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Dagmar Mißfeldt 

(Hg.) 

Morden im 

Norden 

scanned 2006/V1.0 

Kühl und rücksichtslos schlagen die Täter zu. Autoren und Autorinnen aus 
Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark sind berühmt für 
Hochspannung – lassen Sie sich entführen in ewige Dunkelheit und 
zwielichtige Mittsommernächte! 

ISBN: 3-596-16529-6 

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag 

Erscheinungsjahr: 2004 

 

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! 

 

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Buch 

 

Ein Hoch aus dem Norden bestimmt schon seit einiger Zeit die 
Kriminalliteratur. Dieser Band enthält die besten 
Kriminalgeschichten der Experten für eiskalten Mord aus 
Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark. Darunter finden 
sich alte Bekannte, aber auch neue Autoren und Autorinnen: 
Von Ditte Birkemose bis Aino Trosell wird ein breites Spektrum 
an echten und vermeintlichen Verbrechen präsentiert, und es ist 
sicher kein Zufall, dass gleich zweimal für die Region typische 
Leckerbissen wie Krebse und Hummer aufgetischt werden … 
Der nordische Boom hat inzwischen auch Island erreicht, 
deshalb wurden auch einige Geschichten isländischer 
Autorinnen aufgenommen, die erstmals ins Deutsche übersetzt 
worden sind. 

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Die Herausgeberinnen: 

 
Gabriele Haefs, Christel Hildebrandt und Dagmar Mißfeldt 

leben in Hamburg und übertragen nicht nur nordische Literatur 
ins Deutsche, sondern sind als Herausgeberinnen ein eingespiel-
tes Team und haben Anthologien zu allerlei Themen 
herausgegeben. Zuletzt erschien ›Skål, Admiral von Schneider‹, 
skandinavische Geschichten zum Thema Alkohol. 

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Inhalt 

 

Vorwort....................................................................................................5 
Logenplatz Ann-Christin Hensher .........................................................12 
Knud und der Kater Ditte Birkemose.....................................................20 
Das Klassentreffen Toril Brekke............................................................27 
Zwei Männer der Tat Jonny Halberg.....................................................45 
Das Meierschloss Viktor Arnar Ingólfsson............................................52 
Was geschah in Nummer 7? Margaret Johansen ..................................57 
Der offene Brief Edda Magnúsdóttir .....................................................65 
Hombre Lars Kjædegaard .....................................................................68 
Verwandte alte Bekannte Johanna Helga Halldórsdóttir ......................92 
Ohropax Unni Lindell..........................................................................113 
Der zufällige Tod eines Direktors Leif Davidsen.................................131 
Auf beiden Augen blind Kim Småge.....................................................153 
Auge um Auge Björn Hellberg.............................................................171 
Die Scheren des Hummers Gert Nygårdshaug ....................................185 
Mord in Reykjavik Birgitta H. Halldórsdóttir......................................204 
Die Frau, die unsichtbar wurde Unni Nielsen .....................................218 
Das Letzte, was sie taten Veums erster Fall Gunnar Staalesen...........227 
Nachts allein nach Hause Aino Trosell ...............................................262 
Krebsfest in Schwarz Marita Gleisner .................................................279 
Ein knackiger Hintern Leena Lehtolainen ...........................................296 
Die Abschiedsparty Pentti Kirstilä ......................................................313 
Die Wahl des vorsichtigen Mannes Reijo Mäki ...................................321 
Kriminell schön Taavi Soininvaara .....................................................330 
Zu den Autorinnen und Autoren...........................................................350 
Quellenverzeichnis...............................................................................355 

 

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Vorwort 

Morden im Norden – diese Tätigkeit besitzt in ihrer literarischen 
Verarbeitung in ganz Europa einen guten Ruf. Was nicht 
überraschen kann. Die Nachkommen der von den Wikingern 
heimgesuchten europäischen Völker (die nun wiederum über 
diese unerwünschten Gäste eine reichhaltige Literatur 
hinterlassen haben) müssen doch erleichtert aufatmen bei der 
Erkenntnis, dass die Nachkommen dieser Gäste heutzutage 
lieber in ihren eigenen Ländern morden. Und literarisch gesehen 
scheint die skandinavische Kriminalliteratur in einer 
beeindruckenden Tradition zu stehen. Schon in der 
mittelalterlichen Saga-Literatur wird gemordet, was das Zeug 
hält. Dabei spielt die Suche nach dem Mörder jedoch keine 
Rolle: Alle wissen von Anfang an, wer es war. Die Frage ist 
nun: Kann er vor den Verwandten seines Opfers fliehen, die 
Sitte und Brauch ihrer Zeit gemäß zu Blutrache verpflichtet 
sind? Wie und ob er es schafft, bringt für die Lesenden 
Spannung en masse. Auf das Motiv wurde schon vor tausend 
Jahren großer Wert gelegt. Dem Mann, der in einer Saga einen 
Sklaven enthauptet hat, nur weil der gerade so »passend« da 
steht, wird kein besonderer Ruhm zuteil, da für einen Sklaven 
niemand Blutrache nimmt. Es kommt keine Spannung auf, und 
das Motiv ist nun wirklich wenig überzeugend. Skandinavische 
Autorinnen neuerer Zeit halten sich an die alten Vorbilder. Den 
norwegischen Nobelpreisträger Knut Hamsun mit Morden im 
Norden in Verbindung zu bringen mag abwegig erscheinen, aber 
die Lektüre ergibt: Hamsum lässt morden. Abgelegte Liebhaber 
werden ebenso bedenkenlos aus dem Weg geräumt wie die 
Geschäfte störende Konkurrenten. Bei seiner ebenfalls mit dem 
Nobelpreis ausgezeichneten Kollegin Sigrid Undset morden die 
Romanpersonen aus den alleredelsten Motiven. Zum Beispiel 

 

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um den guten Ruf seiner Verlobten zu schützen, bringt Olav 
Audunssohn aus dem gleichnamigen Roman deren Liebhaber 
um. Danach wird er ungefähr tausend Seiten lang von 
grauenhaften Gewissensbissen gequält. Nicht wegen des 
Mordes, der Liebhaber hatte nichts anderes verdient, was 
machte er sich auch an andrerleuts Verlobte heran, sondern weil 
Olav das aus diesem Seitensprung entstandene Kind seiner Frau 
als sein eigenes ausgibt und damit die Erbverhältnisse in der 
Großfamilie durcheinanderbringt. Das Rachemotiv ist übrigens 
auch in der modernen Literatur nicht in Vergessenheit geraten, 
wie die Erzählung von Jonny Halberg zeigt. 

Bei einer solchen Ahnengalerie – die hier ja wirklich nur 

höchst oberflächlich gestreift werden kann – ist es kein Wunder, 
dass das heutige Morden im Norden, nun endlich in der 
modernen Form des Kriminalromans, international so großen 
Erfolg hat. Der Erfolg setzte in den siebziger Jahren ein. Das 
schwedische Paar Sjöwall/Wahlöö prägte auf Dauer unser aller 
Bild vom skandinavischen Krimi, mit Helden, die altern und 
nicht unbedingt sympathisch sind, mit deutlichem Lokalkolorit 
und mehr als nur einem Schuss Sozialkritik. Dass sonst nicht 
besonders viel Kriminalliteratur aus dem Norden in anderen 
Sprachen erschien, wurde einfach übersehen. Tatsächlich aber 
lässt sich in der skandinavischen Krimiszene jener Jahre nur 
noch ein anderer Name von internationalem Format finden: der 
des Norwegers Jon Michelet, wie Sjöwall/Wahlöö in viele 
Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt, in Deutschland aber nie 
so richtig populär geworden, was sicher daran liegt, dass seine 
Krimis hierzulande nur in stark gekürzter Fassung erschienen. 
Kim Småge, die erste Autorin im Norden, die Ermittlerinnen 
auftreten und gegen eine Mauer aus männlichen Vorurteilen 
anrennen ließ, musste sich in der Presse jahrelang die 
Bezeichnung »der weibliche Jon Michelet« gefallen lassen, 
nahm es aber einigermaßen gelassen hin und als Beweis dafür, 
dass das in ihren Romanen gezeichnete Bild der 

 

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Männergesellschaft eher noch untertrieben war. 

Inzwischen boomt die Krimiliteratur im Norden dermaßen, 

dass ein Überblick kaum noch zu leisten ist. Wir können die 
schwedischen Krimikönige Håkan Nesser und Henning Mankell 
erwähnen, die norwegischen Krimiköniginnen Unni Lindell, 
Karin Fossum und Anne Holt; wir sehen, dass auch 
mittelmäßige Autorinnen zu Bestsellerehren kommen können 
(aus purer Höflichkeit wollen wir hier keine Namen nennen), 
und die große Überraschung: Als wir vor einigen Jahren den 
Band  Morde in hellen Nächten zusammenstellten, war es fast 
unmöglich, isländische Kriminalgeschichten zu finden. 
Isländische Kriminalliteratur gebe es nicht, so wurde uns 
beschieden, und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf Island 
lüden eben nicht zum Schreiben von Krimis ein, dies schrieb die 
angesehene isländische Tageszeitung »Morgunblaðið«. Jetzt, 
nur wenige Jahre später, hat die isländische Kriminalliteratur 
einen internationalen Star, Arnaldur Indriason, und im 
vorliegenden Buch stellt sich eine Reihe neuer Autorinnen vor, 
die zumeist erstmals ins Deutsche übersetzt worden sind. 

Das mit den gesellschaftlichen Verhältnissen blieb im 

besagten Artikel ein wenig rätselhaft, auch auf Island wird 
gemordet – allerdings ist dort, wie überall, der typische Mord 
wenig spektakulär. Gemordet wird aus Eifersucht, im Suff, im 
Suff aus Eifersucht oder ohne einen wirklich erkennbaren 
Grund, zum Beispiel, weil nach reichlichem Genuss von 
schwarz gebranntem Fusel zwei Leute aneinander gerieten, der 
eine zum Messer griff und nach Erwachen in der 
Ausnüchterungszelle nicht einmal mehr genau wusste, was ihn 
so erbost hatte. In einem Zeitungsinterview sagte Kim Småge 
auf die Frage, warum sie in ihrem neuen Roman einen Giftmord 
vorkommen lässt, obwohl in Norwegen seit über zehn Jahren 
schon keiner mehr vorgekommen sei, das liege einfach an der 
von ihr geplanten Handlung: Als der Vergiftete sein Leben 
aushaucht, dürfen keine Zeugen in der Nähe sein, und da macht 

 

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sich eine Messerstecherei eben schlecht. Und Anne Holt, 
ebenfalls nach dieser wenig inspirierenden Kriminalstatistik 
befragt, meinte nur, es langweile sie schon, über solche Morde 
in der Zeitung lesen zu müssen, da wolle sie nicht auch noch 
darüber schreiben. 

Unsere hier vorliegende Auswahl bringt hoffentlich ein breites 

Spektrum an echten und vermeintlichen Verbrechen jeglicher 
Qualität zusammen. Manche der hier vertretenen Autorinnen 
und Autoren sind dem deutschen Publikum bereits bekannt und 
vertraut, andere gilt es neu zu entdecken. Manche Namen 
fehlen, die wir gern dabei gehabt hätten. Das kann vielerlei 
Gründe haben: Einige schreiben einfach keine Kurzgeschichten; 
andere hatten keine Erzählung in der Schublade und wollten 
eine schreiben, die bei Redaktionsschluss aber noch nicht fertig 
war (und hoffentlich irgendwann in einem weiteren Krimiband 
erscheinen kann); einige Male fanden wir Geschichten, die 
dermaßen frappierende Übereinstimmungen in Mordwahl und 
Entwicklung aufwiesen, dass wir eine aussondern mussten. Dass 
Island und Norwegen bei der Auswahl besonders gut vertreten 
sind, liegt an praktischen Bedingungen: dem bereits erwähnten 
neuen isländischen Krimiboom und der Tatsache, dass 
Norwegen eine Art Kurzgeschichtenparadies ist, was gerade für 
Krimis gilt. Immer wieder erscheinen dort Sammelbände, die 
neue Kriminalgeschichten bekannter Autorinnen vorstellen, 
sogar Preise für die beste Kriminalgeschichte werden vergeben 
(Unni Nielsen ist hierzulande bisher vor allem als 
Jugendbuchautorin bekannt – und mit Preisen bedacht, in 
Norwegen dagegen heimst sie so ungefähr jeden 
Kurzgeschichtenpreis ein, der zu bekommen ist, eben auch für 
die hier aufgenommene Geschichte). Auf der anderen Seite des 
Skagerraks, in Dänemark, sieht die Lage dagegen ganz anders 
aus. So beklagt sich die Zeitung »Weekendavisen«, dass die 
Dänen hinsichtlich der Mordmeriten ihren skandinavischen 
Schwestern und Brüdern etwas hinterherlaufen. Leif Davidsen 

 

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hält fast allein noch die Stellung (nein, nein, es gibt noch andere, 
aber wen und wie viele?). Zumindest sind wir im südlichen 
Skandinavien nicht sehr fündig geworden, hoffen aber, dass sich 
diese Balance wieder einpendelt. Und auf den Färöern herrschen 
offenbar paradiesische Zustände: Unser Kontaktmann Jógvan 
Isaksen, selbst Krimiautor, musste passen – keine Gewalt auf 
den Schafsinseln. 

 

Ein Blick über die Ostsee nach Finnland zeigt, dass die Welt bei 
den Finnougriern auch nicht in Ordnung ist und sie genauso 
häufig ihre Mitmenschen ins Jenseits befördern wie ihre 
skandinavischen Nachbarn. Über Morde in hellen Nächten liest 
man jedes Jahr pünktlich zu Juhannus (Mittsommerfest) in den 
Zeitungen, wenn von unnatürlichen Todesfällen berichtet wird: 
Entweder hüpfen die Finnen sturztrunken direkt aus der 
möckieigenen Sauna in den dazugehörigen See und ertrinken, 
oder sie zücken im Suff ihren Pukko (Finndolch) und stechen 
einen vermeintlichen Nebenbuhler ab. Das lässt sich natürlich 
wunderbar literarisch verarbeiten. Die ersten Kriminalfälle der 
finnischen Literatur, die auf wahren Begebenheiten beruhen, 
stammen von einer Frau. Minna Canth (1844-1897), 
Journalistin, Dramatikerin, Geschäftsfrau und verwitwete Mutter 
von sieben Kindern, beschreibt im Schauspiel Anna-Liisa (1895) 
einen Kindsmord, zu dem ein junges Mädchen durch die 
gesellschaftlichen Verhältnisse getrieben wird. Hier wie in 
anderen Werken übt sie lange vor Sjöwall/Wahlöö starke 
Sozialkritik. Nach Minna Canth fand ganz lange kein 
nennenswertes literarisches Morden statt. Dennoch wird der 
Beginn der finnischen Kriminalliteratur auf das Jahr 1910 
festgelegt. Ihr bekanntester Vertreter ist Mika Waltari (1908-
1979). Er erzielte internationale Anerkennung durch seine 
historischen Romane, vor allem durch Sinuhe, der Ägypter. Das 
Werk wurde sogar 1954 in Hollywood verfilmt. Nach dem 
Vorbild der amerikanischen Klassiker Raymond Chandler und 

 

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Dashiell Hammett verfasste er Kriminalromane. 1938 gewann 
Waltari mit dem Roman Kuka murhasi rouva Skrofin? (Wer 
ermordete Frau Skrof?) den finnischen Preis in einem 
gesamtnordischen Krimiwettbewerb. Seine Karriere als 
Krimiautor war allerdings schon nach drei Romanen beendet, 
diese zählen aber nach wie vor zu den finnischen 
Krimiklassikern. Auch Waltaris Kommissar Palmu ist wie seine 
amerikanischen Kollegen der einsame Wolf auf Mörderjagd im 
Sumpf des Verbrechens, und die Frauen sind nur schmückendes 
Beiwerk im Hintergrund, von Sozialkritik keine Spur. Dabei 
bleibt es vorerst auch bei Vertretern der nächsten Generation 
wie Matti Yrjänä Joensuu, Pentti Kirstilä und Reijo Mäki, wenn 
auch von Sjöwall/Wahlöö inspiriert. Erst Eeva Tenhunen 
durchbricht mit ihrer Heldin Liisa, der Hauptfigur ihrer 
zahlreichen Krimis, endgültig diese Männertradition. Aber der 
Kriminalroman von Frauen ist in Finnland keine 
Neuerscheinung. Nach zaghaften Anfängen in den vierziger 
Jahren bringen in den folgenden Jahrzehnten Schriftstellerinnen 
anderer Genres wie Aila Meriluoto und Eeva-Liisa Männer 
verstärkt Frauenkrimis auf den Markt. Neben Sirpa Tabet lässt 
auch Anja Snellman ihre Rachegöttinnen gewissenhaft und 
grausam im Norden morden. Die finnischen Crime-Ladys 
erobern in den neunziger Jahren endgültig das Feld. Leena 
Lehtolainen schreibt sich mit ihren Kriminalromanen um die 
Kommissarin Maria Kallio an die Spitze der Gattung. Marita 
Gleisner ist die erste finnlandschwedische Krimiautorin. 

In den letzten Jahren ist die Zahl der Gewaltverbrechen auch 

in Finnland gestiegen, und die internationale Kriminalität hat 
Fuß gefasst. Diese Entwicklung spiegelt sich in 
Kriminalromanen etwa bei Reijo Mäki, Juha Numminen und 
Harri Nykänen, ebenso wie beim Krimi-Newcomer Taavi 
Soininvaara wider. 

Das Gesamtbild des finnischen Kriminalromans der letzten 

Jahrzehnte ist bunt: Das Spektrum der Neuerscheinungen reicht 

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vom realistischen Polizeiroman über die 
Privatdetektivgeschichte bis hin zum Action-Thriller und sogar 
historischen Roman. 

 

Aus all der Vielfalt von Geschichten über das Morden im 
Norden haben wir Herausgeberinnen eine kleine, aber feine 
Auswahl getroffen in der Hoffnung, dass sie den Lesenden hin 
und wieder einen kalten Schauer über den Rücken treibt oder sie 
gar das Gruseln lehrt. 

 

Die Herausgeberinnen 

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Logenplatz 

Ann-Christin Hensher 

Christina Almark war davon überzeugt, dass sie Sebastians Tod 
niemals verwinden würde, auch wenn sie gelernt hatte, damit zu 
leben. In etwas mehr als zwei Wochen, am 7. Juni, würde es vier 
Jahre her sein, dass er von ihrer Seite gerissen worden war. 
Noch kurze Zeit zuvor hatte sie endlich Hoffnung gehabt, er 
werde sich wieder fangen. Werde dem Leben eine zweite 
Chance geben. Es war eine entsetzliche Zeit gewesen, wie sie 
sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind wünschte. Ein stetiges Auf 
und Ab aus Hoffnung und Verzweiflung, endend in einer aus 
Versehen eingenommenen Überdosis. Und dann war sie allein 
gewesen. 

Ein Versehen. Natürlich handelte es sich um ein Versehen. 

Christina konnte nicht glauben, dass er es so gewollt hatte. Ihr 
geliebter Junge konnte doch keine Todessehnsucht gehegt 
haben, auch nicht nach seiner Verwandlung in einen 
gebrechlichen Schatten seines früheren Ich. Er war achtzehn 
Jahre alt geworden. Eine liebevolle, aber verwirrte Seele. Ihr 
Alles. Eine niemals versiegende Quelle grenzenloser Liebe und 
bodenloser Verzweiflung. 

Sie waren allein gewesen, schon seit seiner Geburt. Sebastians 

Vater Valdemar war nur eine belanglose Parenthese, seine 
einzige gute Tat im Leben war es gewesen, Christina zu 
schwängern. Die Ehe war eigentlich schon zu Ende, noch ehe 
der Brautwalzer verklungen war. 

Valdemar war pflichtschuldigst zur Beerdigung gekommen. 

Sie hatte ihm schweigend den Rücken zugekehrt. Seither hatte 
sie kein Wort mehr von ihm gehört. Und das war nur gut so. 
Wenn sie schon früher keinerlei Gemeinschaft gehabt hatten, 
wozu jetzt damit anfangen, wo ihr einziger Grund zur 

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Kommunikation nicht mehr da war. Besser, sie wühlten nicht in 
der alten Asche nach einer längst erloschenen Glut. Valdemar 
war ein Taugenichts, auf den sie gut verzichten konnte. Wenn 
sie es sich damals hätte leisten können, hätte sie gern auf seine 
Unterhaltszahlungen verzichtet, einfach um nichts mehr mit ihm 
zu tun haben zu müssen. Mit einem mittelmäßigen Mitglied 
einer Tanzkapelle, das das Wort »Treue« nicht einmal 
buchstabieren konnte. 

Dass sie selbst Scheuklappen getragen und nicht hatte sehen 

wollen, dass Sebastian in rasantem Tempo immer tiefer im 
Drogensumpf versank, war ihr nur zu bewusst. Sie machte sich 
immer wieder Vorwürfe, weil sie die Gefahr zu spät erkannt 
hatte. Aber andererseits, als ihr dann endlich die Erkenntnis 
gekommen war, hatte sie sich wirklich alle Mühe gegeben, um 
ihm zu helfen. Er hatte ihr Versprechungen und Lügen 
aufgetischt. Wenn sie nur nicht so unendlich gutgläubig 
gewesen wäre, dann könnte er jetzt noch am Leben sein. Sie 
fühlte sich grenzenlos schuldig. Im Nachhinein konnte sie nicht 
begreifen, wie es ihr möglich gewesen war, die Signale so 
vollständig falsch zu deuten, wo er doch jedes Anzeichen von 
Sucht gezeigt hatte, das es überhaupt gab. 

Als ihr der Ernst der Lage endlich bewusst wurde, mobilisierte 

sie ihre ganze Kraft und all ihre Kontakte, um Betreuung für ihn 
zu organisieren. Aber es war misslungen. Für immer würde sie 
mit der Schuld leben müssen, nicht genug getan, ihm nicht 
geholfen zu haben. In der letzten Zeit war er ihr aus dem Weg 
gegangen. Vielleicht hatte er Angst gehabt, sie könne seinen 
Rückfall bemerken und versuchen, ihn ein weiteres Mal in die 
Therapie zu zwingen. Falls die Entzugsklinik ihn überhaupt 
genommen hätte. Wahrscheinlich nicht. Alles war so entsetzlich 
schnell gegangen. In so kurzer Zeit, dass sie die Tage hätte 
zählen können, wenn sie genug Kraft besessen hätte, hatte er 
sich abermals aus einem lebensfrohen, wenn auch ein wenig 
schüchternen jungen Mann in einen trüben, unzulänglichen 

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Schatten verwandelt. 

Nach der Beerdigung hatte sie ihre Stelle als 

Narkoseschwester gekündigt. Sie konnte die vielen 
teilnahmsvollen Blicke und die zaghaften Tröstungsversuche 
nicht ertragen. Jede Erinnerung wurde ihr zur Qual. Ein glatter 
Schnitt war die einzige Lösung. Sie bewarb sich in Kalmar um 
den Posten einer Schulschwester und wurde auch angenommen. 
In dieser Stadt kannte sie keine Menschenseele und, wichtiger 
noch, niemand hatte Sebastian gekannt. 

Zu der Stelle gehörte auch eine Dienstwohnung. Ein frisch 

renoviertes Apartment mit einem kleinen Balkon, auf dem sie 
bei gutem Wetter gern nach Feierabend saß. Der Balkon schaute 
nach Westen, und deshalb hatte sie Nachmittagssonne. Schon im 
ersten Frühling ließ sie den Balkon verglasen und mit 
praktischen Schiebetüren versehen, sodass sie selbst bei starkem 
Wind draußen sitzen konnte. Es kam vor, dass sie auch im 
Winter mit ihrer Kaffeetasse hinausging. Dann allerdings 
brauchte sie einen Mantel und eine Wolldecke, die sie über ihre 
Beine legte. 

An diesem Tag war keine Decke nötig. Die Maiwärme lag wie 

ein Deckel über der ganzen Stadt, und die Parks hatten sich 
schon in tiefes Grün gehüllt. Die Kinder waren frühlingsmunter 
und unkonzentriert. Sie wollten hinaus an die frische Luft und 
gaben sich alle Mühe, um der Schule zu entkommen und nach 
Hause geschickt zu werden. Aber jetzt, wo es nicht mehr so 
wichtig war, entging Christinas Aufmerksamkeit nichts. Sie 
betonte häufig, und das nicht ohne Stolz, dass das Kind noch 
nicht geboren sei, das sie hinters Licht führen könnte. Sie war 
steinhart. Wenn sie kein Fieber hatten und keine akuten 
Symptome einer lebensgefährlichen Krankheit aufwiesen, dann 
klebte sie ihnen Pflaster auf und stopfte sie mit Aspirin voll. Im 
günstigsten Fall durften sie auf dem Sofa den ärgsten 
Schulüberdruss wegschlafen, dann wurden sie ins 
Klassenzimmer zurückgeschickt. Es bedeutete für Christina 

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seltsamerweise eine gewisse Befriedigung, von jungen 
Menschen umgeben zu sein, auch wenn sie dadurch immer 
wieder an Sebastian erinnert wurde. Solange sie jedoch nicht 
über die Vergangenheit sprechen musste, konnte sie durchaus 
weiterleben. Oder zumindest funktionieren. 

Es musste die Hitze gewesen sein, die sie auf die beiden 

Männer aufmerksam machte, die sich auf der 
gegenüberliegenden Straßenseite der Bank näherten. Sie fragte 
sich noch, warum um alles in der Welt sie bei diesem Wetter 
Mützen trugen, da wusste sie die Antwort auch schon. Sie 
wollten die Bank überfallen. Sie zogen sich die Hasskappen in 
dem Moment übers Gesicht, als sie die Türen aufschossen. 

Christina konnte in der Hand des einen Mannes die Waffe 

gerade noch ahnen, dann stürzte sie ins Haus und alarmierte die 
Polizei. Danach ging sie wieder auf den Balkon hinaus, um die 
Sache zu verfolgen. Schon nach einigen Minuten hörte sie ein 
Martinshorn. Kalmar war eine kleine Stadt, in der ein 
Banküberfall nicht zur Alltagskost zählte. Zwei Streifenwagen 
fuhren in hohem Tempo vor und hielten in einer Art Halbkreis 
vor der Bankfiliale. Vor Adrenalin strotzende Polizisten 
sprangen heraus, bereit, ihr Bestes zu geben, um die 
Gesellschaft zu schützen. Geduckt, doch zugleich geschmeidig 
wie eine Katze, näherte einer sich dem Eingang, um sich einen 
Überblick über die Vorgänge im Inneren der Bank zu 
verschaffen. Christina beobachtete gebannt das Schauspiel von 
ihrem Logenplatz aus. Jede Bewegung, jede Veränderung im 
Verlauf der Ereignisse schien allein für sie inszeniert worden zu 
sein … 

Ein innerhalb der Bank abgefeuerter Schuss steigerte die 

Spannung. Sofort änderte sich das Szenario draußen auf 
durchgreifende Weise. Immer mehr Streifenwagen kamen dazu. 
Medienvertreter versuchten, sich vorzudrängen, um Bilder zu 
machen und die Sensation auszukosten. Kugelsichere Westen. 
Gab es in Kalmar so etwas überhaupt? Geschützte Brustkörbe 

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mit verletzlichen Köpfen über durchtrainierten Schultern. Junge 
Polizisten, eifrig wie Statisten in einem Actionfilm. Per 
Megafon wurden nun einseitige Verhandlungen aufgenommen. 
Christina fiel auf, dass der Beamte, der die Bankräuber zum 
Aufgeben überreden wollte, um einiges älter war als seine 
Kollegen. Seine gemächliche småländische Aussprache nahm 
der Situation ein wenig von ihrem Ernst. 

Dann ging ihre Türklingel. Sie brachte es jedoch nicht über 

sich, ihren Logenplatz zu verlassen, um aufzumachen. 

Ohne Vorwarnung kam einer der Bankräuber aus dem 

Gebäude. Vor sich her stieß er eine Frau, die er an der Kehle 
gepackt hatte und der er einen Pistolenlauf gegen die Schläfe 
drückte. Die Frau schrie vor Angst auf, als sie die vielen auf sie 
gerichteten Waffen sah. »Lassen Sie die Geisel los, dann werden 
wir uns schon einigen. Machen Sie Ihre Lage doch nicht noch 
schlimmer, als sie ohnehin schon ist!«, rief der 
Verhandlungsführer. 

Wenn sich diese Szene auf dem Fernsehbildschirm abgespielt 

hätte, dann hätte Christina zweifellos einen anderen Sender 
eingeschaltet. Jetzt aber saß sie wie erstarrt da. Das kann doch 
einfach nicht gut gehen. Nie im Leben kommen die lebend da 
raus, dachte sie entsetzt. 

Diese vielen Waffen. Die Spannung, die Angst und die 

Nervosität. Eine unvorsichtige Bewegung, und dann könnte alles 
passieren. 

Jetzt kam auch der zweite Bankräuber zum Vorschein. 

Offenbar hatte die Filiale nicht besonders viel Bargeld 
aufbewahrt – die Tasche, die über seiner Schulter hing, sah 
jedenfalls fast leer aus. Er schwenkte drohend etwas, das 
Christina für eine Automatikwaffe hielt. Plötzlich ging ihr auf, 
dass sie auf ihrem Balkon vielleicht doch nicht so geschützt war, 
wie sie geglaubt hatte. Trotzdem beugte sie sich vor, um ja 
nichts zu verpassen. 

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Brüllend stieß der Bankräuber seine Geisel auf einen 

Streifenwagen zu. Er schien außer sich vor Angst zu sein. 
Hatten sie denn kein Fluchtfahrzeug? Die Frau stolperte und 
entglitt seinem Zugriff. Ein Schuss dröhnte. Gefolgt von zwei 
Sekunden erstarrten Schweigens, dann hallten zwischen den 
Fassaden wütende Kommandorufe wider. Ein Moment des 
Chaos und der Verwirrung. Die beiden Bankräuber und ein 
Polizist lagen blutend in einem Inferno aus Lärm und Furcht da. 
Die Geisel lehnte sich an einen Mann, der ihr unbeholfen den 
Rücken streichelte. Vielleicht war es ihr Mann. In der Ferne 
waren die Sirenen von Krankenwagen zu hören. Irgendwer riss 
den Bankräubern die Mützen vom Kopf und entblößte ihre 
Gesichter. Christina rang um Atem. Großer Gott. Das waren 
doch Kinder. Sie waren nicht älter, als Sebastian gewesen war. 

Die Abendnachrichten berichteten ausführlich über den 

Banküberfall. Alle Welt schien diese Vorfälle kommentieren zu 
wollen. Am meisten kam der verletzte Polizist zu Wort. Mit 
allem Recht. Er war schließlich der Held des Tages. Einer der 
Bankräuber, der neunzehnjährige Henrik Johansson, war auf der 
Fahrt zum Krankenhaus gestorben. Der andere, dessen Name 
aus irgendeinem Grund nicht bekannt gegeben wurde, hatte nur 
leichtere Schussverletzungen davongetragen, hieß es. Christina 
fühlte sich von ihren Gewissensbissen wie vernichtet. Wenn sie 
sich nicht eingemischt hätte, wäre die Polizei nicht gekommen. 
Und dann hätte es keinen Schusswechsel gegeben. Die Jungen 
wären mit der Beute entkommen und hätten sich vermutlich 
früher oder später verraten. Und dann wären sie festgenommen 
worden, aber niemand wäre zu Schaden gekommen. Henrik 
würde noch leben. Seine Mutter hätte ihren Sohn nicht verloren. 
Die arme Frau. 

Der Gedanke an Henrik Johansson ließ ihr keine Ruhe mehr. 

Gierig las Christina alles, was über den Banküberfall 
geschrieben wurde. Doch schon nach zwei Tagen war der 
Vorfall Schnee von gestern und wurde als kurze Notiz ganz 

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hinten in die Zeitung verbannt. Und durch solch eine kleine 
Notiz erfuhr sie, wann die Beerdigung stattfinden würde. Sie 
spürte, dass sie einfach hingehen musste. 

Die Kapelle war voll besetzt und mit jungen Birkenzweigen 

schön geschmückt. Der Sarg war weiß. Der erste Choral, der 
gesungen wurde, hieß: »Jetzt ist die Blütenzeit gekommen.« 
Eine Blütenzeit, die Henrik in dieser Welt nicht erleben würde, 
wohl aber im Himmelreich, wie der Geistliche freundlich 
verkündete. Denn auch die, die in ihrer jugendlichen Torheit 
einen Fehler begangen und gesündigt haben, sind in Gottes 
Reich willkommen. 

Nach der Trauerfeier versammelten sich alle vor der Kapelle. 

Dort umdrängten sie Eltern und Geschwister in traurigen 
Gruppen. Jugendliche, die einander umarmten und zu trösten 
versuchten. Ob die in Henriks Klasse gegangen waren? In 
einigen Tagen hätte er Abitur gemacht. Was hatte ihn zu dieser 
sinnlosen Tat veranlasst? Einen bisher nicht vorbestraften 
Jungen. Christina hatte gelesen, dass die Jungen die Waffen in 
einem Militärdepot gefunden hatten. Ein wahnwitziger Impuls 
hatte ihr Leben ruiniert. Eine kindische Fantasie über einen 
Luxussommer in Europa war ihnen plötzlich zum Greifen nahe 
erschienen. 

Was Christina überraschte, war die Haltung der Mutter. Trotz 

ihres tiefen Kummers strahlte sie ungebeugten Stolz aus. Sie 
schämte sich nicht. Sie wusste, dass sie ihr Bestes gegeben hatte, 
und deshalb war es nicht ihre Schuld, dass es so endete. 

Christina wusste nicht, ob sie sich in der Schlange der 

Kondolierenden anstellen sollte. Was hätte sie sagen sollen? 
»Ich saß gerade auf meinem Balkon und habe gesehen, wie Ihr 
Sohn erschossen worden ist. Ich war das, die die Polizei 
angerufen hat. Im Grunde ist also alles meine Schuld. Können 
Sie mir verzeihen?« Unmöglich. Wie hätte sie ihre Schuld 
erklären sollen? Sie drehte den Trauernden den Rücken zu und 
machte sich auf den Weg zu ihrem Auto. Auf halbem Weg blieb 

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sie stehen, kehrte um und ging zurück. Die Trauergemeinde war 
kleiner geworden. Sie waren schon unterwegs zum Café. Für 
einen kurzen Moment stand die Mutter allein da. Isoliert in ihrer 
Verzweiflung. Das Vakuum, das sie umgab, war zum Anfassen 
kompakt. Christina fing ihren Blick ein und sah ein Spiegelbild 
ihrer Selbst. 

Wie hypnotisiert nahm sie die Hand der Frau und sagte: »Es 

tut mir so Leid für Sie. Auch ich habe erst kürzlich meinen Sohn 
verloren. Er war so alt wie Ihrer. Wenn ich Ihnen irgendwie 
helfen kann, dann würde ich das so gern tun.« 

Die Worte kamen ganz von selbst. Tief in den Augen der Frau 

glaubte sie einen Funken der Hoffnung zu erkennen. 

»Erzählen Sie mir, wie man die Trauer überlebt.« 

»Sprechen Sie darüber. Ich glaube, man muss über seine 

Trauer sprechen können, wenn man weiterleben will«, sagte 
Christina voller Überzeugung. In dem Moment, in dem sie diese 
Worte aussprach, wusste sie, dass sie sich selbst erlösen musste 
indem sie anfing, über Sebastian zu sprechen. Er war so 
unendlich viel mehr wert, als sie ihm in den letzten Jahren 
gegeben hatte. Sie hatte kein Recht, die Erinnerung an ihn zu 
verschweigen. 

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Knud und der Kater 

Ditte Birkemose 

Knud saß wie immer vor dem Fernseher im Sessel. Der Sessel 
war schon seit vielen Jahren speckig und zerschlissen, aber von 
einem neuen wollte er nichts hören, obwohl sie doch die 
Ledermöbel ihres Vaters geerbt hatten. Die standen in der 
Abstellkammer. Mit einem gereizten Ausruf ließ sie die 
Strümpfe in die Waschschüssel sinken, wischte sich die Hände 
an einem Geschirrtuch ab und griff zum Kessel. Es war kurz vor 
sieben, gleich würden die Fernsehnachrichten beginnen, und er 
wollte seinen Kaffee. An diesem Tag war er schlechter Laune. 
Es hatte Spaghetti gegeben. 

Seit er in Rente gegangen war, hatte er das Leben für sie 

unerträglich gemacht. Er setzte nur selten einen Fuß vors Haus; 
meistens saß er im Sessel und gab vor, die Zeitung zu lesen, 
während er sie in Wirklichkeit so beobachtete, dass es ihr nur 
noch unangenehm war und sie erst kürzlich beim Staubwischen 
fast die Vase von der Fensterbank geworfen hätte. Deshalb 
empfand sie es als Erleichterung, dass er zweimal pro Woche in 
seinen Dartsverein ging und sie sich in dieser Zeit ganz normal 
verhalten konnte. 

Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, räumte 

sie das Geschirr in den Schrank, legte den Wischlappen in 
Chlorwasser und öffnete das Küchenfenster. Unten auf dem 
Hofplatz flickte Egon Sørensen das Fahrrad seines Enkels. Eines 
schmächtigen kleinen Jungen, nicht besonders hübsch und 
immer mit zerschrammten Knien, weil er auf seinen dünnen 
Storchenbeinen davonstakste und über jeden Strohhalm 
stolperte. Vielleicht stimmte in seinem Kopf etwas nicht, er 
lachte auch mehr, als er redete, aber was wusste denn sie. Ihr 
konnte es ja auch egal sein, aber die anderen aus der 

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Nachbarschaft wollten nicht mit ihm spielen. Kinder waren eben 
so, sie schienen Probleme zu wittern, wie die Tiere, die dann 
ihre Jungen aus dem Nest stießen. Sie hatte keine Kinder. Knud 
hatte keine gewollt. »Es gibt ohnehin schon Idioten genug auf 
der Welt«, hatte er immer gesagt. Vor sechsundzwanzig Jahren 
hatte sie auf seinen Wunsch hin eine Abtreibung vornehmen 
lassen, sie hatte sich einfach nicht wehren können. Eine 
verdammte Idiotin, das war sie gewesen. Eine verdammte 
Idiotin. Wütend kratzte sie sich am Arm. Monatelang hatte die 
Leere an ihr gezehrt, er aber war wie immer gewesen, hatte 
gelacht und geredet, als sei nichts passiert. Und jetzt war es zu 
spät, das war es schon lange. Sie nahm die Kaffeedose aus dem 
Schrank. Vor acht Jahren hatte sie dann die Katze bekommen. 
Einen kleinen schwarzen Kater, den sie Sofus genannt hatte. Das 
sei kein Name für einen Kater, hatte er gesagt, aber sie hatte 
nicht darauf geachtet, sollte er doch sagen, was er wollte. Schon 
am ersten Abend legte Sofus sich auf ihren Schoß und war 
weich und warm und fühlte sich wunderbar an. Und seither 
schlief er bei ihr. Jede Nacht. Knud mochte das Tier nicht, sagte 
aber nichts, seine Haltung strahlte es einfach aus. Wenn sie 
abends mit Sofus auf dem Schoß dasaß, glotzte Knud sie wütend 
an und schien sie für schwachsinnig oder für noch Schlimmeres 
zu halten. Aber sie hatte ihn durchschaut. Er war eifersüchtig. 
Saß da in seinem verdreckten Unterhemd und glotzte und war 
eifersüchtig. Und als der Kater größer wurde, entdeckte sie, dass 
Knud sich vor ihm fürchtete. Er hatte echte Angst, wie andere 
vor Spinnen, nur fürchtete Knud sich eben nicht vor Spinnen, 
sondern vor dem Kater. Das fand sie lustig. Manchmal freute sie 
sich fast darüber. Vor allem dann, wenn Sofus vor Knud saß und 
ihn aus seinen gelben Augen anstarrte und mit seinem 
glänzenden Fell und seinen großen Pfoten aussah wie ein 
Raubtier. Trotzdem wollte Knud den großen Tierfreund spielen, 
wenn auch nur dann, wenn sie Gäste hatten, was nicht oft 
vorkam. Dann aber war er zu heftig, der Kater fauchte ihn an, 

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und Knud war wütend, weil Sofus ihm nicht gehorchte. Aber so 
war das eben mit Katzen. 

 

Er glotzte den Fernseher an und grunzte irgendetwas, das sicher 
»danke« bedeuten sollte, als sie das Tablett mit Kaffee und 
Plätzchen vor ihn hinstellte. 

Sie öffnete ein Fenster, da es nach Zigarrenrauch und alten 

Socken stank, aber er hasste frische Luft, zumindest in der 
Wohnung. Sie zupfte ein verwelktes Blatt von einer Topfblume, 
lugte verstohlen zu ihm hinüber und wartete. Dann kam es. 

»Es zieht«, bellte er und schlürfte Kaffee. 

»Hier muss aber gelüftet werden.« Sie öffnete auch das 

Fenster im Erker, verließ das Wohnzimmer und ging zurück in 
die Küche. Dort blieb sie vor der Tür stehen und horchte. Sie 
hörte, wie er sich aus dem Sessel erhob und zuerst das eine, 
dann das andere Fenster unter lautem Fluchen zuknallte. Sie 
kicherte und brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, wie er 
jetzt aussah. Wütend und unzufrieden wie immer, wenn er nicht 
seinen Willen bekam. Das lag einfach an ihm, auch wenn er es 
in jungen Jahren besser getarnt hatte, jedenfalls zu Anfang. Mit 
der Zeit hatte sie ihn dann besser kennen gelernt. Wenn ihm 
irgendetwas nicht passte, wenn sie sich weigerte, mit ihm 
zusammen »Mittagsschlaf« zu halten oder so, wurde er stumm 
und abweisend, ganz, als ob ihr das nicht schon seit langer Zeit 
egal wäre. Für wen hielt er sich eigentlich? 

Sie wrang die Strümpfe aus und wollte sie schon über dem 

französischen Balkon zum Trocknen aufhängen, überlegte es 
sich dann aber anders, ging ins Badezimmer, trat vor das 
Waschbecken und musterte ihr Spiegelbild. Sie sah jetzt alt und 
verhärmt aus, das stand fest, egal, wie hübsch und adrett sie sich 
auch kleiden mochte. Ihr Körper war nun einmal so, wie er eben 
war. Alt und verhärmt. Aber das konnte ja auch egal sein. Für 
wen hätte sie sich schön machen sollen? Für ihn vielleicht …?! 

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Dann richtete sie sich auf und strich ihre Schürze glatt. Früher 
hatte sie einmal recht gut ausgesehen. Natürlich war sie keine 
Schönheit gewesen, aber ja, sie hatte gut ausgesehen. Und Knud 
… Als sie ihn kennen gelernt hatte, hatte er in einem Lager 
gearbeitet, als Leiter, wie er sich nannte, und sie hatte sich sofort 
in ihn verliebt, das ging fast allen ihren Freundinnen so. Vor 
allem der Roten Lise, doch die war nicht sein Typ, denn sie war 
zu schlagfertig, auch wenn sie fesch aussah und genug Holz vor 
der Hütte hatte, wie man damals sagte, aber das hatte er sich 
wohl später noch zunutze gemacht, als sie innerlich ganz leer 
geworden war und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. 
Damals war Knud ein hoch gewachsener dunkelhaariger Mann 
mit braunen Augen gewesen, von deren Blick ihr wirklich 
schwindlig werden konnte, aber da war sie offenbar nicht die 
Einzige. Mit den Jahren schien er mehr und mehr in sich 
zusammenzusinken, es ließ sich nicht leugnen, er sah jetzt dick 
und vierschrötig aus. Und vor allem langweilig. Aber ihr war 
das egal, auch wenn sie manchmal staunen konnte: Früher war 
er doch anders gewesen, von der Sorte, die nicht auf Bäumen 
wächst. Erst nach ihrer Heirat hatte sie erkannt, dass er Kinder 
nicht ausstehen konnte. Anfangs hatte sie mit ihren Freundinnen 
darüber gesprochen, und alle meinten, er werde sich an den 
Gedanken schon noch gewöhnen, viele Männer reagierten zuerst 
so. Jetzt sprach sie mit keiner mehr. Weder darüber noch über 
andere Dinge. 

Er rief. Ob im Kühlschrank noch kaltes Bier sei. Heb doch 

deinen fetten Hintern hoch und sieh selber nach, dachte sie und 
verließ das Badezimmer. 

In der Küche sah sie den leeren Fressnapf des Katers, sie hatte 

es einfach nicht über sich gebracht, den wegzuwerfen. Und jetzt 
stand er nutzlos in der Ecke. Wie hatte er das über sich 
gebracht? Sie öffnete den Kühlschrank und nahm ein Bier 
heraus, Rotes Tuborg, wie immer. Wie hatte er es über sich 
gebracht?! 

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Sie erinnerte sich an ihre Hochzeitsreise nach Österreich. 

Damals hatte er sie jeden Morgen mit einem kleinen Geschenk 
geweckt, einer Flasche Parfüm, einer Creme, und dann der 
goldenen Kette, die sie noch immer um den Hals trug. Er hatte 
sich wirklich um sie bemüht, anders konnte man das nicht 
ausdrücken. Aber er hatte immer etwas zurückgehalten, sie 
wusste nicht, was, aber es hatte sie traurig gemacht, vor allem in 
den ersten Jahren, wenn sie ihm sagte: »Ich liebe dich«, und er 
sich dann schlafend stellte oder einfach antwortete: »ebenfalls«. 
War so eine Antwort möglich? Liebte er vielleicht sich selbst, 
denn das musste er doch meinen, wenn er »ebenfalls« sagte, 
oder was? 

Wieder rief er. 

»Ich komm ja schon«, murmelte sie. 

Er packte die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. 

Dann erhob er sich, reckte die Arme und gähnte. Sie stellte das 
Bier auf den Tisch und gab sich alle Mühe, ihn nicht anzusehen, 
es würde ja doch nichts ändern, und wozu sollte es auch gut 
sein! Sie wusste es schon, kannte ihn in- und auswendig, und 
wenn nicht sie, wer denn dann! Bald würde er die Tür zum 
französischen Balkon öffnen, sein Bier trinken und hinunter auf 
die Straße blicken. Autos und junge Mädchen anstarren. Das 
war seine Vorstellung von Freizeitgestaltung. 

Ihr fiel auf, dass die Vorhänge gewaschen werden müssten, 

denn oben am Fensterrahmen hing ein Spinngewebe, und 
deshalb ging sie in die Küche, setzte sich an den Tisch und 
starrte Löcher in die Luft. Sie hatte nämlich ihren Entschluss 
gefasst, als ihr das Verschwinden des Katers aufgefallen war. 
Sie wusste nicht, wie, aber sie hasste ihn, und das reichte. Es 
war ein Samstag, sie war in der Stadt gewesen, hatte gelbe 
Erbsen und sowohl frischen als auch geräucherten Speck 
gekauft, und einen Schnaps hatte es auch gegeben. Als sie nach 
Hause kam, war der Kater verschwunden. Knud hatte gesagt, er 
sei sicher aus dem Fenster gekrochen und über die Dachrinne 

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weitergelaufen. Um sich danach in Luft aufzulösen. Sie 
widersprach energisch. Was war das für ein Unfug, warum hätte 
Sofus das tun sollen? Er war daran gewöhnt, dass das Fenster 
offen stand … Knud hatte sie blöde angeglotzt und mit den 
Schultern gezuckt. Er hatte doch keine Ahnung von Katzen! 

Sie hatte überall gesucht, im Keller und im Hinterhof, aber 

niemand hatte Sofus gesehen. Am Ende war ihr dann 
aufgegangen, dass Knud es gewesen war. Sie hatte keine 
Ahnung, was er gemacht hatte, aber er war daran schuld, dass 
der Kater verschwunden war, daran bestand kein Zweifel. Es 
hätte sie gar nicht gewundert, wenn er ihn vergiftet und dann 
irgendwo draußen verscharrt hätte. Trotzdem ließ sie sich nichts 
anmerken und schwieg. Für den restlichen Tag war er ganz 
normal, und sie verbarg ihren Ekel, als er ihre Wange 
streichelte, was er sonst nie tat. Sie ging früh ins Bett und weinte 
sich in den Schlaf. 

 

Aber sie hätte die Sache nie geklärt, wenn sie nicht am nächsten 
Morgen entdeckt hätte, dass das Gitter des französischen 
Balkons auf der einen Seite locker saß. Sofort fiel ihr ein Film 
ein den sie irgendwann im Fernsehen gesehen hatte, mit Harvey 
Keitel oder vielleicht auch mit einem anderen, aber dann wusste 
sie den Namen nicht mehr. Es passierte ganz zufällig, als sie ihre 
Bettdecke auslüften wollte, weil die Fenster immer geschlossen 
waren und sie schwitzte. Knud lag schnarchend im Bett, wie das 
so seine Art war, so oft sie ihn auch bat, sich auf die Seite zu 
drehen, weil sie nicht einschlafen konnte, sondern fast die ganze 
Nacht hindurch wach lag. Sie untersuchte das Gitter und konnte 
den Gedanken nicht unterdrücken, dass es mit irgendeinem 
Werkzeug und etwas Kraft doch möglich sein müsste. Anfangs 
war es fast eine Art Spiel gewesen, aber sie merkte doch, dass es 
nach und nach ernst wurde, denn das Herz hämmerte in ihrer 
Brust, fast wie damals, als sie den Film gesehen hatte, und es 
war auf irgendeine Weise mindestens ebenso spannend. 

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Am Mittwoch, Knuds Vereinsabend, hatte sie viel zu tun, es 

machte wirklich gewaltige Mühe, aber sie war doch fertig, als er 
nach Hause kam, und sie dachte, das war wirklich um 
Haaresbreite, und über diesen Ausdruck musste sie lachen – um 
Haaresbreite. 

Er hatte ein wenig gestaunt, als sie ihn mit Tee und Käsebroten 

erwartete. Wenn er nur anders gewesen wäre. Aber er war 
ziemlich angetrunken und wollte keine »Teeplörre«, wie er das 
nannte. Und dann dachte sie, er habe es eben so gewollt. Wenn 
er den Kater nicht umgebracht hätte, wenn er freundlich mit ihr 
geredet hätte, dann vielleicht … 

Vom Wohnzimmer her hörte sie ein Gebrüll. Sie atmete 

erleichtert auf und erhob sich. Jetzt war es überstanden. 

 

Das Gitter hing vor der Mauer nach unten. Vorsichtig trat sie 
näher und hielt den Atem an. Blut strömte aus seinem Kopf auf 
die Straße. Er lag mit dem Gesicht nach unten da, wie im Film, 
war das Harvey Keitel gewesen oder dieser andere … sie 
erstarrte. Nahm eine Bewegung wahr, auf der Straße, ein Stück 
von ihm entfernt. Wie einen kleinen schwarzen Schatten … und 
dann stürzte sie zum Erkerfenster, riss es auf und beugte sich 
hinaus. Es war Sofus!!! 

Der Kater blieb stehen und setzte sich nur einen Meter von 

Knud entfernt hin. Sofus schien zu ihr hochzuschauen. 
»Dummes Tier«, murmelte sie liebevoll. »Dummes, dummes 
Tier.« Die Tränen liefen ihr über die Wangen, der Knoten in 
ihrer Brust löste sich, und jetzt weinte sie laut vor Freude. Sie 
wischte sich mit der Schürze die Augen. Gott sei Dank … 

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Das Klassentreffen 

Toril Brekke 

»Das kann doch nicht sein!«, rief Kitt. 

Ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. 

»Wir sind zu einem Klassentreffen eingeladen, die ganze 

Grundschulklasse. Und die Einladung kommt von Sol.« 

»Von wem denn sonst«, murmelte Morgan. »Wer könnte denn 

sonst auf eine dermaßen hirnrissige Idee kommen?« 

»Der Engel Helle«, erwiderte Kitt trocken. 

 

Es war vierzig Jahre her. Damals waren sie vierzehn gewesen, 
mit fettigen Haaren und Pickeln. Kitt und Morgan waren als 
Einzige in ihrer Heimatstadt an der Küste geblieben. Zwei 
Jungen waren zur See gegangen, einer war Pilot bei der SAS, 
ohne das ewige Hin und Her zwischen den Erdteilen schienen 
sie nicht leben zu können. Ein Mädchen war Diplomatin 
geworden, zuletzt hatten sie von ihr gehört, als sie nach Harare 
versetzt worden war. Ansonsten konnten sie einen Busfahrer in 
der Hauptstadt aufweisen, eine Bauersfrau im Norden, einen 
Ingenieur bei einer englischen Firma und einen Tontechniker 
beim Rundfunk. Es kam ja vor, dass Kitt und Morgan 
irgendwelche Eltern trafen, da sie ja noch in dieser Stadt lebten, 
und dass sie ein wenig plauderten und Neuigkeiten erfuhren. 

Deshalb wussten sie, dass Helle einen Firmenchef aus der 

Segelbranche geheiratet hatte. Von Sol dagegen hatten sie keine 
Ahnung. Sols Familie hatte in der Stadt nur eine Brandruine 
hinterlassen. Fast vierzig Jahre lang hatte sich auf dem 
Grundstück die Wildnis ausbreiten können. Am Ende hatte es 
ausgesehen wie ein zwischen den anderen Villen in der Straße 
eingeklemmtes Stück Dschungel. 

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Jetzt war der Dschungel verschwunden. An seine Stelle waren 

Rasenflächen und Blumenbeete, frisch gepflanzte Obstbäume 
und Sträucher getreten. Monatelang waren dort Baumaschinen 
und Bauarbeiter am Werk gewesen. 

Das neue Haus hatte keine Ähnlichkeit mit dem alten. Früher 

hatte hier ein zweistöckiges gelbes Holzhaus im Schweizer Stil 
gestanden. Das neue Haus war ein Bungalow mit weiter 
Grundfläche und hinten einem kleinen Anbau, es war weiß und 
hatte rosa Fensterrahmen. Das Grundstück lag zwischen zwei 
Parallelstraßen, und während die alte Auffahrt im Westen des 
Hauses gelegen hatte, hatten sie die neue in den Osten verlegt. 

Auf diese Weise hatte sie doch das Gefühl, an einem ganz 

neuen Ort zu wohnen, das hatte Sol zufrieden überlegt. Und die 
Rückkehr hatte sie wirklich glücklich gemacht. Wie ein 
fröhliches junges Mädchen hatte sie Waldemar durch die 
Straßen und den Hafen geführt. Er war doch noch nie hier 
gewesen. 

Und wie erwartungsvoll hatte sie sich mit Papier und 

Kugelschreiber hingesetzt, um die Namen von fünfundzwanzig 
Mitschülerinnen und Mitschülern aufzuschreiben. Sie hatte 
unfertige, junge Gesichter vor sich gesehen. Leuchtende Augen 
unter Strickmützen. Knochige, zerschrammte Knie. 

Der Junge mit den knochigen Knien hatte Morgan geheißen. 

Sol war einmal mit ihm und seinen Eltern Beeren pflücken 
gegangen. Sie hatten Eimer mit Blaubeeren gefüllt und an einem 
kleinen Waldsee Würstchen gebraten. Das Mädchengesicht 
unter der roten Mütze hatte einer gewissen Kitt gehört. Einmal 
hatten sie zusammen ein Schneehäuschen gebaut und eine Kerze 
hineingestellt. Sol konnte sich noch an das rosa Licht der 
Flamme erinnern, das durch den Schnee zu sehen gewesen war. 

Idylle. 

Und sie hatte notiert: Morgan, Sol, Kitt. Der Rest war 

mechanisch gefolgt, wie ein Wissen, das viele Jahre hindurch 

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geschlummert hatte. Sechsundzwanzig Jahre lang. Bei ihrer 
Einschulung waren noch zwei andere dabei gewesen, aber die 
waren unterwegs verschwunden. 

Idylle. Die hing zusammen mit dem Duft der Rosen im Garten 

ihres Elternhauses. Und der Erinnerung an die Schaukel, die an 
einem dicken Ast der Eiche hinter dem Haus hing. Und dem 
Gesicht ihrer Großmutter, die ihr durch das Fenster zurief: 
»Hallo, Herzchen, hattest du einen schönen Tag?« 

Alles stieg in Sol auf, der Duft der Waffeln mit frischer 

Erdbeermarmelade, das Gefühl der weichen Schnauze eines 
kleinen Pudels an ihrer Hand. Omas Waffeln. Omas Pudel. 

Die Großmutter war in dem Frühling gestorben, in dem sie die 

Grundschule beendet hatte, dem Frühling, in dem Sol vierzehn 
wurde. Die Großmutter war in derselben Nacht gestorben wie 
der Pudel, zusammen mit Sols Vater und ihrem kleinen Bruder. 

Es war wie ein Fingerzeig Gottes gewesen. Das Feuer. Der 

Tod. Wie ein Schwertstreich Gottes: das jähe Ende des Lebens 
in der Hafenstadt. Der Umzug, das neue Leben an einem 
anderen Ort. Es hatte nur noch Sol und ihre Mutter gegeben, und 
sie hatten nicht zurückgeblickt. Dazu waren sie erst später in der 
Lage gewesen. Und das, was sie dann gesehen hatten, war das, 
was Sol auch jetzt einfiel. Die Waffeln. Die Schaukel. 

 

Die Adresse, an der das Klassentreffen stattfinden sollte, hatte 
Kitt und Morgan stutzen lassen. Deshalb waren sie einige 
Wochen vorher mit dem Rad ans andere Ende der Stadt 
gefahren. Und sie hatten den Bungalow zwischen den 
Parallelstraßen liegen sehen. Und das Schild neben der Tür des 
Anbaus: Sol Vatne. Psychologin. 

Morgan lachte laut. »Meine Rede. Die Leute studieren 

Psychologie, um ihre eigenen Traumata in den Griff zu 
bekommen!« 

»Dann hätten wir allesamt Psychologie studieren müssen«, 

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erwiderte Kitt trocken. 

Sie war ebenfalls Psychologin. Und sie hatte unendlich viel 

Zeit gebraucht, um die sieben Grundschuljahre zu bearbeiten 
und zu begreifen. Es hatte drei Haupträtsel gegeben: Helle, Sol 
und die anderen. Und es hatte schon am allerersten Tag 
angefangen, als sie das Klassenzimmer betraten und als die 
Lehrerin auf die Tafel zeigte. »Wer lesen kann, was hier steht, 
soll aufzeigen«, hatte sie gesagt. Sol hatte aufgezeigt. Helle 
hatte laut und glücklich gerufen: »Willkommen!« 

Aber die Freude darüber, diejenige zu sein, die laut und richtig 

rufen konnte, erlosch, als die Lehrerin vorwurfsvoll den Kopf 
schüttelte und sich an Sol wandte: »Sag du es, Liebes, wo du 
doch so brav aufgezeigt hast!« 

Ob wohl alles anders gekommen wäre, wenn das nicht passiert 

wäre? 

Kitt sah sie vor sich. Helle, sieben Jahre alt. Einen kleinen 

Menschen in rosa Rock und Sandalen. Mit knallblauen Augen 
und einem von goldenen Engelslocken umrahmten Gesicht. Eine 
kleine Prinzessin. 

Ihr Vater hatte im Werk gearbeitet. Er hatte seine Tochter 

angebetet. Das hatten wohl beide Eltern getan. Und Helle hatte 
zwei ältere Brüder, die sie wie ein Maskottchen in der Stadt 
herumschleppten. 

Sie war also ein geliebtes Kind gewesen. Und vermutlich der 

Mittelpunkt ihrer Familie. In erwachsenem Alter hatte Kitt sich 
vorgestellt, wie Helles demütigender erster Schultag 
weitergegangen war. Sie hatte die erbosten Stimmen gehört, 
eine Mutter, einen Vater und zwei Brüder, die die Gefallene 
aufhoben. Die Mutter war ja dabei gewesen, schließlich 
drängten sich am ersten Schultag in allen Klassenzimmern 
hinten die Eltern. Und sie hatten gespottet: »Schule! Pauker! 
Snobs! Furien!« Und sie hatten gesagt: »Aber du wirst es ihnen 
zeigen, Helle. Du bist schließlich tüchtiger als alle anderen. 

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Niemand wird auf einer von uns herumtrampeln. Und schon gar 
nicht die Tochter des Oberlehrers!« 

Am nächsten Tag hatte Helle ein Sprungseil mit in die Schule 

gebracht. Alle, die Lust hatten, durften springen. Helle schlug 
das Seil, zusammen mit irgendeiner anderen. Und immer, wenn 
Sol sprang, hatte Helle das Seil gespannt, sodass Sol hängen 
blieb. 

»So eine ungeschickte Person kann nicht mitmachen, das 

musst du doch einsehen«, urteilte Helle. »Vielleicht hast du zu 
große Füße!« 

Auf diese Weise wurde die Tochter des Oberlehrers zu Sol mit 

den großen Füßen. Bald war sie außerdem das Goldkind und die 
Schleimepuppe. Zwischendurch war sie das blöde Mondgesicht. 
Und das alles hatte Helle mit überaus vernünftiger, altkluger 
Stimme erklärt, wie eine Aufzählung von Tatsachen: »Wir 
wollen mit keiner Schleimerin zusammen sein, das musst du 
doch einsehen.« 

»Aber ich schleime doch gar nicht«, protestierte Sol. »Ich 

kenne die Lehrerin eben. Ich kenne sie schon lange.« 

»Hilft nichts«, sagte Helle. »Man darf keine Lehrerin haben, 

die man schon lange kennt. Dann muss man eben auf eine 
andere Schule gehen. Alles andere wäre ungerecht.« 

»Aber so weit kann sie doch nicht laufen«, hatte eine andere 

eingewandt. 

Hanne vielleicht? 

Die dafür bald bestraft worden war, das fiel Kitt jetzt ein. 

 

Die altkluge, entschiedene Stimme tauchte vor Sols innerem Ohr 
auf, als sie in ihrem Bungalow saß und sich das Menü 
ausdachte. »Hanne ist leider ein wenig übergewichtig. Das liegt 
sicher an dem seltsamen Proviant, den sie in die Schule 
mitbringt.« 

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Und die kleine Besitzerin dieser Stimme tauchte in ihrer 

ganzen reizenden Erscheinung vor ihr auf. Die Prinzessin. Der 
Engel, so hatten sie sie genannt. 

So eine gibt es in fast allen Klassen, das wusste die 

Psychologin Sol. Eine Schülerin, die deutlicher ist als die 
anderen. Schöner. Tüchtiger. Dominant. Dominanz muss nicht 
unbedingt negativ sein. Sie kann andere einbeziehen und 
freigebig sein, verbunden mit positiver Aktivität. 

Sie ließ die altkluge Stimme noch einmal ablaufen: Hanne ist 

leider ein wenig übergewichtig. Das liegt sicher … 

Sie hatte das Gefühl, die Tür zu einem Guckkasten zu öffnen 

und eine Schwelle zu überschreiten. Sol spürte die Sonne, die 
ihre bloßen Arme auf dem Weg zwischen Neubausiedlung und 
Schulhof wärmte, sie nahm den bitteren Geruch des Ackersenfs 
am Wegrand wahr, und sie sah Helle mit den Engelshaaren, die 
fragte: 

»Was hast du eigentlich auf deinem Brot, Hanne? Das sieht 

doch komisch aus.« 

»Euter.« 

»So was können Menschen doch nicht essen! Überleg doch 

bloß, wo es herstammt!« 

Dann tauchte vor Sol ein trauriges Jungengesicht auf. Der 

Junge hieß Ragnar und hatte beim Schulorchester Trompete 
gespielt, bis der Engel ihn davon abgebracht hatte. 

»Ich glaube eigentlich, dass du in kein Orchester gehörst«, 

hatte sie gesagt. 

»Wieso nicht?« 

»Du spielst so langsam. In einem Orchester müssen alle gleich 

schnell spielen, weißt du.« 

Sol lächelte. Es hatte doch gestimmt! Irgendwer war immer 

hinter den anderen hergezockelt, es war eine Qual für alle 
gewesen. Der Dirigent hatte geschimpft und wütend seinen 

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Taktstock geschwenkt, aber wer eingegriffen hatte, war Helle. 
Sie hatte den Schuldigen ermittelt und ihm die Leviten gelesen. 

Was wohl aus ihr geworden ist, überlegte Sol, als sie in ihrem 

neuen Haus am Computer saß und die Einladung schrieb. 
Politikerin vielleicht? Aber nicht auf Landesbasis, das hätte sie 
doch gewusst. 

In der folgenden Nacht träumte Sol von einem Kuss. Es war 

Winter, und sie lief mit einem großen, dunklen Jungen durch 
den Schnee. Er hieß Karl-Erik. In der siebten Klasse hatten sie 
nebeneinander gesessen. Er hatte dunkle Locken und einen 
langen Schal. Dann küssten sie sich, unter einem verschneiten 
Baum. Und Karl-Erik hatte ihnen beiden den langen Schal um 
den Hals gewickelt. Am nächsten Morgen rannte sie zur Schule, 
um ihn zu sehen, um vielleicht auf dem Schulhof seine Hand zu 
halten. Doch als sie ihn entdeckte, schaute er in eine andere 
Richtung. Er war beschäftigt. Er spazierte Arm in Arm mit dem 
Engel über den Schulhof. Im Traum erinnerte Sol sich daran, 
wie ihre Enttäuschung in Resignation umgeschlagen war, denn 
wenn der Engel einen Jungen wollte, dann hatte keine andere 
eine Chance … 

War es so gewesen? 

Ja, sicher, dachte sie am nächsten Morgen überrascht. Sie hatte 

es einfach vergessen. Die ganze Kindheit befand sich hinter 
einer Wand. Einer Wand aus Flammen. Sie hatte sie nicht für 
wichtig gehalten, in ihrer Selbsttherapie. Sie hatte sich auf den 
Brand konzentriert. 

Eine kleine Psychopathin, zu diesem Ergebnis war Kitt 

gekommen. Ein infernaler kleiner Machtmensch, mit niedlichen 
Kleidern in Rosa und Pastell. Freundlich und munter hatte sie 
sie alle gelenkt, hatte sie weggeschoben und zu sich gelockt, 
hatte gesagt, was ihr passte, hatte verurteilt und gleichsam gute 
Ratschläge erteilt. Sie hatte Freund gegen Freund aufgestachelt, 
Gruppe gegen Gruppe. Sie hatte sie dazu gebracht, einander zu 

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quälen, einander aufzuziehen, einander sogar Schmerz 
zuzufügen. Und meistens war das unter dem Vorwand 
irgendeines Wettbewerbs geschehen. 

Kitt erinnerte sich an Geheul und Geschrei, an Weinen und 

Streit. Helle hatte sich nie gestritten. Sie hatte nur selten die 
Stimme gehoben. Sie hatte nur ihre Meinung gesagt, freundlich 
und bestimmt. Sie hatte sich nicht am Wettbewerb beteiligt, sie 
hatte ihn ausgerufen und als Schiedsrichterin fungiert. 

Kitt erinnerte sich an Sols neugierige Miene, als zwei Jungen 

einen dritten gezwungen hatten, aus einer am Wegrand 
gefundenen Flasche zu trinken. Und ihren forschenden Blick, als 
sie einen Wurf kleiner Katzen zu Tode gequält hatten. Einige 
andere hatten sich erbrochen. Helle nicht. 

 

Jetzt sind wir erwachsen, dachte Sol. Für einen Moment ging in 
ihr auf, dass sie mit dem Klassentreffen vielleicht einen 
Hintergedanken verband, mehr als nur die Überlegung, dass es 
nett sein könnte, alte Bekannte wiederzutreffen. Vielleicht hatte 
sie gehofft, die Leerstellen in ihrer Erinnerung zu füllen. 

Dann kam der Tag. Es war ein schöner Spätsommertag. Eine 

ihrer Töchter stand mit einem Tablett mit dem 
Willkommensdrink bereit, die beiden anderen waren mit 
Kochen beschäftigt. Die Gastgeberin selbst empfing die Gäste 
gleich am Tor, sie trug eine gelbe Bluse über einem weinroten 
Rock. 

Bald kam das erste Taxi, gleich darauf noch zwei. Fremde 

Menschen stiegen aus, Menschen mittleren Alters, die sich fein 
gemacht hatten. 

»Ach, wie schön, dich zu sehen!« 

»Bist du das wirklich, Sol? Wie gut du aussiehst!« 

»Danke gleichfalls.« 

»Und dass du uns alle gefunden hast …« 

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»Das war gar nicht einfach. Das Einwohnermeldeamt hat 

Wochen gebraucht …« 

»Ich kann mich an den schrecklichen Brand erinnern …« 

»Das können wir doch alle. So hat sie doch geendet, unsere 

Grundschulzeit. Es war einfach grauenhaft. Und natürlich 
musstest du uns zusammenrufen, nach allem, was damals 
passiert ist. Den vielen Gerüchten …« 

»Kommt der Engel eigentlich?« 

»Ja.« 

»Dass sie sich traut!« 

Sol schaute verwirrt in die vielen Gesichter, die unter einer 

grauen oder schwarzen, roten oder blonden oder gestreiften 
Frisur etwas vage Bekanntes zeigten. 

»Gerüchte? Nach dem Brand?« 

Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete sie die 

Menschen, mit denen zusammen sie Kind gewesen war. Frauen 
in hellen Sommerkleidern und leichten Schuhen. Männer in 
kurzärmligen Hemden. Nur einigen von ihnen konnte sie Namen 
zuordnen. Und dann fiel ihr plötzlich ein Bootsausflug zu einer 
Insel ein. Raymond wäre fast ertrunken. 

»Wieso denn?« 

»Ist der Engel hier?«, fragte eine Stimme lauter als alle 

anderen. 

Sol kniff wieder die Augen zusammen. Konnte Helle 

gekommen sein, während sie die Blumen ins Haus gebracht 
hatte? 

Für einen Moment dachte sie an den ersten Schultag. Helle 

war so niedlich gewesen! Und so traurig, weil sie nicht begriffen 
hatte, dass sie aufzeigen musste, ehe sie etwas sagte. Sol hatte es 
an diesem Tag beim Essen zu ihrem Vater gesagt, die Lehrerin 
hätte am ersten Tag nicht so streng sein sollen. Nicht alle hatten 
ja einen Oberlehrer zum Vater und wussten deshalb, was sich in 

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der Schule gehörte. Und Sol fiel ein, was sie an diesem ersten 
Tag noch gedacht hatte. Sie hatte gedacht, dass sie gern mit dem 
Mädchen in dem rosa Kleid befreundet sein wollte. Aber Helle 
hatte das nicht gewollt. 

Sie sah alles ganz deutlich vor sich, sie saß mit ihren Eltern am 

Tisch, sie sprachen darüber, dass die Leute eben unterschiedlich 
waren, und dass Helle nicht mit ihr befreundet sein wollte, liege 
daran, dass ihre Eltern so unterschiedlich waren. Viele bringen 
einem Oberlehrer großen Respekt entgegen, weißt du, hatte ihre 
Mutter erklärt. Und deshalb bleiben sie auf Distanz. 

Sol musterte die große, schlanke Frau, die eben nach dem 

Engel gefragt hatte. Sie hatte kohlschwarze Haare. Hatte eine 
aus ihrer Klasse solche Haare gehabt? Vielleicht waren sie 
gefärbt. Plötzlich erkannte Sol die andere. Es war Hanne. Die 
rundliche Hanne, die Euter auf ihrem Brot gehabt hatte. Jetzt 
war sie schlank und elegant. Und Sol sah ihr nach, als sie vor 
der Hecke über den Plattenweg ging. Sie ist ein ganz anderer 
Mensch geworden, überlegte sie. Hat keine Angst mehr. 

Angst? 

 

Morgan betrachtete die Gastgeberin. Am Vorabend hatte er sich 
alte Fotos angesehen, um die anderen zu erkennen. Und das war 
dann kein Problem gewesen. Er sah zu Sol hinüber, die noch 
immer auf der Terrasse stand. Wie eine Galionsfigur, dachte er. 
Eine Galionsfigur für das neue Haus. Einmal war er in sie 
verliebt gewesen. Wie sein bester Freund. Und auf der 
Schlittschuhbahn hatte Karl-Erik nach ihrer Hand gefasst. Aber 
dann war etwas dazwischen gekommen. Eine Intrigantin. Eine, 
die es nicht ertragen konnte, dass auch anderen Aufmerksamkeit 
entgegengebracht wurde. 

Fotze, dachte Morgan trocken. 

Er dachte daran, wie der Engel nach dieser Episode schlimmer 

denn je gegen die Tochter des Oberlehrers gestichelt hatte. Sie 

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hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Sol vor den Klassenarbeiten 
die Aufgaben immer schon kannte. Am Abend vor einem 
Examen brachte Helle einige andere dazu, Sol zu überfallen und 
in eine alte Pfadfinderhütte zu schleppen. Die Gefangene war 
durchsucht worden, zuerst mit Kleidern, dann ohne. 
Splitternackt war sie schikaniert worden, damit sie gestand. 

Morgan musste die Augen niederschlagen. Er war auch dabei 

gewesen. Er hatte geglaubt, dass sie die Aufgaben kannte. 
Natürlich war das nicht der Fall gewesen. 

Etwas wuchs in Sol, etwas drohte, ihre Brust zum Bersten zu 

bringen. Es kam durch den Anblick der anderen, durch die 
ausweichenden Blicke. Sogar, als sie ihr die Hand gegeben 
hatten, waren ihre Blicke flüchtig gewesen, als seien sie allesamt 
schüchtern und gehemmt oder als schämten sie sich. Und 
nachdem sie sie begrüßt hatten, ließen sie sie stehen. Niemand 
kam von selbst zu ihr herüber. Als ob niemand sie leiden könnte. 

Aber sie war ja auch die Tochter des Oberlehrers gewesen. 

Sicher stammte sie von damals, diese Unsicherheit der anderen. 
Weil sie so tüchtig gewesen war. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie 
eine Zeit lang Matheaufgaben ganz bewusst falsch gelöst hatte, 
damit … damit Helle sie leiden könnte, denn dann wäre Helle 
die Einzige, die alles richtig machte. Und das Gesicht der 
anderen wurde deutlich. Nicht niedlich. Nicht schön. Nur 
beängstigend voll von … Hohn? Hass? 

Sol keuchte auf. Weitere Bilder tauchten auf. Begleitet von 

fliegender Hitze, und sie wich zurück, ins Wohnzimmer. Sie 
ging weiter in die Küche, wo die Teller mit dem Roastbeef unter 
Plastikfolie standen. Eine ihrer Töchter hatte beim 
Salatzerschneiden ein Brett mit Selleriestangen übersehen, Sol 
packte das Messer und schnitt ein paar Stücke ab. Sie musste an 
etwas anderes denken. Sie musste an heute denken. Sie waren 
jetzt erwachsen. Dann hörte sie Stimmen und Schritte, die sich 
näherten, von der Treppe zur Hintertür bei der Garage. Sie 
schlüpfte in die Speisekammer. Ihre Tochter und ein fremder 

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junger Mann kamen an ihr vorbei, und Sol lief die Treppe 
hinunter. Dann stand sie wieder im Freien. 

 

Wie früher, dachte Kitt. Sol allein auf der Terrasse. Helle 
umgeben von einem Hofstaat. Kitt hatte den Engel durch die 
Blätter entdeckt. Sie hatte den Garten noch nicht betreten. Sie 
hatte die Gastgeberin noch nicht begrüßt. Sie stand einfach 
hinter der Hecke, umgeben von einigen anderen. Unverschämt, 
dachte Kitt und hielt nach einer Öffnung zwischen den 
Fliederzweigen Ausschau. Und alles war wie früher. Helle in 
Rosa und Gelb. Mit wunderschön frisierten Engelshaaren. Mit 
denselben hellen, messerscharfen Augen. Und mit derselben 
Stimme, wenn auch ein wenig tiefer und etwas heiserer. Um sie 
herum standen vier erwachsene Männer und machten Augen wie 
Dreizehnjährige. Mit dämlichem Lächeln standen sie da und 
nickten schwanzwedelnd zu Helles Geplauder. Und Helle sprach 
über den Sommer, der zu Ende ging, und erzählte, wie sie den 
verbracht hatte. Als gehörten die Zuhörer zu ihrer Familie, 
verbreitete sie sich über Leute, die ihr offenbar nahe standen, 
ohne diese Beziehungen genauer zu erklären. Sie fragte die 
anderen nicht, was sie so machten, ob sie verheiratet seien und 
Kinder hätten. Sie redete einfach nur. Kitt wurde von ihr 
vollständig übersehen. Helle redete einfach, über sich, auf ihre 
vertrauliche und andere einbindende Weise, und die vier Herren 
nickten und lächelten. 

»Aber Gerhard wird heute doch sechzig, deshalb kann ich nur 

kurz vorbeischauen und muss dann weiter, das versteht ihr 
sicher«, sagte sie. 

 

Die sechs standen in einer kleinen Nische neben der Auffahrt, 
einem von Flieder eingerahmten Halbkreis. Vor der Öffnung 
stand ein Wagen. Dahinter standen noch zwei, und für einen 
Moment fragte Sol sich, ob ihre Töchter wohl die 

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Mineralwasserflaschen in den Kühlschrank gelegt hatten, damit 
die, die noch fahren mussten, auch etwas Kaltes trinken 
könnten. Dann vergaß sie alles über den Gestalten, die sie durch 
die Blätter ahnen konnte, und über der Stimme, die redete und 
redete. Gleichzeitig kamen die Bilder. Die Erinnerungen. Und 
ein plötzlicher Anfall von Kopfschmerzen. Sol musste sich an 
einem Baumstamm festhalten, um nicht zu stürzen. 

 

Kitts Anwesenheit brachte die vier Männer offenbar zurück in 
die Wirklichkeit. Zwei verschwanden im Garten, die anderen 
sprachen jetzt darüber, wer gekommen war und wer nicht. Ein 
Name fiel und Helle schlug lächelnd zu: »Aber der arme 
Froschkönig hätte sich doch nie im Leben hergetraut. Der mit 
seinen Warzenhänden!« 

 

Erst als sie am Tisch saßen, fiel ihnen auf, dass eine fehlte. 
Zwischen Thomas und Ragnar war ein Platz frei. »Helle«, stand 
auf der Tischkarte. 

Sie lag in der Fliedernische zwischen Garage und Haus. Sie 

war erwürgt worden, offenbar mit ihrem eigenen Chiffonschal. 

»Viele von uns hätten ein Motiv für diesen Mord gehabt«, 

erzählte Morgan seinem Vorgesetzten von der Wache. 

»Doch nicht nach so vielen Jahren«, sagte der andere. 

»Wenn sie etwas gesagt hat, das für irgendwen die 

Vergangenheit zum Leben erweckte …« 

»Kannst du sie als Mensch beschreiben?« 

»Als Kind fehlte ihr jegliches Einfühlungsvermögen.« 

 

»Das Mysterium des geschlossenen Raums«, sagte der 
Polizeichef. »Also müssen wir feststellen, was genau alle hier 
gemacht haben, in der Stunde zwischen eurer Ankunft und dem 
Beginn des Essens.« 

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»Als ich sie verlassen habe, stand sie mit Anders und Kim 

zusammen«, sagte Kitt. 

»Ich habe sie geliebt«, sagte Anders. »Meine ganze Kindheit 

hindurch. In meiner Jugend habe ich alle anderen Frauen mit ihr 
verglichen. Die goldenen Haare. Das reizende Gesicht. Der 
lebhafte Blick.« 

»Ich habe sie geliebt«, sagte Kim. »Ihre Engelslocken. Keine 

andere war so sexy und weiblich wie sie. Damals. Und zugleich 
… ich weiß nicht. Es war ein ganz besonderes Prickeln. Ein 
Gefühl, als wisse sie alles. Als durchschaue sie dich. Sie war 
eine Königin.« 

 

»Aber der Brand, damals. Da war doch die Rede von 
Brandstiftung. Irgendwer hatte etwas gesehen, einen Schatten an 
der Wand … nach einiger Zeit wurden die Ermittlungen 
eingestellt. Und ihr seid dann weggezogen, du und deine Mutter, 
nicht wahr?« 

»Ja«, antwortete Sol. 

»Kannst du dich an die Gerüchte von damals erinnern?« 

Sie schüttelte den Kopf und schaute den Polizeichef traurig an. 

»Aber du musst sie doch gehasst haben!«, sagte Kommissar 

Morgan. 

»Da siehst du es«, sagte Morgan nach der Vernehmung. »Wie 

ich gesagt habe. Sol war damals zu naiv. Sie konnte nicht 
begreifen, dass andere so heimtückisch sein könnten.« 

»Aber stimmt es wirklich, dass die vierzehnjährige Helle euch 

aufgefordert hat, Sols Haus anzustecken?« 

»Das stimmt. Sol hatte das beste Examen abgelegt. Außerdem 

war sie mit einem gewissen Terje im Kino gesehen worden. Er 
war zwei Jahre älter als wir. Das war zu viel.« 

»Aber ihr habt es nicht getan?« 

»Spinnst du? Irgendwo gab es ja doch eine Grenze.« 

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»Für dich.« 

»Für mich und für Niels und Hugo, für Ragnar und Mons.« 

»Und die anderen Jungen?« 

Morgan schüttelte skeptisch den Kopf. 

 

Sol konnte nicht schlafen. Die Kopfschmerzen wollten sich 
nicht legen, es war zum Verrücktwerden. Denk positiv, das hatte 
ihre Mutter immer gesagt, wie ihr jetzt einfiel. Ihre Mutter, die 
hinter einer Maske verschwunden war. Einer munteren Maske 
nach dem Brand. 

Hatte der Polizist Recht? Hatte sie Helle als Kind gehasst? 

»Weißt du das mit den Kätzchen auch nicht mehr?«, hatte 

Morgan gefragt. 

Als sie endlich einschlief, kamen die Albträume. Die Bilder 

steckten noch in ihr, als sie erwachte, und sie taumelte zur 
Toilette und erbrach sich dort. Die niedlichen rotgoldenen 
Kätzchen. Der Engel hatte sie ausleihen wollen. Und Sol hatte 
sich so darüber gefreut, dass Helle gekommen war, sie hatte in 
ihrem Garten gestanden und gelächelt. 

Sol drehte die Dusche auf. Sie ließ Wasser über ihr Gesicht 

laufen. Es gab Bezeichnungen für Menschen ohne 
Einfühlungsvermögen. Ohne Schmerzgefühl. Die Gefängnisse 
in den USA wimmelten von solchen Leuten. Und ihr ging auf, 
dass es nicht unmöglich war, dass sie in ihrem tiefsten Herzen 
den Engel damals gehasst, dass sie dieses Gefühl und seinen 
Grund aber zusammen mit den anderen, schlimmeren 
Erlebnissen verdrängt hatte. Und durch das viele Lesen und ihre 
große fachliche Erfahrung wusste sie, sie hätte die andere töten 
können, mit einer Kraft aus der Tiefe, einer Kraft, die durch den 
Klang der Stimme hinter dem Flieder in ihr freigesetzt worden 
war. 

Sie hatte ein scharfes Messer in der Hand gehabt. Ihre Tochter 

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hatte sie später daran erinnert, dass sie rot vor Hitze und total 
verwirrt die Treppe zur Küche hochgekommen war, mit dem 
scharfen Salatmesser in der Hand. Aber der Engel war doch 
nicht erstochen worden! 

 

Diese Cateringfirma, fragte die Polizei. Die haben das Essen 
schon lange vor Festbeginn geliefert, nicht wahr? 

»Ja. Ja, sie wollten um halb fünf kommen. Meine Töchter 

haben mit ihnen gesprochen. Aber …« 

»Ja?« 

»Sie hatten wohl die Brote vergessen.« 

»Die Brote?« 

»Die Weißbrote. Baguettes. Susanne hat es gemerkt, und sie 

haben das in Ordnung gebracht. Als wir uns zu Tisch gesetzt 
haben, war alles in Ordnung.« 

 

Morgan hielt auf dem Parkplatz der Firma, die Essen »zu jeder 
Gelegenheit« anbot. Dann ging er ins Büro, um sich zu 
erkundigen, wer die letzte Lieferung zum Tatort gebracht hatte. 

 

»Jan Lind und Børre Mangset.« 

 

Lind wurde per Mobiltelefon darüber informiert, dass die Polizei 
mit ihm reden wollte. Er hatte schon damit gerechnet. Und war 
darauf vorbereitet. Er sprang aus dem Lieferwagen und lief ins 
Haus, nicht einmal seine Fahrhandschuhe zog er aus. 

Er hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte. Dass sie um 

Viertel nach sechs zum zweiten Mal bei Sol eingetroffen waren. 
Vielleicht um zwanzig nach sechs. Der Aushilfsjunge hatte die 
Brote allein ins Haus gebracht. Der Fahrer war beim Wagen 
stehen geblieben. Er hatte sich eine Zigarette angezündet. Er 

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hatte zu den fröhlichen Menschen in den Garten geschaut. Nach 
drei oder vier Minuten war der Junge zurückgekommen. Dann 
waren sie gefahren. 

Nicht mehr. Nicht weniger. Das würde er sagen. 

Aber mit Morgan hatte er nicht gerechnet. 

Die Zeit löste sich auf, als sie in dem kleinen Aufenthaltsraum 

mit dem Getränkeautomaten und den Aschenbechern standen. 
Die beiden Männer sahen einander an. Beide sahen einen 
kleinen Jungen. Morgan sah Jan mit den roten Händen. Den 
roten Händen mit den scheußlichen Warzen. Den Warzen, die 
nicht verschwinden wollten. Die lebten und sich auf Jans 
Händen vermehrten und immer größer wurden. Und die 
schrecklich bluten konnten, wie damals, als der Besitzer der 
Hände versucht hatte, sie mit einer Rasierklinge seines Vaters 
wegzuschneiden. 

Und sie hörten eine Mädchenstimme. 

»So kannst du nicht rumlaufen, Jan. Deine Mutter muss 

einfach einen Fachmann anrufen. Jetzt sehen deine Hände doch 
aus wie Frösche. Aber Frösche gehen nicht in die Schule. Die 
springen im Schlamm in einem Moor oder einem dreckigen 
Tümpel herum …« 

Jan Lind ließ sich auf einen Stuhl sinken. Er schaute seine 

Fahrhandschuhe an. Darunter waren die Warzen verborgen. 
Kein Facharzt hatte helfen können. Und keine Rasierklinge. 
Keine Salbe. 

»Du warst in unserer Klasse, du«, sagte Morgan leicht 

verwirrt. 

Der andere nickte kurz. »Bis ich da aufgehört habe.« 

»Und wohin bist du dann gegangen?« 

»Nirgendwohin. Nicht sofort. Ich hab mich in einer Höhle 

verkrochen. Oben bei der Geröllhalde. Bis zu den 
Sommerferien. Und dann wurde ich auf eine Schule für 

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Zurückgebliebene geschickt. Aber war ich denn 
zurückgeblieben?« 

»Da glaube ich nicht«, sagte Morgan. 

»Ich hatte nur Warzen«, sagte Jan. 

Morgan musterte die schwarzen Lederhandschuhe. Mit ihren 

Manschetten. 

Und dem Polizisten fiel ein Satz ein, ein Satz, der vor einigen 

Tagen in einem Garten gefallen war, über einen Jungen mit 
Warzen, einen, der keine Einladung erhalten hatte. 

Beide Männer hörten jetzt die Stimme, die diesen Satz 

ausgesprochen hatte. Und sie sahen einen kleinen Menschen mit 
einem strahlenden Lächeln. Und plötzlich nahmen sie beide den 
süßen Fliederduft wahr, obwohl die Fliederblüte schon längst 
vorbei gewesen war, an dem Tag, an dem der Wagen der 
Cateringfirma zweimal dasselbe Haus hatte aufsuchen müssen, 
da jemand die Baguettes vergessen hatte. Aber es hatte noch 
einen anderen Tag gegeben, in einer fernen Kindheit. Einen 
Sommertag, an dem sie beide in die erste Klasse gegangen 
waren, und an dem fünf Jungen von einem Busch in einem 
Garten an ihrem Schulweg schöne Blüten abgebrochen hatten. 

Und alle waren für Helle bestimmt gewesen. Doch als Jan ihr 

seinen duftenden lila Strauß hingehalten hatte, hatte der Engel 
seine Hand zurückgezogen, und das Geschenk war auf den 
Boden gefallen. Die Warzen könnten durch die Blumen von 
dem Jungen auf andere übertragen werden, hatte sie gesagt. Und 
Morgan fiel ein, wie sie alle in die Hecke gegangen waren, um 
im Kies nach kleinen roten Warzen Ausschau zu halten. 

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Zwei Männer der Tat 

Jonny Halberg 

Zu Beginn der achtziger Jahre sollte ich mich in Lillehammer zu 
meinem Antrag auf Befreiung vom Militärdienst äußern. Ich war 
kein Pazifist, aber ich sah keinen Grund, warum ich einen 
Dienst ablegen sollte, von dem ich wirklich nichts hielt und der 
mir auch nicht als etwas Positives für irgendwen sonst erschien. 
Außerdem war ich in Offizierskreisen aufgewachsen, eigentlich 
schon fast in einer Garnison, und ich fand siebzehn Jahre 
abgeleisteten Wehrdienst mehr als genug. Anderseits machte es 
mir Spaß, mit einem Gewehr zu schießen. Ich hatte durchaus 
Lust, Jäger zu werden. Und manchmal prügelte ich mich auch. 

Gegen Ende des Gesprächs kam dann die Fangfrage, die 

immer als eine Art letzter Stolperstein ausgelegt wurde: die 
Gegenseite spielte die Gefühlskarte aus. Ich wusste von diesem 
Hindernis, aber als es dann kann, konnte ich doch nicht 
hinüberspringen. Es lautete so: Wie würde ich mich verhalten, 
wenn ich nach Hause käme und feststellte, dass jemand in meine 
Wohnung eingebrochen war und gerade meine Familie 
umbringen wollte? Wenn ich eine Waffe in der Hand hielte, 
würde ich den Einbrecher damit erschießen? Ich wägte lange 
Für und Wider ab und sagte dann wahrheitsgemäß, dass ich das 
nicht wisse. Ich konnte nicht behaupten, dass ich nicht schießen 
würde. Aber ich wusste, wenn ich sagte, dass ich schießen 
würde, dann könnte ich mir den Zivildienst abschminken. Einige 
Zeit darauf erfuhr ich, dass mein Antrag noch einmal geprüft 
werden sollte. Bent, ein Freund von mir, Sozialist und Zyniker, 
wurde hinbefohlen, um zu bestätigen, dass ich Pazifist war. Er 
war damals Mitglied des Palästinakomitees und wollte Israel als 
Staat ausradieren, und er sagte der Kommission: Jonny? Der 
würde keinen Finger rühren. Der ist durch und durch Pazifist. 

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Und damit war ich als Zivi anerkannt. Das war der logische 

Sprung, der dazu nötig war: Lass die im Stich, die dir nahe 
stehen und die du liebst, lass sie sterben, während sie dich dort 
stehen sehen. Damit hast du bewiesen, dass du für den Frieden 
im Land arbeiten kannst, du Waschlappen. 

Wichtig an der Frage war die Demütigung, man sollte sich als 

das feigste und jämmerlichste Würmchen sehen, das auf diesem 
Planeten jemals geboren worden ist, schließlich wollte man ja in 
den Zivildienst, statt im Krieg Menschen zu töten. 

Aber trotz dieser idiotischen Problematik grübelte ich oft 

darüber nach, wie ich mich verhalten hätte. Natürlich auch, weil 
ich nie in diese Lage geriet. Hätte ich gerettet oder gerächt? 

