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C

harmed 

Zauberhafte 

Schwestern 

Der schwarze Turm 

 

 

 

 

Roman von  

Tabea Rosenzweig 

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Klappentext: 

Nach der endgültigen Vernichtung der Quelle scheint es, als 

wäre endlich wieder ein wenig Ruhe ins Leben der Zauberhaften 

eingekehrt. Piper und Leo freuen sich auf ihr Baby, und Phoebe 

stürzt sich in die Arbeit beim Bay Mirror und versucht so, das 

Debakel um Cole zu vergessen. Nur in Paiges Leben scheint sich 

nichts, rein gar nichts zu ereignen. Da erhält die junge Hexe im 

South Bay Sozialdienst Besuch von einem verzweifelten Jung-

Journalisten namens Selim, der sein erstes Prominenten-

Interview führen muss. Paige möchte helfen, doch kurz darauf 

findet sie sich mysteriöserweise im Alten Orient wieder – 

gefangen in einem unheimlichen Turm, in einer Stadt in der 

Wüste und in einer längst vergangenen Zeit! Paige versteht die 

Welt nicht mehr. Hat das Schicksal wieder einmal dafür gesorgt, 

dass die Macht der Drei in den Lauf der Welt eingreifen muss? 

Doch dann deutet einiges darauf hin, dass Selim sie auf Geheiß 

eines machthungrigen Erzdämons entführt hat. Da sitzt Paige 

nun im Jahr 790 unserer Zeitrechnung fest, und ihre Schwestern 

setzen alles daran, einen Weg zu ihr zu finden. 

Dieses eBook ist nicht zum Verkauf 

bestimmt. 

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Die Liebe ist und bleibt mir Glaube und Gesetz 

Ibn al-Arabi (1165-1240)

 

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Prolog

 

E

RBARMUNGSLOS SCHIEN die Mittagssonne auf die 

Wüste, die seit den ersten Tagen der Menschheit zu existieren 
schien. Doch inmitten dieser menschenfeindlichen Öde aus 
Sand, Salz und Stein, umgeben von massigen Mauern, dreimal 
so hoch wie ein Mann, tobte das Leben. 

Unermüdlich gingen die Händler in Ald’marans 

Kaufmannsgassen, Basaren, Sklavenmärkten und 
Karawansereien ihren Geschäften nach und erfreuten sich ihres 
Wohlstands. Eines Wohlstands, den die Einwohner der Stadt 
einer Wasserquelle zu verdanken hatten, die aus einer ehemals 
kleinen Oase eine pulsierende orientalische Metropole hatte 
erstehen lassen. 

Doch für so manchen Reisenden und Pilger aus nah und fern 

war die farbenprächtige Stadt in der Wüste mehr als nur ein 
willkommener Zwischenstopp auf dem Weg nach Mekka, 
Medina oder Damaskus. 

Die Christen schrieben das Jahr 790, doch für die Bewohner 

von Ald’maran, wie für die Menschen im ganzen Morgenland, 
hatte das Jahr null vor gerade einmal 168 Jahren begonnen. 

Zu jener Zeit nämlich hatte der Prophet Mohammed nach 

Medina fliehen müssen, eine neue Religion begründet und die 
arabische Halbinsel unter dem grünen Banner des Islam geeint. 

Und nun, kaum drei Generationen später, herrschte von 

Bagdad aus die legendäre Dynastie der Abbasiden unter Harun 
al-Raschid über ein riesiges Imperium. Später würden die 
Menschen des Orients diese Jahre als »goldene Epoche« 
bezeichnen. Zur gleichen Zeit versuchte, in gut 4000 Kilometern 
Entfernung, ein fränkischer König namens Karl der Große, jene 
Völker zu einen, die man künftig zum alten Europa zählen 

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würde, und sich seinerseits mit dem Schwert ein Weltreich zu 
erstreiten. 

Kalif Harun al-Raschid galt als Gönner der Künste und 

Wissenschaften. Mathematik, Astronomie, Medizin, Musik und 
Dichtung entfalteten sich unter seiner Herrschaft zu nie da 
gewesener Blüte. 

Und so war auch Ald’maran ein aufstrebendes geistiges 

Zentrum seiner Zeit und stolz auf seine einst von Mahmud dem 
Weisen begründete Hochschule, an der Wissbegierige aus der 
gesamten arabischen Welt die alten und neuen Lehren studieren 
konnten. 

Doch wie das Böse überall und zu allen Zeiten existierte, 

besaß auch das glorreiche Ald’maran eine dunkle, abgründige 
Seite. 

Weit abseits des prächtigen Herrscherpalastes ragte ein 

mächtiger, granitfarbener Turm wie eine Speerspitze gen 
Himmel und schmiegte sich an die einsame, halb verfallene 
Nordmauer der Stadt, die als einzige kein Tor zur Wüste besaß. 

Niemand in Ald’maran konnte heute mehr sagen, wie alt der 

schwarze Turm war oder wer ihn erbaut hatte. Doch hinter 
vorgehaltener Hand erzählten sich die Menschen, dass des 
Nachts die Toten des nahe gelegenen alten Friedhofs ihren 
Gräbern entsteigen und rund um das unheimliche Bauwerk ihr 
Unwesen treiben. 

Und so war der kahle Hügel, auf dem der schwarze Turm 

stand, für die Bürger von Ald’maran seit Menschengedenken ein 
Ort, den niemand ohne Not betrat, ein Ort, an dem Furcht und 
Schrecken herrschten. 

 

Der alte Zeyn lehnte sich vor, legte die Hände auf die matt 

schimmernde Glaskugel und schloss die Augen. Ein Wirbel aus 
Licht und Farben durchflutete seinen Geist, und sein 

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missgestalteter Körper erbebte vor Erregung. Und dann war die 
Verbindung endlich hergestellt. 

Er sah, wie Selim mithilfe des Buchs der Weisheit einen 

Spruch niederschrieb, der ihm das Reisen in der Zeit 
ermöglichen würde. 

»Gut, mein Junge, sehr gut«, flüsterte Zeyn. Er öffnete die 

Augen und sah hinab auf die Schale mit der milchigen 
Flüssigkeit, die neben der Kugel stand. Er lächelte. »Bei Iblis, 
meine Macht wird grenzenlos sein.« 

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I

M SOUTH BAY SOZIALDIENST

 

war wie immer die 

Hölle los. 

Ununterbrochen klingelte in dem Großraumbüro, in dem 

Paige Matthews als Sozialarbeiterin tätig war, das Telefon. 
Überhaupt war die Geräuschkulisse enorm, wie auch die Hektik, 
die hier herrschte. Mitarbeiter eilten geschäftig hin und her, und 
stets warteten im Empfangsbereich zahlreiche Hilfesuchende, 
die persönlich vorsprachen, um sich in allen Lebensfragen 
beraten zu lassen. 

Paiges Schreibtisch bog sich fast unter Stapeln von Akten 

und Dokumenten, die sie heute noch abarbeiten wollte. Es war 
gerade mal elf Uhr vormittags, doch Paige hatte das Gefühl, hier 
schon eine Ewigkeit zwischen Telefon, Computer und 
Aktenbergen festzusitzen. Leider hatte sich heute auch noch ihre 
Kollegin krankgemeldet, sodass sie zudem das Telefon am 
Nachbarschreibtisch bedienen musste. Immerhin war heute 
Freitag, und das Wochenende stand vor der Tür. Ein kleiner 
Lichtblick zumindest. 

Zu dumm, dass man nicht zum eigenen Vorteil hexen darf, 

dachte sie. Wie cool wäre es, wenn sich die ganze Arbeit einfach 
von selbst erledigen würde, während ich dem ganzen Stress hier 
den Rücken kehre und ein bisschen Spaß habe. 

Zu allem Überfluss musste sie sich nach Feierabend auch 

noch in Sachen Sprüche- und Kräuterkunde weiterbilden, damit 
sie es in Bezug auf ihr Hexenwissen schon bald mit ihren 
Halbschwestern aufnehmen konnte. Piper nahm das alles sehr 
ernst und würde sie nach dem Abendessen sicherlich wieder 
prüfen und abhören wollen. Und obwohl Paige dem Hexentrio 
nun schon seit einem Jahr angehörte, hatte sie natürlich noch 
viel zu lernen und nachzuholen. 

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Seit Paige eine der Zauberhaften  geworden war, war eine 

Menge passiert. Sie selbst hatte ziemlich bald erfahren müssen, 
dass sie in einem früheren Leben eine böse Hexe gewesen war. 
Piper, die unter dem Verlust ihrer Schwester Prue am ärgsten 
gelitten zu haben schien, hatte sich zwischendurch in eine Furie 
verwandelt und war sogar eine Zeit lang in die Unterwelt 
verbannt worden. 

Doch nun bekamen Leo und Piper ein Baby, das genau wie 

sie, Paige, das Erbe eines Wächters des Lichts und einer Hexe in 
sich tragen würde. Paige freute sich sehr für Piper, doch 
insgeheim beneidete sie ihre älteste Schwester auch ein bisschen 
um das private Glück. 

Das zurückliegende Jahr hatte fast ganz im Zeichen der 

Vernichtung der Quelle und des Kampfes gegen die Mächte der 
Unterwelt gestanden. 

Und all das hatte mit Cole zu tun gehabt, dem 

halbdämonischen Ex-Anwalt, in den Phoebe sich vor einiger 
Zeit verliebt hatte. Cole war zwischenzeitlich sogar ein ganz 
normaler Mann ohne jegliche magische Fähigkeiten gewesen, 
dann jedoch zur Quelle  selbst geworden und zum König der 
Unterwelt avanciert. 

Doch nachdem die Zauberhaften  ihn schließlich besiegt 

hatten, war Cole nun in einer Art Zwischenwelt gefangen und 
versuchte gelegentlich noch, mit Phoebe Kontakt aufzunehmen, 
auf dass diese um ihn und ihre Liebe kämpfe. 

Doch es schien, als ob Phoebe den Kampf um Cole bereits 

aufgegeben hatte, und wenn Paige ehrlich war, musste sie 
zugeben, dass das aus ihrer Sicht genau die richtige 
Entscheidung war. Sie hatte Cole nie über den Weg getraut und 
tat es auch jetzt nicht, obwohl er nicht mehr in dieser Sphäre 
weilte und keine Gefahr mehr für die Zauberhaften darstellte. 

Und dann, nachdem sie die Quelle  endgültig vernichtet 

hatten, hatte der Schicksalsengel den drei Frauen zur Belohnung 

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für diese gute Tat ein ganz normales Leben in Aussicht gestellt. 
Doch die Zauberhaften  hatten nach reiflicher Überlegung 
dankend abgelehnt, obwohl den Schwestern klar gewesen war, 
dass sie eine solche Chance nie wieder erhalten würden. 

Paige seufzte. Ja, sie hatten sich entschieden, auch in Zukunft 

gegen Dämonen, Warlocks und andere Kreaturen der Nacht zu 
kämpfen, doch so ein Hexenleben war hart, und noch viel härter 
war es, eine der Zauberhaften zu sein. 

Sie wusste nicht mehr, wann sie zuletzt ausgegangen war und 

etwas Tolles erlebt hatte. Geschweige denn, mit einem süßen 
Typen 
ausgegangen war … So etwas wie ein Privatleben schien 
es nicht mehr zu geben, wenn man eine Zauberhafte  war. 
Entweder man kämpfte gegen die Mächte des Bösen, oder man 
verbrachte seine Zeit mit Geldverdienen und Pauken in Sachen 
Magiefortbildung. 

Doch all das hatte ihre quirlige Halbschwester Phoebe nicht 

davon abgehalten, sie zum Mittagessen im South Bay 
Sozialdienst 
abholen zu wollen. Schon in einer Stunde wollte sie 
hier sein, und dabei hatte Paige noch so viel zu erledigen … Es 
war zwar Freitag, und das Wochenende stand vor der Tür, doch 
anders als bei Phoebe, die als Kolumnistin für den Bay Mirror 
tätig war, endete für Paige die Arbeitswoche an diesem Tag 
nicht schon gegen Mittag. 

Seit Paige nach Prues Tod in das Leben von Piper und 

Phoebe getreten war, war es vor allem Phoebe gewesen, die den 
Kontakt zu dem neuen Familienmitglied zu intensivieren 
gesucht hatte. Immerhin, so wurde Phoebe nicht müde, ihrer 
Schwester Piper gegenüber zu versichern, nahm Paige nun seit 
gut einem Jahr Prues Platz als Dritte im Bunde der Zauberhaften 
ein, und deshalb dürfe sich Paige auch nicht mehr länger als 
Außenseiterin fühlen, wie es am Anfang gelegentlich der Fall 
gewesen war. Und da Phoebe, im Gegensatz zu Piper, die das 
P3  zu führen hatte, nach wie vor über mehr freie Zeit verfügte 

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als ihre Schwestern, nutzte sie jede sich bietende Gelegenheit, 
das Band zwischen ihnen enger zu knüpfen. 

Ich wünschte, ein dunkelhaariger, gut aussehender Fremder 

würde hier erscheinen, mich aus diesem Trott rausholen und mit 
mir in ein wundervolles Wochenende aufbrechen, dachte Paige. 
Und da das leider nur in Märchen passiert, hole ich mir jetzt erst 
mal einen starken Kaffee. 

Sie stand auf und ging hinüber zum Getränkeautomaten. Seit 

der Sozialdienst einen neuen Kaffeespender angeschafft hatte, 
der auch »Latte Macchiato« im Programm hatte, konnte man die 
heißen Muntermacher sogar halbwegs genießen. 

Mit ihrer vollen Kaffeetasse bahnte sich Paige den Weg 

zurück zu ihrem Arbeitsplatz. Schon von weitem sah sie, dass 
auf dem Besucherstuhl neben ihrem Schreibtisch jemand saß 
und auf sie zu warten schien. 

Es war ein junger Mann, der ebenfalls einen Plastikbecher 

mit dampfendem Kaffee in der Hand hielt und gerade eine 
flache Aktentasche neben seinem Stuhl abstellte. Das alles wäre 
an sich nichts Bemerkenswertes gewesen, wäre der Besucher 
selbst nicht überaus bemerkenswert gewesen. Genauer gesagt 
hatte Paige noch nie zuvor einen interessanteren Mann gesehen. 

Er war groß und schlank, hatte pechschwarzes, sanft 

gelocktes Haar, einen gebräunten Teint und wunderschöne, 
leicht mandelförmige grüne Augen, die einen aparten Kontrast 
zu dem markanten Gesicht mit den hohen Wangenknochen 
darstellten. 

Und doch war er weit entfernt von jenen glatten Modeltypen, 

auf die eine solche Beschreibung oberflächlich betrachtet 
ebenfalls zutreffen mochte. Das lange Haar hatte offensichtlich 
schon seit längerem keine Schere mehr gesehen, und in seinem 
weißen Baumwollhemd, das lässig über die verwaschenen Jeans 
fiel, sah er alles andere als gestylt aus. Doch das eigentlich 
Attraktive bestand nicht in all diesen Äußerlichkeiten, sondern 

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in der sonderbaren Ausstrahlung, die er besaß und die selbst aus 
dieser Entfernung auf Paige wirkte wie eine Oase auf einen halb 
Verdursteten. 

Als sie herankam, sprang der junge Mann hastig auf, und sie 

bemerkte, dass der Fremde irgendwie ein bisschen erschöpft 
aussah. Auch stellte sie fest, dass er aus der Nähe betrachtet älter 
wirkte, als es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte. 
Paige schätzte ihn auf Anfang dreißig, doch das machte ihn in 
ihren Augen um keinen Deut uninteressanter, ganz im Gegenteil 
… 

»Sind Sie Paige Matthews?«, fragte er mit tiefer, weicher 

Stimme. »Man hat mir gesagt, dass ich Sie hier finde.« 

Unwillkürlich machte Paige einen Schritt zurück, denn der 

junge Mann hatte nicht nur eine ausgesprochen erotische 
Stimme, er sah ihr zudem auch noch fest in die Augen. 

Für einen Moment starrte sie ihn einfach nur an, anstatt seine 

Frage zu beantworten, und versuchte, sich wieder zu sammeln. 

»Es tut mir Leid, dass ich Sie so ohne Voranmeldung 

überfalle«, fuhr der Besucher, nun sichtlich nervös, fort, ohne 
auch nur die geringste Notiz von Paiges Verwirrung zu nehmen, 
»aber ich muss Sie dringend sprechen.« Er lächelte das zugleich 
hinreißendste und traurigste Lächeln, das Paige je gesehen hatte. 

»Da sind Sie nicht der Einzige«, krächzte Paige, die 

offensichtlich ihre Fassung wiedererlangt hatte. »Allerdings ist 
es hier üblich, sich vorher einen Termin geben zu lassen, oder 
aber Sie warten dort drüben im Empfangsbereich, bis einer der 
anderen Sozialarbeiter Zeit –« Sie brach ab, denn der junge 
Mann senkte stumm den Blick, und als er wieder zu ihr aufsah, 
war es, als sähen seine Augen direkt in ihr Herz. 

»Na … dann nehmen Sie mal wieder Platz«, murmelte sie 

und stellte ihren Milchkaffee ab. »Was kann ich für Sie tun?« 

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Der junge Mann, der den Kaffeebecher noch immer fest 

umklammerte, drehte sich hastig zu seinem Stuhl um, wobei er 
mit der freien Hand gegen einen der Aktenstapel auf dem 
Schreibtisch stieß. 

Der Papierturm geriet ins Wanken, kippte und riss im Fallen 

Paiges Kaffeetasse um. Das Heißgetränk ergoss sich über 
diverse Schriftstücke und bespritzte den Ledereinband von 
Paiges Terminplaner, um schließlich über die Tischkante auf 
den Teppichboden zu plätschern. 

»Ach herrje!«, rief der junge Mann bestürzt, während Paige 

geistesgegenwärtig bereits ihren Wochenvorrat an 
Papiertaschentüchern aus der Schublade zerrte und versuchte, 
die Lache auf ihrem Schreibtisch aufzuwischen. »Es tut mir 
Leid«, stammelte der Besucher und stellte hastig seinen 
Kaffeebecher ab, bevor er seinerseits versuchte, ein paar äußerst 
gefährdete Aktenstapel sowie den Terminplaner auf dem 
unbesetzten Nachbarschreibtisch in Sicherheit zu bringen. 

»Ist schon okay«, presste Paige hervor, während sie die 

letzten Pfützen auf ihrem Arbeitsplatz beseitigte. 

»Muss die Putzkolonne heute Abend eben ein bisschen 

sorgfältiger zu Werke gehen. Und der Teppich könnte sowieso 
mal ’ne gründliche Reinigung vertragen.« Sie zwang ein 
Lächeln auf ihr Gesicht und sah auf. Ihre Blicke trafen sich, und 
ihr stockte der Atem. Es war, als ob sie in eine warme Lagune 
eintauchte, und in ihrer Magengegend machte sich ein 
verdächtiges Flattern bemerkbar. 

»Also«, sagte sie schließlich lahm und setzte sich wieder, 

»wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, in welcher 
Angelegenheit kann ich Ihnen denn nun behilflich sein?« 

»Ich heiße Selim«, stellte sich der junge Mann vor, »und der 

Grund, warum ich sie aufgesucht habe, ist … mir irgendwie 
entsetzlich peinlich.« Er hielt inne, starrte zu Boden und knetete 
die Hände, wie wenn er um Worte rang. Dabei fiel ihm eine 

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Stirnlocke über die Augen, was ihn geradezu anbetungswürdig 
aussehen ließ. Um seinen gebräunten Hals schlang sich eine 
feingliedrige silberfarbene Kette mit einem hübschen kleinen 
Halbmond-Anhänger. Bestimmt ein Geschenk von seiner 
Liebsten, dachte Paige, und ein Anflug von Neid schlich sich in 
ihr Herz. 

Sie räusperte sich. »Nun, Ihr Problem ist hier in guten 

Händen«, sagte sie so einfühlsam wie möglich. Sie musste sich 
sehr zusammenreißen, ihr Gegenüber zu allem Überfluss nicht 
auch noch anzustarren, denn wie es schien, war dieser Selim 
ohnehin schon äußerst nervös. 

»Tja, also … ich bin Volontär beim Golden Gate Star 

Report«,  begann Selim stockend, »und soll heute Mittag bei 
einer Wohltätigkeitsgala meine ersten Prominenten-Interviews 
führen.« Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und starrte 
freudlos in die Tasse. 

»Aber … aber das ist doch toll«, meinte Paige. »Wo ist das 

Problem?« 

»Na ja, ich habe so was noch nie gemacht, und mein 

Chefredakteur meinte, wenn ich nicht wenigsten zwei passable 
Interviews zustande brächte, würde mein Vertrag beim Magazin 
wohl nicht verlängert werden.« 

»Das sind aber harte Sitten«, bemerkte Paige. 

»Allerdings.« Selim nickte traurig. »Jedenfalls kam ich, 

nachdem ich die Redaktion verlassen hatte, zufällig hier vorbei, 
und da hab ich mir gedacht, es würde mir ein bisschen Mut 
machen, wenn ich … na ja, wenn ich einfach mit jemandem 
darüber reden könnte, der schon von Berufs wegen ein guter 
Zuhörer ist.« Er lächelte sie verschämt an. »Ich weiß, 
Sozialarbeiter haben eigentlich Dringenderes zu tun, als sich um 
angehende Jungreporter zu kümmern, die Angst vor der eigenen 
Courage gekriegt haben, aber … Wissen Sie, ich bin noch nicht 
lange in der Stadt, und das dreimonatige Volontariat beim Star 

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Report  hab ich auch nur deshalb bekommen, weil ich mich 
darauf eingelassen habe, das Wort ›Volontariat‹ wörtlich zu 
nehmen. Das heißt, ich werde für meine Arbeit in dieser Zeit 
nicht bezahlt.« Er seufzte und trank einen Schluck von seinem 
Kaffee. 

»Das hören wir hier oft«, sagte Paige so sachlich wie 

möglich. »In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ist man heutzutage ja 
fast gezwungen, solche Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, 
die einem auch nur die geringste Chance auf etwas Besseres 
eröffnen könnten.« 

»Leider nur zu wahr«, sagte Selim traurig. »Jedenfalls tut es 

sehr gut, mit jemandem darüber zu sprechen.« Er lächelte, doch 
er wirkte immer noch reichlich gestresst. »Bestimmt komme ich 
mir nachher unter all den Stars und Lokalgrößen hoffnungslos 
armselig vor.« Er sah zur Uhr an der Wand und schluckte. »O 
Mann, in einer Stunde ist es schon so weit.« Und dann sah er 
wieder Paige an, und es schien, als sei ihm eine Idee gekommen. 
»Sagen Sie, hätten Sie nicht Lust mitzukommen?«, fragte er 
plötzlich. »Es gibt ein kaltes Büffet, freie Getränke, jede Menge 
Prominente und ich –«, er hielt inne und lächelte sie offenherzig 
an, »– und ich hätte eine zauberhafte Begleitung und käme mir 
nicht mehr ganz so … verlassen vor.« 

Im ersten Moment schnappte Paige unmerklich nach Luft. 

Eine so schnelle Verabredung hatte ihr bisher noch kein Mann 
angetragen. Andererseits brauchte dieser Selim offensichtlich 
ihre Hilfe, und schließlich war es ihr Job, anderen Menschen zu 
helfen, oder etwa nicht? Und hatte sie sich nicht eben noch 
gewünscht, ein umwerfender dunkelhaariger Fremder würde sie 
aus all dem hier rausholen – zumindest für eine Weile? 

»Es wäre ja auch nur für eine Stunde«, sagte Selim und dann: 

»Bitte …« 

»Wo findet diese Gala denn statt?«, fragte Paige mit 

klopfendem Herzen. 

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»Ich hab mir die Adresse notiert«, meinte Selim sichtlich 

erleichtert und reichte ihr den Zettel. Paige warf einen Blick 
darauf. »›Marduk Palace‹? Noch nie gehört … Ah, in Nob 
Hill!« 

»Ja, soweit ich weiß, liegt das im Nordwesten der Stadt auf 

einem Hügel.« 

»Ich weiß, ist ’ne ziemlich vornehme Gegend.« Und dann 

fragte sie zu ihrer eigenen Überraschung: »Kann ich denn so 
mitkommen?« Zweifelnd sah sie an sich herunter. Sie war zwar 
wie immer ausgesprochen modisch gekleidet, aber ob ihr 
champagnerfarbener Hosenanzug mit dem schwarzen 
rückenfreien Top für einen nachmittäglichen Promi-
Stehempfang das Richtige war? 

»Sie sehen perfekt aus«, sagte Selim. »Im Übrigen wird das 

heutzutage ja wohl auch nicht mehr so ernst genommen mit der 
Kleiderordnung. Denken Sie nur an Brad Pitt oder Johnny Depp 
und deren Schmuddel-Looks.« Er deutete viel sagend auf sein 
eigenes lässiges Outfit. »Und schließlich sind wir die 
Journalisten, und nicht die Stars«, fügte er lächelnd hinzu. 

»Also gut, ich begleite Sie, wenn es denn Ihrer Karriere 

nützt«, sagte sie. »Und … ein bisschen Party-Luft schnuppern 
kann ja nicht schaden.« 

Schier außer sich vor Freude sprang Selim auf. Dabei hatte er 

jedoch den Kaffeebecher in seiner Hand vergessen, dessen 
Inhalt sich nun über Paiges Schreibtisch ergoss. 

»Ach du liebe Güte!«, rief er fassungslos aus und raufte sich 

die Lockenpracht. »Das darf doch wohl nicht wahr sein …« 

»Lassen Sie uns bloß von hier verschwinden«, sagte Paige 

lachend, nachdem sie und Selim zum zweiten Mal an diesem 
Tag den Schreibtisch von Kaffee befreit hatten. »Bevor noch ein 
größeres Unglück passiert.« 

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Still vergnügt meldete sie sich bei ihrem Chef Bob Cowan zu 

einem Auswärtstermin ab und verließ mit Selim den South Bay 
Sozialdienst.
 

Ihre Verabredung mit Phoebe war völlig vergessen. 

 

Als Phoebe eine Stunde später im South Bay Sozialdienst 

eintraf, war Paiges Schreibtisch verwaist. 

Die halb eingetrockneten Kaffeespritzer auf dem 

Schreibtisch, einige bekleckerte Akten und eine Kaffeepfütze 
auf dem Fußboden zeugten davon, dass sich hier vor kurzem 
eine Katastrophe ereignet haben musste. 

Doch die eigentliche Katastrophe bestand darin, dass Paige, 

wie Phoebe von einer Kollegin ihrer Schwester erfuhr, zu einem 
Auswärtstermin gefahren war und ihre Verabredung völlig 
vergessen zu haben schien. 

Auf der Schreibtischkante lag ein verknitterter Notizzettel, 

den Phoebe in einer Mischung aus Neugier und Frustration über 
Paiges Verhalten zur Hand nahm. Die Vision traf sie wie ein 
Schlag. 

 

Die vor ihr liegende Säulenhalle schien direkt aus einem 

Märchen aus 1001 Nacht zu stammen: Der Boden war mit 
kostbaren dunkelblauen Mosaiken ausgelegt, und die Wände 
schmückte ein florales, orientalisches Muster aus Blattgold und 
türkisfarbenen Steinen. Von der hohen Kuppeldecke hing ein 
radförmiger schmiedeeiserner Kerzenluster und verströmte ein 
mattes, fast unwirkliches Licht.
 

An der Kopfseite des riesigen Saals erhob sich ein Podest, 

auf dem sie schemenhaft eine in Licht getauchte Gestalt 
ausmachen konnte, und eben diese Gestalt schleuderte nun 
Energieblitze und Feuerbälle in Richtung einer Dreiergruppe, 
die gerade die Halle betreten hatte.
 

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Und dann war es, als ob die Hölle selbst sich auftat, um 

alles, was auf dieser Welt jemals gut und richtig gewesen war, 
zu verschlingen …
 

 

Auf dem Parkplatz des South Bay Sozialdienstes holte 

Phoebe erst einmal tief Luft und versuchte, die Bilder aus ihrer 
Vision zu begreifen und in einen plausiblen Zusammenhang zu 
bringen. 

So viel war klar: Ein Wesen, das Magie beherrschte, hatte 

versucht, eine Gruppe bestehend aus drei Personen zu töten. 
Und um wen es sich bei dem Trio handeln musste, war für 
Phoebe keine Frage: Wieder einmal schien jemand darauf aus zu 
sein, die Zauberhaften zu vernichten! Und dieser Jemand musste 
vermutlich in irgendeiner Verbindung zu einer Person stehen, 
die in Paiges Büro gewesen war … Es sei denn, die Person, die 
in Paiges Büro gewesen war, war dieser Jemand! 

Sie stieg in ihren alten Pick-up und fuhr los. In ihrem Kopf 

überschlugen sich die Gedanken. Die alles entscheidende Frage 
war, ob es sich bei dem Besitzer des Notizzettels um einen 
Unschuldigen handelte, den es zu retten galt, oder um einen 
Dämon, der ihnen ans Leder wollte. Vielleicht sogar um die 
unheimliche Gestalt selbst, die in ihrer Vision mit Blitz und 
Feuer um sich geworfen hatte? 

An der nächsten Ecke trat Phoebe auf die Bremse und fuhr 

den Wagen an den Straßenrand. Mit zitternden Fingern holte sie 
ihr Mobiltelefon aus der Tasche und wählte Paiges 
Handynummer. Sie tat dies nur im äußersten Notfall, denn die 
Schwestern hatten sich darauf geeinigt, Paige während 
Auswärtsterminen nicht ohne triftigen Grund anzurufen. »Der 
von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar«, 
tönte es ihr aus dem Hörer entgegen. 

 

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»Herrgott, Phoebe, du hast doch gehört: Sie musste einen 

wichtigen Termin wahrnehmen. Und offensichtlich will sie 
dabei nicht gestört werden«, meinte Piper, während sie eine 
feuerfeste Auflaufform mit Kartoffel-Lachs-Gratin aus dem 
Backofen holte. 

»Ich verstehe nicht, wie du so ruhig sein kannst«, empörte 

sich Phoebe, die einmal mehr erfolglos versucht hatte, Paige im 
Büro und auf deren Handy zu erreichen. »Immerhin hab ich mit 
angesehen, wie jemand drei Personen angegriffen hat! Drei 
Personen? Klingelt’s denn da nicht bei dir?« 

Sie war unverzüglich nach Hause gefahren, nachdem sie 

Paige telefonisch nicht erreicht hatte, und hatte Piper von ihrer 
Vision berichtet, die die Berührung des Notizzettels bei ihr 
ausgelöst hatte. 

»Wir wissen ja noch nicht mal, um was es sich dabei 

gehandelt hat«, gab Piper zu bedenken, während sie für Phoebe 
und sich zwei Teller aus dem Schrank holte. 

»Diese Vision könnte auf ein Ereignis aus der Vergangenheit 

hindeuten oder ein Hinweis auf Zukünftiges sein«, fuhr sie fort. 
»Alles, wovon wir in diesem Moment mit Sicherheit ausgehen 
können, ist, dass in absehbarer Zeit irgendetwas passieren wird, 
bei dem die Zauberhaften  gefragt sind … Ach, weißt du 
übrigens, wer heute Abend im P3 auftritt?« 

»Nein!«, entfuhr es Phoebe. »Jetzt hör mal zu: Während wir 

hier rumsitzen und plaudern, ist Paige womöglich in großer 
Gefahr.« Sie schnaufte ungehalten und wählte zum tausendsten 
Male die Büronummer ihrer Halbschwester im South Bay 
Sozialdienst.  
Keine Antwort. »Sie hat es ja noch nicht mal für 
nötig befunden, unser Treffen abzusagen«, setzte sie hinzu. 
»Was, wenn sie dazu einfach keine Gelegenheit mehr hatte?« 

»Was, wenn sie es einfach vergessen hat?«, konterte Piper. 

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- 21 - 

Phoebe konnte nicht begreifen, weshalb Piper die Vision, die 

die Notiz hervorgerufen hatte, so auf die leichte Schulter nahm. 
Immerhin musste der Zettel von jemandem stammen, der an 
Paiges Schreibtisch gestanden hatte. Und womöglich war sie 
gerade mit diesem Jemand in irgendeiner Angelegenheit 
unterwegs. Schließlich fasste Phoebe sich ein Herz und 
versuchte es bei Paiges Chef Bob Cowan, den sie auch erreichte. 

»Guten Tag, Mr. Cowan, Phoebe Halliwell hier. Sagen Sie, 

ist Paige Matthews schon wieder im Hause?« Nervös lauschte 
Phoebe seiner Antwort, wobei sie unablässig einen ihrer beiden 
Flechtzöpfe zwirbelte. 

»Verstehe … danke … auf Wiederhören«, sagte sie und 

trennte die Verbindung. 

»Und?«, fragte Piper, während sie das Salatdressing 

zubereitete. 

»Bob Cowan sagt, Paige ist von ihrem letzten Termin noch 

nicht ins Büro zurückgekehrt«, verkündete Phoebe mit 
Grabesstimme. »Er sagt, sie sei mit einem Klienten in einer 
wichtigen Angelegenheit zu einem Hotel gefahren, und er 
vermutet, dass sie, wenn die Sache länger dauern sollte, danach 
wahrscheinlich direkt nach Hause kommen wird.« 

»Siehst du«, meinte Piper und füllte die Teller mit dem 

Gratin auf. 

»Was heißt hier ›Siehst du‹? Findest du es nicht auch 

komisch, dass sie ihr Handy abgestellt hat?«, ereiferte sich 
Phoebe. »Ich meine, wenn ein Sozialarbeiter zu einem 
Außentermin fährt, dann ist es doch wohl das Mindeste, dass er 
sich telefonisch erreichbar macht?« 

»Nicht, wenn der verdammte Akku mal wieder leer ist«, 

murmelte Piper. 

»Und was, wenn wir sie dringend für die Macht der Drei 

gebraucht hätten?« 

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- 22 - 

»Tja, dann hätten wir eben Pech gehabt. Solange Paige einen 

Job hat, wird es auch mal Zeiten geben, wo sie unabkömmlich 
ist. Und wenn wir in akute Gefahr geraten wären, hätte sie es so 
oder so nicht mehr rechtzeitig zu uns geschafft. Mit diesem 
Risiko müssen die Zauberhaften  nun mal leben. Wir können 
unmöglich vierundzwanzig Stunden am Tag wie Kletten 
aneinander hängen.« 

Als Phoebe entrüstet aufstöhnte, hielt Piper in ihrer Tätigkeit 

inne und sah ihre jüngere Schwester einen Moment lang 
schweigend an. »Pass auf, Süße«, sagte sie schließlich. »Wir 
essen jetzt gemeinsam zu Mittag, okay? Danach sehen wir 
weiter.« 

 

Hand in Hand schritt sie mit Selim durch die grüne Oase, 

und es war, als ob der Garten Eden seine Pforten geöffnet hätte. 

Das Geplätscher von Brunnen drang an ihr Ohr, und über 

ihnen war Vogelgezwitscher zu hören. In der Ferne standen 
prächtige Pfauen auf einer Lichtung, die von blühendem 
Oleander und Jasmin gesäumt war. Linker Hand war ein kleiner 
See zu sehen, an dessen Ufer Schatten spendende Sykomoren 
wuchsen.
 

Sie war im Paradies. 

Und sie war glücklich wie noch nie im Leben. Sie war 

daheim, und an ihrer Seite schritt der Mann, mit dem sie den 
Rest ihres Lebens verbringen wollte.
 

Bei einem kleinen Pavillon angekommen, wandte Paige den 

Kopf und sah Selim schweigend an. Er lächelte, und der Blick 
aus seinen grünen Augen war erfüllt von Liebe und Sehnsucht.
 

Sie blieben stehen, und Selim zog sie leidenschaftlich an sich. 

Sie spürte seine Wärme und seine starken Arme, die sie 
umfingen. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sein wunderschönes 

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- 23 - 

Gesicht näherte sich dem ihren. »Paige, ich liebe dich«, 
flüsterte er.
 

In Erwartung des lang ersehnten Kusses schloss Paige die 

Augen. »Selim …« 

In diesem Moment explodierte die Welt um sie herum in 

einem Wirbel aus Licht und Farben, und es war, als ob das 
Schicksal mit gierigen Fingern nach ihr griff und sie brutal 
fortriss von diesem himmlischen Ort. Ein Schmerz durchzuckte 
sie, der in jede Faser ihres Körpers vorzudringen schien.
 

Als Paige die Augen aufriss, da sah sie vor sich keineswegs 

das wunderschöne Gesicht ihres Liebsten, sondern die 
abscheuliche Fratze des Todes.
 

Sie schrie, und schrie, und schrie. 

Hände berührten sie. Widerliche, lüsterne Hände … 

Und Selim? Wo war Selim? 

Ihr wurde kalt, der Schmerz klang ab, doch das Leben und 

alles, was gut und schön war, schien aus ihr herauszuströmen, 
während der Tod sein hässliches Lachen dazu anstimmte.
 

 

Als Paige keuchend die Augen aufschlug, hatte sie das 

Gefühl, dass der böse Traum mit ihrem Erwachen keineswegs 
zu Ende war. 

Wie sie feststellte, war sie an einem sehr, sehr finsteren Ort. 

Genauer gesagt lag sie auf dem Rücken und starrte gegen eine 
dunkle, feuchte Decke. 

Verwirrt richtete sie sich auf und musste mit Entsetzen 

erkennen, dass sie sich in einer Art Zelle befand – auf einer 
erbärmlich stinkenden Bettstatt lag. Wobei Zelle eigentlich nicht 
das richtige Wort war, vielmehr hatte das Ganze etwas von 
einem … Verlies. Wände und Boden bestanden aus dunklen, 
grob behauenen Steinen. Aus den Ritzen und Ecken tropfte 

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- 24 - 

Wasser, und in einiger Entfernung, hoch oben an der Stirnwand 
des Raumes, konnte sie ein schmales vergittertes Fenster 
erkennen, durch das ein wenig Licht fiel. 

Keine Frage, sie war in einem Kerker gelandet. 

Sie erhob sich von dem Lager aus Wolldecken und machte 

ein paar unsichere Schritte in Richtung der Wand mit dem 
Fenster. Trotz oder gerade ob der üblen Lage, in der sie sich 
befand, fühlte sie sich unendlich müde und schwach. Nachdem 
sich ihre Augen an die trüben Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, 
entdeckte sie links und rechts armdicke Ringe mit verrosteten 
Ketten an den Wänden. 

Irgendwo trippelten und kratzten kleine Nagerfüße, und über 

die feuchten Wände huschten Spinnen. 

Sie wollte schreien, doch der Schock schnürte ihr schier die 

Kehle zu. 

Wo zum Teufel war sie hier? Und wo war Selim? 

Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war, dass sie mit Selim 

in einem Taxi zum »Marduk Palace«-Hotel gefahren war. 

Lachend und scherzend hatten sie im Fond des Wagens 

gesessen, und Paige hatte Selim während der Fahrt von ihrer 
Arbeit und ihren beiden Schwestern berichtet, in deren Haus sie 
seit einiger Zeit wohnte. Natürlich hatte sie ihm nichts von 
ihrem Doppelleben als Hexe erzählt, obwohl sie sich dem 
jungen Mann schon nach kurzer Zeit überaus nah und verbunden 
gefühlt hatte. Jedes Mal, wenn er sie aus seinen unergründlichen 
grünen Augen angesehen hatte, hatte ihr der Atem gestockt, und 
in ihrem Bauch hatte sich ein wohl vertrautes Flattern 
bemerkbar gemacht. Keine Frage, sie war auf dem besten Wege 
gewesen, sich hoffnungslos in Selim zu verlieben … 

Das alte Hotel hatte in Nob Hill, im Nordwesten von San 

Francisco, auf einem der zahlreichen Hügel der Stadt gestanden 
und war einfach traumhaft schön gewesen. Der perfekte Ort für 

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- 25 - 

eine glamouröse Charity-Veranstaltung mit Stars und Sternchen. 
Sie gingen durch einen hübschen kleinen Park zum Eingang, 
und als sie die verzierte Flügeltür erreicht hatten, machte ihr 
Herz vor Freude einen kleinen Satz. 

In diesem Moment war ihr siedend heiß die Verabredung mit 

Phoebe wieder eingefallen, und sie hatte Selim gesagt, dass sie 
sich aus der Lobby noch kurz bei ihrer Schwester melden müsse, 
bevor sie sich ins Promi-Getümmel stürzen konnten. 

Selim hatte genickt und seinen Presseausweis gezückt, und 

dann waren sie voller Vorfreude eingetreten. Von da an 
erinnerte sich Paige an nichts mehr. Niente, nada, Filmriss … 

Und nun saß sie hier. In einem dunklen, muffigen Verlies. 

Und das alles nur, weil sie einem Mann vertraut hatte, dem sie 
sich auf seltsame Art verbunden gefühlt hatte. 

Die Enttäuschung über Selims Verrat schmerzte, und mit 

Reue dachte sie an Pipers Worte zurück, die einmal gesagt hatte: 
»Traue nie einem Fremden. Er könnte ein Dämon sein, der es 
auf die Zauberhaften abgesehen hat.« 

 

Der alte Zeyn wanderte in seiner Kammer auf und ab und 

lächelte. 

Neben der Tür zu seinem Allerheiligsten stand reglos eine 

Gestalt im Halbdunkel. 

»Die Hexe ist nun hier«, murmelte Zeyn. »Das ist gut.« 

»Ja, Erhabener«, sagte die Gestalt in den Schatten. Ihre 

Stimme klang seltsam dumpf. »Es verläuft alles genau, wie Ihr 
es geplant habt.« 

»Natürlich tut es das!« Der Alte wandte sich um, und seine 

ohnehin entsetzlich entstellte Fratze verzerrte sich vor Wut. 
»Oder zweifelst du etwa an meinen Fähigkeiten?« 

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- 26 - 

Erschrocken wich die Gestalt zurück. »Nein, erhabener Zeyn, 

Eure Macht ist grenzenlos.« 

»Und sie wird überdauern Zeit und Raum.« 

 

Als Paige nach dem Mittagessen immer noch nichts von sich 

hatte hören lassen und nach wie vor telefonisch unerreichbar 
blieb, begann auch Piper, sich allmählich zu sorgen. 

Haarklein ließ sie sich von Phoebe noch einmal die Vision, 

die diese beim Berühren des Zettels gehabt hatte, beschreiben. 

»Was stand denn eigentlich auf dieser ominösen Notiz, die 

das alles ausgelöst hat?«, wollte sie schließlich wissen. 

»Ich weiß es nicht mehr genau«, sagte Phoebe. »Ich glaube, 

ich hab sie fallen lassen, als mich die Vision überkam.« Sie 
dachte einen Moment lang angestrengt nach. »Ach ja, jetzt 
fällt’s mir wieder ein. Es war … eine Adresse … in Nob Hill. 
Ein Hotel, glaube ich. Wie hieß es noch gleich? Marak … 
Maruk … nein, Marduk Palace! Jetzt erinnere ich mich wieder, 
dass ich kurz vor dem Flashback dachte: Wow, auf dem Hügel 
der Paläste würde ich auch mal gern übernachten!« Sie geriet 
einen Moment lang ins Grübeln. »Könnte es nicht sein, dass 
dieser Wohltätigkeitsempfang, zu dem Paige angeblich gefahren 
ist, in eben diesem Hotel stattfindet?« 

Statt einer Antwort sah Piper auf die Uhr. »Es ist jetzt kurz 

nach eins. Ich schlage vor, wir konsultieren das Buch der 
Schatten
 wegen deiner Vision, fahren dann nach Nob Hill, 
fragen uns zu diesem Hotel durch und schauen, ob wir Paige 
dort antreffen.« 

»Okay.« Phoebe sprang auf und eilte zur Treppe, um auf den 

Dachboden zu flitzen. Plötzlich hielt sie inne. »Wo ist eigentlich 
Leo?« 

»Der ist in der nächsten Stunde in wichtiger Mission für den 

Rat der Ältesten unterwegs«, erwiderte Piper. »Ich schreibe ihm 

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- 27 - 

noch rasch eine Nachricht, falls er zwischendurch hier 
aufkreuzen sollte.« 

 

Starr blickte der alte Zeyn in seine Glaskugel, um die 

Verbindung zu Selim wiederherzustellen. Doch es gelang ihm 
nicht. Er musste den Kontakt zu ihm verloren haben, nachdem 
er die Hexe dem Zeitstrom entrissen und sie hinauf ins 
Turmverlies hatte bringen lassen. 

Zeyn knurrte. Das war nicht gut, denn es bedeutete, dass 

Selim seine Zeit wieder verlassen hatte und er nun nicht wusste, 
was dieser als Nächstes tat. 

 

Auf dem Speicher von Halliwell Manor lag das gute alte 

Buch der Schatten wie eh und je an seinem Stammplatz auf dem 
antiken Lesepult. 

Gespannt bauten sich Piper und Phoebe davor auf. Das 

Familienerbstück besaß die sehr nützliche Eigenschaft, den 
weiblichen Mitgliedern der lang zurückreichenden 
halliwellschen Hexendynastie den einen oder anderen 
hilfreichen Hinweis zu liefern, wann immer sie in Not waren 
oder nicht mehr weiterwussten. 

Darüber hinaus hatten die Vorfahrinnen der Schwestern von 

Generation zu Generation ihre Erlebnisse und Erfahrungen, aber 
auch hilfreiche Sprüche und Rezepte in dem alten Folianten 
zusammengetragen, sodass das Buch der Schatten über die 
Jahrhunderte zu einem umfassenden Kompendium aller bis dato 
bekannten Phänomene, Dämonen, übernatürlichen Gefahren und 
Ereignisse geworden war. 

Zögernd öffnete Phoebe das Buch und blätterte ein wenig 

darin herum. Und dann geschah das, was schon so oft bei der 
Befragung des Buchs der Schatten passiert war: Die Seiten 
schlugen automatisch und in rasender Geschwindigkeit wie von 

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- 28 - 

selbst um, bis das Buch eine ganz bestimmte Stelle erreicht 
hatte. 

Gespannt beugten sich Piper und Phoebe über die 

aufgeschlagene Seite. 

Diesmal war eine alte Zeichnung zu sehen, ein Kupferstich, 

der einen schwarzen, irgendwie bedrohlich wirkenden Turm 
darstellte. 

»Was ist das?«, fragte Piper. 

»Ein schwarzer, irgendwie bedrohlich wirkender Turm?«, 

erwiderte Phoebe, als sei damit alles erklärt. 

»Danke, aber das sehe ich selbst«, meinte Piper. Neben der 

Abbildung des Turms stand etwas geschrieben. 

Halblaut las Piper vor: 

 

Und es wird kommen die Zeit, 

da werden Iblis’ Diener ausziehen, 

die Welt zu vernichten. 

Wehe denen, welche die Botschaft im »Buch der Weisheit« 

nicht zu deuten wissen: 

Die Einheit ist die Einheit zu allen Zeiten. 

 

»Was bedeutet das?«, fragte Phoebe. Für sie klang das alles 

sehr nach einer Warnung. »Und was in aller Welt ist denn das 
Buch der Weisheit?« 

»Weißt du, Süße, wenn die Hinweise im Buch der Schatten 

auch nur einmal eindeutig gewesen wären, hätten wir uns in der 
Vergangenheit ’ne Menge Ärger und Arbeit ersparen können«, 
erwiderte Piper lakonisch. 

»Und wer zum Teufel ist Iblis?«, murmelte Phoebe, ohne auf 

die bissige Bemerkung ihrer Schwester einzugehen. 

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- 29 - 

»Keine Ahnung«, gab Piper zurück. »Aber der Name kommt 

mir irgendwie bekannt vor. Ich schlage vor, wir konsultieren 
mal das Lexikon.« 

Zurück im Wohnzimmer stürzte Phoebe sogleich zum 

Bücherregal, in dem auch das umfangreiche 
Konversationslexikon der Schwestern stand, und zog den Band 
»I« hervor. 

»Moment … hab’s gleich … ah ja, hier steht’s: ›Iblis: im 

Islam der Name des Teufels‹.« Sie hob den Kopf und starrte 
Piper aus weit aufgerissenen Augen an. 

»Na ja«, krächzte Piper. »Im Grunde ist das ja nichts Neues: 

Des Höllenfürsten Schergen wollen offensichtlich wieder mal 
die Welt vernichten. Seit Jahren schlagen wir uns mit nichts 
anderem herum.« Sie ließ sich auf Grams altem Samtsofa nieder 
und überlegte einen Moment. »Nur, was genau hat das alles mit 
Paige, diesem Hotel und deiner Vision zu tun?« 

»Immerhin hab ich das Innere eines irgendwie orientalisch 

anmutenden Palastes gesehen«, erinnerte Phoebe. »Insofern ist 
ein Bezug zum alten Iblis ja schon auf gewisse Weise 
hergestellt.« Sie hielt einen Moment lang inne. »Und ich habe 
drei Personen gesehen, die gegen irgendeine mächtige, mit 
Magie kämpfende Kreatur antraten. Die Frage ist also, waren 
das Bilder aus grauer Vorzeit oder ein Hinweis auf etwas, das 
noch passieren wird?« 

»Wenn ich mich recht erinnere«, meinte Piper und hob 

spöttisch eine Augenbraue, »so waren deine Visionen noch nie 
dazu angetan, uns lediglich einen nostalgischen Einblick in die 
gute alte Zeit zu liefern. Was ich sagen will: Natürlich  wird es 
sich dabei um eine Warnung gehandelt haben, dass uns etwas 
bevorsteht,  so viel ist klar. Leider wissen wir bloß nicht, was 
und wann!« 

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- 30 - 

»Wie dem auch sei, ich finde, wir sollten so schnell wie 

möglich zu diesem Hotel fahren und Paige warnen«, sagte 
Phoebe. 

 

Als Selim wieder in dem alten Hotel auftauchte, verharrte er 

eine Weile ratlos in der halb verfallenen Lobby. Noch immer 
hielt er die lederne Aktentasche in der Hand. Mit einem 
unterdrückten Wutschrei schleuderte er das nun überflüssige 
Requisit zu Boden. 

Doch schnell hatte er sich wieder im Griff. Die Dinge hatten 

sich zwar ganz und gar nicht so entwickelt, wie er es geplant 
hatte, aber noch war nicht alles verloren. Um das Ruder doch 
noch herumzureißen, gab es nur einen Weg. Er beschloss, sich 
Klarheit zu verschaffen. 

 

In Pipers Geländewagen fuhren die beiden Schwestern von 

Pacific Heights Richtung Westen nach Nob Hill, das zu den 
vornehmsten Stadtbezirken San Franciscos zählte. 

Wie viele Viertel lag auch Nob Hill auf einem der 

zahlreichen Hügel der Stadt. Aus über hundert Metern Höhe 
hatte man hier einen wundervollen Blick auf die San Francisco 
Bay und die Liegeplätze im Hafen. 

Die Gegend war einst berühmt gewesen für ihre 

viktorianischen Villen und prächtigen Herrenhäuser, die jedoch 
fast alle im Jahre 1906 dem großen Erdbeben zum Opfer fielen. 
Danach waren an ihrer Stelle zahlreiche Luxushotels entstanden. 
Vor allem entlang der California Street waren die prachtvollen 
Nobelherbergen zu finden, doch eine mit dem Namen »Marduk 
Palace« war hier nirgendwo zu entdecken. 

Daher fuhr Piper am Pacific Union Club kurzerhand rechts 

ran, damit Phoebe ihr Fenster herunterkurbeln und einen 
Passanten nach dem Weg fragen konnte. 

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- 31 - 

Der erste Fußgänger, der vorbeikam, entpuppte sich als ein 

überaus freundlicher Chinese, der allerdings kaum ein Wort 
Englisch sprach. Das gut gelaunte Paar, das kurz darauf 
vorbeiflanierte, stammte aus Illinois und war nur auf der 
Durchreise. Der Mann, den Phoebe als Nächstes ansprach, 
schien Pfarrer und  aus der Gegend zu sein. »Hotel ›Marduk 
Palace‹?«, überlegte er und legte die hohe Stirn in Falten. »Ich 
glaube, das liegt in der Gaynor Street hinter dem Huntington 
Park, aber –« 

»Vielen Dank für Ihre Hilfe!«, rief Phoebe, und schon 

brausten sie und Piper in die angegebene Richtung davon. 

Der Pfarrer hatte sich nicht geirrt. Als die beiden Schwestern 

in die Gaynor Street einbogen, mussten sie nicht lange suchen. 
Am Ende der Straße tauchte rechter Hand ein großes Gebäude 
aus Sandstein auf, von dem ein Schild am Eingang verkündete, 
dass es sich hierbei um das »Marduk Palace«-Hotel handelte. 

Allerdings verkündete der Zustand des Hotels auch noch 

etwas ganz anderes: Der riesige Bau wirkte wie ausgestorben 
und schien schon seit langem verlassen zu sein. Viele der 
Fenster waren zerbrochen, die Fassade war verwittert und 
schmutzig, und das Grundstück, auf dem das Hotel stand, war 
mit den Jahren zu einem Schuttabladeplatz verkommen. 

»Soll das ein Witz sein?«, fragte Piper und fuhr an den 

Straßenrand. »Höchst unwahrscheinlich, dass jemand hier einen 
Wohltätigkeitsempfang veranstaltet, oder? Es sei denn, Marilyn 
Manson schmeißt hier heute ’ne Gartenparty …« 

Wie gebannt starrte Phoebe auf das alte Gebäude. »Stimmt, 

der Kasten sieht ziemlich abgewrackt aus«, murmelte sie, »aber 
ich finde, wir sollten trotzdem kurz reingehen und uns 
wenigstens ein bisschen umsehen. Immerhin stand diese 
Adresse nun mal auf dem Zettel, der meine Vision ausgelöst 
hat.« 

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- 32 - 

»Wie du meinst«, sagte Piper, doch sie fühlte sich alles 

andere als wohl bei dem Gedanken, zumal Leo in der nächsten 
Stunde für sie nicht zu erreichen war. Andererseits: Welches 
Problem sollte in einem alten Hotel schon auf sie und Phoebe 
lauern, das sich nicht mit einem Timefreeze oder einem 
befreienden Energieschlag lösen ließ? Doch dann wiederum war 
ihr seit Prues Tod die Rolle derjenigen im Dreierbund 
zugefallen, die ihre jüngeren Schwestern zur Besonnenheit und 
Vorsicht mahnte und die auch im größten Chaos noch einen 
klaren Kopf behielt. 

Sie stellte den Motor ab, und die beiden Schwestern stiegen 

aus. 

Schweigend gingen sie auf das rostige schmiedeeiserne Tor 

zu, das nicht verschlossen war. Zögernd betraten sie das 
verfallene Grundstück, das offensichtlich einst ein hübscher 
kleiner Park gewesen war. Piper erkannte die Reste eines 
Pavillons und einen eingestürzten Springbrunnen. Als sie die 
große Flügeltür erreichten, von der bereits die Farbe abblätterte, 
hielten die Schwestern kurz inne und sahen sich beklommen an. 

»Also, ich weiß nicht«, murmelte Piper. »Ich finde nicht, 

dass wir da einfach so reingehen sollten. Vielleicht ist es ja eine 
dämonische Falle, oder da drinnen hausen irgendwelche 
Kleinkriminelle, die uns sofort den Schädel einschlagen, sobald 
wir um irgendeine Ecke –« 

»Ich kann es ganz deutlich spüren«, murmelte Phoebe. 

»Paige war oder ist hier …« Sie sah ihre Schwester flehend an. 
»Hör zu, wir werfen nur mal kurz einen Blick da rein, und 
sobald sich auch nur das Geringste bewegt, frierst du es ein.« 
Entschlossen öffnete Phoebe die Tür, die laut in den Angeln 
quietschte. »Schon vergessen, immerhin sind wir die wohl 
mächtigsten Hexen unserer Zeit!« 

Mit diesen Worten zog sie Piper hinter sich her und in das 

alte Hotel hinein. 

