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Teddy Parker 

 
 

Eine heiße Spur 

 
 

Bonanza 

Band 6 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Engelbert-Verlag • Balve/Westf. 

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Bearbeitung und deutsche Fassung: Peter Wolick 

Verlags-Nr. 795 
1. Auflage 1970 

Illustrationen: Walter Riede 

(c) 1970 by National Broadcasting Company, Inc. 

Alle Rechte vorbehalten 

 
 

 

 
 

Veröffentlicht mit Genehmigung von 

Western Publishing Company, Inc. 

Racine/Wisconsin, USA 

Alle Rechte der deutschsprachigen Buchausgabe 1970 

by Engelbert-Verlag, Balve 

Nachdruck verboten – Printed in Germany 

Satz, Druck und Einband: 

Gebr. Zimmermann, 

Buchdruckerei und Verlag GmbH, Balve/Westf. 

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Anschlag auf Taifun 

 
 
 

In Virginia City fand alljährlich ein großes Rodeo, ein 
Wettkampf der Cowboys, statt. Es ging um den Sieger im 
Zureiten von Wildpferden, im Einfangen von Jungstieren und 
um den Sieger des großen Cowboy-Derbys, zu dem alle 
Pferdezüchter ihr bestes Material schickten. Die Reiter wurden 
unter den anwesenden Cowboys ausgewählt, falls man nicht 
über einen eigenen guten Reiter verfügte. 

Auch auf der Ponderosa war man mit Vorbereitungen zu 

diesem Rodeo beschäftigt. Ben Cartwright hatte aus seinem 
Pferdematerial die besten Tiere ausgesucht. Reiter für die 
Ponderosa waren Little Joe und Ben Hawkins, der Vormann. 
Immerhin ging es um 10.000 Dollar, die der Züchter bekam, 
dessen Pferd als erstes durchs Ziel ging. Ben Cartwright ging 
es weniger ums Geld. Er wußte, daß bei jedem Rodeo die 
Pferdeaufkäufer der Armee anwesend waren, die dem Stall des 
Siegers stets besondere Beachtung schenkten. Das machte sich 
im Laufe des Jahres bezahlt. Die Armee zahlte gut, und man 
konnte im Laufe des Jahres mit dem Ankauf von fünfzig bis 
einhundert Tieren rechnen. Für das Rennen waren Taifun, ein 
schwarzer Hengst, und Sandra, eine hochbeinige Fuchsstute, 
gemeldet worden. Taifun war Little Joes Liebling. Er hatte das 
Tier vor drei Jahren aus einer Herde von Wildpferden in Rocky 
Land gefangen. Heute besaß Taifun schon mehrere Söhne und 
Töchter, die ebenso schön und feurig wie ihr Vater waren. 

Heute wollte Little Joe die Strecke abreiten, die für das Derby 

vorgeschrieben war. Hoss hatte sich am Tor der Ponderosa mit 
der Uhr in der Hand aufgestellt. Er war gespannt, wann Joe die 
Ponderosa passieren würde. Bis zum eigentlichen Ziel im 

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Zentrum von Virginia City waren es dann noch etwa zwei 
Meilen. Lief der Hengst bis zur Ponderosa eine gute Zeit, so 
war bereits viel gewonnen, denn die Straße führte geradewegs 
in die Stadt. Es gab keine Kurven oder schwieriges Gelände. 

Hoss saß auf dem Zaun und hatte sich den Hut ins Genick 

geschoben. Neben ihm stand Ben Hawkins. Er hatte die 
Strecke mit Sandra bereits abgeritten und eine gute Zeit 
herausgeholt. Auch Hop Sing, der chinesische Koch der 
Ponderosa, hüpfte erwartungsvoll von einem Bein auf das 
andere. Er stand am Küchenfenster, um ab und zu einen Blick 
auf die in der Pfanne brutzelnden Steaks werfen zu können. In 
jedem Jahr setzte er zwanzig Dollar, und die wollte er in 
diesem Jahr auch wieder anlegen. 

„Jetzt müßte er aber bald kommen“, sagte Hoss und zog 

bedenklich die Stirn in Falten. 

Im gleichen Augenblick wurde auf der Straße Hufschlag 

hörbar. 

Hoss sprang auf und sah auf die Uhr. „Eine tolle Zeit“, 

strahlte er. „Drei Minuten und vierzig Sekunden.“ Sein 
Lächeln erstarrte ihm aber auf dem Gesicht, denn es war nicht 
Little Joe, sondern Cora Orton, die mit ihrem 
schweißbedeckten Apfelschimmel vor ihm anhielt. 

„Wieviel, Hoss?“ 
„Drei Minuten und einundvierzig Sekunden“, erwiderte Hoss 

auf die Frage, aber gleichzeitig zog ein breites Lächeln über 
sein Gesicht. „Bist du auch zum Derby gemeldet? – Das finde 
ich aber Klasse.“ 

Cora Orton war ein hübsches blondes Mädchen mit blauen 

Augen. Sie war die Erbin der Orton-Ranch, deren ausgedehnte 
Weidegründe nördlich von Virginia City lagen. Mr. Orton und 
Ben Cartwright waren seit langem befreundet. 

Cora Orton trug eine weichgegerbte weiße Lederhose in 

halbhohen Cowboystiefeln und dazu ein Lederhemd 

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indianischer Arbeit. Sie sprang vom Pferd und warf die Zügel 
Ben Hawkins zu. 

„Reiben Sie das Pferd ab und hängen Sie ihm eine Decke 

um“, rief sie ihm zu. 

„Aber das mache ich doch, Coralein“, erbot sich Hoss sofort. 

Er nahm Hawkins den Zügel aus der Hand. 

„Nichts da“, erwiderte Cora und nahm ihren schwarzen 

Stetson von den Locken. „Ich will wissen, wieviel schneller 
ich war. – Little Joe und ich sind gleichzeitig losgeritten. Wir 
trafen uns zufällig und kamen auf die Idee, ein Vorrennen 
abzuhalten. Er muß dicht hinter mir sein.“ 

Während Ben Hawkins das Pferd in den Stall führte, um es 

zu versorgen, hatte Hoss nur noch Augen für Cora Orton. Er 
war ihr schon immer zugetan, aber Cora schwärmte mehr für 
seinen Bruder. Das zeigte sie ganz offen, was Little Joe 
wiederum nicht sehr angenehm war. Er hatte immer das 
Gefühl, von der hübschen Rancherstochter als Ehemann 
eingefangen werden zu können. Hoss bestärkte ihn noch darin, 
indem er ihm immer wieder erklärte, Cora sei nur darauf aus, 
und er müsse sich vorsehen. Er hoffte dadurch, daß sich sein 
Bruder abweisend verhalten würde und er besser zum Zuge 
käme. Als der Schwindel mit den Hereford-Rindern passierte, 
die Mr. Orton auf der Ponderosa bestellt hatte, war Little Joe 
zur Aufklärung der Angelegenheit auf der Orton-Ranch 
gewesen. Dort hatte er sich ziemlich komisch benommen. 
Wenn Hoss daran dachte, überkam ihn heute noch ein 
Schmunzeln. 

„Warum wollen wir nicht ins Haus gehen, Coralein?“ fragte 

Hoss. „Du mußt dich etwas ausruhen, und ich mache dir eine 
erfrischende Limonade.“ 

Cora Orton hörte nicht auf ihn. Sie starrte in Richtung der 

Krümmung, hinter der Little Joe auftauchen mußte. „Warum 
kommt er nur nicht? – Er müßte doch längst hier sein.“ 

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„Ach, er wird schon kommen“, beschwichtigte Hoss. 
„Es wird ihm doch wohl nichts passiert sein?“ 
„Das glaube ich nicht“, wehrte Hoss ab. „Komm ins Haus! – 

Du kannst mit uns essen.“ 

„Hallo, Cora!“ Ben Cartwright kam über den Hof und 

gesellte sich zu ihnen. 

„Guten Tag, Mr. Cartwright!“ Das Mädchen reichte dem 

Rancher lächelnd die Hand. „Mein Vater hat mich auch zum 
Derby gemeldet, und ich habe gerade mit Little Joe ein 
Vorrennen abgehalten.“ 

„Ja, denke dir, sie ist drei Minuten und vierzig Sekunden 

schnell gewesen“, fiel Hoss ein. 

„Das ist beachtlich. – Und Little Joe?“ 
„Darum geht es, Mr. Cartwright“, erwiderte das Mädchen 

besorgt. „Wir warten auf ihn.“ 

Ben Cartwright sah Hoss an, und dieser hob die Schultern. 
„Er war zuerst zwanzig Meter vor mir, aber dann holte ich 

ihn ein“, fuhr Cora Orton fort. „Er blieb aber weiter zurück. – 
Wirklich, Mr. Cartwright, ich mache mir jetzt Sorge. Ich 
möchte zurückreiten.“ 

„Das ist wirklich eigenartig“, überlegte Ben Cartwright. „Er 

müßte längst hier sein.“ 

„Ich reite zurück“, sagte das Mädchen entschlossen. 
Hoss war sofort an Coras Seite. „Dann begleite ich dich.“ 
„Vielleicht hat sich Little Joe einen Scherz erlaubt und dich 

absichtlich gewinnen lassen“, lächelte der Rancher. „Denn, so 
leid es mir für dich tut, Cora, aber Taifun dürfte in diesem 
Derby nicht zu schlagen sein.“ 

„Nein, nein, Mr. Cartwright, dafür ist Joe kein Mensch. Er ist 

viel zu ehrgeizig, besonders, wenn es sich um eine Frau 
handelt“, erwiderte Cora. 

Hoss war inzwischen in den Stall gegangen und kam mit 

Paiute und dem Apfelschimmel zurück. Er wollte dem 

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Mädchen den Steigbügel halten, aber Cora wehrte ab und 
schwang sich wie ein alter Cowboy in den Sattel. 

In langsamem Trab ritten sie die Strecke ab. Es ging quer 

über die Weiden, an einem Wäldchen entlang, bis zu dem 
breiten Serpentinenweg, der ins Gebirge führte. Hinter der 
ersten Höhe lag der Fluß, und hier hatte Cora Little Joe 
getroffen. Hier war auch der Startplatz vorgesehen. 

Das Mädchen hielt sein Pferd an. 
„Und?“ fragte Hoss, der inzwischen auch unruhig geworden 

war. Er zügelte seinen hochbeinigen Hengst. „Hier ist er 
jedenfalls nicht.“ 

„Und hier sind wir losgeritten“, erklärte Cora. „Bis zu dem 

Wäldchen war er noch vor mir, und dann holte ich ihn ein.“ 

Hoss sprengte auf das Wäldchen zu. Am Waldrand hielt er an 

und wartete, bis Cora herangekommen war. 

„Bis hierher ritt er vor dir her und du konntest ihn 

beobachten“, stellte Hoss fest. 

Cora nickte. „Und dort drüben, bei der Waldspitze, habe ich 

ihn überholt.“ 

Hoss nickte bedächtig. „Verunglückt ist er jedenfalls nicht.“ 
„Was überlegst du?“ 
„Was ihn davon abgebracht haben könnte, nicht 

weiterzureiten. Er mußte schon einen Grund haben.“ 

„Ja, das sehe ich ein.“ Cora sah sich um. „Wo sollte er aber 

sein?“ 

Hoss lächelte plötzlich. „Ich nehme an, er ist längst zu Hause. 

Nachdem du ihn überholtest, ist ihm die Lust vergangen. Er ritt 
durch den Wald und unten an den Weiden entlang.“ Er tat eine 
abwehrende Handbewegung. „Ich kenne ihn! – Wenn etwas 
nicht klappt, ist er gleich sauer.“ 

„Glaubst du wirklich?“ 

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„Und dann gibt es noch die Möglichkeit, daß er dich auf den 

Arm nehmen wollte. Pa glaubt das, und je mehr ich darüber 
nachdenke, möchte ich das auch annehmen.“ 

Hoss grinste noch breiter. „Taifun ist wirklich nicht zu 

schlagen. – Komm, reiten wir nach Hause!“ 

Cora schob schmollend die Unterlippe vor. „Wenn es 

wirklich so ist, sehe ich ihn nicht mehr an.“ 

Hoss beugte sich im Sattel vor. „Er ist ein Leisetreter, glaube 

mir. Ich würde mir so etwas niemals erlauben. Man ist doch 
schließlich Kavalier. – Komm, Kindchen…“ 

„Nenne mich nicht Kindchen“, fuhr ihn das Mädchen gereizt 

an. „Ich bin kein Baby mehr, und wenn mich Joe auf den Arm 
genommen hat, werde ich ihm den Kopf zurechtsetzen.“ 

„Richtig, richtig“, freute sich Hoss. „Er braucht ab und zu 

einen kleinen Dämpfer, der liebe Junge.“ 

Hinter ihnen klang Hufschlag auf. 
Hoss wandte sich im Sattel um und sah einen Reiter aus 

Richtung der Serpentinenstraße kommen. Er ritt ein struppiges 
Indianerpferd. 

„Vielleicht hat er Little Joe gesehen“, sagte Cora. „Wollen 

wir ihn fragen?“ 

„Meinetwegen“, antwortete Hoss. „Aber er kommt aus dem 

Gebirge. Du glaubst also immer noch nicht, daß dich Joe auf 
den Arm nehmen wollte.“ 

Cora antwortete nicht, sondern sah dem näher kommenden 

Reiter entgegen. 

Hoss musterte den Ankommenden, der sein Pferd vor ihnen 

zügelte und mit einer schwungvollen Bewegung seinen Stetson 
vom Kopf nahm. 

„Seid mir gegrüßt!“ 
Hoss tippte mit dem Zeigefinger an seinen Hut. 
Der Fremde war ein kleiner drahtiger Kerl mit einem frischen 

roten Gesicht. Seine hellen Augen musterten das Mädchen und 

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Hoss durchdringend. Unter einer vorspringenden Hakennase 
saß ein brandroter Schnauzbart, der fast den ganzen Mund 
bedeckte. Er trug ein mit Zierfransen geschmücktes 
indianisches Lederhemd mit rotem Halstuch. Seine grauen 
Lederhosen steckten in halbhohen Cowboystiefeln, an denen 
die Absätze fehlten. 

Hoss hatte nur Augen für die Waffen des Fremden. Es waren 

zwei großkalibrige Colts, die in einem mit Silbernägeln 
verzierten Revolvergürtel hingen. Das Pferd und die Waffen 
machten einen gepflegten Eindruck. Auf seine Kleidung schien 
der Fremde weniger Wert zu legen, denn Lederhemd und Hose 
waren speckig, und die rote Farbe des Halstuches war nur noch 
bei genauem Hinsehen zu erkennen. Am Sattel hingen zwei 
lederne Packtaschen und eine Deckenrolle. 

„Darf ich die Herrschaften fragen, ob ich auf dem richtigen 

Weg nach Virginia City bin?“ fragte der Fremde. 

Hoss grinste, denn der Kleine kam ihm irgendwie komisch 

vor. „Sie sind es, Mister! Wenn Sie immer der Nase nach 
reiten, kommen Sie auf geradem Wege in die Stadt.“ 

„Verzeihen Sie, daß ich mich nicht vorstellte“, fuhr der 

Fremde fort. „Mein Name ist William Washington Lex! – 
William, nach meinem Großvater mütterlicherseits, und 
Washington, um den ersten Präsidenten der Vereinigten 
Staaten zu ehren. That so!“ 

Hoss’ Grinsen wurde immer breiter. Der Kerl war noch 

komischer, als er erwartet hatte. Seine Ausdrucksweise ließ 
darauf schließen, daß er einmal bessere Tage gesehen hatte. 

„Ich bin Hoss Cartwright, und das ist meine Freundin Cora 

Orton.“ 

Cora warf ihm einen unwilligen Blick zu, und Hoss 

verbesserte sich sofort. 

„Ich meine, unsere Bekannte…“ 

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Ob William Washington Lex unter seinem roten Schnurrbart 

grinste, konnte man nicht genau feststellen, aber das 
Aufblitzen seiner hellen Augen ließ das erkennen. 

„Ich bin erfreut, Miß!“ 
Cora nickte ihm gnädig zu. 
„Ich möchte nach Virginia City, um mich als Reiter an dem 

Derby zu beteiligen“, fuhr Lex fort. 

„Daran beteiligen wir uns auch“, lächelte Hoss. „Wir haben 

einen Rappen, der nicht zu schlagen ist.“ 

„Und der Reiter?“ fragte Lex. „Ich würde mich Ihnen gern 

zur Verfügung stellen.“ 

„Mein Bruder reitet ihn“, entgegnete Hoss. „Vielleicht sind 

Sie ihm sogar begegnet. Er macht einen Proberitt, und wir sind 
auf der Suche nach ihm.“ 

Lex schüttelte den Kopf und erklärte, einem einzelnen Reiter 

sei er nicht begegnet. Wohl habe er drei Reiter gesehen, die ein 
ungesatteltes Pferd an einem Halfter führten. Dieses Pferd sei 
allerdings ein Rappe gewesen. 

„Und wie sahen die Reiter aus?“ wollte Hoss wissen, Lex 

beschrieb die Männer, so gut er konnte, erklärte aber, ein 
Mann in einem dunklen Reitanzug sei nicht unter ihnen 
gewesen. „Sie nahmen ihren Weg quer über die unteren 
Weiden, und ich sah sie ganz zufällig.“ 

Jetzt wurde Hoss unruhig. Es war nicht das erste Mal, daß vor 

einem Derby, bei dem es um eine hohe Summe als 
Siegesprämie ging, Pferde verschwanden. Vor drei Jahren war 
der Hengst Rocco des Ranchers Gibson auf der Koppel 
erschossen worden. Er galt damals als Favorit des Derbys. Die 
Täter hatte man nie gefaßt. Das alles fiel Hoss jetzt ein, und er 
war auf einmal nicht mehr sicher, seinen Bruder wohl und 
munter zu Hause vorzufinden. Das erklärte er Lex. 

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Auch Cora machte sich ihre Gedanken. Sie sah Hoss 

ängstlich an. „Es ist ihm etwas passiert, glaube mir. – Was 
machen wir nur?“ 

„Und Sie glauben, daß es sich bei dem reiterlosen Pferd um 

das verschwundene Pferd Ihres Bruders handelt?“ fragte Lex. 

„Ich möchte es fast mit Sicherheit annehmen“, nickte Hoss. 

„Wo die Kerle zu finden sind, weiß ich. Was ist aber mit 
meinem Bruder geschehen?“ 

„Erklären Sie mir doch einmal, was sich zugetragen hat“, bat 

Lex. „Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“ 

Das tat Cora, und Lex hörte sich alles stumm an. 
„An dieser Stelle, an der wir jetzt stehen, überholten Sie ihn 

also“, stellte der Schnauzbärtige fest und stieg von seinem 
Pferd. 

Hoss beobachtete, wie Lex auf krummen Reiterbeinen 

zwischen den Büschen verschwand. Nach wenigen Minuten 
kam er zurück und erklärte, er habe die Hufspuren von drei 
Pferden gefunden. 

„Und was schließen Sie daraus?“ fragte Hoss. 
„Die Kerle haben vermutlich an dieser Stelle auf Ihren 

Bruder gewartet und ihn mit einem Lasso vom Pferd geholt“, 
erläuterte Lex und schwang sich wieder in den Sattel. Er ritt 
ein gutes Stück am Waldrand entlang und rief: „Hier haben sie 
das reiterlose Pferd eingefangen und sind mit ihm 
zurückgeritten.“ 

Cora verfolgte das alles mit großen Augen. „Warum habe ich 

mich nur nicht umgesehen!“ 

Lex störte sich jetzt nicht mehr an die beiden. In schnellem 

Trab ritt er den Weg zurück, bis zum Anfang der 
Serpentinenstraße. Immer wieder suchte er mit seinen Augen 
den Boden ab und stieg schließlich aus dem Sattel. 

Hoss und Cora waren ihm gefolgt. 

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Lex kletterte einen sanft ansteigenden Hang hinan, die Augen 

auf den Boden gerichtet, dann hob er den Kopf und sah zu 
einer Felswand hinüber. „Er kann nur dort sein“, rief er Hoss 
zu, der daraufhin sofort vom Pferd stieg und ihm nachkletterte. 

Zuerst fanden sie den Sattel und das Zaumzeug. 
Erregt hastete Hoss weiter und war noch vor dem 

krummbeinigen Lex bei der Felswand angelangt. Die Öffnung 
einer kleinen Höhle tat sich auf. Bis sich seine Augen an die 
Dunkelheit gewöhnt hatten, war der Kleine neben ihm. Er riß 
ein Zündholz an, und in seinem Schein sahen die Männer Little 
Joe am Boden liegen. Er blutete aus einer Kopfwunde und war 
offenbar nicht bei Bewußtsein. 

Hoss nahm ihn hoch und trug ihn aus der Höhle. Dann griff 

Lex mit zu. Sie brachten den Verletzten auf den Pfad hinab. 
Dort legten sie ihn auf eine Grasnarbe. 

Mit einem Sprung war Cora vom Pferd. „Ist er tot?“ 
„Keine Sorge“, lächelte Lex, der den Puls des Verletzten 

geprüft hatte. „Ich werde ihn gleich auf die Beine bringen.“ Er 
ging zu seiner Satteltasche und kam mit einer Flasche zurück. 
„Das ist ein Whisky, der einem Toten die Zunge löst.“ Er 
nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. „In diesem 
Falle brauchen wir ihn aber als Einreibemittel.“ 

Cora und Hoss beobachteten, wie Lex Little Joe das Hemd 

öffnete und ihm Brust und Gesicht mit Alkohol abwusch. Die 
Wunde behandelte er auf die gleiche Weise. Das war wohl 
ausschlaggebend, daß Little Joe plötzlich die Augen aufschlug. 

Er richtete sich stöhnend auf und betastete seinen Hinterkopf. 

„Zum Teufel, was ist los?“ 

„Gott sei Dank!“ Hoss sah den Schnauzbärtigen an. „Wenn er 

schon wieder den Teufel anführt, kann es nicht so schlimm 
sein.“ 

Little Joe blinzelte durch die Lider. 

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„Ja, ich bin’s, Brüderchen“, lächelte Hoss. „Und schau, wer 

noch da ist.“ 

„Ich bin es – Cora! Wie fühlst du dich?“ Das Mädchen 

beugte sich zu ihm herab und legte ihm die Hand auf den 
Kopf. „Er hat eine ganz heiße Stirn.“ 

„Ach, laß das!“ Little Joe wehrte sie sanft ab. Er war noch 

ganz benommen. Offenbar wußte er noch nicht recht, was mit 
ihm geschehen war. 

„Kannst du laufen?“ fragte Hoss besorgt. 
„Natürlich kann er das“, sagte der Schnauzbärtige. „Komm, 

Junge, stell dich mal auf die Beine!“ 

Little Joe versuchte es. Als er sich aber mit der Hand 

aufstützen wollte, fiel er mit einem Schmerzenslaut zurück. 

Lex untersuchte die Hand und stellte fest, daß der Arm stark 

angeschwollen war. 

In diesem Augenblick schien sich Little Joe wieder in die 

Wirklichkeit zurückzufinden. Er erhob sich langsam und 
starrte Hoss an. „Wo ist Taifun?“ 

Der Dicke hob die Schultern. „Vielleicht erklärst du uns 

zuerst einmal, was überhaupt geschehen ist.“ Er deutete auf 
den Schnauzbärtigen. „Wäre Mr. Lex nicht gewesen, würden 
wir jetzt noch auf dich warten. Er hat dich gefunden.“ 

Little Joe fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich hatte 

die Kerle schon am Fluß beobachtet“, überlegte er. „Sie ritten 
mir nach, aber ich dachte mir nichts dabei. Während ich mit 
Cora sprach, kehrten sie um.“ 

„Und sie haben am Rande des Wäldchens auf dich gewartet“, 

fügte Hoss hinzu. 

„Ja, ich sah sie plötzlich, als wir mit dem Wettrennen 

begannen“, erklärte Little Joe weiter. „Ich hielt Taifun zurück, 
und in diesem Moment zog Cora an mir vorbei. Ich konnte sie 
nicht mehr zurückrufen, aber vielleicht war das gut. Die Kerle 
hatten es nur auf mich abgesehen. Ich sah nur noch das Lasso, 

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und dann weiß ich nichts mehr.“ Er tastete nach seinem linken 
Arm. „Ich glaube, ich habe mir die Hand verstaucht.“ 

Lex drehte sich mit schnellen Fingern eine Zigarette und 

schob sie in den Mund. „Kennen Sie die Kerle?“ fragte er, 
während er ein Zündholz an seinem Stiefelschaft anriß. 

Little Joe schüttelte den Kopf. „Dazu blieb mir keine Zeit.“ 
„Ich glaube, ich weiß, wo sie zu finden sind“, sagte Hoss. „Es 

können nur Montanos Leute gewesen sein. Er weiß, daß Taifun 
diesmal das Rennen gewinnen wird. Vorgestern hat er uns 
beim Training beobachtet.“ 

„Und seine Leute lungerten auch bei unserer Farm herum“, 

bemerkte Cora. „Sie kontrollieren jedes Pferd, das zum Derby 
gemeldet ist.“ 

„Und wer ist dieser Montano?“ wollte Lex wissen. 

„Pferdediebe werden noch immer aufgehängt, das dürfte dem 
Kerl doch auch bekannt sein.“ 

„Er taucht jedes Jahr mit seinen Leuten zum Rodeo auf“, 

erklärte Hoss. „Und jedesmal passiert etwas. Im vorigen Jahr 
wurde während des Rennens die State-Bank überfallen. Zwar 
wurde der Überfall durch die Geistesgegenwart des Kassierers 
vereitelt, aber jeder weiß, daß der Überfall auf sein Konto 
geht.“ 

„Und was macht der Sheriff?“ fragte Lex. „Er könnte ihn 

doch aus der Stadt weisen.“ 

Hoss hob die Schultern. „Montano ist nichts nachzuweisen, 

und es gibt kein Gesetz, das den Sheriff ermächtigt, einen 
Unbescholtenen ohne Grund aus der Stadt zu jagen.“ 

„Schöne Zustände“, brummte der Schnauzbärtige. 
„Wir müssen Taifun auf jeden Fall zurückholen“, sagte Little 

Joe. „Wenn wir nur genau wüßten, ob es Montanos Leute 
waren. Ich kann mich nur daran erinnern, daß einer von ihnen 
einen Falben ritt, und der müßte leicht zu finden sein.“ 

„Wenigstens etwas“, nickte Lex. 

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„Wir müssen zuerst mit Pa darüber sprechen“, wandte Hoss 

ein. „Du weißt, er ist sehr komisch, wenn es sich um Montano 
handelt.“ 

Sie gingen zu den Pferden zurück. 
Ohne ein Wort zu sagen, schwang sich Little Joe auf Coras 

Apfelschimmel und bot dem Mädchen die Hand. 

„He, sie kann doch zu mir in den Sattel kommen“, schlug 

Hoss vor. „Außerdem hast du die Hand verstaucht, und Paiute 
ist kräftiger als der Schimmel.“ 

„Sonst noch etwas?“ grinste Little Joe. „Laß nur, Brüderchen, 

sie fühlt sich auch bei mir ganz wohl.“ 

Auf der Ponderosa wartete man bereits. 
Ben Cartwright stürzte sofort aus dem Haus, als seine Söhne 

mit ihrer Begleitung in den Hof ritten. 

In kurzen Worten erklärte Hoss dem Vater, was sich 

zugetragen hatte, und stellte den Schnauzbärtigen vor. 

„Das ist Mr. Lex, Pa! – Wir trafen ihn unterwegs, und er hat 

die Kerle gesehen, die Taifun wegführten. Ohne seine Hilfe 
hätten wir Joe nicht so schnell gefunden.“ 

Ben Cartwright reichte Lex die Hand. „Freut mich, Mr. Lex! 

Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, können Sie mit uns essen. 
Wir würden uns freuen.“ 

„Ja, wirklich“, wandte Little Joe ein. „Und ich habe mich bei 

Ihnen noch nicht einmal für Ihre Hilfe bedankt. Nehmen Sie es 
mir nicht übel, aber ich bin noch jetzt völlig durcheinander.“ 

„Kein Wunder! – Sie haben einen Schlag mit einem 

Revolverkolben auf den Kopf bekommen“, erwiderte Lex. 
„Eine scheußliche Platzwunde. Sie müssen den Arzt kommen 
lassen, damit auch Ihre Hand untersucht wird. Eine Prellung 
kann Ihnen viel zu schaffen machen.“ 

Cora Orton reichte Cartwright die Hand. „Ich muß jetzt nach 

Hause, sonst macht sich Vater Sorgen.“ Sie schwang sich auf 

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ihren Apfelschimmel, winkte den anderen zu und galoppierte 
zum Hof hinaus. 

Hoss sah ihr mit einem breiten Grinsen nach. „Ein tolles 

Mädchen!“ 

Little Joe stieß ihn in die Seite. „Komm wieder zu dir, 

Brüderchen! Ich trete sie dir gerne ab, denn zum Heiraten habe 
ich noch etwas Zeit.“ 

Mr. Lex nahm die Einladung an. 
Im Wohnraum war Hop Sing dabei, den Tisch zu decken. 
„Noch ein Gedeck für unseren Gast, Hop Sing!“ Ben 

Cartwright deutete mit einer Handbewegung auf den 
Schnauzbärtigen. „Das ist Mr. Lex!“ 

Der Chinese legte dienernd die Fingerspitzen aneinander. 

„Sofolt, Mistel Caltwlight“, antwortete er in seiner 
eigenartigen Aussprache. Wie alle Chinesen konnte er kein R 
sprechen und benutzte dazu das L. „Ich mich fleuen, Mistel 
Lex auf del Pondelosa zu glüßen.“ 

Die Männer hingen ihre Revolvergürtel an die Haken neben 

der Tür. 

„Darf ich Ihnen einen Willkommensdrink anbieten?“ fragte 

Ben Cartwright. „Bitte, nehmen wir hier Platz, bis Hop Sing 
den Tisch gedeckt hat.“ 

Sie ließen sich vor dem großen Tisch im Wohnraum nieder, 

und der Rancher erkundigte sich nach dem Woher und Wohin. 