 

Ungefähr fünfzehn Jahre später brach ein junger Typ in meine 
Wohnung in Oslo ein und stahl alles, was er an Wertsachen 
finden konnte. Neben Stereoanlage, CDs, Schmuckstücken, 
Computerspielen, DVDs, Playstation und so weiter verschwand 
ein Laptop, den ich mit der Arbeit mehrerer Jahre gefüllt hatte. 
Von einigem hatte ich keine Sicherheitskopie. Etwas anderes 
waren die Arbeitsjahre, die ich nicht zurückbekam, und nicht 
zuletzt war da die Unsicherheit, die mein Sohn, meine Frau und 
ich verspürten, nachdem jemand unsere Wohnung aufgebrochen 
und verwüstet hatte. Diese Unsicherheit wurde nicht kleiner, als 
ich feststellte, dass mehrere von meinen CDs sich in der einen 
Stock tiefer gelegenen Wohnung befanden. 

Die Erklärung war, dass der dort wohnende Südafrikaner mit 

einer Norwegerin einen drogensüchtigen Sohn von neunzehn 
Jahren hatte. Er hatte ihre Wohnung aufgesucht, während sie in 
Urlaub waren, sie hatten davon nichts gewusst. Seinen 
Aufenthalt dort hatte er genutzt, um unsere Wohnung zu leeren. 
Seine Stiefmutter berichtete, dass er irgendwo in Oslo wohnte, 
wo, wusste sie nicht. Ich konnte mich erinnern, dass er mir 
einige Tage nach dem Einbruch im Treppenhaus begegnet war, 

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er kam pfeifend die Treppe herunter und hatte meinen Discman 
über den Ohren. 

Der Typ war schwarz, und ich wohnte damals in einer Gegend, 

in der es viele Afrikaner, Pakistani, Inder und andere 
Dunkelhäutige gab. Sie hatten nicht bei uns eingebrochen, aber 
schon nach wenigen Tagen war ich besessen von 
Rachegedanken und kochte vor Hass auf diesen Schwarzen, der 
ganz geplant mir und meiner Frau so viel Ärger bereitet und 
dafür gesorgt hatte, dass mein kleiner Sohn Angst hatte, dort zu 
wohnen, wo wir nun einmal wohnten. Uns hätte Schlimmeres 
passieren können, aber das Gefühl von Hilflosigkeit und 
Ohnmacht wurde nicht geringer, und diese Ohnmacht und der 
Verdacht, dass seine Tat für den Einbrecher zu keinerlei 
Konsequenzen führen würde, ließen meinen Hass auf ihn weiter 
wachsen. Ich lief durch Vaterland, Grünerløkka und Grønland 
und suchte nach diesem Arsch (auch wenn mir klar war, dass er 
ebenso gut in Oslos noblerem Westen wohnen könnte). Ich 
wollte diesen Südafrikaner rollstuhlreif schlagen, denn ich 
wusste, dass ich niemals das zurückbekommen würde, was er 
mir genommen hatte. Ich wollte es aber auch, weil er mich wie 
ein kleines Kind behandelt hatte, dem man einfach das 
Spielzeug aus den Händen reißen konnte. Außerdem wollte ich 
ihn verletzen, um etwas von meinem eigenen Gefühl der 
Verletzung zu rächen und um meine Wut zu besänftigen und zu 
befriedigen. 

Das Problem war, dass ich ihn nicht finden konnte. Statt 

Vergeltung gab es weiterhin nur Rachefantasien. Ich fand keinen 
Auslauf für meinen Drang. Innerhalb einer Woche war ich zum 
eingefleischten Rassisten geworden. Ich glaubte überall, diesen 
Neunzehnjährigen zu sehen, aber als ich dann jedesmal 
erkennen musste, dass er es nicht war, dachte ich, dass dieser 
andere Schwarze, bei dem es sich um einen Äthiopier oder 
Ghanaer handeln mochte, durchaus dasselbe anrichten könnte 
wie der Südafrikaner oder es vielleicht sogar schon angerichtet 

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hatte. Dass es für mich keine Abrechnung mit ihm gab, dass ich 
mich nicht von meinem gerechten Zorn befreien konnte, dass 
der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde, führte zu 
Gewaltfantasien und Paranoia. Ich fuhr nachts aus dem Schlaf 
und war sicher, dass jemand im Zimmer stand. Ich hörte vor 
dem Haus bedrohliche Geräusche. Ich musterte Dunkelhäutige, 
die abends zusammen auf der Straße standen, und hatte wirklich 
vor, mir eine Handfeuerwaffe zu besorgen. Ich war in meiner 
eigenen Stadt zu einem Fremden geworden, einem Eindringling. 
Am Ende war es nicht mehr wichtig, dass dieser Südafrikaner 
büßen sollte: Ich wollte nur, dass irgendwer büßte, der vielleicht 
Ähnlichkeit mit ihm hatte, der möglicherweise dasselbe hätte 
tun können wie er. 

Eins der gestohlenen Videos war der Film »Taxidriver« mit 

der Hauptperson Travis Bickle, den ich so gut zu verstehen 
glaubte. Ich verstand seinen Zorn und seinen Drang nach 
Gerechtigkeit. und voller Entsetzen und Freude sah ich zu, wie 
er durch New Yorks Straßen wanderte, um mit der Gosse 
abzurechnen. Er hatte Recht. Und lag zugleich restlos daneben. 
Natürlich ist es eine wunderbare Geschichte, Robert De Niro in 
der Hauptrolle ist fantastisch, die Regie einzigartig und 
richtungweisend, aber gerade dieser kleine Aspekt, dass Travis 
so Recht hat und dermaßen schief liegt, sorgt wohl dafür, dass er 
uns so sympathisch ist. Sicher, es ist richtig, Gewalt, Übergriffe, 
Ausnutzen der Schwachen als etwas so grundlegend Falsches zu 
betrachten, dass man dagegen ankämpfen muss. Aber es ist nicht 
richtig, dass ein einzelner und leicht gestörter Mann aus dem 
Mittleren Westen einfach loszieht und Crackheads abknallt, um 
zum Retter Brooklyns zu werden. Er kann nicht der Rächer sein, 
der das ausgleicht, was die Opfer von Dealern, Zuhältern, 
Einbrechern und Gewalttätern erleiden mussten. Ein solcher 
Mann kann weder die Jungfrau aus dem Turm befreien noch den 
Drachen töten. Denn obwohl Travis Bickle von denselben 
Qualen angetrieben wird wie so viele von uns anderen, und 

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obwohl er zu viel grübelt und sich unerreichbare Ziele setzt, so 
besteht doch zwischen ihm und uns ein grundlegender 
Unterschied. Während die meisten es beim Überlegen belassen, 
ist er so naiv und wirklichkeitsfremd, dass er seine 
Vorstellungen in die Tat umsetzen will. Er nimmt die Qualen 
wortwörtlich, beschließt, zum Krieg gegen das Elend zu rüsten, 
und wird zu einer Einmannarmee. 

Wir wissen, dass das Abenteuer dieses halbpsychotischen 

Rächers kein gutes Ende nehmen wird. Er tötet am Ende den 
Drachen und befreit die Jungfrau, das schon. Dennoch: Ist das 
ein Sieg? Der Höhepunkt des Films, die Abrechnung, findet in 
einer Mietskaserne statt. Dort bringt Travis mehrere Menschen 
um und verursacht ein brutales Blutbad. Wie der klassische 
Rächer im Cowboyfilm hat er sich der Übermacht gestellt und 
sie bedungen – mit dem kleinen Unterschied, dass Scorsese das 
Blutbad als tragischen Albtraum zeigt, sodass es nicht als 
unterhaltsamer Höhepunkt oder als Triumph der Rache 
durchgehen kann. Zugleich ist es aber genau das. Denn am Ende 
liegt Travis als Medienheld im Krankenhaus und hält sich für 
den Ritter, der die Prinzessin aus der Not gerettet hat. 

 

Es ist richtig, sich gegen die Übermacht zu wehren, wenn einem 
von dieser Übermacht Unrecht geschieht. Die Frage ist nur, wie 
wir dann reagieren sollten. Soll ich meinen Leidenschaften 
gehorchen und mir einen Revolver zulegen, oder soll ich die 
Rache Polizei und Justiz überlassen, die den Verbrecher aller 
Wahrscheinlichkeit nach ungeschoren davonkommen lassen 
werden? Soll ich einen Vermittlungsausschuss einschalten, wie 
bisweilen vorgeschlagen wird? Oder soll ich die andere Wange 
hinhalten und innerlich vor Wut und Frustration verglühen? 

Vermittlungsausschuss, Revolver oder Wange: Meiner Ansicht 

nach erhält die Wirklichkeit ein letztes Wort, bei dem Zweifel 
und Überlegungen über das der Rache innewohnende Paradoxon 
sich sozusagen in den Schwanz beißen. 

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Einige Wochen nach dem Einbruch in meine Wohnung saß ich 

mit meinem Sohn in der Straßenbahn, wir wollten nach Hause 
fahren. Den Südafrikaner hatte ich noch immer nicht gefunden. 
An der Haltestelle Theresesgate steigt ein heruntergekommener 
Mann von Ende zwanzig ein. Seine Turnschuhe sind 
verschlissen und verdreckt. Seine Hose ist verschlissen und 
verdreckt. Er ist bleich und hohläugig und einwandfrei ein Fixer. 
Der Typ setzt sich, zieht eine rote und feminine Brieftasche 
hervor, nimmt einen Packen Kreditkarten heraus und vertieft 
sich in deren Anblick. Und als ich sehe, wie dieser verkommene 
Junkie zu einer Brieftasche greift, die er einer Frau gestohlen 
hat, habe ich einfach genug. Ich kann nicht mehr, ich will das 
nicht länger hinnehmen. Ich weigere mich, hier zu sitzen und 
mir diese elenden und rücksichtslosen und dummen  Existenzen 
anzusehen, die glauben mit uns anderen, die nicht gemein und 
gewissenlos sind, machen zu können, was sie wollen. Ich gehe 
nach vorn, rede mit dem Fahrer, und der informiert die Polizei. 
Uns wird mitgeteilt, dass sie an der nächstmöglichen Haltestelle 
auftauchen wird. Ich habe die Polizei alarmiert. Das ist ein 
seltsames Gefühl. Aber ich behalte den Typen im Auge und 
versuche zugleich, meinem Sohn zu erklären, was hier passieren 
wird. Ich habe nur schreckliche Angst, der Fixer könnte 
aussteigen, ehe die Polizei eingetroffen ist. Und plötzlich, vor 
einer Haltestelle, springt er auf. 

Und ich auch. Er schwankt ein wenig hin und her, starrt aus 

dem Fenster, sieht zu, wie die Tür sich öffnet und schließt, 
schaut mich an und lässt sich wieder auf seinen Sitz fallen. Ich 
nehme ruhig Platz, während mir der Puls in den Schläfen 
hämmert. 

Auf dem Stortorg steht schon die Grüne Minna. Zwei 

Polizisten und eine Polizistin warten daneben. Die überfüllte 
Bahn hält an, der Fahrer teilt mit, dass niemand aussteigen darf, 
ich dränge mich hinaus, gehe mit meinem Sohn zur Polizei 
hinüber, zeige auf die Bahn und sage, dass der Täter ganz hinten 

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sitzt. Wir steigen wieder ein. Die Leute glotzen. »Der da 
hinten«, sage ich. 

Der Junkie muss mitkommen. Er kapiert einwandfrei nur 

Bahnhof. Draußen muss er die Brieftasche vorzeigen. Er zieht 
sie hervor und kapiert einwandfrei nur Bahnhof, aber gehorsam 
leert er sie und reicht alles dem einen Polizisten. 

Der Polizist starrt den Inhalt der Brieftasche verständnislos an. 

Und nun sehe ich es. In seiner Hand liegen drei Telefonkarten. 

Der Junkie steht mit offenem Mund da. Dann verzieht er 

spöttisch sein ausgemergeltes Gesicht und lacht heiser. »Der hat 
meine Telefonkarten für Kreditkarten gehalten«, blökt er und 
zeigt auf mich. Er nimmt die Karten wieder an sich, lacht 
höhnisch und verdreht die Augen. Mein kleiner Sohn starrt mich 
an. Die Polizei starrt mich an. Der eine Polizist erzählt, dass 
Junkies oft Telefonkarten sammeln. Dafür bekommen sie Geld. 

Der andere Polizist klopft mir auf die Schulter. »Wir freuen 

uns aber immer, wenn jemand wenigstens guten Willen zeigt«, 
sagt er. 

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Das Meierschloss 

Viktor Arnar Ingólfsson 

Es war Ende Juni, schon früher Nachmittag, und die Sonne 
schien bereits den dritten Tag. Die frische Brise, die häufig 
durch die Stadt wehte, hatte allmählich nachgelassen, nun 
herrschte Windstille. Es war heiß, und das Leben hatte sich um 
einen Takt verlangsamt. 

In einer engen Wohnstraße im westlichen, alten Teil der Stadt 

saß eine junge Frau auf der Treppe eines altehrwürdigen 
Zweifamilienhauses. Sie trug einen weiten hellgrauen Rock und 
eine kurzärmelige weiße Bluse. Eine helle Jacke hatte sie 
ausgezogen und über das glänzende Treppengeländer gelegt. 

Das Haus war mit dunklem Sand, der mit Muschelkalk 

versetzt war, gemauert, das Dach mit rötlichen Dachziegeln 
eingedeckt. Der gepflegte Vorgarten war von der Straße 
abgetrennt durch eine hohe Mauer, die auf gleiche Art und 
Weise wie das Haus errichtet war. Die Gartenpforte war aus 
Eisen und grau gestrichen. 

Die junge Frau rauchte. Ihr Gesichtsausdruck war ernst, die 

grauen Augen ruhten nachdenklich auf der alten Pforte. Die 
Frau war dunkelhaarig und trotz zweier senkrechter 
Sorgenfalten hübsch. Sie wartete. 

Obgleich das Stadtzentrum nicht weit entfernt lag, war es 

ruhig in der Straße, nur wenige Menschen waren auf den 
Beinen. Der Gesang der Vögel, das Flattern ihrer Flügel und das 
Säuseln der Blätter, wenn sie von Zweig zu Zweig flogen, waren 
die einzigen Laute, die man hören konnte. 

Ein Wagen, der an dem Haus vorbeifuhr, erweckte die 

Aufmerksamkeit der Frau, und sie sah auf. 

Der Fahrer fuhr langsam, und schließlich stoppte er das Auto 

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etwas weiter unten in der Straße. Dort stieg er aus und schaute 
sich suchend um. Er war untersetzt und schien um die sechzig 
zu sein. Die Kleidung, eine schwarze Hose und eine bräunliche 
Wolljacke, wirkte reichlich warm für die Jahreszeit. 

Schließlich ging der Mann die Straße hinauf in Richtung der 

Frau, die ihn aufmerksam beobachtete, während er sich dem 
Haus näherte. Er zögerte ein wenig, als er an der Pforte 
angelangt war, doch als er die Frau sah, öffnete er sie und ging 
in den Garten. 

Die junge Frau war jetzt aufgestanden und strich ihren Rock 

glatt. 

»Guten Tag. Ist es hier, wo ich eine Tür öffnen soll?«, fragte 

der Mann, und die Stimme war sanfter als sein Aussehen 
vermuten ließ. Das graue Haar war kurz geschnitten, das Gesicht 
wettergegerbt und die Haut rau. 

»Ja, guten Tag«, gab die Frau förmlich zur Antwort. »Sind Sie 

von der Polizei?« 

»Ja, bin ich. Ich war gerade auf dem Weg vom Dienst nach 

Hause, als ich gebeten wurde, diese Sache noch rasch in 
Ordnung zu bringen.« 

»Ist dies das Schloss?«, fragte er daraufhin und deutete auf die 

gewaltige Haustür. 

Die Frau nickte nur. 

Der Mann ging vor ihr die Treppe hinauf und setzte sich eine 

Brille auf, ehe er sich das Schloss ansah. 

»Ja, wollen mal sehen. Dies ist also ein altes Meierschloss. Die 

waren schon immer problematisch.« 

Die Tür war mit einem Sprossenfenster versehen, in dem sich 

neun kleine Scheiben befanden. 

Der Mann hielt die Hand vors Gesicht, damit die Sonne ihn 

nicht blendete, und versuchte ins Haus zu sehen. Drinnen 
befanden sich Gardinen vor dem Fenster, und zwischen ihnen 

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und dem Glas sausten einige Schmeißfliegen umher. 

»Sind Sie hier zu Hause?«, fragte der Mann. 

»Nein«, antwortete sie bestimmt. »Eigentlich nicht. Mein 

Großvater wohnt hier.« 

»Hat sich der alte Mann ausgesperrt?«, fragte der Mann dann. 

»Weiß nicht«, antwortete die Frau. »Ich glaube nicht. Ich habe 

ihn telefonisch einfach nicht erreichen können.« 

»Ach so«, sagte der Mann, indem er sich zum Schloss 

hinabbeugte. »Haben Sie schon lange nichts mehr von Ihrem 
Großvater gehört?« 

»Eine Woche … über eine Woche«, antwortete die Frau und 

biss sich auf die Lippe. 

»Nun ja«, sagte der Mann und sah sich das Schlüsselloch an. 

»Schauen wir uns das mal an … Jawohl, dies sind solide 

Schlösser.« 

Er reckte sich und wischte sich mit dem Ärmel Schweißperlen 

von der Stirn. 

»Hatte sonst niemand Kontakt zu dem alten Mann?«, fragte er 

daraufhin. 

»Nein, soviel ich weiß nicht«, antwortete die Frau knapp. 

»Na ja … so ist das eben.« 

Der Mann steckte die Hand in seine weite Jackentasche und 

zog einen Bund mit verschiedenen Dietrichen hervor. Er 
betrachtete ihn näher, wählte dann einen Schlüssel aus und löste 
ihn vom Bund. 

»Hören Sie zu …« Der Mann blickte die Frau an und wollte 

etwas sagen, tat sich aber schwer damit, es zur Sprache zu 
bringen. 

»Haben Sie … Haben Sie angefangen, sich um den alten Mann 

Sorgen zu machen?«, fragte er schließlich zögernd. 

»Nein, hab ich nicht«, sagte sie spitz und ungeduldig. Sie 

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wollte noch mehr sagen, doch der treuherzige Gesichtsausdruck 
des Mannes hielt sie davon ab. 

Endlich schlug sie den Blick nieder und sagte leise: 

»Ja, doch, es ist so. Ich habe begonnen, mir um ihn Sorgen zu 

machen.« 

Der Mann beugte sich nun zum Schloss hinunter und steckte 

den Dietrich ins Schlüsselloch. 

»Wie alt ist Ihr Großvater eigentlich?«, fragte er dabei. 

»Er ist dreiundachtzig … oder vierundachtzig.« 

»Gibt es niemanden, der sich täglich um ihn kümmert?« 

»Doch, er hat eine Haushaltshilfe, die ist aber in Urlaub. Er 

kann ganz allein für sich sorgen und wollte keine Ersatzkraft 
haben … ich habe versprochen, nach ihm zu sehen.« 

»Ja, damit kenne ich mich aus«, sagte der Mann. Er stützte den 

linken Arm in die Seite und reckte sich. »Die waren schon 
immer schwierig, diese alten Meierschlösser.« 

Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, und er blickte zum 

Himmel. 

»Schönes Wetter, nicht?« 

Er sah die Frau an, als ob er eine Antwort von ihr erwarte, 

doch als sie schwieg, wandte er sich wieder dem Schloss zu und 
fügte, wie zu sich selbst, hinzu: »Die Bauern bekommen jetzt 
gutes Erntewetter … Wann haben Sie das letzte Mal etwas von 
Ihrem Großvater gehört?«, fragte der Mann dann, nachdem 
einige Augenblicke vergangen waren. 

»Von Mama, sie lebt im Norden, sie hat vor zehn Tagen mit 

ihm telefoniert, und daraufhin hat sie mich angerufen und mich 
gebeten, nach ihm zu sehen. Ich habe vor einer Woche versucht, 
ihn anzurufen, doch da ist er nicht ans Telefon gegangen. Dann 
musste ich fliegen – ich arbeite als Stewardess –, und ich bin 
erst vorgestern nach Hause gekommen. Heute Morgen hat 
Mama mich dann angerufen, denn er hatte den Hörer nicht 

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abgenommen, als sie gestern versucht hatte, mit ihm zu 
telefonieren.« 

»Könnte er nicht zu irgendwelchen Verwandten gefahren 

sein?«, fragte der Mann, der nun wieder damit angefangen hatte, 
sich mit dem Schloss abzumühen. 

»Nein, Mama wohnt, wie schon gesagt, im Norden, und seine 

andere Tochter lebt in Norwegen. Es wohnen keine 
Angehörigen hier in der Stadt, außer mir und meinem Bruder, 
doch die beiden treffen sich nur selten.« 

»Es will einfach nicht funktionieren«, sagte der Mann, indem 

er den Dietrich aus dem Schloss zog und ihn verwundert 
betrachtete. 

»Hören Sie mal, meine Liebe! Würden Sie mir vielleicht einen 

Gefallen tun und mir meine Werkzeugtasche, die auf dem 
Vordersitz liegt, aus dem Auto holen?« 

Sie nickte schweigend und ging die Treppe hinab. Als er ihr 

nachsah, während sie zur Gartenpforte hinausging, steckte er 
den Dietrich wieder ins Türschloss und drehte ihn. Es ertönte ein 
dumpfes Geräusch; er öffnete die Tür und trat ein. 

Im Haus herrschte eine Bruthitze, und seine Nase nahm einen 

süßlichen Geruch wahr. Er hatte diesen Geruch bereits früher 
wahrgenommen … nicht oft, doch oft genug. Er zog eine 
Tabakdose aus seiner Tasche hervor und nahm eine Prise 
Schnupftabak. Ehe er weiter in die Wohnung hineinging, zog er 
die Tür ins Schloss. 

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Was geschah in Nummer 7? 

Margaret Johansen 

Die triste Pension mit der müden Korridorbeleuchtung, die 
taktvoll die abblätternde Farbe an Wänden und Decken verbarg, 
war wie ausgestorben. Abgestandene Luft drückte sich um die 
Ecken in dem hoffnungslosen Bemühen, nach draußen zu 
entwischen. Nahezu alle Bewohner waren über Ostern verreist. 
Die meisten davon Studenten. Aber Mia war aus dem Norden 
und hatte nicht das Geld für einen Heimflug nur für die paar 
freien Tage. Also hatte sie Knabberzeug und ein paar Flaschen 
guten Wein gekauft und sich darauf eingerichtet, die Feiertage 
in ihrer Fünfzehn-Quadratmeter-Bude zu verbringen. Und sie 
hatte brav an ihre Eltern gedacht, die es ihr ermöglichten, »in 
der Welt voranzukommen«, wie ihr Vater zu sagen pflegte. 

Die Rathausuhr schlug acht. 

Jetzt saß sie da und knabberte Schokolade und redete sich gut 

zu, dass es völlig in Ordnung war, allein zu sein, es waren ja 
auch nur ein paar Tage. 

Sie entkorkte eine Flasche Wein, setzte sie an und trank ein 

paar Schluck, bevor sie ein Glas hervorsuchte. Gleich wurde 
ihre Laune besser. Für die Kleinstadt da oben im Norden war sie 
das Mädel mit den guten Zensuren, eine Freude für die ganze 
Familie. Sie sollte ihnen Ehre machen mit ihrem Studium in der 
Hauptstadt – aber wie so viele andere auch hatte sie gemerkt, 
dass es hier von »jungen Talenten vom Lande« nur so 
wimmelte, die sich in nichts von allen anderen unterschieden. 

Was blieb einem anderes übrig, als sich damit abzufinden, 

dass man einer unter vielen war? Immerhin gehörte man dazu, 
das war ja auch nicht schlecht. 

Sie starrte an die Zimmerdecke mit den Stuckrosetten und den 

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Rissen kreuz und quer. Was die in all den Jahren wohl schon an 
Tragödien und Alltagstristesse gesehen haben mochten. 

Ein mitgebrachtes dünnes Deckbett lag eingerollt in eine 

verblichene Diwandecke wie eine schlaffe Wurst an der Wand. 
Der Fußboden war auch schäbig, mit knarrenden Dielen, die 
außerdem noch eine Schräge hatten. Verlor man einen Knopf, 
dann wusste man, wo man zu suchen hatte – unter dem 
Waschbecken. Insofern war es gut zu wissen, in welche 
Richtung das Gefälle ging. 

Sie hatte ein paar alte Taschenbücher von Agatha Christie 

gefunden, ließ sie aber im Moment noch unbeachtet auf ihrem 
Schoß ruhen. 

 

Unglaublich, mit welchem Krempel die Leute ihre Bude 
ausstaffierten, wenn sie an Fremde untervermieteten. 

Sie starrte auf die junge, hübsche Jeanne d’Arc, die erst von 

einem Bildhauer und anschließend von einem Fotografen 
verewigt worden war, um danach in etwas eingerahmt zu 
werden, was den Überresten einer misslungenen Waffel glich. 

Es war unangenehm still im Haus. 

Nur ein Hausmeister irgendwo in diesem Gebäude – wenn 

überhaupt. 

Sie nahm einen Schluck Wein, und es kam ihr beinahe so vor, 

als hätte Jeanne d’Arc sich ein bisschen bewegt … 

O nein, schöne Jungfrau, so leicht jagst du Mia keinen 

Schrecken ein. 

Sie nahm die Flasche und das Glas und ging über die 

knarrenden Dielen zum Sessel am Fenster. 

Dort zog es ein bisschen, aber es war der einzige Platz, von 

dem aus man das ganze Zimmer überblicken konnte. 

War sie etwa nervös geworden? 

Über dem Sessel hing MUTTERFREUDEN. Hatte das vorher 

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schon da gehangen, oder war das die Wirkung des Weins? Die 
Mutter hatte den Kopf schräg geneigt und blickte zärtlich auf 
ihren wonnigen Säugling, der hingebungsvoll auf ihrem Schoß 
lag. Ein arrangiertes Idyll, das sie in der guten Stube ihrer 
Großmutter oft betrachtet hatte. Ein Anachronismus. Wie 
komisch dieser kleine frivole Lendenschurz war, den das Kind 
trug, fast so, als sollte er den Anstand wahren. 

 

Es lag vielleicht daran, dass sie zu viele Krimis gelesen hatte, 
aber das Zimmer schnürte sich irgendwie um sie zusammen, und 
der Korbsessel knarrte warnend. Zitterten ihr nicht sogar ein 
ganz klein wenig die Hände? 

Dabei stand sie in dem Ruf, eine Frau zu sein, die sich von 

nichts einschüchtern ließ. Man sollte eben keine Krimis lesen, 
wenn man Ostern allein in einer Pension mit vielen finsteren 
Ecken zubrachte. 

 

Das Ticken des dickbäuchigen Weckers war auf einmal so laut. 
Mia hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen, deshalb stand 
sie auf und zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster und 
starrte hinunter auf die Straßenlaternen. Deren Lichtkegel 
ergossen sich eng begrenzt um die Masten, was die 
Verlassenheit der Straße noch unterstrich. Hinter den Gardinen 
in einem der anderen Häuser flackerte Kerzenschein, und das 
Geklimper eines verstimmten Klaviers drang an ihr Ohr. 

Es waren also doch noch andere Leute in der Stadt. 

Trotzdem spürte sie die Einsamkeit wie einen kalten Schauer 

hereindringen. Sie schloss das Fenster mit einem Knall und zog 
die Vorhänge zu. 

Aber anstatt sich über die warme, anheimelnde Atmosphäre im 

Zimmer zu freuen, fiel es ihr schwer, sich wieder dem Raum 
zuzuwenden. 

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Hatte sie die Tür abgesperrt? 

Als Mr Allison Miss Bradford erwürgte, hatte sie die 

Zimmertür abgeschlossen. Als Polizeiinspektor Brent die Leiche 
der alten Lady Twinisborough fand, hatte sie daran gedacht, 
auch noch die Kommode vor die Tür zu schieben. 

Und sich gleich darauf über sich selbst geärgert. 

Wer sollte schon hierher kommen? 

Wer sollte schon hierher kommen wollen? Zu ihr? 

Hatte sie etwas Verlockendes zu bieten? 

Quatsch! 

Etwas knisterte, und Mia drehte sich abrupt um. Es war 

natürlich der Korbsessel, das hatte sie schon tausendmal gehört. 
Sie räusperte sich und zuckte zusammen, als das Echo durch das 
große, kalte Zimmer hallte, das ihr plötzlich erstickend heiß 
vorkam. 

Es klopfte irgendwo! 

Aha. Also war doch noch jemand im Haus. Jemand, der 

vielleicht Besuch bekam. 

Da klopfte es noch einmal. Danach war es eine Weile still. Sie 

hielt den Atem an und lauschte. Hörte, wie jemand an einem 
Türgriff rüttelte. 

Wo mochte das wohl sein? 

Bei Nummer 6 oder vielleicht Nummer 7? 

Nein, Morten von Zimmer 6 war nach Hemsedal gefahren. 

Ganz aufgeregt vor lauter Vorfreude. In Nummer 7 wohnte ein 
junges Mädchen, vielleicht war sie zu Hause … Ebenso pleite 
wie Mia. 

Na, das ging sie nichts an. 

Zum Sessel gehen und sich hinsetzen. Entspannen. Ein 

heiteres Buch ohne Mord lesen, Pralinen knabbern und … 

Jetzt wurde an die Tür gehämmert und jemand rief etwas. 

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Zuerst ärgerlich. Dann ängstlich. 

Das Herz raste in ihrer Brust. Sie musste wissen, wer das war, 

was das war. 

Eine seltsame, süße Erregung kitzelte ihr im Magen, als sie 

den Schlüssel im Schloss herumdrehte und hinausspähte in den 
dunklen Korridor mit dem Feuerlöscher weit hinten in der Ecke. 
Jetzt hörte sie die Stimmen ganz deutlich. 

»Da ist bestimmt was passiert, wir sollten doch um acht hier 

sein, und da drinnen sind Leute …« 

»Und was sollen wir jetzt machen?« 

Eine Männerstimme. Eine Frauenstimme. 

Mia ging mit entschlossenen Schritten den Korridor hinunter. 

Ein junges Paar stand vor Nummer 7. 

»Kann ich irgendwie helfen, ich meine, das Hämmern war ja 

nicht zu überhören …« 

Das junge Mädchen begann nervös zu reden. 

»Ja, Entschuldigung, dass wir so einen Lärm gemacht haben, 

wir sind nämlich eingeladen zu einer Party hier um acht, und 
jetzt ist es fast – ja, schon Viertel nach – und es macht niemand 
auf.« 

Der Mann unterbrach sie. 

»Jetzt reg dich nicht auf, vielleicht ist sie nur eben runter zum 

Kiosk gegangen.« 

»Aber wir haben doch gehört …« 

»Wir können uns verhört haben, oder?« 

Mia schlug vor, dass sie den Verwalter oder den Hausmeister 

holen sollten. 

»Nein, nein«, sagte der Mann, »wir warten lieber noch. In der 

Regel gibt es für alles eine natürliche Erklärung«, fügte er tapfer 
hinzu und sah die beiden aufgeregten Frauen mit 
Beschützermiene an. Dann erstarrte er plötzlich und lauschte 

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angespannt. 

Aus dem Zimmer war ein deutliches Stöhnen zu hören, und 

Mia straffte die Schultern und sagte, sie werde jetzt jedenfalls 
den Hausmeister holen. Denn vielleicht hatte er ja einen 
Reserveschlüssel, aber ganz bestimmt hatte er Werkzeug. Und 
wenn dort drinnen ein Mensch in Not sein sollte, war es einfach 
eine Pflicht … 

Der Hausmeister hatte Soße am Kinn und Ärger im Blick. Er 

murmelte etwas von hysterischen Weibern und lebhafter 
Fantasie, aber Mia ließ nicht locker. In diesen unsicheren Zeiten, 
wo die Zeitungen jeden Tag über irgendein Verbrechen 
berichteten, konnte er doch unmöglich in aller Ruhe sein 
Osterlamm essen, während vielleicht gerade jemand ermordet 
wurde. 

Er seufzte und bewaffnete sich mit einem riesigen 

Schraubenschlüssel und einem kleinen Schraubenzieher, um das 
Schloss auszubauen, falls der Schraubenschlüssel nicht reichte. 

Leise schimpfend folgte er Mia die Hintertreppe hinauf, 

während er an das Fußballspiel im Fernsehen dachte, das er jetzt 
verpasste. 

Seine Frau sah ihnen ängstlich nach und schloss die 

Wohnungstür hinter ihnen sorgsam ab. 

Das junge Paar stand mit ernsten Gesichtern da und wartete. 

Sie wirkten angespannt und glaubten nun beide, dass etwas nicht 
stimmte. Sie hatten deutliches Stöhnen gehört und Geräusche, 
die auf einen Kampf hindeuteten. Vielleicht war jemand 
geknebelt? Der Hausmeister lauschte ebenfalls und begann 
langsam – o Gott, und wie langsam – die Schrauben am 
Türbeschlag zu lösen. Die Tür war von innen abgeschlossen, 
und der Schlüssel steckte. 

Die drei anderen traten an die Wand zurück und hielten den 

Atem an. 

»Ich sag nur eins, ich kann kein Blut sehen«, sagte der junge 

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Mann, dessen Tapferkeit sich spurlos verflüchtigt hatte. 

Es tröstete ihn wenig, dass die beiden Frauen versicherten, er 

werde wohl kein Blut sehen, da das Ganze eher auf Erwürgen 
hindeutete. Mia war schon wieder in der Welt der Bücher und 
beschrieb eifrig die Blaufärbung, die sie sehen würden, falls ihre 
Ahnung sich bestätigen sollte. 

Nicht gerade ein angenehmer Anblick, aber vielleicht nicht so 

schockierend wie Blut. 

Hinter der Tür war ein durchdringendes Röcheln zu hören, das 

immer lauter und höher klang. 

Der Schraubenzieher arbeitete langsam und zäh an dem 

Beschlag. 

»Nun machen Sie endlich«, schrie der junge Mann. »Sie 

können hier doch nicht so herumtrödeln, wo es vielleicht um 
Sekunden …« 

Da drangen neue Laute aus Nummer 7. 

Ungeduldige, aber friedliche. 

Es knarrte, es tapste, und dann öffnete sich die Tür einen Spalt. 

Ein zerzauster Männerkopf starrte sie wütend an. Er war erhitzt 
und außer Atem, und etwas tiefer flatterten lose Hemdschöße 
um nackte, mit Gänsehaut überzogene Pobacken. 

»Was zum Teufel macht ihr da eigentlich?«, schrie er. »Könnt 

ihr die Leute nicht mal am Karfreitag in Ruhe lassen, 
verdammt?« 

»Doch, schon, aber wir waren hier für acht Uhr eingeladen. Ist 

Lille denn nicht da?« 

Die vier auf dem Korridor konnten in dem halbdunklen 

Zimmer nun ein junges Mädchen ausmachen, das sich ein Laken 
um den Körper gewickelt hatte. Ihre Wangen waren erhitzt und 
gerötet, die Haare zerzaust und die Augen glänzten. 

»O Gott, ihr seid es, ich hatte ja keine Ahnung, dass es schon 

so spät ist. Ist es wirklich schon acht? Wartet mal kurz, nur eine 

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Minute … Ach, das ist übrigens Petter, ich wollte gerne, dass ihr 
ihn kennen lernt …« 

Ihre Stimme zwitscherte ohne Unterlass. 

»Hör mal«, sagte Mia beherrscht, »wir dachten, du brauchst 

vielleicht Hilfe. Wir haben geklopft und gerufen. Haben 
schreckliches Stöhnen gehört …« 

»Ich glaub’s ja nicht!«, rief der zweite junge Mann, während 

er sich durch die Haare fuhr, »habt ihr denn keinen Funken 
Fantasie …?« 

Die Schritte des Hausmeisters auf der Hintertreppe waren das 

einzige Geräusch, das die darauf folgende Stille unterbrach. 

Mia ging zurück in ihr Zimmer und starrte hinunter auf die 

feiertagsleere Straße. Auf einmal war ihr, als hätte sie dort unten 
Miss Marple gesehen, die mit einem verschmitzten Lächeln zu 
ihr hinauf winkte. 

Wer hätte das von der Alten gedacht … 

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Der offene Brief 

Edda Magnúsdóttir 

Sei für immer herzlich gegrüßt, liebe Mutter! 

– Ich hatte versprochen, dir zu schreiben, sobald ich mein 

Sehvermögen wiederbekäme. 

Wie du sicherlich verstehen wirst, konnte ich niemand anderen 

bitten, dir diesen offenen Brief zu schreiben. 

Jetzt habe ich diese wunderbare Brille bekommen und kann 

sowohl wieder die Zeitung lesen als auch wieder unseren 
Bæjarfell, den Berg hinter unserem Hof, erkennen. 

Ich sah schon so schlecht, dass mein lieber Guðbjörn 

begonnen hatte, sich über meine verschiedenen 
Unzulänglichkeiten zu beklagen. Wenn seine Strümpfe bald 
falsch zusammengelegt, bald nicht zusammenpassend im 
Schubfach lagen, fand er, dass ich meine Augen untersuchen 
lassen sollte. Das zog sich dann in die Länge, bis er es mit dem 
Magen bekam. 

– Kannst du dich noch daran erinnern, als ich bei dir und 

Guðbjörn zu Besuch war? 

Damals warst du besonders zufrieden damit, wie gut ich 

Kümmelkringel und Zimtschnecken zu backen verstand. 

Mein lieber Guðbjörn findet es noch immer sehr wohltuend, 

sich am Abend in die Speisekammer zu stehlen und eine 
Schnecke oder ein Stück Kringel zu essen, ehe er zu mir ins 
warme Bett kriecht. Ich bin weder bis oben hin zugeknöpft noch 
kalt im Bett, liebe Mutter! 

– Doch zurück zu meinem lieben Guðbjörn und seiner 

Magenkolik. 

Eines Nachts wurde mein lieber Guðbjörn furchtbar krank. 

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Er wand sich vor Schmerzen und hatte sowohl unter Erbrechen 

wie unter Durchfall zu leiden, wie du, als du auf dem Sterbebett 
lagst, liebe Mutter. 

Mein lieber Guðbjörn wurde in Eile nach Reykjavik gebracht, 

meine Tochter und ich fuhren mit ihm. 

Die Ärzte sagten, dass Guðbjörn vergiftet worden sei. 

Nach gründlichen Untersuchungen und Verhören gelangte die 

Polizei zu dem Ergebnis, dass ich Kümmel mit dem Rest einer 
Salbe verwechselt hatte, die mein lieber Guðbjörn nach alter 
Gewohnheit in die große Vorratskammer gelegt hatte. 

Glücklicherweise konnten die Ärzte meinen lieben Guðbjörn 

retten. Ich wurde zum Augenarzt geschickt, der seine Praxis in 
dem schrecklichen Betonbau hat, der Kringlan genannt wird, 
wenn nicht gar Kümmelkringlan. 

Natürlich existiert noch ein anderes Hausungetüm in der Stadt, 

das Snúðurinn heißt. 

Es war furchtbar, in diesem Kringlan umherzuirren. 

Immerhin haben die ringförmigen Gebäude eine Form, die es 

verhindert, dass man in ihnen eingesperrt wird. 

Anders sieht es mit den schneckenförmigen Gebäuden aus, 

man gelangt lediglich in ihrer Mitte hinein, und dort sitzt man 
dann bis an sein Lebensende fest. 

So wäre es mir beinahe ergangen, als der Bezirksrichter 

behauptete, dass ich die Salbe absichtlich an die Kringel 
gegeben hätte, die mein lieber Guðbjörn sich gegönnt hatte. 

Doch das Gutachten des Augenarztes ob meiner 

vorübergehenden Blindheit bewahrte mich davor, in einem der 
schneckenförmigen Gebäude eingesperrt zu werden. 

Diese Ärzte heutzutage können ganz ausgezeichnet und 

achtsam sein. 

Ja, nun kann ich fast ebenso gut sehen wie damals, als du es 

bei uns mit dem Magen bekamst und die Salbe ebenfalls in der 

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großen Speisekammer verwahrt wurde. 

Guðbjörn und mir ist es seit deinem Tod wirklich 

ausgezeichnet ergangen, und daher sei für immer herzlich 
verabschiedet, liebe Mutter. 

 

Ruhe in Frieden. – Ráðhildur. 

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Hombre 

Lars Kjædegaard 

Elias bekam vor Sonntagvormittag nicht viel von Mutter oder 
Jorge zu sehen. 

Mutter war fertig. So fertig, dass sie nicht einmal versuchte, es 

zu verbergen. So endete es inzwischen, wenn sie mit den Mädels 
ausgegangen war. Junge, Junge, dachte Elias, als er sah, wie sie 
herumwankte. Sie erinnerte ihn an etwas, das die Katze schon in 
der Mangel gehabt hatte. Je älter Mutter wurde, desto mehr 
redete sie von den »Mädels«. Als ob sie Mädchen wären. Sie 
waren aber verdammt nochmal Damen, oder, wenn man richtig 
deutlich werden wollte, mittelalte Schachteln oder so. Elias war 
froh, dass er nicht dabei gewesen war. 

Elias dachte darüber nach, ob es wohl Menschen weiblichen 

Geschlechts gab, die sich ganz und gar im Klaren darüber 
waren, was sie in Wirklichkeit waren. Er fand es peinlich, wenn 
Mutter davon sprach, zum Weiberabend zu gehen. Warum 
nahmen erwachsene Frauen sich selbst nicht ernst? Entweder 
waren sie Mädels oder Weiber, oder vielleicht waren sie auch 
verfluchte Schlampen. Warum wussten sie nie, was sie waren? 

Jorge war Mutters Freund. Er war Halbbrasilianer und sah gut 

aus. Und er war zehn Jahre jünger als Mutter. Jorge hatte kein 
Mitleid mit Mutter, und er zeigte es, indem er ziemlich laut 
Opern hörte. Es war unerträgliche Musik mit Jammern und 
Schreien, und Elias wusste genau, dass das Jorges Art war, 
Mutter dafür zu strafen, dass sie ausgegangen war und jetzt 
herumlief und Wasser trank und Brausetabletten nahm und 
zwischendurch die Augen verdrehte, als könne sie gar nicht 
fassen, dass es einem so schlecht gehen konnte. Jorge wirkte 
ziemlich cool, und Elias konnte an ihm nichts Auffälliges 
bemerken. Jetzt, Sonntagvormittag, glaubte er nicht mehr, dass 

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Jorge ihn gesehen hatte, als Jorge aus dem Haus gekommen war, 
in dem die professionellen Mädchen arbeiteten. Das gab Elias 
ein ruhiges Gefühl. Denn er hatte Jorge gesehen. 

Elias hatte gefrühstückt, während Jorge herumlief und 

Verschiedenes erledigte und seine Oper im Wohnzimmer 
dröhnte, dass die kleinen, antiken, von einem Architekten 
entworfenen Pendelleuchten aus gelblichem Glas über dem 
Esstisch fast flatterten. 

Elias sah hinüber zu Mutter, die immer noch im Morgenmantel 

war und aussah, als wäre sie schon wieder auf dem Weg ins 
Bett. 

»Durchgemacht?«, sagte Elias zu ihr. 

Sie sah hoch, blinzelte mit den Augen und strich sich ihre 

zerzausten, lockigen Haare aus dem Gesicht. Ihre Haut war gelb 
und sah ein bisschen fettig aus, wie Weißbrot, das darauf wartet, 
in den Ofen geschoben zu werden. Irgendwie aufgequollen, aber 
auch mit roten Flecken auf den Wangenknochen unter den 
Tränensäcken. Sie versuchte ihn anzulächeln. 

Die Musik wurde lauter, und Elias konnte sehen, wie Mutter 

zusammenzuckte, während die Pauken hämmerten und eine 
Frau höher und höher und immer hysterischer sang. 

»Du weißt …«, sagte sie, gab aber auf. Sie schaffte es nicht, 

die Musik zu übertönen. 

Elias stand auf und ging zur Anlage im Regal. Er drückte auf 

Stopp. Im Wohnzimmer war vollkommene Stille, und Elias 
konnte sehen, wie Mutter aufatmete und die Augen schloss. 

Im selben Moment kam Jorge von der Terrasse herein. 

»Was?«, fragte er und sah Elias an, als hätte Elias ihn gerufen. 

»Was was?«, fragte Elias und sah ihn an. 

Jorge ähnelte ihm vom Typ her ein bisschen, dachte Elias. Er 

war ein gut aussehender Mann, schlank, mit langen Beinen, an 
denen seine Diesel-Hosen gut saßen. Er war »intensiv«, sagte 

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Mutter. Jetzt jedenfalls war er intensiv, und aus irgendeinem 
Grund war es Elias scheißegal. 

»Du machst meine Oper aus?«, fragte Jorge mit seinem 

schwachen Akzent, der manchmal cool klang und manchmal 
einfach nur bescheuert. Wie jetzt. 

»Meiner Mutter geht’s nicht so gut, Jorge«, sagte er. »Lass es 

uns einfach ruhiger angehen, ja?« 

Aber Jorge blickte Elias unverwandt an. Ein Bein hatte er ein 

wenig seitlich ausgestellt, und eine Hand lag auf der Hüfte. 

»Du machst meine Oper aus?«, wiederholte er. Dieses Mal 

noch ein bisschen intensiver, dachte Elias. Und weiter dachte er, 
geh doch in den Garten, egozentrisches Arschloch. 

Elias holte Luft. So was hatte es zwischen ihm und Jorge noch 

nie gegeben, und so gesehen war er durchaus gespannt darauf, 
wie weit der Südamerikaner gehen würde. 

»Ja, ich habe deine Oper ausgemacht, Jorge«, sagte Elias. 

»Kannst du nicht sehen, dass es meiner Mutter nicht gut geht? 

Entspann dich, okay?« 

Ein kleines Lächeln lag auf Jorges Lippen. »Du machst meine 

Oper aus und erzählst mir, was ich zu tun habe, Elias?« 

Jorge hatte es damit, seinen Namen irgendwie spanisch 

auszusprechen. So, dass er sich auf »buenos dias« reimte. Das 
konnte er auf eine nette und eine weniger nette Art machen, 
genau, wie es ihm einfallen konnte, »ombray!« zu Elias zu 
sagen, was »hombre«, Mann, bedeutete und signalisierte, dass 
Jorge in Buddy-buddy-Laune war. 

Das war er jetzt nicht. 

Elias spürte, dass irgendetwas in ihm selbst, ein kleiner 

Widerstand oder eine kleine Furcht, nicht mehr da war. Es war 
nur ein kleiner Klick, aber es brachte ihn dazu, weiter zu gehen. 

Elias stellte sich genauso hin wie Jorge, die eine Schulter ein 

wenig angehoben und zu Jorge gewandt, das eine Beine ein 

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Stück vor dem anderen. Er müsste nur noch einen Arm über den 
Kopf heben, mit dem vorderen Fuß ein wenig trampeln und 
»olé! Flamenco, hombre!« rufen. 

Jorge kniff die Augen leicht zusammen, während sein Lächeln 

breiter wurde, als könne er einfach nicht glauben, was er sah. 
Elias ließ die Parodie fallen. »Jorge, meiner Mutter geht es 
schlecht. Du wirst doch verdammt nochmal wann anders Musik 
hören können. Oder setz deine Kopfhörer auf, wenn es 
unbedingt jetzt sein muss.« 

Aber er hatte nicht gesehen, wie zornig Mutters Freund war, 

und schaffte es nicht mehr rechtzeitig, die Arme hochzunehmen, 
bevor Jorge ganz dicht vor ihm war und ihm die härteste 
Ohrfeige verpasste, die er jemals bekommen hatte. Wenn er 
überhaupt je eine bekommen hatte. Es knallte nur zweimal in 
dem stillen Wohnzimmer, aber so, dass Elias dachte, was zur 
Hölle war das? So schnell ging es. 

Elias drehte langsam seinen Kopf und sah zu Mutter, die 

immer noch mit ihren Haaren und dem Bademantel unter der 
Pendelleuchte saß. Sogar der Bademantel sah aus, als wäre er 
aus gewesen und hätte die Nacht durchgezecht. 

»Jorge …«, sagte sie von dort drüben. »Jorge …« 

Aber Jorge ignorierte sie. Er stand einen Meter von Elias weg 

und sah ihn fragend an, mit seinem kleinen Lächeln und der 
einen hochgezogenen Augenbraue. 

Elias wusste, dass seine Mutter aufstehen, herüberkommen 

und sich einmischen würde, wenn ihr klar wurde, was Jorge 
gerade tat, und er konnte in Jorges Augen sehen, dass sie 
genauso einen Schlag abbekommen würde wie er selbst eben. 

Elias spürte in sich eine kühle Ruhe. 

Er drehte sich zum Regal mit dem CD-Player. 

»Gut«, sagte Jorge hinter ihm. »Das war vernünftig, Elias.« 

Buenos dias, dachte Elias. 

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Er drückte auf die Lade und nahm die CD heraus. 

Jorges Augenbraue hob sich wieder ein wenig, aber das 

Lächeln verschwand nicht. 

»Leg discos compactos ein«, sagte Jorge. 

Elias steckte den kleinen Finger durch das Loch der CD. Er 

konnte sehen, wie Jorges Nasenflügel sich ein wenig weiteten, 
und er musste an Jorge und Mutter auf dem Sofa denken, wo er 
sie an einem Abend gesehen hatte, als er früher von einer 
langweiligen Party nach Hause gekommen war. Mutter und ihr 
junger Liebhaber in dem feinen Haus, in dem kein Vater mehr 
war. 

»Leg discos compactos ein«, wiederholte Jorge. 

»Du willst jetzt Oper hören?«, fragte Elias und sah Jorge fest 

an. 

Dieses Mal flüsterte Jorge. »Leg … discos compactos … ein, 

und mach an, Elias …« 

Es war merkwürdig, aber je wütender Jorge wurde, umso 

ruhiger wurde er selbst. Elias nahm die CD von seinem Finger 
und warf sie wie ein silbernes Frisbee durch die offene 
Terrassentür nach draußen. 

»Leg sie doch selbst ein, du lächerlicher Cowboy«, sagte er, 

ohne Jorge aus den Augen zu lassen. 

Jorge lief Amok. Aber dieses Mal hatte Elias die Arme oben. 

Er schützte seinen Kopf, während Jorge auf ihn eindrosch. Elias 
sah nach unten. Er konnte seine Mutter schreien hören. Elias trat 
mit seinem Absatz so fest er konnte auf Jorges linken Fuß. Jorge 
wich einen Schritt zurück und hob den Fuß. 

Elias traf seinen rechten Knöchel, Jorge verlor das 

Gleichgewicht und machte ein paar stolpernde Schritte nach 
hinten, bevor er über einen der geflochtenen Corbusierstühle am 
Esstisch fiel und auf Hintern und Ellenbogen landete. Elias sah 
seine Mutter an. Sie starrte ein wenig nach oben, als ob sie nicht 

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wirklich glaubte, was im Wohnzimmer geschah. Dann ging 
Elias an Jorge auf dem Boden vorbei und ging aus dem 
Wohnzimmer hinaus, den Flur entlang in sein Zimmer. Er 
schloss die Tür ab. 

 

 

Es war still im Haus, und Elias entdeckte, dass seine Hände ein 
bisschen zitterten. Sein Gesicht prickelte auch noch, da, wo 
Jorges flache Hand ihn geschlagen hatte. Das war das erste Mal 
seit langem, dass er wünschte, er hätte einen Joint. Er nahm von 
dem heftigen Wunsch Abstand, der ihn zu übermannen drohte. 
Er merkte, wie sehr es in ihm zog. Lass es ziehen, dachte er, lass 
es fast überall ziehen, aber nur fast. Ein Teil von ihm hätte alles 
dafür gegeben, den kräftigen, runden Rauch tief in die Lungen 
zu bekommen. Ein Teil von ihm würde jeden Preis bezahlen, um 
breit werden zu können und eine andere Perspektive zu 
bekommen. 

Es war nicht leicht. 

Aber das musste es auch nicht sein. 

Es war okay. 

Langsam erlaubte er seinen Gedanken wieder, Form 

anzunehmen. Es war, wie aus einem Traum kommen, wie wach 
werden. Wo bin ich, und was habe ich getan? Und was werde 
ich tun? 

Er dachte. 

Er hatte das Gefühl, sich weiter gezwungen zu haben, auf 

etwas zu, das wichtig war. Sex. Das war es, was ihn dazu 
getrieben hatte, in dem Haus anzurufen, in dem die Mädchen 
arbeiteten. Das war es, was ihn dazu gebracht hatte, dorthin zu 
gehen. Um hineinzugehen. Und Jorge zu sehen – rauskommen. 

In Wirklichkeit war es auch genau das – Sex –, was ihn dazu 

gebracht hatte, Jorge zu konfrontieren. 

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Gelegentlich hatte er seine Mutter darüber reden hören, den 

ein oder anderen mit dem ein oder anderen zu »konfrontieren«. 
Sie hatte einmal Lone Schwartz konfrontiert, weil Mutter fand, 
dass sie keine loyale Freundin mehr war. »Ich werde sie damit 
konfrontieren müssen«, hatte sie gesagt, und Elias hatte darüber 
nachgedacht, was es bedeutete, jemanden mit etwas zu 
konfrontieren. Nichts Schönes, das konnte er an Mutters Stimme 
hören. 

Jetzt wusste er es. 

Er hatte Jorge konfrontiert, weil Jorge seine Mutter belästigt 

hatte. Und das fühlte sich in Wirklichkeit gut an. O Mann, er 
wusste, dass er so etwas noch vor nur einem Monat niemals 
getan hätte. Und jetzt hatte er es getan. Er betrachtete seine 
Hände. Sie zitterten kaum mehr. Er hatte nicht einmal Angst vor 
Jorge. Discos compactos, hombre! 

Aber … warum hatte er an Sex gedacht? 

Mutter und Jorge … Mutter hatte genau gewusst, dass es 

vielleicht schwer für Elias war, dass ein neuer Mann ins Haus 
gekommen war. Sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass es 
ihr viel bedeutete. 

»Er macht mich froh, Elias«, hatte sie gesagt. 

Ja, daran hatte er keinen Zweifel. Er hatte sie auf dem Sofa 

gesehen. »Er ist ziemlich jung, oder?«, hatte er gefragt, und 
Mutter hatte ihre Freude nicht verbergen können. 

»Ja«, sagte sie, »er ist ziemlich jung. Aber das spielt keine 

Rolle, Elias. Alter spielt keine Rolle, wenn es … einem so 
geht.« 

Nein, das tat es vielleicht nicht. Aber es bedeutete etwas 

anderes für ihn als für sie. 

Er ging zur Tür und schloss auf. Er war alt genug. Alt genug, 

den stupiden Freund seiner Mutter zu konfrontieren. Alt genug, 
um zu probieren, Sex zu haben. Und alt genug, um zu wissen, 

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dass, wenn er den Freund seiner Mutter aus einem Puff kommen 
sah, in den er selbst gerade gehen wollte – es war dann allein an 
ihm, Elias, dafür zu sorgen, dass die Dinge in Ordnung kamen. 

 

 

Jorge klopfte gegen drei an. Seit dem Vormittag war kein Laut 
im Haus zu hören gewesen. 

»Komm rein«, sagte Elias. Er saß auf dem Stuhl am Fenster. 

Die Tür ging auf, und Jorge stand in der Öffnung. 

»Hallo«, sagte er. Seine Stimme war leise, und Elias konnte 

sehen, dass Gewalt und Zorn ihn verlassen hatten. 

»Wo ist Mutter?«, fragte Elias. Er stand nicht auf. 

»Sie schläft«, sagte Jorge. 

»Gut«, sagte Elias. 

Der große Liebhaber stand in der Tür, an den Rahmen gelehnt. 

Er hatte die Hände hinten in die Hosentaschen gesteckt. 

»Ich wollte mich nur entschuldigen«, sagte Jorge und hob 

seinen Blick über Elias hinweg, sodass er in den Garten sah. 

»Okay«, sagte Elias. Es war überstanden. In ihm war auch 

kein Zorn mehr. Es gab nicht wirklich etwas zu sagen. 

»Sie hat einen harten Abend gehabt, Elias.« 

Ja, dachte Elias. Das war ja der Grund … warum sagte Jorge 

ihm das? 

»Ich weiß.« 

Jorge änderte die Richtung. »Und was ist mit dir, Elias?« 

Kameradschaftlich. Hombre. 

»Was mit mir?« 

»Hast du einen schönen Abend gehabt?« 

»Ich? Ja, ich hatte einen prima Abend. Es war ja keiner zu 

Hause.« 

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Jorge sah zu ihm hinunter und Elias konnte etwas in seinen 

Augen sehen. 

»Warst du den ganzen Abend zu Hause? Ganz allein?« 

Aha. Elias entschied sich, ihm eine Kleinigkeit zu geben. 

»Ich bin ein bisschen mit dem Rad herumgefahren, als es 

dunkel geworden war.« 

»Okay«, sagte Jorge, und Elias konnte sehen, wie er dachte. 

Wenn du jetzt fragst, wohin ich gefahren bin … 

»Wo bist du denn hingefahren?« 

Elias hielt es zurück. 

»Einfach rum. Gerade bis zum Fitnesscenter.« 

Er fragte sich, wie dumm Jorge wohl war. 

»Hast du niemanden getroffen, den du kennst?« 

Elias fiel es schwer, ein Lächeln zu unterdrücken. »Nö.« 

Jorge kam ins Zimmer und hockte sich vor die Wand direkt 

neben der Tür. Jetzt waren sie auf Augenhöhe. 

»Elias … weißt du, was ich mache?« 

Elias wartete ein wenig, bevor er sagte: »Nein, nicht richtig. 

Meinst du Arbeit?« 

Der Südamerikaner nickte. »Weißt du das?« 

»Nein. Irgendwelche Geschäfte, oder?« 

Jorge nickte wieder. »Ja. Ich arbeite für eine Firma, die 

Wasser verkauft.« 

»Wasser?« 

Jorge nickte immer noch. »Ja, Wasser. Du kennst doch diese 

Behälter, die sie in den Büros rumstehen haben? Gekühltes 
Wasser?« 

»Ja.« 

»Die verkaufe ich.« 

»Du verkaufst Wasser?« 

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»Ja. Wasser. An Büros und Firmen. Fahre rum, mache neue 

Verträge … das ist ein gutes Geschäft.« 

»Sicher«, sagte Elias, ohne etwas Bestimmtes damit zu 

meinen. Er dachte, warum erzählst du mir das jetzt? 

»Wir unterhalten uns so selten, Elias. Das tut mir Leid.« 

Elias sah ihn an. Jorge stand auf. »Das wollte ich nur sagen.« 

»Okay, cool«, sagte Elias. 

Jorge ging raus und schloss leise die Tür hinter sich. 

Ja, right, dachte Elias. Wasser. 

Er dachte weiter. Er glaubte jetzt, dass Jorge ihn auf der Straße 

vor dem Haus der Mädchen gesehen hatte. Er glaubte, dass 
Jorge sich nicht sicher war, ob es wirklich Elias war, den er 
gesehen hatte. Darum hatte er gefragt, wo Elias gewesen war. 
Und dann hatte Jorge gedacht, dass, wenn er Elias gesehen hatte, 
Elias ihn vielleicht auch gesehen hatte. Und darum hatte er Elias 
erzählt, dass er Wasser verkaufte. Was vielleicht auch richtig 
war, aber Elias glaubte nicht daran. Das bedeutete gar nichts. 

Während es dunkel wurde, dachte Elias darüber nach, warum 

Jorge aus dem Haus der Mädchen rausgekommen war. 
Vielleicht war er drinnen gewesen, um mit einem von Tanias 
Mädchen Sex zu haben. Oder mit Tania selbst. Für einen 
Augenblick machte der Gedanke Elias wütend. Warum zum 
Teufel konnte er das nicht für sich haben? 

Aber vielleicht, dachte er, vielleicht gab es noch eine andere 

Erklärung. Die Art, wie Jorge über Geschäfte gesprochen hatte 
… Elias konnte es nicht ganz verstehen. Warum hatte er noch 
nie vorher etwas von dieser Wasserfirma gehört? Wie konnte 
Jorge Wasser verkaufen und dann überhaupt nie über Wasser 
reden? Vielleicht hatte Jorge irgendetwas mit diesem Ort zu tun? 
Vielleicht war das sein Geschäft? 

Elias versuchte, sich bis zu dem vorwärts zu denken, das mit 

ihm selbst zu tun hatte. Wenn Jorge da oben arbeitete, dann war 

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es vielleicht eine dumme Idee gerade dorthin zu gehen, um zu 
versuchen Sex zu haben? 

Er dachte lange darüber nach. Er versuchte es sich 

vorzustellen. Vielleicht war es eine dumme Idee, dorthin zu 
gehen. Oder vielleicht war es gerade richtig, dorthin zu gehen. 
Langsam war es dunkel geworden. 

 

Die Rezeption im Haus der Mädchen war nur schwach 
beleuchtet. Schummerlicht und gedämpfte Musik. Elias stand 
vor der Theke. Hinter der Theke stand Tania. 

»Hier auf der Karte kannst du sehen, was wir anbieten«, sagte 

Tania. »Ist es dein erstes Mal?« 

Elias nickte. »Ja.« 

Tania nickte auch. Sie wirkte nett. Sie sah aus, als wäre sie um 

die dreißig. Sie hatte blonde Haare mit ein paar dunkleren 
Strähnen dazwischen. Sie hatte scharfe Sachen an, ein 
durchsichtiges Kleid und einen schwarzen Büstenhalter. Elias 
konnte ihre sonnenverbrannten, festen Brüste sehen, und er 
fragte sich, ob sie echt waren. Sie sahen nicht danach aus. Sie 
sahen hart und schwer aus. 

Tania erklärte ihm, was die verschiedenen Bezeichnungen 

beinhalteten, aber es fiel Elias schwer, die Erklärungen mit 
etwas zu verbinden, das er selbst tun sollte. 

Er sagte: »Ich will einfach nur gern ausprobieren, wie es ist, 

Sex zu haben. Mit einem Mädchen. Ich habe das noch nie 
gemacht.« 

Tania sah von der Karte auf und lächelte. Sie legte das in 

Plastik eingeschweißte Menü beiseite. 

»Okay«, sagte sie dann. »Okay. Wir gehen es ganz langsam 

an.« 

Elias nickte. »Soll ich dann … ein Mädchen aussuchen?« 

Er hatte gehört, dass die Mädchen hereinkamen und sich vor 

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den Kunden aufstellten, sodass man selbst aussuchen konnte. 

»Bin ich nicht gut genug?«, fragte Tania und riss ihre Augen 

auf. 

Elias fühlte sich ein wenig beschämt. »Doch … doch, 

natürlich. So hatte ich es nicht gemeint. Ich dachte nur, du wärst 
die Chefin. Dass du hier die Theke beaufsichtigst.« 

»Ich kann mich gern ein bisschen um dich kümmern«, sagte 

Tania. »Wenn du Lust hast.« 

Er nickte. »Wie viel?« 

Er wusste, dass man immer im Voraus bezahlen musste. 

Aber Tania sagte: »Lass uns hinterher darüber reden.« 

»Okay«, sagte Elias. »Aber, ich habe wirklich Geld dabei.« 

»Ja, da bin ich sicher«, sagte Tania. »Sagen wir, wir legen den 

Preis hinterher fest.« 

»Okay«, sagte Elias. Er schwitzte ein bisschen. 

 

 

»Du wirst bestimmt mal richtig gut«, sagte sie hinterher. »Du 
bist ein hübscher Kerl.« 

»Ich heiße Elias.« 

»Okay, Elias.« 

Sie saß auf dem Bett, während er seine Sachen anzog. Als er 

die Hosen angezogen hatte, sah er sie direkt an. »Darf ich dich 
etwas fragen?« 

Sie hatte sich eine Zigarette angesteckt und lächelte. Sie war 

nett, und Elias fühlte sich dankbar. Ihre Haut war braun, und er 
war vorsichtig gewesen, um ihre Brüste nicht zu fest zu drücken, 
die nicht wie ein natürlicher Teil von ihr wirkten. Er hatte es 
zum ersten Mal gemacht. Jetzt wusste er, dass er es wieder 
machen könnte – leicht –, aber gerade jetzt lag es schon hinter 
ihm. 

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»Natürlich darfst du.« Sie blies den Rauch in die Luft. Es war 

dunkel im Raum, abgesehen von dem Licht, das der rote 
Lampenschirm neben dem Bett ausstrahlte. 

»Es ist vielleicht eine komische Frage, aber ich kann nur dich 

fragen, Tania.« 

Er sah sie direkt an. 

»Frag mich, Elias. Ich werde dir schon antworten. Wenn ich 

kann.« 

Elias setzte sich ihr gegenüber aufs Bett. Sie lächelte immer 

noch, und er konnte sehen, dass sie neugierig war. Er hatte 
gehört, dass Nutten kalt und berechnend waren. Aber er war der 
Ansicht, dass sogar Nutten waren wie andere Menschen. 
Verschieden. 

 

 

Am Samstag aßen sie alle zusammen. Samstags war Jorge in 
aller Regel guter Laune und redete von Familie, während er 
kochte. 

»In Argentinien isst man lange«, sagte er. »Nicht wie hier. In 

Argentinien verwendet man Zeit darauf. Die ganze Familie ist 
da, alle helfen beim Kochen. Die Alten sitzen dabei und 
bekommen einen Drink. Es ist gemütlich. Ihr Dänen redet so 
viel von Gemütlichkeit, Elias, aber in Argentinien, da ist sie 
einfach.« 

»Cool«, sagte Elias, der davon schon gehört hatte. Jorge 

konnte unglaublich guter Laune sein. Dann sollte man alles 
Mögliche probieren. Man sollte seine Meinung sagen. Man 
sollte keine Angst davor haben zu entspannen und ganz man 
selbst zu sein. 

Mutter war froh, wenn Jorge froh war. Und am Anfang hatte 

das wiederum Elias froh gemacht. Nur zu sehen, dass sie froh 
war. Und am Anfang war es gemütlich gewesen. Nicht auf 

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dieselbe Art gemütlich wie damals, als Vater lebte, aber 
dennoch. 

An diesem Samstag gegen fünf sagte Elias zu Mutter: »Ist es 

okay, wenn meine Freundin mitisst?« 

Mutter war dabei, eine Aubergine auszuhöhlen, nachdem 

Jorge ihr erklärt hatte, wie sie es machen sollte. Sie sah vom 
Küchentisch auf. Jorge stand an den anderen Küchentisch 
gelehnt, ein Glas Wein in der Hand. Aus dem Ofen roch es nach 
Braten. 

»Deine Freundin?«, wiederholte Mutter. »Du hast eine 

Freundin, Elias?« 

»Ja«, sagte er. 

Jorge grinste ihn an. »Hombre!«, sagte er und zwinkerte Elias 

zu. Von Mann zu Mann. 

»Aber, davon hast du ja gar nichts erzählt«, sagte Mutter. Ihre 

Überraschung war dabei, einem Lächeln zu weichen. »Natürlich 
darf sie mitessen, mein Schatz. Wie heißt sie?« 

»Ulla.« 

»Ulla?«, wiederholte Mutter, immer noch mit diesem kleinen, 

erstaunten Lächeln, als wäre es ganz großartig, dass Elias’ 
Freundin Ulla hieß. 

»Ulla-ulla-ulla«, sagte Jorge und grinste ihn wieder an. 

»Aber«, sagte Mutter. »Wo hast du Ulla kennen gelernt? Und 

wieso hast du mir nichts gesagt?« 

Elias lächelte sie an. »Wie lange warst du mit Jorge 

zusammen, bevor du mir davon erzählt hast?« 

Ihr Lächeln wurde ein bisschen kleiner. »Na ja … aber das ist 

doch was anderes. Du bist doch mein Sohn.« 

»Ja, und du bist meine Mutter«, sagte Elias. »Deshalb …« 

Jorge sah sie beide von seinem Platz aus an und grinste 

wieder. 

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»Familie«, grinste er. 

Elias konnte Mutter ansehen, dass sie jetzt nervös war. Zuerst 

war sie erstaunt gewesen, dann froh – weil er eine Freundin 
gefunden hatte und sie zum Abendessen mitbringen wollte –, 
und dann war sie nervös geworden. 

Elias’ Herz sank ein bisschen, aber er wusste, dass es so sein 

musste. Er ging zum Schrank und nahm einen zusätzlichen 
Platzteller heraus, ein zusätzliches Set und ein Gedeck. 
Weinglas, Wasserglas. Er deckte den Tisch. Mutter hatte sich 
wieder über ihre Aubergine gebeugt. Er konnte sehen, wie sie 
versuchte zu denken, versuchte herauszufinden, wie sie sich 
verhalten sollte, wenn es nicht sie und Jorge waren – also Jorge 
–, die die Show lieferten. 

Elias ging um den Tisch herum, während er versuchte sich 

vorzustellen, wie es Mutter gehen würde, wenn sie es war, die 
ins Wohnzimmer kam und ihn, Elias, mit einem Mädchen auf 
dem Sofa finden würde. Er machte sich hart. 

Wenn er das aushalten konnte, dann konnte sie es auch. 

Konnte sein, dass sie musste. Aber er selbst war auch nervös. Er 
ging hinüber zum Küchentisch, an dem Jorge stand, und 
schenkte ein Glas Wein ein. Jorge fing seinen Blick auf und 
zwinkerte ihm einmal zu. 

 

Er selbst machte Ulla, wie sie in Wirklichkeit hieß, auf. An 
diesem Samstagabend war sie ganz gewöhnlich angezogen. 
Jeans, Bluse. Sie trug ihre Haare offen. Sie sieht nicht aus wie 
eine Nutte, dachte Elias. 

Er hängte ihre Jacke an die Garderobe, während sie sagte: 

»Bist du immer noch sicher, dass das eine gute Idee ist, 

Elias?« 

Er lächelte sie an. »Lass uns sehen, was passiert«, sagte er. 

Sie lächelte auch. »Es ist dein Geld«, sagte sie. 

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Wie er erwartet hatte, war es seine Mutter, die am heftigsten 

reagierte, als sie in die Küche kamen. 

Sie reichte ihr die Hand und sagte »Tag, Ulla«, während Elias 

sie ansah. 

Mutters Lächeln, das sie nur schwer aufrechterhalten konnte, 

während ihr Blick von Ulla zu ihm flackerte. »Also, Sie sind 
Elias’ … Freundin?« 

»Ja«, sagte Ulla. »Und danke, dass ich mitessen darf.« 

Es war haargenau so unwirklich, wie Elias gehofft hatte. Er 

war siebzehn, und jeder konnte sehen, dass Ulla um die dreißig 
sein musste. Er konnte sehen, wie Mutter dachte. Er konnte 
sehen, wie sie dachte, dass sie nicht wusste, was sie denken 
sollte. Sie sah ihn an, als hätte sie ihn noch nie vorher gesehen. 

»Wo habt ihr euch eigentlich kennen gelernt?«, fragte sie 

dann, während sie an der Küchentheke zum Wohnzimmer stand. 

»Auf einem Fest«, sagte Ulla. »Elias ist ein richtig guter 

Tänzer.« 

»Ist er das?«, fragte Mutter. 

»Ja«, sagte Ulla. »Und er ist ein netter Kerl.« 

Mutter lächelte tapfer, dachte Elias. 

Jorge war nicht im Raum gewesen, als sie hereinkamen. Jetzt 

kam er von der Terrasse, und Elias sah, wie er gleichsam anhielt 
und dann seinen Weg über den Wohnzimmerboden fortsetzte. 
Es war nur ein kleiner, unsicherer Schritt, als er Ulla entdeckte. 

Mutter gab es an ihn weiter. »Jorge, das ist Elias’ Freundin, 

Ulla. Ulla, das ist mein Freund, Jorge.« Elias sah, wie sie sich 
die Hände gaben. »Hallo Jorge«, sagte Ulla und lächelte. 

»Hallo«, sagte Jorge. 

Elias sagte nichts. Aber er lächelte und sah die drei an. Er sah 

Jorge um die Küchentheke gehen und ihnen den Rücken 
zuwenden. Elias folgte ihm mit den Augen und sah, wie er sich 
kurz umdrehte. Elias traf Jorges Blick. Jorge starrte ihn mit 

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seinen dunklen Augen an. Elias konnte sehen, dass er nicht mehr 
länger in der Stimmung war, in der er jemandem 
verschwörerisch zublinzelte. 

 

Sie setzten sich an den Tisch – Elias lächelte Ulla an. Mutter 
konzentrierte sich darauf, ein gutes Essen zu servieren. Jorge 
schwieg – er war gut darin, zu schweigen. Sein Schweigen 
verriet immer viel, wenn man ihn gut genug kannte. Ab und zu 
warf er Elias einen verletzten Blick zu, der Elias gut tat. Er hatte 
große Lust, Jorge zuzuzwinkern, aber er tat es nicht. Er lächelte 
nur. 

Mutter – die großen Wert auf eine gute Unterhaltung legte – 

sagte zu Ulla: »Und was machen Sie, Ulla? Ja, ich gehe ja nicht 
davon aus, dass Sie mit Elias zur Schule gehen?« 

Ulla lächelte. »Nein, es ist lange her, dass ich zur Schule 

gegangen bin. Ich arbeite in einer Klinik.« 

Mutter war vielleicht dabei, die Dinge zu einer Wirklichkeit 

zusammenzusetzen, die sie verstehen konnte. Sie nickte. »Eine 
Klinik? Was für eine Klinik?« 

»Massage«, sagte Ulla. 

Erst konnte Elias seine Mutter an Heilung denken sehen, an 

alternative Behandlungen – für die sie sich einsetzte –, während 
sie nickte. Dann sagte sie, »Okay, eine … Massageklinik?« 

Das Wort kam so verwundert, dass Elias fast lachen musste. 

»Ja«, sagte Ulla. »Ich bin Intimmasseuse.« 

Elias sah Jorge an, der auf seinen Teller hinuntersah, als hätte 

all das nichts mit ihm zu tun. 

Es war kurz still. Dann sagte Mutter, während sie Elias direkt 

ansah, »Elias …« 

Er sah sie an, ohne zu lächeln. »Ja?« 

Mutter hatte ihr Weinglas abgestellt und sich in ihrem Stuhl 

zurückgelehnt. Sie lächelte immer noch ein wenig, aber es war 

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ein Lächeln, das dabei war, etwas anderem zu weichen. Sie 
richtete den Blick auf Ulla. 

»Ja, Sie müssen entschuldigen, Ulla, aber das ist ein bisschen 

schwierig für mich. Sie sind Intimmasseurin, sagen Sie? Und Sie 
sind die Freundin meines Elias?« 

»Ja«, sagte Ulla. »Das ist richtig.« 

Gut, dachte Elias. Ulla war unangefochten. Jetzt sah Mutter 

wieder ihn an. 

»Elias, stimmt das? Dass du der Freund einer …«, sie sah 

wieder zu Ulla hinüber, »ja, nicht weil ich jemanden verurteilen 
will, Ulla, aber vielleicht können Sie verstehen, dass es ein 
wenig seltsam für mich ist, dass mein siebzehnjähriger Sohn mit 
seiner ersten Freundin nach Hause kommt, die sich als weit älter 
als er selbst herausstellt und darüber hinaus eine …« 

Sie versuchte ein Wort zu finden, das die Wahrheit abdeckte, 

ohne sie gleichzeitig selbst zu kompromittieren. 

Da kam Jorge ihr zu Hilfe. »Nutte«, sagte er. 

Elias sagte noch immer nichts. 

Mutter hätte sicher ein anderes Wort gefunden, wenn sie die 

Möglichkeit gehabt hätte. Jorges Wort wirkte wie eine Ohrfeige 
auf sie. »Jorge!«, sagte sie. 

Jorge sah sie böse an, schüttelte kurz den Kopf und sah 

hinunter auf sein Essen, während er das Lammfleisch klein 
schnitt. 

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Ulla. »Jorge weiß, wovon 

er spricht. Da bin ich mir sicher.« 

In diesem Moment hatte Elias ein wenig Mitleid mit seiner 

Mutter. Und zugleich war das hier alles, was er sich erhofft 
hatte. 

Mutter war nicht dumm, oder … Vielleicht war sie kein Genie, 

aber sie hatte Antennen. Sie war gut darin, Stimmungen 
aufzufangen. Jetzt nahm sie einen schnellen, routinierten 

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Schluck ihres Weines, während sie Ulla anstarrte. 

»Was meinen Sie damit?«, fragte sie. 

»Was meine ich womit?« 

»Damit, dass Sie sicher sind, dass Jorge weiß, wovon er 

spricht?« 

Ulla zuckte mit den Schultern. »Das … das weiß ich wirklich 

nicht.« 

Aber Mutters soziale Bemühungen waren verschwunden wie 

Nebel in der Sonne. Sie hatte es versucht, aber sie war von dem 
Augenblick an verloren gewesen, als Ulla den Raum betrat, 
genau wie Elias es gewusst hatte. 

Jetzt sah sie ihn an. »Elias, was zum Teufel soll das hier?« 

»Was meinst du?« 

Sie nahm ihr Glas, schluckte hastig und schenkte nach, 

während sie sagte: »Du weißt genau, was ich meine! Was 
machst du?« 

»Gar nichts. Versuche, mein Essen zu genießen.« 

Aber sie war jenseits all ihrer eigenen Ansprüche. 

»Du lädst eine Nutte nach Hause zum Abendessen ein, wie ein 

Blitz aus heiterem Himmel, und dann erzählst du mir, sie wäre 
deine Freundin!« 

»Ulla hat mir alles beigebracht, was ich über die Liebe weiß, 

Mutter. Also, physische Liebe.« 

Sie drehte durch. »Jetzt reicht es, Elias. Ich will das hier nicht 

hören! Und – Sie, Ulla – was zum Teufel meinen Sie damit, dass 
Jorge weiß, wovon er spricht? Was verdammt nochmal soll 
das?« 

Ulla sagte: »Ja, das sollten Sie vielleicht Jorge fragen.« 

Mutter verstand nicht, was sie erwartete. Sie drehte sich zu 

Jorge, zum Ende des Tisches. »Jorge … was meint sie?« 

Als wäre sie mitten in einem bösen Traum. 

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Jorge legte sein Besteck hin und lehnte sich zurück. Sein 

Gesicht war ausdruckslos, als wäre er in Wirklichkeit ganz 
woanders. Er starrte Elias an. 

»Woher soll ich das wissen?«, fragte er. 

Mutter sagte über den Tisch zu Ulla: »Sie müssen schon sehr 

entschuldigen, Ulla, aber hier passiert irgendetwas, das ich 
einfach nicht begreife. Ich glaube, Sie dagegen begreifen es sehr 
gut. Und wenn Sie etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es. 
Aber ich kann nicht akzeptieren, dass Sie auf diese Art in mein 
Haus kommen und…« 

Sie geriet ins Stocken, aber sie wusste, sie war gezwungen 

auszureden. Sie schloss für einen Moment die Augen. Ihr Glas 
war leer. 

Dann öffnete sie die Augen wieder. Sie richtete sich auf. Elias 

konnte sehen, dass sie ein bisschen benebelt war. Sie hatte 
mindestens drei Gläser Wein sehr schnell nacheinander 
getrunken. Sie fing an zu weinen. Dann sagte sie: »Elias … 
warum hast du eine Nutte zum Abendessen eingeladen?« 

»Warum hast du?«, sagte Elias. 

Mutter schaffte es nicht mehr, den Sinn seiner Worte 

aufzunehmen, bevor Jorge vom Stuhl aufgesprungen war. 

»Jetzt hören wir auf, Elias«, sagte er. »Jetzt bist du zu weit 

gegangen, hombre!« 

Das war kein kameradschaftliches hombre. Elias sagte: »Nein, 

du bist zu weit gegangen, hombre.« 

Er wusste, dass es nicht mehr weit bis zur Gewalt war, und 

irgendwie sehnte er sich danach. 

Jorge ging um den Tisch, während er sagte, sehr laut: »Ich 

meine, du solltest deine Freundin jetzt bitten zu gehen. Danke 
für den Besuch. Das war eine hübsche Provokation. Aber jetzt, 
finde ich, solltest du gehen, Ulla.« 

»Ja, aber, warum?«, fragte Mutter. »Warum?« 

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»Weil«, sagte Elias schnell, während Jorge hinter Mutter und 

ihm herumging, »weil Jorge …« 

Aber er schaffte es nicht mehr. 

Jorge packte ihn an der Schulter und zerrte ihn vom Stuhl. Der 

Stuhl kippte um, und Jorge schleuderte ihn über den Boden, 
während er anfing Elias mit der flachen Hand ins Gesicht zu 
schlagen. 

»Bringst deine Dreckshure mit nach Hause«, zischte er. 

»Okay …« Elias konnte Mutter schreien hören. Er hörte 

keinen Laut von Ulla. Er versuchte, an den Argentinier 
heranzukommen, versuchte seine Schläge durchzubringen. Er 
spürte, wie dieser dünne Mann die Gangart wechselte. Das 
waren keine unkontrollierten, flachen Schläge mehr. Elias spürte 
jetzt einen anderen Jorge, einen Jorge, der mit Gewalt sehr 
vertraut war. Er bekam einen festen Schlag in die Magengrube 
und, bevor er sich wieder ganz aufrichten konnte, einen 
Fausthieb ins Gesicht. Er schmeckte Blut im Rachen. Er 
versuchte sich zusammenzukrümmen, während er den nächsten 
Schlag erwartete. 

Aber er kam nicht. Er ließ sich auf den Boden fallen. Er sah 

auf und sah Jorge weit über sich, unbeweglich. Er sah Ullas Arm 
mit einer Pistole, dicht an Jorges Kopf. Er drehte seinen Kopf 
eine Spur und sah ihr Gesicht. Sie blickte zu ihm hinunter, und 
für einen Augenblick fühlte Elias sich, als wäre sie mehrere 
Kilometer hoch und riefe vom Himmel zu ihm herunter. 

»Es war eine dumme Idee, Elias. Aber es ist meine Schuld. Ich 

hätte niemals kommen dürfen. Du kannst dein Geld behalten.« 

Elias schloss die Augen. Er hörte sie da oben weitersprechen. 

»Jorge, setz dich.« 

Es geschah nichts, und Ulla brüllte: »Setz dich hin!« 

Elias schluckte Blut. Er hatte das Gespür für das verloren, was 

weiter passieren sollte, was er gedacht hatte, was passieren 

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sollte, was wirklich passiert war und warum. Er wollte 
aufstehen. Aber in seinem Kopf drehte sich alles, und er dachte, 
dass er sich lieber ein wenig ausruhen sollte, bevor er versuchte 
sich zu bewegen. 

 

»Aber ich will gern bezahlen«, sagte Elias. »Ich hatte mir nicht 
vorgestellt, dass du es gratis machst.« 

Es war eine Woche später, Dienstagabend. Es war nicht viel 

los im Haus der Mädchen. Tania sah ihn über die Theke an. 
Hinter ihr lief ein Porno im Fernseher. Dort war eine Art 
Wartezimmer, wo die Kunden sitzen und in Fahrt kommen 
konnten. Aber jetzt war keiner da, und die Models auf dem 
Bildschirm stöhnten und strengten sich umsonst an. 

Tania – in Arbeitskleidung, die schweren, braunen Brüste im 

schwarzen Büstenhalter und darüber das durchsichtige 
Nachthemd – sah ihn direkt an, und er konnte ihre Stimmung 
nicht deuten. 

»Es war meine Schuld, Elias. Ich fasse es nicht, warum zur 

Hölle ich mitgemacht habe. Es war nicht gerade eine gute Idee.« 

Er zuckte mit den Schultern. »Jorge ist ausgezogen. Es hat 

gewirkt. Und du hattest eine Pistole. Mann.« 

Tania wirkte heute Abend müde. Sie sagte wieder: »Ich will 

kein Geld dafür, Elias. Und die Pistole war nicht echt. Es war 
eine Attrappe. Ich fasse es nicht, dass du mich dazu gebracht 
hast.« 

Elias fühlte sich ausgeschlossen. Er hatte das Geld dabei. 

Zweitausend Kronen, wie besprochen. Und jetzt wollte sie es 
nicht haben. 

»Hast du viel zu tun?«, fragte er. 

Sie sah ihn nur an. 

»Kann ich dich bezahlen wie neulich?«, fragte er. »Also für 

das, was du immer machst?« 

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Sie sah ihn lange an, bevor sie die Tür zum Aufgang öffnete. 

Dann nickte sie in Richtung des leeren Zimmers, wo sie das 
letzte Mal gewesen waren. 

 

Es ging gut, bis sie über ihm ins Stocken kam. 

»Was?«, fragte Elias. Ihre Augen, grau im Licht der Lampe 

auf dem Nachttisch, hingen genau vor seinem Gesicht. Er 
konnte den Tabak in ihrem Atem riechen. 

»Nichts«, sagte sie. »Ich …« 

Er dachte daran, wie kalt es plötzlich auf der Haut wurde, 

wenn man sich nicht bewegte. Er legte seine Hände auf ihren 
Hintern. 

Dann merkte er, dass sie weinte. 

»Was ist los?« 

Sie setzte sich auf. Für einen Moment war es sehr seltsam, 

dass sie so auf ihm saß, als hätten sie nie daran gedacht, es zu 
tun. 

Sie hob sich langsam hoch und Elias wusste, dass es vorbei 

war. 

Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf dem Bett. Ihr Rücken war 

nackt und braun vom Solarium. 

»Was ist los?«, fragte er. Er setzte sich auf. 

Es dauerte einen Moment, bevor sie sich zu ihm umdrehte. Sie 

weinte nicht mehr. 

»Als du zum ersten Mal hier raufgekommen bist, mochte ich 

dich, Elias. Es war nett, mit dir zusammen zu sein. Und du hast 
mich dazu gebracht, einen großen Fehler zu machen. Weil es 
nett war mit dir und weil du mich davon überzeugt hast, dass 
Jorge ein dummes Schwein ist.« 

Elias wartete. 

Sie sah aus, als würde sie wieder weinen, aber dann sagte sie: 

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»Ich fand, er hätte es verdient. Und das hatte er auch. Aber… 

das hier ist nicht deine Welt, Elias.« 

»Was meinst du?« 

»Das hier ist meine Welt. Meine. Männer, die kommen und 

bezahlen. Ich bin zweiunddreißig, Elias. Ich kann nichts. Ich 
kann hier liegen, während Männer ihren Orgasmus in mir haben. 
Davon lebe ich. Und als du mich nach Hause eingeladen hast 
und wir deiner Mutter und Jorge zeigen sollten, wie die Dinge 
zusammenhängen …« 

»Was dann?«, fragte Elias. Er verstand sie nicht. 

Jetzt weinte sie wieder. Ihre aschblonden Haare lösten sich aus 

ihrer sexy Frisur, die sie getragen hatte. Ihre Brüste starrten ihn 
in ihrer machtvollen, befummelten Üppigkeit an. »Ich fand, es 
wäre … schön. Darum bin ich gekommen. Ich wollte gern zu dir 
nach Hause, Elias. Weil du nett bist. Und jung. Das mit deiner 
Mutter und Jorge, das war mir nicht so wichtig. Ich wollte 
einfach gern mit dir nach Hause.« Er hatte nichts zu sagen, aber 
er rutschte zu ihr hinüber, auf Knien, legte die Arme um ihren 
Hals und zog sie fest an sich. 

»Entschuldige«, sagte er. »Entschuldige. So habe ich nicht 

gedacht.« Er küsste sie und war erstaunt darüber, wie sie seinen 
Kuss erwiderte. Vielleicht weinte sie noch immer ein wenig, 
aber sie hielt ihn fest und zwang ihn zurück, und er merkte, wie 
es zurückkam – eine ganz andere Stimmung, eine mehr … eine 
richtige Stimmung. Zu irgendeinem Zeitpunkt, als sie sich 
bewegten und es sich leicht anfühlte, dachte er an Mutter. Sie 
hatte wohl Recht. Das Alter war nicht so wichtig. 

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Verwandte alte Bekannte 

Johanna Helga Halldórsdóttir 

 

Ich bin viel zu müde, um diesen Tag zu überstehen. Es ist kurz 
nach halb acht, ich habe die Kinder soeben in die Schule 
geschickt und brauche vor dem nächsten Monatswechsel selbst 
nirgendwo auf einer Arbeit zu erscheinen. Jeden Abend besuche 
ich einen Lehrgang, in dem es um Disziplin, Selbstständigkeit, 
Vertrauen, Pflichten, Führungsstile und so weiter geht. Bevor 
mir vertrauensvolle Aufgaben bei der Polizei übertragen 
werden, ich die Privatsekretärin und die rechte Hand des 
Polizeichefs der Stadt Reykjavik werde. Jetzt erlaube ich mir zu 
gähnen, koche mir Kaffee und setze mich mit dem Moggi,  der 
größten Tageszeitung des Landes, an den Küchentisch. Es steht 
nicht mehr darin als sonst auch und meine Gedanken sind dabei, 
meine Position in der Welt zu reflektieren und die Realitäten des 
Lebens zu verarbeiten. 

Allein erziehende Mutter wollte ich nie werden, so wenig wie 

ich nie vorhatte, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann 
einzugehen oder einen Kapitän zum Ehemann zu haben, der 
höchstens zehn Wochen im Jahr zu Hause ist. Der ansonsten 
aber draußen auf dem Meer weilte, mit Kerlen, einem Koch und 
Fischen. Doch wenn er dann einmal an Land kam, herrschte 
ununterbrochen Party, und das gewöhnliche Familienleben hatte 
ihm Platz zu machen, ihm, der sich nun an Land befand und 
Wein, fröhliche Gesellschaft und eine Ehefrau brauchte, in 
dieser Reihenfolge wohlgemerkt. Für seine Kinder interessierte 
er sich nicht, und er fand keine Zeit, sich um sie zu kümmern. 
Gleichwohl kaufte er ihnen Geschenke und sagte ihnen abends 
gute Nacht, wenn er an Land war. Anderes gab es nicht. Meine 
liebe kleine Bára Dís und mein lieber kleiner Ægir Már sind 

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jetzt in die Schule gekommen und mit dem Wenigen 
ausgestattet, worauf ich in dieser Welt stolz sein kann. Die 
hübschesten Zwillinge die man je gesehen hat und von denen 
alle außer ihrem Vater Páll entzückt sind. Na ja, Scheiß drauf, 
ich gab vor ein paar Wochen auf, heute vor sieben Wochen und 
einem Tag, also vor genau fünfzig Tagen, beendete meine Ehe 
mit dem Kapitän Páll – der zu der Zeit gerade irgendwo vor der 
Küste Australiens war –, sogar am Telefon. Er erwiderte so gut 
wie nichts, nachdem er über neun Jahre eine Frau an Land 
gehabt hatte und siebenjährige Zwillinge, nein, er wollte nicht 
das Auto, nicht das Haus, nichts. Er hatte sich selbst und das war 
ihm genug. 

 

Mehr Kaffee, mehr Moggi. Moment mal, was ist denn das? Eine 
Sensationsnachricht, dass die Polizei beabsichtigt, einige 
ungelöste alte Kriminalfälle wieder aufzunehmen und neu zu 
untersuchen. In diesem Zusammenhang werden hier ein paar 
berüchtigte Straftaten erwähnt, die ich aus den Nachrichten von 
vor etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren kenne. 