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- 33 - 

Im gleichen Moment explodierte die Welt um die beiden 

Hexen in einem Wirbel aus Farben und Licht. Und dann war es, 
als ob sie in einen mächtigen Mahlstrom geraten wären, der sie 
in rasender Geschwindigkeit einem unbekannten Ziel 
entgegenschleuderte. 

Von allen Seiten schienen unsichtbare Kräfte an ihnen zu 

zerren, während in atemberaubendem Tempo Zerrbilder und 
dissonante Geräusche auf sie einstürmten, als wären sie im Kopf 
eines irren Weltenschöpfers gefangen. 

Und dann war es plötzlich still. 

 

Wütend humpelte der alte Zeyn auf seinen Diener zu, der 

erschrocken vor ihm zurückwich. 

»Was soll das heißen, es könnten noch andere Kreaturen 

durchgekommen sein?«, zischte er. »Hab ich dir nicht gesagt, du 
sollst das im Auge behalten?« Er deutete auf die Messingschale, 
die in der Vorhalle zu seinem Allerheiligsten auf einem 
Ebenholztischchen stand und in der sich eine trübe Flüssigkeit 
befand. »Wenn du nicht schon tot wärst, würde ich dich auf der 
Stelle vierteilen lassen«, donnerte er. »Vergiss nicht, dass du es 
allein mir zu verdanken hast, dass du hier sein kannst.« 

Der Ghul senkte den Blick. »Ja … erhabener … Zeyn«, 

murmelte er stockend. 

»Und jetzt geh wieder auf deinen Posten und tue, was ich dir 

befohlen habe«, grollte der Dämon. 

Langsam schlurfte der Ghul zu dem Tisch mit der Schale und 

starrte auf die zähe Flüssigkeit herab. Er wusste, wenn sich an 
ihrer Oberfläche auch nur das Geringste veränderte, musste er 
seinem Herrn unverzüglich Bericht erstatten. 

Manchmal fragte er sich, ob es für ihn nicht besser gewesen 

wäre, wenn er auf dem Armenfriedhof von Ald’maran schlicht 
und einfach verrottet wäre, anstatt nun in Diensten dieses 

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- 34 - 

grausamen Megalomanen ein unbeschreiblich freudloses Dasein 
zu fristen. 

Ein sterbliches Wesen konnte ihn, den Untoten, zwar nicht 

mehr töten, doch der große Zeyn konnte ihm unvorstellbare 
Qualen bereiten, wenn er noch einmal versagte. 

 

Zurück in seinem Allerheiligsten trat Zeyn eilig zu dem 

Tisch, auf dem auch seine kostbare Glaskugel lag, und nahm 
eine schwere goldene Halskette zur Hand. 

Auf dem ovalen Anhänger war das stilisierte Symbol eines 

Auges zu erkennen, in dessen Mitte ein roter Rubin eingelassen 
war. 

Er legte sich das Wächteramulett um den Hals und hob seine 

verkrüppelten Hände. 

Dann schloss er die Augen und murmelte: 

 

Mächte des Lichts, bleibt fern von der Stadt, 

auf dass eure Magie keinen Zutritt mehr hat. 

 

Paige atmete tief durch und legte das Ohr an die dicke 

Holztür ihrer Zelle. 

Von draußen war kein Ton zu hören. Eine Klinke oder ein 

Schloss waren nicht zu sehen, zudem schien die Tür mit der 
Wand, in die sie eingelassen war, wie verwachsen zu sein und 
rührte sich keinen Millimeter, als sie sich dagegenstemmte. 

Leise ging sie zu dem Haufen dreckiger Decken am Boden 

zurück, neben dem ihr kleiner Wildlederrucksack lag, und 
kramte ihr Handy hervor. 

Das Display war tot, und auch nach mehrmaligem Betätigen 

des Einschaltknopfes erschien das wohl vertraute Logo des 

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- 35 - 

Netzbetreibers nicht. Eine unbestimmte Panik keimte in ihr auf, 
und tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. 

Warum hatte Selim sie hierher gebracht? Und wenn nicht 

Selim, wer dann hatte sie entführt? Warum hielt man sie hier 
fest? Und wo war sie überhaupt? Was genau war nach dem 
Betreten des »Marduk Palace« geschehen? Konnte es sein, dass 
sie sich immer noch in Nob Hill befand und jetzt irgendwo im 
Innern des Hotels festgehalten wurde? 

Als sie sich das Zusammentreffen mit Selim im South Bay 

Sozialdienst  noch einmal in Erinnerung rief, fiel ihr plötzlich 
ein, was er gesagt hatte, als sie vom Kaffeeautomaten an ihren 
Schreibtisch zurückgekehrt war: »Sind Sie Paige Matthews?«, 
hatte er gefragt, und »Man hat mir gesagt, dass ich Sie hier 
finde.« 

Das besagte doch eindeutig, dass er keineswegs zufällig in 

den Sozialdienst gestolpert war, weil er von irgendjemandem 
professionellen Rat und moralische Unterstützung für seinen 
ersten wichtigen Job gebraucht hatte. 

Verdammt! Er muss sich am Empfang des Sozialdienstes 

ganz gezielt nach mir erkundigt haben. Er hat nach mir, und nur 
nach mir allein gesucht! Warum ist mir das nicht gleich 
aufgefallen?, fragte sich Paige. Doch die Antwort war so einfach 
wie unerquicklich. Es war ihr nicht aufgefallen, weil sich bei 
seinem Anblick und in seiner Gegenwart jeglicher Scharfsinn 
und alle Vorsicht bis auf weiteres verabschiedet hatten. 

Mehr noch, es war, als ob sie in dem Moment, da er vor ihr 

stand, die Tür zu etwas Wunderbarem aufgestoßen hatte, das 
ihren Blick für die Realität vollkommen verschleiert hatte. Piper 
würde das vermutlich als schnöden Liebeswahn abtun, dachte 
sie, und mir dringend raten, mich mit einem Therapeuten 
darüber zu unterhalten … 

Doch das musste warten. Viel wichtiger war die Frage: Was 

sollte sie jetzt tun? 

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- 36 - 

Eigentlich gab es nun nur noch eine Lösung. 

»Leo?«, flüsterte sie. 

Doch Leo erschien nicht. 

»Leo?«, rief sie ein wenig lauter. 

Wieder nichts. 

»Leo!« 

Doch sie blieb allein. 

Paige merkte, wie ihr trotz der klammen Kälte, die in ihrem 

Gefängnis herrschte, der Schweiß ausbrach. Dann also Plan B, 
dachte sie, während ihr das Herz bis zum Halse klopfte. 

Sie konzentrierte sich und versuchte sich auf die andere Seite 

der Tür zu orben, nicht wissend, was sie dort erwarten würde. 

Nichts geschah. Sie hatte sich keinen Millimeter von der 

Stelle bewegt! 

Sie schluckte hart und rief »Rucksack!«, um ihren kleinen 

Lederbeutel, der neben der schmuddeligen Bettstatt lag, per 
Telekinese zu sich zu holen, doch ohne Erfolg. 

Paige hatte das Gefühl, als ob ihr der Boden unter den Füßen 

weggerissen würde. Sie war verschleppt worden, sie war allein, 
ihre Magie hatte versagt, und wer auch immer sie in diesen 
entsetzlichen Kerker eingesperrt hatte, hatte das sicherlich nicht 
zum Spaß getan … 

Als ihr das ganze Ausmaß ihrer Situation bewusst wurde, war 

es, als ob ihr jemand einen Dolch ins Herz gejagt hätte mit den 
Worten: Du bist nicht nur ohne deine Kräfte hier gefangen, du 
bist so gut wie tot! 

 

Nachdem Zeyn seinen Bann über Ald’maran gelegt und 

damit verhindert hatte, dass weitere magiebegabte Kreaturen des 

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- 37 - 

Lichts die Stadt betreten konnten, kehrte er zurück in den 
Vorraum zu seinem Allerheiligsten. 

Sein treuer Diener stand noch immer an seinem Platz und 

starrte in die Schale mit der milchigen Flüssigkeit. 

Zeyn war einigermaßen zufrieden. Denn nun war es weder 

der Hexe noch demjenigen, der außer ihr noch durch das Portal 
geschlüpft sein mochte, möglich, sich aus der fernen Zukunft 
Hilfe zu holen. 

Er lächelte und beschloss, die schöne Hexe hoch oben im 

Turm aufzusuchen. 

 

Zum wiederholten Male versuchte Paige, sich an den grob 

behauenen Steinquadern ihrer Zelle in die Höhe zu ziehen, um 
einen Blick durch das schmale Fenster nach draußen zu werfen. 

Die Wände waren feucht und glitschig, und mehr als einmal 

war sie kurz vor dem Ziel wieder abgerutscht und zu Boden 
gestürzt. Schließlich gelang es ihr, auf einem kleinen 
Mauervorsprung Halt zu finden, den Arm nach dem 
Fenstergitter auszustrecken und sich das letzte noch fehlende 
Stück in die Höhe zu ziehen. 

Blinzelnd starrte sie durch das schmale vergitterte Loch, und 

was sie sah, verschlug ihr schier den Atem. Sie befand sich in 
einem offensichtlich recht hohen Gebäude. Doch zu Füßen ihres 
Gefängnisses lag keineswegs das exklusive Nob Hill, sondern 
eine Stadt, die Paige noch nie gesehen hatte. Und die hatte nicht 
die geringste Ähnlichkeit mit San Francisco. 

In einem Meer aus lehmbraunen halbhohen Häusern ragten 

hier und da prachtvolle Bauten mit goldenen, grünen oder 
türkisfarbenen Kuppeln in die Höhe. Sie erkannte Minarette, 
palmenbewachsene Plätze, Händlerkarawanen auf einer breiten 
Hauptstraße und in der Ferne eine gewaltige Stadtmauer, hinter 

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der sich eine wüstenartige Landschaft bis zum Horizont 
erstreckte. 

Mein Gott, man hat mich in den Nahen Osten verschleppt, 

schoss es ihr durch den Kopf. 

Irrwitzige Bilder von orientalischen Sklavenmärkten, mit 

Eunuchen bevölkerten Harems und von entführten 
Liebesdienerinnen aus aller Herren Länder erschienen vor ihrem 
geistigen Auge. 

Mit weichen Knien sprang sie wieder auf den Boden ihrer 

Zelle zurück und versuchte, sich auf das Gesehene einen Reim 
zu machen. 

War Selim ein Mädchenhändler, der sich darauf verlegt hatte, 

junge Amerikanerinnen in den Orient zu entführen, um sie an 
irgendwelche dekadenten Ölscheichs zu verkaufen, die noch ein 
paar exotische Nebenfrauen wünschten? Und gab es denn 
heutzutage so etwas überhaupt noch? 

Was um Himmels willen war geschehen, nachdem Selim und 

sie das Hotel betreten hatten? Hatte man sie, Paige, überwältigt, 
betäubt und dann per Schiff außer Landes geschafft? Und ging 
es hier wirklich nur um simples Kidnapping, oder steckte mehr 
dahinter? 

In Anbetracht der Tatsache, dass sie eine der Zauberhaften 

war, erschien es Paige nach einigem Überlegen allerdings viel 
wahrscheinlicher, dass die ganze Sache sehr wohl mit ihr 
persönlich zu tun hatte. 

Wie aufs Stichwort wurde plötzlich die Tür ihrer Zelle 

geöffnet, und eine Gestalt erschien auf der Schwelle. 

Paige erstarrte, als ein alter, verkrüppelter Mann auf sie 

zutrat, denn außer der Tatsache, dass er eine halbwegs 
menschliche Form zu besitzen schien, war an ihm nur wenig 
Menschliches. 

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Das Gesicht glich einer geierartigen Fratze mit seiner großen, 

hervorspringenden Hakennase und dem eingefallenen, 
lippenlosen Mund. Die graubraune Haut war rissig wie ein 
ausgetrockneter Schlammteich. Er schlich, nein, er humpelte 
gebückt voran. Seine Arme waren auf geradezu groteske Weise 
verkrümmt und wirkten wie abgestorbene Äste an einem toten 
Baumstumpf. 

Als das Ding näher kam, konnte Paige sehen, dass an seinem 

nackten, buckligen Rücken zwei kleine ledrige Schwingen 
saßen, die irgendwie schlaff und nutzlos wirkten. Doch das 
Schlimmste an ihm waren die Augen. Es waren leblose, und 
doch irgendwie fanatische Augen, rot umrandet wie die einer 
weißen Maus und starr wie die einer Schlange. 

Es waren uralte Augen. 

Der Mann, oder was auch immer die Kreatur vor ihr sein 

mochte, trug ein knielanges, dunkelblaues Hüfttuch, und auf 
seinem kahlen Kopf saß eine Art flacher, weißer Turban. 

Keuchend trat Paige einen Schritt zurück, als der abstoßende 

Greis auf sie zuschlurfte und ein meckerndes Lachen ausstieß. 

»Willkommen in meinem Reich, Hexe«, schnarrte er mit 

einer Stimme, die in etwa so angenehm war wie Fingernägel, die 
über eine Schiefertafel kratzen. 

»Wer … wer sind Sie?«, stotterte Paige. 

»Die Menschen in Ald’maran nennen mich Zeyn, doch 

Namen sind so vergänglich wie die Menschen selbst. Wisse, 
dass ich schon bald der Herr über Leben und Tod sein werde 
und Lenker der Geschicke der Welt.« 

Das ist ja lächerlich, schoss es Paige durch den Kopf. Fast 

hatte sie das Gefühl, in einen Low-Budget-Spielfilm mit dem 
Titel: »Und wieder greift das unaussprechliche Grauen nach der 
Weltherrschaft« geraten zu sein. Aber eben nur fast … 

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- 40 - 

»Wo bin ich?«, fragte sie und wich unwillkürlich erneut 

einen Schritt vor ihm zurück. Die bösartige Ausstrahlung, die 
von dem Alten ausging, bereitete ihr fast körperliche 
Schmerzen. Kein Zweifel, sie musste einen ziemlich üblen 
Dämon vor sich haben. 

»Du bist in Ald’maran, Hexe!«, sagte die Kreatur. »Und du 

bist hier, weil ich es so bestimmt habe.« 

»Was hat das alles zu bedeuten?«, verlangte Paige zu wissen. 

»Du wurdest nicht in meine Zeit gebracht, den Plan zu 

hinterfragen!«, zischte Zeyn. »Du bist nichts als ein Werkzeug 
für meine Ziele.« 

»Ihre Ziele? Ihre Zeit?«, fragte Paige verständnislos. »Was 

soll das heißen?« 

»Das soll heißen«, knurrte der Alte, »dass du nun da bist, wo 

alles einmal seinen Anfang nehmen wird.« 

»Wollen Sie … damit sagen«, stammelte Paige, »ich bin … 

in der Vergangenheit?« 

Der Dämon stieß ein rasselndes Lachen aus. »Du begreifst 

schnell, Hexe«, erwiderte er höhnisch, und seine Augen 
funkelten sie boshaft an. 

Paige schluckte hart und fühlte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. 

Sie hatte zwar noch nicht ganz so viel Erfahrung als weiße Hexe 
wie Piper und Phoebe, aber sie erkannte einen Erzdämon, wenn 
er vor ihr stand. Und diese Kreatur hier verströmte so viel 
unheilige Aura, dass es sich bei ihr nur um eine besonders 
bösartige Ausgeburt der Hölle handeln konnte. Und was er 
sagte, klang schlimm, wobei sie das unbestimmte Gefühl 
beschlich, dass die ganze Wahrheit noch viel schlimmer war. 

»Was wollen Sie von mir?«, fragte sie mit erstickter Stimme. 

»Von dir will ich nichts mehr, Hexe«, schnarrte die Kreatur. 

»Du hast mir schon alles gegeben, was du hast.« Mit diesen 

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- 41 - 

Worten orbte er sich direkt vor sie, und Paige taumelte vor 
Schreck zurück gegen die Wand. 

Er hat meine Magie gestohlen!, schoss es ihr durch den Kopf. 

»Bei Iblis, deine Kräfte sind nun meine Kräfte«, kicherte der 

Dämon wie zur Bestätigung. »Nicht, dass ich sie gebraucht 
hätte, aber so sitzt die kleine Maus nun sicher in der Falle.« Er 
lachte. »Selim hat gute Arbeit geleistet, und schon bald, so viel 
ist gewiss, wird die Welt eine andere sein.« 

Er humpelte zurück in Richtung Tür. Auf der Schwelle drehte 

er sich noch einmal zu ihr um. »Und erst dann werde ich mir 
überlegen, was mit dir geschehen soll.« 

Als Zeyn die Tür aufstieß und aus ihrer Zelle schlurfte, 

konnte Paige einen schnellen Blick hinauswerfen. 

Undeutlich erkannte sie am Ende des kurzen Gangs eine 

lediglich vergitterte Zelle, in der zwei Schemen hin und her 
wanderten. 

Für einen Moment setzte ihr Herzschlag aus. Hatte dieser 

teuflische Verrückte womöglich auch schon ihre Schwestern – 

Sie vermochte den Gedanken nicht zu Ende zu denken, denn 

in diesem Fall wäre das Schicksal der Zauberhaften besiegelt! 

Und das alles nur, weil ihr ein attraktiver Mann schöne 

Augen gemacht hatte und sie auf ihn hereingefallen war wie ein 
kleines dummes Mädchen … 

Mit einem Knall schloss sich die Tür zu ihrem Verlies, und 

sie war wieder allein. 

Allein in einem fremden Land, und allein in einer lang 

zurückliegenden, archaischen Zeit. 

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D

AS ERSTE, WAS PIPER UND PHOEBE SAHEN, als die 

Welt um sie herum langsam wieder Gestalt annahm, waren die 
nackten Wände eines im Halbdunkel liegenden kargen Raumes. 

Auf dem einfachen Lehmboden lagen einige verblasste 

orientalische Teppiche, und in einer Ecke stand ein schlichtes 
Tischchen mit einer Öllampe darauf. An der Kopfseite des 
Zimmers führte eine schmale Steintreppe abwärts. 

Noch immer Hand in Hand, so wie sie das »Marduk Palace«-

Hotel betreten hatten, standen die beiden Schwestern einen 
Moment lang einfach nur schweigend da. 

»Was war das?«, presste Piper schließlich hervor. 

»Scheint, wir wurden irgendwohin … georbt … gebeamt … 

was auch immer?«, murmelte Phoebe. Sie war noch ganz 
benommen von der rasanten Reise hierher. 

»Okay, aber wo sind wir?«, fragte Piper und sah sich langsam 

um. 

Von draußen, durch ein glasloses hohes Fenster, drangen 

Stimmengewirr und seltsame Geräusche an ihr Ohr. 

Piper wagte einen Blick hinaus und schlug sich im selben 

Augenblick entsetzt eine Hand vor den Mund. »Phoebe«, 
keuchte sie. »Komm her!« 

Als Phoebe neben ihre Schwester trat und aus dem Fenster 

sah, mochte sie im ersten Moment ihren Augen nicht trauen. 
Unter ihnen führte eine staubige Straße entlang, die in ein Areal 
mündete, das offensichtlich der Eingang zu einem überdachten, 
farbenprächtigen Markt war. 

Zahlreiche Menschen waren ringsum in den Gassen 

unterwegs, die geradewegs einem Märchen aus 1001 Nacht 
entsprungen zu sein schienen. 

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- 43 - 

Ihr Blick erfasste halb verschleierte Frauen, Männer in langen 

Gewändern und Turbanen, einige von ihnen mit merkwürdig 
spitz zulaufenden ledernen Kopfbedeckungen, junge, barfüßige 
Burschen mit lässig um den Kopf geschlungenen Schals, die 
Tabletts mit Erfrischungen durch die Gegend trugen, und 
geschäftig hin und her eilende, bepackte Händler. 

Zu ihrer Linken wurden gerade zwei schwer beladene 

Kamele durch eine weniger belebte Seitenstraße einem 
unbekannten Ziel entgegengeführt. Die Tiere hoben widerwillig 
die Köpfe, scheuten ein wenig und gaben dabei protestierende 
Laute von sich. 

Direkt unter ihrem Fenster fuhr polternd ein Eselskarren 

vorbei, der mit Kisten, Lederschläuchen und Fässern beladen 
war. 

Und über allem brannte unerbittlich die frühe 

Nachmittagssonne von einem wolkenlosen Himmel. 

Der Ort war heiß, laut, staubig – und es war definitiv nicht 

San Francisco und schon gar nicht das exklusive Nob Hill, auf 
das die beiden Schwestern nun fassungslos herabstarrten. 

»Das ist nicht Amerika«, bemerkte Piper daher auch treffend. 

»Was ist geschehen?«, fragte Phoebe tonlos. 

»Schätze, wir wurden an einen … anderen Ort … gebracht«, 

meinte Piper. 

»Offensichtlich«, krächzte Phoebe. »Aber wo sind wir hier, 

und vor allem, warum sind wir hier?« 

»Wenn ich mich recht erinnere, hatte deine Vision doch was 

mit einem orientalischen Palast zu tun, oder?« 

»Du meinst«, Phoebe sah ihre Schwester beklommen an, 

»wir sind genau dort? Im … Nahen Osten?« 

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- 44 - 

»Sieht ganz so aus, oder glaubst du, irgendein Witzbold hat 

uns nach Disneyland in den Sheherazade-Themenpark 
teleportiert?«, gab Piper bissig zurück. 

Phoebe ignorierte die Bemerkung. Seit Piper schwanger war, 

unterlag sie bisweilen großen Stimmungsschwankungen, die von 
absoluter Gelassenheit bis hin zu ausgesprochener Gereiztheit 
reichten. »Ist dir aufgefallen«, begann sie stattdessen langsam, 
»dass es da draußen überhaupt keine Autos, keine Werbung, 
keine Schaufenster, keine Antennen auf den Dächern oder sonst 
irgendwelche … modernen Errungenschaften zu geben 
scheint?« 

Piper sah noch einmal zum Fenster hinaus. Phoebe hatte 

Recht, und die Abwesenheit all der Dinge, die ihre Schwester 
aufgezählt hatte, ließ in ihr eine schlimme Ahnung aufsteigen. 

»Wie es scheint«, begann sie mit bebender Stimme, 

»befinden wir uns nicht nur irgendwo am anderen Ende der 
Welt, sondern auch … in einer gänzlich anderen Zeit.« 

»Aber wie und wieso?«, platzte Phoebe heraus. 

»Ich nehme an, wir sind unabsichtlich durch eine Art … 

Zeittor hier gelandet. Offensichtlich war der Eingang zum 
›Marduk Palace‹-Hotel so etwas wie die Drehtür in eine ferne 
Vergangenheit.« Sie holte tief Luft. »Und über das Wieso 
können wir im Moment nur spekulieren. Fraglos hat es aber mit 
deiner Vision und … mit Paige zu tun, so viel ist klar.« Sie hielt 
inne und wunderte sich, wie gefasst sie all dies vortrug. 

»Meinst du, Paige ist auch hier?«, fragte Phoebe, und ihr 

Blick flog durch den Raum, als ob ihre jüngere Halbschwester 
jeden Moment hereinspazieren könnte. 

»Das könnte sein … nein, es ist sogar sehr wahrscheinlich, 

wenn man sich das alles so zusammenreimt«, murmelte Piper. 

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- 45 - 

»Was sollen wir jetzt bloß machen?«, fragte Phoebe. Dann 

stutzte sie und erhob sich per Levitation einen halben Meter in 
die Luft. 

»Was soll das?«, fragte Piper, als ihre Schwester wieder 

festen Boden unter den Füßen hatte. 

»Ich hab nur ausprobiert, ob meine Kräfte hier in der 

Vergangenheit noch funktionieren«, erklärte Phoebe, »weil die 
ja rein technisch gesehen noch gar nicht existieren können. Aber 
wie du siehst, es klappt.« 

Piper richtete ihre Hand auf eine tote Motte, die unter dem 

Fenster am Boden lag, und zerlegte sie in ihre Bestandteile. 
»Okay«, sie nickte zufrieden, »meine Kräfte scheinen also auch 
noch vorhanden zu sein. Offenbar hat das Zeitportal unsere 
Magie erhalten.« 

»Aber«, begann Phoebe, »wenn wir durch ein Zeitportal 

hierher gekommen sind, dann muss es doch auch einen Weg 
zurück geben, oder nicht?« 

Piper dachte einen Moment lang nach und ließ ihren Blick 

durch das spartanische Zimmer wandern. Es hatte den Anschein, 
als ob sie sich im obersten Geschoss eines Hauses befanden. Der 
Bereich, in dem sie standen, schien Teil eines größeren Raums 
zu sein, der vor ihnen einen scharfen Knick nach rechts machte. 

Vorsichtig schlich Piper voran und lugte um die Zimmerecke. 

Sie erkannte einen im Dunkeln liegenden fensterlosen Erker, der 
offensichtlich als Schlafplatz diente. Auch dort war nichts und 
niemand zu sehen. 

»Also, ich entdecke hier weit und breit kein Zeitportal«, sagte 

Piper. »Und nachdem der Teleporter hierher für uns als solcher 
nicht zu erkennen war, kann sich der Weg zurück praktisch 
überall befinden … hinter jeder Tür, in jedem Haus, in jedem 
Winkel dieses verdammten Ortes –« Sie brach ab. 

»Was?«, rief Phoebe alarmiert. 

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- 46 - 

»Wie konnte ich das nur vergessen«, flüsterte Piper, und rief 

dann laut: »Leo!« 

Nichts geschah. 

»Leo!«, rief sie erneut. 

Doch Leo tauchte nicht auf. 

Kreidebleich sank Piper an der Wand zu Boden. 

»Phoebe«, sagte sie und sah ihre Schwester erschüttert an. 

»Ich glaube, wir stecken in ernsten Schwierigkeiten.« 

 

Als Leo Wyatt, seines Zeichens Wächter des Lichts und 

Ehemann von Piper Halliwell, gegen 14 Uhr im Wohnzimmer 
von Halliwell Manor materialisierte, lag das alte Haus still und 
verlassen da. 

»Schatz? Jemand zu Hause?«, rief er, doch niemand 

antwortete ihm. 

Er schlenderte in die Küche und entdeckte auf der Anrichte 

einen Zettel: Treffen uns mit Paige. Essen steht im Eisschrank. 
Bis heute Abend. In Liebe, Piper.
 

Unschlüssig ging Leo zum Kühlschrank und öffnete ihn. Auf 

der obersten Ablage standen ein Teller mit Kartoffel-Lachs-
Gratin und ein Schüsselchen Salat. 

Er wollte die Mahlzeit gerade in die Mikrowelle stellen, als 

ihn ein merkwürdiger Stich durchfuhr. Piper!,  warnte ihn eine 
Stimme in seinem Kopf. Das untrügliche Zeichen dafür, dass 
seiner Schutzbefohlenen und Liebe seines Lebens irgendetwas 
Böses zu widerfahren drohte! 

Er wollte mit Piper Kontakt aufnehmen, doch seine 

telepathischen Kräfte liefen seltsam ins Leere, und auch Phoebes 
und Paiges Auren waren nicht fassbar. 

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- 47 - 

Er wirbelte herum, eilte zum Telefon und rief Piper auf ihrem 

Handy an, doch er bekam keine Verbindung. Er versuchte, 
Phoebe und Paige auf deren Mobiltelefonen zu erreichen, mit 
dem gleichen Ergebnis. Und bei Paige im South Bay 
Sozialdienst 
nahm niemand ab. 

Erneut versuchte er, zu Piper eine geistige Verbindung 

aufzubauen, doch es war, als ob er dem weißen Rauschen des 
Äthers lauschte. 

Bestürzt sank Leo auf einen der Küchenstühle. Das konnte 

nur zweierlei bedeuten: Entweder war Piper an einem Ort, den 
weiße Magie nicht zu erreichen vermochte, oder aber sie war 
tot. 

 

Als der schwere Riegel vor ihrer Tür zum zweiten Mal an 

diesem Tag beiseite gezogen wurde, sprang Paige von ihrem 
Lager am Boden auf und verharrte mit klopfendem Herzen 
reglos auf der Stelle. War der abscheuliche Dämon 
zurückgekommen, um sie nun endgültig zu vernichten? 

Die Zellentür wurde aufgestoßen, und dann trat eine Gestalt 

ein, die indes nicht Zeyn sein konnte, denn sie war relativ hoch 
gewachsen und bewegte sich mit merkwürdig steifen, irgendwie 
roboterhaften Bewegungen bis zur Mitte des Raums. 

Der Besucher trug eine bodenlange schwarze Kutte und hatte 

Kopf und Gesicht mit einem schmutzigen Schal verhüllt in der 
Art, wie es Beduinen tun, um sich vor dem Sand und der Sonne 
in der Wüste zu schützen. 

Er hielt einen Krug und einen Napf in Händen. Beides stellte 

er nun auf dem Boden von Paiges Zelle ab, wandte sich 
ruckartig um und stakste wieder hinaus. 

»Hey! Hallo? Moment mal!«, rief Paige, doch da wurde die 

Zellentür auch schon wieder geschlossen und von außen 
verriegelt. Zurück blieb ein schwerer, süßlicher Geruch. 

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- 48 - 

Langsam trat Paige auf die Sachen am Boden zu. In dem 

Krug befand sich offensichtlich Wasser, und in dem Napf ein 
Brei aus kaltem Reis und einem Pamps, der nach Kichererbsen 
oder irgendeinem Getreide roch, das sie nicht zu identifizieren 
vermochte. So oder so, Paige hatte nicht vor, von dem alles 
andere als appetitlichen Essen auch nur einen Bissen zu sich zu 
nehmen. Stattdessen hob sie den Tonkrug an ihre Lippen und 
trank einen kräftigen Schluck von dem Wasser. Es schmeckte 
kühl und frisch. 

So gestärkt versuchte sie noch einmal, die Wand unter dem 

kleinen Fenster zu erklimmen. Als sie wieder auf dem winzigen 
Vorsprung eines herausstehenden Steinquaders stand und 
hinaussah, stellte sie fest, dass sie sich in der Tat ziemlich hoch 
über der Stadt befand. Womöglich im höchsten Gebäude weit 
und breit. 

Eines war klar: Sie musste versuchen, von hier zu fliehen, 

nicht wissend, was sie dann als Nächstes tun konnte, sollte ihr 
die Flucht tatsächlich gelingen. 

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es jetzt früher 

Nachmittag. Piper und Phoebe saßen vermutlich noch völlig 
ahnungslos in Halliwell Manor und wunderten sich über die 
Unzuverlässigkeit ihrer Schwester im Hinblick auf die geplatzte 
Mittagsverabredung mit Phoebe. 

Sie hatte sich am Empfangsschalter des South Bay 

Sozialdienstes  ordnungsgemäß abgemeldet, und vermutlich 
schöpfte im 21. Jahrhundert bis jetzt niemand auch nur den 
leisesten Verdacht. Doch wie lange noch? 

Wieder und wieder ging sie im Geiste durch, was eigentlich 

geschehen war. Selim, dieser anbetungswürdige und doch durch 
und durch verschlagene junge Mann, hatte sie dazu überredet, 
mit ihr nach Nob Hill zu fahren … 

Und dann, nachdem sie den Zeittunnel betreten hatte, hatte 

dieser Zeyn sie sogleich aus dem Verkehr gezogen und in dieses 

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- 49 - 

Verlies gesperrt. Und dies alles war offensichtlich allein zu dem 
Zweck geschehen, um ihr ihre Kräfte zu stehlen … 

So weit, so bekannt. Es war schließlich nichts Neues, dass 

Kreaturen der schwarzen Seite versuchten, die Zauberhaften zu 
entmachten, um dann die Welt ins Chaos und Verderben zu 
stürzen. 

Die Erinnerung an etwas, das Zeyn bei seinem Besuch in 

ihrer Zelle gesagt hatte und das sie in jenem Moment irgendwie 
irritiert hatte, spukte in ihrem Kopf herum, doch Paige konnte 
sich nicht mehr daran erinnern, was es gewesen war. 

Sie seufzte schwer. Wie sollte es nun weitergehen? Allein die 

Macht der Drei vermochte zu verhindern, dass Zeyn hier und 
jetzt den Lauf der Welt änderte und das Böse für eine lange, 
lange Zeit, wenn nicht für immer, die Oberhand gewann. 

Sie musste einen Weg finden, mit ihren Schwestern Kontakt 

aufzunehmen, bevor es zu spät war. 

 

»Hätte ich doch bloß nicht auf dich gehört!«, schimpfte Piper 

und raufte sich die langen seidigen Haare. »›Wir werfen nur mal 
kurz einen Blick da rein‹ hast du vor dem Hotel gesagt, und nun 
das!« 

Kopfschüttelnd starrte sie zum wiederholten Male aus dem 

Fenster des Hauses, in dem sie und Phoebe sich nach dem 
Betreten des »Marduk Palace« wieder gefunden hatten. 

Gerade trieb ein barfüßiger schmutziger Bengel eine Hand 

voll Ziegen in Richtung des überdachten Basars. 

»Ach, jetzt bin ich also wieder schuld, oder was?«, 

protestierte Phoebe. Sie wirbelte zu ihrer Schwester herum, und 
ihre beiden Zöpfe flogen angriffslustig hin und her. »Wer 
konnte denn ahnen, dass wir keine Gelegenheit mehr haben 
würden, diesen, ähm, Zeitsprung zu verhindern, nachdem wir 

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- 50 - 

das Hotel betreten hatten? Immerhin ging es ja allein darum, 
Paige zu retten, schon vergessen?« 

»Ja, tolle Rettungsaktion! Mit dem Ergebnis, dass wir nun 

irgendwo in grauer Vorzeit festsitzen, Leo nicht zu erreichen ist 
und wir keinen blassen Dunst haben, wie wir wieder von hier 
verschwinden können … Und wo zum Teufel steckt Paige 
überhaupt?« Frustriert und wütend schlug Piper mit der Faust 
gegen die Wand neben dem Fenster. 

»Aber begreifst du denn nicht?«, wandte Phoebe vorsichtig 

ein. »Es war meine Vision,  die uns direkt hierher gebracht hat. 
Das muss doch was zu bedeuten haben! Ich bin sicher, dass 
Paige hier irgendwo ist und dass das Schicksal uns in die 
Vergangenheit geführt hat, damit wir etwas … sehr, sehr 
Schlimmes verhindern!« 

»Nein, nicht das Schicksal, sondern unser Leichtsinn, um 

nicht zu sagen, unsere grenzenlose Blödheit hat uns direkt 
hierher geführt«, sagte Piper. »Wenn Paige wirklich hier sein 
sollte, ist das allein schon schlimm genug.« Sie zog scharf die 
Luft ein. »Sofern sie nicht gegen ihren Willen mit diesem 
ominösen Klienten aus dem South Bay Sozialdienst 
verschwunden ist, wie konnte sie nur ein solches Risiko 
eingehen, ohne uns vorher zu informieren?« 

Sie sah Phoebe wütend an. »Da steckt doch bestimmt wieder 

ein Kerl dahinter!« 

 

Blinzelnd trat Selim hinaus auf die Gaynor Street und lief in 

Richtung der riesigen Kirche, von der ein Schild behauptete, es 
handele sich hierbei um die »Grace Cathedral«. 

Er umrundete den neugotischen christlichen Bau, zu dem 

wahre Menschenmassen gepilgert waren, und lief auf die 
Haltestelle der Cable Cars an der belebten California Street zu. 

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- 51 - 

Sicher, er hätte auch zu den ihm bekannten Plätzen orben 

können, doch er wollte hier so wenig Aufmerksamkeit wie 
möglich auf sich ziehen. Man konnte schließlich nie wissen, wer 
am Zielpunkt vor einem stand und sogleich ein großes Geschrei 
veranstaltete, wenn man wie aus dem Nichts vor seiner Nase 
materialisierte. 

Er hätte zu gerne ein Taxi genommen, doch er besaß nicht 

mehr genug Geld, und er verspürte wenig Lust, hier noch einmal 
jemanden zu überfallen und auszurauben. Das Risiko war 
einfach zu groß. 

Seine Füße schmerzten, denn die Schuhe, in denen er 

unterwegs war, waren ihm etwas zu klein. Er hatte die Sneakers 
wie auch die Kleidung, die er trug, vor einigen Tagen einem 
jungen Asiaten abgenommen, der sich bei dem alten Hotel mit 
seinem Fotoapparat auf das verwahrloste Grundstück gewagt 
hatte und danach vermutlich eine ganze Weile in einem 
knöchellangen weiten Hemd und Wickelgamaschen durch die 
Gegend geirrt war. 

Einmal mehr hoffte er, dass, solange er wieder hier war, 

niemand versehentlich in den Zeittunnel in dem alten Hotel 
stolperte, denn dann gab es weder für ihn, Selim, noch für diese 
Person einen Weg mehr zurück. Eine Besonderheit des 
Zeitportals bestand nämlich darin, dass es jeweils nur einmal hin 
und zurück benutzt und allein am Startpunkt, also in Ald’maran, 
neu gesetzt werden konnte. 

Selim konnte sein Glück kaum fassen, als einer der 

Kabelwagen, die Richtung Westen fuhren, gerade an der Station 
anhielt und einen Teil seiner Passagiere auf die Straße spuckte. 
Er legte einen kurzen Spurt ein und sprang im letzten Moment 
auf, bevor sich das Gefährt wieder quietschend in Bewegung 
setzte. In Momenten wie diesem schätzte er die 
Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts sehr. 

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- 52 - 

Die Bahn ruckelte zügig den Hügel hinab. Bald passierten sie 

das große Bibliotheksgebäude, zu dem er sich jüngst 
durchgefragt und in dem er sich zwei Tage lang fast rund um die 
Uhr aufgehalten hatte, um sich über diesen seltsamen Ort und 
die Zeit, in der er sich befand, zu informieren. 

Er hoffte, er hatte den Namen des Stadtteils, von dem Paige 

ihm im Taxi erklärt hatte, dass sie und ihre Schwestern dort 
wohnten, richtig verstanden. Und so machte er sich auf in 
Richtung Pacific Heights. 

 

Unschlüssig, was sie nun als Nächstes unternehmen sollten, 

erkundeten Piper und Phoebe zunächst einmal den fensterlosen 
Erker in dem L-förmigen Dachgeschoss. 

Mit erhobenen Händen ging Piper voran, bereit, die Zeit 

einzufrieren, falls etwas Ungewöhnliches ihren Weg kreuzen 
sollte. 

Links führte eine schmale Treppe hinab, und an der hinteren 

Kopfseite befanden sich mehrere Schlafplätze aus dünnen 
Matten, Schaffellen und Wolldecken. Dahinter war eine schmale 
Tür zu erkennen, die, wie Phoebe mit einem kurzen Blick 
feststellte, geradewegs hinaus auf das Dach des Hauses führte. 

In einer Wandnische des Erkers, dem flüchtigen Blick fast 

verborgen, stand ein hochbeiniges Gestell aus Zedernholz, und 
darauf lag ein dickes Buch. 

Langsam trat Piper näher und warf einen Blick auf den alten 

Folianten. Sein Einband bestand aus gegerbtem Leder und war 
mit goldenen orientalischen Ornamenten verziert. »Sieh mal, 
Phoebe«, rief sie. »Lass uns mal einen Blick in dieses Buch hier 
werfen, vielleicht –« 

»Piper, der Wälzer ist höchstwahrscheinlich auf Arabisch 

geschrieben, es hat wohl keinen Sinn, sich damit –« 

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- 53 - 

Doch Piper hatte das Buch bereits aufgeschlagen. Und dann 

geschah das nahezu Unfassbare. Wie von Zauberhand schlugen 
die Seiten selbstständig und in rasendem Tempo um, bis sie an 
einer ganz bestimmten Stelle aufklappten. 

Ein paar Schrecksekunden lang brachte keine der Schwestern 

auch nur ein Wort heraus. 

»Was in aller Welt –«, begann Piper. 

»Es verhält sich genau wie … unser … Buch der Schatten!«, 

rief Phoebe fassungslos. 

Sie wandten ihre Aufmerksamkeit der aufgeschlagenen Seite 

im Buch zu. 

Zu sehen war die gleiche Zeichnung, auf die sie auch schon 

im  Buch der Schatten gestoßen waren: Ein schwarzer hoher 
Turm ragte über die Dächer einer namenlosen Stadt aus 
vergangenen Tagen in den Himmel! 

Und daneben stand: 

 

Und es wird kommen die Zeit, 

da werden Iblis’ Diener ausziehen, 

die Welt zu vernichten. 

Wehe denen, welche die Botschaft im 

»Buch der Weisheit« nicht zu deuten wissen: 

Die Einheit ist die Einheit zu allen Zeiten. 

 

Allein der Tapferste wird finden 

den Pfad durch die Zeit, 

auf dass seine Suche nach der verwandten Seele 

das Licht zurückbringe und die Magie 

des geheiligten Bundes triumphiere. 

 

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- 54 - 

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Phoebe. »Der Text ist 

identisch mit dem im Buch der Schatten, nur der letzte Absatz 
war bei uns nicht zu finden, soweit ich mich erinnere.« 

»Ob das hier …«, begann Piper, »womöglich … das Buch 

der Weisheit ist?« 

»Der Gedanke liegt nahe«, meinte Phoebe. »Aber warum in 

drei Teufels Namen können wir es lesen, wo es doch eigentlich 
auf Arabisch geschrieben sein sollte?« 

»Aus demselben Grund, aus dem wir uns miteinander 

unterhalten können«, ertönte plötzlich eine dunkle Stimme aus 
dem Hintergrund. 

Piper und Phoebe fuhren erschrocken herum. 

Auf dem Treppenabsatz stand ein weißbärtiger Mann und sah 

die Schwestern aus glasig-trüben Augen an. Er war sehr alt – 
und er war blind. 

 

Langsam wanderte Paige in ihrer Zelle auf und ab und 

zerbrach sich den Kopf über einen möglichen Ausbruchsplan. 

Sie wusste, sie war in einem hohen Gebäude gefangen, und 

das hieß, sie musste sehr wahrscheinlich einen ziemlich langen, 
ziemlich gefährlichen Abstieg bis zum Ausgang zurücklegen. 

Außerdem musste sie herausfinden, wer oder was am Ende 

des Gangs hinter Gittern saß. 

Doch das war bereits der zweite Schritt. Noch hatte sie nicht 

die geringste Idee, wie sie den ersten, nämlich aus dieser 
elenden Zelle überhaupt herauszukommen, bewerkstelligen 
sollte. 

Wenn es mir gelänge, diesen stummen Diener irgendwie 

hierher zu locken und zu überwältigen, hätte ich vielleicht eine 
Chance, überlegte sie, auch wenn das ohne meine Zauberkräfte 
schwierig werden könnte. Das würde mir allerdings nur dann 

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- 55 - 

weiterhelfen, wenn Zeyn bei dieser Aktion nicht in der Nähe 
wäre oder von irgendwem alarmiert würde. 

Ach, was soll’s, dachte sie, ich muss es einfach versuchen. 

Sie warf sich ihren Lederbeutel über die Schulter, ging zu der 

massiven Eisentür und hämmerte wie verrückt dagegen. »Hallo? 
Hilfe! Aufmachen! Hallo!!« 

Sie wartete. Eine Minute, zwei Minuten, fünf Minuten. 

Nichts geschah. 

Ihr Blick fiel auf die rostigen dicken Ketten, die von der nahe 

gelegenen Wand herabhingen. Eine von ihnen reichte fast bis 
zum Boden. Sie packte die Kette und schleuderte sie mit 
einigem Schwung gegen die Eisentür. Es gab ein 
ohrenbetäubendes Knallen, das sicherlich noch in großer 
Entfernung zu hören war. 

Erschrocken ließ Paige die Eisenkette wieder los. Hoffentlich 

hatte sie mit diesem Lärm nicht den Erzdämon selbst auf sich 
aufmerksam gemacht! 

In diesem Moment wurde von außen der Riegel vor ihrer Tür 

beiseite geschoben. Automatisch schnappte sich Paige erneut 
das Ende der Eisenkette und stellte sich mit ihr neben dem 
Eingang auf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. 

Die Tür wurde knarrend aufgezogen, und dann trat auch 

schon der verhüllte Diener in ihre Zelle und schlurfte einige 
Schritte hinein. 

Paige zögerte keine Sekunde, nahm ihren ganzen Mut 

zusammen und holte aus. Mit Wucht traf das Ende der schweren 
Kette den Mann genau im Rücken. Er kippte vornüber und fiel 
ruckartig auf die Knie. Dabei rutschte ihm der schmutzige Schal 
vom Kopf, und als er sich langsam zu ihr umdrehte, konnte 
Paige einen entsetzten Aufschrei nur mit Mühe unterdrücken. 

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- 56 - 

Tote Augen in grüngrauem Fleisch starrten sie an, und als die 

Kreatur ihre schwarzen Zähne bleckte, sah Paige, dass die 
Zunge halb verfault war. Langsam rappelte sich das Ding wieder 
auf. 

In nackter Panik stürmte Paige aus ihrer Zelle auf den Gang 

hinaus und warf sich gegen die Tür, um sie wieder 
zuzuschieben. Das ging schwerer als erwartet. 

Durch den schmalen Spalt konnte sie sehen, wie der lebende 

Leichnam unaufhaltsam näher schlurfte und seine halb 
verrotteten Arme nach ihr ausstreckte. 

Im allerletzten Moment schaffte sie es, die Tür krachend zu 

schließen, bevor das untote Ding sie erwischen konnte. Mit 
zitternden Fingern schob sie den schweren Holzbalken vor, 
drehte sich um und holte erst einmal tief Luft. 

Der nicht mehr ganz taufrische Kerkermeister mochte zwar 

einen Schlüssel zu ihrer Zelle besitzen, aber der massive 
Holzbalken vor der Tür dürfte ihn daran hindern, diese auf 
normalem Wege wieder zu verlassen. Nur wie lange? 

Der Gang vor ihr war düster, doch an seinem Ende konnte sie 

eine Reihe vergitterter Zellen ausmachen, auf die sie schon 
zuvor einen Blick erhascht hatte. 

Aus ihrem eigenen Verlies war kein Laut zu hören. Eine 

Kämpfernatur schien der Untote, den sie soeben ausgetrickst 
hatte, nicht gerade zu sein … 

Langsam schlich sie den Gang entlang. Rechter Hand 

passierte sie eine steile, schmale Treppe, die abwärts führte. Auf 
dem Absatz lagen die von Fliegen umschwirrten, stinkenden 
Überreste eines Mahls aus Fleisch und Knochen, von dem Paige 
gar nicht wissen wollte, was es genau war. Bestimmt hat hier 
dieser … Zombie seinen Posten bezogen, dachte sie schaudernd. 

Sie huschte weiter auf die vergitterten Zellen zu. 

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- 57 - 

In der mittleren erkannte sie zwei Gestalten, die auf einer 

harten Holzbank saßen. 

Als sie näher kam, sah sie, dass es zwei junge Männer in 

langen Gewändern und mit Ledergamaschen an den Beinen 
waren, die nun aufsprangen, als hätten sie einen Geist gesehen. 

»Wer seid ihr?«, stieß Paige hervor. Und zum ersten Mal seit 

ihrem unfreiwilligen Aufenthalt hier fiel ihr ein, dass die beiden 
sie wahrscheinlich gar nicht verstehen konnten, denn immerhin 
befand sie sich in einem fremden Land und in einer lang 
zurückliegenden Zeit. 

Umso verblüffter war sie, als der Ältere seine Fassung 

wiedererlangt zu haben schien und sagte: »Ich heiße Suleiman, 
und das ist Seif. Wir sind Ibrahims Söhne und Selims 
Halbbrüder.« 

 

»Wer sind Sie?«, fragte Piper den alten Mann. 

»Ich heiße Ibrahim«, sagte Weißbärtige, »ich bin der Vater 

von Seif, Suleiman und Selim.« 

Es entstand eine kleine Pause, in der sich Piper und Phoebe 

stirnrunzelnd anblickten. 

»Nett, Sie kennen zu lernen«, sagte Phoebe schließlich, »aber 

wer bitte sind Seif, Suleiman und Selim?« 

Der alte Mann neigte den Kopf. »Das sind die gesegneten 

Söhne meiner geliebten Gemahlin Djaudar, Allah habe sie selig. 

Einst waren Seif, Suleiman und Selim mächtige Zauberer, 

doch dann kam Zeyn, um das Antlitz der Erde mit Tod und Leid 
zu überziehen.« Er hielt seufzend inne und wischte sich 
verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Aber erlaubt mir 
die Frage, wer seid ihr?« 

»Ich heiße Phoebe, und das ist Piper«, platzte Phoebe heraus. 

»Wir sind auf der Suche nach unserer Schwester Paige 

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- 58 - 

versehentlich, ähm, hier gelandet. Wir vermuten, dass Paige 
entführt wurde und hier irgendwo versteckt gehalten wird.« 

»Dann seid ihr also aus der Zukunft hierher gekommen«, 

stellte der alte Araber fest, als wären Zeitreisen in seiner Epoche 
das Selbstverständlichste der Welt. 

»Das scheint Sie nicht sonderlich zu verwundern«, stellte 

Piper mit scharfer Stimme fest. »Wissen Sie, wo unsere 
Schwester ist?« 

»Nicht mit Sicherheit, aber ich kann es mir denken«, 

murmelte Ibrahim und strich sich durch seinen langen weißen 
Bart. »Ich fürchte, für das alles ist Selim verantwortlich.« Aus 
seinen blinden Augen sah er die Schwestern nun direkt an. 
»Aber vielleicht sollte ich uns erst mal einen Tee machen, und 
dann erzähle ich euch die Geschichte von Anfang an.« 

 

Schweigend folgten Phoebe und Piper dem alten Mann 

hinunter ins Erdgeschoss, wo der Greis trotz seiner Blindheit 
erstaunlich behände umherhuschte, als wüsste er haargenau, wo 
im Hause sich was befand. Und wahrscheinlich war dem auch 
so, und er lebte hier schon sein ganzes Leben. 

Im Parterre war es kühler als im oberen Teil des Hauses, und 

der Alte forderte Piper und Phoebe freundlich auf, auf den bunt 
bestickten Sitzkissen Platz zu nehmen, die am Boden rund um 
ein großes Messingtablett platziert waren. 

Dann setzte Ibrahim einen Kupferkessel auf eine kleine 

Feuerstelle und bereitete zwei Teekannen vor. Eine für den Sud, 
und eine für das kochende Wasser. Schon bald zog der köstliche 
Geruch von frisch aufgebrühtem schwarzen Tee durch das Haus. 

Schließlich füllte der Greis drei Tonbecher mit dem 

dampfenden Getränk und stellte diese vor den beiden jungen 
Frauen auf dem Tablett ab. Erstaunlich gelenkig nahm er 
schließlich selbst auf einem der Sitzkissen Platz und schlug die 

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- 59 - 

Beine untereinander, als hätte er noch nie im Leben von Rheuma 
oder Gicht auch nur gehört. 

»So hat es Selim offensichtlich doch geschafft, einen Weg in 

die Zukunft zu finden«, begann er schließlich und nahm 
schlürfend einen Schluck von seinem Tee. 

»Um ehrlich zu sein, ich verstehe kein Wort von dem, was 

Sie sagen«, meinte Piper und setzte sich in ihren Cargopants auf 
dem Kissen zurecht. »In welcher Zeit sind wir eigentlich, und 
wer zum Henker ist Selim?« 

»Bitte entschuldigt«, sagte Ibrahim, »ich versprach ja, euch 

die Geschichte von Anfang an zu berichten.« Und zu Piper: 
»Doch was deine erste Frage betrifft: Nach eurer Zeitrechnung 
sind bis zum heutigen Tag«, er überlegte kurz, »fast 800 Jahre 
seit der Geburt des Propheten Jesus ins Land gegangen. Seit 
einigen Jahren herrscht von Bagdad aus Harun al-Raschid über 
diesen Teil der Welt, während im Land der Barbaren ein 
Kriegsherr von Sieg zu Sieg reitet, den sie Karl den Großen 
nennen.« 

Und während Piper und Phoebe diese ungeheuerliche 

Information verdauten, begann der alte Ibrahim zu erzählen: 

 

»Meine verstorbene Frau, Allah sei ihrer Seele gnädig, 

entstammt einer sehr alten, sehr mächtigen Familie. Die 
Mitglieder ihres Geschlechtes verstanden sich seit jeher auf 
Alchemie, Kräuterkunde und die Magie der Elemente, die aber 
nur zum Guten eingesetzt werden durfte.« 

Piper hob eine Augenbraue und warf Phoebe einen raschen 

Blick zu. 

»Seit die Lehren des Propheten Mohammed die Geschicke 

der Menschen in diesem Teil der Erde lenken«, setzte Ibrahim 
hinzu, »ist die im heiligen Koran vorgeschriebene Strafe für 
einen Magie Praktizierenden die Exekution mit dem Schwert. 

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- 60 - 

Daher müssen Zauberkundige heutzutage sehr vorsichtig in der 
Ausübung ihrer Kunst sein. Selbst das Voraussagen der Zukunft 
oder das Erstellen eines Horoskops ist nicht mehr gestattet, auch 
wenn sich der Emir selbst einen Hofastrologen und andere 
Zauberkundige im Palast hält, aber ich schweife ab …« 

»Als ich meine Frau kennen lernte«, fuhr der Alte fort, »war 

ich selbst schon kein junger Mann mehr. Djaudar hingegen war 
noch im Frühling ihres Lebens und doch schon verwitwet. Wir 
heirateten. Djaudar brachte einen kleinen Sohn mit in die Ehe, 
der Selim genannt wurde. Damals hieß es, ihr erster Mann sei 
von einem Tage auf den anderen verschwunden, und tatsächlich 
haben wir lange Zeit nichts von ihm gehört. Selim war für mich 
wie ein eigenes Kind, und ich liebte ihn sehr. 

In den darauf folgenden Jahren schenkte mir Djaudar zwei 

leibliche Söhne: Suleiman und Seif, die ebenfalls mein ganzer 
Stolz wurden. 

Doch in all der Zeit hatte ich das Gefühl, dass Djaudar mir 

irgendetwas verheimlichte, was nicht zuletzt mit dem 
Verschwinden ihres ersten Ehemannes im Zusammenhang zu 
stehen schien.« 

Ibrahim griff zu einer in der Nähe stehenden schlanken 

Wasserpfeife und zündete sie an. 

Ungeduldig rutschten Piper und Paige auf ihren Sitzkissen 

hin und her. 

Seelenruhig nahm der alte Mann erst einmal ein paar tiefe 

Züge. Es folgte ein blubberndes Geräusch, und als Ibrahim den 
Rauch ausblies, erfüllte der Duft von Honigtabak die Luft. 
Endlich fuhr er mit seiner Erzählung fort: 

»Die Jahre gingen ins Land, wir kamen hierher in diese Stadt. 

Ich wurde Gesandter im Palast des Emirs von Ald’maran. Ich 
reiste viel, und einmal traf ich sogar den damaligen Omaijaden-
Kalifen von Bagdad. 

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- 61 - 

Die Jungen wuchsen heran, und mit jedem weiteren Jahr, das 

verstrich, wurde meine Frau verschlossener, wenn es um die 
Ausbildung und die Zukunft unserer Söhne ging. Eines Tages 
dann nahm sie mich zur Seite und gestand mir die ganze, 
grausame Wahrheit: Djaudar hatte Selim von einem Malak 
empfangen.« Ibrahim seufzte schwer. 

»Was ist ein … Malak?«, fragte Phoebe. 

»Die Mala’ika sind so alt wie die Menschheit. Sie sind für 

uns, die Menschen im Morgenland, das, was für die Christen die 
Schutzengel sind«, sagte der Alte. »Ehemals aufrechte 
Erdenbewohner also, die kurz vor ihrem Tod vom großen 
Weltenschöpfer zu Sendboten gemacht wurden.« 

Wie aus einem Munde holten Phoebe und Piper Luft. 

