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Dan Roberts 

Die Fehde der Freunde 

Apache Cochise 

Band Nr. 6 

Version 1.0 

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Prolog 

Als die weißen Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts den 
Südwesten der USA zu besiedeln begannen, stießen sie auf ein 
indianisches Volk, das bereits die Spanier und Mexikaner hatte 
teuer dafür bezahlen lassen, daß sie unbefugt in ihre 
Jagdgründe eingedrungen waren.
 

Die etwa ein Dutzend umfassenden Apachen-Gruppen und 

Großsippen, am gefürchtetsten die Chiricahua-Apachen, 
widersetzten sich der Niederwerfung durch die Weißen mit 
allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
 

Sie überfielen zunächst Postkutschen, Frachtwagenzüge, 

Armeepatrouillen, Farmen, abseits gelegene Ranches und 
kehrten anschließend wieder zu ihren Stützpunkten in den 
Bergen zurück, den sogenannten »Apacherias«, die bei den 
Weißen der damaligen Zeit als uneinnehmbar galten.
 

Der Widerstand flammte zum blutigsten und grausamsten 

Grenzkrieg der Indianergeschichte auf, als Cochise von 
Mangas Colorados die Führung der Stämme übernahm.
 

Cochises Weitblick ließ ihn letztlich erkennen, daß der 

Untergang der roten Rasse eine von den Weißen beschlossene 
Sache war, die Anspruch erhoben auf alles Land zwischen den 
Dragoon Mountains im Südosten, dem Mogollon-Rim im 
Westen und der Gran Desierto im Süden.
 

Cochises Chiricahuas, die Kerntruppe seiner Streitmacht, 

blieb im Angesicht der unaufhaltsamen Flut weißer Siedler, 
Goldgräber und Desperados nur noch eine Devise: Raube, 
ohne erwischt zu werden, töte, ohne getötet zu werden. Ein 
Kampf ohne Erbarmen entflammte in den Canyons, Tälern und 
Wüsten. Ein Kampf, dessen Schilderung in dieser Serie nicht 
die ganze Brutalität wiedergeben kann, wie sie uns die 
Geschichte überliefert hat.
 

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1871 gelang es Cochise, die meisten Stämme der Apachen zu 

einer einzigen Widerstandsfront gegen die Eindringlinge aus 
Nord und Süd, Weiße und Mexikaner, zu vereinen. Die 
blutigsten Massaker auf beiden Seiten waren die Folge.
 

Auf ihren flinken Ponys überfielen die Krieger in kleinen 

Gruppen Wagenzüge und Posthaltereien im Norden, um am 
nächsten Tag schon Farmer und Goldgräber im Süden oder 
eine Patrouille der Army im Westen anzugreifen.
 

Militär und Siedler waren macht- und hilflos und ohne eine 

Möglichkeit gezielten Widerstandes den ständigen 
Apachenangriffen ausgesetzt.
 

Wenn 1870 General Sherman nach Washington schrieb: 

»Wir führten einen Krieg gegen Mexiko, um Arizona zu 
bekommen, wir sollten jetzt einen Krieg führen, um dieses Land 
wieder loszuwerden«, so kennzeichnen diese Worte die 
verzweifelte Hilflosigkeit des Militärs.
 

Diese nach authentischen Überlieferungen verfaßte Serie soll 

dem größten aller indianischen Führer ein Denkmal setzen: 
Cochise.
 

Dem Wirken dieses Mannes und seinem Weitblick für 

politische Veränderungen ist es zu verdanken, daß diese Story 
mit ihrer ganzen Dramatik wahrheitsnah niedergeschrieben 
werden kann.
 

Unsere Autoren fühlen sich verpflichtet, neben der 

Herausstellung der abenteuerlichen Charaktere, die in jener 
Zeit Geschichte machten, auch der historischen Wahrheit die 
Ehre zu geben.
 

Nichts soll verschwiegen, nichts hinzugefügt oder entstellt 

werden. 

Ihr Martin Kelter Verlag 

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*** 

Die weite Senke lag im letzten schwachen Schimmer der 
Abendsonne. Im Osten begrenzte der fast 5000 Fuß hohe Gray 
Peak, wie ihn die Bleichgesichter nannten, und im Westen die 
Gila-Mountains den Ort. 

Wie Blut schimmerte das Sonnenlicht auf dem kahlen 

Granitgipfel wider. Zwischen den dicht wuchernden Büschen 
stand plötzlich eine Gestalt. Die bronzefarbene Haut, das 
schwarze, schulterlange Haar und die dunklen Augen 
bewiesen, daß es sich um einen der einstigen Herren dieses 
Landes handelte. 

Lange stand der Apache fast reglos und beobachtete die 

Senke und die Berge. Ein Katzenfrett sprang geschmeidig vom 
herausragenden Ast einer Palmlilie auf den Boden. Lautlos 
landete das kleine Tier im Sand und huschte davon. 

Die Sonne war nur noch als schwacher rötlicher Streifen im 

Westen am Horizont zu erkennen, als der Apache den Ruf des 
Rennkuckucks ausstieß. 

Sekunden später erwiderte ein anderer Späher den Ruf 

zweimal. Aus weiter Ferne drang kurz der Gesang einer 
Wüstenspottdrossel zu dem Krieger herüber. 

Er war zufrieden. Der Platz schien sicher zu sein. Langsam 

wandte sich der Apache um. 

»Du kannst beginnen«, sagte er halblaut. »Gib die Zeichen, 

Tareta. Schlag das Fell der heiligen Trommel, die aus der 
gelben Haut der Männer aus dem Süden besteht. Unsere Feinde 
sollen erzittern, wenn sie es hören. Sie sollen sich vor Angst 
verkriechen und auf ihren Tod warten. Schlag die Trommel, 
Tareta!« 

Zwischen den Sträuchern hockte ein noch junger Krieger. Er 

hob die Hände, und als das dumpfe Pochen erklang, funkelten 
die Augen des Apachen vor Vergnügen. 

Er wußte, daß diese Laute weit zu hören waren. Den Weißen 

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und Olivhäutigen, die das Land der Stämme raubten, mußte es 
nun kalt über den Rücken kriechen. 

Aber diesmal riefen die Signale nicht zu Kampf und Raub 

auf. Diesmal rief der Führer der Mimbrenjos die anderen 
Häuptlinge. Victorio, wie ihn die Weißhäutigen nannten, rief 
zur Beratung. Der Mimbrenjo war ein angesehener Führer 
seines Stammes. Die anderen Häuptlinge achteten sein Wort 
und befolgten es. 

Natürlich war er dem berühmten Cochise unterlegen. 

Vielleicht stemmte sich Victorio deshalb immer mit all seiner 
Schläue und List gegen den Chief der Chiricahuas. Und es gab 
viele, die lieber auf den Mimbrenjo hörten als auf Cochise. 
Denn dieses Land war seit Generationen ihr Land. Der Weiße 
Mann, die Mexikaner – sie alle drangen in das karge Gebiet 
ein, das den Stämmen der Apachen genügend Nahrung bot. 

Santana, der Anführer der Tontos, stand auf Victorios Seite. 

Auch er war der Meinung, daß die Eindringlinge mit Tod, 
Brand und Vertreibung hinweggefegt werden müßten. 

Diese Männer begriffen einfach nicht, daß Chochise den 

gleichen Kampf wie sie ausfocht. Aber er sah weiter als über 
das letzte Wickiup des Tageslagers. Cochise wußte um die 
Macht der Weißen, hatte sie in einer bitteren Niederlage am 
eigenen Leib erfahren und begriffen, daß die Apachen aller 
Stämme nur durch Frieden überleben konnten. 

Der Schrei einer Zwergeule klang auf. Victorio erwiderte den 

Ruf. Wenig später bog Santana um eine Sandwelle. Lautlos 
wie ein Schatten glitt der Tonto heran. 

»Ich bin früher gekommen«, sagte er, »weil ich mit dir 

sprechen muß, Bruder.« 

Victorio kauerte sich nieder und machte eine einladende 

Handbewegung. Mit der Linken tastete der Häuptling nach 
dem Lederbeutel, der die Utensilien für die feierliche 
Rauchzeremonie enthielt. Aber Santana brauchte er nicht mit 
solchen Dingen zu überzeugen oder einzustimmen. Der Tonto 

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stand auf seiner Seite. 

»Nana und Loco kommen bald«, mahnte Victorio. »Wenn du 

sprechen willst, Bruder, sprich jetzt.« 

»In den Bergen lebt ein weißer Mann mit seiner Frau und 

einem Knaben, der dunkles Haar trägt«, begann Santana. 
»Dieses Land gehört uns, seit undenklichen Zeiten. Es ist ein 
heiliger Platz des Stammes, aber die Weißen haben Bäume 
gefällt, ein Haus errichtet und graben die Erde mit einem 
gebogenen Eisen um, vor das ein Pferd gespannt ist.« 

Santana schwieg, als suchte er nach den richtigen Worten. 

Victorio lächelte, und sein Gesicht sah in der Dämmerung wie 
eine grausame Fratze aus. 

»Willst du sie töten, Bruder?« fragte der Mimbrenjo. »Willst 

du ihre Skalps nehmen und deinen jungen Kriegern zeigen, wie 
ein Apache kämpft?« 

Santana lachte leise, bevor er antwortete: »Vielleicht. Sie 

leben auf heiligem Boden. Aber der Knabe mit dem schwarzen 
Haar zählt erst drei Sommer. Er kann ein guter Apache 
werden.« 

»So hole ihn dir«, riet Victorio. »Unser Kampf wird lange 

dauern, sehr lange. Viele unserer besten Krieger müssen ihr 
Leben lassen, das sage ich voraus. Doch in den Ewigen 
Jagdgründen leben sie danach ohne Sorgen, ohne 
Bleichgesichter und nur von der Jagd.« 

Was der Mimbrenjo sagte, war klar genug. Trotzdem 

verspürte Santana ein Unbehagen, das er sich nicht erklären 
konnte. Er wußte, daß die Weißen sehr hart zurückschlugen. 
Und ihm war auch bekannt, daß Cochise mit dem Postmeister 
Thomas Jeffords immer wieder versuchte, für Frieden zu 
sorgen. 

Aber Santana war überzeugt, daß sich durch friedliche 

Verhandlungen ihr ureigenstes Land nicht zurückgewinnen 
ließ. 

»Wir müssen Nana und Loco überreden«, sagte er. »Die 

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beiden sind unsicher. Sie können sich nicht entscheiden, und 
wir brauchen sie.« 

Nana und Loco, zwei der bedeutendsten Unterhäuptlinge der 

Mimbrenjos, schwankten in der Beurteilung der Lage. Es 
leuchtete ihnen ein, was Cochise sagte. Aber sie waren 
Mimbrenjos, keine Chiricahuas. Und Victorio war anderer 
Meinung. 

»Biete ihnen die heilige Pfeife an«, riet Victorio schlau. »Sie 

fühlen sich geehrt, wenn du um sie wirbst, sie erhebst und als 
große Anführer achtest. Um so leichter bringen wir sie auf 
unsere Seite.« 

Ein fragender Ruf schnitt durch die abendliche Stille. Die 

Trommel verstummte. Der junge Krieger stand auf und lief im 
Wolfstrab den beiden Unterhäuptlingen entgegen. 

Nana und Loco traten zu Victorio und Santana. Umständlich 

erhoben sich die beiden, und der Anführer der Tontos begrüßte 
die Unterhäuptlinge wie Gleichgestellte. 

»Bruder«, sagte Santana zu Victorio, »ich bitte dich um die 

heilige Pfeife. Ich möchte mit meinen beiden Freunden und dir 
zu Ehren des Großen Geistes Tabak rauchen. Wir alle sollten 
eins werden, wir alle sollten gemeinsam handeln. Und das 
möchte ich besiegeln.« 

Gemessen öffnete Victorio den Beutel, nahm die Pfeife und 

den Tabak heraus und berührte mit scheinbarer Ehrfurcht die 
Federn, die das Rohr zierten. 

Wie gebannt beobachteten Nana und Loco den Chief der 

Tontos, der den Kopf des heiligen Kalumets mit Tabak stopfte, 
mit zwei Steinen nach alter Sitte Funken schlug, Zunder 
aufglimmen ließ und endlich das Kraut entzündete. 

Die beiden Unterhäuptlinge fühlten sich wirklich geehrt und 

rauchten, stießen die Wolken in alle vier Himmelsrichtungen, 
zu den Sternen hinauf und zum Erdboden hinab. 

Endlich war der Zeremonie Genüge getan. 
»Brüder«, begann Victorio, »die Zeit ist nahe, in der unsere 

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Stämme ausziehen und die weißen Landräuber vertreiben. Kein 
Stein, kein Balken ihrer Häuser soll auf dem anderen bleiben. 
Jede Spur von ihnen wird getilgt und mit Feuer hinweggefegt. 
Kein rollendes Wickiup darf mehr unser Land durchqueren.« 

Der Chief holte Luft. Im schwachen Schein des Mondes 

beobachtete er die Gesichter der Unterhäuptlinge. Sie wirkten 
unentschlossen. 

»Cochise«, fuhr Victorio fort, »erzählt uns vom Frieden, vom 

Ende des Kampfes. Aber auch er wird einsehen, daß die 
Bleichgesichter unersättlich sind. Was bleibt uns schließlich? 
Was bleibt unseren Söhnen, wenn sie erwachsen sind und 
Krieger werden sollen? Die Reservation. Uns gehört das Land, 
uns Apachen.« 

Santana löste den Anführer der Mimbrenjos ab. 
»Cochises Niederlage am Paß macht uns allen zu schaffen. 

Sein Plan ist gescheitert. Viele unserer Krieger reiten auf dem 
weißen Mustang in den Ebenen der Ewigen Jagdgründe. Wir 
bekommen schlechte Nahrung, die unsere Krieger schwach und 
die Söhne krank macht. Sind wir denn alte Weiber? Nein. Wir 
sind Krieger, und wir kämpfen um unser Land. Wir nehmen die 
Skalps der Weißhäutigen, töten sie und lassen ihre Körper von 
den Geiern fressen. Ich folge mit meinem Stamm Victorio, 
denn nur der Kampf kann uns retten.« 

Beeindruckt murmelten die beiden Unterhäuptlinge 

zustimmende Worte. Ihnen gefiel Cochises abwartendes 
Verhalten auch nicht. Es bedurfte nicht mehr viel, um sie zu 
überzeugen. Seit Tagen, Wochen schon, waren sie ständig dem 
Drängen Victorios ausgesetzt, und der oberste Anführer der 
Mimbrenjos forderte Krieg. 

»Cochise ist ein weiser Mann«, sagte der Chief. »Er denkt 

sicher sehr weit, bis in die ferne Zukunft. Aber er vergißt, daß 
wir heute unterdrückt werden, daß die Weißen uns heute das 
Land nehmen, auf dem Cochise morgen leben will.« 

Es dauerte nicht lange. Nana und Loco ließen sich 

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überzeugen. Victorio beherrschte sich ausgezeichnet, aber in 
seinem Innern triumphierte er. Denn diese beiden Männer 
brauchte er, wenn er ein anerkannter Führer der Stämme 
werden wollte, wenn er seine Macht einsetzen konnte, um die 
Krieger auf den Pfad des Todes zu schicken. 

Die beiden Unterhäuptlinge standen auf, breiteten die Arme 

aus und wandten sich nach Osten. Nana stimmte einen 
monotonen Singsang an. 

»Oh, Großer Geist, Sonnenlicht verbrennt das Antlitz unserer 

Feinde, dörrt ihre Leiber aus und läßt sie schrumpfen…« 

Der Gesang war aus dem Augenblick geboren. Victorio 

wechselte mit Santana einen schnellen Blick. Die beiden 
Unterhäuptlinge waren ihnen sicher. Cochises Einfluß sollte in 
den nächsten Tagen und Wochen immer mehr schwinden. 
Seine Versuche, mit den Weißen Frieden zu halten, waren zum 
Scheitern verurteilt. 

Denn die Mimbrenjos und Tontos gingen auf den 

Kriegspfad. 

Viel weiter südlich, im San Simon Valley, horchte Sandy 
Willard in die Nacht. Von ferne her vernahm er das Wummern 
der Trommeln, aber er wußte die Töne nicht zu deuten. 

Willard stand unter dem Vordach des kleinen Hauses, das er 

selbst erbaut hatte. Die Baumstämme waren roh behauen und 
lagen auf einem Fundament aus passenden Natursteinen. 

Das Farmhaus war stabil genug, um Stürmen zu trotzen, die 

Wände so stark, daß höchstens eine Kanonenkugel sie hätte 
durchschlagen können. 

Trotzdem verspürte Sandy Furcht und Unruhe in sich. In den 

letzten Tagen und Wochen hatte er zahllose Kriegerhorden 
beobachtet. Die Apachen saßen zusammengesunken in den 
Sätteln ihrer struppigen Mustangs und zogen nach Norden oder 

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Süden. 

Bisher hatten die Willards keine Schwierigkeiten mit den 

Rothäuten gehabt. Aber Sandy ahnte, daß diese Zeit vorbei 
war. 

Leichte Schritte klangen hinter dem Farmer auf. Judith trat 

neben ihn und fragte leise: »Was bedeutet das Trommeln? 
Reiten sie wieder?« 

»Ich weiß es nicht, Darling«, antwortete Sandy und legte 

seiner Frau einen Arm um die Schultern. 

»Ich habe Angst«, murmelte Judith nach ein paar Sekunden, 

»furchtbare Angst. Ich weiß genau, daß die Apachen eines 
Tages kommen. Sandy, laß uns von hier weggehen. Es gibt 
doch genügend freies Land, um neu anzufangen. Laß uns 
irgendwohin ziehen, wo unser Leben nicht in Gefahr ist.« 

Willard holte tief Luft. Mehr als einmal hatte er schon mit 

seiner Frau darüber gesprochen. Es ging nicht darum, daß sie 
eine Menge des kargen Bodens urbar gemacht hatten, daß sie 
mit Spaten und Hacke Kanäle vom San Simon River bis zu den 
Feldern gezogen hatten. Nein, es ging um mehr. 

Denn Sandy hatte einen großen Plan. Er wollte in diesem Tal 

Schafe züchten. Aber dazu mußte ein dauerhafter Friede mit 
den Apachen geschlossen sein. 

»Warten wir noch ab«, sagte Sandy schließlich. »In ein paar 

Wochen geht die Saat auf, und die möchte ich nicht einfach im 
Stich lassen.« 

Was nutzt uns das, wenn wir alle tot sind, dachte Judith. 

Denkt er denn gar nicht an Rick? 

Sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran, daß der Kleine 

den Apachen in die Hände fallen konnte. Aber es hatte wenig 
Sinn, mit Sandy darüber zu sprechen. Er beharrte starrköpfig 
auf seiner Meinung, daß dieses San Simon Valley freies Land 
und von jedem in Besitz genommen werden durfte. 

»Die Kavallerie wird uns schützen und helfen«, versuchte 

Sandy seine Frau zu beruhigen. 

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Aber die Kavallerie war weit. Alle Schwadronen besaßen 

weit weniger Reiter, als die Sollstärke betrug. Und die 
Kommandanten der Forts und Vorposten waren hoffnungslos 
überfordert. Es gelang ihnen nicht, die Raubzüge der Apachen 
einzudämmen. 

Die Willards betraten ihr Haus und schlossen sorgfältig die 

Tür, die aus starken Brettern bestand. Sandy legte den 
schweren Sicherungsbalken in die Halterungen und ging 
einigermaßen beruhigt zu Bett. 

Rick, der gerade drei Jahre alte Sohn, gab prustende 

Geräusche von sich. Er lag in einer alten Holzkiste, die einmal 
Werkzeug enthalten hatte. 

Judith drängte sich eng an ihren Mann, als sie unter die 

Decke geschlüpft war. 

Und Sandy schwor sich, am nächsten Vormittag endlich die 

Schlagläden für die beiden mit Ölpapier verklebten Fenster 
fertigzustellen. 

Er ahnte nicht, daß es nie dazu kommen sollte. 
Irgendwann in der Nacht schreckte Sandy auf und lauschte. 

Der Klang der Trommeln war verstummt. Erleichtert ließ sich 
der Farmer zurücksinken und schloß die Augen. 

Er schlief unruhig, von wilden Träumen geplagt. Immer 

wieder sah er bronzefarbene Gestalten, die ausdruckslos 
zusahen, wie Judith verzweifelt einem Apachenkrieger zu 
entkommen versuchte. 

Im Morgengrauen passierte es. 
Ein gellender Schrei ließ die beiden Menschen hochfahren. 

So schrie nur ein Mensch in Todesnot. 

Entschlossen sprang Sandy aus dem Bett, lief zum Fenster an 

der Frontseite und nahm die Winchester mit. Behutsam schob 
er den einzigen Flügel des Fensters auf und spähte hinaus. 

In der grauen Dämmerung erkannte er einen leichten 

Zweispänner, der knapp 200 Pferdelängen entfernt stand. Ein 
längliches Bündel, aus dessen oberem Teil Pfeilschäfte ragten, 

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lag neben dem linken Vorderrad. 

»Was ist, Sandy?« fragte Judith mit ängstlich vibrierender 

Stimme vom Bett her. 

Aber der Mann antwortete nicht. Er hatte die Lippen zu 

dünnen, blutleeren Strichen zusammengepreßt. So sehr er sich 
auch abmühte, er entdeckte keinen einzigen Indianer. Sie 
schienen sich in der Dämmerung verkrochen zu haben, paßten 
sich den Lichtverhältnissen an, den Bodenwellen und den 
Sträuchern. 

Langsam schob Sandy den Lauf des Gewehres über die 

Fensterbrüstung. 

Er war entschlossen, das Leben seiner Familie zu 

verteidigen. Denn dies hier war sein Land. Er hatte es urbar 
und fruchtbar gemacht. 

Eine schwache, kaum wahrnehmbare Bewegung ließ Sandy 

aufmerken. Genau zwischen den beiden Zugpferden des 
Wagens bewegte sich eine Gestalt. Vorsichtig arbeitete sich der 
Mann zwischen den Leinen und Riemen durch, bis er sich 
unmittelbar an den Vorderbeinen der Tiere aufrichtete. 

Und dann rannte er los. 
Kleine Staubwolken stoben unter seinen Stiefelsohlen auf. 

Ungefähr 30 Yards schaffte der Mann, ehe eine schattengleiche 
Gestalt hinter einem dicht wuchernden Strauch emporschnellte. 

Sandy feuerte sofort. 
Obwohl er den Indianer getroffen hatte, ließ der noch den 

Pfeil von der Bogensehne schnellen. Aber die aus Eisen kalt 
gehämmerte Spitze bohrte sich weit neben dem Flüchtenden in 
den Sand. 

In weiten Zickzacksprüngen gewann der Mann immer mehr 

Raum. 

Ein kehliger Ruf durchbrach die Stille des Morgens. 

Plötzlich hämmerten Pferdehufe überlaut. Hinter der dicht 
bewachsenen Bodenwelle, die den kleinen Kanal verdeckte, 
preschte ein weißer Mustang hervor. Der Krieger auf dem 

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Rücken des Pferdes trieb das Tier zu immer höherer Leistung 
an. Plötzlich schwang der Apache die Rechte hoch. In den 
ersten Strahlen der Sonne, die über den Horizont kroch, glänzte 
die Metallschneide eines Kriegsbeils. 

Der flüchtende Mann lief schneller, aber er hatte keine 

Chance, dem Krieger zu entkommen. 

Sandy zielte sorgfältig. Er krümmte den Finger, doch in 

diesem Moment federte ein halbnackter Körper genau unter 
dem Fenster hoch. Zwei kräftige Hände packten den Lauf der 
Winchester. 

Willard war viel zu erschrocken und verblüfft, als daß er die 

Waffe hätte halten können. Der Schuß krachte, aber die 
Winchester diente dem Krieger nun als Keule. Er wirbelte sie 
herum. Der Kolben streifte den Fensterrahmen und traf Sandys 
Kinn. 

Er war sofort bewußtlos. 
Judith sprang aus dem Bett. Ihr war es egal, daß der Apache 

ihr dünnes Nachtgewand sah, ihre Haut. Sie hatte nur eines im 
Sinn: Rick! Mit dem Fuß trat die junge Frau die Kiste mit dem 
kleinen Jungen in die Ecke des Raumes. Und dann schnellte sie 
sich wie eine Raubkatze vor. Mit beiden Händen packte sie den 
Revolver, der neben der Tür an einem Nagel hing. 

Der Krieger stieß ein paar kehlige Worte aus, die Judith nicht 

verstand. 

Aber sie sah, wie er die Winchester herumwirbelte und den 

Unterhebel bewegte. Er wollte eine neue Patrone in die 
Kammer gleiten lassen, wollte diese weiße Tigerkatze töten, 
denn sie war gefährlich. 

Judith richtete die Mündung des Colts auf die breite Brust 

des Apachen und drückte ab. 

Lautlos fiel der Krieger nach hinten. 
Mit dumpfen Schlägen gruben sich Pfeile in das Bettzeug des 

Lagers. 

Irgend etwas prallte gegen die Tür. Verzweifelt hämmerten 

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Fäuste auf Bretter, und jemand rief: »Um Himmels willen, laßt 
mich rein!« 

Sie lief zum Fenster. Die Angreifer hatten die Sonne im 

Rücken. Ein Indianer richtete sich zwischen den Büschen auf. 
Die junge Frau feuerte sofort. Der Krieger warf beide Arme 
hoch und brach zusammen. 

Erst als die Hufe des weißen Mustangs wieder dröhnten, 

bemerkte Judith, daß der Apache mit dem Kriegsbeil sein Pferd 
gezügelt hatte. Dann ließ er das Tier wieder laufen. Und vor 
der Tür lag der Fremde! 

Judith konnte den Angreifer nicht erkennen. Sie rannte nach 

vorn, hob den schweren Sicherungsbalken hoch und ließ ihn 
einfach fallen. 

Als sie die Tür öffnen wollte, durchschnitt ein sausendes 

Geräusch die Luft. Ein dumpfer Schlag, dem ein Seufzer 
folgte. 

Danach entfernte sich der Reiter, denn die Hufschläge 

wurden leiser und verklangen nach Minuten. 

Erschöpfung befiel die junge Frau. Sie ließ die Rechte mit 

dem schweren Revolver sinken und zuckte zusammen, als Rick 
auf einmal hinter ihr wimmerte. Bevor Judith zu ihrem Sohn 
ging, sich um ihn kümmerte, öffnete sie die Haustür. 

Ein Fremder fiel halb in den großen Raum. Sein Gesicht war 

blutüberströmt und kaum zu erkennen. Die wenigen Flecken 
Haut, die Judith sah, wirkten oliv-gelblich. Das fettige 
schwarze Haar hing zu beiden Seiten des Kopfes herab. Und 
die metallene Kriegskeule lag auf dem Oberkörper des Toten. 

Judith grub die Zähne in ihre Unterlippe, daß es schmerzte. 

Sie mußte all ihre Kraft aufwenden, um nicht loszuschreien, 
aber es gelang ihr. 

Der Kleine! 
Judith drehte sich um. Rick lag noch in seiner großen Kiste, 

aber seine dunklen Augen schauten angstvoll auf den 
schrecklich aussehenden Fremden. Wußte der Junge doch, daß 

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es schlimm war, wenn Blut floß, daß seine Ma oder sein Dad 
ihn immer sofort verbanden. 

Sandy stöhnte und kam unsicher auf die Beine, taumelte zwei 

Schritte bis zum Fenster und starrte hinaus. 

»Sie sind weg«, sagte Judith hart, »aber sie haben einen 

Toten hiergelassen, einen Mexikaner. Kümmere du dich 
darum. Ich muß Rick beruhigen.« 

Die junge Frau ließ den Revolver einfach fallen, als sie zu 

ihrem Sohn ging. Sie achtete auch nicht auf das, was ihr Mann 
machte. Sie hatte nur den Kleinen im Sinn. 

Es schienen Stunden vergangen zu sein, als Sandy 

schließlich wieder ins Haus kam und verbittert sagte: »Wir 
müssen weg, Judith. Am besten sofort.« 

Ernst blickte sie ihn mit ihren dunklen Augen an. Sie 

erwähnte nicht, daß sie schon am vergangenen Abend davon 
gesprochen hatte, aber er spürte ihren stillen Vorwurf. 

»Drei tote Apachen«, sagte Sandy stirnrunzelnd, »und zwei 

Mexikaner. Der rote Hundesohn mit dem Pferd ist entkommen. 
Er holt die anderen. Verstehst du? In ein paar Stunden wimmelt 
es hier von blutrünstigen Apachen. Es ist vorbei, aus – für 
immer.« 

Grimm schwang in der Stimme des Farmers mit. Er hatte die 

Schultern etwas hochgezogen, als wollte er einen unsichtbaren 
Gegner mit den Fäusten angreifen, aber gegen eine Horde 
Apachenkrieger kam er nicht an. All die schönen Pläne hatten 
ein jähes Ende gefunden. 