Zum Beispiel die Vergewaltigung einer Gruppe von 

Freundinnen aus dem westlichen Teil der Stadt: Die 
Vergewaltiger, die nach Aussage der Frauen insgesamt acht an 
der Zahl waren, wurden nie gefasst, nicht einer von ihnen. Der 
Mord und die Misshandlungen an einem Jungen, von dem 
erzählt wurde, dass er zum innersten Ring von Dealern in 
Ostisland gehörte, er wurde in einem Schlachthaus aufgefunden, 
wobei er halb aus einem Fleischwolf heraushing. Es ließen sich 
nicht einmal Fingerabdrücke am Tatort finden, geschweige denn 
Leute. Lediglich seine Strickjacke lag ordentlich 
zusammengelegt auf dem Boden. Die Ehefrau, von der es hieß, 
dass sie die Geliebte ihres Mannes gequält habe, die jedoch nie 
gestanden hatte, die Geliebte war laut dieser Nachricht jetzt mit 
neuen Angaben gekommen. 

Und dann fiel mir das ins Auge: Zwei junge Leute, die am 

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Abhang der Straße Bakkasel starben, als ihr Auto von der Straße 
abgekommen war; keine Bremsspuren, es war, als ob sie 
geradewegs von der Fahrbahn runtergefahren wären. Das Auto 
wurde völlig demoliert, die beiden Männer wurden in Stücke 
gerissen. Doch jetzt hatte man das Fahrzeug mit neuen 
technischen Mitteln untersucht, man hatte es die ganze Zeit 
aufbewahrt, und die Polizei war der Meinung, dass zweifellos 
von Sabotage und Mord auszugehen sei, denn an den Bremsen 
sei herumgefummelt worden. Ich reibe mir die Augen und bin 
jetzt hellwach. Dies sind offenbar alles Fälle, mit denen sich 
Angehörige und Opfer nicht abgefunden hatten, und 
wahrscheinlich haben sie wegen weiterer Ermittlungen jahrelang 
mit der Polizei im Clinch gelegen. Ich muss mich daran 
gewöhnen wie die Polizei zu denken, alles unter Vorbehalt zu 
sehen, Zeitungen und Informanten anzuzweifeln, meine Ruhe zu 
bewahren, ganz gleich, um was es geht. All dies lerne ich 
bestimmt gerade als zukünftige Polizeiangestellte und 
Kriminalbeamtin. Mein Freund Skúli hat mich für diese 
Tätigkeit empfohlen, demnach scheint er zu wissen, wie 
gescheit und bereit zu Pioniertaten ich bin. Skúli ist Polizist, seit 
ich mich erinnern kann und ich das erste Mal mit ihm geschlafen 
habe. Er ist auch der verheiratete Mann, mit dem ich ein 
Verhältnis hatte und bei dem ich ruhig schlief, gerade als die 
zwei jungen Männer den Abhang der Straße Bakkasel 
hinabstürzten. Dundi und Diddi. Keine geringe Trauer in der 
Familie, beide waren sie nah mit mir verwandt, und ich erinnere 
mich an alles, als ob es gestern passiert wäre. 

 

 

Ich war achtzehn Jahre alt, und das ganze Wochenende lag vor 
mir. Im Winter machte mir die Schule zu schaffen, doch im 
Sommer ging alles gut. Ich hatte eine spannende Arbeit in der 
Umgebung, gemeinsam mit einer tollen Gruppe von 
Jugendlichen und Erwachsenen, sowohl in meiner Gemeinde als 

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auch in Nachbargemeinden. Bälle und Partys an den 
Wochenenden. Die letzte Woche war allerdings etwas 
anstrengend gewesen. Meine Schwester Inga hatte mich 
gebeten, zur Abtreibung mit ihr ins Krankenhaus zu fahren, und 
hatte mich schwören lassen, dass ich keinem Menschen etwas 
davon sage. 

»Ich mache alles für dich«, sagte sie weinend, »nur darfst du 

niemandem davon erzählen. Dundi bringt mich um, wenn ich es 
erzähle, und er bringt mich auch um, wenn ich es nicht machen 
lasse.« 

Sie hatte so eine Heidenangst, das Mädchen, dass ich völlig 

vergaß, dass sie meine große Schwester war und ich ihre kleine. 

Ich tröstete sie, fuhr mit ihr und pflegte sie, als sie hinterher 

fast verblutet wäre. Niemand bekam von der Sache Wind. Dundi 
war der unglaublichste Scheißkerl, den ich kannte, war als 
verkommener Mensch verschrien, verbrauchte die Altersrente 
seiner Großeltern und würde sich von ihnen gewiss noch 
manches andere unter den Nagel reißen, falls sie nicht 
aufpassten. Doch unsere älteren Cousins, Dundi und Diddi, so 
unähnlich sie sich sonst auch waren, hingen immer zusammen, 
fuhren gemeinsam auf Bälle und dergleichen und boten uns oft 
eine Mitfahrgelegenheit an, meiner Schwester Inga und mir und 
außerdem Diddis Schwester Dóra, die zu dieser Zeit meine beste 
Freundin war. 

Der alte Dundi. Er war bei allem ganz bei der Sache, außer bei 

der Arbeit und wenn es galt, ein anständiges Leben zu führen. Er 
war Dealer, was damals auf dem Land ziemlich ungewöhnlich 
war, er hielt junge Mädchen zum Narren, um mit ihnen zu 
schlafen, denn nichts war interessant in seinem Leben, es sei 
denn, dass er im Vorübergehen jemanden anführen und betrügen 
konnte. Meine Schwester Inga war sicherlich nicht die Erste und 
nicht die Letzte, die er zur Abtreibung gezwungen hatte und die 
dafür eine Zeit lang kostenlosen Stoff erhielt. Dundi liebte es, 
mit Menschen und ihren Gefühlen zu spielen und sie auf die 

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eine oder andere Weise von sich abhängig zu machen. Er sah nie 
nach Frauen, die ebenso alt waren wie er oder gar älter, und 
einmal ging das Gerücht um, dass er schwul sei, da er glaubte, 
dadurch besser an die jungen Mädchen heranzukommen, denn er 
wollte sie wie Heu haben. Doch wir, die ihn gut kannten, 
wussten, dass er nicht schwul war und dass er keine anderen 
Gelüste hatte als die, Leute zum Narren zu halten, sie zu 
betrügen und zu erniedrigen. Der einzige Mensch auf der Welt, 
vor dem er eine gewisse Achtung hatte, war sein Freund Diddi. 

Doch wie Diddi sein Freund sein konnte, verstand niemand. 

Sie waren Cousins, und es kann gut sein, dass einer der 
Verwandten, als die beiden noch klein waren, Diddi gesagt hat, 
dass der arme Dundi so in Bedrängnis sei, dass er stets auf ihn 
aufpassen und für ihn verantwortlich sein müsse. Vielleicht 
damals, wenn man es auch nicht genau weiß, nachdem er Dóra, 
Diddis Schwester, die Zöpfe abgeschnitten hatte. Es war zu 
Weihnachten, als Dóra fünf Jahre alt war und ihr Sonntagskleid 
anhatte und Dundi gerade vierzehn wurde und im Frühjahr 
konfirmiert werden sollte. Er wollte ihr einfach nur übers Haar 
streichen und sie einlullen, und alle waren darüber verwundert, 
wie lieb Dundi mit seiner Kusine umging. Am folgenden 
Morgen dann war Dóra ohne Zöpfe, und ihr Vater fand nirgends 
seine Pfeife oder sein Prinz Albert, das Rasierwasser, doch 
durch die engen Beziehungen zwischen den Familien fand 
Dundis Mutter alles wieder. Es war im Puppenkleiderbeutel 
seiner vierjährigen Schwester Olga versteckt. Auch die Zöpfe. 

Diddi war ein prima Kerl und so eine Art großer Bruder für 

mich. Dóra und ich sind gleich alt, und er war genau zehn Jahre 
älter als wir. Er war immer ein bisschen verliebt in mich und 
ging mit uns Mädchen durch dick und dünn, ganz gleich, welche 
Dummheiten wir auch anstellten. Ab und zu bekam er zur 
Belohnung einen Kuss und etwas Petting von mir, weil er eben 
ein so prima und guter Kerl war. Jedoch niemals mehr, denn ich 
war nicht so hingerissen von ihm, dafür war er ein zu Guter. 

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Außerdem war ich so verrückt nach Action und Leben und hatte 
keine Lust, mit einem so ruhigen Mann, wie er es war, 
herumzuhängen. Dennoch wartete er die ganze Zeit und hoffte, 
dass er etwas mehr bekäme als nur, mich nach dem Ball oder 
dem Kinoabend nach Hause fahren zu dürfen. Mein Cousin 
Diddi war derjenige, der alles von allen wusste, der alle 
Geheimnisse für sich behielt und nichts verriet, der uns eine 
Flasche beschaffte, weil wir nicht alt genug waren, um ins 
Rikið, den staatlichen Alkoholladen, gehen zu können. Ein 
netter, ständig arbeitender, verantwortungsvoller Mann, aber 
eben uninteressant. Er besaß keine Initiative, kutschierte bloß 
das Auto und war dabei. 

Dann kam dieser Ball. Ich war achtzehn Jahre alt und zu allem 

bereit. Dóra, Inga und ich konnten bei den Cousins mitfahren. 
Die Gruppe Stuðmenn im Lokal Miðgarður in Skagafjörður, es 
konnte wohl kaum noch volkstümlicher zugehen, fanden wir. 
Wir erwarteten eine tolle Stimmung, eine Menge süßer Jungs 
und einen heißen Ball. Und wir wurden wahrlich nicht 
enttäuscht. Ich geriet sogleich an einen Typen aus Skagafjörður, 
doch bemerkte ich bald, dass Dundi nach dem Haar meiner 
Schwester Inga griff und vorhatte, sie abzuschleppen. 
Verdammt!, dachte ich und bat den süßen Jungen aus 
Skagafjörður ein paar Tänze lang zu warten, während ich meine 
Schwester suchen wollte. 

Ich lief hinaus, ihnen hinterher, doch fand ich sie nirgends. Ich 

ging wieder hinein und traf Diddi, ich fragte ihn, wohin sie 
gehen wollten. Er zuckte nur mit den Achseln und wollte nicht 
mit mir reden, er, der sich für gewöhnlich die Augen ausglotzte, 
wenn er auf meine Brüste oder meinen Hintern starrte, und auch 
noch glaubte, dass ich es nicht mitbekäme. 

»Diddi!«, schrie ich, »wohin sind sie gegangen? Du weißt 

bestimmt alles.« 

Er sagte, dass er Dundi versprochen hatte, nichts zu sagen. 

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»Und ziehst du diesen Lump mir und meiner Schwester vor?«, 

schrie ich wütend, »er vögelt sie jetzt irgendwo für Dope und du 
weißt sehr wohl, dass sie gerade erst diese verfluchte 
Abtreibung hinter sich hat.« 

Diddi zuckte die Achseln und meinte, dass er das doch 

schließlich mit allen mache. Darauf wollte er überhaupt nicht 
mehr mit mir reden. 

»Diddi«, sagte ich, »was ist los mit dir? Findest du das in 

Ordnung? Muss ich einen Termin vereinbaren, um mit dir reden 
zu können?« 

»Nein, nein«, erwiderte er, »ich komme schon, dein Typ hat 

sich zwischenzeitlich sowieso ein anderes Mädchen geangelt.« 

Ich starrte ihn an und sagte: 

»Und? Ob es mir vielleicht egal ist?« 

Ihm war es offenbar nicht egal, doch wir gingen zum Auto 

hinaus, und ich trank kräftig aus der Flasche, die er mir reichte. 
Wir fuhren ziemlich lange herum, und ich spürte, dass ich 
betrunken war, als er das Auto anhielt. Ich sagte nichts, wartete 
nur darauf, dass er etwas sagte, und dachte darüber nach, ob er 
es verstand oder wie er eigentlich veranlagt sein mochte. Ob er 
doch eine so große Memme wäre und alles duldete, was den 
Leuten einfiel. 

Endlich seufzte er auf: 

»Sieh mal, Ásta, ich muss über etwas mit dir reden, ich …«, 

dann zögerte er … 

Mir kam der Gedanke, ihn ein wenig anzumachen, ich rückte 

zu ihm rüber und setzte mich mit dem Rücken zum Lenkrad auf 
seinen Schoß, doch er sah mich nicht an, schüttelte nur den 
Kopf. Ich küsste ihn auf die Wange, umarmte ihn und begann, 
seinen Hals zu küssen. Das Unglaubliche geschah, er stieß mich 
von sich und sagte: 

»Ich wusste es, Scheißweib, ich wusste es, wusste, dass du 

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anfangen würdest, es mit mir zu versuchen und dich wie eine 
Nutte aufzuführen …« Ich starrte ihn entsetzt an, sagte aber 
nichts. 

»So sind die Mädchen«, sagte er darauf. 

»Ja«, sagte ich, »du weißt natürlich alles über Mädchen, du 

bist ja mit unzähligen Mädchen zusammen gewesen. 
Entschuldige, wenn ich dir zu nahe gekommen sein sollte.« 

»Ach, du verstehst überhaupt nichts«, sagte er und brachte 

seine Kleidung in Ordnung, »wir sind doch verwandt, ich, ich, 
ach, es ist ein heilloses Durcheinander«, sagte er, startete den 
Wagen, fuhr, was die Karre hergab und setzte mich am 
Miðgarður ab. 

Danach sah ich ihn nicht mehr. Ich stand wie bestellt und nicht 

abgeholt auf der Treppe und fühlte mich leer. Zunächst 
bemerkte ich den lächelnden Mann in Polizeiuniform nicht, der 
auf mich zukam und rief: »Hei, Süße, irgendeine Schererei in 
Gang?« 

Ich nickte, nahm den Rest aus der Flasche zu mir und kam 

einige Stunden später im Bett des Polizisten Skúli zur 
Besinnung. Ich erinnerte mich nur undeutlich an den Ball und 
daran, dass meine Schwester Inga mit Dóra und ihrem Freund 
nach Hause wollte. Ich starrte Skúli und mich an, wir waren 
beide splitternackt, ich stupste ihn an. Er bewegte sich und 
betrachtete mich mit halb geöffneten Augen, ich fragte, was ich 
hier bei ihm im Bett machte. 

»Ich werde es dir zeigen«, sagte er. 

Darauf nahm er mich wie erwachsene Männer Frauen nehmen, 

ich war erst achtzehn und war völlig hingerissen und voll von 
ihm und bekam nicht genug. Ich spürte, dass ich bisher immer 
nur mit Jungs zusammen gewesen war. 

 

 

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Mein Kaffee ist kalt geworden und auch mir selbst ist eiskalt 
davon geworden, die alten Tage aufzufrischen. Ich blättere 
weiter zurück in der Zeitung, wo sich eine ausführliche 
Besprechung des Falls, des so genannten »Dundi-und-Diddi-
Falls«, befindet. Die offizielle Meinung der Polizei lautete, dass 
der Dealer-Ring Dundi getötet habe, als er zu eigenmächtig 
wurde und außerdem begonnen hatte, mit ihnen zu spielen, doch 
wir, die Dundi kannten, glaubten das nicht. Es musste etwas sehr 
Persönliches sein, denn Dundi war dermaßen listig, dass es 
unmöglich war, ihn zu erwischen, wenn er es selbst nicht wollte. 
Ich glaubte die ganze Zeit, dass ihm jemand in den Rücken 
gefallen sein musste, jemand, von dem er annahm, dass er ihn in 
der Hand hatte, jemand aus der Familie, ich glaubte zumindest 
nicht, dass es ein Unfall am Abhang gewesen war. Ich schenke 
mir Kaffee nach und gehe hin und her und fahre zusammen, als 
das Telefon klingelt. 

»Guten Tag, Ásta, ich bin es, Skúli.« 

Die männliche Stimme wärmt mich für einen Moment, dann 

sagt er: »Wärst du bereit, in dem Dundi-und-Diddi-Fall eine 
Aussage zu machen? Ich weiß, dass ihr euch sehr gut gekannt 
habt.« 

»Wow«, sage ich, »ich weiß nicht, Mann, ich bin gerade erst 

aufgestanden. Mein lieber Freund, erlaube mir, frei zu haben, 
zumindest heute.« 

»Kein Problem«, sagt er, »aber ich möchte gern jetzt zu dir 

kommen.« Er lacht, und wie gewöhnlich widerstehe ich ihm 
nicht. Er war mein Geliebter und ich seine Geliebte, seit wir uns 
auf der Treppe vor dem Miðgarður getroffen hatten. Niemand 
versteht mich so zu befriedigen wie er, er ist der perfekte 
Liebhaber, spielt auf mir wie auf seinem Piano, das er liebt, und 
lässt mich dann in Ruhe. »Komm und hol dir einen Kaffee bei 
mir ab«, sage ich. 

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Dóras Freund Elli ist ein flotter Junge. Er ist der Liebling der 
ganzen Familie, außer Dundis, sie ertragen einander nicht. 
Dundi kann niemanden ausstehen, der ihm die Show stiehlt. Elli 
ist grundanständig und aufrichtig und lässt es die Leute spüren, 
wenn ihm etwas gefällt oder auch missfällt. Er macht in der 
Stadt eine Lehre zum Maschinenschlosser, doch nun befindet er 
sich mit uns anderen bei der Gemeindearbeit, um die ganze Zeit 
mit Dóra zusammen sein zu können. Ich verstehe ihn gut, Dóra 
ist ein nettes Mädchen und bei jedem beliebt, genau wie ihr 
Bruder. Ich bemerke, dass Elli und Diddi besonders gut 
miteinander auskommen und dass Diddi sich mehr mit ihm als 
mit jemand anderem aus dieser Großfamilie unterhält. 

Es ist ein Sommer voller Extreme, Liebe, Wein und Stress. 

Dóra und ich machen uns furchtbare Sorgen um meine 
Schwester Inga, was dazu führt, dass wir unsere Eltern dazu 
bringen, sie im Herbst therapieren zu lassen. Dundi hat sie völlig 
ruiniert, seelisch wie körperlich, ihr Selbstvertrauen ist 
verschwunden, und der einzige Ausweg, den sie noch sieht, ist, 
sich umzubringen. 

Als sie starben, weinten wir alle um Diddi, aber ich weiß nicht, 

ob irgendjemand um Dundi trauerte. Zumindest nicht wir drei 
und auch Elli nicht, der Dundi ins Gesicht geschleudert hatte, 
dass er der größte Lump sei, den die Erde jemals hervorgebracht 
habe. Das war, nachdem Dundi ein Mädchen vom Lande, die 
gerade einmal fünfzehn war und die er zuvor rauschgiftabhängig 
gemacht hatte, auf einer Geburtstagsparty, die er sich selbst zu 
Ehren veranstaltet hatte, einen Striptease hatte hinlegen lassen. 
Er hatte es sie weinend tun lassen und ihr damit gedroht, dass 
sie, sollte sie sich ihm widersetzen, keinen weiteren Stoff 
bekommen und er ihren Eltern davon erzählen würde, wie es um 
sie stehe. Daraufhin hatte er sie die Nacht hindurch an seinen 
Freund »verliehen« und dabei auch noch selbst zugeschaut. 

Bis auf das mit meiner Schwester Inga ging es mir diesen 

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Sommer über wunderbar. Ich widmete mich mit ganzer Kraft 
den Arbeiten draußen an der Luft, amüsierte mich an den 
Wochenenden und schlief mit Skúli, wenn sich die Gelegenheit 
dazu bot. Für mich war alles rosarot und passte ganz und gar 
nicht zu der Tragödie, die nach dem Spätsommerball über uns 
hereinbrach. 

 

 

Die Kinder waren aus der Schule nach Hause gekommen, als 
Skúli endlich kam. Er sah kränklich aus und war unrasiert, er 
sagte, dass er zur Zeit an zu vielen Aufgaben zugleich arbeite. 
Er beklagte sich darüber, Kriminalbeamter zu sein, und sagte, 
dass er davon träume, wieder als Streifenpolizist eingesetzt zu 
werden, dem auf Bällen im Miðgarður die Aufsicht obliege, um 
süße Mädchen auf der Treppe aufzugabeln. Ich lachte schallend. 
Er blieb den ganzen Tag bei mir, ich machte eine Aussage 
bezüglich des Dundi-und-Diddi-Falls und unterschrieb sie 
anschließend. Wir fuhren mit den Kindern in einen Eisladen, 
und sie schliefen früh ein. Sie vermissten ihren Vater sehr und 
forderten meine ganze Aufmerksamkeit, es war ihnen völlig 
gleich, ob jemand meiner Freunde oder Freundinnen zu Besuch 
war, sie duldeten keinerlei Konkurrenz, sie wollten stets die 
Nummer eins sein. 

»Warum bist du denn damals nicht vernommen worden?«, 

fragte er. 

Ich zuckte mit den Achseln. »Weiß nicht. Vielleicht weil ich in 

der Nacht bei dir war, und während jemand Dundi ein schlechtes 
alkoholisches Getränk gebraut hat, hatte ich den besten Sex 
meines Lebens«, sagte ich ernst. »Es ist auch kein ordentliches 
Protokoll von jemand anderem aus der Familie aufgenommen 
worden, wenn ich mich recht erinnere«, sagte ich darauf und 
blickte in seine eigentümlich grünen Augen. 

»Wiederholen wir es«, flüsterte er. 

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»Was denn?«, fragte ich. 

»Den guten Sex von damals in der Nacht«, gab er zur Antwort 

und schob mich ins Schlafzimmer. 

 

Inzwischen war der Monatswechsel herangerückt, und ich nahm 
meine Arbeit im Büro des Polizeidirektors von Reykjavik als 
seine erste Assistentin und Privatsekretärin auf. Skúli hatte sein 
Büro neben mir, und ich wurde am ersten Tag herzlich 
willkommen geheißen. Was nicht verwunderlich war, denn dort 
gibt es nur wenige Frauen, und ich bin eine sehr feminine Frau, 
habe lange blonde Locken, bin ziemlich mollig und immer gut 
gekleidet. Die Männer bekamen sowohl etwas fürs Auge als 
auch eine hervorragende Arbeitskraft. Das kann mir niemand 
streitig machen, dass ich alle meine Aufgaben mit Sorgfalt 
ausführe, niemals aufgebe und mit allem fertig werde. Skúli ist 
so ein Mann, der nicht einmal eifersüchtig wird, er findet, dass 
ich wahnsinnig flott aussehe, und er weiß sehr wohl, dass sich 
niemand mit ihm messen kann, wenn es um Sex geht. Ihm wäre 
es sogar gleich, wenn ich ein Liebesabenteuer mit noch einem 
anderen hätte. Übrigens kann er wohl auch nicht viel dagegen 
haben, denn schließlich hat er eine Frau und drei Kinder. Ich 
suche ganz einfach jetzt nicht nach einem Ehemann, habe ich 
mich doch eben erst von meinem Mann getrennt. 

 

Meine Eltern hatten überall nach mir gesucht, doch am Ende 
fand mich meine Schwester Inga zu Hause bei Skúli. Sie weinte 
ununterbrochen. Sie hatte den ganzen Sommer geweint, sodass 
es nichts Neues war. Doch nun weinte sie so furchtbar, dass ich 
wusste, dass etwas Schreckliches geschehen war. 

»Sie sind tot«, flüsterte sie. 

»Wer?«, fragte Skúli. 

»Diddi und Dundi«, schluchzte sie und sah mich verzweifelt 

an. Ich fuhr mit ihr nach Hause, da die Trauer schwer über allem 

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fing, die Trauer darüber, Diddi verloren zu haben und dass sich 
dies auf eine so tragische Weise zugetragen hatte. Diddi, der 
immer für alle da war, Diddi, der mich im Auto nicht wollte. 
Zunächst jedoch empfand ich überhaupt nichts, dann allerdings 
kam die Trauer wie ein Erdrutsch, und der erste Gedanke, der 
mir in den Kopf schoss, war völlig absurd: Wie wären wir zwei 
wohl im Bett gewesen? So intensiv spürte ich die Trauer, und 
ich gebe zu, dass ich ihnen beiden nachtrauerte. Diddi vermisste 
ich fürchterlich, Dundi bloß deshalb, weil ich nun einmal an ihn 
gewöhnt war. Man trauert, denke ich, allem nach, woran man 
gewöhnt ist, ob das nun gut ist oder schlecht. Die Polizei kam 
und befragte alle, was sie glaubten, was geschehen war, wohin 
sie gefahren waren und wo wir gewesen waren. Ein 
abgeschlossener Fall, ich denke, sie haben nicht viel mehr 
unternommen, als das Auto die Böschung hochzuziehen Und zu 
versuchen es wieder zusammenzusetzen. 

 

Es herrschte jetzt viel mehr Strenge und Genauigkeit in den 
Ermittlungsarbeiten. Skúli fragte nach allem Möglichen, und ich 
gab ihm alle Auskünfte, die ich hatte oder in alten Zeitungen 
und Polizeiberichten hatte finden können. Wo meine Schwester 
Inga wohnte und wo Dóra, Diddis Schwester, und ihr Mann Elli 
wohnten. Nach allem, was ich wusste, waren die beiden noch 
immer ein Paar und sehr glücklich miteinander. Unsere Eltern 
waren noch alle am Leben, und Skúli wusste natürlich, wo sie 
lebten, zu Hause auf dem Lande. Ich teilte ihm alles über Dundi 
und Diddi mit, über ihre Beziehungen zu Familienangehörigen, 
über ihre Interessen, über ihre Verstecke, erzählte ihm vom 
Drogenring in Akureyri, von dem ich glaubte, dass Dundi 
vorgehabt hatte, ihn in der Nacht aufzusuchen, denn ihm fehlte 
Stoff für sich und die Seinen. Was ich von Dundi hielt? Ich 
wusste es nicht, ich dachte zu sehr wie meine Eltern und diese 
Großfamilie. Alle sollten das Gefühl haben, zur Familie zu 
gehören, ganz gleich, wie jeder dachte, und die Familie zeigte 

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sich verantwortlich für den Einzelnen, nicht umgekehrt. Ganz 
gleich also, wie jeder Einzelne von ihnen dachte und was er tat, 
niemand wurde abgelehnt. Ich vermochte den Cousin Dundi auf 
keinen Fall zurückzuweisen, doch wenn er ein Kerl auf der 
Straße gewesen wäre, hätte ich ihn nicht eines Blickes 
gewürdigt. Er war ein total armseliger Mensch, der alles und alle 
verachtete und alle missbrauchte. Wie die Familie 
zusammengesetzt war? Ja, diese drei Familien, in denen meine 
Mutter und die anderen zwei Mütter Schwestern waren, das war 
die Hauptverbindung, die Väter waren von hier und dort, aber 
alle aus Landgemeinden. Diese Familien hatten das Sagen im 
Kreis, ansonsten hätte Dundi sicherlich nie etwas ausrichten 
können. Diese Familien, die bestimmten, was jeder Einzelne zu 
tun und zu lassen hatte, und die darüber befanden, was als gut 
galt und was nicht. Kein Familienmitglied nahm bei öffentlichen 
Angelegenheiten zu etwas Stellung, ohne vorher die anderen zu 
fragen, sodass alle miteinander übereinkommen könnten. Meine 
Familie bestand aus meiner Schwester Inga, Mama, Papa und 
mir, Diddis Familie setzte sich aus ihm und Dóra sowie aus ihrer 
Mutter und ihrem Vater zusammen und Dundis Familie aus ihm, 
seinem Bruder Davið und seiner Schwester Olga. Dundi war der 
Älteste, die anderen waren viel jünger, sodass er nicht viel Lust 
hatte, sie zu peinigen, außer ihre Sachen zu beschädigen, die 
Reifen ihrer Fahrräder zu zerstechen und dergleichen mehr. 
Dann gab es noch eine Familie, zu der meine Schwester Inga 
und ich allerdings keine enge Verbindung hatten. Es war ein 
Ehepaar, das einen Jungen hatte, der Axel hieß und ein 
Störenfried war, jedoch nichts im Vergleich zu Dundi. Und 
selbstverständlich hatten zu Weihnachten, zu Ostern, wenn 
jemand getauft oder konfirmiert wurde und was es sonst noch 
geben mochte, alle einander zu treffen. 

All dies zählte ich gewissenhaft vor Skúli auf. 

»Wonach suchst du?«, fragte ich ihn eines Tages. 

»Nach dem Mörder«, sagte er mit finsterer Miene, »ich habe 

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das Gefühl, dass irgendein Hirn es so arrangiert hat, dass zu 
diesem Zeitpunkt die Bremsen nicht funktioniert haben, dass in 
dieser Nacht jemand Dundi angerufen hat, um ihn nach 
Akureyri zu locken und am Abhang verrecken zu lassen, und 
dass jemand versucht hat, Diddi noch irgendwo anders 
hinzulotsen, denn ich glaube nicht, dass er mit Dundi abstürzen 
sollte. Alle haben diesen Menschen gemocht, und keiner hatte 
mit ihm eine Rechnung offen, nicht einmal verflossene 
eifersüchtige Freundinnen, denn er hatte keine, soweit man 
weiß. Ich denke, dass Diddi nicht vorhatte zu fahren, denn nach 
Aussage von denen, die meinen, sich erinnern zu können, waren 
sie beide betrunken, als sie losfuhren, und ich bin sicher, dass 
dasselbe Hirn es so gedeichselt hat, dass Diddi gerade nicht 
fahren wollte. Aber Dundi hat ihn dazu überredet, 
mitzukommen und für ihn zu fahren.« 

Ich starrte Skúli erstaunt an. 

»Bemerkenswert«, sagte ich bewundernd. »Denkst du, dass sie 

gar nicht beide abstürzen sollten? Ich dachte die ganze Zeit, dass 
die offizielle Erklärung mit dem Dealer-Ring, der von Dundi 
genug hatte, stimmt, und dass Diddi lediglich darin verwickelt 
war, da sie ihn ja nicht kannten.« 

Ich wurde nachdenklich und fragte Skúli, was er als Nächstes 

vorhabe. Er sollte mit aller Kraft an diesem Fall arbeiten, erhielt 
dazu die Zeit, die er benötigte, und all das Personal, das er 
brauchte. Man hatte soeben eine Gruppe von Leuten aus 
sämtlichen Landgemeinden verhört. 

»Ich habe deine Schwester im Verdacht«, sagte Skúli und 

beobachtete mich genau. Ich geriet aus dem Gleichgewicht und 
schüttelte den Kopf. 

»Das kann nicht sein, diesen Sommer wäre sie nicht imstande 

gewesen, einer Fliege etwas zuleide zu tun, ich habe dir gerade 
gesagt, dass sie vollkommen ruiniert war und während des 
Herbstes in Behandlung geschickt worden ist.« 

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Skúli nickte. 

»Ja, vielleicht hat sie etwas getan, was sie bereute«, sagte er 

ruhig. 

»Skúli«, sagte ich entrüstet. »Du glaubst doch wohl nicht, dass 

meine Schwester Inga am Motor und an den Bremsen des Autos 
herumgefummelt hat? Erinnerst du dich noch, wie sehr sie 
geweint hat, als sie am Morgen zu uns kam?« 

Er zuckte mit den Achseln. 

»Ich schließe nichts aus.« 

 

Ich fühlte mich in diesen Tagen so allein in der Welt. Wenn ich 
nicht meine Zwillinge Bára und Ægir und ihre Schulbücher 
gehabt hätte, dann weiß ich nicht, was passiert wäre. Immerhin 
hatte ich die ganze Großfamilie wegen des »Dundi-und-Diddi-
Falls« am Telefon, die von mir erfahren wollte, ob ich etwas 
über die Untersuchung und die Entwicklung des Falls wüsste. 
Bis auf meine Schwester Inga, Dóra und Elli hatten mich in den 
letzten Tagen alle angerufen. Inga befand sich gerade irgendwo 
im Ausland auf Reisen, und Dóra und Elli hatten soeben ihr 
zweites Kind bekommen, sodass es nicht weiter merkwürdig 
schien, dass sie sich nicht meldeten, trotzdem kam es mir etwas 
sonderbar vor. In der Nacht träumte ich von meinen Cousins, 
den alten Tagen und diesem wunderbaren, heißen, wilden, 
furchtbaren Sommer. Eigentlich dachte ich nie an meinen 
geschiedenen Mann Páll, mit dem ich ganze neun Jahre lang 
zusammen gewesen war, ich hatte begonnen, mich zu fragen, ob 
ich gefühlsmäßig vielleicht abgestumpft war. 

Eines Morgens dann, als ich bei der Arbeit erschien, saß meine 

Schwester Inga bei Skúli im Büro. Ohne anzuklopfen stürzte ich 
ins Büro und umarmte sie. Es war so lange her, dass ich sie 
gesehen hatte, bestimmt ein Jahr, wenn nicht sogar noch länger. 
Sie sah gut aus, und sie drückte mich ebenfalls. Nachdem sie bei 
Skúli fertig war, kam sie zu mir rüber und sagte: 

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»Ásta, die haben vor, mich des Mordes an Dundi und Diddi 

anzuklagen, glaubst du das?« 

Ich blickte sie an und bemerkte die Verzweiflung in ihren 

Augen. 

»Kannst du nicht etwas unternehmen, Ásta? Um Gottes willen, 

tu etwas!« 

»Ich weiß nicht, was ich machen soll«, seufzte ich, »was 

werfen sie dir denn vor?« 

Sie hatte angefangen zu schluchzen, und ich erinnerte mich 

daran, wie sehr sie nach der Abtreibung geweint hatte. Plötzlich 
kam mir der seltsame Gedanke, dass sie möglicherweise deshalb 
nie Kinder bekommen hatte. Was aber nicht zur Sache gehörte. 

»Fingerabdrücke, DNA-Nachweise, ich weiß nicht was, 

Fetzen aus meiner Strickjacke, die ich immer anhatte. Ich war 
oft mit Dundi in seinem Auto, es ist daher nicht weiter 
verwunderlich, wenn sie etwas, was mit mir in Verbindung 
steht, in seinem Wagen finden, wenn ich auch kaum glaube, 
dass sie das nach all den Jahren können. Er hat mich für den 
Stoff auf dem Rücksitz gevögelt, ich habe es Skúli gerade 
gesagt. Ich verstehe rein gar nichts, Ásta! Sie beabsichtigen 
auch, Dóra und Elli festzunehmen, die beiden befinden sich mit 
ihren beiden Kindern, wovon das eine noch klein ist, auf dem 
Weg hierher. Ásta, unternimmst du etwas?« 

In diesem Augenblick kam Skúli herein und führte sie ab. Ich 

verbarg das Gesicht in meinen Händen. 

In der Nacht träumte ich von dem einen Mal, an dem Diddi 

und ich fast miteinander geschlafen hätten. Bei ihm war es 
immer nur »fast«, es hatte immer jemanden gegeben, der ihn 
irritierte, ihn bedrängte oder ihn für irgendetwas einnehmen 
wollte. Dóra, Elli, Diddi und ich hatten in jenem Sommer bei 
Dóra und Diddi zu Hause ein paar Gläser zu uns genommen und 
waren dann alle betrunken gewesen. Ich kroch in meinen 
Kleidern zu ihm ins Bett, und zuerst war er mir noch erfreut und 

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bereitwillig entgegengekommen, dann aber schien es so, als ob 
er nicht wüsste, was er tun sollte, sodass ich mir meinen 
Pullover auszog und ihn aufforderte, zärtlich zu mir zu sein, 
woraufhin er völlig ausrastete. Aber aus dieser Chance wurde 
dann ganz und gar nichts mehr, als Dundi plötzlich auftauchte 
und ihn aufforderte mitzukommen. Er müsse ihm helfen, neuen 
Stoff zu beschaffen, er sei auf »Turkey« und hätte nichts mehr. 
So hatte es dann geendet. Mein Gott, ich träumte von Toten. 
Was bedeutete das? 

 

 

Kurz gesagt entwickelte sich der Fall in den folgenden Wochen 
dann so, dass die drei, nämlich meine Schwester Inga, Dóra und 
Elli, des Mordes an Diddi und Dundi überführt wurden. Sie 
gestanden alle. Elli hatte den Motor und die Bremsen des Autos 
manipuliert und hatte Dundi von Akureyri aus angerufen. Dóra 
hatte alles unternommen, was sie konnte, um Diddi mit zu sich 
nach Hause zu bekommen; sie hatte vorgegeben, dass ihre 
Mutter ins Krankenhaus gebracht worden sei und dass sie sofort 
kommen müssten. Doch alle drei hatten sie Dundis Macht über 
Diddi verkannt, und ehe sie sichs versahen, war Dundi bereits 
im betrunkenen Zustand mit Diddi losgefahren. O ja, alle drei 
hatten ausgesagt, dass sie sauber zu Werke gegangen seien, in 
der Absicht, Dundi auszuschalten, damit die Welt ohne ihn 
besser werde. Inga meinte, dass sie von Dundi seelisch wie 
körperlich zerstört worden sei, Dóra glaubte sowohl ihren 
Bruder Diddi als auch ihre verschwundenen Zöpfe 
zurückgewinnen zu können, indem sie Dundi loswerden würde, 
und Elli wiederum wollte ihnen lediglich dabei behilflich sein, 
die Welt von einem Lump zu befreien. 

Niemand von ihnen fand es gerecht, für das, was sie getan 

hatten, bestraft zu werden. Sie bekamen jeder fünfundzwanzig 
Jahre Gefängnisstrafe. Meine Eltern weinten, Dóras Eltern 
weinten, und auch ich weinte. Skúli würdigte mich keines 

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Blickes während der Gerichtsverhandlung. Ich hasste ihn, er 
hatte soeben meine Familie zerstört. 

 

Ich sah, dass Inga erblasste, als ich ihnen sagte, was sie zu 
machen hätten. Selbst hatte ich vor, mich um die Polizisten auf 
dem Gelände zu kümmern, das würde ein leichtes Spiel. Ich 
nahm meine Freundin Lovísa mit. 

Die Polizisten auf Landbällen hielten oft nach beschwipsten 

Mädchen und einer verheißungsvollen Nacht Ausschau, und es 
war für uns kein Kunststück, Skúli und seinem Freund Jónsi 
total den Kopf zu verdrehen. Während Inga, Dóra und Elli 
fortgingen und sich an Dundis Auto zu schaffen machten, lagen 
Lovísa und ich hinten im Streifenwagen in Skúlis und Jónsis 
Armen, mit Polizeimützen auf dem Kopf, und hatten es 
wahnsinnig gut. Inga wollte nicht mitziehen, doch erinnerte ich 
sie daran, dass ich unseren Eltern jederzeit erzählen könnte, dass 
Dundi sie geschwängert und anschließend genötigt hatte, das 
Kind abzutreiben. Eine Abtreibung vornehmen zu lassen war 
das Einzige in unserer Familie, was man nicht durfte, der 
einzige Grund, der ausgereicht hätte, jemanden zu verstoßen. Sie 
zitterte, als ich Elli auftrug, was er am Telefon sagen sollte. Ich 
wusste, welche Codeworte Dundi und die anderen Dealer 
benutzten, besaß alle wichtigen Informationen. Dóra zitterte 
ebenfalls, als ich ihr sagte, dass es ihre Aufgabe sei zu 
versuchen, Diddi nach Hause zu bekommen und in eine andere 
Richtung zu lenken als die, in die Dundi fahre, doch gleichzeitig 
prophezeite ich Dóra auch, dass es ihr nicht gelingen werde, 
denn ein Mann, der aus dem Bett einer Frau steigt, wenn ihm 
dies von einem Junkie und Scheißkerl befohlen wird, ist ein 
verkommener Mensch, der jenem Junkie und Scheißkerl hörig 
ist wie ein Hund, der versucht, sich von einer Hündin 
loszureißen, sobald sein Herrchen ruft. Ich sagte ihnen allen, 
dass ich es hervorragend fände, wenn Diddi selbst wähle, mit 
seinem Freund Dundi zu verrecken. Eine Frau nimmt es sich 

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nicht zu Herzen, wenn ein Mann wie Diddi, der nichts von 
Frauen versteht, sie einmal im Auto draußen auf dem Lande 
zurückweist, doch sie rächt sich, wenn es zweimal geschieht, 
und ich war mit ihm in seinem Bett bereits gut in Gang 
gekommen. Niemand anderer hatte mich jemals abgelehnt, 
weder früher noch später. Ich bin ja auch eine attraktive und 
gefährliche Frau. Trotzdem tröstete ich sowohl Inga als auch 
Dóra, als sie hinter Diddi hersahen, während er in Dundis Auto 
einstieg, und ich sah auf die Rücklichter des Wagens, bis er 
verschwand. Ich bin also keineswegs ein gefühlloser Mensch. 

 

Mitten in der Nacht ist er zu mir hereingekommen. »Skúli, was 
ist?«, flüstere ich ziemlich erschrocken. Empfange ihn, mein 
Körper nimmt ihn nach dem Mangel an Interesse in der ganzen 
letzten Zeit freudig auf. Er ist kalt, hat nasses Haar und ist 
unglaublich sexy, er beginnt auf mir wie auf einem Piano zu 
spielen, ist ziemlich grob, doch ich finde es gut so, er dringt in 
mich ein, nimmt mich in Besitz, wie in jener Nacht. Ganz 
genauso, und ich begreife, dass er möchte, dass ich die gleiche 
Freude wie damals erlebe, den gleichen Triumph, denn ich war 
es ja, die triumphierte, und noch immer triumphiere ich, denn 
alle anderen waren eingesperrt. Ich habe zweimal gesiegt und 
bin zweimal mit dem Schrecken davongekommen. Ich schreie 
und johle vor Freude, doch im Siegesrausch flüstert er mir ins 
Ohr: 

»Ich besitze dich. Ich besitze dich das ganze Leben hindurch, 

denn ich kenne deine Geheimnisse. Dein Körper gehört mir. Du 
kannst mich nicht töten, ohne dass es entdeckt wird, denn ich 
habe einen Bericht angefertigt und verwahre ihn an einem Ort, 
den du niemals entdeckst. Ich weiß, wer alles organisiert hat, 
und ich weiß auch, warum du die beiden töten wolltest. 
Niemand weist dich zurück – ist es nicht so? Du hast doch nicht 
etwa vergessen, dass du deiner Freundin Lovísa alles erzählt 
hast, oder? Auch das Ereignis mit Diddi im Auto. Du hältst dich 

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selbst für so perfekt, dass du nie gefragt hast, wer meine Frau 
ist. Es ist nämlich Lovísa, deine ehemalige Freundin. Und jetzt 
besitze ich dich ebenfalls, auf immer, und du wirst dein ganzes 
Leben tun müssen, was ich dir sage, und auch meine Frau und 
meine Kinder erdulden müssen!« 

Wir liegen danach eng beieinander, ich sehe in seine grünen 

Augen und lächle. 

»Du liebst mich, Skúli!«, sage ich und küsse ihn mit kleinen 

Küsschen überall, im Gesicht wie am Hals. »Gib’s zu!« 

Er gibt es zu und sieht mich mit den gleichen Augen an wie 

meine Kinder, wenn ich sie für eine gute Tat lobe. Er schläft ein, 
und ein neuer Plan beginnt in meinem Hirn zu entstehen. Ich 
habe überhaupt nichts dagegen, mein Leben mit Skúli und 
seinem wunderbaren Körper zu verbringen, doch in mein Bild 
passen nicht mehr Personen als ich, er und meine Zwillinge. 

Ich wecke ihn. 

»Skúli, ich habe großes Verlangen nach mehr …« 

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Ohropax 

Unni Lindell 

Der Polizeikommissar Cato Isaksen hatte seine Mutter endlich 
für Ostern bei einer alten Freundin von ihr untergebracht. Das 
Altersheim sollte renoviert werden, und die Familien der alten 
Leute waren darum gebeten worden, ihre Angehörigen für eine 
Woche bei sich oder irgendwo anders unterzubringen. Das war 
keine leichte Aufgabe gewesen. Er hatte sich hartnäckig 
geweigert, sie zu seiner Familie nach Asker zu holen. Bente, die 
meinte, man müsse dann halt die Reise in die Berge streichen, 
hatte sich bereit erklärt zu helfen. Der sechzehnjährige Vetle 
ebenso. Und Georg, der Vierjährige, den Cato Isaksen nach 
einer kurzen Episode mit einer anderen Frau bekommen hatte, 
fand es nur spannend, wenn die Oma eine Woche bei ihnen 
wohnen würde. Diese Ostern sollte er bei Cato Isaksen 
verbringen. Aber dieser selbst konnte dem Gedanken nichts 
abgewinnen. Und schließlich hatte er es also geschafft, hatte sie 
bei einer alten Freundin aus dem Frauenverband für 
Krankenbetreuung untergebracht, die in Stovner wohnte. 

An dem Tag, als er sie in dem Hochhaus mit Adresse Stovner 

senter 16 ablieferte, trat genau in dem Moment, als Cato Isaksen 
seine Mutter und ihre Krücken in das Treppenhaus manövrierte, 
eine Frau aus dem Fahrstuhl. 

Maren Tangvalds männliche Erscheinung konnte einen schon 

erschrecken. Sie hatte ein breites, kantiges Gesicht, einen 
kräftigen Mund und buschige dunkle Augenbrauen über zwei 
kleinen, böse funkelnden Augen. Die alte Frau Isaksen begrüßte 
sie freundlich, streckte ihr die Hand hin und stellte sich vor. »Ich 
werde hier für eine Woche wohnen«, erklärte sie. Ihr war nicht 
klar, dass es vielleicht nicht so üblich war, einen zufälligen 
Mitbewohner im Hochhaus mit Handschlag zu begrüßen. Maren 

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Tangvald schaute die schmächtige Frau und den blonden Mann 
mittleren Alters an, der ihr folgte, dann streckte auch sie ihre 
grobe Hand vor. 

 

Maren Tangvalds Aussehen stimmte in keiner Weise mit dem 
zarten, durchsichtigen Gefühl der Trauer überein, das sie in sich 
trug. Das konnten die wenigen, die sie kannten, bezeugen, aber 
das nützte nichts. Sie war die schlecht gelaunte Alte des 
Treppenaufgangs. Die immer meckerte, die niemand mochte. 
Sie lief treppauf, treppab und achtete genau darauf, dass alle ihre 
Pflichten auch erfüllten, dass sie die Treppe putzten, wenn sie an 
der Reihe waren, und keine Kinderwagen oder Fahrräder ins 
Treppenhaus stellten. Und erst vor kurzem hatte sie zwei freche 
Jungs geschnappt, mit Ringen in der Nase und grünen Haaren, 
die Graffiti auf die Kellerwände sprühen wollten. 

Maren Tangvald hatte die Jungs nach Strich und Faden 

ausgeschimpft. Sie nannte die Dinge beim Namen, nahm kein 
Blatt vor den Mund. Aber im Innersten fühlte sie sich klein und 
traurig. Etwas in ihr war vor langer Zeit kaputtgegangen. Die 
vorlauten Jungen hätten ihre Enkelkinder sein können – die sie 
nie bekommen hatte. Die Jugendlichen kicherten und gaben 
freche Antworten. 

»Ach, hör doch auf, Uroma!«, rief der eine grinsend. 

Maren hatte sich nach ihm umgedreht und die Faust geballt. 

»Warte nur ab«, hatte sie gesagt. 

 

Cato Isaksen nahm dankbar die Kaffeetasse entgegen, die die 
Freundin seiner Mutter ihm reichte. »Das ist wirklich sehr, sehr 
nett von Ihnen, Frau Nordberg«, bedankte er sich von ganzem 
Herzen. 

»Ach, Quatsch«, wehrte sie ab, »nenn mich einfach Tulla. – 

Ich finde es richtig schön, weißt du. Vielleicht erinnerst du dich 

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noch, ich habe einen Sohn, der ist ganz verrückt nach Krimis, 
übrigens arbeitet er beim Rundfunk.« 

Cato Isaksen nickte. »Doch, ich weiß«, sagte er. 

»Nils hätte dich nur zu gern kennen gelernt.« 

»Das müssen wir auf ein andermal verschieben«, sagte Cato 

Isaksen, während er bereits überlegte, wie er das vermeiden 
könnte. Er hatte genug an seiner Arbeit und seinem Privatleben. 
Die Position als Ermittlungsleiter in Mordfällen im Polizeihaus 
von Grønland fraß all seine Zeit. 

Nachdem Kaffee und Kuchen verzehrt waren, vergewisserte er 

sich, dass seine Mutter alles hatte, was sie brauchte. 

»Ach, guck doch lieber noch mal in meiner Kulturtasche 

nach«, bat sie. »Schau nach, ob ich auch alle meine 
Medikamente habe, meine Kampferbonbons und die kleine 
gelbe Dose mit Ohropax.« 

Cato Isaksen beugte sich hinunter und hob die Tasche auf. Er 

öffnete sie und kontrollierte alles. »Du hast sogar zwei Dosen 
mit Ohropax«, lächelte er. »Das wird ja wohl reichen.« Seine 
Mutter erwiderte dankbar sein Lächeln. Als er die Kulturtasche 
zurückstellte, nahm er den süßlichen Geruch nach Alter wahr, 
der dem Körper seiner Mutter entströmte. Er war froh, als er 
wieder im Auto saß, auf dem Weg zurück nach Asker. 

 

Normalerweise überschlug Maren Tangvald die Kulturseiten. 
Kultur war für diejenigen, die Zeit und Geld besaßen, nicht für 
die, die schon Mühe hatten, jeden Monat ihre Rechnungen zu 
bezahlen. Kultur war für Leute mit schönen Schuhen, nicht für 
welche wie sie, die ihr ganzes Leben lang ihre Strümpfe gestopft 
hatten – und das nicht nur einmal. 

Aber ausgerechnet an diesem Tag im Februar fiel ihr eine 

Überschrift ins Auge: »Ein Hoch den Frauen, die sich 
durchsetzen!« Eine Amerikanerin hatte ein Buch mit dem Titel 

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Bitch  geschrieben. Der orangefarbene Umschlag leuchtete ihr 
wie eine verlockende Apfelsine entgegen. Ihre Augen huschten 
die Zeitungsseite entlang und blieben bei einem Auszug hängen. 

»Frauen von heute ist es egal, wer den Abwasch macht. Darum 

gibt es keinen Kampf. Was nicht in Ordnung ist, das ist die 
Tatsache, dass die Frauen all den mentalen Hausputz machen 
müssen, der notwendig ist, damit eine Beziehung funktionieren 
kann. Frauen haben sich unzählige Jahre hindurch zurückhalten 
müssen, haben vorsichtig sein und mit den Krumen vorlieb 
nehmen müssen, die sozusagen ihr Leben vorstellen sollten, 
während die Männer einfach sie selbst sind und das tun, was für 
sie ganz selbstverständlich ist.« 

Maren Tangvald schlug mit der Faust auf den Küchentisch, 

sodass der Aschenbecher hochsprang. Sie legte den Kopf zurück 
und lachte laut auf. Das hätte von ihr sein können. Ragnvald 
machte nur das, was für ihn selbstverständlich war, er war faul, 
mürrisch und aufbrausend. Und dann das mit dem Abwasch! 
Maren Tangvald war es von Herzen leid, sowohl den mentalen 
als auch den realen Abwasch zu machen. Wie viele 
Abwaschbürsten hatte sie doch im Laufe der Jahre verbraucht! 

Sie beugte sich wieder über die Zeitung und las noch einen 

Auszug: »Ich bin so wütend, dass mich nichts daran hindern 
kann, das zu tun, was ich will, wann ich will.« 

Dann gab es wirklich noch andere, die genauso fühlten. Maren 

Tangvald schob den abgenutzten Küchenstuhl zurück und stand 
abrupt auf. Sie ging in den kleinen Flur und zog ihren 
abgetragenen Mantel vom Haken. Drückte den alten Samthut 
auf die grauen Dauerwellen, nahm den Fahrstuhl ins 
Erdgeschoss und machte sich auf zum Buchladen im nahe 
gelegenen Einkaufszentrum. 

 

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, welches Gefühl beim 
ersten Mal in ihr auftrat. Es war wie eine schleichende 

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Krankheit, wie eine Pest, ein Fieber. Es erfüllte sie mit einer 
Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Unruhe. Hass, das war es. 
Beißender, brauner Hass. Sie hasste Ragnvald. Diesen alten 
Quälgeist. Diesen faulen, immer fordernden und schlecht 
gelaunten Ehemann, für den sie sich abgemüht hatte, die ganzen 
Jahre hindurch versucht hatte, ihn zu lieben. Er konnte keinen 
Lärm ab, dann wurde er nur noch wütender und schwerer zu 
ertragen. 

Maren musste durch die Wohnung schleichen. Wenn sie Essen 

kochte, durfte sie nicht mit den Töpfen klappern, und wenn sie 
im Stockwerk über ihnen mit Holzpantinen durchs Wohnzimmer 
liefen, dann befahl Ragnvald ihr, hochzugehen, um sich zu 
beschweren. Er schimpfte auf alles und alle, aber sie war der 
Prellbock. Sie war diejenige, die die Nachbarn hassten. 

Sie erinnerte sich noch daran, wie sie ihn kennen lernte. Er 

war einer der Stahlarbeiter bei Akers Mekaniske Verksted, wo 
sie putzte. Putzfrau, so hieß das damals. Näher kommst du dem 
Boden im wahrsten Sinne des Wortes nicht. 

Es war sein Name, der sie auf ihn aufmerksam machte. Nicht 

sein Aussehen, das ganz und gar nicht. Ragnvald Tangvald hieß 
er. Das war fünfundvierzig Jahre her. Maren war damals 
fünfundzwanzig. Ragnvald dreißig. 

Sie seufzte. Sie hatten anfangs in einer alten Wohnung unten 

in Vika gewohnt. Nichts Besonderes, nicht groß, aber dennoch 
gemütlich. Zunächst hatten sie eine Art Liebe füreinander 
gespürt. Maren wohnte gern dort, auch wenn das Leben mit 
Ragnvald sich bald als alles andere als glücklich herausstellen 
sollte. Böse war er, befahl sie hier- und dorthin. Dirigierte sie, 
als wenn sie ein Roboter wäre. Er war eifersüchtig und 
aufbrausend. Sie hatte sich damit abgefunden. Fand eigentlich, 
dass sie nichts Besseres verdiente. 

Dann sollte der Wohnblock abgerissen werden. Das ganze 

Viertel dem Erdboden gleichgemacht werden. Das war nun 

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fünfzehn Jahre her. Der Betrieb war bereits geschlossen, und 
Aker Brygge wurde gebaut. Mein Gott, was sie alles 
kaputtmachten. Da hatten die Arbeiter seit Generationen im 
Schweiße ihres Angesichts geschuftet, und dann hoppla, kam 
irgend so ein Idiot und entschied, dass der ganze Krempel zu 
einem gigantischen Einkaufszentrum aus Glas und Stahl 
umgebaut werden sollte. Wohnungen für Millionen von Kronen 
sollten gebaut werden, sodass die Reichen aus ihrem Fenster 
aufs Wasser starren und sich beim Anblick der Akershus-
Festung den Bauch voll schlagen konnten. 

All das ärgerte Maren Tangvald, während sie nun mit siebzig 

Jahren im sechsten Stock in einer Wohnung im Stovner Senter 
saß, immer noch gemeinsam mit Ragnvald Tangvald. 

Die Zeit ist ein ungeduldiger Gast. Bitte ihn zu Tisch, und er 

weigert sich, sich zu setzen. Lege ihn in dein Bett, und er steht 
auf und setzt sich auf den Stuhl. Schließe die Tür, und die Zeit 
öffnet sie und geht. Die Tage vergingen ohne besondere 
Vorkommnisse. Sie hatte das Gefühl, immer unsichtbarer zu 
werden. Sie wurde viereckig wie der Küchentisch, grau wie das 
Linoleum auf dem Fußboden. Die Frau in ihr stellte die 
Blumentöpfe auf die Fensterbank und schaute aus dem Fenster. 
Aber tief im Innersten der alten Frau flatterte ein kleiner 
Geisterwind im Seidenkleid herum und rasselte mit seinen 
Ketten. 

Und jetzt war bald Ostern. Ragnvald rief aus dem 

Wohnzimmer, sie solle ihm eine Tasse Kaffee bringen. Wenn 
sie nur einen Balkon gehabt hätten, da hätte sie ihn einfach 
drüberschubsen und seinen Gleichgewichtsstörungen die Schuld 
geben können. Aber ihn aus dem Fenster zu bugsieren, das 
dürfte schwierig sein. Außerdem war sie überzeugt davon, dass 
er dabei die neuen Gardinen mitreißen würde, die sie bei Hansen 
& Dysvik gekauft hatte, und diese Freude wollte sie ihm nicht 
gönnen. 

Sie hatte auch an Thallium gedacht. Doch wo sollte sie das 

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herkriegen? Zwar hatte sie einmal bei der nächsten Apotheke 
angerufen, aber die hatten sie gleich abgewiesen, obwohl sie 
erklärt hatte, dass sie in ihrem Seniorenkurs chemische 
Experimente machen wollten. Ihre Gedankenspiele halfen ihr zu 
überleben. Natürlich würde sie ihren Mann nicht umbringen. 
Das ging doch gar nicht. Ragnvald saß wie üblich in seinem 
Sessel und guckte Fernsehen. 

 

Tulla Nordberg und Gyda Isaksen hatten es beide geschafft, ihre 
schweren Pelzmäntel anzuziehen. Jetzt warteten sie auf den 
Aufzug. Plötzlich wurde die Nachbartür einen Spalt geöffnet, 
und ein dünnes Männchen schaute heraus. »Ach, 
Entschuldigung«, sagte er. »Ich dachte, es wäre Maren.« Tulla 
Nordberg schob lächelnd ihre Freundin vor. »Sie müssen meine 
Freundin begrüßen«, sagte sie stolz, »ihr Sohn ist Direktor bei 
der Polizei. Er ist oft im Fernsehen.« 

»Na, nicht gerade Polizeidirektor«, wehrte Gyda Isaksen ab 

und stützte sich auf ihre Krücken, während sie den Mann in der 
Türöffnung anstarrte. Sie schien ihn wiederzuerkennen. Die 
Augen, die Hände, die Art, wie er lächelte. »Sag mal, bist du 
das«, traute sie sich zu fragen, »Ragnvald, bist du das?« 

Der Mann guckte sie neugierig an. »Und ich dachte schon, 

dass …« Er brach ab, senkte den Kopf, schaute erneut auf und 
lächelte gerührt. »Gyda«, stellte er fest und öffnete die Tür 
etwas weiter. Keiner von ihnen bewegte sich. 

Tulla Nordberg schaute ihn neugierig an. »Ihr kennt euch?«, 

fragte sie. 

»Aus der Schule«, sagte Gyda Isaksen schnell. 

»Aus der Volksschule in Majorstua«, nickte Ragnvald 

Tangvald. 

 

 

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Die alten Damen schauten sich im Fernsehen den Osterkrimi an. 
Gyda und Tulla und auch Maren Tangvald. Wand an Wand 
saßen sie. Gyda Isaksen, das Herz unter dem weichen 
Angorapullover brennend. Sie waren ein Liebespaar gewesen, 
sie und Ragnvald. Es war ein Freudenschock gewesen, ihn 
wiederzusehen. Sie war sogar in seine Wohnung gegangen und 
hatte kurz mit ihm gesprochen, als seine harsche Frau nicht 
daheim war. 

Der Fernsehkrimi war eine englische Story und handelte von 

der Leiterin einer englischen Mädchenschule, die drei junge 
Mädchen umbrachte, eine nach der anderen. Die Serie gefiel 
Maren Tangvald. Die letzte Folge sollte am folgenden Tag 
laufen, am Ostersonntag. Das sah alles so einfach aus. Die 
Leiterin schlug den Mädchen einfach mit einer Portweinflasche 
über den Kopf und zog sie dann mit sich in den Park hinaus. 
Entkleidete ihren Unterkörper, und schwups, schon glaubte die 
Polizei natürlich, dass irgendein Sexualverbrecher unterwegs 
war. 

Niemand kam auf die Idee, die nette alte Dame zu 

verdächtigen. So musste man es machen, die Tat irgendwie 
tarnen. Nicht dass sie dachte, Ragnvalds Unterkörper zu 
entkleiden, absolut nicht, das würde eher verdächtig wirken. 

 

Dann kam der Ostersonntagabend. Die Stadt war aschgrau, 
schmutzig und ruhig. Maren Tangvald saß mit einer Tasse 
Kaffee vor sich am Küchentisch. Auf dem Tisch lag eine weiße 
Spitzendecke. Sie sehnte sich nach Farben, nach einem Streifen 
roter Sonne über den Häuserdächern. Auf der Fensterbank 
standen die alten, zerzausten Osterküken. Sie konnte sie nicht 
ausstehen, packte sie an den kleinen Köpfen und warf sie in den 
Mülleimer. Die Ruhe kreiste um sie in dem kleinen Raum. An 
den Fensterscheiben hingen die eingetrockneten Spuren der 
Regentropfen. Ihr Leben war fast zu Ende, jetzt waren nur noch 
die Reste übrig. 

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Plötzlich lächelte sie vor sich hin. Am Tag zuvor hatte sie 

einen Taschendieb zu Boden geworfen. Er hatte versucht ihr die 
Tasche zu stehlen, als sie über die Thereses gate watschelte, die 
Spikes unter den Stiefeln, um auf dem Eis nicht auszurutschen. 
Sie war auf dem Weg gewesen, eine alte Freundin zu besuchen. 

Maren Tangvald hatte den Taschendieb niedergestreckt und 

ihm die Spikes in den Rücken gedrückt, sodass er vor 
Schmerzen aufschrie. Sie wusste nicht, wie alt er war, vielleicht 
so um die neunzehn. Zu allem Überfluss hatte er auch noch rote 
Haare und Sommersprossen. »Idiot«, hatte sie ihm 
hinterhergerufen, als er gebeugt den Fußweg entlanglief und 
hinter einer Ecke verschwand. Sie dankte der Autorin von Bitch. 
Es nützte wirklich etwas, man musste nur einen Entschluss 
fassen. 

Sie saß an dem abgenutzten Küchentisch und schaute auf all 

die anderen Tausendaugenhäuser, die sich in Reih und Glied 
formierten. Hinter jedem gelben Auge wohnten Menschen, die 
lebten, die liebten und hassten. 

Maren Tangvald fing an zu weinen. Sie spürte, wie die 

Einsamkeit wie ein weißes Licht ihren Körper durchzog. Sie 
betrachtete ihre traurigen Hände. Die runzligen Hände sahen aus 
wie ihr eigener Herbst. 

Das Buch lag immer noch vor ihr auf dem Tisch. Das war ihr 

mentales Osterei. Im Wohnzimmer saß Ragnvald und guckte 
Fernsehen. Er kaute auf seiner sauren Pfeife und rief ihr in 
regelmäßigem Abstand Befehle zu. »Hol mir eine Tasse Kaffee, 
schmier mir ein Brot. Gib mir ’nen Schnaps, ich will mich kurz 
aufs Ohr hauen.« 

Sie meinte zu verstehen »Gib mir ’ne Axt, dann kannste mir 

aufs Ohr hauen.« Oder besser gesagt: das war das, was sie gern 
gehört hätte. Resolut stand sie auf und öffnete die Tür zur 
Besenkammer, holte den Werkzeugkasten hervor, öffnete ihn 
und nahm den Hammer heraus. 

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Cato Isaksen rief aus den Bergen an, um zu hören, wie es seiner 
Mutter ging. Einen Moment lang hätte sie ihm fast von der 
Begegnung mit dem Nachbarn erzählt, in erster Linie, weil es 
ihn eigentlich auch betraf. Aber dann ließ sie es doch sein. Es 
waren inzwischen zu viele Jahre vergangen. Das war alles viel 
zu schwierig gewesen. Aber sie meinte schon, dass er ihrer 
Stimme anhören konnte, dass sie aufgeregt war, und zwar im 
positiven Sinne. 

 

Merkwürdig, wie einfach das ging, dachte Maren Tangvald. Der 
Ehemann hatte mit dem Rücken zu ihr in seinem grünen 
Ohrensessel gesessen. »Hier«, hatte sie gesagt und ihm den 
Hammer auf den Kopf geschlagen, dass es dröhnte. »Bitte 
schön«, hatte sie gesagt, »bitte schön, bitte schön, bitte schön.« 

Ragnvald Tangvalds Kopf war nach vorn gefallen. Mehrere 

dünne Streifen dunklen Bluts waren aus den Kopfwunden 
gesickert, übers Gesicht und weiter hinunter auf das gelbe 
Hemd, das er trug. Hinterher waren seine Augen aufgerissen 
gewesen. Er hatte sie mit einem verwunderten, gläsernen Blick 
angestarrt. Und sie wusste, dass er tot war. 

 

Maren Tangvald ging wieder zurück in die Küche. Sie spürte, 
wie ihr Herz wie ein kleines wildes Tier in der Brust hämmerte. 
Sein Blut hatte winzige rote Sommersprossen auf ihre 
blassblaue Bluse gespritzt. Sie riss sie sich vom Leib und 
schrubbte die Hände unter dem Wasserhahn vom Blut sauber. 

Sie hatte es getan. Das Gedankenspiel war Wirklichkeit 

geworden. Die Küche war nicht mehr wie vorher. Das Geräusch 
des Hammers tanzte durch die Wohnung. Die Küche war eine 
Wüste. Auf dem Tisch lag ein Katalog für Ferienreisen. Das 
Bild der jungen braunen Körper auf der Titelseite brachte ihr 
inneres Gleichgewicht noch mehr ins Schwanken. Für einen 

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Augenblick schloss sie die Augen. Ragnvalds Gesicht tanzte auf 
ihrer Netzhaut. Von Schatten und Blut verzerrt. Die Körper 
wogten über dem blauen Meer hin und her, wie Boote mit 
Körperteilen anderer Menschen auf dem Rücken. Wenn sie nur 
ein Baum gewesen wäre, an dem immer neue Blätter wüchsen. 

Maren Tangvald beruhigte sich, genehmigte sich einen 

Schnaps. Der Branntwein lief ihr heiß durch den Körper. Jetzt 
gab es keinen Weg mehr zurück. Aber seine Stille war fast noch 
schlimmer als die gemeinen Kommandorufe, die sie durch 
vierzig Jahre begleitet hatten. Sie spürte, wie ihr ein kleiner 
kalter Schauer das Rückgrat entlang lief. Die weiße 
Spitzendecke auf dem Tisch sah aus wie der Geist eines Toten. 

Dann dachte sie an sein Geld, das jetzt ihr gehörte. Bereits als 

sie sich kennen lernten, hatte er einen kleinen Betrag bei der 
Post stehen. Das Guthaben war synchron mit dem Kind 
gewachsen, das sie nie bekommen hatten. Es war ihre Schuld. 
Langsam, aber sicher war es zu einer ansehnlichen Summe 
angewachsen. Aber etwas davon ausgeben – nein, Ragnvald 
doch nicht. 

Mehrere Male hatte Maren ihn gedrängt, dass sie sich davon 

doch einen Urlaub im Süden leisten könnten, aber das fand er 
nur Quatsch. Und nachdem ein Jahr nach dem anderen verging, 
erkannte sie, dass das Geld überhaupt nicht benutzt werden 
sollte. Er wollte es nur haben, sicher auf dem Goldbuch der 
Post. Doch jetzt wollte sie ihre Freundin aus der Thereses gate 
einladen. Die einzige Freundin, die sie hatte. 

 

Maren Tangvald wartete, bis es zwei Uhr nachts war, bevor sie 
ihren Exmann, wie sie ihn heimlich titulierte, anzog. 

Sie zog ihm Mantel, Handschuhe und Straßenschuhe an. Ihn in 

den Fahrstuhl zu kriegen war kein Problem. Sie musste ihn nur 
hinter sich herziehen. 

Als sie jung waren, war er groß und sie klein gewesen. Jetzt 

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war es fast umgekehrt. Sie waren beide in die falsche Richtung 
gewachsen. Sie waren buchstäblich voneinander fort gewachsen. 
Sie hatte zugelegt, und er war eingeschrumpft. Was jetzt ein 
großer Vorteil war. 

Sie zog ihn unten aus dem Fahrstuhl heraus, durch die Haustür 

und den Fußweg entlang. Der Himmel war schwer von Schnee, 
als hielte er eine graue Wut zurück. 

 

Etwas weckte Gyda Isaksen. Sie wusste nicht, was es war. Sie 
nahm ihre Krücken und zog sich vom Bett hoch, ging zum 
Fenster. Draußen war es dunkel. Es war weit bis zum Boden, 
und ohne Brille sah sie alles wie im Nebel. Nach einer kurzen 
Weile ging sie so leise sie konnte in die Küche und holte sich 
ein Glas Wasser. 

Maren Tangvald schaute sich ängstlich um. Es war 

vollkommen menschenleer, niemand war am Ostersonntag so 
spät in der Nacht noch unterwegs. Alle Restaurants und Kneipen 
hatten geschlossen. Sie zog ihn an der Garagenanlage vorbei 
und ein Stück die Hauptstraße entlang. Das Geräusch seiner 
Schuhe auf dem staubigen Weg verursachte nur ein leises 
Knirschen. Plötzlich zuckte sie zusammen. Die beiden 
Jugendlichen, die sie vor kurzem im Treppenhaus ausgeschimpft 
hatte, kamen ihr ein Stück entfernt entgegen. 

Schnell rollte sie Ragnvald in einen kleinen Graben und warf 

sich selbst darüber. Sie lag ganz still neben dem toten Körper. 
Die Feuchtigkeit des Bodens drang durch ihren Mantel. Das 
Licht der Straßenlaterne zeichnete einen gelben Kreis, der sich 
ein Stück ihr Bein hoch fortsetzte. Plötzlich wurde es Maren 
Tangvald bewusst, dass sie mit der Leiche ihres Mannes neben 
sich in einem Graben lag. Wie einen schwarzen Filmstreifen, der 
sich rückwärts aus einem kleinen Fenster spulte, sah sie die 
Bilder von sich selbst mit dem Hammer immer und immer 
wieder. Sie kniff die Augen zusammen. Hörte das Geräusch der 

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Schläge durch ihre Gedanken dröhnen. Einige braune, 
zusammengeklebte Blätter bewegten sich vorsichtig in dem 
leichten Wind. 

 

Die beiden Jugendlichen blieben kurz vor ihr stehen. Sie standen 
mit dem Rücken zu ihr, der eine bemühte sich, eine Zigarette 
anzuzünden. 

Maren Tangvald öffnete vorsichtig die Augen. Sie konnte die 

Jungen dort oben sehen, durch ein paar hohe Grashalme vom 
letzten Jahr hindurch. Als der eine Junge plötzlich laut auflachte, 
war es, als würde ihr Herz ein paar Schläge überspringen. 

Die Angst, was wohl mit ihr geschähe, wenn sie hier entdeckt 

würde, lag wie eine giftige Schlange in ihrer Seele. 

Aber sie hatte Glück, plötzlich gingen die beiden Jungs weiter, 

als ob nichts passiert wäre. Sie hatten sie tatsächlich nicht 
gesehen. Maren Tangvald wartete einen Moment, bis die Nerven 
sich einigermaßen beruhigt hatten, bevor sie mit viel Stöhnen 
und Mühe ihren Exmann wieder auf den Bürgersteig 
hochgezogen bekam. Einen Moment lang sammelte sie Kraft 
und wartete, bis sie wieder ein wirklicher Mensch wurde. Dann 
zog sie ihn weiter mit sich den leicht abschüssigen Hügel 
hinunter. 

Sie zog ihn am Kindergarten vorbei, weiter in einen kleinen 

Seitenweg hinein. Wo sie ihn unter ein paar Kieferngewächse 
rollte und seine leere Brieftasche wegwarf, sodass es aussah, als 
wäre er ausgeraubt worden. 

 

Als sie zurück nach Hause ging, tanzte ein leichter Nieselregen 
im bleichen Schein der Straßenlaternen. Sie war erschöpft, ganz 
ermattet von der physischen Anstrengung und dem 
Nervendruck. Die Muskeln in ihren Armen und Beinen 
schmerzten. 

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Aber als sie im Fahrstuhl hinauf zum sechsten Stock stand, 

spürte sie, wie die Kräfte und der Optimismus langsam 
zurückkehrten. Ein Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. Mit 
alten Damen ist nicht gut Kirschen essen. Und schon gar nicht 
mit wütenden, frustrierten alten Damen. 

 

Als sie in die Wohnung kam, zog sie sich schnell aus und nahm 
eine warme Dusche. Die alten, weißen Baumwollunterhosen mit 
Bein sollten jetzt durch teure Seidentangas ersetzt werden. Das 
heißt, wenn sie das ertrug, da diesen String in … Ja, ja, sie sollte 
es lieber mit Ruhe angehen. Alles zu seiner Zeit, wie es hieß. 
Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Sie horchte auf etwas in 
ihrem eigenen Kopf, hörte die Stille wie ein dunkles Meer im 
Ohr. 

 

 

Cato Isaksen war zurück an seinem Arbeitsplatz. Seine Familie 
war noch im Gebirge geblieben. Bente hatte nichts dagegen 
gehabt, Georg die letzten zwei Tage allein zu haben. »Ich hab 
ihn ja lieb«, hatte sie gesagt. Eigentlich typisch Bente. Cato 
Isaksen saß im Speisesaal zusammen mit seiner Kollegin Randi 
Johansen, als sein ältester Sohn Gard anrief und ihn zum Essen 
am gleichen Abend einlud. »Gern«, sagte er sanft und spürte, 
wie sehr es ihn freute, dass der Älteste, nach einer schwierigen 
Zeit mit Experimenten mit Drogen und Alkohol, jetzt wieder in 
der Realität angekommen war. Während er noch am Telefon saß 
und mit seinem Sohn sprach, traf eine Vermisstenmeldung ein. 

Maren Tangvald meldete ihren Mann gegen zwölf Uhr am 

Ostermontag vermisst. Sagte, er wäre am Ostersonntagabend 
noch einmal hinausgegangen, sie hatte sich währenddessen 
schon schlafen gelegt. Aber jetzt hatte sie Angst, dass ihm etwas 
passiert sein könnte. 

 

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Der Pfarrer war schon um fünf Uhr an ihrer Tür. Der alte 
Pfarrer, der so von Trauer und Sympathie erfüllt war, bedauerte 
aus vollem Herzen, dass der Ehemann mit einem stumpfen 
Gegenstand auf den Kopf erschlagen und dann ausgeraubt 
worden war. 

Maren Tangvald drückte einige bittere Tränen hervor und ließ 

ein paar Sätze über die heutige brutale Gesellschaft fallen. Kurz 
darauf kam die Polizei. Cato Isaksen nickte ihr kurz zu. Sie 
erkannte ihn sofort wieder. »Ach, Sie sind das«, sagte sie. 

Maren Tangvald mochte ihn nicht. Der Pfarrer ließ sie allein, 

bat Maren jedoch, sofort anzurufen, wenn etwas sei. 

Cato Isaksen lief durch die Räume. Es erschien ihm absurd, 

dass dieser Mord hier hatte geschehen müssen, wo seine Mutter 
die letzte Woche verbracht hatte. Er hatte den Toten gesehen. 
Ein alter dünner Mann mit einem müden Zug um den Mund. 
Cato Isaksen war besonders lange neben ihm stehen geblieben. 
Er wusste nicht, warum. Aber etwas im Gesicht des Mannes 
erinnerte ihn an sich selbst. Es war, als stünde er dort und würde 
sich selbst in alter Version sehen. 

Maren Tangvalds Gewissen fühlte sich an wie eine Art 

Wäscheleine, die von dem einen Dunkel ins andere reichte. Sie 
erklärte, sie würde Kaffee kochen. Dabei war sie so nervös, dass 
ihr eine Tasse in den Ausguss fiel und zerbrach. 

Der Ermittlungsbeamte, der ihr in die Küche gefolgt war, 

stand nur da und schaute sie an. »Wir haben schon mit den 
Nachbarn geredet«, sagte er, »unter anderem mit Frau Nordberg. 
– Ihr Mann ging nicht gerade oft spazieren. Hatte er Probleme 
mit den Beinen?« 

»Nicht mehr als andere alte Männer«, sagte Maren Tangvald 

schnell und trug ein kleines Tablett mit Tassen und Keksen ins 
Wohnzimmer. Der Ermittlungsbeamte folgte ihr und setzte sich 
auf den grünen Ohrensessel. Sie hatte die Blutflecken 
weggescheuert, aber der Stoff war noch etwas feucht. Er 

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bemerkte es nicht. Sie stellte die Tassen und Untertassen auf den 
Tisch. 

Anschließend besuchte Cato Isaksen seine Mutter und deren 

Freundin. Es war schon von vornherein verabredet gewesen, 
dass er seine Mutter wieder ins Frognerhjemmet fahren würde. 

Die beiden Frauen waren ganz aufgebracht über das, was 

passiert war. Seine Mutter schien traurig und deprimiert zu sein. 
Tulla Nordberg erzählte, dass Catos Mutter und Ragnvald 
Tangvald zusammen in die Schule gegangen waren. »Aber das 
kannst du ja selbst erzählen.« Doch die Mutter schüttelte nur 
leicht den Kopf. »Nein«, seufzte sie, »da gibt’s nichts zu 
erzählen. Ich habe ihn seit fünfundvierzig Jahren nicht mehr 
gesehen, habe ihn aber sofort wiedererkannt. Ich war einmal bei 
ihm, habe mit ihm eine Tasse Kaffee getrunken. Er hat sich 
darüber beklagt, dass seine Frau die ganze Zeit nur 
herummeckert. Da hat er von mir eine Packung Ohropax 
gekriegt, das war auch schon alles«, erzählte Gyda Isaksen 
traurig. 

 

Nachdem die Mutter wieder ins Frognerhjemmet gebracht 
worden war, fuhr Cato Isaksen zum Polizeihaus. Auf dem Flur 
begegnete er Randi Johansen, die Neues von den Ermittlungen 
zu berichten hatte. Cato Isaksen stand draußen im Dunkel und 
wartete auf die Kollegen. Sie hatten eine Verhaftung 
vorzunehmen. Er schaute auf die Uhr. In anderthalb Stunden 
wollte er bei seinem Sohn und seiner Mitbewohnerin draußen in 
Asker sein. Was sie wohl für ihn kochen würden? Er hatte 
Hunger. 

Maren Tangvald öffnete die Tür, als es klingelte. Einen 

Moment lang dachte sie, Ragnvald stünde vor ihr. Das schmale 
Gesicht, die leicht traurigen Augen, der Zug um den Mund. 
»Guten Tag«, sagte Cato Isaksen, »dürfen wir hereinkommen?« 

Sie öffnete die Tür ganz und ließ die drei Polizeibeamten 

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herein. Schon in dem Augenblick wusste sie, was kommen 
würde. Sie hatten es herausgefunden, Cato Isaksen blieb mitten 
im Wohnzimmer stehen. Sein Blick suchte den der alten Frau. 
Als sie ihn endlich ansah, hob er seine rechte Hand. »Das haben 
wir in seinen Ohren gefunden.« Cato Isaksen streckte die Hand 
aus, zwei hellrote Kügelchen kamen auf seiner Handfläche zum 
Vorschein. 

»Ohropax«, sagte Maren Tangvald erschrocken. 

»Ja«, sagte Cato Isaksen. »Die man sich in die Ohren steckt, 

um schlafen zu können.« 

»Weiß ich auch«, sagte sie und schaute ihn misstrauisch an. 

»Ragnvald hat nie Ohropax benutzt. Er hat gar keine gehabt.« 

Eine Gewissheit war dabei, sich in ihr hochzuarbeiten. Da gab 

es etwas, was sie vergessen hatte. Aber schnell sammelte sie 
sich wieder. »Und was ist damit?«, fragte sie. »Es ist doch wohl 
ganz normal, wenn ältere Menschen Ohropax in den Ohren 
haben.« 

»Aber nicht, wenn sie draußen spazieren gehen«, erwiderte 

Cato Isaksen und betrachtete sie mit seinen kalten Augen. »Wir 
gehen davon aus, dass er ermordet wurde, während er schlief.« 

»Nein«, widersprach sie schnell und schob die eine 

Kaffeetasse zurecht. »Er hat nicht geschlafen. Er war noch nicht 
eingeschlafen.« 

Hinterher hätte sie sich die Zunge abbeißen können. Sie 

spürte, wie eine gewaltige Kälte ihren Körper durchzog. Maren 
Tangvald senkte den Blick. Dann war es also doch dazu 
gekommen, dass Ragnvald zum Schluss noch den letzten Stich 
bekommen hatte. Dieser Miesepeter, dieser unnütze, 
unzuverlässige Schuft von einem Kerl. 

»Haben Sie dazu noch etwas zu sagen?« Cato Isaksen war 

bereits aufgestanden. 

Maren Tangvald zuckte gleichgültig mit den Schultern, 

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während ihr ein leiser Seufzer über die Lippen kam. »Ich habe 
vergessen, in seinen Ohren aufzuräumen«, sagte sie ruhig. 

»Sie haben was vergessen?« 

»In seinen Ohren aufzuräumen!«, wiederholte sie, jetzt etwas 

lauter. »So lief es doch immer bei uns, wissen Sie. Er hat nie 
hinter sich aufgeräumt, dieser Ragnvald. Niemals! Ich musste 
alles tun. Nur gut für die Welt, dass er weg ist«, erklärte sie, 
wobei sich ein kleines böses Lächeln in einem ihrer 
Mundwinkel aufbaute. Sie begegnete dem kalten Blick des 
Ermittlungsleiters Cato Isaksen und senkte den Kopf. 

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Der zufällige Tod eines Direktors 

Leif Davidsen 

Nachdem Direktor und Aufsichtsratsvorsitzender Kai Baggersen 
den Wirtschaftsprüfungsbericht gelesen hatte, schloss er ihn im 
Tresor ein, änderte den Code und rief unter Umgehung der 
Sekretärin seinen Arzt an, um möglichst schnell einen Termin 
bei ihm zu erhalten. Sie waren alte Freunde, und darum konnte 
er schon eine Stunde später kommen. Seine Hände zitterten 
nicht, obwohl er schwarz auf weiß gesehen hatte, dass die Firma 
und damit er selbst bankrott waren und er folglich nicht 
weiterleben konnte. 

Er hatte verbissen dagegen angekämpft, dass das alte 

Steuerberatungsbüro der Gesellschaft ausgetauscht wurde, 
schließlich hatten aber selbst seine eminenten Fähigkeiten, den 
Aufsichtsrat zu manipulieren, nichts geholfen. Es waren nicht 
die Betriebsratsvertreter, die eine erneute Rechnungsprüfung 
gefordert hatten. Die waren leicht zu kontrollieren, saßen 
unsicher da und wussten nur wenig über das Unausgesprochene 
in einem Aufsichtsratsbüro. Enttäuscht hatte ihn, dass die alten 
Freunde und Kollegen, die sich nur ein paarmal im Jahr zu 
zeigen und wohlwollend zu nicken brauchten, angesichts der 
Zahlen zittrige Hände bekommen hatten. Zwar hatte die 
zeitweilige Krise inzwischen schon etwas länger gedauert als 
berechnet, doch der Umschwung stand unmittelbar bevor. Das 
wussten alle. Aber nun würden sie zu der bevorstehenden 
außerordentlichen Aufsichtsratssitzung erscheinen und ihre 
eigene Haut zu retten versuchen, indem sie ihn opferten und mit 
der Verantwortung allein ließen. Eigentlich konnte er es ihnen 
nicht verdenken. Er hätte ebenso gehandelt, wenn er nicht auf 
dem Stuhl des Vorsitzenden gesessen und damit die Kontrolle 
über Tagesordnung, Rednerliste und Informationen gehabt hätte. 

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Die Schlüssel zur Macht. 

Er saß an seinem Schreibtisch und sah, wie sich das Licht über 

dem Øresund veränderte, als ein Regenschauer plötzlich die 
schwedische Küste verdeckte. Durch die dicken Scheiben sah er, 
wie die Welt lebte, aber kein Laut drang in das geräumige 
Direktorenbüro. Fünfzehn Jahre hatte er an der Spitze des 
größten Tennisball-Unternehmens Skandinaviens gestanden, 
und wenn irgendwer an seinen Führungsfähigkeiten zweifeln 
sollte, brauchte er sich nur die Aktienkurse in der 
Wirtschaftsbeilage der Zeitungen anzusehen. 

Aber das lag natürlich daran, dass die Investoren nicht den 

richtigen Jahresabschluss und die ungetilgten Darlehen kannten, 
die wie ein Krebsgeschwür wuchsen und jetzt außer Kontrolle 
geraten waren. Sie wussten nichts von den Millionen, die in dem 
Immobilienkomplex an der Sonnenküste Spaniens feststeckten, 
wo die leeren Wohnungen und nicht eröffneten Läden das 
investierte Kapital auffraßen, während die Zinsen wuchsen. 

 

Er streckte die Arme über den Kopf, sah wieder nach Schweden 
hinüber und spürte einen Druck in der Brust. Er war in guter 
Form, aber zweiundfünfzig Jahre hatten ihre Spuren im 
Organismus hinterlassen, und ungebeten tauchte eine 
Erinnerung aus der Kindheit auf. Seine Mutter steht im Garten 
und ruft ihn zum Essen. Der Wind spielt mit ihrem Haar, und er 
liegt so sicher wie ein schlafender Igel in der selbst gebauten 
Höhle und will nicht herauskommen. 

Er blickte sich im Büro um und schüttelte die Erinnerung ab, 

bevor sie von ihm Besitz ergreifen konnte. Das große schöne 
Eckbüro mit den gediegenen finnischen Möbeln unter einem 
Asger Jorn an der Wand. Plötzlich bewegten sich die Wände 
leicht, und wieder war dieser Druck in der Brust da, als ihm die 
Galle in den Hals schoss, weil er das Gefühl hatte, dass Leben in 
die Wände kam und sie zusammenrückten und das Büro fast auf 

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Besenkammergröße schrumpfen ließen. 

Er stand auf und schwitzte. Zog trotzdem die Jacke an. Der 

Schauer kam von der schwedischen Küste herangefegt und 
prallte mit schnellen klatschenden Lauten gegen die 
Panoramafenster. Durch die Tropfen sah er wieder zur 
Schwedenküste hinüber, und er stellte sich vor, dass sein Blick 
über das Land und bis weit hinein in die tiefen Wälder reichte. 
Dann drängte sich eine andere Kindheitserinnerung auf. In den 
Fünfzigern war er für drei Wochen in einem Pfadfinderlager in 
Schonen gewesen. Ihm fiel plötzlich der Friede ein und wie die 
Zeit stillgestanden hatte und gleichzeitig davongaloppiert war. 
Ihm wurde leicht unheimlich zumute, so stark war die Wirkung 
der ungewohnten Erinnerungen. Sonst dachte er nie an Kindheit 
oder frühe Jugend zurück. Er konzentrierte sich auf das Heute, 
das Geschäft und die Zukunft. 

Er sah sich deutlich als Fünfzehn-, Sechzehnjährigen auf einer 

anderen Schwedentour mit seinem besten Freund, konnte sich 
aber plötzlich nicht mehr an die Gesichtszüge seiner Kinder 
erinnern, als sie klein waren. Dagegen sah er vor seinem inneren 
Auge scharfgestochen wie auf einem Farbfoto den großen Elch, 
der im Walddickicht gestanden und sie angesehen hatte. Sie 
hockten zwischen den niedrigen, würzigen Blaubeerbüschen und 
hielten die rot verschmierten Hände ganz still, während sie das 
große Tier betrachteten. Es beäugte sie ruhig, hob den Kopf ein 
wenig und verschwand im Dickicht, als ob es nur eine 
Erscheinung gewesen wäre. Beeindruckt von diesem Erlebnis, 
der Größe des Tieres und seiner Ruhe hatten sie lange stumm 
dagesessen. Plötzlich schmeckte er auch den Tabak wieder. 
Pfeifentabak. Den süßen, weichen, würzigen Geschmack eines 
Tabaks, der sich Dark Twist nannte und den sie mit der 
glühenden Spitze eines Astes angezündet hatten, den sie ins 
Lagerfeuer gesteckt hatten. Sie lagen in ihren Schlafsäcken am 
Feuer, während sie sich unterhielten. Er entsann sich nicht mehr 
worüber. Bestimmt aber über Mädchen. Es war schon mehr als 

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zehn Jahre her, dass er zum letzten Mal geraucht hatte, aber er 
spürte ein Verlangen, so tief, als hätte er gestern erst aufgehört. 

Er stand mitten im Zimmer, in seine Erinnerungen verloren, 

mit der Angst in der Brust und dem Gefühl der Niederlage in der 
Seele. Morgen würden Investoren und Gläubiger entdecken, 
dass ihr Vermögen verschwunden war, und mehrere hundert 
Menschen ohne Arbeit dastehen. Das würde viele 
Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Dansk Tennis A/S galt 
als eines der solidesten und bestgeführten Unternehmen des 
Landes. Er selbst musste mit Gefängnis rechnen. Die 
Aktionärsdarlehen waren sehr belastend. Aber Gefängnis würde 
vielleicht eine geringere Strafe sein als die Demütigung, gefehlt 
und das Vertrauen anderer Menschen missbraucht zu haben. 

Der Entschluss war eigentlich natürlich. Damit wollte er auch 

Grethe und die erwachsenen Kinder absichern. Grethe verdiente 
zwar ihr eigenes Geld, aber das Gehalt einer Gymnasiallehrerin 
war nicht besonders üppig, und die Kinder konnten immer etwas 
zusätzlich gebrauchen. Die Lebensversicherung war bezahlt und 
unantastbar. Nicht wie all das andere, was er besaß. Das gehörte 
ab morgen anderen. Er konnte die Welt mit der Gewissheit 
verlassen, dass seine Nächsten abgesichert waren. Das Schicksal 
der anderen konnte er nicht länger auf seinen Schultern tragen. 

Er schüttelte den Kopf und schwitzte wieder. Warum konnte er 

ihre Gesichtszüge nicht vor sich sehen? Warum wollten sie nicht 
auftauchen? Warum sah er nur sich selbst, die Pfeife im Mund, 
gemeinsam mit Niels am Lagerfeuer in einem schwedischen 
Wald, nachdem sie selbst gefangenen Fisch mit einem Appetit 
gegessen hatten, der verdrängte, dass er nach Rauch und Asche 
des Lagerfeuers schmeckte. Wo war Niels heute? Einst beste 
Freunde. Ständig zusammen. Vertraute. Nun ahnte er nicht 
einmal, wo Niels wohnte oder was er machte oder ob er 
überhaupt noch lebte. 

Er wollte nicht schummeln. Er wollte nicht die Bilder auf 

seinem Schreibtisch ansehen. Wollte die Gesichter selbst finden. 

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Er atmete tief ein und aus, konnte aber nicht das drückende 
Gefühl in der Brust loswerden. Darum gab er schließlich auf und 
schaute sich die beiden gerahmten Fotos auf dem Schreibtisch 
an: eine schöne, gepflegte Frau in seinem Alter. Zwei 
halbwüchsige Mädchen mit hübschen, nichts sagenden 
Gesichtern. 

Das war seine Familie. Warum wirkten die drei wie 

unbekannte Menschen, die es sich auf seinem Schreibtisch 
bequem gemacht hatten? 

Er holte den Wirtschaftsprüfungsbericht wieder aus dem 

Tresor, brauchte sein eigenes Todesurteil aber nicht noch einmal 
zu lesen. Geschäfte und Zahlen hatten sein Leben ausgemacht, 
Zahlen verstand er besser als Worte, und die Zahlen des 
Berichtes ließen keinen Platz für Zweifel. Er schloss ihn wieder 
im Wandschrank ein, atmete abermals tief ein und aus und 
schwang die Arme, machte ein paar Kniebeugen, streckte sich, 
als würde er sich für ein Tennisspiel warm machen. Dann nahm 
er den Telefonhörer ab. 