»Der Malak war zur Erde gesandt worden, um meine Frau 

vor der dunklen Seite zu beschützen«, fuhr der Greis fort. »Denn 
Djaudar war eine weiße Zauberin, die einzige noch lebende 
ihres Clans, und ständig in Gefahr, nicht nur von den 
Religionswächtern, sondern auch von den Schergen Iblis’ 
vernichtet zu werden.« 

»Iblis, das ist doch der, den die Christen den Teufel 

nennen?«, fragte Phoebe, obwohl sie die Antwort schon kannte. 

»Das ist wahr.« Der alte Ibrahim nickte. »Es steht 

geschrieben, dass Iblis in der Morgendämmerung der 
Menschheit ein Erzengel Allahs war, der unserem Schöpfer 
jedoch den Gehorsam verweigerte. Daraufhin hat der Herr 
seinen unbeugsamen Diener verflucht und aus dem Paradies 
vertrieben. Und seither bringt Iblis mit seinen Dämonen und 
bösen Dschinnen Tod und Verdammnis über die Welt.« 

»Der gefallene Engel, den man bei uns auch Luzifer nennt«, 

murmelte Piper. 

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- 62 - 

»Hätte man ihn gleich zur Hölle geschickt, anstatt ihn nur aus 

dem Himmelreich zu verjagen, hätte das der Menschheit eine 
Menge Ärger erspart«, bemerkte Phoebe. 

»Wir sollten die Entscheidungen unseres Schöpfers nicht in 

Frage stellen«, sagte der alte Mann ernst. »Gäbe es das Böse 
nicht, gäbe es auch nichts Gutes auf dieser Welt.« Er schlürfte 
seinen Tee und fuhr dann mit seiner eigentlichen Geschichte 
fort. 

»Djaudar erzählte mir, dass sie eines Tages, kurz nach der 

Geburt von Selim, von einem Ghul angegriffen wurde, der sie 
und das Kind, das sie mit sich trug, töten wollte, als sie auf dem 
Weg zum Wasserholen war. Doch zum Entsetzen meiner Frau 
beschützte sie der Malak keineswegs, als dieser am Ort des 
Geschehens erschien, sondern er entriss ihr den gemeinsamen 
Sohn und versuchte nun seinerseits, Djaudar zu töten. Der 
Malak war auf die dunkle Seite übergewechselt und von einem 
Wesen des Lichts zu einer Kreatur der Nacht geworden. 

Mit Hilfe ihrer Magie gelang es Djaudar jedoch, die Zeit 

stillstehen zu lassen –« 

Bei diesen Worten zog Piper vernehmlich die Luft ein. 

Unbeirrt fuhr Ibrahim fort. »– und dann tötete sie den Ghul 

mit einem Vernichtungszauber für Untote. Doch als die Zeit 
wieder ihren gewohnten Lauf nahm, da verschwand der Malak 
in einer blauen Wolke aus Licht und ward nie mehr gesehen.« 

Piper und Phoebe konnten kaum glauben, was sie da hörten. 

Wie märchenhaft und gleichzeitig bekannt ihnen das alles 
vorkam! 

»Kurz darauf nahm Djaudar mich zum Mann, und sie dachte, 

wenn sie mit mir und ihrem kleinen Sohn nach Ald’maran gehen 
würde, so würden die dämonischen Häscher sie aus den Augen 
verlieren. Aber das war ein Trugschluss.« Abermals seufzte der 
alte Ibrahim schwer. 

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- 63 - 

»Viele Jahre lebten wir in Frieden und Wohlstand, und 

Djaudar gestand mir schließlich, wer sie war und was es mit 
dem Verschwinden ihres ersten Ehemannes auf sich hatte. Doch 
das war nur die halbe Wahrheit, wie ich erst sehr viel später 
erfuhr. Als einzige überlebende weiße Zauberin ihres Clans 
hatte sie drei Söhne zur Welt gebracht, die mit ungeahnten 
Kräften ausgestattet waren und deren Schicksal es zu gegebener 
Zeit sein würde, gegen das Böse zu kämpfen. Doch von all dem 
erzählte sie mir und den Jungen nichts.« 

Piper und Phoebe mochten ihren Ohren kaum trauen. 

»Und dann, eines Tages, kam ich von einer Reise nach Hause 

und fand Djaudar tot im Innenhof unseres Hauses. Sie lag in 
ihrem eigenen Blut. Meine beiden ältesten Söhne waren zu 
dieser Zeit bereits Studenten an der Hochschule von Ald’maran, 
wo sie auch wohnten, und Seif befand sich gerade auf dem 
Basar, um einige Besorgungen zu machen. 

Ich ahnte sofort, dass Djaudar ein Opfer von Iblis’ Schergen 

geworden war, denn man hatte ihr das Herz herausgerissen … 
vermutlich, um an ihre Seele zu gelangen, die als Hort für jene 
besonderen Kräfte gilt. Ich konnte den Anblick ihres 
geschundenen Körpers kaum ertragen, und vielleicht bin ich 
deshalb danach auch in kürzester Zeit erblindet.« 

Schweigend tranken Piper und Phoebe ihren Tee. Die Worte 

des Alten beunruhigten und berührten sie gleichermaßen. 

»Wissen Sie«, sagte Piper schließlich langsam. »Meine 

beiden Schwestern und ich … wir sind in unserer Zeit, na ja, wir 
sind das, was auch Djaudar war – weiße Hexen. Und auch 
unsere Aufgabe ist es, gegen das Böse zu kämpfen, wie ihre 
Söhne.« 

»Das weiß ich«, sagte der alte Mann. »Ich wusste es, und ich 

habe es ganz deutlich gespürt, als ich euch vor dem Buch der 
Weisheit 
antraf.« 

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- 64 - 

»Aber  woher  wussten Sie von uns?«, fragte Phoebe. »Und 

was ist das Buch der Weisheit?« 

»Die Botschaften im Buch der Weisheit sind sehr alt – älter 

als die Lehren aller Propheten dieser Welt. Das Buch stammt 
aus einer Zeit, da die meisten Menschen noch die Göttlichkeit in 
allem, was auf Erden ist, erkannten und ehrten. Es war von jeher 
im Besitz der Familie meiner Frau«, sagte Ibrahim. »Djaudars 
Vorfahren, die ja zum größten Teil aus Zauberinnen und 
Magiern bestanden, haben es von Generation zu Generation 
weitergeschrieben und ihren Nachkommen vermacht. Es finden 
sich viele Prophezeiungen darin.« 

Er nahm wieder einen Zug aus seiner Wasserpfeife. 

»Nach dem Tode meiner Frau habe ich meinen Söhnen 

erzählt, was ich wusste, und ihnen das Buch übergeben. Ich 
ahnte ja nicht, dass ich damit ihr Schicksal besiegeln würde.« 

Piper und Phoebe konnten sich fast denken, was nun kam. 

»Und dann hat Seif, mein Jüngster, die große Macht des 

Buches entfesselt, indem er seinen Brüdern den 
Initiationsspruch vorlas, und von diesem Tag an waren meine 
drei Söhne dazu verdammt, bis an ihr Lebensende gegen das 
Böse zu kämpfen – der Bund der Magier war begründet 
worden.« 

»Das kommt uns sehr  bekannt vor«, sagte Phoebe, »aber 

noch mal, woher wusste man von uns, und warum wurde Paige 
hierher entführt?« 

»Es gibt hier einen sehr mächtigen Dämon mit Namen Zeyn. 

Er lebt in dem alten schwarzen Turm hinter dem Friedhof von 
Ald’maran«, sagte Ibrahim. »Seit Jahren schon versucht er, 
mithilfe der Schwarzkunst immer mehr Macht an sich zu reißen 
und die Aufrechten und Tapferen aus unserer Welt zu 
verbannen.« Der alte Mann schlug bekümmert die Augen 
nieder, dann ergriff er eine Gebetskette aus Holzperlen, die auf 

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- 65 - 

dem Messingtisch lag, und umklammerte sie fest, bevor er 
fortfuhr. 

»Meine Söhne kämpfen nun schon einige Zeit gegen diesen 

Dämon und seine Kreaturen, doch vor etwa zwei Wochen ist es 
Zeyn gelungen, Suleiman und Seif zu ergreifen und sie in seinen 
Turm zu verschleppen. 

Selim fand heraus, dass Zeyn ihnen offensichtlich durch 

Berührung ihre Kräfte stahl. Und er hatte in Erfahrung gebracht, 
dass der Erzdämon seit neuestem gute wie schlechte Magie in 
sich aufzunehmen vermochte, wie ein Schwamm Wasser 
aufsaugt. Und das bedeutete, dass Zeyn, da er nun auch die 
Kräfte meiner beiden Söhne in sich trug, jetzt mächtiger war als 
je zuvor.« 

Ibrahim senkte kummervoll sein schlohweißes Haupt und 

ließ die Kette durch seine Finger gleiten. »Ich weiß allerdings 
nicht, ob Seif und Suleiman überhaupt noch leben, und auch 
Selim konnte seit dem Tag, da sie verschwanden, keinen 
Kontakt mehr zu seinen Brüdern herstellen.« Seine Stimme 
zitterte leicht, als er weitersprach. 

»Selim versuchte daher, mit Hilfe des Buchs der Weisheit 

einen Ausweg zu finden, um seine Brüder zu retten, sofern sie 
von Zeyn noch nicht getötet worden waren, und den Untergang 
der Welt, wie wir sie kennen, doch noch zu verhindern. 

Das Schicksal half ihm dabei und zeigte ihm die Seite, die 

auch ihr im Buch der Weisheit gesehen habt, und er stieß auf 
eine Prophezeiung, die besagte, dass es irgendwo in ferner 
Zukunft eine ihm verwandte Seele gäbe, die ihm helfen könne.« 

»Paige!«, riefen Piper und Phoebe wie aus einem Munde. 

Der alte Mann nickte. »Und so fand er schließlich einen Weg, 

in eure Zeit zu reisen, um eben diese Person, eure Schwester, 
ausfindig zu machen. Er erzählte mir, er könne vermittels des 
Buchs der Weisheit hier oben im Haus ein Zeitportal erschaffen, 

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- 66 - 

das den Reisenden in die Lage versetzt, sich mit den Menschen 
am jeweiligen Zielort ohne Schwierigkeiten zu verständigen. 
Wie ihr seht, ich spreche in meiner und ihr in eurer 
Muttersprache, und doch ist es so, als stammten wir aus einer 
Familie.« 

»Na ja, andernfalls wäre so ein Zeitportal ja auch ziemlich 

nutzlos«, bemerkte Phoebe. 

»Selim«, fuhr der Alte fort, »hat sodann diese Reise in die 

Zukunft einige Male unternommen, bevor er schließlich vor 
einer Woche nicht mehr aus eurer Zeit zurückgekehrt ist. Ich 
habe seitdem auch von ihm nichts mehr gehört.« 

»Weil er Paige schließlich aufgespürt und dann heute mit ihr 

Kontakt aufgenommen hat«, schlussfolgerte Phoebe. 

»Aber wo ist Paige?«, rief Piper mit ungeduldiger Stimme. 

»Es muss Selim irgendwie gelungen sein, sie hierher zu 

bringen«, sagte der Alte, »denn sonst wäret auch ihr nicht in 
Ald’maran, habe ich Recht?« 

»So ist es«, bestätigte Phoebe. »Wir hatten Paige heute 

längere Zeit nicht erreichen können«, erklärte sie Ibrahim. 
»Zuvor jedoch hatte ich einen Zettel mit der Adresse eines 
Hotels an ihrem verlassenen Arbeitsplatz gefunden und … Nun, 
um es kurz zu machen: Wir sind zu diesem Hotel gefahren, um 
sie zu suchen, doch als wir das Gebäude betreten wollten, 
landeten wir hier. Genau im Eingang des Hauses in Nob Hill 
muss sich also das Zeitportal von Selim befunden haben, und es 
spricht einiges dafür, dass auch Paige es benutzt hat.« Sie sah 
ihre Schwester erwartungsvoll an. 

»Doch irgendwas muss schief gelaufen sein«, überlegte Piper 

weiter, »denn von Paige fehlt hier wie dort jede Spur. Ich meine, 
wenn sie mit Selim hier angekommen wäre, hätte sich ihr Sohn 
doch sicherlich mit Ihnen in Verbindung gesetzt?« Sie schaute 

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- 67 - 

Ibrahim fragend an und vergaß dabei völlig, dass er sie ja gar 
nicht sehen konnte, doch der alte Mann nickte. 

»Womöglich irrt sie jetzt hier irgendwo in Ald’maran herum, 

oder aber –« Sie brach ab und blickte Phoebe besorgt an. 

»Es schmerzt mich, es auszusprechen«, sagte Ibrahim, »doch 

ich fürchte, auch eure Schwester und Selim gerieten in Zeyns 
Fänge, und –«, er machte eine längere Pause. »Und somit ist es 
nun an euch, Zeyn zu vernichten, oder aber er vernichtet uns und 
damit auch die Welt, wie ihr sie kennt.« 

»Und wie bitteschön sollen wir das anstellen?«, rief Phoebe 

verzweifelt aus und sah Hilfe suchend zu Piper. »Ohne Paige … 
und damit ohne die Macht der Drei?« 

»Ganz einfach, wir müssen Paige finden und befreien, wo 

auch immer sie ist«, sagte Piper entschlossen. »Und Gott gebe, 
dass sie noch im Besitz ihrer Kräfte ist.« 

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- 68 - 

F

ÜR EINEN MOMENT STARRTE PAIGE die beiden 

jungen Männer nur schweigend an. Derjenige, der sich ihr als 
Suleiman vorgestellt hatte, mochte um die fünfundzwanzig sein, 
wohingegen Seif fast noch ein Teenager war. 

Suleiman war groß und schlank. Er besaß ein schmales, 

ernstes Gesicht mit einer aristokratischen Nase, einem 
energischen Kinn und einem wohlgeformten Mund. Sein glattes 
schwarzes Haar reichte ihm bis über die Schultern, und seine 
klaren, grünbraunen Augen blickten Paige ruhig an. 

Seif dagegen war etwas kleiner und kräftiger als sein älterer 

Bruder. Er hatte ein herzförmiges, spitzbübisches Gesicht unter 
einem zerzausten dunkelbraunen Lockenschopf und lebhafte, 
fast bernsteinfarbene Augen mit langen dunklen Wimpern. 

»Ihr seid Selims Brüder?«, fragte Paige ungläubig. »Hat er 

euch etwa auch hierher gelockt und eingekerkert?« 

Die beiden Angesprochenen sahen sich verständnislos an. 

»Nein, das war Zeyn«, sagte Suleiman schließlich und erhob 
sich müde von der Bank. 

»Wer bist du?«, wollte der junge Seif wissen. Er sprang auf 

und trat an das Zellengitter heran. Seine goldbraunen Augen 
strahlten die schöne Fremde in dem blassgelben Hosenanzug in 
einer Mischung aus Hoffnung und Neugierde an. 

Paige sagte es ihnen. Und sie berichtete den beiden auch von 

ihrem Treffen mit Selim im South Bay Sozialdienst, wobei sie 
die Tatsache, dass sie sich in den jungen Mann hoffnungslos 
verliebt hatte, diskret unter den Tisch fallen ließ. 

Und schließlich schilderte sie Suleiman und Seif, wie sie und 

Selim das Hotel in Nob Hill betreten hatten und sie daraufhin in 
diesem Kerker erwacht war. 

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- 69 - 

»Soll das heißen, du kommst aus der Zukunft?«, fragte Seif 

mit großen Augen, als Paige geendet hatte. 

»So ist es«, sagte sie, »doch würdet ihr beide mir jetzt bitte 

mal erklären, was hier eigentlich gespielt wird und warum mich 
euer Bruder hierher gebracht hat?« 

»Sag mal, scheint in der Zukunft denn niemals die Sonne?«, 

wollte Seif wissen. »Ich meine, weil du so schrecklich blass bist 
…« 

Suleiman warf seinem Bruder einen strafenden Blick zu und 

übernahm es, Paiges Frage zu beantworten. »Ich denke, Selim 
hat sich um Hilfe an dich gewandt«, sagte er, »nachdem ich und 
mein Bruder von Zeyn gefangen genommen wurden. Du musst 
wissen, wir drei sind der Bund der Magier und dazu bestimmt, 
das Böse in dieser Welt zu vernichten.« 

Paige hatte das Gefühl, nicht richtig verstanden zu haben, 

doch sie schwieg. 

Und dann erzählte Suleiman ihr in kurzen Zügen von seiner 

Mutter Djaudar, ihrem ersten Ehemann, dem Malak, und dem 
Buch der Weisheit. 

»Schließlich ist es Zeyn, dem Dämon, gelungen, unserer 

habhaft zu werden«, beendete Suleiman seinen Bericht. »Seine 
Häscher haben uns im Schlaf überfallen, und Zeyn hat uns hier 
in seinem schwarzen Turm eingekerkert, uns berührt und damit 
unsere Kräfte gestohlen, und …«, er stockte einen Moment und 
fuhr sich in einer verzweifelten Geste durch das schulterlange 
Haar, »und wenn er nun auch noch unseren Bruder Selim 
ergreift, dann wird … sich die Hölle auf Erden auftun.« 

Paige schwirrte der Kopf, und ein leichtes Schwindelgefühl 

nahm von ihr Besitz. Sie brauchte einen Moment, um das 
soeben Gehörte zu begreifen und in einen Zusammenhang zu 
bringen. Demnach hatte die abstoßende Kreatur sie berührt, als 
sie ohnmächtig gewesen war, um an ihre Kräfte zu gelangen … 

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- 70 - 

Der Traum, den sie vor ihrem Erwachen geträumt hatte, war 
also nur zum Teil ein Produkt ihrer Phantasie gewesen. Der 
Gedanke, dass das abstoßende Geschöpf Hand an sie gelegt 
hatte, verursachte ihr Übelkeit. 

»Also hat Selim mit Hilfe des Buchs der Weisheit einen Weg 

in die Zukunft gefunden, um mich ausfindig zu machen?«, 
fragte sie schließlich mit belegter Stimme. 

»So scheint es«, sagte Suleiman. »Die Frage ist nur, wieso 

gerade dich?« 

Paige fand es allmählich an der Zeit, den beiden Brüdern über 

sich und ihre Schwestern zu erzählen. Sie berichtete von der 
uralten Hexendynastie, der sie entstammten, ihren einzigartigen 
Zauberkräften, der Macht der Drei, dem Buch der Schatten, und 
sie erwähnte auch die Tatsache, dass sie, Paige, die Tochter 
einer Hexe und eines Schutzengels, eines Wächters des Lichts, 
war. 

Seifs und Suleimans Mienen wurden mit jedem Satz, den 

Paige sprach, fassungsloser. »A-aber …«, stotterte Seif 
schließlich, als die junge Hexe mit ihrem Vortrag fertig war, 
»das ist ja alles fast genauso … wie in unserer Familie.« 

Paige nickte stumm. 

»Selim muss im Buch der Weisheit einen Hinweis auf deine 

zukünftige Existenz entdeckt haben«, schlussfolgerte Suleiman. 
»Und dann hat er einen Weg gefunden, in eure Zeit zu reisen 
und mit dir, einer verwandten Seele, Kontakt aufzunehmen. Eine 
Art Zeittor, wie ich vermute, das, wie wir ja selbst sehen, sogar 
die Macht besitzt, den Reisenden in die Lage zu versetzen, mit 
den Menschen am Ankunftsort in ihrer Sprache reden zu 
können.« 

»Ja, ’ne echt tolle Sache«, meinte Paige aufgebracht. 

»Allerdings hat mir das alles wenig genützt. Ich hocke hier in 
diesem verdammten Turm fest, weil Zeyn offensichtlich von 

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- 71 - 

dem Portal wusste, von Selim fehlt jede Spur, in meiner Zelle 
sitzt jetzt ein vermutlich stinksaurer Zombie, und ich habe keine 
Ahnung, wie ich hier rauskommen, geschweige denn in meine 
Zeit zurückkehren kann, um meine Schwestern für die Macht 
der Drei 
zusammenzutrommeln.« Sie holte tief Luft. 

»Du hast den Ghul in deiner Zelle eingeschlossen?«, fragte 

Seif ungläubig und sperrte Mund und Ohren auf. 

»Ghul?« Paige verzog angeekelt das Gesicht. »Wenn du diese 

halb verfaulte Gesichtsbaracke meinst, ja, der, ähm, Ghul war 
recht einfach zu überwältigen, auch ohne meine Zauberkräfte.« 

Seif sah Suleiman grinsend an und hob anerkennend eine 

Augenbraue. 

Doch Suleiman hatte das dumpfe Gefühl, das etwas von dem, 

was Paige zuvor gesagt hatte, ungemein wichtig war. Er konnte 
sich nur nicht mehr erinnern, was genau das gewesen sein 
konnte. 

»Ich möchte wissen, was mit Abu passiert ist«, sagte Seif 

plötzlich. 

»Wer zum Teufel ist jetzt wieder Abu?«, fragte Paige. 

»Ein Nubier, der bis vor ein paar Tagen in der Zelle nebenan 

gesessen hat«, erklärte Seif. »Zeyn hat ihn holen lassen, als er 
uns hier eingesperrt hat. Da haben wir ihn gesehen.« 

»Abu ist ein Beschwörer des Geistes und hat zuletzt im Palast 

des Emir als persönlicher Berater gedient«, fügte Suleiman 
hinzu. »Selim und ich haben ihn in der Bibliothek der 
Universität kennen gelernt. Abu vermag allein mit der Kraft 
seiner Gedanken drohende Gefahren zu erkennen. Er hat zwar 
nur ein Auge, aber mit diesem sieht er wohl mehr, als jeder 
andere von uns. Wie dem auch sei, Seif und ich vermuten, dass 
sich Zeyn Abus Kräfte ebenfalls einverleibt hat. Doch wir 
wissen nicht mit Sicherheit, was aus ihm geworden ist.« 

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- 72 - 

»Das ist zwar alles sehr bedauerlich«, meinte Paige, »aber ich 

muss versuchen, aus diesem Turm herauszukommen. Kennt ihr 
euch hier vielleicht ein bisschen aus? Was könnte der sicherste 
Fluchtweg sein?« Und als keine Antwort kam: »Hallo, jemand 
zu Hause?« 

»Du kannst hier nicht heraus«, sagte Seif langsam. »Die 

Pforte des Turms ist durch eine magische Falle gesichert. Jeder 
Sterbliche, der ohne Zeyns Erlaubnis hinein- oder hinauswill, 
wird auf der Stelle getötet. Und selbst, wenn du es schaffen 
solltest, bis ganz nach unten zu gelangen, dann wird dich 
spätestens in der großen Säulenhalle Zeyn erwarten, um dich zur 
Hölle zu schicken.« 

 

Der alte Zeyn starrte in die Schale mit der trüben Flüssigkeit 

und grunzte. 

Chatun, sein untoter Diener, hatte behauptet, die Oberfläche 

des Seelenspiegels habe sich zweimal bewegt. Das würde 
bedeuten, dass wenigstens eine Kreatur aus der Zukunft das 
Zeitportal benutzt haben musste, noch bevor er den Bann über 
die Stadt gelegt und die Hexe in ihrem Gefängnis aufgesucht 
hatte. 

Allerdings war sein Kontakt zu Selim in dem Moment 

abgebrochen, als er die Hexe dem Zeitstrom entrissen und 
hierher gebracht hatte, was nur heißen konnte, dass Selim sich 
nicht in seiner Zeit und damit nicht in Ald’maran aufhielt. 

»Komm her«, rief er seinen Lakaien zu sich, der sich auch 

sofort in Bewegung setzte. 

»Wer immer ohne mein Wissen durch das Zeittor nach 

Ald’maran gelangt ist: Ich will ihn oder sie haben!« 

Chatun nickte stumm. 

»Geh und hol den Algol, schick ihn in die Stadt – und findet 

den oder die Eindringlinge!«, donnerte Zeyn. 

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- 73 - 

 

Zielstrebig lief Selim durch die Prescott Street, bis er das 

große ziegelrote Haus im viktorianischen Stil erblickte. 

Ein freundlicher alter Herr, der nicht weit von hier in seinem 

Garten gearbeitet hatte, hatte ihm schließlich den 
entscheidenden Hinweis geliefert, als sich Selim bei ihm nach 
dem Haus einer gewissen Paige Matthews und deren Schwestern 
erkundigt hatte. 

»Ach, Sie meinen Halliwell Manor?«, hatte der alte Mann 

gesagt, »ja, sicher kenne ich es, das gehört jetzt Pennys 
Enkelinnen, drei wirklich hinreißende Mädchen …«, und ihm 
bereitwillig den Weg dorthin erklärt. 

Das Haus, in dem Paige lebte, lag ein wenig erhöht, und man 

musste eine kleine Steintreppe erklimmen und einen hübschen 
Vorgarten durchschreiten, bis man den überdachten Eingang 
erreichte. 

Selim klopfte an die Vordertür und strich sich nervös eine 

widerspenstige Locke aus der Stirn. 

Nach einer schier endlos erscheinenden Weile öffnete ihm 

ein blonder, gut aussehender Mann und sah ihn aus 
kristallklaren Augen an. 

Bei seinem Anblick hatte Selim einen Herzschlag lang das 

Gefühl, am wohlverdienten Ende einer langen Reise 
angekommen zu sein. Und gleichzeitig ahnte er, dass er noch 
eine lange, gefährliche Strecke vor sich hatte, bei der 
keineswegs sicher war, dass er sein Ziel auch erreichte. 

»Guten Tag«, sagte er mit heiserer Stimme und räusperte 

sich, »mein Name ist Selim und ich –« 

»Ich weiß, wer du bist«, sagte Leo. »Und ich habe dich schon 

erwartet.« 

 

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- 74 - 

Zögernd traten Piper und Phoebe aus Ibrahims Haus hinaus 

auf die Straße und sahen sich um. 

Der alte Mann hatte den beiden Mädchen knöchellange 

Gewänder und Gesichtsschleier herausgesucht, die noch von 
seiner verstorbenen Frau stammten, damit sie sich der Zeit und 
dem Ort gemäß kleiden und unerkannt unter die Menge mischen 
konnten. 

»Wenigstens muss man sich in dieser Aufmachung keine 

Sorgen um sein Make-up oder die Frisur machen«, kicherte 
Phoebe hinter ihrem Schleier, als sie losmarschierten. 

»Stimmt, unter dieser Verkleidung kann man beobachten, 

ohne selbst beobachtet zu werden«, sagte Piper. 

Ibrahim hatte ihnen auch ein wenig mehr von dem schwarzen 

Turm erzählt, in dem der unheimliche Zeyn residierte und der 
am Ende der Stadt auf einem Hügel stand. Und die beiden 
Schwestern nahmen an, dass der Schlüssel zur Aufklärung von 
Paiges und Selims Schicksal genau dort zu finden war. Wie auch 
Ibrahims leibliche Söhne sehr wahrscheinlich in dem Turm 
gefangen gehalten wurden, sofern sie noch lebten. 

Doch um das düstere Bauwerk zu erreichen, mussten sich 

Piper und Phoebe nun durch ganz Ald’maran schlagen. 

Die Stadt war staubig und heiß. 

Piper und Phoebe beschlossen, den Weg durch den 

überdachten, riesigen Basar zu nehmen, um in seinem 
Getümmel unterzutauchen. 

Überall herrschte emsiges Treiben und Stimmengewirr. Je 

näher sie dem Markt kamen, umso größer wurde der Trubel. 

Und dann fanden sich die beiden Zauberhaften  unversehens 

inmitten eines orientalischen Basars wieder, schier überwältigt 
von der Farbenpracht, dem Gewühl und den zahlreichen 
Gerüchen, die hier herrschten. 

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- 75 - 

Der Markt war ein Labyrinth aus hohen überkuppelten 

Gängen und Gassen, in denen das Warenangebot nach Art und 
Herkunft sortiert zu sein schien. 

Ihre Blicke schweiften umher, als sie sich im Strom der 

anderen Besucher vorwärts schoben. 

In einem Gang verkauften Händler possierliche Äffchen, 

Papageien, Jagdfalken und schreiende Pfauen an die 
wohlhabenderen Bürger der Stadt. In einem anderen 
präsentierten Waffenhändler Säbel, Dolche, Bögen und Köcher. 

Nicht weit davon fanden sich die Sattelmacher, die 

Reitgeschirr aller Art feilboten. Und in einem anderen Bezirk 
priesen Marktschreier irdenes und kupfernes Geschirr und 
anderen Hausrat an. 

»Hier hat Handwerk offensichtlich noch goldenen Boden«, 

raunte Phoebe ihrer Schwester zu, die unvermittelt stehen 
geblieben war und sich staunend ein paar Mal im Kreise drehte. 

Ein ganzer Distrikt schien eigens für Lebensmittel 

vorgesehen. Hier bogen sich die Stände und Auslagen unter 
allerlei Obst und Gemüse, Säcken mit Hülsen- und 
Trockenfrüchten, Rosinen und Nüssen. Einige Händler hatten 
sich ganz auf Essenzen, Tinkturen, Gewürze und Kräuter 
spezialisiert, von denen selbst die erfahrenen Hexen nicht in 
jedem Fall die Namen kannten. 

In einem anderen Bereich warteten Teppich- und 

Tuchhändler auf Kunden. Die meisten von ihnen hatten es sich 
auf kleinen Kamelhockern oder Kelims gemütlich gemacht, 
tranken Tee, schwatzten oder rauchten Wasserpfeife. 

Und in einem durch riesige schmiedeeiserne Deckenlüster 

besonders hell erleuchteten Gang fanden sich die Gold- und 
Silberschmiede, in deren Verkaufsräumen es funkelte wie in Ali 
Babas Schatzhöhle. Kunstvoll gefertigte Kleinodien und 
prächtigstes Geschmeide, wohin das Auge sah. 

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- 76 - 

»Ich hoffe, wir finden hier jemals wieder heraus«, hauchte 

Piper, als sie einen weiteren Säulengang betraten, in dem man 
dampfende Reisgerichte, Fleischspieße, Hammeleintopf mit 
Bohnen, Honiggebäck, Sesamkuchen und frisches Fladenbrot 
kaufen konnte. 

»Das sieht aber lecker aus«, bemerkte Phoebe mit Blick auf 

die altorientalischen Fastfood-Stände, und dann fiel ihr ein, dass 
sie ja noch nicht einmal Geld besaßen für den Fall, dass sie 
länger hier bleiben und sich verpflegen mussten. »Ob Mundraub 
hier wohl ebenso scharf geahndet wird wie Diebstahl?«, fragte 
sie ihre Schwester. »Ich hab gehört, die Muslime hacken einem 
die rechte Hand ab, wenn man was gestohlen hat, stimmt das?« 

»Denk nicht mal ans Essen«, knurrte Piper und zog Phoebe 

mit sich. »Wir haben Dringenderes zu tun, als uns hier die 
Bäuche voll zu schlagen und vor dampfenden Fleischtöpfen 
Maulaffen feilzuhalten.« 

In diesem Moment sah sie, wie sich eine vermummte Gestalt 

in dem Gedränge des Basars zielstrebig zu ihnen durchschlug. 
Sie überragte alle anderen Besucher um gut einen Kopf und kam 
eilends näher. Dessen ungeachtet wirkten ihre Bewegungen ein 
wenig steif, als ob das Laufen ihr eine gewisse Mühe bereitete. 

Piper erschrak, als der Überwurf des Mannes für einen 

Moment aufklappte und den Blick auf eine schuppige Hand und 
lange, stahlhart wirkende Krallen freigab. Und diese entsetzliche 
Klaue langte gerade nach einem Dolch mit juwelenbesetztem 
Griff, der im Gürtel steckte! 

»Los, hier entlang! Schnell!«, rief sie und schob Phoebe in 

einen etwas weniger belebten Seitengang, in dem sich 
offensichtlich die Geldwechsler und Kreditgeber eingerichtet 
hatten. 

»Was … ist denn … los?«, stotterte Phoebe, doch als sie im 

Laufen einen Blick über die Schulter warf, sah sie, wie sich eine 

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- 77 - 

große verhüllte Gestalt an ihre Fersen heftete und ihnen 
beharrlich nachsetzte. »Man verfolgt uns!« 

»Ich weiß!«, rief Piper und verdrehte die Augen, während sie 

ihre Schwester mit sich zog. 

»Was will der denn von uns?«, fragte Phoebe verwirrt, als sie 

sich durch die Menge flüchteten. 

»Also ich glaube nicht, dass er vorhat, uns nach der Uhrzeit 

zu fragen«, gab Piper gehetzt zurück, bevor sie Phoebe am 
Ärmel packte und in einen weiteren Gang zerrte. 

Nach einigem Gedränge und Geschubse fanden sie 

schließlich einen Weg aus dem Basar hinaus und stolperten in 
eine schmutzige, enge Gasse. Der Gestank hier warf sie beinahe 
um, doch die beiden Hexen hatten keine Zeit, sich über die 
örtlichen hygienischen Verhältnisse den Kopf zu zerbrechen. 

Ihr unheimlicher Verfolger hatte es nämlich ebenfalls aus der 

Markthalle hinaus geschafft und holte zügig zu ihnen auf. 

Die Schwestern verfielen in Trab, durchquerten diverse 

Torbögen, bogen um etliche Häuserecken und mussten 
schließlich feststellen, dass sie in einer Sackgasse gelandet 
waren. Vor ihnen erhob sich eine hohe Ziegelmauer – ohne 
Durchgang. 

»Verdammter Mist!«, rief Piper aus. »Immer rennt man in 

eine Sackgasse, wenn man es am wenigsten braucht!« 

Mit gehetztem Blick fuhren sie herum und sahen, dass sie den 

Vermummten keineswegs abgehängt hatten. Ohne große Eile, 
und doch unmissverständlich drohend, kam er näher. 

Da wurde es Piper zu bunt. Sie riss den Arm in die Höhe und 

fror die Zeit ein. Die Welt um sie herum erstarrte, sämtliche 
Geräusche verstummten, und auch ihr mysteriöser Verfolger 
stand nun reglos inmitten der Gasse, während die beiden Hexen 
einen Moment lang verschnauften. 

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- 78 - 

»Los, lass uns von hier verschwinden!«, zischte Piper ihrer 

Schwester zu. Schon stürmten sie vorbei an ihrem 
bewegungsunfähigen Gegner und flogen schier eine grob 
behauene Treppe hinab, auf der die Menschen ebenfalls wie 
angewurzelt dastanden. 

Als sie in einen überwölbten Torweg einbogen, in dem ein 

ebenholzschwarzer Nubier mit einem Esel im Schlepptau wie 
versteinert auf der Stelle verharrte, begann die Zeit wieder 
anzulaufen. 

Die beiden Schwestern sprangen über verrottenden Unrat, 

scheuchten träge herumliegende Katzen und spielende Kinder 
auf, wären beinahe in eine brackige Abwasserrinne gestolpert 
und rannten um ein Haar eine Beduinenfrau über den Haufen, 
die schwer beladen Richtung Basar unterwegs war. 

Und die Tatsache, dass sie ihre Flucht in fast bodenlangen, 

schweren Gewändern unternehmen mussten, machte es nicht 
eben einfacher. Mehr als einmal gerieten die Schwestern auf 
dem unebenen Kopfsteinpflaster der größeren Straßen ins 
Straucheln und fluchten. 

Nachdem sie eine Weile kreuz und quer durch das 

Gassengewirr der Altstadt von Ald’maran gehetzt waren und 
immer wieder Haken geschlagen hatten, eilten sie schließlich 
kopf- und ziellos über eine mit Naturstein gepflasterte, von 
Platanen gesäumte Allee in eine parkähnliche Anlage. 

Bei einem kleinen Palmenhain hielten sie schwer atmend 

inne und sahen sich um. Von ihrem Verfolger war nichts zu 
sehen. 

Rings um den Park standen herrliche Häuser aus hellem 

Stein, manche mit kleinen farbigen Kuppeln, andere mit 
filigranen Fassaden oder geometrischen Einfassungen aus 
dunkelblauen Fliesen. Rechter Hand waren protzige 
orientalische Stadtvillen mit Terrassen, Obstgärten und 
begrünten Dächern, sowie eine beeindruckende Moschee aus 

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- 79 - 

schneeweißem Marmor mit einem üppig verzierten Minarett zu 
erkennen. 

Offensichtlich standen sie mitten im Nobelviertel von 

Ald’maran. 

Eine Gruppe verschleierter Frauen mit einem Tross von 

Dienerinnen und schwarzen Sklaven flanierte vorbei, ohne die 
beiden herumstehenden Mädchen auch nur eines Blickes zu 
würdigen. 

Linker Hand erhob sich eine riesige Anlage, bei der es sich 

nur um die Residenz des Emirs handeln konnte – das mächtige 
weiße Gebäude besaß zahlreiche Anbauten mit Türmchen, 
Galerien, vergoldeten Kuppeln, Rundbögen aus farbigen 
Mosaiken und einen bewachten Vorplatz von der Größe eines 
Olympiastadions. Sämtliche Alleen der Stadt schienen auf eben 
dieses Bauwerk hinzuführen. 

»Gegen diesen Palast wirkt das Weiße Haus ja wie sozialer 

Wohnungsbau«, bemerkte Piper. 

»Wie wohl erst der Kalif von Bagdad wohnen mag?«, fragte 

sich Phoebe, und ein verträumter Ausdruck erschien in ihrem 
Blick. 

Für ein paar Sekunden ließen die beiden Schwestern die 

ganze Pracht und Herrlichkeit des Orients auf sich wirken, bevor 
sie sich wieder daran erinnerten, weswegen sie hier waren und 
dass ihnen offensichtlich jemand auf den Fersen war. 

»Los, lass uns weitergehen«, sagte Piper dann auch plötzlich, 

»wir stehen hier ja wie auf dem Präsentierteller!« 

In der Ferne ragte der schwarze Turm gen Himmel – ihr 

eigentliches Ziel. Und eben diese Richtung einschlagend 
durchquerten die beiden Schwestern den schattigen Park und 
flüchteten sich unter einem Torbogen hindurch in einen 
gepflasterten Innenhof. 

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- 80 - 

Dort eilten sie in den Schutz eines lang gestreckten, weiß 

getünchten Steingebäudes, von dem sie inständig hofften, dass 
es für den Fall der Fälle so etwas wie einen Hinterausgang 
besaß. 

Ein wenig außer Atem versteckten sie sich in dem schattigen 

Säulengang hinter einem der mit hübschen Mosaiken 
versehenen Pfeiler. »Haben wir diesen Dolchheini 
abgeschüttelt?«, flüsterte Phoebe. 

Piper wagte einen kurzen Blick in den Innenhof. Es war 

nichts und niemand zu sehen. »Scheint so.« Sie hielt inne und 
kniff die Augen zusammen. »Ich glaube allerdings, unser 
Verfolger war irgendwie nicht … menschlich …« 

Phoebe sah ihre Schwester erschrocken an. »Was soll das 

heißen?« 

»Na ja«, begann Piper, »als er im Basar auf uns zustürmte, 

klaffte sein Umhang für einen kurzen Moment auf, und da hab 
ich seine Hand gesehen, und …« 

»Ja und?«, drängte Phoebe. 

»Es war eher … eine Klaue … schuppige, ledrige Haut … 

mit merkwürdig langen spitzen Krallen, du weißt schon …« 

Phoebe riss die Augen auf. »Du meinst, das war ein Dämon? 

Womöglich einer aus dem Gefolge von diesem Zeyn? Oder gar 
Zeyn selbst?« 

»Was weiß ich?«, flüsterte Piper und zog ihre Schwester 

hinter eine der Säulen. »Wir müssen jedenfalls höllisch 
aufpassen, dass wir nicht in die Hände dieses 
Größenwahnsinnigen fallen. Du hast ja selbst gehört, was er mit 
Ibrahims Söhnen gemacht hat und –« 

»Warum hast du diesen vermummten Typen, nachdem du die 

Zeit eingefroren hattest, nicht einfach in seine Bestandteile 
zerlegt und in die ewigen Jagdgründe geschickt?«, fragte 
Phoebe. 

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- 81 - 

»Ich kann dir nicht genau sagen, wieso, aber es erschien mir 

auf einmal klüger, die möglichen Hintermänner unseres 
Verfolgers in dem Glauben zu lassen, dass sie es mit zwei ganz 
normalen Frauen zu tun haben …« 

»Piper«, begann Phoebe langsam, »ich möchte ja keine 

schlechte Laune aufkommen lassen, aber … irgendwas stimmt 
hier nicht.« 

»Wenn du darauf hinauswillst, dass wir bis zum Hals im 

Dreck stecken, dann ist das jetzt nichts wirklich Neues für mich, 
Phoebe«, gab Piper zurück. Im gleichen Moment stutzte sie und 
sah ihre Schwester stirnrunzelnd an. »Oder hab ich irgendwas 
nicht mitgekriegt? Was genau meinst du?« 

»Na ja«, Phoebe spielte gedankenverloren mit ihrem 

Gesichtsschleier, »mir ist nur gerade was aufgefallen. Wenn 
unser Verfolger wirklich einer von Zeyns Leuten war, woher 
wusste Zeyn eigentlich, dass wir überhaupt hier sind?« 

Sie machte eine kurze Pause. »Wie du dich erinnerst, sind wir 

aus dem Zeittunnel direkt in Ibrahims Haus materialisiert. 
Niemand außer dem alten Mann hat uns dort gesehen, und im 
Basar können wir auch nicht groß aufgefallen sein in unseren 
landestypischen Gewändern – es sei denn«, sie holte tief Luft, 
»jemand sucht in der Stadt gezielt nach Personen, die hier nicht 
hingehören.« 

Darüber musste Piper einen Augenblick lang nachdenken. 

»Du denkst also, die ganze Sache war von vornherein so 
geplant? Ich meine, das mit Paige hat, wenn man Ibrahim 
glauben kann, ja dessen Stiefsohn Selim zu verantworten. Und 
angeblich hatte der für seine Aktion einen guten Grund. 

Aber was ist mit uns und unserem Erscheinen in dieser Zeit? 

Bis jetzt sah es doch ganz so aus, als wären wir rein zufällig, 
weil in Sorge um Paige, in diese Geschichte hineingestolpert … 

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- 82 - 

Und ja … du hast Recht, wenn die Kreatur von vorhin 

wirklich aus Zeyns Gefolge stammt, dann wusste sie, 
beziehungsweise ihr Auftraggeber, ganz genau, dass wir hier 
sind. Und das wiederum kann nur bedeuten, dass jemand es 
Zeyn gesagt haben muss.« 

»Meinst du, der blinde Ibrahim hat uns an ihn verpfiffen?« 

»Das glaube ich nicht«, sagte Piper. »Mir erschien der Alte 

und das, was er uns erzählt hat, absolut vertrauenswürdig. Nein, 
da steckt jemand anderes dahinter.« 

Phoebe sah beklommen zu Boden. »Außer Ibrahim gibt es 

nur noch zwei Personen, die Zeyn von uns erzählt haben 
könnten«, sagte sie schließlich. »Die eine ist Paige, und das 
würde heißen, dass Zeyn sie tatsächlich in seiner Gewalt hat.« 

»Auch wenn es wahrscheinlich so ist, glaube ich nicht, dass 

Paige ihm aus freien Stücken von uns berichtet hat«, wandte 
Piper ein. »Und sofern Zeyn keinen Anlass hatte, Paige gezielt 
nach ihrer Verwandtschaft zu befragen, warum sollte sie ihm 
gegenüber ohne Not ihre beiden Joker preisgeben?« 

»Was uns zu der einzigen anderen Person führt, die dem 

Erzdämon von uns hätte erzählen können«, meinte Phoebe 
düster, »und die heißt Selim.« 

»Aber wozu der ganze Zirkus?«, rief Piper verzweifelt aus. 

»Warum entführt Selim in Zeyns Auftrag unsere Schwester und 
lockt uns hernach auf geradezu abstruse Weise ebenfalls 
hierher? Für einen von langer Hand vorbereiteten Plan erscheint 
mir ein solches Vorgehen viel zu umständlich und 
unkalkulierbar. 

Ich meine, viel wahrscheinlicher wäre es doch gewesen, dass 

du den Zettel in Paiges Büro nie gefunden hättest. Und wie bitte 
hätte uns Selim dann hierher lotsen sollen?« 

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- 83 - 

»Du hast Recht«, sagte Phoebe. »Das passt alles irgendwie 

nicht zusammen. Und doch sieht es so aus, als ob jemand die 
Zauberhaften nun genau dort hat, wo er sie haben will.« 

 

Zögernd trat der Algol vor seinen Meister und senkte sein 

verhülltes Haupt. »Sie sind mir entkommen, Herr«, sagte er 
schließlich. Seine Stimme klang brüchig, fast krächzend. Das 
hatte jedoch weniger mit seinem Versagen als mit der Tatsache 
zu tun, dass ihm die menschliche Sprache nur schwer über die 
nicht vorhandenen Lippen kam. 

»Wie konnte das passieren?«, donnerte Zeyn. 

»Ich habe … ihre Spur beim Basar verloren, Herr.« 

»Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung für dein 

Unvermögen?« 

»Sie scheinen … nicht von dieser Welt zu sein, Meister«, 

sagte der Algol nur. 

»Schön und gut, aber wer sind sie?«, wollte Zeyn wissen. 

»Zwei Frauen«, schnarrte der Algol, »zwei überaus mächtige 

Frauen.« 

 

Zögernd machte Paige die ersten Schritte auf der engen 

Wendeltreppe aus Stein, die den Turm hinabführte. 

Sie hatte mit Seif und Suleiman vereinbart, dass sie sich in 

Zeyns Bastion ein wenig umsah und nach einer 
Fluchtmöglichkeit Ausschau hielt, um Hilfe zu holen. 

Zwar lag die Vermutung nahe, dass der Ghul, den Paige in 

ihrem eigenen Kerker eingeschlossen hatte, auch den Schlüssel 
zur Zelle der beiden Brüder besaß. Doch ohne Waffe oder ein 
anderes geeignetes Mittel, den Untoten außer Gefecht zu setzen, 

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- 84 - 

wagte Paige es nicht, sich ihm noch einmal ohne ihre 
Zauberkräfte entgegenzustellen. 

Solange ihre Zellentür von außen durch den schweren 

Holzbalken gesichert war, konnte der Ghul nicht heraus. Doch 
Paige und die beiden Brüder befürchteten, dass irgendjemand 
ihn schon bald vermissen würde, wenn er ihn nicht mehr an 
seinem Posten vorfand, und Zeyn alarmierte. Es war also eine 
gewisse Eile geboten. 

Die nächste Etage, die Paige erreichte, war nichts mehr als 

eine runde Aussichtsplattform. Die massiven Außenwände 
waren ringsum mit breiten Öffnungen versehen. Von hier hatte 
man einen traumhaften Blick auf Ald’maran und die schier 
endlose Wüste, welche die Stadt umgab. Das hereinfallende 
Tageslicht erhellte den Ausguck von allen Seiten und sorgte 
dafür, dass die klamme Kälte rasch von Paige abfiel. 

Doch die junge Hexe hatte keinen Sinn für die Schönheiten 

der Aussicht. Sie wusste nicht, was sie im nächsten Stock 
erwarten würde, und das bereitete ihr Magenschmerzen. Sie trat 
an eine der Fensteröffnungen und sah hinab in die Tiefe. Sie 
befand sich immer noch in schwindelnder Höhe. Bis zum Boden 
waren es bestimmt an die 80 Meter. 

Wie Paige feststellte, stand der Turm auf einer Art Hügel, 

und das ungepflegte, nahezu kahle Grundstück zu ihren Füßen 
sah aus wie ein alter Friedhof, der sich auf dieser Seite bis 
hinunter zum Abhang erstreckte. Sie erkannte verwitterte, 
teilweise umgestürzte Grabsteine und eine Art Krypta im 
Zentrum des Totenackers. 

Einer Eingebung folgend griff Paige in ihren Lederrucksack 

und holte das in dieser Welt gänzlich nutzlose Handy hervor. Sie 
zögerte einen Moment, bevor sie das Telefon hinab in die Tiefe 
warf. Es fiel und fiel und landete schließlich auf einem 
vertrockneten Pflanzenbeet mitten in einem Dornbusch, der 
nahe der Turmwand stand. 

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- 85 - 

Paige wusste nicht, ob sich diese Aktion für sie als von 

Nutzen herausstellen würde oder ob sie sich damit womöglich in 
noch größere Gefahr begeben hatte. Sie hegte nur die winzig 
kleine Hoffnung, dass, sollten ihre Schwestern je einen Weg in 
diese Zeit und an diesen Ort finden, sie irgendwie auf dieses 
Lebenszeichen von ihr stoßen würden. Sollte jedoch zufällig 
einer von Zeyns Schergen das seltsame Gerät finden, so war 
vermutlich jegliche Hoffnung dahin. 

Sie begab sich wieder zur Wendeltreppe und setzte ihren 

Abstieg fort. Auch die nächste Etage lag still und verlassen da. 
Es war ebenfalls eine Art Plattform, doch die Aussparungen in 
den Mauern hatten lediglich die Größe von Schießscharten. Am 
Boden des ansonsten leeren Raums entdeckte Paige eine alte 
Öllampe, doch nichts, was auch nur annähernd als Waffe 
geeignet war. 

Paige seufzte und stieg weiter die enge Treppe hinab. Es ging 

nun eine Weile abwärts, ohne dass sie ein weiteres Geschoss 
oder einen Absatz erreichte. Doch es schien, als ob der Turm mit 
jeder Umrundung, die sie auf der Wendeltreppe zurücklegte, an 
Umfang zunahm. 

Bald erreichte sie erneut eine Etage, von der mehrere kurze, 

unbeleuchtete Gänge zu ausnahmslos verschlossenen Türen 
führten. Paige rang mit sich. Sollte sie einen dieser Räume 
betreten oder einfach weitergehen? 

In diesem Moment drang von unten ein dumpfes, monotones 

Klopfen an ihr Ohr. Paige biss sich auf die Unterlippe und 
beschloss, den Abstieg fortzusetzen. 

 

»Wo sind wir hier eigentlich?«, fragte Phoebe und lugte in 

den prächtigen Innenhof, in den sie und Piper sich im Zuge ihrer 
Flucht vor dem vermummten Dämon zurückgezogen hatten. 
Noch immer standen sie unschlüssig im Schatten des 
Säulenganges und berieten die nächsten Schritte. 

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- 86 - 

»Keine Ahnung«, sagte Piper. »Aber wir müssen sehen, dass 

wir hier möglichst unauffällig wieder rauskommen und uns zum 
schwarzen Turm durchschlagen, ohne dass wir dieser Kreatur 
erneut in die Arme laufen.« 

»Ich frage mich, warum wir keinen Kontakt zu Leo herstellen 

können.« 

»Das ist mir auch ein Rätsel«, sagte Piper. »Wächter des 

Lichts  können normalerweise Zeit und Raum überwinden, um 
ihre Schützlinge zu erreichen. Einzige Ausnahme bilden Orte, 
die ausschließlich von schwarzer Magie erfüllt sind – wie die 
Unterwelt, in die er uns ja bekanntlich nicht folgen konnte.« 

»Heißt das, wir befinden uns an einem … abgrundtief bösen 

Ort?«, fragte Phoebe. 

»Möglich. Es kann aber auch sein, dass uns irgendetwas 

einfach daran hindert, mit Leo Verbindung aufzunehmen. Ein 
Fluch vielleicht, der über der Stadt liegt, oder ein Bannzauber, 
der den Kontakt zu ihm verhindert.« 

In diesem Moment kam lachend und schwatzend eine Gruppe 

Frauen durch den Hof auf sie zu. Ihre reich bestickten Gewänder 
wirkten wertvoll, die Gesichtsschleier schienen aus filigraner 
Seide zu bestehen, und ihr ganzes Auftreten ließ darauf 
schließen, dass es sich bei ihnen um die Töchter oder Ehefrauen 
wohlhabender Bürger Ald’marans handeln musste. 

Piper und Phoebe zogen sich ihre verschlissenen Tücher 

tiefer ins Gesicht, senkten den Blick und verharrten wie 
angewurzelt an Ort und Stelle. 

»Hier, Mädchen«, sagte eine der Frauen, als sie die beiden 

vermummten Schwestern erreicht hatten, und drückte Phoebe 
ein paar Münzen in die Hand. »Friede sei mit dir.« 

»Und mit dir«, stieß Phoebe hervor, und dann: »Sei bedankt, 

ehrenwerte Dame. Gelobt sei Allah, der Allmächtige.« 

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- 87 - 

Die Frau nickte, und Phoebe glaubte, durch den hauchdünnen 

Gesichtsschleier ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen. Dann 
betrat die Fremde mit ihren Freundinnen das Gebäude, das 
vermutlich ein Dampfbad zu sein schien, denn als die Tür kurz 
geöffnet wurde, schlugen den beiden Schwestern feuchte 
Dunstschwaden entgegen. 

Erstaunt hob Piper eine Augenbraue und sah ihre Schwester 

respektvoll an. »Du scheinst dich ja hier ziemlich schnell 
eingelebt zu haben.« 

Phoebe hob in aller Seelenruhe ihren schäbigen Umhang und 

ließ die Münzen in den Taschen ihrer Jeans verschwinden. 
»Lesen bildet eben«, meinte sie nur. »Und wie du weißt, hab ich 
die Geschichten aus 1001 Nacht schon immer geliebt.« 

»Nun gut, lass uns von hier verschwinden«, meinte Piper. 

Sie überquerten den Platz, schlugen sich wieder ins 

Stadtinnere Richtung Norden und erreichten schließlich einen 
schmucklosen arkadenumgebenen Innenhof mit einem Komplex 
aus Holzboxen und Ställen. 

In einigen der Verschläge standen Kamele, Maultiere und 

Esel, wodurch es im ganzen Hof ziemlich streng roch. 
Offensichtlich eine Karawanserei, in der die Karawanenführer 
samt ihren Lasttieren auf ihrem langen Weg durch die arabische 
Wüste Rast machen konnten. Im Obergeschoss wähnten die 
Schwestern die Quartiere für die Reisenden, da sie dort offen 
stehende Kammern mit am Boden liegenden Strohsäcken 
erkannten, die anscheinend als Schlafplatz dienten. 

Langbärtige Männer mit braun gebrannten, wettergegerbten 

Gesichtern eilten in ihren Kaftanen geschäftig hin und her, 
während andere in Grüppchen zusammensaßen, Mokka tranken, 
Domino spielten, Wasserpfeife rauchten oder einfach nur 
miteinander plauschten und lachten. 

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- 88 - 

Mit gesenkten Köpfen ließen Phoebe und Piper diesen 

augenscheinlich nur Männern vorbehaltenen Ort rasch hinter 
sich. 

Sie passierten Ald’marans Stadtmauer mit dem Westtor zur 

Wüste und hielten sich weiter Richtung Norden, wo der 
schwarze Turm auf dem Hügel stand. 

Die Gegend wurde zunehmend ärmlicher, und an jeder 

Straßenecke wurden die Schwestern nun von Bettlern, 
Straßenjungen, Aussätzigen und anderen Gestrandeten 
angesprochen. »Ein kleines Almosen, ehrwürdige Damen!«, 
»Helft einem vom Schicksal Gebeutelten! Habt ihr nicht Arbeit 
für mich?« Keine Frage, dies war das andere, weniger prächtige 
Gesicht von Ald’maran. 

Schweren Herzens legten Phoebe und Piper einen Zahn zu. 

Es gab nicht viel, das sie zu verschenken hatten. 

Nach wie vor brannte die Sonne heiß vom Himmel, und die 

Schwestern schwitzten in ihren langen Gewändern, unter denen 
sie ja immer noch ihre moderne Kleidung trugen. 

