background image

 

background image

 

Klappentext: 

 

Michele Wilkes ist Rettungssanitäterin, und sie liebt Ihren Job 
hinter dem Lenkrad der Ambulanz. Gemeinsam mit ihrem 
Kollegen Leonard Betts bildet sie ein Team, das schon mach 
aussichtslosem Fall das Leben gerettet hat. Doch dann kommt 
der Abend, an dem Michele einen heranrasenden 
Abschleppwagen übersieht. Leonard ist auf der Stelle tot. 
 
Als Leonards Leiche aus dem Kühlhaus des Hospitals 
verschwindet, schalten sich Mulder und Scully ein. Eine 
abenteuerliche Suche beginnt. Eine Suche, die sie an makabre 
Orte führt und zu ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden 
greifen läßt. Eine Suche, an deren Ende sich Mulders kühne 
Theorie zum Fall Betts zu bestätigen scheint, während Scully 
einer furchtbaren Gewißheit ins Auge blicken muß...

 

background image

 

Everett Owens 

 

 

 

Leonard Betts 

 
 

Roman 

 
 

auf Basis der gleichnamigen Fernsehserie 

von Chris Carter, nach einem Drehbuch von 

Vince Gilligan, John Shiban und Frank Spotnitz 

 
 
 

Aus dem Amerikanischen von 

Thomas Ziegler 

 
 
 

digitalisiert von Vlad 

 

background image

 

 
 
 
 

Erstveröffentlichung bei: 

HarperTrophy – A Division of HarperCollins Publishers, New York 

Titel der amerikanischen Originalausgabe: 

The X-Files – Regeneration 

 
 

The X-Files™ « 1998 by Twentieth Century Fox Film Corporation 

All rights reserved 

 

 
 

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme 

Akte X Novels – die unheimlichen Fälle des FBI. – Köln : vgs 

Bd. 14. Leonard Betts : Roman / Everett Owens. Aus dem Amerikan. von 

Thomas Ziegler. – l. Aufl. – 1999 

ISBN 3-8025-2596-5 

 
 
 

1. Auflage 1999 

© der deutschen Übersetzung 

vgs Verlagsgesellschaft, Köln 1999 

Coverdesign: Steve Scott Umschlaggestaltung der deutschen Ausgabe: 

Papen Werbeagentur, Köln © des ProSieben-Titel-Logos mit freundlicher 

Genehmigung 

der ProSieben Media AG 

Satz: ICS Communikations-Service GmbH, Bergisch Gladbach 

Druck: Clausen & Bosse 

Printed in Germany 

ISBN 3-8025-2596-5 

 
 
 

Besuchen Sie unsere Homepage im WWW: 

http://www.vgs.de 

background image

 

5

 

Der Krankenwagen des Pittsburgh City Hospitals raste mit 

flackerndem Blaulicht und schrillem Sirenengeheul den Hügel 
hinauf. Die Rettungssanitäterin  hinter dem Lenkrad, Michele 
Wilkes, steuerte das Fahrzeug routiniert durch den dichten 
Verkehr, scherte energisch nach links aus, dann wieder nach 
rechts. Trotz des Lärms und der Hektik um sie herum ließ 
Wilkes die Straße niemals aus den Augen  – eine Ange-
wohnheit, die ihr nach all den Jahren in diesem Job zur zweiten 
Natur geworden war. Sie wußte, daß sie in der Nacht von 
Freitag auf Samstag besonders vorsichtig sein mußte. Wilkes 
nahm das Funkmikrofon vom Halter und schaltete es ein. 

„Wir sind mit einem männlichen Herzanfall unterwegs, Alter 

zweiundsechzig. Geschätzte Ankunft zwölf Minuten“, meldete 
sie knapp. 

Die Zentrale antwortete ebenso bündig. „Verstanden, Ankunft 

in zwölf. Notteam steht bereit.“ 

Wilkes erlaubte sich einen Blick in den Rückspiegel. „Wie 

geht’s ihm, Leonard?“ 

Wilkes’ älterer Kollege, Leonard Betts, beugte sich im Fond 

des Krankenwagens über einen männlichen Schwarzen, dessen 
Herzschlag mit einem digitalen Herzmonitor überprüft wurde. 

„Er steckt bis zum Arsch im Alligator“, erwiderte Betts ruhig. 
Während er sprach, gab der Monitor eine Reihe von kurzen, 

durchdringenden Tönen von sich. Der Patient keuchte laut und 
schnappte dann nach Luft. Wilkes hörte, daß der Monitor wie 
rasend piepte. „Was ist los? Hat er einen Herzstillstand?“ 

Betts ignorierte die Frage, riß sich das Stethoskop vom Kopf 

und drückte sein Ohr an die Brust des Mannes. Zufrieden mit 
dem, was er hörte, wandte er sich wieder an seine Kollegin und 
gab Entwarnung: „Nein.“ 

Dann griff er in eine Schublade und nahm eine große 

background image

 

6

Subkutanspritze heraus. Er entfernte die Schutzkappe und stieß 
die Spritze in die Luftröhre des Mannes  – sofort pfiff Luft aus 
dem Röhrchen, und die Pieptöne des Monitors wurden wieder 
regelmäßig. Die Atmung des Patienten normalisierte sich. 

Wilkes hörte den regelmäßigen Signalton aus dem Fond und 

fragte sich, was gerade passiert war. „Was hast du gemacht?“ 
rief sie über ihre Schulter hinweg. 

Mit geübten Bewegungen befestigte Betts die Spritze mit 

einem Klebeband. Er ließ den Patienten keinen Moment aus 
dem Auge. „Ich habe seine Brust aspiriert“, entgegnete er dann. 
„Er hat einen Spannungspneumothorax, der auf sein Herz 
drückt. Es sah nur aus wie ein Herzanfall.“ 

Beeindruckt schüttelte Wilkes den Kopf. Es erstaunte sie 

immer wieder, daß Leonard selbst in den brenzligsten 
Situationen klang, als würde er einen verstauchten Zeh 
behandeln. 

„Gute Arbeit“, lobte sie. „Wie bist du darauf gekommen?“ 
Betts starrte so durchdringend auf seinen bewußtlosen 

Patienten, als könne er durch dessen Haut sehen. Schließlich 
murmelte er: „Weil er an Krebs stirbt. Er zerfrißt bereits einen 
Lungenflügel.“ 

Wilkes kannte die technische Ausstattung des 

Krankenwagens genau. Keines der Geräte konnte Leonard 
diese Information geliefert haben. 

„Woher weißt du das, Leonard?“ fragte sie mit verwundertem 

Kopfschütteln. 

Doch Betts antwortete nicht; er starrte weiter auf die Brust 

des Mannes. Wilkes drehte den Kopf und sah für einen 
Moment nach hinten. Sie wollte wissen, wie er es jedes Mal 
schaffte, im voraus die Diagnose zu stellen, die Stunden später 
von den Ärzten im Krankenhaus bestätigt wurde. Und so 
bemerkte sie nicht, wie die Ampel vor ihr von Grün auf Rot 
sprang. 

 

background image

 

7

Keith Talent haßte diese Art Job. Eine College-Party. Die 

Kids parkten auf der ganzen Länge der stillen Vorstadtstraße 
Stoßstange an Stoßstange. Wahrscheinlich würden außer 
seinem eigenen Abschleppwagen noch drei oder vier andere 
zur Stelle sein und die Miatas und Range Rovers davonkarren, 
die die Auffahrten der Nachbarn blockierten. Dies war bereits 
Talents dritter Einsatz, und beim letzten Mal hatte er seine 9-
mm-Automatik ziehen und einen dreisten Halbstarken 
vertreiben müssen, der um jeden Preis verhindern wollte, daß 
sein Jeep abgeschleppt wurde. Immerhin kam er jetzt zügig 
vorwärts. Er war diese Strecke schon so oft gefahren, daß er 
die Ampelphasen im Schlaf beherrschte  – bei Sechsundsechzig 
Kilometern pro Stunde brauchte er nicht einmal zu bremsen. 

Talent sah das Blaulicht einen Sekundenbruchteil, bevor der 

Krankenwagen auf die vor ihm liegende Kreuzung schoß. Er 
trat mit beiden Füßen auf das Bremspedal, doch er wußte, daß 
er zu schnell war. Im letzten Moment hieb Talent auf die Hupe. 

 
Als Wilkes die Autohupe hörte, warf sie ruckartig den Kopf 

herum. Die Scheinwerfer des Abschleppwagens tauchten  die 
eine Hälfte ihres Gesichts in grelles Licht, und bevor sie noch 
reagieren konnte, krachten die beiden Fahrzeuge aufeinander. 
Die Wucht des Aufpralls zerfetzte Metall und Fleisch wie eine 
Bombenexplosion. Der Krankenwagen wurde an der Seite 
getroffen, rutschte in einem Schauer von Glasscherben über die 
Straße und prallte schließlich gegen einen Laternenpfahl, der 
halb aus seinem Sockel gerissen wurde. Der Lampenaufsatz 
schwankte. Dann sackte er nach unten und erhellte die Kabine 
des Abschleppwagens, in der Keith Talent bewußtlos über dem 
Lenkrad hing. 

Benommen stieß Wilkes die Tür des Wagens auf und 

stolperte nach draußen. Von einer tiefen Stirnwunde tropfte 
Blut auf ihre Uniform. Sie schwankte leicht und griff 
haltsuchend nach der eingedrückten Tür des 

background image

 

8

Rettungsfahrzeugs. 

„Leonard?“ rief sie leicht zittrig, doch sie bekam keine 

Antwort. Bis auf das Hupen des Abschleppwagens war es auf 
der menschenleeren Downtown-Straße still wie in einer Gruft. 

Wilkes schleppte sich zum Heck des Krankenwagens und 

erkannte, daß die beiden hinteren Türen sperrangelweit offen 
standen. Nervös blickte sie ins Innere: Der Patient war tot; 
immer noch lag er angeschnallt auf der blutbefleckten Trage, 
die zur Seite geschleudert worden war. Der Herzmonitor zeigte 
nur noch eine  blaue Linie. Die gesamte medizinische Aus-
rüstung  – Verbände, Flaschen, Pumpen, Infusionsbeutel  – war 
durch den Aufprall wild durcheinandergeworfen worden. Doch 
ihren Partner konnte Wilkes nirgendwo finden. 

„Leonard!“ schrie sie. 
Sie wandte sich von dem Wrack ab und suchte die Umgebung 

ab. Schließlich fiel ihr Blick auf zwei Beine, die zehn oder 
zwölf Meter weiter auf dem Bürgersteig lagen. Eine Reihe von 
Zeitungsständern verbargen den Körper von der Hüfte 
aufwärts. Wilkes stolperte zu den Beinen, duckte  sich unter 
einem Kabel durch und bog mehrere Ständer zur Seite. Der 
Rest des Körpers kam in Sicht. 

Zumindest der Großteil davon. 
Wilkes’ Magen rumorte, und sie mußte die Hand vor den 

Mund schlagen, um sich nicht zu übergeben. Sie wankte, lehnte 
sich an einen der Zeitungsständer und zwang sich, noch einmal 
hinzusehen. Leonard Betts’ blauweiß uniformierter Körper lag 
bäuchlings auf dem Boden, in einer Lache Blut, das hellrot aus 
seinem Halsstumpf sprudelte. 

„Oh Gott, Leonard!“ schluchzte Wilkes unkontrolliert. 
Und dann sah sie ihn, nur ein paar Meter weiter, eingeklemmt 

zwischen einem Autoreifen und dem Bordstein. Leonard Betts’ 
abgetrennter Kopf starrte sie mit offenen Augen an. 

 
Michele Wilkes stand in der Tür der Leichenhalle des 

background image

 

9

Monongahela Medical Centers. Sie verfolgte, wie ein 
Mitarbeiter der Nachtschicht ein Laken von der Leiche des 
Patienten zog, den sie vor fünf Stunden in der Notaufnahme 
hätte einliefern sollen. Doch statt auf der Intensivstation lag der 
Mann jetzt auf dem rostfreien Stahl eines Kühlschubfachs in 
der Leichenhalle. Routiniert schloß der Angestellte das 
Schubfach und schlug die Tür zu; die Verriegelung rastete mit 
einem Klicken ein, das für Wilkes etwas Endgültiges hatte. 

Der schlimmste Tag in Wilkes’ Leben war fast vorüber. Die 

Verwaltung des Hospitals hatte ihr gesagt, daß sie freinehmen 
könne, doch nichts erschien ihr abwegiger, als in ihr leeres 
Haus zurückzukehren. Lieber wollte sie so lange auf den 
Beinen bleiben, bis sie so erschöpft war, daß sie vielleicht ein 
paar Stunden Schlaf finden konnte.  

Wilkes war in die Leichenhalle hinuntergekommen, um sich 

von Leonard zu verabschieden, dem besten Partner, den eine 
Rettungssanitäterin haben konnte: immer ruhig, immer 
hilfsbereit, immer mit der richtigen Diagnose zur Stelle. 
Leonard mußte ein Einzelgänger gewesen sein, denn in ihrer 
Freizeit hatten sie nie etwas gemeinsam unternommen. 
Trotzdem hatte sie ihn gemocht und sich glücklich geschätzt, 
ihn zum Partner zu haben. Als sie die Halle betrat, wußte 
Wilkes nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, daß 
seine Leiche bereits präpariert und weggeschlossen worden 
war. Sie beobachtete, wie der Angestellte zwei 
Namensschildchen beschriftete und sie in die kleinen Rahmen 
unter den Griffen der Schubfächer steckte. Dann wartete sie, 
bis der Mann in einem angrenzenden Büro verschwunden war, 
und betrat die Leichenhalle. Sie wußte, daß es dem 
Angestellten wahrscheinlich nicht gefallen würde, doch diese 
letzte Geste war sie Leonard schuldig. 

Wilkes huschte über die glänzend weißen Bodenfliesen zu der 

Reihe von Schubfächern, in denen die kürzlich Verstorbenen 
aufbewahrt wurden. Dort stand der mit Filzstift geschriebene 

background image

 

10

Name Betts, Leonard M. Sie preßte ihre Fingerkuppen gegen 
die Schublade aus rostfreiem Stahl und flüsterte: „Es tut mir 
leid, Leonard. Es tut mir so leid.“ 

 
Greg Jones war Medizinstudent im ersten Semester. Und im 

Gegensatz zu manchen seiner Freunde nahm er seine 
Ausbildung ernst  – sehr ernst. Vielleicht war das der Grund, 
warum er als einziger Erstsemesterstudent bereit war, den 
morbidesten Praktikantenjob zu übernehmen: die Aufsicht in 
der Leichenhalle. Inzwischen hatte er sich an die Witze 
gewöhnt. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, legten 
seine Zimmergenossen, die gerade erst gefrühstückt hatten, 
sofort los. 

„Hast du die letzte Nacht wieder die Zeit totgeschlagen?“ 

pflegte einer stets zu fragen und damit den Ball ins Rollen zu 
bringen. 

„Was sollte er auch sonst totschlagen?“ warf daraufhin ein 

anderer ein. „Alle anderen in der Leichenhalle sind ja sowieso 
schon tot.“ 

„Er hat’s leicht“, spottete ein dritter. „Ich meine, was ist das 

Schlimmste, was passieren könnte? Daß einer von ihnen 
wieder zum Leben erwacht?“ 

Jones störte es nicht; ihm gefiel sein Job. Meistens konnte er 

während des Dienstes eine Menge anderen Kram erledigen, 
und nirgendwo konnte er so ungestört lernen wie im Büro der 
Leichenhalle. Allerdings machte ihm manchmal die Stille zu 
schaffen. Deshalb nahm er auch meist seinen Walkman mit: 
Ein wenig  Rachmaninoff schuf die richtige Atmosphäre, wenn 
er sich mit Anatomie befassen mußte. 

Auch heute nacht blätterte Jones in seinem Lehrbuch und 

markierte gerade eine Kapitelüberschrift, als er etwas 
Ungewöhnliches hörte, ein metallisches Klirren, das die Musik 
übertönte. Er drehte die Musik leiser und lauschte. 

Ein Poltern. 

background image

 

11

Er schaltete den Walkman aus und nahm die Kopfhörer ab. 

Jones setzte sich kerzengerade auf. 

„Hallo?“ rief er in das Halbdunkel der Leichenhalle. 
Mann, meine Zimmergenossen lachen sich tot, dachte er. Jetzt 

bin ich doch noch paranoid geworden. Ich benehme mich wie 
ein verängstigtes...
 

Ein Krachen aus der Halle ließ Jones von seinem Stuhl 

auffahren. Zitternd holte er tief Luft, bevor er wieder rief: 
„Hallo? Ist da jemand?“ 

Als er keine Antwort erhielt, machte er ein paar zögernde 

Schritte und betrat vorsichtig den großen Raum. Er blieb abrupt 
stehen, als er entdeckte, daß eins der Kühlschubfächer offen 
stand. Es war leer. Aufgrund der Dunkelheit konnte er das 
Namensschild nicht erkennen, doch er erinnerte sich an den 
Namen  – er hatte ihn erst vor einer Stunde auf das Schild 
geschrieben: Betts, Leonard M. 

Während er sich weiter in den Raum hineintastete, kam er an 

einem Seziertisch vorbei. Darunter, auf dem Boden neben dem 
Kühlfach, lag ein etwa volleyballgroßer Klumpen, der mit 
einem weißen Laken zugedeckt war. 

Jones blickte sich hastig um, bevor er sich bückte, um das 

Laken wegzuziehen, das den übel zugerichteten und fast völlig 
gefrorenen Kopf von Leonard Betts freigab. 

Als Jones das Laken wieder senkte, spürte er, wie sich 

jemand näherte. Er fuhr herum, doch er war nicht schnell 
genug. Nur noch aus dem Augenwinkel registrierte er die 
glänzende Stahlstange über seinem Kopf  – ein Leichenhal-
lenwerkzeug, mit dem man Knochen brach  –, da sauste sie 
auch schon nieder. 

Jones ging in die Knie. Das letzte, was er bewußt wahrnahm, 

war das verzerrte Spiegelbild eines Mannes im rostfreien Stahl 
der Kühl Schubfächer. Und obwohl das Spiegelbild 
verschwommen war, konnte er eines deutlich erkennen: Die 
Gestalt hatte keinen Kopf. 

background image

 

12

 

Der Mann von der Spurensicherung beugte sich über den 

Boden der Leichenhalle, richtete seine Kamera auf das blutige 
Laken und machte aus den verschiedensten Winkeln eine Reihe 
von Fotos. Der Kopf, der vergangene Nacht unter dem Laken 
gelegen hatte, war nicht mehr da. Ein weiblicher Police 
Detective in Zivil lehnte an einer überdimensionalen Spüle aus 
rostfreiem Stahl und befragte den Verwalter, der Greg Jones 
vor sechs Monaten eingestellt hatte. 

„Ein tüchtiger Arbeiter“, erklärte der Verwalter. „Ein guter 

Junge.“ 

Die Polizistin notierte diese Aussagen aus reiner Höflichkeit. 