»Line. Ich habe eine Besprechung in der Stadt. Du siehst mich 

heute nicht mehr. Geh du nur früh.« 

»Gut. Hab vielen Dank. Dann hol ich Andreas heute früher 

ab.« 

»Und, Line?« 

»Ja, Kai.« 

»Ich komm morgen nicht ins Büro. Ich fahr heute Abend nach 

Brüssel. Eine einfache Besprechung morgen.« 

»Das steht nicht im Kalender.« 

»Das kam plötzlich.« 

»Was ist mit dem Ticket, dem Hotel? Soll ich nicht …?« 

»Hol du nur Andreas ab. Geh jetzt. Du hattest in letzter Zeit 

viel zu tun. Ich bitte Jørgensen, sich darum zu kümmern.« 

»Ja aber …« 

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»Mach, was ich sage, Line.« 

»Okay. Wenn du es sagst.« 

Er sah wieder nach Schweden hinüber. Es war Ende August 

und trotz des Schauerwetters eigentlich mild. Gedankenverloren 
stand er da, bis er sich sicher war, dass Line gegangen war. Er 
spürte den ruhigen Rhythmus der Arbeit in den anderen Büros 
des Verwaltungsgebäudes, und drüben in der Fabrikhalle spien 
wie seit fast fünfzig Jahren Maschinen Bälle aus. Dann rief er zu 
Hause an und sprach auf den Anrufbeantworter, dass er nach 
Brüssel müsse. Morgen nach Hause komme. Grethe würde das 
akzeptieren. Während ihrer langen Ehe hatte sie sich an seine 
Geschäftsreisen gewöhnt, und heute lebte jeder von ihnen wohl 
im Grunde genommen sein eigenes Leben, auch wenn sie 
einander vertrauten und sich gern hatten und keiner von ihnen 
sich ein Leben ohne den anderen vorstellen konnte. Grethe ging 
ihrer Arbeit als Lehrerin nach und besuchte mit ihren 
Freundinnen gern Kunstausstellungen. Er hatte seine Arbeit und 
spielte mit Aufsichtsratskollegen ein wenig Tennis. Sie hatte, 
wenn auch notgedrungen, eingesehen, dass die Arbeit den Sinn 
seines Lebens ausmachte und dass es ihm schwer fiel, über 
etwas anderes verständnisvoll zu reden. 

Sein alter, gleichaltriger Freund, der Arzt, sagte dasselbe 

nachdem er sein Herz abgehört und ihn ein wenig befragt hatte. 

»Du solltest an anderes denken als nur an die Arbeit, Kai.« 

»Ach, ich kann bloß ein bisschen schlecht schlafen in letzter 

Zeit.« 

Poul sah ihn freundlich an, während er das Mogadon-Rezept 

ausstellte. 

»Ich schreib dir was auf, damit zu schlafen kannst. Und dann 

lässt du dir draußen von Linda einen Termin für eine etwas 
größere Untersuchung geben. Sie findet für dich schon noch 
eine Lücke.« 

»Ist es etwas …?«, fragte er. 

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»Nein. Aber ein Check schadet nichts«, sagte der Arzt. Er 

reichte das Rezept über den Schreibtisch und fuhr fort: 

»Probleme mit der Firma?« 

»Es sind schwierige Zeiten für alle.« 

»Mein Gott, die ganze Welt spielt doch Tennis! Und alle 

müssen Bälle haben.« 

Kai nahm das Rezept. 

»Die Konkurrenz aus dem Osten ist hart.« 

Der Arzt sah auf die Uhr. Kai hatte bemerkt, dass im 

Wartezimmer Leute saßen, und wusste recht gut, dass dies hier 
ein Gefallen war. 

»Vielen Dank, dass du mich dazwischengeschoben hast.« 

Der Arzt winkte ab und sagte mit einem Lächeln: 

»Bei dem Aktienposten, den ich in deiner Firma hab, muss ich 

dafür sorgen, dass du gesund und munter bist.« 

Kai spürte sein Herz schneller schlagen und bekam sehr wohl 

mit, dass ihn der Freund aufmerksam betrachtete. Er hatte im 
Geschäftsleben früh gelernt, dass es bei Verhandlungen wichtig 
war, die Körpersprache der Gegenseite zu beobachten. Worte 
gingen leicht über die Lippen, wenn man eine kleine 
Unwahrheit von sich gab, der Körper aber verriet das meiste, 
wenn man kein guter Pokerspieler war. 

Er gab schnell die Hand und wandte sich zum Gehen, zögerte 

aber an der Tür und fasste dann einen Entschluss. 

»Poul. Das, was ich dir jetzt sage, ist ungesetzlich, und ich 

kann dafür bestraft werden … nein, unterbrich mich nicht.« 

Poul hatte sich erhoben und stand hinter seinem Schreibtisch. 

»Ja?«, sagte er. 

»Verkauf deine Aktien an Dansk Tennis A/S.« 

»Was sagst du da? Warum in aller Welt …? Und ausgerechnet 

jetzt. In der letzten Zeit sind sie doch um ein paar Punkte 

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gestiegen, also ist das doch nicht gerade günstig.« 

Kai spürte wieder sein Herz schlagen. Den merkwürdigen 

Druck in der Brust, den er nicht erklären konnte und der nicht 
im Stethoskop zu hören war. 

»Poul, mach, was ich sage. Ich könnte für das hier ins 

Gefängnis kommen. Aber … ich … Verkauf sie heute. Und 
danke. Und auf Wiedersehen.« 

Er ging zur Tür hinaus und war verschwunden, bevor Poul 

reagieren konnte. 

»Soll ich den Nächsten reinschicken?«, erkundigte sich die 

Sekretärin einen Augenblick später über die Gegensprechanlage. 

»Einen Moment noch«, sagte er. 

Er setzte sich wieder und suchte nach der Telefonnummer 

seines Maklers. 

»Verkauf alle meine Dansk-Tennis-Aktien«, sagte er. »Ist das 

heute noch zu schaffen?« 

»O ja doch«, dröhnte die unbekümmerte Stimme im Hörer. 

Leute, die an der Börse Geld wie Heu machten, waren oft 
furchtbar jung, dachte der Arzt, während die energische Stimme 
fortfuhr: »Der Börsentag ist ja noch frisch. Aber darf ich fragen, 
warum? Hast du irgendwas gehört? In der Stadt gehen nämlich 
ein paar Gerüchte um.« 

»Nein. Ich brauch nur Geld. Was für Gerüchte?« 

»Dass der Halbjahresbericht nicht so gut ist wie erwartet. Der 

Überschuss kleiner als errechnet. Könnte in den nächsten Tagen 
den Kurs um ein paar Punkte drücken. Aber es werden sich 
schon Käufer finden.« 

»Verkauf sie heute alle.« 

Danach saß er eine Weile da, den Hörer in der Hand. Ertrug 

plötzlich nicht den Gedanken, die nächsten Patienten zu sehen, 
würde es aber natürlich doch tun. Wie Kai war er erzogen zu 
Pflicht, Verantwortung und Vernunft. Sie gehörten zu einer 

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Gesellschaftsschicht, der während des Heranwachsens ständig 
gepredigt worden war, dass man sich zusammenzunehmen habe, 
dass es schon gehen werde. Sie hatten weder Zeit gehabt für 
Jugendaufruhr, noch welchen nötig gehabt. Auch wenn Kai 
wohl eigentlich einmal ein wenig für die Linkssozialisten 
geschwärmt hatte. Wie so viele andere junge Leute aus 
wohlhabenden Familien. Er hatte nie für den Sozialismus 
geschwärmt. Das war das Privileg der Oberklasse. 

Er seufzte, stand auf und ging zur Sekretärin hinaus. 

»Schick den Nächsten nur herein, Linda. Und welchen Termin 

hast du Direktor Baggersen gegeben?« 

Linda sah auf. 

»Keinen. Er hat um keinen gebeten. Bestimmt hatte er es 

eilig.« 

Aber Kai Baggersen hatte es nicht mehr ganz so eilig. Er 

wusste, wenn er erst einmal das Rezept in der Apotheke 
abgegeben hatte, würde er schaffen, was geschafft werden 
musste. Die Schlaftabletten würde er später abholen. 

Er war der Meinung, dass ein leitender Mann der Wirtschaft 

beispielgebend sein sollte durch seine persönliche Erscheinung, 
seine Haltung und seinen Umgang mit anderen Menschen sowie 
durch seine Lebensführung. Er hielt sich in Form und war mit 
weißem Hemd und dunklem Anzug stets adrett und gut 
gekleidet. Er behandelte die Leute mit Höflichkeit und Achtung 
und erwartete, von anderen ebenso behandelt zu werden. Und er 
war davon überzeugt, dass die strenge Freundlichkeit, die seinen 
Umgang sowohl mit Angestellten als auch mit der Familie 
prägte, anderen Menschen Sicherheit verlieh. Aber die meisten 
empfanden ihn als distanziert und kühl und eigentlich ziemlich 
angsteinflößend. In geschäftlichen Dingen war er zynisch und 
rücksichtslos. Die Geschäftswelt war ein Dschungel, das hatte er 
früh erkannt. Der Kapitalismus war das beste System. Die 
Konkurrenz brachte es aber mit sich, dass die Schwächsten am 

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Ende unterlagen. Er wohnte idyllisch im Norden von 
Kopenhagen und hatte ein schönes Sommerhaus bei Skagen, 
aber für einen Mann mit seiner Position in der Gesellschaft war 
das nur recht und billig. Als Direktorenauto hatte er sich für 
einen Saab 900 mit einem V6-Motor entschieden. Weil 
Schweden einen großen Platz in seinem Herzen einnahm und 
weil er den Saab für ein Auto hielt, das zu dem Image gesunder 
Geschäftsmoral und bescheidener, aber qualitätsbewusster 
Lebensführung passte, mit dem er sich selbst und seine Firma zu 
umgeben versucht hatte. 

Er parkte am Pfadfinder-Sportgeschäft und kaufte nach einem 

mentalen Merkzettel ein, der in all den Jahren irgendwo in 
seinem Gedächtnis gespeichert gewesen zu sein schien. 

Seine ruhige Autorität führte dazu, dass ihm der junge 

Verkäufer bald wie ein Hund durch das Geschäft folgte, 
während er einkaufte und alles zusammenpacken ließ, sodass sie 
es schließlich zum Auto hinaustragen konnten. Er gab keine 
Erklärung ab, warum er die Grundausstattung für eine kleinere 
Expedition in die Wildnis kaufte. Der Verkäufer fragte nicht. 
Weil den Kunden ein Panzer umgab, der nicht zu Fragen einlud, 
und weil es dem Zeitgeist entsprach, dass Menschen der Natur 
huldigten und zu fernen Gegenden der Erde aufbrachen. Der 
Verkäufer wusste, dass wohlhabende Menschen die beste 
Qualität kauften, auch wenn viele die Ausrüstung 
wahrscheinlich nur ein einziges Mal nutzen würden. Also beriet 
er freundlich und kompetent. Er war selbst Outdoor-Freak und 
empfand einen gewissen Stolz, dass der seriöse Herr im besten 
Alter schnell begriff, dass er mit einem Profi sprach und deshalb 
seinem Rat vertrauen konnte. 

Er kaufte ein Einmannzelt, einen Schlafsack, einen 

Spirituskocher, einen Satz Kochtöpfe aus Aluminium, Besteck, 
einen Dolch, einen Kompass, Trekkingschuhe, dicke Socken, 
einen Anorak, einen dicken blauen Troyer, eine Iso-Matte und 
einen Rucksack, in dem alles Platz hatte. Er kaufte nur beste 

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Qualität und bezahlte mit seiner Eurocard. 

Danach holte er seine Medizin, fuhr zum »Magasin« und 

parkte im Parkhaus des Großkaufhauses. Er kaufte eine 
Cordhose, ein rot kariertes Baumwollhemd und eine Garnitur 
Unterwäsche. In der Sportabteilung erwarb er eine 
zusammenlegbare Angel und einen Satz Haken für 
Süßwasserfische und Trockenköder. Zum Schluss kaufte er noch 
eine Flasche Whisky, eine Dose Pulverkaffee, Knäckebrot, eine 
kleine Salami, eine große Packung geschnittenes Roggenbrot, 
drei Dosen Makrele in Tomaten, ein Stück Schnittkäse und 
mehrere Tütensuppen. 

Er ließ das Auto im Parkhaus stehen und ging den Strøget 

hinunter. Der Nachmittag war mild und der Himmel nun fast 
blau. Er ging in seiner eigenen Welt. Trug den leichten 
Sommermantel über dem Arm. Plötzlich und überraschend hatte 
die Sonne nackte Mädchenbeine und junge Brüste unter dünnen 
T-Shirts aus dem Regenzeug auftauchen lassen. Er genoss den 
kurzen Spaziergang. Normalerweise ging er nicht in der 
Arbeitszeit auf dem Boulevard spazieren. Der Druck in der 
Brust war nicht mehr da, und er fühlte sich leicht ums Herz, 
ging, als würde er schweben. Er bemerkte sehr wohl, dass ihm 
mehrere Frauen nachsahen. Das schmeichelte ihm, auch wenn er 
wusste, dass sie ihn nicht nur wegen seines markanten Gesichts 
attraktiv fanden, sondern auch wegen der Aura aus Macht und 
Geld, die ihn umgab. Dänemark war abermals eine Gesellschaft 
geworden, in der sich eine Reihe von Frauen gern wieder von 
einem Mann versorgen lassen wollte. 

Im Tabakgeschäft am Springbrunnen kaufte er eine gute, in 

Dänemark hergestellte Pfeife, ein Zippo-Feuerzeug, das der 
Verkäufer für ihn füllen musste, eine Tüte Pfeifenreiniger und 
eine Packung Dark Twist, auch wenn der Verkäufer eines der 
handgemischten Tabakprodukte des Ladens empfahl. Er war 
schon lange nicht mehr in einem Tabakgeschäft gewesen. Es 
roch gut. Süß und vanilleartig. Schwer und tabakgesättigt, und 

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er fand die Atmosphäre angenehm maskulin. 

Er holte das Auto aus dem Parkhaus und konnte eine 

dreiviertel Stunde später ohne Wartezeit in Helsingør an Bord 
der Fähre fahren, die um 16.30 Uhr ablegte. Eine halbe Stunde 
später lenkte er den Saab in Richtung Norden und fuhr in 
goldenem Sonnenschein durch Schweden, während er im CD-
Player Vivaldi hörte. Er fühlte sich glücklich und ausgebrannt, 
müde und gleichzeitig hellwach. Als ob ein besonders 
schwieriges Geschäft nach großem, anstrengendem Einsatz 
unter Dach und Fach gebracht worden sei. 

Er fuhr, bis ihn die Dunkelheit einholte. Dann hielt er an einer 

Cafeteria und aß ein fades Steak mit einer halbgaren 
Backkartoffel und Soße direkt aus der Dose. Er konnte das 
Personal überreden, ihm eine Thermoskanne mit Kaffee zu 
verkaufen, die er mit ins Auto nahm. Er fuhr weiter durch die 
Nacht. Der Abstand zwischen den entgegenkommenden 
Lichtern wurde größer und größer. Die schwarzen Bäume 
schossen an ihm vorbei, und das Fernlicht fing mehr und mehr 
schimmernde Tieraugen ein, die wie rote Perlen zwischen den 
Stämmen leuchteten, wenn die Straße eine Kurve machte. Er 
spürte die Müdigkeit im Nacken, während er im CD-Player 
klassische Musik hörte und Kaffee aus einem Plastikbecher 
trank. Er versuchte sein Leben zu analysieren, aber die 
Gedanken wollten sich nicht einstellen. Stattdessen dachte er an 
Grethe und seine Töchter, konnte aber zu seiner Enttäuschung 
ihre Gesichter nicht deutlich vor sich sehen. Da konzentrierte er 
sich aufs Fahren, bis er nicht mehr dazu imstande war, die 
weißen Streifen auf der Straße zu verschwimmen begannen und 
sich verdoppelten. Er fand einen Rastplatz, kippte den 
Beifahrersitz nach hinten und lag lange mit offenen Augen da 
und hörte dem warmen Automotor zu, der in der sanften Kühle 
der Nacht knackte. Er hörte den Wind in den schwarzen 
Bäumen, und irgendwo im Dunkeln schrie ein Tier, aber das 
erschreckte ihn nicht, und schließlich schlief er ein. 

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Er wurde im frühen Morgengrauen wach und geriet für einen 

Augenblick in Panik, weil er nicht wusste, wo er war. Und als 
sein Bewusstsein den schwedischen Rastplatz registriert hatte, 
konnte er sich für einen weiteren Augenblick nicht erinnern, 
warum er hier wach wurde und nicht zu Hause oder in einem 
guten Hotel. 

Als es ihm einfiel, fühlte er sich erleichtert und zugleich 

bedrückt, und er tauschte den Anzug gegen die Wanderkleidung 
aus, pinkelte am Waldrand, trank den restlichen lauwarmen 
Kaffee und fuhr weiter, bis er zu den großen Waldgebieten von 
Grimle kam. Er fuhr in Stille, mochte kein Radio hören, und das 
einzige Gefühl in ihm war ein schwacher Hunger, den er nicht 
gegen Geld in einer der Cafeterias am Straßenrand stillen wollte. 
Der Abstand zwischen ihnen wurde auch größer, und allmählich 
auch der zwischen den Häusern, und schließlich fuhr er allein 
auf einem Schotterweg in den Wald hinein, der sich wie ein 
schützender Mantel um ihn schloss. 

Er parkte das Auto an einer Lichtung, die an einem Weg lag, 

der zu einem kleinen rot gestrichenen schwedischen Holzhaus 
führte, das sie einmal in ihrer Jugend gemietet hatten. Er ließ 
seinen Anzug auf dem Rücksitz liegen, brachte es aber nicht 
über sich, Geld und Kreditkarte hier zu hinterlassen, obwohl er 
dort, wo er hinwollte, beides nicht brauchte. Das war zu 
unverantwortlich. Diese letzte kleine Verantwortungslosigkeit 
würde an Grethe hängen bleiben. Das konnte er nicht ertragen. 
Er packte Ausrüstung und Esswaren in den Rucksack, lud ihn 
sich auf, kämpfte ein wenig mit den Riemen und ging dann in 
seinen neuen Trekkingschuhen an dem Haus vorbei, in dem sie 
in ihrer Jugend glücklich gewesen waren. Das Haus stand leer 
und war verfallen. Schien nicht mehr genutzt zu werden. Es roch 
nach Wald und Fäulnis. Kein widerlicher Geruch. Eher wie 
verschrumpelte Äpfel und morsches Holz. Er betrachtete das 
Haus eine Weile. Arm waren sie wohl kaum gewesen, eher 
genügsam, damals in den frühen Sechzigern, bevor der große 

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Konsum einsetzte. Sie hatten billigen Rotwein getrunken, sich 
geliebt, Bücher gelesen, lange Spaziergänge gemacht. An sich 
selbst genug gehabt. Das war, bevor die höfliche Distanziertheit 
angefangen hatte. War sie mit den Kindern gekommen oder mit 
dem Geld? Oder mit seinem Arbeitsdruck? Sie waren verliebt 
gewesen. In dem stillen Wald erinnerte er sich an die Kraft 
dieses Gefühls. Eine physische Strömung von Liebe, wie er sie 
später nie wieder gespürt hatte. Das Gefühl, dass sie allein 
ausreichte, um sein ganzes Universum auszufüllen. Dass es 
mehr nicht brauchte. 

Er sah auf den Kompass, steckte ihn in die Tasche und ging 

nach Osten, in den Wald hinein. Im Osten war es am einsamsten 
und undurchdringlichsten, und dort gab es einen Fluss. Daran 
konnte er sich erinnern. Kein Haus meilenweit. Nur Bäume, 
Senken und Leere. 

Anfangs schritt er zügig aus. Die Beine waren gut trainiert 

nach den vielen Stunden auf dem Tennisplatz, aber die 
Schultern taten bald weh, weil sich die Rucksackriemen 
einschnitten. 

Schweiß lief ihm in die Augen, aber er ging in schnellem 

Tempo weiter, und nach einer Weile hatte er seine Müdigkeit 
überwunden. Die Schmerzen verschwanden, und die Landschaft 
verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit. Er lächelte und 
fühlte, dass er sich richtig entschieden hatte. Er war auf dem 
Weg zurück zu einer Form von Unschuld, die er unterwegs 
verloren hatte, von der er aber jetzt wusste, dass sie ihm ein 
glücklicheres Leben beschert hätte. 

Er ging durch einen Kiefernwald. Der Geruch nach Harz war 

intensiv und allgegenwärtig. Die Schuhe knirschten ein wenig, 
wenn die Sohlen lautlos auf die dicke Kiefernnadeldecke traten. 
Der einzige andere Laut war das gleich bleibende Summen der 
Insekten. Die Landschaft öffnete sich, als er aus dem Wald trat 
und durch ein Tal ging, das sich abwärts erstreckte. 

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Er schmeckte seinen eigenen Schweiß, der von der Stirn über 

Wangen und Nase herablief und sich auf der Oberlippe absetzte. 
Die Landschaft im Tal war anders. Die Bäume standen ohne 
Nadeln da, tot und kahl. Hier war kein Zeichen von Leben. Er 
ging durch die weite Natur, fernab von Menschen, und dennoch 
hatte der Tod die Natur befallen. Seine Schultern taten weh, und 
der eine Schuh begann zu scheuern. Er ging durch die Stille und 
zwischen den toten Bäumen hindurch, und ihm wurde 
unheimlich zumute. Angst befiel ihn. Er fühlte sich plötzlich 
ganz allein auf der Welt. Als ob ihm träumte, dass alle 
Menschen verschwunden seien, und er aus seinem Traum 
erwachte und es kein Traum gewesen war, sondern 
Wirklichkeit. Ihm flimmerte vor den Augen, und er fing an zu 
laufen. Er stöhnte, als er aber seinen Körper zusammenpresste, 
wurden die Schmerzen dumpfer und verschwanden. Erst als er 
durch das Tal gelangt war und wieder in den Wald kam, hielt er 
an und setzte sich. Er lehnte den Rucksack gegen einen Baum 
und konnte das Weinen unter Kontrolle bringen. Trocknete mit 
dem Handrücken Tränen und Schleim und fing an zu lachen. Er 
sah sich plötzlich mit fremden Augen und lachte bei dem 
Gedanken, dass Direktor Kai Baggersen allein in einem 
schwedischen Wald saß, mit Rotz und Tränen im unrasierten 
Gesicht. Wenn ihn einer so sehen würde. Geschäftsfreunde oder 
Familienmitglieder. Was würden sie denken? Würde er ihnen 
Leid tun? Oder würden sie das Gesicht abwenden, weil es sie 
peinlich berührte, wie es uns peinlich berührt, wenn wir mit 
ansehen, dass ein Mensch seelisch zusammenbricht? 

Er zog den Schleim hoch und war sehr durstig. Er musste den 

Fluss finden, sein Lager aufschlagen und tun, was getan werden 
musste. Dann fiel ihm der Whisky ein. Mühselig nahm er den 
Rucksack ab und kramte die Flasche hervor. Er genoss das 
trockene Geräusch, als das Siegel brach, und saß eine Weile da 
und roch an der Flasche, als sei es ein feiner Jahrgangswein, erst 
dann trank er ein paar Schluck. Es brannte, tat aber auch gut. Er 

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trank noch ein wenig und spürte schnell die Wirkung im Gehirn. 
Sein Magen war leer, aber Hunger verspürte er eigentlich nicht. 

Gegen den Baum gelehnt, saß er eine Weile am Waldrand und 

trank in kleinen Schlucken, während er über das tote Tal blickte. 
Völlig reglos saß er da und sah einen großen Elch auf der 
Lichtung vorbeischreiten. Wie einen Talisman hielt er die 
Flasche ganz still vor sich, und er fühlte sich glücklich, als der 
Elch stehen blieb und ihm den großen Kopf zuwandte. Das Tier 
blinzelte mit den Augen, drehte wieder den Kopf und ging 
langsam weiter. Wie ein kleines Kind folgte er dem Elch mit 
den Augen, bis er im Wald verschwand und eins wurde mit dem 
Halbdunkel. 

Ein wenig betrunken, aber auch feierlich gestimmt, ging Kai 

Baggersen weiter. Die Schmerzen, verursacht durch die 
Rucksackriemen und die wachsende Blase, waren eigentlich 
nicht schlimm. Sie erinnerten ihn nur daran, dass er am Leben 
war und unterwegs. Er fing an zu singen. Bruchstücke von 
Kirchenliedern, die er in seiner Schulzeit auswendig gelernt 
hatte. Geh aus mein Herz und suche Freud. Wem Gott will 
rechte Gunst erweisen. Nun danket alle Gott. So nimm denn 
meine Hände. An sehr viel Text konnte er sich nicht erinnern, 
aber ein, zwei Zeilen einer Strophe genügten ihm. Ihm wurde 
leicht zumute. Ein feste Burg ist unser Gott. Stille Nacht, heilige 
Nacht. Dann und wann blieb er stehen und nahm einen kleinen 
Schluck aus der Flasche, die er in der einen Hand hielt. 

So kam er mitten am Nachmittag zum Fluss, der träge und 

breit dahinfloss. Nach einem trockenen Sommer ragten große 
Felsbrocken aus dem klaren, langsam strömenden Wasser. An 
anderen Stellen konnte er sehen, dass der Fluss schwarz, dunkel 
und tief war. Große Kiefern und Ahornbäume wuchsen bis ganz 
an das Ufer heran, auf der anderen Seite aber hatte man einen 
weiten Blick auf eine Lichtung. Er ging am Fluss entlang, folgte 
der Strömung, bis er zu einer Biegung kam, von der er in ein 
neues Tal hinausblickte, während er dichten Wald hinter sich 

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hatte. Hier blieb er stehen. Er stellte die Flasche hin, nahm den 
Rucksack ab und fühlte sich hungrig und glücklich. 

Ohne Schwierigkeiten baute er das kleine Einmannzelt auf. 

Das war einfach getan: Alles war beisammen, und im 
Handumdrehen hatte er das kleine Rundzelt aufgestellt. Er rollte 
den Schlafsack auf der Iso-Matte aus, trug ein wenig Brennholz 
zusammen und errichtete einen kleinen Holzstoß innerhalb eines 
Steinkreises, den er auslegte, bevor er das Feuer mit dem neuen 
Zippo-Feuerzeug anzündete. Alles war trocken, und bald 
brannte ein kleines Lagerfeuer. An die Gesichter seiner Kinder 
konnte er sich nicht erinnern, aber er erinnerte sich ohne 
Schwierigkeiten an das, was er während seiner Pfadfinderzeit 
gelernt hatte. Er ging zum Fluss hinunter. Das Wasser war klar 
und schmeckte gut. Er trank aus seinen hohlen Händen, ging 
dann aber zurück, holte den Satz Kochtöpfe und füllte den 
größten der drei Töpfe mit Wasser. Er fand einen jungen Ahorn, 
dessen Spitze sich gabelte, legte ihn mit seinem Dolch um. Der 
Saft erinnerte ihn an seine Kindheit und klebte an den Fingern. 
Er teilte den Ahorn in zwei Enden, spitzte das Ende mit der 
Astgabel an und trieb es in die Erde, die zuerst hart war, dann 
aber weich wurde. Das Feuer knisterte, und er schwitzte in der 
Wärme von Sonne und Feuer. Er dachte an nichts, nur an die 
praktischen Dinge, um das Lager aufschlagen zu können. Er 
musste eine Weile suchen, bevor er noch einen jungen Baum mit 
einer Gabelung fand, die an ein Katapult erinnerte. Er schnitt sie 
ab und steckte sie auf der entgegengesetzten Seite des Feuers in 
die Erde. Dann legte er den dünnen geraden Knüppel in die 
Astgabeln. Er passte. Er nahm ihn wieder ab und steckte ihn 
durch die Henkel des grauen Kochtopfs, der nun über den 
Flammen hing. Er legte mehr Feuerholz auf und betrachtete sein 
Werk froh und glücklich. Dann öffnete er eine Dose mit 
Makrele in Tomate. 

Er ging wieder zum Fluss hinunter und holte in dem kleinen 

Kochtopf mehr Wasser. Dann sammelte er noch mehr 

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Feuerholz, setzte sich schließlich und lehnte sich gegen einen 
Baumstumpf, auf dem der Rucksack lag. Er betrachtete seinen 
Kessel mit Wasser, das langsam zu kochen begann, seine 
Whiskyflasche, seinen geordneten, gemütlichen Lagerplatz mit 
dem Zelt, dem Schlafsack, dem Roggenbrot, der kleinen Salami, 
den Dosen mit Makrele, den Tütensuppen und fühlte sich so 
müde und glücklich wie in seinem früheren Leben, wenn er ein 
gutes Geschäft abgeschlossen hatte. Oder glücklicher? Denn 
hier war die Arbeit nicht auf Kosten anderer gegangen. Hier war 
jede Handlung einfach und produktiv, ohne dass Lug und Trug 
schon von vornherein eingeplant waren. 

Er füllte Pulverkaffee in den kleinen Kochtopf und goss 

Wasser darauf, nachdem es zu kochen begonnen hatte. In den 
Rest des Wassers schüttete er den Inhalt von zwei Tüten mit 
Minestrone. Während alles abkühlte, legte er Salami und Käse 
auf eine Scheibe Roggenbrot und schmierte Makrele in Tomate 
auf die zweite. 

Kai Baggersen aß langsam und mit Genuss, während er Fluss 

und Wald betrachtete und hoffte, dass der Elch wieder 
auftauchte. Er meinte an nichts zu denken, nahm nur den öligen 
Geschmack der Salami auf der zarten Festigkeit des Käses wahr 
und die Säuerlichkeit des Tomatensaftes mit dem 
Meeresgeschmack der Makrele, die Wärme der Minestrone und 
den leichten Biss in das weich gewordene Trockengemüse, die 
Kerne des abgepackten Roggenbrotes und das kräftige Aroma 
des Pulverkaffees, den er mit einem Schuss Whisky verstärkte. 
Die Mahlzeit war ein Genuss. Er konnte sich nicht erinnern, in 
den teuersten Restaurants der ganzen Welt besser gegessen zu 
haben. Er kaute langsam und gründlich. Der Rauch des 
Lagerfeuers stieg gerade empor und störte ihn nicht, da er sehr 
trockenes Holz ausgesucht hatte. Der Rauch war fein und weiß 
und verführte ihn zum Rauchen. Außer dem Summen der 
Insekten und dem Seufzen des Lagerfeuers gab es keine anderen 
Geräusche. 

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Er stopfte seine neue Pfeife. Der Tabak war in runde Scheiben 

geschnitten und duftete süß und stark. Er schmeckte vertraut und 
eigenartig, machte ihn ein klein wenig schwindlig und brannte 
auf der Zunge, aber er rauchte eine Weile, während er den Rest 
seines Kaffees trank. Er dachte an seine Geschäfte und tat sich 
wieder selbst Leid, bevor aber das Selbstmitleid Oberhand 
gewinnen konnte, erhob er sich mit der Pfeife im Mund und 
räumte auf. Er reinigte die Kochtöpfe im Fluss, steckte die 
Angel zusammen und befestigte zwei Angelhaken: Es dauerte, 
bis die Knoten richtig gebunden waren. Seine Finger waren mit 
der dünnen Nylonschnur nicht vertraut, die Haken stachen ihm 
in die Finger, sodass er die Blutstropfen absaugen musste. Aber 
schließlich klappte es, und er konnte die getrockneten Köder auf 
die Haken spießen. Er warf die Schnur aus und saß und wartete, 
gedankenleer. Mücken stachen ihm in den Nacken, und mit der 
Zeit begann er sich zu langweilen. Er konnte sich nicht erinnern, 
dass Angeln so langweilig war. Es gab doch einen Minister, der 
sich dabei erholte? Vielleicht war das eine andere Art des 
Angelns. Mit Fliege. Bis zum Hintern männlich im Wasser 
stehen und werfen, bis Arm, Angel und Schnur eins wurden und 
eine vollendete Kurve bildeten. Er schlief fast ein, aber die 
Mücken stachen so verdammt. Er legte die Angel hin, wusch 
Gesicht und Hände im kalten Wasser des Flusses. Fühlte sich 
schmierig und ein bisschen lächerlich. Ein erwachsener Mann, 
der an einem blöden schwedischen Fluss kniet. Das war nicht 
gerade die professionelle Art, Krisen zu lösen. Die Natur wurde 
überschätzt, dachte er und nahm seine Angel auf. Er rollte sie 
ein. Der Köder war weg. Die kleinen Haken leuchteten silbrig in 
der Sonne. Er hob die Dose mit Trockenköder auf, verlor dann 
aber völlig die Lust und legte die Angel aus der Hand. Er legte 
mehr Brennholz auf das Feuer und setzte sich wieder, den 
Rücken gegen den Rucksack gelehnt. Die gute Stimmung war 
verflogen. Er fühlte sich allein und hatte Angst, und das Feuer 
wärmte nicht mehr wie zuvor. 

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Er trank, während sich Dunkelheit herabsenkte. Sein Rachen 

brannte von Whisky und Tabak. Besonders von letzterem, doch 
er fand den Tabakgeschmack auch stark und gut. Er schmeckte 
nach Rauch und Ruß des Lagerfeuers, aber auch nach Zucker 
und Jugend. Er fand zurück zu einer Art von Ruhe, und auch die 
Wärme kehrte zurück. Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich 
drei große Schatten. Es waren Elche. Vielleicht zwei große 
weibliche Tiere und ein fast erwachsenes Jungtier. Sie kamen 
langsam am anderen Ufer daher. Sie verharrten ein wenig und 
sahen ihn an, Schatten in der zunehmenden Dunkelheit. Sie 
beugten sich hinunter und tranken. Sie warfen ihm einen letzten 
Blick zu und gingen dann langsam und furchtlos weiter am 
Fluss entlang. Es war ein Augenblick großer Schönheit. In 
seiner Betrunkenheit war er davon überzeugt, dass das ein 
Zeichen war. Ein Signal an ihn, es sich anders zu überlegen. 
Aber welchen Weg sollten seine Gedanken einschlagen? Er 
wusste es nicht. Das Beste war, überhaupt nicht zu denken, 
sondern seinen Kopf freizumachen von allem anderen als dem 
Whisky und dem Tabak, der ihm auf der Zunge brannte. 

Irgendwann fing er wieder an, Bruchstücke von Liedern aus 

dem Gesangbuch und dem Liederbuch der Volkshochschule zu 
singen. Plötzlich fielen ihm die Worte zu Griegs »Von Feinden 
umgeben« ein. Er wusste nicht, woher sie kamen, doch dann 
entsann er sich, dass er einmal an anderes als an Geld geglaubt 
hatte. Er vermisste seine Jugend. Er wollte so gern noch eine 
Chance haben. Er wollte nicht wahrhaben, dass jeder im Leben 
nur eine Chance hat. Wünschte sich, von vorn anfangen und 
alles anders machen zu können. Es war ungerecht, dass der 
Mensch nur eine Chance bekam. 

Er fing wieder an zu weinen und holte das Tablettenröhrchen 

aus der Außentasche des Rucksacks. Er stellte es neben seine 
Füße und trank wieder. Er nahm das Röhrchen, hielt es in der 
Hand, drehte es, drückte es an die Lippen und küsste es. Dann 
trank er wieder aus der Flasche, und plötzlich musste er daran 

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denken, dass er nie zum Angeln gekommen war. Er musste bis 
zum nächsten Tag am Leben bleiben, bis es hell wurde und er 
im Fluss angeln konnte. 

Über die Hälfte der Flasche war leer, als er Grethe und die 

Kinder deutlich vor sich sah. Sie standen am Rand des 
Lagerfeuers, genau dort, wo das Licht der Flammen in 
Dunkelheit überging. Er konnte nicht ihre Körper sehen, nur ihre 
Gesichter. Endlich sah er deutlich ihre Gesichter. Zuerst glaubte 
er, dass sie über ihn lachten, fühlte sich aber erleichtert, als er 
sah, dass sie ihm zulächelten. Sie schüttelten leicht den Kopf 
über ihn, aber aus Liebe, nicht aus Verachtung. 

Er nahm das Tablettenröhrchen und öffnete es. Er trank wieder 

aus der Flasche und fing dann an, die Tabletten in die Flammen 
zu werfen. Sie zischten und knisterten, wenn sie sich mit der 
weißen und roten Asche mischten. Er warf immer nur eine 
Tablette. Jede schälte ein Jahr von seinem Leben, jede löschte 
aus seiner Seele ein Unbehagen und eine Schuld. Seine Familie 
stand am Rand des Lagerfeuers und lächelte ihm zu, und aus der 
Tiefe des Waldes kam der Laut von Tieren, die sich durch die 
Nacht bewegten. Er glaubte eine Eule schreien zu hören, aber er 
war es selbst, der in die Nacht hinaus schrie, bis das 
Glasröhrchen und seine Seele leer waren. 

Kai Baggersen war völlig ermattet und betrunken, aber der 

Rausch verhalf ihm zu Klarheit. Er verspürte eine große 
Erleichterung und gleichzeitig Ohnmacht. Voll angezogen kroch 
er in den Schlafsack, zog nur die Stiefel aus, lag auf dem Bauch 
und sah in das ersterbende Feuer. Er sah sein eigenes Gesicht in 
der rotweißen Glut liegen. Es war hautlos. Gras bedeckte 
stattdessen die Knochen. Dann verschwand es. Er wunderte sich, 
dass er keine Angst mehr verspürte. Morgen würde er angeln 
und den Rest seiner Lebensmittel aufessen, vielleicht noch eine 
Nacht im Wald schlafen, bevor er sich auf den Weg zurück zu 
seinem Auto machte. Es war nicht zu spät, von vorn anzufangen, 
an einem ganz neuen Ort, auf eine ganz neue Weise. Die Welt 

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war noch jung, dachte er und schlief ein, ohne den Biss der 
Nymphenzecke zu spüren, die Blut zu saugen begann und dabei 
eine merkwürdige Infektion übertrug, die in jenem Sommer 
schon mehrere schwedische Orientierungsläufer das Leben 
gekostet hatte. 

Kai Baggersen merkte nichts. Er schlief seinen Whiskyschlaf, 

und ihm träumte, dass er mit Grethe in einem Haus in einem 
schwedischen Wald wohnte und in einem Fluss angelte, zu dem 
allabendlich die Elche kamen, um zu trinken. 

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Auf beiden Augen blind 

Kim Småge 

 

Es ist eine dunkle, stürmische Nacht. Die Polizeibeamtin Anne-
kin Halvorsen lehnt sich in ihrem Sitz zurück und starrt 
missmutig in die schwarze Nacht hinaus. 

»Es könnte noch schlimmer sein«, brummt ihr Kollege Vang, 

der darauf bestanden hatte, zu fahren, »es hätte noch regnen 
können.« Always look on the bright side of life. Sie schiebt sich 
einen Doc in den Mund, bietet ihm auch einen an. 

»Du, Halvorsen, wenn ich bis zum Schichtende dein Rülpsen 

anhören muss, dann spendier mir doch lieber Ohropax.« 

Anne-kin lächelt vor sich hin, der Vang hat schlechte Laune, 

zu wenig Action während dieser Nachtschicht. Höchstens ein 
bisschen Geschubse in den Taxischlangen; Leute, die bei diesem 
Wetter schnell nach Hause wollen, können Vordrängler in der 
Reihe nur schlecht vertragen. Ein paar 
Meinungsverschiedenheiten mit zerbrochenem Glas in einem 
Straßencafé. Sonst nichts. Die Leute bleiben in ihren vier 
Wänden. 

Sie fahren den Høyskolebakken hinunter, die breite Baumallee 

schwankt im Scheinwerferlicht, die Straßenlaternen tanzen und 
zeichnen eine unruhige, wogende Schatten-Licht-Landschaft. 
Vang gähnt. Elgeseter bru und Prinsens gate liegen schlafend da, 
kein Lebenszeichen außer einem einsamen Taxi. Zu spät für 
Nachtbummler und zu früh für die Zeitungs- und Brötchenboten. 
Plötzlich schreckt sie eine Stimme auf, es ist die Polizeizentrale. 
»Ein Anrufer hat um 04.17 Uhr gemeldet, dass er eine Person 
gesehen hat, die ins Dock am Nedre Elvehavn gefallen ist oder 
dort verschwand. Der Zeuge ist vor Ort.« 

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»Wir sind in zwei Minuten dort«, antwortet Polizeibeamtin 

Halvorsen und hält sich fest, während Vang den Wagen nach 
rechts in Richtung Østbyen reißt. Nein, in einer Minute, 
korrigiert sie sich selbst. Da erwacht der Rally-Harry in dem 
Mann neben ihr. 

»Das Dock ist doch nur einen Meter tief«, hört sie ihn sagen, 

»aber wenn Leute besoffen sind, dann reicht ja schon eine 
Waschschüssel.« 

»Wir werden einen nassen Retter und einen kotzenden 

Besoffenen finden«, erwidert sie wütend. »Da bleibt doch keiner 
untätig stehen, wenn jemand in einem Meter Wasser ertrinkt!« 
Er wirft ihr nur schnell einen Seitenblick zu, weiß, wie 
empfindlich sie ist, wenn es um Ertrinken geht. 

 

Der neue Stadtteil östlich des Flusses, Nedre Elvehaven, mit 
Wohnungen der Luxusklasse, Einkaufszentrum, unzähligen 
Restaurants und Skulpturen, die sich im Wasser spiegeln, liegt 
wie der Rest der Stadt schlafend da. Aber es weht stark vom 
Fluss her. Das Hafenbecken und der Fjord kochen. Als sie um 
eine Ecke biegen, spritzt ihnen eine Wasserfontäne auf die 
Windschutzscheibe. Vang flucht. Hält den Wagen an, springt 
raus. 

»Halt die Wagentür fest!«, ruft Anne-kin gegen den Wind, als 

ihre Tür aufgerissen wird und mit einem knirschenden Geräusch 
über den Anschlagpunkt schlägt. Vang rennt bereits zum Dock. 
Anne-kin bleibt eine Sekunde lang stehen, orientiert sich, späht 
in die Richtung, in der ihr Kollege Vang davongebraust ist. Sie 
sieht keinen triefnassen Retter, es liegt kein durchnässtes, 
hustendes Bündel auf dem Asphalt. Das feuchte Trockendock 
liegt leer wie immer da, Plantschbecken im Sommer und 
Schlittschuhbahn im Winter. Kein Mensch ist zu sehen. Weder 
liegend noch stehend. Nur ein ratloser Kollege Vang, der sich 
gegen die Windböen stemmt. Da hört sie einen abgerissenen Ruf 

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durch das Brausen der Sturmwogen, sie dreht sich um und späht 
in die Richtung. 

O verflucht, denkt sie, als sie begreift. Das haben wir 

vergessen. Denn an Dock Nummer zwei, dem offenen Dock, das 
mit Ebbe und Flut lebt, das nicht abgeschlossen ist, da kann sie 
eine Gestalt erkennen. Die Gestalt steht im Windschutz eines 
Autos, eines Van, ganz nah am Rand steht der Wagen geparkt. 
Und die Gestalt winkt mit den Armen. 

Das Wasser schlägt über die Kaimauer und versucht ihr die 

Füße wegzureißen, als sie zu ihm läuft. Jetzt nicht ausrutschen 
nur nicht ausrutschen. Sie rutscht nicht aus. Die Erleichterung, 
als sie entdeckt, dass da vorn zwei stehen, ist groß, riesengroß. 
Dann hat er den Typen doch rausziehen können, denkt sie, oder 
die Frau. Gut gemacht, verdammt gut gemacht, aus so einem 
Mahlstromtopf wie dem Dock da. Sie stolpert fast kopfüber auf 
die Leeseite des Vans und ist ungemein dankbar. 

 

Aber die Männer sind nicht nass. Nicht ein einziger Tropfen 
rinnt von ihren Gesichtern, von ihren Haaren oder ihren 
Kleidern. Sie stehen vollkommen trocken da. Das schüttere Haar 
des einen steht zu Berge, der andere hat eine Bürste. 

»Da«, stottert der mit der Bürste, »da liegt er.« Und dann zeigt 

er hinunter in das Schwimmdock der alten TMV, Trondhjems 
Mekaniske Verksted. Oder Trockendock. Wie man nun will. Im 
Augenblick ist das Dock nicht besonders trocken. Es kocht wie 
eine Flussmündung beim schlimmsten Tauwetter im Frühling. 

»Wir konnten nichts machen … wir können doch nicht … o 

verflucht, niemand kann da reinspringen!« Der mit den wenigen 
Haaren schreit ihr fast ins Ohr. »Wenn ich da reingesprungen 
wäre, dann wäre ich null Komma nichts tot gewesen! Ich kann 
schwimmen, aber das hier … was sollten wir denn verdammt 
nochmal tun? Sind Sie von der Polizei? Er ist nämlich 
reingeschubst worden!« 

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Die Polizeibeamtin Anne-kin Halvorsen starrt den Mann an, 
dreht sich auf dem Absatz um, sieht, dass ihr Kollege Vang 
Verstärkung bekommen hat, ein zweiter Wagen der 
Nachtschicht ist von der Zentrale herbeigerufen worden. Sie 
kommen gebeugt auf sie und den Van zu, der mit offenen Türen 
dasteht. 

Sie ruft die Zentrale an. 

»Fordere Taucher an«, sagt sie. »Und wir brauchen Licht, viel 

Licht. Es liegt wahrscheinlich einer hier auf dem Grund des 
Docks. Wir nehmen sofort die Zeugenbefragung in Angriff. Ein 
Zeuge behauptet, der Betreffende wäre ins Wasser geschubst 
worden.« 

»O Scheiße«, hört sie Vang sagen, »Haben Sie die Polizei 

alarmiert?« 

»Das haben wir beide, er war nur schneller als ich«, antwortet 

der Ältere. 

 

Es ist 04.23 Uhr. 

Der Zeitpunkt für den Alarm ist für 04.17 Uhr festgestellt 

worden. Vang hat die Fahrt in zwei Minuten geschafft, denkt die 
Polizeibeamtin Halvorsen. Der Wagen der Østby-Patrouille, der 
sich in der ruhigen Villengegend befand, hat es in fünf Minuten 
geschafft. Die Entfernungen sind nicht weit in Trondheim. Wir 
haben nichts gesehen, denkt sie, niemanden, der weg- oder 
hinlief. Sie weiß genau, dass alle Kollegen genauso gedrillt sind 
wie sie. Immer ein offenes Auge zu haben für laufende, 
schlendernde, wandernde Personen, weg von einem eventuellen 
Tatort. Sie gibt Kollege Vang mit einem Kopfnicken zu 
verstehen, dass sie sich auf den Jüngeren konzentrieren will, er 
muss sich um den anderen kümmern. 

»Können wir uns nicht in den Van setzen, hier draußen weht 

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man ja weg.« Der Jüngere ist leicht bekleidet, seine Zähne 
klappern. »Ist das Ihr Wagen?«, fragt sie. Beide schütteln den 
Kopf. 

»Keiner nähert sich dem Wagen«, sagt sie und erntet ein 

breites Grinsen, gefolgt von den Worten: »Na, na, Fräulein 
Polizei persönlich steht da wohl am Auto, was!« Falls sie von 
der Zurechtweisung rot wird, weht der Wind ihr alle Farbe aus 
dem Gesicht. 

»Ich meinte hinein, keiner steigt in den Wagen«, entgegnet sie 

gereizt, sie hat noch nie gut Zurechtweisungen vertragen 
können. 

»Ich arbeite hier.« Der Jüngere zeigt zu den Restaurants und 

Kaufhäusern. »Wir können da reingehen.« 

Anne-kin schüttelt den Kopf. »Die Dienstfahrzeuge«, sagt sie, 

sieht ein, dass es keinen Sinn hat, draußen in den Windböen die 
Befragung durchzuführen. Weder mit Diktiergerät noch mit 
Papier und Stift. Vang und sie müssen sich aufteilen. Jeder 
macht seine Befragung in einem Wagen. 

Markus Berg, achtundzwanzig Jahre alt, Geschäftsleiter des 

Restaurants »Nautilus«, Spezialität: Meeresdelikatessen. Es war 
verflucht nochmal so viel zu tun, er erwartet am kommenden 
Tag, nein, am heutigen, ungewöhnlich viel Betrieb, und deshalb 
hat er die Nacht dazu genommen. Hat um halb vier angefangen. 
War wegen des Sturms fast nicht ins Haus gekommen. 
Wohlbehalten drinnen hatten ihn der Lärm und ein Klappern 
dazu gebracht, sich wieder nach draußen zu kämpfen, um zu 
überprüfen, ob dort auch keine losen Gegenstände herumflogen, 
die die Fensterscheiben zertrümmern könnten. Blumenkübel 
beispielsweise. Und da entdeckte er den schwarzen Van, der 
direkt am Beckenrand stand. Mit dem Heck zum Wasser. Und 
die Heckklappe stand offen. Sperrangelweit offen. Weiter 
kommt Markus Berg nicht mit seinen Schilderungen. Er starrt 
nach draußen, während sein Handrücken unentwegt über die 

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beschlagene Fensterscheibe wischt. Anne-kin Halvorsen folgt 
seinem Blick, sieht den Wagen von der angeforderten 
Taucherfirma auf den Platz fahren, sieht ihn scharf bremsen, und 
hinten springen zwei Gestalten heraus, die aussehen wie Aliens, 
Geschöpfe aus einer anderen Realität. Die Polizeibeamtin 
Halvorsen springt heraus, Markus Berg folgt ihr auf dem Fuß. 
»Da, da!«, ruft er – zeigt. »Da ist er verschwunden! Genau da!« 
Er wedelt mit den Armen. Aus dem Augenwinkel sieht Anne-
kin, dass ihr Kollege Vang seinen Zeugen in dem anderen 
Polizeiwagen zurückgehalten hat. Ich bin einfach zu impulsiv, 
denkt sie, beruhige dich, bring Markus Berg wieder zurück ins 
Auto, ich will ihn zurück haben. Markus Berg hört nicht auf 
ihren Befehl, er weigert sich. Das will er sehen. Anne-kin wird 
böse, sie faucht, dass sie hier einen Job zu erledigen hat und die 
Taucher genauso, weder sie noch Markus Berg kommen weiter, 
wenn sie hier stehen und nach Luftblasen ausspähen. Wenn 
denn Luftblasen überhaupt in diesem Hexenkessel, in den sie 
hineinstarren, überleben könnten. Während sie Markus Berg 
wieder zurück ins Auto bugsiert, registriert sie, dass die 
Scheinwerfer aufgestellt worden sind, die Seile befestigt, dass 
grelle Lichtquellen zusammen mit den Tauchern unter Wasser 
verschwinden. 

»Weiter«, sagt sie, ihm zugewandt, »was ist noch passiert? 

Was haben Sie gesehen?« 

»Ich habe ihn gesehen, ganz hinten an der Heckklappe, habe 

gesehen, wie er sich gewehrt hat, mit dem ganzen Körper, das 
Gesicht nach außen gedreht, dass er … ja, verflucht, er ist 
rausgetreten worden!« Sein Atem geht schnell. 

»Haben Sie jemanden gesehen?«, fragt Anne-kin, ihr Atem 

geht fast genauso schnell. 

»Nein, nur ein Bein, das ihm einen Stoß versetzt hat. Und dann 

ist er geradewegs ins Dock gefallen.« Markus Berg sieht sie 
nicht an, er dreht den Kopf und versucht mitzubekommen, was 
da am Kairand vor sich geht. 

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»Haben Sie jemanden weglaufen sehen, jemanden, der sich 

vom Van entfernt hat?« 

Er schüttelt den Kopf. »Die eine Autoseite war für mich 

verdeckt, da war keine Chance zu sehen, ob jemand zwischen 
den Gebäuden verschwunden ist.« Anne-kin nickt. 

»Und dann habe ich die Polizei angerufen, bin hingerannt und 

habe den anderen gesehen, den anderen Zeugen, wie der aus 
dem Treppenhaus direkt gegenüber kam. Habe gesehen, wie er 
mit seinem Handy herumgefummelt hat, um anzurufen. ›Dann 
sind wir zwei!‹, habe ich ihm zugerufen. ›Ja, mein Gott, haben 
Sie das auch gesehen?‹, rief er zurück. Und dann seid ihr 
gekommen«, schließt Markus Berg ab. 

»Sie haben es also aus verschiedenen Winkeln beobachtet? Er 

hat es von hinten gesehen, Sie von der Seite?« Markus Berg 
nickt. Und er hat nichts dagegen, sich gleich auf dem Revier zu 
melden, hektischer Tag hin oder her, wenn er jetzt nur endlich 
raus darf und gucken. Polizeibeamtin Halvorsen entlässt ihn. 

Der Wind hat sich ein wenig gelegt, sie sieht, dass auch ihr 

Kollege Vang fertig ist; er geht auf seinen Wagen zu, will sich 
hineinsetzen. Ein Krankenwagen ist angekommen, ein paar 
Schattenmenschen kann man bei ihrer Arbeit in und vor dem 
Wagen erkennen. Anne-kin Halvorsen lässt ihren Blick über die 
Hausfassaden schweifen – noch ist es Nacht im Nedre Elvehavn 
in Trondheim. Plötzlich wird ihr Blick von etwas auf einem 
Balkon eingefangen. Es ist ein Gesicht, ein weißes, kleines 
Gesicht. Der Balkon gehört zu dem gerade frisch renovierten 
Studenten-Wohnheim. Die Gestalt, zu der das Gesicht gehört, 
sieht aus, als wäre sie in eine Decke gehüllt. Anne-kin geht 
näher heran. Sieht, dass es ein Mädchen ist, eine junge Frau. Mit 
kreidebleichem Gesicht steht sie da und beobachtet die Schatten. 

Geh lieber ins Bett, murmelt Anne-kin, das hier musst du nicht 

sehen. Wenn die Taucher etwas finden … Da hebt sich eine 
Hand, winkt Anne-kin vorsichtig zu. Danach verschwindet die 

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Gestalt, und kurz darauf summt der Türöffner. Der Flur, in den 
Halvorsen eingelassen wird, hat viele Türen. Die beiden stellen 
sich gegenseitig vor. »Die anderen schlafen«, flüstert die 
Studentin, die Siri Sunde heißt. Aber du nicht, denkt Anne-kin. 
Siri Sunde ist vollständig angezogen. 

»Ich schlafe draußen«, sagt sie. 

»Draußen?« Die Polizeibeamtin Halvorsen schaut sie fragend 

an. »Bei dem Wetter?« 

»Das ganze Jahr«, kommt die geflüsterte Antwort. »Das ist 

mir zur Gewohnheit geworden.« Siri Sunde öffnet die 
Balkontür, da liegt ein Schlafsack. Ein Ajungilak, der bis zu 
minus zwanzig Grad hält, mindestens. 

»Ich musste aufs Klo, deshalb … mein Gott, das war so 

schrecklich, wie kann ein Mensch nur so verzweifelt werden!« 

Sie schlägt die Hände vors Gesicht, ihr Körper zittert. »Und 

ich konnte überhaupt nichts machen! Gar nichts!« 

Anne-kin klopft ihr auf die Schulter, sieht, dass sie hier oben 

in der ersten Reihe sitzen. »Fang von vorn an«, sagt sie nach 
einer Weile, als das Zittern abebbt. Siri Sunde bestätigt die 
Zeugenaussagen der beiden Männer, wer zuerst angelaufen kam, 
was sie gemacht haben, dass die Polizei gekommen ist. Ja, 
danke, das weiß ich, denkt Anne-kin und wirft der Studentin 
einen prüfenden Blick zu. »Hast du dein Handy mit hier draußen 
oder bist du reingegangen um anzurufen?«, fragt sie. 

»Anrufen?« Siri Sunde schaut sie mit großen Augen an. »Aber 

das war doch schon zu spät, niemand kann überleben, wenn …« 

Anne-kin unterbricht sie, starrt der Frau wütend in die Augen. 

»Das heißt, wenn ein Mensch in den Fjord geworfen wird, dann 
kommst du gar nicht auf die Idee, Hilfe zu holen?« 

»Geworfen?«, wiederholt Siri Sunde. »Er ist nicht geworfen 

worden. Da war sonst niemand da. Er ist aus eigenen Stücken 
reingesprungen, mit viel …« Sie bricht von allein ab, schnappt 

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nach Luft, starrt über die Schulter der Polizeibeamtin Halvorsen. 
Anne-kin dreht sich blitzschnell um. Sieht einen Taucher an der 
Wasseroberfläche, das Drahtseil, das eingeholt wird, Stück für 
Stück kommt etwas Dunkles zum Vorschein, etwas durchbricht 
die Wasseroberfläche. Jemand durchbricht die 
Wasseroberfläche. Ein lebloser Menschenkörper. Jäh erstarrt sie. 
Denn an dem Körper befestigt, um die Füße, hängt glänzendes, 
nasses Metall. »O Scheiße!«, ruft sie aus. »Eine Kette!« 

 

Ein Feuerwehrwagen und noch ein Peterwagen kommen an. Der 
Polizeiarzt. Das Gelände wird abgesperrt. 
Wiederbelebungsversuche werden gemacht, Sauerstoff und 
Herzkompression. Die Uhr zeigt 04.47, der Mann hat 
mindestens eine halbe Stunde auf dem Dockboden gelegen. 
Trotzdem, die Sanitäter haben schon häufiger Tote wieder zum 
Leben erweckt. Sie arbeiten. Und hören erst auf, als ein kurzes 
Kopfschütteln des Polizeiarztes sie stoppt. Ab einem gewissen 
Zeitpunkt wird es nur noch zu einer Malträtierung einer Leiche 
– die Kriminalbeamtin Halvorsen wird diesen Satz von ihm nie 
vergessen. Der Standort des dunklen Vans wird skizziert, sie 
nimmt zusammen mit Vang eine vorläufige Untersuchung vor. 
Eine Windböe packt einen Overall, der hinten im Wagen hängt, 
als sie mit Handschuhen und Schuhüberziehern in den Van 
krabbelt, versetzt ihr eine klatschende Ohrfeige. Der Overall 
riecht nach Pferd. Pferd? Im Handschuhfach finden sie 
Führerschein und Wagenpapiere. »Gudmund O. Hagen, 
fünfundfünfzig Jahre alt, wohnhaft in Trondheim.« Das 
Autokennzeichen stimmt. Zwei Handys, eins abgeschaltet, das 
andere mit Tastensperre. Die Bahre mit dem Toten wird in den 
Krankenwagen geschoben. Die Kette klirrt kalt, als Gudmund O. 
Hagen weggebracht wird, mit dem Polizeiarzt im Gefolge. 

Eine Abschleppfirma transportiert den Van in die unterirdische 

Garage der Polizeizentrale. 

Zurück bleiben der Taucherwagen, erschöpfte Taucher, drei 

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Polizeistreifen und ein Feuerwehrwagen. Die Taucher schreiben 
ihren Rapport, unterschreiben und geben Vang eine Kopie. Fast 
wäre das Blatt ins Meer geweht, der Wind ist immer noch 
aufgebracht. Zwei Securitas-Wachleute kommen zu ihnen 
angewatschelt, fragen, was zum Teufel denn passiert sei. Anne-
kin antwortet mit einer Gegenfrage, erkundigt sich nach ihrer 
Route, der Uhrzeit, welche Firmen, wann und wo sie stempeln. 
Das wird keine große Hilfe sein, sie waren zum betreffenden 
Zeitpunkt in Midtbyen. Die Polizeizentrale hat die Taxizentrale 
schon lange informiert, es ist an alle Fahrer die Aufforderung 
ergangen, sich zu melden, falls sie Personen oder Autos in der 
Nähe des Nedre Elvehavn zum genannten Zeitpunkt gesehen 
haben. Das Ergebnis ist mager. Es ist eine ungewöhnlich ruhige, 
aber stürmische Nacht gewesen. Bevor die ersten Bewohner des 
Viertels sich den Schlaf aus den Augen reiben und den 
Morgenkaffee in die falsche Kehle bekommen, sind Vang und 
Halvorsen zurück in der Zentrale. Die Zeugenaussagen werden 
ins Reine geschrieben und noch einmal durchgegangen. Die 
Termine für die Befragungen werden festgesetzt. Der Leiter 
Sundt sieht wie immer gesund und morgenmunter aus. Ganz 
gleich, wie spät es ist, dieser Mann sieht immer frisch gebügelt 
aus, denkt Anne-kin wütend. Sie sollte sich auch »eine Ehefrau« 
anschaffen, ein bisschen mehr Ordnung in ihr Leben bringen. 
Aber im Augenblick möchte sie nur ihre Schicht verlängern, 
weiter dabei sein, anwesend sein, wenn die Zeugen kommen. 
Der Leiter Sundt kann sie wie ein offenes Buch lesen. Du, 
Halvorsen, sagt sein Gesichtsausdruck, du bist auch nicht 
unersetzlich, wir haben noch andere Ermittler als dich in unserer 
Dienststelle. Geh nach Hause, duschen und schlafen! Anne-kin 
knirscht mit den Zähnen, der Gedanke an Schlaf erscheint ihr im 
Augenblick absurd. Sie entscheidet sich lieber dafür, einen 
leichteren Anfall von Gesichtsausdrucks-Dyslexie zu 
bekommen, trinkt eine Tasse Kaffee mit dem Kollegen Vang, 
muss aber bald einsehen, dass sie sich selbst nur einen 

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Bärendienst erweist, wenn sie in der Zentrale herumrennt. Es ist 
noch Stunden hin, bis der Geistliche bei Frau Gudmund O. 
Hagen an der Tür klingeln wird, Stunden bis zu einer sicheren 
Identifizierung, Stunden bis zu den Zeugenvernehmungen. Ihr 
Chef Sundt grinst, als er seine Polizeibeamtin mit einer 
schaukelnden Schultertasche die Kongens gate auf dem Weg 
nach Hause überqueren sieht. 

Der Verstorbene ist Gudmund O. Hagen. Fünfundfünfzig 

Jahre alt. Seit dreißig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, 
Sonja, geborene Arntsen, zwei erwachsene Kinder, sie wohnen 
außerhalb und sind benachrichtigt. Hagen ist nicht vorbestraft, 
nur ein paar Falschparkbußen sind registriert. Geschäftsmann, 
Bauunternehmer. Wohnsitz: Nedre Elvehaven. Firmenadresse: 
Fossegrenda. 

Die Todesursache laut vorläufiger Obduktion: Ertrinken, Fund 

großer Wassermengen in der Lunge. Keine offensichtlichen 
äußeren Schäden bisher. Spuren schmerzstillender Mittel im 
Blut. Die Polizeibeamtin Halvorsen verfolgt konzentriert die 
Zusammenfassung. Die Ehefrau ist benachrichtigt, sie hat den 
Toten identifiziert, ist zusammengebrochen, ihr wurde 
psychische Hilfe in Form eines Pfarrers angeboten, was sie 
angenommen hat. Frau Sonja Hagen ist praktizierende Christin. 
Sundt leiert die Informationen herunter. 

Und was ist mit seiner Firma?, denkt Anne-kin ungeduldig, 

was ist mit … »Wir haben sichere Informationen dahingehend, 
dass Gudmund O. Hagen pekuniäre Probleme hatte«, fährt der 
Hohepriester da vorn fort. Anne-kin muss ein Kichern 
unterdrücken. Pekuniäre Probleme! Warum kann Sundt es nicht 
beim Namen nennen, nicht sagen, dass der Kerl pleite war, 
Konkurs, jede Menge Schulden, das Geld beim Pferderennen 
oder beim Spiel an der Börse verschleudert – und total bankrott! 
»Und nicht genug damit«, fährt der Prälat fort, »außerdem hat er 
einen Kredit aufgenommen, leider an den Banken und 
Versicherungsgesellschaften vorbei. Wie hoch der war, wissen 

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wir nicht, aber der Anrufbeantworter auf einem der Handys, die 
wir im Auto gefunden haben, enthält eine nur schwach 
kaschierte Drohung. Merkwürdigerweise nicht gelöscht.« 

Sundt drückt Tasten, verbindet intern, dreht die Lautstärke 

hoch, und nach ein paar Klicks und Pieps ist eine leise, aber 
deutliche Stimme zu hören. Und die Botschaft der Stimme ist 
nicht misszuverstehen. Anne-kin spürt, wie sich eine kalte Wut 
in ihrem Körper ausbreitet, sie ballt die Fäuste, trotzdem zittert 
sie vor unterdrückter Wut. Du glaubst ja nicht, wie schön sich 
das Geräusch von Knie-Scheiben anhört, die zerschmettert 
werden, mein Kleiner. Das waren seine letzten Worte, die 
letzten Worte der Stimme, des verfluchten Geldeintreibers, der 
doch immer wieder davonkommt, den sie nie zu fassen kriegten, 
Indizien, ja natürlich, aber nie klare Beweise, jemand, der jede 
Menge Verbindungen mit wasserdichten Alibi-Kumpanen hatte. 
Ein Teufel, der im Schattenreich operierte, der meinte, 
Schmerzensschreie eines armen Kerls auf Drogenentzug 
klängen schön! 

»Die Stimme ist identifiziert«, sagt Sundt, »sie gehört Lauritz 

Borg, wisst ihr, der uns immer wieder entwischt ist.« Sie fühlt, 
wie sich eine Hand auf ihre legt. Es ist ihr Kollege Vang. Er 
drückt fest zu. »Beruhige dich«, flüstert er und hindert sie so 
aufzuspringen. Anne-kin schluckt, der jetzt verkrüppelte Junge 
ist zusammen mit Kristian, ihrem Bruder, aufgewachsen. Das 
Einzige, was sie über die Täter aus ihm herausgekriegt haben, 
war, dass sie doch alle zur Hölle fahren sollten. 

Dann spitzt sie erneut die Ohren, ihr Chef Sundt ist noch nicht 

fertig. Die weibliche Zeugin, die Studentin Siri Sunde, die bei 
dem unmittelbar folgenden Verhör meinte, sie hätte gesehen, 
dass der Tote aus freiem Willen gesprungen sei, dass sich keine 
anderen Personen in seiner Nähe befunden hätten, kein ihn 
tretender Fuß aus dem Wagen, sie ist von ihrer Aussage 
abgewichen. Sie nahm an, dass sie wohl zu müde gewesen ist, 
vielleicht habe der Sturm, der in den Bäumen getobt und die 

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Straßenlaternen haben schaukeln lassen, ihr einen Streich 
gespielt. Die Augen der Polizeibeamtin Halvorsen verengen 
sich. 

»Außerdem«, fährt Sundt fort, »wenn zwei andere Personen, 

die nicht gerade aus dem Schlaf erwacht sind, gesehen haben, 
dass der Tote getreten worden ist, dann hat sie wohl 
höchstwahrscheinlich falsch gesehen. Ihre eigenen Worte.« Da 
haben wir’s, denkt Anne-kin. Wir hätten sie mit ins Revier 
nehmen sollen, dann hätte sie keinen Kontakt mit den anderen 
gehabt, und die hätten sie nicht überzeugen können, dass sie das, 
was sie gesehen hat, ja so gar nicht gesehen habe. Denn wer 
hatte in der ersten Reihe gesessen, Siri Sunde oder wer? Pass 
auf, Anne-kin, ermahnt sie sich selbst, geh nicht zu selbstsicher 
in die Kurven. 

»Es gibt keine frisch abgeschlossenen Lebens-, Unfall- oder 

Invaliditätsversicherungen«, fährt Sundt fort. »Alle polizeilichen 
Aktennotizen über Gudmund O. Hagen liegen bereits Jahre 
zurück.« 

Na gut, denkt die Beamtin Halvorsen, dann war es also kein 

Liebesdienst an Frau und Kindern – erhöhte 
Versicherungspolice und dann mit den Schulden an den Hacken 
untergehen. 

Es stinkt nach Lauritz Borg. Anne-kin fühlt etwas, das man als 

rohen, primitiven Jagdinstinkt bezeichnen muss. Endlich kriegen 
sie diesen Teufel zu fassen, haben ihn am Haken und können ihn 
an Land ziehen. 

»Das Auto wird noch näher untersucht«, fährt Sundt fort, »die 

Fingerabdrücke sind bereits gesichert. Wir schicken zwei 
Kaugummiklumpen noch ins Labor, einer wurde unter dem 
Fahrersitz gefunden, einer unter der Lenksäule, und außerdem 
zwei Zigarettenkippen aus einem ansonsten vollkommen 
sauberen Aschenbecher. Der Overall, der ganz hinten hing, ist 
auch interessant.« 

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Aber Halvorsen vergisst Overall und Vangs festen Griff um 

ihre Hand, sie würde Sundt am liebsten küssen, nein, die ganze 
Welt küssen, denn »das zweite Handy, das gefunden wurde, 
gehört Lauritz Borg« hört sie ihren Chef sagen. 

 

»Verflucht, natürlich gehört es mir! Wo zum Teufel habt ihr das 
denn gefunden?« Der Mann vor ihr sieht ziemlich wütend und 
empört aus. 

»In Gudmund O. Hagens Wagen«, antwortet die 

Polizeibeamtin Halvorsen freundlich. »Zwischen dem 
Reservereifen und einem Werkzeugkasten. Da lag es. 
Ausgestellt. Jedenfalls dort.« 

Lauritz Borg guckt sie argwöhnisch an. »Nun mal langsam, 

meine Kleine«, sagt er ganz sanft. 

Die Beamtin Halvorsen nickt, »nun mal langsam, mein 

Kleiner«, wiederholt sie. Kollege Vang sitzt dabei und macht 
Notizen, er schaut nicht auf. Aber deine Körpersprache, denkt 
Anne-kin, signalisiert ganz deutlich deinen Wunsch, ihn zu 
vermöbeln, dass ihm die Luft ausgeht. Und das Gleiche 
empfinde ich. 

»Und Ihre Fingerabdrücke befanden sich auf dem Türgriff, auf 

dem Lenkrad, auf dem Sitz, auf dem Radio, auf der Kassette – 
was haben Sie dazu zu sagen?« 

Lauritz Borg, fünfundvierzig Jahre alt, sieht nicht aus wie ein 

Bodybuilder, er ist lang und dünn, fast mager. Statt der 
hervorquellenden Kugelmuskeln hat er diese langen, zähen, lang 
gestreckten Kulimuskeln. Jetzt ziehen sie sich so fest zusammen 
dass sie wie gespannte Metallkabel auf der Haut liegen. 
»Vergiss es, Herzchen«, schnurrt er. »Gudmund hat mir seinen 
Van geliehen, ich habe Zeugen dafür. Er wollte einen Gaul für 
sein Gestüt abholen. Der Wagen war zu klein oder der Gaul zu 
groß, jedenfalls kriegte er einen größeren Wagen, und ich habe 
ihm diesen zurückgefahren. War nur ein Freundschaftsdienst.« 

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»Sie kannten ihn gut?«, fragt Anne-kin. 

»Was man so kennen nennt, eine Hand wäscht die andere, wie 

man so sagt.« Er lacht über seine eigene Formulierung. 

»Dann haben Sie Gudmund O. Hagen keine Kette um die 

Beine gewickelt, weil er nicht ›liquide‹ war, und ihn dann ins 
Dock gestoßen?« 

Kollege Vang springt auf seinem Stuhl hoch, verflucht Anne-

kin, die alle Regeln bricht, sich wie so ein blöder Privatdetektiv 
aufführt. Zwei schmale Augen wenden sich Vang und Halvorsen 
zu: 

»Ich glaube, mein Herzchen, dass ich jetzt lieber meinen 

Anwalt dabei haben möchte, bevor die Mutter Theresa noch auf 
weitere Ideen kommt. Ich habe ein hieb- und stichfestes Alibi. 
Das riecht hier nach Verschwörung.« 

»Ihr Anwalt kann Sie in der Zelle besuchen. Unten im Keller.« 

Sie hält ihm ein Blatt Papier vor die Nase. »Vierzehn Tage 

Untersuchungshaft«, und springt schnell zurück, als der Schlag 
kommt. Ins Verhörzimmer kommen zwei solide Beamte, und 
mit einem deftigen Fluch wird der Geldeintreiber Lauritz Borg, 
der Kniescheibenzertrümmerer, in die Zelle gebracht. 

 

Das Labor bestätigt die vorläufige Analyse des zugesandten 
Materials, zwei Zigarettenkippen und ein benutztes Kaugummi 
stimmen positiv überein mit Lauritz Borgs DNA. 
Fingerabdrücke und Handymitteilung sind durch eigene Leute 
aus Trondheims Polizeidistrikt bereits positiv identifiziert 
worden. Alles »gehört« dem Untersuchungshäftling. Die »hieb- 
und stichfesten« Alibis stellen sich als eine mehr oder weniger 
feste Geliebte heraus. Die behauptet, er hätte in der betreffenden 
Nacht neben ihr geschlafen. Ob sie denn auch geschlafen habe? 
Ja, natürlich. Kriminalbeamtin Anne-kin Halvorsen hört die 
Botschaft. Sie holt tief Luft. Atmet wieder aus. Weiß, dass sie 
Siri Sundes korrigierte Zeugenerklärung nicht gründlich genug 

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durchgegangen sind. Die beiden anderen Zeugen weichen 
keinen Deut von ihren Erklärungen ab. 

Anne-kin Halvorsen hat ein unangenehmes Gefühl in der 

Magengegend. Sie hört nicht auf ihren Bauch, hört lieber auf 
eine immer wiederkehrende Stimme, die sagt: Du glaubst ja 
nicht, wie schön sich das Geräusch von Kniescheiben anhört, die 
zerschmettert werden, mein Kleiner. 

 

Anne-kin und ihr Kollege Vang trinken zusammen ein Bier. 
Lauritz Borgs Verteidiger hat in allen Punkten verloren. »Ein 
Drecksack weniger an der frischen Luft«, grunzt Vang und 
trinkt aus. 

»Die nächste Runde geht auf mich«, sagt Anne-kin und geht 

zum Tresen, will sich an einer Gruppe fröhlicher Jugendlicher 
vorbeizwängen. Sie schnappt Bruchstücke ihres Gesprächs auf, 
es sind Studenten, sie haben irgendein Teilexamen bestanden. 
Sie entdecken sich gleichzeitig, Siri Sunde und sie. Anne-kin 
nickt, geht zu ihr, ihr Nicken wird erwidert. Eine Zunge huscht 
über trockene Lippen, zwei Augen bohren sich in Anne-kins. 
»Er ist nicht gestoßen worden, er ist ganz allein gesprungen.« 
Die Stimme ist leise, aber deutlich. Zwei Frauen stehen einfach 
da und starren sich an. Lange. 

»Ich verstehe das Geschwafel Betrunkener nicht, wenn du 

etwas mitzuteilen hast, dann komm doch morgen aufs Revier. 

Okay?« Anne-kin spuckt die Worte aus. Die andere schaut sie 

an, eine stumme Ewigkeit lang klebt ihr Blick an Anne-kins 
Lippen. Und mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln dreht 
sie der Polizeibeamtin den Rücken zu. Und geht. 

»War das nicht die Zeugin, mit der du da geredet hast?« Das 

ist Kollege Vang. »Die sah aber ziemlich ernst aus, gab’s was 
Besonderes?« 

»Die Lady hatte zu starke Schlagseite, als dass ich hätte 

verstehen können, wovon sie redet«, murmelt Anne-kin. 

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»Schlagseite? Ich finde, sie sah überhaupt nicht angetrunken 

aus«, widerspricht er und sucht mit den Augen nach dem 
gefüllten Bierglas. Findet es nicht. Brummt etwas über 
vergessliche Frauenzimmer. Geht es holen. 

Schlagseite? Ich bin diejenige, die Schlagseite hat. 

Sie sieht ein Overallbein vor sich, das im Wind hin und her 

weht. Ein leeres Bein, das aus der offenen Heckklappe des Vans 
herausflattert, als Hagen mit seinen Schulden ins Wasser 
springt. Ein genau inszenierter Abgang, sorgfältig geplant, er 
wollte dabei nicht allein sein, ein anderer sollte mit ihm 
zusammen untergehen. Vergib mir, Sundt, denkt die Polizistin 
Halvorsen, kneift aber die Augen fest zusammen. Ich will nicht 
sehen. Will einfach nicht. 

 

In einer Arztpraxis räumt ein Arzt, der bald pensioniert wird, 
Patientenakten und anderes zum Makulieren weg. Er nimmt sich 
die oberste Mappe, die Mappe des verstorbenen Gudmund O. 
Hagen. Sie ist nicht besonders dick. Er bleibt mit ihr in der Hand 
sitzen, braucht sie nicht zu lesen, er kennt den Inhalt. 

»Eine Blinddarmentzündung im Herbst 1969, operiert und 

auskuriert im Frühling 1970, Knöchel verstaucht im Winter 
1975, Influenza in dem schlimmen Grippewinter 1982, 
Antibiotika verschrieben, zwei Wochen widerstrebend krank 
gemeldet, entzündeter Finger, der 1991 aufgeschnitten und 
behandelt werden musste.« 

Das war alles. So weit. Bagatellen. Alles Dinge, mit denen ein 

erwachsener Mann im Laufe seines Lebens rechnen muss. Die 
Gesundheit in Person. Wenn da nicht das Letzte wäre … 

Du bist ertrunken, Gudmund, denkt der Arzt. Du bist 

ertrunken, bevor deine drei, höchstens vier Monate verstrichen 
waren. Du bist dreimal mit Chemotherapie behandelt worden, 
die letzte Kur hattest du gerade hinter dir. Deine lymphatische 
Leukämie war von der bösartigen Variante. Er streicht sich 

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übers Haar, zieht den Bericht der Gerichtsmediziner hervor. 
Liest. Nickt. Klar, dass sie nichts gefunden haben, die 
Chemotherapie hat dafür gesorgt, dass du symptomfrei warst. 
Erst mal. Die Krankheit hätte nach zwei, drei Monaten wieder 
zugeschlagen. Und das wäre dann das Ende gewesen. Eine neue 
Therapie hätte nichts genützt. Und du warst zu alt für eine 
Knochenmarkstransplantation. Das war der Bescheid, den wir 
geben mussten. Und dann hast du mir den Finger auf die Brust 
gelegt und mich drum gebeten, meine Schweigepflicht als Arzt 
nicht zu vergessen. Er bleibt sitzen, schaut aus dem Fenster, 
umklammert die Mappe. Nein, denkt er, die Polizei braucht das 
hier nicht. Sie haben deinen Mörder gefunden. Aber Sonja soll 
es wissen, vielleicht kann das ihre Trauer etwas lindern. Ich 
werde die Schweigepflicht brechen, die ich dir gegeben habe, 
Gudmund. Ihr zuliebe. 

Das zerrissene Papier knirscht, als der Aktenvernichter seine 

Zähne in Gudmund O. Hagens Mappe schlägt. 

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Auge um Auge 

Björn Hellberg 

Der Tag war da, und schon als ich das Schlafzimmerfenster zum 
Lüften öffnete, war mir klar, dass er einfach strahlend werden 
würde. Die Sonne brannte vom Himmel, kein Wölkchen war zu 
sehen. Die Sicht war gut, und ich gönnte mir eine Minute extra 
an dem weit geöffneten Fenster. 

Fast wollüstig sog ich die Luft ein, wurde erfüllt von reiner 

Lebenslust. 

Ich zog das herzhafte Frühstück in die Länge, bestehend aus 

Grapefruit, Ei, Schinken und weißen Bohnen, zwei Scheiben 
Knäckebrot mit Cheddarkäse, einem Glas Orangensaft, ein paar 
Tassen Kaffee und der Lokalzeitung. 

Nach der Dusche zog ich mich sommerlich leicht an: 

beigefarbene Hose, ein weißes, kurzärmeliges Hemd, Strümpfe 
und Sandalen. Damit war ich für die kurze Reise zum Sydstrand 
gerüstet. Ich hatte den Platz übrigens bisher zu jedem Jahrestag 
aufgesucht, warum sollte ich der Gewohnheit ausgerechnet in 
diesem Jahr nicht nachgehen, wo doch Jubiläum war und alles? 

Dreißig Jahre waren seitdem vergangen. 

Dreißig! 

Der Gedanke kann einen schwindlig machen, einen über die 

Vergänglichkeit von allem nachdenken lassen. 

Ich habe eigentlich das Gefühl, als ob es noch gar nicht so 

lange her ist, vielleicht, weil ich es ständig mit mir trage. Es 
lässt mir keine Ruhe, es zehrt und drängt sich auf, unaufhörlich. 

Ich kann alles vor meinem inneren Auge sehen, die 

schrecklichen Sekunden von neuem erleben, die Spur des 
plötzlich auftretenden, schrecklichen Schocks. 

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Wie gesagt, das ist eine Tradition, die ich pflege. Ganz gleich, 

welches Wetter, ich bin immer genau an diesem Tag ans Meer 
gefahren, jahraus, jahrein. Regen und Wind haben mich nie 
abgeschreckt, aber meistens war es sowieso gutes Wetter, 
manchmal direkt herrlich. 

Der Juli hat einen unverdient schlechten Ruf in unserem Land. 

Ich weiß, wovon ich rede. Denn gestern Abend, als ich in 
meinen Tagebüchern nachgeschaut habe, fand ich, dass es an 
dem Jahrestag bei weit mehr als der Hälfte der Fälle warm und 
sonnig gewesen ist. Und nur zweimal fand ich die Notiz: starker, 
anhaltender Regen. 

 

 

Nur schade, dass wir nicht offen die Möglichkeit hatten, zu 
zeigen, was wir füreinander fühlten. 

»Bald«, versprach sie, »halte noch ein bisschen durch, dann 

machen wir reinen Tisch und gehen zu meinem Vater.« 

Wir waren uns einig darin, uns gleich nachdem wir ihrem 

Vater unsere Beziehung gebeichtet hatten, zu verloben, es gab 
keinen Grund, ihre nächsten Angehörigen in dieser Beziehung 
vor vollendete Tatsachen zu stellen. 

Das wäre absolut nicht in Ordnung gewesen. 

Mit offenen Karten spielen, das war immer schon meine 

Devise gewesen. Dass ich von diesem Prinzip bei meinen 
heimlichen Treffen mit Linda abwich, hatte seinen zwingenden 
Grund und widersprach meiner innersten Überzeugung. 
Höchstwahrscheinlich würden wir unsere Verlobungsringe 
irgendwann im Sommer wechseln. So war es geplant. 

Der April begann ebenso schön, wie der März zu Ende 

gegangen war. Aber dann kam der erste Rückschlag: Linda 
sollte mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder nach Jerusalem 
fahren. Die Reise war kurzfristig geplant worden, und Eilert 

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Tjernberg befahl seiner Frau und seinen beiden Kindern fast 
mitzukommen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie überhaupt 
wollten oder nicht. 

»Da habe ich gar keine Wahl«, sagte Linda, als wir 

nebeneinander in meinem Bett lagen und nach einem dieser 
fantastischen Zusammensein, auf die zu verzichten ich mir kaum 
vorstellen konnte, nach Atem rangen. 

Natürlich war ich enttäuscht bei dem Gedanken, Linda zwei 

Wochen lang nicht sehen zu können. Die Sehnsucht würde nur 
schwer zu ertragen sein, aber was sollte ich machen? 

Sie hatte sich entschieden (oder besser gesagt: ihr tyrannische 

Vater hatte für sie entschieden), und zu versuchen sie zu 
überreden, doch zu Hause zu bleiben, wäre sinnlos und 
vielleicht sogar dumm. 

Wer war ich denn schon? 

»Es handelt sich doch nur um vierzehn Tage«, betonte sie. 

»Dann komme ich wieder zur dir zurück.« 

Zurück kam sie. 

Aber nicht zu mir. 

Wenn wir uns sehen wollten, hatte immer sie den Kontakt 

aufgenommen, um das Risiko zu vermeiden, dass jemand in 
ihrer Familie Verdacht schöpfen könnte. 

Die beiden Wochen schlichen unerträglich langsam dahin, 

aber dann kam der lang ersehnte Tag, an dem Familie Tjernberg 
von ihrer Israelreise zurückkehren sollte. 

Ich rechnete damit (oder hoffte es zumindest), dass Linda mich 

noch am gleichen Abend anrufen würde, aber dem war nicht so. 

Vielleicht waren sie erst sehr spätabends angekommen, dachte 

ich und betäubte meine Enttäuschung mit ein paar Starkbieren in 
der nächsten Kneipe. 

Obwohl ich mir sonst nicht viel aus Bier mache. Ich pflege 

sowieso nur einen sehr sparsamen Umgang mit Alkohol, habe 

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nie die Leute verstehen können, die ohne jeden Gedanken an die 
Qualen des folgenden Tages den Schnaps in sich hineinschütten. 

Auch am nächsten Tag ließ sie nichts von sich hören, und am 

Abend hielt ich die Ungewissheit nicht länger aus. 

Ich tat das, was wir beschlossen hatten, was ich nicht tun 

sollte: Ich rief sie an. 

Ihre Mutter war am Apparat, und ich murmelte eine 

Entschuldigung, dass ich mich verwählt hätte. 

»Macht doch nichts«, sagte Frau Tjernberg. »Das ist mir auch 

schon passiert.« 

Sie hatte wie eine etwas ältere Version der Tochter geklungen, 

was meine Sympathie ihr gegenüber weckte. Sicher hatte die 
arme Frau ein armseliges Leben zusammen mit ihrem 
dominierenden Ehegatten. Ihr Los war nicht gerade 
beneidenswert. 

Es gab keinen Grund für mich, ihr wegen der unversöhnlichen 

Attitüden des Propstes böse zu sein. Aber sie musste selbst die 
Konsequenzen tragen, wenn sie so ein Individuum heiratete. 

Beim zweiten Versuch – ein paar Stunden später – hatte ich 

das Glück, Lindas Stimme ans Ohr zu kriegen. 

Das erfüllte mich zunächst mit der schönsten Musik, aber als 

sie hörte, wer dran war, schien sie ziemlich erschrocken zu sein. 
Mir war sofort klar, dass jemand in der Nähe war, der dem 
Gespräch zuhörte – vielleicht ja der Propst selbst. Er schien die 
vollkommene Kontrolle über alles in seinem Haus zu fordern. 

Nach dem ersten Schreck besann Linda sich und tat, als 

spräche sie mit einer Schulfreundin. Sie nannte mich Anna, und 
ich spielte mit. Sprach leiser und versuchte außerdem die 
Stimme heller klingen zu lassen, für den Fall, dass der Propst 
direkt neben ihr stünde. 

In verdeckten Phrasen gelang es uns Zeit und Ort eines 

Treffens zu verabreden. 

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Es kam mir der Gedanke, dass sie ziemlich verschlagen sein 

konnte, wenn es erforderlich war. Sie tat vollkommen 
unbeschwert, als würde es sich tatsächlich um ein gänzlich 
unverfängliches Gespräch handeln. 

Pünktlich fand sie sich am verabredeten Ort ein, und ich 

platzte fast vor Glück, als ich sie sah. Die zwei Wochen in Israel 
hatten ihre Schönheit noch verstärkt. Ihr Gesicht und ihre 
nackten Arme und Beine hatten eine attraktive Bronzetönung 
bekommen. Ich wollte mit den Fingern in ihr langes, blondes 
Haar fassen, ihre Brust betasten, ihre Augenlider mit den langen, 
dichten Wimpern küssen. 

Aber dann merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmte. Zwar 

ließ sie sich von mir umarmen, zwar erwiderte sie meinen Gruß. 
Aber ihre Zurückhaltung erschien pflichtbewusst und ließ die 
frühere Wärme vermissen. 

Sie war ganz einfach reserviert. Ich dachte, das könnte an einer 

gewissen Scheu liegen, da wir uns eine ganze Weile nicht 
gesehen hatten, und war überzeugt, dass sie bald auftauen 
würde. 

Leider irrte ich mich da. 

Linda hatte sich verändert. Und nach einer Weile bekam ich 

wirklich die kalte Dusche: Linda weigerte sich, mit mir zu 
schlafen. 

Und das, ohne ihr Nein zu begründen. 

Ich kannte sie nicht mehr wieder. 

Wo war das warme, lebenslustige Mädchen, das ich liebte, 

geblieben? 

Und woher kam diese abweisende Haltung? 

Ich fragte natürlich, was passiert sei, fragte geradewegs, 

warum sie so anders sei als früher. 

Aber sie gab mir für ihr eigentümliches Benehmen keine 

Begründung. 

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»Ich kann noch nichts sagen«, erklärte sie. »Aber vertrau mir. 

Gib mir ein bisschen Zeit, dann wirst du alles erfahren. Und 
bitte, dräng mich nicht. Mach es mir nicht schwerer, als es 
sowieso schon ist.« 

Natürlich war ich unglaublich enttäuscht, hatte ich doch die 

Minuten bis zu ihrer Rückkehr aus Israel gezählt. 

Aber ich gehorchte, beunruhigte sie nicht weiter mit Fragen, 

die mir auf der Zunge brannten. 

Sie hatte sicher ihre Gründe, und wenn die Zeit reif war, 

würde ich erfahren, was sie eigentlich bedrückte. Es ging nur 
darum, Geduld zu bewahren, so schwer und mühsam das auch 
war. 

Als sie mich verließ, spürte ich große Furcht, aber ich war 

immer noch naiv genug anzunehmen, dass sich alles zwischen 
uns schon regeln würde. Und apropos Gutgläubigkeit: Es kam 
mir nie in den Sinn, dass sie einen anderen getroffen haben 
könnte. 

Sie hatte mir ja ihre Liebe erklärt, wir wollten uns im Sommer 

verloben. 

Alles würde wieder gut, redete ich mir ein, wenn ich ihr nur 

ein wenig Zeit ließe. Vielleicht hat sie Probleme mit ihrem 
Vater. Ich muss nur Geduld haben, dann wird sich sicher alles 
klären. 

Dachte ich in meiner Einfalt. 

Die Tage verstrichen ohne ein Lebenszeichen von ihr. 

Dann kam der tödliche Schlag. 

Eines Tages – es war Mitte Mai – sah ich die Anzeige in der 

Lokalzeitung. 

Sofort stieg der Schreck in mir auf, wie eine klebrige Übelkeit. 

Meine erste Reaktion war, auf die Toilette zu eilen und mich zu 
übergeben. 

Immer und immer wieder las ich die unfassbaren Worte: 

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Ihre Verlobung geben bekannt: 

Linda Tjernberg, stud. theol. und Jan-Eric Hessler, mag. phil. 

Frejalund, 19. Mai 1973 

 

Wie grausam kann ein Mensch sein? 

Mir zuerst ewige Treue zu versprechen – und mich dann fallen 

lassen, als wenn nichts gewesen wäre, und sich in die Arme 
eines anderen werfen. 

Die erste Bestürzung ging in regelrechte Raserei über. 

Er – Jan-Eric Hessler, mag. phil. – war also gut genug vor den 

Augen des Papas, des Herrn Propstes. Ein einfacher 
Automechaniker war dagegen niemand, den man vorzeigen 
konnte. 

Und was hatte dann all ihr Gerede über Verlobung und ewige 

Treue bedeutet? Ich hörte in mir ihre Stimme, immer und immer 
wieder: 

»Ich werde dich nie im Stich lassen. Auf mich kannst du dich 

verlassen.« 

Aber sie hatte mich im Stich gelassen. Auf die schändlichste 

Art und Weise. Und dann hatte sie kein Wort gesagt, hatte mich 
hinter meinem Rücken betrogen. Sie hatte nicht einmal Anstand 
genug, sich zu trauen, es mir direkt ins Gesicht zu sagen. 
Stattdessen zog sie es vor, sich zu entziehen und ihre 
Verantwortung nicht wahrzunehmen. 

