimmer, das den Dienern vorbehalten 
war. Einige Zimmer im Erdgeschoß wurden von den Mädchen 
bewohnt, die von Klubmitgliedern hergebracht worden waren, 
wie O von René. Die anderen Zimmer in den Stockwerken 
waren für die Mitglieder, die sich in Roissy aufhielten. Innerhalb 
der Klausur durften die Mädchen nur in Begleitung 
umhergehen; sie waren zu absolutem Schweigen verpflichtet, 
selbst untereinander, und mußten die Augen gesenkt halten; stets 
waren ihre Brüste nackt und meistens auch der Rock vorn oder 
hinten hochgeschlagen. Man verfügte nach Belieben über die 
Mädchen. Wie immer man sich ihrer bediente, was immer man 
von ihnen forderte, es kostete nicht mehr. Man konnte dreimal 
im Jahr kommen oder dreimal in der Woche, eine Stunde oder 
vierzehn Tage hier bleiben, ein Mädchen nur ausziehen oder es 
bis aufs Blut peitschen, der jährliche Mitgliedsbeitrag war 
derselbe. Der Aufenthalt wurde wie in einem Hotel berechnet. 
Die zweite Gittertür trennte von diesem zentralen Teil des 
Gebäudes einen Flügel, der die kleine Klausur genannt wurde. 
In seiner Verlängerung lagen die Wirtschaftsgebäude, wo Anne-
Marie wohnte. In der kleinen Klausur logierten die Mädchen der 
eige ntlichen Gemeinschaft, und zwar sozusagen in 
Doppelzimmern, denn sie waren durch eine halbe Trennwand 
unterteilt; an diese Wand stießen zu beiden Seiten die 
Kopfenden der Betten. Es waren gewöhnliche Betten, nicht ein 
mit Pelz bedeckter Divan wie in dem Zimmer, in dem O das 
erste Mal untergebracht gewesen war. Die beiden Zimmer hatten 
jeweils ein Bad und eine gemeinsame Garderobe. Die Türen 
ließen sich nicht abschließen, und die Klubmitglieder konnten 

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-235- 

im Laufe der Nacht, die die Mädchen angekettet verbrachten, 
jederzeit hereinkommen. Aber abgesehen von dem Anketten gab 
es keine bindende Vorschrift. Jenseits der dritten Gittertür, die, 
wenn man vor der Hauptgittertür stand, linker Hand lag  - die 
zweite rechter Hand  -, befand sich der frei zugängliche und 
gleichsam öffentliche Teil von Roissy: ein Restaurant, eine Bar, 
kleine Salons im Erdgeschoß, und in den Stockwerken die 
Zimmer. Die Klubmitglieder konnten in der Bar und im 
Restaurant ihre Gäste empfangen, ohne daß diese ein 
Eintrittsgeld bezahlen mußten. Aber jedermann oder annähernd 
jedermann konnte sich einen »vorläufigen Ausweis« ausstellen 
lassen, der für zwei Besuche galt und sehr teuer war. Man 
erwarb damit lediglich das Recht, das auch den Gästen 
eingeräumt wurde, in der Bar zu trinken, das Mittag- oder 
Abendessen zu verzehren, ein Zimmer zu nehmen und sich ein 
Mädchen heraufkommen zu lassen, und alles wurde gesondert in 
Rechnung gestellt. Im Restaurant und in der Bar gab es einen 
Oberkellner und einen Barmixer und einige Kellner  - die 
Küchenräume lagen im Souterrain  -, aber die Mädchen 
bedienten an den Tischen. Im Restaurant trugen sie die Uniform. 
In der Bar  - angetan mit seidenen Abendkleidern, einer 
Spitzenmantille ähnlich der Mantille der Uniform, die das Haar, 
die Schultern und die Brust bedeckte hielten sie sich nur auf, um 
darauf zu warten, daß man sie wähle. Das Restaurant und die 
Bar deckten normalerweise ihre Unkosten, das Hotel auch. Das 
Geld, das die Mädchen verdienten, wurde nach festgelegten 
Sätzen geteilt: so und so viel für Roissy, so und  so viel für das 
Mädchen. Der Preis war nicht für alle gleich: O erfuhr, daß sie 
das Doppelte bezahlt bekommen würde, weil sie offiziell einem 
Klubmitglied gehörte und Eisen und ein Zeichen trug. Bei zwei 
anderen Mädchen verhielt es sich genau so, eine davon war die 
kleine, rundliche Rothaarige mit der weißen Haut, die sie bei 
Anne- Marie gesehen hatte. Ein Mädchen peitschen kostete 
extra, sie durch einen Diener peitschen lassen ebenso. Die 

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-236- 

Rechnungen wurden im Büro des Hotels bezahlt, Trinkgelder 
direkt ausgehändigt. Die unmittelbare Nähe von Paris, das 
fürstliche und dennoch diskrete Aussehen der Gebäude, die 
komfortable Einrichtung und die Vorzüglichkeit des 
Restaurants, das Theatralische an der Kostümierung der 
Mädchen und die Anwesenheit der Diener, die Gefahrlosigkeit 
und Ungezwungenheit des Geschlechtsverkehrs, schließlich und 
vor allem das, was man über die Vorgänge hinter den 
Gittertüren der Klausur wußte, all das trug Roissy zahlreiche 
Kunden ein, die fast ausschließlich Geschäftsleute waren, und 
unter ihnen ebenso viel Ausländer wie Franzosen. Das 
öffentliche Roissy existierte ebenso wenig wie das heimliche 
Roissy: Country Club war eine Bezeichnung, die niemanden 
täuschte, aber es kam häufig vor, daß der Mann mit den grauen 
Schläfen, der als der Hausherr von Roissy galt, aber nur der 
Verwalter war, das eine oder andere Mädchen über einen sich 
nur kurz hier aufhaltenden Gast ausfragte  - abgesehen davon, 
daß Pässe oder Ausweise vorgelegt werden mußten (es wurde 
hoch und heilig versichert, daß man die Kennummern nicht 
notierte), um einen »vorläufigen Ausweis« zu erhalten  - kurz 
und gut, Roissy wurde offiziell ignoriert, offiziös geduldet. 
Einer der Gründe dafür war zweifellos (außer jenen, auf die die 
erwähnte Überwachung schließen läßt), daß es niemals 
Beschwerden wegen venerischer Ansteckung noch Ärgernisse 
mit Schwangerschaften und Abtreibungen gegeben hatte. O 
hatte sich immer gefragt, wie sich die Mädchen, wenn sie 
manchmal mit zehn Männern pro Tag schliefen, die keinerlei 
Behinderung duldeten, vor Schwangerschaften schützten. Alle 
konnten nicht wie sie vom Zufall begünstigt sein; eine 
Verlagerung, die das Risiko praktisch ausschloß. »Man kann 
dem Zufall nachhelfen, O«, sagte Anne-Marie, als sie ihr die 
Frage stellte. Woraus sie schloß, daß Anne-Marie, die Ärztin 
war, die Mädchen von Roissy heimlich operiert hatte. Bei keiner 
von ihnen bemerkte man jemals das bange Aussehen von 