Lex lächelte in seinen Schnauzbart hinein. „Ich komme direkt 

von Fort Grenwell“, erklärte er. „Dort habe ich für die erste 
Kavallerie-Division ein Jahr lang als Fährtensucher 
gearbeitet.“ 

„Na, dann wundert es mich nicht, daß Sie Little Joe so 

schnell fanden.“ Hoss stellte Gläser auf den Tisch und 
schenkte ein. „Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären.“ 

„Alles Übung“, meinte Lex und hob sein Glas. „Trinken wir 

darauf, daß wir den Rappen wiederfinden.“ 

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„Das ist kein Problem“, sagte Little Joe. „Wir brauchen nur 

Montano und seine Leute unter die Lupe zu nehmen. Sie 
werden ihn irgendwo versteckt halten, damit er nicht starten 
kann.“ 

„Das ist nicht erwiesen.“ Ben Cartwright hob die Hand. „Ich 

möchte in keine Schwierigkeiten kommen. Der Kerl ist glatt 
wie ein Aal. Wenn er Taifun wirklich entführt hat, so wird es 
schwer sein, ihm das nachzuweisen.“ 

„Das solltest du unsere Sorge sein lassen, Pa“, entgegnete 

Little Joe. „Wenn er Taifun entführte, bekomme ich ihn 
zurück.“ 

„Das meine ich auch, Mr. Cartwright“, sagte Lex. „Mich geht 

die Sache ja nichts an, aber einem solchen Burschen sollte man 
auf die Finger sehen. Ich bin im Grunde genommen auch ein 
friedfertiger Mensch, und dieser Montano scheint beileibe kein 
unbeschriebenes Blatt zu sein. Wollen Sie sich alles gefallen 
lassen?“ 

„Ich möchte nicht, daß man mir die Ponderosa über dem 

Kopf ansteckt“, erwiderte Ben Cartwright. „Diesem Montano 
traue ich alles zu. Ich gehe lieber den Weg des geringsten 
Widerstandes, nicht, weil ich ihn fürchte, sondern weil es mir 
der Verstand sagt. Wir kommen mit diesen Burschen einfach 
nicht mit.“ 

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Mr. Cartwright.“ Der 

Schnauzbärtige trank sein Glas aus. „Wenn ich Taifun wieder 
herbeischaffe, ohne daß Ihnen daraus Komplikationen 
entstehen, darf ich ihn dann beim Derby reiten? – Ihr Sohn 
dürfte mit seiner Verletzung sowieso dazu nicht in der Lage 
sein.“ 

„Ja, das stimmt, Pa“, nickte Little Joe. „Reiten kann ich ihn 

nicht. Abgesehen davon trete ich für Mr. Lex gerne zurück.“ 

„In Ordnung“, erwiderte Ben Cartwright. „Dann bleiben Sie 

auf der Ponderosa weiter mein Gast. Was Sie tun, bleibt Ihnen 

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überlassen.“ Er reichte dem Schnauzbärtigen die Hand. „Hop 
Sing wird Ihnen ein Zimmer herrichten.“ 

„Dann darf ich bitten, mich Bill und du zu nennen“, sagte der 

Schnauzbärtige. „Ich möchte nicht gerne mit Washington 
angeredet werden.“ 

„Er heißt nämlich William Washington Lex“, erläuterte Hoss, 

während er die Gläser füllte. Und schmunzelnd fügte er hinzu: 
„Mir gefällt Washington genauso gut.“ 

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Zweifelhaftes Spiel 

 
 
 

Virginia City glich vor jedem Rodeo einem Heerlager. Aus der 
ganzen Umgebung waren die Züchter mit ihrem besten 
Pferdematerial gekommen. Wenn sie sich auch nicht direkt am 
Rodeo oder am Derby beteiligten, so bestand immerhin die 
Möglichkeit, eines ihrer Pferde für einen guten Preis zu 
verkaufen. Interessenten waren genügend vorhanden, zumal 
auch die Armee immer einige Beobachter schickte, die mit 
Kennermiene jedes Pferd unter die Lupe nahmen. 

Das Saloon-Hotel war bis auf den letzten Platz besetzt. So 

kampierten viele Besucher in Zelten vor der Stadt. Wer kein 
eigenes Zelt besaß, fand in der Zeltstadt New Virginia City 
immer Unterkunft. 

Wie in jedem Jahr, so hatte Jose Montano auch diesmal 

wieder die Genehmigung des Stadtrates von Virginia City 
erhalten, seine Zeltstadt aufzubauen. Sie bestand aus etwa 
fünfzig großen Rundzelten, die Montano von der Armee 
gekauft hatte. Ein längliches altes Stallzelt, ebenfalls aus 
Armee-Beständen, trug ein großes Schild mit der Bezeichnung 
„Dancing Room“. Hier wurde nach den Klängen eines 
Klaviers, einer Geige und eines Banjos getanzt, und für jeden 
Tanz mußten zwanzig Cents entrichtet werden. Nahm man 
dabei die Damen in Anspruch, die Montano für diesen Zweck 
aus San Franzisko engagiert hatte, so kostete das Vergnügen 
fünfzig Cents. Da im Saloon-Hotel ein derartiges Vergnügen 
nicht möglich war, machte Montano sein Geschäft, von dem 
der Stadtsäckel natürlich einen entsprechenden Anteil 
einheimste. Das war wohl auch der Grund, warum Montano 

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immer wieder die Genehmigung bekam, seine Zeltstadt 
aufzubauen. 

Daß Montano bei vielen dunklen Angelegenheiten seine 

Hand im Spiel hatte, vermuteten viele, aber bisher hatte man 
ihm nichts nachweisen können. Aus diesem Grunde war es 
gefährlich, gegen ihn vorzugehen, denn Al Rickers, der Richter 
von Virginia City, war mit ihm bekannt. Rickers ließ sich nur 
auf Tatsachen ein, und vielleicht handelte er im guten Glauben, 
wenn er unbewiesenen Beschuldigungen gegen Montano keine 
Bedeutung beimaß. Daß sich Ben Cartwright dieser Situation 
anpaßte, war nur zu verständlich. Er wollte es mit Rickers 
nicht verderben. Als Advokat und Richter von Virginia City 
hatte Rickers im Stadtrat eine bedeutende Stimme, und er war 
den Cartwrights bisher nicht schlecht gesonnen. Rickers war es 
zum Beispiel gewesen, der im Stadtrat dafür gestimmt hatte, 
daß den Cartwrights das Hochplateau mit den Bergweiden als 
freies Weideland für die Hereford-Rinder zur Benutzung 
freigegeben wurde. 

Hoss und Little Joe dachten aber anders darüber. Für sie war 

Montano ein rotes Tuch, und sie waren sich beide darüber 
einig, ihm bei nächster Gelegenheit auf die Schliche zu 
kommen. 

Montano hatte seinen Hengst Ben Hur zum Derby gemeldet. 

Das Pferd war erstklassig, und außer Taifun gab es kein Pferd, 
das ihm an Schnelligkeit überlegen war. Das war Little Joe und 
auch seinem Bruder bekannt. Aus diesem Grunde war es für 
sie klar, daß nur Montano den Raub Taifuns angeordnet hatte. 
Er wollte das Derby diesmal unter allen Umständen gewinnen. 

Wenn Montano in der Stadt weilte, wohnte er mit seinen 

Leuten auf der Hollers-Ranch. Er hatte die Ranch vor zwei 
Jahren von dem alten Hollers gekauft, der jetzt für ihn als 
Verwalter tätig war. Auch dieser Verkauf war nicht mit rechten 
Dingen zugegangen, denn Hollers hatte nie die Absicht 

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geäußert, sein Besitztum zu verkaufen. Little Joe war fest 
davon überzeugt, daß der Verkauf durch Drohungen 
durchgesetzt worden war, und was konnte ein alter Mann 
schon gegen eine Horde Banditen unternehmen? 

Alles das hatten Little Joe und Hoss dem Schnauzbärtigen 

noch am gleichen Abend mitgeteilt. William Washington Lex, 
der jetzt von ihnen Bill genannt wurde, war mit ihnen der 
Ansicht, hier müsse unbedingt etwas geschehen. Angriff sei 
auch in diesem Falle die beste Verteidigung. Man müsse 
Montano aus der Reserve locken, um ihn zum Handeln zu 
zwingen. Vor allem ging es doch zuerst einmal darum, Taifun 
zurückzuholen. 

„Natürlich“, sagte Ben Cartwright während des Abendbrotes. 

„Aber ich möchte keinen Ärger haben.“ 

„Das verstehe ich einfach nicht, Pa“, erwiderte Little Joe. 

„Wir sind alle davon überzeugt, daß Montano Taifun gestohlen 
hat, und du willst uns hindern, etwas zu unternehmen.“ 

Ben Cartwright schob seinen Teller zurück. „Wir können 

nicht offen gegen Montano vorgehen.“ 

„Und warum nicht? – – Jeden anderen Pferdedieb würdest du 

beim Sheriff zur Anzeige bringen.“ 

„Zuerst einmal, wie ich bereits sagte, haben wir keine 

Beweise. Wenn wir etwas unternehmen wollen, so müssen wir 
das ganz vorsichtig anstellen.“ 

Lex nickte. „Das können Sie mir überlassen, Mr. Cartwright. 

Diese Burschen muß man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“ 

„Und die wären?“ 
„Mit List“, lächelte Lex. 
„Und wie willst du das machen?“ fragte Hoss. 
„Wir müssen ihn zu ungesetzlichem Handeln herausfordern“, 

fuhr Lex fort. „Erst dann haben wir dem Sheriff eine Handhabe 
gegeben, gegen ihn vorzugehen. Wenn wir Taifun 

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zurückholen, wird er bestimmt einen neuen Anschlag planen. 
Dann müssen wir auf dem Posten sein.“ 

Little Joe überlegte. „Es muß uns also etwas einfallen, um 

den Hengst ohne Aufsehen zurückzubekommen.“ 

„Und damit bin ich einverstanden“, nickte Ben Cartwright. 

„Das hatte ich Ihnen bereits gesagt, und ich bin auch ebenfalls 
damit einverstanden, daß Sie den Hengst beim Derby reiten, 
falls Sie ihn ohne großes Aufsehen zurückholen.“ 

„Das ist eigentlich sehr einfach.“ Der Schnauzbärtige sah in 

die Runde. „Wo könnte er Taifun versteckt halten?“ 

„Auf der Hollers-Ranch kaum“, überlegte Hoss. „Das wäre 

zu gefährlich. Er wird ihn vielleicht im Gebirge versteckt 
haben, um ihn später zu verkaufen. Bei den Eagle Rocks gibt 
es genügend Höhlen, die sich zum Versteck eines Pferdes 
ausgezeichnet eignen.“ 

„Und wie erfahren wir, wo er ist?“ fragte Lex. 
„Wir müssen den Kerl mit dem Falben finden“, erwiderte 

Little Joe. „Es gibt wenig von diesen weißgelben Pferden. 
Wenn also in Virginia City ein Kerl mit einem Falben zu 
finden ist, so kann es sich nur um den Burschen handeln, der 
bei dem Überfall auf mich dabei war.“ Er schlug mit der Faust 
auf den Tisch. „Und den werde ich mir dann vorknöpfen.“ 

„Viel einfacher“, lächelte der Schnauzbärtige. „Ihr beiden 

laßt euch in der Nähe von Montano sehen und erzählt genau, 
was sich zugetragen hat. Natürlich ist Taifun heute abend von 
selbst zur Ponderosa zurückgekommen.“ 

Hoss und Little Joe sahen ihn verständnislos an. 
„Und was wollen Sie damit bezwecken?“ fragte Ben 

Cartwright. 

„Hat er Taifun wirklich geraubt, wird er einen seiner Leute 

bestimmt zu dem Versteck schicken, um dort Nachschau 
halten zu lassen. Ich folge ihm, und schon ist Taifun 
gefunden.“ 

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„Die Idee ist nicht schlecht“, nickte Little Joe erfreut. „Aber 

glaubst du, er fällt darauf herein? – Nehmen wir an, das 
Versteck ist so sicher, daß Taifun gar nicht ausbrechen kann.“ 

„Er wird auf jeden Fall einen Mann losschicken“, erwiderte 

Lex. „Er ahnt doch nicht, daß ihr ihn mit der Entführung des 
Pferdes in Verbindung bringt und das alles nur erzählt habt, 
um ihn in eine Falle zu locken.“ 

Das leuchtete auch Ben Cartwright ein. „Na, versucht euer 

Glück“, meinte er. „Und du wirst dich im Zaum halten, Joe“, 
wandte er sich an seinen jüngsten Sohn. „Haben wir Taifun 
zurück, ist alles in Ordnung.“ 

„Ja, Pa, ich verspreche es dir“, erwiderte Little Joe. „Ich habe 

auch kein Interesse daran, uns Schwierigkeiten zu machen.“ 

Zehn Minuten später saßen der Schnauzbärtige und die 

Brüder auf ihren Pferden. Es dunkelte bereits, als sie in 
Virginia City einritten. Little Joe kontrollierte sofort die Pferde 
an dem Haltebalken vor dem Saloon-Hotel. Er suchte den 
Falben. 

„Den wirst du eher in der Zeltstadt finden“, meinte Hoss. 

„Aber wir haben Pa doch versprochen, uns mit niemandem 
einzulassen.“ 

„Habe ich auch nicht vor“, antwortete Little Joe. „Ich möchte 

einen der Kerle nur mal kennenlernen.“ 

„Ja, das kenne ich!“ Hoss schüttelte den Kopf. „Du machst 

keine Dummheiten, verstanden? – Du wirst keinen Streit vom 
Zaune brechen.“ 

„Ich werde ihm schon helfen“, sagte Lex. „Aber ansehen 

könnten wir uns die Kerle mal.“ 

Inmitten der Zeltstadt brannte ein riesiger Holzstoß und 

beleuchtete taghell die Umgebung. 

An dem Haltebalken vor dem Zelt mit dem Schild „Dancing 

Room“ standen viele Pferde. Offenbar waren viele Rancher 
aus der Umgebung zu einem abendlichen Vergnügen nach 

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Virginia City gekommen. Hier wurden sie auf leichte Weise 
ihr Geld los. Dafür sorgte schon Montano, der im Hintergrund 
des Zeltes einen abgeteilten Raum errichtet hatte, in dem 
gespielt wurde. Auch dafür hatte er die Genehmigung des 
Stadtrates erhalten. 

„Dann wollen wir mal“, sagte Lex und schwang sich von 

seinem Pferd. „Ich werde mit Montano ein Spielchen machen, 
wenn er anwesend sein sollte. Und ihr habt nur dafür zu 
sorgen, daß die Geschichte mit Taifun unter die Leute kommt.“ 

Little Joe ging an der Reihe der Pferde entlang und hatte bald 

den Falben entdeckt. 

„Einer der Kerle ist jedenfalls im Zelt“, sagte er zu Hoss. 
Im Zelt waren mehrere Paare zu einem Rundtanz angetreten, 

dazu wimmerte die Geige in Begleitung des Klaviers, und der 
Banjomann schlug den Takt dazu. Der Geiger gab die 
Kommandos, damit sich die Paare lösten und sich Hand über 
Hand im Kreis fortbewegten, bis der alte Partner 
wiedergefunden war. 

Lex und die Brüder blieben im Zelteingang stehen. 
„Ihr müßt mir diesen Montano schon zeigen“, sagte Lex und 

ließ seinen Blick über die Menge wandern. 

„Okay“, nickte Little Joe. „Du hast ihn gerade vor der Nase.“ 

Er deutete mit einer Kopfbewegung auf einen großen, 
schlanken Mann mittleren Alters, der neben dem Eingang zu 
dem abgeteilten Raum stand, in dem gespielt wurde. Er trug 
einen grauen Reitanzug mit langem Jackett und ein weißes 
Hemd mit schwarzer Hängeschleife. Sein schwarzes Haar war 
sorgfältig gescheitelt. Die kühn gebogene Nase und die 
rötlichgelbe Haut ließen darauf schließen, daß Montano ohne 
Zweifel indianischer Abstammung war. 

Lex äußerte diese Feststellung, erfuhr aber von Hoss, daß 

Montano stets erklärte, er sei spanischer Abstammung. 

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„Nein, nein, dafür habe ich einen Blick“, erwiderte Lex. „Der 

Kerl ist ein Halbblut. Ich möchte wetten, sein Urgroßvater war 
noch ein reinrassiger Indianer.“ 

Montano hatte in diesem Augenblick die Cartwrights 

gesehen. 

Er blickte zu ihnen herüber, um dann eilig hinter der 

Zeltplane des Spielsalons zu verschwinden. 

Lex hatte es bemerkt. „Eine ganz saubere Weste hat der 

Bursche nicht“, meinte er. „Er war direkt überrascht, euch zu 
sehen.“ 

Sie drängten sich an den Tanzenden vorbei zu der aus rohen 

Brettern errichteten Bartheke und stießen dort auf Steve 
Collins. Steve war ein stämmiger blonder Bursche. Er war mit 
den Cartwrights befreundet, und bei dem Versuch, einen alten 
Goldgräber vor dem Überfall einer Bande zu retten, wäre es 
Little Joe und ihm beinahe schlecht ergangen. Steve machte 
gerne ein Spielchen. So wunderte es Little Joe, ihn an der 
Theke vorzufinden. 

„Sie haben mich bereits ausgenommen“, erklärte Steve 

Collins. „Zuerst lassen sie einen natürlich gewinnen, aber dann 
haben sie immer die höheren Karten in der Hand. Ich bin 
überzeugt, die Kerle arbeiten mit verschiedenen Tricks. 
Manchmal hatte ich ein Blatt, das war normalerweise gar nicht 
zu übertrumpfen, und trotzdem legten sie mich herein.“ 

„Das ist ja interessant“, meinte Lex, nachdem ihn die 

Cartwrights als Reiter für die Ponderosa vorgestellt hatten. 
„Das muß ich mir einmal ansehen. – Laßt euch nicht stören, 
Jungs.“ 

Damit stiefelte er auf seinen krummen Reiterbeinen dem 

Spielsalon zu. 

„Komischer Kerl“, sagte Steve Collins und starrte auf Little 

Joes verbundenen rechten Arm. „War er es, der dich in der 
Höhle fand?“ 

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„Woher weißt du denn das?“ fragte Hoss. 
„Von Cora Orton natürlich“, erwiderte Steve Collins. 
„Sie hat mir alles erzählt. Und was macht ihr ohne Taifun? – 

Wißt ihr überhaupt, wer die Kerle waren?“ 

Little Joe erklärte es ihm und hielt auch nicht mit der 

Vermutung hinter dem Berg, daß hier nur Montano seine Hand 
im Spiel habe. „Kennst du einen Burschen, der einen Falben 
reitet?“ 

Steve Collins schüttelte den Kopf. „Ich könnte mich morgen 

aber mal umsehen.“ 

„Er muß hier im Zelt sein“, sagte Little Joe. 
Collins bestellte drei Bier, und während sie tranken, trat ein 

Mann an die Theke, der seinen rechten Arm in einem Verband 
trug. 

Hoss erkannte in ihm einen Siedler, der vor etwa vierzehn 

Tagen mit einem Treck in den Süden des Landes aufgebrochen 
war. Hier war das Land von der Regierung zur Besiedlung 
freigegeben worden. Es handelte sich um ein idyllisches Tal 
mit guten Weiden. Es grenzte zwar an die Reservation der 
Paiute-Indianer, aber der Regierungsvertreter, der die 
Landzuteilung vornahm, hatte erklärt, mit den Paiutes wäre ein 
Abkommen getroffen worden. Er könne garantieren, daß ihnen 
von den Indianern keine Gefahr drohe. 

Hoss redete ihn an und erfuhr zu seiner größten 

Überraschung, daß der Treck einige Meilen vor seinem 
Bestimmungsort von Indianern überfallen worden war. 

„Das gibt es doch gar nicht“, wandte Little Joe ein. „Die 

Paiutes sind friedfertig.“ 

„Ja, das haben wir auch geglaubt“, erwiderte der Siedler. 

„Wir waren völlig arglos, als wir die Rauchzeichen über den 
Bergen sahen, und dann gingen wir ihnen in die Falle. In 
einem Canon warteten sie auf uns. Von den zwölf Familien ist 
niemand mehr am Leben. Die Pferde und 

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Ausrüstungsgegenstände brachten sie fort und verbrannten die 
Wagen. Dann verwischten sie alle Spuren des Überfalls. Ich 
bin ihnen nur durch einen Zufall entwischt.“ Er nahm einen 
Schluck aus seinem Glas. „Aber den Kerl, der uns das Land 
andrehte, den werde ich zur Verantwortung ziehen. – Und 
noch eines: Die Indianer waren zum größten Teil mit 
Gewehren bewaffnet.“ 

„Das kann ich nicht glauben“, erwiderte Hoss. „Mein Vater 

ist mit dem Grauen Wolf gut bekannt. Woher sollten die 
Indianer Gewehre haben?“ 

Wortlos zog der Mann seinen Arm aus der Schlinge und 

schob den Verband beiseite. „Hier, das ist Gott sei Dank ein 
glatter Durchschuß, und den verpaßte mir ein Indianer.“ 

„Und was wollen Sie jetzt tun?“ 
„Ich werde mich in der Bezirksstadt mit dem 

Regierungsvertreter unterhalten“, erwiderte der Siedler 
aufgebracht. „Er hat uns das Land zugewiesen, und wir haben 
es in Golddollars bezahlt.“ 

Little Joe runzelte die Stirn. „Bezahlt? – Das Land, das die 

Regierung zur Besiedlung freigibt, ist immer kostenfrei. Das 
müßten Sie doch wissen.“ 

„Aber uns hat man blanke Dollars abgenommen. Glauben 

Sie, ich mache Ihnen etwas vor?“ 

„Schon gut“, sagte Little Joe. „Ich glaube Ihnen, aber mir ist 

das unverständlich. Es kann nur sein, Sie sind einem 
Schwindler aufgesessen. Ich habe natürlich die Anschläge 
überall gelesen und war von ihrer Richtigkeit überzeugt, aber 
einen solchen Aufruf über freies Siedlungsgelände kann man 
für wenige Cents in jeder Druckerei anfertigen lassen.“ 

„Der Gedanke ist mir zwar noch nicht gekommen“, 

antwortete der Siedler. „Jedenfalls wird sich das bei meinem 
Besuch in der Bezirksstadt herausstellen, und dann werde ich 
den Kerl finden.“ 

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„Kannst du das verstehen?“ fragte Little Joe, als der Mann 

gegangen war. „Vor einem Monat war der Graue Wolf noch 
auf der Ponderosa. Er ist der Oberhäuptling über alle 
Zweigstämme der Paiutes. Er würde niemals zulassen, daß 
einer seiner Unterhäuptlinge Befehl dazu gibt, die 
Siedlertrecks zu überfallen.“ 

Hoss schüttelte den Kopf. „Niemals! Aber wie kommen die 

Indianer an die Gewehre?“ 

„Das möchte ich auch wissen. Wer die Indianer mit 

Schußwaffen beliefert, riskiert einige Jahre Zuchthaus. Die 
Behörden sind da sehr streng. Das wird sich mancher 
überlegen, der mit ihnen Geschäfte machen möchte.“ Little Joe 
sah nachdenklich vor sich hin. „Vielleicht sind es Waffen, die 
sie den Siedlern abnahmen.“ 

„Also, daß sie Gewehre besitzen, habe ich schon vor einigen 

Wochen gehört“, mischte sich Steve Collins in die 
Unterhaltung. „In den Bergen südlich der neuen Siedlung ist 
eine Digger-Gruppe, die dort nach neuen Schürfmöglichkeiten 
suchte, auch von Indianern überfallen worden. Auch sie sollen 
mit Schußwaffen angegriffen haben. Die Digger berichteten, 
daß viele Siedler ihr zugewiesenes Land im Stich ließen und 
nach Westen weiterzögen.“ 

„Ich muß mal mit Pa darüber sprechen. Vor allem muß der 

Sheriff verständigt werden. Wenn es wirklich so ist, darf man 
keine Trecks in dieses Gebiet leiten.“ Little Joe trank sein Glas 
aus. „Nein, der Graue Wolf wird niemals gegen die Siedler 
vorgehen, weil er genau weiß, daß ihm sofort die Armee auf 
den Pelz rückt. Was nützen ihm da einige Gewehre?“ 

„Eben“, nickte Hoss. „Und die Armee räumt viel zu 

gründlich auf. Das haben die Indianer oft erfahren.“ 

Einige Cowboys drängten sich an die Theke. Ihr 

Gesprächsthema war das Derby. Durch Steve Collins und Cora 
Orton hatten sie bereits von dem Überfall auf Joe Cartwright 

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erfahren, und so erkundigten sie sich, was eigentlich genau 
geschehen war. 

Little Joe erklärte es ihnen ziemlich laut, so daß es auch die 

Umstehenden hören mußten. Einer, von dem er genau wußte, 
daß der Kerl zur Hollers-Ranch gehörte, kam interessiert 
näher. Auf seinem Gesicht stand ein schadenfrohes Grinsen. 
Offenbar war er über alles informiert, oder er gehörte sogar zu 
den Burschen, die den Überfall verübt hatten. 

Joe mußte sich beherrschen, um ihn nicht in das frech 

lächelnde Gesicht zu schlagen. Na, er würde bald sehen, wie 
der Mann reagierte. 

„Dann habt ihr also nur noch Sandra im Rennen?“ fragte 

einer der Cowboys. 

„Nein, wieso?“ Little Joe lächelte in die Runde. „Ich vergaß 

euch zu sagen, daß Taifun längst wieder da ist. Kurz vor 
Dunkelheit kam er zur Ponderosa gelaufen. Er muß sich 
irgendwo losgerissen haben. Seine linke Hinterhand war 
verletzt. Vermutlich keilte er in seinem Gefängnis aus und 
verletzte sich dabei.“ 

Dem Hollers-Cowboy erstarb das Lächeln auf dem Gesicht. 

Mit offenem Mund starrte er die Cartwrights an, dabei trat 
plötzlich etwas wie Furcht in seine Züge. Langsam zog er sich 
zurück und verließ eilig das Zelt. 

„Los, behaltet ihn im Auge“, flüsterte Little Joe. „Vermutlich 

reitet er zur Hollers-Ranch, um dort die Neuigkeit 
loszuwerden. Kommt ihr nicht vorher zurück, treffen wir uns 
dort. Ich kümmere mich um Montano.“ 

Steve Collins sah ihn zwar verständnislos an, aber er folgte 

Hoss, der bereits dem Zeltausgang zustrebte. 

Little Joe war gespannt, was jetzt geschehen würde. Er 

grinste in sich hinein. Der Trick des Schnauzbärtigen lief an, 
und man würde sehen, was dabei herauskam. 

Aber jetzt mußte er sich um Lex und Montano kümmern. 

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In dem kleinen Raum, der durch Zeltplanen vom Großzelt 

getrennt war, hingen große Petroleumlampen von der Decke. 
Sie beleuchteten drei Spieltische, die von Schaulustigen 
umlagert wurden. 

Aus dem Großzelt klangen das Hämmern des Klaviers und 

das Wimmern der Geige nur dünn herüber. Ab und zu hörte 
man das rhythmische Händeklatschen der Tanzpaare. 

An einem Tisch wurde gepokert. Montano hielt die Bank. 
Little Joe trat näher. Unter den Männern, die an diesem Tisch 

saßen, sah er Lex. Er saß Montano gegenüber. Offenbar hatte 
der Schnauzbärtige gewonnen, denn eine ansehnliche Zahl von 
Dollarscheinen lag vor ihm auf dem Tisch. Die Situation 
änderte sich aber sehr bald. 

Als Lex die Hälfte des Geldes verloren hatte, wollte er 

aufhören, doch Montano zog ihn auf den Stuhl zurück. 

„Bleiben Sie doch, Mister! – Ich setze die doppelte Summe, 

die ich gewonnen habe, gegen das, was vor Ihnen auf dem 
Tisch liegt.“ Montano lächelte freundlich. „Ich gebe zu, Sie 
hatten etwas Pech, aber das kann sich sehr schnell ändern.“ 

Lex warf Little Joe einen Blick zu, dann nahm er die Karten 

und ließ sie durch die Hand gleiten. 

„Ja, bitte, Sie können mischen“, forderte Montano und schob 

alles Geld, das vor ihm lag, in die Tischmitte. 

Der Schnauzbärtige legte sein mageres Häufchen dazu und 

verlangte ein neues Kartenspiel. 

Montano sah zwar etwas verwundert drein, doch dann nahm 

er ein neues Kartenspiel aus der Schublade des Tisches und 
brach das Siegel auf. Er schob es Lex zu, der die kleinen Werte 
mit flinken Fingern aussortierte. 

Little Joe war gespannt, was jetzt geschehen würde. Er war 

auf eine Überraschung gefaßt, denn das Gesicht des 
Schnauzbärtigen sah fast fröhlich aus. Er mußte seiner Sache 
sehr sicher sein. 

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Lex kaufte fünf Karten und dankte, so wie es vorher 

ausgemacht worden war. 

Montano kaufte, deckte auf und hatte verloren, als Lex 

langsam seine Karten herumdrehte. Der Schnauzbärtige hatte 
alle Asse in seinem Blatt. Auch Montanos Blatt war sehr hoch, 
aber es langte nach den Spielregeln nicht. 

Lex packte seinen Gewinn zusammen, wobei ihn Montano 

forschend betrachtete. Er machte sich über den Spielausgang 
Gedanken. Das sah man an seinem Gesicht. Er wollte einfach 
nicht glauben, daß er verloren hatte. Plötzlich schien er zu 
einem Entschluß zu kommen. 

Er gab seinen Leuten einen Wink, und zwei bullige Kerle 

nahmen neben der Tür Aufstellung. 

„Der Spielsalon ist geschlossen“, gab Montano bekannt. 

„Räumen Sie das Zelt!“ 

Etwas widerwillig erhoben sich die Männer von den Tischen 

und gingen hinaus. 

Little Joe wartete auf Lex und wollte mit ihm zusammen den 

Raum verlassen, aber die beiden Kerle versperrten ihnen den 
Weg. 