Man musste kein Einstein sein, um zu begreifen, was 

geschehen war: Linda hatte diesen Jan-Eric Hessler natürlich in 
Jerusalem getroffen und schnell das Objekt ihrer Begierde 
ausgetauscht, als sie begriff, dass es sich hier um jemanden 
handelte, den sie mit gutem Gewissen der übrigen Familie 
präsentieren konnte. 

Sie waren bereits in Jerusalem zusammengekommen. So viel 

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war klar wie Kristall. Linda liebte es zu lieben, und sie war 
niemand, der unnötig Zeit vergeudete. Sicher hatte sie 
irgendwelche Ausreden gefunden, um der Überwachung ihres 
Vaters zu entgehen und ihren Stier heimlich zu treffen, sicher 
mit einem Eifer, der den übertraf, den sie im Zusammensein mit 
mir gezeigt hatte. 

Aber ich musste mir eingestehen, dass es schrecklich weh tat 

sie mir in den Armen eines anderen Mannes vorzustellen. Und 
es tat weh zu akzeptieren, dass ich zurückgewiesen worden war. 
Das Gefühl der Unterlegenheit war unangenehm bis hin zur 
Erniedrigung. 

Doch vielleicht war es am besten, dass es so geschah – trotz 

allem. Schnell verstand ich, dass ich niemals so einer falschen 
Frau hätte glauben dürfen, fragte mich, wie es ihr so einfach 
hatte gelingen können, meine Urteilskraft außer Kraft zu setzen. 

Um meine Neugier zu befriedigen, holte ich einige 

Informationen über meinen Nachfolger ein. Jan-Eric Hessler 
erwies sich als ein großer, dunkelhaariger Mann mit ziemlich 
alltäglichem Aussehen – ich hatte zumindest einen etwas 
besseren Geschmack von Linda erwartet, aber schließlich war es 
ja ihre Entscheidung. 

Und Hessler hatte ja das, was mir fehlte: einen Titel, der dem 

Herrn Vater Propst imponierte. 

Ich bekam bald heraus, dass er in der Sommervilla seiner 

Eltern am Sydstrand wohnte. Allein. 

Das heißt: Er bekam natürlich den ein oder anderen 

Abendbesuch … 

Nach einer Weile war ich es leid, ihn zu beschatten. Ich 

beschloss, sowohl ihm als auch Linda den Rücken zu kehren, 
und hoffte, sie nicht wieder sehen zu müssen. 

Aber unser Ort ist nicht groß, und eines Vormittags stießen 

Linda und ich aufeinander – ironischerweise vor der Bibliothek 
– ausgerechnet hier. 

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Es war natürlich reiner Zufall und in keiner Weise von meiner 

Seite aus geplant gewesen. 

Sie entdeckte mich von weitem und machte zunächst 

Anstalten, die Straßenseite zu wechseln. Dann sah sie ein, dass 
das zu demonstrativ wäre, und beschloss das Unvermeidliche 
durchzustehen. 

Wir blieben ein paar Meter voneinander entfernt stehen, und es 

war offensichtlich, dass ihr die Situation peinlich war. Der 
Anblick freute mich. Ich wollte sie leiden sehen für all die 
Qualen, die sie mir so herzlos zugefügt hatte. 

Dass es Linda peinlich war, daran bestand kein Zweifel. Sie 

stand da, rotwangig und verlegen, und wartete, dass ich den 
ersten Schritt täte. Offenbar hatte sie noch so viel Anstand im 
Leib, dass sie sich dafür schämte, wie sie mich behandelt hatte. 
Und ich machte den ersten Schritt. 

»Herzlichen Glückwunsch sollte ich wohl sagen«, erklärte ich 

und versuchte die Stimme neutral zu halten. »Zur Verlobung.« 

»Danke«, erwiderte sie und wich meinem Blick aus, als hätte 

er sie verbrannt. 

»Das ging ja schnell.« 

»Ach, eigentlich gar nicht so schnell. Wir haben uns schon … 

na, ist ja auch egal.« 

Ich sagte nichts, wartete auf die Fortsetzung. 

»Du musst verstehen«, sagte sie und begann nach Worten zu 

suchen, »dass du und ich … dass wir zwei …« 

Ich lächelte sie an. 

»Du brauchst nichts zu erklären, Linda. Ich bin dir nicht 

böse.« 

Zuerst sah sie mich ungläubig an. Dann konnte ich sehen, wie 

sich die Erleichterung über ihr niedliches, falsches Gesicht 
ausbreitete. Dass ich in meiner Niederlage so großzügig sein 
konnte, hatte sie wohl nicht erwartet. 

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»Ist das dein Ernst?« 

»Aber natürlich. Ich bin nicht derjenige, der A sagt und B tut«, 

sagte ich und hoffte, sie würde die Ironie verstehen. 

»Natürlich hatten wir es eine Zeit lang sehr schön, du und ich, 

aber das wäre doch nie auf Dauer gut gegangen. Das war nie 
ernst gemeint. Zumindest nicht von meiner Seite. Wir haben 
einfach nicht zueinander gepasst.« 

»Kann schon sein«, log ich, um sie zu beruhigen. 

»Schön, dass du es so aufnimmst.« 

»Ich finde auch, dass wir es sehr schön gehabt haben, aber das 

ist nun einmal vorbei. Noch einmal: Ich gratuliere zur 
Verlobung und wünsche dir alles Gute. Ich hoffe, ihr seid 
glücklich zusammen, du und … wie heißt er noch mal, Sven-
Eric?«, fragte ich, machte bewusst den Fehler. 

»Jan-Eric. Doch, das werden wir sein«, versicherte sie. 

Sie zögerte einen Moment und sog in einer Art die Unterlippe 

ein, die ihre Verletzbarkeit betonte. Diese kleine Veränderung 
der Mimik brachte meinen Magen dazu, sich 
zusammenzuziehen. 

Ich wartete die Fortsetzung ab, die garantiert kommen würde 

Und schon sagte sie: 

»Du wirst sicher eine andere finden.« 

Keine wie dich. 

»Sicher«, sagte ich leicht dahin und nickte ihr zu. 

Danach trennten wir uns, gingen beide unseres Weges. 

Und der Sommer kam. 

Eines strahlend schönen Tages hörte ich von dem Unfall. 

Der Fahrer war offenbar ins Schleudern geraten, von der 

Straße abgekommen und mit dem Wagen bei ziemlich hoher 
Geschwindigkeit einen Abhang nördlich vom Sydstrand 
hinuntergestürzt. Laut Zeugenaussage war das Fahrzeug gegen 

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eine große Eiche geprallt, danach gegen eine Steinwand, wo es 
explodierte. 

Die Wagenteile waren hoch in die Luft geworfen worden, und 

die Flammen hatten das Laub einiger Birken hinter der Mauer 
versengt. Die verbrannten Opfer konnten als Linda Tjernberg 
und Jan-Eric Hessler identifiziert werden, und es wurde 
festgestellt, dass er den Wagen gefahren hatte. 

Die Leute redeten mehrere Tage lang von dem schrecklichen 

Unfall. 

»Und dabei wollten sie doch nach Silvester heiraten. Was für 

ein grausames Schicksal!« 

Ich befand mich an einem anderen Ort, als sich der Unfall 

ereignete, aber als ich nach Hause kam, fuhr ich natürlich zur 
Unglücksstelle, um zu sehen, was geschehen war. 

Vor dreißig Jahren war es also, auf den Tag genau. 

Das Ereignis wurde als Unfall abgeheftet. Vielleicht gab es 

den Verdacht einer Sabotage, was weiß ich? Auf jeden Fall 
drang nichts in dieser Richtung an meine Ohren. Die Polizei 
fand nichts, was auf ein Verbrechen hindeutete – vielleicht 
arbeiteten sie auch einfach nur schlampig. 

Wenn es Spuren gegeben hat, die darauf hindeuteten, dass 

jemand sich an dem Auto zu schaffen gemacht hatte, dann 
kamen sie nie an die Öffentlichkeit. 

Das weiß ich genau, da ich den Verlauf mit höchster 

Aufmerksamkeit verfolgte. 

Viele Jahre später las ich einen Artikel darüber, dass der 

fleißige Kommissar Sten Wall versuchte, alte, ungeklärte Fälle 
zu erforschen. Er ist Junggeselle, der sich offensichtlich ganz 
von seiner Arbeit fressen lässt. Nicht genug damit, dass er den 
lieben langen, arbeitsreichen Tag seine Nase ins kriminelle 
Elend steckt – auch während seiner Freizeit widmet er sich also 
noch Dingen, die die Polizei nie hat aufklären können. 

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Es gibt immer noch verrückte Enthusiasten. 

Ob dieser Wall sich um den Autounfall kümmern würde? 

Kaum anzunehmen. 

Es geschah auch nichts Neues. 

Und die ursprüngliche Theorie stand: Der Fahrer war 

bedauernswerterweise von der Straße abgekommen, was 
schreckliche Konsequenzen nach sich zog. 

Zwei junge Leben wurden gleichzeitig ausgelöscht. 

Überhöhte Geschwindigkeit war bereits zu dieser Zeit ein 

Übel, schon vor dreißig Jahren. 

Ich schaute auf die Armbanduhr. 

Zeit loszugehen. Ich versuchte, wenn irgend möglich, den 

Platz ungefähr zu dem Zeitpunkt aufzusuchen, an dem Jan-Eric 
Hessler sich und seine junge Verlobte zu Tode gefahren hatte. 
Die wenigen Kilometer waren schnell geschafft. 

Es gab ziemlich viel Verkehr auf den Straßen. Sydstrand war 

ein beliebtes Ziel für Badelustige, und die Leute kamen von weit 
her, um die größte Badewanne des Landes zu besuchen. Ich 
selbst war nie so begeistert davon gewesen, mich in diesem 
Gedrängel von Einheimischen und Touristen herumschubsen zu 
lassen, nur um Salzwasser auf die Haut zu bekommen. Aber ein 
paar Gastspiele im Sommer wurden es trotzdem. 

Und warum sollte ich nicht gerade heute einmal ins Wasser 

springen. Die Badehose lag in einem Leinenbeutel auf dem 
Beifahrersitz, falls ich Lust dazu kriegen würde. 

Und wenn die Sonne so heiß brannte wie heute, musste das 

Wasser auch ziemlich warm sein. 

Ich bin reichlich wasserscheu und kann es nicht ertragen wenn 

das Wasser so kalt ist, dass der ganze Körper fast erstarrt, aber 
heute hatte es gut und gern über zwanzig Grad in den Wellen. 

Dann war ich da. 

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Hier war es, genau hier, wo der Wagen von der Straße 

abgekommen war. 

Die Eiche stand noch da. 

Die Mauer auch. 

Das Auto mit den verkohlten Leichen war seit dreißig Jahren 

nicht mehr da. 

Ich parkte und stieg aus, wanderte zum Unfallort hinüber. 

Wie schade, dass ich keine Gelegenheit hatte, dabei zu sein, 

als es passierte. 

Nicht, dass jemand irgendeinen Verdacht mir gegenüber hätte 

hegen können, obwohl ich in meiner Eigenschaft als Mechaniker 
natürlich einiges von Autos und Motoren verstand und mir so 
einiges Teufelszeug hätte ausdenken können, wenn ich es nur 
gewollt hätte. Soweit ich bemerkt hatte, gab es niemanden, der 
wusste, dass Linda und ich eine heimliche Liebschaft gehabt 
hatten, aber vollkommen sicher konnte man da nicht sein. Sie 
konnte sich ja bei jemandem verplappert haben, und dieser 
Jemand konnte daraus merkwürdige Schlüsse dahingehend 
ziehen, dass etwas Hässliches passiert sein könnte. 

Falls das geschah, war es das Beste, sich vom Unfallort fern zu 

halten. 

Denn wenn die beiden jungen Menschen Opfer einer Sabotage 

gewesen wären, dann würde die Sache natürlich in einem ganz 
anderen Licht dastehen. 

Hatte doch dieser Jan-Eric Hessler vollkommen rücksichtslos 

Linda einem anderen Mann weggeschnappt, dem sie ihre Liebe 
und Treue geschworen hatte. 

Wenn dann jemand seinerseits dafür Hesslers Leben nahm, 

war das eigentlich nicht mehr als gerecht. Ein Diebstahl gegen 
den anderen. 

Aber mir ist durchaus bewusst, dass die Polizei derartige 

Überlegungen beiseite wischen würde. Jetzt musste ich 

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weiterfahren. Ich glaube, es wird doch ein Bad heute werden. 
Um ein Jubiläum zu feiern. Schließlich ist es ein so herrlicher 
Sommertag. 

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Die Scheren des Hummers 

Gert Nygårdshaug 

Die Sauce könnte man zum Beispiel Montagnaise nennen, 
dachte Fredric Drum und blinkte für die Ausfahrt zur Snarøya. 
Er war bestens gelaunt, nieste dreimal und schob die Ouvertüre 
des »Tannhäuser« in den CD-Player. Mit dröhnendem Wagner 
und dem Gedanken an eine sehr exquisite Moltecremesauce, 
serviert zu einem Schneehuhnbraten, war er unterwegs, um 
einen freien Abend fern von seinen eigenen Kochtöpfen in der 
»Kasserolle« zu genießen, Oslos kleinstem und bei weitem 
besten Restaurant, mit drei Sternen im Michelin. Fredric Drum 
ließ sich den Wagner unter die Haut gehen. An diesem 
Dienstagnachmittag wollte er raus auf die Snarøya, in eine 
kleine, intime Gourmet-Runde, die sein guter Freund Joakim 
Hegg anberaumt hatte. 

Das Hegg-Anwesen war sehr schön gelegen, und als Fredric in 

die Einfahrt einbog, musste er wieder an die Bedingung denken, 
die seinem Freund Joakim gestellt worden war, als er Alina 
Hegg heiraten wollte: Er musste den Namen Hegg annehmen, er 
konnte nicht Larsen heißen, wenn er die Verantwortung für 
diesen traditionsreichen Familienbesitz übernehmen wollte, das 
hatte sein Schwiegervater, der alte Oscar Hegg, der 
Nachbarschaft, ja fast der ganzen Snarøya klar gemacht, bevor 
der Prostatakrebs ihn in das Reich des Schweigens 
hinübergezogen hatte. Oscar Hegg war stockkonservativ 
gewesen, schwierig, mürrisch und laut sein Leben lang, und 
niemand konnte verstehen, dass Alina, sein einziges Kind, von 
ihm abstammte. Alina war weich, lieb und mild wie eine 
Junibrise. 

So hatte also Joakim seinen Namen geändert. Es spiele keine 

Rolle, hatte er gesagt, solange er nur Alina bekäme und sie 

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zusammen Joakims Traum realisieren könnten: ein kleines, 
gemütliches Gourmet-Restaurant hier draußen zu eröffnen, hier 
auf diesem Anwesen, direkt am Wasser mit einer schönen 
Aussicht über den Fjord. Jetzt gab es hier keine Flugzeuge mehr, 
und aus Snarøya war eine friedliche Perle geworden. 

Fredric stieg aus dem Auto und nickte vor sich hin. Der Duft 

der Rhododendronblüte vermischte sich mit dem Geruch von 
Tang und Teer. Die See, das Wasser hier draußen, war rein. Er 
nickte wieder und konnte Joakims Plänen nur von Herzen 
zustimmen; diese Lage war perfekt für ein kleines und sehr 
exklusives Lokal. Der Umbau des Bootshauses mit kleinen 
Terrassen, als ob der Winter durch Glaswände und -dächer 
ausgesperrt würde, würde die Natur des Anwesens und die 
übrige Architektur kaum stören. 

Er machte einen schnellen Spaziergang durch den Garten und 

hinunter zu den Felsen am Wasser, bevor er seine Ankunft 
verriet. Wege aus Naturstein, umkränzt von allen möglichen 
Zierpflanzen von Rosenbüschen bis zu Heidekraut, machten das 
Anwesen außergewöhnlich schön. Fredric blieb unter einem 
ungarischen Fliederbusch in voller Blütenpracht stehen und 
genoss seinen Duft. Er schloss die Augen. Weißwein aus 
Penedés, dachte er. Ein tiefer, gelber Torres-Wein eines guten 
Jahrgangs, so war der Duft. Dann ging er hinauf zum 
Hauptgebäude. 

Plötzlich blieb er stehen und starrte eine kleine, graue Skulptur 

an, die zur Hälfte unter einem gestutzten Hegg-Baum, einer 
Traubenkirsche, verborgen war. Er kniff seine Augen zusammen 
und betrachtete die Skulptur forschend. Danach beugte er sich 
unter die Zweige und befühlte die kleine Steinfigur. Konnte er 
sich irren? Nein, das war unmöglich, er konnte sich nicht irren. 
Das war ein echter Meerfenchel-Gnom. 

Er fühlte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken herunterlief. 

Das war das erste Mal, dass Fredric Drum einen Meerfenchel-
Gnom in einem norwegischen Garten gesehen hatte. 

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»Willkommen, Fredric, du bist der erste Gast!« Joakim grinste 
breit und gab seinem Freund einen warmen Händedruck. 

»Wirklich gut, dass du mal für einen Abend von der 

›Kasserolle‹ weggekommen bist. Aber du weißt, dass ich etwas 
Angst davor habe, dir Essen zu servieren.« 

Fredric lachte und nahm das angebotene Glas mit selbst 

gemachtem Krähenbeerenlikör. Er duftete nach Wald und 
Gebirge. 

»Gutes Bouquet, was?« Joakim war sichtlich stolz. 

»Alina?«, fragte Fredric. 

»Sie musste leider nach England fahren. Hat das Flugzeug 

heute Vormittag genommen. Das Theater geht ihr vor alles 
andere, du kennst Alina ja. Diesmal ist es ein viertägiger 
Pantomimekurs.« 

»Aha«, nickte Fredric. 

Die beiden Freunde setzten sich raus auf die große 

Südterrasse. Joakim sah auf die Uhr. Der Rest der Gäste musste 
jeden Augenblick kommen. 

»Die Wunderessenz ist übrigens fertig«, sagte Fredric und 

griff in seine Jackentasche. 

»Was sagst du da?! Fertig? Jetzt schon?« Joakim sprang auf, 

und sein jungenhaftes Gesicht leuchtete vor Eifer. 

Aus seiner Tasche fischte Fredric ein kleines Fläschchen mit 

Korken und Pipette. Es hätten Augentropfen sein können oder 
Nasentropfen, aber es war etwas ganz anderes. 

»Habe ich heute von Professor Armand bekommen. Sehr 

konzentriertes Zeug. Der Korken darf um Himmels willen nicht 
hier geöffnet werden; der Professor hat mir eine ganze Reihe 
von Anweisungen über den Gebrauch gegeben. Wir machen das 
unter vier Augen nach dem Essen.« 

Joakim saß da und drehte das Fläschchen zwischen seinen 

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Fingern, während er die Flüssigkeit innerhalb des Glases 
bewunderte. »Revolutionär«, flüsterte er, »das kann sich 
wahrhaftig als revolutionär erweisen.« Er steckte die Flasche in 
seine Tasche. Dann klingelte es an der Tür. 

 

 

Wenn man Fredric und den Gastgeber selbst mitrechnete, 
würden sechs Personen am Tisch sitzen. Der Sinn der 
Veranstaltung war, dass Joakim Hegg ein Menü ausprobieren 
wollte, das später in dem geplanten Restaurant angeboten 
werden sollte. Die Gäste sollten Kenner sein, daher stutzte 
Fredric etwas, als er Yaki Oones gegenüberstand, einer sehr 
schönen Frau, ursprünglich aus Neuseeland mit Maori-Blut in 
den Adern. Yaki Oones war Joakims langjährige Geliebte, aber 
es war mindestens zwei Jahre her, seit Fredric sie zuletzt 
gesehen hatte. Sie war nicht für ihre besondere Vorliebe für 
Essen bekannt, sondern eher für ihr Interesse an allem, was beim 
Verbrauch von Kalorien half. Sie betrieb ein Fitness-Studio in 
Skøyen. 

Außer Yaki Oones war da natürlich noch der so genannte 

»Sergeant« Aronsen, der berüchtigte Gourmet, dessen 
Vornamen niemand kannte, der aber der Schrecken aller 
Küchenchefs war. Seine Würde war Aufsehen erregend, und mit 
seinem Spitz und Schnurrbart sah er aus, als sei er der 
Rollenliste eines Ibsen-Dramas entstiegen. Man sagte, dass sein 
Gaumen so feinfühlig sei, dass er zwischen kubanischem und 
haitianischem Puderzucker in einem Parfait unterscheiden 
könne. Wenn man für ein Menü die Anerkennung von 
»Sergeant« Aronsen bekam, konnte man sich seines Erfolgs 
sicher sein. 

Die beiden letzten Gäste waren Fredric unbekannt: Stephan 

Finne und Petter Bardal. Beide waren Männer in den Vierzigern, 
Bewohner von Snarøya und wussten gut über Joakims 

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Restaurantpläne Bescheid. Petter Bardal war der nächste 
Nachbar des Hegg-Anwesens; er war Architekt und engagierte 
sich stark für die Zukunft von Snarøya, nachdem jetzt der 
Flugplatz verlegt worden war. Aber Fredric runzelte unmerklich 
die Stirn, als er hörte, dass Stephan Finne, der einige hundert 
Meter weiter unten wohnte, auch Restaurantpläne schmiedete. 
Konnte es hier draußen Platz für zwei Lokale geben? 

Verstohlen betrachtete er Finne: ein dünner, hohlbrüstiger 

Mann mit einer Adlernase und einem etwas flackernden Blick. 
Kein typischer Liebhaber von gutem Essen, dachte Fredric, aber 
der Schein konnte trügen. Seine Stimme hatte jedenfalls etwas 
Versöhnliches an sich; sie war fett, fast pavarottisch, und löste 
in Fredric Assoziationen von einer etwas gehaltvollen 
Biberschwanzsauce aus, so wie der Mann jetzt dastand und mit 
Yaki Oones redete. 

»Das wird die Hölle«, sagte Petter Bardal, der Architekt, so 

laut, dass alle, einschließlich der Gastgeber selbst, es hören 
konnten. »Das wird die Hölle mit zwei Restaurants hier 
draußen!« 

»Dieser Drecksack nutzt mich aus, Fredric«, sagte Yaki 

Oones. 

Sie und Fredric gingen einige Stufen hinab zu den Felsen am 

Wasser und dem Bootshaus. Die Gäste waren auf dem Anwesen 
sich selbst überlassen, während der Gastgeber letzte Hand an die 
Mahlzeit legte, die in einer knappen Stunde in dem kleinen 
Esszimmer serviert werden sollte. 

»Nutzt dich aus? Joakim?« Fredric blieb stehen. 

»Ja, was glaubst du denn, warum er mich eingeladen hat? 

Essen – ha-ha –, er weiß, dass ich auf sein Essen pfeife, aber 
auch, dass ich zu allem anderen, was er zu bieten hat, nicht Nein 
sagen kann. Sobald diese Alina, sein Porzellanpüppchen, aus 
seinem Blickfeld verschwunden ist, ruft er mich an. Und ich 
blöde Kuh kann nicht Nein sagen. Aber jetzt ist Schluss damit. 

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Ende. Finito. Meine Maori-Großmutter hat mir gewisse Tricks 
beigebracht.« 

Die schöne Frau biss die Zähne zusammen, und Fredric konnte 

Funken in ihren braunen Augen erahnen. Der Maiabend war 
plötzlich nicht mehr so angenehm, und der Meeresduft wirkte 
auf einmal herb. 

»Hallo, da unten! Joakim hat endlich sein Menü bekannt 

gegeben!« Stephan Finne kam auf sie zu und schwenkte ein von 
Hand beschriebenes Blatt Papier. Die drei setzten sich auf eine 
Bank am Bootshaus. 

»Aha«, murmelte Fredric und las das Menü laut vor: 

»Saiblings-Carpaccio in Limonensauce mit Fischrogen. 

Frittierter Hummer mit in Ingwer mariniertem Kürbis. 
Waldvogel-Paté mit Haselnüssen. In Sahne gekochtes 
Seewolffilet, eingerollt mit Kapern und Estragon, serviert mit 
Mandelkartoffelpüree. Molte-Sorbet und Kirschsahnetorte. Das 
klingt ja viel versprechend!« 

Yaki Oones schnaubte. »All dieses überkandidelte Essen!« 

Stephan Finne trommelte nervös mit den Fingern auf die Bank, 

sein Blick zuckte unruhig über den Fjord. »Es gibt Zutaten«, 
sagte er mit seiner etwas fetten Stimme. »Zutaten, die Joakim 
noch gar nicht entdeckt hat. Damit kriege ich ihn, dann werden 
wir schon sehen, wohin sich im Laufe der Zeit die Gäste 
wenden. Ich habe seit fünf Jahren an meinen Plänen für das 
Restaurant gearbeitet. Und dann kommt er daher und haut 
ordentlich auf den Putz. Das hätte der alte Oscar Hegg noch 
mitkriegen sollen. Ich dachte, das Hegg-Anwesen sei gegen 
kommerzielle Veränderungen geschützt.« 

»Was ist mit Petter Bardal? Er ist sicher auch nicht besonders 

glücklich über Joakims Pläne?« Fredric versuchte, die 
schlimmsten Konflikte zu bereinigen, bevor die Mahlzeit 
begann. 

»O nein. Petter unterstützt mein Projekt. Ein Lokal draußen 

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bei mir ist völlig in Einklang mit seinen Visionen über die 
Zukunft von Snarøya.« 

Yaki Oones stand auf und verließ die Bank. Sie verschwand in 

der Zypressenplantage auf der Westseite des Anwesens. 

Fredric stutzte. Zwei Lokale. Konkurrenz. Warum hatte 

Joakim diese beiden eingeladen, die dermaßen gegen seine 
Pläne waren? Um ihnen zu zeigen, was er konnte? Sie zu 
entmutigen? Fredric hatte geglaubt, dass dies ein gemütlicher 
Abend werden würde, davon konnte wohl jetzt keine Rede mehr 
sein. 

Er erhob sich von der Bank. 

»Hast du übrigens schon Joakims Hummerbrunnen gesehen?«, 

fragte er Finne. 

Der Blick des Mannes wurde noch unruhiger, sein Adamsapfel 

stieg auf und verschwand wieder unter seinem Kragen, während 
er den Kopf schüttelte. 

»Komm mit«, sagte Fredric. 

Sie gingen hinunter zu den Felsen am Meer, kletterten über 

eine Steinmauer und standen plötzlich an einem tiefen 
natürlichen Gletschertopf im Fels. Unten am Grund des 
Gletschertopfes, der fast drei Meter tief war, ergoss sich das 
Meerwasser durch einen kleinen Spalt hinein. Auf den ersten 
Blick sah es so aus, als sei der Grund von schwarzen, ovalen 
Steinen bedeckt, aber die Steine bewegten sich. Es waren 
Hummer. Der Gletschertopf war ein perfekter Hummerbrunnen. 

Der Spalt, durch den das Seewasser einströmte, war zu schmal, 

als dass die Hummer hätten fliehen können, aber er sorgte 
ständig für frisches Wasser. Bei Niedrigwasser betrug die Tiefe 
einen knappen halben Meter. 

»Praktisch, nicht wahr?« Fredric versuchte, munter zu wirken. 

Stephan Finne stand leichenblass da und starrte hinunter in den 

Gletschertopf. Dann ballte er die Fäuste und zischte, während er 

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den Blick von Fredric abwandte. 

»Verdammter Mistkerl! Alinas Mutter ist in diesem Loch 

verunglückt!« 

Nach dieser Information und dem hässlichen Fluch von einem 

Menschen, der insgesamt sehr unangenehm war, zog Fredric 
sich endgültig zurück. Er ließ Finne am Hummerbrunnen zurück 
und ging die Treppe auf der Ostseite des Anwesens hoch. Er 
erblickte kurz den Architekten Bardal, der allein zwischen 
einigen Büschen stand und ein paar Steine in seinen Händen 
wog. Es war immer noch eine knappe halbe Stunde Zeit, bis die 
Mahlzeit beginnen sollte. 

 

Fredric versuchte, die Stimmung zurückzugewinnen, die er im 
Auto auf dem Weg hierher empfunden hatte. Hatte er nicht eine 
neue Saucenkreation entwickelt? Montagnaise? Aber all seine 
guten Gefühle waren verschwunden, die Düfte und Geräusche 
des Frühlings konnten nicht mehr zu ihm vordringen, die 
Mahlzeit des Freundes wirkte fern. Die Menschen um ihn herum 
benahmen sich nicht, wie sie es sollten, wenn sich Freunde zu 
einer guten Mahlzeit treffen. 

Freunde? Warum hatte Joakim diese Menschen eingeladen? 

Zwei neidische Nachbarn und eine alte Geliebte. Sowie den 
»Sergeant« Aronsen. Der alte, schlecht gelaunte Feinschmecker 
schien Fredric plötzlich der einzige Lichtblick in dieser 
Versammlung zu sein. »Sergeant« Aronsen war einfach er 
selbst. 

Er fand Aronsen neben der gestutzten Traubenkirsche. Er 

stand da und schnaubte wie ein gestrandetes Walross, während 
er anscheinend den Duft des fast verblühten Baumes genoss. 

»Duftet der gut?«, begann Fredric lächelnd. 

»Duftet!« 

»Sergeant« Aronsen war rot im Gesicht, während sein 

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Brustkorb beim Einatmen zu fast der gleichen Größe wie seine 
Wampe anschwoll. Dann entließ er die Luft aus der Lunge, dass 
die Schnurrbarthaare vibrierten. 

»Glauben Sie vielleicht, ich stehe hier und rieche an alten 

Traubenkirschblüten, hä?« 

»Nein, sie sind vielleicht nicht …« 

»Idiot! Das ist reine, schiere Blasphemie!« Sein Brustkorb 

schwoll wieder an, und ein erneuter Orkan ließ das Laub in der 
Nähe erzittern. 

Fredric begriff nichts, wurde der alte Kerl von Asthma 

geplagt? Dann folgte er Aronsens Blick und erstarrte. Der 
Meerfenchel-Gnom. Diese hässliche kleine Skulptur unter der 
Traubenkirsche. Eine Art Gartenzwerg mit einem Gesicht, das 
einen Ausdruck hatte, der an eiskalten Spott und Hass erinnern 
konnte. Meerfenchel-Gnome waren so. Kein Meerfenchel-Gnom 
war ein schöner Anblick. 

»Sergeant« Aronsen zog sich von der Traubenkirsche zurück, 

ging direkt auf Fredric zu und stieß ihm seinen riesigen 
Zeigefinger in den Bauch. 

»Sie wissen doch wohl, dass sich die Meerfenchel-

Bruderschaft von anderen geschlossenen Orden, wie zum 
Beispiel den Freimaurern und den Rosenkreuzern, 
unterscheidet? Die Mitgliedschaft vererbt sich. Und sie stellen 
den hässlichen Gnom an Orte, die sie als heilig betrachten. 

Genau das, Drum, hatte ich geahnt! Das war der Grund, 

warum ich die Einladung angenommen habe. Der alte Oscar 
Hegg war ein Bekannter von mir. Dass er ein Meerfenchel war, 
hätte ich erraten können. Jetzt weiß ich es. Joakim Larsen kann 
leider nie ein Hegg werden. Er hat hier draußen nichts zu 
suchen! Ich muss dafür sorgen, dieses Projekt von ihm 
umgehend zu unterbinden, verstehen Sie das, Herr Drum?« Der 
Alte setzte seinen gewaltigen Körper in Bewegung und 
verschwand oben in Richtung Hauptgebäude. 

 193

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Fredric kam nicht mehr dazu zu sagen, dass er zu verstehen 

begann. Aber als er wirklich alles begriffen hatte, war es zu spät. 

Fredric blieb voller düsterer Gedanken auf einer Bank 

unterhalb der Südterrasse sitzen. Er sagte den anderen vier 
Gästen nichts. Zehn Minuten, bevor das Essen serviert werden 
sollte, ging er hinauf zum Hauptgebäude, um Joakim davor zu 
warnen, allzu große Erwartungen zu hegen, dass das Essen auf 
positive Resonanz stoßen würde. 

Der Tisch im Esszimmer war wunderschön für sechs Personen 

gedeckt. Die Weine standen in Reih und Glied zum Lüften auf 
einem eigenen Tisch. 

Ansonsten war es völlig still im Haus. 

Fredric ging schnell in die Küche. Ein übler Geruch schlug 

ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Auf dem Herd stand eine 
Kasserolle mit Sauce und kochte über. Sie hatte schon eine 
Weile gekocht, und der Inhalt brannte sich gründlich in die 
Kochplatte ein. Eine größere Kasserolle stand daneben und 
kochte sprudelnd vor sich hin. Wasser. Der Dampf verbreitete 
sich wie eine Wolke in der Küche und verstärkte noch den 
Geruch der angebrannten Sauce. 

Fredric setzte die Kasserolle ab und drehte den Herd ab. 

»Joakim!«, rief er. Aber der Gastgeber war verschwunden. 

Er rief im ganzen Haus nach ihm, bekam aber keine Antwort. 

Dann ging er auf die Terrasse hinaus. 

»Joakim!«, brüllte er über das Anwesen. 

Die vier Gäste kamen aus allen Richtungen auf das Haus zu. 

»Sergeant« Aronsen, immer noch rotgesichtig, aber mit einer 

fragenden Miene. Stephan Finne, verkrampft und ausgezehrt, als 
ob er unter großen Qualen litte. Petter Bardal, außer Atem, war 
er gerannt? Yaki Oones sah aus, als ob sie gerade geweint hätte. 
Ihre Augen waren geschwollen, und die Schminke lief ihr in 
dunklen Streifen die Wangen runter. Sie versuchte, das zu 

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verbergen, indem sie nach unten blickte. 

»Joakim ist verschwunden«, sagte Fredric knapp. 

Sie fanden ihn fünf Minuten später. Joakim Hegg lag unten im 

Hummerbrunnen, im Gletschertopf. Es war ein schrecklicher 
Anblick. Über seinen ganzen Körper krabbelten zwei Dutzend 
wütende Hummer; sie hieben und zerrten an Fleisch und 
Kleidung, und das Wasser war rot gefärbt. Die rote Farbe 
breitete sich durch den Spalt im Felsen bis in den Fjord hinaus 
aus. Große Stücke Fleisch wurden von dem toten Körper dort 
unten abgerissen. Fredric Drum musste sich abwenden. 

Noch nie hatte er gesehen, dass sich Hummer so aufführten. 

»Das ist eine der schlimmsten Verstümmelungen durch 

Meeresgetier, die ich je gesehen habe! Wie ist es bloß möglich, 
dass sich Hummer so aufführen können?« 

Skarphedin Olsen von K

RIPOS

 richtete die Frage an seinen 

Neffen Fredric Drum, der mit dem Ermittler hatte unter vier 
Augen sprechen können, während die anderen Gäste bis auf 
weiteres im Esszimmer unter Bewachung interniert worden 
waren. Es bestand der Verdacht, dass es sich um ein Verbrechen 
handelte. 

Fredric starrte einen imaginären Punkt an der Wand an. »Das 

liegt an einem sehr speziellen Hormonpräparat«, sagte er leise. 

»Das Fläschchen, das ihr zerbrochen in Joakims Tasche 

gefunden habt, war voll. Ein Tropfen von dieser Substanz ist 
genug, um einen Hummer völlig wild zu machen. Er wird 
aggressiv und frisst alles, was ihm in den Weg kommt.« 

»Und woher stammt diese Substanz?«, fragte Olsen streng. 

»Aus einem privaten Labor. Ein Freund von mir, Professor 

Armand, hat lange daran geforscht. Bekanntlich nimmt ein 
Hummer in Gefangenschaft kein Futter zu sich; daher wächst er 
auch nicht. Eine Methode, den Hummer zum Fressen zu 
bringen, hätte die Zuchtmöglichkeiten revolutioniert. Joakim 

 195

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Hegg sollte diese Substanz an seinen Hummern testen. Ich gab 
ihm die Flasche vor zwei Stunden. Einen Tropfen täglich in den 
Brunnen sowie reichlich Futter.« 

»Dann hat er die Wirkung ja wahrhaftig zu spüren 

bekommen.« Skarphedin Olsen zog seine Mundwinkel hoch, 
aber es wurde kein Lächeln daraus. »Obwohl er bestimmt nichts 
gespürt hat. Er war schon tot. Das Fläschchen ist unbeabsichtigt 
bei dem Sturz zerbrochen. Mord.« 

Das Wort donnerte auf Fredric ein. Mord? Sein Freund Joakim 

war ermordet worden? Er fror. 

Die K

RIPOS

-Techniker und der Arzt hatten nur einige Minuten 

gebraucht, um festzustellen, dass Joakim Hegg mit einem 
stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen worden war, 
vielleicht mit einem Stein, bevor er in den Gletschertopf 
hinuntergestürzt war. Die routinierten Ermittler verstanden 
etwas von ihrem Fach. 

»Aber was wolltest du mir eigentlich unter vier Augen sagen? 

Bilde dir bloß nicht ein, dass du weniger verdächtig bist als die 

anderen. Die erste Stunde hier, mit allen zusammen, wird den 
Mörder entlarven. Ich habe meine Methoden.« Olsen sah Fredric 
scharf an. Fredric erwiderte seinen Blick genauso scharf. 

»Und ich habe meine Methoden«, sagte er. 

Dann bat er den Ermittler, ihm genau zuzuhören. 

 

Die Polizisten hatten sich zurückgezogen, raus auf die Terrasse. 
Fredric hatte erreicht, dass es so gemacht wurde, wie er wollte. 
Skarphedin Olsen, der selbst für die Anwendung 
unkonventioneller Methoden bei den Ermittlungen bekannt war, 
hatte seine Idee übernommen. Jetzt saß er in einem Sessel am 
Kamin im Esszimmer, um an dem Schauspiel teilzuhaben. Er 
beabsichtigte, sofort die Regie zu übernehmen, falls das Drama 
außer Kontrolle geraten sollte. 

 196

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Die vier Gäste wurden gebeten, sich an den Tisch zu setzen. 

Die Stimmung war, gelinde gesagt, bedrückt, um nicht zu sagen 
gereizt, als Fredric Drum herumging und Weißwein in die 
Gläser goss. 

»Was soll denn das verdammt nochmal bedeuten!« 

»Sergeant« Aronsen polterte wie ein mittelschweres Gewitter. 

»Das ist doch der reine Wahnsinn!« Trotzdem konnte er sich 
nicht beherrschen, sondern hob das Weißweinglas an seinen 
Schnurrbart, schnüffelte, rollte mit den Augen und murmelte 
voller Anerkennung vor sich hin. Stephan Finne zitterte ganz 
offensichtlich; sein magerer Körper bebte, und er starrte 
hypnotisiert auf einen Punkt auf dem Tischtuch, weit von seiner 
Umgebung entfernt. 

Yaki Oones weinte geräuschlos, während sie ihr Gesicht in der 

Serviette verborgen hielt. 

»Das ist ein Komplott! Dieser Fredric Drum ist verdammt 

nochmal pervers, jetzt will er die makabre Seite der feinen 
Küche austesten! Nachdem er einen guten Freund ermordet hat. 
Er hat das getan, glaubt mir!«, knurrte Petter Bardal und leerte 
sein Weinglas in einem Zug. 

Fredric war in der Küche. 

Vier Leute am Tisch. 

Stille, nur Aronsens Stuhl, der unheilschwanger knarrte. 

Fredric Drum kam aus der Küche. Er brachte eine große Platte 

mit dampfendem, frisch gekochtem, rotem Hummer herein und 
stellte sie auf den Tisch. Vier Augenpaare starrten entsetzt auf 
die Hummerplatte. Einige Sekunden lang saßen alle wie erstarrt 
da. 

»Nein, das geht jetzt aber zu weit!« Petter Bardal erhob sich 

halb von seinem Stuhl. 

»Setzen Sie sich, Bardal!« Fredrics Stimme klang wie ein 

Peitschenhieb. Bardal sank auf seinen Stuhl zurück. Stephan 

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Finne schluckte und schluckte, als ob er jeden Moment anfangen 
würde, sich zu übergeben. »Sergeant« Aronsens Gesichtsfarbe 
war röter als der Hummer auf der Platte, Yaki Oones genauso 
bleich wie die Serviette, die sie die ganze Zeit zerknüllte. 

»Es ist mein voller Ernst«, sagte Fredric so ruhig wie er 

konnte. »Joakim ist ermordet worden. Einer von uns kann das 
getan haben, das wollen wir jetzt auf eine einfache Weise 
herausfinden.« Vorsichtig brach er die Scheren der Hummer ab 
und legte eine Schere auf jeden Teller. Auch auf seinen eigenen. 
Fünf Scheren, denn sie saßen jetzt zu fünft am Tisch. Der 
sechste Platz war leer geblieben. 

»Der Ermittler Olsen hat erfahren«, fuhr er fort, »dass wir uns 

alle fünf an verschiedenen Orten aufhielten, als Joakim in den 
Brunnen fiel – gestoßen wurde, als er zu den Hummern 
unterwegs war. Keiner kann dem anderen ein Alibi geben. 
Insofern sind wir alle fünf in diesem frühen Stadium der 
Ermittlungen gleich verdächtig, aus der Sicht der Polizei. Es ist 
ihnen nicht gelungen, irgendeinen von uns auszuschließen.« 
Dann kniff er die Augen zusammen und hob mit einer schnellen 
Bewegung seine eigene Hummerschere von seinem Teller. 
Dabei zuckten die anderen unwillkürlich auf ihren Stühlen 
zusammen, als ob die Delikatesse jederzeit zum Angriff 
übergehen könne. 

»Diese Scheren haben dazu beigetragen, unseren guten Freund 

zu misshandeln.« Er sprach leise, betonte aber jedes Wort. 
»Immer noch können diese Scheren misshandeln. Eine 
bestimmte Person misshandeln: den Mörder. Nur den Mörder. 
Für alle anderen außer dem Mörder sind diese Scheren 
vollkommen ungefährlich.« 

Bardal runzelte die Stirn und starrte leicht verwundert seine 

Hummerschere an. »Sergeant« Aronsen grunzte etwas 
Unverständliches. Stephan Finne war wieder völlig weggetreten. 
Yaki Oones riss sich zusammen und sagte mit brüchiger 
Stimme: »Ist das irgendein – psychologisches Spiel – Fredric – 

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ich glaube nicht? –« 

»Nein«, sagte Fredric, »das ist kein psychologisches Spiel. 

Kurz gesagt: Ich habe Joakim eine Flasche mit sehr 
konzentrierten Hummergeschlechtshormonen gegeben, direkt 
nachdem ich hier ankam. Diese Substanz, diese Flüssigkeit, 
sollte verwendet werden, um zu testen, ob Hummer in 
Gefangenschaft fressen können und damit auch wachsen 
würden. Eine Erfindung, die sehr profitabel hätte werden 
können, wenn sie wirkte. Als Joakim in den Gletschertopf fiel, 
ist das Fläschchen beim Sturz zerbrochen, und der Inhalt machte 
die Hummer völlig wild. Sie liefen Amok. Die Wirkung der 
Substanz war sehr stark, das haben wir ja alle sehen können. 
Aber …« 

Fredric machte eine kleine Pause, feuchtete sich die Lippen 

mit etwas Wein an und fuhr fort: 

»Die Tropfen haben noch eine andere Wirkung. Wenn eine 

Person die Luft einatmet, in der sich einige dieser 
Hormonmoleküle befinden, und hier ist tatsächlich die Rede von 
mikroskopisch kleinen Mengen, dann wird der Betreffende eine 
vorübergehende sehr starke Allergie gegen Hummer entwickeln. 
Diese Allergie wird mindestens vierundzwanzig Stunden 
anhalten; sie führt zu Ausschlag, Übelkeit und Durchfall. Die 
Symptome kommen schnell zum Vorschein und sind sehr 
offensichtlich, um es mild auszudrücken.« 

»Sie meinen also …« Petter Bardal brach mitten im Satz ab. 

»Genau«, sagte Fredric, »das meine ich. In den Sekunden, 

nachdem das Fläschchen in Joakims Tasche zerstört wurde, 
muss die Luft um den Gletschertopf herum voll von diesen 
Hormonmolekülen gewesen sein. Das bedeutet also, falls einer 
von uns fünf in der Nähe dieses Ortes gewesen sein sollte, als 
gerade die Flasche zerbrach, dann wird diese Person jetzt ernste 
Probleme mit dem Verzehr von Hummerfleisch bekommen. Der 
Polizeiarzt ist zur Stelle, sodass er bei einem akuten 

 199

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Allergieanfall sofort helfen kann. Bitte sehr, in Joakims Namen 
heiße ich alle willkommen an der Tafel! Die Scheren sind 
aufgebrochen, also bleibt uns nur noch, das milde 
Hummerfleisch zu genießen.« 

Ohne die anderen anzusehen, nahm Fredric seine eigene 

Hummerschere und saugte das Fleisch aus. Er holte alles 
Essbare heraus. 

Die anderen taten zögernd das Gleiche. 

Danach starrten sich alle gegenseitig an. 

Keine Reaktion. Niemand kippte um vor Übelkeit, bekam 

Atemnot oder heftigen Ausschlag. 

Ein schriller Piepston durchschnitt plötzlich die Stille im 

Raum. Skarphedin Olsen griff nach seinem Handy und sprach 
leise hinein. Er nickte vor sich hin. Dann stand er auf und kam 
an den Tisch. 

»Ja, ja, Fredric. Das war ja eine interessante Mahlzeit. Aber sie 

hat uns von K

RIPOS

 nicht viel Neues gebracht. Der Arzt wird 

hier anscheinend nicht gebraucht, wie es aussieht? Aber 
trotzdem hast du in einer Sache Recht, Fredric, es hätte noch ein 
Gast hier sein sollen. Deshalb solltet ihr die Mahlzeit noch ein 
bisschen ausdehnen, Leute, es wird nicht lange dauern, bis noch 
jemand kommt, der eine Hummerschere probieren will.« Der 
Ermittler kniff seine Augen zusammen und klopfte fest auf den 
Kaminsims. 

Fredric spürte, dass ihn allmählich die Kräfte verließen. Die 

Anspannung war groß gewesen; Joakims plötzlicher Tod und 
die Rolle, die er auf sich genommen hatte, um ihn aufzuklären, 
erschöpften ihn. Bisher war alles gelaufen, wie er es erwartet 
hatte; jetzt konnte sich erweisen, dass auch seine letzten 
Annahmen richtig gewesen waren. 

Die Stimmung um den Tisch wurde plötzlich leichter. Jetzt 

unterbrachen sich alle gegenseitig, die Gläser klirrten, und 
Stephan Finne verschüttete Wein auf das Tischtuch. »Sergeant« 

 200

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Aronsen machte sich über die Hummerschwänze her und aß mit 
großem Appetit. 

Dann konnten sie hören, dass eine Autotür in der Einfahrt 

zuschlug. Alle wandten sich zur Tür, als zwei Polizisten mit 
einer jungen Frau hereinkamen. 

»Alina!« Petter Bardal stockte der Atem. »Du solltest doch 

…« 

»Ich habe mich verspätet – habe auf das Abendflugzeug 

gewartet, als die Polizei kam – und mir erzählte – ach, so 
grauenhaft – mein geliebter – Joakim!« 

Ihre Trauer und ihre Tränen wirkten echt. 

Die Blicke von Fredric und »Sergeant« Aronsen trafen sich 

plötzlich. Der Alte erhob das Glas, kniff die Augen zusammen 
und murmelte, sodass Fredric es kaum hörte: »Der Meerfenchel-
Gnom, nicht wahr?« 

Fredric nickte. 

Jetzt ging alles ganz schnell und dramatisch. Sehr bestimmt 

wurde Alina Hegg vom K

RIPOS

-Ermittler an den Tisch geführt. 

Dort forderte man sie auf, ein Stück Hummerfleisch zu essen. 
Danach sollte sie der Polizei erklären, warum sie nicht, wie 
geplant, das Nachmittagsflugzeug nach London genommen, 
sondern bis zum Abendflugzeug gewartet hatte. 

Alina Hegg war eine gute Schauspielerin. 

Die Rolle als Trauernde und Verwirrte gelang ihr fast perfekt. 

Auch der hasserfüllte Blick, den sie Yaki Oones zuwarf, wirkte 
echt. Alles war ein gelungenes Theater, bis sie den ersten 
Hummerbissen heruntergeschluckt hatte und ein Weinglas zum 
Mund heben wollte. Da brach die Wirklichkeit ein. Es gab keine 
weiteren Rollen mehr. Der Polizeiarzt wurde herbeigerufen, und 
Alina Hegg bekam eine starke Antihistaminspritze. Die 
Gesellschaft war vorbei. 

 

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»Wie ich schon sagte: Die Mitgliedschaft in der Meerfenchel-
Bruderschaft ist erblich«, sagte »Sergeant« Aronsen und hielt 
einen sehr dicken Zeigefinger vor Fredrics Gesicht. Obwohl er 
normalerweise auf den öffentlichen Nahverkehr schwor, hatte er 
Fredrics Angebot, ihn in die Stadt mitzunehmen, angenommen. 
Fredric nickte und versuchte sich auf das Fahren zu 
konzentrieren. Aronsen fuhr fort: 

»Alina musste deshalb eine Meerfenchel sein. Sie hatte von 

klein an eine Gehirnwäsche bekommen. Und die hässlichen 
Gnome zeigen, dass Oscar Hegg und seine Vorfahren das Hegg-
Anwesen als heilig betrachteten. Ein Restaurant hier hätte 
sowohl das Heiligtum als auch alles, wofür die Meerfenchel 
stehen, verspottet. Verstehen Sie, was ich sage, Junge?« 

»Ich verstehe schon«, nickte Fredric. »Ich habe es begriffen, 

als ich den Gnom sah. Ich verstand, dass etwas Schlimmes 
geschehen konnte. Ich war mir fast sicher, dass Alina diejenige 
war, die Joakim getötet hatte, und als keiner der anderen von 
dem Hummer krank wurde, war ich überzeugt. Aber ich weiß 
nicht, ob sie ihren Mann mit einem schweren Gegenstand 
erschlagen hätte, wenn Joakim sich nicht damit durchgesetzt 
hätte, den Hummerbrunnen ausgerechnet in der Gletschermühle 
anzulegen, in der ihre Mutter zu Tode stürzte, als Alina drei 
Jahre alt war.« 

»Tja«, seufzte »Sergeant« Aronsen. »Wir können wohl 

feststellen, dass es die Kombination Meerfenchel und Todesort 
der Mutter als Hummerbrunnen war sowie die Eifersucht 
gegenüber dieser Yaki Oones, die aus Frau Hegg eine 
kaltblütige Mörderin gemacht hat.« 

Fredric nickte stumm. Er fuhr an der Aker Brygge von der 

Autobahn ab. Dann sagte er: 

»Aber wir können auch sagen, dass Joakim sein Größenwahn 

zum Verhängnis geworden ist. Diese Gesellschaft heute Abend 
– mit all diesen Menschen, die ihn hassten. Eine klassische 

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Grundsituation für einen Mord. Ich bin sicher, dass er das als 
eine reine Machtdemonstration so eingerichtet hat; keiner sollte 
glauben, dass er über ihn siegen könne. Aber – können wir nicht 
über etwas anderes sprechen?« 

»Wie wäre es mit – Saucen?« Der alte Feinschmecker 

schnalzte mit der Zunge. »Hat Herr Drum irgendwelche 
spannenden Kreationen in der Mache?« 

»Montagnaise«, antwortete Fredric. »Kommen Sie nächste 

Woche mal in der ›Kasserolle‹ vorbei, dann sollen Sie eine 
Sauce kennen lernen, wie Sie noch keine geschmeckt haben.« 

»Quatsch«, schnaubte »Sergeant« Aronsen. »Ich habe schon 

alles geschmeckt. Absolut alles, Junge.« 

Pause. 

»Montagnaise, sagten Sie?« 

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Mord in Reykjavik 

Birgitta H. Halldórsdóttir 

Ich befand mich in einem alten Haus in der Stadtmitte 
Reykjaviks. Ein paar Minuten zuvor war die Polizei gerufen 
worden, da hier ein Mord begangen worden war. 

Der Anblick war schrecklich. Es war die Leiche eines 

verhältnismäßig jungen Mannes von hellem Äußeren, 
vermutlich um die dreißig. Ich vermutete, dass er ein gut 
aussehender Mann gewesen war. Der Mörder war grausam zu 
Werke gegangen. Der Leichnam war mit einem Nylonstrick an 
einem breiten Bett festgebunden und ordentlich geknebelt 
worden. Beide Augen waren ausgestochen, und es war 
offensichtlich, dass dies gemacht worden war, während der 
Mann noch lebte. Außerdem hatte man ihm ins Herz gestochen, 
und ich nahm an, dass das seinen Tod verursacht hatte. Eine 
blutige Bettdecke lag über den unteren Teil des Körpers 
ausgebreitet. Auf den ersten Blick war keine Mordwaffe zu 
entdecken. 

Mit geschulten Augen sah ich mir den Tatort an. Mein Kollege 

Baldur stand neben mir, und ihm war ebenso zumute wie mir. 
Noch nie hatten wir so etwas erlebt. Das Bettzeug war 
blutverschmiert, auf dem Fußboden befand sich eine Blutlache. 
Wir traten vorsichtig näher, jetzt kam es darauf an, sich 
vorzusehen. 

Der Mann, der den Mord gemeldet hatte, ging hinter uns auf 

und ab, er sah aus, als ob er sich gerade in die Hosen machen 
wollte. Ich wäre darüber nicht erstaunt gewesen. Es war einfach 
abscheulich. In der Ecke lag eine zusammengebrochene junge 
Frau und weinte. Sie hatte Blut an den Händen, und ich blickte 
den Mann an, der uns den Mord mitgeteilt hatte. 

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»Wer ist sie?« 

Der Mann, der sich als Ingenieur Gunnar Danielsson 

vorgestellt hatte, räusperte sich. 

»Sie wohnt im Nachbarhaus und hat ihn offenbar so 

vorgefunden, denn ich habe die Schreie bis zu mir herauf gehört, 
nachdem sie ins Haus gekommen ist.« 

»War das Haus denn unverschlossen?« 

Man merkte, dass es ihm nicht behagte, darüber zu sprechen. 

»Sie besaß einen Schlüssel. Sie und der Ermordete hatten ein 

Verhältnis miteinander. Ihr Ehemann ist Autoschlosser von 
Beruf und schlägt sie grün und blau.« 

Ich nickte. 

»Und der Tote hieß?« 

»Jón Jónsson. Er war Lehrer und hat die letzten drei Jahre in 

diesem Haus gewohnt.« 

Ich hörte, wie mein Kollege Baldur telefonierte und unsere 

Spurensicherung anforderte, und beschloss zu warten, bis sie 
käme. Indessen wusste ich nicht genau, was ich mit der Frau 
anstellen sollte, die offenbar einen Nervenzusammenbruch 
bekommen hatte. Wir müssten sie zum Verhör auf die Wache 
bringen, sobald wir so weit wären. Ich sah Gunnar an. 

»Ich möchte Sie dann bitten, so bald wie möglich aufs 

Polizeirevier zu kommen, um Ihre Aussage zu machen.« 

Er nickte und schien kurz davor zu sein, in Ohnmacht zu 

fallen. 

Ich betrachtete den Toten. Offene blutige Augenhöhlen 

starrten mich an, doch ich versuchte, nach Möglichkeit nicht 
daran zu denken, wie furchtbar der Mann gelitten haben musste. 

Baldur nahm Handschuhe, streifte sie sich über und hob die 

Bettdecke hoch. Er schnappte nach Luft, und Gunnar schrie auf 
und stürmte hinaus. Ich rechnete nicht damit dass er weit käme, 
ehe er sich übergeben würde. Die Genitalien des Toten waren 

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abgeschnitten worden. Sie lagen wie Blutstücke zwischen den 
Knien der Leiche. Mir kam nicht der Gedanke, dass dies nach 
seinem Tod gemacht worden sei. 

Ich stieß Baldur an und richtete meinen Blick auf die junge 

Frau. Es war nicht nötig, dass sie dies mitbekäme, wenn sie 
denn nicht selbst die Verursacherin war. Durch meine Arbeit bei 
der Polizei hatte ich gelernt, anfangs niemandem zu trauen. Ich 
eilte zu ihr und kniete neben ihr nieder. 

»Sind Sie imstande, mit mir nach draußen zu kommen?« 

Die Frau blickte mich an, ihre Augen ließen eine tiefe Trauer 

und ein unbeschreibliches Entsetzen erkennen. Sie heulte 
erbärmlich. 

»Wer tut so etwas?« 

Darauf wusste ich keine Antwort. Ich nahm sie unter den Arm 

und half ihr auf die Beine. »Kommen Sie mit mir und 
verschaffen Sie sich ein wenig frische Luft!« Die Frau wankte 
auf den Beinen, schleppte sich aber trotzdem mit mir hinaus. Ich 
setzte mich mit ihr auf eine Bank neben dem Haus und 
betrachtete sie. Sie war hübsch, besaß himmelblaue Augen und 
dunkelblondes Haar, das mit Strähnen in wenigstens vier Farben 
versehen war. Sie trug eine Jeans und eine eng anliegende 
ärmellose Jacke, die ihren schlanken und mädchenhaften Körper 
gut zur Geltung brachte. Ich zündete zwei filterlose 
Camelzigaretten an und reichte ihr eine. Es war, als ob sie 
plötzlich zur Besinnung käme, sie ergriff die Zigarette mit 
dankbarer Hand. Ich räusperte mich. 

»Ich heiße Anna Káradóttir und arbeite bei der Kripo. Mögen 

Sie mir sagen, wie Sie heißen und was Sie in diesem Haus 
machen?« 

Einen Augenblick schien es, als ob sie nicht recht zuhören 

würde, doch nach ein paar Zügen schien sie sich zu entspannen. 

»Ich heiße Alma und wohne im Haus nebenan. Ich arbeite in 

der Bücherei und hatte mir vorgenommen, auf einen Sprung bei 

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Jón vorbeizuschauen, ehe ich zur Arbeit fahre. Mein Mann ist 
Autoschlosser und auf der Arbeit. Er ist ein wenig älter als ich 
und wahnsinnig eifersüchtig, deshalb treffe ich meine Freunde, 
wenn er arbeitet.« 

Ich drückte die Zigarette aus und dachte darüber nach, ob sie 

ein wenig naiv sei oder ob sie vielleicht glaube, dass ich keinen 
Verstand besitze. 

»Sie und Jón hatten, wie sagt man, ein Verhältnis?« 

Sie nickte und richtete den Blick auf ihre Hände. Es befand 

sich Blut an ihnen. 

»Haben Sie Jón ermordet?« 

Sie starrte mich erschrocken und feindselig zugleich an. 

»Sind Sie verrückt? Ich hatte vor, ihn zu heiraten, sobald ich 

von Páll geschieden wäre. Er ist bloß so irrsinnig schwierig.« 

»Schlägt er Sie?« 

Sie antwortete nicht, doch ich sah es ihr an, dass es so war. Ich 

seufzte. Mittlerweile war unser Spurensicherungsteam 
erschienen. Jetzt ging es richtig los. Ich war froh darüber, wenn 
die folgenden Tage auch wohl nicht gerade erfreulich bei uns 
werden würden. 

»Warum sind Sie so blutig an den Händen?« 

Sie begann zu weinen. 

»Als ich ihn so sah, da dachte ich zuerst, dass er vielleicht gar 

nicht tot sei, doch er war es, und ich glaube, dass ich laut 
geschrien habe. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch dann 
kamen Sie.« 

Sie war im Begriff, aufs Neue zusammenzubrechen, und ich 

winkte unserer Krankenschwester herzukommen, sie würde sie 
wieder in einen vernehmbaren Zustand versetzen. 

Ich war bereits lange Zeit bei der Polizei beschäftigt, wovon 

ich die vergangenen Jahre gemeinsam mit Baldur in einer 
besonderen Abteilung, in der ich Chefin war, gearbeitet hatte. 

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Wir bekamen schwierige Fälle und oft umfangreiche 
Ermittlungsarbeiten aufgetragen. Bei uns hatten wir ein 
besonders gut geschultes Spurensicherungsteam, dem ich 
vollkommen vertraute. Es gab nur wenig, was den erfahrenen 
Augen seiner Mitarbeiter und der guten Technik entging. Im 
Team befand sich ebenfalls eine Krankenschwester, die 
besonders für den Umgang mit Opfern von Triebtätern 
ausgebildet und gleichermaßen eine Spezialistin in der 
Schockbehandlung war. Es erwies sich als sehr günstig, sie 
dabei zu haben, denn häufig hatten wir es mit Menschen zu tun, 
denen ein furchtbares Lebensschicksal irgendeiner Art 
zugestoßen war. 

Baldur kam zu mir. 

»Zum Teufel aber auch, ist das ein perverser Kerl!« 

Ich nickte. 

»Ich denke, dass mir eine solche Schweinerei noch nie zu 

Gesicht gekommen ist. Doch sollen wir das nicht lieber den 
anderen überlassen? Ich halte es jetzt für angebracht, jenen 
Nachbarn zu vernehmen, der in dieser Angelegenheit zum 
Hahnrei gemacht worden ist. Die gleiche alte Geschichte, stets 
sind es Dreiecksbeziehungen, die nicht aufgehen, ohne dass 
jemand verletzt wird.« 

»Ich glaube, das ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst.« 

Ich zuckte mit den Achseln. 

»Das wird sich noch herausstellen, doch wir müssen mit dem 

Automechaniker sprechen.« 

»Ich habe nach ihm schicken lassen, er wartet hoffentlich auf 

der Wache, wenn wir zurückkommen.« 

»Was hast du sonst noch erfahren, während ich mich mit der 

Frau unterhalten habe?« 

Er stöhnte. 

»Soweit ich es sehe, haben zur Zeit nur zwei Personen im 

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Haus gelebt. Dieser Gunnar wohnt im Dachgeschoss und kam 
gerade aus Ísafjörður zurück. Und dann hat dieser arme Jón im 
Erdgeschoss gewohnt.« 

»Was ist mit dem Keller?« 

»Im Keller haben junge Leute gewohnt, doch die sind vor 

einer Woche ausgezogen. Und die neuen Mieter werden erst im 
nächsten Monat erwartet.« 

»Wie gesagt, ein günstiger Zeitpunkt, um Jón umzubringen. 

Gunnar in Ísafjörður und der Keller unbewohnt. Offenbar war 
irgendein Bekannter am Werk.« 

 

Der Tag war bereits fortgeschritten. Ich war drauf und dran, 
mangels Nikotins und Koffeins einen Kollaps zu bekommen, als 
ich mich endlich mit einer Kaffeetasse hinausschleichen und 
eine Zigarette rauchen konnte. In Zeiten wie diesen war 
überhaupt nicht daran zu denken, zu essen oder sich auszuruhen. 
So viel hatten wir im Laufe der Zeit gelernt, dass jede Minute, 
die uns von der Tatzeit entfernt, die Aussichten vermindert, den 
Mörder zu finden. Ich hatte mir bislang noch kein Urteil 
gebildet, und insofern war noch vieles unerledigt. 

Wir hatten Leute hinausgeschickt, um die Anwohner der 

Straße zu verhören, doch es schien letzte Nacht niemand etwas 
Ungewöhnliches bemerkt zu haben. Die Nachricht vom Mord 
hatte sich verbreitet, bei den Medien lief jetzt alles auf 
Hochtouren. Zum Glück vermochten wir immer noch für uns zu 
behalten, wie die Leiche zugerichtet war, und das war ein großes 
Plus. 

Wir hatten Almas Ehemann, diesen Autoschlosser Páll, 

vernommen. Er war ein großer und stämmiger Kerl, der ernst 
aussah und sich ziemlich unkooperativ verhielt. Er fluchte viel, 
sagte, froh darüber zu sein, dass Jón tot sei, getötet aber habe er 
ihn nicht. 

»Ich kann Männer nun einmal nicht leiden, die meine Frau 

 209

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bumsen«, hatte er barsch gesagt, und es war klar, dass er Jón 
hasste. Doch die Frage war, hasste er ihn stark genug, um dieses 
grauenvolle Verbrechen zu begehen? 

Páll gab zu, von dem Verhältnis zwischen Alma und Jón 

gewusst zu haben; auch gab er zu, seine Frau geschlagen zu 
haben, er bestritt es aber entschieden, jemals Jóns Wohnung 
betreten, geschweige denn ihm etwas angetan zu haben. Wir 
brachten viel Zeit damit zu, entscheidende Fragen zu stellen, 
doch es kam nichts dabei heraus, was wir ihm wirklich hätten 
anhängen können. Páll besaß ein Alibi, denn er war auf der 
Arbeit gewesen, Alma war somit also unsere einzige Zeugin, 
zumindest glaubten wir das. 

Gunnar kam aufs Revier und schien sich etwas erholt zu 

haben. Gleichwohl spürte ich, dass ihn ein großes Schuldgefühl 
darüber plagte, sich zu einer Zeit in Isafjörður aufgehalten zu 
haben, während jemand gerade seinen Nachbarn zu Tode 
folterte. Er selbst hatte eine Freundin im Westen, die bestätigte, 
dass er dort gewesen und wann er von ihr losgefahren sei. Es 
war offensichtlich, dass Gunnar und Jón sich gut verstanden 
hatten. Jeder hatte bei dem anderen Kaffee getrunken, sie hatten 
sich zusammen Kinofilme angesehen und gemeinsam ein Bier 
getrunken, ganz wie es sich für gute Nachbarn ziemte. Das 
Einzige, was Gunnar nicht zu gefallen schien, war das 
Verhältnis zwischen Jón und Alma. Er meinte, dass es 
angefangen habe, als Alma einmal vor ihrem Mann geflüchtet 
war, halb bekleidet und mit einem blauen Auge, und bei Jón an 
die Tür geklopft hatte. Er hatte Mitleid mit ihr gehabt und das 
Bedürfnis, sie zu beschützen und diesem Gewalttäter zu 
entreißen, den sie dummerweise geheiratet hatte. Ich wusste aus 
eigener Erfahrung, dass Beziehungen auf die sonderbarste 
Weise beginnen und die Menschen ihre Gefühle nicht immer 
kontrollieren können. Doch dieser Mord war viel mehr als nur 
ein Mord. Es war die Grausamkeit, die ihn so besonders machte, 
und mir wurde ganz übel, wenn ich daran dachte, was 

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tatsächlich geschehen war. Es gab so viele Fragen, die mir im 
Kopf herumschwirrten. Wer vermochte den Mann zu fesseln 
und zu knebeln? Es gab keinerlei Anzeichen von 
Handgreiflichkeiten, keine zerbrochenen Möbel, nirgends gab es 
Hinweise auf eine Schlägerei. Der Mann musste sich doch 
gewehrt haben! Es legt sich niemand in sein Bett, um sich 
ordentlich fesseln und knebeln zu lassen und dann darauf zu 
warten, dass ihm die Augen ausgestochen und die Genitalien 
abgeschnitten würden. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, 
ich zündete mir eine weitere Zigarette an. 

Baldur kam zu mir. 

»Ich wusste, wo ich dich finden kann.« 

Ich grinste. 

»Draußen, um ungestört eine zu rauchen, da scheint der Kopf 

am klarsten.« 

»Ich habe den Haftbefehl für Páll erhalten. Damit haben wir 

ihn die nächsten vierundzwanzig Stunden. Somit tötet er in 
dieser Zeit seine Frau nicht.« 

Ich nickte. 

»Gut. Du machst weiter, ich muss für einen Augenblick weg.« 

Baldur tippte mich an. 

»Na, weiß meine Kollegin schon, wer der Mörder ist?« 

Ich seufzte nur. 

»Vielleicht, ich mache nur einen kurzen Besuch.« 

Mir war komisch zumute, als ich vom Polizeirevier losfuhr. 

Ich wusste, dass dieser Fall aufgrund seiner Abscheulichkeit 
einer der unvergesslichen würde. Wir waren an vieles gewöhnt, 
und ich hatte schon so manches gesehen. Morde waren zwar 
kein tägliches Brot in Island, aber dennoch zu zahlreich. Auch 
hatten wir die Leute oft fürchterlich verstümmelt zu Gesicht 
bekommen. Ich erinnerte mich an einen Mann, der versucht 
hatte, seine Frau anzuzünden, an Leichen, die lange Zeit gelegen 

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hatten und verwest waren, bevor sie gefunden worden waren, an 
einen Mann, den wir von der Straße abspachteln mussten, 
nachdem ein Trailer ihn überfahren hatte. Doch ich hatte noch 
nie etwas gesehen, das diesem gleichkam. 

 

Ich war in die Straße gekommen, wo der Mord verübt worden 
war, und etwas bedrückte mich. Vielleicht war es verrückt von 
mir, allein zu fahren, doch ich hatte diesen Entschluss nun 
einmal gefasst. Ich musste es so machen. Ich betrachtete das 
Haus, das jetzt mit einem gelben Band der Polizei abgesperrt 
war. Doch diesmal führte mein Weg nicht dorthin. Ich hielt das 
Auto an, stellte den Motor ab und stieg aus. 

Es herrschte herrliches Wetter, und ich dachte darüber nach, 

wie es möglich gewesen war, eine Tat wie die der 
vorausgegangenen Nacht auszuführen. Jetzt war alles so 
friedlich in dieser kleinen Straße, die Vögel sangen in den 
Bäumen, vereinzelte Blätter fielen herab. Der Herbst stand 
bevor, doch über allem lag eine unbeschreibliche Schönheit. 

Ich schaute mir das Haus an, das ich besuchen wollte. Ein 

kleines nettes, blau gestrichenes Wellblechhaus, mit einem 
schönen Garten rundherum. Man sah es ihm nicht an, dass sich 
darin das Böse verbarg. Ich ging an die Tür und läutete. Nach 
einer Weile öffnete Alma. Sie schien überhaupt nicht erstaunt 
darüber zu sein, mich zu sehen. Sie war totenblass, doch viel 
besonnener als bei unserem letzten Kontakt. Es war 
offensichtlich, dass sie gerade aus der Dusche kam. Das Haar 
war noch nass und stand in alle Richtungen, sie hatte sich andere 
Kleidung angezogen. Sie bat mich herein. 

Wir kamen in eine kleine holzvertäfelte Küche mit niedlichen 

Figuren im Fenster. Drinnen alles blitzblank, es war offenbar, 
dass Alma eine gute Hausfrau war. Wir nahmen beide am 
Küchentisch Platz, sie schob mir einen Aschenbecher und eine 
Kaffeetasse hin, doch mir war jetzt nicht nach Kaffee. Eine 

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lange Zeit über sagte keine von beiden ein Wort. Schließlich 
raffte ich mich auf. 

»Sie wussten, dass ich kommen würde.« 

Sie nickte. 

»Haben Sie ihn ermordet?« 

Wiederholt nickte sie, und ich fand, dass sie noch mehr 

erblasste. 

»Sie müssen ihn gehasst haben.« 

»Ich hasse mich.« 

»Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?« 

Sie schüttelte den Kopf. 

»Nein, es reicht für Sie, dass ich den Mord gestehe.« 

Einen Augenblick lang sah sie mich feindselig an, doch dann 

entspannte sie sich. 

»Ich hatte vor, Páll dafür im Gefängnis schmoren zu lassen, 

doch die Rechnung geht wohl nicht auf.« 

»Nein.« 

»Woher wussten Sie, dass ich es war?« 

»Außer einer Geliebten ist niemand imstande, einen Mann 

dazu zu bewegen, sich ans Bett festbinden und knebeln zu 
lassen. Falls Páll es getan hätte, so hätte es Spuren von einem 
Handgemenge geben müssen, von irgendetwas, doch es gab 
nichts. Das war die einzig denkbare Erklärung.« 

Alma schaute in die Luft. 

»Ich habe mich nur danach gesehnt, frei zu sein. Die beiden 

loszuwerden.« 

»Hatten Sie den Mord geplant?« 

Sie zuckte mit den Achseln. 

»Ja, ich hatte ihn bloß noch nicht ausgeführt. Allerdings hatte 

ich nicht vor, ihn zu quälen, aber das ist nun einmal geschehen.« 

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Mir ging es nicht gut. Vor meinem inneren Auge schwebte das 

Bild vom ersten Anblick. Der Kopf ohne Augen, die 
abgeschnittenen Genitalien und das Blut, das sich überall 
befand. 

Alma zündete sich eine weitere Zigarette an, ich sah, dass ihre 

Finger ein wenig zitterten. Es war unglaublich, dass diese 
feinen, wohlgepflegten Hände diese Tat begangen haben sollten. 

»Was ist mit der Mordwaffe?« 

Sie erhob sich, und ich folgte ihr ins Badezimmer, das 

ziemlich klein war. An der einen Wand hingen zwei Schränke, 
einer für sie und einer für ihn. Es befanden sich Bilder von 
Männern und Frauen an den Türen. Sie öffnete den Schrank, der 
für den Mann vorgesehen war, und wies mich auf ein Fach mit 
Handtüchern hin. 

»Ich hatte vor, euch dies bei Páll finden zu lassen. Er ist ein 

teuflisches Vieh und hätte es verdient, irgendwo zu verrotten.« 

Sie nahm ein Werkzeug mit einer scharfen Spitze heraus, von 

dem ich nicht wusste, wozu es dienen sollte. Sowohl an dem 
Gegenstand wie an dem Handtuch befand sich geronnenes Blut. 
Ich nahm beides entgegen und legte es in eine Plastiktüte. Alma 
kicherte. 

»Das wird verwendet, um Reifen zu schneiden, es ist 

ungemein scharf.« 

Mir hatte es die Sprache verschlagen. Die Frau musste schwer 

gestört sein, es war am besten für mich, sie baldmöglichst aufs 
Polizeirevier zu bringen. 

»Wie kam es, dass Sie Ihre Meinung geändert haben?« 

Sie zuckte mit den Achseln. 

»Ach, halt so. Es ist ganz unmöglich. Sie hätten doch niemals 

aufgehört, in meinem Fall zu ermitteln, ich habe das gespürt. 
Zum Teufel, es ist mir außerdem völlig gleich, ich werde die 
beiden auch so los.« 

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»Komm, wir gehen.« 

Wir gingen zusammen ins sonnige Wetter. Alma nahm 

schweigend in meinem Auto Platz und legte den Sicherheitsgurt 
an. Sie wirkte ziemlich entspannt, ich ging daher nicht davon 
aus, dass sie Widerstand leisten würde. Deshalb beschloss ich, 
ihr keine Handschellen anzulegen. Es war stets das Beste, wenn 
die Leute freiwillig mitkamen. Außerdem würde ihr ein solches 
Benehmen vor Gericht zugute kommen, was sie ja gebrauchen 
konnte, denn sie besaß nicht gerade viel zu ihrer Entlastung. 

Ich fuhr ab. Es herrschte wenig Verkehr, das Wetter war 

herrlich, und das, was man sehen konnte, war so unschuldig und 
unbedarft. Kinder beim Spiel, ein Herr auf einem Spaziergang 
mit seinem Hund, alte Frauen auf einer Bank sitzend, kichernde 
Jugendliche. Gewöhnlicher Alltag in Reykjavik, gerade das, von 
dem ich fand, dass es die Stadt so faszinierend machte. Doch 
was war mit mir und Alma? Es hatte nicht den Anschein, dass 
ich soeben eine rücksichtslose Mörderin aufs Polizeirevier 
brächte. 

Wir sahen eher nach zwei Freundinnen aus, die außer Haus 

gingen, um einzukaufen. Ich seufzte. Es war sicherlich nicht 
immer alles so, wie es den Anschein hatte. 

»Was geschieht mit mir?« 

Ich fuhr zusammen und sah Alma an. 

»Ich weiß es nicht. Vorerst begeben Sie sich zur 

Protokollaufnahme und kommen dann in Untersuchungshaft. 
Darauf, davon gehe ich jedenfalls aus, erfolgt die 
Haftfähigkeitsuntersuchung, und anschließend kommen Sie vor 
Gericht, falls Sie daraus heil herauskommen.« 

Sie lachte kalt. 

»Heil, wer ist schon heil?« 

»Ich weiß es nicht.« 

Ich war froh, als ich da war. Ich empfand es als bedrückend, 

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mit der Frau zusammen zu sein. In meinem Geist befand sich 
ein festes Bild der übel zugerichteten Leiche. Ein Bild, das man 
nur allmählich vergessen würde. Ich verstand es nicht. Schon 
wollte ich fragen, wie warst du nur dazu imstande, das zu tun, 
doch ich durfte es nicht. Es war nicht meine Sache zu urteilen, 
ich sollte den Fall lediglich aufklären, und nun endete meine 
Aufgabe bald. Das Team von der Spurensicherung würde 
weitere Untersuchungen in ihrer Wohnung vornehmen, ihre 
Aussage würde zu Protokoll genommen werden. Dieser 
Mordfall war zu einfach, als dass es möglich wäre ihn zu 
vermasseln. Außerdem wusste ich, dass sie die Wahrheit sagte. 
Sie war keine Mitwisserin. Sie hatte diesen Mord begangen. 

Als wir auf die Wache gingen, schien Alma noch immer ruhig 

und besonnen zu sein. Baldur kam mir entgegen, in seinem 
Gesicht stand eine Frage geschrieben. Ich nickte. 

»Sie hat gestanden.« 

Ich öffnete die Zellentür. Páll saß mit den Händen im Schoß 

auf dem Bett. Ich konnte nicht anders, als ihn zu bemitleiden. 
Dieser Rohling, der zweifellos vieles auf dem Gewissen hatte, 
war trotzdem bemitleidenswert. Er blickte mich an, doch der 
Gesichtsausdruck sagte nichts. 

»Sie können gehen.« 

»Wo ist Alma?« 

Ich sah ihm an, dass er es die ganze Zeit gewusst hatte. 

»Warum haben Sie mir heute nichts gesagt?« 

»Sie haben mir nicht die richtigen Fragen gestellt. Sie haben 

gefragt, ob ich den Mann ermordet hätte, nicht, ob ich wüsste, 
wer es getan hat. Sie haben gefragt, ob ich heute Nacht zu Hause 
gewesen sei, Sie haben mich nicht nach ihr befragt.« 

Ich stöhnte. 

»Sie hat gestanden.« 

»Meine arme Alma.« 

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Er ging an mir vorbei, und ich starrte ihm nach, während er die 

Polizeistation verließ. Ich verstand ihn nicht. Ich spürte, dass die 
Erschöpfung mich erfasste, die überwältigende Müdigkeit, wenn 
etwas Übles passiert ist und nichts es zu ändern vermag. Dieser 
Fall war zwar abgeschlossen, doch mir ging es dennoch 
schlecht. Ich verstand die Grausamkeit nicht, verstand nicht, wie 
das Böse die Oberhand im Leben der Menschen gewinnen 
konnte. Verstand nicht, warum die Welt so grausam war. Es gab 
so vieles, was ich in dieser Welt nicht verstehen konnte und 
auch nie verstehen würde. 

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Die Frau, die unsichtbar wurde 

Unni Nielsen 

Während die Dunkelheit aufsteigt, merkt sie, dass es ihr kalt den 
Rücken herunterläuft, trotz der Hitze. Die Dunkelheit kommt 
hier viel zu schnell. Und die Nacht ist viel zu schwarz. 
Undurchdringlich steht die Nacht hinter dem Lichtkegel, stumm, 
bedrohlich, wie ein ruhendes Raubtier. Sie hat es nie geschafft, 
sich daran zu gewöhnen. Sie stammt aus einem Land mit 
blonden Nächten, in dem die Dämmerung langsam kommt. 
Anne hält das Glas fester. Es werden jetzt immer ein paar Gläser 
zu viel. 

Um diese Zeit sind fast keine Leute in der Bar. All jene, die 

hier vor Mittag reinschauten, sind schon nach Hause gegangen. 
Die anderen, die die ganze Nacht zusammensitzen mit ihrem 
Kartenspiel und den Würfeln, strömen erst später langsam ein. 
Die Nachtmenschen, die irgendwo auf die Dunkelheit warten. 
Bald werden sie kommen und Anne mit ihren Stimmen und 
Bewegungen umschlingen. 

 

Sie sitzt ganz hinten in der Ecke. Dort sitzt sie immer, möglichst 
weit weg vom Grammofon. Es ist vielleicht die letzte Bar auf 
der ganzen Welt mit einem Kurbelgrammofon. Alles braucht 
seine Zeit in Afrika, alles bleibt noch lange erhalten, selbst wenn 
es andernorts längst vorbei ist. Sie wünschte, das Grammofon 
würde aufhören, diese idiotische Musik auszuspucken. Doch das 
tut es nicht. Yeboa hinter der Bar stellt es selbst an, wenn 
niemand anderes es tut. 

»Stay with me till morning comes.« 

 

 

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Der Mann auf dem Barhocker wirkt angespannt. Seine Finger 
sind dauernd in Bewegung. Jetzt fragt er, ob Yeboa erklären 
könne, wie die Musik in den Grammofonkasten gekommen sei. 

Yeboa lächelt. »Es ist wohl eine Kraft, die kommt. Vielleicht 

liegt sie in meinen Händen, und wenn ich kurble, kommt die 
Musik raus.« 

Der Mann auf dem Barhocker hat unwahrscheinlich helle 

Augen, blau, fast farblos. Wenn ein Kind mit solchen Augen in 
den Dörfern geboren würde, denkt Yeboa, hätte es sicher nicht 
leben dürfen. Die Menschen hätten Angst vor ihm gehabt. Der 
Mann mit den hellen Augen ist der Chef der Wachmannschaft 
der Holzgesellschaft. Einmal schlug er einen Einbrecher nieder, 
ohne auch nur die Hände zu ballen. Die Leute erzählen, er sei 
Söldner in Ostafrika gewesen. 

Anne dreht und dreht das Glas in ihren Händen. Der Mann auf 

dem Barhocker hat sich zu ihr umgedreht. Ihr läuft es wieder 
kalt den Rücken herunter. Etwas ist mit seinen Augen. Sie 
schaut auf ihr Glas, versucht, jeden Kontakt zu vermeiden. Der 
Mann passt hier nicht her, das wird es sein. Aber sie kamen aus 
demselben Land, ewig lange ist es her, ein Land, in dem die 
Dunkelheit weniger angsteinflößend ist als hier. Da sie um jeden 
Preis nicht an das Land erinnert werden möchte, hat sie 
versucht, ihm aus dem Weg zu gehen, aber man kann nirgendwo 
anders hingehen als hierher. Warum kommen nicht bald mehr 
Leute? Anne sieht auf die Uhr. Es dauert noch viele Stunden, bis 
sie zurück ins leere Haus gehen kann. Draußen wartet der 
Chauffeur, schlafend, im Landrover. Sie kann sich also so 
betrinken wie sie möchte. Der Chauffeur wird sie einsammeln 
und nach Hause verfrachten, heute Abend wie an allen anderen 
Abenden. Bald, nach noch einigen Drinks, wird die Schwere 
leichter werden, die die Dunkelheit zu etwas Dichtem, 
Lähmendem um ihren Körper presst. Dann kann sie heim in das 
leere Haus gehen. In zwei Tagen kommt Jón aus dem 
Landesinneren zurück. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringt 

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sie damit zu warten, dass Jón nach Hause kommt. Bevor die 
Kinder zurück nach Europa reisen mussten, um eine Ausbildung 
zu machen, war es leichter. Jetzt kann sie auch mit ihnen nicht 
mehr richtig reden. Selbst musste sie nie eine Ausbildung 
machen. Sie winkt nach Yeboa. Er kommt mit einem doppelten 
Whiskey, bleibt an ihrem Tisch stehen. 

Der Mann auf dem Barhocker wird langsam betrunken. Er 

wirkt heute nicht ganz wie sonst, und das macht ihr Sorgen, sitzt 
wie eine kleine, murrende Unruhe im Zwerchfell. Sie macht sich 
um zu vieles Sorgen, ja das tut sie. Vielleicht langweilt auch er 
sich nur. Sie nimmt noch einen Schluck Whiskey. 

»Worauf wartest du, Yeboa?« 

Er tut so, als ob er sie nicht verstünde. 

»Ich warte auf den Regen, Ma’am. Alle auf dem Land warten 

jetzt auf den Regen.« 

»Das habe ich nicht gemeint, das verstehst du doch wohl?« 

»Selbstverständlich, Ma’am. Sie haben vergessen zu bezahlen. 

Ich dachte nicht, dass ich Sie daran erinnern müsste.« 

Immer dieses ›Ma’am‹, jetzt etwas deutlicher, um einen 

Abstand zu markieren. Sie will es nicht, aber dennoch hat sie 
plötzlich Tränen in den Augen. Yeboa macht einen kleinen 
bedauernden Schnalzlaut mit der Zunge, genervt, aber 
gleichzeitig doch sanft. 

»Wenn Sie warten möchten«, sagt er leise, »heute ist 

Freitagabend, da wird es spät, bis ich hier fertig werde. Aber Sie 
können danach bei mir schlafen. Versuchen Sie es nicht bei dem 
mit den weißen Augen. Und trinken Sie jetzt nicht mehr 
Whiskey, das ist nicht gut für Sie.« 

»Er hat einen Namen.« 

»Wer, Ma’am?« 

»Er mit den hellen Augen. Er heißt Jørgen.« 

»Jørgen?« Yeboa probiert das merkwürdige Wort, lacht 

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freundlich, dreht sich um und geht. 

Anne sitzt ganz still, verblasst langsam, bis sie fast eins mit 

der Wand wird. Vierzig Jahre Übung hat sie im Stillsitzen und 
langsamen Verblassen, bis sie eins mit der Wand wird. Eines 
schönen Tages wird es geschehen, sie wird in ihr verschwinden, 
und nach einer langen Zeit würde der eine oder andere daran 
denken, dass sie dort gesessen hatte und sich fragen, was aus ihr 
geworden war. 

Anne lacht plötzlich laut, mitten in die Stille hinein. Die zwei 

an der Bar, Jørgen und Yeboa, sehen erschrocken zu ihr hin. Sie 
fühlt sich erleichtert. Eigentlich ist es ganz leicht. Genau dafür 
bezahlt sie Yeboa manchmal, um sichtbar zu werden, sich 
lebendig zu fühlen, wenn auch nur für ein kleines Stückchen 
Zeit, bis sie wieder verschwindet. Es saust schwach in ihrem 
Kopf. Die Schwere beginnt leichter zu werden. 

 

Die beiden haben zusammen an der Bar gestanden und leise 
miteinander gesprochen. Anne hat gedankenverloren dagesessen 
und vergessen, wo sie war, vergessen, dass sie überhaupt 
anwesend waren. Das Grammofon blieb still, Gott sei Dank. Das 
leise Gemurmel der Stimmen hat die Unruhe im Zwerchfell 
gedämpft, menschliche Stimmen, etwas zu leise, etwas zu 
undeutlich, als dass sie die Worte hätte verstehen können. Jetzt 
sehen sie sie an, die Gesichter sind merkwürdig glatt, wie 
Masken. Vielleicht ist es der Whiskey, sie kann sie irgendwie 
nicht ganz deutlich sehen. Jetzt geht Yeboa um die Bar und setzt 
die Musik wieder in Gang: »Stay with me till morning comes.« 

 

»Zum Teufel«, sagt Jørgen, während sich der Raum mit 
Geräuschen füllt. »Ich hatte vergessen, dass sie dort sitzt. Sie 
kann jedes Wort gehört haben, das wir gesagt haben. Was 
machen wir jetzt?« 

Yeboa winkt ab und gibt ein paar bedauernde Klicklaute mit 

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der Zunge von sich. 

Es ist wohl nicht notwendig zu antworten. Jørgen muss doch 

wissen, was zu tun ist, oder? 

 

Ihre Schultern sind etwas nach vorn gebeugt, und sie starrt auf 
die Tischplatte. Deshalb bemerkt sie Jørgen nicht, als er den 
Boden überquert. Sie bemerkt überhaupt nichts. Der Schlag 
gegen ihren Hals ist nicht mal besonders kräftig. Das ist auch 
nicht notwendig. Er hat es schon viele Male zuvor gemacht, 
weiß genau, wie es gemacht werden muss. Durch ihren Körper 
gehen einige Zuckungen, bevor sie wie eine Schlenkerpuppe 
zusammenfällt. 

»Ich muss dein Auto nehmen«, sagt Jørgen, »die Waffenkisten 

liegen ja schon im Pajero.« 

Yeboa zuckt mit den Schultern. Jeden Moment können jetzt 

Leute kommen. 

Eben war es noch ein lebloser Körper, jetzt ist es nur noch ein 

leerer Stuhl. Die Frau, die hier sitzen sollte, bis er Feierabend 
hätte, existiert nicht länger, ist nur eine Schlenkerpuppe, mit 
einem Kopf, der in einem merkwürdigen Winkel hin und her 
schwang, als Jørgen sie hochhob. Yeboa hört draußen Stimmen 
und beeilt sich, wieder hinter die Bar zu kommen. Alles ist wie 
sonst, bis auf den leeren Stuhl. Ihn wird man nicht verdächtigen. 
Das Einzige, das er jetzt tun muss, ist warten. Jørgen wird mit 
seinem Landrover zurückkommen, sich in den Pajero setzen und 
die Waffenkisten zum Treffpunkt fahren. Er wird sich nur ein 
wenig verspäten. Das wird nichts ausmachen. In diesem Land 
kann »twelve o’clock sharp« alles zwischen Mitternacht und 
Sonnenaufgang bedeuten. Er muss nicht weiter darüber 
nachdenken. Es ist nicht seine Schuld, dass Leute hierher 
kommen und zu viel reden. Er war es ja nicht, der zugeschlagen 
hat. Er will nichts anderes als hinter der Bar stehen und sich um 
seine Angelegenheiten kümmern. 

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Doktor Peabody ist immer zuerst an der Bar. Genau um neun 
Uhr nimmt er den ersten Gin und Bitter zu sich. Nicht vorher, 
aber auch nicht einen Augenblick später. Vier Tage später auf 
dem Polizeirevier wird er ganz überzeugt sagen, dass es neun 
Uhr war. Ob Frau Hansen auch dort saß? Das glaube er schon. 
Das tue sie doch immer. Nein, er könne nicht sagen, dass er 
bemerkt habe, wann sie gegangen sei. Sie muss sich verlaufen 
haben, auf den Steg gekommen sein, gestolpert und in den Fluss 
gefallen, die Ärmste. Es ist ja in diesem Land so dunkel in der 
Nacht. Ach ja, es sei ja nicht so, dass er etwas Schlechtes über 
einen Menschen sagen wolle, jeder habe mit dem Seinen zu tun, 
das sei immer seine Meinung gewesen. Aber es sei ja nun nicht 
gerade ein Geheimnis, dass sie … tja … etwas zu tief ins Glas 
schaute? 

 

»Alle Menschen haben sie ja gesehen«, sagte Yeboa mild. »Ja, 
ich habe ihr Drinks serviert, Whiskey, das war es, was sie 
trank.« Ob sie besonders betrunken an dem Abend gewesen sei? 
Das glaube er nicht. »Sie muss ja noch aufrecht gegangen sein, 
da sie sich doch verlaufen hat, meine ich. Sie verstehen, 
manchmal muss ich ihren Chauffeur bitten, reinzukommen und 
sie zu holen, um es mal zu sagen, wie es ist. So ein Abend war 
es nicht. 

Übrigens, warum fragen Sie nicht die anderen? Die Bar war ja 

voll von Leuten. Ich hatte viel zu tun. Es ist nicht so leicht, alles 
mitzubekommen.« 

»Ich habe bereits die anderen befragt«, sagt der Polizeibeamte. 