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Frauen, bei denen sich die Regel verspätet. »Ach, das ist gar 
nicht schlimm, und man ist beruhigt, weißt du«, sagte Noelle 
eines Tages, »aber ich kann es dir nicht erklären, ich bin 
eingeschläfert worden.« O vermutete, daß es verboten war, 
darüber zu sprechen. 

Sich vor Ansteckung zu schützen war schwieriger: die 

Tabletten, die man sich auflösen ließ, die prophylaktischen 
Maßnahmen, die Duschen. Die größte Ansteckungsgefahr war 
am Mund: das Rouge, das das Rissigwerden der Lippen 
verhinderte, trug dazu bei, diese Gefahr zu verringern. 
Außerdem untersuchte Anne-Marie die Mädchen jeden Tag. Sie 
wurden gepflegt, notfalls isoliert  - in  Zimmern, die unter ihrer 
Wohnung lagen, bis sie geheilt waren. Die Mädchen, die von 
ihrem Geliebten hergebracht worden waren, unterlagen dieser 
Pflege und diesen Zwangsmaßnahmen nicht: es ging auf ihr 
Risiko, und außerdem kamen sie aus der großen Klausur nicht 
heraus. Was die anderen betraf, so vermochte O nie ganz zu 
begreifen, wovon es abhing, in welchem Ausmaß sie innerhalb 
der Gitter und in welchem Ausmaß sie außerhalb eingesetzt 
wurde. Einesteils gab es einen festgelegten Dienstplan für das, 
was in Uniform zu erledigen war; so und so viele Tage Dienst 
im Restaurant; desgleichen, in Abendkleidern, so und so viele 
Nachmittage oder so und so viele Abende in der Bar anwesend 
zu sein. Indessen wurden die Bar und das Restaurant sowohl von 
Gästen als auch von den Klubmitgliedern aufgesucht, und nichts 
hinderte die letzteren, ein Mädchen zu nehmen und wieder in 
den Bereich der Gittertüren zu bringen. Andererseits schien es 
ganz nach Lust und Laune zu gehen: ein Beispiel dafür war die 
Tatsache, daß, als ein Diene r kam, um zwei Mädchen für die 
Bar aufzufordern, Noelle und O dazu bestimmt wurden, und 
nicht Monique oder Madeleine. 

Als O Noelle folgte und zum erstenmal die Bar betrat, alle 

beide in Mantille, fiel ihr auf, wie ähnlich dieser Raum der 
Bibliothek war, aus der sie gerade kamen: dieselben 

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Abmessungen, dieselbe Holzverkleidung, dieselben Sessel. Die 
hübsche kleine Rothaarige, die wie O Eisen trug und epiliert war 
und die O einmal bei Anne-Marie mit einem so verwunderten 
Vergnügen gepeitscht hatte, kauerte, in grauen Satin gekleidet, 
auf einem hohen Barhocker und lachte mit zwei Männern. Als 
sie O sah, sprang sie herunter, um sie zu umarmen, faßte sie um 
die Taille und kam mit ihr zurück. »Das ist O«, sagte sie, 
»wollen Sie sie einladen? Sie werden keine bessere finden.« 
Und durch den schwarzen Tüll küßte sie eine von Os 
Brustspitzen. »Sie verraten Ihre Namen nicht«, sagte sie zu O, 
»aber sie sehen nett aus, findest du nicht?« Nett - nein, das war 
lächerlich. Sie sahen zugleich verlegen und ordinär aus, und ihr 
dritter Aperitif hatte nicht ausgereicht, ihnen Selbstvertrauen 
einzuflößen. Als O ihr Glas von der Theke nehmen wollte, 
streifte ihr Arm das Knie des rechts von ihr Sitzenden: er faßte 
nach ihrem beringten Handgelenk und fragte, warum sie alle 
eiserne Armbänder trügen. »Als ob sie das nicht wüßten!« rief 
Yvonne. »Das macht nichts. Wir erklären es ihnen beim Essen. 
Los, kommt.« Dann sah sie, daß sich der Mann, der gefragt 
hatte, als er von seinem Hocker herunterkletterte, bemühte, dem 
anderen ein Zeichen zu geben, und sagte zu O: »Gib ihm schnell 
die Hand, dann kann er nicht sagen, daß du ihm nicht gefällst.« 
Im Restaurant nahmen sie zu viert einen Tisch. Die drei Männer, 
die Noelle beschlafen hatten, aßen zusammen an einem 
benachbarten Tisch. Noelle war, nachdem O sie verlassen hatte, 
fünf Minuten später durch die Tür verschwunden, die zu den 
Zimmern führte, gefolgt von einem Mann, der wie ein feister 
Syrer aussah. Franck kam gerade in dem Augenblick, als 
Yvonne und O, die keinen Likör getrunken hatten, darauf 
warteten, daß die Männer mit ihrem Cognac fertig würden. Er 
winkte O unauffällig zu und setzte sich allein in die Nähe eines 
Fensters. Aber O, die ihn etwas schräg von der Seite sah, 
bemerkte, daß er sofort, als das Mädchen, das ihn bedienen 
sollte, an seinen Tisch trat, mit der Hand in den Schlitz ihres 