Die Willards mußten weg, weiterziehen und irgendwo neu 

anfangen. 

Aber vorher, das schwor sich Sandy, sollten die Rothäute 

noch bezahlen. Ehe er nach Norden zog, um erneut ein Stück 
Land irgendwo zu roden, fruchtbar zu machen, sollten sie 
bluten für das, was sie ihm angetan, daß sie seine Existenz 
vernichtet hatten. 

Eine Stunde später war der Ranchwagen mit den kargen 

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Besitztümern der kleinen Familie beladen. Rick krähte vor 
Vergnügen, als das Deichselpferd anzog, und die eisenbereiften 
Holzräder durch den Sand mahlten. 

Um den Wagen der beiden toten Mexikaner kümmerte sich 

Sandy nicht. Sollte die Ladung doch Beute der Apachen 
werden, die bald hier erschienen. 

»Wohin fahren wir?« wollte Judith nach einer Weile wissen. 
»Zuerst zum Paß«, erwiderte Sandy. »Ich will Jeffords 

erzählen, was passierte. Dieser verdammte Apachenfreund soll 
erfahren, daß es sinnlos ist, mit den roten Hundesöhnen um 
Frieden zu ringen.« 

»Und dann, später?« fragte Judith. 
»Ich finde schon was, um uns fürs erste über Wasser zu 

halten«, versprach ihr Mann. »Wir ziehen erst dann weiter, 
wenn die Fahrt sicher ist. Jetzt hat es keinen Sinn. Die Apachen 
würden uns überfallen und niedermachen. Du hast ja selbst 
erlebt, wie sehr sie sich an ihre Worte halten.« 

Willard wußte nicht, daß Cochise sein Wort hielt. Kein 
einziger seiner Chiricahuas ritt in der Nacht nach Süden. 
Keiner seiner Krieger legte Feuer an die Häuser der Weißen, 
brachte sie um und beraubte sie. 

Aber für die Menschen jener Zeit waren Apachen eben 

Apachen. Die Menschen, die in den Süden der Union drängten, 
Land suchten, sahen nur Indianer. Zwischen den einzelnen 
Stämmen machten sie keinen Unterschied. Rote Männer 
überfielen einsame Ranches, Farmen und Vorposten der Army. 
Es waren Apachen, natürlich, aber welchem Stamm sie 
angehörten, kümmerte niemanden. Und die Vergeltung der 
Weißen traf sie alle, Schuldige wie Unschuldige. 

Der Tonto-Krieger beobachtete aus seiner Deckung, wie die 

Bleichgesichter den kleinen Wagen beluden und davonfuhren. 

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Wut glitzerte in den schwarzen Augen des Apachen, denn er 
und seine Freunde hatten ihr Ziel nicht erreicht. 

Santana hatte befohlen, die Bleichgesichter zu töten, ihre 

Skalps zu nehmen und das Kind zum Stamm in die Reservation 
zu bringen. 

Statt dessen hatte nur einer der jungen Krieger überlebt. 
Der Apache wartete geduldig, bis das rollende Wickiup 

verschwunden war. Aus Vorsicht gab der Krieger noch einige 
Zeit zu. Warten gehörte zu den Tugenden der Apachen. Sie 
lagen stundenlang in der Wüste unter einer Lederdecke, die mit 
Staub, Sand und kleinem Gestein bedeckt war. 

Aber wenn die Beute in Sicht kam, verwandelten sich die 

scheinbaren Bodenwellen in wilde Teufel. 

Der Krieger bog die Zweige des Strauches zur Seite, hinter 

dem er sich verborgen hatte, und trat vor. Ein Zungenschnalzen 
rief den weißen Mustang herbei. Geschmeidig sprang der 
Indianer auf den Rücken des Pferdes. 

Das Tier ging an und fiel nach einigen Schritten in Trab. 

Mißtrauisch umkreiste der Krieger das verlassene Farmhaus. Er 
neigte dazu, die Weißen mit den Augen eines indianischen 
Kämpfers zu sehen. Ein Apache hätte in einem solchen Fall 
eine List versucht, um Eindringlinge doch noch zu töten. 

Der Krieger ritt näher an das Haus heran. Plötzlich gab er 

dem Mustang die Zügel frei. Das Pferd stürmte genau auf die 
Tür zu. Dicht vor der dunkel gähnenden Öffnung riß der 
Indianer am Seil aus Schweifhaar, und das Pferd bog ab. 

Die Erschütterung der Hufe sollte eventuelle verborgene 

Klapperschlangen aufscheuchen. Denn dies war der erste 
Gedanke gewesen, den der junge Tonto gehabt hatte. Aber kein 
giftiges Reptil schlängelte sich aus dem Haus. 

Der Krieger begriff nicht, daß die Bleichgesichter einfach 

aufgegeben hatten. Für ihn roch das alles zu sehr nach einer 
Falle, wie er sie selbst gestellt hätte. 

Schließlich lenkte er seinen Mustang zum Planwagen der 

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Gelbgesichter, die tot waren. Aus dem geflochtenen 
Ledergürtel, der die Hose hielt, zog der Krieger ein Messer mit 
langer Klinge. Drei, vier Schnitte zerfetzten die Plane. 

Überrascht und erfreut zugleich starrte der Apache auf die 

eckigen Blechkannen, die einen Teil der Ladefläche 
einnahmen. In diesen Kanistern war das stinkende Zeug, mit 
dem die Bleichgesichter gläserne Gefäße füllten. Die Weißen 
hantierten eine Weile mit dem Glas, entzündeten Feuer, und 
dann wurde es für lange Zeit hell. 

Dieses Brennöl war die Lösung aller Probleme. 
Der Krieger hob zwei Kannen herab, ritt zum Farmhaus und 

öffnete die Verschlüsse. Mit aller Kraft warf er die Kannen in 
das Innere des Hauses. 

Nun brauchte er nur noch diese winzigen Hölzer, die nach 

einem scharfen, reißenden Geräusch aufflammten. 

Der Tonto sprang vom Pferd und lief zu dem toten 

Mexikaner, dessen Oberkörper im Raum lag. Mit beiden 
Händen packte der Apache die Beine des Leichnams und zerrte 
ihn ins Freie. 

Der Indianer grunzte, als er sein Kampfbeil sah und griff zu. 

Die blutige Schneide wischte er am Hemd ab. Anschließend 
durchsuchte er schnell und geschickt die Taschen des Mannes. 
Zuerst fand er einen Rohlederbeutel, in dem es metallisch 
klirrte. Als der Krieger den Verschluß öffnete, funkelte Gold in 
der Sonne. Zufrieden schob sich der Apache den Beutel in den 
Hosenbund. Die Weißen waren verrückt nach Gold und 
geprägtem Metall. Mit diesem kleinen Schatz konnte Santana 
eine Menge Munition kaufen. Munition oder Schnaps, der wie 
der Atem eines Pumas stank und die Krieger stark und 
furchtlos machte. 

Endlich fand der Indianer Schwefelhölzer. Er riß eines an, 

hielt die Flamme an die anderen und warf das auflodernde 
Bündel genau in den Eingang des Farmhauses. 

Ein Feuerball explodierte im Raum. Die Flamme fauchte aus 

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der Türöffnung, streifte die Kleidung des toten Mexikaners und 
setzte sie in Brand. 

Der Krieger sprang zurück, landete mit einem Satz auf dem 

Rücken seines weißen Mustangs und stieß einen schrillen 
Schrei aus. Das Pferd sprang aus dem Stand beinahe anderthalb 
Längen weit und fiel sofort in Galopp. 

Hinter dem Apachen fraßen sich die Flammen durch das 

ausgetrocknete Holz des Farmhauses. Nach Minuten schon 
stürzte das Dach ein. Glimmende Holzstücke wirbelten hoch, 
Rauch verdunkelte das Licht der Morgensonne, und der 
Gestank des brennenden Kerosins überdeckte alle anderen 
Gerüche. 

»Lauf, lauf«, rief der Apache seinem Pferd in die Ohren, »sie 

sollen nicht entkommen!« 

Der Krieger wußte, wo er Stammesgenossen finden konnte. 

Sie sollten ihm helfen, Santanas Befehl auszuführen. 
Außerdem stand noch der Wagen der Mexikaner vor dem 
Farmhaus. Er war weit genug entfernt, um von den Flammen 
nicht erfaßt zu werden. Die Beute war den Tontos 
willkommen. 

In Doppelreihe ritten die Dragoner nach Westen. Die Soldaten 
waren ungewöhnlich schweigsam. Vielleicht lag es daran, daß 
Colonel Walman an der Spitze ritt. Es war ungewöhnlich, daß 
ein so hoher Offizier eine halbe Schwadron anführte. 

Der Oberst saß straff im Sattel. Er wirkte beinahe schon steif, 

als hätte er den Ladestock einer Muskete verschluckt. Die 
Texaner spotteten ganz offen über diese Art, im Sattel zu 
sitzen. 

Zwei Männer des Lone Star-Staates ritten hinter dem 

Colonel. Die beiden waren wegen ihrer Disziplinlosigkeit 
gefürchtet und berüchtigt. Sie verbrachten mindestens ein 

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Viertel ihrer Zeit in der Arrestzelle. Aber Brad und Zack 
wurden auch beinahe jede Woche beim Morgenappell belobigt. 

Unruhig sahen die beiden sich an und grinsten. Schließlich 

hielten sie es nicht mehr aus. 

»Was machen wir mit ihm, wenn es soweit ist?« fragte Zack 

laut mit besorgt klingender Stimme. 

Brad schob sich das verknautschte Käppi aufs linke Ohr und 

zog den Tabaksbeutel unter der Uniformjacke hervor. Während 
er sich eine Zigarette drehte, antwortete er genauso deutlich: 
»Wir machen das schon, Old Boy. Wir feinen Jungs aus Texas 
kennen uns aus.« 

Als die Zigarette brannte, starrten alle anderen den 

verrückten Texaner an. Die Soldaten wußten, daß nun wieder 
etwas ganz Besonderes kam. 

Zumindest ein böser Anpfiff wegen des unerlaubten 

Rauchens auf Patrouille. 

Aber sie täuschten sich. Noch reagierte der Colonel nicht. Er 

kannte die Dragoner genau. Er wußte auch, daß sie nach einem 
langen Ritt etwas brauchten, um Dampf abzulassen. Die Hitze 
war mörderisch. Sie setzte allen zu, und Wasser war knapp in 
diesem Teil des riesigen Landes, das sich Vereinigte Staaten 
nannte. 

»Nun«, fuhr Zack fort, »es gibt da ein Problem, Partner. 

Weißt du welches?« 

Fragend zog Brad die Brauen hoch und paffte vergnügt 

weiter. 

»Wenn er wirklich einen Ladestock verschluckt hat«, fragte 

Zack, »wie bekommen wir das Ding dann raus?« 

»Ach was«, antwortete Brad, »es ist kein Kugelstopfer, 

bestimmt nicht. Wenn gleich was aus seinem Schädel 
herausragt und der Hut darauf pendelt, ist es seine Wirbelsäule. 
Und das ist doch kein Problem für uns. So einen kleinen 
Schaden haben wir oft genug repariert.« 

»Sicher, stimmt«, sagte Zack, »wir schrauben das kluge 

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Köpfchen ab, schieben das Rückgrat vorsichtig wieder runter 
und befestigen den Huthalter darauf. Nur darf er dann ein paar 
Tage nicht reiten.« 

»Das ist doch sowieso kein Reiten«, antwortete Brad 

verächtlich. »Als ich damals von Amarillo zur kanadischen 
Grenze hetzte, verschliß ich drei Dutzend bester Pferde. Aber 
mein Rücken war in Ordnung. Unser Colonel käme nicht 
einmal bis Kansas.« 

Jetzt ist es genug, dachte Walman. Er wandte den Kopf und 

sagte zu Sergeant O'Bannion, dem rothaarigen, vierschrötigen 
Iren: »Zur Abwechslung zehn Minuten Galopp, Sergeant. Die 
Männer scheinen sich zu langweilen. Und sorgen Sie dafür, 
daß der Komiker dahinten aufhört, Rauchzeichen zu geben.« 

Der Ire wiederholte den Befehl und brüllte ihn den 

Dragonern zu. 

Die Reiter setzten sich in den Sätteln zurecht. Brad drückte 

den Stummel am Horn aus. 

»Ich wette, daß es in drei Minuten soweit ist«, ließ sich Zack 

noch hören, aber als er den drohenden Blick O'Bannions 
auffing, schwieg er. Denn seine große Klappe hatte Zack erst 
vor drei Tagen für 48 Stunden in die Zelle gebracht. 

Zugleich galoppierten die Pferde an. Das Hämmern der Hufe 

dröhnte weit über das Land. Walman überlegte sich, daß nun 
sämtliche Apachen in weitem Umkreis gewarnt waren. Aber 
seine Aufgabe bestand nicht darin, den Indianern 
nachzuspüren. Er sollte über den Apache-Paß nach Osten 
vorstoßen und dort eine Woche lang kreuz und quer das Land 
durchstreifen, um die Rothäute davon zu überzeugen, daß die 
Kavallerie ständig bereitstand. 

Bei General Howard waren etliche Beschwerden aus Mexiko 

eingegangen. 

Die Bürger der grenznahen Orte beklagten sich über 

Raubzüge der Apachen, über die ständige Angst und Not, in 
der die Menschen dort lebten. 

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Walman sank etwas im Sattel zusammen. Flüchtig dachte er 

an die beiden Texaner in der Schwadron. Die vorlauten Kerle 
wunderten sich bestimmt, denn die Haltung des Colonels glich 
der ihren. Aber es war nun mal Vorschrift in der Kavallerie, 
daß ein Soldat, gleichgültig ob er Offizier war oder nicht, straff 
auf dem Pferderücken zu sitzen hatte. 

Der Oberst verdrängte diese Gedanken. Wichtig waren die 

Indianer. Sie und die weißen Siedler, die in das Territorium 
strömten. 

Die einstigen Herren dieses weiten, trockenen Landes gaben 

sich nicht geschlagen. Sie kämpften gegen die Eindringlinge 
mit List, Härte und Grausamkeit. 

Cochise war der größte Führer der Apachen aller Stämme. 

Die meisten Häuptlinge hörten auf ihn. Doch vor kurzem hatte 
der Big Chief eine vernichtende Niederlage erlitten. Seitdem 
schienen ein paar Unterstämme von Cochises Leitlinie 
abzuschwenken. 

Er wollte den Frieden mit den Weißen, denn er sah wohl, daß 

die Zeit der roten Menschen vorbei war. Er wollte so viele 
seiner Rasse retten, daß die Apachen als Ganzes nicht 
untergingen oder vernichtet wurden. 

Aber nach der Niederlage gegen die besser ausgebildeten und 

ausgerüsteten weißen Soldaten fielen Häuptlinge anderer 
Stämme von Cochise ab. 

Walman ahnte irgendwie, daß die halbwegs friedlichen 

Zeiten vorbei waren. Und darum ging es bei diesem Ritt der 
halben Schwadron: den Apachen zu beweisen, daß die 
Pferdesoldaten überall auftauchen konnten. 

Der Oberst ahnte, daß dies die falsche Methode war. Aber 

der General hatte es so befohlen. Oliver O. Howard war der 
Befehlshaber der gesamten Truppen im Südwest-Territorium. 
Der einarmige Offizier besaß eine Menge Erfahrung, doch 
gegen die Listen der Apachen kam er nicht an. Zudem hatte er 
zu wenig Soldaten, um das weite Land ständig überwachen zu 

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lassen. 

Walman stand sich gut mit Howard. Der General hörte auf 

den schlanken Oberst. Ja, in den letzten Monaten war Walman 
so etwas wie ein Berater des Kommandeurs geworden. Doch 
bei diesem Auftrag hatte der Colonel auf Granit gebissen. 

Howard gab nicht nach. Seiner Meinung nach mußten die 

Apachen deutlich erkennen, daß die Blaujacken immer da 
waren. 

Der Colonel galt als Indianerfreund. Das brachte ihm Haß 

unter den Offizierskollegen ein. Denn wie General Sherman es 
einmal gesagt hatte, so dachten die meisten Menschen in 
diesem Land, und nicht nur die Soldaten. 

»Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.« So lautete der 

Ausspruch des General Sherman. 

Kaum jemand unterschied bei den Menschen der roten 

Rasse, daß es auch bei ihnen Schufte und Bösewichte gab, 
genau wie bei den Weißen. 

Oft genug war es schon vorgekommen, daß sich weiße 

Siedler an irgendwelchen Apachen gerächt hatten, weil sie 
nachts zuvor überfallen worden waren. Aber die Rache hatte 
fast immer die Falschen getroffen. Denn die Täter hatten auf 
ihren schnellen Pferden bereits Dutzende von Meilen zwischen 
sich und ihre Opfer gebracht. 

Aber diese Vorfälle rührten immer wieder den brodelnden 

Brei auf, der aus Siedlern, Farmern, Militär, Scouts, 
Schmugglern und Apachen bestand. 

Prüfend musterte Walman die Gegend ringsum. Hügel zogen 

sich durch das ganze Tal bis zu den Chiricahua Mountains. 
Dort lag das Ziel der halben Schwadron, das Tagesziel. Denn 
inmitten dieser Berge lag die Postkutschenstation der 
Butterfield Line. Auf der Paßhöhe hatte Thomas Jeffords, der 
Postmeister, die Gebäude errichtet. Sie waren vor kurzem von 
Victorios Mimbrenjo-Kriegern niedergebrannt worden. 

Die Quellen, die auf der Paßhöhe sprudelten, waren wichtig. 

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Sie gewährleisteten die sichere Versorgung des weiten Landes 
mit Transportmitteln. Die Army betrachtete diese Quellen als 
Stützpunkt. Hier konnten die Reiter und Pferde rasten, sich 
erholen und nach relativ kurzer Zeit wieder ihre Aufgabe 
wahrnehmen. 

Walman stöhnte innerlich. Nach einer dreistündigen Rast am 

Apache-Paß wollte der die Soldaten weiter nach Osten führen. 
Dort lag das Gebiet, das von Victorio und Santana mehr oder 
weniger beherrscht wurde. Die Mimbrenjos und Tontos lebten 
überwiegend in der nördlich gelegenen Reservation San Carlos. 
Aber immer wieder brachen Kriegergruppen aus und 
überzogen das Land mit Mord, Raub und Brand. 

Und drei Stunden Rast waren wirklich nicht genug, um den 

ausgemergelten Männern und Pferden ausreichend neue Kraft 
zu geben. 

Nach knapp 20 Minuten hob der Oberst den rechten Arm 

steil in die Höhe. Dies war das Zeichen, den Galopp 
abzubrechen. Das Tacken der Hufe wurde leiser. Aus der 
gewaltigen Staubwolke hinter den Reitern drangen saftige 
Flüche. Walman lächelte. Er hatte die beste Position gehabt: an 
der Spitze der halben Schwadron. 

Der hochgewachsene Offizier saß wieder steif im Sattel. Mit 

einem Ohr horchte der Colonel auf die Gespräche seiner 
Dragoner. Natürlich drangen die Stimmen der Texaner wieder 
mal durch. 

Aber dieses Mal ließ sich Walman nicht von den Spötteleien 

der beiden rauhbeinigen Kerle ablenken. 

Er schaute sich um, musterte genau jede Bodenwelle, jede 

Senke und jedes Buschwerk. Der Colonel war schon zu lange 
Soldat an der Indianergrenze. Er spürte, er witterte, daß Unheil 
in der Luft lag. Nichts wies darauf hin, wenigstens nicht so, 
daß es jeder sehen konnte. Aber Walman hatte in den letzten 
Jahren so etwas wie ein Gespür, einen sechsten Sinn für 
Verdruß entwickelt. Und dieses Gefühl sagte ihm, daß Gefahr 

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bestand. Vielleicht drohte diese Gefahr nicht den Soldaten, 
aber sie war vorhanden. 

»Im Trab, Sergeant«, befahl der Offizier, »direkt auf den Paß 

zu!« 

Der rothaarige Ire gab die Anweisung weiter. Dabei übersah 

er absichtlich, daß einige Soldaten die Wasserflaschen gelöst 
und aufgeschraubt hatten. Die Dragoner setzten die Canteens 
an die Lippen und tranken. 

O'Bannion schluckte. Sein Mund war trocken, voller Staub, 

doch der Sergeant beherrschte sich. Ja, auf der Paßhöhe gab es 
Wasser, ausreichend sogar für eine halbe Armee. Aber noch 
hatte der Colonel keinen Befehl gegeben, daß die Männer 
trinken durften. 

Der rothaarige Ire war zwar kein Mann, der jeden Befehl 

eines Vorgesetzten als gut und richtig ansah, aber er wollte 
auch den Dragonern kein schlechtes Beispiel geben. 

O'Bannion diente bereits seit mehr als 20 Jahren bei der 

Kavallerie. Der Ire hatte eine Menge Offiziere und Soldaten 
kommen und gehen sehen. Die meisten überlebte er, denn er 
kannte sich überall aus, beherrschte eine ganze Menge Tricks, 
und wußte, worauf es in einer gefährlichen Situation ankam: 
einen winzigen Moment schneller als alle anderen zu sein! 

Diese Erkenntnis und die lange Erfahrung machten aus 

O'Bannion einen Soldaten, der zum Kern, sozusagen zum Salz 
der Uniformierten gehörte. 

Darum ließ er sein Pferd schneller gehen, schloß zum 

Colonel auf und fragte leise: »Sie spüren es auch, Sir, nicht 
wahr?« 

Der Colonel blickte erstaunt zur Seite. Das kantige Gesicht 

des rothaarigen Iren wirkte noch unbeweglicher als sonst. 

»Es liegt Verdruß in der Luft«, fuhr der Sergeant fort. »Ich 

will Ihnen keinen Rat geben, das steht mir nicht zu, aber ich 
denke, wir sollten unsere Formation umstellen.« 

Natürlich, dachte Walman, der Mann hat recht. Die Dragoner 

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reiten zu dicht nebeneinander. Ein massiver Angriff einer 
Kriegerrotte hätte den Colonel die Hälfte seiner Soldaten 
gekostet. 

»Ausschwärmen!« befahl der Colonel nun. 
O'Bannion nickte zufrieden. Genau das hatte er hören wollen. 

Walman schien für ein paar Minuten völlig geistesabwesend 
gewesen zu sein. Darum, und nur darum hatte sich der Ire 
gemeldet. Er hing nämlich an den Kameraden, betrachtete sich 
als verantwortlich für sie und betrank sich jedesmal, wenn 
einer der ihm unterstellten Männer starb. 

Der Colonel beobachtete das Manöver, das die Dragoner 

vorbildlich ausführten. 

In breiter Linie, vier Längen zwischen den einzelnen 

Pferden, trabten die Blauröcke auf die Chiricahua Mountains 
zu. 

Je näher Walman den Bergen kam, desto unruhiger wurde er. 

Er blickte sich zu O'Bannion um. Der Ire schien ebenfalls 
besorgt zu sein. Immer wieder wandte er den Kopf, musterte 
das Land, jede auch noch so winzige Einzelheit, und hätte 
beinahe einen Rotluchs erschossen, der urplötzlich hinter einer 
mannshohen Palmlilie hervorsauste. 

Ungeschoren erreichten die Soldaten den Fuß der Berge. Die 

beiden Texaner waren schweigsam geworden. Sie sahen sich 
um. Ihre Lippen wirkten wie dünne Striche im Schatten der 
Käppischilder. 

»Okay, gehen wir den Paß an«, sagte Walman. 
Der Sergeant gab diesen Befehl weiter und kleidete ihn in 

militärische Worte. 

Nach und nach formierten sich die Reiter wieder zur 

Doppelreihe. Und als die ersten Pferde die Straße zum Paß 
erreichten, drängten sie ihre Tiere dicht an die Felswände. 

Aber nichts geschah. Und doch spürten alle, daß sie einer 

heißen Zeit entgegenritten. 

Nach einer Weile erreichten die vordersten Pferde den Gipfel 

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der Paßstraße. 

»Verdammt, ich habe es geahnt!« entfuhr es Walman. 
Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Station. Zwei 

Reiter jagten gerade davon, zur anderen Seite, nach Osten. 
Beide duckten sich tief über die Hälse ihrer Pferde, um es den 
Tieren leichter zu machen. 

Auf dem Dach der Schmiede stand ein Mann, der eine 

Winchester in der Rechten hielt. Er blickte nach Osten, in das 
San Simon Valley. 

»Schneller, los!« rief der Colonel, denn er hatte das Gefühl, 

eingreifen zu müssen. 

Die beiden Reiter schonten ihre Tiere nicht. An ihrem Ziel 

lag der Verdruß, den Walman und O'Bannion gewittert hatten. 

Schon beim Frühstück, also kurz nach Sonnenaufgang, hatte 
Burt ziemlich mißmutig aus der Wäsche geschaut. 

»Haben dich die Flöhe heute nacht gebissen?« wollte Norbert 

von seinem Freund wissen. »Oder warum ziehst du ein Gesicht 
wie drei Tage Regenwetter?« 

Burt Kellys Miene wurde noch verdrossener. Er kaute auf 

seiner Unterlippe herum und sagte schließlich: »Was kann man 
von einem Kerl wie dir auch anderes erwarten als dummes 
Geschwätz. Den ganzen Tag beschäftigst du dich mit den 
Gäulen. Die sind müde und sauer, wenn sie hier zu uns 
kommen. Sie brauchen Wasser, Futter, müssen gestriegelt 
werden und so weiter. Und die verdammten Ziegenböcke 
haben stundenlang nichts anderes als Staub, Felsen und ab und 
zu mal 'nen Kaktus gesehen. Sie sind richtig stumpfsinnig 
geworden.« 

»Wer, die Kakteen?« fragte Walker grinsend. 
Kellys Gesicht glich mit einemmal einer überreifen Tomate. 

Er stand kurz vor der Explosion. Burt haßte es nämlich wie die 

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Pest, in seinen tiefschürfenden Gedankengängen unterbrochen 
zu werden. 

Aber diesmal nahm er sich zusammen. Er wollte den Morgen 

nicht mit Gebrüll beginnen. 

»Natürlich nicht. Die Gäule, du Narr«, sagte er würdevoll. 

»Aber es ist kein Wunder, daß du nicht begreifst. Das ist ein 
Zeichen, mein Freund, ein deutliches Zeichen.« 

»Wieso?« erkundigte sich ihr Boß, der aus seiner 

Schlafkammer trat und auf die Tränkerinne zuging. 

»Nun, wenn ein Kerl, mag er auch alt und erfahren sein«, 

begann Burt, »immer nur mit dummen, stupiden Geschöpfen 
zu tun hat, wird er nach ganz kurzer Zeit genauso wie sie. 
Unser Norbert hier ist das beste Beispiel. Sieh ihn dir an, Boß. 
Seine Unterlippe wirkt dick und hängt durch. Die Zähne 
wirken wie die eines Gaules. Und dazu kommt noch die Sache 
mit dem Kaffee. Er denkt sicher, er müßte einem der Gäule 
Wasser geben, wenn er Kaffee kocht. Und dann bekommen wir 
'ne bräunlich gefärbte Suppe, mit der man sich nicht mal die 
letzten Haare waschen kann.« 

Scheinbar entsetzt fuhr sich Burt durch die spärlichen Reste 

seines Haarschopfes. 

Aus den Augenwinkeln blickte Kelly zu Walker hinüber, 

dessen Gesicht Verblüffung ausdrückte. 

»Was hat das alles damit zu tun«, fragte Norbert, »daß du 

wie drei Tage Regenwetter aussiehst? Nicht, daß mir Regen 
ungelegen käme, aber bei so einem Gesichtsausdruck, wie du 
ihn hast, verschwinden selbst die finstersten Wolken wieder.« 

»Er ist eben ein Narr«, verkündete Burt laut. »Spürst du denn 

nicht, daß dieser Tag ein verdammter Scheißtag ist? Daß er uns 
einen ganzen Haufen Ärger einbringen wird? Merkst du so was 
nicht? Ich frage mich wahrhaftig, wie du so alt geworden bist. 
Denn du hast keinen Funken Gespür in dir, Pferdestriegler 
Norbert Walker, Kaffeeverderber und komischer Vogel.« 

Der Pferdehelfer grinste breit und machte sich an der 

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Kaffeekanne zu schaffen. 