„Moment“, sagte einer von ihnen. „Der Boß hat mit euch zu 

sprechen.“ 

Montano hatte inzwischen das alte Kartenspiel vom Tisch 

genommen, und Little Joe beobachtete, wie er es durchzählte. 

Ein breites Grinsen trat auf sein Gesicht. 
Lex, der sich an den Männern vorbeidrängen wollte, sah 

plötzlich in die Mündung eines Colts. 

„He, was soll das heißen?“ fragte der Schnauzbärtige. 
Der Mann mit dem Colt grinste. „Du bleibst hier, 

Freundchen.“ 

„Und warum, wenn ich fragen darf?“ 

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„Ja, das möchte ich auch wissen“, sagte Little Joe und trat 

neben den Schnauzbärtigen. „Vielleicht, weil er das Spiel 
gewann?“ 

„Das wird euch der Boß sagen“, knurrte der Mann mit dem 

Colt. 

Montano kam um den Tisch herum. „Sie können gehen, 

Cartwright, aber der Kerl bleibt hier, oder er legt seinen 
Gewinn auf den Tisch. Er ist nämlich ein Falschspieler.“ 

„Langsam, langsam“, erwiderte Lex ruhig. „Das müssen Sie 

mir zuerst einmal beweisen.“ 

„Kleinigkeit“, lächelte Montano böse und nahm das 

Kartenpäckchen vom Tisch. „Als Sie die alten Karten 
durchblätterten, bevor Sie das neue Spiel verlangten, ließen Sie 
aus dem alten Spiel drei Asse verschwinden. Diese Asse legten 
Sie mit auf, und nur deshalb haben Sie gewonnen. Also, heraus 
mit dem Geld!“ 

„Moment“, wandte Lex ein. „Demnach müßte also das neue 

Spiel drei Karten mehr haben. Ich würde also mal nachzählen, 
denn Sie nahmen mir die Karten ab, nachdem ich gewonnen 
hatte.“ 

„Ja, das stimmt“, nickte Little Joe. 
„Halten Sie sich da heraus, Cartwright“, fuhr ihn Montano 

an. „Außerdem dürfte das sehr schnell festzustellen sein.“ Er 
ging zum Tisch und zählte die anderen Karten. Das tat er 
mehrere Male, um die Karten schließlich ärgerlich auf den 
Tisch zu werfen. 

„Nun?“ fragte Lex und grinste in seinen Schnauzbart. „Kann 

ich jetzt gehen?“ 

„Er muß die Karten noch bei sich tragen“, erklärte Montano 

und wandte sich an einen seiner Leute. „Los, hole Richter 
Rickers. Er sitzt im Tanzsaal.“ 

Einer der Männer ging hinaus. 

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Little Joe wußte nicht, was er von allem halten sollte. 

Montano mußte seiner Sache sehr sicher sein, wenn er den 
Richter bemühte. 

Richter Rickers, ein grauhaariger Mann, trat bald darauf ein. 

Er trug einen schwarzen Straßenanzug mit buntfarbener 
Seidenweste. Durch die Gläser seiner Nickelbrille musterte er 
die Anwesenden kurz und wandte sich dann Montano zu. 

„Um was geht es hier, meine Herren?“ 
„Ich möchte in Ihrer Gegenwart eine Leibesvisitation bei 

diesem Mann vornehmen lassen“, sagte Montano. „Der Kerl ist 
ein Falschspieler.“ 

„Und ich möchte das von diesem Herrn behaupten“, lächelte 

Lex. 

„Das ist eine Unverschämtheit!“ Montano bekam einen roten 

Kopf. „Euer Ehren werden entschuldigen, aber ich muß auf 
einer Leibesvisitation bestehen. Ich hätte mir mit der Waffe 
das Recht dazu nehmen können, aber das geht gegen meine 
Überzeugung. Ich möchte nur mein Recht.“ Er erklärte dem 
Richter, was er vermutete. 

Rickers fixierte Lex durch seine Nickelbrille. „Wenn Sie die 

Karten haben, legen Sie sie auf den Tisch“, forderte er. „Es ist 
noch keine Anklage gegen Sie erhoben worden, und Mr. 
Montano wird vermutlich auch keine erheben. Sie kommen mit 
einer Ordnungsstrafe davon. – Also?“ Er sah Little Joe an. 
„Was machen Sie denn hier, Cartwright?“ 

„Das ist unser neuer Zureiter, Euer Ehren“, erwiderte Joe. 

„Was Mr. Montano behauptet, kann nicht stimmen. Ich 
verbürge mich für den Mann.“ 

Rickers tat eine abwehrende Handbewegung. „Packen Sie 

Ihre Taschen aus!“ 

Der Schnauzbärtige kam dieser Aufforderung sofort nach, 

und dann erhielt einer von Montanos Leuten den Auftrag, ihn 

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zu durchsuchen. Der Mann tat das lange und gründlich, aber 
ohne Erfolg. 

Montano beobachtete es mit zusammengekniffenen Augen. 
„Nun?“ fragte Lex, während er seine Sachen wieder 

einsteckte. „Wer ist nun ein Falschspieler?“ 

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu, Euer Ehren“, erklärte 

Montano aufgeregt. 

„Bei mir schon“, erwiderte Lex und wandte sich an den 

Richter. „Warum suchen Sie die Karten nicht bei ihm? Die drei 
Asse, mit denen er mich hereinlegen will, stecken nämlich in 
seiner rechten Jackettasche. – Bitte, sehen Sie nach!“ 

Als sich niemand rührte, trat Lex blitzschnell vor, bekam 

Montano am Revers seines Jacketts zu fassen und zog ihm die 
drei Spielkarten aus der Tasche. Er warf sie vor dem Richter 
auf den Tisch. „Hier sind sie!“ 

Montano war kreidebleich geworden; seine Hand fuhr zur 

Waffe, aber da hatte Little Joe bereits seinen Colt aus dem 
Halfter. 

„Lassen Sie die Waffe stecken, Montano!“ 
„Und das würde ich euch auch raten“, sagte Lex. Er hielt 

seine Colts auf Montanos Männer gerichtet. 

„Die Revolver weg, Leute!“ Rickers hob beschwörend die 

Hände. „In meiner Gegenwart wird nicht geschossen. Ich muß 
Sie sonst mit einer Ordnungsstrafe belegen.“ 

„Sollen wir uns von ihnen abknallen lassen?“ fragte Little Joe 

aufgebracht. „Montano griff zuerst zur Waffe.“ 

Lex schob seine Colts in den Gürtel. „Ich denke, damit dürfte 

alles geklärt sein“, meinte er. „Komm, Junge!“ 

Die Männer an der Tür traten zur Seite, als Little Joe und Lex 

den Raum verließen. 

Draußen schwangen sich die Freunde eilig in den Sattel und 

preschten zur Stadt hinaus. Erst an den Horse Rocks hielt Little 
Joe sein Pferd an. Da von dieser Felsengruppe aus das Gelände 

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gut zu beobachten war, schlug er vor, hier auf etwaige 
Verfolger zu warten. Es war ihm klar, Montano würde diese 
Schlappe niemals ohne einen Gegenschlag hinnehmen. 
Außerdem konnte man von diesem Punkt aus den Weg zur 
Hollers-Ranch einsehen. 

Es war durchaus möglich, daß Hoss und Steve Collins 

zurückkamen, wenn sie Taifuns Versteck ausfindig gemacht 
hatten. 

Lex war damit einverstanden. Sie führten die Pferde hinter 

eine Felswand und ließen sich auf einem Felsvorsprung nieder. 
Die Nacht war hell und klar. Unter ihnen lagen der Weg zur 
Stadt und die Weggabelung zur Hollers-Ranch und zu der 
Ponderosa. 

„Es war eine Unverschämtheit, dich mit den drei Assen 

hereinlegen zu wollen“, sagte Little Joe. „Na, Pa wird mir 
natürlich gehörig den Kopf waschen, wenn er von Rickers 
erfährt, daß ich den Colt zog.“ 

„Junge, dafür kann ich dir nur danken“, meinte Lex. „Ich 

glaube, ich säße jetzt nicht neben dir. Er schäumte geradezu 
vor Wut, aber das war auch verständlich. Normalerweise kann 
man aus einer leeren Tasche nichts herausholen.“ 

Little Joe sah ihn verständnislos an. 
„Bald wäre die Sache noch schiefgegangen“, fuhr Lex 

lachend fort. „Als ich ihm die Spielkarten in die Tasche schob, 
wären sie mir beinahe aus der Hand gerutscht.“ 

„In die Tasche schob?“ fragte Little Joe gedehnt. „Wie 

meinst du das?“ 

„Ganz einfach“, erklärte der Schnauzbärtige. „Als er mich zu 

der letzten Runde aufforderte, wußte ich genau, er wollte mich 
hereinlegen. Ich hatte längst bemerkt, daß er mit Tricks beim 
Kartengeben arbeitete. Da blieb mir nichts anderes übrig, als 
ihn hereinzulegen, denn ich wollte meinen und Steve Collins’ 
Verlust zurückholen.“ 

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Little Joe begriff langsam. „Dann hattest du tatsächlich die 

drei Asse aus dem anderen Spiel?“ 

„Ja, was denn sonst?“ lachte Lex. „Er ahnte das aber nicht, 

und so gab er sich nicht einmal die Mühe, ein besonders hohes 
Blatt auf den Tisch zu zaubern. Es war aber immerhin so hoch, 
daß ich ohne die Asse verlieren mußte. Ich habe ihn also mit 
seinen eigenen Waffen geschlagen.“ 

„Dann stimmte alles, was er sagte?“ fragte Little Joe, der das 

alles noch nicht glauben konnte. 

„Natürlich“, grinste Lex. „Er hatte meinen Trick nur etwas zu 

spät durchschaut und wußte nicht, was noch kommen würde. 
Als sie mich durchsuchten, hatte ich die Spielkarten in der 
Hand und tat später so, als hätte ich sie Montano aus der 
Tasche gezogen.“ 

„Ich werde verrückt“, stöhnte Little Joe. „Dabei hätte ich für 

deine Ehrlichkeit die Hand ins Feuer gelegt.“ 

„Das sollte man nie tun“, antwortete Lex. „Besonders nicht 

für Leute, die man erst einige Stunden kennt. Merke dir das, 
mein Junge.“ Er hob die Hand und deutete nach unten. 

Dort tauchten auf dem Weg zur Hollers-Ranch zwei Reiter 

auf. Es waren Hoss und Steve Collins. Sie zügelten ihre 
Pferde, als Little Joe den Erkennungspfiff ausstieß. Dann 
trabten sie über den kleinen Pfad bergan. 

Hoss berichtete, was inzwischen geschehen war. Nachdem 

sie dem Mann bis zur Hollers-Ranch gefolgt waren, hatten sie 
sich in dem Hohlweg bei den unteren Weiden auf die Lauer 
gelegt. Von dort sei die Ranch gut zu beobachten gewesen. Der 
Kerl wäre sofort im Haus verschwunden und nach kurzer Zeit 
mit einem anderen Burschen wieder aufgetaucht. Dann seien 
sie in die Berge geritten. „Und dort brauchen wir nicht lange 
zu suchen“, beendete Hoss seinen Bericht. „Es gibt da nur eine 
Möglichkeit, ein Pferd zu verstecken, und das sind die Eagle-
Höhlen.“ 

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Der Ansicht war Steve Collins auch. Er erbot sich, bei 

Anbruch der Morgendämmerung die Hollers-Ranch weiter zu 
beobachten. Erfreut war er, als ihm Lex das Geld aushändigte, 
das ihm im Spielsalon abgenommen worden war. Dann trennte 
man sich, und Lex ritt mit den Cartwrights zur Ponderosa 
zurück. 

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Zwischenfall bei den Eagle Rocks 

 
 
 

Am anderen Morgen beim Frühstück berichtete Little Joe dem 
Vater, was sie in der Zeltstadt Montanos erlebt hatten. 

Ben Cartwright war darüber nicht sehr erfreut. Er meinte, 

man habe sich mit Montano nicht auf ein Spiel einlassen 
sollen. Der Mann werde sich nun bestimmt auf eine 
unberechenbare Weise zu rächen versuchen. 

„Damit haben Sie und Ihre Söhne nichts zu tun, Mr. 

Cartwright. Ich machte das Spiel, weil ich ihn aus seiner 
Reserve herauslocken will“, erklärte Lex. „Er soll wissen, daß 
ihm jemand auf die Finger sieht. Jedenfalls wissen wir jetzt, 
wo wir Taifun wahrscheinlich finden werden, nämlich in den 
Eagle-Höhlen, und wenn diese Rechnung stimmt, haben wir 
ihn bald zurück.“ 

„Dazu kann ich euch nur Glück wünschen“, erwiderte Ben 

Cartwright. „Laßt euch aber auf keine Schießerei ein.“ 

„Keine Sorge, Pa!“ Little Joe schob seinen Teller beiseite und 

meinte zu Hoss: „Na, bis du fertig bist, werde ich mich schon 
mal um die Pferde kümmern. – Sind die Wasserflaschen 
gefüllt, Hop Sing?“ 

„Alles feltig, Mistel Joe“, dienerte der Chinese. „Ich machen 

plima, plima Tee mit Whisky. – Sie vielleicht einmal 
mitkommen in Küche?“ 

„Und warum?“ fragte Little Joe und folgte dem Chinesen. 

„Um was geht es denn?“ 

„Um meine Eichhölnchen.“ Hop Sing blieb vor dem 

Drahtkäfig stehen. „Ich sie jetzt haben schon lange Zeit, abel 
sie niemals splechen.“ 

„Sprechen?“ Little Joe runzelte die Stirn. 

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„Ja“, nickte Hop Sing. „Sie vielleicht etwas vellückt 

gewolden?“ 

„Weil sie nicht sprechen?“ 
„Nein, weil sie jetzt splechen“, erwiderte der Chinese und 

nickte eifrig dazu. „Ja, bestimmt, Mistel Joe. Sie sagen: ,Guten 
Molgen, Hop Sing!’“ 

In diesem Moment kamen Hoss und Lex an der Küche 

vorbei. Joe rief sie herein und meinte, Hop Sing habe ihnen 
etwas zu sagen. Er wolle sich inzwischen um die Pferde 
kümmern. Es war ihm zu dumm, sich mit Hop Sing über 
sprechende Eichhörnchen zu unterhalten. 

Er war noch beim Satteln, als Hoss und Lex aus dem Haus 

kamen. 

„Nun, was ist mit den sprechenden Eichhörnchen?“ grinste 

Little Joe. „Bei Hop Sing kann doch nur eine Schraube los sein 
– oder?“ 

„Weißt du, Joe, dann muß bei mir auch eine los sein“, sagte 

Hoss und sah seinen Bruder unsicher an. „Ich habe es nämlich 
auch gehört. Eines von den beiden sagte klar und deutlich: 
,Guten Morgen, Mr. Hoss!’ – Es kannte mich sogar.“ 

„He, bist du verrückt geworden?“ Little Joe schob seinen Hut 

ins Genick. „Du willst mir weismachen, es gibt sprechende 
Eichhörnchen? – Hat es Lex auch gehört?“ 

Der Schnauzbärtige schüttelte den Kopf. „Ich wundere mich 

nur, denn ich habe nichts gehört.“ 

Trotzdem blieb Hoss bei seiner Behauptung und wurde 

schließlich sogar ärgerlich, als ihn Lex und Little Joe 
auslachten. 

„Aber Hop Sing hat es doch auch gehört“, führte er an. „Wir 

können uns doch nicht beide verhört haben.“ 

„Aber Lex hat es nicht gehört“, lachte Little Joe. „Und er hat 

doch gleich daneben gestanden. Kommt dir das nicht komisch 

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vor?“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. „Du 
kannst doch nicht normal sein.“ 

Etwas verstimmt schwang sich Hoss auf Paiute, und auch 

Lex und Little Joe stiegen auf ihre Pferde. 

„Sei nicht böse, Brüderchen“, lenkte Little Joe ein. „Aber du 

bist deiner ungewöhnlichen Phantasie zum Opfer gefallen. 
Dadurch, daß Hop Sing erklärte, er habe die Tiere sprechen 
gehört, hörtest du es auch.“ 

„Ich gebe zu, es ist etwas ungewöhnlich“, erwiderte Hoss mit 

beleidigter Miene. „Aber ich hörte es ganz deutlich.“ 

„Sprechen wir nicht mehr davon“, sagte Little Joe. „Wenn die 

Eichhörnchen morgen noch sprechen, gebe ich gerne zu, dich 
verkannt zu haben. Ich muß es aber selbst hören.“ 

Auf dem Weg zur Hollers-Ranch kam ihnen Steve Collins 

bereits entgegen. Er berichtete, die beiden Männer, die gestern 
abend fortritten, seien heute morgen ohne Taifun 
zurückgekommen. 

„Dann haben sie sich nur davon überzeugen wollen, ob das 

Pferd noch in dem Versteck war“, überlegte Little Joe, und Lex 
stimmte ihm zu. 

Zehn Minuten später hatten die vier Reiter die Paßstraße 

erreicht und schlugen den Weg ins Gebirge ein. Jetzt kam 
ihnen wieder Lex’ Fähigkeit als Fährtensucher zugute. Da die 
Männer gestern auch bei Dunkelheit losgeritten waren, mußte 
das Versteck Taifuns leicht zu finden sein. Der Schnauzbärtige 
hockte vornübergebeugt im Sattel und ließ den Blick nicht 
vom Boden. 

„Die Burschen sind hier nach Süden abgebogen“, berichtete 

Lex, als sie die Gabelung an der Paßstraße erreicht hatten. „Du 
hattest recht, Hoss, die Spuren führen geradewegs zu den 
Eagle Rocks.“ 

Lex trieb sein Pferd wieder an, und die anderen folgten ihm. 

Als sie eine Steigung überwunden hatten, lag das 

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Felsengebirge der Eagle Rocks direkt vor ihnen. Im Galopp 
preschten die Reiter zum Fuße des Bergmassivs. Dann stieg 
Lex aus dem Sattel und nahm sein struppiges Indianerpferd am 
Zügel. 

Das Versteck konnte jetzt nicht mehr weit sein. Es mußte 

sogar ohne Schwierigkeiten erreicht werden können, sonst 
hätten es die Kerle bei Dunkelheit nicht aufgesucht. Von 
diesem Gedanken ging Lex bei der Suche aus. Hier im felsigen 
Gelände war das Auffinden einer Spur schon schwieriger. Lex 
achtete auf die kleinsten Anzeichen. 

Nach etwa einer Stunde war der Fuß des Gebirges erreicht. 

Eine schmale Schlucht zog sich in den Berg. Bald standen die 
Reiter zwischen hohen Felswänden. Irgendwo rauschte ein 
Gebirgsbach durch die Felsen. Auf der gegenüberliegenden 
Felswand waren Einschnitte von Höhlen zu erkennen. 

Little Joe sah nicht sehr glücklich aus. „Wären wir den 

Kerlen doch nur gestern abend noch gefolgt, dann brauchten 
wir jetzt nicht lange zu suchen.“ 

Mit dieser Ansicht stimmte Lex nicht überein. Er meinte, eine 

Verfolgung bei Dunkelheit sei mit erhöhter Gefahr verbunden. 
Deshalb habe er das überhaupt nicht in Erwägung gezogen. 

Hoss stimmte ihm zu. „Hufschlag ist in der Nacht besonders 

gut zu hören. Sie hätten uns sofort bemerkt und uns irgendwo 
erwartet.“ 

„Aber wie sollen wir das Pferd hier finden?“ fragte Little Joe. 

„Willst du die Höhlen absuchen?“ 

„Nicht notwendig“, erklärte der Schnauzbärtige. „Ihr müßt 

nur die Augen aufmachen. Seht ihr drüben die Einschnitte in 
den Felsen? Von allen ist nur einer von ihnen mit Buschwerk 
bewachsen.“ 

„Ja, stimmt“, nickte Joe. 
„Und dieses Buschwerk wurde am Lasso hinter einem Pferd 

hergeschleift“, fuhr Lex fort. „Die Schleifspuren sind sogar 

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von hier aus deutlich zu erkennen. Mit dem Buschwerk ist das 
Versteck Taifuns getarnt und die Höhle verschlossen worden. 
– Kommt, sehen wir nach!“ 

Lex ritt voraus, und die anderen folgten ihm. 
Beim Näherkommen erkannte man die Tarnung deutlich. 

Hoss und Steve Collins räumten das Buschwerk beiseite, und 
der Einschnitt zu einer kleinen Höhle tat sich vor ihnen auf. Im 
Halbdunkel der kleinen Felsenkammer, die von oben durch 
Felsrisse Licht erhielt, fanden sie den Hengst. Man hatte ihm 
Fußfesseln angelegt, so daß er sich nicht bewegen konnte. 
Beim Eintritt der Männer wieherte er schrill auf. 

Little Joe befreite Taifun von den Fußfesseln und führte ihn 

hinaus. Das Tier war in schlechter Verfassung. Seine Gelenke 
waren geschwollen, weil er durch die Fesselung nicht 
genügend Bewegungsfreiheit besessen hatte. 

„Ich könnte die Kerle umbringen“, stieß Little Joe wütend 

hervor. „Was muß das arme Tier für Qualen ausgestanden 
haben.“ 

„Er braucht zuerst einmal Wasser“, sagte Hoss. „Wir bringen 

ihn zum Bach. Ihr könnt schon vorausreiten. Steve und ich 
kommen langsam nach. Wir müssen Taifun schonen.“ 

Sein Bruder war damit einverstanden. „Der Vorschlag ist gar 

nicht schlecht. Sollten Montanos Leute auf dem Weg hierher 
sein, können wir sie unterwegs abfangen.“ Und grimmig fügte 
er hinzu: „Hoffentlich ist der Kerl mit dem Falben dabei. Den 
kaufe ich mir auf jeden Fall.“ 

Während sich Joe und Lex in den Sattel schwangen und die 

Schlucht verließen, machten sich die beiden Freunde mit den 
Pferden zum Gebirgsbach auf. Sie waren aber noch nicht weit 
in die Schlucht vorgedrungen, als plötzlich ein Schuß fiel. Das 
Projektil pfiff nahe an ihnen vorbei. 

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Sofort zerrten die Männer die Pferde hinter eine Felswand 

und nahmen zwischen den Felsblöcken am Rande des Weges 
Deckung. 

„Der Schuß kam von drüben“, sagte Steve Collins. Er richtete 

sich auf und spähte zu einigen großen Felsblöcken hinüber. 
„Der Kerl muß dort zwischen den Felsen liegen.“ Als sich 
nichts weiter tat, sprang Collins auf und rannte auf die 
Felswand zu, hinter der die Pferde standen. Er erreichte sie 
auch, riß sein Gewehr aus dem Sattelfutteral und wollte 
zurück, aber da peitschte ein zweiter Schuß auf. 

Das Pfeifen des Projektils war diesmal so nahe, daß er 

instinktiv den Kopf einzog und mit einem Hechtsprung neben 
Hoss landete. 

„Bleib liegen“, fuhr Hoss ihn an. „Anders können wir in 

diesem Falle nichts tun.“ 

Pferdegetrappel näherte sich. 
Der Dicke hob lauschend den Kopf. „Ich glaube, Little Joe 

und Lex kommen zurück. Sie müssen die Schüsse gehört 
haben.“ 

So war es auch. Als Hoss’ Bruder und Lex die Schüsse 

hörten, rissen sie die Pferde sofort herum und preschten 
zurück. Sie drangen einige Meter in die Schlucht vor und 
sprangen dort hinter einer Felswand von den Pferden. 

Little Joe riß sein Gewehr aus dem Sattelfutteral und war mit 

einem schnellen Sprung hinter dem nächsten Steinblock. Die 
Schlucht vor ihm war leer. 

Sofort war Lex neben ihm. 
„Ich sehe sie nicht“, sagte Little Joe erregt. „Es waren zwei 

Schüsse. Hoffentlich hat man sie nicht erwischt.“ 

„Sie sind in Deckung gegangen.“ Lex hob den Kopf, aber 

auch er konnte nicht feststellen, wo sich Hoss und Collins 
befanden. „Können es Montanos Leute sein?“ 

Little Joe hob die Schultern. 

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„Wir müssen zuerst einmal feststellen, wo die Burschen 

sitzen“, fuhr Lex fort. „Sie werden sofort schießen, wenn sich 
einer von uns zeigt. Gib mir Feuerschutz!“ 

„In Ordnung! – Los!“ 
Kaum hatte Lex die Deckung verlassen, wurde auf ihn 

geschossen. Blitzschnell rollte sich der Drahtige hinter den 
nächsten Felsblock, um bald darauf mit schnellen Sprüngen 
hinter dem nächsten in Deckung zu gehen. Wieder wurde der 
Wechsel von dem unsichtbaren Schützen mit einem Schuß 
beantwortet. 

„Noch einen Sprung, dann habe ich ihn“, rief Little Joe. „Es 

ist nur einer, und er liegt direkt vor uns zwischen den großen 
Steinblöcken.“ 

Während sich Lex zu einem neuen Sprung anschickte, hatte 

Little Joe sein Gewehr auf den ausgemachten Punkt zwischen 
den Steinblöcken gerichtet. Als dort das Mündungsfeuer 
aufblitzte, drückte er ab. Donnernd verhallte der Schuß 
zwischen den Wänden. 

Die nächsten Sprünge von Lex wurden nicht mit Schüssen 

beantwortet. Es blieb alles ruhig. 

Vorsichtig richtete sich Little Joe auf, und weiter unten traten 

Hoss und Steve Collins zwischen den Felsen hervor. 

Lex sah plötzlich eine Bewegung zwischen den Steinblöcken, 

hinter denen der Schütze gelegen hatte, und im gleichen 
Augenblick preschte auf ungesatteltem Pferd ein Indianer 
hervor. 

Kurz vor dem Pfad aber stürzte er vom Pferd und blieb 

regungslos liegen. 

Sofort waren die Männer bei ihm. Es war ein Paiute, und in 

seinem Haarknoten über dem roten Stirnband steckten zwei 
Adlerfedern, das Zeichen eines Unterhäuptlings. Der Mann 
hatte eine Schußverletzung an der Schulter und war bewußtlos. 

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Hoss zog ihm den Tomahawk und das Messer aus dem 

Gürtel, während Little Joe ein funkelnagelneues Armeegewehr 
aufhob. 

Inzwischen hatte Lex dem Indianer das Lederhemd 

aufgeschnitten und erkannte in der Verletzung eine 
ungefährliche Fleischwunde. Die würde er überleben. 

„Es stimmt also, was der Siedler erzählte“, sagte Little Joe, 

während er das Gewehr betrachtete. „Offenbar hat der Kerl 
seine ganze Munition verschossen. Wer mag sie nur mit den 
Gewehren beliefern? Und was erhält der Lieferant dafür?“ 

„Das sind zwei Fragen auf einmal“, lächelte Lex. „Die erste 

kann ich nicht beantworten, wohl aber die zweite. Er bekommt 
Gold dafür.“ 

„In unserer Gegend ist schon seit Jahren keine Unze Gold 

gefunden worden“, antwortete Little Joe. „Sogar die 
Silberminen sind erschöpft. – Nein, das kann ich mir nicht 
denken.“ 

„Aber die Indianer wissen Fundstellen. Für sie bedeutet es 

nichts. Erst durch die Weißen erfuhren sie vom Wert des 
gelben Metalls, und dadurch wurde es auch für sie ein 
wertvolles Tauschobjekt.“ 

„Und diesen Tauschhandel soll der Graue Wolf mitmachen? 

Er weiß genau, daß der Besitz von Schußwaffen bestraft wird. 
Mein Vater hat ihn darüber unterrichtet.“ Little Joe warf 
seinem Bruder einen Blick zu. „Was hältst du davon?“ 

„Jedenfalls hat er ein Gewehr“, antwortete Hoss. „Mehr habe 

ich dazu nicht zu sagen.“ 

Der Indianer regte sich plötzlich und sprang dann auf die 

Beine. Er tastete an seinen Gürtel, um zum Messer zu greifen. 
Als er feststellte, daß man ihn entwaffnet hatte, stürzte er sich 
wie wild auf die Männer. Lex streckte ihn mit einem 
Faustschlag zu Boden und band ihm die Hände mit einem 

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Riemen auf den Rücken. „So eine Giftnatter“, stieß er ärgerlich 
hervor. 

„Und was machen wir nun mit ihm?“ fragte Hoss. 
„Wir nehmen ihn mit“, erwiderte sein Bruder. „Pa soll sich 

mal mit ihm unterhalten. Vielleicht können wir erfahren, wer 
ihnen die Waffen liefert.“ 

„Übergeben wir ihn dem Sheriff, hängen sie ihn zur 

Abschreckung auf.“ Hoss kratzte sich den Schädel. „Das ist 
eine verdammt unangenehme Sache. Ich möchte vorschlagen, 
wir lassen ihn laufen. Dann bekommen wir auch keinen 
Ärger.“ 

„Er hat nicht unrecht“, sagte Lex. „Durch die Überfälle auf 

die Trecks sind die Leute nicht gut auf Indianer zu sprechen. 
Wir könnten unterwegs Leuten begegnen, die ihn sehen, und 
das würde bestimmt Ärger geben.“ 

„Na, schön!“ Little Joe wandte sich an Steve Collins. „Hole 

sein Pferd her!“ 

Inzwischen hatte sich der Indianer aufgerichtet und zerrte 

wütend an seinen Fesseln. Er sah die Männer haßerfüllt an. 

„Ich glaube, du kannst ruhig mit ihm sprechen“, sagte Lex. 

„Er versteht alles. Wie sollte er sich sonst mit dem Mann 
verständigen, der ihnen die Waffen liefert?“ 

Collins hatte mittlerweile das Indianerpferd herbeigebracht. 
Little Joe nahm den Tomahawk und das Messer und legte 

beides vor dem Gefangenen auf den Boden. Während er auf 
das Pferd deutete, sagte er: „Reite zu den Wigwams der 
Paiutes. Du bist frei, obwohl wir allen Grund hätten, dich an 
den nächsten Baum zu hängen.“ Er durchschnitt dem Mann die 
Fesseln und trat zurück. 