Als sie durch ein schmutziges Torgewölbe in eine 

heruntergekommene Seitengasse einbogen, trat plötzlich eine 
alte zerlumpte Frau auf Phoebe zu und hielt die junge Hexe 
sacht am Ärmel fest. »Habt ihr vielleicht ein bisschen Brot für 
mich?«, fragte sie leise. »Ich habe schon seit Tagen nichts mehr 
gegessen.« 

Phoebe blieb stehen und sah die Alte bekümmert an. Das 

Antlitz der Greisin war nicht verhüllt, und so konnte sie sehen, 
dass ihr ausgemergeltes, faltiges Gesicht feucht von Tränen war. 

Der Anblick brach Phoebe fast das Herz. Sie griff unter ihren 

Umhang, holte eine der Münzen aus ihrer Hosentasche und gab 
sie der alten Frau. 

»Ich danke dir von Herzen, Mädchen«, sagte die Bettlerin. 

»Ich habe nichts, womit ich dir diese gute Tat vergelten kann, 

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- 89 - 

aber ich kann dir zum Dank die Zukunft voraussagen.« Schon 
hatte sie Phoebes Hand ergriffen, obwohl dieser bei dem 
Gedanken, dass ihr eine wildfremde Frau wahrsagte, ganz und 
gar nicht wohl war. Andererseits wollte sie die alte Frau auch 
nicht beleidigen, indem sie die Freundlichkeit zurückwies. Also 
ließ sie die Alte gewähren. 

Die Bettlerin sah sich eilig nach links und rechts um. »Ich 

sehe, ihr kommt nicht von hier, also sprecht mit niemandem 
über das, was ich nun tue«, sagte sie dann, »denn die neue 
Religion verbietet es.« 

Phoebe nickte; Piper trat ungeduldig von einem Bein aufs 

andere. 

»Du hast vor kurzem einen großen Verlust erlitten«, sagte die 

Bettlerin, als sie Phoebes rechte Handfläche betrachtete. 

Phoebe sah betroffen zu Piper, und die beiden verstanden 

einander auch ohne Worte. 

Der Verlust, den Phoebe erlitten hatte, war einerseits ihre 

geliebte Schwester Prue gewesen, die von dem Dämon Shax 
getötet worden war, und dann hatte sie sich von Cole trennen 
müssen, der großen Liebe ihres Lebens. Und es tat noch immer 
weh, an ihn und die Aussichtslosigkeit ihrer Beziehung erinnert 
zu werden. 

»Du bist in der Fremde, weit weg von zu Hause«, fuhr die 

Bettlerin fort, »und du wirst dich einer großen Herausforderung 
stellen müssen. Ja, einer großen Herausforderung …« Die Alte 
sah auf und nickte den beiden Mädchen ernst zu, dann richtete 
sie ihren Blick wieder auf Phoebes Hand. »Ich spüre eine große 
Macht, die dir innewohnt und die dir helfen wird, das Schicksal 
zu besiegen. Ich sehe –«, sie brach ab. 

»Was sehen Sie?«, drängte Phoebe. 

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- 90 - 

Die alte Frau zögerte, und Piper, die schweigend daneben 

stand und die ganze Szene aufmerksam beobachtete, meinte, so 
etwas wie Furcht in ihren Augen zu sehen. 

»Ich … ich sehe«, fuhr die Bettlerin stockend fort, während 

sie unverwandt auf Phoebes Handfläche starrte, »auch eine 
große Gefahr. Die Einheit muss wieder hergestellt werden, sonst 
… sonst ist alles verloren.« 

»Was meinen Sie damit?«, verlangte Phoebe zu wissen. 

»Diese drei Linien in deiner Hand verraten mir, dass dein 

Leben von Geburt an eng mit dem zweier anderer verknüpft ist«, 
erklärte die Wahrsagerin. 

»Das stimmt«, sagte Phoebe. »Ich habe noch zwei 

Schwestern, denen ich mich sehr verbunden fühle. Aber was 
meinen Sie mit der Einheit, die wieder hergestellt werden 
muss?« 

»Eine der Linien ist … unterbrochen«, murmelte die alte 

Frau. »Und es ist von ungeheurer Wichtigkeit, dass die drei 
Linien auf den Weg des Schicksals zurückgeführt werden, 
andernfalls ist alles verloren.« 

Sie deutete auf eine besonders lange Furche in Phoebes 

Handfläche. »Der Weg des Schicksals wird durch die große 
Linie hier in der Mitte deiner Hand verkörpert, die den Lauf 
deines Lebens widerspiegelt.« 

Die Alte blickte auf und sah Phoebe fest in die Augen. »Du 

musst die Einheit wieder herstellen, Mädchen, mehr kann ich dir 
über deine Zukunft nicht sagen. Ich hoffe, du tust das Richtige, 
denn du verdienst nur das Beste, da du ein gutes Herz hast. Lebe 
wohl.« Damit ließ sie Phoebes Hand los, wandte sich um und 
ging davon. 

Verwirrt blickte Phoebe ihr nach, bis sie von Piper wieder in 

die Realität zurückgeholt wurde. »Komm, wir müssen weiter, 
Süße. Und lass dir wegen dem, was die Alte gesagt hat, bloß 

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- 91 - 

keine grauen Haare wachsen. All das wissen wir doch schon seit 
langer Zeit.« 

»Du meinst, sie hat von der Macht der Drei gesprochen?«, 

fragte Phoebe. 

»Das ist doch offensichtlich«, erwiderte Piper. Sie wollte 

Phoebe nicht beunruhigen, doch tief in ihrem Innern spürte sie, 
dass hinter den Worten der alten Wahrsagerin mehr steckte als 
der Hinweis auf das, was den Schwestern ohnehin längst 
bekannt war: dass sie die Zauberhaften  waren, die mithilfe der 
Macht der Drei einmal mehr die Welt retten mussten. Tief in 
ihrem Innern spürte Piper, dass dieses Abenteuer nicht so ohne 
weiteres zu einem glücklichen Ende geführt werden konnte. 

»Aber sie hat gesagt, wir müssen die Macht der Drei 

unbedingt wieder herstellen, sonst wäre alles verloren«, gab 
Phoebe zu bedenken. 

»Na ja, deswegen sind wir ja hier, oder?«, gab Piper nervös 

zurück. »Und wenn wir uns nicht beeilen, ist Paige womöglich 
schon tot, und dann ist tatsächlich alles verloren!« 

Phoebe nickte stumm, und die beiden Schwestern setzten 

ihren Weg fort. 

Nach einer Weile erreichten sie einen weiteren Torbogen, 

hinter dem ein fast menschenleeres schmuckloses Atrium lag. 
Im Zentrum des Innenhofs stand ein gemauerter Ziehbrunnen, 
und daneben hockte ein zerlumpter Bengel im Staub, der 
Kürbiskerne knackte und die Schalen in hohem Bogen 
ausspuckte. 

»Ich sterbe vor Durst«, sagte Phoebe. »Lass uns etwas 

Wasser trinken.« 

Sie eilten auf den Brunnen zu und wollten schon den 

Holzeimer in den dunklen Schacht hinunterlassen, als der Junge 
wie von einer Tarantel gestochen aufsprang. »Halt, was soll das? 
Finger weg! Das iss unser Brunnen!« 

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- 92 - 

Piper ließ die Kurbel los und sah den Bengel erschrocken an. 

»Tut mir Leid, wir wollten nicht unhöflich sein, aber ist es 
möglich, einen Schluck Wasser zu bekommen?« 

»Wir sind nämlich nicht von hier«, setzte Phoebe 

überflüssigerweise hinzu. 

»Dann verpflegt euch gefälligst in eurer Unterkunft«, 

erwiderte der Junge. »Das hier iss kein öffentlicher Brunnen.« 

»Ähm, wir sind nur auf der Durchreise«, erklärte Phoebe. 

»Und wir sind etwas in Eile«, ergänzte Piper, »und wollten 

uns nur rasch ein wenig erfrischen.« 

»Dann zahlt ihr eben fürs Wasser«, sagte der Junge und 

spuckte eine Kürbiskernschale auf den Boden. 

»Wie viel?«, fragte Phoebe nur. Sie wandte sich ab, kramte 

die Münzen in ihrer Hosentasche hervor und hielt sie dem 
Jungen hin. 

Blitzschnell schnappte der sich eines der Kupferstücke, wie 

ein Geier nach einem Stück Aas pickt. »Also gut, bedient euch.« 
Er grinste und schlenderte dann summend von dannen. 

»So viel zur orientalischen Gastfreundschaft«, knurrte Piper, 

während sie den Wassereimer in den Brunnenschacht 
hinunterließ. 

 

Im San Francisco des 21. Jahrhunderts standen sich derweil 

zwei Männer gegenüber, wie sie unterschiedlicher kaum sein 
konnten. Der eine blond und breitschultrig, der andere schlank 
und schwarzhaarig. Und während die Augen des einen 
schimmerten wie ein smaragdfarbener Teich, waren die des 
anderen so unergründlich wie die aufgewühlte See. 

Und doch war es, als ob sie beide Teil eines großen Ganzen 

wären, als ob in dem Moment, da sie sich zum ersten Mal trafen, 
das Alte und das Neue miteinander verschmolzen zu etwas ganz 

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- 93 - 

Außergewöhnlichem, während die Welt um sie herum den Atem 
anhielt. 

»Du kennst mich?«, fragte Selim. 

»Ja und nein«, sagte Leo. »Aber ich wusste, dass du kommen 

würdest.« 

»Woher?« 

»Der  Rat der Ältesten hat es mir gesagt.« Leo trat einen 

Schritt zur Seite, sodass Selim ins Haus kommen konnte. Dann 
schloss der Wächter des Lichts die Tür und geleitete seinen Gast 
durch die Eingangshalle mit dem edlen Intarsienparkett in den 
altmodisch-gemütlichen Salon von Halliwell Manor. 

Selim staunte nicht schlecht angesichts des prächtigen 

Hauses, in dem Paige wohnte. »Setz dich«, sagte Leo, und als 
sie beide auf der cremefarbenen Couch Platz genommen hatten: 
»Und nun erzähl mir genau, was geschehen ist.« 

»Ich heiße Selim und komme …« 

»… aus der Vergangenheit«, half Leo. 

»Ja«, erwiderte der junge Araber. »In meiner Zeit herrscht 

Harun al-Raschid und –« 

»Ich weiß«, unterbrach ihn Leo. »Du stammst aus dem 8. 

Jahrhundert.« 

»Auch das hat dir der … Rat der Ältesten erzählt?«, fragte 

Selim. »Und wer ist das überhaupt? Ich meine, der Rat der 
Ältesten?«
 

»Das sind die Höheren Mächte, die mich zur Erde gesandt 

haben, damit ich die Menschen beschütze. Ich heiße übrigens 
Leo Wyatt.« 

»Dann bist du ein Malak? Ein Schutzengel, wie man bei euch 

sagt. Genau wie mein Vater!«, rief Selim erstaunt aus. 

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- 94 - 

»So könnte man es sagen, ja«, erwiderte Leo. »Außerdem bin 

ich mit Piper Halliwell verheiratet. Das ist die Schwester von 
Phoebe und die Halbschwester von Paige. Ich vermute, eine von 
ihnen wird dir persönlich bekannt sein, habe ich Recht?« 

Selim nickte, und dann erzählte er Leo von seiner Mission, 

von seiner heutigen Begegnung mit Paige, die ihm vom Buch 
der Weisheit 
vorhergesagt worden war, und von seinem Plan, 
mit ihrer Hilfe Zeyn zu besiegen und seine Brüder zu retten. 
Aber auch vom Bund der Magier, von Ald’maran, seiner Mutter 
Djaudar und dem schweren Erbe, das sie ihren Söhnen 
hinterlassen hatte. 

Vieles von dem, was Selim ihm berichtete, wusste Leo 

bereits aus den Archiven der Ältesten,  die er aufgesucht hatte, 
nachdem er keinen Kontakt mehr zu den Zauberhaften  hatte 
herstellen können. 

So stand in den alten Aufzeichnungen geschrieben, dass der 

Nachkomme eines Sendboten und einer weißen Zauberin in die 
Zukunft reisen würde, um den Untergang seiner Welt zu 
verhindern. Und auch, dass seine drei Schutzbefohlenen bei 
dieser Geschichte eine entscheidende Rolle spielen würden. 

Und so klärte er Selim über die Schwestern und deren 

persönliches Schicksal auf, was bei Selim die erwartete 
Reaktion auslöste – grenzenloses Erstaunen –, und auch darüber, 
dass alle drei Hexen just im Moment offensichtlich in Selims 
Zeit gefangen waren. 

Als der junge Zauberer dies hörte, wurde er blass, und seine 

grünen Augen verdunkelten sich. »Was für ein Unglück!«, rief 
er. »Hoffentlich hat Zeyn sie sich nicht auch noch geschnappt!« 

»Wo genau ist das Zeitportal, mit dem du hierher gekommen 

bist?«, fragte Leo. 

»Im Eingang eines alten Hotels in einem Stadtteil namens 

Nob Hill«, sagte Selim. 

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- 95 - 

Leo stand auf und legte seine Hand auf den Oberarm des 

jungen Zauberers. »Konzentrier dich auf diesen Ort«, wies er 
Selim an, und schon lösten sich ihre Körper in einem Wirbel aus 
blauem Licht auf. 

Als sie eine Sekunde später im »Marduk Palace« 

materialisierten, meinte Selim: »Wow, so schnell funktioniert 
das körperlose Reisen bei mir aber nicht.« 

»Du bist ja auch nur zur Hälfte Engel – wie Paige im Übrigen 

auch«, meinte Leo lächelnd. »Also, wo ist das Portal?« 

Selim lief durch die dämmrige Lobby des verlassenen Hotels 

auf den Haupteingang zu. Der Wächter des Lichts folgte ihm. 
Dann ergriff Selim Leos Handgelenk und zog ihn auf die 
Türschwelle. Nichts geschah. 

Der junge Araber stutzte, blickte sich irritiert um und riss 

dann bestürzt die Augen auf. »Es ist weg!«, rief er. »Das 
Zeitportal ist weg! Jemand muss es in meiner Abwesenheit 
benutzt haben.« 

»Und ich kann mir auch schon denken, wer das war«, knurrte 

Leo. »Kaum ist man mal für eine Weile weg –« Er brach ab und 
sah Selim ernst an. »Wie genau hast du das Portal entstehen 
lassen?« 

»Mit Hilfe des Buchs der Weisheit«, erklärte der junge 

Magier bekümmert. »Allein dieses Buch hat die Kraft, die nötig 
ist, um die Pforte zu erschaffen. Der Durchgang kann nur 
zweimal benutzt werden – einmal hin und einmal zurück. 
Danach muss er neu gesetzt werden, aber dazu braucht man 
dann wieder die Macht, die dem Buch der Weisheit innewohnt.« 

Leo dachte einen Moment nach. »Komm mit«, sagte er, und 

schon waren die beiden Männer vom Ort des Geschehens 
verschwunden … 

… um nur einen Augenblick später auf dem Dachboden von 

Halliwell Manor zu materialisieren. 

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- 96 - 

Leo deutete auf das Lesepult, auf dem das Buch der Schatten 

lag. »Piper, Phoebe und Paige haben ebenfalls ein sehr 
mächtiges Buch«, erklärte er. »Vielleicht kannst du mit seiner 
Hilfe ein neues Portal erschaffen?« 

In einer Mischung aus Verblüffung und Freude ging der 

junge Araber auf das alte Familienerbstück der Zauberhaften zu. 
Die Seite mit dem schwarzen Turm und dem dazugehörigen 
Spruch war noch immer aufgeschlagen. »Ich kann nicht 
glauben, dass sich alles zu allen Zeiten wiederholt«, flüsterte er, 
als er zärtlich über die Seiten des Buchs der Schatten strich. 

»Die Zeit schreitet zwar fort, doch bleibt das Wesen der 

Dinge stets gleich«, sagte Leo. »Das Gute kämpft gegen das 
Böse, die Nacht verdrängt den Tag, um dann wieder vom Licht 
besiegt zu werden, und so fort. Unsere Aufgabe besteht darin, 
das Gleichgewicht zu erhalten, auf dass die Welt nie ganz in 
Dunkelheit versinke.« 

Langsam drehte sich Selim zu Leo um. »Bist du bereit, mit 

mir nach Ald’maran zu gehen?« 

Der  Wächter des Lichts nickte, und dann legte Selim beide 

Hände auf das Buch der Schatten und sprach: 

 

So höret, ihr Mächte an diesem Orte, 

gebt frei die Zeit und öffnet die Pforte. 

 

Der Boden des Dachspeichers von Halliwell Manor vibrierte, 

und dann erzitterte neben Selim fast unmerklich die Luft wie ein 
Wasserspiegel, auf den sich ein federleichtes Insekt gesetzt hat. 

Das Zeitportal hatte sich aufgetan. So fließend und kaum 

greifbar wie eine Fata Morgana. 

Nun verstand Leo, warum die Schwestern den Teleporter auf 

der Schwelle des verlassenen Hotels womöglich gar nicht 

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- 97 - 

bemerkt hatten. Das Portal war bei schlechten 
Lichtverhältnissen so gut wie nicht zu erkennen. 

»So lass uns denn gehen«, sagte Selim. 

Und gemeinsam betraten die beiden Männer den Durchgang, 

der sie über 1200 Jahre zurück in die Vergangenheit bringen 
würde. 

 

Das nächste Turmgeschoss, das Paige im Begriff war zu 

erreichen, schien im Gegensatz zu allen höher gelegenen 
tatsächlich belebt zu sein. Das monotone Klopfen wurde lauter, 
je weiter sie herabstieg. 

Als sie auf dem Treppenabsatz um die Ecke lugte, fiel ihr 

Blick auf einen Gang, an dessen Ende sich offensichtlich eine 
Küche befand. Neben einem alten Lehmofen und einigen 
Vorratssäcken erkannte Paige von ihrem Standort aus einen 
hüfthohen Tisch, vor dem eine verhüllte Gestalt mit dem 
Rücken zu ihr stand. Sie schien Fleisch und Knochen mit einem 
Hackebeil zu zerteilen. 

Das Beil würde eine prima Waffe abgeben, dachte Paige. 

Wenn es mir gelänge, den Koch zu überwältigen, setzte sie im 
Geiste hinzu. 

Langsam schlich sie vorwärts. Das Herz schlug ihr bis zum 

Hals. Die vermummte Gestalt am Tisch war so in ihre Arbeit 
vertieft, dass sie nahe genug herankommen konnte, um zu einem 
kräftigen Roundhouse-Kick auszuholen. Ihr Fuß verfehlte 
jedoch leider den Hinterkopf des Mannes um Haaresbreite. 
Doch der mit dieser Bewegung einhergehende Luftzug reichte 
aus, ihn auf sie aufmerksam zu machen. Langsam drehte er sich 
um, das Hackebeil noch immer in der Hand. 

Paige musste einen Aufschrei unterdrücken, als sie in tote 

Augen in halb verfaultem Fleisch starrte. Der abstoßende 

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- 98 - 

Anblick eines lebenden Leichnams war immer wieder ein 
Schock, egal, wie oft sie damit konfrontiert wurde. 

»Du …«, begann der Ghul mit dumpfer Stimme, doch Paige 

hatte schon zu einem weiteren Tritt ausgeholt, der den Untoten 
hart unter dem Kinn traf und ihm das morsche Genick brach. 
»Scheiß Zombie!« 

Mit einem Knirschen schlug der Kopf des Ghul in den 

Nacken und blieb auch dort, sodass sein Besitzer nun 
gezwungenermaßen an die Decke starren musste – in einem 
Comic ein vielleicht nicht unkomischer Anblick. Aber da hier 
wie dort Untote nun einmal nicht sterben konnten, war die 
Gefahr damit noch lange nicht gebannt. 

Unbeholfener denn je stakste der lebende Leichnam auf seine 

Angreiferin zu und fuchtelte mit dem Beil umher. Da er nun 
nicht mehr sah, wohin er lief und was sich vor ihm abspielte, 
konnte Paige ihm relativ gefahrlos ausweichen, sodass sie auf 
diese Weise ohne nennenswertes Ergebnis den Holztisch 
umrundeten. Ihr war klar, dass sie den Ghul irgendwie zur 
Strecke bringen musste, da er ihr sonst durch den ganzen Turm 
hindurch folgen würde wie ein auf Angriff programmierter 
Roboter. Nur wie? 

Sie erwog kurz, ihn hinauf zur Aussichtsplattform zu locken 

und dann aus dem Fenster zu stoßen, verwarf den Gedanken 
aber wieder. Das Risiko einer Entdeckung war zu groß, zumal 
der Ghul durch den Sturz womöglich ebenso wenig starb wie an 
dem gebrochenen Genick. 

Erneut hatten sie den Holztisch einmal umkreist, und langsam 

fand Paige die ergebnislose Hatz durch die Küche ein wenig 
ermüdend. 

Sie überlegte fieberhaft, was sie über Untote wusste und ob 

es womöglich ein nicht-magisches Mittel gab, sie auszuschalten. 
Sie wusste, dass die Zombies der Karibik mit Salz getötet 

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- 99 - 

werden konnten, aber ob das auch auf orientalische Ghule 
zutraf? 

Hektisch flog ihr Blick durch die Küche, während sie immer 

wieder dem auf sie zuwankenden Untoten und seinem 
unkontrolliert vorbeizischenden Hackmesser auswich. Auf 
einem alten Holzregal in einer der Ecken standen diverse Krüge 
und Tongefäße. 

Sie duckte sich an dem Ghul vorbei, lief zu dem Regal, griff 

sich das erstbeste Behältnis und hob den Deckel. Darin war ein 
currygelbes Pulver, das durchdringend nach Kreuzkümmel roch. 
Der nächste Gefäß enthielt getrocknete Pfefferschoten. Das 
übernächste irgendwelche Kräuter, ein anderes eine ranzig 
riechende Substanz. 

»Gibt’s denn in diesem gottverdammten Haushalt keinen 

Krümel Salz?«, fluchte sie, als der Ghul sich wieder in ihre 
Richtung wandte und auf sie zuwankte wie ein Hahn ohne Kopf. 

Im nächsten Tontopf endlich befanden sich tatsächlich weiße 

klumpige Kristalle, und Paige hoffte inständig, dass es sich 
dabei nicht um Zucker handelte. Sie schloss für einen Moment 
die Augen und schleuderte eine Hand voll des Granulats auf den 
Ghul, der bereits wieder auf Armeslänge herangekommen war. 

Der lebende Leichnam erstarrte mitten in der Bewegung, ließ 

klirrend das Hackebeil auf den Steinboden fallen und rutschte 
dann zusammen wie ein nasser Sack. 

»Bingo!«, rief Paige mit gedämpfter Stimme, als sich ihr 

Gegner nicht mehr regte. 

Rasch füllte sie sich die Vordertasche ihres Lederrucksacks 

mit dem groben Salz, steckte vorsorglich das handliche 
Hackebeil ein und verließ diesen Tempel der Hausfraulichkeit. 

 

Als Leo und Selim wieder materialisierten, warum sie herum 

nichts als Sand, Geröll und Felsgestein. 

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- 100 - 

Sie befanden sich in einer Art Trockensteppe. Vom strahlend 

blauen Himmel prallte die Sonne unerbittlich auf sie herab. 

Es schien, sie waren zur rechten Zeit am falschen Ort. 

»Wo um alles in der Welt sind wir?«, fragte Leo den jungen 

Magier. 

»In den Ausläufern der Wüste.« Selim runzelte die Stirn. 

»Eigentlich hätten wir irgendwo im Dachgeschoss meines 
Elternhauses in Ald’maran herauskommen müssen. Dort hätten 
wir uns dann auch gleich was Zeitgemäßes anziehen können.« 
Er sah skeptisch an seinem lässigen Dolce & Gabbana-Shirt und 
den Levis herunter. »Weiß der Teufel, was mit dem Reisespruch 
falsch gelaufen ist, aber hier hätten wir nun wirklich nicht 
landen sollen …« 

»In welcher Richtung liegt denn die Stadt?« 

Selim sah nach dem Stand der Sonne und deutete dann in 

Richtung eines ausgedehnten Felsplateaus. »Da lang.« 

Die beiden Männer marschierten los. Es war brüllend heiß, 

die Luft flirrte, und das Vorankommen im aufgewirbelten Sand 
und Staub war eine rechte Qual. 

Als sie den Kamm des Plateaus erklommen hatten, konnten 

sie am Horizont die mächtigen Stadtmauern und das Westtor 
von Ald’maran ausmachen. Linker Hand waren ein Dattelhain 
und zu ihrer Rechten eine kleine Ansammlung von Zelten und 
eine winzige Ziegenherde zu erkennen, doch von Menschen 
fehlte in dieser Einöde jede Spur. 

Über ihnen hatten bereits irgendwelche schwarzen Vögel 

begonnen, ihre Kreise zu ziehen, was Leo einigermaßen 
irritierend fand. 

»Dann mal los«, sagte der Wächter des Lichts. »Ich denke, 

wir sollten die Stadt zu Fuß betreten, anstatt mitten hinein zu 
orben, um möglichst kein Aufsehen zu erregen«, setzte er hinzu 
und begann mit dem Abstieg. 

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- 101 - 

Selim folgte ihm schweigend und zerbrach sich den Kopf 

darüber, warum das Haus seines Vaters mit dem Zeitportal 
plötzlich nicht mehr erreichbar war. Ihm schwante nichts Gutes. 

Am Fuß des Felsenkamms angekommen, wurde Leo 

plötzlich wie von einem unsichtbaren Schlag zurückgeworfen, 
was zur Folge hatte, dass er unsanft auf dem Hintern landete, 
während es um ihn herum zischte und brutzelte. »Autsch! Was 
zur Hölle …« 

Selim kam langsam heran und streckte beide Arme aus. 

Vorsichtig tasteten seine Hände über ein unsichtbares, 
offensichtlich vor ihnen aufragendes Hindernis, wobei bei jeder 
seiner Berührungen kleine Funken sprühten, die wie heiße 
Nadelstiche ins Fleisch drangen. 

»Das ist eine magische Barriere«, sagte der junge Araber, 

ohne mit der Wimper zu zucken. »Das kann nur Zeyns Werk 
sein. Er muss diese für uns undurchdringliche Sperre erschaffen 
haben, nachdem ich ohne Paige im Haus meines Vaters ankam 
und gleich darauf wieder in deine Zeit zurückgereist bin. Jetzt ist 
auch klar, warum wir nicht wie geplant im Obergeschoss meines 
Elternhauses angekommen sind und unsere Zeitreise vor den 
Toren der Stadt ein jähes Ende gefunden hat.« 

»Ich schätze, somit können wir auch nicht in die Stadt 

hineinorben?«, fragte Leo und rappelte sich wieder auf. 

»Wenn die Barriere über ganz Ald’maran liegt, wovon 

auszugehen ist, dann nicht«, erwiderte Selim frustriert. 

»Womit auch geklärt wäre, warum ich die Zauberhaften nicht 

erreichen konnte«, meinte Leo. »Dieser Bann hält weiße Magie 
von der Stadt fern. Er wirkt wie eine hermetische Glocke. Magie 
des Lichts kann weder hinein noch hinaus. Schätze, damit ist 
unser kleiner Ausflug wohl beendet.« Er fuhr sich gestresst 
durch das blonde Haar. »Was können wir jetzt noch tun außer 
umkehren?« 

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- 102 - 

Selim kniff die Augen zusammen und dachte nach. »Zeyn ist 

schlau«, sagte er langsam, »aber nicht schlau genug. Ich hab 
eine Idee. Lass uns einfach weiter an der Barriere entlanggehen. 
Es gibt im Norden nämlich noch einen anderen Weg in die 
Stadt. Er verläuft unterirdisch, und ich bin sicher, sein Eingang 
liegt diesseits der Barriere.« 

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- 103 - 

I

RGENDWANN AUF PIPERS UND PHOEBES WEG zum 

schwarzen Turm änderte sich das Stadtbild dramatisch. 

Nur noch vereinzelte Häuser standen hier, die eher an 

Unterstände, denn an feste Gebäude erinnerten und irgendwie 
unbewohnt wirkten. Die Straßen waren längst nicht mehr 
befestigt und nur mehr staubige Trampelpfade. Keine Palme, 
kein Strauch, noch nicht einmal Unkraut wuchsen hier, und auch 
die allgegenwärtigen Bettler, Straßenjungen und Eselskarren 
waren nicht mehr zu sehen. 

Piper und Phoebe registrierten all dies mit einigem 

Unbehagen. Am Fuß des kahlen Hügels, der sich nun vor ihnen 
erhob, legten die beiden Schwestern schließlich eine kurze Rast 
ein. 

»Ich würde meinen linken Arm für ein kühles Bier geben«, 

stöhnte Phoebe. 

»Das würdest du dann auch müssen, denn wir sind hier im 

Orient«, meinte Piper lakonisch, »da ist der Genuss von Alkohol 
unter Höchststrafe gestellt.« 

Dunkel und drohend ragte in einiger Entfernung der schwarze 

Turm über ihnen auf. 

»Ob Paige wirklich da drin gefangen gehalten wird?«, fragte 

sich Piper. 

»Ich kann es deutlich spüren«, murmelte Phoebe. »Sie muss 

ganz in der Nähe sein.« 

»Wollen wir hoffen, dass dein Gefühl dich nicht trügt und 

dass wir nicht zu spät kommen«, sagte Piper und setzte sich 
wieder entschlossen in Bewegung. Phoebe folgte ihr. 

Sie erklommen ächzend den Hügel, und bald kam eine große 

Freifläche ins Blickfeld – offensichtlich ein alter Friedhof. 

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- 104 - 

Verwitterte, teilweise umgekippte Grabsteine standen oder lagen 
inmitten eines verdorrten Areals, das hier und da noch von alten 
schmiedeeisernen Gitterzäunen begrenzt wurde. Inmitten des 
Friedhofs, von wilden Ranken überwuchert, stand ein altes 
Mausoleum. Keine Frage, vor ihnen lag ein Totenacker aus einer 
längst vergangenen Zeit. Einer Zeit offenbar, als die Menschen 
von Ald’maran diese Gegend noch nicht gemieden hatten. 

Der schwarze Turm selbst war nun kaum mehr hundert Meter 

entfernt und wirkte noch abweisender und bedrohlicher als auf 
dem alten Kupferstich im Buch der Schatten. 

Trotz der hier herrschenden Hitze fröstelten die Schwestern 

bei seinem Anblick, als wäre die Luft um sie herum rapide 
abgekühlt. Für einen Moment sprach keine von ihnen ein Wort. 

Aus dem weit entfernten Stadtzentrum drang gedämpft die 

Stimme eines Muezzin an ihr Ohr, der die Gläubigen zum 
Nachmittagsgebet rief: La ilah illallah, Muhammadun 
rasulallah …
 

»Wir sollten nun sehr vorsichtig sein«, sagte Piper leise. 

»Wenn Zeyn uns in die Finger kriegt, ist alles verloren. Ohne 
unsere Kräfte können wir nichts mehr ausrichten und wären für 
immer hier gefangen.« 

»Nicht zu vergessen diese Schuppenkreatur mit der 

Klauenhand, die uns vom Basar aus verfolgt hat«, bemerkte 
Phoebe beklommen und sah sich unwillkürlich um. Doch sie 
waren mutterseelenallein. 

»Ach, was soll’s. Den schicke ich das nächste Mal endgültig 

zum Teufel, Tarnung hin oder her«, meinte Piper, »aber im Falle 
von Zeyn dürfte das vermutlich nicht ganz so einfach werden.« 

 

In Anbetracht der lähmenden Hitze, die in der Wüste 

herrschte, orbten sich Selim und Leo Stück für Stück an der 

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- 105 - 

magischen Barriere entlang, die rund um Ald’maran lag, bis sie 
einen kleinen Palmenhain erreichten. 

»Wie weit ist es noch bis zu diesem unterirdischen Zugang in 

die Stadt?«, fragte Leo und wischte sich den Schweiß von der 
Stirn. »Wenn ich nicht bald was zu trinken kriege, verdurste 
ich.« 

»Nicht mehr weit«, krächzte Selim, dessen Kehle ebenfalls 

wie ausgedörrt war. 

Erschöpft lehnte sich Leo gegen eine der Palmen und ließ den 

Blick schweifen. Plötzlich richtete er sich abrupt auf und deutete 
auf einen unbestimmten Punkt in der Wüste. »Was in aller Welt 
… ist das?« 

Langsam drehte sich Selim um, und was er erblickte, übertraf 

selbst seine kühnsten Träume. 

Mitten in dieser Einöde aus Sand und Geröll erhob sich ein 

goldener Palast aus dem Wüstenboden, der an Pracht und 
Schönheit alles überstieg, was Selim und Leo je gesehen hatten. 

 

»Was ist nun, Piper? Gehen wir rein und erledigen diesen 

Dämon?«, fragte Phoebe, die das Zaudern und Zögern 
allmählich gründlich satt hatte. 

Inzwischen waren sie auf den alten Friedhof vorgedrungen, 

der am Fuß des schwarzen Turms lag, und hatten nach wie vor 
nicht den Hauch eines Plans. Bis auf das Zirpen einiger Zikaden 
war es hier totenstill. Zu still. 

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zeyn hier heute den Tag 

der offenen Tür ausgerufen hat«, meinte Piper und deutete auf 
das schwere Eingangstor des Turms. »Und außerdem laufen wir 
ihm mit Sicherheit geradewegs in die Arme, wenn wir da so 
einfach reinspazieren. Wenn es ihm möglich war, Selims Brüder 
und Paige zu überwältigen und ihnen ihre Magie zu stehlen, 

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- 106 - 

wird es ihm auch in unserem Fall gelingen, wenn wir nicht 
äußerst vorsichtig zu Werke gehen.« 

»Was schlägst du also vor?«, fragte Phoebe ungeduldig. 

»Wir sollten erst einmal das Gelände rund um den Turm 

erkunden und sehen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, 
unbemerkt hineinzugelangen.« 

»Also gut.« Seufzend setzte sich Phoebe in ihrem langen 

Übergewand in Bewegung. 

In diesem Moment vibrierte der Boden unter ihren Füßen. 

Und dann brach die vertrocknete Erde des Friedhofs an 
zahlreichen Stellen auf, bevor das Grauen wie auf ein geheimes 
Kommando hin dem Licht entgegendrängte. 

Skelett um Skelett erhob sich aus seinem Grab, richtete sich 

in Sekundenschnelle auf und kam drohend auf die beiden 
Schwestern zu. Phoebe blieb wie angewurzelt stehen, während 
Piper automatisch ein paar Schritte zurückwich. 

Und dann ging alles ziemlich schnell. Noch ehe Phoebe sich 

versah, war sie von der Skelettarmee umzingelt, und der Kreis 
zog sich rasch enger. Einige der bleichen Knochengerüste hatten 
ihre rostigen Dolche erhoben, andere waren mit 
dreckverkrusteten Krummsäbeln bewaffnet, und eines schwang 
eine halb verrottete Nagelkeule und war schon auf Armeslänge 
bei ihr. 

Hektisch sah sich Phoebe um, doch es gab kein Entrinnen 

mehr – sie war hoffnungslos umstellt. Das Skelett mit der Keule 
holte bereits zum Schlag aus. 

»Frier die Zeit ein!«, schrie sie ihrer Schwester zu, und Piper 

tat genau das. 

Die Skelettarmee erstarrte inmitten ihrer Bewegung, 

woraufhin sich Phoebe per Levitation eilig in Sicherheit brachte 
und neben ihrer Schwester wieder auf dem Boden landete. 

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- 107 - 

»Puh, das war knapp!«, meinte Phoebe und wischte sich den 

Schweiß aus der Stirn. Noch immer standen die Skelette wie 
angewurzelt im Kreis, ihre rostigen Waffen drohend erhoben. 
»Scheint, wir haben die heilige Ruhe eines Militärfriedhofs 
gestört«, setzte sie hinzu. 

Doch diesmal hatte Piper nicht vor, den Ort des Geschehens 

kampflos hinter sich zu lassen. »Dann schicken wir die Jungs 
am besten sofort wieder zurück ins Totenreich des unbekannten 
Soldaten!« Sie hob eine Hand und konzentrierte sich. 

Gleich darauf zerbarsten die Skelette eines nach dem anderen 

zu Staub, noch ehe die Zeit wieder anlaufen konnte. Wenige 
Sekunden später war der trockene Boden zu ihren Füßen 
bedeckt mit weißem Knochenmehl, das schon bald vom Wind 
davongetragen werden würde. 

»Jetzt wissen wir auch, warum sich hier kein Mensch blicken 

lässt«, meinte Phoebe und hob eine Augenbraue. »Was für ein 
humorloses Empfangskomitee … Aber wenn dieser ach so 
mächtige Zeyn nicht mehr aufzubieten hat als ein paar klapprige 
Knochengerüste, dann haben wir wohl nicht viel von ihm zu 
befürchten, oder?« 

»Ich denke, das war erst der Anfang«, sagte Piper und ließ 

den Arm wieder sinken. »Ich meine, so einfach kann es doch 
nicht sein, oder?« 

»Vermutlich nicht.« Phoebe sah sich unbehaglich um, doch 

auf dem Friedhof war es wieder genauso still wie vor dem 
Angriff der Knochenmänner. Und doch hatte sie das 
unbestimmte Gefühl, heimlich beobachtet zu werden. 

So machten sich die beiden Zauberhaften  daran, im 

Uhrzeigersinn den Turm zu umrunden. Bei einem vertrockneten 
Blumenbeet, das vor langer Zeit einmal an der Außenwand des 
Bauwerks angelegt worden war, hielt Phoebe plötzlich inne. 
Etwas funkelte darin, als ob sich ein Sonnenstrahl an etwas 
brach. Zögernd griff sie in das Gestrüpp und holte ein 

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- 108 - 

silberfarbenes Handy hervor. »Piper!«, rief sie. »Komm her und 
sieh dir das an!« 

Ihre ältere Schwester kam neugierig näher. 

»Das sieht aus wie Paiges Handy«, sagte Phoebe aufgeregt. 

»Nein, das ist Paiges Handy!«, setzte sie hinzu, nachdem sie das 
elektronische Telefonbuch aufgerufen und eine Reihe bekannter 
Nummern erblickt hatte. »Paige ist also hier – ich wusste es!« 

»Aber wieso liegt das Ding hier im Dreck?«, wunderte sich 

Piper. Sie nahm ihrer Schwester das Mobiltelefon aus der Hand 
und betrachtete es nachdenklich. Ein Stück vom Gehäuse war 
abgeplatzt, die Antenne verbogen und das Display zerkratzt. 
»Irgendwie sieht das Ding ganz schön mitgenommen aus.« Sie 
blickte stirnrunzelnd am Turm hinauf. »Weißt du was, Phoebe? 
Ich glaube, Paige hat ihr Handy irgendwo dort oben aus dem 
Fenster geworfen.« 

»Damit wir es finden und somit wissen, dass sie hier ist!«, 

schlussfolgerte Phoebe. »Wie schlau von ihr!« 

»Schon, aber es bedeutet auch, dass sie da oben definitiv 

gefangen  ist –«, Piper sah ihre Schwester düster an, »und dass 
sie nicht herauskann – weder auf normalem Wege noch mittels 
Magie.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Nicht, dass ich was 
anderes erwartet hätte …« 

»Dann lass uns hoffen, dass wir einen Weg hinein  finden, 

bevor es zu spät ist.« 

 

Als Paige das nächste Stockwerk des schwarzen Turms 

erreichte, schlug ihr ein widerlicher Gestank entgegen. Diese 
Plattform besaß nur einen einzigen Ausguck, wohingegen sich 
rechts ein großer Raum anschloss. 

Vorsichtig spähte sie um die Ecke. Wieder war niemand zu 

sehen, und doch war das, was Paige erblickte, alles andere als 
beruhigend. 

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- 109 - 

Mitten in dem fensterlosen stickigen Raum, der nur durch 

einige Öllampen erleuchtet war, standen einige lange 
Holztische, auf denen offensichtlich Leichen lagen. Allerdings 
handelte es sich nicht um die Körper frisch Verstorbener, 
sondern um Tote im teilweise fortgeschrittenen Zustand der 
Verwesung, was auch den fürchterlichen Gestank erklärte. 

»Wo zum Teufel bin ich hier nur hineingeraten«, murmelte 

Paige und musste ein Würgen unterdrücken. 

Überall standen Bottiche mit undefinierbaren Flüssigkeiten 

herum. Als Paige näher trat, entdeckte sie halbhohe Gefäße und 
Tröge aus glasiertem Ton, in denen, entsetzlich genug, 
menschliche Organe schwammen. Hier ein Herz, dort Teile 
eines Gehirns, und in einem anderen lag eine mumifizierte 
Hand. Neben den Tischen bei den Leichen lagen Gerätschaften, 
die wie antikes Operationsbesteck anmuteten: Zangen, 
blutverkrustete Messer, eine kleine Säge … 

Paige merkte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. 

Neben einer der Leichen war eine Apparatur angebracht, die 

entfernt an eine Wasserpfeife mit diversen Kolben und Röhren 
erinnerte. Ein loser dünner Schlauch, der offenbar ebenfalls zu 
dem seltsamen Gerät gehörte, steckte in der Nase des Toten. 

Mit Bestürzung musste Paige erkennen, dass Zeyn nicht nur 

ein mächtiger Magier war, sondern sich zudem auch für seine 
Zeit höchst wissenschaftlich mit Nekromantie beschäftigte. 

Mit zweien seiner Geschöpfe war sie ja bereits 

zusammengetroffen – denn so wie es aussah, waren die Ghule, 
die sich Zeyn als Diener hielt, ebenfalls von dem Erzdämon zum 
Leben wieder erweckte Kreaturen. 

Als Paige einen Schritt auf die Leiche mit dem Schlauch in 

der Nase zumachte, erkannte sie, dass es sich bei ihr um einen 
hoch gewachsenen Schwarzen handelte. Und der Tote hatte nur 

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- 110 - 

ein Auge, das Paige vorwurfsvoll anzustarren schien. Keine 
Frage, vor ihr lag Abu, der Beschwörer des Geistes! 

Paige vermutete, dass die flexible Röhre geradewegs in das 

Gehirn des Nubiers geführt worden war. Wie zur Bestätigung 
ihrer entsetzlichen Ahnung lagen neben dem Kopf ein kleiner 
Hammer und ein spitz zulaufender Knochenmeißel … 

Doch zu welchem Zweck hatte Zeyn auf diese brutale Weise 

Hand an den Seher gelegt? Hatte der Dämon womöglich 
vorgehabt, auf diesem Wege an die Kräfte des Mannes zu 
gelangen? Das erschien Paige unlogisch, denn bekanntermaßen 
absorbierte der alte Erzdämon die Magie seiner Opfer, indem er 
sie berührte. Wozu also noch diese komplizierte Prozedur? 

Paige dachte einen Moment über das Problem nach. Ihr Blick 

wanderte von dem toten Abu über den Schlauch zu dem 
seltsamen Glaskolbengefäß, das direkt neben ihm stand. Darin 
schwamm eine kleine Pfütze aus trüber Flüssigkeit. Waren das 
womöglich die Reste einer Essenz aus Abus hellseherischem 
Gehirn? Paige schauderte. Was, wenn der Erzdämon die Kräfte 
Abus gar nicht für sich selbst, sondern für einen viel 
teuflischeren Zweck gebraucht hatte? 

Ich muss schleunigst wieder ins Obergeschoss, den Ghul in 

meiner Zelle töten und sehen, dass ich Suleiman und Seif 
befreie, schoss es ihr durch den Kopf. Sie oder ich könnten die 
Nächsten sein, die hier auf diesem Tisch landen! 

Sie wandte sich abrupt um und ließ die Kammer des Grauens 

hinter sich. Wieder auf der Plattform ging sie wie von einem 
inneren Impuls getrieben auf den kleinen Ausguck zu und sah 
hinaus. 

Und was sie erblickte, verschlug ihr schier den Atem. Dort 

unten auf dem Friedhof standen doch tatsächlich Piper und 
Phoebe. Sie waren zwar in lange dunkle Gewänder gehüllt, doch 
Paige erkannte sie sofort an ihrer Haltung und den für sie 
typischen Gesten. Und wie es aussah, schienen die beiden über 

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- 111 - 

irgendetwas zu diskutieren, aber Paige konnte aus dieser Höhe 
natürlich nicht verstehen, was sie sagten. 

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Einerseits 

war sie unendlich glücklich, dass ihre Schwestern einen Weg 
nach Ald’maran und zu ihr gefunden hatten. Andererseits konnte 
sie die beiden nicht durch Rufe auf sich aufmerksam machen, 
ohne sie oder sich selbst zu gefährden. Sie erinnerte sich an die 
Worte der beiden Brüder, die gesagt hatten, dass die 
Eingangspforte des Turms durch eine magische Falle gesichert 
war, die jeden Sterblichen, der hinein- oder hinauswollte, auf 
der Stelle tötete. 

Hoffentlich nehmen Piper und Phoebe nicht den Weg durch 

die Tür!, flehte sie im Geiste. 

In diesem Moment sah sie, wie ihre Schwestern sich 

entschlossen in Bewegung setzten, offensichtlich, um den Turm 
zu umrunden. 

Erleichtert riss sich Paige von dem kleinen Fenster los und 

stürmte die Wendeltreppe hinauf. 

 

Wie zwei ferngelenkte Roboter stolperten Leo und Selim auf 

den goldenen Palast zu, der sich inmitten einer grünen 
parkähnlichen Oase in den blauen Himmel erhob. 

»Ich wusste gar nicht«, murmelte Selim, als sie das eiserne 

Eingangstor erreicht hatten, »dass vor den Toren der Stadt ein 
solch herrliches Bauwerk steht.« 

In diesem Moment kam ein wunderschönes dunkelhaariges 

Mädchen durch den Park auf sie zu und öffnete ihnen. 
»Willkommen, Reisende«, sagte sie lächelnd, »tretet ein und 
legt eine kurze Rast ein in unserem Domizil.« Sie sah sich 
suchend um. »Wo sind eure Tiere?« 

»Unsere, äh, Träger und Dienstboten sind mitsamt unserem 

Gepäck bereits vorausgereist«, sagte Selim schnell. »Mein 

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- 112 - 

Begleiter«, er zeigte auf Leo, »und ich wollten nach Ald’maran, 
sind aber vom Weg abgekommen und haben uns in der Wüste 
verirrt. Unsere Pferde sind dabei leider kürzlich verendet.« 

Leo musste ein Grinsen unterdrücken. Wie schnell Selim 

diese Lüge doch über die Lippen gekommen war, und all das für 
einen kühlen Schluck Wasser. 

»Meine Herrin würde sich sehr freuen, euch in ihrem Heim 

begrüßen und euch eine kleine Erfrischung anbieten zu dürfen«, 
sagte das Mädchen. 

»Deine Herrin?«, fragte Leo erstaunt, als sie der jungen Frau 

durch den schattigen Park folgten. »Wer ist deine Herrin?« 

»Die ehrenwerte Fatima«, erwiderte die junge Sklavin. Sie 

blieb stehen und musterte die beiden Männer, die völlig 
unzeitgemäß in Jeans, Baumwollhemd und T-Shirt gekleidet vor 
ihr standen. »Ihr seid seltsam gewandet, Fremde; woher kommt 
ihr?«, fragte sie, und ihre schwarzen Augen blitzten neugierig 
auf. 

»Aus dem Norden«, erwiderte Selim lächelnd, der 

offensichtlich kein Problem mehr damit hatte, diesem 
hoffnungslos naiven Mädchen eine phantastische Geschichte 
nach der nächsten aufzutischen. »Wir kommen soeben von einer 
Forschungsreise aus dem Land der, äh, Barbaren.« Er warf Leo 
einen halb entschuldigenden Blick zu, doch der Wächter des 
Lichts 
grinste nur, während er unmerklich seine Armbanduhr in 
der Hosentasche verschwinden ließ. 

»So tretet denn ein«, sagte das Mädchen lächelnd, als sie die 

offen stehende Pforte des goldenen Palastes erreicht hatten. 

Leo und Selim taten wie ihnen geheißen und betraten eine 

kühle Halle aus hellgrünem polierten Stein, über der eine riesige 
Kuppeldecke aus schwarzem Alabaster schwebte. 

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- 113 - 

Aus den Schatten kam eine schlanke Gestalt auf sie zu. Es 

war eine Frau, und ihr Anblick raubte Selim und Leo schier den 
Atem. 

 

Keuchend bog Paige um die letzte Ecke der Turmtreppe und 

stürmte auf die Zelle der beiden Brüder zu. Seif und Suleiman 
sprangen sofort auf. 

»Abu ist tot«, stieß sie hervor. »Er liegt unten in einer Art 

Laboratorium und hat einen Schlauch in der Nase.« 

Seif und Suleiman sahen einander bestürzt an. 

»Wie es scheint, ist dieser Zeyn so eine Art orientalischer 

Frankenstein«, setzte sie atemlos hinzu. 

Als die beiden Brüder sie verständnislos anblickten, fuhr 

Paige fort: »Wie dem auch sei, ich hab einen Weg gefunden, 
diese Ghule zu töten.« Als wieder keine Antwort kam, sagte sie 
nur »Salz« und tätschelte bedeutungsvoll ihren Lederrucksack. 

»Salz?!«, riefen die jungen Männer wie aus einem Munde. 

»Ja, ich hab einen von den untoten Jungs in der Küche dieses, 

ähm, gastlichen Heimes getroffen.« Sie grinste. »Und da hab ich 
mich erinnert, was die Haitianer mit ihren Zombies machen, 
wenn die ihnen lästig werden, und, na ja, den Rest könnt ihr 
euch ja denken. Jedenfalls erledige ich jetzt den Ghul in meinem 
Verlies, und ich hoffe sehr, der alte Knabe hat auch die 
Schlüssel zu eurer Zelle bei sich.« 

Seif und Suleiman nickten stumm, wenngleich sich jeder von 

ihnen für einem Moment fragte, wer oder was in aller Welt die 
Haitianer waren. 

»Ach, und noch was!«, setzte Paige freudestrahlend hinzu. 

»Meine Schwestern sind hier! Jetzt wird alles gut!« 

Mit diesen Worten huschte sie den kurzen Gang hinunter, bis 

sie die schwere Holztür ihres ehemaligen Kerkers erreicht hatte. 

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- 114 - 

Der Querbalken war noch immer vorgeschoben. Von drinnen 
war kein Laut zu hören. 

Sie ließ eine Hand in die Vordertasche ihres Rucksacks 

gleiten, während sie mit der anderen den Balken zurückschob. 
Dann zog sie die schwere Tür ein Stück auf und machte sich 
bereit zum Angriff. 

Der Ghul stand noch immer mitten in der Zelle wie ein Ochs 

vorm Berg und glotzte Paige mit offenem Mund an. Diese griff 
sich eine Hand voll Salz und wollte gerade zum Wurf ausholen, 
da schoss die Hand des Untoten mit überraschender Flinkheit 
vor und erwischte Paige im Gesicht. 

Verdutzt taumelte die junge Hexe einen Schritt zurück, bevor 

sie dem Angreifer endlich die Ladung Salz entgegenschleuderte. 
Und wie schon sein untoter Kollege zuvor, sank der Ghul 
augenblicklich in sich zusammen und blieb reglos am Boden 
liegen. 

Hinter sich konnte Paige einen gedämpften »Hurra«-Ruf von 

Seif vernehmen; offenkundig hatten die beiden Brüder den 
kurzen, dafür aber umso erfolgreicheren Kampf aus der Ferne 
beobachtet. 

Für einen Moment starrte Paige den am Boden liegenden 

Ghul einfach nur an. Ihre linke Wange brannte. 

Vermutlich hatte der widerliche Untote ihr mit seinen 

Fingernägeln ein paar Kratzer im Gesicht beigebracht. Eine 
eklige Vorstellung zwar, doch das war nicht die Zeit und der Ort 
wegen solcher Lappalien zu jammern. 

Sie ging in die Knie und musste sich überwinden, das vor 

Dreck starrende Gewand des Leichnams anzuheben, um ihn zu 
durchsuchen. Tatsächlich trug der tote Ghul einen schweren 
Schlüsselring am Hosenbund, den Paige mit spitzen Fingern an 
sich nahm. 

Unverzüglich eilte sie zur Zelle der beiden Brüder zurück. 

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- 115 - 

»Das war große Klasse!«, rief Seif ihr schon von weitem zu, 

und seine hellbraunen Augen strahlten die schöne Hexe an. 

Einen nach dem anderen probierte Paige die zahlreichen 

schweren Eisenschlüssel am Schloss des Kerkers aus, bis sie 
schließlich den richtigen gefunden hatte. Quietschend öffnete 
sich die Zellentür, und Seif und Suleiman traten zu ihr auf den 
Gang hinaus. 

»Du bist verletzt?«, fragte Suleiman erschrocken und deutete 

auf Paiges Wange. 

»Nur ein kleiner Kratzer«, Paige winkte ab. »Aber den hat 

der Ghul teuer bezahlen müssen.« Sie grinste. 

Seif und Suleiman wechselten betroffene Blicke, und Paige 

fragte sich, was sie nun schon wieder falsch gemacht hatte. 

»Das mag wohl sein«, sagte Suleiman ernst, »aber wenn wir 

nicht schnellstens hier herauskommen, wirst du es sein, die teuer 
bezahlen wird. Kratzer und Bisse durch einen Ghul sind nämlich 
immer tödlich.« 

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- 116 - 

F

ATIMA WAR DIE WOHL SCHÖNSTE FRAU, die Leo 

und Selim in ihrem ganzen Leben je erblickt hatten. 

Ihre zartbraune Haut schimmerte wie pures Gold, ihr 

hüftlanges Haar ergoss sich in weichen hellbraunen Locken über 
ihren Rücken. Ihre hoch gewachsene schlanke Gestalt war in ein 
hauchdünnes weißes Gewand gehüllt, das von einem 
juwelenbesetzten Gürtel zusammengehalten wurde. 

Mit einem betörenden Lächeln kam sie auf die beiden 

Männer zu. »Willkommen im goldenen Palast«, sagte sie, 
während die zierliche rothaarige Dienerin an ihrer Seite Leo und 
Selim einen Becher mit Wasser reichte. 

Der Magier und der Wächter des Lichts tranken gierig die 

ihnen dargebotene Erfrischung, und als das kühle Nass ihre 
Kehlen herablief, war es, als hätten sich die Pforten des djanna, 
des orientalischen Elysiums, geöffnet. 

 

Sie folgten Fatima durch die Halle in einen riesigen Park, der 

mehr einem Zoo glich als einem Lustgarten. Leo und Selim 
sahen frei laufende Antilopen und Raubkatzen, die einträchtig 
umherwanderten, aber auch Nilpferde, die gemächlich in einem 
Fluss schwammen, und weiße Elefanten. 

Leo hatte den Eindruck, in eine orientalische Variante des 

Tiergartens der Artemis geraten zu sein, während Selim vor 
Staunen Mund und Augen aufriss, als sich ein zahmer Falke auf 
seiner Schulter niederließ. 

Die schöne Fatima geleitete sie in eine Flucht aus 

prachtvollsten, ineinander übergehenden Gemächern, in denen 
sich junge Mädchen aus aller Herren Länder auf bestickten 
Seidenkissen räkelten und sogleich herbeieilten, um die beiden 
Neuankömmlinge in ihre Mitte zu holen. 

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- 117 - 

Willenlos sanken Selim und Leo auf ein Lager aus weichen 

Kissen und Decken, bevor sie von allen Seiten mit köstlichen 
Leckereien und zärtlichen Zuwendungen bedacht wurden. 

»Fatima ist wirklich sehr … gastfreundlich«, stammelte Leo, 

als ihm eine dralle Brünette den verspannten Nacken massierte. 

»Fürwahr«, seufzte Selim. Dann schloss er genüsslich die 

Augen und ließ sich von einer gazellengleichen Schwarzen 
Gesicht und Hände mit warmen feuchten Tüchern abreiben. 

Von irgendwoher erklangen die einschmeichelnden Klänge 

einer Tar-Laute, und als die beiden Männer die Augen wieder 
öffneten, sahen sie die atemberaubende Fatima, die soeben einen 
lasziven Schleiertanz vollführte. 