»Sicher spüre ich das«, antwortete er, »aber ich lasse mir 

doch nicht meine gute Laune dadurch verderben.« 

Die zwei warfen sich einige Liebenswürdigkeiten an die 

Köpfe. Thomas Jeffords hörte belustigt zu, wie sich seine 
Helfer stritten. Beide waren ihr Gewicht in Gold wert, denn sie 
waren erfahrene Pioniere, die schon eine Menge mitgemacht 
hatten und fast alles kannten, was einem Menschen zustoßen 
konnte. 

Aber wenn sie in Streit gerieten, war das besser als jede 

Theatervorstellung in einer der großen Städte des Ostens. 

»Wie ist das mit dem Kaffee?« fragte Thomas. 
Walker knallte eine Blechtasse, deren Emailleschicht an 

zahllosen Stellen geplatzt war, vor Jeffords auf die Tischplatte 
und schenkte aus der zerbeulten Kanne ein. Ein lieblicher Duft 
zog durch den Gastraum der Station. Nachdem Kelly und 
Walker getrunken hatten, war Burts Theorie widerlegt. 

Zumindest an diesem Morgen gab es richtigen Kaffee, keine 

braungefärbte Brühe. 

Nach dem Frühstück fragte Walker: »Hast du heute was 

Besonderes vor, Thomas?« 

Der Stationsleiter nickte, spülte den letzten Rest Eier und 

Speck mit einem gewaltigen Schluck Kaffee runter und 
antwortete: »Ich will mich mal umsehen, Jungs. In den letzten 
Tagen habe ich den Überblick verloren.« 

Kelly blickte den Postmeister düster an. 
»Ich frage mich, wie du ohne Skalp aussiehst«, sagte Burt. 

»Denn du kommst bestimmt nicht mit deinen Haaren zurück. 
Es wimmelt in der Umgebung doch nur so von Apachen.« 

»Eben, das ist es ja«, sagte Jeffords. »Ich möchte wissen, wie 

viele Krieger unterwegs sind, welchen Stämmen sie angehören 
und so weiter. Immerhin bin ich für die Sicherheit unserer 
Kutschen verantwortlich.« 

»Dein Freund Cochise scheint sich nicht mehr darum zu 

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kümmern«, bemerkte Walker. 

»Er lehnt die Verantwortung ab«, sagte Thomas. »Die 

anderen Stämme mißachten seine Friedensbemühungen. Aber, 
verdammt noch mal, irgendein Chief muß doch endlich für 
Frieden sorgen. Und Cochise ist der richtige Mann dafür.« 

Burt Kelly und Norbert Walker verstanden den hilflosen 

Zorn, denn der Postmeister war mit dem obersten Führer der 
Apachen in Streit geraten. Victorio, der Häuptling der 
Mimbrenjos, hatte die Station am Paß niederbrennen lassen. 
Seine Krieger überfielen immer wieder die schwerfälligen 
Concord-Kutschen, raubten sie aus und machten die Passagiere 
nieder. 

Jeffords hatte sich bei Cochise beschwert, aber der Chief 

hatte die Verantwortung dafür abgelehnt. Zwar war es dem 
Postmeister bisher gelungen, einen friedensähnlichen Zustand 
zu schaffen, aber immer wieder attackierten die Krieger 
anderer Stämme weiße Siedler. Cochise hingegen beschränkte 
sich darauf, die Mexikaner zu überfallen und auszuplündern. 

Doch auf die Dauer war diese Situation unhaltbar. 
»Wir haben drei Eisen zu richten«, verkündete Kelly. »Die 

Pferde stehen im Stall. Also los, Walker, fangen wir an.« 

Jeffords nickte den beiden zu, als sie hinausgingen. Der 

Postmeister räumte den Frühstückstisch ab. 

Auch Jeffords spürte, daß etwas in der Luft lag. Darum nahm 

er sich sein Fernglas und kletterte aufs Dach der Schmiede, als 
er die wichtigsten Dinge erledigt hatte. 

Sorgfältig suchte Thomas die Paßstraße ab, das Tal, das im 

Osten lag und vom San Simon River durchzogen wurde, aber 
er fand nichts. 

Erst nach fast einer halben Stunde entdeckte Thomas eine 

Staubwolke weit im Nordosten. 

Mehr als zwei Dutzend Pferde mußten dort galoppieren, 

denn eine solche Staubwolke konnte nur von einer großen 
Mannschaft aufgewirbelt werden. 

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Jeffords fluchte lautlos. Er wußte, daß dort Indianer durch 

das Tal jagten. So viele Weiße lebten nicht im Valley. Aber 
was trieben die Apachen vor sich her? 

»Sie halten auf den Paß zu«, murmelte Thomas. 
Er schwenkte das Glas in einer geraden Linie von der 

Reitergruppe auf die Straße – und hielt den Atem an. 

Ein Wagen mit einem Deichselpferd davor schien auf der 

Flucht zu sein. Undeutlich erkannte Jeffords zwei Personen auf 
dem Kutschbock des schwankenden Gefährts. 

Der Postmeister rutschte zum Rand des Stalldaches und 

brüllte: »Burt, Norbert, sattelt zwei Pferde! Es wird heiß. Burt, 
du bleibst hier!« 

Das Klingen der Hämmer verstummte. Als Jeffords vom 

Dach sprang, führten seine beiden Helfer schon zwei Pferde ins 
Freie. Ohne ein Wort zu sagen, packte Thomas mit an. Wenige 
Minuten später waren die Tiere gesattelt. 

Der Postmeister holte seine Sharps aus der Station, und 

Walker kam mit seiner Winchester zurück. Die Revolver 
trugen die beiden Männer in Halftern an den Oberschenkeln. 

»Paßt auf, daß ihr eure Haare behaltet!« rief Kelly hinter 

seinen Freunden her. 

Er machte sich große Sorgen um die beiden. Burt holte sich 

ebenfalls seine Winchester und kletterte auf das Stalldach. Er 
sah nur zwei Staubwolken: eine kleinere, die genau auf den 
Paß zuhielt, und eine riesige, die der ersten folgte. 

Jeffords trieb sein Pferd an. In den Biegungen mußte es alle 
Kraft aufwenden, um nicht mit der Hinterhand abzurutschen. 

Thomas wußte, daß es um Minuten ging. Er konnte sein 

Pferd nicht schonen, wenn er den Flüchtenden helfen wollte. 
Die Indianer holten immer mehr auf. Der Abstand zwischen 
dem Wagen und den Apachen betrug höchstens noch eine 

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Viertelmeile. 

Flüche klangen hinter dem Postmeister auf. Norbert Walker 

fühlte sich bei diesem rasenden Ritt überhaupt nicht wohl. 

Endlich erreichten die beiden das Ende der Straße. Weit 

griffen die Tiere aus. Mit mächtigen Sprüngen jagten sie auf 
den Wagen zu. 

Warum schießen die nicht? dachte Jeffords. Zwei 

Erwachsene hockten auf dem Kutschbock, aber keiner von 
ihnen machte Anstalten, die Verfolger unter Feuer zu nehmen. 
Sicher, die Apachen waren noch zu weit entfernt. Aber 
vielleicht wurden sie vorsichtiger, wenn die Weißen schossen. 

Eine halbe Minute später wußte Thomas Bescheid. Ja, es 

waren zwei Erwachsene, ein Mann und eine Frau. Aber die 
Frau umklammerte mit beiden Armen ein Kind, das sie an 
ihren Oberkörper drückte. Und der Mann hatte alle Hände voll 
damit zu tun, das schwere Wagenpferd zu leiten. 

»Los, auseinander!« schrie Jeffords. »Wir nehmen die 

Indianer von zwei Seiten unter Feuer.« 

Walker verstand sofort. Er riß am Zügel. Der Braune 

galoppierte nach rechts, durchbrach ein paar Büsche und jagte 
knapp an einem kugelförmigen Kaktus vorbei, dessen lange 
Stacheln böse Verletzungen hervorriefen. 

Die Mexikaner nannten dieses kugelförmige, halbhohe 

Gewächs sinnigerweise »Schwiegermuttersitz«. 

Jeffords lenkte sein Tier nach links. Es wurde langsamer, als 

seine Hufe in fußtiefem Sand versanken. 

Thomas hielt auf einen Felsblock zu, der sich mehr als 

mannshoch über das Land erhob. Von der Oberfläche des 
Brockens aus hatte der Postmeister freies Schußfeld. 

Jeffords parierte sein Pferd, richtete sich in den Steigbügeln 

auf und schob die Sharps auf den Klotz, bevor Thomas selbst 
geschickt in den Sattel stieg und sich auf die ebene Fläche 
rutschen ließ. 

Die Indianer hatten den Abstand zu ihrer Beute auf 100 

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Yards verringert. Es war höchste Zeit. 

Jeffords zog die Sharps an die Schulter, stellte das 

Klappvisier auf und feuerte. Der dumpfe Klang des schweren 
Büffelgewehres rollte wie Kanonendonner über die Ebene. 

Der vorderste Reiter, ein Apache auf einem weißen Mustang, 

zielte mit dem Bogen. 

Das Geschoß der Sharps fegte den Indianer aus dem Sattel. 

Der Pfeil schnellte von der Sehne, beschrieb einen hohen 
Bogen und bohrte sich irgendwo seitlich des Wagens in den 
Staub. 

Jeffords betätigte den Blockverschluß und hebelte die Hülse 

aus dem Lager, bevor er eine neue Patrone einlegte. Die Sharps 
war das beste Gewehr für große Entfernungen und massive 
Ziele. Aber im Moment schalt sich Thomas einen Narren. Er 
hätte besser eine Winchester mitgenommen. Die höhere 
Feuergeschwindigkeit wirkte wie ein Bleihagel. 

Nun schoß auch Norbert Walker. 
Aber die Apachen gaben nicht auf. Sie wollten ihre Beute 

erwischen. Die Reiter stießen schrille Schreie aus, als sie an 
den Zügeln rissen. Der Pferdepulk brach auseinander. 
Strahlenförmig jagten die Krieger voneinander weg, bildeten 
einen weiten Halbkreis und stießen an beiden Seiten des 
Wagens weit vor. In wenigen Sekunden konnten die Rothäute 
den Kreis schließen, und dann war es um die Flüchtenden 
geschehen. 

Jeffords fluchte laut und voller Wut. Sie brauchten Hilfe, 

wenn sie es schaffen wollten. Hoffentlich paßte Burt oben bei 
der Station auf, zog die richtigen Schlußfolgerungen und 
schwang sich auf ein Pferd und kam ihnen nachgeritten. Aus 
einer guten Deckung heraus konnte er mit einer Winchester das 
Blatt wenden. 

Aber Kelly dachte nicht daran, seinem Boß und Walker zu 

folgen. Denn der zweite Posthelfer hatte Hufschlag gehört. Die 
Pferde kamen von der anderen Seite die Paßstraße herauf. 

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Burt glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, als er die 

blauen Uniformen sah. 

Wer sagt's denn, dachte er, wenn's brenzlig wird, kommt die 

Kavallerie. Wenigstens einmal sind die Blaujacken da, wenn 
man sie wirklich braucht. 

Burt hob die Winchester und feuerte dreimal in die Luft. 

Nachdem die Schüsse verhallt waren, hämmerten die Hufe der 
Pferde schneller über den Felsenweg. 

»Walman!« entfuhr es Burt, als er den hochgewachsenen 

Colonel im Sattel erkannte. 

Sekunden später verhielt der Oberst sein Pferd neben dem 

Stall. 

»Los, runter mit euch«, rief Kelly, »Jeffords und Walker 

stecken in der Klemme! Ein Wagen mit Weißen wird von 
mindestens dreißig Indianern verfolgt!« 

Walman zögerte keine Sekunde. Er wußte, daß die Pferde 

eine Pause brauchten. Aber er wußte auch, daß nicht die Zeit 
war, sich zu erholen. 

»Angriff!« befahl der Oberst und stieß den rechten Arm steil 

in die Luft. »Trompeter, wenn wir die halbe Strecke hinter uns 
haben, blasen Sie zur Attacke!« 

Der Colonel setzte die Sporen ein. Sein Pferd ging an, fiel in 

Trab und jagte schließlich im Galopp über den Sattel des 
Passes auf die Straße nach Osten zu. Die halbe Schwadron 
folgte dem Oberst. 

Kelly blickte wieder zur anderen Seite. Die Krieger hatten es 

geschafft. In weitem Kreis umritten sie ihre Beute. Immer noch 
hieb der Weiße auf das Wagenpferd ein. Aber die Apachen 
zogen den Kreis enger. Pfeile flogen, bohrten sich in die 
Ladung, schlugen in die Bordbretter ein, und eine kurze 
Kriegslanze stak plötzlich genau zwischen den beiden 
Personen auf dem Bock im Fußbrett. 

Da ließ der Kutscher die Zügel los und legte ein Gewehr an. 

Viermal kam er zum Schuß. Zwei Pferde brachen zusammen 

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und schrammten in großen Staubwolken über den Boden. Die 
Krieger sprangen geschickt wie Katzen herunter. Freunde 
hetzten heran, und Sekunden später waren die beiden 
pferdelosen Apachen in Sicherheit. Sie saßen hinter ihren 
Stammesbrüdern auf deren Tieren. 

Die Trompete schmetterte das Angriffsignal der Kavallerie. 
Die Soldaten schwärmten aus. In breiter Linie hielten die 

Blauröcke auf den Wagen zu. Die Endpunkte dieser Linie 
schoben sich weiter vor, genau wie vorher bei den Apachen. 
Das U war gebildet. Die Indianer wichen aus, zogen die Pferde 
herum und strebten nach allen Richtungen auseinander. 

Zwei Soldaten brachen aus der Linie aus. Sie preschten 

zurück. Kelly sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als 
er das sah. Was hatten die beiden Kerle nur? Angst? 

Aber das war es nicht. Die zwei Texaner hatten zugleich 

gesehen, daß vier Krieger von den Pferden gesprungen waren. 
Die Apachen verbargen sich zwischen einigen Sträuchern. Auf 
jeden Fall waren sie mitten in die Büsche gesprungen. Und 
zwar genau dort, wo der Wagen in wenigen Sekunden 
vorbeirollen mußte. 

Brad und Zack hielten ihre Revolver in den Fäusten. Sie 

brauchten sich nicht zu verständigen. Sie wußten, wie sie 
vorgehen mußten. 

Sie nahmen die Büsche von zwei Seiten an. Verdammt, wo 

blieben die Rothäute? Sie konnten sich doch nicht von den 
Hufen zertrampeln lassen. 

Da, sie schnellten hoch. Die bronzefarbenen Oberkörper 

bogen sich, als die Indianer weit ausholten. Vier flirrende 
Blitze schwirrten durch das Sonnenlicht. Die Dolche wirbelten 
auf Brad und Zack zu. Die Texaner beugten sich weit seitlich 
aus den Sätteln, wurden deshalb nicht getroffen. 

Und dann feuerten die Männer aus dem Lone Star-Staat. 

Zwei Krieger warfen die Arme hoch und sanken zurück ins 
Gestrüpp. 

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Die beiden anderen hielten ihre Kampfbeile in den Händen. 

Brad und Zack rissen an den Zügeln. Mit grellem Wiehern 
brachen die Pferde nach rechts aus. Der Wagen war nur noch 
zwei oder drei Längen entfernt. 

Eine Winchester peitschte scharf. Unmittelbar darauf 

wummerte Jeffords Sharps. Die Krieger kamen nicht mehr 
dazu, ihre Tomahawks zu werfen. 

»Sieht so aus, als wäre uns jemand zuvorgekommen«, rief 

Brad seinem Freund zu. 

»Kann schon sein«, entgegnete Zack, »aber wir sind ja nicht 

nachtragend, oder?« 

Sie grinsten sich an, ehe sie zur Schwadron zurückritten. 
Jeffords sprang von seinem Felsblock und saß auf. Aus den 

Augenwinkeln sah er, daß auch Walker herankam. 

Die Weißen auf dem Kutschbock wirkten wie erstarrt. Sie 

blickten mit glänzenden Augen erschöpft ihre Retter an. 
Lediglich das Kind wand sich in den Armen seiner Mutter und 
wimmerte leise. 

»Kommen Sie«, sagte Thomas. »Sie haben es geschafft. Sie 

sind jetzt in Sicherheit.« 

Der Mann schien aus seiner Starre zu erwachen. Er sagte 

zornig: »Diese Scheißrothäute. Warum jagt man sie nicht 
endlich zum Teufel? Beinahe wären wir drei gestorben. Und 
warum? Wegen nichts, gar nichts. Wir haben friedlich unser 
Land bestellt. Aber für die stinkenden Apachen genügt das 
schon.« 

»Reden Sie keinen Unsinn«, fauchte Jeffords. »Ich verstehe, 

daß Sie fertig sind, aber jetzt ist es vorbei. Sie sollten sich 
beruhigen. Kommen Sie mit zur Station auf dem Paß.« 

Walker sagte kein Wort. Der knorrige Helfer leitete sein 

Pferd zur Rückseite des Wagens, während Jeffords vorausritt. 
Das ausgelaugte Zugtier stemmte sich noch einmal ins Geschirr 
und zerrte mit letzter Kraft den Wagen zur Paßhöhe hinauf. 

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Burt Kelly sah, daß der Angriff der Apachen abgeschlagen 
wurde und sprang vom Stalldach runter. Der Posthelfer 
kümmerte sich nicht mehr um den Kampf. Nun galt es, die 
Geretteten zu versorgen. 

Umsichtig stellte Burt Wasser auf die Eisenplatte des 

Kochherdes, löffelte Kaffeemehl in die Kanne und stellte 
vorsorglich eine Flasche Whisky bereit. 

Für den Fall, daß die Leute weder Schnaps noch Kaffee 

mochten, braute Kelly eine Kanne Kräutertee. 

»Was noch?« fragte der knorrige Mann sich selbst und 

zwirbelte die Enden seines hellen Schnurrbartes. 

Er schnitt Brot ab, stellte ein Stück kalten Braten zurecht und 

nahm den Topf mit Schmalz vom Wandbrett. 

Mehr gab es nicht in der Station, denn die Kutsche kam erst 

gegen Mittag. Und dann bereiteten die drei Männer frische 
Mahlzeiten zu, falls einer der Passagiere etwas bestellte. 

Die Eisenreifen der Wagenräder knirschten draußen über 

Sand und Felsen. 

Kelly ging zur Tür und schaute hinaus. 
»Hol's der Teufel, ein kleines Kind«, murmelte der Helfer. 

»Woher soll ich jetzt Milch nehmen?« 

Jeffords und Walker sprangen von den Pferden. Norbert 

brachte die Tiere zum Stall und sattelte sie ab. Burt lief zum 
Wagen. 

»Madam, geben Sie mir den Jungen«, sagte der Helfer. 
Die Frau schien sich erst zurechtfinden zu müssen. Sicher 

hatte sie noch nicht richtig begriffen, daß sie gerettet war. 
Zögernd überließ sie Burt den kleinen Jungen, dessen Gesicht 
vor Angst verzerrt war. 

Schwerfällig kletterte die Frau herab. Ihr Mann spreizte die 

verkrampften Finger, ließ die Zügel einfach fallen. Das 
Wagenpferd stand mit gesenktem Kopf in den Seilen. Seine 

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Flanken zitterten unaufhörlich. Schaum troff von den Lippen 
des Pferdes. Es war fertig. 

»Norbert!« rief Burt. »Spann doch den Gaul hier auch aus 

und versorge ihn, okay? Er ist am Ende. Wenn du ihn nicht 
versorgst, kommt es nicht mehr auf die Beine.« 

Walker wandte sich um und setzte zu einer bösen 

Bemerkung an, die damit zu tun hatte, daß Burt Befehle gab 
und mit den Händen in den Hosentaschen zusah, wie die 
anderen arbeiteten. 

Aber dann sah er das Kind auf Kellys Armen und schwieg. 

Statt dessen kam er heran, löste die Leinen und Riemen des 
Deichselpferdes. 

Schließlich kletterte der Mann vom Kutschbock. Er wischte 

sich mit der Hand über das schmutzige Gesicht und schüttelte 
den Kopf. In den Staub, der seine Stirn bedeckte, hatte der 
Schweiß Bahnen hinterlassen, so daß der Mann wie ein 
Indianer in Kriegsbemalung wirkte. 

»Herr im Himmel, wir haben es wahrhaftig geschafft«, stieß 

er hervor. »Es war verdammt knapp. Beinahe hätten uns die 
Rothäute erwischt.« 

»Kommen Sie erst mal rein«, sagte Burt und ging zur Tür. 
Die Frau entdeckte den Wassertrog. Sie wusch sich Gesicht 

und Hände und seufzte erleichtert auf. 

Ihr Mann wusch sich ebenfalls. Der Kleine auf Burts Arm 

verdrehte den Kopf, um seine Eltern sehen zu können. Sein 
Gesicht war vom Weinen verschwollen, und die Augen waren 
vom feinen Staub entzündet. 

Jeffords wartete, bis die Familie im Gastraum der Station 

saß, erst dann trat er ein. 

Zufrieden nickte Thomas, als er den gedeckten Tisch sah. 

Auf Burt war eben Verlaß. Er wußte genau, was er zu tun hatte. 

»Ich frage mich nur«, sagte Jeffords unvermittelt, »woher du 

auf einmal die Kavallerie hattest, Burt. Versteckst du hier oben 
irgendwo 'ne Schwadron für den Notfall?« 

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Kelly grinste, daß sich sein Schnurrbart verzog und 

antwortete: »Das ist mein Geheimnis, Boß. Aber im Vertrauen 
gesagt, diesmal war es reiner Zufall, daß die Blaujacken 
rechtzeitig erschienen. Walman führte die Truppe, daher 
brauchte ich nur ein wenig Worte zu machen. Er befahl sofort 
den Angriff.« 

Verwundert dachte Jeffords darüber nach, was der Colonel 

wohl mit einer halben Schwadron hier wollte. Fort Buchanan 
war stark unterbesetzt. Der General hatte doch nicht so viele 
Männer, um eine halbe Schwadron auf einen Spazierritt zu 
schicken. 

Kelly hantierte mit kaltem Wasser, in das er einen Blechtopf 

tauchte und dessen Inhalt er immer wieder umrührte. Neugierig 
sah das Kind zu. 

»Einen Moment noch, mein Kleiner«, sagte Burt, »Milch 

haben wir hier nicht. Aber dafür habe ich dir einen feinen 
Kräutertee gekocht. Er muß nur abkühlen, dann bekommst du 
zu trinken.« 

Die Frau lächelte dankbar. Sie aß eine Scheibe Brot und 

trank einen Becher Kaffee. Ihr Mann schenkte sich einen 
Schuß Whisky in den Kaffee, bevor er trank. 

»Wir verdanken Ihnen unser Leben«, sagte die Frau leise. 

»Ich weiß nicht, wie wir das wiedergutmachen können. Wir 
stehen in Ihrer Schuld, für alle Zeit.« 

Jeffords winkte ab. »Madam, wir taten nur unsere Pflicht. 

Wir können doch nicht zusehen, wie jemand überfallen wird.« 

Hufschlag drang durch das offene Fenster in den Gastraum. 

Burt drehte sich halb um und blickte hinaus. 

»Walman und seine Soldaten«, sagte der Helfer nur und 

prüfte den Tee. Er war kalt genug. Gierig trank das Kind, bis es 
kaum noch Atem bekam. 

»Das ging ja gerade noch mal gut«, sagte der Colonel, als er 

eintrat. 

Er nahm den Hut ab und warf ihn auf einen Stuhl. 

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»Ja, Sie kamen zur rechten Zeit«, bestätigte Jeffords. 

»Hoffentlich klappt das immer so in Zukunft.« 

Der Offizier verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. 
»Das war reiner Zufall, Jeffords«, sagte er. »Der General 

befahl, daß ich mit einer halben Schwadron ein paar Tage lang 
östlich des Passes aufkreuzen sollte. Die Apachen müssen 
sehen, daß wir bereit sind. Das war General Howards 
Gedanke.« 

»Das macht sie nur noch vorsichtiger und listiger«, sagte 

Burt. »Auf die Art haltet ihr sie nicht ruhig.« 

Der Gerettete schob seinen Stuhl vom Tisch weg und zog 

einen Beutel Durham-Tabak aus der Tasche. Reihum bot er ihn 
an. Inzwischen war auch Norbert Walker hereingekommen. Sie 
nahmen von dem Tabak und dem Papier. Allen war klar, daß 
der Mann wenigstens auf diese Art seine Dankesschuld 
abtragen wollte. 

Als die Zigaretten brannten, sagte der Fremde mit dem 

sandfarbenen Haar: »Ich heiße Sandy Willard. Das da sind 
meine Frau Judith und unser Sohn Rick. Wir hatten eine Farm 
im Norden des San Simon-Tals. Heute morgen kamen die 
Apachen…« 

Nach knapp fünf Minuten war alles gesagt. 
»Ich weiß nicht, was das alles sollte«, schloß Willard. »Wir 

haben keinem Menschen was getan, seit wir dort leben. Die 
Rothäute griffen einfach an. Wenn diese Mexikaner mit ihrem 
Wagen nicht dazwischengekommen wären, hätten uns die 
Indianer überwältigt.« 

Jeffords dachte nach. Die Krieger, die er gerade gesehen 

hatte, waren Tontos gewesen. Das bewies, daß ihr Häuptling 
Santana zumindest die Raubzüge seiner Leute duldete, wenn er 
sie nicht sogar befahl. 

»Was sagt denn Ihr Freund Cochise dazu?« wollte Sandy 

Willard wissen. 

Seine hellblauen Augen sahen Jeffords durchbohrend an. 

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»Es waren Tontos, die Sie überfielen«, sagte Jeffords 

gelassen. »Sie hören nicht immer auf Cochise. Santana ist ihr 
Chief. Er macht gemeinsame Sache mit Victorio. Und der ist 
Cochises großer Gegenspieler. Der Mimbrenjo-Häuptling 
glaubt nicht daran, daß die Apachen Frieden mit den Weißen 
halten sollten. Wie es aussieht, wächst die Macht der beiden 
östlich des Passes.« 

»Und das bedeutet«, sagte Colonel Walman, »daß sehr 

unruhige Zeiten auf uns zukommen.« 

»Warum macht ihr die roten Halunken nicht endlich fertig?« 

fragte Willard bitter. »Die Regierung hat das Territorium zur 
Besiedlung freigegeben. Aber was finden wir: aufsässige 
Rothäute, die alles abschlachten, was ihnen über den Weg 
läuft. Sie sind ja wie tollwütige Wölfe, diese verdammten 
Apachen.« 

Willard blickte die Männer herausfordernd an, die ihn 

anstarrten. 

»Ja«, sagte er noch mal, »bringt sie um, rottet sie aus, dann 

ist Ruhe im Südwesten.« 

Von draußen drangen zwei Stimmen durch das offene 

Fenster herein. 

»Siehst du, ein richtiger Schwachkopf«, sagte jemand in 

typisch texanischem Tonfall. 

»Na ja, die Sonne hat ihm sicher das Gehirn ausgedörrt, 

Zack«, sagte ein anderer. »Aber lassen wir den armen Irren 
doch. Reden wir von unserem Colonel.« 

»Du hast recht, Brad«, sagte Zack, »er tut nur so, was? Ich 

glaube, wir können sicher sein, daß er keinen Ladestock 
verschluckt hat. Denn eben ritt er wie ein normaler Mensch den 
Angriff.« 

»Gott sei Dank. Stell dir mal vor, wir bekämen einen anderen 

Boß. Mit diesem Walman kann man's schon aushalten.« 

Verwundert blickte Jeffords den Colonel an. Dessen Gesicht 

wirkte plötzlich so, als hätte er Zahnschmerzen. 

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»Die zwei unmöglichsten Kerle in der ganzen Kavallerie«, 

behauptete der Oberst. »Sie sind vollkommen disziplinlos. 
Anscheinend waren sie schon zu lange aus der Arrestzelle, 
sonst würden sie nicht wieder solche Sprüche klopfen.« 

Der Colonel stand auf und ging zur Tür. 
»Stafford und Miller!« rief er, und die beiden Kavalleristen 

meldeten sich sofort. 

»Ich merke Sie für die nächste Belobigung vor«, sagte der 

Oberst. »Sie haben in einer draufgängerischen Einzelaktion das 
Leben der Familie gerettet.« 

»Danke, Sir«, riefen die beiden wie aus einem Mund. 
»Aber«, wandte Zack ein, »könnten Sie diese Belobigung 

nicht gegen die nächste Anklage aufrechnen?« 

»Ja, das ist 'ne Idee«, rief Brad begeistert. »Wenn wieder so 

ein Militärkopf was an uns auszusetzen hat, wenn uns wieder 
einer in die Zelle stecken will, streichen Sie einfach die 
Belobigung und alles ist glatt.« 

Walman holte tief Luft. »Jungs, die Kavallerie ist kein Store, 

in dem ihr was tauschen könnt. So geht das nicht.« 

»Pech, verdammtes«, fluchte Zack. 
Brad schwieg. Die zwei Soldaten trollten sich zu den 

Pferden. Walman kam in den Gastraum zurück, setzte sich 
wieder und blickte Willard an. 