»Sie erinnern sich nicht. Sie haben nicht bemerkt, wann sie ging. 
Es gibt nicht mal einen, der ganz sicher sagen kann, ob sie 
genau an diesem Abend überhaupt da war. Und gestern und 
vorgestern, sie wussten nicht mal, dass sie weg war. Alle 
glaubten, dass sie da war, weil sie doch immer da ist, sagen sie. 

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Sie sind ganz erschrocken, wenn ich ihnen erzähle, dass sie 
letzten Freitag gestorben ist.« 

»Aber ihr Chauffeur?«, fragt Yeboa. 

»Ja, der erinnert sich in der Tat, dass er sie am Freitag zum 

Club gefahren hat«, antwortet der Polizeibeamte trocken. »Aber 
nicht, sie nach Hause gefahren zu haben. Er hat ein Nickerchen 
gemacht, während er wartete, sagt er, und als er aufwachte, war 
sie weg.« 

»Das machen sie immer.« 

»Was denn?« 

»Ein Nickerchen, solange sie warten, die Chauffeure, draußen 

in der Auffahrt.« 

»Ja klar. Der Chauffeur glaubt, sie sei mit einem anderen nach 

Hause gegangen. Ja, das sei auch schon früher passiert, leider, 
dass sie ein paar Tage weggeblieben sei, der Mann sei ja so viel 
auf Reisen. Ich sage immer, wenn alle Menschen eine gute, 
altmodische Moral wie früher hätten. Na ja, das ist doch ein 
Beispiel, wie es gehen kann.« 

Yeboa runzelt die Stirn. »Sie war ja ganz allein im leeren 

Haus«, sagt er mitfühlend. »Es kann nicht gut sein für einen 
Menschen, so viel allein zu sein. Ich verstehe die Leute aus 
Europa nicht, Sir, sie kümmern sich überhaupt nicht 
umeinander. Das ist keine schöne Geschichte, ganz Ihrer 
Meinung. Aber gibt es da mehr zu sagen?« 

»Es gibt zu viele Dinge, die nicht stimmen«, antwortet der 

Polizeibeamte geduldig. »Zuerst einmal ist sie nicht ertrunken, 
sie brach sich das Genick und war tot, bevor sie ins Wasser 
gefallen ist. Und dann hatte sie an dem Tag eine Menge Geld 
abgehoben. Als wir sie fanden, war nur ein bisschen Kleingeld 
in ihrer Tasche. Sie hielt immer noch die Tasche fest, als wir sie 
fanden.« 

»Das machte sie immer, das war eine Angewohnheit von ihr.« 

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»Was denn?« 

»Sie saß immer da und klammerte sich an ihre Handtasche.« 

Yeboa kann sie plötzlich wieder sehen, nicht den toten Körper, 
sondern sie, wie sie sich an ihre Handtasche klammert. Ganz 
deutlich sieht er sie. Das hat er eigentlich zuvor nie richtig getan 
»Und dann ist da noch der Ring«, sagt der Polizeibeamte. 

»Der Ring?« 

»Er war ziemlich wertvoll, Gold mit Diamanten, er tauchte im 

Pfandhaus unten in der Stadt auf. Ihr Mann hat ihn 
wiedererkannt.« 

Yeboa erinnert sich auch an den Ring, es kam vor, dass sie ihn 

drehte und wendete. Es ist ganz merkwürdig, wie deutlich er den 
Ring sehen kann. Yeboa versteht nicht, woher die Wut kommt. 
Sie kommt ganz plötzlich, steigt und steigt, rauscht in den 
Ohren, stärker und stärker, drängt. Er umgreift die Kanten der 
Bar mit aller Kraft. Die Wut ist jetzt Schmerz, reiner, weißer, 
stechender Schmerz genau unter der Stirnhaut. Sie drängt und 
will raus. 

»Ich verstehe nicht, dass er das Geld und den Ring nehmen 

musste«, sagt Yeboa. »Aber das sage ich ja, wenn ein Kind mit 
solchen Augen in den Dörfern geboren wäre, hätten sie es 
niemals leben lassen.« 

»Was um alles in der Welt redest du da?«, fragt der 

Polizeibeamte. 

»Er hätte nicht das Geld und ihren Ring nehmen sollen. Es 

reicht doch, dass er sie erschlagen hat?« 

»Grundgütiger, von wem sprichst du? Sein Name, kennst du 

ihn?« 

»O ja!«, bricht es aus Yeboa raus. »Sie hat ihn mir gesagt, Sir. 

Er hat einen Namen, sagte sie. Jørgen heißt er. Er ist der Chef 
der Wachmannschaft der Holzgesellschaft. Er hat viel an dem 
Abend geredet. Und dann war es so, als ob sie verschwunden 

 225

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sei, Sir, für eine ganze Weile. Wir bemerkten sie erst wieder, als 
sie anfing, in ihrer Ecke zu lachen. Ich hatte nicht vor, das 
jemandem zu erzählen. Ich habe genug mit meinen Sachen zu 
tun, Sir. Aber er hätte nicht das Geld und den Ring nehmen 
sollen. Sie nahmen alles, Sir. Sie nahmen unsere Bäume, sogar 
den Namen von dem Dorf haben sie genommen. Leute, die 
Namen und Bäume stehlen und das, was die Toten mit sich 
nehmen sollen, was sind das nur für Menschen, können Sie mir 
das sagen, Sir? Ich erinnere mich gut an den Ring. Ich bin mir 
sicher, sie hätte ihn gern behalten. Das ist alles, Sir. Jetzt habe 
ich nichts mehr zu sagen.« 

Yeboa wendet sich vom Polizeibeamten ab, streicht mit den 

Händen fast liebevoll über den Grammofonkasten und kurbelt: 
»Stay with me till morning comes.« 

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Das Letzte, was sie taten 

Veums erster Fall 

Gunnar Staalesen 

Manche Fälle löst man an einem Tag. Für andere braucht man 
fünfundzwanzig Jahre. Mein allererster Fall gehörte zu 
Letzteren. Es war das Jahr, in dem Saigon kapitulierte und es in 
Norwegen verboten wurde, Reklame für Alkohol und 
Tabakwaren zu machen. Die UNO hatte das Jahr zum 
internationalen Jahr der Frau erklärt, und es gab wenige Männer, 
die sich ohne Gesundheitsschuhe und Samthosen auf die Straße 
trauten. The Marlborough Man

 

war am Ende, in jeglicher 

Hinsicht. 

Ich hatte alles, was ein Privatdetektiv brauchte, der etwas auf 

sich hielt. Ich war dreiunddreißig, glatt rasiert, einsachtzig groß 
und achtundsechzig Kilo schwer. Mein Haar war dunkelblond 
und gerade so lang, dass ich ein paar potenzielle Kunden damit 
abschreckte. Ich ging zwei- bis dreimal die Woche joggen, und 
meine Kondition ließ nichts zu wünschen übrig. Ich war gesund 
und munter und bereit für neue Aufgaben. Das Problem war nur, 
dass niemand von mir wusste. Es war ein wechselhaftes Jahr 
gewesen, sogar für meine Verhältnisse. Meine Karriere beim 
Jugendamt hatte ein abruptes Ende genommen. Im Mai hatte ich 
einen Dealer fast totgeprügelt, nachdem ich ihn im Bett mit 
einer meiner jüngsten Klientinnen gefunden hatte. Im Juni 
wurde ich vor meinen Abteilungsleiter Johnsen zitiert, der mir 
mit trauriger Mine vorgeschlagen hatte, ich solle doch eine 
Beurlaubung beantragen. »Ich glaube, du brauchst das, Varg«, 

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hatte er gesagt. 

»Einen richtig schönen, langen Urlaub …« Nachdem ich ein 

paar Tage nachgedacht hatte, reichte ich meine Kündigung ein. 
Niemand protestierte. So ist das, wenn man in seinem Beruf 
hohen Respekt genießt. 

Im Laufe des Sommers bekam ich Büroräume im Strandkaien 

angeboten. Ich hatte dem Hausbesitzer einmal einen so großen 
Dienst erwiesen, dass er sich immer noch an meinen Namen 
erinnerte. Wenn ich den Job als Hausmeister hätte haben wollen, 
hätte ich ihn gleich dazubekommen, aber ich lehnte dankend ab. 
Ich hatte andere Pläne für mein Leben. 

In den letzten Julitagen renovierte ich das Büro. Im August 

meldete ich die Firma als Einmannunternehmen an und setzte 
eine kleine Annonce in die billigste der vier Tageszeitungen der 
Stadt. Den Telefonbucheintrag schaffte ich erst im Jahr darauf, 
und die Annonce hatten nur wenige registriert. Dass es still war 
im Büro, war also nicht verwunderlich. 

Ich verbrachte meine Zeit damit, über das Leben 

nachzudenken, und ich hatte genug zu grübeln. Es war nicht 
einmal eine Woche her, dass ich meine Mutter beerdigt hatte. 
Noch stärker als vorher hatte ich das Gefühl, mich auf einer 
einsamen Insel zu befinden, von allem und allen verlassen, ohne 
dass mich jemand gefragt hatte, welche drei Lieblingsbücher ich 
mitnehmen wollte. Und damit nicht genug. Es war schon ein 
Jahr her, seit meine Ehe mit Beate geschieden wurde. Sie hatte 
einen neuen Mann gefunden, und Thomas hatte einen Stiefvater 
bekommen. Ich selbst hatte auf ein neues, verlockendes Leben 
draußen unter den Wölfinnen gehofft, aber bis jetzt schnappte 
noch niemand gierig nach meinen Hosenbeinen, abgesehen von 
mindestens einem Kreditor. 

Es war nicht zu verleugnen: Ich befand mich in einer Art 

emotionalem Niemandsland, mitten zwischen den 
Schützengräben, ohne dass jemand auf mich zielte. Immerhin 

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war ja die Sicht auch schlecht, in diesem dunkelsten aller 
September. Noch wussten wir es nicht, aber die 
Pessimistischsten unter uns ahnten es schon: Am Ende des 
Monats wartete der damalige Niederschlagsrekord. Über längere 
Zeiträume klatschte der Regen so heftig gegen meine 
Fensterscheiben, dass ich eher das Gefühl hatte, ich befände 
mich in einem U-Boot als im dritten Stock über dem 
Strandkaien. Wenn es so weiterginge, würden den 
Markthändlern noch Kiemen wachsen. Mein allererster Klient 
sah denn auch aus, als suche er eher Schutz vor dem Regen als 
einen Privatdetektiv. Es platschte draußen im Wartezimmer. Ich 
hörte, wie er sich kräftig räusperte, bevor er hart an den 
Türrahmen klopfte und den Kopf durch die Öffnung steckte. Ein 
Ertrunkener hätte kaum lustiger aussehen können. Er war 
barhäuptig durch den Regen gegangen, trug einen 
verschlissenen Mantel und weite graue Hosen, die ihre besseren 
Tage damals auf dem Ständer bei der Heilsarmee gesehen 
hatten, wo er sie für einen Heiermann gekauft hatte. Das dunkle 
Haar klebte an seiner Kopfhaut, und er starrte mich mürrisch an, 
als sei das Wetter meine Schuld. »V. Veum, sind Sie das?« 

»So steht es auf dem Schild«, sagte ich, ohne große 

Hoffnungen in das Gespräch zu setzen. 

»Und Sie – finden Sachen raus und so?« 

»So sollte es sein, ja.« 

»Dann müssen Se mir erst mal erzählen … Sind Sie schon mal 

um hunderttausend beschissen worden?« 

»Ich habe niemals auch nur annähernd hunderttausend 

besessen.« 

»Na, seien Se froh. Is die reinste Hölle.« 

»Aber Sie – hatten also das Vergnügen?« 

»Ja, aber hat nich lang gedauert. Weder das Vergnügen noch 

die Hunderttausend. Wir haben gefeiert, und weg war er, der 
Olai und das ganze Vermögen.« Er kniff ein Auge zu und starrte 

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mich mit dem anderen an, als wolle er mich schärfer stellen. 
»Ob Se den wohl finden können? Den Olai?« 

»Vielleicht sollten wir noch mal am Anfang anfangen?« Ich 

nickte zum Klientenstuhl, den er somit die Ehre hatte, 
einzuweihen. 

»Wollen Sie sich nicht setzen?« 

Er betrachtete den Stuhl misstrauisch, schielte dann zu mir 

herüber und streckte seine Hand aus. »William Larsen, aber se 
nennen mich bloß das Auge, hab nie begriffen, wieso.« 

»Ach nein? Aber nehmen Sie doch Platz. Eine Tasse Kaffee?« 

»Das wär gut!« 

Ich stand auf, füllte den Wasserkocher und stöpselte dann den 

Stecker ein. »Ich werde Ihnen einen richtigen Kaffee machen, 
zur Feier des Tages.« 

»Feier?« 

»Ja, aber vergessen Sie’s. Fangen Sie lieber an zu erzählen.« 

»Ich kenn ihn schon, seit wir zur See gefahren sind. In den 

Osten, Australien, die Staaten – you name it.« 

»Ich bin auch mal zur See gefahren.« 

»Nee, echt?« 

»Wie heißt dieser Olai weiter?« 

»Risøy, Olai Risøy.« 

Ich notierte; wenn vielleicht auch nur, um Eindruck zu 

machen. 

»Dann sind wir beide an Land gegangen. Das heißt, der Olai 

ist irgendwie immer noch auf See, als Maschinist auf der Askøy-
Fähre. Wenn er frei hat, nimmt er Handwerksjobs an. Gießt 
Estriche, macht Tischlerarbeiten … Is vielseitig, der Olai.« 

»Und Sie selbst?« 

»Ich such mir eher zufällige Jobs, am Kai und so, wissen Se. 

Frag mich langsam, ob ich nich wieder rausfahren soll. Aber 

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okay. Jetzt geht’s los. Der Olai und ich, wir spielen seit Jahren 
Lotto zusammen. Jede Woche füllen wir unsere Scheine aus, 
nach einem System, das wir selbst entwickelt haben. Wir treffen 
uns jeden Montag. Kippen ein paar Halbe und füllen zusammen 
die Lottoscheine aus. Im Børsen, hier um die Ecke.« 

»Aha.« Er brauchte mir nicht zu erzählen, wo das Børsen war. 

Ich hatte da eine Dauerkarte. 

»Und jetzt, letzten Samstag, ham wir voll ins Schwarze 

getroffen.« 

»Zwölf Richtige?« 

»Zwölf Richtige mit Sahnehäubchen, kann ich Ihn’ sagen! Der 

einzige Zwölfer.« 

»Also ein guter Gewinn, was?« 

»Aber hallo! Zweihunderttausend! Wie viele 

Jahreseinkommen sind das?« 

»Tja, fragen Sie mich nicht, dafür brauch ich einen 

Rechenschieber.« 

»Und die Hälfte davon war meins. Klar, dass wir gefeiert ham, 

oder?« 

»Klar, hätte ich auch gemacht.« 

»Wir ham echt nix ausgelassen.« 

»Aha?« 

»Sie kennen doch sicher das Lied von Jakob Sande. Wir ham 

es oft auf See gesungen, wenn wir inner Bar warn. – Zwei 
Bauern, so erzähl’n sich die Leut …« 

»… waren nie nüchtern, gestern wie heut. Hab ich schon mal 

gehört, ja.« 

»Und bei uns kam morgen und übermorgen auch noch dazu. 

Und den dritten kann ich voll unterschreiben: Sie wussten nicht 
mehr, was geschehen war.« 

 

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»Aber es heißt im Lied auch: dann gingen sie in den Fjord 

baden.« 

Wieder starrte er mich an, das eine Auge geschlossen. »Sie 

könn’ Ihre Klassiker, Veum. Und der Sande, der war gar nich so 
blöd, als er geschrieben hat: Und das war das Letzte, was sie 
taten.« 

»Vielleicht sollten wir die Literatur mal wieder verlassen und 

uns der Wirklichkeit zuwenden … Was ist passiert?« 

»Fragen Se mich lieber, was nich passiert is! Was passiert is, 

das sollen Sie ja grade für mich rausfinden. Aber was nich 
passiert is, is Folgendes. Wir haben uns jede Woche 
abgewechselt mit dem Scheine unterschreiben, und diese Woche 
gingen sie auf seinen Namen. Das Geld sollte von Norsk 
Tipping in Hamar auf sein Konto überwiesen werden, und dann 
wollten wir zusammen zur Bank und die Hälfte an mich 
überweisen. – Hunderttausend, Veum! Stellen Se sich mal vor! 
Ich hab mich gefühlt wie ’n reicher Mann!« 

»Das würde ich …« 

»Aber dann is er halt verschwunden – hat sich einfach in Luft 

aufgelöst.« 

Ich beugte mich nach vorn. »Ach, wirklich? Erzählen Sie!« 

Er sah mich düster an. »Da is nicht viel mehr zu erzählen. Den 

einen Tag war er noch da. Den andern Tag war er 
verschwunden. Ich fand es schon irgendwie komisch, dass ich 
nix von ihm gehört hab. Und nach ein paar Tagen bin ich dann 
zu ihm rausgefahren. Kleine Dachwohnung im Trangesmauet, 
draußen in Verftet.« 

»Ich weiß, wo das ist.« 

»Aber da war er nich. Der Vermieter hatte ihn seit ein paar 

Tagen nich mehr gehört, hat er gesagt. Dann hab ich seine 
Schwester angerufen. Ja, nich, dass ich se schon mal getroffen 
hätte, aber er hat oft von ihr geredet – eben dass er nich fein 

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genug war für sie und den Kerl, mit dem sie verheiratet is, 
obwohl der auch nich mehr war als ’n ganz gewöhnlicher 
Bankangestellter. – Nee, Olai, hat se gesagt, als würd ich sie 
nach ’nem entfernten Verwandten fragen. Den hätt se seit 
Weihnachten nich mehr gesehn, da hätten se alle zusammen 
gegessen. – Aber ich hab nich aufgegeben. Ich bin in den 
Tabakladen, wo wir immer unsere Lottoscheine abgeben, aber 
da war er auch nich gewesen, ham se da gesagt. Der hat große 
Augen gemacht, sag ich Ihnen, der Mann, der den Laden führt. – 
Was sagst du? Habt ihr gewonnen? Wie viel denn? – Und dann 
is mir das mit der Kontaktannonce eingefallen.« 

»Kontaktannonce?« 

»Ja, Sie wissen schon. Als Olai vierzig wurde, das is erst paa 

Wochen her, da meinte er, nu wär’s mal Zeit, selber aktiv zu 
werden. Also is er zur Zeitung und hat ne Annonce aufgegeben 
… Ja, ich hab se sogar ausgeschnitten.« 

»Warum das denn?« 

»Man weiß ja nie. War vielleicht gut, se zu haben, wenn ich 

mal selber so was versuchen wollte. Ich mein … Ich könnte 
schon auch gut ne Frau brauchen.« 

»Mmh«, stimmte ich ihm zu, ohne persönlich zu werden. 

Er steckte die Hand in die Innentasche seiner Jacke und holte 

eine alte, schlappe Brieftasche hervor. Mit zitternden Fingern 
zog er einen kleinen Zeitungsausschnitt heraus und reichte ihn 
mir über den Schreibtisch. »Und geschämt hat er sich auch nich. 
Hat es jedem Idioten erzählt, der es hören wollte. Kein Mensch 
im Børsen, der nix davon wusste, jedenfalls.« 

Ich sah mir die Annonce an. »Aber hat er Antwort 

bekommen?« 

»Tja, das steht in der Geschichte nich drin.« Er sah düster auf 

den kleinen Papierschnipsel in meinen Fingern. 

Der Text war nicht lang. 

 233

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S

CHLUSS MIT DER 

E

INSAMKEIT

? Ferien im Süden? Mann in den 

besten Jahren sucht weibl. Bekanntsch. 25-45. Reisefreudig und 
mit Lust auf alles, was das Leben zu bieten hat! 

Chiffre Nr. 18910 

 

»Wahrscheinlich hat er genau das getan«, sagte ich. »In den 
Süden reisen.« 

William Larsen stand abrupt von seinem Stuhl auf und schlug 

so heftig mit der Faust auf meinen Schreibtisch, dass sowohl ich 
als auch das Telefon einen Satz machten. »Das sag ich Ihn 
Veum, wenn der mit meinem Gewinn abgehauen is … Dann 
bring ich ihn um!« 

Veums erster Fall, dachte ich selbstironisch, als ich den 
Regenschirm aufspannte, meinen Mantel zuknöpfte und leicht 
vornübergebeugt in die Stadt hineinging. Ich fühlte mich wie ein 
von Noah Zurückgelassener, der auf dem Kai stehen blieb, als 
die Arche mit allen anderen an Bord um Kvarven herum 
verschwand. William Larsen hatte mir feierlich einen 
ordentlichen Bonus versprochen, wenn ich bloß seinen 
Lottokumpel fand, sobald der Gewinn in die richtigen Hände 
gekommen wäre. Als ich ihn fragte, warum er mit der 
Geschichte nicht zur Polizei gegangen war, hatte er mich nur 
verwundert angesehen: »Die Bullen? Was glauben Se denn, 
warum ich zu Ihnen komme?« – »Na ja … Ich beklage mich 
natürlich nicht, aber es wäre doch vielleicht effektiver.« 

»Effektiver?«, hatte er mit Hohn in der Stimme geantwortet, 

und mehr Energie hatte ich nicht in die Sache gesteckt. 

Ich hatte gefragt, ob er ein Foto von Olai Risøy hatte. Das 

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hatte er nicht, aber er hatte mir eine Art Beschreibung gegeben: 
Knapp über vierzig, um die einsachtzig, kräftig gebaut und 
dünne blonde Haare. Auf dem kurzen Weg zu der kleinen 
Boutique in der Skostredet, wo seine Schwester, Astrid Lunde, 
als Verkäuferin arbeitete, kam ich an ungefähr zehn Leuten 
vorbei, auf die diese Beschreibung zutraf. 

Es war ein Boutique für junge Frauen mit erwachsenen 

Scheckheften, oder auch umgekehrt. Aus der Stereoanlage 
ertönte ABBA mit ihrer neuesten Landplage »S.O.S.«, als ich 
hereinkam, und in gewisser Weise hatte ich vielleicht auch das 
Bedürfnis, ein solches Signal auszusenden. Ich hatte mich an 
solchen Orten noch nie zu Hause gefühlt; am wenigsten, wenn 
ich allein kam. 

Die Frau, die lässig hinter der Kasse stand, trug lange, 

geblümte Leggins und eine lila Bluse, durch die man deutlich 
einen eine Schattierung dunkleren und sehr dekorativen BH 
hindurchschimmern sah. Ihr leuchtend rotes, krauses Haar und 
der weiße Pfannkuchenteig, mit dem sie ihr Gesicht dekoriert 
hatte, waren offenbar ein Versuch, sie jünger aussehen zu 
lassen, aber sie konnte mich nicht hinters Licht führen; sie war 
mindestens zwei Wochen älter als ich. 

»Astrid Lunde?« 

Sie sah mich skeptisch an. »Ja?« 

»Mein Name ist Veum. Ich stelle ein paar Nachforschungen an 

wegen Ihres Bruders.« 

»Nachforschungen?« 

»Olai Risøy. Sie können bestätigen, dass das Ihr Bruder ist?« 

Sie verdrehte die Augen. »Es hat keinen Sinn, es abzustreiten. 

Woher kommen Sie? Vom Finanzamt?« Jetzt hörte ich den 
kaum erkennbaren Dialekt unter ihrer polierten Sprache; ein 
winziges Schleifen der R’s, das sie früher sofort als ehemalige 
Inselbewohnerin identifiziert hätte. 

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»Nein, ich … Er soll verschwunden sein, mit einem größeren 

Geldbetrag.« 

»Einem größeren Geldbetrag? Olai? Der hat doch nie … 

Sagen Sie mal, wer sind Sie eigentlich? Kommen Sie von der 
Polizei?« 

»Nein, nein. Ich bin Privatdetektiv. Olai und ein Kumpel 

haben einen größeren Betrag im Lotto gewonnen, und jetzt ist er 
verschwunden. Ihr Bruder.« 

Sie starrte mich an. Ihr Blick war blau wie das Meer, dort, wo 

sie herkam, und wenn man sich nach vorn beugte, konnte man 
vielleicht einen kurzen Blick in die Tiefen erhaschen, in die sie 
einen vielleicht geführt hätte, hätte man nur eine dickere 
Brieftasche gehabt. »Ein Lottogewinn? Wie hoch denn?« 

»Ungefähr zweihunderttausend, heißt es.« 

»Zweihunderttausend?« 

»Sie haben keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte?« 

»Nein, ich … Wir haben nicht so viel miteinander zu tun.« 

»Zu Hause ist er jedenfalls nicht. Ihre Familie hat nicht 

vielleicht einen Hof oder so was?« 

»Na ja, Hof …« Sie zögerte, als wolle sie nur ungern verraten, 

woher sie kam. »Da ist natürlich das Haus, in dem wir 
aufgewachsen sind.« 

»Und wo ist das?« 

»Bei Kolbeinsvik, wenn Ihnen das was sagt.« 

»Ich finde es auf der Karte. Und Ihr Mann? Der hat sicher 

auch nichts von ihm gehört, oder?« 

»Harald? Ausgeschlossen! Die beiden sprechen völlig 

verschiedene Sprachen.« 

»Das kann ich mir denken. Er arbeitet bei der Bank, 

stimmt’s?« 

Der Fjord fror vor meinen Augen zu. »Und was hat das mit 

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dem Ganzen zu tun?« 

»Na ja, ich dachte mir … Wenn Ihr Bruder Rat gebraucht 

hätte, was er mit diesem überwältigenden Betrag tun sollte, den 
er gewonnen hat …« 

»Dann glaube ich kaum, dass er Harald um Rat gefragt hätte.« 

»Nein?« 

»Nicht einmal, wenn es um Leben und Tod gegangen wäre.« 

»Na ja … So ernst war es wohl nicht.« 

Als ich ging, war ABBA bei einem anderen Song angelangt: 

»I do, I do, I do, I do, I do«, sangen sie jetzt, wie um ganz 

sicherzugehen, dass wir es auch mitkriegten. 

Bevor ich nach Austevoll fuhr, klapperte ich die beiden anderen 
Orte ab, die William Larsen erwähnt hatte. 

Der untere Teil des Trangesmuget hatte seinen Namen »Enge 

Gasse« zu Recht. Wenn man mitten auf der Gasse stand, konnte 
man problemlos die Hauswände auf beiden Seiten berühren. 
Olai Risøys Hauswirt, Fredrik Andersen, sah aus, als habe er 
sich der Umgebung angepasst: klein und flink, wie ein Wiesel 
auf der Jagd über die Ufersteine. Er war an die Siebzig, hatte 
flinke, wache Augen und gerade so viel Sinn für die 
unerwarteten Dinge des Lebens, dass er mit Freuden mit mir in 
Risøys Wohnung unter dem Dach hinaufstieg, und wenn es nur 
war, um zumindest sicherzugehen, dass sein Mieter nicht in aller 
Stille verschieden war, ohne seinem Hauswirt davon Mitteilung 
zu machen. 

»Ich habe seit einer ganzen Woche kein Geräusch mehr von 

ihm gehört«, erklärte er. 

»Fanden Sie das denn nicht merkwürdig?« 

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»Tja, jetzt, wo Sie es sagen …« 

Wir waren auf dem Dachboden angekommen, der ungefähr in 

der Mitte unterteilt war. 

»Geräumig ist es hier nicht«, sagte Andersen, nachdem er 

angeklopft hatte. »Nur dieses Zimmer, und das WC ist da 
drüben, im Anbau.« Er zeigte auf eine grüne Tür links von uns. 

»Vielleicht sollten wir da auch nachsehen.« 

Als auf das Klopfen niemand antwortete, holte er den 

Schlüssel heraus, steckte ihn aber nicht ins Schloss, wie um zu 
unterstreichen, dass er niemals ohne Aufforderung anderer die 
Wohnungen seiner Mieter betreten würde. Ich nickte zur Tür. 
»Ja, dann …« 

»Ja.« Er fasste Mut und schloss mit widerwilligem 

Gesichtsausdruck die Tür auf. 

Er hatte Recht, hier war nicht viel Platz. Es dauerte zehn 

Sekunden, dann hatten wir festgestellt, dass der Raum leer war. 

Das Tageslicht fiel durch ein Fenster in der Dachschräge ins 

Zimmer. Der Regen trommelte heftig an die Scheibe, aber kein 
Tropfen schien hereinzusickern. Die Einrichtung war einfach: 
ein Bett, zwei Stühle und eine Kommode. Das Bett war nicht 
gemacht. Auf dem Tisch stand eine Tasse mit einem 
eingetrockneten Rest Kaffee, neben der Tasse lag ein offener 
Briefumschlag. Die Aufschrift verriet, dass Risøy zumindest 
eine Antwort auf seine Annonce bekommen hatte. Chiffre Nr. 
18910 stand auf einem maschinengeschriebenen Etikett, wie 
man sie sicher bei der Zeitung ausgehändigt bekam. 

Ich untersuchte den Umschlag vorsichtig. Er war leer. Den 

Inhalt hatte Risøy mitgenommen – wohin auch immer. 

Sonst war in dem Zimmer kaum etwas Interessantes zu finden. 

Unter dem Bett stand ein roter Plastikkasten mit lauter leeren 
Bierflaschen. Auf der Kommode stand ein gerahmtes, leicht 
verblasstes Foto von einem dicklichen jungen Mann in dunklem 

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Anzug. Ich zeigte darauf. 

»Risøy, vermute ich.« 

Andersen beugte sich vor. »Ich denke schon, ja. Vor ziemlich 

vielen Jahren.« 

»Konfirmationsfoto vermutlich.« 

»Aber das Gesicht ist dasselbe. Nicht zu verwechseln.« 

Ich versuchte, mir die Gesichtszüge einzuprägen und 

fünfundzwanzig Jahre dazuzudenken, aber es hatte keinen 
besonderen Ausdruck. Es war ein rundes Mondgesicht, und das 
zaghafte Lächeln war verhalten und skeptisch, als sei ihm die 
Situation beim Fotografen höchst unangenehm gewesen. 

Viel mehr gab das Zimmer nicht her. 

Mit dem Raum, den der Hauswirt WC nannte, war es nicht 

anders. Die Toilette sah aus, als hätte sie schon viele Mieter 
erlebt, und nichts deutete darauf hin, dass sie in den letzten 
Monaten sauber gemacht worden war. 

Ich sah Andersen an. »Es rauscht sicher in den Rohren, wenn 

hier gespült wird, oder?« 

»Die reinsten Niagarafälle, junger Mann. Deshalb bin ich so 

sicher. Das letzte Mal, dass ich gehört habe, dass er zu Hause 
war, das war Sonntagabend, gleich nach der Sportschau. Gleich 
danach ist er weggegangen, und danach ist er nicht mehr zu 
Hause gewesen, das kann ich fast garantieren.« 

»Und das war das Letzte, was sie taten«, murmelte ich. 

»Was?« 

»Ach, nichts …« 

Von Verftet aus war der Weg nicht weit zu dem kleinen 

Tabakwarenladen, wo Olai Risøy immer seine Lottoscheine 
abgegeben hatte. 

Die Frau hinter dem Tresen war von der patenten Sorte; eine 

üppige Blondine Mitte dreißig, mit Leuchtfeuern im Blick und 
weichen Dünungen unter der Bluse. Durch die offene Tür zum 

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Hinterzimmer konnte ich einen kleinwüchsigen Mann erkennen. 
Er saß an einem kleinen Tisch und drehte sich eine Zigarette, 
während sein Blick misstrauisch in meine Richtung ging, als 
fragte er sich, ob ich es auf die Blondine oder auf den 
Kasseninhalt abgesehen hatte, wenn nicht sogar auf beides. 
Während des gesamten folgenden Gesprächs ließ er mich nicht 
eine Sekunde aus den Augen. 

Ich streckte meine Hand aus. »Guten Tag. Ich heiße Veum.« 

Ihre Hand war auffallend klein, als gehöre sie eigentlich 

jemand anderem. »Elisabeth … Rødland.« 

»Es geht um jemanden, der hier oft Lotto spielt. Olai Risøy.« 

Ihre Augen weiteten sich unmerklich. »Ja? Was ist mit ihm?« 

»Kannten Sie ihn?« 

»Na ja, kennen … Mein Mann und ich …« Sie wies mit einem 

kleinen Nicken zu dem Mann im Hinterzimmer. »Risøy hat uns 
ein bisschen hier im Haus geholfen. Wir wohnen hier, wissen 
Sie, im ersten Stock, und in einem so alten Haus … Risøy hatte 
geschickte Hände.« 

»Gegen Bezahlung natürlich, oder?« 

»Ja, ja. Natürlich.« Dann schien sie plötzlich besorgt. »Sagen 

Sie, Sie kommen doch nicht vom Finanzamt, oder?« 

Sie war die Zweite an diesem Tag, die mich das fragte. 

Vielleicht sollte ich meine Frisur ändern. »Nein, nein«, 
beruhigte ich sie. »Aber die Sache ist die … Sie haben nicht 
zufällig eine Ahnung, wo er abgeblieben sein könnte?« 

»Abgeblieben? Ist er etwa doch nicht gefahren?« 

»Gefahren?« 

Sie beugte sich vor, und ich nahm einen leichten Duft wahr, 

der vage an reife Kirschen erinnerte. »Mir hat er gesagt, er 
wollte eine lange Reise machen. Eine Reise, die sein ganzes 
Leben dauern könnte, hat er gesagt.« 

»Sein ganzes Leben? Hat er sich so ausgedrückt?« 

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»Mmh.« 

»Wegen seines großen Gewinns?« 

»Das wissen Sie also?« 

»Das ist ja gerade der Grund, warum sich ein paar Freunde 

von ihm jetzt Sorgen machen.« 

»Ach was! Von wegen Sorgen machen! Die sind doch 

bestimmt nur hinter seinem Geld her.« Sie kam noch ein wenig 
näher. »Ich kann Ihnen erzählen … Man sieht eine ganze 
Menge, wenn man hier hinterm Tresen steht, und es sind nicht 
immer Engel, die plötzlich die besten Freunde von jemandem 
werden, der gerade das große Los gezogen hat.« 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« 

»Risøy? Lassen Sie mich nachdenken … Dienstag, glaube ich. 

Er war kurz hier und hat Zigaretten gekauft. Er war schon 
ziemlich gut geräuchert, wenn Sie mich fragen, hat nach feinen 
Getränken gestunken und geschwankt wie ein Affe. Und da hat 
er es mir erzählt. – Ich gehe auf eine lange Reise, Frau Rødland, 
hat er gesagt. Hat mich immer gesiezt, obwohl er hier schon 
fester Kunde war, seit er vor vielen Jahren auf der Askøy-Fähre 
anmusterte.« 

»Und Ihr Mann? Könnte der was wissen?« 

Sie dämpfte ihre Stimme noch ein bisschen und verdrehte die 

Augen. »Nein, nein. Er …« 

Hinter ihr bewegte sich etwas. Der kleine Mann aus dem 

Hinterzimmer war in der Türöffnung erschienen. »Worum 
geht’s denn, Lisbeth?« 

»Nichts Besonderes. Wir tratschen nur ein bisschen, der junge 

Mann und ich.« 

Der Blick, den er mir zuwarf, kam direkt aus der Kühltruhe. 

»Und worüber?« 

»Olai Risøy«, sagte ich. 

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Der Name stimmte ihn nicht gerade herzlicher. »Was ist mit 

ihm?« 

»Ich höre, er hat einen ordentlichen Gewinn gemacht.« 

»Na und?« 

»Tja … Sie haben ihn in den letzten Tagen nicht gesehen?« 

»Warum sollte ich?« 

»Tja, Sie wissen ja … Ein Tor kann mehr fragen, als zehn 

Weise beantworten können, und was das angeht, sitzen wir 
offenbar alle drei in einem Boot.« 

Er machte eine Bewegung mit der Unterlippe, die deutlich 

zeigte, wie viel er von mir hielt. Dann drehte er sich langsam um 
und ging an seinen Ausgangspunkt zurück. Hinter ihm stand 
eine Wolke von Rauch, als hätte er seine Kupplung zu sehr 
gequält. 

Seine Frau beugte sich noch etwas weiter über den Tresen. 

Wenn sie so weitermachte, würde sie am Ende darauf liegen. 
»Er ist ja soooo eifersüchtig«, flüsterte sie. 

»Das verstehe ich gut«, antwortete ich, während ich meinen 

Blick tief zwischen ihre Dünungen eintauchen ließ. 

»Nun werden Sie man nicht frech«, sagte sie, mit einem 

erwartungsvollen kleinen Lächeln. 

Aber ich musste passen. Mehr konnte ich ihr nicht bieten. Ich 

hatte noch ein paar Besuche zu machen. 

Bei der Bank waren sie so abweisend, wie nur eine 

Kreditanstalt es sein kann. – Nein, solche Informationen gäben 
sie nicht heraus, sagte die Dame an der Rezeption. – Inwieweit 
einer ihrer Kunden in der letzten Woche einen größeren 
Lottogewinn abgehoben hatte, darüber waren sie absolut nicht 
verpflichtet, Auskunft zu erteilen. Ganz im Gegenteil. Und nicht 
zuletzt – wie sie hinzufügte – bei Nachfragen von höchst 
inoffiziellem Charakter wie dieser. 

Ich setzte mein allerentwaffnendstes Lächeln auf. »Ist Herr 

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Lunde im Hause?« 

Damit hatte sie nicht gerechnet. »Wer?« 

»Harald Lunde. Arbeitet er nicht hier?« 

»Doch, aber … Er ist gerade zu Tisch.« 

»Solche Informationen geben Sie also doch heraus?« 

Sie würdigte mich nicht einmal einer Antwort. 

Austevoll bei sonnigem Postkartenwetter war eine Sache; bei 
Südwind und strömendem Regen war es etwas ganz anderes. 
Der Regen prasselte so heftig auf die Windschutzscheibe meines 
Morris Mini, dass ich mehrmals den Impuls hatte, die 
Seitenfenster herunterzukurbeln und den Arm hinauszustrecken, 
um den Scheibenwischern meine Unterstützung anzubieten. 

Mein erster Halt war im Alters- und Pflegeheim in Storebø. 

Eine freundliche Angestellte zeigte mir den Weg zu der gut 
achtzigjährigen Magda Risøy, während sie mir erklärte, dass die 
Dame sehr schwerhörig sei und es für Menschen, die sie nicht 
von früher kannte, fast unmöglich sei, Kontakt zu ihr zu 
bekommen. 

»Ist ihr Sohn in letzter Zeit hier zu Besuch gewesen?« 

»Ja, allerdings … Vor knapp einer Woche. Mittwoch, 

Donnerstag muss es wohl gewesen sein, glaube ich. Er kam, um 
sich zu verabschieden, hat er gesagt.« 

»Verabschieden?« 

»Ja, das habe ich auch gefragt. Aber ich bekam nur zur 

Antwort, dass er beschlossen hätte, ins Ausland zu reisen, auf 
unbestimmte Zeit sozusagen.« 

»Und seine Schwester, sehen Sie die manchmal hier?« 

Ihr Mund zog sich einen Deut zusammen. »Nicht oft. Das 

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muss man wohl sagen dürfen. Eher selten, besser gesagt.« 

Sie hatte Recht, was ihre Prophezeiung bezüglich Magda 

Risøy anging. Zwanzig Minuten lang versuchte ich vergeblich, 
ihr zum Besuch ihres Sohnes ein paar Fragen zu stellen. 
Schließlich bekam ich zumindest etwas aus ihr heraus, das ich 
beschloss, als Zustimmung zu betrachten, ihr altes Zuhause in 
Kolbeinsvik aufzusuchen. Aber der Schlüssel läge beim 
Nachbarn, sagte sie. Sie selbst würde ihn nie wieder brauchen. 
Es glitzerte silbrig in ihrem blanken Blick, und sie konnte ein 
Seufzen nicht unterdrücken, um dann demonstrativ die Augen 
zu schließen und mir zu verstehen zu geben, dass die Audienz 
beendet sei. 

Ich fuhr weiter; erst in Richtung Süden, dann nach Westen. 

Es war ein windgepeitschtes Stück Norwegen, in dem sich nur 

die großen, purpurfarbenen Flecken der Heidesträucher von der 
sonst grauen Landschaft abhoben. Austevoll lag wie in 
Embryostellung da, bereit, in die Nordsee hinausgestoßen zu 
werden. Draußen über Litlakalsøy erhob sich eine graue 
Wolkenwand aus dem Meer. Der Skoltafjord sabberte aus den 
Mundwinkeln, und ich dachte, dass es hier wohl am besten 
wäre, einen angemessenen Abstand von den Klippen zu halten. 
Die wilden Schafe hatten das einzig Richtige getan, als sie sich 
dicht unter den Felsen um Kolbeinsvik zusammengedrängt 
hatten. 

Zehn Sekunden nachdem ich aus dem Wagen gestiegen war, 

war ich völlig durchnässt. Ich ging zum nächsten weißen Haus 
und klopfte an. Die Tür ging so schnell auf, dass die Frau mit 
dem erschrockenen Gesicht direkt dahinter gestanden sein 
musste. Sie starrte mich

 

durch den schmalen Türschlitz an. »Wir 

brauchen nix!« 

»Ich bin auch nicht gekommen, um etwas zu verkaufen. Aber 

Frau Risøy hat gesagt, der Schlüssel zu ihrem Haus sei bei 
Ihnen.« 

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Sie sah deswegen nicht weniger erschrocken aus. »Nja …« 

»Darf ich etwas fragen?« 

»Fragen?« 

»Olai Risøy … Ist es lange her, seit Sie ihn zuletzt gesehen 

haben?« 

»Nnnee«, sagte sie langsam. »Aber es is jetzt doch schon paar 

Tage her.« 

»Genau. Ich habe versprochen nachzusehen, ob alles in 

Ordnung ist.« 

»Aber er hat seinen eigenen Schlüssel.« 

»Schon, aber mich hat ja auch seine Mutter geschickt.« 

»Na ja, wenn Se im Altersheim warn und mit der Magda 

geredet ham, dann isses wohl …« 

Sie schloss abrupt die Tür und verschwand. Nach einer Weile 

öffnete sie sie wieder und reichte mir den Schlüssel. »Hier.« 

»Ich danke I–« 

Aber sie hatte die Tür schon wieder geschlossen. Ich zuckte 

mit den Schultern und ging den Weg zum Meer hinunter, wie sie 
es mir im Altersheim erklärt hatten. 

Das gesamte Grundstück sah verlassen und vernachlässigt aus. 

Salweidengestrüpp und kleine Birken wucherten wild, und die 

alten Blumenbeete waren längst von Unkraut überwuchert, an 
manchen Stellen über einen Meter hoch. Das Haus war weiß 
gestrichen, aber es hatte in jeder Hinsicht schon bessere Tage 
gesehen. Die Wandbretter trugen eine grüne Patina und eine 
Dachrinne hing herunter, sodass das Wasser wie eine Fontäne 
über die zugewachsenen Fliesen vor dem Eingang spritzte. 

Ich ging in einem Bogen um den Wasserstrahl herum – als ob 

das noch einen Unterschied machte – und klopfte an. 

Das Resultat war wie erwartet. Niemand öffnete. Nach einem 

erneuten und ebenso vergeblichen Versuch benutzte ich den 

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mitgebrachten Hausschlüssel und schloss die Tür auf. 

Ich schnupperte vorsichtig, nahm aber keinen Unheil oder Tod 

verkündenden Geruch wahr. Langsam ging ich von Raum zu 
Raum. In gewisser Weise erinnerte es mich an die 
Dachwohnung in Verftet. In einer Schlafkammer gab es 
deutliche Zeichen, dass hier jemand übernachtet hatte, ohne 
nachher das Bett zu machen. In einer Plastiktüte auf der 
Küchenanrichte fand ich Eierschalen, ein paar leere Suppentüten 
und Dosen. 

Von dort aus ging ich in das kleine Wohnzimmer, das nach 

Westen hin lag. Sofort fiel mein Blick auf zwei geöffnete 
Briefumschläge. Beide waren adressiert an Chiffre Nr. 18910, 
aber mit zwei verschiedenen Handschriften. 

Ich sah in beide Umschläge. Der eine war leer. In dem anderen 

lag ein zusammengefalteter Brief. 

Vorsichtig faltete ich ihn auseinander und las: 

 

Lieber Olai! Ich habe mit großem Interesse Ihre Annonce in 
Bergens  Tidende  gelesen, und ich hatte sofort das Gefühl, dass 
das hier der Richtige war und ich jetzt zum Füller greifen 
musste. Es war, als hörte ich eine Stimme in mir: Hier ist er, 
Berit. Auf den du gewartet hast, so viele Jahre. Ich bin 38 Jahre 
alt und habe ein unsichtbares Leben geführt. Ich arbeite im Büro 
einer Versicherungsgesellschaft, habe für die Arbeit gelebt und 
nie eine feste Beziehung gehabt, obwohl es sicher möglich 
gewesen wäre, wenn ich nur gewollt hätte. Aber es hat 
irgendwie auch nie gefehlt. Ich reise auch gern. Jeden Winter 
bin ich im Süden, und wenn ich diesen Winter mit Ihnen 
kommen könnte … Was könnte wohl besser sein? Schreiben Sie 
ein paar Worte mehr über sich selbst. Die Adresse finden Sie 
oben. Ich warte voller Spannung. 

Ihre Berit Lofthus 

 

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Ich zögerte einen Moment, bevor ich beschloss, beide 
Umschläge mitzunehmen. Warum hatte er den Inhalt des einen 
Briefes mitgenommen und den von Berit Lofthus liegen lassen? 
Vielleicht einfach, weil er die andere ihr vorgezogen hatte? Und 
was war in dem Fall verkehrt an diesem Brief? Er wirkte doch 
durchaus vertrauenswürdig, zumindest vielleicht als passende 
Reservelösung, falls das andere schief ginge. 

Bevor ich wegfuhr, gab ich den Schlüssel wieder ab. Die Frau 

riss ihn an sich, als bedauerte sie es, ihn sofort herausgegeben zu 
haben. Es schien fast, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Die 
Fährstrecke zwischen Huftarøy und Krokeide ist dafür bekannt, 
eine der stürmischsten der Gegend zu sein. Diesmal war der 
Seegang so heftig, dass es genauso schwer war, eine Tasse 
Kaffee zu trinken, ohne sich zu bekleckern, wie einem 
Finanzbeamten ein Lächeln abzuluchsen. Ich machte nicht 
einmal den Versuch. Außerdem hatte ich auch mehr als genug 
damit zu tun, mich an die Tischkante zu klammern. 

Ich war froh, als ich wieder festen Boden unter den Reifen 

hatte, aber auch das sollte sich als gar nicht unproblematisch 
herausstellen. Bei der Hamre-Brücke schwappte das Wasser so 
stark über die Straße, dass ich nur mit Mühe vorbeikam. Von der 
Spitze der Vallaheiene konnte ich nur andeutungsweise Nesttun 
durch den Regenschleier erkennen. 

Ich bog zum Elvenesvegen ab, wo ihren eigenen Angaben 

zufolge Berit Lofthus wohnte, in einem der Wohnblöcke, die mit 
der Front nach Bjørkåsen hin standen. Ich parkte vor dem 
Hochhaus, ging in den zweiten Stock hinauf und drückte auf den 
Klingelknopf neben ihrem Namensschild. Ich sah auf die Uhr. 
Viertel nach sechs. 

Berit Lofthus erwies sich als eine blonde kleine Frau mit 

blauem Blick, den sie selten höher als zu meiner Halsgrube hob, 
als käme meine Stimme von dort. Als ich ihr mein Anliegen 
vorgetragen hatte, wurde sie zuerst rot, dann bleich und dann 
irgendetwas dazwischen: ein blondes Schneewittchen mit 

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flammenden Wangen. »Es war nicht so gedacht – dass jemand 
anders …«, sagte sie leise, bevor sie mich widerstrebend in ihre 
Wohnung ließ – nicht weil sie es gern tat, sondern aus Sorge 
darüber, was die Nachbarn wohl denken würden, vermutete ich. 

»Ich habe nie eine Antwort bekommen«, sagte sie sofort, als 

wir das gepflegte, makellose Wohnzimmer betraten, dessen 
Möbel so glatt poliert waren, dass man sich darin spiegeln 
konnte. 

»Überhaupt keine?« 

»Nein. Sie müssen nicht denken … So was tue ich 

normalerweise nicht.« 

»Solche Briefe schicken?« 

»Auf solche Annoncen antworten. Es war tatsächlich das erste 

Mal.« 

»Und was hat Sie dazu gebracht, dieses Mal?« 

»Ich weiß es nicht, aber … Da war etwas an … Man gibt ja die 

Hoffnung niemals ganz auf, oder?« 

»Hoffentlich nicht.« 

»Sind Sie …« 

»Verheiratet? Nein.« 

»Gern auf Reisen – in den Süden, wollte ich sagen.« 

»Nein, auch das nicht.« 

Eine oder zwei Sekunden hob sich ihr Blick ganz hinauf und 

begegnete meinem, blau und blank. »Tja, dann …« 

»… haben wir zumindest das nicht gemeinsam.« 

»Nein.« 

»Sie arbeiten bei einer Versicherung?« 

»Warum fragen Sie danach?« 

»Tja, ich weiß es nicht. Aber er hätte wohl eine Versicherung 

brauchen können – der Mann, an den Sie geschrieben haben.« 

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»Wieso?« 

»Er hat einen Haufen Geld gewonnen, vor einer knappen 

Woche, und danach hat ihn niemand mehr gesehen.« 

»Oh, aber dann …« 

»Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch in den Süden 

geflogen ist. Ohne Sie …« 

»Mit einer anderen – vielleicht?« 

Ich sah sie nachdenklich an. »Ja. Vielleicht.« 

Veums erster Fall, wiederholte ich im Stillen vierzehn Tage 
später, mit aller mir zur Verfügung stehenden Selbstverachtung. 
– Ein richtiges Fiasko … Aber ich war nicht allein auf der Welt. 

Von meinem Bürofenster aus konnte ich das Resultat eines 

anderen Fiaskos sehen: den Stau von Åsane. Den letzten 
Zeitungsartikeln zufolge begann der Stau dort jetzt gegen halb 
sieben Uhr morgens. Sogar die Busse brauchten weit über eine 
Stunde bis in die Stadt. Wer viel Zeit brauchte, um über sein 
Leben nachzudenken, der sollte nach Åsane ziehen. Aus anderen 
Gründen nicht unbedingt. 

Der Fußballverein Brann, der nach dem 3:1-Sieg über Molde 

am Anfang des Monats mit um die Meisterschaft kämpfte, hatte 
der Tradition treu bleibend die folgenden Spiele verloren und 
raste jetzt die Tabelle wieder abwärts. Aus dem Pokal waren sie 
längst ausgeschieden. 

Es war das Beste, nicht zu viel zu erwarten. – »Das is nämlich 

gefä’lich«, wie Ludvig im norwegischen Filmerfolg des Jahres, 
Flåklypa Grand Prix, sagte. Und es hatte immer noch nicht 
aufgehört zu regnen. 

Ich hatte mehrmals Besuch von William Larsen gehabt, hatte 

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ihm aber nichts anderes bieten können als das, was ich nach der 
ersten Runde herausgefunden hatte. – Olai Risøy war spurlos 
verschwunden, und es lag weit außerhalb meiner Möglichkeiten, 
ihn wieder zum Vorschein zu bringen. 

»Aber wo isser bloß hin?« 

»Der Süden ist immer noch der heißeste Tipp, aber Sie wissen 

ja ebenso gut wie ich, dass der Süden größer ist, als wir alle 
wissen. Wenn man runterfliegen und unter jedem Sonnenschirm 
nach ihm suchen wollte, dann brauchte man massenhaft Zeit und 
ein dickes Bankkonto. Und wir beide haben weder das eine noch 
das andere.« 

»Ich fürchte, ich hab nich mal genug, um Ihn’ das zu bezahlen, 

was Sie schon gemacht haben.« 

»Ist schon in Ordnung. Aber machen Sie es sich nicht zur 

Gewohnheit. Ich möchte in diesem Beruf ehrlich gesagt auch 
überleben.« 

Bei ein paar Gelegenheiten hatte ich mit Astrid Lunde und 

ihrem Mann Harald gesprochen. Am Ende konnte ich sie davon 
überzeugen, zur Polizei zu gehen. Ein paar Tage später erschien 
eine Vermisstenmeldung in der Zeitung. 

Wenn ich dem glauben sollte, was in den darauffolgenden 

Tagen in den Zeitungen stand, hatte es nur wenige Reaktionen 
auf die Suchmeldung gegeben. Jemand hatte den Vermissten auf 
der Fähre von Krokeide nach Huftarøy gesehen, und dagegen 
war so weit nichts zu sagen. Ein Bekannter von ihm war sich 
ganz sicher, dass er ihm vor wenigen Tagen um zwei Uhr nachts 
auf der Straße begegnet war. Er hatte allerdings gestutzt, weil 
Risøy nicht auf seinen Gruß reagiert hatte. Andere 
Beobachtungen von der Fähre zwischen Kvanndal und 
Kinsarvik und aus dem Nachtzug nach Oslo waren weitaus 
vager. Vierzehn Tage später las ich, dass ein Tourist meinte, 
Risøy an einem Strand tief im Süden Spaniens, in der Nähe von 
Málaga, gesehen zu haben – eine Information, die William 

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Larsen nicht gerade erfreute. 

Dann versiegte der Strom der Rückmeldungen. Es gab andere 

wichtige Themen, sowohl für die Polizei als auch für die 
Zeitungen. Man meinte, es sei nicht schwer, sich vorzustellen, 
was passiert war. Der überwältigende Lottogewinn hatte Olai 
Risøy völlig überfordert. Ohne weitere Familie als seine 
Schwester und seine alte Mutter gab es nichts, was ihn an sein 
Heimatland band. Als ehemaliger Seemann hätte er sich überall 
niederlassen können, weit außerhalb der gewöhnlichen 
norwegischen Touristenziele. Trotzdem wurde ich das 
unangenehme Gefühl nicht los, dass die Lösung des Rätsels sich 
noch immer in Bergen befand. Ich musste es einfach zugeben: 
Veums erster Fall war eine ungewöhnlich schlechte Reklame für 
mein Büro gewesen. 

William Larsen traf ich noch gelegentlich, wenn ich nach 

Feierabend noch auf ein Bier oder zwei ins Børsen ging. Ab und 
zu kamen wir ins Gespräch, und meistens kamen wir dann auch 
auf Olai Risøv zu sprechen. Irgendwann Ende der achtziger 
Jahre verschwand Larsen plötzlich. Als ich seine Trinkkumpane 
nach ihm fragte, hieß es, er sei nach Sogn gezogen, wo er 
ursprünglich herkam. – »Er hat es hier nicht mehr ausgehalten«, 
hieß es. – »Es war einfach zu hart für ihn.« 

1994 las ich seine Todesanzeige in der Zeitung. Ein halbes 

Jahr, nachdem ich zum ersten Mal dort gewesen war, betrat ich 
zufällig den kleinen Tabakladen in Nøstet, um eine Zeitung zu 
kaufen. Der Mann, der mich bediente, war dunkelhäutig und 
höflich, und als ich ihn nach seinen Vorgängern fragte, lächelte 
er breit und erzählte mir, sie hätten den Laden verkauft und 
seien ins Ausland gegangen. 

»Verkauft? Und wann?« 

»Im Oktober.« 

»Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?« 

»Portugal oder Spanien, meinten sie. Herr Rødland, dem der 

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Laden gehörte, hatte Psoriasis, und da unten scheint die Sonne, 
wie Sie wissen, öfter als in Bergen«, sagte er mit einem 
strahlenden Lächeln, wie um zu unterstreichen, dass ihm der 
ganze Regen überhaupt nichts ausmachte. 

»Und … Was ist mit dem Rest des Hauses?« 

»Da wohne ich mit meiner Familie!«, strahlte er, ein 

vollkommen glücklicher Mann, wie es schien. 

Nun waren die Rødlands nicht die Einzigen in dieser 

merkwürdigen Geschichte, die zu Geld gekommen waren. Von 
seinem unbekannten Aufenthaltsort aus schien Olai Risøy 
Goldstaub über alle gestreut zu haben, die ihn kannten, alle 
außer William Larsen wohlgemerkt. Ganz am Rande eines 
anderen Falles, in dem ich ermittelte, traf ich seine Schwester 
wieder, im Frühjahr 1983. Es ging um einen ziemlich 
ausgeklügelten Immobilienschwindel, wo ich – kraft meiner 
scheinbaren Anonymität – als Vermittler auftreten durfte. Eine 
der Spuren führte mich nach Strøno, westlich von Os. In einem 
der betroffenen Häuser, einem protzigen Sommerhaus mit 
Schwimmbad, dessen Schiebetüren zum Fjord hin geöffnet 
werden konnten, wenn das Wetter es zuließ, stieß ich auf eine 
leicht bekleidete Astrid Lunde. Wäre ihr leuchtend rotes, immer 
noch krauses Haar nicht gewesen, hätte ich sie kaum 
wiedererkannt. Sie verwirrte mich auch so schon genug, in 
ihrem kornblumenblauen Bikini. 

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, sagte ich. 

Sie sah mich fragend an. »Tatsächlich?« 

»Im Zusammenhang mit dem Verschwinden Ihres Bruders.« 

»Ja, jetzt erinnere ich …« Sie warf mir einen kurzen Blick zu, 

dann glitt der Blick zum Fjord hinaus, wo sie direkt auf das 
Inselreich ihrer Kindheit schaute, Austevoll. »Der arme Olai. 
Wir wissen immer noch nicht, was passiert ist.« 

»Sie haben nie wieder von ihm gehört?« 

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»Nein, wir … Woher denn auch?« 

»Tja, wenn Sie mich fragen, frage ich Sie.« Ich sah mich um. 

»Aber Sie sind – zu Geld gekommen, sozusagen?« 

»Ja. Harald hat ein paar äußerst günstige Investitionen getätigt, 

zum richtigen Zeitpunkt.« 

»Und wann war das?« 

»Vor ein paar Jahren …« 

Auch Berit Lofthus musste das Leben wohlgesonnen gewesen 

sein. Jedenfalls beobachtete ich sie eines Abends in einem der 
besseren Restaurants der Stadt, wo ich selbst mit einem Klienten 
aus der Versicherungsbranche saß, der die absolute Kontrolle 
über sein Spesenkonto hatte. Sie trug ein sehr elegantes, 
einfaches schwarzes Kleid, das einen scharfen Kontrast zu ihrem 
blonden Haar bildete. Sie setzte sich an einen Nachbartisch, in 
Gesellschaft eines Mannes, der mindestens zehn Jahre jünger als 
sie zu sein schien. Soweit ich es sehen konnte, genossen sie 
Weine der besten Jahrgänge, und die Mahlzeit, die sie 
verzehrten, stand der, die der Versicherungsmann und ich uns 
eifrig einverleibten, in nichts nach. Sie schien munter und 
gesprächig, und von der Schüchternheit, die ich damals im 
Elvenesvegen an ihr wahrgenommen zu haben meinte, war 
wenig geblieben. 

Ich sprach sie nicht an, aber am nächsten Tag schlug ich im 

Telefonbuch ihre Adresse nach. Sie war in eine weitaus 
mondäne Gegend gezogen und wohnte jetzt in Hop, in einer der 
Straßen, in denen man nur wohnen durfte, wenn man Mitglied 
des Norwegischen Arbeitgeberverbands war. Auch sie musste in 
der Zwischenzeit einige günstige Investitionen getätigt haben. 
Vielleicht hatte sie mit ihrem nächsten Antwortbrief mehr 
Erfolg gehabt, oder sie war auf andere Weise erfolgreich 
gewesen. 

Später kamen neue Fälle. Einige davon löste ich, andere nicht. 

Mit der Zeit versank Olai Risøys Verschwinden immer tiefer in 

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meinem Gedächtnis. Trotzdem tauchte der Gedanke an ihn 
immer wieder auf, in immer größeren Abständen allerdings: und 
wenn auch nur aus dem Grund, dass er mein allererster Fall 
gewesen war – und einer von denen, denen ich nie auf den 
Grund gekommen war. 

Bis eines Tages … 

Es war ziemlich genau fünfundzwanzig Jahre her, dass ich den 
Auftrag bekommen hatte. 

Die Welt hatte sich verändert. Die Autoschlangen von Åsane 

waren Geschichte, Flåklypa Grand Prix ein interaktives 
Computerspiel, und in diesem Herbst regnete es im Østlandet 
mehr als in Bergen. Viel mehr. 

Aber nicht alles hatte sich verändert. Ich hatte noch immer 

mein Büro im Strandkaien, und ich wartete immer noch lange 
auf neue Kunden. 

Ich war alles, was ein selbstbewusster Privatdetektiv mittleren 

Alters sein sollte. Ich war immer noch einsachtzig groß, vier 
Kilo schwerer als damals, aber noch immer recht gut in Form. 
Mein Haar hatte graue Strähnen. Freundliche Damen strichen 
darüber und nannten es »Salz und Pfeffer«, aber auch das kam 
immer seltener vor. 

Ein neues Jahrhundert war angebrochen und es warteten neue 

Aufgaben. Es war einer der Tage, an denen es nicht viel anderes 
zu tun gab, als genauestens die Zeitung zu lesen. Sonst hätte ich 
mich kaum so sehr in das Spätsommerinterview mit dem neuen 
jungen Tourismusbeauftragten der Stadt vertieft, mit einem 
liebenswürdigen Foto, das bei Sonnenschein vor dem SAS-
Hotel auf Bryggen aufgenommen worden war. Sein breites 
Lächeln verriet, dass die diesjährige Saison die Erwartungen 

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erfüllt hatte: The Gateway to the Fjord stand immer noch weit 
offen, und dass die Stadt in diesem Jahr zu einem Neuntel 
europäische Kulturstadt gewesen war, hatte auch nur die 
Kulturjournalisten aus der Hauptstadt davon abgehalten, sie 
außerhalb der Saison zu besuchen. 

Aber es war nicht der zufriedene Tourismusbeauftragte, der 

mein Interesse weckte. Es war die reife Frau, die direkt hinter 
ihm gerade aus dem Hoteleingang trat. Sie trug ein geblümtes, 
farbenfrohes Sommerkleid, und ihr Haar war hellblond, fast 
weiß in dem scharfen Sonnenlicht. 

Sie kam mir sofort bekannt vor, aber es dauerte noch eine 

Weile, bis meine Suchmaschine fündig wurde, und dann führte 
kein Weg mehr an ihr vorbei: Warum auch nicht? Jedenfalls 
hatte ich dabei nichts zu verlieren. 

Unten auf dem Markplatz kaufte ich mir ein Pfund Pflaumen 

und noch eine Zeitung, für den Fall, dass ich lange würde warten 
müssen. In der Hotellobby setzte ich mich auf eines der 
bequemen Sofas, auf das Schlimmste gefasst. Meine Ankunft im 
Voraus anzumelden kam nicht in Frage. Das hatte ich im Laufe 
all dieser Jahre immerhin gelernt. 

Ich hatte Glück. Anderthalb Stunden später kam sie von der 

Straße herein. An den Händen trug sie mehrere gut gefüllte 
Einkaufstüten aus einem der exklusivsten 
Damenkonfektionsgeschäfte der Stadt. Sie ging direkt zur 
Rezeption, und ich hörte, wie sie fragte, ob ihr Mann 
ausgegangen sei. Das war er nicht. Als sie Kurs auf den 
Fahrstuhl nahm, stellte ich mich ihr mitten in den Weg. 

Sie sah mich ohne irgendein Zeichen des Wiedererkennens an. 

Wie alt mochte sie jetzt wohl sein? Fünfundfünfzig, oder an die 
sechzig? Aber sie hatte sich gut gehalten. Ihre Haut hatte den 
dunklen Teint gegerbten Leders, den man nur durch einen sehr 
langen Aufenthalt in der Sonne erreichen kann, und sie war sehr 
diskret geschminkt. 

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Ich lächelte leicht. »Entschuldigen Sie, aber sind Sie nicht 

Frau Rødland?« 

Sie starrte mich zurückhaltend an. »Doch.« 

»Wir sind uns schon einmal begegnet, vor ungefähr 

fünfundzwanzig Jahren.« 

»Ach ja?« 

»Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern?« 

Sie legte den Kopf einen Deut in den Nacken und maß mich an 

ihrem Nasenrücken, bevor sie antwortete: »Nein.« 

»Das war in dem Jahr, als Sie und Ihr Mann das Geld machten, 

um es mal so auszudrücken.« 

Sie sah an mir vorbei, mit ungeduldiger Miene. »Ich weiß 

nicht, ob ich …« 

»Mein Name ist Veum, und ich habe damals Ermittlungen 

angestellt, die das Verschwinden eines gewissen Olai Risøy 
betrafen.« 

»Ach ja – das … Jetzt erinnere ich mich, vage.« 

»Dann lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge 

helfen. Olai Risøy hatte einen großen Lottogewinn gemacht, 
daran erinnern Sie sich sicher. Meine Ermittlungen führten mich 
durch seinen kleinen Bekanntenkreis, aber abgesehen von 
seinem Lottokumpel William Larsen gab es, soweit ich weiß, 
niemanden, der von seinem großen Gewinn eine Ahnung hatte. 
Keiner außer Ihnen, der Annahmestelle, wo er immer seine 
Scheine abgab. 

Dann verschwand er spurlos, und damit meine ich – ohne die 

allergeringste Spur. 

Weniger als einen Monat später haben Sie und Ihr Mann den 

Laden verkauft, sind ins Ausland gezogen und offensichtlich, 
wie schon gesagt, zu Geld gekommen.« 

Bei ihrer Hautfarbe konnte sie nicht blass werden. Es war eher 

eine Art Grünton, der unter dem Firnis durchschimmerte. »Wir 

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haben doch verkauft …« 

»So viel haben Sie für das kleine Haus nicht bekommen. Sie 

müssen auch andere Einkünfte gehabt haben, immerhin haben 
Sie sich ein Haus in Spanien gekauft – oder wo es noch war – 
und sich da für den Rest Ihres Lebens niedergelassen.« 

»Für zweihunderttausend?« 

»Sie erinnern sich also an den Betrag?« 

Einen Moment lang war sie aus der Fassung geraten. »Ja, ich 

… Das war schließlich viel Geld, damals.« 

»Ja, allerdings. Kein schlechter Anfang jedenfalls. Und, was 

weiß ich? Vielleicht haben Sie ja da unten einen neuen Laden 
aufgemacht. In diesen Breitengraden spielen die Leute ja sicher 
auch Lotto und so was, oder nicht?« 

»Wovon mein Mann und ich leben …« 

»Das Einzige, was ich gerne wüsste, ist … was haben Sie mit 

der Leiche gemacht?« 

Ihr Blick flackerte. Dann fand er plötzlich etwas, das er 

fixieren konnte. Hinter mir hörte ich das Geräusch der sich 
öffnenden Fahrstuhltür. 

Sie versuchte, ihn zu warnen, aber es war zu spät. Ich war 

schon dabei, mich umzudrehen. 

Der Mann, der aus dem Fahrstuhl trat, war gut über sechzig, 

ebenso braun gegerbt wie sie, aber nicht ganz so leicht zu Fuß. 
Sein Körper war massiv, sein Atem ging in schweren Zügen, 
und sein Blick hatte etwas Blasses und Durchsichtiges, das 
verriet, dass er längst alle Hoffnung hatte fahren lassen. 
Dennoch hatte er sich nicht sehr verändert. Trotz seines Alters 
erkannte ich ihn sofort wieder, von dem alten 
Konfirmationsfoto. 

Als er stehen blieb, reichte ich ihm die Hand. »Olai Risøy, 

wenn ich mich nicht irre?« 

Er starrte mich an. »Und wer sind Sie, bitte?« 

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»Wir sind uns nie begegnet, aber mein Name ist Veum.« 

Nach einer leisen Erklärung von Elisabeth Rødland nahmen 

wir in der Sitzecke Platz; er zurückgelehnt, sie auf der Kante des 
Sessels, bereit aufzustehen und zu gehen, sobald es nötig sein 
sollte. »Sie wussten, was Sie taten«, sagte ich, »als Sie 
fünfundzwanzig Jahre gewartet haben, bevor Sie sich wieder in 
Norwegen zeigten.« Sie sagte schnell: »Er – ist nicht gesund. 
Das hier war die letzte Chance.« 

»Der Fall ist verjährt. Sie können alle Karten auf den Tisch 

legen, wenn Sie wollen, und ebenso frei wieder nach Spanien 
zurückreisen, wie Sie hergekommen sind.« 

»Es ist nicht, wie Sie glauben«, sagte sie. »Olai und ich, wir … 

Es war schon lange vor – dem Gewinn so. Der hat uns nur die 
Möglichkeit geboten, eine goldene Gelegenheit …« 

»Wozu? Ihren Mann umzubringen?« 

»Wegzukommen.« 

Olai Risøy sprach langsam und umständlich und wählte seine 

Worte mit Sorgfalt. »Ich habe Elisabeth und ihrem Mann 
geholfen, den Fußboden in ihrer Speisekammer neu zu gießen, 
im Jahr davor. Und da ist es passiert.« 

»Was ist passiert?« 

»Dass wir uns ineinander verliebt haben.« 

Ich versuchte, zurückzudenken. »Aber – trotzdem haben Sie 

diese Kontaktanzeige aufgegeben?« 

Wieder nahm sie das Wort. »Das war ein Teil des Plans. Wir 

hatten vor, zu verschwinden, jeder für sich, und uns dann zu 
treffen – da unten. Wir mussten einfach Verwirrung stiften, 
falsche Spuren legen … Aber wir hatten niemals vor, ihn – ihn 
zu töten!« 

»Nein?« 

»Nein! Aber … Olai hielt sich in Austevoll versteckt, und 

dann … Nils hatte Verdacht geschöpft. Als Olai anrief, hab ich 

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ihn gebeten, in die Stadt zu kommen. Es kam zu einer 
Auseinandersetzung und – dann ist es passiert.« 

»Ihr Mann – kam ums Leben?« 

Sie nickte nervös. »So können Sie es ausdrücken. Aber … Er 

war kein guter Mann. Er hatte mich viele Jahre misshandelt und 
terrorisiert mit seiner grundlosen Eifersucht!« 

»So völlig grundlos denn doch nicht, oder?« 

»Doch, denn es war umgekehrt! Weil sowieso die ganze Zeit 

der Verdacht über mir schwebte … Und außerdem, als ich Olai 
traf …« 

»Ja? … Was passierte?« 

»Die näheren Details will ich nicht … Aber als das Unglück 

erst einmal passiert war … Wir hatten keine nahen Verwandten. 
Und meistens habe ich im Laden bedient. Niemand schien ihn 
zu vermissen. Als wir verkauft haben, ist Olai in seine Rolle 
geschlüpft. Ansonsten hielt er sich im Haus, ging nur nachts 
nach draußen. Als sich das Ganze beruhigt hatte, haben wir den 
Verkauf vorbereitet. Der Mann, an den wir verkauft haben … Er 
hat keinen Moment lang Verdacht geschöpft.« 

Ich wandte mich wieder an Risøy. »Und Sie haben in dem 

Herbst noch einen weiteren Betonboden gegossen?« 

»Sozusagen, ja.« 

Sie stand abrupt auf. »Nein – sag nichts mehr!« 

»Nein, du hast Recht, Liebes. Jemand könnte auf die Idee 

kommen …« 

Sie blieb stehen. »Ich glaube, wir haben jetzt genug geredet. 

Wir haben noch anderes zu tun.« 

»Ja.« Er rappelte sich schwerfällig auf. 

Noch einmal begegnete ich seinem Blick. »Wenn Sie wüssten, 

wie oft ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren an Sie gedacht 
habe …« 

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Er starrte glasig zurück. »So?« 

»Es war mein allererster Fall, und ich habe ihn nie gelöst – bis 

heute.« 

»Tja …« 

»Und was ist mit Ihrem alten Kameraden, William Larsen, den 

Sie um einen Gewinn von hunderttausend gebracht haben? Das 
war verdammt viel Geld, damals.« 

Sein Blick ging in die Ferne. »William … Ich wollte ihm fast 

einmal eine Karte schicken, aber … Es blieb bei der Idee.« 

»Das war sicher das Beste.« 

»Wie geht es ihm? Wenn er noch …« 

»Nein, er ist tot.« 

»Besser so, vielleicht. Für ihn. Ich gehe bald denselben Weg 

wie er.« 

»Dann treffen Sie sich ja vielleicht wieder? Eine Lottorunde 

im Himmel, das wäre doch etwas, oder? Aber andererseits … Es 
fragt sich, ob er noch einmal das Risiko eingehen würde, Ihr 
Kompagnon zu sein.« 

Er sah mich schwermütig an. »Nein, das stimmt wohl … Na, 

dann adieu, Veum – so heißen Sie doch?« 

»Ja, adieu – und danke für die Begleitung, all diese Jahre.« 

Viel mehr war nicht zu sagen. Ich blieb einen Moment stehen, 

während sie im Fahrstuhl verschwanden. Was auch immer sie 
noch vorhatten; zu allererst brauchten sie jetzt eine Zeit für sich, 
allein mit ihren Erinnerungen – ja, vielleicht sogar mit einer gar 
nicht so kleinen Prise schlechtem Gewissen. Ich selbst 
unternahm ein Allerletztes in diesem Fall. Ich schickte ein paar 
Wochen später einen Brief an seine Schwester und erzählte ihr 
das Ganze in groben Zügen. Aber ich bekam nie eine Antwort. 

Vielleicht gefiel ihr das, was ich zu erzählen hatte, auch nicht. 

Oder es war ihr egal, nach all den Jahren. 

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Für alle Fälle schrieb ich einen ausführlichen Bericht für mein 

eigenes Archiv. Ich zögerte ein wenig, bevor ich mich 
entscheiden konnte, unter welchem Stichwort ich ihn ablegen 
sollte. Schließlich nahm ich doch das Naheliegendste: ERSTER 
FALL. Ich war froh, auch unter diesen »Abgeschlossen« und 
dann das Datum schreiben zu können, auch wenn es 
fünfundzwanzig Jahre zu spät war. 

Wenn ich später an dem kleinen Haus in Nøstet vorbeikam, in 

dem der Tabakladen gewesen war, der vor mehreren Jahren 
durch einen Kebabladen ersetzt wurde, musste ich immer wieder 
an den Mann denken, der im Keller ruhte, unter einem 
Betonboden, der vor fünfundzwanzig Jahren neu gewesen war, 
aber dennoch eines schönen Tages reif für eine Erneuerung sein 
würde. Bis dahin schlief er sicher. 

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Nachts allein nach Hause 

Aino Trosell 

 

Nie würde sie den Anblick vergessen, nie. Sie hatte die 
Abendmesse besucht und anschließend hatte sie mit Fanny bei 
Emil und Jon Tee getrunken. Danach hatte sie bestimmt eine 
halbe Stunde lang mit Fanny vor deren Haustür gestanden und 
sich unterhalten, ehe sie weiterradelte. Als sie in den kleinen 
Park einbog, lag er plötzlich wie eine Jesuskrippe vor ihr, 
taghell von starken Scheinwerfern erleuchtet und im 
Hintergrund Polizisten und ihre Wagen mit den wirbelnden 
Blaulichtern. Sie hatte den Hügel abwärts so viel Tempo gehabt, 
dass sie erst kurz vor der Absperrung zum Halten kam. Sie 
konnte es sehen, ehe man sie wegscheuchte. 

Die Tote lag auf dem Rücken, die Zunge hing aus dem Mund, 

und die Augen waren so weit aufgerissen, als würden sie gleich 
aus den Höhlen treten. Auch die Beine waren gespreizt, und der 
Unterleib war nackt. Obwohl Frost war. 

Katarina erkannte sie sofort. Sie waren im gleichen Alter, sie 

kannte sie aus der Kindheit, obwohl sie nicht in denselben 
Kindergarten gegangen waren, und jetzt arbeitete sie sicher im 
Badepalast. Hatte dort gearbeitet. Sie war schließlich tot. 

Katarina war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte vorher noch 

nie einen toten Menschen gesehen. Ein Polizist führte sie sanft, 
aber bestimmt fort, sie sei so schnell da gewesen, dass man noch 
nicht dazu gekommen sei, alle Sperren aufzustellen, doch jetzt 
solle sie einfach nach Hause fahren, morgen werde bestimmt 
alles in der Zeitung stehen, dann werde sie Bescheid wissen. 

»Ich kenne sie«, stammelte sie, »ich meine, ich weiß, wer das 

da ist, wir sind gleich alt.« 

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»Fahren Sie jetzt nach Hause«, wiederholte der Polizist, 

»versuchen Sie zu vergessen, was Sie gesehen haben, den 
kriegen wir bald, jetzt ist er endgültig zu weit gegangen.« 

Der Albtraum war also nicht zu Ende, im Gegenteil, das war 

erst der Anfang gewesen. Ein Vergewaltiger lief seit einem 
halben Jahr frei herum, und jetzt war er auch noch zum Mörder 
geworden. 

Dreimal waren in der Stadt Frauen vergewaltigt worden und 

die Stimmung grenzte schon an Hysterie. Die Vergewaltigungen 
wurden mit äußerster Brutalität begangen, und die Frauen waren 
mit gebrochenen Rippen und zerfetzten Genitalien ins 
Krankenhaus eingeliefert worden. Jetzt war also ein 
entscheidender Wendepunkt im Vorgehen des Vergewaltigers 
eingetreten, er hatte eine Grenze überschritten. Was er getan 
hatte, war unwiderruflich. Jetzt konnte alles Mögliche passieren. 
Als sie zu Hause in ihrer sicheren Wohnung ankam, 
kontrollierte sie zum ersten Mal im Leben die Wandschränke 
und guckte unters Bett. Sie wohnte im fünften Stock, es konnte 
sich also niemand über den Balkon Zutritt verschaffen, doch 
sicherheitshalber überprüfte sie alle Fenster und vergewisserte 
sich, dass die Balkontür verschlossen war. Die Haustür hatte 
Sicherheitsgitter und ein Chubbschloss. Sie war geschützt. 

 

Es dauerte ein paar Wochen, bis der entsetzliche Anblick zu 
verblassen begann und sie wieder nach Hause kommen konnte, 
ohne gleich die Wohnung nach potenziellen Mördern zu 
durchsuchen. 

Die Kirche war ihre feste Anlaufstelle, dort hatte sie ihre 

Freunde und ihr soziales Leben. Die Kirche war ihre Familie 
und ihre ganze Geborgenheit. Sie war im Kirchenvorstand und 
sang im Chor. Ihre Beziehung zu Gott bestand aus Liebe ohne 
Schnörkel. Ihr Leben war gut. 

Der Vergewaltiger hatte die Stadt nach wie vor eisern im 

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Griff. Kein Mensch fühlte sich sicher, die Männer sahen sich 
schuldbewusst alle in einen Topf geworfen, und die Frauen 
hatten Angst, sobald sie allein waren. Auch in der Kirche 
wurden die schrecklichen Verbrechen diskutiert. Die Polizei 
hatte wenige oder keine Spuren vom Täter. Natürlich gab es 
Spuren: in Form von Sperma, Hautpartikeln und einzelnen 
Haaren unter den Nägeln der Opfer. Doch die Antwort der 
Analyse der DNA warf eine Frage auf: Ist er es? Da der Täter 
nicht in der Kartei der Polizei war, ergab sich nie die Frage, die 
zur Antwort hätte passen und somit die Stadt aus der 
Umklammerung des Terrors hätte befreien können. 

 

 

Viele Abende vergingen damit, dass sie viele Kannen Tee 
tranken. Meistens mit Emil, Jón und Fanny, und meistens saßen 
sie zu Hause bei Emil und Jón und redeten. Sie waren keine 
zwei Paare. Sondern vier Freunde. Eine zarte und kaum 
wahrnehmbare Erwartung lag bei ihren Verabredungen in der 
Luft, doch die Freundschaft war gerade jetzt das Wichtigste. Zu 
gegebener Zeit würde jemand den entscheidenden Schritt tun. 

Nicht aus romantischen, sondern aus Gründen der Sicherheit 

brachten Emil und Jón Katarina und Fanny nach dem 
Vorkommnis im Park nach Hause. Treu wie Hofhunde radelten 
die beiden Männer neben ihnen her und blieben so lange vor der 
jeweiligen Haustür stehen, bis sie sahen, dass im richtigen 
Fenster das Licht anging und eine Hand winkte. 

Katarina entspannte sich. Bei Tageslicht hatte sie keine Angst. 

Außerdem hatte sie einen kurzen Weg zur Arbeit. Die Tätigkeit 
in der Kirche brauchte sie dank der fürsorglichen Abendrituale 
der beiden Freunde auch nicht zu vernachlässigen. 

Immer schon hatte sie Sport getrieben, und jetzt machte sie 

zusätzlich Krafttraining. Das gab ihr ein gutes Gefühl. Sogar 
psychisch wirkte sich die physische Kraft bei ihr aus, sie wurde 

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sicher und ruhig. Alles würde gut werden. Und eines Tages 
würde Emil seine Hand nach ihrer ausstrecken und sie etwas zu 
lange festhalten. 

Fanny und Jón würden auch ein Paar werden. Aber damit hatte 

es keine Eile. Sie wussten alle vier, dass nach diesem Tag nichts 
mehr so sein würde wie früher. Sie waren füreinander bestimmt. 
Sie hatten sich füreinander aufgehoben. Sie trieben sich nicht 
herum und probierten nicht alles Mögliche aus, sodass an dem 
einen Tag alles besudelt wäre. Sie trafen zuerst ihre 
Entscheidung. Danach ließen sie ihre Seelen und Körper von 
Gottes schönsten Gefühlen erfüllen. Und diese Liebe würde ein 
Leben lang halten, bis dass der Tod sie schiede. 

Fanny war ihre beste Freundin, mit ihr konnte sie über alles 

reden, über fast alles. Fanny arbeitete in einer Kindertagesstätte 
und war ungezwungener und fröhlicher als sie, Katarina. Fanny 
betreute mit zwei Kolleginnen fünfundzwanzig kleine Knirpse, 
sie trug große Verantwortung. Katarina beneidete sie nicht. Sie 
selbst war Laborantin, was ebenfalls eine große Verantwortung 
bedeutete – ihr durften keine Fehler unterlaufen –, dennoch kam 
ihr die Arbeit wie eine Verwaltungstätigkeit vor. Sie musste 
nicht immer gut gelaunt sein, Hauptsache, sie war genau und 
gründlich. Dass Untersuchungsergebnisse vertauscht wurden, 
war ihr unbegreiflich. Sie ging systematisch vor, weder pokerte 
sie, noch überließ sie irgendetwas dem Zufall. Gott hielt seine 
schützende Hand über sie, sodass sie keine Katastrophe auslöste. 
Doch er tat es nur, wenn sie selbst Verantwortung übernahm, 
und damit war sie sehr einverstanden. Gott war eine 
Aufforderung: Liebe deinen Nächsten! Eigentlich war alles 
ziemlich einfach. Sollte Emil sie fragen, ob sie ihn heiraten 
wolle, dann würde sie Ja sagen. Er tat ihr gut, weil er immer so 
fröhlich und darauf bedacht war, dass auch sie fröhlich war, und 
er würde ihren Kindern ein guter Vater sein. In dieser Hinsicht 
war er eine verwandte Seele von Fanny. Aber an ihr, Katarina, 
war er interessiert, das wusste sie. Jón wiederum war ein 

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bisschen so wie sie selbst, etwas schwermütiger, grüblerischer. 
Für Jón hatte sie nur schwesterliche Gefühle, sie verstand ihn. 
Und sie verstand ihn allzu gut, somit kam nicht der notwendige 
Funke auf, den Ungleichheit entzünden konnte. 

Manchmal träumte sie von einer Doppelhochzeit. Doch noch 

war es zu früh, noch steckten ihre potenziellen Beziehungen in 
den Windeln. 

Eines Abends, als Emil sie wie immer zur Haustür begleitet 

hatte, beugte er sich übers Fahrrad und küsste sie. Sie ließ es 
geschehen und lächelte ihn an. Auch das, ja. Sie würden eines 
Tages Sex miteinander haben, wenn sie ein richtiges Paar 
geworden waren, wenn sie sich entschieden hatten. Gott war auf 
ihrer Seite. 

Sie zitterte. An dem Tag musste sie es ihm erzählen. Oder 

nicht? Konnte sie es einfach bleiben lassen und so tun als sei 
nichts geschehen? Aber würde sie die Kraft haben, das 
Geheimnis die Ehe hindurch, ein Leben lang für sich zu 
behalten? Aber was, wenn er andererseits seine Hand von ihr 
nehmen würde, wenn sie es ihm erzählte? 

Sie glaubte es nicht. Er war liebevoll und warmherzig. Er 

würde sie nicht verurteilen. Außerdem war sie per Definition 
unschuldig. 

Die Gefühle sagten ihr etwas anderes. Sie war ganz und gar 

nicht unschuldig, sondern schuldig und die Allerschmutzigste. 
Auch wenn sie damals erst vierzehn war. 

Vierzehn Jahre alt war sie gewesen und hatte sich falsch 

verhalten, war falsch gewesen, hatte das Falsche gesagt und so 
viele Fehler wie möglich gemacht, weil sie diese starken 
Gefühle, diese besinnungslose Verachtung und den Hass anzog. 

Mit einer Pipette gab sie vorsichtig je drei Tropfen 

Kochsalzlösung in zehn verschiedene Reagenzgläser. Sie war 
allein im Labor. Sie ließ sich von der ganzen Kraft der 
Erinnerung mitreißen. Von der Erinnerung, wie sie ihre 

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Unschuld an einen Mann verlor, der in der Nachbarschaft 
wohnte und behauptete, sie würde einen Hundertkronenschein 
bekommen, wenn sie seine Küche putzte. 

Hinterher bekam sie den Hunderter. Als wäre sie eine 

Prostituierte gewesen. Und enttäuscht war er obendrein. Sagte, 
er habe nicht gewusst, dass sie noch Jungfrau gewesen sei, 
dadurch war es anstrengend für ihn. 

Ihre Unterhose wurde blutig, und es lief eine Art Schleim aus 

ihr. Sie erinnerte sich, wie sie nach Hause schlich, fast 
gekrümmt, sie hatte Schmerzen. Die Unterhose stopfte sie in 
einen leeren Milchkarton, den sie anschließend in den 
Müllschlucker warf. 

Niemand durfte je davon erfahren. Sie sah ihn manchmal. Er 

tat, als sei nichts. Er hatte schließlich nichts gemacht. Er hatte 
keine Gewalt angewendet, musste bloß etwas rechthaberisch 
und energisch auftreten, er war schließlich so viel älter. Sie hatte 
es erst begriffen, als es zu spät war, als es schon weh tat und er 
fluchte. Weil es so anstrengend war und weil sie nicht die 
geringste Ahnung hatte, wie das ging. Er hatte ihr ein Wissen 
aufdrängt, von dessen Existenz sie nichts wusste. Sie stellte den 
Ständer mit den Reagenzgläsern in den Laborkühlschrank und 
machte einige Notizen. Das war doch über zehn Jahre her, das 
war jetzt Vergangenheit. Sie würde es Emil erzählen, wenn er 
um ihre Hand anhielt, dann konnte er selbst urteilen, ob sie eine 
Schlampe war oder dieser Nachbar ein Päderast. 

Die Gemeinde war am Ende ihre Rettung gewesen. Ihre 

Altersgenossen hatten eine Fete nach der anderen gefeiert, doch 
sie war Jesus an einem wunderbar warmen Winterabend 
begegnet, als das Lied sie anonym zum Himmel emporhob, 
sodass sie sich bedingungslos und ohne Furcht hingeben konnte. 
So bekam sie endlich eine Zugehörigkeit, wie eine große 
Umarmung, und allmählich sogar Freunde, und sie dachte, das 
Geschehene habe vielleicht seinen Sinn gehabt, ja, sicher hatte 
Gott einen Plan, wenn er sie dieser Prüfung unterwarf. 

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Sie band sich einen Mundschutz um und begann unter einem 

Abzug zu arbeiten. Ihre Arbeitskollegen kehrten von der Pause 
zurück. Ja, bestimmt hatte auch das seinen Sinn, dass sie in so 
jungen Jahren ohne Gewalt vergewaltigt wurde. Gott liebte sie, 
er wusste, was er mit ihr auch in der allerschwersten Prüfung 
vorhatte, wenn die Zeit gekommen war, würde sie es erfahren. 

 

Die Antwort ließ nur drei Tage auf sich warten. Sie saßen wie 
immer bei Emil und warteten auf Tee und Kuchen. Er war 
Muffins kaufen gegangen, und Fanny fiel plötzlich ein, dass sie 
ihr Handy in der Kirche vergessen hatte. »Wenn ich mich beeile, 
schaffe ich es noch, bevor der Wachmann Feierabend macht«, 
sagte sie und warf sich die Jacke über. »Ich komme mit«, meinte 
Jón, doch sie schnitt nur eine Grimasse, gefolgt von einem 
Lächeln, und verschwand die Treppe hinunter, ehe sie etwas tun 
konnten. Es waren nur fünf Minuten bis zur Kirche, wenn man 
die Abkürzung nahm, es war nur ein Katzensprung. Jón und sie 
schauten sich im Fernsehen weiter den interessanten 
Dokumentarfilm an, Emil kam dann irgendwann mit herrlich 
duftenden Muffins vom Kiosk, und sie beschlossen, auf Fanny 
zu warten, ehe sie den Tee einschenkten. 

Als die Sendung zu Ende war, begannen sie sich zu wundern. 

Jón wählte ihre Handynummer. Aber es war nach der Messe 
immer noch abgeschaltet. 

Sie sagten kein Wort, sondern zogen die Mäntel an und 

machten sich auf den Weg, um sie abzuholen. Lachen und 
Scherzen aber waren ihnen vergangen, als hätten sie es schon 
geahnt. 

Der Wachmann war noch beim Abschließen. Nein, er hatte 

Fanny nicht gesehen. 

Sie fanden das Mobiltelefon, es lag auf der Bank, in der sie 

gesessen hatte. 

Die Abkürzung, ja. Jetzt hatten sie es nicht mehr so eilig, 

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sondern durchstreiften den kleinen Park langsam. »Man könnte 
eine Taschenlampe gebrauchen«, sagte Emil. Katarina traute 
sich kein Wort zu sagen aus Angst, sie könnte anfangen zu 
weinen. 

Sie lag gut sichtbar, wenn man nur vom Weg abwich. Sie lag 

ausgestreckt unter einem Baum, und Katarina war es, die sie 
fand. Die Augen waren aus den Höhlen gequollen, ebenso die 
Zunge. Sie hatte noch immer die Jacke an, doch am Unterleib 
war sie nackt. 

 

In der Notaufnahme, nur wenige Stunden später, fällte sie ihre 
Entscheidung. Während das Pflegepersonal sie umsorgte und 
von ihrem Schock sprach, arbeitete ihr Gehirn mit eiskalter 
Präzision. Diesem Werkzeug des Teufels würde jetzt der Garaus 
gemacht. Jetzt wusste sie, welche Aufgabe Gott für sie 
bereithielt. 