Dies brachte sie nicht weiter. Einer ihrer uniformierten 
Kollegen, der am nächsten Untersuchungstisch stand, bekam 
ähnliche Antworten von einem Pfleger zu  hören, der 
behauptete, in der letzten Nacht nichts Ungewöhnliches 
bemerkt zu haben. Die Polizistin war kaum überrascht. Das 
Monongahela Medical Center war eines der ältesten 
Krankenhäuser der Stadt und wurde straff geführt. Eine 
verschwundene Leiche war zweifellos etwas Ungewöhnliches, 
doch schließlich ging es hier nicht um die Entführung des 
Lindbergh-Babys.  Das einzig wirklich mysteriöse Element in 
diesem Fall,  
dachte sie zum wiederholten Male,  ist diese 
rothaarige FBI-Agentin.  
Die Frau stöberte in dem  leeren 
Kühlfach herum, in dem sich der verstorbene Leonard Betts bis 
etwa 3.30 Uhr befunden hatte. 

Was die Polizistin nicht ahnen konnte, war, daß Special 

Agent Dana Scully durchaus ähnliche Gedanken durch den 
Kopf schossen, obwohl sie ihrer Pflicht mit der gewohnten 
Gründlichkeit nachging. Scully drückte die rechteckige 
Silbertür zur Seite und spähte in das leere Kühlfach. Mit ihrer 
Stifttaschenlampe leuchtete sie das dunkle Schubfach aus und 

background image

 

13

bemerkte das Blut, das sich an der Stelle gesammelt hatte, wo 
normalerweise der Kopf ruhte. Scully hatte schon mehr 
Leichenhallenfächer geöffnet, als sie zählen konnte, doch dies 
war das erste Mal, daß sie bewußt die Ausmaße wahrnahm. 
Das Fach war tief  – etwa zwei Meter fünfzig, schätzte sie  –, 
hatte aber nur eine  Höhe von rund fünfundvierzig Zentimetern. 
Nicht viel Bewegungsspielraum  – aber natürlich brauchte ein 
Toter nicht viel Platz. Die Fußabdrücke an der Innenseite der 
Fachtür kamen ihr allerdings ausgesprochen merkwürdig vor. 
Einer der Männer von der Spurensicherung hatte sie entdeckt, 
als er die Tür mit einem roten Puder präparierte. So 
unwahrscheinlich es auch erscheinen mochte, doch diese 
Spuren sahen aus, als wäre die Tür des Schubfachs von innen 
aufgetreten worden. 

Scullys Partner, Special Agent Fox Mulder, gesellte sich zu 

ihr und spähte ebenfalls in den sterilen Hohlraum. 
„Gemütlich“, scherzte er. „Wer würde da wohl freiwillig 
ausziehen?“ 

„Ich schätze, derjenige, der gestern nacht hier eingesperrt 

wurde“, erwiderte Scully. 

Mulder öffnete die Fallakte in seiner Hand. „Das müßte dann 

Leonard Morris Betts gewesen sein, vierunddreißig. Aber 
vielleicht sollte man auch erwähnen, daß Mr. Betts, als er 
gestern nacht hier eingeliefert wurde, keinen Kopf mehr hatte.“ 

Mulder überflog die Daten. „Er wurde bei einem Unfall mit 

seinem Krankenwagen verstümmelt. Arbeitete als Sanitäter im 
Rettungsdienst für dieses Krankenhaus. Offenbar genoß er 
hohes Ansehen; die Lokalzeitung ist voller Kondolenzen und 
Nachrufe.“ 

Scully hörte zu, obwohl sie nicht wußte, was sie von all dem 

halten sollte. Keine einzige von Mulders Informationen schien 
ihr besonders interessant zu sein. „Was ist mit dem Angestell-
ten, der zu diesem Zeitpunkt Dienst hatte?“ fragte sie 
gelangweilt. 

background image

 

14

Erneut warf Mulder einen Blick in die Akte. „Jemand hat ihn 

von hinten niedergeschlagen und seine Kleidung gestohlen. Er 
hat nicht gesehen, wer es war. Es wurde kein Alarm ausgelöst, 
also ist niemand eingebrochen.“ 

Scully nickte und wartete, doch Mulder hatte nichts mehr zu 

sagen. Sie zuckte die Schultern. „Und?“ 

„Unheimlich, was?“ 
Noch einmal überdachte Scully alle Fakten, doch die 

Wahrheit war, daß sie nichts Unheimliches daran finden 
konnte. „Mulder... was zum Teufel machen wir hier 
eigentlich?“ 

Er lächelte. „Habe ich schon erwähnt, daß Mr. Betts keinen 

Kopf mehr hatte?“ 

„Ja, das haben Sie“, erwiderte Scully leicht gereizt. „Und ich 

hoffe, Sie wollen nicht andeuten, daß eine kopflose Leiche aus 
einem verriegelten Kühlfach dieser Leichenhalle ausgebrochen 
ist.“ 

Mulder zuckte unschuldig die Schultern. 
„Wollen Sie das?“ setzte Scully mit hochgezogenen Brauen 

nach. „Denn dies ist offensichtlich nur ein bizarrer 
Vertuschungsversuch.“ 

„Was sollte denn Ihrer Meinung nach vertuscht werden?“ 

fragte Mulder leise. 

„Ich vermute, daß es sich um gewerbsmäßigen 

Leichendiebstahl handelt. An den medizinischen Fakultäten 
herrscht ein Mangel an Leichen zu Studienzwecken.“ 

Mulder nickte, als hätte er dies bereits in Erwägung gezogen, 

doch Scully ließ sich davon nicht stören und brachte ihren 
Gedankengang zu Ende. „Ein skrupelloser Händler für Medi-
zinbedarf könnte Höchstpreise dafür zahlen, ohne Fragen zu 
stellen.“ 

„Aber warum sollten die Diebe einen kopflosen Mann stehlen 

und so viele vollständige Leichen zurücklassen?“ 

Bevor Scully antworten konnte, trat ein junger uniformierter 

background image

 

15

Police Officer auf Mulder zu. „Sir?“ Es war offensichtlich, daß 
er das Gespräch der beiden Bundesagenten nur ungern störte. 
Mulder drehte sich zu ihm um. „Es geht um die 
Videoaufnahmen, die Sie angefordert haben. Ich glaube, wir 
haben etwas gefunden.“ 

Mulder und Scully folgten dem Cop, der mit schnellen 

Schritten zu einem der Untersuchungstische ging und sechs 
Schwarzweißfotos im Format 8x10 ausbreitete. Die grobkörni-
gen Aufnahmen zeigten die Rückansicht eines Mannes, der 
durch das menschenleere Krankenhaus schlurfte und draußen 
in der Nacht verschwand. 

„Die hier sind um 4.13 Uhr heute morgen von der Kamera in 

der Notaufnahme gemacht worden“, erläuterte der Polizist. 

Scully tippte auf das deutlichste Foto. „Das ist Ihr Übeltäter“, 

sagte sie zu Mulder. „Er trägt die gestohlene Uniform.“ 

Ihr Partner nahm das Foto vom Tisch und betrachtete es aus 

der Nähe. „Sieht so aus“, brummte er, „aber leider verraten uns 
diese Fotos nicht das allermeiste.“ 

Irgend etwas an diesen Aufnahmen störte Mulder. Auf jedem 

verbarg eine Art Nebel oder Reflexlicht den Mann und 
umhüllte vor allem seinen Kopf. Der Nebel war allein auf den 
Mann konzentriert und zeigte sich sonst nirgendwo auf den 
Fotos. 

Mulder zeigte es dem Beamten. „Was sind das für Reflexe?“ 
Der Cop beugte sich tiefer über die Aufnahmen. „Schlechtes 

Video“, erwiderte er schließlich. „Das Überwachungssystem ist 
nicht gerade das neueste Modell.“ 

Mulder nickte dem jungen Mann zu, doch Scully kannte diese 

Geste. Sie bedeutete: „Sie irren sich, doch ich werde meine 
Zeit nicht verschwenden und mit Ihnen herumstreiten.“ 

In diesem Moment fiel Mulder etwas ein, das nichts mit den 

unscharfen Fotos zu tun hatte. „Wenn das unser Mann ist, was 
hat er dann mit der gestohlenen Leiche gemacht? Er hat sie 
nicht dabei.“ 

background image

 

16

„Vielleicht hat er Angst bekommen und war gezwungen, sie 

zurückzulassen“, vermutete Scully. 

„Die Klinik ist gründlich durchsucht worden, Scully. Wo 

hätte er die Leiche eines erwachsenen Mannes verstecken 
können, ohne daß sie entdeckt wird?“ 

Scully dachte einige Sekunden über diese Frage nach und 

erkannte dann, daß die Antwort auf der Hand lag  – zumindest 
für sie, die viel Zeit mit Leichen verbracht hatte. 

„Ich zeige es Ihnen“, verkündete sie. 
 
Ein paar Minuten später fand sich Mulder in einem kleinen 

weißen Raum im Keller des Krankenhauses wieder und starrte 
ein gelbschwarzes Warnschild an, auf dem „Gefährliches 
Biomaterial  – medizinische Abfälle“ stand. Ein Müllschlucker, 
der wie ein riesiges Faß aussah, nahm den Großteil des 
winzigen Raumes ein. Scully band sich eine blaue Kran-
kenhausschürze um und wandte sich an Mulder. 

„Alle Krankenhäuser verfügen über Entsorgungssysteme für 

medizinische Abfälle“, erklärte sie, klappte einen Augenschutz 
nach unten und streifte schulterlange Gummihandschuhe über. 
„In dieser Einheit werden OP-Abfälle beseitigt  – amputierte 
Gliedmaßen, entfernte Tumore. Sie werden kleingemahlen, 
dann mit Mikrowellen erhitzt. Das Resultat ist sterile Asche, 
die als Straßenbelag verwendet wird.“ 

Mulder verschränkte die Arme vor der Brust und trat 

unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. „Dann werden 
wir hier wohl nichts mehr finden“, meinte er. 

„Das hängt davon ab, wie oft der Abfall verarbeitet wird. 

Wenn wir Glück haben, dann nur alle paar Tage einmal.“ 
Scully entriegelte die luftdichte Tür des Müllschluckers, die 
sich leise zischend öffnete. Sie schwang die schwere Tür auf 
und leuchtete mit ihrer Taschenlampe in das Innere. Das Licht 
enthüllte zahllose versiegelte Plastikbeutel, von denen jeder 
blutige Körperteile unterschiedlicher Größe enthielt. 

background image

 

17

„Wir haben Glück“, urteilte Scully. 
Diesen Ansicht konnte Mulder nicht teilen. Er verspürte nicht 

die geringste Neigung, in diesen Vorhof der Hölle zu sehen, 
doch schließlich siegte die Neugier. Als er einen großen Zeh zu 
erkennen glaubte, schauderte er vor Abscheu. „Wie sicher sind 
Sie, Scully? Absolut sicher?“ 

Scully biß die Zähne zusammen, griff bis zum Ellbogen 

hinein und tastete suchend umher. Die schmatzenden 
Geräusche, die ihre Suche verursachten, versetzten Mulders 
Magen in Aufruhr. Offenbar frustriert, beugte sich Scully noch 
tiefer hinein. 

„Um Gottes Willen... seien Sie vorsichtig!“ 
Doch Scully ignorierte Mulders Mahnung und intensivierte 

ihre Suche. „Ich denke, Sie werden mir helfen müssen“, befand 
sie schließlich. „Ihre Arme sind länger.“ 

Mulder öffnete den Mund und wollte protestieren. Doch er 

änderte seine Meinung, als Scully den Kopf wandte und ihn 
streitlustig anfunkelte. 

 
Wenige Minuten später trug Mulder ebenfalls 

Schutzkleidung. Widerwillig trat er neben Scully vor den 
offenen Müllschlucker. Nur zögernd griff er hinein und ließ 
seine Hände durch den zähen Brei wandern. Mehrere Minuten 
suchte er mit zusammengebissenen Zähnen, um dann plötzlich 
zusammenzuzucken. 

„Ich glaube, ich habe was gefunden“, meldete er. Leise 

ächzend fischte er das Objekt vom Boden der Kammer. 

Scully richtete ihre Taschenlampe darauf. „Leonard Betts“, 

bestätigte sie, nachdem sie das Gesicht anhand der Fotos aus 
der Fallakte wiedererkannt hatte. 

„Zumindest sein Kopf, ergänzte Mulder, „aber wo ist sein 

Körper?“ Mulder legte den Kopf beiseite und tastete zusammen 
mit Scully noch einmal das Innere des Müllschluckers ab, 
durchwühlte den mit Fleisch gefüllten Bottich. 

background image

 

18

„Er ist nicht hier unten, Scully“, stellte er dann fest und  zog 

seine Arme heraus. „Hier ist einfach nicht genug Platz dafür.“ 

Während Mulder seine Handschuhe abstreifte, setzte Scully 

die Suche fort. Nachdenklich biß er sich auf die Lippen. 
„Scully... was ist, wenn er den Körper gar nicht versteckt hat? 
Was ist,  wenn es ihm irgendwie gelungen ist, ihn aus dem 
Krankenhaus zu schaffen?“ 

„Aber warum hat er sich dann die Zeit genommen, den Kopf 

hier unten zu deponieren?“ 

Mulder schlüpfte aus seiner Laborschürze. „Vielleicht finden 

Sie die Antwort dort...“ Er wies auf den zerschundenen Kopf, 
der auf einem Stoß von Körperteilen lag. „Ich schlage vor, Sie 
untersuchen ihn.“ 

Ohne mit ihrer gründlichen Inspektion des Müllbehälters 

innezuhalten, bedachte Scully ihren Partner mit einem wenig 
erfreuten Schulterblick. „Wir wissen bereits, wie er gestorben 
ist – bei einem Autounfall. Was soll dabei herauskommen?“ 

„Vielleicht nichts“, räumte Mulder ein. „Aber er ist alles, was 

wir im Moment haben. Also... warum suchen wir uns nicht 
einen ruhigen Ort, wo Sie Leonard Betts’ Kopf unter die Lupe 
nehmen können?“ 

Scully wandte sich endgültig zu Mulder um. Ihm war 

anzusehen, daß er es kaum erwarten konnte, diesen Raum zu 
verlassen. „Und was werden Sie in der Zwischenzeit tun?“ 

„Ich sehe mir Betts’ Wohnung an. Wir wissen, wie er 

gestorben ist. Ich will auch wissen, wie er lebt.“ 

„Gelebt hat“, korrigierte Scully. 
„Gelebt hat“, wiederholte Mulder langsam. 

background image

 

19

 

Die Digitalanzeige der Laborwaage flackerte und zeigte 

schließlich das Gewicht an. Scully hob Leonard Betts’ Kopf 
von der Schale und legte ihn auf den Autopsietisch. Dann 
schaltete sie das Diktiergerät ein und begann mit ihrem Bericht. 
Das Mikrofon nahm sowohl Scullys Stimme als auch das leise 
Klirren von Stahl auf, als sie ihre Instrumente auf dem Tisch 
ordnete. 

„Fall Nummer 2268-97,  Leonard Betts“, sagte Scully 

ausdruckslos. „Da die Überreste unvollständig sind, bezieht 
sich die Untersuchung allein auf einen abgetrennten Kopf. 
Gewicht: Elf Pfund, sechsundfünfzig Gramm.“ 

Scully nahm eine visuelle Untersuchung des Kopfes vor und 

drehte ihn in ihren Händen, die von Latexhandschuhen 
geschützt wurden. „Die Überreste zeigen keine Anzeichen von 
Rigor mortis oder Nekrose.“ Sie zog die Augenlider hoch. „Die 
Corneae scheinen auch nicht getrübt zu sein. Dies scheint nicht 
zum beglaubigten Zeitpunkt des Todes zu passen, der jetzt“  – 
Scully warf einen Blick auf die Uhr an der Laborwand – „jetzt 
neunzehn Stunden zurückliegt.“ 

Scully dachte über das Phänomen nach. Sie hatte von Fällen 

gelesen, bei denen die Leichen der Verstorbenen noch Tage 
nach ihrem Tod erstaunlich gut erhalten waren, allerdings hatte 
es sich dabei um Fälle von Mumifizierungen unter speziellen 
klimatischen Bedingungen gehandelt. Vorerst hatte sie keine 
plausible Erklärung dafür, daß dieser Kopf so... Scully suchte 
nach dem passenden Adjektiv... daß dieser Kopf so gut aussah. 
Sie griff nach einem Skalpell und diktierte: „Ich werde jetzt mit 
dem intermastoiden Einschnitt beginnen.“ 

Routiniert setzte Scully die Spitze des Skalpells hinter 

Leonard Betts’ rechtem Ohr an, doch als die Klinge die kalte 
Haut berührte, riß Leonard Betts die Augen auf. 

background image

 

20

Scully sprang zurück, schnappte nach Luft und ließ das 

Skalpell fallen, das klirrend gegen ein in den Boden 
eingelassenen Abfluß schepperte. Sie preßte ihre Hand gegen 
die Brust und atmete tief durch, um ihren rasenden Herzschlag 
zu beruhigen. Entsetzt starrte sie den Kopf auf dem Tisch an. 
Er stierte mit weit aufgerissenen Augen und ohne jede Regung 
zurück. 

Nichts. 
Scully wußte, daß sie sich das nicht nur eingebildet hatte. 

Betts’ Augen fixierten sie weiter. Als sie einen Schritt nach 
vorn trat und ihren Mut sammelte, um mit der Autopsie 
fortzufahren, öffnete Betts den Mund. Zunächst war die 
Bewegung kaum wahrnehmbar, doch dann legten sich die 
Lippen wieder aufeinander. 

Fassungslos verfolgte Scully, wie sich auch Leonard Betts’ 

Augen langsam wieder schlossen. 

 
Der Verwalter des kleinen Komplexes, in dem Leonard Betts 

gewohnt hatte, forderte Agent Mulder auf, ihm eine 
Treppenflucht hinaufzufolgen. Er erzählte Mulder dieselbe 
Geschichte, die er dem Police Officer schon am Telefon mit-
geteilt hatte: Daß Betts ein ruhiger Mieter gewesen war, seine 
Miete stets pünktlich bezahlt hatte und daß er sich wünschte, 
mehr Mieter wie ihn zu haben. 

Vor einer Tür im zweiten Stock blieb er stehen. 
„Die hier?“ fragte Mulder. 
Der Verwalter brummte zustimmend und nahm einen 

Schlüssel von einem Bund an seinem Gürtel. 

Die gedämpften Stimmen der Männer, gefolgt vom Klicken 

eines Schlüssels im Schloß, waren deutlich hörbar  – auch für 
die Gestalt, die sich in den Schatten des dunklen Apartments 
verbarg. Bevor die Tür geöffnet wurde, huschte sie lautlos 
durch das Wohnzimmer und verschwand im Bad. 

 

background image

 

21

Einen Moment später betrat Agent Mulder das Apartment, 

erleichtert, daß der Verwalter nicht darauf bestanden hatte, ihn 
zu begleiten. 

„Danke“, sagte er zu dem älteren Mann, der nickte und zum 

Treppenhaus zurückschlurfte. 