»Nun zu Ihnen, Mister«, sagte der Oberst. »Ich denke, Sie 

sind noch etwas durcheinander, denn sonst würden Sie nicht 
zum offenen Mord aufrufen.« 

»Was heißt hier Mord?« fuhr Willard auf. »Die verdammten 

Apachen ziehen sengend und mordend durch das Land, 
Colonel. So sieht das doch aus. Sie verdrehen die Tatsachen.« 

Jeffords wollte etwas sagen, aber der Colonel schüttelte den 

Kopf. Sie beide waren Freunde der Indianer und halfen, wo sie 
nur konnten. 

Am liebsten wäre es ihnen gewesen, wenn eine großzügige 

Regelung getroffen worden wäre, die den Apachen und den 

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Weißen Vorteile gebracht hätte. 

»Sie vergessen eines«, sagte der Colonel, »wir drangen in 

dieses Land ein. Es gehörte den Apachen, und sie kämpfen um 
ihre Heimat.« 

Willard machte eine verächtliche Geste. 
»Dann darf die Regierung das Land nicht freigeben«, sagte er 

zornig. »Und was soll das: ihnen gehörte das Land? Ja, aber 
jetzt sind wir da. Der Schwache muß dem Starken weichen, 
Colonel. So war es immer, und so wird es auch weiterhin sein. 
Sie sind wohl auch ein Indianerfreund, he? Von Jeffords hier 
habe ich das schon gehört. Aber es nützt wohl nichts, denn die 
Krieger sind immer noch unterwegs.« 

Da ließ sich der Postmeister nicht mehr halten. 
»Ja, ich bin ein Indianerfreund«, bekannte er freimütig. »Und 

ich habe es bis heute nicht bereut. Wenn Sie, Mr. Sandy 
Willard, zu mir gekommen wären, bevor Sie sich im San 
Simon Valley niederließen, hätten wir einen Ort gefunden, der 
sicher war. Es gibt dort ein paar heilige Stätten der Apachen. 
Und wie Sie ihr Land schildern, haben Sie genauso einen Platz 
in Besitz genommen. Aber ihr Siedler marschiert einfach stur 
vorwärts. Und wenn es schiefgeht, schiebt ihr die Schuld 
anderen zu.« 

Willard atmete pfeifend aus. 
»Das Land ist freigegeben«, sagte er starrköpfig, »alles 

andere ist mir egal. Auch, daß uns Tontos überfielen. Cochise 
ist der oberste Boß dieser roten Horden. Soll er doch dafür 
sorgen, daß sie sich anständig benehmen. Sie kennen ihn doch 
gut, Jeffords, sind doch sein Freund. Warum reiten Sie nicht 
hin und reden ihm ins Gewissen, falls er überhaupt eins hat?« 

Walman schüttelte den Kopf und sagte: »Sie begreifen es 

nicht, Cochise ist zwar der oberste Führer der Stämme, aber die 
anderen Häuptlinge halten sich nicht an alles, was er sagt. Er 
ist kein Präsident wie unserer. Sie könnten ihn eher als Berater 
oder Staatsmann für die anderen bezeichnen. Die Chiricahuas 

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halten Frieden mit uns.« 

»Etwas anderes«, sagte Jeffords. »Was haben Sie jetzt vor? 

Wollen Sie zurück und neu anfangen?« 

Sandy Willard winkte ab und antwortete: »Nein, auf keinen 

Fall. Es sei denn, die Kavallerie schützt uns. Wir sind am Ende. 
Ich brauche Arbeit, und ich finde schon was. Wenn wir ein 
paar Dollars gespart haben, ziehen wir weiter. Irgendwo gibt es 
sicher ein Stück Land, auf dem wir in Frieden leben können.« 

Der Postmeister nickte. 
»Ich mache Ihnen ein Angebot«, sagte er. »Sie fahren für 

mich als Begleiter mit den Kutschen. Einverstanden?« 

In Willards blauen Augen funkelte etwas auf, das Jeffords 

nicht deuten konnte. 

»Ja, gerne«, sagte der ehemalige Farmer. »Vielleicht habe 

ich Gelegenheit, es den roten Hunden heimzuzahlen.« 

»Moment mal!« warf Jeffords ein, »sobald die Kutschen 

angegriffen werden, sollen Sie sich wehren, das ist klar. Aber 
der Teufel holt Sie, wenn Sie auf jede Rothaut schießen, die 
Sie nur sehen. Haben wir uns verstanden?« 

»Ja, sicher, Boß, okay. Wann fange ich an? Wo bleibt meine 

Frau mit dem Jungen?« 

»Die können hier wohnen. Wir haben Platz genug. Wenn 

Ihre Frau sich nützlich machen will, kann sie für das Essen 
sorgen und saubermachen. Sie fangen morgen mittag an, auf 
der Kutsche, die nach Tucson fährt.« 

Die Willards waren zufrieden. Sie schöpften wieder 

Hoffnung. Ihre Zukunft sah nicht mehr so trübe aus, Colonel 
Walman kümmerte sich um seine Soldaten, ließ die 
Wasserbehälter auffüllen, die Pferde versorgen und inspizierte 
persönlich jedes einzelne Tier. 

Alles war in Ordnung. Die zähen Pferde der Kavallerie 

erholten sich ziemlich schnell. Nach knapp vier Stunden gab 
der Oberst den Befehl zum Aufsitzen. 

»Wir sehen uns, wenn ich zurückkomme«, sagte er und 

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reichte Jeffords die Hand. »Passen Sie auf den Farmer auf. Er 
gehört zu den Kerlen, die in jedem Indianer einen Feind sehen 
und ihn am liebsten abknallen würden. Hoffentlich bekommen 
Sie keinen Ärger mit dem Mann.« 

»Ich werd's überstehen«, sagte der Postmeister und wünschte 

dem Oberst Glück. 

Ein schwacher Wind fächelte von Osten gegen den Paß. Die 

Soldaten bekamen Marscherleichterung. 

Walker, Kelly, Jeffords und die Willards blickten den 

Uniformierten nach, als ihre Pferde im Schritt dem San Simon 
Valley zustrebten. 

Die Mittagskutsche ließ lange auf sich warten. Und als sie 

endlich bei der Station eintraf, waren Pferde, Passagiere und 
die Kutscher erschöpft. 

Mimbrenjos hatten den Wagen angegriffen. Es steckten noch 

zwei Dutzend Pfeile im Holz des Kastens. Mehr als 15 
Kugellöcher wiesen die Türen auf. Die Glasscheiben waren 
zersplittert. 

Thomas Jeffords war besorgt. Die Situation wuchs ihnen 

über den Kopf. Er wagte nicht mehr zu schätzen, wie viele 
Krieger überhaupt unterwegs waren und welchen Stämmen sie 
angehörten. 

Der Apache lag getarnt in einer sandigen Bodenwelle. Schon 
vor langer Zeit hatte er die Pferde gehört, das Knarren des 
Sattelzeugs und ab und zu ein Wort in der Sprache der Weißen. 

Aber der Mimbrenjo war zu klug, sich sehen zu lassen. Denn 

aus den Geräuschen schloß er, daß eine Menge Bleichgesicher 
unterwegs waren. 

Für ein paar Sekunden dachte der Krieger voller 

Bewunderung an Victorio, den Häuptling der Mimbrenjos. Der 
erbarmungslose Weißenhasser wandte eine Taktik an, die allen 

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Kriegern Beute und Ruhm einbrachte. 

Tagsüber waren die Späher unterwegs. Sie lagen an allen 

wichtigen Punkten und beobachteten. Ihre Nachrichten gaben 
sie einer Reitergruppe weiter, die ihrerseits alle Neuigkeiten 
nach Norden brachte. Und erst wenn der Häuptling genug 
wußte, gab er den Befehl zu einer größeren Aktion. 

Zuschlagen und wieder verschwinden, das war die Taktik der 

Apachen. Und die San Carlos Reservation bildete ihre Basis. 
Hier lebten sie als friedliche Ackerbauern und mühten sich 
redlich, dem kargen Boden Früchte abzugewinnen. 

Niemand, am wenigsten die Regierungsbeamten, ahnten, daß 

immer wieder Hunderte von Kriegern sich nachts auf der 
Straße des Todes bewegten, bis weit nach Mexiko hineinzogen 
und dort Beute machten. 

Mehr als einmal brachten die Mimbrenjos und Tontos kleine 

Rinderherden aus dem Nachbarstaat mit. Auf verschlungenen 
Pfaden, unsichtbar während des Tages, unsichtbar in der Nacht, 
trieben die Krieger die Herden in die Reservation oder zu ihren 
Verwandten in den Bergen. Denn auch die Krieger Cochises 
kauften ihren Vettern Rinder ab. Und im Reservat brauchten 
die Kinder und Squaws Fleisch, denn die Rationen der 
Regierung reichten bei weitem nicht aus. 

Der junge Krieger lag reglos. Der Sand, den er über sich 

geworfen hatte, rieselte nicht. Der Mann wirkte wie eine kleine 
Erhöhung im welligen Land. 

Dann kamen die Weißen. Es waren Blaujacken. Sechzig 

Pferdesoldaten zählte der Mimbrenjo. Er wartete, bis sie eine 
halbe Meile entfernt waren, bevor er aufstand und zu seinem 
Pony trottete. 

Diese Nachricht würde Victorio interessieren. Seit vier 

Tagen ritten die Soldaten schon kreuz und quer durch das 
Land. Ihr Ziel war nicht zu erkennen. Aber der Chief schien 
mehr zu wissen oder zu ahnen. 

Das gedrungene Pferd des Apachen setzte sich in Bewegung, 

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als der Krieger aufgesessen war. 

Es war merkwürdig, aber die Hufe des Indianerpferdes 

wirbelten viel weniger Sand auf als die Tiere der weißen 
Soldaten. In nur einer halben Meile Entfernung beschrieb der 
Apache einen Bogen, vergewisserte sich, daß die Kavallerie die 
Richtung beibehielt, und ritt dann nach Norden. 

Am frühen Nachmittag erreichte er die Reiter des Stammes 

in einer dicht bewachsenen Ausbuchtung des San Simon River. 

Das knarrende Quaken eines Frosches war zu hören. Sofort 

gab der einzelne Reiter auf die gleiche Art Antwort. Die 
Büsche teilten sich, wurden von unsichtbaren Händen 
zurückgezogen und gaben den Weg frei. 

Schnell berichtete der Späher von den Pferdesoldaten. 
»Bleib auf deinem Posten«, sagte der Anführer der 

»Nachrichtengruppe«. »Wenn wir losziehen, nehmen wir dich 
mit. Du bringst gute Nachricht. Victorio wird heute nacht noch 
den Befehl geben. Wir reiten, töten und bringen Skalps und 
Beute in unsere Wickiups zurück.« 

Der Späher legte sich flach hin und trank aus dem Fluß, 

bevor er sich wieder in den Sattel schwang. 

»Wantala«, sagte der Führer, »reite voraus! Melde Victorio, 

was Gantokeeh sah. Wir folgen dir, sobald die anderen Späher 
berichten.« 

Der Anführer war einer von Victorios Vertrauten. Er wußte 

in groben Zügen, was der Häuptling vorhatte. 

Am Abend hatten sämtliche Späher berichtet. Die 

Marschrichtung der Pferdesoldaten war klar: Nordosten, weiter 
weg vom Reservat. Das konnte den Mimbrenjos nur recht sein. 

Es war schon dunkel, als er den Hufschlag vernahm. Nur die 

schwarzen Augen glänzten im Widerschein des Feuers. 

»Sie reiten nach Nordosten«, meldete der Anführer der 

Späher. »Der Weg ist frei, Victorio. Wann brechen wir auf?« 

Der Häuptling hob den Kopf. Das schwarze Haar hing zu 

beiden Seiten herab. Victorio wirkte entschlossen und wild im 

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Spiel der lodernden Flammen. 

»Jetzt, Are-wank«, verkündete der Chief laut, »wir brechen 

jetzt auf. Und wir bringen Tod und Verderben über die Weiß- 
und Gelbhäutigen. Sie müssen sterben. Sie kamen und nahmen 
unser Land. Sie laufen umher und töten jeden Apachen, 
gleichgültig, ob er drei oder sechzig Winter zählt, gleichgültig, 
ob er ein Krieger oder eine Squaw ist. Wir vernichten die 
Eindringlinge, und wir sind schlauer als Cochise. Wir kämpfen 
wie die Schlangen: wenn unser Biß erfolgt ist, ziehen wir uns 
zurück. Ja, heute nacht reiten wir.« 

Victorio erhob sich. Immer mehr Krieger versammelten sich 

um das Feuer. Ein halbes Dutzend gehörte zu Santana und 
seinen Tontos. 

»Reitet zu meinem Bruder«, befahl der Chief, »sagt ihm, daß 

wir heute nacht noch aufbrechen. Er soll seine Boten nach 
Süden schicken. Unsere Vettern dort sollen uns helfen.« 

Nana und Loco kamen heran. Sie waren inzwischen voller 

Begeisterung. Dies war das Leben eines Apachen. Der Kampf 
gegen die Weißen durfte nicht erlahmen. Und Beute und Ruhm 
gab es zur Genüge. 

»Die Aravaipas, die Nednis und die Yaquis, sie alle sollen 

ihre tapfersten Krieger entsenden«, rief Victorio. »Ich 
verspreche allen Beute und Skalps. Denn ich habe beschlossen, 
die Stadt Colonia Marelas niederzubrennen.« 

Mehr sagte der Häuptling nicht. 
Mehr war auch nicht nötig, denn alle kannten diese 

Ansiedlung im Süden, um die sie mehr als einmal einen weiten 
Bogen geschlagen hatten. Damals waren die Krieger der 
Mimbrenjos allein gewesen. An der Stadt hätten sie sich die 
Zähne ausgebissen. Aber diesmal, da die anderen Stämme 
mitzogen, war dies genau die richtige Beute. 

Alles stand bereit. Ausrüstung und Proviant brachten die 

Alten, die Squaws und Kinder zu den Pferden. Die Waffen 
waren überprüft. Jeder Krieger besaß einen vollen Köcher 

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Pfeile, den Kurzbogen mit Ersatzsehnen und die 
Steinschleuder, deren Geschosse tödlich wirkten. 

Dazu besaßen die meisten noch Feuerwaffen 

unterschiedlichster Art. Sie stammten aus Beutezügen. 
Manchmal war es allerdings schwierig, neue Munition zu 
beschaffen. Doch die Apachen waren erfinderisch, wenn es 
darum ging, Nachschub zu besorgen. 

Kaum eine halbe Stunde war verstrichen, als der Zug der 

Krieger sich in Bewegung setzte. Nur ein sehr aufmerksamer 
Beobachter konnte die Gestalten erkennen, die ab und zu 
schattenhaft vor dem Mondlicht zu sehen waren. 

Zwei Dutzend Pferde trugen doppelte Ausrüstung. Sie war 

für die Späher bestimmt, die an dem Kreuzzug teilnehmen 
sollten. Rund 20 Halbwüchsige betätigten sich als Wächter. Es 
war für die jungen Krieger eine große Ehre und eine 
Bewährungsprobe zugleich. 

Loco übernahm im Reservat Victorios Vertretung. Nana 

leitete die Mimbrenjos und Santana seine Tontos. Die anderen 
Häuptlinge, Eskaminzin von den Aravaipas und die Chiefs der 
Nednis und Yaquis, befahlen ihren Gruppen. 

Aber Victorio behielt die Oberleitung. Auf sein Kommando 

hin griffen die Krieger an, legten Feuer oder zogen sich zurück. 

In weitem Bogen ritten die Apachen durch das Tal des San 

Simon Creek. Die Blauröcke lagerten weit weg im Nordosten. 
Nur etwa sechs Meilen vom Apache-Paß entfernt zogen die 
Indianer nach Süden. 

Niemand sah die mehr als 130 Reiter, niemand hörte sie. Erst 

im Morgengrauen wies Victorio seinen Männern eine neue 
Richtung. 

Nun ritten sie durch die bewaldeten Ausläufer der Pedregosa 

Mountains und fanden so Deckung genug. Die genügsamen 
Pferde rupften hier und dort Blätter und Waldkräuter ab. Der 
weiche, federnde Boden schluckte die Hufgeräusche. Im 
Schritt gingen die Pferde bis zu den letzten Felsbarrieren. Dort 

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wucherten nur noch halbhohe Büsche. 

Jenseits der Ausläufer begann wieder der Sand, der 

wüstenartige Landstreifen, der scheinbar ohne jede Deckung 
war, für einen Apachen aber doch ausreichte, sich und ein 
Pferd zu verbergen. 

Victorio ließ rasten. Die Krieger tranken etwas Wasser aus 

den mitgeführten Lederbeuteln und kauten Trockenfleisch und 
ausgelassenes Fett, das mit Kräutern und Beeren vermischt 
war. 

Erst als die Abenddämmerung herabsank, die Berge in 

rötlichen Schein tauchte und alle Schatten verlängerte, gab 
Victorio das Zeichen zum Aufbruch. 

Und wieder waren die Apachen unterwegs. Ungesehen 

überquerten sie die Grenze nach Mexiko. 

Wenig später loderten in der Ferne Feuer auf. Victorio zählte 

die Flammenbündel und nickte zufrieden, als er auf acht 
Brennstellen kam. Dies war die vereinbarte Zahl. Loderten 
mehr oder weniger Feuer zum Himmel, so hielten sich die 
Stämme im Norden Mexikos nicht an die Vereinbarung. 

Aber auch die Apachen hier brannten vor unterdrückter 

Rache. Sie wollten den Eroberern all ihre Untaten heimzahlen, 
ihr Land wieder in Besitz nehmen und Beute machen, Ruhm 
ernten. 

Nach einer Stunde stießen die Späher Victorios auf Nednis 

und Yaquis, die ihnen den Weg zeigten. In einem großen 
Hochtal erwarteten die Häuptlinge dieser Stämme die Vettern 
aus dem Norden. 

Nana, Chato und Santana gingen voraus zu den Feuern. Es 

ziemte sich nicht, zu einem Freund ins Lager zu reiten. Die drei 
Häuptlinge kündigten Victorios Ankunft an. 

Bis dicht an die Grenze des Lagers ritt der Chief der 

Mimbrenjos. Er wirkte hart und selbstbewußt, als er aus dem 
Sattel rutschte und zu Fuß zu den Feuern ging. 

Einen Moment wartete der wild und verwegen wirkende 

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Victorio. 

»So sprich, Bruder«, sagte Eskaminzin. »Du hast uns 

gerufen, und dein Ruf war wie das Tropfen des Regens in 
unseren Ohren. Denn deine Nachricht erfreut unsere Herzen. 
Wir sind bereit, dir zu folgen, Victorio, wenn du uns nur zu 
Ruhm und Beute führst. Rache den Bleichgesichtern!« 

Die Sitte verlangte, daß sich der Chief der Mimbrenjos nun 

bedankte. Und ganz gewiß erwarteten dies auch die drei 
anderen Stämme. Aber Victorio überraschte sie. Er begann mit 
einer Rede, mit der sie nicht gerechnet hatten. Insgeheim 
wußten sie ja alle schon, was die Vettern aus dem Norden 
vorhatten, aber sie warteten darauf, daß die ganze Sache 
besprochen wurde. 

»Brüder«, rief Victorio, »es ist an der Zeit, sich gegen die 

weiß- und gelbhäutigen Ratten zur Wehr zu setzen. Sie nahmen 
unser Land und nehmen es noch. Überall, wo sie gutes Wasser 
finden, lassen sie sich nieder. Wenn wir auf die Jagd gehen, 
weil unsere Alten, Frauen und Kinder Felle und Nahrung 
brauchen, so jagen sie uns, die Eroberer, die kein Recht haben, 
auch nur einen Fuß in dieses Land zu setzen.« 

Beifällig murmelten die versammelten Krieger. Sie spürten 

ihr Blut schneller wallen, und kochten innerlich vor Wut. Denn 
hatten sie nicht alle schon erfahren, was es hieß, ein Apache zu 
sein? 

Victorio fühlte, daß die Gunst der Stunde auf seiner Seite 

war. 

»Reiten wir!« rief er. »Machen wir Colonia Marelos dem 

Erdboden gleich. Beute gibt es für uns alle genug. Und Weiße 
und Mexikaner töten wir, so daß wir Packpferde brauchen, um 
ihre Skalps heimzubringen.« 

Die Krieger brüllten begeistert. Victorio hatte sie an der 

richtigen Stelle gepackt. 

Die Flammen loderten heller auf, wuchsen höher in die 

Nacht, die vom Halbmond nur ungenügend erleuchtet wurde. 

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Der Chief der Mimbrenjos wirkte hinter den lodernden 
Feuerzungen wie ein Dämon. 

»Laßt uns reiten, die weiße Pest vernichten und all das 

mitnehmen, das uns nutzt, und all das verbrennen, das den 
Apachen schadet. Wir brauchen keine Häuser, in denen ein 
regloser Leib verehrt wird, der an zwei Balken hängt. Aber wir 
brauchen das Silber und Gold, das die Männer in den dunklen 
Umhängen horten, aus uns herausgepreßt haben. Wir brauchen 
es, um uns gute Nahrung zu kaufen, damit Frauen und Kinder 
nicht an den Krankheiten der Weißen sterben oder schwach 
werden. Laßt uns nehmen, Brüder, was sie aus unserem Land 
gemacht haben. Cochise spricht von Frieden. Aber wo ist sein 
Frieden? Wer straft die Weißen, die unsere Brüder töten, nur 
weil sie gerade dort lebten, wo sie lebten? Wer vermag noch 
dem sinnlosen Töten der Weißen Einhalt zu gebieten? Wir, 
Brüder, nur wir, sage ich. Und wir wollen schlau wie die 
Schlange sein, unsere Giftzähne in das Fleisch der 
Bleichgesichter und der Gelbhäutigen schlagen und wieder 
verschwinden. So wie die Schlange verschwindet, wenn sie 
angegriffen hat. Aber jetzt, heute oder morgen, setzen wir das 
Zeichen: wir vernichten eine ganze Stadt der Schurken, die 
unser Land stahlen.« 

Zufrieden nahm Victorio wahr, daß selbst die Häuptlinge der 

verbündeten Stämme seiner Rede Beifall spendeten. 

Denn so sicher, wie er tat, war der Chief der Mimbrenjos 

seiner Sache nicht gewesen. Aber nun fühlte er die Macht. Nun 
wußte er ein ganzes Heer hinter sich und daß die Krieger ihm 
vertrauten. Er mußte einfach siegen, die Stadt überrennen, die 
Häuser mit Feuer vernichten und Beute an Gold, Silber, Tieren 
und Skalps machen. 

Denn versagte Victorio, konnte er zu seinen Lebzeiten kein 

großer Führer der Apachen mehr werden. 

Aber er war gewillt, seinen Plan zum Erfolg zu führen. Denn 

er hoffte, daß der Brand, den er legte, alle, wirklich alle 

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Stämme aufscheuchte und auch Cochise dazu brachte, mit aller 
Kraft gegen die verhaßten Eindringlinge vorzugehen. 

»Wir reiten im Morgengrauen«, sagte Victorio. »Sobald die 

Sonne voll über dem Horizont steht, greifen wir an.« 

An diesem Tag war Sandy Willard als Begleiter auf einer der 
Nebenstrecken der Butterfield Overland Mail unterwegs. Er 
hatte so ein merkwürdiges Gefühl, als er sich auf den Bock 
schwang und sah sorgfältig alle Waffen nach. 

Es waren eine Menge. Es sah so aus, als wollte Sandy in den 

Krieg ziehen. Außer der doppelläufigen Greenerflinte führte er 
noch eine Winchester und einen Colt mit. Eine weitere Flinte 
und eine Winchester steckte auf der Fahrerseite in speziell 
angefertigten Halterungen. 

»Erwartest du Verdruß?« fragte der Fahrer Jim Knowles und 

musterte seinen Begleiter aus kleinen, listig und verschlagen 
wirkenden Augen. 

»Kann schon sein«, antwortete Sandy. »Ich habe so ein 

verdammt komisches Gefühl in der Magengegend.« 

Eigentlich war der graubärtige Knowles nur Begleiter. Aber 

da ein Kutscher ausfiel, lenkte er das Sechsergespann vor der 
schweren Concord. Im Wagenkasten saßen vier Passagiere. 
Drei Männer und eine Frau fuhren von Las Cruces, New 
Mexico, nach Tucson, Arizona. Sie gehörten alle vier der 
gleichen Gilde an, zu den Kartenhaien und Beutelschneidern 
im guten Anzug. Diese Typen wurden von Gerüchten 
angelockt, wie die Motten vom Licht. Aber das war nicht die 
Sorge der Butterfield-Gesellschaft. Sollten doch die Sheriffs 
und Marshals sehen, wie sie mit dem Gesindel fertig wurden. 

Die Kutscher und Begleiter waren im übrigen froh, wenn sie 

Passagiere beförderten, die im Umgang mit Waffen geübt 
waren. Denn das verbesserte die Chancen bei einem Angriff 

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der Apachen erheblich. 

Der Wagen rollte an. Der Kasten schaukelte leicht, als die 

Gespannpferde festen Untergrund erreichten. Die junge Frau 
kreischte leicht und kicherte, als der Ruck sie auf den Schoß 
des neben ihr sitzenden Mannes warf. 

Aber der Kerl in Schwarz war erfahren genug, um sich nicht 

austricksen zu lassen. Er packte zu, und nun klang der Schrei 
des Girls echt. 

Der Gambler zog am Handgelenk des Mädchens. Als ihre 

Finger zum Vorschein kamen, entdeckten die beiden anderen 
Mitreisenden die Brieftasche des Kartenhaies. 

»Hahaha, ein alter Trick«, rief der rotgesichtige Mann auf 

der Bank gegenüber. »Wenn er geklappt hätte, Girly, stündest 
du jetzt schon auf meiner Lohnliste.« 

Willard schaute durch das kleine Fenster in den Wagen. 

Kopfschüttelnd beobachtete er das Geschehen und rief: »Hört 
auf, ihr Spinner! Kann sein, daß wir jeden Colt brauchen, wenn 
die verdammten Rothäute angreifen. Ihr könnt euch in Tucson 
an die Gurgeln gehen.« 

Der Gambler lächelte, ließ das Handgelenk des Mädchens los 

und steckte die Brieftasche wieder weg. 

»Der Begleiter hat recht«, sagte der elegante Mann in 

Schwarz nachdrücklich. »Ich habe gehört, daß die Apachen 
wieder auf dem Kriegspfad sind. Sparen wir unsere Kräfte.« 

Die anderen nickten nur. 
Stunde um Stunde zogen die Gespannpferde die Kutsche 

voran. Noch gab es keine Pause und kein Wasser für die Tiere. 

Die beiden Männer auf dem Bock hatten einmal aus ihren 

Canteens getrunken. 

Gegen Mittag, als die Sonne beinahe ihren höchsten Stand 

erreicht hatte, blickte Sandy Willard nach Süden. 

»Verdammt«, stieß er hervor, »sieh mal, Jim.« 
Knowles spuckte aus und sagte mürrisch, als er die dunklen, 

kreisenden Punkte erkannte: »Geier, und 'ne mächtig dreckige 

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Arbeit wartet dort auf uns, Partner.« 

Einer der Passagiere hatte diese Worte gehört. Er lehnte sich 

weit aus dem Wagenschlag, musterte die kreisenden Vögel und 
rief: »Sie wollen doch wohl nicht dahin fahren?« 

»Natürlich, was denn sonst«, antwortete Jim. »Die Biester 

sind nur eine Viertelmeile von dem Punkt entfernt, an dem eine 
südliche Nebenlinie in unseren Trail mündet. Und ich wette 
meinen Hut, daß die Kutsche aus dem Süden überfallen 
wurde.« 

»Eben deshalb sollten Sie nicht dorthin fahren«, sagte der 

Passagier. »Denn ich wette, daß dies eine verdammte Falle ist.« 

»Abwarten, Mann«, warf Sandy ein. »Wir sehen es früh 

genug. Und Sie können doch wohl einen Colt abfeuern, oder?« 

Fluchend zog sich der Passagier in den Wagen zurück und 

berichtete den anderen von seiner Vermutung. 

Leicht grinsend, mit schiefgelegtem Kopf, horchte Jim auf 

die Geräusche, die aus dem Wageninneren drangen. Er hörte 
das Schnarren von Revolvertrommeln. Die Fahrgäste 
überprüften ihre Colts. 