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Rocks gefahren war. Das war im Restaurant oder in der Bar, 
vorausgesetzt, es geschah diskret, die einzige Freiheit, die man 
sich herausnehmen durfte. Schließlich kam der Moment, an dem 
Yvonne fragte: »Wollen wir hinaufgehen?« Ein Hotelpage 
öffnete die beiden nebeneinander liegenden Zimmer, wies auf 
das Telefon und die Klingel hin und schloß die Tür. Ohne daß 
sie darum gebeten worden wäre, nahm O ihre Mantille ab und 
ging auf ihren Kunden zu, um ihm ihre  Brüste darzubieten. Er 
saß auf einem Stuhl; der dreiteilige Spiegel, der in allen 
Zimmern an einer Seitenwand befestigt war, reflektierte sein 
Bild, und O, die ganz angezogen zwischen seinen Knien stand 
und sich vorbeugte, um es ihm bequemer zu machen, wunderte 
sich, daß sie es ganz natürlich fand, diesem Unbekannten ihre 
Brust hinzustrecken. Seit dem Morgen waren vier Männer, wie 
Anne-Marie sich ausdrückte, in ihren Körper eingedrungen: Sir 
Stephen, der Fahrer des Wagens, Franck und der Diener José. 
Dieser hier würde der fünfte sein: dieselbe Zahl wie Monique. 
Aber dieser würde bezahlen. Er sagte ihr, sie solle sich 
ausziehen, und als er sie im Korsett sah, hieß er sie innehalten. 
Ihre Eisen (von denen Yvonne nicht gesprochen hatte, als sie, da 
sie nichts weiter gefragt, wurde, erklärte: »unsere Armbänder 
sind dazu da, uns anzuketten, wenn wir gepeitscht werden«), 
ihre Eisen verblüfften ihn, und ebenso die beiden Wege, die sich 
ihm boten, als er O, die rücklings auf der Bettkante lag, 
unterhalb der Kniekehlen packte. Kaum hatte er sich aus ihr 
zurückgezogen, da sagte er: »Wenn du lieb bist, gebe ich dir ein 
gutes Trinkgeld.« Sie kniete sich hin. Er ging, ehe sie wieder 
angezogen war, und ließ eine Handvoll Scheine auf dem 
Kaminsims: ein Drittel von dem, was sie im Monat im Studio in 
der Rue Royale verdiente. Sie wusch sich, zog ihr Kleid wieder 
an, steckte die gefalteten Geldscheine unter ihr Korsett in die 
Höhlung zwischen ihren Brüsten und ging hinunter. Im übrigen 
hatte sie sich getäuscht, als sie annahm, sie habe dieselbe Zahl 
erreicht wie Monique: sie wurde, kaum daß sie in die Bar 

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-240- 

gekommen war, von einem weiteren Kunden erwählt, wieder in 
ein Zimmer geführt und ein sechstes Mal genommen. 

Im Dunkeln, angekettet an dem Haken über ihrem Bett - wie 

damals in  dem Zimmer vom vergangenen Jahr, von dem sie 
nicht wußte, wer es jetzt bewohnte - als sie im Dunkeln lag und 
nicht schlafen konnte, fragte sie sich zum hundertsten Male, 
warum jeder beliebige, ob sie nun dabei Lust empfand oder 
nicht, durch die Tatsache, daß er in sie eindrang oder sie nur mit 
der Hand öffnete oder sie schlug oder sogar bloß nackt auszog, 
die Macht hatte, sie sich Untertan zu machen. Von der anderen 
Seite der Trennwand, die dünn wie eine spanische Wand war 
und nicht länger als die Breite des Betts und der Nachttische, 
hörte sie, wie Noelle sich bewegte, die auch nicht schlief. Sie 
rief sie. Ob Noelle sich auch so unterworfen vorkomme, so 
besiegt und geknechtet wie sie, sobald man sie berühre? Noelle 
war entrüstet. Unterworfen, geknechtet? Sie tat, was nötig war, 
das war alles. Und besiegt? Warum besiegt? O sei sehr 
schwierig. Noelle fand es schmeichelhaft, wie Männer vor ihr 
steif wurden, manchmal fand sie es angenehm und immer 
amüsant, für sie die Beine oder den Mund zu öffnen. »Selbst bei 
dem Syrer heute abend?« fragte O. »Welchem Syrer?« sagte 
Noelle. »Diesem schwarzhaarigen, krausköpfigen mit dem 
gewaltigen Bauch, mit dem du hinaufgegangen bist, als wir in 
die Bar kamen.« Man kann es also vergessen, sagte sich O. Aber 
nein, Noelle antwortete: »Oh, wenn du den nackt gesehen 
hättest: ein fettes Schwein.« - »Siehst du wohl«, sagte O. - »Ach 
nein«, erwiderte Noelle, »was macht das schon. Er hat mich eine 
halbe Stunde lang geleckt, weil er in meinen Hintern wollte, ich 
auf allen Vieren natürlich. Er bezahlt gut, weißt du.« Auch O 
war gut bezahlt worden, das Geld lag in der Schublade eines der 
Nachttische. »Noelle«, sagte O, »wenn man dich peitscht, 
findest du das auch noch amüsant?« - »Ja, ein bißchen, und ich 
werde immer nur ein bißchen gepeitscht.« O hätte fast gesagt: 
»Du hast Glück«, aber dann merkte sie, daß sie ganz und gar 

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nicht glaubte, daß das Glück sei. Sie wollte Noelle fragen, 
warum sie immer nur ein bißchen gepeitscht werde, und was sie 
von den Ketten halte, und ob die Diener  - aber Noelle drehte 
sich im Bett um und ächzte: »Ach, bin ich müde! Mach nicht so 
viel Gerede, O, schlafe.« Sie sagte nichts mehr. 