Mit einem Sprung war der Indianer auf den Beinen, raffte 

seine Waffen auf und schwang sich auf sein Pferd. In wildem 
Ritt stürmte er aus der Schlucht. 

Lachend sahen ihm die Männer nach. 

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„Mich wundert nur, daß er sein Gewehr nicht verlangt hat“, 

grinste Hoss. 

Nachdem Taifun zum Wasser geführt worden war, machte 

sich die kleine Gruppe auf den Rückweg. Sie ritten einen 
leichten Trab, um Taifun nicht zu überfordern. 

Hoss, der die Gruppe anführte, hielt plötzlich sein Pferd an. 

„He, was ist denn da los? Die Kerle jagen einen Indianer.“ 

In einiger Entfernung sah mau eine Reitergruppe, die einem 

Indianer nachjagte, der einen bewaldeten Hügelrücken zu 
erreichen versuchte. Es dauerte auch nicht lange, da hätten ihn 
die Verfolger eingekreist und rissen ihn vom Pferd. 

„Das ist ohne Zweifel der Bursche, den wir freigelassen 

haben“, sagte Little Joe. „Er muß den Kerlen direkt in die 
Arme geritten sein.“ 

„Armer Kerl“, meinte Hoss. „Die hängen ihn bestimmt auf.“ 
„Das werden sie nicht tun“, erwiderte Little Joe. „Wir haben 

den Mann freigelassen. Er steht unter unserem Schutz. – 
Komm, Bill.“ Damit preßte er seinem Schecken die Schenkel 
an und jagte im Galopp auf die Gruppe zu. 

Lex folgte ihm, und dann schloß sich ihnen auch noch Steve 

Collins an. 

Als sie dort eintrafen, hatten die Männer dem Indianer bereits 

die Hände auf den Rücken gebunden. Lachend sahen sie den 
Ankommenden entgegen. 

Little Joe erkannte George Finlay, einen nicht sehr beliebten 

Mann in Virginia City. Finlay betrieb in der Nähe des 
Takoesees eine kleine Ranch. Wer mit ihm Geschäfte machte, 
mußte immer damit rechnen, übers Ohr gehauen zu werden. 

„Hallo, Cartwright! – Wir haben den Überfall auf Sie und 

Ihre Leute beobachtet. Ist Ihnen der Kerl entwischt? Wir waren 
auf der Paßstraße und wollten Ihnen schon zu Hilfe kommen.“ 
Finlay deutete auf seine Leute. „Die Jungs nehmen Ihnen die 
Arbeit ab. Bald wird er die Engel im Himmel singen hören.“ 

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„Wir haben den Mann freigelassen, Mr. Finlay“, antwortete 

Little Joe. „Und ich möchte nicht, daß ihm etwas geschieht. Er 
soll bei seinem Stamm erzählen, daß es bei uns nicht nur 
Indianertöter gibt.“ 

„Moment, jetzt komme ich nicht ganz mit.“ Auf das Gesicht 

Finlays trat ein böses Lächeln. „Wir beobachteten, daß dieser 
Indianer Sie und Ihre Leute mit einem Gewehr beschoß. 
Stimmt doch?“ 

„Gebe ich zu“, nickte Little Joe. „Ich habe ihm das Gewehr 

abgenommen, und das genügt mir.“ 

„Noch ein Wort, und mir kommen vor Rührung die Tränen, 

bei so viel Edelmütigkeit“, grinste Finlay, und wütend fuhr er 
fort: „Sagen Sie, Cartwright, sind Sie verrückt? Sie wissen, daß 
ab sofort jeder Indianer, der mit einem Gewehr oder einer 
Feuerschußwaffe angetroffen wird, vogelfrei ist. Sogar der 
Sheriff ist verpflichtet, einen solchen Kerl ohne 
Gerichtsbeschluß aufzuhängen.“ 

„Ja, ein dummes Gesetz“, antwortete Little Joe. „Das alles 

schürt den Haß gegen die Weißen nur noch mehr. 

Durch meinen Vater ist mit dem Grauen Wolf ein 

Abkommen geschlossen worden, daß die Siedler ohne Furcht 
vor Überfällen ihr Land in Besitz nehmen können.“ 

„Und was passiert?“ höhnte Finlay. „Sagen Sie, Cartwright, 

leben Sie auf der Ponderosa auf dem Mond? – Wissen Sie 
nicht, daß die Überfälle auf Siedlertrecks in der letzten Zeit 
zugenommen haben? Wissen Sie nicht, daß die Siedler ihr 
zugewiesenes Land bereits verlassen, weil sie tagtäglich der 
Bedrohung durch Indianer ausgesetzt sind? Und diese Indianer 
greifen dazu noch mit Gewehren an. – Dieser Kerl ist einer von 
den Burschen, und Sie wollen ihn laufenlassen? Hier ist nur 
Härte am Platz, glauben Sie mir.“ Er wandte sich an seine 
Leute. „Los, hängt ihn auf!“ 

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Einer der Männer warf ein Lasso über den Ast eines Baumes. 

Sie zerrten den Indianer unter die Schlinge. 

„Der Mann steht unter unserem Schutz, Finlay“, sagte Little 

Joe. „Ich nehme ihn mit zur Ponderosa. Mein Vater wird 
entscheiden, was mit ihm geschieht.“ 

„Machen Sie sich doch nicht lächerlich, Cartwright! – Die 

Sache ist gleich erledigt, und Sie haben keinen Ärger.“ 

„Ich bekomme auch so keinen Ärger, Mr. Finlay“, erwiderte 

Little Joe. „Es bleibt dabei, mein Vater wird darüber 
entscheiden, was mit ihm geschieht.“ 

„Hochziehen!“ brüllte Finlay wütend, aber da fielen 

hintereinander mehrere Schüsse. 

Es war Lex, der das Lasso durchschossen hatte und jetzt den 

Colt auf Finlay richtete. „Hörten Sie nicht, was mein Freund 
sagte? – Mr. Cartwright entscheidet darüber, was mit ihm 
geschieht.“ 

„Wie Sie wollen.“ Finlay lächelte böse. „Seien Sie aber 

versichert, ich bin noch vor Dunkelheit mit dem Sheriff da, 
und dann wollen wir sehen, wer darüber entscheidet, was mit 
dem Kerl geschieht.“ 
 
 
Ben Cartwright ging mit großen Schritten im Zimmer auf und 
ab. 

Little Joe, Hoss und Lex, die um den großen Tisch im 

Wohnraum saßen, blickten betreten vor sich hin. 

„Gut, ihr habt Taifun gefunden“, sagte Ben Cartwright. 

„Wunderbar! – Wie kommt ihr aber nur auf den abwegigen 
Gedanken, mir einen Indianer ins Haus zu bringen?“ 

„Aber sie wollten ihn aufhängen, Pa“, erwiderte Little Joe. 

„Das konnte ich unmöglich zulassen. Wie ich dir schon sagte, 
hatten wir ihn freigelassen. Wir wollten ihn gar nicht 
mitbringen.“ 

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„Na, schön, es ist geschehen, und daran ist nichts zu ändern. 

Was machen wir aber, wenn der Sheriff kommt? – Und er wird 
nicht allein kommen, davon bin ich überzeugt.“ 

„Kannst du ihm nicht den Vorschlag machen, daß wir ihn ins 

Reservat bringen?“ schlug Hoss vor. „Du lieferst ihn den 
eigenen Leuten aus. Der Graue Wolf hat versprochen, daß sein 
Stamm den Anweisungen der Regierung Folge leistet. Sie 
können ihn selbst aburteilen.“ 

„Das wäre eine Möglichkeit“, überlegte Ben Cartwright. 

„Und gleichzeitig könnte ich den Grauen Wolf noch einmal 
auf die Abmachungen mit der Regierung hinweisen. Ich bin 
überzeugt, er weiß nichts von den Überfällen auf die 
Siedlungen. Seine Unterhäuptlinge sind dafür allein 
verantwortlich.“ 

Hop Sing erschien in der Tür. „Mistel Caltwlight, Mistel 

Caltwlight! – Sheliff kommen und viele Männel. Ich dulch 
Fenstel sehen.“ 

„Da, es geht schon los“, sagte Ben Cartwright mit einem 

bitteren Unterton in der Stimme. „Sie werden auf ihr Recht 
pochen und die Auslieferung verlangen.“ 

Kurze Zeit darauf klopfte es, und Sheriff Coffee trat ein. Er 

war ein schlanker, grauhaariger Mann, dem man ansah, daß 
ihm dieser Besuch keine große Freude machte. Gleichzeitig 
mit ihm traten Finlay und einige seiner Cowboys ein. 

„Entschuldige, Ben, ich komme nicht gern, aber man 

beschuldigt dich, einen Indianer in deinem Haus zu 
verbergen“, begann der Sheriff. „Stimmt das?“ 

„Natürlich stimmt das“, sagte Finlay und drehte seinen Hut in 

der Hand. „Meine Leute und ich sind Zeugen, daß der Kerl mit 
einem Gewehr herumschoß.“ 

„Ich stelle fest, man hat mich gefragt und nicht Sie, Mr. 

Finlay“, wandte sich Ben Cartwright an den Rancher. „Darf 

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ich Sie und Ihre Leute bitten, draußen zu warten? Ich habe Sie 
nicht hereingebeten.“ 

„Bitte!“ Finlay zuckte ärgerlich die Achseln. „Aber wir 

passen auf, Mr. Cartwright. Nach dem neuen Gesetz muß jeder 
Indianer hängen, der mit einer Schußwaffe angetroffen wird. 
Das ist auch dem Sheriff bekannt.“ 

Damit verließ er mit seinen Leuten den Raum. 
Hoss und Little Joe, die beim Eintritt der Männer neben ihren 

Vater getreten waren, begrüßten den Sheriff, und Ben 
Cartwright bat ihn, Platz zu nehmen. 

Coffee ließ sich am Tisch nieder. 
„Das ist Mr. Lex“, stellte Cartwright den Schnauzbärtigen 

vor. „Ich habe ihn als Zureiter eingestellt.“ 

„Ich weiß“, nickte der Sheriff. „Sie hatten einen 

Zusammenstoß mit Montano. Richter Rickers berichtete mir 
darüber. Er wollte Sie zu Unrecht des Falschspiels 
bezichtigen.“ 

Little Joe sah Lex an, der auf seinem Schnurrbart 

herumkaute. 

„Ich würde an Ihrer Stelle den Spielsalon meiden“, fuhr der 

Sheriff fort. „Montano ist kein Mann, der sich gern ertappt 
weiß. Sie machen sich nur unbeliebt.“ Er wandte sich wieder 
an Cartwright. „Nun zu dir, Ben! – Du weißt, daß Finlay im 
Recht ist. Ich muß dich also bitten, den Indianer 
herauszugeben.“ 

„Tut mir leid, Sheriff, aber ich habe etwas anderes mit ihm 

vor“, erwiderte Cartwright. „Und du wirst mir sofort 
beipflichten, wenn ich dir mein Vorhaben erkläre.“ 

„Du willst ihn seinem Stamm übergeben, um mit dem Grauen 

Wolf ins Gespräch zu kommen. Stimmt’s?“ 

„Genau! – Ich halte das für eine sehr gute Gelegenheit, den 

Grauen Wolf auf seine Abmachungen mit der Regierung 

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aufmerksam zu machen. Ich möchte, daß es hier in unserem 
Gebiet ruhig bleibt.“ 

„Machen wir uns nichts vor, Ben, es ist eine Tatsache, daß im 

neuen Siedlungsgebiet die Überfälle auf Trecks und 
Versorgungstransporte zugenommen haben, und diese Indianer 
sind zum größten Teil mit Gewehren bewaffnet. Diese 
Aktionen werden gesteuert. Ich bin sogar fest davon überzeugt, 
daß der Graue Wolf von diesen Übergriffen seiner 
Unterhäuptlinge keine Ahnung hat.“ 

„Also Rebellion der Zweigstämme gegen den Grauen Wolf“, 

stellte Ben Cartwright fest. 

„So kann man es ansehen“, nickte der Sheriff. „Daß es in 

unserem Gebiet noch ruhig ist, verdanken wir nur ihm. Ich bin 
natürlich verpflichtet, die neuen Siedler zu warnen und die 
Abreise weiterer Trecks zu verbieten. Es soll bereits eine 
Regierungskommission zur Untersuchung der Zwischenfälle 
unterwegs sein.“ 

„Und die fordert sofort eine Strafexpedition der Armee an, 

die natürlich keine Unterschiede macht“, wandte Little Joe ein. 
„Sie wird auf jeden Indianer Jagd machen, und der alte 
Kriegszustand zwischen Weißen und Indianern ist damit 
wiederhergestellt. Dadurch erreicht man gar nichts. Die 
Indianer sind nicht die Schuldigen, sondern die Kerle, die 
ihnen die Waffen liefern. Mit einer Kugel kann man einen 
Büffel besser töten als mit einem Pfeil. Warum sollten sie die 
Waffen nicht nehmen, die man ihnen vielleicht sogar 
aufdrängt?“ 

„So kannst du das nicht sehen, Junge“, antwortete der Sheriff. 

„Auf die Überfälle kommt es an.“ 

„Sie sagten doch selbst, Sheriff, diese Aktionen würden 

gesteuert.“ 

„Und so ist es auch“, fuhr Ben Cartwright fort. „Die Indianer 

werden von verbrecherischen Elementen aus irgendwelchen 

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Gründen aufgehetzt. Man will die Besiedlung des neuen 
Gebietes verhindern. Wenn der Graue Wolf das nicht weiß, 
muß man ihm die Augen öffnen. Er hat einen Vertrag mit der 
Regierung und die Pflicht, auf seine Leute einzuwirken. Wir 
haben dagegen die Pflicht, uns um die Kerle zu kümmern, die 
ihnen die Waffen liefern und die Unruhen anzetteln.“ 

„Und das muß geschehen, bevor die Strafexpedition 

eintrifft“, fügte Little Joe hinzu. „Soldaten sind keine guten 
Verhandlungspartner. Sie schießen lieber, und das muß 
vermieden werden.“ 

„Ich wundere mich über dich, Junge“, sagte Ben Cartwright 

nicht ohne einen gewissen Stolz. „Du sprichst mit meinen 
Worten.“ 

Sheriff Coffee überlegte eine Weile. „Und du würdest die 

Verhandlungen mit dem Grauen Wolf übernehmen. – In 
Ordnung! Ich überlasse dir also den Indianer.“ 

„Und die da draußen, die ihn hängen wollen?“ fragte Hoss. 
„Mit denen werde ich schon fertig“, erwiderte der Sheriff. „In 

diesem Falle kann ich die Freilassung des Indianers 
verantworten.“ 

Am nächsten Morgen wurde die Expedition ins Indianer-

Reservat in allen Einzelheiten besprochen. Auch Lex wollte 
sich daran beteiligen. Es sollte Proviant für einige Tage 
mitgenommen werden, da man mit Zwischenfällen rechnen 
mußte. Wenn es sich tatsächlich um die Rebellion einiger 
Unterstämme handelte, so war es durchaus möglich, daß man 
den Grauen Wolf bereits entmachtet hatte. In diesem Falle war 
das ganze Unternehmen gefährdet, und man mußte mit 
Feindseligkeiten rechnen. Zugute halten würde man ihnen aber 
immer, daß sie dem Indianer das Leben retteten. 

So wurde Hop Sing beauftragt, den Proviant für die 

Expedition, die am nächsten Morgen aufbrechen sollte, 
herzurichten. 

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„Selbstvelständlich, Mistel Caltwlight“, dienerte der Chinese. 

„Ich alles plima, plima machen. Ich blaten viele schöne Steaks 
und fül Mistel Hoss Pudding.“ 

„Natürlich“, nickte Little Joe, während Hoss dem Chinesen 

grinsend zunickte. „Vergiß aber auch das Milchfläschchen 
nicht, und ich werde noch ein Bilderbuch für ihn mitnehmen.“ 

„He, was soll der Blödsinn?“ fragte der Dicke. „Bin ich 

vielleicht ein Baby?“ 

„Kinder, streitet euch doch nicht schon wieder“, lachte Ben 

Cartwright. „Er ißt nun mal gerne Pudding.“ 

„Und dafür machst du allen Mädchen schöne Augen“, 

trumpfte Hoss auf. „Das habe ich nicht nötig. Ich wirke auch 
ohne deinen innigen Blick.“ 

„Ja, durch deinen Bauch“, grinste Little Joe. „Und wenn Cora 

dazu noch erfährt, daß dir Hop Sings Eichkätzchen guten 
Morgen sagen – na, ich weiß nicht, was sie dann denken wird.“ 

Ben Cartwright runzelte die Stirn. „Was soll denn das 

bedeuten?“ 

„Hoss hört Eichkätzchen sprechen, Dad. Ja, wirklich, kannst 

ihn fragen, und Hop Sing auch.“ 

„Ja, bestimmt, Mistel Caltwlight“, dienerte der Chinese. „Ich 

denken, Eichhölnchen etwas vellückt gewolden, abel sie 
splechen, ganz bestimmt. Mistel Hoss hölen.“ 

„Dir ist wohl nicht gut, wie?“ wandte sich Ben Cartwright an 

den Dicken. „Was erzählst du für einen Blödsinn?“ 

„Dad, ich weiß, es ist verrückt, aber Hop Sings Eichhörnchen 

sprechen. Davon lasse ich mich gar nicht abbringen, denn 
heute morgen habe ich es wieder gehört.“ 

Ben Cartwright betrachtete das Gesicht seines Sohnes eine 

Weile. „Hast du oft Kopfschmerzen?“ 

Hoss schüttelte den Kopf. 
„Oder Druck im Genick?“ 

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Wieder schüttelte Hoss den Kopf. „Glaubst du etwa, ich hätte 

einen Dachschaden, Pa?“ 

„Dann erkläre mir doch mal, was die Eichkätzchen sagen.“ 
„Sie sagen“ – Hoss warf seinem Bruder einen Blick zu – , 

„sie sagen: ,Guten Morgen, Mr. Hoss!’ Und das ist kein 
Blödsinn, Pa, glaube mir. – Ja, die Eichkätzchen!“ 

Little Joe schlug sich vor Lachen auf die Schenkel. „Da hast 

du es gehört, Pa! – Ich werde verrückt!“ 

„Wenn du nicht mit dem blöden Lachen aufhörst, klebe ich 

dir eine“, sagte Hoss wütend. 

„Immer langsam“, wandte Ben Cartwright ein. „Ich mache 

euch einen Vorschlag. Wir gehen jetzt alle in die Küche, und 
dort werden wir feststellen, ob die Eichkätzchen sprechen. 
Einverstanden?“ 

Little Joe war sofort dazu bereit. „Klar, Pa! Wir wollen ihn 

doch von seinem Hirngespinst heilen.“ 

Auf dem Flur kam ihnen Lex entgegen. „Um was geht es 

denn?“ fragte er. 

„Sie können gleich mitkommen, Bill. Wir wollen feststellen, 

ob Hop Sings Eichhörnchen sprechen“, erklärte Ben 
Cartwright. 

„Das muß ich hören“, grinste Lex und sah dabei fröhlich in 

die Runde. „Vielleicht singen sie auch noch.“ 

„Nun, jetzt mal schön splechen“, sagte Hop Sing eifrig und 

trat an den Käfig heran. „Mistel Caltwlight will hölen.“ 

Die Eichhörnchen reagierten auf diese Aufforderung nur mit 

wilden Sprüngen, denn die vielen Menschen vor dem Käfig 
machten sie ängstlich. Sosehr sich Hop Sing auch Mühe gab, 
sie gaben keinen Ton von sich. 

„Vielleicht sprechen sie nur morgens“, wandte Hoss ein. 
„Ja, wenn sie ihren Pudding gegessen haben“, grinste Little 

Joe. „Kommt, gehen wir! – Darauf muß ich einen Whisky 
trinken.“ 

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Er verließ die Küche, und Hoss folgte ihm. Auch Ben 

Cartwright wollte gehen, doch da hielt ihn Hop Sing am Ärmel 
zurück. 

„Jetzt splechen, Mistel Caltwlight“, sagte er eifrig und legte 

lauschend den Kopf auf die Seite. „Sie hölen?“ 

Ben Cartwright wollte seinen Ohren nicht trauen. Aus dem 

Käfig tönte ein piepsendes Geräusch, und dann sagte ein feines 
Stimmchen klar und deutlich: „Guten Tag, Mr. Cartwright! 
Glauben Sie jetzt, daß wir sprechen können?“ 

„Na, Sie gehölt?“ fragte Hop Sing triumphierend. „Kluge 

Eichhölnchen.“ 

„Das – das kann doch nicht wahr sein“, stammelte Ben 

Cartwright völlig verwirrt vor sich hin. Er warf Lex, der an der 
Tür auf ihn wartete, einen Blick zu. „Haben Sie etwas gehört?“ 

„Nicht die Spur“, antwortete der Schnauzbärtige. „Hörten Sie 

etwas?“ 

„Nein, nein“, stritt Cartwright ab. „Es ist doch völlig 

unmöglich, daß Eichhörnchen sprechen können, nicht wahr?“ 

„Ohne Zweifel! – Wissen Sie, Hoss ist zu phantasievoll.“ 
„Ja, das denke ich auch.“ 
Little Joe wunderte sich, daß sein Vater, obwohl er dem 

Alkohol ansonsten abgeneigt war, einen doppelstöckigen 
Whisky verlangte, als er ins Wohnzimmer zurückkam. Er ließ 
sich danach tiefsinnig in einem Sessel nieder und sah 
nachdenklich vor sich hin. Erst der Eintritt Hop Sings riß ihn 
aus seinen Gedanken. 

„Was ist denn mit dir los?“ fragte Ben Cartwright den 

Chinesen, der dabei war, sich die Reste eines Omeletts aus 
seinen Haaren zu entfernen. 

„Oh, Mistel Caltwlight“, zeterte Hop Sing. „Dieses 

Indianelmensch sehl böse. Ich gebacken ihm plima, plima 
Omelett, und el welfen mil plima, plima Omelett an Kopf. Was 
machen? El nichts essen.“ 

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„Wo habt ihr den Kerl überhaupt untergebracht?“ 
„Wir haben ihm ein Feldbett in die Futterkammer gestellt“, 

sagte Little Joe. „Das Fenster ist zu klein. Ausbrechen kann er 
nicht.“ 

„Und Hop Sing geht allein zu ihm?“ 
„Nicht allein, Mistel Caltwlight“, lächelte Hop Sing. „Mit 

Schlachtmessel gehen. El sofolt zulückgehen an Wand.“ 

„Das kann ich mir vorstellen. Der arme Kerl denkt doch, er 

würde massakriert, wenn jemand mit einem Schlachtmesser zu 
ihm kommt. Brate ihm ein großes Steak, und du bringst es ihm, 
verstanden!“ 

„Gut, Pa“, nickte Little Joe. „Der Bursche ist ansonsten ganz 

friedlich. Ich glaube, er weiß genau, wie es um ihn steht und 
daß wir ihn beschützt haben.“ 

„Gut, ich machen sofolt Steak“, dienerte Hop Sing. „Abel 

vielleicht el will essen ganze Kuh, und deshalb wiedel böse.“ 

„Das bringe ich ihm schon bei“, sagte Little Joe. „Ich sehe 

auch mal nach Taifun, Pa. Lex hat ihm Umschläge um die 
Fußgelenke gemacht. Er will ihn unbedingt zum Derby reiten.“ 

„Hoffentlich klappt es.“ 
Auf dem Hof waren Lex und Hoss dabei, Taifun wieder in 

Form zu bringen. Der Hengst trug feuchte Umschläge um die 
Gelenke. Hoss striegelte ihn. Als Little Joe auftauchte, spielte 
er erfreut mit den Ohren. 

„Ja, Alter, du weißt genau, wer es gut mit dir meint“, sagte 

Little Joe und nahm den Kopf des Hengstes in die Arme. 

„Natürlich weiß ich das“, sagte plötzlich eine halblaute 

Stimme. „Ich danke dir auch, daß du mich aus der Höhle 
holtest.“ 

„Was ist los?“ fragte Hoss und unterbrach seine Arbeit. 

„Sagtest du etwas?“ 

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„Nein, ich sagte etwas“, ertönte die halblaute Stimme wieder. 

„Meine Fußgelenke sind schon abgeschwollen. Zum Derby bin 
ich wieder ganz auf dem Posten.“ 

Little Joe ging langsam einige Schritte zurück; dabei stierte er 

das Pferd unverwandt an. 

Hoss trat neben ihn. Auch er ließ Taifun dabei nicht aus den 

Augen. „Hast du das gehört?“ fragte er seinen Bruder. 

„Natürlich habe ich das gehört“, antwortete Little Joe. 

„Taifun spricht.“ Er holte tief Luft. „Aber das ist doch 
blödsinnig. Das gibt es doch gar nicht, das ist unmöglich!“ 

„Hast du es gehört oder nicht?“ fragte Hoss. 
„Natürlich, ganz deutlich“, bestätigte Little Joe. „Aber ich 

kann es nicht glauben. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ 

„Glaubst du mir jetzt, daß Hop Sings Eichkätzchen sprechen 

können?“ 

„Ich glaube überhaupt nichts“, erwiderte Little Joe völlig 

durcheinander. „Ich weiß nur, daß das unmöglich ist.“ 

„Pst! – Sei mal ruhig, vielleicht spricht er wieder.“ 
„Nein, heute nicht mehr“, tönte die Antwort klar und 

deutlich, und Taifun nickte dazu. 

„Ich werde verrückt“, stieß Little Joe wütend hervor. Sein 

Blick fiel auf Lex, der dabei war, dem Pferd die Umschläge zu 
erneuern. 

Der Schnauzbärtige sah auf. „Was ist los?“ 
„Du hast natürlich nichts gehört, nicht wahr?“ fragte Little 

Joe. 

„Was sollte ich hören?“ 
Ohne ein Wort zu erwidern, ging Little Joe ins Haus. Er fand 

seinen Vater noch immer nachdenklich im Sessel sitzen. 

„Pa, halte mich nicht für verrückt, aber soeben hat Taifun zu 

mir gesprochen.“ 

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„Gut! – Dann kann ich dir auch sagen, daß ich die 

Eichkätzchen sprechen hörte“, erwiderte Ben Cartwright. 
„Eine Erklärung dafür habe ich nicht.“ 

„Aber ich habe einen Verdacht“, fuhr Little Joe fort. „Wir 

sind doch völlig normale Menschen und wissen, daß Tiere 
nicht sprechen können. Die Sache muß also eine andere 
Ursache haben…“ 

In diesem Moment trat der Schnauzbärtige ein, und Little Joe 

brach seine Erklärungen ab. 

Lex trat näher. In seinen Augen stand ein vergnügtes 

Funkeln. „Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Mr. 
Cartwright“, sagte er. „Aber vor dem Eichkätzchenkäfig ritt 
mich der Teufel. Sie sollten eigentlich nicht in die Sache 
hineingezogen werden.“ 

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Bill…“ 
Lex zog ein Plakat aus der Tasche und breitete es auf dem 

Tisch aus. 

Little Joe starrte darauf, sah Lex an und brach dann in ein 

schallendes Gelächter aus. „Ich ahnte es“, schnaufte er. „Weiß 
Hoss davon?“ 

Der Schnauzbärtige schüttelte den Kopf. 
„Dann darf er es nie erfahren, und du darfst ihm auch nichts 

sagen, Pa. Er glaubt nämlich tatsächlich daran.“ 

Ben Cartwright studierte schmunzelnd das Plakat. Es zeigte 

Lex, eine hübsche junge Dame, und daneben, auf einem Stuhl, 
saß ein weißer Spitz. Unter dem Bild stand in großen 
Buchstaben: 

 

DIE SENSATION ALLER JAHRMÄRKTE 

UND VARIETÉS! 

WILLIAM UND LAURA MIT PUCKI, 

DEM SPRECHENDEN HUND. 

 

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„Tja, das ist schon lange her“, seufzte Lex. „Pucki ist tot, und 

Laura ist mir mit einem Klavierspieler durchgebrannt. Ich war 
noch eine Zeitlang beim Zirkus, ging dann zum Militär und 
wurde Fährtensucher. Jetzt besuche ich die Rodeos und lebe 
dort, wo es mir gerade Spaß macht. Damit wissen Sie jetzt 
alles über mich, Mr. Cartwright. Ich glaube, das war ich Ihnen 
noch schuldig.“ 

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Ritt ins Ungewisse 

 
 
 

Am nächsten Morgen war alles für die Expedition ins Indianer-
Reservat vorbereitet. 

Lex und Hoss hatten die Pferde gesattelt und auf den Hof 

geführt. Hop Sing schleppte die Proviantbeutel und 
Packtaschen aus dem Haus und belud damit die beiden 
Beipferde. 

„Alles klar?“ fragte Ben Cartwright. 
„Alles bestens, Mistel Caltwlight! – Hop Sing gemacht 

plima, plima Ploviant. Sie mögen kommen gesund zulück.“ 

„Danke, Hop Sing!“ 
Little Joe hatte inzwischen den Indianer aus der 

Futterkammer geholt. Der Mann machte einen ruhigen und 
friedlichen Eindruck. Ben Cartwright gab ihm seinen 
Tomahawk und das Messer zurück. 

„Wir reiten jetzt zu den Wigwams der Paiutes“, sagte Ben 

Cartwright. „Ich will mit dem Grauen Wolf sprechen, und du 
wirst uns führen.“ 

Der Indianer sah ihn eine Weile an, als müsse er über die 

Worte nachdenken, dann antwortete er: „Ich Tenaque, ich 
dritter Sohn von Häuptling Grauer Wolf. Ich euch sicher 
führen.“ Damit hob er beide Hände in Höhe des Kopfes. Das 
bedeutete, daß seine Worte ehrlich gemeint waren. 

Ben Cartwright machte die gleiche Geste. „Du bist kein 

Gefangener, Tenaque, aber du stehst unter unserem Schutz.“ 

„Freier Indianer braucht keinen Schutz von weißem Mann“, 

antwortete Tenaque würdevoll. „Aber ich euch danken.“ 

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„Hast du eine Ahnung“, meinte Little Joe, der mit dem 

Indianerpferd aus dem Stall kam und die Worte gehört hatte. 
„Die hätten dir gestern das Fell über die Ohren gezogen.“ 

Tenaque, dem von Hoss ein Verband um seine verletzte 

Schulter angelegt worden war, schwang sich sofort auf sein 
Pferd, aber er wartete, bis auch die anderen ihre Pferde 
bestiegen hatten. 