Selim klappte förmlich die Kinnlade herunter, als ihre 

Gastgeberin sich plötzlich zu entblättern begann, während sie im 
Takt der Musik langsam die Hüften wiegte. Auch Leo war von 
dem orientalischen Striptease wie gefesselt, und als Fatima 
nackt, wie Gott sie schuf, vor ihnen stand und ihnen lächelnd 
zuwinkte, da erhob er sich fast automatisch. 

Auch Selim war aufgestanden und folgte dem Lockruf der 

schönen Frau wie in Trance. 

Sie erreichten ein Schlafgemach, in dem sich Fatima 

seufzend in die Kissen warf und ihre Arme ausbreitete. »Kommt 
zu mir, ihr prächtigen Burschen«, hauchte sie und leckte sich die 
blutroten Lippen. »Kommt und kostet die Freuden der Liebe.« 

Liebe … 

In diesem Moment war es, als ob Leo aus einem schwülen 

Traum erwachte. Hastig riss er Selim, der schon halb auf dem 
Weg zum Bett war, zurück. »Moment mal, was tun wir hier 
eigentlich?« 

Selim wandte sich zu ihm um, und grenzenloses Erstaunen 

spiegelte sich auf seinem Gesicht wider. »Wir, ähm, ich … also 
…« 

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- 118 - 

»Kommt schon«, drängte Fatima vom Bett aus und zog einen 

Schmollmund. »Wie lange soll ich denn noch auf euch warten?« 

Unschlüssig flog Selims Kopf zwischen Leo und der schönen 

Frau hin und her. 

»Hast du vergessen, warum wir hier sind, Selim?«, fragte Leo 

den jungen Magier eindringlich. 

»Wir wollten –«, Selim brach ab und runzelte angestrengt die 

Stirn. 

»Ja, genau«, sagte Leo, »wir wollten in die Stadt, um deine 

Brüder und die Zauberhaften zu retten!« 

Die Erkenntnis traf Selim wie ein Blitz. Hastig wandte er sich 

zu Fatima um und sagte: »Wir müssen jetzt leider gehen … 
vielen Dank für Speis und Trank und äh, die freundliche 
Aufnahme in deinem Heim.« 

»Was soll das heißen?« Fatima war aufgesprungen und kam 

aufgebracht auf die beiden Männer zu. 

»Das soll heißen, dass wir etwas in Eile sind, Fatima.« Leo 

lächelte ihr halbherzig zu. »Vielleicht beim nächsten Mal. Guten 
Tag!« 

Bevor die wütende Fatima sie erreichen konnte, packte der 

Wächter des Lichts Selim am Arm und orbte mit ihm zurück in 
die Wüste. 

Und als sie sich noch einmal umwandten, verschwand der 

goldene Palast und alles, was in und um seine Mauern gewesen 
war, wie ein böser Traum. 

 

Vorsichtig umrundeten Piper und Phoebe den schwarzen 

Turm und ließen den alten Friedhof hinter sich. 

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- 119 - 

An der Rückseite des mächtigen Gebäudes verlief die 

nördliche Stadtmauer, die jedoch kein Tor zur Wüste besaß. 
Ansonsten war hier nichts Bemerkenswertes zu entdecken. 

Die beiden Schwestern gingen weiter um den Turm herum, 

bis sie dessen Ostseite erreicht hatten. Auch hier war nichts 
außer ein wenig vertrocknetem Gestrüpp, das hier und da aus 
dem steinharten Boden ragte. 

»Ich fürchte«, seufzte Piper, »wir werden den Weg durch den 

Haupteingang nehmen müssen. Ich sehe hier keine andere 
Möglichkeit, in den Turm zu gelangen, obwohl mir alles andere 
als wohl ist bei dem Gedanken.« 

»Zuvor solltest du aber unbedingt die Zeit einfrieren«, 

wandte Phoebe ein, »damit wir nicht wieder in eine Falle 
tappen.« 

»Schön und gut«, meinte Piper, »aber was, wenn wieder ein 

Zeitportal oder irgendein schwarzmagischer Zauber auf der 
Schwelle lauert? Dann hilft uns ein Timefreeze gar nichts.« 

»Immerhin können wir damit zumindest etwaige Angreifer 

lahm legen.« 

Doch Piper schien nicht sonderlich überzeugt. Zu viel 

Unberechenbares war geschehen, seit sie und Phoebe das Hotel 
in Nob Hill betreten hatten, und zu viele Fragen waren noch 
immer nicht beantwortet. 

Zum Beispiel, warum sie keinen Kontakt zu Leo herstellen 

konnten, oder warum Paige so einfach von Zeyn überwältigt und 
geschnappt hatte werden können, während sie und Phoebe hier 
immer noch mehr oder weniger unbehelligt umherspazierten? 

Und welche Rolle kam Selim in diesem verwirrenden Spiel 

wirklich zu? Und last, but not least: Wusste Zeyn wirklich, dass 
Paiges Schwestern in Ald’maran eingetroffen waren, und wenn 
ja, von wem? Die Kreatur, die sie im Basar verfolgt hatte, ließ 
diesen Schluss zu, aber dann war es nur eine Frage der Zeit, bis 

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- 120 - 

sie und Phoebe dem Erzdämon in die Arme liefen. Im Grunde 
brauchte sich Zeyn in diesem Fall nur zurückzulehnen und 
darauf zu warten, dass die beiden letzten Zauberhaften  ganz 
ohne sein Zutun den schwarzen Turm aufsuchten, um ihre 
Schwester zu retten. Um dann einfach zuzuschlagen. 

Piper teilte ihrer Schwester diese Überlegungen mit, denn 

nun galt es, die Risiken sorgsam abzuwägen. 

»Du meinst, er benutzt Paige als Köder für uns?«, fragte 

Phoebe, als Piper mit ihrem Vortrag geendet hatte. 

»Sieht es nicht ganz danach aus?«, gab Piper zurück. 

»Aber warum hat er uns dann nicht sofort bei unserer 

Ankunft einkassiert, anstatt darauf zu warten, dass wir 
irgendwann bei ihm eintrudeln? Bei Paige hat er ja 
offensichtlich auch nicht lange gefackelt und direkt gehandelt, 
nachdem sie in Ald’maran eingetroffen war.« 

Über diese Frage hatte sich Piper auch schon den Kopf 

zerbrochen. »Vielleicht wusste er ursprünglich gar nichts von 
uns«, sagte sie langsam. »Und als er, wie auch immer, erfahren 
hat, dass es uns gibt und dass wir hier sind, hat er uns zunächst 
einmal diese Schuppenkreatur auf den Hals gehetzt. Nachdem 
wir die jedoch mit Hilfe unserer Magie ausgetrickst hatten, ist 
Zeyn klar geworden, dass er es mit zwei überaus mächtigen 
Gegnerinnen zu tun hat. Ich denke daher, auch Zeyn wird 
angesichts dieser neuen Situation seine Pläne überdenken 
müssen, um am Ende nicht den Kürzeren zu ziehen. 
Andererseits kann er es sich nach wie vor leisten zu warten, 
während wir uns in Sorge um Paige von einer gewissen Eile 
leiten lassen. Eine Eile, die uns womöglich angreifbar macht 
und Kopf und Kragen kosten kann.« 

»Wenn das alles, was du vermutest, wirklich zutrifft«, sagte 

Phoebe frustriert, »dann ist Zeyn uns also immer einen Schritt 
voraus, richtig?« 

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- 121 - 

»Mehr noch«, sagte Piper und verzog das Gesicht. »Egal, was 

wir unternehmen, wir können nur verlieren. Paige ist 
offensichtlich ohne ihre Kräfte, und damit ist auch die Macht 
der Drei 
bis auf weiteres zerstört. Und wenn man dem alten 
Ibrahim glauben kann, dann hat sich Zeyn ihre Magie, wie auch 
die von Selims Brüdern, einfach einverleibt. Ganz zu schweigen 
von den Kräften, die er in der Vergangenheit schon absorbiert 
haben könnte. Wir wissen also nicht, über welche Fähigkeiten 
der Erzdämon verfügt – insofern wäre es nicht nur unvorsichtig, 
sondern geradezu dumm, einfach in den Turm zu stürmen.« 

Piper machte eine kleine Pause und sah ihre jüngere 

Schwester ernst an. »Alles, was wir wissen, ist, dass Zeyn den 
Lauf der Dinge verändern will. Und wir wissen, dass er uns auf 
keinen Fall berühren darf, denn sonst wären auch wir im 
wahrsten Sinne des Wortes machtlos, und das Schicksal der 
Welt wäre besiegelt.« 

Phoebe schluckte. »Es muss uns beiden also irgendwie 

gelingen, Zeyn ohne die Macht der Drei auszutricksen und zu 
vernichten, damit die von ihm gestohlenen Kräfte wieder 
freigesetzt werden und zu ihren Besitzern zurückkehren 
können?« 

»Sofern die Besitzer noch am Leben sind, ja.« 

»Das heißt, wir brauchen einen guten Plan?« 

»Allerdings.« Piper lachte bitter auf. »Einen guten Plan, mehr 

Informationen und sehr, sehr viel Glück.« 

Sie hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, da war 

plötzlich ein Grunzen hinter ihnen zu hören. 

Piper und Phoebe wirbelten erschrocken herum, und ihr Blick 

fiel auf die vermummte, hoch gewachsene Gestalt, die ihnen 
schon im Basar von Ald’maran gefolgt war. Sie kam drohend 
näher, den blitzenden Krummdolch in der schuppigen 
Klauenhand. 

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- 122 - 

Piper hob die Hände, um die Zeit einzufrieren, doch nichts 

passierte. Panisch blickte sie zu Phoebe. 

»Was?«, rief diese erschrocken. 

»Ich kann nicht zaubern«, zischte Piper, während sie und 

Phoebe Schritt um Schritt vor dem Dämon zurückwichen. 

Phoebe versuchte, sich per Levitation in die Luft zu erheben, 

doch auch das misslang. »Ich auch nicht«, raunte sie ihrer 
Schwester zu. »Verdammt, was machen wir jetzt?« 

»Lauf!«, schrie Piper, wirbelte herum und rannte los. Seite an 

Seite hetzten die beiden in ihren unpraktischen langen 
Gewändern um den Turm herum, bis sie wieder dessen 
Vorderseite erreicht hatten. 

In diesem Moment verhedderten sich Pipers Beine in den 

Falten ihres Umhanges, und sie schlug der Länge nach hin. 
»Autsch! Verdammt!« 

»Piper!« Phoebe blieb stehen und rannte zurück zu ihrer 

Schwester, die sich beim Sturz offensichtlich verletzt hatte, denn 
sie stöhnte leise auf, während sie sich wieder aufzurappeln 
versuchte. 

Ihr Verfolger holte auf und wollte sich gerade auf die junge 

Hexe am Boden stürzen, als Phoebe herumwirbelte und der 
vermummten Kreatur einen Tritt dorthin versetzte, wo sie den 
Kehlkopf des Angreifers vermutete. 

Mit einem merkwürdig krächzenden Laut taumelte das Ding 

zurück, und der schmutzige Schal rutschte ihm vom Gesicht. 

Für einen Moment hielt Phoebe erschrocken den Atem an. 

Unter der Vermummung ihres Gegners wurde eine abscheuliche 
Vogelfratze mit einem riesigen Raubtierschnabel sichtbar, der 
Schädel teils gefiedert, teils geschuppt wie der Kopf eines 
urzeitlichen Wesens. Bei seinem Anblick fühlte sich Phoebe 
entfernt an die altägyptischen Reliefs des falkenköpfigen Horus 
erinnert. 

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- 123 - 

Die Kreatur hob den Dolch und kam knurrend auf die 

Schwestern zu. Phoebe, die nicht zuletzt mit Coles Hilfe in 
diversen Kampftechniken geschult war, holte aus und schlug 
dem Vogeldämon mit einem gezielten Handkantenschlag die 
Waffe aus der Klaue. »Hier, du verflixtes Mistvieh!« 

Der Kopf der Kreatur ruckte herum und starrte verwirrt auf 

den am Boden liegenden Dolch. Dann bückte sich der Dämon 
und hob ihn auf. 

Inzwischen war Piper wieder auf den Beinen und rannte los. 

»Komm!«, schrie sie ihrer immer noch in Angriffsstellung 
dastehenden Schwester zu. 

Phoebe tat, wie ihr geheißen. 

Die Schwestern ließen die Eingangspforte des Turms hinter 

sich und flüchteten sich wieder auf das alte Friedhofsgrundstück 
im Westen des Hügels. 

Der Vogeldämon folgte ihnen grunzend, wenngleich gewohnt 

schwerfällig, doch als die Schwestern den Totenacker erreicht 
hatten, hielt er vor dem alten schmiedeeisernen Tor plötzlich 
inne. 

Piper und Phoebe blieben stehen und verschnauften. 

»Bist du verletzt?« Keuchend sah Phoebe zu ihrer Schwester, 

die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das rechte Handgelenk 
rieb. 

»Nur ’ne leichte Verstauchung«, sagte Piper. »Hab mich im 

Fallen irgendwie unglücklich abgestützt. Aber das wird schon 
wieder.« 

»Warum kommt er uns nicht nach?«, fragte Phoebe und 

deutete auf den Vogeldämon, der immer noch reglos hinter dem 
Friedhofszaun stand. Unverwandt sah er die beiden Hexen aus 
seinen stechenden Knopfaugen an. Plötzlich öffnete sich der 
große Raubtierschnabel, und der Dämon stieß einen schrillen 

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- 124 - 

Schrei aus. »Ich finde, der sieht irgendwie ziemlich sauer aus. 
Worauf wartet er denn?« 

»Keine Ahnung«, erwiderte Piper. »Scheint, als traue er sich 

nicht weiter vor. Was für ein Loser!« Einer plötzlichen 
Eingebung folgend, hob sie erneut eine Hand, um einen 
Materievernichtungsschlag gegen die Kreatur auszuführen, doch 
der Zauber verpuffte kurz vor dem Friedhofszaun, als wäre er an 
einer unsichtbaren Wand abgeprallt. 

Phoebe begriff sofort. »Um den Turm liegt eine magische 

Barriere!«, rief sie verblüfft. 

»So sieht es aus«, murmelte Piper. »Magie scheint innerhalb 

ihrer Grenzen nicht möglich, aber gleichzeitig hält sie uns auch 
diesen Vogeldämon vom Hals, weil der Feigling es 
offensichtlich nicht wagt, ihren Schutz zu verlassen. Eine 
typische Pattsituation, die uns vermutlich –« 

In diesem Moment sauste etwas haarscharf an Phoebes Kopf 

vorbei; gleichzeitig hörte sie, wie Piper neben ihr vor Schmerz 
aufschrie. 

Phoebe fuhr herum und sah, dass sich ihre Schwester den 

linken Arm hielt. Zwischen ihren Fingern sickerte langsam Blut 
durch einen Riss in ihrem dunklen Gewand. 

»Was ist passiert?«, rief Phoebe erschrocken. 

»Diese miese Vogelfratze hat ihren Dolch nach mir 

geworfen«, presste Piper hervor. »Glücklicherweise hat der 
dicke Stoff meines Überwurfs das Schlimmste verhindert.« 

Sie hob ihren Umhang, schob den zerfetzten Ärmel ihres T-

Shirts nach oben und entblößte ihren verletzten Oberarm. Die 
Wunde war nicht besonders tief, blutete aber trotzdem stark. 
»Mist, das ist ein 150-Dollar-Teil von Escada«, knurrte Piper 
mit Blick auf das ruinierte Shirt. »Das Ding kann ich jetzt wohl 
nur noch als Putzlappen verwenden.« 

»Deine Sorgen möchte ich haben!« 

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- 125 - 

»Meine Sorgen sind auch deine Sorgen«, meinte Piper gallig. 

Phoebe nestelte ein Päckchen Papiertaschentücher aus ihrer 

Jeans und drückte es ihrer Schwester sanft in die Hand. »Press 
das mal auf die Wunde«, sagte sie. »Wahrscheinlich hört’s 
schon bald auf zu bluten.« 

In diesem Moment wandte sich der Dämon mit der 

Klauenhand knurrend um und ging auf den Eingang des 
schwarzen Turms zu. Kurz vor der Schwelle vollführte er ein 
merkwürdiges Ritual aus Gesten und Gemurmel, und dann 
öffnete sich die schwere Holzpforte wie von Zauberhand. Die 
Kreatur huschte hinein und war schon im nächsten Moment im 
Innern des Turms verschwunden. Krachend schloss sich hinter 
ihr die Eingangstür. 

»Sesam, öffne dich«, bemerkte Phoebe. 

»Dieser Zeyn scheint ganz schön paranoid zu sein«, 

kommentierte Piper und konnte sich trotz der Schmerzen in 
ihrem Arm ein Grinsen nicht verkneifen. »Die 
Sicherheitsvorkehrungen in Fort Knox sind ja ein Witz 
dagegen.« 

Sie nahm den kleinen Stapel Papiertaschentücher aus der 

Verpackung und drückte ihn auf die Wunde. Dann schob sie 
umständlich das Ärmelbündchen ihres T-Shirts darüber und 
fixierte so die behelfsmäßige Kompresse. »Du könntest mir 
ruhig mal dabei helfen«, meinte sie vorwurfsvoll zu ihrer 
Schwester, »anstatt hier Löcher in die Luft zu –« 

»Schau mal«, rief plötzlich Phoebe und wies auf das alte, 

steingraue Mausoleum, das im Zentrum des Friedhofs stand. 
»Das Grabmal lässt sich offensichtlich betreten.« 

Tatsächlich hing das kleine eiserne Törchen zum Eingang der 

Begräbnisstätte schief in den Angeln und gab so den Zugang auf 
eine verwitterte Steintreppe frei, die in eine unterirdische Krypta 
zu führen schien. »Lass uns mal einen Blick hineinwerfen«, 

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- 126 - 

schlug Phoebe vor. »Das Risiko ist nicht allzu groß, weil unsere 
Magie hier ja wieder funktioniert. Vielleicht stoßen wir da drin 
ja auf etwas, das uns weiterhilft.« 

»Ja, auf noch mehr durchgeknallte Skelette und 

Vogeldämonen, die uns ans Leder wollen«, meinte Piper und 
wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. 

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, rief Phoebe und strebte 

entschlossen auf das Mausoleum zu. In diesem Moment hörte 
sie hinter sich ein merkwürdig dumpfes Geräusch. Sie wandte 
sich um und sah, dass ihre Schwester reglos am Boden lag. 

»Piper!«, rief Phoebe und sank neben ihr auf die Knie. Pipers 

Gesicht war gerötet, und sie stöhnte leise. »Ich … verbrenne 
innerlich«, flüsterte sie, während ein Zucken durch ihren Körper 
ging. »Der Dolch war … verflucht. Es ist … als ob das Blut in 
meinen Adern … zu kochen beginnt. Und doch ist mir … so kalt 
ums Herz …« Ein Zucken durchlief ihren Körper, während sie 
den Kopf unkontrolliert hin und her warf. Und dann plötzlich 
wich alle Kraft aus ihrem Körper, und sie verlor das 
Bewusstsein. 

»Piper!«, schrie Phoebe, und Tränen strömten ihr über das 

Gesicht. »Bitte verlass mich nicht!« Panisch schüttelte sie ihre 
Schwester, deren Wangen nun feuerrot glühten, und versuchte 
sogar eine Mund-zu-Mund-Beatmung, doch Piper kam nicht 
mehr zu sich und stammelte nur noch unverständliche Worte 
wie im Fieberwahn. 

Hilfe suchend sah sich Phoebe um, doch es war weit und 

breit niemand zu sehen. Was sollte sie nun tun? Sie konnte Piper 
doch nicht in diesem Zustand auf diesem entsetzlichen Friedhof 
neben dem schwarzen Turm liegen lassen, während sie selbst in 
die Stadt zurücklief, um Hilfe zu holen? 

Schluchzend packte Phoebe ihre Schwester, von deren 

Körper inzwischen eine unglaubliche Hitze ausging, und zerrte 
sie in Richtung des Mausoleums und hinab in die kühle Gruft. 

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- 127 - 

 

»Ghul? Gift? Ghulgift? Soll das heißen, ich werde jetzt 

sterben?«, schrie Paige entsetzt. 

Suleiman sah die junge Hexe ernst an. »Nicht sofort. Das Gift 

eines Ghuls wirkt schleichend. Es wird dich nach und nach 
schwächen, bis schließlich dein Herz versagt. Es sei denn, du 
nimmst ein Gegengift ein … Aber das ist, wenn überhaupt, nur 
bei einem Heiler in Ald’maran zu bekommen.« 

»Na, prima!«, rief Paige aus. »Ich fasse es nicht. Jetzt, wo wir 

endlich aus diesem stinkenden Kerker raus und meine 
Schwestern nicht mehr weit sind, soll ich kurz vor dem Ziel 
einfach –« Sie brach ab, denn sie verspürte plötzlich einen 
leichten Schwindel; das Ghulgift zeigte offensichtlich bereits 
Wirkung. Als sie sich an der klammen Mauer vor der Zelle der 
Brüder abstützte, huschte der junge Seif sogleich herbei und 
ergriff ihren Arm. 

Unwirsch schob Paige seine Hand fort und straffte sich. 

»Verstehe ich das richtig, Jungs? Wir müssen, und das 
wohlgemerkt ohne unsere Kräfte, versuchen, hier 
herauszukommen, und zwar möglichst schnell, damit ich nicht 
in diesem verdammten Turm verrecke, noch bevor meine 
Schwestern Zeyn aus dem Weg geräumt haben?« 

Seif und Suleiman nickten stumm. 

»Dann nichts wie los!«, rief Paige. »Wir gehen jetzt da 

runter, komme, was wolle! Vielleicht haben wir ja Glück und 
meine Schwestern haben schon einen Weg in den Turm 
hineingefunden, dann können wir ihnen vielleicht irgendwie zur 
Hand gehen – auch ohne unsere magischen Kräfte.« Es entging 
ihr nicht, dass die beiden Brüder sie zweifelnd ansahen. 

»Wie auch immer«, fuhr Paige unbeirrt fort, »je länger wir 

zögern, irgendetwas zu tun, desto schlechter werden unser aller 

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- 128 - 

Chancen, das Ganze hier zu überleben –« Erneut wurde sie von 
einem Schwächeanfall heimgesucht. »Vor allem meine –« 

 

Schweigend und einigermaßen verdrießlich setzten Leo und 

Selim ihren Weg durch die Wüste fort. 

Sie hatten sich darauf geeinigt, niemandem, und schon gar 

nicht Piper und Paige, etwas von ihrem gleichermaßen 
amourösen wie peinlichen Abenteuer im goldenen Palast zu 
erzählen. Tatsächlich war es ihnen völlig unerklärlich, dass sie 
sich in seinen Mauern gebärdet hatten wie ausgehungerte Wölfe, 
denen man ein Stück Fleisch vor die Nase hält. 

Leo vermutete, dass sie irgendeinem Liebeszauber erlegen 

waren, den ihnen die schöne Fatima mit dem Willkommens-
Aperitif verabreicht hatte. Und plötzlich erinnerte er sich an eine 
alte orientalische Geschichte, in der ein liebestoller weiblicher 
Geist ahnungslose Reisende in sein Haus lockte, um diese für 
immer aus der irdischen Welt ins Reich der Lüste und damit ins 
Reich des ewigen Vergessens zu entführen. Er teilte Selim 
seinen Verdacht mit. 

»Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dass du in letzter 

Sekunde doch noch einen lichten Moment hattest«, erwiderte 
der junge Magier mit einem schiefen Grinsen. »Jeder 
Normalsterbliche wäre vermutlich unwiderruflich in Fatimas 
Liebesfalle getappt …« 

»Offensichtlich sind auch halbe Wächter des Lichts gegen 

derlei magische Verlockungen nicht immun«, feixte Leo, und 
Selim senkte beschämt den Blick. 

Wieder orbten sie sich Stück für Stück an der magischen 

Barriere entlang und stapften durch den Sand, bis sie die Reste 
einer alten Tempelanlage erreicht hatten. 

»Sind wir endlich da?«, wollte Leo wissen, der allmählich 

ungeduldig wurde. Sein Blick wanderte über wuchtige 

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- 129 - 

Mauerreste, Granitquader und altarähnliche Aufbauten, denen 
die Zeit arg zugesetzt hatte. 

»Ja, das ist die Stadt der Toten. Eine Kultstätte aus 

vorislamischer Zeit«, erklärte Selim, »als die Menschen noch 
den alten Göttern huldigten – und zugleich auch unser Ziel.« 

Er sah sich einen Moment lang um. »Hier muss es irgendwo 

diesen unterirdischen Durchgang geben, der direkt nach 
Ald’maran führt.« 

Gemeinsam mit Leo schritt er das riesige Areal der 

Tempelruine ab, doch ein Eingang oder auch nur ein Loch im 
Boden waren nirgendwo zu entdecken. 

»An der Universität von Ald’maran habe ich auch die 

Geschichte unserer Stadt studiert«, sagte Selim, »und da war 
von diesem Geheimgang am Baal-Tempel die Rede. Er muss 
hier also irgendwo sein.« 

»Was, wenn er längst verschüttet ist?«, fragte Leo und 

deutete auf eine umgestürzte Sandsteinmauer und eine Reihe 
zerstörter Granitpfeiler. »Was, wenn er unter diesen 
tonnenschweren Trümmern für immer und ewig vergraben 
liegt?« 

»Das haben wir gleich«, meinte Selim. Er hob die Hände, 

schloss die Augen, und dann zerbarst eine riesige Steinplatte 
unter einem ohrenbetäubenden Knall. 

»Wow«, entfuhr es Leo, »Molekularbeschleunigung 

beherrschst du also auch?« 

Selim zuckte nur die Achseln und grinste. »Ich nenne es 

Substanzvernichter.« 

Als sich der Staub gelegt hatte, trat er an die Stelle, an der 

zuvor die Mauer gelegen hatte. Doch darunter war nur der harte 
Wüstenboden zu erkennen. Selim wiederholte das Ganze mit 
drei massiven Säulen und einem mächtigen Torbogen, die unter 
seinen magischen Händen zerbröselten wie Salzstangen. 

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- 130 - 

»Wenn das die UNESCO sehen würde«, murmelte Leo, und 

als Selim ihn fragend ansah, fügte der Wächter hinzu: »Na ja, 
von wegen Weltkulturerbe und so …« 

Mit bloßen Händen begannen sie, die Haufen aus 

ockerfarbenem, grauem und rötlichem Staub beiseite zu fegen, 
leider ohne Erfolg. Denn auch darunter war kein Eingang zu 
entdecken. 

»Wir werden ewig brauchen, um hier jeden Stein zu 

pulverisieren«, meinte Leo zerknirscht. Er wischte sich über die 
Stirn, und ein breiter Schmutzstreifen prangte über seiner 
Nasenwurzel wie eine Art Kriegsbemalung. »Bist du sicher, 
dass der Eingang wirklich hier –« Er brach ab, denn in diesem 
Moment erzitterte die Luft, und dann materialisierte ein Wesen 
vor ihnen, das weder körperlich noch geistig zu sein schien. 

Als  Wächter des Lichts hatte Leo schon oft die Geister 

Verstorbener erblickt, aber diese Kreatur hier war anders. Sie 
besaß die Gestalt einer alten Frau mit wirrem, grauem Haar; die 
Züge ihres Gesichts waren wutverzerrt und die dürren Arme 
angriffslustig erhoben. Eine merkwürdige Kälte ging von ihr 
aus, die Leo trotz der nachmittäglichen Hitze in der Wüste 
frösteln ließ, und es war, als ob sich alles irdische Leid in ihr 
manifestiert hätte. 

Leo fühlte sich bei ihrem Anblick an die antiken Furien oder 

die keltischen Banshees erinnert, und doch war die ganze 
Erscheinung eher ätherisch als real. Wenn man von dem alten, 
zerrissenen Gewand absah, auf dem sich in Brusthöhe ein 
riesiger, dunkler Fleck aus getrocknetem Blut befand. 

»Ein Kummerfluch!«, stieß Selim hervor, doch da war das 

seltsame Geistwesen auch schon bei ihnen angelangt und griff 
mit eiserner Hand nach dem Hals des Arabers. 

»Du wagst es«, zischte die Alte, »den Ort meiner Seelenpein 

zu schänden?« 

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- 131 - 

Der junge Zauberer versuchte, sich aus ihrem Würgegriff zu 

lösen, doch vergebens. Auch schien es ihm nicht möglich, sich 
mittels Magie aus seiner misslichen Lage zu befreien, denn er 
war vor Kälte wie gelähmt. Als Leo ihm zur Hilfe eilen und die 
wahnsinnige Alte ergreifen wollte, glitten seine Hände einfach 
durch sie hindurch, als würde sie aus frisch gefallenem Schnee 
bestehen. 

»Es tut mir Leid«, keuchte Selim, dessen Gesicht langsam rot 

anlief, während sich auf seinem Körper eine dünne Reifschicht 
bildete, »aber ich wollte dich nicht … verärgern.« 

»Verärgern?«, keifte der weibliche Kummerfluch und drückte 

noch ein bisschen fester zu. »Du hast eine Todsünde begangen, 
und dafür wirst du sterben, du Wurm.« 

»Bitte hör mich an«, stieß Leo hervor. »Hier liegt 

offensichtlich ein Missverständnis vor. Wir suchen hier doch nur 
einen Eingang in die Stadt. Meine Frau und ihre Schwestern 
sind in großer Gefahr! Zeyn hat einen Bann über Ald’maran 
gelegt, sodass wir nicht auf normalem Wege hineinkönnen und 
–« 

Die Alte erstarrte und lockerte ihren Griff um Selims Hals. 

»Zeyn?«, krächzte sie, und ihre Augen funkelten. »Treibt dieser 
Teufel denn noch immer sein Unwesen in Ald’maran?« 

»Du kennst ihn?«, fragte Leo. 

»Er hat mir vor langer Zeit das Leben genommen – gleich 

hier, wo ihr steht. Und dann hat er mir meine Seele gestohlen … 
und sich von ihr genährt.« Sie ließ von Selim ab, der hustete und 
keuchte, und senkte ihr eisgraues Haupt. »Seither ist es kalt um 
mich, und ich kann keinen Frieden mehr finden.« 

Leo verstand nicht. »Wer bist du? Und was meinst du damit, 

er hat sich von deiner Seele genährt?« 

»Einst nannte man mich Malah, die Gütige.« Die Alte lachte 

bitter. »Doch dann riss mir Zeyn das Herz heraus, weil er in ihm 

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- 132 - 

den Sitz der Seele vermutete und den Ursprung meiner Magie 
… und er aß es vor meinen Augen. Ich habe es mit angesehen, 
denn ich war zu diesem Zeitpunkt noch … am Leben. Und das 
ist auch der Grund, warum ich seitdem verdammt bin, auf Erden 
zu wandeln und zu trauern, bis einer kommt, der den Dämon 
tötet und den Fluch bricht.« 

Für eine Weile schwieg Leo. Was für ein grausames 

Schicksal! 

»Malah war eine Zauberin«, setzte Selim leise hinzu. »Genau 

wie meine Mutter, und sie starb auch wie meine Mutter …« 

»Wir werden dafür sorgen, dass Zeyn vom Antlitz dieser 

Erde verschwindet und deine gepeinigte Seele Frieden findet«, 
sagte Leo. »Doch zuvor müssen wir diesen Tunnel in die Stadt 
finden.« 

Die bläuliche Gestalt der alten Frau schwebte auf den 

altarähnlichen Aufbau zu, der mit einer schweren Granitplatte 
abgedeckt war. Sie hob eine dürre Hand, und schon schob sich 
die Abdeckplatte knirschend beiseite. Darunter wurde eine grob 
behauene Steintreppe sichtbar, die in die Tiefe führte. 

»Das ist der Weg in die Stadt«, sagte Malah. »Findet und 

tötet Zeyn. Aber habt Acht, der Gang ist womöglich von seinen 
abscheulichen Kreaturen bevölkert.« 

 

Der alte Zeyn lehnte sich vor, legte die Hände auf die matt 

schimmernde Obsidiankugel und schloss die Augen. Ein Wirbel 
aus Licht und Farben durchflutete seinen Geist, und sein 
missgestalteter Körper erbebte. Und dann war die Verbindung 
endlich wieder hergestellt. 

Er sah, wie Selim in Begleitung eines blonden Mannes in die 

unterirdische Gruft hinabstieg, von welcher der alte Tunnel in 
die Stadt führte. 

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- 133 - 

»Du bist schlau, mein Junge«, flüsterte Zeyn. »Aber nicht 

schlau genug!« Er öffnete die Augen und sah hinab auf die 
Schale mit der trüben Flüssigkeit. Er lächelte. »Bei Iblis, meine 
Macht wird grenzenlos sein.« 

Und dann beschwor er den Wächter. 

 

Zögernd stiegen Selim und Leo die massiven Steinstufen 

hinab in die Tiefe, während die schwere Steinplatte über ihnen 
von Malah, dem Kummerfluch, wieder über den Einstieg 
geschoben wurde. 

Sie erreichten ein kleines Gewölbe, von dem ein langer, 

dunkler Gang abging. Und obwohl von außen kein Licht an 
diesen Ort dringen konnte, war die kleine Gruft in ein seltsam 
rötliches Licht getaucht. 

Leo blickte zur Decke, an der einige schlafende Fledermäuse 

hingen. Es musste hier also mindestens einen Ausgang ins Freie 
geben. 

»Das dürfte der unterirdische Zugang in die Stadt sein, von 

dem ich gelesen habe«, sagte Selim. »Er wurde vor langer Zeit 
gebaut, um Waren und Truppen unbemerkt hinein- und 
hinauszuschmuggeln. Ald’maran war einst ein heiß umkämpfter 
Ort«, fügte er hinzu. 

»Wollen wir hoffen, dass dieser Gang dort nicht ebenso heiß 

umkämpft ist«, meinte Leo und deutete in den Tunnel. »Wie 
weit ist es denn bis zur Stadt, und wo kommen wir eigentlich 
wieder raus?« 

»In den alten Aufzeichnungen heißt es, dass der Gang beim 

alten Friedhof direkt neben dem schwarzen Turm endet.« 

»Wie praktisch«, meinte Leo. »Dann steigen wir also bei der 

Höhle des Löwen wieder ans Tageslicht. Seltsam nur, dass Zeyn 
diese Schwachstelle in seinem Plan nicht berücksichtigt hat.« 

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- 134 - 

»Mir scheint, es wäre ein wenig voreilig, jetzt schon zu 

triumphieren«, erwiderte Selim und deutete sichtlich geschockt 
in Richtung des dunklen Gangs. 

Leo fuhr auf dem Absatz herum und starrte direkt in die 

glühenden Augen einer Kreatur, die er noch nie zuvor gesehen 
hatte. 

 

In der kühlen Gruft unter dem Mausoleum, inmitten von 

staubigen Skeletten und zerbrochenen Steinsärgen, beugte sich 
Phoebe Halliwell über ihre sterbende Schwester und flüsterte: 
»Bitte halte durch, Piper. Halte durch für die Macht der Drei, 
für Leo und für dein ungeborenes Kind …« 

 

Das Heulen der riesigen Kreatur war ohrenbetäubend, 

während das Monstrum gleichzeitig einen wahren Feuersturm 
entfachte. 

Leo konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, bevor 

ihn die Flammenschneise, die der Feuergolem mit seinen 
plumpen Händen in seine Richtung aussandte, erfassen konnte. 
Flammen züngelten um seine Schuhe und versengten das Leder. 

Entschlossen trat Selim einen Schritt vor und hob die Hand, 

um das schwarzrote Ungetüm mit einem Energiestoß zu 
zerstören. Doch im gleichen Moment öffnete der Feuergolem 
sein riesiges Maul, und ein Schwall aus glühender Lava schoss 
hervor. Unversehens stand der junge Zauberer mit seinen 
Sneakers in einem kleinen See aus kochend heißem, zähem 
Schmelzfluss. Er konnte noch nicht einmal vor Schmerz 
schreien, denn er verlor auf der Stelle das Bewusstsein. Sein 
lebloser Körper sank in die glühende Schlacke, die große Teile 
seiner Kleidung und seiner Haut versengte. 

Blitzschnell orbte sich Leo hinter das Monstrum aus der 

Gefahrenzone und rannte in den Gang hinein, der laut Selim in 

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- 135 - 

die Stadt führte, um den Golem von dem jungen Magier 
fortzulocken. 

Als  Wächter des Lichts verfügte er nur über diese eine, 

defensive »Kampftechnik«, doch im Verbund mit den Kräften 
der  Zauberhaften  hatte ihnen diese Fähigkeit in der 
Vergangenheit mehr als einmal gute Dienste erwiesen. Nur dass 
er jetzt völlig auf sich allein gestellt war und Selim in dem 
kochend heißen, langsam erstarrenden Schmelzfluss zu sterben 
drohte … 

Doch das Ablenkungsmanöver funktionierte, denn die 

massige Kreatur wandte sich um, stieß einen heulenden Schrei 
aus, der Leo fast das Trommelfell platzen ließ, und nahm mit 
donnernden Schritten die Verfolgung auf. 

In diesem Moment wurde Leos Körper von Licht und Wärme 

durchflutet, und ihm wurde schlagartig klar, dass die 
Verbindung zu den Zauberhaften  wieder hergestellt war. 
Mindestens eine der Hexen musste ganz in der Nähe sein! 

Noch im Laufen durch den düsteren Gang orbte er sich zur 

Quelle des Energiestroms, der nun wieder zwischen ihm und 
seinen Schutzbefohlenen floss. 

 

Nachdem sie in der dunklen Gruft neben dem leblosen 

Körper ihrer Schwester ausgeharrt hatte, konnte Phoebe ihr 
Glück kaum fassen, als plötzlich Leo wie aus dem Nichts neben 
ihr materialisierte. 

Doch für Wiedersehensfreude blieb wenig Zeit. 

»Leo!«, rief sie in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und 

Panik. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. »Hilf uns! Schnell! 
Piper stirbt!« 

Sofort sank der Wächter des Lichts neben der reglosen 

Gestalt seiner Frau auf die Knie. Ihr Körper glühte wie unter 
heftigem Fieber, während ihr Herzschlag soeben aussetzte. Er 

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- 136 - 

berührte sie sanft, und göttliches Licht floss durch seine Hände 
in Piper hinein, neutralisierte den Fluch und weckte ihre 
dahinscheidenden Lebensgeister. »Das war knapp«, murmelte 
Leo und seufzte erleichtert. 

Im gleichen Moment holte Piper tief Luft und schlug 

überrascht die Augen auf. »Leo«, hauchte sie, und schon lagen 
sich die beiden in den Armen. 

Auch Phoebe fiel ein Riesenstein vom Herzen, doch die drei 

hatten keine Gelegenheit, ihren äußerst knappen Sieg über 
Pipers drohenden Tod auch nur eine Sekunde lang zu feiern, 
geschweige denn, einander irgendetwas zu erklären. 

Aus der Ferne drang ein unheilvolles Stampfen aus dem 

Tunnel an ihr Ohr, das den Boden des unterirdischen Grabmals 
mit jedem Schritt erzittern ließ. Und dann folgte ein Heulen, als 
ob sich Zerberus persönlich auf dem Weg zu ihnen befand. 

»Was ist das?«, fragte Piper erschrocken und sprang auf die 

Füße. 

»Feuergolem!«, stieß Leo hervor. 

»Ein Feuergolem?«, wiederholte Phoebe lahm. 

»Kann ich euch jetzt nicht im Einzelnen erklären«, rief der 

Wächter des Lichts ungeduldig, »Selim ist ebenfalls schwer 
verletzt, wenn nicht schon tot, und mir ist ein Feuergolem auf 
den Fersen, der jeden Moment hier auftauchen wird!« 

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da erschien das 

Ungetüm auch schon in dem Gang, der von der Krypta aus der 
Stadt hinausführte, und stampfte heulend auf sie zu. Seine 
Gestalt füllte den Tunnel fast völlig aus, der massige Körper war 
eine einzige brodelnde Masse aus züngelnden Flammen, Ruß 
und Glutklumpen, und die riesigen Augen in seinem formlosen 
Kopf brannten wie glühende Kohlen. 

Phoebe hielt vor Schreck den Atem an. Schon hatte der 

Golem einen seiner plumpen Arme erhoben, und einen Atemzug 

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- 137 - 

später wälzte sich eine riesige Feuerkugel auf Phoebe zu. 
Blitzschnell erhob sich die junge Hexe in die Lüfte, sodass das 
verheerende Flammengeschoss unter ihr hindurchraste und an 
der Wand hinter ihr explodierte. 

Der Golem heulte erneut auf, öffnete sein Maul, und eine Flut 

aus kochend heißer, schwarzroter Lava strömte hervor. 

Piper zögerte keine Sekunde länger und zog die magische 

Notbremse. Die Zeit fror ein. Der Schmelzfluss aus dem 
Schlund des Golems erstarrte, und der Lavastrom hing nun aus 
seinem Maul herab wie eine dicke, klebrige Zunge. Doch Piper 
fackelte nicht lange und schickte das Monstrum mittels 
Molekularbeschleunigung hinab in den Orkus. Als der 
Feuergolem in Abermillionen Teilchen explodierte, war die 
Hitze in dem Grabmal für einige Sekunden kaum auszuhalten. 

»Wie bist du hierher gekommen?«, fragte Piper ihren 

Ehemann, nachdem der feurige Spuk vorbei war. Ihr Blick blieb 
an Leos Gesicht hängen, auf dem sich breite Dreckspuren 
befanden. »Und wieso siehst du aus wie ein Guerilla?« 

»Ist ’ne lange Geschichte«, stieß Leo hervor. »Erzähle ich 

euch später. Doch erst mal muss ich zurück zu Selim. Vielleicht 
kann ich ihn noch retten.« 

Phoebe, Piper und Leo nahmen sich bei den Händen, und 

dann orbten die beiden Schwestern im Schlepptau des Wächters 
zu der Stelle zurück, an der Selim am Boden lag. Die Schlacke 
um ihn herum begann langsam zu erstarren; doch nicht nur aus 
diesem Grund war Eile geboten. 

»Hoffentlich ist es noch nicht zu spät!« Leo kniete neben 

dem jungen Zauberer nieder und legte ihm vorsichtig seine 
heilenden Hände auf die Brust. Wie schon zuvor bei Piper 
umspielte sogleich ein unwirkliches, bläuliches Licht seine 
schlanken Finger, dann suchte und fand die göttliche Energie 
ihren Weg in den Körper des sterbenden Magiers. 

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- 138 - 

Phoebe und Piper hielten den Atem an. 

Und schließlich, wie durch ein Wunder, begann Selims Herz 

wieder zu schlagen. Jäh riss der junge Mann seine 
smaragdfarbenen Augen auf und blickte erstaunt in drei 
Gesichter, die ihn erwartungsvoll anstarrten. »Was ist 
passiert?«, stöhnte er benommen. 

»Das würden wir gern von dir  erfahren, Selim«, sagte Piper 

mit eisiger Stimme. »Wo zum Teufel ist unsere Schwester?« 

 

Vorsichtig stiegen Paige, Seif und Suleiman die schmale 

steile Wendeltreppe hinab. 

Paige fühlte sich von Minute zu Minute elender. Zu der stetig 

wachsenden Schwäche, die das Ghulgift ihr verursachte, kam 
nun auch noch eine große Übelkeit hinzu. 

Sie wusste nicht, wie sie in diesem Zustand und ohne ihre 

Zauberkräfte Zeyn widerstehen sollte, käme es zu einer 
Konfrontation mit dem Erzdämon und seinen Schergen. 

Und sie hatte auch nicht den Hauch einer Idee, wie es ihnen 

drei gelingen sollte, den Turm unbehelligt zu verlassen. Und 
dennoch, sie mussten es einfach versuchen. Wenn nicht, dann 
verendete sie hier in diesem elenden Loch wie ein verletztes 
Tier, fern von zu Hause und fern von ihren Schwestern. 

Sie zwang ihren Magen unter Kontrolle und ging weiter, bis 

sie und die beiden jungen Männer die erste Aussichtsplattform 
erreichten. 

Draußen begann die Sonne zu sinken. Es musste inzwischen 

später Nachmittag sein. 

Mit weichen Knien lehnte sich Paige an die Wand neben 

einem der Fenster und schloss für einen Moment die Augen. 

Seif und Suleiman sahen sich besorgt an. 

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- 139 - 

»Fühlst du dich schlechter?«, fragte der jüngere der beiden 

Brüder, und seine Stirn umwölkte sich. 

Paige straffte sich und ballte die Fäuste. »Keine Sorge«, sagte 

sie leise. »Wird schon irgendwie gehen … Wenn wir nur bald 
hier herauskommen und meine Schwestern treffen, dann … wird 
bestimmt alles gut.« Sie senkte den Blick. »Es muss einfach gut 
werden … Bis jetzt ist doch noch immer alles gut geworden …« 

»Du bist eine sehr starke Frau«, sagte Suleiman mit fester 

Stimme und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Du wirst es 
schaffen, dessen bin ich sicher.« Doch im Stillen war er ganz 
und gar nicht davon überzeugt, dass die schöne Hexe das 
Abenteuer, in das sein Halbbruder Selim sie gestürzt hatte, 
tatsächlich überleben würde. Soviel er wusste, gab es nämlich 
keineswegs ein Heilmittel gegen Ghulgift. 

Paige versuchte ein halbherziges Lächeln. Die Worte des 

ernsthaften jungen Mannes trösteten und ermutigten sie 
gleichermaßen. »Wir sollten weitergehen«, sagte sie. 

Sie gelangten ins nächste Geschoss, das dem vorherigen 

ähnelte, bis auf die Tatsache, dass hier die Fenster lediglich die 
Ausmaße von Schießscharten hatten. 

Die alte Öllampe, die Paige schon bei ihrem ersten Besuch 

entdeckt hatte, lag noch immer am Boden. 

Die junge Hexe fragte sich, ob ihnen dieses Ding vielleicht 

irgendwie von Nutzen sein konnte. Sie bückte sich, ergriff die 
Lampe und betrachtete sie genauer. Sie war über und über mit 
Staub und Patina bedeckt. An einer Seite entdeckte Paige den 
kleinen Stutzen, durch den die Lampe mit Öl befüllt wurde. 
Paige zog ihn heraus und schnüffelte an der Öffnung. 

»Vorsicht!«, rief Suleiman, doch es war schon zu spät. 

In diesem Moment stieg Dampf aus der Messingleuchte auf, 

der sich rasch vermehrte und verdichtete, um sich schließlich zu 
einem riesenhaften Gebilde zu manifestieren. 

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- 140 - 

»Ein Dschinn!«, rief Seif und wich unwillkürlich einen 

Schritt zurück. 

»Endlich!«, donnerte die Stimme des Geistes. »Frei!« Er warf 

den Kopf in den feisten Nacken und lachte dröhnend. 

Erschrocken ließ Paige die Lampe fallen. Der Dschinn hatte 

die Gestalt eines fetten, kahlköpfigen Schwergewichtlers und 
war gut zweieinhalb Meter groß. Um seine mächtigen 
Unterarme wanden sich eiserne Manschetten, und an seinem 
linken Ohrläppchen baumelte ein goldener Ring. Fast hätte man 
ihn für einen einfältigen Jahrmarktsboxer halten können, wenn 
er nicht so verdammt wütend ausgesehen hätte. Unheilvoll 
schwebte er vor Paige, Seif und Suleiman in der Luft. 

»Ihr Menschlein seid also meine Befreier«, stellte er höhnisch 

fest. 

»Wer bist du?«, fragte Paige. 

»Man nannte mich Omar«, erwiderte der Dschinn hochmütig. 

»Einst war ich in Diensten des mächtigen Zauberers Stamatis.« 
Seine Stimme wurde grimmig. »Doch dann hat mich seine so 
überaus redliche Frau in diese Lampe verbannt, in der ich nun 
seit über hundert Jahren meiner Befreiung harrte.« 

»Warum hat dich denn die Frau des Zauberers in die Lampe 

gesperrt?«, fragte Seif neugierig, dem der Ernst der Situation 
anscheinend nicht bewusst war. 

»Die dumme Gans hatte die Arbeit ihres Mannes nicht 

gutgeheißen«, erwiderte der Dschinn. »Und dazu zählte auch, 
dass er sich dabei meiner Hilfe bediente, der Hilfe eines Iblis-
Dämonen. Und so hat sie mich aus dem Weg geräumt, nachdem 
ihr Mann der Hexerei und Nekromantie verdächtigt und 
hingerichtet worden war.« 

»Die Arbeit deines Herrn war wohl offensichtlich die 

schwarze Magie«, sagte Suleiman verächtlich. »Wie soll man 
dergleichen gutheißen?« 

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- 141 - 

»Schweig, Nichtswürdiger«, donnerte der Dschinn. 

»Schwarze Magie, weiße Magie – es ist doch alles nur eine 
Frage des Standpunkts. Und überhaupt, was verstehst du schon 
davon?« 

»Vielleicht mehr als du denkst«, erwiderte Suleiman, und 

seine schwarzen Brauen zogen sich zusammen. »Es ist auch eine 
Frage der Achtung vor der Schöpfung. Doch sprich, was hast du 
nun vor, da du wieder in Freiheit bist?« 

»Zuerst werde ich euch töten«, sagte der Lampengeist 

leichthin, »denn es ist auf Erden kein Platz für niedere, ach so 
rechtschaffene Kreaturen, wie ihr es seid. Denn man darf die 
Schöpfung,  wie du es nennst, nie sich selbst überlassen, sonst 
richtet sie sich am Ende gegen das, was noch über ihr steht.« 

»Du stehst also über der Schöpfung?«, fragte Suleiman, der 

zunehmend gereizter klang. 

»Auf jeden Fall stehe ich über den so genannten 

wohlanständigen Sterblichen«, sagte der Dschinn verächtlich. 
»Und ein Mensch, der nicht in Diensten Iblis’ steht, ist es nicht 
wert zu leben.« 

»Ist das also der Lohn dafür, dass wir dich befreit haben?«, 

ereiferte sich Paige, der immer übler wurde. »Zum Dank tötest 
du uns?« 

»Dank?« Der Lampengeist lachte spöttisch. »Ein mächtiger 

Dschinn wie ich ist keinem Menschen zu Dank verpflichtet. 
Vielmehr ist es für jeden großen Schwarzkünstler eine Ehre, 
mich an seiner Seite zu haben. Die größten Magier der Welt sind 
mir zu Dank verpflichtet.« 

»Du willst ein mächtiger Dschinn sein?«, höhnte Paige, der 

plötzlich eine Idee gekommen war. »So mächtig, dass du dich 
von einer Frau in eine Öllampe hast einsperren lassen?« 

Suleiman blickte die Hexe erschrocken an. Wieso provozierte 

Paige den Dämon zu allem Überfluss? 

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- 142 - 

»Du wagst es –«, begann der Dschinn und schwebte drohend 

auf Paige zu. 

Doch Seif, der begriff, was Paige plante, warf ihr einen viel 

sagenden Blick zu und fiel dem Lampengeist ins Wort. 
»Wahrscheinlich bist du nur ein Scharlatan, der uns weismachen 
will, er wäre so allvermögend, dass er selbst in diesem kleinen 
Ding Platz fände.« Er bückte sich, hob die alte Öllampe wieder 
auf und grinste spöttisch in Richtung seiner beiden Begleiter. 
»Ich sage euch, kein Dschinn dieser Welt vermag ein solches 
Kunststück zu vollbringen.« 

Der Dschinn drehte sich zu dem frechen jungen Mann um 

und lachte. »Ich werde dich lehren, mich zu verspotten, du 
Wurm.« 

In diesem Moment rief Suleiman, der das Spiel von Paige 

und Seif endlich durchschaut hatte: »Dann beweise doch, wie 
mächtig du bist, Dschinn.« Er wusste, das war eine riskante 
Forderung, doch er zählte auf die altbekannte Eitelkeit der von 
der schwarzen Seite korrumpierten Dämonen. 

Und tatsächlich fiel der Lampengeist darauf herein. Mit den 

Worten »So soll es sein« zog sich seine halbtransparente Gestalt 
zusammen, bis sie einem schlaffen Luftballon glich, und fuhr 
dann in Windeseile zurück in die alte Öllampe, die Seif noch 
immer in Händen hielt. 

Sofort versiegelte Seif den Einfüllstutzen mit dem magischen 

Pfropfen und wandte sich mit einem triumphierenden Grinsen 
zu Suleiman und Paige um. »Du liebe Güte, dieser Omar ist 
nicht nur unglaublich ›mächtig‹, sondern vor allem unglaublich 
einfältig.« 

»Gut gemacht!«, riefen Paige und Suleiman wie aus einem 

Munde. 

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- 143 - 

Aus dem Innern der Lampe war ein blechernes, dünnes 

Stimmchen zu hören. »Lasst mich frei! So lasst mich doch 
wieder frei!« 

Der junge Seif grinste von einem Ohr zum anderen. »Wie bist 

du überhaupt auf die grandiose Idee gekommen, den eitlen 
Dschinn herauszufordern, auf dass er tatsächlich wieder in die 
Lampe zurückkehrt?«, wollte er von Paige wissen. 

»Ich hab mich an ein Märchen aus 1001 Nacht erinnert«, 

erklärte Paige, doch Seif sah sie nur verständnislos an. 

Suleiman räusperte sich. »Könntet ihr das vielleicht später 

erörtern? Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden.« 
Er deutete auf die Messinglampe, aus der noch immer die 
kläglichen Hilferufe des Dschinns drangen. »Und was machen 
wir mit diesem Wichtigtuer hier?« 

Der Dschinn in der Lampe hatte sich zwischenzeitlich vom 

Betteln übers Fluchen aufs Verwünschen und wieder zurück 
aufs Flehen verlegt. 

»Vielleicht kann er uns ja irgendwie von Nutzen sein?«, 

murmelte Paige. »In dem Märchen, an das ich mich erinnert 
habe –« Sie brach ab und begann plötzlich heftig zu frösteln. 
Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, und wieder gaben ihre 
Beine nach. Das Ghulgift wirkte immer stärker. 

»Wie sollte er uns von Nutzen sein?«, fragte Seif. 

»Naja, er ist doch ein Dschinn, oder?«, presste Paige hervor. 

»Vielleicht kann er uns mit seiner Magie helfen, hier 
herauszukommen, wenn wir ihn noch mal befreien.« 

»Lass mich raus! Ich hab’s doch nicht so gemeint«, flehte der 

Dämon aus dem Innern der Lampe. »Ich werde euch auch nichts 
zu Leide tun!« 

»Das wage ich zu bezweifeln«, sagte Suleiman. »Er wird uns 

wieder um unseren wohlverdienten Lohn bringen wollen, wenn 
wir ihn freigelassen haben.« 

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- 144 - 

In diesem Moment knickten Paige die Beine endgültig ein, 

und sie sank an der Wand zu Boden. Die Welt um sie herum 
wurde immer schwärzer, und sie musste einen Brechreiz 
unterdrücken. 

»Paige!«, rief Seif alarmiert. Er drückte Suleiman die Lampe 

in die Hand und war sofort an der Seite der jungen Hexe. Sacht 
stützte er sie und streichelte ihr über die Wange. »Halte durch, 
es wird alles gut.« 

»Ihr habt zwei Möglichkeiten«, sagte Paige mit brüchiger 

Stimme. »Entweder ihr befreit den Dschinn, und wir lassen uns 
von ihm hier herausbringen, oder aber ihr kämpft euch 
eigenhändig aus diesem Turm – ohne mich.« Sie schloss die 
Augen, denn eine unendliche Müdigkeit umfing sie. 