Mulder schaltete das Licht ein und schloß die Tür, bevor er 

sich umsah. Leonard Betts’ kleines Apartment war nicht gerade 
luxuriös zu nennen. Das bunt zusammengewürfelte Mobiliar  – 
ein Bett, ein Tisch und drei Stühle  – gehörte zu der Sorte, die 
man auf Flohmärkten oder in Second-Hand-Läden für zehn 
Dollar das Stück kaufen konnte. Mit viel Wohlwollen hätte 
man die Einrichtung spartanisch nennen können, wären nicht 
die Bücherregale gewesen, die eine ganze Wand des 
Apartments einnahmen. In den Regalen standen hauptsächlich 
gebundene medizinische Fachbücher. Mulder fuhr mit den 
Fingern über einige der Buchrücken, durchquerte dann den 
Wohnbereich und betrat die Küche. Auf der Anrichte, die die 
beiden Räume teilte, lag ein kleiner umrandeter 
Zeitungsausschnitt. Mulder nahm ihn in die Hand. Die 
Schlagzeile lautete: „Betts zum Rettungssanitäter des Jahres 
gewählt.“ Zum Artikel gehörte ein Foto, das einen ernsten 
Leonard Betts mit Kittel und Krawatte zeigte. Mulder legte den 
Ausschnitt wieder zurück und ging durch die Küche ins Bad. 
Er knipste das Licht an – und blieb wie angewurzelt stehen. 

Die Badewanne war mit einer trüben, rötlichbraunen 

Flüssigkeit gefüllt. Zuerst hielt Mulder sie für Blut, dann aber 
bemerkte er Spuren der Flüssigkeit auf dem gefliesten Boden 
und konnte erkennen, daß sie dünner als Blut und leicht 
teefarben war. Mulders Augen folgten den Tropfspuren. Sie 
führten vom Badezimmerboden auf den Toilettensitz und von 
da auf die Bank eines offenen Fensters. Neben der Wanne lag 
ein Häuflein fleckiger Kleidungsstücke auf dem Boden. Er 
wußte, wo er sie schon einmal gesehen hatte. 

Mulder trat ans Fenster. Die Gazevorhänge wiesen ebenfalls 

background image

 

22

bräunliche Flecke auf. Er blickte nach draußen und suchte die 
umzäunten Hinterhöfe der Nachbarhäuser ab. Hunde bellten, 
und er fragte sich, ob er denjenigen, der die Spuren hinterlassen 
hatte, knapp verpaßt hatte. 

Mulder wandte sich vom Fenster ab und kniete neben der 

Wanne nieder. Zögernd tauchte er einen Finger in die 
Flüssigkeit, rieb sie zwischen den Fingern und roch daran. Er 
glaubte, den Geruch zu kennen. Dann beugte er sich nach vorn 
und öffnete das  Schränkchen unter dem Waschbecken. Im 
Inneren entdeckte er mehrere Literflaschen antiseptischer 
Povidon-Jod-Lösung. 

Während Mulder noch überlegte, warum die Badewanne 

voller Jod-Lösung war, klingelte sein Handy. 

„Hallo“, meldete er sich abwesend und sah zum offenen 

Fenster hinüber. 

 
Am anderen Ende der Leitung marschierte Scully im 

Pathologie-Labor des Monongahela Hospitals nervös auf und 
ab. 

„Ich bin’s“, sagte sie hastig, als Mulder abnahm. „Ich habe 

hier etwas Seltsames entdeckt.“ 

„Und was?“ 
„Ich habe eine Computertomographie von Leonard Betts’ 

Überresten gemacht  – insgesamt viermal. Jedesmal war das 
Bild unbrauchbar. Als wäre es von einem Schleier überzogen.“ 

„Wie bei den Überwachungsfotos“, bemerkte Mulder. 
„Ja, aber das Gerät ist ein Spitzenprodukt und  arbeitet laut 

den Technikern einwandfrei.“ Scully seufzte  – diese Resultate 
waren einfach frustrierend. „Sie meinen, nur eine Art Strahlung 
könnte die Bildverzerrung erklären, obwohl ich mir nicht 
vorstellen kann, woher die Strahlung kommen soll.“ 

Geduldig wartete Scully auf Mulders Antwort. Sie wußte, daß 

er diese neue Information erst einmal verdauen mußte. 

„Was haben Ihre anderen Untersuchungen ergeben?“ fragte er 

background image

 

23

schließlich. 

Scully senkte den Blick. Sie war froh, daß Mulder ihren 

verlegenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. 

„Ich, äh, bin noch nicht dazu gekommen.“ 
„Warum nicht?“ fragte Mulder. Er klang neugierig, nicht 

vorwurfsvoll. 

„Ich habe...“ Scully zwang sich, tief Luft zu holen und noch 

einmal von vorn zu beginnen. „Ich habe eine extrem 
ungewöhnliche postmortale galvanische Reaktion beobachtet.“ 

„Der Kopf hat sich bewegt“, übersetzte Mulder sofort, und 

Scully wußte nicht, ob sie verärgert oder dankbar sein sollte, 
daß er nicht überrascht klang. 

„Er...“  – Scully schüttelte den Kopf, als könne sie nicht 

glauben, daß diese Worte tatsächlich aus ihrem Mund kamen – 
„... hat mir zugeblinzelt.“ 

Sie nahm ihre unruhige Wanderung wieder auf und 

schwächte ihre Bemerkung sofort ab. „Ich meine, es war nur 
eine galvanische Reaktion  – eine elektrische Restspannung, die 
chemisch in den toten Zellen gespeichert war. Aber, äh...“ 

„Hat er geblinzelt oder Ihnen zugezwinkert?“ 
Scully malte sich das verschmitzte Grinsen auf dem Gesicht 

ihres Partners aus. Als Mulder seine Sticheleien fortsetzte, 
runzelte sie verärgert die Stirn. 

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß er lebt, oder, 

Scully?“ 

Scully atmete hörbar in ihr Handy. „Nein, Mulder. Das will 

ich keineswegs behaupten.“ 

„Oder ist Ihnen vielleicht auch der Gedanke gekommen, daß 

er noch nicht ganz tot ist?“ 

„Wie meinen Sie das?“ 
„Ich bin in Leonard Betts’ Apartment. Die Kleidung, die die 

Person auf diesen Überwachungsfotos trug, liegt hier auf dem 
Boden, Scully. Und es sieht so aus, als hätte es sich derjenige, 
der sie getragen hat, hier gemütlich gemacht.“ 

background image

 

24

Noch einmal ging Mulder suchend durchs Wohnzimmer und 

kehrte dann wieder ins Bad zurück, bevor er schloß: „Vielleicht 
ist er zu Hause gewesen.“ 

Scully starrte ausdruckslos ins Leere. „Leonard Betts?“ fragte 

sie gedehnt. „Ohne seinen Kopf?“ 

Tausend schlechte Pointen kamen ihr in den Sinn, doch 

plötzlich hatte sie den beunruhigenden Verdacht, daß ihr 
Partner sie gar nicht aufzog – daß er es ernst meinte. „Mulder, 
ich weiß nicht einmal, was ich dazu sagen soll.“ 

Mulder zuckte die Achseln. Er wußte selbst, wie es klang. 

„Vorsichtshalber“, erklärte er, „werde ich die Ortspolizei 
bitten, das Haus zu überwachen. Wer auch immer hier war, 
könnte zurückkehren. Ich melde mich wieder.“ Er beendete das 
Gespräch und steckte sein Handy in die Tasche. Dann verließ 
er den Raum und ließ die Badezimmertür mit einem Knall ins 
Schloß fallen. Durch die Erschütterung kräuselte sich die 
dunkle Flüssigkeit in der Wanne. 

Momente später stieg eine Blase an die Oberfläche. Dann 

zwei Blasen. Dann drei. 

Irgend etwas bewegte sich in der Jod-Lösung und schlug 

Wellen. Schließlich tauchte ein fischbauchweißer Kopf auf, 
und das Gesicht eines Mannes wurde sichtbar  – das Gesicht 
von Leonard Betts. 

Doch seine Züge waren merkwürdig deformiert. Die Ohren 

lagen flach am Kopf, die Nase hob sich kaum vom Rest des 
Gesichts ab. Die Haut war wächsern, der Mund lippenlos, und 
die Augenbrauen fehlten. Die Augen selbst waren winzig  – 
aber als er die Lider öffnete, bewegten sich seine Pupillen 
blitzartig hin und her und nahmen ihre Umgebung wachsam in 
sich auf. 

background image

 

25

 

Michele Wilkes wurde für zwei Wochen krankgeschrieben 

und nach Hause geschickt, um sich von den Verletzungen zu 
erholen, die sie sich beim Unfall zugezogen hatte. Einen Tag 
lang hielt sie es aus, daheim herumzusitzen und vor sich hin zu 
grübeln, dann rief sie an und gab Bescheid, daß sie am 
nächsten Morgen wieder zur Arbeit erscheinen würde. Ihr 
Gesicht war um die Augen und am rechten Wangenknochen 
noch immer bläulich verfärbt. Ein Schmetterlingsverband 
bedeckte die Wunde an ihrer Stirn. 

Im Pausenraum des Krankenhauses hatte sie sich einen 

Styroporbecher mit Kaffee gefüllt und passierte gerade die 
äußere Doppeltür der Notaufnahme, als sie hörte, wie ihre 
Name gerufen wurde. 

„Michele?“ 
Die Stimme ließ Wilkes zusammenfahren. Sie war noch 

immer ein wenig schreckhaft. Ein gutaussehender Mann in 
einem langen dunklen Trenchcoat kam auf sie zu, klappte seine 
Brieftasche auf und zeigte ihr seine Dienstmarke. 

„Michele Wilkes?“ 
„Ja?“ Während sie in ihren Krankenwagen kletterte, warf 

Wilkes einen neugierigen Blick auf das Foto neben der Marke. 

„Ich bin Special Agent Mulder vom FBI. Sie waren Leonard 

Betts’ Partnerin?“ Wilkes’ Gesichtsausdruck verriet Mulder, 
wie verstört sie war. Mit sanfter Stimme sprach er weiter. 
„Man hat mir gesagt, daß Sie heute wieder Ihren Dienst 
angetreten haben.“ 

Wilkes nickte und rang sich ein mattes Lächeln ab. „Ja. Ich 

dachte mir, es wäre das Beste, sofort wieder aufs Pferd zu 
steigen“, erklärte sie. 

Mulder erwiderte das Lächeln. Er wußte, daß die Befragung 

für sie nicht leicht sein würde, doch sie hatte Informationen, 

background image

 

26

die er dringend benötigte. „Laut den Akten sind Sie für die 
Bestattung von Leonard Betts’ sterblichen Überresten 
verantwortlich.“ 

Erneut nickte Wilkes. „Er hatte keine  Familie  – auch keine 

Freunde, soweit ich weiß.“ 

„Abgesehen von?“ 
Wilkes dachte ein paar Sekunden über die Frage nach. Ihre 

eigene Antwort machte sie traurig. „Ich mochte ihn, aber 
eigentlich war ich nicht seine Freundin. Er ließ niemanden an 
sich heran.“ Für einen Moment wandte Wilkes die Augen ab 
und erhaschte einen Blick auf ihr Bild im Rückspiegel des 
Krankenwagens. Die Blutergüsse erinnerten sie wieder an den 
Unfall. „Ich bin mir nicht sicher, ob man mich überhaupt seine 
Partnerin nennen könnte. Die meiste Zeit habe ich bloß 
versucht, ihm nicht im Weg zu stehen.“ 

Die Bemerkung kam Mulder seltsam vor  – nicht unbedingt 

die Worte, aber das Unbehagen, mit dem sie sie aussprach. 
„Warum das?“ 

„Er hat mich nicht gebraucht“, sagte sie ohne Bitterkeit. „Im 

Grunde hat er niemanden gebraucht. Leonard war ein äußerst 
begabter Rettungssanitäter. Er konnte Krankheiten besser 
diagnostizieren als jeder Arzt, den ich kenne. Sie wissen doch, 
daß man von manchen Menschen sagt, daß sie einen nur 
ansehen müssen, um zu erkennen, was einem fehlt, oder?“ 

„Hmmm.“ 
„Leonard konnte das. Vor allem bei Krebs. Ich habe ihm 

immer gesagt, er hätte Onkologe werden sollen. Er hat sogar 
freiwillig Wochenenddienst auf der Krebsstation gemacht. Den 
Patienten vorgelesen und so weiter.“ 

Diese  Neuigkeit erregte Mulders Aufmerksamkeit. Er prägte 

sich die Information ein und setzte die Befragung fort. „Gibt es 
sonst noch etwas über ihn zu berichten? Irgend etwas 
Ungewöhnliches?“ 

„Nein“, erwiderte Wilkes kopfschüttelnd. Sie dachte kurz 

background image

 

27

nach und fügte dann hinzu: „Doch. Er ist nie krank gewesen. 
Das war ziemlich ungewöhnlich. Ich meine, wenn man unseren 
Beruf bedenkt. Er war die Gesundheit in Person.“ 

„Wurde er im Dienst je verletzt?“ hakte Mulder nach. 
„Nein. Niemals. Ich meine, bis...“ Wilkes’ Stimme versagte, 

und Mulder nickte eilig. 

„Ja, ich weiß“, murmelte er mitfühlend. 
Wilkes fing sich wieder und ließ ihren Blick forschend über 

Mulder gleiten. „Verzeihen Sie... ich verstehe wirklich nicht, 
was das alles mit dem Diebstahl von Leonards Leiche  zu tun 
hat. Ich meine, es klingt fast so, als hätten sie Leonard in 
Verdacht.“ 

Mulder bedachte sie mit einem nervösen Blick, der im 

krassen Widerspruch zu seinem ungezwungenen Lachen stand. 
„Nein, nein. Sie waren mir eine große Hilfe“, erklärte er 
gestikulierend. „Danke, daß Sie mir Ihre Zeit geopfert haben.“ 

Mit diesen Worten machte der Agent auf der Achse kehrt und 

ging davon. Und Michele Wilkes konnte ihm nur nachsehen 
und sich fragen, was das nun wieder zu bedeuten hatte. 

 
Im Krankenhaus verfolgte Scully, wie Leonard Betts’ 

abgetrennter Kopf aus einem trommelgroßen Stahlbottich 
auftauchte, der mit einer dicken, sirupartigen Flüssigkeit gefüllt 
war. Dampf stieg aus dem Bottich auf, während eine über dem 
Tank angebrachte elektrische Winde das abgetrennte Haupt in 
die Höhe hievte. Der Kopf war jetzt mit einer Schicht aus einer 
Art durchsichtigem Plastik überzogen. 

Scully hatte den ganzen Morgen im Pathologie-Labor des 

Monongahela Hospitals mit der Vorbereitung dieser Prozedur 
verbracht. Sie hatte eigentlich nicht damit gerechnet, daß Mul-
der auftauchen würde, doch sie und der Pathologe des 
Krankenhauses  – ein humorloser Mann  – hatten kaum mit dem 
Test begonnen, als ihr Partner erschienen war. Gemeinsam 
musterten sie den tropfenden Kopf. 

background image

 

28

„Werden hier auch die Donuts glasiert?“ fragte Mulder. 
Scully ignorierte die Bemerkung und erklärte ihre weitere 

Vorgehensweise. „Diese Prozedur wird Biopolymerisation 
genannt. Es handelt sich im Grunde um einen High-Tech-
Mumifizierungsprozeß. Die Überreste werden in Kunstharz 
getaucht. Sobald der Harz hart geworden ist, kann die Probe in 
Scheiben geschnitten und untersucht werden.“ 

„Oder man kann sie als Briefbeschwerer benutzen...“ 
Scully warf ihrem Partner einen Seitenblick zu und seufzte. 

„Jedenfalls sollte ich in Kürze ein paar Autopsie-Ergebnisse für 
Sie haben.“ 

Schließlich präsentierten sie und der Pathologe die Probe, die 

sie untersuchen wollten: einen Querschnitt durch Leonard 
Betts’ Kopf, hauchfein geschnitten. Der Pathologe hielt die in 
Glas gerahmte Probe hoch  – in Mulders Augen erinnerte sie 
beunruhigend an ein schädelförmiges Stück Frühstücksfleisch. 

„Ich beginne mit einem Querschnitt des Vorderhirns Ihres 

Mr. Betts“, erläuterte der Pathologe, „genauer gesagt des 
vorderen Stirnlappens.“ 

Während er sprach, plazierte er die Probe unter einem großen 

stereoskopischen Mikroskop und beugte sich über das Okular. 
Er drehte am Schärferegler und zog verwirrt die Brauen hoch. 

„Nun, das ist wirklich seltsam“, murmelte er. 
„Was?“ fragte Scully alarmiert. 
„Ist mit dem  Bild etwas nicht in Ordnung?“ wollte Mulder 

wissen. 

„In gewissem Sinne, ja“, bestätigte der Pathologe. „Hier, 

sehen Sie selbst.“ Er schaltete einen Videomonitor ein, der an 
das Mikroskop angeschlossen war. Mulder und Scully lehnten 
sich nach vorn, als das Bild der vergrößerten Probe sichtbar 
wurde. Mulder konnte wenig damit anfangen  – er sah lediglich 
eine Ansammlung purpurn eingefärbter Zellen, die an 
Hüttenkäse erinnerte. Scully verriet das Bild wesentlich mehr. 

„Oh, mein Gott“, stieß sie verblüfft hervor. „Sein ganzes 

background image

 

29

Gehirn sieht wie ein einziges riesiges Gliom aus.“ 

Das war ein Wort, das Mulder kannte. „Er hatte Krebs?“ 

fragte er überrascht. 

„Er war davon förmlich durchsetzt“, erwiderte Scully. „Jede 

Zelle dieser Probe, im Grunde jede Zelle in seinem Kopf und 
Gehirn, alle scheinen kanzerös zu sein. Der Krebs hat alles 
durchdrungen.“ 

Für Mulder ergab das keinen Sinn. „Könnte jemand in diesem 

Zustand am Leben bleiben?“ 

„Am Leben bleiben?“ schnaubte der Pathologe. „Dieser 

Zustand ist meines Wissens nach nicht einmal möglich. Dieser 
Mann wäre längst tot gewesen, bevor er einen derart extremen 
metastasischen Zustand erreicht hätte.“ 

„Und wie erklären Sie sich dann das Ergebnis?“ 
Der Pathologe hob die Schultern. „Vielleicht hat der 

Polymerisierungsprozeß  die Probe irgendwie verfälscht.“ Er 
blickte wieder durch das Mikroskop. „Vielleicht sehen wir gar 
nicht das, was wir zu sehen glauben.“ 

Mulder nagte an seinem Daumen und starrte auf den 

Videoschirm. „Oder vielleicht“, spekulierte er, „sehen wir es 
zum ersten Mal deutlich.“ 

„Was wollen Sie damit andeuten?“ fragte Scully. 
Mulder grinste und zog die Brauen hoch. Er wies auf die 

Querschnittprobe. „Daß diese Probe die Wahrheit sagt.“ 

 
Michele Wilkes blinkte und bog links in die Straße ein, die 

zum Parkplatz des Krankenhauses führte. Für den 
Rettungsdienst war es ein hektischer Tag gewesen; ständig 
hatten die Zentrale und die Einsatzwagen über Funk Meldun-
gen ausgetauscht. Aus dem Lautsprecher drang die Stimme 
eines Fahrers, den Wilkes kannte, und sie hörte zu. 

„Monongahela, 136 hier, unterwegs mit männlichem 

Patienten, Alter zwanzig. Keine sichtbaren Verletzungen. 
Atemstillstand. Keine Reaktion auf CPR. Bitte um Rat.“ 

background image

 

30

Unwillkürlich mußte Wilkes daran denken, daß Leonard mit 

Sicherheit gewußt hätte, was zu tun war. 