„Alle gut kommen zulück“, rief Hop Sing, der die Gruppe bis 

zur Straße begleitete. 

„Gib gut auf Taifun acht!“ Little Joe winkte dem Chinesen 

zu… „Er muß jeden Tag eine halbe Stunde an der Longe 
laufen.“ 

„Ich plima, plima machen, Mistel Joe! – Hop Sing will 

wetten Taifun.“ 

Ben Cartwright führte die kleine Gruppe an, dann folgte 

Tenaque, hinter ihm ritten Hoss und Little Joe, jeder ein 
Packpferd am Zügel. Den Schluß bildete Lex. 

Zuerst mußten die Eagle Rocks überquert werden. Hinter 

ihnen begann das Reservat der Paiute-Indianer, ein weites 
Land mit Wäldern und bewaldeten Hügelkuppen. Benannt 
waren die Berge nach den großen Steinadlern, die in den 
unzugänglichen Wänden des Gebirgszuges horsteten und 
lautlos und majestätisch über der einsamen Bergwelt 
schwebten. 

Bald war die Paßstraße erreicht. Auf breiten 

Serpentinenpfaden ging es bergan. Sie hatten den Kamm des 
Berges noch nicht erreicht, als plötzlich ein Schuß fiel. Hoss’ 
Paiute stieg sofort auf die Hinterhand, und auch die anderen 
hatten alle Mühe, ihre Pferde zu zügeln. 

Ben Cartwright hatte blitzschnell sein Gewehr aus dem 

Sattelfutteral gerissen. Little Joe und Lex zogen ihre Colts und 
sahen sich um. Tenaques struppiges Indianerpferd stand wie 
aus Erz gegossen. 

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Lex ritt neben Ben Cartwright an die Spitze der Gruppe. 
„Der Schuß galt ohne Zweifel uns“, sagte Cartwright und sah 

sich um. 

Hoss hatte Paiute wieder in die Gewalt bekommen. Er warf 

den Zügel des Packpferdes seinem Bruder zu und preschte 
ebenfalls an die Spitze. 

„Was ist los, Pa?“ 
„Keine Ahnung!“ Ben Cartwright lauschte auf Hufschlag, der 

hinter ihnen aufklang. Er sah sich um und bemerkte mehrere 
Reiter, die ihnen den Weg zurück abschnitten. Im selben 
Augenblick tauchten auch vor ihnen Reiter auf. Sie verharrten 
in einiger Entfernung auf ihren Pferden. Die Gesichter der 
Männer waren nicht zu erkennen. 

Die Kerle hatten sich ihre Halstücher bis über die Nase 

geschoben. 

Ben Cartwright wartete ruhig ab. Banditen waren es nicht, 

denn die hätten sofort das Feuer eröffnet. 

Einer der Reiter ritt einige Schritte vor und hielt sein Pferd, 

einen prächtigen Fuchs, an. „Laßt die Waffen schön stecken, 
Jungs“, rief er ihnen zu. „Euch passiert gar nichts. Wir wollen 
nur den Indianer.“ 

„Den können Sie nicht bekommen, Mr. Finlay“, rief 

Cartwright zurück. Er hatte an der Stimme sofort den Rancher 
erkannt. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß er mit 
Genehmigung des Sheriffs frei ist. Er führt uns zu 
Verhandlungen ins Indianer-Reservat. Diese Verhandlungen 
sind für uns alle von großer Wichtigkeit.“ 

Mit einem Ruck riß Finlay sein Halstuch herunter. Sein 

Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt. „Mit Indianern 
verhandelt man nicht, Cartwright. Die hängt man an den 
nächsten Baum, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. Das 
Gesetz ist in diesem Falle auf meiner Seite.“ 

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„Wenn Sie den Indianer haben wollen, müssen Sie ihn sich 

schon holen“, erwiderte Ben Cartwright. 

„Sie wollen also, daß wir wegen dieser schäbigen Rothaut auf 

Sie schießen?“ fragte Finlay. „Seien Sie doch vernünftig. Es 
würde mir wirklich leid tun, wenn wir ihn uns mit Gewalt 
holen müßten.“ 

„Das müßt ihr allerdings“, lächelte Ben Cartwright. „Der 

Sheriff hat ihn freigegeben, und daran halte ich mich.“ 

Tenaque, der bisher reglos auf seinem Pferd gesessen hatte, 

schlug plötzlich seinem struppigen Gaul die Hacken in die 
Weichen, riß ihn herum, um seitlich auszubrechen. 

In halsbrecherischem Ritt rutschte er mit seinem Pferd einen 

Hang hinunter und war zwischen den Felsen verschwunden. 

„Los, ihm nach!“ brüllte Finlay seine Leute an. „Schneidet 

ihm unten den Weg ab!“ 

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie wegen 

Mordes anklage, wenn dem Indianer etwas geschieht“, sagte 
Ben Cartwright ruhig. „Das sind nicht nur Worte, Finlay, Sie 
kennen mich.“ 

„Ja, ich kenne Sie!“ brüllte der Rancher. „Hätten wir nur 

Leute wie Sie, tanzten uns die verdammten Rothäute auf der 
Nase herum. Sie sind nur mit Druck zu regieren. Aus Ihrer 
Menschenfreundlichkeit werden Sie erst erwachen, wenn Ihre 
Kopfhaut am Gürtel eines solchen Halunken hängt. Sie tun mir 
nur leid, Cartwright!“ 

Finlays Leute waren inzwischen dem Indianer gefolgt. Schon 

nach kurzer Zeit kamen sie zurück. Tenaque war ihnen 
entkommen. 

Ben Cartwright lächelte. „Sie sind an einer Mordanklage 

vorbeigekommen, Finlay. Was halten Sie aber davon, sich den 
Mann im Indianer-Reservat zu holen? – Sie können mitreiten, 
wenn Sie wollen.“ 

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Finlay warf ihm nur einen giftigen Blick zu und ritt mit 

seinen Leuten davon. 

„Pa, warum ist er nur so hartnäckig?“ fragte Hoss. „Was hat 

ihm der Indianer getan, daß er ihn unbedingt umbringen will? 
Ich verstehe das einfach nicht.“ 

„Ich auch nicht, Junge“, antwortete Ben Cartwright. 

„Vielleicht ist es die Lust, einen Menschen zu quälen. 
Nachdem der Mann jetzt entkommen ist, wünsche ich Finlay 
nicht, in die Hände der Indianer zu fallen. – Aber kommt, 
reiten wir weiter!“ 

Gegen Mittag hatte die Gruppe die langgestreckten 

Höhenzüge der Eagle Mountains überwunden. Vor ihnen lag 
ein Land mit sanften Hügeln und idyllischen Tälern. Wild und 
üppig streute hier die Natur ihre Gaben aus. Wie braune 
Wolken lagen duftende Salbeifelder zu ihren Füßen. 
Fruchtbare Täler zogen sich bis zu den nächsten Hügelketten, 
von bewaldeten Bergrücken umrahmt. Dazwischen lagen 
turmhohe Felsblöcke, wie von Titanenfaust in die Gegend 
geschleudert. 

Das war das Reich der Paiutes. Ben Cartwright hatte schon 

mehrere Male Regierungsvertreter zu Verhandlungen mit dem 
Grauen Wolf in dieses Gebiet geführt. Er wußte, von jetzt an 
ruhten unzählige Augen auf den vier Reitern, die sich in das 
Reservat vorgewagt hatten. Man sah die Indianer nicht, aber 
sie waren da und belauerten jede Bewegung der weißen 
Männer. 

Lex sprang aus dem Sattel und schnitt einen Zweig aus einem 

Busch. An den Zweig, den er von den Blättern befreite, wurde 
ein weißes Tuch gebunden. Das galt als Zeichen, daß die 
Männer in friedlicher Absicht das Reservat betraten. 

Dann setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung. 
„Sie haben uns schon gesehen“, sagte Ben Cartwright und 

deutete auf eine Rauchwolke, die hinter ihnen über dem Kamm 

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eines Bergrückens hochstieg. „Sie signalisieren unser 
Eintreffen dem Hauptlager.“ 

Bald wurde auch weit hinten über einem niedrigen Ausläufer 

des nächsten Gebirgszuges eine Rauchwolke sichtbar. Dort lag 
das Hauptlager in einem bewaldeten Talkessel am Fuße des 
Gebirgszuges. Es war noch ein Ritt von einer Stunde. Bis 
dorthin dehnte sich eine weite Grasfläche aus. 

Während die Männer schweigend über die weite Grasfläche 

ritten, suchten ihre Augen immer wieder den Horizont ab. 
Plastisch stand der langgestreckte Gebirgszug in der 
azurblauen Luft und rückte näher und näher. Bald war ein in 
die Prärie hineinwuchtender niedriger Ausläufer des 
Gebirgszuges erreicht. In flottem Ritt ging es am Fuße der 
Felsenkette entlang. 

Bis jetzt hatte sich noch kein Indianer sehen lassen, aber sie 

waren da. Ben Cartwright wußte genau, daß man seine Gruppe 
keinen Moment unbeobachtet ließ. Die Paiutes waren 
mißtrauisch, und auch das weiße Tuch an dem Zweig änderte 
nichts daran. 

„Könnte es nicht sein, daß uns Tenaque bereits anmeldete?“ 

fragte Hoss und schob sich seinen Hut ins Genick. Die Sonne 
brannte vom Himmel. Er wischte sich den Schweiß mit einem 
Taschentuch aus dem Genick. 

„Damit rechne ich sogar“, antwortete der Vater. „Und nur aus 

diesem Grunde hat man uns bis jetzt unbelästigt gelassen.“ 

Sie ritten an einer Felswand entlang, hinter der mehrere feine 

Rauchstreifen kerzengerade in die hitzeflimmernde Luft 
stiegen. Dann breitete sich vor ihnen ein bewaldeter Talkessel 
aus. Auf einer Lichtung, direkt unter einer hohen Felswand, 
standen die Spitzzelte des Stammes. Eine Meute 
halbverhungerter Hunde strich um die bunten Zelte und erhob 
ein mörderisches Gekläff, als die Reiter auftauchten. 

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Im gleichen Augenblick erschienen oben auf den Felsen 

einige mit Pfeil und Bogen bewaffnete Indianer. Auch 
zwischen den Zelten wurde es jetzt lebendig, überall traten 
bewaffnete Krieger hervor. 

Ben Cartwright ließ seine Gruppe anhalten und gab den 

Befehl zum Absitzen. „Wir müssen hier warten, bis sie uns 
auffordern, ihr Lager zu betreten“, erklärte er. „Setzen wir 
uns!“ 

Sie nahmen auf ihren Decken Platz und warteten. Die Krieger 

zogen sich bald darauf wieder zurück, nur die Indianer auf dem 
Felsen blieben auf ihrem Posten. 

Lex fühlte sich nicht sehr wohl, und als sich nach einer 

halben Stunde noch immer nichts tat, wurde er unruhig. 

Endlich tauchte ein hochgewachsener Indianer auf. Er trug 

einen weißen Lederanzug mit einem perlenbestickten Schurz. 

In seinem Haar, das von einem Stirnband gehalten wurde, 

steckten zwei Adlerfedern. 

Ben Cartwright erhob sich und ging ihm entgegen. 
Der Indianer hob beide Hände in Höhe des Kopfes, und 

Cartwright grüßte auf die gleiche Weise. 

„Der Graue Wolf erwartet euch“, sagte der Indianer. „Er will 

mit euch sprechen, wenn die Sonne sinkt. Tenaque berichtete, 
was geschehen ist. Der Graue Wolf will sich zuerst mit den 
Ältesten des Stammes beraten.“ Damit wandte er sich um und 
ging ins Lager zurück. 

„Das kann ziemlich lange dauern“, meinte Ben Cartwright, 

als er zu seinen Leuten zurückkehrte. „Ich schlage vor, wir 
essen etwas.“ 

Damit war Hoss sehr einverstanden. Er packte die 

Provianttaschen aus. 

Die Beratung zwischen dem Häuptling und den Ältesten des 

Stammes schien kein Ende zu nehmen. Es wurde schon 
dunkel, und Hoss war gerade dabei, ein Feuer anzuzünden, als 

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der hochgewachsene Indianer wieder erschien. Er bedeutete 
allen mitzukommen und führte sie vor ein leeres Spitzzelt, in 
dem sie die Nacht schlafen sollten. Nachdem die Pferde 
abgesattelt worden waren, wurden die Sättel und Packtaschen 
in dem Zelt untergebracht. Danach folgten die Männer dem 
Indianer zum Beratungsplatz. 

An die Dunkelheit gewöhnt, blendete sie zuerst ein 

brennender Holzstoß, der die Umgebung taghell erleuchtete. 
Vor einem großen, mit indianischen Zeichen bemalten Zelt saß 
eine in Decken gehüllte Gestalt: der Graue Wolf, oberster 
Stammeshäuptling der Paiutes. Das narbige und faltige Gesicht 
des alten Häuptlings rahmte wallender Federschmuck ein. Um 
ihn herum hatten sich die Männer des Stammes zu einem 
Halbkreis gruppiert. Neben seinem Vater saß Tenaque. 

„Setzt euch“, flüsterte Ben Cartwright seinen Begleitern zu. 

Sie taten es, und er trat langsam in den Halbkreis, um sich dort, 
direkt vor dem Häuptling, niederzulassen. 

Die runzeligen Hände des Grauen Wolfes nahmen eine mit 

Adlerfedern geschmückte langrohrige Tonpfeife von einer 
Matte. Während er sie anrauchte, sah er Ben Cartwright 
aufmerksam an. Er blies den Rauch in die vier 
Himmelsrichtungen und verkündete dabei: 

„Solange die Wolken über die Berge ziehen, der Wind über 

die Höhen und durch die Täler weht und die Quellen der Berge 
zu Tal rauschen, werden dir und deinen Männern die Zelte der 
Paiutes offenstehen.“ 

Ben Cartwright, der die Zeremonie des Rauchens der 

Friedenspfeife kannte, übernahm die Pfeife aus seiner Hand. Er 
tat die vorgeschriebenen Züge und antwortete: „Ewig werden 
die Wolken über die Berge ziehen, ewig wird der Wind über 
die Höhen und durch die Täler wehen, und ewig werden die 
Wasser der Berge zu Tal rauschen; so wird auch ewig unsere 

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Freundschaft zu den tapferen Kriegern der Paiutes bestehen.“ 
Er gab die Pfeife zurück. 

Der Graue Wolf zerbrach das Rohr der Pfeife und schleuderte 

sie ins Feuer. 

„So, jetzt kann uns hier nichts mehr passieren“, flüsterte Lex 

Hoss und Little Joe zu. „Wir können in dieser Nacht ruhig 
schlafen.“ 

„Ich bin nur gespannt, was Pa herausbekommen wird“, sagte 

Little Joe leise. „Gewehre haben sie nicht, das habe ich schon 
festgestellt.“ 

Zu einer Verhandlung kam es aber noch lange nicht. Little 

Joe sah plötzlich, daß ihm der Graue Wolf seine 
Aufmerksamkeit zuwandte. Ihm wurde unter dem forschenden 
Blick geradezu ungemütlich. 

„Dein Sohn hat Tenaque das Leben gerettet“, sagte der Graue 

Wolf. „Und auch du und die anderen Männer haben ihm 
gezeigt, daß euch das Leben eines Indianers etwas bedeutet. 
Ich will deinen Sohn belohnen.“ 

„Du mußt dich jetzt neben mich setzen“, flüsterte Ben 

Cartwright Little Joe zu. 

„Wozu das Theater, Pa?“ erwiderte dieser unglücklich. „Mir 

langt es so schon. Ich möchte schnellstens wieder hier heraus.“ 

„Du setzt dich neben mich“, zischte Ben Cartwright. „Das 

gehört dazu.“ 

Mit einem sauren Lächeln rückte Little Joe vor, nicht ohne 

das grinsende Gesicht seines Bruders zu bemerken. 

Der Graue Wolf hob die Hand, und aus dem Dunkel führte 

ein Indianer ein Pferd in den Schein des Feuers. Es war ein 
Schimmelhengst, ein Tier, das das Herz eines jeden 
Pferdekenners schneller schlagen ließ. Little Joe blieb 
geradezu die Luft weg. Er sah seinen Vater von der Seite an. 

Der Indianer führte das Pferd im Schein des Feuers auf und 

ab, während der Graue Wolf erklärte, es sei Tenaques 

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Lieblingspferd. „Er schenkt es dir“, wandte er sich an Little 
Joe. 

„Du mußt dich bedanken“, zischte Ben Cartwright seinem 

Sohn zu. Da Joe aber stumm blieb, mußte er es selbst tun. Er 
sagte, die Freude über das herrliche Pferd habe seinem Sohn 
die Stimme verschlagen. Er nähme das Geschenk mit Freuden 
an. Danach kam er sofort auf den eigentlichen Grund seines 
Besuches zu sprechen. 

Hier wurde der Graue Wolf sehr zurückhaltend. 
„Der große Häuptling in Washington sendet dir durch den 

Sheriff seine Grüße und erinnert dich daran, daß du in einem 
sprechenden Papier dein Wort gegeben hast, die Siedler in 
Ruhe ihr Land bebauen zu lassen“, begann Ben Cartwright. 
„Diese Abmachungen werden von deinen Kriegern aber nicht 
gehalten. Mit Gewehren bewaffnete Paiutes überfallen die 
Trecks und vertreiben die Siedler von ihrem Land.“ Er machte 
den Häuptling darauf aufmerksam, daß die Berichte über die 
feindliche Haltung der Paiutes die Regierung in Washington 
veranlassen könnten, Soldaten in ihr Gebiet zu senden. Um das 
zu vermeiden, wäre er gekommen. 

Seine Aufgabe sei es, ihn darauf aufmerksam zu machen. 
„Sollen die Soldaten kommen“, erwiderte der Häuptling. „Es 

sind nicht meine Krieger, die die Siedler überfallen. Es sind 
Abtrünnige, die den Lastern der Weißen verfallen sind und die 
unser Stamm verstieß. Sie haben sich schlechten weißen 
Männern angeschlossen.“ 

Also hatte eine Rebellion innerhalb eines Zweigstammes der 

Paiutes stattgefunden, genau so, wie es Sheriff Coffee 
vermutete. Der Graue Wolf war klug genug, sich von diesen 
Stammesangehörigen zu distanzieren. Das mußte er mit dem 
Ältestenrat des Stammes besprochen haben. 

„Siehst du Gewehre bei uns?“ fuhr der Graue Wolf fort. „Wir 

halten uns an das Gesetz, das Richter Rickers erließ. Kannst du 

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mir aber sagen, warum die Schwarzfüße, Navajos und andere 
Stämme Gewehre besitzen dürfen?“ 

Das konnte Ben Cartwright natürlich nicht. Er wußte nicht 

einmal, daß den Indianern anderer Distrikte das Tragen von 
Feuerwaffen erlaubt war. Wenn es der Graue Wolf aber 
behauptete, mußte es stimmen. In diesen Gebieten wurden die 
Indianer, die mit einer Schußwaffe angetroffen wurden, nicht 
gleich aufgehängt. Das bestätigte auch der Graue Wolf. Also 
mußte der Richter des Gebietes von Virginia City diese 
Anordnung eigenmächtig getroffen haben. Die Anordnung der 
Regierung, die in den Sheriff-Stationen aller Distrikte aushing, 
lautete nur, daß es Weißen bei Strafe verboten war, den 
Indianern Waffen und vor allem Munition zu verkaufen oder 
auf dem Wege des Tauschhandels abzugeben. Was sollte ein 
Indianer auch tun, der zwar ein Gewehr besaß, aber nicht über 
Munition verfügte? Er konnte sie doch nur von den Weißen 
erwerben. In dem Gesetz wurde also nur den Weißen Strafe 
angedroht. Offenbar hatte Richter Rickers das Gesetz 
eigenmächtig erweitert, vielleicht, um ganz sicherzugehen und 
die Indianer vom Kauf einer Schußwaffe abzuschrecken. 

„Und woher hatte Tenaque ein Gewehr?“ fragte Ben 

Cartwright. „Warum schoß dein Sohn auf uns?“ 

„Er hatte es für mich von dem Mann gekauft, der unsere 

Krieger im Gebiet der Siedler aufhetzt“, erklärte der Graue 
Wolf. „Ich wollte erfahren, wer der Mann ist, der so viel 
Unglück über den Stamm der Paiutes brachte. Tenaque hatte 
von mir den Auftrag, ihn zu veranlassen, uns viele Gewehre 
gegen gelbe Nuggets einzutauschen. Sie hätten das Gebiet der 
Paiutes nicht lebend verlassen.“ 

Dann berichtete Tenaque. Er erklärte, nachdem er dem 

weißen Mann die Nuggets für den Kauf des Gewehres 
übergeben habe, sei ihm dieser Mann mit seinen Leuten 
gefolgt, um ihn umzubringen. Bei der Verfolgung habe er sich 

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in die Schlucht bei den Eagle Rocks geflüchtet und in der 
Erregung Little Joe, Hoss und Lex für seine Verfolger 
gehalten. Nur aus diesem Grunde habe er auf sie geschossen. 

„Waren es die Männer, die dich gefangennahmen, nachdem 

wir dich freiließen?“ fragte Ben Cartwright. 

Tenaque nickte. „Es waren die Männer.“ 
Also war Finlay in die ganze Sache verwickelt. Jetzt war es 

klar, warum er und seine Leute Tenaque unbedingt aufhängen 
wollten. Sie hatten Angst, der Indianer werde über den 
Gewehrkauf berichten. Ja, nur so konnte es sein. Finlay 
gehörte ohne Zweifel zu den Drahtziehern, die die Unruhen im 
Siedlergebiet anzettelten. Das war ein guter Anhaltspunkt. Bei 
Finlay mußte der Sheriff mit seinen Nachforschungen 
beginnen. Eine Strafexpedition der Armee würde aber kaum 
Unterschiede zwischen den Abtrünnigen und den 
Stammesangehörigen der Paiutes machen. Für sie waren alle 
Indianer gleich. Es mußte vor allem also vermieden werden, 
daß Soldaten eingesetzt wurden. Ihnen würde der Sheriff den 
Unterschied kaum klarmachen können. Sie ließen sich von 
Zivilisten nicht viel sagen. 

Das versuchte Ben Cartwright auch dem Grauen Wolf zu 

erklären. So schlug dieser vor, der Sheriff möge doch einige 
vertrauensvolle Männer in das neue Siedlungsgebiet schicken, 
um sich dort zu orientieren. Sie würden seine Angaben 
bestätigen müssen. 

Das war das Ergebnis der Verhandlungen, und Ben 

Cartwright war damit sehr zufrieden. Es bestand keine Gefahr, 
daß der Graue Wolf und sein Stamm Feindseligkeiten 
beginnen würden. Der Graue Wolf hielt sich an seinen Vertrag 
mit der Regierung, der ihm und seinem Stamm genügend 
Lebensraum gewährte, ihm aber auferlegte, sich den neuen 
Siedlern gegenüber loyal zu verhalten. Gegen Übergriffe 
ausgestoßener Stammesangehöriger war er jedoch machtlos. 

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Auch Sheriff Coffee mußte mit diesem Ergebnis zufrieden 
sein. Er mußte entscheiden, was jetzt geschehen sollte. 

Im Zelt wickelten sich die Männer bald darauf in ihre 

Decken. Sie konnten aber noch keinen Schlaf finden. 

„Glaubst du wirklich, was der Graue Wolf sagt?“

 

fragte Little 

Joe den Vater. „Finlay traue ich schon viel zu, aber daß er sich 
an den Überfällen auf die Siedler beteiligt oder das alles 
gutheißen würde, kann ich einfach nicht glauben.“ 

„Jedenfalls dürfte er den Rothäuten Waffen verkaufen, und 

das ist schon eine strafbare Handlung“, erwiderte Ben 
Cartwright. „Warum sollte uns Tenaque die Unwahrheit 
sagen?“ 

Hoss beschäftigte sich weniger mit diesen Fragen. Nachdem 

er den Proviantbeutel um seinen geliebten Pudding erleichtert 
hatte, schwärmte er nur noch von dem Schimmelhengst, den 
Little Joe zum Geschenk erhalten hatte. 

„Dabei war ich es, Pa, der vorschlug, Tenaque freizulassen“, 

erklärte der Dicke. „Normalerweise müßte mir das Pferd also 
zur Hälfte gehören.“ 

„Und wo bleibe ich?“ fragte Lex. „Ich durchschoß das Lasso, 

als sie ihn aufknüpfen wollten.“ 

„Beruhigt euch nur“, lachte Ben Cartwright. „Der 

Schimmelhengst gehört der Ponderosa, und in einem Jahr 
dürften wir bereits einige Nachkommen von ihm haben. Ich 
werde ihn nämlich zur Zucht verwenden. Dann steht Ihnen 
sofort ein Fohlen zur Verfügung, Bill.“ 

Am nächsten Tag gegen Abend traf die kleine Gruppe wieder 

auf der Ponderosa ein. 

Hop Sing kam sofort aus dem Haus gestürzt und berichtete, 

daß die Eichhörnchen das Sprechen eingestellt hätten. Dabei 
habe er sie an einen Landsmann verkaufen wollen. Der Mann 
habe ihm einen guten Preis geboten. „Doch sie gaben keinen 
Laut“, erklärte der Chinese. „Landsmann glauben, Hop Sing 

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lügen. Sie wissen selbst, Mistel Caltwlight, Eichhölnchen 
splechen. Hop Sing Landsmann nicht betlügen.“ 

Im Wohnzimmer war der Tisch bereits gedeckt. 
„Schon seit gesteln molgen, alles walten“, lächelte Hop Sing. 

„Ich nicht wissen, wann kommen. Steaks abel schon 
geschnitten. Nul noch blaten. Plima, plima machen!“ Damit 
verschwand er in der Küche. 

„Nach dem Abendessen werde ich gleich zum Sheriff reiten“, 

sagte Ben Cartwright. „Ich will ihn gleich über alles 
unterrichten, damit er den offiziellen Stellen Mitteilung 
machen kann. Vor allem muß ich ihm ausreden, eine 
Strafexpedition für das Siedlungsgebiet anzufordern.“ 

Sheriff Coffee war noch in seinem Büro, als Ben Cartwright 

dort eintraf. 

Der Sheriff zog die Jalousien vor die Fenster und schloß die 

Tür, dann bot er seinem Besucher einen Stuhl an. 

Cartwright beobachtete das alles mit hochgezogenen Brauen. 

„Ist etwas, Roy?“ 

„Weißt du, ich bin mir nicht ganz sicher“, erwiderte Coffee. 

„Euer Ritt zu den Paiutes hat erhebliches Aufsehen bei 
verschiedenen Leuten hervorgerufen. Finlay muß davon 
erfahren haben. Er hat sofort Richter Rickers berichtet. Rickers 
war gestern bereits bei mir, um mich zu veranlassen, eine 
Strafexpedition gegen den Grauen Wolf anzufordern.“ 

„Nicht gegen den Grauen Wolf“, sagte Cartwright, „sondern 

gegen den Zweigstamm im neuen Siedlungsgebiet. Der Graue 
Wolf hat mit allem, was dort geschieht, nichts zu tun. Er 
behauptet sogar, daß Weiße für die Unruhen und die Überfälle 
auf die Siedler verantwortlich sind.“ 

„Das wird uns der Richter niemals glauben.“ 
„Aber ich habe fast die Beweise dafür“, fuhr Ben Cartwright 

fort. Er erzählte, was er bei seinem Besuch von dem Grauen 
Wolf erfahren hatte. 

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„Und Finlay soll einer der Waffenverkäufer sein?“ zweifelte 

der Sheriff. 

„Er hat Tenaque das Gewehr verkauft“, nickte Cartwright. 

„Das steht einwandfrei fest. Und davon müssen wir ausgehen. 
Finlay hat schmutzige Finger.“ 

„Aber wir können ihm nichts beweisen, und wenn wir 

mehrere Kisten mit Gewehren in seiner Scheune finden 
würden.“ Der Sheriff schüttelte nachdenklich den Kopf. „Um 
ihn zu überführen, müssen wir uns schon etwas anderes 
einfallen lassen.“ 

„Daran liegt mir vorerst weniger“, erklärte Cartwright. „Ich 

will nicht, daß sich die Unruhen auf unser Gebiet ausdehnen.“ 

„Und was schlägst du vor?“ 
„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an Ort und Stelle 

umzusehen. Das schlägt uns auch der Graue Wolf vor, dem es 
vor allem darum geht, daß seine Nichtbeteiligung und die 
seines Stammes an den Unruhen bewiesen wird.“ 

Der Sheriff überlegte eine Weile. „Aber ich kann den Treck 

unmöglich freigeben. Es sind sechs Familien, die mit ihren 
Wagen in einem Zeltlager vor der Stadt auf die 
Einreisegenehmigung in das neue Siedlungsgebiet warten. Ich 
kann es einfach nicht verantworten, die Leute in ihr Verderben 
rennen zu lassen.“ 

„Jedenfalls weiß jeder von diesem Treck. Wie wäre es, wenn 

wir statt der Siedler ausgesuchte Leute mit diesem Treck auf 
die Reise schicken? – Wenn die Männer wollen, können sie 
mitmachen, aber die Frauen bleiben hier. Ich habe Ben 
Sherman, der seit einem halben Jahr in New Virginia City sitzt, 
zwanzig Hereford-Rinder zu liefern. Hoss und Little Joe 
könnten sich mit den Rindern dem Treck anschließen.“ 

„Die Idee ist nicht schlecht“, gab Sheriff Coffee zu verstehen. 