Wenig später erreichten die Pferde die Abzweigung. Sie 

gehorchten dem Druck der Zügel und zogen den Wagen auf 
den schmaleren, zerfurchten Weg, der nach Süden führte. 

Ein halbes Dutzend der häßlichen Aasfresser flog heiser 

krächzend auf. Sie kreisten in Mannshöhe, bevor sie sich 
weiter entfernten. Aber sie zogen nicht davon, sondern 
warteten. 

Sandy Willard merkte, wie sein Mund trocken wurde. Hinter 

einer Sanddüne tauchte der halb verbrannte Wagenkasten einer 
Stagecoach auf. Die Pferde lagen tot im Geschirr. Hier war 
nichts mehr für die Butterfield Line zu retten. Willard hatte 
Mühe, den Kopf über seinem Magen zu behalten, als er die 
skalpierten Menschen sah. 

Einen Mann hatten die Apachen bis zum Hals in den Sand 

eingegraben. Die Augen des Toten starrten blicklos nach 

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Süden. Auch ihm hatte man den Skalp genommen. 

»Okay«, sagte Jim rauh, »begraben wir die armen Teufel. 

Verdammte rote Brut.« 

»Langsam, immer vorsichtig«, wehrte Sandy ab. »Erst will 

ich mich vergewissern, daß ich allein bin.« 

Knowles lachte. »Du bist wirklich verrückt, Partner. Du 

findest niemals einen Apachen, selbst dann nicht, wenn du 
direkt vor ihm stehst oder ihm auf die Finger trittst. Wenn du 
ihn aber siehst, bist du schon so gut wie tot.« 

Willard wollte antworten, daß er diese verdammten Kerl 

schon gesehen hatte, nämlich, als sie seine Farm überfielen, 
doch Jim winkte ab. 

»Das war ein offener Angriff auf dich«, sagte Knowles, als 

hätte er Sandys Gedanken erraten. »Aber hier spielen die roten 
Krieger Versteck mit uns. Nach meiner Erfahrung können sich 
hinter diesem kleinen Hügel mindestens fünf oder sechs 
Apachen verbergen.« 

Jim deutete mit der Linken auf eine Erhebung, die mit 

einigen dürren Büschen bewachsen waren, deren Blätter welk 
herabhingen. 

Und als der Fahrer die Hand wieder zurückzog, riß er die 

Schrotflinte aus der Halterung, brachte die mächtige Kanone in 
Anschlag und drückte zweimal ab. 

Die beiden Schüsse krachten ohrenbetäubend. Links, 

zwischen vom Wind aufgeworfenen Sandwellen, bäumten sich 
drei Gestalten auf. Sofort zog der Fahrer den Colt und schoß 
noch einmal. 

Alle drei Krieger lagen reglos. 
»Hoffentlich habe ich sie richtig erwischt«, sagte Knowles 

wütend. »Und hoffen wir, daß nicht noch mehr dieser roten 
Halunken hier auf neue Beute warten. Das sieht ihnen ähnlich, 
eine Kutsche ausrauben, alles liegenlassen und selbst so lange 
warten, bis ein paar neugierige Pinsel näher kommen.« 

Ächzend kletterte Jim vom Kutschbock, nahm eine Schaufel 

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aus der Halterung unter dem Sitzbrett und ging langsam zu den 
Toten hinüber. 

»Paß nur gut auf«, rief Knowles, »ich möchte meinen Skalp 

nämlich noch ein paar Jahre behalten.« 

Zuerst durchsuchte er die Taschen der skalpierten Männer. 

Kutscher und Begleiter hatte Jim gut gekannt. Die sechs 
anderen Toten mußten Passagiere sein. 

Außer ein paar Papieren fand Jim nichts. Jedes Stückchen, 

das den Angreifern interessant erschienen war, hatten sie 
mitgenommen. 

Knowles schaufelte eine große Fläche frei. Es genügte nicht, 

Sand über die Leichname zu häufen. Die Wüstentiere hätten 
die Körper freigeschafft. 

Einen Moment hatte Sandy nicht aufgepaßt. Als er den 

rotbraunen Körper emporschnellen sah, war es fast schon zu 
spät, denn der Krieger richtete einen Schwarzpulvercolt von 
geradezu riesigen Ausmaßen auf Jim. 

Mit einem schnellen Schuß aus der Winchester erwischte 

Willard den Apachen. 

Aber dann spuckte die Wüste die roten Kämpfer förmlich 

aus. Überall sprangen Indianer auf. 

Die Kutsche war umzingelt. 
»Wartet mit dem Schießen«, brüllte Jim Knowles. »Jede 

Kugel muß genau sitzen. Wir haben nur 'ne Chance, wenn wir 
genügend Rothäute zum Großen Manitu schicken.« 

Er warf die Schaufel weg und rannte im Zickzack zum 

Wagen zurück. 

Sandy jagte Kugel um Kugel aus der Winchester, legte einen 

Sperrgürtel aus heißem Blei zwischen Jim und die Angreifer. 

Die Colts aus dem Wagenkasten wummerten. Ein 

vernichtender Kugelhagel schlug den Apachen entgegen. 

Einige Krieger stürzten und blieben liegen. Die anderen 

stießen schrille Wutschreie aus, als ihr Angriff abgeschlagen 
wurde, und zogen sich etwas zurück. 

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»Vorsicht! Schnell aufladen!« rief Jim. »Sie versuchen es 

noch mal!« 

So war es auch. 
Aber diesmal rannten die Indianer im Pulk auf die Kutsche 

zu, benutzten den ausgebrannten Wagenkasten der anderen 
Stagecoach als Deckung und feuerten aus allen Rohren. 

Das Mädchen im Kasten stieß einen schrillen Schrei aus und 

rief: »Die Kugel hat mein Kleid zerfetzt!« 

»Ein prächtiger Anblick«, bemerkte einer der anderen 

Passagiere, »aber zum falschen Zeitpunkt.« 

»Diese Spinner«, stöhnte Jim und drückte ab, als die ersten 

Apachen über die Deckung sprangen. 

Abermals schlugen die Fahrgäste und die beiden Männer der 

Butterfield den Angriff ab. Dann hatten die Krieger endgültig 
genug. Sie liefen geduckt davon und verschwanden zwischen 
den Sanddünen. 

»Mann, das war aber knapp«, seufzte Jim Knowles. »Ein 

Glück für uns, daß so viele junge Kerle dabei waren. Mit 
erfahrenen Kriegern hätten wir mehr Ärger gehabt.« 

»Mir reicht es auch so«, beschwerte sich das Girl. 
»Jemand verwundet?« erkundigte sich Sandy, nachdem er 

vom Kutschbock gesprungen war. 

Erst in diesem Moment ging ihm auf, welches Glück er 

gehabt hatte. Auf dem Fahrersitz war Willard geradezu eine 
einladende Zielscheibe gewesen. 

Einer der Passagiere ließ sich einen Streifschuß am Oberarm 

verbinden. Das Mädchen holte Nadel und Faden aus seinem 
geblümten Beutel und sagte: »Wenn die Gentlemen jetzt 
unseren Fahrern helfen, die Toten zu begraben, kann ich mich 
wieder menschenwürdig herrichten.« 

»Schade«, entgegnete der rotgesichtige Mann. »Aber wenn 

Sie in Tucson 'nen Job brauchen, kommen Sie ruhig zu mir. Ich 
heiße Dan Snowden und übernehme das Liberty Palace. 
Schöne Girls brauche ich immer.« 

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»Danke, Mr. Snowden«, sagte sie nur. 
Als alle Männer zupackten, ging das Begräbnis schnell 

vonstatten, obwohl nur zwei Schaufeln vorhanden waren. 

»Hoffentlich habt ihr es dort, wo ihr seid, besser«, sagte Jim 

Knowles und spuckte aus, als er die Schaufel schulterte. 

Wenige Minuten später rollte die Kutsche wieder an. Es war 

ein Kunststück, das Sechsergespann auf dem schmalen, 
sandigen Weg zu wenden. Aber Jim schaffte es und pfiff 
vergnügt, als sie wieder den Haupttrail erreichten. Es ging 
zügig voran, und in spätestens zwei Stunden lag die Steigung 
des Apache-Passes vor ihnen. 

»Wohin sind die Kerle getürmt?« fragte Sandy Willard und 

lud die Waffen auf. 

»Nach Norden, denke ich«, antwortete Jim. »Dort reiten sie 

ins Reservat und spielen die braven Jungs. Wenn der 
Regierungskommissar kommt, schwören sie alle, daß keiner 
von ihnen auch nur eine Minute das Reservat verlassen hat. 
Aber warum sollte schon jemand dort fragen? Wegen acht toter 
Weißer? Pah, das nehmen die von der Regierung doch nicht so 
tragisch.« 

In der Kutsche schwiegen die Passagiere. Der Kampf hatte 

sie für kurze Zeit zu einer Einheit werden lassen. Aber nun 
hing jeder seinen Gedanken nach. Denn alle waren von der 
gleichen Sorte. Und vielleicht wurden sie in Tucson zu 
Gegnern. Es war nie gut, einem Fremden zu viel von sich zu 
verraten. 

Endlich tauchten die Felsen der Chiricahua Mountains auf. 

Die Paßstraße lag frei und offen vor den Reisenden. 

»Hoaahh, jetzt zieht, ihr lahmen Böcke!«, brüllte Jim. »Es 

gilt, ihr Mißgeburten. Das ist die letzte Meile. Legt euch 
gefälligst in die Seile!« 

In wenigen Minuten hatten sie es geschafft. In der Station 

dort oben waren sie alle sicher. 

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Victorio war sich darüber im klaren, daß er in kleinem Maßstab 
genau das wiederholte, was Cochise mißlungen war: einen 
großen Kampf gegen die Feinde der Apachen, eine Schlacht. 

Aber der Jefe der Mimbrenjos war zuversichtlich. Mit den 

verbündeten Stämmen mußte es gelingen, die kleine Stadt zu 
überrennen. 

Über die Folgen machte sich Victorio wenig Gedanken. Er 

wußte, wie die Mexikaner und Weißen reagierten. Es lag dann 
einzig und allein an der Schlauheit und List der Krieger, sich 
nicht erwischen zu lassen. 

Aber welches Bleichgesicht war einem Apachen in der 

Wüste schon ebenbürtig? 

Alle Krieger standen bereit, als der erste graue Streifen des 

Morgens im Osten über den Horizont stieg. 

Zwei Yaquis führten Packpferde heran. Die hölzernen, 

gegabelten Sättel trugen eine Unzahl von Lederbeuteln. 

Als der Jefe des Stammes den ersten Ledersack öffnete, stieg 

ein durchdringender Geruch auf. 

Tizwin! 
Der Schnaps, den die Apachen aus den Wüstenpflanzen 

brauten. 

Immer mehr Hände griffen nach den Beuteln. Jeder dritte 

oder vierte Krieger hielt eine gute Portion des Stoffes in den 
Händen, der ihn kampfstark und furchtlos machte. Aber jeder 
mußte mit seinen Nachbarn teilen. 

Victorios Gesicht sah zornig aus. Er beherrschte sich mit 

aller Kraft. Damit hatte er nicht gerechnet, und davon hatte er 
nichts gewußt. Doch nun war keine Zeit mehr, ein Palaver zu 
beginnen. Die Überraschung der mexikanischen Stämme der 
Apachen war gelungen. 

Die Jefes blickten erwartungsvoll auf Victorio. 
»Reitet, Krieger!« rief der Mimbrenjo und saß auf. »Reitet 

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und kämpft! Zeigt den Gelbhäutigen, wie ein Apache Rache 
nimmt!« 

Schrille Schreie antworteten dem Anführer der Truppe, die 

mehr als 400 Köpfe zählte. 

Victorio schickte die Spähergruppen aus. Die Pferde 

galoppierten an. Im Schritt folgte die Hauptstreitmacht, 
begleitet vom Geruch des Tizwin. Es gluckerte, und die 
Krieger stießen auf. 

Die Sonne, die schnell höher stieg, tat ihre Wirkung. Besorgt 

beobachteten Victorio und seine Freunde die Folgen des 
Alkohols. Aber die Jefes der verbündeten Stämme hatten gut 
gerechnet. Jeder Krieger bekam gerade so viel Tizwin, daß er 
das Stadium milder Trunkenheit erreichte. Die Indianer fühlten 
sich stark, unüberwindlich, und das stachelte ihren Kampfgeist 
bis zum äußersten an. 

Eine Stunde später verkündeten schrille Schreie, daß die 

ersten Späher zurückkehrten. 

Die Männer ließen ihre Ponys im Galopp heranjagen. 

Triumphierend schwenkten die Krieger Skalps an den Spitzen 
der kurzen Kriegslanzen. 

Die Hauptstreitmacht drängte schneller vorwärts. 
Der Anführer der Späher trieb sein Pferd zu Victorio. 
»Fünf Schwarzhaarige mit einem Wagen trafen wir«, 

berichtete der Mann. »Sie starben schon vor Angst, als sie uns 
sahen. Hier sind ihre Skalps.« 

»Wohin fuhr das rollende Wickiup?« wollte der Chief 

wissen. 

»In Richtung Winter.« 
Ein Dutzend Späher waren noch unterwegs, stellte Victorio 

fest, als er die Männer zählte. Die anderen sollten einen Ring 
um die kleine Ansiedlung ziehen und beobachten. Traf die 
Hauptstreitmacht ein, so konnte der Jefe sofort handeln. 

Entweder waren andere Reiter schon weit genug entfernt, 

oder aber sie lagen im Bereich der Krieger, die sie gnadenlos 

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verfolgen und töten würden. 

Dumpfer Gesang klang hinter dem Jefe auf, ein Kampflied, 

das in diesem Moment von einigen Kriegern erfunden wurde. 
Im monotonen Rhythmus schwollen die Worte an und 
verebbten. 

Victorio verspürte Ungeduld. Er mußte sein Heer zu einem 

überwältigenden Sieg führen, wollte er neben Cochise 
bestehen. Der oberste Führer aller Stämme besaß noch immer 
zuviel Macht und Einfluß. Es war nur gut, daß er sich im 
Moment zurückhielt. 

Nach der Niederlage am Paß gegen die gut ausgerüsteten 

Soldaten schien Cochises Einfluß auf die anderen Gruppen 
etwas geschwunden zu sein. 

Denn gegen den Willen des großen Jefe, der die Streitmacht 

Chiricahuas hinter sich hatte, konnte Victorio einen solchen 
Kriegszug nicht durchführen. 

Die zweite Reihe seiner Späher war erreicht. Vor einem 

einzeln aufragenden Orgelpfeifenkaktus rieselte der Sand zur 
Seite. 

Ein Apache schob sich unter einer alten, stinkenden Decke 

hervor, die wie ein Dach gewirkt hatte. Den Sand hatte der 
Krieger geschickt auf der Decke verteilt. 

Das Versteck war perfekt. 
»Nichts, Jefe«, sagte der Späher, »die Stadt liegt ruhig. Vor 

einer Stunde verließ eine Kutsche mit Ochsen davor die letzten 
Häuser. Eine Familie zog davon. Sollen wir sie verfolgen?« 

Victorio winkte ab. »Laß sie. Sollen sie sich retten und den 

Großen Geist preisen, der sie mit dem Leben davonkommen 
ließ.« 

Erwartungsvoll ritten die Chiefs der anderen Stämme näher 

heran. Sie alle blickten auf den Mimbrenjo, den sie für diesen 
Kriegszug als ihren Führer respektierten. 

»Wir greifen an!« befahl Victorio. »Die Krieger sollen von 

allen vier Seiten der Jahreszeiten über die Stadt hereinbrechen, 

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ihre Brandpfeile abschießen und sich wieder zurückziehen. Die 
Hälfte unserer Männer bildet einen Kreis und zieht ihn immer 
enger um die festen Häuser. Was noch nicht brennt, wird mit 
Feuerpfeilen entflammt. Die Kreisreiter ziehen sich immer 
enger zusammen. Ihre Aufgabe ist es, alle Flüchtenden 
niederzumachen. Die Skalps gehören den Kriegern. Die 
anderen dringen in die Stadt ein. Treibt die gelbhäutigen Hunde 
zusammen, tötet sie. Laßt sie zusehen, wie wir mit ihren 
Freunden umgehen werden. Denn dies ist die Stunde der 
Rache, die Stunde der Apachen.« 

Überwältigt von so viel Zorn und Kampfeswut, starrten die 

befreundeten Chiefs und Unterhäuptlinge Victorio an. Sein 
Gesicht drückte wilde Entschlossenheit aus. Jeder spürte die 
Wut, die in dem Anführer der mächtigen Truppe loderte. 

»Reitet! Wir greifen an!« rief der Mimbrenjo und deutete mit 

ausgestrecktem Arm auf die Adobehäuser. 

Die anderen Jefes trieben die Ponys zu ihren Kriegern. Es 

bedurfte nicht vieler Worte. Die Apachen waren vom Tizwin 
und von der Sonne so angeheizt worden, daß sie regelrecht 
nach Kampf und Blut gierten. 

Victorio verhielt seinen Schecken auf einem kleinen Hügel 

und beobachtete den Angriff. Er lief so ab, wie ihn der Führer 
der vereinigten Stämme befohlen hatte. 

Minuten später brannten die Strohdächer der meisten Häuser 

lichterloh. Wabernde Hitzeschleier wogten zum stahlblauen, 
wolkenlosen Himmel empor. Knisternd zerplatzten die Bündel 
ausgedörrter Getreidehalme, mit denen die Adobehäuser 
gedeckt waren. Ein paar Glasscheiben zersprangen peitschend 
wie Gewehrschüsse in der Hitze. 

Die Stoßkeile aus vier Angriffsgruppen schwenkten ab, 

zogen sich zurück und formierten sich weit entfernt von der 
brennenden Town erneut. 

Ein Strom von Menschen ergriff die Flucht. Sie waren mit 

allen möglichen Dingen beladen. Drei alte Frauen schleppten 

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ein Waschfaß, aus dem noch der Dampf aufstieg. 

Aber als die Krieger heranjagten, mit wohlgezielten 

Pfeilschüssen die wehrlosen Menschen töteten, als der Bottich 
zu Boden fiel, rutschte ein frisch geschlachtetes Schwein 
heraus, das wohl gerade gebrüht werden sollte. 

Der Ring der Krieger zog den Kreis um die Ansiedlung 

immer enger. Schrille Schreie zerrten an den Nerven der 
Belagerten. Einige von ihnen versteckten sich in den Kellern 
unter ihren Häusern. Diejenigen, die über eine Art von 
falschem Mut verfügten, ergriffen die Waffen und stellten sich 
der Gefahr. 

Sie kämpften bis zur letzten Kugel, wurden einfach 

überrannt. 

Jeder Apache warf ein Zeichen auf den Toten, denn später 

wollten die Krieger die Skalps nehmen, um so ihren Ruhm im 
Lager zu verkünden. 

Gellende Angstschreie der Frauen und Kinder schrillten 

immer wieder auf. 

»Jetzt holen wir uns die weißen Frauen!« brüllten die 

grausamen Krieger der Yaquis und galoppierten in 
geschlossener Formation auf Colonia Marelas zu. 

Wie ein Blut und Tod verbreitendes Ungewitter brachen die 

Apachen aus den Sierras Mexikos in die brennende Stadt ein. 

Pfeile schwirrten von den Sehnen. Männer brachen 

zusammen, schützten mit ihren tödlich getroffenen Körpern 
ihre Kinder, begruben sie unter sich und starben mit dem 
Gedanken: ich habe alles getan, was ich konnte. 

Eine Unzahl von Kindern überlebte auf diese Weise 

ungeschoren. Aber ihnen allen war der Haß gegen die Apachen 
von diesem Moment an ins tiefste Innere eingebrannt. 

Die Yaquis erwiesen sich wahrhaftig als die härtesten, 

grausamsten Krieger der vereinigten Stämme unter Victorio. 

Sie machten jedes Lebewesen, gleichgültig ob Mensch oder 

Tier, nieder und verschonten nur die hellhäutigen Frauen. 

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Mexikanerinnen, deren Haut von der Sonne, von der Arbeit im 
Freien gebräunt war, starben genauso wie ihre Männer. 

Dem tödlichen Ring aus Indianern, die in engem Kreis die 

Town immer wieder umrundeten, entkamen nur wenige 
Menschen. 

Und diejenigen, die es schafften, trugen nichts als ihre 

Kleidung auf dem Leib. Die Zeit nach dem überraschenden 
Angriff hatte nicht ausgereicht, die wenigen Wertsachen unter 
zerlumpten Hemden zu verstauen. 

Allmählich wurde es still in der Ansiedlung. Nur die 

Hufschläge der Indianerponys hämmerten laut zwischen den 
Adobegebäuden. 

Die Beute mußte eingebracht werden. 
Die Krieger schwärmten aus, holten alle wertvollen Dinge 

aus den Häusern und warfen sie auf den freien Platz vor der 
Kirche. 

Der Stapel wuchs und wuchs, während die Krieger immer 

wieder ausbrachen, um die Skalps zu nehmen. 

Das grausame Geschäft dauerte eine Stunde. 
Anschließend begann das Teilen, und das war der Moment, 

den Santana, Loco und Nana am meisten fürchteten. 

Aber Victorio hatte seinen Mimbrenjos lange vor dem 

Kampf die entsprechenden Befehle gegeben. Die Krieger 
waren klug vorgegangen. Sie verbargen in ihren Gürteln nur 
gemünztes Gold und Silber und kleine Gegenstände, die bei 
den Weißen im Tausch höchsten Gegenwert erzielten. Um die 
übrige Beute konnten sich die anderen streiten. 

Als sich die Yaquis, die mehr als zwei Dutzend 

Mexikanerinnen davontrieben, die Aravaipas und Nednis 
bedient hatten, lag noch ein ansehnlicher Haufen auf der Plaza. 

Waffen, Schmuckstücke, eiserne Töpfe, Pfannen und 

Kleidung warteten auf die Mimbrenjos und Tontos, die längst 
ein Vielfaches dieses Wertes an Gold und Silber bei sich 
trugen. 

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»Sieh, Bruder«, sagte der Jefe der wilden Yaquis, »dies alles 

soll dein sein. Deine Krieger haben gekämpft wie Apachen. 
Und sie sollen nicht nur Skalps und Ruhm zu ihren Jacales 
zurückbringen. Wir reiten, denn die hellhäutigen Frauen 
jammern und sind eine Last auf dem Weg in die Berge. Sie 
sollen so schnell wie möglich in die Jacales der tapfersten 
Krieger einziehen und starken Söhnen das Leben schenken.« 

Victorio war zufrieden. Denn ein Teil seines Planes sah vor, 

daß sich die Stämme nach dem Überfall trennten und auf 
geheimen Pfaden der Sicherheit ihrer eigenen Heimat 
zustrebten. 

Es dauerte keine 20 Minuten, bis die ersten Gruppen 

davonjagten. Lediglich die Mimbrenjos und Tontos blieben 
diszipliniert, obwohl es ihnen schwerfiel. Aber die Chiefs 
hatten die Krieger auf diese Taktik eingeschworen. 

»Nehmt, was von Wert ist«, befahl Victorio, »aber laßt alles 

liegen, was unsere Flucht behindert. Wir müssen schnell und 
unbeschwert sein, wenn wir entkommen wollen.« 

Der Mimbrenjo machte eine kurze Pause, betrachtete die 

zufriedenen Gesichter der Krieger und fuhr fort: »Wir töten alle 
Weißen, denen wir auf unserem Rückweg begegnen. Und wir 
reiten nicht direkt nach Norden. Das bringt Jeffords, Cochise 
und auch die Pferdesoldaten auf unsere Spur. Wir schlagen 
einen weiten Bogen, und zwei Tagesritte vor der Ostgrenze des 
Reservates lassen wir alles ungeschoren. Niemand darf ahnen, 
daß wir es waren, die angriffen, die das Land der Apachen mit 
Mord und Tod überzogen. Denn nur so werden wir siegen: 
wenn wir wie die Schlange zupacken und wieder 
verschwinden.« 

Das Wort des großen Häuptlings war Befehl. Auf dem 

Rückzug hinterließen die Indianer blutige Spuren. Sie 
überfielen Postkutschen, Farmer, Rancher, einsame Trapper 
und Goldschürfer. 

Länger als zwei Wochen dauerte der Heimritt der 

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Mimbrenjos und Tontos in die Geborgenheit der San Carlos 
Reservation. Niemand ahnte, daß ausgerechnet Victorio es 
gewesen war, der Colonia Marelas beinahe dem Erdboden 
gleichgemacht hatte. 

Denn die jungen Krieger, die Halbwüchsigen der 

Mimbrenjos, sorgten während Victorios Abwesenheit für so 
viel Unruhe und Überfälle, daß sie wie die Raubzüge 
erfahrener Krieger wirkten. 

Und genau das war Victorios Absicht gewesen. 
Als er wieder im San Carlos Reservat eintraf, standen die 

ersten Mexikaner auf der Höhe des Apache-Passes, um sich 
bitter bei Thomas Jeffords zu beklagen. 

Der Postmeister der Butterfield-Linie war ganz und gar nicht 
mit der Entwicklung zufrieden. 

Judith Willard fügte sich in das Team der Männer ein, als 

wäre sie schon immer dabeigewesen. 

Burt Kelly und Norbert Walker überboten sich darin, der 

jungen Frau Holz zu hacken, ihr schwere Arbeit abzunehmen 
und den Kleinen zu beschäftigen. Rick fühlte sich wohl auf der 
Paßhöhe, wohler als im San Simon Valley. Denn dort war er 
allein und hatte nur Dad und Mamy zum Spielen gehabt. Hier 
gab es wesentlich mehr Pferde, eine wunderbare Schmiede, den 
großen Stall und Burt und Norbert. 

Sandy Willard war selten bei seiner Frau. Er nahm so viele 

Fahrten an, daß er fast ständig auf einer Kutsche als Begleiter 
saß. Der ehemalige Farmer wollte so schnell wie möglich das 
Geld für die Weiterreise zusammenbekommen. 

Mindestens jede zweite Tour brachte die Fahrer der 

Butterfield in Schwierigkeiten. Aber all die alten, erfahrenen 
Kutscher waren der Meinung, daß sie es mit jungen Kriegern 
zu tun hatten, die die Wagen angriffen. 

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Thomas stand vor der Station und sah zu, wie Sam Jackson 

die Bremse löste. Die Peitsche knallte über den Pferderücken, 
und die Tiere gingen an. 

Grüßend senkte Jackson den Stiel seiner langen Peitsche, als 

er am Postmeister vorbeirollte. 

»Ich hoffe, ihr kommt ungeschoren nach Tucson«, sagte 

Jeffords, als der Wagen ein paar Längen entfernt war. 

»Du bist mit deinen Wünschen ziemlich unverschämt 

geworden, Boß«, sagte Norbert Walker, der aus der Schmiede 
kam. 

Bitter lächelte Thomas, als er den Freund so reden hörte. 

Aber er hatte recht. Ein solcher Wunsch war schon ziemlich 
hoch gegriffen. Denn in letzter Zeit griffen die Apachen alles 
an, was sich auch nur zu bewegen wagte. 

»He, Leute, ein Dutzend Reiter halten auf den Paß zu!« rief 

Burt Kelly von seinem Hochsitz in den Felsen herab. 

Die Männer am Paß waren dazu übergegangen, An- und 

Abfahrten der Kutschen zu beobachten und das Land unter 
Kontrolle zu halten. Zumindest in unmittelbarer Nähe des 
Passes ließen sich die Indianer nicht mehr zu Überfällen 
hinreißen. 

Aber dieser Erfolg hatte einen Beigeschmack von Bitterkeit, 

wenn die Männer der Butterfield daran dachten, daß die 
Apachen nun in sicherer Entfernung die Passagiere und Fahrer 
töteten und nach getaner Arbeit wieder in der Unwegsamkeit 
des Landes verschwanden. 

»Indianer?« fragte Jeffords. 
»Sieht nicht so aus«, gab Burt zurück. 
Judith seufzte erleichtert. Seit dem Überfall auf ihre Farm 

bekam die junge Frau Todesangst, wenn sie nur daran dachte, 
daß sich Apachen bis zum Paß wagen könnten. 

»Scheinen Mexikaner zu sein, Boß«, rief Kelly nach einigen 

Minuten. 

»Was soll das bedeuten?« fragte Jeffords. 

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»Das wirst du in spätestens einer Stunde erfahren«, knurrte 

Walker und ging in die Schmiede zurück. 

»Der Anführer ist herausgeputzt wie ein Zirkusgeneral«, 

meldete Burt kurze Zeit darauf. »Es sind genau vierzehn 
Reiter. Aber nur ein Zirkusclown ist dabei. Mann, hat der 'nen 
Hut auf. Die Federn hängen ihm bis auf die Schultern runter.« 

Jeffords fiel ein, daß die Offiziere der mexikanischen Miliz 

derartige Hüte zu ihrer Paradeuniform trugen. 