»Paige!«, rief Seif erneut und sah seinen älteren Bruder 

flehend an. »Tu doch was, Suleiman! Lass den Lampengeist 
frei!« 

»Aber er steht doch in Diensten der dunklen Seite. Wie 

können wir seinen Worten trauen?« In einer verzweifelten Geste 
fuhr sich Suleiman mit der Hand durch das seidige schwarze 
Haar. Dann hob er die Lampe an sein Gesicht und sprach: 
»Höre, Dschinn. Wenn wir dich befreien, was genau ist unsere 
Belohnung?« 

»Ich werde euch am Leben lassen, und ihr habt zudem noch 

einen Wunsch frei!«, kam es piepsend aus der Lampe. 

Suleiman sah Seif zweifelnd an. 

»Ich erfülle euch jeden Wunsch der Welt«, fügte der Dschinn 

nachdrücklich hinzu. »Allein den Wunsch auf beliebig viele 
weitere Wünsche kann ich euch natürlich nicht erfüllen.« 

Suleiman schien sichtlich mit sich zu ringen. Konnte man 

dem von der dunklen Seite Korrumpierten wirklich glauben? 
Doch als er die halb tote, in sich zusammengesunkene Paige und 
den hilflosen Blick seines Bruders sah, zog er mit 

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- 145 - 

zusammengebissenen Zähnen den magischen Pfropfen aus der 
Lampe. 

Der Dschinn entströmte dem Messingbehälter wie ein 

schlechter Geruch und baute sich wieder zu voller Größe auf. 
»Eine gute Entscheidung«, brummte er zufrieden in die Runde, 
und zu Suleiman: »So sprich, Mensch, was ist dein Begehr?« 

Seif atmete erleichtert auf. Offensichtlich gab es selbst unter 

bösartigen Dschinnen so etwas wie einen Ehrenkodex. 

»Mach diese Frau gesund!«, forderte Suleiman ohne zu 

zögern und deutete auf Paige. »Es ist Ghulgift in ihrem Körper, 
und sie stirbt.« 

»Nichts leichter als das«, sprach der Dschinn. Er hob seinen 

feisten Arm, dem daraufhin ein rotgoldenes Licht entströmte, 
und schon im nächsten Moment schlug Paige die Augen auf. 
Das Blut kehrte in ihre Wangen zurück, und ihre Atmung 
normalisierte sich. »Danke«, hauchte sie in Richtung Suleiman. 

»Gebührt der Dank nicht eher mir?«, fragte der dicke 

Dschinn beleidigt. 

Paige war aufgestanden. »Das verstehst du nicht«, sagte sie 

zu dem Lampengeist. »Suleiman hätte sich ebenso gut wünschen 
können, dass du uns hier herausbringst. Die Brüder wären 
dadurch in Sicherheit gewesen, aber … für mich hätte es wohl 
den Tod bedeutet. Den Tod deshalb, weil wir in Ald’maran auf 
die Schnelle vermutlich keinen Heiler mehr für mich gefunden 
hätten. Kurz: Ich wäre mit Sicherheit gestorben, hätte Suleiman 
sich anders entschieden.« 

Suleiman verzichtete darauf, Paige zu gestehen, dass es 

seines Wissens überhaupt kein Gegenmittel für eine durch 
Ghulgift hervorgerufene Infektion gab, Heiler hin oder her. 

Erstmals sah sich der Dschinn genauer in dem Turmgeschoss 

um. »Was ist das für ein Gebäude hier?«, verlangte er zu wissen. 

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- 146 - 

»Der schwarze Turm des Zeyn«, sagte Suleiman. »Zeyn ist 

derjenige, der uns hier eingesperrt hat, er ist ein mächtiger –« 

»Ich kenne Zeyn«, donnerte der Dschinn, und seine Züge 

verfinsterten sich. »Er ist der Mentor meines ehemaligen 
Meisters.« 

Für einen Moment wurde es totenstill auf der Turmplattform. 

Die Worte des Dschinns hatten eingeschlagen wie eine Bombe. 

Der junge Seif stellte schließlich die Frage, die allen auf den 

Nägeln brannte. »Heißt das, dass du nun Zeyn zu dienen 
wünschst, Omar?« Jedem der Anwesenden war klar, was das für 
sie bedeuten würde. 

Der dicke Dschinn verzog das Gesicht. »Das heißt es 

keineswegs«, sagte er langsam. »Zeyn wusste, was die Frau des 
Schwarzmagiers mit mir vorhatte, und hätte es verhindern, oder 
mich doch zumindest wieder aus dieser Lampe befreien können. 
Aber er unterließ es. Er hatte wohl seine ganz eigenen Pläne und 
wachte eifersüchtig über alles, was mein Meister an Großem 
hervorbrachte. Tatsächlich stahl er ihm, seinem eigenen Schüler, 
einige seiner viel versprechendsten Erfindungen, doch mein 
Meister vertraute ihm blind. Niemals werde ich einem 
Hundesohn wie Zeyn dienen!« 

Man konnte die Erleichterung fast körperlich spüren, die 

Paige, Seif und Suleiman erfasste. 

»Was gedenkst du nun zu tun?«, fragte Paige, und Hoffnung 

glomm in ihren Augen. »Wirst du dich an Zeyn rächen und ihn 
vernichten?« 

»Das würde ich gern, doch ich kann es nicht«, sagte der 

Dschinn und senkte beschämt den Blick. »Dazu wiederum reicht 
meine Macht nicht aus.« 

Seif wollte den dicken Omar gerade fragen, was genau er mit 

dieser Bemerkung meinte, aber er beschloss, den Lampengeist 

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- 147 - 

nicht noch mehr zu demütigen, als es offensichtlich ohnehin 
schon der Fall war. 

»Ich kapiere nicht, wie ein hässlicher kleiner Zwerg wie 

dieser Zeyn so viel Macht an sich reißen konnte«, platzte Paige 
verärgert heraus. 

»Hässlicher kleiner Zwerg?«, wiederholte der Dschinn. »Was 

redest du, Mädchen! Der Zeyn, den ich kannte, war eine 
strahlende Lichtgestalt von überirdischer Schönheit.« 

Für einen Augenblick starrten Paige und die beiden Brüder 

einander verständnislos an. 

»Der Zeyn, den ich kannte«, fuhr der Dschinn mit bitterer 

Stimme fort, »besaß das Gesicht eines Engels und die Seele 
eines Teufels. Doch Zeyn stand auf niemandes Seite, und in 
seinem Hochmut hätte er selbst meinen Schöpfer Iblis verraten, 
um seine eigene Macht zu mehren und die Welt zu 
beherrschen.« 

»Dann hilf uns doch bitte, hier herauszukommen, damit wir 

ihn vernichten können!«, rief Paige verzweifelt. 

»Ihr wollt Zeyn vernichten?«, fragte der Dschinn. Und dann 

lachte er so heftig, dass sein Wanst und das Doppelkinn 
wackelten. Doch trotz allem war es ein freudloses, keineswegs 
ansteckendes Lachen. 

Erneut sahen sich die Hexe und die beiden Magier 

unbehaglich an. 

»Ihr könnt Zeyn nicht vernichten, denn er ist unsterblich«, 

sagte der Dschinn schließlich. »Keine Macht der Welt kann ihn 
töten.« 

Wie vom Donner gerührt standen Paige, Seif und Suleiman 

da. 

Zeyn unsterblich!, schoss es einem jeden von ihnen durch 

den Kopf. Was heißt das für unseren Kampf gegen ihn? Und 

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- 148 - 

was bedeutet es für unsere Kräfte, die er uns geraubt hat? Wird 
es uns je gelingen, unsere Magie wieder zurückzubekommen? 
Und wie um alles in der Welt soll das möglich sein bei einem 
Gegner, den man nicht vernichten kann? 

Es war Suleiman, der mit heiserer Stimme als Erster wieder 

das Wort ergriff. »Du hast Paiges Leben gerettet, und wir sind 
dir zu größtem Dank verpflichtet, mächtiger Omar«, begann er 
diplomatisch. »Doch verstehe mein Ansinnen jetzt nicht falsch, 
wenn ich … wenn ich dich demütigst bitte, uns hier 
herauszuhelfen. Wir mögen zwar auf entgegengesetzten Seiten 
kämpfen, doch in unserem Wunsch, Zeyn vom Antlitz dieser 
Welt zu fegen, stehen wir doch nun hier zusammen. Und glaube 
mir, großer Omar, wir werden nichts unversucht lassen, genau 
dieses zu tun, wenn wir erst einmal in Freiheit sind. Ich weiß, du 
könntest uns mit Leichtigkeit unserem Schicksal und damit 
Zeyn überlassen, doch bedenke auch: Eine solche Entscheidung 
vermagst du nur zu treffen, weil es uns überhaupt gibt.« 

Paige fand, Suleiman verstand sich ausgezeichnet darauf, 

dem dicken Dämon mit wohlgesetzten Worten Honig ums Maul 
zu schmieren. Und sie hoffte inständig, dass diese Taktik von 
Erfolg gekrönt sein würde. 

»So soll ich dir also ein weiteres Mal für meine Befreiung 

zum Dank gefällig sein? Du überstrapazierst meine 
Großherzigkeit, Mensch!«, grollte der Dschinn, doch man sah 
ihm deutlich an, dass ihm Suleimans Worte geschmeichelt 
hatten, denn ein selbstgefälliger Ausdruck war auf seinem 
Gesicht erschienen. Er verfiel einige Sekunden ins Grübeln und 
runzelte dabei die feiste Stirn, als ob der komplizierte 
Sachverhalt begann, ihn langsam, aber sicher zu überfordern. 

»Was du sagst, ist indes nicht falsch«, fuhr der Lampengeist 

fort. »Der Feind meines Feindes muss letzten Endes mein 
Freund sein … So will ich denn ein letztes Mal gegen meine 
Prinzipien handeln, da es einem höheren Ziel zu dienen scheint. 
Lebt wohl!« 

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- 149 - 

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da fanden sich 

Paige, Suleiman und Seif am Fuße des schwarzen Turms neben 
dem alten Friedhof wieder. 

Omar, der Iblis-Dschinn, hatte das unglückliche Trio 

tatsächlich hinaus in die Freiheit befördert! 

»Wir sind draußen!«, jubelte Seif und fiel Paige und 

Suleiman um den Hals. »Endlich!« 

Paige schossen vor Erleichterung die Tränen in die Augen, 

während Suleiman befreit ausatmete. 

»Wir sollten schleunigst von hier verschwinden und im Haus 

unseres Vaters die nächsten Schritte besprechen«, sagte er zu 
Paige. Er blickte zum immer noch strahlend blauen Himmel auf. 
»Die Sonne geht in wenigen Stunden unter, und –« 

In diesem Moment wurden Stimmen hinter ihnen laut, und 

dann geschah das schier Unglaubliche. 

Aus dem alten Mausoleum ganz in der Nähe stiegen vier 

Gestalten ans Tageslicht! 

Es waren Piper, Phoebe, Leo und – Paige blieb fast das Herz 

stehen – Selim! 

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- 150 - 

I

M HAUS DES ALTEN IBRAHIM

 

saßen Leo, die 

Zauberhaften 

und die drei Brüder zusammen und 

beratschlagten, was als Nächstes zu tun sei. 

Man hatte es sich im Erdgeschoss um den runden 

Messingtisch gemütlich gemacht und trank Tee, während der 
Vater der jungen Magier schweigend dabeisaß und seine 
Wasserpfeife rauchte. 

Die Wiedersehensfreude war groß gewesen, und schon auf 

ihrem Rückweg vom Turm nach Ald’maran hatten die sieben 
begonnen, sich über das, was in den letzten Stunden passiert 
war, gegenseitig ins Bild zu setzen. 

In Ibrahims Heim angekommen hatten sie sich erst einmal am 

hauseigenen Brunnen, der im kühlen Innenhof stand, vom Staub 
und Schweiß des Tages befreit. Danach hatte sich Selim 
umgezogen, denn die Jeans und das Shirt, die er getragen hatte, 
waren von der glühenden Schlacke fast völlig versengt gewesen, 
sodass sie in Fetzen an ihm heruntergehangen hatten. 

Die Brandwunden, die er durch die Lava-Attacke des 

Feuergolems davongetragen hatte, waren dank Leo noch an Ort 
und Stelle vollständig verheilt. Genau wie Pipers Wunde am 
Oberarm, die ihr der Vogeldämon mit seinem verwünschten 
Dolch beigebracht hatte. 

Draußen ging langsam die Sonne unter, während Selim beim 

Schein der Öllampe seinen Brüdern und den Besuchern aus der 
Zukunft noch einmal detailliert berichtete, was nach der 
Gefangennahme Seifs und Suleimans genau passiert war. 

Paige beobachtete den jungen Mann verstohlen, der sich 

gerade eine Locke aus der Stirn strich und sagte: »Und so bin 
ich mithilfe des Buchs der Weisheit in eure Zeit gereist, um die 
verwandte Seele ausfindig zu machen, von der in der 

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- 151 - 

Prophezeiung die Rede war.« Er sandte einen verliebten Blick in 
Richtung Paige, die daraufhin flammend rot wurde. 

Piper, die sich eng an Leo gekuschelt hatte, musste grinsen. 

Sie konnte gut verstehen, warum ihre Halbschwester dem 
jungen Mann so ohne weiteres zu dem Hotel gefolgt war. Dieser 
Selim war nicht nur ein ausgesprochen attraktiver Bursche mit 
seinen dunkelgrünen Augen und den schwarzen langen Locken, 
sondern schien darüber hinaus auch noch ein überaus 
einnehmendes Wesen zu haben. Und zweifellos war er von 
Paige genauso fasziniert wie sie von ihm. Die Spannung, die 
zwischen den beiden herrschte, war fast körperlich zu spüren. 

Auch Phoebe ließ ihren Blick über die Anwesenden wandern. 

Piper und Leo saßen Arm in Arm beisammen, unübersehbar 
glücklich, nun, da sie wieder vereint waren. Die drei Brüder 
waren jeder für sich bemerkenswerte junge Männer: Der stille, 
ernste Suleiman mit dem schmalen, markanten Gesicht und den 
glatten schwarzen Haaren, der lustige Seif mit seiner 
spitzbübischen Miene, der störrischen Mähne und den 
funkelnden hellbraunen Augen, und schließlich der anziehende 
Selim, der von innen heraus zu strahlen schien wie ein junger 
Gott. 

Kein Wunder, dass sich Paige auf der Stelle in ihn verliebt 

hat, dachte Phoebe. Sie musste an Niall, den Sohn des Merlin, 
denken, in den sie selbst vor einigen Jahren bis über beide 
Ohren verschossen gewesen und der ebenfalls aus der 
Vergangenheit gekommen war, um den Lauf des Schicksals zu 
ändern. Eine Geschichte mit traurigem Ausgang, denn ihr und 
Niall war eine gemeinsame Zukunft versagt geblieben, da ein 
jeder von ihnen am Ende in seine Zeit hatte zurückkehren 
müssen. Phoebe hoffte inständig, dass Paige nicht ebenso viel 
Schmerz widerfahren würde. 

Sie seufzte, und ihre Gedanken wanderten wehmütig zu Cole. 

Auch die Beziehung zu ihm hatte überaus dramatisch geendet. 
Doch die Trauer über den Verlust ihrer wohl größten bisherigen 

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- 152 - 

Liebe verblasste mit jedem Tag mehr, seit Cole in die 
Zwischenwelt verbannt worden war. 

Weiß Gott, sie selbst hatte in den letzten Jahren wenig Glück 

mit Männern gehabt, doch Phoebe gönnte ihrer Halbschwester 
die neue Liebe von Herzen. Wenn da nur nicht dieses 
unbestimmte Gefühl gewesen wäre, dass hier womöglich 
irgendwas nicht stimmte. Ein Gefühl, das, abgesehen von der 
Tatsache, dass die Zauberhaften wieder mal bis zum Hals in der 
Tinte saßen, unablässig an Phoebe nagte. 

Als schließlich alle Anwesenden alles, was wichtig war, 

voneinander wussten, ergriff Suleiman das Wort. »Was machen 
wir nun?«, fragte er. Und in der Tat war genau das der Punkt, 
der jedermann am meisten beschäftigte. 

»Das ist eine gute Frage«, meinte Piper und blickte ernst in 

die Runde. »Halten wir doch noch einmal die Fakten fest«, 
setzte sie hinzu. »Paige, Suleiman und Seif sind ohne ihre 
Kräfte, die Zeyn ihnen gestohlen und absorbiert hat. Doch was 
genau sind eigentlich eure Kräfte?«, fragte sie in Richtung der 
beiden jüngeren Brüder. »Paige ist zur Hälfte Hexe und 
Wächterin des Lichts, das heißt, sie beherrscht das Orben und 
die Telekinese. Und beide Fähigkeiten gingen heute an Zeyn 
über.« 

»Ich konnte die Zeit zum Stillstand bringen«, sagte Suleiman. 

»Das kann ich auch«, bemerkte Piper nicht ohne Stolz. 

»Außerdem beherrsche ich die Molekularbeschleunigung.« Sie 
erklärte den Fremden kurz die Funktionsweise dieses Zaubers. 

»Molekularbeschleunigung ist auch eine meiner Kräfte«, 

sagte Selim. »Ich wusste bisher nur nicht, dass man es auch so 
nennt. Außerdem kann ich, ähm, orben, wenngleich nicht so 
schnell wie Leo.« Er lächelte dem Wächter des Lichts viel 
sagend zu. 

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- 153 - 

»Ich konnte auf verschiedene Weise Brände entfachen«, 

meldete sich Seif zu Wort. 

»Das stimmt«, meinte Selim. »Unser Bruder war ein Erfolg 

versprechender Feuermagier.« 

»Und ich werde es wieder sein!«, rief Seif trotzig. »Wir 

werden diesen Zeyn vernichten!« 

»Was uns zum nächsten Problem bringt«, sagte Suleiman. 

»Omar, der Dschinn, hat behauptet, der Erzdämon sei 
unsterblich. Was genau bedeutet das für uns?« Forschend sah er 
die Anwesenden an. 

Leo, der die ganze Zeit schweigend dagesessen hatte, 

räusperte sich. »Das bedeutet, dass dieser Zeyn eigentlich gar 
kein Dämon ist«, sagte er in seiner gewohnt ruhigen Art. 

Diese Nachricht war nun wahrlich mehr als eine 

Überraschung. Fünf Augenpaare sahen den Wächter des Lichts 
verständnislos an, während der alte Ibrahim stumm nickte und 
seinen Tee schlürfte. 

»Was soll das heißen?«, verlangte Phoebe schließlich zu 

wissen. 

»Das soll heißen, dass Zeyn ein Malak ist«, sagte Ibrahim 

düster. 

»Ein Malak?« Paige erinnerte sich dunkel, dass Suleiman 

noch im Kerker etwas zu diesem Thema erwähnt hatte. 

»Die Mala’ika des Orients sind das, was in unserer Zeit die 

Wächter des Lichts sind«, erklärte Leo. »Und bekanntlich 
können wir nicht sterben. Ich kam darauf, als es hieß, Zeyn 
könne im Grunde nicht getötet werden.« 

»Mein Vater war auch ein Malak …«, sagte Selim leise in die 

entstandene Pause hinein, »doch es stellte sich heraus, dass er 
zur dunklen Seite übergewechselt war und meine Mutter töten 
wollte.« 

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- 154 - 

»Du meinst –?«, begann Paige. 

»Soll das bedeuten –?«, fragte Piper. 

»Kann es sein, dass –?«, rief Phoebe. 

Plötzlich redeten alle aufgeregt durcheinander, bis Leo die 

Hand hob und um Ruhe bat. 

»Ja, genau das scheint der Fall zu sein«, sagte er. »Zeyn ist 

der Malak, welcher der Zauberin Djaudar einst zur Seite gestellt 
wurde, doch er wurde von der dunklen Seite korrumpiert und 
versuchte daher, Djaudar zu töten und sich ihres gemeinsamen 
Sohns zu bemächtigen. Hätte ich von hier aus eine Möglichkeit, 
zum  Rat der Ältesten zu gelangen, wüssten wir es mit 
Bestimmtheit, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist.« 

Für einen Moment war es, als ob die Zeit in dem dämmrigen 

Zimmer in Ald’maran stillstand. 

»Zeyn … ist … mein Vater?«, flüsterte Selim fassungslos. 

Niemand sagte ein Wort. 

»Mein Junge«, begann der alte Ibrahim mit brüchiger 

Stimme. »Ich wollte dir meinen Verdacht schon längst mitteilen, 
aber ich war nicht sicher –« 

Doch der junge Magier war schon aufgesprungen und rannte 

die Treppe zum Dachgeschoss hinauf. 

Paige wollte ihm folgen, doch Leo hielt sie zurück. »Lass 

ihm ein wenig Zeit«, sagte er ruhig. »Lass ihm ein wenig Zeit – 
allein.« 

 

Sechs junge Menschen starrten im Schein der Öllampe 

bedrückt vor sich hin, bevor der alte Ibrahim wieder das Wort 
ergriff und sie aus ihren Gedanken riss. 

»Ich habe die Geschichte mit dem angeblich auf 

Nimmerwiedersehen verschwundenen ersten Ehemann meiner 

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- 155 - 

Frau nie geglaubt«, sagte er traurig. »Hätte Djaudar mir damals 
die ganze Wahrheit gesagt, wäre sie vielleicht noch am Leben.« 

»Wie das, Vater?«, fragte Suleiman. 

»Nun, wir hätten zu einem Zeitpunkt entsprechende 

Vorkehrungen treffen können, als dies noch möglich war. 
Djaudar erzählte mir, dass der Malak versucht hatte, sie zu töten 
und ihr den kleinen Selim zu rauben. Doch danach ward er nicht 
mehr gesehen, und sie hat das Thema auch nie wieder 
angesprochen. Auch seinen Namen hat sie mir und auch euch 
Kindern gegenüber nie erwähnt.« Er seufzte schwer. »Es war, 
als ob es ihn nie gegeben hätte.« 

»Als wir nach Ald’maran kamen«, fuhr der blinde Mann fort, 

»muss uns der Malak jedoch dorthin gefolgt sein und sich in 
dem schwarzen Turm niedergelassen haben. Djaudar hat gewiss 
geahnt, dass die Sache mit ihm noch nicht vorbei war, doch sie 
schwieg. Das war ein Fehler. Mit den Jahren muss sich Zeyn 
dann in der Schwarzkunst fortgebildet und sich so eine Untoten-
Armee geschaffen haben.« 

Phoebe und Piper nickten stumm, als sie an das makabre 

Skelett-Aufgebot beim Friedhof dachten, und auch Paige lief bei 
der Erinnerung an die widerlichen Ghule ein Schauer über den 
Rücken. »Außerdem hat er sich mit Nekromantie beschäftigt«, 
fiel ihr ein. Und dann berichtete sie den Anwesenden noch 
einmal detailliert von Zeyns Horrorlaboratorium, auf das sie im 
Turm gestoßen war, und was mit dem unglücklichen Abu 
geschehen war. 

»Und irgendwie muss er dann eine Möglichkeit gefunden 

haben, sich die Zauberkräfte Dritter anzueignen«, fuhr der alte 
Mann fort, »denn soviel ich herausgefunden habe, ist es einem 
Malak nicht gegeben, die Magie der Elemente für sich zu 
nutzen.« 

»Das stimmt«, bestätigte Leo. »Ein Wächter des Lichts 

verfügt im Allgemeinen nur über die Fähigkeit, sich zwischen 

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- 156 - 

den Dimensionen fortzubewegen, und er kann Schutzbefohlene 
und Unschuldige heilen. Zeyn muss sich daher schon vor langer 
Zeit vom Pfad des Lichts abgewandt haben.« 

»Und er hat dafür gesorgt«, bemerkte Piper, »dass weiße 

Magie den künftigen Schauplatz des Geschehens nicht zu 
erreichen vermag. Er hat viel vorausgesehen und alle möglichen 
Vorsichtsmaßnahmen getroffen, aber er wusste dennoch nicht, 
dass Phoebe und ich hier sind, davon bin ich überzeugt.« 

»So ist es«, sagte Leo. »Er hat sogar einen Bann über 

Ald’maran gelegt, der verhindert, dass Hilfe in Form von weißer 
Magie in die Stadt gelangen kann.« 

»Und er hat seinen Turm zudem mit einem Schutzzauber 

umgeben, der weiße Magie rund um das Gebäude neutralisiert«, 
ergänzte Phoebe und erinnerte die Anwesenden noch einmal an 
ihren und Pipers Kampf mit dem Vogeldämon. 

»Das heißt, du, Leo, kannst von hier aus nicht zum Rat der 

Ältesten,  und wir können innerhalb Ald’marans mit Hilfe des 
Buchs der Weisheit kein neues Zeitportal kreieren, um in San 
Francisco zu recherchieren, richtig?«, Paige seufzte. 

»Richtig«, bestätigte Leo. »Das Portal für eine eventuelle 

Rückreise ins 21. Jahrhundert steht zwar noch irgendwo in der 
Wüste vor den Toren der Stadt, aber dorthin kommen wir nur 
über den unterirdischen Gang, dessen Einstieg sich im 
Mausoleum des alten Friedhofs befindet. Ich halte es ehrlich 
gesagt für viel zu riskant, diesen Weg noch einmal zu 
beschreiten. Wenn Zeyn auch noch Piper und Phoebe in die 
Finger kriegt, ist alles aus.« 

Suleiman wandte sich an Piper und sagte: »Du hast eben 

etwas erwähnt, was vielleicht wichtig sein könnte.« 

»Ach ja?« 

»Du sagtest sinngemäß«, fuhr der junge Mann fort, »dass 

Zeyn viel vorausgesehen und entsprechende Vorbereitungen 

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- 157 - 

getroffen habe.« Er sah ernst in die Runde. »Doch wie genau 
konnte Zeyn überhaupt so viel wissen? Was ich meine: Er muss 
gewusst haben, dass Selim Kontakt mit Paige aufgenommen hat 
und sie hierher bringen würde. Sonst hätte er sie niemals dem 
Zeitstrom entreißen, ihre Kräfte stehlen und dann gefangen 
setzen können! Doch wie ist das möglich?« 

»Ganz einfach«, rief der junge Seif. »Er kann in die Zukunft 

sehen!« 

»Wenn er in die Zukunft sehen kam«, sagte Piper, »warum 

wusste Zeyn dann nicht auch, dass Phoebe und ich in eure Zeit 
gereist waren, und hat es verhindert?« 

»Weil er nur das wusste, was Selim wusste«, sagte Phoebe 

mit eisiger Stimme. Nun ist es heraus, dachte sie beklommen, 
aber dieses Gefühl, dass Selim mehr mit der Sache zu tun hatte, 
als er vorgab zu wissen, beunruhigte sie schon länger. Als sich 
ihre Blicke trafen, spürte sie, dass auch Piper in eine ähnliche 
Richtung dachte. 

»Willst du vielleicht behaupten«, rief Seif aufgebracht, »dass 

Selim ein falsches Spiel gespielt hat?« 

»Immerhin ist er Zeyns Fleisch und Blut, oder nicht?«, gab 

Piper zu bedenken. 

»Ich glaube nicht, dass Selim eure Schwester in böser 

Absicht hierher gelockt hat«, sagte Suleiman, doch er wirkte 
plötzlich leicht verunsichert. 

»Vielleicht war er ein Werkzeug Zeyns ohne es zu ahnen«, 

murmelte Leo. 

Alle sahen ihn fragend an. 

»Na ja, es könnte doch sein, nein, es ist sogar sehr 

wahrscheinlich«, erklärte der Wächter des Lichts, »dass es eine 
irgendwie geartete, geheime Verbindung zwischen dem 
ehemaligen Malak und seinem leiblichen Sohn gibt. Dass Zeyn 
jederzeit genau wusste, wo Selim war und was dieser als 

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- 158 - 

Nächstes plante. So konnte er ganz bequem die Dinge 
voraussehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um 
seinen Plan voranzutreiben.« 

»Und was genau ist sein Plan?«, fragte Phoebe müde, der 

langsam, aber sicher der Kopf schwirrte. 

»Das Übliche, wie ich vermute – ultimative Macht. Ich 

denke, ursprünglich wollte er nur die drei Magierbrüder 
vernichten, da sie seine Pläne, die Weltherrschaft an sich zu 
reißen, zu durchkreuzen drohten«, überlegte Leo. »Er fand einen 
Weg, Magie zu absorbieren, und hat bei nächster Gelegenheit 
Seif und Suleiman kaltgestellt. Damit war der magische Bund 
der drei Brüder, der ihm hätte gefährlich werden können, bis auf 
weiteres gestört. 

Die Verbindung zu seinem leiblichen Sohn indes bestand 

immer, und so hat Zeyn herausgefunden, dass Selim mit Hilfe 
des  Buchs der Weisheit einen Weg in die Zukunft suchte und 
auch fand, um Paige, eine verwandte Seele, ausfindig zu 
machen, damit sie ihm im Kampf gegen den Malak helfe.« 

Der  Wächter des Lichts machte eine kleine Pause und trank 

einen Schluck Tee. Ungeduldig warteten die Anwesenden 
darauf, dass er mit seiner These fortfuhr. 

»Und dann«, führte Leo weiter aus, »indem er heimlich 

Selims Pläne durchschaute, ist Zeyn aufgegangen, dass eine 
mächtige Hexe im Begriff war, in seine Zeit zu kommen. Ich 
vermute, der Gedanke hat ihn weniger beunruhigt, denn 
triumphieren lassen. Plötzlich sah er die Möglichkeit 
gekommen, weitere Zauberkräfte an sich zu reißen, und sein 
Sohn verhalf ihm dazu, ohne es zu ahnen.« 

»Und weil Selim nicht wusste, dass ich zwei 

Hexenschwestern habe, wusste auch Zeyn nichts von ihnen?«, 
fragte Paige. 

Leo nickte. 

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- 159 - 

»Dennoch hat er einen Bann über Ald’maran gelegt, kurz 

nachdem wir hier eintrafen«, erinnerte Piper die anderen. »Aber 
wieso?«, fragte sie langsam. »Er hätte Leos Theorie zufolge 
doch davon ausgehen müssen, dass er nach Paiges Eintreffen in 
seiner Zeit nichts mehr zu befürchten hatte.« 

»Vielleicht wollte Zeyn einfach verhindern, dass Selim sich 

weitere Hilfe aus der Zukunft holte, nachdem Paige ja nicht 
mehr bei ihm war?«, mutmaßte Seif. »Ist doch nahe liegend, 
oder?« 

»Selim kehrte, wie wir wissen, umgehend  wieder nach San 

Francisco zurück, als Paige nicht mit ihm hier eintraf, und 
beschloss erst in unserer Zeit, Halliwell Manor aufzusuchen«, 
gab Leo zu bedenken. »Das lässt vermuten, dass die Verbindung 
zwischen Zeyn und Selim nur hier in dieser Epoche besteht, 
denn sonst hätte Zeyn ja gewusst, was Selim als Nächstes 
vorhatte.« 

»Verstehe«, sagte Phoebe. »Und als wir zwischenzeitlich hier 

eintrafen, da hat uns Zeyn dem Zeitstrom nicht entrissen, weil er 
gar nicht mit uns gerechnet hat, wie er es im Fall von Paige tat. 
Ganz im Gegenteil, wir konnten uns unbehelligt in der Stadt 
bewegen.« 

»Nicht ganz unbehelligt«, erinnerte Piper. »Immerhin hat er 

uns diesen Vogeldämon auf den Hals gehetzt. Es erhebt sich 
also nach wie vor die Frage, wie oder von wem er kurz darauf 
dennoch erfuhr, dass Phoebe und ich in Ald’maran waren?« 

Niemand hatte eine passende Erklärung parat. 

»Fassen wir also zusammen«, sagte Suleiman schließlich und 

strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Zeyn hat offensichtlich 
Verbindung zu Selim, die aber immer dann abreißt, sobald unser 
Bruder seine Zeit verlässt. Zeyn wusste daher schon im Voraus, 
dass eine junge Hexe aus der Zukunft herkommen würde, und 
hat sich Paige auch sogleich geschnappt, als es so weit war. 
Selim jedoch blieb unbehelligt, sodass er in eure Zeit 

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- 160 - 

zurückkehren konnte. Das heißt, an diesem Punkt ist dem 
abtrünnigen Malak sein Plan scheinbar aus den Händen 
geglitten.« 

Alle nickten, und Suleiman fuhr fort: 

»Kurz darauf treffen Piper und Phoebe in Ald’maran ein, was 

Zeyn nicht zu verhindern wusste, später dennoch irgendwie 
erfahren haben muss. Denn kurz darauf legt er einen Bann über 
die Stadt, wohl wissend, dass sein Sohn noch nicht wieder 
zurückgekehrt war, und schickt Piper und Phoebe den 
Vogeldämon hinterher.« 

»Das bedeutet«, sagte Leo, »dass Zeyn zwar zu spät erfuhr, 

dass Piper und Phoebe ihrer Schwester gefolgt waren, 
nichtsdestotrotz erfuhr er jedoch davon. Aber wie?« 

»Abu!«, rief Paige plötzlich, und alle sahen die junge Hexe 

verdutzt an. 

»Als ich in Zeyns Laboratorium kam, lag doch dort der tote 

Abu, und der hatte einen Schlauch in der Nase, der direkt in sein 
Gehirn führte«, erklärte sie aufgeregt. 

»Ja und?«, fragte Phoebe erschöpft. »Das wissen wir doch 

schon.« 

»Abu war ein Beschwörer des Geistes«, erklärte Suleiman, 

dem allmählich dämmerte, worauf Paige hinauswollte. »Allein 
mit der Kraft seiner Gedanken konnte er in die Zukunft sehen.« 

»Aber er war kein Zauberer oder Hexenmeister«, Leo nickte 

langsam, »deshalb war es Zeyn auch nicht möglich, sich die 
Kräfte des Mannes anzueignen, indem er sie einfach absorbierte 
– denn Abu besaß ja gar keine Magierfähigkeiten.« 

»Und daher hat Zeyn sich Abus Geistesessenz auf andere Art 

verschafft«, setzte Paige hinzu und erschauderte bei dem 
Gedanken. 

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- 161 - 

»Das ist ja alles schön und gut«, meinte Piper verwirrt, »doch 

was hat das mit mir und Phoebe zu tun?« 

»Ich vermute, Zeyn hat sich mithilfe von Abus Hirn einen 

Seelenspiegel geschaffen«, sagte Leo. 

»Was ist denn ein Seelenspiegel?«, fragten Phoebe und Seif 

wie aus einem Munde. 

»Eine etwas altertümliche, äh, Vorrichtung, um das 

Eintreffen und Vorhandensein magiebegabter Seelen 
aufzuspüren«, erklärte Leo. 

»Zeyn hat sich also eine Art Seismograph gebastelt, der mit 

… Hirnschmalz funktioniert?«, fragte Paige und verzog 
angeekelt das Gesicht. 

»So in etwa«, sagte Leo. »Wie ein Pendel ausschlägt, wenn 

man es auf eine bestimmte Person ansetzt, so reagiert die 
Substanz eines Seelenspiegels auf atmosphärische, in unserem 
Fall magische Veränderungen im Umkreis. Oder anders gesagt: 
Sobald sich das magische Potenzial innerhalb eines bestimmten 
Radius vergrößert, reagiert der Seelenspiegel darauf.« 

»Das bedeutet«, schlussfolgerte Phoebe, »Zeyn wusste zwar, 

dass  weitere magisch begabte Personen in seine Zeit 
eingedrungen waren, aber er wusste vermutlich nicht, um wen es 
sich dabei handelte, nachdem die Verbindung zu Selim ja 
abgerissen war. Und während sein Sohn im 21. Jahrhundert 
Kontakt mit Leo aufnahm, schickte er mir und Phoebe auf gut 
Glück diesen Vogeldämon hinterher.« 

»Das ist die Lösung!«, rief Phoebe, und Leo nickte. 

»Das mag ja sein«, meinte Suleiman freudlos, »doch die 

Lösung für unser Problem ist das ganz und gar nicht. Wir wissen 
jetzt zwar, wie Zeyn es angestellt hat, aber wir wissen immer 
noch nicht, was wir gegen ihn unternehmen können.« 

»Stimmt«, murmelte Piper ärgerlich. »Wir sind keinen Schritt 

weitergekommen. Die Macht der Drei ist aufgehoben, der Bund 

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- 162 - 

der Magier ebenfalls. Und als ob das alles noch nicht schlimm 
genug ist, müssen wir erfahren, dass Selim der Sohn des 
Gegners ist, den wir zu vernichten suchen. Wobei wir Zeyn gar 
nicht vernichten können, da er ja eine Lichtgestalt ist …« 

Sie sah die anderen bestürzt an. »Mit anderen Worten: Wir 

sind so gut wie erledigt!« 

 

Der alte Malak zitterte vor Wut. 

In seinem Privatgemach standen sein persönlicher Diener 

Chatun und zwei weitere Ghule vor ihm, die betreten die Köpfe 
hängen ließen. 

»Wie konnten die Gefangenen entkommen?«, donnerte Zeyn 

in Richtung der beiden namenlosen Untoten. »Es war eure 
Aufgabe, sie zu bewachen!« 

Keine Antwort. 

Zeyn hob seinen rechten Arm, und dann schoss ein tiefroter 

magischer Feuerstrahl aus seiner Hand, der den einen Ghul 
mitten in die Brust traf. Die Kreatur heulte gepeinigt auf, brach 
zusammen und krümmte sich vor Schmerzen am Boden. 

»Das wird dich lehren, deine Aufgaben in Zukunft ernster zu 

nehmen«, schnarrte der Malak, während sich in dem Raum ein 
beißender Gestank ausbreitete. 

Der Ghul am Boden schrie und schrie und schrie … 

 

Nachdem Piper die Situation so schonungslos in Worte 

gefasst hatte, entstand eine beklommene Pause, die der gute 
Ibrahim dazu nutzte, seinen Gästen ein einfaches Mahl aus 
Sesambrot, Dörrfleisch, Ziegenkäse und gesüßten Feigen zu 
servieren. 

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- 163 - 

Während die jungen Leute schweigend aßen und tranken, 

führte sich ein jeder der Anwesenden Pipers Ausspruch und 
dessen Konsequenzen vor Augen. 

Wie es schien, hatte es Zeyn geschafft, den Bund der Magier 

und die Macht der Drei zu zerschlagen. Zudem saßen die drei 
Hexen sozusagen in der Zeitfalle. Es gab für sie nur einen Weg 
zurück, und dieser führte durch das Zeitportal in der Wüste, 
durch das Leo und Selim in die Vergangenheit gereist waren. 

Und selbst wenn es ihnen gelingen sollte, sich durch den 

unterirdischen Gang zu kämpfen, in dem Zeyn vermutlich schon 
wieder neue dämonische Schergen platziert hatte, was war 
gewonnen, wenn sie danach zurück nach San Francisco 
teleportierten? Paige wäre nach wie vor ohne ihre Zauberkräfte, 
die  Macht der Drei bliebe zerstört, und hier, in Ald’maran, 
würde Zeyn den Lauf der Zeit ändern und eine dunkle Ära 
einläuten. 

Und das wiederum hieße nichts anderes, als dass die 

Zauberhaften  in eine Zeit heimkehren würden, in der das Böse 
schon seit langem die Regentschaft übernommen hatte. Eine 
Regentschaft, die ihren Anfang hier in Ald’maran genommen 
hatte, da der Bund der Magier mithin ebenfalls zerstört war. 

Somit wäre es Zeyn gelungen, nicht nur das mächtigste 

Zaubertrio seiner Zeit auszuschalten, sondern auch dafür zu 
sorgen, dass die Macht der Drei in der Zukunft schlicht und 
einfach nicht mehr existierte. Kurz: Der Lauf der Dinge würde 
sich unwiderruflich ändern, wenn die drei Brüder, mit oder ohne 
die  Zauberhaften,  hier und jetzt nicht den Kampf gegen Zeyn 
wagten – und gewannen. 

In diesem Moment erhob sich Paige von ihrem Sitzkissen. 

»Ich werde mal nach Selim sehen«, sagte sie leise, »und ihm 
etwas zu essen bringen.« Sie nahm sich ein Stückchen Brot vom 
Tisch und wandte sich zum Gehen. 

Niemand hielt sie auf. Alle sahen ihr schweigend nach. 

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- 164 - 

Langsam stieg Paige die Treppe hinauf ins Obergeschoss und 

betrat den düsteren Raum. 

In der Ecke mit den Schlafplätzen saß Selim im Schein einer 

Öllampe am Boden und hatte das Gesicht in den Händen 
vergraben. 

»Selim«, flüsterte Paige und trat zögernd auf den jungen 

Mann zu. 

Erschrocken sah der Magier auf; er hatte sie offensichtlich 

nicht kommen hören. »Hallo, Paige«, sagte er mit belegter 
Stimme. 

»Wie geht es dir?« Sie trat näher und setzte sich zu ihm auf 

die Wollmatratze. »Ich habe dir etwas Brot gebracht.« Aus der 
Nähe sah sie, dass Selims Wangen nass von Tränen waren. Der 
Anblick zerriss ihr fast das Herz. 

Verschämt wischte sich der junge Mann mit dem Ärmel über 

das Gesicht. »Mir geht es gut«, sagte er mit fester Stimme. 
»Besser, als ich nach dieser ungeheuerlichen Nachricht erwartet 
hätte.« 

Sie reichte ihm das Stück Brot, doch er schüttelte nur den 

Kopf. »Danke, aber ich habe keinen Hunger.« 

»Du darfst dir das alles nicht so zu Herzen nehmen«, begann 

Paige. »Was können denn die Söhne für die Sünden ihrer 
Väter«, fügte sie hinzu und schalt sich im gleichen Moment für 
diese hohle Phrase. 

»So einfach ist diese Angelegenheit aber nicht abgetan«, 

erwiderte Selim. »Einerseits steht zu befürchten, dass ich das 
unheilige Erbe meines Vaters in mir trage, andererseits wird von 
mir erwartet, dass ich meinen, nun ja, Erzeuger vom Antlitz 
dieser Erde fege, wenngleich niemand weiß, wie uns das 
überhaupt gelingen sollte.« Traurig sah er Paige aus seinen 
dunkelgrünen Augen an, und wie von einem inneren Impuls 

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- 165 - 

getrieben, legte Paige das Stück Brot aus der Hand und berührte 
sanft seine Wange. 

In diesem Moment wurde sie von wohliger Wärme 

durchströmt, und jede Faser ihres Körpers vibrierte. Auch Selim 
spürte es offenbar, denn er zog Paige plötzlich leidenschaftlich 
an sich, sodass sich ihre Herzschläge miteinander zu vereinen 
schienen. 

»O Paige«, raunte er ihr ans Ohr, »wie ich mich danach 

gesehnt habe …« Seine Hände strichen über ihren Rücken, 
wanderten hinauf zu ihrem Nacken und fuhren verzückt durch 
ihr Haar. Sie wandte ihm langsam ihr Gesicht zu, noch immer 
völlig im Bann der auf sie einströmenden Gefühle. Ihre Lippen 
fanden sich in einem zarten Kuss, der von Sekunde zu Sekunde 
leidenschaftlicher wurde und sie immer trunkener machte, bis 
sie schließlich eng umschlungen auf die Matratze zurücksanken. 
»Ich liebe dich, Paige …«, seufzte Selim, und Paiges Herz 
machte vor Glück einen Satz. 

Es war alles wie ein Traum. Noch heute Morgen hatte sie ihr 

trübsinniges Dasein beklagt, und dann war dieser wunderbare 
Mann im South Bay Sozialdienst erschienen und hatte ihr Herz 
im Sturm erobert, auch wenn er sie mit einer gänzlich 
erfundenen Geschichte aus dem Büro fortgelockt hatte, um den 
Bund der Magier und damit die Welt zu retten … 

»Selim, ich muss dich etwas fragen«, sagte Paige ein wenig 

atemlos zwischen zwei Küssen. 

»Alles, was du willst«, flüsterte Selim. 

»Piper und Phoebe haben doch erzählt, dass das Hotel in Nob 

Hill völlig verfallen war, als sie es betraten, um nach mir zu 
suchen. Wie kann das sein? Als wir dort eintrafen, war es doch 
völlig intakt …« 

»Das war der Zauber der Liebe, Paige«, erwiderte Selim 

lächelnd. »Wenn sich zwei Menschen treffen, die allein schon 

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- 166 - 

durch ihre Geburt so füreinander bestimmt sind wie wir, dann 
wird selbst das Hässlichste auf dieser Welt wunderschön.« 

Er streichelte ihr Gesicht, bedeckte es mit heißen Küssen, und 

bei jeder seiner Berührungen sank sie ein bisschen mehr in jene 
süße Paralyse der rückhaltlosen Hingabe, die bei allen 
Liebenden zu allen Zeiten nach und nach den Verstand zu 
umnebeln droht. 

Sie schloss die Augen, und in diesem Moment schoss ihr ein 

Bild durch den Kopf. Es war das hässliche, abstoßende Bild aus 
ihrem Alptraum, der sie heimgesucht hatte, als sie mit Selim 
durch das Zeitportal geschritten war. 

Es war die Fratze des Todes, der sie aus kalten, 

reptiliengleichen Augen anstarrte … 

Keuchend fuhr sie auf und griff sich an die Brust. 

»Was ist mit dir, Liebste?«, fragte Selim erschrocken. 

»Nichts …«, murmelte sie. »Mir ist nur ein bisschen … 

schwindelig.« 

»Mir auch«, sagte Selim und lächelte sie verliebt an, doch 

Paige senkte nur verstört den Kopf. »Oder … bin ich dir … 
vielleicht zu nahe getreten?« 

»Nein«, sagte Paige schnell. Unwillkürlich rückte sie ein 

winziges Stück von ihm ab. 

Da richtete auch er sich wieder auf und erhob sich langsam. 

»Du … hast Angst vor mir?«, fragte er fassungslos. »Die 
Sünden der Väter, habe ich Recht?«, fügte er bitter hinzu. 

»Nein, es ist nicht so, wie du denkst!«, beeilte sich Paige zu 

erklären, doch da war Selim auch schon durch die Tür, die aufs 
Dach hinausführte, verschwunden. 

Langsam folgte sie ihm, stieg die drei Stufen hinauf und 

betrat das mit liebevoller Hand begrünte Flachdach, von dem 
man einen atemberaubenden Blick über das frühabendliche 

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- 167 - 

Ald’maran hatte. Die Hitze des Tages war noch unter ihren 
Füßen zu spüren, als sie im Schatten einiger Topfpalmen näher 
trat. 

In der Ferne rief der Muezzin die Gläubigen zum Nachtgebet, 

während tausend Lichter den prächtigen Herrscherpalast und die 
goldenen Kuppeln der Moschee aufs Eindrucksvollste 
illuminierten. 

Selim stand am Rand des Dachs, das von einer niedrigen 

Lehmbrüstung eingefasst war, und starrte in die Dämmerung 
hinaus. 

Am Horizont erhob sich der schwarze Turm auf dem Hügel 

wie ein unheilvoller Totempfahl. 

Der schwarze Turm. 

Mit Grausen dachte Paige an die Stunden zurück, die sie in 

seinen feuchten Mauern zugebracht hatte. Nie wieder wollte sie 
diesen Hort des Schreckens betreten und nie wieder Zeyns 
hässliche Fratze sehen müssen. Wie durchdrungen von 
Bösartigkeit musste die einstige Lichtgestalt mit den Jahren 
geworden sein, dass die ehemals so strahlende Erscheinung 
nicht nur tief in ihrem Inneren, sondern auch äußerlich auf derart 
abstoßende Weise entstellt worden war. 

Sie trat neben Selim an die Brüstung und sah hinaus in die 

einbrechende Nacht. Unter ihnen liefen einige Eseljungen 
vorbei; der Eingang zum Basar am Ende der Straße war von 
Fackeln erhellt, und noch immer eilten dort Händler und 
Lastenträger umher. 

»Es ist nicht so, wie du denkst«, wiederholte Paige noch 

einmal. »Es ist nicht so, dass ich Angst vor dir habe«, fuhr sie 
fort, »ich habe Angst, dass das Schicksal …« 

»… ein grausames Spiel mit uns treibt?«, vollendete Selim 

ihren Satz. 

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- 168 - 

»Ja«, erwiderte Paige, obwohl es nicht exakt das war, was sie 

eigentlich hatte sagen wollen. »Ich … ich … fühle auch, was du 
fühlst, Selim«, fuhr sie fort. »Wir beide sind die Abkömmlinge 
eines Sendboten und einer Magierin, was wahrscheinlich auch 
der Grund dafür ist, warum wir uns so sehr zueinander 
hingezogen fühlen.« 

Sie holte tief Luft. »Aber kann es denn für uns eine Zukunft 

geben? Wir leben in unterschiedlichen Welten, zu 
unterschiedlichen Zeiten, und wir haben, jeder in seiner 
Generation, eine Aufgabe zu erfüllen. Ich bin eine der 
Zauberhaften, du bist Teil des Magierbundes.« 

»Warum können wir nicht gemeinsam gegen die dunkle Seite 

kämpfen?«, begehrte Selim auf. »Entweder in deiner oder in 
meiner Zeit. Es ist doch völlig gleich.« 

»Solange ich meine Kräfte nicht habe, kann ich überhaupt 

nicht kämpfen«, meinte Paige betrübt. »Weder in deiner noch in 
meiner Zeit. Ohne meine Kräfte bin ich nichts … und ohne die 
Macht der Drei wäre das Schicksal unserer Welt besiegelt.« 

»Glaubst du an die Kraft der Liebe?«, fragte Selim. 

Auf diese Frage war Paige nicht vorbereitet gewesen. Sie 

überlegte, und nach einer Weile sagte sie: »Die Kraft der Liebe 
kann viel bewirken.« Herrgott, dachte sie, warum klingt 
eigentlich alles, was ich sage, so schrecklich banal? Warum 
kann ich ihm nicht einfach sagen, was ich fühle? Nie habe ich 
derartig tief für einen Mann empfunden. Ich könnte ihm auf der 
Stelle mein Leben zu Füßen legen, und doch habe ich mehr 
Angst, als ich zu sagen imstande bin. »Ich meine … ich wollte 
damit sagen, dass …« 

Er wandte sich mit ernstem Gesicht zu ihr um und fragte: 

»Liebst du mich, Paige?« 

»Ich liebe dich, Selim, aber –« 

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- 169 - 

Abrupt drehte sich Selim herum. »Dann werde ich einen 

Ausweg finden«, rief er entschlossen. »Immerhin ist er mein 
Vater.« 

Noch ehe Paige etwas antworten konnte, war der junge 

Magier in einer blauen Wolke aus Licht verschwunden. 

»Selim …« 

 

Atemlos platzte Paige in den durch Kerzen spärlich 

erleuchteten Wohnraum im Erdgeschoss, in dem ihre 
Schwestern, Leo, Seif, Suleiman und Ibrahim noch immer am 
Boden saßen und die nächsten Schritte beratschlagten. 

»Selim ist fort!« 

»Fort?« Suleiman sprang auf und ging erregt auf die junge 

Hexe zu. »Fort wohin?« 

Paige schilderte den anderen in knappen Worten, was Selim 

zu ihr gesagt hatte, bevor er verschwunden war. Aus nahe 
liegenden Gründen unterließ sie es, die leidenschaftliche 
Kussszene und die Zukunftspläne zu erwähnen, die Selim 
geschmiedet hatte. 

»Soll das heißen, er ist zum schwarzen Turm gegangen, um 

mit Zeyn zu … sprechen?«, fragte Piper erstaunt. 

»So klang es«, meinte Paige. »Er sagte ›Immerhin ist er mein 

Vater‹ und verschwand.« 

»Allah steh uns bei«, murmelte der alte Ibrahim. 

 

Selim materialisierte wenige Schritte vor dem Haupteingang 

des schwarzen Turms. 

Der Friedhof zu seiner Linken wie der gesamte Hügel lagen 

still und dunkel da. 

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- 170 - 

Nicht nur aus den Erzählungen von Piper und Phoebe wusste 

er, dass das Gebäude mit einer magischen Barriere umgeben und 
dass die Pforte durch eine Falle geschützt war. 

Er überlegte gerade, wie er sich dennoch gefahrlos Einlass 

verschaffen konnte, als sich das schwere Holzportal knarrend 
öffnete. 

Auf der Schwelle stand eine in Lumpen gekleidete Gestalt in 

schmutzigen Fußlappen. Ihrem schwarzgrün verfärbten Gesicht 
nach zu urteilen offensichtlich ein Ghul aus seines Vaters 
Gefolge. 

»Komm«, sagte der Untote und schlurfte voran ins Innere des 

schwarzen Turms. Man hatte ihn anscheinend schon erwartet. 

Selim tat wie geheißen und betrat die kühle Säulenhalle. 

So alt und baufällig der Turm von außen auch wirkte, so 

prachtvoll war sein Inneres. Der Boden im Eingangsbereich war 
ein Kunstwerk aus schwarzem Marmor und silbernen Mosaiken. 
Die Wände waren mit Ornamenten aus Blattgold und Türkisen 
verziert. Und von der hohen Kuppeldecke, die einem 
sternenklaren Nachthimmel nachempfunden worden war, hing 
ein riesiger eiserner Radleuchter, in dem unzählige Kerzen 
brannten, die die Halle in ein fast überirdisches Licht tauchten. 

An der Stirnseite des riesigen Saals befand sich ein schwarzes 

marmornes Podest, auf dem Selim eine gebückte Gestalt 
ausmachen konnte, die sich soeben langsam von einem 
thronähnlichen Stuhl erhob. 

»Willkommen, mein Sohn«, schnarrte die Gestalt, als Selim 

näher trat. 

»Ich grüße dich, Vater«, sagte Selim. 

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- 171 - 

I

M HAUS DES ALTEN IBRAHIM

 

war unterdessen ein 

wahrer Sturm losgebrochen, und alle Anwesenden redeten 
aufgeregt durcheinander. 

Piper und Phoebe waren aufgesprungen und machten ihrer 

Halbschwester Paige schwere Vorhaltungen, dass sie Selim den 
Kopf verdreht habe, woraufhin der junge Magier sich nun 
leichtsinnigerweise in die Höhle des Löwen begeben hatte. 

»Wie konntest du das nur zulassen? Was, wenn Zeyn ihm 

nun auch seine  Kräfte stiehlt?«, rief Piper empört. »Dann sind 
nur noch ich und Phoebe in der Lage, mit Hilfe von Magie etwas 
auszurichten. Verdammt noch mal!« Sie schnaubte erbost. 

»Aber ich konnte doch gar nichts dafür!«, verteidigte sich 

Paige. »Er war so schnell weg, dass ich ihn nicht mehr aufhalten 
konnte!« 

»Seine Ritterlichkeit wird ihn teuer zu stehen kommen«, 

knurrte Phoebe. »Und überhaupt: Nur weil du diesem Selim 
blind und taub gefolgt bist wie ein verknallter dummer 
Teenager, sind wir erst in diese Situation geraten!« 

Paige wollte protestieren, doch im Grunde hatte Phoebe ja 

nicht ganz Unrecht mit ihrer Feststellung. 

»Unsere Gefühle waren schon immer unser größter Feind«, 

bemerkte Piper düster. »Und dich, liebe Phoebe, möchte ich in 
diesem Zusammenhang nur an die Sache mit Cole erinnern.« 

Seif und Suleiman hatten sich neben die Feuerstelle nahe der 

Eingangstür zurückgezogen und debattierten ihrerseits die neu 
entstandene Lage. »Wie konnte Selim das nur tun?«, ereiferte 
sich der junge Seif. »Er war unsere einzige Hoffnung.« 

»Die Liebe ist selten ein guter Ratgeber«, meinte Suleiman 

düster und sah verstohlen hinüber zu Paige. 