Der Operator in der Zentrale machte dem Fahrer einen 

Vorschlag. „Einssechsunddreißig. Vergewissern Sie sich, daß 
seine Luftröhre nicht blockiert ist.“ 

Das Standardverfahren, 

dachte Wilkes. Jeder 

Rettungssanitäter, der etwas von seinem Beruf verstand, hätte 
dies als erstes überprüft. 

Während sie den Krankenwagen direkt vor die Tür zur 

Notaufnahme steuerte, lauschte sie weiter den Stimmen aus 
dem Funkgerät. Ihr neuer Partner saß im Fond und kümmerte 
sich um einen dreißig Jahre alten Feuerwehrmann, der sich eine 
Rauchvergiftung zugezogen hatte. Wilkes hielt den Wagen an, 
während ihr Kollege die Entladung des Patienten vorbereitete. 

Als Wilkes den Schlüssel aus dem Zündschloß zog, drang 

wieder die Stimme des ratlosen Fahrers aus dem Funkgerät. 
„Luftröhre ist frei“, meldete er. „Patient reagiert nicht. Puls ist 
schwach.“ 

Wilkes betete im stillen für die Rettungssanitäter und ihren 

Patienten  – im selben Moment kam eine vertraute Stimme aus 
dem Lautsprecher und ließ sie regungslos verharren. 

„Wagen 208 an Zentrale. Betrifft Anfrage von Einheit 136.“ 
Wilkes zögerte. Sie beugte sich nach vorn und drehte die 

Lautstärke auf. 

Das war unmöglich. 
Die Stimme fuhr fort: „Eins-sechsunddreißig, hier ist 

Allegheny Catholic 208. Ich weiß, daß ihr bis zum Arsch im 
Alligator steckt, aber es klingt, als hätte euer Patient einen 
anaphylaktischen Schock erlitten.“ 

Wilkes konnte es nicht fassen. Es war Leonard. 
„Überprüft es“, hörte sie die Stimme  – Leonards Stimme  – 

sagen, „und gebt ihm nullkommadrei Milliliter Epinephrin.“ 

Nach ein paar Momenten bestätigte Wagen 136 Betts’ 

Diagnose und bat dann um eine Wiederholung der 

background image

 

31

empfohlenen Behandlung. 

„Das kann nicht sein...“, flüsterte Wilkes. „Leonard?“ 
Hinter ihr im Krankenwagen zog Wilkes’ neuer Partner die 

Trage mit dem Patienten aus dem Fahrzeug. Er bemerkte, daß 
Wilkes wie angewurzelt hinter dem Lenkrad saß. 

„Michele!“ fauchte er. „Helfen Sie mir gefälligst!“ 
Wilkes riß sich zusammen und sprang aus dem Wagen, doch 

sie ließ die Tür offen und lauschte weiter der gespenstischen 
Stimme ihres ehemaligen Partners. Beunruhigt fragte sie sich, 
ob dies die ersten Symptome einer Demenz waren. 

Leonard würde es wahrscheinlich wissen. 

background image

 

32

 

Professor Charles Burks von der University of Maryland war 

sich bewußt, daß ihn bestimmte Leute für verrückt hielten. Im 
besten Fall sahen sie in seinen Forschungen eine Art 
Pseudowissenschaft. Zu diesen bestimmten Leuten gehörten 
eine Reihe seiner Kollegen von der biologischen Fakultät und 
die meisten Verwaltungsangestellten der Universität, doch zum 
Glück hatte er einen unkündbaren Vertrag. Außerdem machte 
es ihm nichts aus, ebensowenig wie dem FBI-Agenten, der ihm 
diese Gewebeprobe gebracht hatte. Seine Partnerin hingegen 
war da von einem ganz anderen Kaliber. Burks konnte an 
ihrem Gesichtsausdruck erkennen, daß sie – vorsichtig gesagt – 
eine Skeptikerin war. 

Burks schaltete das Licht aus, und im Labor wurde es dunkel. 

Dann legte er einige andere Schalter um, die den Raum in rotes 
Licht tauchten, und machte sich an die Arbeit. Obwohl er klein 
und rundlich war, bewegte sich Burks so schnell, daß sich 
Scully und Mulder beeilen mußten, um ihm durch das 
abgedunkelte Labor zu folgen. Burks war aufgeregt. Diese 
Probe war anders als das Material, mit dem er bisher gearbeitet 
hatte  – ein kompletter Querschnitt eines menschlichen 
Schädels. Er legte die Probe auf ein 50 x 60 cm großes Stück 
Fotopapier. 

„Ich habe noch nie mit menschlichem Gewebe gearbeitet“, 

sagte er zu den FBI-Agenten, während er die Probe mit einem 
Draht erdete. „Wonach suchen Sie genau?“ 

„Das werde ich Ihnen sagen, sobald wir es finden“, erwiderte 

Mulder. Er wollte nicht, daß das Experiment durch 
irgendwelche Erwartungen verfälscht wurde. 

Scully konnte ihre Neugierde nicht länger im Zaum halten. 

„Hat man eigentlich schon einmal die Wissenschaftlichkeit 
dieses Verfahrens in Zweifel gezogen, Dr. Burks?“ fragte sie 

background image

 

33

vorsichtig. 

Burks war an derartige Einwände gewöhnt. Inzwischen 

machte er sich nicht mehr die Mühe, sich zu rechtfertigen, und 
reagierte statt dessen mit Humor auf seine Gegner. 

„Nur wenn man mit den Ergebnissen nicht zufrieden war“, 

entgegnete er grinsend. 

Mulder wußte, daß seine Partnerin mit dieser Antwort nicht 

zufrieden sein würde. Er kam dem Professor zu Hilfe. „Chuck 
hat hier in den Staaten einen Großteil  der Pionierarbeit in 
Sachen Kirlian-Fotografie geleistet“, eröffnete er Scully. 

„Allerdings ziehe ich den Oberbegriff Aura-Fotografie vor“, 

fügte Burks hinzu und schaltete eine Reihe von Geräten ein, 
die leise zu summen begannen. Dann wandte er sich wieder an 
Scully und erklärte das Verfahren. „Ich kann die koronale 
Entladung eines Organismus fotografieren, indem ich ihn 
hochfrequenter Elektrizität aussetze.“ 

Scully kannte den Begriff nicht. „Koronale Entladung?“ 

wiederholte sie. 

Mulder warf ein: „Die Lebenskraft. Was die Chinesen als Chi 

bezeichnen. Ihre Existenz ist in östlichen Kulturen eine 
akzeptierte Tatsache.“ 

„Und die theoretische Basis der holistischen Medizin, der 

Akupunktur“, nickte Scully und ignorierte Mulders 
belehrenden Tonfall. „Aber ich  verstehe nicht, was das mit 
diesem Fall zu tun hat.“ 

„Es könnte die undeutlichen Ergebnisse Ihrer 

computertomographischen Untersuchung von Betts’ Kopf 
erklären“, meinte Mulder. 

An der Maschine leuchtete eine rote Diode auf. Burks drückte 

einen Knopf, und eine Induktionsspule knisterte. Winzige 
Elektrizitätsströme sprangen über die Oberfläche der Probe. 
Eine fahle Aura, deutlich sichtbar, umgab sie für zwei oder drei 
Sekunden, um dann zu verblassen. Burks grinste. Dies war ein 
wichtiger Moment. 

background image

 

34

„Mit diesen Geräten kann ich Phantombilder von ganzen 

Blättern machen, die vorher zerschnitten wurden“, strahlte er 
und griff nach dem belichteten Fotopapier. Er eilte durchs 
Labor und legte es in ein Entwicklerbad. „Oder das 
rudimentäre Bild eines Eidechsenschwanzes, der kurz zuvor 
abgetrennt wurde. Was, wie Sie zugeben müssen, 
bemerkenswert ist.“ 

Burks klang mehr als nur ein wenig stolz, während er das 

Negativ im Entwicklerbad bewegte. Scully warf Mulder einen 
skeptischen Blick zu, als der Professor das  Bild aus der Schale 
nahm und hochhielt. 

„Ich glaube, da ist etwas.“ 
Mulder beugte sich vor, und trotz ihrer Zweifel folgte Scully 

seinem Beispiel. 

„Ich weiß zwar nicht, wonach Sie suchen, aber wir haben es 

hier eindeutig mit energetischer Aktivität zu tun.“ Burks 
befestigte das Negativbild an einer Lichtleiste. Er legte einen 
Schalter um, und die Neonröhren flammten flackernd auf. 

Der Querschnitt von Betts’ Kopf war als Silhouette sichtbar, 

deren Ränder von einem leuchtenden elektrischen Kranz 
gesäumt waren. 

Aber die Silhouette endete nicht wie die Probe: Sie ging in 

einen gut sichtbaren Phantomhals und gut erkennbare 
Schultern über, die bis zum Rand des Fotos und weiter 
reichten. Mulder ergriff als erster das Wort. 

„Würden Sie glauben, daß das Haupt  dieses Mannes 

abgetrennt wurde, Chuck?“ 

Dr. Burks schien dies für einen Scherz zu halten. „Kommen 

Sie“, kicherte er, bevor ihm dämmerte, daß Mulder es ernst 
meinte. „Unmöglich.“ 

„Oh doch“, konterte Mulder. Dann wandte er sich an seine 

Partnerin: „Sind wir mit den Ergebnissen zufrieden?“ 

Doch Scully konnte Mulder nur anstarren und sich fragen, 

welch seltsamen Hypothesen wieder einmal in seinem Kopf 

background image

 

35

herumspukten. 

 
Scully hielt den Umschlag mit Leonard Betts’ Gewebeprobe 

in der einen und das von Dr. Burks angefertigte Aurafoto in der 
anderen Hand, als sie und Mulder das Labor verließen. Sie 
mußte nicht lange warten, bis er ihr seine Gedanken verriet. 

„Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen“, erklärte Mulder, „aber 

für mich sah das verdammt nach Schultern aus.“ 

Widerwillig schüttelte Scully den Kopf. „Ich bin mir nicht 

sicher, wie ich dieses Foto erklären soll oder was es beweist.“ 

„Was ist, wenn es beweist, daß Leonard Betts noch am Leben 

ist?“ 

„Mulder!“ 
Mulder blieb stehen und sah seine Partnerin an. „Sie sagten 

vorher, daß Betts’ Gewebe von Krebs zerfressen war“, 
erinnerte er sie. „Was sind Krebszellen denn anderes als 
normale Zellen, die aufgrund einer gestörten DNA rasend 
schnell und unkontrolliert wachsen?“ 

„Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen...“ 
„Hören Sie einfach zu“, verlangte Mulder. „Es könnte doch 

einen Fall geben, bei dem Krebs nicht durch eine geschädigte 
DNA entstanden ist. Was ist, wenn dieser Krebs kein 
aggressiver oder destruktiver Faktor, sondern ein ganz 
normaler Seinszustand wäre?“ 

Scully schüttelte den Kopf. Sie entschied sich, Mulder keine 

ausführliche medizinische Belehrung über die Unmöglichkeit 
einer derartigen Mutation zu erteilen. „Selbst wenn dies 
möglich wäre, Mulder... Leonard Betts ist enthauptet worden.“ 

„Ja, aber was  ist, wenn die Lebenskraft  – sein Chi oder wie 

Sie es nennen wollen  – irgendwie eine Blaupause seines 
Trägers gespeichert hat und das rapide Wachstum der Zellen 
kein Krebs, sondern eine Art... Regeneration ist?“ 

Scully fixierte ihr Gegenüber. „Sie glauben,  daß Leonard 

Betts ein neuer Kopf gewachsen ist?“ rief sie entgeistert. 

background image

 

36

Doch Mulder ließ sich nicht beirren. „Die Flüssigkeit, die ich 

in Betts’ Badewanne entdeckt habe, war Povidon-Jod. Sie wird 
oft von Laborforschern bei Reptilien und Amphibien 
eingesetzt, um die Regeneration zu beschleunigen. Wir beide 
wissen doch, daß Salamander in der Lage sind, sich neue 
Gliedmaßen wachsen zu lassen.“ 

Der mitleidige Blick, den Scully ihrem Partner zuwarf, sprach 

Bände. Dieses Mal war er endgültig zu weit gegangen. Für 
einen Moment schloß sie gottergeben die Augen und seufzte 
dann: „Salamander sind die eine Sache. Aber kein Säugetier 
verfügt über diese Art von Regenerationsfähigkeit. Und es gibt 
auf dieser Erde keine Kreatur, die sich einen neuen Kopf wach-
sen lassen kann.“ 

„Manche Würmer können es“, hielt Mulder dagegen. „Wenn 

man sie zerschneidet, bekommt man zwei Würmer.“ 

„Mulder, es sind Würmer!“ 
„Ich will damit nur sagen, daß so etwas in der Natur 

vorkommt.“ 

Scully schwieg und schob Mulders Theorie für den Moment 

beiseite. Es gab Dringlicheres. „Ganz gleich, ob so etwas 
vorkommt oder nicht  – irgend jemand gibt sich größte Mühe, 
das Beweismaterial zu beseitigen.“ 

Auch hierfür hatte Mulder eine Erklärung. „Vielleicht 

versucht Betts nur, sein Geheimnis zu bewahren.“ 

Als Scully antworten wollte, klingelte ihr Handy. Sie nahm 

den Anruf entgegen, ohne die Augen von Mulder zu wenden. 

„Scully“, meldete sie sich. Mulder beobachtete, wie eine 

Gruppe von müde aussehenden Studenten aus einem nahen 
Hörsaal kam, und wartete geduldig, daß Scully ihr Telefonat 
beendete. „Wunderbar. Danke“, sagte sie schließlich, 
unterbrach die Verbindung und steckte ihr Handy in die 
Tasche. 

Mulder zog fragend die Brauen hoch. 
„Tja, Leonard Betts hatte offenbar mehrere Geheimnisse. 

background image

 

37

Eins davon ist, daß er ein Alter ego namens Albert Tanner 
hatte“, informierte ihn Scully. 

Der Name sagte ihm nichts. 
„Ich habe Betts’ Fingerabdrücke von Danny überprüfen 

lassen. Das Ergebnis waren zwei Namen. Der erste war 
Leonard Betts, der zweite Albert Tanner. Aber im Gegensatz 
zu Leonard hat Albert eine lebende Verwandte. Seine Mutter, 
Elaine Tanner. Interessanterweise leben  – oder lebten  – alle 
drei in Pittsburgh.“ 

 
Mulder und Scully fuhren zu dem ruhigen Wohngebiet, wo 

Elaine Tanner laut ihren letzten Informationen lebte. Schmale, 
zweistöckige Holzhäuser säumten die Straßen. Im Haus unter 
der Adresse, die man Scully genannt hatte, brannte kein Licht, 
aber Mulder bestand darauf, zur Tür zu gehen und zu läuten. 
Schließlich flammte hinter dem winzigen Sichtfenster der Tür 
ein Licht auf. Eine Frau, ungefähr Ende Fünfzig, öffnete. 

„Ja?“ sagte sie lächelnd und nur leicht überrascht, daß zu 

dieser späten Stunde noch Fremde an ihrer Tür klingelten. 

Mulder musterte die hellrosa Schürze der Frau und ihr 

fröhliches Gesicht. 

„Elaine Tanner?“ fragte Scully. „Ich bin Agent Scully, und 

dies ist Agent Mulder. Wir sind vom FBI.“ 

Selbst dies schien die Frau nicht zu beunruhigen, obwohl ihr 

Erstaunen offensichtlich war. „Oh... was kann ich für Sie tun?“ 

„Ihr Sohn ist Albert Tanner?“ 
Diese Frage schien Mrs. Tanner allerdings zu verwirren, doch 

nach einer Pause nickte sie bedächtig, und Scully fuhr fort: 
„Können wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“ 

Erneut nickte Mrs. Tanner und öffnete die Tür zur Gänze. 

Scully und Mulder folgten ihr ins Wohnzimmer. 

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“, sagte Mrs. 

Tanner, „ich habe etwas auf dem Herd stehen.“ 

Nachdem die Frau durch eine Tür im hinteren Teil des Raums 

background image

 

38

verschwunden war, ließ Mulder seinen Blick durchs Zimmer 
wandern und stutzte. 

„Scully...“ Er wies auf ein gerahmtes Foto, das auf einer 

Mahagonikommode stand. 

Scully folgte der Richtung von Mulders ausgestrecktem 

Finger  – das Foto zeigte den Mann, den sie als Leonard Betts 
kannten. Scully nahm das Bild von der Kommode und 
betrachtete es genauer. 

Als Mrs. Tanner ins Wohnzimmer zurückkehrte, zeigte ihr 

Scully das Foto. „Ma’am, ist das Ihr Sohn?“ 

Mrs. Tanner lächelte stolz. „Ja“, strahlte sie, „das ist Albert.“ 
Scully zögerte; sie wußte nicht, wie sie ihre nächsten Fragen 

formulieren sollte. „Wir kennen diesen Mann unter dem 
Namen Leonard Morris Betts“, begann sie. „Haben Sie diesen 
Namen schon einmal gehört?“ 

Mrs. Tanners Lächeln verblaßte langsam. „Nein...“ 
Mulder hakte nach. „Hat Ihr Sohn vielleicht Decknamen 

benutzt, von denen Sie wissen?“ 

„Warum stellen Sie mir all diese Fragen?“ erwiderte Mrs. 

Tanner. Mittlerweile war alle Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht 
gewichen. 

Für einen Moment herrschte Stille. Den Agenten wurde 

langsam klar, daß Mrs. Tanner möglicherweise nicht wußte, 
was ihrem Sohn zugestoßen war. Als Scully wieder das Wort 
ergriff, sprach sie so sanft wie möglich. „Ma’am, wissen Sie, 
daß Ihr Sohn vor kurzem gestorben ist?“ 

Mrs. Tanner starrte Scully an, als wäre sie verrückt. „Was 

meinen Sie mit ,vor kurzem’, Agent Scully?“ 

Scully und Mulder wechselten einen irritierten Blick. „Mrs. 

Tanner, wann ist Ihr Sohn gestorben?“ stellte Mulder die 
nächstliegende Frage. 

„Vor sechs Jahren“, erklärte sie. Die Gesichter der Agenten 

verrieten ihr, daß sie damit nicht gerechnet hatten. „Er starb bei 
einem Autounfall. Warum?“ 

background image

 

39

„Mrs. Tanner“, fragte Scully ruhig, „könnten Sie uns 

vielleicht die Sterbeurkunde zeigen?“ 

„Natürlich“, versicherte Mrs. Tanner mit zunehmend verwirrt 

klingender Stimme. 

Als sich die Frau abwandte und  in einem der Nebenzimmer 

verschwand, blickte Scully ihr leicht ratlos hinterher. 

Mulder pfiff leise durch die Zähne. „Schönes Durcheinander, 

was?“ 

background image

 

40

 

Im Vergleich zum Allegheny Catholic Hospital wirkte das 

Monongahela wie aus dem Mittelalter. Das moderne Gebäude 
war erleuchtet wie ein Casino in Las Vegas, und als Michele 
Wilkes über den Parkplatz schlenderte, fiel ihr der alte Witz 
wieder ein: „Eine todschicke Klinik!“ Auch wenn das 
Allegheny Catholic selbst bei dichtem Verkehr nur eine halbe 
Stunde Fahrt vom Stadtkern entfernt war, hätte es für manche 
arme Seelen auch auf dem Mond liegen können  – für jene, die 
zum Monongahela geschickt wurden, da sie eben keine 
Versicherung hatten und nicht in der Lage waren, die privaten 
Krankenhaussätze zu bezahlen. Allerdings war es nicht nur das 
Gebäude, das Wilkes’ Arbeitgeber deklassierte. Michele 
bemerkte auch die glänzenden Ambulanzen: Keines der 
Fahrzeuge war älter als zwei Jahre. 