»Alles Mexikaner?« fragte er deshalb. 
»Nein, auch vier Weiße sind dabei«, meldete Kelly. 
Der Postmeister befahl: »Okay. Stellt Wein, Whisky, Kaffee 

und alles, was wir bieten können, bereit! Das sieht mir nach 
einem offiziellen Besuch aus.« 

Judith Willard hantierte flink und geschickt im Gastraum. 

Innerhalb kurzer Zeit hatte sie den Tisch gedeckt. Thomas 
blickte durchs Fenster und war zufrieden. Diese junge Frau 
machte ihre Arbeit tadellos. Jeffords dachte, daß Judith besser 
in ein gut geführtes Speisehaus paßte als in die Wildnis, auf 
eine Farm. 

Norbert Walker kam aus der Schmiede. Zwischen den 

Hammerschlägen hatte der knorrige Posthelfer ein paar 
Wortfetzen aufgefangen. 

»Federn, Burt?« fragte er. 
»Ja, 'ne ganze Menge, und bunt wie Lulus Kostüm im 

Arizona Palace in Tucson.« 

»Vielleicht ist es nur ein Papagei«, frotzelte Walker. »Dir 

traue ich schon zu, daß du 'nen Papagei nicht von 'ner bunten 
Uniform unterscheiden kannst.« 

Burt stemmte sich zwischen den Felsen hoch, so daß sein 

Oberkörper zu sehen war. 

Eine Flut von Verwünschungen prasselte auf Norbert Walker 

herab, der Kellys Ausbruch gelassen hinnahm. 

Als Walker Jeffords gerunzelte Stirn sah, sagte er: »Boß, 

Burt hat sich heute noch gar nicht aufgeregt. Besser, er dreht 

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jetzt durch als später. Stell dir vor, diese Abordnung hockt hier 
herum, schlürft unseren Kaffee, unseren Whisky, und dann 
bekommt Burt seinen Rappel.« 

Kelly schnellte ganz aus seinem Felsensitz heraus, rutschte 

mit dem Hosenboden über die abschüssige, von Wind und 
Wasser geglättete Rinne. 

Inmitten einer Wolke aus Staub und mürbem Gestein landete 

der Posthelfer neben dem umzäunten Weideplatz für die 
Pferde. Mit langen Schritten kam Burt auf Jeffords und Walker 
zu. Das Gesicht des Beobachters hatte die Farbe einer 
überreifen Tomate. 

Er öffnete den Mund, gestikulierte mit den Händen, knallte 

den Kolben der Winchester gegen den Corralpfosten und 
brachte schließlich nur heraus: »Sie sind gleich da!« 

»Irgendwas hat ihm die Sprache verschlagen«, sagte Norbert 

gelassen. »Vielleicht hat er wirklich 'nen Papagei gesehen und 
hielt ihn für einen Mexikaner. Kein Wunder, ein unerfahrener 
Mann verwechselt leicht so einen bunten Vogel mit einem 
Greaser im Sonntagsanzug.« 

Undeutbares Geblubber drang über Kellys Lippen. Er wandte 

den Kopf. Auf einmal hob Burt die Rechte mit dem Glas, 
deutete auf etwas und brachte ein »Gaahh« heraus. 

»Unsere Gäste«, stellte Jeffords fest, nachdem er sich 

umgedreht hatte. 

Die 14 Reiter verhielten ihre Tiere auf dem freien Platz vor 

dem spitzgiebeligen Haus der Station. Der Anführer trug 
wahrhaftig einen Federhelm und die Uniform der 
Mexikanischen Miliz. 

Steif salutierte der Mann und sagte: »Ich bin Juan Manuel 

Rodrigo Alvarez del Banega Duraho Ramirez Escobar.« 

Walker drehte sich um. Der »Papagei« sollte das Grinsen 

nicht sehen, das sich der knorrige Mann nicht verkneifen 
konnte. 

»Großer Moses«, flüsterte Kelly, der die Sprache 

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wiedergefunden hatte, »warum zählt er sämtliche Vorfahren 
auf? So lange sind die Burschen ja nun auch noch nicht in 
Mexiko.« 

Jeffords war der theatralischen Situation gewachsen. Er blieb 

ernst, verbeugte sich leicht und sagte schlicht: »Thomas 
Jeffords, Postmeister der Butterfield Overland Stage Line in 
Arizona und Stationsleiter am Apache-Paß.« 

»Oh, Mann«, murmelte Walker, »wenn das ein Mexikaner 

hört, denkt er auch an sämtliche Vorfahren unseres Bosses.« 

»Willkommen«, fuhr Thomas fort, »ich ließ einen kleinen 

Imbiß vorbereiten, Senores. Sitzen Sie ab. Sie sind Gäste der 
Butterfield Line, und auch meine persönlichen.« 

Der Bursche mit dem gefiederten Hut zögerte. 
»Sir«, sagte er steif, »vielleicht schwindet Ihre 

Gastfreundschaft, wenn Sie den Grund unseres Besuches 
erfahren.« 

»Der Gast ist heilig«, antwortete Jeffords mit unbewegter 

Miene. »Aber wenn Sie erst reden wollen, bitte.« 

»Wir kommen aus der Provinz Sonora«, begann der 

Mexikaner. »Ich bin der Kommandierende der Miliz. Die 
Kleinstadt Colonia Marelas wurde von aufständischen Apachen 
niedergebrannt. Kaum ein Einwohner überlebte das Massaker. 
Tausende von Pesos in gemünztem und ungemünztem Gold 
und Silber schleppten die roten Hunde davon.« 

»Wo war denn die Miliz, als der Überfall stattfand?« fragte 

Walker seinen Freund Burt. 

»Die wenigen Überlebenden sagten aus, daß die 

Hauptstreitmacht der Indianer aus Tonto- und 
Mimbrenjoapachen bestand«, fuhr der Kommandeur der Miliz 
fort. »Wir wissen, daß Sie mit dem obersten Jefe der Rothäute 
freundschaftlich verbunden sind. Wir kamen hierher, um uns 
zu beschweren, Senor Jeffords. Sie reden vom Frieden. Sie 
sprachen davon, daß es leicht sei, mit den Apachen zu leben. 
Aber Hunderte Frauen, Kinder und Männer sind jetzt tot. Ist 

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das der Frieden, den Sie meinten?« 

Thomas Jeffords verspürte eine Gänsehaut. Eine unsichtbare 

Faust schien nach seinem Herzen, nach seinem Gehirn zu 
greifen und beide Organe gewaltsam zusammenzupressen. 

Was war geschehen? 
»Sitzen Sie ab, Sie sind meine Gäste«, wiederholte der 

Postmeister mit brüchig klingender Stimme. 

Jetzt, nachdem der Mexikaner seine Anklage losgeworden 

war, nahm er das Angebot an. 

Die wenigen Weißen, die den Trupp begleiteten, wirkten 

ängstlich und verstört. Jeffords fragte sich, was diese Männer 
bei der Abordnung zu suchen hatten. Er sollte es bald erfahren. 

Der uniformierte Mexikaner trat als erster in den Gastraum 

der Station und begrüßte Judith Willard mit formvollendeter 
Grandezza. 

Während des Essens sprach niemand von dem Massaker der 

Apachenstämme in Sonora. Aber als der Whisky in den 
Gläsern schimmerte, als der Anführer der Mexikaner einen 
langen pechschwarzen Zigarillo anbrannte und eine duftende 
Rauchwolke ausstieß, wurden die Amerikaner in seiner 
Begleitung unruhig. Ihnen entging völlig der Sinn der 
Mexikaner für ein Gastmahl. Sie begriffen nicht, daß das 
Leben verschiedene Dinge für einen Menschen bereithielt. 

»Bitte, Senores«, sagte der Mexikaner und nickte seinen 

amerikanischen Begleitern zu. 

»Mr. Jeffords«, begann ein untersetzter Mann, dessen graue 

Augen Wut und Trauer ausdrückten, »meine Schwester ist tot. 
Meine Frau ebenfalls. Unsere Tochter lebt in Tucson in einem 
Pensionat. Das allein hält mich aufrecht. Die Apachen – es 
waren mindestens zweihundert – überfielen unsere Ranch nahe 
der Grenze. Die anderen Gentlemen hier haben das gleiche zu 
berichten. Die verdammten Rothäute fielen wie ein 
Heuschreckenschwarm über uns her. Ich habe anschließend 
unsere Nachbarn gesucht. Sie sind alle tot, skalpiert, grauenhaft 

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zugerichtet. Ich frage Sie: was werden Sie dagegen 
unternehmen? Sie sind doch Cochises Freund. Er ist der Chief 
aller Stämme. Was passiert in Arizona?« 

Jeffords blickte zu Judith. Sie hielt die Faust vor den Mund 

gepreßt, als wollte sie gewaltsam einen Schrei zurückhalten. 

Der Postmeister erklärte den 14 Männern, daß Cochise zwar 

der oberste Führer der Stämme war, daß aber die einzelnen 
Jefes nur dann auf ihn hörten, wenn sie es für sinnvoll hielten. 

Der aufgeputzte Mexikaner stand auf, als draußen Räder 

knarrten. Die Kutsche von Westen traf ein. 

»Wir sind auf dem Weg zu Generalissimo Howard«, sagte 

Escobar. »Er ist der Kommandant aller Truppen der Union. 
Wir verlangen von ihm, daß die Kavallerie dem Treiben der 
Apachen Einhalt gebietet. Wir folgten der Spur des Todes, die 
den Rückmarsch der Krieger kennzeichnet. Darum kamen wir 
von Osten. Wir bitten Sie nochmals, Senor Jeffords, tun Sie 
alles, was in Ihrer Macht steht.« 

Der Postmeister versprach es. Aber er wußte, daß dieses 

Wort von ihm eben nur ein Wort war, mehr nicht. 

Denn Cochise hatte mit alldem nichts zu schaffen. Er lebte 

friedlich in seiner Bergfestung, in der Apacheria, und dachte 
über seine schwere Niederlage nach. 

Die zehn Mexikaner und vier Weißen ritten davon. 
Fünf Männer betraten den Gastraum. Die Passagiere der 

Stagecoach hatten genug Staub geschluckt. Sie gierten nach 
Wasser, Kaffee und Essen. 

»He, Darling, hast du fünf Minuten Zeit für mich?« rief 

Sandy Willard draußen. 

Judith zögerte, blickte Jeffords an, der ihr zunickte. Thomas 

wußte, daß die beiden in den letzten Tagen nicht viel 
voneinander gehabt hatten. 

Die junge Frau lief hinaus, umarmte ihren Mann und küßte 

ihn leidenschaftlich. 

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Als die Kutsche fertig war, neue Pferde in den Geschirren 
standen, die Passagiere ihren Durst gestillt hatten und 
umständlich wieder einstiegen, kam die Stagecoach aus der 
Gegenrichtung an. 

Jim Knowles war der Begleiter neben dem Fahrer auf dem 

Bock. 

Der graubärtige Oldtimer grinste verschlagen, als er Willard 

sah, der sich gerade auf den Sitz schwingen wollte. 

Aber die Nachrichten der anderen Männer waren vielleicht 

wichtig für die Weiterfahrt. 

Knowles zog Sandy zur Seite. 
»Paß auf«, sagte der Graubart, »egal, was du hörst, es war 

ganz anders. Wir haben nämlich einen jungen Apachenkrieger 
geschnappt. Eigentlich war der Kerl noch ein Kind, aber giftig 
wie eine Klapperschlange. Er wurde erst friedlich, als ich 
anfangen wollte, ihn zu skalpieren. Aber dann prahlte er. Bald 
hätten wir verdammten Weißen ausgespielt, sagte er. Die 
Krieger seien mit einer Unmenge Gold und Silber aus Mexiko 
ins San Carlos Reservat zurückgekehrt.« 

Argwöhnisch starrte Knowles den Kutschenfahrer an, der 

sich ihm näherte. Aber der Mann ging ins Stationsgebäude. 

»Was hat das alles mit mir zu tun?« wollte Sandy wissen. 
»Mann, sei doch kein Narr«, entgegnete Jim. »Die Rothäute 

haben Gold und Silber. Die sind doch verrückt nach Whisky. 
Wir nehmen uns zwei Packtiere, beladen sie mit Fusel und 
reiten ins Reservat. Wenn wir den billigsten Indianerschnaps 
kaufen, zahlen wir für die Bottle achtzig Cent. Wir bekommen 
leicht acht oder zehn Dollar von den roten Brüdern.« 

Knowles wartete auf Willards Reaktion. 
Sandy begriff sofort. Das war die große, die einmalige 

Chance für ihn und seine Familie. Auf diese Art konnte er 
leicht 200 oder mehr Dollars machen. Das garantierte die 

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Weiterreise in ein besseres, friedlicheres Land. Außerdem tat er 
ein gutes Werk, wenn er den Apachen ihre Beute abnahm. 

»Bring mir jeden Dollar, den du hast«, flüsterte Knowles. 

»Schnell, gleich geht es weiter! Nimm dir ein paar Tage frei. 
Wir treffen uns am Bryce Peak, an der Südseite, okay? Ich 
sorge für alles.« 

Und ob Sandy Willard einverstanden war. 
Er lief in die Station, holte aus dem Zimmer, das er mit 

seiner Frau bewohnte, die gesamte Barschaft und gab die 
Dollars dem alten Jim. Aber dann blieb kaum noch Zeit. Die 
Kutschen mußten weiter, denn der Fahrplan sollte eingehalten 
werden. 

»In vier Tagen«, raunte Knowles noch. »Ich schmeiße in 

Tucson die Brocken hin. Jetzt machen wir das große Geld, 
Partner.« 

Die beiden Kutschen rollten an. Zugleich erreichten sie die 

Straßen, die nach Osten und Westen führten. Wenig später 
erinnerte nur noch das Geschrei der Fahrer und das Knarren der 
Räder daran, daß vor wenigen Minuten zwei Fahrzeuge der 
Butterfield Line hier haltgemacht hatten. 

Während der nächsten Tage brachten Reiter immer wieder 

Kunde von Überfällen auf einsam gelegene Ranches und 
Farmen. Ein alter Goldsucher trieb auf seinem Muli ein dürres, 
ausgemergeltes Pferd vor sich her, das zwei tote Männer trug. 

Arizona brannte. Die Apachen schlugen zu und 

verschwanden wieder. Kein Mensch wußte zu sagen, welchem 
Stamm die Marodeure angehörten, woher sie kamen und wo sie 
blieben. 

Vier Tage später bat Sandy Willard um Urlaub. Seine Frau 

stand verwundert dabei, als ihr Mann mit Jeffords redete. 

»Okay, Mr. Willard«, sagte der Postmeister, »das kommt nur 

etwas plötzlich. Darf ich wissen, was Sie vorhaben?« 

Sandy lächelte zuversichtlich, als er antwortete: »Nun, es ist 

eine Chance für mich, für uns, meine ich. Wenn's klappt, 

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können Judith, Rick und ich in ein paar Tagen schon 
weiterziehen.« 

»Was passiert, wenn es nicht klappt?« fragte Jeffords. 
Willards Lächeln gefror. 
»Dann bin ich sicherlich tot«, murmelte er. 
»Sandy!« Judith war entsetzt. »Was hast du vor? Laß es sein. 

Wir kommen doch gut aus und können sogar noch Geld zur 
Seite legen. In einigen Monaten sind wir soweit.« 

Aber ihr Mann schüttelte entschlossen den Kopf. 
»Nein«, sagte er, »es ist egal, ob ich jeden Tag meine Haut 

zu Markte trage und ein paar lausige Bucks dafür bekomme, 
oder ob ich einmal versuche, mein Glück zu machen. Setze ich 
auf diese Karte, Judith, geht eben alles schneller: entweder 
klappt es, oder ich sterbe. Es bleibt sich gleich, verstehst du? 
So oder so erwischen mich die verdammten Apachen eines 
Tages.« 

Jeffords schwieg. Es war nicht seine Sache, dem Mann einen 

unsinnigen Gedanken auszureden. Aber wenn Thomas von 
Willards Plan gewußt hätte, wäre er sicher mit aller Gewalt 
dagegen vorgegangen. Denn Whisky in Apachenkehlen das 
konnte nur Blut und Tod bedeuten. 

Judith ließ die flehend erhobenen Arme sinken. Etwas 

Fremdes ging von ihrem Mann aus. 

Sie stellte fest, daß plötzlich eine andere Seite seines 

Charakters zutage kam, die sie bisher nicht gekannt oder 
bemerkt hatte. 

Schweigend verfolgten sie und Jeffords, wie Sandy seine 

Waffen überprüfte und das schwere Ackerpferd sattelte, das 
sein Eigentum war. 

»Good bye!« rief Willard und winkte kurz mit der Rechten. 
Jeffords beobachtete Judiths ungläubiges Gesicht. Ihr Atem 

ging schnell und stoßweise. 

»Er kommt nicht zurück«, sagte sie kaum hörbar. »Er reitet 

in seinen Tod.« 

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Abrupt drehte sich die junge Frau um und ging in ihr 

Zimmer, wo ihr kleiner Junge Rick in seiner alten, 
ausgepolsterten Werkzeugkiste schlief. 

Die Strecke vom Apache-Paß bis zum Bryce Peak betrug gut 
60 Meilen. Das schwerfällige Tier war ausgeruht. In der 
Station hatte es Körnerfutter bekommen und so viel Kraft 
gesammelt, daß es unermüdlich ausschritt. 

Sandy war auf der Hut. Ständig beobachtete er die 

Umgebung. Jeder nur kopfgroße Stein konnte einem Apachen 
als Deckung dienen. Aber das Land war wie ausgestorben. 
Nicht mal ein Tier entdeckte Willard auf seinem Ritt nach 
Norden. 

Am späten Nachmittag erreichte Sandy die Ausläufer des 

Waldes, der sich vom Berg bis in die Ebene erstreckte. Ein 
Adler zog weit oben am Himmel seine Kreise. 

Und kurze Zeit darauf trieb der alte Jim Knowles sein Pferd 

aus einem dicht wuchernden Gebüsch heraus. 

»He, Sandy«, rief der Alte, »komm hierher. Die beiden 

Packtiere stehen sicher.« 

Willard änderte die Richtung seines schweren Pferdes. 

Krachend brachen die Zweige, als das massige Tier, das bisher 
nur vor Pflug und Wagen gegangen war, durch das Unterholz 
brach. 

Staunend musterte Sandy die großen Packlasten auf den 

beiden Reservepferden. Mindestens 100 Flaschen Whisky 
trugen die Gäule. 

»Das ist unser Schatz«, sagte Knowles kichernd. »Sandy, wir 

machen das Geschäft unseres Lebens.« 

Willard fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. 100 

Flaschen zu je acht Dollar. Wenn alles gutging, zu zehn Bucks. 
Das war ein runder Tausender. 

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Und mit seinem Anteil von 500 Greenbucks konnte Sandy 

wirklich weiterziehen und irgendwo eine neue Chance suchen. 

»Okay, wunderbar«, sagte er mit mühsam gezügelter 

Erregung, »aber wo finden wir die Indianer? Wie kommen wir 
mit ihnen zu dem Handel. Sie ziehen uns vorher die Haut ab, 
kassieren den Whisky und besaufen sich.« 

Knowles winkte gelassen ab. »Hier nicht, Partner. Wir sind 

nach einer Meile im Reservat. Die Rothäute hüten sich, hier 
einen Weißen umzubringen. Es sei denn, sie sind 
stockbetrunken.« 

»Das sind sie nach einer Stunde«, brummte Sandy. »Was 

passiert dann, Mr. Jim Knowles?« 

»Dann wollen sie noch mehr«, behauptete der Graubart. 

»Und ist dieser Moment erst mal erreicht, schlagen wir die 
Kerle prächtig übers Ohr. Verlaß dich ganz auf mich, Partner. 
Ich habe in Texas den Comanchen ein paar hundert Gallonen 
Schnaps verkauft. Haben die Kerle erst mal an der Pumaspucke 
geschnuppert, geben sie alles dafür her. Die Apachen sind nicht 
anders. Darauf verwette ich meinen Kopf. Komm, reiten wir 
los. Wir werden sicher schon beobachtet. Die Burschen fragen 
sich jetzt neugierig, was wir wollen. Sie sollen es bald 
erfahren.« 

Als die Sonne im Westen versank und die Landschaft in 

einen merkwürdig fahlen Schein tauchte, erschien plötzlich ein 
Indianer. Er ritt auf seinem Pony um einen Felsenhügel herum 
und hielt genau auf die zwei Weißen zu. 

»Laß mich reden«, sagte der Alte und setzte sich im Sattel 

zurecht. 

Der Apache zügelte sein Pferd drei Längen vor den beiden 

Weißen. 

»How«, grüßte Knowles und streckte beide Hände, mit den 

Flächen nach vorne, vor. »Wir kommen in Frieden und wollen 
mit den tapferen Kriegern Handel treiben.« 

Der rote Mann grinste belustigt und fragte: »Was haben die 

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Bleichgesichter schon, das ein Krieger braucht? Die Apachen 
besitzen alles, was sie wollen, denn dies ist unser Land. Und 
wir nehmen uns, was wir wollen.« 

»Die Krieger machten Beute, wir hörten es«, bestätigte Jim 

listig. »Aber trinken die Krieger jetzt Tizwin? Haben sie das 
Feuerwasser der Weißen, das die Herzen stark macht?« 

Ein merklicher Ruck durchfuhr den Apachen. 
Feuerwasser! 
Diese weißen Händler brachten den Atem des Pumas ins 

Reservat, in dem jeglicher Alkohol verboten war. 

»Wartet hier«, befahl er, zupfte am Zügel aus Pferdehaar, 

und willig folgte sein Mustang der Bewegung. 

Sandy beobachtete den Apachen genau, der die Ecke des 

Felsens erreichte und auf einmal nicht mehr zu sehen war. Es 
grenzt an Zauberei, dachte Willard. Aber die Kerle halten uns 
Weiße wirklich zum Narren. 

Für Sekunden flammte Besorgnis in ihm auf, aber der 

Gewinn, der dabei heraussprang, verdrängte schnell dieses 
Gefühl. 

Ein Dutzend Krieger hielt auf die beiden Weißen zu. Aus 

allen Richtungen trabten die Ponys heran. Innerhalb weniger 
Sekunden waren Jim und Sandy von Apachen umringt. 

»Gebt uns das Feuerwasser«, verlangte ein gedrungen 

wirkender Typ, der wohl der Anführer dieser Gruppe war. 

»Was bekommen wir von euch?« wollte Knowles wissen. 

»Der Whisky ist teuer, und wir gehen ein großes Risiko ein, 
wenn wir euch damit beliefern. Denn der Soldatenhäuptling hat 
es verboten.« 

Der untersetzte Apache machte eine herrisch wirkende 

Handbewegung. 

Plötzlich hielten die Krieger Tuch- und Fellbündel in den 

Händen, in denen es klimperte. 

Die Weißen saßen ab, feilschten mit den Rothäuten um den 

Wert einer Flasche Whisky. Sie einigten sich auf genau zehn 

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Dollar. 

Ein Berg von Münzen wuchs vor Jim und Sandy auf. 
Die Krieger nahmen ein Packpferd und führten es davon. 
»He, und der Gaul?« flüsterte Sandy. 
»Halt um Gottes willen deinen Mund«, zischelte Jim. »Wir 

dürfen die Kerle nicht verärgern.« 

Wie aus dem Nichts tauchten immer mehr Apachen bei den 

Weißen auf. Es dauerte nicht lange, bis die Krieger 
angetrunken waren. Sie tanzten, formierten sich zu einem Kreis 
und stimmten ein Singsang an, das auf die zwei 
Whiskyverkäufer wild und furchterregend wirkte. 

Ein Indianer brachte eine Trommel, ein anderer eine Rassel, 

ein mit kleinen Steinen gefüllter Schildkrötenpanzer, und ein 
dritter Apache kam mit einer Fiedel heran. 

Das ausgehöhlte Holz war etwa einen halben Yard lang und 

leicht gebogen. An der breiteren Seite stak ein Zapfen in 
diesem Klangkörper, von dem zwei Hirschsehnen zum anderen 
Ende führten. Mit einem kurzen Bogen, dessen Sehne aus 
Pferdehaar bestand, vollführte der Indianer sägende 
Bewegungen. 

In das monotone Pochen der Trommel mischten sich die 

Geräusche der Rassel und der ungewohnte Klang der 
Apachenfiedel. 

Die Krieger tanzten um die kleine Kapelle herum. Immer 

wieder hoben sie Flaschen an die Lippen und tranken. Es 
dauerte nicht lange, bis die ersten leeren Glasgefäße auf 
Steinen aufgestellt wurden. Mit den Kriegskeulen warfen die 
betrunkenen Indianer auf ihre Ziele. 

Sie freuten sich wie Kinder, wenn sie eine Flasche trafen und 

die Splitter umhersausten. 

Mehr als 80 Indianer gerieten in Ekstase. 
»Es wird Zeit«, murmelte Jim Knowles, der die Krieger aus 

zusammengekniffenen Lidern musterte. 

Die ersten Flammen loderten auf. Wie gespenstische 

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Schatten umzuckten die Leiber der Rothäute die flackernden 
Lichtreflexe. 

»Pack das Geld unauffällig ein«, wies Jim seinen Partner an. 

»Wir verschwinden, ohne uns zu verabschieden. Die Kerle sind 
mir zu wild.« 

Sandy schaufelte den Berg Münzen, der aus Mexikanischen 

Pesos und Dollars bestand, in einen Leinenbeutel. Daß ein paar 
Hände voll Sand mit den letzten Geldstücken in dem Sack 
landete, störte Willard nicht. Hauptsache war für ihn, daß er die 
Beute in den Händen hielt. 

Hier packte er mit beiden Fäusten den neuen Anfang, die 

Grundlage für ein neues Leben in einer anderen Region. Nun 
kam es nur noch darauf an, sich ungeschoren zu verdrücken. 

Langsam zogen sich die beiden Männer zu ihren Pferden 

zurück. Die grasten einige Yards weiter hinter ihnen. 

»Feuerwasser ist wie der Atem des Pumas!« brüllte ein 

Apache und breitete die Arme aus. 

In der linken Hand hielt er eine Flasche, setzte sie an die 

Lippen, wollte trinken, aber kein Tropfen befand sich mehr in 
dem Glas. 

Mit einer unbeherrschten Bewegung warf der Krieger die 

Flasche auf den Boden. Sie zersplitterte an einem Stein. 

»He, Bleichgesichter, Händler, ich will mehr von diesem 

brennenden Wasser! Ich will stark wie zehn Pumas sein, damit 
ich euch morgen die Skalps nehmen kann!« rief der Apache 
lallend. 

»Weg von hier!« zischte Knowles seinem Kumpel zu. 

»Nichts wie weg, sonst wird's brenzlig für uns.« 

Aber es war zu spät. Zwei Dutzend anderer Krieger stellten 

ebenfalls fest, daß sie keinen Tropfen mehr besaßen und liefen 
torkelnd auf die weißen Halunken zu. 

Sandy zog den Colt, spannte den Hahn und hob die Rechte 

mit der Waffe. 

Jim Knowles Gesicht schimmerte unnatürlich bleich im 

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Schein des Mondes. 

»Mann, nicht schießen«, sagte der Oldtimer scharf, »die 

zerlegen uns mit bloßen Händen.« 

»Feuerwasser!« schrien die Krieger, die einen Kreis um die 

Weißen geschlossen hatten. 

»Hört zu!« rief Knowles. »Wir haben nichts mehr, das seht 

ihr doch. Okay, wir machten ein Geschäft miteinander. Aber 
nun ist Schluß. Wir können uns schließlich keinen Whisky aus 
den Rippen laufen lassen. Wir reiten jetzt. In zwei Tagen sind 
wir wieder hier und bringen vier Packlasten Feuerwasser mit. 
Doch wenn ihr uns nicht ziehen laßt, bekommt ihr überhaupt 
nichts mehr. Das begreift ihr doch.« 

»Feuerwasser«, murrten die Apachen und zogen den Kreis 

enger. 

Die Trommel pochte immer noch. Monoton drang das 

scharfe Rasseln der Steine im Schildkrötenpanzer durch die 
Nacht. 

Mit schrillem Mißklang rissen die Saiten der Fiedel. 
»Verdammt, wir haben nichts mehr!« rief Jim so laut er 

konnte, aber die Apachen waren zu betrunken, um seine Worte 
zu begreifen. 