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- 172 - 

»Die Liebe, die Liebe …« Seif raufte sich das ohnehin schon 

zerzauste Haar. »Wenn ich das schon höre! Hätte Selim seine 
Sinne beisammen gehalten, anstatt sich Hals über Kopf in diese 
Hexe zu verlieben, wäre alles bestimmt nicht halb so schlimm 
gekommen, wie es jetzt ist …« 

Aus gutem Grund vermied Seif es, sich anmerken zu lassen, 

dass er selbst eine kleine Schwäche für die schöne Fremde 
hegte, seit er sie in Zeyns Kerker zum ersten Mal gesehen hatte. 
Und dass ihm die verliebten Blicke zwischen seinem Halbbruder 
und Paige jedes Mal einen klitzekleinen Stich versetzt hatten, 
mochte er sich nun auch nicht mehr eingestehen. 

Kopfschüttelnd stand Leo zwischen den beiden streitenden 

Parteien. »Ich bitte euch!«, rief er. »Es nützt doch nichts, wenn 
wir uns jetzt gegenseitig Vorhaltungen machen. Wenn auch wir 
jetzt den Kopf verlieren, dann, und erst dann hat Zeyn 
gewonnen!« 

»Ein weiser Einwand«, murmelte der alte Ibrahim, der gerade 

dabei war, noch einmal Tee aufzubrühen. 

Murrend setzten sich die drei Schwestern wieder auf die 

weichen Kissen rund um den Messingtisch. Leo, Seif und 
Suleiman folgten ihrem Beispiel. Zuletzt nahm Ibrahim Platz, 
nachdem er eine frische Kanne Pfefferminztee auf dem Tablett 
vor ihnen abgestellt hatte. 

»Was sollen wir nun machen?«, fragte Suleiman. »Sollen wir 

abwarten, bis Selim zurückkehrt – wenn er denn jemals 
zurückkehrt –, oder sollen wir unsererseits zum schwarzen Turm 
gehen?« 

»Damit sich Zeyn auch meine und Phoebes Kräfte unter den 

Nagel reißen kann?«, fragte Piper provozierend. »Und 
überhaupt: Ohne die Macht der Drei ist wahrscheinlich gar 
nichts auszurichten.« 

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- 173 - 

»Was könnten wir auch schon groß ausrichten, Magie hin, 

Magie her?«, maulte Seif. »Ich denke, Zeyn ist unsterblich? 
Genauso gut könnten wir versuchen, mit einem Löffel den 
Ozean auszuschöpfen.« 

»Zeyn mag zwar unsterblich sein«, sagte Leo langsam, »aber 

ich glaube, man kann ihn trotzdem unschädlich machen.« 

Sechs Köpfe flogen herum; sechs Augenpaare starrten den 

Wächter des Lichts an, wenngleich der alte Ibrahim den blonden 
jungen Mann ja nicht wirklich ansehen konnte. 

»Was willst du damit sagen, Schatz?«, fragte Piper, und 

Hoffnung glimmte in ihrem Blick auf. 

»Nun, Zeyn ist und bleibt ein Sendbote«, sagte Leo. »Ein 

Sendbote zwar, der auf die dunkle Seite gewechselt ist, aber 
dennoch ein himmlisches Geschöpf.« Er trank einen Schluck 
Tee und fuhr dann fort: »Wächter des Lichts, oder Mala’ika, wie 
man uns hier nennt, können zwar nicht getötet werden, weil sie 
im Grunde nicht von dieser Welt sind, doch man kann sie dahin 
zurückbefördern, von wo sie kamen: ins Reich der höheren 
Mächte. Dort würde Zeyn dann zur Verantwortung gezogen 
werden für das, was er getan hat, und nie wieder einen Fuß auf 
die Erde setzen können.« 

»Das ist ja dann so gut wie tot«, bemerkte Phoebe trocken. 

»In der Tat«, bestätigte Leo. 

»Was geschähe danach mit unseren Kräften?«, fragte Paige. 

»Die würden sehr wahrscheinlich in dem Moment, da der 

Malak ins Reich der höheren Mächte eintritt, in ihre 
ursprünglichen Besitzer zurückkehren«, erwiderte Leo. 

»Und was, wenn die Besitzer längst nicht mehr leben?«, 

fragte Phoebe. 

»Dann werden deren Kräfte in Form von Energie freigesetzt, 

bis sie einen neuen, hoffentlich würdigen Hort finden«, 

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- 174 - 

erwiderte Leo. »Aber um einen Sendboten unschädlich zu 
machen, einen abtrünnigen Sendboten zudem, der alle mögliche 
Magie an sich gerissen hat, braucht man –« 

»Die Macht der Drei«, vollendete Piper seufzend seinen Satz. 

»Womit wir wieder am Anfang wären.« Wütend schlug sie auf 
das wollene Sitzkissen unter sich. »Es ist zum Kotzen! Wir 
drehen uns unablässig im Kreis!« 

»Kannst du als Wächter des Lichts denn nichts tun?«, fragte 

Suleiman. 

»Ich bin weder in der Lage, noch wäre ich befugt, einen der 

Unsrigen zu richten«, sagte Leo. 

»Die Einheit muss wieder hergestellt werden, sonst … sonst 

ist alles verloren«, murmelte Phoebe plötzlich. 

»Wie bitte?«, fragte Paige. 

»Das waren die Worte der Wahrsagerin«, erklärte Phoebe, 

»die Piper und ich in Ald’maran getroffen haben: ›Die Einheit 
muss wieder hergestellt werden, sonst ist alles verloren.‹« 

»Damit hat sie dir ja nichts wirklich Neues prophezeit«, 

meinte Paige. »Wir wissen doch selbst, dass die Macht der Drei 
nötig ist, um –« Sie brach ab, denn Phoebe war plötzlich wie 
von der Tarantel gestochen aufgesprungen. 

»Was?«, rief Piper bang. 

»Verdammt, warum bin ich nicht schon längst 

daraufgekommen!« Mit einem Satz war Phoebe bei der Treppe 
und ins oberste Geschoss des alten orientalischen Hauses 
gerannt. 

Leo, die beiden Brüder und ihre Schwestern folgten ihr in 

einer Mischung aus Sorge und Ratlosigkeit. 

Vor dem Buch der Weisheit blieb Phoebe stehen. Die Seite 

mit dem Bild des schwarzen Turms war noch immer 
aufgeschlagen. 

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- 175 - 

 

»Und es wird kommen die Zeit«, deklamierte Phoebe laut, 

»da werden Iblis’ Diener ausziehen, die Welt zu vernichten. 
Wehe denen, welche die Botschaft im 
Buch der Weisheit nicht zu 
deuten wissen.«
 

Sie hob den Kopf und sah triumphierend in die Runde. »Und 

jetzt kommt’s, hört gut zu: Die Einheit ist die Einheit zu allen 
Zeiten!«
 

Ratlose Gesichter. Keiner sprach ein Wort, bis Seif 

schließlich zögernd fragte: »Ja … und?« 

»Aber versteht ihr denn nicht?«, rief Phoebe. »Die Einheit ist 

die Einheit zu allen Zeiten! Hier haben wir den Bund der 
Magier, 
dort die Macht der Drei. Doch beide, ähm, Teams sind, 
was ihr magisches Potenzial betrifft, derzeit unvollständig.« 

Niemand widersprach. 

»Doch was«, fuhr Phoebe fort, »wenn wir eine neue 

schlagkräftige magische Verbindung schaffen würden mit mir, 
Piper und Selim? Eine temporäre Macht der Drei sozusagen, um 
Zeyn zu besiegen! Denn: Die Einheit ist die Einheit zu allen 
Zeiten!« 

 

»So hast du also doch noch den Weg zu mir gefunden«, sagte 

Zeyn und trat auf seinen Sohn zu. 

»Mutter sprach von dir als einem schönen, strahlenden 

Mann«, sagte Selim. »Davon scheint nicht mehr viel übrig zu 
sein.« 

Ein Zucken durchlief den abstoßenden Körper des Malak. 

»Die Beschäftigung mit der Magie zehrt an mir«, schnarrte der 
Alte. 

»Du meinst die Beschäftigung mit der schwarzen Magie und 

mit dem Tod«, verbesserte sein Sohn. 

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- 176 - 

»Ich bin nun schon länger auf dieser Welt, als du dir 

vorstellen kannst«, sagte Zeyn. »Deine Mutter war nicht die 
Erste, der ich zur Seite gestellt wurde, aber sie war die Erste, die 
mir einen Sohn gebar – dich.« 

»Wieso bist du vom rechten Wege abgewichen?«, fragte 

Selim leise. »Wieso hast du Mutter getötet?« 

»Ich habe eure Mutter nicht getötet«, sagte Zeyn. »Das war 

Stamatis, der griechische Hexenmeister, dessen Mentor ich einst 
war.« 

»Ist das der mit den Dschinn?«, fragte Selim, der sich an die 

Geschichte mit dem Lampengeist erinnerte, die Paige, Seif und 
Suleiman erzählt hatten. 

»Ja, der mit dem unendlich dummen Dschinn«, erwiderte 

Zeyn. »Stamatis war ein Nekromant, der glaubte, dass sich der 
Schlüssel zur magischen Fähigkeit einer Person in deren Seele 
befände und dass wiederum die Seele im Herzen dieser Person 
gefangen sei.« Der Alte stieß ein trockenes Husten aus. »Er 
tötete wahllos Menschen, die er mit besonderen Kräften 
ausgestattet wähnte. So auch deine Mutter. Ich erfuhr zu spät 
davon und konnte es nicht mehr verhindern.« 

»Vor der Wüste trafen wir auf einen Kummerfluch namens 

Malah. Die Frau behauptete, du hättest ihr das Herz bei 
lebendigem Leibe herausgerissen. Was sagst du dazu?« 

»Stehe ich hier etwa vor meinem Richter?«, donnerte Zeyn. 

»Wie kannst du es wagen, so mit deinem Vater zu sprechen?« 

»Warum beantwortest du nicht einfach meine Frage, Vater?«, 

sagte Selim ruhig. »Warum also hast du Malah getötet?« 

»Sie wollte mir meinen Sohn vorenthalten!« 

Selim holte scharf Luft. »Du hast noch einen leiblichen 

Sohn?« 

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- 177 - 

»So ist es«, erwiderte Zeyn. »Als ich deine Mutter verließ, 

kam ich nach Ald’maran und heiratete Malah. Sie war ebenfalls 
eine Zauberin, wie deine Mutter, und huldigte noch den alten 
Göttern. Bald darauf war sie guter Hoffnung, doch sie hatte 
nicht vor, mir das Kind zu geben, also …« 

»Also hast du sie getötet und den Verdacht auf Stamatis 

gelenkt?« 

»Sie stand im Begriff, meine Pläne zu durchkreuzen«, sagte 

Zeyn nur, als sei das Erklärung genug. 

»Was wurde aus dem Sohn von Malah?«, fragte Selim. 

»Sie hatte ihn gleich nach seiner Geburt vor mir versteckt 

und meinem Zugriff entzogen, die alte Hexe.« Der alte Malak 
spuckte wütend auf den prächtigen Marmorfußboden in der 
Halle. »Und dann erfuhr ich, dass das Kind am Gelbfieber 
gestorben war. Ich hätte es retten können, doch ich habe es 
niemals zu Gesicht bekommen.« Er hob sein kahles Haupt und 
sah Selim aus seinen reptilienartigen Augen an. »Aber das ist 
nun ganz gleich, denn jetzt bist du ja hier, mein Sohn.« 

»Was willst du damit sagen?« 

»Es heißt«, schnarrte Zeyn, »wir Mala’ika seien unsterblich, 

und tatsächlich weile ich schon unendlich lange auf Erden. 
Dennoch hat mich die Beschäftigung mit der Magie hinfällig 
werden lassen. Ich verblasse wie ein Wandgemälde unter der 
Sonne, werde von Tag zu Tag schwächer, welke dahin wie ein 
Baum ohne Wasser …« 

»Du stirbst?!«, fragte Selim fassungslos. 

»Ja, dieser Körper stirbt, mein Sohn«, krächzte Zeyn. »Und 

es ist an der Zeit, dass ich einen Nachfolger bestimme, der 
meine Pläne vollendet.« Er sah Selim lauernd an. »Einen 
Nachfolger von meinem Fleisch und Blut.« 

 

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- 178 - 

Phoebes plötzliche Eingebung hatte zur Folge, dass alle 

Anwesenden aufeinander einredeten, sodass wiederum ein 
heilloses Stimmengewirr das Haus des alten Ibrahim erfüllte – 
diesmal ausgehend vom Dachgeschoss. 

Und wieder war es Leo, der die anderen zur Besonnenheit 

rufen musste. »Ich denke, wir sollten diese hervorragende Idee 
unten weiter besprechen. In Ruhe, und bei einer Tasse dieses 
köstlichen Pfefferminztees.« Er zwinkerte Piper zu, die ihn 
liebevoll anlächelte. 

Keine Frage, die Stimmung hatte sich deutlich verbessert, seit 

Phoebe so etwas wie einen Hoffungsschimmer am Horizont 
dieses altorientalischen Jammertals entdeckt hatte. 

Und tatsächlich entbehrte ihre Idee nicht einer gewissen 

Logik, wie alle versicherten, als man sich wieder um den 
flachen Messingtisch im Wohnraum versammelt hatte. 

»Die Einheit ist die Einheit zu allen Zeiten«, wiederholte 

Piper. »Dass wir nicht eher darauf gekommen sind.« 

»Doch wie sollen wir es anstellen, eine temporäre Macht der 

Drei zu erschaffen?«, fragte Suleiman. »Soweit ich weiß, wurde 
der magische Bund bei euch – wie auch bei uns – seinerzeit 
durch das jüngste Mitglied heraufbeschworen.« 

»Das stimmt«, bestätigte Phoebe. »Es gibt im Buch der 

Schatten  eine Art Initiationsspruch, der die Macht der Drei 
manifestiert.« 

»So ein Spruch steht auch im Buch der Weisheit«, bestätigte 

Seif. »Ich selbst habe ihn damals laut hergesagt, ohne zu ahnen, 
was für Folgen das nach sich ziehen würde. Du liebe Güte, wenn 
ich noch daran denke, was ihr, du und Selim, mir für 
Vorhaltungen gemacht habt …«, sagte er mit einem leicht 
vorwurfsvollen Blick auf Suleiman. 

»Ich verstehe, was du meinst«, kicherte Phoebe und warf dem 

jüngsten der Brüder einen komplizenhaften Blick zu. Auch sie 

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- 179 - 

konnte sich noch gut an die Vorwürfe erinnern, die ihr Prue und 
Piper damals gemacht hatten, nachdem sie den Bann gebrochen 
hatte. 

»Niemand kann sich seinem Schicksal entziehen«, murmelte 

der alte Ibrahim. 

»Und unser Schicksal ist es nun mal, mit der Macht der Drei, 

oder wie in eurem Fall als Bund der Magier, gegen das Böse 
anzutreten«, sagte Piper. »Es ist alles so gekommen, wie es hat 
kommen müssen.« 

»Da bin ich aber sehr beruhigt, dass ich nur ein Werkzeug 

des Schicksals war«, grinste Seif. 

»Was wir also zu tun haben«, kam Phoebe wieder zum 

Thema zurück, »ist, einen neuen Spruch zu kreieren, der eine 
temporäre  Macht der Drei ins Leben ruft. Eigentlich ganz 
einfach, oder?« 

»Nichts ist jemals wirklich einfach«, ließ sich der weise 

Ibrahim wieder vernehmen. »Denn dazu brauchtet ihr Selim, 
und Selim ist ja bekanntlich nicht mehr hier.« 

Auf einen Schlag kehrte die bedrückte Stimmung wieder in 

die kleine orientalische Wohnküche ein. 

Für einige Minuten sprach niemand mehr ein Wort, und doch 

wusste jeder, was der andere dachte: Würde Selim jemals 
zurückkehren? Und wenn ja, besäße er dann noch seine Kräfte, 
die doch für die temporäre Macht der Drei so dringend 
gebraucht wurden? 

Paige krümmte sich innerlich bei dem Gedanken, dass sich 

Selim allein wegen ihr in große Gefahr begeben und ihre letzte, 
wahrscheinlich allerletzte Chance, dieses Abenteuer heil zu 
überstehen, aufs Spiel gesetzt hatte. 

 

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- 180 - 

Zeyn führte Selim durch die große Halle zu einer Treppe, die 

offensichtlich in die Kellergewölbe des Turms führte. 

Mit den Worten »Das Treppensteigen bereitet mir allmählich 

Mühe« berührte der Alte sacht den Arm seines Sohnes, und 
schon orbten sie hinab in die Privatgemächer des Malak. 

»Diese Kraft hast du wohl von Paige gestohlen«, bemerkte 

Selim gallig, als sie in einem langen Gang materialisierten, der 
über und über mit kostbaren persischen Teppichen ausgelegt 
war. 

»Unsinn«, knurrte Zeyn. »Alle Mala’ika beherrschen das 

körperlose von Ort zu Ort reisen ohnehin, oder was glaubst du, 
von wem du diese Fähigkeit geerbt hast, mein Sohn?« Er lachte 
heiser. »Wenngleich ich zugeben muss, dass die Kraft der 
Telekinese in meinem Alter durchaus nützlich sein kann.« Er 
schnippte mit seinen verkrüppelten Fingern und rief 
»Schlüssel!« Schon lag der schwere Eisenschlüssel in seiner 
faltigen Hand, der zuvor an einem Haken an der Wand gehangen 
hatte. 

Der alte Malak öffnete eine massive Tür am Ende des Gangs. 

»Willkommen in der Halle der Sinnesfreuden«, sagte er. 

Als sie eintraten, wagte Selim seinen Augen kaum zu trauen. 

Die vor ihm liegende palastähnliche Anlage übertraf an 
Schönheit gar noch Fatimas märchenhaftes Wüstenschloss. 

Der Boden des riesigen Saales war eine Pracht aus poliertem 

weißen Marmor und goldenen Einlegearbeiten. Von der Decke 
hingen meisterhaft geschmiedete Messingleuchter, die den 
unterirdischen Komplex effektvoll ausleuchteten. Blutjunge 
Dienstmädchen, mit Krummschwertern bewaffnete Eunuchen 
und Sklaven eilten geschäftig hin und her. 

In der Mitte der Halle entsprang in einem goldenen Becken 

eine riesige Fontäne aus Rosenwasser, die bis an die prächtige 

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- 181 - 

Kuppeldecke des Saales sprudelte. Hier und da brannte in 
Alabasterschalen wohlduftendes Rauchwerk. 

Untote waren hier weit und breit nirgends zu sehen. 

An den Wänden des Saales befanden sich Estraden und 

Séparées mit bequemen Diwans, neben denen gekühlte 
Getränke, Opium- und Wasserpfeifen sowie exotische Früchte 
zum Verzehr bereitstanden. 

Überall waren herrliche Blumengärten angelegt worden, in 

denen Paare und kleinere Gruppen zwischen rauschenden 
Wasserfällen und von Singvögeln umschwirrten Pavillons 
lustwandelten. Selim entdeckte kostbar gewandete Männer und 
Frauen, die sich hier dem süßen Nichtstun hingaben. Er war 
offensichtlich nicht Zeyns einziger Gast. 

Am Ende der Halle, inmitten einer parkähnlichen Anlage mit 

Palmenhainen und blühenden Bäumen, plätscherten Brunnen 
und Wasserspiele, und in einem großen Bassin mit kunstvollen 
Mosaiken tollten junge Mädchen umher und tauchten nach 
Perlen und Edelsteinen auf seinem Grund. Dieser Bereich war 
offensichtlich allein den Frauen vorbehalten. 

Von überall drangen liebliche Klänge an Selims Ohr, 

während hier und dort Bauchtänzerinnen, Akrobaten und bunt 
gekleidete Narren Gäste wie Hofstaat mit ihren Darbietungen 
unterhielten. Selim entdeckte einen Dompteur, dessen Äffchen 
allerlei Kunststücke und Kapriolen aufführte, und sogar ein 
prächtiges Schattenspiel, vor dem ein augenscheinlich 
begeistertes Publikum gerade Applaus spendete. 

»Wie kann es sein«, hauchte der junge Magier, »dass all 

diese verschwenderische Pracht Platz findet unter dem alten, 
schwarzen Turm?« 

Der alte Malak lachte. »Nicht umsonst habe ich mich in den 

letzten dreißig Jahren mit Magie beschäftigt.« 

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- 182 - 

»Du meinst, das alles hier ist gar nicht wirklich?«, fragte 

Selim enttäuscht. 

»Das hier ist alles so wahr«, erwiderte Zeyn, »wie meine 

Liebe zu dir, mein Sohn.« Er machte eine weit ausholende 
Bewegung. »Vor dir siehst du mein Meisterwerk. Dieser 
unterirdische Palast reicht weit bis hinter die Nordmauer der 
Stadt in die Wüste hinein. Es hat mich Jahre gekostet, ihn zu 
erschaffen.« 

Er geleitete seinen Sohn hinauf auf eine erhöhte, umlaufende 

Galerie und in einen durch seidenbespannte Paravents 
abgetrennten Raum, wo sie sich auf einem Kanapee 
niederließen. Sofort eilten zwei junge, leicht bekleidete 
Mädchen hinter sie und wollten ihnen mit Pfauenfedern Luft 
zufächeln. Mit einer unwirschen Handbewegung schickte Zeyn 
sie wieder fort. 

Kurz darauf erschien ein schwarzer Sklave und brachte ihnen 

auf einem silbernen Tablett eine Erfrischung. Staunend 
betrachtete Selim die Kelche aus farbigem Glas, in denen sich 
das Licht tausendfach brach. 

Der alte Zeyn lehnte sich seufzend zurück, wobei ihm das 

Schultertuch vom Oberkörper rutschte. Selim musste feststellen, 
dass die Wirbelsäule des Malak stark verkrümmt war, was seine 
gebückte Haltung erklärte. An seinem Rücken saßen zudem 
kleine ledrige Schwingen, die schlaff herabhingen. Der junge 
Magier versuchte, sich seine Abscheu nicht anmerken zu lassen, 
und trank einen Schluck. Es war eine Art Traubensaft, und er 
schmeckte köstlich und belebte seine Sinne. Dann starrte er auf 
den pastellfarbenen chinesischen Teppich unter sich und 
überlegte, wie er am besten anfangen sollte. 

Doch Zeyn kam ihm zuvor. 

»Warum bist du hierher gekommen?«, fragte er mit 

krächzender Stimme. »Wohl kaum hat dich die Sehnsucht in die 
Arme deines alten Vaters getrieben, habe ich Recht?« 

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- 183 - 

»Nun«, begann Selim, »in der Tat kam ich mit einem ganz 

bestimmten Anliegen zu dir. Ich möchte dich bitten –« 

»Du willst, dass ich dieser Hexe ihre Kräfte zurückgebe, 

nicht wahr?«, unterbrach ihn der Malak. 

Selim war so perplex, dass er für eine Sekunde schwieg. 

»Ja«, begann er. »Denn ich liebe sie, und wenn … wenn du 
wünschst, dass ich dein Werk fortführe, so brauche ich eine 
Gefährtin an meiner Seite, die mir ebenbürtig ist.« Diese Lüge 
war ihm erstaunlich leicht über die Lippen gekommen. »Doch 
woher weißt du von … uns?« 

»Versuche nicht, mich hinters Licht zu führen, Bürschchen«, 

grunzte der Malak. »Ist es nicht vielmehr so, dass du wünschst, 
deine Liebste möge ihre wiedergewonnenen Kräfte mit denen 
ihrer Schwestern vereinigen, auf dass sie mich aus dieser Welt 
verjagen können?« Er sah Selim aus seinen kalten Augen an. 
»Davon abgesehen weiß ich fast alles über dich, unsere Bande 
sind stärker, als du glaubst.« Er kicherte. 

Selim merkte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Woher 

zum Teufel wusste der Malak so genau Bescheid über die 
Zauberhaften  und die Macht der Drei? Und was sollte das 
heißen: ›Unsere Bande sind stärker, als du glaubst‹? Wollte der 
Alte etwa damit andeuten, dass er ihn die ganze Zeit über 
beobachtet hatte? 

Jetzt nur keine Schwäche zeigen, beschwor er sich. »Es ist 

doch gar nicht mehr nötig, dich zu vernichten, Vater«, erwiderte 
er mit einem mokanten Grinsen, »du stirbst doch ohnehin bald.« 

»Nicht ohne meine Kräfte und mein Wissen an einen 

würdigen Nachfolger übergeben zu haben«, gab Zeyn mit 
ausdruckslosem Blick zurück. »An einen Nachfolger, der mein 
Werk in meinem Sinne fortführt, wohlgemerkt. Und wenn du es 
nicht wirst, dann wird es eben ein anderer«, fügte er ruhig hinzu. 
»Mein Erbe wird einst der mächtigste Herrscher auf Erden 
werden«, fuhr er fort. »Alle Menschen, alle Kreaturen werden 

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- 184 - 

ihm zu Diensten sein, und selbst Iblis wird erkennen müssen, 
dass seine Tage gezählt sind. Der Lauf der Welt wird allein in 
deinen Händen liegen, mein Sohn.« 

Selim schauderte bei diesen Worten. »Ich bin … durchaus 

nicht abgeneigt, dein Erbe anzutreten, Vater«, beeilte er sich zu 
beteuern, »und sicherlich ist es nur in deinem Sinne, wenn dein 
Werk von deinem eigenen Fleisch und Blut fortgeführt wird, als 
dass ein gänzlich Fremder das Zepter führt.« 

»Schöne Worte«, schnarrte der Malak. »Aber bist du auch 

bereit, deine Verbundenheit mit mir unter Beweis zu stellen?« 

»Was verlangst du von mir?«, fragte Selim mit bebender 

Stimme. 

»Ein Leben für ein Leben«, erwiderte der Malak. 

 

Unruhig wanderte Paige auf der Dachterrasse von Ibrahims 

Haus auf und ab. 

Selim war nicht zurückgekehrt, und alle waren nach diesem 

langen, aufregenden Tag sehr erschöpft. Und so hatte man 
beschlossen, ein paar Stunden zu schlafen und die Nacht über 
abzuwarten. Sollte Selim bis zum nächsten Morgen nicht wieder 
aufgetaucht sein, so würden sie aktiv werden müssen, da war 
man sich einig. Einen konkreten Plan für diesen Fall hatte 
jedoch niemand vorzubringen gehabt. 

Seif, Suleiman und ihr Vater hatten ihre Schlafplätze im 

Obergeschoss des Hauses aufgesucht, während Leo, Piper, 
Phoebe und Paige auf dem Dach unter einem sternenklaren 
Himmel übernachten sollten. Der alte Mann hatte seinen Gästen 
zu diesem Zweck bequeme Schaffellmatten und 
Baumwolltücher bereitgelegt. 

Es hatte sich nach Einbruch der Dunkelheit in der 

Wüstenstadt merklich abgekühlt, und es ging eine frische Brise. 

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- 185 - 

Piper und Leo schliefen eng umschlungen auf ihrem Lager, 

und auch Phoebe war in einen tiefen Schlaf gefallen. Nur Paige 
hatte kein Auge zumachen können und war schließlich wieder 
aufgestanden. 

Bevor sich Leo und die Schwestern zur Ruhe begeben hatten, 

war Phoebe auf der Dachterrasse an Paige herangetreten und 
hatte sie diskret beiseite genommen. 

»Ich denke, ich weiß, wie du dich fühlst«, hatte Phoebe ihr 

im Vertrauen gesagt. »Du fühlst dich mies, weil du denkst, du 
bist für all das hier verantwortlich. Aber es stimmt, was Ibrahim 
gesagt hat: Niemand kann sich seinem Schicksal entziehen. Und 
auch wenn Piper manchmal ein wenig ungnädig erscheint, weiß 
sie ganz genau, dass es immer kommt, wie es kommen muss. 
Das hat sie ja vorhin selber zugegeben. Es ist einfach so, dass 
sie sich nach Prues Tod als Älteste der Zauberhaften so sehr für 
uns verantwortlich fühlt, dass sie das manchmal einfach 
vergisst.« 

»Das weiß ich«, hatte Paige eingewendet, »ich hab oft mit 

Piper darüber gesprochen, wann immer ich einen Fehler 
gemacht habe. Aber in diesem Fall war mein Verhalten wirklich 
unverzeihlich. Ich hätte euch von meiner Begegnung mit Selim 
erzählen müssen, bevor … andererseits, woher zum Teufel hätte 
ich wissen sollen, dass er mich ohne mein Wissen in die 
Vergangenheit entführt, und woher hätte er wissen sollen, dass 
sein Vater ihn die ganze Zeit im wahrsten Sinne des Wortes 
durchschaute?« 

»Ich bin fest davon überzeugt«, hatte Phoebe geantwortet, 

»dass alles genau so gelaufen ist, wie es hat passieren müssen. 
Wir als die Zauberhaften können jederzeit in außergewöhnliche 
Situationen kommen, die auf den ersten Blick ganz alltäglich 
erscheinen. So wie Selims Erscheinen im South Bay Sozialdienst 
zum Beispiel. Ich will damit sagen, dass wir überhaupt keinen 
Einfluss darauf haben, dass  etwas geschieht, bei dem die 
Zauberhaften  gefragt sind. Das Zusammentreffen von dir und 

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- 186 - 

Selim war vorherbestimmt, Punkt, aus! Nun gilt es, hier und 
jetzt das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wieder 
herzustellen. Und genau deshalb sind wir hier!« 

»Na ja«, hatte Paige gesagt. »Aber Piper schärft uns doch 

immer ein, dass wir ganz besonders vorsichtig sein sollen, wenn 
uns etwas Ungewöhnliches widerfährt. Und die Bekanntschaft 
mit Selim … nun, die war und ist schon was ganz Besonderes 
…« 

Phoebe hatte ihre Halbschwester einen Moment lang 

nachdenklich angesehen, bevor sie antwortete: »Du hast dich bis 
über beide Ohren in Selim verliebt«, sagte sie, »das ist 
offensichtlich. Und genauso offensichtlich ist es, dass er dich 
anbetet. Aber lass dir von jemandem, der in dieser Hinsicht 
vermutlich sehr viel mehr Erfahrung hat als du, sagen, dass das 
eine ziemlich aussichtslose Geschichte ist. Es mag hart klingen, 
aber es kann für euch keine gemeinsame Zukunft geben. 
Niemand weiß das besser als ich.« 

»Du spielst auf die Sache mit Niall, dem Sohn Merlins, an, 

stimmt’s?«, hatte Paige gefragt. Phoebe und Piper hatten ihr erst 
vor kurzem von ihrem Abenteuer im alten Camelot erzählt, 
wohin die Schwestern während eines Urlaubs in Wales gereist 
waren, nachdem der Sohn des alten Keltenmagiers in 
Schwierigkeiten geraten war. 

»Ja, unter anderem«, hatte Phoebe lachend geantwortet. Doch 

dann war sie wieder ernst geworden. »Hör zu, Paige, keiner von 
euch beiden darf seine Zeit verlassen, um sein Leben an der 
Seite des anderen zu verbringen. Das wäre das Ende!« 

»Wieso eigentlich?«, hatte Paige trotzig gefragt. 

»Weil dadurch der Lauf der Dinge verändert würde, ganz 

einfach«, hatte Phoebe geantwortet. »Wenn Selim für immer ins 
21. Jahrhundert switchen würde, wäre er ja hier nicht mehr 
existent, und der Bund der Magier damit auch nicht. Zum einen 
wäre so das Gleichgewicht von Gut und Böse für alle Zeiten 

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- 187 - 

gestört, und zum anderen würde es dann vermutlich auch die 
Zauberhaften  nicht geben, wenn die Vergangenheit in dieser 
Weise manipuliert würde. Das Kräfteverhältnis wäre also 
dauerhaft zerrüttet, und die dunkle Seite hätte gewonnen. Mit 
anderen Worten: Der Bund der Magier ist für seine Zeit genauso 
wichtig wie die Zauberhaften gut 1200 Jahre später.« 

»Das ist alles sehr schwer zu begreifen«, hatte Paige erwidert. 

»Stell es dir einfach wie einen riesigen Turm vor. Entfernt 

man auch nur einen Stein, bricht das ganze Konstrukt 
zusammen. Eins baut auf dem anderen auf.« 

»Bitte verschone mich mit Analogien von Türmen«, hatte 

Paige grinsend geantwortet. 

Und nun, da alle schliefen, trat sie an die Dachbrüstung und 

starrte genau in Richtung des schwarzen Turms, der in der Nacht 
nur mehr zu erahnen war. Hier und da waren in Ald’maran noch 
vereinzelte Lichter zu sehen, doch ansonsten lag die Stadt still 
und dunkel da. 

Wo war Selim? Lebte er noch, oder hatte der grausame Zeyn 

seinen letzten Widersacher aus dem Bund der Magier 
unschädlich gemacht? Würde der Malak so weit gehen, das 
Leben seines eigenen Sohns auszulöschen? Nein, dachte Paige, 
wahrscheinlicher ist es, dass er auch Selim seine Kräfte raubt 
und ihn festsetzt. Somit wäre auch der temporären Macht der 
Drei  
der Garaus gemacht, und die Welt, auch die Welt, die sie 
kannte, würde schon bald in Finsternis versinken. 

Und wie es schien, war sie allein an allem schuld, egal, was 

die anderen dazu meinten. Und wenn das Schicksal tausendmal 
bestimmt hatte, dass Selim sie in der Zukunft ausfindig machen 
und mit nach Ald’maran nehmen würde, so hätte sie nicht mit 
ihm gehen dürfen, ohne zuvor ihre Schwestern zu informieren. 
Schließlich waren sie ein Team, von dessen Planung, 
Vorbereitung und Handlungsfähigkeit alles abhängen konnte, 
und genau diese Handlungsfähigkeit war ihnen nun abhanden 

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- 188 - 

gekommen. Sie, Paige, war völlig nutzlos im großen Kampf 
gegen Zeyn geworden, und ohne ihre Fähigkeiten war die Macht 
der Drei 
gebrochen. Der alte Malak hatte sie entmachtet und das 
zauberhafte Trio zerschlagen, noch bevor er wissen konnte, dass 
es Piper und Phoebe überhaupt gab. 

Andererseits hätte Zeyn mich ja auch auf der Stelle töten 

können, nachdem er sich meine Kräfte einverleibt hatte, 
überlegte Paige. Aber das hatte der Alte nicht getan. Warum 
nicht?, fragte sie sich nicht zum ersten Mal an diesem Abend. 
Hatte er vielleicht doch noch Pläne mit ihr gehabt? Pläne mit ihr 
und seinem leiblichen Sohn womöglich? Tatsächlich musste 
dem Malak ziemlich bald klar geworden sein, was Selim für sie 
fühlte, stand er ja vermutlich fast ununterbrochen in Kontakt zu 
seinem Fleisch und Blut. Zeyns Fleisch und Blut … 

Auf einmal traf Paige die Erkenntnis wie ein Schlag: Selim 

war nicht nur nicht tot oder in Gefangenschaft geraten, sondern, 
ganz im Gegenteil, sehr wahrscheinlich mit offenen Armen von 
seinem Vater, dem gefallenen Engel, empfangen worden! Der 
verlorene Sohn war zurückgekehrt, um … ja, um was eigentlich 
zu tun? Paige wusste es nicht genau, aber sie wusste plötzlich, 
dass ihre Anwesenheit im schwarzen Turm der ganzen 
Geschichte eine neue, womöglich alles entscheidende Wendung 
geben konnte. 

Sie straffte sich und riss ihren Blick vom nächtlichen, 

friedlich daliegenden Ald’maran los. Sie schlich über die 
Dachterrasse, schnappte sich einen der alten traditionellen 
Baumwollüberwürfe, die ihre Schwestern tagsüber getragen 
hatten, und schlüpfte hinein. 

Dann stieg sie leise die Treppe hinab und verließ auf 

Zehenspitzen das Haus. 

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- 189 - 

Z

EYN FÜHRTE SELIM WIEDER HINAUF

 

in die 

prächtige Eingangshalle des schwarzen Turms und erklomm mit 
ihm die Wendeltreppe, bis sie die Plattform erreichten, in der 
sich das Laboratorium des Malak befand. 

Selim wusste von diesem Ort des Schreckens bereits aus 

Paiges Erzählungen. Sein Blick fiel auf allerlei merkwürdige 
Gerätschaften und Instrumente, auf Glaskolben, Behälter und 
Tonkrüge, in denen Unbeschreibliches aufbewahrt wurde, doch 
Tote oder gar die Leiche des unglücklichen Abu konnte er 
nirgends entdecken. 

»Was ist das hier?«, fragte er den Alten. 

»Meine Experimentierstube«, erwiderte Zeyn. »Hier 

erforsche ich das Mysterium des Lebens.« 

Wohl eher das Mysterium des Todes, dachte Selim, doch er 

schwieg. 

Fest ergriff der Malak Selims Arm, und für einen Moment 

erschrak der junge Zauberer. Doch Zeyn hatte nicht vor, ihm 
seine Kräfte zu rauben, sondern sie orbten lediglich weiter 
hinauf, bis sie ein Turmgeschoss erreichten, in dem sich 
offensichtlich eine Küche befand. »Hier bereiten meine untoten 
Diener die Mahlzeiten für sich und etwaige Gefangene.« 

Selim schluckte. Auf dem alten Holztisch lagen von Fliegen 

umschwirrte Fleisch- und Knochenreste. Auch diesen Raum 
kannte er aus Paiges Bericht. Es war klar, dass der Malak die 
Delikatessen, die er in der Halle der Sinnesfreuden für sich und 
seine Gäste auffahren ließ, wohl kaum hier zubereiten ließ. 

Sie orbten weiter hinauf und erreichten eine Etage, in der sich 

ein unheimlich düsterer Gang mit mehreren verschlossenen 
Türen befand. »Die Quartiere meiner Ghule«, erläuterte Zeyn im 
Plauderton. »Sie schätzen das Licht nicht sonderlich.« 

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- 190 - 

Es kam Selim vor, als ob der Malak eine Art 

Hausbesichtigung für seinen zukünftigen Erben veranstaltete. 

Schließlich erreichten sie eine Art Aussichtsplattform. 

»Schau auf diese Stadt«, sagte Zeyn und deutete mit einer 
ausladenden Armbewegung auf das nächtliche Ald’maran. Die 
letzten Lichter waren erloschen, nur vor dem schwer bewachten 
Herrscherpalast brannten noch Fackeln. 

Doch es war Vollmond, und so konnte Selim trotzdem 

erahnen, wie groß und prächtig seine Heimatstadt von hier aus 
gesehen war. Und wie still und friedlich aus dieser Höhe doch 
alles wirkte. Trügerisch friedlich. 

»Das alles wird schon bald dir gehören«, verkündete Zeyn 

mit heiserer Stimme. »Du weißt es vielleicht nicht, aber längst 
schon bin ich der heimliche Herrscher dieser Stadt.« Er kicherte 
böse. »Und mehr noch – ich werde dich zum Herrn der Welt 
machen.« 

Selim schwieg, doch in seinem Kopf überstürzten sich die 

Gedanken. 

»Und nun folge mir in mein Allerheiligstes, Sohn.« 

Sie orbten wieder zurück in die Säulenhalle mit den Ghulen 

und betraten dann einen Raum, der direkt hinter dem 
marmornen Podest lag, auf dem sich der Malak seinen 
Empfangsthron errichtet hatte. 

Es war eine Art Vorraum, in dem Selim eine Schale 

entdeckte, in der eine trübe Flüssigkeit schwamm. Ein Ghul 
stand daneben und starrte unverwandt hinein. 

Zeyns Kammer selbst war wenig spektakulär. Fast war Selim 

ein wenig enttäuscht. Er sah einen alten Diwan, eine 
Opiumpfeife und mehrere Tische mit merkwürdigen 
Instrumenten. Auf einem von ihnen stand eine matt 
schimmernde Glaskugel. Irgendetwas war darin eingeschlossen, 
doch er konnte nicht erkennen, was es war. 

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- 191 - 

»Was ist das für eine Kugel?«, fragte er den Malak. 

»Es ist an der Zeit, dass ich dich einweihe in meine 

Geheimnisse«, verkündete der Alte. »Doch zuvor muss ein 
Ritual vollzogen werden, dass dich endgültig zu meinem 
Nachfolger bestimmt.« 

»Was für ein Ritual?«, fragte Selim. 

»Das Ritual des Blutes.« 

Selim schwante Böses. »Und das bedeutet?« 

»Es bedeutet, dass du schließlich von meinem Blute trinken 

musst, auf dass meine Kräfte auf dich übergehen.« 

Selim krümmte sich bei diesen Worten innerlich vor Ekel. 

Und gleichzeitig dachte er: So einfach ist das also? Wenn seine 
Kräfte auf mich übergehen und er dann ins Reich der Alten 
abberufen wird, könnte ich Paige und meinen Brüdern ihre 
Kräfte zurückgeben, und alles wäre in Ordnung … 

Er ging ein paar Schritte in der Kammer umher und 

zermarterte sich das Hirn über diesen Handel. Sicher, er stand 
hier vor seinem Erzeuger, der alles darangesetzt hatte, dass er, 
Selim, zu ihm fand, und doch traute er dem alten Malak nicht 
über den Weg. 

Wieder fiel sein Blick auf die trübe Glaskugel, und als er 

genauer hinsah, erkannte er etwas Schwarzes in ihrem Inneren. 
Noch einmal fragte er: »Was ist das für eine Kugel, Vater?« 

»Ich will ehrlich zu dir sein, mein Sohn«, krächzte der Alte 

und kam auf ihn zu. »Diese Kugel enthält etwas von dir, das mir 
deine Mutter gab, als du noch ein Säugling warst: eine 
Haarlocke. Und es ist mir vor einigen Wochen gelungen, mit 
ihrer Hilfe eine … Verbindung zu dir herzustellen.« 

»Du hast mich seither die ganze Zeit beobachtet?«, rief Selim 

empört, dem nun einiges von dem, was in den letzten Stunden 
passiert war, klar wurde. 

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- 192 - 

»Ich war allein um dein Wohl besorgt«, schnarrte der Alte, 

»und da habe ich zufällig mit ansehen müssen, was du und deine 
Brüder gegen mich vorhattet. Du wirst verstehen, dass ich das 
nicht zulassen konnte.« 

»Und deshalb hast du Seif und Suleiman um ihre Kräfte 

gebracht und hier eingesperrt? Weil du so um mein Wohl 
besorgt warst?« Selim spuckte empört vor Zeyn aus. »Warum 
hast du nicht mit mir gesprochen, so wie du jetzt mit mir 
sprichst?« 

»Ich musste handeln«, sagte der Malak lächelnd. »Schnell.« 

»Ich verstehe«, erwiderte Selim mit bebender Stimme. »Und 

dann wolltest du dir auch gleich noch Paiges Kräfte unter den 
Nagel reißen, wo ich dich doch direkt auf diese Idee gebracht 
hatte, richtig?« Wütend griff er nach der Kugel und schleuderte 
sie auf den Steinboden. Sie zerbarst mit einem 
ohrenbetäubenden Knall, und tausend Splitter flogen umher. 

Doch der Malak grinste nur und entblößte seine halb 

verrotteten Zähne. »Das Mädchen passt zu dir, denn sie ist eine 
von uns. Aber sie stellte auch eine Gefahr dar – für mich und für 
dich. Ich denke jedoch, der Zauber der Liebe wird aus ihr eine 
willfährige Gefährtin für dich machen. Bedenke, auch du wirst 
dich eines Tages nach einem Erben sehnen, mein Sohn, und 
dieses Mädchen scheint mir ideal für diesen Zweck geeignet.« 
Er seufzte. »Unterschätze nie den Zauber der Liebe …« 

 

Nach fast einer Stunde hatte Paige es endlich geschafft, den 

Hügel zu erreichen, auf dem der schwarze Turm stand. 

Sie war zügig gegangen, und der Weg hierher war wider 

Erwarten ohne größere Zwischenfälle verlaufen. Das nächtliche 
Ald’maran war wie ausgestorben, und selbst in den 
Armenvierteln war kaum mehr ein Mensch auf der Straße 
gewesen. 

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- 193 - 

Einmal hatte sie einem aufdringlichen Bettler davonlaufen 

müssen, der sie partout nicht gehen lassen wollte, ein andermal 
war sie direkt in eine Art orientalisches Vergnügungsviertel 
gestolpert, wo suspekte Gestalten ihr böse nachgestarrt hatten, 
aber das war’s auch schon an unliebsamen Begegnungen. 

Sie wusste, dass der Turm mit einer magischen Falle 

gesichert war. Langsam trat sie auf die schwere Pforte zu und 
fragte sich gerade, wie sie sich Einlass verschaffen sollte, als die 
Tür knarrend geöffnet wurde. 

Ein Ghul stand auf der Schwelle und winkte sie mit einer 

knappen Geste herein. 

Paige zögerte einen Moment lang, doch dann erinnerte sie 

sich wieder daran, weshalb sie hergekommen war, und trat ein. 

 

In der Halle der Sinnesfreuden lag Selim halb aufgerichtet 

auf einem Lager aus üppigen Seidenkissen, während sich unweit 
von ihm eine Gruppe wunderschöner Mädchen zu 
einschmeichelnden Klängen im Bauchtanz wiegte. Sein Vater 
hatte sich vor einigen Minuten diskret in seine Privatgemächer 
zurückgezogen. 

Eine ebenholzschwarze Nubierin war daraufhin sogleich 

herbeigeeilt und fächelte ihm nun kühle Luft zu, während ihm 
ein männlicher Sklave Traubensaft, Honiggebäck und andere 
Spezereien vorsetzte. 

Keine Frage, sein Vater führte ein prächtiges Leben, und er, 

Selim, musste zugeben, dass er diesen paradiesischen Zuständen 
durchaus viel abgewinnen konnte. Und doch, er sehnte sich nach 
Paige. Und er musste versuchen, den Malak davon zu 
überzeugen, dass er ihr die gestohlenen Kräfte wiedergab, damit 
… 

Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn jemand 

zupfte ihn sacht am Ärmel. Es war eine junge Frau mit einem 

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- 194 - 

hauchdünnen Gesichtsschleier vor Mund und Nase, deren 
schwarzes Haar feucht glänzte. »Komm, schwimm mit mir«, 
raunte sie ihm ins Ohr. Sie roch nach allen Verlockungen der 
Erde. 

Wie in Trance ließ sich Selim von der Unbekannten zu dem 

großen, palmenumsäumten Wasserbassin führen, in dem kurz 
zuvor noch die Gruppe junger Mädchen herumgetollt hatte. Jetzt 
lag der türkisblaue Pool still und verlassen da. 

Noch ehe er sich versah, streifte die junge Frau ihr 

hauchdünnes Gewand ab und glitt geschmeidig ins Wasser. 
»Komm herein«, rief sie lockend. »Es ist einfach herrlich!« 

Selim konnte nach diesem anstrengenden Tag eine 

Abkühlung wahrlich gebrauchen; also entledigte er sich seines 
langen Hemdes und der Baumwollhose und stieg zu ihr ins 
Becken. Das Wasser hatte eine angenehme Temperatur, und 
schon sank er entspannt zurück und ließ sich einfach nur treiben. 

Als er die Augen wieder öffnete, schwamm das Mädchen 

geradewegs auf ihn zu. Ihr Gesichtsschleier aus Gaze war noch 
immer mit goldenen Spangen an ihrem dunklen Haar befestigt. 

Lachend schlang sie ihre Arme um ihn und zog ihn wieder 

zurück ins flache Wasser. Plötzlich drückte sie ihren schlanken, 
geschmeidigen Körper an den seinen und fuhr mit ihren Fingern 
leidenschaftlich durch sein Haar. 

Selim stockte der Atem, als sie ihren Gesichtsschleier hob 

und ihre Lippen sich anschickten, seinen Mund für einen zarten 
Kuss zu berühren. Vor ihm stand Paige! 

Erschrocken machte er sich von ihr los. »Wie kommst du 

hierher?« 

»Auch ich bin dem Ruf deines Vaters gefolgt«, flüsterte sie. 

»So wie du. Nun wird uns nichts und niemand mehr auseinander 
bringen können …« Sie schloss die Augen und küsste ihn. 

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- 195 - 

Er ließ es geschehen. Wie auch immer der Malak es geschafft 

hatte, Paige hierher zu bringen, es war ihm egal. Die Frau, die er 
liebte, war hier, lag hingebungsvoll in seinen Armen, und er 
wusste, wenn er nur wollte, so würde sie den Rest ihres Lebens 
an seiner Seite verbringen. Hier. Im Paradies. 

 

Vom Säulengang über der Halle der Sinnesfreuden aus 

beobachtete Zeyn heimlich, wie sich Selim mit der Hexe im 
Wasserbecken vergnügte. Und er lachte leise. 

 

Nach dem erfrischenden Bad, das immer wieder von 

leidenschaftlichen Küssen, ausgelassener Herumtollerei im 
Wasser und Liebesgeflüster unterbrochen wurde, hatten sich 
Paige und Selim wieder angekleidet und in eine blickgeschützte 
Laube in der Halle der Sinnesfreuden begeben. 

Lachend sanken sie auf einen Diwan, der unter einem 

prächtigen Baldachin stand, und ließen sich die kühlen Getränke 
und herrlichen Früchte schmecken, die ihnen ein Diener brachte. 

Während sie so dalagen und sich küssten, fiel Paiges Blick 

plötzlich auf die Silberkette mit dem halbmondförmigen 
Anhänger, die Selim trug und die sie schon bei ihrem ersten 
Treffen im South Bay Sozialdienst gesehen hatte. »Was ist das 
eigentlich für eine Kette?«, fragte sie, und ein leichter Argwohn 
schwang in ihrer Stimme mit. »Das Geschenk einer 
Verflossenen?« 

Selim schenkte ihr ein nachsichtiges Lächeln; dann jedoch 

wurde sein Gesicht wieder ernst. »Diese Kette gab mir meine 
Mutter, ein Jahr, bevor sie starb. Sie ist mir der liebste Besitz auf 
der Welt. So wie du mir immer der liebste Mensch auf der Welt 
sein wirst.« 

Glücklich und erleichtert sank Paige in seine Arme und 

bedeckte sein Gesicht mit Küssen. 

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- 196 - 

Zu ihrer Linken schwammen dicke goldfarbene Karpfen in 

einem künstlich angelegten Teich, zu ihrer Rechten wuchsen 
herrlich duftende Rosen- und Jasminsträucher. Fürwahr ein 
Garten Eden. 

»Wir werden hier in Ald’maran ein wunderbares Leben 

führen, du und ich«, gurrte Paige und biss ihn zärtlich in den 
Hals. 

Selim glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. »Was ist mit 

deinen Schwestern und deinem Leben in San Francisco?« 

»Die führen ihr Leben doch auch, wie sie es wollen«, gab 

Paige trotzig zurück, während sie Selim mit einer Traube 
fütterte. »Piper und Leo hatten zu Anfang auch große 
Schwierigkeiten, überhaupt ein Paar zu werden und heiraten zu 
dürfen. Und nun bekommen die beiden bald ein Kind. Und 
Phoebe … na ja, Phoebe hat in Bezug auf Männer ohnehin 
schon immer das getan, was sie wollte. Sogar im Fall Cole hat 
sie letztlich ihren Willen durchgesetzt. Also warum sollte ich 
nicht dem Ruf meines Herzens folgen und hier bei dir bleiben?« 

Selim schüttelte erstaunt den Kopf. War das noch die gleiche 

Paige, die vor kaum zwei Stunden so große Zweifel an einer 
gemeinsamen Zukunft gehabt hatte? 

»Du und ich, wir sind wie füreinander geschaffen«, fuhr sie 

fort und kuschelte sich eng an ihn. »Selbst die Umstände unserer 
Herkunft sind nahezu identisch. Auch mein Vater war ein 
Wächter des Lichts, auch meine Mutter eine weiße Hexe. Das 
kann doch kein Zufall sein –« Sie brach ab und schmiegte sich 
zärtlich an ihn. »Ich habe auch ein Recht darauf, glücklich zu 
sein. Ein Recht darauf, bei dem Mann zu sein, den … ich liebe. 
Das ist mein Schicksal, unser Schicksal …« Sie sah zärtlich zu 
ihm auf. 

Gedankenverloren streichelte Selim Paige übers Haar. Auch 

er war glücklich wie noch nie in seinem Leben. Alles, was er 
wollte, war Paige. Und was sie sagte, ergab ja auch einen Sinn. 

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- 197 - 

Wenn es einen Weg gab, dass sie beide doch noch 
zusammenkommen konnten, so einzig und allein mithilfe seines 
Vaters Macht. 

Und doch, irgendetwas stimmte hier nicht. Es war weniger 

als ein ungutes Gefühl, das ihn beschlich; mehr eine dumpfe 
Ahnung, das irgendetwas hier schrecklich falsch war. 

 

Und während Selim und Paige in der Halle der Sinnesfreuden 

dem süßen Nichtstun frönten, stieg der alte Malak in Begleitung 
des Algols den schwarzen Turm hinauf, bis er das Quartier 
seiner untoten Sklaven erreicht hatte. 

Dort angekommen vernichtete er die Ghule mit nur einem 

Handstreich. »Zum Teufel mit euch stumpfsinnigen Kreaturen«, 
zischte er, »eure Dienste sind nicht länger vonnöten.« 

Und er lächelte, als sich zuletzt auch sein ehemals treuer 

Untertan Chatun schreiend am Boden wand und unvorstellbare 
Qualen erlitt, während sich sein geschundener Körper langsam 
auflöste wie Fleisch in einem Säurebad. 

»Bei Iblis«, sagte Zeyn zu dem vogelköpfigen Algol, »meine 

Macht wird grenzenlos sein.« 

 

Der Morgen dämmerte schon, als Phoebe von ihrem Lager 

aufschreckte. 

Der Ruf des Muezzin hatte sie aus einem schrecklichen 

Alptraum gerissen. Sie hatte geträumt von einer Welt, die völlig 
aus den Angeln gehoben worden war, einer Welt, in der nur 
noch Nacht herrschte, Verzweiflung und Kälte und Einsamkeit 
… 

Verwirrt sah sie sich um. Dann wusste sie wieder, wo sie 

war. Sie erkannte die mit kleinen Platanen und Palmen begrünte 
Dachterrasse von Ibrahims Haus und in der Ferne die vom 

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- 198 - 

ersten Licht des Tages beschienene orientalische Stadtansicht 
Ald’marans. 

Neben ihr lagen Piper und Leo noch im tiefen Schlaf. 

Die Bettstatt von Paige jedoch war leer. 

Phoebe erhob sich von ihrer Matratze und schlich barfuß zur 

kleinen Treppe, die ins Innere des Hauses führte. 

Im dunklen Erker des Dachgeschosses schliefen Seif und 

Suleiman noch den Schlaf der Gerechten. 

Auf Zehenspitzen stieg sie hinunter ins Erdgeschoss, wo der 

blinde Ibrahim mit getrocknetem Kameldung gerade ein Feuer 
in dem kleinen Lehmofen entfachte. 

»Guten Morgen«, begrüßte Phoebe ihn herzlich. 

»Sei gegrüßt, Mädchen.« Der alte Mann lächelte, während er 

sich nun anschickte, den kleinen Tisch für seine Gäste mit einem 
Morgenmahl aus Tee, frischem Fladenbrot, Honig und dickem, 
süßem Rahm zu decken. Phoebe lief bei diesem Anblick das 
Wasser im Mund zusammen. »Ich hoffe, du hast gut 
geschlafen?« 

»Eigentlich schon«, erwiderte Phoebe, »nur kurz vor dem 

Aufwachen, da hatte ich einen wirklich schlimmen Alptraum. 
Aber ich weiß schon jetzt gar nicht mehr, was genau darin 
passierte … Na ja, egal, wissen Sie vielleicht, wo Paige ist?« 

Der bärtige Mann hielt abrupt in seiner Tätigkeit inne, und 

sein Gesicht wurde grau vor Bestürzung. »Sie ist nicht bei 
euch?«, fragte er leise. 

»Nein, ich dachte, sie ist vielleicht schon hier unten und hilft, 

das Frühstück –« 

Sie brach ab. »O Gott«, entfuhr es ihr. Sie wirbelte herum 

wie ein Derwisch und raste wieder hinauf Richtung Dach. 
»Piper, Leo, aufwachen! Schnell! Paige ist weg!« 

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- 199 - 

 

»Ich fasse es nicht«, war alles, was Piper hervorbrachte, als 

Phoebe ihr und Leo die Hiobsbotschaft überbrachte. 