Vor zwei Stunden hatte sie ihre Schicht beendet. Sie hatte 

geduscht und Freizeitkleidung angezogen und war dann zum 
Allegheny Catholic gefahren. Die Stimme aus dem Funkgerät 
verfolgte sie noch immer. 

„Bis zum Arsch im Alligator.“ 
Sie hatte diesen Ausdruck bisher erst von einem Menschen 

auf diesem Planeten gehört: Leonard. Und es war auch seine 
Stimme gewesen, darauf ging sie jede Wette ein. Heute abend 
würde sie Leonard Betts finden  – oder erkennen, daß sie 
tatsächlich langsam verrückt wurde. Gemächlich spazierte 
Wilkes durch die Reihen der Krankenwagen und blickte sich 
aufmerksam um. Sie entdeckte zwei Rettungssanitäter, die in 
ihrem Fahrzeug auf einen neuen Einsatz warteten. Wilkes trat 
ans Beifahrerfenster der Ambulanz. 

„Entschuldigung“, begann sie nervös, „ich... äh... ich suche 

nach einem Rettungssanitäter. Den Fahrer von Wagen 208.“ 

Die Sanitäter wechselten einen Blick. Die schwarze Frau auf 

background image

 

41

dem Beifahrersitz wandte sich an ihren Partner. „Der Neue?“ 

Der Fahrer nickte, und sie drehte sich wieder zu Wilkes 

herum. „Ja, 208 steht dort drüben. Er hat gerade seine Schicht 
beendet, aber wenn Sie sich beeilen, erwischen Sie ihn noch.“ 

Wilkes dankte ihr und marschierte zu Wagen 208, der 

ungefähr dreißig Meter weiter im Schatten zwischen zwei nur 
spärlich leuchtenden Straßenlaternen geparkt war. Als sie sich 
näherte, entdeckte Wilkes einen einzelnen Mann, der mit einem 
Erste-Hilfe-Koffer aus dem Fahrzeug stieg. Obwohl seine 
Gesichtszüge nicht zu erkennen waren, kamen ihr seine Statur 
und sein Gang bekannt vor. Wilkes klopfte das Herz bis zum 
Halse, als sie sich zwang, seinen Namen zu rufen. 

„L-Leonard?“ 
Der Mann blickte kurz in Wilkes’ Richtung und ging dann 

schnell, aber gelassen davon. Wilkes lief ihm nach, aber als sie 
die Stelle erreichte, wo sie ihn zum letzten Mal erblickt hatte, 
war niemand mehr zu sehen.  Vielleicht ist es doch ein Irrtum 
gewesen,  
sagte sie sich. Doch dann bemerkte sie etwas: eine 
Eiche, die zwölf Meter weiter am Rand des Parkplatzes stand – 
der ungleichmäßige Schatten des Stamms verriet Wilkes, daß 
sich dahinter jemand verbarg. 

Vorsichtig trat Wilkes näher und wählte einen Weg, der es ihr 

erlaubte, den Schatten im Auge zu behalten, ohne selbst 
gesehen zu werden. Fünf Meter vor dem Baum blieb sie stehen 
und unterdrückte den Impuls, kehrtzumachen und 
davonzulaufen. Dann, widerwillig, trat der Mann ins Licht. 

Es war Leonard Betts. 
Als Wilkes sprach, waren ihre Worte kaum hörbar. „Oh, mein 

Gott, Leonard! Bist du das wirklich?“ 

Betts schenkte ihr ein mattes, melancholisches Lächeln. 

Wilkes hatte jetzt keine Angst mehr  – sie konnte nur nicht 
fassen, was sie sah. Sie mußte sich daran erinnern, daß dies 
kein Traum, daß Leonard kein Geist war. 

„He, Michele.“ Leonards trat auf seine ehemalige Partnerin 

background image

 

42

zu, um sie zu umarmen. Wilkes wich zurück, obwohl sie nicht 
wußte, warum sie sich plötzlich fürchtete. 

„Es ist okay“, meinte Betts beruhigend. 
Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu und nahm sie in 

die Arme. Zögernd erwiderte sie seine Umarmung, während 
sich alles um sie drehte. Ein Teil von ihr wollte es ohne zu 
fragen akzeptieren. Während Leonard sie in seinen Armen 
hielt, spürte Wilkes, wie ihre Schuldgefühle schwanden. Er 
lebte, und sie, sie hatte ihn nicht umgebracht. 

Betts schluckte hart. In seinen Augen schwammen Tränen. Er 

konnte spüren, wie sich ihre Furcht in Freude verwandelte, er 
konnte ihre Erleichterung fühlen – und er wollte nicht tun, was 
er tun mußte. 

„Es ist okay“, wiederholte er sanft. „Ich wünschte nur, du 

hättest mich nicht gefunden.“ 

„Wovon redest du?“ flüsterte sie zurück. 
Betts löste eine Hand von Wilkes’ Rücken. Eine gefüllte 

Injektionsspritze blitzte auf. 

„Leonard?“ Verwirrt sah ihn Wilkes an und wartete auf seine 

Antwort. 

Doch Betts’ einzige Antwort bestand darin, ihr die Nadel 

zwischen die Schulterblätter zu rammen. Die Spritze pumpte 
ihren tödlichen Inhalt in Wilkes’ Körper, während Betts seine 
ehemalige Partnerin unerbittlich festhielt. Es dauerte nur ein 
paar Sekunden, bis sie von Krämpfen geschüttelt wurde. 

„Es tut mir leid“, flüsterte Betts. „Es tut mir so leid.“ 
Taumelnd versuchte Wilkes, sich aus Betts’ Griff zu befreien, 

aber einen Moment später war schon alles vorbei. Sie verdrehte 
die Augen und erschlaffte. Betts legte Wilkes’ Leiche 
behutsam auf den laubbedeckten Boden. 

„He, Sie da!“ 
Betts fuhr herum und blinzelte in den Strahl einer 

Taschenlampe. Er schirmte seine Augen ab und sah einen 
stämmigen Wachmann aus Richtung des Krankenhauses auf 

background image

 

43

sich zustürmen. Betts richtete sich auf, schwang sich über ein 
Geländer und rannte den Weg hinunter. Als der Wachmann die 
Stelle erreichte, wo er Betts zuerst entdeckt hatte, verharrte er. 
Der Strahl seiner Taschenlampe fiel auf Michele Wilkes’ 
Leiche. Einen Moment lang starrte er in ihre toten Augen und 
setzte dann dem Täter nach, der noch immer in Sichtweite war. 

„HALT!“ befahl er. „BLEIBEN SIE SOFORT STEHEN!“ 
Betts ignorierte die Zurufe und erreichte den Parkplatz, wo er 

im Zickzack durch die geparkten Autos lief und schließlich bei 
seinem klapperigen Dodge Dart anlangte. Fieberhaft suchte er 
nach seinen Schlüsseln. Er konnte die Schritte des Wachmanns 
hören. Endlich fand er sie! Betts steckte den Schlüssel in die 
Wagentür, doch kaum hatte er ihn gedreht, wurde er auch 
schon von seinem Verfolger angesprungen. Betts schlug 
schwer auf dem Pflaster auf, und bevor er sich aufrappeln 
konnte, war der Wachmann über ihm. Das nächste, was Betts 
sah, war die Taschenlampe, die auf seinen Kopf niedersauste: 
Das wuchtige Batterieende traf seine Stirn, und ihm schwanden 
die Sinne. 

Verzweifelt kämpfte Betts gegen die Bewußtlosigkeit, die 

sich seiner bemächtigen wollte. Es gelang ihm, den  zweiten 
Schlag mit dem Unterarm abzuwehren, er war jedoch nicht 
stark genug, um zu verhindern, daß der kräftige Wachmann 
sein Handgelenk packte und ihm Handschellen anlegte. 
Verschwommen nahm Betts wahr, wie der Wachmann den 
zweiten Schellenring am Türgriff des Wagens befestigte. 

„Du bleibst hier, Hurensohn!“ Der Wachmann tastete Betts 

ab, fand aber nichts. Er zog den Schlüssel ab, der noch immer 
in der Autotür steckte, und schob ihn in seine Tasche. Betts lag 
blutend am Boden. Beide Männer keuchten wie 
Schwergewichtsboxer. Der Wachmann löste sein Walkie-talkie 
vom Gürtel und drückte den Sendeknopf. 

„Ronnie, nimm ab, Mann!“ 
Während er auf die Antwort wartete, blickte der Wachmann 

background image

 

44

zu den Bäumen hinüber. Ein paar Momente später drang eine 
blecherne Stimme aus dem Lautsprecher des Walkie-talkies. 

„Was ist?“ 
„Wir haben einen Notfall auf dem Personalparkplatz.“ Der 

Wachmann warf seinem Gefangenen einen grimmigen Blick zu 
und lief dann den Weg zurück zu der Stelle, wo er die Leiche 
der Frau gefunden hatte. 

Sobald sein Bezwinger außer Sichtweite war, rappelte sich 

Betts mühsam auf. Er zerrte heftig an den Handschellen. Dann 
rüttelte er am Türgriff, allerdings ohne Erfolg. Betts warf einen 
langen, forschenden Blick in die Richtung, in der der 
Wachmann verschwunden war  – er wußte, daß ihm nicht viel 
Zeit blieb, bis jemand kam, um ihn abzuführen. Er mußte 
schnell handeln. 

Mit der freien Hand packte er den Daumen der gefesselten 

Hand und zog. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Betts schloß 
die Augen und biß die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. 
Er versuchte, sich ganz auf die Stimmen in der Ferne zu 
konzentrieren und seine Schmerzen einfach zu ignorieren. 

„Jemand soll eine Trage holen.“ „Ich kann keinen Puls 

feststellen.“ „Ich muß nach diesem Kerl sehen.“ Dann ein 
Geräusch näher an seinen Ohren  – das seines Daumens, der 
sich mit einem Ruck aus dem Gelenk löste  – gefolgt von dem 
übelkeitserregenden Knirschen von Knochen und Knorpel und 
zerreißendem Fleisch. 

Weniger als dreißig Meter weiter kniete der Wachmann 

neben  Michele Wilkes. Sein Kollege und ein Notarzt waren 
ihm zu Hilfe geeilt. Am Gesichtsausdruck des Arztes konnte 
der Wachmann erkennen, daß die Diagnose negativ war. Hier 
war nichts mehr tun, und so kehrte er zum Parkplatz zurück 
und wünschte sich im stillen, er hätte dem Mörder ein paar 
Schläge mehr verpaßt. Der Mistkerl hätte es verdient. 

Als sich der Wachmann dem Auto näherte, verlangsamte er 

seine Schritte. Er richtete seine Taschenlampe auf die Stelle, 

background image

 

45

wo er Betts zurückgelassen hatte – und hielt verwirrt inne. Das 
Auto war da, und auch die Handschellen baumelten noch am 
Türgriff. Doch der Gefangene war verschwunden. 

Vorsichtig pirschte der Wachmann um das Auto herum. Als 

er in die Lücke zwischen dem Dart und dem daneben 
parkenden Sportwagen bog, konnte  er die Handschellen besser 
erkennen, und bei genauerem Hinsehen bemerkte er das frische 
Blut, das an der Tür hinunterrann. Die Blicke des Wachmanns 
folgten der Blutspur zum Boden, und was er sah, ließ ihn erst 
fassungslos den Kopf schütteln, danach wurde ihm schlagartig 
schlecht. 

Auf dem Pflaster lag Leonard Betts’ Daumen. Er sah aus, als 

wäre er am Gelenk abgerissen worden. 

background image

 

46

 

Im Morgengrauen schneite es. Kleine, feuchte Flocken 

wehten in Agent Mulders Gesicht, als er sich auf dem 
Personalparkplatz des Allegheny Catholic Hospitals bückte. 
Durch Latexhandschuhe geschützt, hob er den abgetrennten 
Daumen auf, untersuchte ihn und steckte ihn in einen 
Plastikbeutel. Im Hintergrund plärrten lautstark 
Polizeifunkgeräte, während uniformierte Cops den Tatort mit 
gelbem Polizeiband absperrten. Wachmänner des 
Krankenhauses erklärten den von der Nachtschicht erschöpften 
Angestellten, warum sie noch nicht in ihre Autos steigen 
durften. 

Mulder verfolgte die Blutspur vom Boden hinauf zu den 

Handschellen, die noch immer am Türgriff hingen. Als er 
aufblickte, entdeckte er Scully, die sich mit einem 
Regenschirm von der Stelle näherte, wo man Michele Wilkes’ 
Leiche gefunden hatte. Er zeigte ihr den Plastikbeutel mit dem 
Daumen. 

„Unglaublich, was manche Leute so verlieren“, scherzte er, 

doch Scully zeigte keinerlei Reaktion, und er wurde wieder 
ernst. „Was haben Sie herausgefunden?“ 

„Michele Wilkes wurde ermordet, aber wenn der Wachmann 

die Tat nicht beobachtet hätte, hätten wir es vielleicht nie 
festgestellt.“ 

„Warum nicht?“ 
„Ich habe eine gebrauchte Injektionsspritze im Gras entdeckt. 

Man hat ihr eine tödliche Dosis Kaliumchlorid verpaßt“, 
erklärte Scully. „Da es sich dabei um einen Elektrolyten han-
delt, der auf natürliche Weise im Körper vorkommt, suchen die 
Gerichtsmediziner normalerweise nicht danach.“ 

Der Schnee fiel dichter, und auch Mulder spannte seinen 

Schirm auf. „Betts war hier, Scully. Wilkes muß ihn aufgespürt 

background image

 

47

haben. Dann hat er sie umgebracht, um sein Geheimnis zu 
schützen.“ 

Unter anderen Umständen hätte Scully ihm mit Sicherheit 

widersprochen. Statt dessen nickte sie mit wachsender 
Überzeugung. „Ja, der Wachmann hat ihn als den Täter 
identifiziert. Allerdings haben seine Kollegen ausgesagt, sein 
Name sei Truelove.“ 

„Scully, wissen Sie, wie dieser Mann entkommen ist?“ 

Mulder wies auf die blutbefleckte Autotür. „Er hat seinen 
Daumen ausgerissen. Weil er wußte, daß er sich einen neuen 
wachsen lassen kann.“ 

„Mulder, so funktioniert das nicht“, protestierte sie matt. 
„Aber ist es unvorstellbar?“ 
Scully warf Mulder einen Blick zu, der verriet, daß sie es in 

der Tat für unvorstellbar hielt. 

Doch noch gab sich Mulder nicht geschlagen. „Vielleicht ist 

Betts’ Regenerationsfähigkeit kein größerer 
Entwicklungssprung als der aufrechte Gang oder die 
Kommunikation durch Sprache“, spekulierte er. 

„Sprache... Evolution  – es handelt sich dabei um einen 

Prozeß, der in Schritten abläuft, Mulder. Nicht in Sprüngen.“ 

Mulder schüttelte den Kopf. „Die neueste Evolutionstheorie 

widerspricht dem. Die Wissenschaftler nennen das Phänomen 
,Punktualismus’ oder ,punktuelles Gleichgewicht’. Nach dieser 
Theorie laufen evolutionäre Fortschritte  kataklysmisch ab, 
nicht graduell. Die Evolution erfolgt nicht gleichmäßig, 
sondern in großen, abrupten Sprüngen. Und das Unerklärliche 
spielt sich in den Lücken ab  – der Lücke zwischen dem, was 
wir sind, und dem, was Leonard Betts geworden ist.“ 

Scully dachte eine Weile über Mulders Argumente nach. 

Dann sagte sie: „Ihre Theorie setzt einen Menschen voraus, der 
so radikal weiterentwickelt ist, daß man ihn kaum noch als 
Menschen bezeichnen könnte.“ 

Mulder hob die Schultern und lächelte. „Andererseits  – wie 

background image

 

48

entwickelt ist ein Mensch, der einen Dodge Dart fährt?“ 

Scully musterte das Auto, schien den Scherz aber nicht zu 

verstehen. Mulder seufzte und zog einen weiteren Plastikbeutel 
mit einem Beweisstück aus der Tasche seines Trenchcoats: Es 
waren die Wagenschlüssel, die der Wachmann Betts 
abgenommen hatte. Mit einem leisen Klimpern hielt er sie vor 
Scullys Gesicht. 

Mulder nahm die Schlüssel aus dem Beutel und schloß den 

Kofferraum auf, der lediglich eine mittelgroße Kühlbox 
enthielt. Als er die Box geöffnet hatte, trat Scully an seine 
Seite. Die Box enthielt versiegelte Plastikbeutel voller Tumore, 
dieselbe Art, die sie auch in der Bio-Entsorgungseinheit im 
Monongahela Hospital gesehen hatten. Die Beutel waren in Eis 
gepackt, das teilweise geschmolzen war. Voller Unbehagen 
griff Scully nach einigen der Beutel und las die Etiketten. 

„Myeloides Sarkom. Epitheliales Karzinoid. Das sind 

Krebstumore.“ Scully sah ihren Partner an. „Das ist alles OP-
Abfall, der entsorgt werden sollte. Was hatte er damit vor?“ 

Mulder hatte eine Erklärung parat, doch allein der Gedanke 

daran erfüllte ihn mit Übelkeit. „Sie werden es vielleicht nicht 
wissen wollen“, sagte er knapp. 

Der Ausdruck von Abscheu, der über Scullys Gesicht 

huschte, verriet Mulder, daß sie dieselbe Vermutung hatte. 

„Scully, es besteht die Möglichkeit, daß Leonard Betts nicht 

nur Krebs hat...“ 

Scully beendete den Satz. „... sondern daß er Krebs zum 

Leben braucht? Sie wollen damit sagen, daß das hier...“ 

„... sein Imbiß ist“, schloß Mulder und sprach damit aus, was 

sie beide dachten. „Das könnte auch erklären, warum die 
Evolution, die natürliche Auslese, Krebs  – die größte Gefahr 
für die Gesundheit unserer Spezies  – in unseren genetischen 
Bauplan integriert hat.“ 

Was Mulder damit andeutete, widersprach jeder anerkannten 

Theorie zu diesem Thema. Scully machte eine hilflose Geste. 

background image

 

49

„Warum... warum denke ich die ganze Zeit, daß sich Darwin in 
diesem Moment in seinem Grab herumdreht?“ 

„Dann fragen Sie sich doch mal“, argumentierte Mulder 

hitzig, „warum Betts Rettungssanitäter ist? Warum besucht er 
regelmäßig Krebsstationen?“ Mulder nickte auf die Box mit 
den Tumoren hinunter. „Weil er so Zugang zu seinem 
bevorzugten Nahrungsmittel bekommt.“ 

Während Scully über diese Vermutung nachdachte, schaltete 

ein uniformierter Police Officer in der Nähe sein Funkgerät ab 
und trat auf sie zu. Er warf einen Blick auf sein Notizheft. „Das 
Fahrzeug ist auf eine Elaine Tanner, 3108 Old Bank Road, 
zugelassen.“ 

Mulder und Scully wechselten einen Blick. 
„Ob Mom wohl weiß, daß ihr toter Sohn mit ihrem Wagen 

unterwegs ist?“ fragte Mulder sarkastisch. Beide Agenten 
kannten die Antwort auf die Frage. 