Die Indianer erkannten nur, daß ihnen die beiden 

Bleichgesichter den Schnaps verweigerten. Immer enger zogen 
die Rothäute den Kreis. Sie hatten sich den zwei Männern bis 
auf Armeslänge genähert. 

»Ihr nahmt unser Gold, unser Silber«, sagte ein Krieger. »Ihr 

gebt uns kein brennendes Wasser mehr. So nehmt jetzt dies!« 

Dolchklingen blitzten im Feuerschein auf Sandy Willard 

stellte verwundert fest, daß das Sterben ganz leicht war. Es tat 
kaum weh. Und als die Schmerzwelle sein Gehirn erreichte, 
war er schon tot. 

Jims Rechte umkrampfte den Griff des Revolvers. So starb 

der Oldtimer, der in Texas 100 Gallonen Whisky an die 
Comanchen verkauft hatte. 

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Die ganze Nacht tanzten die Krieger zu dumpfen 

Trommelschlägen. Erst gegen Morgen wurden sie halbwegs 
nüchtern. Aber der Schnaps der Weißen, die reglos neben dem 
Tanzplatz lagen, hatte die Gier der Indianer noch verstärkt. 

Diejenigen, die wieder einen halbwegs klaren Kopf hatten, 

berieten sich am heruntergebrannten Feuer. 

»Ein Bleichgesicht lebt am Rande des Reservates«, sagte der 

untersetzte Krieger, der in der Nacht den Mord an den zwei 
Weißen ausgelöst hatte. »Seine Rinder weiden auf unserem 
Land, das der Vater der Pferdesoldaten für ewige Zeiten den 
Apachen zugeteilt hat.« 

Das genügte schon. 
»Töten wir ihn!« drang es aus vielen Kehlen. 
Und wenige Minuten später lagen nur jene Krieger schlafend 

in der Morgensonne, die vergangene Nacht zuviel Schnaps 
getrunken hatten. 

Nach einem wilden Ritt von einer Stunde erreichten die 

Apachen die Ranch. Sie lag tatsächlich gegen jedes Gesetz auf 
dem Gebiet des Reservates. Der Besitzer hatte einen breiten 
Grünstreifen, der mit gutem Gras bewachsen war, einfach zu 
seinem Eigentum erklärt. Die Rinder tränkte der Mann, der 
eine Frau, einen halbwüchsigen Sohn und eine kleine Tochter 
hatte, im Eagle River, der hier die Grenze des Revervats 
bildete. 

Es dauerte nicht lange. 
Eine Viertelstunde nach dem Eintreffen der Apachen lebte 

kein Weißer mehr auf der Ranch. Flammen schlugen aus dem 
Holzhaus hoch gen Himmel. Die Rauchschwaden stiegen in 
einer mächtigen Säule auf und zerfaserten erst in großer Höhe 
im Wind. Die Krieger erbeuteten einige Flaschen Schnaps und 
setzten ihre Sauferei auf dem Rückweg fort. 

Ein paar Nachbarn rafften all ihren Mut zusammen, ritten zur 

brennenden Ranch und begruben die Toten. 

Anschließend galoppierten zwei Männer nach Südosten, zum 

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Apache-Paß, auf dessen anderer Seite Fort Buchanan lag. 

Die Männer wollten General Howard sprechen. Denn es war 

an der Zeit, daß die Überfälle und Raubzüge der Apachen 
aufhörten, die Kavallerie ihnen irgendwie Einhalt gebot. 

Der einarmige Bürgerkriegsgeneral war der 
Oberkommandierende aller Truppen des Südwest-Territoriums. 

Er saß hinter dem Schreibtisch in Fort Buchanan und hörte 

den zwei breitschultrigen Ranchern zu, die östlich der San 
Carlos Reservation ihre Ländereien besaßen. 

»Sir, so geht das nicht weiter«, sagte Doolin. »Ich habe 

sechstausend Rinder auf dem Huf. Bisher bin ich nur 
ungeschoren geblieben, weil neun Cowboys auf meiner 
Lohnliste stehen. Die Apachen besitzen einen Heidenrespekt 
vor Winchestergewehren. Aber Rinken, seine Frau und die 
beiden Kinder sind tot.« 

Howards martialisches Aussehen täuschte die Rancher über 

die wahren Tatsachen hinweg: noch immer war Fort Buchanan 
stark unterbesetzt. Keine Schwadron besaß Sollstärke. 
Lediglich Offiziere gab es genug. Denn nach dem 
Sezessionskrieg bestand ein Überangebot an fähigen 
Truppenführern, die nun nicht mehr gebraucht wurden. 

»Sie müssen für Ruhe und Ordnung sorgen, General«, 

forderte der andere Rancher, der sich Dick Everett nannte. »Es 
ist die Pflicht der Army, die Siedler und Farmer zu schützen. 
Wenn es so weitergeht, zünden Ihnen die Roten eines Nachts 
Ihr schönes Fort über dem Kopf an.« 

»Und was schlagen Sie vor?« fragte Colonel White, der dem 

Stab des einarmigen Generals angehörte. 

Doolin holte tief Luft und antwortete: »Entweder sperren Sie 

jeden Apachen ins Reservat ein und ziehen eine Postenkette 
um das gesamte San Carlos-Gebiet, oder Sie bringen die Kerle 

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dazu, endlich mit ihren Kleinkriegen aufzuhören.« 

Howard lächelte schmal. Das ließ sich von einem Zivilisten 

so einfach sagen. Aber woher sollte der Kommandeur die 
Truppen nehmen? Wäre das Fort voll besetzt gewesen, hätten 
Tag und Nacht Patrouillen das ganze Land durchstreifen und 
für Ruhe sorgen können. 

Aber so… 
»Gentlemen, Sie haben vollkommen recht«, sagte Howard 

schließlich. »So kann es nicht weitergehen. Ich lasse mir etwas 
einfallen. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, daß es klappt 
und für alle Zeiten hier an der Indianergrenze die Kämpfe 
aufhören.« 

In seiner Stimme schwang eine Sicherheit mit, die ihnen gar 

nicht bewußt wurde. 

Doch die Rancher schienen zufrieden zu sein. Sie 

verabschiedeten sich und verließen die Kommandantur. 

»Großartig, Sir«, sagte Colonel White beeindruckt. »Wenn 

Sie mir jetzt noch verraten, was Sie sich einfallen lassen…« 

Howard lächelte bitter. 
»Holen Sie Walman«, bat er. »Gemeinsam müssen wir doch 

zu einem Ergebnis kommen.« 

White gab der Ordonnanz einen Befehl, und der Mann lief 

los. Colonel Walman war wenige Minuten später zur Stelle. 

In der Zwischenzeit hatte der General mit seinem einzigen 

Arm eine große Karte des Südwestterritoriums auf dem großen 
Tisch ausgebreitet. 

Als die beiden hohen Offiziere näher traten, schlug Howard 

mit der Faust auf das Kartenblatt und sagte erregt: »Sehen Sie 
sich das an. Sie kennen das Gebiet. Wie können wir mit 
unseren wenigen Dragonern für Ruhe und Frieden sorgen? 
Vorschläge, meine Herren. Ich erwarte, daß Sie sich äußern.« 

Walman musterte White, der sich über den Schnurrbart 

strich. Der hochgewachsene Offizier schien eine Idee zu haben. 
Manchmal war er ein wenig zynisch seinen Untergebenen 

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gegenüber, aber er hatte als Soldat seine Verdienste. 

»Nun, Sir«, begann White, »was halten Sie davon, daß wir 

uns zurückziehen? Sämtliche Einheiten meine ich. Wir 
ersparen uns eine Menge Ärger und lassen die Siedler ihren 
Kampf allein ausfechten.« 

Howard stöhnte und erwiderte: »Ersparen Sie uns Ihren 

Zynismus, White. Haben Sie sonst noch was zu sagen?« 

Walman holte Luft. »Können Sie bei Sherman denn nicht 

durchsetzen, daß wir mehr Truppen bekommen, Sir? In 
Sollstärke muß es uns doch gelingen, die Apachen wenigstens 
in bestimmten Regionen zu halten.« 

Howard winkte ab, als er erwiderte: »Sinnlos, Walman. Der 

Chef kann auch nicht gegen die Minister an. Das ist es ja 
gerade: einerseits gibt die Regierung das Gebiet hier frei, 
andererseits fehlen uns die notwendigsten Mittel, das Land zu 
befrieden.« 

»Dann sehe ich nur einen Weg«, sagte Walman. 
Er wies nach Südwesten. Dort lagen die Dragoon Mountains. 

Hoch in den Bergen, in einem unzugänglichen Tal, lebte 
Cochise mit seinen Chiricahuas. Der fast schon legendäre 
Oberhäuptling aller Stämme war ihre letzte Chance. 

Howard nickte und sagte: »Das habe ich befürchtet. Es ist 

wirklich der letzte Ausweg. Hoffen wir auf Erfolg. Bereiten Sie 
alles vor, Walman. White übernimmt das Kommando im Fort. 
Sie und Haggerty reiten mit.« 

»Ohne Begleitung, ohne Dragoner?« fragte White ungläubig. 
»Ja, wir wollen keinen neuen Krieg anfangen, Colonel«, 

antwortete der General. »Zuerst suchen wir Thomas Jeffords 
auf. Er kennt Cochise am besten. Wir brauchen den 
Postmeister. Wenn seine Freundschaft auch nur einen Cent 
wert ist, kommen wir wenigstens mit heiler Haut wieder 
davon.« 

Walman grüßte kurz und ging nach draußen. 
»Nehmen Sie zumindest zwei Abteilungen mit, Sir«, drängte 

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White. »Die Männer brauchen ja nicht in Cochises Gebiet zu 
reiten. Aber vielleicht benötigen Sie Kuriere.« 

Howard überlegte. 
»Einverstanden«, sagte er schließlich. »Veranlassen Sie das.« 
Auch Colonel White verließ das Office des Generals. Auf 

dem Appellplatz wurde es lebendig. 

Howard lächelte, als er White fragen hörte: »Wo sind die 

beiden verrückten Texaner? Sie sollen den General begleiten.« 

Der Einarmige hatte die Texaner wegen Beleidigung eines 

Vorgesetzten zu zwei Tagen Arrest verurteilen müssen. 

Diese Mordskerle waren beinahe eine Viertelschwadron 

wert. Mindestens einmal jede Woche belobigte der General sie 
vor der gesamten Besatzung des Fortes. 

Doch ebensooft mußte er sie einsperren lassen, weil sie 

wieder etwas ausgefressen hatten. 

»Holt sie raus, los!« befahl White. »Sie können den Rest 

ihrer Strafe später absitzen.« 

Es klopfte an der Tür. General Howard wandte sich um und 

forderte zum Eintreten auf. 

John Haggerty, der Chiefscout, glitt mit geschmeidigen 

Schritten ins Office. Der Fährtensucher trug wegen seiner 
Verdienste den Titel eines Lieutenants und das zu Recht. Denn 
er gehörte zu jenen Männern, die es immer wieder schafften, 
Streitigkeiten auszuräumen und die Apachen friedlich zu 
halten. 

Aber im Moment war auch er überfordert. 
Er strich, sich über das gewellte braune Haar, das ihm bis in 

den Nacken wuchs. 

»General, ich denke, Sie haben die einzige Möglichkeit 

ergriffen, die uns bleibt«, sagte Haggerty. »Mit etwas Glück 
ringen wir Cochise ein Versprechen ab, das uns Zeit gibt.« 

Howard setzte zu einer Antwort an, aber von draußen klang 

plötzlich Whites Gebrüll herein. 

»Was soll das heißen, die beiden weigern sich, die 

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Arrestzelle zu verlassen?« schrie der Colonel voller Wut. 
»Sergeant O'Bannion, wenn diese Starrköpfe nicht in fünf 
Minuten vor mir stehen, stecke ich Sie zu den Kerlen in die 
Zelle. Unteroffiziere, die nicht mal einen einfachen Befehl 
ausführen können, werden nach Verbüßung ihrer Strafe in die 
Küche abkommandiert. Verstanden?« 

»Sir«, rief O'Bannion, in der Hoffnung, daß ihn der General 

hörte, »die Texaner berufen sich auf das Militärstrafrecht. Es 
ist verboten, rechtskräftig verurteilte Soldaten in den Einsatz zu 
schicken. Es sei denn, es liegt ein Notfall vor. Und sie 
behaupten, Sir, mit Verlaub, wenn der General spazierenreiten 
will, ist das kein Notfall.« 

John Haggerty trat ans Fenster und blickte hinaus. 
»White steht kurz vorm Platzen, Sir«, berichtete der Scout. 

»Sie sollten eingreifen, bevor was passiert.« 

»Die Texaner haben recht«, entgegnete der General. »Ich 

hatte es im Moment vergessen. Aber ich möchte wissen, wer 
den Burschen das Militärstrafrecht erläutert hat. In Ordnung, 
ich begnadige sie.« 

Howard schrieb ein paar Worte auf einen Zettel und rief die 

Ordonnanz. Es dauerte nicht lange, bis die Texaner feixend 
über den Platz marschierten und vorschriftsmäßig bei Colonel 
White Meldung machten. 

Der Oberst verkniff sich jeden Kommentar über die 

Geschichte. 

»Sie sind zu einem Sondereinsatz abkommandiert«, sagte er 

nur. »Rüsten Sie sich vollständig aus. Sergeant O'Bannion führt 
die Abteilung. Wegtreten!« 

Brad und Zack salutierten, drehten sich um und schlenderten 

davon. 

»Siehst du, Zack«, sagte Brad, »auf Howie ist Verlaß. Ich 

wette, wir haben ein paar feine Tage vor uns.« 

»Ja, wirklich nett von ihm, an uns zu denken«, frotzelte 

Zack. »Ist ja richtig menschlich, uns zu 'nem feinen Spazierritt 

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einzuladen. Allmählich wurde es in der Zelle langweilig.« 

Das gab White den Rest. Schnaubend ging er zum General 

zurück. 

Eine Stunde später verließ der Oberkommandierende des 

Südwestterritoriums Fort Buchanan. An seiner linken Seite ritt 
John Haggerty, dessen Wildlederkleidung seltsam fremd neben 
den blauen Uniformen anmutete. 

Rechts ritt Colonel Walman, und diesen dreien folgten die 

beiden Abteilungen. 

Am frühen Nachmittag erreichte der Trupp den Apache-Paß. 

Als sie vor dem wiederaufgebauten Stationsgebäude standen 
und absaßen, trat der Postmeister heraus. 

Er begrüßte Howard und führte ihn in den Gastraum. 
Judith Willards Augen waren rot, ihr Gesicht vom Weinen 

verschwollen. Sie wußte schon, daß ihr Mann nicht mehr lebte. 
Sobald die Linien sicher waren, wollte sie mit Rick nach 
Tucson fahren, um sich dort eine Arbeit zu suchen. 

Kaffee dampfte in der Blechkanne. Walker und Kelly sahen 

dem General erwartungsvoll entgegen. 

Howard setzte sich und sagte: »Mr. Jeffords, ich brauche Ihre 

Hilfe. Das Land blutet, Menschen sterben täglich entsetzliche 
Tode. Ich habe keine andere Wahl, ich muß zu Cochise.« 

Jeffords hob die Brauen. Er versprach sich nichts von diesem 

Vorhaben. Howard war zwar sehr geschickt, wenn es um 
Verhandlungen ging, doch der Chief der Chiricahuas hatte sich 
fast völlig zurückgezogen. 

Das sagte Thomas auch und schloß: »Sir, wir riskieren nur 

unsere Skalps. Und das für einen mehr als zweifelhaften 
Erfolg.« 

»Ich habe keine andere Wahl«, sagte der General. »Mehr 

Soldaten bekomme ich nicht. Mexikanische Banditen machen 
die Grenze unsicher. Weiße Abenteurer plündern und morden. 
Dazu kommen zahllose Apachenbanden, die jede Nacht 
Schrecken verbreiten. Jeffords, ich beschwöre Sie: führen Sie 

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mich zu Cochise. Er hat Einfluß auf die anderen Stämme. Er 
soll, er muß dafür sorgen, daß diese Kämpfe endlich aufhören.« 

Howard trank seinen Kaffee. Jeffords war klar, daß der 

General nicht so leicht aufgeben würde. Er hatte eine Aufgabe, 
sicher, aber Cochise saß in seiner Apacheria und haderte mit 
sich und der Welt. 

»Kommen Sie, Haggerty«, sagte der Postmeister und winkte 

dem Scout. 

John verließ mit Jeffords den Gastraum. Die beiden Männer 

gingen zum Corral, lehnten die Unterarme auf die oberste 
Stange und tauschten ihre Ansichten aus. 

»Ja, Cochise hat eine Menge Einfluß verloren«, sagte 

Haggerty. »Aber eben deshalb ist ihm daran gelegen, den 
anderen Häuptlingen zu zeigen, daß er der Jefe ist.« 

»Vergessen Sie nicht den Streit, den ich mit ihm habe«, sagte 

Thomas. »Er lehnte die Verantwortung für die Überfälle auf 
meine Kutschen ab. Dabei hat er doch wirklich Einfluß auf die 
anderen Stämme. Doch er will damit nichts zu schaffen 
haben.« 

»Ich sehe das anders«, sagte der Scout. »Jetzt, nach diesem 

großen Kriegszug in Mexiko, droht Cochise durch Victorio 
große Konkurrenz. Die muß er niederdrücken. Es gibt eine 
Chance für uns, denke ich.« 

Sie unterhielten sich noch eine Weile, und schließlich 

stimmte Thomas Jeffords dem Plan des Generals zu. 

»Wir sollten sofort reiten«, sagte der Postmeister, »dann 

schaffen wir es noch bis zum Abend. Verhandeln können wir 
nicht mehr. Aber dafür ist morgen noch genug Zeit.« 

Die Männer ritten schweigend nach Südwesten. Erst nach 
langer Zeit sagte Jeffords zu Howard: »Ihre einzige Chance 
liegt in dem Zwist zwischen den Chiricahuas und Mimbrenjos. 

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Mangas Coloradas war der große Anführer dieses Stammes. 
Als er starb, übernahm Cochise die Macht. Darin sehe ich auch 
einen Grund für Victorios Feindschaft. Aber fordern Sie um 
Himmels willen nichts, General, bitten Sie.« 

Howard nickte. 
Nach einem langen Ritt erreichten die Männer die Dragoon 

Mountains. 

Jeffords hielt sein Pferd 20 Yards vor den anderen an. Immer 

höher türmten sich die Felsen zu beiden Seiten des Trails auf. 
Große Platten ragten wie Dächer weit über den Weg. Dort oben 
lauerten Krieger, das wußte Jeffords genau, aber er kümmerte 
sich nicht darum. 

Erst als sie den eigentlichen Zugang zu dem Tal in den 

Bergen erreichten, zügelte er seinen Fuchswallach. 

»General, Sie, Haggerty und ich reiten jetzt weiter. Der 

Colonel und die Soldaten müssen hierbleiben. Ich habe 
Cochise versprochen, niemals eine Gruppe Soldaten in sein 
Reich zu führen.« 

Howard gab die entsprechenden Anweisungen. Die Texaner 

warteten keine weiteren Befehle ab. Sie kletterten auf zwei 
Klippen und beobachteten die Umgebung. Aber sie entdeckten 
nicht einen einzigen Krieger. 

Jeffords blieb zwei Pferdelängen vor seinen beiden 

Begleitern. 

Hier in den Bergen dämmerte es schon. Die Schatten 

verzerrten die bizarren Felsformationen zu merkwürdigen 
Gebilden. 

Nach zehn Minuten ritten sie über Grasboden. Es roch nach 

Wasser, und das war der Grund dafür, warum Cochise dieses 
sechs Meilen lange Tal als Zuflucht ausgesucht hatte. Es gab 
nur diesen einen Zugang, aber dafür Wasser und Gras. 

Ein Dutzend Krieger konnte die Apacheria monatelang 

gegen eine ganze Armee verteidigen. 

Howard musterte beeindruckt die Felswände, die riesigen 

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Gesteinsblöcke, die der Kavallerie jedes Durchkommen 
unmöglich machen würden. 

»Cochise ist ein guter Stratege«, sagte der General. 
Sie ereichten das eigentliche Tal. 
»Warum werden wir nicht aufgehalten?« fragte Howard. 

»Fühlt sich der Jefe so sicher?« 

»Und ob«, antwortete Haggerty. »Wir werden beobachtet, 

seit wir auf die Dragoons zuritten. Da bin ich ganz sicher. Und 
jetzt sind schon Boten zu den anderen Häuptlingen unterwegs. 
Wenn Sie morgen mit den Verhandlungen beginnen, General, 
stehen Sie nicht nur Cochise, sondern auch den anderen Jefes 
gegenüber.« 

Minuten später kamen hinter einem Felsen zwei Indianer 

hervorgeprescht. Sie setzten sich an die Spitze der 
Dreiergruppe und führten sie zu einer Hütte, die etwas abseits 
stand. 

Jeffords erkannte Naiche, Cochises Sohn, der fast so groß 

wie sein Vater war. 

Naiche wies auf die Jacales und sagte: »Der Gast ist uns 

heilig. Morgen wird Cochise euch anhören.« 

»Ist das alles?« fragte Howard ungläubig, als er absaß. 
»Ja, das ist alles«, antwortete Jeffords. »Wir müssen uns und 

die Tiere selbst versorgen. Schließlich sind wir keine Freunde, 
Sir.« 

Die Nacht verlief ungestört. Ab und zu erwachten die 

Weißen. Sie glaubten, Pferde gehört zu haben. Aber im Lager 
der Chiricahuas blieb alles ruhig. 

Am anderen Morgen erschien Naiche wieder vor dem 

Wickiup. Er führte die Männer zu Cochise. 

Howard musterte den riesenhaften Indianerjefe, der mehr als 

sechs Fuß aufragte. Der Häuptling war muskulös, von 
beeindruckender Statur, die Respekt verlangte. 

Das Gesicht des Chiefs wirkte unbewegt, als er die Weißen 

begrüßte. 

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»Wir sind gekommen«, begann Howard, »weil wir eine Bitte 

an den großen Führer der tapferen Chiricahuas haben.« 

Cochise deutete auf den Boden vor dem Jacale. Seine 

Besucher setzten sich, und auch der Häuptling ließ sich nieder. 

Aus den Augenwinkeln sah Howard, daß Victorio und 

dessen Unterhäuptlinge Nana, Loco und Chato in der Hütte 
Platz nahmen. Santana, der Jefe der Tontos, gesellte sich zu 
ihnen. 

Unruhe ging von diesen Chiefs aus. Sie fürchteten wohl, daß 

der Soldatenvater Cochise irgendwelche Versprechungen 
abrang, die ihre Freiheiten begrenzten. 

»So sprich«, forderte der Häuptling den Offizier auf, und 

vollführte eine kurze Handbewegung. 

Howard holte tief Luft. Hier bot sich die einzige Chance, das 

Morden zu beenden. 

»Jefe, die Krieger der Apachen töten meine Landsleute. Sie 

rauben, legen Feuer und bringen Unruhe in dieses Land. Ich 
bin gekommen, dich zu bitten, deinen Einfluß geltend zu 
machen. Du bist der große Führer. Du kannst die anderen 
Stämme davon überzeugen, daß ein Kampf gegen uns sinnlos 
ist. Wir wollen kein Blutvergießen, Cochise. Wir wollen in 
Frieden hier leben.« 

Der General schwieg, um die Wirkung seiner Worte zu 

registrieren. Aber dem Gesicht mit der scharfrückigen Nase 
und den dunklen Augen war keine Gefühlsregung anzumerken. 

»Ja, ihr kamt in dieses Land, das unser Land ist«, sagte 

Cochise. »Ihr habt Jacales aus Stein und Holz gebaut, als 
sollten sie viele hundert Sommer und Winter halten. Warum? 
Was sucht ihr hier? Es ist unser Land, Howard. Immer wieder 
töten Bleichgesichter Apachen. Nicht nur Krieger, nein, auch 
Frauen und Kinder fallen den Weißen zum Opfer. Was sagt 
euer Großer Geist dazu?« 

Howard seufzte. Es wurde schwieriger, als erwartet. 
»Ich verstehe die Apachen«, antwortete er. »Aber brennen 

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nicht auch die Krieger Häuser nieder, in denen Frauen und 
Kinder leben? Töten die Krieger nicht auch Männer, die nie 
einen Indianer auch nur ein Haar krümmten?« 

Cochise schwieg eine Weile. 
Dann entgegnete er: »Dieses Land ist unser Land. Ihr 

Weißen wollt uns einsperren, zu Sklaven machen, die den 
Boden umgraben, um Mais zu pflanzen. Das ist nicht das 
Leben eines Apachen. Was sagst du, Howard, wenn morgen 
ein Mächtiger kommt, dich hinter einen Zaun sperrt und 
verlangt, daß du dort Eidechsen züchten sollst?« 

Auf diese Weise ging das Gespräch hin und her. Cochise war 

nicht bereit, auch nur in einem Punkt nachzugeben. Auch 
Howard beharrte darauf, daß die Indianer ihre Überfälle 
einstellen müßten. 

»Denn, wenn das Land brennt, Cochise«, sagte der General, 

»werden die Apachen völlig vernichtet.« Er ahnte den Einwand 
des großen Häuptlings und fuhr fort: »Dabei ist es vollkommen 
gleichgültig, was uns dies für Opfer kostet.« 

Haggerty sah sich um. Die Stimmung unter den anwesenden 

Jefes war nicht gut. Naiche saß bei ihnen und hörte genauso 
gespannt zu wie die anderen. 

In einiger Entfernung hantierte Cochises Frau. 
Sein kleiner Sohn Nachise spielte mit einer Schleuder. Der 

etwa achtjährige Knabe erreichte schon beachtliche Weiten mit 
der Rohhautschleuder, die einen Stein bis über 100 Yards 
durch die Luft beförderte. 

Das ist es, dachte John Haggerty, die Kinder sind bereits so 

gut, wie ein durchschnittlicher Weißer im Kampf. 

Wenn Howard keinen Friedensvertrag erreicht, dann ist 

wirklich jeder Weiße Freiwild für die Apachen. 

»Zuerst kamen die Männer in Eisenrüstungen«, sagte der 

Chief. »Sie raubten und plünderten. Sie suchten Gold. Wir 
kämpften gegen sie, wie wir noch heute gegen ihre Nachfahren 
kämpfen. Jetzt kommen die Bleichgesichter wie Heuschrecken 

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im Sommer über unser Land. Sag, Howard, sollen wir uns 
selbst töten? Sollen wir die Achtung vor uns selbst verlieren, 
einfach aufgeben und sagen: bitte, weißer Mann, hier ist das 
Land. Nimm es doch, wir wissen nichts damit anzufangen?« 

Howard wußte, daß er sich in der schwächeren Position 

befand, denn Cochise hatte recht. 

Seit Jahrhunderten gehörte dieses Land den Apachen. 
Aber die Weißen drängten ungestüm in jeden Winkel des 

Kontinents. Die Lebensweise der Indianer stand vor einer 
tragischen Umwandlung. Die Menschen der roten Rasse waren 
in der Minderzahl. 

Es gab nur drei Möglichkeiten für sie: sie mußten weichen, 

sterben oder sich anpassen. 

Howard war überzeugt davon, daß auch Cochise das wußte. 

Aber der Jefe wollte den Stämmen die Heimat erhalten, ihre 
Sitten und Gebräuche sichern. 

Und in diesem rauhen, kargen Gebiet benötigten die 

Apachen jeden Fußbreit Boden, um zu überleben. Sie mußten 
jeden Weißen vertreiben, weil der die natürlichen Reserven des 
Landes vernichtete. 

Haggerty blickte wieder zum Kochfeuer hinüber: Tla-ina, 

Cochises Schwester, half seiner Frau. 

»Sanfter Wind« hieß das in Haggertys Sprache. Er bemerkte, 

daß sie ihn immer wieder ansah, wenn sie glaubte, er bemerkte 
es nicht. 

Tla-ina war hübsch. Sie hatte nicht das mongolische 

Aussehen der anderen Apachen, sondern das einer 
faszinierenden Exotin. 

»Es ist sinnlos, weiter darüber zu reden«, sagte Cochise und 

stand auf. 

»Nichts ist sinnlos auf dieser Welt«, konterte der General. 

»Wenn du erlaubst, bleiben wir noch und denken über deine 
Worte nach.« 

Mit einer herrischen Geste stimmte Cochise zu. Er war ganz 

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der würdevolle Jefe, der große Häuptling, als er sich in sein 
Jacale zurückzog. 

Am Nachmittag verhandelten die beiden erneut miteinander 

– wiederum ergebnislos. 