Am Morgen kam um zehn Uhr ein Diener, um ihnen die 

Ketten abzunehmen. Wenn das Bad genommen, die Toilette 
gemacht, die Untersuchung  durch Anne-Marie vorbei war, 
sofern man nicht Dienst in den Zimmern der großen Klausur 
hatte, und in diesem Fall mußten die Mädchen sofort ihre 
Uniform anziehen, stand es den Mädchen frei, sich anzuziehen 
oder nicht, bis es Zeit war, daß diejenigen, die an der Reihe 
waren, ins Restaurant oder in die Bar gingen und die anderen ins 
Refektorium. Aber diejenigen, die ins Refektorium gingen, 
zogen sich nicht an: wozu, wenn man dort ja doch nackt sein 
mußte? In einer Anrichte auf der Etage konnte man frühstücken.  
Die Türen blieben zum Korridor offen, und es war erlaubt, von 
einem zum anderen zu gehen. Nur O, Yvonne und das dritte 
Mädchen, das wie sie Eisen trug, Julienne, wurden vormittags 
gerufen, um gepeitscht zu werden. Die Peitsche wurde ihnen der 
Reihe nach auf dem Etagenpodest verabfolgt, über das 
Treppengeländer gebeugt und angebunden, niemals heftig 
genug, um sie zu zeichnen, immer lange genug, um ihnen 
Schreie, Flehen und manchmal Tränen zu entlocken. 

Am ersten Morgen fiel O, nachdem sie losgebunden worden 

war, stöhnend auf ihr Bett, so brannten ihre Lenden noch. Noelle 
nahm sie in den Arm, um sie zu trösten. Ihre Freundlichkeit 
enthielt eine Spur Verachtung. Warum hatte sie sich 
bereitgefunden, die Eisen zu tragen? O gab bereitwillig zu, daß 
sie glücklich  darüber sei, und daß ihr Geliebter sie jeden Tag 
peitsche. »Dann bist du ja dran gewöhnt«, sagte Noelle. 
»Beklage dich nicht, es würde dir fehlen.« - »Vielleicht«, sagte 
O. »Und ich beklage mich auch nicht. Aber gewöhnen, ach nein, 
gewöhnen kann ich mich nicht daran...«. »Na, du wirst es 

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-242- 

müssen, denn es wäre seltsam, wenn du hier nur einmal am Tag 
gepeitscht würdest. Bei Mädchen wie dir sehen die Männer 
sofort, daß es darum gemacht wird. Deine Ringe am Schoß, 
deine Brandzeichen... ganz zu schweigen von dem, was auf 
deiner Karteikarte stehen wird.«  - »Auf meiner Karteikarte?« 
fragte O. »Was für eine Karteikarte, was willst du damit sagen?« 
- »Du hast deine Karteikarte noch nicht, aber beruhige dich, das 
wird draufstehen, wenn du sie bekommst.« 

Als O drei Tage später bei Anne-Marie zum Mittagessen war, 

fragte sie sie nach der Karteikarte, und Anne- Marie erklärte ihr 
die Sache bereitwillig. »Ich warte noch auf deine Photos; auf die 
Rückseite der Karteikarte, die mir Sir Stephen schicken wird, 
werden nicht Auskünfte über dich persönlich eingetragen, ich 
meine, nicht deine Maße, deine Personenbeschreibung, dein 
Alter, nein, sondern deine Besonderheiten und deine 
Verwendung... Ach, das läßt sich immer in zwei Zeilen 
zusammenfassen, und ich weiß, was er sagen wird.« Die Photos 
von O waren eines Vormittags im Dachgeschoß des rechten 
Flügels aufgenommen worden in einem Studio, das demjenigen 
ganz ähnlich war, in dem sie gearbeitet hatte. O war geschminkt 
worden, wie sie die Mannequins in jener Zeit geschminkt hatte, 
die ihr weiter zurückzuliegen schien als ihre Kindheit. Sie war in 
ihrer Uniform photographiert worden, in ihrem langen gelben 
Kleid, sie war mit hochgerafftem Kleid photographiert worden, 
sie war nackt, von vorn, von hinten und im Profil photographiert 
worden: stehend, liegend, halb rücklings auf einem Tisch und 
die Beine geöffnet, gebückt und die Kruppe gespannt, auf den 
Knien und mit gefesselten Händen. Ob alle diese Bilder 
aufgehoben werden? »Ja«, sagte Anne-Marie. »Sie kommen in 
dein Dossier. Von den besten werden Abzüge für die Kunden 
gemacht.« Als Anne-Marie sie ihr am übernächsten Tag zeigte, 
war sie entsetzt; dabei waren sie hübsch; nicht eins, das nicht in 
den Alben hätte aufgenommen werden können, die mehr oder 
weniger verstohlen an den Kiosken verkauft wurden. Aber das 

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-243- 

einzige, von dem O den Eindruck hatte, daß man sie darauf 
erkennen könne, war ein Photo, auf dem sie nackt war, von vorn 
aufgenommen, an eine Tischkante gelehnt, die Hände unter den 
Lenden, die Knie gespreizt, ihre Eisen gut sichtbar zwischen den 
Schenkeln und die Spalte ihres Schoßes ebenso deutlich wie ihr 
leicht geöffneter Mund. Sie blickte geradeaus, das Gesicht 
versunken und verstört. Sie täuschte sich wohl nicht, wenn sie 
sich wiedererkannte. »Vor allem dieses«, sagte Anne-Marie, 
»wird weitergegeben. Du kannst dir die Rückseite ansehen, oder 
lieber nicht, ich werde dir erst die Karteikarte von Sir Stephen 
zeigen.« Sie stand auf, öffnete die Schublade eines Sekretärs 
und reichte O eine kleine Karte, auf der in roter Tinte in Sir 
Stephens Handschrift ihr Name stand: O, und der Vermerk: 
»Eisen, Brandmale. Mund gut gedrillt.« Darunter und 
unterstrichen: »Zu peitschen.«  - »Dreh jetzt das Photo um«, 
sagte Anne-Marie. Der ganze Text war auf die Rückseite des 
Photos übertragen worden. Was  dort stand, hatte Sir Stephen 
jedesmal vor O ausgesprochen, in noch gröberen Ausdrücken, 
wenn er sie einem anderen zur Verfügung stellte, und er hatte es 
auch nicht vor ihr verheimlicht, wenn er einfach mit seinen 
Freunden über sie sprach. O erfuhr, daß die Photos, zwei oder 
drei von jedem Mädchen, in den Alben mit losen Blättern 
waren, in die jeder in der Bar oder im Restaurant Einblick 
nehmen konnte. »Das ist auch das Bild, das Sir Stephen am 
besten gefällt«, sagte Anne-Marie, »und dann dieses« (auf dem 
O mit geschürztem Rock kniete). »Aber hat er sie denn 
gesehen?« rief O.  - »Ja, er ist gestern gekommen, er hat die 
Karteikarte hier ausgestellt.«  - »Aber wann denn gestern?« 
fragte O, ganz bleich, und sie spürte, wie sich ihr die Kehle 
zuschnürte und die Tränen aufstiegen. »Wann denn, und warum 
hat er mich nicht gesehen?« - »Oh, er hat dich gesehen«, sagte 
Anne-Marie. »Ich bin gestern mit ihm in die Bibliothek 
gegangen, als du da warst. Du warst bei dem Kommandeur. Nur 
er und du waren im Raum, aber wir wollten nicht stören.« 