Die alte Frau hatte gelogen. 
 
Elaine Tanner hörte das Hämmern an der Tür, und obwohl 

der Besuch für sie nicht völlig unerwartet kam, überraschte sie 
die Anzahl der Police Officers, die sich vor ihrer Haustür 
drängten, dann doch. Trotzdem hielt sie es für das Beste, sie 
mit einem Lächeln zu begrüßen. Die FBI-Agentin, die schon 
vor zwei Tagen bei ihr gewesen war, zeigte ihr ein Blatt Papier. 

„Elaine Tanner, wir haben einen Durchsuchungsbefehl für Ihr 

Haus.“ 

Der eisige Tonfall der FBI-Agentin war zuviel für Mrs. 

Tanner. Ihr freundlicher Gesichtsausdruck verdüsterte sich. 

Wenige Momente später wimmelte es in ihrem Wohnzimmer 

von Polizisten, die die Schränke und Schubladen 
durchwühlten. Mulder informierte Scully, daß er nach oben 
gehen und sich dort umschauen wollte, während sie Mrs. 
Tanner verhörte. 

„Mrs. Tanner, wir wissen, daß Ihr Sohn noch lebt und daß Sie 

background image

 

50

Kontakt zu ihm haben. Sagen Sie uns, wo wir ihn finden 
können.“ 

Scully wartete auf eine Antwort, doch die alte Frau wagte 

noch nicht einmal, ihr in die Augen zu sehen. Statt dessen 
verfolgte sie stumm, wie einer der Police Officers einige ihrer 
kostbaren antiken Figurinen zur Seite schob. 

„Gestern nacht hat Ihr Sohn eine Frau ermordet“, versuchte es 

Scully noch einmal. „Wenn Sie lügen, um ihn zu schützen, 
machen Sie sich der Mittäterschaft an diesem Mord schuldig.“ 

Diesmal bekam Scully eine Reaktion. Mrs. Tanner hob den 

Kopf und blickte sie an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, 
kam Mulder mit einer Flasche Povidon in der Hand zurück. 

„Mrs. Tanner“, unterbrach er, „darf ich Sie fragen, wofür Sie 

das hier benutzen?“ 

Die alte Frau verzog keine Miene, und Mulder fuhr fort: „Das 

ist eine ziemlich große Flasche. Schneiden Sie sich oft?“ 

An Mulders Tonfall erkannte die alte Frau, daß er es 

herausgefunden hatte, daß er  – zumindest teilweise  – Bescheid 
wußte. Wenn dies der Fall war, dann wollte sie, daß er 
verstand. Daß er verstand und Leonard in Ruhe ließ. 

„Als mein Sohn acht Jahre alt war“, begann sie bedächtig, 

„gab es zwei Jungen, die ihn ständig ärgerten, weil er anders 
war. Er hat sie einfach ignoriert. Er wußte, daß er besser war 
als sie. Eines Tages lauerten sie ihm auf dem Heimweg auf. Sie 
verprügelten ihn... und er, er hat nicht einmal versucht, sich zu 
wehren. Er lag einfach da und steckte die Schläge ein.“ 

Mrs. Tanner wandte den Kopf und sah Scully direkt in die 

Augen. „Deshalb glaube ich nicht, daß er jemand getötet hat“, 
schloß sie. „Und wenn er es getan hat, dann hatte er seine guten 
Gründe.“ 

„Was für Gründe, Mrs. Tanner?“ 
„Gott hat etwas mit ihm vor“, erklärte die alte Frau trotzig. 

„Gott will, daß er bleibt  – auch wenn die Leute es nicht 
verstehen... Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.“ 

background image

 

51

Und Mulder und Scully wußten, daß sie nicht mehr aus ihr 

herausbekommen würden. 

background image

 

52

 

Normalerweise trank John Gillnitz vor Sonnenuntergang 

keinen Whisky. Bis zur Dämmerung blieb er gewöhnlich bei 
Bier  – das war gesünder. Aber Emily trieb  ihn zu den harten 
Sachen. Emily war der Grund, warum John schon zwanzig 
Minuten vor Steve, dem Besitzer, im Club Tip Top 
eingetroffen war. Sie war der Grund für die sieben Pintchen 
Jack Daniels, die er vor dem dritten Viertel des Steelers-Spiels 
hinuntergekippt hatte. 

John saß auf seinem Barhocker, nahm einen letzten Zug von 

seiner Camel und drückte die Kippe im überquellenden 
Aschenbecher aus. Er zog die letzte Zigarette aus der Packung 
und hatte sie schon angezündet, bevor er den Rauch der 
vorherigen ausgeatmet hatte. Mit einer energischen Geste 
knüllte er die leere Packung zusammen und versuchte, sie in 
den Abfalleimer auf der anderen Seite des Tresens zu werfen, 
den er jedoch um Armeslänge verfehlte. 

John nahm einen weiteren Zug und behielt den Rauch ein 

paar Momente in der Lunge. Er bestellte bei Steve ein weiteres 
Glas. Der Whisky half immer. Gedankenverloren fuhr er mit 
den Fingern durch seinen langen Bart. Emily wollte, daß er ihn 
abrasierte, und damit hatte der Streit angefangen. 

„Du wirst nie einen neuen Job finden, John.“ 
„Wer wird dich schon einstellen, wenn du so aussiehst, 

John?“ 

Und so weiter. 
Aber John gefiel der Bart. Alle paar Monate fragte ihn 

jemand, ob er ein Bandmitglied von ZZ Top sei, und John log 
stets und sagte ja. Dann bekam er die ganze Nacht Drinks spen-
diert, während er Geschichten über das Leben auf Tournee 
erzählte: die Groupies in Atlanta, die verwüsteten Hotelzimmer 
in Manhattan. Außerdem hatte Emily der Bart gefallen, als sie 

background image

 

53

ihn kennengelernt hatte... natürlich hatte er damals einen Job 
gehabt. Heute morgen hatte er einen Zwanziger aus ihrem 
Portemonnaie klauen müssen, um hierherkommen zu können, 
und jetzt waren ihm auch noch die Zigaretten ausgegangen. Er 
haßte Emilys Virginia Slims, doch wenn man drei Packungen 
am Tag rauchte, mußte man manchmal nehmen, was man 
kriegen konnte. Vielleicht sollte er doch noch nicht nach Hause 
gehen und stattdessen versuchen, jemand in der Bar anzu-
schnorren. 

Er sah sich um. Die Bar war fast leer. In einer Nische saßen 

ein paar Burschen, die er gerade beim Pool-Billard abgezockt 
hatte. Die ließ er besser in Ruhe. Und am anderen Ende des 
Tresens hockte ein magerer Kerl mit schütterem Haar, der ihm 
schon den ganzen Morgen komisch vorgekommen war. 
Erstens, weil der Kerl nicht trank – nun ja, Club Soda, aber das 
zählte nicht. Zweitens, weil John den Kahlkopf mehr als 
einmal dabei ertappt hatte, wie er ihn anstarrte. Am besten ging 
er doch nach Hause. Er warf den Zwanziger auf den Tresen 
und hoffte, daß er seine Rechnung abdeckte. Dann rutschte er 
leicht schwankend von seinem Barhocker. 

 
Leonard Betts verfolgte, wie der Mann mit dem langen, 

zottigen Bart aus der Bar wankte. So wie er rauchte und 
hustete, gab Betts dem Bärtigen noch ein Jahr, höchstens zwei. 
Und sie würden nicht angenehm verlaufen. Chemotherapie. 
Medikamente. Operationen. Betts zog einen Fünfer aus seiner 
Brieftasche und biß die Zähne zusammen. Er freute sich nicht 
auf das, was er gleich tun würde. Es kostete schrecklich viel 
Kraft und Konzentration. Sein neuer Daumen war noch immer 
nur ein fleischiger Stummel  – es würde noch Tage dauern, bis 
er wieder voll einsatzfähig war. 

Betts stand auf und folgte dem bärtigen Mann. Als er auf die 

Straße trat, wurde er von der Helligkeit des Nachmittags 
vorübergehend geblendet. Immerhin hatte er mehrere Stunden 

background image

 

54

in der abgedunkelten Bar gesessen. Doch nach ein paar 
Wimpernschlägen entdeckte er Gillnitz, der in Schlängellinien 
auf einen Pickup zuging. Betts eilte ihm nach und steckte seine 
heilende Hand in die Manteltasche. Vorsichtig sah er sich um 
und stellte befriedigt fest, daß der Parkplatz menschenleer war. 
Der betrunkene Mann fummelte immer noch an der Tür seines 
Trucks herum. 

„Verzeihen Sie“, sagte Betts ruhig, um die Aufmerksamkeit 

des Bärtigen auf sich zu lenken. 

Gillnitz drehte sich um und starrte den Fremden an. Er kannte 

diesen Gesichtsausdruck aus Schuld und Reue  – ein Ausdruck, 
auf den er selbst spezialisiert war. Er grunzte und wandte sich 
ab. 

„Es t-tut mir leid“, stotterte Betts. „Sie haben etwas, das ich 

brauche.“ Betts schüttelte das Skalpell aus seinem linken 
Ärmel und fing es mit seiner unverletzten Hand auf. Als er 
nach vorn stürzte, blitzte die Klinge in der Sonne auf. Sein 
Angriff erfolgte schnell und brutal  – binnen Sekunden war 
alles vorüber. 

background image

 

55

 

Die Durchsuchung von Elaine Tanners Haus hatte drei 

Stunden gedauert, und seit ihrer Enthüllung, daß Gott ihren 
Sohn am Leben  erhalten wolle, hatte die alte Frau 
währenddessen kein weiteres Wort mehr gesagt. Die Polizei 
war dabei, die Regale wieder einzuräumen. Mulder polterte die 
Treppe herunter und suchte nach seiner Partnerin. 

„Scully?“ 
Scully kam aus dem Wohnzimmer. „Haben Sie etwas 

gefunden?“ flüsterte sie. Mrs. Tanner saß in Hörweite, und 
Scully wollte nicht, daß sie etwas Wichtiges erfuhr und an 
ihren Sohn weiterleitete. 

„Keine Spur von ihm“, flüsterte Mulder zurück. „Nicht mal 

eine alte Socke. Nur das hier.“ Mulder zeigte  ihr die Quittung 
eines U-Keep-It-Storage. 

„Ein Möbellager?“ 
„An seinem Schlüsselring befindet sich ein Schlüssel mit der 

eingravierten Nummer 112.“ 

Scully sah zur anderen Seite des Raums hinüber, wo Mrs. 

Tanner plötzlich den Kopf gedreht hatte und sie aufmerksam 
beobachtete. „Überprüfen wir’s.“ 

 
Durch eine Ritze in der geschlossenen Lagerhaustür fiel ein 

schmaler Lichtstrahl auf Leonard Betts’ Rücken und warf die 
Silhouette seines nackten Körpers an die Wand. Das matte 
Leuchten um seinen Kopf erhellte das Blut auf seinen Lippen. 
Seine Haut war von einem glänzenden Schweißfilm überzogen, 
seine Augen traten aus den Höhlen. 

Betts war vor Schmerz halb wahnsinnig. 
Er senkte den Kopf und kämpfte mit etwas in seinem Inneren. 

Es bewegte sich in seinem Unterleib, zerrte an seinen Muskeln, 
dehnte seine Haut. Das Knacken brechender Knochen erfüllte 

background image

 

56

den kleinen Raum. Seine Kehle blähte sich. Betts warf den 
Kopf in den Nacken und öffnete – einer Python ähnlich, die ein 
Schwein verspeist  – seinen Mund so weit, wie es keinem 
normalen Menschen möglich war. Doch Betts versuchte nicht, 
etwas zu verschlingen. Er gebar etwas  – er gebar einen neuen 
Leonard Betts. 

Während er schmerzgepeinigt schrie, bahnte sich der 

Klumpen in seiner Brust den Weg nach draußen, durch 
zerrissenes  Fleisch und den gebrochenen Kiefer von Leonard 
Betts’ bisherigem Mund. Der alte Kopf fiel ab. An seinem 
Platz befand sich jetzt ein unfertiger Ersatz, bleich und 
konturenlos wie an dem Tag, als man ihn fast in seiner eigenen 
Badewanne überrascht hatte. 

 
Mulder steuerte den gemieteten Sedan an einem Schild mit 

der Aufschrift U-Keep-It-Storage vorbei und bog auf den 
Parkplatz des Lagerkomplexes, einer Ansammlung von 
Klinkerschuppen mit Metallrolladentüren. Er fuhr weiter, bis er 
die garagengroße Einheit mit der Nummer 112 über der Tür 
fand. Mulder hielt, und die Partner stiegen aus und näherten 
sich mit leisen Schritten dem Eingang. 

Gerade als Mulder den Schlüssel aus der Tasche nahm, 

bemerkte er es. 

„Scully!“ 
Sie folgte seiner Blickrichtung. Blut quoll durch den unteren 

Türspalt. Behende zog Scully ihre Pistole und ging neben der 
Tür in Deckung. 

Mulder griff ebenfalls nach seiner Waffe, bückte sich und 

schloß leise die Tür auf. Als er sie nach oben drückte, spürte er 
einen leichten Widerstand, und dann  – fiel ihm eine Leiche 
entgegen. Der Mann schien Ende Vierzig zu sein und hatte 
einen langen, ergrauenden Bart. Noch bevor Scully die 
klaffende Wunde in der Brust des Mannes näher in 
Augenschein nehmen konnte, hörten sie aus der Lagereinheit 

background image

 

57

das Aufheulen eines Automotors. 

Mulder warf Scully einen kurzen Blick zu und schob die Tür 

vollends nach oben. Helles Tageslicht überflutete den 
Garagenboden, der von leeren Kunststoffbeuteln, 
Styroporkühlboxen und Organtransplantatbehältern übersät 
war. Ein paar Schritte weiter, im Hintergrund des Lagers, 
röhrte ein Pickup auf, und zum ersten Mal erhaschten Mulder 
und Scully einen Blick auf den lebenden Leonard Betts. Hinter 
das Lenkrad geduckt starrte Betts die beiden Agenten an, ließ 
den Motor aufheulen und drückte aufs Gaspedal. Mit 
quietschenden Reifen raste das Fahrzeug auf die Agenten zu. 
Mulder warf sich auf Scully und riß sie zur Seite, während der 
Truck den leblosen Körper des bärtigen Mannes überrollte. 

Als der Truck aus dem Schuppen schoß, zwang Betts das 

Lenkrad hart nach rechts und raste auf die Ausfahrt des 
Lagerkomplexes zu. Sofort waren Scully und Mulder wieder 
auf den Beinen. Mulder drückte ab, und das Fenster im Fond 
des Pickups zersplitterte. 

Scullys Kugel traf den Benzintank, und die Explosion erfolgte 

augenblicklich. Der Pickup wurde einen Meter in die Höhe 
geschleudert und landete dann wieder auf dem Boden – ein hell 
auflodernder Sarg für Leonard Betts. 

background image

 

58

10 

 

Die Leiche von John Gillnitz lag unter dem kalten Licht einer 

Autopsielampe in der Leichenhalle des Monongahela 
Hospitals. Bis auf die beiden FBI-Agenten befand sich 
niemand in der sterilen Gruft. Scully trug Autopsiekleidung 
und beugte sich über die Leiche, während sie Mulder über ihre 
Erkenntnisse informierte. Was sie bei der Untersuchung 
festgestellt hatte, beunruhigte sie. 

„Mr. John Gillnitz“, begann Scully. „Der Tod trat durch 

massiven Blutverlust nach einer  – wie es scheint  – äußerst 
professionell durchgeführten Entfernung seines linken 
Lungenflügels ein.“ 

„Betts“, erklärte Mulder nachdrücklich. 
„Warum sollte er das getan haben?“ 
„Ich bin mir da absolut sicher, Scully  – dieser Mann hatte 

Lungenkrebs, und Leonard Betts brauchte dringend sein 
krankes Organ.“ 

Scully zog die Brauen zusammen. „Und woher konnte Betts 

das wissen?“ 

„Michele Wilkes erzählte mir, daß er die außergewöhnliche 

Fähigkeit hatte, Krebs per Augenschein zu diagnostizieren“, 
berichtete Mulder. „Vielleicht hat er eine Art sechsten Sinn 
entwickelt.“ 

Scully schüttelte den Kopf. „Er hat diesen Mann also 

kaltblütig ermordet. Aber  warum? Um seinen Hunger zu 
stillen?“ 

„Nicht direkt seinen Hunger... Aber Betts war hinter 

speziellen Nährstoffen her. Möglicherweise hat die 
Regeneration all seine Reserven aufgezehrt und ihn zu dieser 
verzweifelten Maßnahme getrieben.“ 

Scully seufzte. Sie war es leid, mit Mulder über seine 

abstrusen Theorien zu streiten. Sie musterte Betts’ verkohlten 

background image

 

59

Leichnam, der neben Gillnitz’ sterblichen Überresten lag. Wie 
bei den Leichen anderer Brandopfer waren die Arme vor der 
Brust erhoben und die Hände zu Fäusten geballt, als hätte das 
Opfer seine letzten Momente damit verbracht, gegen die Flam-
men zu boxen. Der Körper selbst war eine Masse aus 
rotverschmortem Gewebe und geschwärzter Haut, die jedes 
Mal, wenn sie ihn bewegen mußten, fetzenweise am 
Autopsietisch kleben blieb. Sein ganzes Haar war verbrannt... 
obwohl sich Scully nicht des Eindrucks erwehren konnte, daß 
sein Kopf  – und insbesondere sein Gesicht – erstaunlich unver-
sehrt waren. 

„Nun“, sagte sie schließlich, „was immer Betts auch vorhatte 

– er hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.“ 

„Ja, zum zweiten Mal“, brummte Mulder. Scully runzelte die 

Stirn. Mulders Tonfall deutete an, daß der Fall vielleicht doch 
noch nicht abgeschlossen war. 

„Mulder,  Leonard Betts ist tot.  Dessen bin ich mir absolut 

sicher. Und er wird nicht zurückkehren.“ 

„Das hätten Sie auch über Albert Tanner gesagt“, konterte 

Mulder. 

„Ich verstehe nicht.“ 
„Vor sechs Jahren wurde Albert Tanner bei einem Autounfall 

getötet und von seiner Mutter beerdigt. Vor mehreren Tagen 
taucht derselbe Mann als Leonard Betts wieder auf. Erklären 
Sie mir das.“ 

„Offensichtlich hat hier jemand gelogen“, erwiderte Scully 

gereizt, aber ohne ihre Stimme zu heben. „Oder der erste Tod 
war inszeniert.“ 

„Darauf können Sie wetten.“ 
Scully konnte sich nicht vorstellen, wie sie den Gewinner 

dieser Wette ermitteln sollten  – doch der Ausdruck in Mulders 
Augen verriet ihr, daß er wieder einmal eine Idee hatte, die ihr 
ganz und gar nicht gefallen würde. 