„Es müßten aber Leute sein, auf die wir uns verlassen können.“ 

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„Und wir müßten sie bis an die Zähne bewaffnen“, nickte 

Ben Cartwright. „Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, 
wenn wir nicht ohne Soldaten fertig würden.“ 

„Gut, Ben, ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen 

lassen.“ 

„Aber niemand darf etwas davon erfahren“, warnte 

Cartwright. „Der Treck geht völlig normal auf die Reise. Erst 
hinter der Stadt werden die Frauen nach Carson City gebracht, 
und ihre Plätze werden von unseren Leuten eingenommen. Ich 
schlage das vor, weil die Ausreise des Trecks bestimmt von 
gewissen Leuten beobachtet wird. Wir müssen hier mit allem 
rechnen, weil wir die Burschen, die dabei ihre Hand im Spiel 
haben, nicht kennen. Daß sie hier in Virginia City sitzen, ist für 
mich völlig klar. Wir müssen sie nur aufspüren.“ 

„Aber was mag hinter allem stecken?“ fragte der Sheriff. 

„Gut, einer liefert den abtrünnigen Rothäuten Waffen und 
verdient daran. Er hetzt dazu die Rothäute noch auf die Siedler. 
Der Richter erweitert das Gesetz, das den Weißen den Verkauf 
von Waffen an Indianer verbietet, indem er jeden Indianer 
hängen läßt, der mit einem Gewehr angetroffen wird.“ 

„Man will den Haß der Indianer gegen die Weißen schüren“, 

überlegte Ben Cartwright. „Man will ihn so weit schüren, daß 
der Graue Wolf offen zum Kampf antritt, und damit wäre der 
Zustand wie vor dreißig Jahren wiederhergestellt.“ 

„Aber was hältst du von folgendem Gedanken, Ben: Man will 

verhindern, daß der Graue Wolf gegen seine rebellierenden 
Stammesgenossen vorgeht. Normalerweise müßte doch ein 
Häuptling, dem ein Unterstamm den Gehorsam verweigert, 
gegen die Rebellen vorgehen. Der Graue Wolf ist dazu nicht in 
der Lage, weil er, auch mit der Masse seiner Krieger, gegen die 
mit Gewehren ausgerüsteten Rebellen keine Chance hat. 
Hätten sie auch Schußwaffen, sähe das anders aus.“ 

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„Ich glaube, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, 

Sheriff. Das ist einleuchtend. Ein Kampf zwischen dem 
Grauen Wolf und den Rebellen dürfte auch den Weißen, die 
hier ihre eigenen Interessen vertreten, sehr unbequem sein. Aus 
diesem Grunde ist das Gesetz erweitert worden.“ 

„Das bedeutet aber, daß wir in Richter Rickers einen 

Komplicen dieser Burschen sehen, und das dürfte doch etwas 
zu weit gehen.“ 

Ben Cartwright hob die Schultern. „Warum erweiterte er das 

Gesetz? In keinem Distrikt werden Indianer gehängt, die mit 
einer Schußwaffe angetroffen werden. Das sollte uns zu 
denken geben.“ 

„Vielleicht ist er Einflüsterungen erlegen.“ 
„Denkst du etwa an Montano?“ 
Der Sheriff zuckte die Achseln. 
„Sheriff, wir müssen für die Sauberkeit in unserem Gebiet 

sorgen, wir müssen wieder normale Zustände schaffen. Ich 
würde dabei keine Rücksicht auf Namen und Titel nehmen. 
Überall ist es ruhig. Neue Siedlungen wachsen aus dem Boden. 
Die Indianer aller Distrikte richten sich nach den Verträgen, 
nur in unserem Siedlungsgebiet ist Unruhe, und die wurde von 
Weißen künstlich angeheizt.“ Ben Cartwright nahm seinen 
Hut. „Man will eine Besiedlung des neuen Gebietes 
verhindern. Warum? – Das müssen wir klären.“ 

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Neue Zwischenfälle 

 
 
 

Hoss brachte die Säcke aus dem Laden und warf sie auf den 
Wagen. Er hatte beim alten Bentley die Einkäufe für die 
nächsten zwei Wochen gemacht. Er warf Little Joe, der auf 
dem Kutschbock des Einspänners saß und schläfrig in die 
Gegend sah, einen unwilligen Blick zu. „Du könntest mir ruhig 
mal helfen“, maulte er. 

„Ich kutschiere“, erwiderte der Bruder. „Außerdem bist du 

zweimal so dick wie ich. Was macht es dir schon aus? Ich muß 
mich schonen, sagt Pa, weil ich so schlecht aussehe. Das haben 
mir heute morgen sogar die Eichhörnchen gesagt.“ 

Sofort wurde Hoss interessiert. Wenn es um Hop Sings 

sprechende Eichhörnchen ging, war er ganz Ohr. Little Joe 
konnte nicht begreifen, daß sein Bruder den Unsinn glaubte. 
Dabei hatte er erst im vergangenen Winter einen sogenannten 
Bauchredner, der mit einer sprechenden Puppe im Saloon-
Hotel aufgetreten war, erlebt. Die Eichhörnchen redeten doch 
nur, wenn Lex in der Nähe war. Das mußte ihm mit der Zeit 
doch auffallen. Hoss war aber viel zu ehrlich und zu 
leichtgläubig. Daß Hop Sing den Unsinn für bare Münze hielt, 
war vielleicht natürlich. Er glaubte auch noch an Dämonen und 
andere Geister. Zu jedem chinesischen Neujahrsfest brannte er 
auf der Ponderosa eine Menge Raketen und anderes Feuerwerk 
ab, um die Geister fernzuhalten, wie er erklärte. Nicht einmal 
Ben Cartwright hatte ihm das ausreden können. Ben 
Cartwright war auch der Ansicht, Hoss müsse ganz von selbst 
darauf kommen, daß es keine sprechenden Eichhörnchen 
geben könne. Bis dahin wollten ihm Lex und Little Joe aber 
noch gehörig zusetzen. 

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„Also hast du auch gehört, daß sie sprechen?“ fragte Hoss 

neugierig. „Ich sagte es dir ja, und Pa hat es auch gehört. 
Eigentlich könnte ich es nicht glauben, wenn ich es nicht mit 
eigenen Ohren gehört hätte. Aber es stimmt. Ich bin nur froh, 
daß sie auch zu dir sprechen.“ 

Du bist doch nicht zu retten, dachte Little Joe. 
Hoss nahm neben ihm auf dem Kutschbock Platz. Little Joe 

wollte das Pferd antreiben, als ihm sein Bruder in den Zügel 
fiel. „Schau nur, wer da kommt!“ 

Es war Cora Orton, die mit ihrem Apfelschimmel vor der 

Sheriff-Station anhielt und aus dem Sattel sprang. 

„Was mag sie beim Sheriff wollen?“ fragte Little Joe. 
„Hallo, Coralein“, rief Hoss. 
„Coraleinchen“, verbesserte Little Joe. „Das paßt besser zu 

deinen verliebten Nasenlöchern.“ 

Cora Orton wandte sich um und kam sofort auf die Brüder 

zu. 

„Grinse nicht wie ein Vollmond“, wies Little Joe seinen 

Bruder zurecht. „Sie glaubt sonst tatsächlich, wir laufen ihr 
nach.“ 

„Aber du läufst anderen Schürzen doch auch nach“, 

antwortete Hoss. 

„Die wollen mich aber auch nicht heiraten.“ 
„Ich nähme sie sofort“, erklärte Hoss. „Und dann viele, viele 

kleine Kinderchen.“ 

„Ja, klar, natürlich, Kinderchen“, ahmte Little Joe den 

Tonfall seines Bruders nach. „Jetzt weiß ich, wonach dir der 
Sinn steht, du – du…“ Er verschluckte das Wort, das er sagen 
wollte. 

„Streitet ihr euch schon wieder?“ fragte Cora. Sie strich sich 

nervös eine Haarlocke aus der Stirn. 

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„Keine Spur“, antwortete Little Joe. „Hoss sprach nur von 

vielen, vielen Kinderchen, die ihm seine zukünftige Frau 
einmal schenken müßte.“ 

Hoss lächelte sauer. 
„Komische Gespräche“, antwortete Cora. „Weißt du, Little 

Joe, ich bin froh, daß ich dich getroffen habe. Ich wollte dem 
Sheriff eine Anzeige machen. Heute morgen, beim Training 
für das Derby, wurde ich von zwei Burschen beobachtet. 
Durch den Anschlag auf Taifun bin ich ängstlich geworden. 
Vielleicht planen sie auch einen ähnlichen Anschlag auf 
mich.“ 

„Das langt doch nicht für eine Anzeige, Cora“, lachte Joe. 

„Beobachten kann dich jeder. Bist du von ihnen belästigt 
worden? Das wäre etwas anderes.“ 

„Nein, sie beobachteten mich nur, und das machte mich 

nervös.“ 

„Kennst du die Kerle?“ 
Cora schüttelte den Kopf. „Einer von ihnen ritt einen Falben, 

und deshalb wurde ich ängstlich. Von den Kerlen, die dich 
überfielen, ritt doch auch einer einen Falben.“ 

„Stimmt“, nickte Little Joe. „Und er war es auch, der mir den 

Schlag über den Kopf verpaßte. Ich möchte ihn zu gerne mal 
kennenlernen.“ 

Im Gewimmel der Wagen und Passanten tauchte die 

Postkutsche auf und hielt vor dem Büro der State-Lines. Den 
Männern, die ausstiegen, sah man an, daß sie sich hier in 
Virginia City beim Rodeorummel vergnügen wollten. Es 
waren reiche Viehzüchter aus Carson City. Sie kamen jedes 
Jahr zum Rodeo, um zu wetten. 

„Sie haben sich wieder von Mutters Schürzenzipfel 

losgerissen“, grinste Hoss. „Heute abend werden sie in 
Montanos Dancing-Zelt schwer auf die Pauke hauen. Sie 
kommen zu jedem Wochenende, bis das Rodeo beginnt.“ 

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Cora sah ihn an. „Was heißt das – ,auf die Pauke hauen’?“ 
„Na, mit Mädchen – und so“, versuchte Hoss zu erklären. 

„Sie tanzen, scherzen und lachen…“ 

„Und lassen ihre Frauen zu Hause“, fügte Cora hinzu. 

„Würdest du das auch tun, wenn du eine Frau hättest?“ fragte 
sie Little Joe. 

„Er schon“, antwortete Hoss anstelle seines Bruders. „Aber 

ich nicht, Coralein…“ 

„Nein, er würde nur immer sitzen und Händchen halten und 

vor allem immer an viele, viele Kinderchen denken, der 
Goldjunge“, sagte Little Joe und ahmte den Tonfall seines 
Bruders nach. „Hasch mich, ich bin dein Ehemann!“ Und 
wütend fügte er hinzu: „Rede nicht so einen Blödsinn, du 
Nilpferd.“ 

„Ich weiß nicht, warum ihr euch immer streiten müßt“, 

meinte das Mädchen. 

„Er fängt doch immer an“, verteidigte sich Little Joe. 

„Seitdem er sich mit Hop Sings Eichhörnchen unterhält, ist er 
überhaupt nicht mehr zu gebrauchen.“ 

„Was tut er?“ fragte Cora und bekam große Augen. 
„Du hörtest ganz richtig; er unterhält sich mit Hop Sings 

Eichhörnchen“, wiederholte Little Joe. 

„Ja, ja, wirklich“, nickte Hoss eifrig. „Sie sprechen, die 

niedlichen Tierchen. Das müßtest du einmal hören.“ 

Coras Gesicht wurde eisig. „Wenn ihr glaubt, ihr könntet 

mich auf den Arm nehmen… Da müßt ihr schon früher 
aufstehen, ihr Flegel.“ 

„Aber nein, Corachen! – Es ist bestimmt wahr. Du kannst 

morgen zur Taufe unseres Schimmelhengstes kommen, nicht 
wahr. Joe, dann könnte sie sich davon überzeugen.“ 

„Ja, tue das, Cora“, nickte Little Joe. „Du könntest ihn 

taufen.“ 

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Ohne ein Wort der Erwiderung wandte sich Cora Orton um 

und ging über die Straße zu ihrem Pferd. 

„Ein Figürchen hat sie!“ schwärmte Hoss und schlug die 

Augen gen Himmel. 

„Um was geht es denn, meine Herren Söhne?“ 
Ben Cartwright hielt seinen Fuchs neben dem Wagen an und 

beobachtete Cora, die sich auf ihren Apfelschimmel schwang. 

„Sie glaubt nicht, daß Hop Sings Eichhörnchen sprechen 

können, Pa“, erklärte Hoss. 

„Darüber würde ich an deiner Stelle auch einmal 

nachdenken“, erwiderte Ben Cartwright und sah Little Joe an. 
„Das geht doch wieder auf dein Konto. Ich finde, es langt 
jetzt.“ 

„Wie war es in der Bürgerversammlung?“ fragte Little Joe, 

ohne auf die Worte seines Vaters einzugehen. 

„Ein ziemlicher Wirbel“, erwiderte Ben Cartwright. „Der 

Richter wurde von Sheriff Coffee wegen der Erweiterung des 
Waffengesetzes befragt. Er mußte zugeben, das Gesetz 
eigenmächtig erweitert zu haben. In der anschließenden 
Abstimmung der Bürger wurde beschlossen, die Erweiterung 
aufzuheben, nachdem der Sheriff dafür eingetreten war.“ 

„Also darf kein Indianer mehr gehängt werden, der mit einer 

Schußwaffe angetroffen wird.“ 

„Richtig, Junge! – Es gelang mir, die Bürger davon zu 

überzeugen, daß der Graue Wolf nicht für die Übergriffe in 
dem neuen Siedlungsgebiet verantwortlich zu machen ist und 
daß er die Rebellen längst bekämpft hätte, wäre sein Stamm 
mit Schußwaffen ausgerüstet. – Aber darüber sprechen wir 
noch zu Hause.“ Ben Cartwright trieb sein Pferd an. „Kommt, 
Jungs!“ 

Little Joe lenkte den Wagen zur Hauptstraße. Dort hatte sich 

vor dem Saloon-Hotel inzwischen eine Menschenmenge 
angesammelt. Erregte Stimmen wurden laut. Unter der Menge 

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befand sich auch Cora Orton. Als sie die Cartwrights sah, ritt 
sie ihnen entgegen. Sie lenkte ihr Pferd neben Ben Cartwright. 

„Was gibt es denn, Cora?“ 
„Die Siedler haben einen jungen Mann gefaßt, der angeblich 

einen Sattel gestohlen haben soll“, sagte das Mädchen erregt. 
„Sie schlagen auf ihn ein und wollen ihn aufhängen.“ 

„Wegen eines Diebstahls?“ 
Sofort schwang sich Ben Cartwright aus dem Sattel, und 

seine Söhne sprangen vom Wagen. 

„Rufen Sie den Sheriff, Cora“, bat Cartwright das Mädchen. 

Dann drängte er sich durch die Menge. 

Drei Kerle hatten einen jungen Mann zu Boden geworfen und 

bearbeiteten ihn mit Fäusten. 

„Aufhören!“ brüllte Cartwright und riß einen der Kerle 

zurück. 

Hoss und sein Bruder stürzten sich auf die anderen Burschen 

und trennten sie von dem am Boden liegenden Mann. Little 
Joe erkannte in ihm einen jungen Cowboy der Bellon-Ranch. 
Er blutete aus Mund und Nase. 

Die Männer, die ihn überfallen hatten, starrten ihn haßerfüllt 

an. 

„Man sollte ihn aufhängen!“ brüllte einer von ihnen. „Der 

Kerl gehört zu den Burschen, die die Trecks überfallen haben.“ 

„Langsam, langsam“, sagte Cartwright. „Wie kommen Sie zu 

dieser Anschuldigung?“ 

„Das kann ich beweisen“, erklärte der Mann. „Er hat meinen 

Sattel.“ 

„Das ist doch Blödsinn“, wandte sich der junge Cowboy an 

Ben Cartwright. „Der Sattel gehört mir. Es kann sich nur um 
eine Verwechslung handeln.“ 

Sheriff Coffee und Cora drängten sich durch die 

Umstehenden. 

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„Was geht hier vor?“ fragte Coffee. Er hielt ein Gewehr in 

der Hand. 

Ben Cartwright erklärte es ihm. 
„Nehmen Sie den Sattel und folgen Sie mir in mein Büro“, 

wandte sich der Sheriff an die Männer. „Das dürfte leicht 
festzustellen sein.“ Und dem jungen Cowboy erklärte er: „Du 
bist vorerst festgenommen.“ 

„Mir kann nicht viel passieren“, erwiderte der junge Mann 

und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. „Einsperren 
müssen Sie die Kerle. Sie haben mich überfallen.“ 

Ben Cartwright und seine Söhne wurden von Coffee 

aufgefordert, dem Verhör in der Sheriffstation als Zeugen 
beizuwohnen. 

Little Joe erkannte in einem der drei Männer plötzlich den 

Siedler, den er in Montanos Dancing-Zelt getroffen hatte. Wie 
ihm der Mann berichtete, gehörte er zu einem Treck, der vor 
einiger Zeit von Indianern überfallen worden war. Er war den 
Indianern entkommen und durch einen Schuß verletzt worden. 
Joe erinnerte sich ganz genau an diese Unterredung. 

Sheriff Coffee hatte den Sattel auf einen Tisch gestellt. „Sie 

erkennen also in diesem Sattel Ihr Eigentum?“ fragte er den 
Siedler. 

„Selbstverständlich“, erklärte der Mann. „Dieser Sattel blieb 

bei dem Überfall auf unseren Treck zurück. Er fiel den 
Indianern in die Hände.“ 

„Und könnten Sie mir erklären, wie es möglich ist, daß dieser 

Sattel jetzt hierherkommt?“ lächelte der Sheriff. 

„Weil sich auch Weiße an den Überfällen beteiligen, 

Banditen, die mit den Rothäuten gemeinsame Sache machen. 
Dieser Bursche muß einer von ihnen sein. Es ist mein Sattel, 
das kann ich beschwören.“ 

„Könnte es nicht einen ähnlichen Sattel geben?“ 

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„Ausgeschlossen“, erwiderte der Siedler. „Ich erkenne ihn an 

einer Schramme am Sattelknopf.“ Er zog ein Messer aus der 
Tasche. „Sollte Ihnen das aber auch noch nicht genügen, kann 
ich es Ihnen noch besser beweisen. Ich werde gleich um 
zweihundert Dollar reicher sein, denn die nähte ich unter das 
Leder des Sattels ein. Da ich ihn stets als Kopfkissen benutzte, 
war das Versteck sicherer als die State-Bank.“ Damit trennte er 
das Leder des Sattels auf und zog die Dollarnoten heraus. 
„Bitte, wollen Sie einen besseren Beweis?“ 

Der Sheriff warf den Cartwrights einen Blick zu. 
„Na, was sagst du dazu?“ wandte er sich an den jungen 

Cowboy. „Wie heißt du?“ 

„Glen Foster“, antwortete der junge Mann. „Was soll ich 

dazu sagen?“ fuhr er fort. „Ich staune nur!“ 

„Das Staunen wird dir aber bald vergehen, wenn du uns nicht 

erklären kannst, woher der Sattel stammt.“ 

„Ganz einfach, ich kaufte ihn.“ Foster überlegte eine Weile. 

„Von einem Cowboy. Ich glaube, er hieß Williams. Er arbeitet 
für Mr. Orton.“ 

„Moment, das werden wir sofort feststellen“, sagte Little Joe. 

Er ging hinaus und kam mit Cora Orton zurück. 

Das Mädchen sah ängstlich von einem zum anderen. 
„Habt ihr einen Cowboy namens Williams?“ fragte der 

Sheriff. 

„Ja, Ben Williams“, nickte Cora. „Er arbeitet schon seit 

vielen Jahren bei uns. Hat er etwas angestellt?“ 

„Weiß der Teufel“, antwortete der Sheriff. „Er muß jedenfalls 

sofort herkommen.“ 

„Komm, ich bringe dich nach Hause“, erbot sich Little Joe. 

„Dann nehme ich diesen Williams gleich mit.“ 

„Ihr könnt gehen“, wandte sich der Sheriff an die Siedler. 

„Die Sache wird von uns geklärt. Kommt morgen vorbei, dann 
werde ich euch mehr sagen können.“ 

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Auf der Orton-Ranch war Williams schnell gefunden. Little 

Joe erklärte Mr. Orton, um was es sich handelte, und der 
Rancher meinte, mit dieser Sache könne Williams unmöglich 
etwas zu tun haben. Williams sei ehrlich und zuverlässig. 

Nachdem Little Joe Cora noch einmal zur Taufe seines 

Schimmelhengstes eingeladen hatte, verabschiedete er sich und 
machte sich mit Williams auf den Weg zurück. Er hatte dem 
Cowboy aber nicht erklärt, warum dieser mit zur Sheriffstation 
müsse. 

„Wissen Sie, Mr. Cartwright, mir ist völlig schleierhaft, 

warum mich der Sheriff sehen will“, sagte Williams 
unterwegs. 

Das glaubte ihm Little Joe aufs Wort. Williams war ein 

älterer Mann, der einen guten Eindruck machte. 

„Es geht um einen Sattel, den Sie angeblich einem gewissen 

Foster verkauft haben. Stimmt das?“ 

„Ja, das stimmt“, bestätigte Williams. „Ich verkaufte ihn um 

fünf Dollar teurer, als ich ihn kaufte. Ist das denn strafbar?“ 

Little Joe lachte. „Nein, darüber machen Sie sich keine 

Sorgen. Der Sheriff will nur die Herkunft des Sattels klären. 
Sicher können Sie sich erinnern, von wem Sie ihn kauften.“ 

„Natürlich kann ich das. Er lag beim alten Bentley im Laden. 

Ich wollte mir Tabak kaufen, und da mir der Sattel gefiel, 
nahm ich ihn mit. Später traf ich Foster im Saloon-Hotel. Ich 
hatte den Sattel neben mir auf dem Stuhl liegen. Na, er wollte 
ihn unbedingt haben. So schlug ich fünf Dollar auf den Preis.“ 

Die Reiter hatten jetzt das Felsengelände vor der Stadt 

erreicht. Als sie auf den Hauptweg einbiegen wollten, fielen 
plötzlich aus den Felsen mehrere Schüsse. Haarscharf pfiffen 
die Projektile ihnen am Kopf vorbei. 

Little Joe und Williams ließen sich blitzschnell aus dem 

Sattel gleiten und nahmen hinter den nächsten Felsen 

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Deckung. Es geschah aber nichts mehr. Nach einer Weile 
hörten sie Hufschlag. 

Little Joe erkletterte die Felsen und sah drei Reiter, die im 

Galopp der Stadt zustrebten. 

„Das war hart“, sagte Williams, als Little Joe zurückkam. Er 

betupfte mit seinem Taschentuch eine Wunde an seinem Hals. 
„Ich glaube, die Burschen hatten es auf mich abgesehen, 
obwohl ich mir den Grund nicht denken kann.“ 

„Ich nehme an, Sie sollen nicht mit dem Sheriff sprechen“, 

überlegte Little Joe. „Was könnte es anders sein? – Ist es 
schlimm?“ 

„Nur ein Kratzer“, lächelte Williams, aber man sah ihm an, er 

fühlte sich nicht sehr wohl dabei. 

In der Sheriffstation wartete man bereits. Vor dem Haus 

hatten sich eine Menge Leute eingefunden. Offenbar hatten die 
Siedler ihnen den Vorfall berichtet. Wie Little Joe feststellte, 
befanden sich unter ihnen auch Hollers-Leute. Der Siedler, 
dem der Sattel gehörte, betrat mit ihnen zusammen die Station. 
Vermutlich hatte er auf sie gewartet. 

‘ Williams erklärte, wie er zu dem Sattel gekommen war und 

daß er ihn an Foster verkauft habe. „Sie können den alten 
Bentley fragen“, beendete er seine Ausführungen. „Er wird 
sich genau daran erinnern können.“ 

„Und er muß wissen, von wem er den Sattel kaufte“, meinte 

Ben Cartwright. „Ich möchte aber zu gerne wissen, warum 
man auf euch schoß.“ 

„Das dürfte doch ganz einfach sein, Pa“, erklärte Little Joe. 

„Man wollte Williams’ Aussage verhindern. Wir sollten nicht 
erfahren, daß der Sattel bei Bentley gekauft wurde, vermutlich, 
weil uns der Alte genau sagen kann, von wem er den Sattel 
erhielt. Die Kerle, die es angeht, sind durch die Siedler von 
dem Hergang in der Station unterrichtet worden. Sie wußten, 
daß ich Williams holte, und haben sehr schnell gehandelt.“ 

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Der Sheriff nickte. „Das könnte stimmen.“ Er wandte sich an 

Ben Turner, den Hilfssheriff. „Hole den alten Bentley her. – 
Sage ihm, es dauert nicht lange.“ 

Turner machte sich sofort auf den Weg. Der Drugstore des 

alten Bentley lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er 
mußte also in wenigen Minuten mit dem Alten zurück sein. Es 
dauerte aber nicht mal eine Minute, da tauchte Ben Turner in 
der Tür auf. „Sheriff, der alte Bentley ist erschossen worden“, 
brüllte er in den Raum. „Ich habe die Kerle noch gesehen. Sie 
ritten mich bald über den Haufen.“ 

Ben Cartwright fuhr hoch. „Dann waren es die gleichen 

Burschen, die den Anschlag auf Williams verübten. – Holt 
einen Arzt!“ 

Dr. Commings konnte aber nur den Tod Bentleys feststellen. 

Der Alte war aus kurzer Entfernung durch einen Schuß ins 
Herz getötet worden. Die Täter hatten also in aller Ruhe 
handeln können. 

Das bestätigte auch John, der Ladenjunge. Er hatte sich nach 

dem Anschlag sofort zwischen die Mehlsäcke geworfen. Dort 
fand man ihn weinend auf. Er berichtete, drei Männer hätten 
den Laden betreten und Tabak gekauft. Einer von ihnen habe 
dann plötzlich den Colt gezogen und auf den alten Bentley 
geschossen. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Eine 
Beschreibung der drei Täter konnte er nicht geben. Zuerst habe 
er den Kerlen keine Beachtung geschenkt, und dann sei er zu 
aufgeregt gewesen, um sie genau anzusehen, erklärte er. 

Während sich der Sheriff noch mit dem Jungen befaßte, trat 

einer der Siedler zu ihm. 

„Sheriff, in diesem Laden befinden sich viele Gegenstände, 

die wir wiedererkennen. Sie stammen alle aus dem Treck, der 
von den Indianern überfallen wurde.“ 

„Sind Sie sicher?“ fragte Ben Cartwright. 

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Der Mann deutete auf einige Schaufeln, die in einer Ecke 

standen. „Sehen Sie das ,S’ auf dem Schaufelblatt? – Das 
bedeutet Soundes, ebenfalls die beiden Pflüge. Sie sind auch 
mit dem ,S’ gekennzeichnet. Sie gehörten der Familie 
Soundes, die bei dem Überfall umkam.“ 

Es wurden auch noch Kleider gefunden, die den überfallenen 

Siedlern gehört hatten. Offenbar waren die Sachen alle zum 
Verkauf in Bentleys Drugstore gebracht worden. Der alte 
Bentley hatte die Sachen bezahlt und nicht weiter gefragt, 
woher sie stammten. Aber er mußte die Verkäufer gekannt 
haben und hätte sie bestimmt nennen können. Dieses Wissen 
hatte ihm den Tod gebracht. Da der Anschlag auf Williams 
nicht klappte, hatten die Burschen blitzschnell Bentley getötet, 
um nicht entdeckt zu werden. 

Das alles wurde noch einmal eingehend in der Sheriffstation 

besprochen. Man war dadurch einen kleinen Schritt 
weitergekommen und wußte, daß die Drahtzieher der Unruhen 
ohne Zweifel in Virginia City zu suchen waren. Das alles wäre 
aber nicht herausgekommen, hätte der Siedler seinen Sattel 
nicht wiedererkannt, und der alte Bentley wäre noch am 
Leben. 

Auf dem Weg nach Hause kam den Cartwrights Lex mit 

Taifun entgegen. Er erklärte, das Pferd sei wieder völlig in 
Ordnung. Er war sicher, das Derby mit Taifun gewinnen zu 
können. 

„Ich muß die Strecke nur noch mehrere Male abreiten, damit 

sich der Hengst daran gewöhnt“, meinte er. „Er ist jetzt schon 
so schnell, daß er von keinem anderen Pferd zu schlagen ist.“ 

„Na, was sagte ich, Pa“, frohlockte Little Joe. „Da kann sich 

Cora mit ihrem Apfelschimmel begraben lassen.“ 

„Gut, daß ich nicht reiten muß“, meinte Hoss. „Ich würde sie 

gewinnen lassen. Ich könnte gar nicht anders.“ 

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„Klarer Fall“, nickte Little Joe. „Bei deinen verliebten 

Nasenlöchern wäre das gar nicht anders zu erwarten. Gott sei 
Dank, du reitest nicht!“ 

Nach dem Mittagessen kam Ben Cartwright auf die 

Bürgerversammlung zu sprechen. Dabei erklärte er, daß 
Richter Rickers unter Druck gehandelt haben müsse, als er das 
Gesetz des Waffentragens erweiterte. 

„Und wer könnten die Leute sein, die ihn unter Druck setzen 

und denen er sich beugen muß?“ fragte Hoss. 

„Ich denke da an Montano und Finlay“, erklärte Little Joe. 