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Gestern, gestern nachmittag in der Bibliothek, O auf den Knien, 
ihr grünblaues Kleid über die Lenden gerafft... Sie hatte sich 
nicht gerührt, als sich die Tür öffnete: sie hatte das Geschlecht 
des Kommandeurs im Mund. »Warum weinst du?« fragte Anne-
Marie. »Er hat dich sehr hübsch gefunden. Weine doch nicht, du 
kleine Närrin.« Doch O konnte ihre Tränen nicht aufhalten. 
»Warum hat er mich nicht gerufen? Ist er gleich wieder 
abgefahren, was hat er gemacht, warum hat er mir nichts 
gesagt?« stöhnte sie.  - »Ach, er muß dir wohl Rechenschaft 
ablegen. Ich dachte, er hätte dich besser erzogen. Du 
verdientest...« Anne-Marie unterbrach sich: es wurde an ihre Tür 
geklopft. Es war jener, der Hausherr von Roissy genannt wurde. 
Bisher hatte er von O keine Notiz genommen und sie nicht 
angerührt. Aber zweifellos war sie besonders rührend oder 
aufreizend, so niedergeschlagen, bleich und nackt, mit feuchtem 
Mund und zitternd. Als Anne-Marie sie wegschickte und ihr 
befahl, sich anzuziehen, berichtigte er diese  Anweisung: »Nein, 
sie soll im Flur auf mich warten.« 

Als ihr Kummer am größten war, wurde O ein wenig 

besänftigt durch einen Umstand, bei dem es schien, als könne 
ihr im Grunde nichts davon angenehm sein: es war die Ankunft 
des vermeintlichen Deutschen, dem sie schon in Gegenwart von 
Sir Stephen mehrmals angehört hatte. Gewiß, er hatte nichts 
Einnehmendes: er sah brutal, lüstern und verachtungsvoll aus 
und hatte die Hände und die Sprache eines Kutschers. Aber er 
sagte O, die er hatte rufen lassen und in der Bar erwartete, daß er 
im Auftrag von Sir Stephen komme, und lud sie zum Essen ein. 
Gleichzeitig überreichte er ihr einen Briefumschlag. O erinnerte 
sich, und das Herz krampfte sich ihr bei diesem Gedanken 
zusammen, an den Briefumschlag, den sie an dem Morgen auf 
dem Tisch in Sir Stephens Salon gefunden hatte, als sie die erste 
Nacht bei ihm verbracht hatte. Sie öffnete den Umschlag: es war 
tatsächlich ein Briefchen von Sir Stephen, der ihr schrieb, sie 
solle dafür sorgen, daß Carl Lust verspüre, wiederzukommen, 

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-245- 

ebenso wie er ihr auf der Reise eingeschärft hatte, ihn in ihr 
Abteil zu locken. Und er dankte ihr dafür. Carl kannte offenbar 
den Inhalt des Briefes nicht. Sir Stephen mußte ihm etwas 
anderes gesagt haben. O steckte den Bogen wieder in den 
Umschlag; als sie ihn ansah  - er saß auf einem Barhocker (sie 
stand vor ihm)  - sagte er mit seiner rauhen und schleppenden 
Stimme, die durch die Schwierigkeit, sich auf Französisch 
auszudrücken, und seinen germanischen Akzent noch 
bedächtiger klang: »Sie werden also gehorchen?«  - »Ja«, sagte 
O. Oh ja, sie würde gehorchen! Er sollte ruhig glauben, daß sie 
ihm gehorchen würde. An Carl lag ihr gar nichts, aber daran, 
daß Sir Stephen, auf welche Weise auch immer, sich ihrer für 
seine Zwecke bediente, was diese Zwecke auch sein mochten! 
Sie sah Carl voll Sanftmut an: wenn sie es fertigbrächte, daß er 
Lust verspürt, wiederzukommen  - daß Sir Stephen ihn in Paris 
festhalten wollte, das zumindest begriff sie, warum, das war ihr 
gleichgültig  - wenn sie es fertigbrächte, würde  Sir Stephen sie 
vielleicht belohnen, und vielleicht käme er sogar her. 

Sie raffte die raschelnde Seide ihres Kleides zusammen, 

lächelte dem Deutschen zu und ging ihm voran ins Restaurant. 
Lag es an ihrer Sanftmut, die, wenn sie es wollte, sehr anmutig 
war, lag es an ihrem Lächeln, jedenfalls war sie überrascht, wie 
schnell das Eis schmolz, unter dem Carls Gesicht erstarrt war. 
Er bemühte sich während des Essens, höflich mit ihr zu 
plaudern. In einer halben Stunde erfuhr O mehr über ihn, als Sir 
Stephen ihr  je erzählt hatte: daß er Flame sei, Geschäftsanteile 
im belgischen Kongo besitze, daß er drei- oder viermal im Jahr 
nach Afrika fliege und die Minen sehr viel Geld abwerfen. »Was 
für Minen?« fragte O. Aber er antwortete nicht. Er trank viel 
und hatte den Blick bald auf Os Lippen, bald auf ihre Brüste 
gerichtet, die sich unter der Spitze bewegten und von denen man 
manchmal durch eine Masche - so groß waren die Maschen - die 
geschminkte Spitze sah. Im Büro, in das O ihn dann führte, 
damit er ein Zimmer bestelle, sagte er: »Lassen Sie mir einen 

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-246- 

Whisky hinaufbringen und einen Stock.« Nachdem er sie 
genommen hatte, wie der Syrer Noelle genommen hatte und wie 
ja O selbst schon in Gegenwart von Sir Stephen von ihm 
genommen worden war, nachdem er sich von ihr hatte streicheln 
lassen und als er zum dritten Mal den Reitstock hob und Os 
Hände ergriff, die wider Willen flehentlich versuchte, seinen 
Arm aufzuhalten, da las O in seinen Augen eine so unbändige 
Lust, daß sie wußte, sie habe nicht das mindeste Mitleid von ihm 
zu erwarten (was sie auch niemals erhofft hatte), aber sie wußte 
auch und vor allem, daß er wiederkommen würde. 