 

background image

 

60

Wenn man für das FBI arbeitete, genoß man unter anderem 

den Vorteil, die Mühlen der lokalen Bürokratie beschleunigen 
zu können, wenn man es eilig hatte. In diesem Fall hatte 
Mulder nur zwei Tage gebraucht, um von einem Richter die 
Genehmigung für das zu bekommen, was er vorhatte, und er 
hatte noch einen weiteren Tag harter Arbeit investiert, um 
dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Scully verbrachte die 
meiste Zeit in ihrem Hotelzimmer, erledigte den Papierkram 
und gab die Ermittlungsergebnisse im Fall Leonard Betts – den 
sie für abgeschlossen hielt – in ihren Laptop ein. 

Scully wollte sich gerade die Lokalnachrichten ansehen, als 

Mulder sie anrief und bat, in die Leichenhalle des 
Monongahela Hospitals zu kommen. 

Sie traf Mulder und einen jungen gerichtsmedizinischen 

Assistenten neben einem schmutzverkrusteten Sarg an. Scully 
konnte kaum fassen, daß Mulder es wirklich getan hatte. Er 
hatte den Leichnam Albert Tanners exhumieren lassen! 
Außerdem hatte er dafür gesorgt, daß die sterblichen Überreste 
von Leonard Betts wieder auf einem der Autopsietische 
plaziert worden waren. Was er damit bezweckte, blieb Scully 
zunächst schleierhaft. Sie verfolgte, wie der Assistent Albert 
Tanners Sarg öffnete und dann Platz für die beiden Agenten 
machte. Scully trat näher. 

Die Leiche im Sarg, vor sechs Jahren bei einem Autounfall 

verbrannt, war in derselben Faustkampfhaltung erstarrt wie 
Leonard Betts  – doch die Ähnlichkeit der beiden Körper war 
damit noch lange nicht erschöpft. Obwohl das Gesicht 
ebenfalls vom Feuer geschwärzt und leicht mumifiziert war, 
gehörte es  eindeutig demselben Mann. Befriedigt bemerkte 
Mulder den verblüfften Ausdruck in Scullys Miene. 

„Würde der echte Leonard Betts bitte aufstehen?“ fragte er 

jovial. 

Doch Scully war nicht so leicht zu überzeugen. „Mulder, es 

könnte sich bei diesen beiden Männern auch nur um 

background image

 

61

monozygotische Zwillinge handeln.“ 

Mulder sah sie ernst an. Er hatte in den letzten drei Tagen 

sorgfältig nachgedacht. „Das denke ich nicht, Scully. Ich 
denke, daß das, was wir hier sehen, weit über die Regeneration 
eines Daumens oder Gliedes oder sogar eines neuen Kopfes 
hinausgeht.“ 

„Mulder!“ 
„Überlegen Sie doch mal“, forderte Mulder. „Wie entsteht 

Krebs, Scully?“ 

„Rapides und unkontrolliertes Zellwachstum führt zu 

Tumoren – einer Masse biologisch diffuser zellularer Materie.“ 

Mit dieser Antwort hatte Mulder gerechnet, und er nickte 

zustimmend. Er wollte lediglich, daß seine Partnerin bereits auf 
dem richtigen Weg war, wenn er ihr seine Theorie darlegte. 

„Also eine Art Regeneration“, faßte Mulder zusammen. „Eine 

asexuelle Reproduktion. Wäre das kein evolutionärer Vorteil?“ 

Doch Scully war noch immer nicht bereit, ihm diese 

Hypothese abzukaufen. „Mulder“, wandte sie ein, „was Sie 
beschreiben, ist im Grunde genommen  prä-evolutionär. 
Reproduktion durch simple Zellteilung.“ 

„Ich habe ja nicht behauptet, daß es Spaß macht“, spottete 

Mulder. 

Scully warf die Hände in die Luft. „Ich weiß nicht, worauf 

Sie hinauswollen. Die Regeneration eines ganzen Körpers... 
Ich weiß nicht, warum ich mir das überhaupt anhöre.“ 

„Weil“, erwiderte Mulder und nagelte sie mit Blicken fest, 

„ich glaube, daß der Autounfall, bei dem dieser Mann starb, 
eine List war, ein Täuschungsmanöver. Und weil ich glaube, 
daß der Mann, der hier liegt, sich reproduziert hat und noch 
immer am Leben ist.“ 

background image

 

62

11 

 

„Ich habe Angst, Schatz.“ Elaine Tanner drückte den 

Schwamm aus, den sie in der Hand hielt, und eine rötlich-
orangene Flüssigkeit tropfte heraus. Sie beugte sich über die 
mit Povidon-Jod gefüllte Badewanne und preßte den kühlen 
Schwamm gegen die lilienweiße Haut ihres einzigen Kindes. 

„Das FBI scheint alles über dich zu wissen“, setzte sie hinzu. 

Wieder tauchte sie den Schwamm in die Lösung und drückte 
ihn diesmal über dem Rücken ihres Sohnes aus. 

Er schauderte, sagte aber nichts. 
„Sie haben den Sarg ausgegraben. Sie haben deinen...“ Mrs. 

Tanner zögerte. Sie wußte nicht, wie sie es nennen sollte. „... 
deinen Freund gefunden“, sagte sie schließlich. 

Mrs. Tanner versuchte verzweifelt, ihrem Sohn zu beweisen, 

wie stark sie sein konnte. Ein Teil von ihr wollte weinen  – um 
ihn, um sich selbst  –, doch sie wußte, was sie zu tun hatte. 
Wenn Leonard spürte, daß sie sich ihrer Entscheidung nicht 
hundertprozentig sicher war, würde er nicht tun, was er tun 
mußte, um sein Überleben zu sichern. 

„Ich glaube nicht, daß sie dich von jetzt an in Ruhe lassen 

werden“, flüsterte Mrs. Tanner. „Am Haus fahren ständig 
Streifenwagen vorbei und kreisen um den Block. Ich glaube, 
sie beobachten uns auch in diesem Moment.“ 

Leonard regte sich in der kühlen Flüssigkeit. Er betrachtete 

seine Hände. Selbst mit Povidon würde es noch Tage dauern, 
bis ihm Fingernägel wuchsen  – Wochen, bis er Fingerabdrücke 
hinterließ. In diesem Stadium der Regeneration war seine Haut 
konturenlos. Leonard hörte seiner Mutter zu. Sie war der 
einzige Mensch auf Erden, dem er trauen konnte. 

„Du bist schwach, Leonard. Du mußt erst wieder zu Kräften 

kommen.“ Mrs. Tanner wartete einen Augenblick und ließ ihre 
Worte wirken. „Du weißt, was du zu tun hast“, setzte sie dann 

background image

 

63

nach. 

Leonard schwieg und schüttelte nur den Kopf. Er wollte nicht 

tun, was sie verlangte, er wollte es nicht einmal hören. Aber, so 
dachte er, es gibt keinen anderen Ausweg. 

Mrs. Tanner rang sich ein Lächeln ab. „Du hast eine Aufgabe 

zu erfüllen, und du mußt weiterleben“, fuhr sie fort, während 
sie mit dem Schwamm über den haarlosen Schädel ihres 
Sohnes fuhr. Er blickte zu ihr auf. Seine Augen waren bis auf 
zwei winzige rosafarbene Pupillen weiß, und obwohl sich seine 
Gesichtszüge  – Ohren, Nase, Mund  – nur erahnen ließen, sah 
sie den Sohn vor sich, den sie liebte. 

„Ich bin deine Mutter“, erinnerte sie ihn, „und es ist die 

Pflicht einer Mutter, ihrem Sohn zu helfen.“ 

Leonard Betts konnte die fürsorglichen Blicke seiner Mutter 

nicht länger ertragen. Er wandte sich ab und erhaschte im 
glänzenden Metall des Wasserhahns sein unförmiges Spie-
gelbild, das einen Ausdruck unendlicher Traurigkeit hatte. 

 
Einen halben Block weit von Elaine Tanners Haus entfernt 

saßen Mulder und Scully in ihrem gemieteten Sedan. Mulder 
hatte angeboten, das Haus allein zu überwachen  – er wußte, 
daß seine Partnerin es für sinnlos hielt  –, doch Scully hatte 
darauf bestanden, ihn zu begleiten. Mulder argwöhnte, daß sie 
dabei sein wollte, wenn sich seine Theorien als falsch 
erwiesen. 

Trotz der eintönig verrinnenden Zeit behielt Mulder das Haus 

stur im Auge. Er war sicher, daß Leonard Betts – wenn er denn 
noch am Leben war  – nicht direkt durch die Vordertür 
spazieren würde, und so konzentrierte er sich auf die Fenster 
und die Schatten. Er verfolgte aufmerksam, wie die Lichter an- 
und wieder ausgingen. Er berechnete die dazwischenliegende 
Zeit und achtete auf alle Hinweise, die auf die Anwesenheit 
einer weiteren Person im Haus hindeuten könnten. 

Scully trank einen Schluck Kaffee und warf Mulder einen 

background image

 

64

Blick zu. „Selbst wenn dieser Mann existiert, wieso  sollte er 
dann ausgerechnet hierhin zurückkommen?“ 

Natürlich gehörte es zu den ehernen Gesetzen der 

Verbrechensbekämpfung, daß ein Verbrecher stets an den 
vertrauten Ort zurückkehrte, aber Scully fragte sich, ob 
vielleicht noch mehr hinter Mulders Beharren steckte, das Haus 
zu überwachen. 

Mulder zuckte die Achseln. „Er geht wahrscheinlich davon 

aus, daß er in den Augen des FBI tot ist. Und Betts’ einzige 
Vertrauensperson ist seine Mutter. Wenn wir ihn überhaupt 
noch einmal finden, dann durch sie.“ 

Scully akzeptierte seine Erklärung für die 

Überwachungsaktion, doch die dahinterstehende Hypothese, 
daß sich Betts auf irgendeine Weise einen völlig neuen Körper 
regeneriert haben sollte, erfüllte sie nach wie vor mit äußerstem 
Widerwillen. 

Die nächsten dreißig Minuten schwiegen sie. Im Laufe ihrer 

Dienstzeit hatte Scully zwar gelernt, sich nicht mehr über 
Einsätze wie diese zu beklagen, sie hatte sich jedoch nicht 
einreden können, daß Überwachungsaktionen aufregend waren. 

In diesem Augenblick wurde die Stille der Nacht von einer 

fernen, immer näherkommenden Sirene zerrissen. 

Scully blickte zu Mulder hinüber und erkannte, daß auch er 

nicht wußte, was das zu bedeuten hatte. Plötzlich schlingerte 
ein Krankenwagen des Allegheny Catholic Hospitals mit 
heulender Sirene um die nächste Ecke und blendete die beiden 
FBI-Agenten für einen kurzen Moment mit seinen 
Scheinwerfern. Während der Krankenwagen direkt auf Elaine 
Tanners Haus zuraste, warf sein flackerndes Blaulicht verrückt 
tanzende Schatten auf die Wände der alten Häuser. 

Mulder war als erster aus dem Auto, dicht gefolgt von Scully. 

Beide hatten ihre Waffen gezogen und rannten auf das 
Fahrzeug zu. Krankenwagen bedeuteten Leonard Betts. 

Mulder stellte sich vor den heranrasenden Krankenwagen, der 

background image

 

65

nur fünf Meter  vor ihm zum Halten kam. Er nahm eine 
Schußposition ein  – Beine auseinander, Knie gebeugt, beide 
Hände an seiner Pistole. Da die Scheinwerfer des 
Krankenwagens verhinderten, daß er hinter der 
Windschutzscheibe mehr als nur Schemen sehen konnte, zielte 
er direkt auf das Lenkrad. 

„Raus aus dem Wagen!“ bellte er. 
Scully näherte sich aus einem etwas anderen Winkel. Sie 

konnte zwei Gestalten im Wagen erkennen. 

„Hände hoch!“ befahl sie und hob ebenfalls demonstrativ ihre 

Waffe. 

Doch die Personen in dem Krankenwagen reagierten nicht 

schnell genug für Mulder. 

„RAUS AUS DEM WAGEN!“ wiederholte er drohend. 
Der Fahrer stieg zuerst aus, und obwohl Scully nicht viel 

sehen konnte, bemerkte sie, daß er kahlköpfig war und etwa 
dieselbe Größe wie Leonard hatte. „He, he“, begann der Mann 
mit erhobenen Händen. „Was zum Teufel...?“ 

Mit zaudernden Schritten ging der Fahrer auf Mulder zu. 

Scully umklammerte ihre Pistole fester, bereit, das Ziel bei der 
ersten feindlichen Bewegung auszuschalten  – doch als der 
Mann in den Strahl der Scheinwerfer trat, erkannte sie, daß es 
nicht Betts war. Sie entspannte sich ein wenig. Als nächstes 
registrierte sie, daß der zweite Rettungssanitäter, der 
mittlerweile aus der Beifahrertür gestiegen war, eine 
hispanische Frau war. 

„Was machen Sie hier?“ fragte Scully, ohne ihre Pistole zu 

senken. 

„W-w-wir haben einen Notruf erhalten“, stotterte die 

Sanitäterin. Sie zeigte Scully ihre offenen Handflächen. „Eine 
ältere Frau mit einem Brusttrauma und Blutverlust. 3108 Old 
Bank Road.“ 

Die Rettungssanitäterin warf dem Fahrer einen nervösen 

Blick zu. Sie hatte Angst um ihr Leben, aber auch um das der 

background image

 

66

Frau im Inneren des Hauses. 

„Das ist alles, was wir wissen“, fügte der Fahrer hinzu. 
Scully glaubte ihm. „Bleiben Sie hier“, befahl sie. 
Mehr brauchte Scully nicht zu sagen; ihr Partner hatte schon 

verstanden. Gemeinsam machten sie kehrt und spurteten den 
Bürgersteig entlang zum Haus. Mulder sprang über einen 
niedrigen Gartenzaun und war mit einem einzigen Satz die 
Verandatreppe hinauf. 

Er trat die Vordertür des dunklen Hauses auf und stürzte mit 

der Waffe im Anschlag ins Wohnzimmer, während Scully ihm 
den Rücken deckte. Als er sah, daß der Raum leer war, wandte 
sich Mulder zu seiner Partnerin um  – und innerhalb weniger 
Sekunden hatten sie sich blickweise über das weitere Vorgehen 
verständigt: Mulder steuerte die Küche im hinteren Teil des 
Hauses an, während Scully vorsichtig die Treppe hinaufstieg. 

Schon im nächsten Augenblick schob sich Mulder durch die 

Schwingtür von Elaine Tanners Küche. Er hatte das 
unbehagliche Gefühl, geradewegs in eine Falle zu tappen, diese 
Empfindung verblaßte allerdings angesichts der Tatsache, daß 
hier irgendwo eine Frau war, die ärztliche Hilfe brauchte. 
Während er auf Zehenspitzen über den knarrenden 
Linoleumboden schlich, horchte er angestrengt auf irgendein 
verräterisches Geräusch, doch er konnte nur Scullys 
leichtfüßige Schritte auf dem Boden über ihm hören. 

Oben wurde Scully von einem ähnlichen Gefühl beschlichen 

– daß hinter jeder Tür, die sie öffnete, ein Mörder lauern 
konnte. Ein Mörder, sicher. Aber Leonard Betts – der Mann, an 
dem sie zwei Autopsien vorgenommen hatte? 

Ihr Verstand sagte ihr, daß es unmöglich war, doch dies war 

nur ein kleiner Trost im Vergleich zu der Angst, die mit fast 
greifbarer Macht an ihren Nerven zerrte. Scully hatte die Türen 
zum Bade- und Schlafzimmer aufgestoßen; jetzt war es nur 
noch ein Raum, den sie überprüfen mußte. Sie hielt die Smith 
& Wesson hoch, drehte den Türknauf mit der freien linken 

background image

 

67

Hand und drückte. 

Vor ihr  auf dem Bett lag der Grund für die Anforderung des 

Krankenwagens. Scully senkte ihre Waffe. 

„Mulder!“ rief sie die Treppe hinunter. „Holen Sie die 

Sanitäter!“ 

In irgendeinem fernen Winkel ihres Bewußtseins nahm sie 

vage wahr, wie Mulder auf die Veranda rannte und die 
Rettungssanitäter alarmierte, aber ihre Aufmerksamkeit war 
jetzt ganz auf Elaine Tanner gerichtet. Die alte Frau lag 
bewußtlos auf der Bettdecke. Eine Wunde in ihrer Brust in 
Höhe des Brustbeins war fachmännisch mit einem 
Druckverband verarztet worden, doch das Blut sickerte bereits 
durch die Bandage. Scully beugte sich über die alte Frau. Als 
sie den Verband vorsichtig anhob, hörte sie, daß Mulder hinter 
ihr den Raum betrat. Beim Anblick der blutigen Öffnung in 
Elaine Tanners Brust schnitt sie unwillkürlich eine Grimasse. 

„Sie hat eine offene Wunde“, erklärte sie. Scully sah ihren 

Partner an, der nicht im mindesten überrascht zu sein schien, 
und fügte hinzu: „Ein chirurgischer Schnitt.“ 

Mulder biß die Zähne aufeinander. „Dreimal dürfen Sie raten, 

was entfernt worden ist...“ 

Die Rettungssanitäter stürmten ins Zimmer, und Scully trat 

zurück, um ihnen Platz zu machen. Die Folgerungen aus dieser 
offensichtlichen Heimoperation bestätigten Mulders wilde 
Theorie  – daß Leonard Betts irgendwo dort draußen war und 
daß er diesen Eingriff vorgenommen hatte. 

Mulder war außer sich, daß es direkt vor ihrer Nase 

geschehen war. „Er hat ihr das angetan“, schäumte er, „und 
dann einen Krankenwagen gerufen.“ 

„Nach der Ankunftszeit zu urteilen, könnte er immer noch 

hier sein“, schlußfolgerte Scully. 

Mulder reagierte sofort und verließ das Schlafzimmer, um die 

Durchsuchung des Hauses fortzusetzen. Scully wandte sich 
wieder dem Bett zu, wo die Rettungssanitäter Elaine Tanner 

background image

 

68

behandelten. Im stillen fragte sie sich, ob Leonard ihr das 
wirklich angetan hatte, oder ob es nicht vielmehr ein Opfer 
war, das Mrs. Tanner für ihren geliebten Sohn dargebracht 
hatte. 

background image

 

69

12 

 

Fünf Minuten später hoben die Rettungssanitäter die Trage 

mit Elaine Tanner hoch und brachten sie zum leeren 
Krankenwagen, wo Scully Wache hielt. Nachdem Scully die 
Sanitäter davon überzeugt hatte, daß sie ausgebildete Ärztin 
war, überprüfte sie Mrs. Tanners Lebenszeichen. In diesem 
Moment kehrte Mulder im Laufschritt zurück. Seine Suche war 
vergeblich gewesen. 

„Betts ist weg, Scully. Er muß zu Fuß geflohen sein.“ 
Scully deutete auf Mrs. Tanner. „Sie wird es schaffen, 

Mulder“, sagte sie leise. „Sie ist zwar noch nicht über den 
Berg, aber vielleicht kann sie uns verraten, wohin er 
verschwunden ist.“ 

Mulder verarbeitete diese Information und entwickelte einen 

Plan. 