»Jeffords«, sagte Howard am Abend verzweifelt, »ich 

komme nicht weiter. Was mache ich falsch?« 

»Nichts, General«, antwortete der Postmeister. »Es dauert 

lange, bis zwei vollkommen entgegengesetzte Meinungen 
übereinstimmen. Wenn das überhaupt möglich ist.« 

Der Postmeister sattelte sein Pferd. Naiche eilte herbei und 

fragte: »Willst du uns verlassen?« 

»Nein, ich reite zum Ausgang der Apacheria. Dort lagern die 

Begleiter des Generals. Ich will ihnen sagen, daß wir heute 
noch nicht zurückkehren. Sie sollen einen Boten zum Fort 
schicken, damit auch die anderen Pferdesoldaten nicht unruhig 
werden. Wir wollen jeden Kampf vermeiden, Naiche.« 

»Ich begleite dich, Thomas Jeffords«, sagte Naiche. »Ich 

möchte hier auch keinen Kampf. Aber die Krieger und andere 
Häuptlinge sind unruhig. Sie fühlen, daß mein Vater nachgeben 
wird. Er sagt manchmal, daß unser Volk dem Untergang 
geweiht ist, seit der erste weiße Mann den Boden dieses 
Landes betreten hat.« 

Wenig später erreichten die beiden so ungleichen Männer die 

Soldaten. 

»Sieh mal, der Postmeister«, sagte der Texaner Brad. »Ob er 

'nen Brief vom großen Chief hat?« 

»Bestimmt«, erwiderte Zack. »Der Boß steckt uns wieder in 

die Zelle.« 

»O nein, so was macht Howie nicht«, fuhr Brad auf, 

»begnadigt ist begnadigt.« 

O'Bannion knurrte: »Ihr habt heute schon genug dummes 

Zeug geredet. Das reicht für einen ganzen Monat Bau. Und 
hört endlich auf, den General Howie zu nennen, verdammt 
noch mal!« 

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Haggerty saß ab und hockte sich mit Naiche zu Colonel 

Walman ans Feuer. 

»Wie sieht's aus?« fragte der Oberst. 
»Schlecht, aber nicht aussichtslos«, antwortete Jeffords. 

»Wir werden wahrscheinlich ein paar Tage brauchen. Ich 
komme jeden Abend, um zu berichten. Schicken Sie einen 
Mann zum Fort, damit White nicht eine Schwadron in Marsch 
setzt.« 

»Ich verstehe, Cochise«, sagte Walman. »Seine Art zu leben 

ist vorbei. Wir Weißen drängen immer weiter vor. Eines Tages 
stoßen wir auf einen Gegner, der stärker ist als wir. Dann 
ergeht es uns genau wie jetzt den Rothäuten.« 

»Hoffentlich nicht«, sagte Jeffords und erhob sich. »Wir 

müssen zurück, Colonel. Drücken Sie uns die Daumen, daß wir 
etwas erreichen. Es ist bitter nötig.« 

Naiche führte die Pferde heran und saß auf. Die beiden 

Männer ritten auf den dunkel gähnenden Schlund des einzigen 
Zugangs der Apacheria zu. 

Der nächste Tag brachte nicht viel Veränderung in den 
Standpunkten der beiden Anführer. 

Lediglich nach dem Mittagessen wurde Cochise konkret. 
»Das Reservat«, begann er, »ist den Apachen für alle Zeiten 

zugesichert. Ich vernahm, daß weit auf den Winter zu ähnliche 
Gefängnisse für Indianer anderer Stämme geschaffen wurden. 
Ich hörte, wie die Weißen ihr Wort hielten, Howard.« 

Der General fluchte innerlich, obwohl ihm so etwas fernlag, 

denn er war ein gläubiger Mensch. 

»Die Weißen drängen in das Reservat«, fuhr Cochise fort, 

»die Indianer wehrten sich, töteten die Eindringlinge, die gegen 
ihr eigenes Gesetz verstießen. Und dann kamen die 
Pferdesoldaten, brachten die Indianer um und vertrieben sie aus 

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dem Land, das für ewige Zeiten ihnen gehören sollte. Howard, 
willst du mit den Apachen das gleiche machen?« 

Howard straffte sich im Sitzen. 
»Nein«, antwortete er hart, »das will ich nicht, und das werde 

ich nicht. Wenn Weiße im Gebiet der San Carlos Reservation 
leben, so müssen sie dort weg. Das verspreche ich, Cochise. 
Ich gebe sofort die entsprechenden Befehle, sobald ich in Fort 
Buchanen bin. Von Fort Apache aus werden diese Befehle 
ausgeführt.« 

Cochise war zufrieden. Er hatte einen kleinen Sieg errungen. 

Aber er fragte sich, was das Wort eines Weißen wert war. 

»Aber ich lasse genausogut alle Krieger verfolgen«, sagte 

Howard bedächtig, »die Weiße außerhalb des Reservates 
verfolgen und töten.« 

»Du hast nicht genug Soldaten, Howard«, warf der Jefe 

lächelnd ein. 

Der General spürte, daß die Zurückhaltung allmählich 

zerbröckelte. 

Aber für diesen Tag brach Cochise die Gespräche ab. Er 

gestattete den Besuchern, sich in der Apacheria umzusehen. 
Denn er wollte ihnen vor Augen führen, daß seine Bergfestung 
uneinnehmbar war. 

Ständig begleiteten Naiche und einige Krieger die Fremden. 
Thomas Jeffords war bedrückt. Cochise ließ nicht erkennen, 

daß er an der Fortsetzung ihrer Freundschaft interessiert war. 
Und das nagte sehr an dem Postmeister. 

»Lassen Sie ihm Zeit«, riet John Haggerty, der Scout, der 

den großen Jefe verehrte. »Dieser üble Streit zwischen euch ist 
noch nicht ausgestanden. Es war falsch, Jeffords, Cochise für 
die Überfälle der Tontos und Mimbrenjos verantwortlich zu 
machen. Der richtige Weg ist der, den Howard jetzt beschreitet. 
Aber auch für Sie und Ihre Sorgen kommt der Zeitpunkt. Ich 
bin ganz sicher.« 

Während der Nacht hörten die Weißen die erregten Stimmen 

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der anderen Häuptlinge. Die merkten, daß ihr großer Anführer 
bereit war, nachzugeben. Und das stimmte sie zornig. Denn 
ging es nicht um den Kampf aller Apachen, um ihr Land? 

General Howard benötigte weitere acht Tage, um sich mit 

Cochise zu einigen. 

Es war schwer gewesen, den Chief zu Versprechungen zu 

bewegen. Und jede Forderung Howards beantwortete Cochise 
mit einer Gegenforderung. 

Aber am Ende der insgesamt elf Tage dauernden 

Verhandlungen atmete der General auf. Er hatte versprechen 
müssen, daß Weiße, die Apachen ermordeten, des Landes 
verwiesen wurden. 

Er hatte versprechen müssen, daß die Siedler die Flüsse und 

Creeks nicht umleiteten und ein Dutzend anderer Dinge mehr. 

Aber es war Howard gelungen, dem obersten Anführer aller 

Stämme die Zusage abzuringen, ein halbes Jahr Frieden zu 
halten. 

»Ich spreche zu meinen Brüdern«, rief Cochise und stand 

auf. 

Er breitete die Arme aus. Die hellen Hirschlederhosen 

schimmerten im Schein der Nachmittagssonne. 

Naiche trat hinter seinen Vater und beobachtete Santana, 

Loco, Chato, Nana und vor allem Victorio, dessen Miene 
wutverzerrt war. 

»Brüder«, rief Cochise, »Ihr habt gehört, was der weiße 

Häuptling sagte. Die Wasser werden fließen, und das Land der 
Apachen bleibt uns erhalten. Wir ziehen nach der Sitte unserer 
Väter durch unser Gebiet und jagen wie seit Urzeiten. Laßt die 
Bleichgesichter in Frieden. Seht ihr, daß sie Dinge tun, die 
nicht nach dem Willen des Großen Geistes sind, so meldet 
diese euren Jefes. Der Soldatenvater befiehlt, daß alle Verstöße 
gegen unsere Vereinbarung geahndet werden. Es ist mein 
Wille, daß die Stämme Frieden halten – Frieden für mindestens 
sechs Mondzeiten.« 

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Victorios finsterem Gesicht war schon anzusehen, daß er sich 

auf keinen Fall wortgetreu an diese Versprechen zu halten 
gedachte. 

Der Jefe der Mimbrenjos war nicht mit Cochises 

Entscheidung einverstanden. 

Aber noch jemand hatte an der Vereinbarung etwas 

auszusetzen: Thomas Jeffords. 

Der Postmeister stemmte sich hoch, blickte in Cochises 

schwarze Augen und sagte: »Wir waren Freunde, Häuptling, 
und ich möchte, daß es so bleibt. Du hast gut und richtig 
gehandelt in den letzten Tagen. Ich bin froh, daß zwischen 
unseren beiden Völkern jetzt Friede herrscht. Aber ich 
vermisse etwas.« 

Erwartungsvoll sah der berühmte Häuptling den Weißen an. 
»Du garantierst nicht die Sicherheit der rollenden Jacales, für 

die ich verantwortlich bin, mein Freund«, fuhr der Postmeister 
fort. »Mit deinem Einverständnis habe ich die Strecken 
erweitert. Die Kutschen bringen wichtige Dinge in das ganze 
Land. Aber sie sind nicht geschützt. Ich bitte dich, deinen 
Einfluß auch hier geltend zu machen. Denn sonst sehe ich kein 
Ende der Scharmützel zwischen Apachen und Weißen.« 

Cochises eben noch freundliches Gesicht verdüsterte sich. 
»Ich erwarte von dir, daß du die Sicherheit der Kutschen 

garantierst«, forderte Jeffords. 

Der Jefe hob den rechten Arm und machte eine heftige 

Abwärtsbewegung. Die senkrecht gestellte Hand schien die 
Luft zu durchschneiden. 

Jeder wußte, was dies bedeutete: die Sache ist erledigt. Der 

Jefe hatte entschieden und gesprochen. Jedes weitere Wort war 
überflüssig. 

Aber Jeffords ließ nicht locker. 
»Ich war vor einiger Zeit schon einmal bei dir, Häuptling«, 

sagte er. »Krieger der anderen Stämme plünderten die 
Kutschen aus, metzelten die Reisenden nieder und legten Feuer 

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an die Wagen. Du bist der oberste Jefe. Damit muß Schluß 
sein!« 

»Schweig!« rief Cochise mit dröhnender Stimme. »Die 

Beratung ist vorbei. Was du zu sagen hast, ist Wind, der sich in 
der Nacht verliert.« 

»Ich kann nicht schweigen«, entgegnete Jeffords fast 

genauso laut. »Ich bin für die Sicherheit der Transporte 
verantwortlich.« 

»Verdammt«, flüsterte Haggerty dem General zu, »er soll 

aufhören. Er gefährdet alles und bringt uns in Teufels Küche.« 

Krieger liefen heran. Sie hielten ihre Bogen schußbereit. 

Naiche winkte die Chiricahuas zurück. Dies war eine Sache 
zwischen seinem Vater und dem Weißen. 

»Es sind deine Transporte, nicht meine, nicht die der 

Apachen«, sagte der Chief und ballte seine Hände. 

»Aber dein Wort genügt, um sie zu schützen.« 
»Mein Wort dafür bekommst du nicht, weißer Mann.« 
Nicht Freund, dachte Haggerty voller Besorgnis, statt dessen 

sagt er weißer Mann zu Jeffords. 

In seinem Zorn registrierte Thomas diese letzte Warnung 

nicht. 

»Du bist kein Jefe«, sagte er hitzig, »sondern eine Squaw. 

Warum nenne ich dich Freund? Weil ich dein Freund sein will, 
und weil man von einem Freund auch einen Dienst erwarten 
kann. Aber den verweigerst du mir. Soll die Station wieder 
brennen? Sollen wieder Menschen sterben, obwohl du gerade 
Frieden versprachst?« 

Cochise sprang geschmeidig und mit einem mächtigen Satz 

vor. Seine Rechte umklammerte den Griff des Dolches, den er 
am Gürtel der Hirschlederhose trug. 

Die schwarzen Augen des Häuptlings funkelten vor Wut. 

Dieser weiße Hund will mein Freund sein und beleidigte den 
großen Führer der Apachen im gleichen Atemzug. 

»Ich bin Cochise«, stieß er hervor. »Ich bin dir keine 

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Rechenschaft über meine Entscheidungen schuldig. Sollen 
deine Wagen doch brennen, mich interessiert das nicht.« 

»Du forderst zum Kampf, zum Krieg auf!« fauchte Jeffords. 

»Da, sieh hinter dich, dort stehen sie und warten darauf. 
Santana und Victorio sind es, die sich nicht an deine Worte 
halten.« 

»Dieser Narr«, stöhnte John Haggerty, »er riskiert unser 

Leben.« 

»Sagst du, daß Cochise sein Wort nicht hält?« 
Sprungbereit, etwas geduckt, wie ein Puma kurz vor dem 

Angriff, stand der große Apache kaum zwei Yards vor 
Jeffords. 

»Wenn du nicht die Sicherheit meiner Kutschen garantierst, 

ja«, antwortete der Postmeister mutig. »Dann brichst du dein 
Wort, das du vor Minuten erst gabst.« 

Thomas Jeffords handelte aus seiner Sorge um die ihm 

anvertrauten Passagiere, Kutscher und Wertsachen heraus. Sein 
Auftrag war es, den regelmäßigen Postdienst im Südwesten zu 
organisieren. Und wie es nun aussah, bekam er keinen Frieden 
auf seinen zahlreichen Strecken. 

Aber er hatte Cochise die schlimmste Beleidigung zugefügt, 

die es für einen Indianer gab: wortbrüchig zu sein. 

In diesen wenigen Sekunden wurde die Freundschaft 

zwischen den beiden Männern, die so ungleich und sich doch 
so ähnlich waren, weggewischt wie durch eine Feuerzunge. 

Cochise spannte sich, sprang aus dem Stand vor und hielt 

plötzlich den Dolch in der Rechten. Grell brach sich der 
Sonnenschein auf der blanken Klinge. 

Im letzten Moment warf sich der Scout John Haggerty 

zwischen die vom Zorn verblendeten Männer. 

John zuckte zusammen, als sich die Klinge in seinen 

Oberarm bohrte. 

Cochises Augen weiteten sich. 
Mit einem Ruck riß der Jefe das Messer wieder an sich. 

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Lauernd blickte er über Haggertys Schulter, suchte Jeffords 
Blick, wollte geschmeidig an dem Mann in der 
Wildlederkleidung vorbei, aber der Scout trat erneut zwischen 
die beiden. 

»Auch das ist Freundschaft, Cochise«, sagte John Haggerty. 
Jeffords erwachte wie aus einer Erstarrung. Er sah das Blut, 

das aus dem Oberarm des Scouts tropfte und die Lederjacke 
dunkel färbte. 

Voller Entsetzen wurde dem Postmeister klar, was er 

angerichtet hatte. Langsam, mit kleinen Schritten, zog er sich 
zurück. 

General Howard brachte die Pferde. 
Cochise steckte das Messer in die Scheide, ohne Haggertys 

Blut abzuwischen. Abrupt drehte sich der hochgewachsene 
Häuptling um. Mit weit ausgreifenden Schritten ging er zu 
seinem Jacale und verschwand darin. 

Aus den Augenwinkeln heraus musterte Haggerty Tla-inas 

Gesicht, in deren Züge sich der Schreck eingegraben hatte. 
Bangte das Mädchen um ihn? 

»Nichts wie weg«, flüsterte der General und saß auf. 
Haggerty beherrschte sich meisterhaft. Er mißachtete das 

Brennen in seinem Arm, schwang sich normal in den Sattel 
und nahm die Zügel wie immer mit beiden Händen. 

Naiche gab den Chiricahuas einen Wink. Die Krieger 

verteilten sich, umstanden die befreundeten Häuptlinge und 
ihre Begleiter in einem Halbkreis und achteten darauf, daß die 
Gesetze der Gastfreundschaft nicht gebrochen wurden. 

Jeffords blickte Victorio an. Im Gesicht des Mimbrenjos 

leuchtete offener Triumph. 

Das war ein Vorfall nach Victorios Geschmack. Die Freunde 

zerfleischten sich gegenseitig. Und die Apachen waren die 
lachenden Dritten. 

»Oh, verdammt«, stöhnte Thomas. »Manchmal glaube ich, 

daß dieser Streit nie aufhört.« 

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»Kein Wort mehr darüber jetzt«, warnte Haggerty. »Wir 

müssen erst mal aus der Festung sein. Aber dann fängt der 
Ärger richtig an. Oder glauben Sie, daß uns die Tontos und 
Mimbrenjos nach diesem Vorfall friedlich ziehen lassen?« 

Jeffords antwortete nicht. 
Erst nach einer Weile raunte er: »General, wenn Sie heute 

Ihren Skalp verlieren, wissen Sie, wem Sie das zu verdanken 
haben.« 

»Unsinn. Wir schaffen es. Vergessen Sie nicht die beiden 

Abteilungen, die draußen warten.« 

Genau das fürchtete Thomas ja. Er schaute zur Seite, zu 

Haggerty. Auch der Scout war besorgt. Die Anwesenheit der 
Dragoner konnte das Pulverfaß zur Explosion bringen. Und in 
diesem Augenblick wären dann sämtliche Vereinbarungen 
hinfällig geworden. 

Endlich erreichten die drei Weißen den Ausgang der 

Apacheria. Zwischen den bizarren Felsen wand sich der 
schmale Weg hindurch, auf dem die Pferde nur hintereinander 
gehen konnten. 

General Howard ritt an der Spitze. 
»Ich lasse die Männer aufsitzen«, rief der General. 
Als Jeffords und Haggerty die anderen erreichten, fiel ihnen 

als erstes Colonel Walmans besorgte Miene auf. 

»Was ist passiert?« fragte der Oberst. 
Er sah die Wunde, den blutnassen Ärmel der Wildlederjacke 

und holte tief Luft. 

»Weiter! Wir haben keine Zeit, den Stich zu verbinden«, 

sagte Haggerty ungeduldig. »Bitte, General, lassen Sie 
anreiten!« 

Brad und Zack warteten, bis alle an ihnen vorbei waren. Die 

Gesichter der beiden texanischen Spaßvögel wirkten mit 
einemmal grimmig und entschlossen. Sie waren dabei, sich 
eine weitere Belobigung zu verdienen. 

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Der Trupp erreichte halbwegs übersichtliches Gebiet. 
Vereinzelt krüppelig wuchernde Bäume spendeten neben 
hervorspringenden Felsen die einzigen Schatten. 

Wasser gab es hier kaum. Der Weg nach Fort Buchanan war 

weit und gefährlich. Zu den Fährnissen der Natur kam auch 
noch die Feindschaft der Apachen. 

Denn Jeffords, Howard und Haggerty waren sicher, daß 

ihnen Kriegergruppen folgten, um die Schmach des großen 
Jefe zu rächen. 

So war es auch. 
Nach kaum zwei Meilen scharfen Rittes klang rings um die 

beiden Abteilungen der Ruf der Wüstenspottdrossel auf. 

»Sie haben uns umzingelt«, stellte Howard fest. »Wir 

machen uns gefechtbereit.« 

Ein scharfes Schwirren durchschnitt die Luft. Zack und Brad 

parierten ihre Pferde, die verschreckt zur Seite sprangen. 

Zwei Pfeile bohrten sich harmlos in den Sand. 
»Links rechts?« fragte Zack seinen Freund. 
Brad nickte nur. Sie brauchten wirklich kaum Worte, um sich 

zu verständigen. Seit Jahren ritten sie nun schon zusammen. 
Gemeinsam waren sie in die Army eingetreten und standen 
jeden Sturm durch. Sie hielten die Spencer-Karabiner in den 
Fäusten. 

Zwei Schüsse krachten fast gleichzeitig. Zwei 

Apachenkrieger kugelten von einer sandigen Anhöhe herab 
und blieben auf dem Trail reglos liegen. 

Howard fuhr im Sattel herum. Der General hatte einen 

scharfen Verweis auf der Zunge. Aber als er die Pfeile sah, die 
noch wippten, schwieg er. Die Texaner hatten richtig 
gehandelt. Es war Notwehr gewesen. 

»Tontos, Sir«, erklärte John Haggerty und band sich ein 

Halstuch um die Armwunde. »Ich wette, die Mimbrenjos sind 

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schon an uns vorbei. Sie lauern uns irgendwo auf.« 

»Was hat Howie bloß bei diesem Riesenhäuptling 

angestellt?« fragte Zack laut. »Mann, die Burschen sind ja 
stocksauer auf uns.« 

»Ja, ist nichts mit Spazierritt«, antwortete Brad wortkarg. 
Jeffords richtete sich im Sattel auf und rief: »Der General hat 

gar nichts gemacht. Er hat es geschafft, ein halbes Jahr Frieden 
auszuhandeln. Ich war es, der einen Streit mit Cochise anfing. 
Wenn euch der Teufel holt, so habt ihr das mir zu verdanken.« 

Die Texaner sahen sich an. Sie waren beeindruckt. Dieser 

Postmann, dieser Briefträger, war ja doch ein ganzer Kerl. Er 
nahm auf sich, was er angestellt hatte, und das imponierte den 
harten Burschen jederzeit immer. 

»Keine Sorge, Mr. Kutschenputzer«, sagte Zack, »wir 

nehmen dem Teufel seinen Skalp, wenn er kommt. Sie können 
auch in Zukunft noch Ihre unbequemen Kutschen auf den Trail 
schicken.« 

»Hoffentlich«, murmelte Jeffords. 
Immer mehr Krieger tauchten auf den Hügelkuppen auf, 

galoppierten weit vor den Weißen quer über den Trail. 

Howard und seine Männer sahen sich umzingelt. Ab und zu 

öffnete sich einladend eine Lücke in dem weiten Ring aus 
berittenen Kriegern, die ihr schauerliches Kampfgeheul 
anstimmten. 

Aber der General war zu klug, um in eine solche Falle zu 

reiten. 

Immer enger zogen die Apachen den Ring um die Soldaten 

und Zivilisten. 

»Wir müssen durch«, sagte Howard beherrscht. »Ich will, 

daß so wenig Blut wie möglich vergossen wird. Die Apachen 
sollen keinen Grund haben, uns den Anfang eines neuen 
Krieges anzulasten.« 

Jeffords spürte den versteckten Vorwurf, der in diesen 

Worten lag. 

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»Reitet weiter«, sagte er dumpf, »ich bleibe hier. Wenn mein 

Weg hier zu Ende ist, nun gut.« 

»Übergeschnappt.« 
Und dieses Mal waren es nicht nur die zwei Texaner. Brad 

und Zack grinsten sich an. 

»Daß Haggerty okay ist, wußten wir ja«, sagte Brad. 
»Von Colonel Wally ahnten wir es«, fuhr Zack fort. 
»Aber daß Howie sich unserer Meinung anschließt«, 

vollendete Zack, »das ehrt uns doch.« 

Denn außer dem Scout hatten auch Colonel Walman und der 

General dieses Wort förmlich ausgespuckt, als Jeffords seine 
Idee preisgab. 

Haggerty sah den Oberst an. Walman zog ein Gesicht, als 

hätte er eine ganze Kanne Kerosin ausgetrunken. 

»Wally, sieh mal an«, murmelte der Scout und schaute ganz 

unschuldig den Colonel an. 

Walman wollte etwas sagen, öffnete den Mund, aber 

Haggerty kam ihm zuvor: »Keine Sorge, Sir, von mir erfährt es 
niemand.« 

Die Dragoner lachten laut. Mindestens 30 Männer hatten 

mitbekommen, welchen Spitznamen die beiden verrückten 
Texaner dem Oberst angehängt hatten. 

Brad und Zack hatten das ihre getan, um der Situation die 

Spannung zu nehmen. Selbst Howard lachte verhalten. Sein 
ansonsten schwarzer Bart wirkte durch den Staub wie gepudert 
und sein Mund beim Lachen wie ein dunkles Loch. 

Aber lange hielt das Gelächter nicht an. Denn die Apachen 

rückten immer näher heran. 

Den beiden Abteilungen blieb nichts als die Flucht, wenn sie 

keinen tagelangen Kampf auf Leben und Tod beginnen 
wollten. 

Die Mimbrenjos und Tontos legten es darauf an, die Weißen 

zu reizen, sie zu unüberlegten Handlungen zu zwingen, aber 
General Howard hielt seine Männer eisern im Zaum. 

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Sie duckten sich zwar, wenn Pfeilwolken heranschwirrten, 

aber sie erwiderten nicht einmal das Gewehrfeuer, das in 
unregelmäßigen Abständen aufflackerte und zwischen den 
Beinen der Pferde Sandfontänen hochwarf. 

»Schneller, wir sind zu langsam!« drängte Haggerty. »Wenn 

wir vor der Dämmerung am Schildkrötenrücken sind, haben 
wir es geschafft.« 

Die meisten Männer kannten den kahlen Felsbuckel, der sich 

in der Halbwüste wie der Rückenpanzer einer Schildkröte 
erhob. 

Es war eine uralte Sitte der Apachen, daß der Feind, der bei 

Sonnenuntergang diesen Punkt erreichte, eine Gnadenfrist von 
vier Stunden bekam. 

Und vom Schildkrötenfelsen aus erreichten die Reiter in drei 

Stunden scharfen Rittes Fort Buchanan. 

General Howard, John Haggerty, Thomas Jeffords und die 
Kavalleristen schafften es. Doch die Tonto- und 
Mimbrenjoskrieger gaben nicht auf. Zum erstenmal 
mißachteten sie die alte Sitte. 

Die Soldaten zwangen ihre Pferde immer wieder in Galopp. 

Die erschöpften Tiere atmeten prustend und rasselnd. Schaum 
flockte ihnen von den Mäulern, aber sie mußten durchhalten. 
Jedem Mann war klar, daß er starb, wenn sein Pferd unterwegs 
zusammenbrach. 

Haggertys Wunde brannte wie Feuer. Wenn das Messer nicht 

sauber gewesen war, drohte dem Scout eine Blutvergiftung, die 
in diesen Zeiten fast immer tödlich endete. 

Nach einer weiteren Stunde rief John dem General zu: »Sir, 

vom Fort können die Posten jetzt eine Leuchtkugel sehen.« 

»Walman, brennen Sie Rotlicht ab!« befahl Howard. 
Der Colonel nahm aus der Satteltasche eine Papphülse, die 

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an eine Dynamitstange erinnerte. Nur ein langer Holzstab 
unterschied diese beiden Sprengkörper voneinander – 
äußerlich. 

Walman riß am Horn des schweren, unbequemen McClellan-

Sattels ein Schwefelholz an und hielt die kleine Flamme an die 
Lunte. 

Mit der anderen Hand hielt der Oberst den Holzstab steil 

nach oben. Abgewandt wartete der Offizier, bis nach einem 
Zischen ein leiser Knall erfolgte, bevor er den Stab wegwarf. 

Am Himmel glühte eine blutrote Sonne auf, die das karge 

Land mit unnatürlicher Farbe erhellte. 

Angstschreie schrillten aus den Reihen der Krieger herüber. 
»Wartet ein paar Minuten«, empfahl Haggerty. 
Sie zügelten ihre Pferde, die dankbar diese kurze Ruhepause 

nutzten. Sie standen da mit hängenden Köpfen. 

Und dann klang in der Ferne das Schmettern eines 

Trompetensignals durch die einsetzende Dämmerung. 

In Fort Buchanan gaben die Posten Alarm. Die Schwadron 

ritt in wenigen Minuten aus, um Rettung zu bringen. 

Wie ein Spuk verschwanden die Krieger. 
»Geschafft«, sagte Howard nur und preßte seinem Falben die 

Hacken in die Flanken. 

Er war keineswegs sicher, daß Cochise nach diesem 

Zwischenfall zu seinem Wort stand. 

Nach einer Nacht im Fort, in der alle Männer wie erschöpft 

schliefen, war Howards erster Gedanke nach dem Erwachen: 
Patrouillen müssen raus. Ich muß wissen, wie die Lage ist. 

Eine Stunde später verließen die ersten Gruppen das Fort. 

Haggerty hatte Glück gehabt. Der Messerstich erwies sich zwar 
als schmerzhaft, aber harmlos. 

Jeffords kehrte in die Paßstation zurück. 
In den nächsten Tagen blieb alles ruhig. Nirgendwo 

überfielen Apachen einsame Farmen und Ranches, selbst die 
Kutschen rollten unbehelligt durch das Territorium. 

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Patrouille auf Patrouille jagte Howard hinaus, aber alle 

Meldungen besagten das gleiche: Cochise hält sein Wort. 

Offensichtlich sah er in seinem Streit mit Thomas Jeffords 

keinen Grund, das Kriegsbeil gegen die Weißen wieder 
auszugraben. 

ENDE