Es geschah selten, daß Klubmitglieder oder Gäste, von einer 

Frau begleitet, ins Restaurant oder in die Bar gingen, aber dann 
und wann geschah es doch. Vorausgesetzt, sie waren in 
Begleitung eines Mannes, war Frauen der Eintritt nicht 
verboten, nicht einmal das Betreten der Zimmer. Der Mann, der 
sie mitbrachte, brauchte auch nicht extra zu bezahlen, nur ihre 
Getränke und die Mahlzeiten; auch ihren Namen brauchte er 
nicht anzugeben. Der einzige Unterschied, der in dieser 
Beziehung zwischen Roissy und einem gewöhnlichen 
Stundenhotel bestand, war, daß man zugleich mit dem Zimmer 
ein Mädchen nehmen mußte. In dem großen, überheizten Saal, 
wo gewaltige Philodendren und Farne an einer der Wände einen 
Treibhausgeruch verbreiteten, legten sie ihre Pelzmäntel und 
manchmal sogar ihre Kostümjacken ab. Ihr sicheres Auftreten, 
das vielleicht ihre Verlegenheit verbarg, ihre Neugier, die sie 
mit Unverschämtheit zu  bemänteln trachteten, ihr Lächeln, das 
sie recht verächtlich zu machen versuchten und das gewiß oft 
mit wirklicher Verachtung gepaart war, erregten den Groll der 
Mädchen und amüsierten diejenigen der anwesenden Männer, 
die Stammgäste in Roissy waren, Mitglieder oder Kunden. 

Während der acht Tage, an denen O mittags Dienst im 

Restaurant hatte, kamen drei Frauen an verschiedenen Tagen. 
Die dritte, die O sah, eine große, blonde, war in Begleitung eines 
jungen Mannes, der O schon an der Bar aufgefallen war. Sie  

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setzten sich an einen der Tische, die von ihr betreut wurden, in 
einer Nische in der Nähe des Fensters. Fast sofort gesellte sich 
ein Klubmitglied mit Namen Michel zu ihnen und gab O ein 
Zeichen, sie solle kommen. Michel hatte einmal mit O 
geschlafen. Als der Mann ihn der jungen Frau vorstellte, hörte 
O, wie er hinzufügte: »meine Frau«. Sie trug einen Ehering, mit 
kleinen Diamanten besetzt, und einen fast schwarzen Saphir. 
Michel verbeugte sich und nahm Platz, und als der Oberkellner 
die Bestellung entgege ngenommen hatte, sagte er zu O, die 
wartete: »Bring Madame das Album.« Die junge Frau blätterte 
mit gleichgültiger Miene in dem Album und wollte zweifellos 
Os Bild übergehen und so tun, als erkenne sie sie nicht, als ihr 
Mann sagte: »Ach, sieh mal, da ist  ja diese hier, sie ist sehr 
ähnlich.« Die junge Frau sah O an, ohne zu lächeln. »Wirklich?« 
fragte sie. »Blättern Sie die nächste Seite um«, sagte Michel. 
»Hast du die Bemerkung gelesen?« fragte ihr Mann. Sie klappte 
das Album zu und gab keine Antwort. Aber als O, die den ersten 
Gang geholt hatte, zum Tisch zurückkam, sah sie, daß sich die 
junge Frau angeregt unterhielt und Michel lachte. Dann 
schwiegen sie jedesmal, wenn O in der Nähe war, indes nicht 
rasch genug, als sie den Kaffee brachte, denn sie hörte, wie der 
Ehemann drängte: »Nun los, entscheide dich.« Michel fügte 
etwas hinzu, was O nicht verstand, und die junge Frau zuckte 
die Schultern. Im Zimmer zog sie sich nicht aus, mit ihren 
knöchernen Händen berührte sie O leicht, die die Klauen eines 
großen Vogels auf ihrer Haut zu spüren glaubte, dann sah sie zu, 
wie O ihren Mann streichelte und sich ihm hingab. Als sie 
gingen und O nackt zurückließen, hatten sie sie nicht 
geschlagen, nicht mißhandelt, nicht beleidigt. Sie hatten höflich 
mit ihr gesprochen. Niemals hatte sie sich mehr gedemütigt 
gefühlt. 

»Diese Weiber«, sagte Noelle, die O mit dem Ehepaar hatte 

weggehen sehen, sie darüber befragte und dann erfuhr, was 
vorgegangen sei und welchen Eindruck O gehabt habe, »diese 