„Sie bleiben bei ihr, Scully.“ Mulder griff in seine 

Jackentasche und zog sein Handy heraus. „Ich rufe das örtliche 
Polizeirevier an und lasse die Umgebung absperren.“ 

„Okay“, nickte Scully. Sie stieg in den Fond des 

Krankenwagens und setzte sich zu der Rettungssanitäterin. 
Beide Frauen griffen nach je einem Flügel der Doppeltür und 
schlugen sie zu. Die Sanitäterin rief dem Fahrer zu, er solle 
Gas geben, und der Wagen raste los. Die Sirene heulte auf, als 
Mulder die Einsatzzentrale der Polizei erreichte, und er mußte 
sein Ohr abdecken, um den Operator zu verstehen. „Hier ist 
Agent Mulder vom FBI.“ Er wartete auf die Bestätigung des 
Operators und fuhr fort: „Ich habe hier einen Notfall und 
brauche alle verfügbaren Einheiten in der 3108 Old Bank 
Road. Ich suche nach einem Mordverdächtigen.“ 

 
Der Krankenwagen schoß durch die Vorstadtstraßen von 

Pittsburgh, während Scully und die Sanitäterin Elaine Tanners 

background image

 

70

Herzfrequenz überwachten. Was sie sahen, gefiel ihnen nicht. 
Um 4.20 Uhr erreichte der Fahrer den Eingang der 
Notaufnahme des Allegheny Catholic Hospitals und hielt vor 
dem einzigen erleuchteten Teil des Gebäudes. Er sprang aus 
dem Wagen, lief zur Rückseite des Fahrzeugs und riß die 
Doppeltür auf. Seine  Partnerin hatte bereits die Räder der 
Trage entriegelt und die Patientin für den Transport vorbereitet. 
Mit geübten Bewegungen zog das Paar Mrs. Tanner aus dem 
Krankenwagen und rollte die Patientin vorsichtig durch den 
Krankenhauseingang. Scully blieb im 

Fond des 

Krankenwagens sitzen und bewunderte ihre Effizienz, dann 
griff sie nach ihrem Handy, um Mulder Bericht zu erstatten. Er 
nahm beim ersten Klingelzeichen ab. 

„Mulder, ich bin’s.“ Ihr Atem war in der frostigen Nacht 

sichtbar. „Mrs. Tanner ist auf dem Weg in die Notaufnahme, 
aber sie hat während der Fahrt einen Herzstillstand erlitten. Sie 
wurde defibrilliert, und ihr Herz schlägt wieder, aber es besteht 
keine Chance, irgend etwas Zusammenhängendes aus ihr 
herauszubekommen  – nicht heute nacht. Wie sieht’s bei Ihnen 
aus?“ 

Während er zuhörte, ging Mulder die Old Bank Road 

hinunter. Drei Streifenwagen parkten am Straßenrand, und ihre 
flackernden Blaulichter tanzten über die Hauswände, während 
uniformierte Officers von Tür zu Tür gingen. 

„Wir überprüfen gerade jedes Haus, Scully“, erklärte Mulder. 

„Ich weiß nicht, was wir sonst tun können...“ 

In der Zwischenzeit stieg Scully von der hinteren Stoßstange 

des Krankenwagens, das Handy immer noch fest an ihr Ohr 
gedrückt. Sie beobachtete, wie im Krankenhaus ein Notarzt zu 
den beiden Rettungssanitätern trat und die Patientin übernahm. 
Scully wollte ihnen gerade folgen, als sie plötzlich spürte, wie 
etwas ihren Kopf traf. Sie blieb stehen und griff nach ihren 
Haaren. 

„Wir haben einen County-Hubschrauber angefordert“, fuhr 

background image

 

71

Mulder fort, „aber bis der eintrifft, ist Betts wahrscheinlich 
schon entkommen.“ 

Scully musterte ihre Fingerspitzen. Sie waren feucht. 
 
Benetzt von einer rötlich-orangen Flüssigkeit. 
Scully atmete tief ein, fuhr herum und sah ein dünnes Rinnsal 

aus Povidon-Jod vom Dach des Krankenwagens laufen. An der 
Stelle, wo das Rinnsal die Oberkante der Doppeltür erreichte, 
tropfte es zäh und in einzelnen Tropfen auf das Pflaster. Noch 
immer drang Mulders Stimme an ihr Ohr. 

„Wenn er es geschafft hat, von einem Wagen mitgenommen 

zu werden oder ein Auto zu stehlen, sehen wir ihn vermutlich 
nie wieder, aber offenbar war sein Plan von langer Hand vorbe-
reitet. Wenn Sie irgend etwas aus Mrs. Tanner 
herausbekommen könnten  – selbst wenn es nur eine 
Kleinigkeit ist...“ 

Scullys gepreßtes Flüstern unterbrach ihn. „Mulder, kommen 

Sie her!“ 

„Was?“ 
„Kommen Sie sofort her!“ 
Mulder stellte keine weiteren Fragen. Er beendete das 

Gespräch und rannte zu seinem Mietwagen. 

Vor dem Krankenhaus steckte Scully ihr Handy ein. Sie zog 

ihre Pistole und kletterte leise auf die hintere Stoßstange 
zurück. Dann benutzte sie den Türgriff als Fußstütze und han-
gelte vorsichtig nach oben, um einen Blick auf das Dach des 
Fahrzeugs zu werfen, wobei sie ihre Pistole schußbereit hielt. 
Als sie ihren Kopf über die Dachkante schob, fand sie ihren 
Verdacht bestätigt: Kleine Pfützen Povidon-Jod und zwei 
rötlich-braune Handabdrücke waren auf dem hellen Lack des 
Wagens deutlich sichtbar. 

Scully wollte soeben wieder hinunterklettern, als jemand 

ihren Fuß packte und vom Türgriff riß. Scully stürzte rücklings 
in die Tiefe  – doch sie landete nicht auf dem Boden. Die 

background image

 

72

Person, die ihren Fuß gepackt hatte, hielt jetzt ihre Hüften 
umklammert und schleuderte sie in den Fond des 
Krankenwagens. Scully prallte gegen einen Medizinschrank, 
der durch die Erschütterung aufsprang. Verbandsmull, Spritzen 
und Alkoholflaschen aus Plastik fielen heraus. Instinktiv 
rappelte sich Scully wieder auf, riß mit einer Drehung ihre 
Waffe hoch und zielte auf den Angreifer. 

Es war Leonard Betts. 
Oder zumindest eine Version von Betts. Er trug die Uniform 

des Rettungsdienstes, doch sein unförmiges Gesicht hatte er 
nicht verbergen können: Seine Züge schienen von einer grausig 
aussehenden Schicht Mutantenfleisch bedeckt zu sein. Sie 
zögerte einen Moment, bevor sie schoß  – und diese Sekunde 
reichte, damit ihr Betts die Pistole mit dem Rücken seiner 
bläßlich weißen Hand aus den Fingern schlagen konnte. Betts 
hob die Waffe auf, warf sie aus dem Krankenwagen und 
versetzte Scully  einen so kräftigen Stoß, daß sie nach hinten 
kippte und hart mit dem Kopf gegen die Rücklehne des 
Fahrersitzes prallte. Benommen blickte sie auf und mußte 
hilflos mit ansehen, wie Betts die hinteren Türen zuschlug. 

Sie war gefangen. In dem engen Raum konnte sie das 

Povidon auf seiner Haut riechen. Dann hielt Betts etwas hoch. 
Scullys Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dun-
kelheit des Krankenwagens zu gewöhnen, doch als er sich zu 
ihr umwandte und den Gegenstand ins Licht hielt, erkannte 
Scully, um was es sich handelte  – ein Skalpell. Betts zögerte 
einen Moment und starrte auf sie hinunter. 

„Es tut mir leid“, sagte er dann zu Scully, „aber Sie haben 

etwas, das ich brauche.“ 

Scully sah ihm in die Augen. Seine Worte und die möglichen 

Folgerungen, die  sich daraus ergaben, machten ihr angst. Sie 
hatte den seltsamen Eindruck, daß er es ehrlich meinte  – daß 
das, was er tun würde, ihm tatsächlich leid tat. Doch sie hatte 
keine Zeit, genauer darüber nachzudenken. Betts stürzte sich 

background image

 

73

auf sie und zielte mit dem Skalpell direkt auf ihre Brust. Scully 
gelang es, den Angriff abzublocken, Betts’ Waffenarm mit 
ihrer linken Hand zu packen und die Klinge mit ihrem rechten 
Unterarm abzuwehren. Er zog seinen Arm zurück und stach 
wieder auf sie ein, doch Scully wehrte die Klinge erneut ab, 
diesmal mit ihrem linken Arm. Gleichzeitig holte sie mit ihrer 
freien Hand aus und versetzte Betts einen Kinnhaken, der ihn 
ins Taumeln brachte. Während er schwankte, verpaßte ihm 
Scully einen Fußtritt gegen die Brust, der ihn noch weiter 
zurückweichen ließ. Jetzt konnte sie sich hochrappeln, doch 
kaum war sie auf den Beinen, stürzte sich Betts erneut auf sie. 
Diesmal war Scully auf den Angriff vorbereitet. Sie trat mit 
aller Kraft zu und trieb ihren Absatz in Betts’ Achselhöhle. Er 
stolperte zurück. Scullys zweiter Tritt traf ihn vor die Brust, 
und ein leises Knacken verriet ihr, daß sie seine Rippen 
gebrochen hatte. Die Wucht des Trittes schmetterte Betts gegen 
die hintere Tür des Krankenwagens, wobei seine Hand mit dem 
Skalpell das Fenster durchstieß. Glas splitterte. 

Während Betts heulte und auf seinen aufgeschlitzten Arm 

starrte, witterte Scully die Chance, ihn endgültig zu erledigen. 
Doch als sie auf ihn losging, wirbelte Betts unerwartet herum 
und verpaßte ihr einen Schwinger, der Scully von den Beinen 
riß. Blut tropfte aus einer Platzwunde über ihrem Auge. Scully 
rollte so weit von Betts weg, wie es der enge Laderaum des 
Krankenwagens erlaubte. Sie drehte sich und keuchte entsetzt 
auf, als Betts seinen Arm durch das zerschmetterte Fenster 
hereinzog. Aus einem Dutzend Schnittwunden sprudelte Blut. 
Schmerzgepeinigt sank Betts auf die Knie und hielt sich den 
blutenden Arm, aber Scully sah, daß er das Skalpell noch 
immer umklammert hielt. Fieberhaft blickte sie sich um und 
suchte auf den Regalen nach einer Waffe  – einem anderen 
Skalpell, einer großen Spritze, einer Knochensäge, irgend 
etwas. Was sie neben sich auf dem Boden fand, hätte sie 
amüsiert, wenn es nicht um ihr Leben gegangen wäre  – es war 

background image

 

74

schwerlich als Waffe zu bezeichnen.  Sie schaltete die kleine, 
eckige Einheit ein. Die Maschine summte, und Scully schickte 
ein stilles Stoßgebet zum Himmel, daß sie sich schnell genug 
aufladen würde. 

Betts stemmte sich taumelnd hoch. Unvermittelt schien er 

sich wieder an sein Vorhaben zu erinnern. Er stürzte durch den 
Krankenwagen auf Scully zu und zielte mit der Klinge auf 
ihren Hals. 

Doch Scully war vorbereitet. Sie fing den Aufprall seines 

Körpers mit den Fußsohlen ab, stieß ihn aber nicht zurück, 
sondern ließ ihn näherkommen, bis sich ihre Gesichter fast 
berührten. Als er erneut mit dem Skalpell nach ihrer Kehle 
stieß, hob Scully die beiden Defibrillator-Pole und preßte sie 
gegen Betts’ Schläfen. 

Mit einem lauten Knattern zischten dreihundert Joules 

Elektrizität durch Betts’ Schädel  und schleuderten ihn 
rücklings durch die Doppeltür des Krankenwagens. Wie eine 
schlaffe Puppe schlug er auf dem Pflaster vor dem Eingang zur 
Notaufnahme auf. 

Scully hörte das Heulen näherkommender Polizeisirenen. Sie 

setzte sich auf, die Defibrillator-Pole entglitten ihren Händen. 
Keuchend starrte sie auf Betts’ reglose Gestalt. Sie ließ ihn 
auch nicht aus den Augen, als zwei Rettungssanitäter und ein 
Wachmann aus dem Gebäude stürmten und die Leiche 
umringten. 

Was hatte er noch gleich gesagt? 
Sie haben etwas, das ich brauche. 

background image

 

75

13 

 

Die elektrischen Türen des Eingangs zur Notaufnahme 

zischten, als Mulder das Gebäude verließ, um seine Partnerin 
zu suchen. Er überquerte den Parkplatz des Krankenhauses, der 
jetzt von den flackernden Blaulichtern mehrerer Streifenwagen 
erhellt war. Uniformierte Officers liefen umher und sicherten 
den Ort des Geschehens. 

Mulder fand Scully auf dem Beifahrersitz des Sedans. Er 

bemerkte den abwesenden Ausdruck in ihren Augen. Mulder 
hatte Scully gedrängt, sich ärztlich untersuchen zu lassen, und 
der Schmetterlingsverband an ihrer Stirnwunde würde wahr-
scheinlich verhindern, daß eine Narbe zurückblieb. Scully 
blickte auf, als er an den Wagen trat. Sie brauchte ihre Frage 
nicht laut zu stellen. 

„Sie haben Betts vor zehn Minuten für tot erklärt“, bestätigte 

Mulder. 

„Er ist wirklich tot?“ 
Mulder nickte knapp. Er wußte nicht genau, wie er die 

Antwort formulieren sollte. „Soweit sich das sagen läßt.“ 

Er konnte erkennen, daß die Nachricht Scully erleichterte, 

was ganz und gar nicht zu ihr paßte. Normalerweise zog sie es 
vor, wenn die Täter hinter Gittern und nicht auf dem Friedhof 
landeten. Mulder entschloß sich, mit etwas weniger düsteren 
Informationen fortzufahren. 

„Aber seine Mutter lebt. Hauptsächlich weil Betts die Wunde 

sorgfältig  verbunden hat. Sie wird durchkommen... zumindest 
im Moment.“ 

Die Pause vor Mulders letztem Halbsatz beunruhigte Scully. 

Sie bedeutete, daß Mrs. Tanner nicht mehr lange zu leben 
hatte, selbst wenn sie die ,Operation’, die ihr Sohn an ihr 
vorgenommen hatte,  überstehen sollte. Scully glaubte den 
Grund dafür zu kennen. 

background image

 

76

„Krebs?“ fragte sie. 
Mulder nickte und warf einen Blick in sein Notizbuch. 

„Metastasisches Rhabdomyosarkom, um genau zu sein. Sie 
befand sich bereits in entsprechender Behandlung. Vor drei 
Monaten hat man sie als gesund entlassen.“ 

Scully ließ die Informationen auf sich wirken und erinnerte 

sich, was Mulder aus der Aussage von Michele Wilkes 
gefolgert hatte  – Betts verfüge über die außergewöhnliche 
Fähigkeit, Krebs per Augenschein zu diagnostizieren. Mulder 
hatte sogar spekuliert, daß er eine Art sechsten Sinn dafür habe. 
Damals hatte sie die Theorie im besten Fall für weit hergeholt 
gehalten. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Zuviel 
war passiert. Zuviel von dem, was Mulder vorhergesagt hatte, 
war eingetreten. 

Mulder spürte, daß seine Partnerin bedrückt war, und nahm 

an, daß es mit dem Tod von Betts zusammenhing. „Sie haben 
richtig gehandelt, Scully“, sagte er aufmunternd lächelnd. „Sie 
sollten stolz auf sich sein.“ 

Scully hob den  Kopf und starrte Mulder an, als sähe sie ihn 

zum ersten Mal. Sie wußte seine Freundlichkeit zu schätzen, 
konnte sich aber kein Lächeln abringen. Für einen Moment war 
sie versucht, Mulder von dem zu erzählen, was Betts zu ihr 
gesagt hatte, und sie fragte sich, ob er nicht sogar von selbst 
darauf kommen würde. Er hatte die Berichte gelesen. Stellte er 
sich bereits dieselben Fragen, die Scully nicht mehr aus dem 
Kopf gingen? Warum hatte Betts Scully mit einem Skalpell 
angegriffen? Warum hatte er nicht ihre Dienstwaffe benutzt, als 
er die Chance dazu gehabt hatte? Was war das Motiv für seinen 
Angriff? Schließlich war ihm bereits die Flucht vom Tatort 
geglückt. Warum hatte er dieses Risiko auf sich genommen? 
Für Scully gab es nur eine logische Antwort, und sie 
erschreckte sie zu Tode. 

Als Scully schließlich sprach, hoffte sie, daß sie nur erschöpft 

klang. „Mulder“, sagte sie mit bebender Stimme, „ich will nach 

background image

 

77

Hause.“ 

Mulder nickte und verzichtete auf weitere Fragen. Wenn sie 

dazu bereit war, würde sie ihm schon erzählen, was sie 
belastete. Sacht schloß er die Beifahrertür des Mietwagens, 
ging um das Fahrzeug herum und nahm hinter dem Lenkrad 
Platz. Als sie den Parkplatz verließen, sah Scully im 
Rückspiegel, wie das Krankenhaus langsam kleiner wurde. 

 
Der einzige  Schlaf, den Scully in den nächsten sechzehn 

Stunden fand, war ein unruhiges Nickerchen an Bord des 
Flugzeugs. Sie ging wieder zur Arbeit, obwohl dies weder 
erwartet noch verlangt wurde. Aus irgendwelchen Gründen war 
der Papierkram verlockender als die Aussicht, allein in ihrem 
leeren Apartment herumzusitzen. Bevor sie ihren 
Abschlußbericht zum Fall Leonard Betts schließlich abgab, 
hatte sie ihn lange und durchdringend angestarrt und sich 
gefragt, warum sie es vorzog, jene Worte zu unterschlagen, die 
Betts im Fond des Krankenwagens zu ihr gesagt hatte. 

Sie hatten nichts zu bedeuten  – auf dem Weg nach Hause 

wiederholte sie diesen Satz wie ein stummes Gebet, wieder und 
immer wieder. 

Als die Nachrichten der lokalen Fernsehstation zu Ende 

waren, ging Scully zu Bett. Sie stellte den Wecker auf acht 
Uhr, obwohl sie wußte, daß Mulder bereits den Großteil der 
Washington Post gelesen haben würde, wenn sie am nächsten 
Morgen ins Büro kam. 

Als Scully erwachte, stand die Leuchtanzeige der Digitaluhr 

auf 2:08. Sie blieb ein paar Minuten im Bett liegen und wurde 
dann von einem Hustenanfall durchgeschüttelt. Zum scheinbar 
hundertsten Mal in dieser Nacht drehte sie sich auf die Seite 
und knipste die Nachttischlampe an. Vielleicht war es besser, 
wenn sie ein wenig las. Nachdem sich ihre Augen an das Licht 
gewöhnt hatten, bemerkte Scully etwas auf dem Kissen. 

Bluttropfen. 

background image

 

78

Sie streckte die Hand aus, rieb über den Kissenbezug und 

starrte das frische Blut an ihrem Finger an. Als sie sich nach 
vorn beugte, spürte sie etwas Warmes auf ihren Lippen. Sie 
berührte ihren Mund und entdeckte, daß Blut aus ihrer Nase 
lief. 

Dana Scully mußte nicht in einem der vielen medizinischen 

Fachbücher nachschlagen, die die Regale ihres Apartments 
füllten. Sie kannte die Symptome. Dies waren die ersten Anzei-
chen von Krebs.