»Sie müssen weinen«, sagte die Ärztin, »weinen Sie! Sonst 

stößt es Ihnen sauer auf und hinterlässt fürs ganze Leben Narben 
auf der Seele.« 

Scher dich zum Teufel, dachte sie roh, als hätte sie schon mit 

allen Normen der Gemeinde gebrochen. Und ihr fiel nichts 
anderes als nur Flüche ein, und am Ende sprach sie sie laut aus, 
immer mehr. Aber die Ärztin schien nicht erstaunt. »Gut«, 
meinte sie nur, »raus mit dem Scheiß, Sie haben Ihre beste 
Freundin erwürgt liegen gesehen, Sie müssen reagieren.« 

Endlich entließ man sie, und sie konnte heimfahren. Emil und 

Jon waren weiß wie die Wand, boten aber trotzdem an, sie nach 
Hause zu bringen. Sie sagte, das sei nicht nötig. 

Sie hatte bereits ihre Entscheidung gefällt. Der Teufel hatte 

jetzt zum letzten Mal zugeschlagen, jetzt würde er geschnappt 
werden. 

 

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Nach der Beerdigung weihte sie Emil und Jon in ihren Plan ein. 
Es war sehr einfach. Auch unter Fannys Nägeln hatte man 
Hautpartikel gefunden, auch Sperma in ihrer Scheide. Die 
Antwort lag vor. Fehlte nur noch die Frage: Ist er es? 

»Und ich kann die Frage liefern«, stellte Katarina fest. »Ihr 

könnt mich nicht aufhalten, alle Überredungsversuche sind 
zwecklos. Aber ihr könnt mich unterstützen oder mich machen 
lassen.« 

Ihre abwehrende Haltung zeigte Wirkung. Sie waren 

schließlich nach wie vor die besten Freunde. Emil schaute ihr 
besonders lang in die Augen. »Dir darf nichts passieren«, sagte 
er. »Mir wird nicht mehr passieren, als ich selbst zulasse«, 
antwortete sie, wobei sie sich gleichzeitig in den eigenen 
Oberarm kniff, »du weißt, wie gut durchtrainiert ich bin.« 

Leider war nicht nur ihr allein der glänzende Plan eingefallen. 

Die Polizei hatte ebenfalls eins und eins zusammengezählt und 
erkannt, dass der Mörder schnell und gefühlskalt zuschlug und 
dass auch der kleinste Park der nächste Tatort sein konnte. Also 
wurden alle Grünanlagen intensiv und verdeckt überwacht. 
Außerdem nahm die Hysterie gigantische Ausmaße an, keine 
Frau wagte sich überhaupt noch nach Einbruch der Dunkelheit 
auf die Straße. Restaurants und Kneipen klagten über 
ausbleibende Gäste, die brutalen Verbrechen machten mehrere 
Wochen lang Schlagzeilen auf den Titelblättern. 

Doch selbstverständlich beruhigte sich die Lage im Lauf der 

Zeit wieder. Die Psyche des Menschen ist rational, und die Zeit 
heilt alle Wunden. Er ist wohl woanders hingezogen, dachte 
man, jetzt ist ein halbes Jahr nichts passiert, aber vorher jeden 
zweiten Monat, wahrscheinlich sitzt er in der Klapse oder ist tot. 
Ja, er hat sich wohl das Leben genommen, vielleicht hat die 
Polizei schon die Ermittlungen eingestellt, nachdem ein 
Selbstmörder alle Anzeichen von Schuld aufgewiesen hatte. 

Die Frauen waren immer noch vorsichtig, aber es füllten sich 

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die Attraktionen des Abends wieder, und nun gab es eine 
weitere junge Frau, der man an den Bartresen der Stadt 
begegnen konnte, und sie hatte einen gesunden Zug am Leibe. 
Jedenfalls machte es den Eindruck. Die Gäste wurden 
vertraulicher, und sie lachte laut, ihr vulgäres Auftreten war fast 
unangenehm. Sie wurde oft in Ruhe gelassen. Auch wenn sie 
jemand anmachte – denn sie sah gut aus –, so schwankte sie 
nachts immer allein nach Hause. 

 

Und immer hatte sie in irgendeinem Park etwas zu erledigen. 
Tat, als müsse sie pinkeln. Rein und raus aus den verschiedenen 
Parks, halbe Nächte, hoffte beobachtet zu werden. Ja. Sie würde 
die Frage liefern. 

Zur bereits gegebenen Antwort. Sie würde einen ganzen Kerl 

voller DNA anziehen. Sodass sie sich aussuchen konnten, wo sie 
die notwendige Probe entnehmen wollten. 

Sie hatte keine Angst. War nur entschlossen. Sie war sogar 

bewaffnet, sie hatte einen kleinen schweren Totschläger aus Blei 
in der Manteltasche, das leiseste Rascheln, und sie würde ihn 
wie einen Diskus gegen den Angreifer schleudern, das hatte sie 
sich überlegt, er wäre auf so etwas nicht gefasst, so wie sie vom 
Alkohol benebelt zu sein vorgab. Sie würde ihn mit dem 
Totschläger zu Boden schicken und dann filzen, um seine 
Identität festzustellen. Der Rest war reine Polizeiroutine, eine 
Anzeige, eine Untersuchung, fehlende Alibis und am Ende 
Rechtsanspruch auf Ablieferung einer Probe zur DNA-Analyse. 

Sie wusste, wie gefährlich das Spiel war, das sie trieb. 

Womöglich war er Athlet, vielleicht schneller und leiser, als 

sie sich vorstellte. Er war vielleicht gerissener als sie. Er hatte 
sie bestimmt schon gesehen, wartete aber ab, ließ sich Zeit, bis 
er zuschlug. Er lauerte auf etwas. 

Sie wusste nicht, worauf. Aber sie war sich sicher, dass er sie 

beobachtete, dass er nur den richtigen Augenblick abpasste. 

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Die ganze Zeit waren Emil und Jon in der Nähe. Sie machten 

sich um sie große Sorgen und versuchten sie zu beobachten, 
ohne dass sie es merkte, was nicht einfach war. Einige Male 
hatten sie ihre fürchterlichen Wutausbrüche zu spüren 
bekommen. Sie hatten Angst, ihre Freundschaft zu verlieren. 
»Wir können doch wohl auch in die Kneipe gehen«, versuchten 
sie zu erklären. »Trinkt doch«, provozierte sie, »zeigt doch mal, 
was für große Saufbolde ihr seid.« 

 

Doch sie vertrugen Alkohol schlecht und fielen auf wie Spatzen 
im Spiel der Kraniche. Katarina lachte ordinär, als Jon schlecht 
wurde und Emil gezwungen war, ihn nach Hause zu chauffieren. 
Da war sie die beiden los. 

Als der Herbst in den Winter überging, war in der Stadt alles 

fast wie früher. Doch Katarina hatte nicht vergessen, dass sie zu 
dieser Jahreszeit zum ersten Mal das Werk des Mörders gesehen 
hatte, als sie durch den Park geradelt war. 

Darum setzte sie ihre nächtlichen Wanderungen durch die 

verschiedenen Parks der Stadt fort, mehrere Abende in der 
Woche. Sie war besessen. 

In dünnen Strumpfhosen, hochhackigen Schuhen und im 

Minirock lief sie durch die Dunkelheit, als sei das die 
natürlichste Sache von der Welt, die einzigen Menschen, die ihr 
begegneten, waren vereinzelte, erstaunte Hundebesitzer. Sogar 
die Hunde sahen aus als frören sie und zogen an der Leine, um 
schnell wieder zurück nach Hause ins Warme zu kommen. 

Schließlich hielt der Winter die Stadt mit eisigem Griff 

umklammert, die Temperatur sank auf unter minus zwanzig 
Grad, und Schnee fiel, Massen von Schnee. 

 

Sie hatte so getan, als ließe sie sich in der Kneipe Black Velvet 
volllaufen und torkelte jetzt den Bürgersteig entlang. Sie sah, 
wie der Türsteher ihr besorgt nachblickte, und befürchtete, er 

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würde ihr folgen, um sie vor dem möglichen Erfrierungstod zu 
retten. Doch er blieb zum Glück stehen, hatte sich schließlich 
um seinen Job zu kümmern. 

Sie hatte einen Heimweg von einem Kilometer vor sich, und 

die Hälfte der Strecke konnte sie durch den großen Stadtpark 
laufen. 

Sie sah schon, wie die Bäume über den nächsten Mietshäusern 

aufragten. Der Wind heulte, und der Schnee hatte sich auf dem 
Bürgersteig aufgetürmt, sodass man selbst in vollkommen 
nüchternem Zustand nur schwer vorankam. 

Sie trug eine schwarze Strumpfhose, lange, aber dünne Stiefel 

einen Minirock und einen synthetischen Leopardenpelz. Nichts 
auf dem Kopf. Sie sah wie eine richtige Nutte aus. Fehlte nur 
noch der Beobachter, die Straßen waren menschenleer. Das 
Unwetter und die Kälte hatten auch die allerabgehärtetsten 
Kneipengänger heimwärts getrieben. 

Im Park war ein Vorwärtskommen wahrscheinlich noch 

schwieriger. Sie stapfte durch den Schnee, und es war nicht 
einfach, die Betrunkene zu spielen. Vielmehr sah sie wohl wie 
eine Geisteskranke aus, die sich zwischen die wahnsinnig 
peitschenden Bäume und den wirbelnden Schnee begab. Sie 
zitterte vor Kälte, und die Beine fühlten sich taub an, auch die 
Finger, Zehen, das Gesicht. Das Make-up brannte in den Augen, 
sie rieb es fort, schaute bestimmt aus wie eine Idiotin, aber hier 
sah sie niemand. Sie könnte sich glücklich schätzen, wenn sie in 
dieser Nacht überhaupt zu Hause ankam. Auszugehen war eine 
schwachsinnige Idee gewesen, sie hatte doch den Wetterbericht 
gesehen, sie hätte es besser wissen müssen. Bitter bereute sie 
ihre unerschütterliche Haltung, wenigstens etwas Verstand im 
Kopf musste man doch haben, zumal wenn man Jagd auf 
Mörder und ihre DNA machte. Kein Mensch setzte in so einer 
Nacht einen Fuß vor die Tür. Bloß sie dumme Gans. Sie 
schluchzte, ja, sie weinte. Weil sie fror, weil sie so allein war, 
weil sie nicht wusste, ob sie es überhaupt schaffen würde, bei 

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diesem schrecklichen Wetter den ganzen Weg nach Hause zu 
gehen. Aber wenn sie sich zum Ausruhen hinsetzte, war alles 
vorbei, das war ihr klar. Schließlich weinte sie um Fanny. Zum 
ersten Mal kam die Trauer hoch. Und die wird mich das Leben 
kosten, dachte sie. Ihre beste Freundin, Fanny mit den lustigen 
Eichhörnchenaugen, dem ansteckenden Lachen, der herzlichen 
Fürsorglichkeit. Fanny, die für sie wie eine Mutter und 
Schwester gewesen war, die alles für sie gewesen war. Sie nie 
mehr sehen zu dürfen. Das Weinen schüttelte sie. 

Am Ende hockte sie sich hin. Das war schön. Etwas im 

Windschatten hinter einem Baumstamm. Sie war so müde und 
fühlte nirgends mehr etwas. Trotzdem zitterte sie und konnte 
nichts dagegen tun. Ich will mich nur kurz ausruhen, dachte sie. 
Aber hinter dem Gedanken steckte etwas anderes: Ist egal, 
niemand wird mich vermissen, wenn ich tot bin. Doch, vielleicht 
Emil, armer geduldiger loyaler Emil, der hofft, wir würden eines 
Tages heiraten. Jetzt muss er sich eine andere suchen. Nein, sie 
musste weitergehen. Es war noch nicht Zeit zu sterben. Das zu 
tun war gegen Gottes Gebot. Andererseits hatte sie schon mehr 
gesündigt als alle anderen, was spielte es also noch für eine 
Rolle. 

Trotzdem stand sie auf und kämpfte sich gegen den Wind 

weiter vorwärts. Mit eisernem Willen würde sie es nach Hause 
schaffen. Wenn denn ein eiserner Wille ausreichte. Gegen diese 
fundamentale Dummheit, diesen sündigen Hochmut, für wen 
hielt sie sich eigentlich? 

Plötzlich hörte sie durch das Heulen des Windes ein Geräusch. 

Das Brummen eines Motors. Und eine Stimme. »Katarina! 
Katarina!« 

Und Licht. Scheinwerfer. Ein Auto war in den Park gefahren 

und hatte neben ihr angehalten. Als sie den Fahrer erkannte, 
brach sie in Tränen aus. Danke, lieber Gott! 

Emil war da. Er hatte sich den Wagen der Gemeinde geliehen, 

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und die Scheiben waren nicht vereist, das Auto war warm, 
bereit, sie aufzunehmen. Schnell sprang er heraus und führte sie 
zur Beifahrerseite. »Der Sitz ist beheizt«, sagte er fürsorglich, 
»bald wird dir warm, wirst gleich sehen.« Die Belüftung blies 
ihr einen tropischen Wind, herrliche Wärme ins Gesicht. 

Er setzte sich wieder hinters Steuer und schloss die Tür. Das 

Heulen des Windes verstummte und wurde von einem ruhigen 
Blues aus dem Autoradio abgelöst. »Woher wusstest du?«, 
flüsterte sie erleichtert. 

»Du hättest an so einem Abend nicht aus dem Haus gehen 

dürfen«, warf er ihr vor, »das war dumm von dir, sehr dumm.« 

Sie nickte. »Ich dachte, ich muss sterben«, sagte sie. »Durch 

meinen eigenen Übermut, ich dachte, ich würde meine Strafe 
bekommen.« 

In dem Augenblick hörte sie ein leises Klicken. 

»Was war das?« 

»Die Zentralverriegelung, Liebling.« 

Liebling? Sie hatte nicht die Kraft, über die neue Anrede 

nachzudenken, dass sie plötzlich so intim mit ihm war, sein 
Liebling geworden war. Sie war einfach nur erleichtert. 

 

Er fuhr aus dem Park und weiter nach Norden in ihren Stadtteil. 
Langsam taute sie auf. Schaute sich in dem wohl vertrauten 
Gemeindeauto um, in dem sie altersschwache Kirchgänger 
immer abholten. Wie eine rettende Flotte in stürmischer See, 
diese gesegnete Wärme. Und dieser gesegnete Mann, ihr Emil. 
Das Licht des reflektierenden Schnees draußen glänzte in seinen 
Augen, er lächelte still, sah sie an. 

Sie erwiderte das Lächeln. Bald waren sie da. Die Straßen 

waren nicht geräumt, und es lag so viel Schnee, dass man nicht 
an den Rand des Bürgersteigs fahren konnte. Doch andererseits 
war kein Verkehr. »Du kannst mich hier rauslassen«, sagte sie, 

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»ich steige auf der Straße aus. Ich winke, wenn ich oben bin.« 

Doch er hielt nicht an. Sondern fuhr an ihrem Haus vorbei. 

»Halt, Emil, jetzt bist zu weit gefahren.« 

Er schien sie nicht zu hören. 

»Emil, wo fährst du hin?« 

»Zu einem neuen Park. Zu einem, den du bei all deinen 

nächtlichen Wanderungen ausgelassen hast.« 

Er lächelte ihr wieder zu. Doch das Lächeln war anders, kalt 

und anzüglich. Oder bildete sie sich das nur ein? 

»Ein anderer Park, Liebling. Variation und Erneuerung, you 

know.« 

 

Die Erkenntnis tat körperlich weh. Gewichte schwer wie Blei 
fielen in ihrem Körper – ein anderer Park! Konnte es wahr sein, 
konnte er es sein? 

Bange schielte sie zu ihm hinüber. Er grinste jetzt übers ganze 

Gesicht und fuhr zügig durch die Stadt. Seine Worte waren nur 
in eine Richtung zu deuten. Oder erlaubte er sich einen Scherz? 

Nein, der Emil, den sie kannte, würde sich nie zu einem 

solchen Scherz hinreißen lassen. Neben ihr saß ein Fremder, ein 
Mann, den sie nicht kannte. 

Sie wusste nicht, dass Gefühle körperlich so weh tun konnten. 

Die Muskeln schmerzten, der Kopf dröhnte, ihr Emil, das durfte 
nicht wahr sein! 

Doch die Worte hingen unerbittlich in der warmen Luft. Er 

hatte es gesagt. Er war es. 

 

»Du kannst es trotzdem machen«, flüsterte sie. »Du musst mich 
nicht umbringen, oder?« 

Ein Schnauben war seine Antwort. »Das ist es gerade«, sagte 

er dann. »Dass du so eine Schlampe bist, was für ein Glück, dass 

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es herausgekommen ist. Und mit dir wäre ich fast den heiligen 
Bund der Ehe eingegangen.« 

»Was habe ich getan?« 

»Guck dich an!« 

»Du weißt doch, warum. Und Fanny? Was hatte sie getan?« 

»Du musst blind gewesen sein. Hast du ihre Blicke vergessen, 

ihr Lachen, wie sie sich bewegte?« 

»Sie war süß, Emil, ist das ein Verbrechen?« 

»Sie hatte selbst Schuld. Sie hätte es wissen müssen. Doch sie 

hat beschlossen, sich zur Schau zu stellen und die Leute 
durcheinander zu bringen.« 

»Das hat dich angemacht?« 

»Was für ein Ausdruck. Typisch für dich. Ich war verzweifelt. 

Ich strafe – so wie ihr darum bettelt, bestraft zu werden.« 

Sein Gesicht war jetzt vollkommen verändert. Die schwache 

Beleuchtung vom Armaturenbrett unterstrich zusätzlich seinen 
grotesken Gesichtsausdruck. Die Erkenntnis wie bleischwere 
Gewichte in ihrem Körper. Eine innere Kälte jetzt, viel 
schlimmer als die äußere. Eine glasklare Anwesenheit im Jetzt. 
Sie legte den Sicherheitsgurt an, registrierte, dass er nicht 
angeschnallt war. Bleischwere Gewichte im Körper, der bleierne 
Totschläger in der Hand, er bog auf den großen Friedhof ein, 
aha, das war also der Park, sie schleuderte das ganze 
Bleigewicht direkt gegen seine ungeschützte Schläfe. Und dann 
wurde es schwarz. 

 

Eine Woche später wusste sie, dass ein ganzer Kerl voller DNA 
zufriedenstellend abgeliefert worden war, er überleben und seine 
Strafe bekommen würde. 

Sie selbst würde lernen, mit ihrer Einsamkeit zu leben und 

ohne die Geborgenheit, die Gott spendet. Seinen Schutz gab es 
nirgendwo, nicht mal in seiner heiligen Gemeinde. Eine 

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Aufforderung war er nach wie vor, doch von unergründlicher, 
schmerzlicher Art. Die Liebe, die sie für das Ziel gehalten hatte, 
musste sie selbst erschaffen, jemandem zu geben versuchen, 
obwohl sie aus Mangel an dieser Wärme selbst schwere 
Erfrierungen erlitten hatte. Das half nichts. Sie musste selbst 
lieben und nicht warten, bis jemand kam und sie erlöste. 

Ein bisschen zufrieden war sie dennoch, weil sie eine Reihe 

von Frauen vor einem gewaltsamen Tod gerettet hatte, die 
eiserne Umklammerung der Gewalt nachgelassen und gerade in 
diesem Augenblick niemand mehr Angst hatte. 

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Krebsfest in Schwarz 

Marita Gleisner 

Ich holte die große schwarze Servierplatte heraus, hielt aber in 
der Bewegung inne und zog den Duft von frisch gepflücktem 
Dill ein, einfach herrlich. Ich wollte gleich die aufgetauten 
Krebse zu einer Pyramide auf der Platte schichten und sie ganz 
oben mit schönen Sträußen von Dillkronen garnieren, als ich 
feststellte, dass die Krebse noch leicht gefroren waren. 
Vorsichtig löste ich sie voneinander, damit keine Schere 
abbrach, und reihte sie zum Abtropfen einen nach dem anderen 
auf Küchenpapier auf. Da kam Johan in die Küche. 

»Du willst doch nicht etwa den Tisch mit schwarzen Tellern 

decken?«, fragte er in energischem Ton. 

Ich schaute hinunter auf die Arbeitsplatte. Was war mit Johan 

los? Ich hatte das Gefühl, wenn ich die große weiße Platte 
herausgeholt hätte, wäre das auch nicht recht gewesen. Ich 
starrte auf seine Schuhe und biss mir auf die Lippe. Ich ließ den 
Blick seine dunkle Cordhose und das grau gestreifte Hemd 
hinaufwandern. Er war groß und elegant, ein Mann mit 
dunkelbraunen Augen und blondgelocktem Haar, immer gut 
gekleidet. Jetzt war der Mund ein krummer Bleistiftstrich, und 
Johan schüttelte den Kopf wie ein störrisches Kind. Er seufzte, 
sagte aber nichts weiter. Er machte auf dem Absatz kehrt und 
ging hinaus. Ein schwacher Duft von Rasierwasser blieb zurück 
und mischte sich mit dem vom Dill. 

Da war was. Ich hatte das im Gefühl. Er war genauso wie 

damals, als wir noch in Åbo wohnten, bevor wir herzogen. 
Damals hatte er angefangen an mir herumzumeckern und hatte 
Rasierwasser benutzt, obwohl es Samstag und er zu Hause war. 
Es konnte doch wohl nicht sein, dass er wieder … Nein, daran 
wollte ich nicht denken. Wir waren umgezogen, um dem 

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Klatsch zu entfliehen, und wir konnten nicht noch einmal 
umziehen. Johan hatte keine andere. Ich musste es mir immer 
wieder sagen Johan war nur müde und überarbeitet. 

Ich stellte die schwarze Servierplatte zurück und holte die 

weiße heraus. Das rote Tischtuch würde sich nicht genauso gut 
zu den weißen Tellern machen, aber es war wichtig, dass Johan 
an diesem Abend gute Laune hatte. Johan war charmant und 
freundlich. Alle mochten ihn. Er wollte Menschen um sich 
haben, und darum hatte er Elin und Gustav zum Krebsfest 
eingeladen. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir zu Hause 
allein vor dem Fernseher gesessen und einen Film geschaut. 
Verglichen mit Johan war ich langweilig, eine kleine graue 
Maus. 

Ich legte die Decke auf den Tisch und holte die Gläser heraus. 

Ich spülte sie unter heißem Wasser ab und polierte sie mit einem 
Leinentuch. Beim Falten der Servietten schaute ich aus dem 
Fenster und sah, dass Johan auf dem Weg ins Haus war. Sein 
Handy klingelte, und er ging ein paar Schritte zurück. Als er das 
Gespräch annahm, stand ich schon mit dem Ohr an der 
Lüftungsklappe. 

»Du bist also zu Hause«, sagte er sanft. 

Mir war klar, dass er mit einer Frau sprach. Sie erzählte 

offensichtlich, wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte, 
denn er stand lange stumm da und erwiderte nichts weiter als: 
»Jaja, jaja.« 

»Nein, das geht nicht«, sagte er in einer tieferen Stimmlage, 

und ich hörte, wie er einen Stein wegkickte, sodass er gegen den 
Holzschuppen flog. 

Seine Stimme klang enttäuscht, und ich konnte nicht 

heraushören, ob er nur so tat oder ob er wirklich enttäuscht war. 

»Birgitta gibt ein Krebsfest«, erklärte er und seufzte 

demonstrativ. 

Doch die Anruferin gab sich mit der Antwort nicht zufrieden. 

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»Elin und Gustav«, sagte er. 

Ich hörte, wie er nervös auf dem Kies auf und ab ging. 

»Natürlich, natürlich«, erwiderte er. 

Dann musste er sich umgedreht haben, denn das Einzige, was 

ich hörte, war: »Wie immer« und »nach Mitternacht«. 

Danach blieb er stumm, und ich, die glaubte, sie hätten das 

Gespräch beendet, ging so schnell durchs Zimmer zur 
Kommode, dass ich mir den kleinen Zeh an einem Stuhlbein 
stieß. Es tat weh, und ich hätte am liebsten laut aufgeschrien. 
Mein Gesicht wurde heiß, und ich zog schnell die oberste 
Schublade mit dem Besteck auf. Ich wühlte nach den 
Krebsmessern, während ich zur Tür schielte, doch Johan kam 
nicht. Da humpelte ich zum Fenster und sah, dass er noch immer 
auf dem Hof auf und ab wanderte, das Mobiltelefon am Ohr. Er 
sagte nicht viel. Sie war es, die sprach. 

Plötzlich hätte ich mich am liebsten übergeben. Ich hatte das 

Gefühl, ich müsste mich davonschleichen und frische Luft 
schnappen, darum riss ich den gerippten Strickpullover vom 
Haken und schlüpfte durch die Küchentür hinaus. 

 

 

Die Sonne brannte heiß. Sanfter Wind kam vom Meer, aber ich 
hätte den Pullover nicht mitzunehmen brauchen. Bei der 
Mülltonne bog ich auf den Waldweg ein und stellte fest, dass die 
Blaubeeren reif waren. Ich hätte einen Korb mitnehmen sollen. 
Mir war danach, Beeren zu pflücken, sie für den winterlichen 
Bedarf einzukochen und zu entsaften, und nicht danach, Johans 
Krebsfest auszurichten. Ich wollte mit dem Ohr zurück an die 
Lüftungsklappe. »Wie immer« und »nach Mitternacht«, hatte er 
gesagt. Was meinte er damit? Bei der bloßen Vorstellung, er 
träfe sich mit einer anderen, während ich schlief, begann mein 
kleiner Zeh zu schmerzen. Mir war rasch klar, dass ich mich 
verhört haben musste. Es war nicht logisch, dass er sich mit 

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einer aus dem Dorf traf. Hier auf dem Berg wohnten nur 
Kjerstin Ekdahl und wir. Kjerstin war allein, seit ihr Mann 
Martin ausgezogen war. 

Als ich über sie nachdachte, kam ihre schwarze Katze Frida 

auf mich zu und begann sich auf dem Weg zu wälzen. Frida war 
eine gutmütige, dicke schwarze Katze mit schön glänzendem 
Fell. Martin hatte sie Kjerstin überlassen, weil seine neue Frau 
allergisch war. Ich bückte mich und streichelte sie. Frida kam 
oft zu mir, wenn ich allein war. Ich glaube, dass sie merkte, dass 
Johan Katzen nicht mochte. Er sagte, sie brächten Tod und Pech, 
aber ich glaube, er behauptete das nur, weil er Angst vor Katzen 
hatte. Frida schien nicht genug kriegen zu können, darum nahm 
ich sie auf den Arm und sie warf gleich ihren Motor an und 
schnurrte an meiner Wange. Die Katze war süchtig nach 
Gesellschaft. Hatte Kjerstin keine Zeit für sie? Und mir fiel auf, 
dass Kjerstin sich lange nicht mehr hatte blicken lassen. 

Ich wollte bis zum Felsvorsprung beim Kliff gehen und übers 

Meer schauen, besann mich aber und ging stattdessen den Weg, 
der hinter Kjerstins Haus entlangführte. Und ganz ohne Grund 
blieb ich im Schutz der dichten Fichte stehen und spähte. 
Kjerstin merkte nichts. Sie saß vor dem Haus in einem weißen 
Plastikstuhl mit dem Rücken zu mir. Ihr blondes Haar glänzte in 
der Sonne. Sie fuchtelte heftig mit der linken Hand in der Luft 
herum. Sie sprach in ihr Mobiltelefon. 

Bestimmt tratscht sie, dachte ich und spürte, dass der kleine 

Zeh anschwoll. Der Fuß hatte kaum noch Platz im Schuh. 
Kjerstin war bekannt dafür, dass sie allen Klatsch der Gegend 
aufbauschte und weitergab. Kjerstin schmückte alles so aus, 
dass belangloser Tratsch zu solcher Größe anwuchs, dass man 
ihn als sensationelle Neuigkeit weitererzählen konnte. Nichts im 
Dorf entging ihr. Sie wurde von denen geliebt, die alles wissen 
wollten, und von jenen gehasst, die etwas zu verbergen hatten. 
Und mir kam der Gedanke, dass sie bald vor jeder Gartenpforte 
mit ihrem blauen Volvo Halt machen und erzählen würde, dass 

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Johan eine andere hatte. Vielleicht wusste sie schon, wer die 
andere war. 

 

Ich öffnete den Ofen und holte die Auflaufform mit dem 
vorgebackenen Teig heraus. Ich brutzelte Champignons und 
legte den Boden der Form damit aus. Anschließend zerbröckelte 
ich Edelpilzkäse und streute eine Schicht darüber. Ich verquirlte 
die Eier mit Milch und füllte die Form bis zum Rand auf. 
Während alles im Ofen garte, duschte ich schnell und dachte, 
dass die Frau, mit der Johan gesprochen hatte, Elin und Gustav 
gekannt haben musste. Johan hatte ihre Vornamen genannt, 
nicht »ein paar Bekannte« oder »die Forsmans« gesagt. Er hatte 
»Elin und Gustav« gesagt, also wohnte sie im Dorf. Ich kannte 
die Frau, auch Kjerstin kannte die Frau. 

Als ich die Krebse zu einer Pyramide auf der weißen 

Servierplatte aufschichtete, wusste ich, dass das Schlimmste sein 
würde, wenn die Leute im Dorf von der Sache erfuhren. Dann 
wäre es wieder so peinlich wie in Åbo, als Johan etwas mit dem 
Aushilfsmädchen hatte. Ich konnte noch immer nicht fassen, mit 
wie wenig Bedacht er seine Geliebte ausgesucht hatte. Ich ging 
ins Badezimmer, bürstete die Haare und wickelte sie auf. Ich sah 
es vor mir, wie Johan meiner Mutter, die damals noch lebte, 
erklärt hatte, dass wir meinetwegen hierher gezogen waren. Er 
hatte erzählt, er habe eine schlechter bezahlte Arbeit 
angenommen, nur damit es mir hier auf dem Lande besser ging. 
Doch meine Mutter hatte ihn durchschaut, oder zumindest war 
ihr etwas aus Åbo zu Ohren gekommen. Bei der 
Testamentseröffnung stellte sich heraus, dass sie es so abgefasst 
hatte, dass Johan durch eheliche Gütergemeinschaft kein Recht 
an dem Haus hatte. Verließ er mich wegen einer anderen, durfte 
ich wenigstens das Haus behalten. Aber das war ein kleiner 
Trost. Ich wollte auch Johan behalten. 

Ich nahm die Wickler aus dem Haar und bürstete es wieder 

glatt. Es war glanzlos und hatte gespaltene Spitzen. Ich brauchte 

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mich gar nicht im Spiegel zu betrachten, um zu wissen, dass 
meine Nase schief und meine Augen zu klein waren. Ich hatte 
eine fettige Haut, die immer glänzte. Trotzdem wollte ich Johan 
für mich allein. Und ich war mit den Gedanken wieder bei 
Kjerstin. Als ich spähend hinter der Fichte gestanden und ihr 
blondiertes Haar gesehen hatte, war mir ein Gedanke 
gekommen, aber der hatte sich gleich wieder verflüchtigt. Ich 
versuchte ihm nachzuspüren, aber er fiel mir nicht mehr ein. 
Stattdessen erinnerte ich mich an Kjerstins freundlich 
einschmeichelnde Art, nachdem wir hergezogen waren. Ich hatte 
erzählt, dass ich vorhatte, demnächst ein Geschäft für 
Unterwäsche zu eröffnen. Ich hatte ihr geglaubt, als sie 
versprach, es niemandem weiterzuerzählen. Doch schon am 
nächsten Tag hatte man mich auf der Post und im 
Lebensmittelladen gefragt, wann ich denn mein Geschäft 
eröffnen wolle. Kurz darauf hatte Kjerstins Arbeitskollegin 
meine Idee geklaut und ein Geschäft mit Unterwäsche 
aufgemacht. 

Ich wollte Kjerstin zur Rede stellen. Ich wollte ihr die 

Meinung sagen, aber genau an dem Abend war Martin 
ausgezogen, und Kjerstin saß in unserer Küche und weinte, als 
ich aus der Stadt kam. Also sagte ich kein Wort. Johan musste 
ihr beim Brennholzmachen helfen, und bei starkem Wind 
musste er mit ihr aufs Wasser rudern und ihre Netze bergen. Es 
kam in Kjerstins Gesellschaft zu so vielen Stunden voller 
Tränen, dass ich in meinem eigenen Haus bald keine Ruhe mehr 
hatte. Kjerstin spielte die Märtyrerin und heulte wie ein 
Schlosshund. Bald konnte ich nachts nicht schlafen, und Johan 
fand, ich sollte es einmal mit einem Schlafmittel probieren. Der 
Vorschlag war gut, denn ich war einigermaßen aufgewühlt. 
Eines Nachts hatte ich vergessen, meine Schlaftablette zu 
nehmen, und erwachte in der Wolfsstunde. Johan hatte sich auf 
einen nächtlichen Spaziergang begeben, und obwohl er eine 
Stunde später zurück war, hatte ich mir Sorgen gemacht. Danach 

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sorgte Johan dafür, dass ich jeden Abend meine Schlaftablette 
nahm. 

 

Elin und Gustav kamen angeradelt, und Gustav lobte den guten 
Duft von Dill, und Elin meinte, ich sähe hübsch aus in meinem 
blauen Kleid. Johan schaltete seufzend sein Handy aus und 
versprühte seinen Charme, während er drei Drinks einschenkte. 

»Schlafmittel und Alkohol sind keine gute Mischung«, sagte 

er zu Elin und Gustav und erklärte ausführlich, wie schwer ich 
Schlaf fand. Er war sehr freundlich und nannte mich Liebling, 
dennoch ließ er es so klingen, als sei ich nervenkrank oder 
hysterisch. Er vergaß meinen Drink. Ich musste mir selbst eine 
Cola mit Eis holen. Als ich zurück war, bildete ich mir ein, Elin 
und Gustav schauten mich forschend an. 

 

Der Wind war abgeflaut, und der Abend wurde warm. Wir 
ließen die Terrassentür geöffnet, und während ich das Essen 
auftrug, betrieb Johan draußen auf der Terrasse mit Elin und 
Gustav Small Talk. Gustav rühmte die Aussicht. 

»Aber Kjerstin hat eine noch bessere Aussicht«, sagte Johan. 

»Hier verdecken die Bäume das meiste. Kjerstin sieht das 

ganze Meer.« 

Ich fragte mich, ob er tatsächlich auf ihrer Terrasse gesessen 

hatte oder ob es so war, wie er behauptete. 

»Fäll zwei Bäume, dann siehst auch du das Meer«, schlug 

Gustav vor. 

Da fiel mir gerade ein, dass die Frau, die Johan angerufen 

hatte, zu der neugierigen Sorte gehörte. Sie war wie Kjerstin. 
Das war der Gedanke, der mich angeflogen hatte, als ich 
spähend hinter der Fichte stand. Zugleich fiel mir ein, dass 
Johan bestimmt gern die Hälfte des Hauses besitzen würde, in 
dem er wohnte. 

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Es dämmerte schon, und leichter Nebel war übers Wasser in die 
Bucht gezogen. Ich goss den anderen Schnaps aus einer 
beschlagenen Flasche ein und schenkte mir Cola nach. Bald 
waren Johan und Gustav aufgekratzt, gesprächig und stimmten 
hin und wieder ein Trinklied an. Ich spürte, dass ich kurz vorm 
Eingehen war. Außerdem tat der kleine Zeh heftig weh. Wäre 
ich allein gewesen, hätte ich mir einen Umschlag mit Eis 
gemacht. Ich stellte die Teller zusammen und trug die 
Servierplatte hinaus. Elin fiel bestimmt auf, dass ich humpelte, 
und wollte behilflich sein, doch Johan wies darauf hin, dass Elin 
und Gustav unsere Gäste seien und bei ihm sitzen mussten. 
Während ich Kaffee kochte, klaubte ich die Krebsschalen 
zusammen und warf sie in die Mülltüte. Ich knotete sie zu und 
dachte daran, wie es morgen riechen würde, wenn ich die Tüte 
nicht hinaustrug. 

Auf der Küchentreppe fielen mir die Elstern ein, die die Tüte 

in den frühen Morgenstunden zerpflücken und den Abfall 
verteilen würden. Ich zwängte also den kleinen Zeh in einen 
Schuh und ging mit der Tüte zur Mülltonne. Obwohl der Fuß 
weh tat, humpelte ich den Weg weiter bis zum Felsvorsprung 
unterhalb unseres Hauses. Johan und Gustav waren 
wahrscheinlich draußen auf der Terrasse, doch sie würden mich 
nicht sehen. Ich schaute nach oben. Gustav hatte Recht. Die 
Bäume verdeckten die Aussicht. Fällten wir zwei, würden wir 
das ganze Meer, den Felsvorsprung und das Kliff sehen, das 
steil ins Meer auf eine Klippe abfiel. 

In Gedanken versunken ging ich weiter und erschrak fast, denn 

auf dem Felsvorsprung, der zu unserem Grundstück gehörte, saß 
Kjerstin auf ihrem weißen Plastikstuhl und belauschte heimlich 
das Gespräch da oben. Frida saß ein Stück weiter. Ich fragte 
mich, woher Kjerstin wissen konnte, dass wir ein Krebsfest 
gaben, doch nur einen Augenblick lang dachte ich das, denn 
plötzlich wurde mir klar, wer es ihr erzählt hatte. Mir war alles 

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klar, und ich schaute mich um. Nicht ein Boot bewegte sich 
draußen auf dem Meer. 

»Prost«, sagte Johan in dem Augenblick, da ich mich an sie 

heranschlich. 

 

»Wo warst du?«, fragte Johan misstrauisch. 

»Bei der Mülltonne«, antwortete ich. 

Johan holte eine Flasche Cognac und drei Gläser. Ich stellte 

die schwarzen Kaffeetassen auf den Tisch und stellte mich für 
sein übertriebenes Flüstern taub: »weiße Tassen«. Ich war ruhig 
und stellte auch die Schokoladentorte um auf die schwarze 
Servierplatte. Hätte ich schwarze Servietten gehabt, hätte ich 
auch die hingelegt. Jetzt mussten welche aus Papier mit weißen 
Lilien auf goldfarbenem Grund reichen. 

»Ich nehme etwas Cognac«, sagte ich, und Elins wie Gustavs 

Gesicht hellte sich auf, und sie lächelten, Johan aber meinte 
entschieden: »Nein.« Elin und Gustav lobten die Torte und 
nahmen noch ein Stück. Johan begann bald auf die Uhr zu 
schielen, und Elin merkte es. Sie wollte aufbrechen, aber ich 
widersprach: »Es ist so schön, dass ihr hier seid. Bleibt doch 
noch ein bisschen.« 

Wir saßen lange beisammen. Die Sommernacht am 

Bottnischen Meerbusen war warm wie am Mittelmeer. Wir 
wären wohl noch länger sitzen geblieben, aber als Johan den 
Cognac wegschloss, standen Elin und Gustav auf. Sie bestiegen 
ihre Fahrräder, um nach Hause zu radeln, und Johan ermahnte 
mich, meine Schlaftablette einzunehmen. 

»Ich räume schnell ab«, sagte ich und machte mich daran, 

Tassen und Gläser zusammenzustellen. 

»Wir lassen den Abwasch stehen«, meinte er. 

»Wir lassen nichts stehen«, widersprach ich, obwohl ich sah, 

dass Johan verärgert war. 

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Ich reihte das Geschirr in der Spülmaschine auf und steckte die 

Tischdecke und die Servietten in die Waschmaschine. Ich tat, als 
drückte ich eine Schlaftablette aus der Folie und saß eine Weile 
mit dem Glas in der Hand im Wohnzimmer auf dem Sofa. Johan 
verfolgte mich mit Blicken. Ich führte die Scheintablette zum 
Mund und gab vor zu schlucken. Ich hätte nach der Aussicht 
von Kjerstins Terrasse fragen können, verkniff es mir aber. Es 
spielte keine Rolle mehr. 

»Das war ein schöner Abend«, stellte ich fest, und wir gingen 

zu Bett. 

Ich stellte mich schlafend, und Johan schlich aus dem Zimmer. 

Er duschte und zog sich frische Kleidung an, und ich hörte, wie 
er hinaus in die warme Nacht ging. Ich dachte an nichts. Ich lag 
nur leer da in der Nacht. Eine Stunde und zwanzig Minuten 
später, es war genau zehn nach vier, war er wieder da. Er machte 
die Schlafzimmertür einen Spalt auf, kam aber nicht zu mir 
herein. Ich hörte, wie er die Kühlschranktür öffnete. Er klirrte 
mit Gläsern und ich konnte endlich einschlafen. Mein Johan war 
nach Hause zurückgekehrt, um zu bleiben. 

 

 

 

Am nächsten Morgen lag er auf dem Sofa und schlief. Er hatte 
eine Alkoholfahne, die bis in die Küche zu riechen war. Ich 
hängte die Tischdecke auf die Leine zwischen den Fichten, und 
Frida, die auf der Treppe gesessen hatte, schlüpfte ins Haus. Ich 
gab Sahne in eine Schüssel, und während ich die Spülmaschine 
ausräumte, schlabberte die Katze schnell die Sahne auf. Ich goss 
noch mehr nach und kochte starken Kaffee. Ich toastete Brot 
und ließ Frida im Wohnzimmer auf den Sofatisch springen, wo 
sie sich putzte, als Johan aufwachte. Er erschrak vor der schwarz 
glänzenden Katze, als hätte er ein Gespenst erblickt. 

»Was macht die hier?«, schrie er mich an. 

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»Keine Ahnung«, log ich. »Sie lag in meinem Bett, als ich 

aufgewacht bin, darum habe ich gedacht, du hättest sie 
reingelassen.« 

Er war einer Ohnmacht nahe. Er rappelte sich hoch, und mit 

ein paar Schritten war er in der Küche. Im Kühlschrank war kein 
Bier mehr, und er giftete mich wütend an. 

»Habe ich heute Nacht Bier getrunken?«, fragte ich mit 

gespieltem Erstaunen. 

Johan, der immer behauptete, er trinke kein piewarmes Bier, 

ging in die Garage und kehrte mit zwei Flaschen zurück. Er 
leerte sie, während er im Wohnzimmer auf und ab wanderte. 
Das Handy hatte er vergessen. Es lag auf dem Küchentisch, und 
es kümmerte ihn nicht, dass es klingeln und ich sehen konnte, 
wer anrief. Er ging auf die Terrasse und schaute den Steilhang 
hinunter, obwohl er nichts anderes als Gebüsch und Bäume 
sehen konnte. Er kam wieder herein, weiß im Gesicht wie ein 
Geist. 

»Geht’s dir nicht gut?«, fragte ich, aber er gab keine Antwort. 

Er sank im Sofa zusammen, und kurz glaubte ich, er weinte. 

 

Um halb fünf Uhr am selben Nachmittag parkte 
Kriminalkommissar Eino Virtanen sein Auto vor unserer 
Treppe. Der Polizist in seiner Begleitung war klein und 
schweigsam. Ich verstand seinen Namen nicht, weil ich an die 
Wäsche dachte; an die rote Tischdecke und die Servietten, die 
ich von der Wäscheleine genommen hatte. Ich musste sie gleich 
bügeln. Einen Augenblick später, und sie wäre zu trocken 
gewesen. Ich hatte schon das Bügelbrett aufgestellt, und das 
Bügeleisen war heiß, sodass ich mich ungeachtet der Fragen des 
Kommissars mit ruhigen Bewegungen ans Bügeln machte. 

»Nein«, antwortete ich. »Ich habe Kjerstin Ekdahl lange nicht 

gesehen.« 

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Johan nickte auch. Er erinnerte sich nicht, wann er zuletzt mit 

ihr gesprochen hatte. 

Da fing der Kommissar an zu husten. 

Kjerstin Ekdahls Mobiltelefon hatte man in der Küche 

gefunden, und es zeigte an, dass sie Johan gestern Nachmittag 
angerufen hatte. 

Daraufhin schien Johan fieberhaft in seinen Erinnerungen zu 

kramen. Er sagte viel zu schnell: »Doch, klar«, und wurde rot im 
Gesicht. Ich bin sicher, der Polizist sah, dass er log. 

»Sie hat irgendwas gefragt«, behauptete Johan, konnte sich 

aber nicht mehr erinnern, was. 

»Es ist aber besser, wenn Sie sich erinnern!«, entgegnete der 

Kommissar barsch und berichtete, dass man unsere Nachbarin 
Kjerstin Ekdahl vor kurzem im Wasser zwischen den Klippen 
unterhalb unseres Hauses tot aufgefunden hatte. Zwei Fischer 
hatten sie entdeckt. Man hatte auch einen weißen Plastikstuhl 
gefunden, der auf den Wellen auf und ab schaukelte, die an die 
Felsen schlugen. 

Ich stellte das Bügeleisen zur Seite. 

»Das kann nicht wahr sein«, sagte ich, doch der Kommissar 

nickte stumm. 

»Was haben Sie gestern gemacht, Frau Karlsson?«, fragte er, 

und ich setzte mich und wischte mir die Stirn mit dem 
Handrücken ab. Bügeln war schwere Arbeit, und es wurde 
warm. Ich erzählte ausführlich, wie ich das Krebsfest 
vorbereitete, und obwohl ich merkte, dass Kommissar Virtanen 
ungeduldig wurde, beeilte ich mich nicht. Ich behauptete, ich sei 
den ganzen Tag nicht weiter als bis zur Mülltonne gekommen. 
Ich hatte mir den Fuß verletzt. 

Da wollte Virtanen sofort den Fuß sehen. Ich glaube, sowohl 

er als auch Johan hatten den Verdacht, ich log, darum deutete 
ich erst auf das Stuhlbein, an dem ich mich beim Tischdecken 

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gestoßen hatte. Dann hob ich den Fuß mit dem kleinen Zeh, der 
jetzt nicht nur doppelt so dick, sondern auch noch rot und blau 
war. 

»Sieht schlimm aus«, meinte Virtanen und verzog das Gesicht. 

»Ich kann damit fast nicht auftreten«, sagte ich. 

Kriminalkommissar Virtanen fragte, ob mein Zeh womöglich 
gebrochen sei, und forderte mich auf, zum Ärztezentrum zu 
gehen. Johan sah aus, als sei er einer Ohnmacht nahe. Die Leute 
von der Spurensicherung sperrten das Gelände ab und 
durchkämmten es, während Frida wie eine Statue am Fenster 
saß und sich weigerte, nach draußen zu gehen. Ich backte einen 
Obstkuchen und lud alle zum Kaffee ein. Herr Virtanen erzählte 
dann anscheinend aus Versehen, dass man Kjerstin Ekdahl vom 
Vorsprung unterhalb unserer Terrasse gestoßen hätte. Im 
späteren Verlauf des Abends fragte er, ob Kjerstin Ekdahl die 
Angewohnheit gehabt hätte, auf diesem Vorsprung zu sitzen. 

»Soviel ich weiß nicht!«, antwortete ich. »Der gehört doch zu 

unserem Grundstück.« 

Danach gab ich vor, mir sei noch etwas eingefallen, und 

erzählte, dass Kjerstin zu Lebzeiten sehr neugierig gewesen war. 
Das wusste das ganze Dorf. Ich sagte, dass sie uns 
möglicherweise heimlich belauscht hätte. Später widerrief ich. 

»Ich verstehe nur nicht, wer erzählt haben könnte, dass wir ein 

Krebsfest geben.« 

Da zuckte Johan zusammen und bekam einen verkrampften 

Gesichtsausdruck, und ich glaube, Virtanen merkte das auch. 

 

Ich suchte das Ärztezentrum auf und mein kleiner Zeh war 
wirklich gebrochen. Sie konnten ihn nicht eingipsen, 
bandagierten den Fuß aber fest. Die Verhöre zogen sich 
wochenlang hin, und einige Zeit war Johan gezwungen, fast 
täglich zur Polizeidienststelle in die Stadt zu kommen. Er 
erklärte mir, man habe Fingerabdrücke gefunden, die ihm 

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gehörten. Er hatte Kjerstin schließlich ab und zu geholfen. Ich 
fragte, ob er sich dabei die schöne Aussicht angeschaut habe, 
aber Johan war zu nervös, um meine Fragen zu beantworten. Er 
kam immer ins Stottern und verlor den Faden. Die Verhöre 
waren so anstrengend, dass er sich bald krank schreiben lassen 
und vorm Zubettgehen ein Mittel nehmen musste, um nachts 
schlafen zu können. 

Eines Tages fragte mich Kommissar Virtanen, ob es möglich 

sei, dass Johan und Kjerstin ein Verhältnis gehabt hätten. 

Ich schaute ihn fragend an und zögerte eine Weile mit der 

Antwort. 

»Das ist möglich«, sagte ich. 

Dann widerrief ich wieder. »Nein, das kann ich mir nicht 

vorstellen. Das hätte ich doch gemerkt. Johan hat ihr beim 
Brennholz machen geholfen, nachdem ihr Mann sie verlassen 
hatte.« 

Kriminalkommissar Virtanen schaute mich lange an und 

dachte wahrscheinlich, Frauen seien ziemlich einfältig und 
leicht für dumm zu verkaufen, sprach es aber nicht laut aus. Ich 
nahm an, man hatte Johans Fingerabdrücke auch in der Nähe des 
Bettes gefunden, aber darüber verlor Virtanen mir gegenüber 
keine Silbe. 

Elin und Gustav hatten ausgesagt, wir hätten uns alle den 

ganzen Abend in unserem Haus aufgehalten, bis mindestens 
zwei Uhr nachts. Das ging Virtanen immer wieder mit mir 
durch. Ich meinte, so sei es wahrscheinlich gewesen, selbst hätte 
ich aber nicht auf die Uhr geschaut. Niemand fragte mich 
jemals, ob ich die Mülltüte in der Nacht hinausgetragen hätte, 
und ich sah keine Veranlassung, mich an so ein Detail zu 
erinnern. Es gab offensichtlich keinen Anhaltspunkt, keine 
Spuren oder Motive. Es schien, als habe Kjerstin allein auf dem 
Vorsprung gesessen und sei plötzlich mit dem Stuhl und allem 
hinuntergefallen. 

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Es kam zur Aufteilung des Erbes, und Kjerstin Ekdahls Bruder 
Edgar, ein großer dunkelhaariger und saumseliger Mann, 
übernahm das Haus und zog ein. Er war allein stehend, und im 
Dorf erzählte man sich, er fühle sich wohl, aber er kam uns nie 
besuchen; er störte uns nicht. Johans Protesten zum Trotz 
begann Frida am Fußende meines Bettes zu schlafen, und ich 
musste kein Schlafmittel mehr einnehmen. Wachte ich auf, war 
Frida da und tröstete mich. Als Johan versuchte, die Katze zu 
verscheuchen, wies ich ihn darauf hin, dass er sie ins Haus 
gelassen hatte. Bei diesen Worten sah ich ihn mit halb offenem 
Mund forschend an, und er begann sofort mit den Wimpern zu 
klimpern, gab aber kein Wort von sich. Er war zerstreut, und 
offensichtlich grübelte er über etwas, das schlimmer als die 
Katze war, doch ich erkundigte mich nicht danach. Ich schlug 
vor, wir könnten Besuch einladen, doch er wollte keine Gäste 
mehr haben. Er wollte mit mir vor dem Fernseher sitzen. Er 
versuchte tapfer, wieder zur Arbeit zu gehen, aber eine Woche 
später war er gezwungen, sich abermals krank schreiben zu 
lassen. Bald hatte ich ihn tagsüber zu Hause, und ich war mit der 
Entwicklung zufrieden. Das Geschäft, das angefangen hatte, 
Unterwäsche zu verkaufen, ging Pleite, und man bot mir an, es 
zu übernehmen, aber ich lehnte ab. Johan brauchte mich. 

 

Gut zwei Jahre später wollte uns Johans Schwester zu 
Weihnachten besuchen. Johan lebte plötzlich auf und war 
fröhlich. Zusammen planten wir das Essen, und Johan sagte: 
»Wir decken den Tisch mit schwarzen Tellern.« 

»Ich wollte weiße nehmen«, sagte ich entschieden. 

Da wurde sein Mund plötzlich zu einem krummen Bleistift 

strich, doch ich weigerte mich, den Blick auf seine Schuhe zu 
senken. Ich schaute ihm direkt in die Augen, und wir standen 
lange da und schätzten einander mit Blicken ab. Ich hatte das 

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Gefühl, die Stunde der Entscheidung war gekommen. Johan 
wollte die Frage stellen, auf die er so lange gewartet hatte. 

»Was hast du damals in der Nacht draußen gemacht?«, fragte 

er in energischem Ton. 

»Du meinst an dem Abend, an dem wir das Krebsfest hatten?« 

Er nickte. 

»Du meinst den letzten Abend in Kjerstins Leben?« 

Wieder nickte er. 

»Ich habe die Krebsschalen zur Mülltonne gebracht«, 

antwortete ich. 

»Was hast du sonst noch gemacht?«, fragte er. 

»Ich verstehe deine Frage«, erwiderte ich. »Aber wenn du 

darauf eine Antwort haben willst, musst du zuerst meine Frage 
beantworten.« 

Ich weiß nicht mehr, ob er nickte, trotzdem fragte ich: 

»Warum hast du Virtanen nicht erzählt, dass auch du in 
derselben Nacht, in der Kjerstin verschwunden ist, draußen 
warst?« 

Er zuckte zusammen, und ein Schatten huschte über sein 

Gesicht. 

»Ich habe mein Schlafmittel nicht genommen, darum weiß ich 

genau, wann du zurück warst«, sagte ich. 

Von diesem Tag an wollte Johan nicht mehr diskutieren, wie 

der Tisch gedeckt werden sollte. 

Ich ließ einen Profi zwei der Bäume an der Terrasse fällen, 

und wir konnten die herrliche Aussicht übers Meer sehen. Bei 
Johan stellten sich jedoch Unwohlsein und Schwindelanfälle bei 
Höhen ein. Er konnte nicht auf die Terrasse hinausgehen, 
während ich dort unendlich lange im Wind, der vom Meer 
herüberwehte, sitzen konnte. Nur der immer wiederkehrende 
Albtraum störte mich. Ich wachte immer an der Stelle auf, wo 
ich Anlauf nahm und Kjerstins Stuhl einen Tritt versetzte, 

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sodass er über den Rand des Felsvorsprungs flog. Jedesmal 
erwartete ich, sie würde schreien, und der Schrei sei bis hinauf 
zu unserer Terrasse zu hören. Doch sie schrie nie. Ich hörte nur, 
wie der Körper auf die spitze Klippe aufschlug und das 
Rückgrat brach. Dann hörte ich ein leises Platschen. Das war der 
Plastikstuhl, der ins Wasser fiel. 

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Ein knackiger Hintern 

Leena Lehtolainen 

 

 

Ich stand an der Ampel vor dem Athenäum und zupfte an 
meinem Rock, der mir an den Oberschenkeln klebte. Bevor ich 
das Büro verließ, hatte ich die Strumpfhose ausgezogen, denn 
das Thermometer zeigte mehr als dreißig Grad. Selbst im 
Leinenkostüm war ich zu warm angezogen, am liebsten wäre ich 
in der Unterwäsche gegangen. Für eine dreiunddreißigjährige 
Finanzjuristin ziemte sich dergleichen natürlich nicht, obwohl 
ich auch nach der Geburt der Zwillinge rank und schlank 
geblieben war. 

Als Erstes fiel mir der perfekte Po des Mannes auf. Er trug 

altmodisch enge Jeans, die jeden Muskel nachzeichneten. Als 
die Ampel umsprang, überquerte er die Straße. Sein Körper 
wirkte durchtrainiert. Das weiße T-Shirt klebte ihm feucht am 
Rücken und ließ die Muskeln deutlich erkennen – ich konnte 
den Blick nicht von ihm lassen. 

Als ich Harri kennen lernte, vor acht Jahren, spielte er als 

linker Verteidiger in einer Eishockeymannschaft der zweiten 
Liga. Wir hatten uns gerade verlobt, da riss die Achillessehne an 
seinem linken Fuß, und er musste seine Laufbahn als 
Profisportler aufgeben. Als Alexandra geboren wurde, spielte er 
noch zweimal wöchentlich Unihockey, aber seit der Geburt der 
Zwillinge schaffte er auch das nicht mehr. Er arbeitete siebzig 
Stunden pro Woche in seiner eigenen Firma und hatte kaum 
noch Zeit für die Kinder. Im letzten Jahr hatte er zwanzig Kilo 
zugenommen, weil er sich ungesund ernährte und abends zur 
Entspannung das eine oder andere Bierchen kippte. 

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Meine Absätze klapperten über den heißen Asphalt. Ich hatte 

es nicht eilig, nach Hause zu kommen, dort wartete niemand auf 
mich. Harri war mit den Kindern und dem Hund über das 
Wochenende nach Tammisaari ins Sommerhaus seiner Eltern 
gefahren. In der nächsten Woche fing auch für mich der Urlaub 
an, aber vorher musste ich das ganze Wochenende arbeiten. Das 
hatte ich Harri gegenüber jedenfalls behauptet. 

Wann war ich das letzte Mal ohne Hast und ohne festes Ziel 

durch Helsinki spaziert? Der Mann mit dem knackigen Po ging 
die Treppe zum Bahnhofstunnel hinunter. Ohne weiter 
nachzudenken, folgte ich ihm. 

Normalerweise ging ich nicht in die Phonoabteilung von 

Anttila, sondern kaufte meine Platten im Internet oder bei 
Stockmann. Der Mann mit dem tollen Hintern begutachtete die 
Sonderangebote, während ich mich hinter der Stellage mit der 
klassischen Musik verschanzte. Das Vernünftigste wäre 
gewesen, nach Hause zu fahren, zu duschen, ein Glas 
eisgekühlten Weiß-Wein zu trinken und weiterzuarbeiten, aber 
auf einmal hatte ich keine Lust, vernünftig zu sein. 

Meine Bluse war verschwitzt, auch zwischen den Brüsten 

spürte ich Feuchtigkeit. Wie wäre es, wenn ich mir eine neue 
Bluse und einen BH kaufen, mich umziehen und in ein 
Gartenlokal setzen würde? Wann hatte ich zuletzt diese fiebrige 
Unruhe verspürt, war es damals, als ich Harri kennen lernte, 
bevor wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten? 
Warum waren alle meine Freundinnen berufstätige Mütter, 
warum hatte ich keine Clique, mit der ich ab und zu ausgehen 
konnte? 

Der Mann stand immer noch bei den CDs. Ich ging zwischen 

den Regalen hindurch, sodass ich sein Gesicht sehen konnte. 
Nicht übel. Ein kurzer, dunkler Bart betonte die vollen Lippen. 
Als er sich den Schweiß von der Stirn wischte, blitzte am 
rechten Arm eine Tätowierung auf, ein geschmackvolles 
keltisches Ornament. 

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Ich ging an ihm vorbei und spürte die Wärme, die sein Körper 

ausstrahlte. Sie löste ein Prickeln zwischen meinen Beinen aus, 
das ich seit langem nicht mehr gespürt hatte. Ich musste sofort 
weg von hier, sonst würde ich mich noch auf ihn stürzen. Was 
war nur in mich gefahren? 

Ich ging wieder hoch auf die Straße, schon auf der Treppe 

schlugen mir die Abgase entgegen. Im Kaufhaus Stockmann 
gewann ich die Fassung wieder. Ich sah mich im Spiegel, eine 
große, schlanke, gepflegte Frau. Ich kaufte ein weißes Top mit 
schmalen Trägern und einen goldfarbenen Satin-BH. Bei dem 
Gedanken, wie es wäre, die Hände des gut gebauten Fremden 
auf meinen Brüsten zu spüren, stöhnte ich leise auf. Ich war 
daran gewöhnt, mich vor wichtigen Verhandlungen in der 
Flugzeugtoilette zu waschen. Die Toiletten bei Stockmann 
waren wesentlich geräumiger. Ich zog die neuen Sachen an, 
wickelte die Leinenjacke um die verschwitzte Bluse und stopfte 
beides in die Einkaufstüte. Noch ein paar Tropfen Parfüm und 
eine Spur Lippenstift. Zum Glück hatte ich mich am letzten 
Wochenende in die Sonne legen können. Harri hatte sich wieder 
einmal einen Sonnenbrand geholt. Bei dem Gedanken an die 
rosaroten Rettungsringe, die um seine Taille schwabbelten, 
schüttelte es mich. Der Mann mit dem festen Hintern hatte 
gleichmäßig gebräunte Arme. 

Anfangs war Sex für Harri und mich ein Abenteuer gewesen, 

der Körper des anderen ein unerforschter Kontinent. Wie hatte 
ich seinen Gesichtsausdruck unmittelbar vor dem Orgasmus 
geliebt, wie stolz war ich darauf gewesen, ihm Lust zu bereiten. 
Harri war Computertechniker und arbeitete als selbstständiger 
Subunternehmer für Nokia. Wir hatten uns am gleichen Tag 
verlobt, an dem ich mein Jurastudium abschloss. Zur Hochzeit 
schenkte Harri mir zwanzig Prozent der Aktien seiner Firma. 
Wir wollten Erfolg und Reichtum und alles, was dazugehört: ein 
Haus mit Ufergrundstück, teure Autos, zwei oder drei Kinder. 
Alexandra war beim ersten Versuch gezeugt worden, bei den 

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Zwillingen hatten wir vier Monate gebraucht. Wir hatten es eilig 
gehabt, denn ich musste unbedingt vor der Einführung des Euro 
aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkommen. Zwei Kinder auf 
einmal passten uns nicht ins Konzept, und so dachten wir an 
Abtreibung. Ich hatte mich mit dem Gedanken bereits 
angefreundet, als Harri einen Rückzieher machte. 

»Das würde bedeuten, dass wir es erst 2003 schaffen, und 

dann stecken wir mitten im WAP-Geschäft. Am besten lassen 
wir sie doch jetzt schon kommen.« 

Wenn wir gewusst hätten, dass sich die WAP-Technik doch 

nicht so rasant durchsetzen würde wie allgemein erwartet, wären 
die Zwillinge nicht geboren worden. Natürlich waren Amanda 
und Anton niedlich, doch im Mutterschaftsurlaub wäre ich fast 
durchgedreht. Die diversen Entwicklungsphasen hatte ich schon 
bei Alexandra erlebt, der Reiz des Neuen war verflogen. Ich war 
überglücklich, als ich wieder in den Job zurückkehren konnte. 
Schon nach Alexandras Geburt hatte sich Harri abgewöhnt, 
meine Brüste zu liebkosen, an denen er früher unermüdlich 
gespielt und gesaugt hatte. Wahrscheinlich fürchtete er, ich 
würde Milch verströmen. Mir kam es vor, als hätte man einen 
Teil meines Körpers amputiert. Für Harri existierten nur noch 
mein Mund und mein Unterleib, die er aber auch nur noch 
einmal im Monat wahrnahm. 

Als ich das Kaufhaus verließ, war es draußen immer noch 

heiß. Gab es in der Nähe ein nettes Straßencafé? Zufällig fiel 
mein Blick auf die Dachterrasse des Alten Studentenhauses. 
Dort saß der Mann mit dem knackigen Po. 

Im Alten Studentenhaus war ich seit meiner Studienzeit nicht 

mehr gewesen. Das Lokal war für meinen Geschmack zu 
schäbig, die Klientel nicht seriös genug. Dennoch ging ich kurz 
entschlossen an dem schwitzenden Türsteher vorbei zur Theke 
und bestellte einen trockenen Cidre. 

Die Luft auf der Terrasse war heiß und abgasgeschwängert. 

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Der Fremde saß allein an seinem Tisch, und ich setzte mich so 
hin, dass ich Blickkontakt aufnehmen konnte. Das Prickeln 
machte sich wieder bemerkbar. Der Mann trank irgendetwas 
Farbloses mit viel Eis. 

Ich nahm Arbeitspapiere aus der Tasche und tat, als überflöge 

ich sie, behielt aber den Mann genau im Auge. Er betrachtete die 
Passanten, ab und zu spielte der Anflug eines Lächelns um seine 
Lippen. Von Zeit zu Zeit begegneten sich unsere Blicke und 
blieben immer länger ineinander haften. Nach einer Weile 
schenkte er mir ein Lächeln. 

Ich lächelte zurück, schob eine Haarsträhne aus der Stirn, 

tupfte ein Schweißtröpfchen vom Ohr. Wie lief das alte Spiel, 
konnte ich es noch? Er war etwas jünger als ich, kaum dreißig. 
Mit jedem Blick begehrte ich ihn heftiger. Wenn ich mit Harri 
schlief, dachte ich neuerdings an die Arbeit oder an den 
Speiseplan fürs Wochenende. 

Der Mann leerte sein Glas und stand auf. Wollte er etwa schon 

weg? Er ging so dicht an mir vorbei, dass er mich beinahe 
streifte. Er roch nach Sonne und Salz. Am liebsten wäre ich ihm 
nachgelaufen, doch ich zügelte mich. 

Nach einigen Minuten kam er mit einem frisch gefüllten Glas 

zurück. Diesmal verlangsamte er den Schritt, als er sich meinem 
Tisch näherte. 

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?« Seine Stimme war genau 

richtig, tief und ein wenig rau. Ich schämte mich. Sah man mir 
so deutlich an, was ich wollte? Dennoch lächelte ich und sagte, 
ich würde mich freuen. 

Er hieß Niko und war Sportlehrer. Mehr wollte ich nicht 

wissen. Auch von mir gab ich nur den Namen preis. Niko sah 
den Trauring an meiner Hand, stellte aber keine Fragen. Er 
wohnte in der Punavuorenkatu. 

Nach dem zweiten Drink gingen wir. Auf der 

Mannerheimintie fasste Niko mich spontan an der Hand, seine 

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Handfläche war warm, aber nicht verschwitzt. Mir wurde 
schwindlig: Was tat ich da eigentlich? Nur dumme Frauen gehen 
mit einem Unbekannten in dessen Wohnung. Doch selbst die 
Gefahr war erregend. Seit langem hatte ich mich nicht so 
lebendig, so weiblich gefühlt. 

Niko küsste mich schon im Treppenhaus, als könne er nicht 

warten, bis wir seine Wohnung erreichten. Auch ich war 
ungeduldig. Sein Po fühlte sich unter meiner Hand so gut an, 
wie er ausgesehen hatte. Schon im Flur riss ich ihm die Jeans 
vom Leib. Von meiner neuen Bluse sprang ein Knopf ab. 

Beim ersten Mal schafften wir es nicht ins Bett. Der 

Wohnzimmerteppich war weich, er streichelte mich, es war, als 
läge ein zweiter Mann unter mir. Niko leckte, saugte und 
streichelte, ich tat Dinge mit ihm, die mit Harri unvorstellbar 
gewesen wären. Ich biss ihn in die Schulter und in die 
Brustwarzen. Der Schmerz schien seine Erregung zu steigern. 

Ich war seit Jahren nicht mehr so gekommen, unaufhaltsam 

und ohne eigene Anstrengung. Niko machte weiter und brachte 
mich ein zweites Mal zum Höhepunkt. Danach lagen wir 
schweißüberströmt auf dem Teppich. Ich ließ die Hand über 
Nikos Rücken wandern, sah die Knutschflecken, die ich ihm 
gemacht hatte. Ich fühlte mich befriedigt und hungrig zugleich. 
Ich wollte mehr. 

»Anniina …« Niko ließ meinen Namen auf der Zunge 

zergehen und begann mich mit den Lippen zu erkunden, träge 
und genießerisch: Hals, Brüste, Rippen … »Kannst du die ganze 
Nacht bei mir bleiben?« 

»Ja. Ich muss nur rasch etwas erledigen.« 

Ich stand auf und ging ins Bad, um Harri anzurufen. Meine 

Schwiegermutter meldete sich. 

»Harri ist mit den Kindern in der Sauna.« 

»Sag ihm bitte, dass ich das Telefon abstelle, ich will bis spät 

in die Nacht arbeiten und morgen ausschlafen.« 

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Dann existierten Harri und die Kinder nicht mehr. Es gab nur 

hoch Niko, der eiskaltes Mineralwasser auf meine Lippen 
tröpfeln ließ. Niko, der mich erneut begehrte und in sein 
Schlafzimmer trug. 

Das Bett war breit, mit hohen Pfosten an den Ecken und 

Gitterstäben am Kopfende. Ich dachte an meine 
Teenagerfantasien von Männern, die mich an ein solches Bett 
fesselten. Harri hatte ich nie davon erzählt, denn 
Unterwürfigkeit passte nicht zum Bild der erfolgreichen 
Karrierefrau. Ich legte mich auf das Bett und hielt mich an den 
Gitterstäben fest. Dann stellte ich mir Niko in dieser Position 
vor. Arme und Beine gespreizt, mir ausgeliefert. Spielerisch 
warf ich mich auf ihn und packte seine Handgelenke. Diesmal 
wollte ich den Takt angeben. 

»Magst du so was?«, fragte er. »Fesseln … ersticken …« 

Ich nickte, obwohl ich es nie probiert hatte. Harri fand solche 

Spiele nicht erregend. Niko küsste mich, dann stand er auf und 
ging an den Kleiderschrank. 

An meinem Polterabend hatten meine Freundinnen mich 

natürlich in einen Sexshop geführt, in dem es alles gab, was man 
sich nur vorstellen konnte: Fesseln, Gummikapuzen, Korsetts … 
Nikos Schrank war ein Sexshop im Miniaturformat. Unter 
anderem enthielt er zwei Paar Handschellen, mit denen ich Niko 
an die Bettpfosten fesselte. Er war so erregt wie ich. 

Diesmal hielten wir länger durch. 

Zwischendurch stand ich auf, um mir ein frivoles rotes Korsett 

anzuziehen. Dabei entdeckte ich eine schwarze Gummikapuze, 
die ich Niko über den Kopf zog. Als er keine Luft mehr bekam, 
wurde er noch geiler. Die Kapuze machte ihn anonym. Es war 
egal, mit wem ich vögelte. Er war nichts weiter als ein schöner 
Körper, ein knackiger Hintern. Ich hatte noch nie solchen 
Genuss verspürt. 

 

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Auch unter der Dusche streichelten wir uns, dann schliefen wir 

ein. Gegen fünf erwachte ich mit entsetzlichem Hunger. Es war 
schon hell, die Sonne malte Streifen auf Nikos nackten Körper, 
auf die Rückenmuskeln und die Pobacken. Ich hatte Lust, eine 
Portion Fleisch oder Eier zu vertilgen und mich danach wieder 
über Niko herzumachen. 

In der Küche fand ich alles, was ich zum Kaffeekochen 

brauchte, außerdem Roggenbrot und geräucherten Schinken. 
Nikos Schränke waren sauber und ordentlich. Ich streifte lange 
schwarze Gummihandschuhe über, goss eine Tasse Kaffee für 
Niko ein und ging nachsehen, ob er schon wach war. 

»Anniina«, murmelte er verschlafen. 

»Kaffee?«, fragte ich. Harri brachte ich nie Kaffee ans Bett, er 

hätte doch nur alles vollgekleckert. 

Niko lächelte, trank seinen Kaffee und streckte die Hand nach 

mir aus. Dich will ich, sagten seine Augen. 

Ich wollte es langsam angehen lassen, der Mann lief mir nicht 

weg. Nach dem kurzen Schlaf war seine Haut empfindsam, er 
erschauderte bei jeder Berührung. Ich fesselte ihn mit schwarzen 
Seilen ans Bett, folterte ihn mit meinen Berührungen. Die 
Kapuze, die ich ihm diesmal aufsetzte, hatte innen einen Knebel. 
Immer wenn ich ihm die Nase zuhielt, sodass er keine Luft mehr 
bekam, wurde er noch härter. 

Ich ritt auf ihm, ließ mich von seinen Stößen davontragen, flog 

… Niko wand sich unter mir, warf den Kopf hin und her, ich 
spürte, wie er sich ergoss. Dann wurde er ganz schlaff. 

Sekundenlang begriff ich in meiner Erregung nicht, was 

passiert war, dann ließ ich endlich seine Nase los und zog ihm 
die Gummikapuze vom Gesicht. Es war blau angelaufen. Die 
Halsschlagader, die gerade noch heftig pulsiert hatte, war nicht 
mehr zu fühlen. 

Ich glitt von ihm, suchte in der Handtasche nach einem 

Spiegel. Er beschlug nicht. Ich hätte künstliche Beatmung 

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versuchen müssen, brachte es aber nicht über mich, Niko zu 
berühren. Ein Krankenwagen? War Niko noch zu retten? Sollte 
ich telefonieren? Nein. Den Skandal, der unweigerlich folgen 
würde, wollte ich nicht. SM-Sex mit tödlichem Ausgang, ein 
gefundenes Fressen für die Boulevardzeitungen. Das wäre das 
Ende meiner Karriere und meiner Ehe, auch das Haus in 
Westend würde ich verlieren. Dabei hatte ich Niko doch nicht 
umbringen wollen. Wieso war er plötzlich tot? 

Ich wusch mich, behielt aber die langen schwarzen 

Gummihandschuhe an, obwohl sie nun grotesk wirkten. Ich 
durfte keine weiteren Fingerabdrücke hinterlassen. Was hatte 
ich in der Wohnung angefasst? 

Ich wischte alle denkbaren Stellen im Bad, in der Küche und 

im Schlafzimmer ab. Selbst wenn noch Abdrücke gefunden 
wurden, konnte mir eigentlich nichts passieren, meine 
Fingerabdrücke hatte die Polizei nicht in ihrer Datenbank. 

Schließlich hatte ich mir nie etwas zuschulden kommen lassen, 

Von ein paar Geschwindigkeitsübertretungen abgesehen. Gab es 
andere Spuren? Befanden sich meine Zellen auf Nikos 
Leichnam? Ich brachte es nicht über mich, ins Schlafzimmer zu 
gehen und ihn abzuwaschen. 

Ich hatte Niko nie zuvor gesehen, ich wusste nichts von ihm. 

Wenn es mir gelang, seine Wohnung unbemerkt zu verlassen, 
würde man mich nicht mit ihm in Verbindung bringen können. 
Und die Leute im Alten Studentenhaus? Würden sie sich an 
mich erinnern? 

Ich zog mich an und vergewisserte mich, dass ich nichts 

zurückgelassen hatte. Niko wohnte im fünften Stock. Was war 
sicherer, Aufzug oder Treppe? Ich entschied mich für den 
Fahrstuhl und stellte mich mit dem Rücken zur Tür, sodass mein 
Gesicht vom Treppenhaus nicht zu sehen war. Für den Fall, dass 
jemand aus dem Fenster schaute, zog ich die Jacke über den 
Kopf. 

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Es war Samstagmorgen, noch nicht einmal sieben Uhr. Die 

Straßen waren leer. Durfte ich es wagen, ein Taxi zu nehmen, 
oder würde der Fahrer sich später an mich erinnern? Klüger war 
es wohl, zu Fuß zur Mannerheimintie zu gehen und von dort mit 
der Straßenbahn nach Hakaniemi zu fahren. Dort konnte ich 
eine Weile in meinem Büro warten und dann mit dem Taxi nach 
Hause fahren. Ich musste so tun, als wäre nichts geschehen, 
musste aussehen wie eine Frau, die von jedem x-beliebigen Ort 
kommen mochte, bestimmt aber nicht von ihrem toten 
Liebhaber. 

Ich kramte die Sonnenbrille aus der Handtasche und wünschte 

mir, ich hätte ein Kopftuch dabei, denn mit der Jacke über dem 
Kopf war ich zu auffällig. Gerade als ich den Boulevard 
erreichte, kam die Straßenbahn. Ich stieg ein. Der Form halber 
ging ich in mein Büro und bestellte mir dann ein Taxi. Zu Hause 
steckte ich alle Kleider in die Waschmaschine und wusch mir 
Nikos Spuren vom Körper. Im Spiegel entdeckte ich einen 
blauen Fleck über dem rechten Schulterblatt. Ich musste mir 
eine Erklärung für Harri einfallen lassen. 

Ich hatte versprochen, gegen Abend nach Tammisaari zu 

kommen. Also hatte ich noch Zeit, mich zu sammeln, zur Ruhe 
zu kommen und zu überlegen, was ich tun sollte. Ich versuchte, 
mich an die Gäste im Alten Studentenhaus zu erinnern, konnte 
mir aber kein einziges Gesicht ins Gedächtnis rufen. Meine 
ganze Aufmerksamkeit hatte Niko gegolten. 

Sollte ich anonym bei der Polizei anrufen und melden, in der 

Punavuorenkatu liege ein Toter in seiner Wohnung? Aber es war 
besser, wenn die Polizei die Todeszeit nicht genau kannte. Nein, 
ich würde nichts unternehmen. Ich war Niko nie begegnet. 

Rasch erledigte ich die Arbeiten, mit denen ich mich angeblich 

am Vorabend beschäftigt hatte. Im Lauf des Tages sah ich 
mehrmals im Internet nach, ob auf den Nachrichtenseiten ein in 
seiner Wohnung aufgefundener Toter erwähnt wurde. Niko hatte 
allein gelebt, so viel hatte ich trotz meiner Erregung gesehen, 

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und als Lehrer hatte er zur Zeit Sommerferien. Vielleicht wurde 
er tagelang nicht vermisst. 

Gegen vier machte ich mich auf den Weg nach Tammisaari. 

Harri hatte glücklicherweise seinen Laptop mitgenommen, 
sodass ich auch dort die Nachrichten checken konnte. Aus einer 
plötzlichen Eingebung heraus kaufte ich in einem Supermarkt in 
Kirkkonummi hellbraunes Tönungsshampoo. Normalerweise 
ließ ich mir die Haare beim Frisör machen, doch jetzt schien es 
mir sicherer, eine Weile nicht blond, sondern brünett zu sein. 
Dann kaufte ich noch Weißwein und für die Kinder Schokolade. 
Meine Schwiegermutter hatte versprochen, sich um das Essen zu 
kümmern, was mir nur recht war. Hausarbeit ist nicht meine 
Sache. Die Putzfrau, die einmal in der Woche kommt, 
übernimmt auch das Bügeln und Mangeln. Ich hatte mir mein 
Leben bequem eingerichtet und war nicht bereit, wegen eines 
dummen Unfalls auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten. 

Warum hatte ich die Kapuze nicht über Nikos Kopf gelassen? 

Dann hätte die Polizei vielleicht angenommen, er wäre bei 
einem einsamen Sexspiel umgekommen. Ich versuchte, an etwas 
anderes zu denken, sah aber immer wieder Nikos Gesicht vor 
mir, mal mit einem einladenden Lächeln, dann wieder 
lustverzerrt. 

Als ich beim Sommerhaus eintraf, hielten Amanda und Anton 

immer noch ihren Nachmittagsschlaf. Das ärgerte mich, denn 
dadurch würde es am Abend spät werden. Also weckte ich die 
Kinder unter dem Vorwand, ich hätte sie vermisst. Anton 
lächelte mich sofort an, während Amanda den ganzen Abend 
quengelte und trotzte. Alexandra übte mit meiner 
Schwiegermutter, Blumenkränze zu winden, stellte sich aber 
sehr ungeschickt an. 

Die Tage vergingen, weder im Internet noch in den Zeitungen 

stand etwas über Niko. Ich begann ihn zu vergessen. Er war nur 
einen halben Tag lang Teil meines Lebens gewesen. Was 
bedeutete das schon? 

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Die Nachricht stand am Freitag in den Abendzeitungen, die 

Harri aus dem Laden mitbrachte. Ich hatte ihn mit einer 
Einkaufsliste losgeschickt und mich in die Sonne gesetzt, wo ich 
gleichzeitig die Kinder beaufsichtigen konnte, die sich im 
Plantschbecken tummelten. Meine neue Haarfarbe war 
schrecklich ordinär, so mochte ich mich nicht in der 
Öffentlichkeit blicken lassen. 

MANN BEI SEXSPIEL GESTORBEN?, fragte die eine 

Schlagzeile. GEFESSELTER SPORTLEHRER TOT 
AUFGEFUNDEN, formulierte das andere Blatt. Bevor ich zu 
der Seite umblätterte, auf der Näheres berichtet wurde, las ich 
ein paar andere Artikel über die neue Bademode und die 
Urlaubspläne von Miss Finnland. 

Niko war am Donnerstagabend gefunden worden, nachdem 

seine Mutter sich gewundert hatte, warum er tagelang nicht ans 
Telefon ging. Bei der anhaltenden Hitze hatte der Leichnam 
allmählich zu riechen begonnen, und die Mutter, die besorgt vor 
der Tür stand, hatte den Hausmeister gezwungen, ihr die 
Wohnung aufzuschließen. Beim Anblick der von Sexspielzeug 
umgebenen, gefesselten Leiche hatte sie natürlich einen Schock 
erlitten. 

Ich hatte das Gefühl, vom Schicksal eines Fremden zu lesen. 

Nikos Name wurde nicht genannt, es gab auch kein Bild von 
ihm. Die Kripo Helsinki bat um sachdienliche Hinweise, doch 
die Telefonnummer sah ich mir gar nicht erst an. 

Am nächsten Tag klickte ich die Internetseiten der beiden 

Boulevardblätter an. Inzwischen wusste man bereits mehr. Beide 
Zeitungen brachten ein Foto von Niko. Auf dem Bild war er 
etwas jünger, trug die Haare länger und war glatt rasiert. Er sah 
ausgesprochen gut aus. Ich erinnerte mich, wie sich seine 
Pobacken angefühlt hatten. 

Der Barkellner im Alten Studentenhaus hatte ausgesagt, Niko 

sei am Freitag der Vorwoche in dem Lokal gewesen. Er sei nicht 

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allein weggegangen. An Nikos Begleiterin konnte sich der 
Barkellner jedoch nicht erinnern. Wieder bat die Polizei um 
Hinweise. 

Ich sah bereits mein Bild auf der ersten Seite. 

ERFOLGREICHE KARRIEREFRAU ALS SEXMÖRDERIN. 
Ich nahm mir vor, gleich einen Frisörtermin in Tammisaari zu 
bestellen, in dieser Notlage musste ich meinem regulären Salon 
in Helsinki einmal untreu werden. 

Die eine Zeitung brachte ein Interview mit Nikos ehemaliger 

Freundin. Sie berichtete, Niko habe eine Vorliebe für SM-Spiele 
gehabt, bei denen er während des Aktes halb erstickte. Sie 
hätten sich jedoch nicht wegen seiner Sexualpraktiken getrennt, 
sondern aus anderen Gründen. 

Beim Frisör bekam ich erst für Montag einen Termin. Harri 

wunderte sich über meinen plötzlichen Drang, ständig Frisur 
und Haarfarbe zu ändern. Zum Glück konnte ich den 
Frisörbesuch mit der missratenen Heimtönung rechtfertigen. Die 
Kinder schliefen bei der Hitze schlecht und quengelten tagsüber. 

»Lass uns für den Rest des Urlaubs verreisen, vielleicht nach 

London«, schlug ich Harri vor. Meine Schwiegermutter, die mit 
uns im Sommerhaus geblieben war, nörgelte ständig an mir 
herum. Mal war ich angeblich zu streng zu den Kindern, mal 
garstig zu ihrem lieben Söhnchen. 

»Wie stellst du dir das vor, mit drei kleinen Kindern in der 

Großstadt?« 

»Nur wir zwei. Deine Eltern können doch eine Weile auf die 

Kinder aufpassen. Wenigstens übers Wochenende.« 

Harri meinte, es käme gar nicht in Frage, dass wir die Kinder 

allein ließen, wenn wir endlich einmal Zeit für sie hatten. Das 
lieferte mir einen Vorwand, ihm eine Weile den Sex zu 
verweigern. Harris Haut war von der Sonne fleckig gerötet, doch 
er weigerte sich strikt, ein Hemd überzuziehen. Meine 
Schwiegermutter backte pausenlos Hefeteilchen und Piroggen, 

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die Harri unbekümmert in sich hineinstopfte. Ich selbst bekam 
nur Obst und Jogurteis hinunter, für alles andere war es zu heiß. 

Die Zeitungen berichteten fast jeden Tag über Niko. Die 

Polizei ging davon aus, dass jemand bei ihm gewesen war, als er 
starb, konnte jedoch den Zeitpunkt seines Todes nicht exakt 
feststellen. Zu meinem Glück behauptete der Nachbar von oben, 
er habe Niko am Samstagabend noch gesehen. Ich war dankbar 
für seine Zerstreutheit. Für Samstagabend hatte ich ein Alibi. 

Wie die Polizei arbeitete, hatte mich nie sonderlich 

interessiert. Nun überlegte ich, wie lange die Ermittler sich noch 
mit dem Fall befassen würden. Den Zeitungen zufolge schlossen 
sie die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens nicht aus. 

Die Hitzewelle nahm kein Ende, und der Familienurlaub zerrte 

an meinen Nerven. Warum hatte ich die Kinder für den ganzen 
Urlaub in der Kindertagesstätte abgemeldet! Ich rief dort an, um 
zu fragen, ob ich sie früher wieder hinschicken konnte, doch die 
Tagesstätte war den ganzen Juli über geschlossen. Mit der 
Drohung, andernfalls vorzeitig in die Stadt zurückzufahren, 
brachte ich Harri dazu, für uns alle eine Kreuzfahrt nach 
Stockholm zu buchen. Nach Tallinn wollte ich nicht, das war 
mir zu ordinär. 

Im Hafen von Helsinki patrouillierten Polizisten. Es war mir 

beinahe gelungen, Niko zu vergessen, doch nun kam es mir vor, 
als stünde alles um mich herum still. Warteten die Polizisten auf 
mich? Ich brachte es kaum fertig, dem Angestellten, der die 
Fahrkarten kontrollierte, meinen Pass zu zeigen. Aber die 
Polizisten rührten sich nicht. Vielleicht schlugen sie erst auf 
dem Schiff zu? Den Fotografen, der am Eingang auf Kundschaft 
lauerte, scheuchte ich mit scharfen Worten davon. Ich legte 
keinen Wert darauf, dass Hinz und Kunz mein Konterfei 
begafften. Wir hatten zwei nebeneinander liegende 
Vorderkabinen gebucht, eine für uns und eine für die Kinder. 

Nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht hatten, gingen wir 

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essen und anschließend tanzen. Ich ärgerte mich über Harris 
Schwerfälligkeit. Sehnsüchtig betrachtete ich einen 
vorbeitanzenden blonden Mann, der die Sambaschritte vollendet 
beherrschte. Da ich mit meinem Ehemann da war, forderte mich 
natürlich niemand auf. Harri war in zärtlicher Stimmung. Ich lag 
unter ihm und überlegte, was ich in den Stockholmer Boutiquen 
kaufen könnte. 

Am nächsten Tag stand ich allein an der U-Bahnstation beim 

Hauptbahnhof, denn Harri war mit den Kindern in den 
Vergnügungspark gegangen. Vom Bahnhof fuhren auch die 
Züge nach Arlanda ab, und ich war in Versuchung, einzusteigen, 
ein Flugticket zu kaufen, egal wohin, und alles hinter mir zu 
lassen. Pass, Visa-Karte und American Express hatte ich dabei, 
was brauchte ich mehr? Aber dann nahm ich doch die Metro in 
die Altstadt. 

Unser Hotel war komfortabel, und in Stockholm gab es 

glücklicherweise noch Sachen zu kaufen, die man in Finnland 
nicht bekam. Die Kinder schliefen nach dem langen Tag an der 
frischen Luft früh ein. Harri lag faul in der Badewanne, ich 
wusste, dass er auf mich wartete. Vorher wollte ich aber noch 
die Nachrichten im Internet lesen. 

NEUER LUSTMORD! SERIENMÖRDER IN HELSINKI? 

Die Überschrift sprang mich an. Diesmal handelte es sich um 
einen fünfzigjährigen Familienvater, der nackt und mit 
Handschellen in einer Toreinfahrt in der Helsinginkatu gefunden 
worden war. Er war erstickt und hatte unmittelbar vor seinem 
Tod Geschlechtsverkehr gehabt. 

»Anniina!«, rief Harri aus dem Badezimmer. Er hatte sich 

endlich einmal etwas Neues ausgedacht. In der Badewanne 
hatten wir uns noch nie geliebt. Es war reichlich unbequem, aber 
nach einer Weile kam ich in Fahrt. 

Am nächsten Tag gab ich mir alle Mühe, Harri nicht merken 

zu lassen, wie verzweifelt ich nach finnischen Zeitungen 

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Ausschau hielt. Der Laptop war im Hotelzimmer geblieben. Ich 
wollte nicht, dass Harri entdeckte, wie brennend ich mich für 
den zweiten Lustmord interessierte, der mich womöglich rettete. 
Auf dem Schiff konnte ich endlich den Computer benutzen. Wie 
zu erwarten, hatten die Zeitungen Nikos Fall wieder 
aufgewärmt. Den Berichten zufolge war er an einem Herzinfarkt 
gestorben. Die Obduktion hatte ergeben, dass er einen 
angeborenen Herzfehler gehabt hatte, der bei übermäßiger 
körperlicher Anstrengung zum Tod führen konnte. 

Ich dachte daran, wie sich Niko ins Zeug gelegt hatte, und 

musste lächeln. Ach Niko. Wo würde ich noch einmal so 
jemanden finden, stark, hart und unersättlich? Ich besah mir 
Harri, der sein Bier direkt aus der Dose trank. Mit diesen 
Manieren würde er im Geschäftsleben nie ganz nach oben 
kommen. 

Der erste Arbeitstag war herrlich. Die Kinder hatten geweint, 

als ich sie in der Kita ablieferte, aber sie würden sich bald 
wieder eingewöhnen. Es war wohltuend, wieder ein denkender 
Mensch zu sein, nicht nur Ehefrau und Mutter. Da Ursula noch 
im Urlaub war, ging ich allein in die Mittagspause. Ich wollte 
mir auf dem Markt Möhren und ein Vollkornbrötchen holen. 

Gewohnheitsmäßig warf ich einen Blick auf die Schlagzeilen 

der Boulevardblätter. FREUDENMÄDCHEN GESTEHT 
SEXMORD UND NIMMT SICH DAS LEBEN. Und die 
andere: SEXMÖRDERIN TOT AUFGEFUNDEN. 

Ich riss beide Zeitungen vom Ständer. Das Mittagessen fiel 

heute aus, ich wollte die Berichte ungestört in meinem Büro 
lesen. Auf den langsamen Fahrstuhl konnte ich nicht warten, ich 
lief die Treppe zum zweiten Stock hinauf. Oben schloss ich die 
Tür ab und schlug die Zeitungen auf. 

Bei dem Freudenmädchen hatte es sich um eine Russin 

gehandelt, die kaum Finnisch sprach. Das zweite Opfer war ihr 
Freier gewesen. Er hatte sie gebeten, ihm eine Schlinge um den 

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Hals zu legen, die sich beim Akt zu fest zugezogen hatte. Als 
die Russin bemerkte, dass ihr Kunde tot war, hatte sie die 
Nerven verloren. Eine Kollegin hatte ihr geholfen, den Mann in 
den Aufzug zu verfrachten und in den Toreingang des 
Nachbarhauses zu schleppen. Die Polizei war ihr jedoch bald 
auf die Spur gekommen und hatte sie am Vorabend verhaftet, als 
sie gerade einen neuen Freier bediente. Während der Nacht hatte 
sie sich mit ihrer Strumpfhose in der Zelle erhängt; sie hatte 
einen Zettel hinterlassen, auf dem sie die Schuld an beiden 
Todesfällen auf sich nahm. 

Ich starrte verdattert auf die Zeitungen. Sie behaupteten 

übereinstimmend, die Polizei halte beide Fälle für geklärt. 
Sicherheitshalber überprüfte ich die Nachrichten im Internet. 
Auch dort stand im Wesentlichen dasselbe: Die Russin hatte 
sich auf SM-Dienstleistungen spezialisiert und in ihrem 
Abschiedsbrief zugegeben, dass ihr bereits zwei Freier unter den 
Händen gestorben waren. 