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-248- 

Weiber sind ebensolche Nutten wie wir, das kannst du mir 
glauben, sonst würden sie nicht herkommen, aber sie bilden sich 
ein, wer weiß was zu sein! Wenn ich könnte, würde ich sie 
ohrfeigen.« Diese Ansicht über die Frauen, die als Gäste hier 
waren, war beharrlich und einhellig. Wenn indessen Noelle  - 
und übrigens auch alle anderen Mädchen und O  - diejenigen 
Mädchen beneideten, die durch ihren Geliebten nach Roissy 
gebracht worden waren, dann einzig und allein um des 
Interesses willen, das ihr Geliebter ihnen entgegenbrachte, und 
ohne den geringsten Groll oder wirkliche Eifersucht. O hatte bei 
ihrem ersten Aufenthalt nicht geahnt, welches Verlangen sie bei 
diesen Mädchen erweckt haben mußte, das Verlangen, mit ihr zu 
reden, ihr zu helfen, zu erfahren, wer sie sei, sie zu umarmen, 
diese Mädchen, die sie bei ihrer Ankunft ausgezogen, 
gewaschen, frisiert, geschminkt und ihr das Korsett und das 
Kleid wieder angezogen hatten, die sich dann Tag für Tag um 
sie gekümmert und so vergeblich versucht hatten, mit ihr zu 
sprechen, wenn sie sich nicht überwacht glaubten; um so 
vergeblicher, als sie niemals versucht hatte, ihnen zu antworten. 
Als sie an der Reihe war, den sogenannten Zimmerdienst zu 
versehen, das heißt, daß sie sich in Begleitung von Noelle in die 
Zimmer der großen Klausur zu begeben hatte,  um den dort 
untergebrachten Mädchen bei der Toilette zu helfen, war O 
dermaßen verwirrt durch diese Art von vervielfältigtem 
Abklatsch, durch diese in mehreren Exemplaren vorhandene 
Inkarnation dessen, was sie selbst gewesen war und das man ihr 
jetzt wieder in die Hände gab, daß sie die Schwelle der roten 
Zimmer nie ohne Zittern überschritt. Denn alle diese Zimmer 
waren rot. Was sie am meisten betrübte, war, daß es ihr nie 
gelang, mit Sicherheit dasjenige wiederzufinden, das einst das 
ihre gewesen war. Das  dritte? Die große Pappel rauschte vor 
dem Fenster. Die bleichen Astern, die sich den ganzen Herbst 
über halten würden, blühten, wie es sich gehörte. Es war 
September, Tag- und Nachtgleiche. Aber das fünfte Zimmer 

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-249- 

hatte auch seine Pappel und seine Astern. O war mit einem 
zierlichen Mädchen beschäftigt, weiß vor der scharlachroten 
Tapete, zitternd, ihre Schenkel trugen zum ersten Mal die 
violetten Striemen des Reitstocks. Sie hieß Claude. Ihr Geliebter 
war ein magerer junger Mann in den Dreißigern, der die Ligende 
an den Schultern hielt, wie René O gehalten hatte, und sie voll 
Leidenschaft anblickte, als sie ihren flaumigen, brennenden 
Schoß einem Mann öffnete, den sie noch nie gesehen hatte und 
unter dem sie stöhnte. Noelle wusch sie. O schminkte sie, 
schnürte ihr das Korsett, zog ihr das Kleid an. Sie hatte zarte 
Brüste mit rosigen Spitzen und runde Knie. Und war stumm und 
verstört. Sie und die Mädchen, die gleich ihr den Mitgliedern 
gehörten, die sich allein in sie teilten, diese Mädchen, die sich 
schweigend hingaben und, sobald man sie als ausreichend bereit 
und gedrillt ansah, Roissy verlassen würden, den eisernen Ring 
am Finger, um außerhalb von Roissy durch ihren Geliebten 
prostituiert zu werden, allein zu seiner Lust, diese Mädchen 
waren für die Mädchen, die in Roissy selbst innerhalb der 
Gittertüren prostituiert wurden, für Geld und zu Nutz und 
Frommen und zum Vergnügen der Klubmitglieder statt eines 
einzigen Mannes, der sie liebte - für diese Mädchen waren jene 
in den roten Zimmern ein Gegenstand der Neugier und nicht 
enden wollender Mutmaßungen. Würden sie nach Roissy 
zurückkehren? Würden sie, wenn sie zurückkehrten, in der 
großen Klausur eingeschlossen oder, und sei es auch nur für 
einige Tage, vom Schweigegebot entbunden und in die 
Gemeinschaft aufgenommen werden? Einmal war es 
vorgekommen, daß ein Mädchen von ihrem Geliebten sechs 
Monate in der Klausur gelassen, dann mitgenommen und 
niemals wieder zurückgebracht worden war. O fand aber Jeanne 
wieder, die ein Jahr in der Gemeinschaft geblieben, dann 
fortgegangen und später wiedergekommen war, Jeanne, die 
René vor ihren Augen liebkost hatte und die O so voller 
Bewunderung und Neid betrachtet hatte. Geschlagen und 

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-250- 

angekettet wie die anderen, waren die Mädchen der 
Gemeinschaft dennoch frei. Nicht insofern  frei, als sie nicht 
geschlagen würden, wenn sie da waren, aber insofern, als es 
ihnen freistand, wegzugehen, wenn sie wollten. Jene, die am 
seltensten weggingen, wurden am grausamsten behandelt. 
Noelle blieb zwei Monate, war drei Monate fort und kam 
wieder, als sie kein Geld mehr hatte. Aber Yvonne und Julienne, 
die wie O jeden Tag gepeitscht wurden und zwar, wie Noelle es 
vorausgesagt hatte, oft mehrmals an einem Tage, Yvonne, 
Julienne und O waren ebenso freiwillige Gefangene wie die 
Mädchen in der großen Klausur. 

Nachdem sechs Wochen vergangen waren, während derer sie 

trotz der tagtäglichen Enttäuschung nicht aufgehört hatte zu 
hoffen, daß Sir Stephen kommen werde, merkte O, daß, wenn 
die Zahl der Mitglieder, die mehrere Tage hintereinander nach 
Roissy kamen oder hier blieben, nicht klein war, etwas 
Entsprechendes bei den Kunden vorging. Infolgedessen 
bürgerten sich Vorlieben oder Gewohnheiten ein (wie sie sich 
auch bei den Dienern einbürgerten, so daß es häufig dasselbe 
Mädchen war, das derselbe Diener im  Refektorium nahm: O 
etwa: sie mußte sich rittlings auf José setzen, der sie mit den 
Händen an der Taille und den Lenden hielt, und sie ähnelte, da 
sie sich kaum zurücklehnte, der ohnmächtigen Frau der 
hinduistischen Statuetten, die der Gott Siva nahm), und O 
bemerkte, daß Carl häufig wiederkam: nicht so sehr deswegen 
fiel es ihr auf, weil er manchmal vier Tage hintereinander kam 
und sie immer für den Abend und gegen neun Uhr anforderte, 
sondern deswegen, weil sie jedesmal versuchte, ihn dazu zu 
bringen, von Sir Stephen zu sprechen. Er war selten dazu bereit 
und erzählte immer eher das, was er, Carl, zu Sir Stephen (in 
bezug auf O) gesagt hatte, als was Sir Stephen geantwortet hatte. 
Nicht ein einziges Mal ließ er Geld für O da. Nicht, daß ihm 
etwa der Brauch unbekannt war. Eines Abends hatte er 
zusammen mit O noch ein Mädchen hinaufkommen lassen, das 