„Diese beiden haben bestimmt ihre Finger im Spiel.“ 

Lex, der die Unterhaltung schweigend verfolgt hatte, hob die 

Achseln. „Ich bin da nicht ganz sicher. Die beiden sind auch 
nur Ausführende, die sich nach den Befehlen eines anderen 
richten müssen. Den Mann, der hinter allem steht, kennen wir 
noch nicht.“ 

Ben Cartwright sah seine Söhne an. „Nun zu dem Plan, den 

ich mit Sheriff Coffee und dem Bürgermeister abgesprochen 
habe. Der Treck geht in drei Tagen auf die Reise. Anstelle der 
Frauen, die nach Carson City gebracht werden, brauche ich 
zehn zuverlässige junge Männer, die die Stellen der Frauen 
einnehmen.“ Er sah Little Joe an. „Die wirst du besorgen. Ich 
nehme an, es bereitet dir keine großen Schwierigkeiten.“ 

Little Joe nickte. 
„Zu den sechs Wagen, die von Virginia City losfahren, 

stoßen hinter der Stadt weitere sechs Wagen aus Carson City. 
Sie sind ebenfalls mit schwerbewaffneten Leuten besetzt und 
führen in einem der Wagen sogar eine Kanone mit. Die Hälfte 
aller Leute trägt Frauenkleider. Verpflegung und Munition 
werden genügend mitgenommen. In einer Wagenburg kann 
sich der Treck gut vierzehn Tage halten, wenn es sein muß. Ich 
denke aber, es wird gar nicht soweit kommen. Die Banditen 

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und die Roten halten die Wagen für einen normalen Treck und 
werden ihn ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen angreifen.“ 

„Und was ist unsere Aufgabe, Pa?“ fragte Hoss. 
„Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen“, fuhr Ben 

Cartwright fort. „Ich nehme an, Bill, Sie sind auch mit von der 
Partie.“ 

„Selbstverständlich“, nickte der Schnauzbärtige. 
„Gut! – Wir haben an Sherman in New Virginia City noch 

zwanzig Rinder zu liefern. Ihr schließt euch mit den Tieren 
dem Treck an.“ 

„Verstehe“, fiel Little Joe ein. „Damit sieht alles noch echter 

aus.“ 

„Richtig“, bestätigte der Vater. „Aber nur Hoss bleibt mit den 

Tieren immer beim Treck. Bill und du, ihr löst euch, besonders 
während des Tages, vom Treck und beobachtet ihn von 
weitem. Dabei ist es vor allem eure Aufgabe, festzustellen, wer 
sich für den Treck interessiert.“ 

„Völlig klar, Pa“, nickte Little Joe. „Sonst noch was?“ 
„Die Leute, die du aussuchst, sollen sich bei der Abreise des 

Trecks bereit halten. Sie erwarten den Treck in der Schlucht 
bei den Eagle Rocks. Dort erst nehmen sie die Plätze der 
Frauen ein. Die Sättel werden auf die Wagen verladen und die 
Pferde mitgeführt. Pferde sind für die Roten immer ein 
besonderer Anreiz. Ich glaube, damit wäre wohl alles gesagt.“ 

Noch am gleichen Abend machte sich Little Joe auf, um mit 

den Leuten, die für die Begleitung des Trecks in Frage kamen, 
zu reden. Es handelte sich hauptsächlich um Ranchersöhne. Da 
sie in keinem festen Arbeitsverhältnis standen, konnten sie 
jederzeit zur Stelle sein. Sie waren Schulkameraden der 
Cartwrights und sofort bereit, sich für diesen Zweck zur 
Verfügung zu stellen. Lex begleitete ihn bei diesen Besuchen. 

Als sie am späten Abend durch Virginia City ritten, hielt 

Little Joe plötzlich sein Pferd an. An dem Haltebalken vor dem 

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Saloon-Hotel war ein Falbe angebunden. Er stand zwischen 
den anderen Pferden, aber Little Joe hatte ihn sofort gesehen. 

Lex grinste, als sich Little Joe aus dem Sattel schwang. „Ich 

habe das Gefühl, dich interessiert hier etwas.“ 

„Genau“, antwortete Joe. „Ich möchte mir den Kerl mal 

ansehen, der mir den Schlag über den Kopf verpaßte. Komm, 
steig ab, ich gebe einen aus.“ 

Im Schankraum war Hochbetrieb, Blechern hämmerte ein 

Klavier, zu dem eine Geige wimmerte und ein Banjo summte. 
Sie fanden einen freien Platz an der Theke. Little Joe bestellte 
zwei Bier und sah sich um. Zwei Tische waren von Hollers-
Leuten besetzt. Unter ihnen mußte sich also der Bursche mit 
dem Falben befinden. 

„Nun, wer ist der Kerl?“ fragte Lex. 
„Das kann ich dir ganz genau sagen“, erwiderte Little Joe. 

„Der Kerl mit dem karierten Hemd. Seine Visage ist mir noch 
genau in Erinnerung. Er reitet den Falben, darauf möchte ich 
wetten.“ 

In diesem Moment kam ein kleiner Cowboy in das Lokal und 

ging direkt auf den Tisch der Hollers-Leute zu. Er redete mit 
ihnen. Daraufhin erhoben sich alle und verließen den 
Schankraum. 

„Trinken wir aus“, sagte Little Joe und warf ein Geldstück 

auf die Theke. „Mich würde interessieren, was das zu bedeuten 
hat.“ 

Langsam folgten sie den Männern und warteten vor der 

Schwingtür, bis die Kerle aufgesessen waren. Dann schwangen 
sie sich ebenfalls auf ihre Pferde und folgten ihnen. 

Es waren sieben Burschen, und unter ihnen befand sich der 

Kerl mit dem Falben. Sie schlugen einen scharfen Trab an und 
bogen an dem Kreuzweg zur Hollers-Ranch ab. 

„Da weiß ich einen schnelleren Weg“, sagte Little Joe und 

preßte seinem Schecken die Schenkel an. „Komm!“ 

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Lex folgte dem Freund, der querfeldein über die Weiden ritt. 

An den Horse Rocks bog er ab und preschte einen Hohlweg 
hinauf. Von dort aus sah man schon die Lichter der Hollers-
Ranch. Auf diese Weise waren sie schneller am Ziel und 
konnten von ihrem Beobachtungsplatz das Anreiten der 
Burschen beobachten. 

Little Joe stieg ab und befestigte den Zügel seines Pferdes an 

einem Busch. Lex tat desgleichen. 

„Und was hast du jetzt vor?“ fragte der Schnauzbärtige. 
„Vermutlich findet dort heute eine Versammlung statt“, 

grinste Little Joe. „Ich möchte mir die Kerle einmal ansehen, 
und vielleicht können wir etwas Wissenswertes erfahren. Sie 
könnten bereits über die Ausreise des Trecks informiert sein, 
wenn einer von unseren Leuten nicht dichtgehalten hat. Damit 
ist zu rechnen.“ 

Die Männer jagten ihre Pferde in einen Freikorral vor der 

Scheune und betraten das Haus. 

Little Joe und Lex schlichen sich von der Rückseite an das 

Gebäude heran. Wo sich die Burschen aufhielten, sah man an 
den erleuchteten Fenstern. 

Über dem Stallgebäude war ein Vorbau angebracht. Darüber 

lag direkt eines der erleuchteten Fenster des ersten 
Stockwerkes. Dort mußte die Zusammenkunft stattfinden. 

Während sich Lex einen Beobachtungsplatz bei der Scheune 

suchte, kletterte Little Joe an dem Pfosten des Vorbaues hoch 
und kroch über das Dach zu dem hellerleuchteten Fenster. Was 
er dort sah, ließ ihn augenblicklich den Atem anhalten. 

Hinter einem Tisch, vor dem die Männer standen, saß 

Montano. Er hatte eine kleine Waage vor sich stehen und war 
dabei, kleine Häufchen von Nuggets abzuwiegen und in 
Lederbeutel zu füllen. Neben ihm auf dem Tisch lag ein großer 
Haufen Goldkörner. 

Montano verteilte die Beutel an seine Leute. 

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Little Joe sah, daß das Fenster nur angelehnt war. Er schob es 

vorsichtig zu einem Spalt auf und konnte nun hören, was in 
dem Raum gesprochen wurde. 

Montano wog den Rest der Goldkörner ab und verteilte ihn in 

mehrere größere Beutel. „Die werden morgen in Carson City 
und in Angelus auf der Bank eingetauscht“, sagte er. „Das 
macht diesmal Harper. Saftey und Corner begleiten ihn. Damit 
keiner von euch auf krumme Gedanken kommt: Sie sind genau 
gewogen. Den Erlös zahlt ihr wie immer auf das Konto von 
Richter Rickers ein.“ 

Die Männer nickten. 
„Wer von euch Dummköpfen hat die 

Ausrüstungsgegenstände der Siedler an Bentley verkauft?“ 
fragte Montano ärgerlich. „Der Sheriff weiß jetzt ganz genau, 
daß die Sachen nicht von Indianern hergebracht werden 
konnten.“ 

„Ist doch längst erledigt“, erklärte einer der Männer. „Der 

Alte konnte keine Auskunft mehr geben, und darauf kam es 
doch an. – Sonst noch etwas?“ 

„Auch ihr tauscht eure Nuggets nur in Carson City oder 

Angelus um“, fuhr Montano fort. „Dort kennt euch niemand. – 
Ist im Lager alles in Ordnung?“ 

„Bestens, Chef! – Für die Indianer haben wir drei Gallonen 

Schnaps besorgt. Er wird ausgegeben, wenn der Treck in unser 
Gebiet kommt. Er soll übermorgen auf die Reise gehen.“ 

„Dann soll Finlay noch zwei Kisten Munition für die Indianer 

herausgeben.“ Montano warf dem Mann einen Beutel mit 
Nuggets zu. „Hier, gebt ihm das und sagt ihm, es sei eine 
Anzahlung für die Gewehre.“ 

Die Männer verließen den Raum, und bald darauf blies 

Montano die Lampe aus. 

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Little Joe hörte, wie die Kerle ihre Pferde aus dem Freikorral 

holten und davonritten. Montano war offenbar im Haus 
geblieben. 

Noch eine ganze Weile blieb Little Joe auf dem Dach liegen. 

Er wollte ganz sichergehen, daß niemand mehr in der Nähe 
war. Außerdem mußte er das alles noch einmal überdenken, 
was er da soeben gesehen und gehört hatte. Er konnte es 
einfach nicht glauben. Einen solchen Goldberg von Nuggets 
hatte er noch nie gesehen. Woher stammte das Gold? Lex hatte 
also recht. Es ging hier hauptsächlich nur um Gold. Es war die 
Ursache aller dieser Verbrechen, an denen Richter Rickers 
ohne Zweifel mitschuldig war. Der Erlös des Goldes wurde auf 
sein Konto überwiesen. 

Unten stieß Lex einen leisen Pfiff aus. 
Aus dem Dunkel des Zufahrtsweges zur Farm rollte ein 

unbeleuchteter Zweispänner heran. 

Gut, daß Lex gepfiffen hatte, sonst wäre Little Joe von dem 

Ankommenden entdeckt worden. Der Wagen hielt genau unter 
dem Vorbau. Eine Gestalt stieg aus und verschwand Sekunden 
darauf im Haus. 

Jetzt erst ließ sich Little Joe an dem Balken herabgleiten. Er 

erkannte in dem Zweispänner den Wagen des Richters. 

„Komm, dafür wird sich Pa besonders interessieren“, meinte 

er zu Lex. 

Auf der Ponderosa fand eine halbe Stunde später eine 

Aussprache statt. Little Joe hatte dem Vater von seinem 
Besuch auf der Hollers-Ranch berichtet. 

„Das Motiv der ganzen Verbrechen ist also sehr einfach“, 

überlegte Ben Cartwright. „In dem neuen Siedlungsgebiet muß 
von irgend jemandem Gold gefunden worden sein. Da die 
Einträge neuer Goldfunde im Büro des Richters gemeldet 
werden müssen, erfuhr Richter Rickers zwangsläufig von der 
Claim-Anmeldung. Er setzte sich mit Montano in Verbindung, 

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um den Claim selbst auszubeuten. Den rechtmäßigen Besitzer 
des Claims hat man vermutlich umgebracht. Als nun das 
Gebiet durch Siedler erschlossen werden sollte, fürchteten 
Montano und seine Helfershelfer, die Siedler könnten von ihrer 
ergiebigen Schürfstelle erfahren und in der Umgebung selbst 
Grabungen vornehmen. Sie verbündeten sich mit dem dort 
lebenden Paiute-Zweigstamm und hetzten die Indianer auf, die 
Siedler aus diesem Gebiet zu vertreiben. Dafür liefert Montano 
ihnen Gewehre und Schnaps.“ 

„Richtig, Pa“, nickte Little Joe. „Vielleicht ist die Ader sehr 

ertragreich, und sie glauben, daß das ganze Gebiet goldhaltig 
ist.“ 

„Ihr ausgelegtes Motiv ist sehr einleuchtend“, erklärte nun 

auch Lex. „Aber soviel mir bekannt ist, muß eine Claim-
Eintragung auch auf dem Bürgermeisteramt vorgenommen 
werden. Sollte die Eintragung bei Rickers verschleiert worden 
sein, so werden wir aber den Namen des rechtmäßigen 
Besitzers bestimmt in den Büchern des Bürgermeisteramtes 
finden.“ 

Am nächsten Morgen machten sich die Cartwrights zum 

Bürgermeisteramt auf. Den Sheriff wollten sie noch nicht ins 
Vertrauen ziehen, bis alles klar war. 

„Ja, Mr. Cartwright, daran kann ich mich noch gut erinnern“, 

sagte der Beamte. „Das war ein Verrückter, der wollte in 
diesem Gebiet Gold gefunden haben. Dabei weiß jeder hier bei 
uns, daß sogar die Silberminen nichts mehr hergeben. Ich habe 
ihm aber den Gefallen getan und den Claim eingetragen.“ Der 
Mann zog ein Buch aus dem Regal und schlug es auf. „Das 
war am vierundzwanzigsten November. Hier steht es; der 
Mann hieß Hamilton. Eine Woche später hat er sich bei den 
Eagle Rocks das Genick gebrochen. Ist vermutlich vom Pferd 
gestürzt.“ 

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„Nun, Pa?“ fragten Hoss und Little Joe, die draußen 

geblieben waren, fast gleichzeitig. 

„Ich könnte mich geradezu als Hellseher ausgeben“, lachte 

Ben Cartwright grimmig. Er erklärte seinen Söhnen, was er 
erfahren hatte. „So, und jetzt geht’s zum Büro des Richters.“ 

Mr. Melbers, Rickers’ Bürovorsteher, ein etwas 

geschniegelter Mann mittleren Alters, sah überrascht auf, als 
die Cartwrights eintraten. Er erklärte, Richter Rickers sei nicht 
zugegen. 

„Das macht nichts“, antwortete Ben Cartwright. „Wir 

möchten nur wissen, ob ein gewisser Hamilton am 
vierundzwanzigsten November einen Claim eintragen ließ.“ 

Wortlos nahm Melbers einen Band zur Hand und blätterte 

darin. „Ich sehe gerade“, sagte er mit gerunzelter Stirn, „die 
Eintragung ist von Richter Rickers gestrichen worden.“ Er 
kaute nachdenklich auf seinem kurzen Schnurrbart. „Das 
verstehe ich nicht“, fuhr er nach einer Weile fort. „Ich habe die 
Eintragung selbst vorgenommen. Der Mann kam mir zwar 
etwas komisch vor, weil er hier in unserem Gebiet Gold 
entdeckt zu haben glaubte, aber ich machte die Eintragung.“ 

„Danke, das genügt uns“, nickte Cartwright und warf seinen 

Söhnen einen Blick zu. 

Sheriff Coffee, den die Cartwrights als nächsten aufsuchten, 

ließ sich alles eingehend erklären, aber er war nicht bereit, 
etwas gegen die Beschuldigten zu unternehmen. 

„Ich kann es nicht, Ben“, erklärte er. „Das sind alles nur 

Vermutungen und keine Beweise. Wir werden die Kerle im 
Auge behalten. Sei sicher, mit dem Treck locken wir sie aus 
der Reserve. Bisher ist ihnen alles gelungen, und sie werden 
glauben, sie hätten auch diesmal wieder leichtes Spiel. Vor 
allem ist mir die Beschuldigung gegen Richter Rickers 
unverständlich.“ 

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Der Treck 

 
 
 

Seit zwei Tagen war der Treck unterwegs. Bei den Eagle 
Rocks mußten die Frauen die Wagen verlassen, und ihre Plätze 
wurden von den zehn jungen Männern eingenommen. Kurz 
darauf stießen die sechs Wagen mit schwerbewaffneten 
Männern aus Carson City zu ihnen. Das war alles ganz 
unbemerkt vor sich gegangen, denn Little Joe und Lex hatten 
die Aktion von einem Hügel aus beobachtet. Bisher 
interessierte sich noch niemand für die Ausreise des Trecks. 
Der Austausch der Frauen war auf keinen Fall beobachtet 
worden. Großen Spaß machte es den Männern, Frauenkleider 
über ihre Anzüge zu streifen. 

Der Treck bestand jetzt aus zwölf Planwagen, einer kleinen 

Herde Pferde und zehn Rindern, die von Hoss bewacht 
wurden. Der Wagenzug machte einen völlig normalen und 
friedlichen Eindruck. 

Wie ihnen Ben Cartwright aufgetragen hatte, folgten Little 

Joe und Lex dem Treck stets in einiger Entfernung. Nur 
mittags und abends kamen sie ins Lager. 

Gegen Mittag des zweiten Tages war das Gebiet erreicht, in 

dem es gefährlich werden konnte. Es war ein bewaldetes Tal, 
von langgestreckten niedrigen Hügelketten umgeben. Hier 
begann das Gebiet der aufständischen Paiutes, und nicht weit 
von hier hatte der Überfall auf den letzten Siedlertreck 
stattgefunden. 

Zum Führer des Trecks war der Siedler ausgewählt worden, 

dessen Sattel im Drugstore des alten Bentley verkauft worden 
war. 

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„Sie haben uns drüben in dem Canon überfallen“, berichtete 

er Lex und Little Joe. „Ich schlage vor, wir fahren hier, auf 
dieser freien Fläche, unsere Wagenburg auf. Dann haben wir 
freies Schußfeld nach allen Seiten. 

Wenn wir nicht weiterziehen, müssen sie uns hier angreifen.“ 
Lex war damit einverstanden, und auch die Männer der 

Kampfgruppen hielten diesen Vorschlag für gut. 

„Wir können die Kanone in aller Ruhe zwischen den Wagen 

aufprotzen und auch die Pferde für eine eventuelle Verfolgung 
bereits satteln“, meinte einer der Männer. 

„Immer langsam“, lächelte Little Joe. „Wir wissen nicht, in 

welcher Stärke sie uns angreifen. Ich nehme an, die Führer der 
weißen Banditen haben sich in New Virginia City 
niedergelassen. Dort werden wir einmal nachschauen. Vor 
allen Dingen müssen wir feststellen, wo sich die Indianer 
aufhalten, Angreifen werden sie in den nächsten 
vierundzwanzig Stunden auf keinen Fall, denn sie warten 
vermutlich darauf, daß der Treck weiterzieht.“ 

Hoss trug auch Frauenkleider, aber er hatte dabei seinen Hut 

auf. Er war damit beschäftigt, an der Feldküche eine Portion 
Bohnen mit Speck zu verdrücken. 

„Na, Oma, der Hut paßt aber schlecht zu der eleganten 

Robe“, grinste Little Joe. „Du mußt ein Häubchen aufsetzen, 
Dickerchen.“ 

„Mir langt es schon, in diesem Fummel herumzulaufen“, 

erwiderte Hoss unwillig. „Wenn wir sowieso jetzt hierbleiben, 
ziehe ich die Klamotten aus.“ 

„Nur nicht“, erwiderte Lex. „Gerade jetzt sind sie wichtig. Ihr 

werdet bestimmt beobachtet, und ein Treck ohne Frauen ist 
verdächtig.“ 

„Und das Kleid steht dir vor allen Dingen so gut“, lächelte 

Little Joe und musterte seinen Bruder. „Du siehst wie eine 
Dame aus, die – etwas Kleines erwartet.“ 

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Er konnte der Portion Bohnen mit Speck, die Hoss nach ihm 

schleuderte, nur durch einen schnellen Sprung entgehen. 

Nachdem Little Joe und Lex gegessen hatten, schwangen sie 

sich auf ihre Pferde, um zu dem Erkundungsritt aufzubrechen. 
Sie wollten zuerst nach New Virginia City. Dort konnten sie 
bei dem alten Sherman vielleicht etwas erfahren und ihm 
gleichzeitig auch mitteilen, daß seine zwanzig Rinder 
unterwegs waren. 

„Seht euch aber vor“, warnte Hoss. In seinem Gesicht stand 

Sorge. „Am liebsten würde ich mitreiten.“ 

„Keine Sorge, uns passiert schon nichts“, lachte Little Joe. 

„Vor morgen früh sind wir bestimmt nicht zurück.“ 

Die Siedlung New Virginia City lag abseits des Gebietes, das 

von den aufständischen Paiutes beherrscht wurde. Es war ein 
Ritt von wenigstens vier Stunden. Trafen sie unterwegs aber 
Indianer, wollten sie sofort umkehren. 

Nachdem sie einen Höhenrücken überwunden hatten, lag 

freies Gelände vor ihnen. Liebliche Täler lagen zwischen 
grünen Hügelketten. Hoch stand die Sonne am wolkenlosen 
Himmel. Das entsicherte Gewehr quer über den Sattel gelegt, 
so ritten sie weiter. Unangefochten durchquerten sie das Tal 
und hatten drei Stunden später den Fuß der nächsten 
Hügelkette erreicht. Es war die Zeit, da sich das Land in den 
blauen Schimmer der Dämmerung hüllte. Little Joe, der seinen 
Blick über die Hügelkette schweifen ließ, fuhr plötzlich 
zusammen und ritt sofort in die Deckung eines Gebüsches. Lex 
folgte ihm. 

Auf der Kuppe des Hügels vor ihnen waren zwei Reiter 

aufgetaucht. Deutlich erkannten Little Joe und Lex zwei 
Indianer mit wehendem Federschmuck. Bewegungslos starrten 
die Rothäute ins Tal herab und waren plötzlich wieder 
verschwunden. 

„Ob sie uns entdeckt haben?“ fragte Little Joe. 

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„Darauf würde ich es nicht ankommen lassen“, erwiderte 

Lex. „Los, machen wir uns davon. Vielleicht hetzen sie uns 
eine ganze Meute auf den Pelz.“ 

„Wir wollen versuchen, die Siedlung zu erreichen“, schlug 

Little Joe vor. „Bis dorthin sind es höchstens noch drei Meilen. 
Zurück zum Lager ist es jetzt zu weit.“ 

Sie trieben ihre Pferde an und jagten in gestrecktem Galopp 

der seitlich von ihnen liegenden Hügelkette zu. Bald hatten sie 
die Anhöhe erreicht. Unter ihnen lagen die Häuser der 
Siedlung als dunkler Fleck, durch den sich wie ein heller 
Streifen die Straße zog. 

„Das wäre geschafft“, sagte Little Joe froh. „Hoffentlich hat 

Sherman einen guten Whisky im Hause. Ich könnte jetzt einen 
gebrauchen.“ 

„Es brennt nirgendwo Licht“, stellte Lex verwundert fest. 

„Weißt du, mir kommt das verdammt komisch vor. So spät ist 
es doch noch nicht.“ 

Vorsichtig ritten sie auf dem schmalen Serpentinenpfad nach 

unten und erreichten die Straße, die in die Siedlung führte. 

Lex hielt sein Pferd an. „Na, komm“, sagte er dann. „Aber 

ich wette mit dir, daß sich keine Seele in dieser Siedlung 
befindet. New Virginia City ist eine Geisterstadt.“ 

So war es auch. Die Siedlung war von ihren Bewohnern 

verlassen worden. Alle Häuser standen leer, die 
Fensterscheiben waren zerbrochen, und die Türen hingen lose 
in den Angeln. In den Häusern lag das Mobiliar zerschlagen 
am Boden, was darauf hindeutete, daß hier gekämpft worden 
war. Offenbar hatten Indianer die Siedlung vor noch nicht 
langer Zeit überfallen. Brandspuren an den Häusern deuteten 
ebenfalls darauf hin. 

Da es jetzt schnell dunkel wurde, suchten sich die Männer ein 

Quartier. Sie fanden es im Schankraum des Saloons. Dort war 
der Ofen noch in Ordnung, und sie fanden auch zwei 

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Matratzen für ein weiches Nachtlager. Auf der offenen 
Herdstelle in der Küche bereiteten sie sich ihr Abendbrot und 
hüllten sich, nachdem sie auch die Pferde versorgt hatten, in 
ihre Decken. Sie hatten die Pferde mit in den Schankraum 
genommen, um vor Überraschungen sicher zu sein. 

Am nächsten Morgen brachen sie schon früh auf, um so 

schnell wie möglich das Lager zu erreichen. Bei diesem Ritt 
zurück mußten sie sehr vorsichtig sein. Wo befanden sich die 
Rothäute, deren Anführer sie gestern gesehen hatten? 

Auf dem ersten Höhenzug, den sie überquerten, zügelte Lex 

plötzlich sein Pferd. „Da sind sie! – Indianer!“ Er sprang aus 
dem Sattel. 

Little Joe glitt ebenfalls aus dem Sattel und kroch zum Rand 

eines Felsens. Sofort war Lex neben ihm. 

Kaum zwanzig Meter unter ihnen ritten die Indianer vorbei. 

Es waren etwa einhundert Paiutes auf ungesattelten Pferden. 
Alle trugen Gewehre und Patronengurte um die Schultern. Die 
Anführer, zwei hochgewachsene Indianer, trugen die 
Federhaube von Häuptlingen. Das war ohne Zweifel die 
gesamte Schar der aufrührerischen Paiutes. Gegen sie konnte 
der Graue Wolf mit seinen mit Pfeil und Bogen bewaffneten 
Kriegern wirklich nichts ausrichten. 

„Dann werden sie unser Lager bei Dämmerung angreifen“, 

flüsterte Little Joe. „Wir müssen sofort zurück und unsere 
Leute warnen. Ich bin nur gespannt, wie viele weiße Banditen 
noch zu ihnen stoßen werden.“ 

Sie wollten zu ihren Pferden, doch da standen vier 

kriegsbemalte Paiutes und hatten ihre Gewehre auf sie 
gerichtet. Bevor sie zu den Waffen greifen konnten, wurden 
Lex und Little Joe von mehreren Indianern, die plötzlich aus 
einem Gebüsch sprangen, zu Boden geworfen und gefesselt. 

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„Na, dann wäre für uns wohl Feierabend“, stieß Lex wütend 

durch die Zähne. „Was sollen wir gegen diese Burschen 
ausrichten?“ 

Die Indianer führten sie zu ihren Pferden. Sie mußten 

aufsitzen. Nach einem kurzen Ritt erreichten sie einen 
Talkessel mit Spitzzelten. Auch hier befanden sich noch etwa 
zwanzig bewaffnete Paiutes, die der Lagerwache angehörten. 

Nachdem die Indianer die Fesseln ihrer Gefangenen noch 

einmal überprüft hatten, führten sie Little Joe und Lex in ein 
Zelt und bedeuteten ihnen, sich dort niederzulassen. Ein Mann 
blieb als Wache vor dem Zelt zurück. 

„Ich wundere mich nur, daß sie uns nicht sofort umgebracht 

haben“, sagte Little Joe. „Es ist gar nicht ihre Art, auf 
Kriegspfad Gefangene zu machen.“ 

„Das wundert mich auch“, nickte Lex. „Sicher haben sie aber 

ihre Gründe dafür.“ 

Den Grund sollten sie auch sehr schnell erfahren. Ein 

mehrmaliges hartes Pfeifen zog durch die Luft, und dann 
brüllte eine Stimme: „Heraus mit euch, ihr Galgenvögel! Ich 
werde euch die Seele aus dem Körper peitschen, wenn ihr mir 
nicht Rede und Antwort steht.“ 

Als Lex und Little Joe vor das Zelt traten, sahen sie dort 

einen schlanken Mann in einer schäbigen Westerntracht 
stehen. Der Kerl schwang eine schwere Bullpeitsche in der 
Hand. Im selben Moment ließ er jedoch die Hand mit der 
Peitsche sinken, und auf sein bärtiges Gesicht trat 
Überraschung. „Ich werde glatt verrückt, Little Joe!“ 

„Jerry“, brüllte Little Joe und stürzte auf den Bärtigen zu, um 

ihn zu umarmen. „Wie kommst du hierher?“ 

„Ich führe die tapferen Krieger des Grauen Wolfes gegen ihre 

aufsässigen Stammesgenossen und eine Handvoll weißer 
Banditen, nachdem ich sie mit Gewehren der Armee 
ausgerüstet habe“, lachte Jerry. „Aber diese Idee stammt von 

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deinem Vater. Er schickte mir einen Brief durch die Postreiter, 
und ich kam sofort zur Ponderosa, aber ihr wart damals auf der 
Suche nach Taifun. Dort haben wir das alles besprochen. Er 
hat doch recht, euer Vater. Anstelle der Strafexpedition, die 
schon vorgesehen war, konnte ich meinen Kommandeur dazu 
überreden, die Paiutes mit Waffen auszurüsten. Jetzt tragen sie 
alles unter sich selbst aus, und wir brauchen keinen Mann 
einzusetzen.“ 

„Und Pa hat uns nichts davon gesagt“, lachte Little Joe 

überglücklich. „Wir hatten schon geglaubt, es hätte uns 
erwischt.“ 

„Da kann ich nur froh sein, daß ich Befehl gab, mir jeden 

Weißen vorzuführen. Ich dachte schon, sie hätten mir zwei der 
Galgenvögel aufgespürt.“ 

„Das ist Major Jerry Cox von der ersten Kavallerie-

Division“, stellte Little Joe Lex den Freund vor. „Wieder 
einmal sozusagen in geheimer Mission, wie damals, als es um 
Lafitte und seine Bande ging. Ich erzählte dir davon.“ 

„Dann kenne ich Sie schon, Major“, sagte Lex und reichte 

Jerry die Hand. „Sie sind der berühmte Banjomann, von dem 
Hop Sing noch immer erzählt, nicht wahr?“ 

Jerry lachte aus vollem Halse, wurde dann aber sofort wieder 

ernst. „Ihr seid mit dem Treck auf dem Weg zum Canon, 
stimmt’s?“ 

„Wir haben kurz vor dem Canon das Lager aufgeschlagen“, 

antwortete Little Joe. „Aber woher weißt du das?“ 

„Die Ausreise des Trecks wurde mir von deinem Vater in 

einem Brief bekanntgegeben, den mir ein Postreiter brachte. 
Euch dient der Treck als Lockmittel und uns ebenfalls. Werdet 
ihr angegriffen, greift Tenaque mit seinen Kriegern in den 
Kampf ein, und das dürfte das Ende der indianischen Rebellen 
und der weißen Banditen sein. Es wird wieder Ruhe in diesem 
Gebiet herrschen.“ Jerry sah sich um, denn zwei Indianer ritten 

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heran. Sie redeten in ihrer Sprache auf ihren weißen Anführer 
ein, und Jerry antwortete ihnen in gleicher Weise. 