»Was hat sie sich nur dabei gedacht?«, murmelte Leo und 

erhob sich schlaftrunken von seinem Lager auf dem Dach des 
Hauses. 

Seif und Suleiman waren ebenfalls aufs Dach hinausgetreten. 

Der Jüngere rieb sich verschlafen die Augen und blinzelte in die 
fahle, aufgehende Sonne, während sein Bruder mit versteinerter 
Miene dastand. »Ich kann mir schon denken, was sie sich dabei 
gedacht hat«, sagte Suleiman leise. »Sie wird zum schwarzen 
Turm gegangen sein … doch an eine aufopfernde 
Rettungsaktion für meinen Bruder kann ich dabei nicht 
glauben.« 

»Was willst du damit sagen?«, herrschte Phoebe ihn an. 

Suleimans Züge verfinsterten sich. »Nun, es ist doch ganz 

offensichtlich, dass Zeyn seinen kostbaren Sohn bisher gänzlich 
ungeschoren gelassen hat. Und ich frage mich langsam, 
warum?« 

»Du meinst, euer Halbbruder macht gemeinsame Sache mit 

seinem Vater?«, fragte Piper. 

»Es sieht doch ganz danach aus, oder etwa nicht? Und 

vermutlich hat Paige heute Nacht ihre Chance erkannt, durch ihn 
zu Macht und Einfluss zu kommen, und ist zu ihm gegangen. 
Immerhin scheint Selim eurer Schwester ja ganz verfallen zu 
sein …« 

»Das würde Paige niemals tun!«, rief Phoebe empört. 

»Niemals würde sie sich auf die dunkle Seite schlagen und die 
Macht der Drei verraten …« 

Es entstand eine beklemmende Pause, in der niemand etwas 

sagte. »Es stimmt doch, was ich sage, oder?«, fragte Phoebe und 
sah Piper und Leo eindringlich an. 

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- 200 - 

»Wir wollen hoffen, du hast Recht, Phoebe«, sagte Piper 

düster. »Wobei ich nicht weiß, was schlimmer wäre: Dass Paige 
die Zauberhaften im Stich lässt oder dass sie gerade versucht, 
uns alle zu retten.« 

 

Mühsam richtete sich Paige auf dem Diwan auf. Ihr Schädel 

dröhnte, ihre Sinne waren betäubt wie nach einer durchzechten 
Nacht, und ihre Kehle war wie ausgedörrt. 

Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, sie wusste 

nur, dass sie sich hundeelend fühlte. 

Neben ihr unter dem Baldachin lag Selim; er sah aus wie ein 

schlafender Engel. Was er ja zur Hälfte auch war … 

Hinter ihrer Stirn pochte und bohrte ein dumpfer Schmerz. 

Sie stöhnte leise auf. Was war passiert, nachdem sie heute Nacht 
den schwarzen Turm erreicht hatte? 

Während sie krampfhaft überlegte, was nach ihrer Ankunft 

im Turm geschehen war, kam eine junge Schwarze herbei und 
reichte ihr einen Becher mit Traubensaft. Auch stellte sie eine 
kleine Platte mit frischen geschälten Orangen und in Sirup 
getauchten Küchlein neben ihr ab. »Eine kleine 
Morgenerfrischung, edle Dame.« So lautlos, wie sie gekommen 
war, entfernte sich die Sklavin wieder und verschwand hinter 
den Paravents. 

Gierig nahm Paige den Becher zur Hand und wollte ihn 

schon zum Mund führen, als Selim neben ihr zischte: »Nicht 
trinken!« 

»Was?« Verwirrt sah sie neben sich. Selim hatte die Augen 

aufgeschlagen und sah sie eindringlich an. »Nicht trinken«, 
raunte er ihr noch einmal zu. 

Zögernd stellte Paige das Getränk wieder zurück auf das 

kleine Ebenholztischchen und sah Selim fragend an. 

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- 201 - 

Der erhob sich mit gefurchter Stirn von ihrem gemeinsamen 

Lager und schüttelte nur den Kopf. Dann deutete er nach oben. 
»Lass uns einen kleinen Ausflug machen«, rief er betont 
fröhlich und ergriff ihre Hand. Schon orbten sie auf die große 
Aussichtsplattform, auf der Zeyn noch vor wenigen Stunden mit 
seinem Sohn in den Nachthimmel gesehen und einen viel 
versprechenden Blick in die Zukunft getan hatte. 

»Ich denke, hier können wir ungestört reden«, sagte der junge 

Magier, nachdem er sich nach links und rechts umgeschaut 
hatte. Er zog Paige zu sich heran und sah sie ernst an. »Hör mir 
zu, Liebes, wir dürfen hier in diesem Turm nichts mehr essen 
oder trinken, verstehst du; es verwirrt unsere Sinne und soll uns 
gefügig machen!« 

»Ungestört reden?« Paige sah ihn verständnislos an. »Nichts 

mehr essen und trinken? Was meinst du damit?« 

»Warum bist du hierher gekommen?«, fragte Selim langsam 

und betonte dabei jedes Wort, als spräche er mit einem 
begriffsstutzigen Kind. 

»Ich kam, um …« Sie brach ab. »Ich kam, um … bei dir zu 

sein«, sagte Paige lahm. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, 
das war es nicht allein.« 

»Du kamst, um mich zurückzuholen, richtig?« 

Paige runzelte die Stirn und dachte scharf nach. Sie erinnerte 

sich, wie sie auf dem Dach von Ibrahims Haus eine wichtige 
Entscheidung getroffen hatte. Und nach und nach, wie wenn 
man sich gleich nach dem Aufwachen an einen bösen Traum 
erinnert, fiel ihr ein, was dann geschehen war. 

Sie hatte das Haus der Brüder verlassen. Und nachdem sie 

beim schwarzen Turm angekommen war, hatte ein Ghul sie 
eingelassen, der hässliche Malak hatte sie überschwänglich 
begrüßt und ihr versichert, Selim warte schon auf sie. Man hatte 

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- 202 - 

ihr ein kühles Getränk zur Erfrischung gereicht und sie dann in 
diese Halle geführt. 

Dort hatten ein paar blutjunge Mädchen sie sogleich kichernd 

in Empfang genommen, sie frisiert und parfümiert, ihr kostbare 
Gewänder und einen Gesichtsschleier angelegt und sie dann 
aufgefordert, doch ein kühles Bad zu nehmen … 

Doch warum war sie wirklich hierher gekommen? Es war 

wichtig gewesen, ungemein wichtig … Es hatte mit ihren 
Schwestern zu tun gehabt. Und dann fiel es ihr plötzlich wieder 
ein. 

»Ich wollte dich zurückholen«, rief Paige, »weil wir dich für 

die temporäre Macht der Drei brauchen. Und niemand außer mir 
hätte Einlass in den schwarzen Turm gefunden, ohne bei Zeyn 
Verdacht zu erregen …« 

»Die temporäre Macht der Drei?«, fragte Selim verwirrt. 

»Was ist das?« 

Paige erklärte es ihm, und sie ließ ihn auch nicht im Dunkeln 

über die Schlussfolgerungen, zu denen die Schwestern und seine 
Brüder gelangt waren, nachdem Selim sich in die Dachkammer 
zurückgezogen hatte. Plötzlich, mitten in der Erzählung, schlug 
sie sich mit der Hand vor den Mund und wurde kreidebleich. 

»Was ist?«, fragte Selim alarmiert. 

Paige beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir 

vermuten auch, dass dein Vater dich beobachtet und alles sehen 
kann, was du tust und –« 

»Ich weiß«, sagte Selim lächelnd, »aber das ist nun vorbei.« 

Er erzählte ihr von der magischen Kugel mit der Haarlocke in 
Zeyns Gemach und davon, wie er sie zerschmettert hatte. 

»Und es hat ihm gar nichts ausgemacht, dass du die 

Verbindung zu ihm zerstört hast?«, fragte Paige ungläubig. 

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- 203 - 

»Nein, ich vermute, nun, da ich hier bin, glaubt er, sein Ziel 

erreicht zu haben. Und damit eben dieses Ziel nicht in Gefahr 
gerät, verabreicht er dir und mir regelmäßig irgendwelche 
Zaubertränke, die das Denken unmöglich und uns am Ende zu 
willenlosen Geschöpfen machen.« 

»Aber was ist sein Ziel?«, fragte Paige. 

»Er will seine Kräfte auf mich übertragen, denn er sagt, er 

stirbt.« 

Paiges Augen wurden groß und rund, als sie die Tragweite 

dieser Worte begriff. »Aber … aber wenn das so ist, brauchen 
wir doch nur noch auf seinen Tod zu warten, und wenn er dann 
stirbt, kehren meine und die Kräfte deiner Brüder doch von ganz 
allein zu uns zurück!« 

»So einfach ist das nicht«, sagte Selim traurig. »Zeyn 

überlässt nichts dem Zufall. Wenn ich mich nicht bereit erkläre, 
in der Sekunde seines Dahinscheidens seine Magie in mich 
aufzunehmen, wird es ein anderer tun. Mein Vater hat sich viele 
ergebene Kreaturen geschaffen, die nur allzu willfährig wären –
« 

Wie aufs Stichwort erschien plötzlich eine überaus 

abstoßende Gestalt auf dem Treppenabsatz der Plattform. Es war 
der Raubvogeldämon, von dem Piper und Phoebe berichtet 
hatten. 

Mit einer knappen, und doch unterwürfigen Bewegung 

deutete der Algol mit seiner Klauenhand auf die Wendeltreppe. 
Was er sagte, war kaum zu verstehen, doch Selim wusste auch 
so, was man von ihm wollte: »Der erhabene Zeyn erwartet 
Euch, junger Herr. Das Ritual soll beginnen.« 

 

In einem Strudel aus blauem Licht materialisierten Leo, 

Piper, Phoebe, Suleiman und Seif auf dem Friedhof vor dem 
schwarzen Turm. 

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- 204 - 

»Rings um den Turm ist eine Barriere errichtet, die weiße 

Magie neutralisiert«, erinnerte Piper die Anwesenden noch 
einmal. 

»Und die Pforte selbst ist mit einer magischen Falle 

gesichert«, ergänzte Phoebe. »Die ist wohl nicht zu knacken.« 

»Dann orben wir uns eben erst mal auf die große Plattform, 

von der Paige erzählt hat«, schlug Leo vor und sah an dem Turm 
hinauf. »Von da aus sehen wir dann weiter.« 

»Hallo? Hast du mir nicht zugehört?«, fragte Piper ihn, »ich 

habe doch gerade gesagt, dass um den Turm ein Bannzauber 
liegt, der weiße Magie neutralisiert. Vermutlich beißen wir hier 
auf Granit.« 

»Vielleicht aber auch nicht«, meinte Leo. »Die Kräfte eines 

Wächters des Lichts sind weitaus mehr als einfach nur weiße 
Magie. Im Übrigen wissen wir gar nicht, ob die Barriere ganz 
über dem Turm liegt oder nur rundherum verläuft wie ein hoher 
Zaun.« 

Sie fassten sich wieder an den Händen und verschwanden so 

lautlos, wie sie gekommen waren. 

Eine Sekunde später nahm die kleine Gruppe auf der 

sonnendurchfluteten Aussichtsplattform des schwarzen Turms 
wieder Gestalt an. 

»Es hat geklappt!«, rief Phoebe. 

Plötzlich zerriss ein Donnern und Krachen die Luft, während 

sich ein großer Schatten über die Stadt legte. 

Phoebe trat an den Rand der Plattform und ließ den Blick in 

die Ferne schweifen. Nach und nach verdunkelte sich der 
Himmel über ihnen, und sie spürte, dass sich die ganze Region 
plötzlich im Zentrum eines gigantischen Kraftfeldes befand, wie 
es nur durch eine ganz bestimmte Ausrichtung von Erde, Mond 
und Sonne entsteht. 

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- 205 - 

»Eine Sonnenfinsternis!«, rief sie den anderen zu. 

»Das ist bestimmt kein Zufall«, sagte Leo düster. »Große 

atmosphärische Veränderungen sind wie geschaffen für gewisse 
Umstürze mithilfe der schwarzen Magie. Wenn wir nicht schnell 
handeln, könnte es schon bald zu spät sein.« 

»Und was machen wir jetzt?«, wollte Seif wissen, der seine 

Aufregung kaum verhehlen konnte. 

»Nur Piper und Phoebe verfügen noch über ihre Magie«, 

fasste Suleiman den Status quo zusammen. »Alle anderen 
müssen sich auf ihr Geschick und ihre Fäuste verlassen. Ich 
schlage daher vor, wir schleichen uns erst einmal hinunter in die 
große Halle, und wenn uns auf dem Weg ein Ghul-Wächter 
begegnen sollte, dann schickt Piper ihn zum Teufel.« 

»Sollten wir nicht erst mal oben im Verlies nachschauen, ob 

Paige dort nicht vielleicht eingesperrt ist?«, fragte Phoebe. 

»Ich glaube nicht, dass Zeyn sie noch einmal gefangen 

gesetzt hat«, sagte Leo, und Suleiman nickte. 

»Also dann, auf in den Kampf!«, rief Phoebe angriffslustig. 

Sie begannen mit dem Abstieg, allen voran Piper, die sich 

innerlich bereitmachte, umgehend die Zeit einzufrieren, sollten 
sie eine unliebsame Überraschung erleben. Doch zu ihrem 
größten Erstaunen begegnete ihnen weder ein Untoter noch der 
große Zeyn selbst. 

Der ganze Turm schien wie ausgestorben. 

»Wo sind die bloß alle?«, fragte Seif, als sie die Etage mit 

den Ghul-Quartieren erreichten. Fast hatte er sich auf einen 
Kampf mit den tumben Untoten gefreut. Ja, er hatte sich extra zu 
diesem Zweck einen kleinen Lederbeutel mit Salz über die 
Schulter geworfen. 

»Vielleicht machen die irgendwo Party?«, meinte Phoebe 

grinsend, und sie wusste gar nicht, wie Recht sie damit hatte. 

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- 206 - 

 

In Zeyns Gemach stand Selim neben seinem Vater, der sich 

langsam mit einem scharfen Dolch in die eigene Handfläche 
schnitt. Das faltige, braungraue Fleisch klaffte auf, und dann 
ergoss sich ein dünnes Rinnsal aus Blut in einen goldenen 
Kelch, den Selim bereithielt. 

Paige, der es gestattet worden war, die ganze Szene auf 

einem Diwan sitzend zu verfolgen, schauderte bei dem Anblick. 

Der Malak tauchte einen dürren Finger in das aufgefangene 

Blut, vollführte murmelnd einige Zeichen vor Selims Gesicht 
und berührte dann die Stirn seines Sohnes. Sogleich prangte 
über Selims Nasenwurzel ein dunkelroter Fleck wie ein 
Kainsmal. Der junge Magier fröstelte. 

»Der erste Schritt des Rituals ist hiermit vollzogen«, sagte 

Zeyn. »Die Konstellation der Gestirne wird heute, wenn die 
Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, für unsere Zwecke wie 
geschaffen sein«, fuhr er mit brüchiger Stimme fort und nahm 
die Blutschale wieder an sich. »Dann werden wir uns erneut hier 
zusammenfinden, auf dass das Ritual vollendet werden kann. 
Bis dahin, meine lieben Kinder, esst und trinkt und lasst es euch 
wohl ergehen in der Halle der Sinnesfreuden.« 

 

Als Leo, Piper, Phoebe, Seif und Suleiman um die letzte 

Biegung der Wendeltreppe bogen, erkannten sie vor sich einen 
prächtigen Saal, an dessen einem Ende ein marmorner Thron auf 
einem Podest stand. 

Auch hier war weit und breit kein Mensch oder Untoter zu 

sehen. 

»Das ist die große Eingangshalle«, raunte Suleiman den 

anderen zu. »Aber wieso zum Teufel ist selbst hier niemand?« 

Die anderen sahen sich unschlüssig an. Das alles lief völlig 

anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Wie kinderleicht sie bis 

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- 207 - 

hierher vorgedrungen waren, ohne dass sie auch nur eine einzige 
Wache aufgehalten hatte! Entweder war Zeyn außerordentlich 
leichtsinnig, dachte ein jeder von ihnen, oder aber er war der 
Ansicht, dass er einfach nichts mehr von ihnen zu befürchten 
hatte. 

»Da hinten ist noch eine Treppe!«, rief Phoebe plötzlich aus. 

Und tatsächlich, auf der rechten Seite der Halle, von einer 
mächtigen Marmorsäule halb verdeckt, waren Stufen im Boden 
zu erkennen, die abwärts führten. 

Leo sah die anderen erwartungsvoll an, und alle nickten. 

Dann orbten sie an die bezeichnete Stelle und wagten den 
Abstieg. 

Die Treppe führte hinab in einen düsteren Gang, der mit 

kostbaren Teppichen ausgelegt war. An seinem Ende war eine 
schwere Holztür zu erkennen, neben der ein großer 
Eisenschlüssel hing. 

Zögernd trat die Gruppe näher. 

»Schlüssel oder hineinorben?«, fragte Leo in die Runde, als 

sie vor der großen Holzpforte standen. 

»Wer weiß, was uns dahinter erwartet?« Suleiman runzelte 

die Stirn. »Vielleicht wäre es besser, diese Tür auf normalem 
Wege zu öffnen und erst einmal einen Blick hineinzuwerfen?« 

Noch ehe er den Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte sich 

Piper schon den Schlüssel geschnappt und ihn im Schloss 
herumgedreht. Sie schob die Tür einen winzigen Spalt weit auf 
und sah hindurch. 

»Was siehst du?«, fragte Seif, der vor Neugier schier zu 

platzen schien. 

Keine Antwort. 

»Piper?«, flüsterte Phoebe ungeduldig. 

Keine Antwort. 

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- 208 - 

»Piper, was ist da hinter der Tür?«, drängte nun auch Leo. 

»Das Paradies«, hauchte seine Frau. »Ich sehe das Paradies.« 

 

In ihrem abgeschiedenen Liebesnest in der Halle der 

Sinnesfreuden verfolgten Selim und Paige einen martialischen 
Säbeltanz, der von einer Gruppe junger Männer in schmucken 
orientalischen Uniformen vorgeführt wurde. 

Zu den treibenden Rhythmen von Schalmeien und Mazhar-

Trommeln wirbelten die blitzenden Schwerter durch die Luft, 
während sich die Tänzer in fast akrobatischer Weise dazu 
bewegten. 

Neben den beiden jungen Leuten standen gekochte und 

gebratene Speisen, Früchte und Getränke im Überfluss, doch sie 
hatten nichts von alledem angerührt. 

Schon in einer halben Stunde würde Zeyn das Ritual 

abschließen, und Selim würde die Kräfte seines Vaters in sich 
aufnehmen, in dem Moment, da der alte Malak starb. 

Keinem der beiden war wohl bei dem Gedanken an diesen 

Plan, und es war Paige, die das beklommene Schweigen endlich 
brach. 

»Da gibt es etwas, das ich nicht verstehe«, begann sie und 

schaute Selim besorgt an. »Leo hat gesagt, ein Malak könne 
nicht sterben, und der muss es ja schließlich wissen. Wenn Zeyn 
nun etwas anderes behauptet, so ist doch ziemlich offensichtlich, 
dass er uns irgendwie anlügt, oder?« 

Selim nickte. Genau diesen Gedanken hatte er in den letzten 

Stunden immer wieder bis zum Überdruss gewälzt. 

»Könnte es daher nicht sein«, fuhr Paige fort, »dass er 

einfach einen frischen, jungen Körper für sich sucht? Dass am 
Ende du derjenige sein wirst, der stirbt, während Zeyn in seiner 
ganzen Bösartigkeit in deinem Körper weiterlebt?« 

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- 209 - 

Der junge Magier hob langsam den Blick, und die Erkenntnis 

traf ihn wie ein Peitschenhieb. Ein Leben für ein Leben, hatte 
Zeyn geantwortet, als er, Selim ihn nach dem Preis für die 
Macht gefragt hatte, die sein Vater in seine Hände zu legen 
beabsichtigte. Er hatte über diesen Satz nicht sonderlich lange 
nachgegrübelt, aber er hätte nie gedacht, dass er sein eigenes 
Leben, sein eigenes Ich und Sein, für die teuflischen Pläne des 
Malak würde opfern müssen! Nie hatte er seit seiner Ankunft im 
schwarzen Turm auch nur eine Sekunde für möglich gehalten, 
dass sein leiblicher Vater den Tod seines einzigen Sohnes in 
Kauf nehmen würde, nur damit er auf Erden weiterexistieren 
konnte. 

Der Gedanke schmerzte ihn mehr, als er Paige gegenüber 

zugeben mochte, und doch nicht so sehr, als dass er sich deshalb 
zur Schlachtbank führen lassen würde wie ein hilfloses Lamm. 

»Du hast Recht, Paige«, sagte er und richtete sich abrupt auf. 

»Die ganze Sache war von vornherein ein abgekartetes, 
verlogenes Spiel. Zeyn hatte nie vor, aus dieser Sphäre zu 
entschwinden, und als er bemerkte, dass sein irdischer Körper 
immer mehr zerfiel, hat er alles darangesetzt, Kontakt mit mir 
aufzunehmen und mich mit der Aussicht auf die ach so 
erstrebenswerte Weltherrschaft für seinen ›Plan‹ geködert. Der 
Bund der Magier und auch die Macht der Drei mussten dazu 
natürlich zerstört werden«, fuhr der junge Magier fort, »und mit 
dir an seiner Seite hätte er eine standesgemäße Gefährtin 
bekommen, die von dem perfiden Körpertausch nichts ahnen 
und die er mit schwarzer Magie und Zaubertränken vom Denken 
abhalten würde – und die ihm vielleicht schon bald einen Erben 
schenken würde –« 

Er brach ab, denn ihm wurde übel bei dem Gedanken, und 

auch Paiges Gesicht war vor Entsetzen grau geworden. Ihr Blick 
fiel auf all die Köstlichkeiten, die man hier, in ihrem 
romantischen kleinen Liebesnest, vor ihnen aufgebaut hatte, und 
ihr wurde klar: Der Malak hatte seinem Sohn eine 

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- 210 - 

Henkersmahlzeit bereitet, damit Selim am letzten Tag seines 
Lebens noch einmal in den Genuss aller irdischen Sinnesfreuden 
kommen sollte. 

Sie schluckte hart. »Was machen wir jetzt?«, flüsterte sie und 

ergriff seine Hand. »Das Ritual darf auf keinen Fall vollzogen 
werden!« 

»Das ist nur allzu wahr!« Selim war aufgesprungen und zog 

Paige von dem Diwan auf die Beine. »Wir müssen von hier 
verschwinden, und zwar sofort!« 

In diesem Moment erschien der Algol, der treueste Diener 

seines Meisters, im Séparée und deutete Richtung Ausgang der 
Halle. »Der erhabene Zeyn erwartet euch.« 

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- 211 - 

E

INER NACH DEM ANDEREN HATTEN sie gespannt 

einen Blick in die Halle der Sinnesfreuden geworfen, in der alle 
Herrlichkeit auf Erden Platz gefunden zu haben schien. 

Piper und Phoebe hatten ihren Augen kaum getraut 

angesichts der Pracht und Schönheit, die sich hinter der 
unscheinbaren Tür verbarg. Und selbst der welterfahrene Leo 
und der eher nüchterne Suleiman waren beeindruckt gewesen 
von dem unterirdischen Garten Eden, den sich der Malak 
geschaffen hatte. 

Doch kann es einen Garten Eden ohne Schlange geben?, 

fragte sich der Wächter des Lichts, und eine schlimme Ahnung 
erfasste ihn. 

Besonders Seif konnte sich vor Entzücken kaum fassen, als er 

zwischen den Gärten, Teichen und Ruheinseln halb nackte 
Sklavinnen und Bauchtänzerinnen entdeckte. 

Plötzlich zuckte er zurück und rief: »Da kommen Paige und 

Selim! Aber sie sind … nicht allein. Igitt, was für eine hässliche 
Kreatur ist denn das?« 

Phoebe drängelte sich neben ihn und wagte noch einmal 

einen Blick durch den Türspalt. »Hey, das ist doch dieser 
Dolchheini, der im Basar hinter uns her war und Piper beim 
Friedhof angegriffen hat –« 

Leo schob die beiden kurzerhand beiseite und spähte nun 

seinerseits noch einmal durch den Türspalt. Tatsächlich, die 
beiden Liebenden durchquerten soeben mit einem 
absonderlichen Iblis-Dämon die Halle und kamen direkt auf sie 
zu. Doch weder Selim noch Paige wirkten sonderlich entspannt, 
geschweige denn glücklich. 

»Los, verschwinden wir von hier!«, rief der Wächter des 

Lichts  und zog die schwere Tür wieder ins Schloss. Eine 

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- 212 - 

Sekunde später schon orbte die Gruppe zurück in die 
Eingangshalle und versteckte sich in den Schatten des schmalen 
Treppenaufgangs, der hinauf in den Turm führte. 

Sie mussten nicht lange warten, bis der hünenhafte 

Vogeldämon mit seinen beiden jungen Begleitern in der 
Säulenhalle erschien. 

Die drei steuerten auf den schwarzen Thron zu, wobei sich 

Paige und Selim bei jedem Schritt mit gehetztem Blick umsahen 
und verstohlen miteinander flüsterten. 

Keine Frage, etwas Merkwürdiges ging hier vor. Etwas, das 

offensichtlich ganz und gar nicht im Sinne von Selim und Paige 
war. 

 

In Zeyns Allerheiligstem lag der Malak lang ausgestreckt auf 

seinem Diwan, als Paige und Selim zusammen mit dem Algol 
den Raum betraten. 

Die Kammer war stickig und nur halbherzig durch einige 

Kerzen erleuchtet. Der Geruch von Tod und Verwesung hing in 
der Luft, und Paige rümpfte unwillkürlich die Nase. Es roch, als 
ob der Malak langsam von innen heraus verfaulte. 

Ächzend erhob sich der Alte von seinem Lager; er wirkte 

noch hinfälliger als vor einer Stunde und konnte sich nur noch 
mit Mühe auf den Beinen halten. »Es ist so weit«, sprach er mit 
brüchiger Stimme und trat auf seinen Sohn zu. »Bist du bereit?« 

Selim nickte stumm, während Paige sich mit klopfendem 

Herzen neben der Tür aufstellte. Niemand schien mehr groß 
Notiz von ihr zu nehmen. 

Der Malak nahm die Schale mit seinem Blut und hob sie 

hoch über den Kopf. Gleichzeitig trat der Algol hinter seinen 
Meister wie ein eifriger Bodyguard und legte ihm zwei 
raubvogelartige Klauen auf die Schulter. 

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- 213 - 

Mit heiserer Stimme begann Zeyn nun, einige 

Beschwörungsformeln zu murmeln, deren Sinn Selim nicht 
verstand. Plötzlich befiel ihn eine seltsame Ruhe, und als der 
Malak ihm die goldene Schale mit dem Blut reichte, nahm er sie 
fast automatisch entgegen. 

Unmerklich ging Paige in Kampfstellung. 

Doch zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass mit 

einem Mal ein friedlicher Ausdruck auf Selims Gesicht erschien, 
und als er die Schale zum Munde führte, da lächelte er. 

Panik erfasste Paige. Er wollte doch wohl nicht wirklich das 

unheilige Blut seines Vaters trinken. Plötzlich hatte sie das 
unbestimmte Gefühl, dass der Plan, den sich Selim und sie auf 
dem Weg hierher zugeraunt hatten, in dieser Sekunde an 
Gültigkeit verlor. 

»Selim, nicht!«, schrie sie, als seine Lippen den Rand der 

Schale berührten, und stürmte auf ihn zu. 

Im gleichen Moment wurde die Tür zur Kammer aufgerissen, 

und Leo, Seif, Suleiman, Piper und Phoebe platzten herein. 

Ab da überschlugen sich die Ereignisse. 

Der Malak schrie auf, der Algol riss dem wie betäubten Selim 

die Blutschale aus der Hand – und trank! 

Noch bevor Piper die Zeit anhalten konnte, wurde die 

Kammer erfüllt von Hitze, Licht und einem ohrenbetäubenden 
Rauschen, während der alte Zeyn lautlos zu Boden sank. Aus 
seinem zuckenden Körper schossen Blitze und Strahlen, die sich 
von allen Seiten in den Körper des Algol bohrten und ihn von 
innen heraus erstrahlen ließen wie eine 1000-Watt-Glühbirne. 

Das, was einmal der Algol gewesen war, starb, doch zugleich 

schien der Dämon mit jeder Kraft, mit jedem Funken fremden 
Lebens, das er in sich aufnahm, zu erstarken. 

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- 214 - 

Der Boden erzitterte leicht, als sich sein hybrider Körper und 

sein hässlicher Raubvogelkopf auf geradezu phantastische 
Weise zu verändern begannen. 

Leo, die drei Brüder und die Zauberhaften  mochten ihren 

Augen kaum trauen, als nach der Metamorphose ein Wesen vor 
ihnen stand, das an Schönheit und Erhabenheit seinesgleichen 
suchte. 

Doch es war nicht mehr zu leugnen: Neben der am Boden 

liegenden toten Hülle des greisen Zeyn, schwebte die 
Reinkarnation des Malak: eine geflügelte Lichtgestalt mit 
langem lockigen Haar, grünen mandelförmigen Augen und dem 
Gesicht eines Engels. Keine Frage, vor ihnen stand Zeyn, wie er 
in jungen Jahren ausgesehen hatte, und er sah Selim zum 
Verwechseln ähnlich! 

Selim keuchte erschrocken auf, und sein Vater verzog das 

Gesicht zu einem grausamen Lächeln. 

»Raus hier!«, schrie Leo, und schon stürmten die drei Brüder 

und die Hexen aus der Kammer durch die Säulenhalle des 
schwarzen Turms. 

»Wohin?«, rief Suleiman, »die Hauptpforte ist doch noch 

immer durch die magische Falle gesichert!« 

»Richtung Treppe!«, stieß Leo hervor, und schon flüchtete 

sich die Gruppe wieder an ihren alten Platz neben der 
Wendeltreppe und versteckte sich hinter einer schweren 
Granitsäule. 

Im gleichen Moment erschien der Malak auf der Schwelle 

seines Allerheiligsten, sodass die Halle in einem gleißenden 
Licht erstrahlte, und stieg auf das Podest mit dem schwarzen 
Thron. 

Als er sich zu Leo und den anderen umwandte, war es, als ob 

die Welt den Atem anhielt. 

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- 215 - 

Und auch Phoebe erstarrte für einen Moment; denn vor ihren 

Augen lag genau die Szenerie, die sie in ihrer Vision gesehen 
hatte. 

Der junge Zeyn hob einen Arm, und dann schossen grellrote 

Feuerbälle und Blitze durch die Halle, die nur knapp ihr Ziel 
verfehlten, weil sich die Gruppe im letzten Moment auf den 
Treppenabsatz zurückzog. 

Piper versuchte, die Zeit einzufrieren, doch der Malak, der 

ebenfalls über diese Kraft verfügte, hob den Zauber in derselben 
Sekunde auf. 

Gleichzeitig baute sich eine gigantische Feuerwalze vor Zeyn 

auf, die rasend schnell auf die Gruppe bei der Treppe zurollte. 

Die sechs fassten sich an den Händen und konnten sich 

gerade noch in Sicherheit orben. 

Als sie auf dem ersten Zwischengeschoss wieder 

materialisierten, rief Piper: »Phoebe, hast du den Spruch?« 

Phoebe nickte und ergriff Pipers Hand. Dann rief sie: »Selim, 

komm schnell her, wir brauchen dich für die temporäre Macht 
der Drei!«
 

Der junge Magier trat zu den beiden Frauen, und mit seiner 

Hilfe schlossen sie den heiligen Kreis. 

In diesem Moment ging ein Eisregen auf die Gruppe nieder, 

der sich ihnen ins Fleisch bohrte wie heißkalte Nadelstiche. 

Paige trug einen Schnitt an der Wange davon; Seif wurde von 

einem spitzen Hagelklumpen am Kopf getroffen, sank blutend 
zu Boden und regte sich nicht mehr. 

»Phoebe, schnell!«, rief Leo, während er den jungen Mann 

wieder ins Leben zurückholte und gleich darauf auch Paige 
heilte. 

Phoebe hielt Pipers und Selims Hände noch ein bisschen 

fester, hob den Kopf und rief laut: 

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- 216 - 

 

In dieser Nacht, zu dieser Stund 

ruf ich die alten Mächte herbei. 

Lenkt eure Kraft in unsren Bund, 

verleihet uns die Macht der Drei! 

 

Der schwarze Turm erbebte, und im gleichen Augenblick 

ertönte ein markerschütternder Schrei aus der Eingangshalle. 

Sodann wurden Piper, Phoebe und Selim von einer 

rotgoldenen Aura umhüllt – die temporäre Macht der Drei war 
hergestellt. 

»Es hat geklappt!«, rief Paige und riss triumphierend den 

Arm in die Höhe. 

Schon stürmten Piper, Phoebe und Selim die Treppe hinab 

und zurück in die Halle, während die anderen ihnen in sicherem 
Abstand folgten. 

Der Malak stand noch immer neben seinem Thron, beide 

Hände gen Himmel erhoben, wie wenn er seinen Schöpfer um 
Gnade anflehte. Rauchende Trümmer und verkohlte Teile der 
Decke stürzten herab – offensichtlich die Folge einer 
fehlgeleiteten Magieattacke – und begruben den Thron unter 
sich. 

Piper, Phoebe und Selim hoben die Hände in Richtung ihres 

Erzfeindes und riefen dreimal im Chor: 

 

Gib nun zurück, was du dir nahmst, 

und gehe hin, woher du kamst. 

 

Sie hatten das letzte Wort kaum ausgesprochen, da war es, als 

ob sich aus den Fingerspitzen der drei sämtliche ihnen 

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- 217 - 

innewohnende Macht entlud und auf Zeyn niederging wie ein 
tausendfaches Blitzgewitter. 

Zeyns Gestalt wurde von einem Kraftfeld aus bläulicher 

Energie umgeben, und sein Leib zuckte wie unter 
Stromschlägen, bevor er mit einem Knirschen und Krachen 
auseinander brach wie eine geplatzte Puppe. Gleichzeitig wurde 
es in der Halle so unerträglich hell, dass die sieben einige 
Sekunden lang wie geblendet dastanden. 

Aus den Rissen und Klüften in Zeyns Körper quoll alles 

irdische Leben, und mit ihm verließen ihn alle Kräfte, die er sich 
im Laufe seines Erdendaseins angeeignet hatte. Wie farbige 
Sonnenstrahlen brachen sie hervor, schossen in alle Richtungen 
davon und suchten sich einen Weg zurück in ihre ursprünglichen 
Besitzer. 

Paige, Seif und Suleiman wurden von einer Welle aus Wärme 

und Glück erfasst, als sich ihre Magie wieder in ihren Körpern 
manifestierte – und dann waren plötzlich die Macht der Drei 
und der Bund der Magier wieder hergestellt. 

Drei Männer und drei Frauen erstrahlten in einem 

überirdischen Glanz, fassten sich an den Händen und 
intonierten: 

 

Du gabst zurück, was du dir nahmst, 

nun gehe hin, woher du kamst. 

 

Gellend schrie der Malak auf, und dann explodierte das, was 

von seinem Körper noch übrig war, in einer Wolke aus Feuer 
und Licht, und seine verlorene Seele fuhr auf ins ewige Reich 
der alten Mächte. 

Als es vorbei war, standen die drei Brüder und die 

Zauberhaften für einige Sekunden einfach nur wie betäubt da. 

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- 218 - 

Eine merkwürdige Stille legte sich über diesen Ort wie 

Mehltau über eine Wiese, und es war Leo, der die sechs wieder 
ins hier und jetzt zurückrief. »Wir müssen von hier 
verschwinden!«, rief er, und schon einen Atemzug später ertönte 
ein Grollen und Donnern unter ihren Füßen, und im 
Marmorboden der Säulenhalle erschienen tiefe Risse und 
Spalten, als ob die Unterwelt selbst im Begriff war, sich 
aufzutun. 

Kurz bevor das Fundament des schwarzen Turms gänzlich 

einbrach, verschwand die Gruppe in einem Strudel aus blauem 
Licht von diesem unheiligen Ort. 

 

Auf der Terrasse von Ibrahims Haus materialisierten sie 

genau in dem Augenblick, als der schwarze Turm erbebte und 
ins Wanken geriet. 

Und dann fiel das uralte Bauwerk mit einem 

ohrenbetäubenden Krachen in sich zusammen, und der 
aufgewirbelte Staub verdunkelte für einige Minuten den Himmel 
über Ald’maran. 

Granitfarbene Gesteinsbrocken regneten auf den alten 

Friedhof und den Hügel nieder, auf dem der Turm gestanden 
hatte. Und diese Trümmer waren alles, was von Zeyns 
ehemaliger Pracht und Herrlichkeit übrig geblieben waren. 

Die Menschen von Ald’maran würden später von einem 

Erdbeben sprechen, und die Archäologen der fernen Zukunft 
würden in der Ruine des schwarzen Turms nach den Resten 
einer untergegangenen Zivilisation graben und kluge Aufsätze 
über Herkunft und Zweck des antiken Baus verfassen. 

Doch niemand von ihnen würde je erfahren, was sich im 

Jahre 790 in seinen Mauern wirklich abgespielt hatte. 

 

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- 219 - 

Im kleinen Innenhof von Ibrahims Haus herrschte fröhliche 

Ausgelassenheit. 

Die Sonne sank bereits, als man sich um den kleinen 

Holztisch versammelte, während der alte Mann gemächlich 
umherging und Rauchfackeln entzündete, um die Insekten zu 
vertreiben. 

Die Zauberhaften und die drei Brüder feierten ihren Sieg über 

die Mächte des Bösen ebenso wie die Rückkehr ihrer Kräfte. 
Die alte Ordnung war wieder hergestellt, die Macht der Drei 
und der Bund der Magier waren wieder vereint. 

Mit Magie hatte Seif in der Küche sogleich ein kleines 

Feuerchen im Lehmofen entfacht, sodass Ibrahim das Essen und 
einen starken Mokka zubereiten konnte. Auch Paige hatte dem 
alten Mann dabei praktische Hilfe geleistet, indem sie per 
Telekinese und unter großem Gelächter die jeweils benötigten 
Zutaten herbeigezaubert hatte. 

»Eigentlich dürfen wir Zauberhaften  ja nicht zum eigenen 

Vorteil hexen«, hatte sie augenzwinkernd gemeint, »aber ich 
denke, heute können wir zur Feier des Tages ruhig mal eine 
Ausnahme machen, oder?« 

Niemand hatte widersprochen. 

Nun saßen sie alle im schattigen Innenhof hinter dem Haus 

und ließen sich die an kleinen Spießen gebratenen Fleischstücke 
zu Reis und frischer Ziegenmilch schmecken. Während sie aßen 
und tranken erzählten sie dem alten Ibrahim in allen 
Einzelheiten von ihrem Kampf im schwarzen Turm. 

»Was geschah eigentlich mit den vielen Menschen, den 

Gästen, Sklaven und Dienern, die sich in Zeyns unterirdischer 
Halle der Sinnesfreuden aufgehalten haben?«, fragte Paige 
plötzlich erschrocken. »Mussten die alle heute ebenfalls 
sterben?« 

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- 220 - 

»Das war doch alles nur Phantasmagorie und Blendwerk«, 

sagte Selim, und Leo nickte. 

»Er hat sich diesen Garten der Lüste mit schwarzer Magie 

erschaffen und bevölkert, nicht zuletzt, um euch zu täuschen«, 
fügte der Wächter des Lichts hinzu. »Nichts davon hat je 
wirklich existiert.« 

»Mannomann«, bemerkte Phoebe, »David Copperfield ist ja 

ein Stümper dagegen.« 

Als die drei Brüder sie verständnislos ansahen, fügte sie 

hinzu: »Na ja, es gibt auch in unserer Welt ’ne Menge 
Blendwerk und Täuschung, aber auch vieles, von dem ihr hier 
noch nicht einmal zu träumen wagt.« 

»Davon konnte ich mich mit eigenen Augen überzeugen«, 

bestätigte Selim. »Auf den Gebieten der Technik, Wissenschaft 
und Medizin hat die Menschheit geradezu Unglaubliches 
geleistet, wenn auch oft um einen hohen Preis.« 

Die  Zauberhaften  nickten, als sie an die so genannten 

Segnungen der Zivilisation dachten, die unterm Strich beileibe 
nicht immer zum Wohle der Menschen waren. 

»So ein einfaches Leben hat wirklich einiges für sich«, sagte 

Paige, als sie sich in dem schlichten, und doch idyllischen 
Innenhof umsah. Ein unerwartetes Gefühl des Friedens erfüllte 
sie, doch als ihr Blick an Selim hängen blieb, der sie mit 
traurigen Augen ansah, verspürte sie einen heftigen Stich im 
Herzen. 

»Allerdings möchte ich persönlich den Komfort einer 

warmen Dusche nicht mehr missen«, meinte Piper grinsend. 
»Seit zwei Tagen schon stecke ich in denselben Klamotten, und 
mein Haar sieht aus, als hätte ich es in einer Fritteuse 
gewaschen.« Die Schwestern kicherten, während Leo den 
Brüdern die Funktionsweise einer elektrischen Fritteuse 
auseinander setzte. 

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- 221 - 

»Ob die arme Malah ihren Frieden gefunden hat?«, fragte 

Phoebe plötzlich, die sich an Selims und Leos Begegnung mit 
dem Kummerfluch erinnerte, von dem die beiden ihnen gestern 
erzählt hatten. 

»Ja, der Bann wurde in dem Moment gebrochen«, erwiderte 

Leo, »da die irdische Existenz des Malak ihr Ende fand und die 
von ihm gestohlenen Kräfte wieder in ihre ursprünglichen 
Besitzer zurückkehrten. Malahs gepeinigte Seele ist nun für 
immer befreit.« 

»Und was wurde aus diesem komischen Vogeldämon?«, 

fragte Paige. 

»Des Meisters neues Gefäß«, entgegnete Leo trocken. 

»Zumindest für einen kleinen, erhebenden Moment.« 

»Na, das hat er sich bestimmt auch anders vorgestellt, als er 

sich die Blutschale unter seine dämonische Kralle riss«, 
bemerkte Piper kichernd. 

Auch die anderen konnten sich ein leicht hämisches Grinsen 

nicht verkneifen. 

»Und wie geht es nun mit uns weiter, jetzt, da Zeyn vom 

Antlitz der Erde verschwunden und der schwarze Turm zerstört 
ist?«, fragte Suleiman, und die Anwesenden wurden für einen 
Moment sehr Ernst. 

Jeder wusste, was der andere dachte: Die drei Schwestern 

mussten sich schon bald aus Ald’maran verabschieden und in 
ihre Zeit zurückkehren. Und es würde ein Abschied für immer 
sein. 

»Spricht eigentlich irgendwas dagegen«, rief Phoebe 

plötzlich in die entstandene Stille hinein, »wenn wir alle 
zusammen  
ins 21. Jahrhundert reisen und mit euch«, sie zeigte 
auf die drei Brüder, »eine kleine Rundreise durch San Francisco 
und unsere Zeit unternehmen?« 

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- 222 - 

Die Anwesenden sahen sich zweifelnd an, und dann richteten 

sich alle Blicke auf Leo. 

»Nun«, begann dieser langsam, »ich denke, die höheren 

Mächte hätten nichts dagegen einzuwenden, wenn der Bund der 
Magier 
zum Zwecke des, ähm, Informationsaustausches ein paar 
Tage in die Zukunft reist und danach wieder in seine Zeit 
zurückkehrt.« 

»Dann nichts wie los!«, rief Seif und sprang mit leuchtenden 

Augen auf. »Ich kann’s kaum erwarten!« 

 

Im Dachgeschoss von Ibrahims Haus erschuf Selim mithilfe 

des  Buchs der Weisheit zum letzten Mal das Zeitportal, und 
nachdem sich Leo und die Zauberhaften  von dem alten Mann 
verabschiedet und ihm für seine Gastfreundschaft gedankt 
hatten, traten die jungen Leute ihre gemeinsame Reise in die 
Zukunft an. 

In Halliwell Manor angekommen, folgte erst einmal eine 

ausgiebige Hausbesichtigung, bei der die drei Brüder aus dem 
Staunen nicht mehr herauskamen. So viel Luxus, so viel 
Technik, und das auf engstem Raum! 

Auf dem Speicher des viktorianischen Hauses verharrten die 

drei Magier einen Moment lang ergriffen vor dem Buch der 
Schatten,  
bevor die Zauberhaften  ihnen die halliwellsche 
Familiengeschichte in aller Ausführlichkeit erzählten und dabei 
auch der verstorbenen Prue gedachten. 

Nach einem heißen Bad, einem Kleiderwechsel und einem 

kleinen Imbiss besuchten sie am Abend das P3. Im Club wurde 
Piper von ihren Angestellten schon sehnlichst erwartet, denn 
heute sollte eine viel versprechende australische Newcomer-
Band namens Smart Kangaroos auftreten. Und es kostete Leo 
einige Anstrengung, Seif und Suleiman zu erklären, wo 
Australien lag. 

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- 223 - 

Anfänglich wirkte der Bund der Magier ein wenig irritiert 

angesichts der lauten Musik und des Trubels, die in dem 
Nachtclub herrschten, doch schon bald mischten sie sich mit 
Leo und den Schwestern unter die Tänzer und feierten 
ausgelassen ihren Sieg. 

Am Sonntag zeigten die Zauberhaften den Brüdern dann die 

Stadt, diverse Sehenswürdigkeiten und einige Museen. Am 
Spätnachmittag standen ein Kinobesuch und eine Burger-Orgie 
im besten Fastfood-Tempel der City auf dem Programm. 

Auch Selim, der ja schon einige Male in San Francisco 

gewesen war, glänzte mit seinen nicht unerheblichen 
Kenntnissen über Zeit und Ort. In einer Mischung aus 
Befremden und Faszination nahmen Seif und Suleiman alle 
Eindrücke in sich auf und stellten unzählige Fragen. 

Insbesondere für die beiden jüngeren Brüder war dieser Trip 

in die ferne Zukunft, als ob sie völlig unvorbereitet auf einem 
fremden Planeten gelandet wären, und mehr als einmal blieben 
Seif und Suleiman inmitten des Großstadtdschungels aus Glas, 
Metall und Stein einfach stehen, sahen staunend einem 
aufsteigenden Jet oder einem anderen wie durch Zauberhand 
bewegten Gefährt hinterher und schüttelten fassungslos die 
Köpfe. 

Musik, Geräusche und bewegte Bilder schienen wie aus dem 

Nichts zu kommen, und Leo musste gelegentlich weit ausholen, 
um den Brüdern die wichtigsten technischen Zusammenhänge 
zu erklären. Er tat dies sehr gern und auf seine gewohnt ruhige 
und warmherzige Art. 

Als sie es sich am Abend dieses aufregenden Tages im 

Wohnzimmer von Halliwell Manor bei Popcorn, Pizza und 
Eistee gemütlich gemacht hatten und durch die zahllosen TV-
Programme zappten, musste Suleiman zugeben, dass der 
»Zauber« des 21. Jahrhunderts der Elemente-Magie ihrer 
eigenen Zeit in nichts nachstand. 

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- 224 - 

Für die nächsten beiden Tage hatten sich Piper, Phoebe und 

Paige freigenommen, sodass sie mit den drei Brüdern in Pipers 
offenem Geländewagen ins Umland von San Francisco fahren 
und ihnen die Schönheiten der Westküste zeigen konnten. 
Gelegentlich rundeten die Schwestern das Bild des modernen 
Amerika mit einigen geschichtlichen Daten ab, die Phoebe aus 
einem Reiseführer vorlesend ergänzte. 

Am Abend des Mittwoch schließlich unternahmen sie dann 

einen Ausflug ans Meer mit abschließendem Picknick am 
Bakers Beach. 

Und das war auch der Moment, in dem sich Paige und Selim 

voneinander verabschieden und in das Unausweichliche fügen 
mussten: Selim und seine Brüder würden noch an diesem Abend 
zurück in ihre Zeit reisen. 

Die beiden Liebenden standen ein wenig abseits des 

Lagerfeuers, das die Gruppe am Strand entzündet hatte. 
Gedämpft trug ihnen der Wind die Stimmen von Leo, Piper, 
Phoebe, Suleiman und Seif zu, die Maiskolben, Steaks und 
Marshmallows grillten und dabei lachten und schwatzten. 

»Wie schön das alles ist«, sagte Selim, als er auf den leicht 

aufgewühlten Pazifik hinaussah, über dem die letzten Möwen 
ihre Kreise zogen, während über der Golden Gate Bridge 
langsam die Sonne unterging. »Diesen Anblick werde ich wohl 
nie vergessen.« 

Paige wandte den Kopf und sah den jungen Mann an. »Und 

ich werde dich nie vergessen«, sagte sie leise. 

Langsam drehte sich Selim zu ihr um und nahm sie in die 

Arme. »Mein Herz wird für immer dir gehören, Paige«, 
erwiderte er, »egal, wie viel Zeit auch zwischen uns und unseren 
Welten liegen mag. Ich werde dich lieben bis in den Tod.« Er 
griff unter sein Hemd, holte die Kette mit dem kleinen 
Halbmond hervor und gab sie Paige. Seine dunkelgrünen Augen 
füllten sich mit Tränen, als er sagte: »Dies soll dich stets an 

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- 225 - 

mich erinnern, Liebe meines Lebens, wohin auch immer das 
Schicksal uns führt.« 

Mit zitternden Händen nahm Paige den Anhänger entgegen 

und legte ihn an. 

Selim nickte und sah wieder hinaus in die Nacht. »Siehst du 

den hellen Stern dort oben?«, fragte er leise. »Das ist der 
Abendstern, der, wie ich in eurer Welt erfahren habe, eigentlich 
gar kein Stern ist, sondern unser innerer Nachbarplanet. Der 
Abendstern wird auch Venus genannt und ist der ständige 
Begleiter der Liebenden.« Er sah Paige eindringlich an. »Wenn 
wir einander nicht vergessen, wird auch unsere Liebe die 
Jahrtausende überleben wie dieser Abendstern.« Er zog sie an 
sich und küsste sie zärtlich. 

In diesem Moment fiel eine Sternschnuppe vom Himmel und 

schien direkt ins Meer vor ihnen einzutauchen. 

Und Paige wusste, dass sie den Nachthimmel nie wieder 

würde betrachten können, ohne dabei an Selim zu denken. Und 
sie weinte. 

 

Es war weit nach Mitternacht, und noch immer saßen Piper, 

Phoebe und Leo im großen Wohnzimmer von Halliwell Manor. 
Bei Eiscreme und Kakao ließen sie die letzten aufregenden Tage 
Revue passieren. 

Vor etwa einer Stunde waren die drei Brüder mit dem 

Zeitportal nach Ald’maran zurückgereist, und Paige hatte sich 
danach sogleich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Sie wollte 
allein sein, und die Schwestern verstanden und respektierten 
ihren Wunsch. 

»Arme Paige«, sagte Phoebe gerade, die wohl von allen am 

besten verstand, was nun in ihrer Halbschwester vorging. »Ich 
hoffe, sie überwindet ihren Schmerz über diesen Verlust. Selim 
war wirklich ein toller Mann …« 

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- 226 - 

»Es mag zwar banal, ja, vielleicht sogar herzlos klingen«, 

meinte Piper, »aber es heißt doch, die Zeit heilt alle Wunden. 
Ich denke, auch Paige wird ihren Kummer irgendwann bewältigt 
haben und sich vielleicht schon bald wieder in einen tollen 
Mann verlieben können.« 

»Was glaubt ihr, werden die Brüder wohl mit den 

Erfahrungen, die sie in den letzten Tagen gemacht haben, in 
ihrer Generation anfangen?«, grübelte Phoebe. 

»Ich denke, die drei sind klug genug, das Wissen, das sie hier 

erlangt haben, nur zum Wohle ihrer Zeit einzusetzen«, sagte 
Leo. »Wer weiß, vielleicht werden sie eines Tages zu den 
großen Gelehrten des Morgenlandes gehören? Bekanntlich gilt 
ja der alte Orient als Wiege von Wissenschaft, Medizin und 
Astronomie. Und vielleicht hat ja der Bund der Magier auch 
seinen kleinen Anteil daran?« 

»Und welche, ähm, Strafe erwartet Zeyn, den ehemaligen 

Wächter des Lichts, im Reich der Höheren Mächte?«, fragte 
Piper. 

»Ich weiß aus sicherer Quelle, dass er nie wieder Gelegenheit 

erhalten wird, auf Erden sein Unwesen zu treiben«, sagte Leo, 
der nach seiner Ankunft in San Francisco dem Rat der Ältesten 
natürlich einen kurzen Besuch abgestattet hatte. »Seine irdische 
Zeit ist unwiderruflich abgelaufen.« 

»Aber unsere nicht! Ein Hoch auf die Zauberhaften!«,  rief 

Phoebe triumphierend. »Ich bin froh, dass wir uns gegenüber 
dem Schicksalsengel für unser Hexenleben entschieden haben. 
Und auch wenn’s im alten Orient manchmal ganz schön stressig 
zuging, bin ich ziemlich gespannt, was die Zukunft uns noch an 
aufregenden Abenteuern bringen mag.« 

»Na ja, Süße, schon bald bringt sie dir erst mal eine kleine 

Nichte oder einen kleinen Neffen«, sagte Piper lächelnd und 
deutete viel sagend auf ihren immer noch recht flachen Bauch. 
»Wenn das nicht Aufregung genug ist …« 

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- 227 - 

Leo nahm seine Frau liebevoll in den Arm und küsste sie 

zärtlich auf die Stirn. 

»Gott sei Dank ist Leo ein durch und durch guter Wächter 

des Lichts und nicht so ein durchgeknallter Himmelsbote wie 
dieser Zeyn, der sogar den eigenen Sohn für seine 
größenwahnsinnigen Ziele geopfert hätte …« Phoebe schauderte 
bei der Erinnerung und nahm sich zum Trost gleich noch eine 
große Portion Walnusseis mit Schokosoße. »Und solange du, 
Leo, nicht nach der Weltherrschaft strebst, wird uns in dieser 
Hinsicht hoffentlich jegliche Aufregung erspart bleiben.« Sie 
zwinkerte den beiden lachend zu. 

»Eines jedenfalls ist sicher«, sagte Piper. »Was immer die 

Zukunft auch bringen mag, unser aller Leben wäre nicht das, 
was es ist, hätte es vor 1200 Jahren den Bund der Magier nicht 
gegeben.« Sie sah nachdenklich in die Runde. »Und es ist ein 
wunderbares Gefühl zu wissen, dass auch wir einen Anteil daran 
hatten.« 

 

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- 228 - 

Epilog 

O

BEN IN IHREM ZIMMER TRAT PAIGE

 

ans Fenster und 

öffnete es. 

Sie fühlte sich leer und wie betäubt. Sie hatte in den letzten 

Stunden so sehr um ihre verlorene Liebe getrauert, dass sie 
kaum mehr Tränen hatte. 

Sie tastete nach der Kette um ihren Hals und starrte hinaus in 

den Nachthimmel. 

Ihr Blick suchte und fand sein Ziel: den hell leuchtenden 

Abendstern, den sie noch vor wenigen Stunden gemeinsam mit 
Selim betrachtet hatte. 

Selim … 

Ihre Hand umklammerte den Anhänger mit dem kleinen 

Halbmond. »Eines ist gewiss«, flüsterte sie, »so lange es an 
diesem Himmel Sterne gibt, so lange werde ich dich nicht 
vergessen, Liebster.« 


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