Auf dem Heimweg machte ich einen Abstecher ins »Sin City« 

und kaufte ein wenig Zubehör. Um neun Uhr schliefen die 
Kinder endlich ein, und ich konnte mich umziehen. Harri hatte 
sich in den Sessel gefläzt und sah die Nachrichten an, eine leere 
Bierflasche stand zu seinen Füßen. Er machte große Augen, als 
er mich in dem frivolen roten Korsett erblickte. 

»Harrischatz, kommst du ins Schlafzimmer?«, gurrte ich. 

Dann holte ich die Handschellen und die Gummikapuze. 

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Die Abschiedsparty 

Pentti Kirstilä 

Markus Karila stieg aus dem Taxi. Er schwankte ein wenig, 
machte sich darüber jedoch keine Sorgen. Er hielt sich für einen 
Mann, der nicht grundlos schwankte. Vor drei Wochen war er 
an der gleichen Stelle in ein Taxi gestiegen, vor seiner Haustür. 
Dass er allein eingestiegen war, bereitete ihm ein wenig 
Kopfzerbrechen. Doch nun kehrte er zurück. Der Grund seines 
Schwankens war eine dreiwöchige Sauftour in Italien, in Rimini. 

Markus war verwirrt. Kleine, zusammenhanglose Ereignisse 

tauchten in seinem Gedächtnis auf, denn er war jetzt seit fast 
vierundzwanzig Stunden nüchtern. Aber die Grenze zwischen 
Realität und Unwirklichkeit war noch verschwommen. 

Er betrachtete das Haus. Es war verpackt. Dicke Plastikfolien 

vor den Fenstern, über dem Baugerüst eine Plane als 
Spritzschutz. Fassaden wurden immer im Sommer renoviert. Für 
die Hausbewohner war das die reine Hölle, und Markus wusste, 
dass das Haus praktisch leer stand. Jeder hatte sich bemüht, 
seinen Urlaub in die Zeit der Renovierung zu legen. Das ganze 
Frühjahr hindurch hatten die Hausbewohner von nichts anderem 
gesprochen. 

Markus trug den Seidenanzug, den Helena für ihn ausgesucht 

hatte. Er war trotz allem immer noch makellos. Markus wusste, 
dass er attraktiv war. Er trug eine getönte Brille, er war ein 
Mann von Welt. 

Er trug seinen Koffer ins Treppenhaus. Treppenhäuser wie 

diese betreten täglich Hunderte und Tausende von Menschen, 
um sich in ihre Wohnung zu begeben, ihre Lieblingssendungen 
zu sehen und diejenigen, die mit ihnen in der Wohnung lebten, 
zu hassen. 

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Der Geruch im Treppenhaus war berauschend. 

Markus wartete geduldig auf den Fahrstuhl. 

Das Abschiedsfest kam ihm in den Sinn. Es hatte eine 

ausgelassene Stimmung geherrscht. Aus irgendeinem Grund 
waren Abschiedspartys immer ziemlich wild, obwohl Markus 
eine leicht melancholische, sehnsuchtsvolle Stimmung 
angemessener gefunden hätte. 

Seine Frau war fröhlich gewesen, seine Freunde waren 

fröhlich gewesen. Mag sein, dass auch einige Fremde unter den 
Gästen waren, er kannte nicht immer alle, die zu seinen Partys 
kamen. Eben deshalb hielt er sich für ausgesprochen beliebt. 

Sie hatten einiges getrunken. Helena Weißwein; sie 

behauptete, sie könne nichts anderes trinken als Weißwein. Er 
hatte Whisky getrunken, seiner Meinung nach war Whisky das 
Richtige. 

Aus irgendeinem Grund hatte Raimo ihm gratuliert. Raimo 

hatte gesagt: »Du bist ein Glückspilz, eine Frau wie Helena zu 
kriegen.« Das hatte Markus öfter gehört. Helena auch. Diesmal 
hatte Helena mürrisch dreingeschaut. Seltsam, denn im 
Allgemeinen hatten Helena und Raimo sich gut verstanden. 

Raimo hatte sich betrunken, seine Glückwünsche waren immer 

lauter geworden. 

 

Markus lehnte sich an die Wand der Fahrstuhlkabine. Ihm war 
übel. Der Geruch war jetzt intensiver, als stünde irgendwo eine 
Tüte mit faulen Äpfeln. Der Aufzug schob sich langsam hoch. 
Es war ein alter Aufzug, dem es nicht pressierte. Auch Markus 
hatte keine Eile. Er durchlebte seine Erinnerungen. 

Die Vergangenheit, an die er sich erinnerte, rückte näher. Er 

erinnerte sich an die fröhliche Abschiedsparty und an die 
dunklen italienischen Nächte. Er betrachtete sich als Mann, der 
von allem etwas haben wollte, aber nicht zu viel. Diesmal war es 

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vielleicht ein wenig zu viel gewesen, doch immerhin erinnerte er 
sich an einzelne Momente, an Bruchstücke. Er nahm sich vor, in 
Zukunft vorsichtiger zu sein. 

Aber jetzt war er wieder er selbst. Markus erinnerte sich, wie 

beliebt er gewesen war. Wie viele Gäste waren zur 
Abschiedsparty gekommen? Vielleicht nur ein Dutzend. Es war 
ein bescheidenes Fest gewesen, sie hatten ja nur drei Wochen 
verreisen wollen. Ein Begräbnis war es schließlich nicht 
gewesen. 

Alle hatten ihm auf die Schulter geklopft, vor allem Raimo. 

Markus hatte seine Lieblingsmusik aufgelegt. Jemand hatte 

gescherzt: »Du kommst wohl nie von deinem infantilen 
Geschmack los.« 

Er hatte gelacht und weiter neue finnische Schlager gespielt. 

Die hatten allen gefallen. Manche hatten eben einen 
merkwürdigen Humor. Er hatte überlegt, was infantil bedeutete, 
dann aber vergessen, nachzuschlagen. Doch das Wort klang ihm 
immer noch im Ohr. 

Das Fest hatte bis in die Morgenstunden gedauert. Irgendwann 

war aus der Nachbarwohnung laute Musik gekommen, 
Arbeiterlieder. Einer der Gäste hatte vorgeschlagen, die 
Nachbarn mit einzuladen, da sie offenbar auch gerade feierten. 
Markus hatte nebenan geklingelt. Der Nachbar hatte gesagt: 
»Scher dich zum Teufel!« Da hatte er sofort begriffen, dass die 
Leute ihre eigene Party feierten. 

Als er zurückkam, hatte anscheinend gerade jemand einen 

Witz erzählt, denn alle hatten schallend gelacht. Er hatte sie 
gebeten, auch ihm die Geschichte zu erzählen, was erneutes 
Gelächter auslöste. Als hätte er selbst gerade einen Witz 
gemacht. Daraufhin hatte er mitgelacht. 

Marja hatte mit ihm geflirtet, war ihm in die Küche gefolgt 

und hatte sich an seine Schulter gelehnt. Sie hatten sich 
freundschaftlich unterhalten. 

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»Ich mag deine Ohren.« Etwas in der Art hatte Marja gesagt. 

»Ich mag deine Ohren auch«, hatte Markus geantwortet, denn 

er war der Überzeugung, dass man ein Kompliment stets mit 
einer Nettigkeit erwidern solle. 

Allerdings hatte man ihm gelegentlich vorgeworfen, seine 

Komplimente seien nicht besonders originell. 

Das Gespräch war weitergegangen. 

Marja hatte gesagt: »Ich bewundere intelligente Männer.« 

»Und ich bewundere intelligente Frauen«, hatte Markus 

erwidert. 

Marja hatte seine Wange gestreichelt. Helena war in die Küche 

gekommen. »Wie herzig«, hatte Helena gesagt. 

Marja war im Wohnzimmer verschwunden. 

An die Aufzugwand gelehnt, erinnerte sich Markus, dass 

Helena ihn auf der Reise nicht begleitet hatte. Sie hatten beide 
verreisen wollen, doch Helena war nicht mitgekommen. Markus 
konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, warum sie es 
sich anders überlegt hatte. Frauen sind launisch, dachte er. Aber 
ich werde sie entschädigen dachte er. 

Im dritten Stock wohnte eine Familie mit Hund. Bestimmt 

hatte der Hund sein Geschäft wieder im Treppenhaus erledigt, 
denn der widerliche Geruch wurde stärker. 

Markus fühlte sich schwindlig. Daran waren sicher die 

italienischen Weine schuld. Rotwein, Weißwein, Schaumwein, 
Marsala. Warum hatte er sich auf Wein verlegt? Er war doch 
eigentlich eher für harte Getränke. Nie mehr würde er Wein 
trinken. Er betrachtete seine Hände und registrierte ein leises 
Zittern. Das würde sich legen. 

Am Tag vor dem Abschiedsfest war er mit Helena auf der 

Bank gewesen, um Geld zu wechseln und eine 
Reiseversicherung abzuschließen. Aber Helena … 

Irgendwann in den frühen Morgenstunden, als das Fest bereits 

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schal geworden war, war Markus ins Schlafzimmer gekommen, 
wo sich Rauni und Helena unterhielten. 

Helena hatte gesagt: »Ich denke in Italien darüber nach, 

vielleicht hast du Recht.« 

Rauni, Helenas Kusine, hatte erwidert: »Natürlich habe ich 

Recht. Sei nicht so feige, mach endlich Schluss.« 

»Womit willst du Schluss machen?«, hatte Markus gefragt. 

»Mit nichts.« 

»Worüber hat ihr gesprochen?« 

»Über nichts.« 

Markus hatte sich damit zufrieden gegeben. Frauen haben ihre 

eigenen Probleme, hatte er gedacht. Er war großzügig und 
modern. 

Irgendwann hatte Markus zu seinem Verdruss bemerkt, dass er 

in seiner eigenen Wohnung keinen Sitzplatz fand. Immer, wenn 
er sich setzen wollte, saß schon jemand da. Auf dem 
Plattenteller hatte sich eine Scheibe mit greller Jazzmusik 
gedreht. Der Barschrank war so umlagert gewesen, dass er nicht 
drankam. Er hatte um einen Schnaps gebeten, aber niemand 
hatte von ihm Notiz genommen. 

Plötzlich hatte Helena an der Tür gestanden und etwas gesagt. 

Markus versuchte sich zu erinnern. 

 

Im Aufzug waren zwei Fliegen aufgetaucht. Das war nicht 
weiter verwunderlich. Sommer und Fliegen, so hieß es ja. 
Markus freute sich, dass ihm die Wendung eingefallen war; er 
fand sie treffend. Er betrachtete die Fliegen. Eben waren sie 
noch herumgeflogen, nun saßen sie auf dem Spiegel. 

Im Aufzug war es so heiß wie am Strand von Rimini. 

Rimini, ja. Einmal hatte man ihm alles Geld gestohlen, das er 

»auf sich trug«, wie er dem Reiseleiter humorvoll erklärt hatte. 
Sehr üblich, sehr üblich, hatte der Reiseleiter genickt. Molto 

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generale, molto generale, hatten die Polizisten achselzuckend 
gesagt. Markus hatte daraus geschlossen, dass alle Italiener 
Taschendiebe waren. Auch vor der Polizei hatte er keinen 
Respekt mehr. Aber da er noch genug Geld hatte, vergaß er den 
Vorfall. 

Im vierten Stock flogen die Fliegen vom Spiegel auf, eine 

dritte gesellte sich zu ihnen. Die Erinnerung an Italien 
verblasste. 

 

Helena kehrte in sein Gedächtnis zurück. 

Sie hatte an der Tür gestanden und gesagt: »Markus, wäre es 

nicht Zeit, das Fest zu beenden? Wir verreisen morgen früh. 
Erinnerst du dich? Nach Italien.« 

»Ja, ja, aber die Gäste … Sie wollen noch feiern. Wir können 

doch unsere Freunde nicht einfach hinauswerfen.« 

»Wieso nicht?«, hatte Helena gesagt. 

Und dann hatte sie ihm gezeigt, wie es ging. Sie hatte 

geschrien und Aschenbecher und halb volle Gläser über den 
Köpfen der Gäste ausgekippt. Markus war konsterniert gewesen: 
So durfte man seine Freunde nicht behandeln. Aber Helena hatte 
nicht aufgegeben. Einen nach dem anderen hatte sie die Gäste in 
den Flur geschleppt und im gleichen Schwung zur Tür hinaus 
gedrängt. Die Mäntel hatte sie ihnen nachgeworfen. Dann hatte 
sie die Tür zugezogen und still dagestanden wie eine 
Siegesgöttin, die Augen voller Tränen, die – was Markus nicht 
wusste – nicht Hass oder Wut hervorgebracht hatte, sondern 
Selbstverachtung. 

Markus verstand überhaupt nicht, was los war. Das passierte 

ihm manchmal. 

Danach war eine Lücke in seiner Erinnerung. Was war 

geschehen? War er schlafen gegangen? 

Die Vergangenheit rückte näher. Markus erreichte den fünften 

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Stock. Es war heiß. Es roch auch genauso wie in den Slums der 
italienischen Großstädte. Auch die hatte Markus unwillentlich 
zu Gesicht bekommen. 

 

Markus nahm den Schlüssel aus der Tasche und erinnerte sich. 

Es war später gewesen. Die Gäste waren weg. Und Helena 

hatte merkwürdig geredet. 

Sie hatte gesagt: »Ich habe genug davon.« 

»Was meinst du? Wovon hast du genug?« 

»Von deinen Freunden. Verstehst du denn nicht? Das sind 

nicht deine Freunde! Sie nutzen dich aus. Du bist so gutmütig 
und simpel. Merkst du denn nicht, wie sie über dich lachen?« 

»Sie sind in Ordnung. Hör auf, so zu reden.« 

Helena schrie: »Hör selber auf! Begreif doch endlich, dass du 

keine Freunde hast. Du hast nur Geld. Vielmehr, dein Vater hat 
Geld. Alle nutzen dich aus. Alle lachen über dich.« 

»Sie sind in Ordnung.« 

»Du hast keine Freunde.« 

»Doch.« 

»Und ich werde weggehen. Ich hab früher auch zu denen 

gehört, aber das ist vorbei. Ich will nicht mehr.« 

»Ja, ja, wir gehen ja weg, wir fahren nach Italien.« 

»Du begreifst überhaupt nichts. Wir fahren nirgendwohin.« 

»Wieso denn nicht?« 

»Weil du immer sagst, ›wieso denn‹ oder ›warum‹ oder ›was‹, 

und nie irgendwas begreifst. Nicht mal, dass die Leute sich über 
dich lustig machen.« 

Stille. 

»Außerdem fahre ich mit Raimo weg.« 

Irgendwo in der Ferne schlug eine Uhr. Irgendwo ging eine 

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Tür auf. Aufrichtige Worte bekamen eine neue Bedeutung. 
Gelächter einen neuen Inhalt. Doch Markus hatte stur 
widersprochen: »Aber Raimo ist doch mein Freund.« 

Helena hatte gelacht. 

 

Markus öffnete die Tür und sah die Fliegen. Viele Fliegen. Er 
konnte den Geruch beinahe schmecken. Ihm wurde übel. 
Dennoch betrat er die Wohnung. Der Gestank war nun nicht 
mehr zu schmecken; man konnte ihn anfassen. 

Fliegen überall. Und neben dem Wohnzimmertisch lag eine 

aufgedunsene Leiche, die Helenas Kleid trug. 

Markus erinnerte sich an das Messer, das auf dem 

Wohnzimmertisch gelegen hatte, als Helena in Lachen 
ausgebrochen war. Es hatte dort gelegen, damit die Gäste sich 
Brot abschneiden konnten. Jetzt war das Messer blutig, und auf 
dem Teppich war Blut, und überall war Blut. Und das Blut war 
getrocknet, und nun würde es sehr schwierig sein, es aus dem 
Teppich herauszuwaschen. 

Markus wusste immer noch nicht, was passiert war. Aber bald, 

sehr bald, würde er sich erinnern. 

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Die Wahl des vorsichtigen Mannes 

Reijo Mäki 

Koristo wachte Punkt 06.30 Uhr auf. Schon beim zweiten 
Schrillen des Weckers sprang er unter der warmen Decke hervor 
und hastete zur Kommode, um ihn auszuschalten. 

Koristo stellte seinen Wecker grundsätzlich nicht auf den 

Nachttisch. Man könnte ja sonst versehentlich wieder eindösen. 
Dieses Risiko einzugehen war Koristo nicht bereit. Vorsicht war 
für ihn schon immer Ehrensache gewesen, nebst sorgfältiger und 
gründlicher Planung. 

Wie gewohnt ging er beim Zähneputzen in Gedanken die 

wichtigsten Aufgaben des Tages in chronologischer Reihenfolge 
durch. Ja, auch an diesem Morgen, obwohl das Treffen um 
12.15 Uhr die Berechenbarkeit des restlichen Tagesverlaufs 
zwangsläufig beträchtlich einschränkte. Koristo konnte nicht 
umhin, sich darüber einen Moment lang zu ärgern, schließlich 
verabscheute er nichts mehr als Improvisation und 
Ungewissheit. Und das Allerschlimmste waren überraschende 
Abweichungen vom vorgesehenen Tagesplan. 

Er tat noch mehr Zahnpasta auf die medizinisch empfohlene 

Zahnbürste und führte den Reinigungsvorgang mit festen, 
kurzen Bewegungen fort. Er putzte die Zähne stets dreimal und 
achtete darauf, dass jeder einzelne Zahn gründlich gereinigt 
wurde. Besondere Sorgfalt widmete er den schwer erreichbaren 
Innenflächen der Backenzähne. 

Koristo warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Zu seiner 

Überraschung stellte er fest, dem üblichen Zeitplan um einige 
Minuten voraus zu sein. Das bedeutete, dass ihm fürs Anziehen 
und die weiteren morgendlichen Verrichtungen noch fast zwölf 
Minuten zur Verfügung standen. 

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Er schaltete den Fernseher an. Auf einem der 

Satellitenprogramme wurde ein Wundermesser angepriesen, das 
man nicht zu schärfen brauchte, auf einem anderen sang eine 
Schlagersängerin – Koristos Meinung nach angemessen 
angezogen – von der Sinnlosigkeit aller Bitternis, und auf einem 
dritten brach ein untersetzter Prediger gerade in Tränen aus. Der 
Prediger schien am besten zum Thema dieses Tages zu passen. 

Koristo zog die grauen Hosen, ein graublaues Hemd, das graue 

Jackett, graue Strümpfe und graue Lederschuhe an. Die 
Grundfarbe der Krawatte war ebenfalls grau und wurde von 
bläulichen und schwarzen Diagonalstreifen belebt. Koristo war 
schon immer der Ansicht gewesen, dass während der Dienstzeit 
neutrale und verlässliche Kleidung zu tragen war. Schließlich 
ging es um Arbeit und nicht um irgendein Nachmittagstänzchen. 
Als der Krawattenknoten vorbildlich saß und die Ecke eines 
graublauen Einstecktuches exakt so aus der Brusttasche 
hervorschaute, wie sich das gehörte, betrachtete Koristo 
zufrieden sein Spiegelbild. Dann nahm er noch den schwarzen 
Regenschirm aus dem Garderobenständer und klemmte ihn sich 
unter den Arm. Ohne Schirm zur Arbeit zu gehen war für ihn 
schlicht unvorstellbar, selbst wenn die Wettervorhersage ein 
unverrückbares Hoch samt Jahrhunderthitze prophezeit hätte. 
Auch in dieser Angelegenheit war Vorsicht das Klügste. 

Koristo warf einen letzten kurzen Blick auf sein Bild im 

großen Flurspiegel. Ihm gefiel, was er sah. Die harmonischen 
grauen Farben, durch ein paar dunklere Streifen aufgelockert, 
standen ihm gut; genau so hatte er es beabsichtigt. Koristo hob 
den schwarzen Koffer der Marke Cavalet vom Flurtisch. Er war 
um einiges schwerer als sonst. Eisen hat eben sein Gewicht. 

Koristo trat hinaus und schloss die Wohnungstür ab. Mit dem 

zweiten Schlüssel verriegelte er auch das Sicherheitsschloss. 
Diese Vorsichtsmaßnahme befolgte er jedes Mal, wenn er die 
Wohnung verließ, selbst wenn er nur kurz über den Hof zu den 
Mülltonnen ging, um den Abfall wegzubringen. Nein, man 

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konnte gar nicht vorsichtig genug sein. Koristo hatte einen 
kurzen Weg zur Arbeit, nur drei Häuserblöcke weit. Drei 
Straßen mußten überquert werden, alle hatten Ampeln. Es war 
nicht Koristos Art, über den Zebrastreifen zu stürmen, sobald es 
grün wurde, so wie all die Durchschnittsfußgänger, er sah sich 
immer erst dreimal um: erst nach links, dann nach rechts und 
dann noch einmal nach links. 

Vorsicht war besser als Nachsicht. 

Koristo war auf die Minute genau eine halbe Stunde vor 

Beginn der Dienstzeit am Arbeitsplatz. So blieb ihm Zeit, 
schematisch einen Teil der üblichen Alltagsroutinen zu 
erledigen, ehe seine Kollegen erschienen, zur Uhr schielten und 
hektisch die Flure bevölkerten, Klatschbasen und gähnende 
Gestalten. 

Pünktlich um acht schaltete er den Computer ein und sah 

gebannt zu, wie der Rechner hochfuhr. Ehe er mit den Aufgaben 
des Tages begann, änderte er das Passwort. Das tat er jeden 
Morgen. Die Regeln im Büro sahen vor, das Passwort 
mindestens einmal pro Monat zu wechseln, doch Koristo hatte 
sich von vornherein nicht mit solch einer Nachlässigkeit 
anfreunden können. 

Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. 

Bis halb elf hatte Koristo zwei Evaluationsberichte 

geschrieben und ein Arbeitspapier aufgesetzt, das den 
Weiterausbau der Rechnungskontrolle präzisieren helfen sollte. 
Zufrieden schaute er auf die Uhr. Der Vormittag war ganz nach 
Plan verlaufen. Im Grunde war er seiner eigenen Zeiteinteilung 
sogar zehn Minuten voraus. Koristo speicherte seine Dateien auf 
dem Server und schaltete den Computer auf stand-by. 
Verblieben ein paar Minuten, um im Kopf noch einmal das 
Treffen um 12.15 Uhr durchzuspielen. Es ließ sich nicht 
leugnen: Er verspürte dabei einen gewissen, wenn auch von 
Aufregung begleiteten Enthusiasmus. 

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Seine Gedanken wanderten zu der eigenhändig erworbenen 

Ausrüstung, wobei er sich tiefer Befriedigung über seine gute 
Wahl nicht erwehren konnte. Ganz egal, worum es sich handelte 
– Koristo kaufte grundsätzlich stets das Beste, was auf dem 
Markt zu finden war, ganz besonders dann, wenn er sich auf 
unbekanntem Terrain bewegte. 

Zu Frühlingsbeginn hatte Koristo eine Schiffsreise über die 

Ostsee nach Deutschland unternommen. Er hatte deutsche 
Qualität stets hoch zu schätzen gewusst, und so hatte er 
beschlossen, die lang geplante Anschaffung in Lübeck zu 
erledigen. Ein höflicher und diensteifriger Verkäufer war ihm, 
so gut er konnte, behilflich gewesen. 

Natürlich waren gewisse Kommunikationsprobleme 

aufgetreten, denn Koristo war in Sprachen nie sonderlich 
bewandert gewesen. Zahlen waren so viel eindeutiger und 
logischer als Worte. Ein beidseitiges Einverständnis stellte sich 
dennoch bald ein, als Koristo mit hinreichendem Nachdruck 
dasselbe Wort zu wiederholen begann: Sicherheit, Sicherheit. Zu 
guter Letzt hatte der Verkäufer die Sache begriffen und aus dem 
Regal eine Schachtel hervorgeholt, auf deren Seite in deutlicher 
schwarzer Schrift geschrieben stand: SICHERHEIT. Koristo 
hatte begeistert genickt. 

In einer derart bedeutenden Angelegenheit gab er sich nur mit 

der höchstmöglichen Sicherheit zufrieden. 

Sicherheit und größte Sorgfalt waren die Leitsterne in Koristos 

gesamtem bisherigen Leben gewesen. Wieso sich also auf 
einmal mit weniger zufrieden geben? 

Punkt 11:00 Uhr schlüpfte er in sein graues Jackett und 

wappnete sich für das Mittagessen in der Betriebskantine drei 
Stockwerke tiefer. Er schaltete den Computer aus und schloss 
die Bürotür hinter sich ab. Dies war eine Vorsichtsmaßnahme, 
die seine Kollegen bis heute nicht begreifen konnten. 

Koristo ließ sich davon nicht beirren. Über die Sorglosigkeit, 

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Fahrlässigkeit, ja sogar Haltlosigkeit gewisser Kollegen ließe 
sich ein wahrlich detailliertes Arbeitspapier anfertigen. Aber 
nun gut. Koristo war schon immer der Ansicht gewesen, dass es 
sich nicht gehörte, solche Dinge an die große Glocke zu hängen. 
Stille Verachtung genügte vollkommen. 

Doch irgendwo gab es natürlich trotzdem eine Grenze, die 

niemand ungestraft übertreten durfte. 

Bei diesem Gedanken zogen erneut die altbekannten 

Unwetterwolken in ihm auf – und die allzu vertrauten 
Gesichtszüge. Raento! Der Fiesling! 

Vor ihm hielt der Fahrstuhl. Koristo trat ein und drückte auf 

den Schalter für das Erdgeschoss. Er schloss die Augen und ließ 
die Gedanken noch einmal zu den jüngsten Ereignissen 
wandern, die ihn schließlich zu seiner Entscheidung bewogen 
hatten. 

Gründe waren ausreichend vorhanden. Da hatte sich jemand 

nun mal reichlich in seiner Einschätzung vertan. Im Grunde 
sogar mehrfach vertan. Dieser Widerling hätte kapieren müssen, 
dass man einen vorsichtigen und prinzipientreuen Mann wie ihn 
nicht an der Nase herumführen durfte. 

Und schließlich hatte jeder Mensch für seine Fehler zu büßen. 

Dies war das grausame Gesetz der Natur. 

In der Kantine tat sich Koristo drei Koteletts auf den Teller 

und bestrich drei Scheiben Knäckebrot mit Butter. Er setzte sich 
an seinen Stammplatz am Ecktisch. Allein und mit dem Rücken 
fest an der Wand, so wie immer. 

Die Kantine füllte sich schnell. Raento kam mit den 

Nachzüglern, im Schlepptau drei Sekretärinnen von der 
Marketingabteilung. Wie gewohnt führte er das Wort, und die 
Mädels wollten vor Lachen schier ersticken. Das Gekicher 
dauerte sogar noch an, als sie längst am Tisch saßen. Manchmal 
brauchte Koristo nur Raentos Stimme zu hören, schon verging 
ihm der Appetit. 

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Jetzt jedoch aß er die Koteletts mit Genuss, bis zum letzten 

Bissen. 

Entgegen seiner Gewohnheit kehrte Koristo zehn Minuten 

früher ins Arbeitszimmer zurück. Vor dem Treffen um 12.15 
Uhr hatte er noch ein wichtiges Telefonat zu erledigen. 

Der Jurist, den er vom Gymnasium kannte, hob nach 

dreimaligem Klingeln ab und wirkte ein wenig überrascht, als er 
hörte, mit wem er es zu tun hatte. Koristo erkundigte sich bei 
ihm nach seinen Plänen für den Nachmittag. 

Amtsrichter Pellervo Mairinen räusperte sich; da müsse er im 

Terminkalender nachschauen. Es stünden durchaus ein paar 
Besprechungen an, doch ein Telefonat zwischendurch sei 
jederzeit möglich. 

Koristo dankte für die Information und kündigte an, nach ein 

Uhr auf sein Anliegen zurückzukommen. Er wünschte dem 
Amtsrichter einen erfolgreichen Tag und legte auf. 

Um 12.10 Uhr goss Koristo die drei Kakteen, die seine 

Fensterbank zierten, und schloss dann die Schubladen des 
Schreibtisches ab. 

Um 12.14 Uhr öffnete er seinen Koffer und nahm einen 

Aktenordner heraus, der in der Mitte auffallend gewölbt war. 
Mit drei raschen Kammstrichen brachte er seine Frisur in 
Ordnung und besprühte seinen Rachen mit Atemspray. 

Um 12.14 Uhr und dreißig Sekunden schloss Koristo die 

Bürotür hinter sich ab – wie immer, wenn er das Zimmer 
verließ. Dann steuerte er ruhigen, festen Schrittes und mit dem 
Aktenordner unter dem Arm auf die Zimmer der Führungsriege 
zu. 

Die Tür zu Raentos Zimmer war die dritte von rechts von der 

Korridorecke aus gesehen. Genau um 12.15 Uhr blieb Koristo 
vor der Tür stehen und klopfte laut, der Sicherheit halber 
dreimal. 

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Das Signallämpchen an der Tür leuchtete grün auf. Koristo 

öffnete die Tür und trat ein. Raento vollführte vor seinem 
Computer einen kleinen Schwenk Richtung Tür; er besaß einen 
schicken norwegischen Bürostuhl, der sich vollkommen 
geräuschlos drehte – den einzigen dieser Art im ganzen Haus. 
Koristo war absolut schleierhaft, von welchem Geld der 
angeschafft worden war. 

Auf Raentos rötlichem Gesicht zeigte sich eine Art Lächeln, 

seine Riesenpranke wies auf den Besucherstuhl. 

»Ach richtig, der Koristo! Ich hatte unsere Verabredung schon 

fast vergessen. Aber du bist selbstverständlich pünktlich da, wie 
eh und je.« 

Koristo war hin- und hergerissen, setzte sich aber, als er dazu 

aufgefordert wurde. 

Er fand, dass Raentos Gesicht denselben Farbton hatte wie 

sein viel zu breiter, greller Schlips. Er konnte nicht begreifen, 
wie jemand in Führungsposition zu solch einem Kleidungsstück 
kam. 

»Wie hat denn deine Woche angefangen, Koristo – alles nach 

Plan, wie?« Raento fingerte sich grinsend eine Zigarette aus der 
Schachtel und lehnte sich lässig und entspannt zurück. 

Koristo sagte kein einziges Wort. Worte waren nicht mehr 

nötig. Er zog seinen Kamm aus der Tasche und fuhr damit 
dreimal durch sein straßenköterfarbenes Haar. 

»Okay, genug gescherzt. Wir haben schließlich beide noch 

was zu tun.« Raento rieb sich die Nase und sah kurz auf den 
Bildschirm. »Du willst sicher, über den neuen Bericht über die 
Rechnungskontrolle reden. Dann lass uns mal gleich zur Sache 
kommen …« 

Koristo schwieg noch immer. Er blinzelte dreimal und stand 

langsam auf. Aus dem schwarzen Aktenordner kam eine 
glänzende deutsche Automatikwaffe von ähnlichem Farbton 
zum Vorschein. Langsam und bedächtig richtete er den Lauf auf 

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den Mann hinter dem Tisch. 

Raentos Gesicht wurde weiß. Träge öffneten sich die 

wulstigen Lippen. 

Seine Augen schienen aus den Höhlen hervorzutreten. Die 

Zigarette fiel aus dem Mund auf die Schreibtischunterlage. 

»Was zum Teu…« 

Koristo fühlte sich zu keiner Antwort verpflichtet und drückte 

stattdessen entschlossen auf den Abzug. Und noch einmal, und 
noch einmal. Die Schussfolge durchschnitt die bleierne Stille 
des Zimmers. Drei rasch aufeinander folgende, hallende 
Schüsse. 

 

»Hast du herausgefunden, was mit dem Typ los ist?«, fragte 
Kriminalpolizist Elorinta Kriminalinspektor Harittu, als dieser 
aus dem Verhörzimmer kam. 

»Kann ich nicht gerade behaupten. Ist eine seltsame Sache. 

Der wiederholt ständig ein und dasselbe deutsche Wort. 
Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit.« Harittu kratzte sich den 
geröteten Nacken. »Vor allem wirkt er irgendwie überrascht und 
irritiert.« 

»Was bedeutet es – das Wort?« 

»Also … mit meinen geringen Deutschkenntnissen würde ich 

sagen: Alles hat verlässlich und solide zu sein.« 

»Und was hat das mit unserem Fall zu tun?« 

»Ich habe da so eine Idee. Die Jungs von der Spurensicherung 

sind in seiner Wohnung auf eine Schachtel Patronen gestoßen. 
Ein deutsches Fabrikat, und auf der Packung steht genau 
dasselbe Wort. Es handelt sich nämlich um Übungsmunition. 
Also Platzpatronen, die bei Filmaufnahmen verwendet werden. 
Vielleicht ist das die Erklärung für sein Gefasel.« 

Harittu zuckte mit den Schultern. 

»Komische Geschichte. Wirklich rätselhaft. Aber unser Mann 

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scheint auch sonst nicht ganz zurechnungsfähig zu sein.« 

»Wohl kaum. Mit Platzpatronen auf seinen Chef zu schießen 

ist keine sonderlich durchdachte Aktion.« 

»Nein. Aber wie geht es denn dem Opfer, diesem Raento?« 

»Der ist einigermaßen wohlauf. Er ist natürlich noch ein 

bisschen benommen und hat Ohrensausen. Aber ansonsten alles 
okay. Und was hat unser Revolverheld noch so alles im Kopf?« 

»Tja, wenn man das nur wüsste. Ich hab ihm gesagt, dass jetzt 

erst mal eine Stunde Pause ist mit dem Verhör. Ach, und er hatte 
drei Wünsche.« 

»Gleich drei auf einmal!« Kriminalinspektor Harittu lächelte 

schief. »Und um was für Wünsche handelt es sich da?« 

»Ein Anruf bei irgendeinem Anwalt, dann die Telefonnummer 

von einem x-beliebigen Waffengeschäft und – ob du’s glaubst 
oder nicht – ein Deutschwörterbuch.« 

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Kriminell schön 

Taavi Soininvaara 

Auf dem Flugplatz Helsinki-Vantaa saß Oberwachtmeister Matti 
Sutela als Beifahrer im Polizeiauto am Ende des Rollfeldes, 
trank Kaffee aus einem Pappbecher und wartete ungeduldig, 
dass der erste Staatsgast seiner Karriere in Finnland eintraf. In 
den zehn Jahren in Polizeiuniform hatte er schon Präsidenten, 
Ministerpräsidenten, königliche Oberhäupter und Weltstars 
bewacht, aber noch nie einen so eigenartigen Gast. 

»Kindermädchen für eine Geige, so ein Mist«, giftete Sutelas 

Kollege auf dem Fahrersitz. Sutela regte sich nicht auf, es war 
eine willkommene Abwechslung nach den Ereignissen vom 
Anfang der Woche. Vorgestern hatte er vergeblich versucht, ein 
zwölf Jahre altes Schulmädchen wiederzubeleben, die sich eine 
Überdosis Heroin in die Venen gejagt hatte, und gestern musste 
eine Wohnung untersucht werden, in der zwei Wochen lang eine 
Tote gelegen hatte. An den Gestank der verwesten Leiche 
erinnerte er sich noch gut, und auf seiner Netzhaut zeichnete 
sich das Bild ab, wie die alte Frau ihre Einsamkeit aus ihrem 
Zuhause hinausschrie. Mitleid breitete sich warm in seinem 
Körper aus. Welten lagen zwischen dem Alltag der Polizei und 
dem Spiel auf einer mit vierzig Millionen Dollar versicherten 
Violine. 

Er schob die unangenehmen Erinnerungen ganz weit weg, 

schlürfte Kaffee und strich sich eine blonde Haarsträhne aus der 
Stirn. Sutelas Mundwinkel zogen sich leicht nach oben, als er 
daran dachte, wie die Stadt Genua das Gefolge für die Geige 
zusammengesetzt hatte: zwei bewaffnete italienische 
Wachmänner, die für die Wartung des Instruments 
verantwortliche Kuratorin und der Rektor der Sibelius-
Akademie, der der Vorsitzende des Komitees war, das man 

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anlässlich des Finnlandbesuchs des Instruments gegründet hatte. 

Die Minuten vergingen, und Sutela hatte das Warten langsam 

satt, sein Leben war alles andere als ein Zuckerschlecken. War 
er unfähig, ein Angsthase oder nur ein zu gutmütiger Mensch, 
der sich damit begnügte, Jahr für Jahr darauf zu warten, dass er 
dem Glück ein Stück näher kam, auf eine Gelegenheit, seine 
Fähigkeiten zu beweisen? Er hatte schon fünf Jahre einer 
Beförderung vergeblich hinterher gehechelt. Wie lange würde er 
im Kopf noch die Jagd nach Fixern, Säufern und von den 
Ehemännern verprügelten Frauen aushalten? Bis zur Rente 
bestimmt nicht. Als Kommissar bekäme er mehr Papierkram zu 
tun, und den würde er immer selbst erledigen wollen. 

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Funkgerät im 

Polizeiauto rauschte. Sutela stieg aus und verfolgte, wie der 
zwanzigsitzige Learjet 35 vorbei am Inland-Terminal zum 
hintersten Winkel der Landebahn rollte. Die morgendliche 
Dezembersonne schien klar, wärmte aber nicht im Geringsten. 
Da der Wind in Böen über den Flugplatz fegte und den Schnee 
wie Puder aufwirbelte, kamen einem die zwanzig Grad Frost 
doppelt so kalt vor. Sutela beschloss, irgendwann 
zwischendurch seine Frau anzurufen und sie zu bitten, die Sauna 
einzuheizen, ihm würde, wenn er nach Ende der Schicht losfuhr, 
noch die Kälte in den Knochen sitzen. Der Unabhängigkeitstag 
musste doch gefeiert werden. Vielleicht würden sie sich auch im 
Fernsehen die Feier im Präsidentenpalast anschauen und sich 
den einen oder anderen Schnaps gönnen. 

Als der Learjet vor dem VIP-Terminal zum Halten kam, gab 

Sutela über Funk zwei Polizisten den Befehl, ihm zu folgen, und 
er ging zur Tür des Flugzeuges. Er schüttelte den aus dem 
Düsenflieger steigenden Passagieren die Hand und führte sie zur 
VIP-Lounge, wo Finnlands hingerissener Kulturminister die 
Gäste willkommen hieß. Die Presseleute stürzten sich auf die 
Kuratorin mit Dutt, die den Geigenkasten trug, wie Möwen auf 
die Reste vom Fischeausnehmen. 

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Nachdem alle ein Glas Champagner in der Hand hielten, setzte 

der Kulturminister zu seiner Begrüßungsansprache an: 

»Das Jahr 2007 ist für das unabhängige Finnland ein 

Jubiläumsjahr und zugleich ein Gedenkjahr für das Musikleben 
in unserem Lande. Der Tod des Komponisten Jean Sibelius 
jährte sich am 20. September zum fünfzigsten Mal, und nur 
wenige Tage später gewann die junge finnische Violinistin Tuuli 
Ahava in Genua den zweiten Platz im italienischen Violinen-
Wettbewerb Premio Paganini. Heute können wir all diese 
Ereignisse in außergewöhnlicher Weise feiern, dank der Stadt 
Genua, die Finnland und Helsinki eine seltene Ehre zuteil 
werden lässt: Bei uns zu Besuch ist ›Il Cannone‹, die vor 
zweihundertfünfundsechzig Jahren von Giuseppe Guarnieri 
gebaute Geige Guarnieri del Gesù. Verehrte Damen und Herren, 
Tuuli Ahava, das junge Geigentalent und die Solistin im 
Orchester der finnischen Staatsoper, spielt heute auf der großen 
Bühne des Opernhauses Jean Sibelius’ Violinkonzert.« 

Die Journalisten umlagerten die Kuratorin, die die Geige trug, 

von der Sekunde an, in der der Minister seine Rede beendet 
hatte. Die Begeisterung der Presseleute war dennoch schnell 
verebbt, als die gereizte Kuratorin den Geigenkasten wie einen 
Säugling an die Brust drückte, sich weigerte, das Instrument zu 
zeigen, und mit wehendem Rocksaum auf die Garderobe 
zusteuerte. 

Die Gesellschaft aus Italien wollte unbedingt in einem 

einzigen Wagen fahren, sodass Sutela sie zu einem 
polizeieigenen Transporter führte. Die Polizeifahrzeuge 
formierten sich zu einem Konvoi, in dessen Mitte der 
Transporter sich einreihte, und die Fahrt durch Helsinkis 
Innenstadt und zur Staatsoper begann. 

Der kahlköpfige und übergewichtige Rektor der Sibelius-

Akademie konnte seine Augen nicht vom Geigenkasten lassen. 

»Man kann sich kaum vorstellen, dass Paganini seinerzeit 

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genau auf diesem Instrument gespielt hat.« 

»Wer?«, entfuhr Sutela aus Versehen die Frage, und der 

Rektor machte ein Gesicht, als habe der Polizist ein Sakrileg 
begangen. 

»Niccolò Paganini. 1782 in Genua geboren, 1840 in Nizza 

gestorben. Der größte Violinist der Welt, der Vater der 
modernen Violinenspieltechnik und ein begabter Komponist«, 
erklärte der Rektor und wartete vergeblich, dass Sutela ein Licht 
aufging. 

»Paganinis Spiel war von so großer Virtuosität, dass seine 

Zeitgenossen glaubten, der Mann habe seine Seele dem Teufel 
verkauft.« Die Stimme des Rektors nahm an Lautstärke zu, als 
Sutelas Gesichtszüge sich noch immer nicht aufhellten. »Er 
erfand die Scordatura und das Pizzicato der rechten Hand, und 
er … Wissen Sie wirklich nicht, wer Niccolò Paganini war?«, 
fragte der Rektor verärgert. 

»Wer benutzt … oder vielmehr spielt eigentlich die Geige?«, 

wechselte Sutela das Gesprächsthema. 

Der Rektor berichtete, Paganini habe per Testament die 

Violine der Stadt Genua vermacht, die sie in der Stahlkammer 
des Rathauses Palazzo Tursi aufbewahrte. »Wussten Sie 
übrigens, dass Giuseppe Guarnieri in seiner gesamten Laufbahn 
nur fünfzig Violinen gebaut hat, von denen der größte Teil 
verschollen ist? Anders als allgemein angenommen, gehören die 
Stradivaris nicht zu den seltensten Geigen der Welt, von denen 
gibt es noch fast fünfhundert Exemplare«, dozierte der Rektor. 

Sutela war aus dem Schneider, als der Rektor mit der 

Kuratorin ein Gespräch auf Italienisch begann. Die Fahrt verlief 
schnell, der Verkehr nahm erst auf dem Mannerheimintie zu. 
Die Polizeifahrzeuge wurden hinter der Staatsoper gleich beim 
Bühneneingang geparkt, von wo der Leiter der Oper die 
Gesellschaft durch lange Gänge zum Orchesterfoyer führte. 

Die kleine blonde Geigerin Tuuli Ahava wartete im Foyer zur 

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großen Bühne auf Il Cannone und hörte auf, am Daumennagel 
zu kauen, als der Rektor sie der Kuratorin vorstellte. Die 
Gesellschaft ging mit Tuuli Ahava ins Künstlerzimmer, die 
italienischen Wachmänner und Sutela folgten dem Geigenkasten 
wie Küken der Henne. 

Die anderen finnischen Polizisten blieben im Foyer, um sich 

von einem bärtigen, ins Horn stoßenden Posaunisten das 
Trommelfell strapazieren zu lassen. 

Die fahle Wintersonne schien ins Künstlerzimmer, sodass die 

Kuratorin die Vorhänge vors Fenster zog. Anschließend holte 
die Frau aus ihrer Handtasche ein digitales Thermometer, 
überprüfte die Zimmertemperatur und nickte beifällig. 

Tuuli Ahava verfolgte mit ernster Miene, wie die Kuratorin 

den Geigenkasten auf einem kleinen Arbeitstisch abstellte, die 
Schlösser aufklickte, die schützenden, purpurroten Seidentücher 
vom Instrument entfernte und Il Cannone heraushob wie eine 
Reliquie. 

Die zierliche Geigenvirtuosin ergriff das Instrument behutsam 

an Hals und Resonanzboden, ihre Hände zitterten ein wenig. 
Adrenalin durchströmte ihren Körper. Sie hielt die wertvollste 
Violine der Welt in Händen, die Guarnieri del Gesù, Niccolò 
Paganinis Instrument, des Meisters aller Solisten. Der Puls 
pochte ihr in den Schläfen. Jetzt musste sie sich beruhigen, das 
Spiel würde misslingen, wenn sie dem Instrument weh tat. 
Wenn sie die Violine nun fallen ließ? Die Vorstellung steigerte 
zunehmend ihre Anspannung, und auch die Wachmänner neben 
ihr plapperten wie Marktverkäufer. Man musste ihr Ruhe zur 
Konzentration geben. »Darf ich die Violine allein stimmen, hier 
ist es ein bisschen … zu voll«, sagte die junge Frau zur 
Kuratorin gewandt. 

Die Italienerin schüttelte lächelnd den Kopf. »Die 

Wachmänner werden das Instrument nicht eine Sekunde lang 
aus den Augen lassen. Sie warten das Konzert über in den 

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Seitenkulissen und nehmen Ihnen die Violine ab, sobald das 
Konzert beendet ist.« 

Tuuli Ahava schloss die Augen, atmete tief durch und 

versuchte sich zu beruhigen. Sie zog den Frosch des Bogens an, 
befühlte die Stimmwirbel, strich mit der Hand über das 
Griffbrett, glitt mit dem Finger am oberen Rand des Stegs über 
die Saiten und legte am Ende die linke Hand auf den Hals. Dann 
krümmte sie den Finger, setzte den Bogen auf die Saite und 
begann das Instrument zu stimmen: g, d, a, e … Einige Minuten 
später spielte Tuuli Ahava die schnellen Läufe des 
Violinkonzerts von Jean Sibelius. 

Sutela zuckte zusammen. Die Schönheit der Violinentöne traf 

ihn in die Herzgrube wie ein Faustschlag. Der Klang von Il 
Cannone war überwältigend, das hörte auch ein Laie sofort: 
kräftig, klar, dunkel … Er beobachtete fasziniert, wie die 
Violinistin ihr Ohr auf die Resonanzdecke drückte. Das 
Instrument klang wie ein Lebewesen, nur schöner. Und die Kraft 
des Instruments drang bis in die Seele, der Kosename, den 
Paganini dem Instrument gegeben hatte, war wirklich passend. 
Sutela hatte noch nie etwas so Beeindruckendes gehört und … 

Der Rahmen zerbarst, als die Tür aufgetreten wurde und zwei 

Männer in schwarzen Armeeoveralls mit Maschinenpistolen im 
Anschlag eindrangen. Das Spiel brach jäh ab, Tuuli Ahava wäre 
die Geige beinahe aus den Händen geglitten, und der Kuratorin 
traten vor Schreck fast die Augen aus dem Kopf. Sutelas Hand 
auf der Klappe des Pistolenholsters war gelähmt, als der zweite 
Angreifer seine Waffe auf ihn richtete, aber die italienischen 
Wachmänner erbebten von der Wucht der Kugeln, der Lärm 
schmerzte in den Ohren, und der Geruch von Schießpulver 
breitete sich im Zimmer aus. Zugleich stürmten zwei andere 
Männer in Armeeoveralls herein, von denen der eine der 
zitternden Tuuli Ahava die Violine aus der Hand riss und der 
andere der schreienden Kuratorin einen Schlag in den Bauch 
verpasste. Der Schrei verstummte. 

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Sutela wurden die Füße zusammengebunden und die Hände 

auf dem Rücken gefesselt. Der Schock wich Wut in seinem 
Kopf, als man ihm ein Stück Stoff in den Mund stopfte und 
starkes Paketklebeband darüber klebte. Er konnte nicht glauben, 
was geschah. Mein Gott, er hatte die Verantwortung für eine 
Vierzig-Millionen-Dollar-Violine. Und zwei Männer waren 
getötet worden. Die Geige hatte ihn dazu verleitet, seine 
Aufgabe zu vergessen. 

In einer Minute war alles vorbei und die Räuber verschwanden 

genauso schnell wie sie aufgetaucht waren. Sutela kroch wie 
eine Raupe aus dem Zimmer, seine Kleider kamen mit dem Blut 
in Berührung, das auf den Fußboden geflossen war, und sein 
Atem zischte in der Nase. Im Flur warf er einen Blick in 
Richtung Foyer, und er sah seinen Kollegen und den bärtigen 
Musiker gefesselt auf dem Boden zappeln. Wie viele Räuber 
waren es eigentlich? Was um alles in der Welt war passiert? 
Sutela suchte mit Blicken nach dem nächsten Feuermelder und 
kroch hin. Er drehte sich auf den Rücken, hob die Füße und trat 
mit den Absätzen auf den Alarmknopf. 

 

Acht Männer in schwarzen Armeeoveralls rannten zum 
Luftschutzraum im Kellergeschoss der Staatsoper, wo die 
technische Gruppe von vier Männern wartete. Der Bandenchef 
überprüfte, ob alle Mann da waren, er erkannte die auf die 
Overallkragen seiner Leute gemalten Zahlen. Sie traten einer 
nach dem anderen durch die kleine Metalltür, deren 
Alarmanlage entschärft worden war, dann schwang der Chef 
sich auf eine Metallleiter und stieg immer zwei Stufen auf 
einmal abwärts. 

Er ließ sich in das Tunnelsystem fallen, das man unter 

Helsinkis Asphalt gesprengt hatte, holte aus der 
Oberschenkeltasche seines Overalls eine Karte des 
Tunnelsystems und vergewisserte sich, wie schon viele Male 
zuvor, dass er den Wegeplan im Kopf hatte. Nur das Rauschen 

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der Belüftungsanlage störte die Ruhe der Finsternis. 

Die Männer in den Overalls teilten sich in drei Gruppen, von 

denen zwei sofort in entgegengesetzter Richtung verschwanden, 
und die dritte entfernte sich durch den in ein paar hundert 
Metern weiter gelegenen Tunnel. 

Der hohe und breite in den Felsgrund gesprengte Tunnel 

erdröhnte, als die erste Mannschaft auf dem feuchten Asphalt 
Richtung Museokatu lief. Die Strecke betrug nur einen halben 
Kilometer, aber in Autos würden die Verfolger sie im 
Handumdrehen einholen. 

Als die erste Mannschaft die Metallleiter erreichte, die hinauf 

zur Museokatu führte, gab der Anführer mit der Hand den 
Befehl zum Halten. Die keuchenden Männer zogen schnell 
Handschuhe, Overalls und Schuhe aus, holten Zivilkleidung aus 
ihren Rucksäcken und zogen sie an. Einer der Männer stopfte 
die abgelegten Stücke in einen Müllsack, ein anderer sammelte 
die Waffen ein, und der Anführer der Gruppe zwängte den 
Geigenkasten in einen kleinen Rucksack. Die Bewegungen der 
Männer waren so exakt wie die bei Balletttänzern, auch das 
kleinste Detail des Raubes war mit äußerster Präzision geplant 
gewesen. 

Die erste Mannschaft trat im winterlichen Zentrum Helsinkis 

aus der grauen Metalltür ohne Schild im steinernen Sockel eines 
hundert Jahre alten Jugendstil-Etagenhauses, dessen 
Alarmanlage schon vor dem Coup entschärft worden war. Sie 
spazierten in aller Ruhe in das Treppenhaus des Gebäudes und 
stiegen zur angemieteten Wohnung hinauf. 

Der Anführer der Gruppe stellte die Violine auf den Boden 

und stimmte dann den Standort mit den anderen beiden Gruppen 
ab. Keine Probleme. Er goss einen Pappbecher randvoll mit 
Wodka, leerte ihn in zwei Zügen und ließ sich häuslich auf dem 
Fußboden der unmöblierten Wohnung nieder. Er lächelte nicht, 
obwohl die Flucht ganz planmäßig gelungen war. Sie würden 

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einen hohen Preis für den Tod der italienischen Wachmänner 
bezahlen müssen. 

 

Matti Sutela biss die Zähne zusammen, seine Lippen formten 
einen leisen Fluch, aber dieser Wutausbruch verschaffte ihm 
keine Linderung. Er hatte sich eine Violine im Wert von vierzig 
Millionen Dollar stehlen lassen. Er blickte an seinem mit Blut 
getränkten Hosenbein hinab, und das Gefühl der Beklemmung 
nahm zu, als der Anblick der getöteten italienischen Wachleute 
ihm durch den Kopf fuhr. Hätte jemand, der zuverlässiger war 
als er, den Tod der Männer verhindern können? Warum hatte 
ihn der Klang der Kanone gelähmt? Sutela zog das Frostwetter 
in die Lungen ein, die Zigarette in seiner Hand zitterte, und die 
Füße stapften schwerfällig über den festgetretenen Schnee. 

Auf dem Platz hinter der Oper wimmelte es von Leuten. Die 

Polizisten der Mordkommission wie die Leute von der Spuren-
Sicherung rannten zwischen den Autos und dem Tatort hin und 
her. Die Sonne war um halb vier Uhr nachmittags 
untergegangen, jetzt durchschnitt das Blaulicht der 
Polizeifahrzeuge und der Krankenwagen die Dunkelheit. Auch 
das Sondereinsatzkommando Karhu war vor Ort für den Fall, 
dass es zu einer Belagerung oder Geiselnahme kam. Sutela 
verfolgte am Rand, wie Kollegen, die jünger und höher 
eingeschätzt waren als er, Anweisungen gaben und fürchtete, 
dass er ab heute nur noch die Tore der Fussballmannschaft der 
Polizei zu bewachen hatte. 

Der Einsatzleiter der Polizei pumpte sich von Sutela eine 

Zigarette und versuchte seinen Kollegen, der elend aussah, 
aufzumuntern. »Der Alarm kam wirklich früh, das hilft uns. Das 
Zentrum von Helsinki ist abgesperrt, alle Ausfallstraßen sind 
abgeriegelt, und die Grenzübergänge, Flugplätze und 
Fähranleger sind informiert worden …« 

Die freundlichen Worte erleichterten Sutelas Gewissen nicht. 

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»Wir haben noch nicht mal die Täterbeschreibungen. Wir 

wissen nur, dass es acht Angreifer waren. Kein Mensch hat ihre 
Gesichter gesehen oder sie sprechen gehört. Können gut 
Ausländer gewesen sein.« 

Der Einsatzleiter nickte. »Selten solche Profiarbeit gesehen 

…« 

»Murtomaa hier. Der Hund hat Witterung aufgenommen, wir 

verfolgen die Spuren«, hallte die Stimme des Kommissars der 
Mordkommission im Funkgerät wider. 

»Geh mit, Matti, dann kommst du auf andere Gedanken!«, 

schlug der Einsatzleiter vor, und in Sutela kam Leben. Er 
sprintete in die Oper und schloss sich der Hundestaffel an. 

Über zehn bewaffnete Polizisten stiegen die Treppe ins 

Kellergeschoss der Oper hinab. Die Schäferhunde zogen wie 
eine Dampflok ihre an der Spitze gehenden Hundeführer an der 
Leine hinterher, bis sie vor einem Luftschutzraum anhielten und 
wütend an der Metalltür kratzten. Die Polizisten traten in den 
Raum dahinter ein und entdeckten die geöffnete Tür, die ins 
Tunnelsystem führte. »Wir steigen in die Tunnel hinab, besetzt 
alle Ausgänge. Ich weiß, dass es davon über hundert gibt«, teilte 
Murtomaa über Funk dem Einsatzleiter mit. 

»Sollten die Wagen nicht schon nach unten beordert 

werden?«, schlug Sutela vor. 

Murtomaa schüttelte den Kopf. »Noch nicht, nur die Hunde 

können die Spuren verfolgen. Und die Tunnel sind über 
zweihundert Kilometer lang, da unten lohnt sich großes 
Geschütz nicht.« 

Sutela kletterte zwischen den Polizisten die Leiter hinab, und 

beim Betreten der Tunnel stieg ihm der Geruch von Feuchtigkeit 
in die Nase. Er hoffte, die Räuber würden durch das 
Tunnelsystem des Notausgangs oder der städtischen 
Verkehrsbetriebe entkommen, weil die Polizei über keine 
Karten über alle von den Streitkräften und der Staatsverwaltung 

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genutzten Höhlen verfügte. Beim Gedanken, welchen Ruf es 
ihm eintragen würde, wenn den Räubern die Flucht gelänge, 
erschauderte er. Die Aussicht auf Beförderung konnte er dann 
vergessen, komme, was da wolle. 

Die Hunde wurden an ihrem Geschirr in den Tunnel 

hinabgelassen. Schnell fanden sie drei Spuren, nach denen sich 
die Polizisten in Gruppen aufteilten. 

Murtomaas Mannschaft lief einige hundert Meter hinter dem 

Hund her, bis das Tier bei einer nach oben führenden 
Metallleiter mit Gebell stehen blieb. Sutela saugte Sauerstoff 
ein, fiel auf die Knie und dankte Gott, dass die Räuber nicht 
weiter gelaufen waren. Er hätte mit den Jüngeren nicht mehr 
viele Meter Schritt halten können. 

Bald stießen die Polizisten die Tür zur Außenwelt auf, der 

Hund drehte sich auf dem Bürgersteig wie ein Windrad, bekam 
aber keine Witterung mehr. Murtomaa suchte das nächste 
Straßenschild. »Die Diebe sind in der Museokatu 21 
rausgekommen.« 

Die Funkverbindung rauschte, während der Einsatzleiter 

nachdachte. »Ich schicke Männer, die das Haus von diesem 
Punkt in alle Richtungen umstellen. Ihr fangt ab Nummer 21 an, 
meldet mir danach den Verlauf. Ich besorge inzwischen ein 
Verzeichnis über die Einwohner der Nachbarschaft.« 

Die Polizisten klingelten im Treppenaufgang A an jeder Tür, 

befragten die Bewohner und notierten sich die Wohnungen, 
deren Tür nicht geöffnet wurde. Nutzlose Hinweise sammelten 
sich massenhaft an: streitsüchtige Nachbarn, ihre Stereoanlage 
folternde Studenten, unangenehme Beischlafgeräusche … 

Nach einer Stunde hatte Murtomaas Mannschaft alle drei 

Treppenhäuser durchkämmt, die Polizisten standen vor der 
Museokatu 19, als der Einsatzleiter Verbindung aufnahm. 
Murtomaa hörte die Anweisungen und drehte sich zu seinen 
Männern um: »Im Einwohnerverzeichnis der Nachbarhäuser hat 

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man ein interessantes Objekt gefunden. Wir fangen bei 
Museokatu 25 A 14 an, die ist an den Russen Felix Jusupov 
vermietet. Wir bestellen die Karhu-Gruppe vor Ort, wenn die 
Situation es erfordert.« 

Murtomaa postierte seine Männer am Treppenaufgang, Sutela 

kauerte sich weit von der Tür zur Wohnung 14 entfernt nieder. 
Der junge Polizist klingelte an der Tür, man hörte, wie jemand 
zur Tür kam, und Licht war in dem flimmernden Spion zu 
erkennen. Plötzlich waren aus der Wohnung ein Schrei, schnelle 
Schritte und ein metallenes Geräusch zu hören, das an das Laden 
eines Gewehres erinnerte. 

»Hier Murtomaa. Schickt die Karhu-Gruppe in die 

Museokatu.« Er befahl zwei Männern, an der Treppe stehen zu 
bleiben, verteilte die anderen über das Haus und sagte, er warte 
auf der Straße mit Sutela auf die Karhu-Gruppe. 

Sutela maß die Museokatu ungeduldig, die nächsten Minuten 

würden über seine Zukunft und die der Violine entscheiden. 

»Ein Teil der Verbrecher ist in der Humalistokatu 

festgenommen worden. Keine Geige. Und die dritte 
Hundestaffel hatte keinen Erfolg.« Murtomaa meldete über 
Funk den Erhalt der Nachricht. »Wenn die Geige nicht da ist 
…« 

Sutela wurde noch nervöser, die Ereignisse der letzten Stunden 

belasteten sein Gewissen. Kamen die Räuber aus Russland? 
Schon was Murtomaa gesagt hatte, wollte ins Unterbewusstsein 
vordringen. Er konnte noch zwei Zigaretten rauchen und die 
dritte bis einen Zentimeter vor den Filter, ehe die weißen 
Kastenwagen am Bürgersteig anhielten und die Männer der 
Karhu-Gruppe von der Ladefläche sprangen. In feuerfesten 
Schutzanzügen, schusssicheren Helmen und Westen nahmen die 
Polizisten schwer bewaffnet ihren Befehl entgegen. Zehn 
Männer rannten zur Museokatu 25, vier zur Rückseite des 
Hauses und zwei blieben auf dem Gehweg zurück. 

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Der Leiter der Karhu-Gruppe befestigte ein Mikrofon an der 

Tür der Zielwohnung, hörte einen Augenblick bedrohliche Stille 
und griff dann zum Megafon. »Hier spricht die Polizei. Machen 
Sie die Tür auf und legen Sie sich auf den Boden. This ist the 
police. Open the door and get down on the floor«, wiederholte 
der Leiter ein halbes Dutzend Mal. Ohne Ergebnis. 

Es musste gestürmt werden. Er teilte seinen Männern die 

Aufgaben zu, verbot den Einsatz von Leuchtmunition und 
Tränengas. Die Violine durfte nicht beschädigt werden. 

Zwei Polizisten packten ein eineinhalb Meter langes 

Metallrohr bei den Griffen und gingen hinter einem kugel- und 
splittersicheren Schild in Deckung. Der Rammbock riss die Tür 
aus den Angeln, die roten Punkte des Laservisiers kreuzten über 
die weißen Wände, und die Karhu-Gruppe stürmte die 
Wohnung. 

Die Spannung zerrte an Sutelas Wangenmuskeln, als zwei 

Polizisten den ersten Räuber auf die Museokatu führten. Dann 
kam der Leiter der Karhu-Gruppe mit dem Geigenkasten in der 
Hand heraus, und Wellen der Erleichterung durchströmten 
Sutelas Körper. Er starrte den folgenden auf die Straße 
geführten Räuber an, der Gesichtsausdruck des dunkelhaarigen 
Mannes war ernst, aber nicht enttäuscht. Sutela identifizierte ihn 
als den Mörder der beiden italienischen Wachmänner, ihre 
Blicke trafen sich, und Sutela sah, wie sich auf dem von Sonne 
und Wind gegerbten Gesicht des Verbrechers ein überhebliches 
und schadenfrohes Lächeln zeigte. 

»Matti, du kannst den Italienern die Geige bringen. Das ist 

dein Job«, sagte Murtomaa kumpelhaft und drückte Sutela den 
Geigenkasten in die Hand. 

Sutela sagte auf der Fahrt zum Flugplatz kein Wort, er kam 

sich vor wie ein Vollidiot. Das Galakonzert war abgesagt 
worden, und die Italiener wollten Finnland sofort verlassen. Was 
würde morgen über ihn in den Zeitungen stehen? 

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Das italienische Geschwätz der Kuratorin war noch nicht zum 

Stillstand gekommen, als der Frau in der VIP-Lounge des 
Flugplatzes Il Cannone überreicht wurde. Gut so, dachte Sutela, 
weil sicher war, dass die Frau ihn mindestens genauso sehr 
beschimpfte wie sie sich über die wiedergefundene Violine 
freute. Der Redeschwall verstummte sofort, als die Frau den 
Boden der Geige nach oben drehte. Sie hielt das Instrument 
unter eine Lampe, kniff die Augen zusammen und betrachtete 
jeden Zentimeter. Eine qualvolle halbe Minute später ächzte sie 
schließlich verärgert, wickelte die Geige wieder in die seidenen 
Schutztücher und legte sie in den Geigenkasten. »Wir 
überprüfen sie in Genua gründlich. Je weiter weg von hier wir 
kommen, desto besser.« 

Die Situation war am Ende bereinigt, die Polizisten 

gratulierten sich gedämpft gegenseitig, und Sutela erkannte im 
Blick seiner Kollegen Mitleid. Dieses Mal brannte es nicht, sein 
Gehirn verarbeitete ununterbrochen die Ereignisse der letzten 
Stunden. Der spöttisch lächelnde Verbrecher, der begutachtende 
Blick der Kuratorin … Der Raub war aufgeklärt und mit 
militärischer Präzision durchgeführt, die Kriminellen waren 
Profis, wie um alles in der Welt konnten sie so leicht 
aufgestöbert werden? Warum hatten die Hunde in den Tunneln 
drei Witterungen aufgenommen, obwohl es nur zwei Gruppen 
gewesen waren? Und warum hatte er das Gefühl, dass 
Murtomaa etwas gesagt hatte, woran er sich erinnern müsste. 
Nicht alles war, wie es sein sollte. 

 

Sergei Lybimov saß in einem prächtgen Sessel in der ersten 
Reihe im Privattheater des Jusupov-Palastes, rollte Machorka-
Tabak in Zigarettenpapier, drehte die Zigarette mit den Fingern, 
leckte den Rand des Papiers, und die kurze Samokrutka war 
fertig. Er zündete die Zigarette an und bewunderte die 
Ornamente an den Wänden seines Theaters. Die Renovierung 
des luxuriösen Petersburger nichtkaiserlichen Palastes und die 

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Innenarbeiten waren endlich abgeschlossen. Er hatte den 
berühmten Palast im Herbst gekauft, mit Geld konnte man alles 
kaufen und durch den Gewinn seiner Ölgesellschaft besaß er so 
viel davon wie kein anderer Russe. Auf der Forbes-Liste der 
reichsten Männer der Welt stand er vorläufig auf dem 
befriedigenden siebenunddreißigsten Platz. 

Der von den Schuhen bis zur Krawatte in Schwarz gekleidete 

Oligarch trommelte mit dem Zeigefinger nervös auf der 
Stuhllehne und inhalierte gierig den schweren, dicken und 
würzigen Duft des Rauches. Die Erstaufführung in dem 
renovierten Theater würde gleich beginnen. Zuletzt war in dem 
Palast 1916 ein großes Drama im Getöse des Weltkrieges 
gezeigt worden, als die von Felix Jusupov angeführte Bande 
Gregori Rasputin ermordete, der sich selbst zum Hellseher und 
Manipulator der Zarenfamilie gemacht hatte. Lybimov 
bedauerte es fast, dass in der bevorstehenden Vorstellung kein 
einziger Mord vorkam. 

Es war zwölf Minuten vor zehn Uhr abends, als Lybimovs 

Privatsekretär in der Tür des Theaters erschien. »Gennadi ist 
zurück.« 

Lybimovs Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. 

»Führe den Mann herein, sofort. Ich bitte den Jungen zu 

kommen«, befahl er. 

Gennadi marschierte mit dem zwölfjährigen Achilles durch 

dieselbe Tür ins Theater. Der Junge lief auf seinen Vater zu und 
hauchte ihm leichte Küsse auf die bärtigen Wangen. Gennadi 
beschränkte sich aufs Händeschütteln. 

»Du kommst früher, als ich erwartet habe«, sagte Lybimov 

und schaute Gennadi erwartungsvoll an. 

»Na ja, von Helsinki sind es nur vierhundertfünfzig Kilometer. 

Wir mussten übrigens an der Grenze warten, bis die finnische 
Polizei beide Gruppen gefunden hatte und die Grenzen wieder 
geöffnet wurden. Wir …« 

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»Ihr hattet doch Erfolg? Erzähl jetzt endlich, was passiert ist 

…«, meinte Lybimov begeistert. 

»Alles lief nach Plan, außer dass die italienischen 

Wachmänner getötet werden mussten. Jetzt müssen die Jungs 
länger als nötig auf den Kuchen warten.« Gennadi schaute den 
Oligarchen forschend an. 

»Epat-kopat!«, fluchte Lybimov. »Ich bezahle die armen 

Juristen und drehe die Dinge so, dass deine Männer in Finnland 
ein erträgliches Urteil bekommen. Und ich zahle ihnen natürlich 
eine angemessene Entschädigung.« 

 

Matti Sutela saß in seinem kargen Büro im Präsidium von Pasila 
und versank immer weiter in den Wogen von Selbstmitleid. Er 
musste die Hoffnung auf Beförderung endlich begraben, weder 
der Chef der Schutzpolizei noch die Führung der Polizei würden 
diesen Tag je vergessen. Er fühlte sich gewissermaßen für den 
Tod der italienischen Wachmänner verantwortlich, so sehr er es 
sich auch immer wieder sagte, dass niemand das Geschehene 
hätte verhindern können. Er bereute, dass er sich hatte von der 
Violine aus dem Konzept bringen lassen. 

Außerdem quälten ihn Zweifel, die zur Gewissheit geworden 

waren, dass nicht alles war, wie es sein sollte. Aber was zum 
Teufel sollte er tun, der Fall war an Interpol übergeben worden, 
man hatte ihm noch nicht einmal Einsicht in die ersten 
Ermittlungsberichte gewährt. Er hatte seinem Chef gegenüber 
den grinsenden Räuber, das Zögern der Kuratorin, die nahezu 
problemlose Festnahme der Verbrecher und seine anderen 
Beobachtungen zur Sprache gebracht, doch sein Chef hatte ihm 
ins Gesicht gelacht. 

In der letzten Stunde hatte er im Internet unzählige Seiten über 

Niccolò Paganini und die Kanone gelesen. In seinem Kopf 
wirbelten unwichtig erscheinende Informationen herum: 
Paganini hatte immer Schwarz getragen. Er hatte vor kurzem 

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von einem anderen Mann gelesen, der auch immer nur Schwarz 
trug, konnte sich aber nicht mehr an den Namen erinnern. Er 
konnte sich auch nicht mehr ins Gedächtnis rufen, was 
Murtomaa Wichtiges gesagt hatte, obwohl ihn die Sache 
unablässig beschäftigte. Er zermarterte sich das Gehirn, und 
plötzlich fiel ihm ein, dass Murtomaa den Namen eines 
Wohnungsmieters in der Museokatu erwähnt hatte. Der hatte 
etwas mit Russland zu tun und mit dem anderen Mann in 
Schwarz. Der Name des Mieters würde sich in den Berichten 
finden. 

Der Ärger überkam Sutela mit aller Macht, hier wartete er wie 

gewohnt darauf, dass etwas passierte, obwohl er wissen müsste, 
dass er ohne Untersuchungsberichte nichts erreichen würde. 
Sollte er wieder aufgeben? Der Chef hatte die Berichte 
bekommen und war nach Hause gegangen, und Sutela wusste, 
wo in seinem Zimmer der Chef den Ersatzschlüssel 
aufbewahrte. Er beschloss, einmal das Risiko auf sich zu 
nehmen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. 

Der endlos lange Korridor dröhnte, als Sutela zielstrebig auf 

das Zimmer des Chefs zuging, den Ersatzschlüssel im 
Schreibtisch der Sekretärin fand und die Tür aufschloss. Der 
Tisch quoll von Unterlagen über, aber Sutela fand das Gesuchte 
nicht. Er zog die Schreibtischschubladen auf, sodass die 
Spanplatte zu Bruch ging. Wenn man ihn erwischte, bevor er 
das Gesuchte gefunden hatte, dann bekam er seine Papiere, 
wahrscheinlich auch eine Klage. Aber jetzt war es zu spät, um 
einen Rückzieher zu machen, die Spuren des Einbruchs würde 
man in jedem Fall bemerken. In der Schublade fand er nur 
Büroartikel, und Sutela merkte, dass er schon unsicher wurde. 
Der eineinhalb Meter hohe abgeschlossene Aktenschrank war 
die letzte Möglichkeit. Sutela nahm einen eisernen 
Kleiderständer und schmetterte ihn gegen den 
Aluminiumschrank, dass er schepperte. Und noch einmal. 

So brach er den obersten Rollladen auf, als auf dem Korridor 

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Rufe und Schritte zu hören waren. Sein Herz hämmerte, vom 
Zeitdruck und von der Angst bekam er einen erdigen 
Geschmack im Mund, er durchwühlte die Unterlagen und fand 
den Ermittlungsbericht. 

Das hatte er gesucht: Die Wohnung in der Museokatu war an 

Felix Jusupov vermietet. Murtomaa hatte in der Museokatu 
einen russischen Namen erwähnt. Wie Tausende andere 
finnische Touristen hatte auch Sutela in St. Petersburg den 
Jusupov-Palast besichtigt, als er noch ein Museum war. Darum 
war der Name Jusupov so bekannt. Jetzt fiel ihm auch wieder 
ein, dass er vor kurzem in der Zeitung über den Verkauf und den 
Käufer des Palastes gelesen hatte, über den Mann, der die 
seltsame Angewohnheit hatte, sich nur in Schwarz zu kleiden. 
Die Bruchstücke fügten sich in Sutelas Kopf zu einem Ganzen. 
Vollkommen sicher war er sich dennoch nicht, die Sache 
brauchte Bestätigung. 

Er schaltete den Computer an und gab sein Passwort ein, die 

Schritte im Korridor wurden lauter. Sutela gab im Internet in die 
Suchmaschine die Wörter »Jusupov+Palast+Verkauf« ein, und 
hundertvierundsiebzig Treffer wurden angezeigt. 

Gleichzeitig wurde die Tür aufgerissen, und der junge 

Kommissar der Schutzpolizei starrte verdutzt auf die Beulen im 
eingedellten Schrank und den auf die Computertastatur 
einhämmernden Sutela. »Mein Gott, Matti, was zum Teufel soll 
das? Damit kommst du nicht durch.« 

»Zwei Minuten. Gib mir zwei Minuten, dann erkläre ich 

alles.« Sutela drehte noch nicht einmal den Kopf zu seinem 
Kollegen um. Er las den Artikel über Lybimov. Das Finanzgenie 
und der Bewunderer Paganinis hatte im Herbst den Jusupov-
Palast gekauft und trug nur Schwarz. Seine Erinnerung hatte ihn 
nicht getrogen. Es war sein Glück, dass die Medien 
rücksichtslos wie ein Raubvogel das Handeln des russischen 
Milliardärs verfolgten. Als Sutela den Namen von Lybimovs 
Sohn, eines Violinisten, las, war der letzte Zweifel ausgeräumt. 

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Auch Paganinis Sohn hatte Achilles geheißen. 

Jubel prickelte in Sutelas Körper, er hatte das Gefühl, genauso 

ein Genie zu sein wie Paganini und Lybimov. Vielleicht war es 
das Verdienst der Violine, dachte er amüsiert, fand im internen 
Telefonbuch der Kripo die Nummer des für russische 
Angelegenheiten zuständigen Kommissars und griff zum Hörer 
… 

 

»Alles Gute zum Geburtstag, Achilles!«, sagte Lybimov und 
drückte seinen Sohn heftig an sich. 

Achilles kämpfte sich aus der Umarmung frei und versuchte 

ein böses Gesicht zu machen, konnte aber ein aufkommendes 
Lächeln nicht unterdrücken. »Aber bis zu meinem Geburtstag 
dauert es doch noch viele Tage.« 

»In diesem Jahr bekommst du dein Geschenk im Voraus. 

Gennadi, gib Achilles das Geschenk«, befahl Lybimov. 

Die Augen des jungen Mannes strahlten. »Was ist es denn?« 

Gennadi öffnete den Rucksack, zog den großen Geigenkasten 

heraus und überreichte ihn Lybimov. 

»Spasibo, Gennadi«, dankte der Milliardär. Er stellte den 

Geigenkasten auf den Rand der Theaterbühne, öffnete die 
Schlösser, nahm die schützenden Seidentücher ab und 
bewunderte Il Cannone mit Blicken. Er hatte für die unendlich 
wertvolle Violine nur zwei Millionen Dollar bezahlt; eine ging 
an Gennadi und die andere an den italienischen Geigenbauer, 
der die Kopie von Il Cannone angefertigt hatte. 

»Was sagst du zu dem Geschenk? Die 

zweihundertfünfundsechzig Jahre alte Guarnieri del Gesù, 
Niccolò Paganinis legendäre Il Cannone.« Mit den Worten 
überreichte Lybimov das Instrument feierlich seinem Sohn. 

Achilles ergriff so begeistert die Violine, dass er vergaß, sich 

bei seinem Vater zu bedanken. Er nahm den Bogen in die Hand 

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und begann das Instrument zu stimmen. 

Lybimovs Augenlider fielen zu, Achilles würde das werden 

können, wozu er nicht in der Lage gewesen war: ein großer 
Violinist. Natürlich hatte er es versucht, seine ganze Jugend lang 
bis aufs Blut Fingerübungen gemacht, Paganinis Capricen aber 
hatte er trotz allem nicht zu spielen gelernt. Der Neid auf 
Paganini war erst Respekt und Bewunderung gewichen, als er 
seine Genialität in Geschäftsangelegenheiten hatte unter Beweis 
stellen können. Sein Erfolg war gewissermaßen Paganinis 
Verdienst, darum hatte er den Meister geehrt, indem er seinem 
eigenen Sohn denselben Namen gab wie Paganini seinem Sohn, 
und darum trug auch er Schwarz. 

Stolz stieg in Lybimov auf, als Il Cannones Klänge in sein Ohr 

fluteten. Achilles war Petersburgs Rimski-Korsakov – der 
begabteste Schüler am Konservatorium, ein künftiger Weltstar. 
Aber Begabung brauchte Nahrung und Förderung, darum hatte 
er dem Jungen den besten Lehrer der Welt bezahlt und ihm Il 
Cannone besorgt. 

»Wann, glaubst du, wird den Italienern auffallen, dass ihre 

Geige eine Kopie ist?«, fragte Lybimov Gennadi. 

»Heute, morgen oder in einem Monat, wer weiß. Oder 

vielleicht ist es ihnen schon aufgefallen. Das ist doch unwichtig, 
die echte Violine ist jetzt hier, meine Männer sprechen nie.« 

Lybimov lächelte zufrieden, nachdem Achilles Il Cannone 

angenehm gestimmt hatte und den Anfangssatz von 
Tschaikowskys Violinkonzert griff. Der Klang von Il Cannone 
war noch schöner, als er es sich vorgestellt, hatte, kriminell 
schön. Es hatte sich gelohnt, das Risiko einzugehen. Mut zahlte 
sich immer aus, dachte Lybimov, kurz bevor das 
Sonderkommando der Petersburger Polizei in den Jusupov-
Palast stürmte. 

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Zu den Autorinnen und Autoren 

itte Birkemose, geb. 1953, schreibt vor allem für das 
dänische Fernsehen. Autorin von zwei Kriminalromanen 

um die eigenwillige Detektivin Kit Sorél, die auch in deutscher 
Übersetzung vorliegen. (Ü: Gabriele Haefs) 

 

Toril Brekke, geb. 1949, schreibt für Kinder und Erwachsene. In 
Deutschland wurde sie vor allem bekannt durch ihre 
historischen Romane, zuletzt ›Sara‹. Ihre Erzählungen sind in 
vielen Anthologien vertreten. (Ü: Gabriele Haefs) 

 

Leif Davidsen, geb. 1951, ist Dänemarks erfolgreichster 
Krimiautor, vielfach ins Deutsche übersetzt. (Ü: Ruth Stöbling) 

 

Marita Gleisner, geb. 1945 in Nykarleby (Uusikaarlepyy), 
gehört zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland. Bisher 
ist auf Deutsch der Krimi ›Der Frisörladen‹ erschienen. (Ü: 
Dagmar Mißfeldt) 

 

Jonny Halberg, geb. 1962, schreibt Romane und 
Filmdrehbücher. Großen Erfolg hatten in Deutschland sein 
Roman ›Über alle Ufer‹ und der auf seinem Drehbuch 
basierende Film Wenn der Postmann gar nicht klingelt. (Ü: 
Gabriele Haefs) 

 

Birgitta Hrönn Halldórsdóttir, geb. 1959, lebt in Blönduós 
(Nordisland) und arbeitet als Autorin und Landwirtin. Auf 
Isländisch liegen von ihr insgesamt zwanzig Kriminalromane 
sowie zwei Interviewbücher vor. Die Erzählung 

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Miðbœjarmorðið  (›Mord in Reykjavik‹) ist ihre erste 
Übersetzung ins Deutsche und in Island bislang noch 
unveröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) 

 

Johanna Helga Halldórsdóttir, geb. 1967, lebt in Blönduós 
(Nordisland) und ist als Autorin und Landwirtin tätig. Auf 
Isländisch liegen von ihr einige Erzählungen und Gedichte, die 
in Zeitschriften erschienen sind, sowie ein paar Interviewbücher 
vor. Zur Zeit schreibt sie an einem größeren Roman. Die 
Erzählung Hin gömlu kynni (›Verwandte alte Bekannte‹) ist ihre 
erste Übersetzung ins Deutsche und auf Isländisch bisher noch 
nicht veröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) 

 

Björn Hellberg hat sich mit seinem Krimi Förhäxad (1988) und 
den dreizehn Krimis mit dem korpulenten Sten Wall einen 
festen Platz in der schwedischen Krimiszene gesichert. Im 
Fischer Taschenbuch Verlag sind bisher zwei Krimis aus dieser 
Serie von ihm erschienen, ›Ehrenmord‹ (Bd. 15321) und 
›Mauerblümchen‹ (Bd. 15320), der dritte erscheint unter dem 
Titel ›Todesfolge‹ im Juni 2004. (Ü: Christel Hildebrandt) 

 

Ann-Christin Hensher, eine Schwedin, lebt in Spanien als 
Rechtsanwältin und hat großen Erfolg mit ihrer Krimiserie um 
die Anwältin Ulrika Stål, die auch in deutscher Übersetzung 
vorliegt. (Ü: Gabriele Haefs) 

 

Viktor Arnar Ingólfsson, geb. 1955, lebt in Reykjavik und 
arbeitet als Autor und Redakteur beim Straßenbauamt in 
Reykjavik. Auf Isländisch liegen von ihm vier Kriminalromane 
und mehrere Erzählungen vor. Die Erzählung Slossmæjer (›Das 
Meierschloss‹) ist seine erste Übersetzung ins Deutsche. (Ü: 
Dirk Gerdes) 

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Margaret Johansen, geb. 1922, schreibt Romane und 
Kurzgeschichten, ihre immer wieder nachgedruckten boshaften 
Erzählungen sind in vielen deutschsprachigen Anthologien zu 
finden. (Ü: Dagmar Lendt) 

 

Pentti Kirstilä lebt als Schriftsteller in Helsinki. Neben 
Kriminalromanen und -erzählungen verfasst er auch andere 
Prosawerke und Schauspiele. (Ü: Gabriele Schrey-Vasara) 

 

Lars Kjædegaard, geb. 1957, lebt im dänischen Helsingør, das 
auch vielen seiner Romane als Schauplatz dient, hier erstmals 
ins Deutsche übersetzt. (Ü: Friederike Buchinger) 

 

Leena Lehtolainen, geb. 1964 in Vesanto, lebt heute westlich 
von Helsinki, schreibt außer Jugendbüchern und Krimis auch 
Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane. In deutscher 
Übersetzung liegen mittlerweile fünf Krimis mit der 
Kommissarin Maria Kallio vor, zuletzt ›Weiß wie die 
Unschuld‹. (Ü: Gabriele Schrey-Vasara) 

 

Unni Lindell, geb. 1957, Autorin von in viele Sprachen 
übersetzten Büchern für Kinder und Erwachsene. Ihre 
Krimiserie um Kommissar Cato Isaksen wurde auch verfilmt. 
Im Scherz Verlag erschien 2004 ihr neuer Roman 
›Nachtschwester‹. (Ü: Christel Hildebrandt) 

 

Reijo Mäki, geb. 1958 in Siikainen, wohnt in Turku, schreibt 
nach seinem Debüt 1985 Kriminalromane und auch 
Kurzgeschichten für Zeitungen. Auf Deutsch sind die Krimis 
›Der vierte Musketier‹ und ›Die Strumpfbandnatter‹ erschienen. 
(Ü: Elina Kritzokat) 

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Edda Magnúsdóttir, geb. 1936, lebt in Hóll (Ostisland) und 
beschäftigt sich neben ihrer Tätigkeit als Autorin mit 
Zeichenarbeiten und Kunsthandwerk. Die Erzählung Bréfkornið 
(›Der offene Brief‹) ist ihre erste Übersetzung ins Deutsche und 
in Island noch nicht veröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) 

 

Unni Nielsen, geb. 1942, fuhr viele Jahre zur See, arbeitet heute 
als Journalistin und Autorin. Schreibt für Kinder und 
Erwachsene, ihr Jugendroman ›Ein Dach in Brooklyn‹ wurde 
mit dem Österreichischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. (Ü: 
Kathrin Hägele) 

 

Gert Nygårdshaug, geb. 1942, ist Autor von historischen 
Romanen und Krimis, hier erstmals ins Deutsche übersetzt. (Ü: 
Andrea Dobrowolski) 

 

Kim Småge, geb. 1945, ist sozusagen die Gründermutter des 
neuen norwegischen Krimibooms, vielfach ins Deutsche 
übersetzt. Der neue Roman ›Tapetenwechsel‹ um Kommissarin 
Anne-kin Halvorsen erscheint im Oktober 2004. Als Scherz 
Taschenbuch lieferbar sind die Romane ›Die Containerfrau‹ 
(Bd. 51819), ›Nachttauchen‹ (Bd. 51891), ›Die weißen 
Handschuhe‹ (Bd. 51923) und ›Mittsommer‹ (Bd. 51987). (Ü: 
Christel Hildebrandt) 

 

Taavi Soininvaara, geb. 1966 in Imatra, arbeitete nach dem 
Studium der Rechtswissenschaft im Finanzamt und in der 
Industrie. Seit seinem Debüt 2001 gilt er in Finnland als eine Art 
literarisches Wunderkind. (Ü: Dagmar Mißfeldt) 

 

 

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Gunnar Staalesen, geb. 1944, setzt in seinen vielfach übersetzten 
Romanen um Privatdetektiv Varg Veum seiner 
westnorwegischen Heimatstadt Bergen ein literarisches 
Denkmal. Zuletzt im Scherz Taschenbuch erschienen: ›Wie in 
einem Spiegel‹ (Bd. 51976). Lieferbar: ›Die Schrift an der 
Wand‹ (Bd. 51713), ›Der Hexenring‹ (Bd. 51784), ›Dein bis in 
den Tod‹ (Bd. 51756), ›Dornröschen schlief wohl hundert Jahr‹ 
(Bd. 51823) und ›Die Toten haben’s gut‹ (Bd. 51855). (Ü: 
Kerstin Hartmann-Butt) 

 

Aino Trosell, geb. 1949, gelernte Schweißerin, war mehrere 
Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie tätig, debütierte 
1978 als Schriftstellerin und veröffentlichte seitdem in 
Schweden fünfzehn Bücher. Auf Deutsch erschienen sind ›Die 
Taucherin‹ (2002) und ›Wenn das Herz noch schlägt‹ (2003). 
(Ü: Dagmar Mißfeldt) 

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Quellenverzeichnis 

itte Birkemose: »Knud und der Kater« (Knuden og 
katten), © Ditte Birkemose, für die deutsche Übersetzung 

aus dem Dänischen © Gabriele Haefs. 

 

D

 

Toril Brekke: »Das Klassentreffen« (Klassefesten), © Toril 
Brekke, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © 
Gabriele Haefs. 

 

Leif Davidsen: »Der zufällige Tod eines Direktors« (Bedste 
vender), aus: Leif Davidsen, ›Forræderen og andre historier‹, © 
Leonhardt & Hoier, Kopenhagen, für die deutsche Übersetzung 
aus dem Dänischen © Ruth Stöbling. 

 

Marita Gleisner: »Krebsfest in Schwarz« (Kräftskeva i svart), © 
Marita Gleisner, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Finnischen © Dagmar Mißfeldt. 

 

Jonny Halberg: »Zwei Männer der Tat« (En gjerningens mann), 
© Jonny Halberg, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Norwegischen © Gabriele Haefs. 

 

Birgitta Halldórsdóttir: »Mord in Reykjavik« (Miðbæarmoðið), 
© Birgitta Halldórsdóttir, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Isländischen © Dirk Gerdes. 

 

Johanna Helga Halldórsdóttir: »Verwandte alte Bekannte« (Hin 
gömlu kynni), © Johanna Helga Halldórsdóttir, für die deutsche 
Übersetzung aus dem Isländischen © Dirk Gerdes. 

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Björn Hellberg: »Auge um Auge« (Stöld för Stöld), © Björn 
Hellberg, für die deutsche Übersetzung aus dem Schwedischen 
© Christel Hildebrandt. 

 

Ann-Christin Hensher: »Logenplatz« (Ögonvittet), © Ann-
Christin Hensher, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Schwedischen © Gabriele Haefs. 

 

Viktor Arnar Ingólfsson: »Das Meierschloss« (Slossmæjer), © 
Edda, Reykjavik, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Isländischen © Dirk Gerdes. 

 

Margaret Johansen: »Was geschah in Nummer 7?« (Hva 
skjedde på nr. 7?), © Margaret Johansen, für die deutsche 
Übersetzung aus dem Norwegischen © Dagmar Lendt. 

 

Pentti Kirstilä: »Die Abschiedsparty« (Lähtöjuhlat), aus: Pentii 
Kirstilä, ›Klassinen happokylpy‹ © WSOY, Helsinki, für die 
deutsche Übersetzung © Gabriele Schrey-Vasara. 

 

Lars Kjædegaard: »Hombre«, © Lars Kjædegaard, für die 
deutsche Übersetzung aus dem Dänischen © Friederike 
Buchinger. 

 

Leena Lehtolainen: »Ein knackiger Hintern« (Hyvä peffa), aus: 
Kyösti Salovaara (Hg.), ›Intohimosta rikokseen‹, © Gummerus, 
Helsinki, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © 
Gabriele Schrey-Vasara. 

 

 

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Unni Lindell: »Ohropax« (Sov i ro), aus: Nils Nordberg (Hg.), 
›De nye krimheltene‹, © Unni Lindell, für die deutsche 
Übersetzung aus dem Norwegischen © Christel Hildebrandt. 

 

Reijo Mäki: »Die Wahl des vorsichtigen Mannes« (Varovaisen 
miehen valinta), aus: Reijo Mäki, ›Aito turkki. Juttuja‹, © 
Otava, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © 
Elina Kritzokat. 

 

Edda Magnúsdóttir: »Der offene Brief« (Bréfkornið), © Edda 
Magnúsdóttir, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Isländischen © Dirk Gerdes. 

 

Unni Nielsen: »Die Frau, die unsichtbar wurde« (Kvinnen som 
ble usynlig), © Unni Nielsen, für die deutsche Übersetzung aus 
dem Norwegischen © Kathrin Hägele. 

 

Gert Nygårdshaug: »Die Scheren des Hummers« (Hummerens 
klo), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © 
Gyldendal Norsk Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung 
aus dem Norwegischen © Andrea Dobrowolski. 

 

Kim Småge: »Auf beiden Augen blind« (Blind betjent), aus: 
Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © Gyldendal Norsk 
Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung aus dem 
Norwegischen © Christel Hildebrandt. 

 

Taavi Soininvaara: »Kriminell schön« (Rikollisen kaunis), © 
Taavi Soininvaara, für die deutsche Übersetzung aus dem 
Finnischen © Dagmar Mißfeldt. 

 

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Gunnar Staalesen: »Das Letzte, was sie taten« (Det siste de 
gjorde), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © 
Gyldendal Norsk Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung 
aus dem Norwegischen © Kerstin Hartmann-Butt. 

 

Aino Trosell: »Nachts allein nach Hause« (Ensam hemat i 
natten), aus: Linqvist/Nyberg (Hg.), ›Mord på julafton‹, © 
Bokförlaget Semic, Sundbyberg, für die deutsche Übersetzung 
aus dem Schwedischen © Dagmar Mißfeldt. 

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