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-251- 

zufällig Jeanne war. Er schickte sie sehr rasch wieder weg und 
behielt O, aber er schickte sie mit einer Handvoll Geldscheine 
weg. Für O nichts. Auch verstand sie nicht, was an einem 
Oktoberabend geschah, als er, statt, wie es seine Gewohnheit 
war, wegzugehen, ihr sagte, sie solle sich wieder anziehen, 
wartete, bis sie fertig war, und ihr ein langes Etui aus blauem 
Leder überreichte. O öffnete es: es enthielt eine n Ring, ein 
Halsband und zwei Armreifen aus Diamanten. »Du wirst sie an 
Stelle derjenigen tragen, die du jetzt hast«, sagte er, »wenn ich 
dich mitnehme.«  - »Mich mitnehmen?« fragte O. »Wohin? Sie 
können mich doch gar nicht mitnehmen.«  - »Zuerst werde ich 
dich nach Afrika mitnehmen«, sagte er, »und dann nach 
Amerika.« - »Aber das können Sie doch nicht«, wiederholte O. 
Carl machte eine Handbewegung, als wolle er sie zum 
Schweigen bringen: »Ich werde mich mit Sir Stephen einigen 
und dich mitnehmen.« - »Aber ich will nicht«, rief O, plötzlich 
von Panik ergriffen, »ich will nicht, ich will nicht.« - »Doch, du 
wirst wollen«, sagte Carl. Und O dachte: »Ich werde weglaufen, 
ach nein, er nicht, ich werde weglaufen.« Das Etui lag offen auf 
dem verwühlten Bett, die Schmuckstücke, die O nicht tragen 
konnte, schimmerten zwischen den unordentlichen Laken, ein 
Vermögen. »Ich werde mit den Diamanten weglaufen«, sagte 
sich O und lächelte ihm zu. 

Er kam nicht wieder. Zehn Tage später, als sie am frühen 

Nachmittag in ihrem gelb grauen Kleid des ersten Tages darauf 
wartete, daß ihr ein Diener die kleine Gittertür aufschließe, 
damit sie in die Bibliothek gehen könne, hörte sie jemanden 
hinter sich rennen und drehte sich um: es war Anne-Marie, die 
eine Zeitung in der Hand hielt und sie ihr hinstreckte, so bleich, 
wie O sie nie gesehen hatte. »Sieh dir das an«, sagte sie. Os 
Herz krampfte sich in der Brust zusammen: auf der ersten Seite 
ein verstörtes Gesicht, der Mund halboffen, Augen, die starr 
geradeaus sehen: sein Gesicht. Eine Ba lkenüberschrift: »Wer ist 
die nackte Frau des Verbrechens von Franchard?«  - 

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»Alpinisten«, hieß es in dem Artikel, »die in den Schluchten von 
Franchard im Wald von Fontainebleau trainierten, haben, durch 
das Bellen eines Hundes aufmerksam geworden, im Unterholz 
die Leiche eines durch einen Genickschuß getöteten Mannes 
entdeckt. Der Unbekannte, der Ausländer zu sein scheint, war 
seiner sämtlichen Papiere beraubt worden. Nur eine durch eine 
schadhafte Tasche in das Jackenfutter gerutschte Photographie 
einer vö llig nackten Frau ist bei ihm gefunden worden, nach 
gewissen Anzeichen wahrscheinlich eine Prostituierte, die die 
Polizei sucht.« Die nachfolgende Personenbeschreibung nahm O 
jeden Zweifel; es war Carl. »Du verstehst, wer das sein kann?« 
fragte Anne-Marie. »Oh ja«, sagte O. »Sir Stephen... Man darf 
nichts sagen.«  - »Doch«, sagte Anne-Marie, »aber du brauchst 
nicht zu sagen, daß Sir Stephen dich hierher geschickt hat. 
Immerhin kann es sein, daß es bekannt wird.« Als die Polizei 
nach Roissy kam, war Carl an Hand der Etiketten in seinem 
Anzug und seiner Wäsche durch seinen Schneider und die 
Kellner seines Hotels identifiziert worden. O wurde nur 
vernommen, um die Ermittlung zu ergänzen, und eigentlich 
mehr über Sir Stephen. Man wußte, daß er mit Carl in 
Verbind ung stand. Was für Beziehungen waren das? O wußte es 
nicht. Nach dreistündiger Vernehmung hatte O immer noch 
nichts gesagt und nur versichert, daß sie Sir Stephen seit zwei 
Monaten nicht gesehen habe. »Aber fragen Sie ihn doch selbst«, 
rief sie schließlich, »und was geht Sie das überhaupt an?« - »Du 
hast wohl nicht begriffen, daß dein schöner Freund 
wahrscheinlich den Belgier liquidiert hat und darum 
verschwunden ist. Aber wenn man es ihm erst nachweist...« 
Man wies es ihm nicht nach. Man wußte, daß Carl mit 
Bergwerken in Zentralafrika zu tun hatte, in denen seltene 
Metalle abgebaut wurden, und nachdem er, ohne dazu berechtigt 
zu sein, und gegen beträchtliche Summen (deren Spuren man 
auf seinen Bankkonten fand, aber die Beträge waren 
abgehoben), die Konzessionen oder ihren Ertrag an ausländische 

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-253- 

Interessenten  - vielleicht englische, vielleicht Sir Stephen 
verkauft hatte, nahm man an, daß er im Begriff war, Europa zu 
verlassen, und daß sich diese Interessenten, da sie sich betrogen 
sahen und ihn nicht gerichtlich belangen konnten, gerächt 
hatten. Ob man Sir Stephen die Hand auf die Schulter werde 
legen können... das hänge davon ab, ob er wiederkommt... 

»Du bist jetzt frei, O«, sagte Anne-Marie. »Man kann dir 

deine Eisen, das Halsband und die Armreifen abnehmen, die 
Male entfernen. Du hast Diamanten, du kannst nach Hause 
zurückkehren.« O weinte nicht, sie klagte nicht. Sie gab Anne-
Marie keine Antwort. »Aber wenn du willst«, sagte Anne-Marie 
noch, »kannst du hier bleiben.« 

 

 


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