Während die Indianer aus dem Lager preschten, wandte sich 

Jerry wieder den Freunden zu. „Die Kundschafter berichten, 
daß sich die Indianer-Rebellen mit den weißen Banditen in der 
Nähe des Canons sammeln. Sie werden bestimmt noch im 
Laufe des Nachmittags angreifen. Tenaque ist mit seinen 
Kriegern bereits dorthin unterwegs.“ Er schlug Little Joe vor, 
schnellstens zum Treck zurückzureiten, um die Leute zu 
unterrichten. Er würde mit dem Rest der Indianer das Lager 
der weißen Banditen einkreisen. Für die Festnahme der 
Burschen sei er seinem Kommandeur verantwortlich. 

So schwangen sich Little Joe und Lex schnellstens auf ihre 

Pferde, um die Nachricht zum Treck zu bringen. 
 
 
Der Treck war schon am vergangenen Tag zu einer 
Wagenburg aufgefahren worden. Man hatte unter den Wagen 
sogar Schutzwälle aufgeworfen und die Kanone in Richtung 
des Canons in Stellung gebracht. Mit Wasser gefüllte Eimer 
standen bereit, um Brände löschen zu können. Denn Indianer 
griffen, auch wenn sie Gewehre hatten, gern mit brennenden 
Pfeilen an, um Verwirrung zu stiften. In der vergangenen 
Nacht und bis zur Stunde hatte sich nichts Bemerkenswertes 
ereignet. Zwei Männer waren zu einer Patrouille losgeschickt 
worden, damit man vor Überraschungen sicher war. 

In der Wagenburg herrschte beste Stimmung. Die Männer 

foppten diejenigen, die Frauenkleider trugen und sich ab und 
zu vor der Wagenburg zeigen mußten. Man war sicher, daß die 
Wagenburg längst beobachtet wurde. Gewehre und Munition 
lagen bereit, und jedem der Männer war ein Platz hinter dem 
Schutzwall angewiesen worden. 

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Seit dem frühen Morgen war Hoss in Sorge. Er hatte das 

Kleid ausgezogen und hockte mißmutig, das Gewehr über den 
Knien, auf dem Kutschbock eines Planwagens. Immer wieder 
suchte er mit den Augen die Gegend ab, aber sein Bruder und 
Lex waren noch nicht zu erspähen. So war er es, der zuerst das 
reiterlose Pferd sah, das auf die Wagenburg losstürmte. Hinter 
ihm tauchte bald darauf ein Reiter auf, der mehr im Sattel hing 
als saß. Es war die ausgeschickte Patrouille, die auf Indianer 
gestoßen war. Einer der Männer war gefallen, der andere durch 
einen Schuß schwer verwundet. Er berichtete, die Indianer 
sammelten sich in der Nähe des Canons zum Angriff. 

„Da – zwei Reiter!“ rief plötzlich jemand. 
Sofort war Hoss neben ihm. Er erkannte zu seiner Freude 

Little Joe und Lex und öffnete den schmalen Durchlaß in die 
Wagenburg. Sekunden darauf sprangen die Freunde von den 
Pferden. 

Hoss wollte zuerst gar nicht glauben, was sein Bruder 

berichtete. „Dann hat sich Pa mit Jerry ohne unser Wissen in 
Verbindung gesetzt?“ 

Little Joe nickte. „Ja, und ich muß sagen, daß seine Idee 

großartig war. Jetzt tragen die Paiutes alles unter sich aus. Es 
kommt keine Strafexpedition, und der Graue Wolf ist der 
Armee noch dankbar, daß sie ihm die Möglichkeit dazu bot. 
Vielleicht muß Jerry die Waffen später wieder abgeben. Ich 
weiß es nicht.“ 

Mit dem Niedergehen der Sonne hinter den fernen 

Hügelketten trug der Wind plötzlich ein markerschütterndes 
„Hiiiiii…“ an das Ohr der Männer. 

Sofort stürmte alles an die Schutzwälle. 
Über dem nächsten Hügel wurde ein wehender Federbusch 

sichtbar, daneben ein Cowboyhut. Der Indianer hob die Hand, 
und rechts und links neben den beiden Reitern preschten die 
Rothäute auf ihren kleinen, struppigen Pferdchen hervor. 

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„Erst herankommen lassen!“ brüllte Lex und ließ kein Auge 

von den anstürmenden Indianern, die sich auf etwa hundert 
Meter näherten und die Wagenburg in einem großen Bogen 
umritten. Alle hielten ein Gewehr in den Händen, aber noch 
fiel kein Schuß. Jetzt galoppierte eine neue Gruppe heran. 
Diese Indianer waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Ihre 
Pfeile trugen an der Spitze eine brennbare Masse aus Harz und 
Federn. Ihre Aufgabe bestand darin, die Zeltplanen der Wagen 
in Brand zu schießen. 

Der Führer der Siedler gab das Zeichen zur Verteidigung. 

Eine Gewehrsalve peitschte in die Reihen der Rothäute, und 
der Kanonier löste den ersten Schuß. Er ließ in dem Ring der 
Indianer eine Dreckfontäne hochspritzen. Die Wirkung, die 
sich alle von dem Einsatz der Kanone versprochen hatten, 
blieb aber aus. Das Geschrei der durch Alkohol angestachelten 
Rothäute wurde immer gellender und der Umkreisungsring 
immer enger. Noch ahnten die Angreifer die Falle nicht. 

Hoss nahm immer wieder die Angreifer aufs Korn; dabei 

warf er oft einen Blick zu der Seite, an der Little Joe und Lex 
im Verteidigungsring lagen. Auch sie schossen, was die Läufe 
hergaben. 

Der Erfolg war, daß bald einige reiterlose Pferde aus der 

Reihe der Rothäute ausbrachen. Auch der zweite 
Kanonenschuß lichtete die Reihen der Angreifer. Immer mehr 
reiterlose Pferde durchbrachen den Ring. Die Stimmung der 
Verteidiger stieg, bis sie plötzlich merkten, daß die von den 
Pferden gefallenen Indianer keineswegs getroffen waren, 
sondern sich der Wagenburg kriechend zu nähern versuchten. 
Man war auf eine List hereingefallen. Überall krochen 
Rothäute, jede Unebenheit als Deckung benutzend, heran. Bald 
surrten die ersten Brandpfeile gegen die Wagen. 

Hoss wurde blaß, als er die Gefahr erkannte. Geschmeidig 

wie Schlangen wanden sich die Indianer durch das kniehohe 

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Gras. Voll Schreck sah er plötzlich drei Paiutes innerhalb der 
Wagenburg. Sie mußten neben dem brennenden Wagen 
eingedrungen sein. Unter den Feuerstößen seines Colts brachen 
die Rothäute zusammen. Doch schon wurde das schrille 
„Hiiiiii…“ von der anderen Seite der Wagenburg hörbar. Dort 
wehrten sich Little Joe und zwei Siedler gegen eine Übermacht 
der Roten. 

Während Hoss seine Colts abfeuerte, erhob sich plötzlich 

seitlich von ihm ein riesiger Paiute, den Tomahawk in der 
Hand. Wild warf sich Hoss zurück und richtete seinen Colt auf 
die angreifende Rothaut. Der Bolzen schlug jedoch gegen die 
leergeschossenen Hülsen. Schon holte der Indianer zum Schlag 
aus, da sprang ihm Lex auf den Rücken und riß ihn zu Boden. 

Little Joe merkte, daß die Indianer plötzlich zurückwichen, 

ihre Pferde einfingen und davonstürmten. Da wehte ihm der 
Wind ein erneutes wildes „Hiiiiii…“ zu. 

Weit hinten stürmte in breiter Front Tenaque mit seinen 

Kriegern heran. Allen voraus der Häuptlingssohn, in der 
Linken ein Gewehr und in der Rechten den Tomahawk 
schwingend. In wilder Jagd nahm der Hauptstamm der Paiutes 
die Verfolgung der flüchtenden Rebellen auf. 

Als die Nacht hereinbrach, brannte inmitten der Wagenburg 

ein lodernder Holzstoß. In seinem Schein verkündete Tenaque 
den Sieg seines Stammes über die Rebellen. 

Etwas später traf Jerry Cox mit dem Rest der Paiutes ein. Sie 

brachten eine Reihe weißer Banditen mit, die zur Aburteilung 
nach Fort Grenwell gebracht werden sollten. Die meisten der 
weißen Banditen, unter ihnen auch Montano und Finlay, waren 
von den Indianern erschossen worden. Wie Jerry erklärte, 
waren Montano und Finlay erst gestern in dem Lager der 
Weißen eingetroffen, um die Indianer zum Angriff gegen den 
Treck zu mobilisieren. 

„Und wo ist das Gold gefunden worden?“ fragte Little Joe. 

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„Unweit des neuen Siedlungsgebietes“, erklärte Jerry. „Dort 

befand sich auch das Lager. Es handelt sich um einen alten 
Stollen, in dem früher schon einmal Digger gegraben haben. 
Ob es sich um einen ergiebigen Fund handelt, muß eine 
Untersuchungskommission feststellen.“ 

„Jedenfalls war das Gold die Ursache der ganzen Unruhen“, 

sagte Little Joe. „Es begann mit dem Mord an dem Mann, der 
den Claim in Virginia City anmelden wollte. Sein Mörder 
verbündete sich mit Montano und Finlay, um diesen Claim für 
sich auszubeuten. Mit Hilfe der Indianer gelang es ihnen, die 
Siedler aus diesem Gebiet zu vertreiben und es zu einem 
Unruheherd zu machen.“ 

„Dann fehlt uns also noch einer?“ fragte Jerry. 
Little Joe nickte. „Der Urheber dieser ganzen Geschichte, 

aber wir wissen bereits, wer es ist. Hoffentlich kommen wir 
noch zur rechten Zeit zurück, um seine Flucht zu vereiteln.“ 

Ben Cartwright hatte sich den Bericht seiner Söhne angehört. 

Er war sehr zufrieden, daß Major Cox auf seinen Vorschlag 
eingegangen war und die Paiutes bewaffnet hatte. 

„Die Idee war aber auch wirklich gut, Pa“, sagte Hoss. „Nur 

hättest du uns in den Plan einweihen müssen.“ 

„Aber ich wußte doch gar nicht, ob Jerry seine Dienststelle 

dazu überreden konnte, die Paiutes zu bewaffnen“, erwiderte 
Ben Cartwright. „Ich bin überzeugt, ihr selbst hättet mich 
zuerst einmal für verrückt erklärt. Aber es war wirklich die 
beste Lösung.“ Er nahm seinen Hut. „Und nun kommt! – Jetzt 
wollen wir uns einmal um Richter Rickers kümmern. Er hat 
bereits gestern sein Konto bei der State-Bank in Carson City 
und Angelus abgehoben.“ 

Als sie aus dem Haus kamen, trabte Lex auf Taifun vorbei. 
„Nun, was macht er?“ fragte Ben Cartwright. 
„Er macht das Rennen“, lachte der Schnauzbärtige. „Ich habe 

wirklich noch nie ein so gutes Pferd geritten. Die zehntausend 

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Dollar sind Ihnen so gut wie sicher, besonders, nachdem jetzt 
Montanos Ben Hur ausfällt. Er ist aus dem Rennen gezogen 
worden, denn Sheriff Coffee hat sämtlichen Besitz von 
Montano und Finlay beschlagnahmt.“ 

„Und Cora Orton?“ 
„Die kann eigentlich nur Little Joe gefährlich werden“, 

grinste Lex und brauste davon. 

Vor dem Büro des Richters stand Ben Turner, der 

Hilfssheriff. Er kam sofort auf die Cartwrights zu, als diese 
von den Pferden stiegen. 

„Er ist noch im Büro“, sagte er zu Ben Cartwright. „Ich habe 

ihn keinen Augenblick aus den Augen gelassen.“ 

„Okay, Ben! – Dann wollen wir mal!“ 
Im Büro sah Mr. Melbers, der Bürovorsteher, etwas 

überrascht auf, als die Cartwrights eintraten. 

„Sie haben gestern in Carson City und Angelus alles Geld 

vom Konto des Richters abgehoben“, begann Cartwright. 
„Hatten Sie von Richter Rickers den Auftrag dazu?“ 

„Ja, natürlich“, erwiderte Melbers. „Was veranlaßt Sie zu 

dieser Frage?“ 

„Ich soll sie im Auftrag von Sheriff Coffee an Sie stellen und 

fragen, wo sich Richter Rickers befindet“, sagte Ben 
Cartwright. „Er war der Komplice von Montano und Finlay. 
Sicher wissen Sie, was man in der Stadt erzählt, nachdem der 
Treck zurückgekommen ist.“ 

„Ich weiß“, nickte Melbers. „Aber ich kann das alles nicht 

glauben. Ich habe ihm das Geld gestern abend übergeben. Er 
ist dann fortgeritten.“ 

„Und wohin?“ 
„Das entzieht sich meiner Kenntnis.“ Melbers überlegte eine 

Weile. „Ja, wenn ich es so überdenke, sah tatsächlich alles 
nach einer Flucht aus. Er hat die Eintragung des Claims im 
Hauptbuch gestrichen… Sollte er tatsächlich mit Montano und 

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Finlay gemeinsame Sache gemacht haben? Ich möchte sagen, 
jetzt bin ich fast sicher.“ 

„Ausgezeichnet, Mr. Melbers“, erwiderte Ben Cartwright. 

„Und Sie wissen wirklich nicht, wo sich der Richter aufhält?“ 

„Tut mir leid!“ Melbers hob die Schultern. „Ich habe ihn bis 

zu dieser Stunde nicht wieder gesehen.“ 

„Dann bitte ich Sie, das dem Sheriff persönlich mitzuteilen. 

Er will das Fahndungsblatt ausstellen und benötigt Ihre 
Angaben.“ 

„Dazu bin ich natürlich gerne bereit“, nickte Melbers. 
In der Sheriffstation grinste Coffee etwas komisch, als die 

Cartwrights mit Melbers eintraten. Little Joe merkte es sofort, 
und er wußte nicht, was er davon halten sollte. Der Sheriff war 
nie sehr humorvoll. 

Melbers machte seine Angaben zur Person Richter Rickers’. 

Er erklärte, daß er das Geld für ihn abgehoben habe und daß 
Rickers vermutlich geflohen sei. Er kam dabei auch noch 
einmal auf die Streichung des angemeldeten Claims zu 
sprechen und meinte, das sei für einen Verdacht gegen Richter 
Rickers maßgebend. 

Coffee nickte dazu, machte einige Notizen und nahm 

schließlich das Blatt zur Hand. „Ich lese Ihnen jetzt mal Ihre 
Aussage vor“, sagte er dann. 

„Bitte“, nickte Melbers. 
Der Sheriff las: „Ich, der Bürovorsteher Henri Melbers, gebe 

folgendes zu Protokoll: Als mir ein gewisser Hamilton am 
vierundzwanzigsten November einen Claim anmeldete, habe 
ich die Eintragung zwar vorgenommen, doch sofort wieder 
gestrichen. Ich konnte Montano und Finlay dazu bewegen, mit 
mir gemeinsam den Claim auszubeuten. Dabei kamen wir auf 
die Idee, die Indianer für unsere Zwecke zu gewinnen, um das 
Gebiet von Siedlern freizuhalten…“ 

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„Moment mal!“ Melbers war aufgesprungen. „Das habe ich 

doch nie gesagt, das wäre doch völliger Unsinn…“ 

Ben Turner, der Hilfssheriff, hatte plötzlich seinen Colt in der 

Hand. „Setzen Sie sich, und hören Sie weiter zu.“ 

Melbers ließ sich mit einem verzerrten Lächeln wieder auf 

den Stuhl zurücksinken. 

Der Sheriff las weiter: „Als ich vorgestern von dem 

gescheiterten Überfall auf den Treck erfuhr, lud ich Richter 
Rickers unter einem Vorwand zu einem Ritt in die Berge ein 
und erschoß ihn dort, um einen unbequemen Mitwisser, den 
ich mir nur durch Drohungen gefügig gemacht hatte, 
loszuwerden. Da Rickers ein sehr ängstlicher Mensch ist, 
gelang es mir immer wieder, ihn von einer Aussprache mit 
dem Sheriff abzuhalten, zumal mir auch Montano zur Seite 
stand. Bei Montano hatte Rickers Spielschulden, die aber nur 
durch unreelle Manipulationen entstanden waren…“ 

„Sie müssen verrückt sein“, brüllte Melbers aufgebracht. 

„Wenn Sie so verrückt sind, mich anzuklagen, müssen Sie mir 
das erst einmal beweisen.“ Er lachte verzerrt. „Montano und 
Finlay sind tot.“ 

„Aber ich lebe“, sagte plötzlich eine Stimme. 
Alle wandten sich um und sahen in der Tür zum Haftraum 

Richter Rickers stehen. Er trug einen Verband um den Kopf. 

Melbers starrte ihn mit großen Augen an. 
„Tja“, sagte Sheriff Coffee. „Als mir Mr. Cartwright von der 

Austragung des Claims berichtete, ließen wir Richter Rickers 
keinen Moment unbeobachtet. Ben Turner und ich waren 
Zeugen, als Sie auf ihn schossen. Er stürzte in die Schlucht, 
aber Sie hatten ihn nur verwundet. So fanden wir ihn.“ 

Melbers war auf seinem Stuhl zusammengesunken. 
Sheriff Coffee trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die 

Schulter. „Melbers, ich verhafte Sie wegen Mordes an dem 
Digger Hamilton sowie wegen Anstiftung zum Aufruhr.“ 

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Das Rodeo hatte begonnen. Die Preise im Zureiten von 

Wildpferden und im Einfangen von Jungstieren waren bereits 
vergeben. Jetzt stand noch das große Derby bevor. Von allen 
Pferden, die gemeldet worden waren, kamen zwölf in die 
Ausscheidung, darunter waren auch Taifun und Cora Ortons 
Apfelschimmel Pascha. 

Am Tag des Derbys traf Besuch auf der Ponderosa ein. Es 

waren Jerry Cox und sein Kommandeur. 

„Oberst Monster möchte Sie kennenlernen“, sagte Jerry, als 

er seinen Vorgesetzten vorgestellt hatte. 

„Ja, Mr. Cartwright“, meinte der Oberst. „Ich muß den Mann 

kennenlernen, der uns einen so ungewöhnlichen Vorschlag 
machte.“ 

„Die Paiutes zu bewaffnen?“ lachte Ben Cartwright. „Darin 

sehe ich nichts Ungewöhnliches. Es klappte doch – oder?“ 

„Natürlich“, bestätigte der Oberst. „Aber für uns Militärs ist 

ein solcher Vorschlag geradezu absurd. Wir wissen nicht, wie 
die Indianer schon morgen denken. Wir müssen immer mit 
Überraschungen rechnen.“ 

„Das Experiment hat Ihnen aber doch gezeigt, daß die 

Indianer ein Vertrauen rechtfertigen“, erwiderte Ben 
Cartwright. „Man kann mit ihnen reden, wenn man sie als 
Menschen behandelt und nicht als böse Wilde, die immer 
darauf bedacht sind, sich den Skalp eines Weißen an den 
Gürtel zu hängen. Die Strafexpeditionen sind der größte 
Fehler, den die Armee machen kann. Werden die Indianer 
aufsässig, so stecken, wie auch in unserem Falle, stets Weiße 
dahinter.“ 

In der Tür zur Küche tauchte Hop Sing auf. Er tanzte von 

einem Bein auf das andere. „Sie kommen!“ brüllte er. „Und 
Taifun hat Spitze!“ 

„Was ist los?“ fragte Jerry. 

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„Die Derbystrecke geht an unserem Haus vorbei“, erklärte 

Cartwright. „Mr. Lex reitet ein Pferd von uns. – Kommen Sie, 
sehen wir uns das einmal an!“ 

Sie gingen zur Straße, und bald darauf wurden die Reiter in 

der Krümmung sichtbar. Allen voraus Lex auf Taifun mit einer 
Länge Vorsprung. 

„Nicht mehl zu schlagen!“ brüllte Hop Sing. „Meine Dollals 

viele Kindel kliegen!“ 

„Was meint er?“ fragte der Oberst. 
Cartwright lächelte. „Er hat auf Taifun gewettet.“ 
Ben Cartwright wunderte sich, Cora Ortons Apfelschimmel 

nicht im Feld zu sehen. Cora hatte ihm gestern abend noch 
erklärt, sie werde auf jeden Fall, auch als einzige Dame, das 
Derby mitreiten. Während er noch überlegte, sah er Pascha in 
der Krümmung kommen. Daneben ging Cora hinkend und 
hielt ihn am Zügel. 

Ben Cartwright und Jerry liefen ihr entgegen. 
„Er – er hat mich abgeworfen“, schluchzte Cora. „An dem 

Wäldchen, kurz vor der Krümmung, scheute er, und ich war 
nicht darauf vorbereitet.“ 

„Das tut mir aber wirklich leid“, tröstete sie Ben Cartwright. 
„Ach, halb so schlimm“, erwiderte das Mädchen. „Ich mag 

Lex viel zu gut leiden, als daß ich ihm den Sieg nicht gönnte. 
Ich war sowieso hinter ihm.“ 

Die Männer geleiteten sie ins Haus, und Hop Sing wurde 

beauftragt, einen Drink zu servieren. 

Nach dem Drink verabschiedete sich Oberst Monster. „Ich 

wollte Sie wirklich nur einmal kennenlernen und muß noch 
heute zum Fort zurück. Dafür habe ich aber Major Cox einige 
Tage Urlaub gegeben“, sagte er zu Ben Cartwright, der ihn 
zum Bleiben aufforderte. „Und das hat er wirklich nur Ihnen 
zu verdanken.“ 

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Zwei Stunden später trafen auch die glückstrahlenden Sieger 

ein. Taifun hatte mit einer Länge Vorsprung vor dem zweiten 
Pferd der Ponderosa, Sandra, die Ben Hawkins geritten hatte, 
gesiegt. 

Nach der Begrüßung Jerrys widmete sich Hoss nur noch Cora 

Orton, die mit ihrem verletzten Bein auf dem Sofa lag. 

„Er hat bestimmt einen kleinen Dachschaden“, erklärte Little 

Joe. „Coralein hin, Coralein her! – Schau dir nur sein 
Vollmondlächeln an!“ 

„Ach, er ist doch nur verliebt“, meinte Jerry. 
„Aber er glaubt auch, daß Eichhörnchen sprechen können.“ 
In diesem Moment rief Hoss vom Sofa her: „Daß wir 

gewinnen würden, haben mir heute morgen schon die 
Eichhörnchen gesagt, Little Joe. – Freust du dich darüber?“ 

Little Joe sah Jerry an und tippte sich wortlos gegen die Stirn. 

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Ausklang 

 
 
 

Auf der Ponderosa wurde der Sieg Taifuns gefeiert. Zu diesem 
Fest hatten sich auch Mr. Orton und Cora eingefunden. Das 
Mädchen saß zwischen Hoss und Little Joe auf dem Sofa und 
ließ die schmachtenden Blicke des Dicken über sich ergehen. 

Hop Sing wartete mit einem vorzüglichen Essen auf, und der 

dazu gereichte Wein war einer der besten Sorten aus dem 
Keller der Ponderosa. 

Jerry Cox trug die Majorsuniform der Kavallerie-Division. 

Sie flößte Hop Sing ungeheure Achtung ein. Ihm gefiel Jerry 
viel besser in seiner alten Westerntracht. Dann war er für ihn 
der alte „Banjomann“. Zwar hing das Banjo, das ihm Jerry 
geschenkt hatte, in seiner Kammer, aber in Anbetracht der 
Uniform wagte er nicht, Jerry zum Spielen aufzufordern. 

„Wenn wir jetzt ein Tänzchen machen könnten, Coralein“, 

schmachtete Hoss. „Vielleicht fragst du Jerry mal, ob wir das 
Banjo holen können.“ 

Das tat Cora, und Hop Sing bekam zu seiner größten Freude 

den Auftrag, das Instrument herbeizuholen. 

„Zuerst bin ich aber dran“, flüsterte Little Joe seinem Bruder 

zu. 

„Dann gebe ich sofort deine Verlobung mit Cora bekannt“, 

erwiderte Hoss grinsend. 

Diese Drohung ließ Little Joe sofort wieder auf das Sofa 

zurücksinken, und so tanzten Hoss und Cora nach den Klängen 
des Banjos, zu denen Jerry gekonnt die Melodie pfiff. Little 
Joe veranlaßte das, den Anwesenden zu erklären, sie sähen den 
Tanz eines Nilpferdes mit einer Gazelle, und alle lachten. 
Danach tanzte Little Joe mit Cora, und Mr. Orton meinte 

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augenzwinkernd zu Ben Cartwright, die beiden seien doch ein 
wirklich schönes Paar. Auch Lex versuchte auf krummen 
Reiterbeinen und mit hochgerecktem Kinn ein Tänzchen mit 
Cora, zu dem alle Anwesenden den Takt in die Hände 
klatschten. Er hatte sich zur Feier des Tages sein sauberstes 
Hemd angezogen, sein Schnurrbart war gestutzt und sein rotes 
Halstuch von Hop Sing gewaschen worden. So herrschte bald 
eine ausgelassene Stimmung, zu der vor allem Jerry mit der 
Darbietung heiterer Westernsongs beitrug. 

„Dieses Fest ist gleichzeitig aber leider auch ein 

Abschiedsfest“, sagte Ben Cartwright zu Mr. Orton. „Major 
Cox und Mr. Lex wollen uns Ende der Woche verlassen. Ich 
hätte Mr. Lex gerne hierbehalten, aber Major Cox bot ihm bei 
der Division eine Stelle als Kundschafter an.“ 

„Glauben Sie mir, ich fühlte mich hier auf der Ponderosa sehr 

wohl“, antwortete der Schnauzbärtige. „Aber ich muß mir jetzt 
mal wieder anderen Wind um die Nase wehen lassen. Das ist 
nun mal so bei mir.“ 

In der Tür stand Hop Sing und bat, für kurze Zeit auf den Hof 

gehen zu dürfen. Ein Landsmann sei gekommen, der ihm die 
Eichhörnchen abkaufen wolle. „Hoffentlich sie jetzt auch 
splechen“, meinte er. „Vielleicht wiedel etwas vellückt und 
nicht splechen.“ Damit rannte er hinaus. 

„Ich glaube, da muß ich dabeisein“, grinste Lex und erhob 

sich. „Hop Sing macht sonst bestimmt kein Geschäft.“ 

Little Joe sah seinen Bruder an. Er hielt es jetzt endlich für 

angebracht, ihn über die sprechenden Eichhörnchen 
aufzuklären. „Hast du schon gemerkt, daß Hop Sings 
Eichhörnchen nur sprechen, wenn Lex dabei ist?“ 

„Klar“, grinste Hoss zur größten Überraschung seines 

Bruders. 

„Und was schließt du daraus, du Hammel?“ 
Hoss zwinkerte mit den Augen. „Wie meinst du das?“ 

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„Weißt du, daß nur Lex die Stimmen macht?“ 
„Ja, klar“, grinste Hoss. „Eichhörnchen können doch nicht 

sprechen. Außerdem hatte ich das Plakat in Lex’

 

Kammer 

gefunden, als ich dort aufräumte.“ 

Little Joe sah ihn entgeistert an. „Und warum hast du…?“ 
„Weil ich dir eine Freude machen wollte. Weißt du, als 

Taifun plötzlich auch sprach, da wurde ich mißtrauisch.“ 

„Und da hast du mich die ganze Zeit über in dem Glauben 

gelassen…“ Little Joe fand einfach keine Worte mehr. 

„Du freutest dich doch immer so darüber“, lächelte Hoss. „Da 

konnte ich es einfach nicht übers Herz bringen, dir diese 
Freude zu nehmen.“ Er sah seinen Vater an. „Was, Pa? – Wie 
haben wir uns erst mal über unseren Kleinen gefreut.“ 

Alles lachte. 
Draußen verhandelte Hop Sing mit einem jungen Chinesen, 

als Lex aus dem Haus kam. Er hatte den Eichhörnchenkäfig 
auf der Treppe zur Küche stehen, und der junge Chinese legte 
immer wieder lauschend den Kopf an die Drähte. 

„Gut, Sie kommen, Mistel Lex“, wandte sich Hop Sing an 

den Schnauzbärtigen, „Sie wissen, meine Eichhölnchen 
splechen, nicht wähl? Sie können bestätigen.“ 

„Doch, doch“, nickte Lex. 
„Und zwanzig Dollal zuviel fül splechende Eichhölnchen?“ 
„Abel sie nicht splechen“, wandte der Chinese ein. 
„Doch, wir sprechen“, tönte ein feines Stimmchen plötzlich 

aus dem Käfig. „Aber wir wollen nicht verkauft werden. Wir 
möchten bei Hop Sing bleiben.“ 

„Na, du gehölt?“ fragte Hop Sing mit breitem Grinsen seinen 

Landsmann. „Ich nicht lügen!“ 

„Ja, wundelbal“, bestätigte der junge Chinese verblüfft. Er 

zog eilig die Geldscheine aus der Tasche und übergab sie Hop 
Sing. „Gekauft!“ 

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Als der junge Mann jedoch den Käfig aufnehmen wollte, 

tönte erneut das dünne Stimmchen: „Du hast uns also doch 
verkauft, Hop Sing. Das sollst du aber noch wissen: Zur Strafe 
sprechen wir ab sofort kein Wort mehr.“ 

Der junge Chinese sah erschrocken auf. 
„Tut mil leid“, erklärte Hop Sing achselzuckend. „Ich nicht 

dafül können, wenn sie nicht wollen. – Geschäft ist Geschäft!“ 

Lex hatte in diesem Moment den Verdacht, daß auch Hop 

Sing über alles genau im Bilde war. 
 
 
 

Ende 


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